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Satlik war einst ein öder Planet ohne Leben – bis die Menschen kamen und eine neue phantastische Welt formten. Im Laufe der Zeit müssen sie allerdings feststellen, daß sie nicht nur ihre Umwelt, sondern auch sich selbst stark verändern … Unter dem Mondstern, inmitten eines wilden Sturms, wird Jobe ge- boren. Sie ist anders als die anderen – die Prophezeiung der weisen Watichi liegt über ihrem Schicksal: »Entweder wird sie ihr Leben lang auf einem Meer der Trostlosigkeit treiben, oder sie wird flie- gen können.« Die Menschen auf Satlik entscheiden selbst über ihr Geschlecht, ob sie Mann oder Fr...
Autor Anonym
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Satlik war einst ein öder Planet ohne Leben – bis die Menschen kamen und eine neue phantastische Welt formten. Im Laufe der Zeit müssen sie allerdings feststellen, daß sie nicht nur ihre Umwelt, sondern auch sich selbst stark verändern … Unter dem Mondstern, inmitten eines wilden Sturms, wird Jobe ge- boren. Sie ist anders als die anderen – die Prophezeiung der weisen Watichi liegt über ihrem Schicksal: »Entweder wird sie ihr Leben lang auf einem Meer der Trostlosigkeit treiben, oder sie wird flie- gen können.« Die Menschen auf Satlik entscheiden selbst über ihr Geschlecht, ob sie Mann oder Frau werden, dem Urvater Dakka o- der der Urmutter Reethe folgen wollen. Jobe kann sich nicht ent- scheiden. Wird sich die Prophezeiung der Watichi erfüllen, als eine Katastro- phe über Satlik hereinbricht, eine Katastrophe, die alles zu vernich- ten droht? David Gerrold gehört zu den großen Neuentdeckungen der letzten Jahre. Bisher hat er 13 Bücher veröffentlicht. Für seine Romane wurde er mit den berühmtesten Preisen NEBULA und HUGO aus- gezeichnet. Seine bekanntesten Bücher sind »The Man Who Folded Himself« (Zeitmaschinen gehen anders) und »When Harlie Was One« (Ich bin Harlie). Gerrolds neuester Roman ist wohl sein schönster und stärkster: ein faszinierender Blick auf eine Kultur, die fremd und zugleich vertraut scheint., August 1978 Deutsche Erstausgabe © Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. München/Zürich 1978 Scan by Brrazo 04/2006 Titel der Originalausgabe »Moonstar Odyssey« Copyright © 1977 by David Gerrold Aus dem Amerikanischen von Bernd W. Holzrichter Umschlaggestaltung Creativ Shop München Adolf + Angelika Bachmann Umschlagillustration Selecciones Ilustradas, Barcelona Satz Appl, Wemding Druck und Bindung Augsburger Druckhaus, Augsburg Printed in Germany ISBN 3-426-00704-5, Science-Fiction-Roman Deutsche Erstausgabe, Dieses Buch ist Ted Sturgeon gewidmet, der mir zeigte, wie man es zum Klingen bringt., »Ich wurde geboren …« Jedesmal, wenn eine neue Person auf die Welt kommt, halten die Götter – Reethe und Dakka – den Atem an. Sie haben Angst vor denen, die nicht wis- sen, wer sie werden sollen; denn jedesmal, wenn eine von ihnen geboren wird, rücken die Götter dem Tode nahe. Es handelt sich um die Personen, die sich höchstwahrscheinlich für keine der beiden Möglich- keiten entscheiden, wenn ihnen die Wahl zwischen Reethe und Dakka, zwischen weiblich und männlich, angeboten wird; und jedesmal, wenn jemand in sei- nem Innersten die Götter nicht anerkennt, sterben die Götter ein bißchen. Darum halten die Götter bei jeder Geburt den Atem an: Wie wird die nächste Person sein? Schaut sie an: Der Säugling – ein Erwachsener in der Entwicklung. Das Kind – eine Lektion, die der künftige Mensch lernt. Als Kind benötigt sie nicht so viel Pflege wie jener Erwachsene, zu dem sie werden wird. Versucht den Menschen zu erkennen, der sie einmal sein wird. Beginnt mit Achtung vor dem Augenblick ihrer Geburt. Laßt sie behutsam in diese Welt treten, so daß sie nicht geängstigt wird von dem neuen Ort, an dem sie sich wiederfindet. Das schafft ein Beispiel fürs Leben: Wenn sie geboren wird, ohne Furcht zu, erfahren, wird sie später im Leben von all den neuen Dingen, denen sie begegnet, nicht geängstigt. Die Geburt ist nicht der Moment der Mutter – das mag so scheinen, aber es ist nicht ihr Erfolg –, sondern der einer neuen Person. Wir sind ihr noch nicht begeg- net, aber ihre Bedürfnisse haben den Vorrang. Denkt über sie nach: Sie existiert nur in der Gegenwart, sie hat keine Vergangenheit und kennt keine Zukunft, sie ist zeitlos, sie ist Glied einer Kette, die irgendein wundervolles, unbekanntes Geschöpf darstellt – Er- löser oder Dieb, wir können es nicht wissen. Der Weg dorthin dauert zahllose Jahre, aber in diesem Augenblick, jetzt, ist sie bloß klein und schutzlos – den Ereignissen ausgeliefert. Geburt – das ist ihr U- niversum, zugleich eine Explosion ihres Universums; das passiert ihr, passiert ringsum, und die Grenzen zwischen dem, was Ich und was Nicht-Ich ist, begin- nen allmählich, feste Konturen anzunehmen. Wir dürfen diese Person nicht zu abrupt aus ihrer Einheit mit ihrem Universum reißen, sonst wird sie sich niemals wieder als dessen Bestandteil fühlen – und doch kann gerade das viel zu leicht geschehen. Sie existiert nur als ein Moment von Gefühl und ist leicht in Angst zu versetzen, da sie keine Erinnerun- gen hat, an denen sie das Jetzt messen kann. Jegliche Empfindung ist neu – und wenn sie zu heftig ist, fällt die Anpassung schwer; sie wird sich als Schmerz einprägen, und alle späteren Empfindungen, die ähn-, lich sind, werden mit dieser Erinnerung überein- stimmen. Man kann diesen kleinen Kern der Vergan- genheit einer zukünftigen Person nicht vor dem war- nen, was sich anbahnt. Man kann sie nicht vorberei- ten, es sei denn durch die natürlichen Methoden Mut- ter Reethes. Doch die allein sollten eigentlich genü- gen – falls wir auf die Anleitungen hören, welche die Gottheit in unsere Herzen gesenkt hat. Vielleicht sollte es eine bessere Methode geben, auf die Welt zu kommen, als diese eine, die so viel erdenklichen Schmerz, so viel Angst und Schrecken beinhaltet; doch vielleicht gibt es auch gar keine bes- sere Art der Geburt für eine Person als die, aus dem Bauch einer anderen zu kommen. Das ist die engste aller Verbindungen, und sie schafft zwischen den beiden eine Beziehung von Fürsorge und gegenseiti- ger Abhängigkeit, die ein Leben lang bestehen wird. Die neue Person braucht jemanden, der ihr Sicherheit gibt, während sie erforscht, wie sie am besten sie selbst wird; jemanden, der ihr immer wieder bestä- tigt, daß alle ihre Entscheidungen tatsächlich berech- tigt sind und daß alle Versuche, auch die fehlge- schlagenen, notwendig sind, wenn sie die Erfahrun- gen des Lernens und Entdeckens macht. Die Geburt- Mutter ist mit dieser Aufgabe betraut, einer Aufgabe, die nicht zu leicht genommen werden darf. Wir dür- fen die Verantwortung für das Leben einer anderen Person nicht übernehmen, es sei denn, wir sind wil-, lens, auch die Last ihres Schmerzes zu ertragen; sonst kränken wir nicht nur den Erwachsenen, den wir als Kind in unserem Körper tragen, sondern auch die Götter. Wir umhegen unsere Kleinen, weil wir glauben möchten, daß sie ein Teil unserer selbst sind; doch wir sollten im Augenblick unsere eigenen Bedürfnis- se zurückstellen und zuerst ihre Bedürfnisse betrach- ten – laßt das Neugeborene eine selbständige Person sein, ehe es Teil der Identität einer anderen sein muß. Diese kleinen, unschuldigen Menschen sind leicht- gläubig – sie nehmen mit begieriger Bereitwilligkeit an, was wir ihnen vorsetzen. Sie glauben, daß das, was sie von uns hören und sehen, das Verhalten der ganzen Welt ist, das einzige Verhalten; sie glauben daran, weil sie noch nicht erfahren haben, daß es auch etwas anderes gibt. Wir sollten darauf achten, daß wir ihnen nicht Schaden durch die Sicherheit zu- fügen, die aus ihrer Vertrauensseligkeit herrührt; denn in Wahrheit schaden wir damit nur unserem künftigen Ich. Wir wollen also von unseren Kindern lernen und unserer Wahrheit nicht zu sicher sein – wir wollen sie immer in Zweifel ziehen, denn nur der Zweifel läßt die Weisheit wachsen. Laßt uns die Geburt durch die Augen dessen betrachten, der geboren wird; und wir wollen in diesem Augenblick vor al- lem seine Ängste lindern. Diese kleine, nackte Per-, son möchte mit uns zusammenkommen – wir wollen ihrem Wunsch entsprechen. Diese Wahrheit wird je- desmal, wenn ein Kind geboren wird, auf die Probe gestellt – und jedesmal wird sie bestätigt, wenn ein Säugling lächelt. Eine Mutter soll in hockender Position gebären, nicht nur, weil es für sie die leichteste Stellung ist, sondern auch, weil das neue Geschöpf so am leich- testen den Gebärmutterhals hinuntergleiten kann. Der Heilkundige und die übrigen Eltern sollen ganz nahe dabei sein, doch es obliegt dem Segens-Vater des Neugeborenen, ihre Hände bereit zu halten, um die Kleine in Empfang zu nehmen. Das Zimmer soll dunkel und ruhig sein, die wartenden Hände warm, zart und darauf vorbereitet, das Rückgrat der Kleinen zu stützen – es wird am Anfang gewölbt sein; sie soll es strecken, wenn sie dazu bereit ist; es besteht kein Grund zur Eile. Und jetzt, wenn sie in unsere Welt kommt, soll die Mutter sich zurücklegen und die kleine Kreatur ihr – wie ein Geliebter – behutsam auf den Bauch gelegt werden; so können beide durch ih- re Berührungen einander liebkosen, sich nahe kom- men, sich wiederentdecken. Sie sind tatsächlich Lie- bende: sie waren es monatelang, aber erst jetzt be- gegnen sie sich wirklich, während sie sich in der Dunkelheit still umarmen. Die kleine Geliebte soll beim Eintritt in die Welt liebkost und voll Freund- lichkeit empfangen werden., Und wenn das richtig gemacht wird, wird die neue Person weder verwirrt noch geängstigt, und sie wird nicht weinen – Weinen bei der Geburt ist ein schlechtes Omen, es zeugt von Schrecken und Schmerz: Hier ist jemand, dem durch die Geburt Schmerzen zugefügt wurden – und genauso können ihm in seinem weiteren Leben Schmerzen zugefügt werden. Leise Seufzer dagegen zeugen von Liebe. Jetzt soll Stille herrschen, während die Geburt- Mutter ihre kleine Geliebte flüsternd und sanft beru- higt. Die Neugeborene hat gerade angefangen zu ler- nen, und auf diese Weise wird es ein freudiges Ler- nen sein. Der erste Seufzer soll der des Kindes sein, es soll sanft atmen; seine Lungen sollen die Luft- schmecken, weil sie wollen – nicht weil sie müssen, nicht weil sie dazu gezwungen werden. Die Nabel- schnur soll bleiben, bis die Neugeborene sicher und gleichmäßig atmet. Sie soll diese Verbindung zu ih- rer Mutter behalten, bis sie ihrer nicht mehr bedarf. Erst dann soll sie durchtrennt werden; es besteht kein Grund zur Eile, die Kleine hat eine Menge Zeit, eine ganze Lebensspanne Zeit, um zu lernen und aufzu- wachsen. Und das Lächeln der Mutter soll immer der hellste Schein im Zimmer sein, die sanften Atemzüge des Kindes das lauteste Geräusch. Die zwei sollen so lange immer näher zusammenwachsen, bis beide sich entspannt haben. Wenn die Mutter die neue Person, ganz nah bei sich hält, wenn die kleine Geliebte sanft auf ihrer Brust liegt, soll sie spüren, daß sie nicht die Besitzerin ist – so als handele es sich um einen Ge- genstand. Sie soll sich als Führer, als Lehrer fühlen; ein gleichberechtigter Partner beim Erforschen, ei- ner, der den Weg vielleicht schon ein wenig weiter beschritten hat, aber dennoch ein ahnungsloser Mensch in den Augen von Reethe und Dakka ist. Beide, Mutter und Kind, sollen auf dieser Reise Part- ner sein, keiner soll dem anderen Bestie oder Bürde sein; keiner gehört dem anderen, denn an erster Stel- le gehören wir alle den Göttern. Laßt die neue Person in gekrümmter Haltung ver- harren, Arme und Beine an den Körper gezogen. Erst wenn sie dazu bereit ist, soll sie den Rücken aufrich- ten. Sobald sie es wünscht, wird sie sich strecken; ta- stend zuerst, denn sie ist im Begriff, einen so großen Bereich zu erforschen, wie sie ihn sich bis dahin nie vorgestellt hat. Die Hände der Mutter sollen sich langsam über sie hinweg bewegen, nicht wie bei ei- ner Massage, sondern liebkosend, ein Austausch von Berührung, Sprache von Geliebten, die einander Si- cherheit geben. Die Mutter teilt dieser winzigen Per- son durch ihre Berührung Liebe mit. Und genau so sollte es sein, denn das ist die einzige Sprache, die das Baby versteht, aber dafür versteht es sie voll- kommen. Die Sicherheit spendende Sprache der Be- rührung, des Streicheins, des Liebkosens und der be-, haglichen Wärme. Sie waren inniger beieinander, als alle anderen Liebespaare es jemals gewesen sind o- der jemals hoffen könnten zu sein. Eine hat im Leib der anderen gelebt, und jetzt, wenn diese innige Ver- trautheit in eine weiter geöffnete verwandelt worden ist, in eine Vertrautheit, die mit der übrigen Welt ge- teilt wird, jetzt soll die Geliebte, die die andere ge- tragen hat, deren Weg in diese Welt ebnen – indem sie diese vertraute Sprache benutzt, die ihr den Über- gang erleichtert. Der neuen Person soll damit Ge- wißheit gegeben werden, daß dieser neue Ort ein gu- ter Ort ist. Und jetzt soll die Watichi ein leises Gebet anstimmen – damit die neue Person den Schmer- zensweg des Lebens ebenso gut zurücklegt, wie sie den Weg der Geburt bewältigt hat – mit Liebe und Beistand; damit sie an die andere Seite kommt, wie sie durch die Geburt gekommen ist – mit einem Lä- cheln. Es ist ein glückbringendes Omen, wenn die neue Person bei der Geburt lächelt – und zudem ist es üblich; wir können stolz darauf sein, daß unsere Neugeborenen für gewöhnlich so leicht lächeln. Jetzt soll das Kind von seinem Segens-Vater ge- badet, behutsam in warmes Öl getaucht werden, eine Beinahe-Rückkehr in die behagliche Welt des Emb- ryos, die seit noch nicht einmal zehn Minuten verlo- ren ist; immer wieder eingetaucht, eine warme Rück- kehr ins Meer der Mutter Reethe, bis es entspannt ist und bereit, ja, bereit, mehr von seiner neuen Umge-, bung zu erforschen; eingetaucht und vorsichtig hochgehoben, so daß es allmählich sein eigenes Ge- wicht erfährt; eingetaucht und hochgehoben, so daß es allmählich das Gewicht der übrigen Welt erfährt. Dann schließlich wird es in wärmende Decken ge- hüllt und seiner Mutter zurückgegeben, die vom Kreis der Gratulanten ebenfalls gereinigt und geklei- det worden ist. Nun ist die neue Person wieder bei der Person, die ihr einen ersten Platz zum Heran- wachsen gegeben hat und die ihr den Aufenthalt an manchen Plätzen der Zukunft erleichtern wird. Jetzt sollen sie sich lächelnd ausruhen, wie ein Liebespaar nach dem Liebesakt. Sie sind jetzt und für immer die innigsten Geliebten – die Erinnerung daran wird nie völlig verschwinden; so wie Reethe für Dakka beides – Mutter und Geliebte – ist, so ist es auch beim Ein- tritt einer jeden neuen Person in die Welt: wir er- schaffen mit jedem Leben, das wir gebären, das We- sen unserer Götter aufs neue. Und wie unsere Götter halten auch wir den Atem an bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir und die neue Person entdecken, wer sie sein wird. … inmitten eines Hurrikans »Winde heulten und grelle Blitze leuchteten auf; man erzählte mir, daß ich noch Stunden später vor Angst, und Schmerzen schrie. Das war vier Monate, bevor ich zum ersten Mal lächelte. Natürlich erinnere ich mich nicht an diese Dinge; ich erfuhr erst viele Jahre später davon, ein beson- derer Vertrauensbeweis von Sola, der Abweichen- den. Meine Geburt war ein Tag der Stürme und an- derer schlechter Omen, und ich glaube, daß mein Leben nicht nur durch meine eigenen Schmerzen in dunkle Farben getaucht wurde, sondern auch durch das Wissen meiner Familie um meinen bewegten und disharmonischen Start. Ich wurde zu früh geboren – meine Mutter stolper- te, als sie zur Unterkunft rannte. Bei ihr war keine Watichi, um zu singen und zu beten. Der Segens- Va- ter war bei einem Bootsunglück umgekommen, und ich wurde im Freien, ohne jeglichen Schutz, geboren, während ringsum laute Blitze tobten. Hojanna mußte auf dem Rücken liegen, während Großvater Kuvig mich aus ihrem Leib zerrte. Sie zog einen Schleier von meinem Gesicht und gab mir ei- nen Klaps, damit ich nach Luft schnappte – für etwas anderes war keine Zeit, weil das Wetter um uns her- um wütete; sie zerschnitt die Nabelschnur fast sofort und wickelte mich in ihre grobe Windjacke, ohne mich vorher vom Blut meiner Mutter zu säubern. Dann strauchelten und rannten sie den letzten halben Kilometer zu unserer Hütte, während die Bäume um uns herum ohne Unterlaß krachten., Es gibt keinen Weg, dorthin zurückzukehren und den Schaden ungeschehen zu machen, der sich bei meiner Geburt ereignete. Ich wurde geboren, und hier war ich. Es gab keine Lieder, keine Gebete, kei- nerlei Beruhigungsversuche – erst lange nachdem ich schon erfahren hatte, daß dieser neue Ort grau- sam, kalt und unwirtlich sein konnte. Dann war es zu spät für Beruhigungsversuche. Eine Zeitlang wurde ich ›das dunkle Kind‹ ge- nannt. Ich wußte das nicht, bis Sola es mir sagte; und doch wußte ich irgendwie, daß es etwas gab, das mich von den anderen unterschied. Nach dem Willen der Familie sollte ich niemals erfahren, daß mit mir etwas nicht stimmte; aber das ist eines der Dinge, die man vor einer Person nicht geheimhalten kann. Ich wußte einfach, daß ich auf irgendeine Art etwas Be- sonderes war. Ich spürte irgendwie eine wahrnehm- bare Minderwertigkeit, und ich hütete dieses Wissen, da es mich zugleich den anderen gegenüber irgend- wie überlegen erscheinen ließ – indem es mich an- ders machte. Ich war anders als meine Geschwister. Ich wußte es aufgrund ihrer Weigerung, dies zuzugeben, weit- aus deutlicher, als wenn sie mir diese Tatsache tau- sendmal am Tag ins Gesicht geschrien hätten. Wie das Kind, das im Märchen durch das Meer verändert wird, fühlte ich mich als eine neue Art von Person – anders als jede, die je zuvor gelebt hatte. Vielleicht, eine normale Kindheits-Einbildung, aber in meinem Fall eine mit einem Kern von Wahrheit, die sowohl innerlich als auch äußerlich zu spüren war. Es war ein unbestimmter Unterschied, keiner, den ich defi- nieren oder beschreiben konnte. Und vielleicht wur- de ich ihn nicht einmal bewußt gewahr, bis ich mein eigenes Ich verlassen und zurückblicken konnte. Es dauerte bis zur Zeit des ersten Errötens und noch länger, bis ich bemerkte, was mich anders machte als meine kleinen Mitgefangenen der Entropie: Sie be- wegten sich zumindest mit dem Wissen, daß sie eines Tages jemand sein würden; nicht einmal die Entro- pie konnte eine einmal verankerte Identität zerstören. Aber ich, ich bewegte mich tastend, behutsam, unsi- cher, ob ich überhaupt jemals irgend jemand sein würde. Wo andere Seelen sein konnten, war ich viel- leicht nur ein kleines, glimmendes Fünkchen Angst, leicht ausgelöscht und vergessen. Als Sola mir die Tatsachen über meine Geburt er- zählte, war es folglich weniger eine Neuentdeckung als eine Bestätigung dessen, was ich schon mein ganzes Leben lang gewußt hatte: daß ich mich in ei- nem Vakuum bewegte, das die Götter dadurch ge- schaffen hatten, indem sie den Atem anhielten. Und doch – selbst mit diesem schrecklichen Wis- sen – war mein junges Leben ausgefüllt mit Freude – nachdenklich vielleicht, sehnsuchtsvoll wie die end- losen Akkorde aus den Flöten Dakkas –, aber all die-, se Tage waren Wegweiser zur unausweichlichen WAHL. Wenn ich wirklich einzigartig war, dann nicht durch die WAHL, sondern dadurch, daß ich lernte, damit zurechtzukommen. Ich wurde geboren, hier war ich, und ich mußte das Beste daraus machen.« Drei Tage nach dem Sturm wurde das Segel einer Watichi am Horizont gesichtet. Großonkel Kossar hißte eine Willkommensflagge, und das Schiff wen- dete und steuerte auf die Insel zu. Eine Watichi ist eine heilige Person, eine Stimme von Reethe und Dakka in der Welt der gemeinen Menschen; sie besitzt nichts Eigenes, sie benötigt kein Eigentum – da sie den Göttern angehört, ver- traut sie ihr Leben deren Winden an; sie werden für sie sorgen. Und in der Tat ist es eine Gnade, einer Gottstimme Nahrung und Unterkunft zu gewähren – es ist ebenso eine Sünde, ihr die Erfüllung ihrer Be- dürfnisse zu verweigern. (Es hat Watichi gegeben, die manchmal ihr Gottgefühl verloren haben; deshalb ist es den Watichi verboten, ohne Erlaubnis länger als drei Tage am gleichen Ort zu bleiben.) Diese Watichi war auf dem Weg von irgendwo in der Vergangenheit nach irgendwo in der Zukunft. Sie war auf Pilgerfahrt mit einem Ziel, das nur für Wati- chi bestimmt war und jenseits des simplen Verständ- nisses der gemeinen Menschen lag., Sie war groß und knochig, ihre Haut war hell wie gebleichtes Pergament. Ihr Haar war weiß und schwebte in einer dünnen Wolke um ihren Kopf. War sie alt? Oder ein Albino? Ihre Augen waren rot und lagen tief in ihren Höhlen – sie sah gehetzt aus und zwitscherte wie ein Vogel. Ihre Hände flatterten vor ihr in der Luft, wenn sie sprach. Ihre Stimme glich dem hellen Pfeifen eines Kindes. Ihr Kleid war mit braunen und gelben Flecken gesprenkelt, und sie roch nicht nach dem Meer, sondern nach Fäulnis und Krankheit. Sie sprach von den Omen, die sie gesehen hatte, aber allein ihre Anwesenheit war Omen genug. Sie steckte drei Stangen in den Sand und breitete über deren Spitzen eine seidene Stoffbahn aus, um Schatten zu haben; dann legte sie eine geflochtene Matte in den Schatten und setzte sich darauf. Sie wartete. Die Familie begann schon bald, ihre Ge- schenke vor ihr auf die Matte zu legen. Es spielte keine Rolle, daß Kuvig und Suko das legalisierte Betteln der Watichi ablehnten (sie nannten es »reli- giöse Erpressung«). Großonkel Kossar glaubte im- mer noch daran, und sie bestand auf den heiligen Handlungen – die Überlieferung muß geachtet wer- den. Sie breiteten vor der Watichi einen Querschnitt aus dem erlesensten Familienbesitz aus; die weichs- ten Kleidungsstücke, die süßesten Weine, die wert- vollsten Geschirrstücke im Haushalt – ein mit Opfer- gaben wohlgedeckter Tisch. Die Watichi wies das, meiste zurück, und Suko wußte nicht, ob sie darüber erleichtert oder doch eher beleidigt sein sollte. Die Freude an schönen Dingen schien jenseits der Ver- ständniskraft dieser Watichi zu liegen, Reichtum be- deutete ihr nicht mehr als Sand. Sie probierte von dem, was ihr behagte, aber der einzige Gegenstand, den sie annahm, war das hauchdünne, scharlachfar- bene Halstuch, das die kleine Dida, ihre Eltern nach- ahmend, vor sie hingelegt hatte. (»Huch, eine be- scheidene Watichi!« murmelte William hinter vorge- haltener Hand. »Wunder geschehen immer wieder.«) Schließlich sprach die Watichi von Reethe und Dakka und den Münzen, die ihre Gesichter tragen. »Wir schütteln ihre Gesichter und werfen mit ihren Gesichtszügen die Runen. Wir erfahren nichts über die Vergangenheit und nichts über die Zukunft, son- dern nur über diesen Moment – jetzt –, in dem sich ihre Linien überschneiden. Vor drei Tagen sah ich ein Omen.« Die Gottstimme schwankte, ihre Hände krochen zu ihrem Herzen und zu ihrer Kehle. »Ich verstand es damals nicht, aber eine Otter kletterte auf mein Floß und wies mich an, nach Westen zu segeln. Ich kam hierher. Und jetzt verstehe ich, daß es nicht wichtig für mich ist, dieses Omen zu verstehen, son- dern über es zu berichten. Dieses Omen war für euch bestimmt, und ich diene nur als Bote.« Sie senkte den Kopf und verstummte. Die Familie, im Sand kreisförmig um sie herumsitzend, wartete., Kuvig legte drei Münzen vor der Watichi nieder. Zwei davon zeigten das lächelnde Gesicht Reethes, auf der dritten zog das grimmige Gesicht Dakkas Grimassen. »Wir hatten eine Geburt«, sagte Suko. »Und einen Sturm.« »Ein Geburtsomen also, dennoch, ein merkwürdi- ges. Ich sah ein Boot, ein leeres Floß mit zerbroche- nem Mast, zerfetzten Segeln, völlig verwüstet und verlassen. Es war alt und grau und hing schief in der spiegelglatten See. Es sah aus wie ein Todesboot, das aus den Seuchenjahren übriggeblieben war. Als ich meine Segel in seine Richtung drehte, tauchte plötz- lich ein Vogel auf – groß und weiß, wie ich vorher noch nie einen gesehen hatte; zu groß für eine Möwe und mit zu sanfter Stimme. Ihr Schrei hatte irgend etwas Fröhliches. Sie kam von Osten, so als wäre sie aus dem Monduntergang der Nona entstanden; sie kam aus ihr herausgeflogen, als ich mich in ihre Richtung wandte. Sie flog über das Boot und zum Mondstern über mir. Sie kreiste einmal unter der Bundt, wandte sich dann nach Westen zur Lagin und weiter hinaus. Sie verschwand unter dem Mondun- tergang der Lagin. Der letzte Schrei, der zu mir her- übertönte, war weder fröhlich noch verzweifelt – nur noch fragend. Ich sah sie immer noch fliegen – und ich sah Hoffnung. Als ich wieder nach unten aufs Meer schaute, war das Geisterboot verschwunden.« Sie kicherte. »Was bedeutet das?« Sie blickte umher, und sah ihre Zuschauer an. »Nichts? Alles? Viel- leicht ist es ein Symbol für WAHL. Die neue Person kann in ihrem Leben hoffnungslos auf einem Meer von Trostlosigkeit treiben. Oder sie kann fliegen. Es ist kein fröhliches Omen, aber genausowenig ist es traurig. Es spricht zugleich von Untergang und Freu- de. Eines Tages wird unsere Luft dick genug sein, und wir alle können fliegen wie die Vögel.« Ihre Stimme überschlug sich, sie keuchte und flüsterte in die Stille hinein. Ihr Atem ging pfeifend. »Dieses Omen habe ich gesehen, drei Tage bevor ich an die- sem Strand stand. Wenn es für euch gedacht ist, habe ich es überbracht und meine Pflicht getan.« Sie ließ den Kopf in den Schoß sinken und schwieg lange. Suko fragte sich, ob sie vielleicht eingeschlafen war – oder bewußtlos, vielleicht sogar gestorben. Man hörte gelegentlich von Watichi, die auf ungewöhnli- che Art starben. Aber sie hob den Kopf und sprach ein Gebet zu Reethe und Dakka. Sie nahm die Münzen von der Matte, küßte jede einzelne und legte sie wieder hin. Sie stand auf und berührte der Reihe nach die Kinder und empfahl sie der Obhut der Götter; sie sagte freundliche Worte über die Insel, ihre Bewohner und ihre Pflanzen; sie vergab allen Ungläubigen, denn sie seien selbst in ihrem Unglauben Diener der Ströme Reethes und Dakkas. Und als sie das sagte, lächelte sie Kuvig und Suko wissend an. Dann packte sie ihre, geflochtene Matte zusammen, ihr Seidenzelt, die Zeltstangen, Didas Halstuch und segelte in Richtung Nordosten davon. Suko schnaufte skeptisch, während sie ihr Segel zum rosafarbenen Ende der Welt treiben sah: »Eine aufwendige Pantomime, eine Bettelschau, eine Mas- kerade – alles, um uns zu erzählen, was wir schon längst wissen. Ein Baby wird für die WAHL gebo- ren. Wir brauchen keine Watichi, damit sie uns das erzählt.« Aber Onkel Kossar berührte sie beim Arm und sprach von Toleranz: »Sei vorsichtig, Suko. Ich füh- le, daß dieser Besuch seine ganz besondere Bedeu- tung hat.« Vielleicht stimmte das. Hörte Onkel Kossar eine andere Botschaft aus dem Schauspiel am Strand her- aus? Drei Tage später legte sie sich zu Bett, und drei weitere Tage danach war sie zum Meer zurückge- kehrt, um bei ihren Müttern zu schlafen. »Das erste, an das ich mich erinnere: Wie ich nachts von einer meiner Kusinen in meine Krippe gelegt wurde. Dida war es, und obwohl Dida damals noch keine WAHL getroffen hatte, hatte sie sich nach mei- ner Meinung lange vor dem ersten Erröten entschie- den: Sie wollte eine Geburt-Mutter werden, und der erste Ausdruck dieses Wunsches war die Fürsorge, die sie mir und den anderen Kindern zukommen ließ., Dida machte sich gut als Mutter und stellte später auch ihre anderen Qualitäten unter Beweis. Wäh- rend der Hungersnöte nach der Schirm-Katastrophe hielt sie ihre Eheverbindung zusammen, während überall Familien in Anarchie auseinanderbrachen, die unsere eingeschlossen. Die erste Erinnerung, die überhaupt eines der Familienmitglieder an mich hat – also der erste Zeit- punkt, an dem ich so etwas wie Individualität entwi- ckelte, die in ihren Gedächtnissen haften blieb –, be- trifft den ›Essemäppchen‹-Vorfall. Keine Geschichte habe ich so oft gehört wie diese, und allmählich be- gann sie mich anzuwidern; aber ihre Beliebtheit bei Familientreffen muß etwas bedeuten, und ich vermu- te, ihre Bedeutung liegt in der Tatsache, daß ich bis dahin nur ein weiterer rosa Fleischklumpen war, in dessen eines Ende man Nahrung hineinstopfen und dessen anderes Ende man von Scheiße reinigen muß. Es geschah bei einem Familientreffen, das aus ir- gendeinem Anlaß stattfand, keiner erinnert sich mehr daran – die Familie hat jahrelang über den Grund für das Treffen gestritten, aber keiner von ihnen hat jemals die eigentliche Geschichte vergessen. Ich saß in einem hohen Stuhl. Meine Theorie ist, daß es sich um das Fest zur Meeresernte im Jahr 288 handelte; ich war damals etwa zwei Jahre alt, das richtige Al- ter für diese Geschichte. Es war wahrscheinlich das erstemal, daß ich gemeinsam mit der Familie essen, durfte; folglich mußte ich schon einige Erfahrung mit fester Nahrung gehabt haben. Mitglieder der Großfamilie waren von der ganzen Sichel gekommen, einschließlich vieler aus der an- geheirateten Familie. Mitten bei der Mahlzeit, so er- zählen sie mir, fing ich an, ›Essemäppchen‹ zu ver- langen, und ich wollte mit Weinen und Quengeln nicht aufhören. Ich fuhr einfach fort mit Knatschen und Jammern, aber keiner konnte sich unter ›Esse- mäppchen‹ etwas vorstellen. Meine älteren Ge- schwister (ich war die Jüngste am Tisch) konnten nicht verstehen, was ich wollte, Dida konnte es nicht, Hojanna nicht und auch keine meiner anderen Müt- ter. Nicht einmal Großmutter Thoma, die als Kinder- erfahrenste von allen galt. Meine Tanten – meine El- tern hatten geradezu verzweifelt versucht, Eindruck auf sie zu machen – waren verärgert, weil die Fami- lie ihre Jüngste weder bändigen noch besänftigen konnte. Die Anwesenden schmücken die Erzählung immer mit lebhaften Beschreibungen von Tante Wil- liam aus, die so genervt wurde, daß sie anfing, mei- nen Vater anzuschreien: »Um Dakkas willen, gib der kleinen Ratte doch ein ›Essemäppchen‹!« (Wahr- scheinlich ist das Grund für die Verwirrung über das Wo und Wann des Vorfalls. Tante Williams Ausbruch gab noch Monate später, immer wenn ein paar Fa- milienmitglieder zusammenkamen, Stoff für ausge- lassene Unterhaltungen; je häufiger davon erzählt, wurde, desto verschwommener wurde die Erinnerung an den eigentlichen Grund des Treffens.) Ganz gleich, ich quengelte und weinte ohne Unter- laß, wie sie mir erzählen. Es gab würzige Fleischbro- te am Spieß und appetitliche süße Kartoffeln, einge- machten Mais, süße Zwiebeln, gebackene Entchen in saurer Soße, jede Menge Schüsseln mit rohem Fisch und kleine Happen zum Tunken. Die Verwandten bo- ten mir alles an, was auf dem Tisch war, um heraus- zufinden, was ich wollte. Und erst als einer meiner Onkel – niemand scheint sich zu erinnern, welcher es genau war, es muß wohl ein entfernter Verwandter gewesen sein – ihren Eßspieß nahm, mit dem man Fischstückchen in die Soße tunkt, begann ich wieder zu drängen und zu schreien ›Essemäppchen! Esse- mäppchen!‹ Essensstäbchen! Nur konnte ich das ›St‹ noch nicht so richtig aussprechen. Natürlich war ich nicht in der Lage, sie richtig zu benutzen, aber in meinem Kopf hatte ich die Verbindung zwischen Essen und Stäbchen hergestellt – und ich wollte sie haben. Die Geschichte hat keine wirkliche Pointe, keine Quintessenz, auf die man bei späteren Ereignissen hinweisen und sagen kann: ›Hier, hier ist die Ursa- che! Die Geschichte beweist nicht einmal, daß ich ein Frühentwickler war; nur selbstsüchtig, wie jedes Baby. Aber jedesmal, wenn sich Verwandte von mir trafen, vor allem solche, die mich eine Zeitlang nicht, gesehen hatten, wurde ich immer wieder als das ›Es- semäppchen-Baby‹ vorgestellt. Oder irgendeine sag- te: ›Sieh mal, wie groß unser kleines Essemäppchen geworden ist.‹ Ich selbst habe keinerlei Erinnerung an diesen Vorfall, und so fühlte ich mich immer, als würde ich das Gepäckstück eines anderen mit mir herumtragen. Ich entwickelte regelrecht Angst vor Familientreffen, weil die Geschichte unter Garantie immer wieder er- zählt wurde; wenn nicht für Besucher, die sie noch nicht kannten, dann mir zuliebe. Denn ich machte andauernd den Fehler, darauf zu bestehen, daß ich mich an rein gar nichts erinnerte. Irgendwie machte mich das verschieden (zumindest in meinen eigenen Gedanken) von den anderen Kindern. Zum Glück fanden sie schließlich die Geschichte genauso fade wie ich, und niemand dachte mehr daran, mich we- gen der ›Essemäppchen‹ aufzuziehen – dafür bin ich dankbar. Statt dessen zogen sie mich wegen einer Menge anderer Sachen auf.« Nach dem Heiligen Kalender war Jobe vier Jahre alt, als sie zum ersten Mal erfuhr, daß Erwachsene in zwei Arten aufgeteilt waren – es gab welche mit hängenden Brüsten und welche, die überhaupt keine Brüste hatten. Sie ging zum Meeresfest mit Hojanna, die ihre Geburt-Mutter war, mit Dida, einer älteren, nicht, blutsverwandten Schwester, und natürlich mit ihrem Großvater Kuvig, die alle Feste verabscheute. Kuvig stolzierte mit grimmiger Miene auf ihrem gelbleder- nen Gesicht über den Festplatz – immer in Sorge, jemand könnte sie dabei ertappen, daß sie es heim- lich doch genoß. Die hellen Bambuspavillons sahen prächtig aus, die bunten Seidenbänder, mit denen sie geschmückt waren, bewegten sich träge und flatterten ab und zu im Wind. Blau und Gelb, Schattierungen von Grün; die Farben sangen von Sand und Sonnenschein, von Wind und Moos. Die wirbelnden Drachen und die Purpurbanner der Kaufleute ließen am Himmel ein geheimnisvolles und wundererfülltes Prachtbild ent- stehen. Heute waren die Westwolken ziemlich früh gekommen. Von Sommerwinden getrieben, wurden sie von der langsam aufgehenden Sonne mit roten und gelben Streifen markiert und formten einen silb- rig-aufgelösten Hintergrund für die Geheimnisse des Tages. Und die Gerüche – ungeheuer verführerisch waren sie! Weihrauch, Blumen, kandierte Farnkräuter, in Butter gebackene Reiskuchen, Geleekuchen, würzi- ger Fischbraten, frischer Fisch und Seetangsalz; Ein- gemachtes, Geräuchertes, süße Säfte und Eiskrem, Sirup, Früchte, dunkles Bier und Wein, rosa Zucker- wolken, die viel zu leicht auf der Zunge zergingen; und phantastische Parfüms! Süßlich riechende und, saure, Moschusduft und Bittergeruch, alle Sorten von Kräutern; Aromapflanzen, Wurzeln, gute und böse Zaubermittel: um eine Geliebte zu finden, ein Kind zu machen, eine Ehe zu stiften oder den Tod zu brin- gen. Und Krüge der Verheißung, Salben der Freude, Fetische, die in geflochtenen Körben steckten, Träu- me aus Papier (und auch ein oder zwei Alpträume) – und über allem eine Aura der Stärke, ein Aroma, das zu gleichen Teilen aus Schweiß, Lust und Lachen bestand; über allem der schwache, warme Geruch von uns. Erregung summte, Insekten gleich, in der gefühls- geladenen Luft. Sie kreiste und schnellte plötzlich ir- gendwohin, entsprechend dem An- und Abschwellen und den Bewegungen der Menschenmengen. Rings umher, in der Hitze des Tages (künstliche Schwüle kam durch Fontänen, Wasserfälle und ver- spielte Türme mit mechanischen Vorrichtungen, die kreiselnd Nebel erzeugten und ausbreiteten), sah man Erwachsene, die sich ihrer Halstücher und Tages- hemden entledigten, die mit nackter Brust die breiten Straßen entlangschlenderten, hier und da stehenblie- ben und einzelne Waren näher in Augenschein nah- men. Die Alleen, die sich schlangengleich krümmten und wanden, waren allesamt mit Verkaufsständen gesäumt, die dicht an dicht standen. Die Warenange- bote waren auf Zeltbahnen, gewebten und geflochte- nen Matten ausgebreitet. Da waren die Bildhauer, die, Handwerker, die Weber mit ihren Webstühlen, Krä- mer, Schneider und auch Spieler, Drucker und Maler, Töpfer und Schauspieler; eine jede Bude stand ganz eng an der nächsten, und überall wurden alle mögli- chen Kunstfertigkeiten angeboten. Bootsbauer mit Schiffsmodellen und Tuchnäher mit Segeln und gro- ßen Fahnen – im Himmel über uns explodierten pfei- fend und krachend Feuerwerkskörper, es war wie ein Orgasmus. Dann waren da die Vorleser, die Ta- schenspieler, die Lehrer und die Clowns. Da gab es Glas und Seide, Silber und Gold, Eisen und Leder und Kerzen und Lampen, Körbe und Eimer, Koffer, Kisten und Truhen, Käsekräuter und Puppen, allerlei Nippes und Flitterkram, Blumen – getrocknete oder frische –, Biere und Weine, Schnäpse von weit ent- fernten Inseln, Zauberkräuter, Teegewürze und Zu- cker und Nähnadeln, Modellkleider und Minis und Kinos und Irrgärten. Und Tiere! Kriecher und Krabb- ler und Kletterer und Kreischer – Flieger und Sprin- ger und Quaker und Schreier. Alle Farben auf Fe- dern, Horn und Pelz – angeleint, in Käfigen, hinter Zäunen oder Glas – Jobes Augen waren geblendet von all dem, was sie hier sah. Da gab es massenhaft technische Geräte – sogar eine Bildschirmstation, Modell Mark IV, über Kabel direkt mit den Daten- banken der höchsten Instanzen verbunden. Und dann gab es kleinere Geräte, Denker und Spielzeuge, die auf Bildschirmen aller Größen verwirrende Muster, aufblitzen ließen. Sie lockten das Auge und narrten den Verstand. Jobe wollte herumstreifen, aber … Kuvig und Hojanna schenkten den Buden kaum Beachtung. Ganz gleich, ob Jobe laut zum Verweilen drängte: Sie durchquerten die Straße mit all ihren Il- lusionen und Wundern ohne Zögern. Sie hielten sich auch nicht am Pavillon der Gesichter auf – Kuvig konnte professionelle Wahrsager nicht leiden. Sie stellten sich trennend zwischen die Menschen und deren Götter, sagte sie. Und überhaupt wollten sie nicht auf dem Markt herumtrödeln, da sie wegen ernsthafter Angelegenheiten zum Meeresfest ge- kommen waren. Nur Dida und Jobe hatten vor Erre- gung gerötete Gesichter, aber bei Dida hatte es nichts mit dem Jahrmarkt zu tun. Jobe war verwirrt, wie es nur ein Kind sein konnte – man hatte sie zu einem Volksfest mitgenommen, aber dieses Fest verlor jetzt all seine Reize. Denn nun hatte sie gar keine Zeit für die Vergnügungen, die überall geboten wurden. Kei- ne Zeit für die Schwärme tanzender Seidenfische; weder für Pantomimen noch für Akrobaten; weder für Gaukler noch für Theaterspiele; nicht einmal für die komischen Posen der Bettler mit dem aufge- schminkten Lachen, den lustigen Pappnasen und den großen, flachen Füßen. »Als du gefragt hast, ob du mitkommen darfst, Jobe, haben wir dir gleich gesagt, daß es kein reines Vergnügen wird. Zuerst gehen wir zur Markthalle, um Stoffe einzukaufen, dann muß, sich Großvater um das Schulgeld kümmern; und nach dem Essen geht's zur Plaza, um den Vertrag auszuhandeln, damit Dida verheiratet werden kann. Es haben sich sehr viele Familien beworben – die Auswahl wird sehr schwer sein. Aber bei solchen Dingen wie Verheiratungen soll man nichts überei- len. Wenn es sich um deine Heirat handelte, hättest du auch etwas gegen zu große Hast, Jobe. Wenn wir danach noch Zeit haben, gehen wir vielleicht zum Spielzeughändler.« »Spielzeug kann ich auch zu Hause sehen«, murrte Jobe. Aber nicht allzu laut, denn wenn Hojanna sich umstimmen ließe, würde Großvater um so strenger werden. Der Spaß an dem Festtag bestand also … also mehr aus der Vorfreude als aus tatsächlichem Ver- gnügen; Jobe fühlte sich betrogen und gelangweilt. Sie war eingeschnappt und entschloß sich, jetzt erst recht keinen Spaß zu haben – aus Trotz. Das Mittag- essen bot Gelegenheit, sich fern der Hitze zu ent- spannen und die vielen neuen Geschmacksrichtungen zu probieren. Für Jobe jedoch war es nur ein weiterer Anlaß, ihren Widerwillen zu zeigen. All die Gemüse, Früchte und Pasteten von den Nördlichen Inseln wa- ren an ihr verschwendet. Ihr Geschmack war bitter oder ekelerregend, und die leise Begeisterung Kuvigs und Hojannas – die gedämpften Oohs und Aahs – schienen nur Theater, um sie vom Gegenteil zu über-, zeugen. Jobe war nicht beeindruckt. Diese roten und orangefarbenen Knollen beispielsweise waren ein- fach fürchterlich schlecht. Jobe hätte viel lieber eini- ge kalte Reiskuchen gehabt. Sie schob ihren Teller fort und bereute, daß sie mitgekommen war. Zu Hau- se hätte sie mehr Spaß gehabt als hier, wo sie sich die ganze Zeit wie ein Mauerblümchen an Didas Arm klammerte. Wenn sie doch nur selbst alles erkunden dürfte, um das zu sehen, was sie sehen wollte; das wäre ja in Ordnung. Aber nein: »Du bist noch viel zu jung und hilflos, du Würmchen. Wenn dich eine Er- dik sähe, würde sie dich mit nach Hause nehmen und für ihre Jungen braten. Du würdest uns sehr fehlen.« »Es gibt doch gar keine Erdik«, antwortete Jobe, allerdings mit Zweifel in der Stimme. Dann fügte sie hinzu: »Ihr braucht Dida jetzt überhaupt nicht. Sie könnte mich mitnehmen.« »Aber später«, sagte Kuvig in jenem väterlichen Ton, den Erwachsene immer dann benutzen, wenn sie Kindern etwas begreiflich machen möchten, »a- ber später brauchen wir sie. Und wenn wir sie dann nicht finden können, gibt es keine Hochzeit. Nein, es ist schon das beste, wenn ihr beide bei uns bleibt; und hör auf zu jammern, Jobe. Du wußtest, daß wir hier etwas zu erledigen hatten. Vielleicht ist es falsch, dich irgendwohin mitzunehmen.« Jobe schau- te mißmutig drein, seufzte und zappelte nervös (mit mürrischem Schweigen, das beste, was sie machen, konnte). Sie versuchte zu überlegen, was sie in einer Situation tun konnte, in der man eben nichts tun konnte – außer mißmutig dreinzuschauen, zu seufzen und nervös zu zappeln. Die Erwachsenen waren im- mer der Meinung, Kinder sollten still sitzen und ab- warten. Jobe empfand dies als unvernünftig und zu streng. Erwachsene wollten nur sitzen und reden – das war unvernünftig. Besonders, wenn gerade die Sonne aufging, wenn Vögel und Fische die Gerüche des Westens ausströmten und wenn das Meer Lieder sang. Es gab Wichtiges zu tun. Aber nicht für Jobe. Sie mußte in einer winzigen Bambusbude bei Dida, Kuvig und Hojanna hocken. Weit weg von jenem baumumsäumten Spazierweg, der rund um die Insel führte, sich wie ein Kräusel- band in Serpentinen wand und Farbe und Aussehen dauernd änderte. Die Insel war nur eine von vielen, die auf das kristallklare Meer getupft waren; ein O- zean, gespickt mit bizarren Riffs und grünen Erhe- bungen, Überreste einer windstillen Vergangenheit. Das ORAKEL beschrieb die Inseln als den Körper der Gottheit Reethe, der Welt-Mutter, und daher war es nicht üblich, auf den höher gelegenen Hängen zu bauen. Dörfer wurden an den Küstenstreifen, auf Klippen und Halbinseln errichtet – überall, nur nicht auf den Hängen des Hochlands. Denn die waren hei- lig und wurden ausschließlich für Getreideanbau und Gärten genutzt. Das waren natürlich heilige Plätze, mit dem Segen der Mutter und des Vaters, die durch Unwetter und Wind sprachen. Deshalb waren die meisten Buden für den Markt nur provisorisch auf- gebaut. Sie wurden wegen des Schattens und der Farben gebaut und sonst für wenig mehr; sie würden abgerissen werden, sobald der Jahrmarkt zu Ende war. Alle Buden waren mit hell getönten Strohdä- chern gedeckt. Diese Hütte hier war offen. Ihre raschelnden Sei- denvorhänge waren beiseite gezogen, so daß die im Innern Sitzenden einen Panoramablick auf jene Stelle des Kleinen Versammlungsplatzes hatten, wo er in den Pfad des Ölwalds mündete. Es war ein belebter Schnittpunkt mit einem ständigen Strom von Passan- ten. Manche schlenderten gemächlich unter pastell- farbenen Sonnenschirmen, andere hasteten daher, bahnten sich mit Ellbogen einen Weg an langsame- ren Fußgängern vorbei oder kamen auf Fahrrädern oder in schnellen Rikschas heran. Kuvig und Hojan- na ließen sich Zeit mit dem Nachtisch aus Obst und Wein, diskutierten Vertragsklauseln und Anschluß- vereinbarungen und feilschten wie Südküsten- Fischer. Währenddessen wandte Jobe ihre Aufmerk- samkeit nach draußen. Allmählich begann sie, die vorübergehenden Leute zu studieren. Sie war ge- langweilt, fast schon wütend. Aber da sie wußte, daß sie dieses Gefühl unterdrücken mußte, hielt sie statt dessen Ausschau nach etwas, an dem sie es ausdrü-, cken konnte. Es waren Fremde, unbedeutend. Sie war alles andere als neugierig, ein eher introvertiertes Kind. Meistens war sie bemüht, die Menschen auf Distanz zu halten. Aber bei manchen Gelegenheiten studierte sie sie gründlich aus dieser Distanz. Heute war eine dieser Gelegenheiten. Es könnte sich ja vielleicht lohnen; einmal, während der Erntezeit, hat- te sie eine Verzauberte gesehen (zumindest glaubte sie, daß es so war); und ein anderes Mal (und hier war sie ihrer Sache ganz sicher) hatte sie einen Albi- no erkannt. Heute, da so viele Menschen unterwegs waren, würde sie vielleicht noch etwas weit Merk- würdigeres sehen. Der Tag war im Sonnenschein gereift. Warm und leuchtend war sein Beginn gewesen. Nun wirkte der Himmel allmählich wie geschmolzen, beinahe ver- brannt, als die Sonne ihren langen, strahlenden Auf- stieg durch die hohen Nebel fortsetzte. Die Tempera- tur nahm deutlich zu, und bis zum Wendepunkt dau- erte es noch eine ganze Weile. Daher hatten die meisten Spaziergänger auf dem Versammlungsplatz ihre gestrickten Tücher abgenommen und trugen sie über dem Arm. Überall, wo Jobe hinblickte, sah sie die unterschiedlichsten Menschen. Es war anregend, diese Fülle reinen Menschseins zu studieren. Sie sah alle Größen und Figuren und auch verschiedenartige Hautfarben; die meisten trugen Kilts aus Seide oder Leinen, Ledersandalen und geflochtene Hüte, die alle, mit fröhlichen Farben geschmückt waren. Manche trugen nicht so bemerkenswerte Kleidung. Jobes Augen wurden von etwas Rotem angezogen, den hervorstechenden Brüsten einer Jugendlichen; nicht ganz so alt wie Dida, aber ihre Brustwarzen waren leuchtende karminfarbene Flecken, ihr Busen war rund und voll. Hatten andere Brustwarzen eine ebenso leuchtende Farbe? Jobe hatte das vorher nie bemerkt. Sie schaute sich alle anderen aufmerksam an, sah aber keine, die so hell waren. Das Mädchen war eine Betrügerin, entschied Jobe, und die Farbe hatte sie nur aufgemalt. Doch dann bemerkte sie et- was anderes: Ihre Neugierde wurde von der Ver- schiedenartigkeit der Brüste geweckt. Nicht alle wa- ren klein oder fest wie die des Mädchens. Und nicht alle Erwachsenen hatten welche. Sie fragte sich, wie das wohl kam. Zum Beispiel die braunhäutige Frau dort, die in der Nähe des Federbaums ausruhte: Ihre Brüste waren groß. Wie Beutel voll Pudding, schwingend, sinnlich und jeder Bewegung ihrer Besitzerin folgend. Sie war offensichtlich eine Geburt-Mutter, ihr Bauch war reif und stolz, ihre Brustwarzen wirkten fast schwarz auf der Schokoladenfarbe ihrer Haut. Ganz in der Nähe stand irgend jemandes Urgroßvater – ihre Brüs- te waren trocken und ledrig wie verdorrte Feigen mit hartem Stiel (oder war sie Urgroßmutter, überlegte Jobe; bei den Alten war das schwer zu sagen)., Jobes Interesse war eher klinisch: unvoreinge- nommen, leidenschaftslos und ohne jedes Wissen um Sexualität, voll Neugier und Sorgfalt. Einige Brüste waren rosa, andere braun; große waren wie aufge- bläht, und kleine standen spitz vor; weiche schwab- belten, und harte hüpften prall; sie sahen wie komi- sche, nutzlose Dinger aus – wozu dienten sie? Jobe rätselte herum. Warum die kleinen Spitzen auf den Brustwarzen? Warum die weichen, runden Flächen um sie herum? Keine Person glich der anderen – ein auffälliger Unterschied, der sie zu weiteren aufmerk- samen Betrachtungen veranlaßte. Warum waren sich die Busen nicht ähnlicher? Mütter hatten die größten Brüste; je älter, desto geschwollener. Großmütter hatten bis auf einige Ausnahmen Beutel wie Geleetü- ten; manchmal hatten sie geschrumpfte Überbleibsel wie leere ausgetrocknete Futterale. Und warum war das so? Und was war mit denen, die überhaupt keine Brüs- te hatten? Es waren nicht viele, aber genug, um Jobes Aufmerksamkeit zu erregen. Die eine dort – ihrem Aussehen nach ein Bauer; ihr Brustkorb war breit und flach, fast ohne jede Wölbung, nur eine Brust- warze auf jeder Seite, klein, flach und farblos. Bei ihr war noch ein Bauer, das Gesicht von einem breit- krempigen Hut verdeckt. Ihre Brüste waren üppig, schwer und sonnenverbrannt – aber warum? Etwa, weil ihre ganze Figur üppig war? Wenn sie dünn ge-, wesen wäre, wie sähen ihre Brüste dann aus? Warum waren manche Brüste groß? Und warum waren man- che Brüste klein? Und warum hatten Kinder wie sie selbst ganz kleine oder gar keine? Eine Gruppe lachender Seeleute kam auf den Platz. Leicht angetrunken, wie sie waren, tanzten sie beinahe. Sie hatten rote Gesichter, torkelten ein we- nig, hatten einander untergehakt und kicherten, wäh- rend sie obszöne Lieder über die Geliebten sangen, die sie auf den Inseln hatten, wo sie vor Anker ge- gangen waren. Sie trugen weder Hüte noch Hemden und hatten ihre Gesichter nicht geschminkt. Sie hat- ten Bürstenschnitte und trugen kurze Kilts. Doch sie schillerten bunt: Armbänder, Edelsteine, Halsketten, lange braune Beine und golden schimmernde Schul- tern. Sie bewegten sich mit der Geschmeidigkeit von Katzen. Sie waren gelenkig wie Ballettänzer, ihre Muskeln glänzten, als seien sie eingeölt. Jobe starrte sie fasziniert an (sie hatten übrigens keine Brüste), bis Hojanna sie ansprach: »Hör dir ihre Lieder nicht an, Jobe. Sie sind ungezogen und grob; und außer- dem riechen sie schlecht.« »Ich rieche gar nichts«, sagte Jobe, aber Hojanna beachtete das nicht. Jobe wartete auf eine Erklärung – wieso waren die Seeleute schlecht? Aber niemand ließ sich näher darüber aus. Also schob sie diese Ü- berlegung beiseite und wandte sich einer drängende- ren zu: »Warum haben Menschen große Brüste und, einige keine? Warum ist das so?« Zuerst hörte ihre Mutter die Frage nicht, aber das plötzliche Grinsen Kuvigs und der ärgerliche Blick Didas ließen Hojanna mitten im Satz abbrechen und Jobe anschauen: »He? Was war das?« »Warum haben manche Menschen große Brüste?« »Weil einige sich an Reethe, der Mutter, orientie- ren, andere aber an Dakka«, erklärte sie geduldig. »Ooh«, reagierte Jobe verblüfft. Sie hatte die Na- men schon vorher gehört, aber gedacht, sie hätten mit dem wirklichen Leben nichts zu tun. Für sie war es eine andere Art von Gutenachtgeschichte, eine be- sondere Art von Märchen. Als Hojanna ihren erstaunten Blick sah, sagte sie: »Manche Menschen wählen ein Leben nach Reethes Art und werden dadurch in die Lage versetzt, Ge- burt-Mutter zu sein. Das ist ihr Geschenk – und sie schenkt auch zwei weiche Beutel, um darin die Milch für ihre Babys aufzubewahren.« »Aber Dida hat keine Babys«, stellte Jobe fest. »Und trotzdem hat sie…« »Dida könnte eines Tages Babys haben. Der Be- sitz der Beutel bedeutet noch lange nicht, daß man den Inhalt auch weitergeben muß.« Dida errötete, doch Hojanna schenkte dem keine Beachtung. »An- dere Menschen leben nach Dakkas Art. Dakka schenkt keine Behälter.« »Was schenkt dann Dakka?«, Hojanna schwieg – und Kuvig griff ein: »Dakka schenkt einen magischen Stab. Der macht dich vor Freude schreien. Der Stab kann diesen Zauber nur schenken, wenn er in seine Scheide gehüllt ist.« »Oh«, sagte Jobe und dachte über das neue Wissen nach. Reethe und Dakka, heilige Namen, waren also doch wirklich. Sie beeinflußten das Leben der Men- schen – das hieß, sie waren keine Worte und Fabeln, sondern es gab sie tatsächlich, sie waren wirklich. Sie änderten das Aussehen des menschlichen Kör- pers, und das bedeutete eine Menge; das Bild, das man sich von sich selbst machte, war formbar. Das Bollwerk der Seele war nachgiebig. Was war sonst noch veränderlich? In nur wenigen kurzen Augenblicken hatte sich Jobes Welt vergrößert. Sie war nun doppelt kompli- ziert, neue Tatsachen mußten eingeordnet werden. Zwar war die Landkarte dieser Welt nun vollständi- ger als vorher; aber wenn sie sich umschaute, schien das Gelände weitaus schroffer, als sie es sich vorge- stellt hatte. Schließlich verließen sie die Teebude und gingen zur Plaza, wo Didas Heirat mit einer Familie aus dem Norden in die Wege geleitet wurde. Sie würde auf einer ausgedehnten Plantage nahe des Azursees wohnen. Jobe jammerte den ganzen Tag nicht mehr. Sie war mit Nachdenken und dem Betrachten der Oberkörper der Vorübergehenden beschäftigt. Wenn, sie Brüste trugen, klassifizierte sie sie als reethisch – der Mutter zugehörig. Diese Brüste waren magische Beutel. Hatten sie aber keine, dann war das Dakkas Werk. Manchmal mußte Jobe lange und angestrengt schauen, um sicher zu sein. Einige alte, fette Dakkai- ker verwirrten sie, denn sie sahen eher nach Groß- müttern aus, obwohl sie mit Sicherheit Großväter waren. Die Dakkaiker hatten jedenfalls Zauberstäbe. Aber als der Tag fast vorüber war und die Sonne sich dem Zenit näherte – das Licht hatte eine schmutzige Tönung angenommen, jene »Dämme- rung« vor dem Wendepunkt –, kehrten sie schließlich zum Wester-Dock zurück, wo ihr Trimaran vertäut war. Jobe ergriff die Hand ihres Großvaters und frag- te: »Großvater Kuvig, hast du vorhin geflunkert?« »He? Geflunkert? Wieso?« »Über den magischen Stab. Ich habe den ganzen Tag aufgepaßt – ich habe eine Menge Beutel gese- hen, aber die Zauberstäbe habe ich nicht gesehen.« Da lachte Kuvig herzlich, und mit überraschender Kraft hob sie ihr Enkelkind auf und drückte es an ih- re Brust. »Zerbrich dir darüber nicht den Kopf, Klei- ne – das ist nicht so wichtig. Eines Tages wirst du Gelegenheit haben, mehr Stäbe zu sehen, als dir lieb sind.« Jobe kam auf das Thema danach nicht mehr zu- rück. Es war wohl ein weiteres Erwachsenen-Rätsel. Eins von der Art, auf das sie alle anspielten, ohne, jemals zu versuchen, es zu erklären. Jobes Interesse war ja nicht ursprünglicher Art, sondern aus Lange- weile entstanden. Und nun, als es auf den Heimweg ging, war sie zufrieden damit, es wieder aufzugeben. Danach verfolgte sie jedoch ab und an der Gedanke: Wo waren die magischen Stäbe? Satlin ist 178 Millionen Kilometer von ihrer Sonne entfernt, einem kleinen weißen Himmelskörper mit einem Übermaß an harter Strahlung. Die Satlik nen- nen ihn »Gottesherz« – nicht aus einem besonderen religiösen Grund, sondern wegen der Schwierigkeit für menschliche Wesen, ihn zu verstehen oder zu er- klären. Die Sonne weicht so weit von der Norm ab, daß sie die meisten Erklärungen für ihre Existenz ü- ber den Haufen wirft. Die vernünftigste Erklärung dürfte einfach die sein, daß sie sich selbst mit hölli- scher Geschwindigkeit ausbrennen will. Das wäre die schnellste Methode, sich selbst, diese absurde Mißbildung, zu beseitigen Satlin selbst ist auch eine Mißbildung – und eben- so schwierig zu erklären. Es gibt Anhaltspunkte da- für, daß der Planet einmal der Kern eines massiven Planeten vom Jupitertyp war; ein Gasriese, der zu ir- gendeinem Zeitpunkt seine äußere Schicht weg- brannte, als seine Sonne zur Nova wurde. Die Zu- sammensetzung seiner Hülle und seines inneren Kerns scheinen diese Theorie zu stützen. Doch es, gibt auch Anhaltspunkte dafür, daß der Planet früher durchs All irrte und von diesem Stern eingefangen wurde – zum Beispiel die Unregelmäßigkeit seiner Umlaufbahn. Ihre Kreisebene weicht um 60 Grad von der Ekliptik ab. Außerdem enthält die Erdkruste zuviel Wasser. Andererseits ist die Umlaufbahn na- hezu kreisförmig. Es gibt genügend Anhaltspunkte, um beide Theorien zu stützen, so daß Satlins Her- kunft ungewiß ist. Wenn überhaupt etwas, dann ist der Planet ein weiterer Beweis für die dem Univer- sum eigene Widernatürlichkeit. Aber wegen der geringen Wahrscheinlichkeit da- für, daß ein bewohnbarer Planet Gottesherz umkreist, würde man einen wie Satlin dort nicht vermuten. Folglich hatte es lange bis zu seiner verspäteten Ent- deckung gedauert, die erst erhebliche Zeit nach der Kolonisierungswelle und der damit verbundenen Ausbreitung stattfand. Satlin ist der einzige Planet, der diese Sonne umkreist, wenn man von einem Ring aus Asteroiden und anderen Felstrümmern absieht, die etwa 380 Millionen Kilometer weit draußen ei- nen Gürtel bilden. Die Umlaufbahn der Asteroidenbrocken bildet die Ebene der Ekliptik für dieses Sternsystem. Wegen der starken Abweichung von Satlins Umlaufbahn ge- hen zweimal im Jahr heftige Meteorschauer auf den Planeten nieder; es sind Trümmerstücke, die inner- halb des Gürtels umherirren. Seit der Terraformung, wurden die meisten in der Atmosphäre verbrannt; doch ab und an müssen doch noch größere Brocken aus dem Weg geräumt werden. Die generelle Un- wahrscheinlichkeit eines solchen Planeten gibt der Legende Nahrung, daß die Pilger durch einen »En- gel« auf diese Welt aufmerksam gemacht wurden – durch den gleichen Engel, der sie mit dem »Retter« versorgte und ihnen die WAHL gab. So wie viele andere Bereiche dieser Welt waren selbst ihre Na- turwissenschaften mit Elementen des Mystizismus durchsetzt. Der Planet trug kein eingeborenes Leben. Vor der Terraformung war es eine harte Felskugel, die kaum eine Atmosphäre besaß. Die aktinische Strahlung, der sie ausgesetzt war, war stark genug, um tödlich zu wirken. Der Planet mißt 15140 Kilometer im Durchmesser und ist damit größer als die Erde, birgt aber weniger Schwermetalle und weist eine geringere Dichte auf. Die Schwerkraft beträgt 0,84 g. Satlin umkreisen drei kleine Monde, die zusammen nur ein Drittel der Masse Lunas besitzen, und Trümmerstü- cke von Asteroiden. Sie alle sind über 300000 Kilo- meter entfernt und verursachen nur geringfügige Ge- zeiten-Effekte. Fürs unbewaffnete Auge sind sie nur Lichtpunkte, keine Scheiben. Die ersten Kolonisten erblickten eine öde, zerklüf- tete Welt. Die kraterzerfurchte Oberfläche wirkte ab- schreckend – es war eine einsame und feindselige, Welt, zernarbt durch Naturkatastrophen. Wenn sie überhaupt Wasser besaß, dann nur im Innern. Die kleinen Polarkappen bestanden überwiegend aus Kohlendioxydgas. Die geringen Spuren der Atmo- sphäre waren dünn und nicht atembar. Der Planet drehte sich in 53:33:12 Stunden einmal um seine Achse und erzeugte extreme Tag- und Nachtwerte, die Leben unmöglich machten. Der Tag, der 26:46:36 Stunden dauerte, war zu lang und zu heiß; und das selbst zu der Zeit, bevor die Mittagstempera- turen der Tagseite tödlich wurden; Ozeane, wenn es welche gegeben hätte, wären verdampft. Im Gegen- satz dazu waren die ebenso langen Nächte zu kalt. Auf der Nachtseite wurden Temperaturen in Gefrier- punktnähe normalerweise acht bis zehn Stunden vor der Dämmerung erreicht. In den höheren Breiten war es nicht ungewöhnlich, daß Kohlensäuregas mit fort- schreitender Nacht aus der Luft kristallisierte. Diese unaufhörliche Erhitzung und Abkühlung setzte die Erdoberfläche schweren Belastungen aus und machte sie für Vulkanismus und eine Vielzahl von (nutzba- ren) geothermischen Rissen und Löchern anfällig. Erdbeben waren an der Tagesordnung. Nach neun Jahren der Überwachung und der Tests begann die einleitende Terraformung mit der Schaf- fung einer Atmosphäre. Verschiedene Eisasteroiden waren aus der Bahn gestoßen und auf Kollisionskurs mit dem Planeten gebracht worden. Die ersten trafen, in dem Jahr ein, als die Haupttests beendet waren. Ih- re Flugrichtung wurde auf bestimmte Zielbereiche korrigiert. Der größte dieser Eisasteroiden hatte mehr als 19 Kilometer Durchmesser. Im geschmolzenen Zustand würde das ausreichen, die Oberfläche des Planeten einen Zentimeter hoch zu bedecken. Einen ganzen Ozean auf diese Weise auf die Welt zu brin- gen, hätte mehrere hundert Jahre erfordert – und mehr Energie, als den Kolonisten zur Verfügung stand. Wahrscheinlich wäre Satlin in dieser Zeit durch das unaufhörliche Bombardement mit Asteroi- den zertrümmert worden. Die Kolonisten setzten statt dessen auf die Tatsache, daß die kleinen Polkappen bereits vorhanden waren; außerdem hatten Stichpro- ben der Erdkruste Anzeichen dafür ergeben, daß zu- sätzliches Wasser in Satlins Oberfläche enthalten war. Der Aufprall der Asteroiden öffnete tausende von Löchern in der Planetenoberfläche; Milliarden Tonnen von Fels und heißen Gasen wurden in die Luft geschleudert – so schufen die Kollisionen bei- des: eine Atmosphäre und einen Ozean. Und das in- nerhalb der Lebensspanne einer einzigen Generation. Die Pilger beobachteten das Geschehen aus der si- cheren Entfernung ihrer Umlaufbahn; sie warteten ab und beteten. Natürlich war das Wasser, das sie auf den Planeten schafften, nicht verschwendet; zwar war sein Hauptzweck, die Planetenkruste zu veran- lassen, mehr von ihren Schätzen freizugeben, doch, floß es schließlich in die für Seen und Ozeane vorbe- stimmten Vertiefungen – die sieben benutzten Aste- roiden fügten dem endgültigen Volumen der Atmo- sphäre und der Ozeane weniger als sechs Prozent hinzu; der größte Teil der Vorräte des Planeten war bereits vorhanden und wartete nur darauf, angezapft zu werden. Alles, was dazu gebraucht wurde, waren einige feste Stöße. Satlin besitzt weniger Wasser als die Erde, und es erstreckt sich auf einer größeren Oberfläche. Der Aufprall der Asteroiden hatte ganz gezielt den Zweck, Verbindungskanäle zu schaffen, durch die später das Wasser der Ozeane floß. Satlins Ozeane sind im allgemeinen flach, warm und bestehen über- wiegend aus Süßwasser. Sie hatten keine Zeit, einen nennenswerten Salzgehalt anzusammeln. Die Meere liegen wie riesige Gürtel um den Leib des Planeten und fließen von Kraterloch zu Kraterloch. Viele Küs- tenabschnitte sind abschüssig und unzugänglich; dort waren früher die Berghänge oder Kraterwände. Dar- über erstreckt sich ausgedehntes ödes Hochland, groß wie ein ganzer Kontinent, unbewohnt und un- bewohnbar. Diese Gebiete sind größtenteils uner- forscht, obwohl viele Legenden in ihren Geheimnis- sen angesiedelt sind. Die heutige Landkarte Satlins zeigt über eine hal- be Million Inseln, sie übersäen die Wasseroberfläche wie Trittsteine. Viele sind wie Mondsicheln geformt, – die Landkarte ist ein wirres Muster aus Bögen und Kreisen, das Erbe der zerklüfteten Vergangenheit des Planeten. Größere Krater wurden zu langen, kreis- förmigen Ketten gebirgiger Inseln, die sich um ruhi- ge Seen oder Inlandwüsten legten. Kleinere Krater wurden zu trockenen Blasen mitten im Meer, falls es Höhe und Stabilität ihrer Wände zuließen. Eine Fol- ge dieser Struktur ist, daß auch ein Teil der bewohn- baren Oberfläche des Planeten unerforscht bleibt und Samen dort nur zufällig landet. In einem Teil der Gebiete wurde absichtlich nicht ausgesät, um Platz für künftige Anpflanzungen und Forschungsgebiete zu lassen. In anderen wurde wilder Pflanzenwuchs zugelassen. Die meisten Inseln finden sich in den Gewässern, die ans Hochland grenzen, dort, wo die Ozeane am flachsten sind. Der größte Teil der Bevölkerung ist in solchen Gebieten angesiedelt – zwischen der Wüste und dem tiefen blauen Meer. Ein typisches Beispiel ist das Dreieck westlich von Hull, gebildet aus Luskin, Chung und Carlisle. Im Durchschnitt ist das Wasser hier weniger als einen Meter tief. Man kann, wenn man nur genug Ausdauer hat, über dazwi- schenliegende Wege gehen. Das »magische Drei- eck«, das aus diesen drei Berggipfeln gebildet wird, ist wegen seiner herrlich bepflanzten kleinen Strände bekannt; für Segler und Badefreunde gleichermaßen ein Anziehungspunkt., Die Terraformung Satlins war allerdings nicht so leicht, wie diese viel zu kurze Beschreibung vermu- ten lassen könnte. Tatsächlich war der größte Teil der Arbeit nach der anfänglichen Erschaffung der Atmosphäre zu leisten. Die Schaffung einer lebens- und widerstandsfähigen Ökologie war die Hauptsor- ge der Satlinbehörde – und sie ist es immer noch. Die Existenz einer Atmosphäre hatte eine merkliche Fil- terwirkung gegen die Ultraviolettstrahlen von Got- tesherz zur Folge. Aber die lange Umdrehungszeit des Planeten machte die Tage nach wie vor zu heiß und die Nächte immer noch zu kalt. Die zweite Stufe der Terraformung erforderte eine Regulierung. Hier- durch wird die immer noch anhaltende strenge Kon- trolle der Satlikbehörde verständlich. Ihr obliegt die historische Aufgabe der Erhaltung. Eine Aufgabe, die von den meisten Bewohnern mit an Ehrfurcht grenzender Hochachtung betrachtet wird. Eine Serie genormter ionisierter und undurchsichtiger Plasma- schirme wurden synchron zur Umlaufbahn über aus- gewählten Stellen angebracht. Sie werden von spin- nenförmigen magnetischen Verankerungen gehalten, sind beidseitig reflektierend und fungieren als Photo- nen-Interferenz-Felder. Die selbstregenerierenden Schirme sorgen für die nötigen Verfinsterungen und die Dunkeltage. Die Wetterbehörde übt Tag und Nacht die Kontrolle über jeden bewohnten Flecken des Planeten aus. Jede Entscheidung, die die Satlik-, Ökologie beeinflußt, wird von der Behörde über- prüft. Die Schirme von Satlin sind ein kleines techni- sches Wunder. Für den Bau des ersten wurden 23 Jahre benötigt. Später genügten weniger als 15 Jahre. Jedes Feld besitzt die Form einer Ellipse, hat in 84000 Kilometer Höhe eine synchrone Umlaufbahn und wirft auf die Oberfläche einen Schatten, der 800 mal 1800 Kilometer groß ist. Die Längsachse ist in Nord-Süd-Richtungen angeordnet. Da der Masse- Effekt nahezu bedeutungslos ist, bleibt das Plasma gegen Auswirkungen des Lichtdrucks relativ unemp- findlich. Wegen gewisser massewirksamer Störun- gen der Satelliten in den Brennpunkten des Plasmas sind dennoch gelegentlich Korrekturen der Umlauf- bahn nötig. Jeder Schirm beschattet das Gebiet Sat- lins, über dem er synchron placiert ist, und erzeugt täglich eine Periode totaler Finsternis, die 7:46 Stun- den dauert und deren Mittelpunkt im Zenit der Sonne liegt. So wird der normale Satlintag in zwei Tage mit jeweils 9:30 Stunden Dauer aufgeteilt. Jede Dunkel- periode bringt genügend Abkühlung, um das be- schirmte Gebiet innerhalb der Grenzen der Lebens- fähigkeit zu halten. Auf der Nachtseite fungiert der Schirm als Spie- gel. Während einer Periode von 10:30 Stunden, de- ren Mittelpunkt um Mitternacht liegt, entsteht ein Dunkeltag mit jener Helligkeit, die durch die Refle-, xion auf der Unterseite des Felds erzeugt wird und dasselbe Gebiet erreicht. Benachbarte Schirme (falls solche vorhanden sind) sorgen für zusätzliche Hel- ligkeit, bis ihre eigenen Bereiche sich der Periode des Dunkeltags nähern oder sie wieder verlassen. Dunkeltag herrscht in einem Bereich, dessen Schirm der Sonne gegenübersteht; davor oder danach fällt das Licht des Mondsterns auf angrenzende Gebiete, während im eigenen Bereich Nacht ist. Doch der größte Teil der Helligkeit jeder Region kommt im- mer von ihrem eigenen Mondstern; denn die Mond- untergänge der angrenzenden Schirme sind zu weit von ihren Reflexionsachsen entfernt. Weil die Schirme eine größere Fläche des Him- mels als Gottesherz oder Satlins eigener Schattenke- gel ausfüllen, erscheinen sie als eine sich phasenhaft ändernde Lichtquelle. Zuerst eine leuchtende Linse, die immer heller wird – zu hell, um direkt in sie hin- einzuschauen; dann, wenn der Schattenkegel allmäh- lich über sie gleitet, ein Oval, dem seitlich ein Stück fehlt; der Schirm wird zur Mondsichel, dann zum ge- streckten Ring – das silbern glänzende Auge des Ze- nits; dann kehrt sich der Ablauf um, der Ringstern wird wieder zur Sichel, diesmal zur anderen Seite geöffnet; dann ein Ei, dem ein kleiner Ausschnitt fehlt; dann ein glühender Kreis, der wieder zurück ins Dämmerlicht gleitet. »Mittag« eines Dunkeltags ist eine Zeit des Zwielichts., Die hellsten Stunden kommen morgens und a- bends. Währenddessen sind die angrenzenden Schirme als riesige Monduntergänge im Osten und Westen zu sehen; noch größer als die Sonne durch- wandern sie diese Phasen, während der Planet sich dreht. Nacht und Tag: der Himmel von Satlin ist ein Palast der Wunder. Obwohl sie nicht ideal ist, funktioniert die Regu- lierung. Seit dem Beginn der Kolonisierung haben die Satlik vierzehn beschirmte Regionen geschaffen: Gaoh, Dhosa, Allik, Tartch, Nona, Bundt, Lagin, Kessor, Kabel, Weerin, Oave, Dorinne, Astril und Asandir. Die ersten neun sind auf der südlichen Halbkugel, die übrigen sind Nordschirme. Der größte Teil von Satlins Bevölkerung lebt auf einem Streifen, der sich über die Südlichen Seen der Wildnis erstreckt und sich diagonal nach Norden fortsetzt. Hier liegen die Inseln, die an den Kontinent Lannit grenzen. Die dritte Phase der Terraformung – die meisten Personen sehen sie als die jetzige Entwicklung an – begann mit der ersten Aussaat von Unmengen orga- nischer Katalysatoren: Bakterien, Flechten, Pilze und verschiedenartige einzellige Organismen, die geeig- net waren, die dünne Atmosphäre in sauerstoffhaltige Luft umzuwandeln. Im Wasser wurden Kieselalgen und Plankton ausgesät, auf der Erde Würmer, Pilze und Farne. Als sich die Atmosphäre stabilisierte und, einen Treibhauseffekt bewirkte, begannen sich auch die Wärmeaufnahme und die Abstrahlungseigen- schaften der wachsenden Biosphäre zu stabilisieren. Die Polarkappen wuchsen wieder, doch jetzt war es Wasser; Sauerstoff begann, in nennenswerten Men- gen aufzutreten, Luftbakterien folgten; alles schien sich gegenseitig zu ermutigen. Darauf folgte die Ein- führung komplexerer Organismen; Pflanzen und kleine Wassertiere, die sich von ihnen ernähren konnten; Insekten – krabbelnde und fliegende; Fische – kleine, die das Plankton fraßen, größere, die die kleinen fraßen. Eine Ökologie wurde geboren. Den Landpflanzen folgten kleine Tiere, die sich von ihnen ernährten; und fast unmittelbar danach kamen Raub- tiere, um sie im Zaum zu halten. Jede neue Kreatur hatte mindestens zwei Hauptnahrungsquellen und ein überlegenes Raubtier, das nach ihr kam. Der Satlik-Biokreislauf wurde auf Monitoren beo- bachtet; jede neue Kreatur wurde sorgfältig begut- achtet; Simulationstests und Ökologie-Modelle wur- den jahrelang erprobt, um die Grenzen jeder Ände- rung festzustellen – und dennoch wurde jede Ände- rung erst einmal nur auf engbegrenztem Raum einge- führt, bis schließlich feststand, daß sie sich innerhalb der vorhergesagten Werte auswirkte. Stachelfische wurden beispielsweise nicht eingesetzt – nur in einer kleinen, kontrollierten Zuchtanlage; kein geschlechts- reifer Stachelfisch ist jemals frei in den Meeren Sat-, lins geschwommen; man befürchtete, die anschlie- ßende rasante Vermehrung würde schnell alle anderen Arten dezimieren – einschließlich der menschlichen. Die Pilger erreichten das Gottesherz-System vor nahezu 500 Jahren. Nach dem »Sturm von Eis und Feuer«, der fünfzig Jahre dauerte, nach dem »großen Abwarten«, während sich die Atmosphäre beruhigte, begannen die ersten Kolonisten zu landen und Sied- lungen zu errichten. Es sollte hundertfünfzig Jahre dauern, bis sie zum ersten Mal ohne Sauerstoffmas- ken auf der Oberfläche gehen konnten. Und die meisten Inseln waren damals immer noch völlig öde. Es gab einige kleine Bäume, Sträucher und Büsche, einige Grasgewächse, Moose und Farne, Schling- und Kletterpflanzen, duftende Blumen – ganze Fel- der davon – und das Gefühl von Jungfräulichkeit ü- ber allem; ein Gefühl, das auch heute noch auf Satlin anhält. Trotz einer verheerenden Seuche in der sieb- ten Generation ist die Zahl der Satlik nach 15 Gene- rationen auf fast 100 Millionen angewachsen. Der ökologische Zuschnitt wird fortgesetzt, ebenso das »Verdicken« der Atmosphäre. Trotz der geringeren Schwerkraft ist die Atmosphäre immer noch nicht dicht genug, um ein wirtschaftlich verkehrendes Flugzeug zu tragen. Die wichtigste Transportart ist deshalb das Boot, meist Kähne mit flachem Rumpf oder Katamarane; sie sind entweder mit Segeln oder mit Feld-Motoren – oder mit beidem – ausgestattet., Wegen der Durchschnittstemperatur von durchge- hend 27° Celsius sind die Wolkenfelder überwiegend dick und hängen ziemlich tief. Man sagt, auf Satlin könne man sich aufrecken und eine Handvoll Wol- ken greifen (nicht ganz, aber…). Eine atembare At- mosphäre gibt es nur bis zu 2400 Meter Höhe über dem Meeresniveau. Darüber sind Druckanzüge oder Sauerstoffmasken erforderlich. Wegen der atmosphä- rischen Begrenzung und der relativen Unkompli- ziertheit des Transports auf dem Wasser liegen die meisten Ansiedlungen an den Küstenstreifen. Über der 1000-Meter-Grenze gibt es nur Observatorien. Der Luftdruck in Meereshöhe beträgt 11,1 psi. Wegen der geringen Größe der Monde des Plane- ten sind die Gezeitenwirkungen unerheblich. Aus ei- ner Reihe von Gründen führt dies dazu, daß sich die Anfälligkeit des Planeten für gewaltige Stürme ver- schlimmert. Die Meere Satlins sind nicht immer still; Hurrikane erzeugen oft Wellenfronten bis zu 100 Ki- lometern Ausdehnung – größere Flutwellen haben sich von einem Ende zum anderen gelegentlich schon 500 Kilometer weit erstreckt. Da die Atmo- sphäre Satlins nicht sehr hoch reicht, werden die Stürme niedergedrückt und breiten sich zum Aus- gleich entsprechend nach den Seiten aus. Doch wie zerstörerisch die Stürme auch in manchen Gegenden wirken: Sie sind ökologisch notwendig. Denn sie er- halten die Witterungsbalance aufrecht, machen die, unbeschirmten Gebiete Satlins weniger abschreckend und unbewohnbar und steigern durchgehend die Er- träglichkeit des Planeten. Nach einem Hurrikan steigt beispielsweise die Luftfeuchtigkeit auf Satlin ge- wöhnlich um einige Grade. Ohne diese Hilfe würde die Atmosphäre austrocknen und nicht mehr atembar sein. Doch auch so ist es in den Satlikhäusern üblich, im Innern einen kleinen Brunnen oder einige Schüs- seln mit Wasser zu haben. Ihre Hauptfunktion be- steht darin, die lokale Wasserverdunstung zu stei- gern; primitive, aber wirkungsvolle Luftbefeuchter. Obwohl Luftreisen auf Satlin auf experimentelle Flugzeuge beschränkt bleiben, sind Raumfahrzeuge nicht ungewöhnlich. Sie werden von Katapulten in den Bergen gestartet und müssen nicht gegen dichte Atmosphäre und hohe Schwerkraft ankämpfen, um Umlaufgeschwindigkeit zu erreichen. So sind sie in der Lage, den Treibstoff wirkungsvoll zu nutzen. Die Satlik haben erst vor kurzem damit begonnen, ihre Raumfahrtindustrie neu zu entwickeln. In vielen Be- reichen war der Fortschritt durch die ZERSTÖRUNG, die oben erwähnte Seuche, unterbrochen worden. Zusammengefaßt: Satlin ist eine junge Welt, rauh und hart. Obwohl die fortlaufende Entwicklung er- freulich zu sein scheint, handelt es sich um ein künst- liches System, das ziemlich zerbrechlich ist und leicht zerstört werden kann (Anmerkung: Strenge po- litische Herrschaft ist hier für die Sicherheit notwen-, dig; sie wird von den Satlik geradezu verlangt). Der Satlik-Biokreis hat sehr enge Toleranz-Grenzen. Durchweg niedrige Lebensfähigkeit: 74%. Stabilität: 21°/180°. Jobe entschied sich dafür, männlich zu werden, wenn sie älter würde. Denn Dardis wollte männlich werden, ebenso Yu- ki und auch Olin. Diese drei wollten Dakka wählen, wenn für sie die Zeit des Errötens kam – alle vier waren blutsverwandte Geschwister. Ihre Entschei- dungen wurden immer gegenseitig beeinflußt; daher war es für Jobe schon sehr früh klar, daß auch sie Dakka wählen würde. Natürlich warf sie die Gesichter, aber sie beachtete die Antworten nicht – die Münzen lächelten nur mit wissenden Augen. Das Orakel gab immer verschie- dene Antworten, aber die Botschaft war nie grund- sätzlich verschieden. Immer die eine oder andere Form von: »Die Rechtdenkende bewegt sich mit dem Wind und reist mit den Gezeiten. Sie überläßt deren Kraft den Kurs ihrer Segel; so paßt sie sich ihren Strömungen an. Daher werden ihre Ziele nicht gegen die heiligen Strömungen der Welt gerichtet sein; die- se Ziele selbst zu suchen, würde ihre kostbare Ener- gie verschwenden und die Suchende letztendlich er- müden.« Als Jobe schließlich alt genug war, um die Bedeu-, tung des Orakels zu verstehen, war es schon zu spät. Sie hatte sich mit den Strömungen bewegt – oder war, ohne es zu wissen, von ihnen bewegt worden. Wahlmöglichkeiten kommen in vielen Formen auf uns zu – aber es ist die entscheidende WAHL zwi- schen Reethe, der Mutter, und Dakka, dem Sohn und Geliebten, die uns und unser Verhalten gegenüber unserer Welt am meisten beeinflußt. Aber, und das ist die wichtigste Erkenntnis: eine Wahl, selbst die entscheidende, ist nicht nur eine Entscheidung zwi- schen zwei Möglichkeiten; Wahl ist ein Moment der Geistigkeit. Das Individuum muß im Gleichklang mit Reethe und Dakka sein, um die richtige Möglichkeit zu erkennen. Wahl ist ein Vorgang der Entdeckung der passenden Möglichkeit. Deshalb werfen wir die Gesichter – die drei Münzen mit dem Antlitz von Reethe und Dakka, auf der einen Seite ein Lächeln, auf der anderen Seite ein grimmiger Blick – immer dann, wenn wir eine wichtige Wahl zu treffen haben. Wir müssen die Orakel unseres Wesensgeistes befra- gen: zur Anleitung, zur Meditation und zur Erkennt- nis des richtigen Weges. Jede Person muß für sich selbst erkennen, wer sie sein wird. Selbst wenn wir mit der Klarheit eines strahlenden Sonnentages sehen, welches die richtige Wahl für eine Person ist, können wir sie nicht dazu zwingen. Wir dürfen es auch gar nicht, denn die Per-, son kann nur dann mit ihrer Wahl leben, wenn sie sie als ihre eigene Entdeckung und Entscheidung aner- kennt. Eine falsche Wahl, die anerkannt wird, ist immer noch stimmig – weitaus stimmiger als eine richtige, die erzwungen wurde. Entdeckung muß von jedem als ein Teil seiner selbst anerkannt werden, ehe sie zur Wahl werden kann. Wenn eine Person ih- ren richtigen Weg entdecken soll, muß es ihr erlaubt sein, alle möglichen Wege zu erforschen. Und das gilt für jede Wahl, vor die das Leben uns stellt; bis hin zu der, welche Blumen vor dem Essen auf den Tisch gestellt werden sollen. Unsere Leben kreisen um diesen Grundsatz – ein geistiges Prinzip, das von den Göttern unserer Welt stammt. Daher kommt es, daß die Person, die sucht und sucht und dennoch ihren Weg nicht finden kann, am meisten bedauert wird. Sie wird sogar noch mehr bedauert als die, die überhaupt keine Wahl hat. »Potto hatte die Angewohnheit, mich gnadenlos fer- tigzumachen. Immer, wenn wir ›Großer Hund – Kleiner Hund‹ spielten, kam ich mit ihr zusammen. Sie war sehr gut und ich nicht – ich war ihr Handi- kap. Gewöhnlich ließ ich die Melone oft fallen. Ein- mal schaffte ich es tatsächlich, die Melone festzuhal- ten und einen Punkt zu machen, aber das war ein glücklicher Zufall. Potto war mit mir immer sehr un- geduldig. Seihst als ich das eine Mal den Siegpunkt, holte, kritisierte sie mich: Wenn ich das häufiger schaffte, würden sie mich auch öfter mitspielen las- sen. Um die Wahrheit zu sagen: Ich sah wenig Sinn darin, einer Tätigkeit nachzugehen, bei der meine Beiträge andauernd bemäkelt wurden. Potto zog ge- wöhnlich an meinem Kilt und sagte: ›So wie du spielst, wirst du eine Mutter werden. Du wirst nie- mals Dakkaiker sein. Seh dir diesen kleinen, hüb- schen Spalt an – so klein wird er bleiben. Ich kann ihn jederzeit füllen.‹ Potto war nur drei Jahre älter als ich. Aber der Abstand zwischen uns lag in der Erkenntnisfähigkeit begründet, nicht im Alter. Ich wußte nicht, was sie da sagte, aber ich wußte sehr wohl, daß sie sich über mich lustig machte, und weinend rannte ich zum nächsten Elternteil. Potto wurde oft dafür bestraft, daß sie auf mir herumhackte – es war schon ein Wunder, daß sie mich nicht hinter die Felsen schleppte und dort ertränkte. Wahrscheinlich ver- diente ich es. Wenn Potto ein gnadenloses Rauhbein war, dann war ich eine verderbte kleine Petze. Glücklicherweise verloren wir beide mit der Zeit unsere schlechtesten Eigenschaften. Trotzdem kommt noch oft das schreckliche Kind, das ich einmal war, hervor und besteht darauf, seinen Kopf durchzuset- zen. Nun ja, warum nicht? Es hat es verdient.«, Jobes Körper streckte sich. Die weiche Rundlichkeit ihres Säuglingsdaseins floß in die straffe Magerkeit der ersten Jugend über, der Unschuld vor dem Errö- ten. Sie entwickelte sich zu einem aufgeweckten Kind; zu intelligent auf der einen Seite, vor allem bei den Dingen, die sie aus Büchern lernen konnte. Selt- sam naiv auf der anderen Seite bei den Dingen, die sie von Leuten lernen mußte. Manchmal selbst- versunken und lerneifrig, manchmal nachdenklich, manchmal impulsiv – sie war das Kind, dem nie- mand eine Zukunft vorherzusagen wagte (weil nie- mand von ihnen jetzt schon den Erwachsenen er- kannte, der sie werden würde). Doch alle stimmten darin überein, daß sie für etwas Großes vorherbe- stimmt war. Oder für den Galgen. Sie besaß so eine Art von Selbstsucht. Eine trockene Hitze war von Westen herangekro- chen, vorwärtsgeschoben von einem Wind, der zu schwach war, um einen Namen zu verdienen; drei Tage lang lag sie über den Inseln, und Abkühlung gab es nur unter den Palmen oder an den Hängen von Ty-Grambly, dem »Donnerberg«, wo kalte Ströme aus dem Felsen gluckerten. Ty-Grambly war kein ak- tiver Vulkan; sie hatte ihren Namen von den Geräu- schen, die der Wind machte, wenn er über ihren zer- klüfteten Gipfel wehte. Potto beschloß, der Hitze zu trotzen und zum Fi- schen zu gehen. Porro mußte noch Netze zu Ende, flechten und lehnte es ab, sie zu begleiten. Weder Kaspe noch Olin waren verfügbar, also fragte Potto Jobe. Potto war fast fünfzehn, Jobe war gerade zwölf geworden. Beide waren von der Wintersonne braun wie Schokolade. Die Dunkelzeiten waren verkürzt worden, um die wechselnden Jahreszeiten zu simu- lieren. Jobe stimmte überraschenderweise zu. An diesem bemerkenswerten Morgen segelten sie in einem der kleineren Katamarane aus. Sie kreuzten vor dem Südostwind um das Riff herum zur Nordspitze – eine winzige, namenlose Landzunge auf der windabge- wandten Seite der Sichel, gegenüber der Bucht von Ty-Grambly. Die Wellen schwappten gegen die Ausleger, und ab und zu spritzte das Wasser über sie. Zu Beginn der Segelfahrt hatte Potto wieder ihre spöttische Pha- se, aber inzwischen war Jobe alt genug zu wissen, wie sie es besser mit ihr aufnehmen konnte. Sie sagte nur, daß Potto ein gehässiges Benehmen an den Tag legte und besser etwas Vernünftigeres tun sollte; nach einer Weile sah Potto ein, daß sie aus Jobe – außer moralischer Selbstgerechtigkeit – keine Reak- tion herauslocken konnte; das war ermüdend, also schwieg sie; es war ein langweiliges Spiel geworden. Aus sich selbst heraus hätte Potto das nicht erkannt, aber sie war eifersüchtig auf Porros enges Verhältnis zu Jobe, auf die Art, wie sie zusammen spielten –, und sie wollte selbst dazu gehören. Sie war nicht ei- fersüchtig, weil Jobe ihrer Zwillings-Schwester so nahe war. Sie wußte, daß niemand Porro so nahe sein konnte, wie sie selbst ihr nahe war. Sie war vielmehr eifersüchtig, weil Porro Jobe so nahestand. Denn Jo- be war eines der »besonderen« Kinder in der Familie (obwohl niemand das jemals aussprach). Vielleicht war sie etwas Besonderes, weil sie Hojannas Kind war; doch wie auch immer, sie wurde von allen wirk- lich bevorzugt. An einem abgelegenen Uferstück setzten sie das Fahrzeug auf den Strand. Potto sprang begierig in den heißen Sand, streckte und drehte sich in der Son- ne. Sie war groß für ihr Alter – fast so groß wie ein Erdik-Kind, hatte mal jemand gesagt – und sie wurde von Tag zu Tag größer. Großvater Kuvig pflegte zu scherzen, sie könne Potto wachsen sehen. »Laß sie draußen in der Sonne stehen, begieße ihre Wurzeln tüchtig – dann haben wir eine neue Fahnenstange.« Sie war hager und sehnig geworden und trug seit kurzem keine Kilts mehr. Statt dessen bevorzugte sie einen knappen Lendenschurz. Anvar hatte Potto einmal damit aufgezogen und sie wegen ihres Exhi- bitionismus gerügt, aber Potto hatte nur die Schultern gezuckt. »Alle anderen binden ihre Röcke höher«, sagte sie. Potto hatte auch begonnen, Make-up aufzulegen – eine andere Eigenart, die Anvar rügte. An diesem, Tag hatte sie drei rote, V-förmige Streifen auf ihre Brust gemalt. Jobe ahmte das nach und malte ähnli- che Streifen auf ihre Brust, zwei schwarze und einen weißen. Sie würde es natürlich nicht zugeben, aber sie wollte Pottos Anerkennung so sehr, daß sie alles für sie getan hätte. Aber das war offensichtlich – wie es immer bei Kindern ist –, und Potto sonnte sich in ihrer Bewunderung, das erste Anzeichen positiver Aufmerksamkeit, das sie je von Jobe erhielt, nach- dem sie sich so viele Jahre Porro zugewandt hatte. Möglicherweise war das der Grund dafür, daß sie sie gefragt hatte, ob sie mit zum Fischen kommen woll- te. Sie hatten kalten Essig-Reis eingepackt, dazu ge- trocknetes Meereskraut, Sesamkörner, Gurken und Eingemachtes; mit den gefangenen Fischen wollten sie sich Sushi zubereiten. Jahre zuvor, als die Familie noch häufiger auf der kleinen Landzunge gewesen war, hatten sie eine Fal- le angelegt, denn es war eine günstige Stelle für den Fischfang. Sie hatten einen langen Kanal aus Steinen und Netzen gebaut, der in die Strömung der offenen See hinausführte. Der Kanal wurde allmählich enger und zwang die Fische, in einen großen Teich zu schwimmen. Die Mündung des Kanals war so schmal, daß sie von den Fischen kaum gefunden wurde – meistens mußten sie in dem Teich bleiben. Ein- oder zweimal in der Woche ging jemand vorbei. Entweder, um einige Fische zu fangen, oder aber um, sie freizulassen. Großonkel Kossar hatte den Teich angelegt; aber sie starb, bevor sie jemals von einem der gefangenen Fische kosten konnte. Die Familie hatte den Teich fertiggestellt und die Landzunge frü- her oft für Picknicks oder nächtliche Feiern genutzt. Aber Suko wollte nicht auf Onkel Kossars Teich als Vorratslager angewiesen sein, denn sie meinte, die Entfernung zum Hauptteil der Insel sei zu groß. Sie warf lieber vor der Küste Netze aus. Potto und Jobe hatten bald eine Reihe von Fischen gefangen und in Körbe gesteckt, um sie später nach Hause zu schleppen – sie würden erst unmittelbar vor dem Abendessen getötet werden. Jobe zog ihren Kilt aus und stürzte sich in die Brandung. »Geh nicht zu weit nach draußen«, warnte Potto. »Dort sind viele Strudel.« »Das weiß ich selbst«, rief Jobe ärgerlich zurück. »Stell dich nicht an wie eine alte Oma.« Sie war ver- ärgert darüber, daß Potto es für nötig hielt, sie daran zu erinnern – als ob sie immer noch ein kleines Kind wäre. Das war eine ihrer Schwächen – immer, wenn sie glaubte, sich selbst etwas beweisen zu müssen, tat sie etwas Dummes und Unverantwortliches, um zu beweisen, daß sie nicht nur gut, sondern besser war. Da sie nicht sehr sportlich war, hatte sie sich, um das zu kompensieren, zu einem tollkühnen Kind entwi- ckelt. Satlin war nicht gerade ein freundlicher Planet. Jobe planschte träge in der Brandung, ließ sich, von den Wellen wiegen und genoß das Gefühl, nackt im Wasser zu sein. Sie glitt mühelos mit den Wellen und tanzte dabei mit jedem Wellenkamm und jedem Wellental auf und ab wie ein Korken. Sie bewegte sich weiter und weiter nach draußen – nicht etwa, weil sie wirklich schwimmen wollte; sie war zufrie- den damit, durchs Wasser zu gehen –, bis ihre Ze- henspitzen kaum noch den Sand berührten. Sie ver- suchte, ihre Zehen in den weichen, fast puddingarti- gen Untergrund einzugraben. Sie stand am Rand ei- ner Sandbank, wo der sandige Untergrund in uner- gründliche Tiefen fiel. Sie wollte wieder auf den Bo- den treten, aber eine zurückrollende Welle stieß sie so weit seewärts, daß sie den Grund nur tauchend hätte berühren können. Sie stieß sich leicht ab und bewegte ihre Arme, um wieder näher zum Ufer zu kommen. Doch die nächste Welle zog sie wieder ein Stück weiter, nur ein kleines bißchen mehr als die letzte. Immer noch unbesorgt, stieß sie sich wieder ab, nur bemerkte sie jetzt, daß sie in eine Strömung geraten war. Die nächste Welle zog sie noch kräfti- ger und noch weiter hinaus. Jobe war immer noch nicht geängstigt. Zwar war sie kein überragender Schwimmer, aber doch – wie alle Inselkinder – ziemlich geschickt. Sie stieß sich nun kräftiger in Richtung Ufer ab, mit festem Arm- schlag und strampelnden Beinen. Sie schien gut vo- ranzukommen, aber das Wasser warf sie schneller, zurück, als sie sich dem Strand näherte. Sie fand sich sogar noch weiter draußen wieder. Sie begann erneut, kraftvoll zu schwimmen – und plötzlich wurde ihr klar, daß sie keinen Meter ge- wann. Sie würde, lange bevor sie das Ufer erreichen konnte, ermüden. Plötzlich bekam sie Angst. »O nein – ich will jetzt nicht sterben! Mama!« Der Moment war schmerzvoll klar – es war dieser wie zu Eis erstarrte Abschnitt, in dem sich die ganze Welt zu einem vollkommen verstandenen Abbild kristalli- siert. Jobe erfaßte es mit einer Schärfe und Klarheit, als sei sie eine Kamera. Sie war im Begriff zu ster- ben. Sie war im Begriff zu ertrinken. Sie wurde auf das Meer hinausgezogen – sie könnte dagegen an- kämpfen, indem sie hilflos gegen die Strömung strampelte, und dann würde sie nur noch schneller ertrinken. Sie würde sterben, und das Wasser würde in ihre Lungen strömen, und die Schmerzen würden unglaublich sein – natürlich würde es Schmerzen ge- ben –, und die kalte Dunkelheit würde sich in ihr ausbreiten, ihre verzweifelten Anstrengungen wür- den langsam wie die Bewegungen von Ballettänzern werden, und der Tod würde sie in verwirrende Ver- gessenheit schwinden lassen. Und im gleichen Augenblick dachte sie an den Schmerz, den das ihrer Familie zufügen würde. »O Mama, nein!« Und auch die schrecklichen Vorwürfe,, die man Potto machen würde… »Potto! Hilfe! Potto!« Jobe schrie so laut sie konn- te. Sie konnte die Landzunge kaum noch sehen, so weit war sie schon ins Meer getrieben worden. Sie schrie und winkte mit den Armen. In ihrem Kopf schwirrte es noch, aber dann wurde ihr bewußt, daß sie nur eine Hoffnung besaß: Sie mußte sich in der Strömung treiben lassen, bis Potto sie erreichen konnte. Sie wölbte den Rücken, zwang sich zu entspannter Haltung und trieb auf dem Was- ser; dabei bewegte sie die Arme leicht, aber regel- mäßig, um den Kopf in Richtung Ufer zu halten. »Es ist nur eine Zeitfrage«, sagte sie zu sich selbst. »Solange ich mich treiben lasse, kann Potto mich er- reichen.« Ihre Angst begann nun zuschwinden; sie hatte kein Wasser geschluckt, sie war noch am Leben – alles, was sie tun mußte, war, sich treiben zu las- sen. Potto würde kommen und sie herausholen. Sie machte etwas schnellere Armbewegungen, um nicht zu weit abzutreiben. Sie trat auch leicht mit den Fü- ßen. Die Situation war unter Kontrolle, sagte sie zu sich selbst; sie begann nun, zu zählen – sie zählte ihre Armschläge. Potto würde hier sein, bevor es hundert waren. Überlegen wir: Potto müßte jetzt den Katama- ran ins Wasser geschoben und sogar schon die Bran- dung hinter sich gelassen haben. Sie müßte jetzt den kleinen Motor gestartet haben, der am Heck zwi-, schen den beiden Auslegern angebracht und speziell für Notfälle oder Fahrten gegen den Wind vorgese- hen war. Hier traf beides zu, Jobe wurde westwärts getrieben; sie schwamm ein wenig kraftvoller – aber nicht zu kraftvoll, ich will nicht müde werden. Ich bin zu weit abgetrieben worden, dachte sie, Potto wird ein wenig länger brauchen. Sie begann wieder zu zählen. Vielleicht würde sie bis zweihundert zäh- len müssen. Bei dreihundert hörte sie bestürzt auf. Wo war Potto? Sie ließ sich nun nicht mehr treiben, ließ ihre Bei- ne sinken und begann wieder mit Wassertreten, dann drehte sie sich und schaute zum Ufer … … da berührten ihre Füße den Grund, und sie stand in brusthohem Wasser. Benommen und ohne es richtig zu begreifen, begann sie, auf den Strand zu- zugehen; dabei mußte sie gegen das Zerren und Zie- hen der Wellen ankämpfen. Oben auf der Landzunge säuberte Potto die Fische; der Katamaran lag unver- rückt und trocken neben ihr. Sie blickte hoch, sah Jobe aus dem Wasser kommen und winkte ihr zu. Es war das Treibenlassen, begriff Jobe. Dadurch hatte sie sich oberhalb der Strömung bewegt. Instink- tiv hatte sie das Richtige getan, und das hatte sie zum Ufer zurückgebracht. Aber jetzt war sie müde – ausgepumpt. Der Adre- nalinstoß hatte sich verflüchtigt und hinterließ nur, ein Gefühl der Erschöpfung. Obwohl ihr das Wasser nur noch bis zur Taille reichte, konnte sie kaum noch dagegen ankämpfen – sie schluchzte, und die Tränen rannen ihre Wangen hinunter, salziger noch als das Meer. »Potto …«, wimmerte sie, und das ältere Kind blickte verwundert auf. Dann kam sie angerannt, denn sie spürte an Jobes Ton, daß etwas nicht stimm- te. Jobe schaffte es, wenn auch schwankend, auf den Füßen zu bleiben, bis Jobe nahe genug bei ihr war, um sie aufzufangen – dann brach sie in den Armen ihrer Schwester zusammen.»Was ist los, Jobe? Klei- ne Jobe?« »Wo warst du?« Jobe schwankte. »Du bist nicht gekommen, um mich zu retten! Ich wurde von einer Strömung gefangen! Ich habe nach Hilfe geschrien, aber du bist nicht gekommen!« »Ich habe dich nicht rufen hören …« Plötzlich be- griff Potto, was Jobe sagte und packte sie fest. »Ist alles in Ordnung mit dir?« Jobe schniefte, schluchzte, nieste laut. Sie schwankte und legte ihren Kopf an Pottos breiten Brustkorb, wo sie die sorgfältig gezeichneten Strei- fen verschmierte. Auf ihrer Wange würden jetzt Fle- cken sein. Potto war völlig überrascht und nicht sicher, was sie jetzt am besten tun konnte – aber das beste war ihre instinktive Reaktion. Sie hielt Jobe fest, bis sie, mit Weinen aufhörte, hielt sie fest und streichelte ihr Haar und ihren Rücken, hielt mit ihrer starken Hand Jobes Nacken, hielt ihre weiche Handfläche an Jobes Wange und dann – obwohl sie niemals geglaubt hät- te, daß sie es könnte – flüsterte sie: »Jobie, kleine Jo- bie, laß alles raus, so ist es gut – ich liebe dich. Ich hätte es nicht ertragen können, wenn dir etwas pas- siert wäre. Aber jetzt ist alles in Ordnung; es ist alles in Ordnung.« Und dann, für beide noch überraschen- der: »Kleine Jobie, du bist meine Auserwählte, wuß- test du das?« Jobe schaute mit verheulten, roten Augen auf. »Mhm?« näselte sie. »Hmm. Du.« Und sie küßte sie auf die Nase. »Aber du hast doch immer auf mir herumge- hackt…!« Sie schniefte noch einmal und lehnte ihren Kopf wieder gegen Potto. »Wenn ich es so meinen würde, würde ich es nicht tun. Das ist nun einmal meine Art.« »Aber es tut weh.« Nun war es an Potto zu weinen – ein leichtes Schimmern in ihren Augen und ein Schwanken in ih- rer Stimme. »Oh, Jobe, um nichts in der Welt würde ich dir weh tun wollen.« Eine Zeitlang hielten sie einander umschlungen. Jobe weinte aus Angst; Potto weinte wegen Jobes Schmerz. Schließlich war es die Hitze, die dörrende, schnei-, dende Hitze, die sie auseinanderbrachte – sie klebten fast aneinander. »Komm zurück zum Boot. Du könntest deine Nase putzen.« »In Ordnung.« Jobe schniefte immer noch. Potto legte einen Arm um sie und zog sie fest an sich. Aber die Sonne war zu heiß und der Sand war zu weich – es war schwierig, so zu gehen. Statt dessen hielt sie Jobes Hand und führte sie zum Katamaran zurück. Als ihre Angst langsam schwand, begann Jobe in weiteren Einzelheiten zu erzählen, was ihr passiert war, was sie gedacht und wie sie sich gefühlt hatte. Potto murmelte mitfüh- lend, aber sie war mehr um Jobes Verfassung besorgt als darum, die Geschehnisse detailliert zu erfahren. »Gab es dort draußen Stachelfische?« Verärgert über die Unterbrechung schüttelte Jobe den Kopf und fuhr mit ihrer Erzählung fort – es sprudelte fast aus ihr heraus. Das war jetzt die Generalprobe für das überaus wichtige Noch-einmal-Erzählen zu Hause, dann noch einmal beim Abendessen und später noch einmal den Freunden. Es war wichtig, daß sie es richtig hinkriegte. Jobe war erschöpft, aber ihr Verstand raste. Sie untersuchte den Vorfall bereits zum zweiten Mal, studierte ihn genau: Vielleicht gab es irgendein Element, daß man aufregender gestalten konnte; oder, umgekehrt, ein Element, daß ihr Ver- halten dumm erscheinen ließ., »Ich war nicht zu weit draußen, nicht wahr? Ich glaube nicht, Potto. Ich bin da immer sehr vorsichtig. Stimmt das nicht, Potto?« Sie waren am Boot angelangt, und Potto musterte Jobe nachdenklich. »Du redest schon wieder zuviel«, sagte Potto nur. »Dreh dich um, ich werde dich ein- ölen.« Jobe fügte sich; Pottos sanften Befehlen zu folgen war etwas, das sie verstand. Und etwas, das sie brauchte. Sie fühlte, wie sich Pottos große Hände warm über ihren Rücken, hinunter zum Gesäß und zu den Bei- nen bewegten. Pottos Finger waren kräftiger und auch sanfter, als sie jemals zuvor bemerkt hatte. Jobe genoß diese Behandlung. Pottos Hände wurden lang- samer … »Hör nicht auf, ich mag das.« »Ich bin fertig.« Jobe drehte sich herum und schaute sie an: »Auch die Vorderseite.« Potto zögerte, beschloß dann aber, ihr nach- zugeben. Sie goß noch etwas Kokosöl in die Hand und verrieb es schnell auf Jobes Brust. Hatte Potto plötzlich, während sie das Öl auf ihrer Rückseite verrieb, erkannt, daß Jobe kurz vor der Pubertät stand? Jobe war mager, unentwickelt – aber die Art, wie sich ihr Körper streckte, sagte genug. Hatte Potto im Innern erkannt, welches Vergnügen sie Jobe bereitet hatte? Als Jobe gesagt hatte »Hör, nicht auf«, wußte Potto, daß Jobe es ebenfalls gefühlt hatte. War sie verlegen? Zögerte sie deshalb? Die Schwelle zum Erröten ist hochsinnlich, der Körper wird mit den Rätseln von Berührung und Zauber vertraut. Alle Nerven werden Boten glänzen- der und unsagbarer Freuden. Die intensivsten Erfah- rungen verursachen intensive Gefühlsaufwallungen; und obwohl Jobe das Warum all ihrer Empfindungen nicht verstand, wußte sie doch, daß sie etwas von ih- rer Schwester brauchte: die intensivsten und zärt- lichsten Liebkosungen, deren Potto fähig war. Jobe wußte – wenn auch nur instinktiv –, daß die Form dieser Fürsorge körperlich und sinnlich sein mußte. Um ihre bebende Furcht zu beruhigen, brauchte sie etwas, das sie bis ins Innere spürte. Aber was für Jo- be rein sinnlich war, war für Potto etwas Sexuelles. Und doch, vielleicht wußte Jobe es ebenfalls. Als Potto sie berührte – versuchte sie da, nicht ü- ber ihre Gedanken nachzudenken? Jobe erfuhr hier etwas Neues. Als sie Potto musterte, sah sie nicht ih- re Schwester, sondern den Erwachsenen, der sie ein- mal sein würde; sie trug die Zeichen der Verände- rung. Pottos Brust schwoll mit dem ersten Erröten; die Muskeln des Erwachsenseins begannen zu erschei- nen. Die Scharfsichtigeren unter ihren Tanten hatten erkannt, daß Potto sich Dakka zuwenden würde, die Zeichen dafür waren bereits vorhanden. Statt durch, eine weitere Gewebeschicht weicher zu werden, rundlich, blutgefüllt, Beginn des ersten Errötens, der Moment, in dem die Münze ihre letzte Prägung er- wartet, war Potto schon darüber hinaus und am An- fang ihrer WAHL. Sie hatte einen kräftigen Nacken und breitere Schultern bekommen, undeutlich noch, aber es war da. Und auch ihr Bauch war fester geworden, hart und flach. Das Seltsamste schien Jobe jedoch Pottos Schamspalte zu sein: Sie hatte ihre fleischige, rosa- farbene Weichheit verloren; statt dessen sah sie aus wie eine Muskelwölbung, kräftiger in der Farbe. Winzige Haarlocken begannen auf ihr aufzutauchen. Neugierig streckte Jobe die Hand aus und berührte die Spalte. Sie begriff, daß sie etwas sehr Falsches tat – sie überschritt die unsichtbaren Grenzen, die ei- nen zurückhalten. Aber dann, als sie wartete, als sie berührte, mit der Gewißheit, daß ihre Schwester sie zurückstoßen würde … Potto tat es nicht. Sie stand dort, zögernd, ob sie weitermachen sollte – oder die Hand wegziehen. Jobes Hand blieb dort, wo sie sie hingelegt hatte. Ihre Berührung war kühn und son- dierend, das Gefühl erstaunte sie. Was sie berührte, war dort, wo sie selbst weich war, hart. Merkwürdig, wie außerordentlich merkwürdig. Pottos Hände bewegten sich an Jobes Körper hin- unter, verharrten kurz auf der Taille und glitten dann die Hüften hinab., Jobe starrte auf Pottos Bauch. Er war angespannt, genau wie der ihre. »Du wirst bald gehen, nicht wahr, Potto?« fragte sie. Potto nickte. »Ich denke schon. Sie sagen es jedenfalls. Es ist noch nicht ent- schieden. Ich weiß nicht. Aber selbst wenn ich gehe, ist es nicht für lange. Gerade lange genug, um zu wählen.« »Du hast die WAHL schon getroffen, nicht wahr?« »Nein«, sagte sie. »Ich glaube nicht. Ich meine, ich habe geglaubt, ich wüßte es – aber ich habe ange- fangen, darüber nachzudenken, wie es sein könnte, wie eine Mutter zu sein. Ich meine …« Sie zögerte. »Du kannst nur einmal wählen. Ich will sichergehen; ich habe noch Zeit.« Sie fügte hinzu: »Porro wird auch wählen müssen, weißt du. Wir haben darüber gesprochen.« Und dann, mit gesenkter Stimme, ver- traute sie ihr an: »Wir haben sogar miteinander ge- schlafen, um uns näher zu sein, als es Schwestern sind; um uns gegenseitig zu helfen, die WAHL zu treffen.« »Wie ist das?« »Miteinander schlafen?« »Hmm, hmm.« »Es ist – es ist angenehm.« »Nein, ich meine … Was tut man?« »Das weißt du doch. Wie jeder andere hast du Bil- der gesehen.« Jobe zuckte die Schultern. »Das ist, nicht dasselbe.« Sie konnte sich vor Augen führen, wie ein Mann und eine Frau sich liebten – aber sie konnte sich nicht einen bestimmten Mann und eine bestimmte Frau vorstellen. Weit wichtiger: Sie konn- te sich niemanden, den sie kannte, tatsächlich beim Geschlechtsakt vorstellen. Was taten Potto und Por- ro, wenn sie zusammen schliefen? Die Frage hätte sicher indiskret gewirkt, wenn Jobe nicht so unver- besserlich unschuldig und naiv gewesen wäre. »Wir tun, was uns gute Gefühle verschafft. Wir berühren uns. Überall.« »So wie ich dich berühre?« »In etwa so.« Potto entzog sich ihr verlegen. »Das Berühren ist angenehm, Jobe, aber es ist nicht alles. Es gibt auch ein Teilhaben.« Und dann, sanfter: »Wiederberührt zu werden, ist sogar angenehmer – das ist eine noch schönere Art des Teilhabens. Zieh deinen Kilt an, wir wollen nach Hause gehen.« »In Ordnung.« »Du wirst selbst herausfinden, wie es ist, Jobe. Du bist schon beinahe alt genug.« »In Ordnung«, sagte Jobe. Sie hatte die Angele- genheit nun schon wieder verdrängt. Sie war noch Kind genug für ein flatterhaftes Verhalten und flog wie ein Insekt von Augenblick zu Augenblick; aber genau wie ein Insekt würde sie zurückkehren und sich in die eine Sache vertiefen, die sie neugierig machte, bis ihr schließlich eine Antwort Erfolg, brachte – und Fragen des Körpers und dessen, was die Leute mit ihren Körpern machten, wurden für sie immer bedeutsamer. Doch im Moment waren alle ih- re oberflächlichen Fragen beantwortet; tiefgründigere konnten noch einige Zeit unausgesprochen schlum- mern – keimend. Sie stießen das Boot ins Wasser, Jobe hüpfte auf das Leinwandgestell und zog dann Potto an Bord. »Ich glaube, ich wähle Dakka«, sagte sie unerwartet. »Ich werde wählen, was ich will«, antwortete Pot- to. Als ihr dann klar wurde, daß dies zu barsch klang, fügte sie hinzu: »Wenn ich Dakka wähle, kannst du eine meiner Ehefrauen sein.« »Ich werde ebenfalls Dakka wählen«, sagte Jobe. Es war eine Feststellung, die von den anderen beein- flußt war. Wenn Kaspe, Olin und Potto alle männlich sein wollten, dann wollte Jobe es auch. Potto schien tatsächlich enttäuscht zu sein. »O nein«, sagte sie. »Du würdest dich als Frau weitaus besser machen.« Jobe zuckte die Schultern – die Feinheiten der Ge- schlechter verstand sie nicht ganz. »Das geht in Ord- nung. Selbst wenn ich Dakka wähle, werde ich mit dir schlafen. Wenn du willst.« Potto grinste über Jobes Naivität. »Ich werde ge- nug damit zu tun haben, mit meinen Ehefrauen zu schlafen.« Sie grinste. Aber sie beugte sich vor und küßte sie. »Ich bin froh, daß es dir gutgeht. Ich hätte, dich vermißt, wenn du ertrunken wärst.« »Außerdem hätten sie dir Vorwürfe gemacht.« »O ja.« »Großvater Kuvig wurde am gleichen Tag geboren, als die Kreisbahn von Bundt zur Besiedlung freige- geben wurde. Sie wurde von Kossars Schwester Pola geboren, als sie in Strille auf der Weeping Crescent wohnten, unter dem Tartch-Schirm, nordöstlich von Nona. Als Kuvig neun Jahre alt war, heiratete Sukos Mutter in die Tamile ein und brachte die achtjährige Suko mit. Der Lagin-Schirm wuchs damals schon seit neun Jahren. Und die Satlik, die die Lagin-Gewässer befuhren, um sie zu kartografieren und nach Mög- lichkeiten der Kolonisierung suchten, berichteten, daß die Helligkeit von Gottesherz im Zenit bereits sichtbar nachließ; und ihre Durchschnittstemperatur sank ebenfalls. Als wenige Jahre später Kuvig das Erröten erleb- te, wählte sie Dakka. Es war erwartet worden, daß sie und Suko ein Paar würden und Suko daher reethisch würde. Aber Suko war Thoma begegnet; die hatte bereits Reethe gewählt, daher wählte Suko Dakka. Sukos Recht, Thoma in die Familie hineinzu- heiraten, wurde angezweifelt – also heiratete Suko nach draußen, und Kuvig folgte ihr. Wenn Sukos Ge- liebter nicht hineinheiraten durfte, dann würde es auch keiner Partnerin von Kuvig erlaubt werden. Es, gab aber noch einen weiteren Grund: Die Familie hatte bereits Pläne, im kaufmännischen Bereich tätig zu werden; und Kuvig und Suko konnten sich mit dem entsprechenden Lebensstil nicht anfreunden. Sie fühlten sich wohler beim Fischen, beim Aufziehen von Obst und Gemüse, dem Pflegen der Weingärten, bei der Anpflanzung von Weihrauch, Nutzholz und Bambus. Sie zogen es vor, für sich selbst anzupflan- zen und zu bauen. Das war besser als die eigene Ar- beit anderen zu verkaufen, die nicht so geschickt wa- ren. Als Kaufleute wären sie Diener derjenigen, die am meisten boten; und wenn es vielleicht einmal kei- ne Arbeit für sie gab, dann gab es auch kein Geld. Kuvig hatte nichts gegen ein wenig Handel, aber sie war der Überzeugung, eine Familie müsse sich selbst versorgen können. Deshalb heirateten sie und Suko nach draußen und segelten zusammen mit Thoma westwärts ins Gebiet der Bundt. Der Lagin-Schirm war inzwischen fertig, aber es würde noch über ein Jahr bis zu seiner endgültigen Stabilisierung dauern. Während dieser Zeit erkunde- ten sie verschiedene Inseln und wählten schließlich eine, aus, die sie Kossarlin nannten – zu Ehren ihres Onkels Kossar. Aber sie trugen die Insel nicht als Freihafen ein, denn sie wollten weder Kolonisie- rungsmaßnahmen noch Kaufleute an ihren Stränden. Als das Gebiet freigegeben wurde, ließen sie sich an der Ostseite Kossarlins nieder. Später pachtete eine, andere Familie ein Stück an der Westseite. Dann se- gelte Kuvig zurück nach Wardy im Bundt-Bereich und heiratete Kirstegaarde, die sie kennengelernt hatte, als sie dort wohnten. Sobald der Hof aufgebaut war, nahm sie sie mit nach Lagin. Sie bekamen Kinder, Suko und Thoma bekamen Layne und Neffe und Kiva, die bei der Geburt starb. Kuvig und Kirstegaarde bekamen Davi und Dorin und Fellip. Dann konnte Kirstegaarde keine Kinder mehr bekommen. Also holte Kuvig Vialla in die Fa- milie und bekam mit ihr zusammen Sola, William, Yasper und Hojanna. Kirstegaarde lehnte es ab, daß Vialla ihren Platz in Kuvigs Bett einnahm und war danach im Innern immer ein wenig verdrossen. Aber sie heiratete nicht nach draußen, was ihr gutes Recht gewesen wäre. Statt dessen beschäftigte sie sich mit der Haushaltsführung und der Organisation der An- pflanzungen, mit den Erntelisten und dem Führen der Bücher. Als später eine Bildschirmstation gemietet wurde, erledigte sie die meisten Programmierarbei- ten, während wir für den Lebensunterhalt sorgten. Thoma war zwei Jahre lang von einer Watichi erzo- gen worden. Daher übernahm sie die Aufgabe, den Kindern alles über die Legenden der Pilgerschaft und der Entdeckung Satlins, wie sie vom RETTER verheißen worden war, beizubringen. Sie erzählte uns von den Göttern, von den Propheten und den Ta- gen des Vorher und des Anfangs. Wir alle lernten un-, sere Lieder und Geschichten von ihr. Sie brachte uns bei, daß wir Satlik waren. Vialla war zufrieden da- mit, eine Mutter zu sein; sie kümmerte sich um die Kinder, unabhängig davon, wer die Eltern waren. Sie gab den weltlichen Unterricht: Wie man las und zählte und segelte; wie man kochte und Vorräte la- gerte und sich vorbereitete; wie man die Winde ab- schätzte und wie man aus der See las. Später gebar sie Dida und Toki, die am Fieber starb, als sie drei Jahre alt war. Layne und Neffe wurden reethisch und heirateten nach draußen. Maro, dakkaisch, heiratete hinein. Davi wählte Reethe und heiratete Anyo. Sie bauten weit draußen am Strand ein Haus und blieben meist unter sich, bis sie eines Winters ohne ein Abschieds- wort verschwanden. Dorin wählte Dakka und blieb. Fellip starb. Sola erkrankte während des Errötens an einem ansteckenden Fieber und wurde dadurch eine Abweichende – ohne jede WAHL. Sie verließ die In- sel, sobald sie dazu fähig war, denn sie hielt sich selbst für einen Störfaktor in der Familie. Sie wurde Nomadin, denn für Abweichende gab es keine Hei- mat. William entschied sich für Reethe, heiratete je- manden von der Westseite und zog fort. Yasper starb. Großonkel Kossar entschied damals, daß sie des Kaufmannsdaseins müde sei und kam nach Lagin, um bei ihren Familien-Söhnen zu leben. Sie brachte Frijkin und Wene mit. Dorin heiratete Rue und gebar, Zwillinge: Porro und Potto. Marro und Marne (die von der Westseite kam) bekamen Yuki und Olin. Als Tante William zurückkehrte, brachte sie Dardis mit. Hojanna wählte Reethe und heiratete Frijkin, die mich zeugte, und dann zusammen mit Wene im gro- ßen Sturm starb. Ihr Boot wurde auf den Felsen von Hard Landing zerschmettert. Hojanna heiratete Ki- nam von der Westseite, brachte aber nach mir keine Kinder mehr zur Welt. Ich wurde geboren, und Onkel Kossar starb. All das ist in den Akten der Behörde aufgezeichnet. Hätte Kirstegaarde nicht so sorgfältig die Daten des Heiratsvertrags einer jeden Person programmiert, wüßte niemand genau, welcher Teil von was zu wem gehört. Als Anvar hineinheiratete, hatte sie das Erröten noch nicht einmal abgeschlos- sen. Aber sie wurde ein ansehnlicher junger Dakkai- ker, dessen Interesse für Computer sich in Interesse für Kirstegaarde wandelte, und sie schliefen eine Zeitlang miteinander. Dardis starb. Porro wählte Reethe und ging davon, um in Strille auf Weeping Crescent unter dem Tartch-Schirm zu leben. Ihre neue Familie besaß eine ansehnliche Plantage und heuerte Kaufleute an, um ihre Felder zu bewirtschaf- ten.« Das Abendessen war eine Zeit, zu der alle zusam- menkamen. Es war als freudiges Wiedersehen der Gruppe gedacht; eine Zeit, in der die Familienbande, gestärkt werden konnten, Nahrung wie Vertrautheit geteilt wurden. Aber das funktionierte nicht immer so. Die jüngeren Kinder hatten die Pflicht, Gläser und Eßstäbchen auf den Tisch zu stellen. Eine besondere Auszeichnung war es, wenn jemand die Erlaubnis bekam, den Wein anzuwärmen. Die Kinder, die sich dem Erröten näherten, wurden mit der Verantwor- tung betraut, einen Tafelschmuck zu arrangieren. Er sollte die Stimmung der Jahreszeit, des Tages, des Augenblicks und der besonderen Gefühle der Familie widerspiegeln. Heute abend war es ein Blumen- schmuck – ein überraschend öder. Schwarze Blätter umrahmten weiße Hoffnungsblumen, rundherum wa- ren purpurne Freudenknospen; alle waren noch ge- schlossen, wirkten wie Massenware – Vorzeichen künftiger Entscheidungen. Einige der Erwachsenen blickten den Blumenauf- satz nachdenklich an, während sie sich auf ihren Matten niederließen. Jobe stand einen Moment lang scheu daneben, dann setzte sie sich neben Potto – ei- ne Handlung, die nicht unbemerkt blieb. Potto rümpfte ärgerlich die Nase – Teil des Erröten-Spiels, das sie manchmal spielen zu müssen glaubte: »Ich bin zu alt, um noch mit Kindern zu spielen« – und machte ein unanständiges Geräusch. Jobe tat erst so, als bemerke sie das nicht. Aber nach einigen Sekun- den stand sie auf, ging um den Tisch herum und setz-, te sich neben Hojanna, ihre Geburt-Mutter. Suko sagte, ohne aufzusehen: »Potto, darüber unterhalten wir uns noch.« »Jawohl, Großvater.« Kuvig räusperte sich, und alle wurden still, denn jetzt kam ihr Bittgebet. »Wir sind die Nachkommen von Tieren«, stimmte Kuvig an. »Wir sind selbst Tiere, und wir dürfen niemals vergessen, daß wir nicht menschlich werden können, bevor wir nicht unsere tierischen Grundbe- dürfnisse befriedigt haben. Die Kenntnis der Gesetze von Reethe und Dakka schließt uns nicht von den Tieren aus. Zu irgendeiner Zeit waren wir Raubaffen, zu einer anderen Zeit Wassertiere. Zu irgendeiner Zeit waren wir Präriebewohner. Und all das hat uns zu der Art von Kreaturen geformt, die wir heute sind. So sagen die Wissenschaftler. Aber auf dieser Welt gibt es kein Anzeichen dafür, daß diese Annahmen richtig sind. Wir haben hier keine Vergangenheit. Wir sind die Kinder von Pilgern.« Kuvig fuhr fort: »Vielleicht ist beides richtig. Wenn wir die Kinder von Affen sind, dann wollen wir heute beschließen, nicht länger Affen zu sein, sondern etwas Edleres – wir stellen uns vor, wir sei- en menschlich; wir müssen das zu einem stolzen Ti- tel machen. Und wenn wir die Kinder von Pilgern sind, dann müssen wir nicht weniger tun, als diesem Erbe gemäß zu leben. Also laßt uns zusammensitzen, und freudig gemeinsam essen. Es gibt viel, an dem wir teilhaben können; und es gibt viel, das wir lernen können. Und vielleicht sind auch WAHLEN zu tref- fen. Wir wollen das in Liebe tun.« Sie senkte ihr Haupt für einen Moment und medi- tierte, um anzuzeigen, daß sie fertig war. Dann schaute sie wieder auf. Für sie war es eine weitschweifige Rede gewesen. Einige der jüngeren Kinder, die nicht richtig verstan- den, was sie sagte, waren unruhig geworden. Aber die älteren und auch die Erwachsenen waren still und aufmerksam. Kuvigs Ausführungen waren eine Ab- sichtserklärung. Etwas, das zu lange gegoren hatte, sollte jetzt herauskommen und geregelt werden. Heu- te nacht. Und deshalb wurde während des Essens kein Wort darüber gesprochen. Und es würde nicht darüber gesprochen werden, bevor Kuvig nicht selbst begann. Gewöhnlich war es so, aber an diesem A- bend war es anders. Die jüngeren Kinder profitierten wie immer da- von, daß sich die Eltern kaum unterhielten, und ihr Geschnatter beherrschte den Abend. Die Hauptsache war natürlich Jobes Rettung aus höchster Not. »Wir sollten überlegen, ob wir wegen der nördli- chen Landzunge nicht etwas unternehmen können«, bemerkte Kirstegaarde. »Was sollen wir deiner Meinung nach tun?« fragte Suko auf die ihr eigene, ruhige Art., Kirstegaarde antwortete nicht sofort. Eine eindeu- tige Lösung bot sich nicht an. »Wir könnten den Schwimmunterricht verbes- sern«, schlug Vialla vor, »und einige Warnbojen an- bringen.«Thoma sagte: »Kaspe, Olin, ihr könnt schon mal den Gelee servieren.« Dann, zu dem Vor- schlag: »Wann planst du damit anzufangen, Vialla?« Vialla hob abwehrend die Hände: »Oh, bitte, nein! Ich habe zuviel andere Sachen zu tun. Die Winter- ernte wird auch so dürftig genug ausfallen …« Thoma zuckte bedauernd die Schultern. »Wie du wünschst. Es war eine gute Idee. Vielleicht wirst du mehr Zeit haben, nachdem eins der Kinder ertrunken ist.« Vialla wurde rot. »Du bist zu redegewandt, Ma- ma«, sagte sie liebevoll. »Aber du hast recht. Nichts wird geschehen, wenn nicht jemand die Verantwor- tung dafür übernimmt. Vielleicht können wir ge- meinsam die Verantwortung für die Durchführung übernehmen.« »Wenn ich Computerzeit bekomme, kann ich eine Analyse der Strömungsverhältnisse ausarbeiten, um die beste Stelle für die Bojen zu finden«, warf Anvar ein. Thoma schaute sie an: »Du hörst nie damit auf, nicht wahr?« »Was meinst du?« »Uns zu drängen, dir einen eigenen Computer zu, kaufen. Nebenbei, wenn du einen Blick ins Gemein- debuch wirfst, wirst du sehen, daß Großonkel Kossar die Strömungsverhältnisse schon vor zwanzig Jahren auf Seekarten eingezeichnet hat.« Anvar ignorierte die letzte Hälfte der Erklärung. »Wenn wir einen Computer bekämen«, sagte sie, »könnten wir Computerzeit an die anderen Familien im Süden vermieten. Vielleicht genug, um die Inves- tition wieder herauszuholen.« »Ich habe niemals bestritten, daß ein Computer ei- ne gute Investition wäre«, sagte Kuvig und verblüffte die anderen mit ihrem frühen Eintritt in die Diskussi- on. Gewöhnlich setzte sie sich bequem hin und war- tete. »Ich würde besonders an einem interessiert sein, der sich selbst programmieren kann. So wie es jetzt ist, zahlen wir viel zuviel für unsere Programme. Da wir die Zeit mit vierzehn anderen Familien teilen müssen, kommen wir nur an die wichtigsten Daten heran. Aber was ich mich frage ist, ob wir wirklich geschult genug sind, die Kapazität eines Computers überhaupt auszunutzen. Die Antworten sind nur so gut wie die Fragen.« Sie zögerte, ließ es sich noch einmal durch den Kopf gehen. »Ich wäre bereit, die Investition zu unternehmen. Dann müßten wir aber wissen, daß es in diesem Kreis Mitglieder gibt, die so fähig und so ausgebildet sind, wie es nötig ist.« Die meisten Erwachsenen schwiegen darauf. »Vielleicht«, fügte Kuvig hinzu, »sollten wir tat-, sächlich eine Änderung in Erwägung ziehen. Wir sind keine wilde Grenzsiedlung mehr. Wir sind es schon seit einiger Zeit nicht mehr. Es wird Zeit, daß diese Familie anfängt, so etwas wie Vornehmheit zu erlernen – das gilt auch für dich, Kaspe. Komm von dem Kronleuchter runter!« »Ich glaube, wir sind vornehm genug«, antwortete Hojanna. »Kaspe, du hast gehört, was Großvater ge- sagt hat!« Diesmal fügte Kaspe sich. »Ich möchte, daß wenigstens einige meiner Nach- kommen die Segnungen einer umfassenden Erzie- hung genießen. Der Kreis auf Option ist ein erster Schritt.« »Ein wichtiger«, stimmte Vialla zu, die sich für die Familie damit befaßt hatte – auf Kuvigs Auffor- derung. »Aber unser jetziges Gesprächsthema hat mit der Hochschule nichts zu tun.« »Es hat alles mit der Hochschule zu tun«, gab Ku- vig zurück. »Wenn Porro oder Potto erwarten, in der vorneh- men Gesellschaft akzeptiert zu werden, dann müssen sie auch einige Erfahrung damit haben. Option ist ein guter Ort zum Lernen.« Großmutter Thoma sagte zögernd: »Die Kinder sind immer zu Hause erzogen worden. Sie haben ihre WAHL immer hier, unter ihren Spielkameraden, ge- troffen.« »Und einige dieser Wahlen waren falsch«, sagte, Großmutter Kirstegaarde. Daraufhin war alles still. Die Familie wurde nicht gern an Fellip erinnert, die falsch gewählt hatte und aus Kummer zurück zum Meer gegangen war. Doch Kirstegaarde fuhr fort: »Fellip wurde zu einer schlechten Entscheidung gezwungen, weil jemand« – an dieser Stelle vermied sie es, Kuvig direkt anzubli- cken, aber ihre Worte waren wie Messer –, »weil je- mand noch eine Tochter haben wollte. Fellip wollte zu Dakka, aber jemand« – sie machte erneut eine Pause – »bestand darauf, daß wir gehorchen … laßt mich nachdenken, was war es damals? Geschlechts- wahn?« Kuvig war wie erstarrt. Sie sah ihre Frau an. »Kir- stegaarde, manchmal machst du es einem sehr schwer, dich zu lieben. Glaubst du nicht auch, daß ich mich wegen dieses Fehlers Tausende Male ver- flucht habe? Glaubst du nicht, daß ich noch immer über meinen verlorenen Sohn weine? Wir gaben Fel- lip eine dakkaische Erweckung, so daß sie im Meer wie ein Mann leben konnte; aber ich habe mir selbst nie verziehen, daß ich so gefühllos war – und jeder in der Familie weiß das. Wie oft willst du diese Wunde wieder aufreißen?« Und dann ergänzte sie mit sanfte- rer Stimme: »Deshalb befürworte ich nun die Frei- heit der WAHL – damit wir nie mehr eine zweite Fellip haben. Darum will ich auch, daß Porro und Potto nach Option gehen.«, Kuvig senkte die Hände in den Schoß und schwieg. Kirstegaarde öffnete den Mund, um etwas zu sa- gen, aber Thoma wandte sich ihr zu und ergriff ihren Arm. »Kirstegaarde«, sagte sie weich, »warum mußt du diese schreckliche Erinnerung immer wie eine Waffe benutzen? Alle anderen von uns haben verge- ben oder doch zumindest gelernt, es zu akzeptieren, und wir ertragen unseren Kummer gemeinsam. Aber warum mußt du immer wieder, bei jeder Wahlzu- sammenkunft, mit diesem schrecklichen, schreckli- chen Blick voll Anklage und Vorwurf vom Thema abkommen? Warum mußt du Kuvig damit Kummer machen?« »Kuvig war der Vater, und ich war die Mutter.« Aber das war keine Antwort. Fellip war nun schon seit sechs Jahren tot – und Kirstegaarde trug ihren Kummer immer noch mit sich herum. Vielleicht hat- te der Kummer ihren Verstand vergiftet. Denn sie war nicht fähig, etwas anders als durch einen Filter von Vorwürfen zu beurteilen. Die andern schauten unbehaglich drein. Suko sag- te schnell: »Ich glaube, das Abendessen ist jetzt be- endet. Die Kinder dürfen spielen gehen, während wir uns in den Gemeinschaftsraum zurückziehen. Ich werde einen Tee aufbrühen, und Thoma schneidet einige Kräuter zum Rauchen. Wir müssen heute abend etwas besprechen.«, Kuvig nickte. Kirstegaardes Vorwurf hatte sie er- neut mit voller Wucht getroffen. Alle Anwesenden wußten, daß sie in dieser Nacht wieder weinen wür- de. Vialla und vielleicht Hojanna würden ihre Text- passagen sprechen müssen. Hojanna trieb die jüngeren Kinder bereits nach draußen. Porro und Potto begannen, den Tisch aufzu- räumen. Suko und Thoma legten die Pfeifen bereit und stellten Tassen auf den Tisch. Die Familienentscheidung war so lange hinausge- schoben, bis die Familie wieder eine Familie sein konnte. Erst würden sie trinken, dann würden sie rauchen. Dann würden sie die rituellen Handlungen vornehmen; durch sie wurden sie daran erinnert, daß sie vor allem durch die Liebe zu einer Familie wur- den. Die Perle der Zwietracht mußte ins Meer gewor- fen oder zumindest für eine Zeit begraben werden, ehe die Familie wieder einen wirklichen Kreis bilden konnte. Nur dann konnte sie im Prozeß des Entscheidens fortfahren. Am Ende wurde beschlossen, daß Porro und Potto sich dem Kreis auf Option anschließen sollten. Dort sollten sie sowohl die Computertechnik als auch an- dere Methoden, eine Insel zu organisieren, studieren. Sie sollten ebenso die Erlaubnis haben, während des Augenblicks der WAHL auf Option zu leben. Zum Schluß hatten sich die Freudenblüten im, Blumenschmuck geöffnet. Bis auf eine waren alle ro- sa mit weißen Tupfen und schimmerten im Innern wie dunkler Purpur. Die eine Ausnahme war leuch- tend scharlachrot gefärbt. Jobe zitterte, als sie sie sah und fragte sich, was sie bedeutete. Sie fragte sich auch, wessen Blume es war. »Ich erinnere mich lebhaft an meine Puppen; auf ei- ne Art waren sie die engsten Gefährten meiner Kind- heit. Da gab es Rhinga und Dhola und Gahoostawik; Gahoostawik war meine Lieblingspuppe, sie war länger bei mir, als ich denken konnte; wahrschein- lich war sie meine erste richtige Puppe. Hojanna sagte, es sei die erste meiner Puppen, der ich selbst einen Namen gegeben habe. Einmal im Jahr, kurz vor meinem Geburtstag, verschwand Gahoostawik für einige Tage und kehrte unvermeidlich jedesmal rechtzeitig zur Feier zurück. Sie hatte immer einen neuen Anstrich und, wenn nötig, neues Haar. Und sie trug stets neue Kleider, die zu den neuen paßten, die ich bekam. Ich vermute, ich betrachtete sie immer als eine ganz besondere Schwester, die mir näherstand als eine Zwillingsschwester. Gahoostawik wuchs zu- sammen mit mir auf. Ein Teil von mir, aber getrennt, wie ein kleines anderes Ich. Es war, als könnte ich mich manchmal von einem ein wenig entfernten Standort selbst beobachten. Jede von uns hatte ihre ganz besondere Puppe, die sie von den anderen fern-, hielt. Puppen waren nicht dazu da, mit anderen ge- teilt zu werden – als ob schon die Berührung eines anderen Kinds sie mit einer fremden Identität be- schmutzen würde. Später gab es andere Puppen: Wallan, Bargle, Ar- lie und T’stanawan. Aber Gahoostawik blieb die im Mittelpunkt des Kreises. Ich glaube, ich war die ver- wöhnteste Göre der Familie; jedesmal, wenn wir Fe- rien hatten, wenn wir ein Fest feierten oder auch nur von einer entfernten Verwandten Besuch bekamen, erhielt ich eine weitere Puppe geschenkt. Zum Teil deshalb, so vermute ich, um mir etwas zum Spielen zu geben, damit ich die Erwachsenen nicht bei ihrer Unterhaltung störte. Zum Teil aber auch, glaube ich, wegen des Spiels, das wir immer bei dem Versuch spielten, einer neuen Puppe einen Namen zu geben. Jede Puppe mußte einen Namen haben, der ihrer Persönlichkeit entsprach. Manchmal benötigten wir eine Reihe von Versuchen und probierten eine Viel- zahl von Namen aus, bis wir schließlich einen fan- den, der paßte. Es verwirrte meine Familie endlos, wenn ich eine Puppe an einem Tag mit dem einen, am nächsten Tag mit dem anderen Namen benannte. Jedesmal, wenn ich eine neue Puppe bekam, konnte man Großvaters ›O nein, jetzt geht das schon wieder los!‹ hören. Und dann, wenn endlich ein Name ge- funden war, der tiefe Seufzer der Erleichterung: ›Reethe sei Dank!‹, Weil ich für mein Alter ziemlich klein war, suchte ich oft die Gesellschaft meiner jüngeren Geschwis- ter. Die meisten meiner Freunde waren mindestens ein Jahr jünger als ich – dadurch fühlte ich mich wie ein Anführer. Ich glaube, ich fühlte mich wegen des sichtbaren Altersunterschieds bei ihnen ein bißchen fehl am Platze – bei einem Kind können sechs Mona- te schon viel ausmachen. Aber noch mehr fehl am Platze fühlte ich mich bei denen, denen ich eigentlich ebenbürtig sein sollte. Viele von ihnen schienen es viel zu eilig mit dem Älterwerden zu haben. Schon lange vor dem Alter des Errötens sprachen sie von der WAHL. Sie fragten sich laut, was wohl besser sei: einen Penis oder eine Vagina zu haben. Und sie verglichen alle Informationen und Desinformationen, die sie über die verschiedenen Vorteile und Nachteile gehört hatten. ›Du mußt beim Pipimachen hocken, wenn du Reethe wählst‹ – ›Aber du kannst keine Ba- bys haben, wenn du dich für Dakka entscheidest‹ – ›Reethe macht dich viel zu kopflastig‹ – ›Und durch Dakka wird es anschwellen und herumbaumeln –‹ Diejenigen, die das Erröten erreicht hatten, waren wie Forscher, die in Neuland vordrangen. Aber ir- gend etwas in dem neuen Territorium veränderte sie. Selbst wenn sie mit dem neugefundenen Wissen an- gaben und protzten, selbst dann trennten sie sich von ihrer kindlichen Vergangenheit. Und es widerstrebte ihnen, auch nur die knappste und verschwommenste, Botschaft über das, was uns anderen noch bevor- stand, zu uns zurückzuschicken. Und das, obwohl sie für sich in Anspruch nahmen, noch mit uns verbun- den zu sein. Es war das Fehlen der gemeinsamen Er- fahrung – das machte es uns so schwer zu verstehen, wovon sie sprachen. Sie benutzten Worte, die sie vorher nie gehört hatten. ›Wenn du dahin kommst, wirst du es wissen‹, war die einfachste Antwort, die sie geben konnten. Folglich wurden die Gedanken an das Erröten so schreckerregend, wie sie neugierig machten. Wir imitierten sie oft und wußten dabei selbst nicht, ob es Verehrung oder Feindseligkeit war. Wir verulkten sie, dennoch beneideten wir sie, und wir äfften alle ihre Handlungen nach, die uns übertrie- ben oder falsch erschienen. Wir malten unsere Ge- sichter wie Erwachsene an oder probierten Erwach- senenkleidung – wir kicherten, während wir das Er- röten nachahmten. Wir posierten und versuchten, uns entweder dakkaisch oder reethisch aufzuführen. Wir machten aus jeder Entscheidung große Spiele. Dar- dis tanzte umher, lachte, zeigte mit dem Finger her- um und sagte: ›Heute ist Jobe Geburt-Mutter; Olin, du bist Vater. Du bist wie Dakka, Kaspe, und ich bin wie Reethe.‹ Und dann brachen wir alle in Gelächter aus, denn alle wußten, daß Dardis zu Dakka wollte; sie sprach immer davon. Es war schon anstößig, ih- ren Anspruch auf Reethe zu hören. Und wenn der, Spaß vorbei war, sagte sie: ›In Ordnung, ich glaube, ich werde doch besser dakkaisch.‹ Damit endete das Spiel meist, bevor es überhaupt begonnen hatte. Denn die besten Rollen waren von den älteren und überlegenen Kindern besetzt. Da ich eine Ungerech- tigkeit darin spürte, das sein zu müssen, was andere bestimmten, und nicht wie sie meine Rolle selbst wählen zu können, beklagte ich mich. Es war un- gerecht, daß ich das Baby spielen sollte, obwohl ich nicht einmal die Jüngste beim Spiel war; also be- klagte ich mich. Das konnte ich gut – und ich be- stand darauf, zumindest das eine oder andere Mal auch wie die andern Dakkaiker zu sein. Wie immer (und hätten sie es abgelehnt, wollte ich reethisch sein; ich wollte nicht Dakka und nicht Reethe, son- dern Anerkennung). Bis auf das eine Mal, als die wohlmeinende Kirstegaarde sie aufforderte, mich Dakka spielen zu lassen, funktionierte das Spiel ein- fach nicht. Ich war wegen meines Sieges zu eingebil- det, die anderen waren zu ablehnend. Daher wurde ich oft von den Spielen ausgeschlossen. Und das wiederum war der Grund, daß ich immer wieder Puppen bekam – dadurch war ich zumindest glück- lich, wenn ich allein spielte. Meine Puppen konnten mir wenigstens keine Widerworte geben. Sie mußten immer meiner Führung folgen, ich brauchte über ih- re Rollen kaum nachzudenken. Das ist wahrschein- lich der Grund dafür, daß die meisten anderen um, mich herum weit besser sozial integriert waren. Und sie waren sich auch weit besser der herannahenden WAHL und der mit ihr verbundenen Rollen bewußt. Nachdem Dardis gestorben und ins Meer zurück- gekehrt war – sie hörte an einem Dunkeltag den Huuru-Ruf, und bei der nächsten Dämmerung war sie tot –, begannen Kaspe und Olin ernsthaft über das Erröten zu sprechen. Ihnen fehlte Dardis’ Anlei- tung beim Spiel und ihr Einfluß auf die WAHL, daher schienen sie sich unwohl zu fühlen, nicht zuletzt we- gen des Verlustes an Motivierung. Doch als der Schock schwand und einer Benommenheit Platz machte und das Gefühl unabweisbar stark zurück- kehrte, begannen sie ihre WAHLEN selbst zu erwä- gen. Als sie das taten, wurde mir klar, daß der Au- genblick, den ich immer für weit entfernt und für sehr vage gehalten hatte, in absehbarer Zeit drohend auf mich zukam. Potto und Porro waren schon nach Option gefah- ren. Großvater schmiedete Pläne, uns drei ebenfalls dorthin zu schicken; so sicher war sie, daß Option der geeignete Weg sei, uns ein Leben inneren Glücks und Friedens zu sichern. Doch dann verliebte sich Kaspe ganz überraschend in Toko von den äußeren Inseln. Plötzlich zog sie mit ihr und drei anderen fort, um einen völlig neuen Kreis zu gründen. Das Überraschende war, daß sie sich für Reethe ent- schied – oder vielleicht war es gar nicht so überra-, schend. Toko war schon dakkaisch. Sie liebten sich sehr, und Kaspe wußte, daß sie beide andere Frauen in den Kreis hineinheiraten mußten und nicht so häu- fig Gelegenheit hätten, einander zu lieben, wenn sie sich für Dakka entschied. Also wählte sie Reethe; so konnte sie ihre Toko nachts nahe bei sich halten, ihre Kinder gebären und die ganze Zeit ihre Geliebte sein – obwohl ihre Seele uns allen hauptsächlich dak- kaisch erschien. Aber so ist die Liebe; Reethe und Dakka leben in uns allen, und jede von ihnen kann sich selbst in der Liebe ausdrücken; und oft schlagen sie die entgegengesetzte Richtung ein. Man sagt, eine Person sei nicht vollständig, ehe sie nicht beides ge- wesen ist und ehe sie nicht beide in ihrem Innern ak- zeptiert hat. Ich glaube, so war es mit Kaspe der Fall. Toko liebte sie wegen dieser Entscheidung um so mehr; sie hatten ein sehr inniges Verhältnis, denn jede verstand die andere. Olin, die Kaspe sehr nahegestanden hatte, be- schloß wegen dieser Entwicklung, nicht nach Option zu gehen. Sie und Kaspe hatten geplant, Dakka zu wählen und dann einen eigenen Kreis zu gründen. Nun schien es Olin, Kaspe habe eine selbstsüchtige WAHL getroffen und Olin dabei nicht berücksichtigt. Olin fühlte, daß sie nicht in den neuen Kreis Kaspes paßte und machte sich auf die Suche nach einem ei- genen Kreis. Und ich, ich war noch immer mit mei- nen Puppen glücklich. Vielleicht hatte ich vor dem, Erröten Angst; eine so große Angst, daß ich mir vormachte, es existiere gar nicht und verberge sich im Schleier des Morgen. Je näher ich dieser Zeit kam, desto mehr zog ich mich in die Welt meiner Puppenfreundinnen zurück. So, als würde ich versu- chen, die Sicherheit des Säuglingsdaseins wiederzu- gewinnen. Ich bin sicher, daß die Familie sich Sor- gen darüber machte, aber keiner von ihnen sprach mit mir darüber. Sie müssen gehofft haben, daß zur gegebenen Zeit, wenn alle Körpersäfte richtig in Fluß kamen, die Biologie und nicht die Psychologie sich dieser Ange- legenheit annehmen würde. Sola war es, die das entstehende Verhaltensmuster sanft zerbrach: Sie war klug genug, die Wände, die ich aufrichtete, zu erkennen; und sie war klug genug zu wissen, wie man einige Türen und Fenster in sie hineinbaute. Sola besuchte unsere Insel, sooft sie konnte – unser Heim war einer der wenigen Orte, an denen sie sich willkommen fühlte. Sie bemühte sich dennoch immer, nicht zu oft zu kommen. Sie wußte um das Unbehagen, daß ihre Anwesenheit einigen Mitgliedern des Kreises bereitete, und sie wollte die Beziehung nicht überstrapazieren. Obwohl Großva- ter Suko und Großmutter Thoma sehr laut und sehr deutlich gesagt hatten, daß Sola immer an unserem Tisch willkommen war, solange sie beide lebten; daß Sola auf unserer Insel willkommen war, wenn die, Familie noch lebte und das Andenken der Großeltern in Ehren hielt; und daß die Verpflichtung, diese Wor- te als heilige Wahrheiten zu ehren, bestand, solange jemand von denen lebte, die sie mit eigenen Ohren gehört hatten. Das war alles ziemlich verpflichtend, selbst in einer so unorthodoxen Familie wie der un- seren. In unseren Gedanken waren wir radikal, in unserer Lebensweise altmodisch. Diejenigen, die laut gemurrt hatten, ließen ihr Murren zu leisem Gemur- mel ersterben oder zu einem gelegentlichen Blick der Abneigung werden, aber dieses Thema wurde nie wieder diskutiert – vor allem niemals in Gegenwart der Großeltern. Großvater Kuvig war weitaus bün- diger gewesen. Sie sagte, wenn irgendeine in unse- rem Kreis Sola nicht mochte, könne sie nach draußen heiraten. Und das war es: Es erfüllte mich mit Stolz zu sehen, wie fest unsere Familienbande sein konn- ten. Ich liebte Tante Sola übrigens sehr. Ich glaube, sie war meine Lieblingstante. Sie er- zählte mir häufig Geschichten von Meereskobolden, fliegenden Drachen, wild tobenden Stürmen und Burgen weit draußen im Gebirge. Es tauchten immer zwei tapfere Freunde auf, die sich auf die Suche nach diesen Geheimnissen machten. Manchmal mußten sie kämpfen, manchmal benutzten sie ihre geistigen Fä- higkeiten, aber in allen Auseinandersetzungen, die sie Seite an Seite ausfochten, entdeckten sie, wie sehr sie einander liebten; meistens wie Freunde, aber, manchmal wie Geliebte. Im letzteren Fall wählten sie Reethe und Dakka und lebten glücklich auf goldenen Atollen im Himmel. Das waren meine Lieblingsge- schichten. Ich wollte auch immer eine solche Freun- din haben, nur eine, die meine Träume mit mir teilte. Und dann würden wir unsere WAHLEN treffen und danach Liebende sein, jedesmal wenn Sola kam, bat ich sie, Geschichten zu erzählen. Sie erzählte sie oft mit meinen Puppen als han- delnden Personen und zog sie entsprechend an; eine Art Stegreif-Puppenspiel, ein persönliches Spiel nur für uns beide. Sie machte das sehr reizend. Ihre Art war so freundlich, daß sie die einzige Erwachsene war, der ich erlaubte, Gahoostawik zu halten. Sie tat so, als spreche sie mit jeder Puppe; ernsthaft und re- spektvoll, nicht in der belehrenden Art anderer Er- wachsener, sondern so, als erkenne sie das Leben, daß in jeder Puppe steckte. Vermutlich wußte sie, daß ich ihnen Leben gegeben hatte; sich darüber lus- tig zu machen hätte bedeutet, sich über mich lustig zu machen. Sola war die einzige, die meine Puppen als Freunde betrachtete und sie auch so behandelte. Darum teilten wir so viel miteinander; wir hatten gemeinsam Anteil an den Geheimnissen meiner Pup- pen; sie fragte jede von ihnen, ob sie heute irgend- welche Geschichten zu erzählen hätte. Ich kicherte und sagte: ›Natürlich nicht – ohne mich gehen sie nirgendwo hin.‹ Und Sola sah mich ernsthaft an und, fragte: ›Woher weißt du, was sie nachts tun, wenn du eingeschlafen bist?‹ Ich dachte eine Weile darüber nach und konnte keine Antworten finden – ich sprach danach nie mehr davon. Wer wußte, wohin sie wirk- lich gingen? Sola wußte es, sie fragte sie. Sie erzähl- te mir nie etwas, aber sie teilte einiges von dem mit, was sie sagten. Jede Puppe flüsterte ihr ins Ohr; manchmal erzählten sie, ob ich mich gut oder auch schlecht benommen hatte. Der Gedanke, daß meine Puppen mich bespitzelten, machte mir angst. Aber Sola versicherte mir, daß sie sehr liebevoll von mir sprachen. Und wenn sie sagten, ich hätte mich schlecht benommen, fügten sie nachdrücklich hinzu, daß ich mich nicht sehr schlecht benommen hatte. Aber schließlich blickte sie mich an und sagte: ›Weißt du überhaupt, was diese Puppen alles erlebt haben? Solche Abenteuer!‹ Und dann erzählte mir Sola, wie Gahoostawik in der Nacht vorher nach draußen gegangen war, um auf dem Stachelfisch- König zu reiten, und ich lachte und sagte: ›O nein – Gahoostawik ist ein Feigling, genau wie ich. So et- was würde sie nicht tun.‹ ›Aber sie hat es mir erzählt …‹ ›Ach, sie flunkert schrecklich viel …‹ Und Sola schaute Gahoostawik zornig an und sag- te: ›Schäm dich wegen deiner Flunkerei, kleiner Holzkopf!‹ Und dann hörte sie allen anderen Puppen zu, um eine zu finden, die nicht schwindelte. Sie er-, zählte mir, wie Arlie die Burg der Stürme besucht hatte; oder wie Wallan die Höhlen in den Ewigen Bergen erforscht hatte; oder wie Tstanawan und Dhola die Schätze gesucht hatten, die in den seichten Meeren des Hetsko-Kraters verschwunden waren; wie sie die Aalschlangen getroffen hatten, die die Schätze bewachten, und wie sie die Königin der Aale überlistet und dadurch von ihr eine Schachtel mit scharlachroten Perlen erhalten hatten. Aber sie hat- ten sie verloren, als sie auf dem Rückweg das Land der Träume durchquerten; man kann Gegenstände ins Land der Träume mit hineinnehmen, aber man kann sie nicht wieder mit hinausnehmen. So gingen die märchenhaften Scharlachperlen für immer verlo- ren – außer in den Träumen. An diesem Tag, als wir über die Späße Dholas lachten und über längst vergangene Reichtümer weinten, wandte sich unsere Unterhaltung ernsthaf- teren Dingen zu. Ich weiß nicht mehr wieso, aber ich befragte Sola nach der WAHL. Vielleicht geschah es deshalb, weil ich sie meines Erachtens am ehesten fragen konnte – wegen ihres besonderen Anders- seins. Sie geriet in arge Verlegenheit. In meiner Un- schuld (und Dummheit) hatte ich sie genau das ge- fragt, was ich nicht hätte fragen sollen. Nicht, daß sie etwas dagegen hatte, sie hatte sich längst an ihre Benachteiligung gewöhnt; aber sie wußte, daß es, dem Rest der Familie peinlich war, daß sie eine Ab- weichende war. Sola war ›ohne Wahl‹. Sie hatte nie ein Erröten gekannt, und obwohl ihre Seele ihre an- gemessene Gestalt gefunden hatte, ihr Körper hatte es nie. Einige Mitglieder der Familie glaubten, es handelte sich um einen Fluch, der wegen einer unbe- kannten Sünde auf Sola lastete. Sie machten ihr Vorwürfe und drängten sie ohne Unterlaß, die Ursa- che ihrer Schande einzugestehen. Sie hielt ihre Quälgeister für dumm und unwissend. Sie hatte sich selbst schon gründlicher erforscht, als es die anderen tun könnten; glaubten sie etwa, Sola wäre so dumm, nicht schon alle Möglichkeiten ausgelotet zu haben? Sie mußte einem leeren Pfad folgen – und das teilte sie ihnen ohne Bedauern oder Ärger mit. akzeptiert mich wie ich bim, sagte sie. Ihre Abweichung hatte natürlich Ursachen; die Gene der WAHL waren empfindlich, und sie hatte infektiöses Fieber gehabt. Schließlich hatte man einen Zustand gegenseitiger Duldung erreicht: diejenigen, die sie liebten, liebten sie um ihrer selbst willen; und die, die sie nicht lie- ben wollten, nahmen jede Gelegenheit wahr, Recht- fertigungsgründe für ihre Abneigung zu finden. Zum Glück dachten in unserem Kreis nicht viele so. Aber die wenigen, die sie nicht akzeptieren konnten, mach- ten alle Anstrengungen, so zu tun, als gebe es sie gar nicht. Sola ihrerseits verhielt sich ihnen gegenüber, wenn auch mit Bedauern, ebenso gleichgültig. Sie, waren jedenfalls unwissend, selbst ich wußte das. So- la bewegte sich immer wie in einem Zauber, ihre Abweichung machte aus ihr etwas Besonderes. Sie bewegte sich zwischen den Welten und sah Dinge, die der Rest von uns nicht wahrnahm. Und wenn wir uns gut benahmen und ganz genau hinhörten, teilte sie uns manchmal diese Dinge mit. Und deshalb war sie etwas Besonderes. Aber es machte sie verlegen, über die WAHL zu sprechen, weil sie nie eine gehabt hatte. Sehr ruhig fragte sie: ›Was willst du wissen?‹ ›Tut es weh, wenn man wählt?‹ Sola schüttelte den Kopf: ›Nein, nicht zu wählen ist viel schmerzlicher.‹ ›Wie hättest du gewählt, wenn du die Möglichkeit gehabt hättest?‹ ›Ich weiß nicht‹, sagte sie. ›Manchmal glaubte ich, ich wollte dakkaisch sein. Es gab jemanden, den ich sehr liebte. Sie war reethisch. Sie war auch älter als ich; ich betete sie an und wollte sie heiraten.‹ Sie seufzte. ›Aber manchmal wollte ich reethisch sein; so hätte ich wie sie sein und selbst Babys zur Welt brin- gen können.‹ Traurig zuckte sie die Achseln. ›Aber ich errötete nie, also wählte ich nie …‹ Und dann blickte sie mich an: ›Wie wirst du wählen, kleiner Fratz?‹ ›Ich weiß nicht‹, sagte ich. ›Als ich kleiner war, wollten Yuki, Olin, Dardis und ich alle dakkaisch werden. Aber Onkel Marro (an dieser Stelle wurde, Solas Gesichtsausdruck bitter) zog fort und nahm Yuki mit sich. Olin blieb, und als Kaspe hinzukam, wurden sie, Olin und Dardis die besten Freunde. Und dann ging Dardis zurück ins Meer, und ohne sie funktionierte der Kreis nicht mehr; Olin und ich hat- ten immer Streit, und es gab niemanden mehr, mit dem ich spielen konnte …‹ Ich glaube, ich fing ein wenig an zu weinen, als mir klar wurde, wie einsam ich war; sie nahm mich jedenfalls auf den Schoß. ›Ich habe niemanden mehr, mit dem ich spielen kann, Tante Sola – außer dir.‹ Ich fügte hinzu: ›Ich habe dich lieb‹, und ihr Lächeln hätte den Ozean wie ein Mondstern erleuchten können. ›Aber ich kann nicht immer hier sein‹, sagte sie. ›Deshalb hast du Gahoostawik und Dhola und Arlie und all die anderen Puppen …‹ ›Das ist nicht dasselbe, und das weißt du auch.‹ Sola nickte. ›Ja, ich weiß es, kleine Maus. Ich ver- stehe etwas von der Einsamkeit. Es gibt einiges, das sie mildert, aber nichts, das sie völlig verschwinden läßt. Deshalb wirst du nach Option gehen – du wirst viele neue Freunde finden. Du wirst deine WAHL treffen und deine ersten Geliebten treffen, und viel- leicht wirst du einen eigenen Kreis finden. Du wirst Freude haben, du wirst dort ein neues Glück finden. Du wirst zu beschäftigt sein, um dich einsam zu füh- len.‹ Ich war nicht sicher, ob ich ihr glauben sollte,, aber sie erzählte es sehr schön. Ich hätte ihr sogar geglaubt, wenn sie mir gesagt hätte, daß die Mond- sterne aus Seide und Zucker bestünden, aber das … ›Bist du schon einmal dort gewesen?‹ ›Als ich in deinem Alter war, gab es Option noch nicht. Aber es wäre sicher ein schöner Platz für die WAHL gewesen. Wie du weißt, haben Kuvig und Su- ko nur dein Bestes im Sinn.‹ Sie sah, daß ich immer noch skeptisch war und fügte hinzu: ›Hör zu. Kleine, deine Puppen sind manchmal bessere Freunde als du dir vorstellst. Hör ihnen so eifrig zu wie mir – sie werden dir Geschichten erzählen, die sie selbst mir nicht erzählen. Frage sie nach Einsamkeit und der WAHL und warte ab, was geschieht. Sie werden dir Dinge über dich selbst erzählen, die du nicht für möglich gehalten hättest. Wirklich.‹ Ich erinnere mich sehr genau daran, wie sie mir das erzählte; damals schien es sehr komisch; und später, zurückblickend, erschien es völlig unsinnig. Ich fragte mich, ob sie mich nur trösten wollte. Aber es gab bald darauf Zeiten, in denen ich mich so ein- sam fühlte, daß ich alles versucht hätte, den Schmerz zu lindern; und da verstand ich Solas Worte und be- gann zu verstehen, was sie gemeint hatte. Auf ihre Art hatte sie wieder recht gehabt – sie sprachen tat- sächlich zu mir. Nicht laut und nicht mit Worten, aber so, daß nur ich es sehen und hören konnte. Ich mußte nur – gewissermaßen von außerhalb von mir –, beobachten, wie ich mit ihnen spielte. Gahoostawik war oft ich selbst; und wenn sie Sachen machte, die dumm waren, dann war in Wirklichkeit ich die Dumme. Wenn ich sie ansah, konnte sie diese dum- men Sachen stoppen, bevor sie sie tat. Und vielleicht konnte ich mich sogar selbst einige Male stoppen. Ich ließ die Puppen alle meine Ängste und Phanta- sien ausspielen – das bewegte mich, erschreckte mich und stimulierte mich fast immer. Keine meiner Puppen hatte bisher gewählt – zumindest nicht in meiner Vorstellung. Vielleicht war für sie schon die Zeit gekommen, ihre WAHL zu treffen. Ich sagte ih- nen das; und ich beobachtete, wie sie sich entschie- den. Gahoostawik, die kleine Lügnerin, beschloß, männlich zu werden; ebenso Arlie und Wallan. Bar- gle, T’stanawan und Dhola gingen zu Reethe. Ich kleidete alle entsprechend ihrer Entscheidung. Rhin- ga beklagte sich darüber, daß sie keine WAHL hatte: sie wollte nicht so verschieden von den anderen sein. Ich erklärte ihr, daß sie, wie Sola, etwas Besonderes sei, aber es belastete sie immer noch. Innerlich muß es mich ebenfalls belastet haben. Alle meine Puppen spiegelten verschiedene Aspekte meiner selbst wider. Zwar liebte ich Tante Sola; aber als Rhinga sagte, sie wolle nicht wie sie sein, sprach in Wirklichkeit nur meine eigene Angst aus ihren Worten. Ich bekleidete Bargle, T’stanawan und Dhola mit, Kilts, Umhängen und Kleidern, Stirnbändern und Kopftüchern und mit einem Oberteil um die Brüste. Ich band das Haar hoch, weil sie reethisch geworden waren. Die anderen Puppen, die Dakkaiker, beklei- dete ich mit Lendengurten, um ihre knospenden Or- gane zu halten, mit Schaftstiefeln und Armbändern. Ich malte wie für einen Festtag Streifen über ihre Brüste und Gesichter und behängte sie mit Ringen und Halstüchern, um sie so hübsch zu machen, wie ich es eben konnte. Vielleicht, so glaubte ich – ich glaube es jetzt noch –, hatten sie sich deshalb für Dakka entschieden. Sie liebten es, geschmückt wie ein Pfau zu sein. Nicht etwa, daß die Reethischen nicht für sich und vor ihren Bekannten protzten und posierten – aber die Dakkaiker tun immer zuviel des Guten. Sie waren alle stolz auf ihre neue WAHL. Außer Gahoostawik, natürlich. Zuerst war sie stolz, doch dann änderte sie ihre Meinung. Es machte ihr Spaß, ausgefallen gekleidet zu sein. Jedesmal, wenn ein neues Kleidungsstück fertig wurde, wollte auch sie es tragen, um zu sehen, wie es ihr stand – ganz gleich, wem es gehörte. Das schloß auch die reethischen Kleider ein. Als ob der kleine Dummkopf nicht genau wußte, was sie wollte. Wenn Bargle einen roten Kilt trug, wollte Gahoostawik auch einen haben – bis Wallan einen blauen Lendengurt und blaue Bänder trug; dann wollte sie Blau. Wenn ich Tstanawan, reethisch kleidete, dann bestand sie darauf, auch reethisch zu sein. Ich hoffte, daß sie zumindest für kurze Zeit dabei bleiben würde. Aber wie ein Gum- miball in einem rollenden Paß hüpfte sie in ihren Wünschen hin und her. Schon bald fingen alle an zu klagen. Sie wollten alle die Möglichkeit haben, ebenfalls ihre Meinung zu ändern, und so wählten sie alle neu. Diesmal ent- schieden sie genau umgekehrt wie vorher, nur Rhin- ga blieb wieder ohne Wahl. Es bereitete mir ein merkwürdiges Gefühl, alle ihre Kleider zu vertau- schen. Ich hatte bereits ihre Haare gebunden und die Gesichter bemalt, ihr Aussehen entsprach ihren ge- wählten Rollen. Aber jetzt hatten sie alle das Gegen- teil gewählt. Und das hieß, daß die Haare wieder losgebunden wurden, alle mußten sauber gemacht, neu gebunden, neu bemalt und neu gekleidet werden. Der Nachmittag war langwierig, aber auch voll von Entdeckungen. Ich sah, wie sie alle in meinen Augen neue Charakterzüge annahmen. Ich sah alle meine Puppen ohne Wahl, und ich sah jede sowohl wie Reethe als auch wie Dakka. Ich sah, wie unter ihrer Rolle die Persönlichkeit einer jeden die gleiche blieb. Und doch: Gleichzeitig veränderte sich jede, wenn sie die oberflächlichen Eigenschaften der entspre- chenden WAHL annahm. Ich war von diesem Wun- der gefangen, befand mich in einem tiefen Meer von Gedanken. Ich entdeckte selbständig etwas über die, Natur der WAHL … Vorher glaubte ich, daß die WAHL mich in jemand anderen verwandeln würde – das würde sie natürlich auch. Sie würde mich älter, reifer machen –, zu einer Erwachsenen. Aber als ich sah, daß die Seelen meiner Puppen unter ihrer Rolle unverändert blieben, wurde mir bewußt, daß ich in- nerlich genauso unverändert bleiben würde. Und doch – wenn sie ihre WAHL annahmen, wurden sie dadurch auf wunderbare Weise größer. Ebenso wür- de ich wachsen, wenn auch ich entdeckte, was und wer aus mir werden sollte. Deshalb bereitete es mir ein komisches Gefühl, sie wieder zu vertauschen. Die Umkehrung der WAHL ließ sie nicht wieder in dem Maße wachsen, wie sie sie herabminderte. Es ent- wertete ihre WAHL, machte sie bedeutungslos, machte sie zu etwas Beiläufigem. Wie ein Kleid oder ein Hut, die man beliebig ablegen konnte. Und an meinen eigenen Puppen hatte ich gesehen, daß die WAHL mehr als das war: eine Ausweitung der Seele. Das Aussehen konnte geändert werden, nicht aber die umfassende Größe der WAHL. Ich sah alle meine Puppen wieder an, und ich sah sie alle als Auser- wählte. Ihre Persönlichkeiten hatten die Eigenschaf- ten Reethes oder Dakkas angenommen, für jede war es eine Entwicklung auf Dauer. Sie konnten sich den Schablonen der getroffenen WAHL nicht entziehen. Einige von ihnen waren völlig falsch gekleidet und mußten entsprechend ihrer ursprünglichen Rolle, umgezogen werden. Bei anderen stimmte es so, wie es war – aber all ihre WAHLEN waren nun endgül- tig. Zumindest für jetzt – und wahrscheinlich für im- mer. Aber Gahoostawik war immer noch unglücklich. Und da sie mir so nahestand und in meinem Leben eine so wichtige Rolle spielte, ließ ich sie wieder und wieder wählen. Ich hoffte, daß sie bei diesen häufi- gen WAHLEN schließlich entdecken würde, wer sie war. Aber alles, was geschah, war, daß sie sich selbst und auch mich durcheinanderbrachte. Wir wa- ren am Ende verwirrter als vorher. Weder sie noch ich hatten eine Vorstellung davon, welche WAHL für sie richtig war. Aber ihre Aufgabe war es, danach zu suchen; endlos erprobte sie mal die eine, mal die an- dere Rolle. Ich glaube, ich fühlte wie sie, und ich hoffte, daß ihre Entdeckung zu meiner eigenen führen würde. Aber statt dessen beschloß sie, daß es nur eins für sie gab: beides zu wählen und ihr Geschlecht zu wechseln, wann immer sie es wollte, um ihrer je- weiligen Stimmung gerecht zu werden. Ich versuchte ihr zu erklären, daß es so nicht ging. Wenn die WAHL einmal getroffen war, dann war sie es, und sie mußte damit leben. ›Also wähle so, wie es am besten schei- ne, sagte ich zu ihr. Deshalb muß die WAHL die Ent- deckung dessen sein, was deine Seele wirklich will. Aber sie hörte mir gar nicht zu und. bestand auf ih- rer eigenen Methode. Ich fand die Naivität dieses, kleinen Melonen-Kopfes bedauerlich, aber gleichzei- tig wünschte ich, genauso handeln zu können. Schließlich, da wir keine Wahl für sie treffen konn- ten, beschlossen wir, daß sie wieder Kinder-Kilts tragen und noch eine Weile ein Kind sein sollte. Zu- mindest jetzt. Später, kurz bevor ich nach Option ging, veran- staltete ich ein Abschiedstreffen. Ich baute ein Floß, belud es mit allen meinen Puppen und brachte sie zum Meer zurück. Es waren die Begleiter meiner Kindheit, und jetzt ließ ich meine Kindheit zurück. Wenn ich das nächste Mal nach Kossarlin zurück- kam, würde ich eine Erwachsene sein. Sie wurden alle vollständig gekleidet und auf das Wasserfahrzeug geladen. Ich schickte sie zu Mutter Reethe zurück und dankte ihr dafür, daß ich sie ken- nenlernen durfte. Ich sprach ein Gebet und bat Mut- ter Reethe, meine Puppen so pfleglich zu behandeln, wie ich es getan hatte. Der Abschied tat weh, ich wollte ihn nicht, aber es war an der Zeit: Wenn ein bestimmter Moment erreicht ist, akzeptiert man ihn. Dola, Wallan, Bargle, Arlie, T’stanawan – alle außer Gahoostawik. Sie wollte nicht gehen, sie war noch nicht bereit, sich weiterzuentwickeln. Und ich war einverstanden, weil auch ich noch nicht bereit war, mich von ihr, meiner ganz besonderen Puppe, zu verabschieden. Also beschlossen wir, daß sie auf meine Rückkehr warten sollte. Ich war nachgiebig, genug, sie zu schonen; vor allem für den Fall, daß ich als Erwachsene nicht sonderlich erfolgreich war – dann hätte ich immer noch wenigstens eine Puppe übrigbehalten.« Lono und Rurik (eins) Sie liebten sich, und sie wurden eine Legende. Soviel ist sicher. Der Rest mag Mythos bleiben. Vielleicht auch nicht. Die Tatsachen wurden von 20 Generatio- nen und den Geschichtenerzählern ausgeschmückt. Die Wahrheit wurde zum Mythos, und der Mythos wurde zur Wahrheit. Man erzählt, daß Lono und Rurik zur vierten Ge- neration gehörten. Das waren auf dem Heiligen Ka- lender, der mit der ersten Geburt auf dem neuen Pla- neten beginnt, weniger als hundert Jahre. Man er- zählt, daß Lonos Vorzeichen das der Losil-Pflanze war – ein dünnes Büschel von Grün im Winterregen, das aber in den blauen Sommerwinden trocken und steif wird. Lautlos wirft sie ihre Samen in diese Win- de. Der Name Lono bedeutet »Anmutiges Wachstum« – wie das einer Blume auf den Hügeln der Inseln. Rurik wurde Ruriki genannt, und ihr Name bedeu- tet »Der Rote König«. Man sagt, daß der Dakka- Fisch ihr Vorzeichen war: rot und schwarz, mit ei- nem silbernen Stachelkranz rund um den Kopf. Sie, schwimmt in dunklen, trüben Gewässern. Damals konnten längst nicht alle wählen. Lono und Rurik konnten es, aber viele waren schon bei der Geburt dem einen oder dem anderen Gott gewidmet; man nannte sie Nicht-Auserwählte. Das waren die, die ihre Vorfahren bis zum Anfang der Pilgerschaft zurückverfolgen konnten. In dieser Tatsache sahen sie eine angeborene Überlegenheit – so als ob die, die nur vom RETTER, der uns die WAHL gab, abstamm- ten, irgendwie künstlich und nicht völlig menschlich seien. Mit dem Wechsel der Generationen wurden immer weniger Nicht-Auserwählte geboren, aber die von ihnen geförderten Traditionen und ihr Einfluß wirkte noch lange Jahre nach ihnen weiter. Die gängige Meinung dieser Zeit, vor allem die der Nicht-Auserwählten, war, daß Geschlechtsteil und Geschlechtsrolle zusammengehören mußten. Wurde ein Kind als Nicht-Auserwählte geboren, mußte ihre Geschlechtsrolle vom Augenblick der Geburt an geformt werden; ein weibliches Kind mußte als Mutter erzogen werden, ein männliches mußte auf geringere körperliche Belastung hin erzo- gen werden, damit es später der Ehefrau dienen und sie behüten konnte. Wenn aber ein Kind der WAHL geboren wurde, stürzte das die Eltern, die ohne WAHL waren, in Verwirrung. Eine WAHL macht aus der Ausformung der Geschlechtsteile eine ei- genmächtige Entscheidung; und dadurch muß die, Formung der Geschlechtsrolle aufgeschoben werden, bis die Geschlechtsteile völlig ausgebildet sind. Das macht alle Kinder gleich. Denn niemand kann die Voraussage wagen, ob die eine Reethe oder die ande- re Dakka folgen wird; folglich müssen alle die Lekti- onen der Mutter und die Lektionen des Vaters lernen. Es müssen keine getrennten Rollen erlernt werden; es gibt nur die eine Rolle, die sich entweder reethisch oder dakkaisch ausdrücken kann. Das fördert das Verständnis, die Einfühlsamkeit und die Anteilnah- me unter den Auserwählten – aber in diesen frühen Tagen gab es auch Angst und Spannungen. Denn die, die den alten Traditionen anhingen, sahen sie bedroht und allmählich verfallen, sahen sie sterben, sahen die endgültige Zerstörung der Rollen der Geschlechter; denn wenn das Geschlechtsteil willkürlich wählbar war, war es auch die Geschlechtsrolle. Sie fürchteten die Schaffung einer neuen Ordnung, in der kein Platz für sie war. Vielleicht erscheinen uns diese Befürch- tungen altmodisch – wir wissen jetzt, daß die Ge- schlechtsrolle nicht immer der willkürlichen Ent- scheidung unterliegt. Oft bildet sie sich ziemlich früh beim Kind, und das Geschlechtsteil kann dem ange- paßt werden – oder auch nicht, falls die Person so empfindet, wenn sie die WAHL erreicht. Aber in diesen Tagen gab es nicht das gleiche Wissen wie heute – die WAHL hatte sich zu schnell und zu umfassend ausgeweitet. Die älteren Generati-, onen hatten keine angemessenen Vorstellungen, mit denen sie die Situation einschätzen konnten, mit der sie nun konfrontiert waren. Hier gab es junge Leute, die weder das eine noch das andere waren; aber das war alles noch unentwickelt. Die Jungen, die selbst nicht auserwählt waren, sa- hen, daß ihre Altersgenossen entweder ohne Anlei- tung blieben; oder aber sie wurden so angeleitet, daß sie in jeder der beiden WAHLEN ihre Rolle finden konnten. Diese Jungen fühlten selbst Unsicherheit und Mißgunst. Sie eiferten den Auserwählten nach und lehnten die Strukturen beider Rollen ab – da- durch wurden ihre geplagten Eltern noch mehr ver- unsichert. Und auch die, die die WAHL hatten, wur- den beunruhigt; viele fühlten sich unsicher, einsam, nicht dazugehörig – sie versuchten, den Nicht- Auserwählten nachzueifern und nahmen in ihrem Leben viel zu früh eine Rolle an; aus Angst nahmen sie das Recht, ihr Geschlecht selbst zu bestimmen, nicht wahr. Sie wählten in dieser Rolle eine be- stimmte Lebensweise oft Jahre vor dem Zeitpunkt, an dem ihre Körper sich dem anpassen konnten. Wenn die WAHL zu ihnen kam, vernachlässigten sie die Möglichkeit der Auswahl und folgten ihrer bishe- rigen Lebensweise, was wiederum weitere jahrelange Schwierigkeiten verursachte. Und obwohl diejenigen Nachteile in Kauf nehmen mußten, die versuchten, die WAHL als natürlichen Vorgang sich entwickeln, zu lassen, wurde dieses Verhalten ermutigt; häufig von denen, die einst selbst die WAHL hatten. Viel- leicht liegt es daran, daß eine Person, die einmal die WAHL ausgeschlagen hat, eine Bestätigung für ihre Entscheidung benötigt und ihre Freunde überzeugen muß, selbst ebenfalls die WAHL auszuschlagen. So war Ruriks Vater. Vielleicht war sie aber nicht auserwählt. Wie auch immer, die Gefühle von Ruriks Vater waren an ihren späteren Handlungen dem Kind gegenüber abzule- sen. Rurik war wohl ein Mensch – sie muß mit Si- cherheit ein solcher gewesen sein –, der sich seiner selbst und seiner wirklichen Ziele nicht so leicht si- cher war. Sie war ein ruhiges Kind; eines von der un- schuldigen Sorte, das weniger auf das Leben einwirkt als vielmehr das Leben auf sich einwirken läßt. Sie bewegt sich durch ihre Jugend wie durch einen Mär- chenwald, denkt nie daran, daß sie einmal ein Ende hat, kümmert sich nicht darum, wohin der Pfad führt – so sehr ist sie von all den Farben der Blumen über- wältigt. Sie gibt sich damit zufrieden, zu staunen und zu lernen. Sie drängt nicht darauf, eine größere Per- son zu werden, bevor sie nicht gelernt hat, so groß zu sein, wie sie heute ist. Im Gegensatz dazu war Ruriks Vater jemand, die etwas aufbaut – so wird wenigs- tens erzählt. Sie war jemand, die sich Sachen aus- denkt, die es nicht gibt und voll Ungeduld daran ar- beitet, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Der Man-, gel an Geschicklichkeit ihres Kinds hat sie vermut- lich erschreckt. Sie muß ungeduldig auf eine Ent- scheidung gewartet haben. Aber die WAHL wird innerlich getroffen, und sie findet gewöhnlich nicht eher statt, bis der Körper sowohl Reethes als auch Dakkas Erfahrungen ge- macht hat. Erst nach dem Erröten lernt eine Person wirklich, wie sie mit Wohlgefühl in sich selbst leben kann; denn das Erröten ist mehr als das reine Abwä- gen zweier Möglichkeiten. Es ist das Erleben einer Vielzahl von Leben und die Entdeckung des einen, das man selbst tatsächlich ist. Und darin lag die Spannung zwischen den Auser- wählten und den anderen begründet. Die, die ausge- wählt waren, konnten ihre WAHL nur dadurch voll- enden, daß sie sie lebten. Um männlich zu sein, muß man in der Beziehung zu einer Frau männlich sein. Um weiblich zu sein, muß man in der Beziehung zu einem Mann weiblich sein. Das Erröten tritt im drei- zehnten Lebensjahr ein – es kann auch noch bis zum fünfzehnten Lebensjahr beginnen; es kann mehrere Sommer lang andauern, oder es kann innerhalb einer Jahreszeit abgeschlossen sein; die Art der Erfahrun- gen beeinflußt die Tage des Errötens. Die Jungen sollten wissen, daß die heutige ge- schlechtliche Entwicklung nicht mit den Traditionen übereinstimmt, die vor der Zeit des RETTERS, der die WAHL brachte, überliefert wurden; aber mit dem, RETTER waren viele Veränderungen gekommen – und Traditionen sind wie Meerestiere auf einer dür- ren Ebene: Sie müssen sich anpassen oder sterben. Einige verschwanden, als wären sie aus Asche ge- macht. Andere kämpften mit der Zähigkeit von Dä- monen – besonders die, die mit Jugend und Reifung zu tun hatten. Jene, die die WAHL hatten, mußten lernen, aus der Geschlechtsrolle ihre WAHL zu treffen. Das war die richtige Methode. Jene, die keine WAHL hatten, betrachteten ihre Altersgenossen und empfanden, da sie anders waren, wiederum Mißgunst und Unsicher- heit – und in ihrer Mißgunst ahmten sie sie wieder nach; sie kopulierten mit den Auserwählten und wie die Auserwählten. Und das war für ihre Eltern er- schreckend – sie wollten nichts davon wissen, daß ihre Kinder geschlechtliche Wesen geworden waren; Personen, die sexuell angeregt werden und ebenso sinnlich ausstrahlen konnten. Das erschütterte das Ich-Gefühl der Eltern – vor allem, wenn die Kinder Wege des Forschens und Sichäußerns gingen, die mit denen der Eltern nicht zu vergleichen waren. Jeder Elternteil hofft, eine Miniaturversion seiner selbst aufzuziehen; aber eine, die großartiger und sorgloser leben kann. Das war bei vielen Eltern der Fall, die in den alten Traditionen lebten. So muß es auch mit Ruriks Vater der Fall gewesen sein. Sie konnte das, was sie sah, nicht ertragen: Rurik sollte, ihr Sohn werden, aber sie wurde immer weichlicher, als sie aufs Erröten zuging, und das muß Ruriks Va- ter als Zurückweisung ihrer eigenen Person gesehen haben. Sie konnte das nicht geschehen lassen, ihr ei- genes Leben verlangte nach Bestätigung. Dieser Augenblick wird in den Interpretationen der Schauspieler oder Tänzer, die diese Geschichte aufführen, auf überlieferte Weise dargestellt: Ob es nun zwei Sänger oder zwei große Chöre sind; fast immer wird der »Schmerzensmonolog« gesungen. In bezug auf Ruriks Vater singt der erste Chor: Arglist ist eine langsame Kraft, ein trauriger Schatten der Schmerzen. Es dreht sich der Druck, und du wirst gefangen zwischen Wasser und Felsen. Mutter-Ozean siebt den Sand und schäumt ihn hoch auf das Ufer. Vater-Gletscher gleitet mahlend über den brö- ckelnden Berg. Der zweite Chor antwortet: Aber der zähe Samen ist stärker. Von den Wellen, die gegen mich schmettern, werde ich zu neuen Ufern gespült. Versteckt im winzigen Spalt, ein verborgenes Staubkorn der Verheißung., Eines Tages werde ich diese Zeit überwinden. Eines Tages werde ich den Felsblock zerspren- gen. Die Wasser der Welt ernähren mich und jagen mir niemals Angst ein. Ich werde sein, was ich sein muß. Der erste Chor erwidert: Widerstehe der Brise, wage dich in den Sturm. Fließe mit mir, mein Kind. Der zweite Chor widerspricht: Ich fließe mit anderer Strömung, ich fühl’ einen anderen Wind. Lös meine Segel und laß mich gleiten über Meere, die golden sind. Und dann beide Chöre gemeinsam: Die Ströme aus Ost und West, jetzt vereint, wir- beln wütend umher. Sie drehen sich wieder und wieder im Kreis, ein Strudel von Zweifeln schwer. Nichts fließt und nichts wächst, und gar nichts, bewegt sich mehr. ** Man wußte damals, daß die Kinder, die Auserwählte waren, empfindungsfähiger als die Kinder ohne WAHL waren. Vielleicht war es aber auch die Wi- derspiegelung der Tatsache, daß sie in den Verhal- tensweisen beider Geschlechter erfahren waren – sie besaßen auf keines von beiden einen Anspruch, son- dern nur die Wahlmöglichkeit zwischen ihnen. Lono und Rurik müssen so empfindungsfähig ge- wesen sein. Viele Erzähler betonen, daß sie die ein- zigen Auserwählten ihres Alters auf der Insel waren; wenn das stimmt, müssen sie ein sehr intensives Ge- fühl der Isolation empfunden haben. Sie konnten sich nur damit helfen, gegenseitig besondere Feinfühlig- keit zu entwickeln. Heute sind solche Gefühle zwi- schen Auserwählten das Normale. Aber damals war das Wissen über die Strukturen des Lebens sehr ge- ring, auch bei den Auserwählten selbst. Deshalb mußte es den Mitbewohnern »ungewöhnlich« vor- * Wie in den meisten Opernaufführungen der Satlik wird der Reim nur gebraucht, um dramatische Wirkung zu erzielen. In diesem Fall vereinigen sich die beiden getrennten Melodien im letzten Chorgesang. Sie harmonisieren in einer unheilver- kündenden tiefen Stimmlage; einerseits betont das den drama- tischen Effekt des plötzlich auftretenden Reims, andererseits deutet es künftige Geschehnisse an., kommen, daß Lono und Rurik wie eine eigene Insel waren. Je näher sie einander kamen, desto mehr ent- fernten sie sich von den anderen. Und diese anderen, ihre Eltern eingeschlossen, müssen davon beunruhigt worden sein. Aber diese Abtrennung war nur ein Vorspiel. Denn ein junger Mensch, der im Begriff ist, sein ei- genes Leben zu bestimmen, muß sich von großen Geschehnissen fernhalten. Nur so kann sie erkennen, welche Elemente ihrer Umgebung ein Teil ihrer selbst sind und welche nicht. Für zwei junge Auser- wählte ist die wachsende gegenseitige Verbindung notwendig; dadurch finden die ersten erregenden Er- fahrungen der Sinnlichkeit die rechte Aufnahmebe- reitschaft, in der sie sich ausdrücken können. Diese Erfahrungen, diese Versuche, sind die ersten tasten- den Bewegungen in Richtung WAHL. Ob das nun eine Jahreszeit oder ein ganzes Jahr lang dauert: Je- der Schritt muß voll ausgekostet werden, bevor der nächste getan, bevor die Schwelle erreicht werden kann. Erfahrungen über die WAHL zu machen, hieß für Lono und Rurik, Erfahrungen über sich selbst zu sammeln. Und wie es für sie war, ist es auch für uns alle. Um über sich selbst Erfahrungen zu sammeln, mußten sie sich abseits von den anderen halten. Es fängt mit Neugierde an; zuerst in bezug auf die eigene Person, dann in bezug auf das Gegenüber. Was immer die Wahrheit dieser beiden Liebenden, war, es kann nur ein Teil des Abbilds der umfassen- deren Wahrheit gewesen sein, die sich auf jeden von uns bezieht, der liebt. Vielleicht waren ihre ersten Schritte vom Zufall gelenkt, nicht ohne Romantik, aber auch nicht von Erinnerungen an frühere Leiden- schaften beeinflußt. Das Wunder des Entdeckens findet ohne gesichertes Wissen statt. Es gab Vertrau- en. Und Unschuld. Und Anteilnahme. Vielleicht spielten sie mit dem Geschlecht und den Sinnen, oh- ne überhaupt zu wissen, was das war. Erst viel spä- ter, als die Liebenden allmählich die Herkunft ihrer Handlungen begriffen, wurde ihr Spiel Ausdruck ei- ner Romanze. Und doch, selbst in den frühesten Ge- bärden handelt es sich um Liebe – immer; eine reife- re Liebe, die ganz auf Vertrauen und Unschuld ge- gründet ist – so wie Geschlechtlichkeit auf Sinnlich- keit gegründet ist. Um Sinnlichkeit miteinander zu teilen, muß man vertrauen. Um Sinnlichkeit neu zu erfahren, muß man sie unschuldig kennenlernen. Lo- no könnte etwa gesagt haben: »Ich will dir etwas zei- gen, was sich schön anfühlt.« Und Rurik sagte viel- leicht kichernd: »Das kitzelt – ich zeige es dir« – und berührte sie dann auf die gleiche Weise. Ihre Entdeckungen waren voller Freude; nie wird diese Fabel anders erzählt, denn es ist die Fabel all unserer Entdeckungen, und wir wollen, daß sie erha- ben ist. Sie kicherten und lachten. Einige Ausdrucks- formen des Geschlechts sind zärtlich, andere spaßig,, wieder andere einfach unsinnig. Vielleicht sind die einfältigen die besten von allen, denn wenn zwei Liebende zusammen lachen, kommen sie in der ge- meinsamen Freude einander näher. Für die, die völlig neu und unerfahren diese Praktiken angehen, ist alles vergnüglicher Unsinn – und darin liegen das Wunder und das Vergnügen. Diese beiden Kinder waren in diesem Sommer soweit; sie erforschten die Neuigkeiten des ersten Er- rötens, und sie kannten untereinander kaum Scham. Und auch das hat sie wohl von den anderen auf ihrer Insel entfernt: Das instinktive Wissen, daß es sich um einen weiteren Aspekt ihres Andersseins handel- te, den die für Unwissen und vorschnelle Urteile empfänglichen Menschen nicht verstehen würden. Stellt sie euch jetzt vor: Wie sie Hand in Hand ü- ber die noch jungen Pfade der felsigen Klippen ge- hen; wie sie stehenbleiben, um die Meeresvögel bei ihrem Flug knapp über den Wellen zu beobachten; ihre braunen Arme berühren einander, lassen die Haut prickeln, und sie schauen sich in die Augen und lächeln sich an. Stellt sie euch vor: Wie sie auf dem buschigen Moosteppich des Hangs ausruhen; Lonos Kopf ruht in Ruriks Schoß, Ruriks zarte Hände strei- cheln Lonos Haar; ihr Finger zieht die Linien im Ge- sicht ihrer Freundin nach, und als sie sich den Lippen nähert, schließen diese sich plötzlich zusammen und küssen den Finger, der durch seine Berührung soviel, Sicherheit gibt. Unter scheu gesenkten Wimpern lä- cheln sie einander an. Stellt sie euch in Wind und Meer vor: Manchmal nackt in den Wellen und manchmal in einen Dunst- schleier eingehüllt; geschickt rennen sie zwischen den Felsen herum, bleiben stehen, lachen, fallen ein- ander in die Arme – für einen Kuß oder nur eine Umarmung, manchmal Freundinnen und manchmal Liebende. Als Ruriks Brüste beginnen anzuschwel- len, jucken die Brustwarzen, je größer sie werden; Lonos Finger erforschen sie mit sanfter Neugierde; sie ist gespannt, wann sie selbst erröten wird. »Sie kitzeln, Lono – sie sind so zart. Manchmal tun sie weh«, mag Rurik gesagt haben, und Lono hat wahr- scheinlich ihre Brustwarzen geküßt, die Lippen ganz zart über sie gerieben, um ihre Fürsorge zu zeigen – und Rurik, plötzlich von neuem Vergnügen über- rascht, hat vielleicht darauf bestanden, Lono zu zei- gen, warum das so war und sie dann ebenfalls ge- küßt. Sie müssen sich gefragt haben, warum sie so verschieden von den anderen Kindern auf der Insel waren. Gemeinsam müssen sie sich gegenseitig mit geradezu klinischem Interesse erforscht haben. So, als wollten sie die Antwort in den leeren Spalten fin- den, dort, wo so viele andere Junge Organe hatten – unreife zwar, aber nichtsdestoweniger Organe. Als Ruriks Kitzler erschien (oder kam Lonos zuerst?), müssen sie sein Wachstum nachdenklich und mit ei-, nem Gefühl von Unsicherheit beobachtet haben. Be- rührten sie ihn? Und wunderten sich über dieses Ge- fühl? Und entdeckten den Ursprung ihrer Erregung? »Manchmal tut es weh, aber manchmal kitzelt es.« »Und was passiert, wenn ich es so wie jetzt mit Öl einreibe?« »Das ist besser … das ist gut.« »Und wie ist es, wenn ich dich so küsse?« »Das ist … schön … Ich will dich auch küssen und dir zeigen …« So etwa müssen sie ihre wachsende Männlichkeit erforscht haben, ebenso ihre Weiblichkeit … »Schau, wie meine Lippen rosig werden, Rurik …« »Ich kann dich dort berühren …« Und scheu: »Steck deine Finger in mich hinein (ich habe es nachts selbst schon getan, aber es fühlt sich besser an, wenn du es machst).« Und schließlich muß es einen Augenblick gegeben haben, da: »Ich bin lang genug. Ich will in dich hineinkom- men.« »Ich will es auch.« Und später, vielleicht an einem anderen Tag … »Ich will empfinden, was du gefühlt hast – du sahst so glücklich aus. Diesmal kommst du in mich hinein.« »Ja, ich möchte es versuchen.« Und dann schließlich muß auch das geschehen sein:, »Du bist so süß, du bist so ganz anders. Weißt du, daß ich dich liebe?« »Ja, ich liebe dich auch.« »Werden wir jetzt Geliebte sein?« »Jetzt und für immer.« »Und sollen wir es jedem erzählen?« »Sie wissen es wahrscheinlich schon.« Ihre Seelen müssen sich miteinander vereinigt ha- ben, so wie ihre Körper sich vereinigt hatten. Sie paßten zusammen. Es gab keinen Zwischenraum zwischen ihnen. Die flachen Muskeln von Ruriks Bauch berührten die weicheren Muskeln Lonos, und sie bewegten sich gemeinsam. Ihre Schenkel berühr- ten sich. Ihre Arme waren verschlungen, ihre Wan- gen rieben aneinander. Die sanft anschwellende Knospe der einen preßte sich gegen die härtere der anderen, und in diesem Moment spielte es keine Rol- le, welche von beiden in der anderen eine warme Heimstatt fand – wenn alles neu ist, ist alles wie ein Wunder. Sie streichelten sich gegenseitig mit ihren Körpern und wuchsen in der Vollkommenheit ihres Errötens. Wo es vorher weder Geschlechtsteil noch Ge- schlecht gegeben hatte, entwickelte sich nun beides – Erröten ist nicht nur eine Zeit der WAHL, es ist auch eine Zeit des Lernens. Nur einen Augenblick vorher waren beide geschlechtslos und ungeformt gewesen. Nun waren sie plötzlich männlich und weiblich zu-, gleich, jede fühlte sich als Mann und als Frau, eine wilde, ungehemmte Freude, die mit den Gesichtern der Götter, Mutter Reethe und Vater Dakka, leuchte- te. Da das letzte Erröten noch weit in der Zukunft lag, hatte sich noch keines der beiden Gesichter in Lono und Rurik ausgeprägt. In diesem Augenblick glichen sie Schmetterlingen, die in ihrer Larve sicht- bar gewachsen waren und kurz vor der Entpuppung standen, vor dem Eintauchen in Farbe, Wind und Flug. Rurik und Lono – zuerst würde eine der männ- liche Teil zur Weiblichkeit der anderen sein, und dann, wenn die Rollen getauscht wurden, würde die erste die Frau für die Männlichkeit der anderen sein. Und wie sich die Geschlechtsteile selbst erforschten, lernte das Geschlecht seine Ausdrucksformen. Die eine übernahm bei bestimmten Gelegenheiten die Führung, ließ sich aber bei anderen selbst führen. Wenn Lono gern für Rurik tanzte, dann kochte Rurik gern für Lono – und ehe noch die Triade vorbei war, kochte vielleicht Lono, und Rurik tanzte; und wieder formten sie ihr Leben, während sie in es hineinwuch- sen. Jede lernte, was ihr selbst in jeder Rolle Freude machte; jede lernte genauso, was ihrer Geliebten Freude machte – jede verstand die zwei Seiten der Liebe weit besser als es jemand konnte, dem die WAHL nicht gegeben war. Jede wußte, wie es war, Dakka zu ähneln: die Notwendigkeit von Zärtlich- keit, die Geschicklichkeit und beherrschende Stel-, lung beim Liebesakt. Jede wußte, wie es war, Reethe zu ähneln: beiden Hilfe, Kraft und Anleitung zu ge- ben. Jede kannte beides; nicht nur als Liebende, son- dern auch als Person, die geliebt wird, weil sie ist, wie sie ist; nicht nur in bezug auf die Geschlechtstei- le, nicht nur in bezug auf die Geschlechtsrollen, son- dern mit ihren reinen Seelen, die in jeder von uns immer noch unberührt bleiben und nur in innigster Gemeinsamkeit offenbart werden können. So müssen Lono und Rurik erfahren haben, daß jede von uns sowohl Dakka als auch Reethe ist; manchmal mehr die eine, aber niemals ohne die an- dere, weder im Körper noch in der Seele. Keine der beiden Seiten kann vollständig ohne die andere aus- gedrückt werden: Eine Seele kann ohne ihre andere Hälfte nicht ganz sein. Was immer auch danach geschah: Die Natur der Bindung zwischen diesen beiden läßt ihre Geschichte in unseren Herzen widerhallen. Denn wir mögen es, in ihrer Liebe die Widerspiegelung unserer eigenen zu sehen. Daher haben wir einen Mythos aus ihnen gemacht. Wie traurig, daß Ruriks Vater so blind war und nicht erkannte, daß ihr eigenes verlorenes Errö- ten in ihrem Kind neu belebt wurde … In der frühen Morgendämmerung eines Sonntags kam Jobe auf Option an. Rosa ging im Osten der Mond unter, gelb im Westen; die Atmosphäre verur-, sachte manchmal diese Erscheinung. Hoch oben schimmerte silbern ein formloses Glühen. Dieser leuchtende Halbmond würde im Laufe des Tages schrumpfen, wenn sich Gottesherz dem Zenit näher- te. Wenn der Schirm am Himmel unsichtbar wurde, war es nur noch eine Stunde bis zur Verfinsterung. Jobe saß im Bug des Bootes. Vor ihr wuchs die graue Linie der Insel am Horizont. Option unter- schied sich nicht von tausend anderen Inseln; ein Flecken Vegetation an den Hängen zerklüfteter Klip- pen und Felsen. Grün und purpurn wuchs die Pflan- zenwelt; Moos, Efeu und Farne, Federbäume, die starr darüber emporragten, und überall gab es die metergroßen weißen Blüten der Seidenblumen und die kleineren roten Stacheln des Blutdorns. Wenn man die Augen zukniff, sah man einen Farbklecks aus Purpur, Rot und Weiß; das Grün verschwand darunter. Einige sagten, daß das Licht von Gottes- herz das Grün für das Auge in Schwarz verwandelte. Eine Reihe der purpurfarbenen Pflanzen – und es gab viele verschiedene von ihnen – wurden Chtorr-Pflan- zen genannt; sie benötigten kein Chlorophyll für ihre Photosynthese, sondern nur eines von zwei bestimm- ten Molekülen; das eine war weniger kompliziert aufgebaut, das andere war im Vergleich zum ersten von differenzierterer Struktur. Die Blumen wurden nach dem legendären Ort der kinderfressenden Dä- monen benannt, da sie angeblich von dort stammten., Aber es gab eine Menge von Legenden in den Mee- ren der Wildnis; alles war in einen Mythos gehüllt worden – oder vielleicht war alles schon selbst ein Mythos. Sola hatte einmal gesagt: »Ein Mythos ist die einzige Methode, uns die Wahrheit erkennen zu lassen.« Auf dem Boot waren außer Jobe keine anderen Reisenden, die nach Option wollten. Das Boot, mit dem sie eigentlich fahren sollte, war ohne sie abge- fahren. Sie hatte ihr Boot in Cameron verpaßt und ebenso die Fähre von Tarralon – das war Oris Schuld, oder Kirstegaardes. Sie machte beide dafür verantwortlich. Sie war schon eine Triade und zwei Tage länger unterwegs, als Suko es geplant hatte. Ursprünglich war geplant, daß Sola Jobe mitneh- men sollte, wenn sie nach Osten segelte. Sie sollte sie nach Cameron bringen; dort konnte Jobe das Se- gelschiff nach Norden nehmen. Die Aussicht, mit Sola segeln zu können, hatte Jobe in helle Aufregung versetzt. Denn Sola, das bedeutete Rätsel und Aben- teuer (außerdem hatte Jobe bisher den Lagin-Bereich noch niemals verlassen). Aber im letzten Moment hatte Kirstegaarde Einspruch erhoben: »Es ist falsch, ein Kind in Jobes empfindlichem Alter der Obhut ei- ner Abweichenden anzuvertrauen – Jobe ist in der Zeit des Errötens. Ich liebe Sola so sehr wie jede an- dere hier; aber um Jobes willen müssen wir einen anderen Reiseweg arrangieren. Ich meine, überlegt, doch einmal – sie wird zwei Triaden oder noch län- ger mit Sola zusammen sein, angewiesen auf die Winde, mit denen sie zu kämpfen haben. Und die ganze Zeit über nähert sich Jobe dem Beginn des Er- rötens. Ist es etwa richtig, daß gerade Sola in diesem Lebensabschnitt des Kindes den lebhaftesten Ein- druck auf sie macht? Ich will natürlich niemandem zu nahe treten; aber Jobe soll ihre Wahlmöglichkeit haben, ohne daß die Einflüsse einer geschlechtlichen Abweichung so stark auf sie wirken …« Und damit hatte der Streit begonnen. Jobe wußte, um welches Thema sich die ziemlich verbissen ge- führten Diskussionen drehten, die immer dann ab- gebrochen wurden, wenn sie in die Nähe kam. Sie selbst konnte keinen Nachteil darin erkennen, mit Sola zu segeln; Sola war ihre Lieblingstante. Aber Kirstegaarde wurde von einigen jüngeren und eini- gen neuen Mitgliedern des Kreises unterstützt: Mit- Frauen und Mit-Ehemänner, kürzlich Eingeheiratete, die Sola nicht kannten, nicht mit ihr verwandt waren, sich nicht um Solas eigene Art kümmerten und keine gefühlsmäßige Beziehung zu ihr hatten – aber sich der Tatsache schämten, daß Sola eine Abweichende war. Suko, Kuvig, Hojanna und einige andere, die sich an vergangene Tage erinnerten, beharrten auf ih- rer Ansicht. Sie sagten, daß es ihre Schwester belei- digen würde, wenn man sie auf diese Art zurücksto- ße, wenn man ihr sagte, sie sei nicht dazu geeignet,, für Kinder zu sorgen; aber die Zusammensetzung des Kreises war im Umbruch begriffen, das Übergewicht ging von der älteren zur jungen Generation über. Das geschieht in jeder Familie, ganz unausweichlich. Ein Eltern teil ernährt ein Kind, und sie wächst; die El- tern werden dabei immer schwächer, bis schließlich die Kinder die Eltern ernähren. Die Autorität Kossar- lins ging allmählich auf jene über, die sich der Blüte ihrer Reife näherten. Und wie noch jede junge Kraft waren sie rücksichtslos gegen die Traditionen und die Gefühle der Vergangenheit. Sola jedoch hatte ihre eigenen Vorstellungen, und sie mochte es nicht, im Mittelpunkt zu stehen. Sie war eine Person von besonnener Würde und voller Kraft, der es zur Gewohnheit geworden war, Prob- leme dadurch zu lösen, daß sie von ihnen fortsegelte – wahrscheinlich, weil sie noch nie für etwas oder für jemanden so starke Gefühle hatte, daß es ihr gerecht- fertigt schien, zu bleiben und für ihre Interessen zu kämpfen. Voll Zorn gab sie schließlich Jobe einen Abschiedskuß und wünschte ihr, daß sie ihre WAHL treffen möge; dann stach sie mit ihrem Katamaran in See, nur von ihrer Katze und ihrem Vogel begleitet. Ihr machte es nichts aus, irgendeinem der anderen Familienmitglieder Lebewohl zu sagen. Sie war so offensichtlich verletzt, daß Jobe sich fragte, ob sie ih- re Tante jemals wiedersehen würde. Sie erwartete nicht, daß sie jemals wieder nach Kossarlin zurück-, kehrte. Der Kreis war nicht mehr derselbe wie vor- her. Als Kuvig und Suko von Solas plötzlicher Abreise erfuhren, waren sie – und einige andere Mitglieder der Familie, welche die familiären Bindungen der Vergangenheit noch würdigten – überrascht und be- troffen. In den Tagen danach herrschte schmerzliches Schweigen. Die meisten Erwachsenen des Kreises schienen Wert darauf zu legen, mindestens der Hälfte der anderen aus dem Weg zu gehen. Das übertrug sich auch auf die Kinder und es gab mehr Zankereien als gewöhnlich. Auf jeden Fall führte der Vorfall zu der von Kir- stegaarde bevorzugten Entscheidung. Cousin Orl, ei- ne schwerfällige Dakkaiker, die Jobe kaum kannte und sie auch nicht kennenlernen wollte, nahm sie auf einem der häßlicheren Boote des Kreises mit nach Cameron. Orl war unfreundlich und kurz angebun- den; wenn sie überhaupt einmal sprach, war sie schroff und gefühllos. Sie gehörte zu den Neuen, die erst kürzlich in die Familie eingeheiratet hatten – Jo- be fragte sich, warum. Und noch verblüffender war, daß die anderen sie vorher akzeptiert hatten. Viel- leicht mußten sie es; sie war mit irgend jemand ver- wandt, doch Jobe war nicht sicher, mit wem. Aber auf der anderen Seite schienen einige der reethischen Eltern, Kirstegaarde eingeschlossen, Orl zu bevorzu- gen. Jobe war sich wegen der Verwandtschaft nicht, sicher, vieles davon beruhte auf Unausgesproche- nem, war irgendwie dunkel und rätselhaft. Aber sie vermutete eine Art von Vernarrtheit bei einigen der Tanten. Kirstegaarde zum Beispiel schien verändert, seit Orl eingetroffen war – fröhlicher und gezierter; sie lachte viel häufiger und war nicht mehr so barsch wie vorher. Eigentlich sollte allein wegen dieser Tat- sache Orls Ankunft begrüßenswert sein, aber Kirste- gaardes Blick war noch immer so verbittert wie je; wenn sie das durch Lachen verdeckte, machte dies nur das Lachen schärfer und unerfreulicher. So, als ob Kirstegaarde über einen Scherz lachte, der auf Kosten aller anderen gemacht wurde. Jobe hatte es lieber, wenn ihre Launenhaftigkeit weniger willkür- lich war. Wie auch immer; Jobe und einige der ande- ren älteren Geschwister, die noch nicht nach draußen geheiratet hatten, ärgerten sich darüber, daß die Ord- nung der Vergangenheit sich geändert hatte. Sie machten Orl und einige andere Neue für den Bruch verantwortlich. Anvar, die sie gemocht hatten, war weggegangen, als Orl kam. Orl also brachte Jobe nach Cameron; sie segelte, ohne Jobes Anschlußtermin an den Schnellsegler sonderliche Beachtung zu schenken – folglich ver- paßten sie das Schiff. Als sie ankamen, erfuhr Jobe, daß es schon seit zwei Tagen fort war – weil Orl kei- nen Treibstoff für den Motor verschwenden oder sich nicht damit anstrengen wollte, zwei zusätzliche Segel, aufzutakeln. »Mmpf«, sagte sie, als sie hörte, daß sie das Passagierschiff verpaßt hatten. »Eine vergeudete Reise. Nun ja, fahren wir zurück.« Sie war wie ein Spiegelbild Kirstegaardes; das war kein Wunder, denn sie blühte in ihrem Schatten. Auch sie war in bezug auf Option skeptisch. Jobe sagte: »Es müssen noch andere Boote da sein.« Orl duldete keinen Widerspruch: »Du bist zu jung, um allein zu bleiben.« »Dann bring du mich hin – es ist deine Schuld, daß wir uns verspätet haben.« »Ich habe nicht die Absicht, noch länger von mei- nen Netzen wegzubleiben. Wir fahren nach Hause und werden dort entscheiden, was zu tun ist.« Jobe haßte es, wenn Orl Kossarlin als ihr »Zuhau- se« bezeichnete. Es war Jobes Zuhause, in der Tat. Aber Orls? Niemals. »Laß uns funken«, sagte sie. »Zu teuer.« Die Familie hatte generell etwas dage- gen, nicht fest angemietete Dienstleistungen zu kau- fen – selbst in Notfällen. Fernpost und Telefon waren »Luxusgüter«, die nicht gemietet wurden. Außerdem sollte jedes Mitglied des Kossarlin-Kreises auf eige- nen Füßen stehen – das wurde für eine der Stärken der Bewohner Kossarlins gehalten. »Es ist deine Schuld«, klagte Jobe. »Du hast weder den Motor noch das Zusatzsegel benutzt.« Orl hob den Arm in drohender Geste, aber Jobe, schlüpfte aus ihrer Reichweite. »Wenn du mich je anrührst«, sagte sie, »wird Hojanna dich umbringen – falls Kuvig und Suko es nicht vor ihr tun.« Das war das Schlimmste, was sie jemals gesagt hatte, und sie bedauerte es im gleichen Moment. Es war ungerecht, eine Person auf diese Weise daran zu erinnern, daß sie neu in der Familie war. Aber sie brachte es nicht fertig, sich zu entschuldigen – nicht bei Orl. Sie packte ihren Beutel und begann, den Pier entlangzu- gehen. Orl folgte ihr mit einigem Abstand. Jobe ging zum örtlichen Dienstleistungsbüro und erhielt eine Schutz-Bescheinigung, ausgeschrieben auf den Kos- sarlin-Kreis in der Lagin. Das war so einfach, daß sie Verachtung für Orl empfand, weil sie diese Lösung nicht zuerst gefunden hatte. Orl zuckte nur die Ach- seln, ihr war es gleichgültig. Jetzt war sie von ihrer Verantwortung befreit und konnte ruhigen Gewis- sens nach Kossarlin zurückkehren. Sie ging ohne ein Wort der Ermahnung oder der Zuneigung, sondern grunzte nur: »Wähle nur nicht Reethe, im Bett wür- dest du eine Niete sein.« – Jobe wußte nicht, ob sie das als Scherz oder als Beleidigung auffassen sollte. Jobe nahm das erste Schiff nach Tarralon, welches das Dienstleistungsbüro ausfindig machen konnte. Es war ein Frachtsegler, langsam und schwerfällig; das Schiff gehörte den Seeleuten, und diese gehörten alle zu ein und derselben Familie. Die kleinen Kinder tollten zwanglos auf den Oberdecks, keines von ih-, nen war älter als vier oder fünf Jahre – die Spanne zwischen ihrem und Jobes Alter war groß genug, daß sie sie als einen weiteren Erwachsenen ansehen konnten – und damit stand es ihnen frei, sie zu igno- rieren. Sie war eine Durchreisende, kein Familien- mitglied. Jobe machte das nichts aus. Sie saß im Bug, beschäftigte sich mit ihrer Flöte und hielt sich von den anderen Kindern fern. Auf einem solchen Schiff schien es nicht viel Arbeit zu geben, aber die Familie schien dauernd beschäftigt; entweder mit Fischen oder Nähen oder Reparatur- oder Anstricharbeiten, wenn es nicht gerade an der Takelage, dem Ausguck oder den Segeln etwas zu tun gab. Es handelte sich nichtsdestoweniger um eine freundliche Gruppe. Bei den Mahlzeiten unterhielten sie Jobe mit Geschichten aus ihrem Leben; jede der Seeleute schien darauf bedacht zu sein, alle anderen im Geschichtenerzählen auszustechen. Den ganzen Abend spannen sie wilde Phantasien, voll von My- then und Fabeln. Jobe wußte nicht, was sie davon glauben konnte – sie erzählten ihr von den Orten, die sie gesehen hatten: der Verbotene Berg, Sturmloch, der Große Wasserfall des Nordens, die Hochland- wüste, das Tal von Lorisander, das keinen Schirm hat und doch, weit westlich von Lagin, eine Oase in der Wüste ist. Sie waren auf Inseln gewesen, die selbst keinen Schirm, aber trotzdem zwei Dunkelzeiten hat- ten, eine frühe und eine späte; denn sie lagen zwi-, schen zwei aneinandergrenzenden beschirmten Ge- bieten. Sie waren weit im Süden gewesen, hatten das Polareis gesehen, riesige Berge aus Polareis, die stumm und majestätisch durch kalte Meere trieben. Sie waren schon durch die weiten, unbeschirmten Untiefen des Nordens gesegelt und hatten den wei- ßen Wassern des fernen Ostens getrotzt. Sie hatten auf Berggipfeln gestanden, auf denen es keine Luft mehr gab, und waren durch die Ebenen von Avatar und Alabaster gegangen, den Zwillingssiedlungen von Lannits Tiefland. Einmal waren sie sogar einem Erdik begegnet! Es war groß und hatte harte Züge – häßlich! Sie hatten es nicht gemocht. Und sie spra- chen von den Personen, die sie an all diesen Orten gekannt hatten; von allen früheren Geliebten und auch von denen, die sie gern als Geliebte gehabt hät- ten, Schrullen-Dorry und Zucker-Hazel, Schlaukopf Pennelly und Lavar (die Närrin) und Purzelsohn. Dann erzählten sie, wie sie in diesen Kreis hineinge- heiratet hatten, als wäre es ihre Schicksalsbestim- mung – und da argwöhnte Jobe, daß dies nicht der Fall war; diese Leute waren zu flatterhaft, um für längere Zeit an einem Ort eingeschlossen zu sein. Und einige von ihnen erzählten sogar, wie sie zu ih- rer eigenen WAHL gekommen waren, ob dakkaisch oder reethisch. Viele Erzählungen waren den Mit- gliedern der Familie offenbar schon lange vertraut, aber es schien ihnen Freude zu machen, sie erneut zu, hören – als wäre es das Vergnügen eines neuen Pub- likums, das ihnen Spaß machte, und nicht das Erzäh- len selbst; und vielleicht war es wirklich so. Jobe war von der Farbigkeit ihrer Geschichten, den Verflech- tungen von Gefühlen und Abenteuern hingerissen. Ihr Gesicht drückte ihr Mitfühlen mit jedem Ereignis aus, sie lachte und kicherte, wenn Lavar ihren Kilt auf Fest verlor, sie weinte, wenn Pennelly zum Meer zurückkehrte, sie empfand Freude, als die kleine Lor geboren wurde, und das zeigte sich so deutlich in ih- ren Augen, als ob ein buntes Licht alle Schattierun- gen des Regenbogens auf ihr Gesicht malte. Jobe war hingerissen von ihren Erzählungen, die durch ihre herzhafte rote Suppe und ihr schweres dunkles Brot abgerundet, von ihrer herzlichen Zuneigung für jede andere erwärmt wurden – all das teilten sie ohne jede Einschränkung mit ihr. Sie war fast versucht, Option fahren zu lassen und zu fragen, ob sie hier hineinhei- raten konnte, obwohl es in diesem Kreis niemanden gab, zu der sie sich auf den ersten Blick als mögli- cher Geliebten hingezogen fühlte. Auf Tarralon stellte sie fest, daß sie – wie erwartet – die Fähre nach Option hinüber verpaßt hatte. Das Tarralon-Dienstleistungsbüro mußte sie auf einem Versorgungssegler unterbringen, der auf seinem Weg nach Osten in Fallen Wall anhalten würde. Von dort konnte sie einen örtlichen Transporter nehmen, der auf seiner regelmäßigen Tour alle Gemeinden auf der, Innenseite der Option-Sichel bereiste. Zu ihrem Be- dauern sah sie nicht viel von Tarralon, nur die Ha- fenanlagen – aber die Silhouette der Stadt erfüllte sie mit Ehrfurcht und Staunen; noch nie in ihrem Leben hatte sie so etwas Schönes gesehen. Als das Schiff nach Osten segelte, stand sie am Heck, starrte nach Westen und beobachtete die sagenhafte rosarote Stadt, die im Zauber des Dunkeltages glitzerte. Ihre roten und pastellfarbenen Turmspitzen und Kuppeln sammelten sich alle auf den sanften Hügeln und stie- gen zu einem glänzenden, kristallenen Garten am Gipfel auf; die ganze Stadt blinkte und glühte mit funkelnden Lichtern. Sie sah aus wie ein riesiger Rummelplatz – größer als jedes Fest, das Jobe jemals erlebt hatte. Ganz im Gegensatz dazu war Fallen Wall eine ärmliche Fischergemeinde mit schmutzigbraunen Holzgebäuden, die alle wie zufällig an der Spitze der Option-Sichel angehäuft schienen. Im Norden konnte man die gegenüberliegende Spitze sehen, eine noch dunklere Linie entlang der Dunkelheit des Horizonts – die Öffnung dieses Kraterrings war nur wenige Ki- lometer breit, obwohl der Krater selbst an der weites- ten Stelle fast 150 Kilometer maß. Es handelte sich eher um einen durchbrochenen Ring als um eine Si- chel, aber jeder durchbrochene Ring war automatisch eine Sichel. Innerhalb des Atolls lag ein ausgedehn- ter, geschützter See. Jobe stieg in Fallen Wall auf ein, langsames Postboot um, das wie ein Käfer auf einer Regenpfütze über die schweigenden Wasser glitt. Die hoch aufragenden Berge der Kraterwand glitten wie hohe, graue Vorhänge vorbei, steil und dunkel. Darüber glänzten kalt und ohne jedes Funkeln die Sterne. Nach einiger Zeit drehte das Boot nach innen, obwohl es wie außen wirkte, weg von den Wänden und geradewegs quer über den Kratersee. Hier und da konnte Jobe auf den entfernten Felswänden ver- streute Lichter erkennen, kleine Gemeinden oder Hö- fe. Trotz der Nähe zum großstädtischen Tarralon wirkte vieles auf dieser Insel noch wie wildes Grenz- gebiet. Wahrscheinlich lebten in den schroffen Ber- gen gefährliche Tiere. Keine Straßen, keine Hafenan- lagen, keine Rundfunkgeräte. All diese kleinen Lich- ter sahen so einsam und trostlos aus. Beinahe jäm- merlich. So weit weg … Die Dunkeltag-Nacht war frostig, ein dünner, pfeifender Wind wehte, griff un- ter ihren Umhang nach ihren Beinen und Armen und machte sie zittern – eher aus Angst als vor Kälte. Sie umrundeten Peakskill, als der Monduntergang völlig verschwand; im Dunkeln von Peakskill herrschte eine noch dunklere Dunkelheit – ein spitzer Berg im Zentrum des Sees, groß und gezackt, unbe- wohnt, obwohl es zerstörte Hafenanlagen gab, Über- reste einer längst vergessenen, mühevollen Arbeit. Eine der Seeleute wies Jobe darauf hin, indem sie bei der Vorbeifahrt einen Scheinwerfer darauf richtete., Jobe konnte es auf diese Entfernung kaum sehen. Die Lotsin fuhr gern nahe daran vorbei, sagte der Matro- se, denn dadurch wurden »die Geister gehänselt«. Und manchmal standen einheimische Passagiere auf dem Teil des Kais, der noch erhalten war. Dann verlangsamte das Boot die Fahrt auf ein Zehntel der Geschwindigkeit; die Lotsin richtete den Kurs so ein, daß sie den ersten Anlaufhafen kurz nach Ende der Dämmerung erreichten; dann würden sie die Innenseite abfahren, zwei volle Sonnentage für den Kreis. Sie liefen nur während der günstigen Stunden des Tageslichts in die Häfen ein; so war es die Lotsin gewohnt. Jobe machte auf einem Segeltuchballen ein Ni- ckerchen; als sie wach wurde, zeichnete die Dämme- rung Options Konturen an den Horizont: rot, weiß und purpurn – alle grünen Flächen wirkten schwarz. Der Kai lag in einer geschützten Bucht unter vor- springenden Klippen, die eine unregelmäßige Grenz- linie bildeten. Eine Handvoll Bojen und ein schlich- ter, hölzerner Pier waren alles, was auf Bewohner hinwies. Alle Gebäude mußten auf der anderen Seite dieses schroffen Hügels liegen; ein Pfad war wie ein Schnitt durch das Blattwerk sichtbar. Das Postboot legte nicht einmal an, die Lotsin hatte eine Abnei- gung gegen den Kanal. Jobe wurde mit einem Bei- boot zum Ufer gebracht; man ließ sie mit dem klei- nen gewebten Beutel und ihren vielen verwirrenden, Ängsten am Pier zurück. Die Luft schien wie geschmolzen, schimmerte gelbweiß. Sie brannte wie der Atem eines Drachens. Sie trocknete die Haut, die Augen, das Haar und die Lungen aus – vor allem die Lungen; sie war fast zu heiß zum Atmen. Sie brannte so heiß, daß sie im un- getrübten Licht von Gottesherz zu vibrieren schien. Alles schien sich sanft zu kräuseln und wie im Tanz zu bewegen, und wenn Jobe über die Hügel oder hinunter zur Küste schaute, wogten die langgestreck- ten Baumreihen und schüttelten sich wie die schim- mernde Landschaft eines Traumlandes. Die üppige Vegetation, welche die Hügel bedeckte, bildete ein grünes Meer, Farbschattierungen in dunklem Purpur- rot, Welle auf Welle aus Chlorophyll-Geweben, Rei- he auf Reihe aus Wald und Farnfeldern, Bäume und Büschen, in einer mächtigen Explosion der immer fortschreitenden Entwicklung des Lebens über- und auseinanderwachsend, Wachstum und Fäulnis so miteinander verwoben, daß es unmöglich zu erken- nen war, wo die eine Lebensform aufhörte und wo die anderen, die sich von dieser ernährten, anfingen. Schlingpflanzen und Ranken hingen herab wie sam- tene Vorhänge; tausenderlei Moose und Kletter- pflanzen wuchsen wie Stickereien auf ihnen. Der Wald war ein Aufruhr des Wachstums, tobte im brennenden Satlin-Tag, streckte sich über die wilden Hänge zu den kahlen Bergkämmen der Sichel hinauf., Diese steilen Gipfel hielten die vom Wind herange- triebenen Wolken fest, bis sie weinten, sich in Regen auflösten. Auf die Hänge regneten Schauer nieder, spülten wie Wasserfälle durch die trockene Luft und verwandelten sie in ein schwüles Dampfbad, ver- wandelten den Tag in ein dumpfes, durchnäßtes, weiches Etwas und kamen erst bei den feuchten, stummen Wurzeln des Waldes zum Stillstand. Jobe seufzte, schulterte ihren Beutel und machte sich zu dem Pfad auf. Der schmale Weg schlängelte sich durch den farnbewachsenen Wald, machte einen Knick zum Strand, führte dann wieder landeinwärts, einen Hügel hinauf und um ihn herum, in ein Tal, das aussah, als sei es von Gletschern gegraben worden, obwohl das bei der geologischen Entwicklung des Planeten offensichtlich unmöglich war. Einmal unter mächtigen grünen Erlen, den glitzernden Espen und den knorrigen, breitblättrigen Bäumen, wurde Jobe sofort ruhiger. Ihre Füße machten schlürfende Ge- räusche im dunklen, weichen Schlamm – der Boden war vom Morgensturm immer noch feucht. Das Wasser tropfte und rieselte in den Teppich aus Pur- pur und Türkis, der nach Wasser lechzte. Der höher- gelegene Regenwald hielt das Wasser in seinen Blät- tern und Wurzeln, in seichten Pfützen und in einem Aderwerk von Bächen und Flüssen; einige flossen pausenlos, andere waren so vergänglich wie die Wolken, aus denen sie gekommen waren. Der Wald, murmelte mit dem Geräusch des Wassers, das seinen Weg zurück zum Meer sucht, die Bäume flüsterten mit den dunstigen Schwaden der Feuchtigkeit. Als Jobe in den trüben Schatten trat, wurde die Luft so feucht, daß man sie riechen konnte. Normalerweise waren die Tage auf Satlin zu trocken, um Gerüche weiterzutragen – Händler mußten feuchte Nebel in die Luft sprühen, wenn sie ihre duftenden Waren verkaufen wollten –, aber hier im Wald, in den blau- getönten und mit gelbem Sonnenlicht getüpfelten Höhlen gewölbter Blätter und Zweige, umgeben von den dunklen Wänden der Farne und Baumblüten, war die Luft süß und übersättigt. Der Wald strömte einen üppigen Duft aus, der fast betäubend wirkte; selbst die Schatten dampften in diesem Duft, wie alles, was sich hier befand. Winzige Tröpfchen schwebten in der Luft, ein Nebel aus Wasser und Duft. Ringsher- um gab es Wasserfälle und aufspritzend Flüsse, feine Sprühregen, glitzernde Ranken und geflochtene Schlingpflanzen. Hier sang das Wasser vom Leben; alles, was Jobe berührte, war damit durchtränkt, ihre Arme und Beine waren mit winzigen, kühlen Trop- fen bedeckt, ihre Kleider waren klamm und feucht. Und Blumen gab es – wie konnte es an diesem Ort etwas anderes als Blumen geben? Riesige, prächtig glänzende Blüten, manche über einen Meter im Durchmesser! Die Insel war ein einziger Karneval, überquellend von Farben – von jedem Zweig tropften, die Blüten in greller, ausgelassener Freude. Der Wald war voll von ihnen, so als hätte ihn eine ü- berschwengliche, ausgelassene Frau dekoriert. Rosa- rote Schwertlilien, weiß und grellrot geädert; graue Papageienblumen, die größten, die Jobe jemals gese- hen hatte; Mönchskappen, hochgewachsen und dun- kel, die von innen tiefrot leuchteten; und Nachtker- zen – sie waren ganz schlank, steif und weiß, mit o- rangeglühenden Knospen, die wie Flammenzungen über ihnen flatterten. Sie wuchsen in stattlichen Bü- scheln vor ihren Füßen und auf Ästen neben ihr, vor ihren Augen und über ihrem Kopf. In Knoten und Ranken wuchsen sie zum hohen Dach des Walds empor. Ein inneres Licht schien in ihnen zu glühen, sie verwandelten die Höhlen des Walds in eine un- endliche Kathedrale zur Anbetung Mutter Reethes. Option war viele Generationen lang eine Sichel der Wildnis gewesen, von der früheren Behörde dazu bestimmt, eine eigene, wilde Entwicklung zu neh- men. Eine Fülle von Flora und Fauna war ausgesät worden; ihre Spanne reichte von Schönheit bis Scheußlichkeit, vom Kuriosen zum Kapriziösen; dann wurde die Insel in Ruhe gelassen; sie sollte ih- ren eigenen Charakter ohne weitere Eingriffe des Menschen entwickeln. Die Behörde mußte wissen, ob der Satlik-Bio-Kreis sich selbst aufrechterhalten konnte oder regelmäßiger Erhaltungsmaßnahmen be- durfte. Hunderte von Inseln wurden auf diese Weise, sich selbst überlassen; jede gab eine andere Antwort auf die Frage, welche Form eine echte Satlik-Wildnis annehmen würde. Diese Sicheln waren Kontrollstati- onen für die übrigen, gezielt beeinflußten Teile des Planeten, zeigten Alternativen auf und warnten vor möglichen Gefahren; und sie erinnerten die Satlik ständig an die Künstlichkeit und Zerbrechlichkeit ih- res Lebenskreises. Obwohl sie jetzt für begrenzte Be- siedlung freigegeben war, hatte Option noch viel von einer reinen Wildnis; Veränderungen, die den Cha- rakter dieser Wildnis gefährden konnten, waren nicht erlaubt. Die wenigen Höfe, die Jobe vom Boot aus gesehen hatte, auch das Fischerdorf bei Fallen Wall, waren selbst Teil des experimentellen Charakters der Insel – man wollte sehen, welche Auswirkungen ihre Anwesenheit auf die Wildnis hatte – oder wie sie von diesem beeinflußt wurden. Jobes Ziel, jenes Lager, das seinen Namen von der Sichel erhalten hatte, war einst die zentrale Forschungsstation hier; nun war es so etwas wie eine Schule. Die Insel wurde nicht län- ger als wichtig genug angesehen, um eine Vollzeit- Station zu rechtfertigen; tatsächlich lag die nächste Siedlung über 40 Kilometer entfernt, und sie befand sich auf der Außenseite der Sichel. Dieser Ort, Opti- on, war ein einsamer Ort, öde in seiner Üppigkeit, steril in seiner Fruchtbarkeit. Welche Pflanzen und Tiere hier auch immer wuchsen und lebten: Sie wa- ren vergessen; bewußt vergessen von der Mensch-, heit, die den Vorrang hatte. Was auch immer hier lebte – alles mußte seine Bestimmung auf sich selbst gestellt herausfinden. Es gab keinerlei Beeinflus- sung, keine Anleitung, keine Ordnung, die von der größeren Umgebung draußen aufgezwungen wurde. Das galt genauso für jede Person, die sich ebenfalls dafür entschied, hier zu leben. Auch sie wurde unbe- achtet und allein gelassen, damit sie sich nach ihren eigenen Vorstellungen entwickelte. Und genau des- halb war das Lager hier in Option; denn es war das Ziel seiner Gründer, einen Ort für jene bereitzustel- len, die ihre WAHL treffen wollten. Sie würden ihrer Zukunft selbst eine Form geben – und es war eine bessere Zukunft, da sie unabhängig gewählt wurde. Ihrem eigenen Wollen überlassen, konnten sie schlank und gelenkig werden oder breit und knorrig oder empfindsam für dunkle Geheimnisse – was auch immer ihr Wille, was auch immer ihr vorbe- stimmtes Schicksal war: Hier konnten sie es auf sich selbst gestellt herausfinden, ohne daß andere auf ihre Entscheidung Einfluß nahmen. Diese Insel hatte einen wilden Geist, frei und un- abhängig; er spiegelte sich in den Wäldern wider und in denen, die darin lebten. So unkultiviert wie das Land waren auch die jungen Menschen, die es auf- suchten. Sie lebten ohne Anleitung von oben – nur mit dem gläubigen Vertrauen auf Mutter Reethe. Sie waren auf sich selbst gestellt und fühlten daher kein, Bedürfnis nach der Weisheit langer Lebensjahre, kein Bedürfnis nach ihrer Erfahrung und Stärke. Sie hatten hier Hoffnung. Und das, so hofften sie, würde ausreichen. Lono und Rurik (zwei) Lonos Familie erwartete, daß sie reethisch würde, und alle geistigen Vorbereitungen waren auf diese Erwartung hin getroffen worden. Sie hatten es nie ausgesprochen, es gab schließlich Erwartungen, die zum Teil auf die bedachtsame Stärke Lonos gegrün- det waren. Doch statt dessen begann sie – als Ergeb- nis der vielen gemeinsamen Stunden mit Rurik und der wachsenden Liebe, die beiden bewußt wurde – sich nach Dakka zu orientieren. Mehr und mehr wur- de sie dakkaisch, das Pendant zu Ruriks Reethe; Ru- rik schien das so am besten zu gefallen. Vielleicht wäre Lono reethisch geworden, wenn ihre Geliebte es gewünscht hätte – für sie kam es nicht auf die Form der Liebe an, sondern nur darauf, daß sie lieb- te; sie war glücklich darüber, zu denen zu gehören, die unabhängig davon, wer sie sind, im Innern aus- geglichen sind. Aber weil Rurik am glücklichsten war, wenn sie sich reethisch ausdrückte, weil Lonos Glück durch Ruriks Freude genährt wurde, weil es ihr ungezählte, freudenbringende Ekstasen gab, wur-, de sie ihrer Geliebten Dakka – ihr Sohn, ihr Gelieb- ter, Ehemann, Vater: ihre männliche Hälfte. Sie war all das, weil es ihrer Geliebten Freude bereitete und weil es ihr selbst Freude bereitete. So wie sie von ih- rem reethischen Ego gefesselt worden wäre, wenn es zur vollen Ausdrucksfähigkeit gewachsen wäre, so war sie nun davon gefesselt, Dakka zu sein. Sie fühl- te Bewunderung für die Art, wie ihr Körper sichtbar auf den Gedanken an Ruriks Berührung, ihre süße Umarmung antwortete – so, als würde sie durch die- se eine angedeutete Gebärde verwandelt: von der Gedanken Vielfalt der Logik – Auslese des Geistes und anscheinend voll Sachlichkeit – in etwas, das viel mehr im Einklang mit den Rhythmen der Natur steht; freudvolle, animalische Lust der Leidenschaft, eine fundamentale, sehnlichst herbeigewünschte Hö- he der Gefühle, die durch die Teilnahme eines ge- nauso leidenschaftlichen Geschöpfes noch erhöht wird. Ihre Seelen wurden eins in den Augenblicken höchster Gefühle, ihre Augen spiegelten Liebe und Verehrung wider, bis Tränen überwältigender Freude zu fließen begannen – dennoch war das Medium, das sie fest miteinander verband, das Wissen um die Eks- tasen, die sie dann miteinander teilten, wenn sie auf- hörten, formelle Wesen zu sein und zu zwei Kreatu- ren wurden, die sich auf ihrem Lager voll Verzü- ckung umfingen. Auf diese Art konnten die beiden Menschen eine so tiefe sinnliche Freude genießen,, die einzig und allein ihr eigenes geheimes Vergnü- gen war. Rurik fand ihre Erfüllung, wenn sie von Ru- riks Erkundungen ausgefüllt wurde. Wellen von la- vendelblauen und blutroten Blumen ergossen sich über sie, die Blätter wurden zu Millionen kleiner Ra- keten, Kometen, Sterne; Feuerwerkskörper stiegen in den Himmel und explodierten süß, so süß, hinter hel- len Schreien der Verzweiflung; unter dem eindringli- chen Blick ihrer Geliebten gefesselt zu sein, von ih- rer tiefen, erregenden Berührung durchdrungen zu werden, die geschlossenen Augen – wenn ihre Ge- liebte in sie eindrang, eine Zunge, ein Finger, etwas, das in ihr selbst lebendig pochte; schmecken, berüh- ren, fühlen, sich vereinen, und dann der Sturm der Ekstase, das Hämmern des Herzschlags, das plötzli- che Anschwellen, das Fließen und Zusammenfließen der Säfte, Schweiß des Glücks, die Verzückung bei- der sich mischend, verschlungene Arme, liebkosende Hände, einander halten, in Erschöpfung aneinander- geklammert, zärtliche Küsse, die wortlose Worte sprechen, taumelnde Gefühle, befriedigt in den Ar- men der anderen liegen. Ruriks Freude wurde vieltausendfach vergrößert, weil sie aus Lonos Berührung, ihrem Herzen und ih- ren Augen erwuchs; sie war die Wurzel, der Stamm von Ruriks Leben. Es war das Bewußtsein, daß sie in von ihr selbst geformter Gestalt lebte, nicht durch el- terlichen Einfluß gestaltet – ihr Vater konnte es nicht, sein und nicht verstehen. Das war ein Ich, das von den Grenzen einer Person so weit weg und so deut- lich getrennt war, daß sie es um so mehr genoß, weil es ein Gefühl von Unabhängigkeit gab. Es gab ihr ein Gefühl süßer Freiheit von den drängenden Einflüssen ihrer Familie. Sie war endlich sie selbst! Und Lono, die das fühlte, weil sie selbst ein Teil davon war, tauchte ungestüm in das Leben, das sie miteinander teilten, in die Leben, die sie gemeinsam aufbauen würden. Sie würde für die Reethe ihrer Geliebten Dakka sein. Obwohl Lonos Familie von der Zielrichtung ihrer WAHL überrascht war, akzeptierte sie sie verständ- nisvoll; es war eine langsame und sanfte Entwick- lung. Es gab keinen Moment, in dem Lono plötzlich männlich war – die Entscheidung der WAHL geht fließend vor sich; sie wird ausschließlich durch die Wiederholung bestärkt, die sich immer wieder mit jedem neuen Liebesakt vollzieht, sie wächst zu einer Offenbarung, die für alle sichtbar ist. Sie stand in vielen äußeren Anzeichen geschrieben: Ihre Schul- tern wurden breiter, die Brüste wurden flacher und härter, ihre Stimme wurde allmählich tiefer, Haar kräuselte sich vom Bauch bis zur Brust – alles noch so zart und doch so endgültig. Es wurde bemerkt, es wurde zur Kenntnis genommen – und von allen, die sie kannte, gebilligt. Als diese Veränderungen sich bemerkbar machten, wurden sie nicht nur deshalb, gutgeheißen, weil sie eine WAHL offenbarten, die andere ihr wünschten; sie wurden gutgeheißen, weil ihre glückliche Ausstrahlung zeigte, daß sie all dies selbst guthieß, und ihr strahlendes Leuchten war an- steckend. Natürlich gab es Überraschung – die gibt es immer; eine Münze hat zwei Seiten, wird sie ge- worfen, ist nur eine Seite sichtbar. Und es gibt immer Leute, die die eine oder die andere Seite vorhersa- gen: Darum gibt es Wetten – daher gab es Überra- schung. Zum Teil war es nur die natürliche Überra- schung darüber, daß die Zeit so schnell vergeht, die plötzliche, verblüffte Verwunderung darüber, daß das Kind, gestern noch ein Säugling, nun plötzlich ein errötender Heranwachsender ist. Aus Überra- schung wurde Erstaunen und Freude; und Lonos Freude darüber, daß sie dakkaisch wurde, wurde da- durch widergespiegelt, daß ihre Familie diese WAHL akzeptierte. Rurik dagegen fand für ihr Erwachsenwerden kei- nen so fruchtbaren Boden. Als ihre Hüften und Brüs- te anzuschwellen begannen, als ihre Haut weicher, fleischiger wurde, als ihre Gesichtszüge sanfter wur- den und ihre Stimme einen helleren Klang annahm, als all dies sich zeigte, wurde ihr Vater immer abwei- sender, schärfer und feindseliger; zwischen ihnen herrschte eine frostige Atmosphäre. Rurik gab mit strahlendem Gesicht zu erkennen, daß sie als Reethe in Lonos dakkaischer Umarmung am glücklichsten, war – und dieses Eingeständnis erzürnte ihren ver- ständnislosen Vater. »Du benimmst dich, als wärst du nicht mein Sohn!« schrie sie sie an. »Du solltest dakkaisch werden, und jetzt liegst du unter einem anderen Mann!« »Aber warum … warum hältst du diese WAHL für so falsch?« Rurik konnte das nicht verstehen. »Wa- rum kann ich keine Frau sein, wenn ich so wähle. Warum kann ich nicht die Kinder meiner Geliebten gebären?« Wie konnte man es ihr erklären? Ruriks Vater be- vorzugte die Entscheidung für Dakka; sie hatte sie selbst vor vielen Jahren gewählt und vollen Herzens verinnerlicht; so sehr, daß sie dakkaischer war als je- de Ungewählte, die als Dakka geboren war. Mit al- lem, was sie tat, hatte sie das anderen bewiesen, und sie hatte es sich selbst immer wieder bewiesen, als müsse sie die Alternative verleugnen, daß sie selbst möglicherweise alles andere als dakkaisch war – als müsse sie sich selbst davon überzeugen, daß sie wahrhaftig männlich war. Sie konnte es nun nicht zu- lassen, daß ihr Sohn wählte, eine Tochter zu sein; das würde nur das Versagen ihrer eigenen Männlichkeit widerspiegeln. Als Schöpfer ihrer Familie war es ihr Recht, das Geschlecht ihrer Kinder zu wählen; sie wußte, was das beste für sie war, und Rurik würde, wie sie selbst, Dakka sein. Sie konnte und wollte nicht zugestehen, daß Ruriks Gefühle wichtig waren, – sie lehnte es ab, die Verläßlichkeit irgendeiner Ent- scheidung außer ihrer eigenen anzuerkennen. Ruriks Neigungen waren letztlich nur kindliche Äußerun- gen, spielerische Verhaltensweisen, die abgelegt werden mußten, so wie sie selbst solche unreifen Ex- perimente abgelegt hatte: Rurik würde eine viel bes- sere Person sein, wenn sie akzeptierte, wer sie sein mußte. Ihr Vater wußte besser, was für sie das beste war. Stellt es euch jetzt als eine Geschichte vor. Wahrheit ist Mythos, und Mythos ist Wahrheit. Was immer wirklich passierte – wenn es tatsächlich ge- schah –, spielt keine Rolle mehr. Wir können die Tatsachen nicht kennen – nur die Geschichte –, und wir kennen sie in tausend Formen. Stellt euch Rurik auf einer Bühne vor, allein unter einem einzelnen Licht, ein hartes Licht mit blauen Tupfern. Im Hin- tergrund der Bühne, in glühendes Rot getaucht, singt ihr Lono eine einfache Erklärung ihrer selbst, eine glückliche Melodie: »Ich werde sein, was ich sein werde.« Aber wenn Rurik das Lied aufnimmt, be- kommt die Melodie einen herberen Klang, und wenn sie den Text zu ihrem eigenen macht, klingt es mür- risch und trotzig. Derselbe Monolog wird, unabhän- gig voneinander, von beiden gesprochen; er hallt dem Leben beider wider. Lonos Freude ist auch Ru- riks Freude, aber Ruriks Freude wurde von ihrer, Familie gestohlen, und sie erstarrt in Abwehr. Ruriks Eltern, alle, ihre Mütter, Väter, Tanten und, Onkel, müssen versucht haben, das Kind zu besänfti- gen; doch niemand von ihnen schien die Tiefe ihrer Gefühle zu verstehen. Ob kindlich oder nicht; sie wa- ren ehrlich und aufrichtig – Rurik konnte es nicht zu- lassen, daß ihre Liebe entwertet wurde, denn das hät- te auch Lono abgewertet. Vielleicht versuchte nur ih- re Geburt-Mutter, jedenfalls erzählen wir die Ge- schichte gerne so, sie zu verstehen – denn ihre Ge- burt-Mutter, die selbst gewählt hatte, kannte den Zauber der Zeit des Errötens. Sie wußte, was Dakka war, aber sie wurde reethisch, um mit Ruriks Vater zusammen zu sein – sie verstand den Schmerz ihres Kinds. Aber ihre Mit-Ehefrauen und Mit-Ehemänner hatten nicht alle die Möglichkeit der WAHL gehabt. Sie lauschten den Worten des Kindes und hörten doch nie, was es sagte. »Natürlich mußt du sein, wer du sein mußt – aber weißt du denn, wer das ist? Die Liebe, zu der du dich bekennst, ist vielleicht nur eine vorübergehende Erscheinung. Möglicherweise wirst du Lonos schließlich überdrüssig werden – schüttele nicht den Kopf, solche Sachen passieren. Verdamme nicht die Erwachsene, die du einmal sein wirst, zu den Folgen einer Entscheidung, die ein vor Liebe blindes Kind getroffen hat.« Diese Argumente be- nutzten sie, um zu rechtfertigen, daß Rurik den Gar- ten nicht mehr verlassen durfte; ihr wurde verboten, Lono zu sehen, bis sie »ihr wahres Einfühlungsver- mögen erreichte« und Dakka als ihre Göttin akzep-, tierte. Rurik vegetierte dahin; ihr Selbstbewußtsein war nie sonderlich ausgeprägt; zu oft hatte sie ande- ren erlaubt, ihre Entscheidungen zu beeinflussen, und jetzt, da sie endlich das Steuer selbst in die Hand nehmen mußte, konnte sie es nicht, weil sie nicht wußte, wie man das machte. Es gibt solche und solche Zwänge, aber keinen, der so verheerend wirkt wie der, den wir unter dem Vorwand der Liebe auf andere ausüben. Das, was die Eltern Kindern zu deren eigenem Besten antun, ge- hört zum Schlimmsten – fast immer geschieht es zum Besten der Eltern. So verhielt es sich mit Ruriks WAHL. Sie glaubten, sie würde ihnen eines Tages für ihre Weisheit dankbar sein. Arme Rurik – sie hatte jetzt keine WAHL. Schließlich unterlag sie den Zwängen, die andere auf sie ausübten – sie sagten ihr, daß Lono fortgegangen war, daß sie Lono gleichgültig geworden war, daß Lono reethisch geworden war; sie erzählten ihr tau- send verschiedene Lügen, jede schmerzlicher als die vorhergehende. Lono war mit einer anderen verlobt oder lag im Sterben, oder sie war schon gestorben. Rurik fühlte, daß ihr Blick für die Wahrheit unscharf wurde. Sie konnte kein Wort glauben, aber sie wollte die Wahrheit von Lono selbst erfahren. Aber Lono, so erzählt es die Geschichte, wurde von Fieber gequält – solche Krankheiten sind wäh- rend der Zeit des Errötens nicht ungewöhnlich. Alle, Körperfunktionen sind im Fluß, die Abwehrkräfte sind geschwächt, und Lono war auf der Schwelle zum endgültigen Erröten an infektiösem Fieber er- krankt. Ohnmächtig und unwissend, verstand sie es nicht, sich zu artikulieren. Dennoch rief sie oft nach Rurik; sie begehrte nur ein Zeichen, eine Berührung – selbst im Delirium liebte sie. Und als Lonos Eltern sich nach Rurik erkundigten, ignorierte Ruriks Fami- lie die Botschaften. Sie wußten nicht, warum sie ka- men, und es interessierte sie auch gar nicht; sie wa- ren nur erfreut darüber, daß Lono ferngehalten wurde – das machte es ihnen leichter, Rurik zu beeinflus- sen. Und sie machten ihren Einfluß geltend – verur- teilt ihr Rurik jetzt immer noch dafür, daß sie nach- gab? Daß ihre Liebe zu Lono den Lügen nicht ge- wachsen war? Oder erkennt ihr, daß Erinnerung nur ein dünnes Gewebe ist, wenn sie einem Sturm von Falschheit ausgesetzt ist? Der kleinste Zweifel, den Rurik hegte, wuchs zu einem tiefen Abgrund. Und schließlich gab sie voll Hysterie nach – nur so konnte sie sie daran hindern, über ihre Geliebte Lügen zu er- zählen; und mit bestimmten Hormoninjektionen wurde ihre WAHL unwiderruflich gemacht. Sie er- reichte die Zeit des zweiten Errötens und des letzten Errötens, und sie wurde dakkaisch. Nicht unschön auf ihre Art, aber dakkaisch, ein Mann. Soll der Chor den Sieg des Vater-Gletschers hin- aussingen, eine einzelne Stimme wird traurig von ei-, nem Sieg singen, der nach Asche schmeckt. Ruriks Familie mag einen Sohn gewonnen haben, aber sie verlor die Liebe ihrer Tochter. Es dauerte Monate, ehe die beiden sich wieder be- gegnen konnten. Die Fabel, so, wie sie erzählt wird, stellt die Szene in die erlöschenden Strahlen des Frühlings: Lono, voll Eifer vom Krankenbett aufge- standen, auf der Suche nach ihrer Rurik; Rurik, von sich selbst geängstigt. Sie trafen sich zufällig am Strand – stellt euch die Szene als einen Augenblick vor, in dem es aufblitzte, in dem Gefühle mit rasen- der Geschwindigkeit aufwallen. So, wie die Jahres- zeiten über die Meere brausen, so müssen sich ihre Empfindungen auf und ab bewegt haben, sie wurden gebremst, schossen erneut empor, nur um wieder schwächer zu werden, ihre Gefühle wurden wie Vö- gel im tobenden Wind hin- und hergeschleudert. Ent- setzen macht sich als schmerzvolle Erkenntnis in ih- ren Herzen breit, als sie erkennen, was geschehen ist; ihre freudige Überraschung, als sie sich nach dem langen Winter wiedersehen, wandelt sich in Kummer mit der Erkenntnis, daß es den besonderen Zauber in den Armen der anderen nie mehr geben wird. Sie müssen sich umschlungen haben, erst voller Glück, dann voller Schrecken, sie lösten sich voneinander, traten zurück – und sahen Dakkas Ausprägungen auf beiden Körpern. Jede war im letzten Erröten gereift – Lonos Schultern, breit und stark, fanden ihr Abbild, in den Schultern Ruriks, die gewachsen waren und noch weiter wuchsen. Die rundliche Plumpheit der Kindheit wich der noch weichen Muskulatur der Ju- gend, ihre letzten Spuren waren noch sichtbar, schwanden aber allmählich auf den Körpern dieser beiden jungen, leidgeprüften Männer. Die verzau- bernde Zeit des Errötens war nur noch Erinnerung, die Fülle ihrer Liebe nur noch ein heller Widerschein darin. Verloren jetzt, völlig verloren. Rurik, tränenüberströmt auf die Knie sinkend, weint: »Lono, es tut mir so leid, bitte verzeih mir. Wir können uns nicht länger lieben – das ist meine Schuld. Es ist nicht männlich, daß wir einander lieb- haben oder daß ich weine – bitte, verzeih mir.« Und Lono, auch in Tränen aufgelöst, sinkt neben ihr nie- der, nimmt sie in die Arme und sagt: »Wenn du mir nur etwas gesagt hättest, Rurik, wäre ich für dich reethisch geworden. Alles, was du willst, wäre ich geworden, nur um bei dir zu sein.« Und dann: Schweigen, tränenerfüllt, während die beiden sich gegenseitig halten, um wieder ganz nah beieinander zu sein. Eine Erinnerung an das, was vorher war. Lonos Hände liebkosen das Haar, die Wangen, die Augenlider ihrer Geliebten. Ihr Finger zieht Ruriks Nackenlinie nach, ihre Hand hält ihren Rücken, eine Berührung, die Rurik wegen ihrer kräf- tigen Sicherheit immer gern hatte. Und Rurik, die sich schließlich sanft in die Arme ihrer Geliebten, sinken läßt, läßt diese Berührung zu. »Ich liebe dich immer noch, Lono«, gesteht sie. »Ich darf es nicht, aber es ist so.« »Ich liebe dich auch. Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben.« Und sanft hinzugefügt: »Meine Liebe zu dir ist viel zu stark. Wir halten durch. Wir müssen. Trotz aller Grenzen, die das Fleisch und die Familie uns setzen – für uns ändert sich nichts. Etwas anderes zu tun, hieße, die Aufrichtigkeit unserer Gefühle zu leugnen.« Und Rurik, die ihre Tränen blinzelnd vertreibt, während in einer Mischung von Trauer und Glück immer neue kommen, fragt: »Können wir das tun? Können wir das wirklich? Sie würden es nicht zulas- sen …« Lono hält sie wieder fest umklammert. »Wir müs- sen – denn etwas anderes gibt es nicht. Wir lassen nicht zu, daß sie uns daran hindern.« Kann das Strahlen wieder entzündet werden? Kann man seine Liebe anders erklären? Können Lo- no und Rurik immer noch Tausende von kleinen Freuden ausdrücken, wenn sie zusammen sind? Sollen Moralisten und Gelehrte darüber streiten, soviel sie wollen. Die Fabel sagt, daß Lono und Ru- rik es taten. Und auch das sagt einiges über die Art der Satlik. Keine Auserwählte vergißt jemals die Berührung Reethes oder Dakkas, selbst wenn sie für sich den, gleichen Pfad wählt. An dieser Stelle der Fabel soll- ten wir uns daran erinnern, daß die Berührung, die wir in der Kindheit kennenlernten, in unserem Er- wachsenenleben widerhallen kann. Alles andere ver- leugnet die Aufrichtigkeit unserer früheren Gefühle, verleugnet die Dualität unserer menschlichen Seelen. Sie sollen jetzt einander lieben; das ist alles, was ihnen geblieben ist… Selbst wenn das Wetter trübe war und dunkle Sturmwolken drohten, wurde Jobe durch ihre innere Unrast veranlaßt, nach etwas zu suchen, das sie nicht benennen konnte; die Suche danach aber gab sie nie auf. Sie ging zum Strand hinunter und starrte über das Wasser, folgte in ihrer Vorstellung sehnsüchtig nichtvorhandenen Katamaranen, die am Horizont vorbeiglitten. Sie wünschte, einer würde kommen und sie zu einer Lagune in magischem Grün und Gold wegbringen, weit weg von allem, was sie be- drückte. Ohne es selbst richtig zu wissen, sehnte sie sich nach Entkommen – auf die eine oder andere Art. Bücher waren gut – es waren begrenzte Flucht- möglichkeiten, wenn auch nur vorübergehende, und neue Bücher konnte man jederzeit per Funk bestel- len. Ihr Wissensdurst war nicht zu befriedigen, sie löschte ihn voller Gier. Sie las alles, was sie über WAHL und Liebe und Sex und Freundschaft und Menschsein finden konnte. Das begehrte sie am mei-, sten. Wenn sie es hätte erklären können, hätte sie ge- sagt, daß sie eine wirkliche Person sein wollte, eine, um die sich ein Kreis scharte; aber statt dessen fürch- tete sie, immer noch ein Schatten zu sein, eine von denen, die rastlos kreisten; oder schlimmer noch: sich im Zickzack von Kreis zu Kreis begaben und den einen suchten, dem sie sich anschließen konnten. Sie las die Bücher. Sie verstand die Worte, ihre Be- deutung, verstand, wie sie miteinander verflochten waren, um den größeren Inhalt der Ideen zu bilden; sie verstand, was sie ihr sagten – aber trotzdem schien es irgendwie, daß ihr etwas fehlte. Jobe wußte im Innern, daß man nicht lernen konnte, wirklich zu sein; aber dennoch leugnete sie, was sie schon längst wußte, und suchte weiter nach den Lektionen, die sie weiterbilden konnten. Wenn sie es nicht lernen konn- te, dann würde sie es einfach nachmachen – all die Gebärden, affektierten Gesten, scharfsinnigen Scher- ze und Eigenarten; sie kopierte sie und versuchte zu sein, was sie nur vorspielen konnte. Um wirklich zu sein, muß man wirklich werden; das wußte sie, stell- te ihre Versuche aber nie ein, weil sie immer noch keinen anderen Weg sah. Sie betete. Sie errichtete einen Altar: ein Spiegel, der von Wasserkerzen umrahmt war; und sie schrieb ihre eigenen Bittgebete zum Tao: »Mutter Reethe, laß mich an deinen Strömungen teilhaben, laß mich deine Worte im Sonnenlicht singen, laß mich dort le-, ben, wo der Westwind weht.« Aber sie hatte nieman- den, der ihre Gebete mit ihr teilte, und fürchtete, sie würden wie Steine in zähem Schweigen versinken. Nicht einmal das Murmeln der Wellen antwortete ihr. Sie dachte oft über Liebe nach. Eine neue Philosophie entwickelte sich im Theater und in der Literatur; sie ließ neue Denkrichtungen und Geschmacksformen entstehen. Sie wurde Ro- mantizismus genannt, war eine Erdik-Angelegenheit, eine Methode, ein Stück gefühlsmäßig zu bewerten; so mußten die Zuschauer nicht ihre Entscheidung darüber treffen, welche der Protagonisten in der be- schriebenen Konfliktsituation dem Tao am nächsten waren. Diese Entscheidung war schon vom Dreh- buch oder dem Schriftsteller vorweggenommen, und die Geschichte wurde so dargestellt, daß das Publi- kum ihren Schlußfolgerungen Applaus spendete. Jo- be empfand wegen dieser Entwicklung vage Be- fürchtungen, fühlte, daß sie irgendwie Unrecht wa- ren, aber sie konnte noch nicht sagen, welche Art von Unrecht. Sie hielt sie für eine schlechte Lehrmethode – diese Art des Geschichtenerzählens zeigte nicht nur auf, über was man nachdenken sollte, sondern auch, was man darüber denken sollte. Aber – es war Erdik, und Erdik-Dinge waren jetzt in Mode. Alle Satlik- Autoren waren von Erdik-Konzepten begeistert und begannen, mit Geschichten über einzelne »Helden«, zu experimentieren – und fast immer dakkaisch, eine weitere Erdik-Mode. »Held« und »Schurke« – was für seltsame neue Worte das waren; sie beinhalteten auch, daß etwas Schlechtes sich selbst erkennen konnte und immer noch etwas Schlechtes blieb; daß man bewußt verdorben war … Nun, vielleicht … Jobe dachte darüber nach. Schließlich, wenn das der Fall war, könnte es die Er- dik einfach erklären. Die Satlik sind die »Helden«, und die Erdik sind die »Schurken«. Anstatt zweier entgegengesetzter Seiten, die den Kompromiß oder gar ein gemeinsames Ziel suchen, haben wir nun zwei entgegengesetzte Seiten, die jeweils den Sieg über die andere suchen. Und jede ist für sich selbst ein Held und betrachtet die andere als den Schurken. Was Wunder, daß die Erdik so viele blutige Kriege führten – wenn sie sich immer auf diese Weise be- trachteten. Und mit diesem Konzept entstand die Auffassung von romantischer Liebe als notwendigem Lohn für die Anstrengungen eines Helden – als ob ein Mann und eine Frau dazu bestimmt wären, einander zu be- gegnen und in harmonischer Vollendung miteinander zu leben. Die Geschichten waren beinahe immer so konstruiert, daß ein solches Schicksal unausweich- lich schien. So funktionierte die Welt nicht, dachte Jobe, aber dennoch war es eine faszinierende Vor- stellung von Schicksalsbestimmung. Vielleicht war, ihre Ordnung so anziehend; aber … … so wie sich die romantische Tradition langsam ins Leben der Satlik schlich, so tat es auch die mit ihr verbundene Anschauung, daß Sexualität irgendwie schlecht war – daß der eigene Körper ein privater Tempel war, der nur seiner Geliebten bewahrt wer- den durfte. Deshalb war es auch falsch, jemand ande- ren an ihm teilhaben zu lassen oder eine andere Per- son auch nur durch die Zurschaustellung seiner Schönheit in Versuchung zu führen. Auf den ersten Blick hatte Jobe diese Theorien für dumm, fremdar- tig und widersprüchlich gehalten. Wenn jemand sich nicht selbst offen zeigen konnte, wie sollte sie dann eine andere Person anziehen? Wenn sie nicht mit vie- len Partnern schlafen konnte, wie sollte sie dann Er- fahrungen sammeln? Wenn sie die Wege der Liebe nicht kannte, wie sollte sie dann ihre Geliebte ken- nen? Und doch: Als Jobe mit den neuen Ideen vertrauter wurde, begann sie sie zu erforschen und zu erproben – so, als ob sie eine kranke Stelle in ihrem Körper er- forschte. Sie kokettierte mit ihnen, wurde von ihrer Falschheit gereizt, fragte sich, ob sie tatsächlich so falsch waren; viele andere urteilten nicht so. Es gab Gegenargumente zu ihren Gefühlen, das wußte sie, und wenn sie es überlegte, zum Beispiel – zuviel von einer Sache, vor allem vom Sex, dem Vermittler von Liebe, minderte nur deren Wert. Seine Liebe zu be-, wahren, machte aus ihr etwas Seltenes und Wertvol- les. War es nicht so? Ein Geschenk für jemanden von besonderem Wert. Diesen Gedanken erforschte Jobe ganz vorsichtig – so, als ob sie ein Festkleid anpro- bierte und sich noch nicht ganz sicher war, ob es paßte und angenehm zu tragen war. Bedeutete die neue Auffassung eine Ergänzung auf ihrer Landkarte eines ohnehin schon aufgewühlten Landes? Machte sie das Gebiet, das sie durchreiste, klarer, oder ver- nebelte sie es? Hatte sie beispielsweise Porto wirklich geliebt? Natürlich – aber das war ein kindlicher Versuch. Sie hatte Potto tatsächlich als ihre Schwester geliebt; aber das war nicht die Liebe, die in den Texten be- schrieben wurde – oder etwa doch? Nun, wie stand es mit Nyad – ihrer ersten Bettgefährtin hier in Opti- on? Nun ja, doch andererseits – auch das mußte nicht die Art der Liebe sein, von der die romantische Über- lieferung berichtete. Das waren nur tastende erste Versuche gewesen – sehr sanfte, denn beide Beteilig- ten waren von den eigenen Gefühlen und denen der anderen geängstigt. Nichtsdestoweniger war diese Liebe etwas Geringeres als eine Liebe »hoher und edler Gefühle«. Sie und Nyad hatten sich beide im Stadium des ersten Errötens befunden – und in die- sem Alter wird Sexualität fast immer mit Liebe ver- wechselt. Die Tatsache, daß sie nicht länger gedauert hatte, daß sie sich getrennt hatten, bewies das. Wenn, sie wahrhaftig gewesen wäre, würde sie jetzt noch mit Nyad zusammen sein. Nyad war jetzt reethisch; Jobe wäre, statt immer noch unentschieden zu sein, Dakka für ihre Reethe – und sie fürchtete, daß ihre Unentschlossenheit sie auf Reethe zutrieb, während sie sich eigentlich nach Dakka sehnte, aber sie hatte Angst, die Gelegenheit zu nutzen … Oh, da gab es noch etwas anderes – die Erdik mißbilligten bestimmte … Arten, Liebe zu machen. Tatsächlich störte sie sogar das Erröten. Kinder ha- ben keine Gefühle, genausowenig fühlen sie ge- schlechtlich – solche Sachen dürfen sie nicht ausdrü- cken. Zwei Dakkaiker oder zwei Reethische offen- barten einander keine Zuneigung, nicht auf Erd. Es war verboten – und die Zweigeschlechtlichkeit des Errötens erinnerte sie zu sehr an dieses Tabu; in sei- ner Gegenwart erglühten sie vor Scham. Aber so war es auf Erd; daher glaubten sie, es müsse so sein. Sie waren seltsame, wilde Leute, so primitiv – Jobe emp- fand es mit Unbehagen; so viele Verbote gegen die verschiedenen Arten der Zuneigung zu haben und so wenige gegen Schlechtigkeit und Geschmacklosig- keit – als ob die einzigen Gefühle, die man offen zei- gen dürfte, die des Schmerzes und des Kummers sei- en. Ein trauriges und ungestümes Volk; was tun sie, um Freude zu haben, fragte sie sich. Dann, andererseits (sie stritt immer noch mit sich selbst), dachte sie: Ich könnte Unrecht haben. Die, Erdik fuhren in riesigen Schiffen zu den Sternen. Ist das meine Angst? Verstecke ich mich vor der Zukunft wie ein unbelehrbarer Reaktionär? Diese Vorstel- lung behagte ihr auch nicht; aber die Alternative war zu glauben, daß sie unfähig sein könnte, an den wichtigen neuen Ausdrucksformen teilzuhaben, die die Erdik gebracht hatten und immer noch brachten. Jobe hatte nichts gegen die neuen Kleidermoden; im Gegenteil, sie gefielen ihr ziemlich gut – sie waren nachgemacht und abgeschaut, aber sie waren weder schöner noch lächerlicher als andere Modeerschei- nungen, die sie kennengelernt hatte. Aber die For- men des Denkens waren wieder etwas anderes. Sie schienen nicht so leicht zu tragen zu sein, sie konnten nicht immer beschnitten und geheftet werden, um ih- rem Träger zu passen; schließlich stammten sie aus einem Kulturkreis, in dem die Seelen der Leute ganz anders geformt waren. Niemand glaubt gerne, daß die Ströme des Wis- sens an ihr vorbeifließen; und doch – Jobe fühlte im Innern immer noch einen kleinen Kern von Skepsis. Wenn eine Person fragen muß, was jetzt in Mode ist, dann stimmt etwas nicht – nicht mit der Person, son- dern mit der Mode. Großmutter Thoma pflegte zu sagen, daß Mode gleich gutem Geschmack ist; die Form soll der Funktion entsprechen. Die Mode er- wächst aus ihrer Zweckbestimmung, sie kann nicht aufgepfropft werden. So etwa hatte es die Großmut-, ter gesagt, und Jobe glaubte immer noch daran. Viel- leicht fühlte sie sich jetzt deshalb so unbehaglich, da die Erdik-Methoden ihrer Kultur aufgezwungen wurden. Sie konnte die Veränderungen nicht so ein- fach hinnehmen. Aber sie versuchte es. Sie wünschte, sie könnte ein Teil von ihnen werden. Denn sie war einsam – und niemand sonst schien es zu sein; und vielleicht war ein falsches Glück sogar einer rechtschaffenen Ein- samkeit vorzuziehen. Sie dachte nach. Zurück zur Liebe (sie kam immer wieder auf die Liebe zurück): Sie war einmal definiert worden; so gut, daß sie geglaubt hatte, sie müßte nie wieder de- finiert werden. Liebe ist das, was ich fühle, wenn ich verliebt bin. Das Glück meiner Geliebten ist die Quelle meines Glücks. Aber die neue Art von Liebe, über die die Erdik sprachen, hatte wenig mit der Lie- be zu tun, wie die Satlik sie kannten. Erdik-Liebe schien nicht Teilhaben zu sein, sondern Besessensein – in des Wortes doppelter Bedeutung. Sie benutzten sie als Sicherung der Identität, konn- ten also nicht unbekümmert mit ihr umgehen, konn- ten sie sich nicht als etwas vorstellen, daß ebenso ge- teilt wie genossen wird. Sie konnten sich in dieser großartigen Erfahrung, einer Funktion des Tao, nicht gehenlassen, sondern verinnerlichten sie, als wären sie selbst die größere Erfahrung – als ob das Tao von, ihnen getrennt wäre. Diejenigen, die die Erdik-Liebe kennengelernt hatten, sagten, sie beinhalte eine wil- dere, stürmischere Erregung. Ihre Liebe war gleich- zeitig dunkel und geheiligt – das an sich war schon eine Gotteslästerung. Und die Satlik-Liebe war … was? Jobes Problem bestand darin, daß sie über jede Form der Liebe so wenig wußte; daher wußte sie auch nicht, welche die richtige war – wenn überhaupt eine. Lono und Rurik (drei) Die Historiker glauben, daß Lono und Rurik in ihrem Heimatdorf über ein Jahr lang (nach dem Heiligen Kalender) zusammenlebten. Die naturalistischeren Erzählungen der Geschichte konzentrieren sich ge- wöhnlich auf diesen Abschnitt, weil er Gelegenheit gibt, am Rande moralische Fragen zu streifen: die Konflikte zwischen den Familien der Geliebten, der Konflikt zwischen den jungen Liebenden und den gefühllosen Dorfbewohnern, der endgültige Schieds- spruch vor der Synode und, natürlich, die Beziehung zwischen Rurik und ihrem Vater. Manchmal sind in der Fabel die beiden Liebenden reethisch, aber die Dakka-Version wird für die ge- nauere gehalten, denn die Ereignisse zeigen größere Übereinstimmung mit den Verhaltensweisen der, Nicht-Auserwählten in diesen frühen Jahren. Wir vergessen manchmal, daß Gleich-WAHL in dieser Zeit kaum vorkam; in der Tat fühlten die Jungen vor der Entscheidung, daß sie einen solchen Wunsch nicht einmal sich selbst eingestehen durften – aus Angst, als Abweichende oder, was noch schlimmer war, als Falsch-Gewählte zu erscheinen. Heute, da wir über das Spektrum menschlicher WAHL mehr wissen, können wir die, die glaubten, in Angst leben zu müssen, nur bedauern. Heute sehen wir ein entge- gengesetztes Extrem; viele junge Satlik identifizieren sich mit der Wildheit, Angriffslust und Stärke der Erdik und sehen im Verhalten von Lono und Rurik eine Art, ihre Abneigung gegenüber den alten Tradi- tionen der Heimat und der Familie auszudrücken. Sie zeigen ihre eigenen »Erdiki«, indem sie ihre Neigun- gen und ihr affektiertes Gehabe allen offen zur Schau stellen. In Wirklichkeit mißbilligen die Erdik diese Verhaltensweisen, aber dieses Mißverhältnis scheint die Jungen überhaupt nicht zu stören; es ist trotzdem Erdiki, sich paarweise zurückzuziehen, statt sich an Kreisen zu beteiligen. Vielleicht ist alles nur eine Sa- che der Interpretation, und möglicherweise erweist sich auch diese Modeerscheinung, wie schon andere, als nur vorübergehend. Alles, was dadurch bewiesen wird, ist, daß eine Fabel in ein neues Zeitalter mit ei- ner speziellen Botschaft für dieses Zeitalter eingeht. Obwohl Lono und Rurik vor dreihundert Jahren leb-, ten, spricht ihr Zeitalter immer noch zu unserem. Dann gab es auch Widerstand gegen die Art, wie sie liebten. Es gab welche, die den Inhalt ihrer Ge- fühle nicht erkennen konnten, sondern nur deren Ausdruck, und sie hielten es für nötig, ihr Entsetzen, so laut sie konnten, zu äußern. Die Wahrheit ihrer Gefühle füreinander äußert sich vielleicht nicht da- durch, wie schön sie vor oder nach getroffener WAHL waren, sondern dadurch, was sie durchma- chen mußten, wenn sie diesen Gefühlen Ausdruck gaben. Selbstverständlich versuchte Ruriks Familie, die beiden zu trennen. Lonos Familie, um Verständ- nis bemüht, besorgte ihnen eine Kuppel am entfern- ten Ende der Insel; ein Platz, an dem sie zusammen sein konnten, fern von den anderen ihres Dorfes. Die Dorfbewohner selbst waren in ihrer Meinung geteilt – und das nicht immer entsprechend ihrer Beziehung zur WAHL. Zwar waren es meist Auserwählte, die sie unterstützten, und meistens waren es Nicht- Auserwählte, die die feste Bindung zwischen ihnen nicht verstanden, aber es gab auch viele Erwählte, die fühlten, daß die beiden falsch handelten, und es gab viele Nicht-Auserwählte, die die beiden für Op- fer der Umstände hielten, die versuchten, ihre Prob- leme auf die bestmögliche Art zu lösen. Vielleicht war die WAHL selbst gar nicht so sehr Ausgangs- punkt als vielmehr die Infragestellung elterlicher Vorrechte. Viele der übereifrigen und impulsiven, Dorfbewohner stellten sich auf die Seite von Ruriks Vater; harte Worte und härtere Handlungen folgten. Die Liebenden wurden lächerlich gemacht und geäch- tet. »Wer ist der Mann?« »Wer liegt im Bett oben?« Und, das grausamste von allem: »Zeigt uns eure Kinder!« Die Ankündigung von Lono und Rurik, ihre Liebe vor der Synode weihen zu lassen, wurde zum Brenn- punkt der Feindseligkeiten; fast unmittelbar danach wurden gesetzliche Aktivitäten angedroht, wenn schon nicht gegen sie persönlich, dann gegen Gleich- WAHL im allgemeinen. »Solche Beziehungen ver- höhnen die Ehe – und auch die Liebe. Es sollte ein Gesetz geben, das unsere Kinder vor so etwas schützt! Sie bedrohen unsere Gesellschaft.« Viel- leicht bedrohten sie sie wirklich: sie durchschauten ihre Heuchelei. Es gab weitere Drohungen gegen sie, und sie begannen, in Furcht zu leben. Schließlich wurde die Synode gezwungen, über die Rechtmäßigkeit ihres Heiratsvertrags einen Schiedsspruch zu fällen. Kaunilla, die Prophetin, vie- len als eine Stimme der Vernunft bekannt, taucht in diesem Teil der Erzählung oft auf, obwohl es keine geschichtliche Begründung für die Annahme gibt, daß sie tatsächlich beteiligt war, genausowenig wie es einen Grund gibt, an ihre legendäre Auseinander- setzung mit dem Dämon zu glauben. Ob nun Kaunil- la beteiligt war oder nicht und zugunsten der beiden, sprach; die Ansprachen, die ihr zugeschrieben wer- den, sind so machtvoll und überzeugend wie all die anderen, die sie, wie uns verbürgt ist, wirklich gehal- ten hat. Ob nun Kaunilla in diesem Fall wirklich als Sprecherin auftrat oder nicht; es gab jemanden, der die gleiche Geistesschärfe wie sie besaß und für Lo- no und Rurik sprach. Nach langwierigen Beratungen urteilte die Syno- de, daß Lono und Rurik keine Schuld traf, denn sie seien nicht die Ursache, sondern die Opfer der Situa- tion. Es war Ruriks Vater, die den ursprünglichen Schaden verursacht hatte; wäre Ruriks Recht auf eine WAHL nicht beschnitten worden, hätten Rurik und Lono die Möglichkeit gehabt, ihre Zukunft bestim- men und eine fruchtbare Ehe einzugehen. Deshalb urteilte die Synode, die besondere Tatsache ihrer jet- zigen Gestalt außer acht lassend, daß die Handlungen der Liebenden auf früheren Absichten beruhten, die in ihrer Bestimmung ursprünglich sehr edel waren. Dann bekräftigte die Synode das Recht eines jeden Kindes auf eigene WAHL – und verurteilte die Handlungen von Ruriks Vater, die die Liebenden zu einem Leben der Unfruchtbarkeit verdammt hatte; sie würden nie das Glück eigener Kinder kennenler- nen. Es wird gesagt, daß dies für alle der schwerste Augenblick war; Lono und Rurik brachen angesichts der Bestürzung von Ruriks Vater in Tränen aus. Die Synode verkündete, daß Ruriks Eltern (wenn auch in, guter Absicht, das wurde ihnen zugestanden) das Recht der Jungen in Frage gestellt hatten; zum Aus- gleich mußte es ihnen erlaubt werden, so gut sie konnten, ihren eigenen Weg zu gehen. Es handelte sich natürlich um einen speziellen Fall – die Synode war nicht bereit, dieses Recht auf andere Gleich- WAHL-Liebende auszudehnen. Trotzdem fand die Entscheidung wenig Gegenliebe; das Dorf akzeptier- te den Schiedsspruch – es mußte, denn das Urteil hat- te Gesetzeskraft –, aber nur mit großem Widerwillen, der aus vielen Vorurteilen herrührte. Es kam zur Konfrontation zwischen Rurik und ih- rem Vater – es mußte dazu kommen. Und ob es so geschah oder nicht – die Fabel gibt diese Version als Wahrheit aus. Rurik mußte ihrem Vater ihr Selbst- Sein erklären: »Selbst wenn die Synode gegen uns geurteilt hätte, ich hätte nicht aufhören können und wollen, Lono zu lieben. Liebe kann man nicht ein- fach kontrollieren – oder hast du deine eigene Jugend vergessen? Wir können genausowenig voneinander getrennt werden, wie wir unsere Arme oder Beine oder Herzen aufgeben können. Ich will auch nicht auf den meinem Herzen eigenen reethischen Charak- ter verzichten. Ich muß bei dem Dakkaiker bleiben, der mir am meisten bedeutet, ganz gleich, welche Gedanken oder Worte von anderen kommen, die das nicht begreifen.« Man sagt, daß Ruriks Vater überhaupt nichts sag-, te, als Rurik ihr das erzählte – und so wird die Szene immer aufgeführt. Weder akzeptiert sie die Erklä- rung ihres Kindes, noch weist sie sie zurück, und schließlich fragt Rurik, verzweifelt einer Antwort harrend – nein, sie fragt nicht, sie fleht: »Warum willst du mich nicht lieben lassen?« Seitdem findet ihr Flehen ständig Widerhall, nicht nur als einzelner Aufschrei der Qual, sondern als der Schrei aller Kin- der an allen Orten gegen alle Eltern, die mit harter Strenge statt mit Hilfe erziehen. In den bekanntesten Erzählungen ist Ruriks Erklä- rung so durchdringend, daß ihr Vater schließlich zu- sammenbricht und weint und sie um Vergebung bit- tet – und Rurik stellt bestürzt fest, daß sie dazu nicht in der Lage ist. »Ich liebe dich«, sagte sie, »ich wer- de dich immer lieben. Aber ich werde dir niemals verzeihen.« Aber in anderen, älteren Versionen wei- gert sich der Vater, den Irrtum ihres Handelns einzu- sehen. Sie wird gewöhnlich hartherzig, beherrschend und unduldsam dargestellt; in dieser Version wirkt die Szene immer gezwungen und unangenehm, man kann kaum zuschauen. Sie bricht nicht zusammen und weint nicht, aber sie ist auch nicht mehr beherr- schend. In jeder der Versionen besteht jedoch der Höhepunkt darin, wie die persönliche Stärke vom Vater auf das Kind übergeht. Der Moment der Rei- fung wird fast sichtbar durch dieses Überwechseln von der einen auf die andere Person. Der Vater wird, das Kind, als das Kind die Erwachsene wird. Als sich allmählich der Herbst näherte, wurde das Leben in ihrem Heimatdorf für Lono und Rurik fast unerträglich – trotz des Schiedsspruchs der Synode. Der Fall hatte zu große Gegensätze heraufbeschwo- ren, und die Gefühle schlugen immer noch zu hohe Wellen. Im Winter war es am schlimmsten – Lono und Rurik wurde im Gemeindeladen der Verkauf von Lebensmitteln verweigert. Als sie hingingen und ih- ren gerechten Anteil verlangten, wurden sie abge- wiesen: »Ihr teilt euren Samen nicht mit uns, wir können unsere Ernte nicht mit euch teilen.« Sie wä- ren verhungert, hätte nicht Lonos Mutter soviel von ihrem Anteil wie sie konnte zu ihnen geschmuggelt. Aber ihre Mutter starb, als die Tage und Nächte gleich lang waren, und der Winter würde noch viele Wochen andauern. Schließlich kam Ruriks Vater ei- nes Dunkeltags mit einem großen Korb voller Vorrä- te zu ihnen. Obwohl sie die Lebensmittel annehmen mußten – Rurik würde Lono nicht ihretwegen hun- gern lassen –, war Rurik immer noch nicht in der La- ge, ihrem Vater zu vergeben. Ihr Vater fühlte sich zerbrochen und betrogen. Die letzten Tage des Winters werden manchmal »Die Zeit der Belagerung am Meer« genannt – ein direkter Hinweis auf die Kälte und den Hunger, de- nen Lono und Rurik ausgesetzt waren. Mit wenig Nahrung und ohne Brennstoff, abgesehen von ihren, eigenen spärlichen Rücklagen, hielten sie sich nur dadurch warm, daß sie einander fest umklammerten. Oft waren sie krank, zu schwach, um auch nur ihre Netze nach Fischen auszuwerfen. Die langen frosti- gen Nächte waren die härteste Probe, auf die ihre Liebe je gestellt worden war – sie hätten ihr Exil je- derzeit beenden können, indem sie beide in die Hei- rat mit einer der reethisch Errötenden einwilligten – aber sie gaben einander nicht auf; das war das Feuer, über dem ihre endgültige Reifung geschmiedet wur- de. Denn in diesen sturmdurchtobten Wochen begrif- fen sie den Zusammenhang, in dem sie lebten; und sie lernten, was sie tun mußten, um ihn zu bewälti- gen. Als der Frühling kam, zogen Lono und Rurik aus der Gemeinde fort. Sie brachten Reethe, der Mee- resmutter, ein Huldigungsopfer dar und machten sich an eine mühselige Arbeit, die mit den Aufgaben des Dorfes nichts zu tun hatte – an die Konstruktion ei- nes Trimaran, der größer und widerstandsfähiger als die Boote waren, die in küstennahen Gewässern be- nutzt wurden. Keine Nußschale für kurze Ausflüge, sondern ein Schiff, das für Reisen zu fernen Küsten geeignet war. Sie beluden es mit getrockneten Fi- schen, die in Bambus eingewickelt waren, Milchpro- dukten und eingemachtem Gemüse, Krügen mit ge- lierten Früchten und Speckschwarten, die sie vorbe- reitet und seit Anfang des Jahres dem Gemeindela-, den vorenthalten hatten. Dann brannten sie, als sym- bolische Abkehr von den Bindungen an diese feind- liche Insel, ihre Hütte nieder und segelten nach Wes- ten. Häufig wird geschildert, wie Rurik ihren Vater, der nun krank geworden ist, zum letzten Abschied besucht. »Ich vergebe dir noch immer nicht«, sagt sie, »aber du sollst wissen, daß ich dich immer wie ein treues Kind geliebt habe und immer lieben wer- de. Ich weiß, daß du nicht akzeptieren kannst, daß ich sein muß, was ich sein muß – aber wenn du nur verstehen könntest, daß es mir so am besten gefällt, dann könntest du mir alles Gute wünschen. Alles, was ich erbitte, mein Vater, sind deine Segenswün- sche.« »Ich habe dir immer alles Beste gewünscht, mein Sohn. Ich glaubte, dir das Beste zu geben, als ich dir bei deiner WAHL … half. Ich war im Unrecht – denn jetzt ist die Art deiner Liebe für mich anstößi- ger, als wenn du reethisch geworden wärest. Die Er- kenntnis, daß ich dich dazu gebracht habe, bereitet mir Übelkeit. Ich habe mich selbst mit mehr Haß und Reue beladen, als du mir je aufbürden konntest.« Und dann ein ganz leises Flüstern: »Ich hätte dich geliebt, Rurik, wenn ich dich nicht gefürchtet hätte. Ich dachte, ich dachte … wenn du ich wärest, brauchte ich mich nicht zu fürchten.« Und Rurik, ebenfalls flüsternd: »Du hast dich, selbst zu sehr geliebt, mein Vater. Das war dein ein- ziger Fehler. Deshalb wolltest du, daß ich wie du bin. Und … du bist dieser Liebe wert; du solltest stolz auf die sein, die du bist.« »Alles, was ich kenne, ist zerstört. Ich wünsche dir ein besseres Los, mein Sohn. Mögest du nie die Schmerzen kennenlernen, die ich erfahren habe.« Und Rurik, hilflos, wie sie dort stand, konnte nicht umhin, Mitleid für ihren Vater zu empfinden, die jetzt so klein und armselig war. Aber selbst jetzt … konnte sie nicht vergeben. Und darin erfuhr sie ihres Vaters Schmerz, als wäre es der ihre. Sie küßte sie noch einmal, eine huldigende Geste an die Vergan- genheit, wandte sich um und verließ die Heimat ihrer Kindheit für immer, um mit ihrer Geliebten fortzuse- geln. Es gibt keinen geschichtlichen Bericht darüber, daß man jemals wieder von ihnen gehört habe. Die wahrscheinlichste Annahme ist, daß ihr Boot in den starken Strömungen des Äquators zerstört wurde; denn angesichts ihrer geringen handwerklichen Fä- higkeiten konnte es nicht sonderlich gut gebaut sein. Trotzdem: Viele Jahre später erreichten die Insel immer wieder Geschichten von den wunderbaren Reisen der beiden wilden Dakkaiker, die einen sil- bernen Trimaran fuhren, der geschmeidiger als Mö- wen im Wind durch die schäumenden Wellen glitt. Obwohl diese Geschichten im allgemeinen als, Wunschvorstellungen betrachtet werden, wurden sie mehr und mehr ein Bestandteil der Fabel – wahr- scheinlich, weil die meisten einfach zu gut sind, um ausgelassen zu werden. Viele abenteuerliche Phanta- sie-Geschichten haben die Legende von Lono und Rurik als Ausgangspunkt benutzt, als Anstoß, sie aufs offene Meer zu versetzen. Dort konnten sie die Meerwürmer reiten, mit den Stimmen des Windes streiten, die Dämonen bezwingen, die immer noch auf dem Meeresgrund leben – Geister aus der Zeit des Vorher –, und schließlich konnten sie die goldro- sa Wolkenschlösser des Himmels ersteigen. Die mei- sten dieser Fabeln sind eher im Wunderbaren als in Tatsachen verwurzelt, aber alle bringen Lono und Rurik zum selben, nachdenklich stimmenden Schluß: Sie werden von einem entfesselten Sturm-Dämon verfolgt, einem Kind Dakkas, einem seelenfressen- den Vorboten des Chaos, einer zerstörerischen ele- mentaren Gewalt, die mit Wind, Hagel und Sand in zermalmender Kraft über die Welt rast; der Hurrikan jagt die beiden Liebenden über die wilden Wasser, bis schließlich eine gigantische See-Otter, vielleicht die Große Otter selbst, eines silbernen Abends an Bord ihres Floßes klettert und ihnen den Weg nach Norden und Westen weist; dann verschwindet sie wieder in den Wellen, in die Sicherheit ihrer Otter- Heimat. Den Ratschlägen der Otter folgend, segeln sie nach Norden und Westen, wo sie der Gottheit, Reethe begegnen, die sich in die Kleider des rasen- den, sturmgepeitschten Meeres wickelt und in die Höhe steigt, um sie zu retten; es wird erzählt, daß sie Lono und Rurik für eine Vielzahl früherer Gefällig- keiten, die sich je nach Erzählvarianten unterschei- den, Dank schuldete. Sie heißt Lono und Rurik an ih- rer Brust willkommen und führt sie durch die warme Pforte, die als Tod bekannt ist, in Sicherheit. Zuerst haben sie Angst – eine Zuflucht finden, in- dem sie sterben? Sie können diese Wahl nicht begrei- fen; aber Reethe spricht sanft und überzeugend zu ihnen. Während der Dakkaische Sturm um sie herum tobt, hält sie sie in ihren Armen und erzählt ihnen von der Heiligkeit der Fürsorge. »Natürlich ist jedes Leben von kurzer Dauer«, sagt sie. »Deshalb gibt es Liebe – um ihm eine Bedeutung zu geben. Wenn das Leben ewig dauern würde, wäre eine so merkwürdi- ge Gefühlsempfindung nicht notwendig, denn dann wäre alles möglich, und letztendlich würde alles ge- schehen; aber weil es den Tod gibt, dürfen die schön- sten Dinge existieren – und das ist Liebe; und wenn sie in die Nacht eintaucht, wird sie dadurch noch hei- liger, denn jede Liebe ist einmalig, kann in dieser Welt nie wiederholt werden.« Und dann erzählt sie ihnen: »Ihr könnt die Endlichkeit des Lebens akzep- tieren, oder ihr könnt sein Ende fürchten; aber wenn ihr akzeptiert, was ihr seid, wird es euch möglich, je- den Augenblick, der euch zur Verfügung steht, zu, genießen; das Ende des Lebens akzeptieren heißt: ihm seinen Tribut zollen – so wie man sein Glas nach einem Trinkspruch zerbricht, damit es danach nie mehr für einen geringeren Anlaß benutzt wird. Das ist das Geschenk, das ich euch anbiete, Lono und Ru- rik: daß ihr zusammen enden werdet, so daß keine al- lein bleibt, um ihre Einsamkeit zu beklagen.« Und jetzt bedenken die Liebenden diesen Vor- schlag – die Alternative ist, wieder vor dem Sturm zu fliehen; jede wird allein und in Angst sterben. Sie be- rühren gegenseitig ihre Hände, ihre Wangen, ihre Augenlider und ihre Lippen und flüstern: »Ich will in deinen Armen und in Frieden sterben. Du hast mir im Leben viel Freude geschenkt; es soll auf angemesse- ne Art enden.« Und Reethe umfaßt sie dann und nimmt sie mit zum Meeresgrund. Und es wird er- zählt, daß sie in gegenseitiger Umarmung starben, so als glitten sie in die zarte Umarmung des Schlafes. Wenn diese Fabel von Lono und Rurik in ihrem Schluß tragisch erscheint, dann ist das nur eine Illu- sion. Es ist eine Erzählung, die Freude zum Inhalt hat, denn sie erlaubt Lono und Rurik, so zu sterben, wie sie gelebt haben – in den Armen der anderen. Vielleicht ist diese Erklärung merkwürdig, aber könntet ihr euch etwas Besseres wünschen, als ge- meinsam mit eurer Geliebten zu enden? Diese Ge- schichte soll daran erinnern, daß alle Liebesgeschich- ten notwendigerweise traurig sind; denn eine Liebes-, geschichte ist nicht vollständig, wenn nicht auch das Ende der Liebe genau geschildert wird. Alle Liebes- beziehungen enden einmal; manche, wenn der eine oder der andere Partner Überdruß empfindet; andere durch die Zufälligkeiten äußerer Umstände; viele, wenn der eine oder der andere Partner stirbt. Die Liebe des Überlebenden ist immer ein gutes Maß für die Stärke der Beziehung – und das verleiht den Lei- denschaften der Satlik in ihrer überwältigenden Trau- rigkeit die Eigenschaften des Glücks. Sie ist glück- lich in der Erkenntnis, daß die Liebe selbst zeitlos ist, in der Tatsache, daß es allen frei steht, an diesem Glück teilzuhaben, wenn sie nur ihre Herzen öffnen können. Und so gesehen sind diese Geschichten glückliche Geschichten – ein Glück, das jedwede Trauer übersteigt, denn wir haben an der Freude teil, daß zwei von uns gelernt haben, wie man die größte Quelle der Macht in unserer Welt findet. Die Liebe schafft jedem von uns Gewißheit über seine Fähig- keit, mit den heiligen Strömungen der Menschheit zu fließen. Sie ist die edelste der menschlichen Leiden- schaften, und nur durch sie kann man vollständig werden. Auch wenn wir Individuen sind, so sind wir doch stets Widerspiegelungen einer übergeordneten Wahrheit; und wenn wir diese Wahrheit wie Strahlen und Licht in uns selbst widerspiegeln können, dann werden wir das Beste, was wir sein können. Das ist die abschließende Lehre, die uns die Liebe von Lono, und Rurik vermittelt. Und sie lebt immer wieder aufs neue, wenn wir davon erzählen. Sie mögen in die Dunkelheit der Nacht eingetaucht sein, aber solange Menschen an ihrer Geschichte teilhaben, solange lebt ihre Liebe weiter. »Option war ein Experiment für soziale Beziehun- gen. Es war in guter Absicht begonnen worden, aber wie bei allen sozialen Experimenten waren seine Miß- erfolge lehrreicher, als die Erfolge überhaupt jemals sein konnten. Wenn das bitter klingt, dann ist es viel- leicht auch so. Ich hätte viel lieber zu den Erfolgen als zu den Mißerfolgen gezählt. Bei allen sozialen Experimenten besteht das Prob- lem darin, daß man den Rest nicht einfach den Bach hinunterspülen kann, nachdem sich die Hypothese als unbrauchbar erwiesen hat. Der Rest: das sind menschliche Leben. Wer räumt auf, nachdem die Te- ster im Labor fertig sind?« An den Abenden spazierte Jobe zum Säulengang hinunter, wo unter einem Strohdach eine Leinwand aufgestellt war; zum Schutz vor Fluginsekten war ein Rouleau aus dünnem Seidengewebe angebracht. Während andere vielleicht zur Unterhaltung, zum Lernen oder wegen der Nachrichten hierherkamen, kam Jobe, weil sie nichts anderes tun wollte. Das hieß nicht, daß sie nicht hier zu sein wünschte; sie, hatte nur nicht den Wunsch, irgendwo anders zu sein, und hier gab es einen Platz, wo sie sich aufhalten konnte, wenn sie nicht irgendwo anders war. Alle anderen hatten sich zu Paaren gefunden; Jobe schlief immer noch allein. Also beobachtete sie das Flackern auf dem Bildschirm; das war auch nur eine andere Art, allein zu schlafen. Nyad hatte ihr gesagt, daß sie schön sei; in ihrer Weigerung, dies zu glauben, machte Jobe sich selbst unschön. Hier hieß schön sexy – und das war gefähr- lich. Sex war etwas, das man zur Entspannung prak- tizierte, nicht für die Befriedigung. Bestenfalls eine unsaubere Angelegenheit. Die Leinwand war saube- rer. Das blaugraue Flackern in der trockenen, windi- gen Nacht wurde ihr Lebensinhalt auf Option, eine Projektion dessen, was sie gern gehabt hätte, aber nicht zu nehmen wagte – statt zu tanzen, saß sie da und fand Musik scheußlich. Statt zu singen, hörte sie zu und fand Sänger scheußlich. Statt zu lieben, beo- bachtete sie die Gesichter liebender Leute und fühlte sich beleidigt. Die Leinwand blendete Bilder in ihr Gehirn ein und schuf alternative Realitäten; erfreuli- chere, denn in ihren Klischees und Stereotypen wa- ren sie banal – man konnte sie leichter verstehen und handhaben. Diese Abbilder und Klänge waren nur verkürzte Symbole, die eine abgerundetere dreidimensionale Welt vorspiegeln sollten – aber die Symbole wurden, auf eine drei Meter hohe Wand projiziert, und die Farben waren intensiv und grell, zu prächtig, um wirklich zu sein. Sie funktionierten zu gut, sie waren zu übermächtig, und sie wurden wirklicher als die Dinge, für die sie als Symbol standen. Sie wurden Jobes Realität. Banal und grell. Künstlich. Die Leinwand sagte irgend etwas: »Aber das Wirkliche kann nicht durch Abbilder ausgedrückt werden; es kann nur ausgedrückt werden – und nie- mals durch Symbole, sondern nur durch die Wahr- heit.« Jobe nickte bei diesen Worten. Ja, wie wahr. Die Leinwand erweiterte die Horizonte der Einsicht; sie war ein magisches Fenster. Aber als sie sich mit ausgestreckter Hand darauf zu bewegte, als wolle sie in sie eintreten, entdeckte sie, daß eine Leinwand nur eine Wand und kein Fen- ster ist. Alles andere als ein Fenster. Ihre Hand stieß ohne Berührung gegen die ölige Oberfläche, aber die Botschaft an ihre Augen wurde lauter, intensiver. Und nebenbei war die Botschaft an ihre Augen die eine, an die sie glauben wollte. Die bewegten Schat- ten auf der Wand waren eine angenehmere Wahrheit – viel angenehmer als die, die hinter ihr in den Hü- geln lauerte und sie grob und lieblos rief: »He, Jobe! Hier oben ist ein Bett, an dem dein Name steht. Komm hoch! Die Liebe ist schön. Streck deine Beine hoch, Mädchen! Es wird dir Spaß machen!« Aber nein – Jobe mußte diese Wirklichkeit ablehnen. Sie, war zu gefährlich. Sie war zu wirklich! Sie konnte verletzen. Man müßte sich mit anderen Leuten be- schäftigen. Schlimmer noch, man müßte sich … um sie kümmern. Man konnte verletzt werden. Ja, die projizierten Mosaike glitzernder Farben, Abbilder von Beinahe-Wahrheiten, die sich über eine Wand weißgewaschenen Reispapiers in einem Bam- busrahmen erstreckten, diese Mosaike waren weit ungefährlicher, weit angenehmer. Sie bezogen dich nicht mit ein, überhaupt nicht. Sie waren in sicherer Entfernung. Wenn sie anfingen, sie zu stören oder auch nur leise durch ihr Bewußtsein rieselten, durch die Mauer ständiger Benommenheit, konnte sie ein- fach weggehen – im anderen Fall konnte sie das nicht, nicht, während sie hilflos an ein Bett gefesselt war und jemand in sie hineinstieß. Das brachte sie dazu, flach auf dem Rücken zu liegen, während irgendeine unreife und unerfahrene Schwester-Freundin, die glaubte, sie wäre im Be- griff, dakkaisch zu werden (oder wenigstens eine Möglichkeit suchte, Dakka zu erproben, um sich selbst zu beweisen, daß sie in Wirklichkeit diese WAHL gar nicht wollte), in sie hinein- und wieder hinausfuhr, sich dabei in wildem Rhythmus bewegte, vor und zurück, sich eng auf sie preßte, manchmal schmerzhaft zustieß (manchmal konnte sie kaum at- men), manchmal etwas Warmes in sie hineinspritzte, manchmal viel zu früh und manchmal überhaupt, nicht, in sie pumpte, bis sie sich wund rieb, manch- mal sogar brannte. Wenn sie es nur richtig machen könnte, dachte sie, oder genug bekäme oder – manchmal etwas da wäre. Der Beginn eines kitzeln- den Reizes – ja, sie wußte, was ein Orgasmus war; sie hatte welche, ab und zu. Der Fehler lag keines- falls bei ihr; sie hatte Spaß am Sex, mochte ihn sogar – sie konnte nichts mit Leuten zu tun haben. Die meisten der Dakka wurden fremdartig. Das war ein Teil ihrer Angst. Sie glaubte, Erwachsensein würde das Ende der Kindheitsprobleme bedeuten – und das war es; die kleinen Probleme schrumpften bis zur Bedeutungslosigkeit – und wurden durch größere ersetzt, die Probleme einsetzender Reifung, die Gestalten von Reethe und Dakka; und Jobe konn- te die Dakkaheit von Dakkaikern nicht begreifen! Sie konnte an ihr keinen Anteil haben, auch wenn es ihre eigene WAHL sein sollte. Und weil sie die Verhal- tensweisen der Dakka-WAHL nicht verstehen konn- te, fühlte sie sich unbehaglich – und ihr Unbehagen benutzte sie als Mörtel, sie baute eine Mauer der Verdrossenheit zwischen sich und dem, nach dem sie sich sehnte. Sie konnte die Berührung einer Dakka nicht ausstehen, so, als ob diese Person an etwas Spaß habe, das sie nicht nachvollziehen konnte. Und sie konnte die Freude der anderen nicht verstehen und nicht an ihr teilhaben. Als hätte diese Person ei- nen Zauber vollbracht, den sie nie kennenlernen, könnte. Was steckte in ihnen, das sie fähig machte, dakkaisch zu sein? Warum sollten sie diesen Zauber erleben und sie selbst nicht? Sie war Jobe – sie war die Heldin der Geschichte ihres eigenen Lebens; sie war der Mittelpunkt ihres Kreises – sie war die eine, um die sich ihr Universum drehte; warum sollte der Zauber ihr vorenthalten und den ungeschickten ande- ren gegeben werden, die die Gabe, die sie besaßen, nicht verstanden? Sie konnte sie verstehen – wenn sie sie nur verstehen könnte! Sex war … gut; Reethe würde Dakka wegen ihrer Unvollkommenheit anbeten und trösten. Reethe wür- de sich selbst mit Dakka teilen, indem sie Dakka in sich aufnahm. Reethe würde Dakka in ihrem Innern halten und ihre Heiligkeit mit ihrer mängelbehafteten Geliebten teilen – sie rührt das Herz ihrer Geliebten und nährt sich aus ihrer wachsenden Stärke, indem sie Dakka in dem einen, hell aufblitzenden Moment ekstatischen Wunders, wenn jedes Ego und jede Iden- tität in den tiefen Strudeln der Ströme des heiligen Tao verlorengeht, das Wissen des Zaubers der Vollendung gibt. Der Zauber geschieht, wenn du Teil der gewaltigen Ströme von Raum und Zeit wirst, wenn du Teil aller großen Augenblicke des Lebens wirst. So sollte es sein. Reethe gab Dakka das Wis- sen in der Vollendung, und indem sie, wenn alles zu- sammenpaßte, Dakkas Ekstase erfuhr, erwarb sie dieses Wissen für sich selbst., Aber Jobe konnte ihre eigene Vollendung nicht erwerben – und sie hatte es versucht, sie hatte es wirklich versucht. Was machte sie falsch? Sie konnte nichts falsch machen – sie hatte die richtigen Regun- gen und auch die richtigen Gefühle; zumindest glaubte sie das. Oder war es nicht so? Man sagte, daß Reethe keine Vollendung erwerben kann, ehe sie sich nicht Dakka hingibt … Sie tat es. Ihr gefiel es sogar. Ein bißchen. Sie konnte nicht anders, als es gern zu haben, auch wenn sie es nicht gern mochte, nicht in- nen. Das heißt: ihr Körper mochte es, aber sie nicht, nicht an dem Ort, an dem sie wirklich lebte. Aber sie tat es, weil sie nicht wußte, wie sie es nicht tun konn- te. Sie sagte nicht nein, weil sie auf ihr Wunder hoff- te, doch sie wußte nicht, warum sie ja sagen sollte. Aber ihr fehlte noch … fehlte noch … fehlte noch etwas. Sie wußte, daß es irgendwie unvollständig war, daß etwas fehlte – in ihr selbst oder in dem Akt. Da sie lieber glaubte, daß in dem Akt etwas fehlte, versuchte sie ständig, es zu bekommen – aber sie konnte nicht feststellen, woran es mangelte, nur, daß es nicht da war. Könnte sie doch nur … das Gefühl greifen, nachdem jeder Geschlechtsakt zu langen schien, dann würde sie genau wissen, was sie ver- mißt hatte; denn sie würde es nicht mehr vermissen, nicht wahr? Jobe versuchte es. Und dann stellte sie ihre Versu- che ein. Nicht auf einmal, aber nach und nach. Jede, neue Antwort, die einen Fehlschlag bedeutete, wurde ein Hinweisschild auf einen Weg, der in die falsche Richtung führte; schließlich standen dort nur Hin- weise auf Sackgassen, sie konnte keinen Pfad erken- nen, auf dem sie es noch versuchen konnte. Vor sich selbst wollte sie nicht zugeben, daß sie einer anderen nicht geben wollte, was sie immer noch für sich selbst wünschte. Obwohl sie nur zu genau wußte, was sie sich selbst nicht eingestehen wollte. Zuerst ich – dann jemand anders! Ihr Ich schrie in ihrem Gehirn; sie würde es nicht abgeben, bis sie wußte, was sie da eigentlich abgab. Vollendung wird größer, wenn man sie mit jemandem teilt? Wer sagt das? Sie konnte es nicht weitergeben, weil sie eifersüchtig auf die war, an die sie es weitergab. Warum sollte Dakka zuerst Vollendung erhalten? Warum nicht Jobe, die viel verzweifelter war? Und selbst wenn sie ihr er- zählten – wie sie es wiederholt getan hatten –, daß es der Akt des Gebens war, der die Vollendung gesche- hen ließ, wollte sie es immer noch nicht glauben. Es brauchte eine Geliebte, eine Geliebte. Falls Jo- be jemals an Geliebte dachte – und trotz der Schmer- zen, die dieser Gedanke bereitete, träumte sie gele- gentlich davon, von einer Beziehung, die so tief und rein war, daß sie Leben und Zeit überwand und selbst unsterblich wurde –, so war doch die Möglichkeit dazu nie sonderlich nah; das war noch so weit ent- fernt, als würde es nicht heute, noch nicht einmal im, nächsten Monat erwartet, sondern in einer Zukunft, die noch ungeformt hinter der Begrenztheit des Mor- gen lag, zwar allmählich Gestalt annahm, aber immer noch verschwommen war – genau dort befand sich ihre Geliebte. Ihre Geliebte – o ja, Jobes Geliebte war schön und golden, lebte zufrieden genau hier, in dem winzigen Raum hinter ihren Augen, dem si- chersten aller Orte, geschützt vor der Wirklichkeit. Sie war immer da, wenn sie gebraucht wurde, fügte sich jeder Laune, war jedem Wunsch zu Willen. Und natürlich liebte Jobe sie so sehr, daß sie alles für sie tun würde, selbst ihr Leben für sie geben würde; sie stritten nie, niemals. Liebende stritten nie, sie waren einander zu ähnlich, hatten zu allem die gleiche Mei- nung. Liebe, so erklärte Jobe sich selbst, brauchte keinen Sex. Sie ist im geistigen Sinne überragend. Der Sex ist etwas anderes – oh, es gibt ihn natürlich. Lieben- de verbergen sich wegen ihrer Sexualität ineinander, damit sie sich nicht, was schlimmer wäre, anderen zuwenden müssen. Es ist viel einfacher, es mit je- mandem zu praktizieren, der die unsauberen Bedürf- nisse versteht. Liebe, wirkliche Liebe, sollte über die Eindeutigkeit des Sex hinaus existieren, getrennt da- von – eine Angelegenheit an und für sich, die mit Körpern, die im Dunkeln miteinander ringen, nichts zu tun hat. Liebe – das bedeutet, in eine größere Er- fahrung einzutauchen (diesen Teil ihrer Ideen nahm, sie aus der Philosophie), und so wie diese Erfahrung sich ausweitet, so geschieht es auch mit den in ihr enthaltenen Individuen, die durch diese Erfahrung höher getragen werden, als sie je zuvor waren. Die neuerworbenen Standpunkte vermitteln eine neue Perspektive, die neue Sicht wirkt sich wiederum auf die Liebe aus, läßt sie noch weiter anwachsen, so, als sei sie für die Eindrücke des Aufstiegs dankbar. Lie- be wächst aus Liebe. Sie braucht den widerlichen se- xuellen Bestandteil nicht, höchstens als Zuflucht für den Körper. Liebe sollte rein sein. Überragend. Sie liebte dieses Wort, sehnte sich nach dieser Art von Liebe. Sex …? Nun, sie wollte weltlich sein, aber ohne den widerwärtigen Umstand, selbst in der Welt leben zu müssen. Ab und zu überfiel es sie: Ich werde allein, alt und ungeliebt sterben. Und ab und zu schrie sie laut auf, wenn Entsetzen über ihr eigenes Leben sie ergriff: Ich muß etwas tun! So kann ich nicht weitermachen! Aber das waren Nachtgedanken – die Nachtge- danken verflüchtigen sich im blauen und gelben Licht des Tages. Wenn sie während des Tages über das alles nachdachte, tat sie diese Ängste als närri- sche Irrwege ab (ich bin noch jung; ich habe Zeit), voll Besessenheit und unwichtig. Was immer ihr auch fehlte, sie machte sich diesen Mangel nicht klar; denn sie hielt ihre eigenen Nachtgedanken nicht für wahrer als die des Tages., Oh, warum kam niemand und rettete sie vor sich selbst, brachte sie zu der Art von Leben, auf die sie, wie sie wußte, Anspruch hatte? Die Leinwand redete immer noch: »Unzufrieden- heit, Frustration, Verzweiflung – das sind Bedingun- gen, die in den überwiegenden Teil des menschlichen Lebens eindringen würden, wenn nicht jedes menschliche Leben die Grenzen seines eigenen Ter- ritoriums bestimmte, die Größen der zu schlagenden Schlachten, die Aufgaben, die es zu lösen für wert hält. Jedes menschliche Leben begrenzt die Umstän- de der Konfrontation und begrenzt durch diese Be- grenzung auch die Person, die innerhalb dieser Be- dingungen handelt. Entweder wächst die Person zu der Größe, die sie diese Herausforderung bewältigen läßt – oder aber es mißlingt ihr zu wachsen, und sie wird von ihnen besiegt. Konfrontiere dich mit dir selbst – und das Ergeb- nis dieses Konflikts, die Art der Schlußfolgerung, wird schließlich den Stil deines restlichen Lebens prägen. Du wirst entscheiden, ob du mit der Person, die du in dir selbst entdeckst, zufrieden bist oder nicht; und diese Zufriedenheit oder Unzufriedenheit wird zur Wurzel deines gesamten Wesens.« Jobe hatte das alles schon vorhergehört. Irgendein Philosoph. Oder eine Watichi. Es war gleichgültig. Nicht das, was du für wichtig hieltest. Es kam nicht darauf an, daß man glaubte, was wichtig ist – es kam, nur darauf an, daß man glaubte; einzig die Tatsache des Glaubens brachte Vollendung. Aber gerade jetzt glaubte Jobe an nichts, konnte und wollte an nichts glauben. Weder an sich selbst noch an ihr Leben. Weder an Sex noch an Liebe. »Wenn du dich selbst herausfordern kannst, wirst du bald herausfinden, daß du mit weiteren und im- mer größeren Herausforderungen konfrontiert wirst – Herausforderungen, die du in der Absicht suchst, dich selbst herauszufordern, damit du weiter wach- sen kannst. Oder, wenn du vor der Herausforderung fliehst, wirst du vor allen Situationen fliehen, die dich möglicherweise wachsen lassen; und der Man- gel an Wachstum ist Tod, ein lebendiger zwar, aber nichtsdestoweniger Tod. Du wirst sterben, auch wenn es hundert heilige Jahre dauert.« Vielleicht war es das, dachte Jobe. Vielleicht ster- be ich tatsächlich. Ist mir eine Herausforderung an- geboten worden? Ist nicht die WAHL eine Heraus- forderung für ein Leben? Die Annahme meines Kör- pers und schließlich meines Ich? Jobe zog sich vorsichtig von dieser Einschätzung zurück. Damit konnte sie sich nicht anfreunden, dazu war dieser Gedanke zu einschneidend. Hier in Option verstand es niemand, ihr beizubringen, wie man mit einem solchen Gedanken zurechtkommt, und Jobe hatte ohnehin ihre eigene Methode, einer Herausfor- derung zu begegnen – indem sie sich auf höhergele-, genen Grund zurückzog, sich sammelte und die Situ- ation sorgfältig untersuchte. Normalerweise war die Herausforderung bis dahin vorbei oder hatte zumin- dest eine andere Form angenommen. Konfrontation konnte gefahrlos vermieden werden; wenigstens so- viel hatte Jobe gelernt. Die Leinwand-Stimme war falsch informiert – oder aber dieser Teil bezog sich nicht auf sie, war jetzt bedeutungslos. »Nur weil wir einige der Naturgesetze verstehen, bedeutet dies nicht, daß wir von ihnen ausgenommen sind. Wir benutzen unsere Worte, um uns von dem, was wir sind, zu distanzieren – wir manipulieren un- sere Symbole und glauben, die Begriffe zu kontrol- lieren, die sie darstellen. Es ist Selbsttäuschung, über Empfindung zu reden, wenn es wichtiger ist, zu emp- finden. Über Zivilisation zu reden ist etwas anderes, als zivilisiert zu sein. Nur weil wir es definieren kön- nen, bedeutet das noch lange nicht, daß wir es sind. Daß du diese Gedanken kennst, heißt nicht, daß wir ihrer Herr werden, noch nicht einmal, daß wir Herr unserer selbst werden.« Jawohl, nickte Jobe, jawohl; sie verstand, was die Leinwand sagte. Zu schade, daß all die andern, die zuschauten, nie wissen würden, daß es tatsächlich auf sie gezielt war; ihnen würde die Wahrheit dieser Worte entgehen. Sie waren nicht begabt, waren nicht etwas Besonderes – sie waren geringere Menschen; jene, die nicht ich waren., Sterben, genau wie jede andere, Opfer des Hitze- todes des Universums. Sterben? Unsinn! Ich lebe mein Leben für mich. Vor einer Leinwand? Warum nicht? Sie tut mir nicht weh … Aber wieso bist du dann nicht glücklich, Jobe? Warum liebst du nicht? Nun … Nun? Ich bin nicht schön, wollte ich sagen. Ich sehe nicht schlecht aus, aber nur wirklich schöne Leute finden Liebe … Was ist mit all den Leuten, die nicht schön sind, aber offenbar doch einen Partner finden, mit dem sie, wann immer sie wollen, schlafen können? Jede Nacht. Manchmal finden sie sogar Liebe. Die Häßlichen? Nun, ich bin nicht so schlecht wie sie … Aber ist es nicht merkwürdig, wie sie, verglichen mit dir, immer glücklich zu sein scheinen? Achselzucken. Das bedeutet nichts. Sie machen es miteinander. Sie haben es mit jemandem zu tun. Sie machen es mit anderen Häßlichen. Ja, das ist die Er- klärung. Irgendwie, schon. Ich bin nicht so häßlich. Ich brauche sie nicht. Vielleicht bin ich nicht schön, aber ich bin gewiß nicht häßlich. Und gewiß nicht so verzweifelt. Ich, komme ohne das aus. Wenn du das wünschst: in Ordnung. Wie auch immer. Die Leinwand verlangt keine Schönheit, wenn man sich mit ihr beschäftigen will. Sie verlangt nicht einmal, daß man sich mit ihr be- schäftigt, sondern nur, daß man sie akzeptiert. Sie erfordert Zeit. Die gebe ich gern. Sie ist ein Vampir, Jobe. Sie ernährt sich von dei- ner Zeit. Sie bringt dich um. Die Leinwand flackerte. Verführerisch. Eine si- chere Zuflucht, die Leinwand. Flackern. Flackern, »…einen Moment, bitte.« Fla- ckern. Pieep. Pieep. »… keine Möglichkeit vorherzusagen, wie ernst die Folgen sein werden. Für die Inseln, die an den Schirm grenzen, werden sofort strengste Schutzmaß- nahmen empfohlen. Folgende Inseln sollten evaku- iert…« »Was zum …?« »Psst!« »Was ist los?« »Ein Erdik-Schiff. Flog durch ein Plasma …« »Nicht das Plasma«, korrigierte jemand, »das Fo- kus-Feld.« »Das ist dasselbe.« »Nein, es ist nicht…« »… Zur Zeit besteht über die Situation noch keine, Gewißheit. Bis wir wissen, wie ernsthaft das Feld zerstört wurde, können wir nicht voraussagen …« »Oh, Große Reethe, nein!« »Sei still!« Jemand schluchzte, vielleicht schluchzte sie auch. Zwei Dakkaiker hielten sich an der Hand und saßen ganz eng beieinander. Jobe fühlte sich wie in eisiges Wasser getaucht. Schweiß rann ihre kalte Haut hin- ab. »… haben wir kaum mehr als 30 Stunden bis zur Lagin-Dunkelzeit. Bis dahin werden wir selbstver- ständlich genau wissen, welche Schäden entstanden sind und welche Nebenwirkungen es gibt; aber diese dreißig Stunden Frist ermöglichen auch …« Flackern. Blabla. Die Lagin! Kossarlin lag in der Lagin! »… einige der Auswirkungen können gemildert werden; die Behörde erhält ihre Plasma-Kontroll- stationen für genau solch einen Notfall aufrecht, ob- wohl seit dem Vorbeiflug des Nonal-Kometen vor einhundertdreißig Jahren nie mehr ein Schirm be- schädigt wurde. Wir wissen, daß etwa vierzig Pro- zent des Schutzschirms zerstört wurden, vielleicht sogar mehr; in diesem Fall wäre die Instandhaltungs- behörde nicht in der Lage, zu verhindern …« Jobe saß allein. Unfähig zuzuschauen. Unfähig wegzusehen. Was war mit ihren unschuldigen Schat- ten-Mauern passiert? Das war Schmerz! Ihr Zu-, fluchtsort war zerstört, und sie wurde voll Angst auf ihrer Bank festgehalten. Sie fühlte ein ekelhaftes Würgen in der Magengrube, in ihren Ohren hämmer- te der Rhythmus ihres Herzschlags. Das war wirk- lich! Sie wußte fast alles über die Plasma-Schirme; jede wußte es, das war Elementarstoff im Unterricht. Sie waren zerbrechlich. Sie mußten gewartet werden. Sie mußten geschützt werden. Ihre Zerstörung könn- te die Zerstörung der Biosphäre Satlins bedeuten. Das Ende des Lebens. Die Leinwand flackerte wie- der und wieder. »Da, schau! Die ersten Wettererscheinungen«, schrie jemand voll Entsetzen. »Unsinn. Die Sendung kommt über Draht aus Tar- ralon.« Eine Darstellung des Planeten, darauf projiziert ein schattiger Kegel. »… quer über den Lagin-Schirm. Diese rote Linie. Wie Sie erkennen können, flog das Schiff genau zwi- schen den Brennpunkt-Satelliten und dem Plasma. Es gibt Theorien, daß die an den Erdik-Antriebs- generatoren festgestellte Unregelmäßigkeit innerhalb des Felds außergewöhnliche Schwingungen erzeug- ten, die das Feld überluden und zerstörten. Warum der Satellit versagte und nicht sofort ein neues Feld aufbaute, wird noch untersucht. Der zweite Lagin- Satellit hält seine Funktion noch aufrecht, aber ein elliptischer Schirm erfordert zwei Generatoren. Das, Plasma hat sich inzwischen eiförmig ausgedehnt, der größte Teil des Stoffs bewegt sich nach Süden in Richtung des zerstörten Bereichs; der südliche Teil des Felds schwillt schon gefährlich an. Es ist mög- lich, daß das Feld noch schwächer und großflächiger wird; dann könnte sich das Plasma über die Grenz- dichte hinaus ausdehnen und sich auflösen – dann wäre keine Reparatur mehr möglich –, falls das Feld nicht vorher von selbst zusammenbricht. Glückli- cherweise bemerkte der Erdik-Kommandant nicht, welchen Schaden sie anrichtete. Aus der Erdik- Botschaft verlautete, daß sie irrtümlich glaubte, die Motoren seien abgeschaltet, während sie aber in Wirklichkeit im Leerlauf liefen und die Störung ver- ursachten. Wir werden später mehr darüber berich- ten. Hätte der Kapitän erkannt, was geschah, und versucht auszuweichen, hätte sie schlimmeren Scha- den angerichtet, denn in diesem Fall wären die Fel- der beider Satelliten zerstört worden …« Lagin-Schirm. Lagin-Schirm. Nach der ersten Sat- lik benannt, die auf der neuen Welt ein Kind zur Welt brachte. Alle Plasmaschirme waren von annähernd gleicher Größe. Jeder von ihnen diente als Verdunkler, um den Mittag der Region zu teilen, der der Schirm zu- gedacht war; jeder diente ebenso als Nachtreflektor am Dunkeltag. Ohne einen Schirm würde es nichts davon geben., Die Lagin war Jobes Heimat. »… schlimmste Auswirkungen werden für die südliche Hälfte erwartet, wo sich das Plasma immer weiter ausdehnt … arbeiten jetzt an den Feldern …« Wie hoch würde die Temperatur ansteigen? Kos- sarlin lag im südlichen Bereich von Lagin. Die Leinwand war plötzlich leer, dann erschien das Bild der Erdik-Botschafterin, die zusammen mit ihren Gehilfen zur Sondersitzung der Hohen Synode ging. Eine Stimme sagte irgend etwas über Hilfs- maßnahmen – was immer die beiden Erdik-Schiffe, die jetzt in Porta waren, auch tun konnten. Eine Landkarte und dann eine Stimme. »… erste Vorhersagen sind jetzt eingetroffen. Die am schlimmsten betroffenen Gebiete werden hier sein, dann hier und …« »Oh, Reethe, nein!« »Um Dakkas willen, sei still!« »Das ist meine Heimat!« Jobes Herz wurde zu- sammengepreßt, es pochte in ihrer Brust wie eine Zeitzünderbombe. »… werden so viele wie möglich evakuieren …« »Ich muß nach Hause!« »Das ist das Verkehrteste, was du tun könntest.« »Sie soll den Mund halten.« »Sie ist völlig durcheinander, seht ihr das nicht?« »… in diesem Moment bricht das Feld tatsächlich zusammen! Wir empfangen Notrufe …«, »Diese widerlichen, dreckigen, miesen Erdik!« »Hee, paßt auf!« »Haltet sie zurück!« »Haltet sie fest!« »Holt die Heilkundige.« »Sei ganz ruhig, Jobe – es wird schon alles in Ordnung gehen!« »Laßt mich! Ich muß nach Hause. Meine Fami- lie!« »Wir haben alle Familien …« »Nein …!« »Schon gut, Jobe, schon gut. Es wird schon …« »Nein, es wird nicht! Ihr versteht nichts. Wir ha- ben Babys. Die Babys können die Hitze nicht aushal- ten! Die hohen Temperaturen werden sie umbrin- gen!« »… Erdik haben der Hohen Synode versichert, daß sie alles tun werden, was in ihren Kräften steht …« »Au! Paßt auf ihre Fingernägel auf!« »Laßt mich los, ihr dummes Pack!« »Nicht schlagen! Sie weiß nicht, was sie tut.« »Wo ist die Heilkundige?« »… keine Möglichkeit, einen Plasmaschild von diesem Ausmaß …« Überall waren Arme auf ihr. Und Hände. Sie biß und schlug und kratzte, aber sie waren zu viele. »Ruhig, Jobe, ruhig.« »Nein, nein, nein, nein. Neiiiin …«, »Hör mir zu, Jobe!« »… mindestens einen Monat, bevor die Auflösung beendet ist…« »Hör mir zu, du stacheliger Fisch!« Klatsch. Jobe biß in etwas hinein. Und noch einmal. Hyste- risch. »… Schattensegel für den Notfall. Jedoch wird der Effekt des Photonendrucks diese Lösung zumindest schwierig werden lassen. Das Problem ist nicht so sehr die anfängliche Bewegung als vielmehr die Auf- rechterhaltung …« »Verdammt, Dakka!« »Jobe, hör uns zu. Hier bist du am sichersten. Man wird sich um deine Familie kümmern. Es ist noch Zeit genug!« »…schon in der Diskussion, Entschädigungen für die Zerstörungen …« Etwas stach in ihren Arm, dann verschwamm al- les … »O nein – bitte – neiiin …« … und verschwand völlig. Die Leinwand hatte Sicherheit vor der Wirklich- keit versprochen und hatte sie jetzt voll Heimtücke mitten hineingeschleudert. Arme Jobe. »Option lag unter dem Nona-Schirm; am nächsten westlich war Bundt, dahinter Lagin. Als der Tag he- raufzog, sahen wir, daß es am westlichen Himmel ei-, nen Monduntergang weniger gab. Lagin hätte über dem weiten Horizont glühen müssen, ihre silbrige Linse hätte die verschiedenen Phasen durchlaufen müssen, während der Tag vorüberging; an Dunkel- tagen war sie wegen des ungünstigen Einfallwinkels des Lichts auf ein verborgenes Glimmen verkleinert, das gerade an der Grenze zur Unsichtbarkeit lag. Jetzt war gar nichts da, außer einem blassen, amor- phen Leuchten, das im Sonnenlicht allmählich trüber wurde, als wir es beobachteten. Das Lagin-Plasma war jetzt zu siebzig Prozent verschwunden – und wurde noch weiter zerstört. Statt zweier Sonnentage mit jeweils neuneinhalb Stunden, durch eine sieben- dreiviertelstündige Dunkelzeit geteilt, würde die Re- gion unter dem verlorenen Lagin-Schirm jetzt bei je- der Umdrehung des Planeten von einem sechsund- zwanzigstündigen Sturm aktinischer Strahlung ver- sengt werden. Die Temperaturen in diesem Bereich würden bald sechzig Grad Celsius und mehr errei- chen. Die Inseln des Lagin-Kreises würden an den Tagen unbewohnbar sein. Kossarlin lag in der Lagin – ich konnte nicht akzeptieren, daß sie jetzt starb; ich wollte nicht glauben, daß irgend etwas sie verletzen könnte – Kossarlin war Heimat, und Heimat würde es immer geben. Aber den ganzen Tag lang wiederholte die Behör- de die Litanei: ›Keine Hoffnung, irgend etwas zu ret- ten, die Inseln sind verloren; wer weiß, wie lange?, Vielleicht für immer.‹ Wie viele Heime? Wie viele Leben? Wie viele zerbrochene Familienkreise? Ich empfand kalt brennende Angst – wo war meine Fa- milie jetzt? Ich konnte mir nicht vorstellen, daß Ku- vig Kossarlin verließ, aus welchem Grund auch im- mer. Und dennoch – die Behörde sprach vom Exodus und von völliger Evakuierung. Lagin verwandelte sich nun in eine Wüste. Worte, immer wieder Worte. Sie beschrieben in lebhaften Einzelheiten, wie sich die Katastrophe entwickelt und wie sie sich ausgebreitet hatte. Wie ein glühender, geschmolzener Meteor, der in einen Kratersee gefallen war, sandte sie ihre dampfenden Spritzgüsse nach draußen, verbrühte und verbrannte alles, was sie berührte. Wir alle auf Option hörten entsetzt zu, als die Behörde Einzelheiten über die Evakuierungsmaßnahmen in dem betroffenen Kreis berichtete und die Vorbereitungen schilderte, die für die Aufnahme der Flüchtlinge getroffen wurden, die bereits nach Osten strömten. Es tauchten schon Schauer und Nebel auf, die den Schiffsverkehr ge- fährlich werden ließen; im Norden von Cameron war ein überladener Segler gekentert, dreihundert Men- schen waren in den von Stachelfischen bewohnten Gewässern verloren. Wer wußte, wie viele weitere Schiffe verschwunden waren, ohne daß es Berichte darüber gab? Für mehrere Triaden wurden Hurri- kans und Taifune vorhergesagt; der Lagin-Kreis, wand sich in seinen Versuchen, seine Stabilität in seiner neuen, viel heißeren Umgebung wiederzuge- winnen. Es würde noch verheerendere Stürme geben, vielleicht sogar Gezeiten-Erschütterungen. Die La- gin starb alles andere als friedlich. Und der Lagin- Kreis war nur der Brennpunkt der Katastrophe – die Auswirkungen würden sich noch viel weiter ausbrei- ten, Tausende von Kilometern jenseits von Lagins Grenzen. Westlich von Lagin gab es keinen Kreis, nur Hochlandwüste; aber der Kreis östlich, Bundt, war auf eine ruhige Westgrenze zu Lagin angewiesen und auf ihren Dunkeltag-Mondstern, der fast die Hälfte von Bundts Licht erzeugte. Für sie wurde es nun härter – sie waren jetzt ein Grenzkreis; sie wür- den die Wut zornentbrannter Winde spüren, die sie mit Wüstensand und brennenden Wassern überschüt- ten würden. Der plötzliche Umschwung in ihrer Öko- logie, wenn sich die Hitze aus dem aufgewühlten We- sten über sie ergoß, würde einen Großteil ihrer Ge- treidefelder zerstören. Bald würden in Bundt Hun- gersnöte herrschen. Die Behörde fürchtete, daß nicht nur Bundt, son- dern auch Nona schlimmen Schaden erleiden könnte. Hitze und Stürme entstehen in Grenzländern, aber sie erheben sich in den Kreisen. Die Hochlandwüsten westlich von Lagin waren die Väter aller Stürme, und die Randgebiete des schützenden Schirms waren die Kessel, in denen die Huuru kochte, wo sich die, warnten und kalten Lüfte begegnen und nicht zu- rückweichen können und wollen. Der jetzt unbe- schirmte Lagin-Kreis würde wahrscheinlich mächti- ge Schauer erzeugen und sie nach Bundt schleudern, ganze Jahreszeiten; sie würden über die Meere trommeln, berghohe Mauern aus Wasser auftürmen, über die Atolle und Inseln rasen, mit mehr als hun- dert Kilometern in der Stunde – die ganze wilde Wut der legendären Stürme aus Eis und Feuer. Uns stan- den für viele Jahre Zeiten der Ungewißheit bevor. Die Behörde war dabei, Staub in den Himmel zu schießen, um etwas von der Hitze und dem Licht zu absorbieren; sie hoffte, dadurch die Erhitzung des Kreises zumindest zu verlangsamen und die aktini- sche Strahlung zu mindern – wenigstens so lange, bis Lagin evakuiert war. Sie drängten jene, die in Bundt und Nona wohnten – das schloß Option natürlich ein –, starke Schutzhütten vorzubereiten, isoliert gegen die Kälte der verminderten Dunkeltage, verstärkt ge- gen die Hitze und die Winde, die erwartet wurden –, wir wußten nur nicht, wie heftig sie sein würden. Am Anfang waren sie möglicherweise mild, aber ihre Wirkung würde sich häufen, wenn die Wellen der Hitzeschauer sich ausbreiteten – bis der Lagin-Kreis seinen neuen ständigen Temperaturpegel erreichte; dann würden die Stürme abnehmen – aber sehr lang- sam. Und wann – wenn überhaupt – könnte der Schirm erneuert werden? Es hatte über dreißig Jahre, gedauert, ihn zu konstruieren, es könnte genausolan- ge dauern, ihn noch einmal zu bauen. Und wann konnten sie anfangen? Sie hatten gerade erst begon- nen, den neuen Bogin-Schirm zu füllen – es würde viele Jahre dauern, bis sie etwas wegen Lagin unter- nehmen konnten. Nein, dieser Kreis war jetzt nur noch eine Erinnerung; er war für immer verloren. Der Klang dieser Worte drang mir bis ins Mark; ich wollte sie nicht hören. Die Grenze war um fünfzig Jahre zurückgesetzt worden – aber es war meine Heimat, von der sie sprachen! Ich schaute zu und tobte und schaute noch einmal hin – sie füllten mich mit Drogen, um mich zu beruhigen, und ich tobte immer noch, bis sie mich schließlich den Worten zu- hören, den Bildern auf der Leinwand zusehen ließen. Wie in den Kinderliedern, die wir beim Seilchen- springen zu singen pflegten, sah man ›Chaos oben und unten rasen‹ – nur wußte diesmal niemand, ›wo- hin würde Reethe blasen‹. Dieses Chaos lag außer- halb des Machtbereichs der Götter. Das war eine weitere Art, in der die Erdik sie abgewertet hatten. Die ›Tränen von Reethe‹ hatten fast sofort eingesetzt – die warmen, salzhaltigen Stürme, die aus dem Wes- ten kamen; sie erreichten uns selbst so weit östlich in Option; sie klatschten heiß auf die moosbewachsenen Hügel, nicht mit weichem Nieseln, wie wir sie kann- ten, sondern in unregelmäßigen Schauern und Wol- kenbrüchen, die stundenlang andauerten, bis die Hü-, gel im Schlamm schwammen. Als der Himmel noch düsterer wurde, zersplitterte die Gemeinde von Option in krampfhaften Versu- chen, etwas zu unternehmen; keiner von uns wußte genau, wie sich die Katastrophe hier auswirken wür- de, und die Lage wurde durch die Ängste und Gefüh- le von hundertsiebenundfünfzig aufgeregten Heran- wachsenden, alle in der labilsten Phase ihres jungen Lebens, noch verworrener. Vielleicht würde es in den nächsten Tagen zu einem gemeinsamen Handlungs- ziel kommen, aber auf der Insel waren nur dreißig Ältere, einige davon hatten das Erröten auch erst wenige Jahre hinter sich, und sie wurden von ihren eigenen Angelegenheiten ebenso in Anspruch ge- nommen wie von der Verantwortlichkeit für uns. Bei all diesen gegensätzlichen Ängsten entstand unver- meidlich ein Strudel aus Stillstand und Zweifel. Und es schien, als sei ich in seiner Mitte; meine Familie, Kossarlin, wir waren die Ziele der Erdik- Rache. Und dennoch – im Geiste sah ich unsere Insel im Mittelpunkt eines Kessels immer noch unversehrt, auch wenn die Stürme ringsherum wüteten. Ich hatte keine Erfahrung, die mir sagte, was ich mir sonst vorstellen sollte. Und wir hatten ja schließlich die großen Schauer von 286 überlebt, nicht wahr? Aber es war nicht möglich, Kontakt aufzunehmen. Die Behörde hatte alle Kanäle belegt. Als sich die Katastrophe ausweitete, wurde nur noch von den, gröbsten Auswirkungen berichtet; sie war zu groß, um sich mit Einzelheiten aufzuhalten. Meine Un- kenntnis über den Aufenthalt meiner Familie steiger- te noch meinen Willen, bei ihr zu sein. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie Kuvig oder Suko die Insel frei- willig aufgaben – sie würden bleiben und kämpfen, um sie zu retten; trotz der Hitze, der Stürme, der brennenden Sonne. Ich gehörte an ihre Seite … Unter anderen Umständen wäre es mir nie so leichtgefallen, Option zu verlassen. Wäre ich belieb- ter gewesen, hätte ich eine enge Freundin gehabt, die sich um mich sorgte, hätten die Älteren oder die an- deren jungen nicht ebensolche Sorgen wie ich um ih- re eigenen Heimatkreise gehabt – ich hätte niemals fliehen können. Wie auch immer – hätte ich mich mit den anderen in Einklang befunden, hätte ich mich ohnehin nicht so panisch verhalten; ich hätte mich in der sanften Hülle ihrer Tröstungen verbergen kön- nen, während die Angst an meinem Herzen nagte. Aber ohne diesen Trost fraß sich die Angst an die Oberfläche durch, und ich rannte. Option bedeutete mir überhaupt nichts mehr; ich wußte nicht, ob ich reethisch oder dakkaisch war, es war mir egal. Bei- des hatte mir anscheinend nur Schmerzen gebracht, die die Annehmlichkeiten überwogen. Ich mußte fort, zu Option besaß ich keine Bindun- gen. Sollte die Insel sterben, sollte sie leben – sie war kein Teil von mir. Kossarlin aber war es, und ich, machte mich auf; weg von diesem scheußlichen Ort und zurück zu den warmen, sicheren Nachmittagen der Kindheit. Der Schirm war an Drei herunterge- kommen; am Fünftag war ich weg. Ich nahm ein Boot hinüber nach Peakskill, dem Turm im Brenn- punkt der Sichel; von dort nahm ich das Nahver- kehrsschiff über Fallen Wall nach Ward, dann nach Koah und schließlich nach Tarralon. Ich erreichte Tarralon an Neun, dem zweiten zer- störten Dunkeltag. Nona war der Mondstern im Os- ten, ein bleiches Leuchten, fast kreisrund. Die Bundt war eine Sichel, die im Zenit schwebte, bald würde sie zum strahlenden Kingstern werden; sie gab das Licht für die Navigation – aber im Westen, wo Lagin in Symmetrie zur Nona hätte leuchten sollen, war nur noch ein schwacher Strahlenkranz – alles, was von ihrem stolzen Licht übriggeblieben war. Wir schau- ten nach oben und zitterten, mehr aus Angst als vor Kälte. Die Hafenanlagen in Tarralon waren kalt und grau, Nebel kroch die Straßen entlang – es gab nicht genug Wärme, um sie zu vertreiben. Alle Nachtlich- ter waren angezündet worden und würden bis zum Sonnentag nicht verlöschen; aus allen Häusern leuchtete es, als wäre es eine Festnacht. Und die Leute in den Alleen lachten schrill, als feierten sie den Karneval der Angst, die letzte wilde Nacht dieses Fests, die Nacht der Huura-Schauder. Sie bewegten, sich gruppenweise im Kreis, trugen eine Vielfalt von Kleidern, aber es gelang ihnen nicht, ihre Anspan- nung zu verbergen – war dieser zwielichtige Nebel Tag oder Nacht? Welches Verhalten war ange- bracht? Fremde blieben stehen und sprachen Frem- de an, sie suchten Sicherheit oder wenigstens den gegenseitigen Austausch des Entsetzens; jede hoffte, daß die andere nicht so schlimm dran war wie sie selbst, jede hoffte, daß ihre eigene, ganz persönliche Katastrophe im Brennpunkt des allgemeinen Desas- ters stand, so daß sie als erste Hilfe beanspruchen konnte. Überall tauchten aufgeregte Gruppen auf, jede Person suchte Bestätigung in der Realität der anderen, als würde die Standhaftigkeit von genügend vielen von uns ausreichen, um die erschütterte Welt wieder zurechtzurücken. Die Flut ihrer Empfindungen traf mich wie ein Schlag; ich befürchtete, daß mir jemand von Option nachkommen würde – falls sie es taten, sah ich sie nie; ich bezweifelte, daß sie sich Sorgen machten. Tarralon besaß nicht wie Option ein Gnaden- Gebirge, das die Ortschaft schützte, und es lag näher an der entblößten Grenze. Käme ein heulender, zornerfüllter Sturm aus dem Westen, müßte Tarralon den Hauptstoß hinnehmen. Es war eine Stadt, die voll Hoffnung sang, während sie am Rand der Panik schwankte – und diesen süßen, köstlichen Kitzel ge- noß; und zumindest darin war die Masse vereint. Sie, wußten nun besser als vorher, welche Schrecken noch zu erwarten waren; nicht nur die Hitze, son- dern danach Hungersnöte, Stürme und Todesopfer. Die Lagin-Region war im Begriff gewesen, einer der reichsten landwirtschaftlichen Kreise zu werden. Mit ihrem Verlust und der Gefährdung von Bundts Ge- treidefeldern fürchteten die Leute hier, daß die kom- mende Wirklichkeit schlimmer würde als alles, was die Behörde an Erwartungen äußerte. Sie bauten schon riesige Lagerhäuser, um die Gemeindevorräte zu lagern und zu rationieren. Den ersten Tag verbrachte ich am Hafen, irrte von Schiff zu Schiff und suchte Mitfahrgelegenheiten nach Süden und Westen. Überall hasteten die Leute, trafen Flüchtlinge ein, flüchteten andere noch weiter nach Osten. Ich trug meine wenigen Habseligkeiten in einem gewebten Beutel und wurde von Hafenar- beitern und achtlosen Seeleuten geschubst und ge- stoßen, während ich durch die engen Straßen ging. Als der Dunkeltag andauerte, noch kälter und trost- loser wurde, verwandelte sich meine Angst in Ent- täuschung und ein nagendes, bedrückendes Gefühl des Untergangs. Der fehlende Mondstern machte mich heimatlos; ich hielt immer wieder Ausschau nach der Lagin und fand statt dessen immer nur ei- nen verschwommen leuchtenden Fleck. Ja, es ge- schah wirklich – genauso, wie es der Tele sagte. Häufig blieben auch andere Leute stehen und schau-, ten zum Himmel, überall herrschte Angst und Schre- cken – dieser Dunkeltag war wie eine Macht, und ringsherum hielten die strömenden Mengen Aus- schau und beteten, als ob der Schirm irgendwie wie- der auftauchen könnte: Bitte, Reethe, laß es nicht ge- schehen!‹ Aus dem Ringstern Bundt wurde eine Sichel, die jetzt zur anderen Seite hin geöffnet war; der Dunkel- tag neigte sich seinem Ende zu. Auch Nonas Licht wurde dunkler. Die Schirme drehten sich mit der Umdrehung Satlins, ihre Einfallwinkel leuchteten hell und wurden kleiner; wenn die Nacht kam, wür- den sie wieder untergehende Monde sein. Ich zog mich in eine stille Allee zurück und setzte mich auf mein Bündel; den ächzenden Lauten, mit denen es gegen mein Gewicht protestierte, schenkte ich keine Beachtung. Ich senkte den Kopf in meine Hände und weinte mit schmerzvoll aufstoßendem Schluchzen. Ich hatte keine Mitfahrgelegenheit nach Süden oder Westen gefunden – das war der Gipfel der Katastro- phe. Nicht einmal die Rettungsbehörde schickte Schiffe in diese Gewässer. In Tarralon gab es wegen der ausgebrannten Überlebenden, die die Flucht ge- schafft hatten, für sie genug zu tun. Die Luft schien von den Schmerzensschreien des Meeres widerzuhal- len, man konnte keine Straße betreten, ohne die Angst zu riechen, die sich in der Luft breitmachte – sie forderte von jedem von uns Tribut, indem sie an, unseren Kräften zehrte. Meine Eingeweide fühlten sich wie Wasser an, meine Knochen schienen Eis zu sein, das Blut rann wie Teuer durch meine Adern, mein Herz hämmerte mit jedem Schlag wie irrsinnig. Ich war müde, ich war verängstigt. Ich wollte unbe- dingt nach Hause – ob es dieses Zuhause nun gab oder nicht. Zuhause war meine Zuflucht. Ich aß in einem billigen Bierhaus zu Abend, wo eine Nachtwa- che begonnen hatte. Von der erregten Stimmung auf- geputscht, wurden die Seeleute dort zu Sängern; sie grölten ihre lauten Lieder in leerer Wut hinaus und hofften, damit über ihre Nervosität hinwegzutäu- schen. Im Laufe des Abends wurden Lieder und Stimmung in störrischem, lautem Trotz angeheizt, ein wirbelnder Rausch erfaßte die Gäste, als könnte nur der Alkohol die Katastrophe verhindern. Ich stolper- te und strauchelte sanft in die Arme einer älteren Reethischen – sie war fast vierzig, ein bißchen fett und hatte eine ziemlich ungesunde Blässe. Sie war kinderlos, unverheiratet und gehörte keinem Kreis an; sie hatte mit Büchern zu tun. Sie nahm mich mit zu sich nach Hause. Ich vermute, daß sie Mitleid mit mir empfand – ein einsames Kind, in dieser schreck- lichen Zeit so weit von Zuhause weg; sie schlug Ka- pital aus meiner Unerfahrenheit und benutzte meinen Körper zu ihrem Vergnügen. Ich ließ sie gewähren, denn ich war so ängstlich und das war – das schien so, so angenehm zu sein. Ich glaube aber nicht, daß, ich für ihre Reethe eine gute Dakka war; diese Wahlmöglichkeit begann bereits in mir zu schwin- den. Am nächsten Tag machte ich mich schon früh davon. Ich war dankbar dafür, daß der Morgen hell heraufdämmerte, er ließ mich ein wenig besser füh- len. Die Lagin war völlig verschwunden; es blieb nur ein blinkendes Leuchtfeuer, um anzuzeigen, wo sie gewesen war. Es war Zehntag, und ich verbrachte ihn wieder im Hafen – diesmal wußte ich, was ich zu erwarten hatte, und ich ging weniger hektisch und mit mehr Sinn für Sorgfalt ans Werk. Außerdem schienen die Leute im Hafen mit der Rückkehr des Sonnenlichts gelöster zu sein. Wir überlebten, wir waren neu geboren, wir würden weitermachen – die- ses Gefühl der Wiedergeburt entstand mit jeder Morgendämmerung; in diesen Tagen in Tarralon war jedes Gefühl sehr intensiv. In der Luft lag eine besondere Kälte, ein Nachhall der Nacht; im Wind lag scharfe Bitterkeit, aber das Auge der Sonne war geöffnet, die Farben waren so intensiv wie immer, vielleicht strahlender denn je, weil wir sie viel mehr genießen konnten. Der brütende, zerstörte Dunkeltag war für den Augenblick vergessen – natürlich abge- sehen vom Alkohol und den wilden Rauschzuständen derer, die ihre Angst als Entschuldigung dafür be- nutzt hatten, ausgelassen den Freuden des Körpers zu frönen. Aber bald würde der Tag anfangen, sich, aufzuheizen. Wir bewegten uns unter einem Himmel, der unnatürlich hell schien, obwohl er unverändert war. Im Hafen lagen jetzt mehr Schiffe, viele trugen Lagin-Flaggen; ihre Relings waren mit Flüchtlingen gesäumt – es gab keinen Platz, sie an Land zu setzen, alle Kais waren besetzt; und selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre – auf der Insel gab es nicht genug Raum, sie alle aufzunehmen. Sie warteten auf ihren Schiffen. Einige der Schiffe setzten schon wie- der die Segel, um weiter nach Osten zu fahren, Tar- ralon war völlig übervölkert. Viele Fahrzeuge warte- ten an der Ostseite der Sichel; ihre Kapitäne suchten nach Schutz, verbargen sich hinter der Insel; sie hat- ten Angst vor dem offenen Meer. In der Bundt war der Schiffsverkehr nahezu stillgelegt, während die Kapitäne an ihren Ankerplätzen warteten, bis es si- chere Aussagen über Wetter und Meer gab. Andere, die nicht so vorsichtig waren, machten ihre Schiffe schon wieder seeklar und brachen nach Osten auf; das waren jene, die spürten, daß die Gefahren des Meeres den Gefahren vorzuziehen seien, die sie in den Grenzbereichen des Hitzesturms erwarteten. Aber es waren Privatschiffe, und selbst wenn ich ei- nes hätte besteigen wollen, hätte ich die Passage nicht bezahlen können. Es gab zu viele andere, die nach einem Platz fragten, die Preise waren zu hoch – und wiederum fuhr keines nach Süden oder Westen., Alle Bewegung im Hafen war nach Osten gerichtet, immer nur nach Osten, niemals nach Süden oder Westen. Auch dieser Tag war fruchtlos; als die Dunkelzeit der Bundt näherkam, ging ich meine reethische Freundin zu suchen – nicht, weil ich es wünschte, sondern aus Trägheit. Ich hatte niemanden sonst, nach dem ich suchen konnte. Und schließlich war sie irgendwie freundlich gewesen. Statt dessen traf ich drei Seeleute, dakkaisch und in den Zwanzigern, rauhbeinig in ihrer Art, aber nett und freundlich zu mir. Sie nahmen mich mit zu einer nahegelegenen Hütte, wo sie mich der Reihe nach benutzten. Schutz- hütten waren damals immer noch an der Tagesord- nung, vor allem in Tarralon; sie waren architektoni- sche Überreste der Zeit der Verzauberung. Immer, wenn eine neue Kuppel gebaut wurde, wurden an den Seiten oder am rückwärtigen Teil ein oder zwei kleine offene Räume angefügt; gedacht als Schutz- raum für jene, die heimatlos auf Wanderschaft wa- ren, die Armen oder Reisenden, Leute, die während eines Sturms vorbeikamen und, natürlich, für Ver- zauberte, die ab und an kamen. Sie werden aus einer Vielzahl von Gründen, meist erdikbeeinflußt, nicht mehr gebaut. Wie auch immer, die Seeleute benutzten mich. Ich hatte gedacht, daß sie vielleicht nach Süden gingen; sie taten es nicht, und ich machte mir nichts daraus,, zumindest versuchte ich es. Ich protestierte nicht ge- gen ihre begierigen Paarungen; in ihrer Art waren sie angenehm und nicht mit Absicht unfreundlich oder verletzend. Sie suchten nur nach ein bißchen Vergnügen – ich könnte ihr letztes sein; ich glaube, in diesen trügerischen Feiertagen von Tarralon dachten wir alle so. Ich glaube, daß ich einige ihrer Phantasievorstellungen erfüllte; das heißt, mein Körper tat es – ich glaube nicht, daß sie bemerkten, daß ich gar nicht anwesend war. Falls sie es merk- ten, war es mir gleichgültig. Sie taten mir nicht weh, aber sie kümmerten sich auch nicht um mich – und das war irgendwie Schmerz genug, also verließ ich meinen Körper eine Zeitlang, während sich mein Fleisch mit dem ihren bewegte. Am Morgen wachte ich schluchzend auf, und eine von ihnen hielt mich fest, während ich in tränenrei- cher Enttäuschung weinte; die beiden anderen waren nicht mehr da. Als sie ging, gab sie mir einige Ratschläge, sagte mir, ich sollte mir ein Gasthaus suchen und nicht mehr in Schutzhütten übernachten, sie könnten gefährlich sein. Elf war wieder ein Sonnentag, in der Mittagszeit hell und falsche Sicherheit vermittelnd, als die Dun- kelzeit vorbeiging. Die Hafenanlagen waren voll Ge- schäftigkeit, Hektik und Verwirrung. Wieder segelten alle Schiffe nach Osten. Alle Gasthäuser waren mit Leuten gefüllt, deren Schiffe aus Angst verankert wa-, ren oder für die bevorstehende Abreise vorbereitet wurden. Alles brodelte. Ich konnte meine Gefühls- aufwallungen nicht länger bekämpfen; wo waren Potto und das Boot? Ich konnte nicht um Hilfe schreien. Ich gab auf, ich ließ zu, daß ich auf den Wellen der rastlosen Menge getragen wurde – und dabei glitt ich dahin und fing an, über ihnen zu trei- ben; einmal vom Sog der Angst befreit, fühlte ich mich gelöster. Ich war hingerissen und benommen wie von der Sommersonne. Alles war in Fluß, ich bewegte mich in einem Reich der Phantasie, hüllte mich in sie wie in einen eleganten Umhang und ver- brachte den Nachmittag damit, zwischen den Men- schenmassen der Basare zu spazieren, und tat so, als wäre ich ein hochnäsiger Dakkaiker beim Einkauf. Mit gerümpfter Nase betrachtete ich die irdischen Warenangebote, all die eingemachten und gewürzten Sachen, all die getrockneten und geräucherten Wa- ren; ich verschmähte die bemalten Stoffe, die ver- spielten Papiere und die Schnitzereien, die als Zim- merschmuck dienten; die Angebote von Zauber- Figuren nahm ich gar nicht wahr – ich suchte Sa- chen, mit denen man sich selbst schmücken konnte, Umhänge aus Seide und Samt, Ringe für die Ohren, die Nase und die Finger, Amulette und Perlen, die man um den Hals und im Haar tragen konnte, auffäl- lige Farben für Wangen und Augenlider, Rouge für meine Lippen und Brustwarzen. Ich war ein Fürst,, ich schritt stolz und furchtlos durch das vernichtende Chaos, ich ging in edlem Selbstgefühl mit hoch erho- benem Haupt, ein majestätischer Mann, der hochge- wachsen und ansehnlich einherschritt. Mein Adel ließ mich wachsen. Ich schlenderte an all den schä- bigen Buden und Verkaufsständen vorbei, wie es eine höfische Person meines Ranges nun einmal tut. Ich roch und beäugte und schmeckte, ich öffnete alle meine Sinne. Über den offenen Kreis des Marktes strich der trockene Hauch des Windes und trug das entfernte Klingen gläserner Glocken mit sich; viel- leicht auch das Heulen eines Windhorns und einen Chor leiser Gebete. Der Wind trug Gerüche des Sommers an der Küste, Gerüche von Seegras, Sand und toten, faulenden Fischen. Die Luft trug Geräu- sche erregter Stimmen – jetzt waren sie alle so weit entfernt. Ich bewegte mich zwischen all dem – und schätzte jede Gebärde ab, die ich machte; war ich elegant genug? Und waren diese Leute meiner Ele- ganz wert? Spürten sie, welche Majestät ich ihrem kümmerlichen Leben verlieh? War ich in ihrer Ge- genwart ein Wirbel? Die Menge teilte sich vor mir, als ich unter ihnen ging. Einmal hörte ich das geflüs- terte Wort ›Verzaubert‹ – aber das hatte eine gesagt, deren Augen nicht in der Lage waren, die Dinge so wie ich zu sehen; das waren die, die dringend der Hilfe bedurften, sie waren wie winzige Fische in ei- ner seichten Pfütze unter meinen Zehen. Hört auf zu, streiten, erhebt euch darüber, fließt und laßt euch zu größeren Welten jenseits davon tragen – das hätte ich ihnen sagen können, wenn ich die richtigen Wor- te gefunden hätte. Ich bewegte mich in goldenen Strahlenkränzen – ich konnte sehen, wie sie von mei- nen Fingern aus funkelten. Wo ich mich bewegte, hinterließ ich eine Spur blitzender Tropfen, sie fielen wie Perlen aus meinen Kleidern, und ringsumher drehten sich die Leute um und schauten verzückt, wenn ich vorbeikam. Meine Gestalt wurde strahlen- der, als das Zwielicht einsetzte. Ich hätte vermutlich einen Platz finden müssen, um die Nacht dort zu verbringen, aber auf dieser Insel gab es keinen Pa- last, der meines Aufenthalts würdig gewesen wäre, außer dem glänzenden Himmel selbst. Ich war erha- ben, ich schaute aus meiner silbrigen Höhe auf Tar- ralon hinunter und hinterließ überall, wo mein Fuß zufällig aufsetzte, Zauberkörner. Und zufällig traf ich auf eine Horde von Jungen, die sich mit mir in dieser großen Höhe bewegten – Jungen, die mich erkann- ten, als ich kreiste, und die mit mir kreisten, die sich behutsam wie Altardiener und Anbetende um mich scharten, sich in meiner Aura sonnten, sie von den weltlichen Dingen abschirmten, sie berührten und sich ihrer Existenz vergewisserten, sich in ihrem gol- denen Licht badeten. Sie wußten, wer ich war, ich erkannte sie jetzt ganz klar – sie waren die Minne- sänger ohne Lieder, die Kinder der Verzauberten,, Vaganten-Seelen, nennt sie, wie ihr wollt, sie waren Vagabunden der Nacht, sie waren die Schelme der Straße – sie waren die einzigen, die einen Zauber er- kennen konnten, wenn sie ihn sahen; aber das war zu erwarten, da sie Kinder von Verzauberten waren. Jede Insel besitzt einen Teil heimatloser Körper; wie Motten flattern sie um die Kreise der Zivilisation, scheinen aber nie die Flamme zu berühren – als würden sie instinktiv die Gefahr kennen, die diese für sie birgt, bleiben von ihr fort und werden nicht ver- brannt. Wie wilde Tiere, die aus dem Wald spähen und deren Augen an dunklen, schattigen Orten leuch- ten, starren sie uns voll Verwunderung an und kön- nen nicht begreifen, wie wir leben. Sie treiben wie wirbelnde Blätter und Glühwürmchen durch die sternhellen Nächte – vom Zauber angezogen. Das war eine Wechselseitigkeit, deren Grund im Verbor- genen lag. Sie waren die Aufleuchtenden, die für all- zu kurze Augenblicke lebten, wie die verglühenden Funken eines Feuerwerks – sie sehnten sich nach ei- nem größeren Leben; und wenn sie es nahmen, machten sie es zu ihrem eigenen, tanzten, sangen, lärmten und wirbelten in den dunklen, verlassenen Straßen entlang des Hafens umher, schufen sich ihre eigene Zeit, schufen ihre eigenen Zwielicht-Tage; ih- re Lichter leuchten nur für sie selbst, und nur Zwie- licht-Augen können sie erkennen. Für Uneingeweihte schien es sich nur um jugendliche Party-Besucher zu, handeln, die unter den Laternen am Ufer herumtoll- ten, aber dann drehen sie sich um, verschwinden zu ihren versteckten Plätzen in den gewundenen Stra- ßen, lassen nur ein Echo ihres Gelächters zurück – und Verwunderung in den Augen derer, die stehen- geblieben waren, um zuzuschauen. Ich kam mit ihnen zusammen – das war nicht be- sonders schwierig. Wie ein einziges Ganzes scharten sie sich begierig um mich und fegten mich die Treppe hinunter zu den Slums des tief er gelegenen Teils von Tarralon. Das waren keine Individuen, das waren Schatten der Nacht, aber in einer Horde spielen Ge- sichter keine Rolle, und sie verändern sich sowieso ständig. Die Horde lebt, nicht ihre Mitglieder; die sind nur Organe eines viel größeren Körpers, unfä- hig, getrennt von ihm allein zu existieren. Besitz ver- liert seinen Wert, Persönlichkeiten sind völlig unbe- kannt. Irgendwo verlor ich in dieser Nacht mein Bündel und wahrscheinlich auch meine Seele – und wenn ich je eine Persönlichkeit gehabt hatte, wurde auch die wie weggewischt. Diese Horde war mit sich selbst zufrieden, sie benötigte nichts von dem, was ich war oder besaß – außer meiner Seele; sie ernähr- te sich von Seelen. Sie fing mich ein – ein weiterer Fetzen, der aus der Stadt herausgerissen wurde – und hielt mich in ihrem Wirbel fest, machte mich zu einem Teil davon; sie nahm für diese Nacht meine Seele, und während sie meinen Hunger der Angst, stillte, gab meine Seele ihr Leben. Welcher Teil von mir auch immer gesagt hatte, ›Hier bin ich, ich bin ich‹ – ihn gab es nicht mehr; zum Glück. Begeistert tanzte ich in diesen großen Tod hinein, ich wußte nicht, ob es eine neue Wahrheit oder eine süße Illu- sion war, aber das war mir auch egal; ich war nur dankbar für ein Ziel, das zur Größe meiner Fähigkeit paßte und ein drängendes Bedürfnis erfüllte. Wir alle wurden darin gefangen, wir bewegten uns auf ein einziges Ziel zu; wir wurden in Stücke einer größeren Seele umgewandelt; ein leuchtender, ver- wickelter, verworrener und vielfältiger, funkelnder Rummel der Kinder der Nacht; jeder von uns nur ein Stück davon, ein ewig kreisendes Karussell von Be- wegung und Erregung, Licht und Schrecken, in Ak- korden, die in dunkles Schweigen und verwirrte Bli- cke stürzten und dort widerhallten. Welche Wirbel- stürme auch immer jeden von uns getroffen hatten, was für Stürme aus Wünschen, Angst und Wut auch immer hinter jedem gehetzten Augenpaar lauerten und in der plötzlichen Erkenntnis der gegenseitigen Abhängigkeit nach draußen spähten – wir erkannten das alles in jeder anderen, unsere inneren Personen gewannen die Oberhand über uns; die Horde nährte sich aus diesen Energien und trieb uns alle zusam- men, hinaus auf die Straßen von Tarralon – wie Sta- chelfische in einem Meer von Lichtern. Auf eine wil- de und stürmische Art wurden wir verzaubert, in je-, dem Herzen hatten sich die Ansammlungen unausge- sprochener Wünsche während der vergangenen Jah- re, die in die Gegenwart wiesen, angestaut – aber auch etwas weit Wilderes, ein Vorbote enormer Ver- zweiflung, die uns in den kommenden Tagen und Jahren schwer treffen würde. In dieser Nacht wurde etwas geboren, was seine Wellen über ganz Satlin aussenden sollte, es würde in seinen Todeskämpfen alle Herzen, alle Gehirne und alle Seelen berühren, bevor es starb. Und Satlin würde nicht mehr dieselbe sein. Ich war eine junge Persönlichkeit, ich war … die Horde. Mit der Horde erröten. Manche Teile von mir fingen gerade an, andere strotzten im rosaroten Leuchten geliehener Jugend und gestohlenen Errö- tens, ich war … die Außenseiterin, selbstbewußt und stolz; manchmal spürte ich verstohlene Berührungen ihrer Brüste und Warzen – keine von ihnen in Un- schuld befangen (das war meine Stärke), nur ein Kern angespannter Angst, wo einst Freude gelebt haben mag. Sie waren alle zu jung alt geworden, meine Körper, und doch hatte noch keine von ihnen das zweite Erröten hinter sich gebracht, und das er- innert mich an die Ursprünge meiner kindlichen Angst – ich hatte mich bewegt wie eine Welle aus Energie und dazu geschlechtslos; mit innerer Sicher- heit wußte ich, daß jeder einzelne Akt der Sexualität den Zauber und das Ziel der großen Seele, die ich war, zerstören würde. Sexualität war eine Sache zwi-, schen zwei Personen – und mein Hunger nach mir selbst würde nicht zulassen, daß diese Körper mich zersplitterten, ich hielt sie fest an meiner Brust, bis sie sich aus Angst, weggerissen zu werden, eng an mich klammerten. Ganz gleich, welches Geschlecht ich in mir selbst bestehen lasse, es darf nur zufällig, ungezielt geschehen – oder auf mich selbst gerichtet; Sex ohne eine eigene Seele, außer wenn er mich nährt; meinetwegen eine größere Art von Masturba- tion, kein Gebet von Reethe oder Dakka, sondern von mir. Soll jeder Körper sich an einem anderen wie an sich selbst reiben, kaum einmal bis zum Punkt der Befriedigung; die Energien, die ich kontrollierte, suchten etwas, das mächtiger als Befriedigung war – wir sehnten uns nach Befreiung. Wir suchten sie mit den Mitteln des Alkohols, der in immer größeren Mengen in ein Dutzend junger Kehlen floß, während die Nacht fortschritt, und Erdik-Drogen und -Pillen wurden ebenfalls in schwindelerregendes Leben um- gesetzt; sie waren als Heilmittel gedacht, ich nutzte sie, um einen Geschmack von Gott zu bekommen. Ich spielte Phantasien von Feuer und Eis, ich stieg in vor Kälte brennende Höhen auf, ließ Körper wie Funken fallen, ich formte für jeden von ihnen neue Rollen, Rollen der Herrschaft und der Schande. Ich spielte auf meinen Seelen verschiedene Persönlichkeiten und fühlte den merkwürdig wilden Schauder von Empfindungen, die ich vorher nie geschmeckt und, geträumt hatte. Und ich kletterte empor zum Nebel und den untergehenden Monden, auf der Suche nach noch größeren Herrlichkeiten, die ich mir einverlei- ben wollte, Herrlichkeiten, die mir Gestalt geben sollten, die mir Raum geben sollten, in dem ich wachsen konnte, damit ich für immer und ewig in diesem goldglänzenden Dunst leben konnte – nur noch ein bißchen weiter, und ich könnte alles ergrei- fen, ich würde auf dem Wind zum Himmel reiten, ich würde die Götter beherrschen … wenn ich das nur ertragen konnte … ich durfte nicht aufhören zu wachsen … bevor sich meine Körper zersplittern, will ich noch eine Weile leben … ich klammerte mich fest und fest und fest und nahm Zauber und Leben von mir, mein Hunger mußte gestillt werden … es er- streckte sich durch den bleichen Dunkeltag, ver- schwamm in Dunkelheit und Stille, schwebend und auf eine Dämmerung wartend … wie der Tod, die Huuru, stieg ich empor, auf Schwingen aus kaltem Ebenholz, während alles still und stumm war. Ich drehte mich wie eine Möwe im Westwind, schwe- bend, kreisend, wartend – sorgfältig studierte ich den Augenblick, in dem die beschattete Welt dort unten in rosaroter Verheißung heller wurde. Ich brannte und taumelte in dem errötenden Himmel, der schnell schwand, als sich das Licht ausbreitete – es war Zeit zu gehen. Ganz nahe oben ist eine Decke, die Gren- zen meines Flugs, eine Decke für die Gefühlsempfin-, dungen, zerbrechlich, ich zerbreche in schreiende Splitter, jeder von ihnen kann sich ausdehnen und eine Ganzheit werden, wie eine Feuerblume wach- sen, dich umklammern, wie dieser eine hier … Be- freiung, süße Befreiung … Ich schüttelte meinen Kopf, um ihn wieder klar zu bekommen – hier war es beengend und stickig. Ich frage mich, ob ich meine Seele verloren habe, es fühlte sich so an, zumindest war ein Teil von mir in das Größere eingebettet. Da war ein Widerhall … ein Erkennen … etwas störte hier … laßt mich es ordnen … während ich gelebt hatte … ich meine, ich lebte … in diesem Wind der Welten war ich das grö- ßere Ich, ich wußte, für welches Sein ich bestimmt war; ich berührte eine Wahrheit! Es war im Tages- licht unerreichbares Wissen, selbst in der Nacht war es zerbrechlich – ich hatte es so deutlich erkannt wie ein Leuchtfeuer! Erfüllung, das war es wert! Einen hellen und zerbrechlichen Augenblick lang, einen kristallklaren, singenden Moment, hatten wir ge- glaubt, wir könnten uns selbst so tief in die Zauber- welt versenken, daß sie uns vor dem unausweichlich kommenden Morgen schützen würde. Ein Gottling, ja – o ja, ein Gottling; ein bewegtes Muster aus Reizen – das verbotene Wissen, daß man durch die Wahrheit verrückt werden kann – es hallte in meinem Schädel wider; da war diese Horde gewesen, sie hatten Per- sönlichkeit, und ich hatte keine, ich besaß Verzaube-, rung – die ich mit ihnen teilte –, wir brannten und wurden dadurch etwas Größeres, das war der Gott- ling; und noch etwas anderes, ich gab ihnen noch etwas anderes, ich konnte mich nicht mehr richtig er- innern … aber … was war geschehen, sie hatte uns benutzt, uns wie im Wirbelsturm umhergetrieben …? Gottlinge tun das oft, glaube ich, aber es war das andere, das wir getragen hatten, tief innen bewegte es sich, wuchs es, bis wir ihm die Geburt schenkten – dieses andere (was war es?), das war das Ding, das uns benutzte. Letzte Nacht war etwas geboren wor- den: ein egoistisches Ding und hungrig. Wir hatten versucht, auf einem hochschwebenden Traum zu rei- ten, jede hoffte, ihre letztendliche Befreiung würde in uns selbst ihre Entsprechung finden – dieses Ding hatte uns betrogen: Es gab uns gar nichts, weder Be- freiung noch Befriedigung – es ließ nur unseren Hunger ungestillt, während es seinen eigenen befrie- digte; es konnte uns nicht einmal Hoffnung geben, ohne sie in Enttäuschung zu verwandeln. Dieses Ding, es stammte aus … jemandes Bedürfnissen, aber es ernährte sich von uns allen – und als es fer- tig damit war, unsere Seelen zu essen, als es nichts mehr essen konnte, ließ es uns gehen; es entließ uns in die Nacht, so wie wir es in die Welt entlassen hat- ten. Ein Gottling ist eine Gottheit – dieses Ding war es nicht, es hatte lediglich den Gottling für seine eige-, nen verborgenen Absichten benutzt. Ein Gottling ist ein Moment, aus sich selbst lebendig, größer als die Summe seiner Teile – es formt sich spontan, kommt zu funkelndem Leben, wenn eine große Gruppe von Menschen beginnt, wie ein Ganzes zu denken und sich wie eines zu bewegen, das ist ein Gottling – die Horde hatte einen gestaltet. Manchmal tritt ein Gott- ling lasterhaft und bösartig auf, aber häufiger sind Liebe und Vergnügen sein Inhalt; aber ein Gottling ist immer eine Reflektion seiner Bestandteile und immer mehr als ihrer aller Summe. Allein die Ah- nung von der Anwesenheit des Gottlings bringt einen dazu, nach den anderen Gliedern der Masse zu su- chen; das ist so, als versuche man alle Organe wie- der in einer Gestalt zu vereinigen, weil man hofft, daß der Geist, den sie beherbergte, wieder zurück- kehrt und neu belebt wird – wenn sie wieder lebt, haben wir vielleicht mehr Erfolg, und sie trägt uns mit sich fort. Gottlinge sind immer kurzlebige Wesen – aber das Ding aus der letzten Nacht hatte nach Unsterblichkeit geschrien … in ihm hatte eine innere Verderbtheit bestanden … etwas Niedriges, Böses, das sich innerhalb der Horde entwickelte und sich dann im Gottling breitmachte … wie eine Made, die in einer Hülsenfrucht so lange wuchs, bis sie das ein- zige Lebendige innerhalb der aufgeblähten Schale ist, fett und ölig … mit dem Aussehen eines Gottlings, aber trotzdem ein Maden-Ding … ein Huuru-Ding …, wir hatten es geboren! Eine Huuru ist etwas Gewal- tiges, das ganz nah bei deinem Bett durch die Nacht zieht, dem es gleichgültig ist, ob es selbst die Rich- tung seiner Bewegung bestimmt …es kann dich um- bringen oder ignorieren, ihm ist das gleichgültig; wenn es hungrig wird, ernährt es sich von menschli- chen Seelen … Was war das Ding, das wir geboren und auf die Welt losgelassen hatten; es war in … mir selbst geboren worden, glaubte ich: ein Saatkorn in- mitten meiner Verrücktheit, durch die Horde vergrö- ßert. Es ergriff die Horde, den Gottling, meine ganze Verrücktheit, es ergriff mich – dieses Huuru-Ding, es fraß uns, um zu wachsen, und ließ uns als hohle Mu- scheln, als leere Gesichter zurück. Ich hatte gedacht, die Horde hätte von mir gezehrt, aber ich – das Ding, das ich freigelassen hatte – hatte statt dessen von ihnen gezehrt. Eines künftigen Jahres würde ich die Früchte des Samenkorns, das ich gepflanzt hatte, kennenlernen – etwas Schreckliches war im Wachsen begriffen, ein Stück der Huuru hier auf Satlin, ein Weltenwind des Todes. Ich wartete auf der anderen Lebensseite auf den Moment, an dem es zurückkehr- te, um mehr als eine zufällige Gruppe von Kindern zu verlangen; beim nächsten Mal würde es alles neh- men; das nächste Mal, wenn die Huuru hungerte, würde sie in einem wilden Mob voll Wahnsinn und glühender Wut hungern. Diese Vision hatte ich, als ich sah, wie die Splitter, hinabflatterten; jeder feurige Funke war ein Teil von etwas Zerstörtem, Sterbendem – ein Feuerwerk, das schnell in einem kalten Licht schwand. Der Dunkel- tag war silbern – nur zwei Mondsterne erhellten ihn unsymmetrisch, machten ihre Mondphasen durch und verschwanden, als sie ihr Licht nach Osten re- flektierten; Dunkeltage kamen immer von Westen nach Osten, schwache Schatten formten die Gegen- bewegung, von Ost nach West. Und wir waren ganz unten, als die Nacht zurückkehrte – ich war hier schon einmal gewesen –; wir beendeten unsere Träumerei voll Verblüffung und Verwunderung, wir waren ein Rinnsal von Leuten, die Tribut zollen muß- ten, die Überreste eines wilden Sturzregens, wir be- wegten uns in fröstelnder, trüber, apathischer Be- nommenheit und krochen in eine schützende Hülle, eine große, verlassene Schutzhütte nahe beim Hafen. Unsere Körper waren ölig, der Schweiß stand in schmutzigen Perlen auf der Haut, aber das Parfüm war noch zu riechen, die Farben unserer leeren Freuden und dahingehenden Rollen waren noch zu sehen – so verflochten wir unsere Glieder miteinan- der, immer noch in der Hoffnung, die Nacht ewig ausdehnen zu können, obwohl wir wußten, daß sie schon vorüber war; langsam und ungleichmäßig fie- len wir in den Schlaf. Jemand streichelte mich eine Weile, vielleicht habe ich das Streicheln erwidert, aber sonst ereignete sich nichts mehr. In der Ecke, fickten die beiden jungen Dakka-Erröter, still und wie unter Zwang – und da wußte ich, daß die Horde selbst im Sterben lag, ein weiteres Opfer der blutigen Geburt. Sie fickten nicht so sehr aus Vergnügen, vermute ich, sondern wegen der Bewußtlosigkeit, die ihnen bald die Erschöpfung bringen würde. Ich schlief ein. Am Morgen wurde ich wach, fast allein. Einige aus der Gruppe waren verschwunden. Andere schlummerten noch. Die Horden-Persönlichkeit war irgendwann in dieser Nacht gestorben – das Grup- pen-Ich war nicht mehr da, wir waren nur noch eine Vielzahl schmutziger Jugendlicher, erstaunter Indi- viduen, die nun zuviel voneinander wußten. Ich war hellwach und von meiner Verzauberung geheilt, im hellen Tag fühlte ich mich voll Tatendrang. Dämmer- te der Sonnentag schon heran? Mir wurde bewußt, wie schlimm wir alle aussehen und riechen mußten. Wir hatten zuviel miteinander geteilt, kein Wunder, daß Gottlinge so kurzlebig waren – sie brannten die Seelen aus, aus denen sie zusammengesetzt waren. Ich schaute nach meinem Bündel und konnte es nicht finden, konnte mich nicht erinnern, wo ich es gelas- sen hatte; mürrisch verließ ich die Schutzhütte, ich versuchte, die Nachwirkungen der Drogen und Riechstoffe, die wir zu uns genommen hatten, abzu- schütteln. Draußen fühlte sich die Welt völlig anders an, ge-, nau wie ich – obwohl alles noch immer unverändert schien, das gleiche Hasten, die gleiche Verwirrung. Ich konnte mich nicht erinnern, wo ich gewesen war oder was ich getan hatte. Mein Kopf steckte voll mit düster wirbelnden Gedanken – und auch mit Schmerz und Schrecken –, der Preis des Gelages der letzten Nacht. Ich wollte weinen, aber meine Augen weiger- ten sich, Tränen fließen zu lassen. Ich wollte zu Reethe beten oder gar zu Dakka, zu irgendwem, ich wünschte mir stärkere Götter, zu denen ich beten könnte – aber ich fürchtete, der stärkste war das Huuru-Ding, dessen Abbild ich in unserem Gottling gesehen hatte; doch der Gedanke daran schwand jetzt sogar – oder war das einer seiner Tricks? Ich wollte mich in Mutter Reethe verbergen, aber ich hatte Angst, daß sie mir an diesem unheilvollen Morgen den Rücken zukehren würde, entsetzt über das, was ich getan hatte. Ich wurde das eine, vor dem ich am meisten Angst hatte … Sex und Eigen- nutz standen zwischen mir und dem Tao …all die Körper, mit denen ich geschlafen hatte … ich hatte die Wünsche des Augenblicks über die Götter gestellt … ich fühlte mich benutzt und schuldig und voll Scham … in dem grellen Licht fühlte ich mich ver- brannt, an niemanden konnte ich mich wenden, nicht einmal an die Götter. Als Seele hatte ich jetzt keinen Wert mehr; wegen der Dinge, die ich gewesen war und getan hatte, war aller Geist, den ich gehabt hat-, te, aufgebraucht und verschwunden. Ich bezweifelte, daß ich je wieder etwas empfinden könnte. Ich hatte nicht die Kraft zu heilen. Aber ich fand eine schattige Allee und einen Stein, auf den ich mich setzen konnte. Ich legte meinen Kopf auf die Knie, meine Arme um den Körper und saß dort lange, lange Zeit. Schließlich versuchte ich zu beten. »Bitte, Mutter Reethe, wende nicht deinen Haß gegen mich; ich weiß, was ich falsch gemacht habe. Ich war dumm und eigensüchtig, und ich habe meinen Körper zum Vergnügen und zur Selbst- Befriedigung benutzt – aber, bitte, wende dich nicht von mir ab. Bitte – wenn von meiner Seele nur ein wenig von Wert übriggeblieben ist, laß mich von die- sem schrecklichen Ort entfliehen, denn ich habe noch immer das Verlangen danach. Ich erbitte nichts an- deres von dir, nur die Erkenntnis, daß du dich soviel um mich sorgst, daß du mich nach Hause gehen läßt.‹ Ich wollte sagen: ›Bitte, gib mir etwas Hilfe, so daß ich wieder ein Teil von dir sein kann‹, aber ich befürchtete, daß ich damit zuviel verlangen würde – vielleicht war ich ihrer Hilfe nicht mehr würdig; viel- leicht war ich so verdorben, daß sie mich nicht mehr in ihrem Innern annehmen konnte. Nein, alles was ich wollte, war zu entkommen. An Vergebung wagte ich nicht zu denken. Man sagte, daß die Heilige Mutter alle Gebete hört; niemandes Seele ist jemals so sehr aufgezehrt,, daß sie sie nicht mehr wahrnimmt. Wenn du den Wil- len zum Beten hast, dann ist da noch etwas, das ihrer Berührung wert ist; und sie wird auf ihre Art danach greifen. Allein das Gebet, so sagt man, reicht aus, um dich an ihren großen Strömungen teilhaben zu lassen. Ich hoffte, daß das so stimmte – wozu waren die Götter denn gut, wenn sie nicht da waren, wenn du ihrer Hilfe bedurftest? ›Mutter Reethe, ich bedarf deiner Hilfe.‹ Nichts schien zu geschehen – außer daß ich ein wenig ruhiger wurde; aber das war ja auch schon etwas. Nach einiger Zeit machte ich mich wieder auf den Weg. Auf was für eine Antwort ich hoffte, wußte ich nicht – aber ich hörte in der Allee gar keine Ant- wort. Alles, was mir widerfuhr, war die Einsicht, daß ich mir selbst helfen mußte, wenn die Heilige Mutter mir nicht helfen wollte. Irgendwie. Irgendwie fand ich den Weg zum Hafen – dort war es so hektisch wie immer. Mein Sendungsbewußtsein war dahin; ich hatte mich in meine Enttäuschung ge- fügt und bewegte mich teilnahmslos. Wenn mir Ent- kommen möglich war, dann würde es auch schon ge- schehen; und wenn nicht, dann eben nicht. Ich ging zum Hafen, weil ich nicht wußte, wo ich sonst hätte hingehen können. Und dort fand ich einen Klipper, die Masten ragten hoch gegen den westlichen Him- mel auf, die Segel waren gerefft – sie schienen zu warten. Sie hatte kurz vor dem Ufer Anker geworfen,, während die Beiboote an Land kamen, um Vorräte zu holen. Ihr langer weißer Rumpf erhob sich hoch über die Wellen, sie schien fast so hoch wie lang zu sein, und ich bewunderte sie ohne Hoffnung aus der Ent- fernung. Sie war nur ein weiteres Schiff, das nach Osten segeln würde, selbstverständlich – aber als ich ihre Seeleute befragte, erzählten sie mir, daß sie nach Süden fahren würde; sie waren in Eile, vor ih- nen lag eine lange und tückische Reise, ihr Ziel war der Polarkreis. Das Schiff hieß Swale Friend, die Passagiere waren meist Wissenschaftler; aber an Bord gab es auch einige Leute, die reich und ver- ängstigt waren, die Besitzer des Schiffs und ihre Freunde. Die Wissenschaftler wollten die Wirkungen bestimmter Strahlungen des südlichen Magnetkerns studieren. Die anderen, die wohlhabenden, furcht- samen Leute, glaubten, daß die Stabilität der Eis- kappe und ihre beständige Witterung sie vor der zer- störerischen Kraft von Wind und Hitze schützen könnten. Die Polartage kennen keine Dunkelzeiten; was immer mit dem Bio-Kreis des Globus passieren würde, die Eiskappen würden mit Gewißheit sicher bleiben; die Temperatur mochte ein oder zwei Grad steigen, vielleicht auch ein bißchen sinken, aber An- stieg oder Absinken würden nie so ernsthafte Folgen haben, wie sie anderswo auftraten. Auf diese Weise könnten sie dem Hitzesturm entkommen, glaubten sie., Irgendwie brachte ich es fertig, an Bord zu kom- men – ich hatte gelernt, daß ich etwas besaß, mit dem ich handeln konnte: meinen Körper. Oh, Mutter Reethe, ist das der Preis? Zwar ist es seit der An- kunft der Erdik unmodern, es zuzugeben, aber Kin- der im Glanz des Errötens werden als bevorzugte Bettpartner angesehen – und so eines war ich. Es ist keine Schande, sich mit den Jungen im Anfangsstadi- um des Errötens zu vergnügen; es ist eine Ehre, ih- nen bei der Gestaltung ihrer WAHL zu helfen; aber die Erdik lehrten uns die Scham, sie unterstellten, daß Kinder keine Gefühle hätten, also ist es Unrecht, Gefühle mit ihnen zu teilen, folglich taten wir es, oh- ne es zuzugeben – aber wir taten es. Ich schämte mich jedenfalls nicht, damals nicht und später nicht – nach der vergangenen Nacht konnte ich mich für gar nichts mehr schämen; mir war ohnehin nichts geblieben, für das ich Gefühle hegen konnte, also entschuldige ich mich nicht für das, was ich tat. Es war eine Möglichkeit des Ent- kommens – ob nun von Reethe oder dem Kobold Dakka geschickt, es war gleichgültig. Es war die Möglichkeit zu entkommen, und ich ergriff sie. Ich hatte nie geglaubt, daß ich attraktiv sei, aber offenbar war ich es für jemanden; ich befand mich im Prozeß des Errötens, und es gab welche, die ihren Arm um eine Junge legen und wieder an den Myste- rien der WAHL teilhaben wollten. Ich war eine Jun-, ge – und ich ließ es zu, daß mich wieder ein Matrose benutzte. Ich traf einen jungen Matrosen, nicht son- derlich hübsch, auch nicht sonderlich zuvorkom- mend; aber sie hörte sich meine Geschichte an, und als ich sie inständig bat, mich mit an Bord des Schif- fes zu nehmen – ich würde alles dafür tun –, nahm sie mich mit. Sie mußten in Cameron ankern, und von dort aus könnte ich nach Hause fahren. Ich wür- de alles dafür tun … Und so nahm sie mich mit. Sie benutzte mich zwei Nächte lang, dann langweilte sie meine geringe Be- geisterungsfähigkeit, und sie überließ mich einem anderen Matrosen; sie war älter, dakkaisch und zärt- licher. Für eine Zeit glaubte ich, ich liebte sie – nicht so, wie sich Liebende lieben, aber zumindest in dem Sinne, daß wir aufrichtig in der Art und Weise wa- ren, in der wir gegenseitig unsere Körper benutzten. Und wir beide waren gegenüber den Bedürfnissen der anderen sehr rücksichtsvoll, so als ob wir er- kannten, daß wir keine andere Wahl hatten; die Al- ternative war, in der engen Kabine herumzutoben. Jedenfalls war ich auf dem Schiff. Auch andere Matrosen hatten ihre Geliebte mit aufs Schiff gebracht, sowohl Reethische als auch Dakkaische, aber die anderen bildeten eine eigene Gemeinschaft und betrachteten mich als Außenseiter und Eindringling, eine Hure für jedermann, die sich von Hafen zu Hafen durchschlief, die das Meer nicht, wirklich liebte. Wenn ich noch keine Hure war, dann war ich aber zumindest auf dem besten Weg dahin. Sie machten sich über mich lustig und taten mir weh; ich hatte mich in der Kabine versteckt, um ihnen fernzubleiben, aber wir teilten sie mit zwei anderen, die darin schliefen, wenn wir wach waren; deshalb mußte ich diese Zeit auf Deck verbringen und war diesen höhnischen, feindseligen anderen ausgeliefert. Wie ich mich bemühte, ihnen klarzumachen, daß sie falsch lagen – aber jedes Wort, das ich sagte, diente ihnen nur als Beweis dafür, daß sie recht hatten. In ihren Augen war ich einfältig und naiv, idealistisch, unerfahren, egoistisch, und – das Schlimmste von al- lem – ich stammte aus einer besseren Familie als sie – das konnten sie mir überhaupt nicht verzeihen. Ich versteckte mich im Bug und versuchte, mich von ih- nen fernzuhalten. Ich fühlte mich verzweifelt und schmutzig, ich fühlte mich verdorben, weil sie mich wie den letzten Dreck behandelten – als bestätigten sie nur das bittere Urteil, das ich über mich selbst gefällt hatte. Nun, ich steckte voller Häßlichkeit und Schande, nicht wahr? Nachts habe ich viel geweint. Ich versuchte mir selbst einzureden, daß sie wegen meiner Herkunft und meiner Erziehung eifersüchtig waren, daß sie neidisch darauf waren, daß ich das Schiff wieder verlassen würde, während sie für im- mer an es gekettet waren, aber das war bestenfalls ein ziemlich einsamer Trost, und es war so leicht, ih-, re Sicht der Dinge für die richtige zu halten – sie hatten mich als unberührbar eingestuft, als Außen- seiterin, als Monstrum, und es gab nichts, was ich tun oder sagen konnte, was sie nicht gleichzeitig in ihrer Ansicht bestärkte. Mein Matrose, sie hieß Dew- Ayne, versuchte mich zu verstehen und mich zu trös- ten – ›Du bist etwas Besonderes, meine Süße‹, sagte sie. ›Hör nicht auf sie.‹ Und dann berührte sie meine Brüste, und ich fing wieder an zu weinen. Meine Tränen verwirrten sie – es schien ihr, daß ich zu schnell weinte; ich mußte eine Hornhaut um meine Seele wachsen lassen, so wie sie es auch getan hatte. Die anderen belästigten sie nie, es hatte keinen Zweck, sie aufzuziehen, das floß an ihr ab wie Was- ser an einer Ölhaut; aber dieser Schutz konnte nicht auf mich ausgedehnt werden. Ihre Art, mich zu trös- ten, führte wieder zum Tanz von Lust und Liebe – die Bewegungen sind immer dieselben, ganz gleich, wel- che Gefühle ausgedrückt werden. Ich konnte ihr kei- nen Vorwurf daraus machen; ihre Geschicklichkeit bezog sich nicht auf Leute, sie hatte mit Segeln und Knoten, Meeren und Winden zu tun. Sie war eine geistig träge Seele, die den Unterschied zwischen Liebe, Lust und Sex nicht kannte, für sie war das al- les ein und dasselbe. Ihr war im Leben nicht viel Gu- tes widerfahren, also nahm sie alle Vergnügungen, die sie kriegen konnte, und stellte keine Fragen; sie hörte nicht auf zu versuchen, so fortzufahren. Ich, war ein Altar, an dem sie sehnlichst zu beten wünschte, kaum mehr als das. Wenn es nicht funktio- nierte, wenn der Altar weinte und verwirrt schien, dann streichelte und tröstete sie ihn, bis ich mich be- ruhigte und entspannter wurde. Streicheln war in je- dem Fall das Vorspiel – wenn ich einmal mit dem Weinen aufgehört hatte, dann konnte der Altar so benutzt werden, wie es Reethes Absicht war, und sie tat es. Es war die Art, wie ich benutzt wurde, die mich so verzweifelt machte. Ich erreichte Cameron an Achtzehn, ein weiterer zerstörter Dunkeltag – jetzt waren sogar die Leucht- feuer von Lagin verschwunden. Tief im Westen war allerdings das Blinken des Bogin-Satelliten zu sehen – eines Tages würde dort ein Monduntergang sein, ein Schutzschirm für das Meer, der sich schon jetzt auffüllte. Ich hatte noch ein gutes Stück vor mir, ein wenig nach Norden jetzt, Hauptrichtung Westen. Von Cameron nach Lone, nach Ellastone und Fire Wall, Hard Landing und dann nach Hause, so hoffte ich. Ich stahl ein Boot. Die Hafenanlagen waren ver- lassen, die Einheimischen waren aus Angst nach Os- ten geflohen. Katamarane und Dingis waren überall angetäut, aber die wenigsten konnte ich in Bewegung setzen. Ich suchte mir ein Boot aus, ging dann in die Stadt zurück und kaufte einige Lebensmittelvorräte – Dew-Ayne hatte mir etwas Geld gegeben, und ich hatte es, ohne mich zu schämen, angenommen –,, dann ging ich zum Hafen und nahm das Boot. Ich sagte mir, daß es verlassen war, daß ich es viel drin- gender benötigte und daß das, was ich tat, notwendig war. ›Tut mir leid, Mutter Reethe, aber ich bin jetzt seelenlos, ich kann mich dafür nicht schuldig fühlen, denn ich habe noch viel Schlimmeres getan! Außer- dem wurden alle schlimmen Dinge im Namen der Tugend getan.‹ Das Schiff hatte ein einziges Segel und einen kleinen Kraftfeld-Motor, für den Fall, daß der Wind einmal ungünstig stand. Ich hatte fast so- fort Gegenwind – Reethes Art, mir eine Warnung zu- zusenden? – und benutzte den Motor, um die Rich- tung nach Kossarlin einzuschlagen. Ich konnte zu Hause sein, bevor der lange Sonnentag begann. Der Dunkeltag tauchte hinter mir im Osten unter, und die Sterne kamen wie Juwelen heraus. Ich sah den Bogen von Tangos Armen, die den Säugling Graye wiegten; wenn man, der Blickrichtung des Säuglings folgend, nach Norden schaute, konnte man den Pilgerkurs ausfindig machen, der von der knar- renden Hand überdeckt wurde. Ein heller roter Stern mit dem Namen Chorizont markierte das Herz der Dunkelheit; der Stern wurde Blutstein genannt und soll der Sage nach Ursprungsort all der üblen Strei- che sein, die Dakka uns je gespielt hat. Ich steuerte so, daß das Bogin-Leuchtfeuer vor mir auf der rech- ten Seite blieb. Ich mußte an Wullawen und dem Kreis des Van-Cott-Kraters vorbei, dann durch die, Crabtooth-Meerenge mit Hard Landing direkt dahin- ter, dann kam mein Zuhause. Ich segelte zehn Stun- den nach Westen mit einer leichten Abweichung nordwärts. Ich betrachtete die Sterne und zitterte un- ter dem Umhang, den jemand in der kleinen Kabine liegengelassen hatte. Ich beobachtete, wie das Bo- gin-Leuchtfeuer am Himmel emporkroch, und ich wußte, daß ich fast zu Hause war, wenn es den Punkt in der Mitte zwischen Zenit und Horizont einnahm. Ich empfand es als gespenstisch, unter einem Himmel zu segeln, der kein Zenit-Leuchtfeuer besaß. Ich fühl- te mich nackt, schutzlos – aber das Leuchtfeuer war abgestellt worden, um unachtsame Reisende davor zu bewahren, in die unbeschirmten Gewässer zu se- geln. Nur ein Narr würde seinen Kurs nach einem leeren Himmel bestimmen. Dämmerung wird als der Augenblick definiert, in dem genug Licht vorhanden ist, um einen schwarzen Faden von einem weißen zu unterscheiden. Es war kurz nach der Dämmerung, als ich aufstand und Ea- sterlin sichtete, unseren schroffen Grenzfelsen. Da- hinter leuchtete eine Sonne weiß und unheilverkün- dend, aus dem Schlaf unter den dunklen Wellen er- wacht. Sie stieg am düsteren Horizont auf. Sie warf ihr Auge wie geschmolzenes Licht auf die bleiche Schüssel des Meeres; um sie herum war der Himmel rosarot. Vor mir streckte sich mein Schatten übers Wasser. Ich konnte den Meeresgrund sehen; Pflan-, zen und Korallen bildeten einen Unterwasser- Garten. Morgenfische schnellten durch die Luft, sie spielten mit den Bewegungen des glitzernden Lichts Fangen; sie blitzten durch sprühendes Wasser. Da waren die Shallows, und ich mußte auf die Navigati- on achten. Der Katamaran hatte einen flachen Rumpf, aber trotzdem mußte ich auf Korallenriffe und spitze Felsen aufpassen. Bald würden Bojen auf- tauchen, die die tiefere Fahrrinne markierten, aber wenn ich es gemußt hätte, hätte ich die Strecke auch zu Fuß gehen können – im Durchschnitt war das Meer hier nirgendwo tiefer als einen Meter. Auf dem Meeresgrund waren bunte Muscheln und wogende Pflanzen, und ich glitt wie eine Taube über sie hin- weg. Das Wasser war so klar, als befände ich mich über einer weiten, wunderbaren Landschaft… Kurz danach tauchte Kossarlin am Horizont auf. Mein Schatten war inzwischen kürzer geworden, zeigte a- ber immer noch genau auf die Insel; das Boot brach- te meinen Schatten in schneller Fahrt nach Hause. Selbst aus dieser Entfernung konnte ich erkennen, daß vieles nicht stimmte. Vom Ufer stieg Rauch auf – nicht viel, nur der schwelende Überrest eines größe- ren Feuers. Als ich näherkam, konnte ich erkennen, daß die Vegetation auf der einen Seite des Berges weggebrannt war. Der Rest der Insel sah braun und verbrannt aus. Sechs lange Sonnentage ohne Schirm waren vergangen – ich hatte Angst vor dem, was ich, finden würde. Und zum ersten Mal fragte ich mich, warum ich hierhergekommen war. Es hatte keinen Zweck, an einem Ort zu bleiben, der unbewohnbar geworden war. Und dennoch konnte ich mir nicht vorstellen, daß meine Familie aus ihrer Heimat flüchtete … Am Kai waren keine Boote festgetäut, außer dem auffälligen Dingi von Thoma; ihre einzige Extrava- ganz war die bunte Filigranarbeit, die wir in einer Laune von Einfalt angebracht hatten, jetzt sah sie wie gebacken aus. Die ganze Farbe blätterte ab. Ich vertäute mein Boot und rannte in schrecklicher Angst den Pfad hinauf; während ich rannte, knirschte das verbrannte Moos unter meinen Füßen wie die Kno- chen winziger Lebewesen. Die zierlichen Himmelfe- der-Bäume auf beiden Seiten des Pfads waren ver- welkt und hatten ihre schattenspendenden Blätter verloren. Die Farnpflanzen lagen verdorrt am Bo- den, ihre Blütenblätter sahen wie Leichentücher aus. Alles war still. Es gab keine Vögel, keine Käfer, nichts summte, nichts flatterte, krauchte, kletterte oder hüpfte. Keine Mäuse, keine Motten, keine Libel- len, keine Eidechsen. Keine Flügel, keine Beine, kei- ne Schnäbel – keine Stimmen. Alles war mit einem Schleier, weiß wie ein Grabstein, bedeckt, eine stau- bige Pulverschicht wie Asche – aber feiner, wie nie- dersteigender Rauch –, die die Welt in die graue Stimmung der Verzweiflung tauchte. Es war ein Land, toter und sterbender Dinge – das war der Tod der Hoffnung. Alles war grau. Kossarlin erwartete, er- neut ins Feuer einzutauchen. Die Familienkuppel war eingefallen wie ein Ball, den man durchbohrt hatte. Ein Sturm? Ein Brand? Das war gleichgültig, ich konnte es nicht erkennen – die eine Hälfte war Asche, die andere Hälfte durch- weicht. Überall waren brackige Wasserlachen. Ku- vigs Stolz, ihre seidenen Vorhänge, waren um einen gestürzten Balken drapiert und hoffnungslos ver- dreckt. Und hier … Sukos selbstgemachter Kerzen- ständer … und die Bettgestelle und die Stühle … und die Porzellanschüssel, aus der ich immer meinen Reis aß … und diese Tasse, die dort in Scherben lag, das war meine Lieblingstasse; wenn man sie bis zum Grund austrank, grinste einen ein fetter grüner Frosch an. Nun hatte der Frosch sich in Splitter aus Glas und Ton verwandelt, verloren in der Asche. Ich stieß einige Balken beiseite und ging ins Kinderzim- mer, wo ich ein paar Kleinigkeiten zurückgelassen hatte. Ich sah eine winzige hölzerne Hand, die hinter einem verkohlten Holzgestell hervorragte. Es war Gahoostawik, ihr verkohlter Körper. Ihr Gesicht war weggebrannt, sie hatte einen Arm verlo- ren, beide Beine waren zerbrochen und hingen bizarr am Rumpf, aber ich erkannte sie trotzdem und preßte sie fest an mich. Und ich weinte – ich hätte sie vor- her dem Meer zurückgeben sollen, anstatt sie leben, zu lassen, nur damit sie soviel Leid sah. Ich erinnerte mich an etwas, das Suko sagte – je- der Augenblick ist eine Tür, und wenn du einmal durch sie geschritten bist, bleibt sie dir für immer verschlossen. Was auch immer geschieht, es ist vor- bei; wie meine Geburt ist das ein Teil meiner Erfah- rung. Ich konnte nicht zurückkehren und es besser machen, es war Tatsache, und ich stand hier und mußte daraus das Beste machen. Heute wußte ich, daß meine Kindheit vorüber war, die Tür zu ihr war verschwunden. Mein Körper würde das bestätigen. Irgendwann in den zwanzig Tagen seit Option hatte ich das zweite Erröten durchgemacht, fast unbemerkt – ich konnte die Zartheit meiner Brüste und Warzen spüren, sie verkündeten, daß ich Reethe gefolgt war, meine Seele dagegen war … niemandem gefolgt. Da stand ich in der Asche meines Zuhauses, wußte nicht, wo meine Familie war, zu benommen und be- täubt, um zu weinen. Ich ging nur umher, hielt die kleine tote Gahoostawik und hatte auf meinem Ge- sicht und meinen Händen Schmutzflecken von ihrem verkohlten Körper. Ich ging in den Garten hinaus, schwarzgebackener Dreck und wieder die überall vorhandene Asche. Da standen Schilder für all die Seelen, die ich gekannt hatte: Großonkel Kossar, Baby Kiva, Toki, Baby Leille, Yasper, Fellip, Dardis, Thoma, Baby Nua, Kinam, Potto, Kirstegaarde und Suko. Es traf mich wie der Blitz: Die Hälfte der Leu-, te, die ich am meisten geliebt hatte, war tot. Ich weinte lauthals. Ich jammerte. Ich schluchzte. Ich brüllte und ich fluchte. Ich schimpfte und stampf- te und schrie. Ich tobte und klagte und machte mei- nem Kummer mit quälendem Keuchen Luft. Und schließlich brach ich vor den Schildern völlig er- schöpft zusammen. Hier gab es immerhin noch Hoff- nung – jemand hatte sie so sehr geliebt, daß sie diese Schilder aufstellte; das bedeutete, daß jemand über- lebt hatte. Hojanna? Porro? Kuvig? Orl? Wer? Mir wurde klar, daß ich nicht bleiben konnte. Die Sonne stieg auf zur Dunkelzeit, die es nicht geben würde. Es wurde wärmer. Ich trug immer noch meine kleine, dumme Puppe – warum war sie nicht schlau genug gewesen, wegzugehen? Und doch, ich war trotzdem froh, sie zu sehen, selbst in diesem Zustand – war sie genauso töricht wie ich gewesen? Ich war vierzehn Tage übers Meer gereist, um hierher zu- rückzukehren; hatte sie hier auf mich gewartet, hatte sie gewußt, daß ich kommen mußte? Gahoostawik hatte es ihr einfältiges, hölzernes Leben gekostet, mich hatte es meine WAHL gekostet. Ich wickelte sie in einen der Vorhänge Kuvigs und setzte sie in Thomas Dingi. Ich band es vom Kai los und stieß es ins Meer hinein. ›Bitte, nimm sie …‹ sprach ich ein Gebet zu Reethe. Man mag für seine Spielsachen zu alt werden, aber man hört nicht auf, sie zu lieben. ›Auf Wiedersehen, kleine Freundin., Warte auf der anderen Seite auf mich.‹ Und dann, ›Bitte, Mutter Reethe, nimm dich ihrer an; sie ist ein gutes Kind.‹ Und dann war ich wieder in meinem Boot – ziellos trieb ich auf einem heißen, schwarzen Meer, das nach Fäulnis und Unrat roch. Der Wind war so tot wie die Insel – als hätte die Welt den Atem aus Angst vor dem kommenden Feuer angehalten. Ich war mü- de, enttäuscht und voll Furcht – unsicher, wohin ich fahren sollte – und dann kletterte die Otter an Bord des Bootes, sie war so riesig, daß sie die Große Otter aller Ottern im Meer sein mußte. Sie schaute mich aus riesigen dunklen Augen an, blinzelte die Wasser- tropfen hinweg, wischte über ihre Schnurrhaare und beobachtete mich aufmerksam. Ich hielt ihr einen Fisch hin, aber sie starrte mich ununterbrochen an. Schließlich räusperte sie sich und sagte: ›Du bist Jo- be?‹ Ich nickte. ›Segle nach Westen‹, sagte sie. ›Seg- le nach Westen und Norden.‹ ›Tiefer in den Kreis hinein?‹ fragte ich – aber sie hatte sich schon umgedreht und war wieder im Was- ser verschwunden; keine Welle kräuselte sich, sie hinterließ nur einen nassen Fleck auf der Bootslein- wand. Und dann, wie zur Bestätigung, erscholl von oben ein Schrei – da war ein Vogel, wie ich ihn noch nie gesehen hatte; riesig groß und ganz weiß, zu groß, um eine Möwe zu sein, mit viel zu sanfter Stimme –, und sie schrie wie ein neugeborenes Baby, das nach Luft schnappt. Verzweifelt. Sie kam aus dem Osten, hinter mir, herangeschossen, als wäre sie aus dem Nona-Schirm erschaffen worden – aber sie flog nicht; sie war hoch oben und wurde von einem krei- senden Wind getragen; sie war in seltsame Fetzen gehüllt, die um sie herumwirbelten und an ihr zerr- ten. Der Vogel kämpfte, um aus ihrem luftgesponne- nen Gefängnis auszubrechen, aber vergebens – sie schrie wie ein Baby, trieb schnell nach Westen ab, immer weiter nach Westen, ihre Selbstkontrolle war nur Illusion. Ihre Schreie hingen noch lange, nach- dem sie verschwunden war, in der Luft. Ich segelte ihr nach. Ich weiß nicht, warum. Ich segelte westwärts, in die Leeren Gebiete des Westens und Nordens. Die Sonne erreichte den Zenit und weigerte sich zu verschwinden. Ich rieb meinen Körper mit Öl und Asche ein, um mich vor ihren Strahlen zu schützen. Wenn die Hitze zu groß wurde, tauchte ich für einige Zeit mit einem Seil um den Körper ins Wasser und schwamm oder ging hinter dem Boot her. Auf dieser Seite war das Meer noch seichter; das einzige tiefe Wasser in der Nähe der Kossarlins war auf der Nordseite der Insel; die Kalte Sandbank, wo ich einmal in einem Unterwasser- Strudel gefangen war. Ich tauchte ins Wasser, um mich abzukühlen, dann ölte ich mich wieder ein, dann tauchte ich wieder, und ölte mich erneut gegen die Sonne ein – so wech- selte ich dauernd ab und segelte ständig nach Wes- ten. Die Sonne blieb im Zenit stehen, und die Tempe- ratur erreichte sechzig Grad und stieg weiter an. Vermutlich habe ich das Bewußtsein verloren … Als ich wieder zu mir kam, stand die Sonne noch immer über mir, immer noch hell und weiß brennend – aber ein kalter Hauch strich wie ein Geist über meinen Körper. Zuerst wurde ich mir meines Durstes bewußt und lehnte mich über den Bootsrand, um mich am kühlen Meerwasser sattzutrinken. Meine Kehle war rauh, ausgedörrt und schmerzte, und ich hielt mein Gesicht und die aufgesprungenen Lippen so lange ich konnte unter Wasser; ich konnte nicht genug bekommen, so süß und kalt war das Wasser. Nur ganz allmählich wurde mir bewußt, wie kalt die Luft war. Ich stand da, verblüfft, nackt und schwarz und ölig, mit Asche beschmiert, und schaute mich um. Die Sonne war noch so heiß wie immer, das Meer und der Himmel waren blau wie die Augen ei- nes Stachelfisches. Aber die Luft war erschreckend kalt. Ich zitterte mitten an einem brennenden Sonnen- tag und fragte mich, ob das ein Wunder Reethes war, um mein Leben zu retten. Es war kein Wunder – es war die Warnung vor ei- ner noch größeren Katastrophe, die sich ereignen sollte. Das wußte ich zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht; mir schien das wie eine Gnadenfrist, die Hand, Reethes hatte sich hinabgestreckt, um mich zu schüt- zen, so wie sie Lono und Rurik in der Legende ge- schützt hatte. Aber ich war noch nicht bereit zu ster- ben; ich setzte alle Kraft, über die ich noch verfügte, ein, um in Richtung des Bogin-Kreises zu segeln; da- hinter lag die Astril, vielleicht Sicherheit. Ich drehte den Motor auf höchste Geschwindigkeit, mir war es ganz gleich, ob ich ihn ausbrannte. Eine innere Stimme riet mir, die Lagin so schnell wie möglich zu verlassen. Die kalte Luft jagte mich nach Westen, wurde die ganze Zeit über immer kälter, ließ mich schaudern – ich hatte keine Decke mitgenommen, der Umhang reichte nicht aus. Ich tauchte ins Wasser, um mich aufzuwärmen, band mich dabei am Boot fest, so daß es mir nicht entwischen konnte. Hinter mir donnerte und grollte es … Folgendes war geschehen: Die Erhitzung des La- gin-Kreises hatte rund um die Grenzen der benach- barten Kreise Stürme ausgelöst. Die Stürme hatten Erdbeben ausgelöst – die Erdkruste Satlins war von den Stößen, die sie vor einem halben Jahrtausend hinnehmen mußte, immer noch geschwächt – die Be- ben hatten neue Vulkane ausgelöst; riesige Vulkane, die Asche in den Himmel und Magma in die Ozeane schleuderten. Das Südriff öffnete sich wieder weit nach Süden, bis hin zur Polarkappe; ein Teil von ihm war wohl aufgebrochen und hatte große Eisbrocken lawinenartig in das brodelnde Magma gegossen – sie, verwandelten sich zu Wasserdampf, Explosionen, gewaltig, brüllend, wasseraufpeitschend … Milliar- den Tonnen Eis wurden zu Wasserdampf… die Hitze brach die zersplitterte Erdkruste Satlins noch einmal auf … aus dem Polarkreis wurden immer größere Stücke herausgebrochen, bis … schließlich krachten und bebten große Stücke des gefrorenen Bodens, bis sie losgerissen wurden. Sie waren schon vorher nur lose mit ihrem Untergrund verbunden, jetzt glitten sie von den sich senkenden Gesteinsschichten weg ins Meer hinein, in das Inferno aus Feuer und Dampf, das mit der gleichen Gewalt explodierte, wie es sich beim Aufprall der Eis-Asteroiden entladen hatte. Wüste Kaltluftstürme wehten in alle Richtun- gen, Wolken aus überhitztem Wasserdampf; Nebel und Feuer jagten hinter ihnen her. Aufgewühlte Was- serfronten rollten schon nach Norden. Die kalte Luft, die ich spürte, war nur der erste Hauch von Reethes Rache gegen die Sonne – sie konnte sehr heftig wer- den, wenn sie ärgerlich war, noch wilder als Dakka jemals sein konnte. Die Inseln hinter mir wurden plattgewalzt, als schließlich die Mauern aus Wasser ankamen, die zerschmetterten Gebirge vor sich her- schoben. Die ganze Südliche Region wurde getroffen – Cameron wurde verkleinert, Fire Wall wurde zer- malmt, Wullawen wurde überflutet, die Swale Friend und ihre Besatzung wurden nie wieder gesehen, Hard Landing verschwand unter den Wellen, Kos-, sarlin wurde … Die kalte Luft rettete mich vor der Sonne – aber in dem Sturm, der darauf folgte, könnte ich sterben. Die Luft war grau, dann trübe, dann noch dunkler – Sturm und Donner blitzten am Himmel, als riesige Massen aufgeladener Luft sich rund um die Erde wälzten. Das Wasser schwappte in großen, trägen Wellen und klatschte auf meine Haut … das Boot wankte und taumelte … Als das Segel sich vom split- ternden Mast löste und herunterkrachte, stieg ich wieder an Bord und wickelte mich in die Leinwand ein. Ich band mich an dem abgebrochenen Mast- stumpf fest und betete darum, daß wir auf dem Kamm der zu erwartenden hohen Wellen bleiben würden … ich hatte Angst, zu Reethe zu beten, sie war schon zornig genug … Hagelkörner prasselten eisig vom Himmel. Der Sturm wurde immer schlimmer, und ich fiel wieder in Ohnmacht. Ich erinnere mich, daß ich auf einem ruhigen, grauen Meer aufwachte, während der Regen ringsherum niederklatschte; aber ich konnte nicht erkennen, ob es Dunkeltag oder ein be- deckter Sonnentag war. Ich schlürfte Wasser – es schmeckte nach Asche, alles mögliche schwamm dar- in herum, und ich brach es wieder aus. Ich kam in ein Krankenhaus im Astril-Kreis. Ich wußte nicht, wie ich dort hingekommen war; sie hat- ten auch keine Aufzeichnungen darüber. Ich vermute,, daß mich irgendein Rettungsschiff gefunden hat. Nachdem ich mich erholt hatte, blieb ich eine Zeit dort und half bei der Versorgung der anderen Flüchtlinge; das war das wenigste, was ich tun konn- te. Irgendwann in diesen Tagen muß ich das endgül- tige Erröten durchgemacht haben; ich bemerkte es kaum. Verschwommen muß mir bewußt geworden sein, daß ich eine Trau war, eine Trägerin von Ver- antwortung, eine Quelle der Stärke, ein Stück von Mutter Reethe auf der Erde. Und ich wollte das gar nicht sein, ich wollte es nicht. Ich verzweifelte an dieser ganzen Verantwortung, denn sie wurde mir aufgebürdet, ob ich sie nun wollte oder nicht. Ich wollte Dakka sein, ich wollte frei sein. Und ich woll- te noch weiter nach meiner Familie suchen, dann könnte ich in Mamas Schoß weinen. Schließlich zog ich los. Ich verbrachte lange Stunden im Gebet, be- fragte die einzelnen Stationen des Orakels, wobei ich die Kügelchen zählte und sang, ich versuchte allen Sinn meiner Persönlichkeit in der großen Zeitlosig- keit des Gebets auszulöschen. Ich fragte mich, ob ich eine Watichi werden sollte – eine heilige Person. Watichi brauchen nichts zu besitzen, weil Watichi niemals etwas brauchen. Eine Watichi muß man er- nähren, bevor man selbst ißt, denn sie hat ihr Leben aufgegeben, um ein Moment der Götter zu werden. Ich hatte die Fähigkeit, dachte ich, ich hatte sie ge- zeigt, als ich verzaubert war – aber als ich verzau-, bert war, hatte ich eine böse Stimme auf die Welt losgelassen, ein Huuru-Dmg. Ich hatte es im Sturm heulen gehört; eines Tages würde es zu mir zurück- kommen. Was konnte ich für eine Watichi sein, wenn ich so gehetzt wurde? Eine Zeitlang wurde ich verrückt. Darin war ich nicht allein. Viele hatten das Lagin-Feuer nur über- lebt, um anschließend verrückt zu werden; nicht ver- zaubert, das wenigstens war angenehm – es war ver- rückt, wild, rachsüchtig. Ich bewegte mich voller Schmerzen, und ich schlug auf alles um mich herum ein. Ich wanderte ziellos über die Oberfläche der Welt, über die Oberfläche meines Lebens, berührte nichts, damit nichts mich berührte. Haß war eine Wand, hinter der man sich verbergen konnte. Es war kein Weg, um zu leben, aber ein Weg, um zu überle- ben, und während dieser schrecklichen, schreckli- chen Tage war Überleben genug.« Allabar wurde für die Flüchtlinge geöffnet; dort gab es ein großes Hafenbecken und mehrere lange Kais, die für ein Erzprojekt, das nie in Angriff genommen wurde, erstellt worden waren. Es lag auf der Innen- seite der Nolle-Sichel; in Cinne, Rann und dem na- hegelegenen Mairel gab es landwirtschaftliche An- siedlungen, also würde es auch ausreichend Nahrung geben; in Gowul und Trask gab es industrialisierte Dörfer, also würde es Maschinen, Arbeit und Hilfe, für das Flüchtlingslager geben. Jenseits der Bucht, auf der Sandar-Sichel, lag Wandawen, wo es eine Verbindungsstation zum Archiv der Behörde gab. Zum Dienstleistungszentrum des Allabar-Hafens wurde eine Leitung gelegt, und für die Flüchtlinge wurden mehrere Bildschirme installiert. Jobe ließ ihren Namen registrieren, aber als er in die Datenbank eingegeben wurde, läutete keine Glo- cke; keinerlei Botschaft war hinterlegt worden, nie- mand hatte sich nach ihr erkundigt. Es gab auch kei- ne Berichte darüber, ob Kuvig, Hojanna, Dorin, Orl oder Marne überlebt hatten. Nicht einmal über Tante William. »Aber laß den Kopf nicht hängen, kleiner Fisch«, riet ihr der beleibte Dakka in der Station. »Dieses Archiv speichert nur die Daten des Astril- und des Bogin-Kreises. Es wird einige Wochen dau- ern, bis wir alle anderen Kreise erfaßt haben; viel- leicht gibt es dann etwas Neues.« Jobe nahm ihre Papiere und wandte sich ab, um für die nächste Person in der Schlange Platz zu ma- chen. Allabar war ein karger Ort; seine Hügel waren braun und sahen verkümmert aus, die Klippen waren weiß und kalkhaltig. Schmuddelige Sträucher krall- ten sich fest an felsige Hänge. Heiße Winde zerrten an den Leinwandzelten; Sand und Flugasche krochen in Essen und Kleidung. Das Lager lag auf einem nackten Hang, ein ver-, dorrter und trockener Felsstreifen. Es gab nicht ge- nug Nahrungsmittel, um sie auf Ausflügen mitzu- nehmen, und wenn Jobe essen wollte, mußte sie früh am Küchenzelt sein. Die Behörde forderte jeden auf, eine Mahlzeit weniger zu sich zu nehmen; geh mit ein bißchen Hunger zu Bett, sagte sie, und dann wird der nächste auch etwas haben. Hunger war für Jobe einmal etwas Neues gewesen, eine merkwürdige Art von Schmerz; jetzt war dieser Schmerz ein ständiger Begleiter, jetzt wäre ein gefüllter Bauch etwas Neu- es. Das Essen wurde rationiert. Jobe stand mit all den anderen in der Schlange, um ihre zugeteilten Teigwa- ren, Milchspeisen und proteinhaltigen Nahrungsmit- tel in Empfang zu nehmen. Manchmal gab es einen Fischeintopf und Kekse, manchmal gab es Reis, aber häufiger gab es Teigwaren, Milchspeise und Prote- instücke. Jobe wollte Speisen, die sie als solche iden- tifizieren konnte, Obst und Gemüse, Fisch in Soße oder Öl, Flossenfilets, Muscheln oder Krebse, Melo- nenscheiben, eingemachte Wurzeln und Knollen, ir- gend etwas davon. Die Behörde sprach von Gebie- ten, die, wenn auch auf verkleinerter Fläche, rekulti- viert werden sollten; die Lagin noch nicht (wenn ü- berhaupt jemals), aber sicherlich die angrenzenden Schirm-Bereiche; sie würden eine Menge Getreide als Samen benutzen müssen. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, heute etwas weniger zu essen, damit wir morgen unsere volle Mahlzeit bekommen könn-, ten. Aber das Essen, das nach Allabar kam, war kein Essen, bestand nur aus verschiedenen Proteinarten, die man problemlos lagern konnte – wie Teigwaren, Milchspeisen und Proteinstücke. Sie sahen aus wie die Sachen, die die Erdik aßen, und sie schmeckten Stück für Stück so schlecht. Sie schlief in einem Gemeindehaus nahe den Kais. Wenn es im Gemeindeladen Stoff gab, machte sie sich selbst einen neuen Kilt. Sie wusch sich in der öf- fentlichen Badeanstalt und trug alle ihre Habseligkei- ten in einem Leinwandbeutel, der aus einem Stück Segeltuch genäht war, mit sich herum. Sie versuchte, einen Anruf nach Strille auf Wee- ping Crescent unter dem Tartch-Schirm anzumelden, aber Porros Familie gab es dort nicht; ob sie nun weggezogen, zerstört oder gestorben war, wußte Jobe nicht; sie standen nicht mehr in den Verzeichnissen. Es gab keine Porro. Jobe sehnte sich – nach Hoffnung. Etwas, für das sich zu leben lohnte. Ein Ziel. Selbst Rache wäre für sie ausreichend gewesen, wenn sie sie bekommen könnte. Sie verbrachte ihre Tage damit, in der Schlange zu warten. Sie wartete in der Schlange auf Essen. Dann wartete sie in der Schlange vor dem Empfänger, um zu erfahren, ob es irgendwelche Nachrichten von Großvater Kuvig oder den anderen gab. Sie wartete im Gemeindeladen auf Arzneien gegen den Husten,, den sie mittlerweile hatte, und gegen die Entzündun- gen an ihren Beinen. Manchmal wartete sie auf Klei- dungsstücke. Dann wartete sie wieder in der Schlan- ge auf das Essen. Schlangestehen war für Jobe etwas Neues; das war bis dahin auf Satlin unbekannt. Jobe mochte es nicht, sie verfluchte es als eine weitere Er- dik-Erfindung. Manchmal ging sie hinunter zum Ufer und lausch- te den Spielleuten und Liedersängern. Manchmal schlief sie dort in einer der Strandhütten. Die Behör- de wollte nicht, daß am Strand eine Budenstadt wuchs, aber sooft sie die Schutzhütten abrissen, so oft bauten die Flüchtlinge sie wieder auf. Manchmal teilte Jobe ihr Bett mit einer anderen einsamen Per- son, sie bemerkte kaum, ob sie dakkaisch oder reethisch war. Das war egal. Es war nur ein Wider- hall ihrer fieberhaften Zeit in Tarralon. Sie fing von neuem an, Erfahrungen über Sexuali- tät zu sammeln. Es war nicht immer Vergnügen, und es war nicht immer Teilhaben; manchmal war es nur – etwas, um sich zu beschäftigen. Manchmal schuf es größeren Abstand zwischen zwei Leuten. Sie benutz- ten die Körper der anderen zu ihrer eigenen Befriedi- gung, jede redete sich ein, sie sei für einige Zeit nicht mehr einsam, aber statt Liebe gab es Lügen, und ob- wohl Jobe wußte, daß es so nicht sein sollte, war es so. Lono und Rurik müssen eine Lüge gewesen sein,, entschied sie. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß solche Hingabe im wirklichen Leben vorkam. Sie waren Ausgestoßene, das war alles – das band die beiden aneinander; nicht mehr. Sie stellte sich vor, wie Lono sich mitten in der Nacht nach Rurik aus- streckte und mit den gemurmelten Worten konfron- tiert wurde: »Bitte, laß mich schlafen.« Meistens schlief Jobe allein. Eines Tages sah sie ein vertrautes Segel im Hafen. Es war großflächig und quadratisch, leuchtend rot, und im Mittelpunkt war eine gelbe Sonne mit einem Auge darin. »Sola!« Jobe flog förmlich über den hölzernen Pier und schrie die ganze Zeit. »Sola! Sola!« Wei- nend brach sie in Solas Armen zusammen. Sola schien jetzt größer zu sein, auch kräftiger – wo sie früher aus Seide und Pudding zu bestehen schien, war sie nun drahtig, geschmeidig und in Leder ge- hüllt. Jobe hielt sie ganz eng. »Jobe, kleine Jobe! Was machst du hier? Bist du ganz allein? Wer ist bei dir? Komm, laß dich umar- men! Ich dachte, du wärst verlorengegangen – laß mich dich anschauen! Wie groß und hübsch du ge- worden bist. Große Reethe, du bist eine schöne Frau geworden, Jobe!« Aber alles, was Jobe in Erwiderung tun konnte, war, sich so fest an sie zu klammern, wie sie es ver- mochte. Sie offenbarte ihren Kummer in gequältem, Schluchzen. Sie war so glücklich, sie zu sehen – so erleichtert, daß überhaupt jemand, den sie noch kannte, überlebt hatte –, und doch so traurig über die Erkenntnis, daß Sola die einzige sein könnte. Sola strich ihr übers Haar und murmelte: »Ruhig, Kleine. Ganz ruhig. Jetzt bin ich hier.« Und sie hielt sie ein Stückchen von sich weg. »Meine kleine Jobe – als ich dich das letzte Mal sah, brachst du gerade nach Option auf. Wie bist du hierhergekommen?« »Ich weiß nicht … ich bin nur nach Westen gese- gelt … wie es mir die Otter gesagt hat.« Jobe schaff- te es, einige Worte auszustoßen, aber sie weinte im- mer noch vor lauter Glück. »Ich war im Norden«, sagte Sola. Ihr Gesicht strahlte. »Die Behörde hat endgültig beschlossen, ei- ne Insel für … für Personen wie mich bereitzustellen. Eine offizielle Zuflucht. Asyl, so heißt sie. Ich bin dabei, ein Haus zu bauen, Jobe. Mein eigenes Zuhau- se! Deshalb bin ich gekommen – hier kenne ich eini- ge Leute, die auch dorthin kommen wollen.« Jobe hörte schluckend zu weinen auf. »Wirst du heiraten, Sola?« »Wer – ich?« Sola lachte. »Sei nicht dumm. Wir sind nur Freunde; aber Ausgestoßene müssen zusam- menhalten.« Selbstbewußt fügte sie hinzu: »Viel- leicht später einmal …« Jobe wischte über ihre Nase und betrachtete Sola – sie schien sowohl größer als auch kleiner zu sein;, größer, weil sie es vielleicht wirklich war, jedenfalls war sie jetzt schlanker. Kleiner, weil – nun, Jobe war jetzt ein bißchen größer. Aber da war noch mehr – Sola schien … mehr Sola, als sie jemals vorher zu sein schien. Sola war eine Perle; vorher war sie in Melancholie gehüllt, jetzt leuchtete sie in innerem Glanz – als hätte sie beschlossen, stolz darauf zu sein, daß sie Sola war; sie stand aufrecht, das war es. Sie versuchte nicht, als Dakkaiker oder Reethische zu erscheinen, so wie es manche Ausgestoßene taten; ihre Kleidung war ehrlich und einfach, ein Kilt und eine Weste. Sola hatte kein Geschlecht, und es mach- te ihr nichts aus, daß andere es wußten. Auf merk- würdige Art steigerte das ihre Schönheit – Jobe konnte sowohl Reethe als auch Dakka in ihr erken- nen, und beide wurden auf glänzende Weise zum Ausdruck gebracht. »Sola …«, fragte sie, »meine Familie – weißt du etwas über sie? Kuvig, Dorin, William, meine Mut- ter …?« Sola blickte traurig. »Ich habe gar nichts gehört, kleiner Fisch …« »Aber du warst in anderen Kreisen, nicht wahr? Du hast dich doch sicher bei jeder Station erkun- digt?« Sola schien sich nicht wohl zu fühlen. »Hmm … nein, das habe ich nicht, Jobe …« »Ist dir das gleichgültig?«, »Ein wenig trifft mich das schon, aber … ich bin nicht mehr die, die ich einmal war. Ich bin nun je- mand anders.« Sola legte ihren Arm um Jobes Schul- ter. »Komm, wir wollen irgendwohin gehen, wo nicht so viele Leute sind.« Jobe entzog sich ihr. »Sie sind dir gleichgültig, ist es nicht so?« »Jobe.« Solas Augen blickten fest. »Sie sind schon seit langer Zeit nicht mehr meine Familie – das war schon vor dem Streit darüber, wer dich nach Option bringen sollte. Sie haben mich hinausgeworfen – o nein, nicht mit vielen Worten; aber ihre Herzen wa- ren immer vor mir verschlossen, weil ich ihnen keine Kinder geben konnte, weil ich keinen Ehepartner in den Kreis bringen konnte. Ich liebe sie so, wie ich meine Kindheit liebe, aber das liegt jetzt alles hinter mir. Heute habe ich eine größere Familie, die mir etwas bedeutet. Mich selbst und andere, die wie ich sind. Wenn wir uns nicht um uns kümmern, wird es auch kein anderer tun.« »Aber, Sola« – Jobe spürte wieder ihre Tränen rinnen –, »ich habe dich immer geliebt.« »Das weiß ich, kleiner Fisch – und ich habe dich immer geliebt, aber das ist nicht die Art von Liebe, die ich am meisten brauche. Und du auch nicht. Was ich sagen will ist, daß es Arten von Liebe gibt, die nur für die Stärke sind, und andere, die zum Erwach- sen werden nötig sind. Du bedeutest für mich Stärke, wie ich umgekehrt für dich – aber keine von uns ist für die wachsende Liebe geeignet, die die andere braucht. Und wenn du dich hinter der einen ver- steckst, wirst du die andere nie finden.« »Ich wußte nicht, daß … Abweichende lieben können. Ich meine, wirklich lieben.« »Natürlich können wir es, du Dummes. Wir sind immer noch menschlich, oder?« Sie führte Jobe zum Kai hinunter. »Aber das ist eines der Dinge, die manche Leute immer noch nicht verstehen. Nun komm, laß uns hier weggehen, um ein bißchen mit- einander zu reden. Ich glaube, die Familie wird sich zur Sash aufgemacht haben, aber vielleicht sind sie auch nach Cameron gegangen. Sie haben angenom- men, daß du in Option sicher bist …« »Cameron ist ausgelöscht«, sagte Jobe. Sola wurde ernst. »Dann sind sie möglicherweise in das Unwetter geraten. Tausende von Leuten sind verschollen …« So. Jetzt war es ausgesprochen. Jobe brach wieder in Tränen aus. Diesmal griff sie aber nicht nach Sola; sie stand auf dem Kai und weinte. Sola schaute be- stürzt, aber in dieser Zeit war es ein gewohnter An- blick, daß eine Person plötzlich zusammenbrach und weinte, so daß niemand Notiz davon nahm. Der Dunkeltag schimmerte ins perlende Leben. Die Bucht wurde von aufblitzenden Lichtern beschienen;, die Laternen des Lagers ließen eine märchenhafte Landschaft entstehen. Jobe und Sola saßen ein Stück am Ufer hinunter auf einer Landzunge. Hier gab es Bäume und Federgewächse. Sola hatte ein Würst- chen und etwas Brot mitgenommen, dazu ein wenig Fischteig und Wein, und die beiden machten ein kleines Picknick zu zweit. »Ich werde heute abend abreisen«, sagte Sola. »Ist mit dir alles in Ordnung? Ich kann dir ein wenig Geld hierlassen, falls du es brauchst; ich kann von der Zuteilung, die mir die Be- hörde bewilligt, etwas absparen … Ich wurde als Verwalter von Asyl eingestellt.« Jobe blickte nachdenklich. »Wo ist Asyl?« fragte sie. »Im Norden – es liegt unter dem Alten Schirm. Es war eine der ersten Wildnis-Inseln, aber sie wurde für so viele Tests benutzt, daß sie jetzt für nichts an- deres mehr gut ist. Ihre Ökologie ist unausgeglichen – es gibt keine Kontrolle mehr; vielleicht hat man sie uns deshalb gegeben – wir sind ihnen auch nicht mehr wert.« Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: »Vielleicht können wir etwas daraus machen. Viel- leicht wird es aus uns etwas machen.« Jobe schaute sie an. »Sola … nimm mich mit, wenn du fährst. Ich will nicht wieder allein sein.« Sola schüttelte den Kopf. »Dir würde es dort nicht gefallen, Jobe. Es wird dort nur Abweichende geben. Du mußt mit Jungen, wie du selbst eine bist, zusam-, men sein; dann kannst du eine nette junge Dakka finden und eine Familie gründen.« »Nimm mich mit, Sola«, beharrte Jobe. »Ich gehö- re zu den Abweichenden.« »Oh?« »Ich … Ich habe falsch gewählt.« Sola zeigte keine Regung. »Glaubst du das tat- sächlich?« »Ich weiß es, Tante.« »Du hast unrecht, Jobe«, sagte sie und streckte sich aus, um Jobes Arm zu fassen. Ihre Fingerspitzen waren wie weiche Watte, ihr Streicheln war ganz sanft und zart. »Du irrst dich wirklich. Du warst schon immer für Reethe bestimmt. Ich weiß das noch von Kossarlin.« Sie lächelte. »So geht es, wenn man überhaupt keine WAHL hat – wenn du ein Außensei- ter bist, kannst du gar nicht anders, als die Dinge ob- jektiv zu sehen. Du wirst es nicht sofort glauben, a- ber eines Tages wirst du es erkennen, wenn du dir selbst die Chance dazu gibst.« Jobe gab keine Antwort. Sie legte ihre Arme um die Knie und zog sie ganz nah an ihre Brust, als zit- terte sie vor Kälte. »Ich habe falsch gewählt«, be- harrte sie. Sola rückte näher an sie heran. Sie legte ihren Arm um Jobes Schulter und zog sie ganz nah zu sich. Jobe ließ sie gewähren; sie begrüßte die Berührung nicht, sträubte sich aber auch nicht dagegen – sie nahm sie, einfach hin. Gemeinsam betrachteten sie die schim- mernde, gekräuselte Oberfläche der Bucht. »Hör mir zu, Kleine. Es ist ganz natürlich, Zweifel zu hegen. Jeder tut das. Ich habe in meinem kurzen Leben viele Dinge gesehen und getan; einige Dinge, die ich getan habe, sind alles andere als nett gewesen – so würden wenigstens die sogenannten netten Leute sagen; aber ich habe eine Menge dadurch gelernt, daß ich eine Außenseiterin war.« Sie zog Jobe ein wenig näher zu sich heran und fragte: »Wie wählen nach deiner Meinung die Erdik?« »Sie wählen nicht«, sagte Jobe bitter. Jede Erwäh- nung der Erdik wühlte ihr Inneres auf. »Sie sind Tie- re. Deshalb sind sie so … schlecht und frustriert und unzivilisiert.« Sola lächelte traurig. »Nun, ich gestehe, das ist ei- ne Art zu erklären, warum sie so sind, wie sie sind. Aber ich glaube, daß sie eine WAHL haben. In ir- gendeiner Form.« Sie ließ den Gedanken offen, aber Jobe griff ihn nicht auf. »Wenn du versuchtest, sie zu verstehen, Jobe, könntest du einiges über sie erfahren – und ebenso über dich selbst.« Jobes Antwort war kurz und unwirsch: »Was für eine WAHL könnten die Erdik schon haben?« Sola zuckte die Achseln. »Denk darüber nach. Es muß einen Augenblick geben, den jedes Erdik-Kind erlebt, genau wie jedes Satlik-Kind das Erröten durchmacht. Es muß einen Augenblick geben, in, dem ein Erdik-Kind erkennt, daß es zwei Erdik- Geschlechtsformen gibt und daß ihr Körper schon an eine von beiden gegeben ist, daß sie keine WAHL zwischen Reethe und Dakka hat. Das Kind erkennt, daß die Hälfte ihrer Rasse sich von ihr unterscheidet, anders ist – und immer sein wird. Es wird eine Ebene der Erfahrung geben, die sie nie wirklich kennt und versteht. Weißt du, was mit ihnen geschieht, wenn sie sich dessen bewußt werden?« »Sie drehen durch und tun anderen Leuten weh.« »Manchmal«, seufzte Jobe. »Aber das ist der Au- genblick der Erdik-WAHL – sie können wählen, das zu akzeptieren, was sie sind, und aus den vorgegebe- nen Tatsachen das Beste machen; oder sie können wählen, es nicht zu akzeptieren und unglücklich zu sein, weil sie sich nach dem sehnen, was nicht sein kann. Vielleicht haben die Erdik dadurch einen Vor- teil – sie können diese Wahl in jedem Augenblick ih- res Lebens vollziehen: wenn sie jung sind, oder wenn sie die Möglichkeit hatten, ein wenig zu lernen; oder sie können es ablehnen, diese Wahl zu treffen, und das ist auch eine Art der Wahl. Das ist eine Wahl, deren Folgen sie nicht verpflichtet sind; sie können in ihrem Innern ganz nach Belieben hin und her springen – ja, und manchmal kann diese Freiheit sie auch verrückt machen.« Sola hielt inne, um Atem zu schöpfen und ihre Gedanken zu ordnen. »Natürlich könnten wir«, fügte sie hinzu, »selbst auch eine sol-, che Wahl vollziehen, nicht wahr?« »Ich … ich glaube schon.« »Ich bin den Erdik begegnet, Jobe. Sie können glückliche Leute sein, genau wie wir. Sie sind nicht alle verrückte und gemeine Dakkaiker. Aber wir müssen mehr über sie lernen, um sie zu verstehen – wenn man versteht, ist es viel schwerer zu hassen. Manchmal können die Erdik die Körper, mit denen sie geboren wurden, nicht akzeptieren – aber manchmal sind wir genauso; aber man muß lernen, mit sich selbst zu leben, ehe man Erfüllung findet. Manchmal sind die Lösungen nicht so, wie wir sie immer wünschen – sie passen nicht zu unseren Spiel- regeln. Manche Erdik wählen, Alleinstehende zu sein, nie zu heiraten – manche Satlik tun das auch. Manche Erdik ziehen es vor, sich mit anderen zu verbinden, die genau wie sie gewählt sind – manche Satlik tun das auch. Manche Erdik versuchen gerade- zu zwanghaft zu beweisen, daß sie dakkaisch oder reethisch sind, indem sie so viele des anderen Ge- schlechts mit ins Bett nehmen wie möglich – und es gibt Satlik, die ebenso leben; eine Menge Satlik, die Zweifel wegen ihres endgültigen Errötens haben, entwickeln den Drang zu beweisen, daß sie richtig gewählt haben.« Jobe sagte gar nichts dazu. Sie dachte an Tarralon – hatte sie damals versucht, etwas zu beweisen? Sola fuhr fort: »Manchmal handelt es sich um, glückliche Lösungen, Jobe – denn sie bringen die Person dazu, das Bestmögliche zu tun; und manch- mal sind sie unglücklich, weil die Person sie wählt, obwohl sie genau auf andere Art ihr bestes Ich wäre. Es hängt von der Person ab, jede von uns ist anders – es gibt für uns keine allgemeingültigen Antworten. Genau wie die Erdik ihr Glück in jeder möglichen Form suchen müssen, so müssen wir es auch, Jobe.« Sie schwieg einen Moment lang und sagte dann: »Ich mußte es.« Jobe schaute auf. Solas Augen begegneten den ihren – sie waren dunkel und durchdringend. »Ja«, sagte sie und nick- te, »ich spreche von meiner eigenen Erfahrung. Sagt dir das auch etwas?« »Die Worte kommen aus deinem Herzen, Tante Sola.« »Weißt du, was ich am meisten lernen mußte? Abweichend zu sein, bedeutete lediglich, daß ich keine WAHL hatte – es bedeutete nicht, daß ich kei- nen Körper hatte. Wir sind nicht völlig geschlechts- los, liebe Jobe – nur unausgereift. Wir haben Sinn- lichkeit. Unsere Organe sind … auf einer kindlichen Stufe stehengeblieben, aber auch Kinder besitzen Sinnlichkeit; und tatsächlich gar nicht wenig. Wir können Sex machen, und wir tun es. Und deshalb gibt es ein Vorurteil gegen Nicht-Auserwählte, Jobe: Weil wir, weder Reethe noch Dakka, immer wie, Kinder sind, an der Schwelle zum Erröten erstarrt. Manche Leute hassen uns, weil sie auf uns eifersüch- tig sind, eifersüchtig auf die Freiheit, die wir haben, jedes Geschlecht zu wählen, wann immer wir wäh- len. Wir sind außergewöhnlich, und jeder, der außer- gewöhnlich ist, wird sowohl gefürchtet als auch ge- haßt.« »Mir war nie klar … ich habe nie darüber nachge- dacht…« Jobe fühlte sich verlegen und unbehaglich. »Du bist nie eine Abweichende gewesen, Jobe. Du mußt eine Zielscheibe sein, ehe du erkennen kannst, woher das Geschoß kommt. Aber so ist es: Wir ma- chen das Bestmögliche aus dem, was wir sind. Wir können lieben, und wir können auf unsere Art und Weise Sex haben. Ist es Unrecht, daß wir es tun?« »Ich weiß nicht, Sola … es gibt so vieles, das ich nicht weiß. Einmal glaubte ich vielleicht, ich ver- stände, was meine Bestimmung sei – aber das einzi- ge, dessen ich jetzt noch sicher bin, ist die Tatsache, daß ich mir über gar nichts sicher sein kann.« »Ich traf einmal einen Erdik, der wünschte, daß er …« »Er?« »Das ist ein Erdik-Pronomen – es bedeutet, daß die Person dakkaisch ist, männlich. Sie haben für je- des Geschlecht verschiedene Pronomen. Eine weitere Art, sich zu unterscheiden. Ganz gleich, dieser Erdik wünschte sich, ein Satlik zu sein. Er sagte: ›Wenn, ich eine Frau hätte sein können, selbst nur für einen Augenblick während des Errötens, dann wüßte ich vielleicht besser, wie ein Mann sein muß. Vielleicht könnte ich dann als Mann glücklicher sein.‹« Jobe schwieg nachdenklich. Sola fragte: »Ist dein Erröten gut verlaufen?« »Ich weiß nicht. Ich nehme es an. Es schien aber nicht so.« »Niemandes Erröten scheint je gut zu sein; selbst die besten verlaufen irgendwie unglücklich.« Aber sie fragte: »Hattest du die Möglichkeit, sowohl Reethe als auch Dakka zu sein?« »Ja.« »Und…?« »Und was?« »Welche Art der Vereinigung gefiel dir am bes- ten?« »Ich habe nicht … nie … ich meine, ich habe kei- nen Unterschied bemerkt. Das heißt, beides war nett, Tante Sola. Manchmal. Und manchmal nicht. Es kam auf die Person an, mit der ich zusammen war.« »Sagt dir das nicht auch etwas?« »Ich glaube schon.« »Aber wenn du wählen müßtest, welche Art der Liebe die beste war: Wie würdest du dich entschei- den?« »Nun, Dakka macht Spaß, weil es so … ich weiß nicht, Tante Sola – es macht mich verlegen, darüber, zu reden – aber manchmal macht Dakka Vergnügen, weil es Vergnügen macht, von Reethe umschlossen zu werden. Ich meine, nicht immer, aber meistens … das heißt, der Ablauf des Aktes läßt dich fühlen, daß du etwas gemeistert hast…« Jobe wurde rot, aber sie fuhr fort. »Nun, es fühlt sich eben so an. Und … und … es ist schön, deiner Geliebten auf diese Weise Vergnügen zu bereiten, es ist schön, ihr Gesicht zu beobachten, weil sie glücklich darüber ist, daß du in ihr bist – und es ist schön. Reethe zu sein ist auch schön, denn es … es gibt dir die Möglichkeit, dich gehenzulassen und das Vergnügen einfach zu genie- ßen. Dadurch kannst du eine andere Person deine Stärke sein lassen. Du mußt für gar nichts mehr ver- antwortlich sein, wenn du Dakka in dir hältst. Laß ih- re Stärke deine Segel führen, irgendwie. Manchmal … manchmal … willst du auf diese Weise irgendwie erobert werden. Hmm … es ist nicht immer so mit Reethe und Dakka – manchmal ist Reethe Eroberin und Dakka wird erobert; du ver- stehst, was ich meine?« »Wußtest du, daß das eine Erdik-Einstellung ist?« »Irgendwie habe ich das wohl geglaubt – in Opti- on waren viele Erdiki.« »Erdiki … ja …« Sola verzog das Gesicht. »Aber wie du sagtest, kannst du stark sein, während du Reethe bist, und du kannst auch sanft und zärtlich sein, wenn du Dakka bist. Mir hat man erzählt«, sagte, sie zwinkernd, »es sei charakteristisch für die Satlik- Liebe, daß Dakka Reethe verehrt, und Reethe Dakka darüber hinwegtröstet, daß sie so unvollkommen ist.« »Das ist Bestandteil der Rituale – die haben wir in Option nicht gelernt. Ich meine, wir haben sie zwar gelernt – aber wir lernten sie, weil wir uns nicht dar- auf vorbereiteten, sie zu praktizieren; deshalb muß- ten wir lernen, was wir tun würden, falls wir sie praktizierten; so wußten wir, was wir nicht tun wür- den. Sie sagten uns, diese Art von Liebesspielen sei- en altmodisch.« »Erdiki … ja …« murmelte Sola. »Erdiki mußte Satliki erobern, genau wie Erdik-Dakka Erdik- Reethe erobert. Wir verlieren unsere Erbschaft in kleinen Stücken, Jobe; jedes Stück ist vielleicht nur ein Staubkorn, aber alle zusammen stürzen wie eine Lawine.« Ihr Tonfall wechselte, wurde direkter. »Wesentlich ist, kleiner Fisch: Es gibt keine falsche Art zu lieben – nicht einmal die Erdik-Art ist falsch, wenn beide es wollen. Wenn du Vergnügen dabei hast, wenn du glücklich bist, und deine Geliebte ist auch glücklich, dann ist es für euch beide die einzig richtige Art.« Jobe starrte auf den Boden. »Das habe ich alles schon einmal gehört.« »Aber du glaubst es nicht, oder?« seufzte Sola. »Es ist wahr, Jobe, aber du willst es nicht glauben, also glaubst du es auch nicht. Du sehnst dich nach, dem, wie es deiner Meinung nach sein sollte, weil du nicht akzeptieren kannst, wie es ist. Ich war früher genauso, bis ich es schließlich satt wurde, frustriert zu sein.« Sie zog Jobe zu sich heran und drehte sie ein wenig, so daß sie einander anschauten; sie legte ihre Hände auf Jobes Schultern und sagte mit fester Stimme: »Worauf ich hinaus will, ist … nun, manchmal kennt dein Körper deinen Geist besser als du. Du hättest dir wünschen können, Dakka zu sein, Jobe, aber dein Körper wußte, daß du als Reethe viel glücklicher sein würdest. Du wirst es sehen. Du brauchst nur eine Dakka, für die du Reethe sein kannst – und sie wird dich brauchen, um für dich Dakka zu sein.« »Das könnte für andere stimmen, Sola – nicht für mich.« »Jobe – es stimmt am meisten für die, die es nicht glauben. Gib dem wenigstens eine Chance, bevor du es völlig ablehnst.« Jobe schüttelte den Kopf. Das alles traf nicht zu. »Ich will immer noch Dakka sein«, meinte sie hart- näckig. »Warum?« »Ich weiß nicht, warum – ich will es.« »Aber der einzige Unterschied zwischen Reethe und Dakka liegt im Verhalten im Bett. Und du gibst zu, daß beides schön ist. Du kannst alles sein, was du willst.«, »Ich kann nicht«, schrie sie, wobei ihr die Tränen in die Augen schossen. »Ich will Dakka sein. Dakka ist … ist besser.« »Warum?« »Weil … eben deshalb! So wie ich bin, kommt es mir falsch vor; es erscheint mir falsch! Das bedeutet, daß ich eigentlich Dakka sein sollte, nicht wahr? Dakka ist jene, die frei ist! Dakka erobert! Dakka ist hübscher! Dakka ist!« »Oh, Jobe – du kannst diesen Unsinn nicht wirk- lich glauben.« Sola sah so … bestürzt und traurig aus, daß Jobe Angst um sie hatte. »Ja, ja – auf seine Art ist das alles wahr; aber es ist nicht die einzige Wahrheit. Der ganze Zweck der WAHL besteht dar- in, daß du andere Arten von Erfahrungen entdecken und die Wahrheit in ihnen erkennen kannst. Ist dir das mißlungen? Hat sich dein Erröten blindlings vollzogen?« Jobe antwortete nicht. Es gab nichts, was sie sagen konnte. Fast unmittelbar darauf entschuldigte Sola sich: »Oh, Jobe – es tut mir leid! Ich wollte dich nicht quälen; das Erröten jeder Person ist eine ganz persönliche Sache. Du tust, was für dich richtig ist.« »Nein«, sagte Jobe und hob ihre Hand. Sola löste den Griff um ihre Schulter und legte die Arme in den Schoß. »Du sagst die Wahrheit… zumindest eine Wahrheit, an die du glaubst. Ich weiß nicht, an was ich glaube.«, Jobe dachte darüber nach. Vielleicht waren einige Wahrheiten nur da, um ausgesprochen, nicht aber, um gelebt zu werden – jedenfalls nicht, daß Jobe sie lebte. Waren das solche Wahrheiten? Sie hörten sich nicht so an, als wären sie für sie anwendbar. Und was wußte Sola schon darüber? Sie war eine Abweichen- de, nicht-auserwählt. Jobe spürte, daß sie falsch er- wählt war – machte sie das nicht ebenfalls abwei- chend? Was konnten sie beide überhaupt von Liebe wissen? Beide standen draußen und schauten nach innen. Jobe blinzelte ihre Tränen fort. »Ich will trotzdem mit dir fahren«, beharrte sie. »Und wenn ich das zuließe«, sagte Sola, »wärst du dann glücklicher?« Sie schüttelte den Kopf; ihr Ge- sicht drückte Bedauern aus. »Ich bezweifle es. Ich würde dich um dein Leben betrügen, Jobe. Du wür- dest unglücklicher denn je sein. Ich sage nein, weil ich das Beste für dich will. Jobe, es wird Zeit für dich, erwachsen zu werden. Überall auf Satlin gibt es viel Arbeit zu tun, und du mußt aufhören, dich selbst zu bedauern; du mußt anfangen, deinen Teil zu die- ser Arbeit beizutragen.« »Ich will nicht …« »Niemand hat jemals gesagt, daß es leicht sein würde. Wenn es leicht wäre, wäre es längst erledigt. Glaubst du, es wäre leicht, eine Abweichende zu sein? Überall nur ein paar Tage bleiben zu dürfen?«, Solas Stimme wurde höher und lauter, als würde sich ihr ganzer alter Ärger wieder entladen – als wäre Jo- bes Ablehnung ein Ziel dafür. »Ich bin neidisch auf dich, Jobe – ich will, daß du hast, was ich niemals kennenlernen werde. Du kannst dich auf deinen un- glücklichen Zustand zurückziehen und dein ganzes Leben damit verbringen, mit dir selbst Mitleid zu ha- ben; oder aber du kannst leben und so beschäftigt mit leben sein, daß du keine Zeit für solchen Kummer hast! Gib dir selbst zumindest die Chance zu leben, bevor du deine Zukunft aus der Hand gibst. Als mir klar wurde, daß ich keine WAHL haben würde, fühl- te ich soviel Scham und Wut, daß ich mich selbst haßte; ich haßte meine Familie, und mich machte es schon verlegen, mit allen anderen Leuten zusammen zu sein. Ich war wütend auf die Götter, ich lehnte es ab, Bestandteil ihrer Welt zu sein, weil ich so wütend war – ich pflegte diesen Haß mehr als fünf Jahre lang, Jobe. Und dann … nach einiger Zeit wurde mir allmählich bewußt, daß ich eine WAHL zu treffen hatte. Ich konnte wie bisher weitermachen, oder ich konnte mich mit der härteren Wahrheit arrangieren und das Beste daraus machen – genau wie es die Er- dik tun. Ich konnte auf meine eigene Art lieben, auch wenn ich keine Kinder haben konnte. Ich konnte lie- ben und wiedergeliebt werden – und weißt du was? Das ließ mich wie ein Mensch fühlen! Endlich! Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich voll-, ständig, weil ich Liebe kennenlernen konnte. Und das hat genügt, um mein Leben lebenswert zu ma- chen. Ich weiß, es klingt … altmodisch und abgegrif- fen, wenn ich solche Dinge sage – aber jene, die sie erfahren haben, können dir sagen, daß sie wahr sind; nur jene, welche die Wahrheit der Liebe nie kennen- gelernt haben, machen sich darüber lustig oder leh- nen sie ab.« Solas Augen strahlten jetzt. »Jobe, das ist das schönste Geschenk, daß ich dir geben kann – wenn es wie ein Klischee klingt, dann ist es vielleicht sogar eines; aber jede Wahrheit wird endlos wieder- holt, bis sie so vertraut ist, daß sie ein Klischee ist – aber sie hört nie auf, wahr zu sein. Jobe, du wirst lernen müssen, auf eigenen Füßen zu stehen, so wie ich es auch mußte – auf die gleiche Art, wie es jedes menschliche Wesen muß, wenn es reifen will. Du hast die gleiche WAHL, die ein Erdik trifft – diesel- be WAHL, die ich hatte –, dieselbe WAHL, die jeder Satlik hat – du kannst dich selbst akzeptieren und das Beste aus dir machen, oder du kannst wählen, un- glücklich zu sein. Es ist tatsächlich so einfach, Jobe. Du kannst ge- liebt werden, wenn du es lernst, einen andern zu lie- ben, ohne an dich zu denken. Und dann spielt es kei- ne Rolle, wer oder was du bist – es gibt etwas Größe- res, an das du glauben kannst, an dem du teilhaben kannst und das dein Leben wird. Und das wird dich schön und vollkommen machen. Wenn ich, eine ein-, fache Abweichende, diese Wahrheit lernen und leben kann – dann solltest du, die das Leben der Götter in ihren Augen trägt, in diesem Wissen erstrahlen.« Jobe schüttelte den Kopf. »Es klingt zu einfach«, protestierte sie. »Nun, warum sollte es nicht einfach sein?« besänf- tigte Sola lächelnd. Jobe vertraute ihr, hatte ihr im- mer vertraut. Und trotzdem … Sola küßte Jobes Hände. Sie steckte eine Blume in Jobes Haar. Sie berührte Jobes Wangen und strich mit den Lippen über ihre Wimpern. »Hab keine Angst davor, zu leben, Kleine«, flüs- terte sie. »Du kannst lernen zu fliegen. Du wirst es. Du hast die Kraft in dir.« Aber Jobe glaubte nicht daran. Sie wollte wohl, aber sie konnte nicht. Noch nicht.]
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