Herunterladen: Allan Folsom Stunde der Vergeltung

Allan Folsom Stunde der Vergeltung scanned by unknown corrected by himself Wahnwitzige Machtspiele, skrupellose Rache, geheimnisvolle Frauen, gnadenlose Killer: Der letzte Spross der Zarenfamilie Romanow will mit allen Mitteln die Macht an sich reißen – und schreckt vor keinem noch so teuflischen Plan zurück. ISBN: 3-570-00538-0 Original: The Exile Aus dem Amerikanischen von Reiner Pfleiderer Verlag: C. Bertelsmann Erscheinungsjahr: 1. Auflage 2004 Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!! Buch In Los Angeles liefern sich zwei Männer eine dramatische Verfolgungsjagd: John Barron, Mitglie...
Autor Anonym
Downloads: 0 Abrufe 3

Dokumentinhalt

Allan Folsom Stunde der Vergeltung

scanned by unknown corrected by himself Wahnwitzige Machtspiele, skrupellose Rache, geheimnisvolle Frauen, gnadenlose Killer: Der letzte Spross der Zarenfamilie Romanow will mit allen Mitteln die Macht an sich reißen – und schreckt vor keinem noch so teuflischen Plan zurück. ISBN: 3-570-00538-0 Original: The Exile Aus dem Amerikanischen von Reiner Pfleiderer Verlag: C. Bertelsmann Erscheinungsjahr: 1. Auflage 2004 Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!, Buch In Los Angeles liefern sich zwei Männer eine dramatische Verfolgungsjagd: John Barron, Mitglied einer Spezialeinheit der Polizei, und ein skrupelloser Killer namens Raymond. Als Raymond in einem blutigen Showdown schließlich zur Strecke gebracht wird, bleibt Barron ein Problem: Durch sein eigenmächtiges Handeln hat er den zweifelhaften Ehrenkodex seiner Einheit verletzt und gilt als Freiwild. Mit neuer Identität flieht er als Nicholas Marten mit seiner traumatisierten Schwester Rebecca nach Europa. Doch der Traum vom normalen Leben zerplatzt. Zwei brutale Morde, die Begegnung mit einem russischen Ermittler und die Einladung zu einem Gedenkdinner für die ehemalige Zarenfamilie Romanow bestätigen Barrons schrecklichen Verdacht: Der Mann, den Rebecca in St. Petersburg heiraten will, ist Raymond alias Alexander Romanow – und er wird mit allen Mitteln seinen Anspruch auf den Zarenthron verteidigen. Doch die entscheidende Figur in dem teuflischen Spiel ist eine Dame …, Autor Allan Folsom begann seine schriftstellerische Karriere als Drehbuchautor. Gleich mit seinem Debütroman »Übermorgen« gelang ihm ein internationaler Bestseller. Seit seinem Thriller »Des Teufels Kardinal« wird er als Kultautor der Spannungsliteratur gehandelt., Für Karen und Riley und zum Gedenken an meine Eltern,

Prolog

Paris, Frankreich Zwei Männer saßen allein im privaten Arbeitszimmer eines eleganten Hauses in der Avenue Victor Hugo. Sie waren alte Freunde, erfolgreiche Geschäftsleute und beide Anfang vierzig. Der eine war Alfred Neuss, ein gebürtiger Russe und amerikanischer Staatsbürger, der andere der in der Schweiz geborene Brite Peter Kitner. Sie waren angespannt und nervös. »Mach weiter«, sagte Kitner. »Bist du sicher?« »Ja.« Neuss zögerte. »Mach schon.« »Also gut.« Widerwillig knipste Neuss den Filmprojektor auf dem Tisch an. Licht flackerte auf, und die tragbare Leinwand vor ihnen erwachte zum Leben. Sie sahen einen Super-8-Amateurfilm ohne Ton. Ort der Handlung war der elegante Parc Monceau auf dem rechten Seine-Ufer. Eine Kindergeburtstagsparty war in vollem Gang. Es ging lustig, albern und lebhaft zu. Gut zwanzig Mädchen und Jungen spielten mit Luftballons, warfen mit Tortenstücken oder bombardierten sich gegenseitig mit Löffeln voll Eiscreme, während Kindermädchen und einige Eltern darüber wachten, dass sie nicht allzu sehr über die Stränge schlugen. Nach einer Weile schwenkte die Kamera auf eine andere Gruppe von Kindern, die Fußball spielten. Es waren Jungs, und wie die anderen waren alle zwischen zehn und elf Jahre alt. Sie spielten ausgelassen, mit Ernst und Hingabe. Ein verunglückter, Schuss landete unter den überhängenden Ästen eines Gebüsches. Einer der Jungen jagte dem Ball nach, und die Kamera folgte ihm, während er zu den Büschen rannte, um ihn zu holen. Der Junge war zehn Jahre alt und hieß Paul. Plötzlich tauchte ein zweiter Junge zwischen den Sträuchern auf. Er war größer und stärker. Zwölf oder dreizehn Jahre alt. Paul blieb stehen, sprach mit ihm und deutete zu der Stelle, wo der Ball verschwunden war. Und dann, wie aus dem Nichts, erschien etwas in der Hand des älteren Jungen. Er drückte auf einen Knopf, und eine große Klinge sprang hervor. Im nächsten Moment trat er auf Paul zu und stieß sie ihm mit aller Kraft in die Brust. Die Kamera geriet in Bewegung, das Bild wackelte. Der ältere Junge hob erschrocken den Kopf, starrte in die heranstürmende Kamera. Er drehte sich um und wollte wegrennen, doch die Person mit der Kamera packte ihn am Arm und wirbelte ihn herum. Verzweifelt versuchte er, sich loszureißen. Vergeblich. Unversehens ließ er das Messer fallen und stieß den anderen von sich. Die Kamera kippte nach hinten weg, fiel auf den Boden, und Paul kam ins Bild, reglos, mit weit aufgerissenen Augen im Sterben liegend. »Aufhören! Schalt ab!«, schrie Kitner. Alfred Neuss schaltete den Projektor aus. Peter Kitner schloss die Augen. »Entschuldige, Alfred. Tut mit Leid.« Kitner brauchte noch einen Augenblick, um sich zu fassen, dann sah er Neuss an. »Die Polizei weiß nichts von dem Film?« »Nein.« »Oder dem Messer?« »Nein.« »Ist das die einzige Kopie des Films?« »Ja.«, »Und das Messer hast du?« »Ja. Willst du es sehen?« »Nein, niemals.« »Was soll ich tun?« Kitner schaute weg, das Gesicht aschfahl, der Blick leer. Nach einer Weile drehte er sich wieder um. »Nimm den Film und das Messer und schließ sie weg, sodass niemand außer uns beiden an sie herankommt. Nimm jede Hilfe in Anspruch, die du brauchst, wenn nötig, auch die der Familie, egal, was es kostet. Geld spielt keine Rolle. Sorge dafür, dass die Pariser Polizei und meine Anwälte unverzüglich das Messer und den Film bekommen, falls mir etwas zustößt. Wie du das bewerkstelligst, überlasse ich dir.« »Was ist mit dem …?« »Dem Mörder meines Sohns?« »Ja.« »Um den kümmere ich mich.«, TEIL EINS LOS ANGELES, Zwanzig Jahre später. Amtrak Station, Wüstenortschaft Barstow, Kalifornien, Dienstag, den 12. März, 4.20 Uhr John Barron ging allein durch die kühle Wüstennacht zum Zug. Vor dem Waggon mit der Nummer 39002 des Amtrak Superliner, Southwest Chief, blieb er stehen und wartete, bis der schnurrbärtige Schaffner einem älteren Mann mit dicker Brille die Stufen hinaufgeholfen hatte. Dann stieg er selbst in den Zug. Der Schaffner wünschte ihm einen guten Morgen, knipste im trüben Licht seine Fahrkarte und deutete an schlafenden Fahrgästen vorbei zu seinem Sitzplatz zwei Drittel den Gang hinunter. Zwanzig Sekunden später wuchtete er seine kleine Reisetasche in die Gepäckablage und setzte sich auf den Platz neben einer attraktiven jungen Frau in Sweatshirt und engen Jeans, die ans Fenster gelehnt schlief. Barron betrachtete sie, dann lehnte er sich zurück und behielt die Waggontür im Auge, durch die er gekommen war. Eine halbe Minute später sah er, wie Marty Valparaiso einstieg, dem Schaffner seine Fahrkarte reichte und sich auf den Platz direkt neben der Tür setzte. Einige Augenblicke verstrichen, und er hörte das Signal einer Zugpfeife. Der Schaffner schloss die Tür, und der Chief setzte sich in Bewegung. Im Nu waren die Lichter der Wüstenstadt der pechschwarzen Nacht des offenen Landes gewichen. Barron hörte das Wimmern der Dieselmotoren, als der Zug Fahrt aufnahm. Er versuchte sich vorzustellen, wie er mit seinen zweiundsiebzig Wagen von oben aussah – eine riesige, achthundert Meter lange Schlange, die durch die nächtliche Wüste nach Westen in Richtung Los Angeles glitt., Raymond hatte gedöst, als die Fahrgäste zustiegen. Zuerst hatte er gedacht, es seien nur zwei – ein älterer Mann mit dicker Brille und watschelndem Gang und ein junger Dunkelhaariger in Jeans und Windjacke, der eine kleine Sporttasche trug. Der ältere hatte sich auf der anderen Seite des Gangs auf einen Fensterplatz gesetzt, der jüngere war an ihm vorbeigegangen und hatte seine Tasche etwa zehn Reihen hinter ihm in der Gepäckablage verstaut. Im selben Augenblick war der letzte Fahrgast eingestiegen. Er war schlank und drahtig, Ende dreißig oder Anfang vierzig, und trug ein Sportsakko und Freizeithosen. Er hatte vom Schaffner seine Fahrkarte knipsen lassen und an der Tür Platz genommen. Unter normalen Umständen hätte Raymond keinen weiteren Gedanken an ihn verschwendet, aber die Umstände waren nicht normal. Vor wenig mehr als sechsunddreißig Stunden, kurz bevor er in den Chief nach Los Angeles gestiegen war, hatte er im Hinterzimmer eines Schneiderladens in der Pearson Street in Chicago zwei Menschen erschossen. Die Zugfahrt war nicht geplant, aber ein überraschender Eisregen hatte den Flugverkehr in Chicago lahm gelegt und ihn gezwungen, die Eisenbahn zu nehmen, statt direkt nach Los Angeles zu fliegen. Der Zeitverlust war ärgerlich, aber nicht zu ändern, und bis zu dem Zwischenstopp in Barstow, wo die beiden Männer zugestiegen waren, war ja auch alles glatt gegangen. Natürlich konnte es sich um ganz normale Pendler handeln, die wie jeden Morgen in aller Frühe zur Arbeit nach Los Angeles fuhren, aber seine Nase sagte ihm etwas anderes. Es lag an ihrem Auftreten, ihren Bewegungen, ihrem Verhalten, an der Art, wie sie vor und hinter ihm Position bezogen hatten, einer, auf einem Platz am Gang neben der vorderen Tür, der andere hinten im Dunkeln. Sie hatten ihn regelrecht in die Zange genommen. Er konnte weder in die eine noch in die andere Richtung gehen, ohne an einem von ihnen vorbeizumüssen. Er holte tief Luft und blickte zu dem großen Mann mit dem roten Gesicht, der in einem zerknitterten Jackett auf dem Fensterplatz neben ihm döste. Er hieß Frank Miller und war Vertreter für Papierwaren aus Los Angeles, um die vierzig, geschieden und etwas übergewichtig. Er trug unverkennbar ein Toupet und litt unter Flugangst. Ihm gegenüber, hinter dem schmalen Tisch, schliefen Bill und Vivian Woods aus Madison, Wisconsin, ein Ehepaar jenseits der fünfzig, das in den Urlaub nach Kalifornien fuhr. Die drei hatten sich erst im Zug kennen gelernt und angefreundet, und irgendwann unterwegs, als er allein im Salonwagen stand und eine Tasse Kaffee trank, hatte Miller ihn angesprochen und gesagt, dass sie einen vierten Mann für eine Pokerrunde suchten und ob er nicht Lust habe, sich ihnen anzuschließen. Ihm war das sehr gelegen gekommen, und so hatte er sofort eingewilligt, denn auf diese Weise konnte er sich unter die Fahrgäste mischen für den nicht sehr wahr- scheinlichen Fall, dass er beim Verlassen des Schneiderladens gesehen worden war und die Polizei eine Fahndung nach einem allein reisenden Mann eingeleitet hatte, auf den seine Beschreibung passte. Irgendwo in der Ferne ertönten zwei lang gezogene Pfiffe eines Zuges. Ein dritter folgte Sekunden später. Raymond spähte nach vorn. Der drahtige Mann an der Tür saß reglos da, den Kopf zurückgelehnt, als döse er wie die meisten anderen. Dass er wegen des Eisregens den Zug hatte nehmen müssen, war ärgerlich, aber beileibe nicht die einzige unliebsame Überraschung auf dieser Reise, die er so sorgfältig geplant hatte. In den vergangenen vier Tagen war er nach San Francisco, Mexico City und schließlich über Dallas nach Chicago geflogen. In San Francisco und Mexico City hatte er wichtige, Informationen beschaffen wollen. Dies war ihm misslungen. Die betreffenden Personen konnten sie ihm nicht liefern, und so war er unverzüglich weitergereist, nachdem er sie umgebracht hatte. Derselbe Ärger in Chicago. Auch dort hatte er keinen Erfolg gehabt. Und so hatte er sich auf die letzte geplante Etappe seiner Amerikareise begeben, die ihn nach Los Angeles, genauer gesagt nach Beverly Hills, führen sollte. Dort, davon war er überzeugt, würde er keine Mühe haben, die Informationen zu bekommen, die er brauchte, bevor er den Mann tötete, der sie besaß. Nur die Zeit wurde zum Problem. Heute war Dienstag, der 12. März. Wegen des Eisregens war er schon mehr als einen Tag in Verzug, und laut Plan musste er spätestens am nächsten Mittag in London sein. Doch bei aller Enttäuschung wusste er, dass sich sein Vorhaben trotz der Verzögerungen noch realisieren ließ. Nur durfte es in den nächsten Stunden keine weiteren Komplikationen geben. Und davon war er jetzt nicht mehr überzeugt. Vorsichtig lehnte sich Raymond zurück und hob den Blick zu seiner Tasche in der Gepäckablage. Sie enthielt einen US- Reisepass, ein Flugticket erster Klasse der British Airways nach London, die Sturm-Ruger Kaliber .40, die er bei den Morden in Chicago benutzt hatte, und zwei Ersatzmagazine mit jeweils elf Schuss. Jetzt fragte er sich, ob es klug gewesen war, sie mitzubringen. Die Waffen, die er bei den Morden in San Francisco und Mexico City verwendet hatte, hatte er in ganz gewöhnlichen Paketen an private Postunternehmen geschickt, bei denen er ein Postfach mit Schlüssel gemietet hatte. In San Francisco hatte er die Waffe abgeholt und nach getaner Arbeit zusammen mit der Leiche des Mannes, den er erschossen hatte, in der San Francisco Bay versenkt. In Mexico City hatte man das Paket verlegt, und er musste fast eine Stunde warten, ehe man den Geschäftsführer rief, der es schließlich fand. Eine weitere Waffe lag in einem Postfach in Beverly Hills für ihn, bereit, da er aber durch die unfreiwillige Zugfahrt viel Zeit verlor und ihm der Ärger in Mexico City noch in lebhafter Erinnerung war, hatte er beschlossen, die Ruger zu behalten, um weiteren Komplikationen, die seinen Flug nach London verzögern konnten, vorzubeugen. Wieder pfiff in der Ferne ein Zug, und wieder blickte Raymond zu dem Mann, der vorn neben der Tür döste. Er beobachtete ihn eine Weile, dann schielte er wieder zu der Tasche in der Ablage und beschloss, die Gelegenheit zu nutzen. Einfach aufstehen, die Tasche herunternehmen, aufmachen und so tun, als suche er etwas, dann im Halbdunkel die Ruger vorsichtig unter den Pullover schieben und die Tasche zurückstellen. Er wollte gerade aufstehen, da bemerkte er, dass Vivian Woods ihn beobachtete. Sie lächelte, als er sie ansah. Es war kein höfliches und auch kein anerkennendes Lächeln für einen Mitreisenden, der wie sie schon am frühen Morgen wach war, sondern ein Lächeln, das eine sexuelle Sehnsucht ausdrückte, und das war ihm durchaus vertraut. Mit seinen dreiunddreißig Jahren sah der durchtrainierte und schlanke Raymond wie ein umschwärmter Rockstar aus, blond, mit großen blaugrünen Augen, die ein fein, ja aristokratisch geschnittenes Gesicht betonten. Zudem hatte er Charme und Manieren. Für Frauen nahezu jeden Alters eine tödliche Kombination. Sie betrachteten ihn häufig und lange und mit derselben Art von Sehnsucht wie Vivian Woods jetzt, als würden sie auf der Stelle mit ihm durchbrennen wollen, egal, wohin. Und dann alles tun, was er von ihnen verlangte. Raymond lächelte freundlich zurück und schloss die Augen, wie um zu schlafen, aber er wusste, dass sie ihn weiter ansah. Ihre Aufmerksamkeit war schmeichelhaft, im Moment aber höchst unwillkommen, denn sie machte es ihm unmöglich aufzustehen und die Waffe an sich zu nehmen., Amtrak Station, San Bernadino, Kalifornien, 6.25 Uhr John Barron beobachtete die Frühpendler, die nacheinander in den Zug stiegen. Die einen trugen Aktenkoffer oder Laptops, andere Pappbecher mit Kaffee. Hier und da sprach einer in ein Handy. Die meisten schliefen noch halb. Nach ein paar Minuten schloss der Schaffner die Tür. Gleich darauf schrillte die Pfeife des Zugs, der Wagen ruckte, und der Chief setzte sich wieder in Bewegung. Die junge Frau auf dem Platz neben Barron regte sich kurz und schlief wieder ein. Barron sah sie an und dann den Gang entlang zu der Schlange der Zugestiegenen, die noch einen Platz suchten. Seit Tagesanbruch brannte er vor Ungeduld. Am liebsten wäre er aufgestanden, an der Stelle vorbeigegangen, wo die Kartenspieler saßen, und hätte versucht, einen Blick von ihrem Mann zu erhaschen. Sofern es überhaupt ihr Mann war. Doch das wäre unklug gewesen, also blieb er sitzen und beobachtete stattdessen ein vier oder fünf Jahre altes Kind, das mit einem Teddybären in den Armen vorbeiwatschelte. Eine hübsche Blondine folgte ihm, und er vermutete, dass sie seine Mutter war. Während sie vorbeigingen, warf er einen Blick nach vorn, wo Marty Valparaiso saß. Er döste oder tat jedenfalls so. Barron fühlte Schweiß auf seiner Oberlippe und bemerkte, dass er feuchte Hände hatte. Er war nervös, und das gefiel ihm nicht. Alles durfte er jetzt sein, nur nicht nervös. Jetzt ging der letzte Neuzugestiegene an ihm vorüber und hielt nach einem Platz Ausschau. Er war groß und sportlich, trug einen dunklen Straßenanzug und schwenkte einen Aktenkoffer., Der Typ des dynamischen Jungmanagers. War er aber nicht. Er hieß Jimmy Halliday und war der dritte von sechs Detectives in Zivil, die den Auftrag hatten, die Kartenspieler festzunehmen, sobald der Chief um 8.40 Uhr in die Union Station von Los Angeles einfuhr. Barron lehnte sich zurück, blickte an dem schlafenden Mädchen vorbei aus dem Fenster und versuchte, die Nervosität zu bezähmen. Die Detectives im Zug sollten herausfinden, ob der Kartenspieler tatsächlich der Mann war, den die Polizei von Chicago suchte. Wenn ja, sollten sie ihm folgen, falls er ausstieg, bevor der Zug L. A. erreichte. Wenn er im Zug blieb, wovon sie ausgingen, da er eine Fahrkarte nach Los Angeles gelöst hatte, sollten sie sich nach der Ankunft an seine Fersen heften. Geplant war, dass sie ihn zusammen mit den anderen Detectives, die auf dem Bahnsteig in der Union Station warteten, in die Zange nahmen und kurzerhand überwältigten. In der Theorie sah der Plan einfach aus. Bis zur letzten Sekunde warten und die Falle dann mit möglichst wenig Risiko für Unbeteiligte zuschnappen lassen. Doch ihr Mann war sehr wachsam, jähzornig und ein äußerst gewalttätiger Killer. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn er merkte, dass sie sich im Zug befanden, und etwas unternahm. Aus diesem Grund waren sie getrennt zugestiegen und hielten sich bewusst zurück. Sie, also Barron, Valparaiso und Halliday sowie die drei anderen, die an der Union Station warteten, gehörten der Squad 5-2 des Los Angeles Police Department an, der berühmten, seit hundert Jahren bestehenden Abteilung für »Ausnahme- situationen«, die mittlerweile dem Raub- und Morddezernat eingegliedert war. Von den drei Kriminalbeamten, die in Wagen 39002 mitfuhren, war Valparaiso mit zweiundvierzig der älteste. Er besaß drei Töchter im Teenageralter und arbeitete seit sechzehn Jahren bei der Squad. Halliday hatte fünfjährige Zwillinge und erwartete weiteren Nachwuchs. Er war einunddreißig und seit acht Jahren dabei. John Barron,, sechsundzwanzig und noch Junggeselle, war der Benjamin und erst vor einer Woche zur Squad gestoßen. Das war auch der Grund, warum er schwitzte und ihn das neben ihm schlafende Mädchen, das Kind mit dem Teddybären und alle anderen im Wagen nervös machten. Er stand vor seinem ersten schwierigen Einsatz bei der 5-2, und ihr Mann, wenn er sich denn als der ihre entpuppte, war äußerst gefährlich. Wenn etwas passierte und er zu spät reagierte, wenn er in irgendeiner Weise Mist baute und seinetwegen Menschen verletzt oder getötet wurden … Er schob den Gedanken beiseite und blickte auf seine Armbanduhr. Es war 6.40 Uhr. Noch genau zwei Stunden bis zur planmäßigen Ankunft in der Union Station., Auch Raymond hatte den großen Mann im dunklen Anzug bemerkt. Selbstsicher, ein Lächeln auf den Lippen, Aktenkoffer in der Hand, ganz der junge Geschäftsmann, für einen neuen Tag gerüstet. Aber wie bei den Männern, die in Barstow in den Chief gestiegen waren, wirkte sein Verhalten übertrieben, zu bemüht, zu gewollt. Raymond beobachtete ihn, als er vorbeiging, dann drehte er sich wie zufällig um und sah, wie er im hinteren Drittel des Gangs stehen blieb und wartete, bis eine Frau ihr Kind auf einen Platz gesetzt hatte, dann weiterging und im selben Moment durch die hintere Tür verschwand, als Bill Woods hereinkam, lächelnd wie immer und vier Becher Kaffee auf einem Papptablett balancierend. Vivian Woods lächelte, als ihr Mann das Tablett auf den Kartentisch stellte und sich auf dem Platz neben ihr niederließ. Sie nahm die Kaffeebecher und reichte sie herum, sichtlich bemüht, Raymond nicht anzusehen. Sie wandte sich mitfühlend an Frank Miller. »Geht es Ihnen wieder besser, Frank?« Nach Raymonds Zählung hatte der Vertreter in den letzten zwei Stunden dreimal die Toilette aufgesucht und dabei jedes Mal die anderen mehr oder weniger geweckt. »Es geht wieder, danke.« Miller rang sich ein Lächeln ab. »Ich muss etwas Schlechtes gegessen haben. Was halten Sie davon, wenn wir bis L. A. noch ein paar Runden spielen?« In dem Moment kam der Schaffner vorbei. »Guten Morgen«, grüßte er Raymond im Vorübergehen. »Guten Morgen«, erwiderte Raymond zerstreut und drehte sich wieder um, während Bill Woods einen Pack Karten vom, Tisch nahm. »Würden Sie geben, Raymond?« Raymond lächelte unbefangen. »Warum nicht?«, Los Angeles, Union Station, 7.10 Uhr Commander Arnold McClatchy fuhr mit seinem zivilen hellblauen Ford über eine staubige Baustelle und hielt auf einem Schotterparkplatz, gleich hinter dem Maschendrahtzaun neben Gleis zwölf, auf dem der Southwest Chief einlaufen sollte. Knapp eine Minute später parkte ein zweiter Ford mit den Detectives Roosevelt Lee und Len Polchak neben ihm. Türen knallten, und die drei restlichen Angehörigen der Squad 5-2 gingen in der bereits heißen Sonne hinüber zum Bahnsteig von Gleis zwölf. »Wir haben noch Zeit, falls ihr euch einen Kaffee holen wollt«, sagte McClatchy, als sie den Bahnsteig betraten. »Ich warte hier.« Er sah seinen beiden erfahrenen Detectives nach, als sie, der eine groß und schwarz, der andere klein und weiß, die lange Zufahrt entlanggingen, die in die kühle Union Station hinunterführte. McClatchy verharrte einen Augenblick und blickte in die Runde, dann drehte er sich um, ging bis ans Ende des leeren Bahnsteigs und spähte zu dem Punkt in der Ferne, wo die Gleise im gleißenden Sonnenlicht hinter einer Biegung verschwanden. Ob Polchak oder Lee tatsächlich einen Kaffee gewollt hatten, spielte keine Rolle. Sie wussten, dass er eine Weile allein sein wollte, um sich ein Bild von der Örtlichkeit zu machen und in Gedanken die bevorstehende Aktion durchzuspielen. Der neunundfünfzigjährige »Red« McClatchy war seit über fünfunddreißig Jahren bei der Mordkommission, und dreißig davon hatte er bei der Squad 5-2 verbracht. In dieser Zeit hatte, er hundertvierundsechzig Mordfälle aufgeklärt. Drei von ihm überführte Mörder waren in der Gaskammer von San Quentin hingerichtet worden, sieben weitere hofften noch im Todestrakt auf ihre Begnadigung. In den letzten zwanzig Jahren war ihm viermal der Posten des Polizeichefs von Los Angeles angetragen worden, doch er hatte jedes Mal dankend abgelehnt mit der Begründung, dass er nur ein Prolet sei, ein einfacher Cop, und kein Verwaltungsfachmann, Psychologe oder Politiker. Außerdem sei er schon sehr lange Chef der 5-2, das sei genug für einen Mann. Und das war es offensichtlich, denn in all dieser Zeit, in der Skandale, politische Schlammschlachten und Rassenkrawalle den Namen und Ruf von Stadt und Polizei beschädigt hatten, hatte der »Prolet« dafür gesorgt, dass die traditionsreiche Squad über jeden Tadel erhaben blieb. In dieser Zeit hatte sie Fälle bearbeitet, die weltweit Schlagzeilen machten: die mysteriöse Mordaffäre, die unter dem Namen »die Schwarze Dahlie« in die Geschichte einging, den Selbstmord Marilyn Monroes, den Anschlag auf Robert Kennedy, die Ritualmorde des Charles Manson, den Fall O. J. Simpson. Und dies alles in der schillernden und glamourösen Atmosphäre Hollywoods. Dass der groß gewachsene, an den Schläfen bereits ergrauende Rotschopf vom Scheitel bis zur Sohle wie der klassische Western-Sheriff aussah, war seinem Ruf nur förderlich. Das gestärkte weiße Hemd, der dunkle Anzug, die Krawatte und der Revolver der Marke Smith & Wesson Kaliber .38 mit Perlmuttgriff, den er stets verkehrt herum im Gürtelhalfter trug, waren sein Markenzeichen. Er war eine der bekanntesten, angesehensten und einflussreichsten Persönlichkeiten im LAPD, vielleicht sogar in der Stadt, und genoss in Polizeikreisen weltweit fast den Status einer Kultfigur. Doch er war der Alte geblieben und hatte an seinem Arbeitsstil festgehalten. Die Mitglieder der Squad waren Malocher. Sie hatten eine Aufgabe, und die erfüllten sie Tag für Tag. So war es, auch heute. Ein Mann kam mit dem Southwest Chief in die Stadt. Sie sollten ihn für die Kollegen von Chicago festnehmen, ohne Unbeteiligte zu gefährden. Nicht mehr und nicht weniger. So einfach war das., 7.20 Uhr Raymond nippte an seinem Kaffee und sah sich die Karten an, die Frank Miller ihm gegeben hatte. Dabei bemerkte er, dass der in Barstow zugestiegene Mann im Sportsakko von seinem Platz an der Tür aufstand und durch den Gang in ihre Richtung kam. Er warf einen Blick auf sein Blatt, dann auf Vivian und legte drei Karten ab. »Bitte drei, Frank«, sagte er ruhig. Der Mann im Sportsakko ging vorbei, während Miller ihm die Karten gab. Raymond nahm sie auf und drehte sich rechtzeitig um. Das Sportsakko verschwand durch die hintere Tür. Genau wie zuvor der Mann im Straßenanzug. Einen Herzschlag später stand der jüngere, in Barstow zugestiegene Mann von seinem Platz in der Mitte des Wagens auf, schlenderte lässig durch den Gang und durch dieselbe Tür. Langsam wandte sich Raymond wieder dem Spiel zu. Aus den zweien waren drei geworden. Polizisten, kein Zweifel, und nur aus einem Grund hier. Seinetwegen. »Er ist unser Mann, daran besteht kein Zweifel.« Marty Valparaiso stand mit Jimmy Halliday, John Barron und dem Zugschaffner in dem sanft rüttelnden Verbindungsgang zwischen den Personenwagen. »Ganz meine Meinung.« Halliday nickte und sah den Schaffner an. »Wer sind die anderen?« »Soweit ich weiß, hat er sie kurz hinter Chicago im Chief, kennen gelernt.« »Okay.« Halliday zog ein kleines Sprechfunkgerät aus der Jacke und schaltete es an. »Red«, sprach er hinein. »Ich höre, Jimmy«, antwortete Red McClatchys Stimme klar und deutlich aus dem Funkgerät. »Der Verdacht hat sich erhärtet. Wir rühren uns nicht vom Fleck, wie geplant. Wagen Nummer drei-neun-null-null-zwei …« Er blickte zum Schaffner. »Richtig?« Der Schaffner nickte. »Ja, Sir. Drei-neun-null-null-zwei.« »Sind wir pünktlich?«, fragte Valparaiso. »Ja, Sir«, sagte der Schaffner wieder. »Pünktlich und einsatzbereit, Red. Wir sehen uns in L.A.« Halliday schaltete das Funkgerät ab und sah den Schaffner an. »Danke für Ihre Hilfe. Den Rest erledigen wir. Sie und Ihre Leute halten sich raus.« »Eine Sache noch.« Der Schaffner hob warnend den Finger. »Das ist mein Zug, ich bin für die Sicherheit des Personals und der Fahrgäste verantwortlich. Ich möchte keine Gewalttätig- keiten im Zug, keine Verletzten. Warten Sie, bis er ausgestiegen ist, bevor Sie etwas unternehmen.« »So haben wir’s geplant«, erwiderte Halliday. Der Schaffner streifte die anderen mit einem Blick. »Na dann«, sagte er, zupfte an seinem Schnurrbart, zog die Tür auf und trat in den Wagen, in dem die Kartenspieler saßen. Valparaiso wartete, bis die Tür hinter ihm zugefallen war, dann blickte er in die Runde. »Es wird ernst, Gentlemen, bis zur Ankunft herrscht Funkstille.« »Alles klar«, sagte Halliday. »Viel Glück.« Valparaiso reckte den Daumen nach oben, dann öffnete er die Tür und folgte dem Schaffner in den Wagen., Halliday beobachtete, wie die Tür hinter ihm zufiel, dann sah er Barron an. Der tüchtige junge Detective war seine Entdeckung. Er hatte als Erster von seiner akribischen und kompromisslosen Arbeit im Raub- und Morddezernat erfahren, wo er einen Mordfall aufgeklärt hatte, der lange als unlösbar galt. Er hatte McClatchy und die anderen auf ihn aufmerksam gemacht und ihn schließlich in die 5-2 geholt. Kurzum, Barron war nur seinetwegen in der Squad und jetzt auch hier im Zug. Er vermutete, dass Barron nervös war, und wollte ihn darauf ansprechen. »Alles in Ordnung?« »Ja,« nickte Barron und lächelte. »Bist du sicher?« »Ganz sicher.« »Dann mal los.«, 7.35 Uhr Raymond hatte beobachtet, wie Valparaiso vorbeiging und wieder seinen Platz neben der Tür einnahm, dann einfach nur dasaß und durchs Fenster die Landschaft betrachtete, die nun, da sich der Zug Los Angeles näherte, immer städtischer wurde. Kurz darauf war auch der andere in Barstow zugestiegene Mann auf seinen Platz zehn Reihen hinter ihm zurückgekehrt. Dort saß er jetzt mit gesenktem Kopf, wobei schwer zu sagen war, ob er döste oder las. Und schließlich, nachdem eine angemessene Zeit verstrichen war, kam auch der große Mann im Straßenanzug wieder. Er setzte sich auf einen Platz gegenüber der Toilette im hinteren Teil des Wagens, klappte seinen Aktenkoffer auf, nahm eine Zeitung heraus und begann zu lesen. Es war die perfekte Falle. »Raymond?«, fragte Vivian Woods sanft. »Spielen wir weiter?« Raymond drehte sich wieder um. Er bemerkte, dass er an der Reihe war und die anderen warteten. »Ja«, sagte er lächelnd. Einen Augenblick lang hielt er ihren Blick fest, so wie sie vorhin seinen festgehalten hatte, verführerisch und ermutigend, dann sah er in seine Karten. Wenn die drei Männer, wie er vermutete, tatsächlich Polizisten und seinetwegen im Zug waren, musste er sich an jeden Strohhalm klammern, und Vivian Woods auf seiner Seite zu haben war ein solcher Strohhalm. Sie mochte nicht mehr ganz jung sein, aber im Notfall würde sie alles tun, was er von ihr verlangte. »Ich möchte nicht tauschen, Vivian.«, Raymonds Augen wanderten zu den ihren zurück, verweilten gerade so lange wie nötig und richteten sich dann auf Frank Miller, der auf dem Fensterplatz neben ihm sein Blatt studierte. Ein übergewichtiger Vertreter mit einem nervösen Magen, der unter Flugangst litt – der Himmel wusste, wie er reagieren würde, wenn es brenzlig wurde und die Polizei zuschlug. Möglicherweise bekam er einen Herzanfall oder geriet in Panik und tat genau das Verkehrte, sodass sie alle dabei draufgingen. Raymond setzte, Miller schob einen Stapel roter Plastikchips in die Tischmitte und wollte die Karten sehen. Zum ersten Mal fragte sich Raymond, ob Miller das Toupet nicht nur aus kosmetischen Gründen trug, sondern weil er infolge einer Chemotherapie oder Bestrahlung seine Haare verloren hatte. Vielleicht war er krank und hatte ihnen verschwiegen, dass das der Grund für seine Ausflüge zur Toilette war. »Das ist mir zu viel, Frank. Ich passe.« Raymond schob seine Karten zusammen. Gut möglich, dass er das bessere Blatt besaß, doch es war ihm egal. Und es war ihm auch egal, ob Miller ein Toupet trug oder vielleicht sogar krank war. Seine Gedanken galten nur der Polizei und der Frage, wie sie es angestellt hatten, ihm auf die Spur zu kommen. Bei den Morden in Chicago war er mit größter Sorgfalt vorgegangen. Wie schon in San Francisco und Mexico City hatte er sich nicht länger als unbedingt nötig am Tatort aufgehalten, so gut wie nichts angerührt und Gummihandschuhe getragen, solche zum Wegwerfen, die man in einer Gegend, in der die Furcht vor ansteckenden Krankheiten grassierte, praktisch in jeder Apotheke bekam. Er hatte mit Sicherheit keine Fingerabdrücke hinterlassen. Gleich anschließend war er auf einem Zickzackkurs durch die eisglatten Straßen zum Bahnhof geeilt. Dass ihm dabei jemand gefolgt sein könnte, noch dazu bis zum Zug, hielt er für ausgeschlossen. Und doch waren sie hier, und mit jedem Augenblick rückte die entscheidende Konfrontation mit ihnen, näher. Er musste einen Ausweg finden. Und zwar schnell., Union Station, 7.50 Uhr Die Detectives Polchak und Lee kamen die Bahnhofszufahrt herauf zum Bahnsteig zwölf, wo McClatchy wartete. Len Polchak war Weißer, einundfünfzig Jahre alt, einsfünfund- sechzig groß und hundertfünfzehn Kilo schwer. Roosevelt Lee war Afroamerikaner, vierundvierzig und anderthalb Köpfe größer, ein immer noch muskelbepackter ehemaliger Footballprofi mit scharf geschnittenem Gesicht. Polchak gehörte seit einundzwanzig, Lee seit achtzehn Jahren zur Squad. Trotz des Alters-, Größen- und Rassenunterschieds standen sie sich so nahe, wie zwei von der Natur so unterschiedlich ausgestattete Männer sich nur nahe stehen konnten. Das rührte daher, dass sie sich jahrelang gemeinsam gelangweilt, gemeinsam ihr Leben aufs Spiel gesetzt und gemeinsam erlebt hatten, was Menschen imstande waren, einander anzutun. Es war eine mit der Zeit und der Erfahrung gewachsene Nähe. Der eine wusste, was der andere dachte und was er in jedem Augenblick und in jeder Situation instinktiv tun würde. Zwischen ihnen herrschte ein unerschütterliches Vertrauen, das in der Gewissheit wurzelte, dass einer den anderen jederzeit schützte. Und das ließ sich auf die gesamte Squad übertragen, in der seit jeher der Grundsatz galt, dass keiner wichtiger war als der andere, auch nicht der Commander. Diese Auffassung von Polizeiarbeit erforderte einen besonderen Typ Mann, deswegen wurde nicht jeder x-Beliebige in die Squad aufgenommen. Ein Detective wurde empfohlen und dann wochen- oder sogar monatelang heimlich beobachtet, bevor das Team sich dafür aussprach, ihn zu rekrutieren. Und wenn er endlich aufgenommen war und der Squad und den Kollegen den Treueid, leistete, schloss er damit einen Bund fürs Leben, den nur Tod oder Pensionierung lösen konnten. So lauteten die Regeln. Und weil jeder sie kannte, entstand mit der Zeit ein Gefühl der Zusammengehörigkeit wie nur in wenigen Gruppen, und je länger einer dabei war, desto mehr verschmolz er mit dem Team. Darauf vertrauten sie nun, als sie die Auffahrt heraufkamen und zu McClatchy gingen, der sie auf dem Bahnsteig erwartete. Jeder von ihnen zählte die Minuten, bis der Chief einlief und ihr Kartenspieler ausstieg. 7.55 Uhr John Barron hatte ihn einmal deutlich gesehen, als er vom Kartentisch aufgestanden und durch den Gang zur Toilette am Ende des Wagens gegangen war. Doch es reichte nur für einen flüchtigen Blick in seine Augen, und das war nicht genug, um sich ein Bild von ihm zu machen – oder um festzustellen, wie schnell und geschickt er war. Nicht anders war es gewesen, als er Minuten später zurückkam, mit dem Rücken zu ihm den Gang entlangging und sich zehn Reihen vor ihm wieder zu den anderen gesellte. Barron beobachtete das junge Mädchen, das neben ihm saß. Sie hatte einen Kopfhörer auf und klopfte den Rhythmus der Musik, die sie hörte. Ihre Ahnungslosigkeit beunruhigte ihn mehr als alles andere. Der Gedanke, welcher Gefahr sie, die anderen Fahrgäste und das Zugpersonal ausgesetzt waren. Die Sache konnte tödlich enden, und das war ohne Zweifel auch der Grund, warum sich ihr Mann für diese Art des Reisens entschieden hatte. Im Zug war er von Unschuldigen umgeben, die ihn schützten, ohne es zu ahnen. Deshalb hatten sie ihn nicht einfach festgenommen, als er durch den Zug ging. Er war zuversichtlich, dass die Verhaftung ohne Zwischenfall über die Bühne gehen würde, und dennoch hatte er ein, mulmiges Gefühl, auch wenn er sich nicht recht erklären konnte, warum, und je näher sie L.A. kamen, desto mulmiger wurde ihm zumute. Vielleicht lag es daran, dass er schon die ganze Fahrt über nervös war. Er hatte Angst um die Menschen im Zug und war im Vergleich zu den anderen relativ unerfahren. Vielleicht lag es auch daran, dass er die ehrenvolle Berufung in die Squad im Nachhinein rechtfertigen wollte und sich dadurch noch mehr unter Druck setzte. Oder an der vagen Täterbeschreibung der Chicagoer Polizei, wonach der Mann als »bewaffnet und extrem gefährlich« einzustufen sei. Vielleicht wirkte auch alles zusammen. Wie auch immer, auf jeden Fall lag eine wachsende Spannung in der Luft. Und gleichzeitig stieg die böse Ahnung in ihm auf, dass etwas Schreckliches und Unvorhergesehenes geschehen würde. So, als wüsste der Mann, dass sie hier waren, und als sei er ihnen gedanklich bereits ein paar Schritte voraus., Union Station, 8.10 Uhr Red McClatchy beobachtete die Menschen, die sich in Erwartung des Zugs auf dem Bahnsteig eingefunden hatten. Eine rasche Zählung ergab, dass es bereits achtundzwanzig Personen waren, Lee, Polchak und sich selbst nicht mitgerechnet. Seine Kollegen und er warteten genau an der Stelle, wo Wagen 39002 zum Stehen kommen würde. Sobald er angehalten hatte, würden die Türen auf der Bahnsteigseite aufgehen und die Fahrgäste aussteigen. Durch welche Tür ihr Mann kam, spielte keine Rolle. Halliday, der am einen Ende postiert war, würde dicht hinter ihm bleiben, wenn er dort ausstieg. Valparaiso würde dasselbe tun, wenn er durch die andere Tür kam. Barron, der in der Mitte saß, würde je nachdem dem einen oder dem anderen zu Hilfe eilen. Hinter den Gleisen und dem Maschendrahtzaun, wo sie ihre Autos geparkt hatten, wartete Verstärkung. Zwei Streifenwagen mit uniformierten Polizisten standen außer Sichtweite hinter drei leeren, vorübergehend dort abgestellten Sattelanhängern. Vier weitere Streifenwagen waren an strategisch wichtigen Punkten außerhalb des Bahnhofs postiert für den unwahrscheinlichen Fall, dass ihnen der Flüchtige entkam. Das Pfeifen eines Zugs ließ ihn herumfahren, und er sah, wie zwei Gleise weiter ein Metrolink-Vorortzug einlief. Der Zug fiel in ein Kriechtempo und blieb stehen. Minutenlang wimmelte der Bahnsteig von Menschen. Dann waren alle fort, auf dem Weg zu ihren Arbeitsstellen in der Stadt, und auf dem Bahnsteig kehrte wieder Ruhe ein. Dasselbe würde geschehen, wenn der Chief einfuhr. Wenn der, Zug seine menschliche Fracht entließ, würde vorübergehend ein dichtes Gedränge herrschen, und in diesem Augenblick sollte der Zugriff erfolgen. Wenn der Kartenspieler ausstieg, würden sie sich aus der Menge lösen, ihn überrumpeln und in Handschellen eilends über die Gleise zu den Zivilfahrzeugen bringen. Und so kritisch solche Momente auch sein mochten, nach wenigen Sekunden war alles vorbei, und nur wenige Leute bekamen überhaupt mit, was geschah. McClatchy blickte zu Lee und Polchak, dann wanderten seine Augen zur Bahnsteiguhr. 8.14 Uhr. »Lassen Sie sehen, was Sie haben, Frank«, gluckste Bill Woods und schob einen kleinen Stapel roter Chips in die Mitte des Tisches. Kurz zuvor war Raymond aus dem Spiel ausgestiegen. Wie Vivian Woods, die ihn jetzt wieder genauso über den Tisch hinweg ansah wie vorhin. Dass ihr Mann direkt neben ihr saß, störte sie offenbar nicht. Die Fahrt näherte sich dem Ende, und in einer Art verzweifelter Hoffnung, dass er etwas unternahm, wenn sie L. A. erreichten, warf sie sich ihm geradezu an den Hals. Und er ließ sie gewähren, erwiderte ihren Blick gerade lange genug und spähte dann durch den Gang nach vorn. Der drahtige Mann im Sportsakko saß noch auf seinem Platz an der Tür und blickte mit abgewandtem Gesicht aus dem Fenster. Am liebsten hätte er sich umgedreht und nach hinten gesehen, doch das konnte er sich schenken. Der Mann im dunklen Anzug saß bestimmt noch an der hinteren Tür in der Nähe der Toilette, und der jüngere auf halber Strecke zwischen ihnen, dort, wo er sich schon seit Barstow befand., 8.18 Uhr. Er spürte, wie der Zug die Fahrt verlangsamte. Draußen konnte man Fabriken sehen, stark befahrene, sich vereinende Schnellstraßen und der Los Angeles River, der hier eine in Beton gezwängte Kloake war. Die Fahrt neigte sich dem Ende zu, und die Zeit wurde knapp. Bald würden die anderen Fahrgäste aufstehen und ihr Gepäck aus den Ablagen nehmen. Und er würde dasselbe tun. Aufstehen, seine Tasche herunterholen wie alle anderen und darauf hoffen, dass im Trubel des allgemeinen Aufbruchs niemand bemerkte, wie er die Ruger herausnahm und unter dem Pullover in den Hosenbund steckte. Und wenn der Zug Minuten später hielt und Miller und die Woods zur Tür gingen, gleich zu welcher, würde er sich ihnen aufgeräumt plaudernd anschließen. Kurz vor der Tür würde er sich Vivian Woods’ Phantasien zunutze machen, sie am Arm nehmen, ihr ins Ohr flüstern, dass er verrückt nach ihr sei, und sie auffordern, ihren Mann zu verlassen, alles aufzugeben und auf der Stelle mit ihm durchzubrennen. Sie würde gleichermaßen schockiert wie geschmeichelt sein, sodass ihm genug Zeit blieb, sie auf den Bahnsteig zu ziehen und dort als Schutzschild gegen die Polizisten hinter ihm zu benutzen und gegen die anderen, die ihn mit Sicherheit draußen erwarteten. Mehr denn je hing jetzt alles vom Timing ab. Bill Woods würde hinter ihnen die Stufen herunterkommen, kurz stutzen und dann Rabatz machen. Diesen Augenblick würde die Polizei zum Losschlagen nutzen, und in derselben Sekunde würde er mit der Ruger das Feuer eröffnen und ein Blutbad anrichten, dann unter dem Zug durchkriechen, über die Schienen auf den benachbarten Bahnsteig springen und im Bahnhof verschwinden. Dort angekommen, würde er in der Menge untertauchen, sich einen belebten Ausgang suchen, mit den anderen ins Freie gelangen und sich dann, ein heilloses Chaos zurücklassend, im, Gewimmel der riesigen Stadt verlieren. Und solange sein Timing stimmte und er die Nerven behielt, würde es klappen. Das wusste er., 8.20 Uhr John Barron sah, wie die vordere Wagentür aufging und der Schaffner eintrat. Er blieb stehen, ließ den Blick über die Fahrgäste schweifen, senkte ihn kurz auf Valparaiso, der auf dem Platz direkt vor ihm saß, drehte sich dann um und ging wieder hinaus. 8.22 Uhr. Barron blickte zu der jungen Frau neben sich. Sie war immer noch in die Musik versunken, die aus ihrem Kopfhörer drang, und nahm keine Notiz von ihm. Er spähte nach hinten zu Halliday, dann nach vorn zu Valparaiso. Keiner von beiden sah in seine Richtung. Er blickte auf seine Uhr und beobachtete, wie die Minuten verrannen. Er atmete tief durch, lehnte sich zurück und versuchte, sich zu entspannen, eine Hand im Schoß, die andere unter dem Jackett, auf dem Griff der Beretta, die in seinem Hosenbund steckte. 8.25 Uhr. »Herrgott, ein letztes Mal, Ray, entschuldigen Sie.« Frank Miller stand wieder auf und quetschte sich an Raymond vorbei auf den Gang. Es war das zweite Mal in den vergangenen zwanzig Minuten, dass er zur Toilette musste. Beim letzten Mal hatte er sich ausdrücklich entschuldigt und gestanden, dass er es an der Blase habe. Und als ihm Bill Woods erzählte, dass er sich schon zweimal einen Blasentumor habe entfernen lassen, und, ihm empfahl, so bald wie möglich einen Urologen aufzusuchen, hatte er abgewinkt und erklärt, er sei in Ordnung, das komme nur von der langen Zugfahrt. Durch diese letzte Bemerkung fühlte sich Raymond in seiner Vermutung bestätigt, dass Miller ein Toupet trug, weil er krank war. Vielleicht war er nicht geschäftlich in Chicago gewesen, sondern um sich behandeln zu lassen, und Bill Woods hatte mit seinem Hinweis auf einen möglichen Tumor alles nur noch schlimmer gemacht. Wieder dachte er an den kritischen Moment auf dem Bahnhof. Alles musste blitzschnell gehen. Miller bereitete ihm Sorgen, ganz gleich, was mit ihm los war. Er befürchtete, dass er beim Aussteigen irgendwelche Schwierigkeiten machen könnte. 8.27 Uhr. Der Chief wurde noch langsamer., Union Station McClatchy stand genau zwischen Lee und Polchak und beobachtete das zunehmende Gedränge auf dem Bahnsteig um sie herum. Mittlerweile war die Zahl der Leute, die auf den Southwest Chief warteten, auf fünfzig und mehr angewachsen, und minütlich kamen neue hinzu. Jede Menschenmenge komplizierte die Dinge, und je größer sie wurde, desto größer wurde die Gefahr, dass etwas schief ging. Er spähte an den Schienen entlang und wollte gerade in Richtung der Streifenwagen schauen, die unsichtbar hinter dem Drahtzaun parkten, als sich seine Miene verfinsterte. Eine Gruppe von Pfadfinderinnen kam die Zufahrt zum Bahnhof herauf, mindestens ein Dutzend zehn- oder elfjährige Mädchen in sauberen, adretten Uniformen, von zwei erwachsenen Frauen in Pfadfinderkluft begleitet. Die Situation war so schon brenzlig genug. Nicht auszudenken, was alles passieren konnte, wenn ein unberechenbarer Killer auf einen Bahnsteig trat, auf dem eine Gruppe Pfadfinderinnen wartete, plötzlich durchdrehte und um sich schoss. »8.29 Uhr.« Lee war zu ihm getreten, um ihn an die Zeit zu erinnern, doch seine Augen waren auf die Pfadfinderinnen gerichtet. Er war ebenso besorgt wie Red. »Wir haben noch elf Minuten.« Polchak stieß zu ihnen, blickte von den Mädchen zu Red. »Was sollen wir tun?« »Schafft sie hier weg, zum Donnerwetter.«, 8.30 Uhr »Noch zehn Minuten bis zur Union Station. Der Southwest Chief läuft auf Gleis zwölf ein. In zehn Minuten.« Die automatische Durchsage kam über die Lautsprecheranlage des Zugs, und der Chief fiel in ein Kriechtempo. Gleich darauf erhoben sich die ersten Leute von ihren Plätzen und begannen, ihr Gepäck aus den Ablagen zu nehmen. Raymond folgte ihrem Beispiel, dabei beobachtete er, wie der junge Polizist in der Mitte des Wagens aufstand, nach seiner Tasche griff und in dem Moment den Gang blockierte, als Miller von der Toilette zurückkehrte. Der Polizist lächelte und sagte etwas, dann glitt er auf seinen Platz zurück und ließ Miller vorbei. Im selben Moment erschien der Schaffner aus dem vordersten Wagen und blieb in der Tür neben Valparaiso stehen. Raymond erstarrte, unschlüssig, was er tun sollte. Er brauchte die Waffe, und er kam nur an sie heran, wenn er seine Tasche herunterholte. Die Mitreisenden suchten immer noch ihre Sachen zusammen. Es war ganz natürlich, wenn er dasselbe tat. Er stand abrupt auf und langte nach seiner Tasche, als Miller zu ihm trat. »Nicht!«, flüsterte Miller, beugte sich zu den Woods’ hinunter und raunte mit dringlicher Stimme: »Ich habe zufällig ein Gespräch des Zugpersonals belauscht. Im Zug soll eine Bombe versteckt sein. Sie wissen nicht, in welchem Wagen. Sie wollen den Zug stoppen, bevor er im Bahnhof ist.« »Was?« Raymond war wie vom Donner gerührt. »Die Leute werden in Panik geraten«, warnte Miller mit derselben Eindringlichkeit. »Wir müssen sofort zur Tür, dann sind wir die Ersten. Lassen Sie Ihr Gepäck da, lassen Sie alles stehen und liegen.« Die Farbe wich aus Bill Woods’ Gesicht, als er aufstand., »Komm, Viv«, sagte er mit nervöser, ängstlicher Stimme und stand auf. »Gehen wir.« »Los, Ray, beeilen Sie sich«, drängte Miller, als das Ehepaar vor ihnen auf den Gang schlüpfte. Raymond sah ihn an, dann hinauf zu seiner Tasche. Er wollte sie auf keinen Fall zurücklassen. »Meine Tasche.« »Vergessen Sie die Tasche«, sagte Miller mit gedämpfter Stimme, packte ihn am Arm und zwang ihn, den beiden anderen zu folgen. »Das ist kein Scherz, Ray. Wenn das Ding hochgeht, reißt es uns alle in Fetzen.« 8.33 Uhr Valparaiso und der Schaffner sahen die Kartenspieler auf sich zukommen. Weiter hinten waren Halliday und Barron aufgesprungen, vom Verhalten des Quartetts offenbar ebenso überrascht wie sie. »Was ist los?«, formte Barron mit den Lippen an die Adresse Valparaisos. »Was haben sie vor?«, fragte der Schaffner, als er sah, dass die Kartenspieler an den Leuten vorbei zu ihnen nach vorn drängten. »Rühren Sie sich nicht«, warnte ihn Valparaiso. »Unter- nehmen Sie nichts.« Barron trat in den Gang und folgte ihnen, die Hand an der Beretta. Nach drei Schritten fühlte er Hallidays Hand auf seiner Schulter. »Liefer ihm keinen Grund, etwas zu unternehmen.« Halliday zog ihn zurück. »Was zum Teufel geht da vor?«, »Keine Ahnung, aber er wird nicht weit kommen. Setz dich wieder hin. In ein paar Minuten sind wir da.« Valparaiso sah, wie Barron von Halliday auf die Sitze gedrückt wurde, die das Quartett eben frei gemacht hatte. Die vier kamen immer näher. Sie blieben eng beisammen und quetschten sich an den anderen Fahrgästen vorbei. Er hörte, wie der Schaffner tief Luft holte. Sie waren nur noch ein paar Reihen entfernt. Der Zug fuhr noch. Wo wollte der Kerl denn hin, verflucht noch mal, in den nächsten Wagen? Na klar. Aber dahinter war gleich die Lok. Er kam also nicht weiter als bis in den nächsten Waggon, das ließ sich deichseln. Sobald sie drin waren, würde er sich über Funk mit McClatchy in Verbindung setzen und – plötzlich trat der Schaffner den Kartenspielern entgegen und versperrte ihnen den Weg. »Es gibt da Schwierigkeiten mit den Fahrkarten«, sagte er in dienstlichem Ton. »Würden Sie bitte Ihre Plätze wieder einnehmen, bis das Problem behoben ist.« »Mein Gott«, seufzte Valparaiso. Barron starrte auf den Schaffner, die Beretta unter dem Kartentisch, wo sie niemand sehen konnte. »Lass ihn in Ruhe, du Arschloch«, zischte er. »Ganz ruhig«, sagte Halliday leise. »Nur keine Panik.« 8.34 Uhr. Der Schaffner stand direkt vor ihnen. Bill und Vivian Woods blickten Hilfe suchend zu Miller. Sie hatten Angst und wussten nicht, was sie tun sollten. Raymond spähte nach hinten zu seiner Tasche. Die Polizisten saßen jetzt auf ihren Plätzen, direkt unter seiner Tasche. »Ich habe Sie gebeten, Ihre Plätze wieder einzunehmen. Bitte halten Sie sich daran, und bleiben Sie sitzen, bis wir im Bahnhof eintreffen.« Der Schaffner drängte sie weiter zurück. Bombe, oder nicht, dachte Raymond, der Mann bildete sich tatsächlich ein, dass der Zug ihm gehörte und er hier das Sagen hatte. Niemand durfte zu den Türen, bis er seine Erlaubnis gegeben hatte, ein gesuchter Verbrecher schon gar nicht. Plötzlich war klar, wer die Polizei verständigt hatte. Sein Verhalten war nicht nur töricht, sondern auch leichtfertig. Und Miller stellte ihn deswegen zur Rede. Zum zweiten Mal innerhalb von Sekunden, wie es schien, tat er etwas völlig Unerwartetes. »Halten Sie den Zug an«, sagte er scharf. »Sofort.« »Das geht nicht«, brauste der Schaffner auf. »Und ob das geht.« Miller zog eine Colt Government unter dem Jackett hervor und hielt sie dem Schaffner an den Kopf. »Sie haben einen Schlüssel für Notfälle. Benutzen Sie ihn.« »Um Himmels willen.« Barron fuhr in die Höhe. Halliday auch. Raymond war fassungslos. Er stand wie erstarrt. Bill Woods zog Vivian fest an sich. Die Leute starrten mit offenem Mund auf Miller. Dann sah Raymond, wie Valparaiso den Arm hob. Die 9-mm-Beretta in seiner Hand war genau auf Millers Brust gerichtet. »Polizei! Keine Bewegung!«, rief Valparaiso und sah Miller scharf an. Im selben Augenblick kamen Barron und Halliday durch den Gang nach vorn, die Waffen im Anschlag. »Waffe weg! Sonst leg ich den Schaffner um!«, schrie Miller, wirbelte herum und richtete die Waffe auf Barron und Halliday. »Das gilt auch für euch!« Die Polizisten blieben abrupt stehen. »Waffe weg, sofort!«, rief Valparaiso. Plötzlich wandte sich Miller zu Bill Woods., Ein lauter Knall erschütterte den Wagen, und Bill Woods’ Kopf explodierte. Hirn und Blut spritzten auf seine Frau und die nächsten Fahrgäste, und sein Körper sackte wie mit der Axt gefällt zu Boden. Vivians Schreie gingen im Gekreische der Mitreisenden unter. Einige stürzten entsetzt zur hinteren Tür und versuchten verzweifelt hinauszukommen. Sofort richtete Miller die Government auf Vivian Woods. »Waffe runter, Cop!« Miller funkelte Valparaiso an. Im Wagen wurde es totenstill. 8.36 Uhr. Barron arbeitete sich zentimeterweise nach vorn, schlüpfte an bestürzten Fahrgästen vorbei und versuchte, sich in eine gute Schussposition zu bringen. Miller bemerkte es. »Wollen Sie noch einen Toten?« Millers ganzes Wesen schien in Aufruhr zu sein, seine Augen hatten sich tief in den Schädel zurückgezogen und waren nur noch glühende Punkte. »Lassen Sie die Waffe fallen, Donlan!«, bellte Valparaiso, den Finger am Abzug der Beretta. »Nicht ich, ihr! Alle drei, ihr Arschlöcher!« Miller ließ seine Hand vorschnellen, packte Vivian an den Haaren, zog sie zu sich her und bohrte ihr von unten den Lauf der Government ans Kinn. »Bitte nicht!«, kreischte Vivian vor Entsetzen. »Los, Waffen weg!« Donlan! Der Name durchzuckte Raymond wie ein Blitz. Mein Gott, er hieß gar nicht Miller, sondern Donlan. Hinter Donlan waren sie die ganze Zeit her! Nicht hinter ihm!, Valparaiso sah an dem Schützen vorbei zu Barron und Halliday, dann öffnete er langsam die Finger und ließ die Waffe zu Boden fallen. »Schieb sie mit dem Fuß rüber!«, brüllte Donlan. Valparaiso starrte ihn an, dann hob er den Fuß und kickte die Beretta in Donlans Richtung. »Jetzt ihr beide!« Donlan verlagerte das Gewicht, und sein Blick flog nach hinten zu Barron und Halliday. »Tu, was er sagt«, zischte Halliday und ließ seine Beretta als Erster fallen. Barron zögerte. Er stand seitlich im Gang und konnte sehen, wie die Mutter das Kind mit dem Teddybären an sich drückte. Das Mädchen, das neben ihm gesessen hatte, kauerte wie erstarrt am Fenster, das Gesicht vor Entsetzen verzerrt. Dies war die Bedrohung, die er gespürt, das Unheil, das in der Luft gelegen hatte. Doch er konnte jetzt nichts tun, ohne andere in Gefahr zu bringen. Er ließ die Beretta fallen und hörte, wie sie dumpf auf dem Boden zu seinen Füßen aufschlug. »Ray.« Donlan sah seinen Pokerpartner an. »Ich möchte, dass Sie die Waffen aufheben und aus dem Fenster werfen, anschließend kommen Sie wieder her.« Sein Befehl klang ruhig und äußerst höflich, Raymond zögerte. »Ray, tun Sie, was ich sage!« Raymond nickte. Unter den Blicken der Anwesenden sammelte er die Waffen ein und warf sie aus dem Zugfenster, dann kehrte er zu Donlan zurück. Nur mit Mühe konnte er sich ein Grinsen verkneifen. Den Mann hatte ihm der Himmel geschickt. 8.34 Uhr. Abrupt wandte sich Miller an den Schaffner. »Stoppen Sie den Zug. Sofort!« »Jawohl, Sir.« Zitternd vor Angst löste der Schaffner einen, Schlüsselbund von seinem Gürtel, hastete an Valparaiso vorbei den Gang entlang und steckte einen Schlüssel in einen Schlitz über der Tür. Nach kurzem Zögern drehte er ihn herum., Fünfzig Meter weiter vorn, in der Lokomotive des Chief, tanzten Warnleuchten über die Instrumententafel, als die Notbremsen des Zugs betätigt wurden. Zugleich ertönte über dem Kopf des Zugführers ein Warnsignal. Er spürte einen Ruck, als die Bremsen griffen, dann kam von hinten das Kreischen von Stahl. Die Räder blockierten. In allen Personenwagen des Zuges brachen Panik und Chaos aus. Mit der Wucht eines Hurrikans flogen Gepäckstücke, Handtaschen, Handys und Laptops wie Geschosse nach vorn, begleitet von Schreien und stählernem Kreischen. Menschen wurden gegen Sitze und Kopfstützen geschleudert, andere, die im Stehen überrascht wurden, durch die Mittelgänge nach vorn katapultiert. Wieder andere, die sich noch irgendwo festklammern konnten, stemmten sich mit aller Kraft gegen den gewaltigen Schub des achthundert Meter langen Zuges, der schleifend über die Schienen glitt. Dann endlich kam er zum Stehen, und eine Sekunde lang herrschte Stille. In Wagen 39002 zerriss eine einzelne Stimme die Stille. Donlans Stimme. »Öffnen Sie die Tür.« Er sah Raymond an. Verblüfft über die Wendung, drückte sich Raymond am Schaffner vorbei zur Tür und betätigte den Türöffner. Die Hydraulik wimmerte, und die Stufen senkten sich zum Boden. Er spähte ins Freie. Der Zug stand mindestens eine halbe Meile vom Bahnhof entfernt in einem Gewirr von Gleisen inmitten eines riesigen Industriegebiets. Raymonds Herz pochte. Mein Gott, wie leicht es war. Donlan würde fliehen, die Polizei würde ihn verfolgen. Und er brauchte nur seine Tasche zu holen und, rauszuspazieren. Diesmal konnte er sich das Grinsen nicht verkneifen. Er trat rasch zurück, in der Erwartung, dass Donlan an ihm vorbei in die Freiheit flüchten würde. Doch stattdessen ließ Donlan Vivian Woods los und packte ihn an den Haaren. »Sie kommen mit, Ray.« »Was?«, schrie Raymond ungläubig. Dann spürte er den kalten Lauf von Donlans Government unter dem Ohr. Entsetzen packte ihn. Gott hatte ihm die Freiheit geschenkt, und jetzt nahm sie ihm Donlan wieder weg. Er versuchte sich loszureißen, doch Donlan war stärker, als er aussah. »Lassen Sie das, Ray«, sagte er scharf. Er wandte sich an den Schaffner. »Du Scheißkerl …«, sagte er leise. Die Augen des Schaffners weiteten sich. Grauen überkam ihn. Er drehte sich um und rannte los. Es war zwecklos. Die Government in Donlans Hand zuckte zweimal, und ein ohrenbetäubendes Dröhnen erfüllte den Wagen. Der Körper des Schaffners flog durch die Luft und stürzte zu Boden. Wieder versuchte Raymond, sich loszureißen, doch Donlan zog ihn rückwärts die Stufen hinunter auf den Schotter. Er riss ihn hoch und trieb ihn, halb zerrend, halb stoßend, über die Gleise auf einen Zaun zu., 8.44 Uhr Barron sprang aus der Waggontür, landete hart auf dem Boden und rollte sich ab. Halliday war bereits an ihm vorbei, als er wieder stand, und rannte zu der Stelle am Rand der Gleisanlagen, wo Donlan seine Geisel gerade über einen Maschendrahtzaun stieß. Barron stürmte los, aber nicht hinter Halliday her, sondern an Zug und Schienen entlang zurück. Er sah, dass Halliday sich nach ihm umdrehte. »Wenn du ihn ohne Waffe verfolgen willst, nur zu!«, rief Barron und suchte im Laufen den Bahnkörper nach ihren Waffen ab. Erst nach ein paar hundert Metern sah er die Beretta in der Sonne glitzern. Gleich darauf entdeckte er auch die beiden anderen, sieben, acht Meter neben den Gleisen auf dem Schotter. Er hob die Waffen nacheinander auf und lief, um den Weg abzukürzen, schräg über die Gleise auf den Zaun zu, über den Donlan geklettert war. Halliday rannte, so schnell er konnte, zu seiner Linken, direkt vor ihm. Barron holte ihn ein und warf ihm eine Waffe zu. Sekunden später war er am Zaun und schwang sich mit einer Hand hinüber. Halliday tat es ihm gleich. Auf der anderen Seite fiel das Gelände steil ab, und die beiden Männer blieben stehen. Am Fuß des Hügels war eine Kreuzung mit Verkehrsampeln. »Da ist er!«, rief Barron. Donlan lief mit seiner Geisel zu einem weißen Toyota, der an der Ampel wartete. Mit der Government in der Hand riss er die Fahrertür auf und zerrte eine Frau auf die Straße. Dann rief er seiner Geisel etwas zu. Die Geisel blickte sich kurz nach den Polizisten um, stürzte zur, Beifahrertür und sprang in dem Moment, als Donlan anfuhr, in den Wagen. Mit quietschenden Reifen jagte der Toyota über die Kreuzung. »Hast du das gesehen?«, brüllte Barron. »Gehören die zusammen?« »Sieht verdammt danach aus!« 8.48 Uhr. Union Station »Sind unterwegs, Marty!«, rief McClatchy über Funk Valparaiso zu. Die Pfadfinderinnen waren vergessen. Dreck und Schotter aufwirbelnd rasten er und seine Detectives mit den beiden Fords von der Baustelle neben Bahnsteig zwölf. McClatchy fuhr den ersten Wagen mit Polchak neben sich. Lee saß allein im zweiten und bog direkt hinter ihm in die Straße ein. Einen Sekunde später folgten die beiden Streifenwagen. 8.49 Uhr Barron und Halliday standen mitten auf der Straße und winkten mit ihren goldenen Polizeimarken, um ein Fahrzeug anzuhalten. Doch es war nichts zu machen. Autos schossen links und rechts an ihnen vorbei. Sie versuchten es weiter. Vergebens. Die Autofahrer hupten und brüllten, sie sollten aus dem Weg gehen. Schließlich ertönte lautes Bremsenquietschen, und neben Halliday kam ein grüner Dodge zum Stehen. Halliday hielt seine Marke hoch, riss die Tür des Kleinlasters auf und rief dem Fahrer, einem Jugendlichen, zu, dass er Polizist sei und dringend seinen Wagen benötige. Sekunden später stand der Junge auf der Fahrbahn. Halliday, schlüpfte unterm Lenkrad durch auf den Beifahrersitz und brüllte Barron zu: »Du bist der Jüngere, du fährst!« Im nächsten Augenblick saß Barron drin, knallte die Tür zu und fuhr mit quietschenden Reifen los. Hupend kurvte er über die Kreuzung und raste in die Richtung, in die Donlan mit dem weißen Toyota verschwunden war. 8.51 Uhr Mit dem Funkgerät in der Hand stolperte Valparaiso über den Schotter zwischen den Gleisen in Richtung Straße. Siebzig Meter hinter sich hörte er die knirschenden Schritte der ebenfalls über den Schotter zu dem stehenden Southwest Chief laufenden Feuerwehrleute und Polizisten. »Roosevelt, du liest Marty auf.« Lee hörte McClatchys Befehl, der im Funkgerät das Sirenengeheul übertönte, überlegte kurz, wie er am schnellsten zu den Gleisanlagen gelangte, und beschloss, an der nächsten Kreuzung links abzubiegen. Als er mit hoher Geschwindigkeit auf die Abbiegespur wechselte, sah er vor sich den Wagen mit Red und Polchak beschleunigen, an der Kreuzung schlenkernd rechts abbiegen und mit heftig blinkendem Blaulicht im Heckfenster davonrasen. Eine halbe Sekunde später schossen die beiden Streifenwagen an ihm vorbei und ihnen nach. Mit Blaulicht und heulender Sirene. 8.52 Uhr Lee entdeckte Valparaiso, der zwanzig Meter vor ihm auf einen niedrigen Zaun zulief. Sofort stieg er auf die Bremse, und der Ford kam in dem Moment schlitternd zum Stehen, als Valparaiso über den Zaun setzte. »Ab die Post!«, brüllte Valparaiso und sprang in den Wagen. Lee gab Gas, noch ehe Valparaiso die Tür geschlossen hatte., 8.53 Uhr Raymond sah Donlan an. Die Government in seinem Schoß, das halsbrecherische Tempo, mit dem der andere Autos schnitt und abrupt die Spur wechselte, rote Ampeln überfuhr, plötzlich in eine Straße abbog und dann in die nächste, immer ein Auge auf der Straße vor ihm und das andere im Rückspiegel, das alles erinnerte ihn an einen Actionfilm. Doch es war kein Film. Alles war absolut echt. Raymond sah wieder nach vorn. Sie fuhren schnell. Donlan war bewaffnet und hatte offensichtlich keine Skrupel, beim geringsten Anlass zu schießen. Und er war auf Draht. Auch er hatte bemerkt, dass Polizisten in den Zug gestiegen waren. Daher die Ausflüge auf die Toilette. Aus Nervosität, aus keinem anderen Grund. Er hatte überlegt, was er tun sollte. Gegen diesen wachsamen und entschlossenen Mann konnte er zum jetzigen Zeitpunkt nichts unternehmen. Es wäre zu riskant. Und bevor er etwas tat, musste er ihm ganz genau sagen, was er vorhatte. »Ich werde jetzt in meine Jacke greifen und meine Brieftasche und mein Handy herausnehmen.« »Wieso?« Donlan legte die Hand auf die Waffe in seinem Schoß, wandte aber keinen Blick von der Straße. »Weil mein Führerschein und meine Kreditkarten gefälscht sind. Ich möchte nicht, dass die Polizei sie bei mir findet, falls sie uns schnappt. Oder das Handy. Ich möchte nicht, dass sie die Nummern zurückverfolgt.« »Wieso? Haben Sie was auf dem Kerbholz?« »Ich bin illegal im Land.«, »Sind Sie Terrorist?« »Nein. Es ist was Persönliches.« »Tun Sie, was Sie nicht lassen können.« Donlan bog scharf rechts ab. Raymond hielt sich fest, als der Toyota die Kurve nahm, dann zückte er die Brieftasche und nahm sein restliches Bargeld heraus, fünf Einhundertdollarscheine. Er faltete sie zusammen und steckte sie in die Tasche, dann kurbelte er das Fenster hinunter und warf die Brieftasche hinaus. Fünf Sekunden später flog das Handy hinterher, und er beobachtete, wie es am Bordstein zerschellte. Er war sich darüber im Klaren, dass er damit ein Risiko einging, ein großes Risiko, denn ohne Kreditkarten, Pass und Handy war er aufgeschmissen. Doch es war unwahrscheinlich, dass er diesem Psychopathen von Donlan ohne die Hilfe der Polizei entkam, jedenfalls nicht so bald. Und wenn er der Polizei in die Hände fiel, würde sie ihn vernehmen. Sie würde seine Papiere überprüfen und feststellen, dass sein Führerschein gefälscht war und dass er seine Kreditkarten unter Vorlage des Führerscheins erworben hatte, was ebenfalls den Tatbestand des Betrugs erfüllte. Aus diesem Grund, insbesondere in Anbetracht der anhaltenden Angst der Amerikaner vor Terrorakten, würde die Polizei, wenn sie das Handy bei ihm fand, aller Voraussicht nach genau das tun, was er zu Donlan gesagt hatte, nämlich die Gespräche, die er geführt hatte, zurückverfolgen. Und obwohl er für seine Anrufe die Nummern Dritter und vermittelnde Zwischenstationen im Ausland benutzt hatte, bestand die, wenn auch entfernte, Möglichkeit, dass sie seine Gesprächspartner ermittelte, Jacques Bertrand in Zürich und die Baronesse, die ihn in London erwartete. Das musste er unter allen Umständen verhindern. Er durfte mit keiner dieser beiden Personen in Verbindung gebracht werden, schon gar nicht jetzt, da der Countdown für ihr Unternehmen in Europa begonnen hatte. Was die Polizei im Zug fand, darauf hatte er keinen Einfluss., Sie würde die verstreut herumliegenden Gepäckstücke durchsuchen und dabei auf seine Tasche stoßen, die neben Wäsche zum Wechseln die Ruger und zwei Ersatzmagazine mit jeweils elf Schuss enthielt, ferner das Flugticket nach London, seinen US-Pass, den dünnen Taschenkalender mit spärlichen Notizen und die drei Bankfachschlüssel, die in einem kleinen Plastikbeutel mit Reißverschluss steckten, alle mit derselben Nummer. Jetzt bereute er, dass er die Ruger behalten hatte. Das Flugticket war einfach, was es war, und die Notizen in dem Kalender waren vermutlich wenig aufschlussreich. Dasselbe galt auch für die Bankfachschlüssel, wie er zu seinem eigenen Verdruss hatte feststellen müssen; denn sie trugen nur das Logo des belgischen Herstellers und die Nummern des Schließfachs, 8989. Wo sich das Schließfach befand, hatten die Vorbesitzer der Schlüssel, jene Leute, die er in San Francisco, Mexico City und Chicago liquidiert hatte, nicht gewusst. Dessen war er sich sicher, denn die körperlichen Schmerzen, die er ihnen zugefügt hatte, hätten jedem Menschen die Zunge gelöst. So hatte er zwar die Schlüssel in seinen Besitz gebracht, war sonst aber keinen Schritt weitergekommen. Er wusste nur, dass sich das Tresorfach in irgendeiner Bank in Frankreich befand, nicht aber, bei welcher Bank und in welcher Stadt, und solange er das nicht in Erfahrung brachte, waren die Schlüssel nutzlos. Er brauchte die Information, bevor er nach London flog, und deshalb war die Reise nach Los Angeles nötiger denn je gewesen, aber das konnte die Polizei natürlich nicht wissen. Alles, was sie haben würde, war sein Pass, und da er damit ungehindert ein- und ausgereist war, würden sie davon ausgehen, dass er echt war. Kritisch wurde es nur, wenn sie den Magnetstreifen auf der Rückseite genauer unter die Lupe nahm. Wenn sie schlau war und zwei und zwei zusammenzählte, kam sie dahinter, dass er sich zum Zeitpunkt der Morde sowohl in San Francisco als auch Mexico City aufgehalten hatte und am Tag vor dem Doppelmord in Chicago aus Mexico City, kommend via Dallas in die Staaten eingereist war. Vorausgesetzt natürlich, sie erfuhren überhaupt von diesen Verbrechen, was insofern fraglich war, als sie erst kürzlich verübt worden waren und die Tatorte geografisch sehr weit auseinander lagen. Zudem würde es eine Weile dauern, bis sie die Gepäckstücke und persönlichen Gegenstände, die bei der Notbremsung im Zug durcheinander geflogen waren, sortiert hatte, und diesen Umstand versuchte er sich zu Nutze zu machen, indem er alles, was ihn belasten konnte, beseitigte. Wenn sie Donlan schnappte, konnte er einfach behaupten, seine Papiere seien im Zug zurückgeblieben, und mit etwas Glück kaufte sie ihm, einer verängstigten Geisel, die Geschichte ab und ließ ihn laufen, bevor sie die Tasche fand. 8.57 Uhr »Der grüne Pick-up«, sagte Donlan plötzlich. Raymond drehte sich um und spähte durch das Heckfenster. Ein grüner Dodge folgte ihnen im Abstand von einer halben Meile und kam rasch näher. »Da!«, rief Barron. Er hupte und trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch, überholte einen Buick rechts und zog vor ihm rüber auf die Überholspur. Halliday griff zum Funkgerät. »Red …« »Ich höre, Jimmy«, antwortete McClatchys Stimme klar und deutlich. »Wir sehen ihn vor uns. Wir fahren auf der Caesar Chavez Richtung Osten, an der North Lorena vorbei.« Zwei Blocks voraus zog der Toyota über alle Fahrspuren scharf nach links. Er schrammte haarscharf an einem Stadtbus vorbei, beschleunigte wieder und verschwand in einer Seitenstraße., »Festhalten!« Barron umkurvte einen Käfer und schlüpfte vor den entgegenkommenden Fahrzeugen in die linke Seitenstraße, in die Donlan eingebogen war. Wieder griff Halliday zum Funkgerät. »Wir sind links ab in die … Aufpassen!« Der Toyota kam direkt auf sie zu. Hinter dem Lenkrad war Donlan zu erkennen. Seine linke Hand ragte aus dem Fenster und hielt die Government. Barron riss das Steuer herum, und der Pick-up machte einen scharfen Schlenker nach rechts. Drei Schüsse krachten. Die Detectives duckten sich, die Windschutzscheibe zerbarst. Der Dodge schleuderte auf den Gehweg, schoss auf zwei Rädern weiter und kippte scheppernd zurück. Barron schaltete herunter, wendete mit quietschenden Reifen und jagte dem Toyota hinterher. »Wir sind unter Beschuss geraten. Keiner verletzt. Zurück in westlicher Richtung auf der Chavez.« Halliday zischte ins Funkgerät. »Wo bleibt ihr denn, zum Donnerwetter?« »Ich sehe ihn!«, brüllte Barron. Vor ihnen setzte Donlan gerade zum Überholen an, schnitt einen Lieferwagen und bog erneut in eine Seitenstraße ein. »Rechts ab in die Ezra!«, schrie Halliday ins Funkgerät. In der Ferne heulten Sirenen. Sie sahen, wie der Toyota vor ihnen das Tempo drosselte, dann durchstartete, links abbog und davonbrauste. »Das ist eine Sackgasse«, brüllte Barron. »Du hast Recht.« Barron ging vom Gas und sah gerade noch, wie Donlan den einzigen Weg nahm, der ihm noch blieb. Er durchbrach ein Holztor und fuhr auf den gesperrten Platz vor einem Parkhaus. »Jetzt haben wir ihn!«, rief Barron begeistert., 9.08 Uhr Barron brachte den Dogde vor der Baustelleneinfahrt zum Stehen und blockierte sie. Im nächsten Moment trafen fast gleichzeitig vier Streifenwagen ein. Uniformierte Polizisten sprangen heraus und rannten mit gezückten Waffen auf den Dodge zu. »Barron und Halliday von der 5-2!«, brüllte Barron und streckte seine goldene Marke aus dem Seitenfenster. »Riegeln Sie das Gelände ab. Und sperren Sie alle Ausfahrten.« »Sind schon dabei«, tönte McClatchys Stimme aus dem Funkgerät. Barron sah in den Rückspiegel. Reds blauer Ford stand direkt hinter ihnen. Er selbst saß am Steuer, Polchak daneben. Dann tauchte der Wagen mit Lee und Valparaiso auf und hielt hinter dem Ford. Um sie herum stoppten weitere Streifenwagen. »Fahrt rein«, befahl Red über Funk. »Wartet vor der ersten Rampe. Wir kommen nach.« Barron fuhr vorsichtig an und steuerte den Pick-up durch das Tor in Richtung Parkhaus, vorbei an einem Schild mit der Aufschrift Von März bis April wegen Bauarbeiten geschlossen. Halliday schaltete das Funkgerät ein. »Red, das ist eine Baustelle. Ob Arbeiter hier sind?« »Wartet. Wir erkundigen uns.« Barron hielt an. Das Parkhaus sah aus wie ein leeres Betongrab mit Dutzenden leerer Stellplätze, die hier und dort von Neonlampen beleuchtet und in gleichmäßigen Abständen durch Stützpfeiler getrennt wurden., Eine Minute verstrich, dann noch eine. Schließlich meldete sich wieder Reds Stimme. »Die Baustelle wird bestreikt, seit Wochen war keiner mehr hier. Ihr könnt weiterfahren. Aber äußerste Vorsicht!« Halliday sah Barron an und nickte. Barron gab sachte Gas, und während der Dodge langsam vorwärts rollte, suchten die beiden Männer mit den Augen die Umgebung nach dem Toyota oder Männern zu Fuß ab. Red und Polchak folgten ihnen, dahinter der Wagen mit Lee und Valparaiso. Plötzlich setzte ein ohrenbetäubendes Dröhnen ein. Ein Polizeihubschrauber, dessen schwere Rotorblätter die Luft zerschnitten, schwebte über ihnen. Der Pilot diente ihnen als Auge von oben. Barron bog um eine Ecke, fuhr bis zur ersten Rampe und hielt an. »Gentlemen«, tönte Reds Stimme aus dem Funkgerät. »Das Gelände ist umstellt. Keine Spur von den Verdächtigen.« Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu. »Gentlemen, wir haben grünes Licht.« Barron sah Halliday verwirrt an. »Was meint er damit, ›wir haben grünes Licht‹?« Halliday zögerte. »Was hat das zu bedeuten?« »Das bedeutet, dass wir hier nicht rumsitzen und auf das Sondereinsatzkommando warten müssen. Das ist unsere Show.« Hinter ihnen im Ford steckte McClatchy das Funkgerät in die Jacke und fasste nach dem Türgriff. Da bemerkte er, dass Polchak ihn ansah. »Sollten wir es ihm nicht sagen?«, fragte Polchak. »Barron?« »Ja.«, »Uns hat es auch keiner gesagt«, erwiderte McClatchy gleichgültig, beinahe kühl. Er öffnete die Tür. »Er ist doch noch ein halbes Kind.« »Wir waren alle noch halbe Kinder, als wir angefangen haben.« Barron und Halliday stiegen vorsichtig aus dem Pick-up, die Pistolen schussbereit in der Hand. In einiger Entfernung hörten sie das Knacken in den Funkgeräten und über sich das Rattern des Hubschraubers. Auch die anderen stiegen aus. Valparaiso ging zu McClatchy und tuschelte mit ihm. Lee und Polchak klappten die Kofferraumdeckel der beiden Wagen auf, kamen nach vorn und verteilten Schutzwesten, auf deren Rücken das Wort Police prangte. Barron zog seine Weste an und ging, mit den Augen das Parkhaus absuchend, zu McClatchy und Valparaiso hinüber. Donlan konnte sich überall versteckt haben. Vielleicht lauerte er irgendwo im Dunkeln und wartete nur auf eine günstige Gelegenheit zum Schießen. Er war verrückt. Sie hatten ihn in Aktion erlebt. »Noch was zu Donlans Geisel«, sagte Barron. »Es sah fast so aus, als wäre der Kerl freiwillig in den Toyota gestiegen. Und im Zug hat er für Donlan unsere Waffen eingesammelt. Vielleicht sind sie Komplizen.« Red musterte ihn abschätzig. »Hat die Geisel auch einen Namen?« »Keinen, den wir kennen«, antwortete Halliday, der in diesem Moment zu ihnen trat. »Ich lasse gerade die Frau von dem Mann überprüfen, den Donlan im Zug erschossen hat. Sie haben die ganze Zeit miteinander Karten gespielt.« Ein fürchterliches Dröhnen ließ das Gebäude erzittern. Der Helikopter flog in geringer Höhe über das Dach, schraubte sich weiter hinauf und verharrte wieder schwebend an einer Stelle. Als der Lärm nachließ, sah Barron, wie Polchak ein hässliches, kurzläufiges Gewehr hinten aus dem Kofferraum des Ford nahm. Es sah aus wie eine Schrotflinte und hatte ein großes, trommelartiges Magazin. »Eine Striker 12. Südafrikanische Riotgun.« Polchak grinste. »Fünfzig-Schuss-Magazin. Feuert zwölf Schuss in drei Sekunden.« »Wäre dir die hier genehm?« Valparaiso hielt ihm eine Ithaka- Schrotflinte hin, Kaliber 12. »Ja«, antwortete Barron, und Valparaiso warf sie ihm zu. McClatchy zog seinen Revolver der Marke Smith & Wesson mit Perlmuttgriff aus dem Holster, das links an seiner Hüfte hing. »Wir gehen rein«, sagte er. »Jimmy und Lee nehmen die Treppe auf der Nordseite. Roosevelt und Marty die auf der Südseite. Barron und ich gehen hier in der Mitte hoch.« Gleich darauf waren die anderen verschwunden. Halliday und Polchak links, Lee und Valparaiso rechts. Das Geräusch ihrer Schritte ging im dumpfen Rattern des Hubschraubers unter. Im Abstand von zwei Metern gingen Barron und McClatchy, Revolver und Schrotflinte im Anschlag, die Zufahrtsrampe hinauf. Ihre Blicke wanderten über die Betonpfeiler, das zu ordentlichen Haufen gestapelte Baumaterial, die leeren Stellplätze und die Schatten, die Pfeiler und Haufen warfen. Barron stellte sich vor, wie die anderen mit entsicherten Waffen die Feuertreppen erklommen und Donlan und seiner Geisel oder seinem Komplizen jeden Fluchtweg abschnitten. Er schwitzte an den Händen, spürte den Adrenalinstoß. Er war nervös, aber es war nicht dieselbe Nervosität wie im Zug. Vor knapp einer Woche noch ein Rädchen im Getriebe des Raub- und Morddezernats, war er jetzt hier, Angehöriger der berühmten Squad 5-2 auf Lebenszeit, und schritt an der Seite des großen Red McClatchy, um einen bewaffneten und äußerst, gewalttätigen Killer in die Enge zu treiben. Das hätte er sich nie träumen lassen. Egal, wie gefährlich der Einsatz auch sein mochte, es war ein gigantisches, ja heroisches Gefühl. Als sei er an der Seite Wyatt Earps auf dem Weg zum OK Corral. »Vielleicht möchten Sie noch ein wenig mehr über unseren Mr. Donlan erfahren«, sagte McClatchy leise, ohne die Betonpfeiler und Schatten vor ihnen aus den Augen zu lassen. »Vor der Sache im Zug ist er aus dem Todestrakt in Huntsville entflohen. Pech für ihn, dass er in Chicago erkannt worden ist und die Kollegen eine Fahndung nach ihm eingeleitet haben. In Huntsville war er, weil er zwei Mädchen, zwei Schwestern, vergewaltigt und bestialisch umgebracht hat. Und zwar genau vier Tage nachdem er wegen guter Führung vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen wurde, wo er ebenfalls wegen Verge- waltigung gesessen hatte – einfach so.« Red senkte die Stimme, als sie das Ende der Rampe erreichten, und bog um die Ecke. »Stopp!«, sagte er plötzlich, und sie blieben stehen. Zwanzig Meter entfernt sahen sie den weißen Toyota. Er parkte an der hinteren Wand, Fahrer- und Beifahrertür standen offen, die Warnblinkanlage war eingeschaltet. Red hob das Funksprechgerät. »Wir haben den Toyota«, sagte er leise. »Erstes Obergeschoss. Kommt langsam rein, und seid vorsichtig.« Red schaltete das Gerät aus, verharrte reglos neben Barron, lauschte und ließ den Blick schweifen. Nichts. Zehn Sekunden vergingen. Dann tauchten von links die Gestalten Hallidays und Polchaks aus dem Halbdunkel auf. Zehn Meter vor dem Wagen blieben sie stehen und brachten ihre Waffen in Anschlag. Gleich darauf nahten Lee und Valparaiso von rechts und bezogen im selben Abstand Stellung. Red wartete und überlegte, dann hallte seine Stimme durch den Betonbau. »Donlan, hier spricht die Polizei. Das Gebäude, ist umstellt. Sie sitzen in der Falle. Werfen Sie die Waffe heraus. Geben Sie auf!« Noch immer nichts. Nur das Rattern des Polizeihubschraubers war zu hören. »Ende der Fahnenstange, Donlan, machen Sie es sich nicht unnötig schwer.« Red rückte langsam vor. Barron folgte mit pochendem Herzen, umklammerte die große Ithaka mit schweißnassen Händen. Die anderen rührten sich nicht von der Stelle und passten auf. Nervös. Den Finger am Abzug. Polchak drückte sich den Schaft der riesigen Riotgun an die Schulter und visierte über den Lauf. »Hier spricht Frank Donlan!« Die Stimme des Flüchtigen hallte aus tausend Ecken wider. Red und Barron erstarrten. »Ich komme raus! Die Geisel ist wohlauf. Wir kommen beide.« »Schicken Sie zuerst die Geisel raus!«, rief Red. Lange Zeit geschah nichts. Es kam ihnen wie eine Ewigkeit vor. Dann endlich tauchte Raymond langsam hinter dem Toyota auf., Barron richtete die große Ithaka-Schrotflinte auf Raymond, als er aus dem Dunkel trat und auf sie zukam. Lee, Halliday, Polchak und Valparaiso hielten Abstand und beobachteten ihn mit schussbereiter Waffe. »Runter auf den Boden, mit dem Gesicht nach unten!«, befahl Red laut. »Hände hinter den Kopf.« »Helfen Sie mir, bitte!«, flehte Raymond und ging weiter. Zu seiner Linken und Rechten und vor ihm standen die drei Polizisten aus dem Zug. Die anderen hatte er noch nie gesehen. »Auf den Boden! Hände hinter den Kopf!«, wiederholte Red. »Sofort!« Raymond machte noch einen Schritt, dann legte er sich auf den Boden und verschränkte wie befohlen die Hände hinter dem Kopf. Barron schwenkte die Ithaka von ihm weg und richtete sie wieder auf den Toyota. Wo steckte Donlan? Vielleicht wollte er die Geisel als Deckung benutzen, um einen von ihnen umzulegen. Oder er sprang plötzlich hinter dem Wagen vor und feuerte auf alles, was sich bewegte. »Donlan!« McClatchy blickte zu dem Toyota, dessen blinkende Lichter ihn irritierten. »Werfen Sie Ihre Waffe heraus!« Nichts geschah. Barron holte tief Luft. Links neben ihm brachte Polchak die schwere Riotgun neu in Anschlag. »Donlan!«, rief McClatchy erneut. »Werfen Sie die Waffe raus, oder wir holen sie uns!« Wieder eine Pause, dann flog etwas hinter dem Toyota hervor, schrappte über den Boden und blieb auf halber Strecke zwischen, Raymond und McClatchy liegen. Donlans Government. Red blickte zu Barron. »Hatte er eine zweite Kanone?« »Wir haben keine gesehen.« Red wandte sich wieder ab. »Legen Sie die Hände auf den Kopf, und kommen Sie langsam raus!« Lange Zeit tat sich nichts. Dann gewahrten sie eine Bewegung hinter dem Toyota. Donlan erschien und trat, die Hände auf dem Kopf, aus dem Dunkel in den matten Schein der Neonlampe an der Decke. Er war splitternackt. »Mein Gott«, stöhnte Barron. Donlan blieb stehen. Unbekleidet bis auf sein Haarteil bot er im Neonlicht einen bizarren Anblick. Ein Grinsen ging über sein Gesicht. »Ich wollte euch nur zeigen, dass ich nichts zu verbergen habe.« Die Detectives stürzten zu ihm. Polchak und Lee brachten Zentimeter vor ihm ihre Waffen in Anschlag, Valparaiso riss ihm die Hände auf den Rücken und legte ihm Handschellen an. Barron und Halliday rannten zum Toyota. »Keine Bewegung! Sprechen Sie nicht!« Red ging hinüber zu Raymond und richtete die Smith & Wesson mit beiden Händen auf seinen Kopf. »Roosevelt!« Lee ließ Polchak und Donlan stehen und eilte zu ihm. Red trat zurück, und Lee bückte sich und legte Raymond Handschellen an. »Was tun Sie denn da?«, schrie Raymond, als der Stahl seine Handgelenke umschloss. »Ich bin entführt worden. Ich bin ein Opfer!« Vor Zorn lief er rot an. Er hatte erwartet, dass sie ihn in Sicherheit brachten, kurz vernahmen und dann laufen ließen, nachdem er ihnen eine Telefonnummer und eine Adresse gegeben hatte. Damit hatte er nicht gerechnet. »Sonst niemand da, keine Waffen, alles sauber«, sagte Barron,, als er mit Halliday vom Toyota zurückkam. Red musterte Raymond noch einen Moment, steckte dann den Revolver weg und sagte zu Lee: »Bring unser Opfer runter, und red mit ihm.« Und an Barron gewandt: »Und Sie suchen Mr. Donlans Hosen.« Raymond sah, wie der riesenhafte Lee sich zu ihm herunterbeugte, spürte seine Pranken, als er ihm aufhalf. »Wieso nehmen Sie mich fest? Ich hab doch nichts getan.« Raymond versuchte es jetzt auf die sanfte Tour, spielte das Unschuldslamm. »Dann haben Sie ja nichts zu befürchten.« Lee bugsierte ihn in Richtung der Brandschutztür, die ins Treppenhaus führte. Plötzlich war sie wieder da, die Besorgnis von vorhin. Er wollte auf keinen Fall, dass sie ihn in Gewahrsam nahmen, Nachforschungen über ihn anstellten und dann seine Tasche im Zug fanden. Er wand sich in Lees Griff und brüllte in Richtung Barron und Halliday: »Sie waren im Zug! Sie haben doch gesehen, was passiert ist!« »Ich habe auch gesehen, wie Sie in den Toyota gehüpft sind, ohne dass Mr. Donlan nachhelfen musste.« Barron hatte sich bereits zum Gehen gewandt. »Er hat gedroht, mich auf der Stelle zu erschießen, wenn ich es nicht tue!«, rief Raymond ihm nach. Doch Barron ging weiter, um Donlans Kleider zu holen. Raymond probierte sein Glück bei Donlan. »Dann sagen Sie es ihnen!« »Was soll ich denn sagen, Ray?«, grinste Donlan. Dann waren sie an der Stahltür. Halliday hielt sie auf, und Lee schob Raymond ins Treppenhaus. Halliday folgte, und die Tür knallte hinter ihnen zu., Barron hielt Donlan die Hose hin, damit er hineinsteigen konnte, was schwierig war, denn er trug Handschellen, und Polchak zielte mit der Riotgun auf sein Gesicht. Danach kamen Socken und Schuhe an die Reihe. »Was ist mit dem Hemd?« Barron blickte zu Red auf. »Mit den Handschellen kann er es nicht anziehen.« »Treten Sie zurück«, befahl Red. »Wie bitte?« »Ich sagte, treten Sie zurück.« Reds Verhalten strahlte eine seltsame Ruhe aus, und Barron wusste nicht, was sie zu bedeuten hatte. Dieselbe Ruhe sah er in den Gesichtern Polchaks und Valparaisos. Verwirrt befolgte er den Befehl. Dann trat auch Polchak zurück, und für einen Augenblick blieb die Zeit stehen. Die vier Detectives und ihr Gefangener standen einander gegenüber. Die Lichter des Toyotas blinkten noch, sonst rührte sich nichts. »Ist das ein Toupet?«, fragte Valparaiso und deutete auf Donlans Haarteil. »Sieht aus wie ein Toupet.« »Nein.« »Welchen Namen haben wir denn diesmal benutzt, Donlan? Bei den Leuten im Zug, meine ich, mit denen Sie gepokert haben?« Red sprach leise. »Tom Haggerty? Don Donlan junior? James Dexter oder Bill Miller?« »Miller.« »Bill?« »Frank. Das ist mein richtiger Name.« »Komisch, ich dachte, Sie heißen Whitey. Steht jedenfalls seit Ihrem zwölften Lebensjahr in Ihrem Strafregister.«, »Sie können mich mal.« »Aber gern.« Polchak grinste, dann legte er demonstrativ die Riotgun weg. Donlan blickte in die Runde. »Was geht hier eigentlich vor?«, fragte er mit angsterfüllter Stimme. »Dreimal darfst du raten, Whitey …« Valparaiso starrte ihn an. Barron sah zu Red, so verwirrt wie zuvor. Dann ging alles ganz schnell. Polchak trat vor, packte Donlan an den Armen und hielt ihn fest. Gleichzeitig machte Valparaiso einen Schritt auf ihn zu, in der Hand einen kurzen Revolver Kaliber .22. »Nein, nicht!«, schrie Donlan mit entsetzter Stimme. Er versuchte, sich Polchaks Griff zu entwinden, doch vergeblich. Valparaiso hielt ihm den Revolver an die Schläfe. Ein Schuss krachte. »Heilige Scheiße!« Barron stockte der Atem. Dann ließ Polchak los, und Donlan sackte zu Boden., Raymond zuckte zusammen und fuhr in die Höhe, als der scharfe Knall wie die Detonation eines Feuerwerkskörpers von den Betonwänden im oberen Parkdeck widerhallte. Halliday stieß ihn wieder gegen den Kofferraum von Lees Ford, und Lee fuhr dort fort, wo er unterbrochen worden war. »Sie haben das Recht auf einen Anwalt. Wenn Sie glauben, dass Sie sich keinen Anwalt leisten können …« »Wir brauchen die Spurensicherung und den Coroner.« McClatchy hatte sich umgedreht und sprach in sein Funkgerät, während Valparaiso Polchak den 22er reichte, aufstand und zu Barron herüberkam. »Donlan hatte einen 22er in seiner Hose versteckt. Als wir ihn in Handschellen nach unten bringen wollten, hat er eine Hand freibekommen und sich erschossen. Seine letzten Worte waren: ›Bis hierher und nicht weiter.‹« Barron hörte zu, aber die Worte kamen nicht bei ihm an. Er war bestürzt und stand unter Schock. Zwei Meter neben ihm schloss Polchak eine von Donlans Handschellen auf und drückte ihm den Revolver in die Hand, damit es so aussah, als habe er genau das getan, was Valparaiso gesagt hatte. Eine dunkle Blutlache sickerte unter seinem Kopf hervor. Barron konnte nicht glauben, was geschehen war und was diese Männer getan hatten. Zum zweiten Mal hatte sich sein Leben mit einem Schlag in einen furchtbaren Albtraum verwandelt. Und in diesem Albtraum sah er jetzt, wie McClatchy zu Valparaiso ging und sanft zu ihm sagte: »Sie hatten einen langen Tag, Marty«, als habe der Detective soeben eine Doppelschicht als Busfahrer hinter sich gebracht. »Lassen, Sie sich von einem Streifenwagen nach Hause bringen, okay?« Barron sah, wie Valparaiso dankend nickte und Richtung Feuertreppe ging, dann wandte sich Red an ihn. »Sie fahren mit Lee und Halliday zurück«, sagte er. »Buchten Sie die Geisel wegen Beihilfe ein, bis wir wissen, wer er ist und was mit ihm los ist. Anschließend fahren Sie nach Hause und ruhen sich etwas aus.« McClatchy hielt inne, und Barron wartete darauf, dass er ihm eine Erklärung gab. Stattdessen zog McClatchy die Schraube noch fester an. »Ich möchte, dass Sie morgen früh einen Bericht über die Sache hier schreiben.« »Ich?«, stieß Barron ungläubig hervor. »Ja, Sie, Detective.« »Was soll ich denn schreiben, um Himmels willen?« »Die Wahrheit.« »Was denn? Dass Donlan sich erschossen hat?« Red machte bewusst eine Pause. »Hat er das etwa nicht?«, Sanatorium St. Francis, Pasadena, Kalifornien, derselbe Tag, 12. März, 14 Uhr – drei Stunden später Ohne Jackett, die Hemdsärmel hochgekrempelt und einen Badmintonschläger in der Hand, stand John Barron im Schatten einer mächtigen Platane auf dem Rasen und versuchte verzweifelt, die Ereignisse der letzten Stunden zu vergessen. Ein Federball segelte übers Netz auf ihn zu, und als er ihn erreichte, drosch er ihn in hohem Bogen zurück zu den beiden Nonnen auf der anderen Seite des Netzes. Eine, Schwester Mackenzie, lief dem Ball entgegen und holte aus, trat dann aber beiseite und überließ ihn der vergnügten Schwester Reynoso, die ihn flink übers Netz schmetterte. Barron schlug ein Luftloch, rutschte aus, landete mit einem eleganten Schwung auf dem Rücken und starrte in den Himmel. »Oh, haben Sie sich wehgetan, Mr. Barron?« Schwester Reynoso stürzte ans Netz und spähte durch die Maschen. »Ich bin zahlenmäßig unterlegen, Schwester.« Er setzte sich auf und lächelte gequält, dann blickte er zum Rand des Spielfelds. »Komm, Rebecca, zwei gegen einen. Hilfst du mir? Sonst fegen sie mich vom Platz.« »Ja, kommen Sie, Rebecca.« Schwester Reynoso ging ums Netz herum. »Ihr Bruder braucht Ihre Hilfe.« Rebecca Henna Barron stand im Gras und sah ihren Bruder an. Ein leichter Wind spielte mit ihrem dunklen Haar, das sauber zu einem Pferdeschwanz gebunden war, doch der Badminton- schläger, den sie hielt, wirkte in ihrer Hand wie ein Fremdkörper. Barron rappelte sich auf und ging zu ihr. »Ich weiß, dass du, mich nicht hören kannst, aber ich weiß auch, dass du alles mitbekommst. Ich möchte, dass du mitspielst. Na, wie wär’s?« Rebecca lächelte schwach, dann schlug sie die Augen nieder und schüttelte den Kopf. Barron stieß einen tiefen Seufzer aus. Es war immer dasselbe. Die Traurigkeit, in der sie gefangen war, hielt sie davon ab, den ersten Schritt zurück ins Leben zu tun. Rebecca war jetzt dreiundzwanzig und hatte seit acht Jahren kein Wort mehr gesprochen oder in irgendeiner Form zu erkennen gegeben, dass sie hören konnte, was man sagte. Im Alter von fünfzehn Jahren hatte sie mit ansehen müssen, wie Einbrecher im Wohnzimmer ihres Hauses im San Fernando Valley ihre Eltern erschossen. Seit jenem Augenblick war der lebenslustige und immer zu Späßen aufgelegte Wildfang, den er von klein auf gekannt hatte, nur noch ein Schatten seiner selbst und strahlte eine deprimierende Zerbrechlichkeit aus, die ihn bisweilen an ein hilfloses Kind erinnerte. Was von ihrer Wahrnehmungs- und Kommunikationsfähigkeit noch geblieben sein mochte, lag unter der Last eines schweren Traumas begraben. Und doch fühlte er sich durch ihr Benehmen, durch die Art, wie sie jedes Mal auflebte, wenn er sie besuchte, an die aufgeweckte, lustige und intelligente Schwester erinnert. Und nach Auskunft der zahlreichen Psychiater, die sie bislang erfolglos behandelt hatten, darunter auch ihre derzeitige Therapeutin, die hoch angesehene Dr. Janet Flannery, würde sie wie ein bunter Schmetterling aus ihrem Kokon schlüpfen und bald wieder ein normales und aktives, vielleicht sogar erfülltes Leben führen können, wenn es gelang, den Schlüssel zu ihrer Seele zu finden. Doch bislang war davon nichts zu spüren. Noch hatte sich nicht das Geringste verändert. Barron hob ihr Kinn, damit sie ihm in die Augen sah. »Hey, ist schon in Ordnung.« Er rang sich ein Lächeln ab. »Wir spielen ein andermal. Ganz bestimmt. Ich liebe dich. Das weißt du doch, oder?«, Rebecca erwiderte sein Lächeln, dann neigte sie den Kopf zur Seite und sah ihn forschend an. Ihr Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an. Schließlich legte sie sich zuerst die Finger auf die Lippen und dann ihm. Damit wollte sie sagen, dass sie ihn ebenfalls liebte. Doch wie sie es tat und dabei seinen Blick festhielt, drückte noch mehr aus. Sie spürte, dass ihn etwas bedrückte, und er sollte wissen, dass sie es spürte., 15.35 Uhr Barron fuhr auf den Parkplatz der Schnellreinigung Thrifty Dry, um seine Wäsche abzuholen. Er erledigte die alltäglichen Dinge des Lebens, während er versuchte, den Schock über den Mord an Donlan zu verdauen und darüber nachzudenken, was er als Nächstes tun sollte. Sein Handy klingelte. Mechanisch drückte er die Taste. »Barron.« »John, hier ist Jimmy.« Es war Halliday. Er klang nervös und erregt. »Die Spurensicherung hat im Zug Raymonds Tasche gefunden. Ein schönes Opfer!« »Wie meinst du das?« »In der Tasche war eine Ruger Kaliber .40 mit zwei vollen Magazinen.« »Scheiße«, hörte Barron sich sagen. »Sind seine Fingerabdrücke drauf?« »Fehlanzeige. Es sind überhaupt keine Fingerabdrücke drauf. Null.« »Du meinst, er hat Handschuhe getragen?« »Möglich. Sie untersuchen im Moment den übrigen Inhalt. Polchak schickt den Kollegen in Chicago seine Fingerabdrücke und sein Foto. Mal sehen, ob was gegen ihn vorliegt. Lee geht runter und redet mit ihm. Red will, dass wir die Sache für uns behalten, bis wir mehr wissen. Kein Wort zur Presse. Zu niemandem.« »Alles klar.« »John …« Barron nahm die Veränderung in Hallidays Stimme wahr. Aus ihr sprach dieselbe Besorgnis wie vor dem Einsatz im, Zug. »Was heute geschehen ist, war hart, ich weiß. Aber auf die Art wurden wir alle eingeführt. Du wirst drüber wegkommen. Es dauert nur seine Zeit.« »Ja.« »Sonst alles in Ordnung?« »Ja.« »Ich geb dir Bescheid, wenn wir mehr über Raymond wissen.« 19.10 Uhr Ein tiefer Atemzug und dann noch einer. John Barron schloss die Augen, lehnte sich in der Dusche des bescheidenen Hauses, das er im Stadtbezirk Los Feliz gemietet hatte, zurück und ließ das Wasser an sich herunterlaufen. »Auf die Art wurden wir alle eingeführt«, hatte Halliday gesagt. Alle eingeführt? Also war so was schon öfter vorgekommen. Wie lange ging das schon? Ob er in Ordnung sei, hatte Halliday gefragt. In Ordnung! Mein Gott! Vor knapp fünfzehn Stunden war er in Barstow mit Marty Valparaiso in den Southwest Chief gestiegen und vor ungefähr neun Stunden, eine Schrotflinte in der Hand, Seite an Seite mit Red McClatchy die Auffahrtsrampe des Parkhauses hinaufge- gangen. Und vor etwa achteinhalb Stunden war Valparaiso, Vater von drei Kindern, zu einem mit Handschellen gefesselten Mann getreten und hatte ihm eine Kugel in den Kopf gejagt. Barron hielt das Gesicht unter den Duschkopf, als könnte der kräftige Wasserstrahl die Erinnerung und das Entsetzen fortspülen. Doch es wurde eher noch schlimmer. Der scharfe Knall des Schusses hallte in seinem Kopf wider und beschwor das Bild von Donlans zu Boden sackendem Körper herauf. Im Geist sah, er ihn immer wieder fallen, jedes Mal langsamer, bis alles wie in Zeitlupe ablief, ein makabres Ballett, das die Wirkung der Schwerkraft veranschaulichte, wenn das Leben erlosch. Dann kam der Rest, und Gesichter, Worte und Bilder überfluteten seine Erinnerung. »Sein Name ist angeblich Raymond Thorne. Er sagt, seine Papiere seien im Zug zurückgeblieben.« Lee saß auf dem Beifahrersitz und las aus seinen Notizen vor, während Halliday den Wagen zur Ausfahrt des Parkhauses steuerte. Barron fuhr hinten neben dem gefesselten, immer noch aufgebrachten Gefangenen, der vermeintlichen Geisel, und versuchte verzweifelt, seinen Schock und sein Entsetzen zu verbergen. »Er behauptet, er sei US-Bürger und gebürtiger Ungar.« Lee drehte sich halb um und warf Barron einen Blick zu. »Wohnhaft in der 86. Straße 27 in New York City. Arbeitet angeblich als Vertreter für eine deutsche Software-Firma. Und ist viel unterwegs. Hat den Zug nach L. A. genommen, weil der Flughafen in Chicago wegen eines Eisregens geschlossen war. Er will Donlan erst im Zug kennen gelernt haben.« »Ich behaupte nicht, ich sei US-Bürger, ich bin US-Bürger«, protestierte Raymond. »Und ich bin Opfer eines Verbrechens geworden. Der Kerl hat mich entführt und als Geisel genommen. Diese Männer waren im Zug. Sie haben gesehen, was passiert ist. Fragen Sie sie doch.« Helles Sonnenlicht schlug ihnen entgegen, als der Wagen aus dem Parkhaus rollte und auf einen Pulk Sendewagen und Journalisten zuhielt. Uniformierte Polizisten machten für sie eine Gasse frei, und Halliday steuerte an ihnen vorbei, bog in die Straße ein und fuhr in Richtung Innenstadt davon, zum Polizeipräsidium im Parker Center. Barron erinnerte sich an die ernsten Gesichter Lees und Hallidays, die vorne saßen. Sie hatten »Raymond« über die Feuertreppe nach unten gebracht und sich im Parkdeck darunter, aufgehalten, als es passierte. Mittlerweile war ihm klar, dass sie genau gewusst hatten, was gespielt wurde. Das hieß, dass die Hinrichtung von Leuten wie Donlan nichts Ungewöhnliches war und sie seine Zustimmung stillschweigend voraussetzten, weil er einer von ihnen war. Doch da täuschten sie sich, und zwar gewaltig. Er trat aus der Dusche, trocknete sich ab und rasierte sich, doch er war nicht bei der Sache. Seine Gedanken kreisten unablässig um das, was in den Stunden, seit Valparaiso abgedrückt hatte, geschehen war. Insbesondere zwei Vorfälle gingen ihm nicht mehr aus dem Sinn. Der erste hatte sich vor dem Parkhaus ereignet, als sie durch die Menge der wartenden Journalisten fuhren. Ein junger Mann mit Hornbrille, nicht groß, in einem zerknautschten blauen Sakko und zerknitterten Kakihosen, steuerte geradewegs auf sie zu und starrte in dem Augenblick ins Wageninnere, als sie an ihm vorbeirollten. Typisch Dan Ford. Er war so resolut wie kein zweiter Reporter in der Stadt. Und wenn er so starrte wie in diesem Moment, dann fiel das auf, denn er hatte nur ein Auge. Das andere war aus Glas, auch wenn man das nicht gleich erkannte – das tat man erst, wenn er diesen starren Blick bekam, als wollte er sich vergewissern, dass er tatsächlich sah, was er zu sehen glaubte. Wie in dem Augenblick, als Halliday an ihm vorüberfuhr. Und als Barron bemerkte, dass er aus nächster Nähe in den Wagen starrte, hatte er schnell weggesehen. Er hatte nicht weggesehen, weil Ford für die Los Angeles Times schrieb oder weil er mit seinen sechsundzwanzig Jahren wohl der angesehenste Polizeireporter in der Stadt war, ein Mann, der sich in seinen Artikeln stets an die Wahrheit hielt und Detectives in fast allen achtzehn Polizeibezirken kannte. Nein, er hatte es getan, weil er mit Ford schon seit der Grundschule eng befreundet war und wusste, dass sein Freund den Schock und das Entsetzen in seinen Augen erkennen würde. Er würde ahnen, dass etwas Furchtbares geschehen war, und ihn bei, nächster Gelegenheit darauf ansprechen. Der zweite Vorfall hatte sich im Polizeipräsidium ereignet. Raymond war gerade erkennungsdienstlich behandelt worden und sollte in die Arrestzelle gebracht werden, als er um ein Gespräch mit ihm bat. Er willigte ein in dem Glauben, Raymond wolle noch einmal seine Unschuld beteuern. Stattdessen erkundigte sich der Gefangene nach seinem Befinden. »Sie sehen nicht gut aus, John«, sagte er seelenruhig. »Im Wagen haben Sie irgendwie verstört gewirkt. Ist mit Ihnen alles in Ordnung?« Am Ende hatte Raymond kaum merklich gegrinst, und er war darüber so in Rage geraten, dass er nach den Wärtern brüllte, die ihn sofort abführten und die Stahltür hinter ihm zuschlugen. John. Irgendwie hatte Raymond seinen Vornamen erfahren und ihn damit angesprochen, um ihn dranzukriegen, als hätte er erraten, was mit Donlan geschehen war, und ihm angesehen oder gespürt, wie schockiert er darüber war. Mit der Bitte um ein Gespräch hatte er nur eine Absicht verfolgt: Er wollte feststellen, wie er reagieren würde und ob er mit seiner Vermutung richtig lag, und er war darauf hereingefallen. Dass Raymond ihn am Ende angegrinst hatte, war nicht bloße Frechheit gewesen. Er hatte es in der Absicht getan, ihm alles zu verraten. Ebenso gut hätte sich Raymond zum Abschied bei ihm bedanken können. Was würde Raymond tun, wenn Lee zu ihm runterging und nach der Ruger fragte, die man in seiner Tasche gefunden hatte? Was würde er antworten? Ganz einfach, er würde den Unschuldigen spielen und entweder behaupten, er habe sich die Pistole angeschafft, weil er häufig auf Reisen sei, und besitze einen Waffenschein, was vermutlich nicht stimmte. Oder er würde energisch bestreiten, von der Pistole zu wissen, insbesondere wenn er sicher war, dass es keine Fingerabdrücke, darauf gab, und behaupten, er habe keine Ahnung, wie sie in seine Tasche gelangt sei. Wie auch immer, das Thema Donlan würde er jedenfalls nicht ansprechen. Das würde ihr kleines Geheimnis bleiben. 19.25 Uhr Barron schlüpfte in eine graue Trainingshose und ging barfuß in die Küche, um sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank zu holen. Die Sache ließ ihm keine Ruhe mehr. Der Mord an sich war schon schlimm genug, und Raymonds arrogante Durchtriebenheit machte alles noch schlimmer. Doch was die Kollegen hinterher getan hatten, gab ihm den Rest: Valparaiso hatte ihm die offizielle Version des Vorfalls geliefert, Polchak Donlan wie selbstverständlich die Handschellen abgenommen und den Revolver in die leblose Hand gedrückt, und der große Red McClatchy hatte Valparaiso väterlich den Kopf getätschelt und nach Hause geschickt und dann seelenruhig über Funk einen Krankenwagen und die Spurensicherung angefordert, die den »Tatort« untersuchen und seine Darstellung ohne Zweifel offiziell bestätigen würde. Doch am empörendsten war McClatchys Befehl, dass ausgerechnet er den Bericht schreiben solle. Wie die anderen hatte er sich bereits der Beihilfe schuldig gemacht, und zwar allein durch seine Anwesenheit. Wenn er jetzt noch den Bericht schrieb und seinen Namen darunter setzte, würde er zum Komplizen, der die Vertuschung mit seiner Unterschrift dienstlich besiegelte. Wenn er das tat, konnte er mit niemandem darüber sprechen, ohne sich selbst zu belasten. Es war Mord, und er war darin verstrickt, ob es ihm gefiel oder nicht. Und ob es ihm gefiel oder nicht: Dieser Raymond wusste, was passiert war, ganz gleich, wer er war und was für ein Spiel er trieb. Barron nahm sich ein Bier heraus, und als er die Kühlschrank- tür wieder schloss, wurde ihm plötzlich speiübel. Er kämpfte, dagegen an. Als Polizist sollte er eigentlich ein dickeres Fell haben. Die Umstände stellten sich heute anders dar, und er war älter geworden, und doch war er genauso schockiert, fassungslos und entsetzt wie in jener Nacht vor acht Jahren, als er, damals achtzehn Jahre alt, nach Hause kam und die Blaulichter der Polizeiautos und Krankenwagen vor dem Haus seiner Familie sah. Er war mit Dan Ford und ein paar Bekannten aus gewesen. In seiner Abwesenheit waren drei junge Männer ins Haus eingedrungen und hatten vor den Augen Rebeccas seine Eltern erschossen. Nachbarn hatten die Schüsse gehört und beobachtet, wie gleich darauf drei Männer aus dem Haus stürzten, in einen schwarzen Wagen sprangen und davonrasten. Die Polizei sprach später von einem »versuchten Einbruchsdiebstahl mit Todesfolge«. Bis heute wusste niemand, warum Rebecca nicht erschossen worden war. Stattdessen musste sie mit diesem seelischen Schock weiterleben. Rebecca war bereits in ein psychiatrisches Krankenhaus gebracht worden, als er eintraf. Und Dan Ford, der wusste, dass die Barrons sehr zurückgezogen gelebt hatten und es keine Verwandten oder engen Freunde gab, an die John sich hätte wenden können, hatte sofort seine Eltern angerufen und dafür gesorgt, dass er bis auf weiteres bei ihnen wohnen konnte. Es war ein einziger Albtraum gewesen, überall Polizei, Blaulichter und Konfusion. Barron sah noch den Nachbarn vor sich, der bei seinem Eintreffen gerade aus ihrem Haus kam, zitternd, mit abwesendem Blick, aschfahl im Gesicht. Erst später erfuhr er, dass der Mann sich erboten hatte, die Leichen zu identifizieren, damit er es nicht tun musste. Tagelang hatte er unter Schock gestanden und, genauso fassungslos und entsetzt wie heute, versucht, mit dem Ge- schehenen fertig zu werden. Auf den Schock folgten quälende Schuldgefühle. Wäre er doch nur zu Hause geblieben. Alles war seine Schuld. Er hätte es verhindern können. Er hätte niemals mit Dan Ford und seinen Freunden ausgehen dürfen. Er hatte, seine Eltern und seine Schwester im Stich gelassen. Wenn er doch nur zu Hause geblieben wäre. Wenn. Ja, wenn. Und dann verwandelte sich der Schock in eine grenzenlose Wut, und er wollte auf der Stelle Polizist werden, um solchen Mördern und Verbrechern das Handwerk zu legen. Dieser Wunsch wurde noch vehementer, als Tage, Wochen und Monate ins Land gingen und die Mörder noch immer nicht gefasst waren. Er studierte damals an der Cal Poly State University im kalifornischen San Luis Obispo Landschaftsarchitektur. Seit seiner Kindheit hatte er davon geträumt, architektonische Gärten anzulegen, doch nach der Ermordung seiner Eltern wechselte er sofort an die Universität von Kalifornien in Los Angeles, um Rebecca näher zu sein. Er wollte seinen Bachelor in Englisch machen und anschließend Jura studieren mit dem Ziel, Staats- anwalt oder irgendwann einmal sogar Richter zu werden. Bald jedoch war ein Großteil des Geldes aus der Lebensversicherung seiner Eltern aufgebraucht, und da die Ausgaben für Rebecca stiegen, musste er das Studium aufgeben und sich eine Arbeit suchen, und die fand er beim Los Angeles Police Department. Er absolvierte die Polizeischule und brachte es innerhalb kurzer Zeit vom Streifenpolizisten zum Kriminalbeamten. Fünf Jahre nachdem er die Polizeilaufbahn eingeschlagen hatte, gehörte er der berühmten, seit hundert Jahren bestehenden Squad 5-2 an und schritt an der Seite des legendären Red McClatchy die Zufahrt eines leeren Parkhauses hinauf, um einen flüchtigen Mörder festzunehmen. Es war ein Traumjob für jeden Cop in L. A. und für die Hälfte aller Polizisten überhaupt, und er verdankte ihn seiner Intelligenz, seinem Fleiß und dem großen Verantwortungsgefühl, mit dem er seinem Beruf nachging. Und dann war von einem Moment auf den anderen alles zerstört worden, so, wie in jener grauenvollen Nacht vor acht Jahren sein damaliges Leben zerstört worden war. »Warum?«, schrie er plötzlich hinaus. »Warum?«, Warum, wo Donlan doch unbewaffnet und bereits fest- genommen war? Wie konnte man so für die Einhaltung der Gesetze sorgen? An welche Gesetze hielten sie sich eigentlich? An ihre eigenen, die ihnen das Recht gaben, Selbstjustiz zu üben? War das der Grund, warum man sich lebenslang verpflichtete, wenn man den Eid auf die Squad leistete? Niemand verließ die 5-2. So lautete die Regel. Punkt, aus. Barron öffnete die Bierflasche und trank. Dann betrachtete er das gerahmte Foto auf dem Tisch neben dem Kühlschrank. Es war in St. Francis aufgenommen worden und zeigte ihn Arm in Arm mit Rebecca. Sie lachten. »Die Geschwister des Jahres«, stand darunter. Er wusste nicht mehr, wann und warum es gemacht worden war. Vielleicht weil er sie so oft besucht hatte. Heute hatte er es irgendwie geschafft, bei ihr zu sein, an morgen wagte er nicht einmal zu denken. Doch wie aus dem Nichts überkam ihn ganz plötzlich ein Gefühl der Ruhe, denn er erkannte, dass die Regeln der Squad für ihn ohne Bedeutung waren. Er wollte nie wieder etwas mit kaltblütigem Mord zu tun haben, schon gar nicht, wenn er von der Polizei begangen wurde. Dann fiel ihm ein, was ihm eigentlich schon seit dem Augenblick, als sie Donlan erschossen hatten, klar war: Es gab für ihn nur einen Ausweg. Er musste für Rebecca einen neuen Therapieplatz finden und mit ihr fortgehen, weit weg von Los Angeles. Er mochte der Letzte sein, der zur 5-2 gestoßen war, doch er würde der Erste in der Geschichte des LAPD sein, der sie wieder verließ., Parker Center, Polizeipräsidium von Los Angeles, derselbe Tag, Dienstag, 12. März, 22.45 Uhr Raymond stand an seiner Zellentür und starrte hinaus in den dunklen Zellenblock. Er war allein und trug einen orange- farbenen Overall mit der Aufschrift »Prisoner« auf dem Rücken. Er hatte ein Waschbecken, ein Bett und eine Toilettenschüssel, auf die jeder, der draußen auf dem Korridor vorbeiging, freie Sicht hatte. Er wusste nicht, wie viele Gefangene noch hier saßen oder welche Verbrechen sie begangen hatten. Er wusste nur, dass keiner so war wie er oder jemals so werden konnte. Heute nicht und wahrscheinlich niemals. Zumindest nicht in Amerika. »Sie haben das Recht auf einen Anwalt«, hatte der hünenhafte schwarze Polizist gesagt und ihm seine Rechte vorgelesen. Anwalt? Was hätte das jetzt noch für einen Sinn? Die Schlinge um seinen Hals zog sich immer enger zu, aber damit hatte er schon die ganze Zeit gerechnet, seit der schwarze Polizist ihn aufgesucht und nach der Ruger gefragt hatte. Er hatte dasselbe geantwortet, was er geantwortet hätte, wenn sie ihn im Zug festgenommen und die Pistole dort in seiner Tasche gefunden hätten. Er hatte gelogen und Erstaunen geheuchelt. Er habe keine Ahnung, wie die Waffe in seine Tasche gekommen sei. Er habe lange im Zug gesessen, sei im Speisewagen gewesen, auf der Toilette, habe sich mehrmals die Beine vertreten. Jeder hätte sie ihm unterschieben können. Wahrscheinlich habe Donlan sie dort versteckt, als Ersatzwaffe. Er hatte dem Detective artig geantwortet, den Unschuldigen gespielt und zum wiederholten Mal beteuert, dass er ein Opfer und kein Krimineller sei. Am Ende hatte ihm der Mann für seine Kooperation gedankt und, war gegangen. Und er selbst hatte zumindest etwas Zeit gewonnen. Jetzt war die Frage, wie schnell sie dahinter kamen, dass er gelogen hatte. Wenn sie dahinter kamen, würden sie alles andere genauer unter die Lupe nehmen. Wie lange würde es dauern, bis sie wegen der Ruger die Polizei von Chicago kontaktierten und nachfragten, ob er vorbestraft sei und ob ein Haftbefehl gegen ihn vorliege? Und gleich wie viele Morde am Wochenende in Chicago geschehen waren, wie lange würde es dauern, bis die Sprache auf die beiden Männer kam, die in dem Schneiderladen in der Pearson Street erschossen worden waren? Und auf das Kaliber der Mordwaffe? Wie lange würde es dauern, bis die Chicagoer Polizei um eine ballistische Untersuchung der Ruger bat? Und obwohl auf der Waffe keine Fingerabdrücke waren: Wie schnell würden sie zwei und zwei zusammenzählen und sich fragen, welche Verbindung zwischen den Bankfach- schlüsseln, seinen jüngsten Reisen zwischen Mexiko und den USA, den Mordopfern in Chicago, seiner Fahrt nach Los Angeles und dem Flugticket nach London bestand? 22.50 Uhr. Raymond drehte sich um und kehrte zu seinem Bett zurück. Er setzte sich und dachte über die unglaubliche Verkettung unglücklicher Umstände innerhalb so kurzer Zeit nach. Zunächst hatte er mit einem Mann im selben Zug und Wagen gesessen und Karten gespielt, den die Polizei so dringend suchte, dass sie, nachdem ihn jemand erkannt hatte, mitten in der Nacht Zivilbeamte aus L. A. in den Zug schickte, um ihn an der Flucht zu hindern. Dann hatte dieser Mann von allen Mitreisenden ausgerechnet ihn als Geisel genommen. Und wenig später hatte ihn die Polizei zusammen mit seinem Entführer in einen gestohlenen Wagen steigen sehen und daraus geschlossen, dass sie Komplizen seien, was zwar nicht stimmte, aber der Grund war, warum er jetzt hier saß., Er knirschte wütend mit den Zähnen. Er hatte alles so sorgfältig geplant, war mit leichtem Gepäck gereist, hatte dafür gesorgt, dass seine Waffen frühzeitig an Ort und Stelle waren, und nur ein einziges Handy mit sich geführt, in dem alle Nummern gespeichert waren, die er benötigte, um mit der Baronesse in Kontakt bleiben zu können. Alles erschien so einfach, und dann diese unbegreifliche Serie dummer Zufälle. Außerdem war er enttäuscht, weil er es nicht geschafft hatte, den Namen der französischen Bank, in der sich das Tresorfach befand, herauszubekommen. Die den Schlüsseln beiliegenden, zuvor gelesenen und anschließend vernichteten Instruktionen hatten wider Erwarten keine Auskunft darüber gegeben. Am liebsten hätte er – doch mit einem Mal begriff er: Dies alles war kein Zufall. Es hatte so kommen müssen. Es war sein Schicksal, seine Sudba, wie die Russen es nannten. Von klein auf war er darauf vorbereitet und davor gewarnt worden: Gott würde ihn sein Leben lang Prüfungen unterziehen und ihn stets aufs Neue auf die Probe stellen, seinen Mut, seinen Glauben, seine Ent- schlossenheit, seine Intelligenz und seinen Willen, sich auch in schwierigsten Situationen zu behaupten. Bis heute hatte er sich stets behauptet. Und das sollte auch so bleiben, wie ausweglos seine gegenwärtige Situation auch erscheinen mochte. Der Gedanke tröstete ihn, und er erkannte, dass er trotz seiner verzweifelten Lage noch einen Trumpf in der Hand hielt. Mit der Ermordung Donlans hatte die Polizei einen Fehler begangen. Warum sie ihn ermordet hatte, spielte keine Rolle. Wichtig war nur, dass sie es getan hatte. Schon im Parkhaus hatte er etwas geahnt. Der einzelne Schuss genügte, um den Rest zu erraten. Später, im Polizeiauto, fühlte er sich durch Miene und Körpersprache des jungen Detective John Barron in seiner Vermutung bestätigt. Und auf dem Polizeipräsidium verschaffte er sich dann die endgültige Gewissheit, als er Barron nach seinem Befinden fragte und der darauf aufbrausend reagierte. Ja, die Polizei hatte Donlan umgebracht. Und ja, Barron war, darüber schockiert. Ob und wie er sich dieses Wissen zunutze machen konnte, wusste er nicht, doch Barron war der Schlüssel, das schwache Glied. Er war jung, ließ sich von Gefühlen leiten und hatte Gewissensbisse. Unter bestimmten Umständen konnte man daraus einen Vorteil ziehen., Denny’s Coffeeshop, Sunset Boulevard, Mittwoch, 13. März, 1.50 Uhr »Lass mich die Sache noch mal durchgehen.« Dan Ford rückte seine Hornbrille zurecht und blickte in den vor ihm liegenden Spiralblock im Taschenformat. »Die anderen Kartenspieler waren William und Vivian Woods aus Madison, Wisconsin.« »Ja.« John Barron ließ den Blick durch das Lokal schweifen. Sie saßen in einer Nische im hinteren Teil eines Diners, der rund um die Uhr geöffnet hatte. Abgesehen von drei Teenagern, die kichernd an einem Tisch an der Tür saßen, und einer grauhaarigen Kellnerin, die über den Tresen hinweg mit zwei gerade von der Arbeit gekommenen Arbeitern von den Gaswerken plauderte, waren sie im Lokal allein. »Der Name des Schaffners war James Lynch, L-Y-N-C-H, aus Flagstaff, Arizona.« Ford leerte die Kaffeetasse, die neben ihm stand. »Er war seit siebzehn Jahren bei Amtrak angestellt.« Barron nickte. Ford hatte ihn irgendwann nach elf angerufen, und er hatte ihm Einzelheiten über den Vorfall im Southwest Chief und die Namen der Beteiligten versprochen, die man der Presse vorenthielt, bis weitere Erkenntnisse vorlagen und die Angehörigen benachrichtigt waren. Er hatte vor dem Fernseher gesessen und die letzten Stunden darüber nachgedacht, wie er die Squad verlassen und aus L. A. verschwinden konnte. Wohin er gehen und was er mit Rebecca anfangen sollte. Er hatte ihrer Psychiaterin, Dr. Janet Flannery, eine Nachricht hinterlassen, doch sie hatte nicht zurückgerufen, und als das Telefon klingelte, dachte er, sie sei es. Doch es war Dan Ford. Er hatte wissen wollen, wie er sich nach seinem ersten richtigen Einsatz, bei der Squad fühlte, und ihn um ein Gespräch über das Geschehene gebeten. Am liebsten hätte er Dan gefragt, ob er mit Lee, Halliday oder einem der anderen gesprochen hatte, doch er konnte sich gerade noch zurückhalten. Dan war sein bester Freund. Früher oder später musste er mit ihm reden, und wenn Dan bereit war, Nadine, seine bezaubernde französische Frau, die er nach zweijähriger Ehe immer noch seine Braut nannte und auch so behandelte, allein zu lassen, konnte er es ebenso gut auch gleich tun. Außerdem kam er auf diese Weise vom Fernseher los, in dem auf allen Kanälen Berichte über die Morde im Chief und die Verfolgung und den Tod Frank Donlans liefen. Immer wieder hatten sie den stehenden Zug gezeigt und die Säcke, in denen die Leichen von Bill Woods und dem Schaffner weggebracht worden waren. Er hatte das Parkhaus gesehen, den Ford mit Halliday am Steuer, kurz auch sich selbst auf dem Rücksitz neben Raymond, als sie durch die Menge der Reporter fuhren, den Leichenwagen mit dem toten Donlan und schließlich Red McClatchy, wie er im Parker Center neben Polizeichef Louis Harwood stand, als dieser vor laufenden Kameras Valparaisos Märchen von Donlans Selbstmord wiederholte und damit zur amtlichen Version machte. »Bei der vermeintlichen Geisel handelt es sich um einen gewissen …« Wieder zog Ford seine Notizen zurate. »… Raymond Thorne, T-H-O-R-N-E, aus New York. Er bleibt bis zur endgültigen Klärung seiner Identität in Gewahrsam.« »Morgen früh um halb neun wird er dem Haftrichter vorge- führt«, sagte Barron. »Dann kommt er frei oder auch nicht. Hängt ganz davon ab, was die Überprüfung ergibt.« Reds Anordnung, über die Ruger aus Raymonds Tasche Stillschweigen zu bewahren, galt offensichtlich noch, denn wenn irgendein Außenstehender von der Waffe erfahren hätte, dann Dan Ford. Barron starrte in die Kaffeetasse, die er in den Händen wiegte. Bis jetzt hatte er alles richtig gemacht. Er hatte Dan die, Auskünfte gegeben, die er ihm geben durfte, und seine Gefühle im Zaum gehalten. Aber er bezweifelte, dass er das noch lange durchhielt. Er kam sich vor wie ein Junkie. Wenn er nicht bald einen Schuss bekam, flippte er aus. In seinem Fall bestand der Schuss darin, dass er Ford in die Augen sah und alles erzählte. Reporter hin, Reporter her, Dan Ford war der einzige Mensch auf der Welt, vor dem er keine Geheimnisse hatte. Nach der Ermordung seiner Eltern hatte er sich wie ein Bruder um ihn gekümmert, und selbst später noch, als Dan nach Chicago gezogen war und an der dortigen Northwestern University studierte, hatte er ihm beigestanden und geholfen, sich im Dickicht der staatlichen und städtischen Behörden, Versicherungen und sonstigen Organisationen zurechtzufinden, Rebecca den Platz in St. Francis zu sichern und obendrein finanzielle Zuschüsse für die langwierige und kostspielige Therapie zu beschaffen. Und dies alles ohne Groll auf den Freund, der schuld am Verlust seines Auges war. Als Zehnjährige hatten sie sich aus einem Stück Eisenrohr eine Rakete gebastelt, mit Nägeln und Luftgewehrkugeln gefüllt und zwei große, nicht zugelassene Feuerwerkskörper als Antrieb benutzt. Vor lauter Aufregung zündete John Barron die Rakete zu früh. Sie zertrümmerte das Garagenfenster eines Nachbarn, der zwei Straßen weiter wohnte, und irgendwie flog ein Nagel nach hinten weg und traf Dans linke Pupille. Sie hatten den Streich mit dem halben Augenlicht seines Freundes bezahlt. Und heute, sechzehn Jahre nach jenem verhängnisvollen Nachmittag, hockten sie gegen zwei Uhr morgens in der hintersten Nische eines Diners am Sunset Boulevard, obwohl Barron um acht im Parker Center antreten musste, um den Bericht über Frank Donlans »Selbstmord« zu schreiben. Barron brauchte seinen Freund jetzt mehr als je zuvor in seinem Leben. Am liebsten hätte er ihm sein Herz ausgeschüttet und alles erzählt., Doch das durfte er nicht. Das hatte er in dem Moment begriffen, als er das Lokal betrat und sah, dass Dan bereits wartete. Da wurde ihm klar, dass er Dan in dieselbe Lage bringen würde, in der er sich selbst befand. Dan würde ihre Freundschaft über den Beruf stellen und keine Zeile darüber schreiben, was er ihm anvertraute. Aber durch sein Schweigen würde auch er sich der Beihilfe schuldig machen. Barrons Absicht, den Dienst bei der Squad zu quittieren, änderte daran nichts. Noch gehörte er ihr an und war Polizist, und da die Squad und Red McClatchy einen glänzenden Ruf genossen, würde es einen Riesenskandal geben, wenn die Wahrheit ans Licht käme. Jeder, der auch nur entfernt mit den Beschuldigten zu tun hatte, würde in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten. Reporter, Staatsanwälte und Politiker würden Nachforschungen anstellen und jeden Stein umdrehen. Und in Los Angeles gab es keinen Polizisten bei der Central Division und keinen Journalisten, der nicht von der langjährigen Freundschaft zwischen Ford und Barron gewusst hätte. Einmal hatte ein lokaler Fernsehsender in den Sechs-Uhr-Nachrichten sogar einen Beitrag über die beiden gebracht. Und egal, wo Barron später sein mochte, am fraglichen Tag hatte er noch der 5-2 angehört und sich in dem Parkhaus aufgehalten, als Donlan erschossen wurde. Und man würde Ford fragen, was er ihm darüber erzählt habe. Ford würde sich verdächtig machen, wenn er solchen Fragen auswich, und mit Sicherheit würde ihn die Staatsanwaltschaft zwingen, dieselben Fragen unter Eid zu beantworten. Aber Barron kannte seinen Freund. Selbst dann würde er schweigen. Doch wenn er leugnete, etwas zu wissen, würde er einen Meineid leisten. Und wenn er von seinem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch machte, käme dies einem Schuldeingeständnis gleich. So oder so würde er seine Karriere ruinieren und sich die Zukunft verbauen. Deshalb sah Barron für sich nur einen Ausweg: Er gab Ford die Auskünfte, die er ihm versprochen hatte, und mehr nicht,, entschuldigte sich unter dem Vorwand, dass er dringend etwas Schlaf brauche, und beendete das Gespräch so schnell wie möglich, indem er die Kellnerin um die Rechnung bat. »Erzähl mir, wie das mit Donlan war.« »Was?« Barron hob den Kopf. Ford hatte seinen Notizblock weggelegt und spähte nun über den Rand seiner Hornbrille. »Ich sagte, erzähl mir, wie das mit Donlan war.« Barron hatte das Gefühl, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. Verzweifelt bemühte er sich, die Fassung zu bewahren. »Du meinst, im Zug.« »Ich meine, im Parkhaus. Ihr wart vier Polizisten, und Whitey Donlan war allein. Und keine x-beliebigen Polizisten, sondern Red McClatchy, Polchak, Valparaiso und du. Die besten, die es gibt. Mir ist klar, dass Donlan eine Menge Erfahrung mit Schusswaffen und Handschellen hatte, aber plötzlich zaubert er eine Waffe hervor, die diese vier Polizisten übersehen haben?« »Worauf willst du hinaus?« Barron starrte ihn an. Er war vollkommen durcheinander, wie in dem Augenblick, als Donlan erschossen wurde. »Was du mir bisher erzählt hast, hätte ich praktisch von jedem anderen im Parker Center erfahren können.« Dan Fords Augen, das aus Glas und das echte, hefteten sich auf Barron. »Ich habe euch gesehen, als ihr aus dem Parkhaus gekommen seid. Halliday hat am Steuer gesessen und du hinten mit diesem Raymond. Du hast dich abgewendet, als du mich erkannt hast. Wieso?« »Wenn ich das getan habe, dann war ich mir dessen nicht bewusst. Da war eine Menge los.« Plötzlich blickte Ford an ihm vorbei. Die Kellnerin steuerte mit der Kaffeekanne auf sie zu. Er schüttelte den Kopf und verscheuchte sie mit einer Handbewegung, dann wandte er sich wieder Barron zu. »Was war da los, John? Raus mit der, Sprache.« Am liebsten wäre Barron auf der Stelle gegangen. Einfach aufgestanden und gegangen, aber er konnte nicht. Und dann hörte er sich Valparaisos Geschichte herbeten, beinahe mit denselben Worten wie Polizeichef Harwood im Fernsehen. »Das weiß keiner. Irgendwie ist es Donlan gelungen, einen 22er mit kurzem Lauf in seiner Hose zu verstecken. Als wir ihn über die Treppe nach unten bringen wollten, bekam er eine Hand frei, brüllte ›Bis hierher und nicht weiter‹, und dann hatte er plötzlich den Revolver und peng!« Dan Ford starrte ihn an. »Einfach so?« Barron hielt seinem Blick stand. »Es war das erste Mal, dass sich jemand vor meinen Augen erschossen hat.«, 3.13 Uhr Barron lag im Dunkeln und versuchte zu vergessen, dass er Dan belogen hatte – die Worte waren nur so aus seinem Mund gesprudelt. Er war darüber beinahe ebenso schockiert gewesen wie über den Mord selbst und so schnell wie möglich aufgebrochen. Er hatte sich gezwungen, Dan anzusehen, zu ihm gesagt, dass er hundemüde sei, und die Zeche von vier Dollar fünfzig für den Kaffee bei der Kellnerin mit einem Zwanzig- dollarschein beglichen, nur weil er es nicht ertragen konnte dazustehen und auf das Wechselgeld zu warten. Dann war er gegangen, in seinen Ford Mustang, Baujahr 1967, gestiegen und durch die leeren Straßen nach Hause gefahren. Dort angekommen, hatte er den Anrufbeantworter abgehört. Zwei Anrufe waren eingegangen. Der erste stammte von Halliday. Er berichtete, dass Lee im Parker Center mit Raymond gesprochen und ihr »Opfer« bestritten habe, von der Pistole in seiner Tasche gewusst zu haben. Weder auf der Waffe noch auf den beiden Magazinen hatte man Fingerabdrücke gefunden. Sie waren absolut sauber, als hätte der Besitzer sie sorgfältig abgewischt oder nur mit Handschuhen angefasst. »Mit dem Typ stimmt was nicht, John«, hatte Halliday geschlossen. »Ich weiß nicht, was, aber wir werden es herausfinden. Bis morgen früh.« Die zweite Nachricht war von Dr. Flannery. In Anbetracht der späten Stunde hatte er sie nicht zurückrufen können. Das musste bis morgen warten. Und vor morgen konnte er auch in Sachen Kündigung nichts unternehmen. Wie und wann er die Squad verließ und wohin er ging, hing ganz davon ab, wo sich eine geeignete Einrichtung für Rebecca fand. Am besten weit weg von Los Angeles. Aber diesen Punkt musste er ganz, Dr. Flannery überlassen. Und so war er, als der zweitschlimmste Tag seines Lebens hinter ihm lag, schließlich zu Bett gegangen. 3.18 Uhr. Er konnte nicht einschlafen. Ein Gedanke quälte ihn. Wie hatte er nur so vereinsamen können? Auf der ganzen Welt besaß er nur einen einzigen Menschen, mit dem er reden konnte. Seine Freunde von früher, von der Highschool und vom College, waren ihre eigenen Wege gegangen, und wenn er sich auch noch vage mit dem Gedanken trug, eines Tages Jura zu studieren und Richter zu werden, so stand sein Leben doch ganz im Zeichen seiner Verantwortung für Rebecca und der Notwendigkeit, Geld zu verdienen und das Beste daraus zu machen, so wie er es beim LAPD getan hatte. Als Streifenpolizist und später als Detective hatte er sich zwar mit dem einen oder anderen Kollegen angefreundet, doch keine Beziehung hatte lange genug gedauert. Wahre Freundschaft erwuchs nur aus jahrelanger gemeinsamer Erfahrung. Und im Gegensatz zu vielen anderen hatte er auch keine sonstigen Ansprechpartner. Keine Verwandten, keinen Geistlichen, nicht einmal einen Psychologen. Er und Rebecca waren im frühen Kindesalter adoptiert worden. Ihre Adoptiveltern hatten aus Maryland und Illinois gestammt und nur selten über Verwandte gesprochen, geschweige denn verwandtschaftliche Kontakte gepflegt. Daher wusste er nicht, ob es entfernte Tanten, Onkel oder Cousins gab. Außerdem waren sie von ihren Eltern – der Vater Jude, die Mutter Katholikin – nicht religiös erzogen worden, und so kannte er keinen Pastor, Priester oder Rabbi, dem er sich hätte anvertrauen können. Dass Rebecca von Nonnen betreut wurde, war Zufall und nur dem Umstand zuzuschreiben, dass St. Francis das beste und wohl auch einzige Sanatorium in der näheren Umgebung war, das er sich leisten konnte. Und was Rebeccas Krankengeschichte anging, so war sie in den acht Jahren in St. Francis von fünf verschiedenen Therapeuten, behandelt worden, doch keiner, auch nicht ihre derzeitige Psychiaterin Dr. Flannery, der große Fähigkeiten nachgesagt wurden, hatte es auch nur ansatzweise geschafft, sie von dem schweren Trauma zu befreien. In dieser Richtung Hilfe zu suchen war daher kein Gedanke, mit dem er sich anfreunden konnte. So stand es um ihn. Unter den Milliarden Menschen, die auf der Erde lebten, gab es nur zwei, denen er sich nahe genug fühlte, um ihnen sein Herz auszuschütten – Rebecca und Dan Ford. Doch aus verständlichen Gründen konnte er mit keinem von beiden reden. 3.34 Uhr. 3.37 Uhr. Schließlich döste er ein. Und als der Schlaf ihn übermannen wollte, sah er einen Schatten auftauchen und auf ihn zukommen. Es war Valparaiso, und er hielt eine Schusswaffe in der Hand. Dann sah er Donlan. Er stand erschrocken da, von Polchak wie in einem Schraubstock festgehalten. Valparaiso ging direkt auf ihn zu und hielt ihm die Waffe an den Kopf. »Nein, nicht!«, schrie Donlan. Peng!, Parker Center, derselbe Tag, Mittwoch, 13. März, 7.15 Uhr Das Büro der Squad 5-2 war klein und zweckmäßig mit sechs alten zerkratzen Metalltischen und entsprechenden abgenutzten Drehstühlen eingerichtet. Auf jedem Schreibtisch standen ein Computer, der dem neuesten Stand der Technik entsprach, und ein Telefon mit mehreren Leitungen. Ein gemeinsam genutzter Drucker thronte auf einem Tisch neben der Tür unter einer großen, an die Wand geschraubten Schiefertafel. An der zweiten Wand hing ein Korkbrett, gespickt mit Zetteln und Fotos von Personen und Örtlichkeiten, die Gegenstand laufender Ermittlungen waren. Die nächste nahmen mehrere Fenster ein, deren Jalousien momentan geschlossen waren, um die Morgensonne auszusperren. Ein detaillierter Stadtplan von Los Angeles bedeckte die vierte Wand, und vor dieser saß John Barron. Es war allein im Raum und starrte auf den Computerbildschirm auf seinem Schreibtisch. Und den Text, den er getippt hatte. DATUM: 12. März AKTENNUMMER: 01714 BETRIFFT: Frank »Whitey« Donlan ADRESSE: Unbekannt ZUSTÄNDIGER ERMITTLER: Detective II John J. Barron UNTERSTÜTZENDE ERMITTLER: Commander Arnold McClatchy; Detective III Martin Valparaiso; Detective III, Leonard Polchak Barron verharrte noch einen Moment, dann tippte er mechanisch weiter. Er tat, was Commander McClatchy ihm befohlen hatte. Er tat es für sich, für Rebecca, ja sogar für Dan Ford. Er wusste keinen anderen Ausweg. WEITERE BEAMTE: Detective III Roosevelt Lee; Detective III James Halliday DIENSTSTELLE: Squad 5-2, Central Division KLASSIFIKATION: Selbsttötung durch selbst beigebrachte Schussverletz … Abrupt hielt er inne. Er markierte die letzten Worte, drückte die Löschtaste, und »Selbsttötung durch selbst beigebrachte Schussverletz« verschwand vom Schirm. Dann tippte er wütend: KLASSIFIKATION: Mord TATBESTAND: Hinrichtung eines in Polizeigewahrsam befindlichen Verdächtigen durch Detective III Martin Valparaiso. Er hielt abermals inne. Er markierte das gesamte Dokument, drückte die Löschtaste, und der Schirm wurde leer. Eine Sekunde später lehnte er sich zurück und blickte zum vierten Mal innerhalb einer Viertelstunde auf seine Armbanduhr. 7.29 Uhr. Es war noch früh. Egal. 7.32 Uhr Barron betrat die kleine Cafeteria, in der mehrere Automaten, ein halbes Dutzend Resopaltische und eine Anzahl von Plastik-, stühlen standen. Am Tisch neben der Tür saß ein Sergeant und plauderte mit zwei Sekretärinnen. Sonst war der Raum leer. Barron nickte ihnen höflich zu, ging zum Kaffeeautomaten und warf drei Vierteldollar ein. Er drückte die Taste Milch und Zucker und wartete, bis ein Pappbecher herunterfiel und sich füllte. Als der Automat abschaltete, nahm er den vollen Becher heraus, trug ihn zu einem Tisch in der Ecke und setzte sich so, dass er den anderen den Rücken zukehrte. Er nippte an dem Kaffee, dann zog er sein Handy aus der Tasche und wählte. Beim dritten Klingeln knackte es, und eine vertraute weibliche Stimme meldete sich: »Dr. Flannery.« »Dr. Flannery, hier spricht John Barron.« »Ich habe Sie gestern Abend zurückgerufen. Haben Sie meine Nachricht erhalten?« »Ja, danke. Ich musste noch mal weg.« Barron hob den Kopf, als das Trio am anderen Ende des Raums in schallendes Gelächter ausbrach. Sofort drehte er sich wieder weg und senkte die Stimme. »Dr. Flannery, ich brauche Ihre Hilfe. Ich möchte eine neue Einrichtung für Rebecca suchen, aber nicht in L. A. und möglichst auch nicht in Kalifornien.« »Stimmt etwas nicht, Detective?« »Es ist …«, Barron suchte nach den richtigen Worten, »… etwas Persönliches, Vertrauliches … und sehr dringend. Die Gründe kann ich Ihnen jetzt noch nicht erklären. Ich möchte ein paar Dinge in meinem Leben ändern, und dazu muss ich zu allererst einen Platz für Rebecca finden. Wo genau, habe ich mir noch nicht überlegt, vielleicht in Washington State, Oregon oder Colorado, so was in der Art. Hauptsache weit weg. Und so bald wie möglich.« Es folgte eine längere Pause, und Barron begriff, dass sie zu verstehen versuchte, was los war. »Detective Barron«, sagte sie schließlich, »in Anbetracht von Rebeccas Zustand sollten wir, uns zusammensetzen und darüber reden.« »He, John!« Barron schaute auf, als er seinen Namen hörte. Halliday hatte die Cafeteria betreten und steuerte mit schnellen Schritten auf ihn zu. Er beugte sich wieder über das Telefon. »Ich rufe Sie später noch mal an, Dr. Flannery. Vielen Dank.« Er trennte die Verbindung in dem Moment, als Halliday bei ihm war. »Es gibt keinen Raymond Thorne in der 86. Straße in Manhattan«, sagte Halliday eindringlich. »Und die deutsche Computerfirma, für die er angeblich arbeitet, existiert überhaupt nicht. In Chicago ist er nicht aktenkundig, aber wie wir erfahren haben, sind letzten Sonntag in einem Schneiderladen zwei Männer gefoltert und erschossen worden. Kurz bevor er in den Southwest Chief gestiegen ist. Die Mordwaffe fehlt, aber laut Autopsiebericht hat sie ungefähr dasselbe Kaliber wie die Ruger aus Raymonds Tasche. Die Kollegen in Chicago haben uns um eine ballistische Untersuchung gebeten. In der Tasche war außerdem ein Erste-Klasse-Ticket für einen Flug von L.A. nach London, ausgestellt auf den Namen Raymond Thorne. Abflug Montagnachmittag, halb fünf. Sieht ganz so aus, als hätte er ursprünglich keine zweitägige Zugfahrt geplant, um zum Flughafen zu gelangen. Ich versuche zusammen mit dem FBI, jemanden von der Passabteilung im State Department aufzutreiben, der die Daten auf dem Magnetstreifen seines Passes für uns ausliest. Polchak kümmert sich um die ballistische Untersuchung. Und du gehst zu Raymonds Anhörung im Kriminalgericht und siehst zu, dass der Richter ihn nicht gegen Kaution auf freien Fuß setzt.« Eine Sekunde lang saß Barron nur da und glotzte ihn an, als habe er nicht verstanden. »John«, drängte Halliday. »Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe?«, »Doch, Jimmy, ich hab’s gehört.« Im nächsten Moment war er auf den Beinen und schob das Handy in die Tasche. »Bin schon unterwegs.«, Kriminalgericht, zur selben Zeit, 7.50 Uhr Raymond hatte den Aufzug fast für sich allein, als er, die Hände mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt, zu seiner Verhandlung in eine der oberen Etagen fuhr. Nur die beiden stämmigen Hilfssheriffs, die ihn aus dem Parker Center hergebracht hatten, leisteten ihm Gesellschaft. Dies war der Augenblick, für den er sich letzte Nacht, in der er kaum geschlafen hatte, entschieden hatte. Der Gedanke, sich mit Hilfe des jungen und verunsicherten Detective Barron aus der Patsche zu ziehen, geisterte ihm noch im Kopf herum, doch die Zeit drängte. Ursprünglich war er nach Los Angeles gekommen, um mit dem arroganten und geschwätzigen Juwelier Alfred Neuss aus Beverly Hills abzurechnen. Dass er beschlossen hatte, ihn als Letzten aufzusuchen, war sehr wichtig für das Gelingen der Operation. Teil eins des Plans hatte darin bestanden, den Leuten in San Francisco, Mexico City und Chicago möglichst rasch und unauffällig die Bankfachschüssel abzunehmen und sie anschließend ebenso rasch und unauffällig zu liquidieren. Wäre in dieser Phase alles nach Wunsch gelaufen, hätte er jetzt nicht nur die Schlüssel, sondern auch den Namen und die Adresse der französischen Bank, in der sich das Tresorfach befand. Laut Plan sollte er die beiden Schlüssel, sowie er im Besitz dieser Information war, auf schnellstem Weg Jacques Bertrand in Zürich schicken. Der dritte Schlüssel sollte an die Baronesse in London gehen, wo er ihn gleich nach seiner Ankunft am Dienstag abholen wollte. Am folgenden Tag sollte er nach Frankreich reisen, das Bankfach leeren und mit dem Inhalt unverzüglich nach London zurückkehren, wo er tags darauf, am, Donnerstag, wichtige Termine hatte, ehe er abermals einen Tag später in London die Tat selbst ausführte, am Freitag, dem 15. März, also ironischerweise an den Iden des März. Phase zwei des Plans hatte die Liquidierung von Alfred Neuss vorgesehen. Deshalb hatte er sich den Abstecher nach Los Angeles bis zum Schluss seiner Amerikareise aufgespart. Die Beseitigung des Juweliers hätte ihre Position im Hinblick auf das am Freitag geplante Vorhaben stärken sollen. Da es ihm jedoch trotz Anwendung der Folter nicht gelungen war, seinen Opfern den Namen und die Adresse der Bank zu entlocken, hatte er erkannt, dass die Verteilung der Schlüssel nur eine zusätzliche Vorsichtsmaßnahme gewesen war. Es war sinnlos, Bertrand oder der Baronesse die Schlüssel zu schicken, solange er nicht wusste, wo sich das dazugehörige Bankfach befand. Mittlerweile war ihm klar geworden, dass es auf der ganzen Welt nur zwei Männer gab, die es wussten, und einer davon war Alfred Neuss. Dieser Umstand komplizierte die Sache außerordentlich und machte es notwendiger denn je, ihm einen Besuch abzustatten. Von Anfang an war das richtige Timing alles, und dies galt nun umso mehr, als die Polizei Nachforschungen über ihn anstellte. Er konnte nicht länger warten. Er musste handeln, ehe er noch tiefer in die Mühlen der amerikanischen Justiz geriet. 7.52 Uhr. Ein Stockwerk zog vorüber, dann ein zweites. Die Hilfsheriffs blickten stur geradeaus, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Ihre verkniffenen Gesichter, ihre Pistolen, die neben Schlagstöcken und Handschellen in Gürtelhalftern steckten, ihre Kragenmikrofone, ihre Muskelpakete, die unter den eng anliegenden Uniformen hervortraten, ihr stählerner Blick und ihre Unnahbarkeit sollten einschüchternd wirken und, signalisieren, dass sie vor keiner notwendigen Maßnahme zurückschreckten, falls ihr Gefangener Schwierigkeiten machen sollte. Aber Raymond wusste, dass sie trotz Kämpferpose und groß- spurigem Auftreten im Grunde nur städtische Ordnungshüter und Gehaltsempfänger waren. Seine Motivation war unendlich viel größer und vielschichtiger. Nahm man noch die Über- legenheit seiner Ausbildung hinzu, klafften Welten zwischen ihnen., 7.53 Uhr Keiner der Hilfsheriffs bemerkte, wie Raymond flink die Handgelenke auf dem Rücken drehte und zuerst die eine, dann die andere Handschelle abstreifte. Keiner von beiden sah, wie seine linke Hand nach vorn schnellte und das Holster aufklappte, in dem eine 9-mm-Beretta steckte. Erst in der folgenden Sekunde spürten sie die Gefahr und fuhren herum. Doch es war bereits zu spät. Mit verblüffender Schnelligkeit hielt Raymond zuerst dem einen, dann dem anderen die Beretta an den Hinterkopf. Die kleine Kabine hallte vom ohrenbetäubenden Dröhnen der Schüsse wider, das in dem Moment verklang, als der Aufzug das gewünschte Stockwerk erreichte und hielt. Seelenruhig drückte Raymond den Knopf für die oberste Etage, und der Aufzug setzte sich wieder in Bewegung. Einer der Hilfssheriffs röchelte. Raymond ignorierte ihn ebenso wie den beißenden Pulverqualm und die Blutlache, die sich langsam auf dem Boden ausbreitete. Er streifte den orangefarbenen Overall ab und schlüpfte in Hose und Hemd des ersten Deputys. Dann steckte er die Waffen beider Männer ein, stand auf und zog, als der Aufzug zum Stehen kam, seine Uniform glatt. Die Tür glitt auf und gab den Blick auf einen breiten Behördenkorridor frei, der von Menschen wimmelte. Er drückte den Knopf für das Erdgeschoss und trat hinaus. Eine halbe Sekunde später schloss sich die Aufzugtür hinter ihm, und er mischte sich, nach der nächsten Treppe Ausschau haltend, unter die Leute., 7.55 Uhr Das Kriminalgericht lag nur zwei Blocks vom Parker Center entfernt auf der anderen Straßenseite, und so machte sich Barron zu Fuß auf den Weg, bis ins Mark erschüttert und kaum imstande, seine Gefühle zu zügeln, seine Wut auf die Kollegen, die ihr wahres Gesicht gezeigt hatten, und seine Entrüstung über das, was sie nicht nur Donlan, sondern auch ihm so kaltblütig angetan hatten. Gleichzeitig sagte ihm sein praktischer Verstand, dass es einige Zeit dauern konnte, bis er für Rebecca eine neue Unterbringungsmöglichkeit gefunden hatte, und bis dahin blieb ihm nichts weiter übrig, als den Schein zu wahren und seinen Dienst zu versehen, als wäre nichts geschehen. 7.58 Uhr In der Uniform des toten Hilfssheriffs rannte Raymond, die Berettas der erschossenen Polizisten im Hosenbund, eine Feuertreppe hinunter, und dann eine zweite. Plötzlich blieb er stehen. Ein Mann in Jeans und einem schwarzem Jackett kam ihm von unten entgegen. Wer er war und was er hier wollte, spielte keine Rolle. Raymond brauchte etwas zum Überziehen, damit man die Uniform und die Pistolen nicht sah. Das schwarze Jackett würde diesen Zweck erfüllen. Er rannte weiter. Zwei Treppen. Drei. Vier. Da war der Mann. Raymond nickte ihm zu, als sie aneinander vorbeigingen. Ein Wimpernschlag noch, und er drehte sich um und stürzte ihm nach. 8 Uhr Raymond stieß die Tür zum Treppenhaus auf und trat, die beiden Berettas unter dem schwarzen Jackett verborgen, auf einen Korridor. Auch hier wimmelte es von Menschen. Er ging ihn gemächlich entlang und versuchte den Anschein, zu erwecken, ein bestimmtes Ziel zu haben. Überall hingen Schilder. Dieses Gericht, jenes Gericht, Toiletten, Aufzüge. Die vielen Menschen, denen er ausweichen musste, hielten ihn auf, und das war umso ärgerlicher, als der Zeitfaktor immer wichtiger wurde. Bestimmt hatte man mittlerweile die Leichen der beiden Hilfssheriffs und seinen orangefarbenen Sträflingsoverall entdeckt. Jeden Augenblick war damit zu rechnen, dass eine Armee von Polizisten in das Gebäude stürmte, um ihn zu suchen. »He, Sie da!« Ein Vollzugsbeamter mit Mikrofon am Hemdkragen kam auf ihn zu. Diesen Mann konnte das Jackett nicht täuschen. Es lenkte seine Aufmerksamkeit geradezu auf die Uniform. Raymond reagierte nicht und ging weiter. »Ich meine Sie! In den Polizeihosen!« Der Mann kam näher. Raymond schaute sich um und sah, dass er in das Mikrofon an seinem Kragen sprach. Raymond blieb einfach stehen, drehte sich um und feuerte aus nächster Nähe mit beiden Waffen. Das Dröhnen der Schüsse ließ den Korridor erzittern. Der Mann taumelte zur Seite, kippte nach hinten und fiel über einen älteren Rollstuhlfahrer. Menschen schrien, rannten, suchten Deckung. Raymond ging rasch weiter. Büro der Squad 5-2, 8.02 Uhr »Sind unterwegs. Barron ist schon dort!« Halliday knallte den Hörer auf und rannte zur Tür. Polchak war schon halb draußen. Kriminalgericht, 8.03 Uhr Barron schlängelte sich durch das Gedränge auf der Hauptetage. Von allen Seiten kamen Menschen gerannt, die sich in panischer Angst in Sicherheit zu bringen versuchten, aus der Cafeteria, aus dem Hauptkorridor bei den Aufzügen und aus den Türen, die zu, den Feuertreppen führten. Er wusste nur, was ihm Halliday über Funk durchgegeben hatte: Die beiden Raymond begleitenden Hilfssheriffs waren tot, und in einem der oberen Stockwerke hatte es eine Schießerei gegeben. »Mein Gott!«, stieß er leise hervor. Sein Adrenalinspiegel schoss in die Höhe und ließ ihn seine privaten Probleme vergessen. Ein Mann in einem schwarzen Jackett zwängte sich an ihm vorbei durch die Menge, die aus dem Treppenhaus quoll. Barron machte noch einen Schritt, ehe er begriff. »Mensch!« Er wirbelte herum und sah gerade noch, wie Raymond durch den Notausgang schlüpfte und sich davon- machte, vorbei an den Leuten, die ihm zu entkommen suchten. Barron zückte seine Beretta und bahnte sich, Menschen zur Seite stoßend, eine Gasse zur Tür. Draußen angekommen, sah er Raymond den langen, gewundenen Fußweg zum Parkplatz rennen. Von allen Seiten sprangen Uniformierte herbei. »Der Mann im schwarzen Jackett!«, brüllte Barron in sein Funkgerät. »Er rennt zum Parkplatz runter.« Raymond erreichte im Laufschritt das Ende des Fußwegs. Er sah die Straße und lief darauf zu. »Sie da! Im schwarzen Jackett! Stehen bleiben!« Eine weibliche Stimme rief ihn von hinten an. Er fuhr herum, fasste in sein Jackett und zog eine Beretta hervor. Zwanzig Schritte entfernt stand eine uniformierte Polizistin, die ihre Waffe auf ihn gerichtet hielt. »Vorsicht!«, rief Barron zu spät. Raymond feuerte zweimal in rascher Folge. Die Polizistin taumelte rückwärts und stürzte, im Fallen noch einen Schuss abgebend, auf den Asphalt. Raymond blickte sich kurz nach dem Gebäude um, wich einem Cadillac aus und rannte, sich hinter parkende Autos duckend, in Richtung Straße. Inzwischen hatte Barron den, Parkplatz erreicht. Er blieb stehen, riss mit beiden Händen die Beretta hoch und zielte sorgfältig. Raymond sah es und schlug in dem Moment, als Barron abdrückte, einen Haken. Ein sengender Strahl ritzte Raymond am Hals und brachte ihn fast zu Fall. Er fing sich wieder und taumelte, eine Hand an die Wunde gedrückt, weiter. Hinter ihm rasten drei Streifenwagen mit kreischenden Reifen auf den Parkplatz. Zu seiner Linken bogen drei weitere um die Ecke und kamen auf ihn zu. Zur gleichen Zeit stoppte direkt vor ihm ein Taxi. Die hintere Tür schwang auf, und eine schwarze Frau mittleren Alters stieg aus, gefolgt von einem dunkelhäutigen Mädchen. Raymond nahm die Hand vom Hals. Die Wunde blutete, aber nicht stark. Die Kugel hatte ihn nur gestreift. Noch fünf Schritte, und er war beim Taxi. Er packte das Mädchen blitzschnell mit der linken Hand, zog es zu sich heran, riss es herum, hielt ihm eine Beretta an den Kopf und schaute auf. Ein Dutzend und mehr schwer bewaffneter Polizisten kamen auf ihn zu. Er wusste, dass sie nach einer Möglichkeit suchten, auf ihn zu schießen, ohne das Mädchen zu treffen. Links und rechts blockierten weitere Streifenwagen die Straße. Dann sah er, wie sich John Barron an den Uniformierten vorbeischob und auf ihn zukam. Zwei Kriminalbeamte aus dem Parkhaus waren bei ihm, einen kannte er bereits aus dem Zug. »Keinen Schritt weiter!«, brüllte Raymond und blickte zu der Frau, die mit dem Mädchen aus dem Taxi gestiegen war. Sie stand wie gelähmt mitten auf der Straße zwischen ihm und den Polizisten und starrte ihn entgeistert an. »Waffe weg, Raymond!«, schrie Barron. »Lassen Sie das Mädchen los!« Er und die beiden anderen waren noch zwanzig Meter entfernt und kamen näher. »Keinen Schritt weiter, John, sonst erschieße ich sie!«, rief Raymond mit erhobener, aber gefasster Stimme, die blaugrünen Augen auf Barron gerichtet., Barron blieb stehen, und Halliday und Polchak folgten seinem Beispiel. Da war sie wieder. Die plumpe Vertraulichkeit, die kühle Gelassenheit. »Versucht, von der Seite zum Schuss zu kommen«, sagte Barron leise. Halliday schob sich langsam nach links, Polchak nach rechts. »Nein!«, kreischte die Frau. »Nein! Nein! Bleiben Sie von ihm weg. Bleiben Sie zurück.« »Wartet!«, seufzte Barron. Halliday und Polchak blieben stehen. »Danke«, sagte Raymond zu der Frau. Dann ging er, die Waffe am Kopf des Mädchens, rückwärts zum Taxi. Der Fahrer hatte sich unterm Lenkrad verkrochen. »Raus!«, befahl er. »Raus!« Wie im Zeichentrickfilm flog die Tür auf, und der Fahrer sprang heraus. »Los, verschwinde!«, brüllte Raymond, und der Mann flitzte in Richtung Polizei. »John«, rief Raymond, »bitte lassen Sie die Streifenwagen wegfahren, wir nehmen diesen Weg.« Er deutete mit dem Kopf auf die Straße vor ihm. Barron überlegte, dann wandte er sich an einen uniformierten Sergeant hinter ihm. »Lassen Sie ihn durch.« Nach kurzem Zögern sprach der Sergeant in sein Funkgerät. Gleich darauf stießen die Streifenwagen am Ende der Straße zurück und machten die Fahrbahn frei. Raymond schob das Mädchen, dem er noch immer die Beretta an den Kopf hielt, auf den Beifahrersitz des Taxis und rutschte selbst hinters Steuer. Der Tür knallte zu. Die Reifen quietschten, und das Taxi raste los. Zwei Sekunden später schoss es an den Streifenwagen am Ende des Blocks vorbei und verschwand. 8.14 Uhr., Kriminalgericht, 8.15 Uhr »Wie zum Donnerwetter konnte er entkommen? In dem Ge- bäude sind hundert Polizisten! Und noch mal fünfzig draußen!« McClatchy drängte sich, Valparaiso im Schlepptau, wütend durch eine Traube von Uniformierten, bestürzten Richtern und Gerichtsbeamten, stürmte durch eine Tür und eilte die fünf Treppen nach unten ins Kellergeschoss. So wütend hatte ihn Valparaiso noch nie gesehen. Und er wurde noch wütender, als das Wort »Geisel« aus ihren rauschenden Funkgeräten drang. Sie stießen gerade die Tür zur Tiefgarage auf, in der Polchak mit Reds Ford auf sie wartete. »Was denn für eine Geisel?«, schnauzte Red Polchak an, während er sich neben ihm anschnallte und Valparaiso auf den Rücksitz rutschte. »Ein Teenager«, antwortete Polchak. »Afroamerikanerin. Mehr wissen wir nicht. Ihre Tante war bei ihr. Sie reden gerade mit ihr.« »Wo zum Henker steckt eigentlich Roosevelt?« Mit heulender Sirene und Blaulicht jagte Polchak die Rampe hinauf und fädelte sich in den Verkehr ein. »Mit seinem Kleinen beim Zahnarzt«, antwortete er und streifte um ein Haar einen Stadtbus. »Seine Frau ist berufstätig.« »Ich weiß, dass seine Frau berufstätig ist!« McClatchy war wütend. Auf sie, auf die hundertfünfzig anderen Cops, auf alles und jeden. »Zum Donnerwetter noch mal!« Fünf Streifenwagen und ein ziviles Polizeifahrzeug folgten, dem United-Independent-Taxi mit der Nummer 7711 in gemächlicher Fahrt durch die Straßen der Stadt. Alle Wagen hatten ihr Blaulicht angeschaltet, doch die Sirenen blieben stumm. Der eilends angeforderte Polizeihubschrauber Air 14 begleitete sie in der Luft. Überall an der Strecke – von der South Grand Avenue zur 23. Straße, dann von der 23. zur Figueroa und schließlich auf der Figueroa nach Süden – standen Schaulustige, die winkten und jubelten, wenn das Taxi 7711 vorbeifuhr. Das ganze Spektakel war live im Fernsehen zu sehen, denn auch die Hubschrauber dreier Fernsehstationen verfolgten das Geschehen aus der Luft. Obwohl polizeiliche Verfolgungsjagden in L. A. seit Jahren keine Seltenheit waren, fanden sie immer noch ein so großes Publikum, dass die Fernsehbosse sich zwei oder drei pro Woche gewünscht hätten, nur um die Einschaltquoten oben zu halten. Barron und Halliday fuhren im 3-Adam-34, dem Streifen- wagen, der die Verfolger anführte. Sie hatten ihn sich aus der Masse der Polizeiautos, die plötzlich vor dem Gerichtsgebäude aufgetaucht waren, organisiert. Es war keine wilde Verfolgungs- jagd wie im Film, sondern eine feierliche Prozession im Vierzig- Stundenkilometer-Tempo. Sie konnten nichts weiter tun, als Raymond zu folgen und darüber zu spekulieren, was er vorhatte. Ihr einziges Plus, sofern man davon überhaupt sprechen konnte, war, dass Red McClatchy zu den besten Unterhändlern bei Geiselnahmen in der Branche gehörte und in zwei der vier folgenden Streifenwagen erstklassige Scharfschützen vom Los Angeles Police Department saßen. Halliday hatte sich auf dem Beifahrersitz vorgebeugt und beobachtete das Taxi, das eine Viertelmeile vor ihnen fuhr. Die Morgensonne spiegelte sich in den Fenstern, und da die Heckscheibe obendrein getönt war, konnte er nicht ins Wageninnere sehen, geschweige denn erkennen, ob Raymond dem Mädchen die Pistole noch an den Kopf hielt. »Wer zum Teufel ist dieser Raymond eigentlich?«, wollte er, wissen. »In New York liegt nichts gegen ihn vor. In Chicago auch nicht, außer bei dem ballistischen Test kommt etwas heraus. Es wird eine Weile dauern, bis das FBI die Daten bekommt, die auf seinem Pass gespeichert sind. Aber wer weiß, ob die uns weiterhelfen. Hätten wir nicht die Pistole in seiner Tasche gefunden, und hätte er eine richtige Adresse angegeben, hätten wir ihn wahrscheinlich laufen lassen.« »Aber wir haben die Waffe gefunden, und er hat eine falsche Adresse angegeben.« »Und deshalb fängt er an, Leute umzulegen?« »Er ist mit einer Waffe in der Tasche aus Chicago hergekommen, und er hatte ein Flugticket nach London.« Barron warf einen kurzen Blick auf Halliday. »Was wollte er überhaupt hier? Sich flachlegen lassen, jemand umbringen, sich eine Urlaubsbräune holen? Wer weiß. Aber ganz gleich, was er jetzt vorhat, er muss dafür triftige Gründe haben.« »Zum Beispiel?« Barron schüttelte den Kopf. »Er hat sein Handwerk gelernt, möglicherweise beim Militär. Allein wie er die Hilfssheriffs im Aufzug erledigt hat. Wie er schießt. Du hast ja selbst gesehen, wie er die Polizistin erledigt hat. Das lernt man nicht auf der Straße. Der hat mehr auf dem Kasten.« »Meinst du, er tut der Geisel was an?« »Er macht das nur, um zu entkommen. Wenn wir ihn in die Enge treiben, erschießt er sie genau wie die anderen.« Vor ihnen bog das Taxi langsam nach rechts in die Vernon Avenue ab. Barron folgte ihm, dann die restliche Prozession. Air 14, der Hubschrauber, überflog vor ihnen die Straße, dann knackte es in ihrem Funkgerät, und sie hörten Reds Stimme. »Zentrale. Hier spricht McClatchy. Ist die Identität der Geisel geklärt?« »Positiv, Commander, gerade reingekommen«, antwortete eine, Frauenstimme. »Afroamerikanerin. Darlwin Washburn. Fünfzehn Jahre alt. Wohnhaft in Glendale.« »Sind die Eltern benachrichtigt?« »Wir haben es versucht, aber niemanden erreicht.« »Wie geht es der angeschossenen Polizistin?« »Sie ist … äh … ihren Verletzungen erlegen, Sir. Tut mir Leid.« »Und den Deputys und dem Gerichtsbeamten?« »Dasselbe, Sir.« Es entstand eine lange Pause. Dann meldete sich wieder Reds Stimme, ruhiger diesmal. »Vielen Dank.« Barron musste sich beherrschen. Am liebsten hätte er Vollgas gegeben, das Taxi mit zwei Wagen in die Zange genommen, von der Straße gedrängt und sich dann Raymond geschnappt. Aber das ging nicht, und er wusste es. Alle wussten es, allen voran Raymond. Was er auch im Schilde führen mochte, solange er das Mädchen hatte, konnten sie nichts weiter tun als das, was sie ohnehin schon taten – ihm folgen und abwarten. »Er türmt!«, brüllte Halliday. Vor ihnen beschleunigte das Taxi 7711 und raste davon. Barron trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Der Streifenwagen ruckte, dann machte er einen Satz. Halliday riss das Funkgerät hoch. »3-Adam-43! Er haut ab! Air 14, haben wir da vorn Querverkehr?« Innerhalb von Sekunden hatte Barron den Abstand zum Taxi halbiert. Plötzlich bog das Taxi direkt vor ihnen links ab und raste in eine von Wohnhäusern gesäumte Seitenstraße. »Festhalten!«, brüllte Barron und riss das Steuer herum. Hallidays Hand fuhr zum Haltegriff über dem Beifahrerfenster. Mit quietschenden Reifen schleuderte der Streifenwagen in die Kurve. Barron lenkte gegen, gab wieder Gas, und der Wagen schoss davon. Im nächsten Augenblick stieg er auf die Bremse und brachte den Wagen abrupt zum Stehen. Einen halben Block entfernt stand das Taxi am Straßenrand., Barron griff zum Funkgerät. »Red, hier spricht Barron. Das Taxi …« »Ich sehe es.« Reds Wagen hielt neben Barron und Halliday. Im nächsten Augenblick riegelten vor ihnen Streifenwagen das andere Ende der Straße ab. Barron blickte in den Rückspiegel. Die beiden Wagen mit den Scharfschützen stoppten hinter ihnen. Die Türen schwangen auf, und vier Männer in kugelsicheren Westen stiegen aus. Sie trugen Gewehre. Im selben Moment kletterten Red und Polchak mit gezückten Pistolen aus ihrem Wagen und spähten zum Taxi. Valparaiso stieg hinten aus und lud mit einem lauten Klickklack eine 12-Kaliber-Schrotflinte durch. Barron und Halliday stiegen aus, Berettas in der Hand. Hinter ihnen nahten weitere Streifenwagen, über ihnen ratterte der Hubschrauber. »Air 14, was sehen Sie?«, sprach Red in sein Funkgerät. »Ein stehendes Taxi. Dasselbe wie Sie.« Red kehrte zum Wagen zurück, fasste hinein und hob das Mikrofon an den Mund. »RAYMOND!« Seine Stimme dröhnte aus dem Lautsprecher des Wagens. »ÖFFNEN SIE DIE TÜR, UND WERFEN SIE IHRE WAFFEN AUF DIE STRASSE.« Barron und Halliday schlichen langsam näher, die Pistolen im Anschlag. Hinter und neben ihnen schwärmten die Scharf- schützen aus, um freie Schussbahn zu bekommen. Polchak kniete neben der vorderen Stoßstange von Reds Wagen und zielte über den Lauf seiner Pistole, die er mit beiden, Händen hielt. »RAYMOND. ÖFFNEN SIE DIE TÜR, UND WERFEN SIE IHRE WAFFEN AUF DIE STRASSE.« Noch immer passierte nichts. Dann senkte sich die Scheibe auf der Fahrerseite halb, und der Kopf der jungen Geisel Darlwin erschien. »Mama! Mama!«, schrie sie aus Leibeskräften. Dann verschwand ihr Kopf, und die Scheibe schloss sich wieder. »Scheiße, was geht da vor?«, fragte Valparaiso und trat zu Red. Die Scharfschützen schoben sich näher. Plötzlich ging die Tür des Hauses direkt gegenüber dem Taxi auf, und Mama, eine große schwarze Frau in Jeans und Trägertop, rannte in Richtung Taxi. »Mein Baby!«, schrie Mama gellend im Laufen. »Heilige Scheiße!«, rief Barron und sprintete los. »Mein Gott!« Red rannte ihm nach. Dann rannten sie alle. Mama, Barron, Red, Polchak, Valparaiso und Halliday. Die Fahrertür des Taxis ging auf, und dann war Barron bei Mama und rammte sie im Sprung. Beide schlugen im Gras neben dem Gehweg der Länge nach hin. Red packte die Taxitür, riss sie vollends auf und richtete seine Smith & Wesson in den Wagen. »Keine Bewegung!« Darlwin kreischte vor Entsetzen und wich zurück. Hinter ihr flog die Beifahrertür auf, und Valparaiso schob die Schrotflinte hinein, bereit, Raymond ins Jenseits zu befördern. Doch er bewirkte nur, dass Darlwin schreiend über den Vordersitz wieder in Richtung Red kroch. Dann rissen Polchak und Halliday die beiden hinteren Türen auf. Da war kein Raymond. Nur die schreiende, heulende und verängstigte Darlwin., Red winkte der Mutter. »Mama«, sagte er. »Mama.« Mama stieß Barron zur Seite und rannte zu ihrer Tochter. Und dann lagen sie sich in den Armen, drückten sich und weinten. »Schafft sie hier weg«, brüllte Red. Barron sprang hin und scheuchte die Frauen vom Taxi weg. Gleichzeitig rannten Polchak und Valparaiso zum Heck des Wagens. Valparaiso brachte die Schrotflinte in Anschlag, und Polchak drückte auf das Kofferraumschloss. Der Deckel klappte auf und gab den Blick auf einen Ersatzreifen und Werkzeug frei. »Soll das ein Aprilscherz sein?« Polchak wandte sich ärgerlich ab. »Wir haben erst März«, erwiderte Halliday ruhig. Valparaiso klemmte sich die Flinte unter den Arm. »Wann zum Teufel ist er ausgestiegen? Und wo?« Die Scharfschützen weiter hinten ließen die Gewehre sinken und zogen sich zurück. Gesichter erschienen in den Fenstern, Haustüren gingen auf. Menschen traten auf die schmalen Rasenflächen vor den Wohnblocks, gestikulierten in Richtung der Polizisten und diskutierten. Red hob den Blick zu dem Hubschrauber, der immer noch über ihnen schwebte, und fuhr sich mit der Hand durchs Haar, dann ging er zu Barron, der gerade versuchte, Darlwin und ihre Mutter zu beruhigen. »Erzähl uns, was passiert ist«, forderte er sie sanft auf. »Erzähl es ihm, mein Schatz«, sagte Mama, die Darlwins Hand hielt und mit der freien Hand ihrer Tochter und sich die Tränen trocknete. »Wir … waren gerade … losgefahren«, brachte Darlwin zwischen Schluchzern hervor, »da schaut der Typ mich an und … und fragt, ob ich … fahren kann. Klar, sag ich. Da sagt er: ›Setz dich ans Steuer und fahr allein nach Hause. Halt auf keinen Fall an, und mach die Tür erst auf, wenn du da bist.‹, Dann ist er raus … Bei so einem Irren wollte ich nichts riskieren. Also hab ich getan, was er verlangt hat.« »Weißt du noch, wo er ausgestiegen ist?«, fragte Red McClatchy mit beruhigender Stimme, als spreche er mit seiner eigenen Tochter. »Wo ist er ausgestiegen, mein Schatz?«, drängte Mama. »Sag dem Mann, wo.« Darlwin sah auf und versuchte, die Tränen zurückzuhalten, doch das schaffte sie nicht. »Wie gesagt … Wir waren kaum losgefahren … Vom Gericht die Straße lang, dann um die Ecke … Ich weiß nicht genau, welche Straße es war.« Sie schüttelte den Kopf. »Er hat einfach angehalten und ist ausgestiegen.« »Danke, Darlwin«, sagte Red mit einem Blick auf Barron, drehte sich um und ging zu seinen anderen Mitarbeitern, die zusammen standen und ihn erwartungsvoll anschauten, als werde er ihnen gleich sagen, wo Raymond steckte. Doch sie sahen nur die nicht geringe Enttäuschung in seinen Augen. »Vom Gericht aus die Straße runter und hinter der Kurve, Gentlemen. Er hat die paar Sekunden genutzt, die er außer Sicht war, hat angehalten und ist ausgestiegen. Hat der jungen Lady gesagt, sie soll selbst nach Hause fahren.« Red warf einen Blick auf seine Uhr, dann wandte er sich an Polchak. »Er hat über eine Stunde Vorsprung. Die müssen wir aufholen. Gib sofort eine stadtweite Fahndung heraus. Höchste Dringlich- keitsstufe. Ich möchte, dass alle verfügbaren Beamten und Streifenwagen das Gebiet zwischen dem Kriminalgericht und dem Santa Monica Freeway und der Alvaradi Street bis zum Santa Ana Freeway durchkämmen. Gebt sein Foto an Presse und Fernsehen und faxt es an alle Flughäfen, Busbahnhöfe und Bahnhöfe, Taxiunternehmen und Autovermietungen in der Stadt mit der Bitte, uns sofort zu verständigen, wenn er auftaucht. Und nur für den Fall, dass er uns wieder durch die Lappen geht,, schickt sein Foto und seine Beschreibung an die Londoner Polizei. Sie soll die Passagiere aller ankommenden Flüge genauer unter die Lupe nehmen.« Red blinzelte wieder zu dem Hubschrauber hinauf, hielt sich die Ohren zu und sagte zu Valparaiso. »Ich werde noch ganz taub von dem Krach. Schick Air 14 nach Hause, aber sag ihnen, dass sie in Bereitschaft bleiben sollen. Für alle Fälle. Aber vor allem müssen wir jetzt herausfinden, wo dieser Raymond steckt. Erkundigt euch, wo er in Chicago gewesen ist und was er dort gemacht hat! Herrgott noch mal!« Die nächste Anweisung richtete er an Halliday. »Nimm Darlwins Aussage zu Protokoll, aber sei nett zu ihr, sie hat einen harten Tag gehabt.« Dann drehte er sich um und sah Barron an. »Und wir beide machen jetzt eine kleine Spazierfahrt.« 9.19 Uhr., »Reden Sie.« Red setzte den Ford zurück, kurvte um einen Streifenwagen herum und fuhr in Richtung Stadtmitte davon. »Worüber? Über Raymond? Ich weiß nicht mehr über ihn als …« »Über Donlan.« Red sah Barron forschend an, seine Wut und Enttäuschung von eben waren wie weggeblasen. »Was denn?« Vor ihnen sprang eine Ampel auf Rot um. McClatchy schaltete die Sirene ein, gab Gas und jagte über die Kreuzung. »Mit John Barron haben wir einen tüchtigen jungen Detective an Land gezogen. Er hat einen Killer überführt, an den kein anderer im gesamten verfluchten Polizeiapparat heran- gekommen ist.« »Ich weiß nicht, wovon Sie reden.« McClatchy sah zu ihm herüber. »Und ob Sie es wissen, John. Die Sache mit Donlan macht Ihnen zu schaffen. Ich habe es Ihnen gestern angesehen. Ich sehe es Ihnen heute an. Er war bereits verhaftet, also fragen Sie sich, warum? Wozu das Ganze? Warum habt ihr das getan?« Barron antwortete nicht, und McClatchy blickte wieder auf die Straße. »Na schön, finden wir es heraus.«, Westin Bonaventura Hotel, Los Angeles Mitte, 9.44 Uhr Raymond hatte eine luxuriöse Suite mit zwei Zimmern, Fernseher, Schreibtisch, Minibar, Mikrowelle, Kühlschrank und Kaffeemaschine. Außerdem besaß er neue Kleider und eine neue Identität, die er so lange zu behalten gedachte, bis der Vertreter für Autozubehör Charles Bailey aus New Jersey als vermisst gemeldet wurde und die Polizei eine Suche nach ihm einleitete. Dass er Charles Baileys Weg gekreuzt hatte, war ein Glücksfall zu rechten Zeit gewesen. Nach seiner Flucht aus dem Gerichtsgebäude war er in dem gestohlenen Taxi mit Vollgas davongefahren, weil er wusste, dass ihm nur zehn bis fünfzehn Sekunden blieben, bis die Polizei ihn einholen würde. Er fragte seine Geisel, ob sie ein Auto lenken könne, und als sie bejahte, hielt er einfach an, stieg aus und befahl ihr, allein nach Hause zu fahren. Er wartete, bis sie den ersten Gang eingelegt hatte und der Wagen sich in Bewegung setzte. Dann machte er sich davon, darauf hoffend, dass sie aus Angst vor ihm tat, was er ihr aufgetragen hatte, und sich von niemandem anhalten ließ, am wenigsten von der Polizei. Über der Uniform des erschossenen Hilfssheriffs trug er noch immer das schwarze Jackett, das er dem Mann auf der Treppe im Gerichtsgebäude abgenommen hatte. Er versuchte, Ruhe zu bewahren, und überlegte, wie er von der Straße wegkommen konnte. Einen halben Block weiter entdeckte er den Mann, der, wie sich später herausstellen sollte, Charles Bailey hieß. Er hatte ungefähr seine Figur und Größe und trug einen Straßenanzug. Er stand allein auf einem Parkplatz und schloss gerade einen, Wagen auf, in den er offensichtlich einsteigen wollte. Blitzschnell verschwand das schwarze Jackett in einem Müllcontainer, und Raymond spielte die Rolle, die zu seiner Uniform passte, die eines Hilfssheriffs von Los Angeles County. Er sprach den Mann mit demselben amerikanischen Akzent an, dessen er sich schon die ganze Zeit bediente. In dienstlichem Ton erklärte er ihm, dass sich die Autodiebstähle in der Gegend gehäuft hätten, und verlangte, Führerschein und Wagenpapiere zu sehen. Der Mann zeigte ihm einen in New Jersey ausgestellten Führerschein auf den Namen Charles Bailey und teilte ihm mit, dass der Wagen gemietet sei. Raymond fragte nach dem Mietvertrag, und als Bailey den Kofferraum öffnete, um seinen Aktenkoffer herauszunehmen, schoss er ihm in den Hinterkopf, warf die Leiche in den Kofferraum und klappte den Deckel zu. Dann nahm er den Aktenkoffer und die Wagenschlüssel an sich, schloss den Wagen ab und ging davon. Er blieb nur einmal kurz stehen, um das schwarze Jackett aus dem Müllcontainer zu holen und anzuziehen, damit man die Uniform nicht sah. Der Aktenkoffer war eine Fundgrube. Er enthielt Charles Baileys Identität: Bargeld, Kreditkarten, Handy und den elektronischen Kartenschlüssel für Suite 1195 im Westin Bonaventura, dem hoch aufragenden Hotelturm ein Stück die Straße hinauf. Warum Bailey den Wagen auf dem Parkplatz und nicht im Hotel abgestellt hatte, konnte er sich nicht erklären, auf jeden Fall hatte es den Mann das Leben gekostet. Zwanzig Minuten später war er in der Suite des Toten, hatte geduscht, eine antiseptische Salbe, die er zwischen Seifen und Lotionen im Badezimmer gefunden hatte, auf die Schusswunde an seinem Hals gestrichen, einen passabel sitzenden grauen Anzug und ein blaues Hemd angezogen und sich, um die Schramme zu verbergen, locker eine rot gestreifte Krawatte umgebunden. Jetzt griff er zu Baileys Handy und tippte eine Nummer in Toronto ein, die ihn automatisch mit einer Nummer, in Brüssel und dann mit einer in Zürich verband, wo ihm eine Voicemail mitteilte, dass der Teilnehmer im Moment nicht zu sprechen sei, dass er aber eine Nachricht hinterlassen könne und in Kürze zurückgerufen werde. Auf Französisch sagte er, dass er Charles Bailey heiße und Jacques Bertrand zu sprechen wünsche, dann gab er Baileys Handynummer an, unterbrach die Verbindung und wartete. Annähernd eine Stunde später wartete er noch immer, ging im Zimmer auf und ab und fragte sich, warum Bertrand nicht zurückrief und ob er nicht besser daran getan hätte, sich mit seinem richtigen Namen zu melden, statt Baileys Namen und Telefonnummer zu hinterlassen. Bertrand und die Baronesse hatten seine Handynummer, und ein Anruf von seinem Handy wäre unverzüglich beantwortet worden. Doch er besaß das Handy nicht mehr, hatte es bei der Fahrt mit Donlan in dem gestohlenen Wagen aus dem Fenster geworfen, damit die Polizei, falls es ihr in die Hände fiel, die Gespräche nicht zurückverfolgen konnte, die er mit Bertrand und der Baronesse geführt hatte. Wenn ein Mann namens Charles Bailey bei Bertrand anrief, lag die Vermutung nahe, dass er sich einfach nur verwählt hatte, sofern der Anruf überhaupt jemals zurückverfolgt wurde. Wenn er aber unter dieser Nummer seinen richtigen Namen angab, hinterließ er eine Spur, die Bertrand mit ihm und einem Mann in Verbindung bringen konnte, der früher oder später ermordet aufgefunden wurde, und dieses Risiko durfte er nicht eingehen. Schon gar nicht jetzt. Er vermutete, dass die Polizei das Täuschungsmanöver mit der Geisel mittlerweile durchschaut und von dem Mädchen erfahren hatte, wo er aus dem Taxi gestiegen war. Bald würden sie die gesamte Gegend abriegeln und jedes Haus nach ihm durchsuchen. Umso wichtiger war es, seine Identität und seine Absichten vor Entdeckung zu schützen., Parker Center. 9.48 Uhr »1915, Huey Lloyd. 1923, Jack ›der Finger‹ Hammel. 1923, James Henry Green.« John Barron saß an einem Tisch in Reds Büro, während McClatchy nacheinander mehrere große Schwarzweißfotos vor ihn hinlegte. Die Fotos stammten aus den Akten der Polizei von Los Angeles. Nüchterne Routineaufnahmen von verstorbenen Kriminellen, die, einen Zettel an der Zehe, auf einem Seziertisch lagen. Tote nackte Männer mit Einschusslöchern, die der Leichenbestatter mit Wachs zugestopft hatte. »1933, Clyde Till. 1937, Harry Shoemaker. 1948, 1957,1964, 1972.« Red las die Jahreszahlen vor und drehte dabei weitere grausige Fotos um. »1985, 1994, 2000 und das neueste …« Kommentarlos legte er das letzte Foto auf den Tisch, das von Frank »Whitey« Donlan im Leichenschauhaus. »Alles vielfache Mörder, die aus dem einen oder anderen Grund von den Gerichten immer wieder auf freien Fuß gesetzt wurden.« Red raffte die Fotos zusammen und schob sie in die große braune Fächermappe zurück, der er sie entnommen hatte. »Sie nennen es Mord, was mit diesen Männern passiert ist, und Sie meinen damit die Tötung eines Menschen. Der Haken ist nur, dass keiner von denen ein Mensch war. Das waren Monster, und die Justiz hat sie laufen lassen. Kreaturen, die bereits gemordet hatten und es immer wieder getan hätten.« Red durchmaß den Raum und warf die Akte auf seinen Schreibtisch. »Da haben Sie Ihr ›Warum?‹, John Barron. Er sollte nicht noch einmal Gelegenheit bekommen, jemanden umzubringen.« Barron starrte ihn an. Deshalb also hatte Donlan sterben, müssen. Wie bei all den anderen handelte es sich nicht um Mord, sondern schlicht und ergreifend um die Ausrottung von Ungeziefer. »Vielleicht haben Sie ja Angst, dass jemand dahinter kommen könnte. Aber in den letzten hundert Jahren ist das noch nie passiert. Und wissen Sie auch, warum? Weil man es nicht will.« »Man?« »Die Öffentlichkeit. Die Leute wollen sich über so etwas keine Gedanken machen, sie wollen es erst gar nicht wissen. Wir werden dafür bezahlt, dass wir uns darum kümmern.« Barron sah ihn lange an, sprachlos über seine simple Recht- fertigung von kaltblütigem Mord. »Das also ist mit ›grünem Licht‹ gemeint, habe ich Recht?«, fragte er ruhig. »Die Erlaubnis zu einer Hinrichtung. Deshalb war nie die Rede davon, Donlan irgendwo unterwegs bei einem Zwischenstopp aus dem Zug zu schaffen. Weil das LAPD dort nicht zuständig war. Sie hätten die örtliche Polizei einschalten müssen und nie grünes Licht bekommen.« »Richtig.« Red nickte. »Wer gibt es?« Barron wurde immer zorniger. Er stand auf, ging zum Fenster und verharrte kurz in der grellen Märzsonne, ehe er sich wieder umdrehte und McClatchy ansah. »Der Polizeichef? Der Bürgermeister? Oder rechnet mittlerweile ein Computer die Punkte zusammen und entscheidet darüber, wer weiterleben darf und wer nicht?« McClatchy schmunzelte, und da begriff Barron, dass der andere ihn absichtlich dazu gebracht hatte, seinen Gefühlen Luft zu machen. Auf dieselbe Weise hatte ihn auch Raymond hereingelegt. »Diese Stadt ist eine alte Hexe, John. Im Lauf der Zeit hat sie tausend verschiedene Überlebensstrategien entwickelt. Nicht alle sind ganz legal, aber notwendig sind sie allemal. So wie Sie sind wir alle damit konfrontiert worden. Man ist Mitglied der, Squad, man ist im Einsatz, und es passiert. So läuft es von Anfang an, seit hundert Jahren.« Red setzte sich auf die Schreibtischkante. »Glauben Sie ja nicht, Sie wären der Erste, dem das auf den Magen schlägt. Mir selbst ist es seinerzeit nichts anders ergangen. Aber damals hatten wir da draußen nicht gleich den nächsten Massenmörder so wie heute.« Reds Augen verengten sich. »Bevor Sie gehen, will ich Ihnen etwas zum Nachdenken geben. Dasselbe sage ich übrigens zu jedem Mitarbeiter nach dem Tag X. Bei Ihrem Wechsel zur 5-2 haben Sie einen Eid abgelegt, durch den Sie ein Leben lang gebunden sind. Das bedeutet, Sie gehören auf Gedeih und Verderb dazu. Freunden Sie sich mit dem Gedanken an, regen Sie sich nicht künstlich auf, und urteilen Sie nicht so selbstgerecht, sonst könnte es passieren, dass Sie Ihre Pflicht vergessen und einen Fehler machen. Falls Sie damit Schwierigkeiten haben, denken Sie daran, dass Sie außerdem gelobt haben, alle Meinungsver- schiedenheiten innerhalb der Squad auszutragen. So halten wir es seit hundert Jahren, und in diesen hundert Jahren ist keiner ausgestiegen. Vergessen Sie das nicht. Und überlegen Sie, dass Sie eine Schwester haben, die Sie dringend braucht. Nicht auszudenken, welche Folgen es für ihren Gemütszustand hätte, wenn Sie Ihren Eid brechen und versuchen sollten, den Absprung zu machen.« Barron lief ein kalter Schauder über den Rücken. Der Commander hatte ihn nicht nur dazu gebracht, seine Gefühle zu zeigen, er konnte anscheinend auch seine Gedanken lesen. Zum ersten Mal begriff er, was Red McClatchy zu einer lebenden Legende gemacht hatte. Warum er so angesehen und gefürchtet war. Er leitete die Squad nicht nur, er schützte sie auch. Wer aussteigen wollte, war dem Tod geweiht. »Wenn ich Sie wäre, Detective, würde ich jetzt an meinen, Schreibtisch zurückkehren und den Bericht über Donlans Ableben schreiben. Zeigen Sie, dass Sie einer von uns sind, ein Kollege, dem blind zu vertrauen ist. Dann können wir Mr. Donlan abhaken und uns voll und ganz auf diesen Raymond Oliver Thorne konzentrieren, der da draußen immer noch frei herumläuft.« McClatchy machte eine kurze Pause und musterte Barron, dann setzte er in milderem Ton hinzu: »Haben Sie verstanden, was ich gesagt habe, Detective?« Barron fühlte eine Schweißperle auf der Stirn. »Ja, Sir.« Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. »Gut.«, Suite 1195, Westin Bonaventura Hotel, zur selben Zeit, 10.20 Uhr Sie führten das Gespräch auf Französisch. »Wo bist du?« »In einem Hotel in Los Angeles.« »In Los Angeles?« »Ja.« »Bist du verletzt?« Ihre Stimme klang ruhig und verriet vorläufig noch keine Regung. Raymond wusste, dass ihr Anruf über Vermittlungseinrichtungen in mindestens vier Ländern geleitet wurde und sich unmöglich zurückverfolgen ließ. »Nein«, sagte er, drehte sich um und blickte aus dem Fenster auf die Straße zwölf Stockwerke unter ihm. Von hier oben konnte er drei Streifenwagen und zwei Gruppen uniformierte Polizisten ausmachen, die auf dem Gehweg standen und miteinander sprachen. »Verzeihen Sie, Baronesse, aber ich wollte Sie da nicht mit hineinziehen. Deshalb habe ich Bertrand angerufen.« »Ich weiß, Süßer, aber jetzt redest du mit mir. Was ist das für eine Telefonnummer, die du uns gegeben hast? Wer ist Charles Bailey? Was ist mit deinem Handy? Ich habe mehrmals ver- geblich versucht, dich anzurufen. Du steckst in Schwierigkeiten. Was ist passiert?« Raymond hatte Jacques Bertrand in Zürich deshalb angerufen, weil er gehofft hatte, der Schweizer Anwalt würde zuerst mit ihm sprechen, bevor er sie informierte. Das hatte er offensichtlich nicht getan., »Sie«, das war die Baronesse Marga de Vienne, Raymonds Vormund und Witwe des internationalen Finanziers Baron Edmond de Vienne und in dieser Eigenschaft eine der reichsten, prominentesten und mächtigsten Damen der Gesellschaft Europas. Normalerweise weilte sie um diese Jahreszeit auf Château Dessaix, ihrem Landsitz aus dem 17. Jahrhundert bei Tournemire, einem malerischen Dorf in der Auvergne im Massif Central, der gebirgigen Region in Mittelfrankreich. Doch jetzt hielt sie sich in ihrer Suite im Connaught-Hotel in London auf, wo es jetzt kurz vor 18.30 Uhr war. Er konnte sie vor sich sehen, mit Juwelen behangen und wie immer in den Farben Zartweiß und Blassgelb gekleidet, die zu ihrem Markenzeichen geworden waren, das dichte schwarze Haar zu einem komplizierten Knoten geschlungen und auf dem Sprung zu einer Dinnerparty, die der britische Premierminister heute in Downing Street 10 für hochrangige russische Gäste gab, den Moskauer Bürgermeister Nikolaj Nemow und den Verteidigungsminister der Russischen Föderation, Marschall Igor Golowkin. Im Mittelpunkt des Abend würde mit Sicherheit das Gerücht stehen, dass Russland ernsthaft erwäge, sich die Staatsform einer konstitutionellen Monarchie zu geben und die Zarenfamilie Romanow wieder auf den Thron zu erheben, um das nach Ansicht weiter Kreise in Chaos, Korruption und Gewalt versinkende Land zu stabilisieren. Wahr oder nicht, es stand zu erwarten, dass die Russen selbst in diskreter Runde wenig Neigung zeigen würden, über dieses Thema zu sprechen. Gleichwohl würde man versuchen, ihnen Näheres zu entlocken, und das daraus resultierende diplomatische Geplänkel würde für einen interessanten Abend sorgen. Er hatte sich darauf gefreut, die Baronesse zu begleiten, was nun aber aus verständlichen Gründen nicht möglich war. »Baronesse, durch eine Verkettung unglücklicher Umstände war ich genötigt, mehrere Menschen zu töten, auch Polizisten. Deshalb fahndet die Polizei jetzt überall nach mir. Sie werden es, sicher in den Weltnachrichten sehen. Ich habe Bertrand angerufen, weil ich Hilfe brauche. Ich besitze keinen Pass und kann deshalb das Land nicht verlassen. Selbst wenn ich der Polizei entwische, ist es mir völlig unmöglich, ohne Pass auszureisen, geschweige denn in so kurzer Zeit nach London zu gelangen. Veranlassen Sie, dass Bertrand mich mit einem Privatjet von einem regionalen Zivilflughafen abholen lässt. Santa Monica ist der nächste und beste. Außerdem brauche ich Bargeld, Kreditkarten und einen neuen Pass, ausgestellt auf einen anderen Namen. Einen französischen oder italienischen. Aber das ist nicht so wichtig.« Unter ihm fuhren zwei Polizeimotorräder durch die Straße, und gleich darauf zwei weitere Streifenwagen. Und dann ratterte ein LAPD-Hubschrauber über ihn hinweg. »Peter Kitner wurde heute im Buckingham-Palast zum Ritter geschlagen«, sagte die Baronesse unvermittelt, als hätte sie ihm überhaupt nicht zugehört. »Was Sie nicht sagen«, erwiderte er kühl. »Ich verbitte mir diesen Ton, Süßer. Ich weiß, dass du in Schwierigkeiten steckst, aber du musst begreifen, dass alle anderen Uhren weiterticken. Wir können es uns nicht leisten, noch mehr Zeit zu verlieren. Bei deinem letzten Anruf aus dem Zug hast du mir versichert, du hättest die Schlüssel. Wo sind sie jetzt?« Am liebsten hätte Raymond das Gespräch beendet. Er war nahe daran. Sein Leben lang hatte er kein mitfühlendes Wort von ihr gehört, nur Ermahnungen, was zu tun war. Nicht einmal als Kind. Wenn er sich geschnitten, das Knie aufgeschlagen oder schlecht geträumt hatte, wurde kein Aufhebens davon gemacht. Das Problem wurde angepackt und möglichst schnell gelöst, damit es vom Tisch war. So weit er zurückdenken konnte, hatte sie ihm gepredigt, dass das Leben eine Reise mit großen und kleinen Hindernissen sei. Diesmal war es nicht anders. Was, auch immer geschehen sein mochte: Er war unverletzt, noch im Vollbesitz seiner Kräfte und in der Lage, aus einem relativ sicheren Hotelzimmer anzurufen. »Süßer, ich habe dich nach den Schlüsseln gefragt.« »Ich musste sie in der Tasche im Zug zurücklassen. Ich vermute, die Polizei hat sie jetzt.« »Was ist mit Neuss?« »Baronesse, Sie verstehen nicht, was hier los ist.« »Du bist es, der nicht versteht, Süßer.« Raymond verstand genau. Alfred Neuss besaß einen Schlüssel zu dem Bankfach. Alfred Neuss wusste, wo es sich befand. Solange sie den Schlüssel und den Inhalt des Bankfachs nicht hatten und solange Neuss noch am Leben war, standen sie mit leeren Händen da. Daher gab es für die Baronesse zwei Fragen, alles andere interessierte sie einen feuchten Kehricht. Hatte er herausbekommen, wie die Bank hieß und wo sie sich befand, und hatte er sich um Alfred Neuss gekümmert? Seine Antwort: »Nein.« »Warum nicht?«, fragte sie auf Deutsch, indem sie auf die ihr eigene unerträgliche Art plötzlich von einer Sprache in die andere wechselte, wie so oft, wenn sie meinte, ihm etwas klar machen zu müssen. Französisch, Deutsch, Englisch, Spanisch oder Russisch, die Sprache war egal. Sie erwartete von ihm, dass er jederzeit verstand, was um ihn herum gesprochen wurde, auch wenn er es sich nicht anmerken ließ. »Madame la Baronesse, vous ne m’écoutez pas!« – Baronesse, Sie hören mir nicht zu! –, sagte er ärgerlich, bei Französisch bleibend. »Die Polizei hat eine Großfahndung nach mir eingeleitet. Was nützt es denn, wenn ich verhaftet oder erschossen werde?« »Das ist keine Antwort.« Sie traf ihn bis ins Mark, wie immer. »Nein«, räumte er flüsternd ein. Sie hatte Recht, sie hatte, immer Recht, »das ist keine Antwort.« »Süßer, wie oft haben wir über den tieferen Sinn schwieriger Zeiten gesprochen, damit du lernst, dich auf Probleme einzustellen und sie zu meistern? Du hast doch nicht vergessen, wer du bist.« »Wie könnte ich? Sie erinnern mich ja ständig daran.« »Dann begreife endlich, dass deine Ausbildung, deine Intelligenz und dein Mut auf eine ernste Probe gestellt werden. In zehn, zwanzig Jahren wird dir alles wie ein Kinderspiel erscheinen, aber du wirst dich voller Stolz dieser unschätzbaren Lektion in Selbsterkenntnis erinnern. Wenn Gott dich ins Feuer wirft, erwartet er von dir, dass du Größe beweist.« »Ja«, hauchte Raymond. »Gut, ich sorge dafür, dass du alles Nötige bekommst. Das Flugzeug stellt kein Problem dar. Schwieriger wird es sein, den Pass zu besorgen und dem Piloten zukommen zu lassen, der ihn dir bringen wird, aber beides wird morgen rechtzeitig da sein. Bis dahin kümmerst du dich um Neuss. Du nimmst ihm den Schlüssel ab, zwingst ihn, dir zu sagen, wo die Bank ist, und dann tötest du ihn. Den Schlüssel schickst du Betrand. Sowie er ihn hat, fliegt er nach Frankreich und holt die Sachen aus dem Tresorfach. Hast du verstanden?« »Ja.« Raymond bemerkte unten auf dem Gehweg eine zweite Gruppe von Polizisten. Im Unterschied zu den Streifen- polizisten, die er zuvor gesehen hatte, trugen sie Helme, kugelsichere Westen und automatische Waffen. Er wich vom Fenster zurück, als mehrere zu den oberen Stockwerken des Hotels heraufsahen. Es war ein SWAT-Team, und allem Anschein nach trafen sie Anstalten, in das Hotel zu gehen. »Baronesse, auf der anderen Straßenseite versammeln sich Spezialkräfte der Polizei.« »Ich möchte, dass du sie vergisst und mir zuhörst, Süßer, dass du nur meiner Stimme lauschst«, sagte sie ruhig und eindringlich., »Du weißt, was ich hören will. Sag es mir, sag es mir auf Russisch.« »Ich …« Er zögerte, die Augen auf die Straße gerichtet. Das SWAT-Team war noch da, die Polizisten hatten sich nicht von der Stelle gerührt. »Sag es«, befahl sie. »Wascha«, begann er langsam. »Wascha … sudba … w rukach … Gospodina.« »Noch einmal.« »Wascha sudba w rukach Gospodina«, wiederholte er. Diesmal klang seine Stimme fester und überzeugter. Wascha sudba w rukach Gospodina. Sein ganzes Schicksal liegt in Gottes Hand. Es war eine bekannte russische Redensart, aber sie hatte sie auf ihn gemünzt. Das Schicksal, von dem er sprach, war sein eigenes. Gott lenkte alles, und nichts geschah ohne Grund. Wieder unterzog ihn Gott einer Prüfung, befahl ihm aufzustehen und einen Ausweg zu suchen, denn mit Sicherheit gab es einen. »Wascha sudba w rukach Gospodina«, sagte Raymond noch einmal und wiederholte die Redensart wie ein Mantra wohl zum zehntausendsten Mal in seinem Leben, so wie sie ihm es von klein auf beigebracht hatte. »Noch einmal«, flüsterte sie. »Wascha sudba w rukach Gospodina!« Seine Aufmerksamkeit galt nicht mehr der Polizei, sondern seinen Worten, und er sprach sie wie einen feierlichen, heiligen Schwur, wie einen Treueid, den er Gott und sich selbst leistete. »Siehst du, Süßer? Vertraue auf die Vorsehung, deine Ausbildung und deinen Verstand. Wenn du das tust, wird sich ein Ausweg finden. Mit wem du es auch zu tun haben magst, mit der Polizei, mit Neuss oder am Freitag mit unserem verehrten …« Sie hielt inne, und er spürte den Hass von, Jahrzehnten in ihrer Stimme, als sie den Namen aussprach. »… Peter Kitner.« »Ja, Baronesse.« »Morgen, Süßer, bekommst du dein Flugzeug, und es wird dich sicher herausholen. Am Freitag sind die Beweisstücke in unserem Besitz, und du bist bei mir in London.« »Ja, Baronesse.« »Viel Glück.« Ein Klicken, und die Verbindung war unterbrochen. Behutsam legte er das Handy weg, noch gefangen von ihrer Aura. Er blickte wieder aus dem Fenster. Die Polizisten waren noch da, standen auf der anderen Straßenseite. Aber sie kamen ihm jetzt kleiner vor. Wie Schachfiguren. Und vor Schachfiguren hatte er keine Angst. Man spielte mit ihnen., 10.50 Uhr Glaube an dich, dann wird sich ein Ausweg finden. Die Baronesse hatte Recht gehabt. Er wurde schnell fündig. Am Anfang stand eine simple Überlegung: Wenn die Polizei seine Spur bis hierher verfolgt hatte, dann waren auch die Medien auf dem Laufenden. Er schaltete das Fernsehgerät im Zimmer ein. Vielleicht fand er eine Nachrichtensendung, die ihm Hinweise darauf lieferte, was die Polizei unternahm. Er erfuhr viel mehr, als er erwartet hatte. Auf beinahe jedem Kanal liefen Bilder von den Ereignissen nach der Schießerei im Gericht. Er sah, wie die zugedeckten Leichen der beiden Hilfssheriffs, des Sicherheitsbeamten, der Polizistin und des Mannes, den er im Treppenhaus erwürgt hatte, um ihm das schwarze Jackett abzunehmen, in die Fahrzeuge des Coroners geschoben wurden. Erschütterte und aufgebrachte Polizisten und nicht minder schockierte und zornige Bürger wurden interviewt. Auf Luftaufnahmen von der Verfolgungsjagd, die eher einer Prozession glich, folgten Bilder von dem entführten schwarzen Mädchen und seiner Mutter. Und dann meldeten die Moderatoren im Studio, dass Arnold McClatchy, Chef der Squad 5-2, die Fahndung nach dem »äußerst gefährlichen Täter« auf die ganze Stadt ausgedehnt habe. Als Nächstes kam seine Personenbeschreibung, und sein Polizeifoto füllte den Bildschirm aus. Die Bevölkerung wurde um Mithilfe gebeten und aufgerufen, sofort die Nummer 911 anzurufen, wenn er irgendwo auftauchte. Raymond sah zu und versuchte, die ganze Tragweite des Geschehens zu begreifen. Die Baronesse hatte Recht. Gott, unterzog ihn einer schweren Prüfung und erwartete von ihm, dass er sich aufraffte und einen Ausweg fand. Wie immer dieser Ausweg auch aussehen mochte, eines war sonnenklar: Er konnte sich nicht länger verstecken und einen ganzen Tag warten, bis die von der Baronesse gecharterte Privatmaschine ihn am Santa Monica Airport abholte. Er musste zu Neuss, ihm den Schlüssel abnehmen, ihn zwingen, den Namen der französischen Bank zu nennen, ihn anschließend töten und so schnell wie möglich aus Los Angeles verschwinden und nach Europa fliegen. Und zwar noch heute. Ein schwieriges, wenn nicht aussichtsloses Unterfangen in Anbetracht des massiven Polizeiaufgebots. Doch er hatte keine andere Wahl. Alles, was sie seit Jahren planten, hing davon ab. Wie er es anstellen sollte, stand auf einem anderen Blatt. Die Sendung, die er verfolgte, wurde abrupt von einem Werbespot unterbrochen. Während er sich durch die Programme zappte und andere Filmberichte ansah, sann er über einen Ausweg nach. Unversehens landete er auf dem hauseigenen Kanal des Westin Bonaventura. Zu sehen war der Veranstaltungskalender des Hotels für den heutigen Tag. Er wollte gerade weiterzappen, als er einen Hinweis auf den Empfang einer deutschen Studenten-Reisegruppe entdeckte, der just in diesem Moment in einem Veranstaltungsraum im Erdgeschoss stattfand. Zehn Minuten später betrat er den Raum. Er hatte sich die Haare nach hinten geklatscht und trug noch Charles Baileys Anzug und Krawatte sowie den Aktenkoffer des Toten, der neben dessen Brieftasche und Handy auch eine der beiden 9- mm-Berettas enthielt. Die zweite Beretta steckte im Hosenbund unter seinem Jackett. Er blieb in der Tür stehen und warf einen Blick in die Runde. Gut vierzig Studenten und drei oder vier gut gekleidete Reiseführer unterhielten sich angeregt auf Deutsch, tranken Kaffee oder aßen einen Happen. Es waren etwa gleich viel, Männer und Frauen, alle zwischen achtzehn und Mitte zwanzig. Sie wirkten fröhlich und unbeschwert und waren wie Studenten in aller Welt gekleidet – Jeans, weite Hemden, etwas Leder, ein paar mit Körperschmuck, andere mit knallbunt gefärbten Haaren. Sie waren ungefähr in seinem Alter, und da er fließend Deutsch sprach, konnte er sich mühelos unter sie mischen. Doch etwas anderes war ebenso wichtig: Raymond konnte davon ausgehen, dass jeder von ihnen zwei Dinge besaß, die er dringend benötigte: einen Pass und mindestens eine gültige Kreditkarte, mit der man ein Flugticket nach Europa kaufen konnte. Jetzt brauchte er nur noch einen Studenten, Männlein oder Weiblein, zu finden, für den er sich ausgeben konnte. Er musste die Sache locker angehen, und das tat er auch. Zunächst trat er ans Büfett, nahm sich eine Tasse und füllte sie an einer großen versilberten Kaffeemaschine, dann schlenderte er, Tasse und Untertasse balancierend, in den hinteren Teil des Raums, als sei er einer der Reiseführer und gehöre dazu. Wieder blieb er stehen und sah sich um. Ein Mann im dunklen Anzug mit einem Namensschild am Revers kam durch den Haupteingang. Ein Hotelangestellter, von einem Sergeant des SWAT-Teams mit Helm und Schutzweste begleitet. Raymond drehte sich langsam um und setzte den Aktenkoffer ab. In der linken Hand hielt er die Tasse, die rechte lag unter dem Jackett auf dem Griff der Beretta. Die beiden Männer standen eine Weile da und ließen den Blick durch den Raum schweifen, dann löste sich aus einer Traube von Studenten ein älterer Mann, vermutlich ein Reiseführer, und ging zu ihnen. Die drei sprachen miteinander, wobei der Reiseführer immer wieder auf die Gruppe deutete. Plötzlich ließ der Sergeant die beiden anderen stehen und näherte sich, mit den Augen die Menge absuchend, dem Büfett. Raymond trank einen Schluck Kaffee, rührte sich aber nicht von der Stelle, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Gleich darauf, machte der Polizist kehrt, sagte etwas zu den anderen und verließ mit dem Hotelangestellten den Raum. Der Reiseführer kehrte zu den Studenten zurück. Raymond atmete auf, und im selben Moment entdeckte er ihn: einen großen, schlanken jungen Mann in T-Shirt und Jeansanzug, der etwas abseits stand und mit einer attraktiven jungen Frau plauderte. Er trug einen Rucksack über einer Schulter und hatte lila gefärbtes Haar. Er war jünger als er, hatte aber ungefähr seine Statur und Physiognomie. Die Ähnlichkeit genügte für sein Vorhaben, zumal Passfotos von notorisch schlechter Qualität waren. Nur die Haarfarbe konnte zum Problem werden, weil er sich irgendwo die Haare färben lassen musste und später damit auffallen würde. Doch der junge Mann sah ihm von allen Anwesenden noch am ähnlichsten, und da die Zeit drängte, musste er schleunigst eine Lösung finden. Wenig später ließ der junge Mann das Mädchen stehen und ging zum Herzstück des Büfetts, einem Tisch, der von süßem Gebäck, Brot und Obst überquoll. Raymond schnappte seinen Aktenkoffer und tat dasselbe. Während er sich ein Stück Melone und Trauben auf einen Teller lud, knüpfte er auf Deutsch ein Gespräch mit dem jungen Mann an. Er sei Schauspieler aus München, wohne hier im Hotel und drehe zurzeit in L.A. einen Actionfilm mit Brad Pitt, in dem er den Schurken spiele. Er habe von dem Treffen der deutschen Reisegruppe erfahren, und da er sich heute etwas einsam fühle und den ganzen Vormittag freihabe, sei er kurz entschlossen heruntergekommen, um vielleicht ein wenig über die Heimat zu plaudern. Die Zielperson reagierte freundlich und gut gelaunt, und schon nach wenigen Augenblicken wusste Raymond, dass er einen Volltreffer gelandet hatte. Der junge Deutsche war nicht nur aufgeschlossen wie die anderen, sondern auch Hollywoodfan und gestand ihm, dass er selbst von einer Karriere als Schauspieler träume. Zudem vertraute er ihm an – und dabei, taxierte er den gut gekleideten und blendend aussehenden Raymond unverhohlen –, dass er homosexuell und immer auf ein Abenteuer aus sei. Raymond musste schmunzeln. Er hatte eine Falle aufgestellt, und ein Kaninchen tappte hinein. Er ließ sie augenblicklich hinter ihm zuschnappen. Es war fast zu einfach. Er tat so, als sei er selber schwul, geleitete den jungen Mann, der sich als Josef Speer aus Stuttgart vorstellte, zu einem Tisch in der Ecke und nahm zusammen mit ihm Platz. Der junge Josef flirtete, und Raymond spielte mit. Er brachte ihn dazu, ihm Pass und Führerschein zu zeigen – unter dem Vorwand, dass man fotogen sein müsse, wenn man Filmschauspieler werden wolle, und dass Passfotos, gerade weil sie wenig schmeichelhaft seien, bei einem professionellen Casting oft als Maßstab dafür genommen würden, wie ein Gesicht in den unvorteilhaftesten Situation auf der Leinwand rüberkomme. Das war natürlich gelogen, aber es funktionierte, und der leichtgläubige Speer öffnete begeistert seinen Rucksack und zog Pass und Führerschein hervor, um damit anzugeben, wie fotogen er war. Das Passfoto war von minderer Qualität, wie Raymond vermutet hatte. Wenn er sich die Haare lila färben ließ und beim Vorlegen des Passes das passende Gesicht machte, konnte er ohne weiteres für Speer durchgehen. Der Führerschein war zwar nützlich, aber nicht so wichtig. Wichtiger war, ob Speer Kreditkarten besaß. Und als der junge Deutsche seine Brieftasche aufklappte und seinen Führerschein herauszog, sah er, dass mindestens drei darin steckten, darunter eine Euro Mastercard. Mehr brauchte er nicht. Raymond senkte die Stimme, schaute dem jungen Deutschen tief in die Augen und verwandelte sich im Bruchteil einer Sekunde vom Verführten in den Verführer: Er finde Josef sehr sexy, aber ein Rendezvous in einem Hotel, in dem er wohne, käme für ihn nicht infrage, weil ihn das erpressbar mache. Wenn sie sich »näher kennen lernen« wollten, dann irgendwo, außerhalb des Bonaventura. Speer war einverstanden, und Sekunden später traten sie hinaus in die Lobby. Raymond erstarrte vor Schreck. In der Lobby wimmelte es von verstörten und lärmenden Gästen. An den Ausgängen hatten sich ein Dutzend uniformierte Polizisten postiert. »Was ist denn hier los?«, fragte Speer auf Deutsch. »Die suchen todsicher nach Homosexuellen.« Raymond grinste und überlegte, was es als Nächstes tun solle. Dann entdeckte er den Hotelangestellten im dunklen Anzug, der vorhin mit dem SWAT-Sergeant in den Raum gekommen war. Mit Speer im Schlepptau ging er zu ihm und fragte mit starkem deutschem Akzent, was passiert sei. Die Polizei fahnde nach einem flüchtigen Mörder, erhielt er zur Antwort. Eine Sondereinheit durchsuche das Hotel und räume Etage für Etage. Raymond übersetzte für Speer, und dann erklärte er dem Angestellten, dass sie eine Führung durch die Universal City Studios gebucht hätten, und fragte, ob sie gehen dürften. Der Mann musterte sie kurz, zog eine Art Funkgerät hervor und meldete, dass zwei Leute von der deutschen Reisegruppe einen Termin hätten und das Haus verlassen wollten. Einen Augenblick später zwängte sich der Sergeant durch die Menge und kam auf sie zu. Raymond schluckte, aber das war auch alles. »Sie gehören zu der Studentengruppe«, erklärte der Hotelan- gestellte. »Sie kommen gerade aus dem Veranstaltungsraum.« Der Sergeant blickte langsam von einem zum andern. Raymond verzog keine Miene. Dann knackte es im Funkgerät des Sergeant. Er antwortete in einer Art Polizeikauderwelsch und sah den Hotelangestellten an. »In Ordnung, Sie können sie hinten rauslassen«, sagte er und verschwand. »Danke!«, rief Raymond ihm nach, und dann folgten sie dem Angestellten quer durch die Lobby und an einem uniformierten Posten vorbei zum Hinterausgang, der auf eine Straße führte, die, bereits von Ordnungskräften abgesperrt war. »Vielen Dank«, sagte Raymond mit breitem Akzent. Und damit traten er und Josef Speer in den grellen kalifornischen Sonnenschein hinaus und machten sich unbehelligt auf den Weg zu Charles Baileys Mietwagen, der zwei Blocks entfernt parkte, mit der Leiche des Vertreters aus New Jersey im Kofferraum. 11.30 Uhr., Orange Grove Boulevard 612, Pasadena, Kalifornien, 12.10 Uhr Dr. Janet Flannery war um die sechzig und hatte gut fünf Kilo Untergewicht. Ihr Haar war ein Mix aus Schwarz und Grau und kurz geschnitten, aber ohne Pfiff. Dasselbe galt für ihre Kleidung, einen beigefarbenen Hosenanzug von der Stange und eine etwas hellere Bluse, die ihr leidlich gut standen. Ebenso schlicht war die Einrichtung ihres kleinen Sprechzimmers, bestehend aus Couchtisch, Sofa und zwei Sesseln. Der Gedanke dabei war natürlich, dass sich alles der Zweckmäßigkeit unterzu- ordnen habe. Im Sprechzimmer eines Psychiaters stand der Patient im Mittelpunkt, nicht der Therapeut oder das Ambiente. »Sie wollen also Ihr Leben ändern und aus Los Angeles wegziehen.« Dr. Flannery faltete die Hände im Schoß und betrachtete John Barron, der ihr gegenüber auf der Couch saß. »Nicht nur aus L. A., aus Kalifornien«, erwiderte Barron, das Surren des kleinen Ventilators übertönend, der hinter ihm auf dem Boden stand und, wie er wusste, verhindern sollte, dass Gespräche zwischen Arzt und Patient in der Nachbarpraxis oder draußen im Wartezimmer mitgehört wurden. »Und zwar so bald wie möglich.« Barron legte die Finger aneinander. Das Gespräch in Red McClatchys Büro hatte seinen Abscheu nur vergrößert und ihn trotz McClatchys unverhohlener Drohung in seinem Vorhaben noch bestärkt, so bald wie möglich mit Rebecca fortzugehen. »Ich muss Sie daran erinnern, dass Ihre Schwester sich in ihrer jetzigen Umgebung gut eingelebt hat und wohl fühlt. Gibt es, denn gar keine andere Möglichkeit?« »Nein.« Barron hatte sich für seinen plötzlichen Entschluss, Rebecca unverzüglich aus St. Francis herauszuholen und mit ihr weit wegzuziehen, eine Begründung zurechtgelegt. »Haben Sie gehört, was gestern in dem Zug aus Chicago passiert ist?« Dr. Flannery nickte. »Sie waren dabei.« »Ja, von Anfang bis Ende. Ich spiele schon seit geraumer Zeit mit dem Gedanken, mich beruflich zu verändern. Der gestrige Tag war gewissermaßen der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Ich werde den Dienst in L. A. so bald wie möglich quittieren. Aber bevor ich es jemandem sage oder etwas unternehme, möchte ich einen neuen Therapieplatz für Rebecca.« Er zögerte. Er wollte vorsichtig zu Werke gehen und nicht noch mehr über sich preisgeben. »Wie ich am Telefon schon sagte, die Sache ist streng vertraulich und muss unter uns bleiben. Wenn mit Rebecca alles klar ist, spreche ich mit meinen Vorgesetzten.« Eine halbe Stunde zuvor hatte er kurz entschlossen etwas getan, was er sich niemals zugetraut hätte: Er hatte den Bericht über Donlans »Selbstmord« geschrieben, wie von Red verlangt, und seine Unterschrift darunter gesetzt. Gleich danach hatte er das Parker Center in der festen Überzeugung verlassen, dass er es hatte tun müssen, auch wenn er sich damit schuldig machte und einen Mord deckte, den die Polizei von Los Angeles begangen hatte. Er musste sich vor der 5-2 schützen, solange Rebecca auf den Umzug vorbereitet wurde und er noch keinen neuen Platz für sie hatte. Doch sobald sie bereit war und Dr. Flannery eine Einrichtung für sie gefunden hatte, würde er seinen Mustang voll packen, den Vermieter anrufen und das Haus kündigen, sich dann krankmelden, losfahren und McClatchy von irgendwo unterwegs die offizielle Kündigung schicken. Sein Plan war, einfach zu verschwinden. Er hatte so viel Geld auf der hohen Kante, dass sie fast ein Jahr davon leben konnten., Sie waren noch jung. Sie würden einfach ihre Namen ändern und noch einmal von vorn anfangen. Das erschien ihm vernünftig und machbar. Und er bezweifelte, dass Red oder einer der anderen Zeit oder Geld darauf verwenden würde, einen Mann aufzuspüren und zum Schweigen zu bringen, der ohnehin den Mund hielt. Doch bis es so weit war, musste er gute Miene zum bösen Spiel machen, weiter seiner Arbeit nachgehen und so tun, als habe er Reds Worte beherzigt und die feste Absicht, sein Versprechen zu erfüllen und der Squad bis zur Pensionierung die Treue zu halten. Dr. Flannery musterte ihn lange schweigend. »Wenn Sie es so wünschen, will ich sehen, was ich tun kann.« »Haben Sie eine Vorstellung, wie lange es dauern wird?« »Nein, bedaure, nicht in Rebeccas momentaner Verfassung. Das wird einige Sitzungen erfordern.« »In Ordnung.« Barron nickte dankbar und stand auf. »Vielen Dank.« So schnell er auch fort wollte, so war ihm doch klar, dass sich das Problem mit Rebecca nicht an einem Tag lösen ließ, möglicherweise nicht einmal in einer Woche. Damit musste er sich abfinden. Er wandte sich zur Tür, in Gedanken noch ganz bei Rebecca und Dr. Flannery, als das Piepsen seines Handys ihn zusammenzucken ließ. »Verzeihen Sie«, sagte er und zog das Telefon aus der Tasche. »Barron«, meldete er sich mechanisch. »Was?«, fragte er scharf und wie umgewandelt. »Wo?«, MacArthur Park, 12.40 Uhr Barrons Mustang rumpelte über den Bordstein, rollte aufs Gras und stoppte neben Reds Ford. Hinter ihm hatten vier Streifenwagen eine Absperrung gebildet, und dahinter wiederum hielten uniformierte Beamte eine wachsende Menge von Schaulustigen in Schach. Barron sprang aus dem Wagen und eilte zu einem dichten Gebüsch am Wasser. Schon von weitem sah er Red und zwei Uniformierte, die etwas abseits standen und einen zerlumpten Obdachlosen mit einem Rattennest von Haarschopf vernahmen. Als er das Gebüsch erreichte, trat Halliday, Gummihandschuhe abstreifend, zwischen den Sträuchern hervor. »Männlicher Weißer«, sagte Halliday. »Lila gefärbtes Haar. Drei Schüsse aus nächster Nähe ins Gesicht. Keine Kleider, keine Papiere. Nichts. Wenn der Mann nicht als vermisst gemeldet wird und seine Fingerabdrücke nichts ergeben, kann es verdammt lang dauern, bis wir herausbekommen, wer er ist. Sieh ihn dir selbst an.« Red ließ die Uniformierten stehen und kam auf sie zu. Barron schlüpfte in das Gebüsch, aus dem Halliday aufgetaucht war. Das Opfer lag seitlich auf der Erde, nur mit Socken und Unterwäsche bekleidet. Ein Großteil des Kopfes fehlte, aber es war noch genug da, um zu erkennen, dass das Haar lila gefärbt war. Barron kehrte zu Halliday und Red zurück. »Wie alt dürfte er sein? Einundzwanzig, zweiundzwanzig?«, fragte er. »Gepflegte saubere Fingernägel. Ein Penner war das nicht. Sieht so aus, als hätte es jemand auf seine Klamotten, abgesehen.« »Wann ist es passiert?«, fragte Red und sah Halliday an. »Vor einer halben, höchstens einer Stunde. Was spricht er?« Halliday deutete auf den Obdachlosen, der noch von den Uniformierten befragt wurde. »Nicht viel. Er musste mal und hätte fast auf die Leiche gepinkelt. Hat einen Mordsschreck gekriegt und losgebrüllt.« Mittlerweile waren die Leute von der Spurensicherung eingetroffen. Die drei Detectivs machten Platz, damit sie die Umgebung unter die Lupe nehmen konnten. »Halb nackt, wie die Hilfssheriffs im Aufzug im Kriminal- gericht.« Red sah den Spurensuchern bei der Arbeit zu. Barron hatte ihn noch nie so zornig und angespannt erlebt. »Sie glauben also, dass es Raymond war«, sagte Halliday, als der erste Schwung Reporter auf sie zukam, wie üblich mit Dan Ford vorneweg. »Ja, ich glaube, er war es.« »Commander«, sagte Dan Ford zu Red. »Wie wir hören, ist hier ein junger Mann umgebracht worden. Hat Raymond Thorne etwas mit der Sache zu tun?« »Hören Sie, Dan …«, erwiderte Red, sah Ford an und streifte die anderen Reporter mit einem Blick. »Ich schlage vor, Sie und Ihre Kollegen reden mit Detective Barron. Er kann Ihnen über den Stand der Ermittlungen ebenso gut Auskunft geben wie einer von uns.« Er gab Halliday ein Zeichen und ging mit ihm davon. Barron blickte ihm nach. Das war also Reds Art, ihm zu zeigen, dass er wieder in seiner Gunst stand. Er hatte den Donlan-Bericht geschrieben und damit den Riss zwischen ihnen gekittet. Und er hatte sich an die Regeln gehalten – löse alle Meinungs- verschiedenheiten innerhalb der Squad. »Habt ihr Raymond im Verdacht, John?«, fragte Ford, hinter, dem noch mehr Reporter herbeiströmten. Videokameras surrten, Mikrofone reckten sich Barron entgegen. Drüben auf dem Parkplatz fuhr ein zweiter Ford vor. Die Türen schwangen auf, und Valparaiso und Polchak stiegen aus. Sie wechselten ein paar Worte mit Red und Halliday und gingen dann über den Rasen, wo die Uniformierten noch immer den Penner vernahmen, zu dem Gebüsch, in dem die Spurensicherung die Leiche untersuchte. »Wer ist der Tote?«, rief jemand aus der Menge. Barron wandte sich ihm zu. »Wir wissen es nicht. Wir können nur sagen, dass es sich um einen Weißen handelt, um die zwanzig. Der Täter hat ihm mehrmals ins Gesicht geschossen.« Und in einer Aufwallung von Zorn fügte er scharf hinzu. »Ja, wir verdächtigen Raymond Thorne. Er ist der Hauptverdächtige.« »Ist das Opfer identifiziert?«, rief ein Reporter. »Haben Sie denn nicht gehört, was ich gesagt habe?«, brauste Barron auf. Er war immer noch wütend und gereizt. Zuerst hatte er gedacht, Red sei der Grund, Red und seine simple Art, ihn für sein Wohlverhalten zu belohnen und in der Squad wieder willkommen zu heißen. Doch wie er jetzt vor Dan Ford und den anderen Reportern stand und in ihre Kameras und Mikrofone sprach, da begriff er, dass Red nur ein Teil des Problems war. Das eigentliche Problem war er selbst, weil ihm das alles so nahe ging, der kaltblütige Mord an Donlan, der tote Junge im Gebüsch, der Gedanke an die Eltern des Jungen, die über sein schreckliches Ende nie hinwegkommen würden. Weil er an die Menschen dachte, die im Gericht getötet worden waren, an ihre Kinder und Angehörigen. Und weil er nach all den Jahren den Mord an seinen eigenen Eltern nicht vergessen konnte. Aber da war noch etwas anderes. Etwas, das ihm plötzlich bewusst wurde, als er hier in Smog und Mittagshitze stand und auf die Reporterschar und ihre elektronische Ausrüstung blickte: Die, Sache mit Raymond war sein Fehler. Er hatte ihn eingebuchtet, er hatte sich von ihm im Parker Center an der Nase herumführen lassen – als hätte Raymond die ganze Zeit gewusst, was mit Donlan geschehen war. Er hatte sich von ihm provozieren lassen, seine innersten Gefühle preisgegeben und ihm so den Beweis geliefert, dass sein Verdacht stimmte. Spätestens da hätte er die Gerissenheit und Gefährlichkeit Raymonds erkennen und etwas unternehmen müssen. Zumindest hätte er die beiden Hilfssheriffs vor ihm warnen und zu besonderer Wachsamkeit anhalten sollen. Doch er hatte es nicht getan und sich stattdessen von Raymond provozieren lassen und ihm alles verraten, was er wissen wollte. Unvermittelt wandte er sich an Ford. »Dan, ich möchte dich um einen Gefallen bitten. Bringt Raymonds Foto auf der Titelseite der Times. So groß wie möglich. Geht das?« »Ich glaub schon.« Ford nickte. Dann wandte er sich an die anderen. »Es ist schon das zweite Mal heute, dass wir die Öffentlichkeit um Mithilfe bei der Suche nach Raymond Thorne bitten. Wir möchten, dass sein Foto weiter in jeder Nachrichtensendung gezeigt wird, verbunden mit der dringenden Bitte, umgehend die Polizei zu verständigen, wenn ihn jemand sieht oder gesehen zu haben glaubt. Raymond Thorne ist hoch gefährlich. Er besitzt eine Schusswaffe und macht rücksichtslos von ihr Gebrauch.« Barron hielt kurz inne, als der Leichenwagen des Coroners an den Streifenwagen vorbei auf den Rasen rollte und vor dem Gebüsch anhielt, in dem der Tote lag. Dann widmete er sich wieder den Reportern und blickte direkt in die Kameras. »Ich möchte auch ein Wort an Sie richten, Raymond, vielleicht sehen Sie ja zu.« Er hielt abermals inne, und als er weitersprach, tat er es mit derselben gespielten Anteilnahme, die Raymond tags zuvor im Parker Center ihm gegenüber an den Tag gelegt hatte., »Mich würde interessieren, wie es Ihnen geht, Raymond. Sind Sie in Ordnung? Sie können die 911 anrufen wie jeder andere. Fragen Sie einfach nach mir. Sie kennen ja meinen Namen, Detective John Barron, Squat 5-2. Ich werde persönlich erscheinen und Sie holen, wo immer Sie sind. Auf diese Weise kommt niemand anders zu Schaden.« Und nach einer erneuten kurzen Pause fügte er ruhig hinzu: »Es wäre für alle Beteiligten das Beste, Raymond. Vor allem für Sie. Wir sind neun Millionen, und Sie sind ganz allein. Da können Sie sich Ihre Chancen an fünf Fingern ausrechnen.« Mit einem »Das wäre alles« ging er hinüber zu Polchak und Valparaiso, die gerade mit dem Leiter der Spurensicherung sprachen. Er wusste nicht, ob seine Rede vor den Kameras und sein Appell an die Bevölkerung etwas bewirkten, aber so viel war sicher: Er hatte Raymond soeben persönlich den Krieg erklärt., Beverly Hills, 13 Uhr Raymond parkte Charles Baileys Wagen im South Splading Drive vor der Hausnummer 200 und in Sichtweite der Beverly Hills Highschool, nahm die zweite Beretta aus Charlies Aktenkoffer und steckte sie, als Ersatz für die Beretta in seinem Hosenbund, in Josef Speers Rucksack. Dann nahm er den Rucksack, stieg aus, schloss den Wagen ab und machte sich zu Fuß auf den Weg. Er nickte den beiden Frauen, die an der Ecke plauderten, freundlich zu, dann bog er in den Gregory Way ein und ging weiter in Richtung Linden Drive. Er war nicht mehr der Geschäftsmann mit den angeklatschten Haaren, sondern trug jetzt Speers Jeansanzug und T-Shirt, dazu seinen Rucksack und eine Baseballmütze der LA Dodgers, die er sich über das frisch gefärbte lila Haar gestülpt hatte. Er sah aus wie ein x-beliebiger junger Mann Anfang bis Mitte Zwanzig, der durch eine gediegene Wohngegend mit gepflegten Rasenflächen schlenderte. Er bog links in den Linden Drive ein und hielt nach der Nummer 225 Ausschau, das Apartmenthaus, in dem Alfred Neuss wohnte und in das er seit siebenundzwanzig Jahren Woche für Woche an jedem Werktag Punkt 13.15 Uhr zu Fuß zurückzukehren pflegte, um dort seinen Lunch einzunehmen. Von seinem exklusiven Juwelierladen am Brighton Way bis hierher brauchte er exakt sieben Minuten. Raymond hatte sich dagegen abgesichert, dass Neuss seine Gewohnheiten in letzter Minute änderte, und dabei denselben Trick angewendet wie schon in der Vorwoche in San Francisco, Mexico City und Chicago. Er hatte seine Opfer einfach vorher unter falschem, Namen angerufen, ihnen eine glaubhafte Geschichte aufgetischt und sich mit ihnen verabredet. Genauso war er mit Neuss verfahren. Er hatte ihn unter dem Namen Will Tilden, Pferdezüchter aus Kentucky, angerufen und ihm mit dem Akzent eines Mannes aus dem Mittleren Westen erklärt, dass er von dem ausgezeichneten Ruf seines Ladens gehört habe und einen Besuch in der Stadt dazu nutzen wolle, seiner Frau ein teures Diamantkollier zu kaufen. Neuss machte nur zu gern einen Termin und verabredete sich mit ihm für den folgenden Montag, vierzehn Uhr, was es ihm erlaubte, an seinen Gewohnheiten festzuhalten. Der Eissturm zwang Raymond, mit der langsameren Eisenbahn zu fahren, doch er rief Neuss von unterwegs an und verschob den Termin auf Dienstag. Durch sein Nichterscheinen hatte er Neuss bestimmt verärgert, doch das war nicht zu ändern. Aber wenn Neuss am Montag und Dienstag in der Stadt gewesen war und in all den Jahren streng an seiner Sechstagewoche festgehalten hatte, so bestand kein Grund zu der Annahme, dass er ausgerechnet jetzt mit seiner alten Gewohnheit brach. Hatte Neuss einen krankhaften Hang zur Pünktlichkeit, so besaß Raymond perfektes Timing und handelte mit nahezu militärischer Präzision. Um 11.42 Uhr hatte er Josef Speer im MacArthur Park getötet und dessen Kleidung und Rucksack an sich genommen. Um 11.47 Uhr ging er in die Herrentoilette einer Tankstelle an der 9. Straße in Koreatown und zog Baileys Straßenanzug aus und Speers Jeansanzug an, wobei er feststellte, dass die Jackenärmel etwas zu lang waren, was aber nicht auffiel, wenn er sie umschlug. Punkt zwölf stopfte er den Anzug des Vertreters nebst Kreditkarten und Führerschein, für die er nun keine Verwendung mehr hatte, in eine Mülltonne neben der Tankstelle und stieg wieder in den Wagen. Um 12.10 Uhr fand er in einer Einkaufsstraße am Wilshire Boulevard östlich von Beverly Hills, was er suchte: Snip & Shear, einen Friseurladen. Ein großes, handgeschriebenes Schild im, Schaufenster war ihm ins Auge gesprungen: Jede Haarfarbe Ihrer Wahl in 30 Minuten! Um 12.45 Uhr verließ er den Laden wieder, die Haare lila gefärbt, dieselbe Frisur wie Speer. Um 12.48 Uhr schließlich war er in derselben Straße aus einem Sportgeschäft getreten, auf dem Kopf die Mütze mit dem Schriftzug der LA Dodgers, die er jetzt trug. 13.08 Uhr. Er blieb vor der Nummer 225 im Linden Drive stehen, einem zweistöckigen Apartmenthaus, dessen Eingang eine große prächtige Palme zierte. Eine Kreditkarte aus Josef Speers Brieftasche glitt in das Schloss der schmiedeeisernen Tür, und er war drin. 13.10 Uhr. Er erklomm die letzten Stufen zur Wohnung des Juweliers in der obersten Etage. Auf der überdachten Terrasse davor standen mehrere Pflanzenkübel mit geometrisch gestutzten Steineiben, ein Weißblechtisch und zwei passende Stühle. Direkt gegenüber war die Fahrstuhltür. Aufzug und Treppe führten auf die Terrasse, daher spielte es keine Rolle, was Neuss benutzte. Ver- mutlich den Aufzug. Der Mann war dreiundsechzig Jahre alt. 13.12 Uhr. Raymond setzte den Rucksack ab und entnahm ihm ein kleines Handtuch, das er im Friseurladen gekauft hatte. Er zog die Beretta aus dem Hosenbund und wickelte das Handtuch als provisorischen Schalldämpfer darum. Dann schulterte er den Rucksack wieder, trat hinter die Topfpflanzen und wartete. Die Lufthansa-Maschine des Flugs 453 startete um 21.45 Uhr am Los Angeles International Airport (LAX) und landete am nächsten Tag um 17.30 Uhr in Frankfurt am Main. In der, Touristenklasse war für Josef Speer ein Platz reserviert. Raymond hatte die Reservierung auf der Fahrt vom MacArthur Park nach Beverly Hills telefonisch mit Charles Baileys Handy vorgenommen. Frankfurt war der größte internationale Flughafen in Deutschland und somit ein unverdächtiges Reiseziel für einen heimkehrenden deutschen Studenten. Außerdem konnte er von dort, wenn er Neuss den Bankschlüssel abgenommen und von ihm erfahren hatte, wo sich die Bank befand, in die betreffende Stadt fliegen und am nächsten Morgen, Freitag, in die Bank gehen, das Tresorfach öffnen, den Inhalt an sich nehmen und nach London weiterfliegen, aller- dings nicht nach Heathrow, sondern zum Gatwick Airport, wo er als EU-Bürger keiner genauen Passkontrolle unterzogen wurde. Insofern war es egal, dass die Polizei im Besitz seiner Tasche mit dem Erste-Klasse-Ticket für den British-Airways-Flug nach London/Heathrow war. Selbst wenn sie die London Metropolitan Police alarmiert hatte, würde sich die Suche nach ihm auf Heathrow und Flüge aus den USA beschränken. War er erst einmal in Gatwick gelandet, brauchte er mit dem Zug nur dreißig Minuten bis zur Victoria Station und von dort nur ein paar Minuten mit dem Taxi zum Connaught Hotel, wo ihn die Baronesse mit offenen Armen empfangen würde. 13.14 Uhr. Noch sechzig Sekunden, und der hyperpünktliche Neuss würde da sein. Dann weitere fünf Sekunden, und er würde der Baronesse das geforderte Geschenk zu Füßen legen. 13.15 Uhr. Niemand. Nichts. Raymond holte Luft. Vielleicht hatte Neuss an einer roten Ampel warten müssen. Oder es hatte im Laden ein Problem gegeben. Oder er war unterwegs stehen geblieben und sprach, mit jemandem. 13.16 Uhr. Noch immer niemand. 13.17 Uhr. Nichts. 13.20 Uhr. Wo blieb er? Was tat er? Hatte er überraschend Besuch von einem alten Freund bekommen und widerwillig eine Einladung zum Lunch angenommen? Hatte er vielleicht einen Unfall gehabt? Die erste Möglichkeit konnte er ausschließen. Während der Arbeitszeit ging Neuss niemals aus. Ein Unfall hingegen war immer möglich, wenn auch sehr unwahrscheinlich, denn der Juwelier hatte nicht nur eine krankhafte Neigung zur Pünktlichkeit, sondern auch eine neurotische Angst vor Krankheit und Verletzung. Er sah viermal hin, ehe er zu Fuß eine Straße überquerte oder mit dem Wagen über eine Kreuzung fuhr. Nein, es gab nur eines, was ihn aufgehalten haben konnte. Geschäfte. Es waren immer Geschäfte. Das bedeutete, er war noch in seinem Laden. Da gab es nur eine Lösung: Er musste hin, eine günstige Gelegenheit abpassen und dann tun, was getan werden musste., Parker Center, 13.25 Uhr »Gut, er hat den Jungen wegen der Klamotten umgebracht. Aber warum hat er ihm ins Gesicht geschossen?« »Vielleicht weil er nervös war.« »Oder aus einem anderen Grund.« »Du glaubst also immer noch, dass es Raymond war.« »Ja.« Barron stand mit Halliday und Valparaiso vor den Pinkelbecken in der Herrentoilette, einer so frustriert wie der andere. Obwohl sie sich voll auf den Fall konzentrierten und sich ein Großteil der neuntausend vereidigten Polizisten des Department auf die eine oder andere Weise an der Suche nach Raymond beteiligte, war es ihnen noch nicht gelungen, ihn zu fassen. Ja, sie hatten nicht einmal die leiseste Ahnung, wo er stecken könnte. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Spezialisten von der Passabteilung im State Department hatten mit Hilfe des TECS-II-Systems, das Datenstationen von Polizeibehörden im ganzen Land mit einem Zentralrechner im Finanzministerium (und damit im Justizministerium) verband, die Daten auf dem Magnetstreifen von Raymonds Reisepass ausgelesen. Das Ergebnis wurde von der Einwanderungs- und Einbürgerungsbehörde INS bestätigt: Der Pass selbst war gültig und zwei Jahre zuvor vom Passamt Los Angeles im Federal Building in Westwood ausgestellt worden. Laut Unterlagen war Raymond Oliver Thorne (Geburtsname: Rakoczi Obude Thokoly) 1969 im ungarischen Budapest geboren und 1987 in den USA eingebürgert worden. Das Problem war nur: Die INS hatte über Raymond nichts in den Akten, obwohl er beim, Passamt eine Einbürgerungsbescheinigung der Behörde hätte vorlegen müssen. Zudem entpuppte sich die Adresse, die er beim Passamt angegeben hatte, als Postfachadresse einer privaten Postfachfirma im kalifornischen Burbank, und die Adresse, die er der Firma als Wohnsitz genannt hatte, gab es nicht. Sie hatten also einen Pass, dessen Gültigkeit sich durch nichts bestätigen ließ. Allerdings gab der Pass Aufschluss über die jüngsten Aktivitäten seines Inhabers. Er lieferte den Beweis, dass er am Samstag, dem 9. März, von Mexico City nach Dallas, Texas, und am Freitag, dem 8. März, von San Francisco nach Mexico City gereist war. Die Polizei in Chicago hatte Raymonds Fingerabdrücke und Personalien überprüft. Es lag nichts gegen ihn vor. Aber da war immer noch der ungeklärte Doppelmord in dem Schneiderladen, und der Bericht über den ballistischen Test mit der Ruger aus Raymonds Reisetasche war noch nicht eingetroffen. Sie hatten also einen »gültigen« Pass, der ungültig war, und eine mögliche Mordanklage gegen Raymond in Chicago. Sie hatten den Vorfall in Chicago weiterverfolgt und bei den Polizeibehörden in Dallas, Mexico City und San Francisco nachgefragt, ob Raymond Oliver Thorne während seines Aufenthalts in der Stadt in irgendeiner Form aufgefallen war. Barron zog weitere Erkundigungen ein. Zum einen ließ er durch den FBI-Agenten Pete Noonan, mit dem er seit vielen Jahren beim YMCA Hollywood Sport trieb und Racketball spielte, Raymonds Polizeifoto und Fingerabdrücke mit FBI-Daten über flüchtige Straftäter vergleichen, auf die seine Beschreibung zutraf. Zum anderen ersuchte er INTERPOL Washington, im Ausland ähnliche Auskünfte einzuholen. Dies alles war gut gemeinte, professionelle Polizeiarbeit. Nur leider half sie ihnen jetzt und hier keinen Schritt weiter. Raymond war noch irgendwo in L.A., und niemand konnte ihn finden. Wasser rauschte, als Barron spülte und zum Waschbecken, ging, um sich die Hände zu waschen. Obwohl er Raymond in aller Öffentlichkeit herausgefordert hatte und das verzweifelte Verlangen verspürte, den Dienst bei der 5-2 zu quittieren und L.A. zu verlassen, ließ ihm eine andere Sache keine Ruhe mehr: Raymond musste unbedingt aus dem Verkehr gezogen werden, das war klar. Doch ebenso klar war, dass die Squad ihn liquidieren würde, falls er ihr und keiner anderen Einheit der neuntausend Mann starken Polizeitruppe von L.A. in die Hände fiel. Und wieder würde er dabei und darin verwickelt sein. Aber so sehr ihn dieser Gedanke auch entsetzte, etwas anderes war noch schlimmer. Dieser Raymond schien so brutal und grausam zu sein, dass er allmählich selbst zu der Ansicht neigte, es sei entschuldbar, ja sogar richtig, dafür zu sorgen, dass er nie wieder Gelegenheit zum Morden bekam. Er erschrak über sich selbst, wenn er solche Überlegungen anstellte, denn es führte ihm vor Augen, wie leicht man abstumpfen und wie die anderen werden konnte. Er durfte nicht darüber nachdenken. Er durfte solche Gedanken gar nicht erst aufkommen lassen. Rasch trocknete er sich die Hände ab und marschierte zur Tür, in Gedanken wieder ganz bei dem toten Jungen im Park. Plötzlich ging ihm ein Licht auf. »Zeit, Herrgott noch mal! Er will Zeit gewinnen!« Er drehte sich zu Halliday und Valparaiso um. »Mehrere Schüsse ins Gesicht verhindern eine rasche Identifizierung. Deshalb hat Raymond es getan, und deshalb hat er sich ihn herausgepickt. Sie sind etwa gleich alt, haben ungefähr die gleiche Statur, und der Junge war nicht arm. Raymond konnte sich ausrechnen, dass er Papiere, Geld und Kreditkarten besaß. Er hatte es nicht nur auf die Klamotten abgesehen, sondern auch auf alles andere. Er wird versuchen, sich als das Opfer auszugeben.« Barron stieß die Tür auf und trat auf den neonbeleuchteten Korridor. Halliday und Valparaiso folgten dicht hinter ihm. »Wir suchen einen Typ mit lila Haaren, der versucht, möglichst schnell aus der Stadt zu verschwinden, vielleicht, sogar ins Ausland! Wir müssen herausfinden, wer der Junge war, dann haben wir Raymond, wenn er irgendwo seinen Führerschein vorlegt oder mit einer Kreditkarte bezahlen will.«, Beverly Hills, 13.30 Uhr Raymond ging zügig durch den eleganten Brighton Way, vorbei an exklusiven Geschäften und über blitzblanke Bürgersteige. Ein Rolls-Royce glitt vorbei, dann eine Stretchlimousine mit dunkel getönten Scheiben. Und dann war er am Ziel. Alfred Neuss, Juwelier. Davor parkte in zweiter Reihe ein funkelnder schwarzer Mercedes, neben dem ein Chauffeur in schwarzem Anzug stand. Seine Vermutung war also richtig gewesen. Neuss hatte geschäftlich zu tun. Er rückte den Rucksack zurecht, dann öffnete er, den Druck der Beretta unter der Jacke spürend, die Tür aus poliertem Mahagoni und Messing und trat ein, eine Erklärung parat, was ein junger Jeansträger mit lila Haaren und LA-Dodgers-Mütze in einem so schicken und sündhaft teuren Laden zu suchen hatte. Seine Füße versanken im dicken Teppich, und die Tür schnappte hinter ihm zu. In der Erwartung, Neuss zu sehen, wie er gerade den Besitzer des Mercedes bediente, schaute er auf – und erblickte eine sehr gut gekleidete Verkäuferin in reiferem Alter. Der Kunde, vielmehr die Kundin, war eine junge, umwerfend aussehende Blondine in einem kurzen, freizügigen Kleid. Er hatte das Gefühl, sie vom Film zu kennen. Doch das war ebenso unwichtig wie die Geschichte, die er sich ausgedacht hatte, um sein Kommen zu erklären. Denn in dem Augenblick, als er nach Alfred Neuss fragte, wurde sein ganzer Plan hinfällig. »Mr. Neuss«, beschied ihn die Verkäuferin mit einer Arroganz, die er nicht einmal von den superreichen Freunden, der Baronesse kannte, »ist verreist.« »Verreist?« Er war völlig verdutzt. Dass Neuss fort sein könnte, hatte er nie in Betracht gezogen. »Wann kommt er zurück?« »Das entzieht sich meiner Kenntnis.« Sie straffte die Schultern und funkelte ihn an. »Mr. Neuss und seine Gemahlin weilen in London.« London! Raymond spürte das Pflaster unter seinen Füßen, als die Ladentür hinter ihm zufiel. Er war wie vor den Kopf geschlagen, außer sich über seine eigene Torheit. Neuss konnte nur aus einem einzigen Grund nach London gereist sein: Er hatte von den Morden in Chicago, vielleicht auch von den anderen erfahren und war geflüchtet, und nicht nur um sich in Sicherheit zu bringen, sondern auch, um sich mit Kitner zu beraten. Wenn dem so war, würden sie höchstwahrscheinlich die Bank aufsuchen und das Tresorfach leeren. Und dann wäre alles, was er und die Baronesse geplant hatten … »Raymond.« Plötzlich hörte er eine vertraute Stimme seinen Namen sagen und erstarrte. Er stand neben einer Pizzeria. Die Tür war offen, und mehrere Gäste umlagerten einen Fernseher mit Großbildschirm. Er trat ein, blieb aber am Eingang stehen. Die Leute sahen sich die Nachrichten an. Im Moment lief die Aufzeichnung eines Interviews mit John Barron. Er stand im MacArthur Park vor dem Gebüsch, in dem er Josef Speer umgebracht hatte. »Mich würde interessieren, wie es Ihnen geht, Raymond. Sind Sie in Ordnung?« Barron blickte direkt in die Kamera und verhöhnte ihn mit derselben gespielten Anteilnahme, die er selbst keine vierundzwanzig Stunden zuvor im Parker Center ihm gegenüber geheuchelt hatte. »Sie können die 911 anrufen wie jeder andere. Fragen Sie einfach nach mir. Sie kennen ja meinen Namen, Detective John, Barron, Squat 5-2. Ich werde persönlich erscheinen und Sie holen, wo immer Sie sind. Auf diese Weise kommt niemand anders zu Schaden.« Raymond trat näher, ärgerlich über Barrons Spott, doch zugleich auch überrascht, dass sie Speers Leiche so schnell gefunden und gleich begriffen hatten, wer der Täter war. Auf einmal fühlte er sich beobachtet und wandte den Kopf nach links. Ein Mädchen im Teenageralter sah ihn an. Als ihre Blicke sich trafen, schaute sie weg und rückte näher an den Fernseher, wie um sich die Bilder aus nächster Nähe anzusehen. In diesem Moment verschwand Barron vom Bildschirm, und das Foto erschien, das die Polizei von ihm gemacht hatte. Er sah sich selbst von vorn und dann von der Seite. Dann sprang das Bild wieder zurück in den Park zu Barron. Der Spott war aus seiner Miene verschwunden, er war todernst. »Wir sind neun Millionen, und Sie sind ganz allein. Da können Sie sich Ihre Chancen an fünf Fingern ausrechnen.« Wieder wurde sein Polizeifoto eingeblendet. Das Mädchen blickte sich nach ihm um. Er war fort. 13.52 Uhr., 14 Uhr In einem Zustand großer Erregung überquerte Raymond den Wilshire Boulevard. Er ärgerte sich über sich selbst, weil er wie selbstverständlich davon ausgegangen war, dass er Alfred Neuss antreffen würde. Neuss befand sich in London, und John Barron verhöhnte ihn. Und was die Sache noch heikler machte, war die Tüchtigkeit der Polizei. Sie arbeitete unglaublich schnell und war ihm hart auf den Fersen. Er musste unverzüglich das Land verlassen, noch heute Nacht, so wie er es geplant hatte. Und er musste die Baronesse informieren. Im Schatten einer großen, ausladenden Palme blieb er stehen und zog Charles Baileys Handy aus dem Rucksack. Er be- helligte die Baronesse nur sehr ungern mit weiteren schlechten Neuigkeiten, doch er hatte keine Wahl, sie musste es erfahren. Er begann, ihre Nummer zu wählen, und hielt sofort inne. In Beverly Hills war es zwei Uhr nachmittags, in London zehn Uhr abends, und die Baronesse weilte noch in Downing Street 10 bei dem Dinner, das der britische Premier für den Moskauer Bürgermeister und den russischen Verteidigungsminister gab. Dort konnte er sie nicht anrufen. Er wählte Jacques Bertrands Nummer. In Zürich war es jetzt dreiundzwanzig Uhr. Wenn der Anwalt schon schlief, hatte er eben Pech gehabt. Es klingelte, und Bertrand meldete sich, hellwach. »Wir haben ein neues Problem«, begann Raymond auf Französisch. »Neuss ist nicht hier. Er ist nach London geflogen.« »Nach London?«, fragte Bertrand., »Ja, und wahrscheinlich ist er bei Kitner.« »Haben Sie den …?« »Nein, ich habe weder den Schlüssel noch die Information.« Raymond trat aus dem Schatten der Palme und ging, an der Wohnung des Juweliers vorbei, zurück zum Linden Drive, ein ganz normaler Fußgänger, der in ein Handy sprach. »Mein Foto war im Fernsehen zu sehen. Die Polizei ist überall. Ich habe einen gestohlenen Pass und ein Lufthansa-Ticket für heute Abend, Flug 453 nach Frankfurt. Ich nehme an, Sie haben in Sachen Privatjet und Pass alle Hebel in Bewegung gesetzt.« »Ja.« »Blasen Sie die Sache ab.« »Sind Sie sicher?« »Ja. Das Risiko ist zu groß, dass später alles ans Licht kommt. Es lohnt sich nicht. Nicht jetzt.« »Sind Sie sicher?«, fragte Bertrand noch einmal. »Ja, verdammt. Sagen Sie der Baronesse, dass ich untröstlich bin, aber so liegen die Dinge nun mal. Wir werden uns neu formieren und von vorn anfangen müssen. Das Handy werfe ich weg, damit man meinen Anruf nicht bis zu Ihnen verfolgen kann, falls man mich festnimmt. Sie und die Baronesse werden also keine Möglichkeit mehr haben, Kontakt mit mir aufzunehmen. Ich melde mich, sobald ich in Frankfurt bin.« Raymond schaltete ab, bog in den Gregory Way ein und ging in Richtung Spaulding Drive, wo er den Wagen geparkt hatte. Sein Plan war, zu einem Dauerparkplatz am LAX zu fahren, den Wagen dort abzustellen und den Shuttlebus zum Flughafen zu nehmen. Dort angekommen, musste er darauf vertrauen, dass er seine Rolle überzeugend spielte, das Ticket erhielt, durch die Sicherheitskontrolle kam und dann als Josef Speer an Bord der Lufthansa-Maschine gehen konnte. Er erreichte den Spaulding Drive und bog um die Ecke, blieb, aber abrupt stehen. Zwei Streifenwagen der Polizei von Beverly Hills parkten mit eingeschaltetem Blaulicht am Straßenrand. Er sah Leute auf der Straße und auf den Gehwegen, die beobachteten, wie uniformierte Beamte einen parkenden Wagen untersuchten. Seinen Wagen. Den mit Charles Baileys Leiche im Kofferraum. Daneben sprach eine ältere Frau aufgeregt mit einem der Polizisten. Nur mit Mühe konnte sie die Leine festhalten, an der ein kleiner Hund im Kreis tänzelte und unablässig den Wagen anbellte. Sofort kehrte ein zweiter Polizist zu seinem Streifenwagen zurück, nahm ein Brecheisen heraus und näherte sich wieder Baileys Auto. Er schob das Brecheisen unter das Kofferraumschloss, der Deckel sprang auf. Beim Anblick der Leiche im Kofferraum ging ein Aufschrei durch die Menge. Der Hund kläffte noch lauter, zerrte an der Leine und riss die Frau beinahe um. Raymond verweilte noch einen Moment, machte dann kehrt und ging eilig in die entgegengesetzte Richtung davon, zurück zum Wilshire Boulevard. 14.15 Uhr. Los Angeles, städtisches Leichenschauhaus, zur selben Zeit John Barron stand hinter Grammie Nomura und sah ihr beim Zeichnen zu. Grammie war siebenundsechzig Jahre alt, Amerikanerin japanischer Abstammung, Urgroßmutter, eine perfekte Tänzerin und die Schöpferin einiger der faszinierendsten und originellsten Landschaftsgemälde, die er je gesehen hatte. Außerdem war sie die beste Phantombild- zeichnerin des LAPD, und das seit zwanzig Jahren. In dieser Zeit hatte sie tausend Phantombilder gesuchter Verbrecher und halb so viele Zeichnungen von Vermissten oder Toten angefertigt, die man zu identifizieren versuchte. Jetzt saß sie hier, über dem verstümmelten Ermordeten mit den lila Haaren und versuchte, ihn so zu zeichnen, wie er vor Stunden, als er noch am Leben war, ausgesehen hatte. »Machen Sie zwei, Grammie«, sagte Barron, während sie an der Zeichnung arbeitete, die auf allen lokalen Fernsehkanälen gezeigt werden sollte. »Eine mit lila Haaren und eine ohne. Vielleicht hat er sie sich erst vor ein paar Tagen färben lassen.« Barron sah ihr noch eine Weile zu, wandte sich dann ab und ließ sie in Ruhe arbeiten. Die Identifizierung des Opfers war der Schlüssel. Deswegen drängte er Grammie zur Eile. Solange Raymond frei herumlief, konnte er schalten und walten, wie er wollte, aber Barron war fest entschlossen, seine Kreise zu stören, indem er die Medien auf ihn hetzte. Gleichzeitig arbeitete er mit Nachdruck an der Identifizierung des Toten, damit er aus der anderen Richtung angreifen und sofort losschlagen konnte, wenn sich Raymond für das Opfer ausgab. McClatchy fand Barrons Theorie einleuchtend und hatte umgehend alle Polizeidienststellen in Südkalifornien davor gewarnt, dass der Flüchtige sich möglicherweise die Haare lila gefärbt habe und mit allen Mitteln versuchen werde, die Gegend zu verlassen. Zudem hatte er die Polizeipräsenz auf Flughäfen, Bahnhöfen und Busbahnhöfen verdoppeln und Raymonds Foto an alle Friseursalons verteilen lassen für den Fall, dass er sich die Haare bereits hatte färben lassen oder es noch versuchen sollte. Schließlich hatte er jeden Polizeibezirk zwischen San Francisco und San Diego in knappen Worten aufgefordert, jeden männlichen Weißen zwischen fünfzehn und fünfzig mit lila Haaren anzuhalten und zu überprüfen. »Entschuldigen können Sie sich später«, lautete sein letzter Satz. »Detective«, sagte Grammie Nomura und blickte über ihre Schulter zu Barron. »Dieser Verdächtige, hinter dem Sie her sind … Ich sehe es Ihnen an. An der Art, wie Sie dastehen, wie, Sie hin und her laufen und hoffen, dass ich mich beeile …« »Was sehen Sie mir an?« »Dass Sie ihn schnappen wollen, Sie persönlich.« »Ich möchte, dass er geschnappt wird. Wer ihn schnappt und wie, ist mir egal.« »Dann hören Sie auf meinen Rat. Lassen Sie es dabei, und tun Sie einfach nur Ihre Arbeit. Nehmen Sie die Sache nicht zu persönlich. Es könnte Sie das Leben kosten.« »Ja, Grammie.« Barron schmunzelte. »Nehmen Sie es nicht auf die leichte Schulter, Detective. Ich habe so etwas schon erlebt, und ich bin ein paar Jährchen länger dabei als Sie.« Sie widmete sich wieder ihrer Zeichnung. »Werfen Sie mal einen Blick drauf.« Barron trat hinter sie. Sie gestaltete gerade die Augen, machte sie strahlend und leidenschaftlich und holte den ermordeten Jungen nach und nach ins Leben zurück. Der Anblick gab Barron einen Stich und verstärkte seinen Widerwillen gegen Raymond. Grammie hatte richtig beobachtet, doch ihre Warnung kam zu spät. Ja, er wollte Raymond eigenhändig schnappen. Er nahm die Sache bereits zu persönlich., MacArthur Park, 15.10 Uhr Polchak kauerte im Schatten überhängender Zweige und versuchte, aus der Sache schlau zu werden. Red hockte ein paar Meter vor ihm und untersuchte die Stelle, wo das Opfer gelegen hatte. Der Coroner hatte die Leiche längst weggebracht, und auch die Spurensicherung war schon gegangen. Nur sie beide waren noch geblieben, die erfahrensten Detectives der 5-2, und machten sie noch einmal ein Bild, so wie sie es seit Jahren taten. Alte Spürhunde, die herumschnüffelten und herauszufinden versuchten, was hier geschehen war und wie. Und wohin der Täter anschließend geflüchtet sein konnte. Red stand auf und ging vorsichtig auf die andere Seite. »Keine umgeknickten Sträucher, keine Schleifspuren auf der Erde. Der Junge ist nicht ins Gebüsch gezerrt worden, er ist freiwillig mitgekommen.« »Eine Homosexuellengeschichte?« »Möglich.« Red suchte weiter den Boden ab. In erster Linie hoffte er einen Hinweis darauf zu entdecken, wohin Raymond nach der Tat gegangen war. »Erinnerst du dich an das Taxi? Wir glauben, Raymond sitzt drin, tut er aber nicht. Vielleicht hat der Junge Raymond für schwul gehalten, weil er ihm was vorgemacht hat.« Red sah zu Polchak. »Er steigt in Chicago in den Southwest Chief. Vielleicht hat er die Leute dort ermordet, vielleicht auch nicht. Vielleicht gehörten er und Donlan zusammen, vielleicht nicht. Aber davon mal abgesehen: Er sitzt an einem Dienstagmorgen in einem Zug nach L. A., fahrplanmäßige Ankunft acht Uhr vierzig. Doch er hat ein Flugticket nach London in der Tasche, Abflug Montag, siebzehn Uhr vierzig vom LAX. Wir können also mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass er wegen des Eisregens in Chicago den Zug genommen hat, sonst wäre er schon am Sonntag in der Stadt gewesen. Aber der Tag ist gar nicht so wichtig. Wichtiger ist, dass er unbedingt herkommen wollte, und das mit einem Schießeisen im Gepäck. Wieso?« In diesem Moment klingelte Reds Handy, und er zog es aus seinem Jackett. »McClatchy.« »Hallo, Red, hier spricht G. R.«, antwortete eine fröhliche Stimme. »Amüsiert ihr euch gut?« G. R. war Gabe Rotherberg, Kripochef von Beverly Hills. »Dreimal dürfen Sie raten.« »Vielleicht kann ich helfen.« »Wollen Sie damit sagen, Sie haben ihn?« Polchak fuhr herum. Was war da los? »Ihn nicht«, antwortete Rotherberg. »Aber eins seiner Opfer, wie’s aussieht.« 15.50 Uhr Raymond stand eingeklemmt zwischen Nachmittagspendlern, die mit dem grün-weißen Culver-City-Bus der Linie 6 auf dem Sepulveda Boulevard nach Süden Richtung Transit Center des Flughafens fuhren, und klammerte sich an einen Haltegriff. Wascha sudba w rukach Gospodina. Sein Schicksal lag ganz in Gottes Hand. Nichts geschah ohne Grund. Er musste nur darauf vertrauen. Und das tat er. Er war vom Spaulding Drive direkt zum Wilshire Boulevard gegangen und hatte ihn in dem Moment erreicht, als aus einem Metrobus Fahrgäste ausstiegen. Beherzt hatte er eine pummelige Frau mittleren Alters angesprochen und gefragt, wie man mit dem Bus nach Santa Monica komme. Im ersten Moment erschrak sie, doch dann sah sie ihn an, und wie bei so vielen, Frauen begannen ihre Augen zu leuchten, als würde sie ihn am liebsten auf der Stelle mit nach Hause nehmen. »Kommen Sie mit, ich zeige es Ihnen«, sagte sie. Sie überquerte mit ihm die große Kreuzung Wilshire und Santa Monica Boulevard und erklärte ihm, dass er den Metrobus 320 nach Santa Monica nehmen müsse. Wie lange sie dort gestanden und gewartet hatten, wusste er nicht mehr. Wahrscheinlich nur Sekunden. Dann kam der Bus, er bedankte sich artig und stieg ein. Beim Losfahren schaute er aus dem Fenster und sah, dass sie ihm noch eine Weile nachblickte. Schließlich drehte sie sich um und ging denselben Weg zurück, vornübergebeugt, Handtasche unter den Arm geklemmt, so wie in dem Moment, als er sie angesprochen hatte. Das Licht, das in seiner Gegenwart so hell gestrahlt hatte, war wieder erloschen. Sie hatte ihm geholfen, aber Raymond war klar, dass sie ihm auch gefährlich werden konnte, wenn sie nach Hause kam, den Fernseher einschaltete und ihn auf dem Foto in den Nachrichten erkannte. Aus diesem Grund hatte er sie nach dem Weg nach Santa Monica statt zum Flughafen gefragt und sich später bei einem Fahrgast im Bus erkundigt, wo er in die Linie zum Flughafen umsteigen musste. »Sie steigen in Westwood aus und nehmen den Bus der Culver-City-Linie 6«, erklärte ihm freundlich ein hinter ihm sitzender Postangestellter. »Der fährt direkt zum Transit Center. Von dort bringt Sie ein Shuttlebus kostenlos zum Flughafen. Kinderleicht.« Genauso machte er es. Er stieg in Westwood aus und wartete an der Straßenecke mit einem halben Dutzend anderer auf den Bus der Linie 6. Er stellte sich absichtlich als Letzter an. Beim Einsteigen warf er Charles Baileys Handy heimlich unter das Vorderrad. Als der Bus wieder anfuhr, stand er noch neben dem Fahrer und hörte ein leises Knirschen, als es zerquetscht wurde. Anschließend mischte er sich unter die anderen Fahrgäste, die, Baseballmütze der LA Dodgers tief ins Gesicht gezogen, sodass seine lila Haare kaum zu sehen waren, und wie schon im vorigen Bus und an der Straßenecke schenkte ihm niemand die geringste Beachtung, obwohl das Fernsehen ständig sein Fahndungsfoto brachte und John Barron die Bevölkerung zur Mithilfe aufgerufen hatte., Westin Bonaventura Hotel, Suite 1195, 16.17 Uhr Barron, Halliday, Valparaiso und Lee gingen vorsichtig zu Werke. Sie trugen Gummihandschuhe und achteten genau darauf, wo sie hintraten und was sie anfassten. Die Suite war groß. Ein Wohnzimmer mit Couch, Fernseher und Schreibtisch. Dahinter die offene Tür zum Schlafzimmer. Rechts ein kurzer, von Einbauschränken gesäumter Flur, der zum Badezimmer führte. Hinter ihnen standen der Hotelmanager und zwei Angestellte in der offenen Tür und beobachteten sie nervös. Es war schon schlimm genug, dass ein SWAT-Team wie ein Kampftrupp das Gebäude durchkämmt hatte. Jetzt stand auch noch zu befürchten, dass ein Hotelgast ermordet worden war. Auf diese Art von Publicity konnten sie gerne verzichten. »Ich schlage vor, Sie warten draußen«, sagte Barron ruhig, geleitete sie auf den Flur und schloss die Tür. Das Bonaventura war ideal. Ein großes Hotel der gehobenen Klasse, keine fünf Gehminuten von der Stelle entfernt, wo Raymond nach der Flucht aus dem Gericht das Taxi verlassen hatte. Wie er Charles Bailey, den Vertreter aus New Jersey, getroffen und umgebracht hatte und wie Baileys Mietwagen nach Beverly Hills gelangt war, darüber konnten sie nur Vermutungen anstellen. Deshalb waren Red und Polchak gleich hingefahren. Das Problem war, dass weder der Mord im MacArthur Park noch der an Charles Bailey eindeutig Raymond zugeschrieben werden konnte. Gewiss, die Vorgehensweise des Täters und die Tatzeit deuteten darauf hin – beide Opfer waren durch einen Kopfschuss aus nächster Nähe und innerhalb weniger Stunden, nach Raymonds Flucht getötet worden. Aber noch hatten sie keine handfesten Beweise. Und solange sie die nicht besaßen, kam jeder als Täter infrage. Während sie weiter verzweifelt nach Anhaltspunkten suchten, konnte sich Raymond aus dem Staub machen. »Ich seh mich mal da hinten um.« Barron ging den Flur entlang, blickte in die Schränke, dann ins Badezimmer. Wie jedes andere Zimmer im Hotel war auch Suite 1195 von den SWAT-Teams gründlich durchsucht worden, aber sie hatten nach einem Flüchtigen gesucht, der sich möglicherweise hier versteckt hielt, nicht nach einem Mann, der nicht da war. Eine leere Suite war eine leere Suite, und so waren sie wieder abgezogen. »Ich nehme mir das Schlafzimmer vor.« Lee war wieder zurück, nachdem er seinen achtjährigen Sohn zum Zahnarzt gebracht hatte, und kam sehr schnell auf Touren. »Hierher!«, rief Barron aus dem Badezimmer. Halliday und Valparaiso eilten herbei, dicht gefolgt von Lee, der aus dem Schlafzimmer kam. Barron kniete am Boden und zog einen Plastikmüllsack aus dem kleinen Vorratsschrank unter dem Waschbecken. »Sieht so aus, als wollte den jemand verstecken«, stellte Barron fest. Er öffnete ihn, fasste vorsichtig hinein und zog einen Waschlappen hervor, der noch feucht war. »Blut«, sagte er. »Dieser Jemand hat anscheinend versucht, ihn auszuwaschen. Hat aber nicht geklappt. Und hier haben wir noch zwei benutzte Handtücher.« »Raymond?«, fragte Lee, dessen massige Gestalt die Türöffnung ausfüllte. Halliday sah Barron an. »Du hast vor dem Gericht auf ihn geschossen.« »Nur ein Streifschuss.« »Ein Streifschuss reicht für eine DNA-Analyse.«, »Warum sollte er das hier zurücklassen? Warum wirft er es nicht irgendwo unterwegs in eine Mülltonne?« »Die SWAT-Teams stürmen den Laden wie Marines, die irgendwo einmarschieren, und suchen dich. Was tust du in einer solchen Situation? Alle Spuren beseitigen? Du siehst zu, dass du so schnell wie möglich hier rauskommst.« Barron steckte den Waschlappen in den Müllsack zurück, zwängte sich an den anderen vorbei in den Hauptraum, ging zur Tür und öffnete sie. Der Hotelmanager und sein Zwei-Mann-Team standen noch davor. »Um wie viel Uhr war das Zimmermädchen da?« »Früh, Sir, so gegen acht.« Der Manager spähte an Barron vorbei zu den anderen, die sich hinter ihm aufbauten. »Mr. Bailey sah das Mädchen in der Halle, als er ging, und sagte zu ihr, sie könne jetzt sein Zimmer in Ordnung bringen.« »Sie hätte wohl kaum einen feuchten Waschlappen und Handtücher in das Badezimmerschränkchen gestopft, oder?« »Ganz bestimmt nicht.« »Und außer den Polizisten hat seitdem niemand mehr das Zimmer betreten?« »Nein, Sir. Meines Wissens nicht.« Barron blickte sich noch einmal um. »Was ist mit dem Schlafzimmer?«, fragte er Lee. »Sieh es dir an.« Barron folgte Lee ins Schlafzimmer, mit Halliday im Schlepptau. Auf einem Tisch in der Ecke lag ein aufgeklappter Koffer, die Schranktür stand einen Spalt offen, das Bett war zerwühlt, aber nicht aufgedeckt, als habe jemand darauf gelegen, ohne die Decke zurückzuschlagen. »Wir brauchen sofort die Spurensicherung«, meinte Halliday,, drehte sich um und sah Valparaiso an, der in der Türöffnung stand. »Das Zimmer ist aufgeräumt, das Bett gemacht, dann kommt jemand rein. Hält sich im Badezimmer und im Schlafzimmer auf. Wir haben Raymonds Fingerabdrücke. Wenn er es war, lässt sich das schnell feststellen.« »Marty, Jimmy, an alle«, krächzte Reds Stimme aus ihren Funkgeräten. »Hier Marty«, meldete sich Valparaiso. »Ich höre.« »Die Kollegen in Beverly Hills nehmen sich gerade das Auto vor. Alles voller Fingerabdrücke. Mr. Bailey wurde erschossen, eine Kugel aus nächster Nähe in den Hinterkopf wie bei den Hilfssheriffs im Gericht. Aber das ist noch nicht alles: Raymond ist möglicherweise gesehen worden. Die Kollegen hier haben zwei Anrufe gekriegt. Ein Mädchen aus einer Pizzeria will ihn vor etwa anderthalb Stunden in ihrem Lokal gesehen haben. Eine andere Frau behauptet, sie habe ihm ungefähr zwanzig Minuten später den Weg zum Metro-Bus 320 nach Santa Monica gezeigt. Die Polizei von Santa Monica beobachtet die Busse dieser Linie. Du fährst mit Roosevelt zu der Frau und redest mit ihr. Edna Barnes. B-A-R-N-E-S. South Lasky Drive 240. Die Kollegen sind bereits dort. Jimmy, du fährst mit John in die Pizzeria. Das Mädchen heißt Alicia Clement, C-L-E-M-E-N-T, Roman Pizza Palace, Brighton Way 9560. Die Kollegen aus Beverly Hills vernehmen sie gerade. Könnte sein, dass er es gar nicht war, aber die Pizzeria und die Wohnung am Lasky Drive sind nur ein paar Blocks vom Fundort des Wagens entfernt. Ich glaube, dass er es war. Aus dem Bus ist er längst wieder ausgestiegen, aber er hält sich im Westen der Stadt auf und macht Fehler. Noch haben wir ihn nicht, Gentlemen, aber wir sind nahe dran. Viel Glück, und seid vorsichtig.« 16.40 Uhr., Bus der Culver-City-Linie 6, zur selben Zeit Raymond spürte, wie der Bus langsamer wurde und dann anhielt. Die Türen gingen auf, Leute stiegen aus und ebenso viele ein. Dann schlossen sich die Türen wieder, und der Bus fuhr weiter. Noch knapp zehn Minuten bis zum LAX Transit Center. Und dann mit dem Shuttlebus weiter zum Flughafen. So weit, so gut. Er war ein Fahrgast wie jeder andere. Bis jetzt hatte ihn niemand eines Blickes gewürdigt. Er sah nach vorn, und das Herz schlug ihm bis zum Hals. Mit den letzten Fahrgästen waren zwei bewaffnete Polizisten in Uniform zugestiegen. Sie standen neben der Busfahrerin. Einer sprach mit ihr, der andere blickte nach hinten zu den Fahrgästen. Langsam und vorsichtig wandte Raymond sich ab – und blickte in das Gesicht eines älteren schwarzen Mannes mit weißem Haar und weißem Vollbart, der ihn anstarrte. Er saß auf der anderen Seite des Mittelgangs. Eben noch hatte er gestanden. Offenbar war ein Platz frei geworden, und er hatte sich hingesetzt. Er war groß und hager, trug ein leuchtend buntes Gewand, das bis zu den Knöcheln reichte, und sah aus wie eine Art Stammesfürst, stolz und sehr intelligent. Raymond schaute ihn einen Augenblick lang an und drehte sich dann weg. Fünfzehn Sekunden später sah er wie zufällig wieder hin. Der Mann starrte ihn immer noch an, und er fragte sich, ob er ihm vielleicht bekannt vorkam und der Mann nur nicht wusste, wo er ihn unterbringen sollte. Wenn es so war und es ihm wieder einfiel, konnte es brenzlig werden, zumal sich Polizei im Bus aufhielt., Wieder sah Raymond weg, nur hielt er sich jetzt mit der linken Hand an der Stange neben sich fest, schob die freie rechte unters Jackett und legte sie auf die Beretta in seinem Gürtel. Just in diesem Augenblick wurde der Bus langsamer, und er sah die Lichter des Transit Center auftauchen. Dann spürte er ein Rütteln, und der Bus bog ab. Er blickte wieder zu dem alten Mann. Er beobachtete ihn noch immer. Auch ohne Polizei im Bus wäre es unerträglich gewesen, und Raymond begriff, dass er etwas tun musste, um den Mann beim Nachdenken zu stören, bevor er zu einem Ergebnis kam und dann handelte. Er tat das Einzige, was ihm einfiel. Er lächelte. Was dann folgte, war der längste Augenblick seines Lebens. Der alte Mann reagierte zunächst nicht. Er starrte ihn nur weiter an. Es war zum Verrücktwerden. Dann endlich, und zu seiner großen Erleichterung, lächelte der alte Mann zurück. Es war ein breites, wissendes Lächeln, das ihm durch und durch ging. Der Alte wusste genau, wer er war, doch aus irgendeinem Grund hatte er beschlossen, es für sich zu behalten. Es war ein Geschenk unter Fremden. Ein Geschenk, das Raymond immer in Ehren halten würde., Santa Monica Freeway, 17.10 Uhr Halliday schlängelte sich mit hundertzwanzig Sachen durch den Verkehr auf dem Freeway, während die roten und weißen Warnlichter im Heckfenster blinkten. »Was glaubst du, was mit ihm los ist?«, fragte er Barron. Zum ersten Mal seit dem Morgen, als er Barron ins Kriminalgericht geschickt hatte, um zu verhindern, dass Raymond gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt wurde, waren sie allein. »Drei identische Schlüssel für ein Tresorfach«, fuhr er fort. »Höchstwahrscheinlich von irgendeiner Bank in Europa. Raymond Oliver Thorne, geboren 1969 in Budapest, Ungarn, unter dem Namen …« Er stolperte über die Aussprache. »… Rakoczi Obude Thokoly, seit 1987 amerikanischer Staatsbürger. Er richtet in L. A. ein Blutbad an, hat aber Geschäfte in London, Russland und sonst wo in Europa. Wer ist der Kerl, und was zum Teufel hat er vor?« London, Russland, Europa. Nach Raymonds blutigem Amoklauf waren weitere Dinge ans Licht gekommen, und die Kriminaltechniker nahmen sich noch einmal gründlich den Inhalt seiner Reisetasche vor. Neben der Ruger-Automatik, den Magazinen, dem Pass und den Bank- fachschlüsseln, hergestellt von einer belgischen Firma, die ausschließlich innerhalb der EU verkaufte und vermutlich niemandem, auch nicht den Polizeibehörden, Auskunft geben durfte und würde, wo sich die dazugehörigen Tresorfächer befanden, hatte sie säuberlich zusammengelegte Kleider zum Wechseln – Pullover, Hemd, Socken, Unterwäsche –, Rasierzeug und einen billigen Taschenkalender enthalten. In, dem Kalender waren fünf Tage angekreuzt und mit kurzen handschriftlichen Notizen versehen. Montag, 11. März: London. Dienstag, 12. März: London. Mittwoch, 13. März: London, Frankreich, London. Donnerstag, 14. März: London. Darunter stand etwas in einer fremden Sprache und dann auf Englisch: Treffen mit »I.M.«, Penrith’s Bar, High Street, 20 Uhr. Freitag, 15. März: Uxbridge Street 21. Und dann kam lange nichts bis zum Sonntag, dem 7. April. Hinter der 7 war ein Schrägstrich, gefolgt von einem Wort in derselben Sprache wie in dem Eintrag vom 14. März. Wie sich schnell herausstellte, handelte es sich bei der Sprache um Russisch, und übersetzt lautete die Notiz: April/Moskau. Und der Eintrag vom 14. März: Russische Botschaft/London. Was dies alles zu bedeuten oder, wenn überhaupt, mit dem zu tun hatte, was Raymond tat oder getan hatte, war unmöglich zu sagen. Die einzige Verbindung war, dass er ein Flugticket besessen hatte und anscheinend am 12. März von Los Angeles nach London hatte fliegen wollen. Die Frage, zu welchem Zweck und ob die anderen Kalendereinträge damit in Zusammenhang standen, ließ sich ebenso wenig beantworten wie die, was ihn nach L. A. oder Chicago geführt hatte. Das FBI hatte alle Fakten erhalten, um sie mit ihren Terrorismus-Datenbanken zu vergleichen; zudem war die Londoner Polizei kontaktiert worden. Bis jetzt lag noch keine Rückmeldung vor. Die im Kalender angekreuzten Tage waren ganz normale Tage. London, Frankreich und Moskau waren nichts mehr als Orte, ebenso die russische Botschaft in London. Die Uxbridge Street befand sich ebenfalls in London, und Nummer 10 war ein Privathaus, das von der russischen Botschaft aus zu Fuß zu erreichen war. Der Besitzer musste noch ermittelt werden. Auch die Penrith’s Bar in der High Street, lag in London, war aber nur eine Art Studentenkneipe, und wer sich hinter »I.M.« verbarg, war unmöglich zu sagen. Abgesehen von der Ruger, dem Pass und, mit Einschränkung, den Bank- fachschlüsseln war das, was sie hatten, wenig erhellend, solange sie Raymond nicht geschnappt hatten und fragen konnten. »Wir bringen ihn um«, sagte Barron leise. »Wir werden es nie erfahren.« »Was?«, fragte Halliday, ohne den Blick von der Straße zu wenden. »Raymond.« Barron wandte den Kopf und sah Halliday an. »Wir haben auch für ihn grünes Licht, stimmt’s?« Halliday wechselte die Fahrspur. »Red hat dir die Fotos gezeigt, hab ich Recht? Dir einen kleinen Vortrag über ›die alte Hexe von einer Stadt‹ gehalten, dich an deinen Diensteid erinnert und davor gewarnt auszusteigen. Den hat er uns allen gehalten.« Barron sah ihn forschend an. Nach ihm war Halliday der Jüngste in der Squad. Er konnte nicht wissen, ob Red ihm von allen von ihnen hingerichteten Verbrechern erzählt hatte, und folglich auch nicht wissen, wie oft Halliday dabei gewesen war und ob er sogar selber abgedrückt hatte. Klar war nur, dass es ihm nichts mehr ausmachte. Das verriet ihm sein Verhalten und die Art, wie er darüber redete. Es war nur noch ein Teil des Jobs. »Willst du darüber reden?« Halliday musste den Fuß vom Gas nehmen, weil er auf einen Cadillac auffuhr. Er steuerte vorsichtig von links nach rechts und startete durch. Der Wagen schwenkte auf die Pannenspur und raste in einer Staubwolke weiter. »Über was?« »Über die Sache mit dem ›grünen Licht‹. Wenn du ein Problem damit hast, raus mit der Sprache. So halten wir’s im Team. Wir reden miteinander, wenn einer sich mit einem Problem herumschlägt.«, »Schon okay, Jimmy. Mit mir ist alles in Ordnung.« Barron sah weg. Noch eine Rechtfertigung von Mord war das Letzte, was er jetzt hören wollte. »John.« Halliday sah herüber. Besorgnis stand ihm ins Gesicht geschrieben. »Es heißt, dass noch nie jemand die Abteilung verlassen hat. Aber das stimmt nicht.« »Wie meinst du das?« Halliday sah wieder geradeaus, schaltete die Sirene aus, zog nach rechts über vier Fahrspuren und nahm die nächste Ausfahrt. Hinter einer Autoschlange kam er schlitternd zum Stehen, ließ die Sirene wieder aufheulen, kurvte um die anderen herum, bog scharf rechts ab, fuhr über eine rote Ampel und brauste auf dem Robertson Boulevard nach Norden Richtung Beverly Hills. »Mai 1965, Detective Howard White«, sagte Halliday. »August 1972, Detective Jake Twilly. Dezember 1989, Detective Leroy Price. Und das sind nur drei, von denen ich zufällig weiß.« »Haben sie den Dienst quittiert?« »Ja, sie haben den Dienst quittiert. Und sind deswegen alle gestorben, durch und für die Squad. Und wurden hinterher vom Department als Helden gefeiert. Deshalb raus mit der Sprache, wenn du ein Problem hast. Sei kein Narr. Glaub ja nicht, du schaffst das allein. Sonst endest du mit einer Kugel im Kopf.« »Schon gut, Jimmy, keine Sorge«, sagte Barron leise. »Keine Sorge.« 17.20 Uhr., LAX, Los Angeles International Airport, 17.55 Uhr Zum wiederholten Mal schlossen sich die Türen des Shuttlebusses und sperrten den beißenden Geruch nach Seeluft, Triebwerkabgasen und den Ausdünstungen müder Reisender ein, als der Bus anfuhr und sich, den internationalen Tom- Bradley-Terminal hinter sich lassend, in den fließenden Verkehr auf der Flughafenschleife einfädelte. Raymond stand in der Mitte des Busses, so anonym wie jeder andere, hielt sich an der Stange fest und wartete geduldig auf die Stopps an den Terminals 4 und 5 und schließlich an Terminal 6, in dem die Lufthansa ihren Schalter hatte. Seine Nervosität wuchs, denn von Minute zu Minute nahm auch die Zahl der Leute, die sich die Fernsehnachrichten ansahen, zu. Wie hatte Barron gesagt? »Wir sind neun Millionen, und Sie sind ganz allein.« Wie lange würde es dauern, bis einer ihn erkannte, sein Handy zückte und die Polizei verständigte? Bis jetzt hatte er Glück gehabt, aber am Schalter der Lufthansa erwartete ihn die größte Hürde: Er musste sich ein Flugticket besorgen und dazu Josef Speers Pass und Kreditkarte vorlegen. Und wenn es klappte, musste er anschließend noch über drei Stunden auf dem Flughafengelände warten, bis die Maschine endlich startete. Die Baronesse hatte beteuert, dass er eine Erfahrung von unschätzbarem Wert machen würde, wenn es ihm gelang, diese Situation schadlos zu überstehen – und sie hatte Recht. Bis jetzt hatte er sich auf seine Intelligenz und List verlassen können, und er wusste: Wenn er wachsam blieb, alle Ängste besiegte und sich von der Hartnäckigkeit der Polizei, nicht beirren ließ, wenn er so weitermachte wie bisher, hatte er gute Chancen, morgen um diese Zeit in London zu sein. LAPD-Tiefgarage, Parker Center, 18.25 Uhr Ganz mechanisch, fast wie im Traum, schloss John Barron den Mustang auf und rutschte hinters Steuer. Er erinnerte sich kaum noch an die Vernehmung des Mädchens aus der Pizzeria in Beverly Hills. Sie hatte gegen vierzehn Uhr einen Mann beobachtet, der große Ähnlichkeit mit dem Fahndungsfoto des Flüchtigen im Fernsehen aufwies, doch sie hatte sich nichts dabei gedacht und war nach Hause gegangen. Dort hatte sie wieder das Foto im Fernsehen gesehen und ihrer Mutter von ihrer Beobachtung erzählt, die daraufhin bei der Polizei von Beverly Hills anrief. Die Kollegen hatten sie vernommen und waren mit ihr zur Pizzeria gefahren, wo sie ihnen alles genau schilderte und die Stelle zeigte, wo der Mann gestanden hatte. Dieselbe Geschichte hatte sie wiederholt, nachdem er mit Halliday vor Ort eingetroffen war. Der Mann habe wie Raymond ausgesehen und einen Jeansanzug getragen. Ob seine Haare lila gefärbt gewesen seien, vermochte sie nicht zu sagen, denn er hatte ein Baseballmütze aufgehabt. Und ob diese mit einem bestimmten Logo versehen gewesen sei, wusste sie nicht mehr. Die Frau in Beverly Hills, die Lee und Valparaiso vernommen hatten, hatte kurz nach zwei einem jungen Mann, auf den diese Beschreibung zutraf, geholfen, einen Bus nach Santa Monica zu finden. Zeitlich passte es zusammen. Außerdem wussten sie jetzt, dass er vom Brighton Way nach Westen zur Ecke Wilshire und Santa Monica Boulevard gegangen war. Die ältere Frau hatte der Beschreibung des Mädchens hinzugefügt, dass er sehr gut ausgesehen und einen Rucksack getragen habe. Aufgrund dieser Aussagen hatte Red die Suche auf das Gebiet zwischen Beverly Hills und Santa Monica konzentriert und das Los Angeles Sheriff’s Department und die Polizei von Santa, Monica hinzugezogen. Hinzugezogen ja, aber jeder wusste, dass Raymond der Squad 5-2 gehörte, und wenn man ihn gefunden hatte, würde man die Medien und die Öffentlichkeit so lange auf Distanz halten, bis die Squad zur Stelle war und übernahm. Barron ließ den Motor an, stieß aus der Parkbucht und fuhr aus der Tiefgarage. Red hatte ihn und Halliday nach Hause ge- schickt. Sie sollten sich etwas ausruhen. Die anderen arbeiteten weiter und koordinierten die Suche vom Parker Center aus. Nach Hause? Ausruhen? Was sollte das? Fast fünf Jahre lang hatte er in dem Glauben gelebt, er hätte einen ehrbaren Beruf, und dann war er auch noch in die 5-2 versetzt worden. Ein Traum. Doch praktisch über Nacht war aus dem Traum ein Albtraum geworden. Alles hatte sich in sein Gegenteil verkehrt. Bei der Vorstellung, daneben zu stehen und zuzusehen, wie sie Raymond ermordeten, wurde ihm schlecht. Andererseits hätte er ihn sofort bedenkenlos niedergeschossen, wenn er gegen einen von ihnen die Waffe erhoben hätte. Auf dem Parkplatz vor dem Gericht hatte er es versucht, und der Mörder war der tödlichen Kugel im letzten Moment durch einen Sprung zur Seite entgangen. Wenn er es also in aller Öffentlichkeit tun konnte, warum dann nicht auch irgendwo anders, wo sie unter sich waren? Anfangs war ihm die Antwort leicht gefallen. Er war Polizist, kein Mörder. Reds Warnung hatte ihn in seinem Entschluss, die 5-2 zu verlassen, nur noch bestärkt. Und auch Hallidays Warnung hatte ihn nicht beirren können, so beängstigend sie auch sein mochte. Das Problem war die Zeit. Wenn er vorläufig bei der Squad blieb und seine Pläne für sich behielt, bis Dr. Flannery einen Platz für Rebecca gefunden hatte, konnte es passieren, dass die Squad Raymond vorher schnappte. Und wenn es passierte, musste er Raymonds Hinrichtung wohl oder übel beiwohnen. Ein schrecklicher Gedanke, aber noch schlimmer war der Gedanke, der ihm am Nachmittag gekommen war und seitdem verfolgte – der Gedanke, dass die Ermordung, von Leuten wie Raymond unter gewissen Umständen gerechtfertigt sein könnte. Hatte man das erst einmal akzeptiert, war es nur noch ein kleiner Schritt. Einfach mitmachen – stumpf, teilnahmslos, gleichgültig – und sich einreden, dass es richtig war und nur dem Allgemeinwohl diente. »Nein, verdammt noch mal!«, platzte er laut heraus. Das Ganze war wie eine heimtückische, verführerische Droge, und damit wollte er nichts zu tun haben. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie Raymond schnappten. Nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn an einen einsamen Ort brachten, ihm eine Pistole an den Kopf setzten und abdrückten. Deshalb hatte er keine Wahl: Er musste ins St. Francis, Rebecca holen und noch heute Nacht aus Los Angeles verschwinden., 18.30 Uhr Barrons Herz hämmerte, und kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, als er den Mustang vorsichtig auf die Straße steuerte. Einen Augenblick später schaltete er das Funkgerät an und stellte den abhörsicheren Kanal 8 der 5-2 ein. Er wollte herausfinden, wo sich die Kollegen befanden und was sie taten. Er hörte nichts. Der Kanal war tot. Er stellte die Hauptfrequenz des LAPD ein. Vielleicht erfuhr er dort etwas. Doch er vernahm nur das übliche Polizei- funkgeplapper. Er bog in die San Pedro Street ein und schaltete zurück auf Kanal 8. Immer noch Funkstille. Vor ihm überquerte ein Mann auf Krücken den Fußgänger- überweg. Er nahm den Fuß vom Gas, hielt an und wartete. Dabei kam ihm die Idee, dass die anderen ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatten. Sie hätten mehr darüber nachdenken müssen, was für ein Mensch er war, ehe sie ihn in die Squad holten. Der Mann mit den Krücken war auf der anderen Straßenseite. Barron gab Gas. Am Ende des Blocks bog er scharf rechts ab und fuhr in Richtung Freeway und Pasadena. Sein Entschluss stand fest, Raymond war aus seinen Gedanken verbannt. Kanal 8 schwieg noch immer, und er wechselte auf Kanal 10, die Frequenz, auf der die Zentrale mit der 5-2 kommunizierte. Auch sie war tot. »Commander McClatchy«, erwachte das Funkgerät plötzlich zum Leben. Die Zentrale versuchte, Red zu erreichen. »Hier McClatchy«, antwortete Reds Stimme., »Aus dem Westin Bonaventura hat sich eine deutsche Studenten-Reisegruppe gemeldet. Sie vermissen einen ihrer Leute. Sie haben gerade das Phantombild des Toten aus dem MacArthur Park im Fernsehen gesehen. Sie glauben, er ist es. Männlicher Weißer, Alter zweiundzwanzig. Josef mit ›f‹, Nachname Speer. S-P-E-E-R. Er hatte lila gefärbtes Haar, ist gegen Mittag zum letzten Mal gesehen worden.« »Verstanden. Vielen Dank.« Barron hörte, wie Red innehielt, und dann: »Marty, Roosevelt. Zurück ins Bonaventura.« »Verstanden«, antwortete Valparaisos Stimme. »Mein Gott!«, sagte Barron laut. Warum zum Henker war er nicht selbst auf die Idee gekommen, im Hotel nach dem Opfer zu suchen? Raymond war dort gewesen, da lag es doch auf der Hand. Er hatte das Opfer direkt vor der Nase gehabt, es dazu benutzt, an der Polizei vorbeizukommen, und dann in den MacArthur Park gelockt. Ihm fiel plötzlich wieder ein, dass sich Raymonds Kalendernotizen auf Europa und Russland bezogen hatten, und der junge Mann war Deutscher! Barron blickte auf die Uhr am Armaturenbrett. 18.42 Uhr. Er griff zum Handy., »Dan Ford, einen Augenblick Geduld bitte«, sagte der einäugige Reporter. Er saß vornübergebeugt am Schreibtisch und fuhr- werkte mit dem Stecker des Druckerkabels an seinem Laptop herum, neben sich ein angebissenes Tunfischsandwich, den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt. »Ich bin’s«, sagte Barron scharf. Ford fuhr hoch. »Ich versuch schon die ganze Zeit, dich zu erreichen.« Er überfiel ihn mit Fragen. »Wo steckst du denn? Was ist mit deinem Handy? Was ist in Beverly Hills los?« »Sie haben eine Leiche in einem Auto gefunden. Ein Vertreter aus New Jersey. Sieht nach Raymonds Handschrift aus.« »Habt ihr ihn identifiziert? Wie kommt Raymond nach Beverly Hills? Gibt es was Neues über den Jungen im Park?« »Dan, ich brauche deine Hilfe. Bist du in deinem Büro?« »Mehr oder weniger.« Er war erst vor wenigen Minuten keuchend und schwitzend in sein Kabuff von Büro in der Redaktion der Los Angeles Times zurückgekehrt, nachdem er stundenlang zugesehen hatte, wie die Leute von der LAPD- Vermisstenstelle die Umgebung des MacArthur Parks nach Hinweisen auf die Identität des Toten abgegrast hatten. »Warte, ich hol mir nur eben einen Stuhl.« Ford ging um den Schreibtisch herum, wobei er die Telefonschnur über die Stapel von Notizen, Büchern und Recherchematerial hob, die jeden freien Zentimeter einnahmen. »Es wird bald Regen geben. Ich spüre es in allen Gliedern. Meine Frau denkt, ich spinne.« Dan Ford war erst sechsund- zwanzig, aber beim kleinsten Anzeichen von Regen spürte er mehr Schmerzen in Gelenken, Knochen und Muskeln als Leute, die dreimal so alt waren. Außerdem bekam er dann bohrende, Kopfschmerzen hinter dem guten Auge. »Dan, ich rufe nicht an, weil ich den Wetterbericht will«, sagte Barron mit eindringlicher Stimme. »Wo brennt’s denn?« Ford fand seinen Stuhl und setzte sich. »Hol die Flugpläne der internationalen Fluglinien für heute auf deinen Bildschirm. Ich muss wissen, welche Flüge heute Abend vom LAX nach Deutschland gehen, nonstop.« »Nach Deutschland?« »Ja.« »Heute Abend?« »Ja.« Ford schoss ein Gedanke durch den Kopf. Barron wusste etwas oder hatte eine Vermutung. »Raymond?« »Vielleicht. Ich bin mir nicht sicher.« »Welche deutsche Stadt?« »Weiß ich auch nicht. Versuch es mit den größten, Berlin, Frankfurt und Hamburg. Raymond hatte ein Ticket nach London in der Tasche. Von diesen drei Städten ist es nur ein Katzensprung nach London.« Ford drehte sich im Stuhl, zog den Laptop zu sich her und klickte die hauseigene Seite der Times mit Reiseauskünften an. »Wieso gerade Deutschland?« »Das sagt mir meine Nase.« »Das ist keine Antwort, John. Wenn du es mir nicht sagst, schau ich nicht nach.« »Dan, bitte …« »Na schön. Wieso ein Nonstopflug?« »Ich bezweifle, dass er das Risiko eingeht, irgendwo in den USA zwischenzulanden. Hier wird ihm der Boden zu heiß.« Barron schien sich seiner Sache ziemlich sicher zu sein., Vielleicht hatte er eine Vermutung, vielleicht auch nicht, doch um was es auch ging – eine Ahnung, gesicherte Fakten oder etwas, worüber er nicht sprechen konnte –, der Funke sprang über, und Ford beobachtete gespannt den Monitor und wartete darauf, dass die aufgerufene Seite erschien. »Nun mach schon«, drängte Barron. »Ich warte.« »Herrgott noch mal!« Plötzlich erschien die Seite auf dem Schirm. »Da haben wir’s.« British Airways, Continental, Delta, Lufthansa, American, Air France, Virgin Atlantic, KLM, Northwest – Ford ging die Liste durch. Heute flogen alle möglichen Maschinen von Los Angeles in die drei Städte. Aber die Nonstopflüge gingen alle nach Frankfurt. Die anderen hatten Zwischenlandungen in London, Paris oder Amsterdam. Es war jetzt 18.53 Uhr, und von den drei Nonstopflügen an diesem Abend stand nur noch einer aus. »Du willst einen Nonstopflug, John? Pech gehabt. Nur eine Maschine steht noch am Boden. Lufthansa, Flug 453 nach Frankfurt. Start um 21.45 Uhr.« »Sonst keine?« »Sonst keine.« »Lufthansa.« »453.« »Danke, Dan.« »John, wo bist du eigentlich? Was ist los?« Klick. Ford starrte das Telefon an. »Verdammt!«, LAX, Terminal 6, Lufthansa-Schalter, 18.55 Uhr »Stimmt was nicht?«, fragte Raymond auf Deutsch und lächelte verwirrt die adrette blonde Lufthansa-Hostess hinter dem Schalter an. Sie hing am Telefon und wartete auf eine Antwort. »Ihre Reservierung ist nicht im Computer«, antwortete sie, ebenfalls auf Deutsch. »Ich habe sie heute Nachmittag selbst vorgenommen. Sie wurde bestätigt.« »Unser Computer war stundenlang ausgefallen.« Sie blickte auf ihren Bildschirm und tippte etwas ein. Raymond schielte nach rechts. Außer ihr arbeitete nur noch eine zweite Hostess in der Touristenklasse. Die Schlange hinter ihm wurde länger. Zwanzig oder mehr Reisende warteten ungeduldig, und einige sahen ihn an, als sei die Verzögerung seine Schuld. »Haben Sie noch Plätze frei?« Raymond versuchte, sein wachsendes Unbehagen zu verbergen. »Tut mir Leid, der Flug ist ausgebucht.« Raymond sah weg. Damit hatte er nicht gerechnet. Was sollte er jetzt tun … »Danke«, sagte sie plötzlich und legte den Hörer auf. »Ich muss mich für das Durcheinander entschuldigen, Herr Speer, Ihre Reservierung liegt nun doch vor. Wenn ich um Ihren Pass und eine Kreditkarte bitten dürfte.« »Danke.« Raymond lächelte erleichtert, zog Speers Brieftasche aus der Jacke und reichte ihr den Pass und die Euro MasterCard des Toten. Zu seiner Linken war der Abfertigungs-, schalter für die erste Klasse, und davor stand ein gut gekleideter Geschäftsmann, ganz allein, und beschimpfte die Dame dahinter. Er hatte nicht den von ihm reservierten Platz bekommen und verlangte nun Kulanz, aber schnell. Raymond bereute, dass er nicht in der ersten Klasse gebucht hatte. Er sah wieder nach vorn. Die Hostess hatte seinen Pass aufgeklappt und betrachtete ihn, dann hob sie den Kopf und verglich ihn mit dem Foto im Pass. »Ach so!«, sagte er schnell und lächelte. Er lüftete die Baseballmütze und entblößte seine lila Haare. »Damals war ich noch jünger«, er lächelte erneut, »aber das Haar ist dasselbe.« Die Frau grinste und reichte ihm die Kreditkarten-Lastschrift zum Unterschreiben. Mühelos kritzelte er Speers Namenszug – er hatte ihn im Bus nach Santa Monica geübt. Dann gab er ihr den Beleg zurück, und sie reichte ihm Pass und Kreditkarte. »Haben Sie kein Gepäck aufzugeben?« »Nein, ich …« Kurz bevor er in den Busshuttle zum Flughafen gestiegen war, hatte er Josef Speers Rucksack im LAX Transit Center in einen Mülleimer geworfen und sich die zweite Beretta hinten in den Gürtel gesteckt. Er hatte das sperrige Ding nicht länger mit sich herumschleppen wollen und nicht daran gedacht, dass er irgendein Gepäckstück brauchte. Kein Mensch reiste sechstausend Kilometer ohne ein paar persönliche Sachen. Er überspielte seine Verlegenheit. »Ich habe eine Reisetasche. Sie ist in einem Schließfach in der Nähe des Geschenkladens.« Sie lächelte und gab ihm Flugticket und Bordkarte. »Flugsteig 68. Ab 21.15 Uhr können Sie an Bord gehen. Guten Flug.«, 19.15 Uhr Barron befand sich auf dem Santa Monica Freeway, derselben Straße, auf der er gut zwei Stunden zuvor mit Halliday nach Westen gefahren war. Es ging nur im Kriechtempo voran, Stau von der Innenstadt bis zum Meer. Er bedauerte, dass er im Mustang saß und nicht in einem Polizeiauto mit Blaulicht und Sirene. 19.20 Uhr. Immer noch Schneckentempo. Vielleicht lag er ja völlig schief. Vielleicht war da gar nichts. Laut Bericht glaubten die deutschen Studenten, in der Phantomzeichnung ihren vermissten Freund zu erkennen. Er hatte lila gefärbte Haare, aber das hatten Tausende. Weshalb also sollte er sich die Mühe machen und zum Flughafen fahren, um einen vermeintlich vermissten Josef Speer abzufangen, wo er doch eigentlich Rebecca abholen und aus Los Angeles verschwinden sollte? Es hatte keinen Sinn. Er griff zum Handy und rief die Auskunft an, stellte sich als Detective der Mordkommission Los Angeles vor und bat darum, ihn direkt mit der Lufthansa auf dem LAX zu verbinden. Zweiundvierzig Sekunden später hatte er einen Mitarbeiter in der Leitung, der Reservierungen vornahm. »Es geht um Flug 453 heute Abend nach Frankfurt«, sagte er. »Haben Sie eine Reservierung auf den Namen Josef – mit ›f‹ – Speer? S-P-E-E-R.« »Einen Augenblick, Sir.« Eine längere Pause folgte. »Ja, Sir. Mr. Speer hat vor knapp dreißig Minuten ein Ticket gekauft.«, »In welchem Terminal finde ich die Lufthansa?« »Terminal 6, Sir.« »Vielen Dank.« Barron unterbrach die Verbindung. Mein Gott, er hatte also doch richtig vermutet. Plötzlich kam ihm ein anderer Gedanke. Vielleicht war es ja der richtige Speer. Vielleicht hatte er von der Reisegruppe genug und kurzerhand beschlossen, nach Hause zu fliegen, ohne jemandem Bescheid zu sagen. Aber um ihn im Terminal ausfindig zu machen und seine Identität festzustellen, brauchte er die Hilfe der Lufthansa- Sicherheitsleute. Und das war problematisch. Er musste ihnen einen Grund nennen, und da die Möglichkeit bestand, dass sich hinter Josef Speer der gesuchte Raymond verbarg, würden sie die Flughafenpolizei verständigen, und das wiederum würde McClatchy und die anderen auf den Plan rufen und veranlassen, mit Blaulicht und heulenden Sirenen direkt zum Terminal 6 zu rasen. Und sie hatten Blaulicht und Sirenen. 19.24 Uhr Ein Laster kam vor ihm zum Stehen. Barron hielt hinter ihm an und warf einen Blick in den Rückspiegel. Ein Meer von Scheinwerfern erstreckte sich bis in die Ferne. Der Laster fuhr wieder an. Er gab Gas, wechselte aber die Fahrspur und tastete sich nach rechts, um die nächste Ausfahrt zu nehmen und auf einem Schleichweg zum Flugplatz zu gelangen. Erneut blickte er in den Rückspiegel. Diesmal sah er nicht nur das Lichtermeer hinter sich, sondern auch sein Spiegelbild, und einen Augenblick lang verharrte er so und starrte sich an. Zum Teufel mit Red McClatchy und der 5-2. Was er sah, war ein vereidigter Polizist, der die Pflicht hatte, dem Gesetz Geltung zu verschaffen und die Öffentlichkeit zu schützen. Doch er sah auch einen Polizisten, der von persönlichen Überzeugungen geblendet gewesen war und deshalb nicht gemerkt hatte, wie gerissen und gefährlich dieser Raymond war., Und der deshalb auch keinerlei Sicherheitsvorkehrungen getroffen hatte. Ein Versäumnis, das vier Polizisten, darunter eine Frau, ein Mann in einem schwarzen Jackett, ein Berater aus New Jersey und ein junger Mann mit lila gefärbten Haaren mit dem Leben bezahlt hatten. Er fühlte sich für diese Todesfälle verantwortlich und empfand quälende Schuldgefühle. 19.29 Uhr. Er blickte zu dem Funkgerät, das auf dem Sitz neben ihm lag. Er brauchte es nur zu nehmen und Red zu berichten, was er herausgefunden hatte, dann nach Pasadena abzubiegen und Josef Speer, wer immer er auch sein mochte, der Squad zu überlassen. Doch das konnte er nicht, denn wenn es sich um Raymond handelte, würde er damit praktisch seine Ermordung in Auftrag geben. 19.32 Uhr. Barron verließ den Freeway an der Ausfahrt La Brea Avenue. Seine Gedanken kehrten zu Rebecca zurück. Er war sich darüber im Klaren, dass er wegen seiner moralischen Skrupel getötet werden konnte, und das nicht von der Squad, sondern von Raymond. Er hatte eine Lebensversicherung. Rebecca war die einzige Begünstigte, und wenn ihm etwas zustieß, bekam sie genug Geld für den Rest ihres Lebens. Nur würde sie dann allein sein. Er war der einzige Mensch, den sie auf der Welt noch hatte. Es ging ihr gut bei den Nonnen, und sie gab ihm zuliebe auf sich Acht. Das wusste er von Schwester Reynoso und Dr. Flannery. Er war ihr einziger Halt, und sie konnte dieses fragile Leben nur weiterführen, weil sie ihn liebte und weil es ihn gab. Im Fall seines Todes würden Dan Ford und seine Frau ihre Vormundschaft übernehmen, aber so sehr sie Dan Ford auch mochte, er war nicht ihr Bruder., 19.33 Uhr. Die Ampel am Ende der Ausfahrt leuchtete rot. Barron hielt hinter einem Dutzend Autos. »Mein Gott«, sagte er laut und schlug die Hände vors Gesicht. Er war so durcheinander, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte. Was sollte er tun, wenn er vorn an der Ampel ankam? Rechts abbiegen, Rebecca holen und bis Tagesanbruch fünfhundert Meilen zwischen sich und Los Angeles bringen? Oder links abbiegen und Raymond jagen? Wenn es Raymond war. Die Ampel sprang um, und die Autos setzten sich in Bewegung. Sie war noch grün, als er sie erreichte. Jetzt musste er sich entscheiden. Und das tat er. Es gab nur eine Lösung. Er musste an Rebecca denken. Sie hatte bereits ihre Eltern durch ein schreckliches Gewaltverbrechen verloren. Einen zweiten Schicksalsschlag dieser Art musste er ihr ersparen, ganz gleich, was er sich schuldig zu sein glaubte. Er riss das Steuer nach rechts und fuhr Richtung Pasadena. In einer Stunde waren sie aus L. A. heraus und auf dem Weg nach Norden, Süden oder Osten, wohin, spielte keine Rolle. In einer Woche legte sich die ganze Aufregung, und in einem Monat, wenn klar war, dass er keine Bedrohung darstellte, beruhigte sich auch Red. Und mit der Zeit wuchs Gras über die Sache. Dann kam sie, die ernüchternde, niederschmetternde Erkenntnis. Josef Speer war der tote Junge im MacArthur Park, und es war Raymond, der das Ticket für Flug 453 nach Frankfurt gelöst hatte. Alle Überlegungen, die er zuvor angestellt hatte, waren hinfällig. Jetzt zählte nur noch eins: Er musste am Flughafen sein, bevor die Maschine startete., Geschenkladen, Terminal 6, LAX, 19.50 Uhr Raymond ging den Gang entlang, bemüht, wie ein Reisender auszusehen, der etwas Bestimmtes suchte – in diesem Fall ein Gepäckstück, das er mit an Bord nehmen konnte. Die Hostess am Lufthansa-Schalter hatte ihm die Geschichte von der Reisetasche im Schließfach abgekauft. Es war ein Detail, eigentlich kaum der Rede wert, aber er hatte es übersehen, und ein anderer würde vielleicht stutzen, wenn er ohne Handgepäck und Gepäckschein am Flugsteig aufkreuzte. Lerne aus deinen Fehlern. Wieder so eine Verhaltensmaßregel, die ihm die Baronesse von klein auf eingeschärft hatte. Lästig? Schon, aber auch damit hatte sie Recht. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, insbesondere angesichts der verschärften Sicherheitsvorkehrungen auf Flughäfen, war irgendeine Abweichung von der Norm, die bei der Passagierabfertigung Befremden auslöste und die Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Am Ende des Gangs sah er ein Dutzend oder mehr Umhänge- taschen an einem Ständer baumeln. Er wählte eine schwarze, nahm sie herunter und steuerte zur Kasse. Da fiel ihm ein, dass er auch etwas brauchte, das er hineintun konnte. Rasch folgten ein Sweatshirt mit der Aufschrift Los Angeles, ein T-Shirt der LA Lakers, Zahnbürste und Zahnpasta, alles, was Fülle brachte und auf Reisen von Nutzen sein konnte. Als er fertig war, stellte er sich hinter mehreren Kunden an der Kasse an – und erstarrte. Keinen Schritt entfernt war ein Zeitungsständer, gefüllt mit der neuesten Ausgabe der Los Angeles Times. Auf der ersten Seite prangte das Foto, das die Polizei im Parker Center von ihm gemacht hatte, und darüber, die Schlagzeile: »Polizistenmörder flüchtig.« Dass das Fernsehen sein Foto brachte, war schon schlimm genug, aber jetzt auch noch die Zeitungen! Zeitungen, die überall auf dem Flughafen erhältlich waren und möglicherweise sogar mit ins Flugzeug genommen wurden. Jetzt las er die Unterüberschrift, und alles wurde noch schlimmer: »Hat Täter lila gefärbtes Haar?« Die Polizei arbeitete schnell und effizient. Sie vermutete richtig, dass er sich für Josef Speer ausgab. Er stellte seine Einkäufe auf einem Ladentisch an der Seite ab, ging zurück durch den Gang und griff sich in rascher Folge weitere Artikel: einen kleinen Handspiegel, einen batteriebetriebenen Elektrorasierer, eine Schere, Batterien für den Rasierapparat. Die Schlange hatte sich aufgelöst, als er zur Kasse zurückkehrte. Er legte die Artikel auf den Ladentisch, schob die Hand unter das Jackett und umschloss eine der beiden Berettas in seinem Gürtel. Wenn die Kassiererin ihn erkannte oder irgendeine Reaktion zeigte, die darauf schließen ließ, würde er sie auf der Stelle erschießen, hinausgehen und die anschließende Panik dazu nutzen, aus dem Gebäude zu entkommen. Auf dieselbe Weise hatte er der vermeintlichen Falle der Polizei in der Union Station und im Southwest Chief entrinnen wollen, bis Donlan eine ganz neue Situation geschaffen hatte. Er beobachtete sie genau, wartete darauf, dass sie ihn ansah, doch sie tat nichts dergleichen. Sie hatte nur Augen für die Waren und tippte die Preise ein. Nicht anders war es, als es ans Bezahlen ging und er ihr Speers Euro MasterCard reichte, und dann, als er den Beleg unterschrieb und sie die Einkäufe in eine Plastiktüte stopfte. Erst als sie ihm die Tüte gab, streifte sie ihn mit einem Blick. »Schönen Abend noch«, grüßte sie mechanisch und wandte sich dem nächsten Kunden zu. »Danke«, sagte er und ging., Er hatte direkt vor ihr gestanden, und obwohl sein Konterfei nur Zentimeter entfernt auf der Titelseite der Times prangte, hatte sie ihn nicht erkannt. Anscheinend ging es ihr wie den Pendlern in den Bussen. Jeden Tag liefen ihnen Hunderte von Menschen über den Weg, und irgendwann sah da einer wie der andere aus. 20 Uhr Barron bog von der La Brea Avenue in die Stocker Street ab. Er nahm einen Schleichweg zu LAX: nach einer Dreiviertelmeile links in den La Cienega Boulevard, dann rechts in den La Tijera Boulevard und etwa eine Meile nach Süden bis zum Sepulveda. Bis zur Abzweigung von der 96. Straße, die zum Flughafen führte, waren es noch ungefähr vier Meilen. Plötzlich klatschten mehrere dicke Regentropfen auf die Windschutzscheibe. Dan Ford hatte ihm Regen prophezeit, obwohl die Wetterfrösche nur von einer zehnprozentigen Wahrscheinlichkeit gesprochen hatten. Er konnte nur hoffen, dass Ford diesmal irrte und die Meteorologen Recht behielten. Hundert Meter weiter wurde aus dem Tröpfeln ein leichter Regen und schließlich ein Wolkenbruch. Der Verkehr geriet ins Stocken, und wenig später war die Fahrbahn so verstopft wie der Freeway, den er verlassen hatte. »Verdammt!«, fluchte er laut. Wieder wünschte er sich Blaulicht und Sirene. Wenn es weiter so schüttete, brauchte er für die drei Meilen unter Umständen eine Dreiviertelstunde, vielleicht sogar eine ganze Stunde. Eine Stunde bis zur 96. Straße, plus zehn Minuten für die Flughafenschleife bis zum Terminal 6. Dann mit den Leuten von der Lufthansa reden, die Flughafenpolizei holen und Raymond im Terminal aufspüren, ohne dass er den Braten roch. Das dauerte alles zu lange. Wenn er Pech hatte, ging ihm Raymond doch noch durch die Lappen., Das Bordgepäck über der Schulter betrat Raymond eine Herrentoilette, die zwanzig Meter von der Sicherheitskontrolle der Lufthansa entfernt lag, ging an den Waschbecken und einem halben Dutzend Männern vorbei, die vor den Pinkelbecken standen, betrat eine Kabine und verriegelte sie. Er zog Speers Jeansjacke aus, öffnete die Tasche und nahm den Spiegel und die Schere heraus. Ein, zwei Minuten, und die letzte lila Haarsträhne fiel in die Kloschüssel. Er spülte, steckte Schere und Spiegel wieder weg, klappte den Rasierapparat auf und legte die Batterien ein. Dann zog er das Sweatshirt mit der Aufschrift »Los Angeles« an und stopfte die Jacke in die Tasche, betätigte noch einmal die Spülung, verließ die Kabine, trat an ein Waschbecken und schaltete den Rasierer an. Nach zwei Minuten war sein Gesicht glatt rasiert. Dann ein flüchtiger Blick in die Runde. Niemand achtete auf ihn. Gelassen blickte er wieder in den Spiegel, hielt sich den Rasierapparat an den Kopf und rasierte sich den Schädel kahl. 20.20 Uhr Barron kroch im Schneckentempo über den La Cienega Boulevard, wobei er die Standspur nutzte, um an dem Stau vorbeizukommen. Fünfzig Meter, hundert Meter. Vor ihm stand ein Wagen halb auf der Fahrbahn, halb auf der Standspur und versperrte ihm den Weg. Er hupte, betätigte die Lichthupe, doch der Fahrer reagierte nicht. Er fluchte. Jetzt saß er endgültig fest wie alle anderen. Der Regen nahm zu. Er stellte sich vor, wie Raymond im Terminal auf den Abflug wartete, cool und professionell, und es vermied, in der anonymen Masse der Fluggäste aufzufallen. Aber, und das war die entscheidende Frage: Was, wenn der Rummel, den sie veranstaltet hatten, um die Medien und die Öffentlichkeit für ihre Zwecke einzuspannen, sich gegen sie wendete? Wenn jemand, der im Fernsehen oder in der Zeitung Raymonds Foto gesehen hatte, ihn erkannte und Alarm schlug? Sie wussten nur zu gut, wozu, Raymond fähig war, wenn er in die Enge getrieben wurde. Wie würde er in einem überfüllten Terminal reagieren? Barron blickte zu dem Funkgerät auf dem Beifahrersitz. Dann zu seinem Handy. Nach kurzem Zögern griff er zum Handy. 20.25 Uhr. »Es könnte sein,« sagte er in eindringlichem Ton zum Sicher- heitschef der Lufthansa auf dem LAX, »dass sich Raymond Thorne für einen Passagier namens Josef Speer ausgibt. Wenn es tatsächlich Thorne ist, wird er sich wie ein ganz normaler Reisender verhalten. Und ich gehe davon aus, dass er bewaffnet und extrem gefährlich ist. Versuchen Sie nur, ihn aufzuspüren, aber unternehmen Sie nichts. Er darf auf keinen Fall merken, dass er beobachtet wird, bevor ich dort bin und seine Identität überprüfen kann. Geben Sie mir zwanzig Minuten. Einer Ihrer Leute soll mich am Eingang abholen. Ich wiederhole, er darf nicht merken, dass er beobachtet wird. Wir wollen keine Schießerei im Terminal.« Barron gab ihm noch seine Nummer, dann beendete er das Gespräch und drückte die gespeicherte Nummer eines anderen Handys. »Dan Ford.« »Ich bin’s, John. Ich bin auf dem Weg zum LAX, Lufthansa- Schalter. Ein Student aus einer deutschen Reisegruppe namens Josef Speer wird vermisst, und ein Josef Speer hat einen Platz in der Maschine nach Frankfurt gebucht. Meine Nase sagt mir, dass es Raymond ist.« »Du hattest eine Ahnung, ich hatte eine Ahnung. Ich bin bereits auf dem Weg zum Flughafen.« Barron schmunzelte. Typisch Dan, das hätte er sich denken können. »Ich habe den Sicherheitsleuten der Lufthansa gesagt, dass sie nach ihm suchen sollen. Vielleicht sehen wir ja, Gespenster. Aber wie auch immer, die Sache muss unter uns bleiben, bis wir Gewissheit haben.« »He, ich liebe Exklusivstorys.« Barron überging den Scherz. »Wenn du am Flughafen bist, sag den Sicherheitsleuten, dass du zu mir gehörst und mein Einverständnis hast. Sie sollen dich zu mir bringen. Und Dan …«, er machte eine Pause, »… dir ist doch klar, dass du das auf eigenes Risiko machst?« »Du auch.« »Ich will dich nur daran erinnern, mit wem wir es zu tun haben. Wenn es Raymond ist, bleib von ihm weg, sieh nur zu. Ich will dir eine Story verschaffen, ich will nicht, dass dir was passiert.« »Ich will auch nicht, dass mir was passiert oder dir, John. Pass auf dich auf, hörst du? Sei verdammt vorsichtig.« »Ja. Bis nachher.« Barron kappte die Verbindung. Eigentlich hatte er Dan nicht auf diese Weise in die Sache hineinziehen wollen. Doch bei seinem Gespräch mit dem Sicherheitschef der Lufthansa hatte er darauf bestanden, dass die LAPD- Flughafenpolizei hinzugezogen wurde für den Fall, dass etwas geschah. Er hatte es nur ungern getan, aber es musste sein, um die Öffentlichkeit zu schützen und um zu verhindern, dass Raymond, wenn er es überhaupt war, ihnen noch einmal entwischte, falls er seine Pläne aus irgendeinem Grund ändern sollte. Er hatte es getan, obwohl er sich darüber im Klaren war, dass Red innerhalb von wenigen Minuten davon erfahren und sich mit den anderen sofort auf den Weg zum Flughafen machen würde. Aus diesem Grund hatte er Dan eingeweiht, und nur ihn. Er wollte einen wichtigen Reporter als Zeugen dabeihaben, aber er wollte keinen Medienauftrieb. Hätte er die gesamte Presse informiert, wären die Reporter in Scharen zum Flughafen geströmt, und man hätte sie vom Schauplatz des Geschehens fern gehalten wie im Fall Donlan, als die Squad das Gelände um, das Parkhaus hatte abriegeln lassen. Voraussetzung war natürlich, dass alles andere klappte, und dabei setzte er ganz auf den Faktor Zeit. McClatchy und die anderen befanden sich noch irgendwo in der Stadt, und bei dem Regen und dem Verkehr würden sie trotz Blaulicht und Sirenen einige Zeit für die Fahrt zum Flughafen brauchen. Mit etwas Glück war bis zu ihrem Eintreffen alles vorbei, und er hatte Raymond im Beisein von Lufthansa-Sicherheitsleuten, Flug- hafenpolizisten und eventuell auch Bundesbeamten von der Transport Security Administration oder sogar vom FBI vor den Augen Dan Fords von der Los Angeles Times Handschellen angelegt. Mit anderen Worten, vor so vielen Zeugen, dass Red und die Squad die geplante Hinrichtung unmöglich durchführen konnten. 20.19 Uhr. »John.« Reds Stimme krächzte aus dem Funkgerät auf dem Beifahrer- sitz. Barron zuckte zusammen. Er war erst knapp vier Minuten her, dass er mit den Leuten von der Lufthansa gesprochen hatte. »John? Hören Sie mich?« Barron zögerte, dann langte er nach dem Funkgerät. »Ich bin hier, Red.« »Wo ist ›hier‹? Was tun Sie? Was ist los?« Reds Stimme klang ruhig, aber besorgt, wie die eines Vaters, der mit seinem Sohn sprach. Genauso hatte er mit ihm geredet, als er ihm die Fotos der Männer zeigte, die die Squad im Lauf der Jahre getötet hatte, ihn an seine Pflichten erinnerte und vor den Konsequenzen warnte, wenn er gegen die Regeln der Squad verstieß. Allein sein Ton sprach Bände: Sollte Red den Eindruck gewinnen, das er, Barron, diesen Alleingang nur unternahm, um Raymond vor der Squad zu schützen, würde am Ende nicht nur, Raymond dran glauben müssen. »Ich stecke auf dem La Tijera Boulevard im Stau, kurz vor dem LAX«, antwortete er so ruhig wie möglich. »Der vermisste Josef Speer hat sich gegen sieben ein Ticket für den Lufthansa- Flug 453 nach Frankfurt besorgt. Es könnte der junge Mann sein, vielleicht aber auch Raymond. Die Maschine startet um 21.45 Uhr.« »Warum haben Sie mich nicht sofort verständigt?« Die Ruhe war aus Reds Stimme verschwunden. Schärfe und Strenge waren an ihren Platz getreten, »Warum haben Sie zuerst die Fluggesellschaft angerufen?« »Es ist nur eine Vermutung, Red, deshalb. Wahrscheinlich ist es nur der junge Mann, dieser Speer. Ich habe den Flughafen nur sicherheitshalber angerufen. Sie sollen ihn ausfindig machen und im Hintergrund bleiben, bis ich da bin und die Identifizierung vornehme.« »Wir sind jetzt unterwegs. Warten Sie auf uns. Sprechen Sie ihn nicht an. Unternehmen Sie nichts, bis wir da sind. Verstanden, John?« Plötzlich fuhr der Wagen unmittelbar vor Barron ein Stück nach vorn und machte den Wege frei. »Ich habe eine Lücke entdeckt, Commander, es geht weiter.« Er warf das Funkgerät auf den Beifahrersitz, trat aufs Gaspedal und jagte den Mustang über die Standspur., LAX, Terminal 6, ein Starbucks-Café, 20.44 Uhr Noch eine Stunde und eine Minute bis zum Abflug. Raymond starrte auf die Uhr hinter dem Tresen, dann bezahlte er an der Kasse eine Tasse Kaffee und ein Croissant und trug beides zu einem kleinen Tisch. Er nahm Platz, ließ den Blick über die wenigen Gäste an den anderen Tischen schweifen, nippte an dem Kaffee und biss in das Croissant. Er aß nicht, weil er hungrig war, sondern weil er etwas essen musste. Seit seiner Verhaftung hatte er kaum etwas zu sich genommen. Außerdem musste er die Uhr im Auge behalten, denn Timing war alles. Mit den Berettas am Leib kam er nicht an den Metalldetektoren vorbei. Er musste sie vorher loswerden, aber erst im allerletzten Moment, wenn der Flug aufgerufen wurde und die Passagiere an Bord gingen. Dann erst würde er sich ihrer entledigen, die Sicherheitskontrolle passieren und sich unverzüglich an Bord begeben. 20.53 Uhr Raymond trank seinen Kaffee aus, und während er den Pappbecher und das Croissantpapier brav zum Mülleimer trug, fragte er sich, was die Polizei wohl mit den Bankfachschlüsseln aus seiner Tasche angefangen hatte und ob sie in der Lage war, das dazugehörige Tresorfach ausfindig zu machen. Zugleich fragte er sich, ob sie versucht hatte, aus den Notizen in seinem Taschenkalender schlau zu werden. Oder aus den Initialen »I.M.«., 20.54 Uhr Raymond verließ das Café, trat hinaus und blickte hinüber zur Sicherheitskontrolle der Lufthansa. Ungefähr ein Dutzend Leute wartete darauf, durchgelassen zu werden. Keine Verzögerungen. Nichts Ungewöhnliches. Er beobachtete das ganze noch eine Weile, dann blickte er wieder zur Uhr im Starbucks-Café. 20.55 Uhr. 21.05 Uhr Die Straße war im grellen Scheinwerferlicht der entgegen- kommenden Autos nur schwer zu erkennen. Dann gelangte er an eine größere Kreuzung. Die Ampel schaltete von Grün auf Gelb. Er gab Gas und raste durch, als sie gerade auf Rot umsprang. Im selben Moment knackte es im Funkgerät, und er hörte Reds Stimme: »Hier spricht McClatchy. Dringende Bitte an die Flughafen- polizei: Verschieben des Boardings für Lufthansa-Flug 453.« 21.08 Uhr Der Regen ließ etwas nach, und Barron sah das Straßenschild 96. Straße. Er schaltete herunter, hörte das Röhren des Auspuffs, startete durch und bog in Richtung Flughafen ab. »John?«, drang Reds Stimme aus dem Funkgerät. »Wo sind Sie jetzt?« »Kurz vor der Flughafenschleife.« »Wir sind nur ein paar Minuten hinter Ihnen. Ich wiederhole, was ich bereits gesagt habe. Handeln Sie nicht auf eigene Faust. Warten Sie, bis wir da sind. Das ist ein Befehl.« »Ja, Sir.« Barron schaltete ab. Verdammt, sie waren schneller, als er gedacht hatte. Er konnte nur hoffen, dass sie ihn nicht einholten und Dan Ford nicht mehr weit war. Dann erreichte er, die Schleife und näherte sich schnell dem Terminalbereich. Er näherte sich dem Flughafenbereich, raste rechts an einem Taxi sowie einem Shuttlebus vorbei und fuhr unter die oben liegende Fahrbahn. Terminal 2 flog vorüber, dann Terminal 3, der internationale Tom-Bradley-Terminal. 21.10 Uhr Terminal 4, Terminal 5 und endlich Terminal 6. Er fuhr rechts ran, hielt im Parkverbot, sprang aus dem Wagen und rannte los. »He, Sie da!«, brüllte ein großer glatzköpfiger Verkehrs- polizist und trat vom Bordstein. »Hier dürfen Sie nicht parken!« »Polizei! Ein Notfall. Barron, 5-2!« Er warf ihm im Vorbeilaufen die Schlüssel zu. »Fahren Sie ihn für mich weg, ja?« Schon war er im Gebäude verschwunden., 21.13 Uhr Zum wiederholten Mal beobachtete Raymond den Menschen- strom, der die Metalldetektoren an der Sicherheitskontrolle passierte. Dann hörte er, worauf er gewartet hatte. »Passagiere des Lufthansa-Flugs 453 bitte zu Flugsteig 68. Passagiere des Lufthansa-Flugs 453 bitte zu Flugsteig 68.« Das Boarding begann. Es wurde auch Zeit. 21.14 Uhr Er schlenderte auf die andere Seite des Gangs und betrat dieselbe Herrentoilette, in der er sich die Haare geschnitten und den Kopf geschoren hatte. Er wollte um die Ecke zu den Pinkelbecken biegen, hielt jedoch abrupt inne. Vor ihm stand ein hellgelbes Schild auf dem Boden: Toilette wird gereinigt. Von draußen drang der nächste Aufruf für Flug 453 herein. Er spähte um die Ecke. Ein Mann mit einem Mopp verschwand gerade in einer der hinteren Kabinen. Direkt vor Raymond, gleich hinter dem gelben Schild, stand ein großer orangefarbener Plastikeimer mit trübem Putzwasser. Er blickte zur Tür, dann zu den Kabinen. Der Mann war noch drin und wischte den Boden. Nur seine Füße und der sich hin und her bewegende Mopp waren zu sehen. Er blickte sich noch einmal um, dann huschte er an dem Schild vorbei und zog die Berettas aus dem Gürtel. Ein letzter Blick zu dem Mann mit dem Mopp, und die Berettas plumpsten in den Eimer. Sie gingen sofort unter. Einen Herzschlag später drehte er sich um und ging hinaus., 21.16 Uhr Barron nahm immer zwei Stufen auf einmal. Zwei Sicherheitsleute der Lufthansa in dunklen Anzügen, ein Mann und eine Frau, rannten hinter ihm her. Weder der Lufthansa noch den Zivilbeamten der Flughafenpolizei war es bislang gelungen, Raymond unter den zahlreichen Reisenden auszumachen, obwohl sie seine LAPD-Fotos kannten. Aus Angst, ihn zu warnen, hatten sie ein offensiveres Vorgehen gescheut. Sie konnten nicht mehr tun, als nach einem Mann seiner Größe und seines Alters Ausschau zu halten, der einen Jeansanzug und eine Baseballmütze trug – und möglicherweise lila gefärbtes Haar hatte. »Holen Sie die Dame, die Speer das Ticket verkauft hat«, sagte Barron, als sie die Treppe erklommen hatten und durch den Gang in Richtung Sicherheitskontrolle rannten. »Sie soll zum Flugsteig kommen.« 21.18 Uhr Raymond stellte seine schwarze Reisetasche auf das Förderband, reihte sich in die Schlange der Fluggäste ein und trat durch den Metalldetektor, ehe er auf der anderen Seite von einem Wachmann mit einem Handsuchgerät abgetastet und aufgefordert wurde, seine Schuhe auszuziehen. 21.19 Uhr Raymond schlüpfte wieder in seine Schuhe, nahm die Tasche vom Förderband und ging in Richtung Flugsteig. Von den Sicherheitsleuten hatte keiner eine Miene verzogen. 21.20 Uhr Halliday zog scharf nach rechts über alle Fahrspuren der, Flughafenschleife und stoppte vor Terminal 6, wobei er die Schnauze des Wagens, in dessen Heckfenster noch die Warnleuchten blinkten, schräg zwischen ein Taxi und einen weißen Chevy SUV setzte. Gleich darauf war er im Terminal, klemmte sich die goldene Polizeimarke ans Jackett und hob das Funkgerät an den Mund. »John, hier spricht Jimmy. Ich bin jetzt drin.« Er lief quer durch die Haupthalle zu der Rolltreppe, die zu den Flugsteigen im Obergeschoss führte. 21.21 Uhr Blaulichter blinkten, und die beiden Wagen mit Red und Polchak sowie Valparaiso und Lee stießen in die Lücke neben Hallidays Fahrzeug, die der weiße Chevy gerade frei gemacht hatte. Im Nu waren die vier Detectives draußen, schlugen die Türen zu und steckten, während sie ins Gebäude stürmten, die Marken an. 21.22 Uhr »Wir sind da, Jimmy«, tönte Reds Stimme aus Hallidays Funkgerät. »Obergeschoss, Flugsteig 68«, antwortete Halliday im Laufen. Bei ihm waren zwei uniformierte Beamte der Flughafenpolizei und ein Mann von der Lufthansa. »Bis jetzt nicht die geringste Spur von Speer.« 21.23 Uhr Raymond stand in einer Schlange hinter rund zwanzig Passagieren, die darauf warteten, an Bord der Lufthansa- Maschine gelassen zu werden. Um ihn herum drängten sich hundert und mehr Reisende. »Gleich ist es geschafft«, dachte er. »Gleich.« Dann hörte er, wie vor ihm jemand monierte, dass es nicht, vorangehe. Er schaute auf und sah, dass die Lufthansa-Leute am Eingang zur Fluggastbrücke die Köpfe zusammensteckten. Sie ließen niemanden mehr durch. Hinter ihm meckerte jemand. Wie als Antwort knackte es in der Lautsprecheranlage. »Achtung, Achtung, eine Durchsage an alle Passagiere des Flugs 453 nach Frankfurt. Das Boarding wird verschoben.« Kollektives Aufstöhnen, und Raymond bekam ein mulmiges Gefühl. Er sah sich um. Zehn Meter entfernt standen zwei große, bewaffnete Flughafenpolizisten und beobachteten die Menge. Mein Gott, ob er der Grund für die Verzögerung war? Wieder dachte er an die Polizei. Ihre kühle Effizienz war ihm beinahe unheimlich. Wussten sie Bescheid? War es möglich, dass sie Speer identifiziert und seine Spur bis hierher verfolgt hatten? Nein, Unsinn. Unmöglich. Es musste einen anderen Anlass haben. Er spähte nach hinten in den Gang, um festzustellen, ob da noch mehr Polizei war. Aber er sah nur die junge Lufthansa- Angestellte, die ihm das Ticket verkauft hatte, durch das Gedränge auf sich zukommen. In ihrer Begleitung befanden sich zwei Männer in dunklen Anzügen. Himmel noch mal … Er überlegte fieberhaft, was er tun sollte. Dann entdeckte er ihn, und das Herz schlug ihm bis zum Hals. John Barron zwängte sich durch die Menge, zusammen mit einem Mann und einer Frau, die ebenso dunkel gekleidet waren wie die anderen. Alle drei hielten nach jemandem Ausschau. Dann sah er auch die anderen kommen, deren Gesichter sich ihm für immer eingeprägt hatten: die Männer aus dem Parkhaus. Jeder Irrtum ausgeschlossen. Der eine war ihr Chef, der Mann, den sie Red nannten, und der andere Lee, der schwarze Riese, der ihn im Gefängnis aufgesucht und nach der Ruger gefragt hatte. Die Leute um ihn herum stöhnten, klagten über die, Verzögerung, fragten sich, was los war. Er blieb in ihrer Mitte stehen, suchte nach einem Ausweg. 21.29 Uhr »Was von ihm zu sehen?« Red schloss zu Barron auf. Bei ihm waren Lee, die junge Hostess und die beiden Sicherheitsleute der Lufthansa. »Nein, noch nicht. Und noch wissen wir nicht, ob es tatsächlich Raymond ist. Es könnte auch der junge Deutsche sein, der einfach beschlossen hat, nach Hause zu fliegen.« Ihre Blicke trafen sich. »Richtig«, sagte Red ruhig. Es war nur ein kurzer Moment, aber Barron sah ihm an, dass er über seinen Alleingang nicht erfreut war. Red ließ den Blick über die Menge wandern. Kein Zweifel, auch er glaubte nicht, dass es der junge Deutsche war. Raymond musste hier irgendwo sein. Red wandte sich an die Hostess. »Hat er Deutsch gesprochen?« »Ja, fließend.« Sie suchte mit den Augen die Menge ab, genau wie Red und alle anderen. »Er sah sehr gut aus mit den lila Haaren.« »Sperrt den Laufgang hinter uns ab«, sagte Red zu Lee. »Wir müssen uns durch die Menge arbeiten. Keiner darf raus, bis wir durch sind.« Und an Barron gewandt: »Ab sofort sind Sie mein Partner. Klar?« »Ihr Partner?« Barron war wie vom Donner gerührt. In der Squad gab es normalerweise keine Partner, jeder arbeitete mit jedem. Und jetzt bildeten er und Red ein Team. »Ja. Und diesmal bleiben Sie bei mir und gehen nicht auf eigene Faust …« Weiter kam er nicht. Drei Schüsse ließen die Halle erdröhnen. »Runter!« Barron stieß die Hostess zu Boden, und die, Detectives wirbelten mit gezückten Waffen herum. Eine Sekunde lang stand die Zeit still, und nichts bewegte sich. Dann rannte Raymond los, mitten durch die Menge in Richtung Gangway., »Die Dodgers-Mütze! Er ist in der Gangway!« Von wegen an Reds Seite bleiben. Barron bahnte sich brüllend einen Weg durch die Menge. Alles war in Panik. Menschen rannten, drängelten, schrien und kreischten, jeder versuchte, hier wegzukommen. Und über allem lag der beißende Geruch von Pulverdampf. Barron wich einem Priester aus, der in die entgegengesetzte Richtung lief, und dabei fiel sein Blick auf die Sicherheitsleute in der Nähe der Gangway. »Schließt die Maschine von innen!« Hinter ihm zwängte sich Red durchs Gewühl. Auch Polchak und Valparaiso, Lee und Halliday kämpften sich mit gezückten Waffen an die Gangway heran. Hinter ihnen kniete der Priester neben den beiden Flughafenpolizisten nieder, die in Raymonds Nähe gestanden hatten. Raymond hatte sie überrumpelt und blitzschnell niedergestreckt. Wie die Hilfssheriffs im Gericht. Er hatte dem einen die Waffe aus dem Holster gerissen und aus nächster Nähe in den Kopf geschossen, dann dem anderen zweimal ins Gesicht gefeuert, bevor er Gegenwehr leisten konnte. Die Waffe in der Hand, hatte er sich durch die entsetzte Menge gedrängt und war zu der Gangway gerannt, die zum Flugzeug führte. Am Eingang zur Gangway blieb Barron abrupt stehen. Die Beretta wie ein Soldat in beiden Händen, spähte er in den schwach erleuchteten Tunnel. Er war leer. Im nächsten Moment nahm er hinter sich eine Bewegung wahr. Er fuhr herum. Vor ihm stand Red. Er war ernst, kühl, zeigte keine Regung. »Ihnen ist doch klar, was passiert, wenn wir ihn kriegen.«, Barron starrte McClatchy eine Sekunde lang an, dann sah er an ihm vorbei und hielt nach Dan Ford Ausschau. Er konnte ihn nirgends entdecken und begriff, dass er ihn vergessen musste. »Ja«, sagte er, drehte sich um und betrat, die Waffe im Anschlag und vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, die Gangway. In dem schwachen Licht konnte er erkennen, dass der Gang sich sieben Meter vor ihm nach links krümmte. Wie oft war er gedankenlos durch solche Fluggastbrücken gegangen. Einfach hinter den Mitreisenden hergetrottet und in den Flieger gestiegen, ohne daran denken zu müssen, dass hinter der nächsten Biegung vielleicht jemand lauerte, der seinem Leben ein Ende machen konnte. »Hier spricht McClatchy«, flüsterte Red dicht hinter ihm in sein Funkgerät. »Gebt mir jemanden von der Lufthansa.« Barron näherte sich der Biegung, den Finger am Abzug der Beretta. Sein Herz hämmerte. Er ging davon aus, dass Raymond hinter der Ecke wartete, und war entschlossen, sofort zu schießen, wenn er ihn sah. »McClatchy«, sagte Red wieder. »Ist der Verdächtige im Flugzeug?« Barron zählte bis drei und bog um die Ecke. »Nein!«, brüllte er und stürmte los. »Er ist draußen.« Am anderen Ende der Gangway stand eine Tür offen. Barron lief hin, blieb kurz stehen, holte tief Luft und schlüpfte ins Freie. Gerade als er auf die oberste Stufe der Treppe trat, riss Raymond drüben am Flughafengebäude eine Tür auf und verschwand. Barron rannte die Treppe hinunter. Hinter ihm erschien Red in der Tür und bellte Befehle in sein Funkgerät. Unten angekommen, sprintete Barron über das Vorfeld. Vor, der Tür, in der Raymond verschwunden war, blieb er stehen. Wieder holte er Luft, dann stieß er sie auf. Sie führte in einen Gang, den Neonlampen hell erleuchteten. Links vor ihm ging eine Tür ab. Wieder Atem holen. Er öffnete sie und erstarrte. Es war eine Kantine. Mehrere Tische waren umgeworfen. Ein halbes Dutzend Angestellte lag, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, auf dem Boden. »Polizei! Wo ist er?«, rief er. Plötzlich fuhr Raymond hinter einem umgekippten Tisch vor einer Tür am anderen Ende empor. Bum! Bum! Bum! Die Pistole des erschossenen Flughafenpolizisten hüpfte in seiner Hand. Barron erwiderte das Feuer und warf sich auf den Boden, wälzte sich zur Seite, sprang wieder auf und wollte erneut feuern. Die Tür stand offen, Raymond war verschwunden. Einen Augenblick später rannte Barron durch die Tür und einen anderen Gang entlang. Ganz hinten ging eine Tür auf, und Halliday erschien, eine Beretta in der Hand. »Hier ist er nicht rausgekommen!«, brüllte Halliday. Dann entdeckte Barron auf halber Strecke zwischen ihnen eine Tür, die einen Spalt offen stand, und lief darauf zu. Er erreichte sie als Erster, blieb kurz stehen und drückte sie auf. Wieder ein Gang. In einiger Entfernung fiel ein Schuss, dann ein zweiter. »Mein Gott!« Er rannte, so schnell er konnte. Seine Lungen brannten. Er preschte durch eine Tür am Ende des Gangs und gelangte in die Gepäckabfertigung. Vor ihm lag ein Arbeiter tot am Boden, ein zweiter kniete blutend drei Meter neben ihm. »Da lang! Er ist da lang!« Der Mann deutete auf die Förderanlage, die das Reisegepäck in den Terminal transportierte., Koffer und Taschen beiseite stoßend, kletterte Barron auf das Band. Er hörte den Schuss und den Querschläger. Gleichzeitig zischte etwas an seinem Kopf vorbei. Er richtete sich auf. Sieben, acht Meter vor ihm kauerte Raymond zwischen Koffern. Er hatte die Dodgers-Mütze verloren, und Barron sah, dass er einen kahl geschorenen Schädel hatte. Er feuerte zweimal. Die erste Kugel prallte von einem großen Koffer neben Raymonds Kopf ab. Die zweite ging völlig daneben. Dann sah er, wie Raymond, auf ein Knie gestützt, auf ihn anlegte. Er warf sich flach hin und wartete auf das Krachen des Schusses. Doch er hörte nur ein metallisches Klicken. Dann noch eines und noch eines. Mit Raymonds Waffe stimmte etwas nicht. Er schnellte in die Höhe, drehte sich zur Seite, wollte schießen. Doch es war zu spät. Raymond war fort. Er konnte hören, wie er über das Band kroch und Gepäckstücke beiseite stieß. Das Band war schmal und für Gepäck, nicht für Menschen vorgesehen, aber wenn Raymond darauf Platz hatte, passte er auch darauf. Er steckte die Beretta in den Gürtel, duckte sich und kletterte über zwei große Golftaschen. Eine Sekunde, zwei. Er duckte sich ein zweites Mal, als das Band unter einem Kabelschacht durchschlüpfte. Dahinter machte es eine scharfe Biegung nach links, und er musste sich an der Golftasche festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Plötzlich tauchte Raymond auf, fiel wie eine riesige Ratte von den oberen Querstreben der Förderanlage, packte ihn am Kragen und schwang die klemmende Pistole wie einen Hammer. Er tauchte unter dem Schlag weg und rammte Raymond die Faust ins Gesicht. Er hörte ihn schreien, packte ihn am Hemd und zog ihn zu sich herunter, um ihn noch einmal zu schlagen. Wieder holte Raymond mit der Pistole aus. Es war ein schneller, und sehr kräftiger Hieb. Er traf ihn direkt vor dem Ohr, und ihm wurde schwarz vor Augen. In diesem Augenblick gab das Förderband unter ihnen nach, und sie stürzten in die Tiefe. Einer hinter dem anderen, mit Gepäckstücken dazwischen. Eine Sekunde später lagen sie auf dem Gepäckkarussell. Barron kam wieder zu sich und sah Gesichter. Leute brüllten und schrien ihn an, aber er verstand nicht, warum oder was. Dann merkte er, dass er auf dem Rücken lag. Seine Hand fuhr zu der Beretta in seinem Gürtel. Sie war weg. »Suchen Sie das hier?« Raymond stand über ihm. Die Beretta in der Hand, Zentimeter von seinem Gesicht entfernt. »Do swidanija«, sagte er auf Russisch. Lebwohl. Barron versuchte, sich wegzudrehen, sich irgendwie vor dem Schuss zu schützen. »RAYMOND!« Barron hörte das Bellen von Reds Stimme und nahm wahr, wie Raymond herumwirbelte. Mehrere Schüsse krachten. Dann sah er, wie Raymond vom Karussell sprang und verschwand., Als Dan Ford mit einem dunkel gekleideten Wachmann der Lufthansa durch die Tür trat, sah er Raymond direkt auf sich zurennen. Ihre Blicke begegneten sich, dann schlug Raymond einen Haken, stieß einen älteren Mann beiseite und stürmte durch eine Schiebetür. Es dauerte einen Augenblick, bis Ford begriff, wen er gesehen hatte und was geschehen war. Dann hörte er das Geschrei und Gebrüll aus der Gepäckausgabe hinter sich. Er drehte sich um und lief hin. Red lag in einer Blutlache am Boden. Schockierte Menschen drängten sich um ihn, zu fassungslos und entsetzt, um etwas anderes zu tun, als zu gaffen. Ford rannte weiter, und gleichzeitig bahnte sich Barron aus der entgegengesetzten Richtung einen Weg durch das Gewühl, stieß Leute beiseite, brüllte sie an, sie sollten Platz machen. Beide Männer waren im selben Moment bei Red. Barron kniete neben ihm nieder, riss ihm das Jackett auf und presste ihm die Hände auf die Brust, um die Blutung zu stoppen. »Einen Krankenwagen!«, schrie er. »Jemand muss einen Krankenwagen rufen!« Er hob den Blick. Dan Ford stand neben ihm. »Ruf einen Krankenwagen!«, schrie er. »Ruf einen Krankenwagen!« »Er wollte keine Schutzweste tragen«, hörte er jemanden hinter sich sagen, dann spürte er eine Hand, die ihn hochzuziehen versuchte. Er riss sich los. »John, es hat keinen Sinn«, sagte dieselbe Stimme ruhig. Barron schaute auf. Roosevelt Lee stand neben ihm. »Lass mich!«, schrie er ihn an., Dann sah er, dass Dan Ford aufgeregt mit Halliday, Polchak und Valparaiso sprach und in die Richtung deutete, in die Raymond verschwunden war. Die drei Cops rannten davon. Barron wollte sich wieder Red zuwenden, und da bemerkte er, dass Lee Tränen in die Augen traten. »Es ist zu spät, John.« Barron blickte verwirrt. Lee nahm ihn am Arm und zog ihn hoch. »Es ist zu spät, verstehst du? Der Commander ist tot.« Die Welt war in der Schwebe. Geräusche gab es nicht. Ringsum starrende Gesichter. Barron sah, wie Dan Ford zurückkam, sein blaues Sakko auszog und über Reds Gesicht breitete. Er sah auch Halliday, Polchak und Valparaiso zurückkommen, keuchend, die Jacketts vom Regen durchnässt. Er sah, wie der hünenhafte Roosevelt Lee sie mit einem Kopfschütteln empfing. Und wie ihm die Tränen, Rinnsale jetzt, langsam über die Wangen liefen. Es war 21.47 Uhr., Immer noch Mittwoch, 13. März, 22.10 Uhr Halliday hatte ihn nach Hause geschickt. Morgen früh würden sie einen frischen Mann im Büro brauchen, hatte er gesagt, und davon abgesehen genüge es, wenn Valparaiso und er die Fahndung nach Raymond vom Flughafen aus koordinierten. Lee und Valparaiso waren bereits unterwegs und fuhren die längsten Meilen ihres Lebens, hinüber in den Bezirk Mount Washington zu dem schlichten Drei-Zimmer-Bungalow in der Ridgeview Lane 210, um Gloria McClatchy die Nachricht vom Tod ihres Mannes zu überbringen. »Fahr du.« »Wohin?« »Egal. Fahr einfach.« Dan Ford ließ den Motor an, steuerte John Barrons Mustang vom Flughafengelände und bog nach Norden in Richtung Santa Monica ab. Reds Blut klebte noch an Barrons Hemd und Händen, doch er schien es nicht zu bemerken. Er saß auf dem Beifahrersitz und stierte ins Leere. Innerhalb von Minuten nach dem Zwischenfall war ein Gebiet von fünf Quadratmeilen rund um den internationalen Flughafen von Los Angeles abgeriegelt worden, und Hundertschaften der Polizei durchkämmten mit Unterstützung von Hubschraubern und Hundestaffeln das Gebiet nach Raymond Oliver Thorne. Doch das interessierte Barron jetzt ebenso wenig wie der Umstand, dass alle Flüge verschoben wurden, bis jeder Passagier genau überprüft war, um sicherzustellen, dass der flüchtige Raymond es nicht einfach bei einer anderen, Fluggesellschaft probierte. Red McClatchy war tot, alles andere war nebensächlich. Vielleicht hätte er Raymond auf dem Gepäckkarussell sofort erschießen sollen, ohne ihn anzurufen. Vielleicht hatten Menschen im Weg gestanden, und er hatte nicht schießen können, ohne sie zu gefährden. Vielleicht hatte er befürchtet, Raymond würde im nächsten Augenblick ihn, Barron, erschießen, wenn er ihn nicht sofort ablenkte. Wie auch immer, jedenfalls hatte es nach diesen schrecklichen Sekunden einen kurzen Schusswechsel gegeben, und das hieß, dass auch Red gefeuert hatte. Doch unglücklicherweise war Raymond der bessere Schütze gewesen, obwohl Red gut war. Oder auch nur der schnellere oder glücklichere. Vielleicht war alles zusammengekommen. Auf jeden Fall war Red McClatchy jetzt tot, und nicht er. Red hatte ihm das Leben gerettet. Red McClatchy, den er zugleich respektierte, verachtete und liebte. Und der ihn wenige Minuten vor der Tragödie zu seinem Partner gemacht hatte. Gleich, was er und die 5-2 getan hatten, man konnte sich ihn nicht als gewöhnlichen Sterblichen vorstellen. Er war ein Riese, eine lebende Legende. Männer wie er starben nicht auf dem Fußboden eines belebten, hell erleuchteten Flughafenterminals, in dem zweihundert Passagiere auf der Suche nach ihrem Gepäck herumirrten. Sie starben überhaupt nicht, sie wurden wie Heilige verehrt. Vielleicht würde man irgendwann in vierzig Jahren hören, er sei nach langem Ruhestand sanft entschlafen. Und selbst dann würde er in endlosen Nachrufen als Held gefeiert werden. »Im Parkhaus hat er wie wir alle eine kugelsichere Weste angezogen. Aber er hat nie eine leichte unter dem Hemd getragen. Das war mir nicht klar.« Barron stierte noch immer in den Regen, der mittlerweile nachgelassen hatte und wie Nebel im Scheinwerferlicht flimmerte. »Vielleicht hat er an seinen eigenen Mythos geglaubt und war davon überzeugt, dass ihm, nichts zustoßen könne.« »So wie ich Red einschätze, konnte er die Scheißdinger einfach nicht leiden«, sagte Dan Ford leise. »Vielleicht war das für ihn Grund genug.« Barron antwortete nicht, und das Gespräch versiegte. Eine Stunde später hatten sie die Lichter der Stadt weit hinter sich gelassen und fuhren auf dem Golden State Freeway in Richtung der Tehachapi-Berge. Der Regen hatte aufgehört, und die Sterne kamen hinter den Wolken hervor., Fünfunddreißig Minuten nach seiner Flucht aus dem Flughafengebäude stand Raymond auf dem Parkplatz des Disneyland-Hotel und blickte zu der Einschienenbahn hinauf, die Gäste vom Hotel zu dem legendären Freizeitpark und wieder zurück brachte. Ein amüsiertes Grinsen huschte über sein Gesicht – nicht weil er der Polizei um Haaresbreite entwischt war oder es geschafft hatte, auf demselben Weg, auf dem er gekommen war, wieder zu verschwinden, indem er einfach in den nächsten Bus stieg und in Richtung Disneyland fuhr, als die ersten Sirenen in Richtung Terminal 6 vorbeiheulten, wo es bald von Polizisten wimmeln würde –, nein, er grinste, weil er daran denken musste, dass im Jahr 1959 Nikita Chruschtschow, der damalige starke Mann der Sowjetunion, um einen Besuch in Disneyland gebeten und von der amerikanischen Regierung eine Abfuhr bekommen hatte. Der diplomatische Fauxpas machte böses Blut und beschwor eine internationale Krise herauf. Wie die Sache ausgegangen war, wusste er nicht mehr. Auf jeden Fall war es eine bizarre und absurde Vorstellung, dass Mickey Mouse die beiden Supermächte des Kalten Kriegs noch näher an den Rand eines Atomkriegs gebracht hatte. Er schob den Gedanken beiseite. Ihm war klar, dass sie die Suche nach ihm bereits intensivierten. Sie wussten, wie er gekleidet war und dass er sich den Kopf kahl geschoren hatte. Er brauchte ein sicheres Versteck, wo er sich ausruhen, seine Lage überdenken und noch einmal versuchen konnte, Jacques Bertrand in Zürich zu erreichen. Diesmal würde es nicht um seine Ankunft in Frankfurt gehen, sondern erneut um einen Pass und ein Flugzeug, das ihn so schnell wie möglich aus Kalifornien herausholte. Das Scheinwerferlicht eines anderen Flughafenbusses strich, über ihn hinweg, und dann hielt der Bus an. Die Türen gingen auf, und ein Gruppe frankokanadischer Touristen stieg aus. Er schloss sich ihnen an und betrat die Lobby des Hotels. Er ging zum Geschenkladen. Wieder benutzte er Josef Speers Euro MasterCard, diesmal um sich einen Disneyland-Hut und eine Windjacke mit dem »König der Löwen« zu kaufen. Nach dieser geringfügigen Änderung seines Äußeren benutzte er wieder öffentliche Verkehrsmittel. Mit dem nächsten Bus fuhr er zurück in Richtung Innenstadt. Am John Wayne Airport stieg er um. Sein Ziel war der einzige Ort, wo er mit ziemlicher Sicherheit ungestört den Rest der Nacht würde verbringen können, nämlich das Apartment des Ehepaars Neuss in Beverly Hills. Eine Stunde später traf er dort ein und überlegte, wie er in die Wohnung gelangen konnte. Er ging davon aus, dass ein wohlhabender amerikanischer Juwelier, auch wenn er vergleichsweise bescheiden wohnte wie Neuss, jedes Fenster und jede Tür mit einer elektronischen Alarmanlage gegen Einbruch gesichert hatte. Aber er wusste, wie man ein Dutzend unterschiedlichster Alarmanlagen außer Betrieb setzte! Man musste nur an der Stelle, wo man eindringen wollte, den Kontrolldraht freilegen und durch Überbrücken kurzschließen, ehe man ihn durchtrennte. So wurde der Stromfluss zur Zentrale nicht unterbrochen und der Anschein erweckt, die Alarmanlage sei intakt. Er wäre mit jeder Anlage fertig geworden, die Neuss haben mochte, doch das war gar nicht nötig. Alfred war nicht nur überaus berechenbar, sondern auch arrogant. Das Einzige, was seine Wohnung im Linden Drive vor Eindringlingen schützte, war ein Türschloss, das selbst der dümmste Einbrecher mühelos geknackt hätte, und genau das tat Raymond zwanzig Minuten nach Mitternacht. Bis Viertel vor eins hatte er geduscht, einen sauberen Pyjama des Wohnungsinhabers angezogen, ein Pumpernickel-Sandwich mit Schweizer Käse verzehrt und mit einem Glas eiskaltem, russischem Wodka, den Neuss im Gefrierfach seines Kühlschranks aufbewahrte, hinuntergespült. Das Telefon des Juweliers wollte er nicht benutzen, da er trotz des ausgeklügelten Systems, das ihn beim Wählen automatisch mit mehreren Nummern im Ausland verband, fürchtete, Experten der Polizei könnten den Anruf später zurückverfolgen, und so saß er um eins in einem kleinen Arbeitszimmer gegenüber der Wohnungstür vor Alfred Neuss’ Heimcomputer, Barrons Beretta neben sich auf dem Tisch. Innerhalb von Sekunden hatte er das Emulationsprogramm gestartet, sich in den Zielrechner in Buffalo, New York, eingewählt, die Telnet- Sitzung mit dem Host gestartet und eine verschlüsselte Nachricht an eine E-Mail-Adresse in Rom geschickt, von wo sie elektronisch an eine andere E-Mail-Adresse in Marseille und schließlich an Jacques Bertrands Adresse in Zürich weitergeleitet wurde. Darin teilte er dem Schweizer Anwalt mit, was geschehen war und dass er schnellstens Hilfe brauche. Anschließend goss er sich ein zweites Glas Wodka ein, und exakt um ein Uhr siebenundzwanzig, Dienstag, den 14. März, kroch Raymond Oliver Thorne, den zu diesem Zeitpunkt nahezu jeder Polizist im Los Angeles County suchte, in das Doppelbett des Ehepaars Neuss, wickelte sich in die Decke und fiel in einen erholsamen Schlaf., Donnerstag, 14. März, 4.15 Uhr »Stemkowski, Jake, richtig?« John Barron lehnte an der Anrichte in der Küche des Hauses, das er im Stadtteil Los Feliz gemietet hatte, in der einen Hand einen Stift, in der anderen den Telefonhörer. »Haben Sie seine Privatnummer? Ich weiß, dass es Viertel nach sechs morgens ist, Hier ist es Viertel nach vier«, sagte er unbeeindruckt. Einen Augenblick später kritzelte er eine Telefonnummer auf den Notizblock, der neben ihm lag. Er bedankte sich und legte auf. Zehn Minuten zuvor hatte ein erschöpfter Jimmy Halliday angerufen und berichtet, was es Neues gab. Erstens: Auf den beiden 9-mm-Berettas, die ein Raumpfleger auf der Herrentoilette in Terminal 6 in seinem Putzeimer gefunden hatte, waren keine Fingerabdrücke. Sollten sich welche darauf befunden haben, so hatte sie das Reinigungsmittel aufgelöst. Die Herkunft der Waffen stand jedoch außer Frage: Sie hatten den von Raymond im Aufzug des Kriminalgerichts erschossenen Hilfssheriffs gehört. Zweitens: Die ballistische Untersuchung der Ruger, die man in Raymonds Reisetasche im Southwest Chief gefunden hatte, war abgeschlossen. Vergleichstests hatten ergeben, dass es sich zweifelsfrei um dieselbe Waffe handelte, mit der die beiden Männer in dem Schneiderladen in der Pearson Street in Chicago ermordet worden waren. Drittens: Die Polizeibehörden von San Francisco, Mexico City und Dallas hatten auf ihre Anfragen vom Nachmittag zuvor geantwortet. Wie aus den Daten auf dem Magnetstreifen von, Raymonds Pass hervorgegangen war, hatte er diese Städte unmittelbar vor seiner Reise nach Chicago besucht, und zwar innerhalb von wenig mehr als vierundzwanzig Stunden zwischen Freitag, dem 8. März, und Samstag, dem 9. März. Wie nicht anders zu erwarten, war in diesem Zeitraum in jeder dieser Städte ein Mann ermordet worden. Die beiden Opfer von San Francisco und Mexico City waren vor ihrer Ermordung brutal gefoltert und anschließend durch Schüsse ins Gesicht unkenntlich gemacht worden. Das eine war aus der San Francisco Bay gefischt, das andere auf einer verlassenen Baustelle aufgefunden worden. Mit der Verstümmelung und Beseitigung der Leichen, so vermuteten die zuständigen Ermittler, habe der Mörder ihre Identifizierung erschweren und Zeit gewinnen wollen, um in Ruhe zu verschwinden, ehe die Morde entdeckt und bekannt wurden. Es war dieselbe Methode, nach der Raymond beim Mord an Josef Speer vorgegangen war. Bevor Halliday auflegte, hatte er noch gesagt, dass er gerade dabei sei, bei der Polizei in San Francisco und Mexico City nähere Auskünfte über die Mordopfer einzuholen, und Barron gebeten, dasselbe in Chicago zu tun. Jetzt wählte Barron die Nummer, die er bekommen hatte, trank einen Schluck Pulverkaffee und wartete, bis es klingelte. Auf der Anrichte neben ihm lag eine Colt Double Eagle Automatik, Kaliber.45. Es war seine eigene Pistole. Er hatte sie aus einer verschlossenen Schublade im Schlafzimmer geholt, als Ersatz für die Beretta, die ihm Raymond am Flughafen abgenommen hatte. »Stemkowski«, meldete sich eine raue, gereizte Stimme am anderen Ende der Leitung. »Hier spricht John Barron vom Police Department Los Angeles, Squad 5-2. Verzeihen Sie, dass ich Sie geweckt habe, aber hier bei uns läuft ein ganz übler Kunde frei herum.« »Ich höre. Was kann ich für Sie tun?«, Ein ganz übler Kunde. Barron war allein in seinem Haus, bekleidet mit Trainingshose und einem abgetragenen T-Shirt der Polizeischule. Er hätte ebenso gut in der Hauptverkehrszeit splitterfasernackt mitten auf dem Sunset Boulevard stehen können. Er wollte von Jake Stemkowski, dem Kriminalbeamten von der Mordkommission in Chicago, jede Information, die er ihm über die ermordeten Männer aus dem Schneiderladen geben konnte. »Die beiden waren Schneider«, antwortete Stemkowski. »Brüder, siebenundsechzig und fünfundsechzig Jahre alt. Nachname Azov. A-Z-O-V. Russische Einwanderer.« »Russen?« Barron musste an die Notizen in Raymonds Taschenkalender denken: Russische Botschaft/London. 7. April/Moskau. »Überrascht Sie das?«, fragte Stemkowski. »Vielleicht. Ich weiß nicht.« »Ob Russen oder was auch immer, sie waren seit vierzig Jahren amerikanische Staatsbürger. Wir haben eine Liste mit russischen Namen bei ihnen gefunden. Mit Adressen in jedem zweiten Bundesstaat. Allein im Raum Los Angeles sind es vierunddreißig.« »In L. A.?« »Ja.« »Sind es Juden?« »Vermuten Sie Hass als Motiv?« »Vielleicht.« »Sie könnten Recht haben, aber Juden waren es nicht, sondern russisch-orthodoxe Christen.« »Schicken Sie mir die Liste.« »Sobald ich kann.« »Danke. Jetzt können Sie weiterschlafen.«, »Nein. Zeit zum Aufstehen.« »Nochmals danke.« Barron legte auf und blieb am Telefon stehen. Vor ihm lag die Double Eagle. Zu seiner Rechten, neben dem Kühlschrank, hing das Foto von ihm und Rebecca, das in St. Francis aufgenommen worden war und unter dem Geschwister des Jahres stand. Was sollte er nur mit Rebecca tun? Nicht einmal achtundvierzig Stunden waren vergangen, und doch erschien ihm alles, was vorher geschehen war, wie in ferner Vergangenheit. Das Entsetzen, das er bei der Hinrichtung Donlans, bei der Entdeckung, was die Squad tat, und zwar schon lange, und bei Reds und auch Hallidays Warnung empfunden hatte, kam ihm wie ein Teil eines anderen Lebens vor, das er als ein viel jüngerer Mann geführt hatte. Jetzt zählte nur noch eins: Red war tot, und sein Mörder lief immer noch frei herum. Bei dem Gedanken packte ihn eine jähe Wut. Sein Herz klopfte, und sein Blut geriet in Wallung. Er wandte den Blick von der Fotografie ab und starrte wieder auf die Double Eagle. In diesem Augenblick begriff er. Seine schlimmste Befürchtung war wahr geworden. Er war einer von ihnen geworden., Beverly Hills, derselbe Tag, Donnerstag, 14. März, 4.40 Uhr Ray beugte sich über den Bildschirm des Computers in Alfred Neuss’ kleinem Arbeitszimmer. Auf dem Schirm flimmerte eine verschlüsselte Nachricht von Jacques Bertrand aus Zürich. Entschlüsselt lautete sie: Papiere werden in Nassau vorbereitet. Flugzeug wird organisiert. Endgültige Bestätigung folgt. Das war alles. Die Baronesse hatte ihm beim letzten Mal schon erklärt, dass es Zeit erfordere, einen Pass anzufertigen und dem Piloten, der ihn überbringen sollte, zukommen zu lassen. Er selbst hatte Bertrand die ganze Aktion stoppen lassen, nachdem er ihn darüber informiert hatte, dass er seinen ursprünglichen Plan aufgegeben habe und nach Frankfurt fliege. Folglich mussten sie jetzt wieder bei Null anfangen. Dafür konnte niemand etwas, es war einfach so. Nein, das stimmte nicht, es war etwas anderes. Gott stellte ihn immer noch auf die Probe. Sanatorium St. Francis, 8 Uhr Die Fläche, auf die John Barron blickte, war makellos weiß. Dann betrachtete er die Hand, und die in Rot getauchten Finger berührten das Weiß und zogen einen großen Kreis. Ein Auge wurde mitten hinein gesetzt, und ein zweites. Dann rasch eine dreieckige Nase. Und endlich ein Mund, mit heruntergezogenen Winkeln und traurig. Wie die tragische Maske der Melpomene., »Mir geht es gut«, formte Barron stumm mit den Lippen und lächelte gezwungen, dann wandte er sich von Rebecca ab, die im beengten Zeichenraum von St. Francis an ihrer Staffelei stand und mit Fingerfarben malte, trat an ein offenes Fenster und blickte hinaus auf das weite Grün des gepflegten Rasens. Der Regen der letzten Nacht war für die Stadt wie ein reinigendes Gewitter gewesen und hatte ein sauberes, frisches Los Angeles hinterlassen, das jetzt im strahlenden Sonnenschein dalag. Doch seine Reinheit und sein Glanz kaschierten nur die Wahrheit dessen, was Rebecca gemalt hatte – zu viele Menschen waren tot, er musste etwas unternehmen. Er zuckte zusammen, als ihn etwas am Ärmel berührte, und drehte sich um. Rebecca stand neben ihm und wischte den letzten Rest Fingerfarbe an einem kleinen Frotteetuch ab. Als sie damit fertig war, legte sie das Tuch beiseite, nahm ihn bei den Händen und sah ihn an. In ihren dunklen Augen spiegelte sich alles, was er empfand: Wut, Schmerz, Trauer. Er wusste, dass sie alles zu verstehen suchte und traurig und deprimiert war, weil sie es ihm nicht sagen konnte. »Ist schon in Ordnung«, flüsterte er und schlang die Arme um sie. »Ist schon in Ordnung.« Parker Center, 8.30 Uhr Dan Ford stand in der erste Reihe zwischen Kameras und Mikrofonen, als der Bürgermeister von Los Angeles eine schriftliche Erklärung verlas. »Heute trauern die Menschen in Los Angeles um Commander Arnold McClatchy, den Mann, den jeder als Red kannte. ›Kein Held, nur ein Cop‹, wie er sagen würde, der das höchste Opfer brachte, um einem Kollegen das Leben zu retten …« Bei den letzten Worten versagte ihm die Stimme, und er hielt kurz inne. Dann fasste er sich wieder und fügte hinzu, dass auf Anordnung des Gouverneurs von Kalifornien die Fahnen am, Kapitol der Bundesstaats zu Ehren McClatchys auf halbmast gesetzt würden. Auf eigenen Wunsch des Commanders werde es keine Trauerfeier geben, »nur ein einfache Zusammenkunft von Freunden in seinem Haus. Sie alle wissen, wie sehr Red Sentimentalitäten verabscheute und wie schnell er dann das Weite suchte.« Es wurde geschmunzelt, aber niemand lachte. Dann übergab der Bürgermeister das Mikrofon an Polizeichef Louis Harwood. Die Wehmut hatte ein Ende, als Harwood mit finsterer Miene erklärte, dass die Mitarbeiter der Squad 5-2 den Medien ab sofort nicht mehr zur Verfügung stünden. Punkt. Die Ergreifung des flüchtigen Raymond Oliver Thorne nehme sie voll und ganz in Anspruch. Punkt. Alle Fragen der Journalisten seien an die Pressestelle des Police Department zu richten. Punkt. Ende der Durchsage. Die lokalen Polizeireporter verstanden. Die anderen, deren Zahl mittlerweile an die hundert heranreichte und weiter stieg, da nun auch ausländische Journalisten dazustießen, fühlten sich vom Zentrum des dramatischen Geschehens ausgesperrt. Und genau das war auch beabsichtigt. Zum einen sollte die Privatsphäre und die Trauer der Männer von der Squad 5-2 geschützt werden. Zum anderen war das Department, das selbst einen schweren Verlust erlitten hatte, über die Art der Berichterstattung empört. Mit Red McClatchy hatten fünf weitere Polizisten und zwei Zivilisten ihr Leben verloren, und der Mörder lief immer noch frei herum. Darunter litt der legendäre Ruf der Squad als eine der besten Polizeieinheiten im Land. Die Medien warfen ihr zwar nicht unbedingt Unfähigkeit vor, attestierten ihr aber doch eine tragische Rolle. Raymond hatte die Stadt der Engel über Nacht wieder zum Wilden Westen gemacht. Innerhalb kürzester Zeit war er vom kaltblütigen Killer zum Helden der Boulevardpresse aufgestiegen. Ein tollkühner, verwegener Gesetzloser, dem irgendjemand den Spitznamen Trigger Ray, gegeben hatte und der mit seinen Taten weltweit Schlagzeilen machte. Raymond Oliver Thorne, der Mann ohne Gewissen und, wie es schien, ohne Vergangenheit, war zu einer Art John Dillinger und Billy the Kid des 21. Jahrhunderts in einer Person geworden. Ein junger, furchtloser und blendend aussehender Revolverheld, der sich in scheinbar aussichtsloser Lage rücksichtslos den Weg freischoss und den Ordnungshütern ein ums andere Mal ein Schnippchen schlug. Und das Beste: Er war immer noch auf freiem Fuß, und je länger er es blieb, desto höher kletterten die ohnehin schon hohen Einschaltquoten des Fernsehens und die Auflagen der Tageszeitungen. Einen solchen Rummel konnte das Department unmöglich tolerieren. Zumal nun jeder Reporter ein Interview mit Mitarbeitern der Squad wünschte. Also hatte man kurzerhand beschlossen, die Presse von ihnen fern zu halten. Und daran hatte man sich gehalten. Die einzige Ausnahme war Dan Ford. Das Department wusste, dass es ihm vertrauen konnte. Er berichtete nicht nur wahrheitsgemäß, sondern bewahrte auch Stillschweigen, wenn er in den Besitz von Informationen gelangte, nach denen die Sensationspresse gierte und die bei Bekanntwerden den Medienrummel weiter anheizen oder gar die Ermittlungen behindern würden. Ford kannte das Ergebnis der ballistischen Untersuchung, das bewies, dass Raymond in die Morde von Chicago verwickelt war. Er wusste von den laufenden Untersuchungen der brutalen Morde in San Francisco und Mexico City. Und ihm war bekannt, dass John Barron, nachdem Halliday ihn angerufen und die Verbindung zu den Morden in Chicago bestätigt hatte, unverzüglich Kontakt mit der Polizei in Chicago und dem mit der Untersuchung der Morde in der Pearson Street betrauten Beamten aufgenommen hatte. Von all dem wusste Dan Ford, doch er behielt es für sich, und deshalb öffnete ihm das Department die Tür, wenn andere draußen bleiben mussten., Beverly Hills, 8.45 Uhr Raymond starrte auf den Computerschirm. Vor genau vier Stunden hatte er Jacques Bertrands E-Mail erhalten. Warum die Bestätigung so lange auf sich warten ließ, war ihm ein Rätsel. Am liebsten hätte er zum Telefon gegriffen, ihn angerufen und gefragt. Doch das ging nicht. Er konnte nichts weiter tun als warten und hoffen, dass nicht ausgerechnet heute eine Haushaltshilfe oder Putzfrau in der Wohnung auftauchte und von ihm wissen wollte, wer er sei und was er hier verloren habe. Doch statt sich Sorgen zu machen, verwendete er seine Energie darauf, systematisch die Dateien im Computer und anschließend die Wohnung des Juweliers zu durchsuchen. Er ließ keine Schublade, keinen Schrank, kein Möbelstück und keinen Blumentopf aus und nahm buchstäblich jeden Quadratzentimeter unter die Lupe in der Hoffnung, einen weiteren Bankfachschlüssel oder Hinweise darauf zu entdecken, wo sich das dazugehörige Schließfach befand. Doch wo er auch nachschaute, nichts. Alles, was er entdeckte, war ein Geheimfach in der Frisierkommode, in dem Mrs. Neuss ihren Schmuck aufbewahrte. Der Schmuck war da. Der Schlüssel nicht. Und nicht der geringste Hinweis darauf. Am Ende blieb ihm nichts weiter übrig, als alles wieder an seinen Platz zu legen und auf Jacques Betrands Bestätigung zu warten. Und darauf zu hoffen, dass keiner, der sich die Fernsehnachrichten ansah oder eine Morgenzeitung las, ihn letzte Nacht durch den Linden Drive hatte gehen sehen oder von einem Fenster gegenüber einen Blick von ihm erhascht hatte., Zürich, zur selben Zeit, 17.45 Uhr Züricher Zeit Die Augen der Baronesse Marga de Vienne waren auf das Fernsehgerät gerichtet, das in Jacques Bertrands elegantem Privatbüro im zweiten Stock am Lindenhof, einem ruhigen Platz mit Blick über Altstadt und Limmat, sehr geschmackvoll in das Bücherregal aus Mahagoni integriert war. Mit zweiundfünfzig Jahren so schön wie mit zwanzig, fühlte sich die Baronesse – die heute ein dunkles, maßgeschneidertes und sehr konservatives Reisekostüm trug, dazu einen Glockenhut aus Lammfell, der ihr hochgestecktes langes Haar und weitgehend auch ihre Gesichtszüge verbarg – sichtlich unwohl. Sie traf sich nur selten persönlich mit ihrem Anwalt. Für die Besprechung geschäftlicher Angelegenheiten benutzten sie normalerweise abhörsichere Telefone und verschlüsselte E- Mails, und wenn sie sich sahen, dann bestimmt nicht bei ihm. Diesmal jedoch verhielt es sich anders. Sie war nach Zürich gekommen, weil die Dinge eine ungünstige Wendung genommen hatten. Was sie wenige Tage zuvor noch für eine genau getimte und sorgfältig geplante, alles in allem sehr einfache Operation gehalten hatte, war durch eine Verkettung unglücklicher Umstände zu einem Albtraum geworden. Raymonds nacktes Überleben hing nun ebenso von ihnen wie von ihm selbst ab. Was sie für Freitag in London und für den 7. April in Moskau geplant hatten, musste völlig neu überdacht werden. Ob Neuss und Kitner ahnten, wer hinter den Morden in Amerika steckte, war schwer zu sagen. Selbst wenn sie im Fernsehen sein Foto gesehen hatten, so war es doch mehr als zweifelhaft, ob sie ihn nach all den Jahren wiedererkannt hatten, zumal er nicht mehr der dunkelhaarige Mann mit dunklen Augenbrauen war, an den sie sich erinnerten, sondern ein blonder Mann mit hellen Augenbrauen, dessen Gesicht sich überdies seit einer plastischen Nasenoperation völlig verändert, hatte. Gleichwohl stand fest, dass Neuss überstürzt nach London gereist war, höchstwahrscheinlich aus Angst, er könnte als Nächster an die Reihe kommen. Und man musste davon ausgehen, dass er sich dort mit Kitner beriet und die beiden beschlossen, die Beweisstücke aus dem Bankschließfach zu holen und woanders zu deponieren, was die Dinge noch komplizierter machte. Das war ärgerlich, aber bei weitem nicht so ärgerlich wie das, was sie jetzt auf Bertrands Fernsehschirm sahen: CNN brachte in einer Sondersendung Raymonds Foto und einen Filmbericht über die Schießerei in der vergangenen Nacht auf dem internationalen Flughafen von Los Angeles, bei der er drei Polizisten, darunter einen bekannten und beliebten Kriminalbeamten, getötet hatte, als er versuchte, an Bord einer Lufthansa-Maschine nach Frankfurt zu gelangen. Das Telefon klingelte, und Bertrand hob ab. Die Baronesse drückte mit der behandschuhten Hand die Mute-Taste auf der Fernbedienung, und der Fernseher verstummte. »Ja«, sagte Bertrand auf Französisch. »Ja, selbstverständlich, benachrichtigen Sie mich sofort.« Er legte auf und sah die Baronesse an. »Alles in Ordnung. Die Maschine ist in der Luft. Jetzt liegt es ganz bei ihm.« »Gott stellt uns alle auf die Probe.« Die Baronesse wandte sich wieder dem Fernseher zu, wo in rascher Bildfolge gezeigt wurde, mit welch massivem Aufgebot Polizeibehörden in ganz Kalifornien nach Raymond fahndeten. Während sie zusah, kehrten sich ihre Gedanken nach innen, und sie fragte sich, ob er stark genug war, um sich zu retten. Oder ob sie ihn noch härter hätte rannehmen müssen. Los Angeles, Parker Center, 8.55 Uhr Barron eilte den Korridor entlang und sprach, das Handy am Ohr, mit Jake Stemkowski in Chicago. Gegen die ausdrückliche, Order von Polizeichef Harwood hatte ihn bei seiner Ankunft eine Schar von Reportern umringt, und das ausgerechnet in dem Moment, als Stemkowski anrief. Uniformierte Beamte hatten sie zurückgedrängt, und er war durch einen Seiteneingang geschlüpft und mit dem Fahrstuhl im hinteren Teil des Gebäudes nach oben gefahren. »Wir haben die Namen und Adressen der Russen, die wir in den Papieren der ermordeten Brüder Azov gefunden haben, zusammengestellt«, sagte Stemkowski. »Ich faxe Ihnen die Liste. Wir bleiben am Ball und halten Sie auf dem Laufenden.« »Danke.« »Die Sache mit Ihrem Chef tut mir Leid.« »Danke.« Barron steckte das Handy weg und betrat das Büro der Squad 5-2. Polchak und Lee waren da. Sie standen am Fenster neben seinem Schreibtisch, als hätten sie auf ihn gewartet. Sie hatten offensichtlich getrunken, waren aber nicht betrunken. »Was gibt’s?« Er schloss die Tür hinter sich. Polchak und Lee sagten kein Wort. »Haben Halliday und Valparaiso Feierabend gemacht?« »Gerade gegangen«, antwortete Polchak knapp. Er trug noch denselben Anzug wie am Flughafen, hatte schwere Lider und Bartstoppeln. »Du hast dir von dem Arschloch die Knarre wegnehmen lassen. Du hast eine Riesenscheiße gebaut. Aber das weißt du ja selbst.« Barron sah Lee an. Wie Polchak trug er noch dieselben Sachen wie letzte Nacht, hatte müde Augen und war unrasiert. Keiner von beiden war zu Hause gewesen, nachdem sie Reds Witwe die Nachricht überbracht hatten. Und ihre Gemütsverfassung war offensichtlich nicht die beste. Red war für sie ein Gott gewesen und er, Barron, für sie ein blutiger Anfänger und Versager. Er hätte Raymond erledigen sollen und hatte es nicht getan. Und, was das Schlimmste war: Raymond hatte ihm die Waffe weggenommen, mit der er Red erschossen hatte. Ihre Mienen sprachen Bände. Sie gaben ihm die Schuld an Reds Tod. »Es tut mir Leid«, sagte er ruhig. »Hast du eine Waffe?« Der Abscheu in Polchaks Augen grenzte an Hass. »Wieso?« Barron wurde argwöhnisch. Hassten sie ihn genug, um ihn hier und jetzt umzubringen? »Raymond hat deine Waffe«, sagte Lee. »Er hat Red damit erschossen.« »Ich weiß.« Barron sah die beiden forschend an, dann schlug er sein Jackett zurück. Die Double Eagle steckte im Holster an seiner Hüfte. »Die hatte ich zu Hause. Was ihr von mir haltet, ist unwichtig. Wichtig ist jetzt nur, dass wir Raymond aus dem Verkehr ziehen. Habe ich Recht?« Polchak stand schnaubend da, suchte seinen Blick, dann knurrte er: »Ja.« Er blickte zu Lee. »Roosevelt?« Lee sagte lange nichts, sah ihn nur an, als überlege er, was er tun solle. Zum ersten Mal wurde ihm richtig bewusst, wie groß Lee war. Ein Riese, der ihn mit einer Hand zerquetschen konnte. Das Summen des Faxgeräts unterbrach die Stille. Die Chicagoer Polizei schickte Stemkowskis Liste. Es war genug, und Lee nickte. »Ja«, sagte er. »Du hast Recht.« »Okay.« Barron sah die beiden Männer an, dann holte er das Fax. Er versuchte, sie zu ignorieren, während er die Liste, die Stemkowski aus dem Adressbuch der ermordeten Brüder Azov zusammengestellt hatte, durchging. Fast alle Namen klangen so russisch wie ihr Familienname. Der größte Teil lebte in Südkalifornien, vor allem in L.A. und Umgebung. Eine Hand voll weiter im Norden an der San Francisco Bay., Barron las die Liste einmal, dann noch einmal. Zunächst fiel ihm nichts auf. Und auch beim zweiten Mal wollte er schon aufgeben, als ihm etwas ins Auge stach. Am Anfang des letzten Drittels stand ein Name, der nicht russisch war oder zumindest nicht so klang, doch die Adresse war ihm nur zu vertraut. Er blickte zu Lee und Polchak. »Die Mordopfer von Chicago hatten einen Bekannten in Beverly Hills. Er hat einen Laden in der Nähe der Pizzeria, wo das Mädchen Raymond gesehen haben will. Und nur ein paar Blocks von der Stelle entfernt, wo die Kollegen von Beverly Hills den Wagen mit der Leiche des Vertreters gefunden haben. Die Adresse lautet Brighton Way 9520, der Bekannte heißt Alfred Neuss.« 9.17 Uhr., Beverly Hills, 10.10 Uhr Wieder sah Raymond auf dem Computerschirm nach, ob Bertrands Nachricht inzwischen eingetroffen war. Noch immer nichts. Was war passiert? Wo blieb die Bestätigung? Lag es daran, dass Bertrand noch gar keine Neuigkeiten für ihn besaß? Hatte er Probleme, eine Maschine oder einen Piloten aufzutreiben oder den Pass zu beschaffen? Gab es irgendwelche anderen Komplikationen? Nur der Himmel wusste es. Zornig wandte er sich vom Bildschirm ab. Wie lange konnte er noch hier bleiben? Die Straße draußen wurde belebter. Gärtner, Handwerker, Lieferanten und andere Leute, die in der Straße parkten und zu Fuß zu dem nicht weit entfernten Wilshire Boulevard oder irgendwelchen Geschäften und Büros in der Nähe eilten. Er sah wieder zum Bildschirm. Noch immer nichts. Er ging auf den Flur, in die Küche, kehrte wieder zurück. Seine Nervosität wuchs mit jeder Minute. Je länger er blieb, desto größer wurde die Gefahr, entdeckt zu werden. Für den Fall, dass etwas passierte, bevor sich Bertrand wieder meldete, hatte er sich vorsichtshalber nach einer Fluchtmöglichkeit umgetan. Und er hatte eine gefunden, und zwar in Form der Schlüssel für den dunkelblauen, fünf Jahre alten Mercedes des Juweliers, der in der schmalen Gasse hinter dem Haus in einem Carport parkte. Im Notfall konnte er mit dem Wagen flüchten, aber mehr auch nicht. Es gab kein anderes Versteck., 10.12 Uhr Wieder kehrte er zum Computer zurück, fest überzeugt, auch diesmal nichts vorzufinden. Doch zu seinem Erstaunen erwartete ihn eine Nachricht. Auch sie war chiffriert. Entschlüsselt lautete sie: West Charter Air, Nassau, Bahamas. Gulfstream holt mexikanischen Geschäftsmann Jorge Luis Ventana am Santa Monica Municipal Airport ab, heute, 13 Uhr. Die erforderlichen Papiere befinden sich an Bord. Das war alles, was er brauchte. Er ging in den Web-Browser und klickte »Tools« an. Dann wählte er »Internetoptionen«. Im Unterverzeichnis »Temporary Internet Files« klickte er »Dateien löschen« an, löschte »offline content« und klickte »clear history« an. Zusammen mit den zahlreichen IP-Adressen, die er benutzt hatte, wenn er Bertrand kontaktierte, machten es diese Maßnahmen praktisch unmöglich, das Hin und Her ihrer Korrespondenz zu rekonstruieren. Er schaltete den Computer aus, ging zum Kleiderschrank des Juweliers und nahm den gelbbraunen Leinenanzug heraus, den er bereits anprobiert hatte. Die Hose war etwas zu kurz und oben zu weit, aber wenn er den Gürtel eng schnallte, fiel das unter dem Jackett nicht weiter auf. Aus der Spiegelkommode nahm er ein gestärktes weißes Hemd und eine edle, rot-grün gestreifte Krawatte. Minuten später war er angezogen, band die Krawatte und stülpte einen Panamahut aus Stroh über seinen kahlen Schädel. Dann nahm er Barrons 9-mm-Beretta vom Bett, steckte sie in den Gürtel und begutachtete sich in Alfred Neuss’ großem Spiegel. Er sah mehr als annehmbar aus und lächelte zufrieden. »Bueno«, sagte er, und zum ersten Mal seit langer Zeit – er wusste selbst nicht mehr, seit wann – legte sich seine Nervosität., Bei der Ausreise mit einem Privatflugzeug entfiel die Kontrolle von Pässen oder anderen Ausweispapieren. Die brauchte er erst bei der Landung, und er war sicher, dass Betrand sein Versprechen gehalten hatte und an Bord welche bereitlagen. Er musste nur unbehelligt zum Flughafen in Santa Monica kommen, und einen fahrbaren Untersatz hatte er ja bereits, den Mercedes des Juweliers. »Bueno«, wiederholte er. Endlich schien sich das Blatt zu seinen Gunsten gewendet zu haben. Er warf einen letzten Blick in den Spiegel, rückte Hut und Krawatte zurecht und wandte sich zur Tür. Im letzten Moment blieb er stehen und beschloss, vorsichtshalber noch einmal aus dem Fenster zu blicken. Er erstarrte. Draußen auf der Straße parkte ein Wagen in zweiter Reihe, und gerade als er hinsah, stieg John Barron aus. Und mit ihm zwei der Detectives, die er vom Flughafen und aus dem Parkhaus kannte. Sie schritten auf das Haus zu, und vorneweg die arrogante Verkäuferin aus dem Juweliergeschäft. 10.19 Uhr., Die vier entschwanden seinen Blicken. Die Verkäuferin hatte offensichtlich einen Schlüssel zum Apartment ihres Chefs, sonst wäre sie nicht mitgekommen. Es war nur noch eine Frage von Minuten oder gar Sekunden, bis sie vor der Wohnungstür standen. Er hatte keine Zeit mehr aufzuräumen und die Spuren seiner Anwesenheit zu beseitigen. Er stürzte ins Badezimmer und spähte aus dem kleinen Fenster in die Gasse. Soweit er sehen konnte, waren hinterm Haus keine Polizisten postiert. Er eilte durch die Küche, zur Hintertür hinaus und die Treppe hinunter. Unten angekommen, zog er die Beretta aus dem Gürtel und öffnete die Tür. Ein großer Laster der städtischen Müllabfuhr blockierte die Gasse ein Stück weiter, und zwei Arbeiter schleiften Abfalltonnen aus den Häusern. Auf der anderen Seite war die Ausfahrt zur Straße frei. Die Beretta am langen Arm, ging er geradewegs zum Carport. Ganz ruhig drückte er auf den Knopf am Zündschlüssel, mit dem man die Alarmanlage ausschaltete und die Türen entriegelte, und stieg ein. Einen Augenblick später erwachte der Mercedes zum Leben, und er fuhr rückwärts in die Gasse. Das Müllauto war näher gekommen, ließ aber noch genug Platz zum Rangieren. Er stieß so weit zurück, wie er konnte, legte den ersten Gang ein und gab Gas. Der Wagen machte einen Satz, doch schon im nächsten Moment stieg er auf die Bremse. Ein zweites Müllauto war von der anderen Seite in die Gasse eingebogen und versperrte die Ausfahrt. 10.23 Uhr. Greta Adler, die Frau, die den Juwelierladen führte, wenn weder Alfred Neuss noch seine Frau da waren, schloss die, Wohnungstür auf. »Danke«, sagte Barron. »Warten Sie bitte draußen.« Er streifte Lee und Polchak mit einem Blick, zog die Double Eagle aus dem Holster an seiner Hüfte und ging hinein. Lee und Polchak folgten ihm. Ein Flur. Ein kleiner Computerraum. Das Wohnzimmer. Schlafzimmer. Küche. Türen wurden geöffnet, Schränke inspiziert. Es war niemand da. »Sehen wir uns mal genauer um.« Lee verschwand in der Küche, Polchak im Schlafzimmer. Barron steckte die Double Eagle weg und kehrte zur Wohnungstür zurück. »Sie können jetzt hereinkommen, Mrs. Adler.« »Miss Adler«, verbesserte sie ihn, als sie eintrat. Greta Adler hatte Raymond Thorne auf dem Foto, das Barron ihr im Laden gezeigt hatte, sofort wiedererkannt. Er sei gestern Nachmittag da gewesen, hatte sie gesagt. »Ist Mr. Neuss mit ihm bekannt?«, hatte Barron gefragt. »Ich glaube nicht.« »Haben Sie Raymond Thorne früher schon mal gesehen?« »Nein.« »Haben Mr. oder Mrs. Neuss seinen Namen mal erwähnt?« »Nein.« »Hat er gesagt, aus welchem Grund er Mr. Neuss zu sprechen wünschte?« »Ich habe ihm keine Gelegenheit dazu gegeben. So wie er angezogen war, wollte ich ihn möglichst schnell aus dem Laden haben, also sagte ich ihm, dass Mr. und Mrs. Neuss in London seien. Was ja auch stimmt.« »Raymonds Foto war in allen Fernsehkanälen und auf der Titelseite der Los Angeles Times. Haben Sie es nicht gesehen?«, »Ich sehe nicht fern. Und die Los Angeles Times lese ich nicht.« 10.27 Uhr. Angst verzerrte Raymonds Gesicht, als er, die Beretta in der Hand, den Hinterausgang des Apartmenthauses beobachtete, aus dem jeden Augenblick Barron und die anderen stürzen mussten. Doch er war machtlos. Die Müllautos keilten den Mercedes immer noch ein. Die Fahrer standen sich Auge in Auge gegenüber und stritten auf Spanisch. Offenbar schuldete einer dem anderen Geld. 10.28 Uhr Lee eilte aus der Küche herbei und sah Greta Adler an. »Wann sind Mr. und Mrs. Neuss nach London geflogen?« »Dienstagabend.« »Haben sie Kinder, oder könnte sonst jemand hier gewesen sein?« »Das Ehepaar Neuss hat keine Kinder, und auch sonst könnte niemand hier gewesen sein. Sie gehören nicht zu der Sorte von Leuten.« »Sind sie oft auf Reisen? Vielleicht haben sie ja jemanden, der in ihrer Abwesenheit auf die Wohnung aufpasst.« »Mr. und Mrs. Neuss verreisen nicht oft, eigentlich so gut wie nie. Sie haben bestimmt niemanden, der auf die Wohnung aufpasst. Ich wäre die Erste, die davon erfahren würde.« Lee sah Barron an. »Es war jemand hier, und vor nicht allzu langer Zeit. Auf der Anrichte sind Wasserspritzer, und an einem Glas in der Spüle hängen frische Tropfen.« Polchak tauchte aus dem Schlafzimmer auf. »Es war Raymond.«, »Was?« Barron und Lee starrten ihn an. »Im Wandschrank liegt ein Jeansanzug, der genauso aussieht wie der, den er am Flughafen getragen hat. Und eine Disneyland-Mütze.« »Wie kommst du darauf, dass die Sachen Raymond gehören und nicht Neuss?«, fragte Lee. »Mr. Neuss und Bluejeans?«, mischte sich Greta Adler ein. »Nie im Leben. Und nach Disneyland würden ihn keine zehn Pferde bringen.« »Deswegen müssen sie noch lange nicht Raymond gehören.« »Tun sie auch nicht«, entgegnete Polchak. »Ich verwette ein Jahresgehalt darauf, dass sie Josef Speer gehört haben. Den Etiketten nach zu urteilen, stammen sie aus Deutschland.« Raymond stieß die Autotür auf, stopfte die Beretta unter dem Jackett in den Gürtel und ging zu den beiden Streithähnen. »Yo soy el doctor«, sagte er hastig auf Spanisch. »Esta es una emergencia. Por favor mueve tu troca.« – Ich bin Arzt. Es handelt sich um einen Notfall. Bitte fahren Sie das Auto weg. Sie beachteten ihn nicht und beharkten sich einfach weiter. »Emergencia, por favor!«, rief er energisch. Endlich sah ihn der Fahrer an, dessen Müllauto die Ausfahrt zur Straße blockierte. »Si«, murrte er widerwillig. »Si.« Mit einem vernichtenden Blick auf den Kontrahenten kletterte er in seinen Laster und setzte ihn zurück. Ein paar Schritte, und Raymond saß wieder im Mercedes, fuhr langsam an und wartete ungeduldig darauf, dass die Gasse frei wurde. Barron und Polchak stürmten die hintere Treppe hinunter, gefolgt von Lee, der über Funk Verstärkung anforderte. Am Fuß der Treppe blieben sie stehen und zückten ihre Waffen. Barron, sah Polchak an. Polchak nickte, und sie stürmten durch die Tür. Sie blieben gleich wieder stehen. Die Gasse war leer bis auf zwei Laster der städtischen Müllabfuhr und deren Fahrer, die zwischen den Fahrzeugen standen und sich gegenseitig anbrüllten., 12.05 Uhr »TRIGGER RAY ERNEUT ENTKOMMEN!«, meldeten Internet- Newsgroups der ganzen Welt. Der Mercedes des Juweliers Alfred Neuss war gefunden worden, und wieder herrschte in Beverly Hills eine Art Belagerungszustand. Polizisten in Uniform und Zivil durchkämmten mit Unterstützung von Hundestaffeln und Hubschraubern ein Gebiet von annähernd drei Quadratmeilen. Die Medien waren begeistert, Hausbesitzer, Geschäftsleute und Politiker mit ihrer Geduld am Ende. Aber in einem waren sich alle einig: Die Polizisten von Beverly Hills waren nun neben den Kollegen vom LAPD und der Squad 5-2 heißeste Anwärter auf den Titel »Clowns des Jahres«. Barron stand im Flur und sah zu, wie die Spurensicherung der Polizei von Beverly Hills jeden Winkel in der Wohnung des Juweliers Alfred Neuss unter die Lupe nahm. Ihn interessierte es nicht, was die Medien berichteten und die Politiker dachten. Polizisten waren keine Witzfiguren. Raymond war nur unglaublich dreist und gerissen. Er war in das Apartment von Alfred Neuss eingebrochen, weil er wusste, dass sich niemand dort aufhielt. Die Wohnung war der einzige sichere Ort, an dem er sich verstecken und ausruhen konnte. Und wenn er nach L.A. gekommen war, um Neuss zu treffen oder sogar zu ermorden, wovon sie so ziemlich überzeugt waren, was lag da näher, als in die Wohnung des Opfers selbst einzudringen und ihm dort aufzulauern? Und dann hatten sie ihn überrascht, und er war mit dem Mercedes des Juweliers geflüchtet, und die wichtigsten Fragen blieben ungeklärt., Wer war Raymond Oliver Thorne? Und was für ein Spiel trieb er? Er sprach Englisch mit perfektem amerikanischem Akzent, doch mit den Müllarbeitern hatte er auch fließend Spanisch gesprochen, und als er ihn auf dem Flughafen hatte erschießen wollen, hatte er spontan »Do swidanija« zu ihm gesagt. »Do swidanija« war russisch und bedeutete »Lebwohl«, und vielleicht kannte er noch viele andere russische Wörter. Zudem wussten sie von einem Angestellten aus dem Hotel Bonaventura, dass er sich mit Josef Speer deutsch unterhalten hatte. Und die Lufthansa-Hostess hatte es bestätigt: »Speer« habe fließend Deutsch gesprochen. Ferner waren die Männer, die er in Chicago ermordet hatte, Russen gewesen, und der Name Alfred Neuss hatte in ihrem Adressbuch zwischen den Namen russischstämmiger Amerikaner gestanden. Sie hatten Greta Adler danach gefragt, doch sie konnte sich nicht erklären, wie sein Name auf diese Liste gekommen war. Ihres Wissens habe er nur ein einziges Mal die Dienste der Schneider in Chicago in Anspruch genommen und sich die Rechnung in den Laden schicken lassen, sonst aber nie mit ihnen zu tun gehabt. Und über seine Vergangenheit habe Mr. Neuss nie gesprochen. In welcher Beziehung der polyglotte Killer auch zu Neuss oder den Männern in Chicago gestanden haben mochte, bislang hatte nichts zur Erhellung der Frage beigetragen, wer er eigentlich war. Ein internationaler Killer? Ein Mitglied der russischen Mafia? Oder ein allein operierender Terrorist mit unbekannten Hintermännern? Und noch immer konnte niemand mit Sicherheit ausschließen, dass er mit Donlan unter einer Decke gesteckt hatte. Barron war wütend und frustriert, denn jede ungelöste Frage warf neue Fragen auf. Warum hatte er die Männer in Chicago umgebracht? Welche Rolle spielten die gefolterten und verstümmelten Opfer von San Francisco und Mexico City? Das, Ergebnis der ballistischen Tests mit Raymonds Ruger, um die Chicago gebeten hatte, lag noch nicht vor. Was hatte Raymond in Los Angeles gewollt? Was hatte es mit den Bankfachschlüsseln auf sich? Hatten die Namen, Orte und Daten, die er in seinen Kalender eingetragen hatte, etwas Besonderes zu bedeuten? Montag, 11. März: London. Dienstag, 12. März: London. Mittwoch, 13. März: London, Frankreich, London. Donnerstag, 14. März: London. Darunter auf Russisch die kurze Notiz Russische Botschaft/London und dann auf Englisch Treffen mit »I.M.«, Penrith’s Bar, High Street, 20 Uhr. Freitag, 15. März: Uxbridge Street 21. Sonntag, 7. April/Moskau. Und schließlich, welche Rolle spielte ein wohlhabender, angesehener und seit vielen Jahren in Beverly Hills lebender Juwelier wie Alfred Neuss in dem Ganzen? Sie wussten es nicht, aber vielleicht wusste es Neuss. Die Londoner Polizei versuchte, ihn ausfindig zu machen, und falls sie ihn fand, konnte er ihnen vielleicht erklären, was hier gespielt wurde, und wenigstens eine paar brauchbare Hinweise geben. Doch im Moment half ihnen das nicht weiter. Wo steckte Raymond? Was hatte er vor? Wer würde sein nächstes Opfer sein, wenn er wieder zuschlug? 12.25 Uhr Barron ging vom Flur in die Küche und von dort wieder hinunter in die Gasse, wo Polchak und Lee mit Detectives aus Beverly Hills bei der Arbeit waren. Unterwegs schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf. Raymond hatte von Greta Adler erfahren, wohin Neuss gereist war. Wenn er ihnen abermals entwischte und aus L. A. herauskam, würden sie das nächste, Mal von ihm hören, wenn Scotland Yard anrief und ihnen mitteilte, dass man Alfred Neuss gefunden habe. Und dass er tot sei., 12.35 Uhr Raymond saß im Fond eines Taxis, das vom Olympic Boulevard in den Bundy Drive abbog und in Richtung Santa Monica Airport weiterfuhr. Ursprünglich hatte er mit dem Mercedes von Alfred Neuss zum Flughafen fahren wollen, doch kaum war er aus der Gasse, fiel ihm ein, dass die Verkäuferin aus dem Juwelierladen bestimmt wusste, was für einen Wagen ihr Chef fuhr und welche Farbe er hatte. Im Nu würde die Polizei feststellen, dass er nicht mehr im Carport stand, und eine Fahndung herausgeben. Jeder Versuch, mit dem Wagen am helllichten Tag weiter als ein paar Blocks zu kommen, geschweige denn von Beverly Hills nach Santa Monica, war aussichtslos. Ebenso gut hätte er in leuchtendem Orange Gesuchter Krimineller auf den Wagen pinseln können. Aus diesem Grund hatte er ihn nach einer Viertelmeile stehen lassen, abgeschlossen und die Schlüssel in einen Gully geworfen. Fünf Minuten später überquerte er im gelbbraunen Anzug und mit dem Panamahut des Juweliers den Rodeo Drive und betrat die elegante Halle des Beverly Wilshire Hotel. Weitere zwei Minuten später stand er am Hintereingang und wartete, dass der Portier ein Taxi heranwinkte. Und abermals sechzig Sekunden später saß er auf dem Rücksitz eines Taxis und fuhr davon. »Zum Beach Hotel in Santa Monica«, sagte er zu dem Fahrer auf Englisch, aber mit starkem französischem Akzent. »Wissen Sie, wo das ist?« »Ja, Sir«, antwortete der Fahrer, ohne ihn anzusehen., Zwanzig Minuten später stieg er vor dem luxuriösen Strandhotel in Santa Monica wieder aus und schlenderte in die Lobby. Fünf Minuten später erschien er aus einem Seiteneingang und stieg in ein Taxi, das am Straßenrand wartete. »Santa Monica Airport«, sagte er mit spanischem Akzent. »Habla usted espanol?«, fragte der Fahrer, ein Latino. Sprechen Sie Spanisch? »Si«, antwortete er. 12.40 Uhr Das Taxi bog vom Bundy Drive in eine schmale Straße ab und fuhr an einem Maschendrahtzaun entlang, hinter dem Privatflugzeuge parkten, nahm die nächste Abzweigung, dann noch eine und rollte auf den Terminal des Santa Monica Airport zu. Das Taxi verlangsamte die Fahrt, als sie näher kamen. Raymond beugte sich vor und blickte zum Abfertigungsgebäude und den Flugzeugen, die dahinter auf dem Vorfeld standen. Sie sahen aus wie kleine zivile Propellermaschinen, ein Jet war nicht darunter. Soweit er erkennen konnte, war überhaupt keine Chartermaschine dabei. Er warf einen Blick auf seine Uhr. Ob die von Jacques Bertrand geschickte Maschine Verspätung hatte? Vielleicht lag auch ein Missverständnis vor. Oder es hatte technische Probleme mit der Maschine gegeben. In der Ferne startete eine zweimotorige Cessna. Und dann tat sich nichts mehr. Wo war sein Flugzeug? Sein Puls ging schneller, und Schweiß trat auf seine Oberlippe. Was sollte er tun? Aussteigen und warten? Oder Bertrand in Zürich anrufen? Ruhe bewahren, sagte er sich. Ruhe bewahren und abwarten. Sie näherten sich dem Terminal. Der Fahrer fuhr im weiten Bogen um ein anderes Taxi herum, bremste und wartete, bis die Autos vor ihm wegfuhren. In diesem Augenblick entdeckte er, sie, eine große silberne Gulfstream, auf deren Rumpf mit schwungvollen roten und schwarzen Lettern West Charter Air aufgemalt war. Sie parkte auf dem Vorfeld hinter dem Terminal, und die Fahrgasttür war geöffnet. Zwei Piloten in Uniform standen neben der Maschine und plauderten mit einem Wartungstechniker. »Verdammt, noch mehr Cops«, murrte der Taxifahrer plötzlich auf Spanisch, und Raymond schaute nach vorn. Drei blauweiße Streifenwagen parkten direkt vor dem Abfertigungsgebäude, und uniformierte Polizisten standen im Eingang. Was sie taten, war aus dieser Entfernung unmöglich festzustellen. »Langsam hab ich’s satt«, klagte der Fahrer wieder. »Ich weiß nicht, wer der Kerl ist, aber er macht uns das Leben schwer. Hoffentlich schnappen sie ihn bald, wenn Sie verstehen, was ich meine.« Er drehte sich um und sah Raymond über den Sitz hinweg an. »Ja, das hoffe ich auch«, erwiderte Raymond auf Spanisch. »Ich steige hier aus.« »In Ordnung.« Der Fahrer fuhr rechts ran und hielt fünfzig Meter vor dem Flughafengebäude an. »Gracias.« Raymond bezahlte mit Josef Speers amerikanischen Dollars und stieg aus. Er wartete, bis das Taxi verschwunden war, dann marschierter er in Richtung Terminal. Er fragte sich, ob es eine Möglichkeit gab, zu der Maschine zu gelangen, ohne an den Polizisten vorbeizumüssen, oder ob er nicht einfach das Wagnis eingehen sollte, es mit einem Bluff zu versuchen. Ob er nicht einfach Spanisch mit ihnen sprechen und den mexikanischen Geschäftsmann mimen sollte, der er angeblich war. Als er näher kam, sah er, dass im ersten Streifenwagen zwei Polizisten saßen. Vier weitere standen am Eingang, und jetzt konnte er erkennen, was sie taten. Sie kontrollierten peinlich genau die Papiere jeder Person, die hineinwollte. Hätte er die, Ausweispapiere, die Bertrand geschickt hatte und die er an Bord der Maschine wusste, bereits gehabt, wäre es etwas anderes gewesen. Doch ohne Papiere erklären zu wollen, wer er war, würde zu viel Aufmerksamkeit erregen. Die Polizisten würden Fragen stellen, und bestimmt hatten sie ein Foto von ihm. Er spähte durch den Zaun zu der Gulfstream. Die Piloten standen noch immer da und plauderten, doch er sah keine Möglichkeit, zu ihnen zu gelangen. Er überlegte kurz, dann fasste er einen Entschluss, machte kehrt und ging zurück in die Richtung, aus der er gekommen war., Los Angeles, Ridgeview Lane 210, 20.10 Uhr Reds Haus war ein schlichter Bungalow mit drei Zimmern und einer, wie Immobilienmakler sagen würden, »Teilansicht der Stadt« vom Garten aus. An diesem Abend wurde mehr als eine Teilansicht geboten. Die ausladenden Platanen waren noch winterlich kahl, und unter dem klaren Himmel erstreckten sich die Lichter von L.A. fast bis zum Horizont. Sie boten einen überwältigenden Anblick. Eine magische Wirkung ging von ihnen aus, und der Betrachter begriff, dass irgendwo da draußen Raymond war. John Barron sah noch etwas länger hin, dann drehte er sich um und ging an mehreren Leuten, die sich auf dem Rasen leise unterhielten, vorbei ins Haus zurück. Er trug, dem Anlass entsprechend, einen dunklen Anzug wie fast alle Anwesenden. In den fünf oder zehn Minuten, die er sich draußen aufgehalten hatte, war die Schlange der Trauergäste beträchtlich angewachsen, und weitere strömten nach. Einer nach dem anderen blieben sie stehen, sprachen Gloria, Reds Witwe, ihr Beileid aus, umarmten seine beiden erwachsenen Töchter und drückten deren Kinder, ehe sie sich in einen anderen Teil des Hauses zurückzogen, wo sie etwas tranken oder aßen und sich dann mit gedämpfter Stimme mit den anderen unterhielten. Barron kannte die meisten vom Sehen: Bill Noonan, den Bürgermeister von Los Angeles, seine Eminenz Richard John Emery, den Bischof von Los Angeles, Polizeichef Louis Harwood, Peter Black, den Sheriff von Los Angeles County, den Bezirksstaatsanwalt Richard Rojas, den ehrwürdigen Rabbi Jerome Mosesman, fast alle Stadträte, die Football-Cheftrainer der University of California und der University of Southern, California. Dazu kamen weitere hochrangige Polizisten, deren Namen Barron nicht bekannt waren, mehrere prominente Sportler und Fernsehleute, ein Oscarpreisträger mit Gattin, ein halbes Dutzend altgediente Detectives, darunter ein großer mit zerfurchtem Gesicht namens Gene VerMeer, Reds ältester und bester Freund, und schließlich noch Lee, Valparaiso und Halliday, alle in dunklen Anzügen wie Barron und in weiblicher Begleitung. Ihre Frauen, vermutete Barron, der noch keine von ihnen kennen gelernt hatte. Während Barron dastand und beobachtete, wie die schlanke, quirlige Gloria McClatchy, selbst eine hoch geachtete Lehrerin, tapfer und mit Würde ihre Rolle als Gastgeberin spielte, wallten Gefühle in ihm auf, die ihn zu überwältigen drohten: Trauer, Wut, Zorn und die Enttäuschung darüber, dass es ihnen noch nicht gelungen war, Raymond zu fassen. Und die mittlerweile große körperliche und geistige Erschöpfung tat ein Übriges. Halliday und Valparaiso sah er zum ersten Mal seit Reds Tod. Er wusste, dass Polchak sie über Funk davon unterrichtet hatte, was sie in Alfred Neuss’ Wohnung gefunden hatten. Beide waren vor ihm schon hier gewesen, aber sie hatten gerade mit Gloria und Reds Töchtern gesprochen, und dann waren weitere Leute eingetroffen. Seitdem hatte keiner der beiden das Gespräch mit ihm gesucht oder auch nur Notiz von ihm genommen. Folglich musste er annehmen, dass Polchak und Lee nicht die Einzigen waren, die ihn für Reds Tod verantwortlich machten, sondern auch Valparaiso und Halliday und möglicherweise auch Gene VerMeer und die anderen Detectives. Als er sie nun beobachtete – Lee und Halliday, die mit ihren Frauen schweigend dastanden, VerMeer und die anderen, die sich leise unterhielten, Polchak und Valparaiso, die ohne Frauen zu der behelfsmäßigen Bar in der Ecke gingen und dann wortlos an ihren Drinks nippten –, da ging ihm auf, wie groß ihre Trauer war und wie sehr seine eigenen Gefühle neben den ihren, verblassten. Halliday hatte trotz seiner Jugend jahrelang mit Red McClatchy zusammengearbeitet, hatte ihn geliebt und verehrt. Lee und Valparaiso waren über zehn Jahre lang an Reds Seite, und Polchak am längsten von allen. Sie alle kannten die Risiken ihres Berufs, doch das war ihnen im Moment kein Trost. Ebenso wenig wie das Wissen, dass Red gestorben war, um den neu dazugekommenen und jüngsten unter ihnen zu schützen. Oder gar der Umstand, dass der Mörder noch frei herumlief und die Medien ihnen das unter die Nase rieben. Doch was ihnen vielleicht am meisten zu schaffen machte, war das Gefühl, sich der langen und stolzen Geschichte der Squad als nicht würdig zu erweisen. Genug! Abrupt drehte Barron sich um und ging in Richtung Küche, unschlüssig, was er tun, sagen oder auch nur denken sollte. Auf halbem Weg blieb er vor einem Zimmer stehen, das Reds Arbeitszimmer gewesen sein musste. Im Schein einer einzelnen Lampe, die in der Ecke brannte, saß Gloria McClatchy allein auf einem kleinen karierten Sofa. In der einen Hand hielt sie eine volle Tasse Kaffee, mit der anderen streichelte sie zärtlich den alten schwarzen Labrador, der, den Kopf auf ihrem Schoß, zu ihren Füßen hockte. Sie sah alt, blass und sehr müde aus, als habe sie mit einem Schlag alles, was sie im Leben besessen hatte, verloren. Es war dieselbe Gloria McClatchy, die ihm bei seiner Ankunft die Hände gedrückt und dann, obwohl sie einander nie begegnet waren, in die Augen gesehen und aufrichtig für sein Kommen gedankt hatte. Und dafür, dass er ein guter Polizist sei. Dieselbe Gloria McClatchy, die ihm gesagt hatte, wie stolz Red auf ihn gewesen sei. »Zum Teufel damit«, fluchte er in sich hinein, und Tränen traten ihm in die Augen. Er kehrte um, ging zurück ins Wohnzimmer und zwängte sich, das eine oder andere bekannte Gesicht meidend, durch die Menge in Richtung Haustür. »RAYMOND!«, Reds Schrei gellte so laut in seinen Ohren, als sei er hier. Ein Schrei, mit dem er die todbringende Aufmerksamkeit des Killers auf sich gelenkt hatte, und der letzte Befehl seines Lebens. »RAYMOND!« Wieder hörte er Red brüllen, und halb erwartete er, die Schüsse krachen zu hören. Dann war er an der Tür, öffnete sie und trat ins Freie. Kühle Nachtluft empfing ihn, doch in der nächsten Sekunde blendete ihn das grelle Scheinwerferlicht von tausend Fernsehkameras. Jedenfalls empfand er es so. Und aus der Dunkelheit dahinter ertönte ein vielstimmiger Chor der unsichtbaren Reporter, die in der Hoffnung auf ein Statement seinen Namen riefen. Er ignorierte sie, überquerte mit schnellen Schritten den Rasen und schlüpfte um das gelbe Absperrband der Polizei herum, das die Reporter in Schach hielt. Er glaubte, Dan Ford gesehen zu haben, war sich aber nicht sicher. Gleich darauf tauchte er in die Dunkelheit und relative Stille der Vorstadtstraße ein und machte sich auf den Weg zu dem Parkplatz, wo sein Mustang stand. Er war fast dort, als er von hinten eine Stimme hörte: »Wo willst du hin?« Er drehte sich um. Polchak kam im Schein einer Straßenlaterne auf ihn zu. Jackett und Krawatte hatte er abgelegt, und sein Hemd war halb aufgeknöpft. Er schwitzte und keuchte, als sei er ihm vom Haus aus nachgerannt. Polchak blieb stehen und wippte mit den Füßen. »Ich habe gefragt, wo du hinwillst.« Barron starrte ihn an. Heute Morgen im Büro hatte er zwar einen intus gehabt, aber er war nicht betrunken gewesen. Jetzt schon. »Nach Hause«, erwiderte Barron ruhig. »Nichts da. Wir gehen in die Stadt und trinken einen.«, »Len, ich bin müde, verstehst du? Ich muss schlafen.« »Müde?« Polchak trat einen Schritt vor, den Blick fest auf ihn gerichtet. »Wovon bist du denn müde? Du hast doch nichts getan. Er ist dir wieder durch die Lappen gegangen.« Er kam noch ein Stück näher, und Barron sah die Beretta in seinem Hosenbund, als hätte er sie noch im letzten Moment eingesteckt. »Du weißt, von wem ich rede. Raymond.« »Er ist nicht nur mir durch die Lappen gegangen. Du warst doch selber dabei, Len.« Die Nasenflügel in Polchaks kantigem Gesicht blähten sich, dann sprang er vor, packte Barron am Jackett, wirbelte ihn herum und schleuderte ihn mit dem Kopf voran gegen den Mustang. »Deinetwegen hat er dran glauben müssen, du blödes Arschloch«, brüllte Polchak wutentbrannt. Barron wankte, drehte sich um und hob die Hand. »Ich werde mich nicht mit dir schlagen, Len.« Wie aus dem Nichts kam Polchaks linke Faust als Antwort und traf ihn zwischen Nase und Mund. Barron taumelte rückwärts und fiel auf die Straße. Polchak preschte vor und trat wahllos mit den Füßen nach ihm, gegen den Kopf, in die Rippen, wo immer er ihn treffen konnte. »Das ist für Red, du mieser, kleiner Wichser.« »Len, um Himmels willen, hör auf.« Barron wälzte sich über den Boden, aber Polchak setzte ihm nach und hörte nicht auf, nach ihm zu treten. »Schnauze, du mieses Stück Scheiße.« Polchak war wie von Sinnen. »Dir zeig ich’s, du Dreckschwein!« Plötzlich tauchte eine Gestalt hinter Polchak auf und versuchte, ihn wegzuziehen. »Aufhören, Len! Verflucht! Hör auf!« Polchak wirbelte herum und schlug, ohne hinzusehen, eine, harte Rechte. »Au! Scheiße! Herrgott noch mal!« Dan Ford stolperte, verlor die Brille, hielt sich mit beiden Händen die Nase. Blut schoss zwischen seinen Fingern hervor. »Verzieh dich, du Arsch!«, brüllte Polchak. »Len!« Plötzlich war Lee da, außer Atem vom Rennen. Sein Blick flog zwischen Polchak, Barron und Ford hin und her. »Um Gottes willen, Schluss jetzt.« »Leck mich!«, schrie ihn Polchak an und riss die Fäuste hoch. Valparaiso trat aus dem Dunkel hinter Lee. »Amüsierst du dich, Len?« Polchak riss den Gürtel aus seiner Hose und wickelte ihn sich um die Faust. »Ich werd euch zeigen, wie man sich amüsiert.« Dann war Halliday da. »Das reicht, Len, lass ihn in Ruhe.« Er richtete seine Beretta auf Polchak. Polchak starrte die Pistole an, dann Halliday. »Du bedrohst mich mit einer Knarre?« »Deine Frau wartet, Len. Geh zurück ins Haus.« Polchak trat einen Schritt vor und fixierte Halliday. »Na los, schieß doch.« »Len, um Himmels willen.« Lee starrte ihn an. »So beruhige dich doch.« Valparaiso grinste, als fände er die Situation irgendwie amüsant. »Los, Jimmy, schieß. Hässlicher kann er nicht werden.« Barron stand auf und ging zu Dan Ford. Er trug ein neues blaues Sakko. Mit dem alten hatte er auf dem Flughafen Reds Leiche zugedeckt. Barron hob seine Brille auf und gab sie ihm. »Mach, dass du wegkommst, Dan«, raunte er ihm zu und hielt ihm ein Taschentuch hin. Ford nahm es und drückte es sich an die Nase, doch seine, Aufmerksamkeit galt Polchak und Halliday. »Du sollst machen, dass du wegkommst, habe ich gesagt!«, fuhr Barron ihn an. Ford starrte ihn an, drehte sich dann unvermittelt um und verschwand in der Dunkelheit. Polchak hatte nichts davon mitbekommen und die ganze Zeit nur Halliday angesehen. Jetzt trat er noch einen Schritt vor und riss sich das Hemd vollends auf. »Du hast die Kugeln, Jimmy, gib sie mir.« Er deutete mitten auf seine Brust. »Direkt hier in die Pumpe.« Halliday steckte die Beretta weg. »Es war ein langer Tag, Len. Zeit, nach Hause zu gehen.« Polchak warf herausfordernd den Kopf in den Nacken. »Was ist denn los? Keine Lust mehr auf einen kleinen Todesfall unter Freunden?« Er blickte zu den anderen, die im grellen Lichtkegel der Straßenlaterne standen. »Hat keiner den Mumm? Na schön, dann mach ich es eben selbst.« Er wollte nach der Beretta in seinem Hosenbund greifen, doch sie war nicht da. Verwirrt torkelte er im Kreis und suchte nach ihr. »Suchst du deine Waffe, Len?« Polchak blickte sich um. Barron hielt seine Beretta in der Hand. Er blutete aus der Nase, achtete aber nicht darauf. »Sie gehört dir. Wenn du sie willst, nimm sie dir.« Mit einer kurzen Bewegung schob er die Pistole über den Boden, sodass sie genau zwischen ihm und Polchak liegen blieb. »Na los.« Polchak starrte ihn an, und seine Augen funkelten im Licht wie die eines tollwütigen Tiers. »Du glaubst wohl nicht, dass ich, es tue, was?« »Ich glaube überhaupt nichts.« »Ich bin hier der Einzige, der den Mumm dazu hat.« Polchaks Blick flog zu den anderen. »Ich kann jeden umlegen. Sogar mich selbst. Passt auf.« Er beugte sich vor und stürzte sich auf die Waffe. Im selben Augenblick machte Barron einen Schritt nach vorn und trat mit voller Wucht zu. Er traf ihn unterm Kinn. Polchak wurde nach oben gerissen, hing eine Sekunde lang in der Luft, kämpfte mit der Schwerkraft, dann gaben die Beine unter ihm nach, und er sackte zu Boden. Gemächlich ging Barron zu der Pistole und hob sie auf. Er betrachtete sie kurz und reichte sie dann Halliday. Er war am Ende seiner Kräfte, fertig, kaputt. Polchak lag vor ihnen auf dem Boden und schnappte mit stierem Blick nach Luft. »Ist er in Ordnung?«, fragte Barron in die Runde. »Ja.« Lee nickte. »Ich fahr nach Hause.«, 22.20 Uhr Barron manövrierte den Mustang an den üppigen Bougainvilleen, die seine Einfahrt säumten, vorbei in den Carport und stellte den Motor ab. Alles tat ihm weh. Allein das Abgurten und Aussteigen verursachte ihm Qualen. Er ging ganz langsam die Hintertreppe hinauf. Schlafen, nur noch schlafen. Mehr wollte er nicht. Er schloss auf und trat in die Küche. Den Arm heben und Licht machen kostete ihn große Anstrengung, ebenso der simple Handgriff, die Tür wieder abzuschließen. Er holte langsam und tief Luft, dann noch einmal. Vielleicht hatte er von Polchaks Tritten ein paar gebrochene Rippen, vielleicht auch nur blaue Flecken, er wusste es nicht. Er blickte zu der dunklen rechteckigen Türöffnung, die zu den Zimmern führte. Er hatte das Gefühl, seit Jahren nicht mehr zu Hause gewesen zu sein und noch länger nichts annähernd Normales getan zu haben. Langsam zog er das Jackett aus und hängte es über den Stuhl, dann ging er zur Spüle, befeuchtete ein Geschirrtuch und tupfte sich damit das getrocknete Blut von Nase und Mund. Anschließend warf er einen Blick auf den Anrufbeantworter. Eine rote »3« leuchtete auf der Anzeige. Er drückte die Nachrichtentaste. Eine »1« leuchtete auf, und er vernahm die Stimme Pete Noonans. Pete war sein Freund vom FBI, den er gebeten hatte, in den Datenbanken der Bundespolizei nachzusehen, ob etwas über Raymond vorlag. »John, hier Pete Noonan. Tut mir Leid, aber wir haben nicht das Geringste über deinen Freund Raymond Thorne. Seine Fingerabdrücke sind in keiner Datenbank, die wir haben, weder, in den nationalen noch in den internationalen. Auch sonst liegt nichts über ihn vor. Er gehört noch nicht zu unseren Kunden. Aber wir versuchen es weiter. Du weißt ja, wo du mich erreichen kannst, wenn du was brauchst, Tag und Nacht. Die Sache mit Red tut mir echt Leid.« Piep! Die Nachricht war zu Ende, und die »2« leuchtete auf. »John, ich bin’s, Dan. Ich glaube, meine Nase ist gebrochen, aber sonst bin ich okay. Bin in einer Stunde zu Hause. Ruf mich an.« Piep! Nachricht vorbei, die »3« erschien. Barron drehte sich um und hängte das Geschirrtuch auf. »John, hier spricht Raymond.« Sein Kopf flog herum. Seine Nackenhaare sträubten sich. »Schade, dass Sie nicht zu Hause sind.« Raymonds Stimme klang ruhig und sehr sachlich, und das verlieh ihr fast etwas Vornehmes. »Wir beide haben heute Nacht noch etwas zu erledigen. Ich rufe später noch mal an.« Piep! Barron starrte auf das Gerät. Er stand nicht im Telefonbuch. Woher hatte Raymond seine Nummer? Er griff zum Hörer und wählte Hallidays Handynummer. Es läutete viermal, dann meldete sich die Telebox-Stimme und teilte ihm mit, dass der Teilnehmer zurzeit nicht erreichbar sei. Er legte auf und rief Halliday zu Hause an. Wieder klingelte es, aber niemand hob ab, kein Anrufbeantworter sprang an. Er wollte gerade auflegen und es bei einem anderen, Lee oder Valparaiso, probieren, als doch jemand ranging. Die Stimme eines kleinen Jungen meldete sich. »Hallo?« »Hier spricht John Barron. Ist dein Daddy zu Hause?« »Er ist bei meiner Mom, mein Bruder muss sich übergeben.« »Könntest du ihn bitten, ans Telefon zu kommen? Sag ihm, es ist wichtig.«, Er zuckte zusammen, als der Junge den Hörer mit einem Knall hinlegte. Er hörte entfernte Stimmen, schließlich kam Halliday an den Apparat. »Halliday.« »Ich bin’s, John. Entschuldige die Störung. Raymond hat mich angerufen.« »Was?« »Er hat auf den Anrufbeantworter gesprochen.« »Was sagt er?« »Dass er heute Nacht etwas mit mir zu besprechen hat. Und dass er wieder anruft.« »Woher hat er deine Nummer?« »Keine Ahnung.« »Bist du allein?« »Ja, warum?« »Wenn er deine Telefonnummer hat, kann er sich auch deine Adresse beschaffen.« Barron sah sich in der Küche um und blickte wieder zu dem dunklen Rechteck der Türöffnung, die ins übrige Haus führte. Unwillkürlich tastete er nach der Double Eagle an seinem Gürtel. »Ich bin okay«, sagte er. »Wir legen eine Fangschaltung. Wenn er wieder anruft, halte ihn so lange wie möglich in der Leitung. Er wird sich selbst ans Messer liefern. Ich schick dir ein paar Leute, die dein Haus beobachten sollen. So hast du einen gewissen Schutz, falls er bei dir aufkreuzt.« »In Ordnung.« »Er ist gerissen. Vielleicht will er uns nur in die Irre führen.« »Ist dein Junge krank?« »Der Babysitter hat ihm Pizza gegeben. Ich weiß nicht, wie, viel er gegessen hat, aber es kommt alles wieder hoch. Seit zehn Minuten halte ich ihn über die Kloschüssel.« »Geh wieder zu ihm. Danke.« »Und du bist okay?« »Klar.« »Red war Polchaks bester Freund.« »Ich weiß.« »Wir werden sehen, was die Nacht bringt. Ich lasse mein Sprechfunkgerät und mein Handy an. Sieh zu, dass du etwas Schlaf bekommst.« »Danke.« Barron legte auf und starrte auf das Telefon, dann wanderten seine Augen zurück zum Anrufbeantworter. Er streckte gerade die Hand danach aus, um noch einmal Raymonds Nachricht abzuspielen, da hörte er es. Ein Geräusch war leise, aber deutlich vernehmbar, aus den Räumen hinter dem dunklen Rechteck zu ihm gedrungen. Das Haus, in den Zwanzigerjahren erbaut, war alt und mehrmals renoviert worden, aber die Fußböden bestanden noch aus den ursprünglichen Eichendielen, und an manchen Stellen knarrten sie, wenn man darauf trat. Wieder knarrte es. Lauter diesmal, als komme jemand aus den Zimmern in Richtung Küche. Er zog die Double Eagle aus dem Holster, durchquerte die Küche und drückte sich mit erhobener Pistole neben der Tür an die Wand. Er hielt den Atem an und lauschte. Stille. Er neigte den Kopf. Noch immer nichts. Er war müde, fühlte sich wie zerschlagen. Seine Nerven lagen blank. Vielleicht bildete er es sich nur ein. Vielleicht. Wieder ein Knarren! Nein! Da war jemand. Gleich hinter der Tür. Dann bewegte sich etwas in der Öffnung. Er sprang vor. Er bekam ein, Handgelenk zu fassen, drehte es zu sich her, richtete die Waffe auf das Gesicht und … »Rebecca!« Mit klopfendem Herzen ließ er sie los. Rebecca wich entsetzt zurück. »Du lieber Himmel! Verzeih mir, Liebes. Verzeih.« Barron steckte die Waffe weg, ging zu ihr und nahm sie sanft in die Arme. »Alles ist gut«, flüsterte er. »Alles ist gut …« Er verstummte, als sie zu ihm aufschaute und lächelte. »Geht es dir gut?«, fragte er sie, obwohl sie ihn nicht hören konnte, denn er wusste, dass sie die Fähigkeit besaß, von den Lippen abzulesen. Sie nickte und musterte sein Gesicht. »Warum bist du gekommen?« Sie deutete auf ihn. »Meinetwegen? Wie bist du hergekommen?« Bus – formte sie mit den Lippen. »Weiß Schwester Reynoso davon? Dr. Flannery?« Sie schüttelte den Kopf, hob die Hand und berührte sanft sein Gesicht. Er zuckte bei der Berührung zusammen und ging zum Spiegel hinter dem Küchentisch. Polchak hatte ganze Arbeit geleistet. Eine blauschwarze Beule wölbte sich groß und hässlich über dem rechten Auge. Die Nase war rot und geschwollen, ebenso die Oberlippe. Die rechte Wange, gelb und aufgequollen, glich eher einer Grapefruit. Er drehte sich wieder um, und dabei blieb sein Blick an der roten »3« auf dem Anrufbeantworter hängen. Was, wenn Raymond jetzt wieder anrief und er etwas unternehmen musste? Oder wenn er plötzlich auftauchte, bevor die Kollegen da waren? Er musste schleunigst Rebecca in Sicherheit bringen. 23.02 Uhr., Freitag, 15. März, 0.15 Uhr Barron hatte etwas mehr als eine Stunde gebraucht, um nach St. Francis zu fahren, Rebecca abzusetzen und wieder nach Hause zurückzukehren. Jetzt bog er zum zweiten Mal innerhalb von knapp zwei Stunden in seine Straße ein. »Bus« hatte Rebecca mit den Lippen geformt, als er sie gefragt hatte, wie sie zu ihm nach Hause gekommen sei. Den Rest hatte sie ihm auf der Fahrt nach St. Francis erklärt, indem sie es auf einen Notizblock schrieb. Bei seinem Besuch am Morgen hatte sie gespürt, dass etwas Schlimmes passiert war, dass er sehr traurig und bedrückt war, und so hatte sie sich den ganzen Tag Sorgen gemacht. Schließlich wollte sie sich vergewissern, ob es ihm gut ging, spazierte gegen halb acht einfach aus dem Sanatorium hinaus und stieg in einen Bus, ohne jemandem Bescheid zu sagen, weil sie fürchtete, dass man sie nicht gehen lassen würde. Sie hatte seine Adresse auf einen Zettel geschrieben, und der Busfahrer half ihr. Es war ganz einfach. Sie musste nur einmal umsteigen und anschließend zehn Minuten zu Fuß gehen. Nach etwa einer Stunde war sie am Ziel. Ins Haus zu kommen war kein Problem, denn er hatte ihr bei seinem Einzug einen Schlüssel gegeben. Eine Geste, die sie hinsichtlich St. Francis beruhigen und wissen lassen sollte, dass bei ihm jederzeit Platz für sie war. Da er sich nicht zu Hause befand, schaltete sie den Fernseher ein. Nach einer Weile wurde sie müde und schlief ein. Als sie erwachte, brannte Licht in der Küche. Sie hatte ihm keinen Schrecken einjagen wollen. Sie war nur gekommen, weil er ihr Bruder war und sie sich Sorgen um ihn gemacht hatte., Zwei Häuser vor seiner Einfahrt sah Barron das zivile Polizeiauto ohne Licht am Straßenrand stehen. Er ging vom Gas, hielt daneben an und kurbelte die Scheibe herunter. Der Mann hinter dem Steuer war Chuck Grimsley, ein junger Detective, mit dem er eine Weile im Mord- und Raubdezernat zusammengearbeitet hatte. Neben ihm saß Reds enger Freund Gene VerMeer, den er am Abend in Reds Haus gesehen hatte. »War was?«, fragte Barron. »Noch nicht«, antwortete Grimsley. »Danke fürs Kommen.« »Ist uns ein Vergnügen«, erwiderte VerMeer. Grimsley musterte Barrons Gesicht. »Was ist denn mit Ihnen passiert?« »Sieht schlimm aus, ich weiß.« »Halloween ist vorbei«, sagte VerMeer. »Ich bin gegen einen Laternenpfahl gerannt. Ich brauche jetzt eine Mütze Schlaf, Kollegen. Ich geh rein. Bleibt ihr die ganze Nacht hier?« »Außer die Welt fliegt in die Luft«, antwortete Grimsley. »Man weiß ja nie«, bemerkte VerMeer. »Nochmals danke«, sagte Barron. 0.20 Uhr Barron schloss die Tür auf, knipste das Licht in der Küche an und sperrte wieder hinter sich ab. Diesmal ging er direkt zum Anrufbeantworter. Die große rote »3« leuchtete noch. Er hatte keine Nachricht gelöscht, folglich war kein neuer Anruf eingegangen. Wo Raymond auch stecken und was er auch tun mochte, er hatte jedenfalls nicht wieder angerufen. Und was immer sie heute Nacht noch zu »erledigen« hatten, um mit, seinen Worten zu sprechen, es war nicht realisiert worden. Da er weder die Kraft noch den Nerv hatte aufzubleiben und möglicherweise vergeblich darauf zu warten, dass etwas geschah, ging er gleich ins Schlafzimmer. Er zog die Double Eagle aus dem Holster und legte sie neben den Wecker auf den Nachttisch, zog sich aus und ging ins Badezimmer. Beim Blick in den Spiegel staunte er erneut, wie Polchak ihn zugerichtet hatte. Er hatte ihn förmlich überrumpelt, so wie man es als Cop lernte. Aber so aggressiv wie er gingen Cops selten zu Werke. Gut, Polchak schien aufgebracht und betrunken gewesen zu sein, aber das war nicht der einzige Grund. Es gab noch einen anderen, und deshalb hatte er nicht zurückgeschlagen. Er wusste nicht, ob Polchaks Verhalten am Abend zuvor darauf zurückzuführen war, dass er in den vielen Jahren bei der Mordkommission die Schrecken des Todes in jeder erdenklichen Form kennen gelernt hatte, oder auf den Schmerz über den Tod seines Freundes Red, dem er wahrscheinlich näher gestanden hatte als seiner Frau und seinen Kindern, oder einfach nur auf seine Übermüdung, oder ob jeder dieser Faktoren eine gewisse Rolle gespielt hatte. Fest stand für ihn nur, dass Polchak verrückt war. Anzeichen dafür hatte er schon früher bemerkt. Die Unbekümmertheit, mit der er vor dem Einsatz im Parkhaus zu der Riotgun gegriffen hatte, der Eifer, mit dem er den gefesselten Donlan festgehalten hatte, obwohl er wusste, dass Valparaiso ihn erschießen würde, die Kaltblütigkeit, mit der er dem Toten die Handschellen abgenommen und den Revolver in die Hand gedrückt hatte, der an Hass grenzende Widerwille, mit dem er ihn am Morgen im Büro angesehen und für Reds Tod verantwortlich gemacht hatte. Und schließlich der Vorfall am vorhergehenden Abend. Das war der Grund, warum er sich nicht gewehrt hatte., Polchak wäre darüber so in Rage geraten, dass es einen von ihnen oder beide das Leben hätte kosten können. Barron putzte sich die Zähne, so gut es sein Zustand zuließ, knipste das Licht aus und ging ins Schlafzimmer. Er nahm die Double Eagle vom Nachttisch, kontrollierte noch einmal das Magazin und kroch dann ins Bett. Seufzend wickelte er sich in die Decke, verzog das Gesicht vor Schmerzen, als er sich auf die Seite drehte und in sein Kissen kuschelte. Das Letzte, was er wahrnahm, war das Leuchten seines Digitalweckers. 0.34 Uhr., 3.05 Uhr »NEIN!« Sein eigener Schrei riss ihn aus dem tiefsten Schlaf seines Lebens. Er war in Schweiß gebadet und starrte in die Dunkelheit. Er hatte Raymond im Traum gesehen, wie er hier im Schlafzimmer stand und ihn im Schlaf beobachtete. Er holte ein-, zweimal tief Luft und erkannte, dass alles in Ordnung war. Instinktiv langte er nach der Double Eagle auf dem Nachttisch. Er fühlte nur das glatte lackierte Holz. Er tastete umher. Nichts. Er setzte sich auf. Er wusste genau, dass er die Pistole dorthin gelegt hatte. Wo war sie? »Jetzt habe ich Ihre beiden Waffen.« Barron zuckte zusammen, schrie noch einmal auf. »Rühren Sie sich nicht von der Stelle. Bleiben Sie, wo Sie sind.« Raymond stand im Dunkeln am Fußende des Betts. Die Double Eagle in seiner Hand war auf Barron gerichtet. »Sie waren sehr müde«, sagte er in ungezwungenem Plauderton, »deshalb habe ich Sie schlafen lassen. Zweieinhalb Stunden sind nicht viel, aber immerhin. Sie sollten mir dankbar sein.« »Wie sind Sie hereingekommen?« Trotz der Dunkelheit sah Barron, dass er sich in Richtung Fenster bewegte und dann neben dem Rahmen mit dem Rücken gegen die Wand lehnte. »Ihre Schwester hat die Tür offen gelassen.« »Meine Schwester?« »Ja.« Barron begriff. »Dann waren Sie also schon die ganze Zeit, hier.« »Die ganze Zeit, ja.« »Und der Anruf?« »Sie haben mich freundlich dazu aufgefordert, und ich bin Ihrer Aufforderung nachgekommen, aber Sie waren nicht zu Hause. Und da wir uns ohnehin treffen würden, habe ich mir gedacht, ich schau bei Ihnen vorbei.« Er bewegte sich wieder, nur ein, zwei Schritte, aber Barron konnte erkennen, dass er von der Brücke auf den Holzfußboden trat. Er wollte festen Boden unter den Füßen haben, falls der Polizist eine schnelle Bewegung machte. »Was wollen Sie?« »Ihre Hilfe.« »Wieso sollte ich Ihnen helfen?« »Bitte, ziehen Sie sich an. Sachen, die Sie im Dienst tragen. Die da genügen.« Er deutete mit dem Kopf auf den Stuhl, an dem der Anzug, das Hemd und die Krawatte hingen, die Barron in Reds Haus angehabt hatte. »Was dagegen, wenn ich Licht mache?« »Nur die Nachttischlampe.« Barron knipste sie an und glitt langsam aus dem Bett. Im matten Schein der Lampe sah er, dass Raymond die Double Eagle locker in der Hand hielt. Er trug einen teuren Leinenanzug, dessen Hose ihm zu kurz und an der Hüfte zu weit war, dazu ein sauberes Hemd, das ihm ebenfalls nicht richtig passte, und eine grün-rot gestreifte Krawatte. Die Beretta, die er ihm am Flughafen abgenommen und mit der er Red erschossen hatte, steckte vorn in der Hose, Griff und Abzugsbügel ragten hinter der Gürtelschnalle hervor. »Gehört der Anzug zufällig Alfred Neuss?«, fragte Barron, während er sich anzog. »Sehen Sie bitte zu, dass Sie fertig werden.« Er deutete mit der, Pistole auf seine Schuhe am Boden. Barron zögerte, setzte sich wieder auf die Bettkante und schlüpfte in die eine, dann in die andere Socke, in den einen, dann in den anderen Schuh. »Wie haben Sie mich gefunden?« Er ließ sich Zeit, überlegte, wie er Raymond überrumpeln konnte. Doch der Killer hielt Abstand, lehnte an der Wand, beide Füße fest auf dem Boden, und hielt die Pistole auf seine Brust gerichtet. »In Amerika gibt es fast an jeder Ecke einen Copyshop, in dem man einen Computer mieten und ins Internet gehen kann. Für sehr wenig Geld kann man E-Mails empfangen und verschicken, und wer sich etwas auskennt, kann in die Datenbanken fast jeder Behörde eindringen, auch in die der Polizei. Und zu der Fahrt hierher: Die Taxifahrer in dieser Stadt interessieren sich nicht die Bohne dafür, wie ihre Kundschaft aussieht.« »Das werde ich mir merken.« Barron band sich die Schuhe zu und stand auf. »Eins würde mich interessieren. Die Morde in L.A. sind mir klar, Sie wollten sich der Verhaftung entziehen. Aber wieso die Männer in Chicago, die Brüder Azov?« »Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.« »Und wieso Alfred Neuss?«, bohrte Barron weiter. »Sie woll- ten ihn umbringen. Sie sind in seinen Laden gegangen, aber er war nicht da. Damit hatten Sie offensichtlich nicht gerechnet.« Raymonds Blick wanderte zum Wecker. 3.12 Uhr. Sein Blick kehrte zu Barron zurück. Dass die Polizei seine Waffe mit den Morden in Chicago in Verbindung brachte, überraschte ihn nicht. Damit hatte er gerechnet. Überraschend fand er, dass sie auf Neuss gekommen war. Und da sie seinen Laden aufgesucht und mit der Verkäuferin gesprochen hatte, wusste sie bestimmt auch, dass Neuss nach London gereist war,, und hatte Kontakt mit der dortigen Polizei aufgenommen, die versuchen würde, den Juwelier zu vernehmen. Schlimm genug, dass Neuss nach London geflogen war, dass er mit der Polizei reden würde, machte alles noch schlimmer. Wieder sah er auf den Wecker. 3.14 Uhr. »Sie werden auf Ihrem Handy einen Anruf bekommen.« »Auf meinem Handy?« »Ihr Festnetzanschluss ist angezapft. Ihre Kollegen hoffen, mich aufzuspüren, wenn ich wieder anrufe.« Barron sah ihn forschend an. Er war beeindruckt. Raymond war der gesamten Polizei durchs Netz gegangen und irgendwie in sein Haus und Schlafzimmer eingedrungen. Und er wusste sogar von der Fangschaltung. Er schien ihnen immer einen Schritt voraus zu sein. »Einen Anruf von wem?« »Von einem guten Freund, einem gewissen Dan Ford von der Los Angeles Times. Ich habe ihm um halb zwölf unter Ihrem Namen eine E-Mail geschickt und ihm darin mitgeteilt, dass Ihre Schwester in Ihr Haus gekommen sei und Sie sie zurückbringen müssten. Ich habe ihn gebeten, Sie Punkt 3.20 Uhr unter Ihrer Handy-Nummer anzurufen. Er hat geantwortet und zugesagt.« »Wie kommen Sie darauf, dass ich mit ihm befreundet bin?« »Ich wusste auch, dass die junge Dame ihre Schwester ist und Rebecca heißt. Ich habe beobachtet, wie sie vor dem Fernseher eingeschlafen ist, und die Fotos von ihr und Mr. Ford in Ihrer Küche bemerkt. Ich habe Mr. Fords Artikel über mich in der Zeitung gelesen. Und ich habe ihn zweimal in Ihrer Gegenwart gesehen. Am Flughafen und vor dem Parkhaus nach dem Mord an Frank Donlan.« Also deshalb war Raymond zu ihm gekommen. Von dem Augenblick an, als er nach Donlans Erschießung in den Wagen, gestiegen war, hatte er in ihm einen möglichen Fluchthelfer gesehen. Deshalb hatte er ihn im Parker Center provoziert. Um von ihm die Wahrheit zu erfahren. Und jetzt versuchte er, aus seinem Wissen Kapital zu schlagen. »Frank Donlan hat Selbstmord begangen«, sagte er ungerührt. Raymond grinste spöttisch. »Für einen Polizisten sind Sie ein schlechter Lügner. Sie können die Wahrheit nicht verbergen. Sie war vorher da. Sie ist jetzt da. Sie wird immer da sein.« Der Wecker sprang auf 3.20 Uhr. Das Piepsen von Barrons Handy unterbrach die Stille. Raymond zeigte wieder sein Grinsen. »Was halten Sie davon, wenn wir Mr. Ford fragen, was seiner Meinung nach mit Mr. Donlan passiert ist?« Wieder piepste das Handy. »Gehen Sie ran, und bitten Sie ihn, einen Augenblick zu warten«, sagte Raymond. »Und dann geben Sie mir das Handy.« Barron zögerte, und Raymond hob die Pistole. »Ich will Sie mit der Pistole nicht bedrohen, John. Sie soll sie nur davon abhalten, mich anzugreifen. Die eigentliche Gefahr droht Ihnen von Ihrem Gewissen.« Das Handy piepste zum dritten Mal. Raymond deutete mit dem Kopf darauf, und Barron ging ran. »Danny«, sagte er mit ruhiger Stimme, »danke, dass du anrufst, ich weiß, es ist spät. – Rebecca? Sie hat sich Sorgen um mich gemacht. Sie ist in einen Bus gestiegen und hergefahren. Ja, es geht ihr gut. Ich habe sie nach St. Francis zurückgebracht. Ja, ich bin okay. Und du? – Schön. Könntest du eine Sekunde warten?« Er gab das Handy Raymond, und der drückte es sich an die Brust, damit Ford nicht mithören konnte. »Mein Plan sieht folgendermaßen aus, John. Wir steigen jetzt in Ihren Wagen. Ich verstecke mich hinten, falls draußen Kollegen von Ihnen warten, wovon ich mal ausgehe. Sie passen auf für den Fall, dass ich meinem Anruf einen Besuch folgen, lasse. Sie werden kurz anhalten und ihnen sagen, dass Sie nicht schlafen können und deshalb zur Arbeit fahren. Sie werden sich bei ihnen bedanken und dann weiterfahren.« Raymond hielt inne. »Mr. Ford ist meine Versicherung, dass Sie es tun werden.« »Inwiefern Versicherung?« »Weil er sonst die Wahrheit über Frank Donlan erfährt.« Wieder grinste Raymond. »Sie wollen Mr. Ford doch nicht zwingen, Nachforschungen über Sie anzustellen? Sie sagen ihm jetzt, dass Sie sich in einer halben Stunde mit ihm treffen wollen. Sie hätten sehr wichtige Informationen und könnten nur persönlich darüber sprechen.« »Wo?« Barron kam sich hilflos vor. Raymond hatte alles im Griff. »Am Burbank Airport, Mercury Air Center. Ein gecharterter Jet wird mich abholen. Klingt unglaublich, ist aber wahr. Reden Sie mit ihm.« Er gab ihm das Handy zurück. Nach kurzem Zögern sprach Barron ins Telefon. »Danny – ich muss mit dir reden, aber nicht am Telefon. Burbank Airport, Mercury Air Center. In einer halben Stunde. Kommst du?« Barron nickte bei Fords Antwort. »Danke, Danny.« Barron kappte die Verbindung und sah Raymond an. »Am Flughafen ist bestimmt Polizei.« »Ich weiß. Aber Sie und Mr. Ford werden dafür sorgen, dass man mich durchlässt.« Zwei Minuten später verließen sie das Haus durch die Hintertür, gingen die Treppe hinunter zum Carport und stiegen in den Mustang. Vor ihrem Aufbruch hatte Raymond noch eine letzte Forderung gestellt, und so trug er jetzt unter dem weißen Hemd und dem Leinenjackett aus Alfred Neuss’ Kleiderschrank John Barrons kugelsichere Weste., 3.33 Uhr Barron setzte den Mustang zurück, ließ ihn die Einfahrt hinunterrollen und bremste an der Einmündung neben den wuchernden Bugainvilleen. Raymond kauerte auf dem Boden hinter dem Fahrersitz, und Barron war sich sicher, dass er die Double Eagle oder die Beretta oder beide im Anschlag hielt. Links ein Stück die Straße rauf parkten Grimsley und VerMeer. Bestimmt hatten sie längst seine Scheinwerfer gesehen und fragten sich, was da vor sich ging. Er gab kurz Gas und hielt neben ihnen. »Ich kann nicht schlafen.« Er hielt sich buchstabengetreu an Raymonds Anweisungen. »Mir geht einfach zu viel im Kopf herum. Ich fahre zur Arbeit. Ihr könnt Feierabend machen.« »Mir soll’s recht sein«, gähnte Grimsley. »Nochmals danke«, sagte Barron, legte den ersten Gang ein und fuhr davon. »So weit, so gut«, kommentierte Raymond von hinten. Eine Minute später bog Barron zunächst in den Los Feliz Boulevard, dann in den Golden State Freeway ein und fuhr nach Norden Richtung Burbank Airport. Raymond hatte behauptet, die eigentliche Gefahr drohe ihm, Barron, nicht von einer Waffe, sondern von seinem eigenen Gewissen. Er habe sich nämlich zusätzlich abgesichert. Er habe E-Mails geschrieben, die nach Ablauf einer bestimmten Frist automatisch abgeschickt werden würden: an den Bezirks- staatsanwalt von Los Angeles, die Los Angeles Times, die Bürgerrechtsunion von Südkalifornien, das FBI-Büro in Los, Angeles, die CNN-Zentrale in Atlanta und den Gouverneur von Kalifornien. E-Mails, in denen er erklärte, wer er war und was die Polizei seiner Meinung nach mit Frank Donlan gemacht hatte, und in denen er schilderte, dass er von Donlan eine Zeit lang als Geisel genommen worden sei und er in dieser Zeit nur eine einzige Schusswaffe bei ihm gesehen habe, nämlich die, mit der er die Leute im Zug umgebracht habe. Und dass Donlan diese Waffe im Parkhaus den Polizisten zugeworfen und sich anschließend ergeben habe, und zwar nackt, um zu zeigen, dass er keine zweite Waffe besaß. Raymond hatte versprochen, diese E-Mails zu stoppen, sobald er im Flugzeug und in Sicherheit war. Aus Raymonds Sicht stellte sich die Sache ganz einfach dar: Wenn er die E-Mails stoppte, ersparte er Barron einen äußerst unangenehmen Auftritt vor einer Jury, die zu klären hätte, ob die Beweise für eine Anklage gegen ihn und die anderen Detectives wegen Mordes an Frank Donlan ausreichten. Und damit hatte er Recht, denn ganz gleich, was die anderen tun würden, um sich und die Squad zu schützen, Barron würde unter Eid niemals die Unwahrheit sagen. Das wusste er, und Raymond wusste es auch. Was aber, wenn Raymond entkam? Der Mann, der Red McClatchy, fünf Polizeibeamte, einen Vertreter aus New Jersey und einen jungen Deutschen kaltblütig erschossen hatte, würde auf freiem Fuß bleiben und weiter morden können. Wie viele Unschuldige würden dann noch ihr Leben lassen müssen, bevor er zur Strecke gebracht würde? Und würde auch Alfred Neuss darunter sein? Raymond hatte Recht. Es war eine Gewissensfrage. Und deshalb hatte er Dan Ford vor wenigen Minuten am Telefon mit »Danny« angesprochen. Das hatte er vor neun Jahren zum letzten Mal getan, denn Ford hatte damals klargestellt, dass er »Danny« nicht ausstehen könne und »Dan« genannt werden, wolle. Er hatte ihn ausgelacht, er sei ja ganz schön eingebildet, und wieder »Danny« zu ihm gesagt. Daraufhin hatte ihm Ford eine auf die Nase gegeben, und er war heulend nach Hause gerannt. Seit jenem Tag hatte er ihn nie wieder »Danny« genannt – bis vor wenigen Minuten am Telefon. Auf diese Weise hatte er ihm mitzuteilen versucht, dass er in der Klemme steckte, und er konnte nur hoffen, dass Dan dies kapierte., Flughafen Burbank-Pasadena-Glendale, 3.55 Uhr Raymond richtete sich auf dem Rücksitz gerade so weit auf, dass er sehen konnte, wie sie am Westende der Landebahn vorbeifuhren, dann nach rechts in den Sherman Way einbogen und auf den Mercury Air Terminal zuhielten, ein frei stehendes modernes Gebäude gegenüber dem Hauptterminal. Leichter Nieselregen hatte eingesetzt, und Barron schaltete den Scheibenwischer des Mustang ein. Zwischen den Wischblättern konnte Raymond eine Anzahl von Privatflugzeugen erkennen, die hinter dem Maschendrahtzaun parkten, der Rollfeld und Straße trennte. Alle waren dunkel. Der Regen, der Drahtzaun und die Dampflampen, die Straße und Rollbahnen beleuchteten, verliehen der ganzen Umgebung etwas Unheimliches und ließen den Mercury Air Terminal und seine Betriebsgebäude wie einen Hochsicherheitskomplex erscheinen, der nicht von Menschen, sondern von Technik bewacht wurde. »Wir sind da.« Es waren Barrons erste Worte seit seinem kurzen Gespräch mit den beiden Detectives vor seinem Haus. Er nahm das Gas weg, bog von der Straße ab und hielt vor einem Stahltor. Neben dem Tor war eine Rufsäule, und daran hing ein Schild mit der Bitte an nach Geschäftsschluss eintreffende Kunden, sich durch Drücken des Knopfes an der Sprechanlage mit dem Pförtner in Verbindung zu setzen. »Wie geht’s jetzt weiter?«, fragte Barron. »Klingeln Sie. Sagen Sie, dass Sie wegen der Gulfstream von West Charter Air hier sind. Sie wird um vier Uhr erwartet.« Barron kurbelte das Fenster herunter und drückte auf den, Knopf. Eine Stimme meldete sich, und er sagte seinen Spruch auf. Im nächsten Moment glitt das Tor zur Seite, und er fuhr hinein. Drei Autos standen auf dem Parkplatz zur Linken. Ihre Scheiben waren beschlagen. Sie parkten also schon länger hier, wahrscheinlich die ganze Nacht. Er fuhr an ihnen vorbei. Sekunden später kam der Haupteingang des Terminals in Sicht. Rechts davor befanden sich zwei Streifenwagen der Polizei von Burbank. Drei Uniformierte bewachten den Eingang und beobachteten, wie sie näher kamen. »Die Polizei ist hier.« »Halten Sie nach Mr. Ford Ausschau.« »Ich sehe ihn nirgends, vielleicht ist er gar nicht gekommen.« »Er ist ganz bestimmt hier«, sagte Raymond mit ruhiger, selbstsicherer Stimme. »Denn Sie haben ihn darum gebeten.« Dann entdeckte Barron Dan Fords dunkelgrünen Jeep Liberty. Er stand vor dem beleuchteten Tor, das auf das Vorfeld und zu den Maschinen dahinter führte. Links davon parkte ein Streifenwagen, in dem zwei uniformierte Polizisten saßen. Barron beschlich ein mulmiges Gefühl. Was, wenn der Trick mit »Danny« nicht funktioniert hatte? Was, wenn Ford nicht geschaltet hatte, weil er zu müde war oder zu benebelt von irgendwelchen Schmerzmitteln, die er wegen der gebrochenen Nase genommen hatte? Was, wenn er, nichts Böses ahnend, gekommen war, nur weil er ihn darum gebeten hatte, wie von Raymond vorausgesagt? Wenn dem so war, drohte eine neue Tragödie, denn wenn etwas schief ging, würde Raymond Ford bedenkenlos erschießen. Er würde keine Sekunde zögern., Barron wollte sich gerade umdrehen und Raymond sagen, dass Ford nicht da sei und wahrscheinlich auch nicht mehr kommen werde, als die Tür des Liberty aufging und Ford ausstieg. Blaues Sakko, Kakihose, Hornbrille, dickes Pflaster auf der Nase und eine Golfmütze zum Schutz gegen den Regen. Raymond beugte sich vor und spähte über den Sitz. »Halten Sie an.« Barron ging vom Gas und stoppte gut zwanzig Meter vor dem Tor, neben dem der Ford stand. »Nehmen Sie Ihr Handy, und rufen Sie ihn an. Sagen Sie ihm, dass Sie ihn auflesen und dann auf das Vorfeld zu einem ankommenden Flugzeug fahren. Sagen Sie ihm, dass Sie mit den Polizisten reden werden.« Barron blickte zu dem Flugzeug, das unbeleuchtet hinter dem Zaun parkte. Keine Spur von Bodenpersonal oder Mechanikern. Auf der Uhr am Armaturenbrett war es gleich zehn nach vier. Vielleicht erwartete Raymond gar keine Maschine. Vielleicht führte er etwas ganz anderes im Schild. »Ihre Gulfstream hat Verspätung, Raymond. Was ist, wenn sie gar nicht kommt?« »Sie wird kommen.« »Woher wollen Sie das wissen?« »Weil sie schon da ist.« Raymond deutete mit dem Kopf in Richtung Rollbahn. Die Landescheinwerfer eines Flugzeugs tauchten aus dem Nieselregen auf. Sekunden später setzte die Gulfstream IV auf. Sie hörten das Aufheulen der Triebwerke, als der Pilot die Schubumkehr betätigte. Am Ende der Landebahn wendete die Maschine und rollte zurück in Richtung Terminal. Die Lichter, schnitten eine scharfe Schneise in die dunstige Nachtluft. Raymond rutschte tiefer in den Sitz, als die Maschine näher kam. Ihre Triebwerke machten einen ohrenbetäubenden Lärm, und die Scheinwerfer strahlten den Mustang wie eine Ein- Million-Watt-Taschenlampe an. Dann schwenkten die Lichter zur Seite, der Jet schwang herum und blieb hinter dem Tor stehen. Der Pilot stellte die Triebwerke ab, das Heulen verstummte. »Rufen Sie Mr. Ford an, und tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe.« »In Ordnung.« Barron griff zum Handy und wählte. Sie sahen, wie Dan Ford sich die Hand vor den Mund hielt und hustete, während er das Handy aus dem Sakko zog. »Ich bin’s, John.« Er hustete wieder. »Danny …« Barrons Stimme hing in der Luft, als er Ford wieder mit dem verhassten Namen ansprach, um ihn zu warnen und ihm die Chance zu geben, sich in Sicherheit zu bringen. »Denken Sie an die E-Mails, John. Sagen Sie es ihm«, befahl Raymond. »Ich …« Barron zögerte. »Sagen Sie es ihm.« Barron fühlte den kalten Stahl der Double Eagle an seinem Ohr. »Danny, wir beide fahren jetzt zu der Gulfstream, die eben gelandet ist. Ich werde neben dir anhalten. Wenn ich die Tür aufmache, steigst du ein. Ich rede mit den Polizisten.« Ford trennte die Verbindung und winkte ihnen. »Los, weiter«, drängte Raymond. Barron rührte sich nicht. »Sie haben doch die E-Mails in petto, Raymond. Wozu brauchen wir ihn denn?« »Damit Sie nicht auf dumme Gedanken kommen und etwas, Falsches sagen, wenn Sie Ihre Kollegen bitten, das Tor zu öffnen.« Dan Ford winkte wieder. Im selben Moment schwangen die Türen des Streifenwagens auf, und die beiden Polizisten stiegen aus. Sie blickten zum Mustang herüber. Anscheinend fragten sie sich, was der Fahrer wollte. Warum hatte er so lange gehalten? »Fahren Sie, John«, sagte Raymond ruhig. Barron zögerte noch einen Augenblick, dann fuhr er an. Er sah Dan Ford deutlich im Scheinwerferlicht, als sie sich dem Tor näherten. Der Reporter kam ihnen einen Schritt entgegen, blieb dann stehen, sagte etwas zu den Polizisten und deutete auf den Mustang. Sie waren fast bei ihm, keine zehn Meter trennten sie mehr. »Wenn wir am Tor sind«, instruierte ihn Raymond, »kurbeln Sie das Fenster nur so weit herunter, dass der Polizist Sie deutlich sehen kann. Sagen Sie ihm, wer Sie sind und wer Mr. Ford ist. Sagen Sie ihm, dass Sie wegen der Gulfstream hier sind, die vorhin gelandet ist. Meinetwegen auch, dass es mit der Fahndung nach Raymond Oliver Thorne zu tun hat.« Barron nahm den Fuß vom Gas und hielt an. Die Polizisten nahten von links, Ford von rechts. Ford war ihnen ein, zwei Schritte voraus und zog wegen des Regens den Kopf ein. Dann war Ford da und öffnete die Beifahrertür. Gleichzeitig stürzte der erste Polizist zur Fahrertür. Barron hörte Raymond einen Warnruf ausstoßen. Im nächsten Moment wurde seine Tür aufgerissen. Er erkannte noch Hallidays Gesicht, dann gab es einen lauten Knall, und er wurde von dem hellsten Blitz geblendet, den er je gesehen hatte., 4.20 Uhr Barron dröhnten die Ohren, und halb blind von der Blendgranate spürte er, wie er von Händen aus dem Wagen gezerrt wurde. Irgendwo meinte er Raymond brüllen zu hören. Der Rest war ein Traum. Vage nahm er wahr, wie Lee in einem Zivilauto vorfuhr. Sah, wie ein wacher, aber offensichtlich noch verkaterter und als Dan Ford verkleideter Polchak dem verdutzten Raymond Handschellen anlegte und ihn in den Fond des Wagens stieß. Dann war plötzlich noch ein Wagen da, und Halliday, in der blauen Uniform eines Streifenbeamten, bugsierte ihn auf den Beifahrersitz und fragte, ob er in Ordnung sei. Anschließend knallten Türen, und der Wagen, in dem er saß, brauste mit Halliday am Steuer davon. Wie viel Zeit verging, vermochte er nicht zu sagen, doch allmählich ließen das Dröhnen in seinen Ohren und das Flimmern vor seinen Augen nach. »Dan hat euch also verständigt«, hörte er sich murmeln. »Gleich nach eurem Telefongespräch hat er Marty zu Hause angerufen.« Halliday wandte den Blick nicht von der Straße. »Du hast uns nicht viel Zeit gelassen.« »Ich konnte es mir nicht aussuchen«, erwiderte Barron und schüttelte den Kopf, um wieder klar zu werden und seine Gedanken zu ordnen. »Das war doch Dans Wagen. Wo ist er?« »Im Terminal. Wahrscheinlich redet er mit dem SWAT-Team, das wir zur Unterstützung angefordert hatten. Wenn es tatsächlich Raymond war, wollten wir ihn auf keinen Fall noch einmal entwischen lassen.«, »Nein.« Barron sah weg. Es war noch stockdunkel, und die beiden Wagen fuhren dicht hintereinander durch ein ruhiges Wohngebiet östlich des Flughafens. Valparaiso war der andere Uniformierte am Tor gewesen. Und mit dem blauen Sakko, der Kakihose, dem Pflaster auf der Nase, der Hornbrille und dem Regenhut hatte Polchak Dan Ford so ähnlich gesehen, dass er sich in dieser regnerischen Nacht für ihn hatte ausgeben können. Barron begriff jetzt auch, warum er am Telefon gehustet hatte. Hätte er ihn an der Stimme erkannt, hätte er sich vielleicht etwas anmerken lassen, und wer wusste, wie Raymond dann reagiert hätte. Am Ende hatte die Squad das getan, was sie seit jeher tat, sie war aufs Ganze gegangen und hatte blitzschnell zugeschlagen. Und obwohl Raymond mit allen Wassern gewaschen war, hatte es geklappt. »Jimmy«, tönte Valparaisos Stimme aus Hallidays Funkgerät. Halliday nahm das Gerät vom Beifahrersitz. »Ich höre, Marty.« »Wir legen eine Kaffeepause ein.« »Verstanden.« »Kaffeepause?« Barron sah Halliday an. »Es war ein langer Tag.« Halliday kappte die Verbindung. »Außerdem ist für Raymond hier Endstation.« Immer noch Freitag, 15. März. 4.35 Uhr Jerry’s Coffee Shack, der rund um die Uhr geöffnet hatte, lag an einer Ecke in einem Industriegebiet unweit des Golden State Freeway und noch so nahe am Flughafen, dass man dessen Lichter sehen konnte. Halliday hielt als Erster, und Valparaiso parkte neben ihm. Die beiden stiegen aus und gingen hinein. Barron schaute ihnen nach, dann blickte er zu dem anderen Wagen. Raymond saß auf dem Rücksitz zwischen Lee und Polchak. Es war das erste Mal, dass er ihn seit der Zündung der, Blendgranate sah. Er wirkte müde und immer noch geschockt, als wisse er nicht genau, was passiert war und wo er sich befand. Auch Polchak hatte er zum ersten Mal seit der Prügelei wieder gesehen. Er mochte nicht daran denken und blickte wieder zum Café hinüber. Halliday und Valparaiso standen am Tresen und unterhielten sich, während sie auf den Kaffee warteten. Plötzlich klopfte jemand an seinem Fenster. Er zuckte zusammen. Polchak stand draußen und bedeutete ihm mit einer Geste, er solle die Scheibe herunterkurbeln. Barron zögerte, dann tat er es. Die beiden Männer starrten einander an. »Tut mir Leid, was passiert ist«, sagte Polchak. »Ich war betrunken.« »Ich weiß. Schwamm drüber.« »Ich meine es ernst. Ich hab mich auch bei Dan Ford entschuldigt, okay?« Polchak streckte ihm die Hand entgegen. Barron betrachtete sie, dann schlug er ein. Polchak war wieder nüchtern, und vielleicht bereute er tatsächlich, was er getan hatte, aber sein Blick hatte sich nicht verändert. Der alte Groll war noch da. »Gut«, sagte Polchak und hob den Kopf. Halliday und Valparaiso kamen mit Papptabletts zurück, auf denen Kaffeebecher mit Plastikdeckeln standen. Valparaiso trug vier, Halliday zwei. »Alles klar?«, fragte Polchak. »Wartet«, sagte Barron. Sie mussten es erfahren. »Raymond weiß, was mit Donlan passiert ist.« »Woher?« Valparaisos Blick wurde hart. »Er hat es sich zusammengereimt.« »Du meinst, du hast es ihm gesteckt«, knurrte Polchak, ohne lange nachzudenken, und musterte ihn. Barron sah, dass er die Fäuste ballte. Die Dämonen hatten wieder Besitz von ihm ergriffen., »Nein, Len, von mir weiß er es nicht, er hat es erraten. Deswegen hat er Dan herbestellt. Damit ich den Polizisten am Tor nichts verrate. Sonst hätte er es Ford gesagt.« »Dan Ford ist jetzt nicht hier und wird auch nicht kommen.« Halliday blickte zu Valparaiso. »Gehen wir?« »Wartet«, sagte Barron scharf. »Da ist noch etwas. Raymond hat E-Mails geschrieben, die nach einer bestimmten Frist abgeschickt werden. Er hat gesagt, er werde sie stoppen, sowie er in Sicherheit sei. E-Mails an den Bezirksstaatsanwalt, das FBI, die Bürgerrechtsunion, Dan Ford und viele andere. Angeblich steht da alles genau drin. Das ist kein Beweis, aber man wird anfangen, Fragen zu stellen.« »John«, entgegnete Halliday ruhig. »Er ist ein Polizisten- mörder, kein Mensch wird ihm glauben.« »Und wenn doch?« »Auch egal«, feixte Polchak. »Dann steht sein Wort gegen unseres.« Er sah zu Valparaiso. »Der Kaffee wird kalt, Marty.« 4.44 Uhr Das Knallen von Autotüren durchbrach die morgendliche Stille, und die Wagen setzten sich wieder in Bewegung. Halliday machte den Anfang, Valparaiso folgte dicht dahinter. Sie fuhren aus dem Industriegebiet hinaus und am Burbank Airport Hilton vorbei, dann über die Bahngleise der Nahverkehrslinie Metrolink. Halliday sprach kein Wort. Die beiden Kaffeebecher auf dem Sitz zwischen ihnen blieben unberührt. »Dann steht sein Wort gegen unseres.« Polchaks Worte hallten noch in Barrons Ohren, und wieder sah er sein höhnisches Grinsen. Von wegen »unseres«! »Ihres!« Trotz der Sache am Flughafen fühlte er sich ihnen jetzt ebenso wenig zugehörig wie unmittelbar nach dem Mord an Donlan., Wenn Polchak ein Fanatiker war, wenn sie alle Fanatiker waren, dann waren sie allein die Squad 5-2 und ein Teil ihrer Geschichte und ihrer Legenden. Nach Reds Tod hatte er vorübergehend geglaubt, einer von ihnen zu werden, aber jetzt wusste er wieder, dass er es nicht war. Im Grunde hatte er es die ganze Zeit gewusst. Er war anders als sie und würde es immer bleiben. Er musste der Stimme seines Gewissens folgen. Reifenquietschen schreckte ihn aus seinen Gedanken. Halliday bog scharf in eine Seitenstraße ab. Gleich darauf riss er das Steuer erneut herum, fuhr in einen schwach erleuchteten Weg mit schäbigen Kfz-Werkstätten und hielt vor einer baufälligen Autolackiererei. Eine Sekunde später stoppte Valparaiso hinter ihnen und tauchte sie einen Moment lang in gleißendes Licht. Dann erloschen die Scheinwerfer. Instinktiv blickte Barron sich um. Die Umgebung war in Dunkel gehüllt. Eine herunter- gekommene Gegend, weitab vom Schuss. Am Ende des Wegs brannte eine einsame Straßenlaterne, und etwa eine Viertelmeile entfernt sah er die Lichter von Jerry’s Coffee Shack, wo sie Halt gemacht hatten. Er hörte hinter sich dumpfes Türenschlagen, dann sah er, wie Polchak und Lee mit Raymond rasch die Straße überquerten und auf die Lackiererei zusteuerten. Valparaiso, der etwas trug, eilte voraus. Er stieß mit dem Fuß die Tür auf, und die vier verschwanden im Innern. »Diesmal hast du es vorher gewusst, John.« Halliday öffnete die Tür. Die Innenbeleuchtung ging an, und Halliday schlug das Jackett zurück und zeigte ihm die 9-mm-Beretta, die im Holster an seiner Hüfte steckte. »Gehen wir.«, 4.57 Uhr Raymond stand zwischen Polchak und Lee unter einer einzelnen Neonlampe, als Barron und Halliday eintraten. Seine Hände waren vorn mit Handschellen gefesselt. Valparaiso lehnte ein paar Schritte davor an einer Werkbank. Seine Hand umschloss den Gegenstand, den er getragen hatte – einen Kaffeebecher. Aus dem Halbdunkel hinter ihnen ragte schemenhaft ein alter VW-Käfer wie eine geisterhafte Skulptur. Räder und Fenster waren zum Spritzen mit Papier abgeklebt, die Karosserie mit einem ätherischen Weißgrau grundiert. Fußboden, Wände, Einrichtung, Türen, Fenster, alles war mit diesem Weißgrau überzogen, verirrte Farbmoleküle, die sich im Lauf der Jahre abgesetzt hatten und matt, wie sie waren, das bisschen vorhandene Licht schluckten. Man kam sich vor wie im Innern eines Grabes. Halliday schloss die Tür, und er und Barron traten in den Raum. Barron sah, dass Raymonds Augen ihm folgten, als er hinter Valparaiso vorbeiging. Sie blickten verzweifelt, flehentlich, Hilfe suchend. Wie hätte Raymond auch wissen können, in welcher Lage er sich befand. Selbst wenn er wollte, er konnte ihm nicht helfen. Wenn er einschritt, wurde er selbst getötet. Er konnte nur dastehen und zusehen. Doch Raymond starrte ihn weiter an, und da begriff er, was wirklich vor sich ging. Raymonds Blick war weniger verzweifelt als anmaßend. Er bat ihn nicht nur um Hilfe, er erwartete, dass er ihm half. Das war ein Fehler, denn Barron war darüber nicht nur empört, es trieb ihn wieder in die andere Richtung und erfüllte ihn mit, unsäglicher Wut. Dieser Mann hatte ohne Mitleid gemordet. Hatte kaltblütig und bestialisch einen Menschen nach dem anderen abgeschlachtet. Hatte von Anfang an versucht, seine moralischen Grundsätze zu missbrauchen und für seine Zwecke zu nutzen. War in sein Haus eingebrochen und hatte ihn gezwungen, ihm zur Flucht zu verhelfen. Hatte eiskalt und vorsätzlich Dan Ford in die Sache hineingezogen, weil er sein Freund war und als Journalist einen gewissen Einfluss besaß, und hätte ihn jederzeit, ohne mit der Wimper zu zucken, umgebracht, wenn er sich davon einen Vorteil versprochen hätte. Und jetzt stand dieser Mann da und erwartete, den Tod vor Augen, dass er ihn rettete. Ausgerechnet er. Nie zuvor in seinem Leben hatte er einen so tiefen Abscheu empfunden, nicht einmal vor den Mördern seiner Eltern. Red hatte Recht gehabt. Männer wie Raymond waren keine Menschen, sondern verabscheuungswürdige Monster, die immer wieder töteten. Sie waren wie eine Krankheit, die ausgemerzt werden musste. Die laxe Justiz hielt solchen Leuten stets eine Hintertür offen, deshalb konnte ihr das öffentliche Wohl nicht anvertraut werden. Deshalb mussten Männer wie Valparaiso und Polchak und die anderen tun, was der zivilisierten Welt verwehrt war. Gott sei Dank! Raymond hatte sich gründlich in ihm getäuscht. Es kümmerte ihn nicht mehr. »Sie wollten doch einen Kaffee, Raymond.« Valparaiso trat mit dem Becher in der Hand vor. »Nett, wie wir sind, haben wir extra deswegen angehalten. Haben Ihnen den Kaffee sogar zum Wagen gebracht. Und dann haben Sie Ihren genommen und trotz der Handschellen nach Detective Barron geschleudert.« Mit einer kurzen Bewegung aus dem Handgelenk spritzte er heißen Kaffee auf Barrons Hemd und Jackett. Erschrocken sprang Barron zur Seite. Valparaiso stellte den Becher weg und trat noch näher. »Im selben Moment griffen Sie nach seiner Double Eagle, einer privaten Handfeuerwaffe, die er bei sich trug, weil Sie ihm am, Lufthansa-Schalter die Beretta abgenommen hatten. Die Waffe, mit der Sie Commander McClatchy erschossen haben. Die hier, Raymond.« Mit der rechten Hand zog er die Beretta aus seinem Hosenbund und hielt sie Raymond hin. Einen Herzschlag später fasste er mit der Linken hinten in seinen Gürtel und brachte die Double Eagle zum Vorschein. »Zwei Waffen, Raymond.« Valparaiso trat einen halben Schritt zurück. »Sie können sich wahrscheinlich nicht erinnern, aber Detective Polchak hat sie Ihnen Sekunden nach der Zündung der Blendgranate weggenommen. Später sahen Sie, wie er die Double Eagle Detective Barron zurückgab.« Barron sah wie versteinert zu, während Valparaiso Raymond bearbeitete und ihm in allen Einzelheiten die offizielle Version seines Todes schilderte. Das grenzte an Folter, und es war ihm gleichgültig. Ja, er fand sogar Gefallen daran. Plötzlich fuhr Raymond herum und sah ihn direkt an. »Was ist mit den E-Mails, John? Wenn ich tot bin, kann keiner verhindern, dass sie abgeschickt werden.« Barron lächelte kühl. »Wie’s aussieht, interessiert das niemanden, Raymond. Die eigentliche Geschichte sind Sie. Ihre Fingerabdrücke haben wir bereits. Jeder Körperteil von Ihnen liefert uns eine DNA-Probe. Die können wir mit den Blutflecken auf einem Handtuch vergleichen, das wir im Zimmer eines Toten im Bonaventura Hotel gefunden haben. Wir werden auch den Doppelmord in Chicago aufklären. Und die Morde in San Francisco und Mexico City. Und wir werden herausfinden, wer die Gulfstream geschickt hat. Welche Rolle Alfred Neuss spielt. Was Sie in Europa und Russland vorhatten. Wir werden herausfinden, wer Sie sind, Raymond. Wir werden alles herausfinden.« Raymonds Augen wanderten durch den Raum und sahen dann weg. »Wascha«, stieß er leise hervor. »Wascha sudba w rukach, Gospodina.« Er hatte jede Hoffnung aufgegeben, dass Barron ihm half. Alles, was ihm blieb, war seine innere Stärke. Wenn es Gottes Wille war, dass er hier starb, dann sollte es eben sein. »Wascha sudba w rukach Gospodina«, wiederholte er fest und nachdrücklich, so wie er es für die Baronesse getan hatte, ein feierliches Versprechen, Gott und sich selbst treu zu bleiben. Valparaiso reichte Lee die Beretta. Dann trat er vor, drückte Raymond den Lauf der Double Eagle zwischen die Augen und beendete, was er zu sagen hatte. »Sie nahmen Detective Barron die Waffe weg, rannten fort und versteckten sich hier drin. Als wir versuchten, Sie herauszuholen, schossen Sie auf uns …« Abrupt trat Valparaiso zurück und richtete die Waffe auf die Vordertür der Lackiererei. Die Schüsse der 45er ließen die Werkstatt erzittern. Mit Farbe überzogene Fensterscheiben barsten, flogen auf die Straße und hinterließen gezackte nachtschwarze Flecken in der weißgrauen Wand. Valparaiso drehte sich wieder um und stieß die Double Eagle von unten gegen Raymonds Kinn. »Wir blieben draußen und forderten Sie auf, mit erhobenen Händen rauszukommen. Sie reagierten nicht. Wir wiederholten die Aufforderung und gaben Ihnen eine letzte Chance. Aber alles blieb still. Und dann fiel ein letzter Schuss.« Barron beobachtete Raymond. Er bewegte die Lippen, aber kein Laut war zu hören. Was tat er? Betete er? Bat er Gott vor dem Tod um Vergebung seiner Sünden? »John.« Barron zuckte zusammen. Valparaiso hatte sich umgedreht und drückte ihm jetzt die Double Eagle in die Hand. »Für Red«, flüsterte er. »Für Red.« Valparaisos Augen ruhten nur kurz auf ihm und wanderten weiter zu Raymond. Barron blickte in dieselbe Richtung, und da, sah er, dass Polchak zu Raymond trat, ihn packte und mit demselben eisernen Griff festhielt, mit dem er Donlan festgehalten hatte. Raymond versuchte, sich seinem Griff zu entwinden, wobei er Barron die ganze Zeit mit offenem Mund anglotzte. Wie konnte Gott so etwas zulassen? Wie konnte er zulassen, dass aus dem Mann, den er zu seinem Retter erkoren hatte, sein Scharfrichter wurde? »Tun Sie es nicht, John, bitte«, flüsterte Raymond. »Bitte nicht.« Barron betrachtete die Pistole in seiner Hand, fühlte ihr Gewicht. Er trat einen Schritt vor. Die anderen sahen schweigend zu. Halliday. Polchak. Valparaiso. Lee. Raymonds Augen schimmerten im Neonlicht. »Das sind nicht Sie, John. Verstehen Sie denn nicht? Es sind die da!« Seine Augen huschten zu den Detectives und wieder zurück. »Denken Sie an Donlan. Denken Sie daran, wie Sie sich hinterher gefühlt haben.« Er hatte die Worte hastig hervorgestoßen. Von seiner Überheblichkeit war nichts geblieben. Er bettelte um sein Leben. »Wenn Sie an Gott im Himmel glauben, lassen Sie die Waffe sinken. Tun Sie es nicht!« »Glauben Sie denn an Gott, Raymond?« Barron trat näher. Wut, Hass, Rachgier. Seine Gefühle verschmolzen wie in einem Drogenrausch. Der Hinweis auf Donlan ließ ihn kalt. Die Waffe in seiner Hand war alles. Und dann stand er rechts neben Raymond, nur Zentimeter trennten ihre Gesichter. Klick! Mechanisch spannte er den Hahn. Der Lauf der Double Eagle wanderte zu Raymonds Schläfe. Er hörte, wie Raymond keuchte und sich gegen Polchak und die Handschellen stemmte. Er legte, den Finger an den Abzug und sah Raymond in die Augen. Und dann … Er hielt inne. 5.21 Uhr., »Leg ihn um, verdammt!« »Er ist ein Tier. Drück ab!« »Erschieß ihn doch endlich, in Gottes Namen.« Barron hörte das Gebrüll hinter sich, verzog qualvoll das Gesicht. Auf einmal drehte er sich zur Seite. Er drückte dreimal ab, und die Kugeln fuhren in den verschlissenen, mit Farbe bespritzten Polstersessel. »Was ist denn los mit dir?« Lee begriff ihn nicht. Barron drehte sich wieder um. Er zitterte, war entsetzt. Beinahe hätte er es getan. »Was mit mir los ist, Roosevelt? Diese Stadt hat uns verhext. Sie bringt einen Mann dazu, dass er das Gesetz vergisst, dass er viele Dinge vergisst … wie zum Beispiel, wer er eigentlich ist.« Einen Augenblick lang starrte er sie an. Dann fuhr er flüsternd fort: »Ihr wollt es einfach nicht kapieren … Ich kann keinen Mord begehen.« Valparaiso trat vor und streckte die Hand aus. »Gib her.« Barron wich zurück. »Nein, ich bringe ihn aufs Revier.« »Her mit der Waffe, John«, sagte Lee und schob sich vor Halliday. Barron richtete die Waffe auf seine breite Brust. »Ich bringe ihn aufs Revier, Roosevelt.« »Tu es nicht«, warnte ihn Halliday. Barron hörte nicht hin. »Legt eure Waffen da drüben hin.« Er deutete mit dem Kopf auf eine mit Farbspritzern übersäte Werkbank neben der Tür. »Mit dir ist es aus, John«, sagte Polchak und trat hinter Raymond hervor. Valparaiso kam näher. »Du schaufelst dir dein eigenes Grab.«, »Du warst als Erster hier, John.« Lee beachtete die Waffe nicht, die auf seine Brust gerichtet war. »Raymond hatte die Double Eagle. Bei unserem Eintreffen warst du bereits tot.« »Raymond muss so oder so dran glauben«, sagte Polchak und kam noch ein Stück näher. »Aber was ist mit deiner Schwester? Wer soll sich um sie kümmern? Daran solltest du denken, John.« Barron riss die Waffe herum und richtete sie auf Polchaks Unterleib. »Noch einen Schritt, und du kannst dich von deinem Hirn verabschieden.« »Herrgott noch mal!« Polchak sprang zurück. »Waffen auf die Werkbank. Roosevelt, du zuerst.« Lee blieb, wo er war, die Beretta noch in der Hand, und man konnte ihm ansehen, dass er sich fragte, ob er eine Chance hatte, die Waffe hochzureißen und abzudrücken, bevor Barron schoss. Oder ob Barron überhaupt schießen würde. »Es ist das Risiko nicht wert«, sagte Halliday ruhig. »Tu, was er sagt.« »Die Beretta, Roosevelt«, befahl Barron. »Nimm die linke Hand. Nur mit zwei Fingern am Griff.« »Schon gut.« Langsam hob Lee die linke Hand und pflückte die Waffe mit zwei Fingern aus seiner rechten, ging zur Werkbank und legte sie dort ab, »Du bist der Nächste, Marty. Mach es genauso.« Barron richtete die Double Eagle auf Valparaiso. Einen Augenblick lang verharrte Valparaiso reglos, dann zog er langsam die Pistole aus dem Gürtelholster und legte sie auf die Werkbank. »Und jetzt zurück«, befahl Barron scharf. Valparaiso gehorchte mit einem Seitenblick auf Polchak und Halliday. Ohne sie aus den Augen zu lassen, ging Barron zur Werkbank, nahm die Beretta und steckte sie in den Gürtel., »Jetzt du, Jimmy. Wie gehabt, mit zwei Fingern.« Halliday ging hinüber zur Werkbank, zog seine Beretta heraus und legte sie hin. »Weg da«, befahl Barron, und Halliday gehorchte. »Len.« Polchak tat lange nichts. Dann blickte er entschlossen zu Boden und zuckte mit den Schultern. »Das finde ich nicht gut, John. Überhaupt nicht gut.« Barron sah, wie Polchak eine Bewegung machte. Im selben Augenblick sprang Lee zur Werkbank und griff nach der Beretta. Barron machte einen Satz, rammte Lee mit der Schulter und schleuderte ihn gegen Polchak. Polchak ging zu Boden und wurde unter Lee begraben. Barron riss die Waffe hoch. Ein Schuss fiel, und die Arbeitsleuchte über Raymonds Kopf explodierte. Es wurde stockdunkel. Barron schnellte vor, bekam Raymonds Handschellen zu fassen und zerrte ihn durch die Dunkelheit. Schüsse krachten. Lees Mündungsfeuer erhellte die Werkstatt hinter ihnen. Um sie herum splitterte Glas. Querschläger pfiffen durch die Luft, dann war Barron an der Tür. Lee feuerte in Richtung Tür. »Willst du mich umbringen, du Arschloch?«, brüllte Polchak. »Dann geh doch aus dem Weg, verdammt noch mal!« Barron und Raymond waren rasch zur Tür hinaus. Die Luft war feucht vom Regen, über dem Horizont lag bereits ein schmaler Silberstreif. Barron blickte zu den Autos, doch im nächsten Moment fiel ihm ein, dass er keine Schlüssel besaß. Es dauerte fast zu lange. Lee stürmte durch die Tür. »Achtung!«, rief Raymond, packte Barron trotz Handschellen am Jackett und zog ihn hinter den zweiten Wagen., Lee feuerte zweimal in die Dunkelheit. Die Heckscheibe des Wagens zerbarst. Polchak tauchte hinter ihm auf, gefolgt von Valparaiso und Halliday. Lee rannte um den Wagen herum, die Beretta in beiden Händen. Polchak kam von der anderen Seite. Keiner mehr da. »Wo zum Teufel …?« Dann sahen sie das Loch in dem Holzzaun direkt hinter dem Wagen., 5.33 Uhr Barron trieb Raymond vor sich her eine steile Böschung hinunter, halb kriechend, halb rutschend. Dann waren sie unten, und er zog Raymond hoch. Sie hörten die anderen. Sie brachen durch den Zaun und kamen die Böschung herunter. Eine starke Taschenlampe blitzte in der Dunkelheit auf, dann eine zweite. »Bleiben Sie an meiner Seite, Raymond.« Barron packte ihn an den Handschellen und zog ihn fort, ohne zu wissen, wohin. »Beim kleinsten Fluchtversuch erschieße ich Sie. Das verspreche ich Ihnen.« Der Strahl einer Taschenlampe huschte über sie hinweg, kam zurück. Zwei Schüsse fielen. Erde spritzte zu ihren Füßen auf. Barron riss an Raymonds Handschellen und zog ihn mal in die eine, mal in die andere Richtung. Sie rannten im Zickzack, krochen durch hohes Gras, dann über holprigen Boden, der vom Regen ganz schlüpfrig war. Hinter ihnen zerschnitten die Strahlen der Taschenlampen die Luft, wieder waren Rufe zu hören. Dann sah Barron große Baumaschinen aus dem Dunkel vor ihnen auftauchten, und er zog Raymond in diese Richtung. Sekunden später gingen sie, schweißgebadet und vom Regen durchnässt, hinter einem mächtigen Bulldozer in Deckung. Sie rangen nach Atem. In der Ferne hörten sie das Dröhnen eines startenden Düsenflugzeugs. Der Himmel erhellte sich noch etwas mehr. Barron blickte sich um, versuchte, sich zu orientieren. Er erkannte nur Schlamm und die schemenhaften Umrisse schwerer Baumaschinen., »Rühren Sie sich nicht von der Stelle«, raunte er Raymond zu, hievte sich in die Kabine des Bulldozers hinauf und sah sich um. In der Ferne waren die Lichter des Hauptterminals des Burbank Airport zu erkennen. Sie befanden sich also auf der anderen Seite der Baustelle, südlich vom Flughafen. Hinter ihnen war freies Feld, das nach etwa dreißig Metern in eine steile Böschung überging. Oben ein Drahtzahn, dahinter die Lichter des Flughafenbahnhofs. Er sprang vom Bulldozer und landete neben Raymond. Er blickte auf seine Armbanduhr. Kurz vor sechs. Um sechs fuhren die ersten Metrolink-Pendlerzüge. Er sah Raymond an. »Wir machen eine Zugfahrt.«, 5.47 Uhr Im schwachen Licht sah Barron, wie Polchak an ihnen vorbeiging und dann stehen blieb. Er wusste, dass Lee irgendwo links oder rechts von ihm war und ein Dritter, entweder Valparaiso oder Halliday, den beiden folgte. Der andere hatte mit Sicherheit einen Wagen genommen und raste jetzt um die Baustelle herum zu der Straße, die zwischen ihnen und dem Bahnhof verlief. Sie wollten sie aufscheuchen, so wie man mit Jagdhunden Federwild aus einem Dickicht aufscheuchte. Blieb die Suche erfolglos, würden sie Unterstützung an- fordern. Hubschrauber, Streifenwagen und wahrscheinlich sogar Hunde. Und sie würden eine simple Geschichte auftischen: Raymond habe ihn als Geisel genommen und sei mit ihm geflüchtet. Dann gab es kein Entrinnen mehr. Gegen ein so massives Suchaufgebot hatten sie keine Chance. Wie Polchak und die anderen sie anschließend in Gewahrsam nehmen wollten, wusste er nicht, doch er zweifelte nicht daran, dass sie es tun würden. Und dann würde alles sehr schnell gehen. Raymond bekam eine Kugel, und er selbst wurde weggebracht, höchstwahrscheinlich in sein Haus, wo sie ihm einen tödlichen Cocktail aus Alkohol und Pillen verabreichten und dann entweder mit seiner eigenen Waffe erschossen oder einfach nur sterbend liegen ließen. Ein weiterer tragischer Selbstmord eines Polizisten, der mit seiner familiären Situation, den unerträglichen Belastungen seines Berufs und dem gewaltsamen Tod seines Chefs und der anderen Polizisten nicht fertig geworden war. »Los!«, zischte er, und dann waren er und Raymond auf den, Beinen und rannten auf die Lichter des Bahnhofs zu. »Da sind sie!«, hörte Barron hinter sich Valparaiso rufen. Das bedeutete, dass Halliday derjenige war, der ihnen mit dem Wagen den Weg zum Bahnhof abschneiden sollte. Barron rannte über die Baustelle in Richtung Bahnhof, in der einen Hand die Double Eagle, die andere um Raymonds Handschellen geklammert. Immer wieder glitt er auf dem rutschigen Boden aus. Er betete, dass sie vor Halliday am Ziel waren und nicht vorher von einer Kugel eingeholt wurden. Sie gelangten an die Böschung und krochen hinauf. Sie hörten die Verfolger, sahen, wie Taschenlampen auf der Suche nach einem Ziel die Dunkelheit durchschnitten. Dann waren sie am Zaun. Barron riss Raymond in die Höhe und stieß ihn hinüber, ehe er sich selbst auf die andere Seite schwang. »Ein Wagen«, sagte Raymond, als Barron neben ihm auf dem Boden landete. Eine halbe Meile entfernt bogen Scheinwerfer um die Ecke und kamen rasch näher. »Weiter!«, rief Barron und sprang hoch. Sie rannten über die Straße und stürmten die Zufahrt zum Bahnhof hinauf. 6.02 Uhr Halliday sah sie über die Straße hasten. Zehn Sekunden später bremste er an der Stelle und sprang in dem Moment aus dem Wagen, als die anderen über den Zaun kletterten. »Zum Bahnhof!«, brüllte er, und alle vier rannten in die Richtung, in die Raymond und Barron verschwunden waren. Der Tag zog als fahler Streifen am Horizont herauf, als die Detectives auf den Bahnsteig stürmten. Polchak und Halliday jagten nach links, Lee und Valparaiso nach rechts. Niemand da. Der Bahnsteig war leer. »Zu spät.« Außer Atem und fröstelnd vor Nässe schaute Valparaiso die, Gleise entlang und beobachtete grimmig, wie die Lichter eines Zugs in der Ferne verschwanden., 6.08 Uhr Sie saßen im ersten Wagen hinter der Lok, zusammen mit einem halben Dutzend Frühpendler, darunter eine hochschwangere junge Frau, die so aussah, als könnte sie jeden Moment niederkommen. Auf einmal begriff Barron, dass er Raymond irgendwo anketten musste, um sich und die Fahrgäste zu schützen. Er spähte den Mittelgang entlang und entdeckte ganz vorn einen Gepäckständer, der am Fußboden und an der Decke verschraubt war. Hätte er den Schlüssel für Raymonds Handschellen, könnte er ihn dort festbinden, so aber … Da fiel ihm ein, dass er dieselbe Hose wie am Vorabend anhatte und Handschellen bei sich trug, die in einem kleinen schwarzen Lederbeutel hinten an seinem Gürtel hingen. »Kommen Sie!« Er bugsierte Raymond an den Fahrgästen vorbei nach vorn. Dann schüttelte er die Handschellen aus dem Beutel, legte sie um die anderen, die Raymond bereits trug, und befestigte sie an dem Gepäckständer. »Rühren Sie sich nicht, und sprechen Sie kein Wort«, zischte Barron. Er drehte sich um und hielt den verdutzten Fahrgästen seine goldene Marke hin. »Polizei«, sagte er. »Der Mann ist mein Gefangener. Bitte gehen Sie nach hinten in den nächsten Wagen.« Die Schwangere blickte von Barron zu Raymond. »O mein Gott«, sagte sie mit großen Augen und so laut, dass jeder es hören konnte. »Das ist Trigger Ray, der Killer aus dem, Fernsehen! Der Cop hat Trigger Ray geschnappt!« »Bitte«, drängte Barron. »Gehen Sie in den nächsten Wagen.« »Das muss ich meinen Mann erzählen! O mein Gott!« »Gehen Sie, Lady! Gehen Sie alle in den nächsten Wagen!« Barron trieb sie nach hinten und durch die Tür in den Verbindungsgang zwischen den Wagen. Er wartete, bis sich die Tür geschlossen hatte, dann zückte er sein Handy und eilte wieder nach vorn zu Raymond. 6.10 Uhr »Was haben Sie vor?«, fragte Raymond mit einem Blick auf das Telefon in Barrons Hand. »Ich versuche, Sie noch eine Weile am Leben zu erhalten.« Ein leichtes Grinsen huschte über Raymonds Gesicht. »Vielen Dank«, sagte er. Da war sie wieder, die Arroganz, als sei er davon überzeugt, dass der andere ihn nur schütze, weil er Angst vor ihm habe. Barron geriet in Wut. »Wenn die Leute da hinten nicht wären«, flüsterte er heiser, »würde ich die Scheiße aus Ihnen herausprügeln. Und ich würde mich einen Dreck darum scheren, dass Sie gefesselt sind. Haben Sie verstanden, Raymond? Ob Sie verstanden haben?« Raymond nickte langsam. »Ich habe verstanden.« »Gut.« Barron trat zurück, dann schaltete er das Handy an, drückte eine gespeicherte Nummer und wartete. »Dan Ford.« »Ich bin’s, John. Ich habe Raymond. Wir sind in einem Metrolink vom Burbank Airport zur Union Station. In ungefähr zwanzig Minuten sind wir dort. Ich möchte, dass du möglichst viele Presseleute benachrichtigst, und zwar so schnell wie möglich. Ich will sie alle dahaben, wenn wir aus dem Zug, steigen. Lokales und überregionales Fernsehen, die Boulevard- presse, ausländisches Fernsehen, CNN. Alle und jeden. Sorg dafür, dass sie einen Riesenrummel veranstalten.« »Was zum Teufel machst du im Zug? Wo sind denn deine Kollegen? Was …« »Die Zeit drängt, Dan … Einen richtigen Medienauftrieb, klar? Gib dein Bestes. Dein Bestes.« Barron kappte die Verbindung, blickte wieder zu Raymond, dann nach hinten zu der Tür, die in den nächsten Wagen führte. Fahrgäste drückten sich an der Scheibe die Gesichter platt und glotzten herein, und mittendrin die Schwangere, der fast die Augen aus dem Kopf fielen, als sei dies die beliebteste Game Show der Welt, bei der sie unbedingt mitmachen wollte. »Mein Gott«, fluchte Barron laut und hastete den Gang entlang, zog im Laufen das Jackett aus und hängte es vor das Fenster, sodass niemand mehr hereinsehen konnte. Er blickte nach vorn zu Raymond, der an den Gepäckständer gefesselt war, und überprüfte seine Waffen. In der Double Eagle steckten noch zwei Patronen, das Fünfzehn-Schuss-Magazin der Beretta war voll. Hoffentlich musste er keinen Gebrauch davon machen. Hoffentlich war die Squad zu spät auf dem Bahnsteig eingetroffen, um den abfahrenden Zug zu sehen, und suchte noch immer den Bahnhof und die Umgebung ab. 6.12 Uhr., 6.14 Uhr Der Zug wurde langsamer. Die erste Station war Burbank, gleich danach kam Glendale. Eine Fahrt von höchstens fünf oder sechs Minuten. Nach dem Einsteigen hatte Barron mit dem Gedanken gespielt, die Metrolink-Zentrale anzurufen, seinen Namen zu nennen und sie zu bitten, den Zug ohne Zwischen- stopp bis zur Union Station durchfahren zu lassen. Doch er hatte ihn gleich wieder verworfen. Die Verantwortlichen von Metrolink würden die Bahnhofspolizei alarmieren, und im Nu würde die Squad erfahren, wo sie waren und mit welchem Zug sie fuhren. Innerhalb von Minuten würde das LAPD die Union Station besetzen und die gesamte Umgebung abriegeln, und dann wäre die Squad zur Stelle und würde übernehmen. Und wenn sie erst einmal das Sagen hatte, kam niemand auch nur in die Nähe des Bahnhofs, gleich, wie groß das Reporterheer war, das Dan Ford mobilisiert hatte. Er konnte also nur abwarten und hoffen, dass der Zug in die Union Station einlief, bevor ihm Lee, Polchak und die anderen auf die Schliche kamen. 6.15 Uhr Barron spürte, wie der Zug die Fahrt verlangsamte und dann noch langsamer wurde. Ein schriller Pfeifton ertönte, und er fuhr im Kriechtempo in den Bahnhof von Burbank ein. Ungefähr zwanzig Fahrgäste warteten im Nieselregen auf dem erleuchteten Bahnsteig. Er blickte zu Raymond. Der Killer beobachtete ihn. Wartete, was als Nächstes passierte. Barron fragte sich, was wohl in seinem Kopf vorging. Er war zwar, unbewaffnet und an einen Gepäckständer gefesselt, aber das hieß nichts. Er hatte schon einmal Handschellen abgestreift und die beiden Hilfssheriffs im Kriminalgericht überrumpelt und umgebracht. Und wie immer wartete er ab, beobachtete, überlegte und passte den rechten Moment zum Losschlagen ab. Barron fielen mit einem Mal die Fahrgäste ein, die neu zusteigen würden. Er musste mit ihnen genauso verfahren wie mit der Schwangeren und den anderen. Sich als Polizist ausweisen und ihnen befehlen, in den nächsten Wagen zu gehen. Durch das Fenster sah er, wie sie an den Wartenden vorbei bis zum Ende des Bahnsteigs rollten. Dann betätigte der Zugführer die Bremsen, und das Kreischen von Stahl ertönte. Mit einem leichten Ruck blieb der Zug stehen, und die Fahrgasttür in der Wagenmitte sprang auf. 6.16 Uhr. Barron trat zurück, behielt aber den Bahnsteig im Auge, die Double Eagle an der Seite, sodass sie niemand sehen konnte. Er rechnete jeden Augenblick damit, dass Polchak und Valparaiso angestürmt kamen, gefolgt von den anderen. Doch er sah nur Pendler, die in die hinteren Wagen stiegen. Fünf Sekunden, zehn. Er blickte zu Raymond, dann an ihm vorbei durch die geschlossene Tür zu der massigen Lok gleich dahinter. Bis jetzt hatte niemand versucht, in den Wagen zu gelangen. Weitere fünf Sekunden, und die Türen schlossen sich wieder. Ein Pfiff ertönte, der Dieselmotor wimmerte, und der Zug setzte sich in Bewegung und nahm Fahrt auf. Er seufzte erleichtert. In fünf Minuten Zwischenstopp in Glendale, dann weiter in einem Rutsch bis zur Union Station, eine Fahrt von vierzehn, fünfzehn Minuten. Er versuchte sich den Medienrummel vorzustellen, den Dan Ford entfachen würde. Das Heer von Reportern, Paparazzi und Kamerateams, das in den Bahnhof einfiel und auf dem Bahnsteig um die besten Plätze rangelte, um in Bild und Ton festzuhalten, wie er mit dem berüchtigten Trigger Ray Thorne, aus dem Zug stieg. Dann und erst dann konnte er sich sicher … Ein Gedanke durchzuckte ihn. Wieso hatte kein Mensch versucht, in ihren Wagen einzusteigen? Er steckte die Double Eagle in den Gürtel und rannte nach hinten. An der Tür angekommen, riss er das Jackett herunter, das er, um sie vor neugierigen Blicken zu schützen, vor die Scheibe gehängt hatte. »O mein Gott!« Er sah nur Eisenbahngleise. Die anderen Waggons waren nicht mehr da. Jemand hatte den kurzen Aufenthalt im Bahnhof dazu genutzt, sie abzukuppeln. Der Zug bestand jetzt nur noch aus zwei Teilen, der Lokomotive und ihrem Wagen. 6.18 Uhr., »Was haben Sie vor?«, rief ihm Raymond entgegen, als er wieder nach vorn kam. »Halten Sie den Mund.« »Nehmen Sie mir die Handschellen ab, John, bitte.« Barron hörte nicht hin. »Wir müssen aussteigen, bevor sie uns entdecken, John … Ich kann das Flugzeug zu jedem beliebigen Flugplatz bestellen. Wir können alle zusammen fliegen. Sie und ich und Ihre Schwester.« »Meine Schwester!«, rief Barron, als hätte er eine Ohrfeige bekommen. »Sie würden sie doch niemals zurücklassen.« »Und Sie würden alles daran setzen, um mich dazu zu bringen, Ihnen aus der Klemme zu helfen.« »Denken Sie darüber nach, John … Sie lieben sie. Sie könnten doch niemals von hier fort, ohne sie mitzunehmen, oder?« »Halten Sie die Klappe!«, stieß Barron wütend hervor. Es war schon schlimm genug, dass Raymond in sein Haus eingedrungen war und ihn bedroht hatte. Aber Rebecca? Was dachte sich der Kerl eigentlich? Plötzlich fiel ihm wieder ein, wo er war und was vor sich ging. Er drehte sich um und sah aus dem Fenster. Sie fuhren gerade in eine Kurve. Vor ihnen tauchte Glendale Station auf. Nur noch Sekunden. Er zog die Double Eagle aus dem Gürtel und legte die Hand auf die Beretta. Als er entdeckt hatte, dass die anderen Wagen abgekoppelt waren, war sein erster Gedanke gewesen, Dan Ford anzurufen und die Medien zu informieren, dass es Probleme mit dem Zug gebe. Doch das hätte keinen Sinn gehabt. Wenn Ford die Presse zusammengetrommelt hatte, dann an der Union Station, und mittlerweile war ihm klar, dass der Zug niemals so weit kommen würde. Und wohin die Fahrt ging,, wusste er nicht. Glendale Station kam rasch näher, und dahinter gab es eine Unmenge von Neben- und Rangiergleisen, auf die man Lok und Wagen umleiten konnte. »Geben Sie mir eine.« Raymond blickte auf die Pistolen. Barron sah ihn an. »Sie werden uns beide umbringen.« Plötzlich heulte der Dieselmotor der Lok auf. Der Zug wurde nicht langsamer, sondern schneller. Barron hielt sich an einer Sitzlehne fest. Im diesigen Grau des Morgens flog Glendale Station vorüber. Und statt einer Gruppe verdutzter Fahrgäste, wie erwartet, sah er nur Uniformen und ein halbes Dutzend Streifenwagen. Lee kam vom Parkplatz gerannt und sah direkt zum Waggon herüber. Ihr Blicke begegneten sich, und er beobachtete, wie er das Funksprechgerät an den Mund hob. Dann waren sie aus dem Bahnhof heraus, und der Zug preschte weiter wie ein durchgegangenes Pferd. Er erhaschte einen Blick vom L.A. River und von den Scheinwerfern der Autos, die dahinter den Golden State Freeway verstopften. Plötzlich verlangsamte der Zug seine Fahrt, und er musste nach einer Haltestange greifen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Der Zug wurde noch langsamer, ratterte über eine Anzahl von Weichen und bog auf ein Nebengleis ab. Er sah ein zweites Nebengleis neben ihrem und Lagerhäuser zu beiden Seiten. Sie holperten über weitere Weichen, und dann erlosch das ohnehin schwache Tageslicht. Eine paar Sekunden lang fuhren sie im Dunkeln weiter, dann machte der Zug einen Ruck und blieb stehen. Sekunden später ging der Motor aus, und Stille trat ein. »Wo sind wir?«, fragte Raymond im Dunkeln. »Keine Ahnung.« 6.31 Uhr., Barron schob die Double Eagle in den Gürtel und zog die Beretta heraus, dann ging er durch den Wagen und spähte aus den Fenstern. Soweit er erkennen konnte, standen sie unter dem Dach eines massiven U-förmigen Lagerhauses mit erhöhten Bahnsteigen auf beiden Seiten, die das Be- und Entladen von Güterwaggons erleichtern sollten. Hinter den Bahnsteigen waren hohe, geschlossene Rolltore, die einzeln mit Scheinwerfern angestrahlt wurden und mit großen, leuchtend roten, gelben oder blauen Zahlen beschriftet waren. Streulicht flutete durch die Fenster und unterteilte das Wageninnere in Zonen aus gleißender Helligkeit und schwarzem Schatten. Barron reckte den Hals. Mehrere Güterwaggons standen auf dem Nachbargleis. Sonst umgab sie Dunkelheit. Sie waren aus der Nacht in den frühen Morgen gefahren und dann wieder in eine Art Nacht, und das in weniger als zwanzig Minuten. Er blickte zu Raymond, der am anderen Ende des Wagens angekettet war. Eine Bewegung draußen erregte seine Aufmerksamkeit. Ein großer Mann in Eisenbahneruniform rannte von der Lok weg und entschwand seinem Blick. »Geben Sie mir eine Chance, John. Nehmen Sie mir die Handschellen ab.« Auch Raymond hatte den Lokführer gesehen. »Nein.« Plötzlich fiel ihm sein Sprechfunkgerät wieder ein. Es steckte in seinem Jackett am anderen Ende des Wagens. In geduckter Haltung rannte er hin, wie ein Harlekin durch das schwarzweiße Helldunkel huschend. Er zog das Funkgerät aus der Tasche und stellte den abhörsicheren Kanal der Squad ein. Das laute Knacken atmosphärischer Störungen erfüllte den Wagen, dann …, »John, bist du dran?« Valparaisos Stimme drang aus dem Gerät. Sie klang ruhig und entspannt. Barron sträubten sich die Nackenhaar. Er spähte hinaus. Nichts zu sehen, nur die hell erleuchteten Rolltore. Er ging hinüber auf die andere Seite. Hier konnte er nur die dunklen Umrisse der Güterwaggons erkennen, hinter denen sich weitere Lagerhaustore erahnen ließen. Dann sah er in einiger Entfernung Scheinwerfer. Ein Auto bog um die Ecke, holperte über den unebenen Schotter zwischen den Gleisen und blieb gleich darauf stehen. Die Scheinwerfer erloschen, und die Tür schwang auf. Für einen Moment war Lees Gestalt zu erkennen, dann hatte die Dunkelheit sie verschluckt. »John …?«, tönte wieder Valparaisos Stimme aus dem Funk- gerät. »Du bist in einem umzäunten Lagerhaus. Uniformierte Polizei hat das gesamte Gelände abgeriegelt. Wir können es auf die harte oder die sanfte Tour machen. Du weißt, was das bedeutet. Gib uns Raymond, dann lassen wir dich gehen, und nichts passiert. Und falls du glaubst, du müsstest die Sache melden … Wir sind immer noch vier gegen einen … Man würde dir bestenfalls einen kurzen Erholungsurlaub verordnen wegen Überarbeitung …« »Er lügt«, rief Raymonds Stimme vom anderen Ende des Wagens. Vom anderen Ende? Seine Stimme hatte näher geklungen, und Barron fragte sich, ob er vielleicht aus den Handschellen geschlüpft und ein Stück den Gang entlanggekommen war. »Nur Raymond, John. Warum sollen wir dich ausschalten, wenn es nicht notwendig ist?« »In einem Zug hat es angefangen, John, in einem Zug wird es enden«, meldete sich wieder Raymonds Stimme. Das Funkgerät in der einen, die Beretta in der anderen Hand, spähte Barron den Gang entlang. Er sah nur Zebrastreifen, tiefes, Schwarz, durchschnitten von hellem Licht. Doch die Stimme hatte noch näher geklungen. Raymond kam auf ihn zu. Er war sich sicher. 6.36 Uhr Halliday löste sich aus dem Schatten nahe der Tür, neben die eine rote »7« gemalt war, und huschte, die Waffe in der Hand, über die Gleise zur Spitze der Lokomotive. Von links stieß Valparaiso zu ihm, und gemeinsam schlichen sie zur hinteren Tür des Metrolink-Wagens. Barron glitt ins Dunkel zurück und lauschte. Er hörte nichts. Ob er sich vielleicht getäuscht hatte? »Mach es dir doch nicht so schwer, John«, krächzte Valparaisos Stimme wieder aus dem Funkgerät. Barron behielt das Spiel von Licht und Schatten im Auge und lauschte weiter in den Gang, als er das Funkgerät hob. »Marty«, sagte er. »Ich kann dich hören, John.« »Gut. Leck mich.« 6.37 Uhr Raymond hörte, wie Barron das Funkgerät ausschaltete. Er lag außerhalb des Streulichts flach auf dem Boden und kroch langsam vorwärts. Eine der beiden Handschellen hatte er noch am Handgelenk, das lose Ende hielt er in der Hand. Eine perfekte Garotte für Barrons Hals, wenn er bei ihm war. Er verharrte eine Zeit lang reglos und lauschte. Wo war er? Er vernahm keinen Laut, nichts. Plötzlich spürte er kalten Stahl am Hals unter seinem Ohr. »Sie kapieren nicht, worum es hier geht, Trigger Ray. Ich, versuche, Ihre Haut zu retten.« Dann kniete Barron neben ihm. »Wenn Sie das noch einmal versuchen, liefere ich Sie denen aus.« Raymond spürte, dass ihm Schweiß am Hals herunterlief. Im nächsten Moment packte Barron die lose Handschelle, zog ihn zu sich heran und hielt ihm von unten die Beretta ans Kinn. »Wer zum Teufel sind Sie?«, fragte er mit funkelnden Augen. »Das erraten Sie nie im Leben.« Raymond grinste herablassend. »In zwei Leben nicht.« Eine jähe Wut überkam Barron. Er packte Raymond und schlug seinen Kopf brutal gegen einen Haltebügel. Einmal. Zweimal. Dreimal. Blut schoss aus Raymonds Nase und tropfte auf sein Hemd. Barron zog ihn noch dichter zu sich heran und sah ihm scharf in die Augen. »Was ist mit Europa? Und mit den toten Männern, mit Alfred Neuss und Russland? Wofür sind die Tresorfachschlüssel?« »Wie ich schon sagte, das erraten Sie nie.« Barron zog ihn noch näher heran. »Es käme auf einen Versuch an«, sagte er mit drohender Stimme. »Geben Sie mir einen Tipp.« »Die Beweisstücke, John. Die Beweisstücke, die die Zukunft sichern.« »Was für Beweisstücke?« Wieder dieses arrogante Grinsen. Nur kam es diesmal langsamer und war berechnender. »Das müssen Sie schon selbst herausfinden.« »John …« Valparaisos Stimme drang aus dem Funkgerät. »John?« Barron legte die lose Handschelle um Raymonds Handgelenk und ließ sie zuschnappen. »Wenn Sie die noch einmal abnehmen, bringe ich Sie um.«, Barron griff nach dem Handy. Wenigstens wusste er, wo sie sich befanden, und er hatte ja noch Dan Ford. Wenn sie lange genug aushielten, lotste Dan vielleicht die Journalisten her. Er klappte das Handy auf, drückte die Power-Taste und wartete, dass das Display aufleuchtete. Fehlanzeige. Er versuchte es noch einmal. Wieder nichts. Vielleicht hatte er es nicht aufgeladen. Vielleicht hatte er vergessen … »Scheiße«, fluchte er vor sich hin. Er versuchte es ein letztes Mal. Nichts. »Es ist tot, John.« Raymond starrte ihn an. »Und wenn schon. Wir aber noch nicht. Wenn ich ›los‹ sage, rennen wir nach vorn in Richtung Lok. Und ziehen Sie den Kopf ein. Klar?« »Okay.« »Los!«, 6.48 Uhr Einer aus dem Pulk der Journalisten, die in der Union Station warteten, hatte den Polizeifunk abgehört und von dem Einsatz am Lagerhaus Wind bekommen. Sofort versuchte Ford, Barron auf seinem Handy zu erreichen, doch er landete immer nur bei seiner Voicemail. Daraufhin rief er einen Gewährsmann vom Mord- und Raubdezernat im Parker Center an, und der bestätigte die Information. Raymond Thorne hielt John Barron in einem Metrolink-Zug als Geisel. Die Polizei hatte den Zug über Nebengleise in ein abgelegenes Lagerhaus umgeleitet, das in diesem Moment weiträumig abgeriegelt wurde. Die Squad 5-2 hatte die Einsatzleitung übernommen. Normalerweise brauchte man mit dem Wagen von der Union Station zu dem Lagerhaus fünfzehn Minuten. Ford schaffte es in neun. Volle fünf Minuten vor dem Ansturm der anderen Journalisten, die er mobilisiert hatte. Er parkte seinen Jeep Liberty auf der Straße und rannte durch den Nieselregen zu den Streifenwagen, die das Gelände abgesperrt hatten. Er war fast dort, als Polizeichef Harwood und ein Lieutenant aus der Menge der Uniformierten traten. Harwood hob abwehrend die Hände. »Halt, hier darf keiner durch, Dan. Das gilt auch für Sie.« »Ist John da drin?«, fragte Ford und deutete mit dem Kopf zu die Reihe düsterer Lagerhäuser hinter ihnen. »Raymond Thorne hat ihn als Geisel genommen.« »Ich weiß, und die 5-2 hat die Einsatzleitung.« »Wir geben eine Pressekonferenz, sobald wir mehr wissen«,, sagte Harwood schroff, drehte sich um und verschwand wieder zwischen den Uniformierten. Der Lieutenant warf Ford einen Blick zu und folgte ihm. Als Reporter hatte Dan Ford schon so lange mit der Polizei und den Chefs des Department zu tun, dass er ihre Blicke und ihre Körpersprache lesen konnte, auch wenn diese Leute darauf getrimmt waren, sich nicht anmerken zu lassen, was in ihnen vorging. Dass Harwood persönlich hier war und sich sogar bemüßigt gefühlt hatte, allein mit ihm zu reden, sprach Bände. Was er gesagt hatte, mochte die offizielle Version sein, doch es war gelogen. Er wusste von Barron, dass er Raymond in Gewahrsam hatte und zur Union Station bringen wollte. Und plötzlich wurde der Zug auf Nebengleise umgeleitet und hinter Lagerhäusern gestoppt, wo ihn niemand sehen konnte. Die Squad 5-2 übernahm die Einsatzleitung, und die Polizei ließ niemanden in die Nähe. Und dann kam auch noch der Polizeichef persönlich heraus und verwehrte einem Reporter, zu dem die Polizei immer offener gewesen war als zu jedem anderen, den Zutritt mit der Begründung, dass Barron als Geisel gehalten werde. Warum? Was wurde hier gespielt? Was war geschehen? Am Mercury Air Terminal hatte er mit eigenen Augen gesehen, wie die Squad Raymond festgenommen und gegen 4.20 Uhr weggebracht hatte. Dann, gegen 6.10 Uhr, also fast zwei Stunden später, hatte John ihn aus dem Zug angerufen, ihm mitgeteilt, dass er Raymond in seinem Gewahrsam habe, und ihn gebeten, für einen Medienauftrieb zu sorgen, wenn der Zug in der Union Station einlief. Was war in der Zwischenzeit passiert? Warum hatte Barron Raymond persönlich in Gewahrsam genommen? Plötzlich kam ihm der Gedanke, dass innerhalb der Squad etwas Schreckliches geschehen sein musste. Er dachte an Barrons Verhalten in jener Nacht nach Frank Donlans Selbst- mord. In dem Café hatte er ihn auf Donlan angesprochen, und, Dan hatte beinahe wortwörtlich wiederholt, was John vor der Presse erklärt hatte – Donlan habe eine Schusswaffe in seinen Kleidern versteckt und sich damit erschossen, um der Haft zu entgehen. Vielleicht entsprach das der Wahrheit, vielleicht aber auch nicht. Seit Jahren kursierten Gerüchte, wonach die 5-2 ihre polizeiliche Aufgabe bei mehr als einer Gelegenheit sehr weit ausgelegt und verhaftete Straftäter selbst hingerichtet habe. Doch es war immer nur bei Gerüchten geblieben. Kein ihm bekannter Reporter, er selbst am allerwenigsten, war ihnen nachgegangen. Es gab keine Gewissheit, und dennoch musste er sich fragen: War an den Gerüchten etwas dran? Was, wenn die Squad Frank Donlan umgebracht und John es mit angesehen hatte und seitdem nicht mehr ein noch aus wusste? John hätte unmöglich mit ihm darüber reden können. Er hätte mit niemandem reden können. Der Mord an seinen Eltern hatte ihn traumatisiert. Er hatte sein Studium der Landschaftsarchitektur an den Nagel gehängt und sich wie ein Besessener mit dem Strafrecht und den Rechten der Opfer beschäftigt. Wenn die Squad Donlan ermordet hatte, so musste das für ihn ein furchtbarer Schock gewesen sein. Und wenn sie jetzt dasselbe mit Raymond vorhatte … Vielleicht hatte er ihn deshalb vom Wagen aus angerufen, als er auf dem Weg zum LAX war. Vielleicht hatte er ihm deshalb die Sache mit Josef Speer erzählt und den Sicherheitsleuten der Lufthansa gesagt, sie sollten ihn zu ihm bringen – weil er befürchtete, dass die Squad Raymond am Flughafen umbringen würde, und weil er einen Journalisten dabeihaben wollte, um ihnen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Und er hatte ihn angerufen, bevor er am Flughafen war und vielleicht auch bevor die Squad wusste, was los war. Wie hatte er noch gesagt? »Die Sache muss unter uns bleiben, bis wir Gewissheit haben.« Unter uns. Damit waren nur sie beide gemeint, John und er, nicht die übrigen Reporter, die mit, Sicherheit vom Geschehen fern gehalten werden würden, sobald die Squad eintraf. Dazu war es allerdings nicht gekommen, denn Raymond hatte Red erschossen, und das allein war für die Squad schon ein Grund, Raymond umzulegen. Wenn sie das vorgehabt hatten, als sie vom Mercury Air Terminal losfuhren, und ihn zu diesem Zweck irgendwohin gebracht hatten, dann hatte John bestimmt alles versucht, um es zu verhindern. Angenommen, so war es gewesen und er hatte es irgendwie geschafft, Raymond in seine Gewalt zu bringen und mit ihm den Zug zu erreichen, dann … Es war die einzige vernünftige Erklärung. Warum sonst hätte John ihn bitten sollen, in der Union Station für einen Medien- rummel zu sorgen? Es war dieselbe Überlegung wie am LAX. Die Squad konnte nicht handeln, wenn die ganze Welt zusah. Wenn John das getan hatte, dann hatte Harwood als Erster davon erfahren. Und wenn die Squad das Gesetz früher schon selbst in die Hand genommen hatte, dann konnte das LAPD nicht wollen, dass es ausgerechnet jetzt ans Licht kam, nach all den Skandalen und polizeilichen Übergriffen der letzten Jahre. Deshalb hatte das Department alle Hebel in Bewegung gesetzt. Es hatte John und seinen Gefangenen von der Außenwelt abgeschnitten, und der Polizeichef machte der Öffentlichkeit weis, er werde als Geisel gehalten. In Wahrheit wurde er von seinen eigenen Leuten in die Enge getrieben, weil er versuchte, seinem Gefangenen das Leben zu retten. Ford blickte wieder zu Harwood, der in der Menge der Uni- formierten stand. Im nächsten Moment sah er im Nieselregen einen Wagen vorfahren, den er kannte. Er war fünfzig Meter entfernt und hielt auf die aus Streifenwagen bestehende Absperrung zu. Ford rannte hin, und im Laufen sah er, dass die Heckscheibe des Wagens geborsten war. Polchak fuhr, und eine zweite Person saß neben ihm. Wer sie war, konnte er nicht erkennen., »Len!«, rief er und lief schneller. »Len!« Polchak blickte sich kurz um. Dann öffneten die Uniformierten eine Gasse, er fuhr hinein, und die Gasse schloss sich wieder. Die Beamten bauten sich vor Ford auf, und der verantwortliche Sergeant forderte ihn mit einer Handbewegung auf zurückzubleiben. Er blieb im Regen stehen, die Hornbrille beschlagen, das blaue Sakko nass und schwer; seine gebrochene Nase pochte unter dem dicken Pflaster. Es half nichts, dass er von Polizisten umringt war, von denen er die meisten persönlich kannte. Es half nichts, dass er der angesehenste Polizeireporter von Los Angeles war. John Barron sollte umgebracht werden. Und er konnte nichts dagegen tun., 7.12 Uhr Barron und Raymond lagen flach auf dem Boden zwischen den Schienen unter dem Metrolink-Waggon und beobachteten, wie Lee und Valparaiso näher kamen, Berettas in den Händen. Die Detectives gingen im Abstand von drei Metern und spähten zu den Wagenfenstern hinauf. Halliday und Polchak waren nirgends zu sehen. Wahrscheinlich lauerten sie irgendwo hinten in der Dunkelheit. Lees und Valparaisos Verhalten ließ keinen Zweifel daran, dass sie Barron und Raymond noch im Wagen vermuteten. Sie kamen immer näher. Sieben Schritte noch. Sechs. Fünf. Jetzt standen sie in der Mitte des Wagens, und alles, was Barron von ihnen sah, waren ihre Beine von der Hüfte abwärts. Mit ausgestreckter Hand hätte er fast Lees Treter, Schuhgröße fünfzig, berühren können. »Jetzt«, flüsterte er. Er und Raymond rollten sich unter dem Wagen hervor auf die andere Seite. Im Nu waren sie auf den Beinen und rannten zu dem sieben oder acht Meter entfernten zweiten Gleis, um hinter den Güterwaggons Deckung zu suchen. Halliday sah sie, als er um die Schnauze der Lokomotive bog. Er brachte seine Waffe in Anschlag, doch es war zu spät. Sein Schuss ging fehl. Sie schlüpften unter einen Güterwaggon der Southern Pacific, dem vierten von insgesamt sechs Wagen. Barron sah, wie Halliday von der Lok aus auf sie zukam, dann, wie Lee über die Kupplung zwischen dem Metrolink-Wagen und der Lok kletterte. Eine Sekunde später bog Valparaiso hinten um den Wagen. Sie waren ein Dutzend Meter entfernt und nahmen sie in die Zange. Barron beobachtete, wie Lee das, Sprechfunkgerät hob. »Du stehst auf der falschen Seite, John«, tönte Lees Stimme aus seinem Funkgerät. »Jetzt sind wir ganz unter uns«, sagte Valparaiso in sein Gerät und spähte, während sie den Abstand verringerten, in das Dunkel unter dem Wagen, unter den Barron und Raymond gekrochen waren. »Das Gelände ist abgeriegelt. Du hast keine Chance mehr, John«, krächzte Valparaisos Stimme wieder. »Nicht einmal du. Wir müssen die Squad schützen.« Raymond sah Barron an. »Geben Sie mir eine Waffe«, flüsterte er. »Sonst sterben wir beide.« »Robben Sie an den Schienen entlang«, erwiderte Barron ruhig. »Kriechen Sie unter den nächsten Waggon.« Raymond blickte nach hinten, dann wieder nach vorn. Halliday ging nach links und war gleich darauf ihren Blicken entschwunden. Valparaiso und Lee rührten sich nicht von der Stelle. »Geben Sie mir eine Waffe«, drängte Raymond erneut. »Tun Sie, was ich sage.« Barron sah ihn scharf an. »Los!« »Ich bin da, Marty«, drang plötzlich Polchaks Stimme aus Barrons Funkgerät. Er blickte sich um. Polchak. Wo war er? Wo hatte er die ganze Zeit gesteckt? »John.« Jetzt war es Wieder Valparaisos Stimme. »Len hat eine Überraschung für dich. Eine Art Abschiedsgeschenk.« Ein lautes Rasseln ertönte hinter ihnen. Barron fuhr herum. Das Tor zum Lagerhaus Nummer 19 ging auf, und Polchak trat ins Licht. In der Rechten hielt er die fürchterliche Striker 12 Riotgun, in der Linken Rebecca. »Len, was zum Teufel tust du?«, bellte Hallidays Stimme entsetzt aus den Funkgeräten. »Lass sie los!«, brüllte Barron, kroch unter dem Waggon, hervor, kletterte auf den Bahnsteig und ging auf Polchak zu. »Du sollst sie loslassen!« Seine Augen waren auf Polchak gerichtet, seine Hand umklammerte die Beretta noch fester. »Du sollst sie loslassen!«, brüllte er wieder. Plötzlich kam Valparaiso von links hinten angerannt, und Barron hörte Raymond einen Warnruf ausstoßen. Gleichzeitig trat Lee aus dem Schatten, kam auf ihn zu und hob die Waffe. Barron sah ihn. Er machte einen Satz nach links und feuerte im selben Moment, als Lees Waffe losging, dreimal kurz hintereinander. Der hünenhafte Detective blieb ruckartig stehen, geriet aus dem Gleichgewicht, kippte um und fiel mit dem Gesicht in den Schotter. Seine Beretta krachte scheppernd auf die Steine. Barron drehte sich zu Polchak um. Rebecca war in seinem Arm vor Entsetzen erstarrt. »Rechts!«, schrie Raymond. Barron wirbelte herum. Valparaiso war nur noch wenige Schritte entfernt. Die beiden Detectives feuerten gleichzeitig. Barron spürte einen dumpfen Schlag gegen den Oberschenkel und wurde nach hinten geschleudert. Er sah noch, wie sich Valparaiso an den Hals griff und stürzte, dann prallte er hart gegen den Güterwaggon und sackte, die Beretta fallen lassend, zu Boden. Er drohte ohnmächtig zu werden, kämpfte aber dagegen an. Rebecca wollte sich Polchaks Griff entwinden, doch er riss sie zurück und hob die Striker 12. Barron versuchte aufzustehen, konnte aber nicht. Da tauchte Raymond über ihm auf und zog ihm die Double Eagle aus dem Gürtel. Barron schrie ihn an, doch Raymond richtete die Waffe bereits auf Polchak. Im selben Augenblick feuerte Polchak mit der Striker 12. Der, Lärm von tausend Presslufthämmern erfüllte die Luft. Ein Ausdruck der Fassungslosigkeit huschte über Raymonds Gesicht, dann flog er krachend gegen den Güterwaggon und schlug hart auf dem Asphalt an der Bahnsteigkante auf. Barron sah, wie er blutüberströmt aufzustehen versuchte, dann das Gleichgewicht verlor und nach hinten kippte. Einen Herzschlag lang starrte er Barron an, dann rollte er auf die Seite und fiel auf das Gleis darunter, wo er nicht mehr zu sehen war. Barron drehte sich wieder um. Polchak kam auf ihn zu, die Striker 12 auf seine Brust gerichtet. Hinter ihm stand Rebecca, starr vor Entsetzen, die Hände an die Ohren gepresst. Dann sah er aus dem Augenwinkel Halliday nahen, mit erhobener Beretta und bereit, die Sache zu Ende zu bringen, als wäre die Striker dazu nicht imstande. »Mein Gott, Jimmy«, stöhnte Barron. »Das ist für Red, du Arsch!«, brüllte Polchak plötzlich und krümmte den Finger am Abzug. In diesem Augenblick schrie Rebecca. Sie schrie vor Entsetzen mit weit aufgerissenen Augen. Sie schrie und schrie und schrie. Nach Jahren des Schweigens war es ein Urschrei, der alle angestauten Gefühle freisetzte. Entsetzen, Angst und Schrecken brachen sich Bahn. Keiner hatte jemals einen solchen Schrei gehört, und sie wollte nicht aufhören. Oder konnte nicht. Der Schrei nahm kein Ende. Er hallte von den Gebäuden wider, von den Waggons, von allem. Polchak blinzelte, als habe er Mühe, seine Gedanken zusammenzuhalten, als bringe ihn das Geheul vollkommen aus der Fassung. Langsam machte er kehrt und schritt auf sie zu. Seine Augen weiteten sich, und die Pupillen darin schrumpften zu kleinen Punkten. Die Striker lag noch immer schwer in seinen Händen. »Hör auf!«, brüllte er mit einer seltsam schrillen Stimme, die mehr von einem Tier als einem Menschen hatte, und sein, Gesicht wurde weiß wie Alabaster. »Hör auf! Hör auf! Hör auf!« Rebecca hörte nicht auf, sie schrie und kreischte weiter. Verzweifelt versuchte Barron, an die Beretta heranzukommen, doch er konnte sich nur mit einem Bein abstoßen. Im anderen hatte er überhaupt kein Gefühl mehr. »Hör auf! Hör auf!«, brüllte Polchak wieder mit dieser furchtbaren, unnatürlich schrillen Stimme und näherte sich Rebecca. Er richtete die Striker auf sie, doch die Erregung ließ seine Hände zittern. »Len! Nein! Nicht!« Barron lag jetzt auf dem Bauch und schob sich mit dem unversehrten Bein an die Beretta heran. Ein Schritt noch, und Polchak war bei Rebecca und hielt ihr die Schrotflinte vors Gesicht. »Len!« Diesmal war es nicht Barron, der brüllte, sondern Halliday. Polchak hielt inne. Seine Brust hob und senkte sich, dann wirbelte er herum und richtete die Striker auf Halliday. Halliday feuerte. Die 9-mm-Geschosse trafen Polchak in den Hals und die rechte Schulter. Die Striker entglitt seinen Händen. Er packte fester zu und versuchte, sie zu heben, doch ihm fehlte die Kraft. Im Fallen sprengte er den Beton vor seinen Füßen weg. Mit einem hässlichen dumpfen Geräusch, als sei er aus großer Höhe gestürzt, schlug er auf dem Boden auf. Seine Brust hob und senkte sich ein letztes Mal, und mit einem Röcheln hauchte er sein Leben aus. Dann trat Stille ein., TEIL ZWEI

EUROPA

, Ostersonntag, 31. März, 16.35 Uhr John Barron hörte das Heulen der Triebwerke, dann spürte er, wie sein Körper in den Sitz gedrückt wurde, und die Maschine des British-Airways-Flugs 0282 nach London raste über die Startbahn des LAX. Sekunden später hob sie ab, und mit einem deutlich vernehmbaren Klappern wurde das Fahrwerk eingezogen. Das Flugzeug gewann an Höhe, und Los Angeles verschwand unter ihm. Er sah die Küstenlinie, das tiefe Blau des Pazifik und die weißen Strände, die nach Norden bis Malibu reichten. Dann neigte sich die Maschine sanft nach links, und es gab nur noch den Himmel. Sie waren in der Luft und in Sicherheit. Er seufzte erleichtert und blickte zu Rebecca, die, auf dem Sitz neben ihm in eine Decke gekuschelt, fest schlief. Trotz der starken Beruhigungsmittel, die sie bekommen hatte, wirkte sie erstaunlich friedlich, als sei ihr Leben endlich in die richtige Bahn gelenkt worden. Barron schaute sich um. Die acht anderen Passagiere in der ersten Klasse schenkten ihnen keine Beachtung. Für sie war er ein gewöhnlicher Reisender mit einer Begleiterin, die neben ihm schlief. Wie hätten sie auch ahnen können, dass sie auf der Flucht waren? »Wünschen Sie einen Cocktail, Mr. Marten?« »Bitte?« Verwirrt sah John Barron zu dem männlichen Flugbegleiter auf, der neben ihm im Mittelgang stand. »Ich habe gefragt, ob Sie einen Cocktail wünschen, Mr. Marten.« »Ach so, ja, danke. Einen Wodka-Martini. Einen doppelten.«, »Mit Eis?« »Ja, bitte.« »Danke, Mr. Marten.« Er lehnte sich zurück. Er musste sich noch daran gewöhnen, dass die Leute ihn mit Mr. Marten ansprachen oder mit seinem Vornamen, Nick oder Nicholas. Und Rebecca würde sich an »Rebecca Marten« oder »Miss Marten« gewöhnen und darauf reagieren müssen, als hätte sie es schon ihr Leben lang getan. Die Maschine legte sich erneut in die Kurve und bog nach Osten ab. Einen Augenblick später kam der Flugbegleiter zurück und stellte den Drink neben ihn auf die Armlehne. Barron nickte dankend, nahm das Glas und kostete. Der Drink war kühl, schmeckte trocken und bitter. Er fragte sich, wann er, wenn überhaupt, das letzte Mal einen Martini getrunken und warum er ihn bestellt hatte. Andererseits konnte er einen starken Drink jetzt gebrauchen. Seit dem Blutbad im Güterbahnhof waren genau zwei Wochen und zwei Tage vergangen. Sechzehn quälende Tage in Angst und Furcht. Er nahm noch einen Schluck und blickte zu der schlafenden Rebecca. Wenn es ihr gut ging, ging es auch ihm gut. Er betrachtete sie eine Weile, dann sah er aus dem Fenster auf die Wolken, die draußen vorüberzogen, und versuchte, zu rekapitulieren, was in so Schwindel erregend kurzer Zeit geschehen war. Er roch wieder den Pulverrauch und hörte, wie Halliday auf dem Bahnsteig in sein Funkgerät brüllte und Krankenwagen anforderte. Sah, wie Rebecca um den am Boden liegenden Polchak herum auf ihn zugerannt kam, wie sie schreiend und heulend auf den Beton sank und die Arme um ihn schlang. Wie in Zeitlupe sah er, wie Polizeichef Harwood und sein Gefolge über den Bahnsteig kamen. Gleichzeitig trafen die ersten Rettungsfahrzeuge ein, Notärzte eilten zu den Verletzten. Dann wieder das schmerzverzerrte Gesicht Rebeccas. Man zog sie von, ihm weg, und sie verschwand, als habe das Meer von Uniformen sie verschluckt. Jemand schnitt ihm die Kleider auf, gab ihm eine Spritze, und er beobachtete, wie Halliday mit Polizeichef Harwood sprach, wie Sanitäter unter den Güterwaggon krochen und sich um Raymond kümmerten. Dann wurde er auf eine Bahre gehoben und an Lee, Valparaiso und Polchak vorbei zu einem Krankenwagen getragen. Sie lagen am Boden, und er wusste, dass sie tot waren. Ehe die Spritze zu wirken begann und das Morphium sein Bewusstsein trübte, sah er noch einmal Harwood im Kreis seiner Mitarbeiter. Kein Zweifel, sie wussten, was geschehen war, und bemühten sich bereits um Schadenbegrenzung. Keine Stunde nach der »großen Metrolink-Schießerei«, wie sie nun genannt wurde, verlangten Journalisten aus aller Welt Aufklärung über den Vorfall und die Identität des Mannes mit dem Spitznamen Trigger Ray Thorne. Doch das Police Department gab nur eine kurze Erklärung ab und ließ in dürren Worten verlautbaren, dass bei dem Versuch, einen Kollegen zu befreien, drei Detectives getötet worden seien. Thorne selbst sei bei dem heftigen Schusswechsel lebensgefährlich verletzt worden. Eine interne Untersuchung sei bereits im Gange. Und dann lief die ganze Sache aus dem Ruder. John Barron wurde mit zahlreichen Fleischwunden, die von einem Schuss aus einer Schrotflinte herrührten, aber nicht lebensgefährlich waren, ins Glendale Memorial Hospital eingeliefert. Raymond Thorne kam mit weit ernsteren Verletzungen ins County-USC Medical Center. Dort starb er nach mehreren Operationen knapp dreißig Stunden später an einer Lungenembolie, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Und nach einer peinlichen Panne im Amt des County Coroners, die das Police Department in noch größere Verlegenheit stürzte, wurde sein Leichnam versehentlich freigegeben, in ein privates Bestattungsunter- nehmen überführt und wenige Stunden später eingeäschert. Die, Presseberichte überschlugen sich, und wieder einmal stand das Police Department mit dem Rücken zur Wand. 19.30 Uhr Seit drei Stunden befand sich die Maschine in der Luft. Nach dem Abendessen war die Kabinenbeleuchtung ausgeschaltet worden, und die Passagiere nippten jetzt an ihren Drinks und sahen sich auf ihren TV-Monitoren Filme an. Rebecca schlummerte noch immer. Barron hätte auch gern geschlafen, doch die Erinnerung ließ ihn kein Auge zutun. Am Samstag, dem 16. März, jenem Tag, an dem Raymond gestorben und eingeäschert worden war, hatte ihn ein besorgter Dan Ford abends im Krankenhaus besucht. Dan sprach kein Wort über die Schießerei, aber es war ihm anzumerken, dass er die Hintergründe ahnte. Stattdessen berichtete er von Rebecca. Er hatte sie im St. Francis besucht. Sie hatte ihn erkannt, obwohl sie unter dem Einfluss starker Beruhigungsmittel stand, und seine Hand gehalten. Als er ihr erklärte, dass er auf dem Weg zu ihrem Bruder sei, und sie fragte, ob er ihm sagen könne, dass es ihr gut gehe, hatte sie seine Hand gedrückt und genickt. Außerdem brachte Ford zwei Neuigkeiten mit, die Raymond betrafen. Die erste stammte aus London. Die dortige Polizei hatte Alfred Neuss vernommen. »Er hat nicht viel gesagt«, berichtete er. »Nur dass er aus geschäftlichen Gründen in London sei und keine Ahnung habe, wer Raymond ist und was er von ihm gewollt haben könnte. Dass sein Name im Adressbuch der Brüder steht, die Raymond in Chicago ermordet haben soll, kann er sich angeblich nur damit erklären, dass er bei einem Aufenthalt in der Stadt mal ihre Dienste als Schneider in Anspruch genommen hat und sich die Rechnung an seinen Laden in Beverly Hills hat schicken lassen.« Bei der zweiten Neuigkeit ging es um die polizeilichen, Ermittlungen gegen jenen Unbekannten, der den Privatjet, der Raymond am Flughafen Burbank abholen sollte, gechartert hatte. »Die West Charter Air hat ihm die Gulfstream nicht nur einmal, sondern zweimal geschickt. Tags zuvor wollte ihn dieselbe Maschine am Santa Monica Airport abholen, aber er kam nicht. Gechartert hatte sie ein Mann namens Aubrey Collinson, angeblich ein Anwalt aus Jamaika. Er kam in die Niederlassung der Firma in Kingston und bezahlte in bar. Er muss erfahren haben, dass Raymond die Maschine verpasst hatte, denn später kam er wieder, entschuldigte sich für das Versehen und bezahlte noch einmal. Nur sollte die Maschine seinen Klienten diesmal nicht in Santa Monica, sondern in Burbank abholen. Sonst blieb alles beim Alten. Die Piloten hatten den Auftrag, einen mexikanischen Geschäftsmann namens Jorge Luis Ventana an Bord zu nehmen und nach Guadalajara zu fliegen. Außerdem sollten sie ihm ein kleines Päckchen aushändigen. Die Polizei von Los Angeles hat es am Air Mercury Terminal in der Maschine sichergestellt. Sie fand darin zwanzigtausend Dollar in bar, einen mexikanischen Pass auf den Namen Jorge Luis Ventana, einen Führerschein mit einer Adresse in Rom und einen italienischen Pass, beide auf den Namen Carlo Pavani. Alle drei enthielten Raymonds Foto. Und alle drei waren gefälscht. Den Inspektoren von der Jamaica Constabulary Force ist es bislang nicht gelungen, einen Mann namens Aubrey Collinson ausfindig zu machen.« Ford hatte die letzten Worte kaum ausgesprochen, als die Tür des Krankenzimmers aufging und Polizeichef Louis Harwood eintrat, in Uniform und in Begleitung seines Stellvertreters. Harwood grüßte Ford mit einem einfachen Nicken und bat ihn, sie allein zu lassen. Wortlos geleitete sein Stellvertreter den Reporter hinaus und schloss die Tür hinter ihm. Unter anderen Umständen hätte man hinter diesem Verhalten einen menschlichen Zug vermuten können – ein Polizeichef, der, sich um das Wohl eines Mitarbeiters sorgte, der im Dienst angeschossen worden war, und ein paar private Worte mit ihm wechseln wollte. Doch in diesem Fall hatte es etwas Bedrohliches und verhieß nichts Gutes. Barron erinnerte sich noch genau, wie Harwood den Raum durchmaß und dabei sagte, er habe mit Freude vernommen, dass er nicht lebensgefährlich verletzt worden sei und nach Auskunft der Ärzte schon am Montag entlassen werden könne. Aber dann wurde sein Blick eiskalt. »Vor einer Stunde wurde der Fall Raymond Oliver Thorne offiziell abgeschlossen. Er hatte keine Komplizen, keine Kontakte zu terroristischen Zellen. Er war ein Killer, der allein operierte.« »Was meinen Sie mit ›allein operierte‹?«, hatte er trotz seines Zustands gereizt protestiert. »Irgendjemand hat zweimal eine Maschine für ihn gechartert und zu zwei verschiedenen Flughäfen geschickt. In Los Angeles, Chicago, San Francisco und Mexico City hat es Tote gegeben. Sie haben Schlüssel für ein Tresorfach in einer Bank irgendwo in Europa gefunden. Sie haben …« »Die offizielle Bekanntgabe«, schnitt ihm Harwood das Wort ab, »wird zu gegebener Zeit erfolgen.« Unter normalen Umständen hätte Barron an seinem Protest festgehalten und die Notizen in Raymonds Taschenkalender ins Feld geführt. Er hätte Harwood von Raymonds Bemerkung über die »Beweisstücke, die die Zukunft sichern« berichtet und seine Überzeugung zum Ausdruck gebracht, dass die Sache mit Raymonds Tod nicht ausgestanden sei und möglicherweise noch Schlimmeres bevorstehe. Doch die Umstände waren nicht normal, und so schwieg er. Außerdem war Harwood noch nicht fertig »Vor einer Stunde«, fuhr er mit einer Stimme fort, die noch kälter war als sein Blick, »wurde die Squad 5-2 nach hundertjährigem Bestehen aufgelöst. Sie existiert nicht mehr., Und was die verbliebenen Mitglieder betrifft: Detective Halliday tritt einen dreimonatigen Urlaub an und wird anschließend einen weniger aufreibenden Posten bei der Verkehrspolizei im Valley übernehmen. Sie, Detective Barron, werden ein Papier unterzeichnen, in dem Sie sich verpflichten, über die Einsätze und Operationen der 5-2 strengstes Stillschweigen zu bewahren. Anschließend werden Sie aus ›gesundheitlichen Gründen‹ den Dienst beim Los Angeles Police Department quittieren und eine Abfindung wegen Dienstuntauglichkeit in Höhe von hundertfünfundzwanzigtausend Dollar erhalten.« Harwood sah seinen Stellvertreter an, und der reichte ihm einen großen Umschlag. Harwood nahm ihn und wandte sich wieder an Barron. »Wie Sie wissen, hat man Ihrer Schwester im Güterbahnhof zu ihrer eigenen Sicherheit starke Beruhigungsmittel verabreicht. Man hat mir versichert, dass sie sich nur verschwommen an den Vorfall erinnern wird, wenn überhaupt. Im Sanatorium St. Francis glaubt man, dass sie zu Ihnen ins Krankenhaus gebracht werden sollte, weil Sie bei einem Schusswechsel mit einem Flüchtigen verwundet worden waren, unterwegs aber einen Nervenzusammenbruch erlitt und deshalb ins nächste Krankenhaus eingeliefert wurde. Mehr wissen auch die Medien und die Öffentlichkeit nicht, und mehr werden sie auch nie erfahren. Nach dem offiziellen Bericht war Ihre Schwester nie auf dem Güterbahnhof.« Harwood gab ihm den Umschlag. »Machen Sie ihn auf«, befahl er, und Barron gehorchte. Er zog ein verbeultes und verkohltes kalifornisches Nummernschild heraus. Es stammte von seinem Mustang. »Ihr Wagen ist ausgebrannt. Unbekannte haben ihn dort, wo Sie ihn gestern früh auf dem Parkplatz des Mercury Air Terminal abgestellt haben, in Brand gesteckt.« »Sie meinen, vorsätzlich?«, fragte Barron ruhig., »Ja, vorsätzlich.« Hass trat in Harwoods Augen. »Sie sollten wissen, dass im Department viele Gerüchte kursieren. Vor allem wird gemunkelt, dass Sie für den Tod Ihrer Kollegen Polchak, Lee und Valparaiso verantwortlich seien. Und somit auch für das Ende der Squad. Wahr oder nicht, Sie werden nach Ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus jedenfalls in ein Umfeld zurückkehren, das Ihnen nicht sehr freundlich, ja sogar feindlich gesinnt ist.« Er machte eine kurze Pause, und es war ihm anzusehen, dass sein Widerwille noch wuchs. »Ich kenne da eine Geschichte. Sie handelt vom Bürgermeister einer Kleinstadt in einem vom Bürgerkrieg zerrissenen Land in Südamerika. Eines Tages erhielt er einen Brief. Überbracht hat ihn ein Bauer, aber geschrieben hatte ihn ein Guerillaführer. Und darin stand sinngemäß: ›Im Interesse Ihrer Gesundheit sollten Sie die Stadt verlassen. Wenn Sie es nicht tun, werden Sie zur Zielscheibe.‹ Im Interesse Ihrer Gesundheit würde ich Ihnen denselben Rat geben, Detective, und befolgen Sie ihn so rasch wie nur irgend möglich.«, British-Airways-Flug 0282, Montag, 1. April, 12.30 Uhr Alles schlief in der verdunkelten Kabine der ersten Klasse. Nur John Barron war noch hellwach, als habe er sich mit Koffein voll gepumpt. Sosehr er auch zu vergessen versuchte, die Erinnerung ließ ihn nicht los. Ihm war, als sei es eben erst geschehen. Mit einem kurzen Klicken war die Tür hinter Harwood und seinem Stellvertreter ins Schloss gefallen. Der Polizeichef hatte kein Wort mehr hinzugefügt. Aber das war auch nicht nötig. Er hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass sein Leben in Gefahr war. Die Warnung hatte ihm keine andere Wahl mehr gelassen: Er musste nun tun, was er schon nach dem Mord an Frank Donlan beabsichtigt hatte: Rebecca holen und so schnell wie möglich aus Los Angeles verschwinden, ohne allzu viele Spuren zu hinterlassen. Beim ersten Mal war er geblieben, weil er es für seine Pflicht gehalten hatte, Raymond zur Strecke zu bringen, bevor er wieder morden konnte. Doch jetzt war Raymond tot, und egal, was er getan und geplant hatte und was noch geschehen mochte, dafür waren jetzt andere zuständig. Es gab für ihn nur eine Aufgabe: Er musste Rebeccas und sein Leben retten. Beim ersten Mal war es nur darum gegangen, zusammen mit Dr. Flannery einen Platz für Rebecca zu finden, das Auto voll zu packen, Rebecca abzuholen und loszufahren. Doch durch den Schock bei der Schießerei hatte sich Rebeccas psychischer Zustand radikal verändert. Ein Durchbruch war geschafft. Sie brauchte jetzt eine intensive therapeutische Betreuung, daher, war an eine überstürzte Flucht aus der Stadt eigentlich nicht zu denken – von seiner eigenen körperlichen Verfassung gar nicht zu reden. Doch er hatte keine andere Wahl. Wenn der von Harwood angekündigte Racheakt erfolgte und er dabei umkam, würde Rebecca wieder durchdrehen und völlig abrutschen. Mit den Nerven am Ende, hatte er am nächsten Morgen, Sonntag, den 17. März, Dr. Flannery angerufen und gebeten, ihn im Krankenhaus aufzusuchen. Sie kam gegen Mittag, und er ließ sich von ihr in einem Rollstuhl ins Freie schieben. Dort erkundigte er sich nach Rebeccas Zustand. »Sie hat große Fortschritte gemacht«, antwortete Dr. Flannery. »Gewaltige Fortschritte. Sie spricht stockend und antwortet auf Fragen. Aber die jetzige Phase ist entscheidend und sehr schwierig. Sie wird medikamentös behandelt und ist sehr labil; ihre Stimmung wechselt zwischen Hysterie und Apathie. Außerdem fragt sie ständig nach Ihnen. Sie hat einen starken Willen und ist überdurchschnittlich intelligent, aber wenn wir nicht aufpassen, könnte sie uns wieder entgleiten und in den alten Zustand zurückfallen.« »Dr. Flannery«, sagte Barron ruhig, aber eindringlich, »ich muss mit Rebecca so schnell wie möglich aus Los Angeles verschwinden. Und nicht nach Oregon, Washington State oder Colorado, wie wir neulich besprochen haben, sondern weiter weg. Nach Kanada, eventuell sogar nach Europa. Doch unabhängig davon muss ich wissen, wie lange es noch dauert, bis sie eine so lange und weite Reise antreten kann.« Dr. Flannery sah ihn forschend an. Sie spürte, dass er verzweifelt war und dringend Hilfe brauchte. »Wenn alles gut geht, kann sie frühestens in zwei Wochen zur Behandlung in andere Hände gegeben werden.« Sie musterte ihn noch eindringlicher. »Detective, Sie müssen begreifen, dass Rebecca einen großen Sprung nach vorn gemacht hat und intensiver psychologischer Betreuung bedarf. Deshalb muss ich, Sie nach dem Grund Ihres Ansinnens fragen.« Barron überlegte lange, bevor er antwortete. Schließlich er- kannte er, dass er allein nicht in der Lage war, alles Notwendige zu veranlassen, und so bat er sie um ein vertrauliches Beratungsgespräch mit ihm als Patienten und ihr als Psychologin. »Wann?« »Sofort.« So etwas sei nicht üblich, sagte sie und erbot sich, bei einem Kollegen einen Termin für ihn zu arrangieren. Doch er flehte sie an. Es gehe um Leben und Tod, und die Zeit dränge. Sie kenne ihn und wisse alles über Rebecca. Außerdem habe er vollstes Vertrauen zu ihr. Schließlich willigte sie ein und schob seinen Rollstuhl in eine Ecke, wo sie ungestört waren. Und dort, im Schatten einer riesigen Platane, erzählte er ihr von der Squad, der Hinrichtung Frank Donlans, seiner Prügelei mit Polchak, dem Vorfall in der Autolackiererei nach Raymonds Festnahme und der Schießerei im Güterbahnhof. Und von dem Brandanschlag auf seinen Wagen und der Warnung des Polizeichefs. »Rebecca und ich müssen unsere Identität ändern und so schnell wie möglich aus L. A. verschwinden, möglichst weit weg. Eine neue Identität kann ich uns verschaffen. Aber alles andere … Rebecca braucht einen Platz, wo sie die notwendige Behandlung erhält, wo man nicht groß nach ihrer Vergangenheit fragt und die Polizei von Los Angeles uns nicht so ohne weiteres aufspüren kann. Irgendwo weit weg, wo wir ein neues Leben beginnen können, am besten im Ausland.« Dr. Flannery schwieg, sah ihn wieder nur forschend an, und er spürte, dass sie das Notwendige und das Machbare sorgfältig abwog. »Wenn Sie Ihre Identität ändern, und offensichtlich halten Sie das für nötig, verliert Rebecca ihren bisherigen Krankenver-, sicherungsschutz. Oder wollen Sie das Risiko in Kauf nehmen, eine Spur in ihren Papieren zu hinterlassen?« »Nein, auf keinen Fall.« »Aber Ihnen ist doch klar, dass ihre Behandlung in jedem Fall kostspielig wird, egal, wohin Sie gehen. Zumindest am Anfang braucht sie eine besonders intensive Betreuung.« »Man hat mir eine recht ansehnliche Abfindung zukommen lassen. Außerdem habe ich etwas gespart und besitze ein paar Wertpapiere. Wir kommen schon über die Runden, bis ich mir eine neue Arbeit suchen kann. Nur …« Barron unterbrach sich mitten im Satz und wartete, bis ein Krankenpfleger, der einen älteren Patienten führte, vorübergegangen war. Er senkte die Stimme und fuhr fort. »Sagen Sie mir nur, was Rebecca braucht.« »Nun, zunächst einmal müssen wir eine erstklassige Einrichtung für posttraumatische Stressbehandlung finden. Sie muss ihre Persönlichkeit stabilisieren und wieder lernen, ohne fremde Hilfe zurechtzukommen. Falls Sie an Kanada denken …« »Nein«, unterbrach Barron, »Europa wäre besser.« Dr. Flannery nickte. »Dann kommen drei Einrichtungen infra- ge, und alle sind erstklassig. Das posttraumatische Behandlungs- zentrum an der Universität Rom, das posttraumatische Behandlungszentrum an der Universität im schweizerischen Genf und die Balmore Clinic in London.« Barrons Herz klopfte bis zum Hals. Er hatte Kanada oder Europa vorgeschlagen, weil er wusste, dass dort überall Amerikaner lebten, und hoffte, dass sie unter Landsleuten nicht sonderlich auffallen würden. Den Leuten vom Police Department Los Angeles, vor denen Polizeichef Harwood ihn gewarnt hatte, würde es schwer fallen, sie so fern der Heimat aufzuspüren, wenn sie dort unter anderen Namen lebten und keine Spuren hinterließen. Jetzt aber erkannte er, dass seine plötzliche Entscheidung für, Europa einen anderen Grund hatte. Alles, was Raymond geplant hatte, wies nach Europa und am deutlichsten nach London. Trotz seiner Verletzungen und seiner Sorge um Rebeccas und seine Sicherheit ließ ihn der Gedanke an Raymond nicht mehr los. Raymond war einfach zu professionell, zu überlegt und zu zielstrebig zu Werke gegangen, als dass man ihn als gewalttätigen Irren abstempeln könnte. Selbstverständlich hatte er weitergehende Ziele verfolgt, und wie das gecharterte Flugzeug bewies, hatte er nicht im Alleingang gehandelt. Er besaß dafür keine handfesten Beweise, doch als erfahrener Polizist, der er trotz seiner Jugend war, spürte er, dass da mehr dahinter steckte, und diese dunkle Ahnung ließ ihn nicht mehr los. Deshalb hatte er sich spontan für Europa und gegen Kanada entschieden. Und Dr. Flannery hatte ihm die Entscheidung erleichtert, als sie unter anderem ein Rehabilitationszentrum in London vorschlug. Raymond hatte unmittelbar nach seinem Besuch bei Alfred Neuss von L. A. nach London fliegen wollen, und Neuss verdankte sein Leben nur dem Umstand, dass er nach London gereist war. Damit hatte er Raymond überrascht, der offenbar fest damit rechnete, ihn in Beverly Hills anzutreffen. Und dann gab es da noch die »Beweisstücke«, wie Raymond sie genannt hatte: Tresorfachschlüssel eines belgischen Herstellers, der nur in EU-Länder verkaufte, woraus folgte, dass der Tresor sich in irgendeiner Bank in Europa befinden musste. Und der Taschenkalender mit den drei Einträgen, die explizit auf London verwiesen. Eine Adresse – Uxbridge Street 21, bei der es sich nach Auskunft der Londoner Polizei um ein gediegenes Privathaus nahe Kensington Gardens handelte. Es gehörte einem pensionierten englischen Börsenmakler namens Charles Dixon, der fast das ganze Jahr in Südfrankreich verbrachte, und lag nur ein paar Gehminuten von der russischen Botschaft entfernt, der die zweite Notiz im Kalender galt. Die dritte sollte ihn an ein Treffen mit einem gewissen »I. M.« in, Penrith’s Bar in der High Street erinnern, einer Person, deren Identität die Londoner Polizei nicht hatte ermitteln können. Diese Hinweise waren noch frisch, keine zwei Wochen alt, und das hieß, dass die Operation, um die es dabei ging, durchaus noch im Gange sein konnte. Das FBI hatte überprüft, ob Verbindungen zu Terroristen bestanden, und ihre Erkenntnisse vermutlich an die CIA oder sogar an das State Department weitergeleitet. Doch Barron machte sich keine Illusionen: Er würde nie erfahren, was die Bundespolizei herausgefunden und weitergegeben hatte. Die interessanteste Neuigkeit hatte er am Tag vor seinem Abflug nach London von Dan Ford erfahren. In der Woche nach Raymonds Tod waren in aller Stille Untersuchungsbeamte vom russischen Innenministerium in L. A. eingetroffen. Unter Aufsicht des FBI hatten sie die LAPD-Akten eingesehen und mit Polizisten aus Beverly Hills gesprochen. Nach drei Tagen waren sie wieder abgereist, nachdem sie erklärt hatten, sie hätten keinerlei Hinweise auf eine Bedrohung der russischen Regierung oder Bevölkerung gefunden, und das, obwohl ein Unbekannter an zwei verschiedenen Tagen ein Charterflugzeug zu zwei verschiedenen Flughäfen geschickt hatte, um Raymond Thorne abzuholen und ihm ein Päckchen mit falschen Papieren zu bringen, und obwohl der mysteriöse »Aubrey Collinson«, der die Maschine in Kingston gechartert hatte, unauffindbar blieb. Ganz zu schweigen von Raymonds handschriftlichen Kalender- notizen. Nach dem Eintrag »7. April/Moskau« gefragt, hatten die Russen erklärt, das Datum sage ihnen nichts. Der 7. April sei für sie ein Tag wie jeder andere. Dass die Russen überhaupt gekommen waren, erklärte sich Barron damit, dass in Zeiten des zunehmenden weltweiten Terrorismus die internationale Zusammenarbeit verstärkt wurde und das Charterflugzeug auf potente Geldgeber hindeutete. Allerdings war diese Spur sehr schnell im Sand verlaufen, und Raymond selbst hatte sich zwar durch besondere Brutalität, ausgezeichnet, doch weder seine Person noch seine Verbrechen entsprachen dem gegenwärtigen Profil von Terroristen oder Terrororganisationen. Alle Beteiligten taten so, als sei der Fall mit Raymonds Tod erledigt: die Russen, das FBI und allen voran das LAPD, das die Sache schleunigst begraben wollte, weil dem ohnehin schon stark ramponierten Ruf des Departments weiterer Schaden drohte, wenn die Wahrheit über die Metrolink-Schießerei ans Licht kam. In Barrons Augen war das ein schwerer Fehler. Zu viele Fragen waren noch offen. Zu viel sprach dafür, dass Raymond in ein größeres Komplott verwickelt war, das vermutlich nicht mit seinem Tod endete. Besonders beunruhigend war das Datum 7. April, ein Tag, der rasch näher rückte. Auch wenn die russischen Ermittler abwiegelten: Niemand konnte mit Sicherheit sagen, ob diese Notiz privater Natur war und Raymond lediglich an eine Person oder ein Ereignis in Moskau erinnern sollte. Oder ob an diesem Tag ein Terrorakt geplant war, vergleichbar der Geiselnahme tschetschenischer Rebellen im Musical-Theater an der Melnikowa-Straße in Moskau, oder ein noch blutigerer Anschlag mit vielen tausend Opfern wie der vom 11. September in New York und Washington. Angenommen, die Notiz bezog sich tatsächlich auf einen Terrorakt: War dann das Dementi des LAPD, der Russen und aller anderen nur vorgeschoben, um die Öffentlichkeit nicht zu beunruhigen? Arbeiteten FBI, CIA, Interpol und andere Anti- Terror-Organisationen möglicherweise heimlich mit den Russen zusammen? Beobachteten sie die internationale Lage in der Hoffnung, die Pläne Raymonds und seiner möglichen Hintermänner aufzudecken und zu vereiteln? Oder … War vielleicht gar nichts geplant? Steckte gar nichts dahinter? War mit Raymonds Tod auch alles andere hinfällig?, Wie auch immer, er musste noch etwas anderes im Auge behalten. Auch wenn das LAPD öffentlich bestritt, dass Raymond in ein Komplott verwickelt gewesen sein könnte, so war doch nicht auszuschließen, dass es im Zusammenhang mit Raymonds Notizen weitere Nachforschungen anstellte. Wenn er dasselbe tat, bestand die Gefahr, dass er Harwoods Ermittlern in die Quere kam. Und das konnte ihn das Leben kosten. Andererseits war es unmöglich, sich herauszuhalten. Er fühlte sich nach wie vor mitverantwortlich für den Tod der Menschen, die Raymond in L.A. ermordet hatte. Er hatte große Schuld auf sich geladen, und die Vorstellung, dass noch mehr Menschen sterben könnten, entsetzte ihn. Deshalb musste er allen Risiken zum Trotz weitermachen, bis er sicher sein konnte, dass der Brand, den Raymond entfacht hatte, gelöscht war. Aber er konnte sich nicht sicher sein. Noch nicht. Seit er von Raymonds Tod erfahren hatte, versuchte eine innere Stimme, sich Gehör zu verschaffen. Jedes Mal, wenn sie sich meldete, bemühte er sich, sie zu unterdrücken. Doch es ging nicht. Sie meldete sich immer wieder, drängte ihn weiterzumachen, die Wahrheit herauszufinden und sich zu vergewissern, dass keine Gefahr mehr bestand. Wenn er, so wie jetzt, auf die Stimme hörte, war ihm klar, dass es nur einen Ort gab, wo er die Spur wieder aufnehmen konnte. »London«, sagte er sofort zu Dr. Flannery. »Die Balmore Clinic?« »Ja. Könnten Sie Rebecca dort unterbringen? Und bald?« »Ich werde mein Möglichstes tun«, antwortete Dr. Flannery. Das hatte sie getan. Und mit Erfolg., London, Montag, 1. April, York House, Balmore Clinic, 13.45 Uhr John Barron, nein, Nicholas Marten (er musste sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, wie er jetzt hieß) war von Clementine Simpson auf den ersten Blick alles andere als beeindruckt. Groß gewachsen und etwa in seinem Alter, mit halblangem kastanienbraunem Haar, wirkte sie in ihrem zu großen marineblauen Kostüm auf ihn wie eine leidlich attraktive, aber ziemlich unvorteilhaft gekleidete Klinikangestellte. Erst später sollte er erfahren, dass sie gar keine Angestellte, sondern Mitglied der Balmore-Stiftung war und zweimal im Jahr eine Woche lang unentgeltlich in der Klinik arbeitete. In dieser Eigenschaft war sie mit Rebeccas neuer Psychiaterin, Dr. Anne Maxwell-Scot – einer kleinen, molligen und überaus klugen Frau Anfang fünfzig –, und zwei Pflegern zum Flughafen Heathrow gekommen, um Rebecca Marten und ihren Bruder abzuholen, deren Maschine aus Los Angeles dort gegen Mittag landete. Rebecca war knapp eine Stunde vor der Landung aufgewacht und hatte, obgleich noch benommen von den Medikamenten, ein leichtes Frühstück zu sich genommen. Sie schien zu begreifen, wo sie war und warum sie mit ihrem Bruder in einem Flugzeug nach London saß. Ebenso ruhig und verständig zeigte sie sich später auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt und zum York House in der Belize Lane, wo die stationären Patienten der Balmore Clinic untergebracht waren. »Wenn Sie irgendwelche Fragen haben, tun Sie sich bitte keinen Zwang an, Mr. Marten«, sagte Clementine Simpson, als sie, Rebeccas kleines, aber freundliches Zimmer im zweiten Stock wieder verließ. »Ich bin noch die ganze Woche hier.« Damit verschwand sie, und Nicholas Marten half Rebecca beim Auspacken. Anschließend führte er noch ein kurzes Gespräch mit Dr. Maxwell-Scot, die ihm mitteilte, dass Rebecca einen sehr guten Eindruck auf sie mache, einen viel besseren als erwartet, und ihn dann darüber aufklärte, was als Nächstes geschehen würde. »Wie Ihnen sicherlich bewusst ist, sind Sie nicht nur Rebeccas Bruder, sondern im Moment auch ihr einziger Halt. Darum ist es wichtig, dass Sie in ihrer Nähe bleiben, wenigstens in den nächsten Tagen. Aber ebenso wichtig ist, dass Rebecca möglichst bald ohne diese Art von Krücke laufen lernt. Es ist von ganz entscheidender Bedeutung, dass sie selbstsicherer wird und aus eigener Kraft Fortschritte macht. Rebecca hat täglich zwei Einzelsitzungen bei mir. Außerdem wird sie bald an gruppentherapeutischen Treffen teilnehmen. Vielleicht fangen wird schon morgen damit an. Dabei wird gemeinsam ein Theaterstück einstudiert oder ein neues Gebäude für die Klinik entworfen. Mit solchen Beschäftigungen wollen wir die Kooperation fördern und verhindern, dass Teilnehmer sich in ein Schneckenhaus zurückziehen und einen Rückfall erleiden. Das Ziel ist, Rebecca zu reintegrieren und darauf hinzuwirken, dass sie schrittweise selbstständiger wird.« Marten hörte aufmerksam zu. Er wollte sich vergewissern, dass man in der Balmore Clinic ebenso verfuhr wie in allen psychotherapeutischen Einrichtungen. Dr. Flannery hatte ihm nämlich beteuert, dass man die persönlichen Daten und die Krankengeschichte des Patienten vertraulich behandelte und, wenn die Angehörigen es wünschten – und das hatte er –, nur dem zuständigen Therapeuten zugänglich machte. Außerdem hatte sie ihm versichert, dass sie bei der Schilderung des Falls und der Darlegung der Gründe, die eine so kurzfristige Aufnahme Rebeccas erforderlich machten, äußerst diskret, gewesen sei. Auch davon wollte er sich überzeugen. Nach dem fünfzehnminütigen Gespräch mit Dr. Maxwell-Scot war er beruhigt und erleichtert. Sie hatte nur über Rebeccas Zustand und das Therapieprogramm gesprochen, das sie und Dr. Flannery für sie ausgearbeitet hatten und von dem sie sich viel versprach. Ihre freundliche und verbindliche Art flößte ihm Vertrauen ein, wie er überhaupt sagen musste, dass die Klinik von Anfang an einen sehr guten Eindruck auf ihn machte. »Sie sehen mitgenommen aus, Mr. Marten«, sagte Dr. Maxwell-Scot schließlich. »Kein Wunder bei dem langen Flug und Ihren Sorgen. Ich hoffe doch, Sie wohnen irgendwo in der Nähe.« »Ja, im Holiday Inn in Hampstead.« »Gut«, meinte sie lächelnd, »das ist nicht weit. Ich schlage vor, Sie ruhen sich jetzt ein wenig aus. Rebecca ist hier gut aufgehoben. Sie können gegen sechs wiederkommen und ihr vor dem Abendessen einen kurzen Besuch abstatten.« »Einverstanden«, sagte Nicholas Marten. »Und haben Sie vielen Dank. Vielen herzlichen Dank.«, Von der Balmore Clinic zum Holiday Inn in Hampstead war es nur eine kurze Fahrt, und Marten lehnte sich im Taxi zurück und versuchte, einen Eindruck von der Stadt zu gewinnen, die er nur aus dem Geschichtsunterricht, Büchern und Filmen kannte und vom dröhnenden Lärm britischer Rockbands. Das Taxi bog nach Haverstock Hill ab, und irgendwie erschrak er, als er den Gegenverkehr auf der rechten statt auf der linken Straßenseite auf sich zukommen sah. Natürlich war ihm bekannt, dass in England links gefahren wurde. Doch dies mit eigenen Augen zu sehen, mutete ihn seltsam an. Auf der Fahrt vom Flughafen zur Klinik hatte er keine Augen dafür gehabt. Erst jetzt, in der ersten ruhigen Minute seit langem, fiel es ihm auf, und schlagartig wurde ihm bewusst, dass er sich tatsächlich in einem fremden Land befand. Er spürte, wie die Anspannung von ihm abfiel. Endlich waren sie in London. Und Rebecca hatte in einer Einrichtung Platz gefunden, die ihm gefiel. Mit Dan Fords und Dr. Flannerys Hilfe hatten sie alle Brücken hinter sich abgebrochen. Ford hatte ihn vorübergehend bei einem Freund versteckt, der in den Zitrusplantagen nordwestlich von Los Angeles wohnte, den Mietvertrag für sein Haus aufgelöst und sich um seine persönliche Habe gekümmert. Den größten Teil hatte er verschenkt und ein paar wenige wertvolle Stücke unter seinem eigenen Namen irgendwo untergestellt. Was Dr. Flannery betraf, so hatte sie nicht nur den Therapieplatz in der Balmore Clinic vermittelt, sondern auch die Formalitäten in St. Francis abgewickelt. Erst wenige Stunden vor dem Abflug nach London hatte sie Schwester Reynoso eröffnet, dass Rebecca auf Wunsch ihres Bruders in eine andere Einrichtung außerhalb Kaliforniens verlegt werde. Und keine dreißig Minuten nach diesem, Gespräch hatte sie Barron und Rebecca im eigenen Wagen zum Flughafen gefahren, wo die beiden mit Rücksicht auf Rebeccas Zustand lange vor den anderen Passagieren an Bord gehen durften, sodass ihnen unerwünschtes Aufsehen erspart blieb. So hatten sie die schwierigsten Hürden genommen und waren jetzt wohlbehalten hier eingetroffen. Nicholas Marten tat es gut, eine Minute abzuschalten, sich zurückzulehnen und die Stadt an sich vorüberziehen zu lassen. Abzuschalten und nicht darüber nachzudenken, warum er sich für die Balmore Clinic und gegen die Kliniken in Rom und Genf entschieden hatte. Abzuschalten und nicht daran zu denken, warum er nach London gekommen war., Immer noch Montag, 1. April, 15.25 Uhr Marten checkte im Hotel ein und packte aus. Anschließend duschte er rasch, zog sich frische Jeans, einen leichten Pullover und ein Sportsakko an, ging hinunter in die Lobby und erkundigte sich nach dem Weg in die Uxbridge Street. Zwanzig Minuten später bog sein Taxi vom Notting Hill Gate in die Campden Hill Road und dann in die Uxbridge Street ab, »Welche Hausnummer, Chef?« »Ich steige gleich hier aus, danke«, antwortete Marten. »In Ordnung, Sir.« Das Taxi fuhr an die Seite. Marten bezahlte und stieg aus. Und betrat damit Raymonds Welt. Oder zumindest den Teil von ihr, den Raymond in seinem Taschenkalender erwähnt hatte. Die Nummer 21 in der Uxbridge Street war ein elegantes, zweistöckiges Privathaus, das ein schwarzer, zwei Meter hoher schmiedeeiserner Zaun von Straße und Bürgersteig trennte. Direkt hinter dem Zaun ragten zwei mächtige Platanen auf, die an diesem sonnigen und nach Auskunft des Taxifahrers ungewöhnlich warmen Frühlingstag erste Knospen trieben. Marten trat näher und entdeckte, dass ein Eisentor, das zum Haus führte, offen stand und durch eine Malerleiter am Zufallen gehindert wurde. Über die Steinplatten war eine Abdeckplane gebreitet, und ein Eimer, halb mit schwarzer Farbe gefüllt, hing an einer Sprosse der Leiter. Vom Maler war nichts zu sehen. Er blieb am Tor stehen und spähte zum Haus. Die Vordertür war zu, und ein Gartenweg führte links um das Haus herum., Auch dort keine Spur von dem Maler. Er holte tief Luft, drückte sich an der Leiter vorbei durchs Tor und lief den Weg entlang. Er war fast auf der Rückseite angelangt, als er drei Stufen entdeckte. Sie führten zu einer Tür, die halb offen stand. Er schaute sich noch einmal um. Noch immer war niemand zu sehen. Rasch erklomm er die Stufen, verharrte an der Tür und lauschte. »Hallo?«, rief er. Er erhielt keine Antwort, holte noch einmal tief Luft und ging hinein. Minuten später hatte er alle drei Etagen durchkämmt, ohne jemanden angetroffen zu haben. Das Haus war prachtvoll möbliert, im Moment offenbar aber unbewohnt. Seine Enttäuschung war groß, doch in gewisser Weise hatte er nichts anderes erwartet. Das Haus gehörte, wie er aus dem Bericht der London Metropolitan Police noch wusste, einem pensionierten Börsenmakler namens Charles Dixon, der in Südfrankreich lebte. Dem Bericht zufolge kannte er weder Raymond Oliver Thorne noch irgendeine Person, auf die seine Beschreibung passte. Er bewohnte das Haus lediglich in den Weihnachtsferien und in den beiden Wimbledon-Wochen Ende Juni und Anfang Juli. Die übrige Zeit des Jahres verbrachte er in Frankreich, und das Haus stand leer. Und doch hatte Raymond anscheinend die Absicht gehabt, Mitte März diese Adresse aufzusuchen. Das ergab keinen Sinn, es sei denn, das Haus wurde von Zeit zu Zeit vermietet, doch die Londoner Polizei hatte nichts dergleichen erwähnt. »Wer zum Teufel sind Sie?« Nicholas Marten prallte zurück. Er wollte gerade zu der Tür hinaus, durch die er gekommen war, als plötzlich ein großer, weißhaariger Mann im Overall vor ihm stand. »Sie müssen der Maler sein.« »Sie haben’s erfasst, aber ich habe gefragt, wer Sie sind und was Sie hier verloren haben!« »Ich suche Mr. Charles Dixon. Das Tor stand offen, und da bin, ich reingegangen. Ich habe gehört, dass er das Haus gelegentlich vermietet, und da wollte ich …« »Ich weiß nicht, von wem Sie das haben und wer Sie sind.« Der Maler musterte ihn von oben bis unten. »Aber Mr. Dixon vermietet nicht. Niemals. Haben Sie verstanden, Mr …?« »Äh …« Marten dachte sich schnell einen Namen aus. »Kaplan. George Kaplan.« »Also, Mr. Kaplan, jetzt wissen Sie’s.« »Danke. Und verzeihen Sie die Störung.« Damit wandte er sich zum Gehen, doch dann kam ihm ein Gedanke, und er drehte sich um. »Wissen Sie zufällig, ob Mr. Dixon mit einem Mr. Aubrey Collinson aus Kingston in Jamaica befreundet ist?« »Was?« »Mr. Aubrey Collinson. Sein Name fiel im Zusammenhang mit Mr. Dixon. Meines Wissen ist er Rechtsanwalt. Er fliegt ziemlich häufig mit einem Charterjet nach London und anderswohin.« »Mensch, ich habe keine Ahnung, was Sie wollen. Ich kenne keinen Aubrey Collinson, und ob Mr. Dixon ihn kennt, geht mich nichts an.« Der Maler machte drohend einen Schritt auf ihn zu. »Wenn Sie nicht in fünf Sekunden verschwunden sind, rufe ich die Polizei.« »Nochmals danke.« Marten lächelte und ging. 16.45 Uhr Ungefähr fünf Blocks weiter und zwölf Minuten später stand er vor dem imposanten Gebäude in den Kensington Palace Gardens 13, der Botschaft der Russischen Föderation, London, W8 4QX, Vereinigtes Königreich. Wachen am Tor und ein paar, Leute im Garten, das war alles. Er verharrte eine Weile und beobachtete das Haus, dann öffnete sich das Tor, und ein bewaffneter Soldat stiefelte auf ihn zu. Marten hob abwehrend die Hand und lächelte. »Ich wollte nur gucken, Entschuldigung«, sagte er und eilte weiter in Richtung Kensington Gardens. In dem Haus in der Uxbridge Street hatte er nichts Verdächtiges bemerkt, und die russische Botschaft war nichts weiter als eine diplomatische Vertretung, die von dem Haus aus bequem zu Fuß zu erreichen war. Was also hatte es damit auf sich? Der Einzige, der es ihm mit Sicherheit hätte sagen können, war Raymond, und der lebte nicht mehr. Aber davon einmal abgesehen: Was gedachte er eigentlich zu tun, wenn er tatsächlich etwas entdeckte? Die Behörden verständigen? Und dann? Ihnen erklären, was los war, damit sie sich zu fragen begannen, wer er eigentlich war? Nein, ausgeschlossen. Er musste die Finger von der Sache lassen. Aber wie? Nüchtern betrachtet war es Wahnsinn, auf eigene Faust zu ermitteln und diesem größeren Etwas nachzuspüren, in das Raymond verwickelt war und das ihn letztlich das Leben gekostet hatte. Doch die innere Stimme drängte ihn mit aller Macht weiterzumachen. Er war wie ein Süchtiger, dessen Denken nur noch um seine Sucht kreiste. Irgendwie musste er eine Möglichkeit finden, diese Stimme zum Schweigen zu bringen., Holiday Inn, Hampstead, 21 Uhr Nicholas Marten schreckte aus dem Schlaf hoch. Es war dunkel, und er wusste nicht, wo er sich befand und wie lange er geschlafen hatte. Dann sah er das Licht, das durch einen Türspalt fiel, und er begriff, dass dort das Badezimmer war und er die Tür selbst geöffnet haben musste. Dann kam die Erinnerung. Von der russischen Botschaft aus war er durch Kensington Gardens zur Baywater Road gegangen und von dort mit dem Taxi zu Rebecca in die Balmore Clinic gefahren. Sie hatte sich über seinen Besuch gefreut, wirkte aber noch sichtlich mitgenommen von dem langen Flug, und so war er nicht lange geblieben. Mit dem Versprechen, am nächsten Morgen wiederzukommen, war er ins Hotel zurückgefahren, hatte sein Sakko ausgezogen, sich aufs Bett geworfen und ferngesehen. Dabei schien er wohl eingeschlafen zu sein. Reise und Jetlag steckten ihm noch in den Knochen, doch nach dem Fernsehschlaf war er jetzt hellwach. Was sollte er tun? Er wusch sich rasch das Gesicht und kämmte sich. Dann ging er hinunter in die Lobby und trat ins Freie. Der Abend war noch lau, und im hell erleuchteten London pulsierte das Leben. Er überquerte die Straße und schlenderte durch Haverstock Hill, ein Tourist, der durch eine fremde Stadt spazierte und die Atmosphäre aufsog. »Die Beweisstücke«, hörte er plötzlich wieder Raymonds Stimme, leise, schneidend und eindringlich, als flüstere er ihm ins Ohr. »Die Beweisstücke«, wiederholte die Stimme. »Die Beweisstücke.« »Nein!«, sagte er laut und beschleunigte seine Schritte. Er hatte diesen Kampf heute schon einmal ausgefochten. Es reichte ihm., »Die Beweisstücke«, flüsterte es wieder. Er schritt noch energischer aus, als könnte er vor der Stimme davonlaufen. »Die Beweisstücke.« Plötzlich blieb er stehen. Rings um ihn helle Lichter, von Menschen wimmelnde Gehwege, gleichmäßig fließender Verkehr. Es war nicht dasselbe London, das er eben noch gesehen hatte, sondern das von heute Nachmittag, das der Uxbridge Street und der russischen Botschaft. Und da begriff er, dass es nicht Raymonds Stimme war, die ihm zuflüsterte, sondern seine eigene. Er war aus einem einzigen Grund mit Rebecca nach London gekommen. Weil Raymond ihn hierher geführt hatte. Er konnte unmöglich davonlaufen und alles vergessen., Penrith’s Bar, High Street, 21.35 Uhr Nicholas Marten blieb einen Moment in der Tür stehen und schaute sich um. Das Penrith’s war ein typischer englischer Pub, mit dunklen Holzpaneelen, laut und selbst am Montagabend brechend voll. Der Tresen krümmte sich wie ein Hufeisen mitten im Raum, und an den Seiten und ganz hinten gab es Tische und Nischen. Zwei Barkeeper standen hinter dem Hufeisen. Der eine war klein, dunkelhaarig und muskulös, der andere größer, von mittlerer Statur, mit kurz geschnittenen, blond gefärbten Haaren – beide sahen aus wie Anfang dreißig. Der Art ihrer Beschäftigung nach zu urteilen, musste der Blonde der Wirt sein. Von Zeit zu Zeit unterbrach er die Arbeit, ging ans Ende der Bar und sprach mit einem Gast, den Marten nicht richtig sehen konnte. Der Blonde war sein Mann, beschloss er und stürzte sich ins Getümmel. Auf dem Weg zum Tresen nahm er die Gäste genauer in Augenschein. Die meisten sahen wie Studenten aus. Dazwischen ein paar Professorentypen und Geschäftsleute. Nicht unbedingt Menschen, mit denen ein Killer wie Raymond verkehrte. Andererseits erinnerte er sich, dass Raymond ein Verwandlungskünstler gewesen war und sich Josef Speer aus einer Gruppe Studenten herausgepickt hatte. Ein Typ wie er, mit seinen Fähigkeiten und seiner Selbstsicherheit, konnte sich überall anpassen. Das Gedränge wurde immer dichter und lärmender, je näher er dem Tresen kam. Über die wogenden Köpfe hinweg konnte er sehen, dass der blonde Barkeeper ganz hinten noch im Gespräch war. Marten zwängte sich an zwei jungen Männern vorbei und um eine junge Frau herum, die ihnen begehrliche Blicke zuwarf., Dann war er am Ziel, keine drei Meter vom Barkeeper entfernt. Er zuckte zurück. Der Barkeeper sprach mit zwei Männern mittleren Alters in Sportsakkos. Den einen kannte er nicht, den anderen, der näher bei ihm stand, dafür umso besser – es war Detective Gene VerMeer, das Raubein vom Raub- und Morddezernat Los Angeles und einer der beiden Beamten, die vor seinem Haus Wache geschoben hatten, als er Raymond zum Flughafen Burbank fuhr. Außerdem einer der besten Freunde des toten Red McClatchy und ehemaliger Zechkumpan Roosevelt Lees, Polchaks und Marty Valparaisos. Ein Cop, dem man die Aufnahme in die Squad 5-2 verweigert hatte, weil er als zu gewalttätig und labil galt, und das wollte was heißen. Von allen Polizisten aus Los Angeles war VerMeer der Letzte, dem er begegnen wollte, und höchstwahrscheinlich der Erste, der liebend gern Hackfleisch aus ihm gemacht hätte. »Herrgott!«, stöhnte Marten und drehte sich rasch weg. VerMeer konnte nur aus zwei Gründen hier sein. Entweder er ging demselben Hinweis nach wie er – Raymond hatte sich hier mit einer Person mit den Initialen »I.M.« treffen wollen –, oder er kannte seinen neuen Namen und Aufenthaltsort, war ihm nach London gefolgt und hoffte, ihm zufällig zu begegnen, wenn er Raymonds Spur verfolgte. Wenn das zutraf, fragte er den Barkeeper möglicherweise nicht nur nach Raymond und »I.M.«, sondern auch nach ihm. »Mr. Marten? Sind Sie’s, oder sind Sie’s nicht?«, übertönte eine Stimme mit englischem Akzent den Lärm. Martens Herz schlug bis zum Hals. Er fuhr herum und sah eine Frau auf sich zukommen. »Clem Simpson«, sagte sie mit einem breiten Lächeln. »Balmore Clinic. Heute Nachmittag.« »Aber ja, natürlich.« Marten schielte hinter sich. VerMeer und sein Begleiter sprachen noch mit dem Blonden. »Wie um alles in der Welt kommen Sie denn hierher?«, fragte, Clem. Marten zog sie durchs Gedränge fort. »Ich … ich habe ein wenig Ablenkung gesucht. Jemand aus dem Flugzeug hat mir das Lokal empfohlen. Hier könnte man Londoner Atmosphäre schnuppern.« »Kann ich mir vorstellen, dass Sie etwas Ablenkung brauchen«, lächelte Clem mitfühlend. »Wir feiern hier den Geburtstag einer Freundin. Wollen Sie sich nicht zu uns setzen?« »Ich …« Er blickte sich um. VerMeer und der andere Mann hatten sich von dem Blonden abgewandt und bahnten sich einen Weg durch die Menge, direkt auf sie zu. »Aber mit Vergnügen, danke«, erwiderte er schnell und folgte Clementine Simpson. Sie steuerte auf einen Tisch im hinteren Teil des Raums zu, um den ein halbes Dutzend Professoren- typen saßen. »Kommen Sie öfter hierher?« »Ja, wenn ich in der Stadt bin. Freunde von mir treffen sich seit Jahren hier. Das macht eine gute Stammkneipe aus.« Marten riskierte noch einen Blick zurück. VerMeer war stehen geblieben und starrte in seine Richtung, dann zupfte ihn der andere Mann am Ärmel und nickte in Richtung Tür. VerMeer verharrte noch einen Moment, dann drehte er sich um und folgte dem anderen nach draußen. »Miss Simpson.« Marten berührte sie am Arm. »Gern«, lächelte sie. »Entschuldigen Sie bitte, Clem.« Er rang sich ein Lächeln ab. »Aber ich müsste mal zur Toilette.« »Natürlich. Unser Tisch ist gleich da drüben.« Marten nickte, drehte sich um und sah zur Tür. Von VerMeer und seinem Begleiter war nichts mehr zu sehen. Er blickte zum Tresen. Der Andrang hatte nachgelassen. Der blonde Barkeeper, war allein und spülte Gläser. Von seinem Kollegen keine Spur. Ob VerMeer den Blonden nach ihm gefragt hatte? Vielleicht hatte er ihm sogar eine Beschreibung von ihm gegeben und eine Telefonnummer dagelassen, damit er ihn anrufen konnte, wenn er ihn sah. Er schaute noch einmal zur Tür. Nur Gäste. Er blickte wieder zum Barkeeper, und nach kurzem Zögern beschloss er, sein Glück zu versuchen. Er ging ans Ende des Tresens und bestellte sich ein Bier vom Fass. Zwanzig Sekunden später stellte der Barkeeper ein Glas vor ihn hin. »Ich suche jemanden, der hier Stammgast sein soll.« Marten schob einen Zwanzigpfundschein neben das Glas. »Aus einem Chatroom im Internet weiß ich, dass der Betreffende – es könnte auch eine Sie sein – diverse Mietwohnungen an der Hand hat. Er unterzeichnet mit den Initialen ›I.M.‹. Den vollen Namen kenne ich nicht, nur ›I.M.‹ oder ›Im‹. Vielleicht ist es auch ein Spitzname oder ein Kürzel für etwas anderes.« Der Blonde sah ihn forschend an, als überlegte er, an wen er ihn erinnere. Auf einmal war Marten davon überzeugt, dass VerMeer ihm seine Beschreibung gegeben hatte und der Blonde sich jetzt fragte, ob er der Gesuchte sei. Marten verzog keine Miene und wartete ab. Unvermittelt beugte sich der andere vor. »Ich will Ihnen was sagen, Kumpel. Vor ein paar Minuten hat mich ein Polizist aus Los Angeles dasselbe gefragt. Ein Inspektor von Scotland Yard war bei ihm, aber von einem Chatroom oder irgendwelchen Mietwohnungen haben die beiden kein Wort gesagt.« Er schielte demonstrativ zu dem Geldschein und senkte die Stimme. »Keine Ahnung, was Sie wollen, und es geht mich auch nichts an, aber ich werde Ihnen sagen, was ich den beiden gesagt habe. Ob Männlein, Weiblein oder ein bisschen von beidem oder einfach nur eine graue Maus, bleibt sich gleich – ich stehe seit elf Jahren hier an sechs Abenden in der Woche hinterm Tresen, und in der ganzen Zeit habe ich nie von einem ›Im‹ oder ›I.M.‹, oder ›Eyemm‹ gehört oder auch nur von einem bescheuerten Spitznamen wie ›Iron Mike‹, ›Izzy Murphy‹ oder ›Irene Mary‹, der dazu passen würde. Und wenn es sonst jemand hier wüsste, wüsste ich es auch, denn es ist mein Job, es zu wissen, ich bin nämlich der Wirt. Verstanden?« Marten nickte. »Ja.« »Dann ist ja alles klar.« Der Barkeeper streckte die Hand aus, nahm den Zwanziger und steckte ihn in seine Schürze, ohne den Blick von Marten zu wenden. »Mr. Marten?« Clementine Simpson tauchte neben ihm auf. »Kommen Sie?« »Ich …« Marten sah sie an und lächelte. »Verzeihen Sie, ich habe mich hier festgeredet.« Marten nahm sein Bierglas, nickte dem Wirt zu und ging mit ihr weg. Völlig ahnungslos hatte sie dem Mann soeben seinen Namen verraten. »Clem«, sagte er, »ich hoffe, Sie sind mir nicht böse, aber plötzlich macht mir wieder der Jetlag zu schaffen. Ein andermal, wenn es Ihnen nichts ausmacht.« »Natürlich, Mr. Marten. Sehen wir uns morgen in der Klinik?« »Morgen früh bin ich dort.« »Ich auch. Gute Nacht.« Marten erwiderte den Gruß mit einem Nicken und wandte sich zum Gehen. Er war müde und keinen Deut schlauer als zuvor. Zudem hatte er sich aus der Deckung gewagt und mit dem Barkeeper gesprochen, und jetzt kannte der Mann sogar seinen Namen. »Mist«, fluchte er leise vor sich hin. Er war fast an der Tür, als er, ernüchtert und mit sich hadernd, eine Gruppe junger Leute entdeckte, die in einem Nebenzimmer um einen Tisch saßen. Hinter ihnen hing eine große rot-weiße, Fahne an der Wand, auf der Russian Society Committee stand. Sein Herz hämmerte. Da war es wieder. Russland. Er blickte nach hinten zum Tresen. Der Wirt war beschäftigt und sah nicht her. Er huschte ins Nebenzimmer und trat an den Tisch. Es waren insgesamt zehn Leute, sechs Männer und vier Frauen, und alle sprachen Russisch. »Verzeihen Sie«, sagte er höflich, »spricht von Ihnen zufällig jemand Englisch?« Die Antwort war ein schallendes Gelächter. »Was wollen Sie wissen, mein Freund?«, fragte ein schmächtiger junger Mann mit dicker Brille und breitem Grinsen. »Ich suche jemanden namens ›I.M.‹ oder« – er ahmte die Aussprache des Wirts nach – »›Eyemmm‹ oder mit den Initialen oder dem Spitznamen ›I.M‹.« Die zehn am Tisch schauten einander an, und einen Augenblick später wandten sie sich wieder ihm zu. Alle hatten denselben leeren Gesichtsausdruck. »Tut uns Leid, Chef«, sagte ein schwarzhaariger Mann. Marten blickte zu der Fahne des Russian Society Committee, die hinter ihnen an die Wand gepinnt war. »Verzeihen Sie die Frage, aber was macht Ihre Gruppe eigentlich?« »Wir treffen uns alle paar Wochen und reden über alles, was in unserer Heimat so passiert«, antwortete der Schmächtige mit der dicken Brille. »Politik, Gesellschaft und so weiter.« »Er will damit sagen, dass wir alle krank vor Heimweh sind«, witzelte ein pummeliges blondes Mädchen, und alle lachten. Marten schmunzelte und musterte die jungen Leute noch eine Sekunde. »Und was geschieht zurzeit in Ihrem Land, worüber sich zu reden lohnt?«, fragte er leichthin. Er wollte die Sprache auf den 7. April bringen. Vielleicht wussten sie ja etwas darüber., »Geschieht denn gerade etwas, was den Rest der Welt interessieren könnte?« Der Schwarzhaarige grinste: »Sie meinen, von den separatistischen Bestrebungen, der Korruption und der russischen Mafia einmal abgesehen?« »Ja.« »Nichts, es sei denn, Sie wollen den Gerüchten Glauben schenken, dass die Duma für eine Rückkehr zur Monarchie und die Wiedereinsetzung des Zaren ist.« Der Schwarzhaarige grinste wieder. »Dann wären wir wie die Briten und hätten jemanden, an dem sich das Volk aufrichten könnte. Die Idee ist gar nicht so blöd, vorausgesetzt, der Betreffende ist ein anständiger Kerl. Er könnte von dem ganzen Mist ablenken, der sonst so passiert. Aber das ist alles nur leeres Geschwätz, wie immer, wenn in der Heimat angeblich eine große Veränderung bevorsteht. Es wird nicht dazu kommen.« Er zuckte mit den Schultern. »Aber deswegen treffen wir uns hier, so können wir über diese Dinge reden und uns …«, er warf der Pummeligen einen Blick zu, »… gegenseitig über unser Heimweh hinwegtrösten.« Alle lachten bis auf Marten. Sie kamen nicht von allein darauf zu sprechen. Also musste er nachhelfen. »Dürfte ich noch eine Frage stellen? Hat der 7. April für Russen eine besondere Bedeutung, insbesondere für die Moskauer? Ist das eine Art Feiertag? Geschieht an dem Tag etwas Außergewöhnliches?« Die Pummelige grinste wieder. »Ich bin aus Moskau, und soweit ich weiß, ist der 7. April ein Tag wie jeder andere.« Sie blickte in die Runde und kicherte. »Sie hat Recht, Chef«, sagte der Schmächtige mit der dicken Brille und lächelte beifällig. »Der 7. April ist ein ganz normaler Tag.« Unvermittelt beugte er sich vor und wurde ernst. »Wieso?«, »Nur so.« Marten tat die Frage mit einem Achselzucken ab. Dasselbe hatten die Inspektoren vom russischen Innen- ministerium bei ihrem Besuch in L.A. geantwortet. »Jemand hat behauptet, es sei ein Feiertag. Ich hatte nie davon gehört. Ich hab da wohl was falsch verstanden. Danke, vielen Dank.« Marten wandte sich zum Gehen. »Aber warum fragen Sie dann?«, wollte der junge Mann wissen. »Nochmals danke.« Und fort war er., Holiday Inn, Hampstead, immer noch Montag, 1. April, 23.35 Uhr Nicholas Marten sank zurück in sein Kissen und lauschte im Dunkeln dem Verkehr auf der Straße. »Das Haus in der Uxbridge Street. Aubrey Collinson/der gechartete Jet. Jemand hat keine Kosten gescheut, zweimal Chartermaschine geschickt. Die russische Botschaft. Penrith’s Bar und ›I.M.‹, das Russian Society Committee. 7. April ist in Russland und Moskau ganz normaler Tag. Keine neuen Erkenntnisse. Bin keinen Schritt weiter.« Am Nachmittag beim Einchecken hatte er sich im Geschenkladen des Hotels ein kleines Tagebuch gekauft und vor dem Zubettgehen die ersten Eintragungen darin vorgenommen. Er hatte nichts herausfinden können – der Einfall, den Maler nach Aubrey Collinson zu fragen, hatte sich als Schuss in den Ofen erwiesen –, aber er hatte Gene VerMeer gesehen. Der Detective aus Los Angeles war hier, und es konnte gut sein, dass der blonde Barkeeper ihn bereits angerufen und darüber informiert hatte, dass ein Mann in die Bar gekommen war, um sich nach »I. M.« zu erkundigen, ein Mann, auf den die von ihm gegebene Beschreibung passte. Ein Amerikaner namens Marten. Oder Martin, wie er vermutlich verstanden hatte. Angenommen, es war so, dann ging VerMeer dem Hinweis bereits nach und ließ von Scotland Yard alle Hotels in London nach einem Amerikaner namens »Martin« abklappern. Wie lange würde es dauern, bis sie in seinem Hotel anriefen und erfuhren, dass ein Amerikaner namens Marten hier wohnte? Nur die Schreibweise wich etwas ab. Aber VerMeer würde sich den, Teufel darum scheren, und es wäre nur eine Frage der Zeit, bis es laut an seine Tür klopfte. Marten wälzte sich herum und versuchte einzuschlafen. Wahrscheinlich hätte er gar nicht in Penrith’s Bar gehen sollen. Möglich, dass VerMeer ihn gar nicht suchte. Aber er hatte sich nach »I.M.« erkundigt, und das allein bewies, dass das LAPD den Fall Raymond keineswegs ad acta gelegt hatte, wie es öffentlich verkündete. Um ein Haar wäre er VerMeer in die Arme gelaufen. Es war reines Glück, dass er ihn nicht gesehen hatte. In Zukunft musste er vorsichtiger sein. In London waren Rebecca und er sicher. Hier hatten sie die Chance, ein neues Leben zu beginnen. Das durfte er nicht aufs Spiel setzen. In Rebeccas und in seinem Interesse musste er Raymond und alles, was mit ihm zusammenhing, vergessen. Deshalb hoffte er inständig, dass VerMeer den Barkeeper nicht nach ihm gefragt und dieser nicht gehört hatte, wie Clementine Simpson seinen Namen rief. Er sah zum Wecker. 23.59 Uhr. Die Sirene eines Rettungsfahrzeugs heulte draußen vorüber und verklang. Wieder vernahm er das Rauschen des Verkehrs und dann die lauten Stimmen von Gästen, die auf dem Flur am Zimmer vorbeigingen. Schlief London eigentlich nie? Der echte Nicholas Marten kam ihm in den Sinn. Zehn Tage zuvor, am Freitag, dem 22. März – am selben Tag, an dem die Detectives Polchak, Lee und Valparaiso von der Squad 5-2 unter starker Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt worden waren –, hatte er, damals noch John Barron, in Los Angeles ein Flugzeug nach Boston bestiegen, war nach Montpelier in Vermont weitergeflogen und hatte dort übernachtet. Am nächsten Morgen fuhr er in aller Frühe mit einem Mietwagen in das kleine Dorf Coles Corner und traf sich mit, Hiram Ott, dem jovialen Verleger und Chefredakteur des Lokalblatts Lyndonville Observer, das die ländliche Region im nördlichen Mittelvermont bediente. »Sein Name war Nicholas Marten«, sagte Hiram Ott und führte ihn über eine Wiese, auf der stellenweise noch Schnee lag. »Marten mit ›e‹, nicht Martin mit ›i‹. Er ist im selben Jahr und Monat wie Sie geboren, aber das wissen Sie ja wohl schon.« »Ja«, nickte Barron. Er ging am Stock, da sein rechtes Bein noch sehr schmerzte, und setzte auf dem holprigen Grasboden vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Das Treffen mit Hiram Ott hatte Dan Ford arrangiert. Dan war nur Tage nach der Metrolink-Schießerei befördert und an das Washingtoner Büro der Los Angeles Times versetzt beziehungsweise wegen seiner engen Beziehung zu John Barron »vorsorglich evakuiert« worden, wie er selbst es ausdrückte. Er und seine Frau Nadine wohnten jetzt in einer Drei-Zimmer- Wohnung am Potomac, wo die gebürtige Pariserin Nadine sich sehr viel heimischer fühlte als in Los Angeles und Französischunterricht für Erwachsene gab, während ihr Mann über politische Themen berichtete. Obwohl der Umzugstrubel Dan achtzehn Stunden täglich auf Trab hielt, fand er die Zeit, seine Beziehungen als Reporter und Absolvent der Journalistenschule an der Northwestern University spielen zu lassen. Damit John Barron spurlos verschwinden konnte, musste er ein ganz anderer werden. Früher wäre das keine große Sache gewesen. Allein in L. A. hätte er ein halbes Dutzend Straßen gekannt, wo man für ein paar hundert Dollar innerhalb von Minuten eine neue Identität erhielt, komplett mit Geburtsurkunde, Sozialversicherungskarte und kalifornischem Führerschein. Doch die Zeiten hatten sich geändert. Behörden im ganzen Land, von den nationalen Sicherheitsorganen bis, hinunter zu den örtlichen Polizeibehörden und Finanzämtern, bauten riesige Datenbanken auf, um Betrügern auf die Schliche zu kommen. Aus diesem Grund musste seine neue Identität so echt sein wie nur irgend möglich. Er brauchte die gültige Geburtsurkunde und Sozialversicherungsnummer eines Mannes in seinem Alter, der erst kürzlich gestorben, aber noch nicht ins Sterberegister eingetragen war. So jemanden auf die Schnelle zu finden, hielt er für nahezu unmöglich, ja aussichtslos. Doch Dan Ford war anderer Meinung. Unüberwindlich scheinende Hindernisse erforderten nur einen höheren Einsatz. In aller Eile verschickte er eine Flut von E-Mails – einen merkwürdigen Appell, wie er es nannte. Er arbeite, so schrieb er, gerade an einer politisch brisanten Story. Dabei gehe es um Menschen, die unlängst verstorben seien, deren Name aber aus dem einen oder anderen Grund noch in Wählerverzeichnissen geführt würden. Mit anderen Worten, er arbeite an einem Artikel über Wahlbetrug. An diesem Punkt kam Hiram Ott ins Spiel. Gegen Mitternacht antwortete er auf Dan Fords Anfrage. Ob Ford jemals von einem gewissen Nicholas Marten gehört habe? Nein. Natürlich nicht. Das hatte kaum jemand. Nicholas Marten, der uneheliche Sohn eines kanadischen Truckers und einer Witwe aus Vermont, war mit vierzehn durchgebrannt und hatte sich als Schlagzeuger einer Rockband angeschlossen. Seitdem hatte man nichts mehr von ihm gehört. Erst zwölf Jahre später, als er an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt war und wusste, dass er nur noch Wochen zu leben hatte, kehrte er nach Coles Corner zurück, um seine Mutter noch einmal zu sehen. Doch er fand nur ihr Grab auf dem Familienfriedhof ihrer kleinen Farm. In seiner Verzweiflung und Einsamkeit wandte er sich Hilfe suchend an den einzigen Menschen, den er kannte, den Freund der Familie und eingefleischten Junggesellen Hiram Ott. Ott nahm ihn bei sich auf und bemühte sich, eine Sterbeklinik für ihn zu finden, wo er, in seinen letzten Tagen medizinisch betreut werden konnte. Die Mühe hätte er sich sparen können. Nicholas starb zwei Tage später in seinem Gästezimmer. Da Ott nebenbei auch noch in amtlichem Auftrag die Personenstandsbücher im County führte, stellte er eine Sterbeurkunde aus und ließ Marten im Familiengrab neben seiner Mutter beisetzen. Doch aus irgendeinem Grund kam er nicht dazu, die Urkunde zu den Akten zu nehmen. Sie lag seit über einem Monat in einem Fach in seinem Büro, als ihn die E-Mail Dan Fords erreichte, mit dem er zusammen an der Northwestern studiert hatte. Bei dem nachfolgenden Telefongespräch schenkte ihm Ford reinen Wein ein – er habe einen sehr guten Freund, dessen Leben in Gefahr sei und der eine neue Identität brauche. Ob er ihm helfen könne? In jedem anderen Fall hätte Hiram Ott entschieden abgelehnt. Doch hier spielten noch andere Aspekte eine Rolle. Zum einen war Hiram Ford kein Kind von Traurigkeit und immer für einen Streich gut. Zum anderen wussten nur noch wenige Leute in Coles Corner, dass Edna Mayfield vor sechsundzwanzig Jahren Nicholas Marten als uneheliches Kind geboren hatte, und noch weniger wussten, dass dieser Marten in die Stadt zurückgekommen und hier gestorben war, und keiner außer ihm selbst wusste, dass noch kein Eintrag im Sterberegister existierte. Außerdem hatte ihm Marten am Nachmittag vor seinem Tod anvertraut, dass er sich für sein verpfuschtes Leben schäme und gern etwas für einen anderen Menschen tun würde. Doch erst der letzte Punkt gab den Ausschlag. Als Ford noch an der Northwestern studierte, hatte er Hiram Ott einmal aus der Klemme geholfen und ihn vor einer tüchtigen Abreibung bewahrt, als dieser die Freundin eines besonders großen und eifersüchtigen Uni-Footballers angebaggert hatte. Seitdem stand Hiram Ott in seiner Schuld. Und an diesem Frühjahrstag, als er mit John Barron in Coles Corner über eine Wiese ging und ihn zu Nicholas Martens namenlosem Grab auf dem kleinen Familienfriedhof führte,, schickte er sich an, diese Schuld abzutragen. Was Barron anging, so war er gekommen, um Hiram Ott persönlich für seine Hilfe zu danken und in Erfahrung zu bringen, wessen Identität er annahm. Wer der Mann war, in dessen Haut er schlüpfte, wo er seine Kindheit verbracht hatte, wie das Land, die Stadt und die Menschen aussahen. Doch er war auch gekommen, weil er Schuldgefühle hatte und dem Toten seinen Respekt erweisen wollte. Und weil er sich wappnen musste für den Fall, dass ihn eines Tages jemand nach seiner Vergangenheit fragen sollte. Er versuchte, seine Gefühle zu verbergen, doch er spürte, dass Hiram Ott ihm anmerkte, wie aufgewühlt er war und wie sehr er mit sich rang. So etwas tat man schließlich nicht jeden Tag. Und dies war auch der Grund, warum ihn der stämmige Zeitungsverleger plötzlich in die Arme nahm und fest drückte, dann einen Schritt zurücktrat und sagte: »Das bleibt ein Geheimnis zwischen Ihnen, mir, Dan Ford und dem lieben Gott. Kein anderer wird jemals davon erfahren. Und nebenbei bemerkt, hätte es Nicholas auch so gefallen. Machen Sie sich also keine Gedanken. Nehmen Sie es einfach als Geschenk.« John Barron überlegte, bewegt und noch unschlüssig, dann lächelte er: »Okay«, sagte er. »Okay.« »In diesem Fall …«, Hiram Ott grinste breit und streckte ihm die Hand entgegen, »… lassen Sie mich der Erste sein, der Sie so nennt – Nicholas Marten.« 1.15 Uhr Nicholas Marten drehte sich im Dunkeln auf die andere Seite und spähte zur Zimmertür. Sie war abgeschlossen, die Kette vorgelegt. Wie schon die ganze Zeit. Vielleicht hatte der Barkeeper gar nicht angerufen. Vielleicht hatte VerMeer gar nicht nach ihm gefragt., 1.30 Uhr. Draußen kam London endlich zur Ruhe., York House, Balmore Clinic, der folgende Tag, Dienstag, 2. April, 11.30 Uhr Marten bahnte sich einen Weg durch die Eingangshalle der Klinik, in der es von Menschen wimmelte. Ein Dutzend Schritte noch, und er bog in einen weniger belebten Flur ab und steuerte auf einen Ausgang zu. Die letzten beiden Stunden hatte er mit Rebecca verbracht und anschließend kurz mit Dr. Maxwell-Scot gesprochen. Sie war positiv überrascht, wie schnell sich Rebecca einlebte, und wollte sie schon am Nachmittag in ihre erste gruppentherapeutische Sitzung schicken. Wieder hatte Rebecca ihm versichert, dass es ihr gut gehe, wenn es ihm gut gehe. Das tat sie ständig. Auf diese Weise wollte sie ihm helfen und sich selbst beruhigen. Und so hatte er erwidert, dass er seine freie Zeit genieße, Schlaf nachhole und sich London ansehe. Lachend hatte er ihr erzählt, dass er am Abend zuvor einen Streifzug durch London unternommen und dabei in einem Pub zufällig Clementine Simpson getroffen habe. Sie mochte Clementine Simpson und war begeistert. Alles andere hatte er ihr verschwiegen. Dass er beinahe über Gene VerMeer gestolpert und aus welchem Grund er überhaupt in den Pub gegangen war. Auch von seinem Gespräch mit Dan Ford hatte er ihr nichts erzählt. Er hatte Dan gleich nach seiner Rückkehr ins Hotel in Washington angerufen, ihm die Sache mit VerMeer erzählt und ihn gebeten herauszufinden, wie intensiv das LAPD noch im Fall Raymond ermittelte. Ford hatte am frühen Morgen zurückgerufen und berichtet, dass VerMeer auf eigenen Wunsch und allein nach London gereist war und noch am selben Tag in L. A. zurückerwartet, wurde. Dass er allein geflogen war, konnte in Dans Augen nur bedeuten, dass der offizielle Grund seiner Reise – Ermittlungen im Fall Raymond – ein Vorwand war und er in Wahrheit John Barron suchte, möglicherweise sogar mit Billigung des LAPD. Aus diesem Grund hatte Dan ihm dringend geraten, die Finger von der Sache zu lassen und unsichtbar zu bleiben. Diese Warnung ging Marten noch im Kopf herum, als er den Ausgang erreichte und auf den Bürgersteig trat. Er überlegte, wie er sich und Rebecca schützen konnte. Dann fiel sein Blick auf ein Plakat, das für den kommenden Sonntag, den 7. April, zu einem Ballettabend im Festsaal der Balmore Clinic einlud. 7. April! Da war sie wieder! Seine innere Stimme, wie ein Aufschrei – »7. April/Moskau«. Er hatte die Zeit aus den Augen verloren. Der 7. April war der kommende Sonntag! Ganz gleich, was die russischen Ermittler in L. A. oder die russischen Studenten in Penrith’s Bar gesagt hatten. Für ihn war der 7. April kein Tag wie jeder andere. Es musste eine besondere Bewandtnis damit haben. Warum sonst hätte sich Raymond dieses Datum notieren sollen? Was hatten Raymond oder seine Hintermänner an diesem Tag in Moskau geplant? Die Sicherheitsbehörden hatten einhellig bestritten, dass Raymond in eine größere Verschwörung verwickelt gewesen sei. Was aber, wenn sie mit ihrem offiziellen Dementi gar nicht abwiegeln wollten. Was, wenn es ernst gemeint war und sie gar nicht daran dachten, die Nachforschungen heimlich fortzusetzen, wie er vermutete? Wenn »7. April/Moskau« für sie tatsächlich nur die Notiz eines wahnsinnigen Mörders war und ihr keiner außer ihm eine Bedeutung beimaß? Was dann? Würden sie den Fall einfach einem kleinen Beamten über- tragen und vergessen? Höchstwahrscheinlich, denn sie hatten ja, keine konkrete Spur. Das Problem war, dass keiner von ihnen Raymond so kannte wie er, keiner seine maßlose Arroganz erlebt, ihm in die Augen geblickt hatte, wusste, wie er operierte. Was, wenn am kommenden Sonntag in Moskau ein Anschlag geplant war? Schluss jetzt!, sagte er sich. Hör auf, dir darüber den Kopf zu zerbrechen. Vergiss Raymond! Denk an Dans Warnung. Lass die Finger von der Sache. Denk an Rebecca und deine Zukunft. Du kannst ja doch nichts tun. Marten holte tief Luft. An der Ecke blieb er stehen und wartete darauf, dass die Ampel umsprang. Brüllend meldete sich die Stimme zurück. »I.M.« Und immer wieder »7. April/Moskau«. Vielleicht war der 7. April nur ein gewöhnliches Datum und als Hinweis einfach zu vage. Das Kürzel »I.M.« war ebenso vage, aber mehr als ein Datum, ein paar Tresorfachschlüssel, ein Haus, ein Botschaftsgebäude oder ein gechartertes Flugzeug, denn hinter »I.M.« verbarg sich mit ziemlicher Sicherheit eine Person. Und was auch immer der wahre Grund für VerMeers Londonreise gewesen sein mochte: Er maß »I.M.« so viel Bedeutung bei, dass er den Barkeeper im Penrith’s danach gefragt hatte. Heute war Dienstag, also noch Zeit. Wenn er herausfand, wer sich hinter »I.M.« verbarg, und ihn aufspürte, fand er vielleicht auch heraus, was am Sonntag in Moskau geplant war. Vorsatz hin oder her, er musste es versuchen. Abrupt machte er kehrt und ging in die Balmore Clinic zurück. Beim Barkeeper im Penrith’s und bei den russischen Studenten mochte er kein Glück gehabt haben, aber da war noch jemand, der ihm vielleicht helfen konnte. In dem kleinen engen Büro der Balmore Foundation, in dem Clementine Simpson saß, herrschte im Moment Stille, denn alle sechs Mitarbeiter starrten ungeduldig auf ihre dunklen Bildschirme. Offensichtlich waren die Computer ausgefallen,, und sie warteten darauf, dass sie weiterarbeiten konnten. »Mr. Marten!«, rief Clementine Simpson und erhob sich, als sie ihn sah. »Wie nett von Ihnen, dass Sie vorbeischauen.« »Ich war bei meiner Schwester und wollte gerade gehen, da fiel mir auf, wie spät es ist. Hätten Sie vielleicht Lust, mit mir essen zu gehen?« »Na ja«, sagte sie lächelnd und blickte zu den immer noch dunklen Monitoren, »warum nicht?«, Spaniards Inn, Spaniards Road, Hampstead, 12.20 Uhr »Das war die Stammkneipe von Lord Byron, Shelley und Dick Turpin, dem berüchtigten Straßenräuber aus dem 18. Jahrhundert, der hier zwischen seinen Kutschenüberfällen einen zur Brust zu nehmen pflegte, sagt jedenfalls die Legende«, erklärte Clementine Simpson, als sie in dem Gasthaus aus dem 16. Jahrhundert an einem Ecktisch Platz nahmen und in den sonnendurchfluteten Garten hinausblickten. »Und das war mein erster und letzter historischer Kommentar.« »Danke«, sagte Marten schmunzelnd. Clem Simpson trug wie am Vortag ein viel zu großes dunkelblaues Kostüm, das jeden Schick vermissen ließ. Diesmal hatte sie dazu eine gestärkte und bis zum Hals zugeknöpfte weiße Bluse an und kleine goldene Ohrringe, um die sich ihr kastanienbraunes Haar kringelte. Auf ihre Weise war sie, obwohl sie sich offenbar alle Mühe gab, es zu verbergen, ziemlich attraktiv. Ein Kellner, der so aussah, als bediene er hier schon seit Dick Turpins Zeiten, brachte die Karte, und als er fragte, was die Herrschaften zu trinken wünschten, bestellte sie, ohne lange nachzudenken, ein Glas Châteauneuf-du-Pape. »Das ist ein sehr feiner Rhone-Wein, Mr. Marten«, erklärte sie. »Nicholas.« »Nicholas«, wiederholte sie lächelnd. Nicholas Marten trank nie Alkohol zum Lunch, doch aus, irgendeinem Grund hörte er sich sagen: »Gute Idee.« Der Ober nickte und entfernte sich. Marten sah ihm nach, und dann kam er wie nebenbei auf das Thema zu sprechen, das ihn bewogen hatte, sie zum Essen einzuladen. »Gestern Abend in Penrith’s Bar kam ich beim Rausgehen an einem kleinen Nebenzimmer vorbei. Dort saß eine Gruppe russischer Studenten unter einer Fahne, auf der Russian Society Committee stand. Ich habe sie gefragt, was sie so machen, worauf sie antworteten, dass sie sich regelmäßig treffen und darüber diskutieren, was in ihrer Heimat geschieht. Und da Sie mir gestern erzählt haben, dass Sie recht häufig ins Penrith’s gehen, wenn Sie in der Stadt sind, dachte ich mir, dass Sie vielleicht mehr darüber wissen.« »Über das Russian Society Committee?« »Ja.« Der Kellner brachte den Châteauneuf-du-Pape und zwei Gläser. Er goss einen Schluck ein und stellte das Glas vor Clementine Simpson hin. Sie ergriff es, kostete und nickte. Darauf füllte er beide Gläser, ließ die Flasche auf dem Tisch stehen und entfernte sich. Clementine spielte mit ihrem Glas und sah Marten an. »Tut mir Leid, dass ich Sie enttäuschen muss, Nicholas, aber ich weiß nichts über ein ›Russian Society Committee‹. Die Fahne habe ich gesehen, aber ich habe keine Ahnung, was das für Leute sind und was sie tun. Aber das will nichts heißen. In London leben eine Menge Russen, und die Gegend ums Penrith’s ist eine russische Hochburg. Ich könnte mir vorstellen, dass es dort alle möglichen Komitees und Vereine gibt.« Sie hob ihr Glas und nahm einen kräftigen Schluck. »Haben Sie mich deshalb zum Lunch eingeladen?« Sollte er immer noch befürchtet haben, dass Dr. Flannery zu viele Informationen über Rebecca und ihn an die Balmore Clinic weitergegeben haben könnte, so war er jetzt beruhigt, zumindest, was Clementine Simpson betraf. Ihr Verhalten und ihre Reaktion auf seine Frage zeigten ihm, dass sie keine Ahnung hatte, wer er war und warum er ihr solche Fragen stellte. Gleichwohl hatte er damit gerechnet, dass sie ihn nach dem Grund fragen würde. Er hatte eine Antwort parat. Sie entsprach zwar nicht der Wahrheit, würde aber mit Sicherheit ihren Zweck erfüllen. »Ich habe Ihnen gestern Abend doch erzählt, dass ich im Penrith’s war, weil mir im Flugzeug jemand gesagt hatte, es sei ein gutes Lokal, um Londoner Atmosphäre zu schnuppern. Dieser Jemand …«, er hob sein Glas und nahm einen Schluck, »… war eine sehr attraktive junge Russin. Deshalb bin ich hingegangen. Ich hatte gehofft, sie dort zu treffen …« »Und sind stattdessen auf die Fahne gestoßen.« »Ja.« »Sie hatten einen langen Flug hinter sich. Dazu die Aufregung und Sorge um Ihre Schwester und obendrein der Jetlag, und trotzdem haben Sie sich aufgerafft und sind auf gut Glück durch halb London gefahren?« Das Glas in der Hand, lehnte sich Clementine zurück und lächelte gezwungen. »Sie muss sehr attraktiv gewesen sein.« »Das war sie.« Auf eine so schlagfertige Antwort war er nicht gefasst gewesen. Hatte sie noch mehr Überraschungen auf Lager? Sie zog sich vielleicht wie eine alte Jungfer an, aber sie benahm sich ganz und gar nicht wie eine. »Ich weiß nicht mal ihren Namen. Sie hat sich nur ›I.M.‹ genannt.« »Sind das ihre Initialen?« »Vermutlich, oder ein Spitzname. Sie sagten doch, dass Ihre Freunde sich seit Jahren im Penrith’s treffen. Und da habe ich mich gefragt, ob einer von ihnen vielleicht Kontakt zu den Russen hat, die dort verkehren.« »Und Ihnen bei der Suche nach der jungen Dame behilflich sein könnte?«, »Genau.« Clementine musterte ihn kurz, dann zeigte sie wieder das gezwungene Lächeln. »Sie hat es ja richtig erwischt.« »Ich würde sie nur gern wiedersehen.« Er war sich darüber im Klaren, dass der Versuch, mit Clementine Simpsons Hilfe etwas herauszufinden, nicht sehr erfolgversprechend war, doch sie war seine einzige konkrete Verbindung zum Penrith’s und seinen Stammgästen. Vielleicht kam er ja durch sie oder ihre Bekannten an jemanden heran, der »I.M.« kannte oder von ihm gehört hatte, immer vorausgesetzt, das Kürzel stand überhaupt für eine Person. Sie brauchte jetzt nur zu sagen: Nun ja, wir kennen da jemanden mit den Initialen ›I.M.‹, aber dieser Jemand dürfte kaum dem entsprechen, was Sie sich unter einer reizenden jungen Dame vorstellen. Diese ›I. M.‹ ist nämlich keine Sie, sondern ein Er und obendrein fünfzig Jahre alt und zweieinhalb Zentner schwer. Dann hätte er zumindest eine Beschreibung. Das wäre ein Anfang, und er könnte vielleicht herauskriegen, wo die Person zu finden war. »Ist sie blond?«, fragte Clementine mit hochgezogener Augenbraue. Nun musste er sich etwas einfallen lassen. »Nein, Sie hat kastanienbraunes Haar, halblang.« Er hielt inne. »So wie Sie.« Clementine Simspon sah ihn groß an, nahm noch einen Schluck Wein, griff in ihre Handtasche und zog ein Handy hervor. Sekunden später sprach sie mit einer Frau namens Sofia und bat sie, ihr bei der Suche nach einer »scharfen russischen Braut« (ihre Worte) mit halblangen, rotbraunen Haaren und den Initialen oder dem Spitznamen »I.M.« zu helfen. Sie bedankte sich, beendete das Gespräch und sah Marten an. »Ich habe Ihnen gestern Abend im Penrith’s doch gesagt, dass wir den Geburtstag einer Freundin gefeiert haben. Diese Freundin war Sofia. Sie ist achtzig geworden und vor, fünfundvierzig Jahren aus Moskau gekommen. Seitdem hat sie praktisch jeden russischen Immigranten unter ihre Fittiche genommen, der nach London verschlagen wurde. Wenn jemand Ihre süße Maus finden kann, dann sie.« Sie trank noch einen Schluck Wein und begann die Speisekarte zu studieren. Marten musste über Clems beinahe schulmädchenhafte Spitzen gegen eine Frau, die gar nicht existierte, innerlich schmunzeln. Er nippte an seinem Wein und nahm die Karte zur Hand. Er hatte getan, was er konnte, außer im Viertel rund ums Penrith’s Klinken zu putzen und nach einer Person namens »I.M.« zu fragen. Aber das war zu gefährlich. Gene VerMeer und die Londoner Polizei waren bestimmt auf dieselbe Idee gekommen, auch wenn es ein großes Viertel mit vielen Klinken war. Womöglich würde er ihnen in die Arme laufen und müsste unliebsame Fragen beantworten. Das würde ihm gerade noch fehlen. Er konnte also nur abwarten und hoffen, dass Sofia etwas herausfand, und sich getrost dem Lunch und dem Smalltalk mit Clementine Simpson widmen. An das, was in den folgenden anderthalb Stunden geschah, konnte er sich hinterher nicht mehr genau erinnern. Sie bestellten das Essen. Der Kellner schenkte Wein nach. Irgendwann sagte Clementine, wie schon am Vorabend, er solle sie »Clem« nennen. Dann, nach dem Essen, als der Kellner das Geschirr abräumte – und daran erinnerte er sich noch genau –, hob »Clem« die Hand und öffnete den obersten Knopf ihrer Bluse. Nur den obersten, nicht mehr, doch irgendwie war es die aufreizendste Geste einer Frau, die er je gesehen hatte. Vielleicht war es das, und natürlich der Châteauneuf, was den Stein ins Rollen brachte. Ehe sie sich versahen, sprachen sie über Sex. Und dabei ließ Clem Simpson zwei Bemerkungen fallen, die, wenn es nach ihm ging, zu den absoluten Highlights in der Geschichte schierer Erotik gehörten. Die erste begleitete, sie mit einem süffisanten Grinsen: »Ich lege mich gern zurück und lasse den Mann die ganze Arbeit machen.« Die zweite, die wenig später folgte, betraf ihre Brüste. »Meine sind nämlich wirklich groß, müssen Sie wissen.« Die Unterhaltung verscheuchte jeden weiteren Gedanken an »I.M.« und gipfelte darin, dass sie ihm ein eindeutiges Angebot machte. Sie neigte den Kopf, sah ihn an und fragte: »Haben Sie heute Abend schon was vor?« Er antwortete mit einer Gegenfrage, mit der er die Sache auf den Punkt brachte und sie zwang, ihre Karten auf den Tisch zu legen: »Haben Sie nachher schon was vor?« Ihre Antwort führte sie auf direktem Weg und innerhalb von Minuten in sein Hotelzimmer in Hampstead., 15.52 Uhr Sie waren, jedenfalls im Augenblick, nicht mehr schweißge- badet und lagen nackt im Halbdunkel hinter den geschlossenen Jalousien, sahen abwechselnd zur Decke und einander in die Augen. Er spielte mit diesem oder jenem Teil ihres Körpers. Clems Busen war groß, wie sie gesagt hatte, und er konnte eine Brust kaum mit beiden Händen umfassen. Am besten, oder zumindest am zweitbesten, gefielen ihm die großen Ringe um die Nippel. Wenn er sie mit der Zunge berührte, sprossen überall kleine Knospen, mit der unausbleiblichen Folge, dass er erneut eine Erektion bekam, deren Größe ihn selbst erstaunte. Es war schwer, zwischen Wollust, Leidenschaft und echter gegenseitiger Zuneigung zu unterscheiden. Er wusste nur, dass er einer solchen Frau noch nie begegnet war. Intelligent und fürsorglich, lebenslustig und humorvoll und bisweilen richtig vulgär. Wie etwa unter der Dusche, als sie herumalberten, sich lachend gegenseitig einseiften und sie dann plötzlich seinen Penis in den Mund nahm und ihn fast zum Höhepunkt brachte, anschließend wieder aufstand, ihm den Hintern hinstreckte und keuchte: »Mach mir’s wie ein Hund, Nicholas.« Was er sich nicht zweimal sagen ließ. Jetzt, als er neben ihr lag, in den noch feuchten Laken, fragte er sich, ob sie wirklich glaubte, was er ihr über seine Narben am Oberschenkel, an der Schulter und am Oberarm erzählt hatte. Er hatte sich die Geschichte vor der Abreise nach London ausgedacht, denn er wusste, dass er befremdliche Blicke auf sich ziehen würde, wenn er irgendwo Sport treiben wollte, zum Arzt, gehen musste oder das Glück hatte, so wie jetzt mit einer attraktiven Frau im Bett zu landen. Nach dem College, so lautete seine Geschichte, habe er eigentlich Jura studieren wollen, sich Rebeccas wegen aber eine feste Anstellung suchen müssen. Ein Freund beim Fernsehen habe ihm einen Job als Regieassistent bei einer kleinen Produktionsfirma besorgt. Später sei er als Coproduzent einge- stiegen. Bei den Dreharbeiten zu einem Actionfilm sei ein Stunt schief gegangen und ein Benzinkanister explodiert. Er sei von Splittern verletzt worden und habe tagelang im Krankenhaus gelegen. Die an ihn ausbezahlte Versicherungssumme habe ihm ermöglicht, Rebecca in die Balmore Clinic zu bringen, was er schon lange habe tun wollen. »Und was willst du jetzt anfangen?« Clem rollte sich herüber und sah ihn an, als habe auch sie gerade an seine Geschichte gedacht. »Jura studieren?« »Nein.« Er lächelte erleichtert. Sie glaubte ihm, zumindest hatte es den Anschein. »Ich …« Er wog seine Worte sorgsam ab. »Ich habe das Interesse daran verloren.« »Was willst du dann tun?« »Ich weiß nicht.« Sie stützte sich auf den Ellbogen und sah ihm direkt in die Augen. »Was hattest du vor, bevor du dich um deine Schwester kümmern musstest? Hast du keine Träume gehabt?« »Träume?« »Ja«, sagte sie mit funkelnden Augen. »Wie kommst du denn darauf, dass ich Träume hatte?« »Jeder Mensch hat Träume.« Nicholas Marten sah sie an. Sah, wie sie auf seine Antwort wartete, als interessiere es sie wirklich, was in ihm vorging. »Wovon hast du geträumt, Nicholas?«, fragte sie wieder und, lächelte verhalten. »Sag es mir.« »Du meinst, was ich mit meinem Leben anfangen wollte?« »Ja.«, »Ich wollte Landschaftsarchitektur studieren«, sagte er. Clementine Simpson, die um vier Uhr nachmittags splitternackt in Nicholas Martens Zimmer im Holiday Inn in Hampstead lag, sah ihn verwundert an. »Landschaftsarchitektur?« »Schon als Kind war ich von Gartenanlagen fasziniert. Keine Ahnung, warum. Ich habe Bücher darüber gesammelt. Anlagen wie Versailles, die Pariser Tuilerien, Gärten in Italien und Spanien haben mich begeistert. Die spirituelle Magie …«, er lächelte versonnen, »… fernöstlicher Gestaltungskunst, Anlagen wie Ryotan-ji, der Zen-Tempel in Hikone, Shiga oder Katsura Rikyu, die Kaiservilla in Kioto. Gestern habe ich mir, obwohl ich um Rebecca besorgt war und unter Jetlag litt, Kensington Gardens angesehen. Toll.« »Katsura Rikyu?«, fragte Clem, plötzlich Argwohn in der Stimme. »Ja, wieso?« »Erzähl mir mehr.« »Wieso?« »Erzähl einfach.« Marten zuckte die Schultern. »Ich habe ursprünglich an der Cal Poly State University in San Luis Obispo studiert – das liegt an der kalifornischen Küste zwischen L. A. und San Francisco …« Er hielt inne. Von der Ermordung seiner Eltern und seinem plötzlichen Wechsel an die Universität von Kalifornien in Los Angeles durfte er nicht erzählen, denn das würde zu den späteren Ereignissen führen. Er nahm den Faden wieder auf., »Rebecca wohnte damals bei mir. Ich hatte eine Wohnung in Campusnähe. Als sie krank wurde, beschlossen wir, nach Los Angeles zu ziehen, weil sie dort am besten aufgehoben war, und so wechselte ich an die UCLA.« Nur Dr. Maxwell-Scot hatte Einblick in Rebeccas Krankenakte, und er musste darauf vertrauen, dass sie ihr Wissen für sich behielt. »Mein Hauptfach war damals Englisch, weil man in dem Fach am leichtesten einen Studienplatz bekam. Aber in den ersten Jahren belegte ich auch Kurse im Fachbereich Kunst und Architektur. Kurse mit Namen wie ›Grundlagen der urbanen Gestaltung‹ oder ›Theorien der Landschaftsarchitektur‹.« Er legte sich zurück und sah an die Decke. »Du hast mich gefragt, was ich gern getan hätte. Na ja, ich hätte gern gelernt, wie man solche architektonischen Gärten plant und anlegt.« Clem beugte sich drohend über ihn, sodass ihr Busen seine Brust berührte. »Du nimmst mich auf den Arm«, sagte sie mit gespielter Empörung, aber auch mit einem gereizten Ton in der Stimme, der verriet, dass sie nicht wenig pikiert war. »Was?« »Du nimmst mich auf den Arm, du weißt alles über mich.« Marten rückte von ihr weg, als sei es ein Fehler gewesen, ihr seine geheimsten Träume anzuvertrauen. »Ich kenne dich kaum anderthalb Tage. Wie könnte ich alles über dich wissen?« »Aber du tust es, verdammt.« »Nein, tue ich nicht, verdammt.« »Woher weißt du dann, was ich mache?« »Was machst du denn?« »Na das.« »Was na das?« »Landschaftsarchitektur.« »Was?«, »In der Klinik arbeite ich nur ehrenamtlich. Von Beruf bin ich Dozentin für Stadtplanung und Landschaftsgestaltung an der Universität Manchester. Unter anderem bilde ich Landschaftsarchitekten aus.« Marten starrte sie an. »Jetzt nimmst du mich auf den Arm.« »Nein.« Clementine Simpson sprang aus dem Bett und verschwand im Badezimmer. Als sie wieder auftauchte, war sie in ein Handtuch gewickelt. »Du warst an der Universität von Kalifornien?« »Und du hast deinen Bachelor in Englisch gemacht und im Wahlfach Landschaftsarchitektur studiert?« »Ja«, sagte Marten grinsend. »Wieso?« »Hast du noch Lust?« »Wozu? Dich noch mal zu lieben?« Lachend zupfte er an ihrem Handtuch. »Wenn du willst, ich bin bereit.« Sie trat zurück, zog das Handtuch fester. »Ich rede von der Universität. Hättest du Lust, nach Manchester zu gehen und wieder Landschaftsarchitektur zu studieren?« »Du machst Scherze.« »Von London nach Manchester sind es drei Stunden mit dem Zug. Du könntest an die Universität gehen und Rebecca trotzdem so oft besuchen, wie du möchtest.« Marten sah sie sprachlos an. Das Studium fortsetzen, noch dazu in einem Fach, von dem er seit seiner Kindheit träumte, das war ihm nie in den Sinn gekommen. »Am Samstag fahre ich nach Manchester zurück. Komm mit. Sieh dir die Uni an. Sprich mit ein paar Studenten. Bilde dir selbst ein Urteil.« »Du fährst am Samstag …« »Ja. Samstag.«, Manchester, England, Samstag, 6. April, 16.45 Uhr Nicholas Martens und Clem Simpsons Zug lief um zwölf nach vier mit exakt zweiunddreißig Minuten Verspätung bei strömendem Regen in der Manchester-Piccadilly Station ein. Um halb fünf hatte Marten sich im Portland Thistle Hotel in der Portland Street ein Zimmer genommen, und fünfzehn Minuten später durchschritt er mit Clem unter einem großen Regenschirm den Torbogen eines gotischen Gebäudes, auf dem die Inschrift University of Manchester prangte. Inzwischen war er um zwei Erkenntnisse reicher, um zwei Erkenntnisse ganz unterschiedlicher Natur. Sie waren kaum eine Stunde im Zug unterwegs gewesen, als Clems mütterliche Freundin, die russische »Detektivin« Sofia, anrief und Bericht erstattete. Sie hatte sich nicht nur im Viertel rund um das Penrith’s, sondern unter sämtlichen russischen Emigranten im achthundert Quadratmeilen großen Londoner Stadtgebiet umgehört, jedoch zur Überraschung fast aller Beteiligten keine Person mit dem Spitznamen oder den Initialen »I. M.« gefunden, auch niemanden, auf den Martens Beschreibung passte. Spaßeshalber hatte sie sogar die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass die junge Russin ihm einen Streich gespielt hatte und »I.M.« für etwas anderes stand, einen Ort, eine Sache oder irgendeine Organisation. Doch auch dabei war nichts herausgekommen. Mit anderen Worten: Kein Kenner der Szene konnte mit dem Kürzel »I.M.« etwas anfangen. Das ließ natürlich die Möglichkeit offen, dass die Person, mit der sich Raymond hatte treffen wollen, gar nicht in, London lebte. Oder gar kein Russe war. So oder so war Martens letzte Hoffnung dahin, mehr über »I.M.« zu erfahren. Die zweite Neuigkeit hatte ihn in höchstem Maß erstaunt. Clementine Simpson war nicht einfach nur »Clem« oder Miss Clementine Simpson und nicht einmal nur Professor Simpson, sondern Lady Clementine Simpson, das einzige Kind von Sir Robert Rhodes Simpson, Earl of Prestbury, Mitglied des Oberhauses, Ritter des Hosenbandordens und führendes Mitglied im Court der Universität Manchester, dem höchsten Verwaltungsgremium der Hochschule. Mit anderen Worten: Lady Clem, Martens Reisegefährtin, frisch gebackene Berufsberaterin, stolze und pflichtbewusste Mitarbeiterin der Balmore-Stiftung und Geliebte, hatte ihm verschwiegen, dass sie eine britische Aristokratin war! Die Enthüllung kam wie aus heiterem Himmel, als der Kontrolleur neben ihren Plätzen im Erste-Klasse-Wagen stehen blieb und sagte: »Willkommen an Bord, Lady Clementine, schön, Sie wieder mal zu sehen. Und wie geht es Ihrem Herrn Vater, Lord Prestbury?« Die beiden wechselten ein paar Worte, dann nahm der Mann seinen Kontrollgang durch den Zug wieder auf. Kaum war er fort, kam eine sehr gut gekleidete ältere Dame den Mittelgang entlang, blieb stehen, als sie Clem erkannte, und stellte in etwa dieselben Fragen. Wie es ihr gehe. Wie es um das Befinden Lord Prestburys stehe und so fort. Marten hatte bei beiden Gesprächen höflich weggehört, doch als die Frau weitergegangen war, hatte er Clem angesehen, eine Augenbraue gehoben und gesagt: »Lady Simpson?« Erst da klärte ihn Clem widerstrebend auf: Sie stamme aus einer wohlhabenden Aristokratenfamilie. Mit zwölf habe sie ihre Mutter verloren, und von da an hätten sie und ihr Vater sich mehr oder weniger gegenseitig erzogen. Schon als Kind habe sie die Privilegien und den Standesdünkel der Oberschicht verabscheut und so wenig wie möglich damit zu tun haben, wollen. Doch das sei nicht einfach, denn ihr Vater sei ein bedeutendes Mitglied des britischen Hochadels und eine einflussreiche Größe in Politik und Wirtschaft, sitze im Aufsichtsrat zahlreicher Großunternehmen und erwarte von ihr, seiner einzigen Tochter, dass sie ihren repräsentativen Verpflichtungen nachkomme. Und das sei viel häufiger der Fall, als ihr lieb sei, und mache alles noch schwieriger, denn »er ist verdammt stolz auf seine Herkunft, seinen Titel, seine Queen und seinen Patriotismus«. Und damit treibe er sie zum Wahnsinn. »Das kann ich verstehen«, sagte Marten und schmunzelte. »Nein, Mr. Marten«, widersprach sie mit zornig funkelnden Augen. »Wer es nicht selbst erlebt hat, kann es nicht mal ansatzweise verstehen.« Damit wandte sie sich abrupt ab und zog einen dicken, mit Eselsohren verunzierten Schmöker aus ihrer Tasche, ausgewählte Erzählungen von Charles Dickens. Mit einer letzten Aufwallung von Zorn schlug sie ihn auf und versenkte sich augenblicklich in die Lektüre. Ähnlich gereizt hatte sie im Spaniards Inn, als er sie gebeten hatte, ihm bei der Suche nach »I.M.« beziehungsweise seiner »scharfen Braut« zu helfen, das Gespräch beendet und sich demonstrativ der Speisekarte zugewandt. Marten betrachtete sie eine Weile, dann blickte er hinaus auf die vorüberziehende englische Landschaft. Clem, oder Lady Clem, war anders als alle Frauen, die er kannte. Sie zeigte offen ihre Gefühle – zumindest ihm gegenüber –, war gebildet, humorvoll, bisweilen auch rüde und vulgär, eigensinnig und liebenswert, von ihrer Hilfsbereitschaft und ihrem ansteckenden Optimismus ganz zu schweigen. Dass sie von ihrer Zugehörigkeit zur Oberschicht und zum alten Feudaladel alles andere als angetan war, passte zu ihr und war amüsant. Bedauerlich war nur, dass die vorangegangenen, Tage mit ihr und die gemeinsame Fahrt nach Manchester von etwas anderem überschattet wurden – den beiden ungeklärten Fragen nach dem gecharterten Jet und dem »7. April/Moskau«. Am Mittwochmorgen hatte er Dan Ford in Washington angerufen und gefragt, ob er etwas Neues über Aubrey Collinson erfahren habe, jenen Mann, der in Kingston, Jamaica, zweimal ein Flugzeug für Raymond gechartert hatte. Wieder hatte ihm Ford dringend geraten, die Finger von der Sache zu lassen, seinem Drängen aber schließlich nachgegeben und verraten, dass die CIA und das russische Innenministerium Untersuchungsbeamte nach Kingston und Nassau geschickt hätten, wo die Maschinen gestartet waren. Allerdings hätten die Nachforschungen nach Auskunft der beiden Behörden auch diesmal nichts ergeben. Der Pilot hatte das Päckchen mit den gefälschten Papieren von seinem Vorgesetzten in Empfang genommen und den Auftrag erhalten, es nach der Landung dem dort wartenden Fluggast auszuhändigen. Daran war nichts ungewöhnlich. Und es war auch nicht ungewöhnlich, dass der mysteriöse Aubrey Collinson – ein Manager der Kingston West Charter Air beschrieb ihn als einen Mann um die fünfzig in einem gut geschnittenen Anzug, mit Sonnenbrille und britischem Akzent – die Rechnung in bar bezahlt hatte. Ungewöhnlich war schon eher, dass er wiedergekommen war, nachdem sein Mann die Maschine in Santa Monica anscheinend verpasst hatte, und darum gebeten hatte, die Maschine zurückzuschicken, noch dazu zu einem anderen Flughafen. Das hätte eigentlich stutzig machen müssen, hatte es aber nicht. Kingston und Nassau waren eine eigene Welt und Wahlheimat sehr reicher Leute, von denen ein Teil ihr Vermögen auf legale und ein ebenso großer, wenn nicht größerer Teil auf illegale Weise erworben hatte. Die einen wie die anderen legten größten Wert auf Diskretion, beauftragten Dritte mit der Abwicklung ihrer Geschäfte und bezahlten ihre Flüge in bar. Wer in dieser Welt im Geschäft bleiben wollte, durfte keine lästigen Fragen, stellen, daher war es praktisch unmöglich, die Anonymität von Leuten zu lüften, die unentdeckt bleiben wollten, insbesondere von Polizei, Presse und ausländischen Geheimdiensten. Und so hatte Nicholas Marten den Rat seines Freundes, die Finger vom Fall Raymond zu lassen, schweren Herzens befolgt. Er hatte Aubrey Collinson und die Charterflüge unter derselben Kategorie abgehakt wie die anderen Hinweise, die zu nichts führten, und gab sich nun alle Mühe, nicht mehr daran zu denken. Anders verhielt es sich mit »7. April/Moskau«. Gleich, was Ford sagte, dieser Hinweis ließ sich nicht so einfach beiseite schieben. Am Donnerstag und Freitag hatte er an kaum etwas anderes denken können. Heute Morgen nach dem Aufwachen und später, als er mit Clem im Zug nach Manchester saß, war es am schlimmsten gewesen. Der 7. April war schon morgen! Sosehr er sich auch bemühte, nicht daran zu denken, so wuchs seine Sorge doch mit jeder Radumdrehung des Zuges, und dann meldete sich wieder seine innere Stimme. Sie traf ihn wie ein Pfeil und ließ ihm keine Ruhe mehr, sodass er fast bedauerte, jemals englische Literatur im Hauptfach studiert zu haben – Keins seh ich klar, viel, fürcht ich, kann geschehen!, sagte sie wieder und wieder. Viel, fürcht ich, kann geschehen. Morgen. 7. April. Nicholas Marten blickte zu Clem. Sie las noch immer, ahnte nichts. Wie sollte sie auch? Und selbst wenn er das Risiko einging, sich ihr zu offenbaren, wie sollte er ihr seine Befürchtungen auch nur annähernd begreiflich machen? Was hatte er denn schon vorzuweisen? Eine vage Kalendernotiz, ein Datum und einen Ort, mehr nicht. Er blickte wieder hinaus auf die wellige, von Licht und Schatten gesprenkelte Landschaft. Er konnte nichts weiter tun., Nur das, was jetzt anstand. Und den Atem anhalten. Und warten. Und beobachten., Manchester, immer noch Samstag, 6. April, 21.40 Uhr Mit hochgeschlagenem Kragen streifte Nicholas Marten bei leichtem Regen allein durch Manchester. Ohne festes Ziel bog er mal in die eine, mal in die andere Straße ein. Er wollte Eindrücke sammeln und sich ein Bild von der Stadt machen. Einfach nur gehen und nicht an Moskau und den morgigen Tag denken. Ein Kriegsfilm kam ihm in den Sinn, in dem ein deutscher U-Boot-Kommandant zu einem Untergebenen sagte: »Denken Sie niemals nach. Nachdenken rächt sich. Sie kommen niemals zur Ruhe.« Der Kommandant hatte Recht. Minuten zuvor war Lady Clem in ein Taxi gestiegen, das sie zu ihrer Wohnung in der Palatine Road bringen sollte. Obwohl Manchester eine ziemlich große Stadt war, hatte sie seine Einladung ausgeschlagen, mit ihm ins Hotel zu gehen, und darauf bestanden, nach Hause zu fahren. Ihr Vater und sie seien hier zu bekannt, hatte sie gesagt, und es sei nicht gut, wenn sie mit einem Mann in einem Hotel gesehen werde, der mit dem Gedanken spiele, sich an der Universität einzuschreiben und irgendwann vielleicht sogar bei ihr studieren werde. Die Universität dulde nämlich keine intimen außerehelichen Beziehungen zwischen Dozenten und Studenten. Und damit gab sie ihm einen flüchtigen Gutenachtkuss auf die Wange und fuhr mit dem Taxi davon. Er ging jetzt durch die Winslow Street, vorbei an den Universitätsgebäuden, und durchquerte die Stadtteile Gaythorn, Knot Mill und Castlefield. Irgendwann blieb er auf einer Brücke stehen, die über den Irwell führte, und blickte stromabwärts zu, der Stelle, wo der Fluss in den Manchester Shipping Canal überging, eine breite Wasserstraße, die, wie er sich hatte sagen lassen, ins etwa sechzig Kilometer weiter westlich gelegene Liverpool führte. Nach seinen bisherigen Eindrücken war Manchester eine moderne Großstadt, die um einen alten Kern herum gewachsen und von Industrie und Handel geprägt war, aber auch ein reges Kulturleben mit Museen, eigener Oper, Theatern und allen Sparten der Popkultur zu bieten hatte. Alle paar Minuten fuhren Straßenbahnen oder Doppelstockbusse an ihm vorbei. Fast in jeder Straße oder Gasse schossen Neubauten aus dem Boden, und dazwischen erinnerten liebevoll restaurierte Steinhäuser und Textilfabriken aus Backstein an die Vorreiterrolle der Stadt während der industriellen Revolution. Die Stadt, auf die Marten blickte, als er im Regen auf der Brücke stand, trennten Welten von dem geleckten, hektischen und sonnigen Los Angeles. Und dieser Unterschied sprang ihm umso mehr ins Auge, als er sich kurz zuvor bei einem von Clem arrangierten Abendessen mit drei Studenten der Landschafts- architektur unterhalten hatte. Die drei Studenten, zwei Männer und eine Frau, alle in seinem Alter oder etwas jünger, hatten in den höchsten Tönen von der Uni, den Dozenten und ihren Berufsaussichten geschwärmt. Besonders einer war felsenfest davon überzeugt, dass man es, wenn man sich nur tüchtig ins Zeug legte und die richtigen Beziehungen knüpfte, nach dem Studium innerhalb von wenigen Jahren zu etwas bringen oder, wie er sich ausgedrückt hatte, »beinahe reich« werden konnte. Es war eine wertvolle Erfahrung, und seit dem Gespräch hatte Marten das Gefühl, dass er hier tatsächlich sein Glück machen konnte. Doch den Ausschlag hatte eine Bemerkung gegeben, die einer der beiden Männer beiläufig nach dem Essen beim Brandy hatte fallen lassen. »Die Winter hier sind kalt«, hatte er gesagt, »und die Sommer nicht der Rede wert. Es regnet fast ständig. Warum um alles in, der Welt sollte jemand aus Südkalifornien hierher kommen?« Warum? Es war wie ein Fingerzeig Gottes. Nichts von dem, was sie sagten, hätte ihn stärker beeindrucken können. Denn abgesehen davon, dass er sich einen Lebenstraum verwirklichen und Landschaftsarchitekt werden wollte, war er im Grunde nicht mehr als ein Mann mit falscher Identität, der vor einer blutigen Vergangenheit floh und um sein Leben rannte, ein Mann, der von der Bildfläche verschwinden musste und nie wieder auftauchen durfte. Und wo konnte er das besser als in einer nordenglischen Industriestadt, in der es immer kühl und regnerisch war? Der Mann hatte Recht. Welcher Südkalifornier würde ihn hier schon suchen? Keiner. Das überzeugte ihn mehr als alles andere. Die Idee war gut, und auch die Stadt. Und da Rebecca auf dem besten Weg war zu gesunden, ließ es sich auch verwirklichen. In der Balmore Clinic fühlte sie sich wohl. Sie mochte ihre Psychiaterin und hatte sich erstaunlich schnell an die neue Umgebung gewöhnt. Und am Tag zuvor, als er mit Clem zu ihr gegangen war und ihr mitgeteilt hatte, wohin er fahre und warum und dass er über Nacht bleiben würde, hatte sie ihn und Clem angesehen, gelächelt und gesagt, sie finde es wunderbar, was er vorhabe. Und dann hatte sie ihn daran erinnert, worüber sie zuvor schon gesprochen hatten – dass sie schneller gesund werde, wenn sie spüre, dass es ihm gut gehe. Auch Dr. Maxwell-Scot hatte positiv reagiert, als er ihr eröffnete, dass er sich mit dem Gedanken trage, nach Manchester zu gehen und Rebecca in London zurückzulassen. »Je selbstständiger Rebecca wird«, hatte sie gemeint, »desto besser sind die Aussichten, dass sie rasch gesund wird. Und im Notfall wären Sie mit dem Zug oder dem Flugzeug schnell hier. Ja, es wäre mehr als erfreulich, wenn die Sache mit der Uni klappen würde.«, Vom Regen durchnässt, verließ Marten die Brücke und machte sich auf den Weg zurück ins Hotel. Sein Entschluss stand fest. Wenn alles klappte und er den Studienplatz bekam, würden die Stadt und die Straßen, durch die er jetzt wanderte, schon bald sein Zuhause sein., Sonntag, 7. April, 6.02 Uhr in Manchester, 9.02 Uhr in Moskau Heute war – der 7. April. Marten stand in Boxershorts und T-Shirt vor dem Fernsehgerät in seinem Zimmer und zappte nervös durch die Programme – BBC 1, BBC 2, ITV 1, SKY, CNN. Doch sie brachten nur leichte Sonntagmorgenkost. Wetterbericht, Sportmeldungen und Lücken- füller – Geschichten über eine Bäckerei, die überdimensionale Bagels verkaufte, ein Paar, das beim Pferderennen heiratete, einen Hund, der im Klo feststeckte –, vermischt mit Diskussionsrunden über die politische Weltlage und Gottesdiensten. Falls in Moskau eine Bombe hochgegangen war, so wurde nicht darüber berichtet. Ja, Moskau und Russland wurden überhaupt nicht erwähnt. Ging man nach den größeren Fernsehsendern, geschah nirgendwo auf der Welt etwas Beachtenswertes. 7.30 Uhr. Marten stand geduscht, rasiert und angezogen wieder vor dem Fernseher. Noch immer war nichts passiert. 9.30 Uhr. Immer noch nichts. 10.30 Uhr. Nichts. Nicht das Geringste. London,, derselbe Tag, Sonntag, 7. April, 18.15 Uhr Marten hatte mit Clem noch einmal die Universität besichtigt und nach einem ziemlich steifen Lunch mit zwei ihrer Dozentenkollegen den Zug um ein Uhr dreißig nach London genommen, der kurz nach halb sechs in der Euston Station eingelaufen war. Von dort war er mit dem Taxi zum Holiday Inn in Hampstead gefahren und hatte, kaum auf seinem Zimmer, den Fernseher eingeschaltet. Zehn Minuten lang zappte er durch die Kanäle. Noch immer keine Nachrichten aus oder über Moskau. Er zog sich rasch um und fuhr in die Klinik. Rebecca brannte bereits vor Neugier und fragte mit leuchtenden Augen, wie es in Manchester gelaufen sei. Er erzählte ihr von der Stadt und den Menschen, die er dort kennen gelernt hatte, und dass er mit ziemlicher Sicherheit einen Studienplatz bekommen werde, worauf sie höchst erfreut reagierte. Und als sie erfuhr, dass Clem eine richtige Lady und ihr Vater ein richtiger Lord war, geriet sie vollends aus dem Häuschen. Dass Clem adelig war und mit »Lady Clementine« angesprochen werden konnte, rückte sie in ihren Augen irgendwie in die Nähe des Königshauses. »Von einem solchen Leben«, seufzte sie, »kann unsereiner nur träumen.« Kurz danach wurde sie zum Abendessen gerufen, und Marten verabschiedete sich. Wie schon in Manchester wanderte er wieder durch die Straßen. Diesmal jedoch hatte er keine Augen für die Stadt. Er dachte über sich, Rebecca und Clem nach und fragte sich, was die Zukunft wohl bringen mochte. Wie lange würde er Rebeccas Therapie und sein Studium finanzieren können, ehe er sich eine Arbeit suchen musste? »Die Beweisstücke.« Der Klang seiner inneren Stimme erschreckte ihn, und er blieb im Dämmerlicht stehen und schaute sich um, verwirrt und unsicher, wo er sich befand. Sofort erkannte er, wohin sein Streifzug ihn geführt hatte. In die Uxbridge Street 21., »Die Beweisstücke«, sagte die Stimme wieder. Instinktiv suchte er hinter einer großen Platane Deckung. Gene VerMeer war zwar nach L.A. zurückgekehrt, aber vielleicht hatte er Scotland Yard gebeten, das Haus unter Beobachtung zu stellen. Vielleicht hatte er den Beamten seine Beschreibung gegeben, unter dem Vorwand, er müsse unbedingt mit ihm sprechen. Er blickte die Straße entlang, doch er entdeckte keine Menschenseele, nicht einmal ein parkendes Auto. Das Haus selbst war dunkel. Es hatte ihn keinen Schritt weitergebracht, genau wie die Tresorfachschlüssel, die russische Botschaft, Penrith’s Bar, »I.M.«, der gecharterte Jet und der Eintrag »7. April/Moskau«. Alle Spuren waren im Sand verlaufen. Er beobachtete das Haus noch eine Weile, dann drehte er sich um und ging weg. Wieder hatte ihn die Stimme eingeholt. Etwas in seinem Innern versuchte, die Erinnerung an die ganze Sache lebendig zu erhalten. »Raymond ist tot«, hielt er der Stimme entgegen. »Und seine Pläne sind mit ihm gestorben. Du bist draußen, Mr. Marten. Finde dich damit ab, verdammt noch mal, und sieh zu, dass du dein Leben auf die Reihe kriegst. Clem weist dir den richtigen Weg. Geh mit ihr, und vergiss alles andere. Ob es dir passt oder nicht und egal, was die ›Beweisstücke‹ gewesen sein mögen: Es gibt nichts mehr, worüber du dir den Kopfzerbrechen kannst. Nichts. Absolut nichts.«, Tags darauf, Montag, den 8. April, bewarb sich Nicholas Marten offiziell um einen Studienplatz im Fachbereich Stadtplanung und Landschaftsarchitektur der Universität Manchester. Dank einem Empfehlungsschreiben Lady Clementines – und vermutlich auch dank ihrer persönlichen Fürsprache – wurde er am Donnerstag, dem 25. April, angenommen. Am Samstag, dem 27. April, fuhr er mit dem Zug nach Manchester, und am Montag, dem 28. April, fand er mit Clems Hilfe eine kleine möblierte Dachwohnung in der Water Street mit Blick auf den River Irwell. Noch am selben Tag unterschrieb er den Mietvertrag und zog ein. Am Dienstag, dem 29. April, nahm er das Studium auf. Alles war reibungslos über die Bühne gegangen, und er stürzte sich kopfüber in sein neues Leben. In den folgenden Wochen der Eingewöhnung nahm er noch weitere Eintragungen in das Tagebuch vor, das er gleich nach seiner Ankunft in London begonnen hatte. Die meisten waren sehr kurz und Variationen ein und desselben Themas: »Keine Beweisstücke, keine Stimmen, keine dunklen Vorahnungen Raymond betreffend.« Durch den Umzug nach England und Manchester hatte sich sein Leben in sehr kurzer Zeit dramatisch verändert. Dasselbe galt für Rebecca, doch ihr Leben verlief nicht parallel zu seinem, sondern hatte überraschend eine ganze eigene Wendung genommen. Am 21. Mai, gut sieben Wochen nach ihrer Ankunft in England, wurde Dr. Maxwell-Scot, Rebeccas Psychiaterin, an ein Rehabilitationszentrum namens Jura versetzt, das die Balmore Clinic unlängst im schweizerischen Neuchâtel eröffnet hatte. In Jura, einem großzügigen und weitläufigen Anwesen am, Neuenburger See, wurde ein Versuchsprojekt gestartet, in das maximal zwanzig Patienten gleichzeitig aufgenommen wurden und dessen neuer Ansatz darin bestand, eine intensivere Therapie mit sportlichen Aktivitäten im Freien zu verbinden. Das Programm war in Dr. Maxwell-Scots Augen wie maßgeschneidert für Rebecca, und so empfahl sie ihr, mit in die Schweiz zu kommen. Rebecca war begeistert, und Marten hatte ihrem Drängen nachgegeben und eingewilligt. In der zweiten Juniwoche besuchte er Jura zum ersten Mal, und obwohl Dr. Maxwell-Scot ihm erklärt hatte, dass der Zustand seiner Schwester noch äußerst labil sei und schon eine Kleinigkeit die Geister der Vergangenheit heraufbeschwören und einen Rückfall auslösen könne, war er angenehm überrascht. Rebecca schien zwar noch unsicher und großen Stimmungsschwankungen unterworfen, aber lebenslustiger, robuster und selbstständiger geworden zu sein. Außerdem erwiesen sich alle Bedenken, die er hinsichtlich der äußeren Bedingungen in Jura gehegt hatte – er hatte sich eine nüchterne, anstaltsähnliche Einrichtung vorgestellt –, als unbegründet. Jura war ein eindrucksvoller, zwischen Weinbergen gelegener und tadellos in Schuss gehaltener Besitz mit gepflegten Parkanlagen, die sich fast einen Kilometer weit am Neuenburger See entlangzogen. Rebecca bewohnte ein großes Einzelzimmer mit einem herrlichen Blick auf den Park, den See und die dahinter aufragenden Berge. Es war, als sei sie mitten in einem sündhaft teuren Nobelkurort gelandet. Nach seinem ersten Eindruck äußerte Marten im Gespräch mit Dr. Maxwell-Scot, und dies nicht zum ersten Mal, Bedenken wegen der Kosten, und konnte wie schon zuvor beruhigt werden: Jura sei ein Versuchsprojekt der Klinik, und die Stiftung trage die Kosten der Therapie. »Das ist Teil der Vereinbarungen mit dem Wohltäter, der uns die Anlage zur Verfügung gestellt hat«, hatte Maxwell-Scot erklärt. »Die Behandlung soll die Patienten und ihre, Angehörigen nichts kosten.« »Und wer ist dieser Wohltäter?«, hatte er gefragt, worauf Dr. Maxwell-Scot antwortete, dass sie es nicht wisse. Die Stiftung sei groß und erhalte häufig Spenden von wohlhabenden Leuten, die aus dem einen oder anderen Grund – manche hätten Angehörige in der Klinik – anonym bleiben wollten. Das konnte Marten verstehen und akzeptieren, und er äußerte sich auch in diesem Sinn, indem er erklärte, Rebecca und er betrachteten es als Geschenk, das sie dankbar annähmen. Ende Juni reiste er nach Paris und besuchte Dan und Nadine Ford, um Dans Versetzung an das Pariser Büro der Los Angeles Times zu feiern und in ihrer kleinen neuen Wohnung am linken Seine-Ufer in der Rue Dauphine ein verlängertes Wochenende zu verbringen. Nadine hatte der Frau des Chefkorrespondenten der Times in Washington praktisch seit ihrem Umzug in die amerikanische Hauptstadt Französischunterricht gegeben und sich freundlich, aber bestimmt für die Versetzung stark gemacht. Am ersten Abend unternahm Marten mit Dan Ford einen Spaziergang an der Seine, und dabei erkundigte er sich, ob das LAPD seine Haltung zum Fall Raymond geändert habe und noch Ermittlungen anstelle. Ford antwortete, dass man die Sache nach Auskunft seiner Freunde von der Los Angeles Times »begraben« habe. »Das LAPD, das FBI, die CIA, Interpol, sogar die Russen«, sagte er. »Da tut sich nichts mehr.« VerMeer versehe wieder seinen normalen Dienst im Raub- und Morddezernat, und Alfred Neuss gehe in Beverly Hills seinen gewohnten Geschäften nach und halte an der Aussage fest, dass er keine Ahnung habe, was Raymond Thorne von ihm gewollt habe. Über Halliday wusste Ford nur zu sagen, dass er noch bei der Verkehrspolizei im Valley war und kaum mehr machte, als Strafzettel zu verteilen. Kurzum, er war degradiert und aufs Abstellgleis geschoben worden. Ein tiefer Fall für einen Detective der Eliteeinheit 5-2 und ein Posten ohne jede Zukunftsperspektive, zumindest für ihn. Und dabei war Halliday, erst Anfang dreißig. Anschließend gingen sie auf ein Glas Wein in eine Brasserie. An einem ruhigen Tisch sagte Ford zu Marten, dass da noch etwas sei, was er unbedingt wissen müsse. »Gene VerMeer hat eine eigene Website. Allerliebst. Er nennt sie ›Knuckels at Knuckles dot com‹.« »Ja, und?« »Ich wette, er hat in den letzten paar Monaten mindestens ein halbes Dutzend Mal um Auskünfte über John Barron gebeten.« »Dann war er deiner Meinung nach also tatsächlich in London, um mich zu suchen?« »Ich habe keine Ahnung, was in seinem Kopf vorgeht, Nick.« Ford und Nadine hatten sich längst darauf programmiert, ihn Nick Marten zu nennen. »Aber er ist ein brutaler und gemeiner Kerl. Er hat sich in den Kopf gesetzt, die Squad zu rächen. Er will dich finden, Nick, und wenn er dich gefunden hat, macht er mit dir kurzen Prozess.« »Warum erzählst du mir das ausgerechnet jetzt?« »Weil er die Website hat und viele alte Freunde, die mit ihm sympathisieren. Ich will nicht, dass du das vergisst.« »Ich werde es nicht vergessen.« »Gut.« Ford sah ihn durchdringend an. Er hatte ihn gewarnt, und das musste genügen. Im nächsten Moment war er wie umgewandelt, grinste spitzbübisch und witzelte über sein unkonventionelles Studentenleben und seine heimliche Affäre mit einer Dozentin, der alles andere als spröden Lady Clem. Am nächsten Morgen stiegen Marten, Ford und Nadine am Gare de Lyon in einen Zug und fuhren über Genf nach Neuchâtel, besuchten Rebecca in Jura und kehrten noch am selben Tag zurück. Es war ein kurzes, aber freudiges Wiedersehen, das Rebecca Gelegenheit gab, ihre Beziehung zu, Dan und Nadine aufzufrischen, und ihnen vor Augen führte, wie sehr sich ihrer aller Leben in so kurzer Zeit verändert hatte. Mitte Juli stattete Nicholas Marten seiner Schwester erneut einen Besuch ab, diesmal zusammen mit Clem, die ihn in ihrer Eigenschaft als Stiftungsmitglied begleitete. Rebecca hatte noch erstaunlichere Fortschritte gemacht. Zum ersten Mal sah sie wie die schöne, vierundzwanzig Jahre junge Frau aus, die sie war. Die Hemmungen und die starken Stimmungsschwankungen waren überwunden. Sie strotzte vor Lebensfreude und Gesundheit, wirkte körperlich fit und ging einer Beschäftigung nach, für die sie, wie Dr. Maxwell-Scot bereits in London aufgefallen war, ein besonderes Talent besaß und die ihr obendrein großen Spaß machte: Sie lernte Fremdsprachen. Spielerisch neckte sie ihren Bruder mit ihren Französisch- und Italienischkenntnissen und sogar mit ein paar Brocken Spanisch. Er war von ihrem sprühenden Witz und ihrer geistigen Beweglichkeit begeistert. Und wie bei seinem Besuch mit Dan und Nadine Ford war alles eitel Sonnenschein. Mitte August reiste Clem im Auftrag der Stiftung erneut nach Jura und stellte zu ihrer Überraschung fest, dass Rebecca unten am See weilte und einer Schweizer Familie namens Rothfels einen Besuch abstattete. Gerard Rothfels war Geschäftsführer Europa bei einem internationalen Unternehmen, das Pipelines baute und wartete. Er hatte sein Büro in der Schweizer Firmenzentrale in Lausanne und war unlängst mit seiner Frau Nicole und seinen drei kleinen Kindern Patrick, Christine und Colette von Lausanne in das eine knappe halbe Autostunde entfernte Neuchâtel gezogen, weil er Arbeit und Privatleben klarer trennen wollte. Rebecca hatte die Familie einige Wochen zuvor am Strand kennen gelernt und sich auf Anhieb mit den Kindern, angefreundet. Obwohl die Familie wusste, dass sie Patientin in Jura war, hatte sie Rebecca Tage später in ihre luxuriöse Villa am See eingeladen, wozu Dr. Maxwell-Scot ihren Segen gab. Bald ging sie mehrmals in der Woche hin, spielte und aß mit den Kindern. Nach und nach wurden die Kinder unter den wachsamen Augen der Mutter ihrer Obhut anvertraut. Zum ersten Mal seit dem Tod ihrer Eltern übernahm Rebecca Verantwortung, und sie fand großen Gefallen daran. Dr. Maxwell-Scot war voll des Lobes, und Lady Clem erstattete Marten nach ihrer Rückkehr ins englische Manchester ausführlich Bericht. Bei seinem nächsten Besuch in Jura Anfang September erhielt Marten selbst eine Einladung in die Villa am See, in der Rebecca immer mehr Zeit verbrachte. Dabei vertraute Gerard Rothfels ihm an, dass Rebecca sich bei ihnen schon fast wie zu Hause fühle, und verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, dass sie irgendwann ganz zu ihnen ziehen und sich als eine Art Ganztags-Aupair um die Kinder kümmern werde. Und da Jura nicht weit entfernt war und sie ihre Sitzungen mit Dr. Maxwell-Scot daher problemlos fortsetzen konnte, tat sie es Ende September. Der Umzug unterstrich die erstaunlichen Fortschritte, die sie gemacht hatte, und stärkte ihr Selbstvertrauen. Und er brachte weitere Vorteile mit sich. Um ihren Kindern eine umfassende Erziehung angedeihen zu lassen, beschäftigten die Rothfels’ Hauslehrer, die ihnen an mehreren Tagen in der Woche Klavier- und Sprachunterricht gaben, und Rebecca durfte an beidem teilhaben. So bekam sie Gelegenheit, die Welt der klassischen Musik kennen zu lernen und ihre Sprachkenntnisse zu vertiefen. Innerhalb eines knappen halben Jahres war mit Marten und Rebecca eine bemerkenswerte Wandlung vor sich gegangen. Beide waren unabhängiger geworden und hatten wieder zu sich selbst gefunden. Ein weiterer Grund zur Freude für Marten war, dass Lady Clem, obwohl ihr Verhältnis geheim bleiben musste,, nicht nur seine, sondern auch Rebeccas beste Freundin geworden war. Sie schienen fast so etwas wie eine Familie zu sein, die ihnen ein Gefühl menschlicher Wärme vermittelte, wie Rebecca und er es seit ihrer Kindheit vermisst hatten. Nach und nach verblassten die Schrecken der Vergangenheit, und ein neues, glückliches und friedliches Leben nahm seinen Anfang. So wie John Barron Nicholas Marten Platz gemacht hatte, so hatte sich das Leben des Detective vom Morddezernat in das eines Studenten verwandelt, der nach heiterer Schönheit und Ordnung in der Natur strebte., Universität Manchester, Withworth Hall, Sonntag, 2. Dezember, 16.10 Uhr »Der Winter ist da, und noch immer nichts Neues von den ›Beweisstücken‹«, schrieb Marten in sein Tagebuch. »Acht Monate, und kein Hinweis darauf, was Raymond vorgehabt hat.« Nicholas Marten war am 1. April nach England gekommen, und obwohl er nun fast schon ein Dreivierteljahr unter Briten lebte, wusste er immer noch nicht, wie man korrekt eine Teetasse hielt. Und heute wurde von ihm nicht nur erwartet, dass er eine hielt, sondern mitsamt Untertasse durch einen Saal balancierte, gelegentlich stehen blieb und, während er dieser oder jener Person vorgestellt wurde, daran nippte. Mit den Förmlichkeiten eines englischen Vier-Uhr-Tees und dem damit verbundenen gepflegten Smalltalk zurechtzukommen ist für einen Ausländer schon schwierig genug. Findet das Ganze obendrein an so offizieller und ehrwürdiger Stätte wie Whitworth Hall statt und im Beisein mehrerer hundert hochnäsiger Gäste, die geladen sind, um den neuen Kanzler der Universität kennen zu lernen – darunter der Vizekanzler, Mitglieder des Courts, des höchsten Entscheidungsgremiums der Universität, eine große Anzahl von Universitätspräsidenten, Dekanen, Professoren und lokalen Größen aus Gesellschaft und Politik wie dem Bischof von Manchester und dem Oberbürgermeister der Stadt –, so bekommt der Gedanke leicht etwas Beklemmendes, ja Furchteinflößendes, zumal für einen Mann, der nichts weniger will als im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen. Unter anderen Umständen hätte sich Marten wegen seiner mangelnden Kultiviertheit und Teekennerschaft keinen Kopf, gemacht, sich einfach dezent im Hintergrund gehalten und die Zeit, so gut es ging, herumgebracht. Doch so einfach war es nicht. Er befand sich hier, weil Clem ihn eingeladen hatte und, wie er soeben erst erfahren hatte, auch ihr Vater erwartet wurde. Eine günstige Gelegenheit, wie sie fand, sich kennen zu lernen. In den vergangenen acht Monaten hatte er ein solches Treffen erfolgreich vermieden, was ihm nicht sonderlich schwer fiel, da der alte Herr die meiste Zeit in London weilte. Wenn er dann doch einmal nach Manchester kam, redete er sich damit heraus, dass er in Arbeit ersticke oder zufällig an diesem Tag bereits eine Reise geplant habe, etwa nach Paris, um Dan und seine Frau Nadine zu besuchen, die mittlerweile ein Kind erwartete. Es war keineswegs so, dass Marten dem Mann aus dem Weg gehen wollte, es erschien ihm einfach nur ratsamer. Nicht weil er eine hohe gesellschaftliche Stellung bekleidete oder im Ruf eines ruppigen Cholerikers stand, der offen seine Meinung kundtat, dies auch von seinem Gesprächspartner erwartete und ihn sofort zur Schnecke machte, wenn er es tat. Es hatte vielmehr mit der Art ihrer Beziehung zu tun. Genauer gesagt, mit der Heimlichkeit ihrer Beziehung. Seit jenem Tag in London waren sie ein Liebespaar, doch bis auf Rebecca, Dan und Nadine wusste niemand davon, und das musste auch so bleiben. Wie Clem gesagt hatte: Geschlechtsverkehr zwischen Dozenten und Studenten war streng verboten. Folglich musste es heimlich geschehen, und das tat es auch seit acht Monaten. Natürlich war es unter diesen Umständen unangenehm, ein Elternteil zu treffen, insbesondere wenn es das erste Mal und dieses Elternteil ebenso ahnungslos war wie der gesamte Rest der Universität. Erschwerend kam hinzu, dass ihr Vater im Court der Universität saß und dort eine gewichtige Stimme hatte. Und dass Robert Rhodes Simpson, Earl of Prestbury, Mitglied des Oberhauses und Ritter des Hosenbandordens war, machte die Sache auch nicht gerade leichter. »Guten Tag, Sir.« Marten nickte einem bekannten Gesicht zu, und machte sich, die Teetasse auf der Untertasse balancierend, auf den Weg quer durch die große Halle, die etwas von einer Kathedrale besaß und sich im Moment mit Männern in Anzügen füllte, die dunkler und dezenter waren als seiner, und mit Menschen, die einen weit höheren Status genossen als er. Noch ein Schlückchen Tee. Er war längst kalt, und von der Milch darin bekam er fast Brechreiz. Er liebte Kaffee, heiß, schwarz und stark. Er sah sich um. Noch nichts von ihnen zu sehen. Plötzlich fragte er sich, warum er überhaupt hier war. Er wusste es beim besten Willen nicht. Doch, er wusste es. Sie hatte ihn vor drei Tagen dazu gezwungen, eine Viertel- stunde vor Mitternacht, als sie ihn wieder einmal in gewohnt eindrucksvoller Manier mit dem Mund befriedigte und er vor Wolllust bebte. Plötzlich hatte sie innegehalten, den Kopf gehoben und ihn zum Tee nach Whitworth Hall eingeladen, seinen Penis wie ein Eis am Stiel in der Hand, den Mund nur Zentimeter von ihm entfernt. Ihr Blick und Tonfall hatten keinen Zweifel daran gelassen, dass er, wenn er nicht zum Tee kam, überhaupt nicht kommen würde. In Anbetracht des von ihr gewählten Zeitpunkts war ihm die Entscheidung nicht schwer gefallen, und er hatte sofort zugesagt. Diese Form von obszönem Humor war typisch für sie und einer der Gründe, warum er sie liebte. Zudem witterte er zu diesem Zeitpunkt noch keinen Hintergedanken und nahm an, sie habe einfach keine Lust, zwei oder drei Stunden allein in der Gesellschaft von Hochschullehrern zu verbringen. »Guten Tag.« Er nickte einem weiteren bekannten Gesicht zu, sah an ihm vorbei und hielt Ausschau nach Clem und ihrem Vater, doch er konnte sie nirgends entdecken. Vielleicht waren sie schon da, hielten sich aber in einem anderen Gebäudetrakt auf, wo ihr Vater mit dem Oberbürgermeister, dem Bischof oder dem Vizekanzler Konversation machte. Da ging ihm auf, dass es für eine Flucht noch nicht zu spät war. Eine Entschuldigung, konnte er sich später ausdenken. Er musste nur irgendwo die Teetasse absetzen und dann so schnell wie möglich einen Ausgang finden. Dass es draußen wie aus Kübeln goss, störte ihn nicht. Er wollte nur hier weg. Vorsichtig stellte er die Tasse auf einem Tisch ab, drehte sich um und sah sich nach einem Ausgang um. »Nicholas!« Das Herz klopfte ihm bis zum Hals. Es war zu spät. Sie waren durch einen Seiteneingang getreten und kamen nun durch die Menge auf ihn zu. Der alte Herr, Anfang sechzig, groß und topfit, war nicht zu verwechseln und wirkte sehr elegant in seinem Londoner Maßanzug. Genauso kannte ihn Nicholas aus dem Fernsehen und der Zeitung und von der Fotografie, die auf Clems Frisierkommode stand. Ein kräftiger Mann mit ausgeprägt aristokratischer Haltung, scharf geschnittenen Zügen, kohlschwarzen Augen und eindrucksvollen grauen Locken, die perfekt zu seinen großen buschigen Augenbrauen passten. »Okay«, sagte er zu sich selbst, »tief durchatmen, Ruhe bewahren und das Beste daraus machen.« Er sah das Blitzen in ihren Augen, als sie bei ihm anlangten, und wusste sofort, dass sie die ganze Angelegenheit für einen teuflischen, wenn auch nicht ganz ungefährlichen Spaß hielt. »Vater, ich würde dich gern mit …« Der alte Herr ließ sie nicht ausreden. »So, Sie sind also Mr. Marten.« »Ja, Sir.« »Und Sie sind Student.« »Ja, Sir.« »Student der Landschaftsarchitektur.« »Ja, Sir.« »Und Amerikaner.«, »Ja, Sir.« »Wir finden Sie meine Tochter als Dozentin?« »Sie stellt hohe Anforderungen, Sir, ist aber sehr hilfsbereit.« »Wie ich höre, nehmen Sie von Zeit zu Zeit bei ihr Privatstunden.« »Ja, Sir.« »Warum?« »Ich brauche sie.« »Sie brauchen sie. Was meinen Sie mit ›sie‹?« Der Blick des alten Herrn durchbohrte ihn, als wüsste er über alles Bescheid. »Die … die Stunden. Es gibt gewisse Dinge, Fachausdrücke, Gepflogenheiten und Methoden, die ich als Ausländer nicht ganz verstehe. Insbesondere im Zusammenhang mit der europäischen Soziologie und den psychologischen Aspekten der Landschaftsgestaltung.« »Sie wissen, wie ich heiße?« »Ja, Sir. Lord Prestbury.« »Nun ja, Sie werden schon noch lernen, wie wir die Dinge handhaben.« Plötzlich hefteten sich seine schwarzen Augen auf seine Tochter. »Clementine, würdest du uns bitte allein lassen«, befahl er schroff und völlig unerwartet. »Ich …« Lady Clem warf Marten einen Blick zu, in dem er ihre Überraschung und ihre Bitte um Verzeihung las. Schnell sah sie wieder zu ihrem Vater. »Natürlich«, sagte sie, warf Marten noch einen Blick zu, drehte sich um und war verschwunden. »Mr. Marten«, sagte Robert Rhodes Simpson, Earl of Prestbury, Ritter des Hosenbandordens, durchbohrte Nicholas Marten mit seinem Blick und krümmte den Finger, »kommen Sie.«, »Whisky. Zwei Gläser. Und die Flasche«, sagte Lord Prestbury zu einem fülligen jungen Mann mit rotem Gesicht und gestärkter weißer Jacke, der irgendwo im Innern von Whitworth Hall hinter der massiven Eichentheke einer sehr verschwiegenen Bar stand. So verschwiegen, dass sie im Moment nur zu dritt waren. Kurz darauf setzten sich Lord Prestbury und Nicholas Marten hinten an einen kleinen Tisch, zwischen sich die beiden Gläser und eine Flasche Single-Malt-Scotch, Lord Prestburys Hausmarke. Für Marten gab es keinen Zweifel, warum sie hier waren. Lord Prestbury wusste von ihrem Verhältnis, war darüber empört und fest entschlossen, die Sache jetzt und hier zu beenden, wahrscheinlich indem er ihm mit Rauswurf aus der Universität drohte, wenn er sich widersetzte. Das war durchaus verständlich. Nicholas Marten besaß keinen Titel, kein blaues Blut, kein Geld und war, der schlimmste Makel von allen, Amerikaner. »Da wir uns eben erst kennen gelernt haben, Mr. Marten …«, begann Lady Clems Vater und goss drei Finger breit Whisky in jedes Glas, ehe er aufschaute und den jungen Mann gegenüber mit Blicken durchbohrte. »Man wirft mir vor, ich sei schroff. Aber das liegt nur daran, dass ich sage, was ich denke. So bin ich nun mal, und ich weiß nicht, ob ich daran etwas ändern würde, wenn ich könnte.« Lord Prestbury hob sein Glas und leerte es zur Hälfte, stellte es hin und sah Marten wieder durchdringend an. »So, und jetzt will ich Ihnen eine direkte und persönliche Frage stellen.« In diesem Augenblick schwang die Eichentür, durch die sie gekommen waren, auf, und zwei weitere Mitglieder des Court, traten ein. Sie nickten Prestbury zu und begaben sich an die Theke. Prestbury wartete, bis sie beim Barkeeper bestellten, dann sah er Marten an und senkte die Stimme. »Vögeln Sie meine Tochter?« Du lieber Himmel! Marten senkte den Blick. Schroff und geradeheraus, das konnte man wohl sagen. Der alte Herr wusste es. Und jetzt verlangte er eine Bestätigung. »Ich …« »Mr. Marten, ein Mann weiß, ob er vögelt oder nicht. Und wem er seinen Riemen reinschiebt. Die Antwort ist ganz einfach. Ja oder nein?« »Ich …« Martens Finger kreisten um das Glas, dann hob er es hoch und leerte es. »Sie kennen sie seit acht Monaten. Sie sind ihretwegen an der Universität. Habe ich Recht?« »Ja, aber …« Lord Prestbury starrte ihn an, dann schenkte er nach. »Mein Gott, ich kenne die Geschichte. Sie haben Ihre Schwester zur Behandlung in die Balmore Clinic gebracht und sich dort kennen gelernt. Sie hatten einen Arbeitsunfall und haben sich überlegt, was Sie mit dem Rest Ihres Leben anfangen sollten. Landschaftsarchitektur war Ihr Lebenstraum, und auf Clementines Drängen hin haben Sie beschlossen, ihn wahr zu machen.« »Hat sie Ihnen das gesagt?« Marten war erstaunt. Er hatte angenommen, Clem hätte ihrem Vater nur erzählt, dass er einer ihrer Studenten sei und mehr nicht. »Nein, Sir, das habe ich mir aus den Fingern gesogen. Natürlich hat sie es mir erzählt.« Plötzlich schnellte Lord Prestburys Hand über den Tisch und packte Marten am Handgelenk, und wieder durchbohrten ihn die kohlschwarzen Augen., »Ich will Ihnen keinen Ärger machen, Mr. Marten. Ich bin nur um meine Tochter besorgt, sehr besorgt sogar. Ich weiß, dass ich sie nicht oft sehe. Jedenfalls nicht oft genug. Aber sie geht langsam auf die dreißig zu. Sie zieht sich an wie eine alte Jungfer. Ich kenne die Regeln der Universität viel besser als Sie. Keine Bettgeschichten zwischen Dozenten und Studenten. Eine gute Regel. Eine notwendige Regel. Aber, Herrgott noch mal, sie redet von Ihnen, als seien Sie ihr allerbester Freund. Deshalb mache ich mir Sorgen. Und deshalb müssen Sie mir sagen, von Gentleman zu Gentleman, ob Sie meine Tochter pimpern oder nicht.« »Nein, Sir …«, log Nicholas Marten. Er hatte nicht die Absicht, in eine der berüchtigten Fallen des alten Herrn zu tappen. Erst die Wahrheit aus dem anderen herauskitzeln und ihn dann mit seinem Geständnis in die Pfanne hauen. »Nein?« »Nein.« »Oh, mein Gott.« Lord Prestbury ließ Martens Hand los und lehnte sich zurück. Im nächsten Moment beugte er sich wieder vor. »Du lieber Himmel, warum denn nicht?«, zischte er scharf. »Ist sie so unattraktiv?« »Sie ist sehr attraktiv.« »Wo klemmt’s dann? Sie könnte längst zwei Kinder haben, mindestens.« Er nahm einen kräftigen Schluck von seinem Whisky. »Na schön«, sagte er mit plötzlicher Entschlossenheit, »wenn Sie es nicht sind, kennen Sie einen anderen, der’s mit ihr treibt?« »Nein, Sir. Und bei allem Respekt, Sir, ich sehe mich außerstande, diese Unterhaltung fortzusetzen. Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden …« Marten machte Anstalten, aufzustehen. »Hier geblieben, Sir!« Die beiden Mitglieder des Court schauten von der Theke herüber. Langsam sank Marten auf den Stuhl zurück. Dann ergriff er, die Augen furchtsam auf Lord Prestbury gerichtet, sein Glas, um von seinem Malt Scotch zu trinken. »Sie scheinen nicht zu verstehen, Mr. Marten.« Lord Prestbury war sichtlich erregt. »Wie ich bereits sagte, kann ich nicht viel Zeit für meine Tochter erübrigen, aber in all den Jahren, die sie nun schon in Manchester ist, hat sie nur zweimal einen Mann mit nach Hause gebracht. Und nicht ein und denselben. Meine Frau ist seit fünfzehn Jahren tot. Lady Clementine ist mein einziges Kind. Ich habe eine Heidenangst, ich, als allein erziehender Vater, könnte – Hosenbandorden, Oberhaus, Stand und altes Adelsge- schlecht mal beiseite gelassen …« Er beugte sich noch weiter vor und flüsterte: »… ich könnte eine Leslie groß gezogen haben.« »Eine was?« »Eine Leslie.« »Ich verstehe nicht.« Marten nahm noch einen Schluck Malt, behielt ihn aber im Mund und wartete ab, was als Nächstes kam. »Eine Lesbe.« Marten schluckte den restlichen Whisky hinunter. Er bekam fast einen Erstickungsanfall und musste so laut husten, dass die beiden Männer an der Bar aufmerksam wurden. Lord Prestbury ließ sich nicht beirren und starrte ihn unverwandt an. »Ich flehe Sie an, Sir, sagen Sie mir, dass sie es nicht ist.« Nicholas Martens Antwort, wie immer sie auch ausgefallen wäre, bekam er nie zu hören, denn genau in diesem Augenblick schrillten alle Glocken der Brandmeldeanlage von Whitworth Hall., Marten lag im Dunkeln und betrachtete Lady Clem, die nackt, wie immer, wenn sie zusammen waren, neben ihm schlief. Ihren Körper, der sich bei jedem Atemzug anmutig hob und senkte, ihr volles kastanienbraunes Haar, das sanft ihr Kinn umschmeichelte, ihre milchig weiße Haut, ihre großen und festen Brüste. Die einzige Tochter des Earl of Prestbury mochte sich vielleicht so anziehen und geben wie eine alte Jungfer, aber das tat sie für England und die Universität und zu ihrem eigenen Schutz. Unter dem dunklen Stoff ihrer konservativen Kostüme, die sie beinahe wie eine Uniform trug, schlummerte der überaus wohl geformte Körper einer schönen Frau, die mit ihren siebenundzwanzig Jahren gut und gerne die Mittelseite jedes Hochglanzmagazins hätte schmücken können. Lord Prestbury hatte wahrlich keinen Grund, sich um die sexuellen Vorlieben seiner Tochter zu sorgen, obwohl sie auch als Lesbe mit Sicherheit eine gute Figur gemacht hätte. Sie war intelligent, sexy und schön, und im Moment hatte sie den unschuldigen Ausdruck eines Kindes, als schlafe sie friedlich mit einem Stofftier im Arm. Unschuldig? Lady Clementine Simpson, Tochter des Earl of Prestbury, war immer zu Streichen aufgelegt, bisweilen vulgär und auch skrupellos, wenn die Situation es erforderte. Knapp sechs Stunden zuvor hatte sie mit ihrem Vater und weiß der Himmel wie vielen Prominenten draußen vor Whitworth Hall unter eilends herbeigeschafften Regenschirmen im Regen gestanden und zugesehen, wie Dutzende Feuerwehrleute des Greater Manchester Fire Service mit heulenden Sirenen und Vollgas am Schauplatz vorfuhren. Während Polizei die gaffende Menge zurückdrängte, stürmten die Retter, Schutzmasken und, Atemgeräte anlegend und in Erwartung eines flammenden Infernos, mutig in das unersetzliche historische Gemäuer – um wenig mehr als die Überreste eines überstürzt verlassenen Nachmittagstees vorzufinden. Offenbar hatte jemand die Begrüßung des neuen Kanzlers der Universität zum Anlass genommen, einen falschen Alarm auszulösen. Jemand? Lady Clem! Niemals hätte sie es einem anderen als ihm gegenüber zugegeben. Und auch das tat sie nur mit einem flüchtigen Zwinkern, als die ersten Feuerwehrleute vorbeirannten – der kleinsten Geste bei ihrem Versuch, ihren Fehler wieder gutzumachen und ihn von den Qualen zu erretten, die ihm ihr Vater in der Kellerbar zugedacht hatte. Sie hatte einfach zu dem wirksamsten Mittel gegriffen, das gerade zur Hand war. Eine Lesbe hatte Lord Prestbury sie genannt, weil er Angst davor hatte, sie könnte irgendwie anders gestrickt sein. Die Angst eines Vaters, das einzige Kind sei ihm entglitten und etwas geworden, was er weder verstehen noch akzeptieren konnte. Eine Lesbe? Mitnichten. Und es gehörte schon eine Menge Mut dazu, noch in derselben Nacht in seine Dachwohnung in der Water Street zu kommen, nachdem sie mit unbewegter Miene das Diner mit ihrem Vater, dem Bischof von Manchester und dem Oberbürgermeister durchgestanden hatte, bei dem der terroristische Akt des Fehlalarms das Hauptgesprächsthema gewesen war. Und dann, während sie sich langsam vor ihm entkleidete oder, besser gesagt, einen Striptease hinlegte, wollte sie unbedingt von ihm wissen, was ihr Vater in der Kellerbar von Whitworth Hall so Dringendes mit ihm zu besprechen gehabt hatte. Und als er es ihr erzählte und sich dabei der gewählten Ausdrucksweise ihres Vaters bediente, sagte sie einfach nur: »Armer Daddy. Ein wunderbarer Vater. Oberhaus. Aber etwas weltfremd.«, Mit diesen Worten stellte sie sich nackt vor ihn, zog ihn aus und machte den Rest der Nacht zu einer Party. Und die ganze Zeit über rief sie immer wieder so laut, dass es mit Sicherheit drei Stockwerke tiefer auf der Straße zu hören war: »Fick mich! Fick mich! Fick mich!« Mein Gott. Und sie war Universitätsdozentin, die Tochter eines Ritters des Hosenbandordens. Eine Lady, adelig und unvorstellbar reich. Marten lächelte wieder. So sah sein Leben jetzt aus. Mit siebenundzwanzig studierte er Landschaftsarchitektur und flirtete buchstäblich mit der Aristokratie. Zur gleichen Zeit war der unheilvolle Pulsschlag Raymonds nach und nach verklungen. Was aus den E-Mails geworden war, mit denen er gedroht hatte, darüber konnte man nur Vermutungen anstellen. Entweder hatte er nur geblufft und es gab sie nicht, oder sie waren mit Verzögerung abgeschickt worden und dann einfach verloren gegangen und irrten nun bis in alle Ewigkeit durch den Cyberspace. So oder so, es spielte keine Rolle, denn sie waren nie aufgetaucht. Zumindest nicht in den Wochen und Monaten danach, und mit jedem Tag, der verging, fiel es leichter, sie zu vergessen und zu glauben, dass sie nie existiert hatten. Los Angeles und alles andere lag in weiter Ferne. Hier, im kalten, regnerischen Manchester war er ein anderer Mensch geworden. Er freute sich über jeden einzelnen Tag, kniete sich in sein Studium und genoss seine heimliche Liebe mit Clem und sein friedliches neues Leben in vollen Zügen., Manchester, Montag, 13. Januar »Die psychologische Bedeutung der Erhaltung und Pflege städtischer Parkanlagen in unserer zunehmend von Hektik, Globalisierung und Vernetzung geprägten Gesellschaft kann gar nicht genug betont werden. Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, diese großen, landschaftlich gestalteten Flächen …« Marten hörte auf zu tippen und lehnte sich zurück. Er war allein in seiner Wohnung und arbeitete an seiner Seminararbeit über die psychologischen und praktischen Aspekte der Erhaltung städtischer Parkanlagen im 21. Jahrhundert. Er hatte etwa drei Monate für die Arbeit veranschlagt und schätzte, dass er am Ende auf achtzig bis hundert Seiten kommen würde. Und obwohl er erst Anfang April fertig sein musste, war ihm klar, dass noch ein hartes Stück Arbeit vor ihm lag. Er saß schon über einen Monat dran und hatte gerade mal zwanzig Seiten zu Papier gebracht. Es war jetzt halb vier am Nachmittag, und ein kalter Regen klatschte gegen das Gaubenfenster, wie schon den ganzen Tag seit sieben Uhr morgens, als er mit der Arbeit begonnen hatte. Abgespannt stand er auf und ging, die auf dem Boden gestapelten Bücher und Notizen umkurvend, in die Küche, um sich frischen Kaffee aufzubrühen. Bis das Wasser kochte, blätterte er in der Tageszeitung, dem Guardian. Mit den Gedanken noch bei der Arbeit, überflog er die Seiten nur, als ihm eine Meldung ins Auge stach. Sie stammte von Associated Press und trug die Überschrift: NEUER POLIZEICHEF FÜR LOS ANGELES. In knappen Worten wurde berichtet, dass der Bürgermeister von L.A. einen hoch, angesehenen und sehr verdienstvollen Mann zum Leiter des Department ernannt hatte. Der Neue kam nicht aus den eigenen Reihen und hatte den Auftrag, der angeschlagenen Polizeibehörde wieder auf die Beine zu helfen. »Na, dann viel Glück«, dachte Marten ironisch, doch schon im nächsten Augenblick hoffte er, dass es tatsächlich so sein möge. Nach allem, was passiert war, hatten Bürgermeister und Stadtrat offenbar begriffen, dass sich etwas ändern musste, zumindest aus politischer Sicht. Doch selbst wenn der neue Mann gut war und bei seinen Untergebenen Respekt genoss, würde es einige Zeit dauern, sich von überkommenen Vorstellungen und Traditionen zu lösen. So etwas ging nicht von heute auf morgen, schon gar nicht bei altgedienten Beamten wie Gene VerMeer. Doch es musste sein, und vielleicht wendete sich mit der Zeit ja alles zum Besseren. Wie er so in der Küche stand und dem Regen lauschte, durchströmte ihn plötzlich ein Gefühl des inneren Friedens, wie er es schon lange nicht mehr verspürt hatte. Die schockierenden und beklemmenden Ereignisse um Raymond waren langsam zu fernen Erinnerungen verblasst, und nun, da es Polizeichef Harwood nicht mehr gab, brach im LAPD eine neue Ära an. Zum Glück, so schien es, war dieser Abschnitt seines Lebens endgültig abgeschlossen. Er blätterte um und wollte die Zeitung gerade zusammenlegen und wieder an die Arbeit gehen, als eine andere Kurzmeldung seine Aufmerksamkeit erregte. Sie stammte vom Pariser Büro der Nachrichtenagentur Reuters. In einem öffentlichen Park war die unbekleidete Leiche eines Mannes mittleren Alters aufge- funden worden. Dem Opfer war mehrmals aus nächster Nähe ins Gesicht geschossen worden, sodass seine Identifizierung nahezu unmöglich war. Marten stockte der Atem, vor Entsetzen sträubten sich ihm die Nackenhaare. Alles war wieder da, Los Angeles, der MacArthur Park, die Leiche des deutschen Studenten Josef Speer und die, Mordopfer von Chicago, San Francisco und Mexico City. Im nächsten Augenblick schoss ihm ein Name durch den Kopf. Raymond. Doch das war unmöglich. Erschüttert legte er den Guardian beiseite, goss sich Kaffee ein und kehrte an seine Arbeit zurück. Raymond. Nein. Ausgeschlossen. Nicht nach so langer Zeit. Sein erster Gedanke war, Dan Ford anzurufen und zu fragen, ob er Näheres wusste. Doch er verwarf den Gedanken. Unsinn. Er fing schon wieder damit an. Schluss jetzt. Es war einfach nur ein Mord, nichts weiter. Ford würde ihm dasselbe sagen. Um halb acht machte er Pause, griff zu Regenmantel und Schirm und unternahm einen flotten zehnminütigen Fußmarsch zu Sinclair’s Oyster Bar am Shambles Square, wo er ein Pint Ale trank und einen Teller Fish and Chips aß. Um Viertel vor neun saß er wieder am Schreibtisch, und um elf knipste er müde das Licht aus und ging zu Bett. Geistig erschöpft und fünf Seiten weiter. 23.20 Uhr. Die Scheinwerfer vorbeifahrender Autos zeichneten flüchtige Muster an die dunkle Decke über seinem Bett, und der Regen, der unablässig aufs Dach und gegen die Fensterscheibe trommelte, lieferte zu den Bildern eine Art beruhigenden Soundtrack. Er entspannte sich und dachte an Lady Clem, als sei sie hier, bei ihm, und nicht in Amsterdam, wo sie ein einwöchiges Seminar hielt. Kurz dachte er auch an Rebecca, die in der Schweiz ein zufriedenes Leben führte und im Haus der Familie Rothfels gut aufgehoben war., 23.30 Uhr. Beim Eindösen dachte er an Jimmy Halliday und wie es ihm wohl bei der Verkehrspolizei im Valley erging. Halliday, der ihnen im Güterbahnhof in letzter Sekunde so heldenhaft das Leben gerettet hatte, als er dem mit einer Maschinenpistole bewaffneten Polchak entgegengetreten war und ihn auf die einzige Art gestoppt hatte, die noch möglich war, indem er ihn tötete. Er versuchte, sich Hallidays Gesicht vorzustellen, rief sich ins Gedächtnis, wie er ausgesehen, fragte sich, ob er sich verändert hatte, doch das Bild verblasste und machte dem freundlichen Grinsen Dan Fords Platz, der sich mit Nadine in der kleinen Pariser Wohnung gemütlich eingerichtet hatte und stolz auf die Geburt ihres ersten Kindes wartete. Paris. Wieder sah er die kurze Meldung im Guardian. Die unbeklei- dete Leiche eines Mannes in einem Park. Mehrmals ins Gesicht geschossen. Sofortige Identifizierung nahezu unmöglich. Raymond. Es war absurd. Kein erhöhter Puls, keine innere Stimme, keine böse Vorahnung. Raymond war tot. Nach dem Abendessen hatte er auf dem Nachhauseweg erneut überlegt, ob er nicht doch Ford in Paris anrufen und mit ihm darüber reden sollte. Doch wieder hatte er den Gedanken verworfen. Er sah Gespenster. Es war nur ein merkwürdiger Zufall. Jeder andere Gedanke war lächerlich. »NEIN!« Sein eigener Schrei schreckte ihn aus tiefem Schlaf. Er war schweißgebadet und starrte in die Dunkelheit. Er hatte Raymond im Traum gesehen. Er hatte hier im Zimmer gestanden und ihn im Schlaf beobachtet. Instinktiv fasste er nach der Waffe auf dem Nachttisch. Doch, er fühlte nur das glatte lackierte Holz. Seine Hand tastete umher. Nichts. Er setzte sich auf. Er wusste, dass er die Pistole dort hingelegt hatte. Wo war sie? »Jetzt habe ich Ihre beiden Waffen.« Raymonds Stimme fuhr ihm durch Mark und Bein, und er schaute auf in der Erwartung, den Killer im Dunkeln am Fußende des Bettes stehen zu sehen, die Augen auf ihn gerichtet, John Barrons Double Eagle in der Hand, den schlecht sitzenden Anzug an, den er in Beverly Hills dem Juwelier Alfred Neuss entwendet hatte. Regen klatschte ans Fenster, und er begriff, wo er sich befand. Raymond war nicht da. So wenig wie Lady Clem. Oder sonst jemand außer ihm. Er hatte nur einen Albtraum gehabt – wie damals in L.A., als er geträumt hatte, Raymond sei in seinem Schlafzimmer, und dann aufgewacht war und feststellen musste, dass der Traum Wirklichkeit war. Langsam stieg er aus dem Bett, trat an das Fenster und blickte hinaus. Es war noch dunkel, doch im Schein der Straßenlaternen konnte er erkennen, dass der windgepeitschte Regen sich mit Schnee vermischte und das eisige Dunkel des River Irwell in ein tiefes Schwarz verwandelte, das sich vom trüben Grau der Umgebung abhob. Er holte tief Luft, fuhr sich durchs Haar und warf einen Blick auf den Wecker: kurz nach sechs. Da er schon auf war, konnte er ebenso gut duschen und an die Arbeit gehen. An seine Semesterarbeit sollte er denken, nicht an die Schrecken der Vergangenheit. Zum ersten Mal begriff er, wie richtig und einfach das war. Er schlüpfte aus den Boxershorts, in denen er geschlafen hatte, und wollte sich gerade auf den Weg ins Bad begeben, um unter der heißen Dusche neue Kräfte für den Tag zu sammeln, da klingelte das Telefon. Er blieb wie erstarrt stehen. Es klingelte noch einmal. Wer mochte das sein? Kein Mensch rief ihn um diese Zeit an. Ob vielleicht etwas passiert war? Oder, hatte sich nur jemand verwählt? Es klingelte wieder. Er durchquerte den Raum und hob ab. »Nicholas.« Der Anrufer am anderen Ende zögerte, dann meldete sich eine vertraute Stimme: »Ich bin’s, Dan. Ich weiß, es ist noch früh.« Ein Schauer lief Marten über den Rücken. »Der Erschossene im Park.« »Woher weißt du davon?« »Aus der Zeitung.« »Die französische Polizei hat ihn identifiziert.« »Wer …?« »Alfred Neuss.«, Dienstag, 14. Januar. British Airways, Flug 1604 Manchester – Paris, 10.35 Uhr Sonne und Wolken wechselten sich ab, und Marten erhaschte nur flüchtige Blicke vom Ärmelkanal. Dann sah er die Küste der Normandie vor sich auftauchen, doch gleich darauf waren sie darüber hinweg und flogen über das riesige Schachbrett französischen Ackerlands. Zehn Monate lang hatte er vergeblich darauf gewartet, dass etwas geschah, und eigentlich hatte er nicht mehr daran geglaubt. Und dann das. Sowie klar war, dass es sich bei dem Toten im Park um Alfred Neuss handelte, hatte ihn ein merkwürdiges Gefühl beschlichen. Eine Mischung aus Angst, Unruhe und freudiger Erregung. In gewisser Weise fühlte er sich erleichtert. Er war also nicht verrückt, er hatte die ganze Zeit Recht gehabt. Doch zugleich war er beunruhigt, denn er wusste nicht, was gespielt wurde. Warum war Neuss ermordet worden? Warum erst nach so vielen Monaten? In welchem Zusammenhang stand der Mord mit den früheren Ereignissen? Mit wem hatte Raymond gemeinsame Sache gemacht und, am beängstigendsten von allem, worum ging es bei der ganzen Geschichte? Was würde noch passieren? Den Entschluss, nach Paris zu fliegen, hatte er noch während der Telefongesprächs mit Dan Ford gefasst. Unter praktischen Gesichtspunkten war es ihm leicht gefallen, denn in der kommenden Woche hatte er keine Vorlesungen, nur ein Gespräch mit einem Tutor. Eigentlich hatte er sich ganz auf seine Seminararbeit konzentrieren wollen, doch im Moment konnte das noch warten. Der einzige andere Aspekt, den es zu, berücksichtigen galt, waren die Kosten. Die Abfindung vom LAPD hatte ihm erlaubt, mit Rebecca nach England zu ziehen, sie in der Balmore Clinic unterzubringen und die Miete für seine Wohnung in Manchester und seine nicht unerheblichen Studiengebühren zu begleichen. Rebeccas Umzug nach Jura war ein Glücksfall, der ihn finanziell entlastete, denn er brauchte eigentlich nur noch für ihre Kleidung aufzukommen. Ihre sonstigen Ausgaben bestritt sie mit dem bescheidenen Gehalt, das sie von der Familie Rothfels erhielt. Den Rest seiner Abfindung hatte er auf die hohe Kante gelegt, und er hob nur so viel ab, wie er jeden Monat zum Leben brauchte. Gleichwohl war es noch ein weiter Weg bis zum Examen, deshalb musste er sparsam wirtschaften. Der Flug nach Paris kostete Geld, genau wie die Fahrt mit dem Eurostar, dem Eurotunnelzug, und der Flieger war schneller. Zudem machte er den Löwenanteil seiner Kosten aus, denn während seines kurzen Aufenthalts in Paris würde er auf der Couch in Dan Fords Wohnzimmer schlafen. Andererseits hätte er die Reise auch unternommen, wenn er weder die Zeit noch das Geld gehabt hätte. Raymond und alles, was mit ihm zusammenhing, übten eine zu große Anziehungskraft auf ihn aus., Dan Ford erwartete ihn an der Personenkontrolle am Pariser Flughafen Charles de Gaulle, und zusammen fuhren sie in Fords kleinem Citroen in die Stadt. »Ein paar Teenager haben die Leiche gefunden. Sie lag in einem Gebüsch im Parc Monceau, ganz in der Nähe der Metro- Station.« Dan Ford legte einen höheren Gang ein und raste über die AutorouteA1in Richtung Paris. »Mrs. Neuss hatte das Hotelpersonal gebeten, in seinem Zimmer nachzusehen, weil er nicht ans Telefon ging. Das Hotel hat dann die Polizei verständigt. Der Rest war Formsache. Neuss hielt sich geschäftlich hier auf. Das Hotel, in dem er wohnte, liegt ganz in der Nähe des Parks. Er war von L. A. über Paris nach Marseille geflogen und von dort mit dem Taxi nach Monte Carlo gefahren und anschließend wieder nach Paris zurückgekehrt. Er hat in Monte Carlo Diamanten im Wert von einer Viertelmillion Dollar gekauft. Sie sind verschwunden.« »Hat die Polizei konkrete Hinweise?« »Nur dass Neuss vor seiner Ermordung gefoltert wurde.« »Gefoltert?« Ford nickte. »Wie?« Marten musste an die Brüder Azov in Chicago und die Mordopfer von San Francisco und Mexico City denken. Alle waren vor ihrem Tod gefoltert worden. Raymond! Wieder schoss ihm der Name durch den Kopf. Doch er wusste, dass es Unsinn war, und so hielt er den Mund. »Dazu hat die Polizei nichts Näheres gesagt. Falls sie mehr weiß, verschweigt sie es, aber das bezweifle ich. Philippe Lenard, der Chefinspektor, der den Fall bearbeitet, weiß, dass ich in L. A. Polizeireporter war. Ich habe ihm erzählt, dass ich, früher schon mal beruflich mit Neuss zu tun hatte, und da hat er mich gefragt, ob er sich an mich wenden könne, wenn er Fragen habe. Wenn die Tatsache, dass Neuss gefoltert wurde, etwas zu bedeuten hätte oder wenn er mehr wüsste, hätte er es mir bestimmt gesagt, schließlich will er ja etwas von mir.« Ford wechselte die Spur und ging vom Gas, weil der Verkehr ins Stocken geriet. Marten hatte ihn seit dem Frühherbst nicht mehr gesehen. Damals war er mit Nadine zu einem Überraschungsbesuch nach Manchester gekommen, um ihm von ihrer Schwangerschaft zu berichten. Und heute, fast fünf Monate später, kam er ihm trotz der baldigen Vaterfreuden unverändert vor. Er trug immer noch das zerknitterte blaue Sakko, Kakihose und Hornbrille, betrachtete die Welt und seinen Platz darin immer noch mit demselben einäugigen Feuer. Außerdem schien es ihm egal zu sein, wo auf diesem Planeten er lebte, in Kalifornien, Washington oder Paris – ihm war alles recht. »Weiß das LAPD von der Sache mit Neuss?«, erkundigte sich Marten. Ford nickte. »Leute vom Mord- und Raubdezernat haben mit seiner Frau gesprochen und mit den Polizisten in London, die ihn seinerzeit vernommen haben. Auch mit Lenard, hier in Paris.« »Leute vom Mord- und Raubdezernat? Meinst du etwa VerMeer?« Ford sah ihn an. »Ich weiß nicht, ob es VerMeer war.« »Was ist dabei herausgekommen?« »Mrs. Neuss hat angeblich keine Ahnung, wer es gewesen sein könnte oder ob es etwas mit der Geschichte von damals zu tun hat. Sie glaubt an einen Raubmord, sagt sie. Außerdem hat sie die Aussage bestätigt, die ihr Mann letztes Jahr bei der Londoner Polizei machte. Er hat damals gesagt, er sei geschäftlich nach London gereist und habe keine Ahnung, wer Raymond sei oder was er in seinem Laden oder seiner Wohnung, gewollt habe. Und dass sein Name im Adressbuch der Brüder stand, die Raymond in Chicago ermordet hatte, konnte er sich nur damit erklären, dass sie Schneider waren. Einmal, als er dort war, hat er ihre Dienste in Anspruch genommen und sich die Rechnung nach Beverly Hills schicken lassen.« »Die Opfer waren Russen. Hat jemand die russischen Ermittler informiert, die nach Raymonds Tod nach L. A. kamen? Jetzt, wo Neuss tot ist, könnte die Sache in einem ganz neuen Licht erscheinen.« »Keine Ahnung. Lenard und seine Leute haben jedenfalls nicht darüber gesprochen.« Dan Ford nahm Gas weg. Sie passierten das Autobahnkreuz Porte de la Chapelle und gelangten in den Pariser Norden. »Du willst in den Park und dir die Stelle ansehen, wo man Neuss gefunden hat.« »Ja«, sagte Marten. »Was hoffst du dort zu finden, was die Pariser Polizei nicht gefunden hat?« »Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass die Pariser Polizei nicht im MacArthur Park war, wo wir Josef Speer entdeckt haben.« »Darum geht es also«, sagte Ford und sah zu Marten. »Ich habe dich angerufen, weil mir klar war, dass du sowieso herkommst, wenn du erfährst, wer der Tote ist und in welchem Zustand man ihn gefunden hat.« Er schaltete jäh herunter, bog rechts ab und beschleunigte wieder. »Wir sind hier in Paris, Nick, nicht in L.A., und es geht um Alfred Neuss, nicht um Josef Speer. Hier waren Diamanten mit im Spiel. Die Polizei geht von einem gewöhnlichen Raubmord aus. Die Parallelen sind purer Zufall. Deshalb sind die Jungs vom LAPD noch zu Hause und nicht hier.« »Vielleicht ist es ein Zufall, vielleicht auch nicht.« Ford trat auf die Bremse, und der Citroen kam hinter einer, Autoschlange zum Stehen. »Zufall oder nicht, was gedenkst du zu tun? Du bist kein Cop mehr. Du hast keinerlei Befugnisse. Wenn du anfängst, hier rumzuschnüffeln, werden sich die Leute fragen: Was ist denn das für einer? Was will der hier? Nach dem Mord an Neuss wird alles wieder aufgewärmt. Die Medien stehen Gewehr bei Fuß, die Boulevardpresse wird eine Story erfinden, wo keine ist. Raymond war weltweit im Fernsehen. Und du auch. Die Leute erinnern sich. Du hast deinen Namen geändert, aber nicht dein Gesicht. Was ist, wenn jemand zwei und zwei zusammenzählt und errät, wer du bist? Hat er erst mal deinen Namen, findet er auch heraus, wo du lebst.« Die Autos vor ihnen setzten sich wieder in Bewegung, und Ford fuhr weiter. »Was ist, wenn die falschen Leute im LAPD Wind davon bekommen? Die Leute, die immer noch hinter John Barron her sind und wissen wollen, was aus ihm geworden ist, wo er und seine Schwester abgeblieben sind. Ich habe dich vor Gene VerMeers Website gewarnt. Jetzt gibt es eine neue mit dem harmlosen Namen ›Copperchatter‹. Schon davon gehört?« »Nein.« »Da chatten Polizisten aus aller Welt. Rachsüchtige Cops, die den üblichen Sermon von sich geben und ihre Bullenwitze reißen. Der Name John Barron taucht mindestens zweimal im Monat auf. Entweder steckt VerMeer dahinter, oder er wird von Leuten aufs Tapet gebracht, die Red, Len Polchak, Roosevelt Lee, Marty Valparaiso und Jimmy Halliday noch nicht vergessen haben. Sie haben eine Belohnung für Hinweise auf deinen Verbleib ausgesetzt und machen den Leuten weis, du hättest in L. A. etwas Wichtiges vergessen, das sie dir zurückgeben wollen.« Marten sah weg. »Wenn du hier Staub aufwirbelst«, sagte Ford, »bringst du dein Leben in Gefahr und alles, was du dir aufgebaut hast. Und, du bringst Rebecca in Gefahr, falls es jemand auf sie abgesehen hat.« Marten drehte sich um. »Was soll ich denn machen?« »Umkehren und nach Manchester zurückfliegen. Ich sitze hier an der Quelle. Wenn es etwas Neues gibt, erfährst du es sofort.« Ford hielt an einer roten Ampel vor einem Fußgängerüberweg. Menschen strömten in beide Richtungen über die Straße, und eine Weile saßen die Jugendfreunde schweigend da. »Bitte, Nick, hör auf mich«, sagte Ford schließlich, »geh zurück nach Manchester.« Marten musterte ihn. »Und was war noch?« »Wie, was war noch?« »Du verschweigst mir was. Ich hab es dir schon am Flughafen angemerkt. Du weißt was. Was ist es?« »Nichts weiter.« »Das Weiter interessiert mich besonders. Raus damit.« »Na schön.« Die Ampel sprang um, und Ford fuhr wieder los. »Woran musstest du denken, als du die Meldung über den Toten im Park gelesen hast?« »An Raymond.« »Ganz automatisch. Aus dem Bauch heraus.« »Ja.« »Aber wir wissen, dass Raymond schon eine ganze Weile tot ist.« »Weiter.« Marten sah ihn forschend an und wartete. »Als ich von der entstellten Leiche im Park hörte und noch bevor ich wusste, dass sie Alfred Neuss war … Na ja, aus Spaß an der Freude habe ich einen Reporter der Times in L. A. gebeten, etwas für mich herauszufinden.« »Und?«, »Heute Morgen, du warst noch unterwegs, habe ich seine Antwort erhalten. Raymonds Akte ist aus dem Büro des Coroner von L.A. County verschwunden. Sie ist aus der Datenbank gelöscht worden. Fingerabdrücke, Fotos – alles weg. Dasselbe ist mit seiner LAPD-Akte im Parker Center passiert und mit seiner Akte im Justizministerium in Sacramento. Und mit dem Bericht, den die Polizei von Beverly Hills nach der Wohnungsdurchsuchung bei Neuss angefertigt hat. Und mit den Akten in Chicago. Aber das Tollste ist, dass man auch in die Datenbank des FBI eingedrungen ist – die Daten über Raymond sind mit allem Drum und Dran restlos gelöscht worden. Im Moment überprüft man die Daten bei Interpol Washington und bei der Polizei von San Francisco und Mexico City, die über Fotos von Raymond und Kopien seiner Fingerabdrücke verfügten. Was glaubst du, werden sie wohl finden, wenn die Hacker sonst überall eingedrungen sind?« »Wann war das?« »Das weiß man nicht.« Ford blickte zu Marten, dann wieder auf die Straße. »Und das ist noch nicht alles. Drei Mitarbeiter aus dem Büro des Coroner sind wegen der Panne im Krematorien gefeuert oder versetzt worden – zwei Männer und eine Frau. Die Männer sind im Abstand von drei Wochen gestorben, die Frau ist verschwunden, und das alles innerhalb von vier Monaten nach dem Vorfall. Die Frau ist angeblich zu ihrer Schwester nach New Orleans gefahren, um bei ihr zu wohnen. Aber sie hat dort gar keine Schwester, nur einen Onkel, und der kann sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal von ihr gehört hat.« Marten war es, als würde ihn eine eiskalte Hand im Genick packen. Er hatte so etwas geahnt, als er von dem Toten im Park las, es sich bislang aber verkniffen, das Thema anzusprechen. »Willst du behaupten, dass Raymond noch am Leben ist?« »Ich will gar nichts behaupten. Aber wir wissen, dass ihm, jemand ein Flugzeug geschickt hat, zweimal. Das bedeutet, dass er nicht ohne fremde Hilfe gearbeitet hat und seine Helfer Geld besitzen, viel Geld.« Marten stierte ins Leere. Dies alles bestätigte, was er die ganze Zeit gewusst und Polizeichef Harwood so energisch bestritten hatte, als er den Fall Raymond für abgeschlossen erklärte, um die Wahrheit über die Squad zu vertuschen. »Und was ist mit dem Arzt, der im Krankenhaus seinen Totenschein ausgestellt hat?«, fragte er Ford. »Ein gewisser Felix Norman. Er arbeitet nicht mehr dort. Ich habe ein paar Leute auf seine Spur angesetzt.« »Herrgott noch mal. Weiß das LAPD davon?« »Ich glaube nicht, und wenn, dann geht es der Sache nicht nach. Die beiden Männer sind angeblich eines natürlichen Todes gestorben. Die Frau wurde nie als vermisst gemeldet, und wer stöbert schon in alten Akten und Datenbanken nach Informationen zu einem Fall, der offiziell abgeschlossen ist und mit dem keiner etwas zu tun haben will?« Vor ihnen tauchte das runde Gebäude von Barriere Monceau auf, eines der unzähligen Zollhäuser, die am Ende des 18. Jahrhunderts rund um die Altstadt errichtet worden waren, und eines der wenigen, die noch standen. Gleich dahinter erstreckte sich das winterliche Graubraun eines Stadtparks. »Ist es hier? Hat man Neuss hier gefunden?« »Ja, im Parc Monceau.« Ford sah das Feuer in Martens Augen, als sie näher kamen, spürte seine Anspannung, als er sich im Sitz aufrichtete, unwillkürlich die Straßen und verschiedene Zufahrtswege zum Park studierte und nach einem Weg suchte, auf dem ein Mörder gekommen und dann wieder verschwunden sein konnte. Der Cop in ihm brach wieder durch. Genau das hatte Ford befürchtet., »Nick«, warnte er ihn, »lass die Finger davon. Wir wissen nichts. Überlass die Sache mir und meinen Jungs in Los Angeles. Warte ab, ob die Pariser etwas herausfinden.« »Ich schlage vor, wir machen einen kleinen Spaziergang und sehen uns im Park ein wenig um.« Drei Minuten später setzte Ford den Citroen in eine Parklücke schräg gegenüber dem Park in der Rue de Thann. Es war kurz nach halb eins, als sie ausstiegen und in der hellen Januarsonne den Boulevard de Courcelles überquerten, dann ein schmiedeeisernes Tor unweit der Metro-Station Monceau durchschritten, den im 18. Jahrhundert vom Herzog von Chartres errichteten Parc Monceau betraten und den Weg zu der Stelle einschlugen, wo man Neuss gefunden hatte. Sie waren zwanzig Meter gegangen, als sie drei uniformierte Polizisten entdeckten. Sie standen neben einem dichten Gebüsch aus immergrünen Pflanzen, das eine mächtige, kahle Kastanie überragte. Etwas näher am Gebüsch sahen sie zwei Männer in Zivil, die miteinander sprachen. Unverkennbar Kriminalbeamte. Der eine war klein und untersetzt und deutete mal hierhin, mal dorthin, als erkläre er einen Sachverhalt. Der andere nickte immer wieder und stellte offenbar Fragen. Er war jünger und viel größer als der andere Mann und auf keinen Fall ein Franzose. Jimmy Halliday., »Nichts wie weg hier«, sagte Ford, als er ihn sah. Marten zögerte. »Komm schon«, drängte Ford, und Marten machte kehrt und ging mit seinem Freund den Weg zurück, den sie gekommen waren. VerMeer hätte er hier erwartet, aber Halliday? Was wollte er hier? »Genau davon rede ich die ganze Zeit, und jetzt wäre es fast passiert.« Sie gingen wieder durch das Tor neben der Metro- Station. »Wie lange ist er schon in Paris?« »Keine Ahnung. Ich sehe ihn zum ersten Mal, und wie gesagt, das LAPD bleibt auf Distanz. Er muss eben angekommen sein.« »Und der Mann, der bei ihm ist? Leitet er die Untersuchung?« Ford nickte. »Inspektor Philippe Lenard von der Pariser Polizeipräfektur.« »Gib mir die Wagenschlüssel. Ich warte hier. Halliday kennt dich. Geh zurück und versuche, etwas herauszukriegen.« »Er wird nach dir fragen.« »Nein, er wird nach John Barron fragen.« Marten grinste verhalten. »Und den hast du seit L. A. nicht mehr gesehen.« Marten stieg in den Citroen und wartete. Halliday. Ganz gleich, was das LAPD offiziell verlauten ließ, er hätte damit rechnen müssen, dass es jemanden schicken würde. Und Halliday war ein nahe liegender Kandidat, denn er wusste mehr über Neuss als jeder andere in der Behörde, egal, wo er zurzeit Dienst tat. Möglicherweise hatte er sogar selbst darum gebeten. Hatte der Mord an Neuss das LAPD dazu bewogen, Auskünfte, einzuholen, so wie er Ford veranlasst hatte, Kollegen von der Los Angeles Times auf die Sache anzusetzen? Und wenn ja, hatte es dieselben Entdeckungen gemacht und dieselben Schlüsse gezogen? Nämlich dass Raymond unter Zurücklassung eines Totenscheins und einer eingeäscherten Leiche lebend aus dem Krankenhaus verschwunden war? Dass er sich von seinen Verletzungen erholt hatte und nun, da seine Akten vernichtet und seine mutmaßlichen Komplizen tot oder unauffindbar waren und niemand seine wahre Identität kannte, sein Werk fortführte? Neuchâtel, Schweiz, zur selben Zeit Rebecca war ihm das erste Mal Mitte Juli begegnet, als er mit mehreren anderen Besuchern Jura besichtigte. Einige Wochen später sah er sie bei einem Mittagessen im Haus der Familie Rothfels wieder. Er wusste, dass sie Patientin in Jura war, und zeigte großes Interesse an dem neuen Therapieprogramm. Sie unterhielten sich eine Stunde oder länger und spielten anschließend mit den Kindern, und am Ende wusste sie, dass er sich in sie verliebt hatte. Dennoch hatte es noch über einen Monat gedauert, bevor er das erste Mal ihre Hand hielt, und einen weiteren Monat, bevor er sie küsste. Diese ersten Monate ohne den Austausch von Zärtlichkeiten waren auch für sie eine Qual. Sein Blick verriet ihr, was er empfand, und bald erwiderte sie seine Gefühle. Beim flüchtigsten Gedanken an ihn zitterte sie vor Erregung, und die Augenblicke der Zweisamkeit übertrafen alles, was sie bisher erlebt hatte, auch wenn sie nur am See spazieren gingen, zusahen, wie der Wind die Wasseroberfläche kräuselte, und dem Zwitschern der Vögel lauschten. Alexander Cabrera war für sie der attraktivste Mann, den sie je gesehen hatte. Er übertraf ihre kühnsten Träume. Dass er mit seinen vierunddreißig Jahren zehn Jahre älter war als sie, störte sie ebenso wenig wie die Tatsache, dass er ein hoch gebildeter und außerordentlich erfolgreicher Geschäftsmann und Unternehmer war, für den zufällig auch, Gerard Rothfels arbeitete. Der Argentinier Cabrera war Besitzer und Chef von Cabrera Worldwide. Das Unternehmen entwickelte, baute und betrieb hochleistungsfähige Pipeline-Anlagen und operierte in unterschiedlichen Wirtschaftszweigen von der Landwirtschaft bis zur Erdölförderung in über dreißig Ländern. Der Hauptsitz befand sich in Buenos Aires, die europäische Geschäftszentrale in Lausanne, wo Cabrera jeden Monat einige Tage verbrachte. Zusätzlich unterhielt er ein kleines Büro im Pariser Hotel Ritz, wo er dauerhaft eine Suite gemietet hatte. Um in seiner Lausanner Filiale und in dem Haus, in dem Rebecca inzwischen fast zur Familie gehörte, Klatsch zu vermeiden, hatte der sensible und wohl erzogene Alexander aus Respekt vor ihrer persönlichen Situation und ihrem Status als Angestellte seines Geschäftsführers Europa darauf bestanden, dass sie sich nur heimlich trafen. Und das taten sie vier wunderbare Monate lang. Wenn er geschäftlich in Lausanne weilte oder die Rothfels’ dazu überreden konnte, ein, zwei oder drei Abende auf ihr Kindermädchen zu verzichten, verschwand er mit ihr nach Rom, Paris oder Madrid. Und selbst dann wahrte er Diskretion. Sie wohnten in getrennten Hotels, ein privater Wagen holte sie ab, brachte sie zu ihm und lieferte sie später wieder ab. Zudem hatten sie in all der Zeit nie miteinander geschlafen. Das, so versprach er, sollte bis zu ihrer Hochzeitsnacht warten. Und eine Hochzeitsnacht würde es geben. Auch das hatte er gelobt, als er sie das erste Mal küsste. An diesem besonderen Nachmittag saß Rebecca, wegen der Januarkälte dick eingemummt, auf einer Bank an einem zugefrorenen Teich auf dem hügeligen Grundstück der Rothfels- Villa am Neuenburger See und sah ihren Schützlingen – Patrick, drei, Christine, fünf, und Colette, sechs – dabei zu, wie sie Schlittschuh laufen lernten. Noch zwanzig Minuten, dann würden sie ins Haus gehen und eine heiße Schokolade trinken., Danach würde sie mit Patrick spielen, während für Christine und Colette eine Klavierstunde auf dem Programm stand, gefolgt von Italienischunterricht bei einem Privatlehrer, der jeden Dienstag und Donnerstag um drei ins Haus kam. Mittwochs und freitags kam um vier ein Russischlehrer, der nach den Kindern auch Rebecca eine Stunde gab. Französisch, Italienisch und Spanisch fielen ihr immer leichter, und auch mit dem Russischen kam sie immer besser zurecht. Nur mit Deutsch tat sie sich noch schwer, insbesondere mit den gutturalen Lauten, deren korrekte Aussprache ihr größte Schwierigkeiten bereiteten. Heute war ein besonderer Tag, denn Alexander kehrte am Abend von einer zehntägigen Reise ins heimatliche Buenos Aires zu einem Geschäftsessen in die Schweiz zurück. Bedauerlich war nur, dass das Essen in St. Moritz stattfand und dieser Ort, von Neuchâtel aus gesehen, am anderen Ende des Landes lag. Außerdem musste er gleich anschließend nach Paris Weiterreisen. Sie telefonierten zwar jeden Tag mindestens einmal miteinander, hatten sich aber seit Wochen nicht mehr gesehen, und so wäre sie am liebsten nach St. Moritz gefahren, um wenigstens kurze Zeit bei ihm zu sein. Doch das war unmöglich. Seine Position als Chef des Unternehmens, sein voller Terminkalender und die Natur ihrer Beziehung ließen dies nicht zu. Damit musste sie sich abfinden. So wie sie sich mit der Heimlichkeit ihrer Beziehung abgefunden hatte. Am Tag ihrer Hochzeit, so versicherte er ihr immer wieder, würde die Welt es erfahren. Doch bis dahin sollte ihre Liebe ein Geheimnis bleiben, das nur wenige andere kannten – Rothfels und seine Frau Nicole sowie der stämmige Jean-Pierre Rodin, Alexanders französischer Leibwächter, ständiger Begleiter und Mädchen für alles. Nun, in Wahrheit gab es noch einen Menschen, der davon wusste – Lady Clem. Sie hatte Alexander im September kennen gelernt, als sie Rebecca in der Rothfels-Villa besuchte und von, seinem Interesse an Jura erfuhr. Ein zweites Mal traf sie ihn in London bei einer Benefizveranstaltung der Balmore Clinic in der Royal Albert Hall, bei der er die Stiftung mit einer großzügigen Spende bedachte, die ausschließlich Jura zugute kommen sollte. Zu einer dritten Begegnung kam es, als sie Rebecca Monate später in Neuchâtel besuchte. Zu dem Zeitpunkt war es offensichtlich, dass die beiden ein Verhältnis hatten. Rebecca nahm Clem beiseite, bestätigte ihre Vermutung und schärfte ihr ein, die Sache geheim zu halten, auch vor ihrem Bruder, der über sie wache und bestenfalls an ihrer emotionale Reife zweifeln würde. Nach allem, was er mit ihr durchgemacht habe, könnte er emotional oder sogar irrational reagieren, wenn er von ihrer tiefen Zuneigung zu einem so weltgewandten Mann wie Alexander Cabrera erfahre. Gewiss würde er ihm unterstellen, dass er sie nur als Spielzeug benutze, was ganz und gar nicht der Fall sei. Im Übrigen sei es auch Alexanders Wunsch, zumindest vorläufig. »Und davon mal ganz abgesehen«, sagte Rebecca verschmitzt zu Clem, »wenn Nicholas mit dir ein heimliches Verhältnis haben kann, dann sehe ich nicht ein, warum ich nicht etwas Ähnliches mit Alexander haben soll. Wir machen uns einen Spaß daraus, Nicholas im Dunkeln zu lassen. Abgemacht?« »Abgemacht«, lachte Clem spitzbübisch. Und dann gelobte sie hoch und heilig, Nicholas nichts zu sagen, bis Rebecca ihr die Erlaubnis gab. Mit der Folge, dass Nicholas Marten erst Monate später von der Verschwörung gegen ihn und der großen Liebe seiner Schwester erfuhr., Paris, 14.30 Uhr, derselbe Tag, Dienstag, 14. Januar, das Weinlokal L’Écluse Madeleine, Place de la Madeleine Dan Ford wählte eine Nummer, dann gab er Halliday sein Handy, griff zu seinem Glas Bordeaux und wartete, während Halliday seinen Flug umbuchte, damit er ein paar Tage länger als geplant in Paris bleiben konnte. Zwanzig Minuten zuvor waren sie mit einem Taxi vom Parc Monceau hierhergefahren. Halliday wollte unbedingt etwas trinken. Ford hatte ihn vom Park weggelotst, und das an der belebten Place de la Madeleine gelegene Écluse war vom Park und den Straßen, auf denen Marten weggefahren sein konnte, weit genug entfernt. Er hatte Halliday absichtlich bei der Metro-Station aus dem Park und über den Boulevard de Courcelles geführt, dann dort gewartet und ein Taxi gerufen. Da er wusste, dass Marten ein Stück die Straße entlang im Citroen wartete, hoffte er, er würde sie sehen und mit dem Wagen sofort in seine Wohnung auf dem linken Seine-Ufer fahren. »Entschuldigung, ich muss warten«, sagte Halliday, deutete auf das Handy, ergriff sein Glas und nahm einen kräftigen Schluck. »Schon in Ordnung«, erwiderte Ford. Halliday schien in den zehn Monaten seit ihrer letzten Begegnung um Jahre gealtert zu sein. Er war hager, sein Gesicht ausgezehrt und zerfurcht, und der vormals so durchdringende Blick seiner blauen Augen wirkte müde. Seine knittrige graue Hose und sein runzliges, hellblaues Sportsakko sahen so mitgenommen aus wie er selbst. Er litt an Jetlag, denn er war erst am Morgen aus Los Angeles eingetroffen, vom Flughafen direkt in die Polizeipräfektur gefahren und hatte Inspektor Lenard wenig später zum Tatort in den Park begleitet. Interessant war, dass er nicht mehr bei der Polizei arbeitete, sondern als Privatdetektiv. Die Versicherung des Juweliers Neuss hatte ihn beauftragt herauszufinden, was aus den verschwundenen Diamanten im Wert von einer Viertelmillion Dollar geworden war. Normalerweise hatte die Polizei für Privatschnüffler wenig übrig, doch Halliday kannte Neuss vom LAPD, und so wurde er von Lenard mit ebenso offenen Armen empfangen wie zuvor schon Dan Ford. Halliday wollte ursprünglich zwei oder drei Tage in Paris bleiben, die Akte der französischen Polizei einsehen und dann, wenn er Lenards persönliche Bekanntschaft gemacht und sich vergewissert hatte, dass der Mann ihn auf dem Laufenden halten würde, wieder nach Hause fliegen. Doch kaum war Ford im Park aufgetaucht, hatte der Fall eine unerwartete Wendung genommen, als Lenard telefonisch davon unterrichtet wurde, dass Fabien Curtay, einer der reichsten Diamantenhändler der Welt, wenige Stunden zuvor zusammen mit seinem Leibwächter in seiner Luxuswohnung in Monte Carlo von einem maskierten Eindringling erschossen worden war. Lenard brauchte weder Ford noch Halliday zu erklären, was das bedeutete. Es war Fabien Curtay gewesen, den Alfred Neuss in Monaco besucht und dem er die mittlerweile verschwundenen Diamanten abgekauft hatte. Lenard war sofort aufgebrochen, um nach Monte Carlo zu fliegen, und im nächsten Moment hatte Halliday Ford gefragt, ob er nicht ein Lokal kenne, wo er ein Glas mit ihm trinken und seinen Flug umbuchen könne. Der eigentliche Grund war natürlich, dass er mit ihm reden wollte, und so blieb Ford nichts, anderes übrig, als ihn zu begleiten. Im Taxi hatte Halliday wenig gesprochen und nur ein paar Worte über Neuss und den Mord an Curtay verloren, dann Smalltalk gemacht und Ford gesagt, dass er sich freue, ihn wiederzusehen, und ihn um die Versetzung in eine Stadt wie Paris beneide. Auf John Barron, wo er lebte und was aus ihm geworden war, kam er nicht zu sprechen. Und Raymond hatte er nur am Rande und in der Vergangenheitsform erwähnt, sodass offen blieb, ob er über dieselben Informationen verfügte wie Ford. Ford fragte sich, wieso er überhaupt nach Paris gekommen war. Angeblich arbeitete er als Privatdetektiv für eine Versicherung, aber vielleicht war das nur ein Vorwand, um die Bekanntschaft mit ihm aufzufrischen und durch ihn an Barron heranzukommen. Man sah es ihm nicht mehr an, aber früher war er ein erstklassiger, mit allen Wassern gewaschener Kriminalpolizist gewesen, der in der 5-2 unter Red McClatchy seinen Feinschliff erhalten hatte. Das musste Ford im Gedächtnis behalten, damit er sich nicht verplapperte. »Danke«, sagte Halliday, schaltete das Handy aus und gab es Ford zurück. »Alles geregelt.« Halliday ergriff sein Glas und lehnte sich zurück. »Ich bin geschieden, Dan. Meine Frau hat die Kinder. Wie lange ist das jetzt her …?« Er überlegte. »Fast sieben Monate.« »Das tut mir Leid.« Halliday starrte in sein Glas und schwenkte die Flüssigkeit darin im Kreis, dann trank er es leer und bestellte beim Kellner ein neues. »Die Squad wurde aufgelöst.« »Ich weiß.« »Hundert Jahre, und Barron und ich waren als Letzte noch übrig. Nur John und ich. Die Letzten der 5-2.«, Jetzt war es passiert. Er hatte die Sprache auf Barron gebracht. Ford fragte sich, wie es wohl weitergehen würde, doch er brauchte nicht lange zu warten, denn schon im nächsten Atemzug sagte Halliday: »Wo ist er?« »Barron?« »Ja.« »Keine Ahnung.« »Kommen Sie, Dan.« »Ich weiß es nicht, Jimmy.« Hallidays Drink kam. Er nahm einen großen Schluck, stellte das Glas ab und sah Ford an. »Ich weiß, dass er mit ein paar Jungs vom LAPD Ärger hatte. Ich wollte mit ihm darüber sprechen. Aber ich hatte weder eine Telefonnummer noch eine Adresse. Ich versuchte es bei seiner Schwester in St. Francis. Aber sie war auch nicht mehr da. Man wollte mir nicht sagen, was aus ihr geworden und wohin sie gegangen ist.« Seine Hand legte sich fest um das Glas. »Ich habe auch Sie zu erreichen versucht. Ich weiß nicht mehr genau, wann. Sie waren schon nach Washington versetzt worden. Dort habe ich es versucht.« »Ich habe nie eine Nachricht erhalten.« »Nein?« »Nein.« Hallidays Blick wanderte durch den Raum, dann zu ihm zurück. »John und ich müssen miteinander reden, Dan. Ich muss ihn finden.« Ford ließ sich nicht beirren. »Ich habe ihn seit L. A. nicht mehr gesehen. Ich würde Ihnen ja gern helfen, aber ich kann nicht. Tut mir Leid.« Halliday hielt seinen Blick lange fest, dann sah er wieder weg., Ford trank einen Schluck Bordeaux. Kein Zweifel, Halliday war klar, dass er log. Früher hätte er es ihm ins Gesicht gesagt, aber jetzt saß er nur mit leerem Blick da und beobachtete, wie sich das Lokal nach der Mittagspause leerte. Ford wusste nicht, was er von der Sache halten sollte. Vielleicht war Halliday einfach nur am Ende. Zuerst die Katastrophe bei der 5-2, dann die demütigende Versetzung zur Verkehrspolizei und schließlich die Scheidung und der Verlust der Kinder. Vielleicht wollte er mit Barron, dem einzigen Überlebenden der Squad außer ihm, wirklich nur zusammensitzen und reden. Andererseits war nicht auszuschließen, dass er Barron an allem die Schuld gab und deshalb auf Rache sann. Vielleicht entsprach die Geschichte mit der Versicherung gar nicht der Wahrheit. Der Mord an Neuss und der Umstand, dass er in derselben Stadt lebte, lieferten ihm einen idealen Vorwand. »Ich brauche etwas Schlaf, Dan«, sagte Halliday und stand unvermittelt auf. »Was sind wir schuldig?« »Das erledige ich, Jimmy.« »Danke.« Halliday trank aus, stellte das Glas auf den Tisch und beugte sich zu Ford herunter. »Ich muss mit John reden. Heute Abend, spätestens morgen. Ich wohne im Hotel Eiffel Cambronne. Sie sagen ihm Bescheid, ja? Sagen Sie ihm, es geht um Raymond.« »Um Raymond?« »Sie richten es ihm aus, ja? Sagen Sie ihm, ich brauche seine Hilfe.« Er sah Ford noch einen Augenblick an, dann drehte er sich abrupt um und ging in Richtung Tür. Ford stand schnell auf, warf zwei Zwanzig-Euro-Scheine auf den Tisch und folgte ihm durch das Lokal hinaus ins Freie., Weder Dan Ford noch Jimmy Halliday hatte beim Hinausgehen den bärtigen, korpulenten Mann bemerkt, der allein an einem Tisch neben der Tür saß. Keiner von beiden sah, wie er hinter ihnen ins Freie trat, in der Nähe stehen blieb und lauschte, als Ford Halliday in ein Taxi stieg und dem Fahrer den Namen seines Hotels nannte. Und als Ford anschließend zur Metro- Station an der Place de la Madeleine eilte und im Gehen sein Handy aus der Jackentasche zog, ahnte er nicht, dass er beschattet wurde. Sie hatten ihn auch vorher nicht bemerkt, als er im Parc Monceau auf einer Bank saß, Tauben fütterte und beobachtete, wie sie zusammen mit Lenard den Tatort in Augenschein nahmen, bis der Pariser Inspektor einen Anruf erhielt und sie überstürzt verließ. Und später, als er ihnen vom Park aus gefolgt war, sie in ein Taxi hatte steigen sehen und ihnen dann in einem anderen Taxi zum Écluse Madeleine nachgefahren war. Der Bärtige blieb noch zehn Sekunden auf dem Gehweg vor dem Écluse stehen wie jemand, der unschlüssig war, was er als Nächstes tun sollte, und unbedingt den Eindruck vermeiden wollte, dass er den Amerikanern gefolgt war. Schließlich drehte er sich um und ging davon, bis er in der Menge der Fußgänger an der Place de la Madeleine verschwand. Er hieß Jurij Rylejew Kowalenko, war einundvierzig Jahre alt, Kriminalbeamter des russischen Justizministeriums und in Paris, weil die französische Regierung um Unterstützung bei den Ermittlungen im Mordfall Alfred Neuss gebeten hatte. Offiziell gehörte er dem Untersuchungsteam der französischen Mordkommission an, doch er besaß keine polizeilichen Vollmachten und unterstand dem Leiter der Untersuchung, Philippe Lenard, einem Mann, der ihn zwar mit kollegialer, Höflichkeit behandelte, jedoch auf Distanz hielt, nur einbezog, wenn es ihm beliebte, und ihm bei anderer Gelegenheit Informationen vorenthielt. Lenards Haltung war aus zwei Gründen verständlich. Erstens, das Verbrechen war in seiner Stadt verübt worden, und von seiner Behörde wurde eine Aufklärung erwartet. Zweitens, das französische Ersuchen, einen Moskauer Beamten zu schicken, war von der russischen Regierung über ihr Außenministerium initiiert worden, und die Franzosen hatten der Bitte nur aus diplomatischer Höflichkeit entsprochen, um dem Eindruck vorzubeugen, es handle sich um einen Fall von internationaler Tragweite, wo es doch lediglich um den Mord an einem ehemaligen russischen Staatsbürger ging. Tatsächlich sah sich Lenard unversehens mit einem Politikum in Gestalt eines russischen Kriminalbeamten konfrontiert und wurde ohne nähere Erklärung angewiesen, ihn voll und ganz in die Ermittlungen einzubeziehen. Dieser Umstand belastete ihr Verhältnis und war auch der Grund, warum Kowalenko dem Reporter von der Los Angeles Times, Dan Ford, noch nicht vorgestellt und auch nicht gefragt worden war, ob er Lenard und Halliday zum Tatort in den Parc Monceau begleiten wolle. Gefragt oder nicht, kein Gesetz hinderte einen Besucher der Stadt daran, eine Sonnenbrille aufzusetzen, auf einer Parkbank Tauben zu füttern und zu beobachten, was um ihn herum vorging, und sich dadurch die Möglichkeit zu verschaffen, ohne fremde Hilfe etwas über Halliday herauszufinden. Und das hatte er. Er wusste, dass er aussah wie ein Mann, der gerne trank oder trinken musste, und in welchem Hotel er wohnte. Und sein Eifer war doppelt belohnt worden – als Dan Ford in den Parc Monceau kam, war zunächst ein zweiter Mann bei ihm gewesen. Beim Anblick der Polizisten hatten die beiden hastig ein paar Worte gewechselt, worauf der andere kehrtmachte und wegging. Kowalenko fragte sich, wer dieser zweite Mann wohl war und warum ihn der Journalist, als sie die Polizisten entdeckten,, sofort umdrehen ließ. Da er Ford begleitet hatte, war davon auszugehen, dass er sich für den Mord interessierte, doch Ford hatte offensichtlich nicht gewollt, dass er gesehen wurde. Die Frage war nur, von wem. Von Lenard, von Halliday oder von beiden? Interessant waren die Begleitumstände – dass Lenard ihn von dem Treffen mit Halliday ausgeschlossen hatte, einem ehemaligen LAPD-Detective, der in Los Angeles mit Neuss zu tun gehabt hatte, dann das Auftauchen des Journalisten Ford, der in Los Angeles über den Fall Neuss berichtet hatte, und schließlich das ungewöhnliche Verhalten des Mannes, der mit Ford in den Park gekommen war. Das alles bestärkte Kowalenko in dem Glauben, dass der Mord an Alfred Neuss mehr sein musste als ein dem Anschein nach gewöhnlicher Raubmord und im Zusammenhang mit den Ereignissen stand, die sich vor annähernd einem Jahr in Amerika zugetragen hatten und die der eigentliche Grund seines Paris-Besuchs waren. Nur wenige wussten – das russische Justizministerium und nun auch die Pariser Polizeipräfektur –, dass Alfred Neuss ein ehemaliger russischer Staatsbürger gewesen war. Genau wie die Brüder Azov, die Raymond Oliver Thorne in ihrem Schneiderladen in Chicago erschossen hatte, bevor er in den Zug nach Los Angeles stieg. Zudem waren in den Tagen unmittelbar vor Thornes Reise nach Chicago in Amerika zwei weitere Männer russischer Abstammung ermordet worden. Ein Bankmanager aus San Francisco und ein bekannter Bildhauer aus Mexico City. San Francisco und Mexico City – zwei Städte, in denen sich Thorne, wie aus den Daten auf dem Magnetstreifen seines Passes hervorging, zur fraglichen Zeit aufhielt. Innerhalb weniger Tagen waren vier ehemalige russische Bürger umgebracht worden. Der Fünfte auf Thornes Liste war Alfred Neuss gewesen. Der Juwelier aus Beverly Hills hatte zweifellos nur überlebt, weil er sich zu dem Zeitpunkt in London aufhielt. Ärgerlich war, dass Raymond Oliver Thorne,, der mutmaßliche Täter, selbst erschossen und eingeäschert worden war, sodass seine wahre Identität und das Motiv für seine Verbrechen nie hatten geklärt werden können. Aus diesem Grund hatte Moskau russische Ermittler nach Nordamerika und Mexiko geschickt, um mit den lokalen Polizeibehörden zusammenzuarbeiten und der Frage nachzugehen, ob die Morde Teil einer Verschwörung gegen russische Exilanten waren. Mit Genehmigung des FBI hatte das LAPD den russischen Beamten den Inhalt von Raymonds Reisetasche gezeigt, die man im Southwest Chief sichergestellt hatte: die Bankfachschlüssel und Raymonds Taschenkalender mit den handschriftlichen Notizen bezüglich London, des Hauses in der Uxbridge Street, der russischen Botschaft, Penrith’s Bar und »I.M.« sowie der separaten Eintragung »7. April/Moskau«. Doch auch nach genauer Prüfung gab ihnen der Inhalt der Tasche Rätsel auf, so wie allen anderen. Und was die Ruger anging, so handelte es sich zweifelsfrei um die Waffe, mit der die Brüder Azov in Chicago erschossen worden waren, nicht aber um die, mit der die Morde in San Francisco und Mexico City verübt wurden. Wenn also Raymond Thorne diese beiden anderen Verbrechen begangen hatte, so gab es dafür keinen konkreten Beweis. Sein Tod, seine Einäscherung und das Ausbleiben weiterer Erkenntnisse hatten dazu geführt, dass die Akte Raymond in einem riesigen Moskauer Lagerraum abgelegt worden war, der bereits von den Akten anderer ungelöster Mordfälle überquoll. Und dann war Alfred Neuss in Paris von einem oder mehreren Unbekannten bestialisch ermordet worden, und man hatte den Fall wieder aufgerollt und Kowalenko mit der Untersuchung betraut. Hätte ihn jemand direkt gefragt, so hätte er geantwortet, er vermute hinter dem Raubmord an Neuss und den früheren Morden in Amerika eine Rasborka, eine blutige Abrechnung. Wofür und weshalb, vermochte er nicht zu sagen. Zudem gab es keine schlüssigen Beweise für seine Vermutung, noch hatte es, jemals welche gegeben. Dennoch hatte der Mord an Neuss neues Interesse geweckt, und nicht nur beim russischen Justizministerium und bei der Pariser Polizeipräfektur, sondern auch bei einem ehemaligen Kriminalbeamten vom LAPD und einem Reporter der Los Angeles Times, die früher beide mit dem Fall Neuss zu tun gehabt hatten. In Russland wurden ausländische Journalisten und ihre Freunde fast immer mit Misstrauen betrachtet, weil man davon ausging, dass sie den Nachrichtendiensten ihrer Länder zuarbeiteten, und Kowalenko sah keinen Grund, warum es in Paris anders sein sollte. Er hätte gern erfahren, worüber Ford und Halliday im Écluse gesprochen hatten. Ebenso gern hätte er gewusst, wer Fords Begleiter im Park gewesen war und warum er sich so merkwürdig verhalten hatte. Man musste davon ausgehen, dass den russischen Ermittlern, die das Ministerium nach Amerika geschickt hatte, Informationen vorenthalten worden waren. Dagegen sprach allerdings, dass man ihnen mit Billigung Washingtons erlaubt hatte, die Beweismittel in Augenschein zu nehmen und mit den Ermittlungsbehörden vor Ort zu sprechen. Alles in allem und vor dem Hintergrund der Erfahrungen, die man in Russland mit ausländischen Journalisten gemacht hatte, weckte Fords Verhalten im Park Kowalenkos Neugier. Vielleicht, so sagte er sich, war Ford eine Schlüsselfigur – und somit ein Mann, den man im Auge behalten musste, und zwar genau., Dan und Nadine Fords Wohnung in der Rue Dauphine, immer noch Dienstag, 4. Januar, 20.40 Uhr »Halliday ist nicht ohne Grund auf Raymond zu sprechen gekommen. Er hat mich nicht ohne Grund um Hilfe gebeten«, sagte Nicholas Marten und beugte sich über den Esstisch im beengten Wohnzimmer der Fords. Marten hatte beobachtet, wie Dan und Halliday zusammen aus dem Parc Monceau kamen und auf ein Taxi warteten. Er hatte sofort begriffen, dass Dan ihm auf diese Weise signalisierte, er solle den Citroen nehmen und verschwinden. Das hatte er auch getan, war quer durch die Stadt und dann ein paarmal im Kreis gefahren, bis er endlich Dans Adresse in der Rue Dauphine gefunden hatte. Dans Frau, die hübsche Nadine, war über sein plötzliches Auftauchen nicht sehr überrascht, denn sie hatte von seinem Besuch gewusst. Sie hieß ihn willkommen, bereitete ihm ein Sandwich zu, schenkte ihm ein Glas Wein ein und unterhielt sich mit ihm, bis ihr Mann nach Hause kam. Und jetzt saßen die beiden Freunde am Esstisch in der kleinen Wohnung im ersten Stock und stritten sich. Marten war fest entschlossen, Halliday anzurufen und herauszufinden, was er über Raymond wusste. Ford hingegen wollte, dass er Paris auf der Stelle verließ und sich fern hielt, solange sich Halliday in der Stadt befand. Vielleicht hätte Marten auf ihn gehört, wenn er nicht beobachtet hätte, wie Halliday mit Lenard im Parc Monceau die Stelle besichtigte, an der Neuss ermordet worden war. Genauso hatte Halliday damals im MacArthur Park in Los Angeles mit, ihm, Red und den anderen den Schauplatz des Mordes an Josef Speer untersucht. Dieses Bild ging ihm nicht mehr aus dem Kopf und weckte Erinnerungen. Erinnerungen, die ihm vor Augen führten, wie groß seine Schuld noch war – nicht nur weil er Raymond unterschätzt hatte und deshalb Unschuldige hatten sterben müssen, sondern auch weil er, Notwehr oder nicht, im Güterbahnhof Roosevelt Lee und Marty Valparaiso erschossen hatte. Es sah alles wieder so klar und deutlich vor sich, dass er den beißenden Pulverdampf zu riechen meinte. Hallidays Anwesenheit hatte alles wieder wachgerufen. Er musste sich der Sache endlich stellen. Sie durchsprechen. Ausdiskutieren. Weinen. Schreien. Seine Wut herauslassen. Was immer auch nötig war, um Klarheit zu schaffen. Deshalb drängte es ihn, mit Jimmy Halliday zu reden. Er war der einzige Mensch auf der Welt, der ihn verstehen konnte, denn er war dabei gewesen, als es passierte. »Und wenn er Raymond nur als Vorwand benutzt? Wenn er dich nur um Hilfe bittet, um dich zu ködern?«, sagte Dan Ford, stellte seine Kaffeetasse ab und lehnte sich zurück. »Vielleicht will er dir nur den Mund wässrig machen und dich aus der Deckung locken, damit du ihn anrufst.« »Glaubst du etwa, er ist meinetwegen hier?« »Vielleicht hat er ja die LAPD-Kampagne gegen dich angeleiert. Wäre doch möglich, oder? Und selbst wenn er es nicht war, er hat alles verloren, seine Freunde, seine Selbstachtung, seinen Job und seine Familie. Möglich wäre aber auch, dass er über Raymond dasselbe herausgefunden hat wie wir. Vielleicht weiß er sogar noch mehr und will es dir sagen. Aber was ist, wenn er dir an allem die Schuld gibt und mit dir abrechnen möchte? Willst du dieses Risiko eingehen?« Marten musterte ihn, dann sah er weg. Ihm war klar, dass Dan nur versuchte, ihn zu schützen, wie schon auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt und später im Park, als sie Halliday, entdeckten. Und vielleicht lag er damit ja richtig, doch in einem Punkt irrte er. Ganz gleich, wie tief Halliday gesunken war, er hatte sich mit Sicherheit nicht gegen ihn gewandt. Dan wusste nicht, was im Güterbahnhof geschehen war und wie Halliday sich dort verhalten hatte. Es mochte ja nicht falsch sein, dass er versuchte, ihn von Halliday fern zu halten, aber es bestand immerhin die Möglichkeit, dass Halliday tatsächlich etwas herausgekriegt hatte und mit ihm darüber sprechen wollte. Diese Hoffnung und das Bedürfnis, mit Halliday zu reden, waren stärker als seine Bedenken. Er wandte sich wieder Dan zu. »Ich möchte Halliday sehen. Ich möchte zu ihm ins Hotel. Sofort, noch heute Abend.« »Sehen?« Ford war fassungslos. »Von Angesicht zu Angesicht?« »Ja.« Nadine legte ihre Hand auf die ihres Mannes. Sie begriff nur wenig von dem, was gesprochen wurde, aber ihr war nicht entgangen, dass der Streit eine plötzliche Wendung genommen hatte. Sie erkannte es an der Art, wie die beiden einander ansahen. Sie spürte ihre Erregung und bekam Angst. »C’est bien«, sagte Ford zärtlich und tätschelte lächelnd ihren Bauch. »C’est bien.« Alles in Ordnung. Marten musste lächeln. Schon in L.A. hatte Nadine ihrem Mann Französisch beigebracht, und sie war offensichtlich eine gute Lehrerin, denn seine Französischkenntnisse hatten den Ausschlag für seine Versetzung ans Pariser Büro gegeben. Mittlerweile schien er mit dieser Sprache blendend zurechtzukommen. Dans Handy klingelte in der Küche, und er stand auf. »Dan Ford«, hörte Marten ihn sagen. Dann: »Comment? Où?« Seine Stimme klang überrascht und beunruhigt. Marten und, Nadine wandten die Köpfe. Sie sahen, dass er mit dem Telefon in der Hand in der Küche stand und lauschte. »Oui, merci«, sagte er schließlich. Gleich darauf kam er zurück ins Zimmer. »Das war Inspektor Lenard. Er ist gerade aus Monaco zurückgekehrt. Halliday wurde tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden.« »Was?« »Er wurde ermordet.«, Hotel Eiffel Cambronne, Rue de la Croix-Nivert, 21.20 Uhr Dan Ford bugsierte den Citroen einen halben Block vom Hotel entfernt in eine Parklücke. Vom Wagen aus konnten sie uniformierte Polizisten und mehrere Einsatzfahrzeuge am Hoteleingang erkennen. Darunter war auch Lenards rotbrauner Peugeot. »Nick«, sagte Ford mit eindringlicher Stimme, »bis jetzt weiß niemand, wer du bist. Aber wenn du da reingehst, wird Lenard erfahren wollen, wer du bist und was du hier verloren hast. Er wird dir alle möglichen unangenehmen Fragen stellen.« Marten lächelte. »Lass deinen Charme spielen. Sag ihm einfach, ich sei ein Freund aus den Staaten.« »Du willst dich wohl unbedingt umbringen lassen, was?« »Dan, Jimmy Halliday war mein Freund und Partner. Vielleicht kann ich mir einen Reim darauf machen, was passiert ist. Möglicherweise besser als die französische Polizei. Ich kann es wenigstens versuchen.« Er hielt inne. »Er hätte dasselbe für mich getan.« Lenard war da, als sie eintrafen. Ein zweiter Kriminalbeamter stand bei ihm. Ein kleines Team der Spurensicherung arbeitete im Schlafzimmer und im Bad nebenan. Ein Polizeifotograf machte Aufnahmen. Halliday lag auf dem Bett. Er trug ein weißes T-Shirt und Boxershorts. Das T-Shirt und Bettzeug rings um seinen Oberkörper waren blutdurchtränkt. Sein Kopf lag auf dem Kissen und war merkwürdig nach hinten gedreht. Seine Kehle war fast bis zum Rückgrat aufgeschlitzt., »Qui est-ce?«, fragte Lenard und musterte Marten. »Nicholas Marten, un ami américain«, antwortete Ford. »D’accord?« Lenard musterte Marten einen Augenblick, dann nickte er. »Solange er uns nicht im Weg steht und nichts anfasst«, sagte er auf Englisch. Ford nickte dankend. »Irgendeine Vermutung, wer es war oder wie es passiert ist?« »An der Tür ist der Teppich voll Blut. Ich könnte mir denken, dass er hier lag oder auf der Toilette war, und dann klopfte es an der Tür. Er ging hin und öffnete. Der Besucher hat ihn sofort abgeschlachtet und ihn dann zum Bett getragen. Alles ging blitzschnell. Die Mordwaffe war sehr scharf, ein Rasiermesser, würde ich sagen, oder eine Art Kampfmesser.« »War es Raubmord?«, fragte Ford. »Auf den ersten Blick nein. Wie’s aussieht, ist seine Brieftasche nicht angerührt worden. Sein Koffer war noch nicht ausgepackt.« Marten trat vorsichtig einen Schritt näher ans Bett, um sich Halliday genauer anzusehen. Im selben Moment kam ein bärtiger Mann in einem ausgebeulten Anzug aus dem Badezimmer. Er war um die vierzig, leicht übergewichtig, mit großen braunen Hundeaugen, die ihn beinahe schläfrig wirken ließen. »Das ist Inspektor Kowalenko vom russischen Justizministerium«, sagte Lenard zu Ford. »Er unterstützt uns im Mordfall Alfred Neuss. Neuss war ehemaliger russischer Staatsbürger.« »Ich wusste, dass russische Untersuchungsbeamte kurz nach der Sache mit Raymond Thorne in L.A. waren«, bemerkte Ford mit einem Seitenblick auf Marten. Hier hatten sie die Antwort auf Martens Frage, ob jemand mit den Russen in Verbindung, gestanden habe. »Aber dass Neuss Russe war, ist mir neu.« Er blickte zu Kowalenko. »Ich bin Dan Ford, von der Los Angeles Times.« »Ich weiß, wer Sie sind, Mr. Ford«, erwiderte Kowalenko mit starkem Akzent auf Englisch. »Wie ich höre, war Detective Halliday ein Freund von Ihnen. Mein herzliches Beileid«, fügte er aufrichtig hinzu. »Danke.« Kowalenkos Augen wanderten zu Marten. »Und Sie sind ein Freund von Mr. Ford?« »Ja, Nicholas Marten.« »Angenehm.« Kowalenko nickte leicht. Das war der Mann aus dem Park, der beim Anblick der Polizisten auf dem Absatz kehrtgemacht hatte. Und jetzt spazierte er bedenkenlos hier herein. »Wer hat ihn gefunden?«, fragte Ford. »Das Zimmermädchen wollte das Bett machen«, antwortete Lenard. »Sie klopfte, und als niemand öffnete, schloss sie mit dem Hauptschlüssel auf. Sie sah ihn und verständigte sofort den Direktor. Das war gegen halb acht.« Der Polizeifotograf trat hinzu, um das Bett aus verschiedenen Blickwinkeln aufzunehmen, und Marten machte Platz. Das gab ihm Gelegenheit, sich Halliday genauer anzusehen. Sein Gesicht war faltiger, als er es in Erinnerung hatte. Und er war viel zu mager. Und noch etwas fiel ihm auf. Für einen Mann seines Alters – Anfang dreißig – wirkte er beinahe alt. Doch er war immer noch der Mann, der ihn in die Squad geholt, an dessen Seite er die Donlan-Affäre und die blutigen Ereignisse um Raymond durchgestanden hatte. Und der Mann, der sich im wichtigsten Augenblick seines Lebens auf seine Seite geschlagen und Rebecca und ihn vor dem wahnsinnigen Len Polchak gerettet hatte., Wut und Trauer überkamen ihn. Ohne nachzudenken, wandte er sich an Lenard. »Hat das Zimmermädchen den Direktor angerufen, oder hat sie ihn geholt?« Dan Ford schüttelte warnend den Kopf. »Sie meinen, ob sie ihn von hier aus angerufen hat oder von anderswo?« Es war zu spät, Lenard ging bereits darauf ein. »Ja.« »Sie war entsetzt, wie Sie sich vorstellen können. Sie ist aus dem Zimmer gerannt und hat das Haustelefon bei den Aufzügen am Ende des Flurs benutzt.« Lenard sah zu Ford. »Ich glaube, Ihr Freund will damit sagen, dass der Mörder noch im Zimmer gewesen sein könnte, im Bad oder im Schrank, und dann geflüchtet ist, als das Zimmermädchen Hilfe geholt hat.« Er drehte sich wieder zu Marten. »Habe ich Recht?« »Ich wollte nur wissen, was passiert ist.« Ford fluchte in sich hinein. Nicht nur Lenard war stutzig geworden, sondern auch Kowalenko. Er musste die Sache sofort unterbinden. »Ich kenne Hallidays Frau«, sagte er und trat zwischen Marten und Lenard. »Soll ich sie anrufen?« »Wenn es Ihnen nichts ausmacht. Ich wäre Ihnen dankbar.« Marten schaute sich unterdessen im Zimmer um. Hallidays Koffer lag geöffnet auf einem Gestell am Fuß des Betts. Er war bis zum Rand mit Kleidern gefüllt, sogar sein Rasierzeug steckte noch an der Seite. Es sah so aus, als hätte er ihn gerade geöffnet, als es passierte. »Gehen wir, Nick, lassen wir die Jungs ihre Arbeit machen.« Dan Ford stand an der Tür, und Marten war klar, dass er auf der Stelle mit ihm verschwinden wollte. »Mr. Ford, haben Sie eine Idee, warum ihn jemand hätte umbringen wollen?«, fragte Lenard, als Marten zu ihnen trat., »Nein. Keine.« »Würden Sie so freundlich sein und morgen früh zu mir kommen? Vielleicht können wir gemeinsam etwas Licht in die Sache bringen.« »Selbstverständlich«, erwiderte Ford und wandte sich mit Marten zum Gehen, »Mr. Ford«, sagte Kowalenko und versperrte ihnen den Weg. »Sie kannten Detective Halliday aus Ihrer Zeit als Journalist in Los Angeles, stimmt’s?« »Ja.« »Meines Wissen hat er der legendären Squad 5-2 angehört. Richtig?« »Ja«, antwortete Dan Ford kühl. »Die 5-2 genießt bei Polizisten in aller Welt einen sehr guten Ruf. Russland ist da keine Ausnahme. In meinem Büro habe ich ein Foto von Ihrem verstorbenen Commander, Arnold McClatchy. Er war ein Held, nicht wahr? Wie Gary Cooper in 12 Uhr mittags.« »Sie wissen eine Menge über Amerika«, bemerkte Ford. »Nur ein wenig«, schmunzelte Kowalenko, dann blickte er zu Marten. »Und Sie, Mr. Marten? Haben Sie Detective Halliday auch gekannt?« Marten zögerte. Ihm war klar gewesen, und Ford hatte ihn immer wieder daran erinnert, welch hohes Risiko er einging, wenn er in Paris blieb und sich in den Mordfall Neuss einmischte. Dennoch hatte er mit Halliday sprechen wollen und sich sogar an den Tatort begeben, obwohl es dort von französischen Polizisten wimmelte. Und das rächte sich. Mit seiner Frage an Lenard hatte er den russischen Polizisten hellhörig gemacht. Sein Bart, seine Körperfülle und seine braunen Augen verliehen ihm etwas Betuliches, Lehrerhaftes, doch der Schein trog. In Wahrheit war er ein scharfsinniger und, sehr aufmerksamer Beobachter. Und er hatte seine Hausaufgaben gemacht. Er kannte die 5-2, und er kannte Red. Ob er tatsächlich ein Foto von ihm besaß, war nebensächlich. Er suchte einen Anhaltspunkt, irgendeinen Hinweis darauf, dass Marten oder Dan Ford über das, was hier passiert war, mehr wussten, als sie zugaben. Ein Gedanke schoss Marten durch den Kopf. Vielleicht interessierte sich der Russe nur für Neuss und wollte herausfinden, ob Ford und er über Kenntnisse verfügten, die ihm, der französischen Polizei und den russischen Beamten, die in L. A. gewesen waren, fehlten. Wie und was auch immer Kowalenko herauszufinden versuchte, er musste vor ihm auf der Hut sein. Wenn er jetzt etwas Falsches sagte oder zu erkennen gab, dass er mit dem Fall vertraut war, würde der Russe weiterbohren. »Ja, ich kannte ihn, aber nicht näher«, antwortete er mit ruhiger Stimme. »Das Wenige, was ich über ihn weiß, habe ich hauptsächlich aus Dans Zeitungsartikeln.« »Verstehe.« Kowalenko lächelte freundlich, und seine Miene hellte sich ein wenig auf. »Sie sind in Paris, um Mr. Ford zu besuchen, oder?« »Ja.« »Darf ich fragen, wo Sie wohnen?« »Bei mir«, antwortete Ford für ihn. »Danke.« Wieder lächelte Kowalenko. »Dann also bis morgen früh«, sagte Lenard zu Ford. »Um neun in meinem Büro.« »Um neun. Au revoir.« Ford nickte, dann schob er Marten zur Tür hinaus., »Was sollte denn die Fragerei?«, zischte Ford leise, als sie durch den Flur zu den Aufzügen eilten. Überall standen uniformierte Polizisten. Sie hatten den gesamten Bereich um Hallidays Zimmer herum abgeriegelt. »Diesmal hat es Lenard dabei bewenden lassen, aber morgen früh wird er mich fragen, wer du bist und was du hier treibst.« »Na und wenn schon.« »Nick«, warnte ihn Ford, »halt einfach den Mund.« Sie kamen ans Ende des Flurs und bogen zu den Aufzügen ab. »Lass dir von einem Polizisten zeigen, welches Telefon das Zimmermädchen benutzt hat«, sagte Marten unvermittelt. »Ich möchte sehen, wo es ist.« »Um Himmels willen, lass die Finger davon.« »Dan, man hat Jimmy Halliday die Kehle durchgeschnitten.« Ford blieb stehen und holte Luft, dann ging er zu dem nächsten Uniformierten und tat, worum Marten ihn gebeten hatte. »Là-bas.« Der Uniformierte deutete auf ein einfaches weißes Haustelefon, das ihnen gegenüber an der Wand hing. Marten betrachtete es. Vom Telefon bis zu Hallidays Zimmer waren es ungefähr dreißig Meter. Wenn ein zu Tode erschrockenes Zimmermädchen durch den Flur zum Telefon rannte und noch jemand im Zimmer war, blieb dem Betreffenden mehr als genug Zeit, hinter ihr unbemerkt zur Feuertreppe am anderen Ende des Flurs zu gelangen. »Merci«, sagte Ford und bugsierte Marten zurück zum Aufzug, dessen Tür sich gerade öffnete., Zwei Sanitäter schoben eine Rollbahre heraus, auf der ein silbergrauer Leichensack lag. Sie eilten, ohne sie eines Blickes zu würdigen, in Richtung Hallidays Zimmer. »Verdammt«, stieß Marten laut hervor. »Verdammte Scheiße.«, Die beiden Männer starrten vor sich hin, während der Aufzug nach unten schwebte. »Mir ist das unbegreiflich«, sagte Ford leise. »Wie kann sich ein so erfahrener Mann wie Halliday so überrumpeln lassen.« Marten versuchte zu rekonstruieren, was passiert war. »Du bist in einem vermeintlich sicheren Hotel. Du hast einen Jetlag, bist deprimiert und leicht angetrunken, und vielleicht hältst du ein Nickerchen. Dann klopft es an der Tür. Du ahnst nichts Böses, also machst du auf. Oder fragst zumindest, wer da ist. Die Person draußen antwortet etwas Unverfängliches auf Französisch, wie ein Hotelangestellter. Du denkst dir nichts dabei und öffnest. Und wer immer da draußen steht, er weiß genau, was er im nächsten Moment tun wird. Er schlitzt dir mit einem Rasiermesser oder etwas Ähnlichem die Kehle auf.« Bei der Vorstellung funkelten Martens Augen vor Zorn. Wie einfach, wie leicht es war. »Es war vorsätzlicher Mord, Dan. Stellt sich also die Frage nach dem Motiv. Warum hielt der Täter es für nötig, ihn umzubringen? Was hat er gewusst, getan oder vorgehabt? – Und Neuss ein Russe? Das war uns nicht bekannt. Dir etwa?« »Nein.« Ford schüttelte den Kopf. »Offensichtlich haben es die russischen Untersuchungsbeamten, die in L.A. waren, für sich behalten. Und weißt du, was? Fabien Curtay, der Diamantenhändler in Monaco, war ebenfalls gebürtiger Russe.« »Was?« »Das ist mir erst wieder eingefallen, als Lenard von Neuss gesprochen hat. Curtay war einer der wichtigsten Diamantenhändler der Welt und Neuss ein wohlhabender Juwelier aus Beverly Hills. Beide waren Russen. Genau wie die, Brüder Azov, die Raymond in Chicago ermordet haben soll.« »Denkst du an Diamantenschmuggel?«, fragte Marten. »An die russische Mafia? Glaubst du, dass das dahinter steckt? Und dass Raymond damit zu tun hatte? Aber was war in London geplant? Meinst du, Halliday hatte eine heiße Spur und wurde deshalb umgebracht?« »Es würde das Flugzeug erklären, das man Raymond geschickt hat, und was mit seinen Akten passiert ist, ja sogar die Umstände seiner Einäscherung und was später mit den Leuten geschah, die damit zu tun hatten. Es würde auch erklären, warum russische Untersuchungsbeamte nach L.A. reisen und Kowalenko hier in Paris ist.« Marten nickte. »Ich glaube auch, dass er nicht nur wegen Ermittlungen in einem Mordfall hier ist, aber ich wüsste niemanden, der einen Privatjet schickt, um einen Killer zu retten. Deine Theorie verträgt sich vielleicht mit den Morden in Chicago, mit Neuss und Fabien Curtay, aber Raymond passt irgendwie nicht ins Bild. Ich kenne ihn zu gut. Ich habe sein Gesicht beobachtet, ihn reden hören, gesehen, wie er sich bewegte. Er war sehr gebildet und sprach mindestens drei Sprachen fließend, vielleicht sogar eine vierte, nämlich Russisch. Er mag ein hervorragend ausgebildeter Killer gewesen sein, aber auf mich hat er eher wie ein Aristokrat denn wie ein käuflicher Mörder gewirkt.« Marten zuckte leicht mit den Schultern. »Vielleicht hat Halliday die russische Mafia hinter der Sache vermutet, und vielleicht tun das auch Lenard und Kowalenko. Aber ich bezweifle, dass dabei etwas herauskommt. Ich habe Raymond erlebt, Dan.« Er hielt kurz inne. »Da steckt etwas anderes dahinter.« Es war kurz nach zehn, als sie mit dem Citroen vom Hotel wegfuhren. Der Himmel hatte sich bewölkt, und es nieselte. Der, Eiffelturm tauchte aus dem Regen auf. Er war zu zwei Dritteln in den tief hängenden Wolken verschwunden und bot einen spektakulären Anblick. Dann waren sie an ihm vorbei und wechselten am Pont d’léna aufs rechte Seine-Ufer, auf dem sich der Triumphbogen, der Parc Monceau und das Weinlokal L’Écluse Madeleine befanden. Minuten später fuhren sie durch die Avenue de New York und am Fluss entlang in Richtung Quai des Tuileries und Louvre. Die ganze Zeit über sprachen sie kein Wort. Schließlich brach Dan Ford das Schweigen. »Du bist der Letzte, das ist dir doch klar.« »Der Letzte wovon?« »Der letzte Überlebende der Squad. Das hat Halliday heute Nachmittag gesagt. Hundert Jahre, und ihr beide wart als Einzige übrig. Jetzt gibt es nur noch dich.« »Ich bin vielleicht der Letzte, von dem sie sich wünschen würden, dass er ihre Fahne hochhält, und der Letzte, der daran erinnert werden will, dass er mal dazugehört hat.« Marten sah weg und schwieg eine Weile. »Aber Halliday war ein anständiger Kerl.« »Umso schlimmer, dass er ermordet wurde. Du hast gedacht, die Sache sei ausgestanden, aber das Gegenteil ist der Fall.« Ford klemmte sich hinter ein Taxi und sah zu Marten. Das Glasauge blickte ausdruckslos hinter der schwarzen Hornbrille, das andere, das gute, tief besorgt und beunruhigt. »Ich könnte dir jetzt zum wiederholten Mal sagen, dass du verschwinden und nach Manchester zurückkehren sollst. Und dass ich mich um die Sache kümmere und dich auf dem Laufenden halte.« Ford sah wieder auf die Straße. »Aber du tust es ja doch nicht.« »Nein.« »Nicht für mich, nicht für Rebecca, nicht für Lady Clem. Nicht einmal für dich, für Nick Marten, den Studenten der Land- schaftsarchitektur, einen körperlich und geistig gesunden Mann, der endlich das tut, wovon er sein Leben lang geträumt hat.«, »Nein.« »Natürlich nicht. Stattdessen wirst du dich mit aller Macht in diese Sache reinhängen und nicht lockerlassen, bis du es geschafft hast oder bis sie dich geschafft hat. Und ob der charmante Raymond noch lebt, wirst du erst erfahren, wenn es zu spät ist. Denn dann sitzt du bereits in der Falle, und plötzlich ist er da.« Marten starrte Ford an, dann wandte er sich ab. Vor ihnen tauchte die beleuchtete Notre-Dame auf. Zu ihrer Rechten erstreckte sich das lange dunkle Band der Seine. Dahinter schimmerten im Regen die Lichter vom linken Seine-Ufer, wo Ford wohnte. »Du wirst es trotzdem tun«, sagte Ford, zog etwas aus seinem blauen Sakko und reichte es Marten. »Vielleicht hilft dir das.« »Was ist das?« Marten drehte einen alten, zerfledderten und mit losen Zetteln voll gestopften Terminkalender mit Ledereinband in der Hand, dessen praller Inhalt von einem dicken Gummiband zusammengehalten wurde. »Der hat Halliday gehört. Ich hab ihn vom Nachttisch genommen, während du bei Lenard Detektiv gespielt hast. Halliday hat gesagt, dass er mit dir reden will. Vielleicht will er das ja immer noch.« Die Andeutung eines Grinsens huschte über Martens Gesicht. »Du bist ja ein Dieb.« »So weit kann es kommen, wenn man jemanden besser kennt, als gut ist.«, Das Geräusch einer Tür, die auf- und wieder zuging, weckte Nicholas Marten aus tiefem Schlaf. Es war dunkel, und im ersten Moment wusste er nicht, wo er sich befand. War jemand gekommen oder gegangen? Oder hatte er nur geträumt? Er drückte auf den Knopf an seiner Digitaluhr, und die Anzeige leuchtete in der Dunkelheit auf. 2.12 Uhr. Er setzte sich auf und lauschte. Nichts. Der matte Schein einer Straßenlaterne draußen vor dem Fenster spendete gerade so viel Licht, dass er sich wieder erinnerte, wo er war – auf der Couch in Dan Fords Wohn- zimmer. Er lauschte wieder, doch da war nichts. Dann hörte er, wie in einiger Entfernung eine Autotür zugeschlagen wurde und einen Augenblick später ein Motor ansprang. Er hastete zum Fenster. Zwanzig Meter die Straße runter sah er, wie der weiße Citroen aus der engen Parklücke stieß, in die Dan ihn nach ihrer Rückkehr vom Hotel Eiffel Cambronne gequetscht hatte. Er sah erneut auf die Uhr. 2.16 Uhr. Nein, es war schon 3.16 Uhr. Seine Uhr zeigte noch Ortszeit Manchester, in Paris war es eine Stunde später. Er schlüpfte in den Bademantel, den Dan ihm geliehen hatte, und legte die wenigen Meter zum Schlafzimmer zurück. »Nadine?« Lange blieb es still, bis plötzlich die Tür aufging und eine verschlafene Nadine Ford vor ihm stand. Sie trug ein langes Nachthemd; ihre rechte Hand ruhte auf ihrem prallen Bauch. »Ist Dan weggefahren?«, »Mach dir keine Gedanken, Nicholas«, sagte sie ruhig. »Er hat einen Anruf gekriegt, hat sich angezogen und ist los.« »Von der Polizei?« »Nein, nicht von der Polizei. Er hatte auf den Anruf gewartet. Irgendeine Sache, an der er zurzeit arbeitet, was, hat er mir nicht verraten.« »Dann weißt du also nicht, wohin er gefahren ist?« »Nein«, lächelte Nadine. »Aber du brauchst dir keine Sorgen um ihn zu machen.« »Du hast Recht«, sagte Marten. L.A. oder Paris, ledig oder verheiratet, alles war beim Alten geblieben. So hatte Dan Ford schon immer gearbeitet – ein Tipp, der Anruf eines Informanten, ein viel versprechender Hinweis, und weg war er. Gewöhnlich arbeitete er an einem Dutzend Artikel gleichzeitig, und wenn er irgendwohin musste, um eine Information zu bekommen, spielten Uhrzeit und Ort keine Rolle. Das zeichnete ihn aus. »Leg dich wieder hin«, sagte Nadine. »Bis morgen früh.« Lächelnd schloss sie die Tür, und Marten tappte den Flur entlang zur Couch. Es gefiel ihm nicht, dass Dan allein unterwegs war. Zu viele Fragen waren noch ungelöst. Er konnte ihn auf dem Handy anrufen und bitten zurückzukommen und ihn abzuholen. Andererseits hätte Dan ihn bestimmt mitgenommen, wenn er glaubte, er sei in Gefahr. Außerdem war Nadine nicht im Geringsten beunruhigt. Schließlich war Dan Korrespondent einer großen Zeitung. Ob französische Küche, ein Galadiner oder sonst was. Insider lieferten Informationen, und ob sie eine wichtige Story oder nur eine Meldung für die Klatschspalte hergaben, in jedem Fall war es eine Nachricht, und Nachrichten waren Dans Geschäft. Wenn also Nadine darin nur reine Routine sah und sich keine Sorgen machte, warum sollte er dann beunruhigt sein? Er warf einen letzten Blick aus dem Fenster, dann kehrte er zum Sofa zurück und wickelte sich in die Decke. Nadine schlief, ohne, sich Sorgen um ihren Mann zu machen. Und doch spürte er irgendwie Unruhe, hatte das ungute Gefühl, dass Dan ahnungslos irgendwohin unterwegs war, wo er besser nicht hinsollte. Er wälzte sich auf die andere Seite, knüllte sein Kopfkissen zusammen und suchte eine bequemere Lage, doch das Unbehagen blieb. Er zwang sich, an Hallidays zerfledderten Terminkalender zu denken, der neben der Kalendereinlage für das letzte Jahr auch die für das aktuelle enthielt (es war erst Mitte Januar, das Jahr hatte kaum begonnen). Die Seiten waren mit Hallidays kleiner, nach links geneigter und schwer zu entziffernder Handschrift voll gekritzelt. Der Kalender erinnerte mehr an ein Tagebuch, angefüllt mit privaten Terminen und Eintragungen, die seine Kinder betrafen. Auf den ersten Blick enthielt es keine wichtigen Informationen über die Squad oder Raymond. Langsam schwanden die Gedanken an Hallidays Terminkalen- der, und Bilder von Lady Clem stiegen vor ihm auf. Er rief sich ihren Geruch ins Gedächtnis, ihr Lächeln, ihren bisweilen derben Humor. Er grinste bei der Erinnerung an das peinliche Gespräch mit Lord Prestbury in der Kellerbar von Whitworth Hall, bevor sie ihn durch Auslösen des Feueralarms daraus befreite. Clem. Sein Lächeln verschwand, und Dans Worte kamen ihm wieder in den Sinn: »Ob der charmante Raymond noch lebt, wirst du erst erfahren, wenn es zu spät ist. Denn dann sitzt du bereits in der Falle, und plötzlich ist er da.« Raymond. Seine innere Unruhe wuchs. Es war, als flüstere ihm eine Stimme zu, Neuss habe Raymonds wegen sterben müssen. So auch Fabien Curtay. Und Halliday. Und Dan war jetzt irgendwo allein da draußen. Plötzlich hörte er sich laut sagen: »Die Beweisstücke.« Er stand auf, tastete nach seinem Handy und tippte Fords, Nummer ein. Es klingelte, doch niemand ging ran. Schließlich meldete sich eine französische Stimme. Er verstand nicht, was sie sagte, doch er wusste es auch so – der Teilnehmer sei nicht zu erreichen oder außerhalb des Empfangsbereichs, und er solle es später noch einmal versuchen. Er wählte ein zweites Mal. Wieder klingelte es, wieder erhielt er dieselbe Nachricht. Seine Gedanken überschlugen sich. Dem ersten Impuls folgend, wollte er Lenard anrufen, doch dann begriff er, dass er keine Ahnung hatte, wohin Ford gefahren war. Er schaltete das Handy aus und blieb im Dunkeln stehen. Dan war auf sich allein gestellt. Er konnte nichts für ihn tun., 3.40 Uhr Jurij Kowalenko drehte am Temporegler des gemieteten Opel und hielt bewusst mehrere hundert Meter Abstand zu Fords weißem Citroen, der in südwestlicher Richtung fuhr, vorbei am Gare d’Austerlitz und dann durch Ivry-sur-Seine, immer an der Seine entlang. Kowalenko hatte keine Ahnung, wohin Ford fuhr, doch er war überrascht, dass sein Freund ihn nicht begleitete. Andererseits war er auch überrascht gewesen, als Marten in das Hotelzimmer spaziert kam. Seit ihrer ersten Begegnung am Tatort grübelte er darüber nach, wer dieser Marten war und was er hier wollte. Oder in welcher Beziehung er zu Ford stand und zu Halliday gestanden hatte. Aus seiner unerschrockenen Frage an Lenard war eines ersichtlich geworden: Im Park hatte er nicht vor dem Inspektor, sondern vor Halliday Reißaus genommen. Damit war wenigstens dieser Punkt geklärt. Am nächsten Morgen, wenn Ford in Lenards Büro erschien, würde er mehr erfahren, und wenn er erst Martens vollständigen Namen, Beruf und Adresse kannte, würde er gründliche Nachforschungen über ihn anstellen. Dabei würde er hoffentlich einige Antworten erhalten und der Wahrheit wenigstens einen kleinen Schritt näher kommen. In seinen Augen war Nicholas Marten mehr als nur un ami américain, ein amerikanischer Freund, des Journalisten. Er hatte gerade Alfortville erreicht, als vor ihm plötzlich die Bremslichter des Citroen aufleuchteten. Er sah, wie Ford die, Spur wechselte, wieder beschleunigte, dann die Seine überquerte und auf der Autoroute N6 nach Süden fuhr, Richtung Montgeron. Kowalenko wechselte den Griff am Lenkrad. Er schlief nie gut, wenn er mitten in einer Morduntersuchung steckte, und seit dem zweiten Mord hatte sich sein Verdacht, dass Ford mehr wusste, als er sagte, eher verstärkt. Dass Marten bei dem Reporter wohnte, hatte ihn noch neugieriger gemacht, sodass er beschloss, den Mann zu beschatten, lange nachdem alle anderen nach Hause und zu Bett gegangen waren. Er hatte keine Ahnung, was er sich davon versprach, und sich auch nicht mit Lenard abgestimmt, denn er sah keine Veranlassung, die Maß- nahme offiziell zu machen. Er hielt sie einfach nur für ratsam. Zehn Minuten nach Mitternacht hatte er schräg gegenüber der Wohnung Fords einen Parkplatz gefunden und den Opel dort abgestellt. Und für den Fall, dass trotz der späten Stunde noch relevante Informationen ausgetauscht werden sollten, hatte er ein kleines Kalinin-7-Mikropack aus seinem Aktenkoffer genommen, den Kopfhörer aufgesetzt und die kleine Parabol- antenne auf Fords Vorderfenster gerichtet. Anrufe auf Fords Festnetzanschluss konnte er nicht abhören, ohne sein Telefon anzuzapfen. Doch er hatte Ford zweimal mit einem Handy gesehen, einmal, als er es im Écluse Halliday geliehen hatte, und dann später noch einmal auf der Straße vor dem Lokal. Es war also gut möglich, dass er in erster Linie dieses Gerät benutzte, und wenn ihn jemand auf dem Handy anrief, würde er das Gespräch dank dem Kalinin-7 so klar und deutlich mithören können, als würde er selbst angerufen. Um Viertel nach zwölf hatte er seinen Horch- und Beobach- tungsposten bezogen, und dann begann die Warterei. Einmal, gegen zwei Uhr dreißig, spielte er mit dem Gedanken, seine Frau Tatjana in Moskau anzurufen, doch dann fiel ihm ein, dass sie wahrscheinlich noch schlief. Kurz darauf musste er eingedöst sein, denn fünf Minuten nach drei weckte ihn ein regelmäßiger, Piepston im Kopfhörer, der einen hereinkommenden Anruf meldete. Das Handy klingelte dreimal, ehe jemand ranging. »Dan Ford«, hörte er die schläfrige Stimme des Journalisten. Dann meldete sich eine Männerstimme auf Französisch: »Hier ist Jean-Luc. Ich habe die Karte. Können wir uns um halb fünf treffen?« »Ja«, antwortete Ford, kappte die Verbindung, und das Kalinin-7 verstummte. Sieben Minuten später ging gegenüber die Haustür auf, und Ford lief durch den Regen zu seinem Wagen. Kowalenko fragte sich, wer dieser Jean-Luc war und was für eine Karte er gemeint hatte. Doch was es mit der Karte auch auf sich haben mochte, Ford hielt es offensichtlich für so wichtig, dass er um diese Zeit aufstand und sich allein auf den Weg machte. L’Autoroute N6 Die Scheibenwischer des Opel schwangen sacht hin und her. Die nasse Straße war pechschwarz bis auf die Rücklichter des Citroen in der Ferne. Kowalenko sah auf die Uhr. 4.16 Uhr. 6.16 Uhr Moskauer Zeit. Tatjana dürfte mittlerweile aufge- standen und dabei sein, ihre drei Kinder für die Schule fertig zu machen. Sie waren elf, neun und sieben, und eines war selbstständiger als das andere. Oft fragte er sich, wie ein Beamter des Justizministeriums und eine Produktionsassistentin des staatlichen Fernsehsenders RTR zu solchen Kindern kamen. Tatjana und er hatten ihr Leben lang Befehle befolgt. Ihre Kinder taten das meistens nicht, insbesondere wenn diese von ihren Eltern kamen. 4.27 Uhr. Eine Viertelstunde südlich von Montgeron sah er wieder die, Bremslichter des Citroen aufleuchten. Sie waren soeben an einem Waldgebiet vorbeigekommen, und Ford drosselte das Tempo. Jetzt nahm er eine Ausfahrt und verließ die N6. Kowalenko nahm ebenfalls Gas weg, schaltete die Schein- werfer aus und nahm dieselbe Ausfahrt. Bei dem Regen war in der Dunkelheit kaum etwas zu erkennen, und er befürchtete, von der Fahrbahn abzukommen und in einem Graben zu landen, doch außer ihm und Ford war niemand unterwegs, und er wollte nicht riskieren, dass der Journalist ihn bemerkte. Er erreichte das Ende der Ausfahrt, hielt an und spähte angestrengt in die Nacht. Dann entdeckte er ihn in der Ferne. Der Citroën fuhr nach Westen. Sofort schaltete er die Schein- werfer wieder ein und jagte ihm nach. Nach anderthalb Kilo- metern nahm er etwas Gas weg und behielt dieses Tempo bei. Plötzlich bog der Citroen rechts in eine Landstraße ab und fuhr an den bewaldeten Ufern der Seine entlang Richtung Norden. Kowalenko folgte ihm. Im Scheinwerferlicht des Opel sah er zu beiden Seiten der Straße dichten Wald, wobei sich hin und wieder Lücken auftaten, die vermuten ließen, das dort eine Art Weg zur Seine abging. Unversehens wichen die Bäume zu seiner Rechten einem Golfplatz und einer Abzweigung zu dem Dorf Soisy-sur-Seine. 4.37 Uhr. Wieder leuchteten in der Ferne die Bremslichter des Citroen auf, und Kowalenko ging erneut vom Gas. Dann wurde der Citroen noch langsamer, bog links ab und rollte in Richtung Fluss. Kowalenko behielt sein Tempo bei. Er erreichte die Stelle, an der Ford abgebogen war, und fuhr daran vorbei. Trotz Dunkelheit und Regen sah er, dass Ford mit dem Citroen neben einem anderen Wagen anhielt und das Licht ausschaltete., Kowalenko fuhr schnell weiter. Nach einem halben Kilometer machte die Straße, die durch dichten Nadelwald führte, eine scharfe Rechtskurve. Wieder schaltete er die Scheinwerfer aus, wendete und fuhr zurück. Fünfzig Meter vor der Stelle, wo Ford die Abzweigung genommen hatte, ließ er den Wagen ausrollen, spähte in die Nacht und versuchte, die geparkten Autos auszumachen. Er konnte nichts erkennen. Er klappte das Handschuhfach auf, nahm ein Fernglas heraus und richtete es auf die Stelle, wo der Citroen gestoppt hatte. Aber da war nichts außer der alles beherrschenden Schwärze., Kowalenko setzte das Fernglas ab, strich mit der Hand über die Makarow in seinem Gürtelholster und fluchte, weil er kein Nachtsichtgerät mitgebracht hatte. Wieder spähte er durch das Fernglas, doch er vermochte nicht zu erkennen, ob sich bei den geparkten Autos etwas rührte. Er wartete. Sechzig Sekunden, neunzig, dann drei volle Minuten. Schließlich warf er das Fernglas auf den Beifahrersitz, schlug den Kragen hoch und schlüpfte hinaus in den Regen. Er verharrte einen Augenblick reglos und lauschte. Nur das Prasseln des Regens und das dumpfe Rauschen der in einiger Entfernung vorbeifließenden Seine waren zu hören. Langsam hob er die Makarow und ging am Straßenrand entlang. Nach vierzig Schritten wich der schlammige Boden unter seinen Füßen dem Schotter der Abzweigung. Er blieb stehen, spähte in die Dunkelheit und horchte erneut. Wieder hörte er nur den Regen und den Fluss. Er ging noch einmal zwanzig Schritte und blieb stehen. Er hatte fast den Fluss erreicht, doch da war nichts. Nervös nahm er die Makarow in die andere Hand und trat ans Ufer. Drei Meter unter ihm rauschte das Wasser. Er drehte sich um. Wo befanden sich die Autos? Hatte er sich geirrt, hatten sie weiter hinten gestanden? In diesem Augenblick sah er Scheinwerfer aufleuchten. Ein großer Lastwagen kam auf der Landstraße um die Kurve. Die Lichtkegel strichen über das Gelände, dann waren sie vorbei und verschwanden in der Ferne. »Schto?«, sagte Kowalenko laut auf Russisch. Was? Einen Augenblick lang hatte der Laster die gesamte Umgebung in Licht getaucht. Fords weißer Citroen und der andere Wagen waren, verschwunden. Aber wie? Er hatte keine halbe Minute gebraucht, um vorbeizufahren, zu wenden und zurückzukommen. Von dort, wo er angehalten hatte, hatte er trotz Dunkelheit und Regen eine gute Sicht auf die Stelle gehabt, wo er jetzt stand. Wären die beiden Autos weggefahren, hätten sie entweder an ihm vorbeikommen oder in die andere Richtung fahren müssen, auf der die Straße auf den nächsten drei Kilometern schnurgerade verlief. Aber wo waren sie dann? Autos lösten sich nicht einfach in Luft auf. Er hatte keine Erklärung. Keine. Es sei denn. Kowalenko drehte sich wieder um und blickte auf den Fluss., Viry-Châtillon, Frankreich, Mittwoch, 15. Januar; sonniges, kaltes Wetter nach dem Regen, 11.30 Uhr Schaulustige säumten den Fluss auf beiden Seiten und sahen schweigend zu, wie sich die Stahltrosse des Abschleppwagens spannten und ein weißer, zweitüriger Citroen mit offenen Seitenfenstern langsam aus dem Wasser ans Ufer gezogen wurde. Die Frage, ob jemand im Wagen war, erübrigte sich. Polizeitaucher hatten es bereits festgestellt. Nicholas Marten trat dicht hinter Lenard und Kowalenko, als die Taucher die Fahrertür öffneten. Schlammiges Wasser schoss heraus, und die Nächststehenden schrien auf, als sie sahen, was sich im Innern befand. »Mein Gott«, stöhnte Marten. Lenard kletterte allein die Böschung hinunter und machte sich ein Bild, dann trat er zurück und winkte den Leuten von der Spurensicherung und dem Chef der Polizei von Viry-Châtillon, die den Wagen, der an einem aus dem Wasser ragenden Felsen hängen geblieben war, entdeckt hatte. Sie gingen zu dem Citroen hinunter. Kowalenko folgte ihnen. Lenard kam wieder herauf und sah Marten an. »Tut mir Leid, dass Ihnen der Anblick nicht erspart blieb. Ich hätte Sie nicht herbringen dürfen.« Marten nickte abwesend. Er beobachtete, wie Kowalenko unten in die Hocke ging und die Leiche in Augenschein nahm. Einen Augenblick später richtete er sich wieder auf und kletterte, zu ihnen herauf. Der kalte Wind, der über den Fluss blies, ließ sein Haar flattern, und Marten sah ihm und Lenard an, dass sie so etwas noch nie gesehen hatten. Dan Ford war mit einer rasiermesserscharfen Waffe regelrecht abgeschlachtet worden. »Falls es Ihnen ein Trost ist«, sagte Kowalenko leise mit seinem harten russischen Akzent, »bei aller Brutalität muss es sehr schnell gegangen sein. Wie bei Detective Halliday. Die Kehle wurde fast bis zum Rückgrat aufgeschlitzt. Die anderen Verletzungen hat er sich wohl erst später zugezogen. Wenn es einen Kampf gab, fand er vorher statt und war kurz. Vermutlich hat er nicht gelitten.« Unten räumten die Taucher für die Leute von der Spuren- sicherung das Feld. »Sieht so aus«, fuhr Kowalenko an Lenard gewandt fort, »als sei es im Wagen passiert. Anschließend hat der Täter die Fenster runtergekurbelt und den Wagen in den Fluss geschoben. Die Strömung hat ihn erfasst und stromabwärts getrieben, bis er sich an den Felsen hier verfangen hat.« Plötzlich knackte es in Lenards Funksprechgerät, und er drehte sich weg, um zu antworten. »Wo ist der Wagen in den Fluss gestürzt?«, fragte Marten den Russen. »Ein paar Kilometer stromaufwärts bei Soisy-sur-Seine. Ich weiß das deshalb, weil ich Mr. Ford von seiner Wohnung aus dorthin gefolgt bin.« »Sie sind ihm gefolgt?« »Ja.« »Warum? Er war Journalist.« »Ich fürchte, das gehört zu meinem Beruf, Mr. Marten.« »Gehört es auch zu Ihrem Beruf, dass Sie so etwas zulassen?« Martens Blick flog zornig zu dem Citroen und wieder zurück zu Kowalenko. »Warum haben Sie es nicht verhindert, wenn Sie, dort waren?« »Die Umstände haben es nicht zugelassen.« »Tatsächlich?« »Ja.« Lenard schaltete sein Funkgerät ab und sah Kowalenko an. »Man hat den anderen Wagen gefunden. In der Nähe der Abzweigung, an der Sie gewesen sind. Er ist nur ein kurzes Stück abgetrieben worden und dann am Grund zwischen Felsen hängen geblieben.«, Lenard steuerte den rotbraunen Peugeot unter Schäfchenwolken in südlicher Richtung durch die idyllische Landschaft, die hier die Seine säumte. Kowalenko saß neben ihm, Marten auf dem Rücksitz. Alle drei schwiegen wie schon auf der Herfahrt, und nur das Brummen des Motors und das Sirren der Reifen auf dem Asphalt waren zu hören. Stunden zuvor, in Paris, hatten sie Marten gefragt, ob er mitkommen und sich die Bergung des Wagens ansehen wolle. Der wahre Grund war ein anderer gewesen: Er sollte Fords Leiche identifizieren, damit Nadine diese grausige Aufgabe erspart blieb. Warum sie ihn allerdings jetzt mitnahmen, war ihm nicht ganz klar, denn ein Streifenwagen hätte ihn ebenso gut nach Paris zurückbringen können. Angewidert und wie betäubt betrachtete Marten die vorüber- ziehende Landschaft und versuchte zu rekonstruieren, was geschehen war. Um acht Uhr morgens, als Dan noch immer nicht zurück war, hatte er versucht, ihn auf dem Handy zu erreichen. Vergeblich. Um neun hatte er Lenards Büro angerufen, um festzustellen, ob Dan eventuell gleich zu seiner Verabredung mit Lenard und Kowalenko gefahren war. Dabei erfuhr er, dass die beiden Polizisten auf dem Weg zu Dans Wohnung in der Rue Dauphine waren. Er begriff sofort, was das zu bedeuten hatte, und versuchte, Nadine schonend darauf vorzubereiten. Sie blieb gefasst, rief ihren Bruder und ihre Schwester an, die nur ein paar Straßen weiter wohnten, und bat sie zu kommen. In den quälenden Minuten, bevor die Polizei eintraf, holte er geistesgegenwärtig Hallidays Terminkalender und gab ihn Nadine, die ihn versteckte. Mehrere Polizeiautos, der Van eines Tauchers und ein großer Abschleppwagen waren bereits zur Stelle, als Lenard abbog und, anhielt. Die drei stiegen aus und stapften über den Schotter auf den Felsvorsprung, der den Fluss um zwei bis drei Mannshöhen überragte. Der Abschleppwagen war rückwärts bis an den Rand des Felsvorsprungs gefahren. Der Hebekran ragte übers Wasser hinaus. Die Trosse war unter der Oberfläche an einem Gegen- stand befestigt. Lenard blickte zu den beiden Tauchern im Was- ser. Einer reckte die Daumen nach oben. Lenard nickte, und der Taucher gab dem Fahrer des Abschleppwagens ein Zeichen. Ein Motor kam auf Touren, die Winde drehte, die Trosse straffte sich. »Monsieur Marten«, fragte Lenard, während das Dach eines Autos aus dem Wasser auftauchte, »sagt Ihnen der Name Jean- Luc etwas?« »Nein. Sollte er?« Das Gewicht des Autos und der Sog der Strömung zerrten an der Trosse, und der Motor des Abschleppwagens heulte. »Dan Ford wollte sich hier mit einem Mann namens Jean-Luc treffen. Wissen Sie, wer das ist?« »Nein.« »Hat er jemals von einer Landkarte gesprochen?« »Mit mir nicht.« Lenard schaute wieder aufs Wasser. Das Autodach gehörte zu einem grauen Toyota. Der Motor des Abschleppwagens heulte noch lauter, und der Toyota hing in der Luft. Als er hoch genug war, schwenkte der Hebekran ans Ufer. Lenard nickte, und der vor Wasser triefende Toyota wurde auf den Kies gesetzt. Wie bei Fords Citroen waren die Seitenfenster geöffnet worden, damit er rasch mit Wasser voll lief und auf den Grund sank. Lenard ging mit Kowalenko zu dem Wagen. Kowalenko war als Erster dort, und Marten beobachtete, wie er das Gesicht verzog, als er ins Wageninnere blickte. Seine Miene sagte alles. Wer immer im Wagen saß, er hatte dasselbe Schicksal erlitten wie Dan Ford., »Wie heißen Sie eigentlich mit vollem Namen, Mr. Marten?«, fragte Kowalenko, als Lenard sie nach Paris zurückfuhr. Er hatte sich, ein aufgeschlagenes Ringbuch in der Hand, auf dem Beifahrersitz umgedreht und sah Marten an. »Nicholas Marten, M-a-r-t-e-n.« »Kein zweiter Vorname?« »Nein.« »Wo wohnen Sie?« »Manchester, England. Ich studiere an der dortigen Universität.« »Wo sind Sie geboren?« Kowalenkos Ton war verbindlich, seine Hundeaugen blickten freundlich-neugierig. »In den Vereinigten Staaten.« Plötzlich sah er wieder Dans Leiche in dem Citroen, und schier unerträgliche Schuldgefühle stiegen in ihm auf. Er musste an die verhängnisvolle Explosion der selbst gebastelten Rakete denken, die Dan im Alter von zehn Jahren das rechte Auge gekostet hatte, und er fragte sich, ob Dan den Angreifer mit seiner vollen Sehkraft vielleicht früher bemerkt und somit eine Chance gehabt hätte, sich zu retten. »Wo genau?«, hörte er Kowalenko fragen. Seine Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. »In Montpelier, Vermont«, sagte er ausdruckslos, auf Nicholas Martens Lebensgeschichte programmiert. »Mr. Ford stammte aus Los Angeles. Wie haben Sie ihn kennen gelernt?« »Als Teenager bin ich mal in den Sommerferien nach Kalifornien gefahren. Dabei habe ich ihn kennen gelernt, und, wir sind Freunde geworden.« Auch hier kein Stocken. Er hatte alles bereits durchgespielt. Rebecca brauchte er ebenso wenig zu erwähnen wie irgendwelche Details aus seiner Zeit in Los Angeles. Nichts unnötig komplizieren. Er war Nicholas Marten aus Vermont und Schluss. »Und dabei haben Sie auch Detective Hallidays Bekanntschaft gemacht?« »Das war bei einem späteren Besuch. Zu der Zeit war Dan schon Polizeireporter.« Er sah Kowalenko direkt in die Augen, sodass der Russe keinen Grund hatte, am Wahrheitsgehalt seiner Worte zu zweifeln. Gleichzeitig rasselten ihm drei Namen durch den Kopf, als hätte eine Maschine sie ausgespuckt. Neuss. Halliday. Ford. Und dann ein letzter Name, der eine, der sie alle miteinander in Verbindung brachte. Raymond. Es konnte nur Raymond gewesen sein. Doch Raymond war tot. Oder doch nicht? Und wenn er es nicht war, wer stand als Nächster auf der Liste? Er selbst? Oder sogar Rebecca? Polizeichef Harwood hatte zwar jeden Hinweis auf sie aus den Akten tilgen lassen, doch sie war bei der Schießerei dabei gewesen, und ob sie sich noch daran erinnerte oder nicht, sie hatte ihn gesehen, und Raymond wusste es. Auf einmal verspürte er den Drang, Lenard und Kowalenko zu verraten, wer er war und was er wusste. Und dann? Sie würden sich umgehend mit der Polizei in Los Angeles in Verbindung setzen, ihr mitteilen, dass John Barron in Paris weilte, und sie ersuchen, die Begleitumstände, unter denen Raymond Thorne gestorben und eingeäschert worden war, noch einmal zu untersuchen. Dann war es nur eine Frage der Zeit, bis Gene VerMeer und die anderen wie Geier in Paris einfielen. Der verstorbene Raymond Thorne würde sie nur am Rande interessieren. Nach John Barron würden sie suchen. Nein, er durfte nichts sagen. Wenn Raymond tatsächlich noch, am Leben war, musste er als »Marten« die Wahrheit herausfinden und dann etwas unternehmen. Dan Ford hatte mit seiner Prophezeiung, dass er eine Art Privatkrieg führen werde, leider Recht gehabt – »Du wirst dich mit aller Macht in diese Sache reinhängen und nicht locker- lassen, bis du es geschafft hast oder bis sie dich geschafft hat.« Wie wahr. »Wie alt sind Sie?«, fragte Kowalenko und kritzelte gleichzeitig in sein Ringbuch. »Siebenundzwanzig.« Kowalenko schaute auf. »Siebenundzwanzig?« »Ja.« »Was haben Sie denn in den Jahren gemacht, bevor Sie nach Manchester gingen?« Wut überkam ihn. Er hatte genug. Er stand hier nicht vor Gericht. »Ich verstehe nicht recht, warum Sie mir diese Fragen stellen.« »Mr. Ford wurde ermordet, Mr. Marten«, erwiderte Lenard und musterte ihn im Rückspiegel. »Sie waren mit ihm befreundet und einer der Letzten, die ihn lebend gesehen haben. Manchmal kann der kleinste Hinweis nützlich sein.« Es war ein Standardspruch, der keine Ausflüchte zuließ. Er musste antworten, dabei jedoch versuchen, seine Antwort so vage wie möglich zu halten. »Ich bin herumgereist und habe alles Mögliche probiert. Ich war Zimmermann, Barkeeper, habe mich im Schreiben versucht. Ich konnte mich für nichts richtig entscheiden.« »Und als Sie sich schließlich entschieden haben, ist Ihre Wahl auf eine Universität in England gefallen. Waren Sie vorher schon einmal dort gewesen?« »Nein.«, Kowalenko wollte damit andeuten, dass er es ungewöhnlich fand, wenn jemand Amerika verließ, um in Nordengland zu studieren, und er hatte Recht. Seine Frage verlangte eine prompte Antwort, die beiden Polizisten glaubhaft erschien. Also sagte er die Wahrheit. »Ich habe eine Frau kennen gelernt. Sie ist zufällig Dozentin in Manchester. Deshalb bin ich hin.« »Aha.« Kowalenko schmunzelte und hielt es wieder in seinem Notizbuch fest. Mittlerweile wusste Marten, warum die beiden ihn gebeten hatte, sie zu begleiten, auch jetzt zur Bergung des zweiten Wagens. Die Identifizierung des Toten war nur ein Grund gewesen. Der schreckliche Anblick von Dans Leiche hatte sie alle schockiert, und sie konnten sich denken, dass er, als Fords enger Freund, noch erschütterter war als sie, und darauf hatten sie gesetzt. Deshalb hatte ihn Lenard nach »Jean-Luc« gefragt. Deshalb setzte ihm Kowalenko jetzt so zu. Er versuchte, ihm Informationen zu entlocken, die er unter normalen Umständen, wenn er nicht unter psychischem Stress stand, möglicherweise nicht preisgeben würde. Damit hätte er rechnen müssen, denn als Detective im Morddezernat hatte er diese Methode oft genug selbst angewandt. Doch er war aus der Übung. Erst nach seiner Ankunft in Paris einen Tag zuvor hatte er wieder angefangen, wie ein Polizist zu denken. Er hatte wenig Zeit gehabt, sich auf alles vorzubereiten, und war nicht auf eine polizeiliche Vernehmung in einem Mordfall gefasst. Außerdem war ihm nicht ganz klar, was Kowalenko mit seiner Fragerei bezweckte. Gewiss, er hatte sich in Hallidays Hotelzimmer mit seiner Frage an Lenard zu weit aus dem Fenster gelehnt. Doch das allein rechtfertigte nicht ein solches Verhör. Es musste noch einen anderen Grund geben. Die nächste Frage sollte ihm die Antwort liefern, und sie traf ihn völlig unvorbereitet. »Warum sind Sie im Parc Monceau umgekehrt, als Sie Detective Halliday gesehen hatten?« Kowalenkos Verbind-, lichkeit und warmer Hundeblick waren verschwunden. »Gestern kamen Sie mit Mr. Ford in den Parc Monceau. Als Sie Detective Halliday entdeckten, machten Sie auf dem Absatz kehrt.« Der Russe trieb ihn in die Enge, und Lenard beobachtete ihn im Rückspiegel. Als hätten sie sich abgesprochen. Der Russe stellte die Frage, und Lenard lauerte auf seine Reaktion. »Ich habe ihm Geld geschuldet, und zwar schon seit längerem«, antwortete er wieder einigermaßen glaubhaft. »Nicht besonders viel, trotzdem war es mir peinlich. Ich war nicht darauf gefasst, ihm dort zu begegnen.« »Wie kommt es, dass Sie ihm Geld geschuldet haben?«, hakte Kowalenko nach. »Wo Sie ihn doch kaum kannten, wie Sie sagen?« »Baseball.« »Wie bitte?« »Baseball. Halliday, Dan und ich waren mal in L.A. zusammen beim Abendessen und haben dabei über Baseball geredet. Wir haben auf ein Spiel der Dodgers gesetzt, und ich habe verloren. Ich habe meine Schulden nie bezahlt und ihn erst gestern im Park wieder gesehen, aber es hat mir immer auf dem Magen gelegen. Ich wollte ihm aus dem Weg gehen.« »Wie viel haben Sie ihm denn geschuldet?« »Zweihundert Dollar.« Lenard sah wieder auf die Straße, und Kowalenkos strenge Miene entspannte sich. »Ich danke Ihnen, Mr. Marten«, sagte er, dann kritzelte er wieder etwas in sein Ringbuch, riss das Blatt heraus und reichte es Marten. »Das ist meine Handy-Nummer. Wenn Ihnen noch etwas einfällt, was uns weiterhelfen könnte, rufen Sie mich bitte an.« Kowalenko machte sich noch ein paar Notizen, dann klappte er das Buch zu. Während der restlichen Fahrt herrschte Schweigen., Lenard fuhr über Porte d’Orléans nach Paris zurück, bog in den Boulevard Raspail ab und steuerte, am Friedhof Montparnasse am linken Seine-Ufer vorbei, in Richtung Fords Wohnung in der Rue Dauphine. Plötzlich nahm er eine Abzweigung in die Rue Huysmans, fuhr auf halber Strecke rechts ran und stoppte. »Nummer 27, Wohnung B«, sagte er über die Schulter zu Marten. »Die Wohnung gehört Armand Drouin, dem Bruder von Madame Ford. Sie wohnt vorübergehend hier, und Ihre Sachen haben wir auch hergebracht.« »Ich verstehe nicht.« »Laut Gesetz sind wir befugt, einen Tatort aus Ermittlungs- gründen zu versiegeln, und Fords Wohnung betrachten wir als Tatort.« »Verstehe.« Marten dachte sofort an Hallidays Termin- kalender. Sie würden ihn mit Sicherheit finden, auch wenn er versteckt war. Sie hegten bereits Argwohn gegen ihn. Und selbst wenn sie annahmen, Dan habe ihn mitgehen lassen, würden sie versuchen, es ihm anzulasten. Sie brauchten den Kalender nur auf Fingerabdrücke hin zu untersuchen, und schon hatten sie ihn. Wie sollte er sich dann herausreden? »Wann kehren Sie nach England zurück?« »Keine Ahnung. Ich möchte zu Dans Beerdigung gehen.« »Wenn es Ihnen nichts ausmacht, hätte ich gern eine Telefon- nummer, unter der ich Sie in Manchester erreichen kann, falls wir noch Fragen haben.« Marten zögerte, dann gab er Lenard seine Nummer. Alles andere wäre töricht gewesen. Außerdem konnte es nicht schaden, wenn er sie etwas gnädiger stimmte, bevor sie Hallidays Kalender fanden und ihn in die Mangel nahmen., Er stieß die Wagentür auf, in Gedanken schon bei Nadine und ihrem Bruder, als Lenard ihn zurückrief. »Noch eins, Mr. Marten. Zwei Amerikaner, die Sie persönlich kannten, sind kurz hintereinander brutal ermordet worden. Wir wissen nicht, wer es getan hat und was hier gespielt wird, aber ich würde Ihnen dringend raten, Vorsicht walten zu lassen. Ich möchte nicht, dass wir Sie als Nächsten aus der Seine fischen müssen.« »Ich auch nicht.« Marten stieg aus und schloss die Tür. Als Lenard losfuhr, blieb er noch einen Augenblick stehen und sah ihm nach. Dann steuerte er auf das Haus zu. Dabei kam er einem Mann in die Quere, der einen großen Dobermann spazieren führte. Erschrocken stieß er einen Schrei aus und prallte zurück. Der Hund legte die Ohren an, knurrte und wollte ihm an die Kehle springen. Der Besitzer riss ihn an der Leine zurück. »Pardon«, sagte er und zog das Tier rasch fort. Marten blieb wie angewurzelt stehen und sah ihm nach. Sein Herz klopfte. Zum ersten Mal seit seiner Flucht aus Los Angeles wurde ihm bewusst, dass er Angst hatte. Der Dobermann konnte nichts dafür. Er hatte die Angst gewittert und instinktiv angegriffen. Zum ersten Mal hatte er sie in Manchester gespürt, als er den Artikel über den Toten im Park entdeckte. »Raymond!« war damals sein erster Gedanke gewesen. Aber Raymond war tot. Er verdrängte den Gedanken und versuchte, sich einzureden, dass es unmöglich sei und ein anderer den Mord begangen haben musste. Und dann erfuhr er von Dan Ford, dass es sich bei dem Toten um Alfred Neuss handelte, und wieder befiel ihn die dunkle Ahnung, dass Raymond noch am Leben sei. Und diese Ahnung wurde noch stärker, als Dan ihm berichtete, dass jemand alle medizinischen und polizeilichen Daten über Raymond gelöscht hatte. Und jetzt waren Ford, Jimmy Halliday, und der Mann im Toyota auf dieselbe bestialische Weise umgebracht worden wie Neuss. Und Lenard hatte ihn gewarnt, dass er der Nächste sein könnte. Raymond. Der bloße Gedanke jagte ihm einen kalten Schauder über den Rücken. Er hatte nicht den geringsten Beweis, und doch stand es für ihn fest. Es ging nicht mehr nur um die »Beweisstücke« oder darum, was Raymond geplant oder in die Wege geleitet hatte. Es ging jetzt um all das – und um Raymond selbst. Er war gar nicht tot. Er lebte und befand sich irgendwo hier in Paris., 18.50 Uhr Kowalenko trug zwei Pullover und saß über den Laptop gebeugt in seinem kalten und kleinen Zimmer im vierten Stock des aus dem 17. Jahrhundert stammenden Hotel Saint-Orange in der de Normandie im Stadtviertel Marais. Heute war Mittwoch, und seit Montag weilte er in Paris. Nach knapp drei Tagen war er davon überzeugt, dass er in dieser Bruchbude, die sich Hotel schimpfte, noch erfrieren würde. Der kleinste Windstoß rüttelte unbarmherzig an den Fenstern. Der Dielen waren verzogen und knarrten unter jedem Tritt. Die Schubladen der einzigen Kommode klemmten in beiden Richtungen, und jeder Versuch, sie zu öffnen oder zu schließen, artete in einen Kampf aus. Die Dusche im salle de bains am anderen Ende des Korridors lieferte maximal zwei Minuten lauwarmes Wasser, dann wurde es eiskalt. Und erst die Heizung! Sie lief kaum einmal eine halbe Stunde am Stück und streikte dann zwei oder drei Stunden lang, ehe sie wieder ansprang und wenigstens etwas Wärme spendete. Von den Wanzen im Bett gar nicht zu reden. Beschwerden bei der Hotelleitung hatten nichts gefruchtet, und auch bei seiner Vorgesetzten im Justizministerium in Moskau hatte er kein Glück gehabt. Seine Bitte, das Hotel wechseln zu dürfen, war mit dem Hinweis verweigert worden, dass andere für das Quartier zuständig seien. Die Wahl sei auf dieses Hotel gefallen und damit basta. Im Übrigen könne er sich doch glücklich schätzen, in Paris und nicht in Moskau zu sein, und solle aufhören, sich zu beklagen. Ende des Gesprächs, Ende des Telefonats. Gut, er befand sich in Paris, aber in Moskau hätte er es wenigstens warm gehabt. So gesehen schien es das Beste zu sein, seine Umgebung zu, vergessen und sich wieder der Arbeit zu widmen, mit der er in dem Augenblick begonnen hatte, als er in sein Zimmer zurückgekehrt war – in der einen Hand den Laptop, in der anderen eine Tüte mit einem Schinken-Käse-Baguette, einer Plastikflasche Mineralwasser und einer Flasche russischem Wodka aus dem kleinen Laden um die Ecke. Ganz oben auf seiner Tagesordnung stand Nicholas Marten. Der Mann gab ihm immer noch Rätsel auf. Er traute ihm nicht. Er mochte mit Ford befreundet gewesen sein und Halliday nur oberflächlich gekannt haben, doch die scheinbare Gelassenheit, mit der er jede Frage wie aus der Pistole geschossen beantwortete, gefiel ihm nicht. Seine Antworten waren eindeutig und vage zugleich, alle bis auf die Sache mit der Frau, der er angeblich nach Manchester gefolgt war, wo er jetzt lebte. Ob Student oder nicht, mit Sicherheit war mehr an ihm dran, als es den Anschein hatte. Und an der Frau vielleicht auch. Er schaltete seinen Laptop an. Drei Klicks später hatte er die gewünschte Telefonnummer. Er schlug sein Notizbuch auf, griff zum Handy und wählte. Eine Telefonistin im Präsidium der Greater Manchester Police verband ihn mit Inspektor Blackthorne. Er stellte sich vor und bat ihn, für ihn nachzuprüfen, ob ein gewisser Nicholas Marten aus Vermont, USA, als Student an der Universität Manchester eingeschrieben sei. Blackthorne ließ sich seine Nummer geben und versprach, der Sache nachzugehen. Zwanzig Minuten später rief er zurück. Ja, Nicholas Marten sei seit April an der Universität als Student eingeschrieben. Kowalenko bedankte sich und beendete das Gespräch, doch er war nicht ganz zufrieden. Er machte sich eine Notiz: Marten als Student eingeschrieben. Wo hat er die Hochschulreife erworben? Und eine zweite: Herausfinden, wer die Frau ist und in welcher Beziehung sie gegenwärtig zu Marten steht., Als er damit fertig war, nahm er einen Bissen von seinem Sandwich und spülte ihn mit einem Schluck Wodka hinunter, dann wandte er sich wieder seinem Laptop zu und schrieb seinen Tagesbericht. Vielleicht kam ihm dabei die eine oder andere Erleuchtung. Die Morde an Dan Ford und dem Mann im Toyota warfen viele verwirrende Fragen auf. Und abgesehen von den Vorwürfen, die er sich machte, weil er nicht wenigstens den Mord an Ford hatte verhindern können, beschäftigten ihn vor allem drei Aspekte: die Brutalität der Morde, die kurze Zeitspanne zwischen dem Moment, als Ford von der Straße abgebogen war, und seiner Ermordung, und die Frage, wie die Autos in den Fluss gelangt waren. Dies alles war so schon verwirrend genug, warf aber weitere Fragen auf. Handelte es sich um einen Einzeltäter, oder gab es Komplizen? Und wie waren der oder die Täter an den Tatort gelangt und wieder verschwunden? Vorerst ging er davon aus, dass ein Mann die Morde begangen hatte. Frauen hatten in der Regel weder die Körperkraft noch die Mentalität, die man für einen solch brutalen Angriff benötigte. Und dann war doch noch dieser Jean-Luc, der Tote im Toyota. Was hatte er am Telefon noch zu Ford gesagt? »Hier ist Jean- Luc. Ich habe die Karte. Können wir uns um halb fünf treffen?« Karte? Was für eine Karte und wovon? Wo war sie jetzt, und hatten die beiden Männer ihretwegen sterben müssen? Kowalenko trank noch einen Schluck Wodka, spülte mit Mineralwasser nach und wandte sich einem anderen Thema zu. Die Beschattung Dan Fords hatte einen unerwarteten Nebeneffekt gehabt: Sein Verhältnis zu Philippe Lenard war besser geworden. Seit seiner Ankunft hatte ihn der französische Inspektor auf Distanz gehalten. Erst nach Hallidays Tod bezog er ihn stärker in die Untersuchung mit ein, aber selbst dann noch, begnügte er sich damit, im Schatten des Franzosen zu stehen und auf eigene Faust zu ermitteln. Doch mit dem plötzlichen Verschwinden der Autos am Fluss hatte sich alles verändert. Er hatte sofort Lenard aus dem Bett geklingelt und ihm berichtet, was geschehen war. Und der Inspektor hatte ihm nicht etwa Vorhaltungen gemacht wegen seines eigenmächtigen Vorgehens, sondern ihm für seine Wachsamkeit gedankt und unverzüglich den Tatort aufgesucht. Was auch immer der Grund sein mochte, persönliche Frustration oder Druck von oben, jedenfalls räumte Lenard der Aufklärung der Morde an Alfred Neuss und Fabien Curtay plötzlich oberste Priorität ein. Wer am Ende dafür die Lorbeeren erntete, interessierte ihn anscheinend nicht. Und das war gut so, denn Kowalenko war nun dichter an den Ermittlungen dran, aber es komplizierte die Dinge auch, denn sein Auftrag ging über das Offensichtliche und die Aufklärung der jüngsten Morde hinaus – und das war den Franzosen nicht bekannt. Es ging, genau genommen, um die Zukunft des russischen Vaterlands, aber das wussten nur er und seine Vorgesetzten in der Sonderabteilung im russischen Justizministerium, der er angehörte. Daher barg eine zu enge Zusammenarbeit mit Lenard auch ein gewisses Risiko. Der Inspektor oder einer seiner Leute könnten dahinter kommen, dass er noch etwas anderes tat. Aber so hatten sich die Dinge nun mal entwickelt. Er musste auf der Hut sein und das Beste daraus machen. Eine Windbö rüttelte am Gebäude, und Kowalenko hatte das Gefühl, noch mehr zu frieren als zuvor. Noch einen Schluck Wodka, einen Bissen vom Sandwich, dann schloss er das Dokument, an dem er gearbeitet hatte, und wechselte ins Internet, um seine E-Mails zu lesen. Er hatte ein halbes Dutzend bekommen. Die meisten waren privater Natur und kamen aus Moskau: von seiner Frau, seinem elfjährigen Sohn, seiner neunjährigen Tochter, seinem Etagennachbarn, mit dem er über einen gemeinsam genutzten, Vorratsschrank im Keller in Streit geraten war. Eine Mail stammte von seiner unmittelbaren Vorgesetzten, die wissen wollte, wo sein Tagesbericht blieb. Und schließlich die eine, auf die er gehofft hatte. Sie kam aus Monte Carlo und war von Alain LeMaire, Captaine bei den Carabiniers du Prince, der monegassischen Sicherheitspolizei. Er hatte LeMaire vor drei Jahren bei einem Seminar über Informationsaustausch in der Interpolzentrale in Lyon kennen gelernt. Zehn Monate später hatten sie sich wiedergesehen, als LeMaire im Zuge eines internationalen Geldwäscherskandals Konten einfrieren half, die russische Kriminelle bei einer größeren Bank in Monte Carlo unterhielten. Und es war LeMaire, den er angerufen und um Hilfe gebeten hatte, als er von dem Mord an Fabien Curtay erfuhr. Jetzt war er gespannt, ob der Mann etwas herausgekriegt hatte. Die Nachricht war verschlüsselt, aber Kowalenko brauchte nur Sekunden, um sie zu dechiffrieren. »Re: F. Curtay. Großer Privatsafe in seiner Villa geöffnet vor- gefunden. Curtay führte ein genaues Verzeichnis des Safeinhalts mit den Daten der Hinterlegung. Viele Stücke sind sehr wertvoll, aber nur zwei fehlen: 1. Eine kleine Super-8-Filmrolle. 2. Ein altes spanisches Messer, ein so genanntes Navaja- Schnappmesser, Horn und Messing, um 1900 angefertigt. Neben beiden Objekten standen die Initialen A.N. – vielleicht Alfred Neuss? Datum der Hinterlegung ist der 1.09. Am selben Tag ist Neuss in Monte Carlo eingetroffen. Sie waren seit vierzig Jahren befreundet – Curtay hat sie also möglicherweise für ihn aufbewahrt. Keine weiteren Einzelheiten.« Kowalenko klappte den Laptop zu und schaltete ihn ab. Er wusste nicht, ob auch Lenard diese Information bekommen hatte und ob er sie an ihn weitergeben würde, falls er sie erhalten hatte. Doch davon einmal abgesehen, kam nun mehr Licht in die Sache. Sie alle wussten, das Neuss von L. A. über Paris nach Marseille geflogen und von dort nach Monte Carlo weiterge-, fahren war. Bedeutete das, dass er das Messer und den 8-rnm- Film zunächst in Marseille abgeholt und dann in Curtays Privatsafe in Monte Carlo deponiert hatte? War der Diamantenkauf folglich nur Tarnung gewesen, um den Eindruck zu erwecken, sie wickelten ein ganz normales Geschäft ab? Neuss war am Freitag, dem zehnten, tot aufgefunden worden, und Curtay hatte man drei Tage später, am Montagmorgen, in Monte Carlo ermordet. Das konnte bedeuten, dass der Mörder die Leiche von Neuss aus ganz bestimmten Gründen unkenntlich gemacht hatte: Erstens, er wollte Zeit gewinnen, um nach Monte Carlo zu reisen und dort vor dem Überfall auf Curtay die Lage zu sondieren, ehe Neuss identifiziert war. Zweitens, er wollte kaschieren, dass er Neuss gefoltert hatte, um von ihm den Verbleib des Messers und des Films zu erfahren. Wenn es so gewesen war, ließ sich dieselbe Logik auch auf die Mordfälle in San Francisco, Mexico City und Chicago anwenden. Auch dort waren die russischen Opfer vor ihrer Ermordung gefoltert worden. Vielleicht wollte der Killer von ihnen nicht nur die Tresorschlüssel. Vielleicht hoffte er von ihnen auch zu erfahren, wo sich das dazugehörige Tresorfach befand. Angenommen, die Opfer besaßen die Schlüssel, konnten aber keine Auskunft darüber geben, wo das Tresorfach war. Hatte der Mörder sie gefoltert, weil er ihnen nicht glaubte? Kowalenkos Gedanken wanderten nach Beverly Hills. Möglicherweise hatte Raymond Thorne nicht nur Neuss’ Wohnung aufgesucht, um ihn zu ermorden, sondern auch um herauszufinden, wo das Messer und der Film versteckt waren. Das würde erklären, warum er ein Flugticket nach England im Gepäck hatte. Insbesondere wenn er davon ausgegangen war, dass die Sachen in irgendeiner Bank in Europa lagen, was wiederum die Tresorfachschlüssel erklären würde, die man in seiner Reisetasche im Zug fand. Detective Halliday, Dan Ford und Jean-Luc waren alle mit einer rasiermesserscharfen Waffe ermordet worden. Handelte es, sich dabei eventuell um das Messer aus Curtays Safe? Wenn ja, warum hatte der Mörder es benutzt? War es einfach nur handlich, oder hatte es damit eine besondere Bewandtnis? Wenn ja, ließ seine Verwendung auf eine Art Ritualmord schließen, zumal alle drei Männer bestialisch zugerichtet worden waren? Und wenn auch das zutraf, hieß das, dass der Mörder noch nicht fertig war?, Rue Huysmarts 27, die Wohnung Armand Drouins, des Bruders von Nadine Ford, zur selben Zeit Nadine Ford stand unter Schock, und die Tatsache, dass das Kind, das sie unter dem Herzen trug, niemals seinen Vater sehen würde, machte alles noch schlimmer. Dennoch hatte sie es geschafft, für sich und Nicholas Marten zwei Koffer zu packen, und obendrein die Geistesgegenwart oder Dreistigkeit besessen, an den Polizisten, die im Auftrag Lenards ihre Wohnung versiegelten, eine kleine Konterbande vorbeizuschmuggeln, nämlich Hallidays Terminkalender und eine Fächermappe mit den aktuellen Arbeitsnotizen ihres Mannes. Ein kühnes und gefährliches Unterfangen, aber alles war glatt gegangen. Und nun befand sich Marten, angetrunken und nach diesem schrecklichen Tag mit seinen psychischen Kräften am Ende, allein in einem kleinen Arbeitszimmer in der Wohnung von Nadines Bruder und hatte die Mappe und Hallidays Terminkalender aufgeschlagen vor sich liegen. In den Zimmern nebenan saßen an mit Speisen und Weinflaschen reichlich gedeckten Tischen Nadine, ihr Bruder Armand, ihre Schwester, ihr Schwager, ihre Schwägerin und ihre Eltern. Auch viele Freunde waren da. Und immer neue kamen hinzu, darunter auch die beiden Assistentinnen Dans vom Pariser Büro der Los Angeles Times. Dass so viele Menschen in einer kleinen Wohnung Platz fanden, grenzte an ein Wunder. Sie lagen einander in den Armen, weinten, redeten, und manche lachten sogar über irgendeine Erinnerung. Eine Stunde zuvor hatte Marten vor den Trauergästen ins, Arbeitszimmer flüchten wollen, um etwas Sinnvolles zu tun, und dabei war er an dem kleinen Schlafzimmer vorbeigekommen. Die Tür stand offen, und er bemerkte, dass Nadine allein auf dem Bett saß und die große gelbbraune Katze streichelte. Es war wie bei der Trauerfeier in Reds Haus: Reds Frau hatte allein im Arbeitszimmer gesessen und, den Kopf seines schwarzen Labradors auf dem Schoß und eine Kaffeetasse in der Hand, ins Leere gestiert. Plötzlich hielt es Marten in der vollen Wohnung Armands nicht mehr aus. Er musste an die frische Luft, allein sein, durch die Straßen laufen, sonst erstickte er noch an seinem Kummer. Die kühle Luft tat ihm gut, und trotz Lenards Warnung ließ er alle Vorsicht außer Acht und marschierte einfach drauflos, vielleicht auch weil er insgeheim hoffte, dass Raymond ihn beobachtete, ihm sogar folgte. Vielleicht hatte er Glück, und Raymond gab sich zu erkennen, und sie konnten die Sache, so oder so, zu Ende bringen. Doch es passierte nichts, und nach einer Dreiviertelstunde war er in die Wohnung zurückgekehrt, hatte sich ins Arbeitszimmer verdrückt, die Tür geschlossen und sich an die Arbeit gemacht. Vielleicht fand er irgendeinen Hinweis, der ihn zu Raymond führte. Wenn, ja wenn es überhaupt Raymond war. Jetzt blätterte er in Hallidays Terminkalender, achtete aber darauf, dass er die vielen losen Zettel nicht durcheinander brachte. Wie schon in der vergangenen Nacht versuchte er, Hallidays winzige, nach links geneigte Handschrift zu entziffern und etwas Brauchbares zu finden. Doch es war aussichtslos. Seite um Seite war mit Halbsätzen, einzelnen Wörtern, Personennamen, Daten und Ortsnamen voll gekritzelt. Das Wenige, das er lesen konnte, waren private Notizen, die ihn nichts angingen und die er gar nicht hätte lesen sollen. Doch obwohl er ein wachsendes Unbehagen empfand und immer frustrierter wurde, machte er weiter. Nach einer Viertelstunde hatte er genug und wollte den, Kalender gerade weglegen und sich Fords Faltmappe vornehmen, als ihm ein Name ins Auge stach – Felix Norman. Felix Norman, der Arzt aus Los Angeles, der Raymonds Totenschein ausgestellt hatte. Auf der nächsten Seite hatte Halliday einen zweiten Namen notiert: Dr. Hermann Gray, Facharzt für plastische Chirurgie, Bel Air, 48 Jahre alt. Hinter dem Namen stand in Klammern Puerto Quepos, Costa Rica, dann Rosario, Argentinien, Name in James Patrick Odett geändert – ALC/Jagdunfall. Daneben hatte Halliday eine Bleistiftnotiz ausradiert und dann, als habe er sich über sich selbst geärgert, fett darüber geschrieben: 1/26 – VARIG, 8837. 1/26 konnte ein Datum sein. Mit VARIG war möglicherweise die gleichnamige Airline gemeint und mit 8837 eine Flugnummer. Marten schaltete Armands Computer ein. Sowie er hochgefahren war, ging er auf die Website von VARIG und tippte 8837 in das Suchfeld. Eine Sekunde später hatte er die Antwort: Flug 8837 von Los Angeles nach Buenos Aires, Argentinien. Martens Blick fiel wieder auf Hallidays Terminkalender. Vielleicht hatte er ihn nicht sorgfältig genug durchgeblättert und etwas übersehen. Er nahm ihn wieder zur Hand, drehte ihn herum und schlug vorsichtig den hinteren Deckel auf. Er fand eine Anzahl loser Blätter, und dort, wo der Karton der Kalendereinlage im Ledereinband steckte, fiel ihm eine Wölbung auf. Er zog die Blätter heraus und nahm das erste weg. Darunter lagen Fotografien von Hallidays Kindern und Reisechecks im Wert von elfhundert Dollar. Dann folgten sein Pass und zwei zusammengefaltete Papiere. Er sah sich das eine, dann das andere an. Es handelte sich um gefaxte Flugtickets. Das erste, war Hallidays Hin- und Rückflugticket Los Angeles – Paris von United Airlines, das zweite ein Varig-Ticket Los Angeles – Buenos Aires für den 26. Januar ohne Termin für den Rückflug. »Mein Gott«, stöhnte er. Halliday hatte einen Flug nach Argentinien gebucht, möglicherweise schon vor dem Mord an Neuss, möglicherweise wegen des Mordes. Und nicht um Urlaub zu machen. Oben auf das Varig-Ticket war mit Bleistift der Name James Patrick Odett geschrieben, und dahinter stand in Klammern Dr. Hermann Gray und abermals ALC. Er spürte, wie sein Herz einen Schlag aussetzte. War Raymond zu dem Zeitpunkt, als er angeblich in Los Angeles eingeäschert wurde, nach Argentinien gebracht worden? Und hatte Dr. Gray, der Facharzt für plastische Chirurgie, den Auftrag erhalten, ihn wieder zusammenzuflicken? Was mit »ALC« und »Jagdunfall« gemeint war, wusste er nicht. Aber das schien ohne große Bedeutung zu sein. Die eigentliche Frage war: Musste Halliday sterben, weil er die Sache mit Dr. Gray und Argentinien herausgefunden hatte und in Argentinien weitere Nachforschungen hatte anstellen wollen? Plötzlich kam ihm ein anderer Gedanke, der ihn schaudern ließ. Angenommen, Neuss, Halliday, Dan Ford und dieser Jean- Luc waren von ein und derselben Person umgebracht worden, angenommen, diese Person war Raymond, und weiter angenommen, Dr. Gray hatte als Schönheitschirurg gute Arbeit geleistet, dann wussten sie nicht, wie Raymond jetzt aussah. Er konnte jeder sein. Ein Taxifahrer, ein Blumenhändler, ein Kellner. Jeder, der nahe an ihn herankam, ohne seinen Verdacht zu erregen. Raymond war gerissen und einfallsreich, wie er mit seinen Maskeraden in Los Angeles bewiesen hatte. Vertreter, Glatzkopf, und am Schluss hatte er sich bei Alfred Neuss neu eingekleidet. »Nicholas.« Die Tür hinter Marten ging auf, und eine blasse Nadine trat, ein. Jemand stand hinter ihr. Marten erhob sich. »Rebecca«, sagte er völlig überrascht, und seine Schwester schlüpfte an Nadine vorbei ins Zimmer., Rebecca hatte sich die langen schwarzen Haare zu einem eleganten Knoten hochgesteckt und trug einen langen dunklen Rock und einen dazu passenden Blazer. Sie sah bildschön aus und hatte ein sicheres Auftreten. Nach ihrer langen Krankheit hatte sie eine wahrlich erstaunliche Wandlung durchgemacht. »Merci, Nadine«, sagte sie ruhig und umarmte die Frau, die mit Dan so häufig nach St. Francis und später nach Jura gekommen war, um sie zu besuchen. Dann erklärte sie auf Französisch, was Nadine ohnehin schon wusste, nämlich dass Dan wie ein zweiter Bruder für sie gewesen sei, und drückte ihr behutsam ihr tiefes Mitgefühl aus. Danach erschien Nadines Vater, entschuldigte sich, dass die Familie etwas zu besprechen habe, und führte seine Tochter aus dem Zimmer. »Ich habe dich heute Nachmittag in der Schweiz angerufen«, sagte Marten und schloss die Tür. »Du warst nicht da. Ich habe eine Nachricht hinterlassen. Wie bist du …?« »… so schnell hergekommen? Ich war mit den Kindern unterwegs und erhielt die Nachricht bei meiner Rückkehr. Mrs. Rothfels sah mir meine Bestürzung an, und als ich ihr erzählte, was passiert war, sprach sie mit ihrem Mann. Der Firmenjet sollte sowieso einen Kunden nach Paris bringen, und so hat Mr. Rothfels darauf bestanden, dass ich mitfliege. Sein Chauffeur hat mich zum Flughafen gebracht. Und die Polizei hat uns von Dans Wohnung hierher geschickt.« »Mir wäre es lieber, du wärst nicht gekommen.« »Wieso? Du und Dan, ihr seid meine ganze Familie. Warum hätte ich denn nicht kommen sollen?« »Rebecca, Jimmy Halliday hat hier in Paris Ermittlungen im Mordfall Neuss angestellt. Er ist letzte Nacht in seinem, Hotelzimmer ermordet worden.« »Jimmy Halliday von der Squad?« Marten nickte. »Man hat es bisher geheim gehalten.« »Mein Gott, und jetzt Dan …« »Und noch ein Mann, mit dem sich Dan nach Meinung der Polizei treffen wollte. Und jetzt hat mich die Polizei gewarnt. Ich soll vorsichtig sein.« »Sie wissen doch gar nicht, wer du bist.« »Nein. Aber das ist nicht der Punkt.« »Sondern?« Marten zögerte. Rebecca mochte jetzt noch so gesund und lebenstüchtig erscheinen, die Möglichkeit, die Dan angesprochen hatte und die er selbst fürchtete, bestand nach wie vor – nämlich dass ihre Therapie nur bis zu einem gewissen Grad Erfolg gehabt hatte und die kleinste Erinnerung an die Vergangenheit alte Ängste wachrufen und einen Rückfall in ihren alten Zustand herbeiführen würde. Andererseits konnte sie nicht im luftleeren Raum leben. Sie musste es erfahren. Er musste das Risiko eingehen und einfach darauf hoffen, dass sie stark genug war, die Wahrheit zu ertragen. »Rebecca, es könnte sein, dass Raymond noch lebt und dafür verantwortlich ist, was mit Dan, Jimmy Halliday und den anderen passiert ist,« »Raymond? Der Raymond aus L. A.?« »Ja.« Sie war sichtlich schockiert. Auf dem langen Weg der Genesung hatte sie eine Menge über die Ereignisse in Los Angeles erfahren. Sie wusste, dass Raymond während und nach seiner Flucht aus dem Kriminalgericht mehrere Polizisten, darunter auch Red McClatchy, kaltblütig ermordet hatte und beinahe auch ihren Bruder erschossen hätte, als dieser versuchte,, ihn festzunehmen. Wegen der starken Gemütserregung bei ihrem heilsamen Schock und wegen der Psychopharmaka, die sie unmittelbar danach bekommen hatte, konnte sie sich nur verschwommen an den Vorfall im Güterbahnhof erinnern, doch Dr. Flannery hatte sie mehr als einmal ermuntert, diese schreckliche Erfahrung aufzuarbeiten. Und wenn ihr das auch sehr schwer gefallen war und die wenigen Erinnerungen, die sie hatte, verworren und beängstigend waren und um die Schüsse und das viele Blut kreisten, so erinnerte sie sich jedoch ganz klar daran, dass Raymond dabei die Hauptrolle spielte. Und wie alle anderen hielt sie ihn für tot. »Er ist doch eingeäschert worden. Wie kann er da noch am Leben sein?« »Keine Ahnung. Nach dem Mord an Neuss hat Dan die Sache wieder aufgerollt. Und auch Jimmy Halliday hat Nach- forschungen angestellt, nur schon einige Zeit früher.« »Und du glaubst, dass Raymond die beiden umgebracht hat?« »Ich weiß es nicht. Ich kann nicht mal mit Sicherheit sagen, ob er noch am Leben ist. Aber Alfred Neuss ist tot, und Jimmy und Dan auch – alle, die in L. A. mit ihm zu tun hatten. Und du warst im Rangierbahnhof, auch wenn du dich kaum daran erinnerst. Du hast ihn gesehen, und er hat dich gesehen. Wenn er sich hier in Paris aufhält, solltest du besser verschwinden.« Marten zögerte. Er tat es nur ungern, aber er musste es ihr sagen. »Da ist noch etwas anderes. Falls es sich tatsächlich um Raymond handelt, hat er sich wahrscheinlich einer Gesichtsoperation unterzogen. Wir würden also nicht wissen, wie er aussieht.« Angst flammte in Rebeccas Augen auf. »Nicholas, du hast ihn festnehmen wollen. Er würde dich leichter erkennen als jeder andere. Wenn er erfährt, dass du in Paris bist …« »Rebecca, erst muss ich dich in Sicherheit wissen, dann kann ich an mich selbst denken.« »Was soll ich tun?«, »Wenn Mr. Rothfels dich mit einem Privatjet hat herbringen lassen, hat er dir doch sicher auch ein Hotelzimmer reserviert.« »Ja, im Crillon.« »Im Crillon?« »Ja.« Rebecca errötete und lächelte. Das Hotel Crillon gehörte zu den luxuriösesten und teuersten in Paris. »Es ist schön, einen so wohlhabenden Chef zu haben.« »Davon bin ich überzeugt«, erwiderte Marten schmunzelnd und wurde gleich wieder ernst. »Ich werde Nadines Bruder bitten, dich mit dem Wagen ins Hotel zurückzubringen. Ich möchte, dass du sofort auf dein Zimmer gehst, dich einschließt und niemandem aufmachst. Ich buche für morgen Vormittag einen Flug nach Genf. Der Portier soll dich mit einem Wagen des Hotels zum Flughafen bringen lassen. Vergewissere dich, dass der Portier den Fahrer persönlich kennt, und bitte ihn, die Fluggesellschaft anzurufen und dafür zu sorgen, dass der Fahrer bei dir bleiben kann, bis du an Bord gehst. Außerdem rufe ich Rothfels an. Er soll jemanden zum Flughafen schicken, den er kennt und der dich sicher nach Neuchâtel bringt.« »Du hast Angst, stimmt’s?« »Ja, um uns beide.« Bis ins Innerste aufgewühlt, verließ Rebecca Nicholas und ging zu Nadines Bruder. Natürlich wären alle auch tief erschüttert gewesen, wenn Dan tödlich verunglückt oder an einer schweren Krankheit gestorben wäre. Doch die schreckliche Art seines Todes, so plötzlich und völlig unerwartet, war unbegreiflich. So unbegreiflich wie der Gedanke, dass Raymond noch am Leben sein könnte und so viele Monate später und neuntausend Kilometer von der Stadt entfernt, in der alles begonnen hatte, Menschen in Angst und Schrecken versetzte. Doch so schrecklich und unfassbar dies alles war, es gab noch, etwas anderes, was sie ihrem Bruder unbedingt sagen wollte. Es ging um sie und ihre große Liebe, Alexander Cabrera, der zum Mittelpunkt ihres Lebens geworden war. Auch wenn sie ihre Beziehung geheim gehalten und mit Lady Clem, die davon wusste, Stillschweigen vereinbart hatte, spürte sie doch, dass der Tag immer näher rückte, an dem Alexander sein Versprechen einlösen und um ihre Hand anhalten würde, und sie wollte, dass Nicholas vorher davon erfuhr. Bisher war die Heimlichtuerei ein Spaß gewesen, ein übermütiges Versteckspiel, bei dem die kleine Schwester den großen Bruder darüber im Unklaren ließ, was sie tat. Nun aber, da die Bande zwischen ihr und Alexander immer enger wurden, hatte sie das Gefühl, Nicholas zu hintergehen, und das bereitete ihr zunehmend Unbehagen. Der heutige Abend war dafür ein typisches Beispiel. Sie hatte nur die halbe Wahrheit gesagt, als sie ihm erzählte, Gerard Rothfels habe darauf bestanden, dass sie mit dem Firmenjet nach Paris flog. Richtig daran war nur, dass Rothfels alles Notwendige veranlasst hatte, doch die Anweisung hatte Alexander gegeben. Und es war kein Firmenfahrer, der sie am Flughafen Orly abgeholt hatte, sondern Alexanders Chauffeur und Leibwächter Jean-Pierre Rodin. Insgeheim hatte sie gehofft, Alexander werde persönlich zum Flughafen kommen. Dann hätte sie ihn dazu überredet, sie zu begleiten, und trotz der traurigen Begleitumstände mit Nicholas bekannt gemacht. Doch er weilte noch geschäftlich in Italien, und laut Jean-Pierre wurde er erst am späten Abend in Paris erwartet. Und dann war da noch die Sache mit Raymond und die Frage, ob sie Alexander von ihm erzählen sollte. Wenn sie es tat, musste sie ihm erklären, warum Grund zur Besorgnis bestand. Nun wussten Alexander und Clem zwar, dass sie als Teenager einen psychischen Zusammenbruch erlitten hatte, doch keinem von beiden war bekannt, was damals wirklich geschehen war und später den heilsamen Schock auslöste., Die Geschichte hatten sich Nicholas und ihre Psychiaterin Dr. Flannery vor ihrer Flucht aus L. A. ausgedacht. Danach waren sie und Nicholas in einer Kleinstadt in Vermont aufgewachsen. Sie war fünfzehn, als innerhalb von zwei Monaten ihre beiden Eltern starben. Darauf zog sie zu Nicholas, der in Kalifornien aufs College ging. Einige Zeit später fuhr sie mit ihm und ein paar Freunden zum Baden ans Meer. Sie ging mit einem der Freunde am Strand spazieren, da hörten sie einen Jungen um Hilfe schreien, der von einer starken Strömung auf die offene See getrieben wurde. Sie schickte den Freund los, um Hilfe zu holen, und schwamm durch die schwere Dünung zu dem Jungen hinaus. Sie ereichte ihn auch und versuchte trotz der hohen Wellen, seinen Kopf über Wasser zu halten. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis endlich die Retter bei ihnen eintrafen, und erst da bemerkte sie, dass der Junge tot war. Später erfuhr sie, dass er wahrscheinlich schon ertrunken war, bevor sie ihn erreicht hatte. Da wurde ihr bewusst, dass sie die ganze Zeit eine Leiche in den Armen gehalten hatte. Diese Vorstellung, so kurz nach dem tragischen Verlust ihrer Eltern, versetzte ihr einen Schock, und unmittelbar darauf erlitt sie einen schweren psychischen Zusammenbruch. Es dauerte Jahre, bis sie sich langsam davon erholt hatte und von ihrem Bruder in die Balmore Clinic gebracht wurde, um bei Dr. Maxwell-Scot eine spezielle Therapie zu machen. Wenn sie jetzt also von Raymond anfing, konnte sie ihnen unmöglich von der Schießerei im Güterbahnhof erzählen. Wenn, dann musste sie Nicholas den Schwarzen Peter zuschieben. Sie musste erklären, dass er damals in Los Angeles mit Dan Ford befreundet gewesen sei und durch ihn Halliday kennen gelernt hätte. Und dass diese beiden Männer, der eine als Polizeire- porter, der andere als Polizist, eng mit dem Fall Raymond zu tun gehabt hätten. Jetzt seien Ford und Halliday in Paris ermordet worden, und wenn derselbe Raymond, den man für tot gehalten habe, der Mörder sei, dann bestehe die Wahrscheinlichkeit, dass, er auch ihrem Bruder nach dem Leben trachte. Und folglich auch ihr selbst, da er befürchten müsse, dass Ford oder Halliday ihrem Bruder Dinge erzählt hätten, die ihn belasten könnten, und Nicholas sie wiederum ihr mitgeteilt habe. Und so fragte sich Rebecca, warum sie Alexander beunruhigen sollte, zumal es laut Nicholas nicht feststand, ob Raymond der Mörder und überhaupt noch am Leben war. Sie sann darüber nach und kam zu dem Schluss, Raymond am besten gar nicht zu erwähnen und es dabei bewenden zu lassen. Doch noch während sie diesen Entschluss fasste, war sie sich darüber im Klaren, dass sie die Warnung ihres Bruders ernst nehmen und seine Anweisungen genau befolgen musste., Rue Huysmans, das Haus, in dem Armand Drouin, Nadine Fords Bruder, wohnt, 22.45 Uhr Die Haustür öffnete sich, und Nicholas und Rebecca kamen heraus. Bei ihnen befanden sich Armand, Nadines Bruder, und ein mit Armand befreundeter französischer Soldat. Armand war Radrennprofi, jung, eigensinnig und hilfsbereit. Sein Wagen stand vor dem Haus. Zu dieser späten Stunde brauchte man zum Crillon nicht länger als zehn Minuten, und es bereitete ihm Vergnügen, Rebecca hinzubringen. Er führte sie rasch über die Straße zu seinem grünen Nissan und rutschte hinters Steuer, während sein Freund hinten einstieg. Marten schaute sich misstrauisch um, während er Rebecca die Beifahrertür aufhielt. »Welche Zimmernummer hast du im Crillon?« »Wieso?« »Weil ich dich anrufen will, sobald ich den Flug gebucht habe. Ich möchte, dass du Paris morgen in aller Frühe verlässt.« »Zimmer 412 … Nicholas.« Sie sah ihn an, und er spürte, dass sie besorgt war. Er versuchte, sie zu beruhigen. »Wie ich vorhin schon gesagt habe, gibt es keinen Beweis dafür, dass es Raymond ist. Wahrscheinlich war es ein Verrückter, der nicht die geringste Ahnung hat, wer wir sind, und dem wir nicht gleichgültiger sein könnten.« »Ja.« Rebecca lächelte und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Marten blickte zu Armand. »Vielen Dank, Armand.«, »Sie ist in sicheren Händen, mon ami. Wir werden sie auf ihr Zimmer bringen, und wegen des Wagens morgen früh werde ich persönlich mit dem Portier sprechen. Für einen Tag sind heute schon genug Tränen geflossen.« »Nicht nur für einen Tag.« Nicholas schloss die Tür und trat zurück. Armand ließ den Motor an, wendete und fuhr davon. Am Ende der Straße bog er in den Boulevard Raspail ein, und der Nissan verschwand., Raymond saß im Fond eines schwarzen Mercedes mit getönten Scheiben, der drei Häuser weiter parkte. Er hatte beobachtet, wie die vier aus dem Haus kamen, über die Straße zu dem grünen Nissan gingen und dann drei von ihnen einstiegen und der Wagen davonfuhr. Jetzt sah er, wie Nicholas Marten in das Haus mit der Nummer 27 zurückkehrte. Zehn Monate zuvor hatte er ihn das letzte Mal gesehen, und sieben Monate war es jetzt her, dass er, genauer gesagt die Baronesse, ihn in Manchester aufgespürt und alles über ihn in Erfahrung gebracht hatte: wie er jetzt hieß, wo er lebte, was er tat. Er wusste sogar von Lord Prestbury und Martens heimlicher Affäre mit dessen Tochter, Lady Clementine Simpson. Und auch von Rebecca und dass sie in der Schweiz lebte und für wen sie arbeitete. Doch obwohl er alles über Marten wusste, hatte er sich in all den Monaten bemüht, nicht an ihn zu denken. Nun aber, da er ihn wieder leibhaftig vor sich sah, wurde er daran erinnert, wie gefährlich dieser Mann sein konnte. Marten war entweder unglaublich clever, ein Ausbund an Beharrlichkeit oder einfach nur ein Glückspilz. Wie ein Bluthund schien er seine Spur zu verfolgen, wohin er sich auch wendete, so wie damals in Los Angeles nach seiner Flucht aus dem Kriminalgericht. Und dann am Internationalen Flughafen, als er plötzlich aus dem Regen auftauchte und ihn daran hinderte, in die Lufthansa-Maschine nach Frankfurt zu steigen, und in Beverly Hills, als er urplötzlich vor Alfred Neuss’ Wohnung vorfuhr. Und jetzt befand er sich hier in Paris. Zum Teil war er selbst daran schuld. Obwohl Marten nur ein oder zwei Flugstunden entfernt in Manchester lebte, hatte er Neuss in Paris umgebracht. Doch ihm war keine andere Wahl, geblieben, denn die Zeit drängte. Außerdem empfand er es als eine köstliche Ironie, dass es ausgerechnet im Parc Monceau passierte, insbesondere als Neuss begriff, mit wem er es zu tun hatte und dass er sterben würde. Dennoch war die Verlockung jetzt groß, als er Marten nur ein paar Schritte vor sich die Straße überqueren sah. Am liebsten wäre er sofort ausgestiegen und ihm ins Haus gefolgt, um ihn dort zu töten, so grausam und brutal, wie er Neuss, Halliday, Dan Ford und Jean-Luc Vabres umgebracht hatte. Doch das durfte er nicht tun, jedenfalls noch nicht, und schon gar nicht an diesem Abend. Da hatte er etwas anderes vor. Er musste seine Gedanken und seine Energie auf das konzentrieren, was als Nächstes anstand. Mit den Fingern leise auf ein längliches, in buntes Papier eingeschlagenes Päckchen trommelnd, sinnierte er noch eine Weile, dann sagte er zu seinem Chauffeur: »Zum Hotel Crillon.«, Hotel Crillon, 23.05 Uhr Der schwarze Mercedes bog auf die Place de la Concorde ein und hielt gegenüber dem Hotel. Der grüne Nissan parkte davor in der Haltezone. Raymond bürstete sich das Haar nach hinten, strich mit der Hand über seinen sauber gestutzten Bart und wartete. 23.08 Uhr. Ein Taxi fuhr vor, und mehrere elegant gekleidete Menschen stiegen aus und gingen durch die große Drehtür des Hotels. 23.10 Uhr. Ein Paar mittleren Alters in Abendgarderobe kam durch die Drehtür. Eine Nobelkarosse mit Chauffeur fuhr vor, und ein livrierter Portier öffnete den Wagenschlag. Das Paar stieg ein, und der Wagen entfernte sich. Wieder drehte sich die Tür. Armand und sein Freund traten heraus und steuerten direkt auf den Nissan zu. Sekunden später leuchteten Scheinwerfer auf, und der Wagen fuhr mit quietschenden Reifen an ihnen vorbei. Raymond wartete noch einen Moment, dann stieg er aus, das bunte Päckchen unter dem Arm. Mit dem gepflegten Bart, dem tiefschwarzen, elegant nach hinten gekämmten Haar und dem maßgeschneiderten schwarzgrauen Zweireiher sah er aus wie ein erfolgreicher junger Manager auf dem Weg zu einem intimen mitternächtlichen Rendezvous. Nichts anderes hatte er im Sinn, wenngleich die Intimität viel weiter gehen sollte., Erneut strich er sich das Haar zurück, blickte hinüber zum Crillon, das sich mit seiner stilvollen Beleuchtung gegen den Nachthimmel abhob, und ging darauf zu. Jetzt, zwei Wochen nach seinem vierunddreißigsten Geburtstag, fühlte er sich zum ersten Mal seit langem wieder richtig lebendig. Ja, er sprühte geradezu vor Energie, mehr noch als letzte Nacht am Fluss, als er im strömenden Regen Jean-Luc und Dan Ford getötet hatte. Er hinkte noch leicht, aber das störte ihn ebenso wenig wie die anhaltenden Schmerzen, die von seinen zahlreichen Operationen herrührten. Die Genesungszeit war ihm wie eine Ewigkeit erschienen, tatsächlich aber hatte sie nur knapp vier Monate gedauert – dank der kugelsicheren Weste, die er sich von John Barron geborgt und bei der Schießerei im Güterbahnhof getragen hatte. In der Zwischenzeit hatte die Baronesse die Hauptakteure wieder diskret in Position gebracht, und nun trat das Unternehmen in die entscheidende Phase. Sie arbeiteten nach demselben präzis getimten Plan wie damals. Nur mit dem Unterschied, dass Neuss nicht mehr lebte und die »Beweisstücke« mittlerweile in ihrem Besitz waren. Natürlich ahnte Peter Kitner, wer hinter diesem Doppelschlag steckte, aber das war nicht zu ändern. Gleichwohl lebte er jetzt in Todesangst und fürchtete um seine Familie. Und er hatte niemanden, mit dem er darüber sprechen konnte. Seine Angst würde mit jedem Tag wachsen, denn er wusste heute ebenso wenig wie damals, als Neuss überstürzt nach London geflüchtet war, was sie planten. Deshalb konnte er nicht viel tun, außer die Zahl der Leibwächter, die ihn und seine Familie beschützten, verstärken und auf den Tag hinarbeiten, der die Krönung seines Leben bilden sollte. Und gerade dadurch würde er ihnen in die Falle gehen. Noch zwanzig Schritte, und Raymond war am Eingang des Crillon. Der Portier nickte, als er vorbeiging und sich durch die Drehtür schob. Die große Lobby wimmelte von Hotelgästen und Pariser Nachtschwärmern. Er blieb kurz stehen und schaute sich, um, dann steuerte er auf die Rezeption im hinteren Teil der Halle zu. Er hatte die Hälfte der Strecke zurückgelegt, als gleißendes Scheinwerferlicht seine Aufmerksamkeit erregte. Eine Gruppe von Journalisten umlagerte zwei Geschäftsleute, die vor laufenden Kameras Fragen beantworteten. Neugierig trat er näher – und traute seinen Augen nicht. Vor ihm stand, würdevoll und weißhaarig, der internationale Medienmogul, Milliardär, gebürtige Schweizer und britische Staatsbürger Sir Peter Kitner. Bei ihm war sein dreißigjähriger Sohn Michael, Präsident seines Medienimperiums und sein rechtmäßiger Erbe. Dann entdeckte er den dritten Mann, der rechts neben Kitner stand: Dr. Geoffrey Higgs, vormals Fliegerarzt bei der Royal Air Force und jetzt Kitners Leibarzt, Bodyguard und Geheimdienst- chef, körperlich topfit, mit markantem Kinn und Bürstenschnitt. In seinem linken Ohr steckte ein kleiner Kopfhörer, und ein noch kleineres Mikrofon klemmte an seinem Revers. Higgs wich Kitner nie von der Seite und stand in ständigem Funk- kontakt mit dem Trupp seiner unsichtbaren Sicherheitsleute. Eigentlich hätte Raymond weitergehen sollen, doch er trat stattdessen in das Halbdunkel hinter den Journalisten und den grellen Scheinwerfern. Kitner wurde gerade nach der Vorstands- sitzung gefragt, an der er und sein Sohn teilgenommen hatten. Ob es stimme, wollte ein französischer Journalist wissen, dass sein amerikanisches Unternehmen MediaCorp die Übernahme des französischen Fernsehsenders TV5 anstrebe. Raymonds Puls ging schneller, als er hörte, wie Kitner um den heißen Brei herumredete. »Alles ist käuflich, oder nicht?«, antwortete Kitner mit einer Gegenfrage. »Sogar MediaCorp. Es ist nur eine Frage des Preises.« Peter Kitner, wie er leibte und lebte. Bestseller waren über ihn geschrieben worden. Er war Gegenstand unzähliger Zeit-, schriften- und Zeitungsartikel und häufiger Interviewgast im Fernsehen. Doch jetzt sah er ihn zum ersten Mal seit Jahren wieder leibhaftig vor sich, und damit hatte er überhaupt nicht gerechnet. Er stand nur wenige Schritte von ihm entfernt und war sich bewusst, dass er nur vortreten und ihn im Handumdrehen töten könnte. Der große Sir Peter würde ihm in die Augen sehen, tot zu Boden sinken und nie erfahren, wer er war. Doch damit würde er alles zunichte machen, was er und die Baronesse geplant hatten. Jahrelang hatten sie auf den richtigen historischen Augenblick gewartet. Vor knapp einem Jahr war es endlich so weit gewesen, doch das Fiasko von Los Angeles hatte ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nun aber, nach seiner Genesung und der geschickten Manipulation der Schlüsselfiguren durch die Baronesse, stand der Augenblick wieder unmittelbar bevor. Deshalb durfte er Kitner jetzt auf keinen Fall umbringen, so gerne er es auch getan hätte. Aber sich einfach umdrehen und weggehen konnte er auch nicht. »Sir Peter«, rief er unvermittelt auf Französisch hinter den Journalisten hervor, »ist die Übernahme von TV5 Gegenstand der Erklärung, die Sie kommendes Wochenende beim Weltwirtschaftsforum in Davos abgeben wollen?« »Wie?«, fragte Kitner verdutzt und versuchte, den Fragesteller hinter den Scheinwerfern auszumachen. »Haben Sie denn nicht die Absicht, in Davos eine wichtige Erklärung in eigener Sache abzugeben, Sir Peter?« »Wer sind Sie?« Kitner trat einen Schritt vor, schirmte seine Augen gegen das Scheinwerferlicht ab und suchte nach dem Sprecher. Journalisten drehten sich neugierig um. »Wer sind Sie? Schalten Sie die verdammten Scheinwerfer aus.« Wütend zwängte sich Kitner durch die Menge. Michael folgte ihm. Higgs bellte im Gehen Befehle in das Mikrofon an seinem Revers. Sie blieben stehen und schauten sich um. Der, Fragesteller war zwischen den Gästen in der Lobby verschwunden. »Et Davos, Sir Peter?« – Was ist mit Davos, Sir Peter? »Sir Peter, quelle est la nature de votre annonce?« – Um was geht es bei Ihrer Erklärung? »Sir Peter! Sir Peter! Sir Peter!«, hörte Kitner die Journalisten hinter sich rufen, während er auf die Rezeption zusteuerte. Mehrere Männer in dunklen Anzügen traten durch einen Seiteneingang und eilten zu ihm. Leibwächter, die Higgs herbeordert hatte. Raymond grinste triumphierend. Er hatte ein Thema in den Raum geworfen, das die Journalisten jetzt aufgriffen. Natürlich würde Kitner die lästigen Medienvertreter souverän abwimmeln, seine Überraschung und Wut würden sich legen. Danach aber würde er sich fragen, wer der Fremde gewesen war, wie er von der Sache in Davos erfahren hatte. Dann, irgendwann später, würde ihm aufgehen, mit wem er es zu tun gehabt hatte und was da eigentlich geschehen war. Von da an würden Angst und Argwohn alles andere in den Hintergrund drängen. Und genau das hatte er bezweckt. Er ging zu den Aufzügen und blickte auf seine Armbanduhr. 23.20 Uhr. Er blieb vor den Aufzügen stehen, drückte den Knopf und schaute sich um. Ein gut gekleidetes älteres Ehepaar plauderte in der Nähe, doch sonst war er allein. Eine Aufzugtür öffnete sich, und drei Leute kamen heraus. Das ältere Paar rührte sich nicht, und so ging Raymond hinein. Die Tür glitt zu, und er drückte den Knopf für den vierten Stock. Der Aufzug setzte sich in Bewegung. Wieder blickte er auf seine Uhr., 23.24 Uhr. Er holte tief Luft und nahm das Päckchen in die andere Hand. Rebecca würde allein sein und sich in ihrem Zimmer von dem schweren Tag erholen. Ihr Bruder befand sich in der Wohnung in der Rue Huysmans, konnte ihm also nicht in die Quere kommen. Vielleicht hatte sich Rebecca sogar umgezogen. Vielleicht auch nicht. Doch in Anbetracht dessen, was noch kommen sollte, war es ziemlich gleichgültig, was sie anhatte., Geoffrey Higgs und drei dunkel gekleidete Leibwächter geleiteten Peter und Michael Kitner durch den Seitenausgang des Crillon hinaus auf die Rue Boissy, wo Kitners Limousine wartete. Ein Leibwächter öffnete die Tür, und alle drei stiegen ein, Higgs als Letzter. Sofort fuhr der Wagen an, nahm Geschwindigkeit auf, überquerte die Place de la Concorde, bog in die Champs-Elysees ein und fuhr in Richtung Kitners Pariser Domizil in der Avenue Victor Hugo. »Ich möchte wissen, wer das war und was er weiß«, sagte Kitner zu Higgs. »Ja, Sir.« »Ab sofort gibt es für die Journalisten einen separaten Bereich. Michael wird Ihnen eine genehmigte Liste aushändigen. Die Ausweise werden überprüft. Kein anderer darf rein.« »Ja, Sir.« »Wenn es ein Journalist war«, sagte Michael Kitner, »finden wir heraus, wer er ist.« Peter Kitner schwieg dazu. Er war sichtlich erregt und in Gedanken. »Woher weiß er von Davos?« »Keine Ahnung«, bellte Kitner. Er sah kurz zu Higgs, dann starrte er wieder hinaus auf die vielen Menschen, die trotz der Uhrzeit und der Januarkälte die Champs-Elysees säumten. Ich weiß es nicht, sagte Kitner zu sich selbst. Ich weiß es nicht. Den Telefonhörer am Ohr, beugte sich Nicholas Marten über den Schreibtisch in Armands Arbeitszimmer. Am anderen Ende, der Leitung klingelte es. »Mach schon, Rebecca«, drängte er. »Geh ran.« Es war das sechste Mal, dass er anrief. Die ersten drei Male hatte er Rebeccas Handynummer gewählt und keine Antwort erhalten. Nervös und enttäuscht hatte er ihr zehn Minuten gegeben und es dann erneut probiert. Doch wieder war sie nicht rangegangen. Schließlich hatte er aufgelegt und das Crillon direkt angerufen, ihre Zimmernummer genannt und darum gebeten, ihn zu verbinden. Mit demselben Resultat. »Mach schon«, stöhnte er und blickte auf die Notizen, die er auf den vor ihm liegenden Block gekritzelt hatte. Air France, Flug 1542, Flughafen Charles de Gaulle, Terminal 2F, 7 Uhr, Ankunft in Genf 8.05 Uhr, Terminal M. »Verdammt, Rebecca, heb ab.« Er spürte, wie er mit jedem Klingeln nervöser wurde. Er hatte bereits Armand geweckt, von ihm aber dieselbe Antwort erhalten wie unmittelbar nach seiner Rückkehr vom Hotel. Ja, sie habe die Tür zugemacht, als sie gegangen seien. Und ja, er habe gehört, wie sie sich eingeschlossen habe. Mehr wisse er nicht. Ob er noch einmal zum Hotel fahren solle, um sich zu vergewissern? Nein, hatte Marten erwidert, schon in Ordnung, nur ein Missverständnis, kein Grund zur Besorgnis. Armand hatte dankbar genickt und war wieder zu Bett gegangen. Es klingelte noch zweimal, dann meldete sich eine männliche Stimme mit französischem Akzent. »Tut mir Leid, Sir, aber es meldet sich niemand.« »Wissen Sie, ob Miss Marten ihr Zimmer verlassen hat?« »Nein, Sir.« »Würden Sie bitte bei der Rezeption nachfragen. Vielleicht ist sie ausgegangen und hat eine Nachricht für mich hinterlassen.« »Tut mir Leid, Sir, aber solche Auskünfte dürfen wir nicht erteilen.«, »Ich bin ihr Bruder!« »Bedaure, Sir.« »Wie spät ist es?« »Genau Mitternacht.« »Bitte, versuchen Sie es noch einmal in ihrem Zimmer.« »Ja, Sir.« Mitternacht, genau dieselbe Zeit wie auf Armands Schreibtischuhr. Rebecca war um elf, vor exakt einer Stunde, im Hotel eingetroffen. Wieder klingelte es ein quälendes Dutzend Mal, ehe die männliche Stimme sich meldete. »Tut mir Leid, Sir, immer noch keine Antwort. Möchten Sie eine Nachricht hinterlassen?« »Ja, richten Sie Miss Marten bitte aus, dass ihr Bruder angerufen hat und dass sie umgehend zurückrufen soll.« Er gab dem Mann Armands Telefonnummer und legte auf. Er blickte wieder auf die Uhr. 0.03 Uhr. Heute war Donnerstag, der 16. Januar. Wo zum Teufel steckte sie?, Hotel Crillon, Leonard-Bernstein-Suite, zur selben Zeit Rebecca saß in einem roten Plüschsessel und rang mit offenem Mund nach Atem. Der Raum war im Rokokostil eingerichtet – mit rotem Seidenstoff bezogene Sessel und Sofas, glänzende Holzpaneele, Fenster vom Fußboden bis zur Decke, Vorhänge mit prächtigem Blumendekor. In der anderen Ecke stand ein Steinway-Flügel mit aufgeklapptem Deckel, und ein Arrange- ment äußerst geschmackvoller und reich verzierter Tischlampen und Wandleuchten tauchte alles in ein weiches Licht. Die Tür zu ihrer Linken führte in ein privates Speisezimmer, und die Glastüren am anderen Ende gingen auf eine große Terrasse hinaus, hinter der das nächtliche Paris lag. Die Türen wären ein möglicher Fluchtweg, wenn sie den Mut hätte. Doch sie wusste, sie hatte ihn nicht und würde ihn nie haben, weder jetzt noch irgendwann. »Tief durchatmen, dann geht es wieder besser.« Raymond stand direkt neben ihr und sah mit glänzenden Augen auf sie herab. Er hatte sie in ihrem Zimmer überrascht und über die Feuertreppe rasch nach unten in eine der teuersten Suiten des Crillon gebracht. Niemand außer Adolf Sibony, derNachtportier, wusste, dass er hier war. Niemand hatte ihn mit ihr kommen sehen, und sie hatte keine Nachricht hinterlassen, wohin sie gegangen war. Und Sibony hatte von ihm strikte Anweisung, dass er nicht gestört werden wolle. »Ist es so schwer, mir darauf zu antworten?« »Ich …« Rebecca zitterte, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Raymond trat näher. Er zögerte, dann berührte er sie. Er, spürte, wie sie erschauderte, als er mit dem Handrücken über ihre Wange und ihren Nacken strich. »Ja?«, flüsterte er. »Was wolltest du sagen?« »Ich …« Unvermittelt löste sie sich von ihm, richtete sich im Sessel auf und sah ihn an. »Ja«, sagte sie mit fester Stimme. Und dann erschien ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht, und sie stand auf. »Ja. Ja. Ja. Tausendmal ja. Ich liebe dich, ich habe dich immer geliebt und werde dich immer lieben. Ja, ich will deine Frau werden, mein wunderbarer Señor – mein wunderbarer Alexander Luis Cabrera.« Raymond sah sie schweigend an. Dies war der erhebendste Augenblick seines Leben, und ein Augenblick, von dem er seit jener Nacht, als er in John Barrons Haus in Los Angeles eingebrochen war und sie vor dem Fernseher hatte einschlafen sehen, gewusst hatte, dass er kommen würde. Das war Gottes Werk. Das war seine Sudba, sein Schicksal. Deshalb hatte er in John Barrons Leben treten müssen. Kein Tag, keine Stunde war seitdem vergangen, ohne dass er an sie gedacht hatte. Der Gedanke an sie hatte ihm über die Zeit der Operationen und die Monate der Genesung hinweggeholfen. Ihr langes dunkles Haar, ihr durchdringender Blick, die elegante Linie ihres Halses und ihre hohen, feinen Wangenknochen- die bloße Vorstellung hatte ihn nicht mehr losgelassen. Rebecca war das lebende Abbild der Prinzessin Isabella Maria Josepha Zenaïde, Großnichte König Ludwigs III. von Bayern, die im November 1918, vierundzwanzig Jahre jung, in München von kommunistischen Revolutionären ermordet worden war. Ihr Porträt hing zwischen anderen in der Privatbibliothek der Baronesse in ihrem Landhaus aus dem 17. Jahrhundert im französischen Massif Central. Schon als Knabe war er von ihm gefesselt gewesen, und diese Faszination hatte im Mannesalter noch zugenommen. Eine vollkommene,, unvergessliche Schönheit, die in Rebeccas Alter gewesen war, als sie starb. Und nun erwachte sie in seinen Gedanken und in seiner Phantasie wieder zum Leben, als John Barrons Schwester. Er hatte der Baronesse von ihr vorgeschwärmt, als sie ihn nach seinen ersten Operationen auf seiner Ranch in Argentinien besuchte. Rebecca sei seine Sudba, hatte er zu ihr gesagt. Er müsse sie unbedingt zu seiner Frau machen. Damals, zu Beginn seiner langen und leidvollen Genesungs- zeit, war die Baronesse oft an sein Krankenlager geeilt, und die Art, wie er immer wieder von Rebecca sprach, hatte ihr bewusst gemacht, welche Wirkung die junge Frau auf diesen Mann hatte, dessen Vormund sie war. Das Leuchten in seinen Augen zeigte ihr, dass Rebecca, wenn sie wirklich so war, wie er sie beschrieb, eine Lücke in ihrer beider Zukunft schließen würde, vorausgesetzt, sie konnte von ihrer psychischen Krankheit geheilt und dann auf die richtige Weise geformt werden. Innerhalb kurzer Zeit hatte sie Rebeccas Spur bis ins Sanatorium St. Francis in Los Angeles verfolgt und in Erfahrung gebracht, dass sie bei Dr. Flannery in Behandlung gewesen war. Nur Stunden später war Dr. Flannerys Computer geknackt und gab Rebeccas Krankengeschichte preis. Auf diesem Weg erfuhr die Baronesse, wohin Rebecca gegangen war und in wessen Ob- hut sie sich jetzt befand. Im Nu spuckte auch Dr. Maxwell-Scots Computer die gewünschten Informationen aus. Die Baronesse fand alles über ihren Zustand und die günstige Prognose heraus und auch, wer die Kosten für ihre Behandlung trug. Ihr Bruder, Nicholas Marten, wohnhaft im Holiday Inn im Londoner Stadtteil Hampstead, später in der Water Street 221 in Manchester. Dass Rebecca sich bereits in Europa aufhielt, erleichterte alles ungemein. Alexanders Unternehmen hatte seine europäische Geschäftszentrale in Lausanne, und die Schweiz war für ihn ein idealer Ort, um Rebecca kennen zu lernen und eine Beziehung anzuknüpfen., Unverzüglich schaltete sie ihren Züricher Anwalt, Maître Jacques Bertrand, ein. Noch im selben Monat fanden Immobilienmakler in Neuchâtel, eine kurze Autofahrt von Lausanne entfernt, eine gepflegte private Gesundheitsfarm. Ein Kaufangebot wurde unterbreitet. Die Besitzer erklärten, das Anwesen sei unverkäuflich. Auch das zweite Angebot wurde abgelehnt. Das dritte nicht. Der Preis war unverschämt hoch. Achtundvierzig Stunden nach dem Kaufabschluss vereinbarte Joseph Cumberland, Esq., ein prominenter Londoner Anwalt, einen Termin mit Eugenia Applegate, der Vorsitzenden der Balmore-Stiftung. Bei dem Treffen eröffnete er ihr, dass ein Klient, der voller Bewunderung für die Arbeit der Klinik sei, unlängst am Neuenburger See eine Gesundheitsfarm erworben habe. Der Klient, der anonym zu bleiben wünsche, sei bereit, das Gebäude samt Grundstück der Stiftung zu übereignen. Darüber hinaus werde er für den Betrieb der Einrichtung und zur Deckung der Behandlungskosten der Patienten eine Geldsumme zur Verfügung stellen. Er hege die Hoffnung, dass die Lage, fernab vom hektischen Großstadtgetriebe Londons, und die damit verbundenen Möglichkeiten der körperlichen Betätigung in der Natur wie Rudern und Radfahren, den Therapeuten die Möglichkeit gebe, ein Programm auf die Beine zu stellen, das dazu beitrage, die Genesung der Patienten zu beschleunigen und somit die Therapiezeit erheblich zu verkürzen. Die Zahl der Patienten solle die Zahl der zur Verfügung stehenden Einzelzimmer, nämlich zwanzig, nicht überschreiten, und von der Stiftung ausgewähltes Personal solle darüber wachen, dass diese Bedingung eingehalten werde. Überdies habe der Spender die Arbeit der Klinik monatelang mit der gebotenen Sorgfalt beobachtet und rate daher dringend dazu, einige der derzeitigen Psychotherapeuten der Balmore Clinic, die Doktoren Alistair James, Marcella Turnbull und Anne Maxwell-Scot, in die Schweiz zu schicken. Selbstverständlich sollten sie ihre wichtigsten Patienten mitnehmen., Und dann kam der letzte Punkt. Aus steuerlichen Gründen müsse der Spender darauf bestehen, dass die Überschreibung des Besitzes und die Inbetriebnahme der Einrichtung innerhalb von dreißig Tagen erfolgten. Ob dies möglich sei, liege natürlich ganz im Ermessen der Stiftung. Für die Balmore Clinic und die Stiftung war das eine gewaltige Spende. Sechsunddreißig Stunden später hatten Mitglieder des Stiftungsrats Gebäude und Grundstück besichtigt, die Balmore- Anwälte konsultiert und das Angebot angenommen. Abermals zwei Tage später wurden die Papiere unterzeichnet. Am Sonntag, dem 19. Mai, zwei Tage vor Ablauf der Frist, war die Einrichtung mit Personal ausgestattet, renoviert und nach dem benachbarten gleichnamigen Gebirgszug »Jura« getauft und konnte ihrer Bestimmung übergeben werden. Am Dienstag, dem 21. Mai, hatte sie mit den Ärzten James, Turnbull und Maxwell-Scot und deren wichtigsten Patienten, darunter vor allem Rebecca, in vollem Umfang ihre Arbeit aufgenommen. Ein solches Meisterstück erforderte Geld und Dreistigkeit, und beides besaß die Baronesse im Überfluss. Doch sie war noch nicht fertig. Im darauf folgenden Monat zog Gerard Rothfels mit seiner Familie auf Alexanders Bitte hin von Lausanne nach Neuchâtel; wenig später trat Alexander Cabrera in Rebeccas Leben. Und knapp sieben Monate nach ihrer ersten Begegnung in Jura hatte sie von ganzem Herzen eingewilligt, seine Frau zu werden. »Was für schöne Kinder wir haben werden«, flüsterte er und zog sie an sich. »Ja.« Rebecca lachte und weinte zugleich und versuchte, die Tränen wegzuwischen. »Was für schöne Kinder.« Die ganze Sache war erstaunlich. Und Alexander wusste es., 0.30 Uhr Rebecca beobachtete, wie Alexander vom Sofa aufstand und durch den Raum zu seinem klingelnden Handy ging. Ein Champagnerglas in der Hand und zum ersten Mal in ihrem Leben leicht beschwipst, fragte sie sich, wie oft sie ihn das hatte tun sehen. Sie waren unsterblich ineinander verliebt und hatten sich gerade verlobt. Eigentlich sollte dieser stille, intime Augenblick in ihrem Leben ganz ihnen gehören, und dennoch ging er ans Telefon. Er war immer beschäftigt, hatte nie frei. Beinahe rund um die Uhr bekam er Anrufe aus aller Welt, und er nahm sie alle entgegen. Alles wurde zügig und energisch erledigt – und doch blieb er stets, speziell ihr gegenüber, die Liebenswürdigkeit in Person. Das erinnerte sie an ihren Bruder, und einen Moment lang dachte sie über die auffallende Ähnlichkeit der beiden nach und fragte sich, ob sie nicht Freunde werden könnten, wenn sie sich erst kennen gelernt hatten. Bei dem Gedanken wurde ihr klar, dass sie Alexander wohl oder übel von ihrer Vergangenheit erzählen musste, zumal sie jetzt eingewilligt hatte, seine Frau zu werden. »Ich bin in fünf Minuten unten«, sagte Alexander ins Handy und drehte sich zu ihr um. »Das war Jean-Pierre. Er wartet draußen im Wagen. Anscheinend ist dein Bruder ins Hotel gekommen und sucht dich.« »Mein Bruder?« »Bestimmt hat er dich angerufen und nicht erreicht. Er wird versuchen, dich von der Rezeption in deinem Zimmer anzu- rufen. Wenn du nicht antwortest, wird er Theater machen, und sie werden jemanden hinaufschicken, um nach dir zu sehen.«, Alexander spürte dasselbe Gefühl in sich aufsteigen wie vor knapp zwei Stunden, als er Marten vor dem Haus in der Rue Huysmans gesehen hatte. Genau deshalb musste Marten sterben. Mit jedem Tag, den er ihn weiter am Leben ließ, wuchs die Gefahr, dass er nicht mehr diesen halben Schritt hinter ihm blieb, sondern ihn einholte und ihm an die Gurgel ging. Doch er konnte ihn jetzt nicht töten. Davos stand vor der Tür, und zudem wäre der Tod des geliebten Bruders für Rebecca ein schwerer Schlag und hätte wahrscheinlich ihren Zusammenbruch zur Folge. Dazu durfte er es nicht kommen lassen. »Willst du ihn nicht kennen lernen?« Rebecca war plötzlich auf den Beinen und kam fröhlich lächelnd auf ihn zu. »Jetzt, heute Nacht, dann können wir es ihm gleich sagen.« »Nein, nicht heute Nacht.« »Warum nicht?« Sie blieb stehen und legte gekränkt den Kopf schräg. Alexander sah sie schweigend an. Es war zu riskant. Marten könnte ihn wiedererkennen. Zu einer Begegnung durfte es erst kommen, wenn es Zeit wurde, ihn zu töten. »Rebecca«, Alexander ging zu ihr und nahm sie bei den Händen, »nur du und ich wissen, was heute Nacht zwischen uns geschehen ist. Aus vielerlei Gründen ist es wichtig, dass wir unsere Freude noch ein paar Tage für uns behalten. Dann werden wir es offiziell bekannt geben und in der Schweiz ein großes Fest veranstalten, zu dem wir auch deinen Bruder einladen. Und wenn wir uns erst einmal kennen gelernt haben, werde ich ihn in aller Freundschaft und mit dem Gefühl tiefster Zuneigung in die Arme schließen. Aber jetzt geh bitte auf dein Zimmer, Liebling. Wenn dein Bruder anruft, sag ihm, du seist erschöpft gewesen und in der Badewanne eingeschlafen. Deshalb hättest du das Telefon nicht gehört. Bitte ihn herauf. In der Zwischenzeit ziehst du einen Morgenmantel an und wickelst dir ein Handtuch um den Kopf, als seist du gerade aus dem Bad, gekommen.« »Jetzt soll ich meinen Bruder auch noch anschwindeln?« Alexander schmunzelte. »Nicht mehr als bisher. Es war doch immer ein Spiel, nicht? Und du hast deine Rolle sehr gut gespielt.« »Ja, aber …« »Dann lass es uns weiter als Spiel betrachten, wenigstens noch eine kurze Weile. Du hast mir bisher vertraut, vertrau mir auch jetzt, Liebling. Du wirst bald verstehen, warum. Was die Zukunft für uns bereithält, übersteigt deine kühnsten Träume.«, Die Wohnung in der Rue Huysmans 27, derselbe Tag, Donnerstag, 16. Januar, 3.05 Uhr Nicholas Marten wälzte sich auf dem Sofa in Armands Arbeitszimmer. Noch aufgedreht und nervös rekapitulierte er, was in den letzten Stunden geschehen war. In größter Sorge um Rebeccas Sicherheit hatte er, da er den erschöpften Armand oder Nadine nicht wecken oder die ohnehin schon leidgeprüfte Familie nicht erschrecken wollte, die Wohnung allein verlassen und ein Taxi genommen. Um halb eins war er im Hotel Crillon eingetroffen. Unrasiert und mit Jeans, alten Turnschuhen und Sweatshirt bekleidet, betrat er die Lobby, marschierte geradewegs zur Rezeption und bedrängte die Empfangsdame so mit seinen Forderungen, dass er den Sicherheitsdienst des Hotels und den Nachtportier auf den Plan rief. Schließlich fuhr er, nachdem er Rebecca am Telefon erreicht hatte, in Begleitung von Sicherheitsleuten nach oben in ihr Zimmer. Auf ihr Klopfen hin öffnete sie, mit einem eleganten Bademantel des Crillon bekleidet, das Haar in ein buntes Frotteehandtuch gewickelt. Sie küsste ihn verlegen und wiederholte, was sie bereits am Telefon gesagt hatte: dass sie ein heißes Bad genommen habe und in der Wanne eingeschlafen sei. Und als er meinte, dass ihr so etwas gar nicht ähnlich sehe, und wissen wollte, warum sie eine Alkoholfahne habe, erklärte sie, es sei ein langer und aufreibender Tag gewesen, und das Hotel habe eine Flasche Champagner spendiert. Sie habe vor dem Bad ein Glas getrunken und sei wohl deshalb eingenickt. Die Vorstellung brachte ihn zum Schmunzeln. Wie sie sich entwickelt hatte! Sie war jetzt eine Frau, eine Schönheit,, beherrschte mehrere Sprachen und war in vielerlei Hinsicht kultivierter, als er es jemals sein würde. Doch die Krankheit hatte sie um einen großen Teil ihrer Jugend gebracht, und so benahm sie sich manchmal noch wie ein Kind, war naiv und unerfahren, was die Liebe und das Leben im Allgemeinen anging. Bei dem einen oder anderen Besuch in Neuchâtel hatte er sie gefragt, ob sie einen Verehrer habe, worauf sie ihn nur spitzbübisch angelächelt und geantwortet hatte, dass sie durchaus Freunde habe. Und er war nicht weiter ins sie gedrungen. Er wünschte ihr von Herzen alles Glück dieser Welt. Sie sollte selbst ihren Weg finden. Mein Gott, wie er sie liebte., 3.20 Uhr Es knarrte. Marten setzte sich auf und lauschte. Nichts. Er schlug die Bettdecke zurück, ging im Dunkeln zur Tür und lauschte noch einmal. Wieder nichts. Vielleicht war er eingeschlafen und hatte geträumt. Armands Arbeitszimmer grenzte direkt an den Hausflur, und es konnte sein, dass jemand aus den Wohnungen über ihm heimgekommen und die Treppe hinaufgestiegen war. 3.30 Uhr. Er war hellwach. Zum ersten Mal dachte er an Clem. Er hätte sie längst anrufen und ihr wenigstens mitteilen sollen, was sich ereignet hatte. Doch vor lauter Aufregung war er nicht dazu gekommen. Und jetzt war es zu spät. Er wusste nicht einmal, ob sie sich noch in Amsterdam oder schon wieder in Manchester befand. Am Morgen würde er als Erstes versuchen, sie zu erreichen. 3.35 Uhr. Raymond. Der Gedanke, dass er möglicherweise noch lebte und sich in Paris aufhielt, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf., 3.40 Uhr. Er knipste die kleine Halogenlampe auf Armands Schreibtisch an, setzte sich, schlug Dan Fords Fächermappe auf und fand das Fach für Dezember. Der Mord an Alfred Neuss hatte Dan veranlasst, Raymonds »Einäscherung« noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Doch der Mord lag erst wenige Tage zurück, und so hatte er keine Ahnung, was er in den Unterlagen für Dezember finden würde, es sei denn, Dan hatte sich immer noch mit Raymonds Verbrechen in L.A. beschäftigt und in aller Stille eigene Nachforschungen angestellt. Vielleicht fand er sogar einen Hinweis auf diesen Jean-Luc. Dan hatte seinen Namen Nadine oder Armand gegenüber nie erwähnt. Das ließ vermuten, dass Jean-Luc zu jener Sorte Kontakten gehörte, die jeder Reporter pflegte, der auf Tipps angewiesen war. Und da Dan freiwillig mitten in der Nacht losgezogen war, um sich mit Jean- Luc zu treffen, schien das, was er mit ihm besprechen wollte, relativ harmlos gewesen zu sein. Hatte er jedenfalls geglaubt. 4.10 Uhr. Bis jetzt nichts, nur eine noch größere Wertschätzung für Dans Gründlichkeit. Das Innenfach enthielt handschriftliche Notizen und Zeitungsausschnitte aus ganz Europa, Ideen für die nächsten fünf Monate und Entwürfe für Artikel über die unter- schiedlichsten Themen von Gartenausstellungen über Medizin, Sport, Wirtschaft, Gesellschaft und Showbusiness bis hin zur Lokal- und Weltpolitik. 4.40 Uhr. Marten blätterte eine Seite um, dann noch eine. Dann stieß er auf einen Artikel aus der Londoner Times, den sich Dan am Computer ausgedruckt hatte. Der Artikel war fast ein Jahr alt. Es ging darin um den Medienmogul Peter Kitner, der von der, Queen geadelt worden war. Verwirrt legte er das Blatt beiseite. Das war lange her. Wieso war der Artikel unter Dezember abgelegt? Er schlug die nächste Seite auf und fand dort die Antwort. Vor ihm lag eine Menükarte für ein Diner in einem Privathaus. Erhabene goldene Lettern auf teurem, gebrochen weißem Karton. Carte Commemorative En l’honneur de la Familie Splendide Romanov Paris, France -16 Janvier 151, Avenue George V Martens Französisch war nicht der Rede wert, aber was er las, war nicht schwer zu verstehen – es ging um ein Diner zum Gedenken und zu Ehren der Familie Romanow, das am 16. Januar in der Pariser Avenue George V 151 stattfinden sollte. Und fast jeder Gang war ein russisches Gericht. Plötzlich ging ihm auf, dass der 16. Januar heute war. Das Diner fand heute Abend statt. Langsam, wie hypnotisiert, drehte er die Karte um. Dan hatte ganz oben von Hand Kitner eingeladen darauf geschrieben, und ganz unten stand, abermals in seiner Handschrift, Jean-Luc Vabres – Menu #1. Ein Diner zu Ehren der, wie er vermutete, legendären Familie Romanow. Der russischen Zarenfamilie. Russland! Da war es wieder. Und Peter Kitner war unter den Geladenen. Sein Blick wanderte zu dem Artikel über Kitners Ritterschlag. »Mein Gott«, fluchte er leise. Kitner war am Dienstag, dem 13. März letzten Jahres, in London in den Adelsstand erhoben worden. Also einen Tag nachdem Neuss von Los Angeles nach London geflogen war. Berücksichtigte man Flugdauer und Zeitunterschied, musste Neuss am 13. März in London eingetroffen sein. Ob er nach London geflogen war, um Kitner zu treffen? Der Londoner Polizei hatte er gesagt, er sei geschäftlich in London. Marten fragte sich, welcher Art seine Geschäfte gewesen sein mochten und ob die Polizei ihn danach gefragt hatte. In ihrem Bericht hatte jedenfalls nichts darüber gestanden, und er selbst konnte jetzt schlecht in London anrufen, und den Beamten verlangen, der Neuss damals vernommen hatte. Er ballte frustriert die Faust und überlegte, was er nun tun sollte. Plötzlich fiel ihm jemand ein, den er anrufen konnte. Jemand, der es eigentlich wissen müsste. Er sah auf die Uhr. Es war gleich Viertel vor fünf, Donnerstagmorgen in Paris, in Beverly Hills Mittwochabend Viertel vor acht. Er fasste in sein Jackett, um das Handy herauszunehmen. Zuerst in die eine, dann in die andere Tasche, anschließend in die Innentasche. Kein Handy. Er wusste nicht, was mit ihm geschehen war. Seine Augen wanderten zu dem Telefon auf Armands Schreibtisch. Eigentlich hatte er es nicht benutzen wollen. Sein Anruf könnte später zurückverfolgt werden. Da das Romanow-Diner aber schon heute Abend stattfand und die Zeit drängte, blieb ihm keine andere Wahl. Er griff zum Hörer, tippte die Null und verlangte AT&T. Zwanzig Sekunden später wurde er mit der Auskunft in Los Angeles verbunden und fragte nach der Privatnummer von Alfred Neuss. Die Nummer stehe nicht im Telefonbuch, wurde ihm mitgeteilt. Auf gut Glück stellte er sich als Detective VerMeer vom Raub- und Morddezernat des LAPD vor, nannte eine erfundene Ausweisnummer und sagte, er rufe in einer wichtigen Angelegenheit aus Paris an. Zehn Sekunden später hatte er die gewünschte Nummer, tippte sie ein und wartete. Da der Mord an Neuss einiges Aufsehen erregt hatte, fürchtete er, bei einer Mailbox zu landen, doch zu seiner Überraschung meldete sich eine Frauenstimme. »Mrs. Neuss, bitte«, sagte er. »Mit wem spreche ich?« »Detective Gene VerMeer, Los Angeles Police Department, Raub- und Morddezernat.« »Ich bin Mrs. Neuss, Detective. Haben wir nicht schon einmal miteinander gesprochen?« Marten hörte Argwohn in ihrer Stimme., »Ja, natürlich, Mrs. Neuss«, beeilte er sich zu sagen. »Ich rufe aus Frankreich an, die Verbindung ist nicht besonders. Ich bin in Paris und untersuche zusammen mit der hiesigen Polizei den Mord an Ihrem Mann.« Marten fuhr mit dem Hörer über sein Hemd, um eine atmosphärische Störung vorzutäuschen. Er hatte keine Ahnung, ob es funktionierte. »Mrs. Neuss – sind Sie noch dran?« »Fahren Sie fort, Detective.« »Beginnen wir an dem Tag, an dem Ihr Mann in Paris gelandet ist, und arbeiten uns dann langsam zurück.« Plötzlich fiel ihm ein, was Dan ihm auf der Fahrt vom Flugplatz in die Stadt berichtet hatte. Im Licht der damaligen Ereignisse war es ihm nicht wichtig erschienen, doch jetzt bot sich die Gelegenheit, danach zu fragen, bevor er auf den Rest zu sprechen kam. »Ihr Mann ist von L.A. nach Paris und mit einer Anschlussmaschine nach Marseille geflogen, bevor er nach Monaco weiterreiste.« »Von Marseille wusste ich nichts. Das habe ich erst von Ihren Leuten erfahren. Wahrscheinlich ist das nur eine günstige Verbindung.« »Sind Sie sicher?« »Wie gesagt, ich wusste nichts davon. Ich habe meinen Mann selten nach seiner Reiseroute gefragt. So eine Frau bin ich nicht.« Marten überlegte. Vielleicht hatte sie Recht. Vielleicht war der Zwischenstopp in Marseille üblich. »Lassen Sie mich etwas weiter zurückgehen.« Er kam jetzt auf seinen wichtigsten Punkt zu sprechen. »Meines Wissens weilten Sie und Ihr Mann letztes Jahr in London. Am 13. März, um genau zu sein.« »Ja.« »Ihr Mann hat der Londoner Polizei damals gesagt, er sei, geschäftlich in der Stadt.« »Ja.« »Wissen Sie, um welche Art von Geschäften es sich dabei gehandelt hat? Mit wem hat er sich getroffen?« »Nein, bedaure. Wir waren nur ein paar Tage dort. Er ging morgens weg, und ich sah ihn erst am Abend wieder. Ich weiß nicht, was er tagsüber machte. Über solche Dinge hat er nie mit mir gesprochen.« »Was haben Sie in dieser Zeit getan?« »Ich war einkaufen, Detective.« »Jeden Tag?« »Ja.« »Eine letzte Frage, Mrs. Neuss. War Ihr Mann mit Peter Kitner befreundet?« Marten hörte, wie ihr der Atem stockte, als habe sie mit dieser Frage nicht gerechnet. »Mrs. Neuss«, wiederholte er, »ich habe gefragt, ob Ihr Mann mit …« »Sie sind schon der Zweite, der das fragt.« Er wurde hellhörig. »Wer war der andere?« »Irgendwann vor Weihnachten rief ein Mr. Ford von der Los Angeles Times meinen Mann an.« »Mrs. Neuss, Mr. Ford ist gestern ermordet aufgefunden worden, hier in Frankreich.« »Oh …« Er hörte, dass sie erschrak. »Das tut mir Leid.« »Mrs. Neuss«, bohrte er weiter, »hat Ihr Mann Peter Kitner gekannt?« »Nein«, antwortete sie hastig. »Und das hat er Mr. Ford auch gesagt.« »Sind Sie sicher?«, »Ja, ganz sicher.« »Haben Sie vielen Dank, Mrs. Neuss.« Marten legte auf. Er hatte seine Antwort. Mrs. Neuss log. Ihr Mann hatte Peter Kitner gekannt. Dass Dan Neuss dieselbe Frage gestellt hatte, war im Grunde keine Überraschung, denn er hatte sich, aus welchem Grund auch immer, für Kitner interessiert und irgendeine Verbindung zwischen den beiden vermutet. Warum er so lange gewartet hatte, bis er der Sache nachging, war schwer zu beurteilen. Möglicherweise war er erst kurz vor Weihnachten auf den Artikel über Kitner gestoßen und hatte dabei bemerkt, dass die Londonreise des Juweliers und der Ritterschlag Kitners auf denselben Tag, den 13. März, fielen. Hatte Dan versucht, Kitner anzurufen und nach Neuss zu fragen? Und sollte er dasselbe tun? Er verwarf den Gedanken, zumindest vorläufig. Die Chancen, einen Mann wie Kitner ans Telefon zu bekommen und von ihm Antworten auf persönliche Fragen zu erhalten, waren gleich null. Und wenn er es probierte, riskierte er, dass Kitner seine Leute auf ihn ansetzte, um herauszufinden, wer er war. Blieb noch die Frage, warum Dan den Juwelier aus Beverly Hills so lange nach der Aufregung um Raymond Thorne angerufen hatte. Angenommen, zwischen Neuss und Kitner hatte tatsächlich eine Verbindung bestanden, und weiter angenommen, das Ehepaar Neuss hatte verheimlichen wollen, dass die beiden Männer sich gekannt und in London getroffen hatten, dann hatte er sich zu diesem Zeitpunkt längst eine Antwort zurechtgelegt: »Nein, Alfred Neuss kennt Peter Kitner nicht.« Und da Dan außer dem 13. März nichts Konkretes in der Hand hatte, akzeptierte er die Antwort und ließ die Sache auf sich beruhen. Doch es war gelogen. Alfred Neuss hatte Peter Kitner gekannt. Die Frage war nur: Hatte er ihn so gut gekannt, dass er ihm, letzten März in London einen Besuch abstattete? Und wenn ja, warum? Und warum ausgerechnet an diesem Tag? Worum war es gegangen? Und warum hatten Neuss und seine Frau es bestritten? Und jetzt war Halliday ermordet worden und wenig später Dan Ford, weil er sich mit Jean-Luc Vabres, dem Menükarten-Mann, hatte treffen wollen. Eine Frage kam ihm in den Sinn: Warum hatte sich Dan eigentlich notiert, dass Kitner an dem Romanow- Diner teilnehmen würde? Und warum hatte er ihm nach dem Mord an Neuss nichts von dem Diner erzählt, wo doch alles auf eine Art Russenconnection hindeutete? Weil er nur einen Verdacht, aber keine Beweise hatte und ihn, Marten, aus der Sache heraushalten wollte? Möglich. Möglich war aber auch, dass hinter der ganzen Sache gar nichts steckte. Vielleicht war das Romanow-Diner für Dan einfach nur ein gesellschaftliches Ereignis gewesen, das die Leser interessierte. Schließlich war er Journalist gewesen. Nur: Er wusste jetzt, dass zwischen Alfred Neuss und Sir Peter Kitner eine Beziehung bestanden hatte. Welcher Art sie gewesen war und ob sie etwas mit den Romanows zu tun hatte, war zum jetzigen Zeitpunkt nicht festzustellen. Plötzlich schossen ihm zwei Fragen durch den Kopf. Erstens: Woran sollte das Diner erinnern? Zweitens: Wenn Menü 1 eine Zahl bekommen hatte, gab es dann auch ein Menü 2? Und wenn ja, aus welchem Anlass? Wo sollte es stattfinden und wann? Und angenommen, es gab ein Menü 2: War Dan deswegen zu dem Treffen mit Jean-Luc gefahren? Aber warum mitten in der Nacht und zu einem so abgelegenen Ort? Irgendwie ergab es keinen Sinn, denn Lenard hatte ihn nach einer Landkarte gefragt. Sein Blick fiel wieder auf die Menükarte. Carte Commemorative. Carte? Was war damit eigentlich gemeint? Auf der anderen Seite des Schreibtischs lag neben der Lampe, ein kleiner Stapel Bücher, darunter ein französisch-englisches Wörterbuch. Er nahm es zur Hand und blätterte bis zum Buchstaben C. Auf der sechsten Seite fand er »Carte«. Es bedeutete Fahrkarte; Karteikarte, Dauerkarte, Spielkarte und so fort; Speisekarte; Landkarte! Landkarte! Vielleicht hatte Kowalenko das französische Wort fälsch- licherweise als »Landkarte« interpretiert, während in Wirklichkeit »Menükarte« gemeint war. Marten legte das Wörterbuch wieder beiseite und durchsuchte den Rest von Dans Akte nach Hinweisen auf ein zweites Menü, die Romanows oder Jean-Luc Vabres. Er fand nichts, nur einen großen Umschlag, auf dem mit Bleistift KITNER geschrieben stand. Er öffnete ihn und fand darin diverse Ausdrucke von Artikeln über Peter Kitner aus Pressedatenbanken in aller Welt. Die meisten waren mit Fotos eines groß gewachsenen, distinguierten, weißhaarigen Kitner versehen und in englischer Sprache, doch es gab auch solche auf Deutsch, Italienisch, Japanisch und Französisch. Er überflog sie. Sie beschäftigten sich hauptsächlich mit Kitners Person, seiner Familie, seiner Erhebung in den britischen Adelsstand und mit dem Medienimperium, das er als Sohn eines mäßig erfolgreichen Schweizer Uhrmachers errichtet hatte. Soweit Marten es beurteilen konnte, war da nichts, was erklärte, warum er zu dem Romanow-Diner geladen war. Doch ein Mann wie Sir Peter Kitner stand wahrscheinlich bei tausend Empfängen, die gleichzeitig in aller Welt gegeben wurden, ganz oben auf der Gästeliste. Die erhofften Hinweise auf eine zweite Menükarte oder auf Jean-Luc Vabres fand Marten nicht. Schließlich legte er alles zurück und klappte die Mappe zu. Müde und enttäuscht über die geringe Ausbeute stand er auf, um ins Bett zu gehen. Da fiel sein Blick auf Hallidays Termin- kalender, und er fragte sich, ob er in dieser ungeordneten Masse von Papier und Notizen nicht vielleicht etwas übersehen hatte., Vielleicht war auch Halliday auf die Romanows oder Kitner gestoßen. Er schlug den Kalender auf und sah ihn noch einmal durch. Diesmal suchte er nach Hinweisen auf Kitner, die Romanows, Jean-Luc Vabres oder eine Menükarte. Doch er entdeckte nichts, und irgendwann blätterte er völlig erschöpft die letzte Seite um. Das Einzige, was er sich bei dieser zweiten Durchsicht noch nicht vorgenommen hatte, waren die in den Buchrücken gestopften losen Blätter. Mit einem tiefen Seufzer und letzter Anstrengung zog er sie erneut heraus. Wieder sah er sich die Fotos von Hallidays Kindern und seine Reiseschecks an. Dann das gefaxte Flugticket und den Pass. Ohne besonderen Grund schlug er den Pass auf. Hallidays Gesicht blickte ihm entgegen. Er betrachtete es einen Augenblick und wollte den Pass wieder zuklappen, doch Hallidays Blick hielt ihn fest. Es war fast so, als wollte ihm der ermordete Detective zu verstehen geben, dass er weitersuchen solle. Aber wo? Langsam schloss er den Pass, legte ihn zwischen die Blätter und schob das Ganze in den Ledereinband zurück. In diesem Augenblick fiel ihm wieder die seltsame Ausbuchtung auf, dort, wo der Karton der Kalendereinlage unter dem Einband steckte. Nur ein Knick im Karton, dachte er zuerst und wollte ihn glatt streichen, doch das ging nicht. »Mist«, fluchte er, doch dann erkannte er, dass es gar kein Knick war, sondern etwas anderes. Er zog den Deckel ganz heraus und hob das Leder des Einbands vorsichtig an. Darunter lag ein Packen aus drei bis fünf Karten, der mit einem Gummiband zusammengehalten wurde. Rasch zog er ihn heraus und entfernte das Gummiband. Die Karten fielen auseinander. Zwischen ihnen lag eine Diskette. Er fühlte, wie sein Herz einen Schlag aussetzte. Er holte tief Luft, fuhr Armands Computer hoch, legte die Diskette ein und klickte sie an. Sie enthielt nur eine Datei namens »Nonsense«. Er seufzte enttäuscht auf. »Nonsense«, irgendein lustiges, Computerspiel, das Halliday von jemandem bekommen, in den Umschlag seines Kalenders gesteckt und dann vergessen hatte. Dennoch klickte er die Datei an. Sofort erschien ihr Inhalt auf dem Bildschirm, und seine Enttäuschung war wie weggeblasen. »Mein Gott«, stöhnte er. »Nonsense« war eine Kopie der verschwundenen LAPD-Akte über Raymond. Mit seinen Polizeifotos und Kopien seiner Fingerabdrücke, alle gestochen scharf. Soweit er wusste, waren das die einzigen noch existierenden Kopien seiner Fingerabdrücke. 5.50 Uhr. Er zog die Diskette aus dem Computer und schaltete ihn aus. Dann legte er sie zwischen die Karten, streifte das Gummi darüber, steckte sie in Hallidays Kalender zurück und spannte die dicken Gummibänder um das Ganze. Die Frage war, was er jetzt tun sollte. Er brauchte dringend etwas Schlaf, doch zuvor musste er das Material in Sicherheit bringen. Dann fiel ihm der Garten vor Armands Wohnzimmer ein. Er stand auf, nahm Hallidays Kalender und Dans Faltmappe, öffnete leise die Tür und trat in den dunklen Flur., Sekunden später durchquerte Marten das Esszimmer und blickte durch die doppelte Glastür in den kleinen Garten, der Armands Haus von dem seines Nachbarn trennte. Er war nicht groß, aber besser als nichts. Der misstrauische Kowalenko hatte mit Leuten von der Spurensicherung bereits Dans Wohnung auf den Kopf gestellt. Und sollte der Polizei plötzlich der Verdacht kommen, dass etwas nicht stimmte oder fehlte oder nicht so war, wie es sein sollte, war es gut möglich, dass sie plötzlich hier aufkreuzte, Fragen stellte und vielleicht sogar einen Durchsuchungsbefehl mitbrachte. Er war als Ausländer in eine Serie bestialischer Morde verwickelt und hatte zwei der Opfer persönlich gekannt. Sollte die Polizei Dans und Hallidays Papiere bei ihm finden, würde Lenard ihn nicht nur auf der Stelle wegen der Unterschlagung von Beweismitteln verhaften, sondern in seinem Zorn auch sein Foto und seine Fingerabdrücke an Interpol schicken, um festzustellen, ob er in anderen Ländern gesucht wurde. Und wer weiß, vielleicht hatten ihn seine »Freunde« vom LAPD in der vagen Hoffnung, dass ihn jemand identifizieren würde, bei Interpol als vermisst gemeldet. Was dann? Alles käme heraus – wer er war, wo er war, das mit Rebecca, alles. Selbst Hiram Ott in Vermont würde auffliegen und unter Anklage gestellt werden, weil er die Identität eines Toten weitergegeben hatte. Und dann würde das eintreten, was er immer befürchtet hatte. Innerhalb kürzester Zeit würden Gene VerMeer oder andere anrücken, um im Auftrag jener Leute beim LAPD, die ihn noch immer für den Tod Polchaks, Lees und Valparaisos und die Auflösung der Squad verantwortlich machten, mit ihm abzurechnen. Dazu durfte er es nicht kommen lassen. Auf der anderen Seite war und blieb es »sein Krieg«. Und was er in, Dans Unterlagen und auf Hallidays Diskette gefunden hatte, brachte diesen Krieg näher denn je. Armands Frau hielt die kleine Küche tadellos in Ordnung, und er fand sofort, was er suchte, einen Karton mit dunklen Plastikmüllsäcken. Er nahm einen heraus, legte Hallidays Terminkalender und Fords Faltmappe hinein, drehte den Sack zu, verschloss ihn mit einem Plastikklipp und kehrte ins Esszimmer zurück. Dort angekommen, knipste er eine kleine Lampe an, öffnete die Glastür und trat hinaus in die kühle Morgenluft. Im schwachen Licht der Lampe konnte er sehen, dass der Garten ungefähr drei auf sieben Meter groß war und hinten an einer knapp zwei Meter hohen Mauer endete, an der sich kahle Kletterpflanzen rankten. Davor standen ein paar immergrüne Sträucher, und ziemlich weit oben befand sich ein Springbrunnen aus Ziegelsteinen, der jetzt, im Winter, abgestellt war. Fünf Schritte, dann war er an der Mauer und zog sich hoch. Mittlerweile hatten sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt, und so konnte er auf der anderen Seite der Mauer eine schmale Gasse erkennen und direkt dahinter mehrere Mülleimer. Er drehte sich um und spähte in den Brunnen. Bis auf einen Haufen Laub am Boden war er leer. Rasch stopfte er den Müllsack hinein und bedeckte ihn mit Blättern. Dann drehte er sich um und sprang wieder hinunter. Der Himmel war noch dunkel, als er in die Wohnung zurückkehrte und die Tür zum Garten wieder schloss. Drei Minuten später lag er auf dem Sofa in Armands Arbeitszimmer. Vielleicht war er jetzt sicher vor der Polizei, vielleicht auch nicht. Doch er hatte jetzt wenigstens die beruhigende Gewissheit, dass Dans Akten und Hallidays Kalender an einem Ort versteckt waren, wo sie nicht leicht zu finden waren und er notfalls von der Gasse aus an sie herankam. Er atmete auf. Jetzt wollte er nur noch schlafen., Hendaye, Frankreich, Bahnhof an der spanisch-französischen Grenze, Donnerstag, 16. Januar, 6.30 Uhr Es war noch dunkel, als drei Männer und zwei Frauen aus dem Zug stiegen und, an einer Gruppe von wartenden Fahrgästen vorbei, auf einen dunkelgrauen Alfa Romeo zusteuerten, der auf dem Platz vor dem Bahnhof parkte. Sie waren schlicht gekleidet, sprachen Spanisch und sahen aus wie ganz normale Menschen, die nach Frankreich einreisten. Die beiden ersten Männer waren älter und trugen neben ihren eigenen Koffern auch die der Frauen. Der dritte, zweiundzwanzig Jahre alt und von knabenhafter Gestalt, trug sein Gepäck selbst. Die Frauen waren seine Mutter und Großmutter, die anderen Männer Leibwächter. Beim Wagen angekommen, trat einer der Leibwächter beiseite und behielt die Umgebung im Auge. Der andere verstaute das Gepäck im Kofferraum. Zwei Minuten später rollte der Alfa vom Parkplatz. Wiederum fünf Minuten später beschleunigte er auf der Autobahn A 63, die von der Grenze in den französischen Badeort Biarritz führte. Die beiden Leibwächter saßen vorn, die Frauen und der jüngere Mann hinten. Octavio, der Fahrer, ein dunkelhaariger Mann mit einer kleinen Narbe an der Unterlippe, stellte den Rückspiegel ein. Er konnte sehen, dass ihnen im Abstand von mehreren hundert Metern ein schwarzer viertüriger Saab folgte. Er wusste, dass der Saab hinter ihnen bleiben würde, wenn sie die A 63 in östlicher Richtung verließen und später nach Norden abbogen und auf der A 20 nach Paris fuhren. Zwei Wagen und vier Leibwächter schützten das Trio, das in aller Stille aus Spanien, eingereist war: Großfürstin Katharina Michailowna aus der im Exil lebenden russischen Herrscherfamilie Romanow, ihre Mutter, Großfürstin Maria Kurakina und Witwe des Großfürsten Wladimir, eines Cousins von Zar Nikolaj II., und ihr zweiund- zwanzigjähriger Sohn, Großfürst Sergej Petrowitsch Romanow. Königshäuser dieser Welt sahen in ihm den legitimen russischen Thronerben, der, sollte in Russland die Monarchie wiederein- geführt werden, der erste Zar seit Nikolaj Alexandrowitsch Romanow sein würde, jenem Zar Nikolaj II., der 1918 zu Beginn der Russischen Revolution zusammen mit seiner Frau und seinen fünf Kindern ermordet worden war. Großfürstin Katharina streifte ihren Sohn mit einem Blick. In wenig mehr als zwölf Stunden würden sie in Paris sein und in einem Privathaus in der Avenue George V an einer geheimen Zusammenkunft der Familie Romanow teilnehmen. Ein hoher Gesandter der russisch-orthodoxen Kirche hatte sie einberufen und die Familie gebeten, bei dieser Gelegenheit den legitimen russischen Thronerben zu wählen. Dies war ein deutliches Signal. Offenbar traf man in Russland Vorkehrungen für eine Wiedereinführung der Monarchie, wenn auch nur in Form einer konstitutionellen Monarchie, in der dem Zaren wenig mehr als repräsentative Aufgaben zufielen. Dennoch war es ein Tag, dem die Romanows voll Spannung entgegensahen. Annähernd ein Jahrhundert lang hatten sie sich erbitterte interne Machtkämpfe geliefert und einen Thronprätendenten nach dem anderen aussortiert. Doch jeder wusste, dass diesmal die entscheidende Schlacht bevorstand. Bei dem Treffen musste sich die Familie auf einen Thronfolger einigen: den einen Romanow, der nach der Thronfolgeordnung der russischen Monarchie der wahre Erbe war. Nach dieser Thronfolgeordnung ging die Krone vom letzten Zaren auf seinen ältesten Sohn und von seinem ältesten Sohn auf seinen ältesten Enkel über und so weiter. Großfürstin Katharina war fest davon überzeugt, dass es in der weit verzweigten Familie mit ihren vielen Seitenlinien nur einen, rechtmäßigen Erben gab, nämlich ihren Sohn, Großfürst Sergej Petrowitsch Romanow. Unter größten Mühen hatte sie sicher- gestellt, dass daran nicht der geringste Zweifel aufkommen konnte, wenn die Zeit reif war – und jetzt schien sie reif zu sein. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatten sie, ihre Mutter und Großfürst Sergej unermüdlich auf diesen Tag hingearbeitet. Sie waren jedes Jahr einmal von Madrid, wo sie lebten, nach Russland gereist, hatten Freundschaften mit einflussreichen Politikern, Kirchenführern und hohen Militärs geschlossen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Kontakt zu den Medien gesucht. Es war eine geschickt und sorgfältig ins Werk gesetzte Kampagne gewesen mit dem Ziel, in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, dass Sergej – und nur Sergej – der rechtmäßige Thronerbe sei. Ihr dreistes und schamloses Vorgehen hatte die Familie von Anfang an gespalten, denn während viele Großfürst Sergej unterstützten, gab es unter den unzähligen Anwärtern und Bewerbern auch andere, die ebenso berechtigte Ansprüche anmeldeten. Der angesehenste war der siebenundsiebzigjährige Fürst Dimitri Wladimir Romanow, der Ururenkel Zar Nikolajs I. und ein entfernter Cousin Nikolajs II. Als Oberhaupt der Familie Romanow wurde er von vielen als der wahre Erbe angesehen. Dass die Zusammenkunft am heutigen Abend ausgerechnet in seinem Pariser Haus in der Avenue George V. stattfand, konnte die Dinge komplizieren, falls Anhänger Sergejs plötzlich umschwenkten und sich auf die Seite Dimitris schlugen. Katharina blickte hinab auf ihre Mutter, die zwischen ihnen döste, und dann hinüber zu ihrem Sohn, der die Innenbeleuchtung eingeschaltet hatte und auf seinem Laptop Solitaire spielte. »Wann sind wir in Paris?«, fragte sie unvermittelt Octavio, den Fahrer, auf Spanisch. »Wenn nichts dazwischenkommt, gegen siebzehn Uhr, Großfürstin.« Octavio sah sie kurz im Rückspiegel an, dann an, ihr vorbei nach hinten, und sie begriff, dass er sich vergewissern wollte, ob der Saab ihnen noch folgte. Draußen färbte trübes Dämmerlicht den Horizont und verhieß einen kalten Wintertag. In der Ferne waren die Lichter von Toulouse zu erkennen, das die Westgoten im fünften Jahrhundert zu ihrer Hauptstadt gemacht hatten und das heute eine Hightech-Metropole und Heimat der gigantischen Flugzeugbauer Airbus und Aerospatiale war. Toulouse. Eine leise Wehmut befiel sie. Im Januar vor dreiundzwanzig Jahren und fünf Jahre vor dem Tod ihres Ehemanns Hans Friedrich von Hohenzollern war sie dort in einer Suite des Grandhotel Opera mit Sergej schwanger geworden. Wieder sah sie Octavios Blick im Spiegel. »Stimmt etwas nicht?«, fragte sie. Diesmal klang ihre Stimme gereizt. »Nein, Großfürstin.« Sie spähte über die Schulter nach hinten. Der Saab war noch da, hinter zwei anderen Fahrzeugen. Sie knipste das Innenlicht an und zog ein Kreuzworträtsel aus der Handtasche, um sich die Zeit zu vertreiben und ihre innere Unruhe zu bekämpfen, die mit jedem Kilometer wuchs. Sie war der Grund für die Leibwächter und die beschwerliche Reise – zunächst mit dem Nachtzug von Madrid nach San Sebastian, dann weiter nach Hendaye und schließlich eine zehnstündige Autofahrt nach Paris. Ein Flug von Madrid nach Paris hätte kaum mehr als zwei Stunden gedauert. Sie nahmen diese Strapazen auf sich, weil eine Menge Leute von der Zusammenkunft heute Abend wussten, obwohl sie unter relativ großer Geheimhaltung stattfand, und weil die brutalen Morde an vier Exilrussen in Amerika im Vorjahr noch nachwirkten. Was nämlich nur wenige Außenstehende wussten und die russischen Behörden aus Furcht, es könnte im In- und, Ausland zu einem Politikum hochstilisiert werden, wie ein Geheimnis gehütet hatten: Alle vier Opfer waren prominente Romanows gewesen, darunter auch Großfürst Sergejs treuester Anhänger. Zudem waren die Morde in eine Zeit gefallen, in der ebenso lebhaft über eine Wiedereinführung der Monarchie gemunkelt wurde wie heute. Man hatte sogar ein Familientreffen einberufen, um darüber zu sprechen, es unter dem Eindruck der Morde aber wieder abgesagt. Sie hatte damals bei der russischen Regierung dagegen protestiert und behauptet, dass mit den Morden nur jene Stimmen innerhalb der Familie zum Schweigen gebracht werden sollten, die sich für den Großfürsten aussprachen. Doch man hatte dafür keine Beweise gefunden. Die Morde waren einem Verrückten namens Raymond Oliver Thorne angelastet worden, der sich zur jeweiligen Tatzeit in den fraglichen Städten aufgehalten hatte und später bei einer Schießerei mit der Polizei von Los Angeles umgekommen war. Die Gerüchte um die Wiedereinführung der Monarchie verstummten, und lange Zeit geschah nichts. Dann waren innerhalb weniger Tage zwei prominente Exilrussen ermordet worden, Fabien Curtay in Monaco und Alfred Neuss in Paris. Und obwohl keiner der beiden der kaiserlichen Familie angehört hatte und nicht bekannt war, welchen Kandidaten sie unterstützten, hatte ihre Ermordung alle Romanows tief beunruhigt, zumal Neuss auf Thornes Abschuß- liste gestanden hatte und in derselben Stadt ermordet worden war, in der das Familientreffen stattfand, zu dem sie fuhren. »Hoheit«, bemerkte Octavio grinsend und deutete mit dem Kopf nach vorn auf ein großes Schild, das über der Autobahn hing: PARIS. »Wir nähern uns dem Ziel.« »Ja, danke.« Die Großfürstin versuchte, nicht an den heutigen Abend zu denken, und beschäftigte sich wieder mit dem Kreuzworträtsel. Eine Frage war schnell beantwortet, dann eine zweite. Die Ironie der nächsten verschlug ihr fast den Atem., Unter 24 Waagrecht wurde nach einem Wort mit zehn Buchstaben für Künftiger Zar gefragt. Sie lächelte und trug rasch die Antwort ein. Z-A-R-E-W-I-T-S-C-H., Paris, 7.50 Uhr Irgendwo in der Ferne hörte Nicholas Marten eine Türklingel. Sie läutete einmal und ein zweites Mal. Und dann wieder mit derselben Ungeduld, einmal, zweimal. Schließlich verstummte sie, und er glaubte Stimmen zu hören, war sich aber nicht sicher. Im nächsten Augenblick klopfte es an die Tür, und Armand trat in T-Shirt und Boxershorts ein, sich Rasierschaum aus dem Gesicht wischend. »Sie werden verlangt.« »Von wem?« »Die Polizei ist da.« »Was?« Mit einem Schlag war er hellwach. »Und eine Frau.« »Eine Frau?« »Ja.« »Wer ist sie?« »Keine Ahnung.« Marten schlug die Decke zurück, schlüpfte in seine Jeans und folgte Armand aus dem Zimmer. Wie lange hatte er geschlafen? Eine Stunde, höchstens zwei. Er hatte also Recht gehabt, was die Polizei anging. Aber wer war die Frau? Mit Sicherheit nicht Rebecca. Das hätte ihm Armand gesagt. Dann waren sie an der Tür, und ihm verschlug es den Atem. »Clem!« »Nicholas, was zum Teufel ist hier los?« Lady Clementine Simpson drängte, eine uniformierte, Polizistin halb hinter sich herziehend, zu ihm, das marineblaue Kostüm zerknittert, das Haar zerzaust. Sie sah müde aus und wütend. Dann entdeckte er Lenard, der, einen großen Umschlag unter dem Arm, auf dem Flur hinter ihr wartete. Bei ihm befanden sich ein zweiter Kriminalpolizist, den er vom Sehen kannte, ein gewisser Roget, zwei uniformierte Beamte und – Kowalenko. »Dieser Mann da«, rief Lady Clem, drehte sich um und funkelte Lenard an, »und der andere mit dem Bart, er ist Russe, haben mich am Flughafen abgepasst, in ein Hinterzimmer gebracht und verhört! Seitdem löchern sie mich mit Fragen.« Sie wandte sich wieder Marten zu. »Woher zum Teufel wussten sie, dass ich komme? Und wer ich überhaupt bin? Ich will dir sagen, woher. Einer von ihnen hat in der Universität angerufen und herausgefunden, was nur ganz wenigen in acht Monaten gelungen ist! Du weißt, was ich meine.« »Clem, so beruhige dich doch.« »Ich habe mich beruhigt. Du hättest mich vorhin erleben sollen.« Lenard trat vor. »Ich schlage vor, wir setzen die Unterhaltung drinnen fort.« Nadine kam gerade aus dem Schlafzimmer, als Armand sie durch den schmalen Gang ins Wohnzimmer führte. Die räumliche Enge blieb ohne Wirkung auf Clem. Sie war immer noch außer sich und tobte. »Sie haben versucht, mich in Amsterdam zu erreichen, aber ich war schon auf dem Weg hierher. Ich wusste aus den Nachrichten von der Sache mit Dan, konnte aber weder dich noch Rebecca telefonisch erreichen. Und in Nadines Wohnung meldete sich die Polizei. Ich habe eine Nachricht hinterlassen, aber …«, wieder funkelte sie Lenard an, »… niemand schien sich darum zu kümmern, bis ich in Paris gelandet bin.« Sie sah wieder zu Marten., »Das Hotel in Amsterdam hat ihnen verraten, in welcher Maschine ich sitze. Was sind das für Methoden?« »Es sind Polizisten.« Wieder schielte Clem über die Schulter zu Lenard. »Es ist mir egal, was sie sind. Ich habe mir Sorgen gemacht und mindestens ein Dutzend Mal versucht, dich anzurufen. Nimmst du eigentlich nie einen Anruf auf deinem Handy entgegen? Du könntest wenigstens deine Voicemail abhören.« »Clem, hier war eine Menge los. Der Akku meines Handys ist leer. Ich bin nicht dazu gekommen, ihn wieder aufzuladen oder meine Voicemail abzuhören.« Clem starrte ihn eine Sekunde lang wütend an, dann senkte sie die Stimme. »Sie haben mich nach dir und Dan gefragt. Und nach einem Mann namens Halliday. Kennst du einen Mann mit diesem Namen?« »Ja.« »Und dann haben sie mich noch nach einem gewissen Alfred Neuss gefragt.« »Clem, Halliday und Alfred Neuss sind in Paris ermordet worden.«, Marten, Lady Clem und Nadine Ford saßen auf dem Sofa vor einem großen alten Couchtisch. Armand hatte in einem Sessel an einem Ende Platz genommen, der Kriminalpolizist Roget auf einem Stuhl am anderen. Die beiden Uniformierten waren draußen vor der Wohnzimmertür postiert, die Polizistin stand halb im Zimmer. Marten konnte sehen, dass Lenard, den Umschlag in der Hand, auf dem Flur mit Kowalenko tuschelte. Sie wechselten noch ein paar Worte, dann kamen sie herein. Lenard zog einen Stuhl heran, setzte sich direkt Marten gegenüber und legte den Umschlag zwischen ihnen auf den Tisch. Kowalenko ging zum Fenster, lehnte sich, die Arme vor der Brust verschränkt, an den Rahmen und beobachtete sie. »Ich weiß nicht, was das alles soll«, sagte Marten zu Lenard. »Und warum Sie Lady Clementine in die Sache hineinziehen. Aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie in Zukunft gleich zu mir kämen, wenn Sie eine Frage an mich haben, bevor Sie andere Leute behelligen.« »Hier geht es um Mord, Monsieur Marten«, erwiderte Lenard ungerührt. Marten sah Lenard unverwandt an. »Ich sage es noch einmal, Inspektor. Wenn Sie in Zukunft eine Frage an mich haben, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie sich gleich an mich wenden würden.« Lenard überging seine Bemerkung. »Ich möchte Sie bitten, sich ein paar Fotos anzusehen.« Er spielte mit dem Umschlag und blickte zu Nadine und Lady Clem. »Vielleicht möchten sich die Damen lieber abwenden. Sie sind ziemlich plastisch.« »Ich sitze gut.« Clems Zorn war noch nicht verraucht., »Wie Sie wünschen.« Lenard blickte zu Marten und öffnete den Umschlag, dann legte er nacheinander eine Reihe von Fotos auf den Tisch. Es waren Polizeifotos aus dem Zimmer im Hotel Eiffel Cambronne, in dem Halliday ermordet worden war – alle in der rechten unteren Ecke mit Datum und Uhrzeit versehen. Das erste war eine Weitwinkelaufnahme des Zimmers mit Hallidays Leiche auf dem Bett. Auf dem zweiten war Hallidays geöffneter Koffer zu sehen. Ein anderes zeigte den Toten aus einem anderen Winkel. Weitere folgten. Schließlich pickte sich Lenard drei Fotos heraus. »Auf jedem dieser Bilder sehen wir den Toten, das Bett und den Nachttisch dahinter. Alle wurden aus einem leicht veränderten Winkel aufgenommen. Fällt Ihnen irgendein Unterschied auf?« »Nein.« Marten zuckte mit den Schultern. Er wusste, was kam, wollte es sich aber nicht anmerken lassen. »Die ersten Fotos wurden gemacht, als Sie und Dan Ford kamen. Das letzte, ein paar Sekunden nachdem Sie wieder gegangen waren.« »Worauf wollen Sie hinaus?« »Auf den ersten Fotos sehen Sie einen alten und ziemlich dicken Terminkalender auf dem Nachttisch liegen. Auf dem letzten ist er verschwunden. Wo ist er geblieben?« »Warum fragen Sie mich das?« »Weil Sie oder Dan Ford ihn weggenommen haben. Und weil er weder in Monsieur Fords Wagen noch in seiner Wohnung war.« »Ich habe ihn nicht genommen. Vielleicht jemand anders. Da waren noch mehr Leute im Zimmer.« Marten blickte zu Kowalenko. »Haben Sie den Russen gefragt?« »Der Russe hat ihn nicht genommen«, sagte Kowalenko ohne Regung., Marten sah ihn forschend an. Da war etwas in der Art, wie er mit verschränkten Armen am Fensterrahmen lehnte und sie beobachtete. Es erinnerte ihn daran, was er bei ihrer ersten Begegnung im Hotelzimmer des toten Halliday gedacht hatte. Kowalenko wirkte auf den ersten Blick harmlos, doch das war er keineswegs, und damals wie heute war er hinter einer Sache her, die über die Morde hinausging und von der die französische Polizei möglicherweise gar nichts wusste. Was es war, ließ sich unmöglich sagen, doch eines stand fest: Kowalenko war der Meinung, dass er ihnen etwas verschwieg. Der Russe war derjenige, der die Wahrheit über ihn und Clem herausgefunden hatte. Er hatte Clem in Amsterdam aufgespürt und in Erfahrung gebracht, dass sie auf dem Weg nach Paris war. Und dann hatte er Lenard dazu überredet, sie im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten einzuschüchtern, zu verhören und anschließend hierher zu bringen. Dasselbe hatten sie mit ihm gemacht, als sie ihn zu den Tatorten am Fluss mitgenommen und hinterher befragt hatten. Sie wollten sehen, wie Clem sich verhalten und wie er auf ihr Erscheinen und ihre Behandlung durch die Polizei reagieren würde. Das erschien nicht nur übertrieben, es war übertrieben, und es bewies ihm, dass Kowalenko hinter einer größeren Sache her war. Und offensichtlich schreckte er dabei vor keinem Mittel zurück, denn mit Sicherheit hatte er gewusst, wer Clem und ihr Vater waren. »Sie haben zwei Koffer gepackt, als Sie Ihre Wohnung verlassen haben und hierher gezogen sind«, sagte Lenard unvermittelt zu Nadine. »Was haben Sie eingepackt?« Marten zuckte zusammen. Das hatte er befürchtet. Nadine war nicht in der seelischen Verfassung für ein Verhör. Niemand konnte sagen, wie sie reagieren und was sie aussagen würde. »Kleidung«, antwortete sie gleichmütig. »Was noch?«, bohrte Lenard. »Nur Kleidung und Toilettenartikel. Ich habe meine Sachen, gepackt und die von Monsieur Marten in seinen Koffer getan. Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie mich darum gebeten, als Sie meine Wohnung überfallartig in Beschlag genommen haben.« Marten grinste in sich hinein. Sie war gut. Vielleicht hatte sie diese Selbstsicherheit von Dan gelernt, vielleicht war es auch eine Eigenschaft, die Dan von Anfang an an ihr geschätzt hatte. Er wusste, dass sie es für Dan tat und auch für ihn, weil sie gute Freunde gewesen waren und Dan es so gewollt hätte. Lenard stand unvermittelt auf. »Hätten Sie etwas dagegen, wenn sich meine Leute ein wenig in der Wohnung umsehen?« »Das ist nicht meine Wohnung«, erwiderte Nadine. »Ich kann Ihnen die Erlaubnis nicht geben.« »Meine auch nicht«, sagte Marten, »aber wenn Armand damit einverstanden ist, nur zu. Wir haben nichts zu verbergen.« Nadine sah ihn erschrocken an, doch er reagierte nicht darauf. »Tun Sie sich keinen Zwang an«, bemerkte Armand. Lenard nickte Roget zu, und der Polizist stand auf und verließ das Zimmer. Die beiden Uniformierten folgten ihm. Marten hatte alles Nötige getan, um vorläufig jeden Verdacht zu zerstreuen. Er vertraute darauf, dass Lenards Männer die Suche auf die Wohnung beschränken und sich nicht in den kalten Garten hinauswagen würden. Das Dumme war nur, dass Nadine nicht wusste, wo das Material versteckt war. Sie hatte sich gut aus der Affäre gezogen, doch ihr Blick verriet, dass sie nervös war. Lenard hielt sich noch im Raum auf, und Kowalenko auch. Je länger die Suche dauerte, desto nervöser würde sie werden, und das würde den beiden nicht entgehen. Er musste etwas unter- nehmen, um die gespannte Atmosphäre aufzulockern. »Während Ihre Männer hier alles auf den Kopf stellen«, sagte er zu Lenard, »könnten Sie uns vielleicht verraten, was Sie in den Autos gefunden haben. Schließlich war ich auf Ihre, Einladung hin dort.« Lenard starrte ihn eine Sekunde lang an, dann nickte er. »Der Tote im zweiten Wagen war tatsächlich dieser Jean-Luc.« »Wer war er?« »Er hat als Vertreter für eine Druckerei gearbeitet. Mehr wissen wir noch nicht.« »Das ist alles? Mehr haben Sie nicht herausgefunden?« »Inspektor«, warf Kowalenko, der immer noch am Fenster- rahmen lehnte, ein, »vielleicht wäre es doch angebracht, Mr. Marten oder Mrs. Ford mitzuteilen, was wir gefunden haben.« »Wie Sie meinen«, fügte sich Lenard. Kowalenko sah Nadine an. »Ihr Mann hat sich nicht lange gewehrt, aber immerhin so lange, dass der Angreifer gezwungen war, seine Hand gegen die Fensterscheibe auf der Fahrerseite zu drücken. Augenblicke später hat der Mörder das Fenster runtergekurbelt, damit der Wagen voll laufen und untergehen konnte. Auf diese Weise hat er die Scheibe vor dem Wasserschwall geschützt und unabsichtlich dazu beigetragen, dass der Beweis erhalten blieb.« »Soll das heißen, Sie haben einen Fingerabdruck?« Nur mit Mühe konnte Marten seine Erregung zügeln. »Ja«, antwortete Lenard. Marten spähte in den Flur. Zwei von Lenards Männern waren in der Küche, ein dritter ging gerade ins Badezimmer. Ein vierter stand in der Tür zum Arbeitszimmer. Wie lange würden sie noch brauchen? Er wandte sich wieder ab und beobachtete, wie Lenard mit Kowalenko einen Blick tauschte. Der Russe nickte. »Monsieur Marten«, begann Lenard, »ich könnte Sie unter dem Verdacht der Unterschlagung von Beweismitteln fest- nehmen. Stattdessen möchte ich Sie, und das ist in Anbetracht der Umstände in Ihrem eigenen Interesse, höflich auffordern,, Frankreich zu verlassen.« »Was?« Er war wie vor den Kopf geschlagen. Lenard stand abrupt auf. »Der nächste Zug nach London geht in einer Dreiviertelstunde. Meine Männer werden Sie zum Bahnhof bringen und zusehen, wie Sie einsteigen. Um sicherzugehen, dass Sie auch wohlbehalten ankommen, haben wir die Londoner Polizei gebeten, Sie vom Zug abzuholen. Danach wird uns die Greater Manchester Police von Ihrer Ankunft unterrichten.« Marten blickte zu Kowalenko, der sich vom Fenster abstieß und in den Raum trat. Deshalb also hatte er Lenard zugenickt. Der Russe hatte erfahren, was zu erfahren war. Er brauchte ihn nicht mehr und hatte Lenard grünes Licht geben, ihn abzuschieben. »Ich habe nichts getan«, protestierte er. Das frühe Auftauchen Lenards und Kowalenkos hatte bestätigt, dass er den richtigen Riecher gehabt hatte und es klug gewesen war, das Material zu verstecken, doch Lenards Entscheidung kam für ihn völlig überraschend. Die Polizei war noch da und machte ihre Arbeit gründlich. Wenn Lenards Leute ihn jetzt zum Zug eskortierten und hier so weitermachten wie bisher, nahmen sie sich auch den Garten vor. Und wenn sie das Notizbuch fanden, setzten sie sich mit der Londoner Polizei in Verbindung, und die verhaftete ihn, sowie er aus dem Zug stieg, und schickte ihn postwendend nach Paris zurück. »Monsieur Marten, vielleicht wollen Sie ja lieber in einer Gefängniszelle warten, bis der zuständige Untersuchungsrichter über Ihre Beschwerde befunden hat.« Marten wusste nicht, was er tun sollte. Das Beste wäre, hier zu bleiben und darauf zu hoffen, dass Lenards Männer nichts fanden. Dann könnte er gleich anschließend das Material an sich nehmen. Wenn er abreiste und die Polizei nichts fand, bestand zwar die Möglichkeit, Nadine oder Armand darum zu bitten, es für ihn zu holen und ihm nach Manchester zu schicken, doch das würde Zeit erfordern, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie, beobachtet wurden, war groß. Zudem spielte hier in Paris die Musik, nicht in Manchester. Laut Lenard hatte der ermordete Jean-Luc als Vertreter für eine Druckerei gearbeitet. Das bestätigte seine Vermutung, dass er Dan Ford die erste Menükarte zugespielt hatte, und das wiederum ließ vermuten, dass es eine zweite Menükarte gab und Ford sie sich besorgen wollte, als er ermordet wurde. Und am heutigen Abend sollte das erste Essen stattfinden, das Romanow-Diner, zu dem Peter Kitner geladen war. Du musst unbedingt hier bleiben und darauf hoffen, dass sie das Material nicht entdecken, sagte er sich. Wenn Sie es finden, buchten sie dich so oder so ein, egal, ob du hier bist oder in England. Finden sie es nicht und du fährst nach Manchester, verlierst du zu viel Zeit. Und nicht nur das. Lenard wird den französischen Grenzschutz alarmieren. Wenn du erst mal außer Landes bist, wird es sehr schwierig, wieder einzureisen. »Ich bitte Sie, Inspektor.« Marten appellierte an Lenards Mitgefühl. Er sah keinen anderen Ausweg. »Dan Ford war mein bester Freund. Seine Frau und seine Angehörigen wollen ihn hier in Paris bestatten lassen. Mit Ihrer Erlaubnis würde ich gerne bis dahin bleiben.« »Bedaure«, erwiderte Lenard schroff und bestimmt. »Meine Männer werden Ihnen beim Packen helfen und Sie zum Zug bringen.« Er blickte zu Lady Clem. »Bei allem Respekt vor Ihnen, Madame, und Ihrem Vater, würde ich vorschlagen, Sie begleiten Ihren Freund zum Zug und halten ihn anschließend davon ab, nach Frankreich zurückzukehren. Ich möchte nicht wissen, wie die Boulevardpresse reagiert, wenn sie von unseren Ermittlungen erfährt.« Er hielt inne und lächelte verhalten. »Ich sehe schon die Schlagzeilen vor mir. Und was für einen Zirkus die, ob zu Recht oder Unrecht, veranstalten würden!« Und mit einem Blick auf Marten fügte er hinzu: »Gar nicht davon zu reden, was geschieht, wenn Ihr Verhältnis publik wird, das mir ziemlich geheim zu sein scheint.«, Gare du Nord, immer noch Donnerstag, 16. Januar, 10.15 Uhr Inspektor Roget und zwei von Lenards Uniformierten geleiteten Nicholas Marten und Lady Clem durch die Menge wartender Reisender auf dem Bahnsteig zum Eurostar, dem Hoch- geschwindigkeitszug, der Paris durch den Kanaltunnel mit London verband. Marten ging wie in Handschellen und Zwangsjacke, ein Auge stets auf Clem gerichtet, die kurz vor dem Explodieren stand, sich bislang aber beherrscht hatte. Vermutlich weil sie wusste, dass Lenards Warnung vor der britischen Boulevardpresse berechtigt war. Die Revolverblätter lebten von solchen Geschichten, und wenn sie Wind davon bekamen, würde es gehörig im Blätterwald rauschen. Ihrem Vater wäre die Sache mehr als peinlich. Er würde in Harnisch geraten und wissen wollen, was zum Donnerwetter vorgefallen war, und dann, wenn er im Bilde war, von der französischen Regierung eine Entschuldigung verlangen, was in der Boulevardpresse ein noch lebhafteres Echo hervorrufen würde. Mit unangenehmen Folgen für sie beide. Entweder würde die Universität Manchester Clem nahe legen, ihre Kündigung einzureichen, oder sie würde ihn von der Hochschule verweisen. Vielleicht sogar beides. Zudem würden Paparazzi vor ihrer Tür lauern und überall Fotos von ihnen auftauchen, selbst in der amerikanischen Sensations- presse. Und irgendwann würde sie dann auch jemand vom LAPD zu Gesicht bekommen. Ihre ohnehin schon prekäre Lage würde sich also weiter zuspitzen, falls Clem aus der Haut fahren sollte. Zum Glück war das noch nicht geschehen. Lenard hatte offenbar genau gewusst, wo er den Hebel ansetzen musste, um, ihr den Mund zu stopfen und die ganze Affäre zu vertuschen. Doch davon einmal abgesehen: Der glückliche Zufall, der ihm Hallidays Diskette mit Raymonds LAPD-Akte in die Hände gespielt hatte, und der, bei aller Tragik, unwahrscheinliche Glücksfall, dass Dans Mörder an der Scheibe des Peugeot einen sauberen Fingerabdruck hinterlassen hatte, blieben ohne Folgen. Die eine Hälfte der Beweismittel lag in einem grünen Plastiksack in Armands Brunnen, die andere bei den Ermittlungsakten der Pariser Polizei. Zusammen hätten sie die Wahrheit ans Licht gebracht: Entweder stimmten die Fingerabdrücke überein, dann war Raymond zweifelsfrei Dan Fords Mörder, oder sie taten es nicht, dann hatten sie es jetzt mit einem anderen Verrückten zu tun. Aber das würde er nie erfahren, solange er das Material nicht der Polizei übergab – und das konnte er nicht. Erstens, weil Halliday seines Wissen niemandem von der Existenz der Diskette erzählt hatte. Nach der Vernichtung der Akten in allen Daten- banken und nach dem Ableben oder Verschwinden der Personen, die nach der Schießerei in L. A. mit Raymond zu tun gehabt hatten, wusste er offensichtlich nicht mehr, wem er noch trauen konnte. (Vielleicht hatte er sich an jenem Abend mit ihm treffen wollen, um die Diskette ihm, dem einzigen Menschen, dem er möglicherweise noch traute, zu zeigen. Doch das war reine Spekulation.) Ihm selbst ging es jetzt nicht anders. Wem konnte er trauen? Wer konnte wissen, was Lenard oder Kowalenko, insbesondere Kowalenko, wirklich im Schilde führten? Beide konnten durchaus lautere Absichten haben – oder auch nicht. Zweitens, wenn er das Material der Polizei übergab, würde sie es sofort beschlagnahmen und ihn »wegen der Unterschlagung von Beweismitteln«, wie sich Lenard ausgedrückt hatte, hinter Gitter bringen. Dann wäre er weg vom Fenster, und vielleicht würde sogar jemand vom LAPD anrücken, um ihn im Gefängnis eingehender zu verhören. Deshalb war es besser, das Material blieb in seinem Versteck. Zumindest war es dort noch, als er die Wohnung verlassen hatte., Unvermittelt blieb Roget neben Wagen 5922 stehen. »Da wären wir.« Er wandte sich an Marten. »Wenn ich um Ihren Pass bitten dürfte.« »Meinen Pass?« »Oui.« Sechzig Sekunden später saßen Marten und Lady Clem auf ihren Plätzen in der zweiten Klasse, und Roget stand mit den beiden Uniformierten neben ihnen auf dem Gang und instruierte den Schaffner und einen seiner Sicherheitsleute auf Französisch. Schließlich übergab er dem Schaffner Martens Pass und sagte zu Marten, dass er ihn nach der Ankunft in London wiederbe- kommen werde. Dann wünschte er ihm ostentativ eine gute Reise, warf Lady Clem einen Blick zu und entfernte sich mit den Uniformierten. Wachmann und Schaffner glotzten sie noch einen Moment lang an, dann machten sie ebenfalls kehrt und gingen den Gang entlang, blickten sich aber noch einmal um, bevor sie durch die Schiebetür im nächsten Waggon verschwanden. »Was war vorhin eigentlich los?« Lady Clem sah Marten an. »Wie, was war vorhin los?« »Als die Polizei dir die Fotos gezeigt hat und nachher, als du mit ihnen gesprochen hast, ist die ganze Zeit zwischen dir und Nadine etwas vorgegangen.« »Nein.« »O doch.« Clem blickt kurz zu den Fahrgästen, die soeben eingestiegen waren. »Nicholas, im Unterschied zu fast allen anderen Zügen, die nach Großbritannien fahren oder dort herumfahren, ist dieser hier pünktlich. Er wird Punkt zehn Uhr neunzehn abfahren, und das bedeutet …«, sie blickte auf ihre Armbanduhr, »… in etwa fünfunddreißig Sekunden schließen sich die Türen, und er setzt sich in Bewegung.« »Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wovon du redest.«, Clem beugte sich vor und senkte die Stimme. »Inspektor Lenard ist in Armands Wohnung gekommen, um den Terminkalender des toten Mr. Halliday zu suchen. Offensichtlich ist sein Inhalt wichtig, und ihr habt ihn versteckt, du oder Nadine.« »Wie kommst du darauf, dass …« »Noch fünfundzwanzig Sekunden.« »Clem«, flüsterte Marten, »wenn ich ihn Lenard gegeben hätte, würden Nadine und ich jetzt in einem französischen Gefängnis sitzen und du vielleicht auch.« »Nicholas, ich weiß nicht, ob der Inspektor den Terminkalender gefunden hat. Ich weiß nur, dass du ein sehr intelligenter Mensch bist und ihn bestimmt gut versteckt hast. Deshalb vermute ich, dass er ihn noch nicht entdeckt hat, und halte es für das Beste, du unternimmst einen letzten Versuch, ihn an dich zu bringen, bevor er ihn findet. Zwanzig Sekunden.« »Ich …« »Nicholas, steh auf und steig wieder aus. Wenn der Schaffner oder der Wachmann kommen, sag ich, du bist auf dem Klo. Der Londoner Polizei erzähle ich, dass du unter Klaustrophobie leidest und eine fast fünfzig Kilometer lange Fahrt fünfzig Meter unter dem Ärmelkanal nicht durchstehen würdest, ohne durch- zudrehen. Du hättest wohl oder übel vor der Abfahrt aussteigen müssen, hättest mir aber auf Ehre und Gewissen versprochen, das nächste Flugzeug nach Manchester zu nehmen und Inspektor Lenard sofort nach der Landung zu benachrichtigen.« »Wie sollte ich denn nach Manchester fliegen? Ich hab doch keinen Pass!« »Nicholas, steig jetzt endlich aus, verdammt.«, Peter Kitner beobachtete, wie der schwarze Citroen das Tor passierte und die Auffahrt zu seinem dreistöckigen Haus in der Avenue Victor Hugo heraufrollte. Das konnte nur Dr. Geoffrey Higgs sein, sein Leibwächter und der Chef seines Nachrichten- dienstes. Mittlerweile dürfte Higgs herausgefunden haben, ob seine schlimmsten Befürchtungen begründet waren und es sich bei dem Unbekannten, der ihn im Hotel Crillon angesprochen hatte, tatsächlich um den Mann handelte, den er im Verdacht hatte. »Woher weiß er von Davos?«, hatte sein Sohn Michael ihn nach dem Verlassen des Crillon im Wagen beunruhigt gefragt. Und er hatte aufbrausend geantwortet: »Ich weiß es nicht.« Doch er wusste es. Und er hatte es schon im Wagen gewusst, es sich nur nicht eingestehen wollen. Schließlich jedoch hatte er Higgs beauftragt, möglichst viel über den Fragesteller in Erfahrung zu bringen, insbesondere ob er die Absicht habe, das Forum in Davos zu besuchen. Alfred Neuss und Fabien Curtay waren tot, und das spanische Messer und die 8-mm-Filmrolle, die Neuss so lange sicher aufbewahrt hatte, verschwunden. Curtays Mörder hatte sie mitgenommen. Außer Neuss und Curtay wussten nur zwei andere von der Existenz des Messers und des Films, jene beiden Personen, in dessen Besitz sie sich nun mit Sicherheit befanden: die Baronesse Marga de Vienne und der Mann, der fast sein ganzes Leben lang unter ihrer Vormundschaft gestanden hatte, Alexander Luis Cabrera. Und er war fest davon überzeugt, dass Cabrera der unsichtbare Zurufer gewesen war. Wieder hörte er Michaels Frage: »Woher weiß er von Davos?« Kitner setzte sich an seinen klobigen Schreibtisch aus Glas, und rostfreiem Stahl. Vielleicht vermutete Cabrera nur, dass er zum ersten Mal seit Jahren am Weltwirtschaftsforum teilnehmen würde, und wollte mit ihm spielen, indem er die Medien neugierig machte. Ja, so musste es sein, denn er konnte es unmöglich wissen. Nicht einmal die Baronesse konnte es wissen, trotz ihrer weitreichenden Verbindungen. Was tatsächlich in Davos geschehen sollte, war zu geheim. Es klopfte kräftig, dann ging die Tür auf, und Taylor Barrie, sein fünfzigjähriger Privatsekretär, trat ein. »Dr. Higgs, Sir.« »Danke.« Higgs kam herein, und Barrie schloss von außen die Tür. »Und?« »Sie hatten Ihrer Sorge Ausdruck verliehen«, sagte Higgs ruhig, »dass Alexander Cabrera das Wirtschaftsforum in Davos besuchen könnte.« »Ja.« »Er steht auf keiner Gästeliste und ist für keine Diskussions- gruppe eingetragen. Doch ein Züricher Anwalt namens Jacques Bertrand hat außerhalb der Stadt ein Berg-Château gemietet.« »Weiter.« »Bertrand ist ein Junggeselle mittleren Alters. Er teilt sich in Zürich eine kleine Wohnung mit einer älteren Tante.« »Ja und?« »Das Château, das er gemietet hat, heißt ›Villa Wolkenkratzer‹. Es hat sechzig Zimmer und eine Tiefgarage mit zwanzig Stellplätzen.« »Was hat das mit Cabrera zu tun?« »Helilink, ein privater Helikopterverleih in Zürich …« »Ich kenne Helilink. Was ist damit?« »Die Firma ist beauftragt worden, von übermorgen an, Hubschrauber mit Zwei-Turbinen-Antrieb für Flüge von Zürich zu dem Château in Davos bereitzustellen. Den Auftrag hat die Privatsekretärin eines gewissen Gerard Rothfels erteilt. Rothfels ist Cabreras Geschäftsführer in Europa.« »Verstehe.« Kitner drehte sich langsam in seinem Stuhl, stand auf, trat an das Fenster und blickte hinaus auf den in diesen Januartagen kahlen Park. Seine Befürchtungen hatten sich bestätigt und waren sogar noch übertroffen worden. Ja, es war Cabrera, der ihn im Crillon mit der Anspielung auf Davos verhöhnt hatte. Doch er wollte ihn nicht nur verhöhnen, sondern ihm auch zu verstehen geben, dass er wusste, was dort geplant war. Und jetzt hatte Higgs bestätigt, dass Cabrera dort sein würde, wenn es geschah. Das hieß, dass mit ziemlicher Sicherheit auch die Baronesse auftauchen würde. Was ein Schweizer Professor für Betriebswirtschaft ur- sprünglich als eine Art Seminar ins Leben gerufen hatte, das europäischen Topmanagern einmal im Jahr Gelegenheit bieten sollte, in der Abgeschiedenheit des Alpenkurorts Davos eine Woche lang über Fragen des internationalen Handels zu diskutieren, hatte sich zu einem viel beachteten Treffen hoch- rangiger Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft entwickelt, bei dem die Weichen für die Zukunft der Weltwirtschaft gestellt wurden. Das diesjährige Forum bildete keine Ausnahme, nur mit dem Unterschied, dass der russische Präsident Pawel Gitinow diesmal eine Ankündigung machen sollte, die für die Zukunft des neuen Russland in einer Welt der zunehmenden Globalisierung von entscheidender Bedeutung war. Und Kitner sollte mit seinem Medienimperium und seinem Know-how eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung dieser Zukunft spielen. Deshalb war er zutiefst beunruhigt. Cabrera wusste von der Ankündigung, und er konnte es nur von der Baronesse selbst erfahren haben. Woher sie es wusste,, stand auf einem anderen Blatt, denn die Sache war geheim – die Entscheidung hatte man erst vor wenigen Tagen bei einem Treffen zwischen Kitner, Präsident Gitinow und hochrangigen Persönlichkeiten in einer Privatvilla am Schwarzen Meer getroffen. Doch das war zweitrangig. Tatsache war, dass sie Bescheid wusste und auch Cabrera und dass beide sich in Davos aufhielten, wenn die Ankündigung gemacht wurde. Unvermittelt drehte sich Kitner um. »Wo ist Michael?« »In München, Sir«, antwortete Higgs. »Und morgen in Rom. Gegen Abend wird er zu Ihnen, Ihrer Frau und Ihren Töchtern in Davos kommen.« »Haben Sie die üblichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen?« »Ja, Sir.« »Verdoppeln Sie die Wachen.« »Ja, Sir.« »Ich danke Ihnen, Higgs.« Higgs nickte zackig, drehte sich um und verschwand. Kitner sah ihm nach, dann ging er zum Schreibtisch und setzte sich, in Gedanken noch ganz bei der Baronesse und Cabrera. Was in drei Teufels Namen planten sie? Die Baronesse besaß beinahe so viel Geld und Einfluss wie er. Cabrera war mittler- weile ein sehr erfolgreicher Unternehmer. Dass Neuss und Curtay tot und nur das Messer und der Film aus Curtays Safe verschwun- den waren, legte den Verdacht nahe, dass die Baronesse für ihren Tod verantwortlich zeichnete und die beiden Gegenstände in ihren Besitz gebracht hatte. Wenn das stimmte, waren die beiden vor ihm sicher. Wozu also die Verhöhnung im Hotel. Und wozu sollten sie nach Davos kommen? Was wollten sie denn noch? Er musste es herausfinden, und zwar noch bevor das Forum in Davos begann. Er drückte auf einen Knopf an der Gegen- sprechanlage. Sekunden später ging die Tür auf, und Taylor Barrie trat ein., »Ja, Sir?« »Ich möchte, dass Sie für morgen früh ein Treffen arrangieren, irgendwo außerhalb von Paris. Ein Treffen zwischen mir, Alexander Cabrera und der Baronesse Marga de Vienne. Kein anderer soll dabei sein. Niemand von ihren Leuten, niemand von meinen.« »Aber Sie werden doch wollen, dass Michael dabei ist.« »Nein«, entgegnete Kitner scharf, »ich will nicht, dass Michael dabei ist. Er darf kein Wort darüber erfahren.« »Was ist mit Higgs und mir, Sir?« »Niemand. Ist das klar?« »Ja, Sir, niemand, Sir«, sagte Barrie schnell, drehte sich um, ging hinaus und schloss die Tür. Seit zehn Jahren arbeitete er für Kitner, aber so ernst und unbeherrscht wie heute hatte er ihn noch nie erlebt., Pariser Metro, immer noch Donnerstag, 16. Januar, 11.05 Uhr Nick Marten hielt sich an einer Stange in dem schaukelnden Wagen fest und betete, dass er am Bahnhof in die richtige Metro gestiegen war. Abgesehen von dem Pullover, der Jeans, der Sportjacke und den Turnschuhen, die er trug, besaß er nur noch seine Brieftasche mit seinem englischen Führerschein, seinem Studentenausweis der Universität Manchester, einem in Jura aufgenommenen Foto von Rebecca, zwei Kreditkarten und etwa dreihundert Euro. Für einen Studenten, der sich in Paris eine schöne Woche machen wollte, mochte das vielleicht viel sein, nicht aber für einen Mann, der Scherereien mit der Polizei hatte und sich illegal im Land aufhielt. Doch daran durfte er jetzt nicht denken. Er musste sofort in die Rue Huysmans und die Gasse hinter Armands Haus suchen, die an den Garten grenzte. Hoffentlich waren Lenards Leute wieder abgezogen, ohne den Müllsack entdeckt zu haben. Wenn ja, brauchte er nur auf die Mauer zu klettern und den Sack aus dem Brunnen zu holen. Ein Kinderspiel, wenn er die richtige Metro erwischt hatte und die Rue Huysmans fand. Doch abgesehen davon gab es noch zwei ungeklärte Fragen. Erstens, was sollte er tun, wenn Lenards Leute noch da waren? Zweitens, was sollte er tun, wenn sie weg waren und es ihm gelang, den Müllsack mit dem Material zu bergen? Wohin sollte er gehen? Oder sollte er bleiben? Und die schwierigste Aufgabe von allen: Wie konnte er an eine Kopie des Fingerabdrucks herankommen, den die Polizei von Dans Mörder besaß? Doch zunächst musste er sich auf das erste Problem konzentrieren: die Gasse finden und den Müllsack an sich nehmen., Boulevard Raspail, 11.27 Uhr Marten trat aus der Metro-Station ins helle Sonnenlicht und blieb stehen, um sich zu orientieren. Weiter unten auf der anderen Seite des Boulevards glaubte er die imposanten Gebäude der Universität zu erkennen. Er ging darauf zu, bis er ein Schild entziffern konnte – College Stanislas. Sein Herz tat einen Sprung. Lenard war daran vorbeigefahren, als er ihn nach der Tatortbesichtigung an der Seine vor Armands Haus abgesetzt hatte. Noch zwanzig Schritte, und er sah zu seiner Rechten eine vertraute Straße. Rue Huysmans. Er bog schnell ab, auf der Hut vor der Polizei und gleichzeitig nach einem Weg Ausschau haltend, der in die Gasse dahinter führte. Er passierte das erste Haus, dann das zweite, entdeckte einen schmalen Durchgang, und schon stand er in der Gasse. Er ging vorsichtig weiter. Ein blauer Wagen parkte auf halber Strecke, dahinter ein Lieferwagen. Beide ohne Insassen, soweit er erkennen konnte. Er beschleunigte seine Schritte, suchte zwischen den Häusern nach einer Gartenmauer mit Mülltonnen davor. Nach zehn Metern entdeckte er sie. Instinktiv blieb er stehen und sah sich um. In der Gasse hinter ihm war niemand. Drei Schritte, und er kletterte auf die Mülltonnen und zog sich an der Mauer empor. Oben hielt er inne und spähte hinüber. Er riss die Augen auf und sprang zurück. Trotz der Januarkälte liebte sich ein junges Paar splitternackt auf einer Gartenbank. Er kannte die beiden nicht. Wer waren sie? Wie lange würden sie dort bleiben? Im selben Moment sah er etwas aus dem Augenwinkel. Ein Polizeiauto war in die Gasse eingebogen und fuhr langsam auf ihn zu. Erschrocken schaute er sich um. Was tun? Er entdeckte ein paar an der Mauer hinter ihm gestapelte Kartons. Mit einem Satz war er hinter ihnen und duckte sich. Fünf Sekunden verstrichen, dann zehn. Wo blieb der Streifenwagen? Hatten die Polizisten ihn bemerkt und angehalten? Waren sie ausgestiegen und, kamen, Pistolen im Anschlag, auf ihn zu? Im nächsten Moment glitt langsam die vordere Stoßstange und dann der ganze Wagen an ihm vorbei. Er atmete auf, zählte bis zwanzig, hastete nach vorn und spähte in die Gasse. Das Polizeiauto war verschwunden. Er sah in die andere Richtung. Nichts, nur das blaue Auto und dahinter der Lieferwagen. Dann entdeckte er mehrere Mülltonnen vor einer anderen Mauer. Das waren sie, er erkannte sie wieder. Das war Armands Mauer. Beherzt ging er darauf zu. Fünf Sekunden später war er an der Mauer und kletterte auf die Mülltonnen. Wie beim ersten Versuch zögerte er und schaute vorsichtig hinüber. Ja, es war Armands Garten. Sein Blick glitt über die Fenster. In der Wohnung rührte sich nichts. Die Gelegenheit war günstig. Er zog sich vollends nach oben und sah hinab in den Brunnen, der sich an die efeubewachsene Mauer schmiegte. Unter dem Laub konnte er den Müllsack erkennen. Ein letzter Blick zur Wohnung, dann griff er nach unten. Seine Finger packten den kalten Kunststoff. Im Nu hatte er den Sack hochgezogen und war wieder hinter der Mauer. Er tastete mit den Füßen nach den Mülltonnen und sprang hinunter in die Gasse. Im selben Moment schwang die Fahrertür des blauen Autos auf, und ein Mann stieg aus. Kowalenko., »Drei frisch geknickte Zweige im Efeu«, sagte Kowalenko, als er mit dem Wagen in den Boulevard Raspail und dann in die Rue de Vaugirard einbog. »Lenards Leute haben sich im Garten nur kurz umgeschaut und sind gleich wieder ins Haus zurück. Stadtmenschen, schätze ich. Keine Russen, die mit den Schönheiten und Entbehrungen des Landlebens aufgewachsen sind, und keine Amerikaner, die sich gern Western ansehen. Mögen Sie Western, Mr. Marten?« Nick Marten wusste nicht, was er sagen oder denken sollte. Kowalenko hatte ihn höflich aufgefordert, in das blaue Auto zu steigen, und mangels Alternative hatte er gehorcht. Und jetzt wollte er ihn offensichtlich der französischen Polizei übergeben. »Sie haben den Müllsack gefunden und nachgesehen, was drin ist«, sagte er freudlos. Kowalenko nickte. »Ja.« »Warum haben Sie ihn nicht Lenard gegeben?« »Aus einem einfachen Grund. Ich habe ihn gefunden, nicht er.« »Und warum haben Sie ihn liegen lassen und nicht einfach an sich genommen?« »Weil ich wusste, dass ihn die Person, die ihn dort versteckt hatte, irgendwann holen würde. Und jetzt habe ich beides, die Person und das Beweismaterial.« Kowalenko bog in den Boulevard Saint-Michel ab und drosselte wegen des Verkehrs das Tempo. »Was haben Sie in Detective Hallidays Kalender gefunden, oder was hoffen Sie darin zu finden? Anscheinend ist es Ihnen so wichtig, dass Sie nicht nur einmal, sondern zweimal eine Verhaftung riskiert haben. Beweise, die Sie belasten könnten?«, Marten erschrak. »Sie glauben doch nicht, ich hätte Halliday ermordet?« »Sie haben auf dem Absatz kehrtgemacht, als Sie ihn im Parc Monceau gesehen haben.« »Das habe ich Ihnen doch erklärt. Ich habe ihm Geld geschuldet.« »Wer kann das bestätigen?« »Ich habe ihn nicht umgebracht.« »So wenig, wie Sie seinen Kalender genommen haben.« Kowalenko sah ihn kurz an und blickte wieder auf die Straße. »Nehmen wir mal an, Sie haben ihn nicht getötet. Sie oder Mr. Ford, einer von Ihnen beiden hat der Polizei am Tatort ein Beweismittel vor der Nase weggeschnappt. Das war ein ziemliches Wagnis. Folglich muss einer von Ihnen gewusst oder geglaubt haben, dass der Inhalt von beträchtlichem Wert ist. Richtig? Und dann wäre da noch das andere Beweismittel in der Tüte, die Fächermappe. Woher stammt sie, und was ist an ihr so wichtig?« Marten schaute auf. Sie fuhren über den Pont Saint-Michel aufs andere Seine-Ufer. Direkt auf die Pariser Polizeipräfektur zu. »Was hat es für einen Sinn, mich ins Gefängnis zu stecken?« Kowalenko antwortete nicht. Gleich waren sie an der Präfektur. Marten wartete darauf, dass der Russe vom Gas ging und abbog, doch er tat es nicht. Er fuhr weiter den Boulevard de Sébastopol entlang und tiefer in die Stadt hinein. »Wohin fahren wir?« Kowalenko schwieg weiter. »Was wollen Sie von mir?« »Englische Texte lesen ist nicht meine Stärke, Mr. Marten, besonders die von Hand geschriebenen und mit Slangaus- drücken und Abkürzungen gespickten.« Kowalenko wandte den, Blick von der Straße und musterte Marten. »Was werde ich also von Ihnen wollen? Ich möchte, dass Sie mich auf eine Reise durch den Terminkalender und die Faltmappe mitnehmen.« Avenue Hocke 127, 12.55 Uhr Taschenlampe an, Strom aus. Eine Schraube oben und noch eine, dann zwei Schrauben unten, und Alexander nahm den Deckel des Verteilerkastens ab. Weitere zwei Schrauben, und er löste einen großen 220-Volt- Trennschalter. Er hob ihn heraus, wobei er sorgsam darauf achtete, dass er die Kabel nicht durcheinander brachte. Als Nächstes öffnete er eine Arbeitstasche und nahm einen Miniaturtimer heraus, der an beiden Enden mit Klemm- verbindungen versehen war. Vorsichtig löste er einen Verbindungsdraht vom Trennschalter, klemmte ihn an dem einen Ende des Timers fest und wiederholte dasselbe mit einem Draht auf der anderen Seite. Er setzte den Schalter an seinen Platz zurück und schraubte ihn fest, dann schloss er den Verteilerkasten wieder und befestigte den Deckel mit den vier Schrauben. Taschenlampe aus, Strom wieder an. Dann stieg er die Kellertreppe hinauf und trat hinaus auf die Gasse. Draußen parkte ein gemieteter Ford-Transporter. Er stieg ein und fuhr davon. Den blauen Overall und die blonde Perücke, die er trug, hätte er ebenso wenig gebraucht wie den gefälschten Gewerbeschein eines Elektrikers in seiner Tasche. Die Tür war unverschlossen gewesen, kein Mensch hatte ihn kommen oder gehen sehen. Und er hatte niemandem genug Zeit gelassen, sich über den Stromausfall zu beschweren. Die ganze Aktion hatte keine fünf Minuten gedauert. Am morgigen Freitag, dem 17. Januar, würde der Timer Punkt 3.17 Uhr einen Kurzschluss auslösen, und im ganzen Haus würde das Licht ausgehen. Innerhalb von Sekunden würden sich, die im Timer befindlichen Phosphorkügelchen entzünden und den gesamten Verteilerkasten in Brand setzen. Das Gebäude war ein Holzständerbau und alt, wie auch die elektrischen Leitungen. Wie bei vielen historischen Gebäuden in Paris hatten die Besitzer in kosmetische Reparaturen und Gips investiert und an der Sicherheit gespart. Innerhalb von Minuten würde sich das Feuer im ganzen Gebäude ausbreiten und es in ein Inferno verwandeln. Ohne Strom waren die Aufzüge nutzlos, und im Treppenhaus war es stockdunkel. Das Haus hatte sechs Etagen mit jeweils zwei großen Wohnungen. Nur die Bewohner der untersten Etagen würden mit dem Leben davonkommen. Die darüber hatten eine sehr geringe Chance, dem Feuer zu entrinnen. Die Bewohner des Penthouses überhaupt keine. Die vordere Penthouse-Wohnung interessierte ihn am meisten. Großfürstin Katharina Michailowna hatte sie gemietet: für sich, ihre Mutter, Großfürstin Maria Kurakina, und ihren Sohn, den zweiundzwanzigjährigen Großfürsten Sergej Petrowitsch Romanow, jenen Mann, dem man, wenn Russland mitspielte, die größten Aussichten einräumte, der nächste Zar zu werden. Mit seiner Maßnahme hatte er sichergestellt, dass es nie dazu kommen würde., Hotel Saint-Orange, Rue de Normandie, immer noch Donnerstag, 16. Januar, 1430 Uhr Nick Marten stand am Fenster in Kowalenkos kaltem, schäbigem Hotelzimmer und lauschte dem Klappern der Tasten, während der Russe auf seinem Laptop den Tagesbericht schrieb, den er umgehend nach Moskau schicken musste. Auf dem Bett hinter dem schmalen Schreibtisch, an dem Kowalenko arbeitete, lagen Hallidays Kalender und Dan Fords dicke Fächermappe. Beide waren noch geschlossen. Kowalenko war ein Bär von einem Mann, groß und bärtig. Der blaue Pullover, den er unter seinem Jackett trug, spannte sich straff über seinem Bauch, und eine große Pistole steckte sichtbar in seinem Gürtelholster. Während Marten ihm bei der Arbeit zusah, drängte sich ihm, wie schon bei ihrer ersten Begegnung in Hallidays Hotelzimmer und später in Armands Wohnung, der Eindruck auf, dass der Mann bei weitem nicht so harmlos und professorenhaft war, wie es den Anschein hatte. Lenard mochte ein guter Kriminalist sein, doch Kowalenko war besser, scharfsinniger, hartnäckiger, arbeitete eigenstän- diger. Er hatte von sich aus Dan Fords Wohnung überwacht und war ihm in den frühen Morgenstunden hinaus aufs Land gefolgt. Er hatte ihn, Marten, zum Fluss mitgenommen und auf der Rückfahrt befragt. Er hatte offensichtlich den Einschüchterungs- versuch mit Clem inszeniert und dann, nachdem Lenards Leute abgezogen waren, Armands Garten durchsucht und den versteckten Müllsack gefunden. Und statt den Sack der französischen Polizei zu übergeben, hatte er sich auf die Lauer gelegt und gewartet, bis ihn jemand holte. Er war sich sicher, gewesen, dass dieser Jemand durch die Gasse und nicht aus der Wohnung kommen würde. Marten wusste nicht, wie lange der Russe auf seinem Posten ausgeharrt hätte, aber sein umsichtiges und zielstrebiges Vorgehen hätte einem Mann wie Red McClatchy mit Sicherheit gefallen. Doch abgesehen von seinem Eifer und seiner Sorgfalt: Hinter was war er eigentlich her? Wieder hatte Marten das Gefühl, dass sich Kowalenko nicht nur wegen des Mordes an Alfred Neuss hier befand, auch wenn er das gegenüber der französischen Polizei behauptete, sondern ganz andere Ziele verfolgte. Angenommen, er war von den russischen Beamten, die kurz nach Raymonds Tod nach L. A. gekommen waren, ins Bild gesetzt worden und wusste, dass Halliday seinerzeit dem Ermittlungsteam des LAPD angehört hatte, so drängte sich folgender Gedanke auf: Kowalenko vermutete, dass die damaligen Ereignisse in einem direkten Zusammenhang mit dem standen, was sich momentan in Paris abspielte. »Wodka, Mr. Marten?« Kowalenko klappte seinen Laptop zu, stand auf und ging zu einem altmodischen Nachttisch, auf dem eine Flasche russischer Wodka stand, die zu zwei Dritteln geleert war. »Nein, danke.« »Dann trinke ich eben für uns beide.« Kowalenko goss sich einen Doppelten in ein Glas, prostete Marten zu und kippte die farblose Flüssigkeit hinunter. »Erklären Sie mir, was das ist«, sagte er und deutete mit dem Glas in Richtung Bett, auf dem Hallidays Kalender und Dan Fords Fächermappe lagen. »Wie meinen Sie das?« »Was haben Sie in Hallidays Kalender und in dem anderen Ding gefunden?« »Nichts.«, »Nichts? Mr. Marten, ich muss Sie daran erinnern, dass ich noch keineswegs von Ihrer Unschuld überzeugt bin, was den Mord an Mr. Halliday angeht. Und Inspektor Lenard auch nicht. Aber wenn Sie wünschen, dass ich die französische Polizei einschalte, bitte.« »Also gut«, sagte Marten schroff, durchmaß das Zimmer und goss sich selbst einen doppelten Wodka ein. Er kippte ihn in einem Zug hinunter und starrte, das leere Glas in der Hand, Kowalenko an. Es war zwecklos, weiter zu schweigen. Alle Informationen lagen dort auf dem Bett. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Kowalenko sie entschlüsselte. »Sagt Ihnen der Name Raymond Oliver Thorne etwas?« »Natürlich. Er war in Los Angeles hinter Alfred Neuss her. Er ist bei einer Schießerei mit der Polizei verletzt worden und später gestorben. Seine Leiche wurde eingeäschert.« »Vielleicht auch nicht.« »Was wollen Sie damit sagen?« »Ich will damit sagen, dass Dan Ford nicht dieser Meinung war. Er hat herausgefunden, dass Thornes Polizeiakte aus mehreren offiziellen Datenbanken verschwunden ist. Außerdem sind die Leute, die mit der Ausstellung seines Totenscheins und seiner Einäscherung zu tun hatten, tot oder gelten als vermisst. Anscheinend vermutete Halliday dasselbe, denn er war hinter einem prominenten Schönheitschirurgen aus Kalifornien her, der sich plötzlich zur Ruhe gesetzt hat und wenige Tage nach Thornes Tod nach Costa Rica ausgewandert ist. Später tauchte derselbe Mann unter anderem Namen in Argentinien auf. Was das zu bedeuten hat, weiß ich nicht. Aber für Halliday schien es ein hinreichender Grund zu sein, sich ein Flugticket nach Buenos Aires zu besorgen. Er hatte die Absicht, von Paris aus hinzufliegen, wenn er hier fertig war. Sie finden alles da drin.« Marten deutete mit dem Kopf auf den Kalender. »Seine Notizen und sein Ticket.«, »Warum haben Sie das Inspektor Lenard vorenthalten?« Das war eine gute Frage, und Marten wusste nicht, was er darauf antworten sollte, ohne seine Identität zu verraten. Oder ohne zu erzählen, was mit Raymond in L. A. geschehen war und warum die Männer der Squad sterben mussten. Plötzlich kam ihm eine Idee, wie er eine direkte Antwort vermeiden und gleichzeitig an die eine Sache herankommen konnte, die er unbedingt brauchte – eine Kopie des Fingerab- drucks, den die Polizei an Dan Fords Wagen gefunden hatte. Es war ein riskantes Spiel, denn wenn Kowalenko sich gegen ihn wandte, konnte er alles verlieren und im Handumdrehen in einem Pariser Gefängnis landen. Doch es war eine Chance, mit der er nicht mehr gerechnet hatte, und trotz des Risikos wäre es töricht von ihm gewesen, es nicht wenigstens zu versuchen. »Was ist, wenn ich Ihnen sage, dass Dan Ford diesen Raymond Thorne im Verdacht hatte, Alfred Neuss ermordet zu haben?« »Thorne?« »Ja. Und vielleicht auch Halliday und Dan selbst. Wie Sie wissen, hatten alle drei mit Thorne zu tun, als er in L. A. war.« Ein Funke glomm plötzlich in Kowalenkos Augen. Er sagte ihm, dass er auf dem richtigen Weg war, und er fuhr fort. »Neuss wird in Paris ermordet. Halliday kommt, um der Sache nachzugehen. Und Ford ist bereits hier, als Korrespondent der Los Angeles Times. Niemand erkennt Raymond, denn er hat sich einer kosmetischen Operation unterzogen. Er aber kennt sie alle, und sie kommen ihm zu nahe, was immer er auch vorhat.« »Sie gehen also davon aus, dass Neuss seine ursprüngliche Ziel- person war, Mr. Marten.« Kowalenko hob die Wodkaflasche, als sei sie Teil seines Arms, verteilte den Rest auf die beiden Gläser und reichte Marten seines. »Hatte Ford eine Theorie, was dieser Thorne von Neuss gewollt haben könnte, in L. A. und jetzt hier in Paris? Oder warum Neuss umgebracht worden ist?«, »Nicht dass ich wüsste.« »Aha.« Kowalenko nahm einen kräftigen Schluck. »Dann haben wir also einen Verdächtigen ohne Gesicht, aber kein Motiv für den Mord an Neuss und auch kein bekanntes Motiv für den Mord an Ford und Halliday bis auf den Umstand, dass beide Thorne in seiner früheren Inkarnation gesehen hatten. Außerdem ist er tot, soweit wir wissen. Und eingeäschert worden. Das ergibt keinen Sinn.« Marten nippte an seinem Glas. Wenn er Kowalenko den Rest erzählen wollte, dann war jetzt der geeignete Zeitpunkt. Vertrau dem Russen, sagte er sich. Vertrau darauf, dass er eigene Ziele verfolgt und dich nicht Lenard ausliefert. »Wenn der Fingerabdruck an Dans Wagen von Raymond stammt, kann ich unwiderlegbar beweisen, dass er es war.« »Wie?« Marten hob das Glas und leerte es. »Halliday hat sich eine Kopie von Raymond Thornes LAPD-Akte gemacht. Wann, weiß ich nicht, aber sie enthält Fotos von Raymond und seine Fingerabdrücke.« »Eine Kopie? Sie meinen eine Diskette?« »Ja.« Kowalenko sah ihn ungläubig an. »Und die haben Sie in seinem Kalender gefunden.« »Ja.«, Rue de Turenne, 15.45 Uhr Der Verkäufer packte die Flasche Wodka in eine Tüte, dazu ein großes Stück Gruyèrekäse, dünn geschnittene Salami, einen großen Laib Brot, eine Zahnbürste, eine Tube Zahnpasta, ein Päckchen Einmalrasierer und eine kleine Dose Rasierschaum. »Merci«, sagte Marten, bezahlte und verließ den kleinen Laden, trat auf die Rue de Normandie und schlug die Richtung zu Kowalenkos Hotel ein. In den letzten Stunden war ein eisiger Wind aufgekommen, und aus dunklen Wolken fiel nasser Schnee. Marten fror. Er kam sich vor wie im nordenglischen Manchester und nicht wie in Paris. Kowalenko hatte ihn allein losgeschickt, um ihre Vorräte aufzustocken und die Toilettenartikel zu besorgen, die er für die Nacht benötigte – und mit Sicherheit auch, um in Ruhe Hallidays Kalender und Fords Mappe durchzusehen und festzustellen, was er ohne Martens Hilfe herausfand. Er hatte ihn allein losgeschickt, obwohl er wusste, dass er sich davonmachen und, Pass hin oder her, in der großen Stadt untertauchen könnte. Um dem vorzubeugen, hatte der Russe ihm noch eine kleine Information mit auf den Weg gegeben, die es zu bedenken galt: Die Pariser Polizei suchte ihn. Der Eurostar war vor dreieinhalb Stunden ohne ihn in London angekommen, und Minuten später hatte die Metropolitan Police Inspektor Lenard verständigt. Wütend hatte er Kowalenko angerufen und sich Luft gemacht. Er verstand Martens Verhalten als persönliche Beleidigung und hatte eine stadtweite Fahndung nach ihm ausgeschrieben. Er finde, er sollte das wissen, hatte Kowalenko zu Marten gesagt, und sich zu Herzen nehmen, wenn er einkaufen gehe., In gewisser Weise hatte Kowalenko keine andere Wahl gehabt. Kurz bevor Marten ging, hatte der Russe Lenard gebeten, ihm ein Duplikat der Akte Ford ins Hotel zu schicken. Der kompletten Akte, wie er ausdrücklich betonte, mit einer klaren Fotokopie des Fingerabdrucks, den man an Fords Wagen gefunden hatte. Aus einleuchtenden Gründen durfte Marten nicht anwesend sein, wenn Lenard oder einer seiner Leute die Akte brachte. Ebenso einleuchtend war, dachte Marten, als er mit gesenktem Kopf gegen den Wind und den dichten Schneefall ankämpfte, dass er vor der Polizei auf der Hut sein musste. Erschöpft trat er in die heruntergekommene Lobby des Hotels Saint-Orange und schüttelte sich den Schnee von Kopf und Schultern. Hinter der Empfangstheke stand eine kleine, abgezehrte Frau mit strähnigem grauem Haar und plapperte ins Telefon. Er bemerkte, dass sie ihn beobachtete, als er vorbeiging, und sich dann abwandte, als er den Aufzug erreichte und den Knopf drückte. Fast eine Minute verging, ehe er kam, und er bemerkte, dass sie ihn wieder musterte. Dann ging die Tür auf. Er trat hinein und drückte den Knopf für Kowalenkos Etage. Noch ein kurzer Augenblick, bevor die Tür sich wieder schloss und der Aufzug sich in Bewegung setzte. Quietschend und wimmernd bewegte er sich nach oben, und Marten entspannte sich. Hier war er wenigstens vor neugierigen Blicken geschützt. Das gab ihm Gelegenheit zum Nachdenken. Außer Kowalenko und der französischen Polizei bereitete ihm seit dem Morgen noch etwas anderes Sorgen, und es ärgerte ihn, dass ihm nicht eingefallen war, mit Clem darüber zu sprechen. Es ging um Rebecca. Er hatte das Gefühl, dass sie ihm am Abend zuvor im Crillon nicht die Wahrheit gesagt hatte, und vermutete, dass die Geschichte mit dem Champagner erfunden war und sie in Wirklichkeit etwas anderes getan hatte, worüber sie nicht sprechen wollte oder konnte. Was es war – ob sie sich mit einem, Freund, Liebhaber oder gar einem verheirateten Mann getroffen hatte –, spielte keine Rolle. Jetzt war nicht die rechte Zeit für solche Albernheiten. Nicht, solange Raymond da draußen herumlief. Sie musste begreifen, dass sie die Dinge nicht auf die leichte Schulter nehmen durfte. Sie musste … Der Ruck, mit dem der Aufzug zum Stehen kam, riss ihn aus seinen Gedanken. Die Tür ging auf, und er spähte in den Gang. Er war leer. Vorsichtig trat er hinaus und machte sich auf den Weg zu Kowalenkos Zimmer. Plötzlich wurde er unsicher. Er hatte kein Polizeiauto draußen gesehen. War Lenards Bote vielleicht noch gar nicht da gewesen? Oder schon wieder fort? Oder – was, wenn er ein Zivilfahrzeug benutzt hatte und sich noch bei Kowalenko im Zimmer aufhielt? Er ging zur Tür und lauschte. Nichts. Er wartete noch einen Augenblick, dann klopfte er. Keine Antwort. Er war nicht lange weg gewesen, und Kowalenko hatte nicht erwähnt, dass er weggehen wolle. Er klopfte erneut. Wieder nichts. Schließlich drehte er am Türknopf. Die Tür war nicht verschlossen. »Kowalenko«, sagte er mit verhaltener Stimme. Er erhielt keine Antwort und öffnete langsam die Tür. Das Zimmer war leer. Kowalenkos Laptop lag auf dem Bett, daneben sein Jackett. Er trat ein, schloss die Tür und stellte die Einkaufstüte auf den Tisch. Wo befand sich Kowalenko? War die Polizei da gewesen oder nicht? Er machte noch einen Schritt, und dann sah er ihn: Ein großer Umschlag mit dem Siegel der Pariser Polizeipräfektur lugte unter dem Jackett des Russen hervor. Atemlos griff er danach und riss ihn auf. Ein dicker Ordner kam zum Vorschein. Er enthielt rund fünfzig sauber getippte Seiten und ein Dutzend Fotos vom Tatort, und obenauf lag die Vergrößerung eines, Fingerabdrucks. Unten auf dem Blatt stand empreinte digitale, main droite, numèro trois, troisième doigt (Fingerabdruck, rechte Hand, Nummer drei, Mittelfinger), und darunter wiederum prangte der Stempel PIECE A CONVICTION 7 (Beweisstück 7). »Sie wollen vermutlich das hier«, krächzte hinter ihm Kowalenkos Stimme. Marten fuhr herum. Der Russe stand in der Tür, eine Diskette in der Hand. »Wo waren Sie denn?« »Pinkeln.« Kowalenko trat ein und schloss die Tür., »Haben Sie einen Blick drauf geworfen?« Marten deutete auf die Diskette. »Sie meinen, ob ich die beiden verglichen habe? Ja.« »Und?« »Sehen Sie selbst.« Kowalenko ging hinüber zum Bett, schob die Diskette in den Laptop und trat zurück, als die LAPD-Seite mit Raymonds Fingerabdrücken auf dem Bildschirm erschien. Er klickte die rechte Hand an, dann den Mittelfinger und ließ ihn maximal vergrößern. Ein einzelner, sehr deutlicher Fingerabdruck füllte den Bildschirm aus. Marten spürte, wie sein Puls sich beschleunigte, als er die Vergrößerung danebenhielt. Ein Schauder kroch ihm über den Rücken, als er sah, dass die beiden Abbildungen perfekt übereinstimmten. »Mein Gott«, stöhnte er. »Wie es scheint, ist Raymond Oliver Thorne aus seiner Asche wiederauferstanden und in Paris gelandet«, sagte Kowalenko ruhig. »Wir können getrost davon ausgehen, dass er Dan Ford umgebracht hat und auch den Mann, den Ford treffen wollte, diesen Druckereivertreter Jean-Luc …« »Vabres.« »Was?«, fragte Kowalenko scharf. Marten wandte sich vom Bildschirm ab. »Vabres war der Nachname des Vertreters.« »Woher wissen Sie das? Lenard und ich haben den Namen niemandem gegenüber erwähnt.« »Ich habe ihn aus Dans Notizen.«, Marten schaltete den Laptop aus. Die tiefe, fast animalische Angst, die Raymond in ihm geweckt hatte, legte sich merkwürdigerweise nun, da er wusste, dass er noch lebte. Diese Gewissheit gab ihm den Mut, zusammen mit Kowalenko den nächsten Schritt zu tun. »Das französische Wort carte kann Landkarte, aber auch Menükarte bedeuten. Sie haben nach einer Landkarte gesucht, aber wie sich herausgestellt hat, handelt es sich um eine Menükarte, die Dan Ford von Vabres holen wollte, als er ermordet wurde.« »Ich kenne die Bedeutungen des Wortes, Mr. Marten. Die Firma von diesem Vabres druckt keine Landkarten, und sie hat seit über zwei Jahren keine Menükarten mehr hergestellt. Und weder in Fords Wagen noch in Vabres’ Toyota haben wir eine Landkarte oder eine Menükarte gefunden.« »Natürlich nicht, Raymond hat sie mitgenommen.« Marten stand auf und durchmaß das Zimmer. »Irgendwie hat er erfahren, dass Vabres sie besaß und Dan geben wollte. Er wollte sie nicht nur haben, er wollte auch verhindern, dass die beiden darüber redeten. Deshalb hat er sie umgebracht.« »Woher hatte Vabres diese ›Menükarte‹, wenn seine Firma sie nicht gedruckt hat? Und warum hat er Mr. Ford um drei Uhr morgens angerufen und gebeten, aufs Land zu fahren, damit er sie ihm geben konnte?« »Das habe ich mich auch gefragt, als ich die Karte in Dans Fächermappe fand. Wieso eilte es ihnen so damit?« Marten fuhr sich durchs Haar. »Vielleicht gehen unsere Überlegungen nicht weit genug. Was ist, wenn Dan bereits von der Existenz der Menükarte wusste und Vabres ihm gesagt hatte, um welches Ereignis es sich handelte? Wenn es wichtig genug war, wenn es mehr war als eine gewöhnliche Veranstaltung, wollte Dan die Karte mit eigenen Augen sehen, und sei es nur, um ganz sicherzugehen. Vielleicht hat er Vabres aufgefordert, ihn, sofort zu verständigen, wenn er sie habe. Dann hat Vabres sie bekommen und begriffen, wie wichtig sie war. Vielleicht kamen ihm Bedenken, und er überlegte, ob es nicht doch besser wäre, sich aus der Sache herauszuhalten und keine Informationen dieser Art an die Presse weiterzugeben. Der Gedanke beschäftigte ihn, und dann fasste er mitten in der Nacht den Entschluss, Dan doch zu informieren. Er rief ihn an und verabredete sich mit ihm. Wer weiß, vielleicht hatten sie die Stelle schon vorher vereinbart oder sich früher mal dort getroffen …« Kowalenko sah ihn lange forschend an, bevor er mit ruhiger Stimme sagte: »Ja, Mr. Marten, so könnte es gewesen sein. Insbesondere wenn Ihre Vermutung hinsichtlich der Menükarte stimmt. Wenn es um eine Veranstaltung ging, von der Raymond nicht wollte, dass sie öffentlich bekannt wurde oder dass auch nur zwei Männer darüber sprachen.« »Kowalenko«, sagte Marten und trat zu ihm, »es war nicht die erste Menükarte, sondern die zweite.« »Ich verstehe nicht.« »Ich zeige es Ihnen.« Marten schlug Fords Fächermappe auf und entnahm ihr den Umschlag mit dem Material über Kitner, zog die Menükarte heraus und reichte sie Kowalenko. »Das ist die erste. Dan hatte sie früher von Vabres bekommen. Ich weiß nicht, welcher Sache er auf der Spur war oder auf der Spur zu sein glaubte oder ob sie überhaupt etwas mit der zweiten Menükarte oder mit seinem Tod zu tun hat. Aber alles dreht sich um prominente Russen. Vielleicht können Sie sich darauf einen Reim machen.« Kowalenko betrachtete die Karte aus teurem, gebrochen weißem Karton mit den erhabenen goldenen Lettern. Carte Commemorativ En l’honneur de la Familie Splendide Romanov, Paris, France -16 Janvier 151, Avenue George V Marten sah ihm an, dass er überrascht war, doch der Russe versuchte es zu überspielen. »Sieht mir nach einem harmlosen Familientreffen einiger Romanows aus«, sagte Kowalenko gleichmütig. »Harmlos, bis Menschen umgebracht worden sind und wir entdeckt haben, dass Raymond noch am Leben und irgendwo da draußen ist.« Marten sah Kowalenko direkt in die Augen. »Raymond hat meinen besten Freund abgeschlachtet. Sie sind russischer Polizist und mit der Aufklärung des Mordes an Alfred Neuss betraut, einem ehemaligen russischen Staatsbürger. Er hat in Monaco Diamanten von Fabien Curtay gekauft, der ebenfalls ermordet wurde und ehemaliger russischer Staatsbürger war. Vor einem Jahr haben sich Kriminalbeamte aus Ihrem Land in Amerika und Mexiko aufgehalten und die Morde an Exilrussen untersucht, die auf Raymonds Konto gehen sollen. Die Romanows gehören zu den berühmtesten Familien in der russischen Geschichte, Inspektor. Welche Verbindung besteht zwischen den Romanows, Neuss und den anderen?« Kowalenko zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, ob es eine gibt.« »Wirklich nicht?« »Nein.« »Womit zum Teufel haben wir es dann zu tun, mit einer Anhäufung von Zufällen?« Marten geriet in Zorn. Der Russe hielt sich bedeckt. »Soll es ein bloßer Zufall sein, dass wir es mit zwei Menükarten zu tun haben?« »Mr. Marten, wir wissen nicht mit Sicherheit, ob eine zweite Menükarte existiert. Das ist eine Vermutung Ihrerseits. Uns ist nur bekannt, dass Mr. Ford hinter einer Karte her gewesen sein könnte, wie ich eingangs schon sagte.«, Marten tippte mit dem Finger auf die Romanow-Menükarte. »Warum hat er dann auf die hier eine Zahl geschrieben?« »Eine Zahl?« »Drehen Sie sie um. Da unten.« Kowalenko betrachtete sie. Von Hand geschrieben stand ganz unten: Jean-Luc Vabres – Menu #1. »Das ist Dans Handschrift.« Marten sah, dass Kowalenkos Augen über die Rückseite der Karte nach oben wanderten, sah, dass sie an etwas hängen blieben, ehe er ihm die Karte mit einem Achselzucken zurückgab. »Möglicherweise eine Nummerierung für sein Ablagesystem.« »Da stand noch etwas anderes. Es ist in derselben Handschrift geschrieben. Ganz oben auf der Karte. Ich habe bemerkt, wie Sie es gelesen haben. Was stand da?« Kowalenko zögerte. »Sagen Sie’s mir.« »Kitner eingeladen«, antwortete Kowalenko ohne erkennbare Regung. »Sie haben mir doch gesagt, Sie könnten Englisch nicht besonders gut lesen. Ich wollte nur sichergehen, dass Sie verstanden haben, was da steht.« »Ich habe es verstanden, Mr. Marten.« »Er meint Sir Peter Kitner, den Präsidenten von MediaCorp.« »Woher wollen Sie das wissen? Es gibt bestimmt viele Kitners auf der Welt.« »Vielleicht überzeugt Sie das.« Marten leerte den Inhalt des Umschlags vor Kowalenko aus: die von Ford gesammelten Presseartikel über Sir Peter Kitner. Sich auf sein Telefonat mit Mrs. Neuss stützend und den Umstand nutzend, dass Kowalenko vermuten würde, er habe die, Information aus Fords Notizen, fuhr er auftrumpfend fort: »Peter Kitner war mit Alfred Neuss befreundet. Neuss ist am selben Tag in London eingetroffen, an dem Kitner in den Adelsstand erhoben wurde. Am selben Tag hat ihn Raymond in L. A. gesucht.« Marten ging ein paar Schritte, wandte sich um und starrte Kowalenko an. »Ich frage Sie: Was für eine Rolle spielt Kitner in dem Ganzen?« Kowalenko lächelte verhalten. »Sie scheinen eine Menge zu wissen, Mr. Marten.« »Nur ein wenig – das haben Sie Dan geantwortet, als er Ihnen sagte, Sie wüssten eine Menge über Amerika. Nur ein wenig? Nein, Sie wissen viel mehr. Sie waren überrascht, als Sie die Karte sahen. Und Sie waren noch überraschter, als Sie Kitners Namen lasen. Okay, ich habe Ihnen gesagt, was ich weiß, jetzt sind Sie dran.« »Mr. Marten, Sie halten sich illegal in Frankreich auf. Ich habe keine Veranlassung, Ihnen überhaupt etwas zu sagen.« »Mag schon sein, nur habe ich den Eindruck, Sie wollen, dass die Sache einstweilen unter uns bleibt. Sonst hätten Sie doch sofort Lenard angerufen, als Sie mich erwischt haben.« Marten kam auf ihn zu. »Inspektor, ich habe Ihnen vorhin schon gesagt, dass Raymond meinen besten Freund abgeschlachtet hat. Ich möchte, dass etwas unternommen wird. Wenn Sie mir nicht helfen wollen, werde ich wohl oder übel selbst zu Lenard gehen müssen. Ich bin überzeugt, dass er das alles ziemlich interessant finden wird. Insbesondere wenn er erfährt, dass Sie mich hierher gebracht haben, ohne ihn zu informieren, und dass Sie im Besitz von Hallidays Terminkalender und Fords Mappe sind.« Kowalenko betrachtete ihn lange schweigend. Als er schließlich zu sprechen begann, tat er es mit ruhiger, ja sanfter Stimme. »Die Freundschaft mit Mr. Ford hat Ihnen wohl sehr viel bedeutet.« »Ja.«, Kowalenko nickte leicht, dann durchquerte er das Zimmer und holte die Flasche Wodka, die Marten aus dem Laden mitgebracht hatte. Er schenkte sich etwas in ein Glas, verharrte einen Augenblick und sah Marten an. »Es ist möglich, dass Raymond Thorne auch hinter Peter Kitner her gewesen ist.« »Hinter Kitner?« »Ja.« »Aus welchem Grund?« »Ich sagte, es ist möglich, nicht wahrscheinlich. Peter Kitner ist eine sehr prominente Persönlichkeit und war, wie Sie sagen, mit Alfred Neuss befreundet.« Kowalenko nahm einen Schluck. »Es ist nur eine von vielen möglichen Theorien.« Das laute Piepsen von Kowalenkos Handy unterbrach das Gespräch. Er stellte das Glas weg, um den Anruf entgegen- zunehmen. »Da«, sagte er, drehte sich weg und setzte die Unterhaltung auf Russisch fort. Marten schob die Menükarte und die Presseartikel in die Mappe zurück. Ford und Halliday hatten geglaubt, dass Raymond noch am Leben sei, womit sie Recht behielten. Aus irgendeinem Grund hatte Dan Nachforschungen über Kitner angestellt. Wie er darauf gekommen war, blieb ihm ein Rätsel. Aber jetzt hatte Kowalenko Kitner selbst ins Spiel gebracht. Raymond könnte es auch auf Kitner abgesehen haben, hatte er gesagt und im selben Atemzug bestätigt, dass Neuss und Kitner befreundet gewesen waren. Nur erklärte das noch immer nicht, was im Augenblick vor sich ging oder welche Rolle Neuss, Curtay und die anderen Mordopfer in den USA und in Mexiko in dem Ganzen gespielt hatten. Fest stand für ihn nur, dass es etwas mit dem 7. April in Moskau, den Tresorfachschlüsseln und den anderen Notizen in Raymonds Taschenkalender zu tun hatte. Aber darüber konnte er mit Kowalenko nicht sprechen. Der Russe durfte auf keinen Fall erfahren, wer er war und was er, zu verbergen versuchte. Selbst wenn er behauptete, er hätte die Informationen von Dan Ford, würde Kowalenko ihm misstrauen, und die Erwähnung solcher Details würde sein Misstrauen nur noch verstärken. Das konnte er nicht tun, zumal sich alles auf die Vermutung stützte, dass Raymond Neuss und Curtay ermordet hatte. Wer sonst sollte es gewesen sein? Immerhin wussten sie jetzt, dass er noch lebte und in Paris war. Dennoch blieb die Frage nach dem Warum. Warum hatte er es getan, und was hatte er sich davon versprochen? Und welche Rolle spielte die zweite Menükarte? Was für ein bevorstehendes Diner oder dergleichen war so geheim, dass Raymond es für nötig gehalten hatte, Dan Ford und Jean-Luc Vabres zu ermorden, um sein Bekanntwerden zu verhindern? Marten blickte zu Kowalenko, der gestikulierend ins Telefon sprach. Also gut, Raymond war hier. Aber wie sollten sie ihn finden? Wie sah er überhaupt aus? Plötzlich fiel ihm Halliday ein und die Spur, die er bis nach Argentinien verfolgt hatte. Sie mussten den Schönheitschirurgen ausfindig machen, der Raymond operiert hatte, dann konnte sich Kowalenko mit der argentinischen Polizei in Verbindung setzen. Vielleicht gelang es ihr, einen Gerichtsbeschluss zu erwirken und den Arzt zu zwingen, mit dem Namen, den sein Patient damals benutzt hatte, und vielleicht sogar mit einem Foto herauszurücken, das zeigte, wie er heute aussah. Dann hätten sie einen Namen und ein Gesicht. Und nicht nur das: Wenn Raymond legal mit einem argentinischen Pass in Frankreich eingereist war, musste er die Passkontrolle passiert haben. Dann hätten sie auch den Flughafen und den Tag seiner Ankunft. Er ging zum Bett und schlug Hallidays Terminkalender auf. Er blätterte mehrere Seiten um, bis er schließlich fand, was er suchte. Dr. Hermann Gray, Facharzt für plastische Chirurgie, Bel Air, 48 Jahre alt. Hat sich plötzlich zur Ruhe gesetzt, das Haus verkauft und das Land verlassen., Hinter Grays Namen stand in Klammern Puerto Quepos, Costa Rica, dann Rosario, Argentinien, Name in James Patrick Odett geändert – ALC/Jagdunfall. ALC – wer oder was war damit gemeint? Plötzlich fühlte er sich beobachtet und blickte auf. Kowalenko telefonierte nicht mehr. Er stand am Fußende des Bettes und musterte ihn. »Eine Sache bereitet mir Kopfzerbrechen. Sagt Ihnen das Kürzel A-L- C etwas?« Wieder bemerkte er die Überraschung in Kowalenkos Gesicht. »Hängt davon ab«, antwortete er. »Wovon?« »Vom Kontext.« »Ich habe es aus Hallidays Notizen. Er erwähnt es im Zusammenhang mit Raymond und seinem plastischen Chirurgen in Argentinien.« »Heißt der Chirurg James Patrick Odett?« »Sie haben sich den Kalender also doch angesehen.« »Ja, aber nur um die Diskette zu suchen.« »Woher wissen Sie dann von Odett?« »An dem Tag, an dem Detective Halliday ermordet wurde, kam Doktor Odett bei einem Brand in einem Bürohaus in Rosario, Argentinien, ums Leben. Das Gebäude ist bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Außer ihm gab es weitere sieben Todesopfer. Alles im Gebäude wurde ein Raub der Flammen.« »Krankenakten, Röntgenbilder …« »Alles vernichtet, Mr. Marten.« »Wie alle anderen medizinischen Unterlagen und polizeilichen Daten.« Kowalenko nickte. »Ich erhielt die Information von meiner Moskauer Dienststelle unmittelbar nach meiner Rückkehr aus dem Hotel, in dem Halliday ermordet wurde, und kurz bevor ich, losfuhr, um Mr. Fords Wohnung zu observieren.« Kowalenko bekam einen abwesenden Blick, als gehe er einem Gedanken nach, der ihn beunruhigte. Marten spürte, dass Kowalenko ihm etwas Wichtiges verschwieg, und das bereitete ihm Unbehagen. Die Frage war, wie viel er ihm, wenn überhaupt, anvertrauen wollte. Als Kowalenkos Blick schließlich zurückkehrte, war er besorgt, aber voller Aufrichtigkeit, oder war es nur eine Verletzlichkeit, die er nie an ihm bemerkt hatte? Auf jeden Fall wusste Marten sofort, dass der Russe beschlossen hatte, ihn einzuweihen. »Es würde Sie interessieren, woher und wieso ich das alles weiß, nicht? Ich habe Sie nicht von ungefähr gefragt, in welchem Zusammenhang ALC erwähnt wird. James Patrick Odett war ein plastischer Chirurg, der nur einen einzigen Patienten behandelt hat. Sein Name ist Alexander Luis Cabrera. Er hat sich bei einem Jagdunfall in den Anden schwere Gesichtsverletzungen zugezogen. Er wollte ein Stück Wild erlegen, und dabei ist ihm sein Gewehr um die Ohren geflogen.« »Wann …«, fragte Marten und hielt kurz inne, als kenne er die Antwort bereits, »… ist das passiert?« »Im März letzten Jahres.« »Im März?« »Ja.« »War jemand dabei?« »Niemand. Sein einziger Jagdbegleiter ging ein Stück hinter ihm.« Kowalenkos Miene wurde plötzlich hart. Nicht weil er das Gefühl hatte, zu viel gesagt zu haben, sondern weil er es nicht glauben wollte. »Ich weiß, was Sie denken, Mr. Marten. Sie denken, dass der Unfall fingiert war. Dass es gar kein Unfall war. Und dass es nicht in den Anden passiert ist, sondern in Los Angeles, bei einer Schießerei mit der Polizei. Aber die Fakten sprechen, dagegen. Uns liegen Berichte der Notärzte vor, die ihn mit dem Hubschrauber geborgen haben, und eine Krankenakte der Klinik, in die er gebracht wurde. Aufzeichnungen der Ärzte, die ihn behandelt haben.« »Die könnten gefälscht sein.« »Möglich, aber Alexander Cabrera ist in Argentinien ein sehr bekannter Geschäftsmann mit tadellosem Leumund, und in seinem Land ist ausführlich über den Unfall berichtet worden.« »Warum war Halliday dann hinter ihm her? Warum stehen seine Initialen hier?« Er hielt Kowalenko den Terminkalender hin. »Das kann ich nicht beantworten«, erwiderte Kowalenko lächelnd. »Aber ich will Ihnen sagen, dass Alexander Cabrera nicht nur bekannt, sondern auch außerordentlich erfolgreich ist. Er besitzt ein weltweit operierendes Pipeline-Unternehmen mit Niederlassungen rund um den Globus. Er hat in mindestens zehn Großstädten Suiten in Fünf-Sterne-Hotels gemietet, in denen er Büros unterhält, auch hier in Paris, im Ritz.« »Cabrera ist hier in Paris?« »Ich weiß nicht, wo er sich derzeit aufhält, ich habe nur gesagt, dass er hier eine Suite hat. Versuchen Sie nicht, Zusammenhänge zu konstruieren, wo keine sind, Mr. Marten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mann wie Cabrera der berüchtigte Raymond Thorne ist.« »Halliday konnte es.« »Tatsächlich? Oder war es nur eine Notiz, etwas, wonach er Dr. Odett fragen wollte?« »Das werden wir wohl nie erfahren, denn beide Männer sind tot.« Marten sah Kowalenko schweigend an, dann trat er ans Fenster und blickte hinaus. Er blieb lange so stehen, rieb sich die kalten Hände., »Wie sind Sie überhaupt auf Alexander Cabrera gekommen?«, fragte er schließlich. »Er ist der älteste Sohn von Sir Peter Kitner.« »Was?« Marten war verblüfft. »Aus erster Ehe.« »Ist das allgemein bekannt?« »Nein. Ich glaube, dass nur sehr wenig Leute davon wissen. Wahrscheinlich nicht einmal seine eigene Familie.« »Aber Sie wissen es.« Kowalenko nickte. »Woher?« »Belassen wir es dabei, dass ich es weiß.« Da war sie, die Bestätigung, dass Kowalenko andere Prioritäten hatte. Marten beschloss, so weit zu gehen, wie der Russe ihn ließ. »Womit wir wieder bei Kitner wären.« Kowalenko griff nach seinem Glas. »Möchten Sie noch einen Schluck, Mr. Marten?« »Ich möchte von Ihnen wissen, was es mit Peter Kitner für eine Bewandtnis hat. Warum nimmt er heute Abend an dem Diner der Romanows teil?« »Weil Sir Peter Kitner ein Romanow ist, Mr. Marten.«, Die vordere Penthouse-Wohnung in der Avenue Hoche 127 war geräumig und frisch renoviert. Sie bestand aus zwei Herrensuiten und einem separaten Dienstbotenzimmer. Obwohl es schneite, sah man vom Fenster aus den angestrahlten, zwei Straßenzüge entfernten Triumphbogen und den dichten Feierabendverkehr, der sich um ihn herumwälzte. Großfürstin Katharina Michailowna teilte sich mit ihrer Mutter, Großfürstin Maria, eine der beiden Suiten. Ihr Sohn, Großfürst Sergej Petrowitsch Romanow, bewohnte die andere. Im Dienstbotenzimmer, in das man zwei Einzelbetten gestellt hatte, schliefen die vier Leibwächter, von denen immer zwei im Dienst waren. So hatte es Großfürstin Katharina geplant, und so sollte es auch bleiben, bis sie in zwei Tagen wieder abreisten. Dann aber, und davon war sie überzeugt, würde eine Menschenmenge draußen die Straße säumen, um einen Blick auf ihren Sohn zu erhaschen, den frisch gekürten Zarewitsch, den ersten russischen Zaren seit beinahe einem Jahrhundert. »Wie in Moskau«, sagte ihre Mutter, Großfürstin Maria, als sie aus dem Fenster des Salons in das Schneetreiben hinausblickte. »Ja, wie in Moskau«, erwiderte Katharina. Trotz der langen Anreise waren beide Frauen ausgeruht, elegant gekleidet und sahen erwartungsvoll dem Abend entgegen. Im nächsten Moment klopfte es an die Tür. »Herein.« In der Erwartung, ihren Sohn eintreten zu sehen, angezogen und fertig für die kurze Fahrt in die Avenue George V, blickte sie zur Tür. Doch es war nur Octavio, ihr narbengesichtiger Leibwächter. »Wir haben uns das Haus angesehen, Hoheit. Alles in Ordnung. Es hat zwei Hintertüren, die auf die Gasse führen,, beide sind verschlossen. Das heißt, eine war es nicht, aber jetzt ist sie es. Am Vordereingang wacht rund um die Uhr ein Concierge. Sein Chef weiß von unserer Ankunft. Niemand darf ohne unsere ausdrückliche Erlaubnis zum Penthouse hinauf.« »Sehr gut, Octavio.« »Der Wagen ist vorgefahren, Hoheit.« »Vielen …« Die Großfürstin unterbrach sich mitten im Satz und sah an Octavio vorbei. Ihr Sohn stand hinter ihm in der Tür. Die Flurlampe schien auf seine Schultern und tauchte ihn in ein goldenes Licht. Mit seinem dunklen, tadellos sitzenden Anzug, dem gestärkten weißen Hemd und der burgunderroten Seidenkrawatte, das Haar seitlich gescheitelt und leicht nach hinten gekämmt, sah er so gut aus wie noch nie. Und dieses blendende Aussehen wurde noch von seinem Auftreten und seiner Haltung übertroffen. Er wirkte kultiviert, selbstsicher und majestätisch – und waren ihr auf der langen Fahrt nach Paris auch leise Zweifel gekommen, als er neben ihr am Computer spielte und wie ein gewöhnlicher junger Mann aussah, das Haar zerzaust, in Bluejeans und einem weiten Pullover, so waren diese Zweifel jetzt wie weggeblasen. Der Junge war verschwunden und an seine Stelle ein hochgebildeter, reifer Mann getreten, der bestens dafür gerüstet war, in seinem Land eine Führungsrolle zu übernehmen. »Seid ihr fertig, Mutter? Großmutter?«, fragte er. »Ja, das sind wir«, antwortete Katharina lächelnd, und dann nannte sie ihn zum ersten Mal bei dem Namen, mit dem ihn am nächsten Morgen um diese Zeit, und davon war sie fest überzeugt, die ganze Welt anreden würde. »Ja, wir sind fertig, Zarewitsch.«, Peter Kitner schlüpfte zuerst mit dem einen, dann mit dem anderen Arm in das gestärkte Hemd. Normalerweise half ihm sein französischer Kammerdiener beim Ankleiden, da dieser jedoch durch den Schneefall am Kommen gehindert worden war, ging ihm heute sein Privatsekretär, Taylor Barrie, zur Hand. Jetzt reichte er ihm die Hose zu dem schwarzen Smoking, drehte sich um und nahm aus der für festliche Krawatten reservierten Mahagonikommode eine passende Fliege. Von allen Abenden, an denen Barrie für den Kammerdiener hatte einspringen müssen, war heute der schlimmste. Der Medienmogul war wütend auf ihn, und aus seiner Sicht durchaus mit Recht. Barrie war es nicht gelungen, das Geheimtreffen mit Alexander Cabrera und der Baronesse Marga de Vienne, um das er gebeten hatte, zu arrangieren. Der Treffpunkt war nicht das Problem gewesen. Er hatte schnell eine abgelegene Villa bei Versailles gefunden und alle Vorkehrungen für ihre Benutzung am morgigen Vormittag getroffen. Das Problem war, dass er weder Cabrera noch die Baronesse erreichen konnte. Und so hatte er nichts weiter tun können, als wo immer möglich eine Nachricht zu hinterlassen – für Cabrera im Ritz, in der Hauptverwaltung seiner Firma in Buenos Aires und in seiner europäischen Zentrale in Lausanne und für die Baronesse in ihren Häusern in der Auvergne und in Luxemburg sowie in ihrer Wohnung in Zürich. Überall war ihm höflich mitgeteilt worden, dass Cabrera auf Reisen und momentan nicht zu sprechen sei. Er hatte gewusst, dass Kitner die Sache persönlich nehmen würde. Sir Peter Kitner fand ein geneigtes Ohr bei Königen, Präsidenten und den höchsten Vertretern der Wirtschaft in aller Welt. Niemand wies ihn am Telefon ab oder war für ihn »nicht zu sprechen«, auch nicht in Ausnahmefällen., »Fliege«, befahl Kitner und schloss den obersten Knopf seiner Hose. »Sehr wohl, Sir.« Barrie reichte ihm die ausgewählte Fliege, darauf gefasst, dass Kitner sie ablehnen würde. Doch er nahm sie und sah ihn an. »Ich brauche Sie nicht mehr. Sagen Sie Higgs, dass ich in fünf Minuten den Wagen möchte.« »Jawohl, Sir.« Taylor Barrie nickte dienstbeflissen und verließ den Raum, froh, entlassen zu werden. Kitner trat vor den Spiegel. Zornig band er eine Schleife, und noch eine, dann hielt er inne. Barrie traf kein Schuld. Cabrera und die Baronesse hatten nicht seinen Sekretär abgewiesen, sondern ihn selbst. Barrie hatte nur seine Arbeit getan. Mit einem Mal fiel ihm auf, dass er sein Spiegelbild anstarrte. Er wandte sich ab. Alfred Neuss und Fabien Curtay waren tot. Das Messer und der 8-mm-Film waren verschwunden. Wie lange lag der Vorfall im Parc Monceau jetzt zurück? Zwanzig, fünfundzwanzig Jahre? Neuss hatte damals zu dem halben Dutzend Erwachsener gehört, die bei der Kindergeburtstagsparty Aufsicht führten. Er filmte gerade mit einer Schmalfilmkamera, als Paul, sein zehnjähriger Sohn, zu einem Gebüsch rannte, um einen Fußball zu holen. Er folgte ihm mit laufender Kamera und war in dem Augenblick zur Stelle, als plötzlich wie aus dem Boden gewachsen der vierzehnjährige Alexander dastand und Paul das große spanische Schnappmesser in die Brust stieß. Neuss packte Alexander am Arm und drehte ihn herum. Die Kamera lief weiter. Alexander versuchte vergeblich, sich loszureißen. Plötzlich ließ er das Messer fallen, kam frei und rannte davon. Doch es war zu spät. Paul lag sterbend am Boden, die Klinge hatte ihn ins Herz getroffen. Pech für Alexander war, dass Neuss die Mordwaffe besaß und den Mord auf Super-8-Film gebannt hatte. Neuss schilderte der, Polizei den Hergang der Tat: Ein Junge sei hinter den Bäumen aufgetaucht, habe Paul Kitner erstochen und sei dann weggerannt. Mehr sagte er nicht. Dass er den Mörder kannte, den ganzen Vorfall gefilmt hatte und im Besitz der Mordwaffe war, verschwieg er. Er verschwieg es, weil er seit Jahren mit Peter Kitner eng befreundet war und zu den ganz wenigen gehörte, die seine wahre Identität kannten. Er verschwieg es, weil nicht er, sondern Kitner darüber zu entscheiden hatte, was mit dem Messer und dem Film geschehen sollte. Am Tag nach Pauls Beerdigung bestellte Kitner die Baronesse und Alexander in seine Suite im Wiener Hotel Sacher. Da er nicht wünschte, dass die Familie von Alexanders Existenz erfuhr und ihr den hässlichen Skandal ersparen wollte, der unausweichlich war, wenn ein Brudermörder vor Gericht gestellt wurde, präsentierte er ihnen die Beweisstücke und schlug eine schriftliche Vereinbarung vor. Er verpflichtete sich zu Stillschweigen, wenn Alexander unverzüglich Europa verließ und in Südamerika unter anderem Namen ein neues Leben begann. Außerdem erklärte er sich bereit, für seine Ausbildung und Unterbringung aufzukommen. Im Gegenzug sollte Alexander ein Schriftstück unterzeichnen, in dem er gelobte, für alle Zeiten auf jeden Anspruch auf den Familiennamen zu verzichten und niemals seine wahre Herkunft zu enthüllen, andernfalls sollten die Beweisstücke der Polizei übergeben werden. Mit anderen Worten, er wurde aus Europa verbannt und von der Familie im grausamsten Sinn des Wortes verstoßen: Sein Vater leugnete seine Existenz. Kitner besaß das Messer, den Film und in Neuss obendrein einen Augenzeugen, deshalb hatte sich Alexander notgedrungen gefügt. Die Baronesse musste den Pakt zusammen mit ihm unterzeichnen, denn Kitner wusste, dass sie die eigentliche Drahtzieherin war und ihn zu dieser Tat angestiftet hatte., Die gut aussehende, in Russland geborene schwedische Frau des französischen Philanthropen Baron Edmond de Vienne, Alexanders gesetzlicher Vormund, gehörte zu den großen Damen der europäischen Gesellschaft. Ihre und Kitners Wege kreuzten sich oft, und nach außen hin wahrten sie den Schein eines herzlichen Verhältnisses. Doch hinter der Fassade war sie eine zutiefst verletzte und von brennendem Ehrgeiz erfüllte Frau, die vor Jahren von Kitner und seiner Familie schroff abgewiesen worden war und seitdem auf Rache sann. Wäre er klüger gewesen, hätte er schon damals, kurz nachdem sie sich kennen gelernt hatten und ein Liebespaar wurden, ahnen können, was die Zukunft bringen würde. Spätestens seit jenem kalten, stürmischen Tag, als sie Hand in Hand an der Seine spazieren gingen und sie ihm eine Geschichte erzählte. Eine Geschichte, die sie, wie sie sagte, noch keinem Menschen verraten hatte. Sie handelte von einer guten Freundin aus Stockholm, die im Alter von fünfzehn Jahren mit ihrer Klasse eine Studienfahrt nach Italien unternommen hatte. Eines Tages wurde diese Freundin in Neapel von ihren Klassenkameradinnen und Aufsichtspersonen getrennt. Bei dem Versuch, ins Hotel zurückzufinden, geriet sie an einen jungen Mann, der ihr ein Messer an die Kehle setzte und damit drohte, sie zu erstechen, wenn sie nicht mit ihm käme. Er brachte sie in eine schäbige Wohnung, wo er sie mit vorgehaltenem Messer zum Geschlechtsverkehr zwang. Aus Angst war sie ihm zu Willen. Hinterher, als er dalag und sich von seiner Lust erholte, packte sie das Messer, stieß es ihm in den Bauch und trennte ihm die Kehle durch. Doch das genügte ihr nicht, und sie schnitt ihm den Penis ab und warf ihn auf den Boden. Anschließend ging sie ins Badezimmer, wusch sich gründlich, zog sich an und verließ die Wohnung. Eine halbe Stunde später war sie wieder im Hotel und mit ihren Schulfreundinnen vereint, doch sie erzählte niemandem, was geschehen war. Erst vor einem Jahr, und damit beendete die Baronesse ihre Geschichte, habe sie sich ihr anvertraut., Damals hielt Kitner die Geschichte für reichlich bizarr, wenn nicht sogar für erfunden und tat sie als Ausgeburt der Phantasie einer Zwanzigjährigen ab, die ihn mit ihrer vermeintlichen Lebenserfahrung beeindrucken wollte. Was ihm jedoch zu denken gab, war die Verstümmelung des Vergewaltigers. Vorausgesetzt, die Geschichte stimmte, so konnte er durchaus verstehen, dass die Freundin sich an dem Mann rächen, ja ihn sogar töten wollte. Doch die Verstümmelung war etwas anderes. Töten hatte ihr nicht genügt. Was sie dazu getrieben hatte, war schwer zu sagen. Doch wenn die Geschichte der Wahrheit entsprach, erwachte in ihr, wenn eine bestimmte Saite in ihrem Innern angeschlagen wurde, offensichtlich der Wunsch, auf brutale, ja grausame Weise Rache zu üben. Als er den Film von Pauls Ermordung im Park sah, fiel ihm die Geschichte wieder ein, und da begriff er, dass sie weder erfunden war noch von einer Freundin handelte. Die Baronesse hatte von sich selbst gesprochen. Von einer Sekunde auf die andere war sie vom Opfer zur Mörderin und Schlächterin geworden. Deshalb war die Tötung seines geliebten Sohnes durch seinen halbwüchsigen Halbbruder, von dessen Existenz Paul nichts ahnte, weit mehr als ein simpler Mord. Die kaltblütige Tat sollte ihm enthüllen, was in Neapel wirklich geschehen war, und unmissverständlich klar machen, mit wem er es zu tun hatte: mit einer unversöhnlichen, mordgierigen ehemaligen Geliebten, die fest entschlossen war, nicht nur sein Herz, sondern auch seine Seele zu zerstören. Die Baronesse hatte sich in eine sadistische Göttin der Finsternis verwandelt. Zu alt und zu bekannt, um die Tat selbst auszuführen, hatte sie Alexander zu einem Todesboten geformt und ihm von Kindesbeinen an ihren krankhaften Hass auf Kitner eingeflößt. Kitner hätte sie töten sollen – und wäre seine Mutter noch am Leben gewesen, hätte sie es wahrscheinlich getan –, doch so konsequent er sonst war, eine solche Tat widerstrebte seiner Natur, und so schloss er einen Pakt, um sich den, Todesboten der Baronesse vom Leib zu halten. Das hatte lange Zeit funktioniert. Und dann waren beide zurückgekommen. Kitners Augen wanderten zu seinem Spiegelbild zurück. Mit einem Mal sah er alt, ängstlich und verwundbar aus, als habe er urplötzlich die Kontrolle über sein Leben verloren. Es war alarmierend, dass die Baronesse Alfred Neuss im Parc Monceau hatte umbringen lassen. Genau am selben Ort, wo Paul erstochen worden war. Und nun, da mit Neuss der einzige Augenzeuge des Mordes an Paul tot war und die Tatwaffe und der Film sich, wie er vermutete, in Alexanders Besitz befanden, war der Pakt, den er mit ihnen geschlossen hatte, hinfällig. Er würde mit seiner Frau und seinen Kindern in Davos sein. Und auch die Baronesse und Alexander würden sich dort aufhalten. Er konnte nichts dagegen tun. Sie wussten von Gitinows Rede. Folglich kannten sie auch ihren Inhalt. Was, wenn die Höllengöttin wieder ihren Todesboten mit dem spanischen Schnappmesser zu ihm, Michael, seiner Frau oder einer seiner Töchter schickte? Der Gedanke ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Er griff zum Telefon. »Verbinden Sie mich mit Higgs.« »Ja, Sir«, antwortete Barries Stimme, und Kitner hörte, wie er eine Kurzwahlnummer tippte. Eine Sekunde später war der Sicherheitschef in der Leitung. »Higgs, Sir.« »Ich möchte wissen, wo sich Alexander Cabrera und die Baronesse de Vienne im Augenblick befinden. Und wenn Sie die beiden aufgestöbert haben, observieren Sie sie. Nehmen Sie so viele Leute, wie Sie brauchen. Ich möchte wissen, wohin sie gehen, mit wem sie sich treffen und was sie tun. Ich will genau darüber in Kenntnis gesetzt werden, wo sie sich aufhalten, zu jeder Tagesund Nachtzeit, bis Sie Gegenteiliges von mir hören.« »Das wird etwas Zeit erfordern, Sir.«, »Dann verschwenden Sie keine.« Kitner legte auf. Zum ersten Mal seit Pauls Ermordung war er nervös und unsicher. Wenn er jetzt überschnappte oder paranoid wurde, sei’s drum. Er hatte es mit einer Wahnsinnigen zu tun., Hotel Saint-Orange, dieselbe Zeit, 18.45 Uhr »Erzählen Sie mir von Kitner.« Nick Marten beugte sich über Kowalenkos kleinen Schreibtisch und sah den Russen gespannt an. »Er ist ein Romanow, aber er führt den Namen nicht. Er hat einen Sohn, der in Argentinien lebt und einen spanischen Nachnamen trägt.« Kowalenko goss sich erneut Wodka nach, ließ das Glas aber unberührt stehen. »Kitner hat sich von Cabreras Mutter scheiden lassen, noch bevor der Junge geboren war, und heiratete ein knappes Jahr später seine jetzige Frau Luisa, eine Cousine des spanischen Königs Juan Carlos. Vierzehn Monate später ertrank Cabreras Mutter bei einem Segelunfall in Italien und …« »Und wer war seine Mutter?« »Eine Schwedin russischer Abstammung. Sie war Studentin, als Kitner sie kennen lernte … Auf jeden Fall übernahm nach ihrem Tod ihre Schwester die Vormundschaft für den Jungen. Bald danach heiratete die Schwester einen adligen und sehr wohlhabenden französischen Philanthropen. Später, als Cabrera ins Teenageralter kam, zog sie mit ihm auf eine Hacienda, die sie in Argentinien besaß. Er nahm den Namen Cabrera an, vermutlich nach dem Gründer der Stadt Cordoba.« »Warum ausgerechnet Argentinien?« »Keine Ahnung.« »Weiß Cabrera, dass Kitner sein Vater ist?« »Kann ich auch nicht sagen.« »Weiß er, dass er ein Romanow ist?« »Dieselbe Antwort.«, Marten starrte Kowalenko einen Moment lang an, dann deutete er auf den Laptop des Russen. »Große Festplatte. Der Speicher auch?« »Was meinen Sie damit?« »Wenn es Raymond, wie Sie behaupten, auf Kitner abgesehen hat, dann haben Sie doch bestimmt eine Datei über ihn in Ihrer Datenbank. Oder?« »Ja.« »Und wahrscheinlich enthält sie alle möglichen Informationen, vielleicht sogar Fotos von Kitner und seiner Familie. Und da Cabrera ein Mitglied dieser Familie ist, haben Sie vielleicht sogar ein Foto von ihm. Wenn man Hallidays Notizen glauben darf, können wir davon ausgehen, dass er sich einer Gesichtsoperation unterzogen hat. Vielleicht war es ein größerer Eingriff, vielleicht auch nicht. Ich weiß, dass wir ein Foto von Raymond haben, und wenn Sie über eins von Cabrera verfügen …«, Marten lächelte schwach, »… könnten wir sie vergleichen und feststellen, ob sie übereinstimmen.« »Sie sind offenbar von der Idee besessen, dass Alexander Cabrera und Raymond Thorne ein und derselbe Mann sind.« »Und Sie sind anscheinend genauso fest vom Gegenteil überzeugt. Selbst wenn sie so unterschiedlich sind wie Tag und Nacht, hätte ich wenigstens eine ungefähre Vorstellung, wie Cabrera aussieht. Es ist eine einfache Frage, Inspektor. Haben Sie ein Foto von Alexander Cabrera, ja oder nein?«, Immer noch Donnerstag, 16. Januar, 19 Uhr Die Straßen von Paris waren so gut wie leer und nahezu unpassierbar, als Octavio bei dichtem Schneefall mit dem Alfa Romeo in die Avenue George V einbog und nach dem Haus mit der Nummer 151 Ausschau hielt. Auf dem Sitz hinter ihm blickte die Großfürstin zuerst zu ihrem Sohn, dann zu ihrer Mutter, die zwischen ihnen saß, und schließlich hinaus auf die verschneiten Straßen. So würden sie nie wieder reisen – anonym, in einem unauffälligen Wagen, beinahe wie Flüchtlinge. In zwei, höchstens drei Stunden – falls die Familienmitglieder, die Fürst Dimitri unterstützten, die Stimme zu laut gegen die Anhänger ihres Sohnes erhoben und sie zwangen, die Sympathie- schreiben des russischen Präsidenten und der Bürgermeister von St. Petersburg und Moskau vorzulegen, ferner die Liste mit den Unterschriften von dreihundert der vierhundertundfünfzig Duma- Abgeordneten und, gewissermaßen als Gnadenstoß, den persönlichen Brief seiner Heiligkeit Gregors II., des Oberhaupts der russisch-orthodoxen Kirche – würde sie triumphieren. Großfürst Sergej würde Zarewitsch werden, und sie würden, Schneetreiben hin oder her, das Haus in der Avenue George V 151 nicht im Fond eines Allerweltsautos verlassen, das ein narbengesichtiger Schläger steuerte, sondern in einer Kolonne von Luxuskarossen und unter dem Schutz des Federalnaja Sluschba Ochrani, des Sicherheitsdienstes des Präsidenten von Russland, kurz FSO. »Wir sind gleich da, Hoheit.« Octavio fuhr noch langsamer. Helle Lichter, Absperrungen und Polizisten tauchten vor ihnen, aus dem Schneegestöber auf. Geistesabwesend fasste sich die Großfürstin an den Hals und betrachtete dann ihre Hände. Sie bedauerte es, dass sie aus Sicherheitsgründen ihre Diamantringe, Ohrringe, Halsketten aus Rubinen und Smaragden und ihre Armbänder aus Gold und Diamanten nicht mitgebracht hatte. Eigentlich sollte sie diesen Schmuck zu einem solchen Anlass tragen. Und dazu einen eleganten Pelzmantel, und nicht diesen Reisemantel aus Wolle, den sie unter den gegebenen Umständen zu tragen genötigt war. Einen Nerz, Zobel oder Hermelin, einen Mantel, der dem vornehmsten Mitglied der kaiserlichen Familie anstand. Einen Mantel und prächtige Juwelen, die dem Titel entsprachen, den sie fortan tragen würde. Nicht einfach nur Großfürstin, sondern Zariza, Mutter des Zaren von ganz Russland., Hotel Saint-Orange, dieselbe Zeit Nick Marten blickte Kowalenko über die Schulter, als der Russe das LAPD-Verbrecherfoto von Raymond auf den Bildschirm des Laptops holte. »Und jetzt Cabrera«, drängte er. Ein Klicken, Raymonds Gesicht verschwand, und ein Digitalfoto erschien. Es zeigte einen großen und schlanken jungen Mann mit dunklen Haaren und sauber gestutztem Bart im Straßenanzug, der vor einem modernen Bürogebäude in einen Luxuswagen stieg. »Alexander Cabrera. Die Aufnahme wurde vor drei Wochen vor dem Hauptsitz seiner Firma in Buenos Aires gemacht.« Klick. Ein zweites Foto: wieder Cabrera, diesmal in einem Overall und mit Helm. Irgendwo in der Wüste studierte er Pläne, die auf der Kühlerhaube eines Kleintransporters ausgebreitet waren. »Vor sechs Wochen auf dem Ölfeld Shaybah in Saudi- Arabien. Sein Unternehmen plant den Bau einer sechshundert Kilometer langen Pipeline. Der Vertrag hat ein Volumen von fast einer Milliarde Dollar.« Klick. Ein drittes Foto: wieder Cabrera, diesmal lächelnd. Er trug einen dicken Mantel und stand, von mehreren winterlich gekleideten und grinsenden Ölfeldarbeitern umringt, vor einer riesigen Ölraffinerie. »Das war am dritten Dezember letzten Jahres in der LUKoil- Raffinerie im Baltikum, wo er an Plänen arbeitet, die litauische Ölindustrie mit den russischen Ölfeldern zu verbinden.«, »Und jetzt teilen Sie das Fenster«, sagte Marten, »und rufen Raymond neben Cabrera auf.« Kowalenko kam der Aufforderung nach. Cabrera hatte dieselbe Statur wie Raymond, aber sonst bestand wenig Ähnlichkeit. Nase, Ohren und Gesichtszüge waren völlig anders. Dass er einen Bart trug, machte alles noch schwieriger. »Wie Zwillinge sehen sie nicht gerade aus«, meinte Kowalenko. »Er war bei einem Schönheitschirurgen. Wir wissen nicht, ob es nur darum ging, gebrochene Gesichtsknochen zusammenzu- flicken, oder ob er bewusst sein Aussehen verändern ließ.« Kowalenko schaltete den Rechner aus. »Was nun?« »Keine Ahnung.« Enttäuscht machte Marten ein paar Schritte. Plötzlich wandte er sich um. »Haben Sie Fotos aus der Zeit vor seinem ›Unfall‹?« »Eines. Es wurde ein paar Wochen davor auf dem Tennisplatz seiner Hacienda aufgenommen.« »Holen Sie es auf den Schirm.« Kowalenko schaltete das Gerät wieder ein. Er klickte sich durch mehrere Dateien, bis er fand, was er suchte. »Hier, sehen Sie selbst.« Klick. Marten starrte auf den Schirm. Das Foto war aus relativ großer Entfernung aufgenommen. Cabrera trug Tenniskleidung und verließ, einen Schläger in der Hand, gerade den Court. Wieder dieselbe Statur wie Raymond, aber sonst wenig Ähnlichkeit. Bei seiner Verhaftung in Los Angeles hatte Raymond blonde Haare und helle Augenbrauen gehabt. Der Tennisspieler hatte dunkle Haare und dunkle Augenbrauen und eine viel größere Nase, die sein Gesicht ganz anders aussehen ließ. »Ist das alles? Gibt es sonst keine Aufnahme aus der Zeit davor?«, »Nein.« »Und in Moskau?« »Auch nicht, glaube ich.« »Wieso nicht?« »Wir sind froh, dass wir die überhaupt haben. Ein freiberuflicher Fotograf hat sie gemacht, bevor man ihn vom Grundstück geworfen hat. Cabrera ist pressescheu. Keine Fotos, keine Berichte. Er mag so etwas nicht und hat einen Bodyguard, der ihm die Presse vom Leib hält.« »Sie sind nicht von der Presse. Sie haben bewiesen, dass Sie Fotos von ihm beschaffen können, wenn Sie wollen.« »Mr. Marten, damals war es nicht wichtig.« »Was?« Kowalenko zögerte. »Nichts.« »Was war nicht wichtig?« »Das ist eine russische Angelegenheit.« »Es hat mit Kitner zu tun, stimmt’s?« Kowalenko antwortete nicht und griff nach seinem Wodka. Marten packte das Glas und zog es weg. »Was soll das?« »Ich habe noch das Bild von Dan Ford vor Augen, wie er in seinem Wagen aus dem Fluss gezogen wurde. Und was ich sehe, gefällt mir nicht. Ich möchte eine Antwort.« Er funkelte den russischen Polizisten an. Draußen vor dem Fenster heulte der Wind, und der Schnee fiel noch dichter. Kowalenko blies sich in die Hände. »Eine billige Absteige, russischer Winter.« »Antworten Sie mir.« Kowalenko griff demonstrativ nach dem Glas, das Marten weggezogen hatte, kippte den Inhalt hinunter und stand auf. »Wissen Sie, was das Ipatjew-Haus ist, Mr. Marten?«, »Nein.« Kowalenko ging zum Tisch, auf dem die Wodkaflasche stand, schenkte sich etwas ein, tat dasselbe mit Martens Glas. »Das Ipatjew-Haus ist, oder besser gesagt, war, bevor man es dem Erdboden gleichgemacht hat, ein großes Haus in der Stadt Jekaterinburg, viele Kilometer östlich von Moskau im Ural. Die Entfernung spielt keine Rolle. Wichtig an dem Haus ist nur, dass der letzte Zar von Russland, Nikolaj II., zusammen mit seiner Frau, seinen Kindern und Dienern von den Bolschewiken während der kommunistischen Revolution dort als Geisel ge- halten wurde. Am 17. Juli 1918 wurden sie mitten in der Nacht aus dem Bett geholt, in den Keller gebracht und erschossen. Nach der Erschießung hat man die Leichen auf einen Lastwagen geladen und in einen Wald gekarrt, in dem es stillgelegte Minen gab. Die Gegend trug den Namen ›Die Vier Brüder‹. Dummerweise hatte es die ganze Woche geregnet, die Straßen waren aufgeweicht, und der Lastwagen blieb immer wieder stecken, also lud man die Leichen auf Schlitten um und zog sie zu dem Schacht, in dem sie versenkt werden sollten. Im Morgengrauen entkleidete man die Toten und verbrannte die Kleider, um eine Identifizierung unmöglich zu machen, falls die Leichen später entdeckt werden sollten. Vergessen Sie nicht, 1918 tobte in Zentralrussland ein Bürgerkrieg. Leichen sind nichts Ungewöhnliches, und Morde werden, wenn überhaupt, nur selten untersucht. In der Zwischenzeit waren auch andere hochrangige Mitglieder der Herrscherfamilie Romanow ermordet worden. Wieder anderen jedoch gelang die Flucht, meist mit Hilfe europäischer Herrscherhäuser. Durch den Mord im Ipatjew- Haus war die klare Thronfolge unterbrochen und der Rest der kaiserlichen Familie, oder was man die russische Dynastie nennt, über ganz Europa und später über die ganze Welt verstreut. Seit damals meldet sich immer wieder der eine oder, andere Romanow zu Wort und erhebt unter Berufung auf irgendwelche Beweise Ansprüche auf die Krone. Heute zerfällt die Familie Romanow in vier Hauptzweige. Jeder geht auf Zar Nikolaj I. zurück, den Ururgroßvater des im Ipatjew-Haus ermordeten Zaren Nikolaj. Und die überlebenden Mitglieder dieser vier Zweige versammeln sich heute in der Avenue George V 151.« »Wozu?« »Um den nächsten Zaren von Russland zu wählen.« Marten begriff nicht. »Wovon reden Sie? Russland hat doch gar keinen Zaren mehr.« Kowalenko nippte an seinem Wodka. »Das russische Parlament hat heimlich dafür votiert, die Kaiserkrone wieder einzuführen und dem Land die Form einer konstitutionellen Monarchie zu geben. Der russische Präsident wird das am Samstag in einer Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos bekannt geben. Der neue Zar soll das Land nach innen und außen repräsentieren, aber über keine Machtbefugnisse verfügen. Seine einzige und vorrangige Aufgabe wird darin bestehen, dem russischen Volk seinen Nationalstolz wiederzugeben und es in der Zeit des Wiederaufbaus zu einen. Eventuell …«, er grinste, »… wird er auch ein bisschen Werbung machen, weltweit. Sie verstehen, als eine Art globaler Supervertreter für russische Waren und Dienst- leistungen. Und vielleicht sogar den Tourismus ankurbeln.« Marten verstand nur Bahnhof. Die Vorstellung, dass Russland tatsächlich zur Monarchie zurückkehren wollte, war in jeder Hinsicht schwindelerregend. Doch er sah immer noch keine Verbindung zu dem, was hier gespielt wurde. Kowalenko nahm noch einen Schluck. »Vielleicht hilft es Ihnen, wenn ich sage, dass die Leute, die Raymond Thorne unserer Meinung nach in Amerika umbrachte, bevor er das Blutbad in Los Angeles anrichtete, mehr gemeinsam hatten als nur die Tatsache, dass sie Russen waren.«, »Waren Sie Romanows?« »Nicht nur Romanows, Mr. Marten, sondern sehr einfluss- reiche Mitglieder der Familie, selbst die Schneider in Chicago.« Marten blickte skeptisch. »Darum soll es hier also gehen? Um einen Machtkampf zwischen den Romanows, die darum streiten, wer Zar wird?« Kowalenko nickte bedächtig. »Möglicherweise, ja.«, Das Haus in der Avenue George V 151, 19.30 Uhr Großfürstin Katharina stockte der Atem, als sie den kleinen, lebhaften und elegant gekleideten Mann erblickte, der beim Sprechen in seiner unverwechselbaren Art auf den Zehen wippte: Nikolaj Nemow, der überaus einflussreiche und populäre Bürgermeister von Moskau. Er stand mitten im marmorgefliesten Salon der Nobelvilla und hielt Hof, umringt von einer Gruppe Romanows im Smoking, die alle vier Zweige der Familie repräsentierten. »Nicki«, wie seine Freunde ihn nannten, stellte einen von Katharinas wichtigsten Trümpfen dar. Im Lauf der Jahre war zwischen ihnen eine Freundschaft entstanden, die sie sorgsam pflegte und die so weit ging, dass sie inzwischen mindestens einmal die Woche, wenn nicht öfter, miteinander telefonierten und über dies und jenes plauderten, wie Freunde es eben tun. Dass er eigens angereist war, kam für sie völlig überraschend, aber sie wusste, dass er es nur für sie und ihren Sohn, Großfürst Sergej, getan hatte. Und dass er es getan hatte, gab ihr die Gewissheit, dass der Krieg schon vorbei und gewonnen war. Natürlich würde noch gekämpft werden, doch das würde nichts ändern. Das schiere Übergewicht der Romanows, die Nemow umlagerten, und die Vorrangstellung dieser Männer innerhalb der verschiedenen Fraktionen ließen keinen Zweifel daran, dass der lange Kampf vorüber war und die gerechte Sache gesiegt hatte. Bald würde die kaiserliche Krone der Romanows auf dem Haupt ihres Sohnes ruhen., Peter Kitner saß allein im Fond, während die Limousine sich dem Triumphbogen näherte und der Chauffeur im Schneegestöber vorsichtig durch die leeren Straßen von Paris steuerte. Higgs saß vorn neben dem Fahrer und sprach in sein Mobiltelefon, doch wegen der Sicherheitsscheibe konnte Kitner nicht hören, was er sagte. Der Schnee und die Scheibe schirmten ihn so gegen alles ab, dass er sich wie ein Gefangener in einer Zelle vorkam. Ein Gefangener, der in eine ungewisse Zukunft fuhr., »Warum hat Kitner verheimlicht, dass er ein Romanow ist?«, bedrängte Marten Kowalenko. Der Schneesturm rüttelte an den Fenstern und ließ das Zimmer noch kälter wirken, als es ohnehin schon war. »Das müssen Sie ihn fragen, nicht mich.« Kowalenko war durch eine E-Mail abgelenkt, die soeben auf seinem Monitor erschienen war und die er jetzt auf Russisch beantwortete. »Wer aus der Familie weiß es?« »Nur wenige, glaube ich, wenn überhaupt.« Kowalenko versuchte, sich aufs Tippen zu konzentrieren. »Warum reden wir nicht über den Schneesturm?« »Weil ich über Peter Kitner reden will.« Marten trat näher und spähte Kowalenko über die Schulter. Der Bildschirm war voller kyrillischer Buchstaben. »Hat er genug Einfluss, um bei der Wahl des Zaren das Zünglein an der Waage zu spielen? Geht er deshalb zu dem Diner? Um dann später, wenn der Zar eingesetzt ist, den Lohn für seine Gefälligkeit einzufordern und seine Geschäfte in Russland auszuweiten?« »Ich bin Polizist, und Sie fragen mich nach Politik und Macht. Das fällt nicht in mein Fach.« »Für wen arbeitet Raymond? Welche Rolle spielt er in diesem ›Krieg der Romanows‹?« Kowalenko tippte seine E-Mail zu Ende und schickte sie ab, klappte den Rechner zu und schaute zu Marten. »Es dürfte Sie interessieren, dass ich eben eine E-Mail von meiner Moskauer Dienststelle bekommen habe. Es handelte sich um eine Interpol-Mitteilung vom nationalen Zentralbüro in Zürich, die man an mich weitergeleitet hat. Kinder haben beim, Schlittschuhlaufen auf einem See in einem angrenzenden Waldstück eine männliche Leiche gefunden.« Bei Marten schrillten die Alarmglocken. »Und?« »Man hat ihm die Kehle durchgeschnitten, der Kopf ist beinahe vom Rumpf getrennt. Die Kinder haben ihn gegen drei heute Nachmittag entdeckt. Nach Meinung der Polizei war er da erst ein paar Stunden tot. Die Obduktion steht noch aus.« »Haben Sie ein Pariser Telefonbuch?«, fragte Marten unvermittelt. »Ja«, antwortete Kowalenko verdutzt, ging zum Nachttisch, riss mit roher Gewalt eine verzogene Schublade auf, entnahm ihr ein Telefonbuch und reichte es Marten. »Wann hat es eigentlich so heftig zu schneien begonnen?«, fragte Marten, während er blätterte. Kowalenko zuckte mit den Schultern. »Irgendwann am Nachmittag. Wieso?« »Bei dem, was da draußen los ist, würde es mich nicht wundern, wenn die Flughäfen inzwischen geschlossen sind und der Schienen- und Straßenverkehr praktisch zum Erliegen gekommen ist.« »Wahrscheinlich, aber was hat das Wetter mit dem Toten in Zürich zu tun?« Marten fand, was er suchte. Er griff zum Telefon und wählte. Kowalenko runzelte verwirrt die Brauen. »Wen rufen Sie denn an?« »Das Ritz.« Marten hielt inne, als es am anderen Ende klingelte und jemand abhob. »Alexander Cabrera, bitte.« Er wartete eine ganze Weile, dann: »Verstehe … Wissen Sie zufällig, ob er in der Stadt ist …? Ja,, das Unwetter, ich weiß. Nein, ich möchte keine Nachricht hinterlassen, ich versuche es später noch mal.« Er legte auf. »Er ist nicht da. Nähere Auskünfte wollten sie nicht geben. Aber sie haben in seinem Zimmer angerufen, und deshalb vermute ich, dass er irgendwann im Lauf des Tages da war.« »Was wollen Sie damit sagen?« »Wenn er den Mord in Zürich begangen hat, kann er wegen der Schneefälle nicht nach Paris zurück. Es könnte also sein, dass er noch in der Schweiz weilt.«, Neuchâtel, Schweiz, zur selben Zeit Die Schneefront, die Paris in die Knie zwang, hatte die Schweiz noch nicht erreicht. Die Nacht war bitterkalt und sternenklar, und ein schlanker Mond tauchte den Neuenburger See und das Land in mattes silbernes Licht. »Sieh mal«, lächelte Alexander und hauchte. Sein Atem hing in der Luft wie die Pustewolke in einem Comic für Kinder. Rebecca kicherte und tat es ihm nach. »Hui!«, sagte er lachend und nahm sie an der Hand. Dann setzten sie ihren Spaziergang am zugefrorenen Ufer des Sees fort. In einigem Abstand folgten Gerard und Nicole Rothfels. In ihrer Begleitung befand sich die Baronesse, die wie die anderen den Spaziergang in der frischen Luft genoss und dabei Alexander und seine künftige Braut, die schöne Kindfrau, die große Liebe seines Lebens, nicht aus den Augen ließ. Die Kindfrau, die sie seit nunmehr fast fünf Monaten kannte und mit der sie eine tiefe gegenseitige Zuneigung verband – und deren Fremdsprachenunterricht sie sorgfältig vorbereitet hatte und heimlich überwachte. Rebecca war außergewöhnlich intelligent und lernbegierig. Sie sprach inzwischen nahezu fließend Französisch, Italienisch, Spanisch und Russisch. Sie waren ihr fast zur zweiten Natur geworden, was sie in die Lage versetzte, wie Alexander oder die Baronesse nach Belieben von einer in die andere zu wechseln. Rebeccas Ausbildung beschränkte sich allerdings nicht auf das Erlernen von Sprachen. Bei zahlreichen Gelegenheiten lud die Baronesse sie in ihre Züricher Wohnung ein, ging mit ihr, einkaufen und essen wie eine spendable, reiche Tante; gab ihr zusätzlichen Unterricht, feilte an ihrem persönlichen Stil und Auftreten und brachte ihr bei, welche Kleider sie wann und wie zu tragen, wie sie sich zu frisieren, welches Make-up sie aufzulegen, wie sie zu gehen und sich zu benehmen, mit wem sie wann und wie zu sprechen hatte. Sie hielt Rebecca dazu an, häufiger zu lächeln, ohne ihre fragile Verletzlichkeit zu verlieren, die sie für Männer jeden Alters so attraktiv machte; ermunterte sie zu lesen, insbesondere Klassiker, und das in mehr als einer Sprache. Sie weihte sie persönlich in die Geheimnisse der Liebe ein, unterwies sie, wie man in Gesellschaft und privat mit einem Mann verkehrte, wie man ihn umsorgte, verwöhnte, ihm eine Szene machte – und wie man ihn liebte, obwohl sie wusste, dass Rebecca noch Jungfrau war und nie mit einem Mann geschlafen hatte. Als Rebecca und Alexander einander immer näher kamen, versicherte sie ihr unablässig, dass sie ohne Furcht und unbefangen in ihre Hochzeitsnacht gehen könne. Sie werde ihren Mann und sich selbst über alle Maßen beglücken, so wie sie selbst in ihrer Hochzeitsnacht ihren Mann und sich selbst beglückt habe. Der Unterricht und die Unterweisungen hatten nicht länger als fünf Monate gedauert, doch das Ergebnis war in jeder Hinsicht bemerkenswert. In erstaunlich kurzer Zeit hatte sich Rebecca von einem unsicheren, mädchenhaften amerikanischen Girl in eine schöne, souveräne und selbstbewusste junge Frau verwandelt, die alles besaß, was eine blaublütige europäische Aristokratin brauchte. Ein gedämpftes Piepsen ertönte, und Nicole Rothfels zog ihr Handy aus der Tasche. »Oui?«, meldete sie sich. »Ah, merci.« Sie unterbrach die Verbindung und rief: »Monsieur Alexander, wenn ich bitten darf. In zehn Minuten wird das Essen aufgetragen.« »Gehen Sie ruhig schon vor«, antwortete Alexander grinsend, »wir kommen in fünfzehn Minuten nach.«, »Die Liebe kennt keine Uhr«, sagte die Baronesse und machte sich mit Nicole und Gerard Rothfels auf den Rückweg zu dem hell erleuchteten Haus in der Ferne. Alexander beobachtete im Mondschein, wie die Baronesse sich entfernte. Er nannte sie immer schon »Baronesse«. Sie nannte ihn »Mein Süßer«, soweit er zurückdenken konnte, und ihrer beider Leben waren fast von Anfang an miteinander verwoben. Doch sosehr er ihr auch zugetan war, in Wahrheit hatte es in seinem ganzen Leben nur einen einzigen Menschen gegeben, den er wirklich liebte. Rebecca., 19.50 Uhr »Ja, ja – buchstabieren Sie mir den Namen bitte auf Englisch.« Das Handy in der einen Hand, beugte sich Kowalenko vor und kritzelte mit der anderen auf sein Ringbuch. Lenard war am anderen Ende der Leitung und berichtete über den Mord in Zürich. Marten stand etwas abseits und wartete unsicher. Bis jetzt hatte der Russe Lenard nicht verraten, dass er bei ihm war, dass er eine Diskette Hallidays besaß oder dass der Fingerabdruck, den man in Dans Wagen gefunden hatte, von Raymond Oliver Thorne stammte. Soweit er beurteilen konnte, drehte sich ihr Gespräch ausschließlich um den Mord in Zürich und die näheren Umstände, von denen der Franzose erfahren hatte. »Vielleicht haben wir Glück, und es ist unser Mann, wer weiß? Aber vielleicht ist es auch ein anderer Verrückter mit einem Messer oder Rasiermesser.« Kowalenko warf Marten einen Blick zu und schaute dann wieder in seine Notizen. Marten war klar, dass Kowalenko so ziemlich alle Informationen von ihm erhalten hatte, die von ihm zu erwarten waren. Warum ihn also nicht der französischen Polizei ausliefern? Gesetzlich und von Berufs wegen war er dazu verpflichtet, und obendrein könnte er sich reinwaschen, falls Lenard ihn tatsächlich verdächtigte, Hallidays Terminkalender entwendet zu haben, wie er, Marten, im Hotelzimmer scherzhaft angedeutet hatte. Doch bislang hatte Kowalenko weder ihn noch die Fingerabdrücke erwähnt, und das verwirrte ihn. »Ich möchte persönlich nach Zürich fahren«, sagte Kowalenko unversehens, »um mir die Leiche und die Stelle anzusehen, wo, man sie gefunden hat. Ja, das Wetter, ich weiß. Die Flughäfen sind geschlossen, und es gehen kaum noch Züge. Trotzdem, ich muss unbedingt hin. Wenn es unser Mann ist und er den Schwerpunkt seiner Geschäfte in die Schweiz verlagert, müssen wir ihm auf den Fersen bleiben. Wie? Mit dem Auto. Wir Russen sind Schnee und glatte Straßen gewöhnt. Können Sie mir ein Fahrzeug mit Allradantrieb besorgen?« Plötzlich richtete sich Kowalenko aus seiner gebeugten Haltung auf und sah Marten an. »Ach übrigens, Philippe, unser Freund Mr. Marten ist in Paris. Genauer gesagt, er ist hier bei mir.« Marten zuckte zusammen. Also doch. Kowalenko lieferte ihn aus. Jetzt konnte er sich die Suche nach Raymond aus dem Kopf schlagen. Stattdessen musste er zusehen, dass die französische Polizei nicht dahinter kam, wer er war. »Wie es scheint, ist er über den Mord an seinem Freund noch immer tief betroffen. Er ist in die Wohnung in der Rue Huysmans zurückgekehrt und hat dort zufällig Detective Hallidays Terminkalender gefunden … Ja, genau, den Kalender … Anscheinend hat ihn jemand im Garten liegen lassen … Ich weiß, dass Ihre Leute ihn gesucht haben, aber vielleicht sollten Sie besser sie fragen, wieso sie ihn nicht gefunden haben … Jedenfalls hatte ich Marten irgendwann meine Handynummer gegeben, und er hat mich angerufen. Ich habe ihn dann abgeholt, und er erzählte mir, was Dan Ford über die Ermittlungen wusste, die man seit damals in Los Angeles angestellt hat. Vielleicht ist noch mehr von ihm zu erfahren, deshalb nehme ich ihn mit.« »Was?«, platzte Marten heraus. Kowalenko legte eine Hand über den Telefonhörer. »Halten Sie den Mund!« Er durchbohrte ihn mit einem eisigen Blick, dann sprach er weiter. »Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie Ihre Hunde zurückpfeifen würden. Hallidays Kalender gebe ich dem Mann, der uns den, Wagen bringt … Was drinsteht? Eine Menge Notizen in einer winzigen Handschrift. Englisches Gekritzel zu entziffern ist nicht gerade meine Stärke, aber besonders erhellend scheint es sowieso nicht zu sein. Werfen Sie einen Blick rein, vielleicht sagt es Ihnen ja mehr als mir. Können Sie mir den Wagen schnell bringen lassen …? Gut. Ich melde mich dann aus der Schweiz.« Kowalenko unterbrach die Verbindung und sah Marten an. »Der Tote war ein guter Freund und langjähriger Geschäftspartner von Jean-Luc Vabres. Und jetzt kommt’s: Er besaß in Zürich eine kleine Druckerei.« Marten stockte der Atem. »Da haben Sie Ihre zweite Menükarte.« »Ja, ich weiß. Deshalb fahren wir noch heute Abend nach Zürich.« Kowalenkos Augen wanderten zu dem Material auf dem Bett. »Woher wollen Sie eigentlich wissen, dass Lenard mich nicht einfach ins Gefängnis steckt?« »Weil ich Gast der französischen Regierung bin und nicht der Pariser Polizei. Ich habe darum ersucht, dass Sie mich begleiten dürfen, und er wird schön den Mund halten, denn er weiß um die möglichen politischen Folgen. Und jetzt nehmen Sie Hallidays Kalender, reißen die Seiten über Argentinien und den Schönheitschirurgen Dr. Odett heraus und geben sie mir zusammen mit den Umschlägen mit der Diskette und Hallidays Ticket für den Flug nach Buenos Aires. Danach holen Sie Ihren Mantel und gehen pinkeln. Es wird eine lange Nacht werden.« Peter Kitners Chauffeur fuhr vorsichtig durch die Avenue George V, wobei er die Laternen beiderseits der Straße im Schneegestöber als Orientierungshilfen benutzte. Die Sichtweite betrug nach allen Seiten nur ein paar Meter, und Kitner selbst geriet allmählich in Panik. Was, wenn sie, falsch abgebogen waren? Ganz in der Nähe musste die Seine sein. Was, wenn sie plötzlich eine übersehene Absperrung durchbrachen und in den Fluss stürzten? Die Straßen waren menschenleer. Niemand würde sie sehen. Weil Higgs letzten Sommer darauf bestanden hatte, den Wagen zu panzern, war er sehr schwer. Er würde wie ein Stein auf den Grund sinken und nie gefunden werden. Für seine Familie, für die Welt wäre er, Sir Peter Kitner, dann einfach verschwunden. »Sir Peter«, drang Higgs’ Stimme unvermittelt aus der Gegensprechanlage. Kitner zuckte zusammen. Higgs sah ihn durch die Sicherheitsscheibe an. »Ja, Higgs?« »Cabrera und die Baronesse befinden sich in der Schweiz, in Neuchâtel. Sie essen heute Abend im Haus von Cabreras Geschäftsführer Europa, Gerard Rothfels.« »Ist das nachgeprüft worden?« »Ja, Sir.« »Ihre Leute sollen an ihnen dran bleiben.« »Ja, Sir.« Kitner fiel ein Stein vom Herzen. Wenigstens wusste er jetzt, wo sie waren. »Wir sind gleich da, Sir«, meldete sich Higgs erneut. Der Wagen fuhr noch langsamer, und Kitner sah helle Lichter und Absperrungen, hinter denen eine Reihe französischer Polizisten stand. Sie hielten an, zwei Beamte traten vor, Higgs ließ seine Scheibe herunter und nannte Kitners Namen. Ein Polizist spähte ins Wageninnere, trat wieder zurück und salutierte zackig. Eine Schranke wurde hochgezogen, und der Wagen rollte gemächlich durchs Tor und auf das Grundstück des Romanow-Hauses in der Avenue George V 151., Neuchâtel, Schweiz, zur selben Zeit Die Baronesse sah den von Kerzen erleuchteten Esstisch nur verschwommen, die Menschen und ihr Tun nahm sie kaum wahr – Alexander ihr gegenüber, Gerard Rothfels und seine Frau Nicole an den beiden Tischenden, Rebecca zu ihrer Rechten, die Rothfels-Kinder, die im Schlafanzug kurz hereinkamen und gute Nacht sagten. Sie war mit ihren Gedanken woanders, tauchte in die Vergangenheit ein und ließ Menschen und Ereignisse Revue passieren, die sie zu diesem Punkt in ihrem Leben geführt hatten. In Moskau geboren, war sie als junges Mädchen von ihrer Mutter nach Schweden gebracht worden. Sowohl ihre Mutter als auch ihr Vater stammten aus russischem Adel. Ihre Familien hatten aus Liebe zum Vaterland in der Heimat ausgeharrt und mit viel List und unter großen Opfern die Zeit unter Lenin und dann die Schreckensherrschaft Stalins überstanden. Doch auch nach dem Zweiten Weltkrieg regierte der Diktator mit eiserner Faust. Der Schatten der Geheimpolizei war überall. Nachbarn denunzierten einander aufgrund kleinster Vergehen. Menschen, die ihrem Unmut Luft machten, verschwanden einfach. Und dann starb Stalin, doch immer noch wurden Andersdenkende verfolgt. Zornig und enttäuscht begehrte der Vater der Baronesse auf. Er erhob seine Stimme gegen das totalitäre Regime, und als die Baronesse fünf war, wurde er wegen subversiver Umtriebe verhaftet, vor Gericht gestellt und zu zehn Jahren Zwangsarbeit in einem der gefürchteten Lager im Gulag, einem so genannten »Besserungsarbeitslager«, verurteilt. Das Bild, wie er in Ketten zu dem Zug geführt wurde, der ihn in den Gulag bringen sollte, hatte sich ihrem Gedächtnis, unauslöschlich eingebrannt. Plötzlich entwand er sich seinen Wächtern und blickte sich nach ihr und ihrer Mutter um. Er lächelte und warf ihr einen Kuss zu. Sie sah in seinen Augen keine Angst, sondern Stolz und eine glühende Liebe – zu ihr, zu ihrer Mutter, zu Russland. Noch in derselben Nacht wurde sie von ihrer Mutter geweckt. Im Nu war sie angezogen, und wenig später hatten sie mit einem Koffer die Wohnung verlassen und saßen in einem Auto. Sie erinnerte sich noch, wie sie in einen Zug gestiegen und später an Bord eines Schiffs nach Schweden gegangen waren. Die folgenden Jahre ihrer Kindheit verbrachte sie in Stockholm, wo ihre Mutter als Näherin arbeitete. Sie besuchte eine internationale Schule und hatte Freunde, die Schwedisch, Russisch, Französisch und Englisch sprachen. Ihre Mutter fertigte einen Kalender für zehn Jahre an, und jeden Abend strichen sie einen Tag durch. Das bedeutete, dass die Entlassung und Rückkehr ihres Vaters wieder einen Tag näher gerückt war. Jeden Tag schrieben sie ihm herzliche und aufmunternde Briefe, ohne zu wissen, ob er sie jemals erhielt. Einmal, als sie sieben war, bekamen sie von ihm einen kurzen Brief, den er aus dem Lager geschmuggelt hatte. Er erwähnte ihre Briefe nicht, schrieb aber, dass er sie sehr liebe, nicht verzage und die Tage bis zu seiner Freilassung zähle. Und er gestand ihnen, dass er einen Mithäftling getötet hatte. Der Mann hatte ihm seinen Kamm gestohlen, und als er ihn zurückverlangte, war es zum Streit gekommen. Niemand scherte sich um das Leben eines Gefangenen, und so kam er ungestraft davon. Außerhalb des Gulag mochte ein Kampf auf Leben und Tod um einen Kamm als blanker Irrsinn erscheinen, innerhalb jedoch keineswegs. Kämme waren praktisch nicht zu kriegen und eine Kostbarkeit, denn die Möglichkeit, Haare und Bart zu pflegen, war ein Mittel, sich den letzten Rest Selbstachtung zu bewahren – und im Gulag war Selbstachtung alles, was man noch besaß. Und so hatte ein Mann um seiner Würde willen den, Kamm ihres Vaters gestohlen, und der hatte ihn um seiner Würde willen getötet. Der Brief war kurz, aber sehr bewegend, denn er stellte die erste Nachricht dar, die sie seit seinem Abtransport von ihm erhalten hatten. Doch bei aller Rührung und Erschütterung war es doch ein ganz bestimmter Absatz, der auf die Baronesse einen tieferen Eindruck machte als alles andere in ihrem Leben, weil sie das Gefühl hatte, dass der geliebte Vater sich darin direkt an sie wandte, ihr sein Innerstes öffnete und ihr eine Lebensregel mit auf den Weg geben wollte. »Meine Liebsten«, schrieb er, »lasst niemals zu, dass man euch eurer Würde beraubt. Niemals, unter keinen Umständen. Sie ist das Einzige, was in finsterster Nacht das Feuer der Seele am Brennen hält. Unseres und das Russlands. Schützt sie mit jedem Atemzug, und schlagt entschlossen zurück, wenn ihr könnt. Sie dürfen nie wieder imstande sein, euch etwas anzutun.« Seine Worte trafen sie bis ins Mark, und sie las sie monatelang immer wieder, bis sie fest in ihrem Herz verankert waren. Dann, eines Tages, hielt sie mitten im Lesen inne und rechnete aus, dass sie genau fünfzehn Jahre und einundsechzig Tage alt sein würde, wenn er freikam. Das war eine lange Zeit, und doch machte es ihr Mut und erfüllte sie mit einer jähen Freude, denn sie war überzeugt, dass der Tag kommen würde, da sie wieder neben ihm stand, seine Hand nahm, zu ihm aufblickte und ihm sagte, wie sehr sie ihn liebte. Doch der Tag sollte niemals kommen. Zwei Wochen nach ihrem neunten Geburtstag erhielten sie ein Telegramm von Verwandten, die noch in der Sowjetunion lebten. Darin stand, dass er in Kolyma, dem schlimmsten aller Arbeitslager im Nordosten Sibiriens, erfroren sei. Später erfuhren sie, dass er das Sowjetsystem bis zuletzt verabscheut hatte und in Liebe zu seiner Frau, zu seiner Tochter und zur Seele des alten Russland gestorben war. Sie erfuhren es von einem Wärter, der trotz der schrecklichen Verhältnisse Mensch geblieben war und ihnen, unter Lebensgefahr einen Brief geschrieben hatte. »Gott hat deinen Vater dazu ausersehen, die heilige Stimme des Vaterlandes am Leben zu erhalten«, hatte ihre Mutter zu ihr gesagt. »Es war von Geburt an seine Bestimmung. Nun ist diese Bestimmung auf uns übergegangen.« Selbst in diesem Augenblick, als sie in Neuchâtel am Esstisch saß, hörte sie noch die Worte ihrer Mutter. Und sie sah ihren Vater, wie er ihr lächelnd einen Kuss zuwarf, ehe er den Zug bestieg, mit dem er in den Gulag und den Tod fahren sollte. Sie hatte sich seine Wesenszüge zu Eigen gemacht, den unbändigen Widerstandsgeist, den unbeugsamen Stolz, die Charakterstärke, Zivilcourage und Prinzipientreue, den festen Willen, die eigene Würde und die Würde der geliebten russischen Seele mit aller Macht zu verteidigen. Dies war auch der Grund, warum sie sich als junges Mädchen vor so vielen Jahren in Neapel an ihrem Vergewaltiger auf so grausame Weise und mit solcher Gefühlskälte gerächt hatte. Die Worte ihres Vaters hatten sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Sie dürfen nie wieder im Stande sein, euch etwas anzutun. Diesen Geist hatte sie Alexander von Beginn an eingeflößt und jeden Tag seines Lebens genährt. Dieser Geist war es, der es ihnen ermöglichte, an Peter Kitner so zu handeln, wie sie es getan hatten und immer noch taten., Der Wagen, ein weißer Mercedes-Geländewagen ML 350, brachte Kowalenko und Marten trotz des »Jahrhundertschneesturms«, wie ihn die Franzosen bereits nannten, langsam, aber sicher aus Paris hinaus. »Ich habe das Rauchen aufgegeben, aber jetzt könnte ich eine Zigarette vertragen.« Kowalenko ging vom Gas und ließ den Mercedes über einen Schneehaufen rumpeln, den ein Räumfahrzeug aufgeworfen hatte. »Auf so einer Fahrt raucht man gern. Aber bei der Ankunft wäre ich wahrscheinlich fix und fertig.« Marten hörte nur mit halbem Ohr zu. In Gedanken war er noch bei der Zeit unmittelbar vor der Abfahrt. Lenard hatte ihnen den Wagen persönlich gebracht und so schnell, wie er versprochen hatte. Kowalenko drückte ihm vor dem Hotel Saint-Orange Hallidays Terminkalender in die Hand und verstaute seinen kleinen unförmigen Koffer, der neben persönlichen Sachen auch Dan Fords Fächermappe enthielt, auf dem Rücksitz. Lenard stand fast die ganze Zeit nur in Kälte und Schnee und starrte ihn an. Sein Blick sprach Bände. Hätte Kowalenko nicht so energisch darauf bestanden, so schnell wie möglich loszufahren und ihn mitzunehmen, hätte Lenard ihn mit Sicherheit auf der Stelle verhaftet. Doch er sah davon ab, wohl auch mit Rücksicht auf die möglichen politischen Folgen, die Kowalenko angesprochen hatte. Auf der anderen Seite besaß er jetzt Hallidays Terminkalender und wurde nicht nur den übereifrigen Russen los, sondern auch den lästigen Amerikaner, den er nicht mochte und dem er nicht traute, den er aber nicht festhalten konnte, weil er nichts Stichhaltiges gegen ihn in der Hand hielt. Beim Abschied hatte er zu Kowalenko nur gesagt, dass er sich auf seinen Bericht aus Zürich freue, und ihn beschworen, bei, dem Wetter vorsichtig zu sein und den Wagen nicht schrottreif zu fahren. Er sei nagelneu und das einzige Geländefahrzeug seiner Dienststelle. Der Mercedes war ein Geländewagen ganz nach Kowalenkos Geschmack. Zufrieden stellte er fest, dass er auch im Schnee zuverlässig die Spur hielt, und erhöhte das Tempo, als sie bei Maisons-Alfort die Seine überquerten und auf die N19 einbogen, die zunächst nach Süden und dann nach Osten in Richtung Schweizer Grenze führte. Eine ganze Weile sprachen sie kein Wort, lauschten nur dem Heulen des Sturms und dem gleichmäßigen Takt der Scheibenwischer, die mit dem Schnee kämpften. Schließlich stemmte sich Marten gegen den Sicherheitsgurt und musterte Kowalenko. »Politik hin oder her, Sie hätten mich Lenard ausliefern können. Warum haben Sie es nicht getan?« »Wir haben eine lange Fahrt vor uns. Mr. Marten«, erwiderte Kowalenko, ohne den Blick von der Straße zu wenden, »und ich fange langsam an, Ihre Gesellschaft zu genießen. Außerdem ist es hier doch besser als in einem französischen Gefängnis, oder nicht?« »Das ist keine Antwort.« »Nein, aber die Wahrheit.« Kowalenko sah kurz zu ihm herüber. Wieder trat Schweigen ein. Marten entspannte sich und beobachtete, wie sich die Scheinwerfer des Wagens in den scheinbar endlosen weißgrauen Tunnel aus Schnee bohrten, in dem nur von Zeit zu Zeit verschwommen die Umrisse eines Wegweisers aufleuchteten. Marten betrachtete Kowalenko, das bärtige, von der Beleuchtung des Armaturenbretts angestrahlte Gesicht, seine, massige Gestalt, die Beule unter seinem Jackett, wo die Pistole steckte. Er war Polizist, hatte in Moskau Frau und Kinder. Er war wie Halliday, Roosevelt Lee, Marty Valparaiso, Polchak und Red, die als Polizisten ebenfalls eine Familie zu versorgen hatten. Und wie sie arbeitete er bei der Mordkommission. Und doch wurde er das Gefühl nicht los, dass etwas an ihm anders war. Und das lag daran, dass er andere Prioritäten setzte. Auf seine Frage, ob Kitner genug Einfluss habe, um bei der Wahl des Zaren das Zünglein an der Waage zu spielen und danach seine Geschäfte in Russland auszuweiten, hatte er geantwortet, er sei nur Polizist, und Politik falle nicht in sein Ressort. Andererseits jedoch hatte er ihm versichert, Lenard werde ihn aus politischen Gründen nicht festnehmen. Also musste er doch irgendwie mit Politik zu tun haben. Die Frage, ob er über Fotos von Cabrera aus der Zeit vor dem Jagdunfall verfüge, hatte er verneint und als Grund angegeben, die Angelegenheit sei damals nicht wichtig gewesen. Wieso war sie jetzt wichtig? Was hatte sich geändert? Außerdem hatte er gesagt, das sei eine »russische Angelegenheit«. Was meinte er damit? Offensichtlich wollte er nicht darüber reden, aber er hatte ihn mitgenommen und dadurch die »russische Angelegenheit« auch zu seiner gemacht. »Warum lassen Sie Lenard eigentlich im Dunkeln?«, brach Marten das Schweigen. »Warum haben Sie ihm nicht von Cabrera und den Fingerabdrücken erzählt? Oder von Raymond und Kitner?« Kowalenko antwortete nicht und behielt die Straße im Auge. »Lassen Sie mich raten«, bohrte Marten weiter. »Weil Sie tief in Ihrem Innern fürchten, dass Alexander Cabrera und Raymond Thorne ein und dieselbe Person sind, und Sie nicht wollen, dass jemand anders dahinter kommt. Deshalb sollte ich Hallidays Diskette nehmen und alle Seiten herausreißen, auf denen von Argentinien die Rede ist. Sie haben Hallidays Terminkalender, zurückgelassen, weil Sie mussten, und hoffen, dass Lenard nie hinter die Wahrheit kommt. Das ist auch der Grund, warum Sie mich mitgenommen haben. Damit Lenard mich nicht ausquetschen kann. Wir beide sind die Einzigen, die Bescheid wissen, und dabei soll es bleiben.« »Sie würden einen guten Psychoanalytiker abgeben«, bemerkte Kowalenko mit einem Seitenblick auf Marten. »Oder einen guten Polizisten.« Er schaute wieder geradeaus und umklammerte das Lenkrad noch fester, denn das Schneetreiben wurde dichter. »Aber Sie sind kein Polizist, nicht? Sie haben Ihren Bachelor gemacht und studieren jetzt an der Universität Manchester. Ich habe mich über Sie erkundigt. Dabei sind wir auf Lady Clementine Simpson gestoßen.« Wir? Marten hätte ihn am liebsten gefragt, wen er damit meinte, doch er kannte die Antwort bereits. »Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich von ihr fern halten würden«, sagte er kühl. Es fuchste ihn immer noch, dass Kowalenko und Lenard Clem in die Sache hineingezogen hatten. Kowalenko grinste. »Um die attraktive junge Dame geht es nicht. Die Frage ist vielmehr, wo Sie Ihren Bachelor gemacht haben? Ebenfalls in Manchester?« Einen Moment lang schwieg Marten. Kowalenko war schlau und hatte seine Hausaufgaben gemacht, und wenn er nicht aufpasste, ging er ihm in die Falle. Vor seiner Bewerbung in Manchester hatte er einfach unter dem Namen John Barron an der University of California in Los Angeles angerufen und sich Kopien seiner Zeugnisse schicken lassen. Er hatte sie auf eine Diskette gescannt, in seinen Computer geladen und den Namen John Barron in Nicholas Marten geändert, sie dann ausgedruckt und eingereicht. Bis heute hatte niemand an ihrer Echtheit gezweifelt. »An der UCLA«, antwortete er. »Das war in der Zeit, als ich, viel mit Dan Ford zusammen war und Halliday kennen gelernt habe.« »UCLA? Sie meinen die University of California in Los Angeles?« »Ja.« »Das haben Sie nie erwähnt.« »Es erschien mir nicht wichtig.« Kowalenkos Augen suchten Martens Blick und hielten ihn einen Augenblick prüfend fest. Doch Marten verzog keine Miene. »Ich schlage Ihnen einen Handel vor, Mr. Marten. Information gegen Information. Es geht um Peter Kitner. Vielleicht werden Sie dann verstehen, weshalb ich mir wegen Alexander Cabrera Sorgen mache und es nicht ratsam war, Sie bei Inspektor Lenard zu lassen.«, Paris, das Haus in der Avenue George V 151, zur selben Zeit Großfürstin Katharina Michailowna prüfte noch einmal den Sitz ihrer Frisur und wartete mit einem zuversichtlichen Lächeln darauf, dass der offizielle Fotograf seine Aufnahme machte. Zu ihrer Linken stand ihr Sohn, Großfürst Sergej, zu ihrer Rechten der grauhaarige, schnauzbärtige und sehr aristokratisch wirkende siebenundsiebzigjährige Fürst Dimitri Wladimir Romanow, der Gastgeber und Eigentümer dieses prachtvollen Hauses und ihr Hauptkonkurrent im Kampf um die Krone. Hinter dem jungen Fotografen sah sie ihre Mutter, Großfürstin Maria Kurakina, und dahinter die Gesichter der anderen Romanows, die sich in Fürst Dimitris Salon versammelt hatten: dreiunddreißig ältere, elegant gekleidete und ungemein stolze Männer und Frauen aus zwölf Ländern, die alle vier Zweige der Familie vertraten. Das Wetter hatte keinen vom Kommen abhalten können. Sie hatten in der kaiserlichen Familie immer eine herausragende Position inne und waren Russen durch und durch, fest im Glauben, aristokratisch und unerschütterlich in ihrer Treue zu ihrem gottgegebenen Erbe als die wahren Hüter des Vaterlands. Über die halbe Welt verstreut, hatten sie oder die Generation vor ihnen aus dem Exil beobachtet, wie Lenin das Land unter Hammer und Sichel zwang und Stalin mit eiserner Faust regierte; hatten die Schrecken des Zweiten Weltkriegs verfolgt, als die Armeen der Nazis in ihre Heimat einfielen, sie verwüsteten und Millionen ihrer Landsleute abschlachteten, hatten in den Jahrzehnten des Kalten Kriegs und der atomaren, Bedrohung mit Sorge und Bestürzung beobachtet, wie der KGB im eigenen Land und in Osteuropa wütete, und dann mit maßloser Verwunderung zur Kenntnis genommen, wie die Sowjetunion beinahe über Nacht zerfiel und ein korruptes, im Chaos versinkendes und zutiefst deprimiertes Land hinterließ. Nun aber brach gottlob eine neue Zeit an. Im Wissen, dass der eigentliche Zweck von Monarchien darin bestand, ein Gefühl der Kontinuität zu vermitteln und ein solides Fundament zu bilden, auf dem eine Nation errichtet werden und wachsen konnte, forderte eine demokratisch gewählte russische Regierung die kaiserliche Familie in richtiger und vernünftiger Einschätzung der Lage höflich zur Rückkehr auf. Und das bedeutete, dass sie dem Volk die dreihundertjährige Herrschaft der Romanows zurückgeben wollte. Die Anwesenden waren von diesem Angebot überwältigt. Es war, als sei die Geschichte Russlands verschleppt und als Geisel genommen worden und solle nun wieder zurückgegeben werden. Aus diesem Grund hatten sich die versammelten Vertreter der vier Romanow-Häuser darauf verständigt, das langwierige Ringen der rivalisierenden Thronanwärter hier und heute zu beenden. Die letzten Kandidaten waren die zwei Männer, die zu beiden Seiten der Großfürstin Katharina Michailowna standen: ihr Sohn, der junge, eifrig bemühte Großfürst Sergej Petrowitsch Romanow, und der große alte Mann der Familie, der würdevolle Fürst Dimitri Wladimir Romanow. Welcher von beiden sich die Krone aufs Haupt setzen dürfte, darüber sollte unmittelbar nach dem Essen durch Handzeichen abgestimmt werden, also in ein, höchstens zwei Stunden. Plötzlich sandte die Kamera des Fotografen eine Reihe greller Blitze aus, begleitet vom Surren, mit dem der Film transportiert wurde. Der Fotograf machte ein Dutzend Bilder und mehr, dann war es vorbei. Die Großfürstin löste sich aus ihrer Pose und drückte aufmunternd die Hand ihres Sohns., »Darf ich Sie zu Tisch führen, Großfürstin?«, ertönte neben ihr Fürst Dimitris Baritonstimme. Statt seinen Rivalen mit seiner Mutter allein zu lassen, war der ältere Romanow an ihrer Seite geblieben. »Selbstverständlich, Kaiserliche Hoheit«, antwortete Katharina mit einem liebenswürdigen Lächeln. Sie war sich bewusst, dass sie beobachtet wurden, und wollte demonstrieren, dass sie der Gegenpartei an Freundlichkeit und Charme nicht nachstand. Würdevoll nahm sie seinen Arm, und im Gleichschritt durchmaßen sie den Raum, traten in den marmorgefliesten Flur und steuerten auf die vergoldeten Türen am anderen Ende zu, vor denen Diener mit weißer Fliege und weißen Handschuhen warteten. Großfürst Sergej und Katharinas Mutter, Großfürstin Maria, folgten ihnen. Nach ihnen kamen die übrigen dreiunddreißig Romanows. Als sie das Ende des Flurs erreichten, öffneten die Diener die Türen, und sie betraten ein geräumiges, reich geschmücktes Speisezimmer, dessen sieben Meter hohe Wände prächtige, handgeschnitzte Holzpaneele bedeckten. Mitten im Raum stand eine lange Tafel, an der sich hochlehnige, mit roter und goldener Seide bezogene Stühle reihten und die mit goldenem und silbernem Besteck, Kristallgläsern, weißem Porzellangeschirr und weißen Spitzenservietten gedeckt war. Weitere Diener mit weißer Fliege warteten etwas abseits. Alles wirkte feierlich, prunkvoll und extravagant, doch ein Gegenstand überstrahlte alles andere. An der Wand gegenüber hing ein massiver, vier Meter hoher goldener Doppeladler mit beinahe ebenso großer Flügelspannweite. In einer Klaue hielt er das Zepter, in der anderen den Reichsapfel. Hoch über dem Doppelkopf des Adlers, auf der Spitze eines großen Bogens, saß eine majestätische, mit Juwelen besetzte Krone. Was sie sahen, war das Wappen der Romanows, und bei seinem Anblick, stockte allen der Atem. Einige neigten sogar den Kopf vor ihm, und selbst als alle Platz genommen hatten, vermochten nur wenige den Blick von ihm zu wenden. Großfürstin Katharina war nicht weniger beeindruckt, bis sie näher kam und etwas anderes bemerkte. Am Ende der Tafel, direkt unter dem Wappen, befand sich ein Podium mit vier Stühlen, doch alle Gäste saßen bereits. Unruhe befiel sie. Ein Podium und vier Stühle. Wozu? Und für wen?, Kowalenko drosselte das Tempo hinter einer Kolonne von Schneepflügen, die versuchten, die N 19 von den Schneemassen zu befreien. Er hielt Abstand und fuhr in gleichmäßigem Tempo hinter ihnen her, während der Sturm den Wagen erschütterte. Ringsum herrschte schwarze Nacht, und das einzige Licht kam von den starken Scheinwerfern des Mercedes und den roten Rücklichtern der Schneepflüge. »Kennen Sie die Geschichte von Anastasia, Mr. Marten?« »Das war ein Film oder ein Theaterstück, ich weiß nicht mehr genau. Warum fragen Sie?« »Anastasia war die jüngste Tochter von Zar Nikolaj. Sie sollte zusammen mit der Familie im Ipatjew-Haus erschossen werden.« Kowalenko nahm noch mehr Gas weg. »Elf Menschen wurden von einem Revolutionär namens Jurowskij in einen Kellerraum geführt: Zar Nikolaj, seine Frau Alexandra, seine Töchter Tatjana, Olga, Maria und Anastasia sowie sein Sohn, der an der Bluterkrankheit leidende Alexej, der Zarewitsch und kaiserliche Thronfolger. Die anderen waren der Arzt der Familie, Nikolajs Kammerdiener, ein Koch und ein Zimmermädchen. Sie glaubten, man bringe sie zu ihrem eigenen Schutz in den Keller, da in der Stadt geschossen wurde. Elf andere Männer drängten nach ihnen in den kleinen Raum. Jurowskij sah den Zaren an und sagte sinngemäß: ›Da draußen wird geschossen, weil Ihre kaiserlichen Verwandten auf der Suche nach Ihnen sind und Sie befreien wollen. Deshalb hat der Sowjet der Arbeiterdeputierten Ihre Hinrichtung beschlossen.‹ ›Was?‹, brüllte der Zar und drehte sich schnell zu seinem Sohn Alexej um, möglicherweise um ihn zu schützen. Im selben, Moment erschoss Jurowskij Zar Nikolaj. Dann brach die Hölle los. Die anderen elf Männer des Hinrichtungskommandos eröffneten das Feuer. Doch der Raum war für die elf Opfer, die zwölf Schützen und die fünf bis sieben bewaffneten Wachen, die hinter ihnen standen, aber nicht zum Hinrichtungskommando gehörten, viel zu eng. Der Lärm der Schüsse und das Durcheinander schreiender Menschen und zu Boden stürzender Leiber waren schon schlimm genug. Doch im Jahr 1918 wurden häufig Schwarzpulverpatronen verwendet, und so war Sekunden nach den ersten Schüssen kaum noch etwas zu sehen. Wie ich bereits sagte, wurden die Leichen nach der Erschießung auf einen Lastwagen geladen und in den Wald zu einer Bestattungsstelle gebracht, die man vorher ausgewählt hatte.« Kowalenko blickte kurz zu Marten hinüber. »Weiter«, drängte dieser. Kowalenko konzentrierte sich eine Weile aufs Fahren, dann ließ der Schneefall etwas nach, und er entspannte sich. »Da Alexej Bluter war und ein Bürgerkrieg tobte, hatte man zwei Matrosen der kaiserlichen Marine damit betraut, sich um die Kinder zu kümmern – halb als Leibwächter, halb als Kindermädchen. Irgendwann bekamen die Matrosen Streit mit Alexejs Lehrer, der offenbar der Ansicht war, dass ihre Anwesenheit die geistige Entwicklung des Jungen beeinträchtigte. Schließlich hatte einer die Nase voll und machte sich davon. Der andere, eine gewisser Nagornij, blieb bei der Familie, bis sie im Ipatjew-Haus interniert wurde. Die Revolutionäre warfen ihn ins Gefängnis von Jekaterinburg. Angeblich wurde er umgebracht, aber das stimmt nicht. Er konnte fliehen, kam später zurück und schaffte es irgendwie, sich Jurowskijs Leuten anzuschließen. Er gehörte zu den Wachen, die hinter dem Exekutionskommando standen., Nach der Exekution herrschte am Schauplatz des Verbrechens ein Chaos, und während die anderen die ersten Leichen auf den Lastwagen luden, entdeckte Nagornij in dem rauchgeschwängerten Keller, dass eines der Kinder noch lebte. Es war Alexej. Er hob ihn auf und trug ihn ins Freie. Es war dunkel, und in dem allgemeinen Durcheinander fiel es wahrscheinlich nicht auf, wenn ein Mann und eine Leiche fehlten. Nagornij brachte ihn fort. Zunächst zu einem Haus in der Nähe, dann zu einem anderen Lastwagen. Alexej hatte Schussverletzungen am Bein und an der Schulter. Nagornij wusste von seiner Bluterkrankheit und legte ihm Druckverbände an, um die Blutungen zu stillen. Mit Erfolg. Viel später, als man das Geschehen rekonstruierte und die Leichen in einem Bergwerksschacht fand, nackt, teilweise verkohlt und mit Säure übergossen, um sie unkenntlich zu machen, vermutete man zunächst auch den Zarewitsch Alexej darunter. Dann aber stellte man fest, dass es nur neun Leichen waren und keine elf. Schließlich fand man heraus, dass die beiden fehlenden Anastasia und Alexej waren.« »Wollen Sie damit sagen, dass auch Anastasia überlebt hat und sich die Geschichte von ihr darum dreht?«, fragte Marten. Kowalenko nickte. »Eine Frau namens Anna Anderson wurde lange Zeit für Anastasia gehalten. Als man später dann Gentests entwickelte, konnten Wissenschaftler nachweisen, dass es sich bei den entdeckten Leichen tatsächlich um die der kaiserlichen Familie handelte. Doch darüber hinaus belegten die Tests, dass Anna Anderson nicht Anastasia war. Was ist also aus der richtigen Anastasia geworden? Wer kann das sagen? Wahrscheinlich werden wir es nie erfahren.« Plötzlich begriff Marten, dass Kowalenko eigentlich gar nicht von Anastasia redete. »Aber Sie wissen, was aus Alexej geworden ist?« Kowalenko sah ihn an. »Nagornij hat ihn weggebracht., Zunächst mit einem Lastwagen, dann mit dem Zug zur Wolga. Anschließend ging es mit dem Schiff weiter nach Rostow und mit dem Dampfer übers Schwarze Meer nach Istanbul, damals noch Konstantinopel. Dort traf er den Abgesandten eines guten und wohlhabenden Freundes des Zaren, der bereits Anfang 1918 vor der Revolution in die Schweiz geflüchtet war. Der Abgesandte versah Alexej und Nagornij mit falschen Papieren, und zu dritt stiegen sie in den Orientexpress nach Wien. Danach verliert sich ihre Spur.« Der Schneefall nahm wieder zu, und Kowalenko konzentrierte sich erneut auf die Straße. »Niemand weiß, was aus Nagornij geworden ist, aber … Verstehen Sie, was ich Ihnen sagen will, Mr. Marten?« »Der direkte männliche Nachkomme des Zaren war noch am Leben.« »Aus Furcht vor Racheakten der Kommunisten gab er sich nie zu erkennen, machte sich in der Schweiz aber als Juwelier einen Namen. Er besaß nur ein Kind, einen Sohn, der noch viel größere Reichtümer ansammelte und weitaus berühmter wurde.« »Peter Kitner«, flüsterte Marten. »Der einzige legitime russische Thronfolger. Und in dieses Geheimnis soll die Familie Romanow heute Abend eingeweiht werden.«, Großfürstin Katharina saß mit offenem Mund da und lauschte der Beweisführung. Auf den ersten drei Stühlen auf dem Podium unter dem großen Romanow-Wappen saßen die Männer, die sie für ihre treuesten Verbündeten gehalten hatte: Nikolaj Nemow, der Moskauer Bürgermeister, Marschall Igor Golowkin, der Verteidigungsminister der Russischen Föderation und wahrscheinlich einflussreichste Offizier des russischen Militärs, und schließlich der bärtige und mit einer Robe bekleidete Mann, den viele für die angesehenste Persönlichkeit Russlands hielten, seine Heiligkeit Gregor II., der heiligste Patriarch der russisch- orthodoxen Kirche. Zusammen bildete dieses Triumvirat ohne Zweifel die mächtigste politische Instanz in ganz Russland, mächtiger noch als der Präsident des Landes, Pawel Gitinow. Und auf diese Macht und diesen Einfluss hatte sie gesetzt. Doch jetzt war alles verloren – ihre Zukunft, die Zukunft ihres Sohns, ihrer Mutter. Und der Mann, der auf dem vierten Stuhl saß, hatte ihren Traum platzen lassen: Sir Peter Kitner oder Peter Michail Romanow, der einzige legitime Erbe des kaiserlichen Throns. Fürst Dimitri hatte alles lang und breit, aber vollkommen verständlich erklärt und mit Dokumenten und Fotografien belegt, von denen man Kopien auf eine große Leinwand rechts vom Podium projizierte. Einige Fotos waren verblichene Schwarzweißaufnahmen, die der russische Matrose Nagornij gemacht hatte, als er nach dem Massaker im Ipatjew-Haus mit dem jungen Zarewitsch Alexej in die Schweiz geflohen war. Andere zeigten Alexej mit Sohn Peter in seinem Haus in Mies bei Genf, in dem der Junge aufwuchs. Wieder andere waren technischer Natur und zeigten DNA-Tabellen, die Labors, in, denen diese entstanden waren, und die Wissenschaftler, die sie angefertigt hatten. Doch die Fotos, Diagramme und Dokumente dienten nur dem einen Zweck, die Unwiderlegbarkeit der Beweise zu untermauern. Man hatte den in der Gruft in St. Petersburg beigesetzten Gebeinen von Zar Nikolaj Knochenproben entnommen und eine DNA-Analyse durchgeführt. Danach wurden die Ergebnisse mit DNA-Proben von den Überresten des vermeintlichen Zarewitsch Alexej, Kitners Vaters, verglichen, der in einem Genfer Vorort begraben lag. Die DNA-Sequenzen und die Anordnung dieser Sequenzen stimmten mit denen von Zar Nikolaj zweifelsfrei überein. Um auszuschließen, dass es sich bei dem Befund nur um einen seltsamen Zufall handelte, zog man die DNA einer lebenden Person zum Vergleich heran. Viktoria von Hessen, die ältere Schwester der Kaiserin Alexandra, der Gemahlin Zar Nikolajs und Mutter Alexejs, hatte eine Tochter namens Alice von Battenberg, die Prinz Andreas von Griechenland ehelichte. Prinzessin Alice bekam mehrere Kinder, aber nur einen Sohn, den späteren Prinz Philip, Herzog von Edinburgh und Gemahl der britischen Königin Elisabeth II. Er war ein idealer lebender Kandidat für einen DNA-Vergleich mit Zarin Alexandra, seiner Großtante. Wieder wurden in der Familiengruft in St. Petersburg Knochenproben entnommen, nur diesmal von Zarin Alexandra, und mit einer Blutprobe Prinz Philips verglichen. Wieder stimmten die DNA-Sequenzen und ihre Anordnung perfekt überein. Dann wurden alle vier Proben mit Blutproben Peter Kitners verglichen. Auch sie stimmten genau überein. Alle Beweise zusammen räumten jeden Zweifel daran aus, dass Zarewitsch Alexej Romanow die Hinrichtung seiner Familie im Ipatjew-Haus überlebt hatte und Peter Kitner nicht nur sein Sohn war, sondern, wie aus Schweizer Geburtsregistern und Gesprächen mit Bekannten der Familie hervorging, auch sein einziges Kind. Die Abstammungslinie war klar, einfach und, unanfechtbar – Peter Michail Romanow Kitner war das wahre Oberhaupt des Hauses Romanow und in dieser Eigenschaft der Mann, der Zarewitsch werden würde. Katharina hätte jetzt nur noch die Anastasia-Karte ausspielen und behaupten können, dass die Gentests überhaupt nichts bewiesen und Kitner ebenso ein Hochstapler sei wie einst Anna Anderson. Doch sie wusste, es würde zu nichts führen und ihr, ihrer Mutter und ihrem Sohn nur Hohn und Spott einbringen. Zudem war das Triumvirat nicht umsonst aus Moskau eingeflogen. Sie kannten die Beweise schon lange. Sie hatten die Wissenschaftler, von denen die Analysen stammten, von eigenen Fachleuten befragen und in drei unterschiedlichen Labors zusätzliche Tests durchführen lassen, ehe sie ihre Entscheidung trafen. Zudem hatte Pawel Gitinow, der russische Präsident, Peter Kitner in sein Feriendomizil am Schwarzen Meer eingeladen und ihn dort im Beisein des Triumvirats und der Führer von Föderationsrat und Duma, den beiden Kammern des Parlaments, persönlich gebeten, als nomineller Monarch nach Russland zurückzukehren und in dieser Eigenschaft praktische und ideelle Aufbauhilfe zu leisten und daran mitzuwirken, die Nation in einer Zeit des sozialen und wirtschaftlichen Umbruchs zu einen und das neue Russland wieder zu alter Größe zu führen. Langsam erhob sich Großfürstin Katharina Michailowna von ihrem Platz und richtete ihren Blick auf Peter Kitner. Großfürst Sergej und seine Großmutter, Großfürstin Maria Kurakina, folgten ihrem Beispiel. »Peter Michail Romanow«, begann Katharina, und der hohe Raum hallte von ihrer kräftigen Stimme wider. Köpfe fuhren herum, als sie ein goldenes, mit dem Wappen der Romanows geschmücktes Kelchglas erhob und in seine Richtung hielt. »Die Familie des Großfürsten Sergej Petrowitsch Romanow entbietet Ihnen stolz ihren Gruß und erkennt sie demütig als Zarewitsch von ganz Russland an.«, Daraufhin standen alle anderen auf und erhoben ihre Gläser. Fürst Dimitri. Nikolaj Nemow, der Bürgermeister von Moskau. General Igor Golowkin von der russischen Armee. Und Gregor II., der heiligste Patriarch von Moskau und ganz Russland. Dann erhob sich auch Sir Peter Michail Romanow Kitner, ein Leuchten in den dunklen Augen. Er hob die Hände und nahm die Huldigungen entgegen, neigte den Kopf zum Zeichen, dass er die Wahl annahm., Kowalenko erkannte das verlassene Auto zu spät. Er riss das Steuer herum, um dem Wagen auszuweichen, doch der Mercedes geriet ins Schleudern und rutschte, sich wie ein Kreisel drehend, über die schneeglatte Fahrbahn. Er prallte gegen eine Schneewehe, schoss auf zwei Rädern weiter, kippte zurück, durchbrach die Schneewehe und glitt wie ein Schlitten eine Böschung hinunter, bis er schließlich mit laufendem Motor am Rand eines vorstehenden Felsens im tiefen Schnee stecken blieb. »Kowalenko!«, rief Marten, zerrte an seinem Sicherheitsgurt und sah zu der reglosen Gestalt hinter dem Lenkrad. Eine endlose Sekunde lang herrschte Stille, dann bewegte sich der Russe langsam und sah ihn an. »Ich bin in Ordnung. Und Sie?« »Auch.« »Wo zum Teufel sind wir?« Marten tastete mit der rechten Hand nach dem Griff und öffnete die Tür. Schnee und eisige Luft drängten herein, und der Wagen wackelte leicht. Vorsichtig beugte er sich zur Seite und spähte hinaus. In dem Licht, das durch die offene Tür fiel, konnte er unter sich nur einen dunklen Abgrund und das Rauschen von Wasser ausmachen. Er lehnte sich noch weiter hinaus, und da spürte er, dass der Wagen sich in seine Richtung neigte. Er hielt sofort inne. »Was sehen Sie?«, bellte Kowalenko. Marten konnte nur die Spitze eines schneebedeckten Felsvorsprungs erkennen und darunter pechschwarze Nacht. Langsam richtete er sich wieder auf und schloss die Tür. »Wir befinden uns am Rand eines Abgrunds.«, »Eines was?« »Eines Abgrunds, einer Felswand. Würde mich nicht überraschen, wenn wir nur mit zwei Rädern auf festem Boden stehen.« Kowalenko beugte sich hinüber, um sich selbst ein Bild zu machen, und der Wagen neigte sich mit. Er erstarrte. »Ich weiß nicht, wie weit es da runtergeht, aber ich bin nicht neugierig darauf, es zu erfahren«, sagte Marten. »Ich auch nicht. Und Lenard sicher auch nicht. Er möchte seinen Wagen unbeschädigt zurückhaben.« »Wie spät ist es?« Vorsichtig schielte Kowalenko zu der Uhr am Armaturenbrett. »Genau Mitternacht.« Marten holte tief Luft. »Es schneit, was das Zeug hält, es ist Mitternacht, und wir sind in einer gottverlassenen Gegend von der Straße abgekommen. Ein Nieser kann uns über den Rand pusten, und dann ist es aus. Wir werden entweder ertrinken oder erfrieren oder verbrennen, wenn die Kiste in Flammen aufgeht. Selbst wenn wir mit Ihrem Handy jemanden erreichen, nützt uns das nichts. Wir wissen ja nicht, wo wir sind. Und selbst wenn wir es wüssten, wird uns vor morgen früh niemand hier rausholen können. Und das auch nur, wenn wir Glück haben.« »Was sollen wir also tun?« »Wir hängen mit zwei Rädern in der Luft, folglich müssten wir noch mit zwei Rädern auf festem Boden stehen. Vielleicht können wir einfach hier rausfahren.« »Was meinen Sie mit ›vielleicht‹?« »Haben Sie eine bessere Idee?« Kowalenko erwog mögliche Alternativen, kam jedoch rasch zu dem Schluss, dass es keine gab. »Auf jeden Fall wäre es hilfreich«, sagte Kowalenko, bestimmt, »wenn wir auf der Beifahrerseite weniger Gewicht hätten.« »Richtig.« »Und Sie können auf Ihrer Seite schlecht aussteigen. Sie würden in die Tiefe stürzen und eventuell den Wagen mitreißen.« »Richtig.« »Deshalb werde ich auf meiner Seite aussteigen, und Sie rutschen gleichzeitig hinters Steuer und versuchen, wie Sie es ausdrücken, hier rauszufahren.« »Und Sie sehen aus sicherer Entfernung zu und warten ab, was passiert. Richtig?« »Mr. Marten, wenn der Wagen abstürzt, brauchen keine zwei drinzusitzen, einer genügt.« »Aber dieser eine werden nicht Sie sein, sondern ich, Kowalenko.« »Falls es Ihnen ein Trost ist: Wenn Sie abstürzen, werde ich sowieso erfrieren.« Damit löste Kowalenko seinen Sicherheitsgurt und stieß die Fahrertür auf. Ein Windstoß warf sie wieder zu, doch er stemmte die Schulter dagegen und drückte sie wieder auf. »Okay, ich steige jetzt aus. Rutschen Sie rüber.« Kowalenko glitt langsam hinterm Steuer hervor. Gleichzeitig hievte sich Marten sachte über die Mittelkonsole, wobei er sein Gewicht wo weit wie möglich nach links verlagerte. Auf einmal begann der Wagen zu quietschen und kippte in Richtung Schlucht. Kowalenko kletterte rasch zurück und drückte mit seinem ganzen Gewicht auf den Rand des Sitzes. Der Wagen richtete sich wieder gerade auf. »Heilige Mutter Gottes«, stöhnte Kowalenko. »Bleiben Sie, wo Sie sind«, sagte Marten. »Ich rutsche ganz rüber.«, Eine Hand auf dem Fahrersitz, verlagerte Marten sein Gewicht so weit wie möglich auf den Ellbogen, schob sich über die Konsole, glitt auf den Sitz und zog ein Bein nach dem anderen unters Lenkrad. Marten hob den Kopf. Kowalenkos Nase war nur Zentimeter von seiner entfernt. Eine Bö knallte dem Russen die Tür ins Kreuz und schleuderte ihn gegen Marten. Ihre Nasen krachten zusammen, und der Wagen neigte sich wieder in Richtung Schlucht. Marten stieß Kowalenko hinaus in den Schnee und lehnte sich so weit in seine Richtung, wie er nur konnte. Der Wagen kippte zurück. »Stehen Sie auf, und machen Sie die Tür zu«, sagte Marten. »Was?« »Aufstehen und Tür zumachen. Aber sachte.« Kowalenko rappelte sich auf. »Sind Sie sicher?« »Ja.« Marten beobachtete, wie Kowalenko die Tür schloss und zurücktrat. Dann blickte er durch die Windschutzscheibe, vorbei an den unermüdlich arbeitenden Scheibenwischern. Im Licht der Scheinwerfer sah er nur Weiß. Er konnte nicht erkennen, ob das Gelände da draußen eben war, ob es bergauf oder bergab ging. Er wusste nur, dass er auf keinen Fall rechts abbiegen durfte. Er atmete tief durch und blickte zu Kowalenko. Der Russe hatte sich den Kragen hochgeschlagen, Haare und Bart waren mit Schnee bedeckt. Marten fasste nach dem Schalthebel, legte den Vorwärtsgang ein und gab vorsichtig Gas. Mit einem sanften Schnurren erhöhte der Motor die Drehzahl. Er spürte, wie die Räder sich zu drehen begannen. Zunächst geschah nichts. Dann gab es einen leichten Ruck, die Räder griffen, und der ML setzte sich in Bewegung. Einen Meter, dann zwei, dann drehten die Räder im, tiefen Schnee durch. Er ging vom Gas, und der Wagen rollte zurück. Er trat auf die Bremse. Rutschend kam er zum Stehen. »Mit Gefühl«, zischte er. Er gab wieder Gas. Die Räder drehten sich und griffen. Dann drehten sie wieder durch. Er bemerkte, wie Kowalenko hinter dem Wagen verschwand. Im Rückspiegel sah er, wie der Russe die Schulter gegen die Hecktür stemmte. Er trat mit dem Fuß aufs Gaspedal und öffnete das Fenster ein wenig. »Jetzt!«, brüllte er und gab Gas. Kowalenko schob mit aller Kraft. Dann spürte Marten, wie die Räder griffen und der Wagen sich wieder in Bewegung setzte. Diesmal blieb er nicht hängen. Er rollte schneller, geradeaus und bergauf durch knie- tiefen Schnee. Wieder ein Blick in den Rückspiegel. Kowalenko war hinter ihm, lief in der Spur, die der Geländewagen gezogen hatte. Fünf Sekunden. Noch einmal fünf. Der Mercedes beschleunigte tatsächlich. Dann entdeckte er den großen Schneehaufen im Scheinwerferlicht. Er war mindestens so hoch wie der Wagen und möglicherweise gar kein Schneehaufen, sondern ein verschneiter Felsen. Doch er konnte jetzt nicht anhalten, und um nicht zurückzurutschen, musste er mit voller Wucht und möglichst hoher Geschwindigkeit gegen den Haufen fahren. Vielleicht gelang es ihm, ihn zu durchbrechen. Er trat das Gaspedal bis zum Anschlag. Der ML raste los. Der Schneehaufen kam immer näher. Er rammte ihn. Für einen Augenblick wurde es dunkel. Dann war er auf der anderen Seite und stand auf der Straße. Er atmete auf, ließ das Seitenfenster vollends herunter und blickte in den Außenspiegel. Kowalenko kam durch die panzerbreite Bresche in dem Schneehaufen gerannt. Keuchend und von oben bis unten mit Schnee bedeckt, stieß er ein Triumphgeheul aus und reckte die Fäuste in die Luft. Im roten Schein der Rücklichter sah er aus wie ein großer tanzender Bär., Paris, zur selben Zeit, Freitag, 17. Januar, 0.40 Uhr Zarewitsch Peter Kitner Romanow hielt sich die Ohren zu, als der mit einem Zwillingsrotor ausgestattete russische Kampfhubschrauber vom Typ Kamow-32 unter lautem Dröhnen im dichten Schneetreiben am Flughafen Orly startete. Ihm gegenüber saß Oberst Stefan Murzin vom Federalnaja Sluschba Ochrani, sein persönlicher Leibwächter und einer von zehn Agenten des russischen Präsidenten-Schutzdienstes FSO, die ihn eilends vom Haus in der Avenue George V zu der dritten von insgesamt vier vor dem Dienstboteneingang wartenden Luxuslimousinen gebracht hatten. Die Wagen waren sofort losgefahren, vorbei an der französischen Polizei und dann im Schneegestöber über die Seine und durch die menschenleeren Straßen zu dem fünfzehn Kilometer entfernten und wegen des Unwetters geschlossenen Flughafens Orly. In einem abgesperrten Bereich des Terminals hatten zwei Kamow-32 mit langsam drehenden Rotoren gewartet. Kaum war Kitners Wagen eingetroffen, wurden auch schon die Türen aufgerissen, und Oberst Murzin führte den Zarewitsch zusammen mit vier schwer bewaffneten FSO-Agenten zu dem ersten Hubschrauber. Sekunden später befanden sie sich an Bord. Die Türen wurden geschlossen, die Rotoren drehten schneller, und Murzin, ein Mann mit prägnantem Kinn und schwarzen Augen, legte dem Zarewitsch persönlich den Sicherheitsgurt an. Dann schnallte er sich selbst an, und gleich darauf erhoben sich die beiden Hubschrauber in die Lüfte. Murzin lehnte sich zurück. »Sitzen Sie bequem, Zarewitsch?«, »Ja, danke.« Kitner nickte und blickte in die Gesichter der anderen Männer, die ihn beschützen sollten. Seit Jahren hatte er Leibwächter, aber keiner war wie diese. Alle hatten früher den russischen Sondereinsatzkräften, den so genannten Speznaz, angehört. Alle waren wie Murzin: jung, muskulös und durchtrainiert, das Haar millimeterkurz geschoren. Seit seiner Wahl zum Zarewitsch gehörte er ihnen. Von einem Moment auf den anderen war Higgs in den Hintergrund gedrängt worden und hatte jetzt nur noch die Aufgabe, die Topmanager von MediaCorp davon zu unterrichten, dass ihr Präsident momentan aus »privaten Gründen« unabkömmlich, aber wohlauf sei und in wenigen Tagen wieder im Büro erscheinen werde. Gleichzeitig wurden die übrigen Mitglieder der Familie Romanow zur Verschwiegenheit verpflichtet. Was das Personal anging, das bei dem Diner gekocht und bedient hatte, erübrigte sich eine solche Maßnahme. Alle waren FSO-Agenten. Im Interesse der persönlichen Sicherheit des Zarewitsch und in Anbetracht der historischen Tragweite der bevorstehenden sensationellen Enthüllung – dass nämlich Alexej Romanow das Massaker im Ipatjew-Haus tatsächlich überlebt hatte und Peter Kitner, Präsident eines der wenigen privaten multinationalen Medienunternehmen, sein Sohn war, gepaart mit der schier unglaublichen Entscheidung Moskaus, die Monarchie wiedereinzuführen –, war Geheimhaltung oberstes Gebot, bis alle Sicherheitsvorkehrungen für die offizielle Bekanntgabe durch den russischen Präsidenten beim Forum in Davos getroffen waren. Aus diesem Grund waren nur Kitners engste Angehörige, Higgs und sein Privatsekretär, Taylor Barrie, eingeweiht worden. Zudem wurde nicht nur Kitner unter den Schutz des FSO gestellt, sondern auch seine Familie: sein Sohn Michael, der auf Geschäftsreise in München weilte, seine Frau Luisa, die sich noch in Triest aufhielt, und seine Töchter Lydia, Marie und Victoria, die sich in London respektive New York befanden. Sie, alle sollten am nächsten Tag in FSO-Begleitung nach Davos reisen. Die Frage, ob die Baronesse tatsächlich Anschläge gegen die Familie plante, wie Kitner befürchtete, erübrigte sich angesichts der Präsenz dieser hervorragend geschulten Sicherheitsleute. Er war jetzt abgeschirmt und würde es als Zar für den Rest seines Lebens bleiben. Er hatte seine Freiheit geopfert, und er hatte sie freiwillig geopfert, für seinen Vater, sein Land, sein Geburtsrecht. Endlich war es kein Geheimnis mehr, wer er war. Zeit und Geschichte hatten der Angst seines Vaters vor einem Racheakt der Kommunisten den Boden entzogen. Und auch von der Baronesse und Alexander hatte seine Familie nun nichts mehr zu befürchten., Paris, die Penthouse-Wohnung in der Avenue Hoche 127, Freitag, 17. Januar, 3.14 Uhr Großfürstin Katharina Michailowna lag im matten Schein einer Nachttischlampe und blickte gedankenverloren auf den Digitalwecker neben sich. Sie hatte das Gefühl, jedes Umspringen der Minutenanzeige beobachtet zu haben, seit sie kurz nach halb zwei zu Bett gegangen war. Wie oft hatte sie in diesen knappen zwei Stunden den Abend noch einmal Revue passieren lassen? Sie fühlte sich von ihren »besten Freunden«, dem Bürgermeister von Moskau und dem Patriarchen der Kirche, schändlich verraten. Doch das war nicht so wichtig. Etwas anderes irritierte sie viel mehr. Warum hatte außer Fürst Dimitri kein einziger Romanow von Peter Kitner und der Flucht Alexejs aus dem Ipatjew-Haus gewusst? Dass man die Sache geheim halten wollte, um das Leben des wahren Zarewitsch zu schützen, konnte sie ja noch verstehen. Aber warum hatte man alle Romanows bis auf Dimitri über die Entscheidungen des Parlaments und des Präsidenten im Dunkeln gelassen, obwohl sie für die gesamte Familie doch von enormer Bedeutung waren? Klick. 3.15 Uhr. Sie musste daran denken, wie ihr Sohn reagiert hatte, als Peter Kitner vorgestellt und verkündet wurde, wer er war. Obwohl er sich all die Jahre auf diesen Augenblick vorbereitet und fest damit gerechnet hatte, Zar zu werden, hatte er keine Miene, verzogen. Der Thron blieb ihm versagt, aber er würde dem Mann, der ihn verdrängt hatte, Respekt und Gehorsam entgegenbringen. Er würde es als eine Ehre und seine Pflicht betrachten. In diesem Augenblick war ihr bewusst geworden, dass Großfürst Sergej Petrowitsch Romanow mit seinen zweiundzwanzig Jahren »russischer« war als sie alle. 3.16 Uhr. Sie hörte, wie ihre Mutter sich in dem Bett hinter ihr auf die andere Seite drehte. Ein heftiger Windstoß rüttelte an den Fenstern, und Schnee peitschte gegen die Scheiben. Sie hätten es ihr vorher sagen sollen, wenigstens der Bürgermeister. Warum hatte er geschwiegen und ihr etwas vorgemacht? Plötzlich kam ihr der Gedanke, dass jemand anders dahinter steckte. Jemand, dem der Bürgermeister und der Patriarch treuer ergeben waren als ihr. Aber wer? Klick. 3.17 Uhr. Plötzlich wurde es dunkel. »Was ist los?«, fragte ihre Mutter und setzte sich im Bett auf. »Nichts, Mutter«, antwortete Großfürstin Katharina Michailowna. »Der Strom ist ausgefallen. Schlaf weiter.«, Basel, immer noch Freitag, 17. Januar, 6.05 Uhr »Wir möchten uns seine Bücher und Geschäftsunterlagen ansehen, wenn möglich noch heute Morgen. Ja, einverstanden. Sehr gut, danke.« Kowalenko steckte das Handy weg und sah Marten an, der am Steuer saß. »Ein Chefinspektor Beelr von der Züricher Kantonspolizei erwartet uns in einer Stunde in der Pathologie der Univer- sitätsklinik. Die Polizei hat bereits einen Durchsuchungsbefehl für die Wohnung und die Firma des Opfers.« Kowalenko hatte verschwollene und gerötete Augen, und an seinem Hals unterhalb des Bartes, wo er sich normalerweise rasierte, sprossen Stoppeln. Sie waren beide müde von der langen und bei diesen tückischen Straßenverhältnissen stra- paziösen Fahrt. Doch zum Glück hatte sich das Wetter hinter der Schweizer Grenze beruhigt, und mittlerweile tanzten nur noch vereinzelte Schneeflocken im Scheinwerferlicht des Mercedes. Marten blickte auf den Schirm des Navigationsgeräts und nahm dann dieA3nach Zürich. »Der Name des Opfers ist Hans Lossberg, Alter zweiundvierzig, drei Kinder. Genau wie ich«, sagte Kowalenko müde und blickte nach Osten, wo der Himmel noch dunkel war. »Waren Sie schon einmal in einem Leichenschauhaus, Mr. Marten?« Marten überlegte. Kowalenko fühlte ihm wieder auf den Zahn. Schließlich fiel ihm eine Antwort ein: »Einmal. In Los Angeles. Dan Ford hat mich mitgenommen.« »Dann wissen Sie ja, was Sie erwartet.«, »Ja.« Marten wandte keinen Blick von der Straße. Trotz der frühen Stunde setzte bereits der Berufsverkehr ein, und er durfte auf der schneeglatten Straße nicht zu schnell fahren. Noch immer beschäftigte ihn die Frage, hinter was Kowalenko eigentlich her war. Offensichtlich hatte er mit den russischen Beamten gesprochen, die nach L. A. gereist waren. Er wusste von Red, Halliday und der Squad. Vielleicht ahnte er sogar, wer er war, und setzte ihm deshalb ständig zu. Wie eben mit seiner Frage wegen des Leichenschauhauses oder mit seinen Anspielungen auf seine kriminalistischen Fähigkeiten und seinen Fragen nach seinem Studium. Und dann die Sache mit dem Unfall. Kowalenko hatte darauf bestanden, aus dem Wagen zu steigen, aber nicht weil er Angst hatte, in die Tiefe zu stürzen. Nein, er wollte sehen, wie er sich am Steuer machte. Er wollte sehen, ob er dafür ausgebildet war, in schwierigen Situationen einen Wagen zu steuern. Ob er über Erfahrungen verfügte, die über die übliche Fahrpraxis hinausgingen. Doch selbst wenn Kowalenko den Verdacht hegte, dass er mehr war als der mit Dan Ford befreundete Student, für den er sich ausgab, und darauf wartete, dass er sich verriet, was erhoffte er sich davon? Was auch immer, er durfte sich nicht davon abschrecken lassen. Er war davon überzeugt, dicht auf Raymonds Fersen zu sein, und Kowalenko war sein einziger Verbündeter. Er konnte ihm Türen öffnen, die ihm sonst verschlossen blieben. Sie hatten damit begonnen, Informationen auszutauschen, und nach dem glücklich überstandenen Unfall keimte sogar so etwas wie Freundschaft zwischen ihnen auf. Das durfte er nicht aufs Spiel setzen, auch wenn er vielleicht mehr von sich würde preisgeben müssen, als ihm lieb war. Er nahm wegen der vereisten Fahrbahn etwas Gas weg und gestattete sich, laut nachzudenken., »Letztes Jahr in L. A. ist Raymond mithilfe einer Schusswaffe die Flucht aus der Haft gelungen. Er hat mehrere Unschuldige ermordet, darunter auch Polizisten. Bei dem Mord an den Azov- Brüdern in Chicago hat er ebenfalls eine Schusswaffe benutzt. Wie überhaupt bei allen Morden in den USA und in Mexiko. Auch Neuss und Fabien Curtay wurden erschossen. Warum also benutzt Raymond – und wir wissen, dass es Raymond war – plötzlich ein Messer oder ein Rasiermesser? Und warum schlachtet er seine Opfer förmlich damit ab wie ein Wahnsinniger oder Fanatiker?« »Ich habe mich auch schon gefragt, ob wir es möglicherweise mit einer Art Ritualmord zu tun haben«, sagte Kowalenko. »Oder auch nicht«, erwiderte Marten. »Vielleicht wird er langsam verrückt. Bei einem Ritual ist alles festgelegt. In unserem Fall gilt das nur für den ersten Schnitt, als hätte er ihn genau so geplant. Danach wird er von seinen Gefühlen überwältigt. Liebe, Hass, was weiß ich. Es geht mit ihm durch, als ob er sich nicht mehr beherrschen könnte. Oder wollte.« Kowalenko schwieg eine Weile, dann sagte er: »Aus Fabien Curtays Privatsafe in Monaco wurde ein großes altes Messer entwendet, ein spanisches Schnappmesser namens Navaja. Und noch etwas anderes, nämlich eine kleine Filmrolle, 8-mm- Schmalfilm.« »Eine Filmrolle?« »Ja.« »Kein Video?« »Nein, ein Film.« »Was ist drauf?« »Wenn ich das wüsste.« Der Himmel war noch winterlich dunkel, als dieA3in dieA1überging und in der Ferne die Lichter von Zürich auftauchten. »Erzählen Sie mir von Kitner«, bat Marten. »Alles, was Ihnen, dazu einfällt. Von seiner Familie, zum Beispiel, nicht von Cabrera, sondern von der, über die er spricht.« »Er hat einen Sohn, der später mal die Firma übernehmen wird«, sagte Kowalenko mit einem Seufzer. Er wurde müde. »Und eine Tochter, die ebenfalls im Management des Unternehmens arbeitet. Und dann gibt es da noch zwei Töchter, eine mit einem Arzt verheiratet, die andere mit einem Künstler. Seine Frau ist, wie ich Ihnen bereits sagte, eine spanische Adlige, eine Cousine von König Juan Carlos.« »Der Adel bleibt unter sich.« »Ja.« Auch Marten spürte die Müdigkeit. Er fuhr sich mit der Hand übers Kinn und fühlte die Bartstoppeln. Sie brauchten beide dringend eine Rasur, eine Dusche und etwas Schlaf, aber daran war jetzt nicht zu denken, noch nicht. »Seit wann weiß seine Frau, wer er ist?« »Vielleicht von Anfang an, vielleicht auch erst seit dem Tag, als er eingewilligt hat, Zar zu werden. Keine Ahnung. Ich weiß nicht, wie solche Leute miteinander reden, was sie sagen und was nicht, und wahrscheinlich werde ich es nie erfahren. Diese Kreise werden mir wohl immer verschlossen bleiben.« »Was wissen Sie noch über sein Privatleben? Woher kannte er Alfred Neuss?« »Sie sind zusammen in der Schweiz aufgewachsen. Neuss senior hat für Kitners Vater gearbeitet, deshalb ist er wohl Juwelier geworden.« Marten wandte den Kopf und sah, dass der Russe ihn erneut beobachtete: wie er lenkte, wie er abwechselnd auf Bremse oder Gaspedal trat. »Was noch?«, fragte Marten. »Kitner hatte einen Sohn, der im Alter von zehn Jahren ermordet wurde«, sagte der Russe beinahe widerwillig. »Das ist, jetzt zwanzig Jahre her. Kitner war damals noch nicht so bekannt wie heute, deshalb hat die Sache keine Schlagzeilen gemacht, aber die Boulevardpresse berichtete darüber. Ein junger Krimineller hat ihn bei einer Kindergeburtstagsparty in Paris erstochen.« »In Paris?« »Im Parc Monceau. Im selben Park, in dem Alfred Neuss tot aufgefunden wurde.« »Ist das wirklich wahr?«, fragte Marten ungläubig. »Ja. Und bevor Sie mir jetzt wieder mit irgendwelchen Theorien kommen, lassen Sie mich Ihnen sagen, dass zwischen den Verbrechen sonst keinerlei Verbindung besteht. Neuss und Kitner waren befreundet, und der Schauplatz ist derselbe. Aber das ist auch alles.« »Wie ging die Sache aus?« »Soweit ich weiß, wurde der Mörder nie gefasst.« »Kitners Sohn ist erstochen worden, sagen Sie. Und wenn das Messer, das aus Curtays Safe gestohlen wurde, die Mordwaffe ist?« »Reine Spekulation.« »Schon, aber da wäre noch der Film, der zusammen mit dem Messer gestohlen wurde.« »Was ist damit?« Kowalenko konnte nicht ganz folgen. »Der Mord ist vor ungefähr zwanzig Jahren geschehen. Damals war Video noch nicht verbreitet. Man hat Filmkameras benutzt. Kindergeburtstage waren ein beliebter Anlass zum Filmen, und in aller Regel hat man einen 8-mm-Schmalfilm verwendet. Angenommen, bei der Geburtstagsparty hat jemand gefilmt. Was ist, wenn er zufällig den Mord aufgenommen hat und es dieser Film ist, der aus dem Safe gestohlen wurde? Wenn Neuss und Kitner sowohl die Mordwaffe als auch ein Filmdokument des Mordes besaßen und beides versteckten und, Cabrera davon wusste?« Mein Gott! dachte Marten plötzlich. Ob das Messer und der Film vielleicht die »Beweisstücke« waren, von denen Raymond sprach? Das würde die Bankfachschlüssel erklären. Schlüssel für ein Tresorfach, in dem das Messer und der Film deponiert waren. Möglicherweise in einer Bank in Marseille, und Neuss hatte die Bank aufgesucht, bevor er nach Monaco zu Curtay weiterreiste. Was sonst noch dahinter steckte, wusste er nicht, aber möglicherweise hatte man den Mordopfern in Amerika die Schlüssel zur Aufbewahrung gegeben für den Fall, dass Kitner etwas zustieß, ihnen aber die Hintergründe verschwiegen. Kitner wusste, dass Cabrera seinen Sohn ermordet hatte, wollte aber nicht, dass es bekannt wurde, also schickte er ihn nach Argentinien und behielt Messer und Film als Sicherheit, um ihn an der Rückkehr zu hindern. Wenn das Messer und der Film also tatsächlich die »Beweisstücke« waren … Wie hatte Raymond noch gesagt? »Die Beweisstücke, die die Zukunft sichern.« Von welcher Zukunft hatte er gesprochen? Und warum hatte Cabrera den Mord überhaupt begangen? Marten starrte Kowalenko an. »Was meinen Sie? Wie alt war Alexander Cabrera vor zwanzig Jahren? Dreizehn, vierzehn? Was, wenn er der junge Kriminelle war?« »Sie wollen doch nicht behaupten, dass er seinen eigenen Bruder umgebracht hat?« Wieder klang Kowalenko skeptisch. »Haben Sie nicht selbst gesagt, er könnte versuchen, seinen Vater umzubringen?« »Nein, Mr. Marten. Ich habe gesagt, Raymond Thorne könnte es auf Peter Kitner abgesehen haben, nicht Alexander Cabrera.« Kowalenko sah ihn durchdringend an und wandte sich ab. »Was haben Sie denn, Inspektor?« Kowalenko schwieg., »Ich will Ihnen sagen, was Sie haben«, bohrte Marten weiter. »Es ist dasselbe wie vorhin. Im Grunde wissen Sie genau, dass Raymond und Cabrera ein und dieselbe Person sind. Sie wollen es sich nur nicht eingestehen.« »Sie haben Recht, Mr. Marten«, erwiderte Kowalenko. »Vergessen wir für einen Moment Kitners ermordeten Sohn, und nehmen wir mal an, Alexander Cabrera und Raymond Thorne sind ein und dieselbe Person. Nehmen wir ferner an, dass er die ganze Zeit nicht hinter Alfred Neuss und den anderen her war, sondern in erster Linie hinter Kitner. Dann hätten wir es mit einem Sohn zu tun, der seinen Vater töten will.« »So was kommt vor.« »Ja, so was kommt vor. Das Problem in unserem Fall ist nur, dass der Vater der nächste russische Zar werden soll. Das ändert alles. Damit fällt die Sache aus der Kategorie Familientragödie heraus und wird zu einer sehr heiklen sicherheitspolitischen Angelegenheit, die absolut geheim gehalten werden muss, solange wir über keine eindeutigen Beweise verfügen. Das ist der eigentliche Grund, warum wir Lenard nichts gesagt haben. Ich hoffe aufrichtig, Sie können meinen Standpunkt verstehen, Mr. Marten. Deshalb sind wir bei dem Unwetter die Nacht durchgefahren – um beweisen zu können, dass dieser Hans Lossberg von derselben Person ermordet wurde, die Dan Ford auf dem Gewissen hat. Mit etwas Glück bekommen wir sogar noch einen Fingerabdruck.« »Warum besorgen Sie sich nicht eine richterliche Anordnung, die Cabrera zwingt, Ihnen seine Fingerabdrücke zu geben?« »Gestern um diese Zeit wäre das vielleicht noch möglich gewesen. Aber da wusste ich noch nichts von der LAPD-Akte mit den Fingerabdrücken von Raymond Oliver Thorne.« »Gestern, heute, was macht das für einen Unterschied?« Kowalenko lächelte verhalten. »Der Unterschied besteht darin, dass Cabrera heute offiziell ein Mitglied der kaiserlichen, Familie ist. Das gehört zu den Schwierigkeiten in einer Monarchie. Die Polizei bittet einen König, einen Zaren oder ein Mitglied seiner Familie nicht um seine Fingerabdrücke. Jedenfalls nicht ohne unwiderlegbare Beweise, dass ein Verbrechen begangen worden ist. Wenn ich ihn beschuldige, darf es nicht den leisesten Zweifel daran geben, dass er der richtige Mann ist.«, Züricher Universitätsklinik, Pathologie, 7.15 Uhr Hans Lossberg, zweiundvierzig Jahre alt, verheiratet, drei Kinder. Genau wie er selbst, hatte Kowalenko gesagt. Doch im Unterschied zu Kowalenko war Lossberg tot, abgeschlachtet mit einem rasiermesserscharfen Instrument. Genau wie Dan Ford und Jean-Luc Vabres. Und nein, der Täter hatte keine Fingerabdrücke hinterlassen. Doch auch so genügte ein einziger Blick zwischen Marten und Kowalenko: Raymond war in Zürich gewesen. »Könnten wir uns in Herrn Lossbergs Firma umsehen?«, fragte Kowalenko, als der junge, freundliche Inspektor Heinrich Beelr von der Kantonspolizei Zürich ihnen Näheres zu Tatzeit und Tatort nannte. Fünfzehn Minuten später standen sie in einem ziemlich geräumigen Hinterzimmer der Großmünster Presse, einer Druckerei in der Zähringstraße, und durchsuchten Schubfächer nach dem Klebeumbruch für eine Menükarte, die unlängst gedruckt worden war oder demnächst gedruckt werden sollte. Um was für eine Art von Menükarte es sich handelte, wussten sie nicht, nur dass sie vermutlich auf Russisch war und etwas mit der Familie Romanow zu tun hatte. Eine Stunde später waren sie für ihre Mühe noch nicht belohnt worden, und sie fanden es auch nicht sonderlich ermutigend, dass Bertha Rissmak, die füllige und sehr unfreundliche dreiundfünfzigjährige Betriebsleiterin, steif und fest behauptete, dass sie etwas suchten, was gar nicht existiere. Der verstorbene Hans Lossberg sei nicht nur der Eigentümer der Druckerei, sondern auch ihr einziger Vertreter gewesen, und das seit, fünfzehn Jahren. Und in dieser Zeit habe die Firma ihres Wissens keine einzige Menükarte gedruckt. Sie sei auf Geschäftsvordrucke wie Bestandslisten, Briefköpfe, Karten, Versandetiketten und dergleichen spezialisiert. Erschwerend kam hinzu, dass Lossberg alle Aufträge, mehrere tausend an der Zahl, selbst bearbeitet und nach einem eigenen System abgelegt hatte – in fünfzehn Aktenschränken mit jeweils vier Schubladen. Und damit nicht genug: Viele Aufträge waren seit Jahren erledigt und alte Vorgänge nicht aussortiert worden. Noch frustrierender war, dass sie nicht nach Datum oder Art des Auftrags, sondern alphabetisch geordnet waren. Sie suchten also nach der berühmten Stecknadel im Heuhafen, nur hatten sie keine Ahnung, in welchem Heuhaufen sie steckte oder ob überhaupt eine Stecknadel existierte. Also blieb ihnen nichts weiter übrig, als sich jeden Auftrag, jeden Vorgang und jede Rechnung anzusehen. Ein Unterfangen, das sie wertvolle Zeit kostete. Und dann, nach zwanzig Minuten, fiel Marten plötzlich wieder ein, was ihm Kowalenko über Cabreras Vergangenheit berichtet hatte: dass er von der Schwester seiner verstorbenen Mutter, einer sehr wohlhabenden Europäerin, in Argentinien großgezogen worden sei. Wenn sie Europäerin war, warum erzog sie den Sohn ihrer Schwester dann in Südamerika, selbst wenn sie es sich leisten konnte? Er ging zu Kowalenko hinüber, der über einer Akte saß. »Wer ist eigentlich Cabreras Tante?«, fragte er leise. Kowalenko schielte zu Inspektor Beelr hinüber, der hinter ihm einen Stapel Ordner durchsah, fasste Marten am Arm und führte ihn in eine Ecke, wo sie reden konnten. Bislang wusste die Züricher Polizei nur, dass Kowalenko den Tod von Exilrussen untersuchte, die in Frankreich und Monaco ermordet worden waren. Er hatte Marten als Hauptzeugen vorgestellt und erklärt, wonach sie suchten, sonst aber wenig, geredet. Alexander Cabrera hatte er nicht erwähnt. »Kein Wort über Cabrera«, sagte er leise, aber bestimmt. »Ich möchte nicht, dass Beelr nach ihm fragt und Lenard davon Wind bekommt. Verstehen Sie?« »Wer ist seine Tante?«, wiederholte Marten unbeeindruckt. »Baronesse Marga de Vienne, eine prominente und überaus einflussreiche Dame der Gesellschaft hier in Europa.« »Und wohlhabend, wie Sie sagten.« »Mehr als wohlhabend.« »Das würde einiges erklären. Die Chartermaschine, die Raymond in L. A. abholen sollte. Sein Verschwinden aus dem Krankenhaus, vermutlich mit einem Sanitätsflugzeug. Und dass ein Totenschein ausgestellt und irgendein Unbekannter aus dem Leichenschauhaus unter seinem Namen eingeäschert wurde. Aber es erklärt nicht, warum er in Argentinien großgezogen wurde.« Die beiden Männer sahen auf. Beelr kam auf sie zu, begleitet von einem Mann mittleren Alters, mit kurz geschorenen Haaren und Druckerschürze. »Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche. Aber das ist Helmut Vaudois. Er war seit Jahren mit Hans Lossberg befreundet. Anscheinend hat Lossberg selbst als Drucker angefangen, bevor er die Firma übernahm. Gelegentlich hat er aus Spaß kleinere Aufträge selbst erledigt. Es wäre also möglich, dass der Auftrag für die Menükarte gar nicht über die Firma gelaufen ist.« »Hätte er sie denn nicht hier gedruckt?« »Nein«, antwortete Vaudois. »Er hatte zu Hause eine kleine Druckerpresse.«, Zürichbergstraße 275, 10.15 Uhr Maxine Lossberg empfing sie an der Tür ihrer kleinen Wohnung, anderthalb Straßenzüge vom Züricher Zoo entfernt. Noch sichtlich schockiert und fassungslos hatte sich die fünfzigjährige Witwe Hans Lossbergs offensichtlich in aller Eile das Haar hochgesteckt und einen Morgenrock übergezogen. Nur die Anwesenheit von Lossbergs Freund, Helmut Vaudois, vermochte sie ein wenig zu trösten. Sie ergriff seine Hand und ließ sie, solange sie da waren, nicht mehr los. Behutsam und rücksichtsvoll erklärte ihr Inspektor Beelr, dass sie nach Hinweisen suchten, die zur Aufklärung des Mordes an ihrem Mann beitragen könnten. Ob sie zufällig wisse, ob ihr Mann in letzter Zeit irgendetwas zu Hause gedruckt habe? Ein privater Auftrag vielleicht, oder ein Freundschaftsdienst? »Ja«, antwortete sie und führte sie durch einen schmalen Flur in ein Zimmer, in dem eine altmodische Druckerpresse und Setzkästen standen und es nach Druckerschwärze roch. Sie sah rasch die Schubladen durch, fand zu ihrer Überraschung aber nichts. »Hans hat normalerweise von allem, was er gedruckt hat, eine Kopie aufbewahrt«, sagte sie auf Deutsch. Beelr übersetzte, dann fragte er sie: »Was hat er denn gedruckt?« »Eine Speisekarte.« Beelr übersetzte. Marten und Kowalenko tauschten einen Blick. »Für wen hat er sie gedruckt?«, erkundigte sich Kowalenko. Beelr übersetzte. Wieder antwortete sie auf Deutsch. Wieder, übersetzte Beelr. »Für einen Bekannten, für wen genau, ist ihr nicht bekannt. Sie weiß nur, dass er genau zweihundert Karten drucken sollte. Nicht mehr und nicht weniger, und hinterher sollte er die Probedrucke vernichten. Das weiß sie, weil er es ihr erzählt hat.« »Fragen Sie sie, ob sie weiß, wann der Auftrag erteilt wurde.« Wieder übersetzte Beelr. »Sie kann sich nicht mehr genau erinnern. Aber irgendwann letzte Woche hat ihr Mann einen Probedruck angefertigt. Richtig gedruckt hat er dann letzten Montagabend. Sie wollte mit ihm ins Kino gehen, aber er hatte keine Zeit. Er musste den Auftrag zu Ende führen.« Wieder tauschte Marten einen schnellen Blick mit Kowalenko. Ford und Vabres waren am frühen Mittwochmorgen ermordet worden. Vabres konnte die Menükarte ohne weiteres am Dienstag von Lossberg erhalten haben. »Was stand auf der Karte?«, fragte Kowalenko. Wieder gab Beelr die Frage weiter, wieder antwortete Maxine Lossberg. Sie wisse es nicht. Ein Fremder sei am Sonntag in die Wohnung gekommen. Sie habe ihn kurz gesehen, als ihr Mann ihn ins hintere Zimmer führte, vermutlich um ihm den Probedruck zu zeigen. Danach sei sie ihm nicht mehr begegnet. »Kowalenko!« Marten fasste den Russen am Ärmel und zog ihn aus dem Zimmer. »Zeigen Sie sie ihr«, sagte er, als sie außer Hörweite waren. »Zeigen? Was denn?« »Die Fotos von Cabrera. Wenn er es war, wird sie ihn sofort erkennen. Das wäre doch ein hinreichender Grund, seine Fingerabdrücke zu verlangen.« Kowalenko überlegte. »Haben Sie Angst vor der Wahrheit?«, Maxine Lossberg saß am Küchentisch, als Kowalenko den Laptop aufklappte, neben ihr Platz nahm und die Datei des russischen Justizministeriums mit den Fotos von Alexander Cabrera aufrief. Marten stand hinter ihnen und blickte über Kowalenkos linke Schulter. Beelr und Helmut Vaudois schauten über seine rechte. Dann klickte es, und Marten sah das Foto von Cabrera, wie er vor seiner Unternehmenszentrale in Buenos Aires in einen Wagen stieg. Kowalenko sah Maxine Lossberg fragend an. »Schwer zu sagen«, antwortete sie auf Deutsch. Ein weiterer Klick. Cabrera im Overall und mit Helm, irgendwo in der Wüste. Maxine schüttelte den Kopf. »Nein.« Klick. Das nächste Foto. Marten hatte es noch nie gesehen. Es zeigte Cabrera vor einem Hotel in Rom. Er stand neben einer Luxuskarosse und sprach in ein Handy. Unmittelbar zu seiner Rechten hielt ein Chauffeur die hintere Wagentür auf. Auf dem Rücksitz saß eine attraktive junge Frau mit dunklem Haar, die offenbar auf Cabrera wartete. Marten erstarrte. »Nein«, sagte Maxine Lossberg und stand auf. Das sei nicht der Fremde, den sie gesehen habe. »Kowalenko«, warf Marten unvermittelt ein, »vergrößern Sie es.« »Was?« »Das Foto. Vergrößern Sie es. Holen Sie die Frau auf dem Rücksitz näher ran.« »Wozu?«, »Tun Sie es einfach!« Kowalenko starrte ihn völlig verwirrt an. Auch Beelr, Maxine Lossberg und Helmut Vadois blickten verdutzt. Der Grund war Martens Ton. Er klang erstaunt, wütend und ängstlich zugleich. Klick. Er vergrößerte das Foto, die Frau war deutlicher zu erkennen. »Noch größer«, verlangte Marten. Das Gesicht der Frau nahm den gesamten Bildschirm ein. Sie war im Profil zu sehen. Doch es bestand kein Zweifel daran, wer sie war. Nicht der geringste. Rebecca., »Du lieber Himmel!« Marten packte Kowalenko am Jackett und zog ihn aus der Küche in den Flur. »Warum haben Sie mir das Foto nicht schon in Paris gezeigt, zum Donnerwetter?« »Was soll das? Ich habe Sie doch gefragt, ob Sie noch mehr sehen wollten, aber Sie wollten ja nicht.« »Ich konnte ja nicht wissen, dass Sie das haben.« Sie waren vor dem Wohnzimmer angelangt. Marten stieß Kowalenko hinein, knallte die Tür zu und drückte ihn dagegen. »Sie blöder Kerl. Sie beschatten Cabrera auf Schritt und Tritt, aber Sie wissen nicht, mit wem er zusammen ist?« »Lassen Sie mich los«, erwiderte Kowalenko kalt. Marten zögerte, dann trat er zurück. Er war bleich und zitterte vor Wut. Kowalenko sah ihn bestürzt an. »Was ist denn los? Hat es mit dem Mädchen zu tun?« »Sie ist meine Schwester.« »Ihre Schwester?« »Wie viele Fotos haben Sie von Cabrera und ihr?« »Hier keine. In der Akte in Moskau etwa ein halbes Dutzend. Wir haben nie herausgefunden, wie sie heißt und wo sie lebt, er hat sie ziemlich gut abgeschirmt. In den Hotels, in denen sie absteigt, reserviert er immer die Zimmer. Sie trifft ihn häufig. Aber das hat uns nicht sonderlich interessiert.« »Wie lange geht die Sache schon?« »Wir beschatten ihn erst seit ein paar Monaten, seit wir von Kitner wissen. Was davor war, weiß ich nicht.« Er überlegte., »Hatten Sie denn keine Ahnung, dass sie sich mit einem Mann trifft?« »Nicht die geringste.« Marten marschierte durch den Raum. »Ich brauche ihre Handynummer.« »Was haben Sie vor?« »Ich muss sie anrufen, herausfinden, wo sie ist, mich vergewissern, dass es ihr gut geht.« »In Ordnung.« Kowalenko fasste in die Tasche, zog das Handy heraus und gab es ihm. »Aber lassen Sie sich nichts anmerken. Verraten Sie ihr nicht, warum Sie anrufen. Versuchen Sie nur herauszufinden, wo sie steckt und ob alles in Ordnung ist. Wir überlegen uns hinterher, was wir tun.« Marten nickte und wählte. Es klingelte viermal, dann informierte ihn eine Stimme vom Band, dass der gewünschte Teilnehmer momentan nicht erreichbar sei. Er wählte eine andere Nummer. Nach dem zweiten Klingeln hob jemand ab. »Bei Rothfels«, sagte ein Frauenstimme mit französischem Akzent. »Ich möchte bitte Rebecca sprechen, ich bin ihr Bruder.« »Sie ist nicht da, Monsieur.« »Wo ist sie?« »Sie ist mit Monsieur und Madame Rothfels und den Kindern übers Wochenende nach Davos gefahren.« »Nach Davos?« Marten warf Kowalenko einen Blick zu, dann sprach er weiter. »Haben Sie eine Handynummer, unter der ich Monsieur Rothfels erreichen kann?« »Bedaure, die darf ich Ihnen nicht geben.« »Ich muss dringend mit meiner Schwester sprechen, es ist sehr wichtig.« »Tut mir Leid, Monsieur. Ich habe strikte Anweisung. Das würde mich meine Stellung kosten.«, Marten blickte zu Kowalenko. »Welche Handynummer haben Sie?« Kowalenko nannte sie ihm, und Marten wandte sich wieder dem Telefon zu. »Ich gebe Ihnen meine Nummer«, sagte er zu der Frau. »Bitte rufen Sie Monsieur Rothfels an. Er möchte Rebecca bitte ausrichten, dass sie sich umgehend mit mir in Verbindung setzt. Könnten Sie das für mich tun?« »Ja, Monsieur.« »Vielen Dank.« Marten gab ihr die Nummer, ließ sie sich wiederholen, dankte ihr noch einmal und beendete das Gespräch. Er war wie vor den Kopf geschlagen. Die Vorstellung, dass Rebecca eine Affäre mit Cabrera hatte, schockierte ihn in höchstem Maß. Ganz gleich, wie sie aussah und sich kleidete, wie viele Sprachen sie sprach und wie selbstsicher sie mittlerweile in der Öffentlichkeit auftrat, er betrachtete sie immer noch als Kind, das eben erst von einer furchtbaren Krankheit genesen war. Gewiss, irgendwann musste sie das Leben kennen lernen und Erfahrungen mit Männern sammeln. Aber ausgerechnet mit Cabrera? Wie hatten sie sich kennen gelernt? Selbst die Wahrscheinlichkeit, dass sie einander auf der Straße begegneten, war gleich null, und doch war es passiert. »Wie der Zufall so spielt«, sagte Kowalenko leise. »Die Information stand die ganze Zeit zur Verfügung, aber wer hätte das ahnen können? Merkwürdig, dass Ihre Schwester sich in Davos aufhält.« »Halten Sie es für möglich, dass Cabrera bei ihr ist?« »Kitner wird nach Davos kommen, Mr. Marten. In Davos soll die Sache bekannt gegeben werden.« »Und wenn er es auf Kitner abgesehen hat …« Marten hielt inne, jedes weitere Wort erübrigte sich. »Wie weit ist es von hier, nach Davos?« »Zwei Autostunden, wenn wir nicht noch mehr Schnee bekommen.« »Dann werden wir wohl hinfahren.« »Das denke ich auch.«, Davos, immer noch Freitag, 17. Januar, dieselbe Zeit, 10.50 Uhr, Villa Wolkenkratzer Zarewitsch Peter Kitner Michail Romanow erwachte aus tiefem Schlaf, einem viel tieferen als gewöhnlich, wie ihm schien, als hätte er ein Schlafmittel genommen. Aber wahrscheinlich lag es nur daran, dass er gestern einen langen und aufreibenden Tag gehabt hatte. Er setzte sich auf und sah sich um. Ein dünner Vorhang war vor das große Fenster gezogen, ließ aber noch genug Licht durch, um zu erkennen, dass er sich in einem großen Raum befand, der mit kostbaren alten Möbeln eingerichtet und auch sonst mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet war. Im Unterschied zu den meisten Hotelzimmern besaß er eine hohe Decke mit breiten, frei liegenden Balken, und Kitner wunderte sich darüber. Doch dann erinnerte er sich wieder. Auf der Fahrt zum Flughafen hatte Oberst Murzin zu ihm gesagt, dass man ihn in eine private Villa in den Bergen über Davos bringen würde, wo er sicher sei. In eine Art Bergfestung, die sich ein deutscher Waffenfabrikant im Jahr 1912 habe bauen lassen. Die Zufahrt sei durch ein Wachhaus und Schranken gesichert und schlängle sich acht Kilometer weit durch den Wald zum Château hinauf. Im Lauf des Tages würde auch seine Familie dort eintreffen. Und noch am Abend sollte er mit Pawel Gitinow, dem russischen Präsidenten, speisen und protokollarische Fragen im Zusammenhang mit der Rede besprechen, die Gitinow beim Weltwirtschaftsforum vor führenden Politikern und Wirtschafts-, vertretern aus aller Welt halten wollte. Kitner schlug die Decke zurück und stand auf. Er war gerade auf dem Weg ins Bad, als es laut an die Tür klopfte und Oberst Murzin, bekleidet mit einem Straßenanzug, eintrat. »Guten Morgen, Zarewitsch. Zu meinem Bedauern bringe ich schlechte Neuigkeiten.« »Was ist passiert?« »Es geht um Großfürstin Katharina, ihre Mutter und ihren Sohn, Großfürst Sergej … In dem Haus in Paris, in dem sie eine Wohnung gemietet hatten, brannte es. Sie waren im obersten Stockwerk eingeschlossen.« »Und …?« »Sie sind tot, Zarewitsch, alle. Es tut mir Leid.« Kitner war wie betäubt und bekam im ersten Moment kein Wort heraus. Dann sah er Murzin direkt in die Augen. »Ist Präsident Gitinow informiert?« »Ja, Zarewitsch.« »Danke.« »Wünschen Sie Hilfe beim Ankleiden?« »Nein, danke.« »Sie werden in zwanzig Minuten erwartet, Hoheit.« »Erwartet? Wo und wozu?« »Zu einer Unterredung. Unten in der Bibliothek.« »Zu welcher Unterredung?« Kitner war völlig verwirrt. »Meines Wissens haben Sie selbst darum gebeten, Zarewitsch.« »Ich darum gebeten?« »Ein privates Treffen zwischen Ihnen, der Baronesse de Vienne und Alexander Cabrera.« »Wie? Sie sind hier? In diesem Haus?«, »Die Baronesse hat das Château für dieses Wochenende gemietet.« »Ich möchte sofort mit meinem Büro telefonieren.« »Ich fürchte, das ist nicht möglich.« »Wieso nicht?« Angst stieg in ihm auf, doch er versuchte, es zu verbergen. »Ein Befehl, Hoheit. Der Zarewitsch darf bis zur offiziellen Bekanntgabe morgen keinen Kontakt zur Außenwelt aufnehmen.« »Von wem stammt dieser Befehl?« Aus Kitners Angst wurde Fassungslosigkeit, dann Empörung. »Von Präsident Gitinow, Hoheit.«, »Clem, ich bin’s, Nicholas. Es ist sehr wichtig. Ruf mich so bald wie möglich unter dieser Nummer zurück.« Marten hinterließ Lady Clem Kowalenkos Handynummer und unterbrach die Verbindung. Von Zürich nach Davos sind es knapp hundertfünfzig Kilometer, und unter normalen Umständen hätten sie für diese Strecke mit dem Wagen etwa zwei Stunden gebraucht. Doch die Umstände waren nicht normal, und das lag nicht am Wetter. Das Weltwirtschaftsforum lockte immer mehr gewaltbereite Globalisierungsgegner an, zumeist junge Idealisten, die gegen die wirtschaftliche Vorherrschaft der reichen und mächtigen Länder und der sie stützenden Konzerne protestierten. Mit dem Ergebnis, dass die Schweizer Polizei in einem Großeinsatz Straßen, Eisenbahnstrecken und sogar Bergpfade abgesperrt hatte. Inspektor Beelr von der Züricher Kantonspolizei hatte Kowalenko einen Passierschein mitgegeben, aber keine Garantie dafür übernehmen wollen, dass sie damit durchkamen, falls die ohnehin schon gespannte Lage sich weiter zuspitzen sollte. Kowalenko hatte den Schein trotzdem genommen und sich bei Beelr, Maxine Lossberg und Helmut Vaudois für ihre Hilfe bedankt. Kurz nach elf waren sie in Zürich losgefahren. Das Wetter hatte aufgeklart. Die Sonne brach durch die Wolken und trocknete die Straße. In der Ferne erhoben sich malerisch die schneebedeckten Berge. Kowalenko sah zu Marten. Er saß wie in Trance hinter dem Steuer und stierte auf die Straße. Wahrscheinlich dachte er an seine Schwester und fragte sich, wie sie an Alexander Cabrera, geraten konnte. Es war ein merkwürdiger Zufall, der Kowalenko veranlasste, über den Begriff der Sudba nachzudenken. Die russische Mentalität war tief vom Glauben an das Schicksal geprägt. Doch er selbst hat nie viel davon gehalten. Ein Volksmythos aus einer anderen Zeit. Dann aber hatte er sich mit einem Amerikaner zusammengetan, den er erst wenige Tage kannte und der gleich am ersten Tag seine Aufmerksamkeit erregt hatte, weil er in einem Pariser Park vor der Polizei Reißaus nahm. Und jetzt waren sie hier, saßen im selben Auto, Hunderte Kilometer von Paris entfernt, und fuhren zur Schwester dieses Amerikaners, die ausgerechnet mit jenem Mann eine Affäre hatte, der im Brennpunkt ihres Interesses stand und ihr Hauptverdächtiger war. Wenn das kein Schicksal war, was dann? Das Klingeln des Handys riss Kowalenko aus seinen Gedanken. Marten wandte den Kopf, als er es aus dem Jackett zog. »Da«, meldete er sich auf Russisch. Marten beobachtete ihn nervös, überzeugt, dass Rebecca oder Lady Clem am Apparat war. Doch Kowalenko reichte ihm das Telefon nicht, sondern setzte das Gespräch auf Russisch fort. Einmal hörte er, wie er das Wort »Zürich« sagte und dann »Davos« und »Zarewitsch«, doch mehr verstand er nicht. Schließlich steckte Kowalenko das Handy wieder ein. Es dauerte lange, bis er zu sprechen begann. »Man hat mir eine neue Aufgabe übertragen«, sagte er. »Eine neue Aufgabe?«, fragte Marten ungläubig. »Ich habe Anweisung, nach Moskau zurückzukehren.« »Wann?« »Sofort.« »Aus welchem Grund?« »Man fragt nicht nach dem Grund. Man tut, was einem gesagt, wird.« Wieder zirpte Kowalenkos Handy. Nach kurzem Zögern ging er ran. »Da«, sagte er wieder, dann »Ja« auf Englisch und »Für Sie«. Er reichte Marten das Telefon. Davos, Hotel Steigenberger Belvédère, zur selben Zeit »Nicholas, ich bin’s Clem, kannst du mich hören?« Lockenwickler im Haar, saß Lady Clementine Simpson im Friseursalon des Luxushotels und wurde von zwei Frauen bedient, die gleichzeitig pedikürten und manikürten. Ihr Mobiltelefon, mit dem sie über Kopfhörer und Mikrofon verbunden war, lag vor ihr auf dem Tisch. »Ja«, antwortete Marten. »Wo bist du?« »In einem Auto, auf dem Weg von Zürich nach Davos.« »Nach Davos? Ich bin in Davos. Im Steigenberger Belvédère. Vater nimmt an dem Forum teil. Aber«, fiel ihr plötzlich ein, »wie bist du denn aus Paris herausgekommen?« »Clem, ist Rebecca auch da?« »Ja, aber ich habe sie noch nicht gesehen.« »Könntest du dich mit ihr in Verbindung setzen?« »Wir sind zum Abendessen verabredet.« »Nein, vorher. Sofort, so schnell wie möglich.« »Nicholas, ich höre an deiner Stimme, dass etwas nicht stimmt. Was ist passiert?« »Rebecca ist mit einem Mann namens Alexander Cabrera zusammen.« »Ach, du liebe Zeit«, seufzte Lady Clem., »Du liebe Zeit? Was soll das heißen?« Plötzlich rauschte es, und die Verbindung brach ab. »Clem, bist du noch da?« »Ja, Nicholas.« »Ich habe versucht, Rebecca auf ihrem Handy zu erreichen, aber sie geht nicht ran. Hast du eine Handynummer der Familie Rothfels?« »Nein.« »Clem, Cabrera könnte bei ihnen sein.« »Selbstverständlich ist er bei ihnen, Gérard Rothfels ist sein Angestellter. Sie haben hier fürs Wochenende eine Villa gemietet.« »Sein Angestellter?« Marten war verblüfft. So also hatten sich Cabrera und Rebecca kennen gelernt. Er wusste, das Rothfels in Lausanne sein Büro hatte und die europäische Niederlassung eines internationalen Industrieunternehmens leitete, aber er wäre nie auf die Idee gekommen, ihn nach seinem Chef zu fragen. »Clem, hör zu. Cabrera ist nicht der Mann, für den Rebecca ihn hält.« »Was willst du damit sagen?« »Er …«, er zögerte, suchte nach den richtigen Worten, »… er ist möglicherweise in den Mord an Dan Ford verwickelt. Und in den Mord an einem weiteren Mann, der gestern in Zürich verübt worden ist.« »Nicholas, das ist absurd.« »Nein, glaube mir.« »Meine Damen«, sagte Clem zu den Frauen, die sie bedienten, »würden Sie mich bitte einen Augenblick allein lassen.« »Clem, was zum Teufel tust du denn?« »Ich versuche nur, höflich zu sein. Wenn es sich irgendwie, vermeiden lässt, bespreche ich Familienangelegenheiten nicht vor Fremden.« Die beiden Frauen entfernten sich mit einem höflichen Lächeln. »Was denn für Familienangelegenheiten?« »Nicholas, ich darf es dir eigentlich nicht sagen, denn Rebecca wollte dich damit überraschen, aber unter den gegebenen Umständen musst du es erfahren. Rebecca ist nicht nur mit Alexander Cabrera zusammen, sie will ihn auch heiraten.« »Ihn heiraten?« Wieder knackte es in der Leitung, und die Verbindung wurde schlechter. »Clem? Clem! Kannst du mich hören?« Es knackte nicht mehr. Diesmal war die Verbindung endgültig abgebrochen., Die Tür ging auf, und Oberst Murzin führte Zarewitsch Peter Michail Romanow Kitner in die Bibliothek der Villa Wolkenkratzer. Die Baronesse saß mitten im Raum auf einem Ledersofa vor einem schweren Couchtisch aus Eiche. Alexander Cabrera stand abseits neben einem großen Kamin und sah aus dem Fenster, das einen weiten Ausblick auf das Davoser Tal bot. Es war das erste Mal seit Jahren, dass Kitner ihn traf, doch trotz der Gesichtsoperationen hätte er ihn überall erkannt. Und sei es nur an seiner Arroganz. »Spasiba, Colonel«, sagte die Baronesse. Danke, Oberst. Murzin nickte, ging hinaus und schloss die Tür. »Dobraje utra, Zarewitsch.« Guten Morgen, Zarewitsch. »Dobraje utra«, erwiderte er vorsichtig. Die Baronesse trug einen seidenen Hosenanzug in den Farben Weiß und Blassgelb, die, wie er wusste, ihre Lieblingsfarben waren, mitten im Winter in den Bergen jedoch etwas seltsam anmuteten, dazu Diamantohrringe, ein Smaragdhalsband und an beiden Handgelenken goldene Armreifen. Ihr schwarzes Haar war zu einem Knoten geschlungen, der etwas Fernöstliches hatte. Ihre grünen Augen funkelten, nicht so sinnlich und verführerisch wie einst, vor so langer Zeit, sondern tückisch und kalt wie die einer Schlange. »Was wollen Sie von mir?« »Aber Sie haben doch selbst um die Unterredung gebeten, Zarewitsch.« Kitner blickte zu Alexander. Er hatte sich nicht bewegt, stand immer noch am Fenster und sah hinaus. Kitner wandte sich wieder an die Baronesse. »Ich frage noch einmal: Was wollen, Sie von mir?« »Wir möchten, dass Sie etwas unterzeichnen.« »Unterzeichnen?« »Es handelt sich um einen Vertrag, vergleichbar dem, den Sie uns vor vielen Jahren unterzeichnen ließen.« »Und den Sie gebrochen haben.« »Die Zeit und die Umstände haben sich geändert, Zarewitsch.« »Setz dich, Vater.« Unvermittelt löste sich Alexander vom Fenster und kam auf ihn zu. Seine Augen waren schwarz wie die Nacht, und sie blickten genauso drohend wie die der Baronesse. »Wie kommt es, dass der FSO eure Befehle befolgt, obwohl ich der Zarewitsch bin?« »Setz dich, Vater«, wiederholte Alexander und deutete auf einen großen Ledersessel neben dem Couchtisch. Kitner zögerte, dann setzte er sich. Auf dem Tisch lag eine dünne, ledergebundene Schreibmappe, daneben ein rechteckiges Etui, eingeschlagen in buntes Geschenkpapier. Es war dasselbe Päckchen, das Alexander mit ins Pariser Hotel Crillon genommen hatte. »Mach das Päckchen auf, Vater«, sagte Alexander leise. »Was ist drin?« »Mach es auf.« Langsam hob Kitner es hoch und verharrte einen Moment, ohne es zu öffnen. Seine Gedanken überschlugen sich. Wie konnte er Higgs verständigen und zu Hilfe rufen? Wie konnte er seine Familie vor den FSO-Leuten warnen, die sie bewachten? Wie von hier fliehen? Durch welche Tür, welchen Korridor, über welche Treppe? Wie hatte das geschehen können? Wie hatten sie Murzin und seine Männer unter ihre Kontrolle gebracht? Aber vielleicht waren sie gar nicht vom FSO, sondern Söldner., »Machen Sie es auf, Zarewitsch«, drängte die Baronesse in einem sanften und verführerischen Ton, den er seit über dreißig Jahren nicht mehr gehört hatte. »Nein.« »Soll ich es tun, Vater?« Alexander trat einen Schritt näher. »Nein, ich mache es.« Mit zitternden Händen löste Sir Peter Michail Romanow Kitner, Ritter des British Empire und Zarewitsch von ganz Russland, das Band und riss das Geschenkpapier auf. Zum Vorschein kam ein längliches, mit rotem Samt bezogenes Etui. »Nur zu, Vater«, drängte Alexander. »Sieh nach, was drin ist.« Kitner schaute auf. »Ich weiß, was drin ist.« »Dann mach auf.« Seufzend öffnete Kitner das Etui. Darin lag, eingebettet in weißen Samt, ein langes, altes Messer, ein spanisches Navaja- Schnappmesser, mit einem Griff, der aus Horn gefertigt und mit Einlegearbeiten aus Messing verziert war. »Nimm es heraus.« Kitners Blick wanderte von Alexander zur Baronesse. »Nein.« »Nehmen Sie es heraus, Sir Peter!« Der Befehl der Baronesse war eine deutliche Warnung und kam wie ein Zischen tief aus ihrer Brust. »Oder muss ich Alexander darum bitten?« Kitner zögerte, dann griff er langsam nach dem Messer. Seine Hand umschloss es und nahm es heraus. »Drück auf den Knopf, Vater«, befahl Alexander. Kitner gehorchte. Stahl blitzte auf, und die Klinge sprang heraus. Sie war auf Hochglanz poliert und breit und verjüngte sich rasch zur Spitze hin. Die Schneide war gut zwanzig Zentimeter lang und scharf wie ein Rasiermesser. Mit diesem Messer hatte Alexander seinen Sohn Paul erstochen, als dieser zehn Jahr alt war. Kitner hatte es nie gesehen, geschweige denn in der Hand gehalten. Nicht einmal, damals, vor so vielen Jahren, als Alfred Neuss es ihm hatte zeigen wollen. Es war zu real, zu grauenhaft. Er kannte es nur aus dem Film, den Neuss ihm vorgeführt hatte. Und nun hielt er dieses Mordinstrument, das Fabien Curtay gestohlen worden war, in den Händen. Wut und Abscheu erfüllten ihn. Das Messer mit der ausgefahrenen Klinge in der Hand, schaute er grimmig zu dem Mann auf, der Paul ermordet hatte – seinem Sohn Alexander, der damals selbst noch ein halbes Kind war. »Wenn du mich töten wolltest, Vater«, sagte Alexander, trat einen Schritt vor und nahm ihm die Waffe aus der Hand, »hättest du es vor langer Zeit tun müssen.« »Er hat es nicht getan, weil er nicht konnte, mein Süßer«, feixte die Baronesse. »Er hatte weder die Kraft noch den Mut dazu. Zu schwache Nerven. So ein Mann kann nicht Zar werden.« Kitner starrte sie an. »Ist es dasselbe Messer, mit dem Sie damals den Mann in Neapel erstochen haben?« »Nein, Vater«, erwiderte Alexander bestimmt und stellte damit klar, dass es zwischen ihm und der Baronesse keine Geheim- nisse gab. »Die Baronesse wollte etwas Eleganteres. Etwas …« »… Standesgemäßeres«, beendete die Baronesse den Satz für ihn. Ihr Blick wanderte zu der Schreibmappe auf dem Tisch. »Machen Sie sie auf, Zarewitsch, und lesen Sie. Und wenn Sie es gelesen haben, unterschreiben Sie.« »Was ist das?« »Ihre Abdankung.« »Meine Abdankung?« Kitner war perplex. »Ja.« »Zu wessen Gunsten soll ich denn abdanken?« »Dreimal dürfen Sie raten.« Die Augen der Baronesse wanderten zu Alexander., »Was?« Kitner Stimme zitterte vor Wut. »Er ist Ihr erstgeborener Sohn und nach Ihnen der legitime Thronfolger.«, »Niemals!« Kitner fuhr in die Höhe. Die Adern an seinen Schläfen traten hervor, Schweiß glänzte auf seiner Stirn. Er blickte von der Baronesse zu Alexander. »Da könnt ihr warten, bis ihr schwarz werdet!« »Du weißt, dass der FSO deine Frau und deine Kinder in seine Obhut genommen hat.« Alexander versenkte die Klinge und legte das Messer ins Etui zurück. »Der FSO wird tun, was man ihm befiehlt. Der Zarewitsch muss geschützt werden, notfalls auch vor seinen eigenen Angehörigen.« Kitner sah zur Baronesse. Es war ein schrecklicher Albtraum. »Sie haben Gitinow eingewickelt.« Die Baronesse nickte kaum merklich. »Und wie?« »Es ist nur eine Partie Schach, Zarewitsch.« Alexander nahm neben die Baronesse auf der Sofalehne Platz. Die Lichtverhältnisse im Raum und die Art, wie sie dasaßen, ließen sie fast wie ein Gemälde wirken. »Oberst Murzin hat dich über das tragische Ableben der Großfürstin Katharina informiert«, sagte Alexander ruhig. »Und das ihrer Mutter und des Großfürsten Sergej. In ihrer Mietwohnung in Paris ist in den frühen Morgenstunden ein Feuer ausgebrochen.« »Du warst das!«, stieß Kitner hervor. Das Morden nahm kein Ende. »Großfürst Sergej war der einzige noch infrage kommende Thronanwärter. Es sei denn, du rechnest Fürst Dimitri dazu. Aber der zählt nicht. Er ist endgültig aus dem Rennen, seit er sich mit dem Triumvirat geeinigt und dich als Zarewitsch, präsentiert hat.« »Es war nicht nötig, sie umzubringen.« Die Baronesse lächelte. »Großfürstin Katharina hätte es nicht hingenommen, dass Alexander zum Zarewitsch ernannt wird. Sie war eine energische, eigensinnige und anmaßende Person, aber sie hat Russland geliebt. Sie hätte an Anastasia erinnert und behauptet, Sie, und folglich auch wir, seien nichts weiter als Hochstapler. Und trotz der vorgelegten Beweise hätten ihr die meisten Menschen womöglich geglaubt. Diese Gefahr besteht nun nicht mehr.« Kitner stand auf. »Ich werde nicht abdanken.« »Ich fürchte, Sie müssen, Peter Michail Romanow.« Wieder schlug die Baronesse einen sanften und verführerischen Ton an. »Ihrer Familie und Russland zuliebe.« Draußen vor dem Fenster hörte man Autotüren schlagen. Alexander drehte sich in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Kitner bemerkte, dass in seinem Ohr ein kleiner Kopfhörer steckte. Jemand sprach zu ihm, und er lauschte. Alexander hörte noch einen Augenblick zu, dann drehte er sich wieder um. »Unsere ersten Gäste, Vater. Vielleicht möchtest du wissen, wer sie sind. Bitte.« Alexander stand auf und deutete zum Fenster. Langsam, wie im Traum, legte Kitner den Weg zum Fenster zurück. Im verschneiten Hof parkten drei schwarze Limousinen. Murzins Männer standen in dunklen Anzügen und schwarzen Mänteln daneben und blickten zur Einfahrt. Im nächsten Moment kam eine weitere Limousine in Sicht, gefolgt von einem gepanzerten Wagen, an dessen vorderer Stoßstange die russische Flagge flatterte. Die Limousine drehte eine Runde im Hof und stoppte direkt hinter den anderen. Murzins Männer eilten herbei und öffneten die Türen. Zunächst passierte nichts, dann stieg ein Mann aus – Nikolaj Nemow, der Bürgermeister von Moskau. Dann ein zweiter, Marschall Igor Golowkin, der, Verteidigungsminister der Russischen Föderation. Und schließlich, als Letzter, ein großer, bärtiger Mann mit Robe, Gregor II., das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche. »Es ist nicht nur Präsident Gitinow, Vater. Sie alle erwarten von dir, dass du die Abdankung unterzeichnest. Deshalb sind sie hier.« Kitner war wie vor den Kopf geschlagen, kaum eines Gedankens fähig. Seine Frau, sein Sohn und seine Töchter befanden sich in der Gewalt von Murzins Leuten. Higgs war kaltgestellt, von ihm konnte er keine Hilfe erwarten. Das Messer und der Film befanden sich nicht mehr in seinem Besitz. Nichts war ihm geblieben. »Sie sind nicht stark genug, um Zar zu werden«, erklärte die Baronesse. »Alexander ist es.« »Haben Sie meinen Sohn deshalb von ihm umbringen lassen? Um es zu beweisen?« »Wer eine Nation führen will, darf sich nicht scheuen, Blut zu vergießen. Sie wollen ihn doch nicht zwingen, es noch einmal zu beweisen.« Einen Augenblick lang stand Kitner nur da und starrte sie an. Kaltblütig drohte sie ihm mit dem Tod. Was sie dazu trieb, war Rachgier, dieselbe Gier nach Rache, die sie als junge Frau in Neapel dazu getrieben hatte, ihren Vergewaltiger zu töten und zu verstümmeln. Mit einem Mal begriff er, dass sie das alles schon seit Jahrzehnten plante. Sie hatte auf den Gang der Geschichte gesetzt und auf jenen fernen Tag hingearbeitet, an dem Alexander, ihr Alexander, Zar von Russland werden konnte. Das wäre für sie die süßeste Rache von allen. Deshalb war Großfürstin Katharina trotz aller Bemühungen, sich Einfluss zu verschaffen, sich einzuschmeicheln und Freundschaftsbande zu knüpfen, am Ende weder gut genug unterrichtet noch skrupellos genug gewesen, um es mit der Baronesse aufzunehmen. Und deshalb waren sie, ihre Mutter, und ihr geliebter Sohn jetzt tot. Plötzlich überkam Kitner ein Gefühl der Hilflosigkeit. Er war Gefangener, Geisel und Opfer zugleich. Und er hatte es sich selbst zuzuschreiben. Aus Angst, dass die Familie von Alexanders Existenz erfahren könnte, aus Angst, einen Sohn wegen Mordes an einem anderen vor Gericht zu bringen, und aus Angst um das Leben seiner anderen Kinder hatte er selbst den Pakt vorgeschlagen, der ihnen die Freiheit brachte. Mit dem Ergebnis, dass Murzins Leute seine Familie als Geiseln genommen hatte und sie sowie der Rest der Welt nun doch von Alexander erfahren würde. Sein Sohn Paul, Alfred Neuss, Fabien Curtay, Großfürstin Katharina, ihr Sohn und ihre Mutter, die Menschen, die in Amerika ermordet worden waren – wie viele mochten noch seinetwegen gestorben sein? Wieder musste er daran denken, dass sich seine Familie in der Gewalt von Murzins Soldaten befand. Welche Befehle hatten sie? Der Gedanke, dass seiner Frau oder seinen Kindern auch nur ein Haar gekrümmt wurde, war ihm unerträglich. Er sah Alexander an, dann die Baronesse. Beide hatten denselben bösartigen Blick. Beide verbreiteten Kälte und Siegeszuversicht. Wenn er noch irgendwelche Zweifel gehabt haben sollte, so verflüchtigten sie sich jetzt. Er wusste, dass sie zu allem fähig waren. Langsam drehte er sich um, nahm wieder Platz und las die Verzichtserklärung. Als er damit fertig war, setzte er seine Unterschrift darunter., Dass Rebecca Alexander Cabrera heiraten sollte, war unvorstell- bar. Aber unvorstellbar war lange auch gewesen, dass Amerika auf eigenem Boden verwundbar sein könnte, bis zu den verheerenden Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon. Seitdem wusste die Welt, dass alles möglich war. Der ML 350 jagte über den Asphalt der A 13. Das Gaspedal fast am Anschlag, nahm Marten die Ausfahrt Landquart/Davos. Auf den letzten Kilometern hatte er ein halbes Dutzend Mal versucht, Lady Clem anzurufen, aber stets nur die Mitteilung erhalten, dass der Teilnehmer zurzeit nicht erreichbar sei. »Immer mit der Ruhe«, meinte Kowalenko. »Vielleicht ist Cabrera gar nicht der Mann, für den Sie ihn halten.« »Das sagten Sie bereits.« »Und ich werde es wieder sagen.« Marten warf Kowalenko einen Blick zu. »Wieso haben Sie mir dann nicht befohlen, Sie nach Zürich zurückzubringen, damit Sie nach Moskau abschwirren können? Wieso sind Sie noch hier? Weil Cabrera möglicherweise nicht Raymond ist?« »Vorsicht!« Marten sah nach vorn. Direkt vor ihnen staute sich der Verkehr. Er stieg auf die Bremse und brachte den ML mit quietschenden Reifen Zentimeter vor der Stoßstange eines schwarzen Nissan zum Stehen. »Was ist denn da los?«, rief er. »Entweder friedliche Demonstranten oder Aktivisten vom Black Bloc, einer Vereinigung von Anarchisten«, erklärte Kowalenko, als plötzlich eine Gruppe von Globalisierungs- gegnern an den stehenden Autos vorbei auf sie zugerannt kam. Die meisten waren junge Leute. Viele trugen Schilder mit, Parolen gegen das Weltwirtschaftsforum, andere hatten groteske Masken mit dem Konterfei weltbekannter Politiker und Wirtschaftsbosse auf oder waren mit schwarzen Kapuzenmützen vermummt. Eine Abteilung der Schweizer Polizei in Schutzkleidung verfolgte sie. Wie auf Kommando drehten sich die Demonstranten um und warfen mit Steinen nach ihnen. Marten sah, wie sich die Polizisten hinter ihre Schilde duckten. Im nächsten Augenblick traten vier Beamte vor. Sie trugen schwarze Kleidung, Helme, kugelsichere Westen und hielten kleine, kurzläufige Gewehre im Anschlag. »Tränengas!«, rief Marten und blickte in den Außenspiegel. Ein großer Laster hatte direkt hinter ihnen angehalten; dahinter stauten sich weitere Fahrzeuge. Andere wechselten in der Hoffnung, ein Schlupfloch zu finden, auf die Überholspur und verstopften die Straße jetzt vollends. »Räumen Sie die Straße! Räumen Sie die Straße!«, plärrte ein Megafon der Polizei. Die Aufforderung erfolgte auf Englisch, dann auf Deutsch, Französisch und Italienisch. »Holen Sie eine Karte von der Gegend hier auf den GPS- Schirm«, sagte Marten zu Kowalenko. Mittlerweile umringten die Demonstranten den ML und benutzten ihn als Deckung, während sie weiter mit Steinen warfen und die Polizei verhöhnten. Sekunden später knallte es viermal kurz hintereinander. Die Polizei setzte das Tränengas ein. Die Granaten platzten rings um den ML und hüllten die Umgebung in beißenden weißen Rauch. Marten stellte das Gebläse ab, legte einen Gang ein und riss das Lenkrad nach rechts. Hupend scherte er aus und fuhr auf den Seitenstreifen. Hustend, würgend und brüllend schlugen die Demonstranten mit den Fäusten gegen den Wagen. Dann war die Bahn frei. Marten gab Gas, und der Mercedes brauste den Seitenstreifen entlang in Richtung Polizei., »Wir werden Beelrs Passierschein brauchen«, sagte er zu Kowalenko, »und Ihre ganze Autorität als Polizist.« Mehrere Ordnungshüter kamen ihnen entgegen und winkten ihnen, sie sollten anhalten. Einer hob ein Megafon. »Sie im weißen Geländewagen! Sofort anhalten!« Das Megafon wiederholte die Aufforderung auf Deutsch, Französisch und Italienisch. Marten fuhr weiter, suchte nach einem Ausweg. Dann entdeckte er einen. Ein Feldweg, ein besserer Trampelpfad, zweigte vom Seitenstreifen ab und führte querfeldein. Mit Schwung bog er ab. Der Mercedes holperte von der Straße und jagte quer über eine große Wiese, die unter einer dünnen Schneedecke lag. »Da hinten scheint eine Landstraße zu sein«, sagte Kowalenko und studierte die Karte, die auf dem GPS-Schirm am Armaturenbrett leuchtete. »Sie führt im Bogen um die Stadt herum und stößt dahinter wieder auf die Hauptstraße.« »Ich sehe sie. Festhalten!« Ein Graben zwang Marten, etwas Gas wegzunehmen. Der Mercedes rumpelte darüber hinweg und bäumte sich auf der anderen Seite auf. Plötzlich tauchte direkt vor ihnen ein schmaler Kanal auf. Instinktiv beschleunigte Marten, dann tippte er die Bremse an und riss den Wagen nach links, damit er kontrolliert mit Vierraddrift weiterfahren konnte. Der Wagen streifte den Rand des Kanals, hing einen Augenblick in der Schwebe, kam wieder zurück, und Marten startete durch. »Da vorn ist eine Brücke«, brüllte Kowalenko. »Ich sehe sie.« Es war eine alte, niedrige Holzbrücke mit Eisenträgern, hundert Meter entfernt. Marten gab Gas. Fünf Sekunden, zehn. Mit hundertzwanzig Stundenkilometer preschten sie über die Planken, und im nächsten Augenblick waren sie drüben. Plötzlich hörten sie ein lautes Rattern. Ein Schatten huschte über sie hinweg, und gleich darauf sahen sie einen Schweizer, Armeehubschrauber. Er schoss knapp über dem Boden dahin, wendete plötzlich und landete auf der Straße direkt vor ihnen. Marten stieg auf die Bremse. Der ML kam zwanzig Meter vor dem Hubschrauber zum Stehen. Die Türen flogen auf, und ein Dutzend Angehörige einer Kommandotruppe mit automatischen Waffen sprang heraus und rannte auf sie zu. Im selben Augenblick klingelte Kowalenkos Handy. »Was jetzt?«, fragte Kowalenko. »Gehen Sie ran«, sagte Marten. Kowalenko drückte die Taste. »Da«, sagte er und blickte zu Marten. »Für Sie.« »Wer ist es?« Kowalenko zuckte mit den Achseln. »Ein Mann.« Schnell reichte er Marten das Telefon. Die Soldaten waren fast bei ihnen. »Ja?«, meldete sich Marten verwirrt. »Guten Tag, Mr. Marten«, sagte eine freundliche Stimme mit französischem Akzent. »Mein Name ist Alexander Cabrera.«, Marten hielt die Hand über das Telefon und blickte fassungslos zu Kowalenko. »Es ist Cabrera.« »Ich schlage vor, Sie reden mit ihm«, erwiderte Kowalenko und sah ihn scharf an. Dann legte er seine Makarow-Automatik auf den Boden, öffnete die Tür und stieg mit erhobenen Händen aus. Villa Wolkenkratzer, zur selben Zeit Das Handy in der Hand, stand Alexander Cabrera am Fenster eines kleinen Arbeitszimmers über der Bibliothek, in der sein Vater auf den russischen Thron verzichtet hatte. Direkt unter sich konnte er sehen, wie Räumkommandos die Wanderwege, die das malerische Waldgebiet rings um die Villa durchzogen, vom Neuschnee der letzten Nacht befreiten, damit die Gäste ungehindert spazieren gehen konnten. »Mr. Marten, ich rufe an, weil Sie, wie ich höre, versucht haben, Rebecca zu erreichen.« »Ja. Ich würde sie gern sprechen«, erwiderte Marten betont ruhig und versuchte, den Schweizer Soldaten zu ignorieren, der, den Finger am Abzug einer Maschinenpistole, neben seinem Fenster stand. Zu seiner Rechten konnte er sehen, wie Kowalenko von Soldaten umringt wurde und, die Hände immer noch erhoben, mit dem befehlshabenden Offizier sprach. Jetzt bat er mit Gesten um die Erlaubnis, in seinen Mantel zu greifen. Der Offizier nickte, und Kowalenko fasste langsam in seine Brusttasche und zog den Passierschein heraus, den ihm Inspektor Beelr von der Kantonspolizei Zürich vor ihrer Abfahrt überreicht hatte. »Ich fürchte, sie ist mit den Rothfels-Kindern draußen,, Mr. Marten«, erwiderte Cabrera mit ausgesuchter Höflichkeit. Marten richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf Cabreras Stimme und Tonfall. Doch er lauschte vergeblich auf etwas, das ihm bekannt vorkam. Er musste ihn dazu bringen weiterzusprechen, mehr zu sagen. »Ich bin auf dem Weg nach Davos. Ich würde Rebecca sehr gern sehen, wenn ich dort bin. Vielleicht könnten Sie …« »Darf ich Sie Nicholas nennen, Mr. Marten?« »In Ordnung.« Alexander wandte sich vom Fenster ab und ging hinüber zu einem großen Schreibtisch. Die Baronesse befand sich in diesem Augenblick in einem Speisezimmer einen Stock tiefer, wo sie mit dem Bürgermeister von Moskau, dem russischen Verteidigungsminister und Gregor II., dem Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, zu Mittag aß und sich lang und breit darüber ausließ, wie nobel es von Peter Kitner sei, dass er zum Wohle Russlands auf den Thron verzichtet habe, und wie sehr er darauf brenne, ihnen am Abend, wenn Präsident Gitinow zum Essen eintreffe, Gesellschaft zu leisten. »Ich vermute, Lady Clementine Simpson hat, wie soll ich sagen, aus der Schule geplaudert, und Sie wissen, dass Rebecca und ich heiraten wollen.« »Ja.« »Es lag nicht in meiner Absicht, einen Skandal heraufzu- beschwören, Nicholas, oder durch Heimlichkeiten unhöflich zu erscheinen, aber aus vielerlei Gründen, die ziemlich schwer zu erklären sind, ist unsere Beziehung nahezu vor jedermann geheim gehalten worden.« Cabreras Sprechweise kam Marten in keiner Weise bekannt vor. Vielleicht war er verrückt. Vielleicht hatte Kowalenko Recht., Vielleicht war Cabrera gar nicht Raymond. »Wir wär’s, wenn Sie uns in der Villa besuchen, Nicholas? Sie könnten Rebecca sehen, und wir hätten endlich Gelegenheit, uns kennen zu lernen. Kommen Sie doch zum Abendessen. Und richten Sie sich darauf ein, hier zu übernachten. Wir erwarten sehr interessante Gäste.« Marten sah, wie Kowalenko dem Schweizer Offizier zunickte und sie sich die Hand gaben. Die Soldaten ließen die Waffen sinken, und Kowalenko kam zum Wagen zurück. »Das Château heißt Villa Wolkenkratzer. Jeder in Davos kann Ihnen den Weg beschreiben. Melden Sie sich im Wachhaus. Ich werde Anweisung geben, damit man Sie durchlässt. Ich freue mich sehr darauf, Sie kennen zu lernen.« »Ganz meinerseits.« »Schön, dann sehen wir uns also heute Abend.« Ein Klicken, und Cabrera hatte das Gespräch beendet. Das war’s. Kein Auf Wiedersehen, nichts. Nur eine höfliche Einladung, mit ihm zu Abend zu essen und in der Villa zu übernachten. Marten hätte alles erwartet, nur das nicht., Immer noch Freitag, 17. Januar, 16.10 Uhr Die langen Schatten des Nachmittags krochen über das Davoser Tal, als Marten mit dem ML in die Promenade, die Davoser Hauptstraße, einbog und langsam hinter einer langen Schlange von Taxis und Luxuskarossen herfuhr. Gut gekleidete Männer und Frauen bevölkerten die Gehwege, sprachen miteinander oder in ihre Handys und schienen dem Schnee ebenso wenig Beachtung zu schenken wie den Polizeistreifen und den mit Maschinenpistolen ausgestatteten Soldaten. Anscheinend waren die Reichen und Mächtigen nirgendwo auf dieser Welt mehr sicher, nicht einmal in einem zur Festung ausgebauten Dorf mitten in den Schweizer Alpen. Doch sie hatten sich damit abgefunden. Bewaffnete Patrouillen gehörten zu ihrem Leben, und wenn ihnen hier Gefahr drohte, so beschlossen sie, es zu ignorieren. »Sie fahren aus der Stadt hinaus«, erklärte ihnen ein Davoser Polizist, »und biegen nach sieben Kilometern an einem pyramidenförmigen Felsen rechts ab. Der Name Wolkenkratzer ist in den Felsen gemeißelt. Sie können ihn nicht verfehlen, er ist dreißig Meter hoch. Außerdem sind an der Einfahrt zwei gepanzerte Fahrzeuge mit Soldaten postiert.« »Wie wollen Sie meine Anwesenheit erklären?«, fragte Kowalenko, während Marten durch den dichten Verkehr fuhr. Der Russe mochte nach Moskau zurückbeordert worden sein, doch er hatte kein Wort mehr darüber verloren, und Marten hatte ihn nicht darauf angesprochen. »Ich bin Cabreras Gast, und Sie sind mein Reisegefährte. Es wäre unhöflich, uns nicht beide einzulassen.«, Kowalenko schmunzelte. Minuten später lag das belebte Dorf hinter ihnen, und sie fuhren durch einen dunklen Nadelwald, dem gleich darauf schneebedeckte Wiesen und Felder folgten, die auf beiden Seiten von hoch aufragenden Bergen wie Pischa, Jakobshorn, Parsenn und Schatzalp flankiert wurden. 16.40 Uhr Die Nässe auf der Straße begann zu überfrieren, und bald würde sich tückisches Glatteis bilden. Marten nahm Gas weg, und als er spürte, dass die Reifen besser griffen, warf er einen Blick auf Kowalenko. Der Russe schwieg. Offensichtlich machte er sich Sorgen. Er hatte den Befehl, nach Moskau zurückzukehren, nicht befolgt und sich dadurch in eine schwierige Situation gebracht. Es stellte sich die Frage, warum er das getan hatte. War er insgeheim tatsächlich davon überzeugt, dass Cabrera und Raymond ein und dieselbe Person waren? Oder war er sich nur nicht sicher und wollte Gewissheit? Oder hatte es vielleicht mit seinem geheimen Auftrag zu tun? Wenn ja: Für wen arbeitete er, dass er es sich erlauben konnte, Befehle der eigenen Dienststelle zu ignorieren? Plötzlich schoss ihm ein anderer Gedanke durch den Kopf, und er wunderte sich, dass er nicht schon früher darauf gekommen war. »London«, sagte er scharf und sah Kowalenko an. »Wie war das damals in London, als Kitner zum Ritter geschlagen wurde? Sollte noch am selben Tag oder einen Tag später bekannt gegeben werden, wer er war und dass er Zar werden sollte?« »Nein. Die Angelegenheit war viel zu wichtig, um das zum Anlass zu nehmen. Die Bekanntgabe sollte mehrere Wochen später erfolgen.« »Mehrere Wochen?« »Ja.«, Marten starrte ihn an. »Am 7. April.« »Ja.« »In Moskau.« »Die Sache wurde sehr vertraulich behandelt«, entgegnete Kowalenko erstaunt. »Woher wissen Sie davon?« »Aus Hallidays Kalender«, log Marten, um sich nicht zu verraten. »Er hatte sich Datum und Ort notiert, aber ein dickes Fragezeichen dahinter gemacht. Wahrscheinlich konnte er damit nichts anfangen.« »Und woher wusste Halliday davon?« »Keine Ahnung«, log Marten abermals und hielt nach der Abzweigung zur Villa Wolkenkratzer Ausschau. Dann kam ihm ein weiterer Gedanke. Cabrera hatte die Villa in Davos erst kurz vor der offiziellen Bekanntgabe gemietet. Plante er dasselbe in London? Nur dass er dort keine Villa, sondern ein elegantes Privathaus im Auge hatte – das Haus in der Uxbridge Street 21, ganz in der Nähe der russischen Botschaft. Außerdem hatte sich Raymond in seinem Kalender unter der Eintragung 14. März, London die Worte Russische Botschaft/London notiert. Bedeutete das, dass die Familie Romanow dort an diesem Tag ins Bild gesetzt werden sollte? Wieder sah er zu Kowalenko hinüber. Und wieder log er. »In Hallidays Kalender standen noch zwei Daten. ›London – 14. und 15. März.‹ Wenn die Öffentlichkeit erst drei Wochen später informiert werden sollte, wann sollte Kitner dann …« »… der Familie