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BIBLIOTHEK DER SCIENCE FICTION LITERATUR H Philip K. Dick EINE ANDERE WELT Roman H EINE ANDERE WELT Die BIBLIOTHEK DER SCIENCE FICTION LITERATUR um- faßt herausragende Werke dieser Literaturga ung, die als Mei- lensteine ihrer Geschichte gelten und als beispielha e Versu- che, Möglichkeiten denkbarer Entwicklungen aufzuzeigen und auf Gefahren und Probleme der Gegenwart und Zukun hinzu- weisen. Die gediegen ausgesta ete Collection ist nicht nur für den Sammler und Liebhaber guter Science Fiction gedacht, sie bietet durch ihre wohlerwogene und repräsentative Auswahl auch das unentbehrliche Rüstz...
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BIBLIOTHEK DER SCIENCE FICTION LITERATUR

H Philip K. Dick EINE ANDERE WELT

Roman,

H

EINE ANDERE

WELT

, Die BIBLIOTHEK DER SCIENCE FICTION LITERATUR um- faßt herausragende Werke dieser Literaturga ung, die als Mei- lensteine ihrer Geschichte gelten und als beispielha e Versu- che, Möglichkeiten denkbarer Entwicklungen aufzuzeigen und auf Gefahren und Probleme der Gegenwart und Zukun hinzu- weisen. Die gediegen ausgesta ete Collection ist nicht nur für den Sammler und Liebhaber guter Science Fiction gedacht, sie bietet durch ihre wohlerwogene und repräsentative Auswahl auch das unentbehrliche Rüstzeug für jeden, der sich ernstha mit diesem Zweig der Literatur auseinandersetzen möchte. Jason Taverner, Sänger und Unterhaltungskünstler, tri allwö- chentlich im Fernsehen auf, um ein Millionenpublikum mitzurei- ßen. Eines Tages erwacht er in einem schäbigen Hotelzimmer, und kein Mensch scheint ihn mehr zu kennen, auch seine Freundin nicht. Er stellt fest, daß er sich in einer Parallelwelt befi ndet, die weitgehend identisch mit seiner bisherigen ist – mit ein paar Aus- nahmen: Die USA sind ein totalitärer Polizeistaat, in dem zynisch und skrupellos »durchgegriff en« wird, wenn Ruhe und Ordnung gefährdet erscheinen, in dem der Bürger entmündigt, total über- wacht und der Willkür des Staatsapparats ausgesetzt ist. So weit ab dür e diese Parallelwelt jedoch nicht liegen. Die Behör- den wußten, daß Philip K. Dick, der Autor von »Blade Runner«, an einem Roman über Polizeiterror in den USA schrieb. Eines Tages fand Dick seine Wohnung durchsucht vor. Um einen Einbruch vorzutäuschen, ha e man – wahrscheinlich Beamten des FBI – sie verwüstet und Wertgegenstände entwendet. Das Manuskript ha e man nicht gefunden; es war – wohlweislich – bei einem Anwalt hinterlegt. Eine polizeiliche Untersuchung des Falles verlief im Sande., Philip K. Dick

EINE ANDERE WELT

Science Fiction-Roman Sonderausgabe h WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

, HEYNE-BUCH Nr. 06/30 im Wilhelm Heyne Verlag, München Titel der amerikanischen Originalausgabe FLOW MY TEARS, THE POLICEMAN SAID Deutsche Übersetzung von Walter Brumm Das Umschlagbild schuf Karel Thole Die Innenillustrationen sind von Giuseppe Festino Sonderausgabe des HEYNE-BUCHS Nr. 06/3528 Redaktion: Wolfgang Jeschke Copyright © 1974 by Philip K. Dick Copyright ©1977 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München Printed in Germany 1984 Umschlaggestaltung: Atelier Ingrid Schütz, München Gesamtherstellung: Elsnerdruck GmbH, Berlin ISBN 3-453-31020-9, Die Liebe in dieser Geschichte ist für Tessa. Die Liebe, die in mir ist, gehört ihr auch. Sie ist mein kleines Lied.,

ERSTER TEIL

Fließt, meine Tränen, dem Quell entspringt! Verstoßen für immer, laßt mich klagen; Wo der Nacht schwarzer Vogel sein traurig Lied singt, Dort laßt mich elend mein Unglück tragen.

Am Dienstag, dem 11. Oktober 1988, endete die Jason-Taverner-Show dreißig Sekunden zu früh. Ein Fernsehtechniker winkte

durch die Glaswand Jason Taverner zu, der eben die Bühne ver- lassen wollte. Der Techniker tippte auf seine Armbanduhr, dann zeigte er zum Mund. Jason griff sich das nächste Mikrofon und sagte gla : »Verges- sen Sie nicht, liebe Zuschauer, schreiben Sie mir, wenn die Sen- dung Ihnen gefallen hat. Und bleiben Sie jetzt eingeschaltet für Sco y, den außerordentlichen Hund und seine Abenteuer.« Der Techniker lächelte; Jason lächelte zurück, und dann wurden Bild und Ton ausgeblendet. Das einstündige Musik- und Varie- téprogramm, das die zweitbeste Einschaltquote aller vergleich- baren Unterhaltungsproduktionen ha e, war zu Ende. Und alles war gutgegangen. »Wo können wir eine halbe Minute verloren haben?« fragte Jason seinen besonderen Gaststar des Abends, Heather Hart. Es beschä igte ihn; er legte Wert darauf, den Ablauf einer Schau bis auf die Minute genau zu planen. »Laß gut sein«, sagte sie und strich ihm mit kühler Hand über die feuchte Stirn und das sandfarbene Haar., »Ist dir eigentlich klar, welche Macht du hast?« sagte Al Bliss, ihr gemeinsamer Agent. Wie gewöhnlich, trat er beim Sprechen zu nahe an Jason heran. »Dreißig Millionen Menschen sahen, wie du heute abend den Reißverschluß an deinem Hosenschlitz hochzogst. Das ist auch eine Art Rekord.« »Ich mache jede Woche meinen Reißverschluß an der Hose zu«, erwiderte Jason. »Das ist mein Markenzeichen. Oder verfolgst du die Schau nicht?« »Aber dreißig Millionen!« sagte Bliss, das runde, blühende Gesicht mit Schweißperlen übersät. »Stell dir das vor! Und dann gibt es noch die Wiederholungen.« »Bis die Wiederholungen dieser Schau zu Geld werden, bin ich längst tot«, sagte Jason lebha . »Go sei Dank!« »Bei all diesen Fans von dir, die sich da draußen drängen, kannst du dich glücklich schätzen, wenn du heute abend mit dem Leben davonkommst«, sagte Heather. »Die warten doch nur darauf, dich in briefmarkengroße Stücke zu zerreißen.« »Manche von diesen Leuten sind Ihre Fans, Miß Hart«, sagte Al Bliss mit seiner hundeartig japsenden Stimme. »Zum Teufel mit ihnen«, sagte Heather ärgerlich. »Warum gehen sie nicht fort? Verstößt das nicht gegen ein Gesetz, Erre- gung öff entlichen Ärgernisses oder so?« Jason ergriff ihre Hand und drückte sie so krä ig, daß Heather ihn stirnrunzelnd anblickte. Er ha e ihre Abneigung gegen Fans nie verstanden; für ihn waren sie das Wesen seiner öff entlichen Existenz. Und seine öff entliche Existenz, seine Rolle als Sänger und Unterhalter, war für ihn das Leben selbst. »Wenn du so denkst«, sagte er zu Heather, »solltest du nicht im Showgeschä arbeiten. Such dir was anderes. Werde Sozialarbei- terin in einem Zwangsarbeitslager.«, »Dort drängen sie sich genauso«, erwiderte Heather grimmig. Zwei Wachmänner der Polizei bahnten sich grob einen Weg durch die Menge zu Jason Taverner und Heather. »Wir haben den Korridor geräumt, so gut es ging«, schnau e der Dicke der beiden. »Gehen wir jetzt, Mr. Taverner. Bevor das Publikum aus dem Studio zu den Seitenausgängen kommen kann.« Er winkte drei weiteren Polizisten, die durch den stickigen, von hartnäcki- gen Verehrern noch immer fast verstop en Flur vorausgingen, der auf die mi ernächtliche Straße hinausführte. Und zum Rolls, der dort in all seiner kostspieligen Pracht wartete, das fast geräuschlos laufende Triebwerk wie ein mechanisches Herz pulsierend. Ein Herz, dachte Jason, das allein für ihn schlug, den Star. Nun, und dadurch vielleicht auch für Heather. Sie verdiente es: sie ha e heute abend gut gesungen. Beinahe so gut wie – Jason schmunzelte in sich hinein. Sehen wir die Dinge, wie sie sind, dachte er. Die Leute drehen nicht ihre Farbfernseher auf, um einen Gaststar zu sehen, egal wie gut er ist: sie schalten ein, um mich zu sehen. Und ich bin immer da. Jason Taverner hat seine Fans noch nie en äuscht und wird es auch in Zukun nicht tun. Gleichgültig, wie Heather über die ihren denken mag. »Du magst sie nicht«, sagte Jason, als sie sich durch den sticki- gen, nach Schweiß riechenden Flur kämp en, »weil du dich selbst nicht magst. Insgeheim wirfst du ihnen schlechten Geschmack vor.« »Sie sind dumm und primitiv«, murmelte Heather zwischen zusammengebissenen Zähnen, und dann unterdrückte sie einen Fluch, als ihr der große fl ache Hut vom Kopf gestoßen wurde und für immer im Gewoge ihrer Verehrer verschwand. »Sie sind gewöhnliche Leute«, sagte Jason, die Lippen an ihrem Ohr, das in der enormen rotschimmernden Haarpracht fast ganz verborgen war, der berühmten Haarkaskade, die von Schönheits-, salons im ganzen Land kopiert wurde. »Ich mag das Wort nicht hören«, sagte Heather verdrießlich. »Sie sind gewöhnliche Leute, und sie sind Schwachsinnige«, sagte Jason. Er zwickte sie ins Ohrläppchen. »Denn sonst wären sie nicht hier. Stimmt‘s?« Sie seufzte. »O Go , in der Maschine zu sitzen und durch die leere Lu zu kreuzen. Danach sehne ich mich am meisten, nach einer unendli- chen Leere. Ohne menschliche Stimmen, ohne menschliche Gerü- che, ohne menschliche Kiefer, die Plastikkaugummi in neun schil- lernden Farben kauen.« »Du scheinst sie wirklich zu hassen«, sagte er. Sie nickte mit Entschiedenheit. »Ja. Und du tust es auch.« Sie blieb einen Moment lang stehen und musterte ihn. »Du weißt, daß du deine verdammte Stimme verloren hast; du weißt, daß du vom Ruhm vergangener Tage zehrst, die niemals wiederkehren werden.« Sie überraschte ihn mit einem warmen Lächeln. »Werden wir alt?« sagte sie durch das Stimmengewirr und Gequietsche der Fans. »Gemeinsam? Wie Mann und Frau?« »Sechser werden nicht alt«, sagte Jason. »O doch«, sagte Heather. »Und ob sie alt werden.« Sie hob die Hand und berührte sein welliges braunes Haar. »Wie lange färbst du es schon, Liebster? Seit einem Jahr? Drei Jahren?« »Steig ein«, sagte er brüsk und schob sie vor sich her aus dem Gebäude und über den Gehsteig des Hollywood Boulevard. »Ich steige ein«, sagte Heather, »wenn du mir ein hohes B vor- singst. Du wirst dich erinnern, daß du ...« Er stieß sie unsan ins Innere, folgte ihr und wandte sich zurück, um Al Bliss beim Schließen der Tür zu helfen. Dann waren sie fort und stiegen in den von Regenwolken verhangenen Nachthimmel, den vom Widerschein des Lichtermeers schimmernden Himmel, von Los Angeles. So soll das Leben sein, dachte er. Für dich und für mich, denn wir sind Sechser. Wir zwei. Ob die anderen es wissen oder nicht. Und doch ist es nicht so, wie es gedacht war, sagte er sich grim- mig. Die Entwicklung war eine andere gewesen, als die Initiato- ren gedacht ha en. Alles war schiefgegangen, wenigstens in ihren Augen. Die großen Gelehrten, die geplant und gerechnet und sich verkalkuliert ha en. Vor fünfundvierzig schönen Jahren, als die Welt noch jung gewesen war und Regentropfen an den inzwischen verschwun- denen japanischen Kirschbäumen in Washington D. C. gehangen ha en. Und der Du von Frühling und Au ruch, der das edle Experiment umgeben ha e. Jedenfalls für eine Weile. »Laß uns nach Zürich gehen«, sagte er laut. »Ich bin zu müde«, sagte Heather. »Außerdem ödet dieser Ort mich an.« »Das Haus?« erwiderte er ungläubig. Heather ha e es selbst als Zufl uchtsort für sie und ihn ausgesucht, und jahrelang ha en sie dort ihre Zufl ucht gefunden – besonders vor den Fans, die Hea- ther so sehr verabscheute. Sie seufzte. »Das Haus. Die Schweizer Uhren. Das Schwarzbrot. Das Kopfsteinpfl aster. Der Schnee auf den Hügeln.« »Auf den Bergen«, korrigierte er sie bekümmert. »Nun, dann werde ich ohne dich gehen.« »Und dir eine andere anlachen?« Er blickte sie verständnislos an. »Willst du vielleicht, daß ich mir eine andere anlache?« fragte er zurück. »Du und dein Magnetismus. Dein Charme. Du könntest jedes Mädchen auf der Welt in dein großes Messingbe locken. Nicht daß du besonders aufregend wärst, wenn du erst darin liegst.«, »Go «, sagte er angewidert. »Schon wieder. Immer dasselbe alte Gemecker. Und die Fantasiefrauen – das sind diejenigen, an denen du am meisten hängst.« Heather wandte sich zu ihm um und sagte ernst: »Du weißt, wie du aussiehst, noch in deinem Alter. Du bist ein Abbild männlicher Schönheit. Jede Woche glotzen dich dreißig Millionen Menschen eine Stunde lang an. Dein Singen interessiert sie dabei überhaupt nicht, nur deine unheilbare körperliche Schönheit.« »Das gleiche läßt sich von dir sagen«, erwiderte er beißend. Er fühlte sich erschöp und sehnte sich nach der Zurückgezogenheit und Abgeschiedenheit, die dort in der Nähe von Zürich lag und stumm darauf wartete, daß sie beide zurückkehrten. Und es war, als wolle das Haus, daß sie blieben, nicht nur für eine Nacht oder eine Woche, sondern für immer. »Man sieht mir mein Alter nicht an«, sagte Heather. Er wandte den Kopf und betrachtete sie. Massen roten Haares, blasse Haut mit einigen wenigen Sommersprossen, eine krä ige römische Nase. Tiefl iegende, große, viole blaue Augen. Sie ha e recht: man sah ihr nicht an, wie alt sie war. »Du bist eine verdammt gutaussehende Person«, sagte er wider- willig. »Und du?« sagte Heather. Und er? Er wußte, daß er immer noch Charisma ha e, die Kra , die man vor zweiundvierzig Jahren in seinen genetischen Code programmiert ha e. Gewiß, sein Haar war ergraut, und es stimmte, daß er es färbte. Und da und dort ha en sich ein paar Fältchen eingegraben. Aber insgesamt ... »Solange ich meine Stimme habe«, sagte er, »kann mir nichts passieren. Solange werde ich haben, was ich will. Du täuschst dich über mich – das liegt an deinem Sechserhochmut, deiner soge-, nannten Individualität. Also, wenn du nicht nach Zürich willst, wohin dann? Zu dir? Zu mir?« »Ich möchte mit dir verheiratet sein«, sagte Heather. »Dann würde es nicht heißen, zu mir oder zu dir, sondern einfach zu uns. Und ich würde das Singen aufgeben und drei Kinder kriegen, die alle aussehen würden wie du.« »Auch die Mädchen?« »Es werden lauter Jungen sein«, versicherte Heather. Er beugte sich hinüber und küßte sie auf die Nase. Sie lächelte, nahm seine Hand und tätschelte sie. »Wir können heute abend überall hin«, sagte er mit ruhiger, beherrschter Stimme, beinahe wie sein Vater; meistens wirkte das noch dann auf Heather, wenn sonst nichts Erfolg ha e. Oder ich lasse sie sitzen, dachte er, und gehe allein nach Haus. Das fürchtete sie. Wenn sie gestri en ha en, besonders im Haus bei Zürich, wo niemand sie hören konnte, ha e er diese Furcht manchmal in ihrem Gesicht gesehen. Die Vorstellung des Allein- seins entsetzte sie; er wußte es, und sie wußte, daß er es wußte. Die Furcht gehörte zur Wirklichkeit ihres gemeinsamen Lebens. Nicht ihres öff entlichen Lebens; auf diesem Gebiet gaben sie sich keine Blöße. Als professionelle Unterhalter ha en sie sich jederzeit völlig unter Kontrolle, und so zornig und einander entfremdet sie auch sein mochten, in der Welt der lärmenden Fans, der Verehr- erbriefe und Fernsehkameras funktionierten sie zusammen. Nicht einmal off ener Haß würde daran etwas ändern. Aber Haß konnte es zwischen ihnen ohnedies nicht geben. Sie ha en zuviel gemeinsam. Sie gaben einander viel. Selbst das bloße Beisammensitzen machte sie glücklich. Er griff in die Innentasche seines maßgeschneiderten Anzugs aus Naturseide – einem von vielleicht zehn auf der ganzen Erde – und brachte ein Bündel Banknoten zum Vorschein. Es waren viele,, zu einem dickleibigen kleinen Bündel zusammengepreßt. »Du solltest nicht so viel Bargeld mit dir herumtragen«, sagte Heather in dem nörgelnden Tonfall, der ihm so sehr mißfi el: dem Tonfall der von sich eingenommenen Mu er. »Mit diesem Geld«, sagte er, »können wir uns jeden ...« »Wenn irgendein nicht registrierter Student, der letzte Nacht aus einem unterirdischen Tunnel geschlichen ist, dir die Hand mit dem Geld abhackt und mit beidem davonläu , bist du selber schuld. Du mit deiner Angeberei. Du warst immer für das Auff al- lende, Grelle und Laute. Sieh dir bloß deine Krawa e an. Ja, sieh sie dir an!« Ihre Stimme hob sich; sie schien wirklich zornig zu sein. »Das Leben ist kurz«, seufzte Jason, »und der Wohlstand noch kürzer.« Aber er steckte das Banknotenbündel wieder in die Innentasche und strich glä end über die Ausbeulung, die es in seinem sonst so vollkommen sitzenden Anzug erzeugte. »Ich wollte dir damit was kaufen«, sagte er. Tatsächlich war ihm der Gedanke erst vor einem Augenblick gekommen; was er mit dem Geld vorgehabt ha e, war etwas anderes: er ha e damit in Las Vegas spielen wollen. Als Sechser konnte er bei Kartenspielen immer gewinnen; er war allen Mitspielern gegenüber im Vorteil, selbst dem Bankhalter. »Du lügst«, sagte Heather. »Du ha est nicht die Absicht, mir was zu kaufen; das tust du nie, du bist so selbstsüchtig und denkst immer nur an dich. Das ist Puff geld; du wolltest dir damit irgendeine vollbusige Blondine kaufen und mit ihr ins Be steigen. Wahrscheinlich in unserem Haus in Zürich, wo ich, wie du weißt, seit vier Monaten nicht mehr gewesen bin. Ich könnte genausogut schwanger sein.« Es kam ihm seltsam vor, daß sie von allen denkbaren Entgeg- nungen, die in ihrem Bewußtsein aufsteigen mochten, gerade, diese aussprach. Aber es gab vieles an Heather, was er nicht ver- stand; sie wußte ihre Geheimnisse zu wahren, vor ihm wie vor ihren Fans. Trotzdem ha e er mit den Jahren viel über sie gelernt. Er wußte zum Beispiel, daß sie im Jahr 1982 eine Abtreibung gehabt ha e, was auch ein wohlgehütetes Geheimnis war. Er wußte, daß sie einmal die ungesetzlich angetraute Frau eines Studentenführers gewesen war und ein Jahr lang in dem Höhlenlabyrinth unter der Columbia-Universität gelebt ha e, zusammen mit den stinken- den, bärtigen Studenten, die von den Bullen und den Nazis zu einem lebenslangen Maulwurfsdasein gezwungen wurden. Die Polizei und die Nationalgarde ha en alle Universitäten herme- tisch abgeriegelt und verhinderten, daß die Studenten wie Ra en das sinkende Schiff verließen und ausschwärmten, um in der Gesellscha unterzutauchen. Und er wußte, daß sie vor einem Jahr wegen Drogenbesitzes verha et worden war. Nur dem Umstand, daß sie einer reichen und mächtigen Fami- lie angehörte, ha e sie zu verdanken, daß sie freigekommen war: ihr Geld und ihr Charisma und ihr Ruhm ha en keinen Eindruck gemacht, als es zur Konfrontation mit der Polizei gekommen war. All das ha e Narben hinterlassen, aber er wußte, daß Heather nicht unter Nachwirkungen li . Wie alle Sechser, besaß sie eine enorme Regenerationsfähigkeit. Sie war, wie vieles andere, sorgfältig in jeden von ihnen eingebaut worden. Nicht einmal er kannte das vollständige genetische Pro- gramm. Und in den zweiundvierzig Jahren seines Lebens war ihm vieles widerfahren, das meiste allerdings in der Form von Leichen anderer Fernsehunterhalter, über die er während seines langen Aufstiegs zur Spitze gegangen war. »Diese ›lauten Krawa en‹ ...«, begann er, doch in diesem Moment läutete das Bordtelefon., Er nahm ab und meldete sich. Wahrscheinlich war es Al Bliss, der die Einschaltquoten der heutigen Schau durchgeben wollte. Aber er war es nicht. Eine durchdringende, scharfe Mädchenstimme schrillte ihm ins Ohr. »Jason?« »Ja, am Apparat.« Er hielt das Mikrofon des Hörers zu und sagte zu Heather: »Es ist Marilyn Mason. Warum zum Teufel habe ich ihr bloß die Nummer gegeben?« »Wer zum Teufel ist Marilyn Mason?« fragte Heather. »Das sag ich dir später.« Er nahm die Hand vom Hörermund- stück und sagte: »Ja, mein Liebes; ich bin es, der echte und einzige Jason. Was gibt es? Deine Stimme hört sich furchtbar an. Wollen sie dich wieder aus der Wohnung vertreiben?« Er zwinkerte Heather zu und machte eine schiefmäulige Gri- masse der Hilfl osigkeit. »Schaff sie dir vom Hals«, sagte Heather. Jason hielt abermals die Hand über das Hörermundstück und sagte: »Ich versuche es ja; kannst du es nicht sehen?« Ins Telefon sagte er: »Also, Marilyn. Schü e mir dein Herz aus; dafür bin ich schließlich da.« Zwei Jahre lang war Marilyn Mason sozusagen sein Schützling gewesen. Sie wollte Sängerin werden – berühmt, reich, von allen geliebt. Eines Tages war sie während einer Probe ins Studio gekom- men, und er war auf sie aufmerksam geworden. Angespanntes, besorgtes kleines Gesicht, kurze Beine, Rock viel zu kurz – er ha e, wie er es zu tun pfl egte, alles mit einem Blick registriert. Und eine Woche später ha e er bei den zuständigen Leuten der Pla enfi rma Columbia einen Termin vereinbart, zu dem sie vor- singen sollte. In dieser Woche war eine Menge vorgegangen, aber es ha e nichts mit Singen zu tun gehabt., »Ich muß dich sprechen«, schrillte Marilyn. »Wenn du nicht kommst, bring ich mich um, und die Schuld wird auf dich fallen. Für den Rest deines Lebens. Und ich werde dieser Heather Hart erzählen, daß wir die ganze Zeit miteinander geschlafen haben.« Jason seufzte in sich hinein. Lieber Himmel, er war schon so tod- müde, erschöp von seiner stundenlangen Schau und ihren Anfor- derungen an seine Geistesgegenwart, vom ständigen Lächeln und Scherzen gar nicht zu reden. »Ich bin unterwegs in die Schweiz«, sagte er mit fester Stimme, als ob er es mit einem hysterischen Kind zu tun hä e. Meistens wirkte es, wenn Marilyn in einer ihrer anklagenden, quasi-paranoiden Stimmungen war. Aber natürlich nicht dieses Mal. »Mit deinem Rolls-Düsending kannst du in fünf Minuten hier sein«, lärmte Marilyn in sein Ohr. »Ich will bloß fünf Sekunden mit dir sprechen. Ich habe dir etwas sehr Wichtiges zu sagen.« Wahrscheinlich ist sie schwanger, sagte sich Jason. Irgendwann hat sie vergessen, die Pille zu nehmen – absichtlich oder vielleicht unabsichtlich. »Was kannst du mir in fünf Sekunden sagen, wovon ich nicht schon weiß?« sagte er scharf. »Sag es mir jetzt.« »Ich will dich hier bei mir haben«, erwiderte Marilyn mit ihrer gewohnten Rücksichtslosigkeit. »Du mußt kommen. Ich habe dich seit sechs Monaten nicht gesehen, und während dieser Zeit habe ich viel über uns nachgedacht. Und im besonderen über dieses letzte Vorsingen.« »Also gut«, sagte er verbi ert. Dies war der Dank dafür, daß er versucht ha e, ihr – einer völlig untalentierten Person – eine Kar- riere zu vermi eln. Er warf den Hörer auf die Gabel, wandte sich zu Heather und sagte: »Ich bin froh, daß du ihr nie begegnet bist; sie ist wirklich eine ...« »Unsinn«, versetzte Heather. »Ich bin ihr ›nicht begegnet‹, weil, du verdammt umsichtig bemüht warst, es zu verhindern.« »Jedenfalls«, sagte er, während er die Maschine in eine Rechts- kurve legte, »verscha e ich ihr nicht nur eine, sondern zwei Gele- genheiten zum Vorsingen, und sie versaute sich beide Male die Chance. Um ihre Selbstachtung zu bewahren, muß sie die Schuld natürlich auf andere abwälzen, zum Beispiel auf mich. Irgendwie war ich für ihr Versagen verantwortlich. Du siehst das Bild.« »Hat sie hübsche Ti en?« fragte Heather. »Ja, schöne Ti en hat sie. Das kann man wohl sagen.« Er grinste, und Heather lachte. »Du kennst meine Schwäche. Aber ich habe meinen Teil der Abmachung gehalten; ich verscha e ihr eine Chance bei den richtigen Leuten – zwei Chancen sogar. Der zweite Termin war vor sechs Monaten, und ich nehme an, sie grollt und grübelt immer noch.« Er drückte die Nummernkombination des Landeprogramms für den kleinen Hubschrauberplatz auf dem Dach des Wohnblocks, in dem Marilyn ihre Wohnung ha e. »Wahrscheinlich liebt sie dich«, sagte Heather, als die Maschine aufsetzte. »Wie vierzig Millionen andere«, sagte Jason heiter. Heather klappte ihren Sitz zurück und machte es sich bequem. »Bleib nicht allzu lange aus, oder ich starte ohne dich, so wahr mir Go helfe.« »Du willst mich mit Marilyn sitzenlassen?« sagte er. Sie lach- ten beide. »Bin gleich wieder da.« Er stieg aus, ging hinüber zum Aufzug und drückte den Knopf. Als er Marilyns Wohnung betrat, sah er sofort, daß sie außer sich war. Mit dem starren, verkniff enen Gesicht und dem zusam- mengezogenen Körper sah sie aus, als versuche sie sich selbst zu verschlingen. Und die Augen! An Frauen konnte ihn nur wenig in Unbeha- gen versetzen, aber diese Augen taten es. Völlig rund, mit riesigen, Pupillen, schienen sie ihn durchbohren zu wollen, als er ihr gegen- überstand. Alles an ihr wirkte angespannt, steif und verhärtet. »Nun, was gibt es?« fragte Jason, um die Initiative zu behalten. Im allgemeinen – eigentlich immer – wurde er mit jeder Situation fertig, die mit einer Frau zusammenhing; der Umgang mit Frauen war in gewisser Weise sogar seine Spezialität. Aber dies ... Sie war ihm nicht geheuer. Und sie sagte noch immer nichts. Ihr Gesicht war unter den Schichten des Make-up völlig blutleer, als ob sie ein wandelnder Leichnam wäre. »Du möchtest eine dri e Chance?« fragte Jason. »Ist es das?« Marilyn schü elte den Kopf. »Na schön; dann sag mir, was es ist«, sagte er geduldig, aber mit einem Anfl ug von Überdruß. Sein starkes Unbehagen ließ er sich nicht anmerken; er war viel zu schlau und erfahren, um ihr seine Unsicherheit zu zeigen. Nach seiner Erfahrung lief eine Kon- frontation mit einer Frau zu neunzig Prozent auf Bluff hinaus, und zwar von beiden Seiten. Es kam weniger darauf an, was man tat oder sagte, als vielmehr darauf, wie man es vorbrachte. »Ich habe etwas für dich.« Marilyn wandte sich um und ging in die Küche hinaus. Er schlenderte ihr nach. »Du gibst mir immer noch die Schuld am mangelnden Erfolg der beiden ...«, begann er. »Da haben wir es«, sagte Marilyn. Sie hob einen Plastikbeutel aus der Geschirrspüle und hielt ihn einen Augenblick lang hoch, das Gesicht noch immer blutleer und starr, die Augen geweitet und stier. Dann riß sie den Beutel auf, schwang ihn und kam rasch auf Jason zu. Es geschah zu schnell. Er wich instinktiv zurück, doch seine Reaktion war zu langsam und kam zu spät., Der gelatineartige Kallisto-Ha schwamm mit seinen fünfzig Saugröhren klammerte sich an ihm fest, verankerte sich an seiner Brust. Schon fühlte er, wie die Saugröhren sich in ihn bohrten, in seine Brust. Er stürzte zum Küchenschrank, riß eine halbgefüllte Flasche Scotch heraus, schraubte mit fl iegenden Fingern den Verschluß ab und goß den Whisky über die gelatineartige Kreatur. Seine Gedanken waren klar, er geriet nicht in Panik, sondern stand da und übergoß das Ding mit Scotch. Sekundenlang geschah nichts. Es gelang ihm noch immer, seine fünf Sinne beisammenzuhal- ten und nicht in sinnloser panischer Angst zu fl iehen. Dann geriet das quallige Ding in blubbernde Bewegung, schien zu schrump- fen und fi el von seiner Brust ab und auf den Boden. Es war tot. Jason fühlte eine plötzliche Schwäche in den Beinen und setzte sich an den Küchentisch. Er wehrte sich gegen die andrängende Bewußtlosigkeit. Einige der Saugröhren waren in ihm geblie- ben und noch lebendig. »Nicht schlecht«, brachte er mühsam hervor. »Beinah hä est du mich gekriegt, du verdammte kleine Schlampe.« »Nicht beinah«, sagte Marilyn Mason kalt. »Einige der Saugröh- ren sind noch in dir, und du weißt es; ich sehe es dir an. Die wirst du mit einer Flasche Scotch nicht herausbringen. Nichts wird sie herausbringen.« An diesem Punkt wurde er ohnmächtig. Undeutlich sah er, wie die grünen und grauen PVC-Fliesen ihm ins Gesicht kippten, und dann war um ihn nur noch Leere. Schmerz. Er schlug die Augen auf und berührte in einer Refl ex- bewegung seine Brust. Sein seidener Maßanzug war verschwun- den; er trug ein Krankenhausnachthemd und lag fl ach auf einem Krankentransportwagen. »Go «, sagte er mit schwerer Zunge, als, er zwei weißgekleidete Pfl eger ausmachte, die den Transportwa- gen eilig durch einen Korridor schoben. Heather Hart war bei ihm, besorgt und im Schock, doch wie er behielt sie einen klaren Kopf. »Ich wußte, daß etwas an der Sache faul war«, sagte sie, als die Pfl eger ihn in ein Zimmer gebracht ha en. »Ich wartete nicht lange, sondern ging dir nach.« »Wahrscheinlich dachtest du, wir wären zusammen im Be «, sagte er schwach. »Der Arzt sagte«, erzählte Heather, »daß du fünfzehn Sekun- den später der somatischen Verletzung, wie er es nennt, erlegen wärst. Dem Eindringen dieses Geschöpfs in dich.« »Ich machte die verdammte Qualle unschädlich«, ächzte er. »Aber ich kriegte nicht mehr alle Saugröhren heraus. Es war zu spät.« »Ich weiß«, sagte Heather bekümmert. »Der Arzt sagte es mir. Sie wollen gleich einen Eingriff vornehmen; vielleicht können sie noch etwas tun, wenn die Saugröhren nicht zu tief eingedrungen sind.« »Ich war gut in der Krise«, murmelte Jason durch zusammen- gebissene Zähne; er schloß die Augen und ertrug den Schmerz. »Aber nicht gut genug. Nicht ganz.« Als er die Augen wieder öff - nete, sah er, daß Heather weinte. »Steht es so schlecht?« fragte er sie, und dann hob er die Hand und ergriff ihre Rechte. Der Druck ihrer Finger sagte ihm, daß sie ihn liebte. Dann blieb von allem nur noch der Schmerz. Nichts sonst, keine Heather, kein Krankenhaus, keine Pfl eger, keine Lampen. Und kein Geräusch. Es war ein Augenblick aus der Ewigkeit, der ihn vollständig aufsog.,

Licht sickerte in die Welt zurück und füllte sein Gesichtsfeld mit diesigem Rot. Er öff nete die Augen und hob den Kopf, blickte

umher. Er erwartete Heather oder den Arzt zu sehen. Er lag allein im Zimmer. Niemand war bei ihm. Eine Kommode mit einem gesprungenen Frisierspiegel, häßliche alte Lampenfas- sungen, die aus den fe igen Wänden ragten. Und irgendwo in der Nähe das Schme ern eines Fernsehempfängers. Er war nicht im Krankenhaus. Und Heather war nicht bei ihm; ihre Abwesenheit machte die Leere doppelt fühlbar. Go , dachte er. Was ist passiert? Die Schmerzen in seiner Brust ha en aufgehört. Noch ein wenig benommen, schlug er die schmutzige Wolldecke zurück, setzte sich aufrecht, rieb sich die Schläfen mit den Fingerspitzen und versuchte seine Gedanken zu sammeln. Das ist ein Hotelzimmer, dachte er. Ein Zimmer in einer schmie- rigen, verwanzten, billigen Absteige. Keine Vorhänge, kein Bad. Er kannte solche Zimmer; vor Jahren, am Anfang seiner Karriere, ha e er in ähnlichen Löchern gehaust. Damals, als er unbekannt gewesen war und kein Geld gehabt ha e. Er ha e sich angewöhnt, die dunklen Tage aus seiner Erinnerung zu verdrängen, so gut er konnte. Geld. Er tastete nach seinen Kleidern und entdeckte, daß er nicht mehr das Krankenhausnachthemd trug, sondern seinen maßgeschneiderten Seidenanzug wieder ha e, wenn auch in zer- kni ertem Zustand. Und in der Innentasche des Jacke s war das Banknotenbündel, das Geld, das er in Las Vegas ha e ausgeben wollen. Wenigstens ha e er das., Hastig sah er sich nach einem Telefon um. Nein, natürlich nicht. Immerhin, im Foyer mußte es eins geben. Doch wen sollte er anru- fen? Heather? Al Bliss, seinen Agenten? Mory Mann, den Produ- zenten seiner Fernsehschau? Seinen Anwalt, Bill Wolfer? Oder sie alle, einen nach dem anderen? Das wäre vielleicht am besten. Unsicher erhob er sich vom Be und stand schwankend, fl uchte aus Gründen, die er nicht verstand. Irgendein tierha er Instinkt mobilisierte seinen Körper zum Kampf, aber er konnte den Gegner nicht ausmachen, und das machte ihm Angst. Zum erstenmal seit er sich erinnern konnte, fühlte er etwas wie Panik. Ob viel Zeit vergangen ist? überlegte er. Er vermochte es nicht zu sagen; er ha e kein Gefühl dafür. Auf der Straße unter dem schmutzigen Glas des Fensters brauste der Verkehr, und unter dem fahlen Graugelb des dunstigen Stadthimmels kurvten Hub- schrauber und Lu taxis. Er blickte auf seine Armbanduhr; halb elf. Aber was besagte das? Fünf oder zehn Jahre konnten vergangen sein, ohne daß er davon wußte. Die Uhr konnte ihm nicht helfen. Aber am Telefon würde er es erfahren. Er ging hinaus in den dämmrigen, staubigen Korridor, fand die Treppe und ging sie Schri für Schri hinunter, eine Hand am hölzernen Geländer, bis er endlich in der deprimierenden leeren Hotelhalle mit ihren stau- bigen und verblichenen alten Polstersesseln stand. Glücklicherweise ha e er Wechselgeld bei sich. Er steckte einen Dollar in den Schlitz und wählte Al Bliss‘ Nummer. Al war selbst am Apparat. »Bliss Film- und Theateragentur«, sagte seine vertraute Stimme. »Paß auf«, sagte Jason. »Ich weiß nicht, wo ich hier bin. In Christi Namen, komm und hol mich ab; hol mich hier raus; bring mich anderswohin. Hast du verstanden, Al?« Stille in der Leitung. Und dann sagte Al Bliss in reserviertem Ton: »Mit wem spreche ich?«, Ärgerlich bellte er seine Antwort. »Ich kenne Sie nicht, Mr. Jason Taverner«, sagte Al Bliss, wieder in diesem neutralen, reservierten Tonfall. »Sind Sie sicher, daß Sie die richtige Nummer gewählt haben? Wen wollten Sie spre- chen?« »Dich, Al. Al Bliss, meinen Agenten. Was ist im Krankenhaus passiert? Wie bin ich dort hinaus- und hier hereingekommen? Weißt du es nicht?« Seine Panik begann nachzulassen, als er sich Selbstbeherrschung aufzwang und weniger erregt hinzufügte: »Kannst du mir sagen, wo Heather sich au ält?« »Miß Hart?« sagte Al und gluckste erheitert, aber antwortete nicht. »Du«, sagte Jason wütend, »bist als mein Agent erledigt. Punk- tum! Egal, was es mit dieser Situation auf sich hat, bei mir bist du untendurch.« Al Bliss gluckste wieder, off ensichtlich sehr erheitert, und dann klickte es, und die Leitung war tot. Bliss ha e aufgelegt. Ich bring den Schweinehund um, sagte sich Jason. Ich werde diesen fe en kleinen Bastard in der Lu zerreißen. Was bezweckte er damit? Ich verstehe es nicht. Was hat er plötzlich gegen mich? Was in drei Teufels Namen habe ich ihm getan? Seit neunzehn Jahren war er mein Freund und Agent. Und nie hat es etwas zwi- schen uns gegeben. Ich werde es mit Bill Wolfer versuchen, beschloß er. Bill ist immer in seinem Büro oder von dort aus erreichbar. Er wird mir sagen können, was das alles zu bedeuten hat. Nachdem er sich so neuen Mut gemacht ha e, steckte er ein zweites Dollarstück in den Aufnahmeschlitz des Telefons und wählte die neue Nummer. »Wolfer und Blane, Rechtsanwälte«, meldete sich eine weibli- che Stimme. »Verbinden Sie mich mit Bill Wolfer«, sagte Jason. »Hier spricht, Jason Taverner. Sie wissen, wer ich bin.« »Mr. Wolfer ist heute beim Gericht«, sagte die Stimme. »Möch- ten Sie mit Mr. Blane sprechen, oder soll ich veranlassen, daß Mr. Wolfer zurückru , wenn er im Laufe des Nachmi ags zurück- kommt?« »Wissen Sie, wer ich bin?« sagte Jason. »Kennen Sie Jason Taverner? Sehen Sie fern?« Seine Stimme entgli an diesem Punkt beinahe der Kontrolle seines Willens; er hörte sie brechen und jäh ansteigen. Mit großer Anstrengung gelang es ihm, die Herrscha wiederzugewinnen, aber er konnte nicht verhindern, daß seine Hände zi erten; tatsächlich zi erte er am ganzen Körper. »Es tut mir leid, Mr. Taverner«, sagte die Frauenstimme irritiert. »Ich kann wirklich nicht für Mr. Wolfer sprechen oder ...« »Sehen Sie fern?« fragte er. »Ja.« »Und Sie haben noch nicht von mir gehört? Sie wissen nichts von der ›Jason-Taverner-Unterhaltungsshow‹ Dienstag abends um neun?« »Tut mir leid, Mr. Taverner. Sie sollten wirklich lieber direkt mit Mr. Wolfer sprechen. Geben Sie mir die Nummer des Telefons, von dem aus Sie sprechen, und ich werde dafür sorgen, daß er im Laufe des Nachmi ags zurückru .« Er legte auf. Ich bin verrückt, dachte er. Oder sie ist verrückt. Sie und Al Bliss, dieser Hurensohn. Go . Er wandte sich um und entfernte sich unsicher vom Telefon, setzte sich in einen der verschosse- nen Sessel. Es war angenehm, zu sitzen; er schloß die Augen und atmete langsam und tief. Und überlegte. Ich habe fün ausend Dollar in Banknoten, sagte er sich. Also bin ich nicht völlig hilfl os. Und dieses Ding ist weg, einschließlich seiner Saugröhren. Es muß den Ärzten im Krankenhaus gelun-, gen sein, sie chirurgisch zu entfernen. Also bin ich wenigstens am Leben und kann mich darüber freuen. Ist ein längerer Zeitraum verstrichen? Wo ist eine Zeitung? Auf einer Couch in der Nähe fand er eine ›Los Angeles Time‹ und las das Datum. 12. Oktober 1988. Es gab also keinen Verzö- gerungseff ekt irgendwelcher Art. Dies war der Tag nach seiner Schau, derselbe Tag, an dem er sterbend ins Krankenhaus einge- liefert worden war. Ihm kam eine Idee. Er durchblä erte die Zeitung, bis er die Seite fand, die dem lokalen Angebot an Unterhaltung gewidmet war. Gegenwärtig trat er allabendlich im Hollywood-Hilton auf, jedenfalls mit Ausnahme der Dienstage, und das Engagement lief bereits seit drei Wochen. Die Anzeige, welche das Hotel während der letzten drei Wochen für ihn eingerückt ha e, war nirgendwo auf der Seite zu fi nden. Verdutzt fragte er sich, ob sie vielleicht auf eine andere Seite umge- stellt worden sei, und kämmte alle in Frage kommenden Seiten der Zeitung sorgfältig durch. Es gab viele Anzeigen von Hotels und Nachtklubs, in denen alle möglichen Sänger und Unterhalter angepriesen wurden, aber er wurde nirgends erwähnt. Und in den vergangenen zehn Jahren war kaum ein Tag vergangen, ohne daß sein Gesicht in irgendeiner Zeitung abgebildet gewesen wäre. Ich werde noch einen Versuch machen, entschied er. Ich werde Mory Mann anrufen. Er zog seine Brie asche und suchte nach dem Ze el, auf dem er Morys Nummer notiert ha e. Seine Brie asche war sehr dünn. All seine Personalpapiere und Ausweiskarten waren ver- schwunden. Ausweise, die es ihm möglich machten, am Leben zu bleiben; Ausweise, mit denen er Straßensperren von Polizei und Nationalgarde passieren konnte, ohne befürchten zu müssen, daß, sie ihn kurzerhand erschießen oder in ein Zwangsarbeitslager ste- cken würden. Ohne meine Papiere kann ich keine zwei Stunden unbehel- ligt leben, sagte er sich verzweifelt. Ich kann nicht einmal wagen, dieses heruntergekommene Hotel zu verlassen und auf die Straße zu gehen. Man wird mich für einen Studenten oder Lehrer halten, der aus einem abgesperrten Universitätsgelände entkommen ist. Ich werde den Rest meines Lebens als Sklave mit schwerer kör- perlicher Arbeit verbringen. Ich bin, was man eine ›Unperson‹ nennt. In erster Linie kam es aufs Überleben an. Zum Teufel mit Jason Taverner, dem Fernsehstar; um den konnte man sich später küm- mern. Ich bin nicht wie andere Männer, sagte er sich. Ich werde mich da herausarbeiten, was immer es ist. Irgendwie. Zum Beispiel konnte er einen Teil des Geldes, das er bei sich ha e, für falsche Ausweispapiere verwenden. Er wußte, daß es unten in Wa s illegale Werkstä en gab, die gute Fälschungen machten. Natürlich ha e er bisher nie auch nur im Traum daran gedacht, daß er jemals bei einer Fälscherwerksta Zufl ucht suchen würde. Nicht Jason Taverner, ein Mann, der jeden Dienstagabend dreißig Millionen Menschen vor die Bildschirme lockte. War es möglich, daß es unter diesen dreißig Millionen Men- schen keinen gab, der sich seiner erinnerte? Wenn ›erinnern‹ das richtige Wort war. Er dachte so, als ob viel Zeit vergangen und er ein alter Mann wäre, der von der Erinnerung an früheren Ruhm lebte. Aber so verhielt es sich ganz und gar nicht. Er kehrte zum Telefon zurück und schlug die Nummer des zen- tralen Einwohnermeldeamts für Iowa nach; mit mehreren Dollar- stücken gelang es ihm nach einigen vergeblichen Versuchen, die, Verbindung herzustellen. »Mein Name ist Jason Taverner«, sagte er zu dem Sachbearbei- ter. »Ich wurde am 16. Dezember 1946 im Memorial-Hospital in Chicago geboren. Würden Sie bi e nachsehen und mir eine Kopie meiner Geburtsurkunde zuschicken? Ich brauche sie für einen Arbeitsplatz, um den ich mich bewerbe.« »Ja, Sir. Ich werde sofort nachsehen. Bleiben Sie am Apparat.« Jason wartete, und wenige Minuten später war der Beamte wieder da. »Mr. Jason Taverner, geboren in Chicago am 16. Dezember 1946?« »Ja«, sagte Jason. »Wir haben zu diesem Zeitpunkt und an diesem Ort keine Geburt einer Person solchen Namens registriert. Sind Sie ganz sicher, daß die Angaben stimmen?« »Sie meinen, ob ich meinen Namen weiß und wann und wo ich geboren bin?« Seine Stimme war wieder am Überschnappen, und diesmal ließ er sie gewähren; Panik überfl utete ihn. »Danke«, sagte er, ohne weitere Erklärungen des Beamten abzuwarten, und legte auf. Seine Hand zi erte jetzt unkontrollierbar. Ich existiere nicht, dachte er. Es gibt keinen Jason Taverner. Es gab nie einen. Zum Teufel mit meiner Karriere; ich will bloß leben. Wenn jemand oder etwas meine Karriere auslöschen will, in Ordnung; von mir aus. Aber soll ich nicht einmal existieren dürfen? Wurde ich nicht mal geboren? Etwas regte sich in seiner Brust. Mit Entsetzen dachte er, daß es den Chirurgen vielleicht doch nicht gelungen war, die Saug- röhren vollständig herauszuholen; daß die eine oder andere von ihnen noch immer in ihm lebe und wachse. Diese verfl uchte kleine Schlampe, dieser dumme, talentlose und hinterlistige Trampel. Er wünschte ihr, daß sie als Strichmädchen für zwei Dollar auf der Straße enden würde. Nach allem, was er für sie getan ha e! Zwei-, mal ha e er ihr die Chance verscha , vor den entscheidenden Leuten zu singen. Aber andererseits ha e er o mit ihr geschlafen. Vielleicht war darin ein gewisser Ausgleich zu sehen. Wieder im Hotelzimmer, betrachtete er sich eingehend in dem mit Fliegendreck gesprenkelten Frisierspiegel. Sein Aussehen ha e sich nicht verändert, außer daß er eine Rasur nötig ha e. Nicht älter. Keine neuen Runzeln, kein graues Haar zu sehen. Die kräf- tigen Schultern und Arme. Die jugendlich schlanke Taille, die ihm erlaubte, modisch anliegende Herrenkleidung zu tragen. Diese Dinge waren wichtig, um bei den Fernsehteilnehmern das richtige Vorstellungsbild zu erzeugen. Er mußte an die fünf- zig Anzüge haben, dachte er. Aber wo mochten sie jetzt sein? Der Vogel war davongefl ogen, und niemand wußte, in welchem Garten er sang. Der Gedanke machte ihn stutzig; er kam aus der Vergan- genheit, aus seiner Schulzeit. Vergessen bis zu diesem Augenblick. Seltsam, dachte er, was einem durch den Kopf geht, wenn man in einer unvertrauten und bedrohlichen Situation ist. Manchmal das trivialste Zeug, das man sich vorstellen kann. Wenn Wünsche Pferde wären, dann könnten Be ler fl iegen. Solche Sachen. Verrückt. Er überlegte, wie viele Polizeiposten und Kontrollstellen zwi- schen diesem elenden Hotel und dem nächsten Ausweisfälscher in Wa s sein mochten. Zehn? Zwei? Für mich, dachte er trübe, genügt schon eine einzige. Eine willkürliche Überprüfung durch eine Streifenwagenbesatzung. Mit ihrem verdammten Kommu- nikationsverbund konnten sie die Daten vom Wagen aus bei der Zentrale in Kansas City anfordern, wo alles Material gesammelt wurde. Er schob den Hemdsärmel zurück und betrachtete den linken, Unterarm. Ja, da war sie, seine eintätowierte Personalnummer. Sein Zulassungsschild, das er sein Leben lang mit sich tragen mußte und mit dem er schließlich ins Grab sinken würde. Nun, angenommen, die Bullen würden seine Personalnummer der Datenzentrale in Kansas City durchgeben – was dann? War seine Akte noch dort, oder war sie auf einmal verschwunden, wie seine Eintragung im Geburtenregister? Und wenn die Unterlagen nicht da waren, welche Schlüsse würden die Bürokraten daraus ziehen? Vermutlich lag nur ein Irrtum vor. Jemand ha e die Karteikarte mit den Mikrofi lmen, aus denen die Personalakte eines Bürgers bestand, falsch eingeordnet. Früher oder später mußte sie wieder au auchen, in fünf oder zehn Jahren vielleicht, wenn es nicht mehr darauf ankäme, weil er bis dahin schon unwiederbringliche Jahre seines Lebens mit Schaufel und Spitzhacke in einem Stein- bruch verbracht haben würde. Denn die Polizei würde aus dem Fehlen der Unterlagen schließen, daß er ein entkommener Student sei. Nur Studenten, die im Untergrund lebten, waren nirgendwo registriert. Er war ganz unten, ein Mann, der um die bloße physische Exis- tenz ringen mußte. Irgendwie würde er sich eines Tages wieder emporkämpfen, aber nicht jetzt. Es gab anderes, Wichtigeres zu tun. Ich werde mich durchbeißen, dachte er. Ein Sechser ist kein gewöhnlicher Mensch. Ein gewöhnlicher Mensch hä e nicht über- leben können, was ich in den vergangenen zwölf Stunden durch- gemacht habe. Ein Sechser setzt sich immer durch, gleichgültig, wie ungünstig die äußeren Umstände sein mögen. Denn er ist genetisch dafür programmiert. Jason verließ das Zimmer ein zweites Mal, ging hinunter und zum Empfangsschalter. Ein Mann mi leren Alters mit einem schmalen Oberlippenschnurrbart las in einer abgegriff enen, Nummer des ›Box‹-Magazins. Er blickte nicht auf, sagte aber: »Ja, Sir?« Jason zog sein Banknotenbündel hervor und legte eine Fünf- hundertdollarnote auf den Tresen. Der Mann blickte fl üchtig auf, dann sah er genauer hin, und seine Augen weiteten sich. Schließ- lich kam ein vorsichtiger Ausdruck in sein Gesicht, und er blickte fragend zu Jason auf. »Meine Ausweispapiere sind gestohlen worden«, sagte Jason. »Dieser Schein gehört Ihnen, wenn Sie mich zu jemandem bringen, der die verlorenen Papiere ersetzen kann. Wenn Sie es tun wollen, dann tun Sie es gleich; ich kann nicht warten.« Warten, bis vielleicht ein Bulle in diese schmierige Absteige kommt und mich mitnimmt, dachte er. Das hä e noch gefehlt. »Draußen sind Sie auch nicht sicherer«, sagte der Mann am Empfangsschalter zu Jasons Bestürzung. »Ich bin eine Art Tele- path, wissen Sie. Und ich bin mir bewußt, daß dieses Hotel nichts Besonderes ist, aber wir haben kein Ungeziefer. Einmal ha en wir eingeschleppte Sandfl öhe, aber nicht mehr.« Er nahm die Fünf- hundertdollarnote an sich und stand auf. »Ich werde Sie zu jeman- dem bringen, der Ihnen helfen kann«, sagte er. Er hielt inne, und nachdem er Jasons Gesicht aufmerksam betrachtet ha e, sagte er: »Sie halten sich für eine Berühmtheit, wie? Nun, hier lernt man die sonderbarsten Käuze kennen.« »Kommen Sie, gehen wir«, sagte Jason mürrisch. »Jetzt.« »Sofort«, sagte der andere und griff nach seinem glänzenden Plastikmantel.,

Als der Hotelangestellte seinen altersschwachen Wagen lang-sam und geräuschvoll die Straße entlangsteuerte, sagte er

beiläufi g: »Ich empfange eine Menge komisches Zeug aus Ihrem Kopf.« »Verschwinden Sie aus meinem Kopf«, sagte Jason ärgerlich. Er ha e die neugierigen, indiskreten Telepathen noch nie gemocht, und dieser hier bildete keine Ausnahme. »Überlassen Sie meine Gedanken mir«, sagte er, »und bringen Sie mich zu der Person, die mir helfen kann. Und fahren Sie nicht aus Versehen in eine Verkehrskontrolle, wenn Sie den Tag überleben wollen.« »Das brauchen Sie mir nicht zu sagen«, erwiderte der Hotelan- gestellte. »Mir würde nicht viel passieren, aber ich weiß, was mit Ihnen geschehen würde, wenn wir mit den Bullen oder den Gar- disten zu tun bekämen. Glauben Sie bloß nicht, Sie wären der erste, dem ich so was vermi le. Ich habe es schon o gemacht, meistens für Studenten. Aber Sie sind kein Student. Sie sind ein berühmter Mann und reich. Zugleich aber sind Sie es nicht, sind Sie ein Nie- mand. Juristisch gesprochen, existieren Sie nicht einmal.« Er lachte ein dünnes, kra loses Lachen, den Blick auf die Straße und den Verkehr fi xiert. Jason fand, daß er wie eine alte Frau fuhr; beide Hände umklammerten das Lenkrad, als ob es ein Re ungs- ring wäre. Sie kamen in das Slumviertel Wa s. Kleine dunkle Läden auf beiden Seiten der unordentlichen Straße, überfl ießende Müllton- nen, Gehsteige und Fahrbahnen übersät mit Flaschenscherben, Papierfetzen und anderem Unrat, eintönige Schilder, die mit großen Buchstaben für Coca-Cola warben und darunter in kleinen Buchstaben den Namen des jeweiligen Landes trugen. An einer, Kreuzung überquerte ein alter Neger mit stockenden Bewegun- gen die Straße, tastete sich voran, als sei er vom Alter blind. Sein Anblick löste in Jason seltsame Gefühle aus. Wegen des berüch- tigten Sterilisierungsgesetzes, das in den schrecklichen Tagen des Aufstands vom Kongreß verabschiedet worden war, gab es nur noch wenige Schwarze. Der Hotelangestellte verlangsamte sein ra erndes Fahrzeug beinahe bis zum Stillstand, um den alten Neger in seinem zerkni erten, aus den Nähten gehenden braunen Anzug nicht zu erschrecken. Off enbar teilte er Jasons Empfi ndun- gen. »Wußten Sie«, sagte er zu Jason, »daß ich, wenn ich ihn über den Haufen fahren würde, mit der Todesstrafe rechnen müßte?« Jason nickte. »Die hä en Sie auch verdient.« »Sie sind wie der letzte Schwarm von Königskranichen«, sagte der andere, als er wieder beschleunigte, nachdem der alte Mann den Gehsteig erreicht ha e. »Geschützt von tausend Gesetzen. Man darf sich nicht über sie lustig machen; man kann sich mit keinem von ihnen prügeln, ohne eine Strafe wie ein Kapitalver- brecher zu riskieren – zehn Jahre Knast. Und doch machen wir, daß sie aussterben – das ist, was der Kongreß und die Mehrheit der Bürger damals wollten, aber ...« – er machte eine fahrige Geste, für die er zum erstenmal eine Hand vom Lenkrad nahm – »aber ich vermisse die Kinder. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich zehn war und einen schwarzen Spielkameraden ha e ... übrigens nicht weit von hier. Er ist bestimmt schon lange sterilisiert.« »Aber wenn er verheiratet ist, konnte er wenigstens ein Kind haben«, sagte Jason. »Wenn er und seine Frau nach der Geburt ihres ersten Kindes auch sterilisiert wurden, sie haben immer- hin dieses eine. Es steht ihnen gesetzlich zu. Und es gibt tausend Bestimmungen, die für ihre Sicherheit sorgen.« »Zwei Erwachsene, ein Kind«, sagte der Hotelangestellte. »Auf, diesem Wege wird die schwarze Bevölkerung mit jeder Generation halbiert. Ein kluger Einfall. Man muß es diesem Tidman lassen; er hat mit seinem Gesetz das Rassenproblem gelöst, da gibt es keinen Zweifel.« »Irgendwas mußte geschehen«, sagte Jason. Er beugte sich auf dem Sitz vor und beobachtete die Straße voraus, suchte nach Anzeichen einer Verkehrskontrolle oder Straßensperre. Er sah keins von beiden, aber wie lang sollte die Fahrt noch dauern? »Wir sind gleich da«, sagte der Hotelangestellte ruhig. Er wandte für einen Moment den Kopf, um Jason anzusehen. »Ihre rassistischen Ansichten gefallen mir nicht«, sagte er. »Auch dann nicht, wenn Sie mir fün undert Dollar zahlen.« »Für meinen Geschmack laufen immer noch genug Schwarze herum«, sagte Jason. »Und wenn der letzte von ihnen stirbt?« »Sie können meine Gedanken lesen«, sagte Jason, »also brauche ich es Ihnen nicht zu sagen.« »Mein Go «, sagte der andere und richtete seine Aufmerksam- keit wieder auf den Straßenverkehr. Sie bogen scharf nach rechts ab und fuhren durch eine schmale Zufahrt, die auf beiden Seiten von staubigen, verschlossenen Eingängen und erblindeten oder mit Bre ern vernagelten Fenstern gesäumt war. Hier gab es keine Reklametafeln, nur Stille. Und Berge von altem Schu und Unrat. »Was ist hinter diesen Türen?« fragte Jason. Sein Begleiter zuckte die Achseln. »Leute wie Sie. Leute, die sich nicht ins Freie wagen können. Aber sie unterscheiden sich in einem Punkt von Ihnen: sie haben keine fün undert Dollar – aber Sie haben noch viel mehr, wenn ich Ihre Gedanken richtig lese.« »Die neuen Ausweispapiere werden mich eine ganze Stange Geld kosten«, sagte Jason säuerlich. »Vielleicht alles, was ich habe.«, »Sie wird Ihnen nicht zuviel berechnen«, sagte der Angestellte, als er den Wagen halb auf dem Gehsteig einer schmalen Straße, die mehr einer Durchfahrt glich, zum Stehen brachte. Jason spähte hinaus und sah eine aufgelassene Gastwirtscha mit zerbroche- nen, schlampig mit Bre ern vernagelten Fenstern. Das Innere schien völlig dunkel. Die Gegend und das ganze Milieu stießen ihn ab, aber anscheinend waren sie am Ziel. Angesichts seiner Notlage konnte er nicht wählerisch sein. Außerdem waren sie allen Ver- kehrskontrollen und Straßensperren entgangen; der Hotelange- stellte ha e eine gute Route ausgewählt. Alles in allem ha e Jason keinen Grund, sich zu beklagen. Sie stiegen aus und gingen hinüber zur off en hängenden, zer- schlagenen Eingangstür der ehemaligen Gastwirtscha . Keiner sprach; sie konzentrierten sich darauf, den rostigen Nägeln aus- zuweichen, die herumliegenden Bre ern und Sperrholzpla en entragten. »Hier, nehmen Sie meine Hand«, sagte der Mann und streckte sie ihm im trüben Halbdunkel hin. »Ich kenne den Weg, und es ist dunkel. Der Strom wurde in diesem Block schon vor drei Jahren abgeschaltet. Um die Leute zum Verlassen der Gebäude hier zu bewegen, die dann niedergebrannt werden sollten.« Nach einer Pause fügte er hinzu: »Aber die meisten Bewohner blieben.« Die schweißfeuchte, kalte Hand des Hotelangestellten führte ihn an undeutlich sichtbaren Haufen von Tischen und Stühlen vorbei, aufgetürmt zu wirren Durcheinandern aus Beinen und Oberfl ä- chen, schmutzig und von Spinnweben durchzogen. Schließlich stießen sie auf eine schwarze, unnachgiebige Wand. Sein Begleiter blieb stehen, entzog Jason die Hand und begann in der Dunkelheit mit etwas herumzufummeln. »Ich kann nicht aufmachen«, sagte er zur Erläuterung. »Der Durchgang kann nur von der anderen Seite geöff net werden, von, ihrer Seite. Ich signalisiere nur, daß wir hier sind.« Ein Stück Wand gli knirschend zur Seite. Jason spähte ange- strengt, sah aber nichts als zusätzliche Dunkelheit. »Gehen Sie durch«, sagte sein Begleiter und zog ihn vorwärts. Die Wandschiebetür rollte quietschend zurück und rastete wieder ein. Lampen gingen an. Momentan geblendet, beschirmte Jason die Augen, bevor er sich umsah. Die Werksta war klein, aber er sah eine Anzahl komplizierter und sehr spezialisierter Geräte und Maschinen. Auf der anderen Seite stand eine breite Werkbank. Dutzende von Werkzeugen der verschiedensten Art und Größe, alle säuberlich an den Wänden aufgereiht. Unter der Werkbank große Kartons, die wahrschein- lich verschiedene Papiere enthielten. Und eine kleine, von einem Generator angetriebene Druckmaschine. Und das Mädchen. Es saß auf einem hohen Hocker, ha e einen Winkelhaken in der Hand und setzte eine Schri zeile mit der Hand. Er sah blaßblondes Haar, sehr lang, aber dünn, das in Strähnen auf den Rücken ihres baumwollenen Arbeitski els fi el. Die Kleine trug Jeans und war barfuß. Jason schätzte sie auf fünf- zehn oder sechzehn Jahre. Sie ha e sehr kleine Füße, keine nen- nenswerten Brüste, aber gute lange Beine; das gefi el ihm. Sie trug keinerlei Make-up, was ihren Zügen im Licht der nackten Lampen ein blasses, etwas teigiges Aussehen verlieh. »Hallo«, sagte sie. Der Hotelangestellte nickte ihr zu und sagte: »Ich gehe wieder. Ich werde versuchen, die fün undert Dollar nicht auf einmal aus- zugeben.« Er löste die Verriegelung und schob die Tür zur Seite; als sie in Bewegung kam, wurden alle Lampen im Raum ausge- schaltet, und sie waren wieder in völliger Dunkelheit. Vom Hocker aus sagte das Mädchen: »Ich bin Kathy.«, »Mein Name ist Jason«, sagte er. Die Schiebetür war wieder zugefallen und ha e die Lampen von neuem eingeschaltet. Sie ist hübsch, dachte er, bloß machte sie einen passiven, lustlosen Ein- druck auf ihn. Als ob ihr alles egal wäre, dachte er. Aber es war nicht Apathie. Sie war schüchtern; das war die Erklärung. »Sie gaben ihm fün undert Dollar, damit er Sie herbrachte?« fragte Kathy verwundert. Sie musterte ihn kritisch, als versuchte sie ihn nach seiner Erscheinung zu bewerten. »Gewöhnlich ist mein Anzug nicht so zerkni ert«, entschul- digte sich Jason. »Es ist ein hübscher Anzug. Seide?« »Ja.« Er nickte bekrä igend. »Sind Sie Student?« fragte Kathy, die ihn noch immer musterte. »Nein, Sie sind keiner; Sie haben nicht diese ungesunde blasse Gesichtsfarbe vom Leben unter der Erde. Nun, dann bleibt nur eine andere Möglichkeit.« »Daß ich ein Verbrecher bin«, sagte Jason. »Einer, der seine Iden- tität verändern will, bevor die Bullen und Nazis ihn kriegen.« »Sind Sie einer?« sagte sie ohne ein Zeichen von Unbehagen. Es war eine einfache Frage. »Nein.« Mehr mochte er im Augenblick nicht sagen. Vielleicht später. »Sind Sie auch der Meinung, daß viele von diesen Nazis Robo- ter und keine richtigen Menschen sind?« sagte Kathy. »Sie haben immer diese Gasmasken auf, so daß man es nicht feststellen kann.« »Ich mag sie nicht, und das genügt mir«, sagte Jason. »Manch- mal bin ich froh, daß ich da keinen tieferen Einblick habe.« »Was für Ausweispapiere brauchen Sie? Führerschein? Kenn- karte? Arbeitsbescheinigung?«, »Alles. Einschließlich einer Mitgliedskarte der Musikergewerk- scha .« »Ach, Sie sind Musiker.« Sie betrachtete ihn mit vermehrtem Interesse. »Ich bin Sänger«, sagte er. »Ich machte jeden Dienstagabend um neun eine einstündige Unterhaltungsschau im Fernsehen. Vielleicht haben Sie sie schon einmal gesehen; die ›Jason-Taver- ner-Schau‹.« »Ich habe keinen Fernseher mehr«, sagte das Mädchen. »Also würde ich Sie wohl nicht wiedererkennen. Macht eine solche Schau Spaß?« »Manchmal. Man begegnet vielen Leuten aus dem Schauge- schä , und das ist fein, wenn man es mag. Ich habe herausgefun- den, daß die meisten von ihnen Leute wie alle anderen sind. Sie haben ihre Ängste und sind nicht vollkommen. Einige sind sehr komisch, nicht nur vor der Kamera.« »Mein Mann pfl egte immer zu sagen, ich hä e keinen Sinn für Humor«, sagte das Mädchen. »Er fand alles komisch. Er fand es sogar komisch, als er einen Einberufungsbefehl zur Nationalgarde bekam und zwei Jahre als Nazi herumlaufen sollte.« »Fand er es immer noch komisch, als er entlassen wurde?« fragte Jason. »Er wurde nie entlassen. Er kam bei einem Überraschungsang- riff der Studenten ums Leben. Aber genaugenommen war es nicht ihre Schuld; einer seiner Kameraden schoß ihn aus Versehen über den Haufen.« Jason nickte verständnisvoll, dann sagte er: »Wieviel wird es kosten, einen komple en Satz von Ausweispapieren zu machen? Sagen Sie es mir lieber jetzt, ehe Sie mit der Arbeit anfangen.« »Ich berechne den Leuten, was sie sich leisten können«, sagte Kathy, wieder mit dem Winkelhaken beschä igt. »Ihnen werde, ich viel berechnen, weil ich sehe, daß Sie reich sind. Ihr Anzug beweist das, und die Art und Weise, wie Sie Eddy fün undert Dollar gaben, nur damit er Sie hierherbringen sollte. Oder täusche ich mich? Sagen Sie es mir.« »Ich habe fün ausend Dollar bei mir«, antwortete Jason. »Das heißt, minus fün undert. Ich bin ein weltberühmter Unterhalter; neben meiner Fernsehschau trete ich noch in vielen erstklassigen Nachtklubs auf, und mein Terminplan ist immer gedrängt voll.« Kathy schmalzte mit der Zunge. »Ich wünschte, ich hä e von Ihnen gehört; dann könnte ich beeindruckt sein.« Er lachte. »Habe ich was Dummes gesagt?« fragte Kathy schüchtern. »Nein, nein«, sagte Jason. »Kathy, wie alt sind Sie?« »Neunzehn. Mein Geburtstag ist im Dezember, also bin ich bei- nahe zwanzig. Für wie alt hielten Sie mich, als Sie hereinkamen?« »Ungefähr sechzehn«, sagte er. Sie schmollte. »Das sagen alle«, sagte sie niedergeschlagen. »Es ist, weil ich keinen Busen habe. Wenn ich einen hä e, würde ich wie einundzwanzig aussehen. Wie alt sind Sie?« Sie legte den Winkelhaken auf den Schri kasten und betrachtete ihn aufmerk- sam. »Ich würde sagen, ungefähr fünfzig.« Zorn wallte in ihm auf. Und Selbstmitleid. »Sie sehen aus, als fühlten Sie sich verletzt«, sagte Kathy. »Ich bin zweiundvierzig«, sagte Jason mit gepreßter Stimme. »Nun, wo liegt da der Unterschied? Ich meine, ob zweiundvier- zig oder fünfzig, das ist beides ...« »Kommen wir zur Sache«, unterbrach Jason sie. »Geben Sie mir Bleisti und Papier, und ich schreibe Ihnen auf, was ich will und was auf den Papieren über mich stehen soll. Diese Papiere müssen genau richtig gemacht werden. Ich hoff e, Sie verstehen Ihr Hand- werk.«, »Ich habe Sie wütend gemacht«, sagte Kathy, »indem ich sagte, Sie sähen wie fünfzig aus. Ich glaube, bei näherer Betrachtung kann man das so nicht sagen. Sie sehen eher wie dreißig aus.« Sie reichte ihm Papier und Bleisti und lächelte scheu und entschul- digend. »Vergessen Sie es«, sagte Jason und klop e ihr auf den Rük- ken. Kathy entzog sich seiner Hand. »Ich habe es nicht gern, wenn man mich anfaßt.« Wie ein Reh im Wald, dachte er. Seltsam: sie fürchtet schon die leichteste Berührung, und doch hat sie keine Angst, Dokumente zu fälschen, ein Verbrechen, das ihr zwanzig Jahre Gefängnis ein- bringen kann. Vielleicht machte sich niemand die Mühe, ihr zu sagen, daß es gegen das Gesetz ist. Vielleicht weiß sie es nicht. Etwas Helles und Farbiges an der gegenüberliegenden Wand weckte seine Aufmerksamkeit, und er ging hinüber, es zu betrach- ten. Eine mit Buchmalerei geschmückte mi elalterliche Manus- kriptseite. Ein Pergament. Er ha e von solchen Dingen gelesen, aber noch nie eins mit eigenen Augen gesehen. »Ist das wertvoll?« fragte er. »Wenn die Seite echt wäre, wäre sie vielleicht ein paar hundert Dollar wert«, erwiderte Kathy. »Aber sie ist nicht echt; ich machte sie vor Jahren, als ich noch in die Oberschule ging. Ich kopierte das Original zehnmal, ehe ich es richtig ha e. Ich mag gute Kalligra- phie; das war schon in meiner Kindheit so. Vielleicht hat es damit zu tun, daß mein Vater Schutzumschläge für Bücher entwarf.« Er sagte nachdenklich: »Könnte man mit diesem Bla die Leute in einem Museum täuschen?« Kathy blickte ihn aufmerksam und forschend an, dann nickte sie. »Würde man den Unterschied nicht am Papier erkennen, am, Material?« »Es ist Pergament, und es stammt aus der Zeit. Es ist die glei- che Methode, mit der man alte Briefmarken fälscht; man bescha sich eine alte Briefmarke, die wertlos ist, löscht den Aufdruck und kann dann ...« Sie brach ab. »Sie haben es eilig, nicht wahr?« sagte sie. »Sie wollen, daß ich mit Ihren Papieren anfange.« Jason bejahte. Er gab ihr das Stück Papier, auf das er die Anga- ben geschrieben ha e. Die meisten Ausweispapiere waren kom- pliziert und verlangten Fingerabdrücke und Fotografi en und holographische Unterschri en, und alle ha en kurze Laufzeit. In einem halben Jahr würde er sich einen neuen Satz beschaff en müssen. »Zweitausend Dollar«, sagte Kathy, nachdem sie die Liste über- fl ogen ha e. »Wie lang wird es dauern?« fragte er. »Stunden? Tage? Und wenn es Tage sind, wo soll ich ...« »Stunden«, sagte Kathy. Er fühlte sich sehr erleichtert. »Setzen Sie sich und leisten Sie mir Gesellscha «, sagte Kathy und zeigte auf einen dreibeinigen Hocker. »Sie können mir von Ihrer Karriere als erfolgreiche Persönlichkeit beim Fernsehen erzählen. Es muß faszinierend sein, alle die Leichen, über die Sie gehen müssen, um nach oben zu kommen. Oder sind Sie nicht nach oben gekommen?« »Das schon«, sagte er knapp. »Aber es hat keine Leichen gege- ben. Das ist ein Mythos. Man scha es mit Talent und nur mit Talent, nicht damit, was man Leuten über oder unter einem sagt oder tut. Und es ist harte Arbeit; man kann da nicht hineingehen und ein paar Faxen machen und dann einen Vertrag mit der NBC oder CBS unterschreiben. Das sind zähe, erfahrene Geschä sleute, besonders diejenigen, die Verträge mit den Künstlern aushandeln, und das Programm machen. Sie entscheiden, wer wo unterschreibt. Ich spreche jetzt von Schallpla enaufnahmen. Damit muß man anfangen, wenn man bekannt werden will; natürlich kann man auch die Nachtklubs im ganzen Land abklappern, bis vielleicht irgendwer auf einen aufmerksam wird ...« »Da haben Sie Ihren Flugschein«, sagte Kathy und reichte ihm vorsichtig eine kleine schwarze Karte herüber. »Als nächstes nehme ich mir Ihren Reservistenausweis vor. Dafür brauchen wir zwei Fotos, eins von vorn und eins im Profi l, aber das können wir da drüben erledigen.« Sie zeigte zu einem weißen Wandschirm, vor dem eine Kamera mit Blitzlichtgerät auf einem Stativ stand. »Sie sind wirklich gut eingerichtet«, sagte Jason bewundernd, als er sich vor den weißen Wandschirm setzte; im Laufe seiner langen Karriere war er so o fotografi ert worden, daß er immer genau wußte, wo er zu stehen und welche Miene er aufzusetzen ha e. Aber diesmal ha e er anscheinend etwas falsch gemacht. Kathy betrachtete ihn mit kritischem Stirnrunzeln. »Sie sind ja wie beschwipst«, murmelte sie, mit dem Einstellen der Kamera beschä igt. »Sie strahlen in einer irgendwie unechten Art.« »Werbeaufnahmen«, sagte Jason. »Achtzehn mal vierundzwan- zig, Hochglanz ...« »Hier nicht«, sagte sie trocken. »Diese Aufnahmen sollen mit- helfen, Sie vor einem Zwangsarbeitslager zu bewahren. Lächeln Sie nicht.« Er gehorchte. »Gut«, sagte Kathy. Sie riß die Fotos aus der Kamera, trug sie vorsichtig zu ihrem Arbeitstisch und wedelte sie in der Lu , damit sie trockneten. »Diese verdammten stereoskopischen Fotos, die sie auf den Militärpapieren verlangen – die Kamera da kostete, mich tausend Dollar, und ich kann sie nur dafür und für nichts sonst gebrauchen. Aber verzichten kann ich auch nicht auf sie.« Sie beäugte ihn von der Seite. »Das wird Sie was kosten.« Er nickte steinern. Er war sich dessen bereits bewußt. Nachdem Kathy eine Weile gearbeitet ha e, hob sie plötzlich den Kopf, sah ihn an und sagte: »Wer sind Sie wirklich? Wenn man Sie posieren sieht, merkt man sofort, daß es nichts Neues für Sie ist. Als Sie vorhin vor der Kamera saßen, mit diesem eingeüb- ten Lächeln und den leuchtenden Augen ...« »Ich sagte es Ihnen, mein Name ist Jason Taverner. Ich bin der bekannte Fernsehstar; meine Schau läu jeden Dienstagabend ...« »Nein«, sagte Kathy und schü elte energisch den Kopf. »Aber es geht mich nichts an. Tut mir leid, ich hä e nicht fragen sollen.« Aber sie beobachtete ihn weiter, als könne sie die Unklarheit nicht ertragen. »Sie müssen wirklich eine Berühmtheit sein – man sah es an der Art, wie Sie für Ihr Bild posierten. Zugleich aber sind Sie keine Berühmtheit. Es gibt im Schaugeschä keinen Jason Taverner, der eine Rolle spielt, der was ist. Wer sind Sie also? Ein Mann, der sich die ganze Zeit fotografi eren läßt und den niemand kennt.« »Ich werde das so zu tragen wissen, wie jede Berühmtheit, von der niemand je gehört hat«, versicherte Jason. Einen Augenblick lang starrte sie ihn an, dann lachte sie. »Ich verstehe. Ja, das ist gut; das ist wirklich gut. Ich werde es mir merken.« Sie machte sich wieder über die Arbeit her. »In diesem Geschä «, sagte sie nach einer Weile, ohne aufzublicken, »ist es besser, die Leute nicht zu kennen, für die ich Papiere mache. Aber über Sie möchte ich mehr wissen. Sie sind seltsam. Ich habe viele Typen gesehen – Hunderte, vielleicht –, aber keinen wie Sie. Wissen Sie, was ich glaube?« »Sie glauben, ich sei verrückt«, sagte Jason., Kathy nickte. »Ja. Klinisch, juristisch, wie man es auch betrach- tet. Sie sind psychotisch; Sie haben eine gespaltene Persönlichkeit. Wie konnten Sie bis jetzt überleben?« Er sagte nichts. Es war nicht zu erklären. Kathy zuckte die Achseln und arbeitete weiter. Eins nach dem andern, fälschte sie geschickt und fachmännisch die benötigten Papiere. Eddy, der Hotelangestellte, kam zurück und lungerte im Hin- tergrund herum, wo er eine unechte Havanna rauchte. Er tat und sagte nichts, aber aus irgendeinem obskuren Grund blieb er da. Jason wünschte, er würde sich fortscheren, denn er hä e gern mehr mit dem Mädchen gesprochen, doch daraus schien nichts mehr zu werden ... »Kommen Sie mit«, sagte Kathy plötzlich. Sie rutschte von ihrem Hocker und bedeutete ihm, mit ihr in einen Nebenraum zu gehen. »Ich brauche fünf Unterschri en von Ihnen, jede ein biß- chen anders als die übrigen, so daß sie sich nicht genau decken. Das ist der Punkt, wo viele von uns Dokumentaristen ...« – sie lächelte ihn über die Schulter an, als sie vorausging – »so nennen wir uns nämlich – alles verpfuschen. Sie nehmen eine Unterschri und übertragen sie auf alle Papiere. Verstehen Sie?« »Ja.« Er trat hinter ihr durch die Türöff nung und stand in einer muffi g riechenden engen Kammer. Kathy schloß die Tür, wartete einen Augenblick lang und sagte dann: »Eddy ist ein Polizeispitzel.« Er starrte sie an. »Warum?« »Warum, sagen Sie? Warum was? Warum er ein Polizeispit- zel ist? Für Geld, natürlich. Aus dem gleichen Grund bin ich es auch.« »Verdammt!« Er packte sie beim rechten Handgelenk und zog sie grob an sich. Sie zog eine schmerzliche Grimasse, als seine, Finger zudrückten. »Und er hat mich schon ...» »Eddy hat noch nichts getan«, keuchte sie, während sie sich zu befreien suchte. »Das tut weh! Beruhigen Sie sich, dann werde ich Ihnen alles erklären. Einverstanden?« Widerwillig ließ er sie los. Sein Herz fl a erte vor Angst wie ein gefangener Vogel. Kathy schaltete eine helle kleine Lampe ein und legte drei gefälschte Dokumente in den grellen Lichtkreis. »Ein ma purpurner Punkt am Rand jedes Dokuments«, erläuterte sie und zeigte auf die beinahe unsichtbaren Farbfl ecken. »Darunter verbirgt sich jedesmal ein Mikrosender, der alle fünf Sekunden einen Signalton aussendet, der über Ihre Bewegungen Aufschluß gibt. Die Polizei ist hinter Verschwörungen her; sie will Ihre Kon- taktpersonen.« »Ich habe keine; ich bin allein«, sagte Jason ärgerlich. »Aber das weiß die Polizei nicht.« Sie rieb sich das Handgelenk und zog in mädchenha em Mißmut die Brauen zusammen. »Für einen weltberühmten Fernsehstar, von dem niemand je gehört hat, haben Sie einen festen Griff .« »Warum haben Sie mir das gesagt?« fragte Jason. »Nachdem Sie die Fälschungen für mich gemacht haben, alle die ...« »Ich möchte, daß Sie entwischen«, sagte sie einfach. »Warum?« »Weil Sie – weil Sie etwas wie eine magnetische Art an sich haben; ich merkte es sofort, als Sie hereinkamen. Sie sind ... anzie- hend. Sogar in Ihrem Alter.« »Meine Erscheinung«, sagte er. Kathy nickte. »Ich habe es früher manchmal bei öff entlichen Au ri en bekannter Leute gesehen, aber noch nie so aus der Nähe. Ich verstehe jetzt, warum Sie sich einbilden, Sie seien ein Fernsehstar; Sie wirken tatsächlich wie einer.« »Wie soll ich entkommen?« sagte er ungeduldig. »Wollen Sie, mir das verraten? Oder kostet das ein bißchen mehr?« »Mein Go , Sie sind so zynisch.« Er lachte, und wieder griff er zu und hielt sie am Handgelenk fest. Kathy schü elte den Kopf und machte ein gequältes, masken- ha starres Gesicht. »Ich kann Sie ja verstehen, aber lassen Sie mich los!« sagte sie mit gepreßter Stimme. »Sie brauchen keine Angst zu haben. Zunächst einmal können Sie Eddy kaufen. Wei- tere fün undert sollten ihm genügen. Von mir brauchen Sie sich nicht freizukaufen, wenn Sie eine Weile dableiben. Sie haben ... etwas Lockendes, wie ein gutes Parfüm. Ich reagiere auf Sie, und das passiert mir sonst nie bei Männern.« »Vielleicht bei Frauen, dann?« sagte er sarkastisch. Sie schien es nicht zu bemerken. »Werden Sie bleiben?« fragte sie. »Zum Teufel damit«, sagte er, »ich werde einfach gehen.« Er langte an ihr vorbei, öff nete die Tür, schob sie beiseite und ging in die Werksta hinaus. Sie folgte ihm eilig. Im schummrigen Halbdunkel der aufgelassenen Gastwirtscha holte sie ihn ein und vertrat ihm den Weg. »Sie tragen schon einen Sender mit sich herum«, keuchte sie. »Das glaube ich nicht«, antwortete er. »Doch, es ist wahr. Eddy hat Ihnen einen gepfl anzt.« »Unsinn«, sagte er und ließ sie stehen. Entschlossen ging er auf das Licht zu, das durch die zerbrochene Eingangstür fi el. Kathy sprang leichtfüßig hinter und neben ihm her. »Aber angenommen, es ist wahr. Es könnte sein.« Am Eingang stellte sie sich abermals zwischen ihn und die Freiheit; stand da und hob die Hände, als gelte es einen Schlag abzuwehren. »Bleiben Sie eine Nacht hier«, sagte sie hastig. »Einverstan- den? Das ist genug, ich verspreche es. Gehen Sie mit mir ins Be ., Werden Sie das tun, bloß für eine Nacht?« Etwas von meinen angeblichen und wohlbekannten Fähigkei- ten und Eigenscha en scheint mit mir gekommen zu sein, dachte er. In diese andere Welt, die mir fremd ist und in der ich jetzt lebe. In der ich nicht existiere, außer auf gefälschten Ausweispapieren, die von Polizeispitzeln hergestellt werden. Der Gedanke war ihm so unheimlich, daß er schauderte. Ausweiskarten mit eingebauten Mikrosendern, um ihn und alle, die mit ihm verkehrten, der Poli- zei zu verraten. Er ha e seine Sache nicht sehr gut gemacht. Das einzige, was er off enbar noch ha e, war Anziehungskra . Jesus, dachte er. Und das ist alles, was zwischen mir und einem Zwangs- arbeitslager steht. »Also gut«, sagte er. Unter den Möglichkeiten, die ihm off en- standen, schien dies die bei weitem vernün igste. »Gehen Sie und bezahlen Sie Eddy«, sagte sie. »Erledigen Sie das, damit er von hier verschwindet.« »Ich fragte mich schon, warum er zurückgekommen ist und hier herumhängt«, sagte Jason. »Wi erte er mehr Geld?« »Wahrscheinlich«, sagte Kathy. »Sie machen das immer so«, sagte Jason stirnrunzelnd, als er das Geld herausholte. Es war die normale Verfahrensweise. Und er war darauf hereingefallen. »Eddy ist telepathisch«, sagte Kathy munter.,

Zwei Blocks entfernt, im Obergeschoß eines ungestrichenen, aber ehemals weißen Holzhauses, ha e Kathy ein Zimmer mit

einer Kochpla e, auf der sie ihre Mahlzeiten bereitete. Jason sah sich um. Ein typisches Mädchenzimmer: das couchartige Be war unter einer Tagesdecke verborgen, winzige grüne Kügelchen aus Textilfasern in zahllosen Reihen. Wie ein Soldatenfriedhof, dachte er, als er sich umherbewegte, bedrückt von der Enge des Raums. Auf einem Tisch aus Flechtwerk ein Exemplar von Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. »Wie weit sind Sie darin gekommen?« fragte er sie. »Bis Im Scha en junger Mädchenblüte.« Kathy schloß die Tür ab und schaltete irgendein elektronisches Gerät ein, das er nicht kannte. »Das ist nicht sehr weit«, sagte Jason. Kathy zog ihren Plastikmantel aus und fragte: »Wie weit haben Sie es gelesen?« Sie nahm ihm den Mantel ab und hängte beide in einen schma- len Schrank. »Ich habe es nie gelesen«, sagte Jason. »Bin nie dazu gekom- men, obwohl es mich immer interessierte. Aber in meinem Pro- gramm brachten wir einmal eine dramatische Darstellung einer Szene ... ich weiß nicht mehr, welche es war. Wir bekamen eine Menge zustimmender Briefe, versuchten es aber nie wieder. Bei diesen anspruchsvollen und ungewöhnlichen Sachen muß man vorsichtig sein und darf nicht zuviel bringen. Tut man es, läu man Gefahr, das eigene Programm kapu zumachen.« Er wanderte im Zimmer umher, betrachtete hier ein Buch, dort eine Tonkasse e, eine Zeitschri . Sie ha e sogar ein sprechendes, Spielzeug. Wie ein Kind, dachte er; sie ist nicht richtig erwachsen. Neugierig schaltete er das sprechende Spielzeug ein. »Hallo!« sagte es. »Ich bin der fröhliche Charley, und ich bin ganz auf deine Wellenlänge eingestellt.« »Auf meine Wellenlänge ist niemand eingestellt, und schon gar kein fröhlicher Charley«, sagte Jason. Er wollte das Ding ausschalten, aber es protestierte. »Tut mir leid«, sagte Jason, »aber ich habe nichts mit dir im Sinn, du aufdringlicher kleiner Kerl.« »Aber ich liebe dich!« beklagte sich der fröhliche Charley mit blecherner Stimme. Jason zögerte, den Daumen auf dem Knopf. »Beweise es«, sagte er. In seiner Schau ha e er manchmal Werbespots für solche Dinger gemacht. Er haßte sie. »Gib mir Geld«, sagte er. »Ich weiß, wie du deinen Namen und deinen Ruhm zurückge- winnen kannst«, sagte der fröhliche Charley. »Reicht dir das für den Anfang?« »Klar«, sagte er. Der fröhliche Charley plärrte: »Geh und besuch deine Freun- din.« »Wen meinst du?« fragte er vorsichtig. »Heather Hart«, trompetete der fröhliche Charley. »Nicht schlecht«, sagte Jason. Er preßte die Zunge gegen die oberen Schneidezähne und überlegte, dann nickte er. »Hast du noch mehr Ratschläge?« »Ich habe von Heather Hart gehört«, sagte Kathy, als sie eine Flasche Orangensa aus dem Wandschrank nahm. Die Flasche war schon zu drei Vierteln leer. Kathy schü elte den Rest auf und goß schaumigen Orangensa ersatz in zwei Geleegläser. »Sie ist schön. Sie hat dieses wunderbare lange rote Haar. Ist sie wirklich Ihre Freundin? Hat Charley recht?«, »Jeder weiß«, sagte er, »daß der fröhliche Charley immer recht hat.« »Ja, das ist wahrscheinlich richtig.« Kathy schü ete schlechten Gin (Mountba ens Privatsiegel Erste Sorte) in den Orangensaf- tersatz. »Hier, trinken Sie auch einen Schraubenzieher«, sagte sie stolz. »Nein, danke«, murmelte er. »Nicht zu dieser Tageszeit.« Und wenn sie mir einen in Scho land abgefüllten B & L-Scotch anbie- ten würde, dachte er, ich würde nein sagen. Diese muffi ge kleine Bude ... verdient sie nichts mit ihrer Spitzelei und den Ausweisfäl- schungen, was immer sie macht? Ist sie wirklich eine Polizeiinfor- mantin, wie sie sagt? Seltsam, dachte er. Vielleicht ist sie beides, vielleicht keins von beiden. »Frag mich!« quiekte Charley. »Ich sehe, daß du mehr wissen möchtest.« »Dieses Mädchen«, begann Jason, aber sofort griff Kathy zu, entriß ihm die Puppe und hielt sie fest an sich gedrückt. Entrüs- tung war in ihren Augen und blähte ihre Nasenfl ügel. »Sie werden meinen Charley nicht über mich ausfragen«, sagte sie entschlossen. Sie erinnerte ihn an einen aufgeplusterten Vogel, der mit Drohgebärden sein Nest zu schützen sucht. Er lachte. »Was ist daran so komisch?« verlangte Kathy zu wissen. »Diese sprechenden Spielzeuge«, sagte er, »sind mehr lästig als nützlich. Man sollte sie abschaff en.« Er wandte sich ab und ging zum Fernseher, auf dem ein Haufen ungeöff neter Post lag. Ziellos suchte er zwischen den Umschlägen herum und bemerkte vage, daß keiner der Umschläge, die off en- bar Rechnungen enthielten, geöff net worden war. »Die gehören mir«, sagte Kathy au egehrend. »Für ein Mädchen, das in einem Einzimmerloch haust, kriegen Sie eine Menge Rechnungen. Kaufen Sie Ihre Kleider bei Me er?, Das ist interessant.« »Ich – ich habe eine ausgefallene Größe.« »Und Schuhe von Sax & Crombie«, sagte er. »Bei meiner Arbeit ...«, fi ng sie an, aber er unterbrach sie mit einer Handbewegung. »Hören Sie damit auf«, knurrte er. »Werfen Sie einen Blick in meinen Kleiderschrank. Sie werden da nicht viel fi nden. Nichts Ungewöhnliches, außer daß die Sachen, die ich habe, von guter Qualität sind. Ich habe lieber wenige gute Sachen als einen Haufen billigen Schund ...« »Sie haben noch eine Wohnung«, sagte Jason. Es war ein Treff er: sie zuckte zusammen und zwinkerte nervös, als sie nach einer Antwort suchte. »Gehen wir hin«, sagte er. Er ha e genug von diesem engen kleinen Zimmer. »Ich kann Sie nicht hinbringen«, sagte Kathy, »weil ich die Woh- nung mit zwei anderen Mädchen teile, und wie wir die Benutzung eingeteilt haben, ist heute ...« »Schon gut«, unterbrach er sie. »Man kann jedenfalls nicht sagen, daß Sie versuchten, mich zu beeindrucken.« Es amüsierte und ärgerte ihn zugleich; er fühlte sich irgendwie herabgesetzt. »Ich hä e Sie dort hingebracht, wenn heute mein Tag gewe- sen wäre«, fuhr Kathy fort. »Sehen Sie, deshalb muß ich dieses Zimmer behalten; wenn nicht mein Tag ist, muß ich schließlich irgendeine Bleibe haben. Mein nächster Tag ist Freitag. Von Mi ag an.« Ihr Ton war ernst und aufrichtig, als läge ihr viel daran, ihn zu überzeugen. Wahrscheinlich sagte sie die Wahrheit. Aber die ganze Sache verdroß ihn. Sie und ihr ganzes Leben. Es war ihm, als habe er sich in etwas verstrickt, das ihn in Tiefen hinabzog, die ihm bisher unbekannt geblieben waren, die er nicht einmal in den frühen, schweren Tagen kennengelernt ha e. Das Gefühl war ihm zuwider. Das Verlangen, aus diesem stickigen, Loch hinauszukommen, wurde übermächtig. »Sehen Sie mich nicht so an«, sagte Kathy. Sie trank mit kurzen, hastigen Schlucken von ihrem ›Schrau- benzieher‹. »Sie haben mit Ihrem großen, dummen Kopf die Tür zum Leben aufgestoßen«, sagte er. »Und nun läßt sie sich nicht mehr schlie- ßen.« »Woraus ist das?« fragte Kathy. »Aus meinem Leben.« »Aber es klingt wie Poesie.« »Wenn Sie sich meine Schau ansehen würden«, sagte er, »wüßten Sie, daß ich o mit solchen brillanten Metaphern aufwarte.« Kathy betrachtete ihn ernst und aufmerksam, und nach einer Weile sagte sie: »Ich werde im Fernsehprogramm nachsehen, ob Sie aufgeführt sind.« Sie stellte ihren ›Schraubenzieher‹ weg und begann einen Haufen von Zeitungen und Zeitschri en unter dem Fernsehtisch zu durchstöbern. »Ich bin nicht mal geboren worden«, sagte er sarkastisch. »Das habe ich nachgeprü .« »Und Ihre Schau steht auch nicht im Programm«, sagte Kathy, die ihre Fernsehzeitschri gefunden ha e und das Programm stu- dierte. »So ist es«, sagte er. »Nun haben Sie alle Antworten, die mich betreff en.« Er klop e auf die Brus asche mit den gefälschten Aus- weisen. »Und ich habe diese Papiere. Mit ihren Miniatursendern, wenn es stimmt, was Sie mir gesagt haben.« »Geben Sie mir die Papiere zurück«, sagte Kathy, »und ich werde die Mikrosender zerstören. Es dauert nur einen Augenblick.« Sie streckte die Hand aus. Er gab ihr die Ausweise., »Ist es Ihnen gleich, ob ich es mache oder nicht?« fragte Kathy. »Ja, beinahe«, antwortete er freimütig. »Ich habe die Fähigkeit verloren, zu beurteilen, was gut oder böse, wahr oder unwahr ist. Wenn Sie es tun wollen, tun Sie es. Wenn es Ihnen gefällt.« Augenblicke später gab sie ihm die Ausweiskarten mit ihrem Ungewissen schüchternen Lächeln einer Sechzehnjährigen zurück. Beeindruckt von der natürlichen Ausstrahlung ihrer Jugend, sagte er: »Ich fühle mich so alt wie jene Ulme dort.« »Das ist aus Finnegans Wake«, sagte Kathy glücklich. »Es ist die Stelle, wo die alten Wäscherinnen in der Abenddämmerung mit Bäumen und Steinen verschmelzen.« »Sie haben Finnegans Wake gelesen?« fragte er überrascht. »Ich sah den Film. Viermal. Ich mag Hazeltine; für mich ist er der beste Regisseur unserer Zeit.« »Ich ha e ihn als Gast in meiner Schau«, sagte Jason. »Wollen Sie wissen, wie er als Mensch im wirklichen Leben ist?« »Nein«, sagte Kathy. »Vielleicht sollten Sie es wissen.« Aber sie schü elte energisch den Kopf und wiederholte ihr Nein. »Und versuchen Sie nicht, es mir zu erzählen, hören Sie? Ich glaube, was ich glauben will, und Sie können glauben, was Sie glauben wollen. Einverstanden?« »Gern«, antwortete er. Er konnte sie gut verstehen. Er selbst haeogedacht, daß die Wahrheit als Tugend überschätzt wurde. In den meisten Fällen war eine verständnisvolle Lüge besser und barmherziger. Besonders zwischen Männern und Frauen; genauer gesagt, wann immer eine Frau mit im Spiel war. Kathy aber war, streng genommen, keine Frau, sondern ein Mädchen. Und das machte die barmherzige Lüge um so notwen- diger. »Er ist ein Gelehrter und ein Künstler«, sagte er., »Wirklich?« Sie sah ihn hoff nungsvoll an. »Ja.« Darauf antwortete sie mit einem Seufzer der Erleichterung. »Wenn Sie also glauben«, sagte er au rumpfend, »daß ich Michael Hazeltine kenne, den besten lebenden Filmregisseur, wie Sie selbst sagten, dann werden Sie mir auch abnehmen müssen, daß ich ein bekannter Fernsehunterhalter und ein Sechser ...« Er brach ab: das ha e er nicht preisgeben wollen. »Ein Sechser?« wiederholte Kathy stirnrunzelnd, als versuchte sie sich zu besinnen. »Ich habe über diese Leute gelesen. Sind sie nicht alle längst tot? Ich dachte, die Regierung hä e sie alle ein- fangen und erschießen lassen, nachdem dieser eine, ihr Anführer – wie hieß er doch gleich? – Teagarden; ja, so hieß er, Willard Tea- garden. Wenn ich mich recht entsinne, versuchte er einen Staats- streich gegen die Nazis – ich meine, die Nationalgarde. Er wollte sie zu einer illegalen paramilitärischen Terrororganisation erklä- ren ... Aber Sie hören mir ja überhaupt nicht zu!« »Ich habe zugehört«, verteidigte er sich. Er wartete, daß sie fort- fahre, aber sie wollte nicht mehr. »Mein Go !« sagte er verdrieß- lich. »Reden Sie schon weiter!« »Ich glaube«, sagte Kathy schließlich, »daß die Siebener den Staatsstreich vereitelten.« Siebener, dachte er. In seinem ganzen Leben ha e er nie von Siebenern gehört. Nichts hä e ihn mehr schockieren können. Gut, daß mir dieser lapsus linguae unterlaufen ist, dachte er. Jetzt habe ich wirklich etwas dazugelernt. Endlich eine wirkliche Informa- tion in diesem Irrgarten von Konfusion und Scheinrealität. Der Saum der Tagesdecke auf dem Be geriet in Bewegung, und eine junge schwarzweiße Katze kam zögernd zum Vorschein. Kathy hob sie sofort auf und drückte mit strahlendem Lächeln die Wange ins seidenweiche Fell., »Das ist Domenico«, sagte sie. »Nach Domenico Scarla i benannt?« fragte er. »Nein, nach Domenicos Lebensmi elmarkt, hier in der Straße; wir sind daran vorbeigefahren. Ich kaufe dort ein. Ist Domenico Scarla i ein Musiker? Ich glaube, ich habe von ihm gehört.« »Er war Abraham Lincolns Englischlehrer«, sagte Jason. »Ach so.« Sie nickte abwesend, während sie die Katze wiegte. »Ich habe Sie angeführt«, sagte er, »und das ist gemein. Tut mir leid.« Kathy blickte ernst und ein wenig verwirrt zu ihm auf, das Gesicht an ihre Katze geschmiegt. »Ich merke es nie«, murmelte sie. »Eben darum ist es gemein«, sagte Jason. »Warum?« fragte sie. »Wenn ich etwas nicht weiß, dann bedeu- tet das, daß ich eben dumm bin. Nicht wahr?« »Sie sind nicht dumm«, widersprach Jason. »Bloß jung und unerfahren. Woher sollten Sie das Wissen nehmen, das ein ande- rer in vierzig oder fünfzig Jahren angesammelt hat? Nehmen Sie mich, zum Beispiel. Ich bin mehr als doppelt so alt wie Sie, und in den vergangenen zehn Jahren ha e ich Gelegenheit, viele der berühmtesten Leute in diesem Lande kennenzulernen. Und ...« »Und Sie sind ein Sechser«, sagte Kathy. Sie ha e seinen Ausrutscher also nicht vergessen. Natürlich nicht. Er könnte ihr alles mögliche erzählen, und zehn Minuten später würde sie nichts mehr davon wissen. Aber der eine wirkli- che Ausrutscher würde ihr im Gedächtnis bleiben. »Was bedeutet Ihnen Domenico?« fragte er, um das Thema zu wechseln. Es war plump gemacht, dachte er selbstkritisch, aber nun konnte er nicht mehr zurück. »Was haben Sie an ihm, das Sie im Umgang mit Menschen nicht bekommen?« Sie schaute nachdenklich zu Boden., »Er verlangt so wenig. Seine Zuneigung ist nicht mit bestimm- ten Erwartungen verknüp . Und er ist unterhaltsam; er hat immer etwas vor. Er ist zum Beispiel ein sehr guter Fliegenfänger. Er hat gelernt, sie zu erwischen, bevor sie wegfl iegen können.« Sie blickte auf und lächelte einnehmend. »Und ich brauche mich bei ihm nie zu fragen, ob ich ihn Mr. McNulty übergeben sollte. Mr. McNulty ist mein Kontaktmann bei der Polizei. Ich gebe ihm die Analogempfänger für die Mikrosender, die Punkte, die ich Ihnen zeigte ...« »Und er bezahlt Sie.« Sie nickte. »Und doch leben Sie – so?« Er machte eine Armbewegung, die den armseligen Raum einschloß. »Ich ... ich kriege nicht viele Kunden«, sagte sie stockend. »Unsinn. Sie sind gut; ich habe Ihnen bei der Arbeit zugesehen. Sie sind erfahren.« »Ein Talent.« »Aber ein ausgebildetes Talent.« »Also gut: es geht alles in die andere Wohnung. Meine Haupt- wohnung.« Er sah ihrem Gesicht an, daß sie sich in die Enge getrie- ben fühlte und daß es ihr unangenehm war. »Nein, das glaube ich Ihnen nicht«, sagte er. Nach einer Pause sagte Kathy: »Mein Mann ist noch am Leben. Er ist in einem Zwangsarbeitslager in Alaska. Ich versuche ihn freizukaufen, indem ich Mr. McNulty mit Informationen versorge. Noch ein Jahr« – sie zuckte die Achseln und blickte mürrisch vor sich hin – »und Jack kann mit seiner Entlassung rechnen. – Sagt McNulty.« Und so schickst du andere Leute in die Arbeitslager, dachte er, um deinen Mann herauszuholen. Hört sich nach einem typischen Polizeihandel an. Wahrscheinlich ist es die Wahrheit., »Ein großartiges Geschä für die Bullen«, sagte er. »Sie verlie- ren einen Mann und kriegen – wie viele, würden Sie sagen, haben Sie für Ihren Mr. McNulty mit Signalgebern ausgesta et? Dut- zende? Hunderte?« Nach einigem Grübeln sagte sie schließlich: »Vielleicht hun- dertfünfzig.« »Es ist böse und schlecht«, sagte er. »Wirklich?« Sie blickte ihn nervös an, hielt Domenico an ihre fl ache Brust gedrückt. Dann wurde sie allmählich zornig; es war ihrem Gesicht und der Art und Weise anzusehen, wie sie die Katze gegen ihren Brustkorb quetschte. »Das ist nicht wahr!« sagte sie wild und schü elte energisch den Kopf. »Ich liebe Jack, und er liebt mich. Er schreibt mir die ganze Zeit.« »Gefälscht«, sagte er grausam. »Von irgendeinem Polizeiange- stellten.« Ein erstaunlicher Tränenstrom ergoß sich aus ihren Augen und trübte ihren Blick. »Meinen Sie?« schluchzte sie. »Manchmal denke ich es auch. Möchten Sie die Briefe ansehen? Können Sie erkennen, ob sie gefälscht sind?« »Nun, wahrscheinlich sind sie nicht gefälscht«, sagte er. »Es ist einfacher und kommt billiger, ihn am Leben zu erhalten und seine Briefe selbst schreiben zu lassen.« Er ho e, daß diese Logik sie beruhigen würde, und off enbar tat sie es; die Tränen versiegten. »Daran ha e ich nicht gedacht«, sagte sie und nickte, wie zu sich selbst; ihre tränenumfl orten Augen blickten abwesend und leer in die Ferne. »Finden Sie es richtig, mit anderen Männern wie mir ins Be zu gehen, wenn Ihr Mann am Leben ist?« sagte er. »Oh, sicher. Jack ha e nie was dagegen, nicht mal vor seiner Verha ung. Und ich bin sicher, daß er auch jetzt nichts dagegen hat. Übrigens schrieb er mir vor nicht langer Zeit etwas darüber., Lassen Sie mich überlegen; es war vor vielleicht sechs Monaten. Ich glaube, ich könnte den Brief fi nden; ich habe sie alle auf Mikro- fi lm. Drüben in der Werksta .« »Warum?« »Manchmal kopiere ich sie für Kunden. Damit sie später verste- hen können, warum ich tat, was ich tat.« Er wußte nicht mehr zu sagen, von welcher Art die Gefühle waren, die er für sie hegte, oder wie er sich zu ihr stellen sollte. Mit den Jahren ha e sie sich allmählich in eine Situation verstrickt, aus der sie sich nicht mehr befreien konnte. Und er sah keinen Ausweg für sie; es war zu lang so gegangen. Das Rezept war zur Routine geworden. »Es gibt kein Zurück für Sie«, sagte er, und er wußte, daß er ihr damit nichts Neues sagte. Er wollte ihr die Hand auf die Schulter legen, aber sie wich sofort aus. »Hören Sie«, sagte er mit san er Stimme, »sagen Sie diesem McNulty, daß Sie Ihren Mann jetzt wie- derhaben wollen, und daß Sie ihm keine Leute mehr ans Messer liefern werden.« »Würden sie ihn freilassen, wenn ich das sagte?« »Versuchen Sie es.« Schaden konnte es gewiß nicht, aber es war nicht schwierig, sich Mr. McNulty vorzustellen und wie er das Mädchen ansehen würde. Sie würde die Konfrontation niemals durchstehen; die McNultys der Welt waren nicht einzuschüch- tern. Außer wenn etwas ernstlich schiefging. »Wissen Sie, was Sie sind?« fragte Kathy. »Sie sind ein guter Mensch. Verstehen Sie das?« Er hob die Schultern. Wie die meisten Wahrheiten war es Ansichtssache. Vielleicht war er ein guter Mensch, wenigstens in dieser Situation. Weniger in anderen. Aber davon wußte Kathy nichts. »Setzen Sie sich«, sagte er. »Streicheln Sie Ihren Kater, trin- ken Sie Ihren ›Schraubenzieher‹. Denken Sie an nichts; versuchen, Sie einfach da zu sein. Können Sie das? Den Geist für eine kleine Weile ganz freimachen? Versuchen Sie es.« Er schob ihr einen Stuhl hin, und sie setzte sich gehorsam darauf. »Ich tue das die ganze Zeit«, sagte sie dumpf. »Aber Sie dürfen es nicht negativ tun. Tun Sie es positiv.« »Wie? Was meinen Sie?« »Tun Sie es zu einem richtigen Zweck, nicht bloß, um die Aus- einandersetzung mit unangenehmen Wahrheiten zu vermeiden. Tun Sie es, weil Sie Ihren Mann lieben und wiederhaben wollen. Sie wollen doch, daß alles so sei, wie es vorher war, nicht?« Sie nickte. »Aber jetzt bin ich Ihnen begegnet.« »Ich verstehe nicht, was Sie damit meinen.« Kathy seufzte. »Sie wirken auf mich viel magnetischer als Jack«, sagte sie. »Er ist auch magnetisch, aber Sie sind es viel mehr. Vielleicht könnte ich ihn nicht mehr richtig lieben, nachdem ich Sie getroff en habe. Oder glauben Sie, man kann zwei Menschen gleich lieben, bloß in verschiedener Weise? Meine Therapiegruppe sagt nein, ich müßte wählen. Sie sagen, das sei eine der Grund- tatsachen des Lebens. Sie müssen wissen, diese Frage ist schon früher aufgetaucht. Ich habe mehrere Männer kennengelernt, die anziehender als Jack ... obwohl keiner von ihnen so magnetisch wie Sie war. Jetzt weiß ich wirklich nicht, was ich tun soll. Es ist sehr schwierig, solche Fragen zu entscheiden, weil es niemanden gibt, mit dem man reden kann: niemand versteht einen. Man muß es allein durchmachen, und manchmal wählt man falsch. Was wäre, zum Beispiel, wenn ich Sie Jack vorziehen würde, und dann kommt er zurück, und ich merke, daß er mir scheißegal ist; was dann? Wie wird ihm zumute sein? Das ist wichtig, aber genauso wichtig ist, wie mir zumute ist. Wenn ich Sie oder jemanden wie Sie lieber mag als ihn, dann muß ich danach handeln, wie unsere Therapiegruppe sagt. Wußten Sie, daß ich acht Wochen lang in, einem psychiatrischen Krankenhaus war? In der Morningside- Nervenklinik in Everton. Meine Leute bezahlten den Aufenthalt. Es kostete ein Vermögen, denn aus irgendeinem Grund ha en wir keinen Anspruch auf Beihilfen. Jedenfalls lernte ich eine Menge über mich selbst und gewann viele Freunde dort. Die meisten Leute, die ich gut kenne, traf ich in Morningside. Natürlich, als ich ihnen dort zuerst begegnete, ha e ich den Wahn, sie wären berühmte Leute wie Mickey Quinn und Arlene Howe. Berühmt- heiten, wissen Sie. Wie Sie.« »Ich kenne Quinn und Howe, und ich kann Ihnen sagen, Sie haben nichts versäumt.« Sie blickte ihn prüfend an. »Vielleicht sind Sie keine Berühmt- heit; vielleicht erlebe ich einen Rückfall in meine Wahnzustände. In Morningside sagten sie, das käme manchmal vor. Ich müßte mich darauf einstellen, früher oder später. Vielleicht ist jetzt später.« »Dann wäre ich nur eine Halluzination von Ihnen«, erwiderte er. »Aber vielleicht ist da was dran; ich komme mir selbst nicht ganz wirklich vor.« Sie lachte, aber ihre Stimmung blieb düster. »Wäre das nicht seltsam, wenn ich Sie nur in meinem Kopf zurechtgemacht hä e, wie Sie gerade sagten? Daß Sie verschwinden würden, sowie ich mich wieder ganz erholte?« »Ich würde nicht verschwinden. Aber ich würde au ören, eine Berühmtheit zu sein.« »Das ist schon geschehen.« Sie hob den Kopf und sah ihn an, als sei ihr eine Erleuchtung gekommen. »Vielleicht ist es das. Ich meine, warum Sie eine Berühmtheit sind, von der niemand je gehört hat. Ich habe Sie erfunden, Sie sind ein Produkt meines Wahns, und nun werde ich wieder gesund.« »Eine recht solipsistische Betrachtungsweise ...« »Lassen Sie das. Sie wissen, daß ich keine Ahnung habe, was, solche Worte bedeuten. Für welche Art von Mensch halten Sie mich? Ich bin nicht berühmt und mächtig wie Sie; ich bin bloß ein unbedeutender Mensch, und ich tue eine furchtbare Arbeit, die andere Leute ins Gefängnis bringt, weil ich Jack mehr liebe als den Rest der Menschheit. Hören Sie zu, denn es ist wichtig, was ich sage.« Ihre Stimme wurde fest und energisch. »Das einzige, was mich wieder gesund und vernün ig machte, war, daß ich Jack mehr liebte als Mickey Quinn. Sehen Sie, ich dachte, dieser Junge namens David sei wirklich Mickey Quinn, und es sei ein großes Geheimnis, daß Mickey Quinn den Verstand verloren und in dieses psychiatrische Krankenhaus gegangen sei, um sich wieder in Ordnung bringen zu lassen, und niemand dürfe davon wissen, weil es sein Bild in der Öff entlichkeit ruinieren würde. Darum gebe er sich als David aus. Aber ich wußte es besser. Das heißt, ich glaubte es besser zu wissen. Und Doktor Sco sagte, ich müsse zwischen Jack und David wählen, oder zwischen Jack und Mickey Quinn, wie ich dachte. Und ich wählte Jack. So kam ich aus der Sache heraus. Vielleicht«, fügte sie nach unsicherem Zögern hinzu, »vielleicht begreifen Sie jetzt, warum ich glauben muß, daß Jack wichtiger ist als alles und alle anderen. Verstehen Sie?« Er verstand. Er nickte. »Selbst Männer wie Sie«, sagte Kathy, »die magnetischer sind als er, selbst sie können mich Jack nicht abspenstig machen.« »Ich will es gar nicht.« Es schien ihm eine gute Idee, diesen Punkt zu betonen. »Doch, Sie versuchen es. Auf irgendeiner Ebene versuchen Sie es. Es ist ein We bewerb.« »Für mich sind Sie bloß ein kleines Mädchen in einem kleinen Zimmer in einem kleinen Haus«, sagte Jason von oben herab. »Mir gehört die ganze Welt und alles, was darin ist.« »Nicht wenn Sie in einem Zwangsarbeitslager sind.«, Das ließ sich nicht leugnen. Kathy ha e die ärgerliche Gewohn- heit, die Geschütze seiner Rhetorik zu vernageln. »Nicht wahr, Sie verstehen jetzt«, sagte sie, »wie es mit Jack und mir ist, und warum ich mit Ihnen ins Be gehen kann, ohne Jack Unrecht zu tun? In Morningside ging ich auch mit David ins Be , aber Jack ha e Verständnis dafür; er wußte, daß ich es tun mußte. Hä en Sie auch Verständnis dafür gehabt?« »Wenn Sie psychotisch waren ...« »Nein, nicht deswegen, sondern weil es mein Schicksal war, mit Mickey Quinn ins Be zu gehen. Es mußte getan werden; ich erfüllte meine kosmische Rolle. Verstehen Sie?« »Schon recht«, sagte er nachsichtig. »Ich glaube, ich bin betrunken.« Kathy betrachtete ihren ›Schrau- benzieher‹. »Sie haben recht; es ist zu früh, einen von diesen zu trinken.« Sie stellte das halbgeleerte Glas weg. »Jack verstand mich. Oder jedenfalls sagte er, daß er mich verstünde. Würde er lügen? Um mich nicht zu verlieren? Weil, wenn ich zwischen ihm und Mickey Quinn hä e wählen müssen ... aber ich wählte Jack. Ich würde es immer wieder tun. Aber trotzdem mußte ich mit David ins Be gehen. Mit Mickey Quinn, meine ich.« Jason Taverner seufzte. Er erkannte, daß er sich mit einem kom- plizierten, eigenartigen und defekten Geschöpf eingelassen ha e. Genauso schlimm wie Heather Hart; nein, noch schlimmer. Schlim- mer als alles, was ihm in seinen zweiundvierzig Jahren unterge- kommen war. Aber wie sollte er von ihr fortkommen, ohne daß Mr. McNulty davon erfuhr? Mein Go , dachte er trübe, vielleicht werde ich sie nicht wieder los. Vielleicht spielt sie mit mir, bis es sie langweilt, und dann ru sie die Bullen. Als ob sie seine Gedanken gelesen hä e, sagte sie: »Sie denken, ich würde Sie hochgehen lassen, nachdem Sie mit mir geschlafen haben.«, Obwohl das ziemlich genau seine Überlegung gewesen war, schü elte er den Kopf und sagte: »Ich denke, Sie haben in Ihrer unschuldigen, ungekünstelten Art und Weise gelernt, andere Leute zu benutzen. Was ich sehr schlecht fi nde. Sobald man einmal damit angefangen hat, kann man nicht mehr damit au ören. Sie wissen nicht einmal mehr, daß Sie es tun.« »Ich würde Sie niemals hochgehen lassen. Ich liebe Sie.« »Sie kennen mich seit vielleicht fünf Stunden. Oder nicht mal so lang.« »Aber ich kann es fühlen.« Ihr Ton und ihr Ausdruck waren entschlossen und ernst, beinahe feierlich. »Sie wissen nicht mal genau, wer ich bin!« »Ich habe nie die Gewißheit, wer jemand ist«, sagte Kathy. Das war vermutlich nur zu wahr. Er nahm einen neuen Anlauf. »Sehen Sie, Kathy, Sie sind eine seltsame Kombination der unschul- digen Romantikerin und einer ...« Er hielt inne; das Wort ›Verräte- rin‹ war ihm in den Sinn gekommen, aber er verwarf es sofort. »... und einer berechnenden, subtilen Manipulantin.« Armer Jack, dachte er. Du verdammtes armes Schwein. Schau- felst gefrorene Scheiße in einem Zwangsarbeitslager in Alaska, und wartest, daß diese ausgefl ippte Vagabundin dich re et. Da kannst du lange warten. Am Abend aß er mit Kathy in einem italienischen Restaurant in der Nähe ihres Quartiers. Sie schien den Besitzer und die beiden Kellner zu kennen; jedenfalls begrüßten sie Kathy, und sie grüßte fl üchtig zurück, als höre sie kaum, was gesagt wurde. Jason ha e den Eindruck, daß sie sich ihrer Umgebung kaum bewußt war. Kleines Mädchen, dachte er, wo ist der Rest deiner Gedanken? »Die Lasagne ist sehr gut«, sagte Kathy, ohne die Speisekarte anzusehen; sie schien sehr weit entfernt, und mit jedem Augen-, blick, der verging, zog sie sich weiter zurück. Er fühlte, daß eine Krise bevorstand, doch kannte er sie nicht gut genug und ha e keine Ahnung, welche Form sie annehmen würde. Sein Unbeha- gen wuchs. »Wenn Sie einen Anfall haben«, sagte er plötzlich, um sie zu überrumpeln, »wie spielt sich das ab?« »Oh«, sagte sie mit tonloser Stimme. »Ich werfe mich auf den Boden und schreie. Oder ich trete und schlage um mich. Nach jedem, der mich zurückzuhalten versucht, der in meine Freiheit eingrei .« »Haben Sie das Gefühl, daß es jetzt zu einem Anfall kommen könnte?« Sie blickte auf. »Ja.« Er sah, daß ihr Gesicht zu einer gequälten, verzerrten Grimasse geworden war, doch ihre Augen blieben tro- cken. »Ich habe meine Medizin nicht genommen. Ich soll jeden Tag zwanzig Milligramm Aktozin einnehmen.« »Warum nehmen Sie das Zeug nicht?« Diese Leute taten es nie; er ha e mehrmals ähnliche Fälle erlebt. »Es stump den Geist ab«, sagte sie und berührte ihre Nase mit dem Zeigefi nger, als handle es sich um ein Ritual, das mit absolu- ter Genauigkeit befolgt werden mußte. »Aber wenn es ...« Sie unterbrach ihn mit einer he igen Handbewegung. »Nie- mand soll mit meinem Verstand herumpfuschen. Ich lasse keinen von diesen Kopfschrumpfern an mich heran. Wer bei denen durch die Mangel gedreht wird, ist stumpfsinnig wie ein Ochse, wenn er wieder herauskommt.« Er nickte verständnisvoll und ließ sie nicht aus den Augen, als könnte er sie damit im Hier und Jetzt festhalten und den drohen- den Anfall verhindern. Das Essen kam. Es war schrecklich., »Ist das nicht eine wundervoll authentische italienische Küche?« sagte Kathy, während sie Spaghe i auf ihre Gabel wickelte. »Mmh.« »Sie haben Angst, ich könnte einen Anfall kriegen. Und Sie wollen nichts damit zu tun haben.« Jason nickte. »Das stimmt.« »Dann gehen Sie.« Er zögerte. »Ich ... ich fi nde Sie sympathisch. Mir liegt an Ihrem Wohlbefi nden.« Eine freundliche Lüge von der Art, die er schätzte. Es schien besser als ihr ins Gesicht zu sagen: ›Ich bleibe lieber, denn wenn ich hinausginge, würden Sie in zwanzig Sekunden am Telefon sein und Mr. McNulty anrufen.‹ »Seien Sie unbesorgt; die Leute werden mich nach Haus brin- gen.« Sie machte eine unbestimmte Armbewegung in das Restau- rant, zu den Gästen, den Kellnern und dem Wirt an der Theke. Hinter der off enen Durchreiche schwitzte der Koch in der über- heizten, schlecht entlü eten Küche. An der Theke schob ein Betrunkener sein Glas mit Olympia-Bier herum. Überlegt und mit der Überzeugung, daß es richtig und notwen- dig sei, sagte er: »Sie weigern sich, Verantwortung zu überneh- men.« »Verantwortung für wen? Ich übernehme keine Verantwortung für Ihr Leben, wenn es das ist, was Sie meinen. Das ist Ihre Sache. Belasten Sie mich nicht damit.« »Ich meine die Verantwortung für die Folgen, die anderen aus Ihren Handlungen erwachsen«, sagte er. »Sie sind moralisch halt- los, schlagen hier und dort zu und fl üchten sich dann wieder in Ihre kindlichen Fantasien, als ob nichts geschehen wäre. Überlas- sen es den anderen, auszulöff eln, was Sie angerichtet haben.« Sie hob den Kopf mit einem Ruck, starrte ihn an und sagte: »Habe ich Sie verletzt? Ich habe Sie vor den Bullen gere et; das, ist, was ich für Sie getan habe. War das falsch? Sagen Sie mir, war das falsch?« Ihre Stimme wurde zunehmend lauter; sie starrte ihn hart und mitleidlos an, wie ein Vogel, die Gabel voll Spaghe i auf halbem Weg zwischen Teller und Mund. Er seufzte. Es war hoff nungslos. »Nein«, sagte er, »es war nicht falsch. Danke. Ich weiß es zu würdigen.« Als er es sagte, verspürte er eine Aufwallung ohnmächtigen Hasses, daß sie ihn so in der Hand ha e. Eine unreife, übergeschnappte Neunzehnjährige, die einen ausgewachsenen Sechser bis zur Hilfl osigkeit eingewi- ckelt ha e – es war so unwahrscheinlich, daß es absurd schien. In gewisser Weise war es zum Lachen, andererseits ging es für ihn um nicht weniger als Kopf und Kragen. »Reagieren Sie auf meine Wärme?« fragte sie. »Ja.« »Sie fühlen, wie meine Liebe Sie erreicht, nicht wahr? Passen Sie auf, Sie können es beinahe hören.« Sie lauschte angestrengt. »Meine Liebe wächst, und sie ist wie eine zarte Rebe.« Jason winkte einen Kellner heran. »Was haben Sie zu trinken?« fragte er brüsk. »Bloß Bier und Wein?« »Wir haben auch Marihuana, Sir. Acapulco Gold, die beste Qua- lität. Und Hasch, Handelsklasse A.« »Aber keine Spirituosen, nicht wahr?« »Nein, Sir.« Er entließ den Kellner mit einer Handbewegung. »Sie haben ihn wie einen Diener behandelt«, sagte Kathy vor- wurfsvoll. »Ja.« Er ächzte, schloß die Augen und rieb sich den Nasenrü- cken. Warum jetzt haltmachen? Schließlich war es ihm gelungen, ihren Zorn zu entfl ammen. »Er ist ein lausiger Kellner«, sagte er, »und dies ist ein lausiges Restaurant. Sehen wir zu, daß wir wei- terkommen.«, »Das also bedeutet es, eine Berühmtheit zu sein«, sagte Kathy bi er. »Ich verstehe.« Sie legte die Gabel aus der Hand. »Was glauben Sie zu verstehen?« sagte er ärgerlich. Alles Bemü- hen um Konzilianz und vorsichtige Versöhnlichkeit war verges- sen. Er stand auf, griff zum Mantel. »Ich gehe«, sagte er ihr und zog den Mantel an. »O Go «, murmelte Kathy mit geschlossenen Augen; ihr Mund, formlos verzerrt, hing off en. »O Go , nein. Was haben Sie getan? Wissen Sie, was Sie getan haben? Verstehen Sie es wirklich? Können Sie es begreifen?« Und dann, die Augen geschlossen, die Hände zu Fäusten geballt, zog sie den Kopf ein und begann zu kreischen. Er ha e noch nie solche Schreie gehört und stand wie gelähmt, als die spitzen, gellenden Töne und der Anblick ihres zusammengezogenen, zerrü eten Gesichts auf ihn eindrangen und ihn betäubten. Das sind psychotische Schreie, sagte er sich, die aus dem tiefen Unbewußten kommen. Nicht von einer den- kenden Person, sondern aus tieferen Schichten. Aber das Wissen half nicht. Der Besitzer und die beiden Kellner kamen herbeigeeilt, Tab- le s und Servie en noch in den Händen. Jason sah und regist- rierte Einzelheiten mit seltsamer Klarheit und Verlangsamung; unter ihren Schreien schien alles zu gefrieren. Die mit Gabeln und Löff eln hantierenden kauenden Gäste – alles kam zum Stillstand, und es blieb nur das schreckliche, häßliche Geräusch. Und sie stieß Worte hervor, vulgäre Worte, als lese sie obszöne Grafi i von irgendeinem Bre erzaun, einer Pissoirwand ab. Kurze, peinliche, zerstörerische Worte, die jeden Anwesenden trafen und verletzten, besonders aber ihn. Der Besitzer des Restaurants, dessen gewaltiger Schnurrbart drohend zuckte, nickte seinen Kellnern zu, und gemeinsam hoben sie Kathy von ihrem Stuhl und schlei en sie durch das Restaurant, und hinaus auf die Straße. Jason legte das Geld für die Zeche auf den Tisch und eilte ihnen nach. Am Eingang vertrat der Besitzer ihm den Weg und hielt die Hand auf. »Dreihundert Dollar«, sagte er. »Wofür?« fragte Jason verdutzt. »Daß Sie sie hinausgeschlei haben?« Der Restaurateur schü elte lächelnd den Kopf. »Daß ich die Polizei nicht verständige.« Grimmig bezahlte er. Die Kellner ha en Kathy an der Straßenecke auf den Gehsteig- rand gesetzt. Sie war jetzt still, ha e die Fingerspitzen gegen die Schläfen gepreßt und schaukelte mit geschlossenen Augen vor und zurück, wobei ihr Mund lautlose Worte formte. Die Kellner standen bei ihr und betrachteten sie, off enbar im Ungewissen, ob sie weitere Schwierigkeiten machen würde oder nicht; schließlich nickten sie einander zu und kehrten ins Restaurant zurück. Jason und das Mädchen waren allein auf der Straße unter dem roten und weißen Neonschild. Er kauerte neben ihr nieder und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Diesmal versuchte sie sie nicht abzuschü eln. »Es tut mir leid«, sagte er, und es war ihm ernst. Er ha e geglaubt, sie bluff e, und es ha e sich gezeigt, daß es kein Bluff gewesen war. Sie ha e gewonnen. Ich gebe auf, dachte er, von nun an soll es sein, wie du willst. Du brauchst es bloß zu sagen, aber mach es kurz, in Go es Namen. Laß mich so bald wie möglich aus diesem Spiel aussteigen. Aber er ahnte, daß es nicht so bald sein würde.,

Hand in Hand schlenderten sie durch den Abend, vorbei an den einander überschreienden, blinkenden, rotierenden und

pulsierenden Leuchtreklamen. Diese Art von Nachbarscha gefi el ihm nicht; er ha e sie Tausende von Malen gesehen, überall auf der Erde. Schon früh in seinem Leben ha e er alles darangesetzt, aus diesem Milieu herauszukommen. Und nun war er zurückge- kehrt. Er ha e nichts gegen die Bewohner: er betrachtete sie als Gefan- gene, die ohne eigenes Verschulden zum Bleiben gezwungen waren. Sie ha en dies alles nicht erfunden; sie mochten es nicht; sie ertrugen es, weil sie keine Wahl ha en. Anders als er. Wenn er in ihre grimmigen und verbi erten Gesichter blickte und ihre hängenden Mundwinkel und unglücklichen Augen sah, fühlte er sich schuldig. »Ja«, sagte Kathy endlich, »ich glaube, ich habe mich wirklich in Sie verliebt. Aber es ist Ihre Schuld, es liegt an Ihrem starken magnetischen Feld, das Sie ausstrahlen. Wußten Sie, daß ich es sehen kann?« »Nicht möglich«, sagte er mechanisch. »Es ist von einem samtigen Dunkelpurpur«, sagte Kathy und ergriff seine Hand mit ihren überraschend krä igen Fingern. »Sehr intensiv. Können Sie meins sehen? Meine magnetische Aureole?« »Nein.« »Das überrascht mich. Ich hä e geglaubt, Sie könnten es sehen.« Sie schien jetzt ganz ruhig; der explosive Schreianfall war vorüber und ha e eine relative Stabilität zur Folge. Eine beinahe pseudo- epileptische Persönlichkeitsstruktur, dachte er. Das baut sich all- mählich auf, Tag für Tag, bis es zum Ausbruch kommt ..., »Meine Aureole«, brach sie in seine Gedanken ein, »ist hellrot. Die Farbe der Leidenscha .« »Das freut mich für Sie«, versicherte Jason. Sie blieb stehen und spähte in sein Gesicht, um seinen Ausdruck zu entziff ern. Er ho e, daß es die angemessene Undurchdring- lichkeit zeigte. »Sind Sie böse mit mir, weil ich he ig wurde?« forschte sie. Er verneinte. »Es hört sich aber so an. Ich glaube, Sie sind mir böse. Nun, vielleicht versteht mich nur Jack richtig. Und Mickey.« »Mickey Quinn«, sagte er nachdenklich. »Ist er nicht ein bemerkenswerter Mann?« fragte Kathy. »Sehr.« Er hä e ihr vieles erzählen können, aber es war sinnlos. Sie wollte es nicht wirklich wissen; sie glaubte alles schon zu ver- stehen. Was glaubte sie noch? Was glaubte sie zum Beispiel über ihn zu wissen? Was über Mickey Quinn und Arlene Howe und alle die anderen, die für sie nicht in der Wirklichkeit existierten? Er hä e ihr manches erzählen können, wenn sie fähig gewesen wäre, zuzuhören. Aber sie konnte nicht zuhören. Was sie erführe, würde sie nur ängstigen. »Was ist das für ein Gefühl«, fragte er, »mit so vielen berühm- ten Leuten geschlafen zu haben?« Wieder blieb sie stehen. »Denken Sie, ich hä e mit ihnen geschlafen, weil sie berühmt waren? Meinen Sie, ich sei nur hinter bekannten Namen her? Ist das Ihre wahre Meinung über mich?« Wie ein Fliegenfänger, dachte er. Mit jedem Wort, das er sagte, geriet er tiefer hinein. Er konnte nicht gewinnen. »Ich fi nde«, sagte er, ohne auf ihre Herausforderung einzuge- hen, »daß Sie ein interessantes Leben geführt haben. Sie sind ein interessanter Mensch.«, »Und wichtig«, fügte Kathy hinzu. »Ja«, sagte er. »Auch wichtig. In mancher Hinsicht die wich- tigste Person, der ich je begegnet bin. Es ist eine erregende Erfah- rung.« »Ist das Ihr Ernst?« »Ja«, sagte er mit Nachdruck. Und in einer besonderen, ver- drehten Weise war es tatsächlich die Wahrheit. Niemand, nicht einmal Heather, ha e ihn jemals so vollständig eingewickelt. Er fand es unerträglich, aber er konnte nicht entkommen. Ein rationales Reagieren war ihr gegenüber nicht möglich; ihr Irrationalismus verhinderte es. Die furchtbare Macht der Unlogik, dachte er. Der Archetypen. Sie wirkte aus den Tiefen eines kollek- tiven Unbewußten, das sie und ihn und alle anderen miteinander verknüp e. In einem Knoten, der niemals gelöst werden konnte, solange sie lebten. Kein Wunder, dachte er, daß manche Leute, viele Leute sich nach dem Tod sehnen. »Haben Sie Lust, sich einen Film anzusehen?« fragte Kathy. »Kommt darauf an«, sagte er gleichgültig. »Hier in der Nähe gibt es einen guten. Er spielt auf einem Pla- neten im System Proxima Centauri. Kapitän Kirk tri auf die Sendboten einer unsichtbaren ...« »Den kenne ich«, sagte er. Und tatsächlich ha en sie vor unge- fähr einem Jahr Jeff Pomeroy, der seinerzeit den Kapitän Kirk gespielt ha e, in seiner Schau gehabt. Sie ha en sogar eine kurze Szene aus dem Film ablaufen lassen. Er ha e ihn damals schon albern und langweilig gefunden und wußte, daß sein Urteil jetzt noch negativer ausfallen würde. Außerdem verabscheute er Jeff Pomeroy als Mensch wie als Schauspieler. »Er hat Ihnen nicht gefallen?« fragte Kathy. »Jeff Pomeroy«, sagte er, »ist meiner Meinung nach ein Arsch-, loch. Er und seinesgleichen. Seine Nachahmer.« »Er war eine Zeitlang in Morningside«, sagte Kathy. »Ich lernte ihn nicht näher kennen, aber er war dort.« »Das kann ich mir gut vorstellen.« »Wissen Sie, was er einmal zu mir sagte?« »Wie ich ihn kenne«, meinte Jason, »würde ich sagen ...» »Er sagte, ich sei die zahmste Person, die er je gesehen habe. Ist das nicht interessant? Dabei erlebte er mich in einem von meinen mystischen Zuständen – Sie wissen schon, wenn ich mich auf den Boden werfe und schreie. Und trotzdem sagte er das. Ich fi nde, der Mann hat ein sehr feines Wahrnehmungsvermögen. Meinen Sie nicht?« »Ja«, sagte er. »Wollen wir dann in mein Zimmer zurückgehen?« fragte Kathy. »Und rammeln wie die Kaninchen?« Er grunzte ungläubig. Ha e sie das wirklich gesagt? Er wandte den Kopf, um ihr Gesicht zu sehen, aber sie waren gerade in einem dunklen Straßenabschni , und er konnte ihre Züge nicht ausma- chen. Jesus, dachte er, ich muß schleunigst aus dieser Situation heraus! Ich muß den Weg zurück in meine eigene Welt fi nden! »Stört Sie meine Aufrichtigkeit?« fragte sie. »Nein«, antwortete er grimmig. »Aufrichtigkeit stört mich nie. Ein reifer Mensch muß sie vertragen können. Alle Arten von Auf- richtigkeit«, fügte er hinzu. »Vor allem aber die Ihre.« »Was ist meine?« fragte Kathy. »Aufrichtige Aufrichtigkeit.« »Dann verstehen Sie mich also doch.« »Ja«, sagte er und nickte. »Das tue ich wirklich.« »Und Sie sehen nicht auf mich herab? Sie betrachten mich nicht als eine kleine und wertlose Person, die tot sein sollte?« »Nein«, erwiderte er. »Sie sind eine sehr wichtige Person. Und, sehr aufrichtig dazu. Einer der aufrichtigsten und ehrlichsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Das ist mein voller Ernst; ich schwöre es.« Sie klapste ihn freundlich auf den Arm. »Deswegen brauchen Sie nicht gleich Ihre Gefühle aufzupeitschen. Lassen Sie es natür- lich kommen.« »Es kommt natürlich«, versicherte er. »Wirklich.« »Gut«, sagte Kathy, und es klang fröhlich. Anscheinend ha e er ihre Besorgnisse zerstreut; sie fühlte sich seiner sicher. Und davon hing sein Leben ab ... oder vielleicht nicht? War es nicht eher so, daß er vor ihrer pathologischen Denkweise kapitulierte? Er wußte es nicht. »Hören Sie«, sagte er stockend, »ich will Ihnen was sagen und möchte, daß Sie mir jetzt gut zuhören: Sie gehören in eine geschlossene Abteilung für kriminelle Geisteskranke. Haben Sie mich verstanden?« Sie reagierte nicht; sie sagte kein Wort. Es war beängstigend. »Und ich werde mich so weit wie nur möglich von Ihnen fern- halten«, sagte er. Mit einem Ruck entzog er ihr die Hand, machte kehrt und ging in die Richtung davon, aus der sie gekommen waren. Er blickte nicht zurück und ließ sich von der Menge trei- ben, die sich in unau örlichem Strom die unsauberen, neoner- hellten Gehsteige dieses unerfreulichen Stad eils entlangwälzte. Ich bin sie los, dachte er, und mit ihr habe ich wahrscheinlich mein verdammtes Leben verloren. Was nun? Er blieb an einer Ecke stehen und sah sich um. Trage ich einen Miniatursender mit mir herum, wie sie sagte? Gebe ich mich mit jedem Schri , den ich tue, der Polizei preis? Er dachte an den fröhlichen Charley und daß er ihm den Rat gegeben ha e, Heather Hart aufzusuchen. Und wie jedermann im Fernsehland weiß, irrt der fröhliche Charley sich nie., Aber wenn Al Bliss und Bill Wolfer ihn nicht erkannt ha en, warum sollte Heather ihn erkennen? Aber Heather, dachte er, ist ein Sechser wie ich. Der einzige andere Sechser, den ich kenne. Vielleicht macht das einen Unterschied. Er fand eine öff entliche Telefonzelle, ging hinein, schloß die Tür gegen den Verkehrslärm und warf eine Münze in den Schlitz. Hea- ther Hart ha e mehrere Anschlüsse, die in keinem Telefonbuch standen. Für geschä liche Anrufe, für persönliche Freunde und einen für – um es unumwunden zu sagen – Liebhaber. Er kannte natürlich diese Nummer, nachdem er für Heather gewesen war, der er gewesen und noch immer war, wie er ho e. Der kleine Bildschirm wurde hell. Verwischte Bewegungen im Hintergrund sagten ihm, daß sie den Anruf in ihrem Wagen annahm. »Hallo«, sagte Jason. Heather beschirmte die Augen mit der Hand, um ihn deutlicher zu sehen, dann sagte sie ärgerlich: »Wer zum Teufel sind Sie?« Die grünen Augen blitzten. Das rote Haar schimmerte. »Jason.« »Ich kenne keinen Jason. Wie sind Sie zu dieser Nummer gekom- men?« Ihre Stimme klang beunruhigt, aber auch rauh. »Gehen Sie aus meiner Leitung! Wer hat Ihnen diese Nummer gegeben? Ich will seinen Namen.« »Du hast mir die Nummer vor sechs Monaten selbst gegeben, als du sie einrichten ließest. Die privateste deiner Privatnummern, nanntest du sie damals.« »Wer hat Ihnen das erzählt?« »Du selbst. Wir waren in Madrid. Du warst bei Außenauf- nahmen, und ich gönnte mir sechs Tage Urlaub, nicht weit Von deinem Hotel. Jeden Nachmi ag um drei pfl egtest du mit dem Wagen herüberzukommen. Stimmt‘s?«, Heather schwieg einen Moment lang, dann sagte sie schnell und zornig: »Sind Sie von einem Magazin?« »Nein«, sagte Jason. »Ich bin dein Geliebter Nummer Eins.« »Mein was?« »Liebhaber.« »Sind Sie ein Fan? Ja, das muß es sein, Sie sind ein Fan, ein verdammter Prolet, der nichts Besseres zu tun hat, als unsereinem nachzuspionieren. Wenn Sie mich nochmals belästigen, hetze ich Ihnen die Polizei auf den Hals!« Es knackte; das Bild erlosch. Hea- ther ha e aufgelegt. Er steckte eine weitere Münze in den Schlitz und wählte ein zweites Mal. »Schon wieder der Proletenfan«, sagte Heather. Sie schien jetzt mehr gefaßt. Oder war es Resignation? »Du hast einen falschen Zahn«, sagte Jason. »Wenn du mit einem deiner Liebhaber beisammen bist, klebst du ihn mit einem besonderen Kunstharzzement fest, den du bei Harney kaufst. Aber bei mir nimmst du den Zahn manchmal heraus und tust ihn in ein Glas, zusammen mit Doktor Slooms Reinigungsschaum. Das ist das Reinigungsmi el, welches du bevorzugst, weil es dich an die Zeiten erinnert, als Bromo Seltzer noch überall zu haben und kein Schwarzmarktartikel war, den die Leute im Keller zusammen- brauen ...« »Wie sind Sie zu diesen Informationen gekommen?« unterbrach ihn Heather. Ihr Gesicht war wie eine Maske, ihre Stimme klang hart und direkt. Er kannte diesen Tonfall. Heather verwendete ihn bei Leuten, die sie verabscheute. »Rede nicht in diesem Ton mit mir«, sagte er ärgerlich. »Dein falscher Zahn ist ein Backenzahn, und du nennst ihn Andy. Rich- tig?« »Ein Proletenfan weiß alles das über mich. Mein Go ! Das bestätigt meine schlimmsten Befürchtungen. Wie heißt Ihr Klub,, und wieviel Fans gehören dazu, und von wo sind Sie und wie zum Teufel sind Sie in den Besitz von derartigen Informationen über mein Privatleben gekommen, die zu kennen Sie überhaupt kein Recht haben? Was Sie tun, ist illegal; es ist eine Verletzung der Intimsphäre. Wenn Sie mich noch einmal belästigen, werde ich Anzeige ersta en, so wahr mir Go helfe!« Sie machte eine Bewegung, als wollte sie aufl egen. »Ich bin ein Sechser«, sagte Jason hastig. »Ein was? Was für ein Sechser? Haben Sie sechs Beine; ist es das? Oder vielleicht sechs Köpfe?« »Du bist auch ein Sechser«, sagte er. »Und das hat uns all diese Jahre zusammengehalten.« »Das überlebe ich nicht«, sagte Heather, aschfahl im Gesicht; obwohl das Licht so ungünstig war, daß er ihre Züge nicht deut- lich ausmachen konnte, blieb ihm die Verfärbung nicht verborgen. »Was verlangen Sie, damit Sie mich in Ruhe lassen? Ich wußte immer, daß eines Tages irgendein Proletenfan daherkommen und...« »Hör auf, mich einen Proletenfan zu nennen«, sagte Jason scharf. Es machte ihn wütend, beleidigte ihn mehr als alles andere. »Was wollen Sie?« fragte Heather. »Dich bei Altrocci treff en.« »Ja, ich hä e mir denken können, daß Sie auch darüber Bescheid wissen. Das einzige Lokal, in das ich gehen kann, ohne von Hohl- köpfen angehauen zu werden, die meine Unterschri auf Speise- karten wollen, die ihnen nicht mal gehören.« Sie seufzte. »Nun, das ist jetzt vorbei. Ich werde Sie weder bei Altrocci noch sonstwo treff en. Lassen Sie mich in Ruhe, oder ich lasse Sie von meinen Leibwächtern entmannen und ...« »Du hast nur einen Leibwächter«, unterbrach er sie. »Er ist zwei- undsechzig Jahre alt und heißt Fred. Früher war er Scharfschütze, bei der Bürgerwehr und pfl egte auf Studenten der Fullerton-Uni- versität Jagd zu machen. Damals war er vielleicht gut, aber jetzt braucht man ihn nicht mehr zu fürchten.« »So, meinen Sie?« sagte Heather. »Gut, dann will ich dir noch etwas erzählen, was für uns eine gemeinsame Erinnerung ist. Sagt dir der Name Constance Ellar etwas?« »Ja«, sagte Heather. »Dieses unbedeutende Starlet, das wie eine Barbiepuppe aussah, nur war ihr Kopf zu klein, und der Körper sah aus, als ob jemand sie mit einer Kohlensäurepatrone aufge- blasen hä e.« Ihre Lippen kräuselten sich. »Sie war primitiv und absolut dumm.« »Richtig«, sagte er. »Primitiv und absolut dumm. Das ist die genaue Bezeichnung. Erinnerst du dich, was wir bei meiner Schau mit ihr machten? Es war ihr erster großer Fernsehau ri , weil ich sie im Rahmen eines Froduktionsvertrags bringen mußte. Erin- nerst du dich noch, was wir machten, du und ich?« Stille. »Als Gegenleistung dafür, daß sie in der Schau herausgestellt wurde, erklärte ihr Agent sich damit einverstanden, daß sie für einen unserer Förderer einen Werbespot machte. Wir waren neu- gierig, was für ein Produkt es war, und bevor Miß Ellar au reuzte, öff neten wir die Tüte und entdeckten, daß es ein Enthaarungs- spray für die Beine war. Mein Go , Heather, du mußt dich ...« »Ich höre«, sagte Heather. »Also, wir nahmen die Dose mit dem Enthaarungsspray heraus und taten eine Dose mit Intimspray des gleichen Fabrikats hinein, ohne die schri liche Regieanweisung zu verändern, die einfach lautete: ›Vorführung des Produkts mit Ausdruck von Zufrieden- heit und Wohlbefi nden‹. Dann machten wir uns davon und war- teten ab.«, »Meinen Sie.« »Bald darauf kam Miß Ellar, ging in ihre Garderobe, öff nete die Tüte, um dann – und das ist der Teil, über den ich mich noch immer kapu lachen kann –, um dann zu mir zu kommen und in völligem Ernst zu sagen: ›Mr. Taverner, es tut mir leid, Sie damit zu belästigen, aber zur Vorführung des Intimsprays werde ich Rock und Schlüpfer ausziehen müssen. Direkt vor der Fernsehkamera.‹ ›Und?‹ sagte ich. ›Wo liegt das Problem?‹ Und Miß Ellar sagte: ›Ich werde einen kleinen Tisch brauchen, auf dem ich die Kleider able- gen kann. Ich kann sie nicht einfach auf den Boden fallenlassen; das würde unordentlich aussehen. Ich meine, wenn ich mir vor dreißig Millionen Zuschauern dieses Zeug in die Vagina sprühen muß, kann ich die Kleider nicht einfach so schlampig herumliegen lassen; das macht keinen guten Eindruck.‹ Sie hä e die Vorfüh- rung tatsächlich gemacht, wenn Al Bliss nicht ...« »Das ist eine ziemlich geschmacklose Geschichte.« »Trotzdem, damals fandest du sie recht lustig. Dieses dumme Mädchen, bei seiner ersten großen Chance vor der Fernsehkamera bereit, so etwas zu tun! ›Vorführung des Produkts mit einem Aus- druck von Zufriedenheit und ...‹« Heather legte auf. Wie sollte er sich ihr verständlich machen? In wütender Ver- zweifl ung knirschte er mit den Zähnen und biß sich beinahe eine Zahnfüllung heraus. Er haßte dieses Gefühl, den dumpfen, zie- henden Schmerz. Konnte sie nicht begreifen, daß seine präzise Kenntnis aller Einzelheiten ihres Privatlebens etwas bedeutete? Wer konnte von diesen Dingen wissen? Off ensichtlich doch nur jemand, der ihr längere Zeit sehr nahegestanden ha e. Eine andere Erklärung gab es nicht, und doch ha e sie sich eine so vollendete Erklärung zurechtgemacht, daß er nicht durchdringen konnte. Abermals warf er eine Münze ein und wählte., »Da bin ich wieder«, sagte er, als Heather endlich abnahm. »Auch das weiß ich über dich«, sagte er. »Du kannst ein Telefon nicht läuten lassen; darum hast du zehn private Anschlüsse, jeden für einen anderen besonderen Zweck.« »Ich habe drei«, sagte Heather. »Also wissen Sie nicht alles.« »Ich möchte bloß ...« »Wieviel?« »Hör endlich damit auf«, sagte er scharf. »Du kannst mich nicht kaufen, denn das ist nicht, was ich will. Ich will – hör mich an, Heather – ich will wissen, warum mich niemand kennt. Du vor allem. Und weil du ein Sechser bist, dachte ich, du hä est viel- leicht eine Erklärung dafür. Kannst du dich überhaupt nicht an mich erinnern? Sieh mich an!« Sie spähte in den kleinen Bildschirm, eine Augenbraue skep- tisch hochgezogen. »Sie sind jung, aber nicht sehr jung. Sie sehen gut aus, Ihre Stimme ist anmaßend, und Sie haben keine Hem- mungen, mich in dieser Form zu belästigen. Sie sind nach Ausse- hen, Stimme und Benehmen genau das, was man sich unter einem Proletenfan vorstellt. Also, sind Sie nun zufrieden?« »Ich bin in Schwierigkeiten«, sagte er. Es war völlig irrational von ihm, ihr das zu sagen, da sie keinerlei Erinnerung an ihn ha e. Aber im Laufe der Jahre war es ihm zur Gewohnheit geworden, ihr seine Probleme vorzutragen und sich ihre Sorgen anzuhören, und die Gewohnheit war nicht gestorben. Die Gewohnheit igno- rierte die reale Situation; sie lief in ihren eigenen Bahnen weiter. »Das ist Ihr Pech«, sagte Heather. »Niemand erinnert sich an mich«, sagte Jason. »Und ich habe keine Geburtsurkunde. Ich wurde nie geboren, nicht mal gebo- ren! Also habe ich natürlich keine Ausweispapiere, bis auf einen gefälschten Satz, den ich für zweitausend Dollar von einem Poli- zeispitzel gekau habe, plus eintausend für die Vermi lung. Ich, trage die Papiere mit mir herum, aber es kann sein, daß Mikrosen- der eingebaut sind. Obwohl ich weiß, daß diese Gefahr besteht, muß ich die Ausweispapiere bei mir haben; du weißt, warum – selbst wenn man ganz oben ist wie du, weiß man, wie diese Gesellscha funktioniert. Gestern ha e ich noch dreißig Millionen Fernsehzuschauer, die aufgeschrien hä en, wenn ich von einem Polizisten auch nur angerührt worden wäre. Heute habe ich die besten Aussichten, in einem ZAL zu landen.« »Was ist ein ZAL?« »Ein Zwangsarbeitslager«, stieß er hervor. »Die hinterlistige kleine Schlampe, die meine Papiere fälschte, brachte mich dazu, daß ich sie in ein heruntergekommenes italienisches Restaurant führte, und als wir dort saßen und redeten, warf sie sich plötz- lich auf den Boden und kreischte. Sie ist psychotisch, eine frühere Insassin der Heilanstalt in Morningside, wie sie selbst zugab. Das kostete mich weitere dreihundert Dollar, und wer weiß, vielleicht hat sie schon die Polizei auf mich gehetzt.« Im Überschwang seines Selbstmitleids fügte er hinzu: »Wahrscheinlich wird dieses Gespräch schon abgehört.« »O Go , nein!« rief Heather entsetzt und legte wieder auf. Er ha e keine passenden Münzen mehr, und so gab er auf. Er sah ein, daß es dumm von ihm gewesen war, von der Überwa- chung der Leitung zu sprechen. Das hä e jeden zum Abbruch des Gesprächs veranlaßt. Er ha e sich im Netz seiner eigenen Worte verfangen und seine Chance ruiniert. Er stieß die Tür der Telefonzelle auf und stand wieder draußen auf dem belebten nächtlichen Gehsteig. Willkommen im Slum, dachte er bi er, wo die Polizeispitzel wohnen. Wäre es einem anderen passiert, würde es komisch sein, aber es passiert mir. Nein, es ist weder so noch so komisch. Wenn jemand leidet, ist es nie komisch., Ich wünschte, ich hä e den Anruf und alles, was Kathy zu mir und ich zu Kathy sagte, aufnehmen können. Mit Originalton und in Farbe wäre es eine hübsche Sache für meine Schau, irgendwo gegen das Ende zu, wo uns gelegentlich der Stoff ausgeht. Von wegen gelegentlich: meistens. Immer. Er konnte seine Ansage förmlich hören: »Was kann einem Mann geschehen, einem braven Mann ohne Vorstrafen, einem Mann, der eines Tages seine Ausweispapiere verliert und sich vor die Frage gestellt sieht ...« Und so weiter. Es würde das Publikum faszinieren, alle dreißig Millionen, denn es war genau das, was jeder von ihnen fürchtete. »Ein unauff älliger Mann«, würde er fortfahren, »und doch ein Gebrandmarkter. Was wird aus einem solchen Menschen, wenn er nicht ersetzen kann, was ...« Blabla. Weiter und weiter. Zum Teufel damit! Nicht alles, was er tat oder sagte oder erlebt ha e, kam in die Schau; und so ging es auch mit dieser Geschichte. Wie er hier auf der Straße stand, war er auch nur ein Verlierer unter vielen. Viele sind berufen, sagte er sich, doch wenige sind auserwählt. Ich werde einen anderen Fälscher suchen, beschloß er, einen, der kein Informant der Polizei ist, und mir einen komple en Satz neuer Ausweispapiere besorgen, dies- mal welche ohne Mikrosender. Und dann werde ich eine Schuß- waff e brauchen. Ich hä e daran denken sollen, als ich in diesem Hotelzimmer aufwachte, sagte er sich. Einmal, vor Jahren, als das Reynolds- Syndikat versucht ha e, sich in seine Schau einzukaufen, ha e er sich eine Pistole zugelegt. Und Kathys ›mystische Trance‹, ihr Schreianfall. Während dieses Teils würde zur Au lärung der Fernsehteilnehmer vor dem Hin- tergrund ihrer Schreie eine reife männliche Stimme eingeblendet: »Dies zeigt, was es heißt, psychotisch zu sein. Psychotisch sein bedeutet Leiden, Leiden über alles erträgliche Maß hinaus ...« Und, so fort. Blabla. Mit einem tiefen Atemzug inhalierte er die kalte Nachtlu , zog fröstelnd die Schultern hoch, rammte die Hände tief in seine Hosentaschen und ließ sich vom Strom der Passanten mitnehmen. Und sah sich kurze Zeit später am Ende einer Schlange von Wartenden, die sich in Zehnerreihen vor einem Kontrollpunkt der Polizei gestaut ha en. Ein grauuniformierter Polizist lungerte am Ende der Schlange herum und paßte auf, daß niemand kehrt- machte und in die entgegengesetzte Richtung ging. »Können Sie sich nicht ausweisen?« sagte er zu Jason, als dieser das Weite suchen wollte. »Selbstverständlich«, sagte Jason. »Das ist gut für Sie«, erwiderte der Polizist lächelnd. »Denn wir kontrollieren hier schon seit acht Uhr früh und haben unsere Quote noch immer nicht beisammen.«,

Zwei stämmige graue Polizisten packten den Mann vor Jason bei den Armen und sagten unisono: »Diese Kennkarte wurde

vor einer Stunde gefälscht; sie ist noch feucht. Sehen Sie? Sehen Sie, wie die Tinte unter der Hitze läu ? In Ordnung!« Sie nickten und reichten ihn zwei anderen Polizisten weiter, und der Mann ver- schwand in einem bereitstehenden Gefangenentransportwagen in den unheilvollen schwarzen und grauen Farben der Polizei. »Nun zeigen Sie mal her«, sagte einer der Polizisten in gemüt- lichem Ton zu Jason. »Sehen wir, wann Ihre gemacht worden sind.« »Ich habe meine Papiere seit Jahren«, sagte Jason. Er zog die Brie asche, nahm die Ausweise heraus und reichte sie den Poli- zisten. »Vergleich die Unterschri en«, sagte der Dienstältere zu seinem Kameraden. »Sieh nach, ob sie sich decken.« Kathy ha e recht gehabt. »Nein, sie decken sich nicht«, sagte der andere nach kurzer Untersuchung. »Aber diese Militärdienstbescheinigung hier scheint einen Mikrosender gehabt zu haben, der weggekratzt wurde. Ich muß mir das unter der Lupe ansehen.« Er schaltete Licht ein, legte die gefälschte Karte unter die Linse und betrach- tete kritisch die stark vergrößerten Details. »Siehst du?« sagte er zu seinem Kollegen. Dieser wandte sich zu Jason. »Ha e diese Bescheinigung einen elektronischen Punkt, als Sie aus dem Militärdienst entlassen wurden?« fragte er. »Können Sie sich erinnern?« Beide musterten Jason, während sie auf seine Antwort warteten. Was zum Teufel sollte er sagen? »Ich weiß es wirklich nicht«,, meinte er achselzuckend. »Ich weiß nicht mal, wie ein ...« Er wollte sagen ›Mikrosender‹, korrigierte sich aber noch rechtzeitig und sagte: »... wie ein elektronischer Punkt aussieht.« »Es ist ein Punkt, Mister«, sagte der Jüngere der beiden. »Hören Sie überhaupt zu? Stehen Sie unter Drogen?« Zu seinem Kollegen: »Sieh mal; auf seiner Drogenstatuskarte fehlt jede Eintragung für das letzte Jahr.« Der andere hob die Schultern. »Das ist ein Vergehen, aber es beweist, daß seine Papiere nicht gefälscht sind, denn wer würde einen strafwürdigen Tatbestand fälschen? Der Betreff ende müßte schon verrückt sein.« »Ja«, sagte Jason. »Nun, Drogenkontrolle fällt nicht in unsere Zuständigkeit«, sagte der dienstältere Polizist. Er gab Jason die Ausweispapiere zurück. »Das werden Sie mit Ihrem Drogeninspektor ausmachen müssen. Sie können weitergehen.« Er schob Jason mit der Linken aus dem Weg, während er mit der Rechten die Papiere des nächs- ten Mannes entgegennahm. »Ist das alles?« sagte Jason zu einem der anderen Polizisten. Er konnte es nicht glauben. »Natürlich! Was wollen Sie noch?« Jason machte, daß er weiterkam. Aus dem Scha en eines Hauseingangs löste sich eine schmäch- tige Gestalt und berührte seinen Arm, als er vorbeigehen wollte. Kathy. Er erstarrte, fühlte sich von innen heraus zu Eis werden. »Wie denken Sie jetzt von mir?« sagte sie. »Wie urteilen Sie jetzt über meine Arbeit und das, was ich für Sie tat?« »Die Papiere scheinen ihren Zweck zu erfüllen«, sagte er reser- viert. »Ich werde Sie nicht ausliefern«, sagte Kathy, »obwohl Sie mich beleidigten und im Stich ließen. Aber Sie müssen heute nacht bei, mir bleiben, wie Sie es versprochen ha en. Verstehen Sie?« Er mußte sie bewundern. Durch ihren Aufenthalt in der Nähe der Kontrollstelle ha e sie sich vergewissert, daß ihre gefälsch- ten Dokumente gut genug waren, um ihn durch die Polizeisperre zubringen. Damit ha e das Verhältnis zwischen ihnen eine Ver- änderung erfahren: er war jetzt in ihrer Schuld. Der Status des geschädigten Opfers stand ihm nicht länger zu. Nun war er ganz in ihrer Hand. Zuerst die Peitsche: die Dro- hung, ihn der Polizei auszuliefern. Dann das Zuckerbrot: die ein- wandfrei gefälschten Ausweispapiere. Das Mädchen ha e ihn. Er mußte es zugeben, ihr gegenüber und sich selbst. »Ich hä e Sie sowieso durch die Kontrolle gebracht«, sagte Kathy. Sie hielt den rechten Arm hoch und zeigte auf eine Stelle des Ärmels. »Ich habe hier eine graue Identitätsplake e der Polizei; sie leuchtet unter dem Vergrößerungsgerät auf. So werde ich nicht aus Versehen festgenommen. Ich hä e den Polizisten gesagt...« »Lassen Sie«, unterbrach er sie barsch. »Ich will nichts davon hören.« Er ging weiter und ließ sie stehen. Schon nach wenigen Schri en war sie wieder an seiner Seite. »Wollen wir wieder auf mein Zimmer gehen?« fragte sie. »Dieses verdammte schäbige Loch.« In Malibu habe ich ein Haus, dachte er, mit acht Schlafzimmern, sechs Bädern und einem vierdimensionalen Wohnzimmer mit einer Unendlichkeitsdecke. Und wegen irgendwelcher Vorgänge, die ich nicht verstehe und auf die ich keinen Einfl uß habe, muß ich meine Zeit so verbrin- gen. – Wurde er damit für böse Taten bestra ? Etwas, wovon er nichts wußte? Aber es gibt keinen Fluch der bösen Tat, dachte er, genausowenig wie man für gute Taten belohnt wird. Er ha e das schon vor langer Zeit gelernt: am Ende kommt alles ungleich heraus, und von höherer Gerechtigkeit kann keine Rede sein. »Raten Sie mal, was für morgen an der Spitze meiner Einkaufs-, liste steht«, sagte Kathy. »Tote Fliegen. Wissen Sie warum?« »Sie sind reich an Protein.« »Ja, aber das ist nicht der Grund; ich besorge sie nicht für mich selbst. Jede Woche kaufe ich einen Beutel für Bill, meine Schild- kröte.« »Ich habe keine Schildkröte gesehen.« »Sie ist in meiner anderen Wohnung. Sie glaubten doch nicht im Ernst, ich würde tote Fliegen für mich selbst kaufen, oder?« »De gustibus non disputandum est«, zitierte er. »Sehen wir mal. Über Geschmack läßt sich nicht streiten. Stimmt‘s?« »Richtig«, sagte er. »Und es bedeutet, daß Sie sich nicht genie- ren und ruhig tote Fliegen essen sollten, wenn sie Ihnen schme- cken.« »Bill tut das; er mag sie. Er ist eine von diesen grün und weiß gestrei en kleinen Schildkröten ... keine Landschildkröte. Haben Sie jemals beobachtet, wie sie nach Nahrung schnappen, nach einer Fliege, die über ihnen auf dem Wasser treibt? Es ist ja nur ein kleines Tier, aber es ist furchtbar. Jetzt ist die Fliege noch da, und – glunk! – einen winzigen Augenblick später ist sie in der Schild- kröte.« Sie lachte. »Und wird verdaut. Daraus kann man eine Lek- tion lernen.« »Was für eine Lektion?« fragte er, doch dann kam ihm die Erleuchtung. »Daß, wenn sie beißen«, sagte er, »sie entweder alles oder gar nichts kriegen, aber niemals einen Teil.« »Das ist meine Einstellung.« »Wie ist es jetzt?« fragte er sie. »Haben Sie alles oder nichts?« »Ich – ich weiß nicht. Eine gute Frage. Also, Jack habe ich nicht, aber vielleicht will ich ihn gar nicht mehr. Es ist so verdammt lange her. Ich denke, ich brauche ihn immer noch. Aber ich brauche Sie mehr.«, »Ich dachte, Sie wären eine, die zwei Männer gleichzeitig lieben kann.« »Habe ich das gesagt?« Sie grübelte nach, während sie gingen. »Was ich meinte, war, daß es ideal wäre, daß man dem Ideal im wirklichen Leben aber nur nahekommen kann, ohne es je ganz zu erreichen ... verstehen Sie? Können Sie meinem Gedankengang folgen?« »Ich kann ihm folgen«, sagte er, »und ich kann sehen, wo er hinführt. Er führt zu einer zeitweiligen Aufgabe Jacks, solange ich da bin, und dann zu einer psychologischen Rückkehr zu ihm, wenn ich fort bin. Machen Sie es jedesmal so?« »Ich gebe ihn nie auf«, sagte sie in gekränktem Ton. Sie gingen schweigend weiter, bis sie das alte Gebäude mit dem Wald von rostenden Fernsehantennen auf dem Dach erreichten, in dem sie wohnte. Kathy fummelte in ihrer Handtasche, fand den Schlüssel, und sie gingen hinauf in ihr Zimmer. Das Licht war eingeschaltet, und auf dem schimmeligen Sofa saß ein grauhaariger, untersetzter Mann vorgerückten Alters, dessen äußere Erscheinung nur als makellos bezeichnet werden konnte. Sein grauer Anzug saß perfekt, die schweren, fl eischigen Wangen waren sauber rasiert und zeigten nicht die winzigste Schni wunde oder rote Stelle, und jedes Haar auf seinem Kopf lag so, wie es liegen sollte. »Mr. McNulty?« sagte Kathy mit stockender Stimme. Der Mann stand auf und streckte Jason die Rechte entgegen. Jason trat mechanisch einen Schri auf ihn zu und streckte seiner- seits die Rechte aus, um dem anderen die Hand zu schü eln. »Nein«, sagte der Untersetzte. »Ich bin nicht gekommen, Ihnen die Hand zu schü eln; ich möchte Ihre Ausweispapiere sehen, diejenigen, die das Mädchen für Sie gemacht hat. Geben Sie schon her.«, Wortlos, denn es gab nichts zu sagen, händigte Jason ihm seine Brie asche aus. »Die hast du nicht gemacht, Kathy«, sagte McNulty nach fl üch- tiger Inspektion. »Es sei denn, du hast dich enorm verbessert.« »Einige von diesen Papieren habe ich seit Jahren«, versicherte Jason. »So, haben Sie«, murmelte McNulty. Er gab Jason Brie asche und Papiere zurück. »Wer hat ihm die Wanze angehängt? Du?« sagte er zu Kathy. »Oder war‘s Ed?« »Ed«, sagte Kathy. »Sehen wir uns mal an, was für ein Vogel uns da zugefl ogen ist«, sagte McNulty und begann Jason kritisch zu taxieren, als ob er für einen Sarg Maß nähme. »Ein Mann Mi e bis Ende vier- zig, gut gekleidet, modischer Schni . Teure Schuhe ... aus echtem Leder gemacht. Habe ich recht, Mr. Taverner?« »Sie sind aus Rindsleder«, sagte Jason. »Nach Ihren Papieren sind Sie Musiker«, sagte McNulty. »Spie- len Sie ein Instrument?« »Ich singe.« »Dann singen Sie uns was vor.« »Gehen Sie zum Teufel«, erwiderte Jason, aber es gelang ihm, seinen Atem unter Kontrolle zu halten, und die Worte kamen genauso heraus, wie er es wollte: nicht zu energisch, nicht zu schwächlich. McNulty nickte Kathy zu. »Er ist nicht gerade unterwürfi g. Weiß er, wer ich bin?« »Ja«, sagte Kathy und schluckte. »Ich – sagte es ihm. Zum Teil.« »Du hast ihm von Jack erzählt«, sagte McNulty und wandte sich wieder zu Jason. »Es gibt keinen Jack, müssen Sie wissen. Sie glaubt es, aber es ist eine Wahnvorstellung. Ihr Mann kam vor drei, Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben; er war nie in einem Zwangsarbeitslager.« »Jack lebt«, sagte Kathy. »Sehen Sie?« sagte McNulty zu Jason. »Sie hat sich ziemlich gut an die Umwelt angepaßt, bis auf diese eine fi xe Idee. Die wird sie nicht los; die braucht sie, um ihr Leben im Gleichgewicht zu halten.« Er zuckte die Achseln. »Warum nicht? Es ist eine harm- lose Vorstellung, und sie hält sie in Schwung. Also haben wir nicht versucht, psychiatrisch damit fertig zu werden.« Kathy ha e still zu weinen begonnen. Große Tränen gli en über ihre Wangen und trop en auf die Bluse. »In den nächsten Tagen werde ich mit Ed Pracim sprechen«, sagte McNulty. »Ich werde ihn fragen, warum er Ihnen die Abhör- wanze angehängt hat. Er ist ein Mann, der viel von seinen Vermu- tungen hält; es muß so eine Vermutung gewesen sein.« Er stand da und schien in Nachdenken zu versinken; dann hob er plötzlich den Kopf und sagte: »Vergessen Sie nicht, die Ausweispapiere in Ihrer Brie asche sind Reproduktionen von Originaldokumenten, die in verschiedenen Datenzentralen archiviert sind. Ihre Repro- duktionen sind zufriedenstellend, aber ich werde eventuell die Originale überprüfen. Hoff en wir, sie sind ebenso in Ordnung wie die Repros, die Sie bei sich haben.« »Aber das ist ein ungewöhnliches Verfahren, Mr. McNulty«, sagte Kathy mit schwacher Stimme. »Statistisch gesehen ...» »In diesem Fall«, sagte McNulty, »glaube ich, daß es sich lohnt.« »Warum?« fragte Kathy. »Weil wir glauben, daß du uns nicht alle auslieferst, die zu dir kommen. Vor einer halben Stunde passierte dieser Taverner anstandslos eine Straßenkontrolle. Wir folgten den Signalen des Senders hierher, und seine Papiere scheinen in Ordnung zu sein., Aber Ed sagt ...« »Ed trinkt«, warf Kathy ein. »Aber wir können auf ihn zählen.« McNulty lächelte nicht unfreundlich. »Während wir uns auf dich nicht ganz verlassen können.« Jason brachte seine Militärdienstbescheinigung zum Vorschein und zog die Plastiktonspur am unteren Rand zwischen den Fin- gernägeln durch. Eine dünne, blecherne Stimme sagte: »Kleiner Mann, was nun?« »Wie könnte das gefälscht sein?« sagte er. »Das ist die Stimme, die ich vor zehn Jahren ha e, als ich aus dem Reservedienst ent- lassen wurde.« »Das bezweifl e ich«, sagte McNulty. Er blickte auf die Arm- banduhr und wurde amtlich. »Sind wir Ihnen etwas schuldig, Miß Nelson? Oder sind wir für diese Woche klar?« »Klar«, sagte sie, und es schien sie einige Anstrengung zu kosten. Dann fügte sie in unsicherem, halb gefl üstertem Ton hinzu: »Nach Jacks Entlassung werden Sie überhaupt nicht mehr auf mich zählen können.« »Für dich, mein Kind«, sagte McNulty väterlich, »wird Jack nie herauskommen.« Er zwinkerte Jason zu, und Jason zwinkerte zurück. Zweimal. Er verstand McNulty. Der Mann lebte von den Schwächen anderer; was Kathy an Manipulation anwendete, ha e sie wahrscheinlich von ihm gelernt. Und von seinesgleichen. Er konnte jetzt verstehen, wie sie zu dem geworden war, was sie war. Verrat war ein alltägliches Ereignis; die Weigerung, jeman- den zu verraten, wie in seinem Fall, war überaus ungewöhnlich. Er konnte sich nur darüber wundern und dankbar sein. Wir haben einen Staat, der durch Verrat funktioniert, dachte er. Als ich eine Berühmtheit war, war ich bevorrechtet. Jetzt bin ich wie jeder andere: ich muß mich jetzt mit dem auseinanderset-, zen, was sie ihr Leben lang bedrückt. In längst vergangenen Tagen mußte auch ich damit leben, doch später verdrängte ich es, weil es zu unerfreulich war, um daran zu glauben. Sobald ich die Wahl ha e, entschied ich mich dafür, nicht zu glauben. McNulty legte die fl eischige Hand auf Jasons Schulter und sagte: »Sie kommen mit mir.« »Wohin?« verlangte Jason zu wissen, und er wich unwillkür- lich vor McNulty zurück, gerade so wie Kathy vor ihm zurück- gewichen war. Auch das ha e sie von den McNultys dieser Welt gelernt. »Sie können ihn keines Vergehens anklagen!« sagte Kathy mit heiserer Stimme. »Wir erheben keine Anklage gegen ihn«, erwiderte McNulty freundlich. »Ich möchte nur seine Fingerabdrücke, Fußabdrücke, Stimmaufnahme und das EKG-Wellenmuster. In Ordnung, Mr. Tavern?« Jason sagte: »Ich möchte einen Polizeibeamten nicht gern kor- rigieren ...« Er brach ab, als er Kathys warnenden Blick auffi ng. »Ich meine, Sie tun bloß Ihre Pfl icht, also werde ich mitkommen«, schloß er lahm. Vielleicht ha e Kathy recht; vielleicht konnte es nützlich sein, daß McNulty sich seinen Namen falsch gemerkt ha e. Man konnte nie wissen. Mit der Zeit würde es sich schon herausstellen. »Mr. Tavern«, sagte McNulty träge, als er ihn zur Tür schob. »Man denkt dabei an Bier, Wärme und Gemütlichkeit, nicht wahr?« Er blickte über die Schulter zu Kathy zurück und sagte in scharfem Ton: »Nicht wahr?« »Mr. Tavern ist ein warmherziger Mensch«, sagte Kathy durch die Zähne. Die Tür fi el hinter ihnen zu, und McNulty führte ihn den Korridor entlang zur Treppe, wobei er den Geruch von Zwie- beln und Tomatenketchup in alle Richtungen atmete., Im Polizeirevier Nr. 469 fand Jason Taverner sich inmi en einer Menge von Männern und Frauen, die sich ziellos durch Korridore, Warteräume und Büros schoben und darauf warteten, vorgelassen zu werden, nach Haus gehen zu dürfen, Auskün e zu erhalten oder Aussagen zu machen. McNulty ha e ihm ein farbiges Etike an den Aufschlag gesteckt; nur Go und die Polizei wußten, was es bedeutete. Off enbar bedeutete es etwas. Ein uniformierter Beamter hinter einem Tresen, der von einer Wand zur anderen reichte, winkte ihn zu sich. »Also«, sagte er, »Inspektor McNulty hat einen Teil Ihres J2-For- mulars ausgefüllt. Jason Tavern. Anschri : Vine Street Nr. 2048.« Wie war McNulty dazu gekommen? grübelte Jason. Vine Street? Dann erinnerte er sich, daß es Kathys Adresse war. McNulty ha e angenommen, daß sie zusammenlebten. Überarbeitet, wie alle Polizisten waren, ha e er die Information aufgeschrieben, welche die geringste Anstrengung erforderte. Ein Naturgesetz: die kür- zeste Strecke zwischen zwei Punkten. Er füllte den Rest des For- mulars aus. »Stecken Sie Ihre rechte Hand in diesen Schlitz«, befahl der Beamte und zeigte auf eine Fingerabdruckmaschine. Jason gehorchte. »Nun ziehen Sie einen Schuh aus, entweder den linken oder den rechten. Und den Socken. Sie dürfen sich setzen.« Er schob einen Klappstuhl heraus. Jason bedankte und setzte sich. Nach der Abnahme des Fußabdrucks ergriff er ein bereitstehen- des Mikrofon und sprach den Satz: »Es reiten drei Reiter um den Ararat herum.« Damit war die Stimmaufnahme erledigt. Anschlie- ßend wurden ihm Elektroden angelegt, die Maschine kurbelte einen Meter bekritzelten Papiers heraus. Das war das Elektrokar- diogramm. Es beendete den Test., McNulty erschien mit heiterer Miene hinter dem Tresen, um die Ergebnisse zu sehen. Im harten weißen Licht zeigten sich schwärz- liche Bartscha en auf Wange, Oberlippe und Kinn. »Wie läu es mit Mr. Tavern?« fragte er den Beamten. »Alles soweit fertig«, erwiderte der andere. »Ich wollte nur noch im Namenverzeichnis nachsehen.« »Fein«, sagte McNulty. »Sehen wir mal, was kommt.« Der Beamte steckte Jasons ausgefülltes Formular in einen Schlitz, drückte grüne, mit Buchstaben markierte Knöpfe, und eine halbe Minute später gli aus einer anderen Öff nung ein fotokopiertes Dokument und fi el in einen Metallkorb. »Jason Tavern«, sagte der Polizeibeamte, die Fotokopie überfl ie- gend. »Wohnha in Kememmer, Wyoming. Alter: neununddrei- ßig. Beruf: Mechaniker für Dieselmotoren und Landmaschinen.« Er betrachtete das Foto. »Das Bild wurde vor fünfzehn Jahren auf- genommen.« »Vorstrafen?« fragte McNulty. »Irgendwelche Erkenntnisse?« »Keine Schwierigkeiten irgendwelcher Art«, sagte der Beamte. »Gibt es bei der Datenzentrale keine anderen Jason Taverns?« fragte McNulty. Der Polizist drückte eine gelbe Taste, schü elte den Kopf. »In Ordnung«, sagte McNulty. »Das ist er.« Er musterte Jason ein weiteres Mal. »Wie ein Dieselmechaniker sehen Sie nicht gerade aus.« »Ich mache das nicht mehr«, sagte Jason. »Ich bin jetzt im Ver- kauf. Schlepper, Landmaschinen und dergleichen. Wollen Sie meine Geschä skarte?« Es war ein Bluff ; er hob die Hand zur Brus asche seines Anzugs. McNulty schü elte den Kopf, und damit war die Sache erle- digt. Sie ha en in ihrer üblichen bürokratischen Art die falsche Akte gezogen. Dank sei Go für die Schwächen, dachte er, die in ein ungeheures, kompliziertes Überwachungssystem eingebaut, sind. Zu viele Beamte, zu viele Maschinen. Dieser Irrtum ging von einem Polizeiinspektor aus und ist jetzt schon bei der Datenzent- rale der Polizei in Memphis, Tennessee. Selbst mit meinen Finger- und Fußabdrücken, der Stimmenaufnahme und dem EKG werden sie wahrscheinlich nicht in der Lage sein, ihn auszubügeln. Nicht jetzt; nicht mit dem falschen Formular in der Registratur. »Soll ich ihn vormerken?« fragte der uniformierte Beamte McNulty. »Wofür?« sagte McNulty. »Weil er Dieselmechaniker ist?« Er schlug Jason jovial auf den Rücken. »Sie können nach Haus gehen, Mr. Tavern. Zurück zu Ihrem Mädchen, Ihrer kleinen Jungfrau.« Er nickte ihm lächelnd zu und ging weiter, verlor sich im Gewim- mel der ängstlichen und verwirrten Männer und Frauen im Poli- zeirevier. »Sie können gehen, Sir«, sagte der Beamte. Jason nickte und arbeitete sich durch den Korridor hinaus auf die nächtliche Straße, um sich unter die freien und über sich selbst verfügenden Menschen zu mischen, die dort ihren Geschä en nachgingen. Aber schließlich werden sie mich doch kriegen, dachte er. Sie werden die Finger- und Fußabdrücke vergleichen und sehen, daß sie nicht zusammenpassen. Wenn das Foto und die Stimmenauf- nahme alt waren, mochte der Unterschied nicht weiter auff allen, und mit dem EKG war es ähnlich, aber Finger- und Fußabdrücke veränderten sich nicht. Auch nicht in fünfzehn Jahren. Vielleicht würden sie die Fotokopie einfach in einen Reißwolf stecken, und der Fall wäre erledigt. Und wenn sie dann die Daten des Formulars nach Memphis durchgäben, damit sie dort in die Personalakte jenes Jason Tavern aufgenommen würden, wäre kaum damit zu rechnen, daß sie von selbst auf den Fehler auf- merksam wurden., Go sei Dank ha e Jason Tavern, der Dieselmechaniker, nie- mals gegen ein Gesetz verstoßen und war nie mit der Polizei in Konfl ikt gekommen. Gut für ihn. Ein Polizeihubschrauber kam mit blinkenden Rotlichtern über die Dächer und dröhnte aus allen Lautsprechern: »Mr. Jason Tavern, kehren Sie sofort zum Polizeirevier Nr. 469 zurück. Das ist eine polizeiliche Anordnung. Mr. Jason Tavern ...« Die Stimme dröhnte weiter, während Jason benommen dastand. Sie ha en es schon herausgebracht. Nicht in Stunden, Tagen oder Wochen, son- dern innerhalb von Minuten. Er ging zum Polizeirevier, durch die automatischen Türen und durch die Menge der Unglücklichen, zu dem uniformierten Beamten, der seinen Fall bearbeitet ha e – und da stand auch McNulty. Die beiden waren stirnrunzelnd im Gespräch vertie . »Siehe da«, sagte McNulty, au lickend, »hier ist ja wieder unser Mr. Tavern. Was machen Sie hier, Mr. Tavern?« »Der Polizeihubschrauber ...«, begann er, doch McNulty winkte ab. »Das war eine Eigenmächtigkeit. Wir gaben bloß eine gewöhn- liche Anforderung durch, und irgendein Übereifriger verpaßte ihr eine erhöhte Dringlichkeitsstufe. Aber nachdem Sie schon da sind ...« – McNulty nahm das Dokument und hielt es so, daß Jason das Foto sehen konnte – »ist das Ihr Konterfei, wie Sie vor fünfzehn Jahren aussahen?« »Warum nicht?« sagte Jason. Das Foto zeigte einen Mann mit eingefallenen Wangen, hervortretendem Adamsapfel, schlech- ten Zähnen und einfältig blickenden Augen, die angestrengt ins Nichts starrten. Das Haar, gekräuselt und maisfarben, hing über die abstehenden Ohren. »Sie waren bei einem Schönheitschirurgen und ließen sich eine Gesichtsplastik machen?« fragte McNulty., Jason nickte. »Warum?« »Wer möchte schon so aussehen?« sagte Jason achselzuckend. »Kein Wunder, daß Sie so sta lich und würdevoll wirken«, sagte McNulty. »So ... ah ... herrenmäßig.« Er tippte mit dem Zei- gefi nger auf das fünfzehn Jahre alte Foto. »Es ist wirklich schwer zu glauben, daß man daraus Ihr Gesicht machen konnte.« Er legte Jason in freundscha licher Vertraulichkeit die Hand auf den Arm und sagte: »Aber wo ha en Sie das Geld her?« Während McNulty sprach, ha e Jason hastig die Angaben im fotokopierten Dokument überfl ogen. Jason Tavern war in Cicero, Illinois, geboren, sein Vater war Dreher an einer Revolverdreh- bank gewesen, und sein Großvater ha e ein Geschä für land- wirtscha liche Geräte gehabt – ein glücklicher Zufall angesichts dessen, was er McNulty über seine gegenwärtige Karriere erzählt ha e. »Von Windslow«, sagte Jason. »Ah, entschuldigen Sie; ich nenne ihn immer so und vergesse, daß andere damit nichts anfan- gen können.« Seine professionelle Geistesgegenwart ha e ihm geholfen; während McNulty zu ihm gesprochen ha e, ha e er das Papier gelesen und sich alle wichtigen Einzelheiten eingeprägt. »Das ist mein Großvater. Er ha e Geld, und ich war sein Liebling. Er ha e keine anderen Enkel, verstehen Sie.« McNulty studierte das Dokument und nickte. »Ich sah wie ein Bauerntölpel aus«, sagte Jason. »Und ich war auch einer. Der beste Job, den ich zu Hause kriegen konnte, ha e mit der Reparatur von Dieselmotoren und Landmaschinen zu tun, und ich wollte mehr. Also nahm ich das Geld, das Windslow mir vermacht ha e, und ging nach Chicago ...« »Gut, gut«, sagte McNulty, noch immer nickend. »Es paßt zusammen. Wir wissen, daß radikale Veränderungen durch die, chirurgische Gesichtsplastik möglich und nicht einmal allzu kost- spielig sind. Aber im allgemeinen sind solche Operationen vor- wiegend unter entkommenen Sträfl ingen und sonstigen Unperso- nen gefragt. Darum überwachen wir alle Kliniken, die sich mit der Technik befassen.« »Aber sehen Sie doch, wie häßlich ich war«, sagte Jason. McNulty lachte tief und kehlig. »Das können Sie getrost zwei- mal sagen, Mr. Tavern. In Ordnung; tut mir leid, daß wir Sie beläs- tigt haben. Sie können gehen.« Er hob die Hand wie zum Gruß, und Jason wandte sich um und arbeitete sich durch das Gedränge davon. »Ach!« rief McNulty plötzlich, »da fällt mir noch etwas ein ...« Der Rest des Satzes ging in den Geräuschen der Menge unter. Jason fühlte, wie sein Magen sich zu einem harten kalten Klum- pen zusammenkramp e, als er zurückging. Waren sie erst auf einen aufmerksam geworden, wurde seine Akte nie wieder ganz geschlossen. Der einmal auff ällig Gewor- dene konnte nie wieder in die Anonymität zurück. Daher kam es darauf an, gar nicht erst aufzufallen. Aber für Jason kam die Erkenntnis zu spät. »Was gibt es?« fragte er McNulty mit einem Gefühl von Ver- zweifl ung. Sie spielten mit ihm, zermürbten ihn. Nicht einmal die überlegene Physiologie eines Sechsers konnte solcher Taktik auf die Dauer standhalten. McNulty streckte die Hand aus. »Ihre Ausweispapiere, Tavern. Ich möchte sie im Labor überprüfen lassen. Wenn sie in Ordnung sind, werden Sie sie übermorgen zurückerhalten.« »Aber wenn ich in eine Polizeikontrolle ...«, wandte Jason ver- zweifelt ein. »Wir werden Ihnen eine Einstweilige Kennkarte geben«, sagte McNulty. Er nickte einem fe en älteren Beamten zu und sagte: »Lassen Sie von ihm ein 4-D-Foto anfertigen, und stellen Sie ihm, eine Einstweilige Kennkarte aus.« »Jawohl, Inspektor«, schnau e der Fe bauch und bedeutete Jason mit einer barsch auff ordernden Bewegung seiner rundli- chen Hand, ihm zu folgen. Zehn Minuten später stand Jason Taverner wieder auf der nun beinahe verlassenen nächtlichen Straße, diesmal ausgesta et mit einer echten polizeilichen Kennkarte, die besser war als alles, was Kathy machen konnte. Der einzige Nachteil war, daß die Kenn- karte nur eine Woche gültig war. Trotzdem ... Er ha e eine Frist von einer Woche, während der er sich keine Sorgen zu machen brauchte. Und dann, anschließend ... Das Unmögliche war ihm gelungen: er ha e einen Satz gefälsch- ter Ausweispapiere gegen eine echte Kennkarte eingetauscht. Als er sie im Licht einer Straßenlaterne untersuchte, sah er, daß die Gültigkeitsfrist holographisch eingedruckt war ... Und daß der Raum für eine zusätzliche Zahl ausreichte. Kathy konnte aus der 7 eine 70 oder fünfundsiebzig machen, was für sie am einfachsten war. Dann fi el ihm ein, daß die Nummer seiner Kennkarte, sein Name und sein Foto über Funk allen Polizeistationen mitgeteilt würden, sobald sich im Labor herausstellte, daß seine Ausweispa- piere gefälscht waren. Aber bis das passierte, war er wenigstens sicher.,

ZWEITER TEIL

O eitle Lichter, scheint nicht mehr! Die Nächte sind nicht schwarz genug für einen, Das Herz vom Unglück trüb und schwer. Das Licht kann doch nur seiner Schande scheinen.

Früh im Grau des Abends, noch ehe auf dem rissigen Beton der Gehsteige nächtliche Geschä igkeit erblühte, landete Polizei-

general Felix Buckman auf dem Dach der Polizeiakademie von Los Angeles. Er blieb noch eine Weile in seiner Maschine sitzen und las die Artikel auf der ersten Seite der einzigen Abendzeitung, die noch erschien, dann faltete er sie sorgfältig zusammen, legte sie auf den Rücksitz, öff nete die Tür und stieg aus. Unter ihm war alles ruhig. Eine Schicht war im Begriff , den Dienst zu verlassen; die nächste ha e noch nicht angefangen. Er mochte diese Zeit. Das riesige Gebäude schien in diesen Augen- blicken ihm zu gehören. ›Und läßt die Welt der Dunkelheit und mir‹, dachte er, als ihm eine Zeile aus Thomas Grays Elegie in den Sinn kam. Eins seiner Lieblingsgedichte, schon seit den Tagen der Kindheit. Mit seinem Spezialschlüssel öff nete er die Tür des Schnellauf- zugs, der dem Führungspersonal vorbehalten war, und ließ sich ins vierzehnte Geschoß bringen, wo er residierte. Wo er die meiste Zeit seines Erwachsenenlebens gearbeitet ha e. Er passierte Reihen verwaister Schreibtische. Nur am anderen Ende des Hauptbüros saß ein einzelner Beamter und schrieb noch, an einem Bericht. Und an der Kaff eemaschine trank eine Polizistin aus einem Papierbecher. »Guten Abend«, sagte Buckman zu ihr. Er kannte sie nicht, doch das spielte keine Rolle: sie kannte ihn. Alle, die in diesem Gebäude beschä igt waren, kannten ihn. »Guten Abend, Mr. Buckman.« Sie richtete sich auf und nahm die Schultern zurück, als wolle sie Haltung annehmen. »Rühren«, sagte Buckman. »Wie bi e, Sir?« »Gehen Sie nach Hause.« Er wanderte weiter, vorüber an der letzten Reihe von Schreibtischen und der grauen Wand aus Metall- schränken, in denen alles enthalten war, was die Polizei von Los Angeles und Umgebung an Erkenntnissen besaß. Die meisten Arbeitsplätze waren aufgeräumt und leer. Die Beamten ha en ihre Arbeit vor Feierabend beendet. Aber dort, auf Platz 37, lagen verschiedene Papiere. Jemand ha e Überstunden gemacht. Buckman ging hin und beugte sich über den Schreib- tisch, um das Namensschild zu lesen. Inspektor McNulty, natürlich. Das Neunzig-Tage-Wunder der Akademie. Ständig damit beschä igt, Komplo e und verräteri- sche Umtriebe aufzudecken ... Buckman lächelte, setzte sich auf den Drehstuhl und nahm die Papiere auf. TAVERNER, JASON. KODE BLAU. Eine fotokopierte Personalakte von der Datenzentrale, angefor- dert vom übereifrigen Inspektor McNulty. Oben links eine kleine Bleisti notiz: ›Taverner existiert nicht‹. Seltsam, dachte er. Und begann die Papiere durchzusehen. »Guten Abend, Mr. Buckman.« Sein Assistent, Herbert Maime, jung und energisch, in einem eleganten Zivilanzug; er ha e Anspruch auf dieses Privileg, ebenso wie Buckman. »McNulty scheint die Personalakte von jemand zu bearbeiten,, der nicht existiert«, sagte Buckman. »In welchem Polizeibezirk existiert er nicht?« sagte Maime, und sie lachten. Sie mochten McNulty nicht besonders, doch die Polizei brauchte Leute wie ihn. Solange die McNultys der Akademie nicht die Politik bestimmten, war alles in Ordnung. Und bisher war es ihm meistens gelungen, den Aufstieg solcher Leute zu stoppen, ehe sie Spitzenpositionen erreichen konnten. Person gab falschen Namen Jason Tavern an. Darau in falsche Akte von Jason Tavern aus Kememmer, Wyoming, gezogen. Mechaniker für Dieselmotoren und Landmaschinen. Person behauptete, Tavern zu sein und erklärte Unähnlichkeit mit chirurgischer Gesichtsplastik. Ausweis- papiere identifi zieren ihn als Taverner, Jason, aber keine Akte. Interessant, dachte Buckman, als er McNultys Notizen las. Keine Akte über den Mann. Auf einem zweiten Bla waren weitere Noti- zen: Gut gekleidet, hat off enbar Geld, vielleicht Einfl uß, um seine Akte aus der Datenzentrale abzuziehen. Beziehung zu Katharina Nelson überprü- fen. Weiß sie, wer er ist? Versuchte ihn vor Verha ung zu schützen, aber Polizeikontakt 1659BD he ete ihm Signalgeber an. Person gegenwärtig im Wagen unterwegs in Richtung Las Vegas. Ankun voraussichtlich 22:00 Uhr. Nächste Meldung fällig um 8:40 Uhr. Katharina Nelson. Buckman war ihr einmal begegnet, bei einem Orientierungskurs für Kontaktleute der Polizei. Sie war das Mäd- chen, das nur Individuen hochgehen ließ, die es nicht mochte. In gewisser Weise bewunderte er diese Nelson; und hä e er sich nicht für sie eingesetzt, so wäre sie am 4. 8. 82 in ein Zwangsarbeitslager nach Britisch Columbia verschi worden., Er blickte zu Herbert Maime auf und sagte: »Stellen Sie eine Verbindung mit McNulty her. Ich glaube, ich sollte darüber mit ihm reden.« Augenblicke später gab Maime ihm den Hörer. Auf dem klei- nen grauen Bildschirm erschien McNultys Gesicht. Es sah zerzaust aus, ebenso wie sein Wohnzimmer, von dem Teile im Hintergrund zu erkennen waren. Klein und unaufgeräumt, so sahen sie beide aus. »Ja, Mr. Buckman«, sagte McNulty und nahm Haltung an, so müde er war. Trotz Feierabend, Erschöpfung und einer kleinen Injektion von etwas Stoff vergaß McNulty keinen Augenblick, wie er sich seinen Vorgesetzten gegenüber zu benehmen ha e. »Erzählen Sie mir kurz, was mit diesem Jason Taverner los ist«, sagte Buckman. »Ich kann mir aus Ihren Notizen kein vollständi- ges Bild machen.« »Der Mann mietete ein Hotelzimmer in der Eye Street Nr. 453. Dort machte er sich an den Polizeikontakt 1659BD heran, der als Ed bekannt ist, und wollte zu einem Dokumentenfälscher gebracht werden. Ed hängte ihm einen Signalgeber an und fuhr mit ihm zum Polizeikontakt 1980CC, Kathy.« »Katharina Nelson«, sagte Buckman. »Jawohl, Sir. Off enbar leistete sie ungewöhnlich gute Arbeit; ich habe die Ausweispapiere im Labor untersuchen lassen, und sie sind beinahe wie echt. Sie muß gewollt haben, daß er unentdeckt bleibt.« »Haben Sie mit Katharina Nelson gesprochen?« »Ich traf alle beide in ihrem möblierten Zimmer. Von Koopera- tionsbereitscha keine Spur. Ich überprü e seine Ausweispapiere, aber ...« »Sie schienen echt zu sein«, beendete Buckman den Satz. »Jawohl, Sir.«, »Sie glauben immer noch, Sie könnten nach dem Augenschein gehen.« »Ja, Mr. Buckman. Aber mit diesen Papieren kam er unbehelligt durch eine Kontrollstelle; so gut war das Zeug.« »Wie schön für ihn.« »Ja. Nun, ich nahm ihm die Ausweispapiere ab und gab ihm eine auf sieben Tage Gültigkeit befristete Einstweilige Kennkarte. Dann ließ ich seine Akte kommen ... die Akte Jason Tavern, wie sich herausstellte. Der Mann erzählte uns des langen und breiten von seiner chirurgischen Gesichtsplastik; es klang plausibel, also ließen wir ihn laufen.« Buckman nickte. »Nun, was hat er vor? Wo ist er?« »Wir folgen ihm mit Hilfe des Signalgebers. Unterdessen ver- suchen wir Material über ihn aufzutreiben. Aber wie Sie meinen Notizen entnommen haben werden, glaube ich, daß es ihm gelun- gen ist, seine Akte aus der Datenzentrale und den angeschlosse- nen Archiven herauszuholen. Sie ist einfach nicht da, müßte aber da sein, denn wie jedes Schulkind weiß, haben wir über jeden eine Akte. Das Gesetz verlangt es so.« »Aber seine haben wir nicht«, sagte Buckman. »Ich weiß, Mr. Buckman. Und wenn eine Akte fehlt, muß es einen Grund dafür geben. Sie ist nicht bloß zufällig abhanden gekommen: jemand muß sie geklaut haben.« »›Geklaut‹«, sagte Buckman erheitert. »Dann eben gestohlen oder entwendet.« McNulty schaute unbehaglich drein. »Ich habe gerade erst angefangen, mich in die Sache zu vertie- fen, Mr. Buckman; in vierundzwanzig Stunden werde ich mehr wissen. Außerdem können wir ihn jederzeit festnehmen, wann es uns zweckmäßig erscheint. Ich glaube nicht, daß sich eine bedeu- tende Sache dahinter verbirgt. In meinen Augen ist er ein reicher, Mann mit genug Einfl uß, um seine Akte herauszuholen, aus wel- chen Gründen auch immer. Jedenfalls werden wir da hineinleuch- ten.« »In Ordnung«, sagte Buckman. »Gute Nacht, McNulty.« Er legte auf, stand eine Weile grübelnd da und machte sich dann auf den Weg zu seinen Räumen. In seinem Büro lag seine Schwester Alys schlafend auf der Couch. Sie trug, wie Felix Buckman mit starkem Mißvergnügen sah, haut- enge schwarze Hosen, das Lederhemd eines Mannes, Ohrringe wie ein Seemann und einen Ke engürtel mit schmiedeeisernem Schloß. Off enbar ha e sie Drogen genommen. Und ha e, wie schon so o , einen von seinen Schlüsseln an sich gebracht. »Go soll dich strafen«, sagte er zu ihr und schloß die Tür hinter sich, ehe Herb Maime sie sehen konnte. Alys regte sich im Schlaf. Ihr katzenähnliches Gesicht zog sich zu einem irritierten Stirnrunzeln zusammen, und ihre Rechte tas- tete umher, um das Licht wieder auszumachen, das er eingeschal- tet ha e. Er packte sie bei den Schultern und zog sie in sitzende Haltung hoch. »Was war es diesmal?« fragte er, nachdem er sie wachge- schü elt ha e. »Termalin?« »Hexaphenophrinhydrosulfat.« Ihre Stimme war lallend und undeutlich. »Subkutan.« Sie öff nete die großen blassen Augen und starrte ihn voll rebellischer Abneigung an. »Warum, zum Teufel, kommst du immer hierher?« fragte Buck- man. Wann immer sie Drogen genommen oder getrunken ha e, kam sie in sein Büro. Er wußte nicht, warum, und sie ha e es nie gesagt. Die einzige Erklärung, die sie bisher dazu abgegeben ha e, war eine gemurmelte Bemerkung über das ›Auge des Hur- rikans‹ gewesen, woraus er geschlossen ha e, daß sie sich hier im, Herzen der Polizeiakademie vor Verha ung sicher fühlte. Natür- lich wegen seiner Position. »Du Fetischistin«, knurrte er sie verärgert an. »Jeden Tag krie- gen wir hundert von deiner Sorte herein, du mit deinem Leder und deinen Ke en und Go weiß was noch. Du solltest dich schä- men.« Sein Atem ging rasch und geräuschvoll, und er fühlte seine Hände zi ern. Alys gli gähnend von der Couch, stand auf und reckte ihre langen, schlanken Arme. »Ich bin froh, daß Abend ist«, sagte sie geistesabwesend, die Augen wieder fest geschlossen. »Dann kann ich jetzt nach Haus und zu Be gehen.« »Wie willst du hier herauskommen?« fragte er. Aber er wußte es schon. Jedesmal lief das gleiche Ritual ab. Der Sonderaufzug für die Führungskader wurde in Betrieb genommen und brachte sie auf das Dach zum Landeplatz. Alys kam und ging auf diesem Wege, seinen Schlüssel in der Hand. »Eines Tages«, sagte er dro- hend, »wird einer der leitenden Herren im Aufzug sein, wenn du einsteigst.« »Und was wird er machen?« Sie fuhr ihm mit den Fingern durch das kurzgeschni ene Grauhaar. »Sag es mir, bi e. Mich in schluchzende Zerknirschung zwingen?« »Ein Blick in dein übersä igtes Gesicht, und ...« »Sie wissen, daß ich deine Schwester bin.« »Sie wissen es, weil du ständig aus diesem oder jenem oder gar keinem Grund hier hereinkommst«, sagte Buckman erregt. Alys ließ sich auf dem Schreibtisch nieder, zog die Knie an und beäugte ihn ernstha . »Es scheint dich wirklich zu stören.« »Ja, es stört mich wirklich.« »Daß ich herkomme und deinen Job in Gefahr bringe.« »Du kannst meinen Job nicht in Gefahr bringen«, sagte Buck- man. »Ich habe nur fünf Männer über mir, den Präsidenten nicht, mitgezählt, und sie wissen alle von dir und können nichts machen. Also kannst du tun, was du willst.« »Aber du hast vorhin sehr sorgfältig die Tür geschlossen«, sagte Alys, »damit dieser Herbert Blame oder Marne oder Maine oder wie der Kerl heißt, mich nicht sehen würde.« »Du wirkst auf einen natürlich empfi ndenden Mann absto- ßend«, sagte Buckman. »Ist Maime ein natürlich empfi ndender Mann? Woher weißt du das? Hast du versucht, ihn ins Be zu kriegen?« »Wenn du nicht von hier verschwindest«, sagte er ruhig, doch mit bebender Stimme, »werde ich dich erschießen lassen. So wahr mir Go helfe.« Sie hob ihre muskulösen Schultern und lächelte. »Seit deiner Gehirnoperation macht dir nichts mehr Angst«, sagte er anklagend. »Du ließest alle Zentren deiner Menschlich- keit vorsätzlich und systematisch lahmlegen und entfernen. Du bist jetzt wie ein ...« Er suchte nach dem passenden Wort; Alys brachte ihn immer so außer Fassung, daß sogar seine Fähigkeit, sich auszudrücken, beeinträchtigt wurde. »Du«, stieß er voll Bit- terkeit hervor, »bist eine Refl exmaschine, die sich wie eine Ra e im Experiment endlos selbst befriedigt. Du hast einen Draht im Lustzentrum deines Gehirns, und jeden Tag drückst du fün un- dertmal in der Stunde auf den Schalter, wenn du nicht schläfst. Es ist mir ein Rätsel, warum du dir überhaupt noch die Mühe machst, zu schlafen; warum befriedigst du dich nicht volle vierundzwan- zig Stunden lang am Tag?« Er wartete, aber Alys schwieg. »Eines Tages«, sagte er, »wird einer von uns sterben.« »So?« sagte sie und zog eine dünne grüne Augenbraue in die Höhe. »Einer von uns«, sagte Buckman grimmig, »wird den andern, überleben. Und er wird sich freuen.« Eins der Telefone auf seinem Schreibtisch summte. Buckman nahm ab, und auf dem Bildschirm erschienen McNultys fl ei- schiggedunsene Züge. »Tut mir leid, daß ich Sie störe, General Buckman, aber ich erhielt eben einen Anruf von einem meiner Mitarbeiter. Im Archiv von Omaha gibt es keine Unterlagen über eine Geburtsurkunde für einen Jason Taverner. Nicht in den letz- ten sechzig Jahren.« Buckman schnalzte mit der Zunge und dachte nach. »Dann ist es ein Deckname.« »Wir haben die Fingerabdrücke, Fußabdrücke, Stimmenauf- nahme und EKG-Kurven der Datenbank in Detroit durchgege- ben. Sie wissen, dort sind alle Kennzeichen gespeichert. Aber es gibt nichts Passendes. Solche Fingerabdrücke und Fußabdrücke existieren in keinem Archiv.« McNulty hob die Schultern und schnau e entschuldigend. »Es gibt keinen Jason Taverner.«,

Jason Taverner ha e momentan kein Verlangen, zu Kathy zurück-zukehren. Noch wollte er einen weiteren Versuch bei Heather

Hart machen. Er ha e noch immer sein Geld, und mit der Kenn- karte konnte er reisen, wohin er wollte. Bis die Fahndung nach ihm einsetzte, konnte er verschiedene Länder der Erde bereisen, darunter rückständige Gegenden wie bestimmte urwaldbedeckte Inseln im südlichen Pazifi k. Dort würden sie ihn nicht so leicht fi nden, und mit seinem Geld könnte er genug kaufen, um sich eine bescheidene, aber sichere Existenz zu schaff en. Er ha e drei Pluspunkte: Geld, gutes Aussehen und Persön- lichkeit. Und als vierten Pluspunkt ha e er zweiundvierzig Jahre Erfahrung als Sechser. Eine Wohnung. Aber wenn er eine Wohnung mietete, verlangten die Bestim- mungen, daß der Vermieter seine Fingerabdrücke nahm, die dann routinemäßig der polizeilichen Datenzentrale zugestellt wurden. Und sobald die Polizei entdeckte, daß seine Ausweispapiere falsch waren, würden diese Fingerabdrücke eine direkte und willkom- mene Verbindung zu ihm sein. Der Plan war nicht praktikabel. Ich brauche jemanden, sagte er sich, der schon eine Wohnung hat und mich aufnimmt. Also ein Mädchen. Wo fi nde ich ein solches Mädchen mit eigener Wohnung? fragte er sich – und ha e die Antwort schon auf der Zunge: in einem Hotelfoyer oder einer erstklassigen Cocktailbar, wie sie von vielen Frauen bevorzugt wurden, mit einer dezenten Jazzcombo aus nicht mehr als drei – möglichst schwarzen – Musikern und gutge- kleidetem, seriösem Publikum., Er musterte seinen seidenen Anzug im weißroten Licht einer gewaltigen Leuchtreklame, um zu sehen, ob er für ein solches Lokal gut genug gekleidet sei. Der Anzug ha e ziemlich viel mit- gemacht, aber bis auf einige Kni erstellen und kleinere Flecken mochte er noch als elegant durchgehen. Nun, im schummrigen Licht einer Cocktailbar würden die kleinen Schönheitsfehler nicht auff allen. Er nahm ein Taxi und ließ sich in jene Gegenden der Stadt fahren, die ihm aus den erfolgreicheren Jahren seines Lebens ver- traut waren. Am besten, dachte er, wäre ein Klub, in dem ich aufgetreten bin. Ein Klub, den ich wirklich kenne. Wo ich den Chef kenne, das Garderobenmädchen, das Blumenmädchen ... es sei denn, sie hä en sich auch irgendwie verändert, wie ich mich verändert haben muß. Aber bisher ha e es den Anschein, daß nur er selbst sich verändert ha e. Seine Lebensumstände waren andere gewor- den, nicht die ihren. Der Blaue Saal des Haye e-Hotels in Reno. Er war dort des ö e- ren aufgetreten und kannte den Laden und die Leute inwendig und auswendig. Er ließ das Taxi Kurs auf Reno nehmen und griff zum Telefon. Er wußte die Nummer des Blauen Saals auswendig, wählte sie, wartete, hörte ein Klicken und dann eine reife Män- nerstimme sagen: »Blauer Saal des Haye e-Hotels, wo Freddy Wasserkopf jeden Abend von acht bis elf seine großartige Schau bringt; nur dreißig Dollar Aufpreis für das Programm und Gesell- scha erinnen, während Sie zuschauen. Kann ich Ihnen helfen?« »Ist das der gute alte Jumpy Mike?« fragte Jason. »Der gute alte Jumpy Mike persönlich?« »Ja, am Apparat.« Der förmliche Klang der Stimme lockerte sich. »Darf ich fragen, mit wem ich spreche?« Ein behäbiges Glucksen folgte., Jason holte tief Atem und sagte: »Hier spricht Jason Taverner.« »Tut mir leid, Mr. Taverner.« Jumpy Mikes Stimme klang ver- dutzt. »Im Moment kann ich mich nicht entsinnen, wann und wo...« »Oh, es ist lange her«, sagte Jason. »Können Sie mir einen Tisch in der Nähe der Bühne reservieren?« »Der Blaue Saal ist vollständig ausverkau , Mr. Taverner«, sagte Jumpy Mike in seiner bedächtigen Art. »Es tut mir sehr leid.« »Überhaupt kein Tisch?« fragte Jason. »Über den Preis ließe sich reden.« »Tut mir leid, Mr. Taverner, keiner.« Die Stimme wurde schwä- cher, als ließe Jumpy Mike den Hörer sinken. »Versuchen Sie es in zwei Wochen nochmals.« Und der gute alte Jumpy Mike legte doch tatsächlich auf. Stille. Verdammter Mist! dachte Jason. Verdammter Mist! Er preßte die Zähne zusammen, bis ein stechender Schmerz durch den Tri- geminusnerv aufwärts schoß. »Neue Instruktionen, der Herr?« fragte der Fahrer. »Ja, fahren Sie nach Las Vegas«, knurrte Jason. Er beschloß, sein Glück mit dem Drakes-Arms-Hotel zu versuchen. Vor nicht allzu langer Zeit, als Heather Hart ein Engagement in Schweden gehabt ha e, war er dort voll auf seine Kosten gekommen. Meistens hingen dort verschiedene hochklassige Mädchen herum, spielten, tranken, hörten dem Unterhaltungsprogramm zu und hielten den Laden in Schwung. Es lohnte sich, einen Ver- such zu machen, wenn der Blaue Saal und andere vergleichbare Etablissements ihm verschlossen waren. Was konnte er schließlich verlieren?, Eine halbe Stunde später setzte das Lu taxi ihn auf dem Dachlan- deplatz des Drakes Arms ab. In der kalten Nachtlu der Wüste fröstelnd, beeilte Jason sich, zum Aufzug und in die angenehm benebelnde Atmosphäre aus Wärme, Farbe, Licht und Bewegung zu kommen. Es war halb acht, und die Schau mußte bald beginnen. Er blickte auf ein angeschlagenes Programm. Auch hier war Freddy Wasser- kopf angekündigt, aber mit einem weniger umfangreichen Pro- gramm zu niedrigeren Preisen. Vielleicht erkennt er mich, wenn er mich sieht, dachte Jason. Aber wahrscheinlich nicht. Und dann, als er gründlicher darüber nachdachte, wußte er, daß keine Chance bestand. Wenn Heather Hart ihn nicht erkannte, würde ihn auch sonst niemand erkennen. Er setzte sich auf den einzigen freien Hocker an der Bar, und als der Barmann ihn schließlich bemerkte, bestellte er Scotch mit Honig. Ein kleiner Klumpen Bu er schwamm darin. »Das macht drei Dollar«, sagte der Barmann. »Setzen Sie es auf meine ...«, begann Jason, dann gab er auf und zog einen Fünfer heraus. Und da bemerkte er sie. Sie saß mehrere Hocker von ihm entfernt an der Bar. Vor Jahren war sie seine Geliebte gewesen; er ha e sie sehr lange nicht gese- hen. Sie ha e noch immer eine fabelha e Figur, stellte er fest, obwohl die Jahre nicht spurlos an ihr vorübergegangen waren. Ruth Rae. Ausgerechnet! Eins mußte man Ruth Rae lassen: sie war klug genug, ihre Haut nicht allzusehr bräunen zu lassen. Nichts ließ die Haut einer Frau rascher altern als Sonnenbräune, und wenige Frauen schienen es zu wissen. Bei einer Frau in Ruths Alter – er schätzte sie auf mit- tlerweile achtunddreißig oder neununddreißig – würde Sonnen- bräune die Haut in runzliges Leder verwandeln., Außerdem verstand sie sich zu kleiden. Sie stellte ihre ausge- zeichnete Figur zur Schau. Wenn die Zeit und das Leben nur barm- herziger mit ihrem Gesicht umgesprungen wären ... jedenfalls ha e Ruth noch immer schönes schwarzes Haar, alles am Hinter- kopf kunstvoll zusammengefaßt. Augenwimpern aus Federplas- tik, leuchtend purpurne Streifen auf der linken Wange, als ob sie von psychedelischen Tigerkrallen verletzt worden wäre. Angetan mit einem farbenprächtigen Sari, barfuß – wie gewöhn- lich ha e sie ihre hochhackigen Schuhe irgendwo abgeschü elt – und ohne ihre Brille, kam sie ihm verteufelt gutaussehend vor. Ruth Rae, dachte er sinnend. Näht ihre Kleider selbst. Braucht eine starke Brille, die sie niemals trägt, wenn jemand da ist – ich war eine Ausnahme. Ob sie immer noch die Auswahl aus den ›Büchern des Monats‹ liest? Hat sie noch immer eine Vorliebe für diese endlosen, langweiligen Romane über sexuelle Missetaten in unheimlichen kleinen, aber scheinbar normalen Provinzstädten? Das war eine Eigenheit von Ruth Rae: ihre Sexbesessenheit. Er erinnerte sich, daß sie in einem Jahr mit sechzig Männern geschla- fen ha e, ihn selbst nicht mitgezählt. Er war eher in ihr Leben ein- getreten und wieder daraus verschwunden, als die Zahlen noch nicht so hoch gewesen waren. Und sie ha e immer seine Musik gemocht. Ruth Rae mochte männlich wirkende Männer, Popballaden und süßliche Streicher- musik. In ihrer New Yorker Wohnung ha e sie sich einmal eine gewaltige Quatrofonie-Anlage einrichten lassen und mehr oder weniger darin gelebt, ha e Diät-Sandwiches gegessen und eisge- kühlte schleimige Ersatzgetränke in sich hineingegossen. Acht- undvierzig Stunden lang ha e sie ununterbrochen Pla en einer schmalzigen Popgruppe mit Streicherbegleitung gehört, die er verabscheute. Weil er ihren allgemeinen Geschmack abstoßend fand, verdroß, es ihn nicht wenig, daß er selbst zu ihren Lieblingssängern zählte. Es war eine Anomalie, für die er niemals eine Erklärung ha e fi nden können. Welche Erinnerungen gab es noch? Jeden Morgen einen Eßlöf- fel mit einer öligen gelben Flüssigkeit: Vitamin E. So seltsam es scheinen mochte, das Zeug schien in ihrem Fall keine dämpfende Wirkung zu haben: ihre erotische Ausdauer nahm mit jedem Löf- felvoll zu. Und wie er sich erinnerte, haßte sie Tiere. Das ließ ihn an Kathy und ihren Kater Domenico denken. Ruth und Kathy würden nie miteinander harmonieren, sagte er sich. Aber das ist nicht wichtig, denn sie werden einander nie begegnen. Er verließ seinen Hocker und trug sein Glas durch das Gedränge an der Bar, bis er vor Ruth Rae stand. Er erwartete nicht, daß sie ihn erkannte, aber früher ha e sie ihn einmal unwiderstehlich gefunden. Warum sollte das nicht auch jetzt noch gelten? Niemand wußte eine sexuelle Gelegenheit besser einzuschätzen als Ruth. »Hallo«, sagte er. Ruth Rae hob den Kopf und musterte ihn unsicher, denn sie ha e ihre Brille nicht aufgesetzt. »Hallo«, kratzte sie mit ihrer dem Bourbon verpfl ichteten Stimme. »Wer bist du?« »Wir begegneten uns vor ein paar Jahren in New York«, sagte Jason. »Ich arbeitete als Statist in einer Art Revue, und du warst für die Kostüme zuständig, wenn ich mich recht entsinne.« »Ach, die Episode«, sagte Ruth Rae mit heiserem Aufl achen. Sie lächelte ihn an. »Wie heißt du?« »Jason Taverner«, sagte er. »Erinnerst du dich an meinen Namen?« »O ja«, sagte er. »Ruth Rae.« »Jetzt heiße ich Ruth Gomen«, sagte sie. »Setz dich zu mir.« Sie blickte umher, sah keinen freien Barhocker und sagte nach kurzer, Überlegung: »Da drüben ist ein Tisch.« Sie gli überaus vorsichtig von ihrem Hocker und taumelte in die Richtung eines unbesetz- ten Tischs; er nahm ihren Arm und führte sie. Kurz darauf, nach einigen Augenblicken schwieriger Navigation, saßen sie nebenei- nander am Tisch. »Du siehst genauso schön aus wie ...«, begann er, aber sie schni ihm brüsk das Wort ab. »Ich bin alt«, kratzte sie. »Ich bin neununddreißig.« »Das ist nicht alt«, sagte Jason. »Ich bin zweiundvierzig.« »Für einen Mann ist das in Ordnung. Nicht für eine Frau.« Mit trübem Blick starrte sie in ihren Martini. »Weißt du, was Bob macht? Bob Gomen? Er züchtet Hunde. Große, laute Hunde mit langem Haar. Sogar im Kühlschrank sind diese Haare.« Mürrisch nippte sie von ihrem Martini; dann leuchteten ihre Züge plötzlich auf, sie wandte sich ihm zu und sagte in verändertem Ton: »Du siehst nicht wie zweiundvierzig aus. Du siehst gut aus! Weißt du, was ich denke? Du solltest beim Fernsehen oder beim Film sein.« »Ich war beim Fernsehen. Ein wenig«, sagte Jason vorsichtig. »Ja, als Statist bei dieser Schau oder was es war; du sagtest es.« Sie nickte vor sich hin. »Nun, fi nden wir uns damit ab; keiner von uns hat es gescha .« »Darauf trinken wir«, sagte er in ironischer Heiterkeit; er schlür e seinen Scotch mit Honig. Das Bu erklümpchen war geschmolzen. »Ich glaube, ich erinnere mich doch an dich«, sagte Ruth Rae. »Ha est du nicht Blaupausen bei dir für ein Haus da draußen im Pazifi k, irgendwo bei Australien? Warst du das?« »Das war ich«, log er. »Und du fuhrst einen Rolls-Royce.« »Ja«, sagte er. Dieser Teil war wahr. »Weißt du, was ich hier mache? Kannst du es dir vorstellen?«, sagte Ruth Rae lächelnd. »Ich versuche Freddy Wasserkopf ken- nenzulernen. Ich hab‘ mich in ihn verliebt.« Sie ließ das kehlige Lachen hören, das er aus den alten Tagen kannte. »Ich schicke ihm ständig Botscha en mit dem Text ›Ich liebe dich‹, und er schickt maschinengeschriebene Botscha en zurück, in denen steht: ›Ich will mich auf nichts einlassen; ich habe persönliche Probleme‹.« Sie lachte wieder und leerte ihr Glas. »Noch einen?« fragte Jason. Ruth Rae schü elte den Kopf. »Ich trinke nicht mehr. Es gab mal eine Zeit ... ich frage mich, ob dir jemals was Ähnliches pas- siert ist. Nach deinem Aussehen zu urteilen, glaube ich es nicht.« »Was passierte?« Ruth Rae spielte mit ihrem leeren Glas und zögerte, ehe sie sagte: »Ich trank die ganze Zeit. Fing morgens um neun damit an. Und weißt du, was die Folge war? Mein Aussehen li . Ich sah wie fünfzig aus. Der verdammte Fusel! Was immer du für dich befürchtest, wenn du trinkst, ziehst du es auf dich herab. Meiner Meinung nach ist Alkohol der größte Feind des Lebens. Findest du nicht?« »Ich weiß nicht«, sagte Jason. »Ich denke, das Leben hat schlim- mere Feinde als den Alkohol.« »Vielleicht hast du recht. Die Zwangsarbeitslager, zum Beispiel. Wußtest du, daß sie letztes Jahr versuchten, mich in eins zu schi- cken? Es war wirklich eine furchtbare Zeit. Ich ha e kein Geld – damals war ich Bob Gomen noch nicht begegnet – und arbei- tete bei einer Sparkasse. Eines Tages kam eine Bareinzahlung, was es heutzutage kaum noch gibt ... Drei oder vier Fünfzigdollar- scheine.« Sie schwieg und blickte sinnend vor sich hin. »Jeden- falls, ich steckte sie ein und warf die Einzahlungsbelege in den Reißwolf. Aber sie erwischten mich. Das Ganze war eine Falle gewesen, um mich zu überprüfen.«, »Oh«, sagte er. »Aber du mußt wissen, ich ha e was mit meinem Chef. Die Polizei wollte mich in ein Zwangsarbeitslager schleppen, eins in Georgia, wo die Hinterwäldler mich wahrscheinlich zu Tode gebumst hä en, aber er re ete mich. Ich weiß bis heute nicht, wie er es machte, aber sie ließen mich laufen. Ich schulde diesem Mann viel, und ich sehe ihn nie mehr. Diejenigen, die einen wirk- lich lieben und einem helfen, verliert man immer aus den Augen; immer hat man mit Fremden zu tun.« »Betrachtest du mich als einen Fremden?« fragte Jason. Er erin- nerte sich, daß Ruth Rae eine Schwäche für teure, guteingerich- tete Wohnungen ha e. Gleichgültig, mit wem sie gerade verhei- ratet war: sie lebte immer gut. Ruth Rae blickte ihn forschend an. »Nein«, sagte sie dann. »Ich betrachte dich als einen Freund.« »Danke.« Er streckte den Arm aus und ergriff ihre trockene Hand. Er hielt sie eine Sekunde lang, um genau im richtigen Augenblick wieder loszulassen.,

Der aufdringliche Luxus von Ruth Raes Wohnung stieß ihn ab. Er vermutete, daß sie dafür mindestens zweitausend Dollar

bezahlte. Bob Gomen mußte fi nanziell in guter Verfassung sein, dachte er. Oder gewesen sein. »Es wäre nicht nötig gewesen, den Vat 69 zu kaufen«, sagte Ruth, als sie ihm seinen Mantel abnahm und mit ihrem eigenen zu einem Schrank mit selbstöff nender Tür trug. »Ich habe Cu y Sark und Hiram Walker Bourbon ...« Sie ha e eine Menge dazugelernt, seit er zuletzt mit ihr geschlafen ha e: er mußte es zugeben. Er lag nackt und erschöp auf dem Wasserbe und befühlte eine wunde Stelle am Rand seiner Nase. Ruth Rae, oder vielmehr Mrs. Ruth Gomen, saß auf dem Teppich und rauchte eine Pall Mall. Keiner von ihnen ha e während der vergangenen Minuten gesprochen; der Raum war still geworden. Er grübelte müßig über die Frage nach, ob es nicht ein thermodynamisches Prinzip gebe, wonach Wärme nicht vernichtet, sondern nur übertragen werden kann. Aber die Entropie war unausweichlich. Er fühlte das volle Gewicht der Entropie auf sich. Er ha e sich in ein Vakuum entladen und würde nie zurückbekommen, was er von sich gegeben ha e. Es ging immer nur in eine Richtung. Ja, dachte er, das ist bestimmt eins der Grundgesetze der Thermody- namik. »Hast du ein Lexikon?« fragte er Ruth. »Wieso, nein.« Unruhe kam in ihr backpfl aumenähnliches Gesicht. Backpfl aumenähnlich – nein, das war nicht gerecht. Ihr verwi ertes Gesicht, das kam eher hin., »Woran denkst du?« fragte er sie. »Nein, sag du mir, was du denkst«, erwiderte Ruth. »Was geht in diesem großen, geheimnisvollen Gehirn vom Alpha-Bewußt- seinstyp vor sich?« »Erinnerst du dich an ein Mädchen namens Monica Buff ?« fragte Jason. »Und ob ich mich an sie erinnere! Monica Buff war sechs Jahre lang meine Schwägerin. In dieser ganzen Zeit hat sie ihr Haar nicht ein einziges Mal gewaschen. Es hing wie wirre, schmierige Zo eln von Hundefell um ihr teigiges Gesicht und den schmutzi- gen kurzen Hals.« »Ich wußte nicht, daß du sie nicht magst.« »Jason, sie klaute. Wenn man seine Geldbörse herumliegen ließ, machte sie sie leer: und sie nahm nicht bloß die Scheine, sondern auch alles Kleingeld. Sie ha e das Gehirn einer Elster und die Stimme einer Krähe, wenn sie sprach, was Go sei Dank nicht o vorkam. Wußtest du, daß sie sechs oder sieben, einmal sogar acht Tage lang herumlief, ohne ein Wort zu sagen? O kauerte sie tage- lang wie eine kranke Spinne in einer Ecke und klimperte auf ihrer Fünf-Dollar-Gitarre, die sie nie richtig spielen lernte. Na gut, auf ihre ungekämmte, schlampige Art und Weise sah sie hübsch aus, das gebe ich zu. Wenn man was für dicke Hintern übrig hat.« »Wie hat sie sich durchgeschlagen?« fragte Jason. Er ha e Monica Buff nur kurz und durch Ruth gekannt. Aber während dieser Zeit ha e er mit ihr eine kurze, überschwengliche Aff äre gehabt. »Mit Ladendiebstahl«, sagte Ruth Rae. »Sie ha e diese große gefl ochtene Tasche, die sie aus Niederkalifornien mitgebracht ha e ... Sie pfl egte das gestohlene Zeug einfach da hineinzustop- fen und seelenruhig aus dem Laden zu gehen.« »Warum wurde sie nicht erwischt?«, »Sie wurde. Sie wurde zu Geldstrafe verurteilt, und ihr Bruder machte die Scheine locker, und so brauchte sie nicht einzusitzen und konnte wieder anfangen. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sie barfuß die Shrewsbury Avenue in Boston entlangschlen- derte und in alle Pfi rsiche in den off enen Auslagen der Gemüse- geschä e zwickte. Sie pfl egte jeden Tag zehn Stunden damit zu verbringen, was sie ›Einkaufen‹ nannte.« Sie blickte ihn starr an, dann fuhr sie mit gesenkter Stimme fort: »Weißt du, was sie tat, ohne daß sie je erwischt wurde? Sie beherbergte und verpfl egte entkommene Studenten.« »Und dafür wurde sie nie eingelocht?« Die Beherbergung oder Versorgung eines entkommenen Studenten mit Nahrungsmi eln kostete zwei Jahre Zwangsarbeit – beim erstenmal. Beim zweiten- mal waren es fünf Jahre. »Nein, sie wurde nie eingelocht. Sie ha e da so einen Trick. Wenn sie dachte, daß wieder eine Polizeikontrolle fällig sei, oder wenn sie den Streifenwagen unten halten sah, pfl egte sie schnell die Polizei anzurufen und zu sagen, ein Mann versuche in ihre Wohnung einzubrechen. Dann lockte sie den Studenten unter irgendeinem Vorwand aus der Wohnung und sperrte ihn aus, und wenn die Bullen kamen, sahen sie ihn vor der Tür stehen und mit den Fäusten dagegen schlagen, genau wie sie gesagt ha e. Darauf scha en sie ihn fort und ließen sie in Ruhe.« Ruth kicherte. »Ich war einmal dabei, als sie einen solchen Anruf machte. So wie sie es schilderte, ha e der Mann ...« »Ich war drei Wochen lang mit Monica liiert«, sagte Jason. »Ungefähr vor fünf Jahren.« »Hast du während dieser Zeit gesehen, daß sie sich die Haare wusch?« Er verneinte. »Und sie trug nie einen Schlüpfer«, sagte Ruth. »Ich kann nicht, verstehen, warum ein gutaussehender Mann wie du sich mit einem schmutzigen, schäbigen Monstrum wie Monica Buff einlas- sen konnte! Ich we e, du bist nicht ein einziges Mal mit ihr ausge- gangen; sie stank. Sie badete nie.« »Hebephrenie«, sagte Jason. Ruth nickte. »Ja, das war die Diagnose. Ich weiß nicht, ob du es weißt, aber schließlich wanderte sie einfach davon, während einer ihrer Einkaufstouren, und kam nie zurück; wir sahen sie nie wieder. Inzwischen ist sie wahrscheinlich tot und hält im Grab immer noch diese gefl ochtene Einkaufstasche umklammert, die sie aus Niederkalifornien mitbrachte. Das war der große Augenblick in ihrem Leben, diese Reise nach Mexiko. Sie badete aus diesem Anlaß, und ich brachte ihr Haar in Ordnung – nachdem ich es ein halbes Dutzend Mal gewaschen ha e. Was hast du je an ihr gefun- den? Wie konntest du sie überhaupt ertragen?« »Mir gefi el ihr Sinn für Humor«, sagte Jason. Es war unfair, dachte er, Ruth mit einem neunzehnjährigen Mädchen zu vergleichen, aber der Vergleich blieb in seinem Denken und ließ sich nicht vertreiben. Machte es ihm unmöglich, Ruth Rae anziehend zu fi nden. So gut – oder jedenfalls so erfahren – sie im Be auch sein mochte. Ich nutze sie aus, dachte er. Wie Kathy mich ausnutzte. Wie McNulty Kathy ausnutzte. McNulty, dachte er. Ha en sie ihm nicht einen Mikrosender angehängt? Hastig ra e er seine Kleidungsstücke zusammen und trug sie ins Badezimmer. Dort auf dem Rand der Badewanne sit- zend, begann er jedes Stück zu durchsuchen. Es kostete ihn eine halbe Stunde, aber schließlich fand er den Mikrosender, so klein das Ding auch war. Er spülte ihn durch die Toile e hinunter, dann kehrte er mit einem knieweichen Gefühl ins Schlafzimmer zurück. Die Polizei wußte also, wo er war. Er, konnte hier nicht bleiben. Er ha e sich diesen Zufl uchtsort durch eigene Unachtsamkeit verpfuscht. Und ich habe Ruth Raes Leben unnötig in Gefahr gebracht, dachte er. »Warte«, sagte er. »Ja?« Ruth wandte sich um und blickte ihn in müder Erwar- tung an. »Mikrosender«, sagte Jason nachdenklich, »können nur dann genau geortet werden, wenn der Empfänger auf die Signale einge- stellt ist und die Signale kontinuierlich kommen.« Aber es gab keine Gewißheit. Schließlich ha e McNulty in Kathys Zimmer auf ihn gewartet. Die Frage war, ob McNulty den Signalen des Mikrosenders gefolgt war, oder ob er den Weg gefunden ha e, weil er wußte, daß Kathy dort wohnte? Verwirrt von zuviel Sorge, Sex und Scotch, konnte er darauf keine Antwort fi nden; er saß da und rieb sich die Stirn, versuchte zu denken und sich genau zu entsinnen, was gesagt worden war, als er und Kathy in ihr Zimmer gekommen waren und McNulty vorgefun- den ha en. Ed, dachte er. Es war die Rede davon gewesen, daß Ed ihm den Mikrosender angehe et habe. Also ha e das verdammte Ding seinen Aufenthalt verraten. Aber ... Trotzdem, vielleicht verriet der Sender ihnen nur die Gegend. Und im Falle McNultys war nicht allzuviel Kombinationsgabe vonnöten gewesen, um zu der richtigen Vermutung zu kommen, daß Kathys Zimmer der Ausgangspunkt sei. »Verdammt noch mal, ich hoff e, ich habe dir nicht die Bullen auf den Hals gehetzt«, sagte er mit bebender Stimme. »Das wäre zuviel, das könnte ich nicht ertragen.« Er schü elte den Kopf, um die Benommenheit zu verscheuchen. »Hast du heißen Kaff ee?«, »Ich werde welchen machen. Dauert nur ein paar Minuten.« Ruth Rae schaukelte barfuß in die Küche, angetan nur mit ihren Armreifen. Kurze Zeit später brachte sie ihm dampfenden Kaff ee in einem großen Plastikbecher. Er dankte ihr und trank. »Ich kann nicht länger bleiben«, sagte er. »Außerdem bist du verdammt alt geworden«, setzte er hinzu. Sie starrte ihn an, lächerlich wie eine deformierte, zertrampelte Puppe. Und dann rannte sie hinaus in die Küche. Warum habe ich das gesagt? fragte er sich. Der Druck vielleicht, meine Ängste. Er stand auf, um ihr zu folgen, sie wieder zu beruhigen. In der Türöff nung zur Küche erschien Ruth, in den erhobenen Händen eine große Steingutpla e mit der Inschri : ERINNE- RUNG AN KNOTTS BERRY FARM. Sie rannte blindlings auf ihn los und ließ die Pla e mit aller Kra auf seinen Kopf niedersau- sen, wobei ihr Mund sich lautlos bewegte und verzerrte, als ob die Lippen neugeborene Schlangen wären, gerade den Eiern entkro- chen. Im letzten Augenblick gelang es ihm, den linken Ellbogen hochzureißen und den Schlag abzufangen; die Steingutpla e zer- brach in drei große Stücke, und Blut rann ihm vom Ellbogen über den Arm. Er starrte auf das Blut, dann auf die Scherben der Pla e, dann in ihr Gesicht. »Es tut mir leid«, fl üsterte sie rauh. Die neugeborenen Schlan- gen zuckten und wanden sich. »Nein, mir tut es leid«, sagte Jason. »Ich werde dir den Arm verbinden.« Sie wollte zum Badezim- mer. »Nein«, sagte er, »ich gehe. Es ist nur ein Schni ; das wird keine Infektion geben.« »Warum hast du das zu mir gesagt?« sagte Ruth mit heiserer Stimme. »Weil ich selbst Angst vor dem Altwerden habe«, sagte er. »Weil die Bullen mich zermürben, oder vielmehr das, was noch von mir, übrig ist. Ich habe einfach keine Energie mehr. Nicht mal für einen Orgasmus.« »Du hast deine Sache wirklich gut gemacht.« »Aber es war das letzte Mal«, sagte er. Er ging ins Badezimmer, wo er das Blut vom Arm wusch und kaltes Wasser auf die Schni - wunde laufen ließ, bis der Gerinnungsprozeß begann. Fünf Minu- ten, fünfzig – er wußte es nicht. Er stand bloß da und hielt den Ellbogen unter den Wasserhahn. Ruth Rae war Go weiß wohin gegangen. Wahrscheinlich um ihn bei den Bullen anzuschwärzen, dachte er verdrießlich; er war zu erschöp , als daß der Gedanke ihn hä e alarmieren können. Zum Teufel, dachte er, ich kann es ihr nicht verdenken, nach dem, was ich zu ihr gesagt habe.,

Nein, nein«, sagte Polizeigeneral Felix Buckman kopfschüt-telnd. »Dieser Jason Taverner existiert. Es ist ihm irgendwie

gelungen, alles Material über ihn aus den Datenspeichern heraus- zuholen. Sind Sie sicher, daß Sie ihn jederzeit festnehmen können, wenn es notwendig wird?« »Nein, das ist nicht sicher, Mr. Buckman«, sagte McNulty. »Inzwischen stellte sich heraus, daß er den Mikrosender gefun- den und zum Schweigen gebracht hat. Also wissen wir nicht, ob er noch in Las Vegas ist. Wenn er nur eine Spur von Verstand hat, wird er sofort weitergereist sein. Ich glaube, es ist so gut wie gewiß, daß er nach der Entdeckung des Senders das Weite gesucht hat.« »Es wird das beste sein, Sie kommen ins Büro, McNulty«, sagte Buckman. »Wenn dieser Mann Datenmaterial aus unseren Spei- chern entwenden kann, dann ist er in Aktivitäten verstrickt, die wahrscheinlich von ordnungspolitischer Bedeutung sind. Wie genau ha en Sie ihn zuletzt lokalisiert?« »Taverner ist – oder war – in einer von fünfundachtzig Woh- nungen in einem Gebäude, das zu einem Großkomplex mit sechs- hundert Einheiten gehört, alles teure Luxuswohnungen im Fire- fl ash-Bezirk. Die ganze Anlage nennt sich Wohnpark Copperfi eld II.« »Verständigen Sie Las Vegas, daß die fünfundachtzig Wohnun- gen unverzüglich durchsucht werden sollen, bis sie ihn fi nden. Und wenn sie ihn haben, sollen sie ihn per Lu post direkt zu mir schicken. Aber ich möchte Sie trotzdem an Ihrem Schreibtisch haben, McNulty. Nehmen Sie ein paar Aufmunterungspillen, ver- gessen Sie Ihren Schlaf und kommen Sie her.«, »Jawohl, Mr. Buckman«, sagte McNulty mit einer schmerzli- chen Grimasse. »Sie sind nicht der Meinung, daß wir ihn in Las Vegas fi nden werden?« fragte Buckman. »Nein, Sir.« »Vielleicht doch, mein Lieber. Möglicherweise fühlt er sich jetzt sicher, nachdem er den Mikrosender ausgeschaltet hat.« »Entschuldigen Sie, Sir, aber ich glaube, da unterschätzen Sie ihn«, sagte McNulty. »Die Entdeckung des Mikrosenders muß ihm klargemacht haben, daß wir seinen Weg von hier nach Las Vegas verfolgt haben. Also wird er abhauen.« »Er würde, wenn die Menschen rational handelten«, sagte Buckman. »Aber das tun sie nicht. Ist Ihnen das noch nicht auf- gefallen, McNulty? Meistens handeln sie in einer emotionalen, impulsiv-chaotischen Art und Weise.« Was ihnen wahrscheinlich nur zum Vorteil gereichte, dachte er, denn es machte sie weniger berechenbar. »Selbstverständlich ist mir das aufgefallen, Sir, aber ...« »Ich erwarte Sie in einer halben Stunde«, sagte Buckman und unterbrach die Verbindung. McNultys pedantische Ziererei irri- tierte ihn. Alys, die das Gespräch verfolgt ha e, sagte: »Ein Mann, der sich nichtexistent gemacht hat. Hat es das schon einmal gegeben?« »Nein«, sagte Buckman. »Und es ist auch diesmal nicht gesche- hen. Irgendwo hat er einen Mikrofi lm übersehen, eine gespeicherte Dateneinheit. Wir werden weitersuchen, bis wir etwas fi nden. Früher oder später werden wir passende Abdrücke fi nden und wissen, wer er wirklich ist.« »Vielleicht ist er derjenige, als der er sich ausgibt.« Alys ha e McNultys Notizen durchgelesen. »Gehört der Musikergewerkscha an, steht hier. Bezeichnet, sich als einen Sänger. Vielleicht würde sich eine Stimmenauf- nahme ...« »Verschwinde aus meinem Büro«, sagte Buckman zu ihr. »Ich überlege bloß. Vielleicht hat er Pla enaufnahmen gemacht, die euch weiterbringen können. Hast du schon daran gedacht, daß Jason Taverner ein Künstlername sein könnte?« »Ich will dir was sagen«, sagte Buckman. »Geh nach Haus und sieh im Arbeitszimmer nach, in der Mi elschublade meines Schreibtischs. Dort wirst du in einem Zellophanumschlag ein leicht gestempeltes, genau zentriertes Exemplar der Eindollar schwarz der Trans-Mississippi-Ausgabe fi nden. Ich wollte sie für meine eigene Sammlung haben, aber du kannst sie für deine nehmen; ich werde mir ein anderes Stück besorgen. Aber geh. Geh und nimm dir die verdammte Marke und kleb sie in dein Album oder mach damit, was du willst. Aber laß mich bei der Arbeit in Ruhe. Ist das ein Vorschlag?« »Jesus!« sagte Alys mit leuchtenden Augen. »Wo hast du sie her?« »Von einem politischen Gefangenen, der unterwegs in ein Zwangsarbeitslager war. Er vertauschte sie gegen seine Freiheit. Ich hielt das für eine annehmbare Regelung. Du nicht?« »Die am schönsten gestochene Briefmarke, die je herausgege- ben wurde«, sagte Alys. »Willst du sie?« fragte er. »Und ob!« Sie ging zur Tür und öff nete sie. »Wir sehen uns morgen. Aber du brauchst mir nicht so etwas zu geben, um mich zum Gehen zu bewegen; ich wollte sowieso nach Haus und eine Dusche nehmen und ein paar Stunden schlafen. Andererseits, wenn du es möchtest ...« »Ich möchte es«, sagte Buckman mit Nachdruck, und zu sich selbst fügte er hinzu: Weil ich eine solche go verdammte Angst, vor dir habe, weil ich alles an dir so animalisch und irrational fi nde, und das fürchte ich – selbst deine Bereitwilligkeit, zu gehen. Selbst davor fürchte ich mich! Warum? fragte er sich, als er die Tür zufallen und ihre Schri e im Korridor verklingen hörte. Schon als Kind fürchtete ich sie. Vielleicht liegt es daran, weil sie in irgendeiner fundamentalen Art und Weise, die ich nicht verstehe, nicht nach den anerkannten Spielregeln spielt. Wir alle haben Regeln; sie unterscheiden sich in dieser oder jener Hinsicht, aber wir alle spielen nach ihnen. Zum Beispiel ermorden wir nicht einen Menschen, der uns gerade eine Gefälligkeit erwiesen hat. Sogar in diesem Polizeistaat – sogar wir halten uns an diese Regel. Und wir zerstören nicht vorsätz- lich Gegenstände, die uns kostbar sind. Aber Alys ist imstande, nach Haus zu gehen, die Eindollar schwarz aus der Schublade zu nehmen und mit ihr eine Zigare e anzuzünden. Ich weiß das, und doch gab ich sie ihr; ich bete immer noch, daß sie eines Tages zurückkommen und mit Murmeln spielen wird, wie wir alle es tun. Aber sie wird es nie tun. Und der wahre Grund, warum ich ihr die Eindollar schwarz anbot, war einfach, weil ich sie zu ver- locken suchte, zu Regeln zurückzukehren, die wir verstehen können. Regeln, an die auch wir uns halten. Ich besteche sie, und es ist umsonst, und wir wissen es beide. Ja, dachte er, wahrschein- lich wird sie die Eindollar schwarz anzünden, eine der schönsten jemals erschienenen Briefmarken, ein philatelistisches Prunkstück, das ich in meinem ganzen Leben noch nie zum Verkauf angeboten sah. Nicht mal auf Auktionen. Und wenn ich heute abend nach Haus komme, wird sie mir die Asche zeigen. Vielleicht wird sie eine Ecke unverbrannt lassen, um zu beweisen, daß sie es wirklich getan hat. Und ich werde sie nur noch mehr fürchten., Schwermütig seufzend öff nete Buckman die dri e Schublade seines großen Schreibtischs und legte eine Tonbandspule in das Abspielgerät, das er dort verwahrte. Lieder für vier Stimmen von John Dowland ... er stand und lauschte einer Weise, die ihm von allen Liedern in Dowlands Lautenbüchern mit am liebsten war. ... denn nun, verloren und verlassen, Sitz ich und seufze, weine, sterbe, In Todesqual und Not ohn‘ End. Der erste Mensch, dachte Buckman sinnend, der ein Stück abstrak- ter Musik geschrieben ha e. Er nahm die Spule heraus, legte eine andere ein und lauschte voll Andacht der Lachrimae Anti- quae Pavane. Aus diesen Wurzeln, so sagte er sich, erwuchsen die späten Streichquarte e von Beethoven. Und alles andere. Bis auf Wagner. Er verabscheute Wagner. Wagner und seinesgleichen, Leute wie Berlioz und Liszt, sie ha en die Musik um dreihundert Jahre zurückgeworfen. Bis Karl-Heinz Stockhausen sie mit seinem Gesang der Jünglinge im Feuerofen wieder auf die Höhe der Zeit gebracht ha e. Wie er so am Schreibtisch stand, fi el sein Blick einen Moment lang auf das letzte 4-D-Foto von Jason Taverner – die Aufnahme, die Katharina Nelson gemacht ha e. Ein verdammt gutaussehen- der Mann, dachte er. Sein gutes Aussehen hat beinahe etwas Pro- fessionelles. Nun, er ist ein Sänger; das paßt dazu. Er ist im Schau- geschä . Er fuhr mit dem Fingernagel über den Rand des Fotos und hörte es sagen: »Es reiten drei Reiter um den Ararat herum.« Und er lächelte und wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Lachri- mae Antiquae Pavane zu und dachte: Fließt, meine Tränen ..., Bin ich wirklich ein guter Polizist, wenn ich Worte und Musik wie diese liebe? fragte er sich. Ja, dachte er. Ich bin ein guter Poli- zist, weil ich nicht wie einer denke. Ich denke zum Beispiel nicht wie McNulty, der sein Leben lang ein – wie pfl egte man zu sagen? – ein Polyp sein wird. Ich denke nicht wie seinesgleichen, sondern wie die Leute, hinter denen wir her sind. Wie dieser Jason Taver- ner. Ich habe eine Vermutung, eine irrationale, aber sehr brauch- bare Intuition, daß er noch in Las Vegas ist. Dort werden wir ihn fangen, und nicht, wo McNulty denkt. Ich bin wie Byron, dachte er, der für die Freiheit und ein Ideal kämp e, der sein Leben für Griechenland opferte. Außer daß ich nicht für die Freiheit kämpfe; ich kämpfe für eine stabile, einheit- liche Gesellscha . Ist das tatsächlich wahr? fragte er sich. Tue ich das wirklich? Schaff e ich Ordnung, Harmonie, Struktur? Regeln. Ja, dachte er: Regeln sind mir verdammt wichtig, und das ist der Grund, warum Alys mich bedroht. Warum ich mit allem anderen fertig werde, aber nicht mit ihr. Go sei Dank sind nicht alle wie sie, sagte er sich. Er seufzte, schaltete mit einem Knopfdruck die Gegensprechanlage ein und sagte: »Herb, können Sie bi e hereinkommen?« Herbert Maime kam zur Tür herein, einen Stoß Computerkar- ten in der Hand; er machte einen gequälten Eindruck. »Wollen Sie eine We e abschließen, Herb?« sagte Buckman. »Daß Jason Taverner in Las Vegas ist?« »Warum befassen Sie sich mit solchen Kleinigkeiten?« sagte Herb. »Das liegt auf McNultys Ebene, nicht auf Ihrer.« Buckman setzte sich an den Schreibtisch und faßte seinen Assistenten ins Auge. »Bedenken Sie, was dieser Mann getan hat. Irgendwie ist es ihm gelungen, alle ihn betreff enden Daten aus sämtlichen Archiven und Datenspeichern zu löschen. Vergegen-, wärtigen Sie sich, was dazugehört, so etwas zu tun. Geld? Enorme Summen. Bestechungsgelder von astronomischer Höhe. Wenn Taverner mit solchen Einsätzen spielt, dann geht es ihm um große Dinge. Stellen wir die Frage nach seinem Einfl uß, so kommen wir zur gleichen Schlußfolgerung: er hat Macht, und wir müssen ihn als eine bedeutende Figur einschätzen. Was mir am meisten Sorgen macht, ist nicht die Frage, wer er ist, sondern die Frage, wen er repräsentiert. Ich vermute, daß irgendeine Gruppe im In- oder Ausland hinter ihm steht, aber ich habe keine Ahnung, wozu oder warum. Gut; wenden wir uns der nächsten Frage zu: Alle ihn betreff enden Daten wurden gelöscht. Jason Taverner ist der Mann, den es nicht gibt. Aber was haben sie mit diesem Manöver erreicht?« Herb grübelte. »Ich komme nicht darauf«, sagte Buckman. »Es ergibt keinen Sinn. Aber wenn er und seine Hintermänner es tun, muß es auch etwas bedeuten. Andernfalls würden sie nicht so viel aufwenden. Geld, Zeit, Einfl uß, was immer. Dazu nicht unbeträchtliche Risi- ken und Anstrengungen.« »Ich verstehe«, sagte Herb und nickte. »Manchmal fängt man große Fische, indem man einen klei- nen an den Haken bekommt«, sagte Buckman. »Man weiß nie, ob der nächste kleine Fisch, den man fängt, das Bindeglied zu etwas Gewaltigem sein wird, oder bloß zu weiteren kleinen Fischen, die man zu den anderen wir . Vielleicht ist dieser Jason Taverner nur so ein kleiner Fisch. Es kann sein, daß ich völlig falsch liege. Aber der Fall interessiert mich.« »Das ist schlecht für ihn«, sagte Herb. Buckman nickte. »Nun überlegen Sie folgendes.« Er hielt einen Moment lang inne, um mit innerer Anspannung einen fahren zu lassen, dann sagte er: »Taverner ging zu einer Dokumentenfäl-, scherin, die hinter einer verlassenen Gastwirtscha eine kleine Werksta betreibt. Er ha e keine Verbindungsleute; er arbeitete – das muß man sich vorstellen! – durch den Angestellten des schä- bigen Hotels, in dem er wohnte. Er muß also wie ein Verzweifel- ter hinter Ausweispapieren hergewesen sein. Nun gut, aber wo waren dann seine mächtigen Hintermänner? Warum konnten sie ihn nicht mit erstklassig gefälschten Ausweispapieren ausrüsten, wenn sie alles andere konnten? Großer Go , sie schickten ihn ein- fach auf die Straße, in den Großstadtdschungel, direkt zu einem Polizeiinformanten. Sie gefährdeten alles!« »Ja«, sagte Herb und nickte. »Irgendwas lief nicht richtig.« »Richtig. Etwas ging schief. Plötzlich war er mi en in der Stadt und ha e keine Papiere. Alles, was er bei seiner Überprüfung bei sich ha e, war von Kathy Nelson gefälscht worden. Wie war das möglich? Wie brachten sie es fertig, solchen Mist zu bauen, daß er verzweifelt nach falschen Papieren greifen mußte, um sich überhaupt auf der Straße bewegen zu können? Sie sehen, was ich meine.« »Aber das ist genau der Weg, wie wir sie kriegen.« »Wie bi e?« sagte Buckman. Er drehte am Lautstärkeregler des Tonbandgeräts und dämp e die Lautenmusik. »Wenn die Leute nicht immer wieder solche Fehler machten, hä en wir keine Chance«, sagte Herb. »Sie würden für uns eine metaphysische Größe bleiben, die niemand sieht, die man nur ahnen kann. Wir leben praktisch von solchen Fehlern. Ich glaube, die Frage, warum sie einen solchen Fehler machten, ist weniger wichtig als die Tatsache, daß sie ihn machten. Und wir sollten froh darüber sein.« Bin ich, dachte Buckman. Er beugte sich zur Seite und wählte McNultys Hausanschluß. Keine Antwort., McNulty war noch nicht im Haus. Buckman blickte auf die Uhr und stellte fest, daß an der halben Stunde noch zehn Minuten fehl- ten. Er rief die Kommunikationszentrale an und verlangte eine Ver- bindung mit der Dienststelle in Las Vegas, welche die Suchaktion im Firefl ash-Bezirk durchführte. Elektronik schnurrte und klickte, und schließlich erschien auf Buckmans Bildschirm ein idiotisch san aussehender Typ in der Uniform eines Polizeihauptmanns. »Ja, General Buckman?« »Haben Sie Taverner?« »Noch nicht, Sir. Wir haben ungefähr dreißig der Mietwohnun- gen durchsucht und ...« »Sobald Sie ihn haben«, sagte Buckman, »rufen Sie mich direkt an.« Er gab dem Mann seine Durchwählnummer und legte mit einem vagen Gefühl von Resignation auf. »Alles braucht seine Zeit«, sagte Herb. »Wie gutes Bier«, murmelte Buckman. Er starrte mit leerem Blick geradeaus, während er überlegte, aber die Resultate blieben aus. »Sie und Ihre Intuitionen«, sagte Herb. »Nach der Jungschen Typologie sind Sie tatsächlich eine intuitiv denkende Person, bei der die Intuition die wichtigste Funktionsweise ist, während das Denken ...« »Blödsinn.« Er ballte eine Seite von McNultys Notizen zusam- men und warf sie in den Reißwolf. »Haben Sie Jung nicht gelesen?« »Natürlich. Als ich in Berkeley mein Diplom machte. Die ganze Fakultät mußte Jung lesen. Ich habe alles gelernt, was Sie gelernt haben, und noch ein bißchen mehr.« Er hörte die Gereiztheit in seiner Stimme und ärgerte sich darüber. »Ich kann mir vorstellen, wie die Kollegen in Las Vegas bei der Suche vorgehen: wie die, Müllabfuhr. Mit Geklapper und dröhnenden Schlägen ... Taverner wird sie hören, lange bevor sie die Wohnung erreichen, in der er ist.« »Glauben Sie, daß mit Taverner noch jemand ins Netz gehen wird? Vielleicht einer von den Hintermännern?« »Damit rechne ich nicht. Nicht in seiner Lage. Seine Ausweis- papiere liegen auf dem Polizeirevier, und er weiß, daß wir ihm auf der Spur sind. Ich erwarte nichts. Niemanden außer Taverner selbst.« »Ich biete Ihnen eine We e an«, sagte Herb unvermi elt. »Und welche?« »Ich we e fünf goldene Fünfer, daß Sie keinen Schri weiter- kommen, wenn Sie ihn haben.« Buckman starrte ihn verdutzt an. Das klang nach seiner eige- nen Art von Intuition: keine Fakten, keine Daten als Grundlage, nur Ahnungen und Gefühle. »Gehen Sie auf die We e ein?« fragte Herb. »Ich will Ihnen sagen, was ich machen werde«, antwortete Buck- man. Er zog seine Brie asche hervor und zählte das Geld darin. »Ich we e eintausend Papierdollar, daß wir auf einen der dicksten Hunde stoßen werden, mit denen wir je zu tun ha en, wenn wir Taverner in die Hände bekommen.« »Um solche Summen we e ich nicht«, sagte Herb. »Meinen Sie, daß ich recht habe?« Das Telefon summte; Buckman nahm den Hörer ab. Auf dem Bildschirm formten sich die Züge des Polizeihauptmanns aus Las Vegas. »Unser Thermo-Radex zeigt einen Mann von Taverners Größe und Körperbau in einer noch nicht durchsuchten Woh- nung, Sir. Wir kreisen die Wohnung vorsichtig ein und holen alle Leute aus den anderen benachbarten Einheiten heraus.« »Töten Sie ihn nicht«, sagte Buckman., »Auf keinen Fall, General Buckman.« »Halten Sie die Leitung off en«, sagte Buckman. »Ich will die Sache von jetzt an bis zum Schluß verfolgen.« »Gewiß, Sir.« Buckman wandte sich triumphierend zu Herb Maime. »Sie haben ihn wirklich schon!« sagte er lächelnd.,

Als Jason Taverner seine Kleider holen wollte, fand er Ruth Rae im Halbdunkel des Schlafzimmers auf dem zerwühlten,

noch immer warmen Be sitzend, voll angekleidet und eine ihrer gewohnten Tabakzigare en rauchend. Nächtlich graues Licht sik- kerte durch die Fenster. Das Ende der Zigare e glühte hell und nervös auf. »Diese Lungentorpedos werden dich noch umbringen«, sagte er. »Sie wurden aus gutem Grund auf eine Packung pro Person und Woche rationiert.« »Zieh Leine«, sagte Ruth Rae und rauchte weiter. »Aber du kriegst sie auf dem Schwarzen Markt«, sagte er. Einmal war er mit ihr gegangen, um einen ganzen Karton zu kaufen. Selbst bei seinem Einkommen ha e der Preis ihn erschreckt. Doch Ruth ha e es off enbar nichts ausgemacht. Sie schien damit gerechnet zu haben; sie kannte die Kosten ihrer Gewohnheit. »Hauptsache, ich kriege sie.« Sie drückte die erst halb gerauchte Zigare e in einem lungenförmigen Keramikaschenbecher aus. »Wenn das keine Verschwendung ist«, sagte er. »Hast du Monica Buff geliebt?« fragte Ruth. »Klar.« »Ich kann mir das nicht vorstellen.« »Es gibt verschiedene Arten von Liebe«, sagte Jason. »Wie Emily Fusselmans Kaninchen.« Sie blickte zu ihm auf. »Eine Frau, die ich kannte, verheiratet, drei Kinder. Sie ha e zwei junge Katzen, und dann bekam sie eins von diesen großen grauen belgischen Kaninchen, die mit den riesigen Hinterbeinen. Im ersten Monat ha e das Kaninchen Angst, aus seinem Käfi g her- auszukommen. Wir glauben, es war ein Er, soweit wir es beurtei-, len konnten. Dann, als dieser Monat um war, pfl egte er aus dem Käfi g zu kommen und im Wohnzimmer herumzuhoppeln. Nach zwei Monaten lernte er die Treppe hinaufsteigen und an Emilys Schlafzimmertür zu kratzen, um sie morgens zu wecken. Er fi ng sogar an, mit den Katzen zu spielen, aber da begannen die Schwie- rigkeiten, denn er war nicht so klug wie eine Katze.« »Kaninchen haben kleinere Gehirne«, sagte Jason. Ruth Rae nickte. »Jedenfalls liebte er die Katzen und versuchte ihnen alles nachzumachen. Er lernte sogar, die meiste Zeit den Kasten mit der Torfstreu zu benutzen. Aus Haaren seines Brust- fells, die er sich ausriß, machte er hinter der Couch ein Nest und wollte, daß die jungen Katzen hineingingen. Aber sie ha en dafür nichts übrig. Das Ende kam – beinahe –, als er versuchte, mit einem Schäferhund, den eine Frau mitgebracht ha e, fangen zu spielen. Er ha e gelernt, dieses Spiel mit den Katzen und mit Emily Fus- selman und ihren Kindern zu spielen, wobei er sich hinter der Couch zu verstecken pfl egte und dann herausgerannt kam, sehr schnell und in Kreisen, und alle versuchten ihn zu erwischen, aber meistens gelang es ihnen nicht, und er brachte sich wieder hinter der Couch in Sicherheit, wohin ihm keiner folgen dur e. Aber der Hund kannte die Spielregeln nicht, und als das Kaninchen hinter die Couch lief, verfolgte ihn der Hund und bekam sein Hinter- teil zwischen die Zähne. Emily konnte dem Hund die Kiefer aus- einanderziehen und scha e ihn hinaus, aber das Kaninchen war sehr verletzt. Es erholte sich, doch von da an ha e es schreckliche Angst vor Hunden und rannte schon fort, wenn es nur einen durch das Fenster sah. Und den Teil, wo der Hund ihn gebissen ha e, versteckte er immer hinter den Vorhängen, weil er dort kein Fell mehr ha e und sich schämte. Aber das Rührende an ihm waren seine Versuche, über die Grenzen seiner – wie würdest du sagen? Physiologie? – hinauszugelangen. Er bemühte sich wirklich, die, Beschränkungen eines Kaninchens zu überwinden und eine höher entwickelte Lebensform zu werden, wie die Katzen. Die ganze Zeit wollte er bei ihnen sein und als Ebenbürtiger mit ihnen spielen. Das war eigentlich schon alles. Die jungen Katzen wollten nicht in dem Nest bleiben, das er für sie baute, und der Hund kannte die Regeln nicht und erwischte ihn. Er lebte noch mehrere Jahre. Aber wer hä e gedacht, daß ein Kaninchen eine so komplexe Persön- lichkeit entwickeln kann? Und wenn er auf der Couch saß, und er wollte sie für sich haben, um sich auszustrecken, stieß er einen mit der Nase an, und dann, wenn man sitzen blieb, biß er einen. Aber sieh dir die Sehnsüchte dieses Kaninchens an, und sein Ver- sagen. Ein kleines Leben voller Bemühungen. Und doch war es die ganze Zeit hoff nungslos. Aber das wußte das Kaninchen nicht. Oder vielleicht wußte es davon und versuchte es trotzdem. Aber ich glaube, es verstand nicht. Es ha e nur diese große Sehnsucht. Sie war sein ganzes Leben, weil es die Katzen liebte.« »Ich dachte, du magst keine Tiere«, sagte Jason. »Nicht mehr. Nicht nach so vielen Todesfällen. Wie das Kanin- chen; als seine Zeit um war, starb es natürlich. Emily Fusselman weinte tagelang. Eine Woche. Ich sah, wie nahe es ihr ging, und scheute ähnliche Gefühlsbindungen.« »Aber ganz au ören, Tiere zu lieben, nur weil man ...« »Ihre Leben sind so schrecklich kurz. Es geht so rasch dahin. Gut, manche Leute verlieren ein Geschöpf, das sie lieben, und dann gehen sie hin und übertragen diese Liebe auf ein anderes. Aber es tut weh; es tut weh.« »Warum ist Liebe dann so gut?« Er ha e während seines langen Erwachsenenlebens mit den vielen fl üchtigen und tieferen Bezie- hungen o darüber nachgedacht. Auch jetzt dachte er darüber nach, bewegt von seinen jüngsten Erlebnissen und der Geschichte von Emily Fusselmans Kaninchen. »Du liebst Menschen, und, sie gehen fort. Eines Tages kommen sie nach Haus und packen ihre Sachen, und du sagst: ›Was ist los?‹ und sie sagen: ›Ich habe anderswo ein besseres Angebot‹, und schon sind sie fort, für immer aus deinem Leben verschwunden, und du trägst von da an bis zu deinem Tod diesen großen Klumpen Liebe mit dir herum und hast niemanden, dem du ihn geben kannst. Und wenn du doch einen Menschen fi ndest, geschieht das gleiche wieder. Oder du rufst sie eines Tages an und sagst: ›Hier ist Jason‹, und sie sagen: ›Wer?‹, und dann weißt du, was du ihnen bedeutest. Sie wissen nicht einmal mehr, wer du bist. Wahrscheinlich haben sie es nie wirklich gewußt; du ha est sie nie.« »Liebe bedeutet nicht, eine andere Person zu haben, als ob sie ein Gegenstand wäre, den man in einem Schaufenster sieht«, sagte Ruth. »Das ist nur Verlangen. Man will es um sich haben, mit nach Haus nehmen und irgendwo in der Wohnung aufstellen, wie eine Lampe.« Sie dachte nach. »Liebe ist ... ja, Liebe ist wie ein Vater, der seine Kinder aus einem brennenden Haus re et, der sie herausholt und selbst dabei zugrunde geht. Wenn du liebst, hörst du auf, für dich selbst zu leben; du lebst für einen anderen Menschen.« »Und das ist gut?« Ihm kam es nicht so gut vor. »Es überwindet den Instinkt. Die Instinkte drängen uns, um das Überleben zu kämpfen. Um unser eigenes Überleben auf Kosten anderer: jeder versucht mit Fußtri en, Ellbogen und Krallen höher hinaufzukommen. Ich kann dir ein gutes Beispiel nennen, einen meiner Ehemänner, Frank. Wir waren sechs Monate verhei- ratet. Während dieser Zeit hörte er auf, mich zu lieben und wurde schrecklich unglücklich. Ich liebte ihn immer noch; ich wollte mit ihm zusammenbleiben, aber es schadete ihm. Also ließ ich ihn gehen. Verstehst du? Es war besser für ihn, und weil ich ihn liebte, war es das, was zählte. Siehst du?« »Aber warum soll es gut sein, gegen den Überlebensinstinkt, anzugehen?« fragte Jason. »Du glaubst, ich hä e darauf keine Antwort.« Er nickte. »Weil der Überlebensinstinkt schließlich den kürzeren zieht. Bei jedem Lebewesen, Maulwurf, Fledermaus, Mensch, Frosch. Selbst bei Fröschen, die Zigarren rauchen und Schach spielen. Du kannst nie erreichen, was dein Überlebensinstinkt sich vornimmt, denn schließlich enden deine Anstrengungen im Versagen und du erliegst dem Tod, und das ist das Ende vom Lied. Aber wenn du liebst, kannst du vergehen und ...« »Ich bin noch nicht bereit, zu vergehen«, versicherte Jason. »Wenn du liebst, kannst du vergehen und mit Glück und ruhiger Zufriedenheit das Weiterleben jener betrachten, die du liebst.« »Aber sie sterben auch.« »Das ist wahr.« Ruth benagte ihre Unterlippe. »Es ist besser, nicht zu lieben, dann kann einem das alles nie passieren. Nicht mal ein Haustier, ob Hund oder Katze. Wie du sagtest – man liebt sie, und sie gehen zugrunde. Wenn der Tod eines Kaninchens schlimm ist ...« Er ha e plötzlich eine grauen- ha e Vision: die zermalmten Knochen und das blutverschmierte Haar eines Mädchens, das in den Kiefern eines undeutlich sicht- baren riesigen Ungeheuers steckte. »Aber du kannst trauern«, sagte Ruth beinahe beschwörend. »Jason! Trauer ist das mächtigste Gefühl, das ein Mensch oder ein Tier jemals empfi nden kann. Es ist ein gutes Gefühl.« »In welcher Weise?« fragte er rauh. »Die Trauer um einen Toten veranlaßt dich, dein eigenes Ich zu verlassen. Du tri st aus deiner engen kleinen Haut heraus. Aber du kannst keine Trauer empfi nden, wenn du nicht vorher Liebe emp- funden hast – Trauer ist das letzte Ergebnis der Liebe, denn sie ist verlorene Liebe. Du verstehst das; ich weiß es. Du willst nur nicht, darüber nachdenken. Es ist der vollendete Zyklus der Liebe: zu lieben, zu verlieren, zu trauern, zu verlassen und dann von neuem zu lieben. Jason, Trauer ist das Bewußtsein, daß du allein wirst sein müssen, und jenseits davon gibt es nichts, denn das Allein- sein ist das endgültige Geschick eines jeden Lebewesens. Das ist der Tod, die große Einsamkeit. Ich erinnere mich, wie ich das erste Mal Pot aus einer Wasserpfeife rauchte, sta mir einen Joint zu drehen. Der Rauch war kühl, und ich merkte gar nicht, wieviel ich inhalierte. Ganz plötzlich starb ich. Für einen kurzen Augen- blick nur, aber mehrere Sekunden lang. Die Welt, alle Gefühle und Wahrnehmungen, einschließlich des Bewußtseins meines eigenen Körpers – alles verblaßte und verging. Und doch ließ es mich nicht in einer Isolation im üblichen Sinne zurück, denn wenn du im üblichen Sinne allein bist, gehen dir immer noch Informationen und Wahrnehmungen zu, und wenn sie nur vom eigenen Körper kommen. Aber bei mir verschwand selbst die Dunkelheit. Alles hörte einfach auf. Stille. Nichts. Allein.« »Dann müssen sie das Zeug mit einem von diesen gi igen Scheißmi eln getränkt haben; das machte damals viele Leute kapu .« »Ja, ich kann von Glück reden, daß es keine dauernden Folgen ha e. Ein verrücktes Ding – ich ha e früher o Pot geraucht, aber nie war so etwas passiert. Das ist der Grund, warum ich danach auf Tabak übergegangen bin. Es war übrigens nicht wie ein Ohn- machtsanfall; ich ha e nicht das Gefühl, fallen zu müssen, weil ich nichts ha e, womit ich hä e fallen können, keinen Körper ... und es gab kein Unten, das dem Fall eine Richtung gegeben hä e. Alles, auch ich selbst, erlosch einfach. Verdunstete. Wie der letzte Tropfen aus einer Flasche. Bald darauf lief der Film dann wieder weiter. Der große Spielfi lm, den wir Wirklichkeit nennen.« Sie brach ab und inhalierte den Rauch ihrer Zigare e. Nach einer, Weile sagte sie: »Ich habe noch nie jemandem davon erzählt.« »Machte es dir Angst?« Sie nickte. »Bewußtsein der Bewußtlosigkeit, wenn du ver- stehst, was ich meine. Wenn wir sterben, werden wir es nicht fühlen, weil der Verlust aller Wahrnehmungen das Sterben aus- macht. Darum fürchte ich mich überhaupt nicht mehr vor dem Sterben, nicht mehr nach diesem schlechten Pot-Trip. Aber zurück zur Trauer: das heißt Leben und Sterben zugleich. Es gibt keine absolutere, überwältigendere Erfahrung. Manchmal denke ich, wir seien nicht dafür geschaff en, um so etwas durchzustehen; es ist zuviel, der Körper richtet sich beinahe selbst zugrunde. Aber ich will Trauer empfi nden, will Tränen vergießen können.« »Warum?« Er konnte es nicht begreifen; für ihn war dies etwas, das es zu vermeiden galt. »Trauer bringt einem die Wiedervereinigung mit dem, was man verloren hat«, sagte Ruth. »Sie ist ein Verschmelzen; in gewisser Weise trennst du dich von dir selbst und begleitest den Gegen- stand deiner Liebe, gehst einen Teil seines Weges mit ihm. Manch- mal folgst du ihm, so weit du gehen kannst. Ich erinnere mich an eine Zeit, als ich diesen Hund ha e, den ich liebte. Ich war siebzehn oder achtzehn. Der Hund wurde krank, und wir brach- ten ihn zum Tierarzt. Der sagte, er habe Ra engi gefressen und seine inneren Organe seien schwer in Mitleidenscha gezogen, und die nächsten vierundzwanzig Stunden würden entscheiden, ob er mit dem Leben davonkäme. Ich ging nach Haus und war- tete, und dann, so um elf Uhr abends, brach ich zusammen. Der Tierarzt wollte mich am Morgen anrufen und mir sagen, ob Hank die Nacht überlebt hä e. Ich stand um halb neun auf und ver- suchte in meinem Kopf Ordnung zu schaff en und wartete auf den Anruf. Ich ging ins Badezimmer – ich wollte mir die Zähne putzen – und sah Hank in der unteren linken Ecke des Badezimmers; er, stieg langsam in einer sehr gemessenen und würdevollen Art und Weise eine unsichtbare Treppe hinauf. Ich sah zu, wie er diagonal bis zur oberen rechten Ecke des Badezimmers emporstieg, wo er im Weitergehen verschwand. Er blickte kein einziges Mal zurück. Ich wußte plötzlich, daß er gestorben war. Und dann läutete das Telefon, und der Tierarzt sagte mir, daß Hank tot sei. Aber ich sah ihn emporsteigen. Und natürlich überkam mich schreckli- che, überwältigende Traurigkeit, in der ich mich selbst verlor und Hank das Geleit gab, die verdammte Treppe hinauf.« Beide schwiegen eine Zeitlang. »Aber schließlich vergeht die Trauer, und man wird wieder Teil dieser Welt«, sagte Ruth, nachdem sie sich geräuspert ha e. »Allein.« »Und man fi ndet sich damit ab.« »Weil einem keine andere Wahl bleibt. Du weinst, du weinst immer wieder, weil du niemals ganz von dort zurückkehrst, wohin du mit ihm gingst. Ein Stück deines pulsierenden, schlagenden Herzens ist noch dort, dir aus der Brust gerissen. Zurück bleibt eine Wunde, die nie ganz verheilt. Und wenn dir das im Leben immer wieder geschieht, und wenn schließlich zuviel von deinem Herzen herausgerissen ist, dann kannst du keine Trauer mehr empfi nden. Und dann bist du selbst bereit zu sterben. Du steigst die unsichtbare Leiter empor, und ein anderer wird zurückbleiben und dich betrauern.« »In meinem Herzen gibt es keine Wunden«, sagte Jason. »Wenn du jetzt gehst«, sagte Ruth mit vor unterdrückter Erre- gung heiserer Stimme, doch sonst ungewöhnlich gefaßt, »wird es für mich so sein.« »Ich werde bis morgen bleiben«, sagte er. Eher würden die Leute im Polizeilabor nicht entdecken, daß seine Ausweispapiere gefälscht waren., Er fragte sich, ob Kathy ihn gere et oder zerstört habe; er wußte es wirklich nicht. Kathy, die ihn gebraucht ha e, die mit ihren neunzehn Jahren mehr wußte als er und Ruth zusammen. Mehr als er und sie in der Gesamtheit ihrer Leben erfahren würden, bis hin zum Friedhof. Wie die versierte Leiterin einer Therapiegruppe ha e sie ihn auseinandergenommen – aber wozu? Um ihn wieder aufzubauen, stärker als zuvor? Er zweifelte daran, doch es blieb eine Möglich- keit, die nicht vergessen werden sollte. Er brachte Kathy ein selt- sam zynisches Vertrauen entgegen, das zugleich vollkommen und nicht überzeugend war; eine Häl e seines Verstandes sah sie als überaus verläßlich, und die andere sah sie als käufl ich, gewissen- los und stümperha . Die beiden Vorstellungsbilder von Kathy blieben unvereinbar und existierten in seinem Denken nebenein- ander. Vielleicht werde ich ein klares Bild von Kathy gewinnen, wenn ich von hier fortgehe, dachte er. Aber warum schon morgen gehen? Vielleicht könnte er sogar einen Tag länger bleiben. Doch das wäre wohl eine Herausforderung des Glücks. Wie gut war die Polizei wirklich? Sie ha e es fertiggebracht, seinen Namen falsch wieder- zugeben und eine falsche Akte zu ziehen. War es nicht möglich, daß sie auf der ganzen Linie versagte? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Auch seine Vorstellungen von der Polizei waren widersprüch- lich und nicht einfach aufzuklären. Und so, wie Emily Fusselmans Kaninchen, blieb er, wo er war und ho e, daß sich alle an die Spielregeln halten würden: man vernichtet kein Geschöpf, das nicht weiß, was es tun soll.,

Die vier grauuniformierten Polizisten standen zusammenge-drängt im ma en Schein der Korridorbeleuchtung und steck-

ten die Köpfe zusammen. »Nur noch zwei übrig«, raunte der Anführer des Trupps und fuhr mit dem Finger über die Namensliste der Mieter. »Eine Mrs. Ruth Gomen in zweihundertelf und ein Allen Mufi in zweihun- dertzwölf. Welche nehmen wir uns zuerst vor?« »Ich bin für diesen Mufi «, fl üsterte einer seiner Leute; er ließ das freie Ende seines bleigefüllten Plastikschlagstocks auf der linken Handfl äche tanzen, begierig, die Sache zu einem Ende zu bringen. »Also zweihundertzwölf«, sagte der Anführer, steckte die Liste weg und suchte den Klingelknopf. Aber dann kam ihm der Gedanke, am Türknopf zu drehen. Gewiß. Eine unwahrscheinliche Chance, aber plötzlich wahr. Die Tür war nicht abgeschlossen. Er signalisierte den anderen, still zu sein, grinste kurz und öff nete die Tür. Nach Durchqueren der Diele blickten sie in einen dunklen Wohnraum. Leere und nahezu leere Gläser standen da und dort, einige am Boden. Die Lu war verbraucht und roch nach abge- standenem Rauch, und sie sahen mehrere von zerknüllten Ziga- re enpackungen, Asche und zerdrückten Stummeln überquel- lende Aschenbecher. Eine Zigare enparty, sagte sich der Gruppenführer. Aber schon vorbei. Alle waren nach Haus gegangen, ausgenommen vielleicht Mr. Mufi . Er betrat den Raum und schwenkte den Lichtkegel seiner Taschenlampe dahin und dorthin, um schließlich die Tür auf der, anderen Seite des Zimmers zu beleuchten, die tiefer in die Woh- nung führte. Kein Geräusch. Keine Bewegung. Nur das entfernte, dumpfe Gemurmel eines nicht genau zu ortenden Radioempfän- gers. Er überquerte den Auslegeteppich, auf dem in Gold Richard M. Nixons Himmelfahrt abgebildet war, eingerahmt von freudig singenden Engelschören oben und Jammergeschrei unten. Kurz vor der anderen Tür trat er auf Go , der breit lächelnd die Arme ausstreckte, um seinen zweitgeborenen Sohn an die Brust zu drü- cken, dann stieß er die Schlafzimmertür auf. Im großen, weichen Doppelbe lag ein schlafender Mann mit bloßen Schultern und Armen. Die Kleider waren auf einen Stuhl gehäu . Mr. Allen Mufi , natürlich. Sicher, behaglich und zufrie- den in seinem eigenen Be . Aber – Mr. Mufi war nicht allein. Ein- gehüllt in die pastellfarbenen Laken und Decken lag neben ihm eine zweite undeutliche Gestalt zusammengerollt und schlief. Mrs. Mufi , dachte der Gruppenführer und richtete den Lichtkegel mit männlicher Neugierde auf sie. Auf einmal regte sich Allen Mufi – wenn er es war. Er öff nete die Augen und blinzelte. Und im nächsten Augenblick saß er bol- zengerade im Be und starrte die Eindringlinge an. »Was?« keuchte er und schnappte nach Lu wie ein Ertrin- kender. »Nein!« Dann sprang er aus dem Be , weiß, haarig und nackt, und warf sich im Dunkeln über den Tisch, um irgendeinen unsichtbaren, aber ihm wichtigen Gegenstand an sich zu bringen. Dann sprang er wie ein Verzweifelter zurück ins Be , zog die Decke über seine Blöße und saß schnaufend, den Gegenstand in der Faust. Es war eine Schere. »Wozu soll die gut sein?« fragte der Gruppenführer und ließ das Metall der Schere im Licht seiner Taschenlampe blitzen. »Ich bring mich um«, sagte Mufi , »wenn Sie nicht weggehen, und ... und uns in Ruhe lassen.« Er setzte die Spitze der geschlos- senen Schere gegen die schwarz behaarte linke Seite seiner Brust. »Dann ist es nicht Mrs. Mufi «, sagte der Gruppenführer und beleuchtete die andere, scheinbar immer noch schlafende Gestalt. »Ein kleines Abenteuer, hm?« Er trat ans Be , nahm eine Faustvoll Laken und Decken und riß sie zurück. Neben Mr. Mufi lag ein Junge im Be , schlank, jung, nackt, mit langem, blondem Haar. »Du kriegst die Tür nicht zu!« sagte der Gruppenführer. »Ich habe die Schere«, rief einer seiner Leute und warf sie auf den Boden. Der Gruppenführer wandte sich an Mr. Mufi , der zi ernd und schnaufend im Be saß, nacktes Entsetzen in den Augen. »Wie alt ist dieser Junge?« Der Junge war aufgewacht; er starrte von einem Polizisten zum anderen, rührte sich aber nicht. Sein weiches, ungeformtes Gesicht zeigte keinen Ausdruck. »Dreizehn«, krächzte Mr. Mufi mit einem fl ehentlichen Blick. »Nach dem Gesetz alt genug, daß seine Zustimmung genügt.« Der Gruppenführer nickte dem Jungen zu. »Kannst du es beweisen?« Er fühlte sich abgestoßen. Das Be zeug war fl eckig und feucht von halbgetrocknetem Schweiß und Sperma. »Die Kennkarte«, keuchte Mufi , »ist in seiner Geldbörse. In der Hose auf dem Stuhl.« Einer der Polizisten sagte zum Gruppenführer: »Sie meinen, wenn dieser Junge dreizehn ist, handelt es sich nicht um eine Stra at?« »Wieso denn nicht?« fragte ein anderer indigniert. »Natürlich ist es eine Stra at, und eine perverse Stra at dazu. Nehmen wir die beiden mit.«, »Augenblick, ja?« Der Gruppenführer fand die Hose des Jungen, wühlte in den Taschen, fand die Geldbörse, zog sie heraus und untersuchte die Kennkarte. Richtig, dreizehn Jahre alt. Er schloß die Geldbörse und steckte sie in die Hosentasche zurück. »Nein«, sagte er, noch immer erheitert von der Situation und Mufi s Scham und Verlegenheit, aber mehr und mehr angewidert von der feigen Angst des Mannes vor Enthüllung. »Nach der neuen Änderung des Strafrechts ist zwölf für einen Jugendlichen das vorgeschriebene Zustimmungsalter zur Teilnahme an sexuellen Handlungen mit anderen Jugendlichen oder Erwachsenen beiderlei Geschlechts. Die Einschränkung besteht in dem Verbot, derartige Handlungen mit mehr als einem Partner zur gleichen Zeit vorzunehmen.« »Aber es ist eine verdammte Perversion«, protestierte einer seiner Leute. »Das ist Ihre Meinung«, sagte Mufi , der jetzt Mut geschöp ha e. »Warum können wir sie nicht hochgehen lassen?« murrte der Polizist. Der Gruppenführer zuckte die Achseln. »Alle Stra aten, bei denen es keine Opfer gibt, werden systematisch aus dem Straf- register gestrichen. Das ist seit zehn Jahren die vorherrschende Tendenz.« »Was? Dies ist kein Opfer?« »Was fi nden Sie an solchen Jungen?« fragte der Gruppenfüh- rer Mr. Mufi . »Weihen Sie mich ein; ich habe schon immer wissen wollen, wie so ein Schwuler denkt.« »›Schwuler‹«, wiederholte Mufi unbehaglich und beleidigt. »Das bin ich also, ein Schwuler.« »Natürlich, das ist eine Kategorie«, sagte der Gruppenführer. »Ein Schwuler ist einer, der sich mit homosexuellen Absichten an junge Männer heranmacht, vorzugsweise aber an Minderjährige., Nicht ungesetzlich, aber moralisch verwerfl ich. Was machen Sie tagsüber?« »Ich bin Gebrauchtwagenhändler.« »Und wenn Ihre Kunden wüßten, daß Sie ein Schwuler sind, würden sie ihre Wagen nicht bei Ihnen kaufen, nicht wahr? Nicht wenn sie sich vorstellen, wo diese haarigen weißen Hände, die ihnen gerade die Bedienung des Wagens zeigen, außerhalb der Arbeits- zeit herumfi ngern. Stimmt‘s, Mr. Mufi ? Selbst ein Gebrauchtwa- genhändler kann dem moralischen Vorwurf, ein Schwuler zu sein, nicht entgehen. Selbst wenn es nicht länger verboten ist.« »Meine Mu er war schuld«, sagte Mufi zerknirscht. »Sie beherrschte meinen Vater, der ein Pantoff elheld war.« »Wie viele Jungen haben Sie in den letzten zwölf Monaten ver- führt?« fragte der Gruppenführer. »Es ist mein Ernst. Holen Sie sich jede Nacht einen anderen, oder wie geht das vor sich?« »Ich liebe Ben«, sagte Mufi , der unverwandt geradeaus starrte und die Lippen beim Sprechen kaum bewegte. »Später, wenn ich fi nanziell besser gestellt bin und für ihn sorgen kann, möchte ich ihn heiraten.« Der Gruppenführer wandte sich wieder dem Jungen zu. »Möchtest du, daß wir dich hier herausholen und zu deinen Eltern zurückbringen?« »Er lebt hier«, sagte Mufi mit einem verschämten Lächeln. »Ja, ich will hierbleiben«, sagte der Junge mürrisch. Er zog frös- telnd die Schultern zusammen. »Könnten Sie mir die Decke wie- dergeben?« »Hauptsache, Sie treiben Ihre Schweinereien hier drinnen nicht zu laut«, sagte der Gruppenführer, resigniert den Rückzug antre- tend. »Mein Go . Und diese Tro el haben den Paragraphen gestri- chen!« »Wahrscheinlich«, sagte Mufi mit au ommender Selbstsi-, cherheit, als er die Polizisten aus seinem Schlafzimmer gehen sah, »wurde der Paragraph deshalb gestrichen, weil manche von diesen übergewichtigen Polizeioffi zieren selbst mit Jungen ins Be steigen und nicht eingelocht werden wollten. Der Skandal wäre ihnen unerträglich gewesen.« Sein Lächeln dehnte sich zu einem anzüglichen Grinsen. »Ich hoff e«, sagte der Gruppenführer angewidert, »daß Sie sich eines Tages eines Vergehens schuldig machen und ich im Dienst bin, wenn Sie eingeliefert werden. Damit ich Ihre Reise in den Steinbruch persönlich für Sie buchen kann.« Er räusperte sich, dann spuckte er Mr. Mufi ins Gesicht. Schweigend tro ete die Gruppe durch das Wohnzimmer mit den überquellenden Aschenbechern und den halbleeren Whisky- gläsern, dann durch die Diele und hinaus in den Korridor. Der Gruppenführer schloß die Wohnungstür, stand einen Augenblick fröstelnd der öden Freudlosigkeit seiner Gedanken ausgeliefert, dann zog er die Mieterliste aus der Brus asche, hielt sie unter die Lampe und sagte: »Zweihundertelf. Mrs. Ruth Gomen. Es ist die letzte Wohnung, also muß dieser Taverner bei ihr sein, wenn er überhaupt im Haus ist.« Er klop e an die Wohnungstür und stand wartend, den blei- gefüllten Schlagstock einsatzbereit, aber auf einmal lustlos und gleichgültig. »Wir haben Mufi gesehen«, sagte er, halb zu sich selbst, »nun wollen wir sehen, wie diese Mrs. Gomen ist. Hoff ent- lich besser. Viel mehr von diesen Schweinereien kann ich nicht ertragen.« »Schlimmer kann es kaum werden«, sagte einer der Polizisten düster. Die anderen nickten und scharrten mit den Füßen, hielten sich bereit für die zögernden Schri e jenseits der Tür.,

Ich bin überzeugt, daß ich mit wenigstens vierundzwanzig, wahrscheinlich aber mit achtundvierzig Stunden rechnen

kann«, sagte Jason Taverner. »Also muß ich nicht sofort von hier verschwinden.« Und wenn meine Annahme richtig ist, dachte er, dann wird sie die Situation zu meinem Vorteil verändern. Ich werde vor der Polizei sicher sein. »Ich bin froh«, sagte Ruth. »Möchtest du noch was zu trinken? Scotch und Cola, vielleicht?« ›Die Theorie verändert die Wirklichkeit, die sie beschreibt‹. »Nein, danke«, sagte er und durchwanderte ziellos das Wohn- zimmer. Er ertappte sich dabei, daß er horchte ... auf was, wußte er nicht. Vielleicht war es die Abwesenheit von Geräuschen, die ihn aufmerken ließ. Kein Gemurmel von Fernsehgeräten, keine dumpfen Schri e über ihnen. Nicht einmal die verwehten Klänge von Musik. »Haben diese Wohnungen dicke Wände?« fragte er Ruth. »Ich höre nie etwas.« »Kommt dir irgend etwas seltsam vor? Außergewöhnlich?« Sie schü elte den Kopf. »Nein.« »Verdammt!« sagte er durch die Zähne, übermannt von einem jähen, lähmenden Vorgefühl drohenden Verhängnisses. »Ich weiß, daß sie mich haben. Jetzt. Hier. In diesem Zimmer.« Die Türglocke läutete. »Wir machen nicht auf«, stammelte Ruth ängstlich. »Wenn wir uns still verhalten, werden sie denken, daß niemand da ist, und wieder weggehen ...« Ihr hastiges Flüstern erstarb, als er zur Tür ging. Jason öff nete die Tür., Drei Polizisten in grauen Uniformen füllten die Öff nung aus, Pistolen und Schlagstöcke in den Händen. »Mr. Taverner?« fragte der mit den Ärmelstreifen. »Ja.« »Wir müssen Sie zu Ihrem eigenen Besten in Schutzha nehmen, also kommen Sie bi e mit uns und versuchen Sie nicht, sich aus unserer Nähe zu entfernen. Was Sie an persönlichem Besitz in der Wohnung haben, wird später abgeholt und Ihnen übergeben werden.« Jason nickte. Er fühlte sehr wenig. Ruth Rae, die aus dem Wohnzimmer in die Diele gekommen war, stieß beim Anblick der Uniformierten einen unterdrückten Schrei aus. »Sie auch, Miß«, sagte der Polizist mit den Ärmelstreifen und machte eine auff ordernde Bewegung mit dem Schlagstock. »Darf ich meinen Mantel holen?« fragte sie ängstlich. »Kommen Sie schon mit.« Der Polizist ging schnell an Jason vorbei, packte Ruth Rae am Oberarm und zog sie aus der Woh- nung. »Tu, was sie sagen«, sagte Jason zu ihr. Ruth begann zu schluchzen. »Sie werden mich in ein Zwangs- arbeitslager stecken!« »Nein«, sagte Jason. »Nach dem Verhör werden sie dich laufen- lassen.« Die Polizisten trieben Jason und Ruth Rae zur Treppe und hin- unter ins Erdgeschoß. Draußen stand ein Gefangenentransport- wagen, umringt von mehreren müßig herumlungernden Polizis- ten mit Maschinenpistolen. Sie sahen müde und gelangweilt aus. »Geben Sie mir Ihre Kennkarte«, sagte der Mann mit den Ärmel- streifen zu Jason und streckte die Hand aus. »Ich habe eine Einstweilige Kennkarte mit einer Gültigkeit von, sieben Tagen«, sagte Jason. Mit zi ernden Fingern suchte er sie heraus und gab sie dem anderen. Der Beamte betrachtete die Kennkarte mit kritisch zusammen- gekniff enen Augen, dann blickte er auf. »Sie geben freiwillig und aus eigenem Antrieb zu, daß Sie Jason Taverner sind?« »Ja.« Zwei Polizisten durchsuchten ihn nach Waff en. Er hob gedul- dig die Arme und spreizte die Beine, während sie ihn abtasteten, und noch immer fühlte er sehr wenig. Nur einen halbherzigen und hoff nungslosen Wunsch, daß er seiner besseren Einsicht gefolgt wäre und Las Vegas verlassen hä e. Überall wäre er siche- rer gewesen als hier. »Mr. Taverner«, sagte der Polizist, »die Polizeibehörde von Los Angeles hat uns ersucht, Sie zu Ihrer eigenen Wohlfahrt in Schutz- ha zu nehmen und der Polizeiakademie Los Angeles zu über- stellen. Wir werden Sie auf dem Lu weg hinbringen. Haben Sie irgendwelche Beschwerden über die Art der Behandlung vorzu- bringen, die Ihnen zuteil wurde?« »Nein«, sagte er. »Noch nicht.« »Steigen Sie in den Transportwagen«, befahl der Offi zier und zeigte auf die off ene Hecktür. Jason gehorchte. Ruth Rae kle erte nach ihm an Bord und wimmerte in der Dun- kelheit vor sich hin, während der Begleitpolizist die Tür zuwarf und abschloß. Jason legte den Arm um ihre Schultern und küßte sie auf die Stirn. »Was hast du gemacht?« schluchzte sie rauh mit ihrer Bourbonstimme. »Werden sie uns jetzt töten?« Der Begleitpolizist, der ein gutes Stück entfernt saß, sagte: »Wir werden Ihnen nicht das Lebenslicht ausblasen, Miß. Wir transpor- tieren Sie zum Flugplatz und von dort nach Los Angeles. Das ist, alles. Beruhigen Sie sich.« »Ich mag Los Angeles nicht«, sagte Ruth Rae weinerlich. »Seit Jahren bin ich nicht dort gewesen. Ich hasse diese Stadt.« Sie blickte ängstlich umher. »Ich auch«, sagte der Polizist, »aber wir müssen lernen, mit ihr zu leben.« »Wahrscheinlich durchwühlen sie jetzt meine Wohnung«, klagte sie. »Reißen die Kleider heraus, zerschlagen alles.« »Ganz bestimmt«, sagte Jason mit müder Stimme. Er ha e Kopfschmerzen und fühlte sich elend und ausgelaugt. »Zu wem werden wir gebracht?« fragte er den Beamten. »Zu Inspektor McNulty?« »Wahrscheinlich nicht«, antwortete der Polizist. »Die an den Toren sitzen, reden über dich, in Liedern voller Spo tun es die Zecher. Wie ich von denen hörte, will Polizeigeneral Felix Buck- man Sie persönlich verhören. Das war übrigens aus Psalm neun- undsechzig«, erklärte er. »Ich sitze hier bei Ihnen als Zeuge des Wiedergeborenen Jehova, der in dieser Stunde neue Himmel und Erde erscha , daß man den früheren nicht länger gedenken wird, noch sie zu Herzen nehmen. – Jesaja 65, Vers 17.« »Ein Polizeigeneral?« fragte Jason benommen. »So heißt es«, antwortete der gefällige junge Jehova-Polizist. »Ich weiß nicht, was Sie getan haben, aber es ist klar zu sehen, daß Sie richtig getan haben.« Ruth Rae schluchzte in der Dunkelheit. »Wie Gras ist alles Fleisch«, intonierte der Jehova-Polizist. »Wie gemeines Unkraut ist es. Aber das Krumme soll gerade gemacht werden, und das Gerade stark ...« »Haben Sie einen Joint?« fragte ihn Jason. »Nein, mein Glaube bewahrt mich vor allen verderblichen Las- tern. Aber vielleicht mein Kollege ...« Der bibelfeste Polizist klop e, an die vordere Metallwand. »He, Ralf, kannst du diesem Bruder hier einen Joint geben?« Das kleine, vergi erte Fenster zum Fahrerhaus wurde geöff net, und ein Arm in grauem Ärmel reichte eine zerdrückte Packung durch. »Danke«, sagte Jason, als er den Joint in Brand setzte. »Willst du auch einen?« fragte er Ruth Rae. »Ich will Bob«, jammerte sie. »Ich will meinen Mann.« Jason stützte die Ellbogen auf die Knie und saß vornüberge- beugt, rauchte und dachte nach. »Geben Sie nicht auf«, sagte der Jehova-Polizist aus der Dun- kelheit. »Warum nicht?« fragte Jason. »Die Zwangsarbeitslager sind nicht so schlimm. Während der Grundausbildung wurden wir durch eins geführt. Es gibt Duschen und Be en mit Matratzen und Ausgleichsbeschä igungen wie Basketball, Malen und handwerkliche Beschä igungen. Sie wissen schon, handgemachte Kerzen und so weiter. Und Ihre Familie kann Ihnen viermal im Jahr ein Paket schicken, und einmal im Monat können Sie Besuch empfangen.« Er fügte nach einer Weile hinzu: »Und Sie können Go esdienste der Religionsgemeinscha Ihrer Wahl besuchen.« »Meine Wahl ist die freie, off ene Welt«, sagte Jason. Danach herrschte Schweigen, unterbrochen nur von Ruth Raes gedämp em Schluchzen, bis sie den Flughafen erreichten.,

Steif kle erte Jason Taverner aus dem Polizeihubschrauber, blickte vorsichtig in die Runde, schnüff elte die stinkende, smog-

gesä igte Lu , blickte zu den aufgelockerten, gi igen Wolken auf und sah den schmutziggelben Widerschein der größten Stadt Nordamerikas, und wandte sich nach hinten, um Ruth Rae her- auszuhelfen, aber der freundliche junge Jehova-Polizist ha e das bereits getan. Eine Gruppe von Polizisten aus Los Angeles ha e sich um den gelandeten Hubschrauber gesammelt. Die Männer wirkten ent- spannt, neugierig und heiter. Keinem von ihnen war auch nur eine Spur von Bösartigkeit anzumerken. Wenn sie einen haben, sind sie freundlich, dachte Jason. Nur solange sie einen jagen, sind sie hinterhältig und grausam, denn in der Situation besteht noch die Möglichkeit, daß man ihnen entwischt. Hier und jetzt gibt es keine solche Möglichkeit. »Hat er einen Selbstmordversuch unternommen?« fragte ein Sergeant den Jehova-Polizisten. »Nein, Sir.« Darum also ha e er Jason und Ruth begleitet. »In Ordnung«, sagte der Sergeant zu den Polizisten aus Las Vegas. »Von nun an nehmen wir die beiden Verdächtigen in Gewahrsam.« Die aus Las Vegas nickten, salutierten, bestiegen ihren Hub- schrauber und kna erten in nordöstlicher Richtung davon, zurück nach Nevada. »Hier entlang«, sagte der Sergeant mit einer knappen Kopf- bewegung. Die Uniformierten aus Los Angeles kamen Jason ein wenig schroff er, härter und älter vor als ihre Kollegen aus Las, Vegas. Oder vielleicht bildete er es sich nur ein; vielleicht steckte dahinter nur ein Anwachsen seiner Angst. Er fragte sich, was er dem Polizeigeneral sagen sollte. Es war schwierig, und um so schwieriger, als alle seine Theorien und Erklärungen über ihn selbst fadenscheinig geworden waren und er sich eingestehen mußte, daß er nichts wußte, nichts glaubte, und der Rest verborgen war. So ergab er sich resigniert in sein Schick- sal und bestieg mit den Polizisten und Ruth Rae einen Aufzug. Im vierzehnten Stock stiegen sie aus. Ein Mann mit blitzender randloser Brille stand vor ihnen, gut gekleidet, einen Mantel über dem Arm. Er trug spitze schwarze Halbschuhe und ha e, wie Jason sofort bemerkte, zwei Goldkro- nen. Er mochte Mi e der Fünfzig sein, eine sta liche, aufrechte Erscheinung, grauhaarig und mit einem Ausdruck echter Wärme im gutgeschni enen, aristokratischen Gesicht. Er sah nicht wie ein Polizist aus. »Sie sind Jason Taverner?« fragte der Mann. Ohne die Ant- wort abzuwarten, streckte er die Hand aus, und Jason nahm und schü elte sie. Zu Ruth Rae sagte der Polizeigeneral: »Sie werden einstweilen mit dem Wartezimmer vorliebnehmen müssen. Ich werde Sie später befragen. Zuerst möchte ich mit Mr. Taverner sprechen.« Die Polizisten führten Ruth hinaus; er konnte sie noch jammern und klagen hören, als sie und ihre Begleiter längst außer Sicht waren. Er und der Polizeigeneral blieben allein zurück. »Mein Name ist Felix Buckman«, sagte der Polizeigeneral. »Kommen Sie in mein Büro.« Er wandte sich um, ließ Jason den Vortri und führte ihn in einen großen Raum in pastellblauen und grauen Farbtönen. Jason zwinkerte ungläubig: dieser Aspekt des Polizeiwesens war ihm neu; er ha e nie geahnt, daß es so etwas, gab. Kurz darauf saß er in einem weich gepolsterten Ledersessel und starrte ungläubig zu Buckman auf, der seinen massigen, bei- nahe klobig wirkenden Eichenschreibtisch umkreist ha e, sich aber nicht setzte. Sta dessen öff nete er einen Wandschrank und hängte seinen Mantel hinein. »Ich wollte Sie auf dem Dach empfangen«, erläuterte er, »aber zu dieser Nachtstunde bläst der Santana dort oben so stark, daß es kaum auszuhalten ist. Er grei meine Stirnhöhlen an.« Er wandte sich um und blickte Jason ins Gesicht. »Ich sehe etwas an Ihnen, was aus Ihrem Foto nicht hervorging. Man sieht es auf Fotos nie, und es ist immer eine Überraschung, wenn man einem begegnet, wenigstens für mich. Sie sind ein Sechser, nicht wahr?« Jason erwachte zu voller Aufmerksamkeit, machte eine instink- tive Bewegung, als wolle er sich aus dem Sessel erheben, und sagte erwartungsvoll: »Sind Sie auch ein Sechser, General?« Felix Buckman zeigte seine Goldkronen – ein kostspieliger Ana- chronismus – in einem breiten Lächeln und hielt sieben Finger in die Höhe.,

In seiner Karriere als Polizeibeamter ha e Felix Buckman diesen Bluff jedesmal gebraucht, wenn er auf einen Sechser gestoßen

war. Besonders in Fällen wie diesem, wenn die Begegnung über- raschend kam, suchte er bei dieser Taktik Zufl ucht. Bisher ha e es vier solcher Begegnungen gegeben, und alle Gesprächspartner ha en ihm geglaubt, was ihn immer wieder erheiterte. Die Sech- ser, selbst Ergebnisse geheimer eugenischer Experimente, erwie- sen sich als ungewöhnlich leichtgläubig, wenn man sie mit der Behauptung konfrontierte, daß es ein weiterführendes Projekt gegeben habe, das der gleichen Geheimhaltung unterlag. Ohne diesen Bluff wäre er für einen Sechser bloß ein ›Gewöhnli- cher‹. Mit einem solchen Handikap belastet, konnte er einen Sech- ser nicht im Griff behalten; daher der Bluff . Durch ihn erfuhr seine Beziehung zu einem Sechser eine Umkehrung. Und unter derart veränderten Bedingungen konnte er erfolgreich mit einem sonst in seiner Überheblichkeit störrischen Menschen fertigwerden. Die tatsächliche psychologische Überlegenheit, die ein Sechser ihm gegenüber ha e, wurde so von einer völlig frei erfundenen Tatsachenbehauptung erhoben. Dies gefi el ihm ungemein. In einem Augenblick der Entspannung ha e er Alys einmal anvertraut: »Zehn oder fünfzehn Minuten lang kann ich besser und schneller denken als ein Sechser, aber wenn es länger dauert ...« Er ha e eine Hilfl osigkeit andeutende Geste gemacht und eine Zigare enpackung vom Schwarzen Markt zusammengedrückt. Mit zwei Zigare en darin. »Danach gewinnen ihre verstärkten Neuronenströme die Oberhand.« Und so ha e er endlich die Lösung gefunden. »Warum ein ›Siebener‹?« ha e Alys gesagt. »Wenn du sie schon, täuschen willst, warum dann nicht Achter oder Achtunddreißi- ger?« »Weil das zu hoch gegriff en wäre.« Diesen Fehler wollte er nicht machen. »Ich werde diesen Leuten erzählen, was sie meiner Ein- schätzung nach glauben werden«, ha e er ihr gesagt. Und seine Meinung ha e sich schließlich als die richtige erwiesen. »Und wenn diese Sechser dir nicht glauben?« ha e Alys gesagt. »Und ob sie mir glauben werden!« ha e er ihr entgegnet. »Es ist ihre geheime Angst. Sie verkörpern das Sechste in einer Reihe von DNS-Rekonstruktionssystemen, und sie wissen, daß es, wenn es bei ihnen erfolgreich war, bei anderen in einer weiterentwickelten Form noch erfolgreicher sein kann.« Alys, desinteressiert, ha e wegwerfend gesagt: »Du solltest Ansager in einer Fernsehwerbung für Waschmi el werden.« Und das war ihre ganze Reaktion gewesen. Wenn ihr etwas gleichgültig war, dann hörte es für sie auf zu existieren. Wahrscheinlich hä e er ihr diese Haltung nicht so lange durchgehen lassen sollen, wie er es getan ha e ... aber eines Tages, so ha e er o gedacht, wird die Vergeltung kommen: die verleugnete Realität kehrt zurück und verfolgt einen. Überfällt einen ohne Warnung und macht einen wahnsinnig. Und Alys war in einem besonderen Sinne, in irgendeiner unge- wöhnlichen klinischen Art und Weise pathologisch. Er fühlte es, konnte aber nicht mit dem Finger darauf zeigen. Aber so waren viele seiner Ahnungen. Es störte ihn nicht, so sehr er sie liebte. Er wußte, daß er recht ha e. Nun, als er dem Sechser Jason Taverner gegenübersaß, baute er seine Schwindelgeschichte aus. »Wir waren nur sehr wenige, insgesamt vier. Einer ist bereits tot, so daß meines Wissens noch drei verbleiben. Ich habe nicht die, leiseste Ahnung, wo die anderen sind; wir halten untereinander noch weniger Kontakt als man es den Sechsern nachsagt.« »Wer war Ihr Genetiker?« fragte Jason. »Dill-Temko. Derselbe, den Sie ha en. Er war der Schöpfer der Gruppen fünf bis sieben, dann ging er in den Ruhestand. Wie Sie sicherlich wissen, ist er jetzt tot.« »Ja«, sagte Jason. »Es traf uns alle wie ein Schlag.« »Mich auch«, sagte Buckman in düsterem Ton. »Dill-Temko war uns Vater und Mu er zugleich. Was für andere die Eltern sind, war er für uns. Wußten Sie, daß er kurz vor seinem Tod mit der Vorbereitung von Schemata für eine achte Gruppe begonnen ha e?« »Was für Menschen wären das geworden?« »Nur Dill-Temko wußte das«, sagte Buckman und fühlte seine Überlegenheit über den Sechser vor ihm wachsen. Und doch war sein psychologischer Vorteil sehr zerbrechlich. Eine falsche Fest- stellung, und er würde sich in Nichts aufl ösen. Und einmal verlo- ren, würde der Vorteil nicht wiederzugewinnen sein. Es war das Risiko, das er einging. Aber es machte ihm Spaß; er ha e immer eine Schwäche für ungleiche We en gehabt, für das spielerische Element in einer Situation. In solchen Augenblicken ha e er ein großartiges Gefühl für seine eigenen Fähigkeiten. Und er betrachtete das nicht als etwas Eingebildetes ... gleichgültig, was ein Sechser, der ihn als einen gewöhnlichen Mann kannte, sagen würde. Das störte ihn überhaupt nicht. Er schaltete die Gegensprechanlage ein und sagte: »Peggy, brin- gen Sie uns Kaff ee, Milch und den Rest. Danke.« Darauf lehnte er sich mit einstudierter Lässigkeit zurück und betrachtete Jason Taverner. Wer wußte, wie ein Sechser aussah, konnte Taverner unschwer als solchen erkennen. Der krä ige Rumpf, die massige Arm- und, Rückenmuskulatur, die kra volle, an einen Widder gemahnende Nacken- und Kopfpartie. Aber die meisten gewöhnlichen Men- schen waren niemals wissentlich einem Sechser begegnet. Sie ha en nicht seine Erfahrung, noch sein sorgfältig gesammeltes Wissen über sie. Zu Alys ha e er einmal gesagt: »Diese Leute werden nie an die Macht kommen und mein Land regieren.« »Du hast kein Land. Du hast ein Amt.« An dem Punkt ha e er die Diskussion abgebrochen. »Mr. Taverner«, sagte er ohne Umschweife, »wie ist es Ihnen gelungen, Dokumente, Karteikarten, Mikrofi lme und sogar voll- ständige Akten aus den Datenzentralen und Archiven herauszu- holen? Ich habe versucht, mir Möglichkeiten vorzustellen, aber dabei ziehe ich jedesmal eine Niete.« Er konzentrierte seine Auf- merksamkeit auf das ansehnliche, aber alternde Gesicht des Sech- sers und wartete.,

Was kann ich ihm sagen? fragte sich Jason Taverner, als er stumm dem Polizeigeneral gegenübersaß. Die Wirklichkeit,

wie ich sie kenne? Das ist schwierig, denn ich verstehe sie selbst nicht. Aber ein Siebener konnte es vielleicht verstehen – nun, Go allein wußte, was so einer konnte oder nicht konnte. Ich werde versuchen, ihm eine vollständige Erklärung zu geben. Doch als er zu einer Antwort ansetzte, hemmte etwas seine Rede, und er begriff , daß er dem anderen nicht alles sagen wollte. Dieser Buckman ha e ihn völlig in der Hand. Er war Polizeige- neral und ha e dadurch Autorität und Einfl uß, und wenn er ein Siebener war, konnte es für ihn kaum Grenzen geben. »Der Umstand, daß Sie ein Sechser sind«, sagte Buckman nach längerer Pause, »läßt diese Sache in einem besonderen Licht erscheinen. Arbeiten Sie mit anderen Sechsern zusammen?« Er blickte Jason unverwandt ins Gesicht, und dieser fand es unbe- haglich und verwirrend. »Ich denke, was wir hier haben«, sagte Buckman, »ist der erste konkrete Hinweis, daß Sechser ...« »Nein«, sagte Jason mit Entschiedenheit. »Nein?« Buckman starrte ihn weiterhin an. »Sie stehen in dieser Sache nicht mit anderen Sechsern in Verbindung?« »Ich kenne einen anderen Sechser«, sagte Jason. »Es ist eine Frau – Heather Hart. Und sie hält mich für einen Proletenfan, obwohl wir viele Jahre eng befreundet waren.« Er sagte es mit mehr Bi er- keit als er beabsichtigt ha e. Diese Information interessierte Buckman; er ha e nicht gewußt, daß die bekannte Sängerin Heather Hart eine Sechser war. Aber es schien nur vernün ig. Er war in seiner Karriere jedenfalls nie einer, Frau begegnet, die eine Sechser war; seine Kontakte mit Frauen waren überhaupt spärlich. »Wenn Miß Hart eine Sechser ist«, sagte Buckman laut, »sollten wir sie vielleicht hierherbi en und in die Befragung einbeziehen.« Ein Polizeieuphemismus, der ihm leicht von der Zunge ging. »Tun Sie das«, sagte Jason. »Drehen Sie sie durch die Mangel.« Sein Ton wurde au rausend. »Zerbrechen Sie sie. Stecken Sie sie in ein Zwangsarbeitslager.« Ihr Sechser, dachte Buckman bei sich, kennt nur wenig Loyali- tät füreinander. Er ha e das schon früher beobachtet, aber es über- raschte ihn immer wieder. Eine elitäre Gruppe, aus dem besten geistigen und körperlichen Erbgut gezüchtet, um neue moralische Maßstäbe zu setzen und einzuführen, die in der Lebenswirklich- keit verstreut und zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken war, weil ihre Mitglieder einander nicht ausstehen konnten. Er mußte lächeln. »Erheitert Sie das?« fragte Jason. »Glauben Sie mir nicht?« »Das ist nicht wichtig.« Buckman zog eine Kiste mit Cuesta- Rey-Zigarren aus einer Schreibtischschublade, nahm eine heraus und schni mit seinem kleinen Taschenmesser das Ende ab. Jason Taverner verfolgte die Vorbereitungen fasziniert. »Eine Zigarre?« fragte Buckman. Er nahm die Zigarrenkiste und hielt sie Jason hin. »Ich habe nie eine gute Zigarre geraucht«, sagte Jason. »Wenn es herauskäme, daß ich ...« Er brach ab. »Herauskäme, sagten Sie?« fragte Buckman, aufmerkend. »Sie meinen, wenn die Polizei davon erführe?« Jason schwieg, aber er ha e die Fäuste geballt, und sein Atem ging he ig und stoßweise. »Gibt es Schichten, in denen Sie wohlbekannt sind?« sagte Buck- man. »Zum Beispiel unter Intellektuellen in Zwangsarbeitslagern?, Sie wissen schon – diejenigen, die vervielfältigte Manuskripte in Umlauf bringen.« »Nein«, sagte Jason. »Unter Musikern, dann?« »Nicht mehr«, sagte Jason mit gepreßter Stimme. »Haben Sie jemals Pla enaufnahmen gemacht?« »Nicht hier.« Buckman beobachtete ihn weiterhin. Es schien, als ob er nie mit den Augenlidern zwinkern mußte; er ha e diese Technik des Anstarrens in langen Jahren beherrschen gelernt. »Wo dann?« fragte er mit kaum hörbarer Stimme. Das Absinken der Lautstärke sollte einlullen und von der Wortbedeutung ablenken. Aber Jason Taverner ließ es an sich abgleiten; er reagierte nicht. Diese verdammten Sechserbastarde, dachte Buckman ärgerlich. Mit einem Sechser kann man keine Spielchen machen, es klappt einfach nicht. Er drückte wieder auf die Taste der Gegensprechanlage. »Lassen Sie eine Miß Katharina Nelson zu mir bringen«, instruierte er Herb Maime. »Eine unserer Informantinnen unten in Wa s, dem frühe- ren Negerviertel. Ich denke, wir sollten uns anhören, was sie zu sagen weiß.« »Halbe Stunde.« »Danke.« »Warum sie da hineinziehen?« fragte Jason Taverner heiser. »Sie fälschte Ihre Papiere.« »Sie weiß nur über mich, was ich ihr für die Ausweispapiere auf einen Ze el schrieb«, sagte Jason mürrisch. »Und das war erfunden?« Nach einer Pause schü elte Jason den Kopf. »Sie existieren also.« »Nicht hier.«, »Wo?« »Ich weiß es nicht.« »Sagen Sie mir, wie Sie es fertigbrachten, alles Datenmaterial über Ihre Person verschwinden zu lassen.« »Das habe ich nie getan.« Bei diesen Worten fühlte sich Buckman plötzlich von einer unge- heuren Ahnung überwältigt; sie packte ihn mit eisernen Krallen. »Sie haben kein Datenmaterial aus den Speichern und Archi- ven entnommen; Sie haben versucht, Material hineinzubringen. Es waren von Anfang an keine Daten da.« Jason Taverner zögerte, dann nickte er. »Gut«, sagte Buckman; er fühlte die Glut einer Entdeckung wärmend in seinem Innern, und die zart auffl ackernde Flamme begann Konturen zu erhellen. »Sie haben nichts herausgeholt. Aber es gibt einen Grund, warum die Daten nicht existieren. Warum nicht? Wissen Sie es?« »Ich weiß«, sagte Jason Taverner, mit gerunzelter Stirn auf die Schreibtischpla e starrend, »daß ich nicht existiere.« »Aber das war nicht immer so.« »Richtig«, sagte Taverner und nickte, ohne es zu wollen. »Wo?« »Ich weiß es nicht!« Es läu immer wieder auf das gleiche hinaus, dachte Buckman: ich weiß es nicht. Nun, vielleicht wußte der Mann es wirklich nicht. Aber er war von Los Angeles nach Las Vegas gereist; er ha e bei diesem runzligen, mageren Suppenhuhn gehaust, das die Kol- legen aus Las Vegas mit ihm verladen ha en. Vielleicht, dachte er, kann ich von ihr was erfahren. Aber sein Gefühl sprach dagegen. »Haben Sie zu Abend gegessen?« forschte Buckman. Jason Taverner bejahte. »Aber Sie werden mir sicher bei einem kleinen Imbiß Gesell-, scha leisten, nicht wahr? Ich werde was bringen lassen.« Wieder machte er von der Sprechanlage Gebrauch. »Peggy – es ist schon so spät ... besorgen Sie uns in diesem neuen Lokal unten an der Straße zwei Frühstücke. Nicht dort, wo wir sonst immer hingin- gen, sondern in dem neuen, dessen Schild den Mädchenkopf und den Hund zeigt. Barfy heißt es, glaube ich.« »Ja, Mr. Buckman«, sagte Peggy und schaltete sich aus. »Warum sagt man nicht ›General‹ zu Ihnen?« fragte Taverner. »Wenn man mich General nennt«, sagte Buckman, »habe ich immer das Gefühl, ich hä e ein Buch über die Invasion Frank- reichs oder den Zweifrontenkrieg schreiben sollen.« »Also lassen Sie sich lieber einfach ›Mister‹ nennen.« »So ist es.« »Und Ihre Leute richten sich danach?« »Warum sollten sie nicht?« fragte Buckman. »Meine Kollegen überall im Land, die mich näher kennen, halten es genauso.« »Aber der Präsident wird Sie sicherlich mit ›General‹ anre- den.« Buckman lächelte. »Der Präsident hat mich noch nie gesehen. Ich nehme an, daß ich auch in Zukun nicht mit ihm zusammenkommen werde. Und das gleiche gilt für die meisten anderen, Sie eingeschlossen, Mr. Taverner.« Bald darauf kam eine grauuniformierte Polizistin ins Büro und brachte ein Table mit dem Imbiß. »Was Sie gewöhnlich um diese Zeit bestellen«, sagte sie, als sie das Table auf Buckmans Tisch stellte. »Ein warmes Brötchen mit Schinken und eins mit Salami.« »Welches möchten Sie?« fragte Buckman. »Das mit der Wurst«, sagte Taverner. »Das macht zehn Dollar«, sagte die Polizistin. »Wer bezahlt?« Buckman grub in seinen Jackentaschen, fi schte Banknoten und, etwas Wechselgeld heraus. Die Frau bedankte sich und ging. »Haben Sie Kinder?« fragte er Taverner. »Nein.« »Ich habe eins«, sagte General Buckman. »Ich will Ihnen ein kleines Bild von ihm zeigen, das ich kürzlich bekam.« Er suchte in seinem Schreibtisch und brachte ein dreidimensionales Farbfoto zum Vorschein, das er Jason über den Tisch reichte. Dieser nahm es und hielt es unter die Lampe. Es zeigte einen Jungen in kurzer Hose und Pullover, der barfuß über eine Wiese lief und eine Dra- chenschnur hielt. Wie sein Vater, ha e der Junge helles kurzes Haar und ein krä iges und eindrucksvoll breites Kinn. Schon als Junge. »Hübsch«, sagte Jason und gab das Bild zurück. »Er brachte den Drachen nicht in die Lu «, sagte Buckman. »Vielleicht ist er noch zu klein. Oder zu ängstlich. Unser klei- ner Sohn ist ziemlich ängstlich. Ich glaube, es liegt daran, daß er seine Mu er und mich so selten zu sehen bekommt; er ist in einer Internatsschule in Florida, und wir sind hier. Das ist nicht gut. Sie sagten, Sie haben keine Kinder?« »Nicht daß ich wüßte«, sagte Jason. »Nicht daß Sie wüßten?« Buckman zog die Augenbrauen hoch und zeigte sich verwundert. »Soll das heißen, daß Sie der Sache nicht nachgehen? Daß Sie nie versucht haben, es in Erfahrung zu bringen? Sie wissen doch, das Gesetz verpfl ichtet Sie als den Vater, Ihre Kinder zu unterstützen, ob Sie in einer Ehe leben oder nicht.« Jason nickte. »Nun«, sagte General Buckman, als er das Bild wieder ver- staute, »jedem das Seine. Aber bedenken Sie, um was Sie sich damit gebracht haben. Haben Sie noch nie ein Kind geliebt? Es tut dem Herzen weh, dem Innersten, wo man leicht sterben kann.«, »Das wußte ich nicht«, sagte Jason. »Oh, ja. Meine Frau sagt, man könnte jede Art von Liebe ver- gessen, aber niemals jene, die man einem Kind entgegengebracht hat. Und wenn etwas zwischen einen selbst und ein Kind kommt – etwas wie der Tod oder ein schreckliches Unglück wie eine Schei- dung –, erholt man sich nie mehr davon.« »Nun, ich muß sagen, dann ...« – Jason gestikulierte mit dem angebissenen Brötchen – »dann ist es wahrscheinlich besser, diese Art von Liebe nicht zu fühlen.« »Da bin ich nicht Ihrer Meinung«, sagte Buckman. »Man sollte immer lieben, und besonders ein Kind, weil das die stärkste und reinste Form von Liebe ist.« »Ich verstehe«, sagte Jason. »Nein, Sie verstehen nicht. Sechser verstehen nie; es lohnt sich nicht, darüber zu diskutieren.« Er stieß mit he igen, fahrigen Bewegungen Akten und Papiere auf dem Schreibtisch herum, gereizt und verdrießlich; doch allmählich beruhigte er sich und gewann seine kühle Selbstsicherheit zurück. Aber er konnte Jason Taverners Haltung nicht begreifen. Für ihn war sein Kind von alles überragender Bedeutung; der Junge und natürlich die Liebe zur Mu er des Jungen: dies war der Angelpunkt seines Lebens. Sie beendeten den Imbiß schweigend; auf einmal schien es keine Brücke mehr zwischen ihnen zu geben. »Hier im Gebäude gibt es eine Kantine«, sagte Buckman schließ- lich, als er ein Glas grünen Tee trank. »Aber das Essen dort ist ver- gi et. Die Küchenhilfen müssen allesamt Angehörige in Zwangs- arbeitslagern haben. Sie nehmen Rache an uns.« Er lachte. Jason Taverner verzog keine Miene. »Mr. Taverner«, sagte Buckman, die Lippen mit der Servie e abtupfend, »ich werde Sie gehen lassen. Ich halte Sie nicht fest.« Jason starrte ihn an. »Warum?«, »Weil Sie nichts getan haben.« »Ich habe mir falsche Ausweispapiere besorgt«, sagte Jason mit heiserer Stimme. »Das ist ein Verbrechen.« »Ich bin berechtigt, jedes Untersuchungsverfahren wegen begangener Stra aten einzustellen, wenn niemand zu Schaden gekommen ist«, sagte Buckman. »Ich vermute, daß Sie aus einer besonderen Situation heraus, in der Sie sich ohne eigene Schuld befanden, zu Ihrem Tun gezwungen wurden. Sie weigern sich, mich über diese Situation zu informieren, aber ich habe trotzdem eine Vorstellung davon gewonnen.« Jason schwieg eine Weile. »Danke«, sagte er dann. »Aber Sie werden elektronisch überwacht, gleichgültig, wohin Sie gehen«, sagte Buckman. »Sie werden niemals allein sein, außer mit Ihren eigenen Gedanken, und vielleicht nicht einmal dort. Jede Person, mit der Sie Kontakt aufnehmen, wird zum Verhör geladen, genauso wie wir jetzt diese Katharina Nelson verhören werden.« Er beugte sich über den Schreibtisch und sprach langsam und mit Betonung, damit Taverner kein Wort entginge. »Ich glaube Ihnen, daß Sie kein Datenmaterial aus dem Verkehr gezogen haben. Ich glaube Ihnen, daß Sie Ihre eigene Situation nicht verstehen. Aber früher oder später werden Sie darüber Klarheit gewinnen, und wenn das geschieht, wollen wir dabei sein. Darum werden wir Sie von nun an immer begleiten. Erscheint Ihnen das fair genug?« Jason Taverner stand auf. »Denken alle Siebener in dieser Art und Weise?« »Welcher Art und Weise?« »Ich meine, wie Sie Entscheidungen treff en. Stark, vital, zupa- ckend. Und wie Sie Fragen stellen und zuhören – Go , wie Sie zuhören! – und sich dann Ihre Meinung bilden. Unwiderrufl ich.« Buckman sagte wahrheitsgemäß: »Ich weiß es nicht, weil ich keinen Kontakt mit anderen Siebenern habe.«, »Danke«, sagte Jason und streckte ihm die Hand hin; sie tausch- ten einen Händedruck aus. »Danke für die Mahlzeit.« Er schien jetzt ruhig, beherrscht und sehr erleichtert. »Kann ich hier einfach so rausgehen? Wie komme ich auf die Straße?« »Wir werden Sie bis zum Morgen festhalten müssen«, sagte Buckman. »Es ist eine feste Regel; nach Anbruch der Dunkelheit werden keine Verdächtigen auf freien Fuß gesetzt. Zuviel geschieht nachts auf den Straßen. Wir werden Ihnen ein Zimmer mit einer Schlafgelegenheit zur Verfügung stellen, aber Sie werden in Ihren Kleidern schlafen müssen. Morgen früh um acht werde ich Sie von Peggy zum Haupteingang der Akademie geleiten lassen.« Buckman drückte wieder auf die Taste und sagte: »Peggy, brin- gen Sie Mr. Taverner einstweilen in eine der Ha zellen; holen Sie ihn morgen früh pünktlich um acht Uhr wieder heraus. Verstan- den?« »Jawohl, Mr. Buckman.« General Buckman breitete lächelnd die Arme aus und sagte: »Das wär‘s also. Mehr gibt es nicht.«,

Mr. Taverner«, sagte Peggy, »bi e kommen Sie mit. Ziehen Sie sich an und folgen Sie mir ins äußere Büro. Ich werde Sie

dort erwarten. Gehen Sie einfach durch die blauweiße Tür.« General Buckman stand ein wenig abseits und hörte Peggy zu. Ihre Stimme klang hübsch und frisch und sympathisch, und er vermutete, daß sie auf Taverner genauso wirkte. »Noch etwas«, sagte Buckman und hielt den nachlässig geklei- deten, noch ziemlich verschlafenen Taverner zurück, als dieser zur blauweißen Tür hinüberwollte. »Ich kann Ihre Einstweilige Kenn- karte nicht erneuern, wenn jemand weiter unten sie für verfallen erklärt. Verstehen Sie? Am besten stellen Sie völlig vorschri smä- ßig einen Antrag für einen komple en Satz von Ausweispapieren. Das bedeutet intensive Befragungen, aber ein Sechser kann das vertragen.« Und er knu e freundscha lich Taverners Oberarm. »In Ordnung«, sagte Jason Taverner. Er verließ das Büro, und die blauweiße Tür fi el hinter ihm zu. Buckman beugte sich über das Tischgerät und sagte in die Gegensprechanlage: »Herb, vergewissern Sie sich, daß unsere Leute ihm einen Mikrosender und eine heterostatische Ladung Größe achtzig anhe en. Damit wir ihn verfolgen und wenn nötig jederzeit vernichten können.« »Wollen Sie auch ein Mikrofon?« fragte Herb. »Ja, wenn Sie ihm eins verpassen können, ohne daß er es merkt.« »Ich werde mit Peggy darüber sprechen«, sagte Herb und schal- tete aus. Hä e McNulty mehr Informationen aus dem Mann herausho- len können? fragte er sich. Nein, sicherlich nicht. Taverner wußte, selbst nicht, was mit ihm los war. Darum war es nötig, abzuwar- ten, bis er die Antwort fi nden würde ... und dann dabei zu sein, entweder physisch oder elektronisch. Dennoch beschä igte ihn der Gedanke, daß es sich entgegen aller Wahrscheinlichkeit um eine Sache handeln könnte, welche die Sechser als Gruppe inszenierten – trotz ihrer üblichen Animo- sitäten. Nach einem weiteren Druck auf die Taste sagte er: »Herb, ver- anlassen Sie, daß diese Popsängerin Heather Hart oder wie immer sie sich nennt, ab sofort bei Tag und Nacht unter Beobachtung gestellt wird. Und besorgen Sie sich von der Datenzentrale alles Material über Sechser. Haben Sie verstanden?« »Sind die Personalkarten dafür gelocht?« fragte Herb. Buckman seufzte. »Wahrscheinlich nicht. Niemand wird vor zehn Jahren daran gedacht haben, als Dill-Temko noch lebte und von der fi xen Idee besessen war, die Erde mit immer vollkomme- neren und unheimlicheren Übermenschen zu bevölkern.« Wie uns Siebenern, dachte er mit schiefem Lächeln. »Und heute, nachdem klar ist, daß die Sechser politisch versagt haben, würde erst recht keiner daran denken. Was sagen Sie?« »Ich sehe das genauso«, sagte Herb. »Aber ich werde mich trotzdem darum kümmern.« »Sollten die Karteikarten von Sechsern eine besondere Loch- kombination haben«, sagte Buckman, »möchte ich, daß alle Sechser festgestellt und rund um die Uhr überwacht werden. Selbst wenn wir sie nicht alle ausfi ndig machen können, sollten wir wenigstens diejenigen bescha en, die uns bekannt sind.« »Wird gemacht, Mr. Buckman.«,

Auf Wiedersehn und viel Glück, Mr. Taverner«, sagte die Polizi-stin namens Peggy, als sie die weite Eingangshalle des großen

grauen Gebäudes der Polizeiakademie durchmessen ha en und ins Freie traten. »Danke«, sagte Jason. Er tat einen tiefen Atemzug der sonnen- durchfl uteten Morgenlu , abgasverseucht wie sie war. Ich bin frei, sagte er sich. Sie hä en mir tausend Sachen anhängen können, aber sie haben es nicht getan. Sie ließen mich laufen. Ganz in seiner Nähe sagte eine sehr kehlige, gu urale Frauen- stimme: »Kleiner Mann, was nun?« Nie in seinem Leben ha e man ihn ›kleiner Mann‹ genannt; er war über einsachtzig groß. Er wandte sich um und wollte etwas antworten, da sah er die Sprecherin, und es verschlug ihm die Sprache. Sie war genauso groß wie er. Aber im Gegensatz zu ihm trug sie eine eng anliegende schwarze Lederhose, ein ledernes rotes Hemd mit Fransen, goldene Ohrringe und einen Gürtel, der aus einer Ke e gemacht war. Und gespornte Stiefel! Mein Go , dachte er angewidert, wo hat sie ihre Peitsche? »Meinen Sie mich?« fragte er. »Ja«, sagte sie lächelnd. Er sah, daß ihre Zähne mit kleinen Tier- kreiszeichen in Gold geschmückt waren. »Bevor man Sie da her- ausließ, präparierte man Sie mit verschiedenen Gegenständen; ich denke, Sie sollten das wissen.« »Ich weiß«, sagte Jason, der sich fragte, wer oder was sie sei. »Einer von ihnen«, sagte sie, »ist ein miniaturisierter nuklearer Sprengsatz. Er kann durch ein Radiosignal gezündet werden, das von diesem Gebäude ausgeht. Wußten Sie das auch?«, Nach kurzem Schweigen schü elte er den Kopf. »Nein, das wußte ich nicht.« »Es ist die Methode, mit der mein Bruder arbeitet«, sagte die Frau. »Er spricht ne und verständnisvoll mit einem, zivilisiert, und dann läßt er Sie von einem aus seinem Stab – er hat einen riesigen Stab – mit dem Zeug präparieren, bevor Sie das Haus ver- lassen können.« »General Buckman ist Ihr Bruder?« sagte Jason verdutzt. Wie er sie genauer ansah, bemerkte er die Ähnlichkeit zwischen ihnen. Die schmale, ziemlich lange Nase, die hohen Backenknochen, der lange, an einen Modigliani erinnernde Hals ... sehr patrizierha , dachte er. Sie beeindruckten ihn beide. Aber wenn General Buck- man ein Siebener war, dann mußte sie es auch sein. Ein Gefühl von Unbehagen schickte ihm leichte, prickelnde Schauer über den Rücken. Er mußte wachsam und vorsichtig sein. »Ich werde Sie von diesen Dingern befreien«, sagte sie, noch immer lächelnd. Es war wie das Lächeln ihres Bruders, blitzend von Gold. »Einverstanden«, sagte Jason. »Kommen Sie mit zu meinem Wagen.« Sie ging leichtfüßig und geschmeidig voran; er eilte ihr unbeholfen nach. Eine Minute später saßen sie in ihrem Wagen. »Ich heiße Alys«, sagte sie. »Sehr erfreut«, murmelte er. »Ich bin Jason Taverner, der Sänger und Fernsehstar.« »Ach, wirklich? Seit meinem zehnten Lebensjahr habe ich kein Fernsehprogramm mehr gesehen.« »Da haben Sie nicht viel versäumt«, sagte er. Er wußte selbst nicht, ob er es ironisch meinte; er war zu übernächtigt und nervös, um sich darüber Gedanken zu machen. »Dieser kleine Sprengsatz hat die Größe eines Getreidekorns«,, sagte Alys. »Und er steckt wie eine Zecke in Ihrer Haut. Das heißt, er wird so unter die Haut geschoben, daß das Opfer ihn kaum ent- decken kann. Selbst wenn Sie wüßten, daß Sie so ein Ding mit sich herumtragen, würden Sie die größte Mühe haben, es zu fi nden. Aber ich habe mir von der Polizeiakademie ein besonderes Gerät ausgeliehen.« Sie zeigte ihm eine röhrenförmige Lampe. »Das Licht glüht auf, wenn man es in die Nähe einer Miniaturladung bringt.« Sie begann ihn abzusuchen, indem sie den Zylinder mit leichten und sicheren Bewegungen über seinen Körper führte. An seinem linken Ellbogen glühte das Licht auf. »Ich habe auch das nötige Werkzeug, um eine Miniaturladung zu entfernen«, sagte Alys. Sie brachte eine fl ache Blechschachtel zum Vorschein, die sie öff nete. »Je eher sie herausgeholt wird, desto besser«, sagte sie. »Es ist schon vorgekommen, daß diese Dinger während der Monate und Jahre im Körper gewandert sind.« Sie schni ein wenig an seinem Ellbogen herum und besprühte die Wunde mit analgetischer Lösung. Und dann lag es in ihrer Hand: wie sie gesagt ha e, nicht größer als ein Getreidekorn. »Danke«, sagte er, »daß Sie mir den Dorn aus der Pfote gezogen haben.« Alys lachte, während sie ihre Instrumente in die Blechschachtel packte und diese in ihrer großen Handtasche verstaute. »Wissen Sie«, sagte sie, »er tut es niemals selbst; immer ist es jemand aus seinem Stab. So kann er moralisch intakt über den Dingen stehen, als ob sie nichts mit ihm zu tun hä en. Ich glaube, diesen Zug an ihm hasse ich am meisten.« Sie zog grüblerisch die Brauen über der Nasenwurzel zusammen. »Ich hasse ihn wirklich.« »Können Sie mir nicht noch mehr herausschneiden oder abrei- ßen?« fragte Jason. »Sie versuchten, Ihnen ein Mikrofon anzukleben – Peggy, die, eine technische Expertin ist, versuchte es –, aber ich glaube nicht, daß es geklappt hat.« Sorgfältig und behutsam untersuchte sie seinen Hals. »Nein, es klebte nicht fest; es muß abgefallen sein. Fein. Damit wäre das auch geregelt. Aber Sie haben noch irgendwo einen Mikrosender an sich, einen Signalgeber. Um seine Impulse sichtbar zu machen, brauchen wir ein Stroboskop.« Sie öff nete das Handschuhfach und zog ein ba eriebetriebenes Gerät mit einer Schlitzscheibe hervor. »Ich denke, damit werden wir ihn fi nden«, sagte sie und begann mit dem Stroboskop zu hantieren. Der Mikrosender fand sich in der Mansche e des linken Jacken- ärmels. Alys durchstieß ihn mit einer Stecknadel, und damit war er außer Betrieb gesetzt. »Gibt es noch was?« fragte er sie. »Möglicherweise eine Minikamera. Das ist eine ungefähr dau- mennagelgroße Kamera, die ein Bild auf die Fernsehmonitore überträgt. Aber ich habe nicht gesehen, daß man Ihnen eine ange- he et hä e; ich glaube, wir brauchen uns deswegen keine Sorgen zu machen.« Sie startete den Motor, doch bevor sie anfuhr, wandte sie sich zur Seite und musterte ihn. »Übrigens«, sagte sie. »Wer sind Sie?« »Eine Unperson«, sagte Jason. »Und das heißt?« »Das heißt, daß ich nicht existiere.« »Körperlich?« »Ich weiß es nicht«, sagte er wahrheitsgemäß. Vielleicht, dachte er, wenn ich mit ihrem Bruder, dem Polizeigeneral, off ener gewe- sen wäre – vielleicht hä e er eine Erklärung gefunden. Schließ- lich war Felix Buckman ein Siebener. Was immer das bedeuten mochte. Immerhin ha e Buckman gleich in die richtige Richtung son- diert und einiges herausgebracht. Obendrein innerhalb sehr kur-, zer Zeit; während eines von einem Imbiß und einer Zigarre unter- brochenen nächtlichen Gesprächs. »Dann sind Sie Jason Taverner. Der Mann, den McNulty festzu- nageln versuchte, der Mann, über den es nirgendwo Unterlagen gibt. Keine Geburtsurkunde, keine Examenszeugnisse, keine ...« »Wie kommt es, daß Sie das alles wissen?« fragte Jason. »Ich habe McNultys Meldung gelesen«, sagte sie heiter. »Im Büro meines Bruders. Es interessierte mich.« »Warum fragen Sie mich dann, wer ich sei?« Alys zuckte die Achseln. »Ich wollte hören, ob Sie es wissen. Ich ha e McNultys Bericht gelesen, und diesmal wollte ich Ihre Seite hören. Die Gegenseite, wie es so schön heißt.« »Ich kann dem, was McNulty weiß, nichts hinzufügen«, sagte Jason. »Das ist nicht wahr.« Er merkte, daß sie ihn in genau der Manier verhörte, die ihr Bruder am Vorabend angewendet ha e. Ein leiser, beiläufi ger Tonfall, als ob bloß Nebensächliches erörtert würde, dazu die intensive Konzentration auf sein Gesicht, die anmutigen Gesten ihrer Arme und Hände, mit denen sie ihre Worte beglei- tete. Es war beinahe, als tanze sie mit sich selbst. Er fand sie exotisch und aufregend, aber er ha e genug von auf- regenden Frauen, weiß Go . Wenigstens für die nächsten Tage. »Na schön«, sagte er. »Ich weiß mehr.« »Mehr als Sie Felix sagten?« Er zögerte und beantwortete damit ihre Frage. »Ja«, sagte Alys. Er zuckte die Achseln. Es war off ensichtlich. »Ich will Ihnen was sagen«, sagte Alys munter. »Möchten Sie gern sehen, wie ein Polizeigeneral lebt? Sein Haus? Seine Burg?« »Das wollen Sie mir zeigen?« fragte er ungläubig. »Und wenn er davon erfährt?« Er besann sich. Was wollte diese Frau von ihm?, Wohin wollte sie ihn bringen? Er spürte Gefahr, wurde wachsam und mißtrauisch. Sein. Körper schien besser als sein Verstand zu wissen, daß er sich hier in acht nehmen mußte, mehr als zu irgendeiner anderen Zeit. »Sie haben Zutri zu seinem Haus?« fragte er, um sich selbst zu beruhigen. Er versuchte seiner Stimme einen natürlichen Klang zu geben, frei von Spannungen. »Hören Sie«, sagte Alys aufl achend, »ich lebe mit ihm. Wir sind Geschwister. Wir stehen uns sehr nahe. Blutschänderisch nahe.« »Ich bin nicht daran interessiert, die Figur in einem abgekarte- ten Spiel zwischen Ihnen und Ihrem Bruder zu sein.« »Abgekartetes Spiel? Zwischen Felix und mir?« Sie warf den Kopf zurück und lachte schallend. »Felix und ich könnten nicht mal beim Bemalen von Ostereiern zusammenarbeiten. Kommen Sie; fahren wir zum Haus. Wir haben dort eine ganze Menge inter- essanter Dinge. Mi elalterliche hölzerne Schachspiele, altes engli- sches Porzellan. Schöne frühe Briefmarken, gedruckt von Perkins, Bacon & Co. und der National Bank Note Co. Interessieren Sie sich für seltene Briefmarken?« »Nein«, sagte er. »Für Waff en?« Er zögerte. »Bis zu einem gewissen Grad.« Er erinnerte sich an seine eigene Pistole; es war das zweite Mal innerhalb vierund- zwanzig Stunden, daß er Grund ha e, daran zu denken. Alys beobachtete ihn von der Seite und sagte plötzlich: »Wissen Sie, für einen kleinen Mann sehen Sie nicht übel aus. Sie sind zwar älter, als ich Männer mag, aber nicht sehr viel. Sie sind ein Sechser, nicht wahr?« Er nickte. »Nun, wie ist es?« fragte Alys. »Wollen Sie die Burg eines Poli- zeigenerals sehen?« »Also gut«, sagte Jason. Sie würden ihn ohnehin fi nden, wann, immer sie ihn wollten, wo er auch hinginge. Mit oder ohne Signal- geber im Ärmel. »Eins möchte ich von Anfang an klarstellen«, sagte Alys, als sie durch den Verkehr steuerte. Sie warf ihm einen Seitenblick zu, um sich zu vergewissern, daß er zuhörte. »Machen Sie mir keine sexu- ellen Anträge. Wenn Sie das tun, bringe ich Sie um.« Sie klop e an ihren Gürtel, und er sah eine schmale Pistole im Bund ihrer schwarzledernen Hose stecken; das Metall schimmerte bläulich und schwarz in der Morgensonne. »Sie können unbesorgt sein«, sagte er mit einigem Unbehagen. Die Kombination von Leder und Stahl, die ihre Kleidung aus- machte, gefi el ihm nicht; es deutete unübersehbar auf fetischisti- sche Neigungen hin, für die er noch nie etwas übrig gehabt ha e. Und nun dieses Ultimatum. Wo lagen ihre sexuellen Interessen? Bei anderen Lesbierinnen? War es das? In Antwort auf seine unausgesprochene Frage sagte Alys ruhig: »Meine Libido ist ganz auf Felix fi xiert.« »Auf Ihren Bruder?« Ihn fröstelte. »Wie?« »Wir leben seit fünf Jahren in einer inzestuösen Beziehung«, sagte Alys, während sie den Wagen geschickt durch den dichten Stadtverkehr manövrierte. »Wir haben ein Kind, es ist drei Jahre alt. Es wird von einer Haushälterin und Kinderschwester in Key West, Florida, aufgezogen. Es ist ein Junge, und er heißt Barney.« »Und das erzählen Sie mir?« sagte er verblü . »Jemandem, den Sie überhaupt nicht kennen?« »Oh, ich kenne Sie sehr gut, Mr. Taverner«, sagte Alys. Sie jagte den Wagen durch eine weit geschwungene Kurve und auf das breite Band einer Schnellstraße. Hier war der Verkehr weniger dicht. »Seit Jahren bin ich eine Verehrerin von Ihnen, das heißt, von Ihrer Dienstagabendschau. Und ich habe Pla en von Ihnen,, und einmal hörte ich Sie im Orchideensaal des St.-Francis-Hotels in San Francisco singen.« Sie warf ihm ein fl üchtiges Lächeln zu. »Felix und ich, wir sind beide Sammler ... und zu den Dingen, die ich sammle, gehören die Pla en von Jason Taverner. Im Lauf der Jahre habe ich alle neun zusammengebracht. « »Zehn«, sagte Jason, heiser vor Erregung. »Ich habe zehn Lang- spielpla en gemacht. Die letzten paar mit Projektionsspuren für die Bildwiedergabe.« »Dann ist mir eine entgangen«, sagte Alys. »Hier. Schauen Sie auf den Rücksitz.« Er drehte sich halb herum und sah sein frühestes Album auf der rückwärtigen Sitzbank liegen: Taverner und der Blues. »Ja«, sagte er, angelte mühsam über die Rückenlehne, bekam die Pla e zu fassen und hielt sie wie eine Kostbarkeit auf dem Schoß. »Da liegt noch eine«, sagte Alys. »Sie ist mir die liebste von allen.« Er wiederholte die Verrenkung und sah eine mit Eselsohren beha ete Pla enhülle von Ein heiterer Abend mit Taverner. »Ja«, sagte er. »Das ist die beste Pla e, die ich je aufgenommen habe.« »Sehen Sie?« sagte Alys. Sie zog den Wagen durch die spiralige Kurve einer Ausfahrt, und Jason erblickte weiter voraus zu Füßen der Hügelke e eine Anzahl herrscha licher Landsitze inmi en von Baumgruppen und Rasenfl ächen. »Wir sind gleich da.«,

Sie hielten zwischen einer weitläufi gen Rasenfl äche und dem Haus. Das Gebäude fi el Jason kaum auf, obwohl es groß

war: zweistöckig, mit rotbraunem Ziegeldach, weißgetünchten Wänden und schmiedeeisernen Fenstergi ern und Balkongelän- dern im spanischen Stil. Ein großes Haus, umgeben von schönen alten Eichen; das Haus war in die Landscha gebaut, ohne sie zu zerstören. Es verschmolz mit ihr und schien Teil der Bäume und Grünfl ächen, eine Erweiterung in den Bereich des von Menschen Gemachten. Alys stieg aus, zog den Zündschlüssel ab und nickte ihm zu. »Lassen Sie die Pla en im Wagen und kommen Sie mit«, sagte sie und klimperte ungeduldig mit dem Schlüsselbund. Widerwillig legte er die Pla enalben wieder auf den Rücksitz und folgte ihr. Er mußte eilen, um mit ihr Schri zu halten; die langen, von schwarzem Leder umhüllten Beine stelzten vor ihm her zum großen Eingangstor des Hauses. »Haben Sie die Mauer bemerkt, die das ganze Grundstück umgibt?« sagte sie. »In die Mauerkrone haben wir überall Fla- schenscherben zementieren lassen. Um Banditen abzuschrecken ... heutzutage, in diesem Zeitalter. Das Haus gehörte einmal dem berühmten Westerndarsteller Ernie Till.« Sie drückte einen Knopf, und ein braununiformierter Privatpolizist erschien, musterte sie, nickte und ließ sie ein. »Was wissen Sie?« sagte Jason zu Alys. »Sie wissen, daß ich ...« »Daß Sie berühmt sind«, sagte Alys, als wäre es eine Selbstver- ständlichkeit. »Das weiß ich seit Jahren.« »Aber dann sind Sie gewesen, wo ich war. Wo ich immer war. Und das ist nicht hier.«, Alys nahm ihn beim Arm und führte ihn durch einen weiß- getünchten Korridor und dann fünf Ziegelstufen abwärts in ein tiefer gelegenes Wohnzimmer mit Blick in den grünen und mit Blütenkaskaden verhangenen Innenhof. Alles war für diese Zeit altertümlich, aber schön. Für Jason blieben es jedoch fl üchtige, kaum wahrgenommene Eindrücke. Er wollte mit ihr reden und in Erfahrung bringen, was sie wußte, und woher. Und was es bedeutete. »Erinnern Sie sich an diesen Raum?« fragte Alys. Er verneinte. »Sie sollten sich aber an ihn erinnern. Sie sind schon einmal hier gewesen.« »Ausgeschlossen«, sagte er reserviert; mit dem Hervorzaubern der beiden Pla en ha e sie ihn völlig durcheinandergebracht. Ich muß die Pla en haben, sagte er sich. Um sie vorzuzeigen ... Ja, dachte er; aber wem? General Buckman? Und wenn ich sie ihm zeige, was wird es mir einbringen? »Meskalin?« fragte Alys, schon unterwegs zu einem großen, geölten Walnußschrank auf der anderen Seite des Wohnzimmers. »Ein wenig«, sagte er, und seine Antwort überraschte ihn nach- träglich; er zwinkerte. »Ich möchte einen klaren Kopf behalten«, schränkte er ein. Sie brachte ihm ein kleines emailliertes Drogentable , auf dem sich ein kristallenes Becherglas mit Wasser und eine weiße Kapsel befanden. »Sehr gute Ware. Harveys Nummer Eins, aus der Schweiz importiert und abgefüllt in der Bond Street.« Nach einem Moment fügte sie hinzu: »Und überhaupt nicht stark. Sehr mild und angenehm.« »Danke.« Er nahm das Glas und die weiße Kapsel. Er spülte das Meskalin hinunter, stellte das schwere Glas zurück aufs Table . »Wollen Sie nichts nehmen?« fragte er sie unbehaglich. Er ärgerte, sich über seine Unvorsichtigkeit. »Ich bin schon high«, sagte Alys fröhlich und zeigte ihm die goldenen Barockzähne mit einem freundlichen Lächeln. »Sieht man es mir nicht an? Wahrscheinlich nicht; Sie haben mich noch nie anders gesehen.« »Wußten Sie, daß ich zur Polizeiakademie von Los Angeles gebracht werden sollte?« fragte er. Sie muß es gewußt haben, dachte er, denn sie ha e die beiden Pla en mitgebracht. Das kann kein Zufall gewesen sein. »Ich verfolgte den Polizeifunk«, sagte Alys. »Zufällig erwischte ich den Funkverkehr zwischen meinem Bruder und den Leuten in Las Vegas. Dann und wann höre ich ganz gern zu, wenn er im Dienst ist. Nicht immer, aber ...« Sie wies auf eine off ene Korrid- ortür und sagte in verändertem Tonfall: »Ich möchte, daß Sie sich etwas ansehen; wenn es so gut ist, wie Felix sagte, muß ich es Ihnen zeigen.« Er folgte ihr, und das Durcheinander der Fragen in seinem Kopf betäubte ihn fast, während er zur Tür ging. Wenn sie in jene andere Existenzebene überwechseln konnte, dachte er, wenn sie zwischen diesen beiden Welten verkehren konnte, wie sie es getan zu haben schien ... »Er sagte, die Mi elschublade seines Schreibtischs«, meinte Alys sinnend, als sie in der Mi e des Arbeitszimmers angelangt war. Dunkle Eichenholzregale voll lederner Buchrücken bedeck- ten die Wände vom Boden bis zur Decke. Einladende Ledersessel um einen runden Tisch, eine Vitrine mit winzigen Tassen, meh- reren altertümlichen Schachspielen und uralten Tarockkarten ... Alys trat an einen alten Schreibtisch mit Einlegearbeit, öff nete die Mi elschublade und beugte sich darüber. »Ah«, sagte sie und nahm einen durchsichtigen kleinen Umschlag heraus. »Alys ...«, sagte Jason, doch sie schni ihm mit einem brüsken, Schnippen ihrer Finger das Wort ab. »Seien Sie still, während ich mir das ansehe.« Aus einer ande- ren Schreibtischschublade nahm sie ein starkes Vergrößerungsglas und hielt es über den Umschlag. »Eine Briefmarke«, erläuterte sie, dann fügte sie au lickend hinzu: »Ich werde sie herausnehmen, damit Sie einen Blick darauf werfen können.« Mit einer Pinze e zog sie die Marke behutsam aus ihrer Hülle und legte sie auf die Schreibunterlage. Gehorsam spähte Jason durch das Vergrößerungsglas. Die Briefmarke schien ihm wie jede andere auszusehen, bloß war sie im Unterschied zu den meisten modernen Marken einfarbig, und die altmodische Ornamentik des Rahmens gemahnte ihn an die Zeit des Jugendstils. »Sehen Sie sich die Gravur der Tiere an«, sagte Alys. »Der Rinderherde. Sie ist absolut vollkommen; jede Linie ist klar und genau. Diese Marke ...» Sie packte sein Handgelenk, als er die Marke berühren wollte. »Nein, eine Marke faßt man nicht mit den Fingern an; nehmen Sie immer eine Pinze e.« »Ist sie wertvoll?« fragte er. »Sie ist keine Rarität, aber Marken wie diese werden fast nie verkau . Ich werde Ihnen das ein andermal erklären. Diese Marke hier ist ein Geschenk von Felix, weil er mich liebt. Weil ich, wie er sagt, im Be gut bin.« »Es ist eine hübsche Briefmarke«, sagte Jason verwirrt. Er rich- tete sich auf und gab ihr das Vergrößerungsglas zurück. »Felix hat nicht übertrieben: es ist ein sehr schönes Exemplar. Genau zentriert, mit einer nur leichten Abstempelung, die das Bild nicht beeinträchtigt, und ...« Geschickt griff sie mit der Pinze e zu, nahm die Marke von der Tischpla e und hielt sie mit der Bild- seite nach außen gegen das Licht. Augenblicklich veränderte sich ihr Gesichtsausdruck; Zornesröte stieg ihr in die Wangen, und sie, sagte erbost: »Dieses Arschloch.« »Was ist los?« fragte er. »Eine dünne Stelle.« Sie legte die Marke mit der Bildseite nach unten auf den Schreibtisch und zeigte ihm eine kleine Stelle, wo der schwarze Druck der Vorderseite schwach durchschimmerte. »Nun, von vorne sieht man es nicht. Aber das ist Felix. Gut, Felix: eins zu null für dich.« Sie starrte eine Weile fi nster auf die Marke, die Lippen zusammengepreßt, dann sagte sie nachdenklich: »Ich frage mich, ob er in seiner Sammlung eine andere hat. Ich könnte sie austauschen.« Entschlossen marschierte sie an einen Wandsafe, drehte lange an den Einstellringen herum, brachte die Tür auf und schleppte ein großes, schweres Album zum Schreibtisch. »Felix hat keine Ahnung, daß ich die Kombination kenne. Also sagen Sie es ihm nicht.« Sie klappte den Deckel auf und wendete behutsam die Blä er aus schwerem, weißem Papier, bis sie zu einer Seite kam, auf der vier Marken von ähnlicher Art steckten. »Keine Ein- dollar schwarz«, sagte sie. »Aber er könnte sie anderswo versteckt haben. Vielleicht sogar in seinem Büro.« Sie klappte das Album zu und brachte es wieder im Safe unter. »Das Meskalin«, sagte Jason, »beginnt auf mich zu wirken.« Seine Beine schmerzten: für ihn war das immer ein Signal, daß die Droge ihre Wirkung entfaltete. »Ich werde mich ein wenig setzen, wenn es Ihnen nichts ausmacht«, sagte er und wankte zu einem der Ledersessel, bevor seine Beine nachgaben. Oder nachzugeben schienen; in Wirklichkeit taten sie es nie: es war eine von der Droge erzeugte Illusion. Aber das Gefühl war sehr realistisch. »Würden Sie sich gern eine Sammlung von Tabaksdosen anse- hen?« fragte Alys. »Felix hat eine herrliche Sammlung davon. Alles alte Stücke, in Gold, Silber, Legierungen, mit eingravierten Jagdszenen, besetzt mit Gemmen und Steinen – nein?« Sie setzte sich ihm gegenüber und schlug die langen, in schwarzes Leder, gehüllten Beine übereinander. Der hochhackige Schuh baumelte lose, als sie mit dem Fuß auf und nieder wippte. »Einmal kau e Felix bei einer Auktion eine alte Schnup abaksdose, bezahlte eine Menge Geld dafür und brachte sie nach Haus. Er säuberte das Innere von verkrusteten Schnup abaksresten und fand am Boden der Dose einen Federhebel. Der Hebel funktionierte, wenn man eine winzige Schraube hineindrehte. Felix brauchte einen ganzen Tag, bis er einen Schraubenzieher fand, der für die Schraube fein genug war. Aber schließlich ha e er ihn.« Sie lachte. »Was geschah?« fragte Jason. »Der Boden der Dose war doppelt, und man konnte den inne- ren Boden herausnehmen.« Sie lachte wieder, daß die goldenen Zahnornamente funkel- ten. »Unter dem falschen Boden war ein zweihundert Jahre altes schmutziges Bild von einem Mädchen, das mit einem Shetland- Pony kopulierte. Eine sorgfältig gemalte, farbige Miniatur. Mit dem Bild ha e die Dose einen Wert von vielleicht fün ausend Dollar – noch immer nicht sehr viel, verglichen mit den wirklich kostbaren Stücken, aber wir ha en unseren Spaß daran. Der Ver- käufer ha e von dem Geheimnis natürlich nichts gewußt.« »Ich verstehe«, sagte Jason. »Sie interessieren sich nicht für Tabaksdosen«, sagte Alys, noch immer lächelnd. »Ich – ich sehe sie mir gern an«, versicherte er. Und dann nahm er einen neuen Anlauf: »Alys, Sie wissen über mich Bescheid; Sie wissen, wer ich bin. Warum wissen es die anderen nicht?« »Weil sie nie dort gewesen sind.« »Wo?« Alys massierte sich die Schläfen mit den Fingerspitzen, befeuch- tete sich die Lippen, brütete schweigend vor sich hin, als hinge sie irgendwelchen vagen Gedanken nach. Als hä e sie ihn nicht, gehört. Schließlich sagte sie in einem gelangweilten und ein wenig gereizten Tonfall: »Mann Go es, Sie haben zweiundvierzig Jahre dort gelebt. Was kann ich Ihnen darüber sagen, was Sie nicht schon wissen?« Sie blickte auf, und ihre vollen Lippen kräuselten sich in einem mutwilligen, spitzbübischen Lächeln. »Wie bin ich hierher gekommen?« fragte er. »Sie ...« Alys zögerte. »Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen sagen soll.« »Warum nicht?« fragte er he ig. Sie machte eine besän igende Handbewegung. »Alles zur rech- ten Zeit. Sehen Sie, Mann: Sie haben schon allerhand mitgemacht. Beinahe wären Sie in einem Arbeitslager gelandet, und Sie wissen, was das heißt, heutzutage. Dank diesem Arschloch McNulty und meinem lieben Bruder. Mein Bruder, der Polizeigeneral.« Abscheu und Ekel machten ihr Gesicht häßlich, doch dann zeigte sie wieder ihr provozierendes Lächeln. Ihr träges, goldenes, einladendes Lächeln. »Ich will wissen, wo ich bin«, sagte Jason. »Sie sind in meinem Haus und können sich vollkommen sicher fühlen; wir haben Sie von all diesen Wanzen befreit. Und niemand wird hier einbrechen. Wissen Sie was?« Sie sprang plötzlich auf, schnellte aus dem Sessel wie ein übergeschmeidiges Tier, daß er unwillkürlich zurückschrak. »Haben Sie es schon mal per Telefon gemacht?« fragte sie ihn mit leuchtenden Augen. »Was?« »Das Netz«, sagte Alys. »Wissen Sie nichts vom Telefonnetz?« »Nein«, sagte er. Aber er ha e davon gehört. »Die sexuellen Triebkrä e der Teilnehmer werden elektronisch miteinander verbunden und bis an die Grenze des Erträglichen verstärkt. Es ist suchterzeugend, weil es elektronisch überhöht ist. Manche Leute kommen nicht mehr davon los; ihr ganzes Leben, dreht sich um die wöchentliche – oder sogar tägliche! – Etablie- rung des Netzes von Telefonleitungen. Es sind gewöhnliche Vide- ofone, die mit einer Kreditkarte eingeschaltet werden können, also ist das Vergnügen kostenlos, wenn man es hat; die Veranstalter berechnen einmal im Monat, und wenn man nicht bezahlt, tren- nen sie einem das Telefon aus dem Netz.« »Wie viele Leute«, fragte er, »sind an dieses Netz angeschlos- sen?« »Ich weiß nicht. Tausende.« »Gleichzeitig?« Alys nickte. »Die meisten machen es seit zwei, drei Jahren. Und sie sind physisch und psychisch verfallen. Denn der Teil des Gehirns, in dem der Orgasmus erfahren wird, brennt allmählich aus. Aber verurteilen Sie die Leute nicht voreilig; zu den Teilneh- mern gehören einige der feinsten und sensibelsten Menschen. Für sie ist es eine Art heiliger Kommunion. Wie auch immer, man erkennt sie, wenn man sie sieht; sie sehen verlebt, alt, fe und lustlos aus – letzteres natürlich immer zwischen den telefonischen Orgien.« »Und Sie nehmen auch daran teil?« Sie sah nicht verlebt, alt, fe oder lustlos aus. »Hin und wieder. Aber ich bin nicht in Gefahr, süchtig zu werden; ich schalte mich immer rechtzeitig aus. Möchten Sie einen Versuch machen?« »Nein«, sagte er. »Wie Sie wollen«, sagte Alys tolerant. »Was würden Sie gern tun? Wir haben eine gute Sammlung von Rilke und Brecht in inter- linearen Übersetzungen. Kürzlich brachte Felix alle sieben Sibe- lius-Sinfonien mit nach Haus. Quadrophonie mit Lichteff ekten; es ist sehr gut. Zum Abendessen bereitet Emma Froschschenkel vor ... Felix ist ein Liebhaber von Froschschenkeln und Weinberg- schnecken. Meistens ißt er in guten französischen und baskischen, Restaurants, aber heute abend ...« »Ich will wissen«, unterbrach Jason sie, »wo ich bin.« »Können Sie nicht einfach glücklich und zufrieden sein?« Er stand mit eini- ger Mühe auf und trat ihr gegenüber. Wortlos.,

Das Meskalin ha e stark auf ihn zu wirken begonnen. Der Raum füllte sich mit Farben, und die Perspektive verän-

derte sich so, daß die Decke unendlich hoch schien, Millionen von Kilometern. Und als er Alys betrachtete, sah er ihr Haar lebendig werden ... wie ein Medusenhaupt, dachte er und erschrak. Alys ignorierte ihn und fuhr fort: »Am meisten schätzt Felix die baskische Küche, aber die kochen mit so viel Bu er, daß er davon Pförtnerkrämpfe bekommt. Er hat auch eine gute Sammlung von unheimlichen Geschichten aus allen Zeiten, und er mag Baseball. Und – mal sehen ...« Sie schlenderte davon und tippte mit dem Zeigefi nger gegen die Lippen, während sie nachdachte. »Ja, er interessiert sich für alles Okkulte. Wollen Sie ...« »Ich fühle etwas«, sagte Jason. »Was fühlen Sie?« »Ich fühle, daß ich nicht weg kann.« »Das ist das Meskalin. Machen Sie sich nichts daraus.« »Ich ...« Er grübelte, ohne zu klaren Gedanken zu gelangen; ein gigantisches Gewicht lastete auf seinem Gehirn, doch war dieses Gewicht da und dort von Lichtstrahlen durchschossen. »Was ich sammle«, sagte Alys, »ist im Nebenraum, den wir die Bibliothek nennen. Dies ist das Arbeitszimmer. In der Bibliothek hat Felix alle seine juristischen Bücher ... wußten Sie, daß er nicht nur Polizeigeneral, sondern auch Anwalt ist? Und er hat manches Gute getan, das muß ich zugeben. Wissen Sie, was er mal gemacht hat?« Er konnte nicht antworten; er konnte nur dastehen und hörte die Geräusche, die sie beim Sprechen machte, ohne die Bedeutung zu verstehen., »Ein Jahr lang unterstanden Felix sämtliche Arbeitslager west- lich des Mississippi. Damals entdeckte er, daß durch ein obskures Gesetz, das vor vielen Jahren erlassen worden war, als die Zwangs- arbeitslager mehr wie Todeslager waren – mit vielen Schwarzen darin –, jedenfalls, er entdeckte, daß die Lager nach diesem Gesetz nur für die Dauer des durch den Bürgerkrieg bedingten Ausnah- mezustands existieren dur en. Diese Schwarzen und Studenten, die in den Lagern arbeiteten, waren verdammt harte und zähe Burschen – von den vielen Jahren schwerer körperlicher Arbeit. Nicht wie die kränklichen, blassen Studenten, die unter den Uni- versitätsvierteln in den Kloaken hausen. Nun, wie auch immer, dieses Gesetz allein genügte Felix noch nicht, weil der Präsident den Ausnahmezustand von neuem hä e ausrufen können, und so suchte er weiter und entdeckte noch so ein längst vergessenes Gesetz. Danach mußte jedes Lager geschlossen werden, das sich nicht selbst trug. Das war der Hebel, den Felix suchte, und so erhöhte er den – natürlich minimalen – Arbeitslohn der Hä linge um eine Kleinigkeit. Aber die Kleinigkeit genügte, um die Lager in die roten Zahlen zu bringen, und – bam! Er konnte die Lager schließen.« Sie lachte. Er versuchte zu sprechen, doch es war nicht möglich. Etwas schü elte sein Bewußtsein wie einen zerfetzten Gummiball in ihm herum, hinauf und hinunter, langsamer und wieder schneller, ver- blassend und wieder grell auffl ackernd; die Lichtstrahlen durch- bohrten jeden Teil seines Körpers. »Aber seine größte Tat«, sagte Alys, »ha e mit den Studentenki- buzim unter den ausgebrannten Universitäten zu tun. Sie wissen, wie es ist: viele von diesen Leuten leiden Mangel an Lebensmi eln und Wasser. Sie versuchen also, in die Städte hineinzukommen und durch Plünderungen und Diebstähle Vorräte zu beschaff en. Nun, die Polizei hat viele Agenten unter ihnen, die für einen End-, kampf gegen die Bullen agitieren ... Auf den Polizei und National- garde hoff nungsvoll warten. Sehen Sie?« »Ich sehe«, sagte er, »einen Hut.« »Aber Felix versuchte einen solchen Endkampf, der nur zu einem Gemetzel geführt hä e, zu verhindern. Dazu war es nötig, die Studenten mit Vorräten zu versorgen; verstehen Sie?« »Der Hut ist rot«, sagte Jason. »Wie Ihre Ohren.« »Wegen seiner Position als Marschall ha e Felix Zugang zu Informantenberichten über den Zustand der Kibuzim. Er wußte, welche in Bedrängnis waren und welche sich erhalten konnten. Es war seine Aufgabe, aus der Masse des subjektiven Materials die wichtigen Tatsachen herauszudestillieren: welche Kibuzim unter- gehen würden und welche sich noch länger halten konnten. Als er die Liste der untergehenden ha e, konferierte er mit anderen hohen Polizeioffi zieren, um zu entscheiden, wie am besten Druck ausgeübt werden könnte, der das Ende beschleunigen würde. Defätistische Agitation von Polizeispitzeln, Sabotage der Lebens- mi el- und Wasserversorgung. Verzweifelte – und völlig hoff - nungslose – Ausfälle auf dem abgeriegelten Universitätsgelände, um Hilfe und Verstärkung zu holen. So gab es an der Universität Berkeley einmal einen Plan, zum Harry-S.-Truman-Arbeitslager durchzubrechen, um die Hä linge zu befreien und zu bewaff nen. In diesem Fall mußte Felix natürlich einschreiten, aber viele Male empfahl er, auf Aktionen jedweder Art zu verzichten. Selbstver- ständlich wurde er deswegen von den Falken kritisiert, die seine Absetzung verlangten.« Alys schwieg nachdenklich. »Sie müssen wissen«, sagte sie dann, »daß er damals Polizeimarschall war.« »Ihr Rot«, sagte Jason, »ist fantidulös.« Alys verzog den Mund. »Können Sie Ihr Wasser nicht halten, Mann? Ich versuche Ihnen was zu erzählen. Felix wurde tatsäch- lich degradiert, vom Polizeimarschall zum Polizeigeneral, weil er, dafür sorgte, wann immer er konnte, daß die Studenten in den ille- galen Kibuzim Wasser, Lebensmi el und Medikamente beschaff en konnten. Genauso setzte er sich für die Arbeitslager ein, die seiner Jurisdiktion unterstanden. Darum ist er jetzt nur noch General. Aber sie lassen ihn in Ruhe. Sie haben ihm angetan, was sie konn- ten, und er hat immer noch ein hohes Amt.« »Aber Ihre Blutschande«, sagte Jason. »Was ist, wenn ...?« Er hielt inne; er konnte sich an den Rest des Satzes, den er ha e sagen wollen, nicht mehr erinnern. »Wenn«, sagte er, und das schien alles zu sein; er fühlte etwas wie wütende Befriedigung, daß es ihm gelungen schien, ihr seine Botscha verständlich zu machen. »Wenn«, sagte er wieder, und die glückliche Wut in ihm steigerte sich zu solcher Wildheit, daß er laut aufschrie. »Sie meinen, was geschehen würde, wenn seine Gegner wüßten, daß Felix und ich einen Sohn haben? Was sie tun würden?« »Sie würden tun«, sagte Jason. »Können wir Musik hören? Oder geben Sie mir ...« Er brach ab; sein Gehirn bildete keine Worte mehr. »Ah«, sagte er. »Meine Mu er würde nicht hier sein. Tod.« Alys holte tief Atem, seufzte. »Na schön, Mr. Taverner«, sagte sie. »Ich gebe es auf, mit Ihnen zu reden, bis Sie wieder einen klaren Kopf haben.« »Reden Sie«, sagte er. »Möchten Sie meine Zeichnungen sehen?« »Was für welche?« »Von gefesselten Mädchen, die von Männern ...« »Kann ich mich hinlegen?« fragte er. »Meine Beine wollen nicht mehr. Ich glaube, mein rechtes Bein reicht bis zum Mond. Mit anderen Worten ...« – er überlegte – »ich habe es mir beim Aufste- hen gebrochen.« »Kommen Sie.« Sie führte ihn Schri für Schri aus dem Arbeits- zimmer und zurück in den Wohnraum. »Legen Sie sich auf die, Couch«, sagte sie. Er tat es mit großer Mühe. Sie blieb neben der Couch stehen und blickte kritisch auf ihn herab. »Ich werde Ihnen Thorazin geben; es neutralisiert die Wirkung des Meskalins.« »Ist das ein Durcheinander«, sagte er. »Sehen wir mal ... wo zum Teufel habe ich es hingetan? Ich brau- che es fast nie, aber ich habe es für solche Fälle immer im Hause ... Verdammt noch mal, Mann, können Sie nicht einmal eine einzige Kapsel Meskalin verkra en? Ich nehme fünf auf einmal.« »Aber Sie sind ungeheuer«, sagte Jason. »Ich gehe jetzt nach oben; ich komme wieder.« Alys schri davon, zu einer Tür, die sehr weit weg war; lange Zeit sah er zu, wie sie in der Ferne kleiner wurde – wie machte sie das bloß? Es schien unglaublich, daß sie fast zu einem Nichts zusammenschrumpfen konnte. Dann war sie verschwunden, und er fühlte eine schreckli- che Angst. Er wußte, daß er allein war, ohne Hilfe. Wer wird mir helfen? fragte er sich. Ich muß fort von diesen Briefmarken und Tassen und Schnup abaksdosen und Telefonnetzen und Frosch- schenkeln, ich muß hinaus zu diesem Wagen, ich muß zurück in die Stadt, wo ich mich auskenne, vielleicht mit Ruth Rae, wenn sie sie laufen lassen, oder vielleicht gehe ich sogar zu Kathy Nelson. Diese Frau ist zuviel für mich, genauso wie ihr Bruder, die beiden und ihr Kind in Florida, wie hieß es noch gleich? Er erhob sich unsicher, tastete sich über einen Teppich, dessen Farbpigmente aus Millionen von Lecks sprudelten, als er darü- berwankte und ihn mit seinen klobigen Schuhen zerquetschte, und dann stolperte er endlich gegen die Tür des schwankenden Raums. Sonnenschein. Er war draußen. Der Wagen. Er hinkte darauf zu, langte durch das halboff ene Fenster und machte auf. Dann saß er am Steuer, verwirrt von Knöpfen, Hebeln,, Schaltern, Pedalen und Anzeigeinstrumenten. »Warum fährt er nicht?« sagte er laut. »Los, fahr zu!« sagte er und rückte unge- duldig auf dem Fahrersitz vor und zurück. »Warum fahren wir nicht?« Die Schlüssel. Natürlich konnte er ohne Schlüssel nicht fahren. Auf den Rücksitzen lag ihr Mantel; er ha e ihn gesehen. Auch ihre große Handtasche. Vielleicht waren die Schlüssel darin. Die zwei Langspielpla en. Taverner und der Blues, und die andere, die beste von allen: Ein heiterer Abend mit Taverner. Er drehte sich halb herum, kroch mühsam halb über die Rückenlehne und brachte es irgendwie fertig, beide Pla en zu ergreifen und auf den leeren Beifahrersitz zu legen. Da habe ich den Beweis, dachte er. Hier auf diesen Pla en und hier im Haus. Bei ihr. Ich muß es hier fi nden, wenn ich es fi nden will. Nirgendwo sonst. Selbst General Felix – wie hieß er noch? – wird es nicht fi nden. Er weiß es nicht. Weiß nicht so viel wie ich. Die enormen Langspielpla en mit sich schleppend, stolperte er zum Haus zurück. Um ihn her fl oß die Landscha , schluckte mit hohen, baumartigen Organismen Lu aus dem süßen blauen Himmel; Organismen, die Wasser und Licht aufsaugten und die Färbung in den Himmel aßen ... er erreichte das Tor und stieß dagegen. Es gab nicht nach. Ein Knopf. Er fand keinen. Schri für Schri . Die Oberfl äche mit den Fingern abtastend. Wie im Dunkeln. Ja, dachte er, ich bin in Dunkelheit. Er legte die viel zu großen Langspielpla en auf den Boden, lehnte an der Wand neben dem Tor und massierte die gummiartige Oberfl äche der Wand mit beiden Händen. Nichts. Nichts. Der Knopf. Er drückte ihn, hob die Pla en auf und stand vor dem Tor, als es unglaublich langsam und mit protestierendem Knarren aufging., Ein braununiformierter Mann mit einem Revolver erschien. Jason sagte: »Ich mußte zum Wagen und etwas holen.« »Völlig in Ordnung, Sir«, sagte der Mann in der braunen Uni- form. »Ich sah Sie hinausgehen und wußte, daß Sie zurückkom- men würden.« »Ist sie verrückt?« fragte Jason in vertraulichem Ton. »Ich bin nicht in der Lage, das zu beurteilen, Sir«, sagte der Mann in der braunen Uniform, trat zurück und legte die Hand an den Mützenrand. Jason ging an ihm vorbei durch den Korridor, stieg Ziegelstufen hinunter und befand sich wieder in dem unübersichtlichen Wohn- raum mit der Millionen Kilometer hohen Decke. »Alys?« sagte er. Er blickte angestrengt umher. Wie er es bei der Suche nach dem Klingelknopf getan ha e, zwang er sich auch jetzt zu systemati- schem Vorgehen. Die Hausbar in der hinteren Ecke, die Couch, Sessel. Bilder an den Wänden. Ein Gesicht in einem der Bilder ver- spo ete ihn, doch er ignorierte es. Schließlich konnte es die Wand nicht verlassen. Die Quadrophonieanlage ... Seine Pla en. Hier konnte er sie abspielen! Er zog am Deckel des Abspielgeräts, aber das Ding ließ sich nicht öff nen. Warum? dachte er. Verschlossen? Nein, man mußte den unteren Teil des Aggregats herausziehen. Er zog ihn heraus, und es gab einen Höllenlärm, als ob er es zerstört hä e. Pla entel- ler, Tonarm. Er nahm eine seiner Pla en aus der Hülle und legte sie auf. Ich kann mit diesen Dingern umgehen, sagte er sich und drehte die Verstärker auf, bevor er die Einschal aste drückte. Der Tonarm hob sich und schwenkte über den Pla enrand; der Plat- tenteller begann sich zu drehen, unerträglich langsam. Was war los damit? Falsche Geschwindigkeit? Er sah nach: nein. Dreiund- dreißigeindri el. Lautes Geräusch der Saphirnadel in der Einlaufrille. Rauschen, und Geknister. Typisch für alte Quadrophoniepla en. Empfi nd- lich und leicht zu beschädigen; man brauchte nur auf sie zu hau- chen, und schon war der Ton nicht mehr einwandfrei. Zischen im Hintergrund. Anhaltendes Rauschen und Knistern. Keine Musik. Jason hob den Tonarm und setzte ihn weiter innen auf. Gewal- tiges Krachen, als der Tonabnehmer die Oberfl äche traf; Jason zuckte zusammen, suchte den Verstärkerknopf, um die Lautstärke zu mäßigen. Noch immer keine Musik. Kein Ton von seinem Gesang. Die Macht des Meskalins begann allmählich zu weichen; er ver- spürte Anzeichen einer kalten, scharfen Ernüchterung. Nun die andere Pla e. Er warf die erste zur Seite, zog eilig die zweite aus der Hülle und legte sie auf den Pla enteller. Nadelgeräusche beim Berühren der Plastikoberfl äche. Hinter- grundrauschen und das unvermeidliche Knistern und Zischen. Keine Musik. Die Pla en waren leer.,

DRITTER TEIL

Nie mag die Pein Erleicht‘rung fi nden, Weil das Erbarmen selbst mich meidet; Mit Tränen mir die Tag‘ entschwinden, Leer und von aller Freud‘ entkleidet.

Alys!« rief Jason Taverner mit lauter Stimme. Keine Antwort.Konnte es am Meskalin liegen, daß er sie nicht hörte? Er

bewegte sich schwerfällig zu der Tür, durch die Alys gegangen war. Ein langer Durchgang, ein dicker wollener Auslegeteppich. Am anderen Ende eine Treppe mit schwarzem Eisengeländer, die hinauf ins Obergeschoß führte. Er erreichte die Treppe und erstieg sie, so schnell er konnte, Stufe um Stufe. Im Obergeschoß eine Diele mit einem alten Hepple- white-Tisch, auf dem Stöße von Box-Magazinen lagen. Das ließ ihn stutzen; wer las hier ein primitives, für den Massenkonsum gemachtes pornographisches Magazin wie Box? Felix Buckman? Oder Alys? Oder beide? Er ging weiter, noch immer irritiert von einem Phänomen, das vom Meskalin herrühren mußte und unbe- deutende kleine Einzelheiten wie vergrößert erscheinen ließ. Das Badezimmer; dort würde er sie fi nden. »Alys!« knurrte er. Schweiß rann ihm von der Stirn und trop e von Nase und Kinnbacken; das Hemd war durchgeschwitzt, die Achselhöhlen waren feucht und dampfi g; unkontrollierbare Emp- fi ndungen ergossen sich in sein Bewußtsein. »Verdammt noch mal«, sagte er zu ihr, obwohl er sie nicht sehen konnte, »auf diesen, Pla en ist keine Musik, ist nichts von mir. Es sind A rappen, nicht wahr?« Oder ist es das Meskalin? fragte er sich. »Ich muß es wissen!« rief er. »Spielen Sie mir die Pla en vor, wenn sie in Ordnung sind. Oder ist der Pla enspieler defekt? Ist vielleicht der Saphir abgebrochen?« Das kommt vor, dachte er. Vielleicht läu der Saphir nur auf den Rändern der Rille. Eine angelehnte Tür; er stieß sie auf. Ein Schlafzimmer mit ungemachtem Be . Und auf dem Boden eine Matratze, auf der ein Schlafsack lag. Männerartikel: Rasiercreme, Rasierapparat, Kamm und Bürste ... ein Gast, dachte er, übernachtete hier und ist ausge- gangen. »Ist jemand da?« schrie er. Stille. Dort war das Badezimmer. Durch die halboff ene Tür sah er eine erstaunlich alte Badewanne auf bemalten Löwenpranken. Ein ganzes Haus voller Antiquitäten, dachte er, bis hin zur Bade- wanne. Er ging weiter, vorbei an anderen Türen, bis er vor dem Badezimmer stand. Er stieß die Tür auf. Und sah am Boden ein Skele liegen. Es trug eine glänzende schwarzlederne Hose, ein Lederhemd mit Fransen, einen Ke engürtel mit schmiedeeiserner Schließe. Die hochhackigen Schuhe waren von den Fußknochen gegli en. Vereinzelte Haarbüschel ha eten noch am Schädel, doch sonst war nichts geblieben: die Augen, das Fleisch und die Haut waren verschwunden. Und das Skele selbst war gelb geworden. »Mein Go !« stammelte Jason. Er stand schwankend und dachte angestrengt nach, seine Sinne narrten ihn. Er schloß die Augen, hielt sich an der Wand fest und wartete, bis er sich gefaßt ha e, ehe er wieder hinsah. Sie ist gestorben, dachte er stumpfsinnig. Aber wann? Vor tau- send Jahren? Vor ein paar Minuten? Aber warum?, Ist es das Meskalin, das ich nahm? fragte er sich. Ist dieser Anblick überhaupt wirklich? Er bückte sich und berührte das Lederhemd. Das Material fühlte sich weich und gla an; es war nicht verwi ert oder vom Alter steif und brüchig geworden. Die Zeit ha e ihre Kleidung nicht angetastet. Das bedeutete etwas, aber er verstand nicht, was. Nur sie selbst, dachte er. Alles andere in diesem Haus ist unverändert geblieben. Also kann es nicht die Wirkung des Meskalins auf mich sein. Aber auch da gibt es keine Gewißheit, dachte er. Nach unten. Fort von hier. Er machte kehrt und rannte wie ein Betrunkener taumelnd hinaus und durch den Korridor zurück. Er faßte das schwarze, schmiedeeiserne Geländer und polterte die Treppe hinunter, zwei, drei Stufen auf einmal nehmend, strau- chelte und fi el, zog sich wieder hoch. Sein Herz zuckte wie ein gefangenes Tier im Käfi g des Brustkorbs, und die Lunge arbeitete schnaufend wie ein Blasebalg. Als er den Wohnraum schon durchquert ha e, kehrte er aus Gründen, die ihm dunkel blieben, aber irgendwie wichtig waren, noch einmal um, stop e die beiden Langspielpla en in ihre Hüllen zurück und rannte mit ihnen aus dem Haus und in den strahlen- den, warmen Mi agssonnenschein. »Sie wollen gehen, Sir?« fragte der braununiformierte Privatpo- lizist, als er ihn keuchend aus dem Haus stürzen sah. Jason blieb stehen. »Ja. Mir ist nicht gut.« »Tut mir leid, das zu hören, Sir. Kann ich was für Sie tun?« »Die Wagenschlüssel.« »Gewöhnlich läßt Miß Buckman die Schlüssel in der Zündung stecken«, sagte der andere. »Ich habe nachgesehen«, schnau e Jason. »Dann werde ich gehen und Miß Buckman fragen«, sagte der Polizist., Jason schü elte erschrocken den Kopf, dann überlegte er. Wenn es nur das Meskalin war, konnte es nicht schaden. »Nein?« sagte der Polizist, und plötzlich veränderte sich seine Miene. »Bleiben Sie stehen, wo Sie sind«, sagte er scharf. »Gehen Sie nicht zum Wagen!« Er wandte sich um und rannte ins Haus. Jason eilte zum Wagen, ohne sich um den Befehl zu kümmern. Die Schlüssel; steckten sie wirklich im Zündschloß? Nein. Ihre Handtasche. Er ergriff sie und schü ete alles auf die Sitze. Tau- send Dinge, aber keine Schlüssel. Und dann, aus dem Haus, ein heiserer Schrei. Sekunden später erschien der Polizist mit verzerrtem Gesicht im Hauseingang. Er blickte wild umher, und als er Jason im Wagen sitzen sah, riß er den Revolver hoch, zielte beidhändig mit ausge- streckten Armen und feuerte. Aber der Schuß ging fehl; der Mann zi erte zu sehr. Jason krabbelte auf der anderen Seite aus dem Wagen und rannte taumelnd über den dicken feuchten Rasen zu den nahen Eichen. Der Polizist feuerte ein zweites Mal, und wieder fehlte er. Jason hörte ihn fl uchen. Der Mann nahm die Verfolgung auf und ver- suchte, näher an ihn heranzukommen; dann schien er es sich plötzlich anders zu überlegen und rannte zurück ins Haus. Jason erreichte die Bäume. Er brach durch trockenes Unter- holz, fühlte Zweige unter seinen Füßen knacken und andere sein Gesicht peitschen und hetzte weiter, bis er an eine hohe Lehmzie- gelmauer kam. Was ha e Alys gesagt? Einzementierte Flaschenscherben auf der Krone? Er arbeitete sich durch das dichte Unterholz an der Mauer entlang und stieß unerwartet auf eine brüchige hölzerne Tür; durch Sprünge im morschen Holz sah er andere Häuser und eine Straße., Als er sich mit einem Anlauf gegen die Tür warf und sie durch- brach, überkam ihn die Erkenntnis, daß es nicht das Meskalin gewesen war. Der Polizist ha e es auch gesehen. Das alte Skele im Badezimmer. Als ob sie schon seit vielen Jahren tot wäre. Ungefähr fünfzig Meter vor ihm war eine Frau dabei, mehrere Pakete in einen Wagen zu laden. Er überquerte die Straße und zwang seinen Verstand zum Arbeiten, verdrängte die Restwir- kung des Meskalins. Keuchend langte er bei ihr an. »Miß ...« Die Frau blickte erschrocken auf. Jung und stämmig, aber mit schönem, kastanienbraunem Haar. »Ja?« sagte sie nervös, wäh- rend sie ihn musterte. »Ich habe eine Überdosis von irgendeiner schädlichen Droge bekommen«, sagte Jason und versuchte seiner Stimme einen ruhi- gen, beherrschten Klang zu geben. »Können Sie mich zu einem Krankenhaus fahren?« Stillschweigen. Sie fuhr fort, ihn aus großen Augen anzustar- ren; er sagte nichts, stand nur da, schnau e und wartete ab. Ja oder nein; eins oder das andere mußte es sein. »Ich ... ich bin keine besonders gute Fahrerin«, sagte das kräf- tige Mädchen mit dem kastanienbraunen Haar. »Ich habe erst letzte Woche den Führerschein gemacht.« »Ich werde fahren«, sagte Jason. »Aber ...« Sie wich einen halben Schri zurück und drückte das letzte, in braunes Packpapier gewickelte Paket, das sie noch in den Händen hielt, unwillkürlich fester an sich. Anscheinend ha e sie zum Postamt fahren wollen. »Geben Sie mir den Schlüssel, und ich fahre Sie«, sagte er. Er streckte die Hand aus und wartete. »Aber ... aber Sie könnten ohnmächtig werden oder die Kon- trolle verlieren und meinen Wagen ...«, »Ich werde langsam fahren«, sagte er. »Es wird nichts passie- ren, glauben Sie mir. Wenn ich merke, daß es nicht geht, kann ich immer noch anhalten und Sie ans Steuer lassen.« Das schien sie zu überzeugen. Sie gab ihm die Schlüssel und kroch zwischen die Pakete auf den Rücksitz. Jason, sehr erleich- tert, setzte sich ans Lenkrad, startete den Motor und fuhr die Straße hinauf, die er zuvor mit Alys heruntergekommen war. Auf der langen Steigung sank die Geschwindigkeit auf unter fünfzig Stundenkilometer; es war ein sehr einfaches, kleines Auto, und nicht neu. »Haben Sie große Schmerzen?« fragte das Mädchen besorgt. Ihr Gesicht, das er im Rückspiegel sehen konnte, war noch immer nervös und ängstlich. Die Situation schien zuviel für sie zu sein. Er schü elte den Kopf. »Was für eine Droge war es?« »Sie sagten es nicht.« Die Wirkung des Meskalins war jetzt so gut wie verfl ogen; seine Sechser-Physiologie ha e die Kra , rasch damit fertig zu werden, und er war darüber sehr erleichtert. Die Vorstellung, im Meskalinrausch durch den Mi agsverkehr von Los Angeles zu fahren, ha e alles, was zu einem Alptraum gehörte. Und es war eine starke Dosis gewesen, dachte er, gleichgültig, was sie gesagt ha e. Sie. Alys. Warum waren die Langspielpla en leer? Wo waren sie überhaupt? Er blickte ängstlich umher, sah sie auf dem Bei- fahrersitz liegen, wo er sie beim Einsteigen mechanisch abgelegt ha e. Gut. Nun konnte er versuchen, sie auf einem anderen Gerät abzuspielen. »Das nächste Krankenhaus«, sagte das Mädchen, »ist das St. Martins in der Webster Street, Ecke Fünfunddreißigste. Es ist klein, aber ich war einmal dort, um mir eine Warze von der Hand ent- fernen zu lassen, und die Leute dort machten einen sehr freundli-, chen und gewissenha en Eindruck auf mich.« »Dann werden wir dorthin fahren«, sagte Jason. »Fühlen Sie sich besser oder schlechter?« »Besser«, sagte er. »Kamen Sie aus dem Buckman-Haus?« Er nickte. »Ist es wahr, daß die beiden Bruder und Schwester sind, Mr. und Mrs. Buckman? Ich meine ...« Sie stockte. »Sie sind Geschwister«, sagte er. »Ich verstehe«, sagte sie. »Aber wissen Sie, es ist seltsam; wenn man sie miteinander sieht, ist es beinahe, als ob sie Eheleute wären. Sie küssen sich und halten sich bei den Händen, und er ist sehr zuvorkommend zu ihr, und manchmal haben sie wieder fürch- terlichen Krach miteinander.« Sie schwieg einen Augenblick lang, beugte sich dann vor und sagte: »Übrigens, mein Name ist Mary Ann Dominic. Wer sind Sie?« »Jason Taverner«, sagte er. Nicht daß es etwas bedeutete. Einen Augenblick lang ha e es so ausgesehen, als sei eine Rückkehr in das andere Leben möglich ... Des Mädchens Stimme unterbrach seine Gedanken. »Ich bin Töpferin«, sagte sie ein wenig schüchtern. »In diesen Paketen sind Vasen und andere Gegenstände, die ich an Geschä e in Nordkalifornien schicke, vor allem zu Gump in San Francisco und Frazer in Berkeley.« »Machen Sie gute Arbeit?« fragte er. Der größte Teil seines Bewußtseins und seiner Denkfähigkeit blieb in der Zeit fi xiert, fi xiert auf den Augenblick, als er die Badezimmertür geöff net und sie – es – am Boden gesehen ha e. Er hörte Miß Dominics Stimme kaum. »Ich versuche es. Aber man kann es selbst nie so gut beurteilen. Jedenfalls verkaufen sich die Sachen.«, »Sie haben krä ige Hände«, sagte er, weil ihm nichts Besseres einfi el. Seine Reaktionen und Äußerungen waren noch immer mechanisch und geistesabwesend; der reale Bereich mußte sich mit einem Minimum an Aufmerksamkeit begnügen. »Danke«, sagte Mary Ann Dominic. Stille. »Sie sind am Krankenhaus vorbeigefahren«, sagte sie nach einer Weile. »Es war die vorletzte Straße links.« Die ursprüngli- che Angst kehrte in ihre Stimme zurück. »Wollen Sie wirklich hin, oder ist dies eine Art ...« »Haben Sie keine Angst«, und diesmal achtete er auf das, was er sagte; er bemühte sich, seiner Stimme einen freundlichen und beruhigenden Klang zu geben. »Ich bin kein entkommener Student, und ich bin auch nicht aus einem Zwangsarbeitslager gefl üchtet.« Er wandte den Kopf zur Seite und blickte sie gerade an. »Aber ich bin in Schwierigkeiten.« »Dann haben Sie also keine schädliche Droge genommen?« Ihre Stimme bebte. Seine Worte schienen keine beruhigende Wirkung gehabt zu haben; sie verhielt sich, als ob die schlimmsten Ängste und Befürchtungen ihres Lebens sich schließlich bewahrheitet hä en. »Bi e regen Sie sich nicht auf«, sagte er. »Ich werde Ihnen kein Haar krümmen. Sehen Sie, ich halte an, damit Sie nicht glauben, ich hä e irgendwelche unlauteren Absichten.« Aber das Mädchen saß steif und verkramp , und keiner der beiden wußte, was die nächsten Minuten bringen würden. An der nächsten Kreuzung fuhr er an den Straßenrand, hielt und öff nete die Tür auf ihrer Seite. Dann blieb er zu ihr umge- wandt sitzen. »Bi e steigen Sie aus«, sagte Mary Ann Dominic mit gepreßter Stimme. »Ich möchte nicht unhöfl ich sein, aber ich fürchte mich, wirklich. Die Zeitungen schreiben so viel von terroristischen Stu- denten, die irgendwie durch die Absperrungen kommen ...« »Hören Sie mich an«, sagte er geduldig. »Sie sollten sich nicht so leicht Angst machen lassen. Oder das Leben wird Ihnen unnö- tig schwer.« Sie nickte demütig, lauschte ihm aufmerksam, als ob sie in einem Klassenzimmer säße. »Fürchten Sie sich immer vor Fremden?« fragte er. »Vielleicht – ja, kann sein.« Wieder nickte sie, und diesmal ließ sie den Kopf hängen, als ob er sie getadelt hä e. Und in gewisser Weise ha e er es getan. »Angst«, sagte Jason, »kann Ihnen mehr schaden als Haß oder Eifersucht. Wenn Sie Angst haben, können Sie sich nicht ganz dem Leben öff nen; die Angst zwingt Sie, immer etwas zurückzuhal- ten.« »Ich glaube, ich verstehe, was Sie meinen«, sagte Mary Ann Dominic. »Vor ungefähr einem Jahr hämmerte eines Tages jemand furchtbar an meine Tür, und ich lief ins Badezimmer und schloß mich ein und tat so, als wäre ich nicht da, weil ich dachte, jemand versuchte einzubrechen. Und später erfuhr ich, daß die Frau in der Wohnung über mir mit der Hand im Abfl uß des Spülbeckens steckengeblieben war – sie hat eins von diesen Patentspulbecken, bei denen man Gemüseabfälle, Kartoff elschalen und dergleichen einfach mit dem Wasser ablaufen lassen kann. An diesem Tag war ihr ein Messer hineingefallen, und sie ha e es herausholen wollen und war steckengeblieben. Und das Gehämmer an der Tür war ihr kleiner Sohn ...« Jason nickte. »Richtig. Sie haben verstanden, was ich meinte.« »Ja«, sagte sie. »Ich wünschte, ich wäre nicht so. Wirklich. Aber ich kann nichts dagegen machen.« »Wie alt sind Sie?« fragte Jason., »Zweiunddreißig.« Das überraschte ihn; sie schien viel jünger. Off enbar war sie nie wirklich erwachsen geworden. Er ha e Mitleid mit ihr; wie schwer mußte es ihr gefallen sein, ihn ans Lenkrad ihres Wagens zu lassen. Und ihre Befürchtungen waren in einer Hinsicht richtig gewesen: er ha e nicht aus dem Grund, den er angegeben ha e, um ihre Hilfe gebeten. »Sie sind eine sehr ne e Person«, sagte er zu ihr. »Danke«, sagte sie bescheiden. Pfl ichtbewußt. »Sehen Sie das Cafe dort drüben?« fragte er und zeigte zu einem seriös aussehenden, gut besuchten Lokal. »Trinken wir eine Tasse miteinander, Miß Dominic. Ich möchte mit Ihnen reden.« Er mußte mit jemandem reden, dachte er, wenn er nicht durchdrehen wollte. »Aber ich muß meine Pakete vor zwei zur Post bringen«, wider- sprach sie besorgt, »sonst gehen sie heute nicht mehr weg.« »Dann erledigen wir das zuerst«, sagte er. Er zog den Zünd- schlüssel ab und gab ihn ihr. »Fahren Sie. So langsam Sie wollen.« »Mr. – Taverner«, sagte sie zögernd, »ich möchte einfach in Ruhe gelassen werden.« »Nein«, sagte er. »Sie sollten nicht zuviel allein sein. Das bringt Sie um, unterminiert Sie. Jeden Tag sollten Sie irgendwo unter Menschen gehen.« Nach längerem Schweigen sagte sie: »Das nächste Postamt ist in der Fulton Street. Könnten Sie fahren? Ich bin irgendwie nervös.« Er ha e das Gefühl, einen moralischen Sieg errungen zu haben; er war erfreut und mit sich zufrieden. Er nahm den Zündschlüssel aus ihrer Hand zurück, und kurz darauf waren sie in der Fulton Street.,

Später saßen sie zusammen in einem Café, einem sauberen und angenehmen Lokal mit jungen Bedienungen und nicht allzu

steifem Publikum. Aus der Musikbox dröhnte Louis Pandas Erin- nerungen an deine Nase. Jason bestellte nur Kaff ee für sich; Mary Ann Dominic aß einen Fruchtsalat und trank dazu geeisten Tee. »Was für Pla en sind das, die Sie da haben?« fragte sie. Er gab sie ihr. »Aber die sind ja von Ihnen! Wenn Sie Jason Taverner sind. Sind Sie es?« Er nickte. »Ich glaube nicht, daß ich Sie jemals singen hörte«, sagte Mary Ann Dominic. »Ich würde gern eine Pla e von Ihnen hören, aber off en gestanden, ich mag keine Popmusik; mir sind die großen alten Folksänger der Vergangenheit lieber, wie Buff y St. Marie. Es gibt heute niemanden, der wie Buff y singen kann.« »Da haben Sie recht«, sagte er betrübt, während seine Gedan- ken ungebeten in das Haus zurückkehrten, in das Badezimmer und zur Flucht vor dem braununiformierten Privatpolizisten. Es war nicht das Meskalin, sagte er sich wieder. Denn der Bulle sah es auch. Jedenfalls sah er etwas. »Vielleicht sah er aber nicht das, was ich sah«, murmelte er. »Vielleicht sah er sie bloß da liegen. Vielleicht war sie gefallen. Vielleicht ...« Vielleicht sollte ich zurückgehen, dachte er. »Wer hat was nicht gesehen?« fragte Mary Ann Dominic, um gleich darauf tief zu erröten. »Entschuldigen Sie. Ich wollte meine Nase nicht in Ihre Angelegenheiten stecken. Aber Sie sagten, Sie seien in Schwierigkeiten, und ich sehe, daß Sie etwas bedrückt ...«, »Ich muß in Erfahrung bringen«, sagte er, »was tatsächlich geschah. Alle Antworten sind dort in dem Haus.« Und auf diesen Pla en, dachte er. Alys Buckman kannte seine Fernsehshow. Sie kannte seine Plat- tenaufnahmen. Sie wußte, welche der größte Erfolg gewesen war; sie ha e die Pla en gekau . Aber ... Aber auf den Pla en war keine Musik. Die Erklärung mit der abgebrochenen Saphirnadel war lächerlich: irgendein Geräusch, verzerrt vielleicht, hä e herauskommen müssen. Er ha e lange genug mit Pla en und Pla enspielern Umgang gehabt, um das zu wissen. »Sie sind ein schwermütiger Mensch«, sagte Mary Ann. Sie ha e eine Brille aus ihrer kleinen Sto andtasche genommen und las mit angestrengter Miene die biographischen Angaben auf den Rückseiten der Pla enhüllen. »Was mir zugestoßen ist«, erwiderte Jason, »hat mich so gemacht.« »Hier steht, daß Sie eine Fernsehshow machen.« Er nickte. »Jeden Dienstagabend um neun. Im NBC.« »Dann sind Sie wirklich berühmt, nicht wahr? Und ich sitze hier und rede mit einer berühmten Person, die ich kennen sollte. Wie fi nden Sie das – ich meine, daß ich Sie nicht erkannte, als Sie mir Ihren Namen sagten?« Er zuckte die Achseln. »Könnte es sein, daß die Musikbox Lieder von Ihnen hat?« Sie zeigte auf das bonbonfarbene, babylonisch-barocke Monstrum in der Ecke. »Vielleicht«, sagte er. Es war eine gute Frage. »Ich werde nachsehen.« Mary Ann Dominic nahm eine Münze aus ihrer Geldbörse, stand auf und durchquerte das Cafe, um sich über die Titel und Namen auf der Liste der Musikbox zu beugen., Wenn sie zurückkommt, wird sie weniger von mir beeindruckt sein, dachte Jason. Er kannte die Massenpsychologie des Showge- schä s: wenn er sich nicht überall manifestierte, im Radio und auf Schallpla en, in Musikboxen und auf Tonbandkasse en, auf dem Bildschirm und in der Presse, brach der magische Zauber zusam- men. Sie kehrte lächelnd zurück. »Zwischen Nichts und Nirgendwo«, sagte sie, als sie sich wieder setzte. Er sah, daß sie das Geldstück nicht mehr in der Hand ha e. »Es müßte als nächstes an der Reihe sein.« Sofort war er auf den Beinen und unterwegs zur Musikbox. Sie ha e recht. Da war es, unter der Nummer B4. Sein letzter Erfolgsschlager, Zwischen Nichts und Nirgendwo, eine sentimentale Nummer. Und schon hob der Mechanismus der Musikbox die Pla e aus dem Magazin, der Tonabnehmer senkte sich ... Einen Augenblick später erfüllte seine Stimme, von elektroni- schen Eff ekten und Echokammern überhöht und verstärkt, das Cafe. Benommen kehrte er an den Tisch zurück. »Sie singen ja wundervoll«, sagte Mary Ann Dominic, vielleicht aus Höfl ichkeit, wenn man ihren Geschmack berücksichtigte, als die Pla e abgelaufen war. »Danke.« Er war es gewesen, kein Zweifel. Die Rillen dieser Pla e waren nicht leer. »Sie sind wirklich ein Star«, sagte Mary Ann enthusiastisch, ganz Lächeln und blitzende Brillengläser. »Ach, wissen Sie, ich bin schon so lange dabei«, sagte Jason bescheiden. »Sind Sie en äuscht, daß ich nie von Ihnen gehört ha e?« fragte sie. »Nein.« Er schü elte den Kopf, noch immer benommen. Wie, die Ereignisse der letzten Tage gezeigt ha en, stand sie darin nicht allein. »Kann ich – noch etwas bestellen?« fragte Mary Ann. Dann zögerte sie. »Ich habe mein ganzes Geld für die Pakete ausgege- ben; ich ...« »Ich zahle die Rechnung«, sagte Jason. »Ob der Erdbeer-Käsekuchen gut ist?« »Hervorragend«, versicherte er amüsiert. Die Ernstha igkeit der Frau rührte ihn ebenso wie ihre Besorgnisse. Er fragte sich, ob sie einen Freund haben mochte. Wahrscheinlich nicht ... sie lebte in einer Welt von Töpfen, Ton, Packpapier, Schwierigkeiten mit ihrem kleinen alten Wagen und – im Hintergrund – der Stereo- stimmen einstiger Größen wie Judy Collins und Joan Baez. »Haben Sie schon mal Heather Hart singen hören?« fragte er freundlich. Sie runzelte die Stirn. »Ich – kann mich nicht genau erinnern. Ist sie eine Folksängerin, oder ...?« Ihre Stimme erstarb. Sie sah traurig aus, als fühlte sie, daß sie nicht war, was sie sein sollte, und nicht wußte, was off enbar jeder vernün ige Mensch wissen sollte. Wieder überkam ihn Mitleid. »Lieder und Popschlager«, sagte er. »Das gleiche, was ich singe.« »Könnten wir Ihre Pla e noch mal hören?« Er beeilte sich, ihr den Wunsch zu erfüllen, ging zur Musikbox und programmierte sie für B4. Diesmal schien die Pla e Mary Ann nicht zu gefallen. »Was ist los?« fragte er. »Ach«, sagte sie, »ich sage mir immer, ich sei kreativ; ich mache Vasen und Schalen und dergleichen. Aber ich weiß nicht, ob die Sachen wirklich etwas taugen. Ich weiß nicht, wie ich mir ein Urteil bilden soll. Die Leute sagen zu mir ...«, »Die Leute sagen einem alles. Während der eine Ihnen erklären wird, daß Ihre Arbeiten wertlos seien, wird ein anderer Sie über den grünen Klee loben.« »Aber es muß doch eine Möglichkeit geben ...« »Es gibt Experten. Sie können auf diese Leute hören, auf ihre Theorien. Sie haben immer Theorien. Sie schreiben lange Arti- kel und erörtern darin alles, was man gemacht hat, bis zur ersten Schallpla enaufnahme vor neunzehn Jahren. Sie vergleichen Auf- nahmen, an die man sich selbst nicht mal erinnert. Und die Fern- sehkritiker ...« »Aber bemerkt und anerkannt zu werden ...« Ihre Augen leuch- teten. »Entschuldigen Sie«, sagte er und stand wieder auf. Er konnte nicht länger warten. »Ich muß einen Anruf machen. Wahrschein- lich werde ich gleich zurück sein. Wenn nicht ...« – er legte die Hand auf ihre Schulter, auf den weißen Pullover, den sie wahr- scheinlich selbst gestrickt ha e – »es war ne , Sie kennengelernt zu haben.« In ihrer unsicheren, gehorsamen Art blickte sie ihm verwun- dert nach, als er sich durch das gutbesetzte Cafe zur Telefonkabine im Hintergrund bewegte. In der Abgeschlossenheit der Kabine suchte er die Nummer der Polizeiakademie heraus, warf die Münze ein und wählte. »Ich möchte gern mit Polizeigeneral Felix Buckman sprechen«, sagte er und hörte seine Stimme ungewiß schwanken. Er wun- derte sich nicht darüber. Alles, was geschehen war, bis hin zu der Pla e in der Musikbox – es war zuviel für ihn. Er ha e Angst und war verwirrt. Vielleicht, dachte er, ist die Wirkung des Meskalins doch noch nicht völlig verfl ogen. Aber ich fuhr den kleinen Wagen sicher und ohne Unfall; das beweist immerhin etwas. Verfl uchtes Zeug,, dachte er. Man weiß immer, wann es einen umhaut, aber nie, wann es au ört, wenn es überhaupt au ört. Es schwächt einen für immer, wenigstens bildet man es sich ein; genau wissen kann man es nicht. Vielleicht hört die Wirkung nie ganz auf. Und die Leute sagen, he, Mann, dein Gehirn ist ausgebrannt, und du sagst, kann sein. Du hast keine Gewißheit. Und alles, weil du eine Kapsel oder eine Kapsel zuviel geschluckt hast, von der jemand sagte, he, dies wird dich von deinem Trip runterbringen. »Hier spricht Miß Beason«, sagte eine weibliche Stimme in sein Ohr. »Mr. Buckmans Sekretärin. Kann ich Ihnen helfen?« »Peggy Beason«, sagte er. Er holte tief Atem und fuhr fort: »Hier spricht Jason Taverner.« »Oh, ja, Mr. Taverner. Was wünschen Sie? Haben Sie etwas ver- gessen?« »Ich möchte General Buckman sprechen.« »Ich fürchte, Mr. Buckman ...« »Es hat mit seiner Schwester zu tun«, sagte Jason. Stille. Und dann: »Einen Moment bi e, Mr. Taverner. Ich werde Mr. Buckman anrufen und mich erkundigen, ob er sich einen Moment freimachen kann.« Klicken. Mehr Stille. Dann wurde eine neue Verbindung her- gestellt. »Mr. Taverner?« Es war nicht General Buckman. »Hier spricht Herbert Maime, Mr. Buckmans Stabschef. Wie ich hörte, sagten Sie Miß Beason, daß es mit Mr. Buckmans Schwester, Miß Alys Buck- man, zu tun habe. Darf ich Sie fragen, unter welchen Umständen Sie Miß Buckmans Bekanntscha gemacht haben?« Jason legte auf und tastete sich wie blind zurück zum Tisch, wo Mary Ann Dominic saß und ihren Erdbeer-Käsekuchen aß. »Sie sind also doch zurückgekommen«, sagte sie munter. »Wie ist der Käsekuchen?«, »Ein wenig zu fe , aber gut.« Mißmutig setzte er sich wieder an seinen Platz. Nun, er ha e sein Bestes getan, um Felix Buckman zu verständigen, was mit Alys geschehen war. Aber was hä e er schließlich sagen können? Die Vergeblichkeit von allem, das fortwährende Unvermögen seiner Anstrengungen und Absichten ... zusätzlich geschwächt, dachte er, von dieser Kapsel Meskalin, die sie mir gab. Wenn es Meskalin gewesen war. Das eröff nete eine neue Möglichkeit. Er ha e keinen Beweis, daß Alys ihm wirklich Meskalin gegeben ha e. Es konnte alles mögliche gewesen sein. Seit wann, zum Beispiel, kam Meskalin aus der Schweiz? Das ergab keinen Sinn; das klang nach synthetischer, nichtorganischer Herkun : nach Laborerzeugnis. Vielleicht war es eine neue Misch- droge gewesen. Oder sie ha e es aus einem Polizeilabor gestoh- len. Und dann die Pla e mit Zwischen Nichts und Nirgendwo. Ange- nommen, es war nur eine Halluzination gewesen, daß er sie gehört und den Titel an der Musikbox gelesen ha e? Aber Mary Ann Dominic ha e es auch gehört; sie ha e die Nummer überhaupt erst entdeckt. Aber die beiden leeren Langspielpla en. Was war mit ihnen? Während er noch dasaß und grübelte, kam ein halbwüchsiger Junge in Jeans an den Tisch und sagte: »Sie sind Jason Taverner, nicht wahr?« Er hielt ihm einen Kugelschreiber und ein Stück Papier hin. »Würden Sie mir ein Autogramm geben, Sir?« Eine hübsche kleine Rothaarige in weißen Shorts, anscheinend die Freundin des jungen Burschen, lächelte errötend und sagte: »Wir sehen Dienstag abends immer Ihre Show. Sie gefällt uns gut. Und Sie sehen im wirklichen Leben genauso aus wie auf dem Bild- schirm, bloß mehr – ich meine, mehr gebräunt und sportlich.«, Benommen schrieb er seinen Namenszug auf das Bla Papier. »Danke«, sagte er mechanisch. »Es freut mich, daß meine Sendung euch gefällt.« Die beiden jungen Leute gingen, doch nun waren die Gäste an den benachbarten Tischen aufmerksam geworden, beobachteten Jason und tuschelten miteinander. Wie immer, dachte er. Es ist bei- nahe, als ob sich nichts geändert hä e. Meine Wirklichkeit kehrt allmählich zurück. Frohe Erregung überkam ihn. Dies war ihm vertraut; dies war sein Lebensstil. Er ha e ihn für kurze Zeit ver- loren, aber jetzt – endlich, dachte er – kam alles wieder ins Lot. Er konnte Heather Hart anrufen, und sie würde ihn nicht für einen Proletenfan halten. Dann kam ihm ein neuer, beängstigender Gedanke. Vielleicht existierte er nur, solange er die Droge nahm, die Alys ihm gegeben ha e, was immer es war. Dann wäre seine ganze zwanzigjährige Karriere nichts als eine von der Droge erzeugte retrospektive Hal- luzination. Jemand ha e aufgehört, ihm die Droge zu geben, und er war in der Wirklichkeit jenes schäbigen, heruntergekommenen Hotel- zimmers mit dem gesprungenen Spiegel und der verwanzten Matratze aufgewacht. Und in diesem nüchternen Zustand war er geblieben, bis Alys ihm eine weitere Dosis verabreicht ha e. Kein Wunder, daß sie über ihn und seine Dienstagabend-Fern- sehshow Bescheid wußte; durch ihre Droge ha e sie diese Show erst geschaff en. Und die beiden Langspielpla en waren nichts als zurechtgemachte A rappen, mit denen sie die Halluzination ver- stärkt ha e. Allmächtiger, dachte er, ist es das? Aber das Geld, mit dem er im Hotelzimmer aufgewacht war, dieses Banknotenbündel. Er hob die Hand und fühlte es durch den Stoff der Jacke; es war immer noch da. Woher ha e er dieses, Geld, wenn er sein wirkliches Leben in Slumvierteln und obsku- ren Absteigen verbrachte? Und er wäre im Einwohnerverzeichnis und den Datenzentra- len der Polizei registriert gewesen, nicht als ein berühmter Unter- halter und Fernsehstar, sondern als eine gescheiterte Existenz, ein schäbiger Herumtreiber, der sich durch nichts auszeichnete und dessen einzige Glückserlebnisse dem Drogenrausch entstamm- ten. Er erinnerte sich, daß Alys gesagt ha e, er sei schon einmal in dem Haus gewesen. Das traf sicherlich zu. Er mußte dort gewesen sein, um sich seine Drogendosen geben zu lassen. Vielleicht war er nur einer unter vielen Leuten, die mit Hilfe hal- luzinogener Drogen synthetische Leben führten, die ihnen Ruhm, Geld oder Macht schenkten, während ihr wirkliches Dasein sich unterdessen in schmutzigen Kellerlöchern und verwanzten Hin- terzimmern heruntergekommener Absteigen abspielte. Mitleider- regende Jammergestalten, getretene Opfer der Gesellscha , die sich ganz in ihre Träume gefl üchtet ha en. »Sie sind aber nachdenklich«, sagte Mary Ann Dominic. Sie ha e ihren Käsekuchen aufgegessen und sah jetzt gesä igt und zufrieden aus. »Hören Sie«, sagte er mit vor Erregung heiserer Stimme, »ist meine Pla e wirklich in dieser Musikbox?« Sie sah ihn mit großen Augen an, um Verstehen bemüht. »Wie meinen Sie? Wir haben sie doch gehört, nicht wahr? Und wo man die Taste drückt, ist das Etike mit dem Namen.« Er suchte in den Taschen nach einer Münze, legte sie auf den Tisch. »Spielen Sie die Pla e noch mal, bi e.« Sie nahm das Geld, stand gehorsam auf und ging hinüber zur Musikbox. Ihr schönes langes Haar umschmeichelte die krä igen runden Schultern. Sie warf das Geld ein, drückte eine Taste – und, er hörte seinen Schlager. Und die Leute an den anderen Tischen nickten und lächelten ihm im Wiedererkennen zu; sie wußten, daß er es war, der dort sang. Sie waren sein Publikum. Als die Musikbox verstummte, gab es verstreuten Applaus von den Gästen des Cafes. Jason Taverner nickte in die Runde und qui ierte den Beifall mit professionellem Zähneblecken. »Es ist da«, sagte er verbissen grübelnd zu Mary Ann Dominic. »Hol‘s der Teufel, es ist da!« In einer seltsamen Aufwallung intuitiver weiblicher Hilfsbe- reitscha sagte Mary Ann: »Und ich bin auch da.« Er schien es nicht zu hören. »Ich bin nicht in einem herunterge- kommenen Hotelzimmer und träume nicht auf einem verwanzten Feldbe «, murmelte er. »Nein, das sind Sie nicht.« Ihre Stimme ha e einen besorgten, beinahe zärtlichen Klang. Es war off enkundig, daß sie sich um ihn sorgte. »Dies ist die Wirklichkeit«, sagte er, wie um sich selbst zu über- zeugen. »Aber wenn es einmal passieren konnte, und gleich für zwei Tage ...« Die Vorstellung, fortan in immer neuen Ein- und Ausblendungen zwischen der echten und der eingebildeten Wirk- lichkeit hin und her zu schwanken, versetzte ihn in Angst und Schrecken. »Vielleicht sollten wir gehen«, sagte Mary Ann besorgt. Das brachte ihn zu sich. »Tut mir leid«, sagte er. »Sicherlich langweile ich Sie.« »Ich meine bloß, weil die Leute zuhören.« Er zuckte die Achseln. »Sollen sie zuhören; die Leute können ruhig wissen, daß auch ein berühmter Star seine Sorgen und Schwierigkeiten hat.« Aber dann stand er doch auf. »Wohin möch- ten Sie?« fragte er. »Zurück in Ihre Wohnung?« Es bedeutete die, Rückkehr in die Nähe des Buckman-Hauses, aber er war optimis- tisch genug, das Risiko einzugehen. »Zu mir nach Haus?« fragte sie zweifelnd. »Glauben Sie, ich würde Ihnen etwas zuleide tun?« Sie zögerte einen Moment, unschlüssig und nervös. »Hm – nein«, sagte sie endlich. »Haben Sie in Ihrer Wohnung einen Pla enspieler?« fragte er. »Ja, aber keinen sehr guten; bloß Stereo. Aber er ist in Ord- nung.« »Sehr gut«, sagte er und ließ ihr den Vortri . »Gehen wir.«,

Mary Ann Dominic ha e Wände und Decken ihrer Wohnung selbst bemalt. Schöne, krä ige, harmonische Farben; er

blickte beeindruckt umher. Und die wenigen Kunstgegenstände im Wohnzimmer waren von schlichter kra voller Schönheit. Er nahm eine harmonisch geformte blaue Vase mit feiner Glasur auf und bewunderte sie. »Die habe ich gemacht«, sagte Mary Ann. »Diese Vase«, erklärte er großspurig, »wird in meiner Show allen gezeigt werden.« Sie blickte ihn verwundert an. »Ich werde mit dieser Vase au reten, verstehen Sie?« sagte er. »Man könnte eine große Nummer damit au auen, zum Beispiel, wie ich singend aus der Vase emporsteige, wie ihr magischer Geist.« Er hob die blaue Vase hoch und drehte sie in einer Hand. »Keine schlechte Idee«, sagte er. »Könnte für Sie der Anfang einer guten Karriere werden.« »Vielleicht sollten Sie die Vase lieber mit beiden Händen halten«, sagte Mary Ann unbehaglich. »Ein Schlager dazu wie Zwischen Nichts und Nirgendwo, etwas, was die Leute au orchen ...« Die Vase entgli seinen Fingern und fi el zu Boden. Mary Ann sprang hinzu, aber zu spät. Die Vase zerbrach in drei Stücke und lag neben Jasons Schuh, die rauhen, unglasierten Bruchfl ächen blaß, unregelmäßig und anklagend. Langes betretenes Schweigen. »Ich denke, ich kann sie ki en«, sagte Mary Ann schließlich ohne rechte Überzeugung. Er wußte nichts zu sagen. »Das Peinlichste, was mir je passierte«, sagte Mary Ann, »war, einmal mit meiner Mu er. Sie ha e ein chronisches Nierenleiden und mußte regelmäßig ins Krankenhaus, als ich Kind war, und immer fl ocht sie ins Gespräch ein, daß sie an ihrem Nierenleiden sterben werde, und ob es mir dann nicht leid tun würde – als ob es meine Schuld gewesen wäre. Ich glaubte ihr wirklich, daß sie eines Tages daran sterben würde. Aber dann wuchs ich heran und zog von zu Hause fort, und sie starb noch immer nicht. Und ich vergaß sie irgendwie; ich ha e mein eigenes Leben aufzubauen. So war es ganz natürlich, daß ich ihr verdammtes Nierenleiden vergaß. Und dann kam sie eines Tages zu Besuch, nicht hier, sondern in der Wohnung, die ich damals ha e, und sie ging mir wirklich auf die Nerven, wie sie herumsaß und die ganze Zeit nur von ihren Leiden und Gebrechen erzählte und sich beklagte, unau örlich ... Schließlich sagte ich: ›Ich muß zum Abendessen einkaufen‹, und ging zum Laden. Meine Mu er humpelte mit, und unterwegs rückte sie damit heraus, daß ihre Nieren inzwischen beide so weit hinüber seien, daß sie herausgenommen werden müßten, und darum würde sie demnächst ins Krankenhaus gehen, wo man ver- suchen wolle, ihr eine künstliche Niere einzupfl anzen, aber wahr- scheinlich würde es nicht funktionieren. Sie sagte mir das alles, damit ich sehe, wohin es nun mit ihr gekommen sei: sie werde jetzt wirklich sterben, wie sie schon früher immer gesagt habe ... und auf einmal blickte ich auf und merkte, daß ich im Supermarkt war, am Fleischstand, und dieser ne e Verkäufer, den ich mochte, kam herüber, begrüßte mich und sagte: ›Was darf ich Ihnen heute geben, Miß?‹ und ich sagte: ›Ich möchte zum Abendessen gern saure Nieren machen.‹ Es war furchtbar peinlich. ›Für wie viele Personen?‹ fragte er. Meine Mu er starrte mich befremdet und empört an, und ich wußte wirklich nicht, wie ich mich da heraus- ziehen sollte. Schließlich kau e ich doch zwei Schweinenieren, die ich mir dann am Abend machte. Sie schmeckten sehr gut.«, »Ich werde Ihnen die Vase bezahlen«, sagte Jason. »Wieviel wollen Sie dafür?« Sie zögerte. »Nun, wenn ich an Geschä e verkaufe, kriege ich den Großhandelspreis, aber Ihnen müßte ich den Einzelhandels- preis ...« Er zog sein Geld aus der Tasche. »Selbstverständlich ersetze ich Ihnen den Einzelhandelspreis«, sagte er. »Vierzig Dollar.« »Ich könnte Sie auch in einer anderen Weise fördern«, sagte er. »Wir brauchen nur den richtigen Dreh. Wie wäre es mit diesem: wir zeigen dem Publikum eine kostbare alte Vase, sagen wir, aus dem China des fün en Jahrhunderts, und ein Kunstsachverständi- ger tri auf und bestätigt ihre Echtheit und ihren Wert. Und dann werden Sie an Ihrer Töpferscheibe sitzen und vor den Augen des Publikums eine Vase machen, und wir werden den Leuten zeigen, daß Ihre Vase besser ist.« »Sie würde nicht besser sein. Das ist unmöglich. Die frühe chi- nesische Töpferkunst ist ...« »Das spielt keine Rolle. Wir werden es den Leuten zeigen; wir werden es sie glauben machen. Ich kenne mein Publikum. Diese dreißig Millionen Menschen nehmen meine Reaktion als Stich- wort; im richtigen Augenblick bringen wir eine Nahaufnahme meines Gesichts, das die Reaktion zeigt.« »Ich kann nicht auf eine Bühne gehen«, sagte Mary Ann mit leiser Stimme, »vor diese Fernsehkameras und das ganze Perso- nal. Ich bin so – ich habe Übergewicht. Die Leute würden mich auslachen.« »Die Bekanntheit, die Sie erreichen werden! Die Verkaufsmög- lichkeiten! Museen und Händler im ganzen Land werden Ihren Namen und Ihre Sachen kennenlernen, von überall werden Käufer zu Ihnen kommen.«, »Lassen Sie mich bi e in Ruhe«, sagte Mary Ann Dominic leise. »Ich bin sehr glücklich. Ich weiß, daß ich eine gute Töpferin bin; ich weiß, daß die guten Geschä e schätzen, was ich mache. Muß denn alles in einem riesigen Maßstab aufgeplustert sein? Kann ich nicht mein einfaches kleines Leben führen, so wie ich es möchte?« Sie blickte in zorniger Anklage zu ihm auf, aber als sie weiter- sprach, war ihre Stimme kaum hörbar. »Ich sehe nicht, was aller Erfolg und Ruhm Ihnen genützt haben sollten. Im Cafe fragten Sie mich, ob Ihre Schallpla e wirklich in dieser Musikbox sei. Sie ha en Angst, es könnte nicht so sein; Sie waren viel unsicherer als ich es je sein werde.« »Da wir gerade davon sprechen«, sagte Jason, »möchte ich diese beiden Langspielpla en auf Ihrem Pla enspieler ausprobie- ren. Bevor ich gehe.« »Lassen Sie mich die Pla en aufl egen«, sagte Mary Ann. »Mein Pla enspieler hat seine kleinen Eigenheiten.« Sie nahm die beiden Langspielpla en und die vierzig Dollar; Jason blieb stehen, wo er war, bei den Scherben der zerbrochenen Vase. Er wartete und sah zu, wie sie die erste Pla e aufl egte, und als der Tonabnehmer die Einlaufrille hinter sich ha e, hörte er vertraute Musik. Sein Bestselleralbum. Die Rillen der Langspielpla e waren nicht länger leer. »Sie können die Pla en behalten«, sagte er. »Ich werde jetzt gehen.« Nun, dachte er, brauche ich sie nicht mehr; wahrschein- lich kann ich sie in jedem Schallpla engeschä kaufen. »Es ist nicht die Art von Musik, die ich mag ... ich glaube wirk- lich nicht, daß ich sie sehr o spielen würde.« »Ich werde sie Ihnen trotzdem dalassen«, sagte er. »Für Ihre vierzig Dollar werde ich Ihnen noch eine Vase geben. Warten Sie einen Augenblick.« Sie eilte in einen Nebenraum; er hörte Papiergeraschel und eifriges Hin und Her. Kurze Zeit später, kam sie wieder zum Vorschein, eine weitere blau glasierte Vase in der Hand. Diese war vielleicht sogar noch schöner als die zer- brochene; er ahnte, daß es eine ihrer besten war. Er bedankte sich artig. »Ich werde sie einwickeln und in eine Schachtel tun, damit sie nicht das gleiche Schicksal wie die andere erleidet.« Sie arbeitete rasch und geschickt und mit großer Vorsicht. »Ich fand es sehr aufregend«, sagte sie, als sie ihm die verschnürte Schachtel reichte, »mit einem so berühmten Mann aus gewesen zu sein. Ich bin sehr froh, daß ich Ihre Bekanntscha machte und werde noch lange daran denken. Und ich hoff e, Ihre Schwierigkeiten werden sich beheben lassen.« Jason Taverner griff in die Brus asche und brachte sein klei- nes, mit den Initialen geschmücktes, ledernes Kartenetui zum Vorschein. Diesem entnahm er eine seiner geprägten bunten Geschä skarten und gab sie Mary Ann. »Sollten Sie es sich anders überlegen und in meinem Programm erscheinen wollen, können Sie mich jederzeit im Studio anrufen. Ich bin sicher, daß wir Sie in die Show mit einbauen können. Übrigens – das ist meine Privat- nummer.« »Leben Sie wohl«, sagte sie und öff nete ihm die Tür. »Machen Sie‘s gut.« Er hielt inne, wollte mehr sagen, doch es gab nichts mehr zu sagen. Er nickte ihr zu und trat hinaus in die Nachmi agssonne.,

Der Leichenbeschauer blickte über die Schulter auf und sagte: »Zu diesem Zeitpunkt kann ich Ihnen nur sagen, daß sie an

der Überdosis einer gi igen oder halbgi igen Droge gestorben ist.« »Es mußte passieren«, sagte Felix Buckman. »Früher oder später mußte es dazu kommen.« Zu seiner eigenen Überraschung empfand er nicht sehr viel. Um die Wahrheit zu sagen, seine erste Reaktion war Erleichterung gewesen, als Tim Chancer, ihr Leib- wächter, ihn verständigt ha e, daß er Alys tot im Badezimmer aufgefunden habe. »Ich dachte, dieser Kerl, dieser Taverner hä e ihr was getan«, wiederholte Chancer immer von neuem, um Buckmans Aufmerk- samkeit zu gewinnen. »Er benahm sich irgendwie komisch; ich merkte gleich, daß etwas nicht stimmte. Ich gab einige Schüsse auf ihn ab, aber er sprang auf der anderen Seite wieder aus dem Wagen und entkam. Vielleicht war es gut so, wenn er nicht für den Tod verantwortlich war. Aber vielleicht fühlte er sich schul- dig, weil er sie dazu veranlaßt ha e, die Droge zu nehmen; wäre das nicht möglich?« »Niemand brauchte Alys zu überreden, eine Droge zu nehmen«, sagte Buckman sarkastisch. Er verließ das Badezimmer und ging in den Korridor hinaus. Zwei grauuniformierte Polizisten standen stramm und erwarteten seine Anweisungen. »Sie brauchte weiß Go keinen Taverner oder sonst jemanden, um sich mit Drogen vollzupumpen.« Er fühlte sich elend und angewidert. Go , dachte er, wie wird die Wirkung auf Barney sein? Das war der schlimmste Teil. Aus Gründen, die ihm ver- borgen blieben, vergö erte der Kleine seine Mu er. Nun, dachte, Buckman, jeder hat seinen Geschmack. Und doch ha e auch er selbst sie geliebt. Sie ha e besondere Qualitäten, die er vermissen würde. Und je länger er darüber nachdachte, desto klarer wurde ihm bewußt, daß sie in seinem Leben einen großen Raum eingenommen ha e. Herb Maime kam mit bleichem Gesicht die Treppe herauf und musterte Buckman besorgt. »Ich kam her, so schnell ich konnte«, sagte er und streckte ihm die Hand hin. Sie tauschten einen Hän- dedruck aus. »Was war es?« fragte Herb. »Eine Überdosis von etwas?« »Anscheinend«, sagte Buckman. »Vorhin bekam ich einen Anruf von Taverner«, sagte Herb. »Er wollte Sie sprechen; er sagte, es habe etwas mit Alys zu tun.« Buckman nickte. »Er wollte mich über Alys‘ Tod verständigen. Er war hier, als es geschah.« »Wieso? Woher kannte er sie?« »Keine Ahnung«, sagte Buckman. Es schien ihm nicht wich- tig. Er sah keinen Grund, Taverner irgend etwas anzulasten. Zog man Alys‘ Temperament und ihre exzentrischen Gewohnheiten in Betracht, so ha e wahrscheinlich sie ihn hierher gelockt. Mögli- cherweise ha e sie Taverner beim Verlassen der Polizeiakademie angesprochen und im Wagen mitgenommen. Nach Haus. Schließ- lich war Taverner ein Sechser. Und Alys ha e eine Vorliebe für Sechser, männliche und weibliche. Besonders weibliche. »Vielleicht veranstalteten sie eine Orgie«, sagte Buckman. »Nur die beiden? Oder meinen Sie, daß noch andere Leute hier waren?« »Niemand sonst war hier. Chancer hä e es gesehen. Vielleicht veranstalteten sie eine Telefonorgie; das meinte ich. Sie ist viele Male nahe daran gewesen, sich mit diesen go verdammten Tele-, fonorgien das Gehirn auszubrennen – ich wünschte, wir könnten die Veranstalter zur Strecke bringen, die das Geschä übernah- men, nachdem wir Bill und Carol, Fred und Jill erwischt und hin- gerichtet ha en. Diese abartigen Schweine.« Mit zi ernder Hand zündete er sich eine Zigare e an und begann nervös zu rauchen. »Das erinnert mich an etwas, was Alys einmal sagte, unfreiwillig komisch. Sie sprach davon, eine Orgie zu veranstalten, und über- legte, ob sie formelle Einladungen verschicken solle. ›Ich glaube, ich sollte es tun‹, sagte sie, ›sonst kommen die Leute nicht alle zur gleichen Zeit.‹« Er lachte. »Den haben Sie mir schon mal erzählt«, sagte Herb trocken. Buckman seufzte. »Sie ist wirklich tot. Kalt und steif.« Er trat zu einem nahen Aschenbecher und drückte die Zigare e mit hastig zustoßenden Bewegungen aus. »Meine Frau«, sagte er zu Herb Maime. »Sie war meine Frau.« Herb schü elte den Kopf und wies unauff ällig mit dem Daumen auf die beiden in der Nähe wartenden Polizisten. »Na und?« sagte Buckman. »Haben Sie nicht das Libre o der Walküre gelesen?« Mit immer noch zi ernden Händen zündete er sich eine zweite Zigare e an. »Siegmund und Sieglinde. Schwes- ter und Braut. Und zum Teufel mit Hunding.« Die Zigare e fi el ihm aus den Fingern und auf den Teppich; er stand da und sah sie glimmen und ein Loch in die Wolle brennen. Dann trat er sie wütend mit dem Absatz aus. »Sie sollten sich setzen«, schlug Herb vor. »Oder besser nieder- legen. Sie sehen schrecklich aus.« »Es ist eine schreckliche Sache«, sagte Buckman. »Wirklich, Herb. Ich habe vieles an ihr nicht gemocht und mißbilligt, aber mein Go – wie vital war sie! Immer versuchte sie etwas Neues. Das brachte sie schließlich um. Wahrscheinlich irgendeine neue Droge, die sie und ihre Hexenfreundinnen in ihren elenden Kel-, lerlabors zusammenbrauten. Irgendwas mit Filmentwickler oder Schlimmerem darin.« »Ich glaube, wir sollten mit Taverner reden«, sagte Herb. »Gut. Lassen Sie ihn vorführen. Er hat einen Signalgeber an sich, oder?« »Off enbar nicht. Alle Kleingeräte, mit denen wir ihn vor dem Verlassen der Akademie präpariert ha en, hörten bald auf zu funk- tionieren. Vielleicht mit Ausnahme der heterostatischen Ladung. Aber wir haben keine Veranlassung, sie zu aktivieren.« »Dieser Taverner ist ein gerissener Hund«, sagte Buckman. »Oder er hat Hilfe bekommen. Von Leuten, mit denen er arbeitet. Versuchen Sie nicht, die Ladung zur Detonation zu bringen; die Mühe können Sie sich sparen. Für mich gibt es keinen Zweifel, daß irgendein gefälliger Kollege ihm dieses Ding längst aus dem Pelz geschni en hat.« Wahrscheinlich Alys, sagte er sich. Meine hilfreiche Schwester. Ne von ihr. »Sie sollten das Haus für eine Weile verlassen«, schlug Herb vor. »Wenigstens bis die Obduktion gemacht und die Tote herge- richtet ist.« »Fahren Sie mich ins Büro«, sagte Buckman. »Ich glaube nicht, daß ich fahren kann; meine Hände zi ern zu sehr.« Er fühlte etwas im Gesicht, hob die Hand, es zu betasten, und fand, daß sein Kinn naß war. »Was ist das an mir?« fragte er verblü . »Sie weinen«, sagte Herb. »Fahren Sie mich ins Büro, und ich werde erledigen, was unbe- dingt getan werden muß, bevor ich Ihnen den Rest überlasse«, sagte Buckman. »Und dann will ich hierher zurück.« Vielleicht ha e Taverner ihr doch etwas gegeben, überlegte er. Aber Taver- ner ist nichts. Sie war es selbst. Und doch ... »Kommen Sie«, sagte Herb, nahm ihn beim Arm und führte ihn zur Treppe., Als sie hinuntergingen, sagte Buckman: »Hä en Sie jemals gedacht, daß Sie mich weinen sehen würden?« »Nein«, erwiderte Herb. »Aber es ist verständlich. Sie waren Geschwister, Sie standen einander nahe.« »Das kann man sagen«, sagte Buckman mit jäher He igkeit. »Verdammt soll sie sein. Ich sagte ihr, daß sie es eines Tages tun würde. Ein paar ihrer Freundinnen brauten es für sie zusammen und machten sie zum Versuchskaninchen.« »Tun Sie nicht zuviel im Büro«, sagte Herb, als sie durch den Wohnraum gingen. »Erledigen Sie nur, was unbedingt nötig ist. Den Rest übernehme dann ich.« »Genau das sagte ich gerade«, erwiderte Buckman verdrießlich. »Kein Mensch hört mir zu, verdammt noch mal.« Herb klop e ihm auf den Rücken und antwortete nicht; schwei- gend verließen die beiden Männer das Haus und gingen zum par- kenden Wagen. Auf halbem Weg in die Stadt sagte Herb, der am Steuer saß: »In meinem Mantel sind Zigare en.« Es waren die ersten Worte, seit sie losgefahren waren. »Danke«, sagte Buckman. Er ha e seine Wochenration bereits verbraucht. »Ich muß etwas mit Ihnen besprechen«, sagte Herb. »Ich wünschte, es könnte warten, aber das kann es nicht.« »Nicht mal bis wir im Büro sind?« Herb schü elte den Kopf. »Dort erwarten uns wahrschein- lich alle möglichen Leute und wollen dies und das«, sagte er. »Es könnte zum Beispiel sein, daß führende Männer ...« »Ich habe nichts zu verbergen, wenn Sie das meinen«, sagte Buckman. »Nichts von allem, was ich zu sagen habe, ist ...« »Hören Sie zu«, sagte Herb. »Es ist möglich, daß manche Leute Bescheid wissen. Über Alys. Über Ihre Ehe.«, »Meinen Inzest«, sagte Buckman rauh. »Der eine oder andere könnte davon erfahren haben. Alys hat es vielen Menschen erzählt. Sie wissen doch, wie sie in dem Punkt war.« »Noch stolz darauf«, sagte Buckman, während er sich mit Mühe eine Zigare e anzündete. Er kam noch immer nicht dar- über hinweg, daß er sich beim Weinen ertappt ha e. Ich muß sie wirklich geliebt haben, sagte er sich. Und alles, was ich zu ihren Lebzeiten zu fühlen schien, waren Angst und Abneigung. Und der Sexualtrieb. Wie viele Male, dachte er, diskutierten wir darü- ber, bevor wir es machten. All die Jahre. »Außer Ihnen habe ich nie jemandem davon erzählt«, sagte er zu Herb. »Aber Alys.« »Richtig. Gut, dann wissen es möglicherweise ein paar von den führenden Leuten. Vielleicht sogar der Präsident.« »Die Marschälle, die Ihre Gegner sind«, sagte Herb, »und von der Sache mit dem ... äh ... Inzest erfahren haben, werden sagen, daß sie Selbstmord beging. Aus Scham. Wegen der Schande. Damit müssen Sie rechnen. Auch damit, daß sie es den Medien gegenü- ber durchblicken lassen werden.« »Meinen Sie?« sagte Buckman. Er mußte sich eingestehen, daß es eine zugkrä ige Skandalgeschichte abgeben würde. Polizei- general heiratet eigene Schwester. Gemeinsames Kind in Florida versteckt. »Sie müssen sich jetzt entscheiden«, drängte Herb. »Ich weiß, der Zeitpunkt ist nicht sehr günstig, so kurz nach Alys‘ Tod und...« »Der Leichenbeschauer ist unser Mann«, sagte Buckman. »Er und der Polizeiarzt, der die Obduktion vornimmt, sind aus unse- rem Haus.« Er verstand nicht, worauf Herb hinauswollte. »Er wird sagen, es sei eine Überdosis von irgendeiner Droge gewesen, wie er uns bereits erzählt hat.«, »Aber vorsätzlich eingenommen«, sagte Herb. »Eine tödliche Dosis.« »Was schlagen Sie vor?« »Veranlassen Sie den Mann, als Todesursache Mord anzuge- ben.« Buckman begriff . Später, wenn er den Schock des Verlusts über- wunden haben würde, wäre er sicher von selbst darauf gekommen. Aber Herb Maime ha e recht: die Weichen mußten jetzt gestellt werden. Noch bevor sie zur Polizeiakademie zurückkehrten. »Dann könnten wir sagen«, meinte Herb, »daß ...« »Daß Elemente innerhalb der Polizeiführung, die meine Poli- tik gegenüber den Studenten und Arbeitslagern ablehnen, Vergel- tung übten, indem sie meine Schwester ermordeten«, sagte Buck- man mit gepreßter Stimme. Es war ihm unerträglich, schon jetzt an solche Dinge zu denken, aber ... »So ungefähr«, sagte Herb. »Niemand sollte mit Namen genannt werden. Keine Polizeimarschälle, meine ich. Man könnte aber andeuten, daß sie jemanden beau ragten, es zu tun. Vielleicht einen jüngeren, karrierebewußten Polizeioffi zier, dem für die Tat eine Beförderung versprochen wurde. Meinen Sie nicht, daß ich recht habe? Und wir müssen rasch handeln; die Erklärung über den Mord muß sofort hinaus. Sobald wir im Büro sind, sollten Sie allen maßgeblichen Stellen ein entsprechendes Memorandum zusenden.« Ich muß eine persönliche Tragödie in einen strategischen Vor- teil verwandeln, dachte Buckman. Aus dem zufälligen Tod meiner Schwester Kapital schlagen. Wenn er zufällig war. »Vielleicht ist es wahr«, sagte er. Es war zum Beispiel nicht aus- zuschließen, daß Marschall Holbein, der ihn gründlich haßte, den Tod seiner Schwester arrangiert ha e. »Nein«, sagte Herb, »es ist nicht wahr. Aber bringen Sie ein, Untersuchungsverfahren in Gang. Und Sie müssen jemanden fi nden, dem Sie es anhängen können; es muß zu einer Verhand- lung kommen.« Buckman nickte dumpf. Herb ha e recht. Es mußte eine Gerichtsverhandlung geben, mit allem Drum und Dran und einer Hinrichtung als Abschluß, verbunden mit vielen dunklen Andeu- tungen in den Medien, daß ›höhere Autoritäten‹ in den Fall ver- wickelt seien, wegen ihrer Positionen jedoch nicht belangt werden könnten. Und der Präsident würde nicht umhin können, ihm offi - ziell sein Beileid auszusprechen, verbunden mit der Hoff nung, daß der Schuldige gefunden und bestra werde. »Es tut mir leid, daß ich diese Angelegenheit so frühzeitig zur Sprache bringen mußte«, sagte Herb. »Aber man hat Sie vom Marschall zum General degradiert; wenn die Inzestgeschichte an die Öff entlichkeit gelangt, wird es Ihren Gegnern wahrscheinlich gelingen, Sie zum Rücktri zu zwingen. Natürlich müssen wir damit rechnen, daß sie die Inzestgeschichte hochspielen, auch wenn wir die Initiative ergreifen. In diesem Fall können wir nur hoff en, daß Sie sich einigermaßen abgesichert haben.« »Ich habe alles getan, was in meiner Macht stand«, versicherte Buckman. »Wem sollten wir die Geschichte anhängen?« fragte Herb. »Marschall Holbein und Marschall Ackers«, antwortete Buck- man ohne zu zögern. Sein Haß auf sie kam ihrem Haß auf ihn gleich. Vor fünf Jahren ha en sie mehr als zehntausend Studenten der Stanford-Universität sinnlos abschlachten lassen, eine letzte blutige – und unnötige – Scheußlichkeit in dem an Scheußlichkei- ten so reichen Zweiten Bürgerkrieg. »Ich meine nicht diejenigen, die als Planer in Frage kommen«, sagte Herb. »Das ist off ensichtlich. Holbein, Ackers und die ande- ren, wie Sie sagen. Aber ich meine, wer soll für die Tat verantwort-, lich gemacht werden? Wer gab ihr die Droge?« »Irgendein kleiner Fisch«, sagte Buckman. »Ein politischer Gefangener aus einem Zwangsarbeitslager.« Es kam wirklich nicht darauf an, wer als Werkzeug vor Gericht gestellt und hingerichtet wurde. Für diese Rolle war von einer Million Lagerinsassen bei- nahe jeder geeignet. »Ich würde sagen, wir sollten uns den Täter etwas weiter oben greifen«, schlug Herb vor. »Warum?« Buckman vermochte dem Gedankengang nicht zu folgen. »Es wird immer so gemacht; der Apparat wählt immer einen Unbekannten, Unbedeutenden ...« »Wir sollten jemanden aus ihrem Freundeskreis nehmen. Jeman- den, der ihr gesellscha lich ungefähr gleichrangig sein könnte. Ja, der Betreff ende sollte sogar bekannt sein. Eine bekannte Person aus den Kreisen der regionalen Schickeria; Ihre Schwester ver- kehrte viel in diesem Halbweltmilieu.« »Warum eine bekannte Person?« »Um Holbein und Ackers mit diesen moralisch verkommenen Saukerlen dieser Telefonorgien in Verbindung zu bringen, mit denen Ihre Schwester verkehrte.« Herbs Stimme klang jetzt echt zornig und empört; Buckman blickte ihn verdutzt an. »Das sind die Leute, die Ihre Schwester in Wirklichkeit umgebracht haben«, sagte Herb. »Gehen Sie ihren Freundes- und Bekanntenkreis durch; wählen Sie eine Persönlichkeit in gesellscha lich möglichst exponierter Stellung. Dann haben Sie wirklich etwas, was Sie den Marschällen anhängen können. Stellen Sie sich den Skandal vor, wenn sich herausstellt, daß Holbein zu den Teilnehmern an diesen schweinischen Telefonorgien gehört.« Buckman drückte seine Zigare e aus und zündete sich eine neue an, während er überlegte. Er begann einzusehen, daß Herbs Plan entscheidende Vorzüge ha e. Es kam darauf an, seine Gegner, in die Defensive zu drängen und in einen Skandal zu verwickeln, neben dem seine eigene Inzestgeschichte sich relativ harmlos aus- nehmen würde.,

Felix Buckman saß in seinem Büro in der Polizeiakademie Los Angeles, sah die Hausmi eilungen, Briefe und Fernschreiben

auf seinem Schreibtisch durch und sortierte mechanisch alles aus, was warten konnte oder Herb Maime anging. Er arbeitete rasch und sicher, aber ohne wirkliches Interesse. Während er so die Ein- gänge des Tages sichtete, begann Herb in seinem benachbarten Büro den ersten Entwurf der Erklärung zu tippen, die Buckman zum Tod seiner Schwester herausgeben würde. Als Herb mit seinem Entwurf zufrieden war, trug er ihn in Buck- mans Büro und legte ihn wortlos auf den Schreibtisch. Buckman nahm das Bla und las es schweigend. Dann legte er es zögernd aus der Hand und blickte auf. »Müssen wir das tun?« »Unbedingt«, antwortete Herb. »Wären Sie vom Schock nicht so benommen, wären Sie der Erste, der die Notwendigkeit ein- sehen würde. Ihre Fähigkeit, in solchen Angelegenheiten klar zu sehen, hat Ihnen ermöglicht, sich gegen alle Intrigen zu behaup- ten. Ohne diese Fähigkeit wäre es Leuten wie Holbein und Ackers schon vor fünf Jahren gelungen, Ihre Degradierung zum Major an einer Polizeischule durchzusetzen.« »Dann lassen Sie die Erklärung so hinausgehen«, sagte Buck- man. »Warten Sie.« Er winkte Herb zurück. »Sie zitieren darin den Leichenbeschauer und unseren Polizeiarzt. Werden die Medien nicht wissen, daß der Obduktionsbefund um diese Zeit noch gar nicht vorliegen kann?« »Ich habe den Zeitpunkt des Todes zurückdatiert. Ich gehe davon aus, daß der Tod bereits gestern eintrat.« »Ist das nötig?« Herb zuckte die Achseln. »Unsere Erklärung muß herauskom-, men, bevor die andere Seite zum Zug kommen kann. Und diese Leute werden nicht warten, bis Obduktionsbefund und der Bericht des Leichenbeschauers vorliegen.« »Richtig«, sagte Buckman. »Dann lassen Sie es so.« Peggy Beason brachte mehrere vertrauliche Rundschreiben und einen gelben Ordner herein. »Mr. Buckman«, sagte sie mit unsicherer Stimme, »an einem Tag wie diesem möchte ich Sie nicht stören, aber das sind drin- gende Fernschreiben ...« »Ich werde sie lesen«, sagte Buckman. Das muß alles sein, dachte er bei sich. Danach mache ich Feierabend. »Ich wußte, daß Sie nach dieser Akte gefragt ha en, Mr. Buck- man«, sagte Peggy. »Auch Inspektor McNulty ha e sie schon angefordert. Sie ist gerade von der Datenzentrale gekommen, vor ungefähr zehn Minuten.« Sie legte ihm die Akte auf den Tisch. »Es sind die Unterlagen über diesen Jason Taverner.« Buckman war völlig verblü . »Aber ... aber es gibt keine Akte Jason Taverner.« »Anscheinend ha e irgendeine andere Stelle sie gezogen«, sagte Peggy. »Sie ist gerade erst durchgekommen, also kann die Daten- zentrale sie auch noch nicht lange zurückerhalten haben. Erläute- rungen wurden nicht gegeben; die Datenzentrale hat bloß ...« Buckman winkte ab. »Gehen Sie jetzt und lassen Sie uns allein«, sagte Buckman. Peggy Beason verließ wortlos das Büro und schloß die Tür hinter sich. »Ich hä e nicht so zu ihr reden sollen«, sagte Buckman seuf- zend zu Herb Maime. »Es ist verständlich.« Buckman schlug die Akte Jason Taverner auf und blickte auf, einen 13x18-cm-Hochglanzabzug mit Stempel des Fotografen auf der Rückseite und der maschinengeschriebenen Bemerkung: ›Überreicht von der Jason-Taverner-Schau, jeden Dienstag 21:00 Uhr im NBC.‹ »Mein Go «, sagte Buckman. Herb Maime beugte sich vor und blickte ihm über die Schulter. Zusammen betrachteten sie wortlos das Werbefoto mit dem fotogenen Kopf Jason Taverners, bis Herb schließlich sagte: »Sehen wir uns an, was noch da ist.« Buckman legte das Foto aus der Hand und las die erste Seite der Akte. »Wie hoch ist die Einschaltquote?« fragte Herb. »Dreißig Millionen«, sagte Buckman. Er drückte die Taste der Gegensprechanlage und sagte: »Peggy, rufen Sie das NBC-Fern- sehstudio hier in Los Angeles an und verbinden Sie mich mit der Geschä sleitung, je höher, desto besser. Sagen Sie ihnen, daß wir es sind.« »Ja, Mr. Buckman.« Kurz darauf erschien ein verantwortlich aussehendes Gesicht auf dem Bildschirm des Telefons, und eine Stimme sagte: »Ja, Sir? Was können wir für Sie tun, General?« »Strahlen Sie die Jason-Taverner-Schau aus?« fragte Buckman. »Jeden Dienstagabend, seit drei Jahren. Beginn um neun Uhr.« »Sagten Sie, daß Sie die Schau seit drei Jahren im Programm haben?« »Ja, General.« Buckman murmelte einen Dank und legte auf. »Dann erhebt sich die Frage, was Taverner in Wa s verloren ha e«, sagte Herb Maime. »Wozu besorgt sich ein Mann wie er falsche Ausweispapiere?« »Wir konnten nicht mal eine Geburtsurkunde von ihm auf- treiben«, sagte Buckman. »Wir fragten alle existierenden Daten-, speicher ab, alle Archive. Sagen Sie, Herb, haben Sie jemals von der Jason-Taverner-Schau gehört? Dienstag abends um neun im NBC?« »Nein«, sagte Herb zögernd. »Sie sind nicht sicher?« »Wir haben so o über Taverner gesprochen ...« »Ich habe nie von dieser Schau gehört«, erklärte Buckman. »Und ich sehe jeden Abend zwei Stunden lang fern. Zwischen acht und zehn.« Er wandte sich der nächsten Seite zu und fegte das erste Bla beiseite; es fi el zu Boden, und Herb hob es auf. Auf der zweiten Seite befand sich eine Liste der Pla enauf- nahmen, die Jason Taverner im Laufe der Jahre gemacht ha e, komple mit Titeln, Erscheinungsdaten und Verkaufszahlen. Er starrte auf die Liste, bis die Zeilen zu tanzen begannen: sie ging neunzehn Jahre zurück. Nach einer Weile sagte Herb: »Er sagte uns, daß er Sänger sei. Und unter seinen falschen Papieren war eine Mitgliedskarte der Musikergewerkscha . Dieser Teil stimmt also.« »Es stimmt alles«, sagte Buckman mit heiserer Stimme. Er blät- terte weiter. Die nächste Seite gab Aufschluß über Jason Taverners Vermögensverhältnisse, die Quellen und die Höhe seines Einkom- mens. »Unglaublich«, grunzte Buckman. »Was ist dagegen ein Polizeigeneral? Der Kerl verdient weit mehr als wir beide zusam- men.« »Er ha e eine Menge Scheine bei sich, als er uns von Las Vegas überstellt wurde. Und er zahlte Kathy Nelson ein Schweinegeld für die falschen Papiere. Erinnern Sie sich?« »Ja, Kathy erzählte es McNulty; ich weiß es aus seinem Bericht.« Buckman grübelte und knickte Eselsohren in die Ecke der fotoko- pierten Akte. Dann blickte er plötzlich auf und sah Herb Maime an., »Was ist?« fragte Herb unbehaglich. »Dies hier sind Fotokopien. Die Originalunterlagen werden in der Datenzentrale verwahrt und nie herausgegeben; nur Kopien werden verschickt.« »Aber man muß die Akte herausnehmen, um sie zu fotokopie- ren.« »Eine Sache von fünf Minuten«, sagte Buckman. »Wenn über- haupt.« Herb schü elte zweifelnd den Kopf. »Ich weiß nicht. Verlangen Sie keine Erklärung von mir. Ich weiß nicht, wie lange es dauert.« »Natürlich wissen Sie es. Wir wissen es alle. Jeder von uns hat hundertmal dabei zugesehen. Die Kopiermaschine läu den ganzen Tag.« »Dann muß ein Irrtum des Computers vorliegen.« Buckman grunzte, als er zum nächsten Bla überging. »Es exis- tierten nie irgendwelche politischen Mitgliedscha en; er ist völlig sauber. Gut für ihn. Stand eine Zeitlang mit dem Syndikat in Ver- bindung. Trug eine Schußwaff e, ha e aber Erlaubnis beantragt und erhalten. Wurde von einem gewissen Artemus Franks aus Des Moines wegen Verletzung von Urheberrechten verklagt, aber Taverners Anwälte gewannen den Prozeß.« Er las da und dort, ohne etwas Bestimmtes zu suchen. »Von seiner letzten Pla e wurden über zwei Millionen Stück verkau . Haben Sie schon mal Schlager von Jason Taverner gehört?« »Ich weiß nicht«, sagte Herb unsicher. Buckman lehnte sich zurück und blickte eine Weile unverwandt zu ihm auf. »Ich habe nie etwas dergleichen gehört. Das ist der Unterschied zwischen Ihnen und mir, Herb. Sie sind nicht sicher. Ich bin es.« »Sie haben recht«, sagte Herb. »Aber ich weiß es wirklich nicht, wenn Sie mich so fragen. Ich fi nde diese Geschichte einigermaßen, verwirrend, und wir haben anderes zu tun; wir müssen uns über Ihre Schwester und den Obduktionsbefund Gedanken machen. Wir sollten so bald wie möglich mit dem Leichenbeschauer und dem Polizeiarzt sprechen. Die beiden sind wahrscheinlich noch immer bei Ihnen zu Haus; ich werde sie anrufen, und Sie können dann ...« »Taverner«, sagte Buckman sinnend, »war bei ihr, als sie starb.« »Ja, das ist erwiesen. Chancer kann es bezeugen. Sie fanden es nicht so wichtig, aber ich denke, wir sollten ihn vorladen und verhören, und sei es nur des Protokolls und der guten Ordnung halber. Warum nicht hören, was er zu sagen hat?« »Könnte Alys ihn von früher her gekannt haben?« sagte Buck- man, und er beantwortete seine Frage selbst mit einem Ja. Alys ha e immer Sechser gemocht, besonders solche aus der Unterhal- tungsbranche. Leute wie Heather Hart. Im vorletzten Jahr ha e sie mit dieser Hart drei Monate lang ein Liebesverhältnis gehabt ... eine Aff äre, die ihm nur auf Umwegen zu Ohren gekommen war. Sie waren sehr um Geheimhaltung bemüht gewesen, die beiden. Vielleicht das einzige Mal, daß Alys wirklich dichtgehalten ha e. Dann fand er in Jason Taverners Akte eine Erwähnung der Sän- gerin Heather Hart. Fasziniert überfl og er den Absatz. Heather Hart war mindestens ein Jahr lang Taverners Geliebte gewesen. »Nun ja«, murmelte er. »Schließlich sind beide Sechser.« »Taverner und wer?« »Heather Hart. Die Sängerin. Diese Akte ist auf dem neues- ten Stand; hier steht, daß Heather Hart vor zwei Wochen in Jason Taverners Schau au rat. Als besonderer Studiogast.« Er stieß die Akte von sich und wühlte in den Jackentaschen nach Zigare en. »Hier.« Herb streckte ihm die eigene Packung hin. Buckman rieb sich das Kinn, dann sagte er entschlossen: »Wir, nehmen uns diese Hart auch vor. Zusammen mit Taverner.« »In Ordnung.« Herb nickte und machte eine Notiz auf seinen Block. »Der Täter war Jason Taverner«, sagte Buckman sinnend, wie zu sich selbst. »Er tötete Alys aus Eifersucht. Nachdem er von ihrem Verhältnis mit Heather Hart erfahren ha e.« Herb Maime runzelte die Stirn. Buckman blickte zu ihm auf, beobachtete ihn. »Ist das nicht richtig?« »Könnte hinhauen«, sagte Herb Maime nach einiger Zeit. »Also haben wir ein Motiv und eine Gelegenheit. Außerdem einen Zeugen: Chancer, der aussagen kann, daß Taverner in sehr aufgeregtem Zustand aus dem Haus rannte und versuchte, die Schlüssel von Alys‘ Wagen an sich zu bringen. Und dann, als Chancer, mißtrauisch geworden, im Haus nach dem Rechten sah, fl üchtete Taverner und entkam. Chancer sah ihn noch davonlaufen und gab Warnschüsse ab, die Taverner jedoch nicht beachtete.« Herb nickte. »Das ist es«, sagte Buckman. »Soll er gleich festgenommen werden?« »So bald wie möglich.« »Wir werden alle Kontrollstellen verständigen. Wenn er noch in Los Angeles ist, können wir ihn vielleicht mit einer Durchsage dazu bringen, sich zu melden.« Buckman nickte. »Wollen wir sagen, daß Taverner an ihren Orgien beteiligt gewesen sei?« »Es gab keine Orgien«, sagte Buckman. »Holbein und sein Anhang werden ...« »Das sollen sie erst einmal beweisen«, sagte Buckman. »Hier vor einem kalifornischen Gericht. Wo wir die Jurisdiktion haben.«, »Warum eigentlich Taverner?« sagte Herb. »Jemand muß es doch sein«, sagte Buckman, halb zu sich selbst. Er legte die Hände mit ineinander verschränkten Fingern vor sich auf den mächtigen alten Eichenschreibtisch. »So ist es immer«, sagte er. »Jemand muß es sein, und Taverner ist genau der Richtige für uns; eine bekannte Persönlichkeit aus der Unterhaltungsbran- che. Genau, was sie schätzte. Das ist auch der Grund, warum sie ihn mit nach Hause nahm; sie zog diese halbseidenen Berühmt- heiten allen anderen Typen vor.« Er blickte fragend auf. »Und warum nicht? Er kommt uns wie gerufen.«,

Nachdem er Mary Anns Wohnung verlassen ha e, ging Jason Taverner beschwingten Schri s die Straße hinunter. Sein

Geschick ha e sich gewendet. Alles war zurückgekommen, alles, was er verloren geglaubt ha e. Ich bin der glücklichste Mensch auf der ganzen verdammten Erde, sagte er sich. Dies ist der schönste Tag meines Lebens. Erst wenn man es verliert, lernt man wirklich zu schätzen, was man ha e; erst wenn man es auf einmal nicht mehr hat. Nun, für zwei Tage ha e ich es verloren, nun ist es wieder da und ich weiß es zu würdigen. Das Paket mit der geschenkten Vase an sich gedrückt, trat er an den Straßenrand, um einem vorbeifahrenden Taxi zu winken. »Wohin, Mister?« fragte der Fahrer, als er anhielt und die auto- matische Schiebetür aufschnurren ließ. Taverner stieg ein und zog die Tür manuell zu, während er sich auf den Sitz zurücksinken ließ. »Norden Lane achthundertdrei«, sagte er. »In Beverly Hills.« Heather Harts Adresse. Endlich kehrte er zu ihr zurück. Wie er wirklich war, nicht wie sie sich ihn wäh- rend der schrecklichen vergangenen Tage vorgestellt ha e. Dankbar lehnte er den Kopf zurück und schloß die Augen. Jetzt, nach der Erleichterung und Freude, machte sich Erschöpfung bemerkbar. So viel war geschehen. Er überlegte, was aus der Sache mit Alys Buckman werden mochte. Sollte er noch einmal versu- chen, mit General Buckman in Verbindung zu treten? Aber inzwi- schen wußte er es wahrscheinlich. Vielleicht war es überhaupt besser, sich da herauszuhalten. Ein Fernseh- und Pla enstar sollte nicht in fi nstere Geschichten verwickelt sein. Die Boulevardpresse war immer nur allzugern bereit, solche Geschichten breitzutreten., Er schuldete Alys Dank, trotz der unangenehmen Lage, in die er durch sie geraten war. Sie ha e ihn von den elektronischen Minia- turgeräten befreit, mit denen ihr Bruder ihn zuvor ha e präparie- ren lassen. Nun, jetzt suchte man ihn gewiß nicht mehr. Er ha e seine Identität zurückgewonnen, war im ganzen Land bekannt. Dreißig Millionen Fernsehteilnehmer konnten seine physische und juristische Existenz bezeugen. Nie wieder werde ich eine Straßenkontrolle fürchten müssen, sagte er sich, ehe er zufrieden einnickte. »Wir sind da, Sir«, sagte der Fahrer plötzlich. Jason Taverner riß die Augen auf und setzte sich aufrecht. Schon da? Als er hinaus- blickte, sah er den Wohnkomplex, worin Heather ihr Westküsten- domizil ha e. »Ach ja«, sagte er. »Danke.« Er bezahlte, und der Fahrer öff - nete die Tür und ließ ihn hinaus. Er schri die Zufahrt hinauf, dann auf dem mit Baumscheiben aus Ro anne belegten Fußweg zum Haupteingang des luxuriösen zehnstöckigen Gebäudes, das zum Schutz gegen Erdstöße auf einer Lu federung aus mächtigen Preßlu körpern ruhte. Während er auf den Aufzug wartete, hielt er den Karton mit der Vase auf den Fingerspitzen der erhobenen Rechten. Lieber nicht, dachte er; vielleicht lasse ich sie fallen, wie vorhin die andere. Aber nein, diesmal nicht; meine Hände sind jetzt ruhig. Ich werde dieses blöde Ding Heather schenken, beschloß er. Ein Geschenk, das ich eigens für sie auswählte, weil ich ihren vollen- deten Geschmack kenne. Bevor er die Aufzugtür öff nen konnte, mußte er vor ein Objektiv treten, und auf einem kleinen eingebauten Bildschirm erschien ein dunkelhäutiges weibliches Gesicht, das ihn mißtrauisch anspähte. Susie, Heathers Hausmädchen. »Oh, Mr. Taverner«, sagte Susie und löste sofort die Sperre der, Aufzugtür. »Kommen Sie nur herauf. Heather ist fortgegangen, aber sie ...« »Ich werde warten«, sagte er. Er trat in den Aufzug, drückte den Etagenknopf und wartete. Augenblicke später stand er vor Susie, die ihm die Wohnungs- tür au ielt. Dunkelhäutig, hübsch und zierlich, begrüßte sie ihn wie immer: mit Wärme und Vertrautheit. »Hallo, Susie«, sagte Jason und ging in die Wohnung. »Wie ich sagte«, erklärte Susie, »Heather ist Einkaufen gegan- gen, aber bis acht Uhr müßte sie zurück sein. Sie hat heute viel freie Zeit und wollte sie zu einem Bummel ausnutzen, denn für die zweite Wochenhäl e sind mehrere Aufnahmen bei der RCA vorgesehen.« »Ich habe es nicht eilig«, sagte er aufrichtig. Er ging ins Wohn- zimmer und legte sein Paket auf den Kaff eetisch, wo Heather es mit Sicherheit sehen würde. »Ich werde inzwischen Pla en hören und was trinken«, sagte er. »Wenn es recht ist.« »Warum sollte es nicht recht sein?« sagte Susie. »Tun Sie, als ob Sie zu Hause wären. Ich muß auch fort; ich muß um vier Uhr fünfzehn beim Zahnarzt sein, und er ist auf der anderen Seite von Hollywood.« Er legte den Arm um sie und umfaßte ihre feste rechte Brust. »Wir sind heute aber scharf«, sagte Susie und lachte. »Wir sollten es wirklich machen«, sagte er. »Sie sind zu groß für mich«, erwiderte Susie, entwand sich seinem Arm und ging hinaus, um fortzuführen, was sie vor seinem Kommen getan ha e. Er ging an den Pla enspieler und durchsuchte einen Stapel bereitliegender Langspielpla en. Keine gefi el ihm, und so bückte er sich und ging das Verzeichnis ihrer Sammlung durch. Er nahm einige von ihren und ein paar von seinen Langspielpla en aus, den Fächern, stapelte sie auf dem Pla enwechsler und schaltete das Gerät ein. Der Tonarm senkte sich herab; die Klänge von Hart im Herzen, einer seiner Lieblingspla en, begann den vier Quadro- phonielautsprechern zu entströmen und füllten den weitläufi gen Wohnraum. Er legte sich auf die Couch, zog die Schuhe aus und machte es sich bequem. Schläfrig bewunderte er ihre Aufnahme, während Wellen wohltuender Entspannung durch seinen Körper gingen. Dieses Meskalin, dachte er. Ich könnte eine Woche lang schlafen. Zum Klang unserer Stimmen. Warum haben wir nie gemeinsam eine Pla e gemacht? Eine gute Idee, dachte er. Würde sich gut verkaufen. Aber wir sind bei verschiedenen Firmen unter Vertrag. Nun, das ließe sich regeln. Alles läßt sich regeln, wenn man sich darum bemüht. Und dies würde sich lohnen. Als der Wechsler die nächste Pla e aufl egte, bemerkte Taver- ner, daß er ein wenig eingenickt war. Er blickte auf die Uhr und wunderte sich. Er ha e Heathers Langspielpla e fast ganz ver- schlafen, ha e kaum etwas davon gehört. Seufzend ließ er sich wieder zurücksinken und schloß abermals die Augen. Schlafen, dachte er, zu meinem eigenen Gesang. Seine Stimme, umsponnen von zweispurigen Überlagerungen von Gitarren und Streichern, widerhallte rings um ihn. Dunkelheit. Er richtete sich auf, starrte zum Fenster, lauschte, fühlte, daß sehr viel Zeit vergangen war. Stille. Der Pla enspieler ha e den gesamten Stapel durchge- spielt, ein Programm von Stunden. Wie spät war es? Er tastete herum, machte die Umrisse einer ihm vertrauten Lampe aus und schaltete sie ein. Seine Armbanduhr zeigte zehn Uhr dreißig. Ihn fröstelte, und er war hungrig. Wo war Heather? Er tappte umher, suchte seine Schuhe. Kalte Füße und einen leeren Magen, dachte er verdrieß-, lich. Vielleicht kann ich ... Die Tür fl og auf. Vor ihm stand Heather in ihrem Pelzmantel, in den Händen ein Exemplar der Los Angeles Times. Ihr Gesicht, grau und mit weitgeöff neten Augen, starrte ihn wie eine Totenmaske an. »Was – was ist?« stammelte er entsetzt. Heather kam langsam näher und hielt ihm die Zeitung hin. Wortlos. Wortlos nahm er sie ihr aus der Hand und las: SCHWESTER DES POLIZEICHEFS ERMORDET Fahndung nach Fernsehstar. »Hast du Alys Buckman umgebracht?« fragte Heather mit vor Erregung heiserer Stimme. Er schü elte den Kopf, während er den Artikel las. Der bekannte Schlagersänger und Fernsehunterhalter Jason Taverner, bekannt vor allem durch seine wöchentliche Unterhaltungsschau, steht nach Auskun der Ermi lungsbehörden von Los Angeles unter drin- gendem Verdacht, in den Mord an der Schwester des Polizeigenerals Felix Buckman verwickelt zu sein. Bei der Tat handelt es sich nach Mei- nung der Polizeiexperten um einen sorgfältig geplanten Racheakt. Gegen Taverner, 42, würde inzwischen Ha befehl erlassen. Die Polizei vermu- tet, daß er sich noch im Raum ... Er knüllte die Zeitung wütend zusammen. »Scheiße!« murmelte er. Er schloß die Augen, holte tief Atem, erschauerte he ig. »Ihr Alter wird darin mit zweiunddreißig angegeben«, sagte Heather. »Aber ich weiß genau, daß sie vierunddreißig ist – war.«, »Ist doch völlig egal«, sagte Jason. »Ich habe sie gesehen. Ich war in dem Haus.« »Ich wußte nicht, daß du sie kennst«, sagte Heather. »Ich war ihr erst kurz zuvor begegnet. Heute morgen.« »Heute? Erst heute? Das bezweifl e ich.« »Es ist wahr. General Buckman verhörte mich gestern abend im Gebäude der Polizeiakademie, und als ich heute früh freigelassen wurde, sprach sie mich an. Man ha e mir verschiedene elektroni- sche Miniaturgeräte angehängt, darunter auch ...« »Das machen sie nur bei Studenten«, sagte Heather. »Und Alys machte die Dinger unbrauchbar«, fuhr er fort. »Dann lud sie mich in ihr Haus ein.« »Und starb dort.« Er nickte. »Ich sah ihren Leichnam als verwi ertes gelbes Ske- le , und bekam es mit der Angst; ich suchte das Weite, so schnell ich konnte. Hä est du es an meiner Stelle nicht getan?« »Du sahst sie als Skele ? Ha et ihr vorher irgendwelches Zeug genommen? Sie nahm ständig Drogen, also wirst du es auch getan haben, nehme ich an.« »Meskalin«, sagte Jason. »Das sagte sie jedenfalls, aber ich glaube, es war was anderes.« Ich wünschte, ich wüßte, was es war, dachte er, während die Angst noch immer sein Herz zusammen- preßte. Ist dies eine Halluzination wie der Anblick ihres Skele s? Lebe ich in dieser Wirklichkeit, oder bin ich in Wahrheit in dem verwahrlosten Hotelzimmer? Großer Go , was soll ich jetzt tun? »Du solltest dich bei der Polizei melden«, sagte Heather. »Sie können mir nichts nachweisen«, sagte er. Aber er wußte es besser. In den vergangenen zwei Tagen ha e er viel über die Poli- zei erfahren, die die Gesellscha beherrschte. Das Erbe des Zwei- ten Bürgerkriegs, dachte er. »Wenn du es nicht warst, werden sie dich nicht verurteilen., Polizei und Gerichte sind fair. Es ist nicht so, wie wenn die Natio- nalgarde hinter dir her wäre.« Er glä ete die zusammengeballte Zeitung und las ein wenig mehr. ... off enbar eine Überdosis einer noch nicht näher analysierten gi igen Verbindung, die Taverner Miß Buckman entweder in einem Getränk ver- abreichte oder während des Schlafs einfl ößte ... »Da steht, der Mord sei gestern verübt worden«, sagte Heather. »Wo warst du gestern? Ich rief dich in deiner Wohnung an, aber niemand ging an den Apparat. Und eben sagtest du ...« »Es war nicht gestern. Es war heute früh.« Alles ha e eine unheimliche Qualität angenommen. Er fühlte sich schwerelos, als schwebe er mit der ganzen Wohnung in einer bodenlosen Leere des Vergessens. »Sie müssen die Tatzeit rückdatiert haben. In meiner Show ha e ich mal einen Fachmann aus einem Polizeila- bor, und nachher erzählte er mir, wie sie ...« »Sei still!« sagte Heather scharf. Er schwieg und stand hilfl os da und wartete. »In dem Artikel steht auch was über mich«, sagte Heather durch die Zähne. »Auf der nächsten Seite.« Gehorsam wendete er die Seite, suchte die Fortsetzung des Artikels. ... mit den Ermi lungen betrauten Polizeistellen halten es für nicht aus- geschlossen, daß die zeitweilig engen Beziehungen zwischen Heather Hart, einer bekannten Sängerin und Darstellerin in zahlreichen Fern- sehproduktionen, und Miß Buckman in Taverner den rachsüchtigen Plan reifen ließen, zu dessen Ausführung er dann ..., Jason blickte auf. »Was für enge Beziehungen ha est du mit Alys? Soweit ich sie kenne ...« »Du sagtest eben, du hä est sie nicht gekannt. Du sagtest, du seist ihr erst heute begegnet.« »Sie wirkte unheimlich auf mich. Off engestanden, ich glaube, sie war lesbisch. Ha et ihr ein sexuelles Verhältnis miteinander?« Er hörte seine Stimme an He igkeit zunehmen; er konnte sie nicht beherrschen. »Das ist doch, was der Artikel andeutet. Oder etwa nicht?« Seine rechte Gesichtshäl e brannte von der Kra ihres Schlags; er wich unwillkürlich zurück, und hob abwehrend beide Hände. Er wurde sich bewußt, daß er seit seiner Kindheit nie mehr so ins Gesicht geschlagen worden war. Es schmerzte, und seine Ohren dröhnten. »Na los«, schnau e Heather. »Schlag zurück.« Er holte aus und ballte die Rechte zur Faust, dann ließ er den Arm sinken, entspannte die Finger. »Ich kann nicht«, sagte er. »Aber ich wünschte, ich könnte. Du hast Glück.« »Das denke ich auch. Wenn du sie umgebracht hast, könntest du ganz gewiß auch mich umbringen. Was hast du zu verlieren? Sie werden dich so oder so vergasen.« »Du glaubst mir nicht«, sagte Jason in vorwurfsvollem Ton. »Du glaubst nicht, daß ich unschuldig bin.« »Darauf kommt es nicht an. Sie halten dich für den Täter. Selbst wenn du schließlich freigesprochen würdest, bedeutet es das Ende deiner verdammten Karriere, und meiner dazu, was das angeht. Wir sind erledigt, verstehst du? Ist dir klar, was du getan hast?« Sie schrie ihn jetzt an; er trat beschwichtigend auf sie zu, aber sie rea- gierte mit einer he igen Bewegung, als wolle sie wieder zuschla- gen, und er wich verwirrt zurück. »Wenn ich mit General Buckman sprechen könnte«, sagte er, lahm, »würde es mir vielleicht gelingen ...« »Buckman? Du willst dich an ihren Bruder wenden?« Heather ging auf ihn zu, die Finger gespreizt und wie Krallen gekrümmt. »Er hat den Vorsitz der Mordkommission übernommen, die den Fall au lären soll. Als der Leichenbeschauer zu dem Befund kam, daß es sich um einen Mord handelte, verkündete General Buckman, er persönlich werde die Au lärung des Falles leiten ... Bist du nicht fähig, den ganzen Artikel zu lesen? Ich habe ihn auf dem Weg hierher zehnmal gelesen. Ich kau e die Zeitung, als ich meinen neuen Herbstmantel abgeholt ha e, der in Belgien für mich bestellt worden war. Er war endlich eingetroff en. Und nun das. Alles umsonst!« Er versuchte die Arme um sie zu legen, doch sie entzog sich ihm. »Ich werde nicht zur Polizei gehen«, sagte er. »Tu, was du willst.« Ihre Stimme war zu einem heiseren Flüs- tern abgesunken. »Mir ist es gleich. Geh fort! Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben! Ich wünschte, ihr wärt beide tot, du und sie. Diese geile dürre Schnepfe – nichts als Schwierigkeiten hat sie mir bereitet. Zuletzt mußte ich sie regelrecht rausschmeißen; sie hing wie ein Blutegel an mir.« »War sie gut im Be ?« fragte er und wich aus, als Heathers Hand nach seinen Augen krallte. Sie standen sich eine Weile schweigend gegenüber, und Jason konnte ihr erregtes, kurzes Atmen hören. »Du kannst machen, was du willst«, sagte Heather endlich. »Ich werde zur Polizei gehen und mich stellen.« »Dich suchen sie auch?« fragte er verdutzt. »Kannst du nicht den ganzen Artikel lesen? Kannst du nicht mal das, verdammt noch mal? Sie wollen meine Zeugenaussage. Sie wollen wissen, wie du über mein Verhältnis mit Alys dach-, test. Jeder wußte, daß wir damals miteinander schliefen, verstehst du?« »Ich wußte nichts von eurem Verhältnis.« »Ich werde ihnen das erzählen. Wann hast du es erfahren?« »Eben erst«, sagte er. »Aus diesem Artikel.« »Du wußtest nichts davon, als du bei ihr warst und sie getötet wurde?« Er gab auf. Hoff nungslos, sagte er sich. Es war wie in einer Welt aus Gummi. Man prallte überall ab, und alles veränderte die Gestalt, sobald man es berührte. »Ich gehe«, sagte er. Er angelte seine Schuhe unter der Couch hervor, setzte sich, zog sie an, band die Schnürsenkel zusammen, stand auf. Dann nahm er das Paket vom Kaff eetisch. »Für dich«, sagte er und warf es ihr zu. Heather griff ungeschickt danach, es traf ihre Brust und fi el dann zu Boden. »Was ist es?« fragte sie. »Inzwischen«, sagte er, »habe ich es vergessen.« Heather kniete nieder, öff nete das Paket, zog Zeitungen und die blau glasierte Vase hervor; Sie war nicht zerbrochen. »Oh«, sagte sie leise. Sie stand auf und hielt die Vase ans Licht, betrachtete sie aus verschiedenen Blickwinkeln. »Sie ist unglaublich schön«, sagte sie. »Danke.« »Ich habe diese Frau nicht umgebracht«, sagte Jason. Heather wandte sich von ihm ab und stellte die Vase auf ein hohes Wandregal, auf dem sie allerlei Kleinigkeiten au ewahrte. Sie sagte nichts. »Was soll ich tun?« sagte er. Er wartete, doch sie blieb stumm. »Kannst du nicht sprechen?« fragte er sie. »Ruf die Polizei an«, sagte Heather. »Sag, daß du hier bist.« Er ging ans Telefon, nahm ab und wählte die Fernsprechver-, mi lung. »Ich möchte eine Verbindung mit der Polizeiakademie Los Angeles«, sagte er. »Mit General Felix Buckman. Sagen Sie ihm, der Anrufer sei Jason Taverner.« Am anderen Ende der Lei- tung blieb alles still. »Hallo?« sagte er. »Sie können die Nummer direkt durchwählen, Sir.« »Ich möchte, daß Sie es tun«, sagte Jason. »Aber, Sir ...« »Bi e«, sagte er.,

Sie kennen diese Droge nicht, weil sie noch nicht in Gebrauch ist«, sagte Phil Westerburg, der mit der Autopsie beau ragte

Polizeiarzt, zu Felix Buckman. »Sie muß das Zeug aus unserem Speziallabor entwendet haben. Um die Wirkungsweise der Droge zu erklären, muß ich ein wenig weiter ausholen. Sehen Sie, Zeit- bindung ist eine Gehirnfunktion. Sie liefert sozusagen das innere Gefüge, den Orientierungsrahmen für die Wahrnehmungen.« »Warum ist sie daran gestorben?« fragte Buckman. Es war spät, und sein Kopf schmerzte. Er sehnte das Ende des Tages herbei. »Eine Überdosis?« »Wir haben noch keine Möglichkeit, zu bestimmen, welche Menge KR3 eine Überdosis darstellen würde. Die Droge wird gegenwärtig an Freiwilligen im Arbeitslager San Bernardino erprobt, aber es ist noch viel zu früh, um gesicherte Aussagen machen zu können.« Westerburg riß ein Bla von Buckmans Notizblock und begann etwas zu skizzieren. »Nun, wie ich sagte, Zeitbindung ist eine Gehirnfunktion und geht vor sich, solange das Gehirn Sinneswahrnehmungen und Reizeindrücke empfängt. Wir wissen, daß das Gehirn ohne räumlich-zeitliche Orientierung nicht richtig funktionieren kann, aber wir können noch nicht sagen, warum es sich so verhält. Wahrscheinlich hängt es mit der Not- wendigkeit zusammen, die Realität in einer Weise zu stabilisieren, die es erlaubt, Abfolgen in Begriff en wie ›vorher‹ und ›nachher‹ in zeitlichen oder ›nah‹ und ›fern‹ in räumlichen Zusammenhängen zu begreifen.« Er zeigte Buckman eine Skizze. Sie sagte Buckman nichts; er starrte verständnislos darauf und überlegte, wo er zu dieser späten Stunde Darvon-Table en gegen seine Kopfschmerzen krie-, gen könne. Ha e Alys welche gehabt? Sie ha e so viele Table en gehortet. »Ein Aspekt des Raums ist«, fuhr Westerburg fort, »daß jede gegebene Raumeinheit alle anderen gegebenen Einheiten aus- schließt; wenn ein Ding hier ist, dann kann es nicht gleichzeitig dort sein. Ebenso wie ein Ereignis, das vorher sta gefunden hat, nicht auch nachher sta fi nden kann.« »Hat das nicht bis morgen Zeit?« sagte Buckman. »Zuerst meinten Sie, es würde vierundzwanzig Stunden dauern, um den Gi stoff , der zum Tode führte, zu analysieren und das Ergebnis in einem Bericht niederzulegen. Vierundzwanzig Stunden sind ausreichend.« »Aber Sie gaben Anweisung, die Analyse nach Möglichkeit zu beschleunigen«, sagte Westerburg. »Sie wollten, daß sofort mit der Autopsie begonnen wird. Darau in bin ich kurz nach vier- zehn Uhr ...« »Schon gut, schon gut«, sagte Buckman gequält. »Aber fassen Sie sich kurz und verschonen Sie mich mit graphischen Darstel- lungen. Ich habe Kopfschmerzen, und meine Augen brennen.« »Wir haben gesehen, daß die Ausschließlichkeit des Raums nur eine Gehirnfunktion zur Verarbeitung von Wahrnehmungen ist. Sie regelt die in der Gestalt von einander wechselseitig einschrän- kenden Raumeinheiten eingehende Informationen. Es handelt sich um Millionen, theoretisch sogar um Milliarden von Einhei- ten. Aber an sich existiert Raum nicht, sondern nur in unseren Wahrnehmungen.« »Und was hat das zu bedeuten?« fragte Buckman. »Eine Droge wie KR3«, sagte Westerburg, »zerstört die Fähig- keit des Gehirns, eine Raumeinheit aus einer anderen auszuschlie- ßen, das heißt, Begriff e wie hier und dort gehen verloren, wenn das Gehirn die Signale der Sinneswahrnehmungen zu verarbeiten, sucht. Es kann nicht beurteilen, ob ein Objekt noch da oder ob es verschwunden ist. Wenn dies geschieht, kann das Gehirn alter- native räumliche Größen nicht länger ausschließen. Es öff net sich dem gesamten Bereich räumlicher Variationsmöglichkeiten. Das Gehirn kann nicht mehr unterscheiden, welche Objekte existieren und welche nur latente, nichträumliche Möglichkeiten sind. Das Ergebnis ist, daß das verwirrte Wahrnehmungssystem in kon- kurrierende räumliche Alternativen eintri und dem Gehirn eine völlig neue Welt zu entstehen scheint.« »Ich verstehe«, sagte Buckman. Aber in Wahrheit ha e er fast nichts verstanden, und es war ihm auch gleichgültig. Er ha e nur den Wunsch, nach Haus zu gehen und sich schlafen zu legen. Und dies alles zu vergessen. »Das ist sehr wichtig«, sagte Westerburg ernst. »KR3 ist ein bedeutender Durchbruch. Wer unter der Wirkung der Droge steht, wird gezwungen, irreale Welten wahrzunehmen, ob er es will oder nicht. Wie ich sagte, werden Milliarden von Möglichkeiten auf einmal theoretisch wirklich; der Zufall kommt hinzu, und das Wahrnehmungssystem des Betreff enden wählt unter allen ange- botenen Möglichkeiten eine aus. Es muß wählen, weil andernfalls konkurrierende räumliche Alternativen einander überlagern und die Raumvorstellung an sich au ören würde. Können Sie mir folgen?« Herb Maime, der sich in der Nähe auf eine Sessellehne nieder- gelassen und zugehört ha e, sagte: »Er meint, daß das Gehirn die- jenige räumliche Alternative annimmt, die dem verlorenen Orien- tierungsrahmen am nächsten kommt.« »Ja«, sagte Westerburg. »Das ist eine brauchbare Umschrei- bung. Sie haben den vertraulichen Bericht über die Entwicklung des KR3 gelesen, nicht wahr, Mr. Maime?« »Vor ungefähr einer Stunde«, sagte Herb Maime. »Das meiste, davon war zu fachtechnisch, als daß ich damit zurechtgekommen wäre. Aber ich bemerkte, daß die Wirkung der Droge befristet ist. Schließlich stellt das Gehirn die Verbindung mit der raumzeitli- chen Umwelt wieder her, die es vor Einnahme der Droge wahrge- nommen ha e.« »Richtig«, sagte Westerburg. »Aber während der Wirksamkeit der Droge existiert der Betroff ene, oder glaubt zu existieren ...« »Es gibt keinen Unterschied zwischen den beiden«, sagte Herb. »Das eben ist die spezifi sche Wirkungsweise der Droge: sie hebt den Unterschied auf.« »Technisch gesehen, ja«, sagte Westerburg. »Aber der Betrof- fene sieht sich von einem aktualisierten Milieu umgeben, einer Umwelt, die im Verhältnis zu der von früher her vertrauten fremd ist, und er bewegt sich, als ob er tatsächlich in eine andere Welt eingetreten wäre. Eine Welt mit veränderten Aspekten. Das Maß der Veränderung wird dabei von der Distanz zwischen der vorher wahrgenommenen raumzeitlichen Welt und der neuen bestimmt, in der er jetzt zu leben gezwungen ist.« »Ich gehe nach Hause«, sagte Buckman. »Noch mehr davon kann ich nicht ertragen.« Er stand auf. »Danke, Westerburg«, sagte er und streckte ihm mechanisch die Hand hin. Westerburg ergriff sie. »Schreiben Sie mir einen Abriß davon«, sagte er zu Herb Maime. »Dann kann ich es morgen früh durchsehen.« Er nahm seinen grauen Übergangsmantel aus dem Schrank, legte ihn über den Arm und wandte sich zum Gehen. »Sehen Sie jetzt, was Taverner widerfahren ist?« fragte Herb. Buckman blieb stehen und sah ihn über die Schulter hinweg an. »Nein.« »Er ging unter dem Einfl uß der Droge in eine räumliche Alter- native über, in der er für seine Umwelt nicht existierte. Und wir gingen mit ihm in die Alternativwelt über, weil wir Objekte seines, Wahrnehmungssystems sind. Und dann, als die Wirkung der Droge nachließ, kehrte er in seine vertraute Realität zurück.« »Gute Nacht«, sagte Buckman. Er verließ das Büro, wanderte durch den Verbindungskorridor und durch das große, stille Hauptbüro mit seinen Reihen makel- loser Metallschreibtische, alle gleich, alle zum Feierabend sauber aufgeräumt, sogar McNultys; und dann trat er endlich gähnend in seinen Privataufzug und ließ sich zum Dach hinau ragen. Die kalte Nachtlu , fast unbewegt und von Abgasen geschwän- gert, verstärkte seine Kopfschmerzen bis zur Unerträglichkeit; er schloß die Augen und knirschte mit den Zähnen. Dann fi el ihm ein, daß er von Phil Westerburg ein gutes Schmerzmi el bekom- men könnte. In der Apotheke der Polizeiakademie gab es wahr- scheinlich fünfzig verschiedene Sorten, und Westerburg ha e die Schlüssel und kannte sie alle. Er trat wieder in den Aufzug und kehrte in sein Büro zurück, wo Westerburg und Herb Maime noch immer beisammen saßen und diskutierten. »Ich wollte gerade etwas erklären«, sagte Herb zu Buckman. »Es betri uns als Objekte seines Wahrnehmungssystems.« »Das sind wir nicht«, sagte Buckman. »Ja und nein«, sagte Herb. »Taverner war nicht derjenige, der das KR3 nahm. Ihre Schwester nahm die Droge. Taverner wurde wie wir ein Faktor im Wahrnehmungssystem Ihrer Schwester und wurde hinübergezogen, als sie in ein alternatives Realitäts- modell eintrat. Off enbar spielte Taverner in ihrem Denken eine wesentliche Rolle als Bezugsperson zur Erfüllung von Wunsch- vorstellungen. Sie muß seit einiger Zeit Fantasien gehegt haben, in denen sie ihn kannte und mit ihm verkehrte. Aber obgleich sie das durch Einnehmen der Droge bewerkstelligte, blieben er und wir zur gleichen Zeit in unserer eigenen Welt. Wir hielten gleichzeitig, zwei räumliche Alternativen besetzt, eine reale und eine irreale. Die eine ist unsere akzeptierte Wirklichkeit, die andere eine unter vielen latenten Möglichkeiten, die vorübergehend von der Droge aktualisiert wurde. Aber eben nur vorübergehend. Für die Dauer von ungefähr zwei Tagen.« »Dieser Zeitraum ist lang genug«, sagte Westerburg, »um dem betroff enen Gehirn schweren Schaden zuzufügen. Das Gehirn Ihrer Schwester, Mr. Buckman, wurde wahrscheinlich weniger vom toxischen Komponenten zerstört als vielmehr von einer hohen und anhaltenden Überlastung. Eine gründliche neurologi- sche Untersuchung des Gehirns, zu der mir allerdings die Spezi- alkenntnisse und die technischen Voraussetzungen fehlen, wird vermutlich zeigen, daß die eigentliche Todesursache irreparable Schäden im Bereich der Hirnrinde waren, eine Beschleunigung normalen neurologischen Verfalls. Ihr Gehirn starb sozusagen innerhalb von zwei Tagen an Überalterung.« »Können Sie mir ein paar Darvon-Table en geben?« sagte Buck- man zu Westerburg. »Die Apotheke ist um diese Zeit geschlossen«, sagte Wester- burg. »Aber Sie haben einen Schlüssel.« »Ich bin nur in Notfällen berechtigt, der Apotheke Medika- mente zu entnehmen, wenn der Pharmazeut nicht im Dienst ist.« »Dies ist ein Notfall«, sagte Herb. »Von wem wollen Sie die Erlaubnis einholen, wenn Ihnen die Mr. Buckmans nicht genügt?« »Ja, ja, natürlich«, murmelte Westerburg, aus seinen Gedanken- gängen gerissen. »Ich gehe schon.« »Der ganze Planet«, sagte Herb, als der Polizeiarzt draußen war, »wird von Bürokraten gelenkt. Kein Wunder, daß es bergab geht.« Er musterte Buckman mit kritischem Blick. »Sie sind zu krank,, um weiterzumachen. Wenn er Ihnen das Darvon bringt, sollten Sie nach Hause gehen.« »Ich bin nicht krank«, widersprach Buckman. »Ich bin bloß erschöp .« »Hauptsache, Sie bleiben nicht länger hier. Ich werde erledigen, was noch zu tun ist. Sie gehen, und dann kommen Sie wieder. Das hat keinen Zweck.« »Ich bin eben wie ein Tier«, sagte Buckman seufzend. »Wie eine Laboratoriumsra e.« Das Telefon auf seinem großen Eichenschreibtisch summte. »Könnte das einer von den Marschällen sein?« sagte Buckman. »Ich kann heute abend nicht mehr mit ihnen sprechen; das wird warten müssen.« Herb nahm den Hörer ab und lauschte. Dann legte er die Hand über das Mundstück und sagte mit gedämp er Stimme: »Es ist Taverner. Jason Taverner.« »Ich werde mit ihm reden.« Buckman nahm Herb den Hörer aus der Hand und sagte: »Hallo, Taverner. Es ist spät.« Taverners Stimme drang dünn und blechern an sein Ohr. »Ich stehe Ihnen zur Verfügung. Ich befi nde mich in der Wohnung von Miß Heather Hart. Wir warten hier.« Buckman legte die Hand über den Hörer und sagte zu Herb Maime, die Brauen hochgezogen: »Er stellt sich.« »Sagen Sie ihm, daß er hierherkommen soll«, sagte Herb. Buckman nickte und nahm die Hand vom Mundstück. »Kommen Sie hierher. Warum wollen Sie aufgeben?« sagte er. »Sie werden in der Gaskammer enden, Sie Elender; das wissen Sie. Warum laufen Sie nicht weg?« »Wohin?« quäkte Taverner. »Zu einer der Universitäten. Sehen Sie zu, daß Sie nach Berke- ley kommen. Dort gibt es Lebensmi el und Wasser für Monate.«, »Ich will nicht mehr gejagt sein«, antwortete Taverner. »Zu leben heißt gejagt sein«, knurrte Buckman. »In Ordnung, Taverner. Kommen Sie her, und wir werden Sie in Empfang nehmen. Bringen Sie die Hart mit, dann können wir ihre Zeugen- aussage aufnehmen.« Verdammter Dummkopf, dachte er, gibt sich selbst auf. »Ich will mich vom Verdacht befreien«, klang Taverners Stimme dünn aus der Hörermuschel. »Wenn Sie hier au auchen«, sagte Buckman mit bebender Stimme, »werde ich Sie mit meiner Dienstpistole niederschießen. Weil Sie sich der Festnahme widersetzten, Sie entarteter Mensch! Oder aus irgendeinem anderen Grund. Es wird uns schon was ein- fallen, keine Bange.« Er legte auf und wandte sich zu Herb Maime um. »Er kommt hierher, um sich töten zu lassen.« »Sie haben ihn ausgewählt. Wenn Sie wollen, können Sie es sich noch immer anders überlegen und ihn vom Verdacht befreien. Wollen Sie ihn zu seinen Schallpla en und seiner albernen Fern- sehshow zurückschicken?« Buckman schü elte grimmig den Kopf. Westerburg erschien mit zwei rosa Kapseln und einem Papier- becher mit Wasser. Buckman dankte ihm, schluckte die Kapseln, trank, zerdrückte den Papierbecher und warf ihn in den Reißwolf. Die Zähne des Reißwolfs rotierten summend, blieben stehen. Stille. »Gehen Sie nach Hause«, sagte Herb. »Oder noch besser, fahren Sie zu einem guten, ruhigen Motel und übernachten Sie dort. Schla- fen Sie aus; ich werde mit den Marschällen schon fertig werden, wenn sie anrufen.« »Ich muß auf Taverner warten.« »Nein, überlassen Sie das mir. Oder der diensthabende Sergeant kann ihn festnehmen. Wäre nicht das erste Mal, daß er einen Ver-, brecher in Empfang nimmt, der sich stellt.« »Herb«, sagte Buckman, »ich habe wirklich vor, den Kerl nie- derzuschießen, wie ich am Telefon sagte.« Er ging um den Schreib- tisch, sperrte die unterste Schublade auf, holte einen Holzkasten heraus und stellte ihn auf die Tischpla e. Er öff nete den Kasten und hob eine einschüssige Derringer-Pistole heraus. Er lud sie mit einem Hohlmantelgeschoß, spannte sie und hielt sie mit aufwärts gerichteter Mündung. »Lassen Sie mich sehen«, sagte Herb. Buckman reichte ihm die Waff e. »Hergestellt von Colt«, sagte er. »Colt erwarb die Preßformen und Patente. Ich habe vergessen, wann.« »Eine hübsche Waff e«, sagte Herb, die Pistole in der Hand wie- gend. »Ein elegantes Stück.« Er gab sie Buckman zurück. »Aber eine zweiundzwanziger Patrone ist zu klein. Damit müßten Sie ihn genau zwischen die Augen treff en. Und er müßte direkt vor Ihnen stehen.« Er klop e Buckman auf die Schulter. »Nehmen Sie eine achtunddreißiger Spezial, oder eine Fünfundvierziger«, sagte er. »Was meinen Sie? Wollen Sie das tun?« »Wissen Sie, wem dieses Ding gehörte?« sagte Buckman. »Alys. Sie verwahrte es hier, weil sie meinte, sie könnte mich irgendwann bei einem Streit damit erschießen, wenn sie es zu Hause hä e. Aber es ist keine Damenwaff e. Derringer stellte Damenwaff en her, aber dies ist keine davon.« »Ein Geschenk von Ihnen?« fragte Herb. Buckman schü elte den Kopf. »Sie fand die Pistole bei einem Trödler irgendwo in den Slums. Fünfundzwanzig Eier bezahlte sie dafür. Kein schlechter Preis, bei dem Zustand.« Er blickte auf und suchte Herbs Augen. »Wir müssen ihn wirklich töten. Die Marschälle werden mich ans Kreuz schlagen, wenn wir es ihm nicht anhängen. Und ich muß auf der Ebene bleiben, wo Politik, gemacht wird.« »Ich werde mich darum kümmern«, sagte Herb. Buckman zögerte, dann nickte er. »Gut. Ich geh nach Hause.« Er legte die Pistole in den mit rotem Samt ausgeschlagenen Kasten zurück, schloß ihn und öff nete ihn wieder, um die Patrone aus dem Lauf zu nehmen. Herb Maime und Phil Westerburg sahen zu. »Bei diesem Modell wird der Lauf seitwärts gekippt«, sagte Buckman. »Ziemlich ungewöhnlich.« »Fordern Sie lieber einen Streifenwagen an, damit er Sie nach Hause bringt«, sagte Herb. »Nach allem, was geschehen ist und was Sie mitgemacht haben, sollten Sie nicht selbst fahren.« »Ich kann fahren«, erwiderte Buckman. »Fahren kann ich immer. Was ich nicht so gut kann, ist, einen Mann, der direkt vor mir steht, mit einer Zweiundzwanziger töten. Das muß jemand für mich tun.« »Gute Nacht«, sagte Herb. »Gute Nacht.« Buckman ging. Unterwegs zum Aufzug fühlte er, daß die Kopfschmerzen bereits nachließen, und war dankbar dafür. Nun konnte er die Nachtlu atmen, ohne zu leiden. Die Tür des Aufzugs gli zurück – und vor ihm stand Jason Taverner. In Begleitung einer a raktiven Frau. Beide sahen blaß und furchtsam aus. Zwei großgewachsene, sta liche, verwöhnte und sehr nervöse Leute. Off ensichtlich Sechser. Geschlagene Sech- ser. »Sie stehen unter Polizeiarrest«, sagte Buckman. »Alles, was Sie aussagen, kann gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht, einen Anwalt zu Ihrer Verteidigung zu bestellen, und wenn Sie sich keinen Anwalt leisten können, wird einer für Sie ernannt werden. Sie haben Anspruch darauf, vor ein Geschworenengericht gestellt zu werden, oder Sie können auf dieses Recht verzichten und werden dann einem Richter vorgeführt werden, der von der, Polizeiakademie von Los Angeles ernannt wird. Haben Sie ver- standen, was ich eben sagte?« »Ich kam hierher, um mich zu rechtfertigen«, sagte Jason Taver- ner. »Mein Stab wird Ihre Aussage aufnehmen«, sagte Buckman. »Gehen Sie dort durch die blauweiß gestrichene Tür, wo Sie schon einmal waren.« Er zeigte hin. »Sehen Sie den Mann hinter dem Schiebefenster? Den Mann im einreihigen Anzug mit der gelben Krawa e?« »Kann ich mich rechtfertigen?« sagte Jason Taverner. Er sprach stockend, und seine Stirn war naß. »Ich gebe zu, daß ich im Haus war, als sie starb, aber ich ha e nichts damit zu tun. Ich ging nach oben und fand sie im Badezimmer. Sie wollte mir dort Thorazin holen. Um das Meskalin zu neutralisieren, das sie mir zuvor gege- ben ha e.« »Er sah sie als Skele am Boden liegen«, sagte die Frau – off enbar Heather Hart. »Das war wohl eine Wirkung des Meskalinrauschs. Kann er nicht mit der Begründung, daß er unter dem Einfl uß einer starken halluzinogenen Droge stand, Ha verschonung erhalten? Kann er unter diesen Umständen überhaupt verurteilt werden? Er ha e keine Kontrolle über sich, zur Tatzeit unzurechnungsfähig, sagt man dazu, glaube ich. Und ich ha e mit der Sache überhaupt nichts zu tun. Ich wußte nicht einmal, daß sie tot ist, bis ich es in der Abendzeitung las.« »In manchen Staaten kann ein im Drogenrausch verübtes Ver- brechen tatsächlich für nicht straff ähig erklärt werden«, sagte Buckman. »Aber nicht hier«, sagte die Frau mit tonloser Stimme. Herb Maime kam aus seinem Büro, erfaßte die Situation mit einem Blick und erklärte: »Ich werde ihn festnehmen und die Aus- sagen aufnehmen, Mr. Buckman. Gehen Sie nur nach Hause, wie, wir vereinbart haben.« »Danke, Herb«, sagte Buckman. »Wo ist mein Mantel?« Er blickte suchend umher. »Was für eine Kälte«, sagte er. »Nachts wird die Heizung abgestellt«, fügte er erläuternd hinzu. »Tut mir leid.« Er bestieg den Aufzug und drückte den Knopf, der die Tür schloß. Er ha e seinen Mantel immer noch nicht. Als er die Auf- zugkabine verließ und auf die Dachterrasse hinaustrat, zog er fröstelnd die Schultern hoch. Die kalte, abgasgeschwängerte Lu und die Dunkelheit schienen stimulierend auf seine Kopfschmer- zen zu wirken. Selbst Darvon kann mir nicht helfen, dachte er. Dabei habe ich zwei genommen. Er stieg in seinen Diensthubschrauber und schlug die Tür zu. In der kleinen, verglasten Kabine war es fast noch kälter als draußen. Er startete den Motor und schaltete die Heizung ein. Kalter Wind blies aus den Bodenöff nungen. Er begann zu zi ern. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, daß es zwei Uhr dreißig war. Kein Wunder, daß es so kalt ist, dachte er. Wir spielen Rollen, dachte er, während er dem Motorenlärm lauschte. Wir nehmen Positionen ein, große oder kleine, gewöhn- liche oder außergewöhnliche, unbedeutende oder hervorragende. Jason Taverners Rolle war am Ende groß und allen sichtbar, und an diesem Punkt mußte die Entscheidung gefällt werden. Wäre er so geblieben, wie er angefangen ha e, ohne richtige Papiere, in einem schmutzigen, ra enverseuchten Slumhotel, hä e er mit einem blauen Auge davonkommen können ... oder wäre schlimms- tenfalls in einem Arbeitslager gelandet. Aber Taverner ha e sich für etwas anderes entschieden. Sein verständliches, wenn auch irrationales Geltungsbedürfnis erzeugte den Wunsch, aufzutreten, allen sichtbar und bekannt zu sein. Recht so, Jason Taverner, dachte Buckman, du bist wieder, bekannt, wie schon einmal, aber jetzt besser, in einer neuen Weise. In einer Weise, die höheren Zwecken dient – Zwecken, von denen du nichts weißt, die du aber akzeptieren mußt, selbst wenn du sie nicht verstehst. Noch im Grab wird dein Mund off en sein und die Frage stellen: »Was habe ich getan?« und so wird man dich begra- ben: mit off enem Mund. Und selbst ich könnte es dir nicht erklären, dachte Buckman. Ich könnte dir höchstens den Rat geben, dich Behörden gegenüber nie auff ällig zu benehmen. Tue nie, was unser Interesse wecken könnte. Was uns den Wunsch eingeben könnte, mehr über dich zu erfahren. Eines Tages, in einer fernen Zukun , wenn es nicht mehr darauf ankommt, mag deine Geschichte an die Öff entlichkeit gelangen. Eines Tages mag es sogar eine gerichtliche Untersuchung geben, und man wird vielleicht sogar erfahren, daß du tatsächlich nichts getan ha est und daß deine ganze Schuld allein darin bestand, uns aufgefallen zu sein. Die Wahrheit ist, daß du trotz deines Ruhms und deiner großen Schar von Anhängern und Verehrern entbehrlich bist. Und ich bin unentbehrlich. Das ist der Unterschied zwischen uns beiden. Darum mußt du gehen, während ich bleibe. Die Maschine stieg aus der diff usen Helligkeit der über dem Häusermeer lagernden Dunstschichten dem klaren Gefunkel der Sterne entgegen, und Buckman summte leise vor sich hin, in Gedanken bereits in der frohen und zufriedenen Welt seines Hauses, die eine Welt der Musik, der Gedanken, schöner Bücher, alter Schnup abaksdosen und seltener Briefmarken war. Es gibt Schönheit, die niemals verlorengehen wird, sagte er sich; ich werde sie erhalten; ich bin einer von jenen, die sie hegen und beschützen. Und ich bleibe. Und das ist letztlich alles, worauf es ankommt., Er summte zum Geräusch des Windes, der die Maschine umtoste, als sie sich auf Nordwestkurs der Küste näherte, ein Staubkörnchen, verloren in der weiten Nacht. Endlich fühlte er eine dür ige Wärme aufsteigen, als die Hei- zung endlich zu funktionieren begann. Etwas trop e ihm von der Nase auf die Brust. Mein Go , dachte er entsetzt, ich weine schon wieder. Er hob die Hand und wischte sich die Augen. Um wen? fragte er sich. Um Alys? Um Taverner? Oder um alle miteinan- der? Nein, sagte er sich, es ist ein Refl ex. Eine Folge von Erschöpfung und Sorge. Hat nichts zu bedeuten. Warum weint ein Mann? über- legte er. Nicht wie eine Frau, aus Gefühlsseligkeit. Ein Mann weint über den Verlust von etwas, etwas Lebendigem. Ein Mann kann über ein krankes Tier weinen, von dem er weiß, daß es nicht über- leben wird. Über den Tod eines Kindes: darüber kann ein Mann weinen. Aber nicht, weil es um die Welt und das Leben traurig bestellt ist. Ein Mann, sagte er sich, weint nicht über die Zukun oder die Vergangenheit, sondern über die Gegenwart. Und was ist die Gegenwart? In der Polizeiakademie verhören sie jetzt Jason Taverner, und er erzählt ihnen seine Geschichte. Wie jeder andere hat er eine Geschichte zu erzählen, eine Darbietung, die uns seine Unschuld vor Augen führen soll. Und doch weinte er noch immer. Es schien sogar, als ob seine Tränen sich vermehrten. Herb ha e recht, dachte er; ich muß ein paar Stunden ausspannen. Er steckte die Programmkarte für den Heimfl ug in den Aufnahmeschlitz unter dem Autopiloten, schal- tete die Steuerung um und legte den Kopf zurück. Nach einem letzten Blick auf die Instrumente schloß er die Augen. Der Schlaf kam beinahe augenblicklich über ihn. Er fühlte sich in Spiralen absinken und war froh darüber. Aber dann, noch ehe, er ganz hinübergegli en war, überkam ihn ein Traum. Er wollte ihn nicht und versuchte ihn abzuschü eln, doch das war ihm nicht möglich. Das Land draußen, in dem er als Kind gelebt ha e, spätsom- merlich braun und ausgetrocknet. Er ri auf einem Pferd, und von links kamen langsam andere Reiter näher. Reiter in leuchten- den langen Gewändern, jedes von einer anderen Farbe. Jeder trug einen spitzigen Helm, der in der Sonne funkelte. Die langsam und feierlich dahinziehenden Ri er bewegten sich an ihm vorbei, und er konnte eins der Gesichter genauer sehen: ein altertümliches Marmorgesicht, das Gesicht eines uralten Mannes mit welligen weißen Bartkaskaden. Was für eine krä ige Nase er ha e. Welch edle Züge. So müde, so ernst, so weit entfernt von den Gesichtern gewöhnlicher Menschen. Off ensichtlich war er ein König. Felix Buckman ließ sie vorüberziehen; er sprach sie nicht an, und sie sagten nichts zu ihm. Sie zogen zu dem Haus, aus dem er gekommen war. In dem Haus ha e sich ein Mann eingeschlossen, allein in der fensterlosen Stille und Dunkelheit, reglos, reduziert auf ein Minimum von Existenz. Felix Buckman ri weiter, hinaus in die off ene Landscha . Und dann hörte er hinter sich einen ein- zigen, schrecklichen Schrei. Sie ha en Taverner getötet. Als er sie hereinkommen sah und in der Dunkelheit ringsum fühlte und begriff , was sie ihm antun wollten, ha e Taverner geschrien. Hoff nungslose schwarze Trauer überkam Felix Buckman. Aber im Traum kehrte er nicht um und blickte auch nicht zurück. Er konnte nichts tun. Niemand hä e diesen Trupp farbenprächtig gewandeter Ri er au alten können; niemand hä e ihnen ein Nein entgegenschleudern können. Außerdem war es vorbei. Jason Taverner war tot. Ein tiefer, lauter und störender Ton riß Buckman aus Schlaf und Traum. Go , dachte er und erschauerte fröstelnd. Wie kalt es, geworden war. Wie leer und einsam er sich fühlte. Noch erfüllt von der übermächtigen Trauer seines Traums, ver- suchte er sich auf die Ursache des Geräuschs zu konzentrieren. Richtig, es war das Warnsignal, das die baldige Erschöpfung des Treibstoff vorrats ankündigte; er hä e die Treibstoff anzeige vor dem Start kontrollieren sollen. Ich muß landen, sagte er sich. Eine Tankstelle fi nden. Gute Gelegenheit, dachte er, mit jemandem zu reden. Ich muß mit jemandem reden. Ich kann nicht allein blei- ben. Er schaltete den Autopiloten aus, steuerte die Maschine in weitem Bogen an der Vorgebirgske e vorbei und hielt auf die Signallichter des kleinen Flugplatzes von Santa Monica zu. Minu- ten später setzte er vor der Tankstation des Hubschrauberlande- platzes auf. An einer der Zapfstellen stand eine andere Maschine, dunkel und leer. Schlauchleitungen für Benzin und Öl steckten in den Einfüllstutzen, und Buckman hörte das Schnarren und Gur- geln der elektrischen Pumpen. Der Pilot der Maschine, ein farbiger Mann mi leren Alters in einem eleganten Anzug mit farbenfroher Krawa e und off enem Mantel, ging auf dem ölfl eckigen Beton auf und ab, die Arme verschränkt, einen abwesenden Ausdruck im gutgeschni enen Gesicht, dessen Züge vom grellweißen Licht scharf hervorgeho- ben wurden. Während er wartete, gab er weder Ungeduld noch Resignation zu erkennen; er ruhte in sich selbst; entrückt, unzu- gänglich und beneidenswert, nichts sehend, weil es nichts gab, was zu sehen er der Mühe wert erachtete. Felix Buckman schaltete die Zündung aus, öff nete die Tür und kle erte steif in die kalte Nacht hinaus. Er ging zur Zapfstelle und schob zwei Scheine in den Aufnahmeschlitz. Während sie von der Elektronik geprü wurden, zog er den Schlauch zur Maschine und hakte das Ende in den Einfüllstutzen. Dann kehrte er zur Zapfstelle zurück, und, als das grüne Licht aufl euchtete, drückte er auf den Knopf, der die Pumpe in Betrieb setzte. Der Schwarze sah ihn nicht an. Er wahrte Distanz und ging weiter auf und ab, ruhig, gemessen und unbeteiligt. Buckman fühlte, wie ihm abermals die Tränen kamen. Einem unwiderstehlichen Impuls folgend, ging er auf den Farbigen zu. Der Mann blieb stehen und sah ihn verwundert und ein wenig mißtrauisch an, doch er wich ihm nicht aus. Buckman erreichte ihn, breitete die Arme aus, legte sie um den anderen und drückte ihn an sich. Der Farbige grunzte überrascht und erschreckt. Keiner der beiden sprach. So standen sie einen Moment lang, und dann ließ Buckman den Mann los, wandte sich ab und ging mit wan- kenden Knien zurück zu seiner Maschine. »Warten Sie«, sagte der Farbige. Buckman blieb stehen und drehte sich nach ihm um. Nach kurzem Zögern sagte der Mann: »Kennen Sie die Strecke nach Ventura?« Er wartete. Buckman sagte nichts. »Das ist unge- fähr achtzig Kilometer nördlich von hier«, sagte der Farbige. Buck- man schwieg noch immer. »Haben Sie eine Karte dieser Gegend?« fragte der andere. »Nein«, sagte Buckman. »Tut mir leid.« »Ich werde am Stand mit den Prospekten nachsehen«, sagte der Mann und lächelte ein wenig. Er wirkte jetzt unsicher und verle- gen. »Vielleicht fi nde ich da was Geeignetes. Es war ne , Sie zu treff en. Darf ich Ihren Namen erfahren?« Er wartete lange Sekun- den. »Wollen Sie ihn mir sagen?« »Ich habe keinen Namen«, antwortete Buckman. »Nicht jetzt.« Er konnte wirklich nicht ertragen, daran zu denken, nicht zu einer Zeit wie dieser. »Sind Sie eine Art Beamter? Etwas wie ein Begrüßer? Oder sind Sie von der Handelskammer Los Angeles? Ich ha e mit den, Leuten zu tun, und sie sind in Ordnung.« »Nein«, sagte Buckman. »Ich bin ein Einzelmensch. Wie Sie.« »Nun, ich habe einen Namen«, sagte der Schwarze. Er nahm eine kleine weiße Karte aus seiner Brie asche und reichte sie Buckman. »Montgomery L. Hopkins. Sehen Sie sich die Karte an. Ist das nicht eine feine Arbeit? Ich mag diese geprägte Schri in Stahlstichausführung. Kostete mich fünfzig Dollar das Tausend; und dabei war es ein besonders günstiges Einführungsangebot.« Die Karte zeigte seinen Namen in großen, geschwungenen Le ern. »Ich stelle preisgünstige Kop örer für alle Verwendungszwecke her. Der Ladenverkaufspreis für einen normalen Kop örer liegt bei mir unter einhundert Dollar.« »Kommen Sie und besuchen Sie mich einmal«, sagte Buck- man. »Rufen Sie mich an«, sagte der Schwarze. »Diese Selbstbedie- nungstankstellen sind etwas Trostloses, vor allem so spät in der Nacht. Vielleicht können wir uns ein andermal ausführlicher unter- halten. In einer angenehmeren Umgebung. Ich kann gut verste- hen, wie Ihnen zumute ist; mir gehen solche Orte manchmal auch an die Nieren, wenn nichts los ist und alles so öde und verlassen daliegt. Meistens lasse ich in der Fabrik au anken, bevor ich nach Hause fl iege, dann kann ich mir diese späten Zwischenlandungen ersparen. Aber wenn man wie ich viel geschä lich unterwegs ist, kommt es immer wieder mal vor. Ja, ich sehe Ihnen an, daß Sie sich ganz unten fühlen – deprimiert, wissen Sie. Darum haben Sie mich umarmt, wie ein Kind, das Schutz und Trost sucht. Ich ha e zu manchen Zeiten meines Lebens ähnliche Inspirationen, oder vielleicht sollte man es lieber Impulse nennen. Ich bin jetzt sieben- undvierzig. Ich verstehe. Sie wollen so spät am Abend nicht allein sein, besonders wenn es so ungewöhnlich kalt ist wie heute. Ja, ich bin völlig Ihrer Meinung, und nun wissen Sie nicht genau, was Sie, sagen sollen, weil Sie aus einem irrationalen Impuls heraus plötz- lich etwas getan haben, ohne es bis in die letzten Konsequenzen zu durchdenken. Aber es ist völlig in Ordnung; ich kann es verste- hen. Machen Sie sich deswegen keine Gedanken. Sie müssen mal bei mir hereinschauen. Mein Haus wird Ihnen gefallen. Es ist sehr gemütlich. Sie müßten meine Frau und unsere Kinder kennenler- nen. Drei insgesamt.« »Das werde ich tun«, sagte Buckman. »Ich werde Ihre Karte sicher verwahren.« Er zog seine Brie asche und steckte die Karte hinein. »Danke.« »Ich sehe, daß meine Maschine fertig ist«, sagte Montgomery L. Hopkins. »Der Ölstand ha e auch nicht gestimmt.« Er zögerte, machte eine Bewegung, als wolle er gehen, wandte sich dann noch einmal um und streckte ihm die Hand hin. Buck- man ergriff sie kurz. »Auf Wiedersehen«, sagte der Farbige. Buckman schaute ihm nach. Der Schwarze hakte die Schläu- che von den Einfüllstutzen und ließ sie sich selbs ätig aufwickeln. Nachdem er die Stutzen verschlossen ha e, ging er einmal um seine Maschine, stieg ein, startete den Motor und winkte Buckman zu, bevor er mit Gekna er und einem kalten Sturmwind von den peitschenden Rotorblä ern in die Dunkelheit emporstieg. Gute Nacht, dachte Buckman, als er stumm zurückwinkte. Dann ging er zurück zu seinem Hubschrauber, vergewisserte sich, daß aufgetankt war, und wiederholte die Handgriff e, die er eben bei dem anderen gesehen ha e. Eine Minute später war er gestar- tet und ging, rasch an Höhe gewinnend, auf Nordkurs. Fließt, meine Tränen, dachte er. Das früheste Zeugnis abstrakter Musik, geschrieben von John Dowland in seinem zweiten Lauten- buch von 1600. Ich werde mir die Pla e noch anhören, wenn ich nach Hause komme. Wo sie mich an Alys und alles andere erin- nern kann. Wo es ein Kaminfeuer geben und warm sein wird., Und ich werde meinen Jungen zu mir holen. Schon morgen. Ich werde nach Florida hinunterfl iegen und Barney holen. Von nun an wollen wir zusammenbleiben, er und ich, gleichgültig, welche Konsequenzen es haben mag. Aber es wird keine Konsequenzen haben; das ist alles vorbei. Für immer. Der Hubschrauber kroch wie ein verwundetes Insekt über den Nachthimmel und trug ihn heim.,

VIERTER TEIL

Hört, Scha en, Kinder ihr der Nacht, So lehrt mich denn dem Licht mißtrauen. Glücklich, die in der Hölle Macht, Der Menschheit Neid nicht länger schauen.

Epilog Das Gerichtsverfahren gegen Jason Taverner wegen Mordes an Alys Buckman nahm nicht den erwarteten Verlauf und

endete nach mehreren Unterbrechungen mit einem Freispruch, der zum Teil der ausgezeichneten Rechtshilfe zu verdanken war, die ihm von Bill Wolf er und der NBC zuteil wurde, aber auch und vor allem der Tatsache, daß Taverner kein Verbrechen begangen ha e. Es ha e kein Verbrechen gegeben. Der ursprüngliche Befund des Leichenbeschauers wurde nach einer Exhumierung der Leiche für ungültig erklärt, der Leichenbeschauer selbst vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Jason Taverners Popularität, die während des Gerichtsverfahrens einen Tiefpunkt erreicht ha e, wuchs nach dem Freispruch allmählich wieder an, und ein halbes Jahr später konnte seine Fernsehshow eine Einschaltquote von fünfunddrei- ßig, sta dreißig Millionen vorweisen. Das Haus, das Felix Buckman und seine Schwester Alys gemein- sam besessen und bewohnt ha en, geriet für mehrere Jahre in einen unklaren Rechtsstatus, da Alys ihren Anteil am gemeinsamen Eigentum einer Vereinigung von Lesbierinnen vermacht ha e, die sich die ›Töchter von Caribron‹ nannten und ihr Hauptquartier, in Lees Summit, Missouri, ha en. Diese Vereinigung wollte das Haus zu einem Zufl uchtsort für ihre Mitglieder machen. Im März des Jahres 2003 verkau e Buckman seinen Anteil an Haus und Grund den ›Töchtern von Caribron‹, qui ierte seinen Dienst und zog mit seinen Sammlungen nach Borneo, wo das Leben billig und ungestört war. Die Experimente mit der realitätsverändernden Droge KR3 wurden wegen ihres hohen toxischen Risikos Ende X992 aufgege- ben. Doch auch danach führte die Polizei noch mehrere Jahre lang im Verborgenen KR3-Versuche mit Insassen von Zwangsarbeitsla- gern durch, ehe eine Anordnung des Präsidenten die endgültige Einstellung bewirkte. Ein Jahr später mußte Kathy Nelson sich mit der Wahrheit abfi nden, daß ihr Ehemann Jack seit langem tot war, wie McNulty ihr gesagt ha e. Die Anerkennung dieses Sachverhalts führte zu einem psychotischen Bruch, und sie kam wieder in stationäre Behandlung, diesmal endgültig und in einem viel weniger modi- schen psychiatrischen Krankenhaus als Morningside. Der letzte von Ruth Rays zahlreichen Ehemännern war ein älte- rer, reicher, dickbäuchiger, aus dem unteren New Jersey stammen- der Importeur von Feuerwaff en, dessen Geschä e die Grenzen der Gesetzlichkeit zuweilen überschri en. Im Frühjahr 1994 starb sie an übermäßigem Alkoholgenuß, den sie mit einem neuen Beru- higungsmi el namens Phrenozin abzurunden pfl egte, einem auf das Zentralnervensystem wirkenden und speziell den Vagusnerv dämpfenden Mi el. Zum Zeitpunkt ihres Todes wog sie sechs- undvierzig Kilogramm, das Resultat schwieriger und chronischer psychologischer Probleme. Es konnte niemals geklärt werden, ob sie aus bloßer Unachtsamkeit oder als entschlossene Selbstmör- derin zu Tode gekommen war; schließlich war das Medikament relativ neu. Ihr Ehemann, Jake Mongo, war zum Zeitpunkt ihres, Todes schwer verschuldet und überlebte sie kaum ein Jahr. Jason Taverner wohnte ihrer Beerdigung bei und lernte während der Traueransprache am Grab eine Freundin von Ruth kennen, ein Mädchen namens Fay Illnes, mit dem er ein Verhältnis begann, das zwei Jahre überdauern sollte. Von Fay erfuhr Jason, daß Ruth Ray sich regelmäßig an das Sex-Telefonnetz angeschlossen ha e; danach verstand er besser, warum sie so geworden war, wie er sie in Las Vegas erlebt ha e. Alternd und zynisch geworden, gab Heather Hart nach und nach ihre Karriere als Sängerin auf und geriet aus dem Blick- feld. Nach einigen Versuchen, sie ausfi ndig zu machen, ließ Jason Taverner es sein und schrieb sein Verhältnis mit ihr als einen der größeren Erfolge seines Lebens ab, trotz des traurigen Endes. Er hörte auch, daß Mary Ann Dominic einen bedeutenden inter- nationalen Preis für Küchengeschirr aus feuerfester Keramikware gewonnen ha e, doch machte er sich nie die Mühe, ihren Aufent- halt zu ermi eln. Dagegen kreuzte Monica Buff Ende 1998 noch einmal seinen Weg, ungekämmt und ungewaschen wie eh und je, doch in ihrer schmuddeligen Art noch immer a raktiv. Jason ha e ein paar Verabredungen mit ihr, dann ließ er sie fallen. Noch Monate danach schrieb sie ihm seltsame lange Briefe mit geheim- nisvollen Zeichen an den Rändern und über manchen Worten, aber auch das hörte schließlich auf, und er war froh darüber. In den Stollensystemen unter den Ruinen der großen Universi- täten gaben die Studentenbevölkerungen allmählich ihre vergeb- lichen Versuche auf, eine unabhängige Lebensweise aufrechtzu- erhalten und gingen – größtenteils freiwillig – in die Zwangsar- beitslager. So verschwanden allmählich die letzten Überbleibsel des Zweiten Bürgerkriegs, und im Jahre 2004 wurde die Colum- bia-Universität als Modell für kün ige Neugründungen wieder aufgebaut und einer vernün igen Studentenscha von gesunder, Einstellung erlaubt, ihren von der Polizei sanktionierten Studien nachzugehen. Gegen Ende seines Lebens schrieb der auf Borneo von seiner Pension lebende Polizeigeneral a. D. Felix Buckman einen autobio- graphischen Bericht über den Polizeiapparat. Der Bericht, welcher bald in Buchform erschien, wurde von den Regierungen mehrerer Staaten als Angriff auf die freiheitlich-demokratische Grundord- nung verboten, aber illegal in Umlauf gebracht und überall gele- sen. Dafür wurde General Buckman im Sommer 2017 von einem niemals identifi zierten Täter auf off ener Straße erschossen, und es gab keine Verha ungen. Sein Buch Die Ruhe-und-Ordnung-Menta- lität zirkulierte noch Jahre nach seinem Tod im Untergrund, doch im Laufe der Zeit geriet es wie sein Autor in Vergessenheit. Die Zahl der Zwangsarbeitslager verringerte sich nach und nach, bis auch die letzten am Ende einer jahrzehntelangen Entwicklung auf- gehoben wurden. Der Polizeiapparat war allmählich so schwer- fällig und unbeweglich geworden, daß er kaum noch jemanden schreckte, und im Jahre 2136 wurde im Rahmen eines Versuchs, die versteinerten Strukturen zu erneuern, das Amt des Polizei- marschalls abgescha . Einige der fetischistischen Zeichnungen aus Alys Buckmans Nachlaß fanden ihren Weg in Museen, die Artefakte untergegan- gener Subkulturen bewahrten. Die Eindollar schwarz von 1898, die Felix Buckman ihr geschenkt ha e, wurde 1999 auf einer Auk- tion von einem Händler aus Warschau ersteigert und verschwand darau in in der dunstigen Welt der Philatelie, um nie wieder auf- zutauchen. Barney Buckman, der Sohn von Felix und Alys Buckman, trat als junger Mann in die Stadtpolizei von New York ein und stürzte in seinem zweiten Jahr als Streifenpolizist von einer schadha en Feuerleiter, als er einer Einbruchsmeldung aus einem Mietshaus, nachging, wo einst wohlhabende Schwarze gewohnt ha en. Mit dreiundzwanzig Jahren querschni gelähmt, begann er sich für alte Fernseh-Werbespots zu interessieren und besaß schon einige Jahre später ein eindrucksvolles Archiv der ältesten und gesuchtesten Filme dieser Art, die er mit Gespür und schlauem Geschä ssinn kau e und verkau e. Er lebte ein langes Leben, in dem die Erin- nerung an seinen Vater nur aus wenigen verblassenden Bildern bestand. An seine Mu er Alys Buckman erinnerte er sich über- haupt nicht. Im großen und ganzen beklagte sich Barney Buck- man wenig über sein Schicksal und verlor sich mehr und mehr in alten Werbefi lmen für Alka-Seltzer, seiner Spezialität unter allen vergleichbaren Trivialproduktionen aus jener fernen Zeit. Jemand von der Polizeiakademie Los Angeles stahl die 22er Derringer-Pistole, die Felix Buckman in seinem Schreibtisch ver- wahrt ha e, und damit verschwand die Waff e für immer. Bleiku- geln verschießende Feuerwaff en gab es zu der Zeit nur noch in privaten und öff entlichen Sammlungen, und als bei der Inven- tur das Fehlen der Pistole bemerkt wurde, nahm man an, daß sie als Schaustück im Wohnzimmer irgendeines mi leren Beamten prangte, und sah weise von weiteren Nachforschungen ab. Im Jahre 2047 starb Jason Taverner, seit langem im Ruhestand lebend, in einem exklusiven Pfl egeheim für Begüterte. Sein Besitz bestand aus einer Villa in Des Moines, angefüllt mit Erinnerungs- stücken, und vielen Aktien einer Gesellscha , die vergeblich ver- sucht ha e, eine Weltraumexpedition zum benachbarten Sonnen- system Proxima Centauri zu fi nanzieren. Sein Tod blieb von der Öff entlichkeit fast unbemerkt, obgleich in den meisten Tageszei- tungen kleine einspaltige Meldungen erschienen, und wurde von den Fernsehleuten schlicht ignoriert, nicht aber von Mary Ann Dominic, die, inzwischen selbst über achtzig, Jason Taverner noch immer als eine Berühmtheit betrachtete und in der Begegnung mit, ihm einen wichtigen Meilenstein in ihrem langen und erfolgrei- chen Leben sah. Die blaue Vase, die sie Jason Taverner zum Abschied gege- ben und die er an Heather Hart weiterverschenkt ha e, landete schließlich in einer privaten Sammlung moderner Töpfereikunst. Dort ist sie bis zum heutigen Tag zu besichtigen und wird hoch geschätzt. Und von manchen Leuten, die etwas davon verstehen, geradezu verehrt.,

NACHWORT

Eine andere Welt? von Uwe Anton

Der Realitätswechsel fi ndet völlig abrupt sta : Gerade noch ließ sich Jason Taverner, überall in den USA bekannter Show-

Star und ein »Sechser«, ein brillantes genetisches Zuchtprodukt, von seinen Anhängern feiern, dann setzt ihm Marylin Mason, unbegabtes Gesangstalent, aber um so begabterer Be hase, einen Kallisto-Ha schwamm an die Brust. Bei seiner Einlieferung ins Krankenhaus wird er ohnmächtig; als er aufwacht, befi ndet er sich mit einem dicken Bündel Geldscheine, aber ohne Papiere, in einer anderen Welt niemand kennt ihn mehr; es scheint, als habe er nie- mals existiert. Dieser plötzliche Wechsel einer Wirklichkeitsebene ist eher untypisch für den amerikanischen Autor Philip K. Dick. In fast allen seiner etwa fünfunddreißig Romane und einhundertund- dreißig Kurzgeschichten nimmt er zwar auch eine Zertrümme- rung der faßbaren Realität vor, aber sie erfolgt langsam, schlei- chend, kündigt sich durch bedrohliche Vorzeichen – die entweder tatsächlich in der Natur der Realität zu suchen sind, oder aber in einer Störung des Geistes seiner Protagonisten. So untypisch wie dieser plötzliche Wirklichkeitswechsel ist auch der gesamte vorliegende Roman, wenn man ihn im Zusammenhang mit Dicks Gesamtwerk betrachtet. EINE ANDERE WELT leitete die dri e und letzte Schaff ensperiode von Philip K. Dick ein., Philip Kindred Dick wurde am 16. Dezember 1928 in Chicago geboren; vierzehn Tage später zogen seine Eltern mit ihm nach Kalifornien um, wo er – von wenigen kurzen Ausnahmen abgese- hen – sein gesamtes Leben verbrachte. Nach ein paar Monaten bei einem Radiosender arbeitete Dick 1948-1951 in einem Schallpla engeschä ; ein Jahr darauf erschien seine erste Kurzgeschichte, »Beyond Lies the Wub« (zwar ha e er die Story »Roog« eher verkau , doch sie erschien erst über ein halbes Jahr später als »Beyond Lies the Wub« im Februar 1953). In der Folge veröff entlichte Dick eine geradezu ungeheuerliche Menge Kurzgeschichten und Novellen – 1953 dreißig, 1954 neun- undzwanzig – die ziemlich genau die Anforderungen der ver- schiedenen Märkte entsprachen. 1955 erschien sein erster Roman: SOLAR LOTTERY(dt.: HAUPTGEWINN: DIE ERDE). Neben diesen SF-Erzählungen schrieb Dick zehn umfangreiche Main- stream-Romane; er galt jedoch bereits als Genre-Autor und konnte nur noch seine SF verkaufen. Erst 1975 erschien einer dieser non- SF-Romane, der bereits 1959 entstandene CONFESSIONS OF A CRAP ARTIST, in einer Erstaufl age von lediglich 500 Exempla- ren. Spätestens seit den siebziger Jahren gilt Dick bei der ernst- ha en amerikanischen Kritik, vor allem jedoch in Europa, hier in Deutschland, Frankreich, England und Dänemark, als der wohl bedeutendste amerikanische SF-Autor. Beim großen Publikum ha e er jedoch lange Zeit keinen Erfolg; seine Romane waren zu untypisch, zu verwirrend und »schwer«, um den breiten Publi- kumsgeschmack zu treff en. Erst 1981 stieß er mit VALIS in die Bestsellerlisten vor; auf in die Bestsellerlisten vor; aufmerksam wurde die Öff entlichkeit auf Dick durch die Verfi lmung seines Romans TRÄUMEN ROBOTER VON ELEKTRISCHEN SCHA- FEN? unter dem Titel BLADE RUNNER. Diesen Triumph erlebte Dick jedoch nicht mehr mit; kurz vor Vollendung des Films erli, er am 18. Februar 1982 einen Schlaganfall, an dessen Folgen er am 2. März 1982 starb. Dick war insgesamt fünfmal verheiratet und hinterließ drei Kinder. Philip K. Dicks sehr homogenes Gesamtwerk, das um das Zen- tralthema des menschlichen Geistes kreist, der in einem schier unverständlichen, widerspenstigen Universum auf der Suche nach der Realität, der tatsächlichen, endgültigen Wahrheit ist, läßt sich grob in drei Phasen einteilen. Die erste umfaßt die Jahre 1952 bis 1960. In diesem Zeitraum erschien der Großteil seiner Kurzgeschichten, aber auch schon bedeutende Romane wie DIE SELTSAME WELT DES MR. JONES, UND DIE ERDE STEHT STILL oder ZEITLOSE ZEIT. Anfang der sechziger Jahre li Dick unter einem »writer‘s block« – er brachte nichts mehr zu Papier –, den er erst mit DAS ORAKEL VOM BERGE überwand, für den er den »Hugo« (als bester Roman des Jahres) zugesprochen bekam, den begehrten Preis, der nach dem »Vater der Science Fiction«, Hugo Gernsback, benannt ist und alljährlich auf dem Worldcon (dem Treff en der SF-Leser aus aller Welt) ermi elt und vergeben wird. Dieser Roman leitet die zweite und vielleicht bedeutendste Periode in Dicks Schaff en ein. Es folgten Romane wie MOZART FÜR MARSIANER, LSD-ASTRONAUTEN oder UBIK, in denen – beeindruckend wie nie zuvor und nie wieder in der SF – die Realitätsfrage gestellt wird, die so typisch für diesen Autor ist. Die Wirklichkeit seiner Alptraumwelten zerfällt buchstäblich. Sie werden in geistige Alptraumwelten ihrer Widersacher verschla- gen, verzweifeln schier an den Manipulationen, denen sie wehr- los ausgesetzt sind. Der »koinos kosmos« – die geteilte, von allen Menschen wahrgenommene Welt – wird völlig bedeutungslos, der »ideos kosmos« – die individuelle Welt des einzelnen – bleibt, der letzte Ankerhaken in einer völlig chaotischen Welt, »die sich bei genauerem Hinsehen in ihre Bestandteile aufl öst«, wie es das LEXIKON DER SCIENCE FICTION LITERATUR ausdrückte. Und doch geben Dicks Charaktere den Kampf – und vor allem die Hoff nung – nie auf. Sie fi nden sich mit der philosophischen Auf- fassung des Solipsismus ab, die Dick in fast all seinen Romanen ausdrückt: Nur das subjektive Ich, das sich in der Selbstwahrneh- mung unmi elbar gewiß wird, ist wirklich, die Welt aber erlangt erst durch die Vorstellung des Ichs Wirklichkeit. Ende der sechziger Jahre erlahmte Dicks so überaus produkti- ves Schaff en plötzlich. Er engagierte sich in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, bezog Front gegen den Vietnam-Krieg – und erregte damit bereits die Aufmerksamkeit der Behörden. Erst 1974 erschien der vorliegende Roman, an dem der Autor mehrere Jahre gearbeitet ha e, und leitete die dri e Phase des Autors ein. Es folgte mit EIN DUNKLER SCHIRM ein weiterer sehr politi- scher Text, der eher der Mainstream-Literatur als der SF zuzuord- nen ist, mit GOTT DES ZORNS ein zusammen mit Robert Zelazny verfaßter Roman, der noch auf Material basiert, das Dick in den sechziger Jahren geschrieben ha e, und mit der VALIS-Trilogie (VALIS; THE DIVINE INVASION; THE TRANSMIGRATION OF TIMOTHY ARCHER), in der ein überraschend religiöses Konzept über unsere Wirklichkeit dargestellt wird. In EINE ANDERE WELT, dem ersten Roman der dri en Phase in Dicks Schaff en, fi ndet sich also besagter Jason Taverner in einer Welt wieder, die die seine ist, in der er aber niemals existiert hat. Niemand kennt ihn mehr, wie er bald feststellen muß; er besitzt auch keine Papiere mehr, mit denen er seine Identität beweisen könnte., Und dies ist geradezu tödlich in den USA des Jahres 1988, die Dick in diesem Roman schildert. (Im zweiundzwanzigseitigen Exposé zu EINE ANDERE WELT ist noch die Rede vom Jahr 1998; die Entwicklung der gesellscha lichen Verhältnisse in den USA scheint Dick so schnell vorangeschri en zu sein, daß er seine Handlung um zehn Jahre »zurückdatierte«. Es hat ein »Zweiter Bürgerkrieg« sta gefunden; die intellektuelle Jugend ist einge- pfercht in unterirdischen Bunkern unter den ehemaligen Univer- sitäten; jeder Bürger ist vom Computer registriert, wer ohne Aus- weis angetroff en wird, wandert in Zwangsarbeitslager; Minder- heiten werden schikaniert, die totale Überwachung des Bürgers durch die Behörden ist verwirklicht. »Und selbst ich«, meint Felix Buckman, einer der Mächtigen in der Polizeibehörde, im 27. Kapi- tel, »könnte es dir nicht erklären. Ich könnte dir höchstens den Rat geben, dich Behörden gegenüber nie auff ällig zu benehmen. Tue nie, was unser Interesse wecken könnte.« In diesen Polizeistaat verschlägt es Jason Taverner – in einen Staat, in dem er früher als Privilegierter gelebt hat und in dem er nun eine unbekannte Größe ist, die der Polizei auff ällt. Der Versuch, seine Identität zurückzufi nden, führt Jason Taver- ner der Reihe nach zu verschiedenen Frauen: Heather Hart, wie er eine »Sechser«, wie er kalt, zynisch, arrogant, nur auf den eige- nen Vorteil bedacht. Sie weist ihn ab, als er ihre Hilfe benötigt, obwohl ihm – der er ja noch über sein Gedächtnis verfügt – Details aus ihrem Leben bekannt sind, die kein Außenstehender kennen kann. Das Mädchen Kathy schließlich besorgt ihm falsche Papiere; sie ist moralisch indiff erent gezeichnet. Aus Sorge um ihren noch lebend gewähnten Mann arbeitet sie gleichzeitig als Polizeispit- zel; sie handelt zwar moralisch falsch, aber dennoch aus Liebe; ihr fehlt ganz einfach das Wissen um Gut und Böse., Taverners alte Bekannte Ruth Rae ist ebenfalls gefühlskalt. Schon alternd, geht es ihr lediglich um eine oberfl ächliche sexuelle Beziehung; Taverner als Mensch interessiert sie nicht. Mary Ann Dominic, die Töpferin, ist introvertiert, schüchtern, bescheiden; sie verkehrt nur noch über ihre Kunst mit der Welt, kapselt sich von allem Tagesgeschehen ab, interessiert sich nicht für das, was um sie herum geschieht. Dennoch ist sie am sym- pathischsten gezeichnet; wenngleich sie Taverner nicht verstehen kann, in einer ganz anderen Welt lebt als er, will sie ihm helfen. Alys Buckman letztendlich, die Schwester von Jason Taver- ners großem Gegenspieler, dem Polizeigeneral, symbolisiert das abgrundtief Böse; menschliche Regungen wie Mitgefühl oder Barmherzigkeit sind ihr fremd, als hä e man die zuständigen Instanzen in ihrem Gehirn entfernt; sie ist eine bloße Refl exma- schine, die sich permanent mit einem Draht im Lustzentrum des Gehirns stimuliert. Alys Buckman ist es auch, die Jason Taverner mit einer neuentwickelten Droge in ihr eigenes Universum hin- eingezerrt hat; als sie stirbt, normalisiert sich für ihn die Welt wieder. Liebe und Gefühle – bei diesen Personen fühlt man sich unwill- kürlich an einen zweiten Themenkreis im Werk Dicks erinnert, das Problem der Replikanten oder Androiden, der Menschma- schinen. Die hier vorgestellten Charaktere haben ihr Gefühlsle- ben in gewissem Ausmaß verloren – Alys Buckman als Parade- beispiel – und können Jason Taverner keine echten Gefühle mehr entgegenbringen. Gerade um diesen Konfl ikt ging es dem Autor bei der Niederschri dieses Romans. »Die Wirklichkeit, die ich in meinem Leben und im menschlichen Leben allgemein gefunden habe, ist die Fähigkeit zu lieben, und die Macht, die diese Liebe über jenen ausübt, der sie gibt, und über jenen, der sie empfängt«, schrieb Dick im Jahre 1970 über EINE ANDERE WELT. »Die Art, von Liebe, die ich meine, ist eine Art der Liebe, von der ich mir hä e nie träumen lassen, daß es sie gibt. Es ist nicht die sexuelle Liebe per se; es ist nicht die platonische Liebe, oder die Liebe zu Tieren oder Kindern oder Frauen oder Männer – es ist eine mysti- sche Liebe, und ich habe sie schwarz auf weiß festgehalten.« Am Ende des Romans empfi ndet Polizeigeneral Felix Buckman diese Liebe für ... Jason Taverner? Vielleicht. Oder für seine tote Schwester, ihr gemeinsames Kind. Er weiß einfach nicht, auf wen sie gerichtet ist, weiß nur, daß er sie empfi ndet. Als Buckman zu weinen anfängt*, begrei der Leser auf einer nicht verbalen oder unterbewußten Ebene, warum er weint, auch wenn Buckman selbst dieses Wissen versagt bleibt. So nimmt die Schilderung des Kaninchens, das versucht, ein Leben als Katze zu führen (11. Kapitel) eine zentrale Rolle im Roman ein – »it‘s dead center in the novel«, bemerkte Dick; mit Leichtigkeit lassen sich andere Szenen fi nden, in denen Liebe zu Tieren, Menschen etc. symbolisiert werden; sie alle kulminieren in jene Art der mystischen Liebe, die Buckman schließlich empfi n- det, auch wenn sie ihn nicht läutert. Zumindest befreit sie Taver- ner endgültig aus der Welt, in die es ihn verschlagen hat. Der Titel des amerikanischen Originals – FLOW MY TEARS, THE POLICEMAN SAID – wurde angeregt durch die Strophen zur Laute »Lachrimae« von John Dowland (ca. 1598), die Dick als erste abstrakte Musik der Moderne bezeichnet; den vier Teilen des Romans sind die Strophen 1-3 und 5 vorangesetzt. Auch der deutsche Titel – EINE ANDERE WELT – ist vielschichtig zu sehen. * Auf diese Szene bezieht sich der Originaltitel: FLOW MY TEARS, THE POLICEMAN SAID., Zum einen verschlägt es Jason Taverner tatsächlich in »eine andere Welt«; zum anderen liegt ein deutliches Menetekel in diesen drei Worten. Ist es wirklich »eine andere Welt«, die Dick uns hier entblößt? Der Autor hat aktuelle gesellscha spolitische Zeichen der USA in die Zukun extrapoliert. Sein Protagonist Jason Taverner lebt in einem Polizeistaat; der Staat weiß mehr über den Bürger als dieser selbst. Wer einmal die Aufmerksamkeit der Behörden erregt hat, wird von ihnen niemals mehr vergessen; jeder Bürger ist in zen- tralen Computerdateien eingespeichert. Die Parallelen zu unserer Gegenwart – des Jahres 1984, auch hier in Deutschland – sind unübersehbar und bedrückend: Eine geplante Volkszählung, die nach Meinung vieler Kritiker eine Volksaushorchung dargestellt hä e, ein Personalausweis, der einen verhängnisvollen Schri zur völligen Datenerfassung des Inhabers darstellte, die unterschiedlichsten Computerdateien, mit denen sich bald lückenlos feststellen läßt, wo sich welcher Staats- bürger wann aufgehalten hat – sind wir damit nicht schon auf dem besten Weg in »Die andere Welt«, deren drohendes Bild Dick warnend geschildert hat? Als Philip K. Dick am 17. November 1971 die Tür seines Hauses in San Rafael, Kalifornien, aufschloß, bot sich ihm ein Bild des Chaos: Seine Stereo-Anlage war gestohlen worden, auf dem Fußboden stand das Wasser zentimeterhoch, der feuersichere Schrank, in dem er seine Manuskripte au ewahrte, war aufge- sprengt worden. Dicks Korrespondenz, u.a. mit Doubleday, bei dem FLOW MY TEARS, THE POLICEMAN SAID, ursprünglich erschien, beweist, daß der Roman 1970 bereits fertiggestellt war. »Eine Razzia im Jahre 1971 gegen mein Haus ha e es mir unmög- lich gemacht zu arbeiten«, schrieb Dick (Brief an den Verfasser, dieses Nachworts in deutscher Sprache). »Die Geheimpolizei ver- suchte, FLOW MY TEARS, THE POLICEMAN SAID zu fi nden. Wäre es der Polizei gelungen, das einzige Manuskript zu fi nden, gäbe es heute kein FLOW MY TEARS. Ein Polizeispitzel ha e das Manuskript gelesen. In Nacht und Nebel lauerte die Polizei hier. Die Spitzel tranken und lachten mit uns, erschienen wie Freunde. Einer verkau e mir eine Pistole und sagte mir: ›Bald sterben Sie.‹ Er meinte, daß ich Selbstmord begehen sollte.« Dick ersta ete Anzeige; die Untersuchung des Einbruchs ver- lief ergebnislos. »Wir wollen keinen Kreuzzügler hier im Marin County«, wurde Dick unter vier Augen mitgeteilt, als er sich bei den Polizeibehörden nach dem Fortschri der Ermi lungen erkundigte. »Sie ziehen besser von hier fort, sonst schießt man ihnen eines Nachts noch eine Kugel in den Rücken.« Dick verließ das Marin County und fl og nach Kanada; erst Monate später kehrte er nach Kalifornien zurück. Der Einbruch ist niemals aufgeklärt worden; man hat lediglich einen Farbigen verha et, der im Besitz einer Pistole war, die bei diesem Einbruch ebenfalls entwendet wurde. Erst 1974 kam ansatzweise Licht in die Sache: ein Geheimpolizist, der mit der CIA zusammengearbei- tet ha e, ließ Dick gegenüber verlauten: »Vielleicht hat man Ihr Haus verwüstet, weil Sie etwas geschrieben haben, das die Wahr- heit darstellt, ohne es zu wissen. Vielleicht wollte die Regierung herausbekommen, was Sie über eine Sache wußten, über die Sie fi ktional geschrieben haben.« Dabei kann es sich nur um das Manuskript dieses Romans gehandelt haben. Dick ha e es bei einem Rechtsanwalt hinterlegt; so führte der Einbruch die CIA nicht zum Ziel. »So beklemmend die Vision eines derartigen Polizeistaats ist, so berechtigt scheinen die Ängste, die der Autor hinsichtlich der ›freiheitlich-demokratischen Grundordnung‹ seines Landes, hegt«, führte der Umschlagtext der deutschen Erstausgabe 1977 aus. »Watergate war die spektakuläre Panne, ein Einzelfall war es gewiß nicht. Die bis zum kriminellen Delikt gehende Überwa- chung der Bürger ist off enbar längst allgegenwärtige Routine und reicht hin bis zur Einschüchterung unliebsamer SF-Autoren.« Diese Einschüchterungen wurden fortgesetzt: Dick erhielt anonyme Drohanrufe; da er öff entlich seinen Abscheu über die »Nixon-Bande« und deren Verhalten im Vietnam-Krieg zum Aus- druck brachte, galt er bald als »Kommunist«. Dick konnte der CIA und dem FBI beweisen, seine Geschä spost in die Sowjetunion geöff net und fotokopiert zu haben. Als die Erstaufl age von FLOW MY TEARS in den USA erschien, lag eine Vorbestellung der US-Army über 236 Exemplare vor – genau die Anzahl, die die kryptographische Abteilung benötigt, um ihre Analysen durchzuführen. Von der Erstaufl age von 7500 Exemplaren wurden 5000 sehr schnell verkau ; die restlichen 2500 Exemplare sind jedoch »spurlos verschwunden«. Diane Cleaver vom Verlag Doubleday mußte eingestehen: »But they’re not here. They are all out in the wide world.« Der fi nanzielle Verlust für Philip K. Dick war sehr schmerzlich; wie Jason Taverner in der Alptraumwelt der Alys Buckman zur Persona non grata wurde, wurde Dicks Roman in der Realwelt zum Libris non grata. Trotz all dieser Widrigkeiten wurde Dicks Roman zum Erfolg, vor allem in England und Deutschland. In Amerika folgte eine Taschenbuchausgabe, die bis 1981 drei Aufl agen erfuhr. Der Roman erreichte bei der Hugo-Ausscheidung den zweiten Platz und wurde ausgezeichnet mit dem John W. Campbell Memorial Award 1975 als bester SF-Roman (wobei dieser Preis allerdings von einer – in diesem Fall sehr fachkundigen – Jury vergeben wurde). Ob die Wahrheit der Liebe, die Dick in diesem Roman beschrieben und dem totalitären Polizeistaat gegenübergestellt, hat, wirklich den Sieg über Unterdrückung, Entpersönlichung und weitgehende Überwachung davontragen kann, mag anzu- zweifeln sein. Mit EINE ANDERE WELT hat Dick jedoch einen höchst beeindruckenden, bedeutenden Roman vorgelegt, der im Lauf der Jahre seit seiner Erstveröff entlichung nur noch an Aktu- alität gewonnen hat. »Bei diesem Roman«, schrieb Dick 1970 über die Entstehung an seinen Verleger, »ist mir etwas gelungen, das ich noch nie zuvor erreicht habe: perfekte Kontrolle«. Eine im nachhinein ironisch anmutende Bemerkung, bedenkt man die Ereignisse des Novembers 1971. Dick konnte es noch nicht ahnen, sah sich aber seinerseits ebenfalls einer perfekten Kontrolle ausgesetzt – einer perfekten Kontrolle der gleichen Art, vor der er mit seinem Roman warnen wollte. Copyright © 1984 by Uwe Anton]
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