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Stephen Coonts Nachteis Inhaltsangabe Fanatische japanische Nationalisten dringen in den Tokioter Kaiserpalast ein und enthaupten den Kaiser. Das Ziel dieser konspirativen Gruppe ist es, in das ge- schwächte Russland einzumarschieren, das an Öl reiche Sibirien zu besetzen und schließlich die Weltherrschaft zu erlangen. An ein geheimes Protokoll gebunden, das Russland im Falle eines Krieges Hilfe zusichert, und im Bestreben, den Über- griff zu vereiteln, schicken die USA Colonel Bob Cassidy und ein Kampfgeschwa- der nach Sibirien. Colonel Cassidys Loyalität ist gespalten, denn sein bester Freun...
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Dokumentinhalt

Stephen Coonts

Nachteis

,

Inhaltsangabe

Fanatische japanische Nationalisten dringen in den Tokioter Kaiserpalast ein und enthaupten den Kaiser. Das Ziel dieser konspirativen Gruppe ist es, in das ge- schwächte Russland einzumarschieren, das an Öl reiche Sibirien zu besetzen und schließlich die Weltherrschaft zu erlangen. An ein geheimes Protokoll gebunden, das Russland im Falle eines Krieges Hilfe zusichert, und im Bestreben, den Über- griff zu vereiteln, schicken die USA Colonel Bob Cassidy und ein Kampfgeschwa- der nach Sibirien. Colonel Cassidys Loyalität ist gespalten, denn sein bester Freund von der Luftwaffenakademie, Hauptmann Jiro Kimura, fliegt einen Hightech- Stealth-Bomber, die Geheimwaffe der Japaner. Kapitän Pavel Saratov verteidigt Russland von einem U-Boot und fährt einen Angriff auf die Bucht von Tokio. Bei- de Seiten erwägen nun das Undenkbare: den Atomkrieg. Es kommt zu einem dra- matischen Showdown in diesem Kampf, bei dem schließlich die ganze Welt auf dem Spiel steht. Der Bestsellerautor Stephen Coonts legt seinen neuesten Thriller vor, laut Kirkus Reviews ›Coonts' bisher bestes Buch!‹

Autor

Stephen Coonts studierte Politologie an der Universität von West Virginia und flog als Pilot der Navy u.a. Kampfeinsätze in Vietnam. 1977 schied er aus dem Militärdienst aus und absolvierte ein Jurastudium. Neben Beratertätigkeiten für die Industrie schrieb er acht Romane, die alle auf die New York Times Bestsellerliste ka- men. Heute lebt er mit seiner Frau in Maryland. Stephen Coonts unterhält seine eigene Website unter www.coonts.com., Aus dem Amerikanischen von Ulrieke Ruwisch Die Originalausgabe erschien 1998 unter dem Titel ›Fortunes of War‹ bei St. Martin's Press, New York Blanvalet Taschenbücher erscheinen im Goldmann Verlag, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH. Deutsche Erstausgabe November 2000 Copyright © der Originalausgabe 1998 by Stephen P. Coonts Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2000 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlaggestaltung: Design Team München Satz: deutsch-türkischer fotosatz, Berlin Druck: Eisnerdruck, Berlin Verlagsnummer: 35377 Redaktion: Marie-Luise Bezzenberger/RM Herstellung: Heidrun Nawrot Made in Germany ISBN 3-442-35377-7 www.blanvalet-verlag.de57910864Dieses eBook ist umwelt- und leserfreundlich, da es weder chlorhaltiges Papier noch einen Abgabepreis beinhaltet! ☺, Für Deborah, 1. KAPITEL

Die beiden Lieferwagen der Telefongesellschaft rollten wie alleanderen Fahrzeuge im Schneckentempo den verstopften Boule-

vard entlang, der am Kaiserpalast vorbeiführte. Auch an diesem Junimorgen herrschte dichter Verkehr in Tokio. Die Auspuffgase waberten über den stark befahrenen Straßen und stiegen langsam in die warme, dunstige Luft auf. Der Fahrer des ersten Wagens konzentrierte sich ausschließlich auf den Verkehr und hielt das Lenkrad mit beiden Händen um- klammert. Er war Mitte zwanzig hatte kurzes, sorgfältig gekämmtes Haar und sah in dem Overall der Telefongesellschaft außerordent- lich gut aus. Sein Beifahrer war einige Jahre älter. Er trug ebenfalls einen blau- en Overall und die dazugehörige Kappe mit Firmenschriftzug. Er achtete nicht auf die anderen Fahrzeuge. Seine wachsamen Augen betrachteten vielmehr die Steinmauer, die das Gelände des Pa- lastes umgab. Ein jahrhundertealter Wassergraben trennte die viereinhalb Meter hohe Mauer von der Straße, und ein scheinbar undurchdringliches Grün aus Bäumen und Büschen ragte über die Mauerkrone. Tatsächlich gab es zwei Wasserläufe, einen äußeren und einen in- neren, die jedoch hier und dort überbrückt oder an manchen Stel- len einfach zugeschüttet worden waren. Die verbleibende große Wasserfläche hier im Herzen Tokios war von Enten bevölkert und hatte wie jeden Tag viele Spaziergänger angelockt., Der Beifahrer nahm das Wasser und die Menschen nur flüchtig wahr. Sein Interesse galt jetzt den Polizeiwagen und Fahrzeugen des Palast-Sicherheitsdienstes, auf die er den Fahrer besonders hinwies. Hin und wieder blickte er auf seine Armbanduhr. Nachdem beide Transporter das kaiserliche Anwesen einmal voll- ständig umrundet hatten, kam Bewegung in den Mann, der im La- deraum des ersten Wagens saß. Er griff zum Funkgerät, sprach ein paar Worte hinein und wartete gespannt auf Antwort. Dann nickte er dem Beifahrer zu, der dem Fahrer zweimal auf den Arm klopfte. Wenige Sekunden später fuhren die beiden Wagen durch ein schmales Mauertor in den Hof des Palastes. Ein Sicherheitsoffizier beobachtete die Fahrzeuge aus dem Fenster seiner Wachstation, zwei bewaffnete Uniformierte waren am Tor und zwei neben dem Lieferanteneingang des Gebäudes postiert. Aufmerksam folgten sie jeder Bewegung der Männer, die aus dem vorderen Wagen stiegen und zur Wachstation hinübergingen. Der Beifahrer begrüßte den Sicherheitsoffizier mit einem Kopf- nicken. »Wir kommen wegen der Telefonanlage. Man hat uns für heute Morgen bestellt.« »Ihre Ausweise, bitte.« Die Männer reichten sie ihm. »Ja, ich habe Sie auf meiner Liste«, sagte der Offizier und gab ihnen die Papiere zurück. »Wo können wir parken?« »Da drüben beim Eingang«, antwortete der Wachmann und deutete vage in die entsprechende Richtung. »Da dürfte es keine Probleme geben. Wie lange werden Sie für die Reparatur brau- chen?« »Das können wir noch nicht sagen. Erst einmal müssen wir den Fehler finden und sehen, ob wir die richtigen Ersatzteile dabei ha- ben.« »Sie haben den Palast bis 16.00 Uhr zu verlassen.«, »Und wenn wir bis dahin nicht fertig sind?« »Dann müssen Sie die Palastverwaltung anrufen, denen das Pro- blem schildern und einen neuen Termin ausmachen.« »Ich verstehe. Erstmal müssen wir aber herausfinden, was eigent- lich los ist. Dazu müssen wir unser Werkzeug mit hineinnehmen.« Der Sicherheitsoffizier nickte und gab den beiden Wachen am Eingang ein Zeichen, dass alles in Ordnung sei. Einer der Wachpos- ten schlenderte hinüber und unterhielt sich mit ihm, während die Telefontechniker die Transporter parkten, ausluden und ihre Aus- rüstung überprüften. Schließlich packte jeder seinen Teil und sie betraten, begleitet von einem Wachmann, das Gebäude. »Folgen Sie mir«, sagte dieser. »Ich bringe Sie zum Schaltraum. Übrigens gibt es bei der Verwaltung auch einen Techniker, der erst vor kurzem das System überprüft hat. Wenn Sie wollen, lasse ich ihn rufen.« »Danke«, sagte der Mann, der als Beifahrer im ersten Transporter gesessen hatte, »aber erst wollen wir uns das Ganze einmal anse- hen.« Sie folgten dem Sicherheitsbeamten die Treppe hinauf in den zweiten Stock, dann einen langen Korridor entlang. Im Schaltraum überraschte den Wachmann der Würgedraht. Ehe er einen Laut von sich geben konnte, schnitt das Metall tief in sei- nen Hals. Als er sich verzweifelt wehrte, packte ihn sein Gegenüber brutal am Kopf und brach ihm das Genick. Der Mörder fing den schlaffen Körper auf und schleifte den Toten in eine Ecke des Rau- mes, damit niemand, der kurz zur Tür hineinsah, ihn entdecken konnte. Das Ganze dauerte nicht einmal 60 Sekunden. Die Männer griffen ihre Ausrüstung, verließen den Raum und vergewisserten sich, dass die Tür wieder geschlossen und verriegelt war. Auf gummibesohlten Schuhen schritten sie lautlos die marmor- nen Gänge entlang – tiefer und tiefer in den riesigen Palast hinein., Die Kinder lachten unbekümmert und tanzten ausgelassen Hand in Hand auf dem gepflegten Rasen um die Kaiserin herum. Die Sonne strahlte vom Himmel herab und ließ die üppige Sträucher- und Blumenpracht besonders farbenfroh leuchten. Die Tempelglocken, die von fern zu hören waren, bezeugten die Schönheit dieser geord- neten Welt. Wahrscheinlich war Kaiser Naruhito der Einzige, der die Tempelglocken hörte, die die zwanglose Garten-Zeremonie vor ihm musikalisch untermalten. Er genoss das Bild, das sich ihm bot: Die hellen, traditionellen Kleider der Kinder hoben sich scharf vom tiefen Grün des Rasens ab, fesselten den Blick, ließen ihn mit um die Kaiserin tanzen, die einen elfenbeinfarbenen seidenen Kimono mit erlesenen Organdy-Besätzen trug. Die anderen Erwachsenen standen ein oder zwei Schritte entfernt. Selbst die unauffällig geklei- deten Fotografen hielten sich im Hintergrund. Die Natur besitzt einen unschuldigen Charme, der menschlichen Angelegenheiten fehlt, dachte der Kaiser bitter. Seit Wochen grübel- te er schon über die politische Situation. Der neue Premierminister Atsuko Abe schien alles daranzusetzen, die Nation auf einen neuen Kurs einzuschwören, auf einen Kurs, den Kaiser Naruhito mit wachsendem Entsetzen verfolgte. Politisch treibt Japan seit Jahren nach rechts, kam es ihm in den Sinn, während er die Kaiserin und die Kinder betrachtete. Und er- neut versuchte er, in einer Flut von unkontrollierbaren Ereignissen einen Sinn zu erkennen. Seit dem großen Bankenkollaps hatte jede Regierung nur kurze Zeit überlebt, bevor sie durch eine noch reak- tionärere ersetzt wurde. Das Problem lag in seinen Augen darin, dass die Politiker den Japanern nicht die Wahrheit sagten. Ihr Insel- staat war klein, übervölkert und verfügte über keine nennenswerten Bodenschätze. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Japan zu Wohl- stand gelangt, indem es japanische Produkte aus importierten Roh- stoffen auf dem amerikanischen Markt anbot, mit deren niedrigen Preisen die amerikanische Industrie nicht konkurrieren konnte. Ein, Preisvorteil, der auf den niedrigen Lohnkosten beruhte und der offensichtlich im Schwinden begriffen war. Sowohl die himmelho- hen Grundstückspreise als auch die überbewerteten Börsenkurse wa- ren ins Bodenlose gestürzt, als sich Japans wirtschaftliche Überle- genheit in Nichts auflöste. Die Regierung hatte das überstrapazierte Bankensystem zwar eine Weile gestützt, aber schließlich brach es doch zusammen und ruinierte dabei beinahe den gesamten Staat. Danach eskalierten die Spannungen im Nahen Osten, und die Ara- ber stoppten die Öllieferungen, um die Industrienationen dazu zu zwingen, Israel unter Druck zu setzen. Das Öl floss wieder, Öl, auf das Japan dringend angewiesen war, doch der Schaden war irreparabel. Japan musste feststellen, dass es sich nicht zu jedem Preis Öl aus dem Nahen Osten leisten konnte. Der Yen war weitgehend wertlos, das Bankensystem ruiniert, riesige Industrieunternehmen mussten Konkurs anmelden, und verzweifel- te Arbeiter wurden scharenweise entlassen. Vielleicht ist Japan verloren, dachte der Kaiser voller Angst. Viel- leicht waren sie alle verloren. In die Finsternis geführt zu werden von einem alles vergiftenden Ultranationalisten wie Atsuko Abe, ei- nem Demagogen, der das Übel ausländischer Werte und Institutio- nen anprangerte, während er die Tugenden des alten Japan pries – war dies Japans Schicksal? Ach … Japan, alt und doch so jung, hoch technisiert und doch unschuldig, Heimat der Auserwählten, der Japaner. Dieses Japan hatte vielleicht irgendwann vor langer Zeit existiert. Heute jedoch schürte Abe das Feuer der Erinnerung an jene stolze Rasse, und die hungrigen und mutlosen Massen folgten ihm willig. Sie fühlten sich plötzlich verraten und verkauft. Verraten, wie Abe behauptete, von der westlichen Demokratie. Verraten von den Bü- rokraten. Verraten von den Industriebossen … verraten von dem Kapitalismus, einer fremden Kultur … Japan, verkündete Abe bei jeder Gelegenheit, sei von jenen verra-, ten worden, die sich weigerten, die japanischen Werte hochzuhal- ten, den Japanern. Sie seien schuldig! Und sie würden den Preis zah- len müssen. All dies war nichts als politische Rhetorik. Sie erregte Dumm- köpfe und Ausländer und lieferte den Zeitungen Stoff für Schlag- zeilen, doch es war nur heiße Luft, die Abe und seine Freunde ver- breiteten, um sich von den anderen traditionelleren Politikern ab- zusetzen und Wählerstimmen zu gewinnen, was ihnen auch gelang. Erst als Atsuko Abe fest im Sessel des Premierministers saß, die Zü- gel der Macht in den Händen, begann er seinen engsten Vertrauten seine wahren Ziele zu offenbaren. Die Freunde des Kaisers waren zutiefst beunruhigt und trugen ihm Abes Absichten zu, versicherten ihm, Abes Aufrufe seien nicht nur reine Rhetorik. Er sei fest entschlossen, Japan zu einer Welt- macht zu machen und alles zu tun, ›was auch immer dazu notwen- dig sei‹. Die Verfassung, die nach dem Zweiten Weltkrieg verabschiedet worden war, beschränkte die Rolle des Kaisers auf rein zeremonielle Pflichten. Deshalb war sich Naruhito im Klaren darüber, dass er schweigen musste. Dennoch, die Bürde der Geschichte lastete schwer auf ihm. Erst der persönliche Brief des Präsidenten der Vereinigten Staaten hatte Kaiser Naruhito aus seiner Passivität aufgerüttelt. »Ich bin zu- tiefst beunruhigt«, schrieb der Präsident, »dass die japanische Regie- rung eine militärische Lösung für seine wachsenden regionalen und wirtschaftlichen Probleme in Erwägung zieht – eine Lösung, die den Frieden der Region zerreißen wird und einen weltweiten Flä- chenbrand auslösen kann. Eine solche Katastrophe würde für jeden Menschen auf der Erde tragische Folgen haben. Als Staatsober- häupter sind wir dazu verpflichtet, alles zu tun, was in unserer Macht steht, um unsere Landsleute und die Erdbevölkerung vor dieser Gefahr zu schützen.«, Naruhito hatte den Brief mit einem Gefühl böser Vorahnung ge- lesen. Der Präsident der Vereinigten Staaten wusste mehr über die politische Situation in Japan als er, der Kaiser. Ganz offensichtlich verfügte der Präsident über weitaus bessere Informationen. Gegen Ende des Briefes schrieb der Präsident: »Wir glauben, dass Abes Regierung eine Invasion Sibiriens plant, um eine dauerhafte Ölversorgung sicherzustellen. Die kürzlich vorgebrachte Bitte der sibirischen Ureinwohner um japanischen Beistand gegen die Russen dient lediglich als Vorwand, der von Abes Regierung inszeniert wur- de. Ich fürchte, ein solcher Einmarsch könnte Auslöser eines Welt- krieges werden, wie ihn die Welt noch nicht erlebt hat. Ein Dritter Weltkrieg, weitaus schrecklicher als jeder militärische Konflikt zu- vor, kann die ganze Zivilisation zu einem tragischen Ende führen. Die Welt wird in ein neues dunkles Zeitalter geschleudert, von dem sich die Menschheit niemals erholen wird.« Diese Worte drückten den gleichen Schrecken aus, den der Kaiser jedes Mal empfand, wenn er die innenpolitische Situation betrach- tete. Obwohl es ihm an genauen Informationen mangelte, die der Präsident der Vereinigten Staaten offenbar hatte, ahnte Naruhito ebenfalls, dass sie langsam, aber unerbittlich in ein schreckliches Verhängnis glitten. »Ich schreibe Ihnen persönlich«, schloss der Präsident, »um Ihre Hilfe zu erbitten. Wir schulden es der Menschheit, die Rechtsstaat- lichkeit für zukünftige Generationen zu bewahren. Unsere weltweite Zivilisation ist nicht vollkommen; aber sie entwickelt sich zum Bes- seren mit jedem Menschen, der die Gesetze achtet und für sein täg- liches Brot arbeitet und dadurch zum gemeinsamen Wohl beiträgt. Die Zivilisation ist das Erbe der Menschheit, sie ist das Geburts- recht all jener, die nach uns kommen.« Naruhito hatte den Premierminister daraufhin um eine Unterre- dung gebeten. Zwar war der Kaiser Atsuko Abe bei einigen Gelegenheiten begeg-, net, seit dieser Premierminister war, aber zu einem persönlichen Ge- spräch hatte er nie die Gelegenheit gehabt. Immer umgaben ihn Funktionäre und Sicherheitsbeamte. Diesmal jedoch saßen sie sich allein im privaten Arbeitszimmer des Kaisers gegenüber. Nach höf- lichem Vorgeplänkel erwähnte Naruhito den Brief und gab Abe eine Kopie zu lesen. Atsuko Abe wusste nicht, wie er sich verhalten oder was er sagen sollte. Eine private Audienz beim Kaiser war eine außergewöhnliche Ehre, die ihn aus dem Konzept brachte. Doch dieser Brief … Natür- lich, die Amerikaner hatten Spione – Spione und politische Feinde lauerten überall. »Eure Hoheit, wir sind an einem kritischen Punkt in der Geschichte unserer Nation angelangt«, begann Atsuko Abe und gewann an Sicherheit. »Der Abbruch unserer bisherigen Ölver- sorgung hat unsere Wirtschaft zugrunde gerichtet. Japan ist ruiniert, Millionen sind ohne Arbeit. Wir müssen den Schaden beheben und dafür Sorge tragen, dass so etwas nie wieder geschieht.« »Ist das wahr?«, fragte der Kaiser und deutete auf den Brief. »Plant Ihre Regierung eine Invasion in Sibirien?« »Eure Hoheit, die Einheimischen Sibiriens bitten um Beistand, damit sie sich vom russischen Joch befreien können. Sicherlich sind Sie über diese Entwicklung unterrichtet. Angesichts ihrer Situation ist ihr dringender Appell ohne Zweifel berechtigt.« »Sie weichen aus. Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt für höfli- che Ausflüchte, sondern für Wahrheiten.« Abe war überrascht, diese heftige Reaktion des Kaisers hätte er nicht erwartet. »Für Japan ist es an der Zeit, endlich einen angemessenen Platz in der Welt einzunehmen«, sagte der Premierminister. »Welchen?« »Den einer Supermacht«, antwortete Abe selbstsicher und blickte den Kaiser herausfordernd an. Naruhito wich seinem Blick aus, zwang sich dann aber beschämt,, dem Premierminister in die Augen zu sehen. »Ist es wahr?«, fragte er wieder. »Plant Japan einen Einmarsch in Sibirien?« »Unsere Stunde ist gekommen«, antwortete Abe mit fester Stim- me. »Wir sind ein kleiner Inselstaat, den die Götter neben einen wachsenden chinesischen Riesen gesetzt haben. Wir brauchen Öl.« »Aber Sie haben einen Vertrag mit den Russen unterzeichnet! Sie werden uns Öl verkaufen.« »Das, Eure Hoheit, ist genau das Problem. Solange wir aus Russ- land Öl beziehen, sind wir den Russen ausgeliefert. Japan braucht ei- gene Rohstoffe.« Atsuko Abe, Sohn eines Industriellen, hatte die ersten zwei Jahr- zehnte seines Erwachsenendaseins in der japanischen Armee ver- bracht. Trotz der angebotenen Beförderung zum Flaggoffizier hatte er das Militär verlassen und einen Posten im Verteidigungsministe- rium erhalten. Dort hatte Abe sich mit Politikern aller Parteien an- gefreundet. Sein Einfluss und damit auch seine Aufstiegschancen wuchsen. Schließlich hatte er für das Parlament kandidiert und mü- helos einen Sitz errungen. Seit fast zehn Jahren navigierte er sich durch alle politischen Sturmfluten, die die Hauptstadt erschütter- ten. Jetzt, mit 62, war er bereit. Dies war sein Augenblick. Der Kaiser erwiderte Abes Blick. »Unsere Stunde? Was fällt Ihnen ein? Dieser Staat hat nie ein Schattendasein geführt. Unsere Lebens- weise ist ehrenwert; wir haben den Glauben an unsere Ahnen be- wahrt. Unser Staat hat in der Vergangenheit Fehler begangen, für die unser Volk teuer bezahlt hat, aber unsere Ehre ist unbefleckt. Wir brauchen keine Stunde der Eroberung, keinen Triumph der Gewalt, kein Blut an unseren Händen.« »Sie sind als Kaiser geboren worden«, entgegnete Abe mit Bitter- keit in der Stimme. »Was wissen Sie schon von Kampf und Tri- umph?«, Der Kaiser rang um Fassung. »Russland hat Nuklearwaffen, die es zur Verteidigung einsetzen könnte«, warf er ein. »Haben Sie das Recht, das Leben der ganzen Nation aufs Spiel zu setzen?« »Wir befinden uns in einer ernsten Krise, Eure Majestät.« »Belehren Sie mich nicht, Premierminister.« Abe verbeugte sich leicht. »Entschuldigen Sie, Majestät«, sagte er und richtete sich dabei wieder auf, »aber Sie wissen nicht, dass Japan ebenfalls eine Atommacht ist. Russland wird gewiss keinen Atomkrieg riskieren, um ein Ödland zu verteidigen, das ihnen nicht einen Yen Profit eingebracht hat.« »Japan verfügt über nukleare Waffen?«, fragte der Kaiser erschüt- tert. »Ja.« »Wie das? Wie sind diese Waffen entwickelt und gebaut worden?« »Unter strengster Geheimhaltung. Das versteht sich von selbst.« Diese Waffen waren Abes größtes Triumph, ein Vorhaben, dem die Politiker angesichts des Zusammenbruchs ihrer Welt widerstrebend zugestimmt hatten und das dann unter absoluter Geheimhaltung, die Josef Stalin würdig gewesen wäre, realisiert worden war. »Die Regierung hat dies ohne Zustimmung des Parlaments veran- lasst? Ohne Wissen und Zustimmung des japanischen Volkes? Un- ter Missachtung der Verfassung und der Gesetze?« Abe neigte nur seinen Kopf. »Was ist, wenn Sie die Russen falsch einschätzen?«, wollte der Kai- ser wissen. »Beantworten Sie mir das. Was geschieht, wenn Russland seine nuklearen Waffen doch einsetzt?« »Das Risiko ist für Russland ebenso hoch wie für Japan, und für Russland steht weitaus weniger auf dem Spiel.« »Die Russen könnten das anders sehen, Premierminister.« Abe schwieg. Der Kaiser war sprachlos. Der Mann ist verrückt, dachte er. Der Premierminister ist vollkommen verrückt., Nach einer Weile fand Naruhito seine Stimme wieder: »Was soll ich Ihrer Meinung nach dem Präsidenten der Vereinigten Staaten auf seinen Brief antworten?« Abe fuhr ärgerlich mit der Hand durch die Luft. »Ignorieren Sie ihn einfach. Eine Antwort ist nicht nötig, Eure Hoheit. Der Präsi- dent weiß nicht, wo seine Grenzen sind.« Naruhito schüttelte langsam den Kopf. »Mein Großvater Hiro- hito erhielt am Vorabend des Zweiten Weltkriegs einen Brief von Präsident Roosevelt mit der dringenden Bitte um Frieden. Doch Hirohito antwortete nicht. Er lehnte es ab, sich in Regierungsge- schäfte einzumischen. Mein ganzes Leben lang habe ich mich ge- fragt, ob die Geschichte anders verlaufen wäre, wenn mein Groß- vater klar und deutlich seine Ansicht geäußert hätte.« »Kaiser Hirohito glaubte, die Regierung handele im Interesse des Volkes.« »Vielleicht. Ich bin jedoch nicht überzeugt, dass Ihre Regierung zur Zeit im Interesse Japans handelt.« Zorn stieg in Abe auf. Er war zu weit gekommen, hatte zu viel er- tragen. Entschlossen wie ein Sumo-Ringer starrte er den Kaiser an. »Die Regierung muss für Sie und das Volk sprechen, was das Glei- che ist. Das ist das Gesetz.« »Belehren Sie mich nicht über Gesetze. Nicht nachdem, was Sie mir eben erzählt haben!« »Sie sind der Herrscher, ich regiere«, Abe schlug sich gegen die Brust. »Das ist die Art Japans.« Dann atmete er einige Male tief durch, um sich zu beruhigen. »Wenn Sie mir eine Kopie des Briefes mitgeben, werde ich den Außenminister bitten, eine Antwort vor- zubereiten.« Der Kaiser schien gar nicht zuzuhören. Im Selbstgespräch versun- ken, fuhr er fort: »In diesen Zeiten der nuklearen, biologischen und chemischen Waffen hat der Krieg keinen Platz mehr. Er ist keine durchführbare politische Option mehr. Ein Staat, der sich im 21., Jahrhundert kopfüber in einen Krieg stürzt, fürchte ich, begeht le- diglich nationalen Selbstmord. Der Tod, Sir, ist ganz gewiss nicht Ja- pans Bestimmung. Der Tod ist endgültig und ewig, egal ob er lang- sam durch natürliche Ursachen kommt oder in einem spektakulä- ren Ruhmestaumel. Leben, Sir, muss unser Geschäft sein. Leben ist unsere Sache.« Während Abe noch über eine taktvolle Antwort nachdachte, füg- te der Kaiser milde hinzu: »Sie tragen eine schwere Bürde, Premier- minister. Sie tragen die Hoffnungen und Träume eines jeden Japa- ners und die unserer ehrenwerten Ahnen auf Ihren Schultern. Ja, Sie tragen im wahrsten Sinne des Wortes ganz Japan auf ihrem Rü- cken.« »Kaiserliche Hoheit, ich bin mir meiner Verantwortung bewusst«, sagte Atsuko Abe, so höflich er konnte. Er kämpfte um Fassung. »Sehr bewusst«, fügte er mit zusammengebissenen Zähnen hinzu. »In Ihren Reden, die ich gelesen habe, Sir, hört es sich an, als sei Japans Schicksal so unverkennbar wie die aufgehende Sonne an ei- nem klaren Morgen«, sagte Kaiser Naruhito ohne Bitterkeit. »Ich schlage vor, dass Sie das Parlament konsultieren, bevor Sie sich weitreichend engagieren.« Was konnte er angesichts dieses Narren anderes sagen … »Befolgen Sie das Gesetz«, ergänzte er. Das war immer ein exzel- lenter Rat, aber … »Die Japaner sind ein großartiges Volk. Wenn Sie an sie glauben, werden sie auch Ihnen Glauben schenken.« Abe zwang sich, respektvoll den Kopf zu senken. Seine Kopfhaut war gebräunt, das Haar kurz geschoren. Naruhito konnte diesen Schurken nicht länger ertragen. Steif stand er auf, verneigte sich und verließ den Raum. Das war vor zwei Tagen gewesen. Naruhito hatte seine zeremonielle, beinahe mystische Stellung als Staatsoberhaupt aufgegeben, um auszusprechen, was er für wahr, hielt. Niemals zuvor hatte er das getan, aber Abe … der das Un- denkbare befürwortete … dem Kaiser ins Gesicht sagte, was seine Pflicht sei – noch nie in seinem Leben war Naruhito so beleidigt worden. Tief in seinem Inneren loderte immer noch die Empörung über Abes Worte. Er hatte einen Brief an den Präsidenten der Ver- einigten Staaten geschrieben, mit eigener Hand, um keinen Sekretär ins Vertrauen ziehen zu müssen. Die Wahrheit war bitter: Er hatte keinerlei Einfluss auf den Lauf der Dinge. Die Kinder sangen, angeführt von Naruhitos Frau Masako. Liebe- voll betrachtete er sie, seine geliebte Frau, seine Kaiserin, wie sie die Kinder führte und leise sang. Ja wahrhaftig, er liebte das Leben. Er liebte seine Frau, sein Volk, seine Nation … dieses Japan. Sein Leben und das Leben des Volkes waren untrennbar miteinander verwoben. Ein tiefes Gefühl von Ohnmacht überwältigte ihn. Es blieb nicht mehr viel Zeit… Von einem Fenster im zweiten Stock des Kaiserpalastes aus, halb verborgen hinter einem Vorhang, verfolgte Hauptmann Shunko Kato die Zeremonie unten auf dem Rasen. Hinter ihm standen die drei angeblichen Telefontechniker, seine Männer, bewegungslos, scheinbar völlig ruhig. Doch Kato spürte ihre Anspannung. Allein ihre militärische Disziplin ließ sie still verharren, jeder Mann in sei- ne eigenen Gedanken versunken. Das Sonnenlicht, das durchs Fens- ter fiel, zeichnete ein Rechteck auf den Boden. Katos Augen glitten über den sonnenbeschienenen Boden, über das Fenster, die Hecke, den Rasen, die Menschen, den klaren Himmel … Er sah dies alles zum letzten Mal. Aber es war unwürdig, an sein eigenes Schicksal zu denken. Kato schob den Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf die Szene im Garten., Dort war der Kaiser, mit seinen 1,60 Metern kleiner als die meis- ten japanischen Männer. Sicherheitsoffiziere in Zivil umringten die Gruppe. Die meisten hatten der Zeremonie den Rücken zugewandt. Kato wich ein wenig zurück, verbarg sich tiefer im Schatten des Vorhangs, wo er vor möglichen Blicken sicher war. Er überflog die Sicherheitsleute, schätzte mit einem Blick den Grad ihrer Wachsamkeit ab und wandte sich dann zufrieden erneut dem kaiserlichen Gefolge zu. Der Kaiser stand etwas abseits und folgte scheinbar gebannt dem Treiben der Kaiserin und der Kinder. Sicher brauchte er sich auch um nichts anderes zu sorgen, schoss es Kato durch den Kopf. Ja, der Kaiser hatte mit Sicherheit keine Ahnung von der Verzweiflung, die seit dem Bankenkollaps so viele ins Verderben trieb. Wie auch? Kaiser Naruhito verkehrte bestimmt nicht in gewöhnlichen Kreisen. Aber er musste doch die Zeitungen lesen, gelegentlich fernsehen … Warum verschloss er die Augen vor der Korruptheit der Politiker, ignorierte die Bestechungen, den Einfluss des Drogenkartells, die Skandale, die einander auf dem Fuß folgten? Wollte er das Elend des einfachen, immer treuen und immer wieder verratenen Volkes nicht sehen? Nie erhob er die Stimme gegen Korruption, Habsucht und Gier. Niemals. Er verurteilte nicht, also billigte er stillschweigend. Und so einen Mann nannten sie ›Sohn des Himmels!‹, dachte Kato voller Empörung. Welch ein Hohn! Der Kaiser verabschiedete sich von den Kindern. Die Zeremonie war zu Ende. Kato drehte sich um, betrachtete seine Männer. Sie trugen immer noch die blauen Overalls und Kappen der Telefongesellschaft. Sie waren athletisch und durchtrainiert, bewegten sich leicht und ge- schmeidig. Kato selbst hatte sie trainiert, sie abgehärtet und zu Bu- shido-Kämpfern ausgebildet. Er war stolz auf sie, und dieser Stolz leuchtete jetzt in seinem Gesicht. Die Männer sahen ihn an und, konnten ihre Gefühle ebenfalls nicht verbergen. »Für Japan«, sagte er so leise, dass sie es gerade noch hören konn- ten. »Für Japan.« Ihre Lippen bewegten sich tonlos. »Banzai«, sagte Kato unhörbar. »Banzai!« Die stumme Antwort riss seine Seele mit. Die Sicherheitsbeamten eskortierten den Kaiser und die Kaiserin zum Eingang des Palastes. Der Kaiser, der stets seiner Frau zwei Schritte vorausging, ging als Erster durch die geöffnete Tür. Die Wachleute blieben draußen, das Innere des Palastes galt als Sicher- heitszone. Im Korridor, verborgen vor den Augen anderer, wartete der Kai- ser, bis Masako an seiner Seite war. Sie schenkte ihm ein Lächeln, eine sehr unjapanische Geste, die sie sich in den Jahren auf dem College in den USA angewöhnt hatte. Naruhito liebte ihr Lächeln. Sie nahm seinen Arm, beugte sich vor und küsste ihn keck auf die Wange. Er lächelte. Arm in Arm schlenderten sie den Korridor entlang, bogen am Ende nach rechts. Dort warteten schweigend vier Männer. Sie versperrten den Weg. Der Kaiser blieb stehen. Lautlos trat einer der Männer hinter das Kaiserpaar, die anderen verharrten reglos, gaben den Weg nicht frei. Erstaunt bemerkte der Kaiser, dass sie sich nicht verbeugten. Nicht einmal das kleinste Kopfnicken. Naruhito sah von Gesicht zu Gesicht. Nicht einer senkte die Augen. »Ja?«, meinte er schließlich. »Ihre Frau kann gehen, Eure Hoheit«, sagte einer der Männer. Seine Stimme klang fest, aber nicht laut., »Wer sind Sie?«, fragte der Kaiser. »Ich bin Hauptmann Shunko Kato von den japanischen Streit- kräften«, antwortete Kato und verneigte sich tief, während keiner der anderen sich rührte. »Diese Soldaten stehen unter meinem Kommando.« »In wessen Auftrag sind Sie hier?« »In unserem eigenen.« Kaiser Naruhito spürte, wie die Hand seiner Frau seinen Arm fester fasste. Wieder betrachtete er die Gesichter, wartete darauf, dass sie respektvoll die Augen senkten. Nichts. »Warum sind Sie hier?«, fragte der Kaiser nach einer Weile. Er spürte, dass die Zeit auf seiner Seite war, und er wollte diesen Mo- ment so lang wie möglich hinauszögern. »Zum Wohl Japans«, antwortete Kato knapp. Dann fügte er hin- zu: »Die Kaiserin muss nun gehen.« Naruhito las die Unerbittlichkeit in ihren Gesichtern. Obwohl Hauptmann Kato es nicht für möglich hielt, war Naruhito ein mu- tiger Mann. Er wandte sich an seine Frau. »Du musst gehen, meine Liebste.« Masako starrte ihn voller Panik an, umklammerte mit beiden Händen seinen Arm. Er beugte sich zu ihr. »Uns bleibt keine Wahl. Geh. Du weißt, dass ich dich liebe.« Gewaltsam riss sie sich von ihm los, sah jedem der Männer direkt in die Augen. Drei wandten ihren Blick ab. Dann drehte sie sich abrupt um und ging den Korridor hinunter. Von einem Tisch in der Nähe nahm Kato ein Samurai-Schwert, das der Kaiser vorher nicht gesehen hatte. Mit einer schnellen Bewe- gung zog der Hauptmann das Schwert aus der Scheide. »Für Japan«, sagte er und hielt es in beiden Händen. Der Kaiser konnte sehen, dass das Schwert sehr alt war. Hunderte von Jahren. Sein Herzschlag dröhnte laut in seinen Ohren. Wieder, sah er von Gesicht zu Gesicht. Das waren Fanatiker. Ergeben ließ sich Kaiser Naruhito auf die Knie sinken. Er würde nicht zeigen, dass er Angst hatte. Zum Glück zitterten seine Hände nicht. Er schloss die Augen und ordnete seine Gedanken. Genug von diesen Fanatikern. Er dachte an seine Frau, seinen Sohn und seine Tochter. Das Letzte, was er hörte, war das Sirren der Klinge. Masako ging langsam auf die Tür zu, durch die sie Sekunden zuvor mit ihrem Mann den Palast betreten hatte. Jeder Schritt war eine Qual … Diese Männer waren Mörder. Masako hatte es in dem Moment gewusst, als sie ihre respektlo- sen Augen und die angespannten Gesichter sah – es waren Attentä- ter. Sie kannte die Geschichte ihres Landes. Immer hatten Attentäter in Zeiten des Aufruhrs Herrscher und Politiker heimgesucht, stets hatten sie für Japan gemordet … Als ob ihr fanatischer Patriotismus all das Blut rechtfertigen, all die Morde an jenen Männern ent- schuldigen könnte, die kaum Macht über die Ereignisse hatten, wel- che die Mörder zu ihrer Tat trieb … die dann ihre Verbrechen in orgiastischen Selbstmordritualen büßten. Dieses blutige Melodrama war ein grausames Spiel, doch die meisten Japaner liebten es und ließen sich davon inspirieren. Alte Erinnerungen wurden mit frischem Blut wiederbelebt. Neue Opfer stillten das wilde Verlangen … und zogen die Zuschauer in ihren Bann. Patriotische Mörder sind Sadisten, dachte Masako. Diese widerli- che Perversion lebte immer dann auf, wenn die Welt unnachgiebig Druck auf Japan ausübte. So war es in den 30er Jahren gewesen, so im Dezember 1941 und offensichtlich … Jetzt?, Sie konnte kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen. Oh Na- ruhito, wir sollten dem gemeinsam gegenüberstehen … Ich sollte an deiner Seite sein … Sie drehte sich um und lief zurück. Zurück zu dem Unheil, das sie beide erwartete. Sie rannte, ihr Rock behinderte sie. Kurz bevor sie die Ecke er- reichte, hörte sie das Singen des Schwerts, dann das grauenvolle Thunk, mit dem es sich ins Fleisch grub. Sie bog um die Ecke und sah gerade noch, wie der Kopf ihres Mannes über den Flur rollte, sein Körper vornüber kippte. Mehr nicht. Ohnmächtig brach Masako zusammen. Shunko Kato würdigte die Leiche des Kaisers keines Blickes. Sie hatten keine Zeit zu verlieren, und den Körper des Mannes zu be- trachten, der Japan im Stich gelassen hatte, war reine Zeitver- schwendung. Er legte einen Brief auf den Tisch, wo zuvor das Schwert gelegen hatte. Der Brief war mit Blut geschrieben, mit dem Blut jedes der Männer, und alle hatten unterschrieben. Für Japan. Kato kniete nieder und zog sein Messer. Er blickte zu seinem Feldwebel auf, der mit gezogener Pistole neben ihm stand. »Banzai«, sagte er. »Banzai.« Bis zum Heft rammte sich Kato das Messer in den Bauch. Der Feldwebel hob die Pistole und schoss Kato in den Hinter- kopf. Blut und Hirn spritzte, der Schuss hallte wie ein mächtiger Donnerschlag durch den Korridor. In die Stille, die folgte, hörte er den blechernen Klang, mit dem die Patronenhülse über den Boden rollte. Der Feldwebel wandte sich seinen Kameraden zu. Auch sie hatten, ihre Pistolen gezogen. Tapfere Männer, die taten, was getan werden musste. Der Feldwebel holte tief Luft, setzte sich den Lauf seiner Pistole an den Kopf. Die anderen taten es ihm gleich. Kurz bevor er ab- drückte, schloss er unwillkürlich die Augen. 2. KAPITEL

Hauptmann Kato und seine Männer waren bereits tot, als dieSicherheitsleute eintrafen«, berichtete Takeo Yahiro dem Pre-

mierminister Atsuko Abe. »Offensichtlich haben sie Selbstmord be- gangen, nachdem sie den Kaiser enthauptet hatten. Die Kaiserin war die Einzige, die noch am Leben war – sie lag bewusstlos auf dem Boden.« Erstaunen malte sich auf Abes Gesicht. »Der Kaiser wurde in Ge- genwart seiner Frau geköpft?« »Es scheint so, Sir. Sie lag ohnmächtig am Boden, als die Sicher- heitsoffiziere sie fanden.« Abe schüttelte den Kopf, wie um den Alptraum erträglicher zu machen. Einen Machthaber aus politischen Gründen zu ermorden, das war sicherlich nicht gänzlich unbekannt in Japan, aber es in Gegenwart seiner Frau zu tun … der Kaiserin? Noch nie hatte er dergleichen gehört. Was würde die Öffentlichkeit denken? »Hauptmann Kato hat einen Brief unter der Schwertscheide hin- terlassen, Sir, einen Brief, geschrieben mit Blut. Darin erläutert er die Gründe seines Handelns.«, Der Premierminister war immer noch mit der Tatsache beschäf- tigt, dass die Kaiserin Zeuge des Mordes gewesen war. »Haben die Mörder die Kaiserin angerührt?«, fragte er. »Ich weiß es nicht, Sir. Vielleicht können die Ärzte –« »Weiß die Presse davon?« Takeo Yahiro sprach leise, doch mit fester Stimme. »Nein, Sir. Ich habe mir die Freiheit genommen, keine Informationen an die Pres- se weiterzuleiten, bevor die zuständigen Stellen davon unterrichtet waren.« Abe atmete tief durch die Nase ein und überlegte, bevor er schließlich die Augen öffnete. Er nickte fast unmerklich. »Sehr gut, Yahiro. Die Öffentlichkeit aufzubringen, würde zu nichts führen. Eine Tragödie, eine schreckliche Tragödie …« »Da war ein Brief, Sir. Die Attentäter waren Anhänger von Mishi- ma.« »Oh …«, sagte der Premier, brach ab und dachte nach. Yukio Mi- shima war ein Ultranationaler gewesen, ein Fanatiker. Unglückli- cherweise war er auch ein Schriftsteller mit einer leidenschaftlichen Vorliebe für brutale, blutige Gesten gewesen. Vor 38 Jahren hatte er mit vier Anhängern das Hauptquartier der Streitkräfte Japans in der Innenstadt von Tokio gestürmt, sich im Büro des befehlshabenden Generals verbarrikadiert und das Militär aufgefordert, die Macht zu übernehmen. Das war natürlich nicht geschehen, aber Mishima war nicht bereit, nachzugeben. Er zog seine Jacke aus und stieß sich ein Schwert in den Bauch; dann schlug ihm einer seiner Anhänger den Kopf ab, bevor er sich selbst das Leben nahm. Das Ganze stand sauber und ordentlich in der großen Tradition der Samurai. Mishi- ma brannte damit ein unüberhörbares politisches Statement in das nationale Bewusstsein. Es blieb niemand am Leben, den die Obrig- keit bestrafen konnte – abgesehen von ein paar unbedeutenden Dis- ziplinarstrafen. In den Jahren danach wurde Mishima zur Kultfigur. Seine ultra-, nationalistische, militaristische Botschaft gewann jeden Tag neue Anhänger, Menschen, die endlich begriffen, dass es ihre Pflicht war, die Bestimmung der Nation zu verwirklichen und seine Ehre hoch- zuhalten. »Es würde nichts bringen, zu verbreiten, dass die Kaiserin Zeugin der Ermordung ihres Mannes wurde«, sagte Abe. »Die Kaiserin könnte es erwähnen, Sir.« »Sie redet nie mit der Presse, ohne zuvor ihre Ausführungen mit der Pressestelle des Palastes abzuklären. Sie hat einen furchtbaren Schock erlitten. Wenn sie sich erholt, wird sie verstehen, dass es dem nationalen Interesse nicht dienlich wäre, davon zu sprechen, dass sie bei dem Mord zugegen war.« »Ja, Sir. Ich werde umgehend die Pressestelle anrufen.« Der Premier nickte nur – Yahiro war absolut verlässlich –, dann fuhr er fort. »Prinz Hirohito muss den Thron besteigen. Schon in wenigen Stunden. Sorgen Sie dafür, dass die überlieferte Zeremonie peinlich genau eingehalten wird – die Ehre der Nation verlangt es. Er muss die kaiserlichen und staatlichen Insignien und die Nachbildungen der Amaterasu Schätze empfangen.« Die echten Schätze – ein Spie- gel, ein Schwert und ein halbmondförmiger Edelstein – konnten bis zur Shinto Sonnengöttin Amaterasu zurückverfolgt werden, von der die kaiserliche Familie abstammte. Sie waren zu kostbar, um aus ihrem Tresor hervorgeholt zu werden. »Arrangieren Sie das bitte, Yahiro.« »Jawohl, Premierminister.« »Alle Staatsbeamten haben anwesend zu sein. Die Kaiserin sollte auch erscheinen, wenn die Ärzte meinen, dass sie dazu in der Lage ist.« Der Premierminister war überwältigt von der historischen Bedeu- tung dieses Augenblicks. Einen Augenblick lang war er unfähig zu sprechen. Der Kaiser war tot. Ein neuer Kaiser wartete darauf auf den, Thron gehoben zu werden. Er schüttelte den Kopf und bemühte sich, seine Gedanken zu ordnen. So vieles musste getan werden … »Sagen Sie all meine Termine ab und lassen Sie einen Reden- schreiber kommen«, befahl der Premierminister seinem Sekretär. »Und den Protokoll-Beamten. Wir müssen eine Zeit der Staatstrauer verkünden, die Botschaften im Ausland benachrichtigen – alle –, dann ein Staatsbegräbnis ausrichten. Regierungschefs aus aller Welt werden zweifellos daran teilnehmen, also gibt es viel zu planen.« »Jawohl, Sir.« »Stellen Sie sicher, dass eine Kopie von Katos Brief an die Presse weitergeleitet wird. Die Öffentlichkeit hat ein Anrecht darauf, die Gründe dieser Katastrophe zu erfahren.« »Ja, Sir.« »Wir befinden uns an einem Wendepunkt der Geschichte, Yahiro. Wir müssen uns bemühen uns unserer großen Verantwortung als würdig zu erweisen. Zukünftige Generationen werden uns kritisch beurteilen.« Yahiro dachte über diese Bemerkung nach, als er das Büro ver- ließ, aber nur für ein paar Sekunden. Er war ein viel beschäftigter Mann. Premierminister Abe wartete, bis sich die Tür hinter Yahiro ge- schlossen hatte; dann öffnete er die Tür zum Konferenzraum, der an sein Büro angrenzte, und ging hinein. Zwei Männer in Unifor- men saßen an dem langen Tisch. Kleine Teetassen standen vor ih- nen. Einer der Männer war der oberste Führer der japanischen Streit- kräfte. Der andere war sein Stellvertreter. Die beiden Militärs blickten Abe erwartungsvoll an. »Es ist vollbracht.« Die beiden richteten sich in den Stühlen auf und blickten sich an., »Seine Frau war bei ihm … Sie hat es gesehen.« »Ein schlechtes Omen«, sagte einer. Vorsichtige, aufopfernde Männer – und dann diese schreckliche Panne! »Wir werden versu- chen, der Öffentlichkeit diese Tatsache zu verschweigen«, sagte Abe. Er machte eine nervöse Geste. »Wir müssen nach vorn bli- cken. Es gibt viel zu tun.« Die Generäle standen auf und verbeugten sich. »Für Japan«, sagte der Oberbefehlshaber der Streitkräfte leise. Masako erwachte in ihrem Bett in der kaiserlichen Residenz, einem in westlichem Stil eingerichteten Haus im Park des Kaiserlichen Pa- lastes. Ein Arzt und eine Krankenschwester waren bei ihr. Die Schwester fühlte ihr den Puls; der Arzt notierte sich etwas. Sie schloss die Augen. Die Szene kam so lebendig zurück, dass sie die Augen wieder öffnete und an die Decke starrte. Die Schwester flüsterte dem Arzt etwas zu. Der Arzt trat zu ihr, um ihren Kopf zu untersuchen. Er drückte mit den Fingern auf ihre Stirn, die wehtat. Offensichtlich hatte sie sich beim Hinfallen verletzt. »Lassen Sie mich bitte allein«, bat sie. Es dauerte eine Weile, aber schließlich verließen die beiden – un- ter vielen Verneigungen der Schwester – den Raum und schlossen die Tür hinter sich. Sie haben ihn ermordet. Sie fragte sich, ob sie wohl zu weinen beginnen würde. Als ihr klar wurde, dass sie nicht weinen würde, setzte sie sich im Bett auf und untersuchte ihre Kopfwunde in einem Spiegel. Ja, sie war mit der Stirn aufgeschlagen, dort war eine hässliche Beule. Sie berührte die Stelle, spürte den Schmerz, als sie drückte, kostete ihn aus. Sie haben ihn getötet! Einen schüchternen, freundlichen Mann, eine, Galionsfigur ohne Macht. Ermordet. Aus Gründen, die sich als trü- gerisch erweisen würden, als lächerlich. Aus Gründen, die allein ei- nen wahnsinnigen Fanatiker interessieren würde. Sie hatten ihn umge- bracht. Sie fühlte sich leer, als ob ihr jegliches Leben genommen worden sei. Sie war nur noch eine gefühllose Hülle, nichts weiter als eine Beobachterin der schrecklichen Tragödie, die diese Frau namens Masako durchlebt hatte. Sie setzte sich auf die Bettkante, wollte sich nicht bewegen. Bilder ihres Lebens mit Naruhito schossen ihr durch den Kopf, rasten vor- bei, aber schließlich waren sie vorübergezogen und der Baum drau- ßen hatte den Raum in seinen Schatten getaucht, und sie war bloß noch allein, in einem leeren Raum, und ihr Mann war tot. In Washington, D.C., war der Präsident der Vereinigten Staaten da- bei, schlafen zu gehen. Er war allein wie üblich, seine Frau besuchte eine Soirée irgendwo in Georgetown und spielte die Rolle der First Lady. Der Präsident kaute gerade zwei Tabletten gegen Sodbrennen, als er den Hörer des klingelnden Telefons abnahm und nuschelte. »Mmhmm.« »Mr. President, der Kaiser von Japan wurde vor etwa zwei Stun- den im Kaiserpalast ermordet. Es heißt, er sei enthauptet worden.« Die Stimme gehörte Jack Innes, dem nationalen Sicherheitsberater. Die Dienst habenden Offiziere der Nachrichtenzentrale des Weißen Hauses mussten ihm von diesen Ereignissen berichtet haben. »Wer war es?« »Anscheinend ein junger Offizier und drei Soldaten. Sie sind in den Palast gelangt, indem sie sich als Telefontechniker ausgaben. Sie haben den Kaiser mit einem vierhundert Jahre alten Samurai- Schwert geköpft. Dann haben sie Selbstmord begangen.« »Alle?«, »Alle vier. Der Offizier stach sich zunächst in den Bauch; dann wurde er von jemandem per Kopfschuss erledigt. Die drei Soldaten haben sich offenbar erschossen.« »Oh Gott!« »Ja, Sir.« »Rechts radikale ?« »Offenbar handelte es sich um Anhänger irgendeines rechten Kults, Mishima-Kult oder so ähnlich. Sie haben einen mit Blut geschriebenen Brief zurückgelassen, in dem eine Menge Blödsinn über Japans ruhmreiche Bestimmung stand.« »Haben wir eigentlich vom Kaiser je eine Antwort auf meinen Brief erhalten?«, fragte der Präsident. »Nicht, dass ich wüsste, Sir. Ich werde bei unserer Botschaft in Tokio und beim Außenministerium nachfragen.« »Wissen wir denn, ob er das Schreiben überhaupt erhalten hat?« »Unser Botschafter hat es persönlich der japanischen Regierung überbracht. Das ist alles, was wir sicher wissen.« »Sehr viele Möglichkeiten haben wir ja nicht.« »Morgen früh werden wir mehr wissen, Mr. President.« »Sobald Sie mehr erfahren haben, wecken Sie mich.« »Ja, Sir.« Präsident David Herbert Hood legte den Hörer auf und streckte sich auf seinem Bett aus. Er war sehr müde. Es schien, als sei er in diesen Tagen ständig müde. Naruhito war also tot. Ermordet. Und der Brief hatte nichts bewirkt. Drei Tage lang hatten sich der Präsident, Jack Innes und der Au- ßenminister mit der Formulierung des Briefes geplagt. Nach sorgfäl- tiger Überlegung hatten sie beschlossen, das geheime militärische Abkommen zwischen Russland und den Vereinigten Staaten uner- wähnt zu lassen. In diesem Abkommen versprachen die Vereinigten Staaten Russland militärischen Beistand, falls Russlands Grenzen, verletzt werden sollten. Das Protokoll war drei Jahre alt, ausgehan- delt und unterschrieben als Anreiz für die junge demokratische Re- gierung Russlands, die nukleare Abrüstung voranzutreiben. David Herbert Hood selbst hatte dem russischen Präsidenten persönlich zugesichert, dass dieses geheime Abkommen ein heiliges Verspre- chen sei: »Russisches Gebiet ist ebenso unantastbar wie die Grenzen der Vereinigten Staaten.« Gut, ein Versprechen ist ein Versprechen, aber ob es gehalten würde, stand auf einem ganz anderen Blatt. Der Präsident stieg aus dem Bett und trat ans Fenster. Er blickte auf die Lichter von Washington. Nach einer Weile sank er in einen Sessel und rieb sich den Kopf. Seit 20 Jahren war er in der Politik und hatte einiges an unvorhergesehenen Katastrophen erlebt. Meis- tens, so hatte er dabei gelernt, war es das Beste, nichts zu tun. Ja, nichts zu tun, war normalerweise am besten. Die Japaner hat- ten eine neuerliche Krise am Hals, und die Japaner mussten sie selbst lösen. Er sollte lieber zusehen, dass er ein wenig Schlaf bekam. Seit Jah- ren hatten sich die Nachrichten von der anderen Seite des Pazifiks stetig verschlechtert. Die Demokratie in Russland war ein zwei- schneidiger Segen gewesen. Endlich befreit von kommunistischer Tyrannei und Misswirtschaft, stellten die Russen bald fest, dass sie nicht in der Lage waren, eine stabile Regierung zu schaffen. Korrup- tion und Bestechung waren an der Tagesordnung, in jedem Beruf und jedem Milieu. Ein Mensch, der im Sterben lag, bekam keinen Arzt zu Gesicht, ohne zuvor die Sprechstundenhilfe bestochen zu haben. Offensichtlich waren die einzigen Menschen, denen es in der nachkommunistischen Ära gut ging, Verbrecher. Überall in Russland forderten zur Zeit ethnische Minderheiten Selbstverwal- tung und eigene Enklaven. Wenn die russische Regierung die Situa- tion nicht bald in den Griff bekam, war ein neuer Diktator unaus- bleiblich., Die amerikanische Öffentlichkeit wollte keine schlechten Nach- richten aus Übersee hören. Die neuerliche Krise im Nahen Osten hatte den Ölpreis hier und in der ganzen Welt verdoppelt, ein Vor- bote der zukünftigen Knappheit. Allerdings hatte Amerika selbst Öl, so dass es nicht so sehr litt wie Japan. Und das Öl floss wieder. Alles in allem war das Leben in Amerika sehr, sehr gut. Und David Herbert Hood hatte das große Glück, in diesem Augenblick oben zu schwimmen, Gastgeber der gigantischsten Party der Welt. Seine Beliebtheit war auf einem historischen Höhepunkt; die Amerikaner lebten im Wohlstand und in Frieden … Er würde mit einem Lä- cheln auf seinem Gesicht in die Geschichtsbücher eingehen, für das nächste Jahrhundert würden Kinder in der Grundschule seine Bio- graphie lernen und … Japan war im Begriff, in Sibirien einzumar- schieren. Der Präsident starrte düster auf die Lichter dort draußen in der Nacht. Ihn beschlich das Gefühl, als hätte aus irgendeinem unfass- baren Grund die Menschheit ein seltenes Intermezzo von Wohl- stand und Frieden genossen. Verdient hatten sie es sicher nicht. Der Kaiser … ermordet. Mein Gott! Der Mann war das gütigste Symbol des Besten der japanischen Kultur. Und sie hatten ihm den Kopf abgeschlagen! Hauptmann Jiro Kimura saß auf dem kleinen Balkon seiner Woh- nung, starrte zwischen Wohnungs- und Bürogebäuden hindurch zum Fudschijama hinüber und trank ein Bier. Obwohl er den Fud- schijama betrachtete, sah er vor seinem inneren Auge den Pikes Peak – kahl, felsig und hoch in den blauen Himmel von Colorado aufragend. ›Der Gipfel des Hechts‹ hatten ihn seine Mitkadetten der US-Air-Force-Akademie genannt. Es war in seinem zweiten oder dritten Jahr, als drei seiner Freun- de sich und ihn davon überzeugten, dass sie den Berg hinaufrennen, sollten. Und hinunter. Sie versuchten es am zweiten September- wochenende, den Pikes-Peak-Marathon, 13 Meilen hinauf und 13 hinunter. Jiro Kimura lächelte bei der Erinnerung. Was für tolle Burschen waren sie doch gewesen, zäh und drahtig, bereit, die Welt zu er- obern. Sie schafften es tatsächlich bis auf den Gipfel des Bergs und wieder hinunter. Das Tempo auf den letzten Kilometern des An- stiegs konnte man allerdings nicht mehr als Rennen bezeichnen. Nicht in einer Höhe von 3.700 Metern! Obwohl dieses Wochenende fast 12 Jahre zurück lag, konnte sich Jiro an die Gesichter der anderen Jungen erinnern, als ob es gestern gewesen sei. Er sah Truax' schüchternes Grinsen; Joe Layfields Som- mersprossen und Segelohren; die weißen Zähne von Ben Franklin Garcia, die aus seinem hübschen braunen Gesicht blitzten. Garcia war vor sechs Jahren bei einem F-16-Absturz irgendwo in Nevada umgekommen. Es hieß, seine Maschine hätte einen Flamm- abriss gehabt, und anstatt auszusteigen, hatte er einen Gleitflug ver- sucht. Das klang ganz nach Ben Garcia, ›dem Stolz von Pecos, Texas‹, wie sie ihn damals genannt hatten. Er war klug und hart im Nehmen gewesen, von einer Unbeirrbarkeit, die Jiro Kimura nie ge- nau definieren konnte. Nun, Ben war jetzt dort, wo Gott Piloten hinschickt, wenn sie schließlich auf die Erde fallen. Truax flog irgendwo in den Staaten C-141S, und Layfield hatte Wirtschaftswissenschaft studiert. Und Jiro Kimura flog Japans streng geheimes Kampfflugzeug, die neue Zero. Seine Frau Shizuko trat mit einem neuen Bier auf den Balkon. »Colonel Cassidy wird bald hier sein«, sagte sie, eine sanfte Ermah- nung, dass er sich außer T-Shirt und Shorts lieber noch etwas ande- res anziehen solle. Jiro lächelte dankbar. Bob Cassidy. Er war damals Major gewesen, ein junger Kampf-, pilot für ein Gastspiel an der Akademie verpflichtet. Er hatte Jiros Kadettengeschwader befehligt. Der junge Japaner, der an den Wo- chenenden oder Feiertagen nirgendwo hin konnte, hatte es ihm an- getan, und so nahm er ihn mit zu sich nach Hause. Cassidy war damals mit Sweet Sabrina, wie er sie immer nannte, verheiratet gewesen. Niemals nur Sabrina, sondern stets mit dem Adjektiv vor ihrem Namen und stets mit einem Lächeln. Sweet Sabrina … mit langen braunen Haaren und einem offenen Lä- cheln … Sie und ihr Sohn starben bei einem Autounfall, zwei Jahre nach- dem Jiro seinen Abschluss gemacht hatte. Cassidy hatte nicht wie- der geheiratet. Er hätte wieder heiraten sollen, dachte Jiro Kimura und blickte unwillkürlich durch die offene Tür zu Shizuko hinüber, die drinnen beschäftigt war. Vielleicht hatte Cassidy nie eine andere Frau getroffen, die sich mit Sweet Sabrina messen konnte. Vielleicht… Ach, könnte er doch nur die Zeit zurückdrehen! Wenn er doch noch einmal diese Tage erleben könnte, diese Tage, als sie auf Cas- sidys Veranda saßen, mit Truax, Garcia und Layfield, und Sweet Sa- brina den Jungs, die noch nicht 21 waren, kaltes Bier servierte, wäh- rend Bob Cassidy so tat, als bemerkte er es nicht, und irgendje- mand das Radio auf den Sender einstellte, der sich ›Der Gipfel‹ nannte, weil er immer die Tophits spielte. Nur einen einzigen Tag … das wäre doch nicht zuviel verlangt. Ein heißer Tag, an dem der Schweiß sofort auf der Haut verdunste- te. Ein heißer, wunderbarer, trockener Tag mit der Sonne Colora- dos im Gesicht und einem Hauch von Wacholder in der Luft und der Schattenseite von Pikes Peak, die sich am Nachmittag purpurn färbte. Jiro vermisste diese Tage. Er vermisste diese Menschen. Jedenfalls die meisten. Major Tar- leton, den Physikprofessor, vermisste er ganz bestimmt nicht, des-, sen beide Onkel im westlichen Pazifik beim ›Kampf gegen die Japse‹ umgekommen waren. So hatte er es immer formuliert und dabei Jiro angestarrt, als ob er persönlich den Angriff auf Pearl Har- bor befohlen hätte. Es hatte auch andere Offiziere und Soldaten ge- geben, die ihn spüren ließen, dass sie nichts davon hielten, dass ein japanischer Soldat an der amerikanischen Air-Force-Akademie aus- gebildet wurde. Tarleton war mehr als voreingenommen gewesen – er hatte versucht, Jiros akademische Laufbahn zu ruinieren, gab ihm bei jeder Prüfung schlechte Noten, obwohl alle Antworten kor- rekt waren. Jiro war scheu und einsam, deshalb ertrug er es still. Dann behauptete Tarleton, Jiro habe bei einem Examen betrogen. Ein eiskalter Bob Cassidy beorderte den jungen Kadetten in sein Büro und presste alles aus ihm heraus. Am folgenden Montag Morgen war Tarleton verschwunden, und Jiro hörte nichts mehr von seinem angeblichen Betrugsversuch. So war Cassidy. Er riskierte alles, um einen verängstigten Jungen zu retten. Jiro Kimura trank einen Schluck Bier und starrte mit blinden Au- gen auf den schneebedeckten Kegel des Fudschijama. Vielleicht war das, was er vermisste, Amerika. Er wischte sich die Tränen aus den Augen. Sie hatten nie gefragt, wer sein Vater war, was er tat, wie viel Geld er besaß. Nicht ein einziges Mal. Sie hatten ihn genommen, wie er war. Und sie machten ihn zu einem der ihren. Cassidy war jetzt Colonel, ein Verbindungsoffizier der Air Force an der amerikanischen Botschaft in Tokio. Er war immer noch gut in Form, grinste immer noch breit, wenn auch nicht mehr so wie damals, als Sweet Sabrina noch lebte. Er arbeitete zu viel. Dessen war sich Jiro sicher. Gute Colonels ar- beiten immer mehr als ihre Untergebenen, und Cassidy war gut. Er war einer der besten. Damals hatten ihn einige der Jungs hinter seinem Rücken ›Hopa-, long‹ genannt. Oder ›Butch‹. Sie mussten Jiro die Anspielungen er- klären. Er begriff nie genau, wie Spitznamen zustande kamen, ob- wohl er sich die amerikanische Vorliebe dafür aneignete. Doch für ihn blieb Cassidy immer Cassidy. Oder Bob. Wie amerikanisch! »Nennen Sie mich beim Vornamen. Das zeigt mir, dass Sie mich mögen.« Jiro zog sich gerade im Schlafzimmer um, als er hörte, wie es an der Tür klopfte und Shizuko Cassidy begrüßte. »Oh Colonel, so schön, Sie zu sehen.« Shizukos Englisch war nicht besonders gut, doch Cassidy hatte sie dennoch immer ohne allzu große Schwierigkeiten verstanden. »Haben Sie es schon gehört? Über den Kaiser?« Cassidys Stimme klang hart und sehr betroffen. »Welche Nachricht?«, hörte Jiro Shizuko besorgt fragen. »Er ist ermordet worden. Sie haben es gerade bekannt gegeben.« Shizuko sagte etwas, das Jiro nicht verstand, einige Sekunden später hörte er die Stimme des Fernsehsprechers. Er zog sich rasch an und eilte ins Wohnzimmer. Es war ein klei- ner Raum, etwa ein Drittel von Cassidys Wohnzimmer in Colorado Springs. Jiro schüttelte verärgert den Kopf, weil ihn dieser völlig irrelevante Gedanke gerade jetzt ablenkte. Er begrüßte Cassidy, der ihm kurz zunickte und weiterhin auf den Fernseher starrte. »Bleiben Sie sitzen, Colonel. Bob. Bitte.« Cassidy konnte ein wenig Japanisch, offenbar genug, um dem Nachrichtensprecher ohne größere Probleme zu folgen. Shizuko verbarg ihr Gesicht in den Händen. »Dies ist vielleicht kein guter Abend, um …«, begann Cassidy, aber Jiro gab ihm ein Zeichen, zu schweigen. Sie saßen auf den Matten vor dem Fernseher, während das letzte Nachmittagslicht am Himmel verblasste. Es war völlig dunkel ge- worden, als Jiro den Fernseher ausschaltete, und Shizuko in die, kleine Küche ging, um das Abendessen herzurichten. Cassidy war etwa 1,80 Meter groß, ein drahtiger Mann mit dem Körperbau eines Läufers. Heute Abend trug er Zivil, dunkle Hosen und ein beigefarbenes, kurzärmeliges Hemd. Er hatte blaue Augen und dünnes, dunkelblondes Haar. Aus einigen seiner Zähne waren die Ecken herausgebrochen, das war schon seit Jahren so. Eine billige Uhr an seinem linken Handgelenk war der einzige Schmuck, den er trug. »Bier?« »Gern.« »Schön, Sie zu sehen, Bob.« Kimura redete wie ein Amerikaner, dachte Cassidy, in flüssigem, akzentfreiem Englisch. »Als ich die Nachrichten im Radio hörte, wäre ich fast umgedreht und nach Hause gefahren«, sagte Cassidy. »Ich dachte, Sie und Shi- zuko wollten vielleicht lieber allein sein. Aber dann dachte ich da- ran, dass unsere Verabredungen immer so schwer zu arrangieren sind …« »Genau. Ich muss mit Ihnen reden. Dieses Attentat ist nicht gut.« Jiro Kimura dachte einige Sekunden nach, dann schüttelte er den Kopf. »Gar nicht gut. Japan befindet sich auf einem seltsamen, ge- fährlichen Weg.« Cassidy blickte sich in der Wohnung um und nahm das angebo- tene Bier entgegen. Kimura schaltete das Radio ein, drehte an den Knöpfen, bis er einen Sender mit Musik fand, und setzte sich dann wieder seinem Gast gegenüber. »Sie sind dabei, die Flugzeuge auf neue Stützpunkte zu verlegen«, sagte Jiro. »Wir packen alles zusammen, die Hilfsausrüstung, die Spezialwerkzeuge, Ersatzmotoren, Teile, Reifen, alles.« »Sie meinen, Stützpunkte außerhalb Japans?« »Ja.« Bob Cassidy verdaute diese Information schweigend. Schließlich nippte er an seinem Bier und wartete gespannt, was sein Gastgeber, sonst noch sagen wollte. Aus irgendeinem Grund erinnerte er sich in diesem Moment an den Jiro, den er damals als verlorenen, un- glücklichen Jungen auf der Air-Force-Akademie kennen gelernt hat- te. Er hatte noch nie einen so einsamen jungen Mann gesehen. Natürlich hatten die Japaner ihre Besten als Austauschstudenten in die Vereinigten Staaten geschickt. Jiro hatte den Abschluss als Zweitbester seiner Klasse geschafft. Klassenbeste war eine Schwarze aus Georgia mit einem IQ von 180. Sie hatte nicht einen einzigen Tag in Uniform verbracht, sondern auf Kosten der Air Force ihren Doktor in Physik gemacht. Das Letzte, was Cassidy gehört hatte, war, dass sie am Lawrence Livermore Labor Fusionsforschungen be- trieb. Jiro war ein erstklassiger Jagdflieger geworden – für Japan. Jetzt flog er ein Flugzeug, das unter höchster Geheimhaltung entwickelt worden war. Bevor Kimura die neue Zero vor sechs Monaten er- wähnt hatte, hatte Cassidy nicht gewusst, dass das Flugzeug über- haupt existierte. Sein Bericht hatte in Washington Bestürzung aus- gelöst, offenbar wusste auch dort niemand etwas darüber. Seither hatte er Berge von Anfragen über das neue Flugzeug aus Washing- ton erhalten, und er hatte nur zwei weitere Gespräche mit Jiro ge- führt. Das erste ergab sich, als er die Kimuras in Tokio zum Abendessen einlud. Jiro hatte während des Abends nicht über seinen Job ge- sprochen. Und Cassidy hatte sich nicht überwinden können, ihn danach zu fragen. Es war offensichtlich, dass Jiro lange und hart mit sich gerungen hatte, bevor er zum ersten Mal gegen die japanischen Sicherheits- vorschriften verstieß. Cassidy entschied, dass Jiro den nächsten Schritt machen musste. Wenn er der amerikanischen Regierung japanische Geheimnisse ver- raten wollte, würde Cassidy die Nachrichten weiterleiten. Aber er würde ihn nicht danach fragen., Letzten Monat waren Jiro und er gemeinsam zu einem Baseball- spiel gegangen. In der Einsamkeit eines fast leeren Stadionober- decks sprach Jiro sehr allgemein über die Dimensionen des japa- nischen Aufrüstungsprogramms, das seit mindestens fünf Jahren vorangetrieben wurde. Einiges davon wusste Cassidy bereits aus an- deren Quellen; anderes war ihm neu. Er hörte zu, stellte lediglich Verständnisfragen und schrieb einen genauen Bericht, als er abends nach Hause kam. An jenem Nachmittag hatte Jiro kaum über De- tails gesprochen. Was für einen inneren Kampf auch immer Jiro mit sich ausge- fochten hatte, jetzt war er anscheinend vorüber. Heute Abend hielt er Cassidys Blick stand. »Die neue Zero ist das fortschrittlichste Kampfflugzeug der Welt. Extrem manövrierfähig, gut getarnt, große Reichweite und Geschwindigkeit, leicht zu handhaben. Sehr hoch- entwickelter Radar und Computer, GPS ›das Satellitennavigations- system‹, alles, was gut und teuer ist. Und es hat Athena.« »Ich weiß nicht, was das ist«, sagte Cassidy. »Athena ist oder war der amerikanische Projektcodename für irgendeine sehr fortschrittliche Tarntechnologie, ein aktives ECM- Schutzsystem. Japan hat sich diese Technologie, die in den Verei- nigten Staaten aufgrund mangelnder Entwicklungsgelder fast gestor- ben war, irgendwie beschafft.« Cassidy nickte. Die Vereinigten Staa- ten investierten praktisch nicht mehr in die Forschung und Ent- wicklung militärischer Technologie. Jiro fuhr fort: »Athena kam zu einem Zeitpunkt nach Japan, als unsere Regierung für technische Entwicklungen im Militärsektor wirklich Geld auszugeben bereit war. Sie nahmen sich Athena vor und haben es zum Kernstück des neuen Zero gemacht.« »Erklären Sie mir, wie es funktioniert.« Da Jiro nicht sofort antwortete, fügte Cassidy hinzu: »Sie wissen doch, Jiro, Sie müssen mir gar nichts erzählen. Ich habe Sie nicht darum gebeten.«, »Ich weiß! Ich will es Ihnen erzählen, Bob.« Jiro Kimura suchte nach Worten. Er stand auf und trat hinaus auf den Balkon. Cas- sidy folgte ihm. »Ich bin in diesem Land geboren. Ich lebe hier. Aber Amerika ist auch mein Zuhause. Verstehen Sie?« »Ich denke schon.« »Ich habe zwei Zuhause, zwei Nationalitäten. Ich werde Ihnen sagen, was ich kann, und Sie müssen sehr vorsichtig sein, wenn Sie es weitergeben. Wenn die Japaner herausfinden, dass ich über diese Dinge geredet habe, kriege ich mächtigen Ärger.« »Kann man wohl sagen, Junge. Ich verstehe.« »Die Welt ist zu klein, um Loyalität allein nach der Rasse zu rich- ten. Oder nach der Nationalität.« »Das ist irgendwie eine fortschrittliche Idee, aber ich gebe Ihnen Recht –« »Bitte denken Sie jetzt nicht schlecht von mir, weil ich Ihnen die- se Dinge sage. Ich will nie gegen Amerikaner kämpfen.« Er stand Cassidy gegenüber und sah ihm direkt in die Augen. »Verstehen Sie, was ich meine, Bob?« »Ja, mein Junge.« Jiro legte die Unterarme auf das Balkongitter und betrachtete zwi- schen den Wolkenkratzern hindurch den weißen Geist des Fudschi- jamas, gerade noch sichtbar am späten Abendhimmel. »Athena be- deutet aktive ECM.« ECM hieß elektronische Gegenmaßnahmen. »Es erfasst feindlichen Radar und strahlt dann auf derselben Fre- quenz über Antennen am ganzen Flugzeug, um die eingehenden Übermittlungen aufzuheben. Es verwendet dabei einen kleinen su- pergekühlten Computer.« »Aha.« Jiro Kimura konnte Cassidys Gesicht ansehen, dass er nicht be- griff, welchen Vorteil Athena dem Flugzeug verschaffte. »Was Athe- na bewirkt, Bob, ist, die Zero für Radar unsichtbar zu machen.«, Cassidy zog die Augenbrauen hoch. »Die Tarnungs-Technologie wurde verbessert, als die Konstrukteu- re versuchten, das Radarecho zu minimieren, indem sie das Profil des Flugzeugs veränderten. Dann haben sie Radar absorbierende Materialien verwendet, soweit das irgendwie möglich war. Athena ist als Tarn-Technologie eine Generation weiter als Formen und Materialien. Sie wissen ja, dass die die Leistung und die Fähigkeiten eines Stealth-Bombers einschränken. Die Zero ist ein Flugzeug aus hochwertigen Einzelteilen – ein verdammt großer Motor, überall Tanks, Schubvektoren, Grenzschichtkontrolle auf feststehenden Tragflächen, wirklich außergewöhnlich leistungsfähig. Sie hat das ganze elektronische Drum und Dran, das ihrem Piloten hilft, den Feind zu finden und abzuknallen. Athena versteckt sie.« »Klingt ja wie ein Wahnsinnsflugzeug.« »Es ist ein höllisches Kampfflugzeug, Bob. Es kann einfach un- glaubliche Dinge in der Luft anstellen, und die hohen Tiere wollen, dass wir es als Abfangjäger einsetzen. Den Feind aufspüren, Raketen abfeuern und im Instrumentenanflug nach Hause fliegen. Hört sich an, als ob es von ein paar hoch dekorierten Schreibtischpiloten in einem netten, sicheren Büro verzapft worden wäre, nicht wahr?« »Na ja, wenn Sie genug Raketen haben …« »Es sind nie genug.« »Wie viele Zeros gibt es?« »Etwa hundert. Die genaue Anzahl ist geheim. Ich hab' mal ver- sucht, Bugräder zu zählen.« Nach einer Weile fragte der amerikanische Colonel: »Und wo will die japanische Regierung diese Dinger einsetzen?« »Russland, denke ich. Aber das hat noch niemand bestätigt.« »Wann?« »Bald. Sehr bald.« »Abe ist sehr nationalistisch eingestellt, befürwortet eine größere Rolle des Militärs. Wie denken die Jungs in Uniform darüber?«, »Den meisten von ihnen gefällt, was Abe sagt. Die Offiziere schei- nen fast alle zu ihm zu stehen.« Jiro hielt inne, um seine Gedanken zu sammeln. »Die Japaner haben viel mehr Achtung vor Autorität als Amerikaner. Sie sind gern Teil einer großen, organisierten Ge- meinschaft. Das passt irgendwie zu ihnen. Die amerikanische Idee von der Freiheit des Individuums …« Er schüttelte den Kopf und zuckte die Achseln. »Was ist mit den Anhängern Mishimas?« Diese ultrarechten Na- tionalisten waren wieder in die Schlagzeilen geraten und behaupte- ten, Anhänger im Militär und im Staatsdienst zu haben. »Mishima war ein Fanatiker, ein Fossil, ein Überbleibsel eines längst vergangenen Zeitalters. Jeder weiß das. Aber er hat die Rück- kehr zum Konzept des edlen Kämpfers gepredigt, dem Geist der Sa- murai, und das fasziniert viele Japaner noch immer.« Bob Cassidy rieb sich das Gesicht. Dann sagte er: »Ich glaube, ich habe Probleme mit Mishima, mit Abe und diesem Samurai- scheiß – ich habe Probleme, überhaupt etwas davon ernst zu neh- men. All dieses Testosterongegeifere und das ganze Gehabe … Mann, dieser Scheiß hat sich überall sonst von selbst erledigt, als das Schießpulver erfunden wurde. Es gibt keinen edlen Tod im Nuklearzeitalter. Das ist ein Wider- spruch in sich. Haben Hiroshima und Nagasaki das die Japaner nicht gelehrt?« Jiro zog eine Grimasse. »Bob, Sie reden mit einem Bekehrten«, sagte er. »Meine Moral wurde vor Jahren in Colorado Springs ver- dorben. Das versuche ich ja gerade zu erklären.« »Der einzige edle Tod ist der an Altersschwäche«, fuhr Cassidy fort, »aber da muss man erst mal hinkommen, mein Freund. Das wird in diesen Tagen immer schwieriger.« Shizuko kam aus der Küche und trug eine große Schüssel auf. »Danke, Jiro.« »Ich wünschte, Shizuko und ich wären wieder in Colorado, Springs, Bob, und wir würden zusammen mit Sweet Sabrina auf Ihrer Veranda sitzen.« »Wir können nicht zurück«, sagte Cassidy. »Wenn das Lied zu Ende ist, ist es zu Ende. Ich weiß das. Ich habe mich so schreck- lich zurückgesehnt, dass ich fast krepiert wäre.« Während des Abendessens sagte Jiro: »Amerika wird Farbe beken- nen müssen, Bob. Atsuko Abe und seine Freunde sind verrückt, aber ich glaube nicht, dass sie verrückt genug sind, sich mit den Vereinigten Staaten anzulegen.« »Ich hoffe bei Gott, dass Sie Recht haben.« Shizuko tat so, als verstünde sie die englischen Wörter nicht. »Was ist, wenn Sie nicht Recht haben?«, fragte Cassidy leise. Jiro tat, als habe er es nicht gehört. Bob Cassidys Gedanken wanderten zu Sweet Sabrina. Es war gut, dachte er, mit jemandem zusammen zu sein, der sich liebevoll an sie erinnerte. Der amerikanische Botschafter in Japan war Stanley P. Hanratty. Er besaß eine Reihe von Autohandelsfilialen um Cleveland und Ak- ron, war kahlköpfig, übergewichtig und clever. Seine mittlere Initi- ale stand für Philip, einen Namen, den er hasste, doch er fand, sein Name wirke ohne einen zweiten Vornamen oder eine Initiale nicht formell genug, so dass er das P. benutzte. Stanley P. hatte 27 Jahre seines Lebens gebraucht, um nach Japan zu kommen. Erst hatte er gebrauchte Autos verkauft, sein Haus und seine Seele verpfändet, um ein eigenes Gebrauchtwagen-Ge- schäft zu erwerben, und dann ein zweites, drittes, schließlich ein Neuwagengeschäft, dann noch eins und noch eins und noch eins. Er war gerade dabei, die Finanzierung des zweiten Geschäfts zu arrangieren, als er seine erste große politische Spende tätigte. Gele- gentlich haben Männer aus bescheidenen Verhältnissen große Am-, bitionen, und Hanratty wollte eines Tages Botschafter eines großen Landes sein. Jahrelang hörte er windigen Reden zu, schüttelte Hände, stellte Schecks aus und sah politische Hoffnungsträger kommen und ge- hen. Mittlerweile besaß er acht Filialen und spendete sechsstellige Summen an politische Parteien. Schließlich wurde er mit einem Botschafterjob belohnt. Stanley P. würde nie vergessen, wie ihn eines der Mitglieder des Übergangsteams des neuen Präsidenten wegen des Postens angeru- fen hatte. »Der designierte Präsident würde Ihren Namen gern an den Senat übermitteln, Mr. Hanratty, er will Sie in seinem Team.« »Guinea – Bis… wie? Wie sagten Sie, heißt das?« »Bissau. Das liegt in Afrika, glaube ich.« »Nördlich oder südlich vom Äquator?« »Äh, Sir, das weiß ich nicht. Wenn ich mich recht daran erinnere, liegt es in Westafrika, aber ich kann es nicht beschwören.« Stanley P. hatte über die Jahre viel Geld in seinen Wunsch inves- tiert, so dass er nicht zögerte. Ergriffen sagte er: »Richten Sie dem designierten Präsidenten aus, dass ich mich sehr geehrt fühle, dass er an mich gedacht hat. Ich werde seiner Regierung mit Freuden dienen, wo immer er möchte.« Nachdem er den Hörer aufgelegt hatte, schlug er den Namen im Atlas nach. US-Botschafter in Guinea-Bissau! In Guinea-Bissau aalte sich Hanratty nicht nur im Luxus der Bot- schaft herum, die in Wahrheit gar nicht so luxuriös war; sondern arbeitete hart, um das Geschäft mit der Diplomatie zu erlernen. Er nahm die Kasten und Diagramme des Außenministeriums und die Haken und Ösen der Politik Bissaus mit demselben gesunden Men- schenverstand und derselben Entschlossenheit in Angriff, wie er sei- ne Arbeit als Autohändler verrichtet hatte. Er lieferte scharfsinnige, Bewertungen lokaler Politiker und schrieb klare, knappe, exakte Be- richte. Nicht einmal lastete er die schlechten Verhältnisse in Gui- nea-Bissau der amerikanischen Außenpolitik an, eine Einstellung, die die Mitarbeiter des Außenministeriums ebenso ungewöhnlich wie erfrischend fanden. Es zeigte sich zudem, dass er eine Eigen- schaft hatte, die ihn in Washington sehr beliebt machte: Wenn man ihm Anweisungen gab, befolgte er sie aufs Wort. Nachdem sich seine Vorhersage bewahrheitet hatte, dass es einen Militärputsch in Guinea-Bissau geben würde, wenn eine gewisse Per- son die Wahl gewann, wurde Hanratty zum Botschafter einer Na- tion im Nahen Osten ernannt, die von fundamentalistischen islami- schen Fanatikern bedroht wurde. Er leistete auch dort großartige Arbeit, so dass der Außenminister erleichtert war, Stanley P. Han- ratty an die amerikanische Botschaft in Tokio senden zu können, als der US-Botschafter in Japan einen Herzinfarkt erlitt und tot um- fiel. Hanratty war bereits seit 13 Monaten in Tokio, als der Kaiser er- mordet wurde. Während seiner üblichen 16-Stunden-Arbeitstage war er Experte der unzähligen Aspekte in den amerikanisch-japanischen Beziehungen geworden und hatte sich viele Freunde in wichtigen Schlüsselpositionen gemacht. An diesem Abend, wenige Stunden, nachdem der Kaiser ermordet worden war und während die Welt noch unter Schock stand, saß er bei laufendem Fernseher in seinem Büro und gab einem privaten Brief an den Außenminister den letz- ten Schliff, als es an der Tür klopfte. »Herein«, rief er laut, weil die Türen dick und schwer waren. »Herr Botschafter, hätten Sie ein paar Minuten Zeit für mich?« »Colonel Cassidy, bitte treten Sie ein.« Stanley P. mochte den Air Force-Attaché, der gelegentlich vorbei- schaute, um ihn direkt über Entwicklungen im japanischen Militär zu informieren, über die er Wochen später in geheimen CIA-Papie- ren lesen würde. Der leitende CIA-Offizier erzählte ihm nie irgend, etwas. Es war fast, als ob er dachte, dass dem Botschafter sensible Informationen nicht anvertraut werden konnten, was Stanley P. et- was frostig stimmte. »Es war ein langer Tag, Colonel. Möchten Sie etwas trinken?« »Danke, gern, Sir. Ich nehme das Gleiche wie Sie.« Stanley P. holte eine Flasche Bourbon und zwei Gläser aus seiner unteren Schreibtischschublade, schenkte ein und reichte Cassidy ein Glas. »Ich habe spekuliert, Colonel. Nur so, ohne Informationen. Spe- kulieren Sie mit.« Cassidy nippte an seinem Whisky. »Glauben Sie, es wäre möglich, dass eine Gruppierung, sagen wir mal, in der japanischen Regierung, beim Attentat auf den Kaiser ihre Hand im Spiel gehabt hat?« »Ich habe heute mit einem Offizier der japanischen Luftwaffe zu Abend gegessen, und der sagte, dass die Offiziere fast alle zu Abe stehen. Sie sind davon überzeugt, dass er die Nation retten wird.« »Die Mörder waren Soldaten, glaube ich.« »Das ist das, was die Regierung der Presse sagt. Ich nehme an, ei- nige hohe Beamte könnten ein paar Fanatiker angeworben haben, einen Selbstmordauftrag zu übernehmen. So etwas hat es früher schon gegeben, wenn ich mich recht erinnere.« »Ja, es gab reihenweise solche Vorfälle«, gestand der Botschafter ein. Er konzentrierte sich auf seinen Drink. »Das Attentat macht den einfachen Leuten ziemlich zu schaffen«, sagte der Colonel. »Ich bin mit dem Zug nach Tokio zurückgefahren. Die Leute in den U-Bahnen und in den Zügen scheinen ziemlich bestürzt zu sein.« »Mord ist ein schmutziges Geschäft«, murmelte der Botschafter. »Dieser Offizier, mit dem ich heute zu Abend gegessen habe … Er hat mir einiges erzählt, was er nicht hätte sagen dürfen. Vielleicht war es wegen dem Attentat… Ach, ich weiß auch nicht!«, Cassidy wischte den Gedanken beiseite, er war nicht gewillt, sei- nen Freund zu analysieren oder höfliche Entschuldigungen für ihn zu suchen. Jiro tat, was er tun musste. »Die Japaner haben etwa ein- hundert höchst leistungsfähige Kampfflugzeuge entwickelt und in Dienst gestellt.« Der Colonel wog seine Worte sorgfältig ab. »Sie sind, laut meiner Quelle, weitaus leistungsfähiger als alles, was wir haben.« »Wie zuverlässig ist Ihre Quelle?« »Hundertprozentig.« Der Botschafter schenkte sich ein weiteres Glas ein und bot dem Colonel ebenfalls eines an, der ablehnte. Cassidy sah ihre Spiegel- bilder im Fensterglas. Darunter glitzerten die Lichter von Tokio. »Da ist noch was, was meine Quelle mir anvertraut hat und was Sie wissen sollten, Sir: Sein Geschwader bereitet sich auf einen Ein- satz in naher Zukunft vor.« »Wo?« »In Russland, meint er.« »Die Bitte um japanische Hilfe von den einheimischen Minder- heiten – letzte Nacht war was darüber im Fernsehen. Laut Regie- rung gehören sie zur gelben Rasse wie die Japaner.« Der Botschafter schaltete auf einen anderen Fernsehsender um. Er hatte sich mehr als nur ein bisschen Japanisch angeeignet. »Vielleicht wird das Geschwader Ihres Informanten nur zu einer anderen Basis hier in Japan verlegt«, meinte Stanley P. »Das ist möglich, Sir. Doch mein Informant glaubt das nicht. Er meint, dass das Geschwader sehr viel weiter weg stationiert wird.«, 3. KAPITEL

Als Masataka Okada nach dem Mittagessen in sein Büro zurück-kehrte, saßen die anderen aus der Abteilung alle vor dem Fern-

seher – einen Tag nach der Ermordung Kaiser Naruhitos wurden die Auswirkungen in jedem Sender haarklein analysiert. Okadas Bü- ro war für japanische Verhältnisse ziemlich groß, etwa drei mal drei Meter, aber alle Wände waren ab Hüfthöhe aus Glas. Offenbar glaubte der Architekt, die beste Art, Spione in Zaum zu halten, wäre es, sie einander beobachten zu lassen. Okada hatte den Morgen damit verbracht, die Nachricht eines Agenten mit dem Decknamen Zehn oder auf Japanisch Ju zu ent- schlüsseln. Leider war es untersagt, streng geheime Nachrichten die- ser Art in den Computer einzugeben, so dass die Arbeit von Hand gemacht werden musste. Er hatte die Nachricht dekodiert, eine ermüdende Aufgabe, sie dann übersetzt und hatte das Ergebnis vor der Mittagspause nieder- geschrieben. Jetzt holte er die Akte aus seinem persönlichen Tresor hervor und las die Übersetzung erneut. Die Nachricht war wichtig, keine Frage. Sehr wichtig. In der Tat vermutete Masataka Okada, dass sowohl Japans als auch Russlands Zukunft vom Inhalt dieser zweiseitigen Nachricht des Agenten Ju abhing. Natürlich hatte Okada keine Ah- nung, wer Ju tatsächlich war, doch offensichtlich hatte er Zugang zur obersten Führung der russischen Armee. Er musste auch Zu- gang zu den Tresoren der obersten Führung haben, denn einige die- ser Informationen konnten nur aus offiziellen Dokumenten stam- men. Die Nachricht lief darauf hinaus, dass das Lenksystem der U-, Boot-gestützten russischen Marschflugkörper entfernt worden war. Die Russen hatten im letzten Jahr die Lenksysteme ihrer landge- stützten Interkontinentalraketen entfernt, ihre taktischen nuklearen Gefechtsköpfe waren außer Dienst gestellt und vor fünf Jahren zer- stört worden. Russland war keine Atommacht mehr. Okada wusste, dass die Vereinigten Staaten im Geheimen auf ei- ner nuklearen Abrüstung bestanden hatten, als Preis für die massive ausländische Hilfe, damit das gegenwärtige gewählte Regime sich festigen und seine Macht behalten konnte. Diese Tatsache stammte aus einer abgefangenen diplomatischen Korrespondenz. Die Verei- nigten Staaten hatten nicht einmal ihre Verbündeten informiert. Okay, dadurch war das Geheimnis sicher gut verwahrt geblieben, sogar in Russland. Keine Silbe von dieser epochalen Entwicklung war irgendwo in der Presse Russlands oder Westeuropas erschienen: Okada hätte es sonst in den Pressezusammenfassungen des Geheim- dienstes gelesen. Das lag zum Teil daran, dass nur die oberste Kom- mandoebene des russischen Militärs wusste, dass bei einer Serie von Wartungsprogrammen alle Lenksysteme entfernt worden waren. Abrüstung war politisch so ein heißes Eisen, dass die russische Regierung es vor dem eigenen Volk geheim gehalten hatte. In irgendeiner verschlungenen Kremllogik ergab das durchaus ei- nen Sinn. Solange niemand außerhalb der oberen Regierungsmann- schaft wusste, dass die Atomwaffen nicht mehr betriebsbereit waren, verlor niemand Gesicht und Stimmen. Es gab keine internen poli- tischen Krisen. Und solange es niemand außerhalb Russlands wuss- te, wirkten die Raketen weiterhin als Abschreckung für potentielle Angreifer. Abschreckung war schließlich die Funktion der Interkon- tinentalraketen, oder? Jetzt wussten die Japaner davon. Und die russische Regierung wusste nicht, dass sie wussten. Das heißt, Japan würde es wissen, so- bald Masataka Okada den Leitwegzettel unterschrieb und die Nach-, richt an seinen Vorgesetzten sandte, den Chef des asiatischen Nach- richtenwesens für den japanischen Geheimdienst. Von Okadas Chef würde die Information an den Chef des Nachrichtendienstes gege- ben werden, der sie wiederum an Premierminister Atsuko Abe wei- terleiten würde. Was Atsuko Abe aus diesem Leckerbissen machen würde, darüber konnte man nur düster spekulieren. Masataka Okada tat genau dies, während er an einem Fingernagel kaute. Abes Reden über die nationale Bestimmung kamen ihm in den Sinn, ebenso wie die ge- heime militärische Aufrüstung der letzten fünf Jahre. Und nun gab es diesen Brief des Mörders, in Blut geschrieben, der der Presse durch jemanden aus dem Büro der Staatsanwaltschaft zugespielt worden war, die wegen des Attentats ermittelte. In dem Brief wurde gefordert, das Militär solle die Herrschaft übernehmen und Japan zum Ruhm führen. Okadas Freunde und Bekannte – die ganze Na- tion – konnten von nichts anderem reden. Erstaunlicherweise hat- ten die rituellen Selbstmorde der Mörder des Kaisers den ultrana- tionalistischen, militaristischen Ansichten der Mishima Sekte einen Anstrich der Rechtmäßigkeit gegeben, die sie nie zuvor gehabt hat- ten. Diese Orgie des verschrobenen Patriotismus ließ Okada frösteln. Welche Folgen hätte es für Japan, wenn gegen Russland militärisch vorgegangen würde? Okada wusste genau, dass es Folgen haben würde, und zwar hauptsächlich unvorhersehbare und, wie er fürchtete, hauptsächlich negative. Er teilte Abes Glauben an die Bestimmung Japans nicht. Die erste Frau von Okadas Vater war unter dem Atompilz von Hiroshima gestorben. Er war ein Sohn der zweiten Ehefrau, die in Hiroshima schwerwiegende Verbrennungen erlitten, aber überlebt hatte. Als Junge hatte er die Narben seiner Mutter gesehen, wäh- rend sie badete. Als er zehn war, starb sie an Leukämie – ein weite- res Opfer der Bombe. 40 Jahre waren seitdem vergangen, doch er, konnte immer noch die Augen schließen und das verbrannte Fleisch auf ihrem Rücken sehen, buchstäblich gekocht durch den thermischen Impuls der Explosion. Er fingerte nach seinen Zigaretten, zündete eine an und versuchte den Rücken seiner Mutter zu vergessen, während er tief inhalierte und den Rauch genoss. Was wäre, wenn … Was wäre, wenn diese Nachricht lediglich besagen würde, dass einige der Lenksysteme entfernt worden waren? Masataka Okada betrachtete die Nachricht eingehend. Nun, es wäre leicht genug, eine andere Übersetzung zu schreiben. Wenn er diesen dritten Satz löschte, diese Phrase änderte, ein oder zwei Sätze zum Schluss hinzufügte, dann konnte er es so erscheinen las- sen, als wären die Russen immer noch Jahre von einer vollständigen Abrüstung entfernt. Seine Vorgesetzten würden es schließlich herausfinden. Würden sie das wirklich? Es war ja nicht so, dass der Chef des Nachrichtendienstes in nächster Zeit zu einem persönlichen Gespräch mit dem Agenten Ju nach Moskau fahren würde. Die anderen im Büro starrten immer noch auf den Fernseher. Ich werde anscheinend wahnsinnig. Verrückt. Der Stress wird mir zu viel. Die erste Regel, die allererste Regel ist, niemals irgendetwas niederzuschreiben, das auch nur den leisesten Verdacht erwecken könnte. Hinterlasse keine Spu- ren. Aber das, woran ich denke, ist nicht Spionage, es ist Sabotage. Er wand seine Finger ineinander und verdrehte sie, bis der Schmerz ihm Tränen in die Augen trieb. Irgendwann muss ein Mann einen Standpunkt vertreten. Das ist Wahnsinn! Du versuchst lediglich Zeit zu gewinnen. Okada spannte ein Blatt Papier in seine Schreibmaschine, blick- te noch einmal kurz auf die Rücken seiner Kollegen und begann zu, schreiben. Du erkaufst Zeit mit deinem eigenen Leben, Narr. Niemanden kümmert das. Kein Mensch interessiert sich einen Scheißdreck dafür. Nach zwei Zeilen hörte er auf und starrte die Worte an, die er ge- schrieben hatte. Das würde nicht funktionieren. Ju würde sicher weitere Nachrichten schicken; tatsächlich könnte er schon neue Berichte über dieses Thema eingereicht haben. Sehr wahrscheinlich sogar. Sowohl frühere als auch zukünftige Berichte könnten einem anderen Kryptographen gegeben werden. Es war rei- ner Zufall, dass Okada ausgerechnet diese Nachricht übergeben worden war. Er nahm das Blatt Papier aus der Schreibmaschine und spannte ein anderes ein. Der beste Weg, die Information zu entschärfen, war nicht, die Tatsachen zu ändern, mit der sie zusammenhingen, sondern die Art, wie sie zusammenhingen. Okada kannte seinen Chef Toshihi- ko Ayukawa. Der Mann hatte ein unheimliches Talent, Gold von Schund zu trennen. Nachrichtendienste sammelten zwangsläufig riesige Mengen Schund: leere Gerüchte, wilde Spekulationen, ver- fälschten Klatsch, absolute Lügen, und, im schlimmsten Fall, Des- information, die als Wahrheit durchging. Über die Jahre war Okada zu einem Fachmann für Geheimdienstberichte geworden. Als er ihn niedergeschrieben hatte, schien der Bericht des Agenten Ju reines Gold zu sein – er enthielt beredte Tatsachen, Mengen von Tatsa- chen, in so wenige Wörter wie möglich gezwängt, und doch wurde die Quelle jeder Tatsache sorgfältig genannt. Was, wenn der Stil ge- ändert wurde, nicht viel, aber gerade genug? Es wäre riskant – die Nachricht müsste für jemanden, der Jus Stil kannte, absolut authentisch erscheinen, aber der Ton musste falsch wirken – nicht eindeutig falsch, aber abweichend genug, um beim sachkundigen Leser den Schatten eines Zweifels am Wahrheitsgehalt, der Tatsachen aufkommen zu lassen. Der Ton wäre die Lüge. Toshihiko Ayukawa war weiß Gott ein sachkundiger Leser! Okada zündete sich eine neue Zigarette an. Er beugte und streckte die Fin- ger. Seine Kollegen klebten immer noch vor dem Fernseher im Ge- meinschaftsraum. Er nahm einen letzten Zug, legte die glimmende Zigarette in den Aschenbecher und begann zu schreiben. Ihm schoss der Gedanke durch den Kopf, dass Ayukawa einen anderen Kryptographen bitten könnte, die Originalnachricht erneut zu entschlüsseln. Das würde er tun, wenn er dachte, dass Okada nachlässig gearbei- tet hatte. Und wenn er das tat, steckte Okada in allergrößten Schwierigkeiten. Er musste sich einfach auf seinen Ruf verlassen, das war alles. Er war der Beste. Der Chef wusste das verdammt gut. Nun, das Schicksal eines jeden Mannes lag in den Händen der Götter. Sie schrieben das Leben eines Mannes nach ihrer Wahl. Seine Finger flogen über die Tastatur. Als er fertig war, las er den Text sorgfältig durch. Er war so, wie er es wollte. Er steckte die gefälschte Nachricht in den offiziellen Umschlag und unterschrieb den Leitwegzettel im Kasten, der für die Krypto- graphen vorgesehen war. Draußen sahen die Leute immer noch fern, liefen herum, redeten. Niemand schien ihn zu beachten. Okada hielt die Kopie der echten Nachricht unter seinen Schreib- tisch und faltete sie sorgfältig zusammen. Dann steckte er das klei- ne Papierquadrat in seine Socke. Er hob den Umschlag auf, wog ihn ein letztes Mal. Wenn er mit diesem Umschlag in der Hand sein Büro verließ, hatte er sich un- widerruflich festgelegt., Er taumelte leicht, die Ungeheuerlichkeit seiner Tat lastete auf ihm. Das Atmen fiel ihm schwer. Ayukawa kannte Jus Arbeit. Diese getürkte Nachricht könnte auffallen wie ein Blaulicht in einer dunklen Nacht. In diesem Fall war Masataka Okada verloren. Sein Blick fiel auf das alte Familienfoto, das auf seinem Schreibtisch stand. Es stand dicht an der Kante, kurz davor, zu Boden zu fallen. Er hatte es zur Seite geschoben, um Platz für die üblichen Bücher, Akten und Be- richte zu machen, die wie Pilze aus seinem Schreibtisch zu wachsen schienen. Das Bild musste mindestens zehn Jahre alt sein. Seine Tochter war jetzt erwachsen, hatte selbst ein Baby. Sein Sohn war auf der Universität. Wie würden sie wohl aussehen, wenn ihnen schwarze, rauchende Hautfetzen vom Rücken hinunterhingen? Von ihren Gesichtern? Masataka Okada packte den Umschlag und verließ sein Büro. Um sechs Uhr abends kam Okadas Vorgesetzter Toshihiko Ayuka- wa schließlich dazu, den als geheim klassifizierten Umschlag zu öff- nen, der die entschlüsselte Nachricht des Agenten Ju enthielt. Er hatte das Gefühl gehabt, diese Nachricht könnte sehr wichtig sein, als sie hereinkam, doch er war den ganzen Nachmittag lang in Be- sprechungen gewesen und kam erst jetzt zu den brandwichtigen Angelegenheiten, die in seinem Büro auf ihn warteten. Es war ein Wunder, dass sein Schreibtisch unter Meldungen von einem streit- lustigen China, Unruhen in Sibirien und Straßenkrawallen in Hongkong nicht in Flammen aufgegangen war. Und doch hatten das Attentat auf den Kaiser und das bevorstehende Staatsbegräbnis Vorrang vor allem anderen. »Nein«, hatte er dem Direktor des Geheimdienstes gesagt, »wir haben keinerlei Hinweise dafür, dass irgendeine asiatische Macht etwas mit dem Mord am Kaiser zu tun hat.«, Als Ayukawa die Nachricht las, runzelte er die Stirn. Sie hörte sich an, als käme sie von Ju, enthielt die korrekten Codes … noch einmal las er sie langsam durch, sein Verstand arbeitete auf Hoch- touren. Er blickte auf den Umschlag, suchte die Unterschrift des Kryptographen. Okada. Dann rief er seinen Privatsekretär Sushi Maezumi und hielt den Umschlag hoch. »Warum haben Sie das hier Okada gegeben?« Der Assistent betrachtete die Unterschrift, dann machte er ein langes Gesicht. »Entschuldigen Sie. Ich habe es vergessen.« »Ich hatte noch eine Kopie dieser Nachricht zum Entschlüsseln gegeben.« Ayukawa konsultierte sein Hauptbuch. Er zog es vor, seine Abteilung strikt aufzuteilen. Es war bedauerlich, dass der Sek- retär erfahren musste, dass er gelegentlich Duplikate der zu ent- schlüsselnden und zu übersetzenden Nachrichten verteilte, doch er hatte nicht die Zeit, alles selbst zu tun und musste deshalb delegie- ren. Durch die Verwendung von Duplikaten konnte er die Kompe- tenz seiner Leute kontrollieren. Und ihre Loyalität. Und wenn die Nachricht wichtig war, hatte er zwei Versionen, die er vergleichen konnte, denn sie waren nie genau gleich. »Nummer drei vier null neun«, sagte Ayukawa. »Wo ist das?« »Hier.« Sushi zog den Umschlag unter dem Stapel hervor. Ayuka- wa riss ihn auf und überflog die Nachricht. Er machte sich nicht die Mühe, sie mit Okadas Kurzgeschichte zu vergleichen. »Sie haben meine Anordnung missachtet. Ich hatte Ihnen be- fohlen, ohne mein ausdrückliches Einverständnis Okada keine heik- len Meldungen zu geben.« »Ich habe es vergessen.« Die Vermeidung direkter Konfrontation war eine der Säulen, auf denen Japans Gesellschaft ruhte. Ayukawa hatte wenig Verwendung für solche Umgangsformen. »Das ist keine Entschuldigung«, sagte er unverblümt. Sein Sekretär wurde blass. »Meine Anweisungen, müssen genau befolgt werden. Immer. Ich bin der verantwortliche Offizier, nicht Sie. Und Sie wissen, dass wir einen Maulwurf unter uns haben… Aber genug – wir diskutieren das später. Sehen Sie nach, ob Okada noch im Gebäude ist. Sofort.« Nach dieser verbalen Tracht Prügel schoss Sushi Maezumi sprach- los aus dem Büro, als ob er sich verbrüht hätte. Neonlichter färbten die Haut der Besucher im Shinjuki Distrikt nacheinander rot, grün, blau, orange und gelb, während sie von ei- nem grell beleuchteten Schaufenster zum nächsten schlenderten. Über dem Licht herrschte die Nacht, doch hier war das Leben. Hier gab es Sex. Dies war Tokios Rotlichtviertel, sogar mehr als das. Es war eine Ansammlung von Buchhandlungen für Erwachsene, Peepshows, Pornopalästen und Nachtklubs; hier fand sich auch hier und da ein Bordell für die unheilbar Normalen. Die Bordelle variierten von Etablissements, die sich auf billige Quickies spezialisierten, bis hin zu Geishahäusern, wo die Abendunterhaltung Tausende von Dol- lars kosten konnte. Die Menschenmassen waren Teil der Anziehungskraft des Viertels. Ein Besucher konnte in die Masse eintauchen und zum anonymen Voyeur werden; er konnte ungeachtet sozialer Konvention sexuelle Freuden genießen. Masataka Okada bewegte sich gewandt durch das Menschenge- wimmel. Er genoss die sexuelle Spannung, eine Befreiung von dem unglaublichen Stress, den er an diesem Tag ausgehalten hatte, wie an jedem anderen Tag auch. Die blinkenden Lichter und die un- heimlichen Farben, hervorgehoben auf den weißen Hemden der Männer, schienen ihn und jeden anderen in die Phantasiewelt des Vergnügens zu ziehen. Okada kaufte sich bei einem Straßenverkäufer zwei viereckige, Pasteten mit Haifleisch. In der Hitze des Abends und der Enge der Massen rochen Bratfett und Fisch besonders beißend. Er ließ sich in diesem Menschenmeer weitertreiben. Lichter, Hitze und Gerüche hüllten ihn ein. Irgendwo auf diesem Planeten könnte es einen Beruf geben, der noch belastender war als der eines Spions, doch es war schwierig, sich das vorzustellen. Ein Spion spielte ein tödliches Spiel, war im- mer im Einsatz, rechnete jeden wachen Moment damit, dass der Vorhang fiel. Am Anfang war es für Masataka Okada leichter gewe- sen, jetzt jedoch, als die vollen Auswirkungen seiner Entscheidung zunehmend klar wurden, wurde es immer schwieriger, jeden Tag zu überstehen. Jede Geste, jedes Wort, jede unausgesprochene Nuance musste auf eine finstere Bedeutung geprüft werden. Jedes Versehen wäre tödlich, so dass jede Entscheidung mit enormem Stress ver- bunden war. Die Wahrheit war, dass Masataka Okada ausbrannte. Er näherte sich dem Ende seiner Kräfte. Als er an diesem Abend durch die Straßen spazierte und die Mas- sen beobachtete, wandten sich seine Gedanken dem Zweiten Welt- krieg zu. Jeder Japaner musste sich persönlich mit dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzen. Jeder hatte in diesem Holocaust Fa- milienangehörige verloren – Großväter, Väter, Brüder, Onkel, Vet- ter, Mütter, Tanten, Großmütter – sie hatten sich in Rauch aufge- löst, als ob sie nie dagewesen wären. Doch sie waren dagewesen; sie hatten gelebt, und sie waren vernichtet worden. Etwa 2,1 Millionen Japaner waren in diesem Krieg umgekommen, über 6 Millionen Chinesen. Und wie auch immer es die Apologe- ten hinbogen, Fakt war, dass der Krieg im Pazifik 1937 mit Japans großangelegtem Angriff auf China begonnen hatte. Sobald Blut geflossen war, war Japans Verhängnis besiegelt: das Massaker von Nanking, Pearl Harbor, der Todesmarsch von Bataan, die Brand- bomben auf japanische Städte, Okinawa, die Auslöschung von, Hiroshima und Nagasaki – eine Litanei des Leidens, entsetzlicher als alles, was die Menschheit bisher erleben musste. Okada hatte sich vor langer Zeit seine Meinung darüber gebildet, wer für diesen selbstmörderischen Verlauf der Ereignisse verantwort- lich war: Japans Regierung und sein Volk, denn Regierungen agieren nicht in einem Vakuum. Wenn man in Ruhe darüber nachdachte, musste man die geistige Gesundheit der Verantwortlichen in Frage stellen. Eine übervölkerte Inselnation von der Größe Kaliforniens hatte bereitwillig den totalen Krieg mit der mächtigsten Nation der Erde gesucht, die das Zweifache seiner Bevölkerung und das Zehn- fache seiner industriellen Kapazität hatte. Und so, in einer in Blut geschriebenen Tragödie, war auf dem Al- tar des Kriegs eine ganze Generation junger Männer geopfert wor- den; das Vermögen einer ganzen Nation – angesammelt durch die Jahrhunderte – wurde vergeudet, jede Familie auseinandergerissen, das Vaterland vernichtet, verwüstet. All dies war Geschichte, tote Vergangenheit. So lange her und weit weg wie die Wiedereinsetzung der Mejii, wie der erste Shogun … Und doch war es nicht so. Der Krieg hatte bei ihnen allen Narben hinterlassen. Nach einer Stunde erreichte Okada einen kleinen Peep-Salon. Mit einem letzten langen Blick betrachtete er die Menschen hinter sich, die sich in einer Fensterscheibe spiegelten, bezahlte Eintritt und ging hinein. Das Foyer war schwach erleuchtet. Musik drang aus versteckten Lautsprechern: japanische Klänge, näselndes Klagen über dem Ge- klimper eines Saiteninstruments – einfach nur Lärm. Vom Foyer aus betrat man einen langen Flur, an dessen Seiten sich Türen befan- den. Kleine rote Glühbirnen an der Decke erhellten die Luft, die fast undurchdringlich war: wirbelnder Zigarettenrauch, der Geruch nach Schweiß und etwas Ekel erregend Süßlichem – Sperma. Die Wände schienen ihn zu erdrücken; es war fast unmöglich, zu atmen., Ein Hausdiener stand im Flur, ein kleiner Mann in einem weißen Hemd ohne Kragen. Seine Zähne waren so schief, dass seine Lippen ständig zu einem höhnischen Grinsen verzogen waren. Eine glim- mende Zigarette hing in seinem Mundwinkel. Er sah Okada aus to- ten Augen an, hob seine Finger und zeigte damit Zahlen. 32. Okada suchte die Nummer an einer der Türen. Es war die hinter dem Mann. Er drehte sich im engen Flur zur Seite, um an dem Hausdiener vorbeizukommen. Als er dies tat, öffnete der Mann hinter ihm eine Tür. Für einige Sekunden waren Okada und der Hausdiener auf ei- nem winzigen Fleck im Flur isoliert, geschützt vor allen anderen menschlichen Blicken. In diesem kurzen Moment drückte Okada dem Mann die Nach- richt in die Hand. Er fand Kabine 32, öffnete die Tür und trat ein. Zehn von ihnen warteten auf ihn, doch Masataka Okada wusste das nicht. Sie hatten zwei Kreise gebildet, der erste schloss alle mög- lichen Wege zu dem Wohngebäude ein, der zweite alle Eingänge. Zwei Männer warteten bei seiner Frau in der Wohnung. Der Mann in der U-Bahnstation sah ihn zuerst. Er wartete, bis Okada aus Sicht war und erstattete dann per Funk Bericht. Okada war nervös, argwöhnisch. Die Freuden Shinjukus hatten ihn heute Abend nicht ablenken können. Es war ihm nicht gelungen, Jus Nachricht zu vergessen, er konnte nicht aufhören, über den Mord an dem Kaiser nachzugrübeln, er konnte nicht aufhören, an den vernarbten Rü- cken seiner Mutter zu denken. Obwohl er nervös und auf der Hut war, sah er den Mann in der U-Bahn nicht. Einen Block weiter entdeckte er den Mann, der den Seitenein- gang des Gebäudes beobachtete, in dem er wohnte. Dieser Mann, saß in einem geparkten Auto; er machte den Fehler, sich umzuse- hen. Als er Okada sah, schaute er weg, zu spät. Masataka Okada ging weiter in Richtung Eingang, während sein Verstand fieberhaft arbeitete. Sie waren gekommen. Endlich. Sie waren seinetwegen hier! Seine Frau … sie war oben. Sie wusste glücklicherweise absolut nichts von seiner Spionagetätigkeit. Also gab es nichts, was sie ihnen sagen konnte. Es sollte nicht so enden. Wirklich nicht. Er hatte sein Bestes ge- tan. Er wollte nicht, dass zukünftige Generationen von Japanern das erleben mussten, was seine Eltern erlitten hatten, und er hatte den Mut gehabt, nach seiner Überzeugung zu handeln. Jetzt war es an der Zeit, die Rechnung zu begleichen. Nun gut, die Amerikaner hatten die Nachricht, sowohl die von Ju als auch all die anderen, all die Kopien von Dokumenten, die er gemacht und weitergegeben hatte, die ausführlich über geheime Waffenverträge und die Aufrüstung Auskunft gaben, die im Verlauf der letzten sieben Jahre stattgefunden hatte. Sie wussten es, und Abe wusste nicht, dass sie es wussten. Abe würde es herausfinden, wenn es diesen Männern gelang, ihn festzunehmen. Sie würden die Wahrheit von ihm erfahren – so oder so. Okada machte sich in dieser Hinsicht keine Illusionen. Ihnen wäre jedes Mittel recht, um ihn zum Reden zu bringen; es stand einfach zu viel auf dem Spiel. Die dunkle Eingangstür des Hauses gähnte vor ihm. Wenn er durch diese Tür ging, hatten sie ihn. Vielleicht warteten einige von ihnen drinnen darauf, ihn zu packen, ihn auf den Boden zu werfen und ihm die Handschellen anzulegen. Selbst wenn sie ihn bis zu seiner Wohnung hinaufgehen ließen, dort würden sie ihn ergreifen. Sie würden ihm nie erlauben, das Haus zu verlassen. Diese Gedanken schossen ihm durch den Kopf, während er einen weiteren Schritt auf den Eingang zu tat., Er würde nicht hineingehen. Er wandte sich nach rechts, den Bürgersteig hinunter, und be- schleunigte seine Schritte. Als er kurz über die Schulter zurückblickte, sah er, wie der Mann im Auto ihm nachsah und ein Funkgerät vor den Mund hielt. Obwohl er wusste, dass er das lieber nicht tun sollte, begann Ma- sataka Okada zu laufen. Er hatte ein gutes Leben geführt, und das wollte er nicht aufge- ben. Jene Narren, die den Kaiser getötet und dann Harakiri began- gen hatten, hatten freiwillig die einzige Existenz beendet, die sie je- mals haben würden. War das Leben wirklich so wertlos, dass ein Mensch es wegwerfen sollte, als ob es nicht wichtig wäre? Er rannte auf die Straße und schaffte es gerade noch, einem entgegenkom- menden Bus auszuweichen. Er erreichte den Gehsteig auf der ande- ren Seite und bog in eine Gasse ein. Am Ende der Gasse stieß er auf eine rote Ziegelmauer, über die Okada keuchend und schnau- fend kletterte und sich dabei heftig den Knöchel aufschürfte. Er fand sich auf einem Friedhof wieder. Die Grabsteine und kleinen Tempel sahen im reflektierten Dämmerlicht der Stadt unheimlich und finster aus. Er sah es als fürchterliche Offenbarung: dies war Ja- pans Zukunft – eine Nation von Grabsteinen und Begräbnistem- peln, Urnen mit Asche, eine Nation der Toten. Schluchzend schlängelte sich Okada durch das Mauerwerk und kroch über die Mauer auf die andere Seite. Sein verletzter Knöchel brannte wie Feuer, doch der Zusammenbruch seiner Welt und seine Zukunfts- vision schmerzten viel schlimmer. Seine Frau … Was würde sie denken? Oh, wie hatte er sie im Stich gelassen, die arme, treue Frau. Er lief durch eine andere Gasse, gesäumt von kleinen Holzhäu- sern, Reliquien des alten Japan. Er dachte daran, ein Fahrrad zu stehlen, konnte sich jedoch nicht dazu durchringen. Am Ende der Gasse war eine Straße. Obwohl er bereits ziemlich außer Atem war,, trabte er weiter. Als er um die Ecke bog, traf er auf einen Mann, der in die entgegengesetzte Richtung rannte. Okada hatte Glück – er reagierte als Erster, riss die Hände hoch und stieß den anderen Mann zu Boden, als er an ihm vorbeikam. Er blickte nicht zurück, rannte nur. Doch sein Gang war mehr ein hartnäckiges Taumeln, seine Lungen zerrissen fast, während er vergeblich keuchte, außerstande, genug Sauerstoff zu bekommen. Dort vorn war eine U-Bahnstation. Wenn er einen Zug erwischen könnte, könnte er irgendwo aussteigen, könnte in Tokio untertau- chen, vielleicht sogar die amerikanische Botschaft erreichen. Zu den Amerikanern flüchten, die gesagt hatten, dass dies eines Tages geschehen könnte. Er hatte sich geweigert, es zu glauben, ob- wohl er wusste, dass es stimmte. Er war kurz davor ohnmächtig zu werden, konnte kaum noch denken. Er rauchte schon seit Jahren mehrere Schachteln Zigaretten am Tag und trieb keinen Sport. Okada hörte die Schritte hinter sich auf das Pflaster hämmern. Da – die Treppe zur U-Bahn! Er rannte hinunter, ergriff das Dreh- kreuz und sprang darüber. Noch mehr Stufen. Er nahm immer zwei auf einmal. Immer noch hörte er die Schritte hinter sich, näher und näher, doch er zwang sich mit letzter Kraft dazu, weiterzulaufen, obwohl er kaum noch atmen konnte und kaum sah, wo er hinlief. Punkte tanzten vor seinen Augen. Ein Zug kam. Wenn sie mich kriegen … Der Zug fuhr immer noch mit ziemlichem Tempo, als Masataka Okada mit einem Kopfsprung vom Bahnsteig sprang, direkt vor ihn., 4. KAPITEL

Er konnte es über sich sehen. Mindestens drei Kilometer überihm: eine blitzende silberne Form im weiten, tiefen Blau. Jiro

Kimura benutzte den Haltegriff am Cockpitbug, um sich gegen die g-Kräfte aufrecht zu halten. Er grunzte, spannte seine Muskeln an, um das Bewusstsein nicht zu verlieren, und bemühte sich, die Au- gen auf dieses hoch oben blitzende silberne Flugzeug gerichtet zu halten. Wenn er die Maschine aus den Augen verlor, könnte es mehrere Sekunden dauern, bis er sie wiederfand, Sekunden, die er nicht ver- lieren durfte. Der andere Pilot blickte zweifellos auf ihn hinunter, beobachtete, wie er sich drehte und Haken schlug, und wartete auf eine Chance, aus allen Rohren feuernd herunterzustoßen – wie ein rächender Engel. Oder der verdammte Rote Baron. Um zu töten. Jiro Kimura wusste das alles, weil er den anderen Piloten kannte. Sein Name war Sasai. Er war gerade 24, lächelte selten und machte niemals denselben Fehler zweimal. Dies war erst Sasais dritter Mann-gegen-Mann-Flug, doch er lernte schnell. Gerade jetzt wollte Kimura Sasai glauben machen, er habe eine Chance, obwohl das nicht stimmte. Kimura rüttelte seine Tragflächen heftig von einer Seite zur an- deren, erst in die eine Richtung, dann in die andere. Er drückte den Steuerknüppel vorwärts, um das Flugzeug nach vorn zu kippen, und beschleunigte, aber das konnte Sasai drei Kilometer über ihm nicht erkennen. Alles, was er sehen konnte, waren die wackelnden Tragflächen, als ob Kimura für einen Augenblick den Sichtkontakt verloren hätte und vergeblich versuchte, seinen Gegner wiederzufin- den., Sasai schwenkte in einem Bogen hinter Kimura ein, drückte die Nase hinunter und stürzte sich ins Gefecht. Kimura wartete vielleicht vier Sekunden, dann zündete er den Nachbrenner und zog die Nase nach oben. Das g fühlte sich gut an, stabil, als der Horizont unter ihm versank. Jiro Kimura liebte das Fliegen, und an diesem Morgen gestand er sich diese Tatsache erneut ein, zum tausendsten Mal. Ein hochentwickeltes Kampfflug- zeug in einem endlosen blauen Himmel zu fliegen, jemanden mit Finten und schnellen Wendungen zu überlisten versuchen und dann heimzukehren und darüber nachzudenken, wie es gewesen war, und es gleichzeitig für morgen erneut zu planen – was konnte das Leben Schöneres bieten? Im Sturzflug drehte sich Kimura um eine Längsachse, bis seine Tragflächen senkrecht zu Sasais Flugbahn standen; dann zog er die Nase herüber, um Sasai zu überholen, der jetzt wie wild versuchte, der Falle auszuweichen. Weil er langsamer war, konnte Kimura schneller wenden als das sinkende Flugzeug und konnte sein Ge- schütz als Erster in Stellung bringen. Jiro Kimura drückte den Auslöser am Steuerknüppel. »Sie sind tot, Sasai«, sagte Kimura über Funk und versuchte, sich seine Zufriedenheit nicht anmerken zu lassen. »Lassen Sie uns Schluss machen und nach Hause fliegen.« Sasai schloss sich Kimura an, der sein Satellitennavigationssystem konsultierte und einen Kurs zum Stützpunkt festlegte. Sie befanden sich über dem Japanischen Meer, oberhalb einer zerrissenen Wol- kenschicht. Kimura sah nach seinem Treibstoff, überprüfte seinen Kurs auf dem Kompass und ging in den Streckenflug. Die silbernen Flugzeuge, die Sonne hoch in den blauen Gewölben über ihnen, das Meer unten, die Wolken und der entfernte Dunst – wenn dies der Himmel war, war er bereit. Wenn Shizuko mitkommen konnte, natürlich. Er fühlte sich schuldig, dass er sich das Paradies ohne Shizuko, vorstellte. Zu blöd, sich überhaupt solche Gedanken zu machen. Nun, vielleicht war es doch nicht so blöd. Es schien, als kämen tatsächlich Kampfeinsätze auf sie zu, sie drohten am Horizont, fast wie ein schrecklicher Sturm, den niemand wahrhaben wollte. Wir machen Pläne für nächste Woche, den nächsten Monat, das näch- ste Jahr, während wir uns weigern zuzugeben, dass unsere Sicher- heit, unsere kleine sichere Welt im Begriff ist, sich aufzulösen. Jiro schaute über den unsichtbaren Luftstrom, der zwischen den Flugzeugen floss, und sah Sasai in seinem Cockpit. Er blickte Jiro an. Einen Moment starrten sie ihre behelmten Gestalten an; dann schaute Jiro weg. Kimura war der ranghöchste Offizier und Führer seines Schwarms. Dann folgten Ota, Miura und Sasai. Sie würden, wann immer mög- lich, zusammen im Verband fliegen. Leider war Sasai noch unerfahren. Er wusste, wie man den neuen Zero-Jäger als Abfangjäger einsetzte, wusste Bescheid über Radar, GPS, Computer und all den Rest, aber er wusste nichts vom Kur- venkampf, wie man ein anderes Flugzeug bekämpfte, wenn es au- ßerhalb der Abfangparameter war. Auch Ota und Miura verstanden nicht besonders viel davon. Die Generäle bestanden darauf, dass Zero-Piloten an dem hochmodernen Waffensystem ausgebildet wur- den, dass sie es in- und auswendig kannten und ständig übten, und so bestand ihre Ausbildung ausschließlich darin, mit dem Waffen- system Ziele anzupeilen und dann die Raketen abzufeuern, wenn das Ziel in Reichweite kam. »Was machen Sie«, fragte Kimura die drei Piloten seines Teams, »wenn der Feind Sie angreift, während Sie starten?« Seine jüngeren Rottenflieger waren sprachlos, als hät- ten sie diese Möglichkeit nie in Betracht gezogen. Ihre Vorgesetz- ten, von denen keiner Kampferfahrung hatte, argumentierten, dass die elektronische Ausstattung des Flugzeugs das Herz des Waffen- systems war, der technologische Vorteil, der die neuen Zeros zum besten Jäger der Erde machte: das Flugwerk, die Triebwerke und die, Tragflächen existierten lediglich, um das System dorthin zu beför- dern, wo es gegen den Feind eingesetzt werden konnte. Man schien fast stillschweigend davon auszugehen, dass der Feind schnurgerade dahinfliegen würde, während die japanischen Piloten die Maschinen im Radar erfassten, den Computer auf Angriff schalteten und zu- sahen, wie die Raketen aus den Bombenträgern rollten und für den Abschuss davon blitzten. Der dienstälteste Offizier der Luftwaffe soll gesagt haben: »Der Kurvenkampf ist veraltet. Wir haben der Zero eine Waffe für den Erdzielbeschuss eingebaut, nicht für den Beschuss anderer Flug- zeuge.« Tatsächlich zeigte die Blickfelddarstellung – HUD – kein computergesteuertes Visier. Jiro Kimura glaubte nicht, dass der Luft-Luft-Kampf ganz so leicht sein würde. Wenn sie nicht gerade Abfangmanöver übten, hatte er mit seiner Staffel Kurvenkampf trainiert. Zwar kamen sie nicht oft dazu, aber die Männer lernten schnell – selbst Sasai. Sie sollten in der Lage sein, mit den Russen fertig zu werden. Ach ja, die Russen. Heute Morgen bei der wöchentlichen Besprechung hatte der Geschwaderkommandant ihnen den Einsatzort bekannt gegeben: Sibirien, in zwei Wochen. »Studieren Sie die russische Luftwaffe und seien sie bereit, sie zu zerstören.« »Zwei Wochen?«, hatte jemand ungläubig gemurmelt. »Keine Fragen. Diese Information ist streng geheim. Bald ist es soweit, und wir müssen bereit sein.« Jiro schob das Visier seines Helms hoch und wischte sich mit der Rückseite seines Handschuhs den Schweiß aus den Augen. Nach- dem er die Cockpithöhe überprüft hatte, nahm er die Sauerstoff- maske ab und wischte sich mit dem Handschuh das Gesicht tro- cken. Er legte die Maske wieder an und klappte das Visier herunter. »Es wird ein Blitzkrieg sein«, hatte Ota vorhergesagt. »Nach zwei Tagen werden sie nichts mehr haben, womit sie fliegen können. Die, MiGs, sogar die Suchoi-27, werden abschmieren wie die Enten.« Jiro Kimura schwieg. Es gab nichts dazu zu sagen. Was auch im- mer geschehen würde, würde geschehen. Worte würden daran nichts ändern. Doch nachdem er seinen Druckanzug angezogen hatte, bevor er und Sasai ihre Maschinen startklar gemacht hatten, hatte er Bob Cassidy in der amerikanischen Botschaft in Tokio angerufen. Nur ein kurzer Schwatz, eine Einladung zum Abendessen in drei Wo- chen und eine Bemerkung über einen Brief an ehemalige Schüler, den Jiro von der Akademie in Colorado Springs erhalten hatte. Er verscheuchte die Gedanken an Russland und Cassidy, um sich auf die bevorstehende Aufgabe zu konzentrieren. Die Wolken vor ihm über Honschu schienen dicht zu sein, also würden Sasai und er im Instrumentenanflug hereinkommen müssen. Jiro signalisierte sei- nem Rottenflieger, die Funkfrequenz auf die der Flugsicherung zu wechseln; dann rief er den Controller. Drei Männer warteten auf Bob Cassidy, als er aus dem Hinteraus- gang der Botschaft trat. Wenigstens dachte er, es seien drei – zu die- ser Ansicht gelangte er mehrere Minuten später – doch es könnten auch mehr gewesen sein. Als er den Bürgersteig entlangging, folgten sie ihm in einigem Ab- stand – einer hinter ihm, einer auf der anderen Straßenseite und ei- ner in einem Auto, das einen Block hinter ihm dahinkroch. Bei dem Typen im Auto war er sich einige Minuten lang nicht sicher. Das war etwas Neues. Cassidy war noch nie offen verfolgt wor- den. Er wunderte sich über das Timing. Warum gerade jetzt? Der hinter ihm auf seiner Straßenseite war mittelgroß für einen Japaner, trug eine Brille und eine Art Sportjacket. Sein Schritt zeig- te seine körperliche Fitness. Der auf der anderen Straßenseite war kahlköpfig und klein. Er trug weite Hosen und ein dunkles Pullo-, verhemd. Den Fahrer des Autos konnte Cassidy nicht sehen. Wenn es drei Männer gab, von denen er wusste, wie viele gab es, von denen er nicht wusste? Unentschlossen, wie er mit dieser Situation umgehen sollte, ging er den Weg, den er immer zu seiner Wohnung nahm. Als er vor Monaten die Arbeit bei der Botschaft aufgenommen hatte, hatte er die Wahl gehabt, eine Wohnung in der Botschaftssiedlung zu teilen oder seine eigene Wohnung ›auf dem freien Markt‹ zu finden. Er entschied sich für Letzteres. Ohne schulpflichtige Kinder oder eine Ehefrau, die gesellschaftlich mit anderen Amerikanern verkehren wollte, fiel die Wahl leicht. Diese Männer hatten auf ihn gewartet. Sie mussten wissen, wo er wohnte, den Weg kennen, den er normalerweise benutzte. Sie muss- ten ihm schon früher gefolgt sein, ohne dass er sie bemerkt hatte. Vielleicht hatte ihn seine Unterredung mit Jiro hellhörig gemacht, so dass er jetzt darauf achtete. Tatsächlich, gestand er sich selbst ein, fühlte er sich schuldig. Jiro hätte nicht aus dem Nähkästchen plaudern sollen. Oh ja, er war froh darüber, aber trotzdem … Cassidy hatte ein schlechtes Gewissen. Einen Block vor seiner Wohnung, kurz bevor er um die Ecke bie- gen musste, blieb er stehen, um das Spiegelbild in der Marmorver- kleidung eines Geschäfts zu betrachten. Der kahlköpfige Mann war sichtbar, und, nur eine Ecke weiter, das Auto. Bob Cassidy betrat sein Wohnhaus. Er holte seine Post aus dem Briefkasten in der Eingangshalle, fuhr dann mit dem Aufzug in sein Stockwerk und schloss die Wohnungstür auf. Er schaltete das Licht nicht an. Er saß im Abendzwielicht, schaute aus dem Fenster und überleg- te, was er tun sollte. Sie mussten die Telefone am Stützpunkt oder an der Botschaft abhören. Jiro war der einzige Angehörige des japanischen Militärs, der Cas-, sidy jemals irgendetwas Geheimes erzählt hatte. Oh, als Luftwaffen- attache redete er routinemäßig mit japanischen Offizieren, von de- nen viele seine Freunde waren. Ein Dutzend seiner Kontakte hatten sogar den Rang von Flaggoffizieren. Die Dinge, die diese Soldaten ihm berichteten, waren sicher keine Geheimnisse. Er sammelte All- täglichkeiten, dieses tägliche ›So machen wir das‹-Zeugs, die Füll- masse, die Militärattaches überall in der Welt sammelten und nach Hause schickten, damit ihr eigenes Militär sie analysierte. Die Din- ge herauszufinden, von denen die Japaner nicht wollten, dass die Amerikaner sie erfuhren, war Aufgabe eines anderen Nachrichten- dienstes, der CIA. Bedeutete die Beschattung, dass die Japaner wussten, dass Jiro geredet hatte? Eine von Cassidys Ängsten war, dass sein Bericht über das Ge- spräch mit Jiro direkt zu den Japanern zurückgeschickt worden war. Die Vereinigten Staaten hatten in den letzten 20 Jahren zu viele Spionageskandale erlebt. Verbitterte, enttäuschte Männer schienen allzu bereit, ihre Kollegen und ihr Land für Geld zu verraten. Weiß Gott, die Japaner hatten sicher genug Geld. Er würde dem Sicher- heitsoffizier der Botschaft melden müssen, dass er beschattet wurde; er sollte das vielleicht jetzt sofort tun und ihn fragen, ob sonst noch irgendjemand darüber berichtet hätte, dass man ihn verfolgte. Er nahm den Hörer ab und hielt ihn in der Hand, wählte jedoch nicht. Sein Telefon wurde wahrscheinlich auch angezapft. Wenn er den Botschaftssicherheitsdienst anrief und die Beschattung meldete, würde es so aussehen, als hätte er etwas zu verbergen. Er ging ans Fenster und blickte auf die Skyline von Tokio oder das Wenige, was man davon aus dem fünften Stock sehen konnte. Er schaute auf die Uhr. Zwei Stunden. In zwei Stunden sollte er Jiro treffen. Jiro hatte Colorado Springs erwähnt, als er vorhin angerufen hatte. Vor zwei Tagen, als Cassidy bei den Kimuras zu Abend gegessen hatte, waren Jiro und er über- eingekommen, dass die Erwähnung dieser Stadt der Code für ein, Treffen an einem Ort wäre, auf den sie sich dann einigten. Der Code war Jiros Idee gewesen. Cassidy schmeckte die ganze Sache nicht. Keiner von ihnen war ein geübter Spion; dies hier wuchs ihnen über den Kopf. Sie würden sich gegenseitig gefährden. Und selbst wenn das nicht geschah – Cassidy hatte tief im Innern das Gefühl, dass diese Episode ihn einen guten Freund kosten wür- de. Er wandte sich wieder dem gegenwärtigen Problem zu. Jiro hat- te angerufen, und ein Beschattungsteam hatte auf ihn gewartet, als er das Botschaftsgelände verließ. Vielleicht überwachten sie alle Anrufe von Kimuras Stützpunkt und hatten diesen einen abgefangen und dann beschlossen, zu überprüfen, ob Kimura Leute traf, die er ohne guten Grund nicht treffen sollte. Oder vielleicht waren sie Kimura auf die Schliche gekommen. Vielleicht wussten sie, dass er Geheimnisse an die Amerikaner wei- tergegeben hatte. Vielleicht versuchten sie, Kimuras Kontakt zu den USA aufzudecken. Vielleicht, vielleicht, vielleicht… Während Cassidy Zivilkleidung anzog, grübelte er über das Pro- blem nach, ging dann in die Küche und holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank. An der Wand hing ein Foto von ihm im Cockpit einer F-16. Das Flugzeug flog hoch, über 10.000 Meter, von der gleißenden Sonne angestrahlt; gegen den blauen Himmel sah es fast schwarz aus. Cas- sidy trank sein Bier, während er das Foto betrachtete. Was er vor seinem geistigen Auge sah, war nicht die F-16, sondern die neue Zero. Er hatte sie tatsächlich gesehen. Letzte Woche. Von einem Hügel in der Nähe des japanischen Luftstützpunktes bei Niigata. Er war hinaufgewandert, eine schwere Videokamera in der Tasche über sei- ner Schulter. Er hatte die neuen Jäger beim Starten und Landen ge- filmt. Obwohl die Basis zehn Kilometer entfernt war, näherten sie, sich beim Steilflugbeginn und beim Anflug seinem Standpunkt bis auf einen Kilometer. Er hatte auch einige Bilder mit einer 35-mm-Kamera direkt unter dem Gleitweg gemacht. Er war in das lärmerfüllte Viertel neben der Basis gefahren und hatte die Fotos vom Fahrersitz seines Autos aus geschossen, als die Flugzeuge über ihm waren. Die CIA hatte ihm einen Apparat zugesandt, mit dem er spielen sollte, wenn die neue Zero über ihn hinwegflog, ein Gerät, das ei- nem tragbaren Kassettenrekorder ähnelte und bei flüchtiger Über- prüfung auch als solcher durchgehen konnte. Es hatte jedoch eine einen Meter lange Antenne, die er aus dem Fenster schwenken musste. Cassidy betrieb die ganze High-Tech-Spionage ganz offen. Nur eine Person beachtete ihn, ein Junge, der anderthalb Meter neben ihm auf dem Bürgersteig auf einem Dreirad saß und ihn dabei beo- bachtete, wie er mit dem Kassettenrekorder und der Antenne her- umhantierte, wenn die Jets hinüberflogen. Er erinnerte sich an das befreiende Gefühl, das ihn überkam, als er fertig war. Er hatte das Auto gestartet und seinen Blick sorgfältig ein letztes Mal umher- schweifen lassen, um zu sehen, ob irgendjemand ihn beobachtete. Es war erstaunlich, wenn man richtig darüber nachdachte. Die Ja- paner konstruierten, bauten und testeten das ultimative Kampfflug- zeug, das für das Radar unsichtbar war, stellten es in Geschwader- dienst, und die Vereinigten Staaten wussten nichts davon – wussten nicht einmal, dass es existierte, bis einer der Piloten den Air-Force- Attaché in der amerikanischen Botschaft aufsuchte und es ihm er- zählte. Vielleicht, dachte Cassidy, als er aus dem Fenster schaute, um zu sehen, ob seine Verfolger noch da waren, sind die Japaner zu weit vom Krieg entfernt. Ebenso wie für die Amerikaner, war Krieg eine Abstraktion für sie geworden, ein Ereignis aus der Geschichte, über das die Schüler in der Schule lasen – Daten, Verträge, vergessene, Schlachten mit seltsamen Namen. Krieg ist nicht mehr die Erfah- rung eines ganzen Volkes, das bestimmende Ereignis einer ganzen Generation. Heute waren die einzigen Menschen mit Kampferfah- rung einige Berufssoldaten, wie Cassidy selbst. Als junger Mann war er im Golfkrieg geflogen – er hatte sogar eine MiG abgeschossen – und er hatte ein paar Bomben in Bosnien abgeworfen. Seine Erinnerungen an jene Tage schienen ihm wie et- was aus einem alten Kriegsfilm, Teile und Stücke einer Vergangen- heit, die fragmentarisch, verblassend, irrelevant war. Heute wird Krieg als Videospiel verkauft, dachte Cassidy. Man schießt auf die Bösen, und sie fallen um. Wenn die Punktezahl zu niedrig ist, wirft man eine neue Münze ein und spielt das Spiel erneut. Man kann nicht verletzt werden. Man kann nicht … getötet werden! Alles, was man verlieren konnte, waren ein paar Geldstücke. Cassidy musste eine Entscheidung treffen. Kimura hatte angerufen, hatte ihn sehen wollen. Die Beschatter standen dort draußen. Wenn er nicht zu dem Treffen ging, war Ki- mura sicher, vorläufig jedenfalls, und er würde nicht erfahren, was Kimura die amerikanische Regierung wissen lassen wollte. Anderer- seits, wenn er ging, könnte er verfolgt werden, trotz aller Bemühun- gen, und Kimura könnte im Gefängnis enden, oder Schlimmeres. Teufel, Cassidy könnte im Gefängnis enden, was wirklich ein einzig- artiges Finale seiner Air-Force-Karriere wäre. Jiro schien großes Vertrauen zur US-Regierung zu haben, grübelte Cassidy. Cassidy hatte sein Vertrauen schon lange verloren. Nun, Jiro musste tun, was er für richtig hielt. Er hatte die Pflicht, es zu tun. Das war es doch, was sie einen an der Air-Force-Akademie lehr- ten, oder nicht? Er trank das Bier aus, warf die leere Dose in den Müll und rülp- ste. Okay, Jiro. Bereit oder nicht, ich komme., Bob Cassidy stand in der Nähe des großen Weihrauchgefäßes beim Asakusa Tempel, als er sah, wie Jiro Kimura ein Bündel Räucher- stäbchen kaufte. Er zündete sie an einem der beiden nahe gelegenen Kohlenbe- cken an, dann warf er sie in das große Gefäß. Cassidy ging hinüber, beide standen in der Menge und fächelten sich den heiligen Rauch über Haar und Gesicht. »Ich bin verfolgt worden«, sagte Cassidy leise, »aber ich glaube, ich habe sie abgeschüttelt.« »Ich auch. Ich bin eine Stunde lang U-Bahn gefahren. Entschul- digung, dass ich zu spät bin.« »Sie haben die Telefone der Botschaft oder Ihrer Basis angezapft.« »Wahrscheinlich beide«, flüsterte Jiro. »Sie sind sehr effizient.« Er bahnte sich den Weg zum Wasserbrunnen, wo er sich einen Schöpflöffel nahm, ihn mit Wasser füllte und schlürfte. »Gott allein weiß, was Sie sich einfangen, wenn Sie daraus trinken. Wahrschein- lich haben Sie eine Woche lang die Scheißerei. Die verdammten Zähne werden Ihnen ausfallen.« »Mhm.« Jiro reichte den Schöpflöffel dem Mann hinter sich, dann ging er weiter. Nur wenige Japaner sprachen Englisch, so dass Cassidys Bemerkungen niemanden störten. Jiro ging in den buddhistischen Tempel und warf einige Münzen in den Opferstock. Er schob sich vorwärts zum Geländer und be- tete, während Cassidy zurückblieb. An der Tür trat er an Cassidys Seite. »Es ist Sibirien. Unser Geschwaderkommandant hat uns das heu- te Morgen in einer geheimen Besprechung gesagt. In zwei Wochen, sagte er.« »Er hat einen Zeitplan?« »Ja. Wir wurden aufgefordert, bereit zu sein, die russische Luftwaf- fe anzugreifen und zu zerstören.« »Hat er gesagt, warum?«, »Nur was ich Ihnen gerade erzählt habe. Verteufelt geheimnisvoll, nicht wahr?« Cassidy trat mit Kimura aus dem Tempel. Einen Moment lang standen sie auf den Stufen und beobachteten die Leute um das Weihrauchgefäß. »Die sind glücklich, nicht wahr?«, sagte Cassidy. Kimura antwortete nicht. Er ging zurück in den Tempel, zu den Glücksschubladen auf der rechten Seite des Altars. »Wir sehen uns vielleicht nicht mehr, bevor Sie gehen«, sagte Cas- sidy, der Jiro in den Tempel gefolgt war. »Nein. Ich wette zehn zu eins, wenn wir morgen reinkommen, machen sie die Basis dicht und schließen uns ein. Es ist ein Wun- der, dass sie nicht heute schon daran gedacht haben.« »Vielleicht wollten sie sehen, mit wem Sie reden würden.« »Vielleicht«, murmelte Jiro. Er steckte eine 100-Yen-Münze in den Opferstock und nahm ein großes Aluminiumrohr heraus. Er schüt- telte es, dann drehte er es um und untersuchte die Öffnung. Die Spitze eines Stäbchens war dort gerade sichtbar. Er zog es heraus. »76«, sagte er und steckte das Stäbchen zurück in die Röhre. »Ich versuche gerade, es Ihnen klarzumachen, mein Freund. Sie haben Sie vielleicht schon verraten.« »Ich wollte, wir wären wieder in Colorado Springs.« Der plötzliche Themawechsel verwirrte Bob Cassidy. »Das waren gute Zeiten«, sagte er, weil ihm nichts anderes einfiel. »Mit Sweet Sabrina«, sagte Jiro. Er öffnete Schublade Nummer 76 und nahm ein Blatt Papier heraus. Dann schloss er die Schublade, ging ein paar Schritte zurück und blickte kurz auf das Papier. »Ja«, sagte Cassidy. Er hatte einen Kloß im Hals. Jiro schien es nicht zu bemerken. Er faltete das Papier zusammen und steckte es in die Tasche. »Wir werden uns eines Tages wiederse- hen. In diesem Leben oder im nächsten.« »In diesem Leben oder im nächsten«, hallte es in Cassidy nach., Die Worte verursachten ihm eine Gänsehaut – die Kadetten in der Akademie pflegten das am Tag der Abschlussfeier zueinander zu sa- gen. Er zeigte auf Jiros Tasche mit dem Papier aus der Schublade. »War die Prophezeiung gut?« »Nein.« Cassidy schnaubte. »Dieses Zeug ist doch Scheiße.« »Ja.« »Ein Geschäft für die Mönche, um leichtgläubigen Kerlen das Geld aus der Tasche zu ziehen.« »Ich muss gehen, Bob.« »Hey, Mann.« »Vaya con Dios.« »Sie auch.« Jiro Kimura drehte sich um und verließ den Tempel. Er ging da- von, ohne sich umzublicken. Bob Cassidy fühlte sich hilflos. Jetzt verlor er auch Jiro. Sabrina, den kleinen Robbie, jetzt Jiro … »In diesem Leben oder im nächsten, Jiro.« Eine Träne rollte seine Wange hinunter. Er wischte sie wütend weg. Er verlor alles. Am nächsten Morgen ging Jiro geradewegs zum Büro seines be- fehlshabenden Offiziers und klopfte an die Tür. Als er hereingebe- ten wurde, sagte er dem Oberst, dass er letzte Nacht verfolgt wor- den sei. »Ich habe keine Ahnung, wer dieser Mann war, aber ich möchte Meldung machen, damit der Vorfall untersucht werden kann. Ich bin noch nie verfolgt worden – jedenfalls soweit ich weiß.« Der Oberst war überrascht. Anscheinend war ihm nicht gesagt worden, dass Kimura verdächtig war, schloss Jiro, oder er hatte das Zeug zu einem professionellen Schauspieler. Mit einem Gefühl der, Erleichterung beschrieb Jiro den Mann auf dem Bahnhof. »Vielleicht hat dieser Mann Sie gar nicht verfolgt, Hauptmann. Sie sind vielleicht zu misstrauisch.« »Das ist möglich. Aber ich möchte, dass Sie den Vorfall melden, damit die zuständigen Behörden nachforschen können. Angesichts dessen, was der Geschwaderkommandant uns gestern mitgeteilt hat …« »Ja. Stimmt. Ich erstatte Bericht, Hauptmann Kimura. Dieser Vor- fall sollte untersucht werden. In Japan wimmelt es von Ausländern, denen man nicht trauen kann.« Mit dieser unlogischen Bemerkung wurde Jiro entlassen. Er hatte Recht gehabt, was die Schließung der Basis anging. Kurz vor Mittag berief der Oberst eine Offiziers-Besprechung ein und kündigte an, dass alle Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften bis auf Weite- res die Basis nicht verlassen durften. 5. KAPITEL

Die erste Person in Russland, die erfuhr, dass Japan plante, inSibirien einzumarschieren, war Janos Ilin, der die Nachricht

eine Stunde, nachdem der amerikanische Staatssicherheitsberater Jack Innes es dem russischen Botschafter in den Vereinigten Staaten berichtet hatte, erhielt. Ilin bekam die Nachricht von einem FIS-Of- fizier der russischen Botschaft in Washington. Der FIS-Offizier hatte sich durch weitaus weniger Bürokratie zu arbeiten, so dass sei- ne Nachrichten als Erste in Moskau eintrafen. Ilin saß an seinem Schreibtisch im Büro des Auslandsnachrichten-, dienstes – der den alten KGB ersetzte – am Dzerzhinsky Platz. Er las die Übersetzung der verschlüsselten Nachricht sorgfältig durch, legte sie auf den Schreibtisch, putzte seine Brille, zündete sich eine amerikanische Zigarette an und las sie dann noch einmal. Janos Ilin war kein Kommunist. Er war gar nichts. Er war alt genug und klug genug, um zu wissen, dass Russland deshalb eine Kloake war, weil dort Russen lebten. Mit 55 Jahren war er zu der Überzeugung ge- langt, dass die meisten Russen tief in ihrem Herzen egoistische, fau- le Bauern waren, die jeden hassten, der einen Rubel mehr besaß als sie. Von seinem Bürofenster aus könne Ilin über die Dächer hinweg die Zwiebeltürme des Kreml sehen. Dies waren die Tage von Kalugin, der jetzt über die zerlumpten Überreste des Zarenreichs herrschte. In Wahrheit war das Reich, das die Kommunisten vor 75 Jahren geerbt und mit grimmiger Ent- schlossenheit gehalten hatten, unwiederbringlich verloren; nur Russ- land und Sibirien waren noch übrig. Und Russland und Sibirien waren unvorstellbar groß. In den Städten und Dörfern und einsamen Hütten draußen in der riesigen Weite der Steppe, dem endlosen Grasland und den nördlichen und subarktischen Wäldern war Kalugin nur ein Name, ein Foto oder ein flimmerndes Bild im Fernsehen. Das Leben war dort so ziemlich dasselbe wie seit dem Tod Stalins, als die Geheim- polizei aufhörte, Leute zu verschleppen. Die Winter waren immer noch lang und streng, die Arbeit schwer, Nahrung knapp, Wodka zu reichlich vorhanden. Kalugin hatte sich seinen Weg nach oben freigekämpft, indem er versprach, Russlands Ruhm wiederherzu- stellen und ein funktionierendes Wirtschaftssystem aufzubauen. Er plante, die gewaltigen kriminellen Unternehmen zu legitimieren, die einen bedeutsamen Prozentsatz der Bevölkerung ernährten, kleide- ten, ihm Wohnung gaben und die, die diese Unternehmen leiteten, reicher zu machen, als sie es sich in ihren gierigsten Träumen vor-, gestellt hatten. Kalugin war einer jener Reichen. Er konnte lange und laute Reden über den Ruhm von Mütterchen Russland halten, und er hatte nie einen Rubel Steuern bezahlt. Heute saß er im Kreml, umgeben von Männern, die genau so waren wie er. Janos Ilin holte tief Luft und seufzte. Wieder Krieg. Gegen Müt- terchen Russland. Jetzt werden wir sehen, aus welchem Holz Kalugin geschnitzt ist, dachte er. Er drückte seine Zigarette aus, bevor er ging, um mit dem Minister zu sprechen. Washington D.C. wirkte im Regen trübe und eintönig. Der Soldat am Steuer der Regierungslimousine hatte wenig zu sagen, was nur gut war, weil Bob Cassidy vom Jetlag ziemlich mitgenommen war. Er fühlte sich, als ob er eine Woche nicht geschlafen hätte. Seine Augen brannten, seine Haut juckte, und er sehnte sich dringend nach einer langen heißen Dusche und einem Bett. Leider war es hier erst sechs Uhr abends und sein Befehl lautete, er solle sich direkt ins Pentagon begeben. Der Fahrer hatte am Dulles Airport auf ihn gewartet. Er betrachtete eine Weile den Verkehr, lehnte sich dann in den Sitz zurück und schloss die Augen. Weder auf dem Nachtflug von Tokio nach Seattle, noch auf dem Überlandflug nach Dulles hatte er auch nur eine Sekunde geschlafen. Er hasste Verkehrsflugzeuge, hasste die Klaustrophobie, die es ihm verursachte, wie mit einem Schuhlöffel in den viel zu engen Sitz gepresst zu werden. Aber das war vorbei. Er fühlte, wie er sich entspannte, und genoss den Rhythmus der Scheibenwischer. »Wir sind da, Colonel. Sir! Wir sind da.« Cassidy richtete sich auf und sah sich um. Der Soldat musste den Wagen außerhalb des Haupteingangs parken, und er reichte Cassidy einen Sicherheitsausweis. »Den müssen Sie der Wache drin-, nen zeigen, Sir.« »Warten Sie auf mich?« »Ja, Sir. Ihr Gepäck ist hier im Auto. Ich warte hier auf Sie.« Cassidy nahm den Sicherheitsausweis und stieg aus. Er blieb ste- hen, um seine Krawatte zurechtzurücken – er trug Zivil –, dann marschierte er zum Haupteingang. Der Regen fiel immer noch, ein gleichmäßiger Nieselregen. Drinnen führte ihn eine der Wachen durch endlose graue Korri- dore, Treppen hinauf und weitere Korridore entlang. Innerhalb von zwei Minuten verlor er völlig die Orientierung. Einmal, durch eine offene Tür, sah er ein Fenster, das sich in einer Außenwand zu be- finden schien, doch er war sich nicht sicher. Schließlich kam er in einen blau gestrichenen Korridor mit Ori- ginalgemälden an den Wänden und einem Teppich auf dem Bo- den. Die Wache führte ihn zu einer Rezeption, stellte ihm einen Lieu- tenant Colonel des Marine Corps vor, der ihn bat, eine Minute Platz zu nehmen. Er verschwand in einem Büro. Minuten später war er zurück. »Es dauert nur ein paar Minuten, bis der Vorsitzen- de Sie empfangen kann, Colonel. Darf ich Ihnen einen Soft Drink oder eine Tasse Kaffee anbieten?« »Kaffee wäre wunderbar. Schwarz, danke.« Die Schlagzeile der Zei- tung, die auf dem Tisch lag, sprang ihm entgegen: GEHEIMES MILITÄR- ABKOMMEN MIT RUSSLAND ENTHÜLLT. Unter der Schlagzeile stand etwas kleiner: »Präsident verpflichtet USA, Russland zu verteidigen. Füh- rende Schlüsselfiguren des Kongresses genehmigen geheimen Pakt.« Müde wie er war, nahm Cassidy die Zeitung und las den Artikel. Als der Lieutenant mit einem Pappbecher zurückkehrte, in dem der schwarze Kaffee dampfte, nippte Cassidy dankbar, während er die Story zu Ende las. Der Lieutenant wartete geduldig. »Haben Sie vielleicht einen Raum, wo ich mich ein wenig frisch machen könnte?«, »Der General empfängt Sie in ein paar Minuten, Sir. Glauben Sie mir, Sie müssen sich für ihn nicht zurechtmachen. Er weiß, dass Sie gerade aus dem Flugzeug gestiegen sind.« Sie unterhielten sich einige Minuten; dann summte das Telefon. 30 Sekunden später schüttelte Cassidy dem Vorsitzenden der Joint Chiefs of Staff, General Stanford Tuck, die Hand. Der Marine verließ das Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Sie saßen sich in Ledersesseln gegenüber, auf ein und derselben Seite des großen Schreibtisches. »Ich bedauere, dass ich Ihnen so wenig Zeit gelassen habe, Colonel. Die Dinge geschehen schnell, das ist ganz normal hier. Ich weiß nicht genau, was sie Ihnen in der Botschaft in Tokio gesagt haben, also lassen Sie mich zusammenfas- sen. Es scheint, dass Japan in sehr naher Zukunft in Sibirien ein- marschieren wird.« Cassidy nickte nur. Offenbar glaubten die hohen Tiere Jiros Ge- schichte. Tuck fuhr fort: »Wir gehen davon aus, dass Japans neue Zero- Jäger Russlands Luftwaffe binnen einer Woche zerstören, wenn die Russen bereit sind, ihre Flugzeuge starten zu lassen, damit sie abge- schossen werden. Aufgrund des Mangels an passierbaren Straßen in Sibirien und der riesigen Entfernungen werden beide Seiten Nah- rung, Treibstoff und Munition auf dem Luftwege transportieren müssen. Mit einem Wort, die Seite der überlegenen Luftwaffe wird gewinnen.« Tucks graue Augen musterten Cassidy durchdringend. »Es ist zweifelhaft, ob die Vereinigten Staaten in diesem regiona- len Konflikt Stellung beziehen«, fuhr der General fort. »Ich habe die Geschichte über das militärische Abkommen in der Zeitung gelesen.« Tuck machte eine Handbewegung zum Himmel. »Wir spielen mit der Idee, Russland ein paar Dutzend unserer besten Kämpfer zu lei- hen, um es mit den Zeros aufzunehmen. Das ist der Grund, wes-, halb Sie hier sind.« »Welche Art von Flugzeugen, Sir?« »F-22 Raptors.« »Amerikanische Maschinen?« »Nein. Wir werden sie den Russen verkaufen oder sonstwie mit ihnen ins Geschäft kommen. Es werden russische Flugzeuge sein, und die Russen werden qualifizierte amerikanische Zivilisten einstel- len, um sie zu fliegen. Sie wissen es nur noch nicht.« »Wann werden sie es wissen?« »Wir werden dieses Thema zur Sprache bringen, nachdem die Of- fensive begonnen hat. Sie verstehen?« Cassidy schüttelte den Kopf. »Nein, Sir. Ich behaupte nicht, dass ich überhaupt etwas verstehe.« »Eine erfrischende Einstellung. Ich bin auch nicht sicher, ob ich viel von der ganzen Geschichte verstehe. Nun, wenn wir diese Vor- gehensweise beschließen, würde es Ihre Aufgabe sein, Colonel, das Kommando über das russische F-22-Geschwader zu führen.« Cassi- dy starrte vor sich hin. Nur zwei Stunden Zeit hatten sie ihm vor dieser Reise nach Washington gegeben. Ohne Angabe von Grün- den, nur die Aufforderung, die Abendmaschine zu nehmen. Er hatte den ganzen Weg über den Pazifik spekuliert, was wohl der Grund sein könnte, weshalb er auch keinen Schlaf gefunden hatte. Er hatte beschlossen, dass die Leute im Pentagon sichergehen woll- ten, dass sie alles über den neuen japanischen Zero-Jäger erfahren hatten, was er wusste. An so etwas hatte er wirklich nicht gedacht. »Warum ich, Sir?«, fragte er schließlich. Stanford Tuck fand das eine logische Frage. Er sagte: »Sie wissen ebensoviel über Asien wie jeder andere Air-Force-Offizier, und Sie sind F-22-qualifiziert, also werden wir nicht Wochen vergeuden müssen, um Ihnen beizubringen, wie man das verflixte Ding fliegt. Erstaunlich genug, dass Ihr Name oben auf der sehr kurzen Liste stand, als wir unsere Kriterien in diesen idiotischen Kasten eingege-, ben haben.« »Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Sir.« »Sagen Sie gar nichts. Das ist normalerweise das Beste.« Der Ge- neral lächelte. »Ich muss darüber nachdenken, Sir. Das kommt für mich sehr überraschend. Ich bin nicht sicher, ob ich diese Aufgabe überneh- men kann.« Cassidy sah müde aus, dachte der General. »Wie Sie sicher vermuten, gibt es politische Komplikationen«, fuhr der General fort, »also gibt es da einige ernste Verwicklungen. Die Politiker denken, dass wir uns gefährlich nah am Abgrund be- wegen, wenn wir einen der USA dienenden Offizier in den Kampf gegen eine befreundete Macht schicken, deshalb müssten Sie die Air Force verlassen.« »Nun, ich –« »Das andere ist, dass der Chef der Air Force nicht will, dass ir- gendeiner seiner aktiv verpflichteten F-22 Piloten seinen Abschied nimmt, um einen Auftrag in der russischen Luftwaffe anzunehmen. Ich denke, er fürchtet, einen Präzedenzfall zu schaffen.« Die Augen des Generals wurden starr wie gefrierendes Wasser. »Er wollte auch Sie nicht verlieren, aber er hatte keine Wahl. Nun, die Politiker wollen den Stabschef nicht ärgern – sie werden deswegen ohnehin genug Beschuss abbekommen –, also müssen Sie Ihre Re- kruten aus den auf der Raptor erprobten Leuten zusammensuchen, die gerade aus dem Dienst ausgetreten oder im Ruhestand sind. Es gibt nicht viele Ruheständler, aber doch ein oder zwei, mit denen Sie reden können. Wir geben Ihnen eine Liste.« Cassidy hatte seine Fassung wiedergewonnen. »Die meisten dieser Leute werden andere Pläne haben, Sir. Sie scheiden nicht nur aus dem aktiven Dienst aus – sie tun es für etwas anderes. Sie werden nicht daran interessiert sein, nach Sibirien zu gehen.« »Ihre Aufgabe ist, die Leute zu rekrutieren, die Sie brauchen, in, Uniform oder nicht.« Tuck beugte sich vor und seine Stimme wur- de hart. »Sie lassen mich wissen, wen Sie haben wollen, und ich werde zusehen, dass er oder sie verdammt schnell ein verfügbarer Zivilist ist.« »Wenn ich ja sage, wann müsste ich anfangen, General?« »Die Politiker haben sich noch nicht zu diesem Abenteuer ver- pflichtet. Sie denken darüber nach. Ich mache nicht mit, bis mehr Probleme geklärt sind.« »Wir werden qualifizierte Wartungsleute brauchen, Nachrichten- dienst, Wetter.« Tuck nickte. »Mein Adjutant, Colonel Eatherly, geht mit Ihnen durch dick und dünn. Probleme lösen ist das, was er am besten kann. Er kann Ihnen den Weg ebnen.« »Vielleicht sollten Sie ihm den Job geben, Sir«, sagte Bob Cassidy und versuchte zu grinsen. »Ich bin noch nie in Russland gewesen.« Tuck stand auf. »Schlafen Sie sich aus, Colonel. Kommen Sie morgen früh wieder, und lassen Sie mich dann wissen, was Sie den- ken. Wie ich sagte, Ihr Name stand auf der Liste. Die Leute hier um mich herum sagen, dass Sie sich mit der F-22 auskennen. Sie haben uns die meisten Informationen über die Zero beschafft, und Sie verstehen die Japaner wie niemand anderes in Uniform. Der US- Botschafter in Japan spricht in den höchsten Tönen von Ihnen, ebenso wie zwei Ihrer ehemaligen Vorgesetzten, mit denen ich ge- sprochen habe. Sie sagen, Sie könnten das durchziehen wie kein anderer. Es ist Ihre Entscheidung.« »Ich muss darüber nachdenken, Sir.« Während Stanford Tuck die Hand des Colonel schüttelte, sagte er: »Sie sind professioneller Jagdflieger, Cassidy; das wird wahr- scheinlich alles an Krieg sein, was Sie jemals erleben werden.« Der General sah Cassidy direkt in die Augen. »Es wird ein echter Fleischwolf werden. Viele Leute werden sterben. Das wird verdammt unangenehm sein und hässlich wie die Hölle. Die Führung unseres, Landes weigert sich, den Krieg zu erklären. Wollen Sie Ihr Leben für Russland riskieren, für die Russen? Schlafen Sie drüber. Wir se- hen uns morgen.« »Ja, Sir.« »Alles, was wir erörtert haben, ist streng geheim, Colonel. Alles.« Draußen im Empfangsbereich bot sich einer der Soldaten an, Bob Cassidy in Richtung des Haupteingangs und des wartenden Autos zu geleiten. Kampf. Sterbende Menschen. Großer Gott. Kalugin glich einem Wolf, einem alten grauen Wolf der Taiga aus einem russischen Volksmärchen. Er hatte kleine schwarze Augen und einen wilden, hungrigen Blick, der alle Gedanken verbarg, die hinter seinen Gesichtszügen lauerten. Aleksander Iwanovich Kalugin war ein schlauer, berechnender Pa- ranoiker ohne Moral, Ethik oder jegliche Skrupel, ein Gangster, der bereit war, alles zu tun, um sich zu bereichern. Er kannte keine Lo- yalität, außer sich selbst gegenüber. Er war ein perfektes politisches Chamäleon, bereit, jede Haltung anzunehmen und jedes Verspre- chen zu geben, von dem er glaubte, dass seine Zuhörer es hören wollten. Wie die Politiker westlicher Demokratien bezahlte auch er ›Exper- ten‹ dafür, ihm zu sagen, was ›das Volk‹ wollte. Er war natürlich durchaus gewillt, seine Versprechen einzuhalten, wenn die Kosten niedrig waren und der persönliche Gewinn hoch. Der Mann war eine Fallstudie für jene Narren, die glaubten, dass der Charakter eines Politikers nicht zählte, solange er auf ihrer Seite war. Die Wahrheit war, dass Kalugin auf niemandes Seite war, nur auf seiner eigenen: Er war ebenso bereit, seine Anhänger zu vernichten wie auch seine Feinde., Heute richtete er diesen starren Wolfsblick auf den Außenmi- nister Danilov, während der Minister ihm das Gespräch im Weißen Haus zwischen dem amerikanischen Sicherheitsberater und dem russischen Botschafter in den Vereinigten Staaten erläuterte. Eine Ader an Kalugins Stirn pochte sichtbar. Schließlich murmel- te er zwischen zusammengebissenen Zähnen: »Die verdammten Amerikaner lügen.« »Herr Präsident –« »Sie lügen, Sie tatteriger Idiot! Sie haben uns zehntausendmal be- logen, und sie lügen wieder. Die Japaner sind nicht dumm genug, diesen Winter in Sibirien in die Falle zu gehen. Dieser Eisschrank ist im Winter die unwirtlichste Hölle auf diesem ganzen Planeten, und der Winter beginnt in drei, vielleicht dreieinhalb Monaten. Im Oktober werden die Temperaturen unter Null sinken und weiter fallen wie ein Stein. Nur Russen wären verrückt genug, dieses windi- ge, gefrorene Scheißhaus zu ertragen, das Gott nie benutzt. Die ver- dammten Amerikaner lügen. Schon wieder!« »Ich denke, dass –« »Holen Sie den japanischen Botschafter in Ihr Büro und fragen Sie ihn. Fragen Sie ihn, ob sein Land beabsichtigt, Russland zu überfallen. Fragen Sie ihn!« Kalugin zeigte auf die Tür. Danilov ging. Was wäre, wenn die Japaner tatsächlich einmarschierten? Das Er- eignis würde ein Lauffeuer des Patriotismus entzünden. Das politi- sche Tagesgeschäft würde rasch zum Erliegen kommen. Kalugin begann über die Möglichkeiten nachzugrübeln. Falls Japan wirklich in Sibirien einfiel, schienen sich eine unglaubliche Menge politischer Gelegenheiten zu bieten, jedenfalls für einen Mann, der schnell und kühn genug war, entschlossen zu handeln. Wenn ein Mann seine Karten richtig ausspielte … Unwillkürlich fiel Kalugins Blick auf das Portrait Stalins, das er an der Wand hatte hängen lassen, obwohl der Diktator dieser Tage bei, den meisten nicht mehr gefragt war. Für einen Moment meinte Ka- lugin, ein Schimmern in den Augen des alten Mörders zu sehen. Bob Cassidy bekam ein Hotelzimmer in Crystal City, eines jener modernen Gebäude mit Glasfassade. Durch irgendeinen Zufall hat- te sein Zimmer eine gute Aussicht auf das Zentrum von Washing- ton, obwohl der Empfangschef ihm versicherte, dass er nur den Preis für Angehörige des Militärs berechnen würde. Er konnte nicht einschlafen. Im Zimmer war es nicht wirklich dunkel; die Lichter der Stadt drangen durch die Vorhänge. Manch- mal döste er ein und träumte, er säße hoch droben in einem Cock- pit. Er schoss durch die Wolken, die Geschosswarnung blinkte und dröhnte in seinen Ohren, warnte ihn vor unsichtbaren Raketen, die mit zweifacher Schallgeschwindigkeit auf ihn zurasten. Er versuchte verzweifelt zu entkommen, doch es gelang ihm nicht. Die Raketen schlugen ein … Jedes Mal wachte er schweißgebadet auf, mit trockenem Mund und juckender Haut. Schließlich machte er sich einen Drink und stürzte ihn schnell herunter. Der Alkohol half auch nicht. Er zog die Vorhänge zurück, setzte sich hin und blickte auf die Lichter. In einiger Entfernung konnte er die Kuppel des Kapitols und das Washington Monument sehen. Ein Krieg drohte, und alle die Leute da draußen waren völlig ah- nungslos. Selbst wenn sie es wüssten, es würde sie nicht interessie- ren – solange die Bomben nicht gerade hier fielen. General Tuck wollte in einigen Stunden seine Entscheidung wis- sen. Vielleicht sollte er fragen, was nach dem Krieg sein würde. Konn- te er zur Air Force zurückkehren, wenn er überlebte? Würde er zurückkehren wollen?, F-22 gegen Zeros. Jiro Kimura flog eine Zero. Mein Gott, es könnte sein, dass er auf Jiro feuern musste. Schließlich schlief er im Sessel ein. Der Flugtraum kehrte nicht wieder. In dem neuen Traum war er wieder jung, ein Junge in Kan- sas, der im Sommerwind die Wolken über einen unendlichen blau- en Himmel treiben sah. Gegen drei Uhr morgens erwachte er. Es war hoffnungslos. An weiteren Schlaf war nicht zu denken. Er duschte und zog seine Uni- form an. Konnte die F-22 gegen die Zero bestehen? Die Raptor war sehr gut getarnt, doch mit Athena war die Zero unsichtbar, hatte Jiro ge- sagt. Wie bekämpft man ein feindliches Überschallflugzeug, das man auf dem Radarschirm nicht sieht? »Ein F-22-Geschwader nach Sibirien zu bringen, wird eine Heraus- forderung sein, General«, sagte Bob Cassidy am nächsten Morgen zu Stanford Tuck. Der General saß in Hemdsärmeln hinter seinem Schreibtisch und trank Kaffee. Sein Jackett hing an einem Haken nahe der Tür. »Die ganze Operation steht und fällt mit der Logistik«, fuhr Cas- sidy fort. Er umriss die Probleme, die er bei den Stützpunkten, dem Frühwarnsystem und der ärztlichen Betreuung seiner Leute sah. »Sogar das Essen wird aus den Staaten geliefert werden müssen.« »Sibirien«, murmelte der General nur, um den Klang des Worts zu hören. »Das Problem der Logistik wäre leichter zu lösen, wenn wir ein Geschwader in die Antarktis brächten.« Der General drückte einen Knopf am Telefon. Sekunden später öffnete sich die Tür und der Adjutant des Generals erschien. »Das ist Colonel Eatherly. Ich möchte, dass Sie alles, worüber Sie gerade gesprochen haben, genau mit ihm durchgehen. Er macht sich Notizen und sagt mir, was er denkt. Der Präsident will ein ein- deutiges politisches Statement gegen bewaffnete Aggressionen abge-, ben. Er will die Vereinigten Staaten nicht in den Dritten Weltkrieg hineinziehen. Aber wenn wir ein Dutzend Flugzeuge abstellen, um in Russland zu kämpfen, müssen sie wenigstens eine Chance haben, ihre Mission erfüllen zu können. Wenn die Japaner sie vom Him- mel fegen – aus welchem Grund auch immer –, werden wir noch schlechter dran sein, als wenn wir nichts getan hätten. Einem hung- rigen Löwen ein Appetithäppchen anzubieten, ist politisch unklug.« Tuck lockerte seine Krawatte und krempelte die Ärmel hoch. Bob Cassidy holte tief Luft. Ihm war klar, was auf dem Spiel stand, doch er wusste auch, was geübte Piloten alles mit der F-22 machen konnten. »Abhängig von den Umständen, die wir gerade erörtert haben, denke ich, dass ein Raptor-Geschwader es durchaus mit der neuen Zero aufnehmen kann. Mit den richtigen Piloten können wir ihnen höllisch einheizen.« »Ein Dutzend Flugzeuge ist alles, was wir Ihnen geben können«, sagte Stanford Tuck, »Sie werden also zahlenmäßig deutlich unter- legen sein.« Er legte beide Hände flach auf den Schreibtisch. »Sie können ebensogut alles erfahren«, sagte der General. »Wir können Ihnen die neuen Langstreckenraketen nicht zur Verfügung stellen. Die Politiker haben das abgelehnt. Sie können AMRAAMs und Sidewinders kriegen, aber keine Geschosse mit Technologie, die wir vor den Japanern oder den Russen geheimhalten wollen.« AMRAAM stand für eine fortschrittliche Luft-Luft-Rakete mittlerer Reichweite, auch bekannt als das AIM-120 C. »Sky Eye?« »Nein. Man fürchtet, wenn ausländische Mächte erfahren, wie gut Sky Eye ist, werden sie bei jedem zukünftigen Konflikt unsere Satel- liten als Ziel nehmen.« »Unsere Satelliten sind bereits Ziele.« »Minderwichtige Ziele.« »Aber –«, Tuck hob eine Hand. »Ich bin nicht hier, um zu diskutieren. Ich habe diese Entscheidung nicht getroffen. Wir müssen damit leben.« »Warum zum Teufel kaufen wir die Dinger, wenn wir sie nicht verwenden können?«, fragte Cassidy irritiert. »Die Zukunft dieses Landes steht im Moment nicht auf dem Spiel«, sagte Tuck mit halbgeschlossenen Augen. Er schien zu ver- suchen, Cassidy einzuschätzen. »Sie und ich stehen auf derselben Seite.« »Es tut mir Leid, Sir. Ich wollte nicht –« »Reden Sie mit Eatherly.« Als Eatherly Cassidy aus dem Zimmer führte, reichte er ihm die Hand. »Meine Freunde nennen mich John. Sind Sie mit dem Alten zurechtgekommen?« »Ich denke schon.« In seinem Büro zog Eatherly einen Stuhl für Cassidy heran und holte einen Notizblock hervor. »Glaubt der General wirklich, dass ein F-22-Geschwader in Sibi- rien eine Chance hat?« Eatherly schaute ihn überrascht an. »Was soll das heißen?« Cassidy runzelte die Stirn. »Oder will er, dass ich ihm Gründe lie- fere, nein zu sagen?« »Er hat wohl gehofft, dass Sie ihm zeigen könnten, wie man die- sen Vorschlag umsetzt«, antwortete Eatherly. »Wenn Sie glauben, dass das machbar ist.« Cassidy rieb sich heftig das Gesicht. »Ich –« »Sie werden diese Parade anführen, Colonel. Der zarte zitternde Arsch auf dem Silbertablett ist diesmal Ihrer.« Bob Cassidy saß einen langen Moment gedankenverloren da. Dann sagte er: »Meine Quelle in Japan sagt, dass die Zeros für den Radar unsichtbar sind. Er sagt, dass die Japaner ein amerikanisches Projekt namens Athena erworben – gestohlen haben.« Eatherly nickte. »Es gab mal ein inoffizielles amerikanisches Pro-, jekt mit diesem Namen. Ich habe das überprüft, nachdem ich Ihren Bericht über die Zero gelesen hatte. Das amerikanische Projekt ist schon vor Jahren abgeblasen worden.« »Wie hat das funktioniert?« »Es war ein aktives ECM. Wenn das Signal vom feindlichen Ra- dar erfasst wurde, wurden die Rohdaten durch einen supraleitenden Rechner geschickt, der dann über in der Flugzeughaut verborgene Antennen eine nichtsynchrone Welle ausstrahlte, die das feindliche Radarsignal wirksam auflöste.« »Und was ist mit der Streuwirkung? Radar A sendet ein Signal, aber B empfängt es?« »Der Computer kennt die Streumerkmale des Flugzeugs, das er schützt, also sendet er das korrekte Maß an Energie in alle Richtun- gen.« »Warum haben wir es nicht weiterentwickelt?« Eatherly zuckte die Schultern. »Das Geld hat nicht gereicht.« »Toll.« »Die F-22 ist gut getarnt«, überlegte Eatherly. »Mit abgeschalte- tem Radar könnte man der Ortung entkommen, bis man in Sicht- weite ist.« »So gut ist sie nicht getarnt«, antwortete Bob Cassidy. »Und das menschliche Auge ist auch nicht so gut. Was wir brauchen werden, ist Sky Eye. Die Satelliten werden die Zeros finden und uns sagen müssen, wo sie sind.« »Ich rede mit den Leuten von der National Security.« »Und wir brauchen etwas, womit wir unsere Stützpunkte schüt- zen können. Wir können nicht rund um die Uhr mit den Maschi- nen in der Luft sein.« »Sentinel«, sagte John und schrieb das Wort auf seinen Block. »Bitte?« »Sentinel ist eine automatisierte Waffe – streng geheim natürlich. Sie stellen sie auf, schalten sie ein und gehen weg. Wenn sie elektro-, magnetische Energie von einer zuvor eingestellten Frequenz erfasst, feuert sie eine kleine, mit Festtreibstoff gefüllte Antistrahlungsrakete ab, die die Energiequelle sucht. Die Raketen verfügen über einen Gedächtnisspeicher, so dass sie auch Ziele verfolgen können, die keine elektromagnetischen Strahlen mehr aussenden – wirklich er- staunlich, wozu diese neuen Computerchips in der Lage sind. Je- denfalls, wenn ich mich recht erinnere, hat ein Sentinel eine Maga- zinkapazität von achtundvierzig Raketen. Die Raketen haben eine Reichweite von etwa sechsundzwanzig Kilometern.« »Elektrizität wird aber in Sibirien ein großes Problem sein.« »Der Sentinel hat aufladbare Solarzellen. Alles, was Sie tun müs- sen, ist, gelegentlich die Magazine neu zu laden.« »Also werden die Zero Piloten auf Mach 1 runtergehen müssen und blind fliegen.« »Sentinel wird sie bestimmt dazu überreden, ihren Radar ausge- schaltet zu lassen.« »Gemein.« Cassidy grinste. »Hat die F-22 nicht diese neue Tarnhaut, die je nach Hintergrund die Farbe wechselt?«, erkundigte sich Eatherly, nachdem sie mehrere Minuten lang die logistischen Probleme erörtert hatten. »Die neuesten ja«, sagte Cassidy ihm. »Aktive Außenhauttarnung oder Smart Skin. Die Haut muss installiert werden, ehe die Maschi- ne vom Band läuft.« »Wie gut ist sie?« »Es funktioniert tatsächlich. Gegen jeden neutralen Hintergrund, wie Wolken oder Meer oder Dunst, ist das Flugzeug äußerst schwer zu sehen, wenn es mehr als ein paar hundert Meter entfernt ist. Manche Leute können es manchmal mit dem peripheren Sehver- mögen erfassen. Gelegentlich sieht man Bewegung aus dem Augen- winkel, man weiß, dass dort etwas ist, aber wenn man direkt hin- schaut, kann man nichts ausmachen. Es ist richtig unheimlich.« Eatherly machte sich eine Notiz. »Erzählen Sie mir mal etwas, über die Wartung. Wie viele Leute, wie viele Ersatzteile?« Nachdem sie den ganzen Morgen mit solchen Themen zugebracht hatten, gingen John Eatherly und Cassidy zum Mittagessen ins Büro des Vorsitzenden. Während sie Bohnensuppe und Maisbrot aßen, informierte John den General. Er ging alle vorgeschlagenen Lösungen für jedes größere Problem durch: Personal, Logistik, War- tung, Waffen und Treibstoffversorgung, Frühwarnsystem. »Und was ist Ihre Empfehlung?«, fragte der General Cassidy, als Eatherly fertig war. »Gibt es keine Möglichkeit, diesen Krieg zu verhindern, Sir?« Cas- sidy starrte in seine Bohnensuppe. Er hatte keinen Appetit. »Die Politiker sagen nein.« Stanford Tuck zuckte mit den Ach- seln. »Kriege ereignen sich, weil sich eine ganze Gesellschaft in et- was hineinsteigert – es ist nicht nur die Schuld der Politiker. Die Gesellschaft wird erst aufhören, wenn die gewaltige Mehrheit glaubt, dass ihr Fall hoffnungslos ist.« »Also soll das F-22-Geschwader sie überzeugen. Ihnen ihren Feh- ler aufzeigen.« »Ich will, dass Sie ihnen auf den Fersen bleiben, sie zermürben, gelegentlich eine Zero abschießen, auf ihre Lufttransporte zielen, die Japaner davon überzeugen, dass sie sich mehr aufgeladen ha- ben, als sie tragen können.« »Sir, die Japaner haben ein aktives ECM, das ihr Flugzeug un- sichtbar macht. Athena. Die pusten uns vom Himmel, es sei denn, wir benutzen die Satelliten, um die Zeros zu finden und uns zu ihnen zu führen.« »Das Weiße Haus sagt nein.« »Ich bringe keine Amerikaner nach Russland, um sie abschlachten zu lassen. Ohne Sky Eye geht es nicht. Da mache ich nicht mit.« Stanford Tuck aß einen weiteren Löffel Suppe und legte dann, den Löffel neben den Teller. »Sie waren über zwanzig Jahre beim Militär, Cassidy. Es gibt nicht viel, was ich Ihnen über dieses Ge- schäft erzählen könnte, das Sie nicht schon wissen. Ich werde versu- chen, die Genehmigung für den Einsatz der Satelliten zu kriegen.« »Ich kann von Glück sagen, wenn ich die Hälfte der Leute wieder heil nach Hause bringe.« »Ich werde mein Bestes tun. Das ist alles, was ich versprechen kann.« »Diejenigen, die zurückkommen – können wir wieder in die Streitkräfte eintreten?« »Ich lege dem Präsidenten einen entsprechenden Entwurf vor. Ich bin sicher, dass er unterschreibt.« »Gut.« Leise fügte Tuck hinzu: »Gibt es noch irgendetwas anderes, das Sie mir sagen wollen, Colonel?« »Ich kenne einen der Zero Piloten ziemlich gut.« Stanford Tuck sah kurz Eatherly an, dann räusperte er sich. »Nach einem Jahr in Japan wäre ich überrascht, wenn Sie nicht mehrere kennen würden«, sagte er. »Ich hasse es, Sie derart unter Druck zu setzen, aber unsere Zeit läuft ab. Können Sie diese Auf- gabe übernehmen?« »Das kann ich, General. Meine Bemerkung über den Zero Piloten ist persönlich. Die Aufgabe, die Sie mir anbieten, ist im besten In- teresse der Vereinigten Staaten. Ich kenne den Unterschied. Ich bete nur, dass mein Freund all das überlebt.« »Ich verstehe.« Tuck bewegte ein wenig den Kopf. Es war eine winzige Verbeugung, bemerkte Cassidy überrascht. »Colonel Eatherly hilft Ihnen, das Ganze ins Rollen zu bringen«, sagte der General. »Wir werden sehen, was wir erreichen können.« »Ja, Sir«, brachte Cassidy heraus, während Stanford Tuck ihm die Hand reichte. Tuck hielt seine Hand fest und schaute ihm in die Augen., »Erinnern Sie sich daran, was die Bibel sagt, Colonel: ›Wenn du im Tal wanderst, fürchte kein Übel.‹« 6. KAPITEL

Die Ersten in Sibirien, die entdeckten, dass etwas nicht stimmte,waren die Radartechniker auf dem Flughafen in Wladiwostok,

den sich das Militär mit den gelegentlichen zivilen Transporten teil- te, die über Sibirien oder über den Pol geflogen wurden. Es gab nicht mehr viele davon. Treibstoff war teuer, das Geld, um die Flugzeuge instandzuhalten, war knapp, und die Navigationshilfsmit- tel in der Mitte des Kontinents wurden nicht regelmäßig gewartet. Musste irgendetwas oder irgendjemand wirklich nach Wladiwostok, dann meist mit der Eisenbahn oder übers Meer. Der Radar, der die Meere im Osten und Süden kontrollierte, war in Betrieb, und die Techniker waren sogar ab zwei Uhr morgens im Dienst, gegen Ende einer weiteren kurzen Sommernacht. In Russland veränderten sich die Dinge immer dann, wenn die verantwortliche Regierungsstelle die Zahlungen einstellte, und die Menschen, die von dem spärlichen Geld gelebt hatten, sich etwas Neuem zuwenden mussten. Geld, um den Radar funktionstüchtig zu erhalten, tröpfelte noch gelegentlich aus Moskau. Die Aufgabe, Mütterchen Russland zu schützen, war zu heilig, als dass ein Politi- ker daran gerührt hätte. Der einzige Techniker, der die Radarschirme tatsächlich beobach- tete, folgte auch dem Kartenspiel, das die anderen Mitglieder der Wachmannschaft spielten. Gelegentlich erinnerte er sich daran,, kurz auf die Schirme zu sehen. Auf einem davon erblickte er das Radarecho, im Süden. Drei Minuten später, als das Radarecho im- mer noch da war und näher kam, rief er seinen Vorgesetzten, damit er sich das ansehen sollte. Dieser legte widerwillig seine Karten hin. Es gab keine planmäßige Maschine, die aus dieser Richtung erwar- tet wurde – bis zum nächsten Nachmittag wurden überhaupt keine Maschinen erwartet, die in Wladiwostok landen sollten – und wie- derholte Anfragen per Funk blieben unbeantwortet. Als das Radar- echo näher kam, löste es sich in viele kleinere Punkte auf, anschei- nend ein ganzes Geschwader. Der leitende Radartechniker rief den Wachoffizier der Luftvertei- digung auf der anderen Seite der Basis an und berichtete von dem fliegenden Verband, der in etwa zwölf Minuten in den russischen Luftraum eindringen würde, wenn er Kurs und Geschwindigkeit beibehielt. Zwei Suchoi Su-27 Jäger waren im üblichen Bereitschaftsstatus, was bedeutete, dass sie voll aufgetankt und mit je vier AA-10 Flug- abwehrgeschossen und einem Gurt Granaten für die 30-mm Bord- kanone ausgerüstet waren. Das Bodenpersonal schlief in einer nahe gelegenen Baracke. Die Piloten, die ihre Fluganzüge trugen, spielten Schach in einer anderen Baracke. Normalerweise hätten die Bereitschaftspiloten zu dieser Nacht- zeit geschlafen, doch diese beide waren am frühen Abend bei einem Hochzeitsessen gewesen und waren nicht müde. Als der Offizier vom Dienst anrief und einen Alarmstart befahl, ließen sie alles fallen, rannten zu ihren Maschinen und brüllten aus vollem Hals, um das Bodenpersonal zu wecken. Einer der Piloten riss die Tür zur Baracke des Bodenpersonals auf und schaltete das Licht ein. Am Flugzeug angekommen, legten die Piloten ihre Ausrüstung an, während die Bodencrew aus der Tür gestolpert kam. Acht Mi- nuten später rollten die Suchois über die Startbahn, zündeten ihre, Nachbrenner und beschleunigten. Das gewaltige Brüllen rollte wie Donnergrollen über den verschlafenen Stützpunkt. Nach einem mäßigen Anlauf hoben die Räder vom Beton ab, und die Piloten fuhren Fahrwerk und Klappen ein. Mit immer noch eingeschalteten Nachbrennern schlossen die zwei Jäger dich- ter aufeinander auf. Dann gingen die Piloten in den Steilflug und brachen durch die Wolkendecke, während der Führer Kontakt mit der bodengeleiteten Abfangkontrolle (GCI) aufnahm, mit demsel- ben Mann, der das einlaufende Radarecho gesehen hatte. Das ur- sprüngliche Radarecho hatte sich in fünf, manchmal sechs indivi- duelle Ziele geteilt. Der leitende Techniker und die meisten Männer der Wachmannschaft hatten sich hinter ihm versammelt und starr- ten über seine Schulter hinweg auf den Radarschirm. Die Echozeiten bewegten sich mit einer Geschwindigkeit von etwa 250 Knoten. Wahrscheinlich Turboprop-Maschinen. Aber von wem? Warum kamen so viele Flugzeuge aus Südosten? Warum hat- te Moskau ihnen nicht eine Kopie ihres Flugplans übermittelt? Die tiefhängenden Stratuswolken türmten sich heute Abend 5.000 Meter hoch. Eine zweite Wolkenschicht verdeckte den Himmel. Als sie die niedrigeren Schichtwolken hinter sich zurückgelassen hatten, drosselten die Piloten der Suchois ihre Geschwindigkeit, schalteten die Brenner aus und gruppierten sich in einer losen Kampfforma- tion. Sie löschten ihre Tragflächenlichter, so dass nur die schwa- chen Formationslichter an den Seiten der Maschinen durch die Dunkelheit schimmerten. Als die Jäger in 7.000 Meter Höhe in den Horizontalflug übergin- gen, dirigierte der GCI-Controller sie auf einen neuen Kurs, um den größeren Verband abzufangen, der sich in Richtung Wladiwos- tok bewegte. Die Aufmerksamkeit des Führers war auf sein Cockpit gerichtet. Obwohl die Su-27 ein HUD, eine Blickfelddarstellung, hatte, benutzte der Pilot sie nicht. Wenn er es getan hätte, wäre er wahrscheinlich dennoch gestorben. Er konzentrierte sich auf den Instrumentenflug und darauf, den Verstärkungsgrad und die Helligkeit seines Radarschirms einzustel- len. Das dauerte mehrere Sekunden. Als er den Radarschirm über- prüfte, blickte er kurz auf seine ECM-Anzeige, die nichts anzeigte. Ja, die Schalter waren angeschaltet. Ein Warnruf aus dem Funkgerät. Er blickte automatisch auf, starr- te nach draußen. Bei elf Uhr, etwas höher als er, ein helles Licht … sehr hell! Geschoss! Automatisch drückte er den Steuerknüppel seitwärts, um nach links abzurollen, fort von seinem Rottenflieger, und zog ab. Der leichtgängige Jäger rollte gehorsam in einen Querneigungs- winkel von 220 Grad. Das Geschoss erreichte ihn zweieinhalb Se- kunden, nachdem der Pilot seinen Abgasstrahl entdeckt hatte: Die Nase des Jägers war nicht mehr als zehn Grad heruntergekommen. Das Geschoss verfehlte die Suchoi um etwa 15 Zentimeter. Doch der Abstandszünder ließ den Gefechtskopf unmittelbar unter dem Cockpit explodieren. Das Schrapnell stanzte Hunderte Löcher in die Unterseite des Flugzeugrumpfes. In weniger als einer Sekunde schoss Treibstoff aus den durchlöcherten Kraftstoffleitungen in das Getriebe und fing Feuer. Eine halbe Sekunde später explodierte die Maschine. Der Pilot war sofort tot. Der Rottenflieger war instinktiv nach rechts von seinem Führer weggerollt, als er das ankommende Geschoss entdeckte. Gleichzeitig schrie er in das Funkgerät, das in seiner Sauerstoffmaske eingebaut war. Das war die Warnung, die der Führer hörte. Der Rottenflieger drehte nur etwa 70 Grad ab, so dass er das entgegenkommende Ge- schoss in Sicht behalten konnte. Trotzdem legte er sechs g zu. Er sah aus dem Augenwinkel, wie das Geschoss vorbeiblitzte, und sah den Blitz, als er unter dem Flugzeug des Führers explodierte., Der Blitz blendete ihn für einen Moment. Blinzelnd riss er den Steuerknüppel zurück und drehte ab, wäh- rend er hinaussah, um zu sehen, ob sein Führer dem Geschoss aus- gewichen war. Er öffnete den Mund, um einen Funkruf auszusen- den. Der Rottenflieger sah das zweite Geschoss nicht, das sein Flug- zeug im Bereich der linken Tragflächenwurzel traf und explodierte. Die Explosion zerriss den Tragflächenholm, so dass der Flügel zu- sammenklappte. Das heiße Metall des Sprengkopfs entzündete den Treibstoff, der unter Druck aus dem zerbrochenen Tragflächentank schoss. Dann explodierte der Treibstoff in der Tragfläche. Innerhalb von einigen Tausendstel Sekunden war alles vorüber. Der Pilot starb, ohne zu wissen, dass es überhaupt ein zweites Geschoss gege- ben hatte. Die glühenden Feuerbälle der beiden Suchois waren in diesem dunklen Universum über 30 Kilometer weit sichtbar. Die Piloten der vier japanischen Zeros – White Flight – flogen in maximalem Waffenstand. Sie nahmen die Daumen von den Feuer- knöpfen ihrer Steuerknüppel, wo sie noch in Bereitschaft gelegen hatten, falls weitere Geschosse notwendig gewesen wären. Der Füh- rer war der Einzige gewesen, der gefeuert hatte. Jetzt leitete er eine sanfte Linkskurve ein, um den Flug in Rich- tung Wladiwostok fortzusetzen. Er hoffte, diesen Bereich im Osten der Stadt in einem Oval umrunden zu können, bereit, auf jedes weitere Flugzeug zu schießen, das aus Wlad oder von den Stütz- punkten auf der Sachalin Insel kam, um die japanischen Flugzeuge anzugreifen, die Fallschirmjäger absetzten. Als Nummer drei im Verband fliegend, überprüfte Jiro Kimura die Position der anderen Flugzeuge in der Formation auf seiner Computerdarstellung. Die Maschinen verwendeten Laserstrahlen, um einander im Auge zu behalten. Keine äußeren Lichter waren eingeschaltet; die Flugzeuge waren in der Dunkelheit unsichtbar., Zufrieden, dass alle vier Flugzeuge sich dort befanden, wo sie sein sollten, spann Jiro seine Gedanken weiter. Er flog eine Kurve, um den Führer in Position zu halten. Warum war er nicht begeistert? Gerade waren die ersten zwei Siege des Krieges errungen worden. Die Athena-Geräte der Zeros machten sie für russischen Radar unsichtbar, so dass die GCI-Con- troller keinen Schimmer hatten, dass die Zeros sich überhaupt in der Luft befanden. Sie hatten die Suchois gestartet, um die ankom- menden Transporte zu überprüfen. Die Suchoi Piloten waren aus dem Hinterhalt überfallen worden, ohne Warnung … ohne Erbar- men, ohne die Spur einer Chance. Sie waren hingerichtet worden. Genauso war es. Jiro empfand weder Mitleid noch Reue, nur Müdigkeit, eine Le- thargie und ein Gefühl tiefer Traurigkeit. Zwei Blitze, zwei Explosionen am Nachthimmel 25 Kilometer entfernt und zwei Männer waren tot. Vermutlich. Die Chance, Ex- plosionen wie diese zu überleben, dürfte sehr gering sein. Peng, peng. Einfach so – zwei Männer tot. So würde auch er sterben. Die Erkenntnis überkam ihn, als er dort im Cockpit saß, müde, hungrig, durstig und sehr allein. Er würde eines Tages in diesem Cockpit sterben genauso wie jene bei- den Russen, ohne Warnung, ohne Glück, ohne einen Moment des Besinnens, ohne eine Gelegenheit, seinen Frieden mit dem Univer- sum zu schließen. Und er hatte dieses Schicksal selbst gewählt! Erst gestern Abend hatte sein vorgesetzter Offizier nach ihm geschickt und ihm ein Schreiben des japanischen Geheimdienstes gezeigt, in dem eine Un- tersuchung seiner Loyalität gefordert wurde. »Sie haben einen ame- rikanischen Offizier angerufen?« »Ich war auf der amerikanischen Air-Force-Akademie, Sir, wie Sie, wissen. Ich kenne viele Amerikaner. Ich habe all die Jahre meine Kontakte zu mehreren von ihnen aufrechterhalten.« »Natürlich«, sagte sein Vorgesetzter. »Diese bürokratischen Trottel von der Spionageabwehr haben nicht in Ihren Akten nachgesehen. Aber Sie sehen ja, wie das ist, Kimura. Sie sehen, wie leicht es ist, sich selbst zu kompromittieren. Seien Sie künftig vorsichtiger.« Mit dieser Ermahnung warf der CO das Schreiben auf einen Stapel Ak- ten, die ein Angestellter in Kästen stapelte, um sie ins Archiv zu bringen. »Ich habe diesen Amerikaner angerufen, um –« Der Offizier wollte es nicht hören. Er unterbrach ihn. »Kimura, wir werden einen Krieg führen. Sie und ich werden beide innerhalb von vierundzwanzig Stunden im Gefecht stehen. Ich habe wirklich etwas Besseres zu tun, als Briefe an Bürokraten zu schreiben. Eine Untersuchung wollen sie also. Wenn wir beide heute in einem Mo- nat noch leben, werde ich ihnen einen Brief schreiben, und ihnen sagen, dass Sie ein loyaler Soldat Japans sind. Wenn Sie tot sind, werde ich ihnen sagen, wie glorreich Sie starben. Gefallen wie die Kirschblüte – heißt es nicht so in den alten Gedichten? Wenn ich selbst tot bin …« Der Offizier hatte ihn hinausgescheucht. Jetzt ließ sich der russische GCI-Techniker über Funk vernehmen, rief seine toten Piloten. Er wusste natürlich nicht, dass sie tot wa- ren, doch sie waren von seinem Radarschirm verschwunden, also rief er sie an, wenn auch vergeblich. Jiro konnte die Worte nicht verstehen, aber er konnte die Sorge in der Stimme des Mannes hören. Jiro behielt seine elektronische Kampfführung Warnanzeigen-(EW) argwöhnisch im Auge – sie wa- ren angenehm still –, überwachte die taktische Anzeige und konzen- trierte sich darauf, in korrekter Position in seiner Formation zu bleiben, während der Controller nach den Männern rief und rief, die nie antworten würden., Die zehn Flugzeuge, die sich Wladiwostok näherten, waren C-130 Herkules, J-Modelle, die am weitesten entwickelte Version der mili- tärischen Transportmaschine des späten 20. Jahrhunderts. Jedes Flugzeug war mit Truppen vollgestopft. Der erste Verband von vier Flugzeugen begann 110 Kilometer vor der Stadt mit dem Sinkflug. Sie fielen in eine Streifenformation, in dem sie abwechselnd die Getriebe drosselten und die Klappen senk- ten. Der Pilot des Führungsflugzeugs schob die Feindberührung am längsten hinaus – er drosselte seine Geschwindigkeit erst, als er das Instrumentenlandegleitwegverfahren (ILS) ansteuerte. Er konnte die Landebahn noch nicht sehen, da die Sicht in dem sanften Regen nur etwa sechs Kilometer betrug. Das ILS arbeitete gut, was erstaunlich war, angesichts des wenigen Geldes, das die Russen in den letzten wenigen Jahren in ihr Luft- straßensystem gesteckt hatten. Selbst wenn das ILS nicht in Betrieb gewesen wäre, hätte er genau denselben Anflug geflogen, mit Hilfe der Satellitennavigationssystem-Ausrüstung (GPS) und den Compu- tern in seinem Cockpit. Es freute den Schwarmführer, dass das ILS arbeitete. Hätte es nicht funktioniert, hätte er sich Sorgen machen müssen, was die Russen an Warnungen erhalten hätten, und ob die Landebahn blockiert war oder nicht. Weil das ILS funktionierte, war er zuversichtlich, dass die Landebahn frei sein würde. Um je- doch ganz sicher zu sein, verglich er die ILS-Anzeigen, die er er- hielt, mit den vom GPS abgeleiteten Computerdarstellungen und Bordträgheitsmomenten. Alle Instrumente stimmten überein. Der Kopilot gluckste vergnügt ebenso wie der Führer der Fall- schirmjäger, der hinter dem Piloten stand und ihm über die Schul- ter schaute. Der zweite Schwarm von vier C-130 behielt seine Geschwindig- keit bei, als er Richtung Stadt sank. Bei tausend Metern Höhe, in der Wolkendecke, öffnete die Mannschaft die rückseitigen Fracht- türen. Die Fallschirmjäger reihten sich auf und klinkten ihre Reiß-, leinen ein. Die Maschinen flogen weiter im Streifenformationssinkflug auf die Stadt zu, fünf Kilometer voneinander entfernt. Die Fallschirm- jäger warteten. Viele der Soldaten standen mit geschlossenen Au- gen, bewegten die Lippen, während sie zu ihren Göttern und ihren Vorfahren beteten. Ein Fallschirmsprung nachts war gefährlich ge- nug, aber die Russen hatten rund um die Stadt Flugabwehrge- schoss-Batterien und Artillerie postiert; wenn sie das Feuer eröffne- ten, würden die C-130 abstürzen wie getroffene Enten. Und die Stadt lag auf einer Halbinsel, auf drei Seiten von Wasser umgeben. Fallschirmjäger hassten Wasser. Als die Karte enthüllt und der Ein- satzort gezeigt wurde, hörte man mehrere Seufzer, als die Männer all das Wasser sahen. Die Geschütze und Abwehr-Batterien blieben stumm. Die Hercu- les, die mit 200 Knoten dahingefegt waren, verlangsamten auf 150 Knoten, je tiefer und tiefer sie auf die Lichter der Stadt zusanken, die durch die bedeckte, regnerische Dunkelheit schimmerten. Zwei der Flugzeuge setzten ihre Fallschirmjäger über dem alten geschlos- senen Flughafen von Wlad ab, der gerade umgebaut wurde. Die anderen beiden Maschinen setzten ihre Männer nördlich der Kais entlang des Goldenen Horns ab. Die erste Welle dieser Trup- pen landete hauptsächlich auf den Straßen und kleinen Grasflä- chen, doch eine Windböe schien die letzten paar Dutzend Männer des zweiten Reihenabwurfs zu ergreifen. Die Männer, die an ihren Fallschirmen hingen, trieben hinaus auf das schwarze Wasser der Bucht unmittelbar zu ihrer Rechten. Leise, ohne einen Schrei oder Ruf, fielen die Soldaten in das ölige Wasser und versanken. Jeder Mann trug fast 50 Kilogramm Ausrüs- tung und Waffen, so dass sie keine Chance hatten. Sie waren die ersten Japaner, die bei der Invasion Sibiriens fielen. Im Flughafentower war der leitende Techniker außerstande, mit den anfliegenden Flugzeugen zu kommunizieren. Er sprach nur, Russisch in das Mikrofon. Es mit Englisch, der Universalsprache internationaler Luftfahrt zu versuchen, kam ihm nicht einmal in den Sinn. Allerdings kam es ihm in den Sinn, dass er besser das Mi- litär von der Gegenwart der unbekannten Flugzeuge in Kenntnis setzen sollte. Er wählte die Telefonnummer des befehlshabenden Offiziers der Armeeeinheit, die für die Flughafensicherheit sorgte. Da es mitten in der Nacht war, nahm niemand das Telefon ab. Die Armee hielt sich strikt an die Bürozeiten. Folglich wurden die vier an der Flughafengrenze aufgestellten ZPU-23 Flak-Artillerieeinhei- ten, die die ankommenden japanischen C-130 mit einigen gezielten Feuerstößen in Stücke hätten schießen können, niemals bemannt. Das war vielleicht auch gut so, weil in der Nähe eines jeden Ge- schützes ein japanisches Kommando in Zivil war, ausgerüstet mit Gewehren mit Nachtsicht-Zielfernrohren. Der Towersupervisor schaltete die Flughafenbeleuchtung aus – die Lichter der Startbahn, der Rollbahn, ebenso das Anflugfeuer. Augenblicklich war der Flug- hafen ebenso schwarz wie das Wasser, das ihn auf drei Seiten um- gab. Die führende C-130 durchbrach die Wolkendecke zweieinhalb Ki- lometer vor Ende des ILS-Gleitfluggefälles. Als Vorsichtsmaßnahme hatte die Maschine keine äußeren Lichter eingeschaltet. Der Pilot suchte vergebens nach den Landebahnlichtern und dem Anflugfeu- er, folgerte dann richtig, dass sie ausgeschaltet worden waren. Er teilte diese Erkenntnis dem Bataillonskommandanten mit, der hin- ter seinem Sitz stand. Er hatte kaum den Satz beendet, als die ILS- Nadeln sperrten und die Aus-Flagge auf dem Instrument erschien. Die Tower-Leitung hatte angeordnet, auch das Instrumentenlande- system auszuschalten. Jetzt flog der Kopilot das Flugzeug. Der Ausfall des ILS störte ihn überhaupt nicht. Er fuhr fort, der GPS-Linie und der Sinkflug- Blickfelddarstellung zu folgen. 30 Meter über der Landebahn sah der Pilot Lichter, die sich im, nassen Beton spiegelten, und meldete es. Der Kopilot sah sie auch. Der Pilot hatte seine Hand auf dem Schalter, um die Landelichter einzuschalten, doch er beschloss, das Risiko nicht einzugehen. Die Lichter der Stadt, die von den Wolken reflektiert wurden, reichten aus, dass der Kopilot die Hercules auf der Mittellinie der Lande- bahn aufsetzen konnte. Der Pilot zog die Props in den Gegen- schub, und als das Flugzeug langsamer geworden war, drehte er auf den ersten verfügbaren Abrollweg ab. Der Bataillonskommandant klopfte dem Piloten auf die Schulter, dann drehte er sich um und ging nach hinten, wo seine Männer warteten. Sechs Minuten nachdem die erste Hercules auf dem Boden des Wlad Flughafens gelandet war, waren japanische Truppen im Flug- hafenkontrollturm, und japanische Techniker bedienten den Radar und kommunizierten mit dem ankommenden Verkehr. Die Übernahme verlief ohne größere Störungen: Die Tower-Wa- che, ein junger russischer Polizist, nur mit einer Pistole bewaffnet, zog diese aus seinem Halfter, als sechs Soldaten in fremden Unifor- men aus der Dunkelheit mit erhobenen Sturmgewehren auf ihn zu- trabten. Die Geste war nutzlos. Niemand hatte dem Polizisten ir- gendetwas gesagt; er hatte nicht die geringste Ahnung, dass Sibirien – der Flughafen – überfallen wurde. Seine nervöse Reaktion war vielleicht verständlich. Eine Pistole war eine Pistole, so dass der Oberst, der mit seiner Mannschaft auf ihn zukam, den Polizisten mit drei Schüssen er- ledigte. Die Soldaten, die alle Panzerwesten trugen, rissen die Tür des Gebäudes auf und trampelten hindurch. Die Leiche des Polizisten lag für den Rest der Nacht dort, wo er tot zusammengebrochen war. Ein vorbeikommender japanischer Offizier bemerkte schließlich die Pistole – eine 70 Jahre alte Web- ley, ein Relikt aus den stürmischen Tagen des Zweiten Weltkriegs. Er hob sie auf und steckte sie in seinen Gürtel. Niemand berührte, die Leiche. Die Fallschirmjäger, die am ehemaligen Flughafen landeten, sam- melten sich und zählten durch. Mehrere der Männer waren in Bau- gruben gelandet, und einer hatte sich ein Bein gebrochen, als er ei- nen Bulldozer gestreift hatte, mit dem anscheinend der Beton auf- gerissen worden war. Erstaunlicherweise rissen die Russen die zer- bröckelnden alten Startbahnen auf und erneuerten sie. Sie waren auch dabei, Abwasserkanäle zu ziehen und Wasser- und Starkstrom- leitungen zu verlegen. Wie durch ein Wunder hatten alle Fallschirmjäger irgendwie ei- nen 30 Meter hohen Baukran verfehlt. Auf einer größeren Baustelle zu landen, komplizierte die Ankunft der Fallschirmjäger ein wenig, aber niemand hatte ihnen bisher auch nur die geringste Aufmerk- samkeit geschenkt. Entsprechend des Invasionsplans bezog eine Kompanie von Sol- daten an der Flughafengrenze Position, um die Zäune zu bewachen. Der Rest der Soldaten stellte Fackeln und winzige Sendegeräte auf, um eine Landezone zu markieren, falls die Beleuchtung der Lande- bahn aus irgendeinem Grund versagte. Einige größere Teile der Bauausrüstung, einschließlich des Krans, wurden mit roten Warn- lichtern versehen. Dann warteten die Männer auf weitere Fall- schirmjäger, die planmäßig eintreffen sollten. Innerhalb von 15 Mi- nuten trudelten mehr Soldaten an weißen Fallschirmen aus den nebligen Wolken, während das Grollen der Turboprop-Maschinen von den umliegenden Gebäuden und Hügeln widerhallte. Als die zweite Welle von Truppen am Boden und aus dem Weg war, begannen Behälter mit Maschinengewehren, Munition und Fernmeldeausrüstung aus den Wolken zu fallen. Die Japaner setzten zuerst die meisten der Männer, dann die Versorgungsbehälter ab, um ganz sicher zu gehen. Sie hatten auf nur leichten Widerstand, gehofft. Bis jetzt hatte es gar keinen gegeben. Gelegentlich wurde ein Behälter zu weit nach Westen getrieben und in die Bucht von Amur fallen, inmitten der Fischerboote und Schiffe, die dort ankerten, doch nicht allzu viele trieben so weit ab, so dass niemand sehr darauf achtete. Leute waren auf den Booten zu sehen und verfolgten die militärische Operation. Niemand machte jedoch den Versuch, sich einzumischen oder auch nur nä- her zu kommen, um besser sehen zu können. Inzwischen beobachteten im Herzen der Altstadt von Wladiwostok vier unbewaffnete japanische Kommandos in Zivil, wie ein kleines Küstenmotorschiff sich langsam durch die sanften Wogen des schwarzen Wassers auf die öffentlichen Piers zubewegte. Nirgendwo waren Polizisten oder russische Soldaten zu sehen, die Japaner hatten sich vergewissert. Zwei Tage lang hatten sie diesen Bereich überwacht. Während der Stunden, in denen sie nicht auf Wache waren, spielten sie in einem Hotel am Ort die Rolle von ja- panischen Geschäftsleuten, die ungeheure Rechnungen für Essen, Wodka und Frauen gestellt bekamen – ohne je die Absicht zu ha- ben, diese zu bezahlen. Zwei Männer gingen zu den Pollern hinüber und fingen die Lei- nen auf, die von dem Küstenmotorschiff hinübergeworfen wurden. Bald waren sie am Pier vertäut, mit zwei Landungsbrücken zum Kai. Truppen in Kampfanzügen trabten an Land. Sie marschierten weiter über den Pier, den Gehsteig und den Parkplatz, stoppten an der ersten Hauptstraße und formierten sich zu einer Grenzwache. Als das 50 Mann starke Kontingent an Land war, wurden die Lei- nen eingeholt und das Schiff lief in die Meerenge aus. Ein anderes Küstenschiff tauchte aus der Dunkelheit am Pier auf. Am nächsten Tag würden mehrere größere Frachtschiffe auf der Reede erscheinen, Schiffe, die Panzer, Artillerie und all den anderen, Nachschub und Ausrüstung transportierten, die notwendig waren, um eine Division wochenlang kämpfen lassen zu können. Auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht, am Churkin Kai, spielte sich eine ähnliche Szene ab. Zwei der japanischen Frachtschiffe konnten an diesem Kai anlegen, doch die Frachtkräne funktionierten nicht. Die Russen hatten die Fracht per Hand abgeladen. Am folgenden Tag würden die Soldaten die militärische Situation in Wladiwostok so weit in der Hand haben müssen, dass ein tragbarer Kran ausge- laden und aufgestellt werden konnte. Die Soldaten waren bisher auf keine Gegenwehr gestoßen. Das würde sich bald ändern. Telefone klingelten überall in Russland; die Nachrichten vom Flughafen wurden in Moskau erörtert. Vor Ort hörten die Behörden von der Ankunft der Fallschirmjäger. Am Fährsteg auf der westlichen Seite der Bucht bemerkte der Ka- pitän der Fähre Ivan Turgenev, die Passagiere zur russischen Insel über die Meerenge von Wladiwostok brachte, fremde Truppen in Kampfkleidung am Churkin Kai und rief per Funk seinen Fahr- dienstleiter. Der Dienstleiter glaubte ihm kein Wort. Den Dieselmotor seiner Fähre im Leerlauf, vor sich hintuckernd, ging der Kapitän an Land. Die besoffenen Passagiere, die darauf warteten, nach einem Abend in der Stadt nach Hause gebracht zu werden, schenkten dem Ganzen keine Aufmerksamkeit. Einige von ihnen übergaben sich bereits über die Reling. An einem öffentlichen Telefon der kleinen Anlegestelle bat der Fährkapitän um die Vermittlung zum Polizeihauptquartier. Der Dienst habende Offizier dort glaubte die Geschichte des Kapitäns, begriff die Tatsachen so schnell wie überhaupt möglich und be- dankte sich sogar für den Anruf. Nachdem er aufgelegt hatte, beobachtete der Kapitän einen Mo- ment lang die Truppen durch ein Fenster der Station; dann hörte er eine andere Fähre tuten. Die Abfahrt der Ivan Turgenev war ver- spätet. Er lief zurück zum Schiff und ging über die Brücke. Inva-, sion oder nicht, die Fähren hatten zu fahren. Eine halbe Stunde nach der Zerstörung der beiden Su-27 vom Flug- hafen Wladiwostok näherte sich die Gefechtsluftaufsicht der Zeros, bekannt als White Flight, dem Ende ihrer Einsatzzeit. Eine neue Staffel von vier Maschinen – Yellow Flight –, die in fünf Minuten in den Bereich kommen sollte, hatte mindestens 15 Minuten Ver- spätung. Der Führer von White Flight hatte vor einigen Minuten gehört, wie der Yellow Leader mit dem Tankflugzeug der Station Alpha gesprochen hatte, 300 Kilometer südöstlich. Der Führer von Yellow Flight war in einer üblen Stimmung – der Tanker hatte Aus- rüstungsprobleme – doch das Fluchen über Funk nützte nichts. Die Staffel war verspätet, sie begleitete die Transporte mit weiteren Truppen und Nachschub nicht nach Wlad. Dort, am Rand seines taktischen Bildschirms, tauchte etwas auf, westlich von der Sachalin Insel … Der Führer von White Flight stellte den Bildschirm schärfer ein. Vier Flugzeuge im Steigflug. Sein Bordcomputer identifizierte sie als MiG-29. Mit Sicherheit feindlich. Er beschloss, weiter zu kreisen, um die MiGs herankommen zu lassen. Wenn er ihnen entgegenflog, hielt er den Luftraum hinter sich für Flugzeuge offen, die südlich von Chabarowsk durchs Amur Tal kamen. »White Three, Sie feuern auf meinen Befehl hin zwei Geschosse auf die östlichsten Ziele ab.« Der Funkspruch wurde über die ver- schlüsselte Funkverbindung abgesetzt. »Roger, White Leader.« Das war Jiro Kimura, White Three. Die maximale Reichweite der Geschosse unter den Tragflächen der Zeros betrug 60 Seemeilen. Der Führer von White beschloss, bei einer Entfernung von 50 Meilen zu feuern, falls eines der Ge- schosse nicht die volle Ladung Treibstoff hatte. Er studierte die tak-, tische Anzeige, während er kreiste. Die MiGs flogen hoch, über 10.000 Meter, wo sonst Verkehrs- flugzeuge flogen. Verkehrsflugzeuge … Wo blieben die Transport- maschinen? Sie sollten dicht vor der Küste sein … aus Norden kom- men von Hokkaido. Oder nicht? White Leader warf einen Blick auf die Uhr an seinem Handge- lenk. Er stellte seinen taktischen Bildschirm ein, drückte Knöpfe. Die Transporter sollten sich auf diesem Messschirm zeigen, wenn sie pünktlich wären. Nichts. Verflixt! »White Three, hier White Leader. Haben Sie befreundete Trans- porter auf Ihrem Schirm?« Diese Übertragung wurde in einem nicht abfangbaren Laserlichtstrahl kodiert, der nur auf die anderen Flug- zeuge des Geschwaders gerichtet war. »Jawohl. Sie sind –« Noch während Jiro sprach, änderten die MiGs ihren Kurs, schwenkten 90 Grad nach links ab. Nach Südwesten. Und die Transporter erschienen auf dem taktischen Führerschirm von White Leader, am äußersten Rand. Die MiGs waren auf Abfangkurs. »White Three, beobachten Sie den Luftraum hinter uns. White Two, kommen Sie mit mir.« White Leader zündete seine Nachbren- ner. Die Zeros waren mit einem sehr sparsamen Mach 0,8 geflogen. Jetzt nahm der Treibstoffverbrauch ebenso dramatisch zu wie die Fluggeschwindigkeit. Die beiden Zeros glitten fast ohne einen Stoß durch die Schallmauer. Mach 1,2 … 1,6 … Mach 2 … 2,3 … 2,4. Die Fluggeschwindigkeit stabilisierte sich bei Mach 2,5. Unter ihnen erwachten die Menschen in den Küstendörfern und Städten durch zwei Donnerschläge, die so dicht aufeinanderfolgten, dass ei- nige nur einen einzigen lauten Überschallknall hörten. Die Über- schallschläge erreichten den Boden Kilometer hinter den beschleu- nigten Zeros, die dahinrasten, um die MiGs abzufangen, ehe sie in, Reichweite der Transporter kamen. Über den Wolken schossen die weißglühenden Zwillingsflammen der Nachbrenner wie Raketen über den Himmel. Während die Flugzeuge sich vom Land entfern- ten, lockerten sie die Schichtwolken zu dünnen Schleiern auf. Hier und dort war der Himmel klar. Die intensive Hitzesignatur der beiden Flugzeuge erschien als Ziel auf mehreren Infrarot-Scannern der Flugabwehr-Batterien entlang der Küste, Batterien, die vor kurzem durch hektische Anrufe aus dem entfernten Hauptquartier gewarnt worden waren. Eine der Ge- schossmannschaften erhielt eine Infrarot-Zielortung und versuchte, über Telefon zu bestätigen, dass das Ziel, das sie sahen, feindlicher Natur war. Während dieses Gespräch stattfand, entfernten sich die Ziele außer Reichweite, und die Ortung war verloren. Die zweite Mannschaft war weniger professionell. Dass sie mög- licherweise eine Boden-Luft-Rakete auf russische Jäger feuern könn- ten, kam ihnen erst später in den Sinn. Als sie eine Infrarot-Zielor- tung erhielten, drückten sie den Feuerknopf. Ihre SAM-3 Rakete sprang mit einem blendenden Flammen- schweif aus ihrem Startgerät. Die Rakete beschleunigte in der Dun- kelheit, jagte das heiße Ziel. Vergeblich. Die Rakete verbrauchte ihren Treibstoff, noch ehe sie die Hälfte der Distanz zu den mit Mach 2,5 flüchtenden Zielen hinter sich gebracht hatte. Als der Antrieb abstarb und die Nase des Geschosses sich nach unten senkte, registrierte eine Selbstzer- störungsschaltung das Fehlen der Beschleunigung und ließ die Ra- kete harmlos explodieren. White Leader sah die Explosion flüchtig in seiner Rückansicht, doch er war äußerst beschäftigt und machte sich erst viel später während der Einsatz-Nachbesprechung Gedanken darüber. Er nä- herte sich den MiGs-29 in fast rechtem Winkel, exakt 88 Grad. So wäre es ein Vollausschlaggeschossabschuss aus fast maximaler Reich- weite, die ungeeignetste Art zu feuern: Die Rakete würde möglicher-, weise den Winkel nicht schaffen. Sollte er warten und sich vor dem Abschuss hinter sie setzen? Das würde die Chancen erhöhen, dass das Geschoss auf Kurs kam, aber es ließ die MiGs dichter zu den Transportmaschinen aufschließen. Die MiGs waren jetzt auf knapp 100 Kilometer heran, näherten sich in einem 60-Grad-Heckwinkel. Es waren zwei MiG-Staffeln aus je zwei Maschinen, und die Staf- feln waren etwa fünf Kilometer voneinander entfernt. Eine Sekunde lang fragte sich White Leader, ob die MiGs wohl wussten, dass er da war, und ob sie auch wussten, dass sie gejagt wurden. Er schüttelte den Gedanken ab. Keine Zeit dafür. 60 Seemeilen Reichweite. Er feuerte eine Rakete ab, flog dann eine kurze Linkskurve. Das würde die MiGs auseinanderziehen, ihn achtern von ihnen platzieren. Er konnte seine Annäherungsge- schwindigkeit noch erhöhen – sie brachten nicht mehr als Mach 1,5. Er würde sich hinter sie setzen und erneut schießen. »White Two, feuern Sie auf meinen Befehl.« »Roger.« Eine 60-Grad-Querneigungskurve nach rechts. Okay. Er war nur 45 Grad vom Kurs und schloss immer noch auf. Die erste Rakete musste ihr Ziel verfehlt haben, weil die MiGs hart, sehr hart nach rechts drehten, in die Richtung, aus der das Ge- schoss gekommen war. »Brenner aus.« White Lead und sein Rottenflieger nahmen den Saft weg. Sie wur- den langsamer, die MiGs waren bei zwölf Uhr. Sehr schön. Entfernung 40 Seemeilen. Gut innerhalb des Leis- tungsbereichs der Geschosse. White Leader feuerte seine letzte Ra- kete auf die führende MiG ab, die, die am weitesten rechts von ihm war. »Ich habe auf den Führer geschossen, Two. Nehmen Sie sich den Rest vor.« Two sagte nichts. Er antwortete mit Raketen. Im Abstand von, zwei Sekunden lösten sich drei Geschosse aus den Haltern, eines nach dem anderen. Sekunden verstrichen. Der russische Rottenflieger der zweiten Ein- heit, Tail-end Charlie, verlor während des Manövrierens seinen Füh- rer aus den Augen und flog eine scharfe Linkskurve zurück in Rich- tung der Transporter. Er suchte sich die nächste Transportmaschine aus und ortete sie mit seinem Radar. Genau in diesem Augenblick schlug das Geschoss von White Leader in den vorderen Schwanz- bereich der führenden MiG-29 ein und explodierte. Der Schwanz wurde vom Flugzeug abgerissen, das in einen unkontrollierbaren Taumelflug fiel. Der Pilot versuchte auszusteigen, doch das Tau- meln war so heftig, dass er das Bewusstsein verlor. Innerhalb von Sekunden brach die Maschine auseinander. Aus dem Augenwinkel sah Tail-end Charlie den feurigen Schweif des ersten ankommenden Geschosses und den Blitz, als es ein- schlug, und er erriet richtig, was es war. Er hatte seine Feuerstellung auf einen der japanischen Transporter in maximaler Reichweite von 70 Seemeilen ausgerichtet, presste den Feuerknopf an seinem Steu- erknüppel und hielt ihn gedrückt. In die Feuerschaltung war eine Verzögerung von einer Sekunde eingebaut, bevor sie den Raketenantrieb des Geschosses zündete, um einen unbeabsichtigten Abschuss zu verhindern. Diese Sekunde war die längste im Leben des jungen Piloten. Während er wartete, sah er im Cockpitspiegelvisier den Blitz, als ein japanisches Ge- schoss genau über dem Cockpit seines Einheitenführers explodier- te. Dies war das erste Geschoss von White Two. Jetzt löste sich Charlies Langstreckenflugkörper aus der Halterung und sein weißer Feuerschweif brannte in der Dunkelheit. Instinktiv rollte der MiG-Pilot in Rückenlage und drückte die Nase um 90 Grad nach unten, direkt zum schwarzen Wasser hinun- ter. Das zweite Geschoss White Twos traf die andere MiG tödlich. Die auf Tail-end Charlie gefeuerte Rakete ging in den Sturzflug,, um ihn zu verfolgen, und steigerte ihre Geschwindigkeit. Charlie zündete seine Brenner, beschleunigte in Richtung Wasser. Das Ge- schoss senkte die Nase noch weiter hinunter, die Schwerkraft mach- te es sogar noch schneller … und es kam zu weit. Es explodierte, als sein interner Computer errechnete, dass es sein Ziel verfehlt hatte. Beim Aufblitzen der Explosion begann Charlie die Maschine hochzuziehen. Er war bei 7.000 Metern, 80 Grad Kopfstand bei Mach 1,6. Er schaltete den Brenner aus, zog hoch, bis er glaubte, die Tragflächen würden abbrechen, zog noch mehr. Die Nase kam hoch, aber nicht schnell genug. Er kämpfte, um bei Bewusstsein zu bleiben. Ziehen, ziehen, ziehen, er schrie in die Maske, ziehen, um am Le- ben zu bleiben. 3.000 … 2.500 … Nase 30 Grad gesenkt… Nase 20 Grad geneigt … 10 Grad, er passierte 1.000 Meter … Nur hundert Meter über dem Meeresspiegel erreichte Tail-end Charlie die Talsohle. Er war unter Mach 1, aber er lebte. Als die Nase über den Horizont kam, blickte der russische Pilot kurz auf den Radarschirm vor sich. Nichts. Leer. Er kurvte in die Richtung, aus der die Geschosse gekommen waren. Der Feind musste dort oben sein, wenn er nur seine Maschine korrekt ausrichten könnte. Im Gegensatz zu der Zero fehlten der MiG-29 Computer und pas- sive Sensoren; der Pilot hatte nur den Radar, um seinen Feind auf- zuspüren. Ein Feuerstrahl am Himmel – ein weiteres Geschoss! Er flog tief und langsam, sein Bewegungsspielraum war durch die Wasseroberfläche eingeschränkt. Und er tat das einzig Richtige – er zog die Nase der MiG senkrecht hoch und zündete den Nachbren- ner. Die Rakete durchschlug die linke Tragfläche und schnitt sie sau- ber in zwei Teile. Seine Maschine trudelte haltlos und der Pilot von Tail-end Char-, lie stieg aus. Sein Fallschirm öffnete sich und er schwebte hinunter zum schwarzen Wasser. Nachdem er zwei Stunden in seiner Schwimmweste dahingetrie- ben war, starb er an Unterkühlung und Erschöpfung. Während die- ser Zeit war sein einziger Trost, dass er wenigstens ein Geschoss auf eine Transportmaschine abgefeuert hatte, bevor ihn der unsichtbare Feind erwischte. Er erfuhr nie, dass die Lenkvorrichtung seines Ge- schosses versagt hatte. White Three – Jiro Kimura – sah zu, wie die Flammenpunkte der Nachbrennerabgase von White One und Two in die Dunkelheit hinein beschleunigten. Sie waren langsamer als Raketen, doch sie ähnelten Geschossen oder umherziehenden Sternen, Lichtpunkte, die kleiner und kleiner wurden, bis sie die Nacht verschluckte. Jiro sah kurz zu seinem Rottenflieger hinüber und drehte dann ab in Richtung Wladiwostok. Er hielt seine Kurvenneigung bei weniger als 10 Grad Querneigungswinkel, um die Rumpfunterseite des Flug- zeugs keinem feindlichen Radar zu präsentieren, der sie als eine re- flektierende Fläche erfassen könnte. Er beobachtete auf seiner taktischen Multifunktionsanzeige, wie sich die Situation entwickelte. Er sah die Transporter, sah die MiGs auf sie zufliegen und sah White One und Two auf sie zurasen, um sie abzufangen. Die abgefeuerten Geschosse wurden nicht ange- zeigt, doch das Verschwinden einer MiG nach der anderen vom Bildschirm sprach Bände. Wir gewinnen. Dieser Gedanke hat Kämpfer seit Tausenden von Jahren gestärkt. Jetzt half er Jiro, gab ihm ein Gefühl von Selbstvertrauen. Er blickte nervös auf seine Treibstoffanzeige und spielte mit dem Gedanken, die Funkstille zu brechen, als die taktische Anzeige ein, Ziel anzeigte, das aus Richtung Nordost, aus Chabarowsk, auf ihn zukam. Ein Suchoi. Jetzt zwei. Wo war Yellow Flight? Jiro brachte seine Tragflächen in die Horizontale und nahm Kurs auf Wlad. Die Suchois waren über anderthalb Kilometer voneinan- der entfernt, Steuerkurs Südwest. Wenn jeder Kurs hielt, würden die Suchois White Three und Four mehrere Kilometer zur Linken pas- sieren. »Three, Four hier. Mein Apparat ist überhitzt. Ich schalte ihn aus.« Dieser unerwartete Funkspruch auf dem Flugzeug-zu-Flugzeug- Digitallasersystem erschütterte Jiro. Gerade hatte er sich im Glanz von Athenas technischer Überlegenheit gesonnt, und jetzt versagte es bei seinem Rottenflieger. Es war höchste Zeit, hier zu verschwinden. Wo war Yellow Flight? Ohne Athena, das die eingehenden Wellen elektromagnetischer Energie von feindlichem Radar auflöste, war Four auf dem Bild- schirm jedes russischen Radarsichtgeräts sichtbar. Anscheinend er- blickten ihn mehrere Radartechniker mit Interesse. Jiros ECM leuchtete auf – etwas verfolgte sie mit hoher Impulsfolge (PRF), der Feuermodus eines Flugabwehrgeschossradars. Tatsächlich verfolgten sie den Rottenflieger, doch Jiro war nahe genug bei ihm, dass seine Instrumente es anzeigten. »Abdrehen, Four. RTB.« Das bedeutete: Zurück zur Basis. »Ich komme mit.« »Mein Treibstoff ist alle«, sagte Four und versuchte, die Verlegen- heit über das Versagen Athenas zu dämpfen. Auch Jiros Treibstoff wurde knapp. Aber wenn er nicht Fours Rückzug deckte, hatte die- ser sehr schlechte Karten. »RTB«, wiederholte Jiro. »Sofort!« Die andere Zero drehte scharf ab. Jiro beobachtete die taktische Anzeige und wartete, bis der Rottenflieger auf Kurs nach Hokkaido lag. Die Suchois aus Wlad drehten 15 Grad nach links ab und feu-, erten eine Rakete ab. Zwei. Four war zu weit entfernt für die Laserverbindung. Jiro funkte, obwohl der Empfang schlecht war. »Zwei Geschosse in der Luft, White Four. Hundert Kilometer hinter Ihnen.« Four müsste die Ge- schosse auf seiner taktischen Anzeige sehen können, wenn er die korrekte Anzeige angeschaltet hatte. Jiro wollte nichts riskieren. Die Suchois waren zu weit entfernt, als dass Jiro hätte schießen können. Die russischen Geschosse hatten eine größere Reichweite als die japanischen. Vielleicht konnten die Suchois von einem anderen Ziel abgelenkt werden. Jiro schaltete sein Athena-Gerät aus. Die Sicht war zu schlecht, um die Abgase der russischen Geschos- se zu sehen. Sie waren da draußen, donnerten mit fast Mach 4 da- hin, legten alle zwei Sekunden drei Kilometer zurück. Die Geschos- se waren beinahe aus maximaler Reichweite abgefeuert worden, also versuchte White Four, ihnen zu entkommen. Er beschleunigte ebenfalls, ließ Treibstoff ab, um Geschwindigkeit herauszuholen. Kein kluges Manöver für jemanden, der nicht mehr genug Sprit hatte, doch er saß zwischen dem Teufel und dem tiefen blauen Meer in der Falle. Four beschleunigte auf Mach 2. Gut, er war in Sicherheit. Die Geschosse würden ihn niemals ein- holen, bevor ihnen der Treibstoff ausging. »Three, Four hier. Ich wechsele die Frequenz, rufe nach einem Tanker. Ich brauche Treibstoff, um nach Hause zu kommen.« »Roger.« Jiro widmete seine Aufmerksamkeit den Suchois, die in seine Richtung gedreht hatten. Er überprüfte seine Tankanzeige. Er hatte keinen Treibstoff mehr für Sprints. Raketenstart. Eine … zwei von den Suchois. Wo zur Hölle bleibt Yellow Flight? »Yellow Leader, White Three. Bitte geben Sie Ihre Position und den vermutlichen Zeitpunkt Ihres Eintreffens an.«, Jiro und die Suchois rasten frontal aufeinander zu, mit einer ge- meinsamen Geschwindigkeit von Mach 2,5. Die Raketen kamen mit Mach 4 näher. Annäherungsgeschwindigkeit der Geschosse 2 Kilometer pro Sekunde. In fünf Sekunden wäre er in Reichweite für seine Geschosse. Sie waren scharf und schussbereit. Er musste nur den Feuerknopf auf dem Steuerknüppel drücken. Vier … drei … zwei … eins … das Symbol für die Geschossreich- weite erschien auf dem Bildschirm. Wenn er noch ein paar Sekunden wartete, würde er eine bessere Chance haben, zu treffen. Aber der Treibstoff … Jiro drückte den Feuerknopf und hielt ihn gedrückt. Eine Rakete spritzte in einer Flammengischt los. Er gab den Knopf frei, wartete auf das Bereit-Symbol auf der HUD-Anzeige, feuerte erneut. Mit der linken Hand griff er nach dem Athena Schalter. Er schaltete das Tarnsystem ein. Das gelbe Standby-Licht leuchtete weiter. Verdammt! Er drehte den Schalter auf Aus, dann wieder auf Stand-by. Jetzt auf Ein. In den Schaltkreis war eine Zehn-Sekunden-Aufwärmverzö- gerung eingebaut, so dass viele Sekunden vergehen mussten, ehe das Gerät zu strahlen und ankommende Radarwellen aufzulösen be- gann. Währenddessen kippte er die Nase nach unten und drehte scharf nach Südosten ab, hielt die Nase schön tief, die Schwerkraft half ihm, zu beschleunigen. Das Geschosswarnlicht blinkte auf, zeigte 21 Sekunden bis zum Aufprall. Er war versucht, die Nachbrenner zu zünden. Nein, er hatte nicht genug Sprit. Wenn er den Brennertrick anwandte, könnte es damit enden, dass er nach Japan schwimmen müsste. Noch tiefer. Er drückte den Steuerknüppel ein kleines bisschen weiter nach vorn, machte seinen Kopfsprung noch steiler. 15 Sekunden bis zum Einschlag. Er schaute hinaus, versuchte, die, entgegenkommenden Geschosse zu sehen. Da! Und er stieß in die Wolkendecke hinein. Äußerst dumm. Wenn er die Geschosse in Sicht gehalten hätte, hätte er eine Chance gehabt, ihnen auszuweichen, falls Athena sich weigerte, zu funktionieren. Idiot. Ein blöder Fehler. Dir gehen schnell die Ideen aus, Jiro, Ideen, deinen dämlichen Hintern zu retten. Zwölf Sekunden vor dem Einschlag erschien das grüne Licht auf der Athena-Anzeige. Die Geschosse folgten ihm immer noch. Er beobachtete ihre An- näherung auf der taktischen Anzeige. Verfolgten sie ihn? Er musste es darauf ankommen lassen. Er drückte den Steuer- knüppel seitwärts und drehte auf die Geschosse ein. Sechs g. Un- willkürlich entfuhr ihm ein Stöhnen. Die Geschosse folgten ihm nicht. Sie flogen harmlos links hinter ihm vorbei. Jiro zog die Nase hoch, begann den Steigflug und senkte eine Tragfläche, um wieder nach Südosten zu drehen. Er musste für den Flug zum Tanker der Station Alpha mindestens auf 6.500 Meter steigen. Er war im Steigflug, als er sah, wie seine Geschosse und die Su- chois auf seiner taktischen Anzeige ineinander übergingen. Zielfu- sion, und die Suchois waren weg. Er lebte; die Russen waren tot. So einfach war das. Jiro wischte sich den Schweiß aus den Augen., 7. KAPITEL

Die sowjetischen Seestreitkräfte waren immer schon eine Artschwimmendes Oxymoron gewesen – sie waren die Marine der

größten Landstreitmacht der Welt. Niemals hatten sie das Prestige, das Geld oder die Priorität gehabt wie die sowjetische Armee. Ihre große Stunde hatte 1962 während der Kubakrise geschlagen, als ge- nügend hochseetaugliche Schlachtschiffe gebaut worden waren, um der US-Navy und Amerikas globalen Interessen überzeugend zu drohen. Diese schnittigen, schwer bewaffneten grauen Schiffe streif- ten über die sieben Meere, zeigten stolz die rote Flagge und feuer- ten nie einen Schuss ab. Als die bankrotte Sowjetunion 1991 zusammenbrach, teilten die verbliebenen Republiken die Schiffe der Marine unter sich auf. Russland erhielt den Löwenanteil, eine zweifelhafte Ehre, denn es fehlte das Geld, um sie zu unterhalten oder zu reparieren. Es war nicht einmal Geld da, um die Besatzungen zu bezahlen oder zu ver- sorgen. Einige der Schiffe wurden für dringend erforderliche Devi- sen an Dritte Welt Länder verkauft, die meisten aber ließ man an ihren Piers verrotten. Etwa die Hälfte der russischen Flotte in Zentralasien lag an den Piers der drei Flottenstützpunkte in der Nähe von Wladiwostok, als Verbände von jeweils vier japanischen Zerstörern in den Hafen je- der Basis dampften. Die japanische Marine eröffnete aus einer Entfernung von weni- ger als anderthalb Kilometern das Feuer aus 127-mm-54-Kaliber- Bordkanonen. Nicht ein einziges russisches Schiff schoss zurück. Die meisten Schiffe waren unbemannt, und selbst die, die eine Crew besaßen, waren nicht in der Lage, in See zu stechen, geschwei-, ge denn ins Gefecht zu ziehen. An den beiden Stützpunkten östlich von Wlad waren alle Schiffe ohne Dampf. In Wlad wurden nur zwei Schiffe mit elektrischem Strom von der Küste versorgt. Sie an- kerten am westlichsten Pier der Golden Horn Bucht. Der Rest sah, bei Tag betrachtet, genau aus wie das, was sie waren – schrottreife Rostwracks. Nicht, dass der Staat oder die Marine kein Interesse an diesen Schiffen hatten, die sie zu enormen Kosten erworben hatten, aber sie konnten sich nie entscheiden, was mit ihnen geschehen sollte. Jede Möglichkeit hätte große emotionale und politische Aus- wirkungen gehabt. Also taten sie gar nichts. Und die meisten dieser Schiffe hatten mittlerweile nur noch Schrottwert. Die japanischen Schiffe dampften langsam durch die Fahrrinne, eines hinter dem anderen, erfassten ihre Ziele, als ob dies nur eine Übung wäre, und knallten unbarmherzig drauflos. Die Granaten zerfetzten die Oberdecks der russischen Schiffe und stanzten Lö- cher in ungepanzerte Rümpfe. Hier und dort brachen kleinere Feuer aus, doch die Schiffe enthielten keinen Treibstoff, keine ex- plosiven Flüssigkeiten, nichts, was brennen würde. All diese Dinge waren schon vor Jahren von den Marinewerftarbeitern auf dem Schwarzmarkt verkauft worden. Die zwei Schiffe, die Diesel und Licht hatten, wurden von den ja- panischen Zerstörern speziell bedacht. Ironischerweise waren beides keine Schlachtschiffe. Eines war ein 55 Jahre alter Eisbrecher, das andere ein großer Hochseeschlepper. Beide sanken unter dem japa- nischen Bombardement an ihren Piers. Nach dreißigminütigem Beschuss waren die Japaner schließlich zufrieden. Nach wie vor in der Spur, wendeten die vier Zerstörer jedes Verbandes geschickt im Kanal und dampften zum Ausgang der Bucht. Mit dem Flottenstützpunkt 500 Meilen nordöstlich bei Gavan wur-, de ähnlich verfahren: schnell, sauber und brutal. Leider war diese Basis fast ein Ebenbild der Stützpunkte in Wladiwostok, ein Ort, wo aufgegebene Schiffe vertäut wurden, doch hier und dort gab es einige aktive Einheiten, Schiffe, die während all der Jahre ein wenig Aufmerksamkeit erhalten und noch eine Mannschaft hatten. Eines von ihnen war ein Freibord-Überwacher, der von der Grenz- wache benutzt wurde, um auf dem Amur Fluss zu patrouillieren, wenn er eisfrei war. Die Mannschaft, geführt von einem blutjungen Offizier, der die Nachtwache hatte, schaffte es, eines der zwei 115- mm-Pak-Geschütze des Schiffs zu laden. Ihr erster Schuss verfehlte, doch der zweite schlug ein hübsches Loch in den Rumpf eines japanischen Zerstörers, und entfachte ein heißes Feuer. Die Japaner richteten den Beschuss ihrer ganzen Flottille gegen dieses eine Kanonenboot. Die Geschützführer in dem gepanzerten Gefechtsturm des 115-mm-Geschützes feuerten noch zwei weitere Schüsse ab, die beide fehlgingen, bevor der japanische Granatenha- gel die ganze Stromversorgung des Gefechtsturms wegriss. Später, auf der Fahrt nach Alexandrowsk auf der Sachalin Insel und dann weiter nach Nikolajewsk an der Mündung des Amur Flusses, dachte der verantwortliche Flaggoffizier der japanischen Flottille über diese Geschützmannschaft nach. Trotz überwältigen- der Übermacht hatten sie tapfer zurückgeschlagen. Die Russen zu besiegen, grübelte er, könnte doch nicht so leicht sein, wie es sich in der Offiziersmesse anhörte. Hauptmann Zweiten Ranges Pavel Saratov war Kapitän der Admiral Kolchak, eines russischen dieselelektrischen Angriffsunterseeboots, das zwischen den südlichsten der Kurilen und Hokkaido kreuzte. Normalerweise ließ Saratov das Boot entsprechend der Marinedok- trin außer Sichtweite vom Land an der Oberfläche fahren, um seine, Batterien aufzuladen. Doch Moskau hatte ihm befohlen, in den letzten drei Tagen außerhalb der japanischen Zwölf-Meilen-Zone zu kreuzen, unweit des japanischen Hafens Nemuro, um die Japaner zu irritieren. Vor zwei Wochen war das Boot von seiner Basis in Petropaw- lowsk an der östlichen Küste der Kamtschatka-Halbinsel ausgelau- fen. Seine erste Aufgabe hatte darin bestanden, zwei Marinetaucher zu einem Wrack zu bringen, das den Kanal nach Ochotsk blockier- te, einem winzigen Hafen an der nördlichen Küste des Ochotski- schen Meeres. Für Sprengungen dieser Art waren normalerweise die Grenzsicherheitskräfte zuständig, aber aus Gründen, die nur einem in Moskau vergrabenen Bürokraten bekannt waren, wurde die Auf- gabe der Marine übertragen. Saratov konnte das Wrack nicht fin- den. Deshalb ging er an Land, und der Hafenverwalter berichtete ihm, dass das gesuchte Wrack zehn Jahre lang den Kanal blockiert hatte, bis zum letzten Winter. Das Packeis, das den Hafen jedes Jahr vom Dezember bis in den Mai hinein schloss, hatte die völlig verrosteten Deckaufbauten zerstört. Nichts war übriggeblieben, was vernichtet werden könnte. Eine Stunde vor Tagesanbruch an diesem regnerischen, nebligen Morgen stand Saratov auf der Brücke seines Boots, auf der Spitze des Kommandoturms, und grübelte über sein Schicksal nach. Er hatte einmal ein atomar angetriebenes Angriffsunterseeboot der Alfa-Klasse befehligt, aber die Atomunterseeboote waren alle vor mehreren Jahren aus dem Verkehr gezogen worden, als Russland im Gegenzug für ausländische Bankkredite seine Reaktoren funktions- untüchtig gemacht hatte. Saratov hatte sich nicht darüber beklagt – die Reaktoren waren schlampig gebaut, alt und gefährlich. Waren nie ordentlich gewartet worden. Tatsächlich war er erleichtert gewe- sen, dass die Tage, an denen er unbekannte Mengen durchsickern- der Strahlung abbekommen hatte, vorüber waren. Viele seiner Offiziers-Kameraden hatten daraufhin die Marine ver-, lassen, doch Saratov war geblieben. Die ganze Nation steckte in einer wirtschaftlichen Kernschmelze; er hatte keine Aussicht auf eine andere Arbeit. Er nutzte seinen höheren Rang, um das Kom- mando über ein dieselgetriebenes U-Boot zu bekommen, eines, das tatsächlich seetüchtig war. Viel Geld für Dieseltreibstoff war nicht da. Zweimal hatte er Torpedokraftstoff für Proviant und Diesel ein- getauscht, um auslaufen zu können. Viereinhalb Jahre später kreuzte er hier vor der Küste Japans, führte immer noch das Kommando, bekam gelegentlich noch etwas zu essen. Seine Mannschaft bestand aus 20 Offizieren und 25 Un- teroffizieren oder Michmen. Nur fünf Männer waren einfache Rekru- ten. Die Rekruten der sowjetischen Marine waren alles Wehrpflich- tige gewesen, und wenige hatten die Fertigkeiten oder den Wunsch gehabt, nach Ende ihres Diensts zu bleiben. Die paar, die geblieben waren, wurden zu Michmen befördert. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus war die neue russische Marine gezwungen, das- selbe System fortzusetzen, da es kein Geld gab, um Freiwillige an- zulocken. Die Offiziere und Michmen an Bord und die fünf frei- willigen Rekruten stellten 25 Prozent der Überlebenden der sowjeti- schen U-Boot-Flotte in Zentralasien dar. Drei weitere konventionel- le dieselelektrische U-Boote waren ähnlich bemannt – alles in allem gerade mal vier Boote. Es war zum Heulen. Die Admiral Kolchak war ein gutes altes Boot. Früher einmal hatte sie Wladimirskiy Komsomolet geheißen, nach einer kommunalen Or- ganisation kommunistischer Jugend, aber nach dem Zusammen- bruch des Kommunismus war sie umgetauft worden – nach einem antikommunistischen Helden. Natürlich hatte sie ihre Probleme, aber es waren reparable Probleme, die von Alter und Verschleiß herrührten und nicht von Konstruktionsfehlern. Der Mannschaft war es bisher immer gelungen, sie wieder an die Oberfläche zu brin- gen, wo ihre Dieselmotoren normalerweise mit List und Tücke wie-, der in Gang gebracht werden konnten. Und keiner der Seemänner litt an der Strahlenkrankheit. Vor zwei Jahren hatten die Libyer sie fast gekauft, wählten dann jedoch stattdessen ein Boot der Schwarz- meer-Flotte. Das war ganz schön knapp gewesen. Der Fernmeldeoffizier unterbrach Saratovs Träumereien mit einer Funkmeldung aus Moskau. Sie war streng geheim und mit der höchsten Dringlichkeitsstufe versehen, so dass sie sofort entschlüs- selt und zu ihm gebracht worden war. Er las das Papier im Schein der roten Taschenlampe, die er bei sich trug. Ein japanischer Angriff auf Wladiwostok? Er ging nach unten und las die Nachricht erneut im guten Licht in der Kommandozentrale. Der Befehl lautete, dass er sein Boot nach Wladiwostok bringen und japanische Schiffe angreifen sollte. Erste Priorität gebührte laut der Nachricht den Kriegsschiffen, die zweite den Truppentranspor- tern. Man ging anscheinend davon aus, dass die Truppen auf Deck stehen und japanische Flaggen schwenken würden, die im Periskop sichtbar wären, so dass er keine Torpedos auf ein mit Zementsä- cken oder Gummimonsterspielzeugen beladenes Schiff vergeuden würde. Der Navigator war auf seinem Posten in der Zentrale. Sara- tov gab ihm die Nachricht zu lesen, während er die Seekarte auf dem Tisch des Navigators studierte. Der Navigator begann aufge- regt mit dem Offizier der Wache zu flüstern. Saratov maß Entfer- nungen, als er den Michman der Wache in normaler Stimmlage sa- gen hörte: »P-3 Radarsignale.« Das wäre der vierte P-3 Überflug in den letzten drei Tagen. »Wo?«, fragte Saratov scharf. »Peilung eins eins fünf, geschätzte Entfernung fünfzehn.« »Alarm! Fluten!«, brüllte Pavel Saratov und drückte den Tauch- alarmknopf., Die P-3 Orion war eine große viermotorige Turbopropmaschine mit einer zwölfköpfigen Besatzung. Gebaut von Lockheed für die US-Marine und periodisch auf den neuesten Stand der elektroni- schen Technologie gebracht, waren die P-3s militärische Versionen des alten Electra Flugwerks. Als U-Boot-Jäger waren sie ein weitaus größerer Erfolg, als sie jemals als Verkehrsflugzeuge gewesen waren. Die japanischen Streitkräfte hatten sie seit Jahrzehnten eingesetzt. Die Mannschaft der P-3, die die Admiral Kolchak ortete, wusste, dass das U-Boot an der Oberfläche nahe des Hafens von Nemuro operierte. Heute Abend hatten sie Radaremissionen überflogen und sie positiv mit ihrem Suchscheinwerfer identifiziert. Dann begann einer der Kontakte vor ihnen, schwächer zu wer- den. Der Radar erstattete begeistert Meldung: »U-Boot voraus, geht auf Tauchstation. Dreizehn Meilen, Peilung drei fünf null relativ.« »Geschätzter Kurs und Geschwindigkeit?« Das war der TACCO, der taktische Koordinator, aufgebracht, dass er den Radartechniker überhaupt fragen musste. »Etwa null neun null missweisend, Geschwindigkeit sechs Knoten. Mit Sicherheit ein U-Boot, das taucht.« Der Mann am Radar vib- rierte vor Aufregung. Dies war Krieg. Nach all den Jahren des Trai- nings war dies wirklich Krieg. Vor ihnen tauchte ein russisches U- Boot in die thermische Schicht ab; die Besatzung dieses Flugzeugs, allen voran der Radartechniker, hatte vor, es zu zerstören. Der TACCO, Koki Hirota, war schwer beschäftigt. Das U-Boot hatte zweifellos die Radarpeilung der P-3 bemerkt und war ge- taucht, um sich in Sicherheit zu bringen. Hokkaido lag acht Meilen südlich; das U-Boot war ostwärts an der Oberfläche gekreuzt. Ein- mal abgetaucht, würde das Boot zweifellos wenden, um das takti- sche Problem zu verkomplizieren. In welche Richtung würde der Kapitän vermutlich steuern? Sicher nicht südlich oder mit Kurs auf die Meerenge. Andererseits … Nein, nein, nein. Keine Patentlösungen heute Abend. Lieber alles, wie im Lehrbuch, schnapp dir das U-Boot. Wir werden eine Suche starten, das Netz enger und enger ziehen und es dann mit einem Mk-46 selbstsuchendem Torpedo versenken. Der Pilot Masataka Yonai hatte die Triebwerke eins und vier wie- der gestartet. Zuvor war er nur mit zweien geflogen, während sie eine allgemeine Suche durchführten: Mit allen Triebwerken brachte er das Flugzeug in einen sanften Sinkflug. In einer Höhe von 60 Metern über dem Wasser ging er in den Horizontalflug über und schaltete den Autopiloten ein. Die Regel lautete: Nachtsuche bei 160 Metern, Tagessuche bei 70, aber der magne- tische Anomalien-Detektor oder MAD-Mechanismus war in nied- rigerer Höhe etwas empfindlicher. Yonai verfügte über eine gute Portion Samuraigeist: Er wollte dieses U-Boot haben, also zur Hölle mit der Vorschrift – er würde in 60 Metern Höhe fliegen. Die Anspannung in der Maschine war spürbar, während die Mannschaft ein Suchmuster aus Sonobojen auslegte. Einige wurden gesetzt, um oberhalb der thermischen Schicht abzuhören, die hier etwa 120 Meter tief sein sollte, andere sollten das Wasser darunter abhören. Es würde mehrere Minuten dauern, bis die Abhörbojen für das tiefe Wasser ihre Mikrofone heruntergelassen hatten. Die nördlichste seichte Sonoboje erfasste schwache Schraubenge- räusche. »Kontakt, Kontakt«, meldete der Radartechniker. Koki Hi- rota betätigte Schalter, um auch zuhören zu können. Er konzen- trierte sich sehr. Ja, er konnte es gerade noch hören: Ein U-Boot. Den Himmeln sei Dank, dass es ein russisches Boot ist, dachte Koki Hirota. Wäre es ein amerikanisches U-Boot – die leiseste Art –, hätte ein Flugzeug kaum eine Chance, es zu orten. In seinen zehn Jahren in Patrouillenflugzeugen hatte Hirota nur einmal ein amerikanisches Boot gefunden, und dabei, gab er freimütig zu, gro- ßes Glück gehabt. Russisch oder nicht, falls dieser Kapitän da un- ten unter uns sein Handwerk versteht, werden wir auch Glück brau- chen, um ihn zu kriegen., Hirota ordnete ein 3.700-Meter-Muster im Norden der nördlich- sten Sonobojen an. Yonai kam dem Befehl sofort nach. Er vertraute Hirota blind, der seiner Ansicht nach der beste TACCO war, den es gab. Die Ma- schine donnerte weiter mit 200 Knoten angezeigter Fluggeschwin- digkeit 60 Meter über dem Wasser dahin. Yonai und sein Kopilot konzentrierten sich völlig auf die Flug- instrumente. Es gab keinen Spielraum für Fehler, nicht bei 60 Me- tern. Die P-3 war ein großes Flugzeug, und sie flogen direkt über der Meeresoberfläche. Die Sonobojen fielen mit sekundenschneller Genauigkeit in die Bucht hinunter. Hirota wählte 64 Bojen und die Reihenfolge aus, in der sie fallen sollten; dann spuckte der Computer sie aus. 40 Bo- jen waren billige LOFAR, die ›Töne‹ des niedrigfrequenten Bandes auf den Displays von Sonaranlagen darstellen konnten. 18 waren DIFAR oder peilende Bojen, die man in festen Suchmustern ver- wendete. Und sechs waren neue Doppler-Entfernungsmess-Bojen, die unter strenger Geheimhaltung von der japanischen Industrie entwickelt worden waren. Sollte die Mannschaft mehr Bojen brau- chen, konnten sie vom Waffentechniker manuell abgeworfen wer- den. Die Crew hatte eine gute Ausrüstung und wusste sie zu ver- wenden. Ein Murmeln brandete jedes Mal durch das Flugzeug, wenn eine Sonoboje abgeworfen wurde. Diese Hochspannung war es, was die meisten dieser Männer daran reizte, damit ihren Lebens- unterhalt zu verdienen. U-Boot-Jagd war der ultimative Teamsport. Die Radiotechniker pressten ihre Kopfhörer gegen die Ohren und horchten konzentriert auf die geringsten Bewegungen unten im Ozean, auf den winzigsten Hinweis von Schrauben, die einen von Menschenhand geschaffenen Leviathan vorwärtsschoben. »Ich habe ihn«, schrie der dienstälteste Techniker von Nummer eins. »Dritte und vierte Boje. Er ist noch über der Schicht.« Koki Hirota legte den Schalter um und lauschte aufmerksam. Er, schloss die Augen und konzentrierte sich mit allen Sinnen. Der TACCO vernahm nur die Andeutung eines Geräuschs, die leiseste Nuance inmitten der Kakophonie des lauten Meeres. Da gab es die üblichen See-Laute, rhythmische Brandungsgeräusche aus Hokkaido und das Motorengemurmel von mindestens zehn Schif- fen. Inmitten all dieses Lärms war auch das U-Boot dort, ganz si- cher. Das Geräusch schien teils Schraubenlärm zu sein, teils Deck- platten-Gurgeln, vielleicht eine lockere Platte. Das U-Boot-Geräusch wurde leiser, vielleicht schlüpfte es unter die thermische Schicht und versuchte sich zu verstecken. Hirota schaltete auf eine tiefere Boje um. Ja, hier war es gut zu hören. Hirota überprüfte eine andere Boje. Noch lauter. Seine Finger tanzten über die Computertasten vor ihm, und eine Echoanzeige erschien inmitten des Suchmusters auf dem Bildschirm. Der U-Boot-Kapitän drehte ab und kam auf einem östlichen Steu- erkurs zurück. Er fuhr immer noch sehr langsam, um seine Schrau- bengeräusche zu dämpfen, vielleicht drei Knoten. Höchstens vier. Sollte er ein 1.800-Meter- oder ein 900-Meter-Suchmuster abwer- fen? Hirota stand nur eine beschränkte Anzahl von Sonobojen zur Verfügung, er konnte sich keine Unentschlossenheit leisten. Er kaute an einem Fingernagel, wechselte zwischen den Kanälen hin und her und hörte abwechselnd verschiedene Bojen ab. Er überprüfte den Computer, der mit seiner Beurteilung überein- stimmte. Da war die Spur, die sich zurück nach Osten wandte. Sie hatten diesen Iwan in seichtem Wasser erwischt, und er ver- suchte Tiefe zu gewinnen. Der TACCO wies den Piloten an, einen neuen Anlauf zu fliegen – er programmierte den Computer für eine feste Reihenfolge, 900 Meter Abstand zwischen den Bojen, Ostnordost. Er entschied sich dafür, eine DIFAR an jedes Reihenende und eine Doppler-Entfer- nungsmess-Boje in die Mitte zu platzieren., Er wollte mit dem Abwurf der Reihe warten, bis sich das U-Boot auf einem neuen Kurs stabilisierte, doch das würde nicht möglich sein, weil die Signale des U-Boots bereits schwächer wurden. Der wahrscheinlichste neue Kurs des U-Boot-Kapitäns läge etwa bei 090, überlegte Hirota. Das entsprach der kürzesten Route ins tiefe Was- ser. Es war mehr als eine bloße Vermutung. Masataka Yonai zog die P-3 in eine Kurve, indem er den Steuerkurswähler des Autopiloten benutzte. Auf dem neuen Steuerkurs korrigierte er seine Höhe – der Autopilot hatte im Kurvenflug neun Meter verloren – und schaltete das Ding wieder ein. Als junger Kommandant hatte er stets darauf bestanden, all diese Manöver manuell zu fliegen; und er hatte erst mit diesem Unsinn aufgehört, nachdem Hirota ihn überzeugt hatte, dass der Autopilot die Aufgabe besser erledigen konnte als jeder Mensch. »Aufgepasst, Männer. Jetzt ziehen wir das Netz zu«, sagte Yonai über die Lautsprecheranlage. Die Spannung war fast mit Händen zu greifen. Die Sonobojen fielen hinunter, gleich dem Ticken einer Uhr. Vor dem Abwurf der letzten beiden Bojen der Reihe schrie der Techni- ker über die Lautsprecheranlage: »Ich habe ihn!« Hirota überprüfte die Meldung. Ja. Der Computer wertete aus … Da! Kurs null acht fünf, Geschwindigkeit vier Knoten. »Yonai, fliegen Sie eine langsame Kurve nach links und gehen Sie auf null acht fünf Grad für einen MAD-Lauf. Ich dirigiere Sie. Wir werden direkt in seinem Kielwasser fliegen.« Yonai drehte den Steuerkurswählschalter des Autopiloten, wäh- rend der Bordingenieur die Leistungshebel ein wenig vorwärts- schob. Der zusätzliche Schub würde helfen, die Geschwindigkeit im Kurvenflug beibehalten zu können. Die Höhe der Maschine betrug 50 Meter. Yonai schaltete den Autopiloten aus, konzentrierte sich ausschließlich auf die Instrumente, um sie noch im Kurvenflug zu- rück auf 60 Meter zu bringen. Nach der Kurve schaltete er den Au-, topiloten wieder ein. Jeder Mann im Flugzeug konzentrierte sich voll und ganz auf die Anzeigen vor ihm. Die Männer, die die Sono- bojen abhörten, konnten die Schrauben hören, eilig, beharrlich. »Er wendet wieder. Wir müssen ein neues Muster abwerfen. Zu- rück auf neunzig Grad, und halten Sie sich bereit für einen neuen Kurs.« Hirota starrte auf die Computeranzeige. Er versuchte, die Gedan- ken des russischen U-Boot-Kommandanten zu lesen. »Er dreht zu- rück auf Nord«, erklärte Hirota. »Er weiß, dass wir ihm auf den Fer- sen sind. Vielleicht steigt er wieder über die Schicht. Noch einmal dasselbe Muster, 900 Meter weiter auseinander. Neuer Kurs drei sechs null, Yonai; ich sage dann die Kurve an.« Stille. Jeder konzen- trierte sich darauf, seine Aufgabe zu erledigen. Doch trotz des neu- en Sonobojen-Musters im Wasser verlor der Computer die Fährte des U-Boots. Das U-Boot war da, und dann war es weg. Hirota hörte konzentriert jeden Kanal ab, genau wie seine Spezia- listen. Nichts. Das Meer war still wie ein Grab. Er muss die Maschinen gestoppt haben, schloss Hirota, oder er fährt sehr langsam, steuerte nur. »Wahrscheinlich ist er sehr tief unten«, meinte jemand. Hirota löste einen aktiven Impuls eines seiner mittleren Sonobo- jen im neuen Muster aus und wartete dann darauf, dass die anderen das Echo erfassten. Noch ehe er das Echo hörte, vernahm er das Hämmern der U- Boot-Schraube. Es war ein Donnern, ziemlich laut. »Er fährt volle Kraft«, sagte der Radartechniker am Sensor Num- mer eins. »Und ich glaube, er geht tiefer.« Ja. Volle Kraft. In wenigen Minuten würde das U-Boot über 20 Knoten erreichen. Vielleicht 25. Falls es ein atomar angetriebenes U-Boot wäre, könnte seine Geschwindigkeit bis zu 45 Knoten betra- gen. Das amerikanische U-Boot, das Hirota vor zwei Jahren geortet hatte, war mit 52 Knoten am Horizont verschwunden. Der Com-, puter begann ein Muster zu entwerfen. »Ich habe ihn«, teilte Hirota den anderen aufgeregt mit. »Wir ma- chen einen MAD-Lauf. Yonai, kommen Sie rechts auf null vier fünf.« Yonai legte das Flugzeug in eine 40-Grad-Querneigungskurve. Hirota konnte den Zug der Schwerkraft fühlen. Wir werden dieses U-Boot abknallen! »Herum auf null neun null Grad … ruhig … langsam … langsam … Wir schließen auf, erreichen sein Kielwasser.« Das verdammte U-Boot beschleunigte immer noch, machte jetzt über 20 Knoten. »MAD, MAD, MAD!«, schrie der Radartechniker, der auch den MAD-Mechanismus bediente. Der Zeiger schlug aus, als das Flug- zeug über das Magnetfeld des U-Boots flog. Ein kurzer, leidenschaftlicher Jubel über die Bordsprechanlage. Schließlich war dies ein Spiel auf Leben und Tod. Yonai ermutigte seine Mannschaft, ihre Begeisterung zu zeigen; in der Vergangenheit hatte er Leute gefeuert, die keinen Kampfgeist zeigten. Jetzt zog Yonai die große P-3 in eine weitere 40-Grad-Quernei- gungskurve. Er musste um 270 Grad drehen, um erneut über das Kielwasser des U-Boots zu gelangen. Wenn der MAD-Techniker meldete und der TACCO das Feuer freigab, würde Yonai einen Mk-46-Torpedo abfeuern. Der Torpedo würde aus dem Bombenträger herausfallen. Wenn er ins Wasser schlug, würde er eine passive Sonarsuche nach seinem Ziel starten, das, wenn die P-3 Mannschaft ihre Arbeit richtig ge- macht hätte, in einem Umkreis von 450 Metern sein sollte. Sobald der Torpedo das U-Boot ortete, würde der Sucher des Torpedos auf aktiven Impuls umschalten und sich auf das U-Boot ausrichten. In amerikanischen Filmen wichen U-Boote den Torpedos aus, doch Yonai wusste, dass das reine Fiktion war: Das Signal eines einschie- ßenden Mk-46-Torpedos war das Letzte, was die U-Boot-Crew je-, mals hören würde. Masataka Yonai neigte das Flugzeug hart und flog eine enge Kurve. »Bombenschächte öffnen«, befahl er. »Sie gehen nicht auf«, berichtete der Kopilot. Yonai blickte auf die Anzeige. Immer noch geschlossen. Verdammt! »Den Unterbrecher prüfen. Schnell.« Dies war für den Bordingenieur bestimmt, weil das Bewaffnungs- panel mit den Unterbrechern hinter ihm war, neben seinem rechten Ellenbogen. Der Autopilot, der bereits bei den früheren Kurvenflügen an Höhe verloren hatte, verlor weitere Meter. Die Maschine flog 30 Meter über dem Wasser und sank sanft weiter, ohne dass es jemand bemerkte. »Sir, die Unterbrecher sind alle eingeschaltet.« Dafür musste der Bordingenieur nur mit seiner Hand über das Brett fahren und füh- len, ob einer der Unterbrecher hochstand. »Okay, aus- und wieder einschalten.« Der Ingenieur sollte den Bombenschacht-Unterbrecher herausziehen und dann wieder hin- eindrücken. »Ich kann ihn nicht finden«, gestand der Ingenieur verzweifelt. Masataka Yonai war außer sich. Sie waren fast feuerbereit, und nun das! »Sie Idiot! Er ist auf dem Bewaffnungspaneel.« Der Kopilot wandte sich um, leuchtete mit dem Taschenlampen- strahl darauf. »Genau da«, sagte er. »Er ist genau da.« Yonai spürte, wie das Flugzeug ruckte, als die rechte Tragflächen- spitze den Kamm einer Welle küsste. Er hieb auf den Aus-Knopf des Autopiloten, drehte den Steuerknüppel nach links und zog ihn zurück. Zu spät! Die rechte Tragfläche stach in die nächste Woge. Durch den Wasserwiderstand gierte die Nase der Maschine nach rechts, hart, Richtung See. Dadurch grub sich die Flügelspitze tiefer ins Wasser. Die Maschine überschlug sich. Das unkontrollierbare Gie-, ren warf den Ball des Wende- und Querlagenzeigers so weit nach links wie nur möglich. Yonai fühlte das Gieren und drückte instink- tiv voll das linke Seitenruder, während seine Augen zum Wende- und Querlagenzeiger schossen. Das war das Letzte, was er tat. Das Cockpit zerschellte als Erstes auf dem Wasser. Alle drei Insassen waren sofort tot. Die Männer im hinteren Raum wurden nach vorn geschleudert und dann von der zerberstenden Ausrüstung und den Sitzen zer- quetscht. Dann schlug die linke Tragfläche aufs Meer, und der Flugzeugrumpf brach auseinander. Der Aufschlag war gigantisch, und fast eine Minute verging, be- vor sich das aufgewühlte Wasser beruhigte. Die Überreste der P-3 und ihrer Mannschaft begannen den lan- gen Abstieg zum Meeresgrund. In der Kommandozentrale der Admiral Kolchak hörte Kapitän Pavel Saratov den Aufprall. Er trug Kopfhörer und konnte ebenfalls das Sonar abhören, wie der Sonarmann, der die Peilungen der auftref- fenden Sonobojen ausgerufen hatte. Der Navigator wertete die Pei- lungen auf Grundlage der vom Kapitän gelieferten geschätzten Ent- fernungen aus. Saratov entschied aufgrund der Navigationskarte vor sich, wohin er sein Boot zu lenken hatte. Die Karte war grob, die Methode bei einer besser ausgerüsteten Marine lang überholt, aber das war alles, was Saratov hatte. Der mächtige Aufschlag überraschte, verwirrte ihn. Viel zu groß für eine Sonoboje oder einen Torpedo. Er schloss die Augen und lauschte aufmerksam, während ihm der Schweiß übers Gesicht rann und vom Kinn herabtropfte. Der Sonartechniker sprach zuerst. »Das Maschinengeräusch ist weg.« Richtig. Die Hintergrundvibration der vier Flugzeugpropeller war, nicht mehr zu hören. Saratov konnte etwas knirschen hören. Vielleicht der Flugzeug- rumpf, der zerquetscht wurde? War das möglich? Kein Maschinen- lärm, ein riesiger Platscher? Waren sie wie durch ein Wunder geret- tet worden? Pavel Saratov öffnete die Augen. Alle Blicke in der Zentrale waren auf ihn gerichtet. »Sie sind abgestürzt«, sagte der Kapitän. Sie konnten es nicht glauben. »Sie sind abgeschmiert«, wiederholte Saratov. »Sie sind ins Wasser geklatscht.« Jubel. Schreie. Sie lachten so heftig, dass ihnen die Tränen über die Wangen liefen. Ach, das Leben war süß. Jack Innes stand in der Tür des Oval Office, dem Büro des US-Prä- sidenten, und beobachtete, wie Präsident Hood eine Gruppe von Pfadfindern verabschiedete. Die Fotografen machten Schnappschüsse; der Präsident schüttelte Hände, lächelte, tat so, als hätte er Innes nicht gesehen. Eine seiner Stärken war, sich völlig auf die Leute vor sich zu konzentrieren und ihnen das Gefühl zu geben, sie seien im Moment sein einziges An- liegen. Der Adjutant geleitete die Pfadfinder und ihren Führer auf die Sekunde genau aus dem Büro. Sie hatten ihre fünf Minuten gehabt. Als sich der Präsident an seinen Schreibtisch setzte, sagte Innes: »Japanische Truppen sind in Sibirien eingefallen. Um Mitternacht, vor einer Stunde also. Die Meldung ging soeben ein.« »Ich habe mich schon gefragt, wie lange Abe warten würde.« »Die Russen haben vor achtzehn Stunden den Führer der sibiri- schen Unabhängigkeitsbewegung festgenommen. Abe hat um Mit-, ternacht im Fernsehen eine Ansprache gehalten. Das einheimische Volk Sibiriens habe lange genug unter der russischen Unterdrü- ckung gelitten, sagte er. Die Japaner, ihre Blutsbrüder, würden nun den Kampf für ihre Blutsverwandten aufnehmen.« Innes fuhr fort und berichtete Hood alles, was er wusste. Der Prä- sident drehte seinen Stuhl herum und schaute aus dem Fenster, während er zuhörte. Er drehte sich zurück, blickte kurz auf seinen Terminplan. Als Innes zum Ende kam, stellte er einige Fragen. »Okay«, sagte Hood. »Sie wissen, wie's laufen muss. Rufen Sie den nationalen Sicherheitsrat hierher, die Führer der Mehrheit und der Minderheit beider Häuser, die üblichen Verdächtigen. Wir werden sehen, was der Konsens ist.« »Ja, Sir.« »Sie werden sich winden und die Hände ringen und empfehlen, gar nichts zu tun.« »Sie werden doch sicherlich die japanische Aggression verurtei- len?« »Worte. Nur Worte. Sie werden es sehen. Sie wollen in Wirklich- keit nichts tun.« »Sie werden versuchen, sie dazu zu zwingen, Maßnahmen zu er- greifen, nicht wahr?« »Früher oder später, Jack, werden wir den Mut haben müssen, das Richtige zu tun.« »Die Schwierigkeit ist, zu wissen, was das Richtige ist.« »Nein, Sir. Das stimmt nicht. Verbildete Quacksalber und New Age Gurus können das Richtige nie sehen, aber für Leute mit ei- nem Funken gesunden Menschenverstand ist das Richtige norma- lerweise offensichtlich. Was jeder vermeiden will, ist der Preis dafür, das Richtige zu tun. Denken Sie zum Beispiel an Bosnien in den frühen 90ern: Die Serben haben angefangen, die Muslime zu er- morden, haben Völkermord verübt, jede Person getötet, die irgend- wie Führung im neuen serbischen Utopia ausüben könnte. Sie woll-, ten die Muslime zu einem Sklavenvolk machen. Das war eine be- wusste Entscheidung, eine politische Entscheidung der Serbenfüh- rung, weil sie dachten, sie könnten ungeschoren davonkommen. Drei Jahre haben sie das auch geschafft. Drei Jahre lang haben die amerikani- schen Führer die Hände gerungen, geschwankt, sich geweigert, Ge- walt gegen die Serben einzusetzen. Völkermord! Massenmord! Wie- der einmal Adolf Hitlers Endlösung. Wir haben darüber hinwegge- sehen, indem wir uns weigerten, den Versuch zu unternehmen, das zu stoppen, weil wir uns weigerten, den Preis zu bezahlen.« »Bosnien könnte ein zweites Vietnam werden, haben die Liberalen gesagt.« Hood holte tief Luft und seufzte. »Wenn Sie sich weigern, eine Hand zu heben, um das Böse aufzuhalten, werden Sie ein Teil da- von. Das ist heute noch genauso wahr wie vor zweitausend Jahren. Sehen Sie, Jack. Heute Abend werden diese Leute über die Gefah- ren streiten – den Preis – gegen Japan aufzustehen. Sie werden argu- mentieren, dass Russland eine korrupte, schlecht regierte Räuber- höhle sei, dass die Russen selbst schuld an ihrer Misere sind. Die Zeitungen sind in letzter Zeit voll davon gewesen. Sie werden be- haupten, dass wir es uns nicht leisten können, in den Kampf an- derer hineingezogen zu werden. Sie werden behaupten, dass dieser Schlamassel nicht unser Problem ist, dass die Vereinigten Staaten keine Weltpolizei sind. Sie werden sich weigern, dem Bösen entge- genzutreten, Sie werden sehen.« »Die Leute glauben nicht mehr an das Böse«, überlegte Innes. »Es ist veraltet.« »Oh nein«, sagte der Präsident voller Überzeugung. »Das Böse ist lebendig und wohlauf. Das Problem ist, dass zu viele Menschen ihren Frieden damit gemacht haben.« Der erste nennenswerte Widerstand gegen die japanische Besetzung, Wladiwostoks kam von kleinen Truppen junger Soldaten, die von unerfahrenen Offizieren angeführt wurden. Ohne klaren Befehl oder einen koordinierten Plan blockierten sie Straßen und eröffne- ten das Feuer. Solche Widerstandsnester wurden schnell einge- schlossen und unschädlich gemacht. Trotzdem wurden die japani- schen Truppen aufgehalten, die sich bemühten, zueinander aufzu- schließen und eine geschlossene Frontlinie quer über die Halbinsel zu bilden. Sie forderten Panzer an, um den Widerstand zu brechen. All dies kostete Zeit. Zwei Stunden nach Tagesanbruch standen mehrere Tausend Infanteristen im Gefecht. Das Knattern der Ma- schinengewehre und das Krachen von Granaten war im ganzen Nordteil der Stadt zu hören. Der Rauch brennender Häuser und Autos trieb über die Stadt und die Bucht. Auf der Insel und im Bereich um die Bucht gab es keinen Widerstand, weil dort keine russischen Truppen stationiert waren. Die Polizei, die es weder an Zahl noch an Waffen mit den Besatzern aufnehmen konnte, ergab sich, ohne einen einzigen Schuss abzufeuern. Die unbewaffnete Zivilbevölkerung hatte freie Wahl: Die Leute sahen einfach zu und versuchten, sich aus der Schusslinie herauszuhalten. Um 7.00 h morgens war ein Zero-Geschwader auf dem Flughafen von Wladi- wostok gelandet. Die Maschinen wurden aufgetankt und mit neuen Raketen bestückt, die mit Hubschraubern von einem Versorgungs- schiff eingeflogen wurden, das einen Kilometer entfernt auf Reede lag. Ein Dutzend Kampfhubschrauber trafen von einem anderen Schiff ein, und bald griffen sie russische Stellungen im Norden der Stadt an. Der Nieselregen fiel immer noch wie ein dünner Schleier. Der Himmel war klar, hellblau, mit langen, dünnen, streifigen Wol- kenfetzen. Am Horizont leuchteten die fernen Rocky Mountains blau und purpurrot. Gegen diesen Hintergrund sah sich Bob Cassidy nach Flugzeugen, um. Zwei F-22 mit Smart Skin waren dort draußen, das wusste er, und sie kamen näher. Die verdammten Dinger sind wie Chamäle- ons, sagte er sich, und staunte, dass er Flugzeuge nicht sehen konn- te, die weniger als anderthalb Kilometer entfernt waren. »Two, sehen Sie mich?« »Sehe Sie, Hoppy Leader. Ich bin auf drei Uhr, gleiche Höhe Steuerkurs drei null fünf Grad.« »Lead ist auf drei eins null Grad, ich suche ihn gerade.« Er schaute vergebens. Der Himmel schien leer. »Three ist auf neun Uhr, Hoppy. Gleiche Höhe, Kurs drei eins fünf.« Cassidy blickte kurz nach links, sah etwas aus dem Augenwinkel. Als er versuchte, es anzuvisieren, war es nicht da. Er sah auf seine taktische Anzeige im Zentrum seiner Instrumentenkonsole. Ja, ein Rottenflieger auf jeder Seite, die den Abstand verringerten, auf- schlossen. Er sah die Maschine zwischen sich und der Sonne in etwa 300 Metern. Sie erschien zuerst als eine dunkle Stelle am Himmel, nahm dann allmählich die Form eines Flugzeugs an. Die F-22 auf der von der Sonne abgewandten Seite entdeckte er nicht, bis sie etwa 200 Meter entfernt war. Sie war da, dann nicht und dann wie- der doch, fast wie eine Luftspiegelung. »Dieser Chamäleon-Mecha- nismus ist total unheimlich«, sagte er über den zerhackten Funkka- nal zu seinen Flügelmännern. Die drei Jäger flogen zum Nellis Air Force Stützpunkt in Las Vegas, Nevada. Sie landeten in der Reihen- folge eins, zwei, drei. Ohne den Chamäleon-Mechanismus einge- schaltet zu haben, natürlich. Sie rollten zur Rampe und stellten ihre Triebwerke ab. Der heiße, trockene Sommerwind fuhr wie ein Streicheln über Cassidys feuchten Kopf, als er seinen Helm abnahm. Er wartete, bis das Bodenpersonal die Leiter angebracht hatte, schnallte sich dann los und kletterte langsam hinunter., Er holte tief Luft und zog seinen rechten Handschuh aus. Mit bloßen Fingern berührte er die Außenhaut des Flugzeugs. Sie fühlte sich kühl, glatt und fest an. Ein Offizier in Uniform kam auf ihn zu. Er salutierte. »Colonel, wir hatten einen Anruf für Sie aus Washington, ein Co- lonel Eatherly. Japan hat Wladiwostok angegriffen. Die wollen Sie umgehend wieder in Washington haben. Sie schicken ein Flugzeug, um Sie abzuholen. Und er will, dass Sie ihn sobald wie möglich an- rufen.« »Danke.« Es war also wirklich wahr. Das Feuer war eröffnet. Bob Cassidy ging langsam um die F-22 herum und kontrollierte sie mit blicklosen Augen, während er an die japanischen Offiziere dachte, die er kannte, und die Amerikaner in Japan. Er fand sich selbst vor der Tragflächenwurzel wieder, wie er die kleine Klappe anstarrte, hinter der sich die Mündung des 20-mm-Gatling-Geschüt- zes verbarg. Er wandte sich um und ging schnell zu den Wartungshallen hin- über. Dort würden sie ein Telefon haben, das er benutzen konnte. Die spätabendliche Besprechung im Weißen Haus verlief genauso, wie es der Präsident erwartet hatte. Der Abend war lang gewesen, angefüllt mit niederdrückenden Nachrichten. Die Japaner überrann- ten den russischen Osten. Mitglieder des Nationalen Sicherheitsrats benutzten Landkarten und Computerdarstellungen, um die Anwesenden von der Situa- tion zu unterrichten. Als sie geendet hatten, war die Stimmung düster. Die übereinstimmende Meinung wurde vom Sprecher des Reprä- sentantenhauses in Worte gefasst: »Amerika muss neutral bleiben: dies ist nicht unser Kampf. Wir müssen tun, was wir können, um, als Neutrale das Blutvergießen zu stoppen.« Der Präsident sagte nichts. Jack Innes vertrat die Position des Prä- sidenten als leidenschaftlichen Appell. »Dies ist unser Kampf. Jeder Amerikaner wird von den heutigen Ereignissen betroffen sein. Jeder Amerikaner hat Anteil am Weltfrie- den. Jede Minute, die wir zögern, erhöht lediglich letzten Endes den Preis. Dies ist unser Moment. Wir müssen die Initiative jetzt ergreifen, solange wir dazu in der Lage sind.« Leider weigerte sich sein Publikum, ihm zuzuhören. Auf dem Weg aus der Besprechung blieb der Mehrheitsführer des Senats für ein Gespräch unter vier Augen mit dem Präsidenten zu- rück. »Mr. President, wir hören, dass Sie massiven Druck auf die Ver- einten Nationen ausüben, um Japan zu verurteilen, und um einige verbindliche Sicherheitsresolutionen zu verabschieden.« »Wir reden mit anderen Nationen in den UN, sicher«, antwortete der Präsident verbindlich. Der Senator formulierte vorsichtig. »Meiner Meinung nach, Sir, wäre es ein schwerer außenpolitischer Fehler, die UN dazu zu bewe- gen, die Anwendung von Waffengewalt gegen Japan zu befürwor- ten. Mein Eindruck von der Stimmung im Senat ist der, dass meine Kollegen solch eine Politik nicht unterstützen werden. Sie könnten sich selbst auf einem schmalen Grat wiederfinden, Sir, ohne sicht- bare Unterstützung. Das würde Sie in Unannehmlichkeiten brin- gen, gelinde gesagt.« »In größte Unannehmlichkeiten«, stimmte der Präsident zu. Ohne ein Lächeln auf dem Gesicht., 8. KAPITEL

Benzin, Mann?«Bob Cassidy war von Washington, D.C, bis hierher durchgefah-

ren. Er goss sich eine Tasse Kaffee ein und stand an der Kasse eines Tankstellenshops am Stadtrand von Baltimore. Die klingende Stim- me eines Baseballstadionsprechers dröhnte aus einem Radio hinter der Theke. »Sind Sie Aaron Hudek?« Der Mann hinter der Theke schaute zu ihm hinüber, bevor er nickte. Der Sprecher im Baseballstadion wurde immer aufgeregter. Hudek langte hinunter und drehte die Lautstärke etwas hoch. Ein Homerun. Hudek war Ende 20. Seine Jeans waren ausgeblichen, und sein blaues Diensthemd hatte einen Flicken über der Brusttasche, auf dem der Name Bud stand. Er war etwa 1,82 Meter groß, vielleicht 80 Kilogramm schwer, mit einem muskulösen Oberkörper. Ein alter blauer Air Force-Gürtel hielt seine Jeans. »Ihre Mutter hat mir gesagt, dass Sie hier arbeiten.« »Warum bezahlen Sie nicht einfach Ihre Rechnung und lassen den Mann hinter sich seine bezahlen?« »Zapfsäule drei, und einen Kaffee.« Cassidy rückte das Geld raus. »Mein Name ist Cassidy. Ich muss mit Ihnen reden.« »Worüber?« »Über einen Job.« »Ich hab einen.« Hudek sah den Mann hinter Cassidy an, der ei- nen Liter Öl in der Hand hielt. Nachdem Hudek auf die Tasten der Registrierkasse eingehämmert und das Kleingeld gezählt hatte, fügte Cassidy hinzu: »Es ist ein, Fliegerjob.« Hudeks Augen flackerten erneut zu Cassidy hinüber. »Ich bin in etwa zehn Minuten hier fertig, wenn das Mädchen kommt, das die nächste Schicht übernimmt. Dann können wir reden.« »Okay.« Es vergingen fast 20 Minuten, aber ein Baum neben der Fahr- bahn warf etwas Schatten auf eine Betonbank. Cassidy stand dort, als Hudek herüberkam. »Wie sind Sie an meinen Namen gekommen?« »Durch die Akten der Air Force.« »Sie sind also von der Regierung?« »Colonel Bob Cassidy, zumindest noch für ein paar Tage.« »Was ist das für ein Job?«, fragte Hudek sachlich. Er setzte sich ebenfalls nicht, schien jedoch weder nervös noch in Eile. Er stand mit verschränkten Armen da und sah Cassidy an. »Haben Sie gehört, dass Japan in Sibirien einmarschiert ist?« »Kam vor ein paar Tagen im Radio.« »Ich suche Leute mit F-22-Erfahrung.« Cassidy erklärte weiter, während er Hudeks Mimik beobachtete. Er hätte ebensogut Hindi sprechen können, Hudeks Ausdruck veränderte sich keinen Deut. Wenn man ihn ansah, fiel es einem schwer zu glauben, dass er sei- nen Abschluss mit Auszeichnung in Elektrotechnik am MIT ge- macht hatte. Einer der ›zehn Prozenter‹, wie Cassidy sie nannte. In den militärischen Flugprogrammen hatte in den letzten 20 Jahren so harte Konkurrenz geherrscht, da musste man schon zu den ober- sten zehn Prozent seiner jeweiligen Klassenstufe zählen – in der High School, im College und beim Flugtraining –, wenn man die heißen Düsenjets fliegen wollte. Hudek war brillant, ein großartiger Student, sportlich, gesund, und er konnte die Jagdbomber fliegen. Doch irgendwo, irgendwie war für ihn alles falsch gelaufen. Als Cassidy zu Ende gesprochen hatte, wandte Hudek den Kopf, blickte auf die Fahrzeuge, die in und aus der Tankstelle fuhren, und, drehte sich dann wieder um. »Russland, wie?« »Ja.« »Nun, es ist schon erstaunlich.« »Was?« »Dass Sie hier sind. Haben Sie meine letzte Bewertung nicht ge- lesen? Mein letzter Kapitän meinte, ich sei ein dämliches Arsch- loch, und er hat das auch etwa in diesen Worten gesagt.« »Ich hab's gelesen. Ich gebe nichts auf diese verdammten Papiere oder aufs Salutieren oder auf Parkplatz-Etikette.« »Sie haben es gelesen.« »Ich brauche Jagdflieger.« »Naja, ich bin nicht interessiert. Das Ganze liegt jetzt hinter mir. Ich bin seit drei Monaten nicht mehr geflogen. Ich vermisse es nicht. Ich vermisse auch diese pissigen kleinen Caesars in ihren ent- zückenden blauen Uniformen nicht.« »Hier geht's nicht um die Air Force in Friedenszeiten. Das ist Krieg, richtiger Krieg. Ich garantiere Ihnen, es wird keine stolzieren- den Zuchtmeister, kein Schuheputzen, keinen Scheiß geben.« »Das Lied hab ich schon mal gehört«, meinte Hudek spöttisch. »Jetzt darf ich meine rechte Hand heben und dann auf der gestri- chelten Linie unterschreiben. Was ist, wenn Sie zufällig falsch lie- gen? Was ist, wenn Ihre kleine Operation nichts anderes ist als der- selbe beschissene Probealarm, aus dem ich gerade ausgestiegen bin? Dann bin ich drin, und es ist mein Pech, wie?« »Ich werde dabei sein. Wenn ich falsch fliege, stecken wir beide zusammen drin.« »Sie wollen mit?«, fragte Hudek ungläubig. »Ja. Und Sie?« Hudek steckte die Hände in die Taschen und zog die Schultern hoch. »Glaub nicht«, sagte er schließlich. »Selbst wenn es so ist, wie Sie sagen, ich hab ein paar andere Dinge zu tun. Das militärische Zeug hab ich hinter mir, und es ist Zeit, was anderes zu machen., Da gibt's dieses Mädchen … Sie mag mich irgendwie, will sich mit mir zusammentun, ein Kind haben. Hab eine Anzahlung auf ein kleines Haus gemacht, das hier in der Nähe gebaut wird. Nicht groß, aber es wird mir gehören.« »Hmm.« »Ich hab's satt, mich mit Papiertigern rumzuschlagen, hab's satt, immer das zu tun, wovon so ein Arsch, der zufällig einen höheren Rang hat, denkt, dass wir es tun müssten … Ich hab's satt, zu ver- suchen, gut dazustehen!.« Cassidy reichte Hudek seine Karte, auf die er die Telefonnummer seines Hotels in Crystal City geschrieben hatte. »Rufen Sie mich an. Lassen Sie mich wissen, wie Sie sich entschieden haben.« »Ich sag's Ihnen doch schon die ganze Zeit, Colonel. Ich lasse es Sie wissen. Ich hab mich entschieden. Ganz klar entschieden. Ich will nicht in dieses verdammte sibirische Tiefkühlfach.« »Rufen Sie mich an.« »Ich werde Sie nicht anrufen. Hören Sie! Ich will nicht mitmachen. Ich mag nicht einmal das Essen!« »Heute Abend. Spät. Ich hab noch einen anderen Typen, mit dem ich mich treffen muss. Vielleicht kennen Sie ihn – Lee Foy?« »Verdammt, verstehen Sie nicht? Funktioniert mein Mund nicht richtig? Ich werde Sie weder heute Abend noch sonstwann anrufen. Ich sage Ihnen genau hier und jetzt – ich gehe nicht nach Russland. Ich steh nicht auf Dritte-Welt-Scheißhäuser. Und ich hab noch nie von einem Foy gehört.« »Er sagt, er kennt Sie. Sagt, dass er Sie vor ein paar Jahren kennen gelernt hat, während des F-22-Bewertungseinsatzes. Sagt, Sie waren wirklich gut am Steuerknüppel, hätten aber eine beschissene Per- sönlichkeit. Sagte, dass Sie mir eine Ration Scheiße rüberkippen würden.« »Oh! Foy Pfütze, der Chinese aus Kalifornien. Ja, ich kenne die- sen verlogenen kleinen schlitzäugigen Bastard. Geht er mit?«, »Vielleicht.« »Jesus, Foy Pfütze – Ihr Idioten müsst echt knapp mit Leuten sein. Sie werden Euch alle abschießen. In einer Woche werdet Ihr alle tot sein.« »Rufen Sie mich heute Abend an.« »Was macht Foy zur Zeit überhaupt?« Cassidy antwortete nicht. Er schloss sein Auto auf und setzte sich hinter das Steuer. Hudek stand da und blickte Cassidy nach, als er den Mietwagen langsam Richtung Straße lotste. Und als Cassidy, kurz bevor er nach links abbog, zurückschaute, stand er immer noch da. Lee Foy lebte in McLean, Virginia. Er war ein erfolgreicher Immo- bilienmakler. »Ich mache eine Tonne Geld«, erzählte er Cassidy. »Ich spreche kein einziges Wort Chinesisch, aber die Firma teilt mich jedem Hongkonger Geschäftsmann oder chinesischem Beam- ten zu, der in das Gebiet Washington-Baltimore kommt. Ich mache jedes Mal einen Abschluss. Ein Ethno-Amerikaner zu sein, hat seine Vorteile. Ich werde reich.« »Ich habe mich immer gefragt, was die Nummer zwei bei der Ab- schlussprüfung von Stanford wohl mit seinem Leben anfängt.« Lee Foy strahlte. »Konnte keinem netteren Typen passieren, glau- ben Sie mir.« »Nummer eins in Ihrer Fliegerschulklasse, Nummer zwei Ihrer Klasse bei den Testpiloten. Korrekt?« »Das liegt hinter mir. Jetzt mach ich ernsthaft Geld.« »Aha. Nun, ich hab mit Hudek gesprochen. Sie hatten Recht. Er ist ein Scheißkerl erster Güte.« »Aber ein guter Pilot. Komisch, aber ich hab noch nie einen Hei- ligen getroffen, der einen Jagdbomber geflogen hat.« »Sie haben also vor, all das gute Leben und das leicht verdiente, Geld aufzugeben und mitzukommen, um für die Russen zu flie- gen?« »Zur Hölle, nein, das hab ich Ihnen doch gestern gesagt.« »Das hat Ihre Brieftasche gesagt. Die Schießerei hat angefangen. Ich appelliere heute an Ihren Patriotismus, Ihre Männlichkeit, Ihr Pflichtgefühl.« »Meine Brieftasche deckt all das ab. Ich mache gutes Geld und das gefällt mir sehr.« »Es wird noch hier sein, wenn Sie zurückkommen.« »Wenn ich zurückkomme, wird ein anderer Charlie Chan die Kohle abzocken, Colonel. Die Welt bleibt für niemanden stehen. Und wir wissen beide, dass meine Chancen, zurückzukommen, nicht gerade rosarot sind.« »Die Chancen stehen nicht schlecht, sonst würde ich nicht ge- hen.« »Verscheißern Sie mich nicht, Colonel. Wenn Sie es schaffen, kommen Sie als Brigadegeneral zurück. General Cassidy. Sie werden sich mit der Pension eines Generals zur Ruhe setzen. Sie werden den Rest Ihrer Tage damit verbringen, in irgendeinem Klub Scham- pus zu trinken, fett und frech, und mit alten Fürzen in gelben Golf- hosen und Polohemden mit aufgestickten Ponys und Alligatoren über die gute alte Zeit rumlabern, während Sie auf den nächsten Pensionsscheck warten. Wenn ich dieses kleine Abenteuer überlebe, komme ich ein oder zwei Jahre älter und ein ganzes Stück ärmer zurück, mit ein oder zwei Anfällen von Ruhr und ein paar Trippern in meiner Krankengeschichte. Ich muss Wohnungen an Junkies ver- mieten, um ein paar Dollars zu machen. Danke, nein danke. Ich bleibe genau hier, im guten alten Amerika, und lasse die guten Zei- ten weiterrollen.« »Wie sind Sie eigentlich jemals Jagdflieger geworden, Foy, ein zynisches, geldgeiles Arschloch wie Sie? Sie sind ein verdammter Zivilist.«, »Ich konnte diese Flugzeuge tanzen lassen, Cassidy. Fragen Sie Hudek. Aber das war kein Leben. Immobilien verkaufen ist ein Le- ben. Verkaufen, das ist mein Ding.« Er zeigte nach unten. »Sehen Sie diese Schuhe? Die verdammten Dinger sind aus Krokoleder. Fünfhundert Dollar das Paar, im Schlussverkauf um dreißig Prozent reduziert.« »Worauf wollen Sie hinaus?« »Ich bin es leid, arm zu sein, Mann. An meiner Wand hängen jede Menge Diplome, für die ich mir nichts kaufen kann. Ich hab das Geld gesehen, und ich will etwas davon haben.« »Die russische Regierung zahlt fünftausend für jedes chinesische oder japanische Flugzeug, das Sie erwischen.« »Fünftausend was? Bongo Dollars? Yuan, Yen, Pesos, Rubel? Mann, das Zeug ist doch Klopapier.« »US-Dollars.« »Das wird leicht verdiente Knete sein. Ich flieg jeden Morgen los und hol noch vor dem Frühstück zwei von den bösen Jungs runter. Ernsthaft, Colonel, ich kriege mehr, wenn ich eine Eigentumswoh- nung verkaufe, und ich muss nichts dafür riskieren. Ich muss nicht mal dafür bluten.« »Hudek hat mir gesagt, ich soll Sie nicht nach Sibirien mitneh- men. Meinte, Sie wären innerhalb einer Woche tot. Er hat Sie Foy Pfütze genannt. Sagt, Sie könnten ums Verrecken nicht fliegen.« »Verdammte Sacklaus. Und sagen Sie ihm, dass ich das gesagt habe.« Cassidy zuckte mit den Achseln. »Hudek und ich waren keine Busenfreunde, aber er wusste ver- dammt gut, dass ich dieses Flugzeug fliegen konnte.« Cassidy fingerte seine Karte heraus. Die Telefonnummern hatte er mit Tinte darauf notiert. »Schauen Sie sich meine Bewertungen an, Colonel. Meine Vorge- setzten wussten, was ich konnte.«, Cassidy steckte seine Karte in Foys Hemdtasche und wandte sich um. »Wenn Sie die Sacklaus wiedersehen«, rief Foy, »sagen Sie ihm, ich trete ihm in den Arsch, am Boden oder im Himmel. Er kann es sich aussuchen.« Cassidy mietete sich am Flughafen von Cheyenne einen Wagen, fuhr durch zwei Gewitter und dicht an einem weiteren vorbei. Als er Thermopolis erreichte, hatte er ungefähr 400 Antilopen gesehen, schätzte er. An der größten Tankstelle der Stadt erkundigte er sich nach dem Weg. »Wie komme ich nach Cottonwood Creek?« Das Haus lag am Ende einer unbefestigten Straße. Es hatte ein Dach, vier Wände, und alle Fenster waren verglast, dennoch wirkte es nicht sehr behaglich, wenn während eines Winters in Wyoming die Temperaturen auf 20 °C unter Null sanken und der Schnee waagrecht dahinpeitschte. Der Gedanke an einen Winter in Wyo- ming erinnerte Cassidy an sibirische Winter, und er schauderte. Ein Mann in Latzhosen kam aus der verfallenen kleinen Scheune neben dem Haus. »Sind Sie Paul Scheer?« »Ja.« »Bob Cassidy.« Scheer kam herüber. »Jemand hat aus Washington angerufen, sagte, Sie würden kommen, aber ich habe ihm gesagt, dass Sie Ihre Zeit verschwenden. Haben die Ihnen das nicht ausgerichtet?« »Doch.« »Nun, es ist Ihre Zeit. Ich hab ein paar Dosen Bier im Kühl- schrank.« »Okay.« Auf der Veranda lag ein Jagdhund. Nur sein Schwanz bewegte, sich, klopfte ein paarmal, dann war er ruhig. »Der gehörte zur Ranch«, sagte Scheer mit Blick auf den Hund. Cassidy setzte sich in einen der beiden Verandastühle, während Scheer das Bier holte. Der Wind blies mit etwa zehn, zwölf Knoten aus Nordwesten, ein mildes Lüftchen. Gestrüpp und Gras in der Nähe des Hauses waren niedrig, wie hingekauert, nicht wie die Blumen und üppigen Büsche in Japan und Washington, wo die Winter milder waren und die Sommer doppelt so lang. Cassidy atmete tief durch – er konnte das Land riechen. Während Scheer und er das Bier tranken, fragte Cassidy: »Wieviel Land gehört zu Ihrer Ranch?« »Etwa dreißigtausend Morgen. Fünfhundertfünfzig Morgen sind überschrieben; der Rest ist ein Weide-Pachtvertrag.« »Wie viele Kühe?« »Dreihundert, und dreißig Kälbereinheiten.« »Klingt verdammt militärisch.« »Tatsächlich?« »Wie ich es verstanden habe, Paul, haben Sie die Air Force 1995 nach zehnjährigem aktiven Dienst verlassen, haben bis letztes Jahr für Lockheed-Martin als Testpilot im F-22-Programm gearbeitet, dann den Dienst quittiert und sich auf dieser Ranch hier draußen mitten in Wyoming niedergelassen.« »Stimmt.« »Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, aber was ist ein Ort wie dieser wert?« Scheer grinste und zeigte ebenmäßige Zähne. Cassidy kam der Gedanke, dass einige Frauen Scheer attraktiv finden würden. »Was er wert ist und was ich dafür bezahlt habe, sind zwei völlig verschiedene Dinge. Ich habe zwei Millionen bezahlt. Jetzt ist Ihre nächste Frage: ›Woher hatte der alte Scheer zwei Millionen Dollar?‹ Die Antwort ist: ›Aus einem Anlageplan.‹ Ich bin ledig, lebe be-, scheiden, habe keine teuren Laster. Die Börse hat in den letzten fünfzehn Jahren feine Gewinne gemacht, und ich auch. Eines Tages las ich das Inserat für diese Ranch und es hat mich zum Nachden- ken gebracht. Wissen Sie, als ich dieses Inserat sah, war mir klar, dass die Zeit reif war. Die Zeit war gekommen, das Geld auszuge- ben und etwas Dummes zu tun. Ich habe es seitdem keine Minute bereut.« »Haben Sie von Sibirien gehört?« »Sie meinen, in letzter Zeit? Ich kriege hier keine Zeitung und hab keinen Fernseher.« »Japan ist in Sibirien einmarschiert.« Scheer nahm einen Schluck Bier und zerdrückte die Dose. »Eine verrückte Welt«, sagte er schließlich. »Ja. Ich rekrutiere Jagdflieger. Wir geben den Russen ein F-22-Ge- schwader, und sie stellen qualifizierte Piloten ein. Sie wurden uns sehr empfohlen.« »Von wem?« »Vom Cheftestpilot von Lockheed-Martin.« Scheer zuckte die Achseln. »Ich vermisse das Fliegen. Die F-22 ist eine tolle Maschine, wirklich toll. Aber …« Scheer holte tief Luft und seufzte. »Das hier ist der Ort, wo ich den Rest meines Lebens verbringen möchte.« Cassidy sah auf die Uhr. »Ich habe ein paar Stunden Zeit. Wie wär's mit einer Tour.« »Okay. Wir nehmen den Jeep.« Die Straße war eine ausgewaschene Rinne mit riesigen Schlamm- löchern, die den Jeep fast verschluckten. »Ich muss unbedingt was an der Straße machen«, murmelte Scheer. »Wie war der letzte Winter?« »Kalt und lang.« Cassidy stellte Fragen, damit Scheer redete, über Rinderaufzucht, das Wetter, das Land. Schließlich fragte er: »Glauben Sie wirklich,, dass das der richtige Ort für Sie ist?« Scheer ließ sich Zeit, bevor er antwortete. »Ich bin der dritte weiße Mann, der dieses Land besitzt. Der letzte Eigentümer war aus Florida, ein Immobilienmakler, dessen Ehefrau sich von ihm schei- den ließ, nachdem die Kinder erwachsen und auf dem College wa- ren. Er ist vier Jahre geblieben. Er hat die Ranch von dem ersten Besitzer gekauft, der beinahe neunzig war, als er verkaufte. Er lebt jetzt in einem Pflegeheim in Cheyenne.« Scheer zeigte auf einige seiner Rinder, dann deutete er mit dem Zeigefinger oder einem Kopfnicken die Grenzen seines Besitzes an. Nach einer Weile meinte er: »Schwer zu glauben, dass der erste weiße Siedler immer noch lebt, nicht wahr? Das Land ist jung.« Schließlich hielt Scheer den Jeep in einer Haltebucht auf einem niedrigen Bergkamm an. Er zeigte durch die Windschutzscheibe. »Sehen Sie diesen niedrigen Gipfel? Da drüben? Genau unter die- sem Gipfel verläuft meine Grundstücksgrenze. Es sind etwa vierzig Kilometer vom Haus bis dorthin.« »So groß ist die Ranch doch gar nicht!« »Doch. Das meiste davon liegt entlang dieser kleinen Bucht und dort oben ist das Ende. Zur Ranch gehört das Weideland. Alles an- dere ist im Besitz der Regierung. Hübsch, nicht?« »Sie können nach dem Krieg hierher zurückkommen.« »Machen wir uns nichts vor, Mr. Cassidy. Viele der Typen, die Sie rekrutieren, werden draufgehen.« Cassidy schwieg. »Ich habe vor, genau hier zu leben und zu sterben, jeden Morgen damit aufzuwachen.« »Warum erzählen Sie mir nicht, was los ist?«, fragte Cassidy. »Sie haben keine Frau, die sich nach zwanzig Jahren von Ihnen hat scheiden lassen. Sie sind nicht gefeuert worden; Sie verstecken sich nicht vor dem Gesetz. Sie sind kein Einsiedler, Alkoholiker oder Drogensüchtiger. Warum sind Sie als Rancher hier in den Kuhfla-, den-Himmel gezogen, direkt in die gottverdammte Mitte von Nir- gendwo?« Scheer blickte Cassidy an. Er stellte den Motor ab und stieg aus. »Sie sind der Erste, der das fragt«, sagte er. »Oh, sie haben zwar gefragt, aber nicht so.« Cassidy stieg ebenfalls aus und streckte sich. »Ich bin HIV-positiv«, sagte Scheer. »Anal injiziertes Todesserum. Seit Jahren. Hab länger gelebt, als ich erwartet habe.« »Und?« »Das ist ein Todesurteil.« »Mann, das ganze Leben ist ein Todesurteil.« »Wir treten alle früher oder später ab. Ich bin einer von den frü- hen.« »Ihr ›Meine Zeit ist gekommen‹-Gerede – das ist für die einheimi- schen Bauerntölpel, richtig?« »Sie sind wirklich der Takt in Person, Cassidy, oder nicht?« »Kommen Sie mit mir nach Russland. Es wird ein höllischer Kampf sein. Wenn Sie das überleben, können Sie hierher zurück- kommen, um auf den finsteren Schnitter zu warten, zuschauen, wie die Kühe ihr Futter wiederkäuen, dem Wind lauschen und große Gedanken denken, wenn die Temperaturen unter zwanzig Grad minus fallen.« »Sie sind Colonel, richtig?« »Richtig.« »Ich hab AIDS nicht gekriegt, indem ich an Klobrillen geleckt habe, Colonel.« »Hatten Sie irgendwelche Schwierigkeiten bei der Air Force? Oder bei Lockheed?« »Nein.« »Sie müssen Ihr Liebes- und Ihr Berufsleben gut voneinander ge- trennt haben. Machen Sie weiter so.« »Sie würden mich also mit nach Russland nehmen?«, »Natürlich.« »Sie sind der erste Air-Force-Typ, dem ich jemals etwas über mei- ne sexuellen Neigungen erzählt hab.« »Ich würde das an Ihrer Stelle niemand sonst bei der Air Force er- zählen.« »Aber Sie wollen mich immer noch haben?« »Sie sind gesund, stimmt's?« »Keine Symptome.« »Ich glaube nicht, dass wir Musterungen durchführen werden. Meine Sparte der russischen Luftwaffe wird nicht sehr wählerisch sein. Wir müssen Ihnen nur einen Druckanzug anpassen, wenn sie bei Lockheed nicht noch den haben, den Sie da getragen haben. Für die Impfungen sorgen wir. Wir wollen schließlich nicht, dass ir- gendjemand Diphtherie oder Cholera oder irgendeine andere komi- sche Krankheit bekommt.« »Ich hab meine Krankheit schon.« »Bringen Sie mich zurück zu meinem Auto.« Sie stiegen in den Jeep, und Scheer startete den Motor. »Hier ist eine Karte mit meiner Telefonnummer. Sie kennen das Flugzeug in- und auswendig, Sie können anderen etwas darüber bei- bringen. Ich brauche Sie, Scheer, sonst hätte ich diese Reise nicht gemacht. Denken Sie darüber nach und rufen Sie mich an.« Sie legten den Rest des Wegs schweigend zurück. Scheer fuhr nicht schneller als auf dem Hinweg, aber er bremste auch nicht we- gen der Schlammlöcher und Wasserläufe. Cassidy hielt sich mit bei- den Händen fest. Als sie in den Hof fuhren, stellte Scheer den Motor ab und sagte: »Ich komme mit. Geben Sie mir ein paar Tage oder so, um jeman- den zu finden, der ein Auge auf die Rinder hat, während ich weg bin.« »Okay« »Lockheed sollte meinen Anzug noch haben. Mein Gewicht hat, sich nicht geändert, er sollte also noch passen.« »Ich rufe sie an.« »Ich gehe davon aus, dass Sie dieses Gespräch für sich behalten«, sagte Paul Scheer. »Ich gehe davon aus, dass Sie das auch tun«, antwortete Cassidy und schüttelte ihm die Hand. »Was bezahlt die russische Luftwaffe übrigens?« »Ich weiß nicht genau. Washington arbeitet immer noch die De- tails aus.« »Ich hoffe, dass das Geld die Kosten deckt, um den zu bezahlen, der hier aufpasst.« »Nun, das wird es, wenn Sie eine oder zwei Zeros runterholen. Wahrscheinlich wird für jede Maschine, die Sie abschießen, ein Bonus bezahlt.« »Wessen Idee war das denn?« »Meine nicht, da können Sie Gift draufnehmen. Einige Russland- Experten im Außenministerium haben einen Bonus für jeden bestä- tigten Abschuss vorgeschlagen. Sie sagen, dass auf diese Weise un- sere Seriosität die Russen beeindrucken wird.« »Seriosität.« »Seriosität ist sehr gefragt in Russland. Die haben den Kapitalis- mus einfach übernommen, die haben ihn geschluckt.« Bob Cassidy stieg in sein Mietauto und steuerte auf die holprige Straße zu. Ein Maultierhirsch sprang aus dem Gestrüpp vor ihm und er sah nach, ob er angeschnallt war. Cassidy wartete außerhalb des Gebäudes. Die Sonne brannte ihm heiß auf Arme und Gesicht; die Brise, die vom Pazifik hereinwehte, kühlte angenehm. Er lehnte den Kopf gegen die Wand und schloss die Augen. Wenn er nur für eine Weile die Probleme vergessen und einfach entspannen, die Hitze und die Brise genießen könnte., »Sind Sie Colonel Cassidy?« Er wollte aufstehen, aber sie bedeutete ihm, sitzen zu bleiben. Die Frau vor ihm war mittelgroß, kurzes braunes Haar rahmte ihr Ge- sicht ein. Sie legte den Kopf ein wenig schief, während sie ihn mit hochgezogenen Augenbrauen musterte. Ihm kam der Gedanke, dass sie auf eine ganz eigene Weise wunderschön war. »Sie sind Daphne Elitch?« »Bitte! Dixie. Sogar meine Mutter nennt mich Dixie.« »Nehmen Sie Platz, Dixie. Nett, Sie kennen zu lernen.« »Was führt Sie nach Orange County, Colonel?« »Rekrutierung.« Cassidy begann mit seiner Geschichte. Dixie Elitch hörte höflich zu und schwieg. Die Brise spielte mit ihrem Haar. Cassidy beobachtete ihre Augen, die dunkelbraun und unruhig waren. Sie flogen über die anderen Studenten, den Him- mel, das Gras und den Colonel. Diese intelligenten Augen hielten nicht einen Augenblick inne. Dixie war Mittelstreckenläuferin an der Air Force-Akademie ge- wesen und hatte es fast in die US-Olympiamannschaft geschafft. Sie machte ihren Abschluss in Astronautik, als Zweite ihrer Klasse, und hatte ein Angebot der CAL Tech abgelehnt, wo sie ihren Doktor hätte machen können. Stattdessen machte sie die Pilotenausbil- dung, beendet sie als Klassenbeste, flog eine F-22 – obwohl das Pro- gramm zu der Zeit geschlossen war –, weil der kommandierende General den Stabschef angerufen hatte. Als Cassidy geendet hatte, sagte sie nichts. Nach einer Weile fragte er, ob sie Fragen hätte. »Nein. Ich versuche mir nur gerade vorzustellen, wie es sein wird. Die F-22 ist ein gutes Flugzeug, aber Ersatzteile, Waffen und Treib- stoff zu beschaffen, wird ein entsetzlicher Alptraum sein. Alles wird ein Problem sein – Kommunikation, Frühwarnsystem, Stützpunkte, alles. Was ist mit Hangarplätzen? Wenn der Feind die Maschinen auf dem Boden erwischt, macht er sie platt, es sei denn, die Flug- zeuge stehen in Abstellboxen.«, »Wir arbeiten daran.« Dixie prüfte sein Gesicht mit ihren unruhigen Augen. »Sie haben nicht vor, das zu diskutieren, weil Sie keine Antwort wissen, weil ich mich noch nicht verpflichtet habe, oder weil Sie meinen hüb- schen kleinen Kopf nicht mit den Problemen großer Männer belas- ten wollen? Was ist der Grund?« »Ich kenne die Antworten nicht.« »Sie reden nicht lange um den heißen Brei herum. Wofür soll ich mich also freiwillig melden?« »Ich möchte, dass Sie mit uns fliegen.« »Sie können mir nicht einmal versichern, dass Sie überhaupt flie- gen werden.« »Ich löse die Probleme oder lebe mit ihnen, wie es sich ergibt. Das ist alles, was ich tun kann.« »Ich hab diese ›Yessir‹-Scheiße hinter mir«, sagte sie. »Ich hab noch zwei Wochen Kurse vor mir; dann werde ich Börsenmakle- rin.« »Verstehe.« »Wildfremde Leute anrufen, erklären, warum ich ihnen die besten Investitionsmöglichkeiten anbieten kann.« »Hm.« »Und wie sie an der Börse reich werden können.« »Klingt echt spannend.« »Und warum sie meiner Gesellschaft Kommissionen bezahlen sollten.« »Hm.« »Obwohl ich selbst kein Geld habe und meinen eigenen Rat nicht befolgen könnte, selbst wenn ich blöd genug wäre, es zu wol- len.« Sie lachte, ein angenehmes, volles Frauenlachen. Bob Cassidy durchrieselte es warm. Er biss sich auf die Lippen. Er durfte nicht so fühlen. Das hier ist eine rein berufliche Beziehung, sagte er sich steif und wandte den Blick von Dixie Elitch ab., »Der Markt ist heute Nachmittag im freien Fall. Der Index ist runter auf 18.500, achtzehn Prozent niedriger seit dem höchsten Stand letzter Woche.« »Klingt nicht nach dem richtigen Zeitpunkt, um als Maklerin ein- zusteigen.« »Oh, der Markt wird sich erholen. Früher oder später. Das tut er immer.« »Sie machen sich also keine Sorgen?« »Colonel, wir haben gerade eine der großen Chancen unseres Zeitalters bekommen. Dank der japanischen Regierung. Die werden viele Leute sehr reich machen. Ich hoffe, eine davon zu sein.« »Verstehe.« Dixie schauderte. »Ich werde in diesem Vorort-Utopia auf einen Stuhl genagelt, trage meinen kleinen Designertelefonkopfhörer und beschwatze die Orange-County-Plutokraten, Pflegeheimaktien zu kaufen. Inzwischen schießen Sie und Ihre Freunde auf diese armen, unschuldigen japanischen Jungen in ihren glänzenden neuen Flug- zeugen, und blasen sie vom Himmel.« »So ähnlich«, brummte Cassidy. Er reichte ihr eine Karte mit seinen Telefonnummern. Dixie presste sich die Hände an den Kopf. »Warum hab ich je ge- glaubt, dass ich so was tun könnte? Ich könnte nicht mal einem Mann auf dem Weg zur Hölle kaltes Bier verkaufen. Ich sollte mal meinen Kopf checken lassen.« Sie rieb sich das Gesicht, sah kurz auf die Uhr. »Gewinnen Sie den Krieg für uns, Colonel. Für mich kann ich sagen, ich werde das Geld genießen.« Sie stand auf und gab ihm die Hand. »Wir könnten Sie in einem der Cockpits gebrauchen«, sagte Cas- sidy. »Ich habe Verpflichtungen hier.« »Sie sind keine Börsenmaklerin. Sie sind Jagdfliegerin.«, »Das war ich mal«, bestätigte Dixie Elitch, dann schloss sie sich den anderen Studenten an, die zu den Klassenzimmern zurückkehr- ten. »Sibirien!« Clay Lacy sprach das Wort aus, als wäre es eine Seg- nung. Er holte tief Luft und wiederholte es. Bob Cassidy konnte sich das Lächeln nicht verkneifen. Sie saßen in der Studentenvereinigung bei CAL Tech, wo Lacy sich auf seinen Abschluss in Elektrotechnik vorbereitete. Mit dem militärischen Haarschnitt, dem athletischen Körperbau und der ordentlichen, sauberen Kleidung wirkte er zwischen den langhaari- gen, schlampig gekleideten Technik-Studenten irgendwie deplatziert, dachte Cassidy. Aber jedem das Seine. Ist das nicht das Mantra un- serer Zeit? »Russland.« »Ich nehme an, Sie haben die Zeitung gelesen, die Bescherung im Fernsehen verfolgt?«, sagte Cassidy im Plauderton. CNN widmete der Invasion die Hälfte seiner Sendezeit; die an- dere wurde von dem Börsencrash ausgefüllt, vom Index, der jetzt bei 17.800 lag. Gerade jetzt zeigte der Fernseher am anderen Ende des Zimmers Szenen aus Wladiwostok, obwohl der Ton abgestellt war. Eine Landkarte, die die Vorstöße der Japaner zeigte. Zwei Stu- denten sahen zu. Der Rest aß, las Lehrbücher, hielt Händchen oder unterhielt sich. Einer spielte ein tragbares Videospiel. »Oh, ein bisschen«, antwortete Clay Lacy und blickte kurz zum Fernseher hinüber. »Aber ich hab so viel um die Ohren. Wenn die Welt unterginge, würde ich höchstens genug Zeit finden, kurz die Schlagzeilen zu überfliegen.« »Diese Geschichte ist nicht ganz so wichtig«, gab Cassidy zu. »Trotzdem, wir könnten Sie in Russland gebrauchen. Danach könn- ten Sie an die Schule zurückgehen, vielleicht in einem Jahr oder so., Fliegen Sie, verdienen Sie sich ein bisschen Geld, helfen Sie Onkel Sam aus.« »Es hat nicht danach ausgesehen, als ob wir jemals einen Krieg führen würden«, erklärte Clay Lacy. »Wenigstens nicht während meiner Laufbahn. Deshalb bin ich ja ausgestiegen. Dieser ›Frieden ist unser Beruf‹-Scheiß ist wirklich Schwachsinn.« Cassidy trank seinen Kaffee aus. »Sie sind nicht zufällig von der CIA?«, fragte Lacy. »Nur einfach US Air Force.« »Sie würden es bestimmt nicht zugeben, wenn Sie von der CIA wären, oder? Sie würden sagen, Sie wären bei der Air Force.« »Sie werden mir vertrauen müssen, Lacy.« »Nichts für ungut, Sir.« »Fragen Sie mich nicht nach Geheimnissen, und ich erzähle Ih- nen keine Lügen.« Cassidys Laune wurde von Sekunde zu Sekunde schlechter. Lacy war ein Spinner. Vielleicht wäre er ohne ihn besser dran. Nach einer Weile sagte Lacy mehr zu sich selbst: »Die F-22 ist eine echte Höllenmaschine.« »Die neue Zero ebenfalls, hat man mir gesagt«, brummte Cassidy. »Wenn man diesen Kampf verpasst, könnte man es sein ganzes Leben lang bereuen.« »Das bezweifle ich«, knurrte Cassidy. Jiro Kimura schoss ihm durch den Kopf. Er biss sich auf die Lippe. »Sein ganzes Leben könnte man darüber nachgrübeln«, beharrte Lacy. »Es wird nicht leicht sein«, bemerkte Bob Cassidy, mehr als unzu- frieden über den Verlauf dieses Gesprächs. Lacy sah sehr ernst aus. Zu ernst. Jetzt war Cassidy fast sicher, dass der Mann völlig übergeschnappt war. »Fliegen war für mich fast so etwas wie eine Religion«, sagte Lacy einen Moment später. »Für mich und meine Freunde. Wir alle ha-, ben so gedacht. Ich hätte nicht geglaubt, dass ich es jemals aufge- ben würde, aber …« Er zog die Schultern hoch. »So geht's halt. Ich hatte die Friedens- routine satt. Die jährlichen Budgetkürzungen, die der Kongress durchgedrückt hat. Dieses ewige Sparen und Rationalisieren und Reduzieren bei den Streitkräften. Das ist eine Verschwörung, das Verteidigungsbudget so weit zu senken, dass Amerika sich nicht mehr verteidigen kann. Eine Verschwörung durch die Ausländer, um unsere Grenzen aufzubrechen. Die sind schon immer gegen alles Amerikanische gewesen.« Cassidy schwieg. Lacy fuhr fort: »Natürlich bin ich nie im Gefecht gewesen. Kann nicht ehrlich sagen, wie ich damit umgehen würde, weil ich es nicht weiß. Ich denke, alles wird prima laufen. Ich werd mir nicht ins Hemd machen, ich werd nicht vergessen, das Fahrwerk einzufahren oder das Geschütz scharf zu machen. Ich werde tun, was man mir beigebracht hat.« »Hmm«, sagte Cassidy. »Ich hab immer geglaubt, dass ich jemanden töten könnte, wenn ich wirklich müsste. Wenn es keine andere Wahl gäbe. Dann könn- te ich es. Aber nach Sibirien zu gehen, in ein Flugzeug zu steigen und japanische Piloten zu bekämpfen … Nun, das alles ist etwas un- wirklich. Wenn ich hier so sitze, hab ich doch Zweifel. Ich weiß nicht, ob ich jemanden töten könnte, Colonel.« »Nun, wenn Sie wirklich Zweifel haben, Clay, müssen Sie –« »Ich glaube, ich könnte es, verstehen Sie, aber ich bin mir nicht wirklich sicher.« »Hmm.« »Niemand kann das wissen, bis es so weit ist.« »Nicht jeder ist dazu geschaffen, so etwas –« Lacy grübelte. »Vielleicht sitze ich deshalb hier, statt weiter Uni- form zu tragen.« Er runzelte die Stirn., Dann blickte er Cassidy an und fuhr zusammen, als ob ihm plötzlich bewusst würde, dass er mit einem Colonel sprach. »Ich sollte solche Dinge wahrscheinlich nicht sagen«, fügte er hastig hin- zu. »Es ist eine komplizierte Welt, in der wir –« »Ich denke darüber nach, Sir. Lasse es Sie wissen. Wo kann ich Sie erreichen?« Cassidy überlegte ein paar Sekunden, ehe er dem Mann eine Karte gab. »Überstürzen Sie nichts«, riet er Lacy. »Nachts vermisse ich das Fliegen am meisten. Ich mach die Au- gen zu und fühle, wie ich durch die Luft rase.« »Denken Sie sorgfältig darüber nach.« »Vielleicht –« »Töten oder getötet werden. Die Japaner sind verdammt gut, Lacy. Die Zero-Flieger werden ihre Raketen abfeuern, und sie wer- den genau zielen. Wenn Sie einen Fehler machen, sind Sie Toast. Selbst wenn Sie richtig reagieren, können Sie abgeknallt werden.« »Ich –« »Wenn Sie mir sagen, dass Sie gehen wollen, Lacy, sollten Sie sich ganz sicher sein. Ich will nicht, dass Ihr Blut an meinen Händen klebt. Ich habe genug mit mir rumzuschleppen.« »Ich denke darüber nach und rufe Sie an, Sir«, versprach Clay Lacy. Als Lacy in sein Seminar zurückgegangen war, hakte Cassidy sei- nen Namen auf der Liste ab. Okay, er ist ein Spinner, aber wenn er das Flugzeug fliegen und den Feuerknopf drücken kann, dann ist er qualifiziert., 9. KAPITEL

Svechin war wieder am Torpedosprit.«»Noch irgendjemand anderes?«

»Drei oder vier haben mitgetrunken, Kapitän. Die machen das, weil Svechin sie dazu anstachelt.« Pavel Saratov blickte den Bootsmann an, einen älteren Stabsun- teroffizier oder Starshi Michman, der seinem Blick auswich. »Sie haben seit fünf Monaten kein Geld gekriegt, Kapitän.« »Ich weiß.« »Sie fragen, warum wir hier sind.« »Wir haben Krieg. Wir verteidigen Mütterchen Russland.« »Ha! Es gibt kein Geld. Es gibt nichts zu essen. Es gibt keine an- ständige Kleidung. Der Strom fällt ständig aus. Es gibt keine Medi- kamente, keinen Wodka, keinen Tabak. Die Politiker sind alle Die- be, die Kinder sind krank, die Leute krepieren an der Umweltver- schmutzung, an irgendwelchen Industriegiften.« Saratov rieb sich das Gesicht, den Kopf. Der Bootsmann fuhr fort: »Wir haben kein Land. Das ist es, was die Männer sagen. Wir lassen unsere Familien in der Dunkelheit verhungern und laufen aus, um auf See abzusaufen. Wenn die Ja- paner Sibirien wollen, sollen sie es haben. Wir könnten unter den Japanern besser dran sein. Ich hab gehört, dass die regelmäßig zu essen kriegen.« »Die Männer sagen das?« »Ja, Kapitän.« »Und was ist Ihre Meinung?« »Das ist das, was die Männer sagen.« »Und Sie? Antworten Sie mir.«, Der Adamsapfel des Bootsmanns zuckte. »Die Männer denken, dass wir zum Scheitern verdammt sind. Dass wir keine Chance haben. Die P-3 wird uns wiederfinden. Wir sollten uns ergeben, so- lange wir noch am Leben sind.« »Und Sie?« »Ich bin ein loyaler Russe, Kapitän.« Saratov schwieg. »Wir könnten nach Hawaii schippern«, schlug der Bootsmann versuchsweise vor. Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: »Oder zu den Aleuten. Die Amerikaner um Asyl bitten. Ich wünschte, ich wäre Amerikaner.« Saratov spielte mit der Karte auf dem Tisch. Auf einer Seite lagen die Meldungen. Die Japaner hatten Nikolajewsk, Petropawlosk und Korsakow genommen. Japanische Fallschirmjäger waren in Ostrov und Ocha auf der Sachalin-Insel gelandet, wo russische Truppen laut dem Kreml heftigen Widerstand leisteten. Die Japaner hatten Magadan angegriffen und Gavan – der Kreml erwähnte nichts von russischem Widerstand. Spezialeinheiten hatten vier U-Boot-Versor- gungsstützpunkte an der nördlichen Meeresküste bei Ochotsk und den Kurilen eingenommen, wahrscheinlich weniger als ein Dutzend gut ausgebildeter Männer in jedem Team. Saratov war sich sicher, dass alle diese Eroberungen lächerlich ein- fach gewesen waren. Den vier U-Boot-Basen waren nicht einmal mehr Truppen zugeteilt worden, nicht seit der Jahrhundertwende. Der Offizier, der diese Meldungen entschlüsselt hatte, Bogrov, hatte die Neuigkeiten zwei Freunden zugeflüstert, die es ihren Freunden zuflüsterten. Jeder Mann auf dem Boot hatte die Nach- richten gehört. »Bringen Sie Svechin in fünfzehn Minuten in die Kommandozen- trale.« »Aye, aye, Kapitän.« Die Enge in der Kapitänskabine ließ nur Platz für eine Koje, ei-, nen Klappschreibtisch und einen Stuhl. Auf diesem Schreibtisch hatte Saratov die Karte ausgebreitet. Er starrte sie an, ohne etwas zu sehen. Die Männer waren geschlagen. Ohne einen Schuss abzugeben, waren sie bereit, sich zu ergeben. Jeder Mann auf dem Boot war mit kommunistischer Propaganda aufgewachsen, mit diesem endlosen Scheiß vom neuen kommunis- tischen Menschen, davon, dass die Partei es am besten wusste, vom moralischen Imperativ, für jeden entsprechend seines Bedarfs zu sorgen. All das war vorbei, endgültig, vorbei für immer. Wuchernde Inflation und eine ständig wachsende Bevölkerung untergruben die Möglichkeiten der Bürokraten, vorzusorgen. In einer Zeit ständig zunehmenden Mangels an Grundnahrungsmitteln wurde Korrup- tion endemisch, Verbrechen zum Alltag. Verrostet, verfault und ver- fallen klapperte das soziale Gefüge ein letztes Mal im aufkommen- den Wind, dann brach es langsam zusammen. Die Sowjetunion starb in den Trümmern, ließ nichts als hungernde Republiken zu- rück, ohne die Mittel, damit fertig zu werden. 17 Jahre später wur- de Russland, die größte der Republiken, von Verbrechern und Di- lettanten regiert, die in erster Linie daran interessiert waren, in ihre eigenen Taschen zu wirtschaften. Die Männer auf diesem Boot waren einzig und allein hier, weil sie bei der Marine eine bessere Chance hatten, satt zu werden, als anderswo. Und auch das war nur eine Chance. Im letzten Winter hatte jeder am Petropawlosker Flottenstützpunkt für Wochen von Steckrüben gelebt. Nicht einmal Brot. Rüben, dreimal am Tag, vier- einhalb Wochen lang. Währenddessen verhungerten alte Babusch- kas und ausgesetzte Kinder auf den Straßen. Es ging das Gerücht, draußen in der Wildnis gäbe es Fälle von Kannibalismus, aber nie- mand wusste irgendetwas Genaues. Der Rest der Welt marschiert hochtechnisiert Reichtum und Glück entgegen, dachte Saratov bitter. Sogar chinesische Bauern ha-, ben mehr zu essen als arme Russen. Die Japaner sind reich, reich, reich, von den Amerikanern ganz zu schweigen. Und Pavel Saratov füllte den Alkohol aus einem Torpedo ab und verkaufte ihn auf dem Schwarzmarkt, um mit dem Geld Proviant zu kaufen, damit er seine Mannschaft auf dieser Fahrt durchfüttern konnte! Natürlich sollte in den Torpedos eigentlich kein Alkohol sein. Ihr Treibstoff war ein teuflisches Gebräu aus Chemikalien, das ihnen ermöglichte, bis zu 55 Knoten zu machen, aber der Torpedo- treibstoff hatte sich in den Jahren der Lagerung so sehr zersetzt, dass er wertlos geworden war. Die Leute im Arsenal betankten die Torpedos jetzt mit Alkohol, weil sie nichts Besseres hatten. Vielleicht sollte er das Boot wirklich in einen amerikanischen Ha- fen steuern. Er hatte mehr als genug Dieseltreibstoff, um Adak auf den Aleuten zu erreichen. Die P-3 patrouillierten wahrscheinlich über der japanischen Flotte vor Wladiwostok und Nikolajew, be- wachten die Geleitzüge im Japanischen Meer. Nach Osten stand der Weg weit offen. Er wischte sein Gesicht mit den Händen ab, versuchte zu denken. Diese Gedanken waren unwürdig. Schändlich. Er war russischer Offizier. Russische Offiziere hatten ihre Männer tapfer und ruhmreich seit Hunderten von Jahren geführt, seit Hun- derten. Ruhm. Was für eine Scheiße! 70 Jahre lang hatte eine brutale, korrupte Oligarchie das russische Volk beherrscht. Massenmord, Hunger, Gefangenschaft, Folter und Schrecken wurden routinemäßig eingesetzt, um die Bevölkerung in Schach zu halten und Unruhen zu verhindern. Und das russische Volk hatte es geschehen lassen. Die Russen tranken ihre Schuld mit der Milch ihrer Mütter. Sie waren geschlagen. Besiegt vom Leben. Besiegt durch ihre ei- gene Dummheit und Unzulänglichkeit. Seine Männer waren ein typisches Beispiel. Die meisten von, ihnen wollten nur Alkohol – Wodka, oder Torpedosprit, oder ge- gorenes Obst, was auch immer. Wenn man ihnen Alkohol gab, be- saß man sie mit Leib und Seele. Wir sind Tiere. Warum dachte er so etwas? Niemand scherte sich einen Scheißdreck um ein kleines diesel- elektrisches U-Boot, oder um die 50 Mann an Bord. 50 Mann, nicht 65, die das Schiff haben sollte. Das war denen in Moskau sicher egal. Diese fetten Sesselfurzer schickten dieses U-Boot los, um ein Wrack zu vernichten, das seit zehn Jahren einen Kanal blo- ckierte, und sie kümmerten sich nicht darum, ob der Kapitän ge- nug Proviant hatte, um die Mannschaft zu ernähren. Oder Treib- stoff. Oder Seekarten. Oder qualifizierte Leute. Nur ein Befehl von hoch oben: Tun Sie das, oder wir finden jemand anderen. Sein Blick fiel auf das russisch-orthodoxe Liturgiebuch, das in ei- ner Ritze im Winkeleisen über der Koje steckte. Das alte Buch war ihm vor langer, langer Zeit von seiner Mutter geschenkt worden. Die Kommunisten hatten in der Armee keine Religion erlaubt, eine Politik, die Saratov niemals verstanden hatte. Religion zu verbieten, machte nur für Kommunisten Sinn. Als die Marine ihre Politoffi- ziere abgeschafft hatte, begann Saratov, am Sonntagmorgen auf See und im Hafen Gottesdienste abzuhalten. Er fragte nicht um Erlaub- nis; er tat es einfach. Zuerst murrten einige der Männer. Sie hörten bald auf. Sie bekamen gelegentlich ihren lebensnotwendigen Alko- hol, dann und wann auch Essen, was machten da also Gebete? Er konnte den Bootsmann in der Kommandozentrale hören, sechs Schritte achtern von seiner Tür. Bogrov redete mit dem Ers- ten Offizier, dann mit Svechin, der laut und mürrisch war, immer noch betrunken. Saratov öffnete seinen Schreibtischtresor und holte seine Pistole heraus, eine 7,62-mm-Tokarev. Das Magazin war voll. Er steckte es in den Griff und lud durch. Dann senkte er sorgfältig den Hahn., Die Pistole hatte keine Sicherung. Er steckte sie in die Tasche. Das Buch nahm er mit. Jeder in der vollgestopften Zentrale verstummte, als er eintrat. Die zusätzlichen Männer füllten den Raum, nahmen jeden Zenti- meter Platz ein, der nicht von der Wache in Anspruch genommen wurde. Obwohl er dagegen abgehärtet war, nahm ihm der Gestank der ungewaschenen Körper für einen Moment den Atem. Er warf das alte Buch auf den Kartentisch. Svechin war offensichtlich betrunken, stand nicht stramm. Er glotzte den Kapitän unverschämt an. Das Boot fuhr unter Wasser. Saratov zwang sich, die Messgeräte zu überprüfen, während alle ihn anstarrten. Das Boot war 130 Meter tief und lief mit drei Knoten nach Südosten. »Wieder mal betrunken, was, Svechin?« »Ich glaub nicht –« »Nehmen Sie gefälligst Haltung an, wenn Sie mit mir reden!«, brüllte Saratov. »Alle. Stillgestanden!« Alle nahmen Haltung an. Sogar Svechin stand ein bisschen aufrechter. »Ich –« »Alkohol aus den Torpedos!« Svechin sah mürrisch aus, fast krank. Er weigerte sich, den Kapi- tän anzusehen. »Russland befindet sich im Krieg. Die Torpedos sind unsere Waf- fen. Sie sind der Sabotage schuldig, Svechin. In Kriegszeiten ist Sa- botage ein Kapitalverbrechen.« Svechin erbleichte. Der Adamsapfel des Bootsmanns war in stän- diger Bewegung, auf und ab, auf und ab. »Und Leutnant Bogrov erörtert geheime Nachrichten, als ob es sich um Zeitungsartikel handelt.« Bogrov kam aus Moskau, und er war der Meinung, dass ihm das eine spezielle Position verschaffte; die meisten seiner Schiffskamera- den kamen aus den Provinzen, aus kleinen schäbigen Dörfern in, ganz Russland. Sie waren in die Marine eingetreten, um all dem zu entkommen. »Kapitän, ich –«, begann Bogrov. »Halten Sie das Maul, Sie Dreckskerl! Zu Ihnen komme ich spä- ter.« Svechin war jetzt bleich, die Lippen zu einer dünnen Linie ver- kniffen. Saratov konnte sie atmen hören, sie alle, trotz des leisen Schrau- bengeräuschs. Sie atmeten ein und aus wie erschöpfte Pferde. Und er konnte immer noch ihren Gestank riechen, was ihn überraschte. Normalerweise überdeckte sein eigener Gestank den der anderen Männer. »Ihr, Männer, redet von Kapitulation. Davon, in ein neutrales Land zu flüchten.« Nur das Atmen. »Reden, reden, reden. Es gibt keinen einzigen Mann auf diesem Boot! Gott, was für erbärmliche Kreaturen ihr seid!« Bring's hinter dich. Er zog die Pistole aus seiner Tasche, packte sie fest und spannte den Hahn. »Haben Sie irgendetwas zu sagen, Svechin, bevor ich die für Sa- botage in Kriegszeiten vorgeschriebene Strafe ausführe?« Svechins Zunge kam heraus. Er befeuchtete seine Lippen. Schweiß glänzte auf seinem Gesicht. Er hatte dicke Lippen und Pickel. »Bitte, Kapitän, ich wollte nicht … Wir sind alle verloren. Wir werden alle sterben. Ich –« Pavel Saratov hob die Pistole und schoss Svechin einmal mitten in die Stirn. Der Knall war ein Donnerschlag in dem kleinen Raum. Svechin stürzte zu Boden. Sein Schließmuskel entspannte sich. Der Geruch verursachte Saratov Übelkeit. Der Kapitän zielte mit der Pistole auf die Decke, so dass sie jeder sehen konnte, und wartete darauf, dass das Klingen in seinen Oh-, ren nachließ. Seine Kiefer mahlten von einer Seite zur anderen. Er verspürte einen überwältigenden Drang, zu urinieren, hielt es aber irgendwie zurück. »Sie sollte ich auch erschießen, Bogrov.« Er klang wie das Qua- ken eines Frosches. Er drehte sich um, so dass Bogrov gezwungen war, ihm in die Augen zu schauen. »Haben Sie gehört?« »Ja, Kapitän.« Bogrov stand in starrer Haltung da. Er weigerte sich, seinem Blick zu begegnen. Saratov ging von einem Mann zum nächsten, starrte jedem in der Runde in die Augen. »Obersteuermann, bringen Sie das Boot auf zwei drei fünf Grad. Eine Stunde nach Sonnenuntergang gehen Sie auf Periskoptiefe und fahren den Schnorchel aus.« »Aye, aye, Kapitän.« »Rufen Sie mich dann.« »Aye, aye, Kapitän.« »Stecken Sie Svechin in ein Torpedorohr. Nummer Eins, lesen Sie die Totenmesse. Dann schießen Sie ihn raus.« »Aye, aye, Sir«, sagte der Erste Offizier. Saratov benutzte beide Hände, um den Pistolenhahn zu senken, steckte die Waffe ein und ging in seine Kabine zurück. 15 Minuten später saß er bei zugezogenem Vorhang in seinem Stuhl, als er Bogrov leise zum Obersteuermann sagen hörte: »Er knallte einen Mann ab, dann ordnet er an, dass der Erste für ihn die Messe liest. Das ist was für die Bücher.« »Halten Sie lieber den Mund.« Das war einer der Rudergänger. »Maul halten, beide«, brüllte der Obersteuermann, außerstande, sich zu beherrschen., In Moskau stand die Sonne um zehn Uhr abends immer noch über dem Horizont, als Kalugin den Kongress der Volksdeputierten be- trat. Er kam durch die Lobby herein, schritt den Mittelgang hinauf und nickte nach rechts und links den Abgeordneten zu, die er kannte. Er nahm sich nicht die Zeit, Hände zu schütteln. Er war diese letzte Woche ein sehr beschäftigter Mann gewesen. Während der letzten 72 Stunden hatte er kaum geschlafen, doch das sah man ihm nicht an. Als er den Gang zum Rednerpult hinunterging, sah er wie ein alter Löwe aus, der sich für seinen letzten großen Kampf rüstet. In Wirklichkeit hatte er den Kampf schon ausgefochten und ge- siegt. Sobald er überzeugt gewesen war, dass Japan wirklich in Russ- land einzufallen beabsichtigte, hatte er schnell gehandelt, um einen politischen Konsens darüber zu schaffen, dass das Überleben der Nation auf dem Spiel stand. Das war der einfache Teil. Dann wurde es hart: Kalugin forderte von den gewählten Volksvertretern Russ- lands, ihm diktatorische Vollmacht zu gewähren, damit er mobil- machen und das Vaterland retten konnte. Sicherlich, er hatte sich über die Jahre viele Feinde gemacht. Sei- ne schlimmsten Feinde hatte er begraben. Sieben frische Leichen ruhten in hastig ausgehobenen Gräbern in den Wäldern außerhalb Moskaus. Mehrere Dutzend Abgeordnete, die er möglicherweise würde umstimmen können, wenn er die richtigen Mittel einsetzte, waren in der Lubjanka eingesperrt. Kalugin kaufte Anhänger, wo sie nötig waren, ernannte Minister und setzte Dekrete auf. Heute Abend, als er den Kongress betrat, mitten durch das Krisengemur- mel, die Fernsehkameras der ganzen Welt auf sich gerichtet, war er bereit, seinen Sieg zu erklären. Janos Ilin stand auf der Galerie, Schulter an Schulter mit den an- deren FIS-Offizieren. Er konnte auf Kalugins Kahlkopf hinab bli- cken, während der Präsident durch die Masse der unterwürfigen Ab- geordneten schritt. Ein Diktator. Ein neuer Diktator. Um Russlands, Probleme mit roher Gewalt, heißem Blut und endlosen Regeln und Bestimmungen zu lösen, umgesetzt von machtlosen kleinen Män- nern, die in panischer Angst lebten. Kalugin, der Retter. Kalugin stieg aufs Podium. Jetzt trat er ans Rednerpult. Donnernder Applaus. Alle erhoben sich und klatschten. Schließlich bedeutete Kalugin seinem Publikum, sich zu setzen. »Dies ist eine schwere Stunde in der Geschichte Russlands. Japani- sche Streitkräfte haben in Zentralasien Wladiwostok erobert; Niko- lajewsk; Petropawlosk auf der Kamschatka-Halbinsel; die Sachalin- Insel … Russland hat nichts getan, was die grausamen Wunden, die ihm von böswilligen habgierigen Menschen geschlagen wurden, rechtfer- tigt, von Menschen, die dazu entschlossen sind, künftige russische Generationen ihres Geburtsrechts zu berauben … Unsere Führer sind heute zu mir gekommen und haben mich ge- beten, die Macht der Präsidentschaft und des Kongresses auszuüben, um das heilige Mütterchen Russland zu retten.« Seine Stimme schien lauter und tiefer zu werden, schien die Halle zu erfüllen wie der Donner eines Sommersturms in der Steppe. »Im Namen des russischen Volkes, erhebe ich, Aleksander Iwano- vich Kalugin, das Schwert gegen unsere Feinde.« Als Bob Cassidy die Besucherlobby der McGuire-Air-Force-Basis betrat, um sich anzumelden, war das Erste, was er sah, Clay Lacy, der verloren in der Ecke saß. »Colonel Cassidy, Colonel Cassidy.« Lacy hastete hinüber. »Ich habe auf Sie gewartet. Ich habe in Washington angerufen, und die haben gesagt, ich solle nach McGuire kommen, aber die Leute hier haben mich nicht auf ihrer Liste.«, »Hm.« Cassidy unterschrieb eine Anmeldungskarte, während der Zivilangestellte hinter dem Schreibtisch zusah. »Ich muss Ihren Ausweis sehen«, sagte der Angestellte zu Cassidy. »Ich trage die Uniform eines Colonels, sehe ich etwa aus wie ein illegaler Einwanderer?« »Ich tue nur das, was mir gesagt wird, Colonel.« Cassidy kramte seine Brieftasche hervor, zog den Ausweis heraus und reichte ihn hinüber. »Ich hab Sie nach unserem Gespräch nicht erreicht«, sagte Lacy, »aber ich will mit Ihnen gehen. Dort rüber.« Er nickte mit dem Kopf in Richtung Osten. Vielleicht auch nach Süden. Er schien das Wort Russland nicht aussprechen zu wollen. »Ich hab in Washing- ton angerufen, und die sagten, ich solle hierher kommen, nach Mc- Guire, das hab ich getan. Auf eigene Kosten. Aber als ich hier an- kam, hat dieser Mann gesagt, ich stände nicht auf der Liste, so dass er mir kein Zimmer geben könnte.« »Sie wollen wirklich gehen?« »Oh ja, Sir«, sagte Lacy, blickte kurz zu dem Angestellten hinter dem Schreibtisch hinüber. »Ich will ganz offen zu ihnen sein, Lacy. Sie wirken auf mich wie ein Spinner.« Lacy war beleidigt. »Haben Sie sich meine Dienstakte angesehen?« »Ja. Sie kommen mir immer noch vor wie ein Spinner. Glauben Sie, Sie haben den Mumm dafür?« »Ja, Sir.« Lacy mahlte mit den Kiefern. Er sah aus, als wollte er weinen. Nun gut, die Leute des Air-Force-Personalbüros behaupteten, die- ser Typ sei ein toller Pilot. Vielleicht hatten sie die Namen verwech- selt. Der Colonel zuckte die Achseln. Wenn Lacy in der Luft nichts taugte, würde er ihn zur Wartungscrew abschieben oder ihm ein Gewehr in die Hand drücken und eine Grenzwache aus ihm ma- chen. Bestimmt gab es irgendetwas Nützliches, was ein ewiger Teen-, ager wie Lacy tun konnte. Cassidy wandte sich dem Angestellten zu. »Wo ist Ihre Liste für die JCS-Spezial-Fälle?« Der Mann holte ein Klemmbrett unter der Theke hervor. Cassidy überflog die gedruckte Liste und fügte dann Lacys Na- men handschriftlich am Ende hinzu. Er gab dem Angestellten die Klemmkladde zurück. »In Ordnung, Lacy. Jetzt stehen Sie auf der Liste.« »Moment mal, Colonel«, protestierte der Angestellte. »Die Stütz- punkt-Unterbringung hat diese Liste rübergeschickt –« »Geben Sie Lacy ein Zimmer, Sir. Sofort, keine Widerrede oder ich lasse Sie feuern.« Er sagte es leise und sah den Mann nur kurz an, während er seine Taschen aufhob. Der Angestellte schluckte einmal, holte tief Luft und blickte Cas- sidy nach, der auf den Aufzug zusteuerte. Als die Aufzugstür sich hinter dem Colonel geschlossen hatte, wandte sich der Angestellte Lacy zu. »Ausweis, Führerschein oder sonst einen Identitätsnach- weis, bitte.« An diesem Abend versammelten sie sich im Fernsehraum im zwei- ten Stock. Zwei Polizisten der Air Force riegelten den Flur ab. »Für jene von Ihnen, die mich noch nicht kennen, ich bin Colo- nel Bob Cassidy. Meine Freunde nennen mich Hoppy oder Butch; Sie können mich Colonel nennen.« Niemand lächelte. Cassidy seufzte, schaute auf die Liste. »Ich rufe jetzt die Namen auf. Allen, Cassini …« Alle antworteten, wenn ihr Name aufgerufen wurde. Er kannte etwa die Hälfte von ihnen; die, die er rekrutiert hatte, und mehrere von früher her. Er legte die Liste hin, sah sich um, ob ihm alle ihre Aufmerksam- keit schenkten, und begann: »Danke, dass Sie sich freiwillig gemel-, det haben. Sie werden es wahrscheinlich bald bereuen; das wird sich nicht ändern lassen. Alles, was ich Ihnen versprechen kann, ist ein Abenteuer. Morgen fliegen wir mit einer C-141 nach Deutschland. Dort werden wir die neueste Version der F-22 testen. Nach einer Woche, maximal zwei, fliegen wir nach Russland. Die Piloten wer- den von der russischen Regierung als Zivilisten angestellt. Die kön- nen uns auch in die russische Armee aufnehmen – wir werden se- hen, wie es läuft. Die Flugzeuge werden den Russen von der US-Air Force geliehen. Obwohl die US-Markierungen entfernt werden, sind die Flugzeuge immer noch Eigentum der USA, so dass sie vom Air- Force-Personal gewartet werden, das sich uns in Deutschland an- schließen wird. Irgendwelche Fragen?« Keine Fragen. »Abgesehen von mir, glaube ich, gibt es nur einen Piloten in die- sem Raum, der jemals im Kampf geflogen ist. Sie alle werden sehr bald Veteranen sein. Zweifellos haben Sie feste Vorstellungen da- von, wie der Kampf sein wird. Was Sie jetzt noch nicht wissen kön- nen, ist, was für ein Gefühl es ist, wenn jemand anderes sein Äußer- stes versucht, Sie zu töten. Genauso wenig können Sie wissen, wie es ist, einen anderen Menschen zu töten. All das liegt vor Ihnen.« Er blickte in ihre Gesichter, so unschuldig. Einige von ihnen wür- den bald tot sein, das war unvermeidlich. »Wir werden nicht alle zurückkommen«, sagte er langsam. »Wenn irgendjemand aussteigen will, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, es zu sagen. Sie kriegen einen Händedruck und eine Gratisfahrt nach Hause, keine Fragen.« Niemand sagte ein Wort. Sie sahen einander nicht an, schienen auf Orte konzentriert, die außerhalb des Raumes lagen. »Okay«, sagte Bob Cassidy. »Wir sitzen alle in einem Boot. Ab sofort gelten meine Regeln. Nicht die Air-Force-Bestimmungen: mei- ne Regeln. Wenn Sie meine Regeln hier oder in Deutschland über- treten, schicke ich Sie nach Hause. Übertretungen in Russland …« Er ließ das im Raum stehen. »Keine Telefonanrufe, keine Briefe, kei-, ne E-mails, und niemand verlässt das Gebäude. Mit denjenigen von Ihnen, die ich noch nicht kenne, spreche ich sobald wie möglich. Ich will, dass jeder von Ihnen weiß, was auf ihn zukommt. Das ist alles.« Cassidy verließ den Raum, während jemand die Leute zum Strammstehen aufforderte. Die Männer bemühten sich, aus den niedrigen Stühlen aufzuspringen, als er durch die Tür ging. Über seine Schulter sagte er: »Preacher, kommen Sie mit nur.« ›Preacher‹ war Paul Fain, ein ziemlich großer Mann mit einem viereckigen Gesicht und rötlichem Teint. Als er das Zimmer des Colonels betrat, schloss er die Tür hinter sich, grinste und ließ per- fekte weiße Zähne sehen. »Schön, Sie zu sehen, Bob.« Cassidy ergriff Fains ausgestreckte Hand. »Was zum Teufel ma- chen Sie hier, Preacher? Bei allem was recht ist, ich hätte nie er- wartet, Ihren Namen auf dieser Liste zu finden.« »Das Leben ist ein Abenteuer. Das hier hört sich an wie ein gutes Abenteuer, und als ich hörte, Sie seien verantwortlich, naja … Hier bin ich!« »Was ist mit Isabell? Was hat sie dazu gesagt?« »Sie war nicht glücklich, aber sie kennt mich durch und durch. Wir sind aneinander gekettet.« Fain war der einzige uniformierte Ordinierte, der nicht im Kap- lan-Corps war, den Cassidy jemals getroffen hatte. Er war stellver- tretender Pfarrer in seiner ersten Kirche gewesen, als er vor Jahren den Talar an den Nagel gehängt hatte und in die Air Force eintrat. Als Cassidy ihn das letzte Mal gesehen hatte, flog Fain F-22 in Nellis. Isabell war seine leidgeprüfte Ehefrau, eine Frau, die dachte, sie habe einen Geistlichen geheiratet, stattdessen jedoch mit einem Jagdflieger geschlagen war. Sie plauderten ein paar Minuten lang über alte Zeiten, und Cassi- dy brachte Fain dazu, ihm von Isabell und den zwei Kindern zu er- zählen., Schließlich sagte Cassidy: »Preacher, ich will, dass Sie sich diese Russlandgeschichte noch mal überlegen. Der Rest von denen«, Cas- sidy nickte in Richtung Fernsehraum, »sind Abenteurer, die spielen mit ihren Leben. Leben oder sterben, das interessiert sie nicht wirk- lich. Sie wollen was erleben, etwas Neues versuchen, ihr Leben auf ihre Fertigkeit und ihren Mut setzen. Ein paar von denen wollen einfach jemanden kaltmachen. Die sind nicht wie Sie.« »Und Sie?« »Hören Sie mir zu, Preacher. Ich versuche, offen mit Ihnen zu sprechen. Meine Frau und mein Kind sind seit Jahren tot. Ich habe niemanden auf dieser Welt. Wenn ich in Russland abgeschossen werde, wird mich niemand vermissen. Niemand. Das habe ich mit diesen Typen dort gemein. Ich kann sie in den Kampf führen. Wenn sie sterben, habe ich keine schlaflosen Nächte … und auch niemand anderes.« »Was bringt Sie dazu, zu denken, ich sei anders als die?« Cassidy war verlegen. »Sie sind anders, ich kenne Sie. Und je- mand wird Sie vermissen – Isabell, die Kinder.« Fain gab keine Antwort. Cassidy knurrte: »Ich werde Sie vermissen, Herrgott nochmal. Ich will das nicht riskieren. Gehen Sie nach Hause, zu Isabell.« »Nein. Ich habe mich für diesen Kampf freiwillig zur Verfügung gestellt. Jemand muss bereit sein, seinen kostbaren Hals zu riskie- ren, oder die rücksichtslosen Bastarde werden immer wieder die Oberhand behalten. Wenn mich Gott haben will, kann er mich zu sich holen. Das war schon immer so, Bob, und Isabell kann damit leben. Sie hat Vertrauen zu mir, und sie vertraut Gott.« Cassidy ging zum Fenster hinüber und sah in den Sommerabend hinaus. Wolken rollten heran. Bald würde es regnen. »Ich glaube, ich habe kein Vertrauen in Gott«, grübelte er. »Zu- mindest nicht diese Art. Die Schweinehunde scheinen immer zu ge- winnen.« Diese ganze Diskussion ärgerte ihn. Preacher Fain hätte, zu Hause bleiben sollen. »Menschen leben, und dann sterben sie. Das ist der Lauf der Welt. Ich will einfach keine Freunde mehr ver- lieren. Ich habe schon zu viele Menschen verloren, die mir wichtig waren.« »Ich habe genug Gottvertrauen für uns beide, Colonel.« Cassidy wusste nicht, was er erwidern sollte. Fain war unerschüt- terlich, wie üblich. »Okay, Preacher. Ich gebe auf. Sie wollen dabei sein, Sie sind dabei. Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. Wie wär's, wenn Sie Dick Guelich zu mir reinschicken?« »Danke, Bob.« »Sie sind ab jetzt mein Verwaltungsoffizier. Wir haben eine lange Nacht voller Papierkrieg vor uns, holen Sie sich also Bleistifte und Papier und ein Bier aus dem Kühlschrank und kommen Sie dann hierher zurück.« »Okay« Lee Foy fand Aaron Hudek im Unterhaltungsraum, wo er ein holo- graphisches Videospiel spielte. »Hey, Sacklaus.« Hudek sah sich nicht um. Er schoss weiter Energiekugeln auf au- ßerirdische Raumjäger ab, die gar nicht genug frontale Angriffe flie- gen konnten. »Foy Pfütze. Was machst du denn hier?« »Das Gleiche wie du.« Hudek ging schließlich die Munition aus. Während er neue Mün- zen in den Automaten einwarf, sagte er: »Konntest dir die Chance nicht entgehen lassen, Japse zu jagen, wie? Wir werden ein paar von denen runterholen. Wenn sie dich nicht zuerst kriegen.« »Mr. Charakter. Wir schätzen uns glücklich, Sie auf dieser Expe- dition dabeizuhaben.« »Leck mich, Pfütze.« »Dies Unterfangen könnte schwierig sein, aber wir haben glück- licherweise einen Weltklassediplomaten dabei, um die Einheimi-, schen zu beeindrucken.« Hudek bearbeitete die Kontrollknöpfe des Videospiels mit beiden Händen, drückte, massierte, streichelte sie, während er vor Vergnü- gen stöhnte. Die selbstmörderischen Aliens rissen sich geradezu da- rum, abgeknallt zu werden, fast zu schnell, um ihnen mit den Au- gen zu folgen. Foy kicherte. »Immer noch das Händchen für die Maschinerie, wie, Sacklaus?« »Wollen wir 'ne Wette machen? Einen Riesen für den, der den ersten Japs runterholt?« Hudek hielt den Blick auf die ankommen- den Außerirdischen geheftet. Foy ließ sich Zeit mit seiner Antwort. »Das Problem dabei ist, von einem Toten abzukassieren. Wenn ich gewinne, wirst du wahr- scheinlich längst in eine bessere, saubere Welt eingetreten sein.« »Ach Gott, diese Kameradschaft! Diese Verbrüderungsrituale!« rief Hudek ekstatisch. »Was für ein Idiot war ich, als ich dachte, ich könnte ohne das leben.« Hudek erschoss noch ein paar Hundert Aliens; dann endete das Spiel abrupt, wenige Punkte vor einem Freispiel. Er betrachtete den Spielstand, dann murmelte er: »Verdammt.« Er schaute sich um, während er in seinen Taschen nach weiteren Vierteldollars kramte. »Du bist immer noch hier? Bleib mir vom Hals, Pfütze. Ich hab keine Zeit, auf dich aufzupassen.« »Sie sind mein Adjutant«, sagte Bob Cassidy zu Dick Guelich. »Sie mein Führungsoffizier«, sagte er zu Joe Malan. »Wir werden in Deutschland auf dem Rhein-Main-Stützpunkt landen. Ein F-22-Ge- schwader wird uns dort seine Flugzeuge übergeben, und wir fragen nach Freiwilligen bei den Instandhaltungstruppen. Wir sollten ge- nug Mechaniker und Spezialisten anheuern können, um die Flug- zeuge wenigstens für eine Weile flugtauglich zu halten., Unser Problem ist das Training. Ich hab wenigstens eine Woche verlangt, bevor wir nach Russland gehen. Vielleicht kriegen wir auch mehr Zeit, aber wir sollten nicht darauf zählen. Eine Woche. Das reicht niemals. Wir haben keine Zeit, sie zu trai- nieren; sie gehen in den Kampf und wissen nicht mehr als das, was sie jetzt schon wissen. Was wir tun können, ist, sie dazu zu bringen, über den Kampf nachzudenken, damit sie die Selbstgefälligkeit des Friedens abschütteln, sie aufzurütteln, sie scharf zu machen.« »Eine Woche ist nicht genug«, meinte Guelich. »Zwei Monate, vielleicht, aber eine Woche?« »Wir haben sieben Tage gekriegt.« »Das wird reichen«, sagte Joe Malan. »Ich denke, jeder von ihnen ist irgendwann mal für den Kampf ausgebildet worden. Wenn wir sie in den Simulator setzen, uns auf die Systeme konzentrieren, die Taktik auffrischen und darüber reden, was sie in der Luft über Sibi- rien erwarten könnte, werden sie zu 75 oder 80 Prozent bereit sein. Die erste Zero, die sie sehen, wird ihnen den Rest beibringen.« »Das ist Ihre Aufgabe, Joe.« »Ich muss dieses Flugzeug erst kennen lernen«, lehnte Malan ab. »Ich habe noch nie eine F-22 geflogen.« »Kinderleicht«, sagte Guelich ihm. »Wir setzen Sie als Ersten in den Zauberkasten. Das ist leichter als eine F-16 oder F-18. Ein sehr geradliniges Flugwerk. Sie werden das System schnell begreifen.« »Was ich wissen will«, sagte Joe Malan, »wie sollen wir all den Pa- pierkrieg erledigen? Die Geschwader der Air Force haben Stäbe von Angestellten und Bodenpersonal, die dieses Zeug erledigen, wir nicht.« »Was für Papierkrieg?« »Ein Standardisierungsprogramm, Auswertungen, Aufzeichnun- gen; ein Sicherheitsprogramm, Vorträge, Inspektionen; Ausbildungs- berichte; Präventionsmaßnahmen gegen sexuelle Belästigung, Bera- tungen, Untersuchungen, all sowas.«, »Wer sagt, dass wir das alles machen müssen?« Malan zog eine Nachricht vom Stabschef der Air Force vom Sta- pel. »Das steht hier, schwarz auf weiß.« Und er begann vorzulesen. Bob Cassidy griff nach dem Schreiben, nahm es Malan aus der Hand und zerriss es systematisch in winzige Stücke. Die Fetzen warf er in den Papierkorb. »Irgendwelche Fragen?« Die anderen lachten. Eine Stunde später hatten sie einen Plan ausgeheckt. Cassidy fühl- te sich erleichtert – sowohl Guelich als auch Malan waren Profis. Guelich hatte seine Meinung zum Ausdruck gebracht, dass der Job unmöglich zu schaffen war, doch als man ihm sagte, dass er den- noch irgendwie erledigt werden musste, war er sofort bei der Sache. Malan begann sofort zu planen, wie man es schaffen könnte. Cassidy warf sie schließlich hinaus, damit er ein wenig schlafen konnte. Er war erschöpft. Sobald sich die Tür schloss, fiel er, im- mer noch angezogen, ins Bett. 10. KAPITEL

Während er geschickt manövrierte, um seine Macht zu festigen,verweilten Aleksander Kalugins Gedanken für einen finsteren

Moment bei Marschall Ivan Samsonov, dem Stabschef der Armee. Die beiden Männer waren das genaue Gegenteil voneinander. Kalu- gin liebte Geld über alles, hatte keinerlei erkennbare Skrupel und sagte niemals die Wahrheit, wenn eine Lüge dienlicher war. Samso- nov dagegen hatte sein ganzes Leben in Uniform verbracht und schien sämtliche militärischen Tugenden zu verkörpern. Er war auf-, richtig, mutig, patriotisch und, erstaunlicherweise, trotz der ihn um- gebenden Bürokratie mit ihren Halbwahrheiten und Andeutungen, auf geradezu tollkühne Weise offenherzig. Ivan Samsonov wurde allgemein als der Inbegriff eines Soldaten betrachtet. Angesichts dieser Tatsachen entschied Kalugin, dass er nachts bes- ser schlafen würde, wenn Samsonov die Streitkräfte nicht mehr un- ter seiner Fuchtel hatte. Er ließ Samsonov heimlich festnehmen, er- schießen und verscharren. Nachdem er diese Unannehmlichkeit hinter sich gebracht hatte, stand Kalugin seinem nächsten Problem gegenüber: Wen sollte er an Samsonovs Stelle setzen? Die Invasion in Sibirien war sicher eine großartige politische Gelegenheit für Kalugin gewesen, aber er wuss- te, auch ein Diktator musste militärische Siege erringen, um überle- ben zu können. Dafür brauchte er einen fähigen Soldaten, einen, der Russland retten konnte und würde, und gleichzeitig einen Mann, der für seinen Posten in Kalugins Schuld stand. Nachdem die Nation gerettet wäre, nun, wenn es erforderlich sein sollte, konnte er den Helden neben Samsonov legen. Bis dahin …Kalugin gab vor, tagelang über diese Entscheidung nachzugrübeln, während die japanische Armee immer tiefer nach Sibirien hineinmarschierte. Er hatte bereits beschlossen, den Mann zu benennen, den Samso- nov seinerzeit ersetzt hatte, Marschall Oleg Stolypin, doch die Wel- le von überschwänglichem Patriotismus, die gerade durch Russland brandete, ließ es angemessen erscheinen, sich noch ein wenig ruhig zu verhalten. Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus 1991 hatte die nationale Szene zu oft die öffentliche Stimmung widerge- spiegelt: Boshaftigkeit, Bitterkeit, rücksichtsloses politisches Gefeil- sche, Klagen und Gegenklagen, die zu politischem Stillstand führ- ten und es allen beteiligten Gruppen unmöglich machte, zu regie- ren. Die Politiker stritten, spielten sich auf und rieben sich aneinan- der, während die Nation vor die Hunde ging. Bis jetzt. Endlich hatte das russische Volk einen Feind, den es gemeinsam bekämpfen, konnte. Kalugin genoss diese Situation. Er war der absolute Herrscher Russlands. Keiner stellte sich ihm entgegen oder träumte auch nur davon, es zu tun. Alle schauten auf ihn, den Retter. Leider würde die Euphorie schließlich abflauen. Früher oder spä- ter würden die Leute Taten sehen wollen. So schickte Kalugin eines Abends einen Wagen zu Stolypins Datscha in den Hügeln und ließ den alten Soldaten in den Kreml bringen. »Ich habe Sie holen las- sen«, teilte er dem Offizier im Ruhestand mit, als dieser das Büro des Präsidenten betrat, »weil Russland Sie braucht.« Stolypin wurde von mehreren Mitgliedern von Kalugins privater Sicherheitstruppe eskortiert, Männern, die er persönlich bezahlte und die nicht für ir- gendeine Regierungsbehörde arbeiteten. Die Sicherheitsleute zogen sich widerwillig zurück. Sie hatten den ehemaligen Soldaten von Kopf bis Fuß durchsucht – nach Waffen, Schmuggelware, Briefen von Leuten im Gefängnis, nach allem Mög- lichen. In den Fluren draußen standen unzählige bewaffnete Wa- chen, Männer, die Kalugin persönlich treu ergeben waren, weil er sie und ihre Familien fast 20 Jahre lang ernährt hatte. Sie waren auch im Hof vor dem Fenster und auf den Dächern auf der ande- ren Straßenseite postiert. Kalugin riskierte nichts. Jetzt bot der Präsident dem alten Mann Tee an. Stolypin hatte sich von der Armee zurückgezogen, bevor Kalugin Präsident gewor- den war, so dass sie nie zusammengearbeitet hatten und sich nur flüchtig von Partys und offiziellen Anlässen her kannten. Der Marschall war Anfang siebzig, hatte kurzes weißes Haar und große Bauernhände. Er war auch stur wie ein Bauer, und während er seinen Tee schlürfte, sah er sich ohne Interesse im Büro des Prä- sidenten um. »Sagen Sie mir geradeheraus«, sagte Kalugin, »was wir tun müssen, um die Japaner in Sibirien zu besiegen.« »Ich weiß nicht, ob wir es können«, antwortete der alte Mann,, dann schlürfte er noch mehr Tee. »Die Einberufungsgesetze sind seit Jahren nicht angewandt worden; das Logistiksystem ist zusam- mengebrochen; es sind keine neuen Waffen angeschafft worden … Kurz gesagt, Herr Präsident, wir haben keine Armee … Keine Ar- mee, keine Marine, keine Luftwaffe.« »Wenn wir den Sommer und den Herbst dafür nutzen, eine Ar- mee aufzubauen, könnten wir dann nicht gewinnen, wenn die Japa- ner unter dem sibirischen Winter verschüttet sind?« »Ich bin da nicht sehr zuversichtlich. Japan ist eine reiche Na- tion. Sie können ihre Streitkräfte über den Luftweg versorgen. Wir werden diejenigen sein, die der Winter am meisten behindert.« »Kommen Sie, kommen Sie, Marschall«, spottete Kalugin. »Der Russe ist zäh, fähig, große Entbehrungen zu ertragen. Der Winter ist die russische Jahreszeit.« »In einem anderen Zeitalter, Herr Präsident, war der Winter ein mächtiges Bataillon. Er hat die Franzosen vernichtet, die Polen und die Deutschen. Die Welt hat sich geändert. Japan ist den sibiri- schen Ölfeldern näher als wir. Bis zum Winter werden sie sich be- quem eingerichtet, sich gut eingegraben haben. Russland wird mo- bilmachen müssen, wird seine ganze Wirtschaft auf Kriegsverhältnis- se umstellen müssen, wie wir es während des Zweiten Weltkriegs getan haben. Selbst dann könnten wir vielleicht nicht gewinnen.« »Genug!«, brüllte Kalugin. »Genug von diesem Geschwätz! Ich will das nicht hören. Ich bin der Wächter des heiligen Mütterchen Russlands. Wir werden sie bis zum allerletzten Tropfen russischen Bluts verteidigen.« Stolypin rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl herum. »Herr Prä- sident, alles, was wir tun, muss auf harten Realitäten basieren. Wir müssen mit der Welt arbeiten, so wie sie ist, nicht, wie wir sie uns wünschen. Die bittere Wahrheit ist, dass sich die Streitkräfte im sel- ben Zustand befinden wie das übrige Russland. Es braucht Zeit, das zu ändern.«, Kalugin klopfte mit seinen Knöcheln auf den Schreibtisch. »Fragen Sie Samsonov«, sagte Stolypin. »Hören Sie sich seine Meinung an.« »Was ist Ihr Rat?«, sagte Kalugin; seine Knöchel verharrten über dem Schreibtisch in der Luft. »Die bestmögliche Einigung mit den Japanern aushandeln – Zeit gewinnen. Bauen Sie die Armee wieder auf. Wenn wir stark genug sind, jagen wir sie ins Meer.« Kalugin machte eine ablehnende Geste. »Das ist politisch unmög- lich. Es hätte den Anschein, dass wir Kompromisse mit den Aggres- soren schließen würden. Das Volk würde das nie hinnehmen.« »Herr Präsident, Sie haben nach einer fachmännischen Meinung gefragt, und ich habe sie Ihnen gesagt. Eine Armee aufzubauen, erfordert Zeit.« »Kann in der Zwischenzeit nichts unternommen werden?« »Wir könnten kleine Einheiten bilden, um die Japaner ohne über- mäßige Verluste bluten zu lassen, wo wir können. Wir dürfen dabei allerdings keine Mittel vergeuden, die wir später für unseren Sieg brauchen.« »Wir müssen mehr tun. Mehr als Nadelstiche.« Kalugins Gesicht hatte einen harten, unnachgiebigen Ausdruck. Stolypin scharrte mit den Füßen. Er räusperte sich, nippte an sei- nem Tee und schätzte den Politiker ab, der da im maßgeschneider- ten grauen italienischen Anzug hinter dem Schreibtisch saß. »Was sagt Marschall Samsonov dazu?«, fragte er schließlich. »Wa- rum ist er nicht hier?« »Er ist tot. Tragisch. Ein Herzinfarkt, vorletzte Nacht. Wir ha- ben … es noch nicht bekannt gegeben. Die Leute hatten solches Vertrauen zu ihm.« Stolypin verzog das Gesicht. »Ein guter Mann, der allerbeste. Ach ja, der Tod kommt für uns alle.« Er seufzte. Nach einer Weile fragte er: »Wer soll ihn ersetzen?«, »Sie.« Stolypin war aufrichtig überrascht. »Ich bin zu alt, zu müde. Sie brauchen einen jungen Mann, voll Feuer. Er muss eine Armee zusammenschweißen, das wird keine leichte Aufgabe sein.« »Ich übertrage Ihnen die Verantwortung, Marschall«, sagte Kalu- gin forsch. »Ihr Land braucht Sie.« »Können wir ausländische Hilfe bekommen? Militärische Hilfe?« »Wir arbeiten daran.« »Das militärische Abkommen mit den Vereinigten Staaten – wer- den sie Truppen schicken? Ausrüstung? Treibstoff? Nahrungsmittel? Waffen? Wir brauchen, weiß Gott, alles was wir kriegen können.« »Sie bieten uns ein Flugzeug-Geschwader an.« »Ein Geschwader?«, donnerte Stolypin los. Er sprang mit einer Kraft von seinem Stuhl auf, die Kalugin überraschte, schritt hin und her. »Ein Geschwader! Sie haben uns Hilfe versprochen, wenn wir unsere Atomwaffen zerstören würden. Also haben wir es getan. Narren, die wir sind, haben wir ihren Lügen geglaubt.« Er blieb vor einem Bild von Stalin stehen, das über dem Kamin hing, und starrte es an. »Wenigstens haben ein paar Politiker ihnen geglaubt.« »Sie nicht?« »Haben Sie etwas Wodka für den Tee?« »Ja.« Kalugin langte in den Tiefen seines Schreibtisches nach einer Flasche und goss einen Schuss in Stolypins Tee. Stolypin schlürfte die Mischung. »Ich habe kein Wort davon geglaubt, Herr Präsident. Die Ameri- kaner handeln immer im Interesse Amerikas, so wie wir immer in Russlands besten Interessen handeln. Sie haben ein Versprechen ge- geben, nur ein Versprechen, auf teures Papier geschrieben und mit guter Tinte unterschrieben; das Ganze ist in einem Kuriositätenla- den vielleicht zehn Rubel wert. Also habe ich in Russlands bestem, Interesse gehandelt. Ich habe zehn Sprengköpfe beiseite geschafft, so dass sie nicht zerstört wurden. Als ich Samsonov das letzte Mal gesehen habe, sagte er, dass wir sie noch haben.« Kalugin traute seinen Ohren nicht. »Wir haben noch Atom- sprengköpfe?« »Zehn Stück.« »Nur zehn?« »Nur? Wir mussten lügen und betrügen, um diese zehn behalten zu können.« Kalugin versuchte, die Ungeheuerlichkeit dieser Enthüllung zu er- fassen. »Wo sind diese Sprengköpfe?«, erkundigte er sich nach einer Weile. »Herr Präsident, sie lagern auf der Trojanischen Insel.« »Dieser Ort ist mir nicht bekannt.« »Die Trojanische Insel ist ein erloschener kegelförmiger Vulkan nahe der Kurilen-Meerenge. Obwohl die Insel ziemlich klein ist, ist der Vulkan über zweitausend Meter hoch, so dass er fast immer in Wolken gehüllt ist, die ihn vor Satellitenaufnahmen verborgen hiel- ten, als wir die Basis bauten. Das umgebende Wasser ist tief, das ganze Jahr eisfrei, und dort hat man einen guten Zugang zum Pa- zifik. Deshalb haben wir dort vor zwanzig Jahren einen U-Boot- Stützpunkt errichtet, eine Basis, die nur unter Wasser erreicht wer- den kann. Er ähnelt dem Stützpunkt in Bolschaja Litsa, auf der Kola-Halbinsel.« »Wissen die Japaner von diesem Ort?« »Das würde mich wundern. Die Basis wurde offiziell geschlossen, als das letzte der Atomboote verschrottet wurde. Wir haben die Sprengköpfe genau aus diesem Grund dort versteckt.« »Atomwaffen«, grübelte Kalugin, seine Augen zu Schlitzen zusam- mengekniffen. »Die Verwendung von Atomwaffen schließt riesige, unberechen- bare Risiken ein«, sagte Stolypin. »Wir wissen nicht, wohin das, führt. Wir haben vor Jahren viel darüber nachgedacht, als wir sol- che Waffen noch massenhaft besaßen.« »Und was für Schlüsse haben Sie gezogen?« »Dass wir sie nur als letzten Ausweg verwenden würden, wenn alles andere fehlgeschlagen wäre.« Kalugin grunzte nur. Er war tief in Gedanken versunken. Stolypin ließ sich in einen Stuhl fallen, nahm sich mehr Wodka und Tee. Kalugin grinste gierig. »Marschall Stolypin, lassen Sie uns auf Russland trinken. Sie haben meine Gebete erhört und Ihr Land ge- rettet.« »Gott rettet Russland, Herr Präsident«, antwortete Stolypin. »Er hat Russland sogar vor den Kommunisten gerettet, obwohl Er sich mit den Roten Zeit gelassen hat. Lassen Sie uns beten, dass Er Russ- land ein weiteres Mal erretten kann.« Ein paar Minuten später fragte Kalugin: »Sind Sie gläubig?« »Ich glaube an Russland, Herr Präsident. Wie Gott.« »Sie haben die Verantwortung. Bekämpfen Sie sie. Erringen Sie ein paar Siege für mich.« »Ich werde einsetzen, was wir haben«, sagte Stolypin verdrießlich, »was sehr wenig ist. Wenn Sie einen glorreichen Kampf erwarten, der als Fernsehspektakel gefilmt werden könnte, sollten Sie besser jemand anderen holen, jemanden, der den Straßenpöbel mit einem Fingerschnipsen in eine Armee verwandeln kann.« Kalugin dachte über Atomwaffen nach. Als er aus seiner Versun- kenheit aufschreckte, hörte er, wie Stolypin sagte: »Politisches Ge- habe gehört nicht zu den Aufgaben eines Soldaten.« Kalugin reichte dem alten Marschall einen Umschlag. »Ihre Beru- fung zum Stabschef ist hier drin. Ich habe sie unterzeichnet, bevor Sie kamen. Gehen Sie zum Hauptquartier und übernehmen Sie die Führung. Mobilisieren Sie unsere Mittel, vergrößern Sie das Heer, fordern Sie Waffen, Kleidung, Verpflegung, Treibstoff und all das an. Tun Sie, was auch immer Sie tun müssen. Setzen Sie jedes, Dekret auf, das Sie benötigen, und schicken Sie es mir. Gemeinsam werden wir Russland retten.« Stolypin griff nach dem Umschlag und öffnete ihn. »Es ist eine Tragödie, dass Samsonov nicht hier ist«, sagte der alte Soldat ernst, während er die Papiere las. »Er war der brillanteste Sol- dat, den Russland seit Georgi Zhukov hervorgebracht hat.« »Ich lege alles Weitere in Ihre fähigen Hände, Marschall Stoly- pin.« »Ich habe Ihnen denselben Rat gegeben, den Samsonov Ihnen ge- geben hätte. Ich wünschte bei Gott, er wäre jetzt hier.« »Wir empfinden seinen Verlust schmerzlich«, sagte Kalugin, wäh- rend er Stolypin zur Tür geleitete. Im Nordosten wurde der Himmel langsam hell, als Jiro Kimura und drei Rottenflieger auf 11.000 Meter stiegen, um den Flugplatz in Chabarowsk an der großen Biegung des Amur-Flusses zu bom- bardieren und unter Beschuss zu nehmen. Gnabarowsk war ein Ei- senbahn-, Straßen- und Elektrizitäts-Knotenpunkt, der strategische Schlüssel zum zentralasiatischen Sektor. Erst wenn sie Chabarowsk hielten, würden die Japaner den russischen Osten besitzen, nicht vorher. Die Truppen waren jetzt auf 65 Kilometer herangerückt, sie kamen über die Eisenbahnstrecke und die Autobahnen von Wladi- wostok herauf. Während der letzten zwei Tage hatten Jiro und seine Geschwader- kameraden Luftunterstützung für die vorrückenden Truppen geflo- gen, hatten russische Truppen bombardiert und beschossen, die in Stellung gegangen waren, um den japanischen Vormarsch aufzuhal- ten. An diesem Morgen jedoch hatte der General diesen Verband nach Chabarowsk geschickt. Es würde ein klarer Morgen sein. Nirgendwo eine Wolke. Im Nordosten enthüllte die aufgehende Sonne das reine tiefe Blau des, Himmels und die Endlosigkeit der grünen sibirischen Landschaft. Aus 11.000 Metern Höhe waren keine Menschenwerke zu erken- nen, das Sonnenlicht überflutete in flachem Winkel das Land mit Licht und Schatten. Wenn die Sonne etwas höher stieg, würde alles, was man von Horizont zu Horizont sehen konnte, grünes Land unter einem endlosen blauen Himmel sein. Jiro flog drei oder vier Einsätze pro Tag, jeden Tag. Gestern Nachmittag hatte sein Flug- zeug überraschend gewartet werden müssen, und er war im Bespre- chungsraum eingeschlafen, nachdem er sich auf den Boden gelegt und seine Fliegermontur als Kissen genommen hatte. Er war stän- dig erschöpft und immer am Rand des Schlafs. Einige seiner Kameraden waren enttäuscht, dass die Russen plötz- lich ihre Flugzeuge abgezogen hatten. Jiro hatte elf Abschüsse vor- zuweisen, als die Russen vom Himmel verschwanden und die Luft- hoheit abtraten. Natürlich musste man immer noch vor möglichen feindlichen Flugzeugen auf der Hut sein, doch es waren keine zu sehen. Obwohl die Russen auf dem Boden mit allem, was sie hatten, wie wild um sich schossen, trafen sie selten irgendjemanden. Die japani- schen Flugzeuge blieben aus dem AAA-Leistungsbereich heraus, au- ßer wenn tatsächlich Waffen geliefert wurden. Auch Heckenschüt- zen wären ein Problem gewesen, wenn sie sehr lang in Bodennähe blieben, deshalb unterließen sie es. Die Japaner hatten in diesem Krieg bisher nur zwei Zeros verlo- ren. Ein Pilot stürzte ab und starb, als er zum Anflug auf Wladi- wostok ansetzte und der Abendnebel aufzog. Ein anderer hatte ei- nen totalen elektrischen Ausfall und verlor seine Rottenflieger, wäh- rend er im Cockpit damit beschäftigt war, die Unterbrecher zu drü- cken und die Wechselstromgeneratoren zurückzustellen. Er war auf dem Weg nach Nikolajewsk an der Mündung des Amurs gewesen, als die Elektronik versagte. Der unglückliche Pilot fand weder die Stadt noch die Basis. Er stürzte 160 Kilometer nordwestlich von, Nikolajewsk in der Wildnis ab, als ihm der Treibstoff ausging. Glücklicherweise erfasste ein Satellit den batteriebetriebenen Not- fallsignalgeber des Flugzeugs, nachdem der Pilot ausgestiegen war, und ein Hubschrauber rettete ihn am nächsten Tag. Jiro drosselte seine Geschwindigkeit und begann 130 Kilometer vor Chabarowsk mit dem Sinkflug. Die vier Kampfflugzeuge trie- ben in eine Gefechtsformation auseinander. Jiro und sein Rotten- flieger Sasai flogen voraus und nach rechts, Ota und Miura hinten und nach links. Ota ließ sich weiter zurückfallen, so dass er nach rechts schwenken und dem ersten Flieger folgen konnte, wenn es die Bodenverhältnisse erforderten. Die Schatten am Boden waren immer noch dunkel, undurch- dringlich. Jiro sah auf seine Uhr. In acht Minuten würden sie das Ziel erreichen, aus der aufgehenden Sonne anfliegend. Es wäre eine hervorragende Taktik, wenn die Sonne planmäßig aufging. Er schwenkte weiter ostwärts, um Gott eine weitere Minute oder zwei für den Sonnenaufgang einzuräumen. »Blue Leader, hier Einsatzzentrale.« Der Funk wurde natürlich zer- hackt, es gab ein akustisches Signal vor und nach den Worten. Jiro drückte seinen Mikrophonknopf, wartete auf den Piepton und sagte: »Zentrale, hier Blue Leader, was gibt's?« »Wir glauben, dass gerade ein Flugzeug von Ihrem Ziel abgeho- ben hat. Es fliegt Steuerkurs drei null null Grad, fünfzehn Kilome- ter nordwestlich, steigend. Bitte abfangen.« »Werde Anweisungen befolgen.« Jiro sah sich nach Sasai um. Er zeigte auf Ota, dann riss er seinen Daumen hoch. Sasai nickte energisch, glitt dann nach achtern und war fort. Jiro drehte nach links, drückte seine Leistungshebel vor und zog die Maschine in einen leichten Steigflug. Er ging auf einen Abfang- kurs von 275 Grad. Nun drückte er die Knöpfe auf der Computer- anzeige vor sich. Als er mit dem Ergebnis zufrieden war, kitzelte er, den Radar, ließ ihn einmal rundum suchen. Das Flugzeug war tatsächlich da, 34 Seemeilen entfernt, Abfang- kurs 278 Grad. Er schwenkte auf diesen Steuerkurs und stellte sein Bewaffnungspanel neu ein. Er war auf einen Beschuss eingestellt ge- wesen. Jetzt machte er die zwei wärmezielsuchenden Sidewinder scharf, die die Zero immer an jeder Tragflächenspitze mitführte. Er ließ den Radarsucher erneut laufen. 50 Meilen. Das feindliche Flugzeug beschleunigte, Steuerkurs fast direkt von Jiro weg, der nun zu einem Heckviertel-Anflug ansetzte. Ein kurzer Blick auf seine Tankanzeige dann schob er die Leistungshebel weiter vor. Die Zero glitt ohne einen Schlag oder Stoß durch die Schallmauer. Mit maximal ausgereizten Leistungshebeln, jedoch ohne die Nach- brenner zu zünden, beschleunigte die Zero schnell auf Mach 1,3. Jiro riskierte einen weiteren Radarlauf. 24 Meilen. Bei 3.000 Me- tern ging er in Horizontalflug. Er wollte das andere Flugzeug über sich haben, gegen den dunklen Hintergrund des westlichen Him- mels. Tief unter sich, weit links konnte er ein schwaches Lichtband sehen, das sich nach Nordwesten hinzog. Das musste der Amur Fluss sein, der südöstlich von Chabarowsk floss. Auf der anderen Seite lag die Mandschurei. Von Chabarowsk aus strömte der Fluss nach Nordosten ins Ochotskische Meer. Er fror im Winter immer vollkommen zu. Er war noch zehn Kilometer von dem Feindflug- zeug entfernt, als er es zum ersten Mal sah, ein silberner Fleck, der die aufgehende Sonne reflektierte, gegen die Dunkelheit der schwin- denden Nacht. Ein großes Flugzeug, dachte er. Eine Transportmaschine! Er überprüfte seine ECM-Instrumentenanzeige. Die Anzeige war dun- kel. Weil man einem elektronischen Gerät nie wirklich vertrauen soll- te, drehte Jiro sich in seinem Sitz, schaute sich sorgfältig um und konzentrierte sich auf die hinteren Quadranten. Leerer Himmel, überall., Eine Transportmaschine – wehrlos. Er hörte, wie Ota der Zentrale mitteilte, dass er das Hauptziel an- griff, und er hörte die Bestätigung. Jiro näherte sich der Transportmaschine schnell direkt von ach- tern. Als sie keine drei Kilometer mehr voraus war, drosselte er sei- ne Geschwindigkeit. Der Abstand zwischen den Flugzeugen wurde kontinuierlich kleiner. Das Feindflugzeug war eine viermotorige Transportmaschine, ei- ner alten Boeing 707 sehr ähnlich, das Getriebe in Gondeln an den Tragflächen, mit voller Kraft aufsteigend. In diesem Augenblick pas- sierte sie 5.000 Meter. Jiro stabilisierte seinen Bomber einige hundert Meter direkt hinter der Transportmaschine, unterhalb ihres Luftstrudels. Er saß da und sah sie scheinbar eine lange, lange Zeit an, unsicher, was zu tun sei. Tatsächlich war es weniger als eine Minute, doch es erschien Jiro viel länger. Er glitt nach rechts, so dass er die Seite des Flugzeugs und des Schwanzes sehen konnte, beleuchtet von der aufgehenden Sonne. Dann fiel er zurück in die Spur. Schließlich stellte er das Mikrophon an. Nach dem akustischen Signal sprach er. Die Heiserkeit seiner Stimme überraschte ihn. »Zentrale, hier Blue Leader.« »Ja, Blue Leader.« »Dieses Feindflugzeug, das ich überprüfen sollte. Es ist ein Ver- kehrsflugzeug – viermotorig, silbern. Jede Menge Fenster. Aeroflot- Markierungen.« »Warten Sie.« Stille, unterbrochen nur durch das Gurgeln von Jiros Sauerstoff- maske und dem Hintergrundgeräusch der Triebwerke. Er glitt lang- sam unter die Transportmaschine; das Röhren der Motoren des Russen wurde hörbar. Er konnte ganz leicht das Rumpeln der Luft spüren, das durch die Wirbel des großen Flugzeugs, seinem Luft- strudel, herrührte., Er ging ein bisschen tiefer; der Flug wurde ruhiger, und der Mo- torenlärm des Russen wurde leiser. »Ah, Blue Leader«, meldete sich die Zentrale. »Zerstören Sie das Feindflugzeug und kehren Sie zurück zur Basis.« Jiro saß da und betrachtete das Verkehrsflugzeug. Sie stiegen jetzt auf 12.000 Meter. »Blue Leader, hier Zentrale. Haben Sie verstanden? Feindflugzeug zerstören und zur Basis zurückkehren.« Der Einsatz-Controller saß in Japan, wahrscheinlich im Kellergeschoss des Verteidigungsminis- teriums, und starrte auf seinen Bildschirm. Der Grund, warum seine Stimme im Funk so klar und deutlich klang, war, dass das Funk- signal auf einen Satelliten gerichtet wurde, der es neu sendete. Jiros Augen flogen durchs Cockpit, nahmen die verschiedenen Anzeigen und Schalter wahr. Er nahm seine Sauerstoffmaske ab und rieb sich wütend das Ge- sicht, dann setzte er die Maske wieder auf. »Blue Leader, Zentrale …« Nun, es gab nichts zu gewinnen, indem er das hier in die Länge zog. »Zentrale, hier Blue Leader.« »Haben Sie verstanden, Blue Leader?« »Habe verstanden, Sie wollen, dass ich dieses Verkehrsflugzeug zerstöre und zur Basis zurückkehre.« »Feindflugzeug zerstören, Blue Leader. Melden Sie, wenn es zer- stört ist.« »Zentrale, dieses Ding hier ist ein Verkehrsflugzeug. Sagen Sie mir, dass Sie verstanden haben, dass dieses Feindflugzeug ein Aero- flot-Verkehrsflugzeug ist.« Stille. Er war aufsässig. Er konnte sich die verkniffenen Kiefer der Vorgesetzten vorstellen. Zur Hölle, und wenn schon, wenn ihnen das nicht passte, konn- ten sie ihn ja einkassieren und nach Japan zurückschicken. »Blue Leader, Zentrale hier. Wir haben verstanden, dass das, Feindflugzeug Aeroflot-Markierungen hat. Es wird hiermit befohlen, es zu zerstören. Bestätigen Sie.« »Verstanden.« Er drosselte die Geschwindigkeit, ließ die Verkehrsmaschine vor- ziehen. Der Abstand wuchs: 500 Meter, 1.000, 1.500. Jiro betätigte einen Schalter, um den linken Sidewinder auszuwäh- len. Er zog die Nase hoch, brachte den Leuchtfleck des Verkehrs- flugzeuges direkt ins Zentrum des HUD. Der Sidewinder knurrte: Er hatte ein Triebwerk der großen Maschine erfasst. Jiro drückte den Auslöser auf dem Steuerknüppel. Der Sidewinder sprang aus der Halterung und schoss vorwärts. Wie eine Gewehrku- gel flog er auf das viermotorige Monster zu. Eine Rauchsäule. Ein Treffer: der linke Innenbordmotor. Er hockte da und beobachtete, wie das Triebwerk des Verkehrs- flugzeugs zu qualmen begann. Das große silberne Flugzeug schien rückwärts zu fliegen, auf ihn zu, was eine optische Täuschung war. Tatsächlich wurde es langsamer, und er rückte auf. Er zog die Leistungshebel zurück und klappte die Sturzflugbremsen aus. »Scheiße.« Jiro sagte es auf Englisch. »Scheiße!« Jetzt schrie er es. Wütend wählte er den rechten Sidewinder, bekam den Okay-Ton und drückte ab. Er durchschlug eines der rechten Triebwerke: ein weiterer kleiner Blitz. Das riesige silberne Flugzeug stieg nicht mehr. Seine linke Trag- fläche kippte ab, 20 … jetzt 30 Grad; die Nase sank. Es kurvte zu- rück in Richtung Chabarowsk. »Schmier ab, du russischer Schweinehund«, flüsterte Jiro. Er öff- nete seine Sturzflugbremsen bis zum Anschlag und drückte die linke Tragfläche nach unten, um die Kurve abzuschneiden und auf- zuschließen. Er war auf der linken Seite, auf einer Höhe mit dem Piloten., Das linke Triebwerk des Verkehrsflugzeugs brannte. Nein, die Tragfläche brannte. Splitter des Geschosssprengkopfs mussten den Tragflächentank durchlöchert haben, und der Treibstoff brannte im Fahrtwind. Der Querneigungswinkel des großen silbernen Flugzeugs betrug jetzt mindestens 60 Grad, die Nase zehn Grad abwärts. Dann erkannte Jiro, dass die große Maschine außer Kontrolle ge- raten war. Vielleicht waren die Anzeigen vom Geschossschrapnell oder dem Feuer beschädigt worden. Er zog weg, brachte die Nase in die Horizontale und beobach- tete, wie die silberne Maschine in die frühe Morgendämmerung hinuntertrudelte. Tiefer, tiefer, tiefer … Die Zeit schien stillzustehen. Das Verkehrsflugzeug wurde kleiner und kleiner. Das russische Flugzeug war nur noch ein winziger silberner Punkt, als sein Flug mit einem Blitz endete, ein winziger Feuerfleck inmitten der morgendlichen Schatten. Das war alles. Ein Feuerspritzer, und es war fort. Jiro drehte die Nase seiner Maschine nach Süden, Richtung Wla- diwostok. Er drückte die Leistungshebel vorwärts und ging in den Steigflug. »Zentrale, hier Blue Leader …« »Blue Leader, hier Zentrale, erstatten Sie Bericht.« Nach einem Abend der Überlegung beschloss Aleksander Kalugin, Japan ein Ultimatum zu stellen und mit einem atomaren Holo- caust zu drohen. Da er Atombomben hatte und Japan nicht, sah er keinen Grund, warum er die Bomben nicht ins Spiel bringen sollte. Er legte sich nicht auf ein bestimmtes Handeln fest, er drohte le- diglich., Er rief Danilov, den Außenminister, herein und ließ ihn das Ultimatum aufsetzen. Zwei Stunden später las er das Dokument sorgfältig durch, während Danilov auf seiner Stuhlkante saß, die Hände im Schoß gefaltet. Danilov war fast 70 Jahre alt. Er hatte sein ganzes Leben als Be- rufsdiplomat verbracht. Nie hatte er erlebt, dass eine sowjetische oder russische Regierung ernsthaft den Einsatz von Atomwaffen in Erwägung zog. Jetzt drohte Kalugin zu seinem Entsetzen genau da- mit, sogar ohne die Angelegenheit mit seinen Ministern zu erör- tern. War es dies, wohin Perestroika und Demokratie führten? Zum Atomkrieg? »Herr Präsident, die Japaner ziehen sich vielleicht nicht aus Si- birien zurück.« Kalugin las den Absatz zu Ende, bevor er Danilov ansah. »Ja, viel- leicht nicht.« »Sie könnten diesem Ultimatum keinen Glauben schenken.« »Worauf wollen Sie hinaus?« »Wir haben der Welt wiederholt versichert, dass unsere Atomwaf- fen zerstört worden sind. Jetzt geben wir implizit zu, dass diese Er- klärungen nicht der Wahrheit entsprochen haben.« Kalugin schwieg. Er starrte den Außenminister nur an, der eine Gänsehaut bekam. »Japan könnte glauben, dass wir doch keine Waffen zurückbehal- ten haben«, bemerkte der Minister, »und in diesem Fall werden sie dieses Ultimatum missachten.« Kalugin wandte sich wieder dem Entwurf zu. Ein Sonnenstrahl lugte zwischen den Vorhängen der hohen Fenster hindurch, hinter dem Präsidenten, der mit gesenktem Kopf las. Er ist tatsächlich fähig, Atomwaffen gegen die Japaner einzusetzen, dachte Danilov, und war sich plötzlich sicher, dass das Ultimatum keine leere Dro- hung war. Wenn sie nicht aus Sibirien abziehen, könnte Kalugin es wirklich tun., 11. KAPITEL

Ein neuer klarer, heißer Tag. Wolken von Dieselabgasen undStaub stiegen hinter den japanischen Armeelastwagen – allen

47 – in die warme, trockene Luft auf und verwehten sanft nach Os- ten. Der Konvoi fuhr auf einer befestigten Straße neben dem Amur Fluss – eine befestigte Straße, über die der Wind den Schmutz fegte – und rollte mit etwa 30 Stundenkilometern nach Nordwesten. Sie waren einen Tag nordwestlich von Chabarowsk, in einem breiten Tal, das im Nordosten und Südwesten von niedrigen Hügeln oder Bergen umgeben war. Der Fluss, anderthalb Kilometer links von ihnen, bildete die Grenze zu China, doch keine Zäune oder Wach- türme markierten den Grenzverlauf. 40 der Lastwagen hatten Nachschub für die japanischen Streit- kräfte 160 Kilometer voraus geladen. Acht der Fahrzeuge transpor- tierten Soldaten und den Treibstoff, die Nahrung, das Wasser und die Kochutensilien für den Konvoi. Die Straße war nicht besonders – eine zweispurige befestigte Fahrbahn in einem breiten, baumlosen Tal. Sie folgte kurvenreich den natürlichen Konturen des Landes, entlang des Wegs des geringsten Widerstandes. Obwohl es keine Wegweiser gab, war sie lediglich ein notdürftig ausgebauter alter Fahrweg. Es gab einige Abflussgräben, hier und da eine Brücke, aber an vielen Stellen überflutete das Wasser routinemäßig die Stra- ße. Jetzt war sie trocken, doch viele der tiefer gelegenen Stellen wären im Winter unpassierbar. Von der Straße aus konnte man gelegentlich Schafe oder Ziegen sehen, die das spärliche Gras zupften, ab und zu eine Hütte oder ein Zelt, ganz selten einmal eine Klapperkiste von Zivillastwagen, der seine eigene Staubfahne nach sich zog. Gelegentlich zweigte, eine unbefestigte Straße von der Hauptstraße ab. Einige davon führten zu offenen Minen in den Hügeln, wo Mangan oder anderes Erz mit veralteter, abgenutzter Ausrüstung, Schweiß und viel schwe- rer Arbeit abgebaut wurde. Es gab wenig Menschen in diesem Land. Die Einheimischen schreckten instinktiv vor den japanischen Soldaten zurück, die sie ihrerseits ignorierten. Kinder beobachteten von den Türen der Hütten aus, wie sich die Lastwagen näherten, und zogen sich dann ins dunkle Innere zurück, wenn das Führungs- fahrzeug, ein Lastwagen mit einer Flugabwehrkanone auf der Lade- fläche, näher kam. Die Japaner schluckten Staub und beobachteten den Himmel. Einige von ihnen wünschten sich, die russischen Soldaten hätten auf ihrem Rückzug nicht die Eisenbahngleise und die Brücken zer- stört. Wenn die Schienen intakt geblieben wären, würden diese Sol- daten mit dem Zug nach Westen fahren, anstatt auf Lastwagen durch die Gegend zu holpern. Der schimmernde, harte Himmel schien die Hitze der Erde zu re- flektieren. Hoch und weit im Westen würde eine dünne Schicht Zirruswolken an diesem Nachmittag die Sonne einhüllen, doch erst viele Stunden später. Die glänzende Sonne blendete stark. Wenn es die Kurven der Straße erlaubten, schauten die älteren Fahrer dennoch, fast gegen ihren Willen, hielten eine Hand oder einen Daumen hoch, um die brennenden Strahlen abzuschirmen, und suchten den Himmel ab, während sie das Steuer umklammerten, um ihre Lastwagen auf der Straße zu halten. Die Adler kamen nicht aus der Sonne. Sie kamen aus Nordwes- ten, direkt aus dem Tal, über der Straße, schnell und leise, kamen 100 Meter über dem Boden. Der Fahrer des Führungslastwagens sah sie als Erster, etwa einen Kilometer entfernt, zwei Suchoi-27, die wie ferngelenkte Geschosse heranzuckten., Er riss das Steuer herum und fuhr den LKW auf zwei Rädern von der Straße. Die Männer auf der Ladefläche, die Geschützmann- schaft, fielen fast herunter. Er war gerade eben schnell genug, ihr Leben zu retten. Die Granaten schlugen auf der Straße hinter dem Führungslastwa- gen ein, direkt in das nächste Fahrzeug, wo sie für einen Bruchteil einer Sekunde verharrten, während der Pilot des vorderen Jagdbom- bers die Nase gekonnt herunterdrückte. Der Lastwagen explodierte unter dem Beschuss. Während der Feuerball glühend aufstieg, feuerte der Pilot bereits auf einen anderen Lastwagen in der Mitte des Konvois. Der Lastwa- gen explodierte nicht; er zerfiel einfach in seine Einzelteile, als ein Dutzend 30-mm-Geschosse innerhalb von zwei kurzen Sekunden in ihn einschlugen. Der Pilot gab den Auslöser frei und wählte ein drittes Ziel am Ende der Kolonne aus. Immer noch raste er mit fünfhundert Kno- ten dahin, feuerte einen Geschosshagel auf den Lastwagen ab, ver- fehlte ihn jedoch. Er blickte nach links, vergewisserte sich, dass sein Rottenflieger da war, wo er sein sollte, und senkte dann die rechte Tragfläche für eine scharfe Kurve. Nachdem er um 90 Grad abgebogen war, rollte er nach links in einen 60-Grad-Querneigungswinkel. Nach einer Kurve von 270 Grad ging er auf Steuerkurs Nordwest und flog zu- rück in Richtung des Konvois. Sein Rottenflieger war immer noch bei ihm, auf seiner linken Seite. Beide Piloten wählten sich Ziele aus, als sie noch einmal auf die Lastwagen zurasten, deren Fahrer verzweifelt versuchten, sie von der Straße zu bekommen. Nicht, dass es eine Rolle spielte. Mit sanftem Druck auf ihre Ruder und leisen Berührungen ihrer Steuerknüppel richteten die Piloten ihre Flugzeuge auf zufällig ge- wählte Ziele und feuerten aus ihren internen GSh-30-1-Geschützen. Vier Lastwagen explodierten. Einer, der Artilleriemunition geladen, hatte, detonierte mit einem ohrenbetäubenden Krachen. Die Geschützcrew des Führungslastwagen mühte sich immer noch, die letzten Sicherheitsriemen der Flugabwehrwaffe zu lösen, um sie auf die Su-27 zu richten, während diese über ihnen vorüber- fegten und in den Himmel verschwanden, nach Nordwesten, von wo sie gekommen waren. Es dauerte eine Stunde, bis der Kommandant des Konvois die un- versehrten Lastwagen auf die Straße zurück und ins Rollen bekam. Neun LKWs waren zu schwer beschädigt, um weiterfahren zu kön- nen, oder waren zerstört worden. Einer der neun war nicht vom Be- schuss der Jagdbomber getroffen worden; der von panischem Schre- cken ergriffene Fahrer hatte versucht, über ein paar große Steine zu fahren, die das Getriebe zertrümmerten und die Hinterachse des Lastwagens wegrissen. 14 Männer waren tot, zehn verwundet. Einen der Verletzten, der entsetzliche Verbrennungen erlitten hatte, erlöste ein Feldwebel mit einem Schuss von seinen Qualen. Die Soldaten legten die Toten in einer Reihe neben die Straße, zwischen die ausgebrannten Lastwa- gen. Jemand anderes würde sie später begraben müssen. Der verant- wortliche Offizier hatte seine Befehle. Die Männer stiegen wieder in die Lastwagen und setzten ihre Reise nach Nordwesten fort. Für den dritten Einsatz des Tages führte Major Yan Chernov seinen Rottenflieger, Major Vasily Pervushin, zu dem Lastwagenkonvoi auf der Straße von Chabarowsk zurück. Chernov war Kommandant des 556. Jagdbomber-Geschwaders, das in Zeya stationiert war. Er und sein Rottenflieger flogen die beiden einzigen einsatzbereiten Flug- zeuge. Die Männer hatten tagelang gearbeitet, um das Wasser in den Vorratstanks ablaufen zu lassen und dann den verbleibenden Treibstoff von Hand in die Flugzeuge zu pumpen. Es gab keinen, elektrischen Strom auf der Basis, so dass das Ganze eine Riesen- schufterei gewesen war, mit Handpumpen, Fässern und jeder Men- ge Muskelkraft. Chernov hätte nicht gedacht, dass es Splitterbomben auf der Ba- sis gab, doch während er den ersten Angriff flog, hatte sein Waffen- offizier einige in einem Munitionsbunker, den man für leer gehal- ten hatte, gefunden. Die Bomben waren mindestens 20 Jahre alt. Doch sie waren alles, was die Russen für einen Bodenangriff hatten, also lud man sie auf die Flugzeuge. Gerade jetzt rasten Pervushin und er etwa 100 Meter über dem Boden in südöstlicher Richtung. Chernov hielt nach Fahrzeugen entlang der Flussstraße Ausschau. Die zwei Suchois machten 525 Knoten, Mach 0,85, so schnell, wie es mit den Bomben an Bord sicher war – sie waren nicht für den Überschallflug geeignet. Die baumlose Ebene raste unter den Suchois dahin, als ob die Bomber unbeweglich verharrten und sich die Erde unter ihnen wie verrückt drehte. Die Illusion war sehr angenehm. Da, auf zehn Uhr am Horizont: Eine Staubwolke. An diesem Morgen hatten sie zwei Angriffe auf den Zielkonvoi geflogen, den ersten aus Nordwesten, den zweiten aus Südosten. Dieses Mal beab- sichtigten Chernov und Pervushin, sich aus Südosten zu nähern und die Bomben beim ersten Anflug abzuwerfen. Da sie noch Mu- nition in den Waffen hatten, wollten sie einen zweiten Angriff flie- gen, schnell, und der schnellste Weg war eine scharfe Kurve, dann von Nordwesten nach Südosten zurück zu den Lastwagen. Chernov zeigte auf den Staub, vergewisserte sich, dass Pervushin nickte, um zu signalisieren, dass er verstanden hatte. Dieser Konvoi war weiter nordwestlich als der, den sie heute Morgen angegriffen hatten. Die ECM-Anzeige war still. Kein Anzeichen eines feindlichen Ra- dars. Diese Japaner, ließen Lastwagenkonvois ohne Luftsicherung fah-, ren … Es könnte Luftsicherung vorhanden sein, natürlich, hoch oben, mit ausgeschaltetem Radar. Chernov blickte in den Nachmittags- dunst hinauf und suchte nach winzigen schwarzen Flecken in den hohen Wolken. Nichts. Dass man sie nicht sah, bedeutete nicht, dass sie nicht dort wa- ren. Es bedeutete einfach, dass man sie nicht gesehen hatte. Die Staubfahne glitt hinter seinem linken Flügel vorbei, als er Per- vushin den Wink gab, weiter fortzudriften. Zufrieden begann er eine flache Kurve. Er wollte horizontal über der Straße sein, mehrere Kilometer, ehe er den Konvoi erreichte, um sich und Pervushin Zeit zu geben, Ziele auszuwählen. Kurven, den nur dicht unter dem Flugzeug vorüberrasenden Bo- den betrachten, die Tragflächen in nicht mehr als zehn Grad Nei- gungswinkel und ein gelegentlicher Blick nach oben wegen feindli- cher Bomber. Schau auf die Nase, Chernov! Pass auf, dass du nicht in den Boden krachst. Er streckte die Hand nach der Bestückungsarmatur aus. Bomben auswählen. Zünder einstellen. Intervall einstellen. Hauptbewaffnung einschalten. Tragflächen horizontal, Pervushin lag weit auf der rech- ten Seite, ließ sich zurückfallen. Er würde Chernov in einer losen Streifenformation folgen. 525 Knoten … Chernov ließ seine Maschine hochtreiben, bis er etwa 100 Meter über dem Boden war. Nachdem der Schalenrumpf der Splitterbombe geöffnet war, mussten die Bomben weit genug fallen, um sich richtig zu zerstreuen. Lastwagen. Eine ganze Reihe. Sie schienen auf ihn zuzurasen, aber er war derjenige, der hier raste. Als der letzte Wagen unter der Nase verschwand, drückte Chernov den Knopf am Steuerknüppel. Er konnte die Rückschläge spüren, als die Bomben fielen, alle sechs, innerhalb von zweieinhalb Sekunden., Chernov hielt den Steuerkurs für weitere drei Sekunden, drehte dann in einem 80-Grad-Querneigungswinkel ein und hielt ihn für einen Steuerkurswechsel von 90 Grad. Jetzt rollte er auf die andere Seite und drehte auf 270 Grad. Er beobachtete den Kreiselkompass, konzentrierte sich darauf, die Nase über dem Horizont zu halten. Mit der linken Hand betätigte er die Schalter des Bewaffnungspanels, machte das Geschütz scharf. Tragflächen erneut horizontal, der russische Pilot war fast parallel zu den Lastwagen, von denen vier offensichtlich Feuer gefangen hatten. Er stabilisierte das Seitenruder und drückte den Steuerknüp- pel vorwärts, richtete die Nase aus, dann zog er den Knüppel ganz leicht zurück. Den Auslöser drücken, gegen die Mündungsfeuer anblinzeln, während die Vibration durch Sitz und Steuerknüppel zu spüren war; die Geschosse fetzten durch den angepeilten Lastwagen. Dann noch einer. In vier Sekunden war sein Beschussüberflug erledigt, ge- nug Zeit, auf zwei Lastwagen zu feuern; dann gab Chernov Schub, um die Nase über den Horizont zu bekommen, und drehte hart nach rechts, um Querschlägern zu entgehen. Im Steigflug, in einer rechten Kurve, hob er die Nase ein bisschen mehr an, drehte sich in seinem Sitz und warf einen Blick zurück über seine rechte Schul- ter. Entsetzen packte ihn. Ein Geschütz, auf einem Lastwagen, aus allen Rohren feuernd, ein Todesstrahl aus Leuchtspurmunition … Pervushins Maschine brann- te, drehte hart links, die Nase sackte nach unten … Eine ungeheure Explosion aus gelbem Feuer, als Pervushins Su- choi in den Boden krachte. Kein Fallschirm zu sehen. Yan Chernov riss sich von dem Anblick los und sah nach vorn. Er stieg immer noch. Verdammt!, »Major, wo ist Major Pervushin?«, fragte der Waffenoffizier, als Yan Chernov auf der Zeya Luftwaffenbasis das Cockpit öffnete und seine Triebwerke abstellte. »Tot.« »Jagdbomber?« »Geschütz. Ein Geschütz. Auf einem Lastwagen.« »Konnte er …?« »Nein.« »Seine Frau ist hier, Major. Die Lastwagen, die die Familien weg- bringen, fahren eine Zeitlang nicht, deswegen ist sie hierher gekom- men, um auf ihn zu warten.« Chernov saß im Cockpit und ließ sein Gesicht und Haar im Wind trocknen. Er war erschöpft. Schließlich zwang er sich, zur Aufenthaltshütte hinüberzusehen, einem großen hölzernen Gebäu- de auf einem Betonsockel. Sie stand draußen, schirmte ihre Augen gegen die Sonne ab und schaute herüber. Der Wind zerrte an ih- rem Kleid. Chernov konnte es nicht tun. Es war seine Pflicht, aber er konnte es nicht tun. »Feldwebel.« »Ja, Major.« »Sagen Sie es ihr.« »Ja, Major.« Die Zero mühte sich, ihre Nase herumzubringen, setzte zu einem Frontalangriff an. Dixie Elitch trieb ihr Flugzeug vorwärts, um sie frontal anzunehmen, versuchte, den Abstand zu reduzieren und ihrem Gegner so wenig Winkelvorteil zu geben wie nur möglich. Leider leuchtete die Nase des Japaners auf; Geschützfeuer spritzte ihr entgegen. »Diese Typen haben Zähne, und sie werden Sie beißen, wenn Sie, sie lassen«, sagte die Stimme in ihrem Kopfhörer. Das war Joe Ma- lan, der neben dem Simulator-Techniker saß und sich zweifellos großartig amüsierte. Dixie gab Schub, um dem Beschuss zu entkommen. Sie war fest entschlossen, nach rechts in die Senkrechte zu ziehen, doch Malan las ihre Gedanken. »Wenn dieser Kerl Ihnen nachfliegt, bieten Sie ihm eine weitere Schussvorlage. Sie werden doch nicht wirklich da- rauf aus sein, vor einem dieser Typen herzufliegen. Sind Sie lebens- müde?« Während er sprach, hatte sie die Maschine auf 270 Grad gerollt. Jetzt erhöhte sie den Schub noch mehr. Ruhig den Steuerknüppel zurück, genau bis neun g auf dem HUD. In einer F-22 wäre ihr Druckanzug vollständig aufgeblasen, aber der Simulator brachte kein g. Die Maschine rollte und schaukelte jedoch in einer wider- lich realistischen Weise hin und her, so dass das Cockpit leicht nach abgestandenem Erbrochenem roch. Wie die richtigen Cock- pits. Sie kam hart herum, kurvte mit Hilfe des radargesteuerten Schubs um 32 Grad pro Sekunde. Kein anderes Flugzeug der Welt konnte derart schnell wenden, nicht einmal die Zero. Leider war die Zero nicht stehengeblieben oder geradeaus weiter- gezockelt, während sie darauf wartete, dass sie ihren Kurvenflug be- endete. Sie verrenkte sich den Hals nach der Zero. »Nein, verdammt nochmal«, sagte Malan in ihren Kopfhörern. »Schauen Sie auf Ihre Anzeigen. Die Infrarot-Sensoren behalten die- sen Typen im Auge. Was sagt Ihnen Ihr Computer?« »Er ist hoch und rechts. Ich bin auf Höhe seines hinteren linken Viertels.« »Ziehen Sie hoch und feuern Sie.« Dixie zog die Nase hoch. Der Geschosspotentialkreis erschien auf der Ansicht des HUD. Als der rote Punkt in der Mitte des Kreises war, hörte sie einen Ton, fast ein Summen, das signalisierte, dass, der wärmesuchende Sidewinder das Ziel erfasst hatte. Sie drückte ab und das Geschoss löste sich brüllend von ihrer rechten Tragflächen- spitze. Ein Blitz. »Treffer.« Sie nahm den Schub zurück. »Okay, lassen Sie uns zur Basis zurückkehren, machen Sie eine In- strumentenlandung. Denken Sie daran, im Gefecht müssen Sie sich vom Computer helfen lassen. Der Computer ist Ihr Vorteil. Der Computer hält Sie am Leben.« Sie wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und grunzte. »Der Computer ist das Gehirn des Flug- zeugs. Sie sind nur das Zusatzteil am Steuerknüppel.« »Klar.« Als die Sitzung vorüber war und sie am Boden unter dem Simu- lator stand, spielte Joe Malan das Video von ihrem Flug ab. Er hat- te gerade das Band gestartet, als Bob Cassidy hereinkam, sich hinter Dixie stellte und schweigend zusah. »Er kam so schnell von vorn herein, dass ich keine Rakete abfeu- ern konnte.« »Er war innerhalb des Leistungsbereichs«, sagte Malan. »Haben Sie es mit dem Geschütz versucht?« »Daran hab ich gar nicht gedacht«, gestand sie. »Ich glaube nicht, dass Sie die Nase schnell genug rüberbekom- men hätten, um einen Schuss abzugeben. Sie hatten nur etwa eine Dreiviertelsekunde, vielleicht eine Sekunde. Sie dürfen auf keinen Fall seine Nase kreuzen, dann könnte er auf sie feuern. Das ist wichtig.« »Ja, Sir«, sagte Dixie Elitch. »Selbst im radarfreien Raum strahlt dieser Typ ziemlich viel Hitze ab. Ihre IR-Sensoren werden ihn erfassen; der Computer wird ihn identifizieren, ihn verfolgen und Ihnen jederzeit seine Position an- zeigen. Machen Sie keine Verrenkungen, verdrehen Sie sich nicht, den Hals, um ihn im Blick zu behalten. Schauen Sie auf die Anzei- gen, fliegen Sie weiter und feuern Sie, wenn Sie können. Während Sie mit diesem Flugzeug beschäftigt sind, könnte sich jemand an- deres anschleichen, um Ihnen das Messer reinzurammen, deshalb knallen Sie ihn so schnell wie möglich ab.« »Okay.« »Ruhen Sie sich ein bisschen aus. Bis heute Abend um elf Uhr. Wir werden heute Abend zwei Feindflugzeuge auf einmal auftau- chen lassen.« »Na toll.« Als Dixie durch das Klassenzimmer ging, traf sie Aaron Hudek auf seinem Weg zum Simulator. »Bleib doch, Süße«, sagte er, »und schau zu, wie man das macht.« »Zuzusehen, wie Leute an diesem Ding abgeknallt werden, ekelt mich an«, erwiderte sie. An der Simulator-Konsole fragte Bob Cassidy Joe Malan: »Wie macht sie sich?« »Ziemlich gut. Kapiert schnell. Das tun die alle. Die Geschwindig- keit, mit der sie diesen Stoff aufnehmen, erstaunt mich.« »Videospiele. Ein Leben voller Videospiele.« »Das ganze Leben ist für diese Generation ein Videospiel. Hudek ist der Nächste, dann Sie.« Aaron Hudek stand neben ihnen und grinste. »Machen Sie sich's bequem, Colonel. Ich zeige Ihnen, wie das gemacht wird.« Cassidy schnaubte. »Ich kann genauso gut fliegen wie reden, Colonel.« »Ich hoffe es.« »Sie werden sehen.« Hudek kletterte die Leiter zum Cockpit hin- auf, das fast drei Meter über dem Boden auf massiven, hydraulisch betriebenen Füßen stand., »Die große Klappe von Sacklaus gefällt mir«, murmelte Malan. »Wird mir auch gefallen, wenn er fliegen kann.« Hudek konnte fliegen. Malan begann mit Notsituationen wäh- rend des Fluges, und Hudek reagierte prompt und korrekt. Weder Abfangen war ein Problem noch der Kurvenkampf, wo er seinem Gegner auf der Nase herumtanzte. Nach dem dritten Mal wurde er von einem einzelnen Gegner ausgetrickst. Er ging schnell von der Defensive zur Offensive über und schoss den Gegner ab. Der zwei- te Gegner war klüger, listiger, doch Hudek hatte Geduld, nutzte die Stärken seiner Maschine, reagierte auf das, was der Gegner ihm vor- gab, und wartete darauf, dass sein Feind einen Fehler machte. »Er ist verdammt gut«, sagte Malan zu Bob Cassidy, der Hudeks Cockpit-Anzeigen am Kontrollbrett vor Malan beobachtete. »Viel- leicht der Beste, den wir haben.« Ein Simulator war weder ein wirkliches Flugzeug noch waren die Szenarien sehr realistisch. Sie waren lediglich dafür konstruiert, die Fertigkeiten der Piloten zu verbessern. »Das Problem«, sagte Cassi- dy zu Malan, »wird sein, nahe genug an die Zero ranzukommen, um eine Chance zu haben. Im Nahkampf ist die F-22 mit Smart skin und Infrarot-Sensoren im Vorteil. Aber ranzukommen, das wird die Kunst sein.« »Ich dachte, Sie hätten gesagt, dass die elektronischen Gegenmaß- nahmen der F-22 uns erlauben würden, die Zero zu erfassen, bevor sie uns auf dem Radar sehen könnte?« »Theoretisch ja. Mal angenommen, es funktioniert – Sie wissen, dass der Feind da ist, aber sein Athena-Gerät schützt ihn vor Ihrem Radar. Sie können keine AMRAAM abfeuern – sie wird nicht ge- führt. Wie kommen Sie in Reichweite für den Sidewinder?« »Ich weiß es nicht.« »Wir sollten das lieber austüfteln, sonst sind wir nichts weiter als Zielscheiben.«, Der folgende Tag war für Yan Chernov noch frustrierender als der vorherige. Alles, was schiefgehen konnte, ging schief. Die Stromver- sorgung der Basis war ausgefallen; aufgetankt werden musste von Hand; nur drei Flugzeuge waren einsatzbereit – drei von 36. Die an- deren hatten technische Probleme, die die Männer zu reparieren versuchten, oder man hatte Teile ausgebaut, um die anderen Flug- zeuge flugtüchtig zu machen. Eine der drei Maschinen wurde aufge- tankt und bewaffnet. Chernov hatte vor, den Japanern damit etwas Kummer zu bereiten. Die 30-mm-Patronen für das Bordgeschütz waren so alt, dass einige von ihnen aufgequollen waren; diese fehler- haften Patronen würden die Waffe blockieren, wenn sie in der Kam- mer waren, also mussten alle Patronen von Hand mit einem Mikro- meter überprüft, die defekten weggeworfen und dann die einwand- freien per Hand in die Kettengelenke geladen werden, die sie zu ei- nem Patronengurt machten. Endlich landete der Gurt in Chernovs Flugzeug. Nach all dem wurden vier AA-O-Geschosse in die Bombenträger geladen. Chernov zog seine Montur an, schnallte sich an und ver- suchte, die Motoren zu starten. Das linke Triebwerk ließ sich nicht anwerfen. Eine weitere Stunde verstrich, während die Mechaniker den Bord- anlasser auswechselten. Chernov ging zur Aufenthaltsbaracke zurück und versuchte noch einmal, das militärische Hauptquartier der Region anzurufen. We- nigstens die Telefone funktionierten. Aber im HQ nahm niemand ab. Das Telefon wollte einfach nicht am GCI-Standort dieses Sek- tors läuten. Vielleicht waren die Leitungen irgendwo unterbrochen … oder vielleicht hatten die Japaner ein leitstrahlgelenktes Anti- strahlungsgeschoss auf den Radar gefeuert, um ihn auszuschalten. Chernov ging zur Betonrampe hinaus und setzte sich in den Schatten einer Tragfläche, so dass er die Mechaniker beobachten konnte. Ihm gingen viele Dinge durch den Kopf: Antistrahlungsge-, schosse, Telefone, die nicht funktionierten, japanische Soldaten und ein toter Pilot. Gegen einen japanischen Angriff auf die Basis mit ein paar Dut- zend Männern Widerstand zu leisten, wäre glatter Selbstmord. Er hatte angeordnet, dass die Belegschaft den Stützpunkt räumt und ihre Familienangehörigen mitnahm. In Ermangelung von Befehlen seiner Vorgesetzten lag die Verantwortung bei ihm. Nun gut, er würde wahrscheinlich in etwa einer Stunde tot sein, was zählte es also, was die Moskauer Bürokraten dachten, wenn sie sich irgendwann fragten, warum die Flugabwehr der Luftwaffenbasis Zeya nicht bemannt war. Er war nervös. Vielleicht hatte er auch ein bisschen Angst. Er war noch nie im Gefecht gewesen, bis gestern. Die Aktion vom Vortag hatte dem Ganzen nichts an Schärfe ge- nommen. Sein Magen schmerzte, seine Hände waren schweißnass. Er hatte Mühe, stillzusitzen. Heute, das wusste er, würden Zeros da sein. Schon gestern hätten Zeros auftauchen sollen. Er konnte es schaffen, trotz allem. Das sagte er sich immer wie- der. Er war Profi. Er hatte eine gute Maschine, er wusste mit ihr umzugehen. Die Chancen standen schlecht. Ein Bomber gegen … wie viele? Eine ganze Luftwaffe. Ihr ECM-Gerät würde seinen Radar orten … Er würde den Radar ausgeschaltet lassen, entschied er. Auge in Au- ge, das wäre seine beste Chance. Vielleicht seine einzige Chance. »Major, was ist, wenn die Japaner angreifen?« Einer der Mechaniker stand mit einem Schraubenschlüssel in der Hand vor ihm und sah ihm prüfend ins Gesicht. »Sie sitzen unter dem größten Ziel auf der ganzen Basis, dem einzigen bewaffneten Bomber.« »Aus der Luft sehen diese Flugzeuge alle einsatzbereit aus«, ant- wortete er und deutete mit der Hand auf die in Splitterboxen hin- tereinander geparkten Suchois und MiGs., Der Mechaniker ging wieder zu den anderen hinüber. Chernov streckte sich aus, benutzte seine Rettungsweste als Kissen und beo- bachtete den Himmel. Die Sonne schien durch eine hohe Zirrus- wolkenschicht. In den mittleren Höhen zeigten sich vereinzelte Wolken. Sie dämpften das Licht, ließen den Himmel wie weiche Gaze aussehen. Yan Chernov atmete tief durch und versuchte sich zu entspan- nen. Schließlich kamen die Mechaniker zu ihm. »Wir sind fertig, Sir.« »Gut. Sehr gut.« »Jetzt müsste es funktionieren.« »Ja«, sagte er. »Was wollen Sie tun, Major?«, fragte ihn der Chef der Crew. »Helfen Sie mir beim Festschnallen. Lassen Sie die Männer ein anderes Flugzeug auftanken. Überprüfen Sie die Munition, laden Sie vier Raketen. Wenn heute Abend Zeit ist, werde ich damit auf- steigen.« Wenn er diesen Abend noch erlebte, hieß das. »Ein paar von den anderen Piloten wollen auch fliegen.« »Nein.« Chernov hatte keinen Befehl, Japaner anzugreifen und abzuschie- ßen. Er hatte bereits einen Mann verloren. Russland könnte diese Männer später noch brauchen. Es hatte keinen Sinn, sie zu ver- schwenden. Dieses Mal startete das linke Triebwerk ebenso wie das rechte. Chernov gab den Streckenmännern das Signal, die Bremsklötze wegzuziehen. Sie taten es, und er rollte. Er schaltete den Radar oder das Funkgerät nicht ein. Der ECM- Anzeige schenkte er jedoch sorgfältige Aufmerksamkeit; er stellte die Lautstärke so ein, dass er den Klang jedes feindlichen Radars hören konnte, den die Black Boxes erfassten. Er rollte auf die Startbahn, stoppte und ging rasch seine Checks vor dem Flug durch. Zufrieden löste er die Bremsen, schob die, Leistungshebel ruhig bis zum Anschlag und zündete dann die Nachbrenner. Die schwere Suchoi beschleunigte schnell. Sekunden nachdem das Flugzeug vom Boden abgehoben hatte, schaltete Chernov den Brenner aus, um Treibstoff zu sparen. Mit eingezogenem Fahrwerk und eingefahrenen Landeklappen flog Yan Chernov südostwärts das Amur-Tal hinunter. Bei 7.000 Metern ging er in die Horizontale und drosselte die Geschwindig- keit auf Mach 0,8. Es wurde später Nachmittag. Die rollende Ebene unterhalb wirkte im Sommerdunst golden, wie eine Landschaft aus einem Märchen. Hier und da standen Baumgruppen, Pioniere des Waldes im Nor- den, die darum kämpften, in niedrigen Stellen des Graslandes zu überleben. Gelegentlich tauchte eine Straße auf, jedoch keine Dör- fer oder Städte. Der Dunst versteckte sie. Chernov schaltete sein Hand-GPS an, ein batteriebetriebenes Ben- dix-King-Gerät, in Amerika hergestellt und dort für den Gebrauch in leichten Zivilflugzeugen im Handel. Innerhalb von Sekunden er- schien seine Position auf der Anzeige. Er gab die geographischen Koordinaten des Swobodny-Flugplatzes ein und wartete auf Rich- tung und Entfernung. Da! Knapp 200 Kilometer von Swobodny entfernt, erfasste Chernovs ECM das Signal eines japanischen Suchradars. Er war wahrschein- lich zu weit weg, als dass der Techniker ein Echo wahrnehmen könnte, das war gut. Chernov drehte 90 Grad nach links ab und begann, einen Kreis mit einem Radius von 200 Kilometern um Swobodny herum zu fliegen. Das GPS machte es leicht. Yan Cher- nov konzentrierte sich darauf, den Nachmittagshimmel abzusuchen und dem ECM zu lauschen. Kein anderes Flugzeug war in Sicht. Das war sicher nicht überraschend. Ein anderes Flugzeug mit blo- ßem Auge zu entdecken, war sehr schwierig, wenn es weiter entfernt, war als ein paar Kilometer. Bei den Geschwindigkeiten, mit denen moderne Maschinen flogen, hätte man vielleicht nicht einmal ge- nug Zeit, ihnen auszuweichen, wenn man sie schließlich sah. Und im Gefecht war der Leistungsbereich von Luft-Luftgeschossen so groß, dass, wenn man den Feind mit bloßem Auge sehen konnte, entweder man selbst oder der andere Pilot einen schweren Fehler gemacht hatte, vielleicht einen tödlichen Fehler. Immer noch wan- derten Chernovs Augen vor und zurück, suchten den Himmel in Sektoren ab, in Höhe des Horizonts, darüber und darunter. Er war allein, moderne Jagdbomber waren nicht dafür konstruiert, so zu kämpfen. Der Radar, den seine GCI-Zentrale normalerweise verwendete, war ausgeschaltet. Vielleicht war es von einem japanischen Leitstrahlen- geschoss beschädigt worden. Vielleicht hatte die Energiegesellschaft den Strom abgestellt. Vielleicht hatten sich die GCI-Leute in Last- wagen gedrängt und waren westwärts geflüchtet, um den Japanern zu entkommen. Niemand ging dort ans Telefon, wer konnte es also sagen? Vielleicht war es auch nicht wichtig, so oder so. Und dies war ein altes Flugzeug, ein veralteter Jagdbomber. Ein- mal, vor nicht allzu vielen Jahren, war die Suchoi-27 das beste Kampfflugzeug der Welt gewesen, ohne Konkurrenz. Aber nach dem Zusammenbruch des Kommunismus war die Entwicklung neuer Flugzeuge im neuen Russland wegen Geldmangels eingestellt worden. Die Nation konnte es sich nicht einmal leisten, Treibstoff für die Bomber zu kaufen, die sie hatte; alles war altersschwach, ab- genutzt, nicht richtig gepflegt. Erstaunlicherweise hatte Japan eine Menge Flugzeuge, die gleich gut oder besser waren als dieses. Während Russland rostete, hatte Japan eine höchst effiziente Flugzeugindustrie aufgebaut. Und hier war Chernov, jagte in einer veralteten, verbrauchten Maschine, die – laut Logbuch – seit neun Monaten und drei Tagen nicht geflogen worden war, mit bloßem Auge japanische Flugzeuge., Eine Aufforderung an ein paar japanische Kampfpiloten, ihn schnell zu töten. Er bettelte förmlich darum. Schieß mich ab, schieß mich ab, schieß mich ab … Laut einem Geheimdienst-Offizier, der sich in der Stadt Swobod- ny versteckt hielt und mit dem er heute Morgen telefoniert hatte, flogen die Japaner Nachschub von Chabarowsk und den Stütz- punkten in Japan. Er dachte, er hätte ein Flugzeug gesehen, und änderte seinen Steuerkurs, um das zu überprüfen. Nein. Schmutz auf der Cockpitkuppel. Er sah nach seinem Treibstoff, überprüfte das GPS … Er würde nicht lang hier draußen bleiben können, nicht, wenn er vorhatte, zur Basis zurückzufliegen. Er war am Bureya-Fluss, als er es sah, ein Fleck, schnell und in großer Höhe. Der Typ musste 12.000 oder 13.000 Meter hoch sein, Steuerkurs Nordwest. Chernov wendete, um das andere Flugzeug an seiner rechten Tragfläche vorbei auf einem Gegensteuerkurs fliegen zu lassen. Wenn es eine japanische Transportmaschine war – und alle Flug- zeuge in diesem Luftraum waren zur Zeit japanischer Herkunft – musste es auf dem Weg nach Swobodnj sein. Richtiger Steuerkurs, richtige Höhe … Wenn es eine Transportmaschine war, die nach Swobodny flog, waren Bomber in der Nähe. Der russische Major blickte kurz auf sein ECM, hörte konzen- triert zu. Nicht ein Piepen, kein Zirpen oder Klicken. Nun gut, ver- dammt, irgendwo hier mussten Bomber sein, die ihren Radar nicht benutzten. Sie mussten unterhalb des Verkehrsflugzeugs sein, zu klein, um aus dieser Entfernung sichtbar zu sein. Gott sei Dank hatte er seinen Radar abgeschaltet, sonst hätten sie die Ausstrahlun- gen erfasst und würden bereits einen Hinterhalt vorbereiten. Sein Herz hämmerte. Schweiß brannte in seinen Augen, lief sei-, nen Hals hinunter … Er überprüfte seine Instrumente – Geschosse ausgewählt, Ge- schütze bereit, Hauptbewaffnung scharf. Der Transporter war noch 15 oder 20 Kilometer entfernt, als er an Chernovs rechter Tragflächenspitze vorbeizog. Er legte die Su- choi in einen 60-Grad-Querneigungswinkel und drückte die Nase hinunter, während er die Nachbrenner zündete und die Leistungs- hebel nach vorn auf Stufe vier drückte. Der schwere Düsenjet glitt durch die Schallmauer und beschleu- nigte schnell: Mach 1,5, 1,7 … 1,9. Bei Mach 2 zog er die Nase in den Steigflug, kurvte weiter. Die AA-10 war eine Rakete mit aktivem Radarzielflug. Wenn sie ihren Radar aktivierte, würden die Japaner eine mächtige Überraschung erleben. Chernov auch, falls die Japaner ein paar Bomber 20 Kilometer hinter dem Verkehrsflugzeug platziert hatten. Er schaute nach links, dann nach rechts, durchsuchte eilig den Himmel. Der Himmel sah leer aus. Was nichts heißen musste. Sie konnten trotzdem dort sein. Die Transportmaschine war nur ein Punkt, ein Fliegendreck in der gewaltigen Weite über ihm. Über 15 Kilometer entfernt, schätz- te er, aber er konnte es sich nicht leisten, den Radar einzuschalten, um das zu bestätigen. Er schloss in einem Winkel von 15 Grad von hinten auf. Er zentrierte den Punkt im Visier, feuerte eine Rakete ab. Sie schoss rauchend aus dem Bombenträger. Er senkte die Nase, richte- te sie etwas nach links und feuerte ein zweites Geschoss. Eine harte Rechtskurve, 15 Grad Steuerkurswechsel, und eine dritte Rakete war unterwegs. Das Ganze hatte etwa sechs Sekunden gedauert. Wenn es dort japanische Jagdbomber gab, würden die Geschosse sie fin- den. Das dritte Geschoss war gerade im Dunst verschwunden, als das ECM los piepste., Das AA-Licht blinkte, und ebenso ein rotes Licht auf dem In- strumentenbrett, dicht unterhalb seines Visiers: »Geschoss!« Yan Chernov riss den Steuerknüppel seitwärts und zog. Das Flug- zeug kippte auf die Seite, und er gab noch mehr Schub. Ein Ziel- köder wurde automatisch ausgeworfen. Fünf … sechs … sieben g. Eine Rakete schoss über seine rechte Tragfläche und explodierte. Ein Fehlschuss. Das Geschoss-Warnlicht erlosch, doch das ECM zwitscherte weiter, und die Richtungslichter blinkten. Die Japaner waren jetzt auf Sendung. Vor zehn Jahren konnte nichts auf diesem Planeten so schnell ab- drehen wie eine Su-27. Sie konnte sogar rascher wenden als Rake- ten, deshalb lebte Yan Chernov noch. Er schaltete die Brenner aus, drosselte die Geschwindigkeit so schnell wie er es wagte – er wollte bestimmt nicht gerade jetzt einen Flammenabriss – und ließ seine Fluggeschwindigkeit auslaufen. Die Nase kam hoch, auf den Horizont. Ein japanisches Kampfflugzeug schoss über ihn hinweg. Es könnten zwei sein … Seine Haut fühlte sich an wie Eis, als er den Steuerknüppel nach rechts schlug und hart in eine entgegengesetzte Kurve rollte. Das ECM sang. Der japanische Pilot drehte nach links, begann, sich wieder aus- zurichten. Chernov zog mit aller Kraft die Nase hoch. Als der feindliche Bomber von rechts nach links vorüberzuckte, hatte Chernov den Daumen auf der 30-mm-Kanone, die einen Feu- erstrom ausspuckte. Der Finger Gottes. Der Granatenhagel durchschlug die Tragfläche des japanischen Flugzeugs. Chernov rollte in die Rückenlage, zog, während er seine Brenner zündete. Es musste noch jemand dort draußen sein: Das ECM, zwitscherte wie verrückt. Die Erde füllte die Windschutzscheibe. Senkrecht runter, be- schleunigen … Nur noch 7.500 Meter, du Idiot. Er rollte das Flugzeug herum und sah sich rasch um. Nichts. Und das ECM war stumm. Er begann hochzuziehen. Zog, zog, zog, bei sieben g, kämpfte da- rum, bei Bewusstsein zu bleiben … Der Schweiß brannte in seinen Augen, und sein Blick trübte sich. Er schrie jetzt, sah zu, wie die gelbe Erde auf ihn zuraste, versuch- te, nicht ohnmächtig zu werden. Er schaffte es. Ja! Lass den Steuerknüppel locker, geh auf 30 Meter oder 60 und lass das alte Mädchen beschleunigen. Das ECM blieb still. Er verdrehte den Hals, sah nach hinten. Nach rechts. Nach links. Nichts. Zwei Maschinen stürzten weit rechts von ihm ab. In Flammen – eine von ihnen groß genug, um sich als schwarzer Fleck gegen die gelbe Zirruswolkenschicht abzuheben. Als Yan Chernov in den Hangar von Zeya rollte, waren sein Flug- anzug und seine Ausrüstung durchnässt. Der Schweiß rann ihm in Strömen herunter, obwohl er die Cockpitkuppel geöffnet hatte. Auf der Instrumentenanzeige lag die Nadel des Beschleunigungs- messers, der das maximale g aufzeichnete, bei 9. Neun g, nur mit einem halben Druckanzug. Die Tragflächen hät- ten bei derartiger Überbeanspruchung abbrechen können. Er würde die Mechaniker anweisen müssen, das Flugzeug sorgfältig zu kon- trollieren. Chernov wartete, bis die Streckenposten die Bremsklötze an Ort und Stelle hatten, und schaltete dann die Motoren aus. »Wasser«, sagte er. Der dienstältere Offizier reichte ihm eine Fla-, sche hinauf. »Wie ist es gelaufen, Major?«, fragte einer der jüngeren Piloten, nachdem er getrunken hatte. Vier von ihnen standen dort und starrten auf die leeren Bomberträger und die offene Geschützöff- nung. »Ich hab zwei erwischt, glaube ich. Vielleicht drei. Einer von de- nen hat mir fast den Hintern wegrasiert.« »Sehr gut.« »Glück. Reines Glück. Die kamen zufällig vorbei, und ich hab sie zufällig gesehen, bevor sie mich bemerkt haben.« Er schüttelte den Kopf und wunderte sich, dass er immer noch lebte. »Sind die gut?« »Gut genug.« Er warf seinen Helm hinunter, kletterte aus dem Cockpit. Als er auf dem Boden stand, trank er noch mehr Wasser. »Ist noch ein anderes Flugzeug startklar?« »Ja, Major«, antwortete der Offizier. »Zwei?« »Nur eins, Major. Wir hoffen, heute Abend drei Stück einsatzbe- reit zu haben, indem wir die anderen ausschlachten, um Ersatzteile zu beschaffen. Und das Auftanken dauert ewig.« »Irgendwas aus Moskau?« »Nein, Major. Die haben nicht angerufen.« »Wir werden die Flugzeuge morgen nach Westen fliegen, so viele, wie wir auftanken können. Und so viele, wie wir starten können.« Zum Teufel mit Moskau. Fast ohne Treibstoff, ohne Ersatzteile, mit so gut wie keiner Verpflegung, nur einem Drittel der Mechani- ker, die das Geschwader haben sollte, und einem funktionsuntüch- tigen GCI-Standort konnte er nicht viel mehr tun, selbst wenn Ka- lugin den Befehl mit Blut schrieb. Er war realistisch. Er hatte einen dummen Alleineinsatz geflogen und war fast getötet worden, was den Kriegsverlauf nicht im Geringsten beeinflusste, und jetzt war es an der Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen: Russland war wehr-, los. »Ich könnte wetten, dass sogar Sambia eine bessere Luftwaffe hat als wir«, murmelte einer der jüngeren Offiziere. Chernov zog seine Montur aus, setzte sich mit der Wasserflasche vor einen der Hauptreifen und winkte sie fort. »Lasst mich eine Weile ausruhen.« Sein Verstand arbeitete immer noch auf Hochtouren, wiederhol- te das Abfeuern der Geschosse und den japanischen Bomber, der ihm direkt vors Geschütz geflogen war. Die emotionalen Hochs und Tiefs waren wirklich erstaunlich! Er hätte es nie für möglich ge- halten, dass er erst eine derartige Hochstimmung und dann, fünf Sekunden später, solches Entsetzen empfinden könnte. Er fühlte sich wie ausgequetscht, wie ein in einer hydraulischen Presse auf Millimeterdicke zusammengedrückter Schwamm. Fünf Minuten später kam einer der Offiziere aus der Baracke zu ihm herüber. »Major, Moskau ist an der Strippe. Irgendein hohes Tier.« »Wie hoch?« »Er sagt, er sei General, Major. Ich hab noch nie von ihm ge- hört.« Chernov ging über die Rampe und betrat die Baracke, ein einzi- ger Raum mit einer nackten Glühbirne an der Decke – die natür- lich nicht brannte, das einzige Licht fiel durch die schmutzigen Fenster. Ein großer, dickbäuchiger Holzofen stand in der Mitte des Raumes. Die vier oder fünf Wehrpflichtigen im Zimmer verstumm- ten, als Chernov eintrat und nach dem Telefonhörer griff. »Major Chernov.« »Major, hier ist General Kokovtsov, Adjutant von Marschall Stolypin.« »Aus Moskau?« »Vom Hauptquartier.« »Ich habe versucht, das regionale Hauptquartier und Moskau an-, zurufen, als die Japaner eingefallen sind. Sie sind der erste hoch- rangige Offizier, mit dem ich spreche.« Der Schreibtischhengst hatte andere Dinge im Kopf. »Ich habe gebeten, den befehlshabenden Offizier zu sprechen. Haben Sie das Kommando auf dem Stützpunkt?« »Es sieht so aus, General.« »Ein Jagdbomber-Stützpunkt sollte von einem Brigadegeneral befehligt werden.« »Unser General ist vor vier Jahren in den Ruhestand getreten und nie ersetzt worden. Zwei unserer Geschwader wurden vor drei Jah- ren verlegt und haben ihre Flugzeuge mitgenommen. Das andere Geschwader wurde stillgelegt: Die Leute sind weggezogen, aber ihre Flugzeuge blieben hier, in Splitterboxen geparkt. Mein Geschwader, das 556., ist das letzte.« »Und Sie sind Major?« »Das ist richtig, General. Major Chernov. Wir hatten mal einen Oberst. In diesem Frühjahr haben er und einige der anderen Offi- ziere ein paar Fahrzeuge genommen und sind fortgefahren. Wir ha- ben sie seitdem nicht mehr gesehen. Sie sagten, sie wollten nach Irkutsk, in der Nähe des Baikalsees. Um Arbeit zu finden. Der Oberst hatte Verwandte in Moskau, glaube ich. Er hat oft von der Stadt gesprochen, vielleicht ist er dort hingegangen.« »Hatte er einen Marschbefehl?« »Nein.« »Er ist desertiert!« »Wenn Sie es so nennen wollen.« »Fahnenflucht.« »Der Oberst ist hier am helllichten Tag abgefahren. Die anderen auch. Man hat ihnen über achtzehn Monate Sold geschuldet. Sie hatten seit sechs Monaten nicht einen Rubel gesehen.« Stille in Moskau. Schließlich sagte der General: »Warum sind Sie noch dort?«, »Meine Frau hat mich vor fünf Jahren verlassen, General. Ich bin allein. Diese Stelle ist so gut wie jede andere.« »Sie sind loyal.« »Wem gegenüber? Was ich bin, ist dumm. Die Regierung schul- det mir fast zwei Jahre Sold. Ich habe, genau wie der Oberst, seit neun Monaten keinen Rubel mehr bekommen. Die Wehrpflichti- gen auch nicht. Wir verkaufen Handfeuerwaffen und Munition auf dem Schwarzmarkt, um Geld für Lebensmittel zu haben. Wenn wir kein Geld haben, bitten wir um Kredit. Wenn wir keinen Kredit be- kommen können, stehlen wir. Aber genug von diesen Plaudereien – worüber wollen Sie mit mir reden?« »Es tut mir Leid.« »Glauben Sie mir, mir auch.« »Marschall Stolypin will, dass Sie den Japanern zusehen. Nur das. Fliegen Sie jeden Tag ein paar Einsätze, versuchen Sie, ein oder zwei Transportmaschinen abzuschießen, zwingen Sie sie zu einem Maximum an Aufwand, um ihren Nachschub zu sichern.« »Ich dachte, Stolypin ist seit Jahren im Ruhestand. Samsonov ist –« »Samsonov ist tot. Stolypin ist aus dem Ruhestand zurückgekom- men, um uns gegen die Japaner zu führen.« »Vielleicht kann er ja ein Wunder bewirken.« »Seien Sie nicht aufsässig, Major.« »Ich gebe mir Mühe, General.« »Und was haben Sie getan, wenn überhaupt, um den Feind zu bekämpfen?« »Ich habe vor kurzem einen Angriff geflogen. Mit einer Maschi- ne. Sie haben auf mich gefeuert, ich habe auf sie gefeuert.« »Einen Einsatz?«, fragte er ungläubig. »Heute drei. Gestern haben wir sechs geflogen, vorgestern vier.« »Nur dreizehn?« Diese Trottel! Chernov hatte sein ganzes Berufsleben mit vorge-, setzten Arschlöchern zu tun gehabt. Ruhig und ohne eine Spur von Emotion sagte er: »Wir können heute Abend noch einen weiteren Einsatz fliegen. Wir haben Sprit für vielleicht acht weitere; dann ist Schluss.« »Wir lassen Treibstoff liefern.« »Seit einem Monat haben wir keinen Strom mehr. Niemand hat die Energiegesellschaft bezahlt, also haben sie uns den Hahn zuge- dreht. Wir müssen den Sprit von den Tanks per Hand in die Flug- zeuge pumpen, das kostet viel Zeit und Kraft.« »Präsident Kalugin hat eine Verordnung unterschrieben. Der Strom wird wieder angestellt.« »Toll. Krieg durch Verordnungen.« Yan Chernov konnte sich nicht beherrschen. Vielleicht waren das Nachwirkungen des Adrena- linschocks. »Wir wollen, dass Sie ein paar Abschnitte beschießen, um den Feind zu irritieren«, sagte der General aus dem sicheren Moskau. »Seien Sie nicht zu aggressiv, Sie verstehen. Fügen Sie ihnen gerade genug Schaden zu, um sie zu ärgern. Das ist der Befehl von Mar- schall Stolypin.« Chernov verlor völlig die Beherrschung. »Sie Idiot! Wir haben vier Tage geschuftet, um gestern sechs Einsätze fliegen zu können. Zwei Einsätze am Tag bei einigermaßen funktionsfähiger Basis ist alles, was wir möglich machen können, selbst wenn der Dritte Welt- krieg erklärt wird. Mein Stellvertreter wurde heute Morgen getötet. Wir haben keine Lebensmittel, keinen Treibstoff, keinen Strom, keine Ersatzteile, keinen GCI-Standort, keine Nachrichtendienstun- terstützung, keinen Stab … Wir haben gar nichts! Habe ich mich klar ausgedrückt? Kapieren Sie?« »Ich bin General, Major. Reißen Sie sich zusammen.« »Nehmen Sie mal Ihren Kopf aus Ihrem Arsch, General. Wir kön- nen diesen Stützpunkt nicht verteidigen. Wir sollten die Flugzeuge nach Westen fliegen, um sie zu retten. Es ist nur eine Frage der, Zeit, bis die Japaner angreifen. Es ist ein Wunder, dass sie es noch nicht getan haben. Ich kann nur davon ausgehen, dass Sie und Sto- lypin wollen, dass uns die Japaner angreifen, da Sie keinerlei Maß- nahmen ergreifen, um das zu verhindern. Wenn wir tot sind, müsst Ihr Idioten in Moskau uns nicht mehr durchfüttern oder bezahlen oder –« Der General des Hauptquartiers legte auf, ehe der Major den letz- ten Satz beendete. Als Chernov merkte, dass die Leitung tot war, verstummte er und warf den Hörer auf die Gabel. Alle im Raum starrten ihn an. »Alles, was fliegen kann, geht bei Tagesanbruch nach Westen«, brüllte Chernov. Speichel flog von seinen Lippen. »Die ganze Nacht wird durchgearbeitet.« »Jawohl, Major.« Chernov wandte sich an die jüngeren Offiziere, die hereingekom- men waren, während er telefonierte. »Nehmen Sie alle verfügbaren Lastwagen und tanken Sie sie auf. Lassen Sie die Männer Werkzeuge und alle Lebensmittel aufladen, die wir haben. Sie können ihre Kleider mitnehmen. Sonst nichts. Keine Möbel oder Fernseher oder irgendwas von diesem anderen Scheiß.« Er brüllte sich die Lunge aus dem Leib, außerstande, sich zu be- herrschen. »Wir fahren nach Westen, bis nach Moskau. Wenn wir vor den Japanern dort ankommen, schleifen wir die Generäle aus ihren komfortablen Büros und hängen sie an den Eiern auf.« Yan Chernov stampfte hinaus, um ins Gras zu pinkeln. Die Zustellung des russischen Ultimatums an die Japaner war Bot- schafter Stanley P. Hanrattys Aufgabe. Die russischen Diplomaten hatten Tokio alle am Tag nach der Invasion verlassen, die Lichter gelöscht und die Tür der Botschaft abgeschlossen, als sie gingen., Die US-Regierung hatte angeboten, die Russen diplomatisch in der japanischen Hauptstadt zu unterstützen, bis die Beziehungen wie- derhergestellt waren, ein Angebot, auf das Kalugin zurückkam. Die Überbringung des Ultimatums war die erste Angelegenheit, die Bot- schafter Hanratty für die Russen übernahm. Natürlich waren er und die amerikanische Regierung in den Inhalt des Schreibens einge- weiht. Am folgenden Morgen kehrte Hanratty zum japanischen Außen- ministerium zurück, um die Antwort der Japaner entgegenzuneh- men. »Wir können es kaum glauben, dass in diesen Zeiten irgend- eine Regierung auf der Welt eine andere mit Atomkrieg bedrohen würde«, sagte der japanische Außenminister, als er die schriftliche Antwort überreichte. »Nun, in Erwartung eines solchen Ereignisses hat Japan sein eigenes Atomarsenal entwickelt. Sollte Russland ver- suchen, einen Erstschlag gegen Japan zu führen, wird die japanische Regierung mit tiefem Bedauern einen massiven Vergeltungsschlag gegen Russland befehlen.« Es war spät am Tag in Moskau, als Kalugin die japanische Ant- wort von Danilov erhielt. Er las die Antwort sorgfältig durch und gab dann das Papier wortlos zurück. 12. KAPITEL

Indem sie den langen Abend und die kurze Nacht durcharbeite-ten, gelang es den Offizieren und Wehrpflichtigen von Major

Chernovs Geschwader auf der Zeya Luftwaffenbasis, sechs Maschi- nen flugbereit zu machen. Die Jagdbomber waren anderthalb Stun-, den vor Sonnenaufgang startklar. Chernov hatte den besten mit Ka- nonenpatronen und vier AA-10-Geschossen bestücken lassen. Chernov hatte fünf seiner Piloten, den fünf ranghöchsten, be- fohlen, nach Chita zu fliegen, 300 Kilometer westlich, außerhalb der Reichweite der Zeros. Nun schlug er ihnen auf den Rücken, sah zu, wie sie sich anschnallten, die Motoren starteten und auf die Startbahn rollten. Einer nach dem anderen hob ab, mit weißglü- henden Nachbrennern, je schneller und schneller, während sie be- schleunigten. Das Brüllen ihrer Triebwerke füllte die Nacht mit tie- fem, rollendem Donner. Die Bomber ließen ihre äußeren Lichter aus und kümmerten sich nicht darum, sich in Flugformation zu begeben. Sie zogen ihr Fahr- werk ein, sobald sie den Brenner abschalteten, und kurvten west- wärts. Es dauerte mehrere Minuten, ehe das Röhren des letzten Flugzeugs verhallt war. Yan Chernov stand neben dem sechsten Flugzeug und lauschte, bis auch das letzte Motorengeräusch verklungen war und er nur noch die Insekten hören konnte, die zirpten und sangen, wie sie es seit Entstehung der Welt jeden Sommer in dieser Steppe getan hat- ten. Der dienstälteste Offizier kam herüber. Sie schüttelten sich die Hände. »Fahren Sie jetzt mit den Lastwagen los«, sagte Chernov. »Bringen Sie die Männer nach Chita, wenn es möglich ist. Falls nicht, fahren Sie so weit westwärts wie möglich. Es kann sein, dass die Japaner im Morgengrauen angreifen und hoffen, uns im Schlaf zu überraschen.« Er blickte kurz auf die Uhr. Die Nacht dauerte in diesen Breitengraden nur zwei Stunden. »Meinen Sie wirklich, Major?« »Es ist möglich, dass sie angreifen werden, sobald es hell genug ist.« »Warum heute?« »Ich hab ihnen gestern eins ausgewischt. Sie hätten uns schon vor, Tagen bombardieren sollen. Jetzt werden sie es tun.« »Vermutlich.« Chernov zuckte mit den Schultern. »Heute, morgen, oder jeden- falls bald.« »Ich habe die anderen Lastwagen schon losgeschickt. Ich werde warten und mit Ihren Streckenposten gehen.« Chernov streckte die Hand aus. Der Offizier ergriff sie. Der Major rauchte die letzte seiner Zigaretten, während er den nordöstlichen Himmel musterte und auf den ersten Schimmer der Morgendämmerung wartete. Er hatte seinen Zigarettenkonsum ra- tioniert. Wenn diese hier aufgeraucht war … nun, ohne Geld … Die Nacht war nicht wirklich dunkel. In diesen Breitengraden konnte die Sommernacht eher als ein tiefes Zwielicht beschrieben werden. Er konnte die Sterne sehen, also war der Himmel klar und die Sicht gut. Chernov war in einem Dorf aufgewachsen, Dutzende von Kilometern von der nächsten Stadt entfernt, weit ab von städti- schen Lichtern, deshalb waren ihm die Sterne alte Freunde. Er nahm den letzten Zug von der Zigarette und spazierte um das Flugzeug herum, berührte es, streichelte es und versuchte, ruhig und konzentriert zu bleiben, während die Sterne im Osten zu ver- blassen begannen. Dann kletterte es ins Cockpit, und der Offizier half ihm beim Festschnallen. »Passen Sie auf sich auf, Major.« »Friede und Freundschaft, Feldwebel«, antwortete der Pilot mit einer traditionellen Redensart. Er saß allein im Cockpit und beobachtete, wie der Himmel heller wurde. Er hatte keinen Treibstoff zu verschwenden, doch wenn er seinen Start zu lang hinauszögerte, würden ihn die Japaner am Bo- den erwischen. Falls sie kamen. Er konnte nicht länger warten. Er gab den Streckenposten das Signal. Sieben Minuten später ging er auf der Startbahn seine Start-Kon-, trollliste durch. Alles in Ordnung. Das Funkgerät funktionierte nicht, also schaltete er es nicht ein. Das ECM-Gerät funktionierte. Er betrachtete die Kontrolllampen aufmerksam, hörte auf die bis zum Maximum aufgedrehte Lautstärke. Und er sah und hörte nichts. Vielleicht kamen die Japaner nicht. Vielleicht würde er wegen Feigheit vor dem Feind erschossen werden. Erschossen von diesem übereifrigen Schreibtischgeneral, der gestern angerufen und den Bri- gadier verlangt hatte. Ein schlechter Witz. Die Sterne verschwanden schnell. Yan Chernov löste die Bremsen und schob die Leistungshebel bis zum Anschlag vor. Druck gut, Treibstofffluss okay, Drehzahl und Strahlrohrtemperaturen stiegen sauber an … Jetzt zündete er die Brenner. Das weiße Licht der Nachbrenner zerriss die Dunkelheit. Die Beschleunigung drückte ihn tief in den Sitz. Obwohl die Suchoi-27 ein großes Flugzeug war, das etwa 20 Tonnen wog, be- schleunigte sie schnell. Bald löste sich das Bugrad vom Boden. Er hob ab. Fahrwerk einfahren, dann sobald wie möglich den Brenner aus. Als das erledigt war, kurvte er nach Südwesten. Die wahrscheinlich- ste Richtung für den Anflug von feindlichen Angreifern war Südost. Wenn er noch einen Seitenangriff fliegen könnte, bevor sie ihn ent- deckten, könnte er vielleicht … Bei 3.000 Metern ging er in die Horizontale und schaukelte die Geschwindigkeit auf Mach 0,8 hoch. In dieser geringen Höhe war der Treibstoffverbrauch hoch. Nervös sah er erneut kurz auf seine Uhr. Er war seit sechs Minuten in der Luft. Zehn Minuten nach dem Abheben begann er eine lan- ge, langsame 180-Grad-Kurve. Er drehte den Kopf und suchte den frühen Morgenhimmel in jeder Richtung ab, besonders im Süden und Osten. Er war versucht, seinen Radar für einen Suchlauf anzu- werfen, nur für einen kurzen Blick, aber er entschied, dass es zu ge-, fährlich war. Im Nordosten war der Himmel blassblau. Die Sicht war ausge- zeichnet, gut 50 Kilometer. Nur kleine Flugzeuge, die weiter als ein paar Kilometer entfernt sind, kann man in dieser gewaltigen Weite des Himmels schwer erkennen, dachte er. Und um diese frühe Mor- genstunde, mit der noch dunklen Erde unter ihm, war es fast un- möglich – es sei denn, die Flugzeuge befanden sich in diesem Nordost-Sektor und ihre Silhouette zeichnete sich gegen das zuneh- mende Licht ab. Er widerstand der Versuchung, nach Nordosten zu starren. Sie würden die Basis wahrscheinlich aus Südwesten anfliegen, aus der Dunkelheit heraus! Er blickte vergebens in alle Richtungen. Nichts. Vielleicht kommen die Japaner gar nicht. Was für ein Scheiß-Krieg! Rette sich, wer kann, Kameraden. Wir ha- ben mit unserem Land totalen Scheiß gebaut, so dass wir nichts mehr haben, was unsere Soldaten aufrecht erhalten könnte. Es ist arm, verdreckt, rand- voll mit hungernden Menschen und radioaktivem Abfall. Chernov flog einen Kreis, dann noch einen. Er schwitzte. Gut, diese Idee war blöd. Blöd, blöd, blöd. Er hätte mit den an- deren nach Chita aufbrechen sollen, von dort mit den Leuten im Hauptquartier telefonieren und einen Treffpunkt mit einem Tanker- geschwader ausmachen sollen. Die Su-27 sollten von einem siche- ren, gut verteidigten Stützpunkt aus operieren, einem, der richtig mit Treibstoff und Artillerie und Ersatzteilen beliefert wurde, außer- halb der Reichweite der Japaner. Dann, mit Hilfe von Tankflugzeu- gen, konnten die Jagdflieger von Zeya oder gar von Chabarowsk aus Kampfeinsätze gegen den Feind fliegen. Warum im Morgengrauen? Warum hatte er geglaubt, dass sie in der Morgendämmerung kommen würden?, Er gestand sich selbst ein, dass er die Antwort auf diese Frage nicht wusste. Er fühlte es einfach. Ein Angriff bei Tagesanbruch schien ihm passend. Er sah kurz auf seine Treibstoffanzeige. Dann auf die Uhr. Such weiter mit den Augen den Himmel ab, such den winzigsten Fleck, der dort nicht hingehört. Sein ECM zirpte. Nur ein einziger Piepser und ein Aufblitzen des Lichts. Er musterte die Anzeige, wartete darauf, dass das Licht wie- der blinkte und eine Messlinienanzeige die Richtung anzeigte. Nichts. Er schaute nach draußen. Er konnte nicht ständig auf die verdammte Anzeige starren. Vielleicht war ein japanischer Pilot der Versuchung erlegen, der Chernov widerstanden hatte, und hatte ein Signal ausgesandt – viel- leicht hatte er seinen Radar kurz aktiviert, hatte ihn einmal suchen lassen, nur um sicherzugehen, dass … zu verifizieren … Drei winzige Flecken, da draußen, gegen das Blau der Morgendämmerung. Die Sonne war eben dabei, über den Rand der Erde zu steigen, und vor dem zunehmenden Licht des Himmels konnte er sich bewegende, schwarze Flecken sehen. Drei. Nein, vier. Fünf. Sechs. Sie bewegten sich nach Westen. Sie würden Chernovs Position weit im Norden passieren. So. Sechs. Verdammt! Warum mussten es so viele sein? Er drehte nach Südwest ab. Wenn er aus dem dunkelsten Teil des Himmels kam, während sie den Stützpunkt bombardierten, wäre er visuell schwer auszumachen. Sie würden ihren Radar einschalten, sobald sie vermuteten, dass er da war. Trotzdem, wenn er den ersten Schuss hatte … Yan Chernov drückte die Leistungshebel vor, genau bis zum An- schlag. Er war noch nicht bereit für die Nachbrenner. Volle Kraft ohne die Brenner brachten ihm Mach 0,95. Jetzt leuchtete die ECM-Anzeige auf. Die Zeros suchten nach Flugzeugen über Zeya., Er drückte die Nase in den Sinkflug, ließ das Flugzeug beschleu- nigen, konstantes Nachtrimmen. Mach 1, jetzt 1,1, jetzt 1,2. Immer noch volle Kampfleistung. Er flog die Kurve zurück in Richtung Basis, überprüfte das Hand- GPS. Hauptbewaffnung eingeschaltet. Vier Geschosse ausgewählt, Lichter rot. Sie waren scharf und be- reit. Jeder Druck des Auslösers auf dem Steuerknüppel würde eines abfeuern. Bei 300 Metern ging er in den Horizontalflug, dicht über der Er- de. Runter auf Mach 1,1, verlangsamen, weil die Triebwerke das Flugzeug nicht im Überschallbereich halten konnten, ohne den Schub der Nachbrenner. Wenn er nur ein modernes Flugzeug hät- te, eine F-22. Oder gar eine Zero. 25 Kilometer. 22. 20 – eine nautische Meile alle sechs Sekunden. Er blickte wieder kurz auf die ECM-Anzeige. Alle voraus, nichts hinter ihm. Nichts, was Radarwellen abstrahlte. Er holte kurz Atem, versuchte, sich zu beruhigen. Das Herz hämmerte heftig in seiner Brust. 16 Kilometer 14. 13 … Im Abstand von elf Kilometern zog er die Nase fünf Grad hinauf und feuerte ein AA-10-Geschoss ab. Dann ein zweites, drittes und viertes, so schnell, wie er den Auslöser drücken konnte. Die Rake- ten verfügten über einen aktiven Radarzielsucher. Mit etwas Glück würden zwei oder drei von ihnen die Ziele finden. Er zündete die Nachbrenner. Die Beschleunigung drückte ihn in seinen Sitz. Seine Finger flogen über die Schalter, um ›Bordkanone‹ auf der Bestückungsanzeige zu wählen. Die Japaner mussten den Radar der ankommenden Geschosse erfasst haben. Jetzt betätigte er den Schalter, der seinen Radar aktivierte. Der Radarschirm leuchtete auf. Er schaute immer noch durch das Visier nach draußen, als er den, ersten Blitz sah – ein Raketentreffer. Jetzt ein weiterer. Und ein drit- ter. Das vierte Geschoss musste sein Ziel verfehlt haben. Yan Chernov sah auf den Radarschirm und drehte rasch einen der Knöpfe, um den Verstärkungsgrad einzustellen. Ein Flugzeug auf der linken Seite, leicht von ihm wegsteuernd. Er schaute durch das Visier. Da! Bei elf Uhr. Eine Transportmaschine! Fallschirme in der Luft! Fallschirmjäger. Die Japaner besetzten die Basis. All das registrier- te Chernovs Hirn ohne bewusste Gedanken. Er konzentrierte sich auf die Transportmaschine. Er hatte vor, einen Ablenkungsschuss zu feuern. Er machte Mach 1,4; das andere Flugzeug wahrscheinlich maximal 200 Knoten. Er stieß das Seitenruder an, packte den Steuerknüppel mit beiden Händen, um die Nase dorthin zu richten, wohin er sie haben woll- te. Er drückte den Auslöser, und die Waffe stieß einen Feuerstrahl aus. In zwei Sekunden war es vorüber. Der weißglühende Strahl war vor dem feindlichen Transporter, dann, mit der sanftesten Berüh- rung auf dem rechten Seitenruder, durchlöcherte es von der Nase bis zum Heck. Das viermotorige Turboprop-Flugzeug explodierte, und Chernov schoss direkt hinter dem sich ausdehnenden Feuer- ball vorbei, immer noch beschleunigend. Mach 1,7, alles, was die Suchoi ihm in dieser dicken Luft geben würde. Seine Augen regist- rierten weitere Fallschirme, aber er war damit beschäftigt zu fliegen. Der feindliche Radar war jetzt in seinem hinteren Quadranten. Er ließ die Nase herabsinken, um dichter zur Erde herunterzukom- men. Während die Sekunden verstrichen, spürte er, wie seine Schultern sich verspannten. Das Geschosslicht unter dem Visier blinkte auf. 30 Meter über dem Boden. Chernov warf Radarstörfolie ab, rollte die Maschine 90 Grad nach links und zog den Steuerknüppel, bis in seinen Bauch, bis die Instrumentenanzeige7gzeigte. Schweiß brannte in seinen Augen. Der Horizont war genau da, eine Linie durch sein Visier. Er kämpfte gegen die Versuchung an, über seine linke Schulter zu schauen, konzentrierte sich stattdessen da- rauf, den Horizont unterhalb des Punkts im Visier zu halten, der seine Flugbahn darstellte. Wenn dieser Punkt unter den Horizont fiele, würde er in Sekunden in den Boden krachen und sehr, sehr tot sein. Ein Geschoss sauste über seine rechte Schulter, explodierte harm- los. Das nächste ging direkt unter der Maschine hoch, ein widerliches dumpfes Geräusch; das Flugzeug erbebte. Er rollte nach rechts, durch die Horizontale, in eine rechte Kurve. Weniger Schub jetzt, weil das Geschosslicht aus war. Ebenso die ECM-Anzeige. Das war nicht in Ordnung. Die Japaner waren da hinten und versuchten vielleicht, ihn abzufangen. Wenn er seine Geschwindigkeit halten könnte, würden sie ihn niemals erwischen. Er musste aus der Biegung heraus. Zum ersten Mal blickte er kurz auf seine Systemmessgeräte, die Messgeräte, die ihm den Gesundheitszustand seiner Maschine an- zeigten. Oh, verdammt! Der hydraulische Druck fiel; er hatte drei gelbe Warnlichter und ein rotes. Das rote war ein Generator. Oh Gott! Die ECM-Anzeige war stumm, weil sie keinen Saft hat- te, nach dem einer der Generatoren ausgefallen war. Genau in diesem Moment explodierte ein weiteres Geschoss über ihm: ein Blitz, ein Knall, gefolgt von einem Schrapnellhagel gegen den Flugzeugrumpf. Er richtete die Tragflächen gerade. Trotz der geringen Höhe ris- kierte er einen Blick nach hinten. Nichts zu sehen. Mach 1,6 auf dem Geschwindigkeitsanzeiger. Sprit lief hinter der rechten Tragfläche aus. Er konnte im Rück-, spiegel sehen, wie der Treibstoff aus der Tragfläche verdampfte. Ein Blick auf die Treibstoffanzeige in der rechten Tragfläche. Fast leer. Eine weitere sanfte Linkskurve. Er überprüfte das GPS. 24 Kilo- meter von der Basis, nach Nordosten. Yan Chernov senkte die linke Tragfläche um etwa zehn Grad hin- unter, steuerte die Nase langsam in Richtung Norden, dann nach Nordwesten. Es schien, als berührte die Tragfläche fast das Steppen- gras. Das Gefühl der Geschwindigkeit war überwältigend, großartig; er kreiste in einem Abstand von fünf Metern um den Planeten. Konzentriert blickte er voraus, mit aller Kraft, schleppte das Flug- zeug über Anhöhen und Hügel. Wenn die Tragfläche jetzt die Erde berührte, würde er es nie erfahren: Er wäre tot, ehe er es gemerkt hätte. Die Tragflächen wieder in die Horizontale, Steuerkurs West. Verfolgten ihn die Zeros noch? Sie dürften keinen Treibstoff mehr haben, um ihn zu jagen. Der Öldruck des rechten Triebwerks fiel rapide. Chernov schaltete die Brenner aus. Danach begann die Drehzahl des rechten Triebwerks zu fallen. Er zog den Leerlaufschub, um den Treibstofffluss zu sichern. Er hatte noch ein Triebwerk, einen Generator. 80 Kilometer vor der Basis nahm er seine Sauerstoffmaske ab und wischte sich den Schweiß aus den Augen und dem Gesicht. Er überprüfte erneut den Treibstoff. Irgendwo musste eine andere un- dichte Stelle sein. Er hatte noch genug für 30 Minuten Flug, ohne Treibstofflecks. Mit undichten Stellen weniger. Aber er war am Le- ben. Pavel Saratov ließ das Periskop langsam herumwandern. Das An- griffsperiskop ragte nur wenige Zentimeter über die Meeresober- fläche, die heute glücklicherweise ruhig war. Gelegentlich schwappte eine Welle über das Glas. Dann hielt er, inne, bis er wieder etwas sehen konnte, und setzte seine Suche fort. Die Sicht betrug etwa 15 Kilometer, schätzte er. Drei Schiffe waren in Sicht, zwei liefen in die Bucht von Tokio ein, eines aus. Contai- nerschiffe, eines etwa 30.000 Bruttoregistertonnen, die anderen bei- den größer. Nicht ein einziges Kriegsschiff in Sicht. Nicht einmal ein Patrouil- lenboot. Er drehte den Griff, so dass er den Himmel absuchen konnte. Bedeckter Himmel in allen Richtungen. Keine Flugzeuge. Zurück zu den Schiffen. Zwei fuhren nach Nordosten, den Kanal hinauf in die Uraga Meerenge, der Einfahrt zur Bucht von Tokio, eines kam den Kanal hinunter. Das Schiff, das dem Land am nächsten war, war zu weit entfernt und vergrößerte die Entfernung noch, aber wenn er sich beeilte, konnte er wahrscheinlich die beiden anderen unter Beschuss neh- men und versenken. Jetzt. Er hatte zehn Torpedos. Ein Dutzend hätte er haben sollen, das wäre eine volle Ladung gewesen, doch es waren nur elf voll aufge- tankte Torpedos im Marinearsenal gewesen, und den Treibstoff von einem davon hatte er abgelassen, um Lebensmittel kaufen zu kön- nen. Es waren keine neuen, modernen Torpedos – es waren die alten 53-65 Schiffsabwehrtorpedos, Kielwasser-Zielsuchtorpedos, die ersten sowjetischen Kielwasser-Zielsucher. Saratov hatte die zehn Torpedos an Bord der Admiral Kolchak ge- laden, weil es Marinebestimmungen erforderten, dass das Boot je- desmal bewaffnet sein musste, wenn es auslief. Doch niemand scherte sich einen Scheißdreck darum. Saratov lud die Torpedos dennoch. Es schien ihm, dass er nur dann Gehorsam von den Män- nern verlangen konnte, wenn auch er sich nach den Bestimmungen richtete. Er hatte immer die Auswirkungen gefürchtet, wenn er und die Männer eines Tages beschlossen, einfach nicht mehr zu gehorchen. Wären sie dann nicht lediglich ein Haufen von Nichtsnutzen, die, nach einer Mahlzeit Ausschau hielten … Seefahrende Nichtsnutze? Piraten? Er zog den Kopf vom Periskop zurück. Die Mitglieder des An- griffsteams sahen ihn erwartungsvoll an und warteten darauf, dass er Entfernungen und Peilungen ausriefe, die sie in den Angriffs- computer eingeben konnten. »Keine Kriegsschiffe«, sagte er zu Askold, dem Ersten Offizier. As- kold stammte aus der Ukraine, hatte sich aber vor 17 Jahren, beim Zusammenbruch der Union, für die russische Marine entschieden. Die ukrainische Manne schien eher dazu geeignet, zu verhungern. Er grinste Saratov an. »Lassen wir es krachen, und dann nichts wie weg hier.« »Hier müssten doch Kriegsschiffe sein«, sagte Saratov und wandte seine Aufmerksamkeit erneut dem Periskop zu. »Die Einfahrt in die Bucht von Tokio, Herrgott noch mal.« »Sind Sie sicher, dass keine U-Boote in der Nähe sind?«, fragte Askold den Sonartechniker. Der war beleidigt. Wenn er irgendetwas gehört hätte, das inmitten der Kakophonie von Schraubengeräu- schen um die Einfahrt zu dieser Bucht einem U-Boot ähneln könn- te, hätte er es gesagt. »Ein paar Umdrehungen mehr, Steuermann«, befahl Saratov. Das Boot fuhr so langsam, dass die Seiten- und Tiefenruder wirkungslos waren, was dazu führte, dass das U-Boot auf und ab hüpfte und das Periskop zu weit aus dem Wasser ragte und dann untertauchte. »Aye, aye, Kapitän.« Nach einem erneuten Rundumblick ordnete Saratov an, das Peris- kop einzufahren. Er wandte sich der Karte auf dem Tisch zu. »Hier sollten Patrouillenboote sein, Zerstörer, ein Flugzeug, irgendetwas.« War er zufällig genau in dem Moment aufgetaucht, in dem die Wachvorposten, die die Einfahrt der Bucht sicherten, abgelöst wur- den? Wenn dem so war, sollte er rasch feuern und die Flucht ergreifen., Askold stand neben ihm und starrte die Karte an. »Zehn Torpe- dos … Was machen wir danach?« Er stellte die Frage leise, fast flüs- terte er. »Ich weiß es nicht«, murmelte Saratov. »Angenommen, wir leben danach noch.« »Sie haben die Bucht von Tokio unbewacht gelassen.« Askold kniff sich in die Nase. »Es muss ein U-Boot-Abwehrnetz vor der Einfahrt geben. Das wäre das allerwenigste.« »Es gibt dort keine Vorpostenboote, um es zu öffnen und zu schließen. Zwei Frachter laufen jetzt ein, einer aus. Die Einfahrt ist weit offen.« »Wie überheblich sind diese Leute eigentlich?« »Wir hatten vier dieselelektrische Boote im Pazifik, als der Krieg begann. Alle Atom-U-Boote sind Schrott. Wenn Sie Japaner wären, würden Sie Ihre U-Boot-Abwehr-Kräfte nicht um Ihre Invasionsflot- te versammeln?« »Hmm, die Invasionsflotte. Das ist das Ziel, das uns zugeteilt wurde«, sagte Askold und tat so, als ob er laut nachdachte. »Ich frage mich, ob das Hauptquartier alle vier unserer Boote für Wlad eingeteilt hat?« »Vielleicht«, sagte Askold langsam. »Meinen Sie –« »Ich weiß nur, dass es hier keine U-Boot-Abwehr-Kräfte gibt«, un- terbrach Saratov ihn. »Nicht einmal ein Ruderboot.« Saratov ging zum Periskop. Als es oben war, machte er einen neuen Suchlauf, dann drehte er es, so dass er die Einfahrt der To- kioer Bucht sah. Sie war mehrere Kilometer breit. Die Bucht war riesig, über 160 Quadratkilometer groß. Eines war sicher: Die Japaner würden nie damit rechnen, dass ein russisches U-Boot dort hineinfuhr. Zur Hölle, sie rechneten ja nicht einmal hier an der Einfahrt mit einem feindlichen U-Boot. Es gab eine riesige Raffinerie auf der Westseite der Bucht, bei Yo- kosuka, in der Nähe des Flottenstützpunkts. Im Norden, die West-, küste der Bucht hinauf, lag Yokohama, der Handelshafen. Yokoha- mas Reede wäre voll besetzt mit Tankern, Großfrachtern, Contai- nerschiffen. Zehn Torpedos – sechs waren in den Rohren, die alle im Bug la- gen. Diese Bootsklasse hatte keine Heckrohre. Er hatte auch noch vier RPG-9-Panzerabwehrraketen, die er vor ein paar Jahren bei ei- nem Handel erstanden hatte. Die Raketen hatten Zwei-Kilo-Spreng- köpfe, die ein Loch in jeden Panzer auf Erden schlagen würden, aber sie waren nicht dafür konstruiert, Schiffe zu versenken. Das Boot besaß natürlich keine Deckgeschütze. Es hatte keine Geschütze auf dem Deck eines sowjetischen U-Boots mehr gege- ben, seit das letzte Anfang 1950 entfernt worden war. Deckgeschüt- ze verursachten zu viel Lärm, wenn das Boot tauchte, und waren von begrenztem Nutzen, wenn es an der Oberfläche fuhr. Trotz- dem, auf einem überfüllten Ankerplatz, wo die Männer sich ihre großen, beleuchteten, unbeweglichen Ziele in aller Ruhe aussuchen und aus kürzester Entfernung darauf feuern könnten, wäre ein Ge- schütz sicher nett gewesen. Dieses Boot war mit Rohren für vier Boden-Luftgeschosse ausge- rüstet. Die Rohre waren im Turm, und sie waren leer. Saratov hatte seit Jahren nicht ein Geschoss gesehen. Die beiden Marinetaucher und ihr Plastiksprengstoff – die hatte er ganz vergessen. »Periskop einfahren.« Der Kapitän betrachtete die erwartungsvollen Gesichter … so eif- rig, so vertrauensvoll! Das Vertrauen dieser Narren! Saratov wandte sich der Karte zu. Nachdem er sie einen Moment lang studiert hatte, zeigte er mit einem Finger. »Nummer Eins, steu- ern Sie nach Osten, mit langsamer Fahrt. Wenn es dunkel ist, tau- chen wir auf und laden die Batterien auf.« »Ja, Kapitän.« Askold griff nach dem Rechenschieber. »Sonar, ich will, dass Sie heute Nachmittag sorgfältig hinhören., Achten Sie auf Zerstörer, Patrouillenboote, auf alles, was kein Frachter oder Fischkutter ist. Wir werden sehen, was der heutige Abend uns bringt.« Er sah auf die Uhr. Zwei Uhr nachmittags. »Um drei will ich alle Offiziere in der Offiziersmesse sehen.« Der Armeelastwagen fuhr mit ziemlichem Tempo die befestigte Straße entlang. Es herrschte nicht viel Verkehr, nur einige Lastwa- gen, und fast alle fuhren westwärts, um den Invasoren zu entkom- men. Yan Chernov hockte auf einem Stein neben der Straße und sah dem vorbeifahrenden Lastwagen zu. Sein Arm hatte eine Schnitt- wunde abbekommen, aber er hatte einen Streifen aus seinem Unter- hemd gerissen und ihn verbunden, und nun schien die Blutung ge- stoppt zu sein. Irgendwie hatte er sich beim Aussteigen mit dem Schleudersitz auch seine rechte Schulter gezerrt, obwohl nichts ge- brochen oder gerissen zu sein schien. Die Schulter schmerzte hef- tig; er bewegte sie dennoch und versuchte, den Schmerz zu über- winden. Gott, war er müde. Wie gern würde er sich neben der Straße aus- strecken und schlafen. Eine öde Landschaft. Die Brise aus dem Westen trieb Wolken vor sich her. Die Wolken verdeckten die Sonne, und die Luft war kühl. Er lief hin und her, um sich warm zu halten, als einer der Lastwa- gen bremste und 100 Meter hinter ihm zum Stehen kam. Yan Chernov hob Helm und Rettungsweste auf und ging zu dem Lastwagen hinüber. Sein dienstältester Offizier kletterte aus dem Fahrerhaus und trab- te Chernov entgegen. Er blieb stehen, salutierte und schlug Cher- nov dann auf den Rücken., 13. KAPITEL

Meine Herren, es gibt kein von Russen gehaltenes Territoriummehr, in das wir zurückkehren können«, erklärte Pavel Saratov

seinen Offizieren. »Ein paar Fischerdörfer könnten zu klein sein, als dass die Japa- ner sich darum kümmern würden«, sagte der jüngste Offizier. Er war nicht älter als 23 oder 24. »Wir könnten das Boot verlassen und an Land schwimmen.« »Wollen Sie fischen gehen, Krasin?« Die anderen taten so, als müssten sie lachen. Sie saßen dicht ge- drängt um den kleinen Tisch in der Offiziersmesse. Kapitän Saratov fuhr fort: »Die Bucht von Tokio ist der größte Hafen Asiens, vielleicht der ganzen Welt. Wir haben zehn Torpe- dos, vier RPG-9 und 100 Kilo Plastiksprengstoff. Ich schlage vor, in die Bucht einzulaufen und sie dann dort zu treffen, wo es ihnen am meisten wehtut.« »Kapitän, warum versenken wir nicht drei oder vier Schiffe von hier aus, und fertig?« Saratov sah von einem Gesicht zum anderen. Schließlich sagte er: »Die Frage ist: Was können wir tun, das ihnen am meisten scha- det?« »Kapitän«, begann der Ingenieur, »ich glaube nicht, dass es ver- nünftig ist, die Männer darum zu bitten, ihr Leben zu riskieren, um den Japanern eins auszuwischen. Tatsache ist, dass Russland nicht in der Lage ist, gegen Japan vorzugehen. Wir haben schon längst nicht einmal mehr die militärische Schlagkraft, um in einem Krieg in den Moskauer Vororten zu kämpfen, noch viel weniger im west- lichen Pazifik. Die Männer wissen das. Was haben wir also zu ge-, winnen?« Pavel Saratov starrte den jungen Offizier sprachlos an. Noch nie hatte er einen solchen Kommentar aus dem Mund eines rangniedri- geren Offiziers gehört. Früher, als Politoffiziere auf den Schiffen wa- ren, hätte so eine Bemerkung das sofortige Ende einer Marinekar- riere bedeutet. Er versuchte, sein Gesicht unter Kontrolle zu halten. Schließlich sagte er: »Ich bitte die Männer nicht darum, irgendet- was zu tun. Ich gebe Befehle, und sie gehorchen.« Schweigen. Die Exekution war noch zu frisch. »Nummer Eins?« »Sie entscheiden, Kapitän. Ich bin dabei, wohin auch immer Sie gehen.« Das war ein alter, alter Witz. Niemand lachte. Askold hatte eine Schwäche für schlechte Witze. »Danke, Nummer Eins. Sollen wir in die Bucht einlaufen? Ihre aufrichtige Meinung, bitte.« Askold holte eine Packung Zigaretten hervor und ließ sie herum- gehen. Sogar Saratov nahm eine. Während sie rauchten, sagte der Erste Offizier: »Wir könnten sie am schlimmsten im Inneren tref- fen. Einen großen Tanker im Hafen von Yokohama zu versenken, könnte politische Folgen für Japan haben, die wir gar nicht ermes- sen können. Sie werden uns wahrscheinlich schon lange vorher er- wischen, ganz gleich, was wir anstellen. Treten wir ihnen in die Eier, solange wir noch ein Bein bewegen können.« »Und danach?«, fragte der Ingenieur. Pavel Saratov antwortete nicht. Der junge Offizier wurde rot. »Ich weiß es nicht«, sagte der Kapitän schließlich. »Wahrscheinlich wird es kein Danach geben«, sagte einer von ihnen böse. »Wollen Sie das schriftlich haben?« Niemand anderes hatte irgendetwas zu sagen. »Zurück auf Ihre Stationen«, sagte der Kapitän. »Kapitän, was soll ich in den Abendbericht für Moskau schrei- ben?«, fragte der Funker., »Nichts. Es gibt keinen Abendbericht. Es wird überhaupt keine Funksprüche geben, es sei denn, ich befehle es ausdrücklich.« »Aber Kapitän, wir haben letzte Nacht nicht berichtet, und die Nacht davor auch nicht. Moskau könnte denken, wir wären tot.« »Die Japaner glauben das vielleicht auch. Hoffentlich.« Bogrov blieb, nachdem die anderen gingen. Er kam aus Moskau, hatte die Marineakademie absolviert. Als Saratov und er allein wa- ren, sagte er: »Sie hätten Svechin nicht erschießen müssen.« »Ach, Sie entzückender kleiner Bastard, glauben Sie wirklich?« Bogrov nahm Haltung an. Er musste den ganzen Tag darüber nachgedacht haben. »Ich glaube, dass –« »Schnauze! Idiot! Die Männer müssen kapieren – jeder von ihnen. Ich bin der Kapitän dieses Schiffs. Ich habe einen Eid geschworen, und dieser Eid bedeutet mir etwas. Ich werde um dieses Boot kämpfen. Jeder Mann wird seine Pflicht tun. Und ich werde jeden erschießen, der das nicht tut. Niemand hat eine Wahl – nicht ich, nicht Sie, keiner von ihnen.« Bogrov erwiderte nichts. »Jeder heult über die Zustände zu Hause.« Der Kapitän machte eine ärgerliche Geste. »Nichts davon ist relevant.« Pavel Saratov faltete die Hände vor sich auf dem Tisch. Seine Stimme war sehr leise. »Wenn Sie vor den Männern auch nur ein negatives oder respektloses Wort zu mir sagen, Bogrov, nur ein ein- ziges, werde ich Ihnen eine Kugel in diese verwesende Masse grauer Scheiße jagen, die Sie als Gehirn benutzen. Sie werden bis zu Ihrem letzten Atemzug Befehle befolgen, bis zu Ihrem letzten Tropfen Blut, oder ich stopfe Ihre Leiche persönlich in ein Torpedorohr.« Cassidy und seine Piloten lebten sich schnell in die Routine auf der Rhein-Main-Luftwaffenbasis in Deutschland ein. Jeden Tag ver- brachte jeder Pilot mindestens zwei Stunden damit, am Simulator, Abfangsituationen, Kurvenkämpfe und Notfälle durchzuspielen. Zwei weitere Stunden beobachteten sie am Kontrollpult des Ausbil- ders einen Kameraden beim Fliegen des Kastens, wie der Simulator genannt wurde. Den Rest des Tages studierten sie die Unterlagen zu ihrem Flugzeug und schrieben Tests, die vertiefen sollten, was sie bereits wussten, und die Bereiche aufzeigen sollten, die noch auf- zufrischen waren. An ihrem zweiten Abend in Deutschland rief Bob Cassidy sie in einen Seminarraum beim Simulator zusammen. »Mir ist gesagt worden, dass manche von Ihnen E-mails verschi- cken wollen. Stimmt das?« »Ja, Sir«, murmelten drei oder vier der Anwesenden. »Okay, das können Sie tun, aber jeder Brief muss von einem an- deren Offizier zensiert werden. Wählen Sie Ihren eigenen Zensor aus. Jeder Streit zwischen Schreiber und Zensor, der nicht freund- schaftlich gelöst werden kann, wird an Preacher Fain verwiesen. Alle Briefe müssen vor dem Versenden verschlüsselt werden.« Überall Nicken und Lächeln. Vier oder fünf der Piloten schauten sich im Zimmer um. Offensichtlich überlegten sie, wen sie bitten könnten, ihre Post zu zensieren. Bob Cassidy fuhr fort: »Alles, was wir für den Rest des Abends in diesem Raum besprechen, ist streng geheim. Alles.« Alle Augen richteten sich wieder auf ihn. »Wir fliegen dieses Wochenende nach Russland. Wir sind also noch vier Tage hier und werden jeden Tag fliegen. Wir werden in Viererformationen fliegen, geführt von mir oder von Dick Guelich. Wir üben weiter am Simulator, aber wir wollen jeden von Ihnen in der Luft sehen, sehen, wie Sie das Flugzeug handhaben. Am Sonntag fliegen wir die Flugzeuge zur Luftwaffenbasis nach Chita in Sibirien. Tanker begleiten uns dorthin, tanken uns unter- wegs auf. Wir werden bewaffnet sein, bereit, uns unseren Weg dort- hin freizukämpfen., Die F-22 Geschwaderkommandanten hier in Deutschland waren mehr als kooperativ. Die Techniker, die wir brauchen, um die Flug- zeuge zu warten, haben sich scharenweise freiwillig gemeldet. Eben- so die Instandhaltungsleute und Stabsoffiziere. Ich war in der glück- lichen Lage, mehr Freiwillige zu haben, als wir gebrauchen konnten, deshalb habe ich, nachdem ich den Geschwaderchef konsultiert habe, die allerbesten Leute ausgesucht. Die Luftwaffe bringt diese Leute und ihre Ausrüstung morgen nach Chita. Während wir hier reden, sind Sentinel-Geschossbatterien auf dem Weg nach Russland. Der neue russische Stabschef, Marschall Stoly- pin, hat zugestimmt, diese Batterien dort in Stellung zu bringen, wo die amerikanischen Techniker glauben, dass sie am wirksamsten sein werden. Die Russen betrachten dieses Geschwader und die Sentinel-Ge- schossbatterien als handfesten Beweis dafür, dass Amerika bereit ist, ihnen zu Hilfe zu kommen. Sie tun alles, was in ihrer Macht steht, uns dabei zu helfen, ihnen zu helfen. Die Hauptlast, um es ganz einfach zu sagen, ruht auf uns. Es ist Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen, die ungeschminkte Wahrheit zu sagen. Ich weiß nicht, warum Sie mit mir gekommen sind – ich habe noch nie versucht, etwas zu verkaufen, und ich be- zweifle, dass ich es noch einmal versuchen würde. Warum auch im- mer Sie hier sind, Sie müssen wissen, dass die Chancen ausgezeich- net stehen, dass Sie innerhalb der nächsten paar Wochen im Kampf fallen werden. Ich möchte, dass jeder von Ihnen sich fragt: Ist es das, was ich will? Bin ich bereit, andere Menschen zu töten? Bin ich bereit, für Russland zu sterben? Sie sind Freiwillige. Heute Abend ist die letzte Gelegenheit für mich, Sie mit einem Händedruck und einem Dankeschön nach Hause zu schicken. Es wird keine Vorwürfe, kein Bedauern geben, wenn Sie heute Abend zu mir kommen und mir sagen, dass Sie es, sich noch einmal überlegt haben. Ich verstehe das. Morgen weht ein anderer Wind. Morgen werden Sie in der russischen Luftwaffe sein. Ab morgen kann ich nichts versprechen.« Sie sahen einander an, versuchten zu sehen, was ihre Nachbarn dachten. Jeder hatte sein Pokergesicht aufgesetzt und überprüfte, wie gut die anderen sich hinter ihrem verbargen. »Ich kann Ihnen versichern, einige von uns werden sterben. Wie viele, weiß ich nicht. Nur Gott weiß das. Aber einige von uns wer- den sterben. Ich weiß nicht wer. Vielleicht alle. Ich habe keine Kris- tallkugel. Die Gefechte werden hart sein. Es wird auf beiden Seiten schonungslos gekämpft werden. Bei Messerkämpfen oder im Luft- kampf gibt es keine Regeln. Wir werden über dem gottverlassensten Grund und Boden der Welt fliegen und kämpfen. Wenn Sie aussteigen, kommt kein Hub- schrauber, um nach Ihnen zu sehen. Keine Rettungsbrigade wird aufsatteln, um Ihren Arsch aus dem Busch zu ziehen. Die CIA hat gesagt, dass sie zu helfen versuchen, aber ich würde meinen Hin- tern nicht darauf verwetten. Wenn Sie sich nicht vorsehen, werden Sie da draußen krepieren, meilenweit von jeglicher Zivilisation ent- fernt. Ich bezweifele, dass man jemals Ihre Leiche finden wird. Sibi- rien ist unvorstellbar riesig. Denken Sie heute Abend darüber nach. Ich bin in meinem Zim- mer, wenn irgendjemand reden will.« Dann verließ Bob Cassidy den Raum. Ehe er in sein Zimmer ging, rief er aus dem Fernmeldebüro über Satellitentelefon Colonel John Eatherly an, den Adjutanten General Tucks im Pentagon. Er sprach jeden Abend mit ihm, berichtete Eatherly alles. Heute Abend sprachen sie über die Piloten. »Werden einige von ihnen aussteigen?« »Lacy vielleicht. Ich weiß nicht. Wir werden sehen.« »Was ist mit Hudek?«, fragte Eatherly. »Mir sind fast die Augen rausgefallen, als ich seine Akte gelesen habe. Ich meine, vielleicht, gehen Sie ein mächtiges Risiko mit ihm ein.« »Er ist ein Killer, ein Psychopath.« »Hmm …« »Ein paar der ganz großen Asse sind völlig durchgeknallt gewe- sen. Typen wie Albert Ball, der Rote Baron …« »Da fallen mir auch ein Dutzend oder zwei ein«, stimmte Eather- ly zu. »Also hab ich den Kerl genommen. Ich hoffe, ich muss es nicht bedauern.« »Nun, wenn er zu sehr abdreht, können Sie ihn selbst erschießen. Die russischen Vorschriften sind ein bisschen liberaler als das UCMJ.« Das UCMJ war das Allgemeine Gesetzbuch des Militärge- richts, das die Disziplin in den US-Streitkräften beherrschte. Cassidy lachte. »Wenigstens können Sie noch lachen«, meinte Eatherly. »Nur weil ich nicht weiß, wie viele hinschmeißen werden. Ich sollte besser mal nachsehen.« Bob Cassidy sagte Gute Nacht und ging in sein Zimmer. Dort ar- beitete er bis Mitternacht ungestört Papierkram durch, dann mach- te er das Licht aus und ging ins Bett. Niemand klopfte an die Tür. In der Dunkelheit fuhr das russische U-Boot Admiral Kolchak seinen Schnorchel aus und startete seine Motoren. Das Boot befand sich 20 Seemeilen östlich von der Insel Oshima, außerhalb der Einfahrt der Bucht von Tokio. Saratov oder der Erste Offizier blickten ab- wechselnd durch das Periskop. Nachdem sie die Positionslichter mehrerer Frachter beobachtet hatten, befand Saratov, dass die Sicht bei leichtem Regen etwa fünf Kilometer betrug. Jedes Schiff dort draußen war mit Radar ausgerüstet, und die Japaner hatten wahr- scheinlich Küstenradar, um über den Schiffsverkehr auf dem Lau- fenden zu bleiben, also kam Auftauchen nicht in Frage., Er machte sich Sorgen wegen der Zerstörer, die er nicht sehen konnte. War es Sorglosigkeit, Arroganz oder Hybris, was die Japa- ner veranlasste, das Tor zur Bucht von Tokio unbewacht zu lassen? Oder hatten sie eine Falle gestellt, eine Falle, um einen Narren zu erwischen? Saratov hatte natürlich keine Kampferfahrung. Die sowjetrussi- sche Marine hatte seit 1945, bevor der Kapitän geboren worden war, keinen einzigen Schuss abgefeuert. Er fühlte sich wie ein grü- ner Junge, vollkommen außerhalb seines Elements. Hatte er diese Situation richtig eingeschätzt, oder gab es etwas, das er übersehen hatte? Im Augenblick wäre ein wenig Erfahrung eine Beruhigung gewe- sen. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass die Japaner auch nicht mehr Erfahrung hatten als er. Hals und Arme begannen ihm wehzutun. Seine Augen klebten am Periskop, das er beständig rundum laufen ließ. Zwei Stunden später schaute er immer noch. Er wollte die Batte- rien soweit wie möglich aufladen, bevor er die Dieselmotoren ab- stellte und den Schnorchel einfuhr. Wäre dies doch nur sein altes, atomgetriebenes Alfa-Boot! Er könnte so lange auf dem Grund der Bucht lauern, bis der Proviant ausging. Nicht mit diesem dieselelektrischen Museumsartefakt; die Admiral Kolchak konnte bei minimaler Drehzahl der elektrischen Motoren etwa sieben Tage unter Wasser bleiben. Sogar mit ausge- stellten Maschinen, auf dem Grund liegend, waren sieben Tage die Grenze – die Luft würde so schlecht werden, dass die Männer zu er- sticken drohten. Jede Stunde, die er in der Bucht lag, verringerte seine Chancen, unentdeckt zu bleiben. Er hatte keine Zeit zu verlieren; er musste entweder die Japaner angreifen oder sich ins Meer hinausschlei- chen. Er arbeitete sich in Richtung Einfahrt vor, wartete auf ein Schiff,, das einlief. Wenn die Japaner in der Einfahrt passive Abhörgeräte – Hydrophone – installiert hatten, dann könnte der Lärm eines hin- durchstampfenden Frachters die Schraubengeräusche seines Boots verdecken. Er musste so handeln, als ob die Japaner die Einfahrt abhörten, weil es so sein könnte. Diese verdammten Idioten sollten es jeden- falls tun. Mitternacht ging vorbei, dann 01 Uhr. Der Erste Offizier löste Saratov für eine Viertelstunde am Periskop ab, während er sich erleichterte, die Karte ansah und eine Tasse heißen Tee trank. Es war nach zwei, als er ein großes Containerschiff, über 50.000 Bruttoregistertonnen, den Kanal entlangdampfen sah, um in die Bucht einzulaufen. Es steuerte mit etwa zehn Knoten auf das U- Boot zu. Er war versucht, es hier und jetzt zu torpedieren. Nein. Drinnen können wir mehr Schaden anrichten. Er wich dem Containerschiff aus, dann murmelte er dem Offizier der Wache zu: »Dieses da. Mit dem laufen wir hinein.« Er ließ den Schnorchel oben. Mit zehn Knoten auf Batterie zu fahren, würde diese schnell entladen, und dies konnte er sich nicht leisten. Andererseits machte das Boot viel mehr Lärm, wenn die Dieselmotoren liefen. Wenn die Japaner Hydrophone an der Ein- fahrt zur Bucht hatten, standen die Chancen gut, dass sie das U- Boot hören würden. Selbst wenn die Japaner es hörten, dachte Pavel Saratov, würden sie nicht erkennen, woher das Geräusch käme. Oder sie könnten es ignorieren. Er würde fast voll aufgeladene Batterien brauchen, wenn er dort hineinfuhr. Morgen Nacht würde er wenig Zeit haben, sie aufzuladen, und er würde jedes Ampere brauchen, um die U-Boot- Abwehr-Kräfte zu umgehen. Er traf seine Entscheidung. Er wende- te das Boot und setzte sich etwa 500 Meter hinter den Frachter. Das Schiff war riesig und beleuchtet wie eine kleine Stadt. Mit ma- ximaler Periskopvergrößerung konnte er den Namen auf dem Heck lesen: LINDA SUE, MONROVIA. Es gab tatsächlich zwei kleine, Scheinwerfer am Heck, die den Schriftzug beleuchteten. Den ganzen Abend hatte er damit verbracht, die Seekarte der Bucht zu studieren. Er erkannte die Kurve im Kanal von Uraga Point und den Marineankerplatz. Er blieb hinter Linda Sue, die langsam und majestätisch den Kanal entlangdampfte, der sie zu den Containerpiers in Yokohama oder Tokio bringen würde. Zahlreiche kleine Boote waren in der Bucht unterwegs, trotz der beschränkten Sicht und des Regens – Barkassen, Fischerboote, Polizeikreuzer. Die Silhouetten mehrerer kleiner Fischkutter hoben sich gegen die Lich- ter der Stadt an der Westküste der Bucht ab, die sich von Horizont zu Horizont erstreckte. Dann sah er ein Boot außerhalb des Schiffs- kanals ankern. Widerstrebend befahl er, den Diesel abzustellen und den Schnorchel einzuziehen. Der Klang des Dieselmotors, dessen Abgase durch den Schnorchel ausströmten, war ziemlich laut, wenn jemand an der Oberfläche lauschte, so dass Saratov beschloss, auf Nummer sicher zu gehen. Er kreuzte auf Yokohama zu und betrachtete die Hunderte von Schiffen, die darauf warteten, an die Piers zu gelangen, um ihre La- dung zu löschen oder neue an Bord zu nehmen. Ein Heer von Schiffen aus aller Welt – außer aus Russland. Gut, sie spielten alle ein faires Spiel, soweit es ihn betraf, entluden oder nahmen Fracht auf, in einem Hafen einer kriegführenden Nation. Es dauerte fünf Stunden, in die Bucht hinaufzukreuzen, dann zu- rück nach Süden, wo er sich einen Fleck aussuchte, um sich im Schlamm des Grundes niederzulassen, einen Kilometer entfernt von einer Raffinerie am nördlichen Rand Yokosukas, nördlich vom Flot- tenstützpunkt. Ein Pier führte von der Raffinerie über einen halben Kilometer weit ins Wasser hinaus. Zwei Tanker waren dort festge- macht; ganz am Ende jedoch lag ein Erdgas-Tanker mit einem rie- sigen Druckbehälter mittschiffs. Er hatte rasende Kopfschmerzen. Er stand in der Zentrale und massierte seinen Nacken, rieb sich die Augen., Niemand hatte viel zu sagen. Wenn sie redeten, flüsterten sie, als ob die Japaner nebenan mit einem Hörrohr an der Wand lehnten. Vielleicht spürten sie, dass sie am Rand von etwas standen, etwas Großem und Mächtigem und unendlich Gefährlichem. Saratov lächelte in sich hinein, ging in seine winzige Kabine und streckte sich in der Koje aus. Obwohl es die Männer nicht wussten, war das Boot wahrscheinlich im Schlamm der Bucht von Tokio sicherer, als es seit Beginn der Feindseligkeiten jemals gewesen war. Heute Abend. Heute Abend würden sie zuschlagen. Inzwischen musste er schlafen. Die beiden Marinetaucher saßen Pavel Saratov in der Offiziers- messe gegenüber und schlürften Tee. Es war später Nachmittag. Schmutziges Geschirr stapelte sich auf einer Seite des Tisches. Die Taucher waren durchtrainierte Prachtexemplare. Von mittle- rer Größe ohne ein Gramm Fett am Körper. Mit ihren massigen Hälsen, prallen Muskeln und dicken Adern an den straffen Armen sahen diese zwei sicher nicht wie Seemänner aus. »Wie ist die Marine denn an Kerle wie Euch gekommen?«, fragte Saratov. »Wir waren Spetsnaz, Kapitän«, antwortete einer von ihnen. Sein Name war auf seinem Hemd aufgestickt: Martos. Der andere hieß Filimonov. »Sie haben unsere Einheit aufgelöst, alle entlassen. Wir hatten die Wahl – Lastwagen überfallen, oder die Marine.« »Hmmm«, machte der Kapitän und nippte an seinem Tee. Filimonov erklärte: »Die Räuber wären das bessere Geschäft gewe- sen. Weniger Arbeit, mehr Geld. Leider haben sie gern angegeben und mit Geld um sich geworfen. Wir dachten, die machen es be- stimmt nicht lange. Das Letzte, was wir gehört haben, war, dass nur noch ein paar wenige am Leben waren, irgendwo im Wald ver- steckt.«, »Kapitalismus ist hart.« »Die Konkurrenz schläft nicht, Kapitän.« »Ich möchte, dass Sie eine Raffinerie zerstören. Wären Sie dazu in der Lage?« »Eine Raffinerie! Mit dem Plastiksprengstoff?« »Ich dachte, Sie könnten durch die Luftschleuse im Torpedoraum raustauchen, an Land schwimmen – die Entfernung beträgt etwa ei- nen Kilometer –, den Sprengstoff anbringen und dann zu uns zu- rückschwimmen.« Sie sahen einander an. »Das wäre möglich, Kapitän. Wann?« »Heute Abend. Sobald es dunkel ist. Wie lange würden Sie brau- chen?« »Je mehr Zeit wir haben, desto besser können wir arbeiten.« »Ich will Brände, die sie nicht leicht löschen können, ein Maxi- mum an Zerstörung.« »Ahh, maximale Zerstörung.« Martos grinste den Kapitän an, dann Filimonov. Die Hälfte seiner Zähne war aus grauem Stahl. Filimonovs Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse. Saratov wur- de klar, dass dies ein Grinsen sein sollte. »Geben Sie uns sechs Stunden, und wir legen das größte Feuer, das Tokio jemals gesehen hat.« »Sechs Stunden«, stimmte Filimonov zu. »Totalschaden.« »Okay«, sagte Pavel Saratov. »Sechs Stunden, von dem Moment an, in dem Sie die Luftschleuse verlassen.« »Wir haben unsere übliche Ausrüstung nicht an Bord. Ohne ir- gendeine Art von Zielsender werden wir Probleme haben, das Boot bei unserer Rückkehr zu finden.« »Vorschläge?« »Wir könnten vielleicht einen kleinen Schwimmer an der Luke der Luftschleuse verankern.« »Was wäre, wenn das U-Boot an der Oberfläche ist?« »Das wäre am besten für uns, Kapitän.«, Saratov traf seine Entscheidung. »Wir gehen das Risiko ein. Wir werden um halb vier Uhr morgens auftauchen.« »Wir finden das Boot, Kapitän.« »Nachdem wir aufgetaucht sind, werden wir fünfzehn Minuten auf Sie warten. Wenn Sie bis dahin nicht zurück sind, fahren wir ohne Sie.« »Wenn wir bis dahin nicht zurück sind, Kapitän, sind wir tot.« Pavel Saratov ging in den Torpedoraum, um zuzusehen, wie Martos und Filimonov das Boot durch die Luftschleuse verließen. Beide Männer trugen schwarze Taucheranzüge und Tauchausrüstung. Der Plastiksprengstoff, Zünder und Sprengkapseln wurden in zwei was- serdichte Taschen gesteckt, eine für jeden Mann. Zwei Seemänner konnten zusammen kaum eine Tasche hochheben. Beide Schwimmer hatten sich Messer um die Unterarme ge- schnallt. Saratov wünschte, er könnte ihnen Waffen geben, aber er hatte keine. Die Spetsnaz hatten wasserundurchlässige Waffen und Munition für ihre Froschmänner gehabt, aber Marinetaucher waren nicht so gut ausgerüstet. »Keine Sorge, Kapitän. Die Messer reichen aus. Wir kennen uns aus, und wir sind sehr vorsichtig.« Sie stiegen hintereinander in die Luftschleuse. Martos zuerst. Er kletterte die Leiter in die Schleuse hinauf, zog seine Flossen an, nahm dann mit einer Hand die Tasche mit dem Sprengstoff ab, die ihm die Seemänner in die Schleuse reichten. Die Seemänner ver- schlossen die Luke hinter ihm. Fünf Minuten später folgte Filimonov ihm. Er hatte ebenfalls kei- ne Schwierigkeiten damit, die Tasche mit dem Sprengstoff den letz- ten Meter in die Schleuse hochzuhieven. Er hob den Daumen, als die Seemänner die Luke schlossen. Als er hörte, wie sich die Außen- luke zum zweiten Mal schloss, sah Pavel Saratov auf die Uhr. 22, Uhr 35. Um 03 Uhr 30 würde er auftauchen, vierundzwanzig Stun- den, nachdem er den Schnorchel eingezogen hatte. Saratov ging zurück in die Kommandozentrale. Der Erste Offizier und der Obersteuermann waren dort. »Sie sind draußen. Um 03 Uhr 30 werden wir bis auf Sehrohrtiefe hochsteigen, um uns umzu- sehen, dann tauchen wir auf. Ich will, dass zwei Männer auf Deck sind, um den Spetsnaz-Schwimmern an Bord zu helfen. Ich will zwei weitere Männer im vorderen Torpedoraum haben, an den ra- ketengetriebenen Granaten. Wenn wir ein Ziel für die Granaten ausmachen, können wir auftauchen und schießen. Wenn wir die Schwimmer an Bord haben und die Raffinerie explodiert, werden wir nach Yokohama fahren und unsere Torpedos in diese Teeparty da hineinfeuern.« Die Gesichter in der Zentrale waren nervös und angespannt. »Wir werden uns von unserer besten Seite zeigen, Männer. Wir werden soviel Schaden anrichten, wie es nur geht. Dann werden wir dieses Boot durchs Arschloch der Bucht quetschen und auf Teufel komm raus abhauen.« Zwei oder drei von ihnen grinsten. Die meisten machten besorgte Gesichter. Sie haben zu viel Zeit, dachte der Kapitän. Zu viel Zeit, um müßig herumzusitzen, über Russlands Probleme nachzudenken, an Freundinnen oder Ehefrauen und Kinder zu denken, die von der japanischen Invasion betroffen sind. Wenn sie nicht bald etwas zu tun bekommen, kriegen sie überhaupt nichts mehr zustande. »Ich erwarte, dass jeder Mann seine Aufgabe genau so erledigt, wie er es in der Grundausbildung gelernt hat. Wir werden Torpedos und Granaten abfeuern. Feindliche Kriegsschiffe können uns entde- cken. Es wird hektisch werden. Konzentrieren Sie sich nur auf Ihre Aufgabe, egal was es ist.« »Aye, aye, Kapitän«, sagte Askold. »Bootsmann, reden Sie mit den Leuten. Erklären Sie jedem den Plan, wiederholen Sie, was ich eben gesagt habe. Jeder einzelne, Mann muss seine Aufgabe erfüllen. Gehen Sie mit jedem Mann durch, was er zu tun hat.« »Aye, aye, Kapitän.« »Nummer Eins, ich möchte, dass die Männer eine Mahlzeit be- kommen, um ein Uhr. Das Beste, was wir haben. Würden Sie sich bitte darum kümmern?« All diese Aktivität würde wertvollen Sauer- stoff verbrauchen – die Luft war jetzt schon schlecht –, doch Sara- tov glaubte, dass es die Moral heben würde, und das war es wert. Sauerstoff und Energie zu verbrauchen, die später nötig wären, wenn die Japaner sie entdeckten, bevor sie auftauchten, war ein kal- kulierbares Risiko. Das Leben ist ein kalkulierbares Risiko, sagte er sich. »Die Kohlendioxydabsorber sollten wir besser auch ausstel- len.« »Ja, Kapitän.« »Bogrov, senden Sie diese Nachricht nach Moskau, wenn wir auf- tauchen.« Er reichte dem Fernmeldeoffizier ein Blatt Papier. »Ich will, dass die Marine und das russische Volk erfahren, was diese Männer getan haben, dass sie wissen, dass jeder Einzelne von ihnen seine Pflicht als russischer Seemann erfüllt hat.« »Ich werde es sofort kodieren, Kapitän«, sagte Bogrov. »Damit es bereit ist.« »Fein.« Als die russischen Seemänner an Bord der Admiral Kolchak nach dem Nach-Mitternachtsmahl klar Schiff gemacht hatten, blieb ih- nen nichts anderes als zu warten. Sie hatten sich den ganzen Tag und den ganzen Abend auf die Aktion vorbereiten müssen. Alles lose Gerät war verstaut, die Ausrüstung war überprüft und wieder überprüft worden. Jeder Mann war seiner Aufgabe entsprechend ge- kleidet, und als Vorbereitung für das Auftauchen war die Beleuch- tung auf Rotlicht umgestellt worden. Jeder Mann war auf seinem, Posten. Also warteten sie und beobachteten die Uhr, jeder schwitzte, dachte an Zuhause oder den bevorstehenden Einsatz, wünschte sich … nun, dass es vorüber wäre. Die Ungewissheit war nervenauf- reibend. Niemand wusste, was geschehen würde, ob die Japaner sie entdecken und angreifen würden, ob sie ins offene Meer zurückkä- men, ob eine P-3 oder ein Zerstörer sich an ihre Fersen heften wür- de, ob sie leben oder sterben würden. Viele hatten Freundinnen oder Ehefrauen in Petropawiosk, also wurden viele Briefe geschrie- ben. Sie dachten an Zuhause, an den russischen Sommer, die lan- gen, trägen Tage, die summenden Insekten, die mit Korn bedeckte Steppe, an lächelnde Mädchen, Küsse in der Dunkelheit… Es war erstaunlich, wie lieb einem Zuhause und Familie wurden, wenn man begriff, dass man sie vielleicht nie wieder sehen würde. Im Maschinenraum gab es eine Rauferei zwischen zwei jungen Seemännern, und der Bootsmann schlichtete den Streit. Sie riefen ihn, und Geflüster ging herum; Pavel Saratov tat so, als bemerkte er nichts. Er hatte die Füße auf einen kleinen Hocker gelegt, sein Kopf lehnte an der Kartentafel. Seine Augen waren geschlossen. Mehrere der Männer dachten, er schliefe. Aber er zwang sich, die Augen ge- schlossen zu halten, um nicht wieder auf seine Armbanduhr oder den Chronometer am Schott zu sehen, nicht von der Bewegung des Sekundenzeigers hypnotisiert zu werden, nicht zu beobachten, wie der Minutenzeiger qualvoll dahinkroch. Die Spetsnaz-Taucher waren jetzt dort draußen und brachten den Sprengstoff an. Die Raf- finerie sollte um 03 Uhr 45 hochgehen. Wenn nicht, gab es nichts, was er tun konnte. Oh, er konnte ein paar Granaten auf die Anlage abfeuern, doch der Schaden, den sie anrichten konnten, war mini- mal. Es war möglich, dass die Japaner die Spetsnaz-Taucher ge- schnappt hatten und gerade jetzt eine Suche nach dem U-Boot or-, ganisierten, das sie abgesetzt hatte. Möglich, doch unwahrschein- lich. Dass Männer, die dazu fähig wären, Martos oder Filimonov lebend zu erwischen, ausgerechnet diesen Teil der Raffinerie be- wachten, war höchst unwahrscheinlich. Was, wenn die Japaner das U-Boot aus der Luft entdeckten? Jemand könnte die Umrisse des U-Boots im schlammigen braunen Wasser von einem Flugzeug aus gesehen haben. Es könnte sein, dass sie an der Raffinerie warteten. Sie könnten U-Boot-Abwehr-Kräfte zusammenziehen und darauf warten, dass er das Boot in Marsch setzte, bevor sie die Falle zu- schnappen ließen. Sie könnten Martos und Filimonov getötet ha- ben. Beide könnten schon tot sein. Wenn sie tot sind, würde ich es nie erfahren, dachte Saratov. Sie würden nur nicht zurückkehren, und die Raffinerie würde nicht explodieren. Jemand spielte mit einem Bleistift herum, klopfte damit auf den Tisch. Saratov runzelte die Stirn. Das Klopfen hörte auf. Das U-Boot aus dem Schlamm dieser seichten Bucht zu kriegen, wäre ein Kunststück. Es würde dabei wahrscheinlich die Oberfläche durchbrechen. Nun, solange niemand in der Nähe war … Doch er müsste bereit sein, Fahrt aufzunehmen, das Boot an der Oberfläche zu halten, es zur Reede von Yokohama zu steuern und die Torpe- dos abzufeuern … Er und der Erste Offizier hatten den Steuerkurs und die Zeiten ausgearbeitet, und der Erste würde ihn konstant auf dem Laufenden halten, was ihre Position betraf, so dass Saratov nicht in einem kritischen Moment von der Navigation abgelenkt würde. Er nahm einen tiefen Atemzug. Bald. Sehr bald … Alle Raffinerien sind im Grunde genommen ähnlich: Industrielle Einrichtungen, konstruiert, um Rohöl unter Druck zu erhitzen und es in brauchbare Brennstoffe umzuwandeln. Als Martos und Fili- monov mit ihren Taschen voll Sprengstoff aus dem Wasser der, Bucht von Tokio auftauchten, huschten sie in ein Versteck und hielten inne, um sich nach Raffineriearbeitern oder Wachen umzu- sehen. Ein paar Arbeiter liefen herum, aber nur wenige. Wachen waren nicht zu sehen. Fast unsichtbar in ihren schwarzen Taucheranzügen, schlichen die zwei russischen Froschmänner wie Katzen durch die Anlage, von Schatten zu Schatten und von Ecke zu Ecke. Sicher, dass sie unbe- merkt geblieben waren und in wenigen Momenten ihren Weg fort- setzen würden, begannen sie, sich ein Bild von der Lage zu ma- chen. Vor Jahren, als sie für genau so einen Tag in unvorhersehba- rer Zukunft trainierten, hatten sie viel über Raffinerien gelernt. Jetzt wiesen sie sich einander auf verschiedene Merkmale dieser Anlage hin. Sie sagten nichts, zeigten lediglich mit den Händen. Dass keine Wachen zu sehen waren, störte Martos, er vermutete eine Falle. Sorgfältig sah er sich nach Überwachungskameras, Infra- rot- oder Bewegungs-Detektoren um. Er zog ein kleines Fernglas aus der Tasche und entfernte die wasserdichte Hülle. Damit suchte er Türme und Rohrleitungen, Wände und Fenster ab. Nichts. Nicht eine einzige Kamera. Das kränkte ihn irgendwie. Japan befand sich im Krieg, eine Raffinerie war eine lebenswichtige Industrieanlage, ein sicheres Ziel für eine feindliche Macht, und hier waren keine Wachen! Sie schätzen Russlands militärische Kraft so gering, dass sie sich nicht einmal die Mühe machten, Wachen zu postieren. Er- staunlich. Die beiden Froschmänner trennten sich. Sie ließen sich Zeit dabei, die Positionen für die Sprengladungen auszusuchen und sie zu platzieren, arbeiteten sorgfältig und gewis- senhaft, während sie weiterhin wachsam umherblickten. Mehrmals mussten sie in Deckung gehen, während ein Arbeiter durch den Be- reich lief, in dem sie sich gerade aufhielten. Martos hatte viel Zeit für diese Arbeit eingeplant, doch da nur so wenige Leute dort waren, ging es schneller, als er gedacht hatte. Etwas mehr als eine Stunde, nachdem er und Filimonov an Land, gekommen waren, legte er seinen letzten Sprengsatz und stellte den Zeitzünder ein. Er machte sich auf die Suche nach Filimonov, den er das letzte Mal auf einem riesigen Feld von mehreren Dutzend großer weißer Vorratstanks gesehen hatte, die neben der Raffinerie standen. Er bewegte sich vorsichtig, suchte so oft wie möglich De- ckung und blieb häufig stehen, um sich umzusehen, als er zum ersten Mal die Wache sah. Der Wachmann trug eine Art Uniform, eine wasserdichte Regen- jacke und einen Hut. Er war in einem kleinen Auto mit einem Blaulicht auf dem Dach angekommen. Als Martos ihn zuerst be- merkte, stand er neben dem Wagen, blickte sich müßig um und zog und zerrte seine Regenjacke zurecht, um sich gegen den leich- ten Nieselregen zu schützen. Er griff ins Auto und holte ein Klemmbrett und eine Taschenlampe heraus. Jetzt spazierte er am Rand des Tankfelds entlang, betrachtete ohne besondere Eile dies und das. Hat hier jemand was von einem Krieg gesagt? Martos huschte über die Straße in den sicheren Schatten der riesi- gen runden Tanks. Er bewegte sich so schnell, wie es die Vorsicht erlaubte. Wo steckte Filimonov? Eine große Pipeline von vielleicht einem halben Meter Durch- messer verlief von der Raffinerie zu den Tanks und zweigte zu je- dem Tank ab. Jede Menge Ventile. Filimonov mochte Pipelines. Eine lächerlich kleine Sprengladung konnte ein Sicherheitsventil zerstören und die Leitung brechen las- sen. Martos ging auf dem gleichen Weg zurück und suchte nach sei- nem Partner. Er könnte natürlich auch zum Ufer zurückkehren und dort warten, doch wenn er Filimonov fand und ihm half, ein oder zwei Sprengladungen anzubringen, wären sie früher fertig. Und es war nicht gerade die feine Art, einen Mann mit seiner Arbeit allein, zu lassen, ohne Schmiere zu stehen. Behutsam streckte er den Kopf hinter einem der Tanks hervor und erblickte flüchtig den kleinen Lichtstrahl einer Taschenlampe. Die Wache! In der Dunkelheit schlich er vorsichtig um den Tank herum, er- tastete seinen Weg … Er wartete einige Sekunden, bevor er wieder hinüberblickte. Da, jetzt hatte die Wache ihn passiert, ging langsam weiter und sah sich um … Hatte er etwas gesehen? Oder war er nur – Eine Gestalt, die schwärzer war als die umgebende Dunkelheit, tauchte hinter der Wache auf und verschmolz mit ihr. Die Taschen- lampe fiel zu Boden und erlosch. Jetzt wurde der Wachmann aus dem Blickfeld geschleift, zwischen die Tanks. Martos folgte ihm. Er fand Filimonov, der neben der Wache saß und seinen Kopf in die Hände gestützt hatte. Sogar in diesem trüben Licht konnte Martos den unnatürlichen Winkel des Kopfes, das glänzende Blut sehen, das die Vorderseite der Regenjacke bedeckte. Ein Blick ge- nügte – Filimonov hatte dem Wachmann die Kehle durchgeschnit- ten, ihm fast den Kopf abgetrennt. Aber warum saß Filimonov hier so rum? »Lass uns gehen, Viktor.« Filimonovs Schultern bebten. Großer Gott, der Mann weinte! »Viktor, lass uns gehen. Was ist denn los?« »Es ist ein Mädchen!« »Was?« »Die Wache ist eine Frau! Schau doch.« »Okay …« »Eine Frau als Wache! Was für 'n Scheiß …« »Lass uns gehen, Viktor. Lass uns hier fertig machen und ab-, hauen.« »Eine Frau …« Filimonov starrte die Leiche an. Er rührte sich nicht. Eine blecherne Funkstimme krähte und brabbelte ein oder zwei Sätze auf Japanisch, endete mit einem hohen, fragenden Ton. Die Wache musste ein Funkgerät bei sich tragen! Martos fand die Tasche, sah hinein. Eine Ladung noch. Schnell befestigte er sie am Boden eines nahegelegenen Tanks, außer Sicht- weite des Leichnams der Wache. Er drückte eine Zündkapsel in den Plastiksprengstoff und stellte den Zeitzünder ein. Mit seiner Ta- schenlampe überprüfte er den Zeitzünder. Er tickte munter, war an- scheinend perfekt in Schuss. Er packte Filimonovs Arm und zog ihn auf die Füße. »Wir haben keine Zeit für sowas. Sie ist tot. Wir können sie nicht zurückholen.« Das Funkgerät im Gürtel der Wache klickte und plapperte. »Eine Frau. Ich hab noch nie eine … umgebracht. Nicht mal in Afghanistan. Ich hab nicht gewusst –« »Viktor Grigorovitsch –« »Noch nie!« Martos schlug ihm ins Gesicht. Das war die einzige Möglichkeit. Filimonov leistete keinen Widerstand. Er packte Filimonovs Arm und stieß ihn zur Bucht. »Die werden nach ihr suchen.« »Sie wiegt keine vierzig Kilo«, murmelte Filimonov leise, versuch- te immer noch zu verstehen. Als Jiro Kimura an seine Frau Shizuko schrieb, wusste er nicht, wann sie den Brief erhalten würde, wenn sie ihn überhaupt bekam. Alle Post nach Japan wurde zensiert. Dieser Brief würde sicher nicht am Zensor, einem Oberstleutnant, vorbeikommen, dessen, einzige Lebensaufgabe darin bestand, Berichte zu schreiben, die sei- ne Vorgesetzten unterschreiben sollten, und die Post anderer Leute zu lesen. Jiro schrieb den Brief dennoch. Er begann damit, Shizuko zu sa- gen, dass er sie liebte und vermisste, dann erzählte er ihr von dem Flug nach Chabarowsk, bei dem er ein Verkehrsflugzeug abgeschos- sen hatte. Der befehlshabende Offizier und der Geschwaderkommandant hatten versucht, ihn zu demütigen, als er zurückkehrte. Sie waren empört, dass er die Befehle der Zentrale hinterfragt hatte. »Der Premierminister hätte dort sein können. Er leitet die militä- rischen Bemühungen persönlich. Es hätte sein Befehl sein können, dass Sie dieses Flugzeug abschießen.« Jiro hatte sich nicht besonders reuig gezeigt. Er hatte soeben eine unbekannte Anzahl wehrloser Menschen getötet, und er kam damit nicht zurecht. Mit leicht gesenktem Kopf stand er da. Es war bes- tenfalls ein höfliches Kopfsenken. Was zweifellos den Zorn des Oberst noch steigerte. Der Geschwaderkommandant donnerte: »Sie haben geschworen, Befehlen zu gehorchen, Kimura. Sie haben keine Wahl, keine. Der Bushido-Codex fordert vollständigen, tota- len, bedenkenlosen, bedingungslosen Gehorsam. Sie entehren uns alle, wenn Sie die Befehle Ihrer ehrenvollen Vorgesetzten anzwei- feln.« Kimura sagte nichts. Sein Vorgesetzter sagte laut: »Ein feindliches Flugzeug im Kriegs- gebiet ist ein legitimes Ziel, Kimura. Feindliche Flugzeuge zu zerstö- ren ist Ihr Beruf. Die Nation hat Ihnen einen teuren Düsenjäger ge- geben, damit Sie Ihre Aufgabe erfüllen können. Sie entehren Ihre Nation und sich selbst, wenn Sie es versäumen, jedem Befehl sofort zu gehorchen, ob die Angelegenheit nun groß oder klein ist. Sie entehren mich! Ich werde nicht zulassen, dass Sie mich und diese Einheit entehren. Sie werden gehorchen! Haben Sie mich verstan-, den?« Jiro schrieb diese Moralpredigt in dem Brief nieder, so wie er sich daran erinnerte. Wellen von Scham waren über ihn hinweggeflutet, während die beiden Offiziere sich über ihn ereiferten. Seine Wan- gen hatten sich leicht gerötet, was ihn wütend machte. Sein befehls- habender Offizier deutete seine Emotionen falsch; er entschied, dass er genug verbale Prügel bezogen hatte, und verstummte. Der Geschwaderkommandant schwieg bald darauf ebenfalls. Jiro Kimura schämte sich für sich selbst und seine Kameraden, diese japanischen Soldaten, mit ihrem Bushido-Codex und ihrem empfindsamen Ehrgefühl, das den Tod eines jeden in einem Ver- kehrsflugzeug erforderte, das das Kriegsgebiet verließ, weil jemand ir- gendwo einen Befehl gegeben hatte. Sie waren ängstliche, kleine Männer. Klein im wahrsten Sinn des Wortes, dachte Jiro, und schrieb dies in den Brief an seine Frau. Er schämte sich für sich selbst, weil ihm der Mut fehlte, um sich einem Befehl zu widersetzen, den er für falsch und verwerflich hielt. Auch dies gestand er Shizuko. Als er im Schreiben innehielt und nachdachte, fühlte er, wie die Scham wieder über ihn hinwegbrandete. Das Problem war, dass er kein reiner Japaner war. Diese verdammten Amerikaner und ihre Air-Force-Akademie! Er hatte dort mehr aufgenommen als nur die Unterrichtsthemen. Die ethischen Grundsätze dieses fremden Lan- des folterten ihn hier. Der Japaner sagte, dass er seinen Vorgesetzen und Kameraden durch sein Zaudern Schande gemacht hatte. Die Amerikaner wür- den sagen, er habe sich selbst Schande gemacht, weil er einem ille- galen, unmoralischen Befehl gehorchte. Das Einzige, worauf sie sich einigen würden, war die Schande. Ein Amerikaner würde einen Reporter anrufen und gewaltig Stunk machen. Vielleicht sollte er das auch tun. Er fühlte sich beschissen. Er war nicht japanisch genug, um sich, selbst zu töten, und nicht amerikanisch genug, um seine Vorgesetz- ten zu ruinieren. Es blieb ihm nur die Möglichkeit, einen Brief an Shizuko zu schreiben. »Liebste Frau …« Er liebte sie verzweifelt. Während er schrieb, fragte er sich, ob er sie jemals wiedersehen würde. 14. KAPITEL

Sie saßen im Schlamm, dicht bei dem Loch im Maschendraht-zaun, das sie hineingeschnitten hatten, um aufs Gelände zu ge-

langen. Martos legte seine Taucherausrüstung zurecht, so dass er sie in Sekundenschnelle anlegen konnte. Filimonov dagegen saß re- gungslos vor seiner Ausrüstung und starrte hinaus in die Schwärze der Bucht. Martos überprüfte die fluoreszierenden Zeiger seiner Uhr: 01 Uhr 12. Sie waren früher fertig geworden, als er gedacht hatte. Das U-Boot würde nicht vor 03 Uhr 30 vom Grund der Bucht auftauchen. Die Sicht in dem schlammigen Wasser betrug nur ein paar Zentimeter, so dass ihre Taschenlampen ihnen wenig nutzen würden, um das U-Boot unter Wasser zu finden. Er wusste unge- fähr, wo es lag, einen Kilometer jenseits von diesem Erdgas-Tanker am Ende des Tankerpiers. Dennoch, unter Wasser würde er es nie finden. Sie würden warten müssen, bis das U-Boot auftauchte. Es wäre auch nicht klug, jetzt in die Bucht hinaus zu schwimmen und dann zwei Stunden damit zu verbringen, gegen die Strömung, und die Gezeiten anzukämpfen und weiß Gott wohin getrieben zu werden. Obwohl die Raffinerie gut beleuchtet war, waren die beiden Män- ner im Schlamm zwischen dem Wasser und dem Zaun fast unsicht- bar. Schwarze Taucheranzüge, eine finstere Nacht, dunkler Schlamm, trüber Nieselregen … Der Tankerpier sah aus wie eine Brücke nach Nirgendwo, alle ein oder zwei Meter mit Lichtern ver- sehen, die sich über dem schwarzen Wasser bis zu dem vertäuten Erdgas-Tanker erstreckten. Jetzt sah das Schiff unheimlich aus, mit diesem riesigen Druckbe- hälter mittschiffs. Martos betrachtete seinen Partner. »Viktor, es war nicht deine Schuld.« Filimonov hatte auf eine wahrgenommene Gefahr reagiert, ohne nachzudenken. Er hatte eine Wache gesehen, die eine Regenjacke trug, möglicherweise bewaffnet war, und er hatte automatisch ge- handelt. Die anderen Wachen würden die Frau bald suchen. Wenn sie sich nicht über Funk meldete, würden sie wahrscheinlich erst anneh- men, dass das Funkgerät defekt war, vielleicht eine leere Batterie. Sie würden etwas Zeit verstreichen lassen und dann erwarten, dass sie sich von dem Funkgerät in ihrem Auto meldete. Schließlich würden sie nachsehen. Verdammt! Bisher war alles so gut gelaufen. Selbst wenn die Sicherheitstruppe ein paar der Sprengsätze ent- deckte, alle würden sie nicht finden. Nicht bevor sie hochgingen. Und doch war jeder, den sie fanden, einer weniger, der explodierte, und umso weniger Schaden würde angerichtet. »Wir müssen mit dem Unvorhergesehenen rechnen. Es läuft nicht immer alles so wie geplant.« »Ich hab einen Sprengsatz gelegt«, murmelte Filimonov. »Sie hat mich überrascht.« »Schau, es war nicht deine Schuld. Du hast nicht gewusst, dass, die Wache eine Frau war. Du bist nicht der japanische Sohn einer Hure, der diese Frau eingestellt, sie in eine Uniform gesteckt und losgeschickt hat, um in Kriegszeiten ein wertvolles nationales Gut zu bewachen.« Filimonov seufzte, legte sich rücklings in den Schlamm. Er streck- te seine Arme aus, als hing er an einem Kreuz. »Niemand in Russland wäre so blöd«, sagte Martos. Filimonov schwieg. Seine Verstocktheit machte Martos Sorgen. »Du musst das vergessen, Viktor. Ich bin dein Freund. Du musst mir zuhören.« Die Minuten verstrichen schweigend. Nur das Plätschern der win- zigen Wellen am Ufer und das schwache, weit entfernte Tuten eines Nebelhorns waren zu hören. Martos spürte das feine Nieseln des Nebels auf seinem Gesicht und die unangenehme, schlüpfrige Kälte des Taucheranzugs, die er schon vor Jahren zu ertragen gelernt hat- te. Ein Wachauto kam die Straße hinunter, fuhr um die Ecke und verschwand in Richtung der Tanks. In wenigen Momenten würden sie das Fahrzeug der toten Wache finden. Martos schaute auf seine Uhr: 01 Uhr 47. Zehn Minuten. Innerhalb von zehn Minuten würden sie die Lei- che finden und um Hilfe rufen. Er spielte mit der Idee, zurückzugehen und die Männer zu töten. Oder die Frauen. Leider würden sie wahrscheinlich über Funk ihr Büro alarmieren, wo auch immer das war, bevor er beide töten konnte. Selbst wenn er sie beseitigte, es würde jemand anderes nachsehen kommen. Martos zog sich die Kapuze des Taucheranzugs über den Kopf. »Machen wir uns startklar, Viktor.« Filimonov rührte sich nicht. Martos trat seinen Partner in die Seite – hart. »Das reicht! Mach dich fertig. Ich befehle es dir. Leg deine Ausrüstung an.«, Filimonov rührte sich immer noch nicht. »Du willst hierbleiben? Willst du, dass ich dich umbringe, Viktor Grigorovitsch? Nur tot kannst du an diesem Strand bleiben.« Filimonov wandte den Kopf ab. »Du bist mein Freund, Viktor. Mein bester Freund. Ich weiß, dass du nicht vorhattest, eine Frau zu töten – diese Frau, irgendeine Frau. Ich weiß, dass Gott dir verzeiht, Viktor. Ich weiß, dass irgend- wo im Himmel in diesem Augenblick deine Mutter dir verzeiht. Sie weiß, dass du keine Frau töten wolltest. Sie weiß, was in deinem Herzen war.« Ein zweites Wachauto raste die Straße hinunter, fuhr mit krei- schenden Bremsen um die Kurve und verschwand in Richtung der Tanks. »Sie haben sie gefunden, Viktor. Sie tun für sie, was getan werden muß. Es ist Zeit für uns, zu gehen. Wir haben eine Verantwortung. Der Kapitän wartet.« Er zerrte an Viktors Arm. »Es sind fünfzig Männer auf diesem U- Boot. Sie vertrauen uns. Sie werden dort an der Oberfläche liegen und auf uns warten. Wir dürfen ihr Vertrauen nicht enttäuschen.« Nichts. Martos zog seine Flossen an, schnallte die Sauerstoffflaschen um, rückte die Taucherbrille zurecht. Er testete den Regler, atmete durch das Mundstück. »Okay, du Schweinehund. Bleib hier liegen und lass dich schnap- pen. Verrat dein Land. Verrat deine Schiffskameraden. Wegen einer toten Wache. Du blöder Hund. Deine Mutter war eine Schlampe. Eine Hure. Sie hat Schwänze gelutscht in der Nacht, als irgendein Besoffener ihr seinen –« Filimonov ging auf ihn los. Martos stürzte zum Wasser. Er bewegte sich, so schnell er es mit den Sauerstoffflaschen und Flossen konnte. Ohne Geräte war Filimonov schneller. Er riss Mar- tos in den Untiefen von den Füßen und ging ihm an die Kehle., Großer Gott, war er stark. Finger wie Stahlbänder. Martos hatte einen schwerwiegenden Nachteil. Er wollte gerade genug Gewalt anwenden, um Filimonov dazu zu veranlassen, von ihm abzulassen; Filimonov wollte ihn töten. Martos stieß ihm das Knie zwischen die Beine. Filimonov ließ nicht locker, legte die Fin- ger um Martos' Kehle und begann zuzudrücken. Martos war zwan- zig Zentimeter unter Wasser, hatte jedoch das Mundstück nicht drin. Nicht, dass er hätte atmen können, mit Filimonovs Händen um seinen Hals. Er hämmerte mit der Faust auf Filimonovs Kopf ein, versuchte ihm einen Daumen ins Auge zu rammen. Seine Kräfte ließen nach. Der Schraubstock um seinen Hals zog sich unerbittlich zu. Er zog sein Messer, hieb damit auf Filimonovs Kopf ein – einmal, zweimal, dreimal – und fühlte, wie der Druck um seinen Hals nach- ließ. Er schlug erneut mit aller Kraft mit dem Messergriff zu. Fili- monov ließ Martos' Hals los. Ein letzter heftiger Schlag mit dem Griff auf seinen Kopf ließ Fili- monov das Bewusstsein verlieren. Das Glas seiner Maske war zertrümmert. Martos warf sie weg. Lichter. Ein Scheinwerfer! Ein Auto, das den Zaun entlangfuhr, der Fahrer kontrollierte den Zaun mit einem Scheinwerfer. Martos packte die Kapuze von Filimonovs Taucheranzug, drehte ihn mit dem Gesicht nach oben und schleifte ihn in tieferes Wasser. Als ihm das Wasser bis zur Taille reichte, steckte er sich das Mund- stück in den Mund, begann zu schwimmen und schleppte Filimo- nov hinter sich her. Die Tide war stark, und die Nacht war finster. Martos schwamm mit einer Hand und schleppte Filimonov mit der anderen, schaute über die Schulter zur Raffinerie zurück und versuchte, geradeaus von ihr fortzuschwimmen. Das Salz brannte in seinen Augen. Warum kam Filimonov nicht wieder zu Bewusstsein? Er konzentrierte sich aufs Schwimmen, darauf, rhythmisch zu at-, men, ein gleichmäßiges Tempo zu halten. Gelegentlich warf er ei- nen Blick über seine Schulter. Filimonov bewegte sich nicht. Eine Gehirnerschütterung? Zwei Wagen waren am Zaun, in der Nähe des Lochs, ihre Scheinwerfer zeigten aufs Wasser. Ein Scheinwerfer glitt über die Wasseroberflä- che. Auf die schwimmenden Männer zu. Sie waren zu weit von der Küste entfernt, um gesehen zu werden. Die Japaner würden bald Filimonovs Flossen und Sauerstoffflaschen finden, wenn sie die nicht schon gefunden hatten. Sie würden Alarm auslösen. Verdammt, verdammt, verdammt. Wenn eine P-3 das U-Boot in dieser seichten Bucht entdeckte, waren sie alle tot. Zur Hölle, wir werden sowieso alle sterben. Wir sind alle verdammt. Das ist die Wahrheit, die dieser Idiot Filimonov nicht versteht. »Krasin, bringen Sie das Boot auf Periskoptiefe.« »Aye, aye, Kapitän.« Krasin war der wachhabende Offizier. Er erteilte die entsprechen- den Befehle. Jeder war auf seinem Posten. Jeder war bereit. In der letzten Stun- de hatte niemand viel gesagt. Sie hatten die Uhr beobachtet, an den Fingernägeln gekaut, sich schweigend gefürchtet. Jetzt war das War- ten vorüber. Leben oder sterben, die Zeit war gekommen. Das U- Boot wollte sich nicht aus dem Schlamm am Grund der Bucht lö- sen. Ohne Motoren war die einzige Möglichkeit, das Boot anzuhe- ben, den Auftrieb zu erhöhen. Mehr und mehr Luft wurde in die Tanks gepresst und das Wasser hinausgepumpt, das das U-Boot un- ter der Oberfläche hielt. Der Kiel des Boots war 27 Meter unter der Oberfläche, gerade unterhalb der Periskoptiefe. Wir werden raufschießen wie ein Kor- ken, dachte der Kapitän ergeben., Sekunden später befreite sich das U-Boot aus dem Griff des Schlicks und stieg schnell, zu schnell. »Fluten. Vorderes Tiefenruder hart unten«, befahl der Kapitän. Das U-Boot brach durch die Oberfläche. Dann tat das Wasser, das zurück in die Tanks strömte, seine Wirkung, und das Boot be- kam genug Fahrt, damit die Ruder greifen konnten und es wieder hinunterzogen. »Aufpassen«, sagte der Kapitän scharf. Er war sich dessen bewusst, dass sie, wenn sie jetzt die Kontrolle verloren und den Bug in den Schlamm fuhren, wahrscheinlich das Boot würden aufgeben müssen. Der Obersteuermann kannte sein Boot. Er stabilisierte es und ließ es auf Periskoptiefe sinken. »Periskop raus«, befahl Pavel Saratov, als wäre nichts Außerge- wöhnliches geschehen. Nach einer schnellen 360-Grad-Umschau sagte der Kapitän, fast beiläufig: »Vielleicht sollten wir die Maschinen stoppen, Krasin, und auf die Spetsnaz-Taucher warten. Die werden nicht erfreut sein, wenn wir ohne sie fahren.« Der Erste Offizier zwinkerte Krasin zu. »Maschinen stopp.« Saratov ließ das Periskop erneut herumfahren, ließ sich Zeit, um sich sorgfältig umzusehen. Er konnte deutlich die Lichter der Raffinerie, die Tanker am Pier, den Erdgas-Tanker sehen. Yokohama schimmerte in der nebligen Dunkelheit. Mehrere Dutzend vor Anker liegende Schiffe waren in Sicht. Die Lichter von Tokio weiter nordwärts waren im Nieselre- gen und Nebel nicht zu sehen. Er sah keine Schiffe oder Boote, die in der Nähe festgemacht hatten. Saratov wich vom Periskop zurück und deutete mit der Handflä- che, dass es abgesenkt werden sollte. »Meine Herren, ich schlage vor, wir tauchen auf und sammeln unsere Schwimmer ein.« Krasin gab die notwendigen Befehle, und das U-Boot erhob sich, langsam aus dem Meer. Martos war erschöpft. Filimonov hatte sich nicht gerührt, seit er ihn niedergeschlagen hatte, und die Strömung drängte ihn zum Eingang der Bucht, was für Martos bedeutete, dass er ständig nach Norden schwimmen musste, um mehr oder weniger die Richtung zu halten. Er hatte es nicht geschafft, auf Kurs zu bleiben. Als das U-Boot auftauchte, war er mindestens einen Kilometer südlich von ihm. Er schwamm auf das Boot zu und schleppte Filimonov. Er spuckte das Mundstück aus. »Es würde nicht schaden« – er schnappte nach Luft –, »wenn du ein bisschen hilfst … Schwimm ein bisschen … du großes Stück … Pferdescheiße.« Filimonov blieb regungslos. Martos wusste, dass er seinen Freund gerade vier- oder fünfmal eins mit dem Messergriff verpasst hatte, kaum genug, um eine Maus zu betäuben. Dieser sture Ochse hatte bei Schlägereien in der Kaserne weitaus Schlimmeres eingesteckt und hatte nicht einmal dabei geblinzelt. Er hörte, wie das U-Boot durch die Wasseroberfläche brach. Hörte das Spritzen eines großen Objekts, und das Glucksen, als es wieder sank. Er hörte nicht, wie es zum zweiten Mal an die Wasseroberfläche kam, doch er vernahm den metallischen Klang des Turmluks, das aufgestoßen wurde. Er schwamm bereits in diese Richtung, zog Fili- monov mit sich. »Du blödes … simples … Arschloch! Hilf mir.« Schließlich hielt er inne, passte auf, dass Filimonovs Kopf nicht unterging, und schrie: »He! Hier drüben.« Sie würden ihn nie hören. Er hatte eine Taschenlampe am Gürtel, griff danach. Weg, wahrscheinlich im Kampf verloren. Filimonovs Taschenlampe … Noch da. Etwas Unnatürliches war an dem großen Mann. Martos schaltete, die Taschenlampe ein und winkte damit in Richtung U-Boot. »Viktor, red mit mir. Sag was, mein Freund.« Er leuchtete Viktor ins Gesicht. Der Schein der Taschenlampe auf dem weißen Gesicht blendete ihn. Es dauerte mehrere Sekunden, bevor Martos' Augen sich an das Licht gewöhnt hatten. Filimonovs Augen waren offen, starr. Sie folgten dem Licht nicht. Die Pupillen reagierten nicht. Viktor Filimonov war tot. Was? Wie… »Viktor, du … du …« Das U-Boot glitt heran. Die Bugwelle drückte ihn zur Seite. Zwei Männer auf Deck warfen ihm eine Leine zu. Filimonovs Taucher- anzug nach wie vor fest im Griff, wickelte sich Martos das Tau ein- mal um sein Handgelenk, und rief: »Zieht uns an Bord.« »Was ist los mit ihm?« »Packt ihn. Zieht ihn an Bord.« Nachdem sie Filimonov aus dem Wasser gezogen hatten, zerrten sie Martos auf die schlüpfrigen Stahlplatten des Decks. Er war so erschöpft, dass er kaum stehen konnte. »Was ist mit ihm?« »Er ist tot. Nehmt ihn mit runter.« Die Seemänner ließen Filimonovs Leiche durch die Torpedo-La- dungsluke hinunter. Martos stand noch auf Deck, als einer der großen Vorratstanks der Raffinerie explodierte. In dieser Entfernung war der Lärm nur ein Knall, doch der aufsteigende Feuerball sah so- gar gegen die Hintergrundlichter von Yokosuka spektakulär aus. »Der Kapitän will Sie auf der Brücke sehen«, sagte jemand. Filimonovs Leichnam lag zwischen den Trägern für die Ersatztor- pedos. Der Sanitäter untersuchte ihn. Martos ging nach achtern. Von der Zentrale stieg er in den Turm, dann über die Leiter auf die winzige Brücke hinauf. Pavel Saratov beobachtete die achteraus verschwindende Raffinerie durch sein Fernglas. »Kapitän.«, »Wie ist es gelaufen?« »Wir haben die Sprengsätze gelegt. Filimonov hat eine Wache ge- tötet – eine Frau. Hat ihr die Kehle durchgeschnitten. Er hat das nicht verkraftet. Wir haben gekämpft. Ich dachte, ich hätte ihn k.o. geschlagen. Anscheinend hab ich ihn getötet.« Saratov richtete seine Aufmerksamkeit von der brennenden Raffi- nerie, die hinter ihnen verschwand, auf die Lichter eines Schiffs backbord voraus. »Zehn Grad steuerbord«, sagte er dem Seemann neben ihm, der ein Kehlkopfmikrophon mit Kopfhörer trug. Der Seemann wiederholte den Befehl in das Mikrophon, dann bestätigte er: »Steuerbord zehn liegt an, Kapitän.« Martos wollte es los werden. »Als er ein Junge war, vielleicht sie- ben oder acht, wurde Viktor Filimonovs Mutter getötet. In Odessa. Ein Seemann hat sie abgestochen. Sie war eine Hure. Der Kerl hat ihr neunundachtzig Schnitte zugefügt. Sie ist verblutet.« »So …«, sagte der Kapitän. »Die Beamten haben Viktor mitgenommen, um seine Mutter zu identifizieren. Ich glaube nicht, dass er jemals vergessen hat, wie sie aussah, in Fetzen geschnitten, mit herausquellenden Eingeweiden, überall Blut… Manchmal hat er davon gesprochen.« »Ich möchte mehr darüber hören, später«, sagte der Kapitän. »Sie haben Ihre Sache bei der Raffinerie gut gemacht. Das Ding brennt lichterloh. Ich wollte, dass Sie das wissen.« »Ja, Kapitän.« »Wollten Sie Ihren Partner umbringen?« »Nein, Kapitän. Absolut nicht.« »Wir reden später. Sie können hinuntergehen.« Martos ging. Der Kapitän studierte das Schiff an Backbord. Es sah klein aus, etwa 15.000 Tonnen. Keinen Torpedo wert. Die konnten sie viel besser einsetzen. »Das nicht«, sagte er dem Mann, der neben ihm stand. »Lang-, same Fahrt voraus.« Der Seemann wiederholte den Befehl, und Se- kunden später spürte Pavel Saratov, wie die Diesel reagierten. Schade um den Schwimmer. Mehrere Meilen hinter ihnen stieg ein weiterer Feuerball aus dem Raffineriekomplex auf. Der Wind in seinem Haar war angenehm. Saratov inhalierte tief, schmeckte den moschusartigen Duft der Ebbe, salzige Meeresluft und den scharfen Geruch vom Land. Martos saß in der winzigen Kombüse und aß Brot, als der Sanitäter ihn fand. Die Dieselmotoren ließen das aufgetauchte Boot erbeben. Es gab gerade genug Wellen in der Bucht, um es ein bisschen hin- und herrollen zu lassen. »Sehen Sie sich das an«, sagte der Sani. Er öffnete seine Hand. »Das hatte er zwischen den Zähnen.« Es war eine rote Plastikkapsel, wasserdicht, aber aufgeplatzt. »Gift«, flüsterte Martos. »Gift?« »Eine Selbstmordkapsel. Er muss sie im Mund gehabt haben.« »Warum …« »Er muss darüber nachgedacht haben«, sagte Martos langsam. »Vielleicht hat er aus Versehen draufgebissen, als ich ihm auf den Kopf geschlagen habe. Man zerbeißt sie, und der Tod tritt fast au- genblicklich ein.« Der Sani sah Martos sonderbar an, dann wandte er sich ab. »Ein Unfall«, murmelte Martos in sich hinein. »Er muss sie sich in den Mund gesteckt haben, als wir dort gesessen und gewartet ha- ben … Oh, verdammt!« Der Name der Reporterin war Christine Soundso. Sie sah aus wie, eine Karikatur. Ihr Haar war makellos gestylt und so stark mit Haarlack eingesprüht, dass es die Fernsehscheinwerfer reflektierte. Sie trug eine Art Safarijacke, wie sie Discountläden einen Tag nach Weihnachten für ein Drittel des ursprünglichen Preises verkaufen. Eine dicke Schicht Make-up sollte offenbar die tiefen Falten um ihre Augen verdecken. Greller Lippenstift ließ ihren Mund wie eine offene Wunde wirken. Sie schaute einmal in die Kamera, dann starr- te sie Bob Cassidy an und wartete. Sie war von ihren Kollegen aus- gewählt worden, um die Fragen zu bellen, weil Cassidy nicht bereit gewesen war, seine Piloten für mehr als ein Interview zur Verfügung zu stellen. Die Fernsehscheinwerfer waren heiß. Schweiß rann Cassidy übers Gesicht. Er wischte ihn weg. Jemand musste der Reporterin etwas über den Knopf, den sie im Ohr trug, gesagt haben, denn sie be- gann zu reden. »Colonel, wenn ich recht informiert bin, führen Sie die Amerika- ner, die eingestellt wurden, um die F-22 zu fliegen?« Er nickte einmal. »Darf ich fragen, warum Sie?« Sie haben ein Arschloch ohne Familie gesucht und mich gefunden. Das sagte er natürlich nicht. »Ich habe mich freiwillig gemeldet.« »Warum?« »Warum nicht?« »Wie viele Amerikaner gehen mit Ihnen?« »Etwa einhundertfünfzig.« »Wann planen Sie, nach Russland zu fliegen?« »Bald.« »Sie sind nicht sehr gesprächig, nicht wahr, Colonel?« »Das gehört nicht zu den Qualifikationen für diesen Job.« »Wieviel bezahlen Ihnen die Russen?« »Das müssen Sie das Außenministerium fragen. Oder die Russen.« »Gerüchten zu Folge bekommen Sie für jedes Flugzeug, das Sie, abschießen, einen Bonus. Ist das wahr?« »Fragen Sie die Russen. Die unterschreiben die Schecks.« »Ist das nicht Blutgeld?« »Wenn sie es zahlen, nehme ich an, dass das Geld für das Flug- zeug ist, nicht für den Piloten. Ein Flugzeug blutet nicht, oder?« »Was hoffen Sie, in Russland zu erreichen?« »Japanische Bomber abzuschießen.« Sie gab dem Kameramann ein Zeichen, und das rote Licht an der Kamera erlosch. »Sie sind unkooperativ, Colonel.« »Wir sind hier nicht bei der NFL. Ich bin nur hier, weil das Au- ßenministerium sagte, ich solle mich zur Verfügung stellen. Ich stehe zur Verfügung.« »Ich habe darum gebeten, diese Interviews mit einer F-22 im Hin- tergrund zu machen. Sie haben das abgelehnt. Warum?« »Es sind nicht meine Flugzeuge, Ma'am.« »Wir haben darum gebeten, mit dem afrikanisch-amerikanischen Piloten zu reden. Welcher ist das?« Sie sah kurz auf ihre Liste. »Der afrikanisch-amerikanische Pilot. Das ist wirklich grotesk. Ich tue einfach mal so, als hätten Sie das nicht gesagt.« »Sie haben doch einen schwarzen Piloten, oder nicht?« »Leider nein.« »Warum nicht?« »Ich weiß nicht. Es hat sich einfach so ergeben. Ich bin politisch inkorrekt. Zerfetzen Sie mich.« »Könnten Sie nicht etwas über Russland erzählen? Vielleicht hat- ten Sie eine russische Großmutter … Etwas darüber, beim Kampf um die Freiheit zu helfen, so etwas in der Art?« Cassidy sah sie grimmig an. »Erzählen Sie das«, sagte er, nahm dann sein Mikrophon ab und stand auf. Natürlich war die Person, die die Reporterin am meisten interessierte, Lee Foy, doch der hatte kein Interesse an einem Interview. Er war unauffindbar. Cassidy, fragte Preacher Fain, wo Foy steckte, und ihm wurde gesagt: »Foy hat etwas davon gesagt, dass er sich einen Puff suchen wollte. Das soll ich dieser Reporterin sagen, wenn sie fragt.« »Okay« Anscheinend wusste die Reporterin nicht, dass er ordinierter Geistlicher war, so stellte Christine nicht all die anzüglichen Fra- gen, die Fain befürchtet hatte. Fain versuchte, fair zu spielen. Er war hier, um den Frieden der Welt sichern zu helfen und seine Pflicht zu tun, um die Aggressoren zu bekämpfen, einen amerikani- schen Verbündeten zu verteidigen et cetera. Nach fünfzehn Minuten sah Fain sehr erleichtert aus, als er aus dem Stuhl aufstand. Die meisten der Piloten erzählten Christine mehr oder weniger dasselbe, bis sie an Clay Lacy geriet. Als sie ihn fragte, warum er hier war, antwortete er: »Das Ethos der Jagdflieger hat eine zwingen- de Reinheit, einen seltenen Zug von Selbstlosigkeit und Selbstauf- opferung, was wir im modernen Leben zu oft aus dem Blick verlie- ren. Ich finde es« – er suchte nach Worten – »fast religiös. Meinen Sie nicht auch?« Christine gab ein unverständliches Geräusch von sich. Lacy fuhr fort: »Ich will wissen, wie ich einem erfahrenen, muti- gen, hingebungsvollen Krieger gegenübertreten werde, der versucht, mich zu töten. Habe ich genug Mut? Werde ich tapfer sein? Werde ich ehrenvoll kämpfen und in Ehren sterben, wenn es nötig ist? Dies sind ernste Fragen, die viele Leute in diesem verderbten Zeital- ter quälen. Ich bin sicher, Sie haben über diese Dinge schon oft nachgedacht, oder?« Christine starrte ihn mit offenem Mund an. Lacy wartete höflich. »Ich verstehe«, brachte sie schließlich hervor. »Das freut mich«, sagte er warm. »Die meisten dieser Piloten« – er machte eine verächtliche Handbewegung – »sind nichts als fliegen- de Attentäter, darauf aus, zu töten und dafür bezahlt zu werden. Sie, haben keine Ideale, keine Selbsterkenntnis, kein intellektuelles Le- ben. Ich bin nicht wie die. Ich erkunde das Innere des Menschen.« Als Lacy nach seinem Interview zum Colonel hinüberging, fragte er todernst. »Wie war ich, Sir?« »Prima, Lacy. Prima. Sie sind ab sofort unser neuer PR-Offizier.« Aaron Hudek bot eine Vorstellung, die der Lacys gleich kam oder vielleicht sogar besser war. Auf die Frage, warum er sich freiwillig gemeldet hatte, antwortete er Christine: »Das ist der einzige Krieg, den wir haben.« »Wie denken Sie, werden Sie sich fühlen, wenn Sie einen Mitmen- schen töten?« »Das wird gigantisch sein.« Hudek grinste Christine an wie ein Wolf. »Ich kann es kaum erwarten. Ich werde diese gelben japani- schen Dreckskerle derart verdammt schnell von der Matte blasen, dass sie nie erfahren werden, was eigentlich Sache war. Sie werden sehen.« Christine erholte sich schnell von ihrer Erstarrung. »Woher wol- len Sie wissen, dass nicht Sie derjenige sein werden, den es er- wischt?« »Oh, mich kann es gar nicht erwischen, Lady. Ich bin zu gut. Ich bin der Beste im Geschäft. Die F-22 Raptor ist ein tolles Gerät. Ich kann dieses Scheißflugzeug fliegen. Ich werde durch die gottver- dammten Japse hindurchrauschen wie Scheiße durch einen Ventila- tor. Kann Japse nicht ausstehen. Ich nehme an, das hat irgendwie persönlich mit mir zu tun, mit Pearl Harbor und all dieser ver- dammten unechten Höflichkeit – aber ich werde das nicht mit dem vermischen, was ich tun muss. Ich werde ganz cool bleiben und diese höflichen kleinen Drecksäcke abknallen.« Christine war sprachlos. Hudek lächelte in die Kamera, hakte sein Knopfloch-Mikrofon los, stand auf und ging, direkt an Dixie Elitch vorbei, die ihren Blick abwandte, als er sie passierte., Dixie setzte sich in den Interviewstuhl und lächelte süß, als einer der Techniker das Mikrophon befestigte. »Miss Elitch«, begann Christine. »Captain Elitch, bitte. Das ist mein Rang in der russischen Luft- waffe. Ich bin sehr stolz darauf.« Es gelang ihr, das mit dem Hauch eines russischen Akzents zu sagen. Hinter der Kamera bedeckte Bob Cassidy sein Gesicht mit beiden Händen. »Captain Elitch«, sagte Christine und lächelte spröde. »Mein ganzes Leben habe ich russische Dinge geliebt – Pelze, Wodka, Tolstoi, Tschaikovsky, Tschechow, Pawlov …« Dixies Re- pertoire von russischen Dingen war erschöpft. Sie winkte leichthin ab und fuhr fort: »Ich bin so begeistert über diese Gelegenheit, tatsächlich nach Russ- land zu gehen, um den Menschen dort in ihrer Stunde der Not bei- zustehen, dieser großartigen und doch so tragischen Nation auf meine eigene kleine Weise zu dienen und vielleicht einen Beitrag dazu zu leisten, die Sache des unterdrückten Proletariats zu fördern. Und sogar – darf ich es sagen? – die der Bourgeoisie.« »Seid ihr eigentlich alle Arschlöcher?«, knurrte Christine. »Unglücklicherweise schon, glaube ich«, antwortete Dixie Elitch. Sie blickte geradewegs in die Kamera und zeigte ihr strahlendstes »Ich hab heute Abend noch nichts vor.« – Lächeln. Als er diese Nacht zu Bett ging, ertappte sich Bob Cassidy dabei, dass er an Dixie dachte. Das ärgerte ihn. Er hatte zehntausend Din- ge im Kopf, und jetzt dachte er an eine Frau, eine, die absolut tabu für ihn war. Oh, er kannte die eiserne Regel der modernen, sexuell integrierten Streitkräfte: keine Techtelmechtel innerhalb der Truppe. Und kein Flirten, Seufzen, Verabreden, Küssen, Heiraten, Lieben – nichts von diesen Mann-Frau-Geschichten., In der schönen neuen Air Force waren die Nachtgedanken nicht mehr ganz junger Colonels an süße junge Dinger üblicherweise schnell erledigt. So etwa auf die Art ›Nehmen Sie Ihren Hut und passen Sie auf, dass sie beim Rausgehen nicht die Tür gegen den Arsch kriegen‹ erledigt. Bob Cassidy hatte sein ganzes Berufsleben in Uniform verbracht, dann und wann in der Nähe von Frauen, und hatte noch nie beim Schlafengehen an eine von ihnen gedacht. Abgesehen von Sweet Sabrina. Jede Nacht hatte er an sie ge- dacht, als sie noch lebte, und viele Nächte, als sie tot war. Er träumte oft von ihr, träumte davon, sie wieder zu berühren, davon, sie nur noch einmal zu küssen, davon, irgendwie den riesigen Ab- grund zu überbrücken, der sie trennte. Robbie war auch manchmal in diesen Träumen, saß auf Sabrinas Schoß, rannte über den Rasen oder durch das Haus oder lachte, als er kopfüber in Laubhaufen sprang. Diese Träume weckten ihn jedes Mal auf, an Schlaf war da- nach nicht mehr zu denken. Er wanderte durch das leere Haus, so unendlich allein. An jemand anderen als Sabrina zu denken, schien irgendwie illo- yal. Er versuchte, ihr Bild heraufzubeschwören, um das lächelnde Ge- sicht Dixie Elitchs zu ersetzen. Er dachte an Sabrina – oder war es Dixie? –, als er schließlich ein- schlief., 15. KAPITEL

Pavel Saratov wusste, dass viele Schiffe bei Yokohama vor Ankergingen, doch er hatte nicht gewusst, wie viele es sein würden,

bis er innerhalb der Reede war, die sich kilometerweit erstreckte. Gut über einhundert, schätzte er. Er reduzierte die Geschwindigkeit des Boots auf sechs Knoten. »Der große Frachter da, fünfzehn Grad steuerbord voraus, etwa zweitausend Meter. Container in Viererreihen an Deck. Der ist unser erstes Ziel.« Saratov trug das Kehlkopfmikrophon. Er hatte den Funker nach unten geschickt. Die einzige andere Person auf der Brücke war der Zweite Offizier, der achteraus und nach beiden Seiten nach feindlichen Flugzeugen oder Kriegsschiffen Ausschau hielt. »Wir haben ihn, Kapitän.« Im Bootsinneren verwendeten sie den Radar. Alles, was der Kapi- tän tun musste, war, ein Ziel zu bestimmen. Er hatte bereits Befehle gegeben, dass sie immer nur einen Torpedo auf einmal abschießen sollten, auf die Ziele, die er ausgewählt hatte. Er wollte soviel Scha- den anrichten wie nur möglich. Die Torpedos waren riesig – 50 Zentimeter im Durchmesser, zehn Meter lang – und hatten Sprengköpfe, die 1.250 Pfund Sprengstoff enthielten, genug, um die meisten Schiffe zu versenken. 20 Sekunden später war der erste Torpedo unterwegs. Eine Mi- nute danach feuerten sie einen weiteren Torpedo auf einen belade- nen Frachter. Der erste schlug mit einem dumpfen Krachen in das Containerschiff ein, was an Bord des U-Boots deutlich zu hören war. Der Frachter und das dritte Ziel, ein anderes Containerschiff, wurden nacheinander getroffen. Der vierte Torpedo war für ein wei-, teres Containerschiff bestimmt, ein riesiger, hell erleuchteter Kahn. Immer noch mit sechs Knoten drang das U-Boot tief in die Reede ein, auf allen Seiten umgeben von Schiffen, als die Mannschaft den fünften Torpedo auf einen monströsen Frachter abfeuerte, der tief im Wasser lag. Er war nah, fast zu nah, doch der Torpedo-Spreng- kopf explodierte mit einem dumpfen Knall, der für Pavel Saratov ziemlich befriedigend klang. Langsam, fast unmerklich, begann der Frachter in der Mitte abzusacken. Der Torpedo hatte ihm das Kreuz gebrochen. Ja! Saratov wendete, um den Ankerplatz in östlicher Richtung zu ver- lassen. Ein Torpedorohr war noch beladen. Im Torpedoraum be- gann die Mannschaft mit dem Nachladen. Es würde etwa eine Stunde dauern, um einen der riesigen Torpedos in ein Rohr zu schieben. Gut, er hatte den Japanern etwas zum Nachdenken gegeben. Zweifellos waren sie gerade jetzt dabei, ihre U-Boot-Abwehr-Kräfte zu alarmieren. Je früher er das Boot aus der Bucht brachte, desto besser. »Volle Kraft voraus«, befahl er. »Alles, was drin ist.« Sushi rief Toshihiko Ayukawa auf der sicheren Leitung zu Hause an. »Ich dachte, dass ich Sie sofort anrufen sollte. Wir haben eine Meldung eines russischen U-Boots abgefangen. Sie besagt, dass sie in der Bucht von Tokio sind.« »Was?« Ayukawa klang nun hellwach. »Es kam gerade in den Computer. Ich dachte, Sie sollten davon erfahren.« Das rohe, verschlüsselte Signal wurde von einem Satelli- ten aufgefangen und an eine Richtantenne auf dem Dach des Ge- bäudes gelenkt. Von dort gelangte es in einen Computer, der es entschlüsselte, das Russisch ins Japanische übersetzte und den Text an einen Drucker sandte. Die ganze Prozedur dauerte 35 Sekunden, – der Drucker brauchte 30 Sekunden –, wenn die Russen einen der vier Codes benutzten, die die Japaner geknackt hatten, und wenn sie ihre Nachricht richtig verschlüsselt hatten. Manchmal taten sie das nicht. »Lesen Sie es mir vor«, sagte Ayukawa. Sushi tat es. Als er fertig war, brauchte Ayukawa mehrere Sekun- den, um das Gehörte zu verdauen, und fragte dann: »Haben Sie die Streitkräfte alarmiert?« »Jawohl«, sagte Sushi verbindlich und ließ sich seine Irritation nicht anmerken. Ayukawas Frage implizierte, dass Sushi unfähig war. Anscheinend dachte Ayukawa, er hätte keine Zeit, auch nur die einfachsten Höflichkeitsformen einzuhalten. Auf jeden Fall versuch- te er es erst gar nicht. »Die Sprengsätze in der Raffinerie, die in der Meldung erwähnt werden, sind vor zwanzig Minuten explodiert. Die Lotusblüten- Raffinerie in Yokosuka. Und ein Frachter auf Reede vor Yokohama hat gerade gefunkt, dass er torpediert wurde.« »Seit wann liegt uns die Meldung des U-Boots vor?« »Sie kam vor ein paar Minuten. Ich habe die Streitkräfte angeru- fen und die Hafensicherheit und die Feuerwehr in Yokosuka alar- miert. Dann habe ich Sie angerufen.« »Sehr gut.« Zehn Sekunden Stille. »Ein U-Boot!« Ayukawa war entsetzt. Diese Trottel vom Militär hatten dem Pre- mierminister erzählt, sie hätten alle russischen U-Boote versenkt, die unterwegs gewesen waren, als der Krieg in Wladiwostok und auf der Sachalin-Insel ausbrach. Sie weigerten sich, militärische Aktiv- posten zur Bewachung der heimischen Häfen zu binden, wenn je- des Schiff gebraucht wurde, um ein Reich zu erobern. Was konnte man schließlich von Russen erwarten? Explodierende Raffinerien und versenkte Schiffe würden bewei- sen, dass die Militärs sich verrechnet hatten, würden jeden in Ver-, legenheit bringen, die Regierung würde das Gesicht verlieren. Eine weitere Katastrophe, verursacht durch maßlosen Stolz und Kurz- sichtigkeit. Atsuko Abe würde es zur Kenntnis nehmen müssen. »Ich sollte wohl besser den Minister anrufen«, sagte Ayukawa vor sich hin. Er legte ohne Abschiedsgruß auf. Sushi legte den Hörer hin und schnitt eine Grimasse. Der Zerstörer Hatakaze war 300 Meter von seinem Liegeplatz am Pier vom Flottenstützpunkt Yokosuka entfernt, als der Fernmelde- offizier sich über die Gegensprechanlage auf der Brücke meldete. Eine Blitzmeldung größter Dringlichkeit vom Hauptquartier war soeben vom Computer ausgedruckt worden: »Russisches U-Boot greift Schiffe in Yokohama an. Abfangen.« Der Kapitän der Hatakaze war keine Schlafmütze. Er beorderte seine Mannschaft auf ihre Posten, winkte den Schlepper fort und dampfte mit zunehmender Geschwindigkeit in die Bucht hinaus, so schnell die Motoren es erlaubten. Die Hatakaze war zwei Wochen lang auf See gewesen. Sie hatte an der Zerstörung der russischen Flotte teilgenommen, die in der Bucht von Wladiwostok vor sich hinrostete, und geholfen, die Truppen auf der Halbinsel zu beschießen, die versuchten, die vor- rückenden japanischen Streitkräfte zu behindern. Während all die- ser Schießerei hatte sich sein vorderes 127-mm-Mk-42-Deckgeschütz überhitzt, wodurch eine Granate verfrüht explodierte, zwei Männer tötete und weitere vier verletzte. Das Heckgeschütz funktionierte je- doch einwandfrei. Sobald Zeit dafür war, wollte der Kommandant die Hatakaze zum Überholen in den Heimathafen schicken. Wegen des Munitionsmangels war das meiste der 127-mm-Munition der Hatakaze auf andere Schiffe geladen worden, doch noch gab es ein Dutzend Granaten für die Heckwaffe an Bord. Die Hatakaze machte 20 Knoten, als der Radartechniker die Ad-, miral Kolchak in dem Wirrwarr von Schiffen und kleinen Booten or- tete. Das russische U-Boot fuhr mit 15 Knoten nach Südwesten in Richtung der Raffinerie. Das machte sie lediglich zu einem verdäch- tigen Punkt auf dem Schirm, ihr unverkennbarer S-Band-Radar be- stätigte die Identifikation. Obwohl dem U-Boot der ausgezeichnete Radar des japanischen Zerstörers fehlte, war dieser ein größeres, leichteres Ziel. Der Radar- techniker des U-Boots sah das Radarecho eines möglichen Kriegs- schiffs – ein ziemlich kleines, schnelles Oberflächenziel, das aus dem Bereich des Flottenstützpunkts von Yokosuka kam – und mel- dete es Kapitän Saratov als solches. Pavel Saratov richtete sein Fernglas nach Süden, die Richtung, die der Radartechniker angegeben hatte. Der Regen hatte aufgehört; die Sicht betrug vielleicht 15 Kilometer. Dort war der Zerstörer, mit seinen Positionsleuchten. Schließlich waren dies japanische Gewässer. Saratov hämmerte frustriert mit den Fäusten auf das Geländer der Brücke. Bald würde der Zerstörer mit seinem Deckgeschütz das Feuer eröffnen. Wenn das U-Boot tauchte, würde der Zerstörer es leicht festnageln und mit U-Boot-Abwehr-Raketen – ASROC – ver- senken können. Er hatte gewusst, dass es so enden würde. In die Bucht hineinzu- fahren, war von Anfang an ein riskantes Spiel gewesen. In Wahrheit ein selbstmörderisches Spiel. Er blickte nach Südwesten auf die in Flammen stehende Raffine- rie und den Erdgas-Tanker, der am Ende des Piers ankerte. Er hatte vorgehabt, den sechsten Torpedo auf diesen Tanker zu feuern. Ein manövrierfähiger Zerstörer, direkt von vorn, wäre ein schwieriges Ziel. Ein weiterer Blick auf den Zerstörer. »Wie groß ist die Entfernung zum Zerstörer?«, wollte er von der Wache unten wissen. »Zwölftausend Meter, Kapitän, und aufschließend. Er hat in un-, sere Richtung gedreht, Geschwindigkeit etwas über dreißig Knoten.« »Und der Tanker?« »Zweitausendfünfhundert Meter, Kapitän.« »Richten Sie eine Angriffspeilung auf den Zerstörer. Den Torpedo auf akustische Zielsuche einstellen.« »Aye, aye, Kapitän.« »Und halten Sie mich über die Entfernung auf dem Laufenden, Herrgott nochmal!« »Ja, Kapitän.« In dieser seichten Bucht zu tauchen, wäre glatter Selbstmord. Saratov verwarf diese Möglichkeit. Sehnsüchtig blickte er auf den Gastanker; so ein Ziel bekam man nur einmal im Leben. Er lag tief im Wasser, eine Tatsache, die ihm schon aufgefallen war, als er in die Bucht und auf ihn zugefahren war. Er war voll beladen. »Wir werden in Richtung des Tankers fahren und unsere Maschi- nen abstellen.« Der japanische Kapitän des Zerstörers wäre nicht so verrückt, zu riskieren, dass ein Schuss in dieses Ding ginge. Mit dem Tanker im Rücken, dachte Saratov, haben wir vielleicht eine Chance. Wenigstens konnte er seine Männer aus dem Boot und ins Wasser bringen. »Aye, aye, Kapitän.« »Dreißig Grad steuerbord, langsame Fahrt voraus.« Er hörte, wie der Befehl in der Zentrale wiederholt wurde, spürte den Bug des U-Boots herumschwingen. »Zerstörer bei elftausend Metern, Kapitän.« Saratov blickte zurück auf den näherkommenden Zerstörer. Warum schießt er nicht? Die Raffinerie brannte lichterloh. Im Feuerschein konnte er ge- rade noch die Silhouetten der Feuerwehrwagen erkennen. Die Spetsnaz-Taucher hatten wirklich ausgezeichnete Arbeit geleistet. Saratov schwang das Fernglas zum Tankerpier herum. Mehrere, Löschwagen mit blinkenden Blaulichtern waren dort sichtbar. Er fragte sich, warum sie auf dem Pier waren; dann wandte er sich an- deren Dingen zu. Er überprüfte wieder den Zerstörer. Warum schoss er nicht? Sie waren doch gewiss in Reichweite. »Zwölfhundert Meter bis zum Tanker, Kapitän.« Der Kapitän der Hatakaze konnte die brennende Raffinerie durch sein Fernglas sehen. Den schwarzen Kommandoturm des russischen U-Boots, von dem ihm seine Radarleute versicherten, dass es tat- sächlich existierte, konnte er nicht erkennen, aber er konnte das Ra- darecho auf dem Schirm direkt vor seinem Stuhl auf der Brücke se- hen. Und er konnte sehen, wie der Tankerpier und der ankernde Tanker wieder auf dem Schirm erschienen. Die Entfernung zu dem U-Boot betrug etwa 9.000 Meter. ASROC kam nicht in Frage, obwohl das Ziel innerhalb der Reichweite war. Die Rakete würde den Mk-46-Torpedo mehrere Ki- lometer weit tragen und ihn ins Wasser bringen, aber der Torpedo könnte einen der Tanker als Ziel erfassen. Kapitän Kama entschied sich dafür, das U-Boot mit dem 127- mm-Heckgeschütz zu beschießen. Viele Möglichkeiten hatte er ohnehin nicht. Er befand sich bereits in Geschützreichweite, doch er würde die Hatakaze etwa um 70 Grad vom U-Boot wegdrehen müssen, um das Geschütz einsetzen zu können. Wenn eine Granate das Ziel verfehlte, könnte sie natürlich einen Tanker treffen. Wenn der Gastanker hochging, wären die Folgen ka- tastrophal. Er beschloss zu warten. Ein paar Momente warten und beten, dass das U-Boot keinen Torpedo abfeuerte. »Torpedoköder vorbereiten«, ordnete er an. »Und halten Sie Aus- schau nach kleinen Booten. Sonar, hören Sie genau hin.« Auf Tor- pedos, meinte er. Was für ein Ort, um einen Krieg zu führen!, Der Brand in der Raffinerie wütete genauso schlimm, wie es aussah. Die Feuersbrunst ließ die Wolken rot aufleuchten und beleuchtete den Tankerpier in gespenstischem flackerndem Glühen. Zahlreiche kleine Explosionen ließen Feuerbälle in den Nachthimmel aufstei- gen. Diese Explosionen wurden verursacht, wenn das Feuer Lachen oder Wolken von Erdölprodukten erreichte, die aus zerbrochenen Tanks oder Rohren leckten. Die Feuerwehrmänner hatten keine Chance. Es gab zu viele Brän- de an zu vielen Stellen. Da die Feuer heißer und größer wurden, warf der Widerschein noch mehr Licht aufs Meer. Das U-Boot glitt an den Gastanker heran, dessen Umrisse sich vor dem Feuer dahinter abzeichneten. Saratov konnte Menschen über die Decks laufen sehen, die wahrscheinlich verzweifelt ver- suchten, das Schiff zum Auslaufen klarzumachen. Er dachte sich, dass der Tankerkapitän wahrscheinlich außer sich war. »Maschinen stopp«, sagte er zur Kommandozentrale hinunter. Das U-Boot glitt auf den Tanker zu, verlor an Geschwindigkeit. 200 Meter trennte die beiden Schiffe. »Ruder hart backbord.« Der Bug begann herumzuschwingen. »Sieht nach einem zweiten Zerstörer aus, Kapitän. Von Yokosuka. Peilung eins neun fünf, Entfernung zweiunddreißigtausend Meter.« »Halten Sie das Boot in Bewegung, Obersteuermann, etwa mit zwei Knoten.« »Aye, aye, Kapitän. Zwei Knoten.« Das Deck des U-Boots ragte kaum aus dem Wasser. Er hatte die Tanks nicht völlig ausblasen lassen. »Diesel sichern. Auf Batteriebetrieb schalten.« »Batteriebetrieb, aye.« Saratov hielt sein Fernglas auf den japanischen Zerstörer gerich- tet, der sich mit einem Kilometer pro Minute näherte. Das Klopfen, des Diesels erstarb. Er konnte das Rauschen der Luft und das Knis- tern des Feuers von der Raffinerie herhören. Irgendwo, über der Raffinerie wahrscheinlich, war ein Hubschrauber. Er hörte die Ro- toren. »Wir haben den ersten Zerstörer auf dem Sonar«, berichtete der Erste Offizier. »Bereithalten, um jederzeit Torpedo sechs auf den Zerstörer feu- ern zu können.« »Aye, Kapitän. Wir machen ihn gerade feuerbereit. Zerstörer bei siebentausend Metern.« »Wann ist der erste Torpedo nachgeladen?« »In etwa zwanzig Minuten, Kapitän.« Phantastisch! Wir haben genau einen Schuss. Wenn wir danebenschie- ßen … Der muss uns doch gesehen haben! »Alles bereit zum Feuern?« »Ja, Käpt'n.« Saratov beobachtete den Zerstörer. Er schoss nicht. Saratov dach- te, das läge daran, dass der Tanker direkt hinter ihnen lag. Er konn- te Rufe in einer fremden Sprache hören, von der er dachte, es könnte Englisch sein. Jedenfalls kein Japanisch, und ganz ver- dammt sicher kein Russisch. »Sechstausend Meter, und er wird langsamer.« Darauf hatte Saratov gewartet. Der japanische Kapitän würde bei 32 Knoten nicht viel auf seinem Sonar hören, doch die hohe Ge- schwindigkeit war ein Vorteil, wenn es darum ging, dem Torpedo auszuweichen. »Rohr sechs, Feuer!« Das Boot ruckte, als der Torpedo durch Pressluft ausgestoßen wurde. An Bord des Zerstörers Hatakaze beobachtete der Kapitän das win- zige Radarecho, das der Turm des U-Boots war. Wenn es nur tau-, chen würde, weit fort von diesem Tanker! Die Geschwindigkeit des Zerstörers verursachte zu viel Turbulenz und Lärm für das im Bug montierte Sonar, so dass er angeordnet hatte, die Geschwindigkeit des Schiffs zu verlangsamen. Die Fahrt nahm jetzt ab. »Torpedo im Wasser!« Der Ruf des Sonartechnikers elektrisierte jeden. »Hart steuerbord, volle Kraft voraus«, befahl Kapitän Kama. »Neuer Kurs null neun null. Torpedoköder einsetzen. Heckgeschütz, Feuer frei, sobald Ziel erfasst ist.« Das Deck neigte sich steil auf die Seite, als der Zerstörer dem Ru- der folgte. »Er dreht nach Osten, Kapitän«, meldete die Wache Saratov, der immer noch mit seinem Fernglas an den Augen auf der Brücke stand. »Das sehe ich, gottverdammt. Geschwindigkeit?« »Vierzehn Knoten. Seine Maschinen machen einen Höllenlärm. Ich denke, er beschleunigt.« Der Zerstörer war jetzt fast quer ab. Ein Aufblitzen des Ge- schützes auf dem Achterdeck! Sogar mit diesem Tanker direkt hin- ter dem U-Boot schießt er! »Alarm! Fluten!« Saratov nahm den Kopfhörer ab. Hanecki verschwand bereits durch die Luke. Das Deck kippte nach vorn. Saratov krachte durch die Luke und zog sie hinter sich zu, gerade als das erste der 15-Zen- timeter-Geschosse ins Wasser schlug … direkt neben den Turm. »Periskoptiefe!« »Periskoptiefe, aye.« Sie konnten hören, wie die Geschosse ins Wasser klatschten. Ver- dammt, der Beschuss war gut gezielt. »Laufzeit des Torpedos?« »Noch dreißig Sekunden.« »Neunzig Grad steuerbord. Sagen Sie dem Torpedooffizier, er soll, so schnell wie möglich ein Rohr nachladen lassen.« »Aye, aye, Kapitän.« »Danke, Nummer Eins.« Sie hatten so gut wie keine Chance. Er war noch nicht bereit, es ihnen zu sagen, aber wenn der letzte Torpedo sein Ziel verfehlte, wollte er das Boot neben den Tanker an die Oberfläche bringen und es aufgeben. Er wollte seine Männer nicht in dieser Sardinen- büchse sterben lassen, wenn ihnen nichts blieb, womit sie kämpfen konnten. Er dachte darüber nach, beobachtete, wie sich der Steuerkurs än- derte, als das Boot sich drehte, und wartete darauf, dass das Boot die letzten anderthalb Meter auf Periskoptiefe sank, als er die Ex- plosion hörte. Der Torpedo! Er hatte etwas getroffen. Aber was? Die Männer jubelten. Brüllten vor Freude. »Ruhe!« »Weiter hart steuerbord, Obersteuermann, volle dreihundertsech- zig Grad. Langsame Fahrt voraus. Das große Periskop ausfahren.« Er drückte sein Auge an das große Periskop, als es aus dem Schacht kam. Das kleine Angriffsperiskop war bei Nacht fast nutzlos. Der Zerstörer machte noch Fahrt. Zumindest die vordere Hälfte. Das Heck … Allmächtiger! Der Torpedo hatte es weggerissen. »Der Torpedo hat dem Zerstörer den Arsch weggepustet«, berich- tete Saratov der Mannschaft. »Weitersagen. Er brennt und sinkt.« Als das Geflüster und Gemurmel erstarb, fragte Saratov: »Sonar, was hören Sie?« »Nicht viel, Kapitän. Der Gastanker hat seine Maschinen gestar- tet. Er will auslaufen, denke ich.« »Lassen Sie uns hier abhauen, Kapitän, so lange wir noch leben.« Der Zweite Offizier sagte das. Er war blass wie ein Gespenst. Saratov blickte von einem Gesicht zum anderen. Mehrere Män- ner wandten den Blick ab; einer kaute auf seiner Lippe. Die meisten jedoch erwiderten seinen Blick. Der Zweite Offizier musste ständig, schlucken – wahrscheinlich würde er gleich kotzen. Saratov nahm das Mikrophon für die Bordsprechanlage des Boots vom Haken, betätigte den Schalter und stellte die Lautstärke ein. »Hier spricht der Kapitän. Männer, das haben Sie gut gemacht. Wir haben den Feind schwer getroffen. Wir haben eine riesige Raffi- nerie zerstört, mindestens drei Schiffe versenkt und zwei weitere be- schädigt. Wir haben gerade einen Zerstörer versenkt, der uns zu töten versucht hat. Ich bin stolz auf jeden Einzelnen von Ihnen. Es ist eine Ehre, Ihr Kapitän zu sein.« Er machte eine Pause, holte tief Luft und überlegte, was er sagen wollte. »Wir werden in ein paar Momenten auftauchen und sehen, ob wir diesen Gastanker dort drüben in Brand schießen können; dann werden wir diese Bucht verlassen und ins offene Meer auslau- fen.« Der Zweite Offizier verlor die Beherrschung und übergab sich in seine Mütze. »Tun Sie Ihre Pflicht. Tun Sie das, wofür Sie ausgebildet wurden. Das ist unsere beste Chance.« Er hängte das Mikrophon in seine Halterung zurück. »Da oben ist noch ein Zerstörer, Kapitän.« »Ich weiß.« Saratov sah den Ersten Offizier an und senkte die Stimme. »Stellen Sie den Radar aus. Ohne Radar sind wir nur ein winziges Radarecho mehr.« »Solange wir wenig Fahrt machen«, murmelte Askold. »Sonar, wie ist die Entfernung zum zweiten Zerstörer?« »Ich schätze, zwanzigtausend Meter, Kapitän. Es ist schwer, das genau zu sagen, bei all dem Lärm im Wasser.« »Weiter zuhören.« »Sollen wir eines der Bugrohre nachladen, ehe wir auftauchen, Ka- pitän?«, fragte Askold., »Ich denke, die Japaner werden die Zeit besser nutzen, als wir es können. Jeder Zerstörer, den sie haben, wird an der Buchteinfahrt postiert sein, wenn wir ihnen genug Zeit lassen.« Er hob die Stim- me. »Sonar, lassen Sie den Radar aus. Keine Emissionen.« »Aye, aye, Kapitän.« »Im vorderen Torpedoraum die Raketen klarmachen lassen. Wir werden auftauchen, die vorderen Tanks anblasen. Dann die Luke auf und ein Mann auf Deck mit einem RPG-9. Wir versuchen es einfach mal damit.« Wenn die Raketen versagten – und wahrscheinlich würden sie nicht einmal zünden, er hatte sie seit sechs, nein, sieben Jahren – würde er es gut sein lassen und machen, dass sie hier wegkamen. Die Torpedo-Männer würden bald eines der Rohre nachladen, und, Junge, es wäre wirklich schön, einen Fisch im Rohr zu haben, wenn er die Bucht verließ. »Periskop raus.« Er sah sich um, während der Erste Offizier mit dem vorderen Torpedoraum redete. Der Bug des Zerstörers brannte, Tote trieben im Wasser. Das Heck schien gesunken zu sein. Der Tanker lag noch am Pier, das Feuer in der Raffinerie war im Hintergrund deut- lich sichtbar. Der zweite Zerstörer war nicht in Sicht. Wenn der Ka- pitän auch nur ein bisschen Verstand hatte, würde er sich an der Einfahrt zur Bucht postieren und darauf warten, dass das U-Boot zu ihm kam. Er gab dem Steuermann einen neuen Kurs nach Nordosten an, damit der Gastanker auf der Backbordseite zu liegen kam. Die Ha- takaze war drei oder vier Kilometer südöstlich, das Wrack spielte also keine Rolle. In einer Stunde würde der Himmel von der Morgendämmerung erhellt werden, und wahrscheinlich würden vier Zerstörer auf sie warten. Pavel Saratov fuhr das Periskop ein und gab Befehl, aufzutau-, chen. Saratov öffnete die Luke und kletterte die Leiter hinauf zu der win- zigen Brücke oben auf dem Turm. Der Zweite Offizier folgte und nahm seine übliche Position ein, hielt nach achtern und zu beiden Seiten Ausschau. Der Tanker lag backbord voraus, etwa 800 Meter entfernt. Das Feuer in der Raffinerie brannte noch heller als vor 15 oder 20 Minuten. Mehrere Bereiche, die zuvor nicht gebrannt hatten, standen jetzt in Flammen. Er konnte das Brüllen des Feuers hören, über fast einen Kilometer hinweg. Der Feuersturm hörte sich an wie Regen und Wind in einer wilden Nacht auf See. Sogar die Wolken schienen zu brennen. Schwefelhaltige Rot-, Orange- und Gelbtöne durchschossen sie und verliehen der Ober- fläche des schwarzen Wassers einen höllischen Glanz. Das U-Boot lag träge auf dem öligen Meer. Im Bootsinneren blies die Mann- schaft Wasser aus den vorderen Tanks, um das Deck anzuheben, damit es nicht mehr überspült wurde. Saratov und der Zweite Offi- zier suchten die Bucht nach dem Zerstörer ab, von dem sie wuss- ten, dass er irgendwo dort draußen war. Die Unterseite der bren- nenden Wolken lag etwa 300 Meter über dem Wasser, und die Sicht betrug gut 16 Kilometer. »Wer schießt?«, fragte Saratov durch das Kehlkopfmikrophon. »Senka. Er kennt sich aus.« »Rauf mit ihm auf Deck. Wir haben nicht die ganze verdammte Nacht Zeit.« Das hätte er nicht sagen sollen. Hätte die Männer nicht wissen lassen sollen, dass er unter Druck stand. Wo zur Hölle ist dieser Zerstörer? Als er das Fernglas absetzte, war ein Mann auf Deck, der in die Luke hinuntergriff. Als der Mann sich aufrichtete, hielt er ein klobi-, ges Rohr in den Händen. Er hob es auf seine rechte Schulter. Die Batterien in den Granatwerfern waren vermutlich ebenso tot wie Lenin. Senka verschwendete keine Zeit. Er stützte sich ab, zielte auf den Tanker und feuerte. Die Batterien funktionierten. Die raketengetriebene Granate raste mit einem Feuerschweif davon, der die Nacht zerriss. Wie eine Ge- wehrkugel flog sie über das Wasser, genau auf den riesigen Stahlbe- hälter zu, der das flüssige Erdgas enthielt. Ein Blitz. Das war alles. Zwei Kilo Sprengkopf in einem Blitz, dann nichts. »Versuch eine andere. Feuer noch eine ab.« Wenigstens erreichte die Rakete das Ziel, das ein bisschen außer Reichweite war, wie Saratov gefürchtet hatte. Die Sprengladung muss einen Träger oder so etwas getroffen haben, dachte Saratov und betrachtete den Tanker durch sein Fernglas. Er konnte gerade eben das feine Gitterwerk der Träger erkennen, die den Druckbehäl- ter abstützten. Wenn die Granate den Druckbehälter nicht tatsäch- lich erreichte, würde der Sprengkopf ihn nie beschädigen. Senka verlor keine Zeit. Anscheinend wusste er, worum es ging. Er hob den Granatwerfer auf seine Schulter; dann untersuchte er ihn und warf ihn ins Wasser. Er langte in die Luke hinunter … nach einem dritten. Senka feuerte erneut. Das Geschoss zündete und raste über das schwarze Wasser in Richtung Tanker. Wieder der Blitz eines Ein- schlags. Dann nichts. »Versuchen Sie die Letzte; dann fahren wir hier raus.« »Noch fünf Minuten für den Torpedo, Kapitän.« Saratov bestätigte. Wo ist dieser zweite Zerstörer? Ein Aufblitzen an steuerbord. Saratov schaute hinüber. Er sah einen Zerstörer, der direkt auf sie, zukam. Ein weiteres Aufblitzen des Buggeschützes. Ein Geschoss schlug ins Wasser vor dem U-Boot. Saratov war schon im Begriff »Alarm!« zu brüllen, doch er sah, wie Senka sich dem Tanker zuwandte und den Granatwerfer auf die Schulter hob. Saratov öffnete gerade den Mund, als eine Granate die hintere obere Ecke des Turms traf und explodierte. Ein Stück Schrapnell traf den Kapitän seitlich am Kopf; er verlor das Bewusstsein. Das Schrapnell riss dem Zweiten Offizier den Leib auf und tötete ihn auf der Stelle. Der Erste Offizier langte durch die Luke hinauf und packte Sara- tov an den Knöcheln. Er griff fest zu und zog den Kapitän in die Luke, als Senka auf Deck die letzte RPG-9 abfeuerte. Dieses Mal durchschlug die Rakete das Gitterwerk, das den Druckbehälter stützte, bohrte ihren Sprengkopf in den Behälter und durchbrach ihn. Der hohe Druck im Behälter ließ das flüssige Erdgas mit Über- schallgeschwindigkeit mit einem hohen, ohrenbetäubenden Pfeifen herausspritzen. Mehrere Männer auf dem Tanker hörten es. Es war das letzte, was sie jemals hören würden. In weniger als einer Sekun- de hatte sich außerhalb des Lochs, das glühend heiß vom Spreng- stoff war, eine große Wolke Erdgas gebildet. Der Feuerball dieser Explosion wuchs und wuchs; dann barst der Druckbehälter. Eine Tausendstelsekunde später detonierten 6.000 Tonnen flüssiges Erdgas. Es war die schlimmste Explosion, die Japan seit dem Atombom- benabwurf auf Nagasaki erlebt hatte, und fast ebenso heftig. Der Tanker verdampfte in einem Feuerball, wie vieles am Tankerpier. Einer der Tanker, der dort ankerte, nahm gerade Benzin auf, das ebenfalls explodierte und der Explosion zusätzliche Kraft verlieh. Der andere Tanker, der Rohöl auslud, war durch die Explosion auf- geplatzt wie eine auf Beton gefallene Wassermelone. Seine Fracht, entzündete sich umgehend. Die Erschütterung und Hitzewelle der Anfangsdetonation machte die Reste der Raffinerie dem Erdboden gleich. Die Erdölprodukte, die noch nicht verbrannt waren, verstärkten lediglich die Wucht des sich ausdehnenden Feuerballs. Natürlich wurden die Menschen auf den Tankern, auf dem Pier und die Feuerwehrmänner in der Raffi- nerie sofort eingeäschert. Als die Erschütterung das 800 Meter entfernte U-Boot erreichte, wurde Michman Senka, der die letzte RPG-9 abgeschossen hatte, über Bord gefegt. Es hatte für Senka keine Bedeutung mehr, weil er bereits tot war, verbrannt von der Hitzewelle der Explosion. Die Hitzewelle erhitzte die schwarze Stahlhülse des Boots und ließ die Wassertropfen und -rinnsale auf dem Deck sofort verdampfen. Eine Zehntelsekunde später zerbeulte die Druckwelle den Turm, riss ein Dutzend der schallisolierenden Kacheln los, die die Haut des Boots bedeckten, und drückten das Boot auf die Seite. Pavel Saratov bekam von all dem nichts mit, weil er bewusstlos war. Irgendwie gelang es dem Ersten Offizier, ihn durch die Luke zu ziehen, als das Boot sich auf die Seite legte. Eine Tonne Wasser kam herein, bevor sich das Boot wieder aufrichtete. Wasser strömte durch die Luke im vorderen Torpedoraum und hätte das ganze Boot überflutet, wenn es noch länger auf der Seite gelegen hätte. Wie durch ein Wunder richtete es sich wieder auf, und die Män- ner im vorderen Torpedoraum konnten die Luke schließen und sichern. Im Turm kämpften die Männer mit der Luke und konnten sie gerade zuziehen, als die zweite Druck- und Flutwelle der Explo- sion über das Boot hinwegging und es zum zweiten Mal auf die Seite drückte. Als der Kapitän des Zerstörers Shimakaze, der das russische U- Boot anging, sah, wie der Feuerball in die Höhe wuchs und sich ausdehnte, war sein erster Gedanke, dass eine der Granaten seines Deckgeschützes den Tanker getroffen hatte und genau das Unglück, eingetroffen war, vor dem er die Artilleristen gewarnt hatte, falls sie eine Chance zum Feuern bekämen. Die Hitzewelle entzündete die Farbe am Rumpf des Zerstörers. Die Druckwelle zerschlug die Brückenfenster und beulte das Stahl- blech ein, als ob es von Thors Hammer getroffen worden wäre. Da der Zerstörer mit dem Bug voran in die Druckwelle hineinfuhr, richtete die erste Welle nur schweren Schaden an seinem Überbau, seinem Radar und seinen Antennen an. Der Steuermann wurde durch Glassplitter getötet. Sterbend hielt er das Steuerrad fest und sank zu Boden. Mit über zwanzig Knoten drehte der Zerstörer bei. Als die zweite Druckwelle ihn traf, krängte das Schiff schwer, rich- tete sich dann auf. Die Flutwelle, die folgte, drückte es jedoch auf die Seite. Im Gegensatz zu dem U-Boot kam es nicht wieder hoch. Der Feuerball des Tanks dehnte sich aus und wurde heißer und heißer, größer und größer. Die Temperatur im U-Boot stieg drama- tisch an – bis die Männer halbgar gekocht in einem 60 Grad hei- ßen Ofen saßen. Dann fiel die Temperatur wieder, jedoch nicht so schnell, wie sie zugenommen hatte. Minuten später war die Temperatur im Boot fast wieder normal und der Erste Offizier stieg zur Brücke hinauf, um den Schaden zu begutachten. Aufgewühltes schwarzes Wasser wogte über der Stelle, wo Tanker und Pier gewesen waren. Sämtliche kleine Boote, die im Wasser der Bucht verstreut gewesen waren, waren verschwunden. An drei oder vier Stellen schien das Wasser selbst in Flammen zu stehen, dort brannte Benzin und Rohöl. Die Küste … die Stadt stand in Flammen, sieben Kilometer in bei- den Richtungen. Hitze- und Druckwelle hatten ganze Arbeit geleis- tet. Die durch das Feuer erzeugten Sturmböen hatten den Rest er- ledigt. Das Hauptperiskop war verbogen, das Glas geborsten. Ob von dem 15-Zentimeter-Geschoss des Zerstörers oder der Explo- sion, konnte Askold nicht sagen. Vom Zweiten Offizier fehlte jede Spur, dessen Leiche, wie die Senkas, ein Seemannsgrab gefunden, hatte. Der Erste Offizier befahl eine Kursänderung und mehr Geschwin- digkeit. Wegen des zerstörten Hauptperiskops ließ er das Boot an der Oberfläche. Von seinen Dieselmotoren mit zwanzig Knoten vorangetrieben, fuhr die Admiral Kolchak südwärts die Bucht hinunter und lud da- bei die Batterien auf. Als das erste Licht der Morgendämmerung am östlichen Himmel erschien, rollte sie in den Wellen des Pazifik. Askold ließ das Boot tauchen. Es war ein winzig kleines Boot, das durch einen großen gewaltigen Ozean schwamm, und als es unter der Oberfläche verschwand, war es, als ob es nie existiert hätte. 16. KAPITEL

Die Wochen, die der Katastrophe in der Bucht von Tokio folg-ten, lasteten schwer auf Premierminister Atsuko Abe. Mindes-

tens 155.000 Menschen waren bei den Explosionen und Bränden umgekommen, die zwei Tage lang außer Kontrolle in Yokosuka ge- wütet hatten. Katastrophenhelfer schätzten, dass es 100.000 Verletz- te gab; mindestens die Hälfte der Verletzungen waren Verbrennun- gen. Getreu seinen Befehlen hatte der Dienst habende Offizier im Verteidigungsministerium sowohl Premierminister Abe als auch den Stabschef der japanischen Streitkräfte zu Hause angerufen, als der Brand der Raffinerie von Yokosuka gemeldet worden war. Sie saßen im War Room, als der Erdgastanker explodierte. Während die Berichte hereinkamen wurde kaum gesprochen. Ein Fernsehsender startete eilig seinen Hubschrauber. Bald flimmerten, erschütternde Panoramabilder über die Großbildschirme, die an strategischen Stellen überall im Raum standen. Grelle, grässliche Feuerstürme überall, ein Meer von Flammen und Zerstörung – das waren die Bilder, die sich in das Gedächtnis der Männer im Raum und der japanischen Öffentlichkeit einbrann- ten, weil diese Szenen auch landesweit live im Fernsehen gezeigt wurden. Obwohl Abe nicht wollte, dass die Öffentlichkeit Zeuge dieser Katastrophe wurde, war er machtlos, die Fernsehsender an der Aus- strahlung zu hindern, es sei denn, er verhängte das Kriegsrecht, was er nicht tat. Er wollte nicht zugeben, dass die Situation in der Me- tropole Tokio der Kontrolle der Zivilregierung entglitten war. Je- denfalls jetzt noch nicht. Im ersten Moment wollte der Premierminister ein Erdbeben für die Katastrophe verantwortlich machen. Ein Erdstoß hätte den fa- talen Schaden an der Raffinerie verursacht, die schließlich mit kata- strophalen Folgen explodiert wäre. Das wäre eine gute Geschichte gewesen, und sicher plausibel, aber leider bewies das Videoband des Fernsehhubschraubers, dass das Feuer an mehreren verschiedenen Stellen und wenigstens eine halbe Stunde vor der verheerenden Ex- plosion ausgebrochen war, die die Raffinerie und mehrere Quadrat- kilometer der nahegelegenen Stadt zerstört hatte. Außerdem gelang es dem Kameramann im Hubschrauber dum- merweise, mehrere Minuten vor der fatalen Detonation das russi- sche U-Boot zu filmen. Es lag an der Meeresoberfläche, dicht bei dem Tanker, eine deutlich erkennbare schwarze Form, die sich ziemlich auffällig im Feuerschein vom schwarzen Wasser abhob. Als der Gastanker hochging, wurde der Hubschrauber auf die Erde geschleudert und zertrümmert, als wäre er ein Spielzeug in den Händen irgendeines fürchterlichen japanischen Filmmonsters. Natürlich machte der Fernsehsender ein Band aus dem Videomate- rial; sie spielten die Aufnahmen von dem U-Boot wieder und wie-, der ab. Das Boot dümpelte böse dort in der Dunkelheit, sein Deck vom Wasser überspült, seine Silhouette eine ominöse schwarze Form inmitten des Feuerscheins der Massenvernichtung. Die öffentliche Stimmung, düster genug nach Bekanntgabe der Invasion Sibiriens, wurde noch düsterer. Die Erinnerung an die B- 29-Feuerbombenangriffe im Zweiten Weltkrieg war noch zu frisch. Fernsehbilder von brennenden Städten, mit der Nation wieder im Krieg, hypnotisierten die Japaner. Der Alltag der Nation kam zum Stillstand, während sie voll Entsetzen zusah. Wer war dafür verantwortlich? »Atsuko Abe ist für jeden toten Japaner verantwortlich und für jeden verwundeten, verstümmelten Überlebenden.« Ein führendes Mitglied einer Oppositionspartei sprach diese of- fensichtliche Wahrheit aus; diese scharfe Äußerung wurde ebenfalls landesweit von den Fernsehsendern ausgestrahlt. Ein anderer promi- nenter Politiker fügte nüchtern hinzu: »Es scheint, dass unsere Füh- rer die militärische Kapazität der Russen unterschätzt haben.« Abes Reaktion auf diese Kritik war, nach Möglichkeiten zu su- chen, um die ungesunde Fixierung der Öffentlichkeit auf diesen U-Boot-Angriff, die ausgebrannte Stadt und die Opfer zu beenden. Er forderte Gesetze, um die Presse zu zensieren, um eine Verbrei- tung von negativen Kommentaren zu verhindern. Seine Partei hatte eine ausreichende Mehrheit in der Diet, um das durchzusetzen. Da- nach sendete das Fernsehen wieder Baseball und Spielfilme; vermie- den die Zeitungen jegliche Erwähnung des Krieges, abgesehen von den vom Verteidigungsministerium freigegebenen Nachrichten, die sie ohne Kommentar abdruckten. Obwohl er seinen Willen durchgesetzt hatte, war Abe Politiker ge- nug, um zu merken, dass er wertvolles politisches Kapital aufge- wandt hatte, das er später brauchen könnte, doch er sah keine Al- ternative. Wenn die Öffentlichkeit das Vertrauen in die Kriegsan- strengung verlor, bevor die Eroberung gesichert war, wären er und, alles, was er zu erreichen versucht hatte, zum Scheitern verdammt. Der einzige Vorteil des Zensur-Fiaskos war, dass die tägliche Liste von Opfern aus Sibirien von den Titelseiten der Nation verschwand. Japanische Truppen stießen auf unerwartet heftige Gegenwehr von schlecht ausgerüsteten russischen Einheiten, Einheiten, die fast als Guerilla bezeichnet werden konnten. Selbst ohne die täglichen To- deslisten schien die Öffentlichkeit zu spüren, dass die Dinge nicht besonders gut liefen. »Wo schlagen die Russen als Nächstes zu?« Überall in Japan stellte man sich diese Frage. Es gab natürlich kei- ne Antwort. Befürworter Abes bezichtigten die Zweifler, unpatrio- tisch zu sein. Die Stimmung wurde noch hässlicher. Ein Teil des Problems war die Wirtschaft. Japans Börse war von Abes Regierung schnell geschlossen worden, als Krieg ausbrach. In der realen Wirt- schaft gingen die Dinge rasch zum Teufel. Die Nachfrage nach ja- panischen Waren in den Vereinigten Staaten, Japans größtem aus- ländischen Markt, ging dramatisch zurück. Nach der U-Boot-Kata- strophe weigerten sich Schiffseigner, die Rohstoffe und Güter zu transportieren, die die Fabriken laufen und Leute essen ließen. Still- stehende Fabriken entließen Arbeiter in riesiger Zahl. Atsuko Abe rang auch mit diesen Problemen. Er und General Ya- mashita, der militärische Stabschef, glaubten, dass das Militär die Fabriken und Schiffe der Nation übernehmen sollte. Diesem Schritt widersetzten sich wichtige Mitglieder von Abes Partei heftig, die da- rauf hinwiesen, dass der Krieg die Wirtschaft zu stimulieren habe, statt sie abzuwürgen. »Warum ist es so«, fragte Abe die leitenden Mitglieder seiner Par- tei scharf, »dass jeder ein Patriot ist, wenn Patriotismus nichts kos- tet, doch wenn er seinen Preis hat, findet er keine Freunde?« Im westlichen Russland war das Leben noch schwieriger geworden,, als es vor dem japanischen Überfall gewesen war. Große Massen von Menschen hungerten immer noch, Fabriken standen immer noch still und zivile Wirtschaftsprojekte wurden eingestellt. Jeder Einzelne wurde ausgepresst, als das Militär langsam und erbar- mungslos jeden Aspekt des Lebens übernahm. Jeder Mann zwi- schen achtzehn und fünfundzwanzig, der eine Musterung über- stand, wurde einberufen und in Rekrutendepots geschickt, um dort auf Waffen und Ausrüstung aus veralteten, heruntergewirtschafteten Fabriken zu warten, die per Verordnung wieder in Betrieb genom- men worden waren. Alles – Nahrung, Treibstoff, Kleidung, Unter- kunft – wurde rationiert. Die zensierten Medien druckten nur Pro- paganda. Ein Volk mit wenig Hoffnung konnte zusehen, dass es mit seinem Land immer mehr bergab ging. Die Nachrichten von der Verwüstung der Bucht von Tokio durch ein russisches U-Boot schlugen in diesem Russland mit einer phan- tastischen Wirkung ein. Bilder der Admiral Kolchak und ein Akten- foto von Pavel Saratov in Galauniform wurden in den Zeitungen gedruckt, als Plakate verwendet und endlos im Fernsehen gezeigt. Die dürftigen biographischen Fakten aus Saratovs Marine-Personal- akte blähte man auf zehntausend Worte auf, die in jeder russischen Zeitung westlich des Urals gedruckt wurde. Der Tod Unschuldiger in Japan war entsetzlich, erschreckend, aber das Bild einiger weniger tapferer Männer in einem kleinen U-Boot, das sich in die japani- sche Hochburg schlich, um dem arroganten, großspurigen Tyran- nen einen vernichtenden Schlag zu versetzen, ließ die russischen Herzen, die nach guten Nachrichten hungerten, höher schlagen. Die Presse in Europa, in Nord- und Südamerika und in Australien nahm die Geschichten auf und verbreitete sie weltweit. Innerhalb von vier Tagen nach der Katastrophe war Pavel Saratov der bekann- teste lebende Russe der Welt. Während dieser Orgie von Patriotis- mus versuchte Marschall Oleg Stolypin, das nötige Kleingeld für die Verteidigung der Nation aufzutreiben. Wenn er nachts im Bett, lag und zu schlafen versuchte, hatte Stolypin Visionen von japani- schen Panzern, die der Eisenbahn westwärts bis nach Moskau folg- ten. Er erwachte mit den Alptraumbildern von japanischen Panzern auf dem Roten Platz im Kopf. Es gab nicht genug Truppen, um die Japaner aufzuhalten, wenn sie das wirklich tun wollten. Anschei- nend waren die Japaner nicht kühn genug, um alles in einem wil- den Ausfall nach Westen zu riskieren. Oder nicht dumm genug. Blind ins Unbekannte vorzustoßen, sagte auch Stolypins militäri- schem Verstand nicht zu. Der alte graue Marschall glaubte nicht an Glück. Im Gegensatz zu dem früheren Marschall Ivan Samsonov war Stolypin kein brillanter Kopf. Er war schlau genug, doch er musste Situationen sorgfältig überblicken, alle Risiken abwägen, die Möglichkeiten überdenken. Sobald er jedoch sicher war, dass er richtig lag, war er eine unwiderstehliche Kraft. Stolypin hatte schnell einen erfahrenen Stab um sich versammelt, der den wahren Zustand der russischen Armee kannte. Bewaffnet mit Verordnungen des Präsidenten und frisch gedrucktem Geld, waren Waffen und Ausrüstung aus den Lagern geholt und an die Truppen und neuen Rekruten ausgegeben worden, neues Gerät wur- de eilig produziert und das Transportsystem drastisch und rück- sichtslos überholt. Der Marschall konzentrierte sich auf den Ausbau seiner militäri- schen Stärke. Jeder Plan, den er machte, würde von der Streitmacht abhängen, die ihm zur Verfügung stand. Die Streitkräfte zu vergrö- ßern, war für ihn erste Priorität. Seine zweite Priorität galt der Unterstützung jener Kräfte in Sibi- rien, die den Japanern im Augenblick Widerstand leisten könnten. Männer, Waffen, Munition und Lebensmittel wurden per Lastwa- gen, Zug und Flugzeug nach Osten geschickt. Der Marschall wusste sehr gut, dass die mageren Streitkräfte in Sibirien die Japaner nicht besiegen konnten, aber um der Volksseele willen mussten sie kämp- fen., Eines Tages suchte Stolypin Aleksander Kalugin auf, um die mili- tärische Situation zu erörtern. Der Präsident sichtete Zeitungsaus- schnitte und betrachtete drei Fernseher gleichzeitig, als Stolypin ihn aufsuchte. »Saratov hat das russische Volk vereinigt«, murmelte Kalugin und schwenkte eine Hand voll Ausschnitte. »Sie lieben ihn.« Einige Minuten später bemerkte der Präsident ohne erkennbaren Bezug: »Der Mann, der Japan zermalmt, wird Russland in seiner Hand halten.« Zerstreut hörte er Stolypins Bericht zu. »Wir werden verlieren, nicht wahr?«, fragte er an einem Punkt scharf nach. »Die Japaner ziehen massive militärische Verteidigungslinien, um die Ölfelder um Yakutsk und auf der Sachalin-Insel zu schützen. Sie graben sich um Chabarowsk herum ein, mit Nachschub und Aus- rüstung für einen Vorstoß das Amur-Tal hinauf. Mein Stab und ich glauben, dass sie so weit wie möglich nach Westen zum Baikalsee vorstoßen wollen, ehe der Winter kommt, dass sie dort ihre vorder- ste Verteidigungslinie ziehen wollen.« Während er sprach, schüttelte Kalugin die meiste Zeit mit ge- schlossenen Augen langsam den Kopf. »Im Kongress werden Fragen gestellt«, sagte er. »Die Abgeordneten wollen Fortschritte auf dem Weg zum militärischen Sieg sehen. Unsere gegenwärtigen Aktionen kleiner Einheiten belästigen die Japaner nur. Die Hälfte Sibiriens abzutreten, ist keine Option für uns.« »Herr Präsident, wir haben nicht die Truppen, um –« »Die Leute wollen Taten sehen! Die Abgeordneten fordern Taten! Ich fordere sie von Ihnen!« Stolypin wusste nicht, was er sagen sollte. Er geriet nicht in Panik – Panik kannte er nicht. Er wiederholte für den Präsidenten die Wahrheit. »Wir tun alles, was wir können. Jeden Tag werden wir stärker; jeden Tag sind wir einen Tag näher am Sieg.«, Kalugin fuhr von seinem Stuhl hoch und schrie: »Lügen, Lügen, Lügen! Jeden Tag dringt die japanische Armee tiefer in Russland ein. Ich habe mir Ihre verlogenen Versprechen lange genug ange- hört.« Er wirbelte zu dem alternden Marschall herum, trat ihm gegen- über. »Wir müssen die Gunst der Stunde nutzen. Dieser Moment der Geschichte ist ein Geschenk; wir müssen ihm mit kühner Ent- schlossenheit ins Gesicht sehen. Wir dürfen nicht vor unserer Pflicht zurückschrecken.« Kalugin hob die Hand vors Gesicht und starrte sie an. »Wir müssen mit aller Kraft und Macht zuschlagen, die wir besitzen. Der Mann, der zuerst zuschlägt, wird siegen.« Damit schlug er mit der Faust auf einen Glastisch, der in tau- send Stücke zerbrach. »Der Preis ist Russland, das ganze Russland. Der Mann, der sich weigert, vernünftig zu sein, wird triumphieren. So ist das im Krieg. Atsuko Abe weiß das. Er hat auch von Dschingis Khan gelernt.« »Herr Präsident, wir bekämpfen die Japaner mit all unserer Kraft.« »Nein! Nein, Marschall Stolypin, das tun wir nicht. Wir haben zehn Atomwaffen. Wenn diese Waffen in Japan explodieren, dann …« Kalugin schnaufte heftig. »Dann wird der Sieg unser sein. Wir müssen überwältigende militärische Macht anwenden. Schwä- che führt sie lediglich in Versuchung, Marschall. Ich habe diese Dinge studiert. Ich weiß, dass ich richtig liege. Wir müssen unsere Feinde vernichten. Dann wird Russland mein sein.« Einer der Männer, mit denen sich Stolypin jeden Tag traf, war Ja- nos Ilin. Ilin unterrichtete ihn über den Umfang des japanischen Vormarschs in Sibirien. Er war bemerkenswert gut informiert. Au- ßerordentlich gut. Er kannte die Namen der japanischen Einheiten, wusste, wie viele Männer sie hatten, wieviel Gerät, selbst die Namen der Kommandanten. All diese Informationen nutzte er, um für den, Marschall taktische Landkarten zu skizzieren, welcher jeden freien Moment damit verbrachte, diese zu studieren. Einmal fragte der Marschall Ilin. »Woher kommen all die Infor- mationen? Ich habe gar nicht gewusst, dass der ausländische Nach- richtendienst solch eine Wissensquelle ist. Ich kann nicht einmal re- gelmäßig mit meinen Einheiten kommunizieren, und Sie scheinen diese Landkarten jeden Morgen aus Tokio zu bekommen.« »Marschall, Sie wissen sehr gut, dass ich diese Frage nicht beant- worten kann. Wenn ich anfange, Geheimnisse auszuplaudern, habe ich bald keine mehr.« »Sie sind viel besser informiert als das GRU.« Das GRU war der Geheimdienst des Generalstabs der Armee. »Wir arbeiten auf verschiedenen Seiten der Straße.« Das war das letzte Mal, dass der Marschall das Thema erwähnte. Nach Abschluss des Tagesgeschäfts blieb Ilin normalerweise noch ein paar Momente, um zu plaudern. Er war natürlich jünger als der Marschall und hatte noch nie mit ihm gearbeitet. »Gehören Sie zu denen«, fragte Ilin, »die sich nach den alten Ta- gen des Ruhms sehnen?« »Leider nein. Die alten Tage waren nicht ruhmreich. Verdorben- heit, Egoismus, Unfähigkeit, verderbtes, trunkenes Leben, allgemei- ne Armut, Umweltverschmutzung, Verschwendung … Glauben Sie mir, es ist am besten, dass diese Tage hinter uns liegen.« »Aber die Armee? Sie war riesig, mächtig, der Stolz eines jeden Russen.« »Der Kreml hat uns eine Menge Geld gegeben, und wir haben der Welt mit unseren Fäusten gedroht. Die Welt zitterte, doch die Wahrheit war, dass die Sowjetunion nie mehr tun konnte, als sich selbst zu verteidigen. Die Nation war immer arm. Unsere Kräfte waren für die Verteidigung bestimmt, nicht für die Offensive. Zum Beispiel hätten wir nie die Vereinigten Staaten überfallen können, obwohl die Amerikaner das geglaubt haben. In Afghanis-, tan einzumarschieren, war die Grenze unserer Leistungsfähigkeit, und wir haben dort verloren, weil wir keine schnelle Entscheidung erzwingen konnten.« »Was ist dann Russlands Bestimmung?« »Bestimmung?« Der alte Mann schnaubte. »Unsere Zukunft.« »Nachdem wir Japan besiegt haben? Die großen Tage Russlands liegen alle noch vor uns. Ohne die Paranoia des Kalten Krieges, das psychotische Geplapper der Kommunisten und die Kosten eines riesigen militärischen Apparates wird Russland aufblühen, wie es nie zuvor geblüht hat. Es kann sein, dass Sie das noch erleben werden, Ilin.« Einen oder zwei Tage später, als Ilin nach einer Besprechung sei- ne Karten und Notizen zusammenpackte, sagte er: »Zu schade, dass Samsonov nicht hier ist. Er war brillant.« »Das war er«, pflichtete der Marschall ihm bei. »Er war mein Wunder. Ich erkenne ein Genie, wenn ich eines sehe, und ich habe es in ihm gesehen. Er war der Beste, den wir hatten. Gerade als wir ihn am nötigsten gebraucht haben, ist er gestorben. Manchmal frage ich mich, ob Gott Russland noch liebt.« »Gott hatte mit Samsonovs Tod nichts zu tun«, sagte Ilin und seine Augen betrachteten aufmerksam das Gesicht des alten Man- nes. »Was sagen Sie da?« »Ich will wissen, ob ich im Vertrauen sprechen kann.« »Glauben Sie, ich habe eine lose Zunge?« »Ich glaube, dass Sie ein ehrbarer Mann sind, aber wenn ich falsch liege, sind wir beide verloren.« »Ich habe keine Zeit für so etwas.« Ilins Augen entging kein einzelnes Muskelzucken in Stolypins Gesicht. »Kalugin hat Samsonov exekutieren lassen. Kalugins per- sönlicher Leibwächter hat ihn getötet! Sie haben ihn im Wald be-, graben, fünfzig Kilometer nördlich der Stadt.« Das Gesicht des alten Mannes wurde grau. »Woher wissen Sie das?« »Es ist mein Beruf, Dinge zu wissen. Ich habe Spione überall. Mein Gott, Mann, dies ist immer noch Russland.« »Haben Sie Beweise?« Aus seiner Jackentasche zog Ilin ein kleines Photo hervor und reichte es dem Marschall. Samsonovs Kopf lag auf einem Haufen Dreck. Auf seiner Stirn prangte ein großes Loch von einer Kugel. Seine Augen waren offen. »Das Loch in seiner Stirn war das Austrittsloch. Er wurde von hinten erschossen.« Stolypin gab das Photo zurück. Ilin holte ein Streichholz heraus, entzündete es und hielt es an eine Ecke des Bildes. Er ließ das brennende Photo in den Aschen- becher fallen. »Warum erzählen Sie mir das?« »Kalugin lässt seine Leute die Atomsprengköpfe auf der trojani- schen Insel überprüfen. Sie haben die führenden Experten Russ- lands mitgenommen.« Marschall Stolypin holte tief Luft, atmete dann langsam aus. Er blickte auf die Asche des Fotos im Aschenbecher. Eine kleine Rauchfahne tanzte zart in den Luftwirbeln. Stolypin begegnete Ilins Blick. Ilin fuhr fort: »Es heißt, wenn Kalugins Männer geschickt werden, um jemanden zu töten, bitten sie das Opfer, sich auf den Beifahrer- sitz zu setzen. Während der Wagen fährt, reden sie über belanglose Dinge. Wenn das Opfer sich entspannt und unachtsam wird, schie- ßen sie ihm in den Hinterkopf. Das ist ziemlich schmerzlos, glaube ich.« »Also haben Sie mich gewarnt.« Ilin nickte. Nach einer Weile sprach er weiter, leise. »Aleksander, Kalugin ist ein zweiter Joseph Stalin. Er ist paranoid und hat keine Skrupel, überhaupt keine.« »Er ist wahnsinnig«, sagte Marschall Stolypin langsam und erin- nerte sich an sein Gespräch mit Kalugin vor ein paar Tagen, wäh- renddessen der Präsident einen Glastisch mit der Faust zerschmet- tert hatte. Die Russen nannten sie das Amerikanische Geschwader und berich- teten im Fernsehen und in den Zeitungen darüber, um die öffent- liche Moral zu heben. Die Fähigkeiten der F-22 Raptor wurden in den Himmel gelobt. Die russischen Reporter nannten sie eine ›Su- permaschine‹, die beste der Welt. Geflogen von amerikanischen Pilotenassen, die sich alle freiwillig gemeldet hatten, um für die rus- sische Republik zu fliegen und zu kämpfen, würde die F-22 die ja- panischen Verbrecher im Schnellverfahren aus den Himmeln fegen. Straßenkioske verkauften Plakate, die die amerikanischen Freiwilli- gen zeigten, die um eine F-22 standen, auf die die Flagge des alten Russland aufgemalt war. Niemand außerhalb des Geschwaders erfuhr, dass die Flagge mit wasserlöslicher Farbe aufgemalt worden war. Nachdem die Photo- grafen fort waren, wuschen die Streckenposten die noch feuchte Farbe sorgfältig von der Tarnhaut des Flugzeugs. Oberst Bob Cassidy war entsetzt, als ihm im Hauptquartier in Moskau die militärische Situation erläutert wurde. Die Russen wa- ren noch nicht in der Lage, den Japanern auf dem Boden mit kon- ventionellen Kriegstaktiken Widerstand zu leisten. Als er nach der Besprechung zu Marschall Stolypin geführt wur- de, behielt er seine Meinungen für sich. Das Gesicht des alten Man- nes enthüllte nichts. Er lauschte dem Übersetzer, nickte, betrachte- te Cassidy, als hätte er eine Schaufensterpuppe vor sich. Bob Cas- sidy saß in strammer Haltung da. Er fühlte sich, als wäre er wieder, an der Air-Force-Akademie, als Anfänger. Der alte Mann hatte diese Wirkung. Jetzt kommentierte der russische Marschall die Lage. »Wir tun für Russland, was wir können, Colonel. Ich bin sicher, dass Ihr Präsident sagen würde, dass er auch tut, was er kann. Ich erwarte, dass Sie das ebenfalls tun.« »Ja, Sir«, antwortete Cassidy und errötete leicht, als er die Über- setzung gehört hatte. Der Marschall fuhr fort, absolut gelassen. »Ich möchte, dass das Amerikanische Geschwader die japanische Luftwaffe angreift. Gewinnen Sie Luftüberlegenheit. Sobald Sie sie haben, oder während Sie sie sich verschaffen, nehmen Sie ihre Transporte unter Beschuss, hindern Sie sie daran, die Eisenbahnen zu reparieren. Wenn die Japaner von Bodentransporten abhängig sind, werden wir sie diesen Winter besiegen.« »Darf ich fragen, Marschall, wieviel Druck wir auf die feindlichen Lastwagenkonvois ausüben sollen?« »Seien Sie diskret, Colonel. Ich bin geneigt, den Japanern soviel von Sibirien zu geben, wie sie nehmen wollen. Es ist ein sehr gro- ßes Land. Andererseits, wenn Sie in ihnen eine brennende Sehn- sucht nach Japan entfachen können, retten Sie damit viele Leben.« Cassidy kam der Gedanke, dass Stolypin ein verdammt guter Po- kerspieler sein musste. »Ihre Armee wird in diesem Winter angrei- fen?« »Diesen Winter«, sagte Marschall Stolypin, »werden wir jeden ja- panischen Soldaten in Sibirien töten. Bis auf den letzten Mann.« Als die Lufttransportkolonne am Luftstützpunkt in Chita ankam, landeten die C-5-Transportmaschinen als erste. Die Basis verfügte über zwei Landebahnen fast parallel und etwa zweitausend Meter lang. Das ließ nicht viel Raum für Fehler. Die Transportmaschinen landeten und rollten von der Runway auf den Abstellplatz, während Colonel Bob Cassidy mit seinen sechs F-22 hoch oben wartete., Zwei weitere Flughäfen, beide mit zwei Start- und Landebahnen, la- gen einige Meilen weiter im Südwesten. Diese alten Militärbasen waren nicht gewartet worden, so dass der Beton zerfiel. Eine Not- landung dort würde wahrscheinlich die Flugzeugmotoren ruinieren. Cassidy warf immer wieder ein Auge auf seine taktische Anzeige. Ein Colonel aus Washington, Evan Register, hatte Cassidy und sei- nen Piloten letzte Nacht ein kurzes Briefing gegeben. »Die Athena-Vorrichtung in den neuen Zeros hält sie vor Ihrem Radar verborgen. Und eine AMRAAM auf eine Zero zu schießen, ist reine Verschwendung – Athena wird das verflixte Ding nie sein Ziel finden lassen. Lassen Sie Ihren Radar ausgeschaltet, die Strah- lung macht Sie sonst zum Leuchtfeuer für die Zeros, und die wer- den wie Motten zum Licht fliegen. Sky Eye ist Ihr Vorteil. Der Ra- dar in den Satelliten hat Doppler-Fähigkeit. Auch wenn sie die Ze- ros nicht orten können, können sie die Wirbelschleppe finden, die sie in der Luft machen, besonders wenn sie im Überschallbereich fliegen. Eine Überschalldruckwelle ist ziemlich eindeutig.« »Moment mal«, sagte einer der jüngeren Piloten, der das noch nicht ganz zu glauben wagte. »Wo ist der Haken?« Am hinteren Ende des Raums kippte Cassidy seinen Stuhl zurück und grinste. Stanford Tuck hatte ihn nicht enttäuscht. »Nun, es gibt natürlich ein paar technische Beschränkungen«, ge- stand der Mann aus Washington ein. »Dies ist eine ganz neu ent- wickelte Technologie. Die Wirbelschleppe von Flugzeugen mit Doppler zu entdecken, funktioniert am besten bei Windstille. Som- merliche Turbulenz, Gewitter, Regen, Hagel – solche Umstände be- einträchtigen die Ortungsfähigkeit. Der Computer kann sie bis zu einem gewissen Grad aussortieren, aber erinnern Sie sich daran, dass die Satelliten da oben vorbeizischen, so dass das Bild ständig wech- selt, das macht viele Berechnungen nötig. Wir haben die Wirbel- schleppe der Zeros für mehrere Wochen lang beobachtet. Solange sich das Wetter nicht ändert, werden wir keine Probleme kriegen.«, Cassidy hatte seine Truppe angesehen und die Achseln gezuckt. Was konnten sie tun? 8.000 Meter über Chita fragte sich Bob Cassidy, wie wirkungsvoll Sky Eye heute wohl war. Die Luft schien in dieser Höhe ruhig ge- nug zu sein. Die Sonne wurde von einer hohen, dünnen Zirruswol- kenschicht verhüllt, was das grelle Licht ein wenig dämpfte. Das Gebiet unter ihm sah wenig einladend aus. Chita war eine kleine Stadt am oberen Lauf des Amur-Flusses, mit einer schneebe- deckten Bergkette dahinter und einer weiteren im Süden. Das dürre Land erinnerte Cassidy an Nevada oder das zentrale Oregon. Die Pisten dort unten wirkten auf der gelbbraunen Erde wie helle Strei- fen. Aus dieser Höhe waren außerdem Flugzeugparkflächen und einige Gebäude zu erkennen, wahrscheinlich Hangars. 2.500 Kilometer vom Meer entfernt war der Amur-Fluss von den Jahreszeiten abhängig; jetzt führte er Wasser der Schneeschmelze. Zwei Brücken überquerten den Fluss, eine für die Transsibirische Eisenbahn und eine für Lastwagen. Kurz bevor der erste Schnee fiel, würde er zu fließen aufhören. Einige verbliebene Wasserlachen wür- den fest zufrieren. Chabarowsk lag 1.600 Kilometer flussabwärts. Von dort floss der Fluss weitere 800 Kilometer nach Nordwesten ins Meer von Och- otsk. Die Instrumente zeigten leeren Himmel um die F-22-Formation herum. Er tippte auf die Anzeige, um das ganze Gebiet zwischen Chita und Zeya, 500 Seemeilen östlich, sehen zu können. 500 See- meilen, die Entfernung zwischen Boston und Detroit. An die Ent- fernungen in Sibirien würde er sich erst gewöhnen müssen. Das Land war unvorstellbar groß. Der Mensch hatte hier kaum eine Spur hinterlassen. Cassidy dachte an Jiro Kimura. Lebte er noch? Und wenn ja, wo war er? Jiro ging ihm in letzter Zeit oft durch den Kopf, gerade dann,, wenn er an etwas anderes denken, sich auf die augenblickliche Auf- gabe konzentrieren sollte. Cassidy knurrte und versuchte, an etwas anderes zu denken. Nicht ein einziges unbekanntes Flugzeug war auf der Anzeige zu sehen, weder in Richtung Chabarowsk noch in Richtung Nikola- jewsk. Das verwirrte Cassidy. Es wäre schön, wenn der Satellit ein oder zwei ausmachen würde … doch da war nichts. Anscheinend. Was natürlich auch an unvermeidlichen High-Tech-Problemen lie- gen konnte. Cassidy blickte zu den Transportern auf dem Rollfeld hinunter. Sie waren aus dieser Höhe ziemlich deutlich zu erkennen. Wenn alles so lief, wie geplant, luden die Mannschaften gerade die Senti- nel-Batterien aus, die auf Anhänger montiert waren. Die Maschinen brachten auch vier Sattelschlepper, die die Anhänger zogen. Eine Sentinel wurde auf jeder Seite der Start-und-Landebahn postiert und eingeschaltet. Die anderen würden am Nachmittag und Abend aus der Basis geschleppt und in einem vorgegebenen Muster auf örtli- chen Straßen in der Umgebung aufgestellt werden. Sobald die Bat- terien ausgeladen waren, würden die beiden C-5 wieder starten und über den Pol in Richtung Alaska fliegen. Tanker sollten sie mehrere Stunden später erwarten. Tankerflugzeuge waren für den Erfolg dieser Operation entschei- dend gewesen, um Flugzeuge und Gerät ein Drittel des Wegs um die Erdkugel zu bringen und für den Kampf bereit zu machen. Ei- nen Tanker in der gewaltigen Weite des Himmels zu finden, war immer eine Herausforderung, es war ein wirklicher Drahtseilakt ge- wesen, wenn man kaum noch Treibstoff hatte. Das GPS machte jetzt die Rendezvousphase zur Routine, was jedem nur recht sein konnte. Cassidy betrachtete seine Tankanzeigen. Die Jagdbomber hatten vor einer Stunde Treibstoff aufgenommen, so dass sie voll waren, doch Cassidy wusste nicht, wie viel länger er noch festgeschnallt, auf diesem Schleudersitz hocken konnte. Seit über sechs Stunden saß er schon in diesem Cockpit. Ihm tat alles weh. Er wand sich im Sitz und versuchte, seinen gefühllos gewordenen Hintern zu entlas- ten. Eine weitere halbe Stunde verging. Eine der C-5 rollte ans Ende der Piste, stand dort fünf Minuten, begann dann zu rollen. Die an- dere rollte, als die erste abhob. Cassidy wartete, bis die beiden C-5 zehn Minuten auf nördlichem Kurs in der Luft waren, drosselte dann die Geschwindigkeit und be- gann mit dem Landeanflug. Das erste Problem, mit dem die Amerikaner konfrontiert wurden, betraf das Abstellen ihrer Flugzeuge. Der Stützpunkt lag außerhalb der taktischen Reichweite der Zeros, die von Chabarowsk her flo- gen, was nur ein schwacher Trost war, seit die Japaner ihre Maschi- nen in Zeya hatten. Und wenn sie einen Tanker benutzten, könn- ten sie, wenn sie wollten, diese Basis jederzeit von überall her an- greifen, sogar von Japan. Deshalb wurden die F-22 über das ganze Feld verteilt. Die Splitterboxen waren von offensichtlich aufgege- benen Bombern belegt, darunter ein paar alte MiG-19 und MiG- 21. Ein paar dieser Antiquitäten hatten platte Reifen, undichte Öl- leitungen oder Sand und Vogelnester in den Getrieben. Die Ameri- kaner schoben und zogen sie aus den Boxen und stellten dann die F-22 hinein. Dann breiteten sie Tarnnetze darüber aus. Einige der besten Plätze, Betonboxen, die völlig unter großen Bäumen versteckt waren, belegten bereits Suchoi-27, die flugbereit zu sein schienen. Die Suchois wurden von schmuddeligen, dürren Russen gewartet, die schlecht rochen und kein Englisch sprachen. Die Amerikaner holten Süßigkeiten hervor und machten sich bald Freunde. Während die Süßigkeiten gern genommen wurden, woll- ten die Russen in erster Linie Zigaretten, die die Amerikaner nicht hatten. Nun, da er auf dem Boden war, dachte Cassidy, dass die Gegend, um Chita ein bisschen Ähnlichkeit mit Colorado hatte. Die Basis und die kleine Stadt drängten sich in einer Entfernung von einigen Kilometern in einem Tal um den Bahnhof herum, umgeben von schneebedeckten Bergen im Norden, Westen und Süden. Die Luft war kristallklar. Von hier war es überallhin ein langer Weg. Wenigstens das Kommunikationssystem war erstklassig: Die Ame- rikaner hatten ihre eigene COM-Ausrüstung mitgebracht, tragbare Funkgeräte, die ihre Signale über einen Satelliten schickten, was be- deutete, dass die Vermittlung mit jedem auf dem ganzen Planeten reden konnte. Cassidy machte sich sofort ans Werk. Er verwendete den Crypto- logical Codierer, stellte Datum und Zeit nach Greenwich ein, dann wartete er, bis der Codierer schrittweise die Phasen einstellte. Als er einen Wählton bekam, rief er die Kommandozentrale der Luftwaffe in Colorado an. »Alles ruhig, Colonel. Sie haben sich heute kaum gerührt.« Bob Cassidy seufzte erleichtert. Morgen früh würde die Verteidi- gung hier bereit sein, doch jetzt noch nicht. Alles war ein Problem, von den Schlafkojen bis zu den Badezim- mern. Die Piloten bekamen eine leere, halbverfallene Baracke zuge- wiesen und die Wehrpflichtigen zwei. Die Badezimmer waren ent- setzlich. Jedes der Gebäude hatte nur eine einzige Toilette ohne Sitz für die Bedürfnisse der achtzig Leute, die hier kampieren wür- den. »Wenn meine Mutter das sähe, würde sie auf der Stelle tot umfal- len. Sie wollte immer, dass ich zur Marine gehe, wie ein Gentle- man«, erzählte Bob Cassidy einem kleinen Haufen jüngerer Offizie- re, die in einen der dunklen, dreckigen Waschräume starrten. »Warum haben Sie es nicht getan?« »Ich werde schon seekrank, wenn ich ein Bad nehme.« »Dann sind Sie hier richtig, Colonel. Hier müssen Sie bestimmt kein Bad nehmen.«, »Hudek, Sie und Foy graben ein Loch für ein Plumpsklo. Scheer, Sie nehmen die anderen und reißen diese alte Hütte auf der ande- ren Seite der Straße ab, als Bauholz. Nehmen Sie ein paar Werkzeu- ge von den Mechanikern mit und achten Sie auf rostige Nägel. Und bauen Sie auch eines für die anderen Trupps.« Als Cassidy verschwand, sagte Hudek angewidert: »Scheißhäuser! Wir sind rund um die halbe Welt gekommen, um Scheißhäuscr zu bauen.« »Glanz«, murmelte Foy Pfütze. »Großes Abenteuer, Ruhm … Ich bin so gottverdammt erschüttert, ich könnte heulen.« An diesem Abend aßen alle in einem verlassenen Speiseraum. In den Öfen wurde Holz vom nahe gelegenen Wald verfeuert. Der Arzt, der die Gruppe aus Deutschland begleitet hatte, weigerte sich, irgendjemandem zu erlauben, das Wasser aus den Hähnen zu trin- ken, so wurde Wasser aus Flaschen mit den MREs-Fertigmahlzeiten gereicht. Die MREs wurden geöffnet, ein wenig auf den Öfen auf- gewärmt und aufgetragen. Später am Abend kam Major Yan Chernov, um mit dem befehls- habenden Offizier zu sprechen. Er hatte einen Übersetzer im Schlepptau. Nach den Einleitungen sagte er zu Cassidy: »Meine Männer brauchen Lebensmittel. Wir sind vor zwei Wochen von Zeya hierher gekommen. Die Leute vom Stützpunkt haben keine zusätzliche Verpflegung.« »Wie viele sind Sie?« »Fünfundsechzig.« Cassidy zögerte nicht. »Wir werden teilen, Major.« Er fing den Blick des Versorgungsoffiziers auf und rief ihn herüber. Nach einem kurzen Gespräch sagte er dem Übersetzer: »Das Abendessen für Ihre Leute ist in zwanzig Minuten fertig.« »Wir haben kein Geld. Nichts, womit man zahlen könnte.« »Zeya ist unten im Tal, nicht wahr?« »Ja. Östlich. Die Japaner haben uns angegriffen. Ich habe ein paar, abgeschossen.« »Mit einer Su-27?« »Ja, eine gute Maschine.« »Mein Vorname ist Bob.« Cassidy streckte ihm die Hand entge- gen. »Yan Chernov.« »Lassen Sie uns ausführlich reden, während Sie essen. Ich will alles über die Japaner erfahren, was Sie wissen.« Das Meer war ruhig, mit nur einer Andeutung von Wellen. Das Boot schaukelte sanft mit seinen elektrischen Maschinen voran. Ne- bel beschränkte die Sicht und Wolken verbargen den nächtlichen Himmel. Ein sanfter Nieselregen massierte Pavel Saratovs Wangen, als er auf der winzigen Brücke im Turm der Admiral Kolchak stand. Er holte tief Luft und genoss den scharfen Geruch der Meeresluft als willkommenen Kontrast zu dem Gestank im Boot. Lebendig. Ah, wie gut das tat. Unbewusst befingerte er die wul- stige frische Narbe auf seiner Stirn, ein gezackter purpurroter Strie- men, der vom Haaransatz über sein linkes Auge bis zum Haar über seinem linken Ohr verlief. Die Fragmente des japanischen Geschos- ses, das die Brücke gestreift hatte, hatten fast die Hälfte seiner Kopfhaut weggerissen. Der Sanitäter hatte die riesige Hautklappe wieder angenäht, und es schien glücklicherweise zu heilen. Die Narbe eiterte an mehreren Stellen – eine Infektion, sagte der Sani. Er schmierte zweimal am Tag Salbe auf die infizierten Stellen. Jeden Morgen benutzte er eine stumpfe Nadel, um Saratov ein Antibiotikum zu spritzen, während die Mannschaft in der Zentrale mit offenen Mündern zusah. Sara- tov zuckte immer zusammen, als ob die Nadel mächtig schmerzte. Er hatte die Flasche mit dem Penizillin vor der ersten Spritze unter- sucht. Das Zeug war längst verfallen, doch da es das Einzige war,, das sie hatten, reichte er die Flasche dem Doktor kommentarlos zu- rück und ergab sich den Stichen. Eine Stunde vor Mitternacht. Hier unter den Wolken inmitten des Nebels war es fast dunkel, jedoch nicht ganz. Ein angenehmes Zwielicht. In diesen Breitengraden würde die Nacht zu dieser Jah- reszeit nicht viel dunkler werden. Wenigstens die Wolken schirmten das Boot von den amerikanischen Satelliten ab. Er fragte sich, ob die Amerikaner Satellitendaten an die Japaner weitergaben. Viel- leicht, entschied er. Saratov traute den Amerikanern nicht. Hinter Saratov spähte die Wache mit dem Fernglas durch den Nebel. »Passen Sie gut auf«, sagte Saratov zu ihm. »Wenn die Ja- paner wissen, dass wir hier sind, werden wir keine Warnung bekom- men.« Während seine Wunde heilte, hatte Saratov das Boot nordwärts beordert und es weit draußen auf See gehalten. Er lag in seiner Koje, starrte die Decke an, aß schimmliges Brot und überdachte sei- ne Möglichkeiten. Er weigerte sich, eine Funkmitteilung auf irgendeiner Frequenz zu senden. Die Gefahr, von Funkpeilgeräten lokalisiert zu werden, war einfach zu groß. Eines Abends empfing das Boot eine Nachricht aus Moskau. Nachdem sie entschlüsselt war, reichte Askold sie dem Kapitän, der sie las und zurückgab. »Kapitän, Moskau befiehlt uns die trojanische Insel anzulaufen. Ich habe noch nie davon gehört.« »Umm«, grunzte Saratov. »Sie ist nicht auf den Karten verzeichnet.« »Das ist ein U-Boot-Stützpunkt in einem erloschenen Vulkan nahe der Kurilen-Meerenge. Es war mal eine Basis für Atom-U- Boote. Wurde schon vor Jahren aufgegeben.« »Was machen wir, Kapitän?« »Halten Sie den gegenwärtigen Kurs und die gegenwärtige Ge- schwindigkeit. Lassen Sie mich eine Weile nachdenken.«, Die trojanische Insel. Nach mehreren Tagen des Nachdenkens hatte Saratov beschlossen, es zu versuchen, weil die anderen Mög- lichkeiten schlechter waren. Jetzt rief er per Bordtelefon, dessen Mikrophon auf seinem Brust- kasten lag: »Nummer eins, kommen Sie bitte herauf?« Als der Erste Offizier neben Saratov auf der Brücke stand, sagte er: »Die Insel liegt direkt voraus, Kapitän. Vier Seemeilen, wenn un- sere Navigation stimmt.« »Ich bin seit zwölf Jahren nicht mehr hier gewesen«, murmelte Sa- ratov. »Ich hoffe, ich habe nicht vergessen, wie man da hineinge- langt.« »Erstaunlich«, sagte der Erste Offizier. »Ein U-Boot-Stützpunkt, der so geheim ist, dass ich nie von ihm gehört habe.« »Sie waren nie auf atomar angetriebenen U-Booten.« »Was ist, wenn es da nichts mehr gibt?« »Ich weiß nicht, Askold. Ich weiß es wirklich nicht. Es ist ein Wunder, dass uns die P-3 bisher noch nicht gefunden haben. Frü- her oder später werden sie es tun. Ich habe darüber nachgedacht, einen Frachter anzuhalten, alle Männer an Bord zu bringen und das Boot zu versenken. Wir haben ein veraltetes U-Boot, das Peris- kop ist beschädigt, wir haben kaum noch Treibstoff und Proviant, und wir haben nur noch vier Torpedos. Wir haben so ziemlich alles getan, was wir konnten.« »Ja, Kapitän.« Der Erste Offizier konzentrierte sich darauf, den Nebel mit dem Fernglas zu durchforsten. Sie hörten die Brandung auf den Felsen, bevor sie irgendetwas sahen. Einen tragbaren Suchscheinwerfer in den Nebel gerichtet, näherte sich Saratov argwöhnisch mit zwei Knoten der felsigen Küste. Wenigstens war das Meer hier im Windschatten der Insel ruhig. Er erblickte schließlich Felsen, die steil aus dem Meer aufragten., Es kostete Saratov eine weitere Stunde, die Landmarken zu finden, die er wollte, nichts als verblasste Steinklumpen mit aufgeschmier- ten Zeichen. Bei einem der Zeichen war er sich nicht sicher – zu viel war abgewaschen –, doch er behielt seine Zweifel für sich. Nachdem er mehrmals tief durchgeatmet hatte, ließ Saratov das Boot auf den Kurs drehen, den er wollte, und befahl dann, zu tau- chen. In der Zentrale ordnete er an, das Boot auf 30 Meter zu bringen und dann in die Horizontale zu gehen. Während dies geschah, stu- dierte er die Karte, an der er am Vormittag eine Stunde lang gear- beitet hatte. »Ich will, dass Sie diesen Kurs genau fünf Minuten lang bei drei Knoten halten, dann machen Sie eine Drehung um neunzig Grad nach steuerbord. Wenn wir langsamer werden, drückt uns die Strö- mung aus dem Kanal.« »Aye, aye, Kapitän.« »Wenn wir mit drei Knoten auf einen Stein laufen, werden wir leckschlagen«, bemerkte einer der jüngeren Offiziere und versuchte, sachlich zu wirken. »Dies ist eine gefährliche Stelle«, antwortete der Kapitän, bemüht, den Tadel aus seiner Stimme herauszuhalten. Jetzt schien es nicht an der Zeit, jüngere Offiziere in ihre Schranken zu weisen. »Sonar, beginnen Sie zu senden. Geben Sie mir das vordere Bild auf das Oszilloskop.« Als das abgetauchte Boot sich der Insel näherte, wurde das Loch im Felsen auf dem Schirm sichtbar. Unter ständiger Sonarkontrolle zielte Saratov auf den Tunnel. Er wagte es nicht, langsamer zu wer- den. Um Saratov herum schwitzte jeder in der Zentrale. »Das ist ja schlimmer als die Bucht von Tokio«, bemerkte der Erste Offizier. Niemand sonst sagte ein Wort. Alle Augen waren auf das Oszillos- kop gerichtet. Als das U-Boot in die Öffnung einfuhr, ordnete Sara- tov an, die Geschwindigkeit auf einen Knoten zu drosseln. Er, schlich hundert Meter vorwärts und beobachtete den Schirm, wäh- rend das Sonar regelmäßig sendete. Der Tunnel endete direkt vor- aus. Als die Maschinen stoppten, begann der Bootsführer, Luft in die Tanks zu pumpen. Das U-Boot stieg sehr langsam, kroch hinauf. Als das Boot die Oberfläche erreichte, kurbelte Saratov die Luken- kupplung auf, schlug die Luke zurück und stieg auf die Brücke. Das Boot lag in einer schwarzen Lagune in einer riesigen Höhle. So viel hatte er erwartet. Womit Saratov nicht gerechnet hatte, wa- ren die elektrischen Lichter, die grell von der Decke strahlten. Ein Pier reichte etwa dreißig Meter in den Hafen. Auf dem Pier stand eine Gruppe bewaffneter Männer in Uniform: Russische Marinein- fanterie. Saratov war starr vor Erstaunen. Einer der Männer auf dem Pier legte die Hände als Trichter an den Mund und rief: »Willkommen, Kapitän Saratov! Wir haben auf Sie gewartet.« 17. KAPITEL

Mehrere der bewaffneten Marineinfanteristen auf dem Pier wa-ren Offiziere. Als das U-Boot am Pier festgemacht wurde, sah

Saratov, dass einer der Offiziere die Uniform eines Generals trug. Die Soldaten legten eine Landungsbrücke an, und der General schritt leichtfüßig darüber wie ein gut durchtrainierter Athlet. Er kümmerte sich nicht um die salutierenden Seemänner. Saratov grüßte ebenfalls nicht. Der General schien es nicht zu bemerken. Er stand auf dem Deck und sah an den Beulen und, Schrammen des Turms zum abgeknickten Periskop hinauf. »Wie lange wird es dauern, um das in Ordnung zu bringen?«, fragte er zu Saratov gewandt. »Mit dem richtigen Werkzeug vielleicht zwei Tage. Die fehlenden Platten zu ersetzen, wird mehrere Wochen dauern, und die neuen können wieder herunterfallen, sobald wir das erste Mal tauchen.« Der General stieg die Leiter zur kleinen Brücke hinauf. »Mein Name ist Esenin.« »Saratov.« »Sollten Sie nicht salutieren oder dergleichen?« »Sollte ich?« »Ich glaube schon. Wir beachten hier die Regeln. Die militärische Hierarchie ist der angemessene Rahmen für unsere Beziehung, glau- be ich.« Saratov salutierte. Esenin ebenfalls. »Jetzt, General, wenn Sie so freundlich wären, muss ich Ihren Ausweis sehen.« »Dazu kommen wir noch. Sie haben den Befehl erhalten, Ihr Boot zu diesem Stützpunkt zu bringen?« Saratov nickte. Der General holte ein Blatt Papier hervor, das den Briefkopf der russischen Republik trug. Die Notiz war handgeschrieben, ein Be- fehl für General Esenin, sich zu der trojanischen Insel zu begeben und den Oberbefehl dort zu übernehmen. Die Unterschrift war die des Präsidenten Aleksander Kalugin. »Und Ihre Papiere. Beweisen Sie, dass Sie General Esenin sind.« »Leider kann ich Ihnen nur mein ehrliches Gesicht als Referenz anbieten.« »Ach, hören Sie auf! Ein Brief, der gefälscht sein kann, eine Uni- form, die Sie sich irgendwo besorgen konnten? Sehe ich aus wie ein Trottel?« »Wir besitzen auch Waffen, Kapitän. Wie Sie sehen, bin ich be-, waffnet und meine Männer ebenfalls. Wenn Sie so freundlich wä- ren, zu bemerken, dass sie Ihre Leute unter Waffen haben, während wir sprechen.« Die Soldaten richteten ihre Waffen auf die Seemänner, die die losen Enden der Taue sicherten. »Alles Personal dieser Basis ist mei- nem Befehl unterstellt, Sie und Ihre Männer ebenfalls«, schloss Ge- neral Esenin. »Ich wusste gar nicht, dass es hier irgendwelches Personal gibt.« »Jetzt schon.« Saratov gab den Brief zurück. Er lehnte sich nach vorn und stütz- te sich mit den Ellenbogen auf die Reling. »Ich beglückwünsche Sie zu Ihrem Sieg in Japan, Kapitän. Das haben Sie sehr gut gemacht.« Saratov nickte. »Auf Anordnung von Präsident Kalugin sind Sie zum Haupt- mann Erster Klasse befördert worden.« »Meine Männer haben seit fünf oder sechs Monaten keine Heuer bekommen. Können Sie sie bezahlen? Die meisten von ihnen ha- ben Familien zu ernähren.« »Es tut mir Leid, niemand darf Briefe von der trojanischen Insel verschicken.« Saratov wandte den Kopf ab, damit der General seinen Ekel nicht sehen konnte. »Wie lange wird es dauern, bis Ihr Boot erneut in See stechen kann?« »Das Periskop … wenn es hier ein anderes auf Lager gibt, dauert das mehrere Tage. Der Radar funktioniert nicht. Wir haben meh- rere undichte Batterien. Wenn wir hier die Ersatzteile, die Werkzeu- ge, den Proviant, den Treibstoff und die Torpedos kriegen können, vielleicht eine Woche.« Der General nickte schroff. »Wir reparieren Ihr Boot so schnell wie möglich, tanken es auf und laden Verpflegung; dann fahren Sie, und Ihre Mannschaft gemeinsam mit mir und einem zusätzlichen Kampfteam zurück nach Tokio.« Saratov unterdrückte ein Lächeln. »Sie scheinen amüsiert, Kapitän.« »Seien wir ehrlich, General. Dieses Boot wird niemals ein zweites Mal in die Bucht von Tokio gelangen.« »Ich weiß, es wird schwierig sein.« Saratov schnaubte. »Aus Gründen, über die wir nur spekulieren können, haben die Japaner das erste Mal die Tür weit offen gelas- sen. Wir haben sie bis auf die Knochen blamiert. Ich nehme an, Sie kennen die asiatische Denkweise? Sie haben viel Gesicht verloren. Sie werden alles daran setzen, damit es uns nicht noch einmal ge- lingt, sie in Verlegenheit zu bringen. Inzwischen haben sie die Tür längst geschlossen und verschweißt.« »Zweifellos liegen Sie richtig, aber ich habe meine Befehle von Präsident Kalugin. Und Sie haben meine Befehle zu befolgen.« »Jawohl.« »Damit wir uns richtig verstehen, Kapitän, noch einmal deutli- cher. Dieses Boot fährt zurück in die Bucht von Tokio. Wenn Sie nicht wünschen, es unter meinem Befehl dorthin zu bringen, geben wir Ihnen ein schnelles Begräbnis, und Ihr Erster Offizier bekommt seine Chance, sich zu bewähren.« Saratov biss sich auf die Lippe, um seine Gesichtszüge unter Kon- trolle zu halten. Esenin lächelte. »Sie finden mich unangenehm, Kapitän. Das passiert mir häufig. Ich habe eine verletzende Art, und ich entschuldige mich dafür.« Sein Grinsen wurde breiter. »Eventuell ist unangenehm auch eine Untertreibung. Vielleicht, Saratov, wünschen Sie mir den Tod, wie so viele andere vor Ihnen. Wer weiß, vielleicht haben Sie ja Glück.« Esenins weiße Zähne blitzten. Saratov versuchte, ein unbewegtes Gesicht zu zeigen. »Ich hoffe, Sie sind hart im Nehmen«, antwortete er. »Als sie uns nicht erwar-, tet hatten, haben uns die Japaner fast umgebracht. Das nächste Mal werden sie vorbereitet sein. In einer dieser Stahlröhren zu sterben, wird nicht angenehm sein. Es gibt keine gute Art, so zu krepieren. Sie können zerquetscht werden, wenn das Boot zu tief geht und implodiert, oder vielleicht langsam ersticken, wenn der Sauerstoff ausgeht. Wenn wir auf dem Grund festgehalten werden, außerstan- de aufzutauchen, wünschen Sie wahrscheinlich bei Gott, Sie wären ertrunken.« Esenin lächelte nicht mehr. »Wir könnten zusammen sterben, Saratov«, sagte er. »Oder ich werde vielleicht Sie sterben sehen. Wir werden sehen, wie das Spiel läuft.« Der General stieg die an den Turm geschweißten Sprossen zum Deck hinunter. Er hielt inne und sah zu Saratov hinauf. »Sie haben fünf Tage und Nächte, um wieder seetüchtig zu werden. Machen Sie das Beste daraus.« Am nächsten Tag stieg Bob Cassidy auf, um eine Vierer-Staffel zu führen. Er hatte genau zwei Stunden geschlafen. Den Leuten von Space Command in Colorado Springs nach hatten in Zeya, 800 Kilometer ostwärts, zwei Zeros ihre Maschinen gestartet. Bereit oder nicht, die Amerikaner konnten nicht länger warten. An diesem Morgen flog Paul Scheer als Cassidys Rottenflieger. Die zweite Abteilung bildeten Dick Guelich und Foy Pfütze. Cassi- dy zog eine sanfte Steigkurve, damit die drei Bomber ihm folgen und aufschließen konnten. In fester Formation kreisten die vier F- 22 im Steigflug über dem Flugfeld. Sie tauchten bei 2.500 Metern in eine dichte Wolkenschicht ein und verließen sie nicht, bis sie 6.500 Meter überschritten. In dieser wolkenlosen Höhe schwärmten sie aus, so dass sie sich eine Weile gefahrlos den Computerbildschirmen in ihren Cockpits, widmen konnten. Als Erstes musste die Elektronik überprüft wer- den. Die F-22 erhielt die Information über weiter entfernte Ziele von ihrem eigenen Bordradar, über Data-Link von anderen Flugzeugen oder über Satelliten von den Computern von Space Command in Colorado Springs. Zusätzlich verfügten die Maschinen über höchst wärmeempfindliche Sensoren, sowohl für elektronische als auch für infrarote Ausstrahlungen des Feindes. Die Informationen aus all diesen Quellen wurden vom taktischen Hauptrechner kompiliert und dem Piloten auf einem taktischen Situationsbildschirm ange- zeigt. Die Flugzeuge tauschten die Daten untereinander über Data-Link- Laserstrahlen aus, die automatisch auf Grundlage der durch Infra- rotsensor festgestellten relativen Position auf die Maschinen gezielt wurden. Jeder Bomber schoss einen Laserstrahl auf den anderen und aktualisierte Fehler in Nanosekunden, indem die Computer die relative Position beider Maschinen auf den Zentimeter festleg- ten. In Wolken oder schlechtem Wetter wurde der Data-Link-Trans- fer über einen fokussierten Hochfrequenz-Funkstrahl geleitet. Jeder Pilot wusste genau, wo die anderen waren, weil sein Com- puter, das Gehirn des Flugzeugs, die taktische Situation auf einem dreidimensionalen holographischen Bildschirm des MFD oder Mu- ltifunktionsbildschirm im Zentrum des Instrumentenbretts zeigte. Links davon lieferte ein anderes MFD Informationen über die Triebwerke, den Treibstoff und die Waffensysteme. Rechts davon stellte ein drittes MFD die Sicht Gottes dar, die Maschinen, wie sie während des Flugs direkt von oben gesehen über einer Weltkarte aussehen würden. Der Pilot wählte die Präsentationen und Funktionen aus, die er wollte, indem er eine Cursorsteuerung auf der rechten oder den Leistungshebel mit seiner linken Hand manipulierte. Der Steuer- knüppel des Flugzeugs, seitlich im Cockpit unter seiner rechten, Hand, war auch mit Knöpfen versehen, so dass der Pilot, ohne sei- ne Hände von Knüppel und Leistungshebel nehmen zu müssen, aus einer Vielzahl von Möglichkeiten wählen konnte, die bei frühe- ren Generationen von Bombern viele Handgriffe erfordert hätten. Kampfflugzeuge vom Typ F-22 Raptor waren der neueste Stand der Technik, ein Computer, der mit einer Höchstgeschwindigkeit von über Mach 2,5 fliegen konnte und Manöver bei bis über9gzuließ. Die halb getarnte Konstruktion sollte es dem Piloten ermög- lichen, den Feind auszumachen, ehe er selbst entdeckt wurde. Lei- der war die Kompetenz von Athena der Zero gegenüber im Vorteil. Im modernen Krieg war jegliche Präsenz von Luftritterlichkeit gänz- lich über Bord geworfen worden: Der Pilot, der zuerst schoss und entkam, bevor die Freunde des Opfers irgendetwas dagegen unter- nehmen konnten, würde Sieger bleiben. In einer Höhe von 10.000 Metern, beschleunigten die F-22 die Basistriebwerke, um mit Mach 1,3 zu fliegen. Die Piloten betätigten einen Schalter, um die Chamäleonhaut ihrer Maschinen einzuschal- ten. Die Maschinen verblassten, als die Farbe ihrer Außenhaut elek- tronisch wechselte, um sie dem Sommerhimmel anzupassen. Wie instruiert, kurvte Scheer fünf Grad nach links und hielt den Kurs, bis der Abstand zwischen ihm und dem Rottenführer sich auf acht Kilometer vergrößert hatte, dann drehte er, um parallel zu Cassidys Kurs zu fliegen. Die zweite Gruppe flog nach rechts und breitete sich in ähnlicher Weise aus. Mit seinen vier Bombern, die mehr als 30 Kilometer über den Himmel verstreut waren, hoffte Cassidy, seine Chancen zu verbessern, eine Maschine in Sidewin- der-Reichweite auf jede Zero zu bringen, die sie zu treffen versuch- ten. Wenn eine Maschine geortet wurde, konnten die anderen die angreifende Zero von hinten einschließen, während sie mit ihrem anvisierten Opfer beschäftigt war. Das war der Plan, sorgfältig erläu- tert und graphisch dargestellt. Als die Wolkendecke unter ihnen auseinanderriss, wurde das Land, unter vereinzelten Kumuluswolken sichtbar, die wuchsen, während die Sonne die Atmosphäre erwärmte. Die Bomber flogen ostwärts. Cassidy hörte den tiefen Basssignal- ton eines Suchradars, der regelmäßig den Himmel durchsuchte. Der Signalton machte Cassidy zappelig. Natürlich, die Tarnhaut der F-22 verhinderte, dass der Radartechniker genug Signale zurückbe- kam, um die Existenz der amerikanischen Bomber nachzuweisen – er wusste das, es war eine Tatsache, aber trotzdem … Die Sicht war heute ausgezeichnet. Auf der linken Seite erstreckte sich eine riesige Bergkette bis zum Horizont, deren Gipfel schneebedeckt waren. Auf der rechten Seite dehnte sich die Landschaft planlos bis in die große Leere zur Mandschurei hin. Das Land war so riesig, so leer. Ein Pilot, der in dieser weglosen Wildnis aussteigen musste, war da- zu verdammt, an Unterkühlung oder Hunger zu sterben. Auf Cas- sidys beharrliche Forderung hin würde die US-Luftwaffe am folgen- den Tag eine Cessna 185 mit Tundrareifen und Tanks für große Distanzen zur Verfügung stellen, die als Such- und Rettungsma- schine verwendet werden könnte, wenn Bedarf bestand. Um die Maschine zu fliegen und die Computer zu bedienen – es gab fünf davon: drei Flugsteuerungscomputer, einen Navigations- rechner und einen taktischen Computer – musste sich der Raptor- Pilot intensiv auf die Informationsflut konzentrieren, die graphisch auf seinem HUD und den drei MFDs angezeigt wurde. Es gab kei- ne Zeit für Sightseeing oder für Versuche, den Feind mit dem blo- ßen Auge zu entdecken. Der Pilot war lediglich die zentral verarbei- tende Einheit der F-22. Dieser Gedanke ging Bob Cassidy durch den Kopf, als er sich zwang, sich auf die Bildschirme vor sich zu konzentrieren. Die Kilometer rollten bei Mach 1,3 schnell vorbei. Nicht mehr lange … Bekleidet mit einem Druckanzug und einem Helm, der seinen ganzen Kopf bedeckte, konnte Cassidy sich nicht einmal an der, Nase kratzen. Schweiß tröpfelte sein Gesicht hinunter. Er musste es zwangsläufig ignorieren. Cassidy war nervös. Er schüttelte den Kopf, um den Schweiß aus seinen Augen zu kriegen, und spielte mit der Idee, die Plexiglas- blende seines Helms hochzuschieben, um sich mit den Fingern den Schweiß abwischen zu können. Das würde vielleicht fünfzehn Se- kunden dauern, während derer die Maschine fast fünfeinhalb Kilo- meter Himmel durchqueren würde. Noch nicht. Cassidy nahm sich ein paar Sekunden Zeit, um die Stelle in der Luft anzustarren, wo sich laut Computer Scheer befinden musste. Nichts. Die Chamäleonhaut hatte den Jäger dem Himmel so voll- kommen angepasst, dass er für das nackte Auge unsichtbar war. Heute ließen die F-22 ihren Radar an. Der Bildschirm war jetzt nicht länger leer. Sky Eye hatte den Feind ausfindig gemacht, und der Satellit strahlte die Information herunter. Zwei Zeros waren über Zeya in der Luft. Das mussten die beiden sein, die vor zwei Stunden mit laufenden Motoren auf dem Boden gestanden hatten. Als die Entfernung abnahm, und Cassidy die Skala des Bild- schirms verkleinerte, stellte er fest, dass die Zeros auf irgendeiner Art von Trainingsmission waren. Sie flogen nicht in Formation, sondern kreisten ziellos über der Basis und führten einige Kurven- flüge aus. Vielleicht absolvierten die Piloten Wartungscheckflüge. In 80 Kilometern Entfernung begannen Cassidy und Scheer ihren Sinkflug. Die Transporter, die Bomben nach Zeya brachten, würden nicht vor morgen eintreffen, deshalb konnten die F-22 heute nur mit Bordwaffen angreifen. Guelich und Foy blieben hoch oben und zusammen. Sie würden die Zeros angreifen, die sich in der Luft befanden. Cassidy hörte den Baritonsignalton eines Suchradars an seinem Bomber vorbeifegen. Die Signaltöne waren ziemlich regelmäßig, offenbar sah der Radartechniker ihn nicht. Zu wenig Energie wurde, von der Chamäleonhaut der F-22 reflektiert, um ein Radarecho auf dem Bildschirm des Operators zu erzeugen. Wenn sich der Abstand verringerte, würde die zurückgestrahlte Energie schließlich ausrei- chen, ein Radarecho zu erzeugen, und der Techniker würde ihn sehen. Cassidy fragte sich, wie groß der Abstand dann sein würde. Er erblickte das Flugfeld bei 25 Kilometern Entfernung. Die Nachmittagssonne war hinter ihm und leicht zu seiner Rechten, so dass er und Scheer im Grunde genommen unsichtbar sein würden, wenn sie anflogen. Cassidy drosselte seine Geschwindigkeit auf Mach 1. Er wollte jede Sekunde nutzen, um zu feuern, wollte jedoch mit minimaler Vorwarnung ankommen. In 1.000 Metern Höhe und 15 Kilometern Entfernung, die Ram- pe direkt vor sich, zog Cassidy die Leistungshebel sogar noch wei- ter zurück. Scheer flog außen links und hielt nach eigenen Zielen Ausschau. Die anderen Jäger waren nicht mehr zu sehen. Cassidy musste auf den Bildschirm blicken, um sich zu vergewis- sern, wo Scheer war. Die routinemäßigen Signaltöne des feindlichen Radars änderten sich drastisch. Jetzt fegte der Techniker den Radarstrahl vor und zu- rück über die beiden F-22. Zehn Kilometer. Sie waren auf zehn Ki- lometer herangekommen, ehe sie entdeckt worden waren. Bob Cassidy flog mit 500 Knoten, als er die feindlichen Jagdflie- ger sah. Es waren fünf Stück, hintereinander in einer Reihe geparkt. Wenigstens hoffte er, dass es Zeros waren. Es könnten auch russi- sche Maschinen sein, doch er hatte keine Zeit, sich zu vergewissern. Cassidy drehte hart ab, um auf gleiche Höhe zu kommen, über- prüfte, ob er die Kugel im Zentrum hatte, und blickte kurz auf den Höhenmesser. Die Reihe der Bomber kam ihm schnell entgegen. Und Paul Scheer erschien aus dem Nirgendwo links in seinem vorderen Qua- dranten, keine 20 Meter entfernt. Auch Paul wollte diese Kerle un-, ter Beschuss nehmen. Cassidy drosselte die Geschwindigkeit weiter. 300 Knoten. Scheer eröffnete das Feuer, ließ einen Granatenstrom über die ge- parkten Maschinen rauschen und brach nach links ab. Rauch stieg aus einer der Maschinen. Auch Cassidy ließ seinen Beschuss über den Bombern los und brach nach rechts ab. »Überfliegen Sie die Hangars, Paul, und dann verschwinden wir. Ich schließe auf.« »Ja, Sir.« Cassidy kreiste nach Süden, während Scheer die Hangars be- schoss. Der Pilot konnte mehrere Geschossbatterien auf der Ebene sehen. Er schoss vier schnelle Bilder des Basisbereichs mit einer di- gitalen Kamera. Wenn er nach Zeya zurückkam, konnte er die Ka- mera in einen Computer stecken und die Bilder ausdrucken: fertige Luftaufnahmen. Paul steuerte nach seinem zweiten Beschuss nach Westen und Cassidy schloss zu ihm auf. Sie zündeten die Brenner und stiegen auf. Niemand hatte auch nur einen Schuss auf die Amerikaner abge- feuert. Dick Guelich war 15 Kilometer hinter seinem Opfer und schloss mit Mach 1,8 auf, als der Feindflugzeug-Punkt auf dem HUD nach links wanderte. Der Typ muss kurven, dachte er. Er senkte seine lin- ke Tragfläche und zentrierte damit den Punkt erneut. Da, er konnte ihn sehen, nur ein Fleck, dicht über dem Horizont und nach links abdrehend. Sechs Kilometer, vier, jetzt der Sidewinderton … und Dick Guelich feuerte das Geschoss ab. Mit einem Feuerstrahl sprang es aus dem Träger und verschwand im blauen Himmel, jagte hinter dem kurvenden Flugzeug voraus her., Ein Blitz an dem feindlichen Flugzeug! Treffer. Guelich zog nach rechts und beobachtete die Zero. Sie rollte auf den Rücken, ihre Nase senkte sich, und dann flog der Schleudersitz raus. Lee Foys Zero schoss gerade und horizontal dahin. Foys ECM er- fasste feindliche Radartransfers, doch die Zero flog in die falsche Richtung, um die F-22 zu sehen. Was genau der japanische Pilot da machte, konnte sich Foy nicht vorstellen. Er betete, dass der feind- liche Flieger noch einige Sekunden den Kurs beibehielt. Bei sechs Kilometern, mit dem Feind in Sicht, schloss Foy schnell auf, holte ihn mit vielleicht 300 Knoten Annäherungsgeschwindigkeit ein. Eine halbe Ewigkeit vom Ziel entfernt, beschloss Foy, kein Ge- schoss zu vergeuden. Er klickte den Cursor auf das Waffensymbol seines Haupt-MFD und nahm kräftig Geschwindigkeit weg. Seine Maschine wurde schnell langsamer. Der feindliche Pilot flog weiterhin gerade und horizontal. Foy überprüfte seinen Tac-Bildschirm. Niemand in der Nähe au- ßer Guelich, der sich acht Kilometer westlich an sein Opfer an- pirschte. Weil er kein Gottvertrauen zu diesen Geräten hatte, blick- te Foy über beide Schultern, ob der Himmel leer war. Die Zero flog weiter dahin wie ein Verkehrsflugzeug nach Newark. Andert- halb Kilometer entfernt, 100 Knoten Annäherungsgeschwindigkeit. Jetzt reduzierte Foy die Leistung, brachte die Fadenkreuze in das Bullauge, indem er mit den Höhen- und Seitenflossen spielte. Im Zentrum des Bullauges stand das Abgasrohr. Foy kam aus dem to- ten Heckwinkel, er flog in den Luftstrudel seines Opfers hinein und begann, herumzuschlingern. Noch näher, nicht mehr als 300 Meter. Noch dichter … Bei 100 Metern Entfernung stabilisierte sich Foy. Obwohl seine, Maschine weiter im Luftstrudel der Zero holperte, hüpften die Fa- denkreuze im HUD dicht um das Abgasrohr des feindlichen Bom- bers herum. Ich hätte einen Sidewinder nehmen sollen! Das hier ist kein Luftkampf – das ist Mord. Außerstande, den Auslöser zu drücken, saß er dort und starrte die Zero an. Bei 90 Metern konnte er nicht länger warten. Die Gatling- Waffe hämmerte auf das feindliche Flugzeug ein, das sich unter dem Gewicht von Stahl und Sprengstoff aufzulösen schien, die von einem Ende bis zum anderen durch den Flugzeugrumpf schlugen. Als die Zero allmählich im Treibstoffdunst verschwand, ging in Lee Foys Kopf ein Alarmsignal los. Er gab den Auslöser frei, wäh- rend er hart den Steuerknüppel zurückzog. Die F-22 reagierte sofort und stieg fort vom Benzindunst, kurz bevor die Zero Feuer fing. Das Feuer entzündete den Kondensstreifen, der zu einer 100 Me- ter langen Flamme wurde. Dann explodierte die Zero. Lee Foy biss sich auf die Lippen, blickte kurz auf seinen Bild- schirm, um nach Guelich zu sehen, dann drehte er in die Richtung ab. Einen Moment lang war er mit seinem Herzen geflogen, nicht mit dem Kopf, und er hätte fast den Preis dafür bezahlt. Er war sehr nahe dran gewesen, mit dem Zero-Piloten zu sterben. »Sorry, Kumpel«, flüsterte Foy Pfütze. Cassidy, Guelich und ihre Rottenflieger tankten am Boden in Chita auf, als am späten Sommerabend vier Zeros angejagt kamen. Die Zeros strahlten Radarwellen ab und suchten nach Feindflugzeugen. Der F-22-Luftangriff auf Zeya hatte in der Kommandozentrale in Tokio einen seismischen Schock ausgelöst. Zwei Sergeanten hatten gerade eine Sentinel-Batterie auf einem unbefestigten Waldweg 30 Kilometer östlich von Chita aufgestellt., Es hatte zwei volle Stunden gedauert, um diese Reise durch die Fur- chen einer völlig ausgewaschenen Straße zu machen. Sie fürchteten schon, dass die Sentinel durch all das Rucken und Stoßen beschä- digt würden. Endlich zeigte das GPS an, dass sie 30 Kilometer östlich von Chi- ta waren. Sie hielten an, trennten den Hänger vom Sattelschlepper und aktivierten die Anlage. Zunächst mussten die Sonnenkollekto- ren nach Süden ausgerichtet, dann fünf Schalter und ein Schlüssel eingestellt werden, damit die Anlage nicht von irgendjemandem, der zufällig vorbeispazierte, ausgeschaltet werden konnte. Das Gan- ze dauerte etwa eine Minute, von der das Ausrichten der Sonnen- kollektoren die meiste Zeit erforderte. Die Sergeanten saßen gerade wieder im Schlepper und wollten ihn wenden, als das erste Ge- schoss Feuer speiend aus der Batterie sprang. Mit einem marker- schütternden Brüllen beschleunigte der Raketenantrieb das Ge- schoss aufwärts, zu schnell fürs Auge. Bis die Sergeanten aufblick- ten, sahen sie nur noch den feurigen Schweif des Geschossauspuffs. Noch als sie die Hälse reckten, zu erschrocken, um sich zu bewe- gen, zündete das zweite Geschoss. Als das Donnern verebbte, startete der Sergeant hinter dem Steu- er den Motor des Sattelschleppers und ließ die Kupplung springen. Er wendete dicht hinter der Batterie, die noch auf ihrem Hänger stand, und schoss über die gefurchte Straße in Richtung Chita da- von. Der Zero-Pilot, den das erste Geschoss ansteuerte, sah das an- kommende Ding nicht. Er überprüfte gerade seine Bildschirme, suchte den Himmel ab und schaute mit einem Auge auf seinen Schwarmführer, als das Geschoss nur 30 Zentimeter vor der Nase seines Flugzeugs explodierte. Das Schrapnell zerfetzte die Seite der Maschine, durchlöcherte den Bereich der Nase, wo der Radar unter- gebracht war, und zertrümmerte die Cockpithaube. Ein Schrapnell drang durch den Helm des Piloten in seinen Schädel und tötete, ihn sofort. Er bemerkte nicht einmal mehr, dass er getroffen wor- den war. Das zweite Sentinel-Geschoss hatte denselben Verfolgungsradar wie das erste Geschoss und, als der Radar zu senden aufhörte, such- te es nach einem neuen Ziel. Es nahm andere Radarausstrahlungen auf der korrekten Frequenz wahr und wählte das stärkste Signal aus. Das Steuerungssystem wechselte, und das Geschoss begann seine Kurve … viel zu spät. Der Schwarmführer schaute in Richtung sei- nes getroffenen Rottenfliegers, weil er den Blitz des explodierenden Sprengkopfs gesehen hatte, als das zweite Geschoss harmlos zwi- schen den beiden Maschinen vorüberzuckte. »Anfliegende Geschosse!«, sagte er über Funk. »Welche Art von Geschoss?« Das war die Kontrollzentrale. »Ich weiß es nicht. Aber eins hat meinen Rottenflieger gestreift, und die Maschine scheint außer Kontrolle zu sein. Er geht runter. Steig aus, Muto! Steig aus! Raus, solange du noch kannst!« Für Muto war es zu spät. Die drei übrigen Zeros versuchten gerade zu klären, was passiert war, als ein Sentinel-Geschoss eine weitere Zero traf. Der Pilot über- lebte die Detonation des Sprengkopfs, doch seine Maschine wurde schwer beschädigt. Er zog die Leistungshebel in den Leerlauf, um langsamer zu werden, während er in Richtung Chabarowsk ab- drehte, wo diese Bomber stationiert waren. Der Schwarmführer reagierte schnell. Er schaltete seinen Radar aus und befahl dem übrig gebliebenen Rottenflieger dasselbe. Nur wenige Piloten hätten das Problem innerhalb weniger Sekunden so korrekt diagnostiziert wie er. Drei Sekunden später segelte ein anderes Geschoss ungelenkt an- derthalb Kilometer entfernt vorbei. »Leitstrahllenkung«, teilte der Schwarmführer der Kontrollzentrale mit. Er leitete eine Kurve nach Osten ein, wollte eine 180-Grad- Wendung machen und zur Basis zurückfliegen., In der Hälfte der Kurve tauchten Dixie Elitch und Sacklaus Hu- dek mit röhrenden Motoren auf und feuerten aus allen Rohren. Der Rottenflieger büßte schon beim ersten Vorbeiflug eine Tragflä- che ein. Der Schwarmführer rollte in Rückenlage und drückte die Nase zur Erde hinunter. Er hatte seinen Kopf wie wild herumgedreht, als er einen kurzen Blick auf eine Nachbrennerflamme erhaschte, die von einem kaum wahrnehmbaren Flugzeug stammte; dann war das Flugzeug verschwunden. Er hatte keine Ahnung, mit wie vielen Maschinen er es zu tun hatte, und er folgerte richtig, dass es Zeit war, zu tanken. Er stieß eine Wolke aus Störfolie aus, während die Zero direkt auf das Zent- rum des Heimatplaneten zuschoss. Einer der Leuchtköder rettete ihm das Leben. Hudek löste einen Sidewinder aus, der von dem Köder magisch angezogen wurde. »Vergeuden wir keinen Treib- stoff«, rief Dixie ihm über Funk zu. »Ach, komm schon, Baby. Lass mich diesen Japsen killen.« »Sie haben mich verstanden, Hudek. Abbrechen.« Hudek konnte sehen, wie die Zero sich weit unter ihm abfing. »Wenn man bedenkt, dass ich gebrauchte Autos in Hoboken ver- kaufen könnte.« Er stellte seinen Radar an, versuchte eine Peilung für eine AMRAAM zu kriegen. Ahh … da war es! Der Radar hatte es richtig erfasst. Soll ich oder soll ich nicht? »Schalten Sie den Radar aus, Hudek.« »Alles klar, Süße.« »Muto und Sugita wurden von Geschossen getroffen. Ich glaube, dass sie durch unsere Radarstrahlen geleitet wurden. Als ich den Ra- dar ausgeschaltet habe, haben mehrere Geschosse ihr Ziel verfehlt. Dann wurden wir von Bombern angegriffen. Ich weiß nicht, wie viele es waren. Ich glaube, sie haben dann Tashiro getötet. Ich bin, um mein Leben geflogen –« »Sie brauchen sich nicht zu schämen, Miura. Sie leben noch, um erneut zu kämpfen.« »Oberst, den unglaublichsten Teil habe ich Ihnen noch gar nicht berichtet. Denken Sie bitte nicht, ich sei verrückt. Glauben Sie mir, ich sage Ihnen die Wahrheit.« »Hauptmann Miura, berichten Sie.« »Ich konnte die feindlichen Bomber nicht sehen. Sie waren un- sichtbar.« Der Oberst war schockiert. Was auch immer er erwartet hatte, das war es nicht gewesen. »Sind Sie sicher, Miura? Es ist oft schwierig, andere Flugzeuge in einem Kurvenkampf zu sehen. Licht und Schatten, Wolken, un- deutliche Hintergründe …« »Ich bin absolut sicher, Sir. Ich habe einen Blick auf einen von ihnen erhascht, habe den Ausstoß des Nachbrenners gesehen. Der Bomber schimmerte am Abendhimmel, kaum sichtbar. Er war da, und doch wieder nicht da. Dann hat sich der Winkel geändert, oder das Licht, und ich habe ihn aus den Augen verloren. Der feindliche Bomber war da, aber ich konnte ihn nicht sehen.« In die Stille hinein, die dieser Erklärung folgte, sagte Jiro Kimura: »Das wäre nicht unmöglich, Oberst. Ich habe über amerikanische Forschungen gelesen, die sich damit beschäftigen, die Farbe des Metalls mit Hilfe von elektrischen Ladungen zu verändern.« Der Oberst war nicht überzeugt. »Ich habe von keinen solchen Forschungen bei den Russen gehört.« »Ich bezweifele, dass sich die Russen das leisten könnten, Oberst«, antwortete Jiro. »Das könnten Maschinen des Amerikanischen Ge- schwaders gewesen sein, von dem wir gehört haben. Wenn ja, sind es amerikanische F-22 Raptors.« »Schreiben Sie Ihren Bericht, Miura«, sagte der Oberst. »Ich leite ihn sofort nach Tokio weiter.«, Im Bereitschaftsraum ließen die anderen Piloten ein Band auf dem Videorecorder laufen, ein Mitschnitt einer Sendung eines ame- rikanischen Kabelkanals. Jiro sah nur kurz zum Fernseher hinüber, während er vorbeiging … und erblickte Bob Cassidy. Er blieb stehen und starrte. Cassidys Stimme war kaum hörbar, übertönt von einem männlichen Übersetzer. Cassidy! Oh, mein Gott! »Hey, Miststück! Du schuldest mir einen Abschuss. Ich hätte die- sen Japsen kriegen können.« »Wenn Sie mich noch mal Miststück nennen, Hudek, sollten Sie besser eine Pistole in der Hand haben, weil ich meine ziehen und schießen werde.« Aaron Hudeks Gesicht war rot angelaufen. Er schrie: »Zieh nie wieder so einen Stunt mit mir ab! Klar?« »Solange ich Schwarmführer bin«, sagte Dixie Elitch hitzig, »wer- den Sie meinen Befehlen gehorchen, Hudek. Nach meiner Ansicht hatten wir nicht genug Treibstoff, um diesen Typen zu jagen. Wir hatten noch eine weitere Stunde zu fliegen, bevor wir landen und auftanken konnten. Sie wussten das genauso gut wie ich. Und wäh- rend dieser Stunde hätten wir jederzeit gezwungen sein können, er- neut zu kämpfen, falls noch mehr Zeros aufgetaucht wären.« »Alles, was ich tun musste, war, den Auslöser zu drücken. Ich hat- te eine Radarerfassung.« »Dann hätten Sie schießen sollen.« »Sie haben gesagt, ich soll es nicht tun.« Hudeks Stimme wurde eine Oktave höher. »Nun, vorbei ist vorbei. Sie hätten ihn abknallen und mir dann folgen sollen.« »Aah, Süße, ich wette, Sie wollten nicht, dass ich dem kleinen Bastard in den Rücken schieße. Nicht sehr sportlich.«, »Im Nachhinein können Sie sagen, was Sie wollen, Hudek, aber in der Luft sollten Sie besser tun, was Ihnen gesagt wird.« »Oder was? Du vergeudest etwas Sprit, um mich abzuschießen?« »Nein«, fuhr Bob Cassidy ihn an, als er zu ihnen trat. »Das wird sie nicht nötig haben. Jeder in dieser Uniform wird den Befehlen seiner Vorgesetzten gehorchen, Sie eingeschlossen. Widersetzen Sie sich einem Befehl, sind Ihre Fliegertage vorüber. Und Sie werden zu Fuß nach Hause gehen. Das garantiere ich Ihnen.« »Okay, Colonel. Sie sind der Boss.« »Da liegen Sie richtig«, blaffte Cassidy zurück. »Ich war drauf und dran, abzudrücken«, fuhr Hudek fort. Er hielt Daumen und Zeigefinger einen halben Zentimeter auseinander. »Ich war so nah dran.« Er seufzte tief. »Wir werden noch bereuen, dass wir diesen letzten Japaner haben abhauen lassen, damit er er- zählen kann, was er weiß. Ich bereue es jetzt schon.« »Sie hatten eine Radarerfassung?«, fragte Cassidy scharf. »Als der Typ aus dem Kurvenkampf ausgestiegen ist.« »Vielleicht hat das Athena-Gerät nicht funktioniert«, grübelte Cas- sidy. »Vielleicht. Ich weiß nicht.« »Sie hätten den Auslöser drücken sollen, Hudek. Dixie wollte, dass Sie keinen Sprit vergeuden. Das nächste Mal drücken Sie den verdammten Auslöser.« Dixie warf Hudek eine Kusshand zu. Sacklaus verzog das Gesicht und machte sich auf die Suche nach einem kalten Getränk. Sein erster Kampf, und er hatte einen abhau- en lassen. Scheiße! Leider war alles, was er zu trinken finden würde, Wasser. Es gab, überlegte er, einen kleinen Lichtblick in diesem Püree aus Inkompetenz, Dummheit und vertanen Chancen – Foy Pfütze hat- te sein Wettangebot über die erste Zero abgelehnt. Einen Riesen rauszurücken, wäre echt hart gewesen. Wenigstens stand ihm die, Hälfte der Anerkennung für die Abschüsse mit Dixie zu. Das war immerhin etwas, wenn auch weiß Gott nicht viel. Zweifellos würde das Schlitzauge ihn erbarmungslos damit aufzie- hen. Doppelt Scheiße! 18. KAPITEL

Die Männer der Admiral Kolchak arbeiteten in Schichten rundum die Uhr und brauchten drei Tage, um ein neues Periskop

und eine neue Radarantenne einzubauen. Darüber hinaus luden sie einen vollen Satz Torpedos und Dieseltreibstoff, versorgten das Schiff mit Gemüse- und Fleischkonserven, füllten die Süßwasser- tanks auf, wuschen ihre Kleidung und badeten. Die rissigen Batte- rien erforderten mehr Zeit. Und es gab keine Möglichkeit, die feh- lenden schalldichten Fliesen auf dem Bootsrumpf zu ersetzen, so dass sie es gar nicht erst versuchten. Es war in der Dusche, als As- kold auf Pavel Saratov zuging, der mit geschlossenen Augen unter dem heißen Wasser stand und sich Rücken und Kopf massieren ließ. »Kapitän, wir haben vier Geschosse für den Turm gefunden.« »Sind Sie sicher, dass es die richtigen sind?« »Zwanzig Jahre alt, wenn's reicht, aber ich hab sie schon geladen. Sie passen.« »Sehr gut, Askold.« »Kapitän, wohin will uns General Esenin schicken?« »Zurück zur Bucht von Tokio«, antwortete Saratov nach einer Weile. Kein Zweifel, Askold hatte sich für seine Fragen die Dusche, ausgesucht, weil ein Mikrophon durch den Wasserlärm ihr Ge- spräch nicht auffangen konnte. »Die Männer sind sehr unzufrieden.« »Mhmm«. Saratov öffnete die Augen und griff nach der Seife. »Sie werden uns diesmal erwarten.« »Er hat schriftliche Befehle, unterschrieben von Präsident Kalu- gin. Uns bleibt keine Wahl.« Askold konzentrierte sich aufs Waschen. »Schauen Sie sich die Ladung an«, meinte Saratov. »Proviant, Tor- pedos, Diesel – die müssen dieses Zeug über den Pol eingeflogen haben. Irgendwo hat jemand diesen Leuten einen höllischen Vor- rang eingeräumt.« »Das ist doch verrückt. Ein dieselelektrisches Boot? Ein paar Tor- pedos? Wir können den Krieg für Russland gewinnen?« »Die Admiral Kolchak ist Russlands einziges U-Boot im Pazifik. Unsere anderen drei wurden beim Angriff der Japaner auf Wladi- wostok versenkt.« »Was also sollen wir in der Bucht von Tokio?« »Esenin hat einen Auftrag. Er kümmert sich nicht darum, uns Leibeigenen zu sagen, was es ist.« »Kapitän, die Männer –« »Nummer eins, die Männer der Admiral Kolchak werden ihren Be- fehlen gehorchen. Sie werden tun, was man ihnen sagt. Sie haben einen Eid geschworen, zu gehorchen, und bei allem, was heilig ist, sie werden ihn halten.« »Ja, Kapitän.« »Esenin erschießt jeden, der einem Befehl nicht gehorcht. Und wenn er es nicht tut, werde ich es tun. Sagen Sie ihnen das lieber.« »Aye, aye, Kapitän.« »Das hier ist größer als wir alle, Askold. Wir haben keine Wahl. Keiner von uns.« »Ich verstehe, Kapitän.«, Das war die richtige Art, Askold Angst zu machen, der sich wei- gerte, ihn anzusehen. Während der Erste Offizier den Spindraum verließ und sich dabei noch sein Hemd zuknöpfte, saß Saratov müde auf der Bank. Er be- fingerte gedankenverloren die Narbe auf seiner Stirn. Er hätte in der Tokioer Bucht sterben können. Askold hatte ihm das Leben gerettet, und Saratov wünschte fast, er hätte es nicht ge- tan. »Er hat vor, Japan mit Atomwaffen anzugreifen«, sagte Janos Ilin zu Marschall Stolypin. Der alte Mann starrte ihn mit steinerner Miene an, was Ilin etwas nervös machte. Nie konnte man sagen, was der alte Bastard dachte, oder ob er überhaupt etwas dachte. Mit ihm zu reden, war, wie mit einem Bild zu sprechen. »So dumm ist er nicht«, sagte Stolypin schließlich. »So dumm ist er. Glauben Sie mir. Er denkt, wenn er Tokio mit Atomwaffen angreift, wird Japan zusammenbrechen und er wird der neue Zar von Russland werden. Seine Stellung wird unantastbar sein.« Stolypin schüttelte langsam den Kopf wie ein alter Bär. »Wir kön- nen auch ohne Atomwaffen gewinnen. Wir lassen sie durch Blitz- überfälle ausbluten. Die Amerikaner sind in der Lage, die Zeros Mann gegen Mann zu bekämpfen. Diesen Winter lassen wir eine Armee von einer halben Million Mann auf sie los. Wir können auf dem Schlachtfeld gewinnen.« »Kalugin wartet nicht. Er will Russland jetzt retten.« »Als ich diese Sprengköpfe habe verschwinden lassen, dachte ich an mögliche Konflikte mit früheren sowjetischen Staaten. Nun ja … Die Japaner haben ihr Schicksal verdient.« »Zweifellos«, sagte Janos Ilin knapp, »aber während die japanische Regierung zusammenbricht, könnte das Militär mit ihren eigenen, Atomwaffen kontern. Sie besitzen Sprengköpfe für ihre satellitenge- steuerten Geschosse, streng geheim entwickelt. Sie könnten sie auf Russland abfeuern.« Stolypin staunte. »Das ist das Erste, was ich jemals von japani- schen Atomwaffen gehört habe. Wie sicher ist Ihre Information?« »Unbedingt zuverlässig. Kalugin weiß von den japanischen Atom- sprengköpfen. Er hat ihnen ein Ultimatum gestellt, das sie zurück- gewiesen haben. Premierminister Abe teilte ihm mit, dass sie, wenn er Atomwaffen gegen die Japaner einsetzt, zurückschlagen werden.« »Ich weiß von keinem Ultimatum.« »Kalugin glaubt Premierminister Abe offensichtlich nicht. Und er ist bereit, Russland darauf zu setzen, dass Abe lügt.« »Das ändert alles«, murmelte Stolypin vor sich hin und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Der alte Soldat schaute aus dem Fenster und spielte dann mit dem Brieföffner auf seinem Schreibtisch. Dieser und ein Bleistift waren die einzig sichtbaren Dinge. Stolypins bürokratische Ord- nung störte Ilin. Seiner Erfahrung nach waren Ordnungsfanatiker neurotisch. »All diese Jahre«, murmelte Stolypin, »das Gleichgewicht des Atomterrors hat jeden davon abgehalten, den Auslöser zu drücken. Bis jetzt … Woher weiß ich, dass Sie mir die Wahrheit sagen?« »Würde ich mir so etwas ausdenken? Warum sollte ich?« »Sie erzählen mir diese Geschichte. Der Präsident ist ein Irrer, der darauf erpicht ist, auf den roten Knopf zu drücken. Er hat Sie viel- leicht hergeschickt, um zu sehen, ob ich loyal bin.« »Gesprochen wie ein echter Bauer. Die Paranoia steht Ihnen gut, Marschall.« »Wenn Sie mich verhöhnen wollen, Ilin, tun Sie es woanders«, sagte der Marschall. Sein Gesicht war ruhig wie ein klarer Sommer- himmel. »Ich habe dafür keine Zeit.« »Ich habe nur das vertrauliche Wort von Männern zu bieten, de-, nen ich vertraue.« »Gemunkel von Männern, die ich nicht kenne, bringt mich nicht voran, Ilin. Ich will Beweise. Liefern Sie mir Beweise oder kommen Sie nicht wieder.« Janos Ilin stand auf und verließ das Zimmer. Die vier F-22 durchstießen die Wolkendecke in breit gestreuter For- mation. Keine der Maschinen sendete mit ihrem Radar. Heute war Aaron Hudek Cassidys Rottenflieger, der acht Kilometer weiter links vom Schwarmführer flog. Dixie Elitch führte die zweite Sek- tion; sie flog acht Kilometer zur Rechten und Clay Lacy acht Kilo- meter neben ihr. Ihr Steuerkurs war leicht nördlich nach Osten. Die späte Nach- mittagssonne schien ihnen über die linke Schulter. Die Wolken un- ter ihnen wurden dicker, und die Lücken sahen zottig und düster aus. Im Norden, Osten und Süden konnte Cassidy massive Gewit- ter sehen, die aus den tieferen Kumuluswolken in die Höhe wuch- sen. Das ECM war still. Cassidy vertraute der ganzen Hightech-Ausstattung immer noch nicht völlig, so dass er den ECM-Selbsttest-Knopf drückte. Die Lichter blinkten in ein Testbild auf der ECM-Anzeige und der Ton piepste und hupte. Konzert und Lichtshow dauerten sechzig Sekun- den, eine Zeit, während der Cassidy herzlich wünschte, er hätte nicht an dem verflixten Ding herumgespielt. Er hatte es bereits vor einer Stunde auf dem Boden getestet. Der Autopilot flog den Bomber ausgezeichnet. In dem großzügi- gen Cockpit sitzend, dachte Cassidy, dass der Bomber wie eine 747 flog, die den Pazifik überquerte. Nicht einmal eine Andeutung von Turbulenz. Fest, stabil, glatt wie Seide. Wo blieb die Stewardess mit den Getränken? Müßig sann Cassidy über die seltsamen Wendun-, gen des Glücks nach, das ihn hierher in einen ausländischen Krieg verschlagen hatte, wo die einzige Person auf Erden, die er als einen Familienangehörigen betrachten könnte, einen Bomber der anderen Seite flog. Das Leben ist manchmal bizarr, entschied er. Völlig unvorherseh- bar. Dixie war etwas zu weit entfernt, doch Cassidy wollte die Funk- stille nicht brechen, um sie zum Aufschließen aufzufordern. 320 Kilometer bis Zeya. Die F-22 würden in 15 Minuten dort sein. Cassidy drehte an seinem Computercursor herum, forderte den Zauberkasten auf, das Ziel anzugreifen, das er am Boden program- miert hatte. Der nationale Sicherheitsdienst wählte die Ziele anhand von Satellitenaufklärungsfotos aus. Sie verwandelten Breiten- und Längenkoordinaten unter Verwendung von Landkartendeckpausen in einen Code, der dann über das zerhackte Satelliten-Data-Link übermittelt wurde. Die codierten Koordinaten wurden in Karten eingezeichnet, die aus den Staaten mitgebracht worden waren, und wieder in Breite und Länge konvertiert; die dabei entstehenden Zah- len wurden den Piloten ausgehändigt, damit diese sie in den An- griffscomputer des Flugzeugs programmierten. Den Piloten wurden nur die Koordinaten gegeben: Sie wussten nicht, was sie bombardierten. Es war eine seltsame Trennung von der Realität – wenn man nichts wusste, würde man sich nicht schul- dig fühlen. Ich bin nicht verantwortlich – die Leute in Washington haben mir gesagt, ich soll den Knopf drücken, und ich habe ihn gedrückt. In Cassidys kleinen internen Waffenträgern hingen zwei neue 1.000-Pfund-Bomben. In der Nase jeder Bombe saß ein GPS-Emp- fänger, ein Computer, und ein Satz von vier kleinen beweglichen Flügeln. Die Zielkoordinaten wurden vom Computer des Flugzeugs in den Computer der Bombe eingespeist, Ersterer bestimmte auch, wo die Bombe auf Grundlage der bekannten Höhenwinde abgewor- fen werden sollte. Während die nicht angetriebene Bombe fiel, loka-, lisierte der GPS-Empfänger die Bombe im dreidimensionalen Raum und gab diese Daten an den Computer, der einen Kurs berechnete, wohin die Bombe fliegen sollte und die Flügel auf den Steuerkurs einstellte. Die Genauigkeit des Systems war phänomenal. Die Hälfte der aus 1.000 Meter Höhe fallenden Bomben würde innerhalb von drei Metern des Zentrums der programmierten Zielkoordinaten ein- schlagen. Heute, als Cassidy in 11.000 Meter Höhe mit Mach 1,3 in Rich- tung des Zeya-Rollfelds flog, errechnete der Computer eine An- griffsroute und gab dem Piloten die Steuerbefehle. Der Autopilot der Maschine folgte den Kommandos ohne sein Zutun. Alles ist automatisiert, dachte er. Die Maschine nimmt dir alles ab, außer das Sterben. Aufgrund der Tatsache, dass die Bomben sich selbst steuern konnten, war das Fenster, in das sie abgeworfen werden mussten, in dieser Höhe ein großes Oval oder ein großer Korb. Jede in den Korb gebrachte Bombe würde die Energie haben, sich zum ge- wünschten Ziel zu steuern, vorausgesetzt natürlich, dass der Com- puter und der GPS-Empfänger in der Nase richtig funktionierten. Für den Fall der Fälle war es üblich, zwei Bomben auf jedes Ziel ab- zuwerfen. Die Symbole im HUD waren lebendig, bewegten sich vorherseh- bar und anmutig, als Cassidy sich seinen Weg zwischen den Gewit- tern bahnte, um seine supersonische Bombe 8.000 Meter über der Erde abzuwerfen. Als er innerhalb des Korbs war, löste er die erste Waffe durch einmaliges Drücken auf die Klemme des Joysticks aus. Er fühlte nur einen geringfügigen Ruck, als die erste Bombe aus dem Waffenträger abgeworfen wurde. Ein weiterer Stoß schickte die zweite Bombe der ersten hinterher. Hinter Cassidy fielen Bomben aus den anderen Maschinen, von denen jede ihren eigenen Angriff flog., Der Überschallknall erreichte den Flugplatz von Zeya vor den Bomben. Viermal in weniger als einer Sekunde, wie ein ankommen- des Artilleriesperrfeuer. Die Bomben überraschten Jiro Kimura, der den bedeckten Him- mel durchsuchte. Er war auf dem Weg zum Hauptquartier, um dem Stützpunkt-Kommandanten zu berichten, doch als er den Überschallknall hörte, hielt er zwei Sekunden nach feindlichen Flugzeugen Ausschau. Dann erinnerte er sich an die Zeros, die sein Rottenflieger und er vor nur einer Stunde aus Chabarowsk hergeflo- gen hatten, und er rannte zum Abstellplatz zurück. Nun hörte er das Brüllen der Motoren, fast 10.000 Meter unter den beschleunigten Maschinen. Jiro sah erneut hinauf. Er suchte den wolkenverhangenen Him- mel ab, als die erste Bombe in das Munitionsdepot am Rand der Basis, drei Kilometer entfernt, schlug. Die folgende Explosion mäh- te im Umkreis von tausend Metern die Bäume nieder. Sie war so gewaltig, dass die Detonation der zweiten Bombe mitten in dem Durcheinander völlig unbemerkt blieb. Jiro warf sich mit dem Gesicht nach unten auf die Erde, ehe ihn die Erschütterung dieser Explosion erreichte. Ein nahegelegener Hangar, der als Speicherraum für Lagerbestän- de benutzt wurde, bekam innerhalb von zwei Sekunden zwei Bom- ben ab, beide von Aaron Hudek abgeworfen. Als die Bomben ex- plodierten, flog das Hangardach 15 Meter durch die Luft, ehe es auf den Boden krachte. Die Wände des Gebäudes klappten nach außen. Das Bombenpaar, das Dixie Elitch auslöste, fiel auf das Treib- stofflager auf der anderen Seite der Basis, drei Kilometer vom Hauptquartier entfernt. Die Bomben entzündeten zwei Treibstoff- feuer, die schnell ungeheure schwarze Rauchsäulen in die dunkel werdenden Abendwolken schickten. Der letzte Satz Bomben, von Clay Lacy, zielte auf das Haupt-, quartiersgebäude hinter Jiro. Die erste Bombe schlug in die Nord- westecke ein und verwandelte ein Viertel des Gebäudes in einen Schutthaufen. Die zweite verfehlte das Gebäude auf der östlichen Seite um drei Meter; die Explosion trieb Ziegelsteine wie Schrapnell durch den übrigen Bau. Die Druckwellen der beiden Bomben trommelten auf Jiro Kimu- ra ein, während er 30 Meter entfernt bäuchlings im Dreck lag. Wie durch ein Wunder trafen ihn die fliegenden Trümmer nicht, nur der Staub von Mörtel und pulverisierten Ziegeln bedeckte ihn. Als der Staub sich legte, rappelte er sich hoch, wischte sich Sand und Schmutz aus den Augen und klopfte den Staub von seiner Uniform. Seine Gedanken wurden wieder klar. Die Leute im Gebäude … Jiro riss die Tür des Hauptquartiers auf und stürzte hinein. Der Staub war so dicht, dass er kaum etwas sehen konnte. Das elektri- sche Licht war ausgefallen. Er tastete sich durch den Flur und in das Kriegszimmer. Die Luft war undurchdringlich. Er hielt sich ein Taschentuch vor Mund und Nase, um atmen zu können, und tas- tete sich ins Zimmer vor. Etwas stieß gegen seine Beine. Er bückte sich und blinzelte heftig, versuchte etwas zu erkennen. Es war ein menschlicher Körper. Ein halber Körper – von der Taille abwärts. Tausende von Ziegelbruchstücken bedeckten den Boden. Die Luft wurde klarer. Noch mehr Leichen und Körperteile, abgerissene Arme, abge- trennte Köpfe … Er blickte auf. Als der wirbelnde Staub sich senkte, konnte er dunkle Wolkenfetzen durch das klaffende Loch sehen, wo die Nordwestmauer des Gebäudes gestanden hatte. Und er konnte das Brüllen von Düsenmotoren hören. Die Amerikaner hatten gerade ihre Bomben abgeworfen, als die, Zero-Jäger sie überraschten. Plötzlich heulte das ECM und die Bild- schirme zeigten gelbe Bombersymbole, Zeros, die von links kamen und rasch aufschlossen. Dann feuerte eine der Zeros ein Geschoss ab und die Hölle brach los. Die Amerikaner stießen ihre Leistungshebel hart nach vorn und drehten scharf ab, um dem entgegenkommenden Geschoss auszu- weichen. Cassidy kurvte mit acht g in das Geschoss ein, die schwere Titandüse hinter den Nachbrennern kippte die Feuerkegel, um den schnelleren Kurvenflug zu unterstützen. Sein Druckanzug füllte sich automatisch mit Luft, damit er nicht ohnmächtig wurde. Das HUD zeigte überall Ziele an. Unglücklicherweise zeigte der Computer die Positionen der Ziele in Echtzeit an, nicht dort, wo sie sein würden, nachdem Cassidy seine Maschine dorthin gewen- det hatte, so dass die Ziele schon innerhalb des Leistungsbereichs des Geschosses waren, wenn er eine Feuerlösung bekam. Dieses vierdimensionale Problem durch Betrachten der Computeranzeigen zu lösen, während man in Gefahr lief, abgeschossen zu werden, war die Kunst des Überschallkurvenkampfs. Einige Piloten beherrschten es; andere flogen Verkehrsflugzeuge und Hubschrauber. Cassidy schnippte den Waffenwählschalter auf ›Geschosse‹, wäh- rend er eine 80-Grad-Kurve flog. Eine Zero flog fast frontal auf ihn zu, als der Flugzeug-Kursanweisungspunkt rasch in den Kreis der Geschossreichweite kam, so dass er den Auslöser zog. Ein AM- RAAM-Geschoss brüllte mit einem Feuerschweif davon. Die AM- RAAM steuerte nicht! Natürlich nicht, Dummkopf! Sie kann die mit Athena geschützte Zero nicht sehen. Cassidy hatte keine Zeit, über seinen Fehler nachzudenken. Ein weiteres Geschoss zuckte über seine Nase, keine 30 Meter entfernt, von links nach rechts. Er hatte ein Ziel rechts unter sich, deshalb rollte er hart ab und flog darauf zu. Der Bomber drehte ab, wenn er ihn aus der Kurve steuerte, konnte er einen so hoch effektiven Heckschuss feuern. Die, Schwerkraft lastete auf ihm und presste brutal auf den Druckanzug. Er mühte sich, trotz des Gewichts auf seinem Brustkasten zu at- men. Jetzt hatte er den Sidewinder auf dem MFD ausgewählt. Der feindliche Bomber war nahe, fast zu nahe, doch als er den Zielerfas- sung-Ton des Geschosses hörte, feuerte Cassidy trotzdem. Zwei Se- kunden später sah er aus dem Augenwinkel eine Explosion. Hab ich ihn erwischt? Er tauchte jetzt zur Erde, zog drei g, verringerte es, richtete seine Tragflächen aus, verstärkte das g. Nase hoch, noch mehr g, die lin- ke Tragfläche senken, weil eine Zero hinter und links über ihm war, das Geschosslicht auf der Instrumentenanzeige blinkte und das ECM heulte … Zieh, zieh, zieh! Eine weitere Explosion auf der rechten Seite. Eine Maschine blitzte vor ihm auf, eine Zero, und Cassidy ließ die Tragfläche herunterkrachen, um ihr zu folgen. Clay Lacy sah das Geschoss, das ihn tötete. Es wurde von einer Zero knapp drei Kilometer entfernt auf vier Uhr abgefeuert und steuerte genau wie ein Laserstrahl auf ihn zu. Lacys Computer zeig- te zwei mögliche Ziele vor ihm an und empfahl das rechte, als er aus dem Augenwinkel das ankommende Geschoss sah. Zu seiner Überraschung realisierte er nun, dass das Geschoss-Warnlicht blink- te und der akustische Warnton in voller Lautstärke heulte. Das Ge- schoss war weniger als eine Sekunde vor dem Einschlag, als er es sah, und Clay Lacy wusste, dass er geliefert war. »Scheiße«, sagte er und zog neun g. Es reichte nicht. Das Geschoss ging unter dem Bauch des Flug- zeugs los, sprengte Schrapnell in die Tragflächentanks und zerfetzte den Flugzeugbauch. Das Schrapnell drang durch den Boden des Cockpits und tötete Clay Lacy weniger als eine Sekunde, ehe das, Flugzeug explodierte. Als sich der Feuerball ausbreitete, genährt durch den Treibstoff des Flugzeugs, schossen zwei lange Zylinder – die Triebwerke des Bombers – aus der Explosion heraus und fielen in einer ballistischen Flugbahn 8.000 Meter zur Erde. Bob Cassidy registrierte das Verschwinden eines der drei anderen grünen F-22-Symbole von seinem Tac-Bildschirm. Er war viel zu be- schäftigt, um sich zu fragen, wer getroffen worden war. Er war tief in den Wolken, flog, als ob er wieder in Deutschland im Simulator säße. Er schoss hinunter, machte fast Mach 2, suchte auf dem Bild- schirm nach Feinden, die ihn für ein Geschoss orten könnten. Er schaltete den Brenner ab und fuhr seine Sturzflugbremsen einige Zentimeter weit aus, um die Geschwindigkeit zu verlangsamen. Da, 15 Kilometer rechts von ihm – eine Zero, die auf eine hohe Radar-Impulsfolge (PRF) für einen Schuss schaltete. Jetzt war sie auf dem Bildschirm – warum hatte Sky Eye die Zeros nicht gesehen, als die F-22 bei der Basis ankamen? Er trieb die F-22 in eine harte Rechtskurve, neun g, über 20 Grad änderte sich bei dieser Geschwindigkeit der Kurs pro Sekunde. Er sah die Schliere auf dem MFD, als der feindliche Bomber ein Ge- schoss startete. Cassidy drehte seine Maschine auf den Rücken, zog die Nase 30 Grad hinunter und zündete die Nachbrenner. Sein Bomber stieß automatisch Störfolie und Köder aus – sie würden ihn retten oder auch nicht. Er entschied sich dafür, unter den feindlichen Jäger zu tauchen, zu schnell für die Zero, um ihre Nase für einen weiteren Schuss senken zu können. Die Rechnung ging auf. Das Geschoss des Feindes erfasste ihn nicht. Cassidy schaltete den Brenner aus und zog hoch, um hinter, die Zero zu drehen, die ebenfalls hart zu seinem Schwanz hin ab- drehte, ein tödlicher Fehler. Nichts konnte am Himmel kurven wie ein Raptor. Cassidy wählte die Bordwaffe. Er wollte einen Schuss feuern, einen blinden In-die-Wolken- Schuss. Er kurvte schneller als die Zero, behielt das g bei, kämpfte dagegen an und versuchte, den Kursanweisungspunkt des Flugzeugs durch das Zielsymbol auf dem HUD zu ziehen, so dass die beiden Punkte sich in weniger als anderthalb Kilometern kreuzen würden. Jetzt! Er drückte den Auslöser und hielt ihn fest. Feuer sprühte aus seiner Gatling-Waffe. In der Zero hatte der japanische Pilot den Amerikaner auf seinem taktischen Bildschirm verloren. Er drehte hart, versuchte, die F-22 wieder auf dem Radar zu orten, damit er ein zweites Geschoss ab- feuern konnte. Der erste Kanonenbeschuss der F-22 überraschte die Zero von hinten. Dann fegte der Strom des Sprengstoffs über sei- nen Bomber hinweg. Mehrere der Granaten durchschlugen die linke Höhenflosse; dann zerschmetterten vier Granaten das linke Triebwerk. Fünf Schrapnells zerfetzten den Haupttreibstoffbehälter hinter dem Cockpit. Drei trafen den Piloten und töteten ihn sofort. Zwei wei- tere durchschlugen die Nase des Flugzeugs und zerschlugen den Ra- dar. In nur einer Drittelsekunde war der Schaden angerichtet; dann erstarb die Granatenflut vor dem Flugzeug. Die Zero flog für mehr als drei Sekunden weiter, bevor der Treib- stoff auf die heißen Getriebeteile traf und das Flugzeug explodierte. »Yankees, melden!«, »Hier Zwei.« Das war Hudek. »Drei.« Dixie. Vier hätte jetzt singen sollen, doch er tat es nicht. »Vier, sind Sie da?«, fragte Cassidy. Er flog mit voller Geschwin- digkeit, raste in westlicher Richtung von Zeya fort. Keine Antwort von Lacy. »Yankees, bleiben Sie bei mir. Lacy, wo sind Sie?« »Ich glaube, er hat ins Gras gebissen, Skipper.« Das war Hudek. »Lacy, Sie verdammter Bastard, antworten Sie, Junge. Wo sind Sie?« Als sie in Chita landeten, war es Nacht. Die drei Piloten rollten zu ihren Splitterboxen und stellten die Motoren aus. Im Büro, das sie als Bereitschaftsraum benutzten, legten sie die Videoscheiben in den Analyse-Computer und spielten die Aufnahmen des Einsatzes ab. Der Computer nahm alle Informationen von den drei verblie- benen Bombern auf, mischte sie und zeigte eine dreidimensionale Holographie. Sie sahen die amerikanischen Flugzeuge und die Zeros, die Manöver, die Geschosse – jeder konnte alles genau beo- bachten. Jedes brillante Manöver und jeden Fehler konnten alle sehen. »Wir haben fünfzehn Geschosse abgefeuert und sechs Zeros ge- killt. Ein Abschuss mit Bordkanone. Wir haben einen Bomber und Piloten verloren.« »Zu schade um Lacy.« »Gott, das ist hart.« »Sie haben dieses AMRAAM verschwendet, als Sie es auf die Zero abgefeuert haben, Colonel. Dieser Athena-Mechanismus, den die haben, funktioniert wirklich.« »Wir haben sie auf dem ECM erfasst. Sie haben ihren Radar nicht eingeschaltet, bis wir über ihnen waren.«, »Das war ihr Fehler.« »Der Satellit hat diese Kerle nie gesehen, bis sie bei uns waren.« »Spätnachmittägliche Wolkenquellen, jede Menge Thermik …« »Haben uns einen Mann gekostet.« »Lacy hat's vermasselt, Skipper«, sagte Hudek rundweg. »Schauen Sie sich mal diese Sequenz an.« Er zeigte auf zwei Maschinen auf dem holographischen Bildschirm. »Dieser Bastard flog in einem rechten Winkel hinter Lacy vorbei, hat ihn hart umkreist, um eine Feuerlösung zu kriegen. Lacy war damit beschäftigt, diese beiden hier zu jagen. Sehen Sie das? Lacy hatte Zielfixierung; er hat die Übersicht verloren. Clay Lacy ist tot, weil er Mist gebaut hat.« Das war der springende Punkt. In diesem Geschäft waren Fehler tödlich. »Okay, lassen Sie uns rekapitulieren. Die Zeros sind aufgetaucht, bevor wir wussten, dass sie überhaupt da waren. Lacy hat es versiebt und wurde abgeschossen. Aber die Japaner haben es genauso ver- masselt. Wenn sie ihre Geschosse 80 Kilometer früher auf uns abge- feuert hätten, hätten wir ihnen nichts anhaben können. Sie werden daraus lernen. Wartet's nur ab.« Cassidy rief über das Satellitentelefon Washington an. Er wurde mit Colonel Eatherly verbunden. Nachdem Cassidy ihm von dem Einsatz berichtet hatte, sagte Eatherly: »Wir haben die meiste Zeit Satelliten über diesem Bereich. Manchmal können sie die Flugzeu- ge ausmachen. Mehr kann ich nicht sagen. Ich werde morgen mit General Tuck reden. Vielleicht wird er ein paar Leuten in den Arsch treten. Aber ich kann Ihnen in diesem Augenblick versichern, Space Command tut alles, was ihnen mit ihrer Technologie mög- lich ist.« »Ich verstehe.« »Tut mir sehr Leid wegen Ihres Piloten.« »Wenn diese Zauberer wissen, dass Zeros in der Luft sind, könn- ten sie uns vielleicht übers Satellitentelefon anrufen und die ganze, Technoscheiße unterstützen. Unser Offizier vom Dienst könnte den Verkehr über den Basis-Funk ausrufen.« »Machen wir.« Cassidy war erschöpft. Er hatte keinen Appetit. Er ging zu der unteren Schlafkoje, die er sein Zuhause nannte. Dort lag er und starrte an die Decke. Er hatte den Auslöser heute mehrmals betätigt. Was, wenn einer dieser japanischen Piloten Jiro gewesen war? Was würde Sabrina sagen? Wenn er Jiro getötet hatte … Eine Welle des Abscheus überlief ihn. Er war zu müde, sich auf- zusetzen, und doch konnte er nicht schlafen. Mit offenen Augen lag er in der Koje und starrte in die Dunkel- heit. 19. KAPITEL

Pavel Saratov saß in der Kommandozentrale der Admiral Kolchakund studierte Seekarten der japanischen Gewässer, als ihn der

Erste Offizier vom Turm aus rief. »Sie sollten besser raufkommen, Kapitän, und sich das anschau- en.« Saratov legte Bleistift und Kompass hin und stieg die Leiter hin- auf. »Sehen Sie mal, Kapitän.« Auf dem Pier schwärmten General Esenin und seine Männer um einen Lastwagen mit vier Metallcontainern herum. Mehrere Zivilis- ten luden Schweißgeräte von einem anderen Lastwagen ab., »Was ist das, Kapitän?« »Ich weiß es nicht.« »Das sieht nach Schiffscontainern für Flugzeugmotoren aus. Aber das ergibt keinen Sinn.« »Hmmm.« »Das sind die schludrigsten Marineinfanteristen, die ich jemals ge- sehen habe«, murrte Askold. »Ihre Uniformen sitzen nicht richtig. Sie wissen nicht, wie man mit Ausrüstung umgeht. Sie haben wenig Achtung vor vorgesetzten Offizieren …« Er verstummte, als er merk- te, dass Saratov nicht die Absicht hatte, zu antworten. Einige Minuten später kam Esenin auf die Landungsbrücke und rief den Offizieren auf der Brücke zu: »Kommen Sie bitte herunter, Kapitän.« Saratov stieg die Leiter hinunter, Askold folgte ihm dichtauf. »Ich benötige Ihre technische Sachkenntnis, Kapitän Saratov. Ich wünsche, dass diese vier Container an das U-Boot geschweißt wer- den. Wo würden Sie sie anbringen?« Saratov war verblüfft. »Außerhalb der Druckhülle? Unsere Ge- schwindigkeit wird drastisch reduziert werden.« »Ohne Zweifel.« »Noch schlimmer, das Wasser, das um die Container herumwir- belt, wird Lärm machen.« Esenin runzelte die Stirn. »Was ist denn überhaupt in den Containern?« »Das werden wir später erörtern. Im Augenblick kann ich nur sa- gen, dass ich beauftragt worden bin, diese Container am Rumpf dieses U-Boots anzubringen, und das habe ich auch vor. Die ein- zige Frage ist, wo.« »Die Dinger werden dran sein, wenn wir tauchen? Während wir unter Wasser sind?« »Ja.« »Der Lärm –«, »Erklären Sie.« Esenin blickte Saratov kurz ins Gesicht. »Je mehr Lärm wir unter Wasser machen, desto leichter sind wir zu orten.« »Je leichter wir zu orten sind«, fügte Askold hinzu, »desto leichter kann man uns töten.« Esenin funkelte Askold ärgerlich an. »Behandeln Sie mich nicht so von oben herab, kleiner Mann. Ich belle nicht nur, ich beiße auch.« »Was ist in den Containern, General?«, fragte Saratov erneut. »Jeder enthält eine Atombombe. Sorgfältig wasserdicht gemacht, verpackt und so weiter. Alles bestens, glauben Sie mir. Die Contai- ner lassen Wasser ein- und ausströmen, so dass sie nicht zerquetscht werden können, wenn das U-Boot tief taucht. Unsere Aufgabe ist es, diese Waffen abzuliefern.« »Abliefern?«, murmelte Saratov fast unhörbar. »Dies sind alte Sprengköpfe der Interkontinentalraketen, aus der Zeit, als unsere Geschosse nicht sehr genau waren. Um sicherzustel- len, dass das Ziel zerstört wird, selbst wenn das Geschoss es um ei- nige Kilometer verfehlt, haben die Konstrukteure die Sprengköpfe sehr hoch angereichert. Jede dieser Waffen bringt einhundert Me- gatonnen.« »Das entspricht einhundert Millionen Tonnen TNT …«, sagte As- kold und starrte auf die Container. Saratov musterte das Gesicht des Generals. Der Mann war ver- rückt. Oder ein verdammter Idiot. »Sie sind noch nie auf einem dieselelektrischen U-Boot gefahren, oder?« »Nein«, gestand Esenin ein. »Oder überhaupt auf einem U-Boot?«, bohrte Saratov nach. »Sind Sie jemals auf einem U-Boot gewesen?« »Nein.« Saratov versuchte, seine Gedanken zu ordnen. »General, ich weiß, nicht, wer diese Entscheidung getroffen hat, aber er war falsch in- formiert. Ein dieselelektrisches U-Boot ist ein Anachronismus, ein Artefakt eines längst vergangenen Zeitalters. Jede Entscheidung, die der Kapitän trifft, jede einzelne, dreht sich darum, dass die Batterie geladen bleibt.« Esenin schien nicht beeindruckt. »Diese Boote legen keine wirklichen Entfernungen zurück«, er- klärte Saratov. »Sie nehmen lediglich eine Position ein. Sie können sich verbergen, aber sie können nicht flüchten. Wenn sie entdeckt werden, sind sie so unbeweglich, dass sie leicht zerstört werden kön- nen. Verstehen Sie?« »Sie waren in der Bucht von Tokio.« »Das stimmt. Das war wirklich eine heldenhafte Meisterleistung! Sämtliche japanischen U-Boot-Abwehr-Kräfte waren auf der anderen Seite der Insel, im Japanischen Meer.« »Wir müssen cleverer sein als die Japaner.« »Cleverer? Wenn dieses Boot drei Knoten fährt, muss es alle vier- undzwanzig Stunden eine Stunde lang Schnorcheln. Bei sechs Kno- ten muss es acht von vierundzwanzig Stunden Schnorcheln. Wenn wir den Schnorchel nicht ausfahren können, müssen wir auf ein oder zwei Knoten runter, gerade genug, um steuern zu können.« Sa- ratovs Stimme wurde lauter. »Ich bin schon früher von amerikani- schen Anti-U-Boot-Kräften festgenagelt worden. In Friedenszeiten. Sie können sich nicht vorstellen, wie das ist, wenn man weiß, sie haben einen, wenn man weiß, sie können einen töten, jederzeit, wenn sie es wollen. Mein Gott, Mann! Uns sind schalldichte Plat- ten mit Wasserbomben-Attrappen vom Rumpf des U-Boots abge- schlagen worden.« »Ich glaube, Sie sind ein Feigling.« Saratov holte zweimal tief Luft. »Das mag stimmen, General. Aber Feigling oder nicht, ich glaube, Sie sind ein Narr.« »Dieses Boot ist das einzige U-Boot, das wir im Pazifik haben«,, sagte Esenin achselzuckend. »Es muss genügen.« »Wir sollen also einen idiotischen Auftrag ausführen, eine Selbst- mordmission. Die U-Boot-Abwehr wird uns sofort ausfindig ma- chen und versenken.« Pavel Saratov zeigte aufs Deck. »Verstehen Sie nicht? Dieses Stahlrohr wird Ihr Sarg sein.« »Dieses Boot muss genügen.« Saratov konnte es nicht glauben. »Warum fahren Sie nicht allein los, in einem Ruderboot? Sie haben dieselben Erfolgsaussichten, und sechzig andere Männer müssen nicht mit Ihnen drauf gehen.« »Das reicht«, knurrte Esenin. »Also, wenn wir durch irgendein Wunder bis nach Tokio kom- men, suchen wir uns einen leeren Pier und machen längsseits fest. Ihre Männer stehlen einen Lastwagen, und Sie schleppen die Sprengköpfe rüber zur Diet?« Esenins Mundwinkel zuckten. »Schweißen Sie sie am besten ans Deck, hier vor dem Turm«, sagte Saratov. Er ging zur offenen Luke hinüber, die in den Torpe- doraum führte. Die Männer luden gerade Torpedos ein. Vier waren schon geladen. Er stand mit dem Rücken zu Esenin und beobach- tete die Männer dabei, wie sie den unhandlichen Fisch hochzogen und an seinen Platz bewegten. Der Morgen war warm, es wehte ein leichter Wind. Das Laub des letzten Herbstes knirschte unter den Füßen. Janos Ilin stand auf einem kleinen Hügel zwischen den Bäumen und rauchte eine Zigarette. Sein Jackett war offen. Ein Granatwerfer stand gegen einen Baum gelehnt. Am Fuß des Hügels, 30 Meter von Ilins Standort entfernt, verlief eine Asphaltstraße. Diese Straße war einer der Zubringer zu den Lenin-Hügeln nörd- lich von Moskau. Aleksander Kalugin hatte eine Datscha drei Kilo- meter weiter nördlich. Bald würde er diese Straße entlangkommen,, wie er es jeden Morgen mit seinen Leibwächtern auf dem Weg in den Kreml tat. Kalugin hatte eine Wohnung im Kreml, die er be- nutzte, wenn er den Abend nicht zu Hause mit seiner Frau verbrin- gen wollte. Aus Gründen, die Ilin nicht bekannt waren, war Kalugin letzte Nacht jedoch nach Hause gefahren. Kalugins gepanzerter Mercedes würde bald kommen. Zwei weitere Fahrzeuge, ebenfalls große schwarze Limousinen, würden den Wa- gen des Präsidenten eskortieren. In jedem dieser Wagen saßen fünf schwer bewaffnete Leibwächter, die normalerweise kugelsichere Westen trugen. Diese Männer waren tüchtig, rücksichtslos und sehr gefährlich. Janos Ilin verfügte noch über vier weitere Männer. Er wollte die Leibwächter töten, ehe sie aus ihren Autos steigen konn- ten. Scheiterte er, würden die Leibwächter ihn umbringen. Ilin hatte diese Stelle sorgfältig ausgesucht. Nur ein kurzes Stück der Straße war hier einsehbar. Die Wagen würden etwa 50 Meter entfernt um eine Kurve kommen. Die Stra- ße wurde auf jeder Seite von bewaldeten Hügeln begrenzt, so dass sie nicht ausweichen konnten. Wurde die Straße durch irgendetwas blockiert, saßen die Wagen in der Falle. Das Ganze bereitete Ilin ziemliches Unbehagen, doch er hatte keine Zeit, nach einer besseren Lösung zu suchen. Leider war Ka- lugin paranoid – aus gutem Grund, das musste man zugeben – und seine Sicherheitstruppe war hervorragend. Noch hatten die Getreu- en des Präsidenten keinen Wind von Ilins Absichten bekommen, doch das konnte sich sehr schnell ändern. Ilin war sich der Dyna- mik des Sicherheitssystems sehr wohl bewusst: Er musste bald zu- schlagen oder gar nicht. Während er die Zigarette rauchte und die milde Morgenluft ge- noss, wünschte Ilin sich, er hätte mehr Leute. Er hatte daran ge- dacht, Marschall Stolypin um einige Männer zu bitten, dann je- doch entschieden, dass der Nutzen das Risiko nicht wert wäre. Fünf Jahre hatte er mit den Männern verbracht, die er jetzt hatte; Ver-, trauen war etwas, das nicht über Nacht entstand. Und vertrauens- würdig oder nicht, jede weitere Person erhöhte die Wahrscheinlich- keit, dass die Verschwörung entdeckt würde. Janos Ilin, Meister der Spionage, kannte sich nur zu gut mit Verschwörungen aus, den Bausteinen der russischen Geschichte. Am Tag zuvor hatte er Mar- schall Stolypin mit einem Kassettenrecorder und einem Band aufge- sucht. Auf dem Band war ein Gespräch zwischen Kalugin und ei- nem seiner Leutnants, die zur Zeit in Gorky waren, aufgezeichnet. Stolypin hatte geschwiegen, als er den beiden Männern zuhörte, die die atomare Zerstörung Tokios besprachen. Sie diskutierten die Reaktion der Amerikaner, erörterten die Wahrscheinlichkeit, dass die Japaner kontern könnten, und dann kamen sie zum Kern der Angelegenheit. »Wenn wir nicht zu außergewöhnlichen Maßnah- men greifen, wird Japan zwangsläufig den Krieg gewinnen«, sagte Kalugin zu seinem Verbündeten. »Unsere Nation ist zu arm, um die Anstrengungen zu finanzieren, die notwendig sind, um mit ei- ner konventionellen Armee und Luftwaffe zu gewinnen. Die Lücke ist zu groß.« »Sie müssen die absolute Macht an sich reißen. Alle vernichten, die sich Ihnen entgegenstellen.« »Das würde Zeit brauchen, und es gibt viele Fallstricke auf dem Weg dorthin. Ich habe lange über Russland nachgedacht. Niemand kann Russland dahin zurückbringen, wo es früher war. Niemand. Und wenn wir es versuchen, ziehen die Abgeordneten ihre Macht- übertragungen zurück. Entweder stürzt die Regierung oder Russland wird sich erneut einem Bürgerkrieg gegenübersehen.« »Das habe ich auch gehört.« »Wir müssen die Japaner besiegen«, sagte Kalugin. »Sieg oder Tod – das sind unsere Alternativen. Verstehen Sie?« »Ja. Haben Sie die tiefe Zuneigung der Menschen für Kapitän Sa- ratov bemerkt? Die Masse brüllt seinen Namen, Resolutionen for- dern seine Beförderung, ganz Moskau ist mit seinem Bild plaka-, tiert…« Stolypin hörte sich das restliche Gespräch an und schob dann den Kassettenrecorder über den Tisch zu Ilin. »Wenn wir unser Land behalten wollen, müssen wir darum kämp- fen«, sagte Hin. »Wieder einmal.« Der alte Mann kratzte sich am Kopf und blickte starr vor sich hin. »Er schickt ein U-Boot nach Tokio. An Bord werden Atombom- ben sein. Laut Plan sollen die Bomben in einer Verwerfung auf dem Meeresboden versenkt werden. Es gibt einen Fanatiker an Bord, ei- nen Mann namens Esenin. Er hat Kalugin einen Eid geschworen. Wenn die Zerstörung droht, wird er die Sprengköpfe in der Mün- dung der Bucht von Tokio zünden.« »Wird er es tun?« »Er hat sich als patriotischer Fanatiker einen Namen gemacht. Er war Attentäter für das GRU.« »Yuri Esenin?« »Richtig.« »Ich dachte, der sei tot.« An diesem Morgen rauchte Janos Ilin noch eine Zigarette, ohne sie zu schmecken, sah dann kurz auf seine Uhr. Ein paar Minuten nach sieben. Er stampfte ungeduldig mit den Füßen. Das Funkgerät erwachte zum Leben. »Ein Auto.« Fünfzehn Se- kunden später kam ein schwarzer Mercedes um die Kurve. Nein. Nur einer der Minister. Drei von ihnen wohnten in der Nähe Kalu- gins an dieser Straße. Nachdem das Auto den kleinen Hügel pas- siert hatte, wo Ilin stand, fuhr es an einem Lastwagen vorbei, auf dem eine Wartungsleiter montiert war, dann an einem anderen mit Strommasten. Schließlich fuhr es um die nächste Kurve. Auf der vollständig ausgefahrenen Leiter arbeitete ein Mann an einem nahe der Mastspitze montierten Transformator. Ein Mann mit Fahne stand auf der Straße, nicht weit von dem Wagen mit der Leiter, entfernt. »Sie kommen. Drei Wagen.« Ilin drückte seine frisch angezündete Zigarette an einem Baum aus, als der zweite Lastwagen, der mit den Strommasten, sich quer auf die Straße stellte und sie blockierte. Der Fahrer sprang aus dem Führerhaus. Er hielt ein Sturmgewehr in den Händen. Janos Ilin kniete nieder. Er nahm den Granatwerfer und entsicherte ihn. Das erste Auto fuhr um die Kurve und bremste, als der Mann am Straßenrand seine rote Flagge schwenkte. Das zweite und dritte Auto waren direkt dahinter. Kalugin saß im zweiten Auto. Im er- sten und dritten Auto saßen die Sicherheitsleute. Ilin zielte mit dem Granatwerfer auf das erste Auto, das jetzt fast stand, atmete aus und betätigte den Auslöser. Das Wusch der Rakete war sehr laut. Die Granate schlug in die Beifahrertür des ersten Wa- gens ein. Das Auto machte einen Satz vorwärts, ein toter Fuß auf dem Gas, der Motor heulte auf. Es prallte gegen die Seite des Last- wagens, der die Straße blockierte. Obwohl der Wagen am Lastwa- gen festsaß, heulte der Motor lauter und lauter, die Reifen drehten durch und kreischten auf dem Asphalt. Während Ilin sich fieberhaft bemühte, den Granatwerfer erneut zu laden, riss der Fahrer des zweiten Wagens das Lenkrad herum und gab Gas. Die Reifen qualmten. Über dem Reifenquietschen konnte Ilin ein Maschinengewehr hämmern hören. Ilin hatte seine Granate geladen, als das dritte Auto stoppte. Die Türen sprangen auf und er drückte den Auslöser. Die Granate traf die Motorhaube und explodierte. Die Männer, die aus dem Auto sprangen, wurden von Maschi- nengewehrkugeln getötet, die von dem Leiterwagen abgefeuert wur- den. Inzwischen hatte Kalugins Wagen seine Kehrtwendung beendet. Mindestens einer von Ilins Männern nahm es heftig unter Be- schuss. Die Kugeln versprühten winzige Funken, als sie die Karos- serie trafen und abprallten., Kalugins Auto schoss an dem dritten Wagen vorbei, seine Reifen kreischten wie verrückt, während Ilin eine weitere Granate in den Werfer pfefferte. Er richtete die Waffe auf das rasch beschleunigen- de Auto und zog den Auslöser. Die Granate knallte in einen Baum zehn Meter vor Ilin. Die La- dung zerriss den Stamm, und der Baum begann zu fallen. Ilin er- griff sein Funkgerät. »Er kommt zurück.« »Ich kann den gottverdammten Motor nicht starten.« Der Mann dort sollte mit einem weiteren Stromleitungsreparaturlastwagen die Straße blockieren. »Schieß auf die Reifen! Schieß auf die Reifen! Lass ihn nicht ent- kommen.« Mit dem Granatwerfer in der einen und dem Funkgerät in der an- deren Hand rannte Ilin den Hügel hinunter und hastete zur Kurve. Er hörte drei kurze Salven des Maschinengewehrs, dann Stille. Als er um die Kurve lief, sah er, wie Kalugins Auto um die 300 Meter entfernte Kurve bog. Ilin drehte sich um und ging zurück zur Stelle des Hinterhalts. Einer der Männer, der auf der Straße beim hinteren Auto lag, stöhnte noch. Ilin zog seine Pistole und schoss ihm in den Kopf, als er vorbeiging. Die anderen vier Männer, die im Auto gesessen hatten, lagen in verschiedenen Stellungen auf der Fahrbahn, durch- siebt von Maschinengewehrkugeln. Der Motor des Wagens, der am Lastwagen klebte, war abgestorben. Die fünf Insassen waren an- scheinend tot. Der Mann mit der Fahne ging kein Risiko ein. Er verpasste vor- sorglich jedem einen Kopfschuss. »Mach das auch mit denen im anderen Auto«, sagte Ilin. Der Mann, der den Lastwagen quer über die Straße gefahren hatte, kam zu Ilin herüber. Als die Schüsse fielen, sagte er entschuldigend: »Wir hätten es fast geschafft.« Ilin schrie dem Mann im Leiterkorb, der auf dem Weg nach un-, ten war, etwas zu. Er wiegte ein luftgekühltes leichtes Maschinenge- wehr in seinen Armen. »Hast du auf Kalugin geschossen?« »Ich hab nur eine Salve abfeuern können. Ich habe Funken gese- hen, wo die Kugeln in die Karosserie einschlugen. Tut mir Leid.« »Wir haben es vermasselt«, sagte Ilin mit einer Grimasse. »Vielleicht sollten wir verdammt schnell hier abhauen.« »Das ist wahrscheinlich eine gute Idee.« Während die Limousine die zweispurige Straße entlangschoss, hing Aleksander Kalugin angeschnallt im Rücksitz und brüllte auf den Fahrer ein. Noch immer unter Schock von dem Attentatsversuch, hatte er schon die Möglichkeit in Erwägung gezogen, dass seine Leibwächter oder einer von ihnen – vielleicht sein Fahrer? – ihn ver- raten haben könnten. Jetzt sagte er dem Fahrer, welchen Weg er an jeder Kreuzung einzuschlagen hatte. Es war zu gefährlich, zur Datscha zurückzukehren, deshalb gab er dem Fahrer Anweisungen, eine andere Strecke nach Moskau zu nehmen. Kalugin hob das Telefon aus der Halterung und wählte eine Ver- mittlung. Seine Augen blieben auf die Straße vor ihm gerichtet. Er holte seine Pistole aus einem Fach und legte sie in seinen Schoß. Sollte der Fahrer falsch abbiegen, würde er, Kalugin, ihm persön- lich eine Kugel ins Hirn pusten. Er befingerte die Automatik, als wäre es ein Rosenkranz. Ein Helfer in seinem Büro nahm ab. Kalugin beschrieb ihm in wenigen Worten den Hinterhalt und hielt sich strikt an die Tatsa- chen. Der Helfer würde wissen, was mit der Information anzufan- gen wäre. Hin und wieder machte sich Kalugin Listen seiner Feinde. Die Liste A umfasste politische Gegner und Rivalen im Kongress, Büro- kraten, die sich ihm in der Vergangenheit öffentlich entgegengestellt, hatten, und Kandidaten, die bei den letzten Wahlen gegen ihn kan- didiert hatten. Die Liste B umfasste Kritiker, Zeitungsherausgeber, die schädliche Leitartikel oder Nachrichten gedruckt hatten, Büro- kraten, die nicht sprangen, wenn er knurrte, Geschäftsleute, die sich weigerten, seinen Vorschlägen zu folgen – Meckerer und Zauderer. Die Liste C, die längste, enthielt darüber hinaus jeden, der weniger begeistert von seiner Führung der Nation war als Kalugin selbst. Einige Personen standen auf dieser Liste, weil sie auf Partys oder Empfängen einen Händedruck vermieden hatten. Mehrere waren Ehemänner von Frauen, die Kalugin attraktiv fand; einige waren einfach vermerkt, weil er ihren Namen in einem Bericht gesehen oder in der Zeitung gelesen hatte und dachte, dass diese Person ei- nes Tages gefährlich werden könnte. Er hatte in der Vergangenheit bei mehreren Anlässen mit seinen engsten Helfern darüber gesprochen, was bei Angriffen auf seine Macht zu tun sei, Notpläne entwickelt und den Männern Macht übertragen, denen er vertraute, Männer, die ihm ihren Status, ihre Stellung, das Brot schuldeten, das sie aßen. Gerade jetzt, während sein Auto dahinraste, würden die Helfer anordnen, jeden auf der Liste A festzunehmen und zu verhören. Vielleicht würde die Polizei die Schuldigen stellen, bevor Kalugins interner Sicherheitsapparat es tat, und wenn ja, schön. Kalugin wür- de trotzdem an beiden Fronten weiterkämpfen. Vielleicht würde bei diesem Verbrechen gegen seine Person etwas Gutes herauskommen. Vielleicht konnte er dieses Ereignis als Entschuldigung benutzen, um ein paar seiner lautstärksten Feinde zu zermalmen. Ihr Unter- gang wäre eine Lehrstunde für alle übrigen. Drei von Kalugins Männern warteten in seinem Büro, als Janos Ilin an diesem Morgen zur Arbeit kam. Die Sekretärin im äußeren Büro sagte es ihm., »Was wollen sie?« »Das haben sie nicht gesagt. Sie hatten einen Präsidentenausweis, also habe ich sie in Ihr Vorzimmer gelassen. Sie sind ohne meine Erlaubnis ins Büro gegangen.« Wenn man ein Attentat vermasselt, passiert so etwas, dachte er. Man betritt ein Zimmer und fragt sich, ob man festgenommen und gefoltert wird, oder ob man helfen soll, den Mörder zu jagen. Janos Ilin zuckte nicht einmal mit der Wimper. Er ging durchs Vorzim- mer zu seiner Bürotür und öffnete sie. Er trat ein und blieb stehen. Einer von ihnen saß auf seinem Stuhl und versuchte die Schlösser der Schreibtischschubladen aufzubrechen. Ein anderer war mit ei- nem Dietrich an den Schlössern des Aktenschranks zugange. »Was zum Teufel soll das?« »Ah, der Mann mit den Schlüsseln. Setzen Sie sich, Genosse Ilin. Setzen Sie sich. Und ich muss um Ihre Schlüssel bitten.« Ilin blieb stehen. »Jemand hat vor kurzem versucht, Präsident Kalugin zu ermor- den. Wir ermitteln.« »Ist der Präsident verletzt worden?« »Nein.« »Warum ermitteln Sie hier?« »Setzen, Ilin. Setzen Sie sich. Die Schlüssel, bitte.« Sie arbeiteten über eine Stunde, blätterten Akten durch, lasen No- tizen, sahen sich jedes Blatt Papier an, das sie finden konnten. Die ganze Zeit saß Ilin da und schaute scheinbar unbekümmert zu. Das Einzige, was diese Schläger nicht sehen sollten, waren die Akten über Agenten im Ausland. Glücklicherweise lagerten jene Akten im Depot der Geheimdienstzentrale, ständig unter Aufsicht von be- waffneten Wachen. »Wann hat dieser Attentatsversuch stattgefunden?« »Heute Morgen. Der Präsident war auf dem Weg in den Kreml.« »Haben Sie irgendjemanden verhaftet?«, »Wir fragen uns gerade, ob wir Sie festnehmen sollten.« Ilin schnaubte. »Ihre Kaltblütigkeit ist ziemlich lobenswert.« »Ich habe nichts zu verbergen. Ich habe keinen Finger gegen ir- gendjemanden erhoben. Sie können die Akten bis zum Jüngsten Tag lesen, es wird nichts daran ändern.« Als der Anführer fertig war, setzte er sich wieder hinter den Schreibtisch auf Ilins Stuhl. Aus seiner Tasche zog er eine Liste. »Sie werden diese Männer verhaften. Sperren Sie sie in die Zellen im Untergeschoss und beginnen Sie mit den Verhören. Zeichnen Sie jedes Verhör auf. Diese Anweisungen sind vom Präsidenten per- sönlich.« Als sie abfuhren, postierten sie einen Mann neben Ilins Stuhl. Ilin begann zu telefonieren und überflog die Liste. Die Führer der Op- positionsparteien, Richter, Presseleute … Marschall Stolypin stand nicht auf dieser Liste. Das bedeutete nichts. Sein Name könnte auf einer anderen Liste stehen. Kalugin verschwendete keine Zeit. Diese Liste war nicht erst heute Morgen geschrieben worden. Ilin rief seine Angestellten herein und gab Anweisungen. Der japanische Kommandant der Luftwaffe in Sibirien, Matsuo Handa, verbrachte eine angespannte Nacht mit Beratungen mit sei- nen obersten Untergebenen. Das Amerikanische Geschwader koste- te sie Flugzeuge und Piloten. Die Geschosse, die den Radar der Zero ausfindig machten, die unsichtbaren F-22 – sie hatten viel am Hals. Eines wusste der japanische Kommandant, er konnte nicht müßig in der Defensive hocken und auf den nächsten Zug der Amerikaner warten. Aus der Defensive heraus zu kämpfen, lief all seinen Samu- rai-Instinkten zuwider. Angriff war der Grundsatz, der am besten, zum japanischen Naturell passte, so glaubte er. Die Männer wollten angreifen und er ebenso. Es fragte sich nur, wie. Jiro Kimuras Geschwaderkommandant nahm sein junges As mit zur Besprechung ins Hauptquartier. Er erinnerte sich an Jiros Be- merkung darüber, dass es technisch machbar sei, die Farbe der Haut eines Flugzeugs elektronisch zu verändern, und er wollte, dass der Luftwaffenkommandant das auch hörte. »Ich verstehe nicht, wie die amerikanischen Bomber die Zeros über Zeya entdeckt haben«, sagte Jiro Kimura zu Oberst Handa. »Der zurückgekehrte Pilot sagte, er hätte zu keiner Zeit eine ECM- Warnung erhalten, dass amerikanische Bomber in der Nähe waren. Eine Nachfluginspektion seines elektronischen Gegenmaßnahmen- Geräts ergab, dass es korrekt funktionierte. Anscheinend haben die Amerikaner keinen Radar verwendet. Wie haben sie unsere Maschi- nen gefunden?« »Sie müssen die Zeros gesehen haben«, antwortete Oberst Handa. Die meisten der älteren Garde schien diese Meinung zu teilen. Jiro glaubte das nicht. »Oberst, wenn ich Ihnen meine Ansicht erklären darf«, sagte Jiro. »Mit ausgeschaltetem Radar im Hinterhalt zu warten und sich da- rauf zu verlassen, dass das ECM uns die Gegenwart des Feindes meldet, ist die verkehrte Art, die Zero einzusetzen. Dieses Flugzeug wurde als offensive Waffe konstruiert. Wir müssen mit dem Radar suchen, den Feind finden, bevor er uns finden kann, und unsere Geschosse zuerst abfeuern. Sich der F-22 zu sehr zu nähern, ist ein tödlicher Fehler.« »Wir haben im Hinterhalt ohne Radar gewartet, weil die F-22 un- sere Radarausstrahlungen orten kann, bevor wir die F-22 erfassen können.« »Ich verstehe, Oberst. Unsere Aufgabe ist es, den Amerikanern unsere Kampfweise aufzuzwingen. Wir müssen sie zu einer Stelle lo- cken, wo wir aus großer Entfernung operieren können.«, »Das ist ein wunderbarer Vorschlag, Kimura«, sagte Handa. »Aber nicht praktikabel. Wir waren nicht aggressiv genug. Deshalb befin- den wir uns in dieser beklagenswerten Situation.« Von diesem Punkt an ging es mit der Besprechung in Jiros Augen bergab. Nach Erörterung aller möglichen Optionen beschloss Oberst Handa, einen Tagesangriff auf Chita zu fliegen. Die Hälfte der Bomber würde tief in den Wolken fliegen, Splitterbomben abwer- fen und Chita unter Beschuss nehmen. Die andere Hälfte würde hoch anfliegen, jede Minute für einige Sekunden ihren Radar ein- schalten und versuchen, die amerikanischen Bomber zu beschäfti- gen, während die niedrig fliegenden Maschinen die Basis bombar- dierten. Der Flug würde von Chabarowsk starten, so dass Tanker notwendig wären. »Oberst Handa«, schlug Jiro vor, »wir sollten vielleicht zunächst einen Nachtangriff versuchen, um die amerikanischen Kapazitäten weiter zu sondieren.« »Die Maschinen, die die Basis unter Beschuss nehmen und Split- terbomben abwerfen, brauchen Tageslicht und anständiges Wetter, um effektiv zu sein«, antwortete der Oberst. »Wir haben es mit ei- nem schlagkräftigen, aggressiven Feind zu tun, der Blut geleckt hat. Wir müssen angreifen, ihn zwingen, unsere Schläge zu parieren, oder er ergreift die Initiative und wir befinden uns in der Defensi- ve.« »Wir müssen zuerst zuschlagen«, stimmten die Geschwaderkom- mandanten zu. Genau wie Oberst Handa waren auch sie mit Herz und Verstand auf Offensive eingestellt. Als Jiro die Besprechung um Mitternacht verließ, war er zutiefst entmutigt. Der Oberst spielte den Amerikanern regelrecht in die Hände, dachte er. Der Feind rechnete damit, dass die Japaner Chita angreifen würden, hatte er argumentiert, deshalb sollten sie es nicht tun. Doch der Oberst hatte sich festgelegt. Cassidy hatte Handa bereits in der Defensive, und Handa wollte es nicht zugeben. Jiro, wanderte zu dem verfallensten Hangar der Basis hinüber, wo einer seiner Freunde, ein Hubschrauberpilot, einquartiert war. »Sag mal, Shoichi, habt ihr ein paar von diesen Infrarotgeräten, die ihr braucht, wenn ihr bei Nacht fliegt?« »Haben wir, ja, vier Stück. Es sind Helme mit Kopfhörer, Blen- den und so weiter. Allerdings nur ohne Sauerstoffmaske zu tragen.« »Kann ich mir morgen einen ausleihen?« »Warum?« »Ich will damit fliegen. Ich habe eine Theorie und möchte sie tes- ten.« »Für dich jederzeit, Jiro, klar. Hier, nimm dir ein Bier.« Als der Chef des asiatischen Geheimdienstes im japanischen Nach- richtendienst, Toshihiko Ayukawa, die Meldung des Agenten Ju erhielt, war sie bereits entschlüsselt und übersetzt worden. Sie ruhte nun in einem neuen roten Aktenordner. Er öffnete den Ordner und las die kurzen, ordentlichen Zeilen der japanischen Schriftzei- chen sorgfältig durch. Die Nachricht lautete: Russland besitzt zehn atomare Sprengköpfe. Kalugin hat die Bearbeitung eines Notplans für ihren Einsatz gegen Ja- pan angeordnet. Mindestens vier der Sprengköpfe werden von einem U-Boot transportiert, Ziel unbekannt. Ayukawa spürte, wie sich ihm die Nackenhaare aufstellten. Guter alter Agent Ju. Er war derjenige, der gesagt hatte, dass Russland den letzten seiner Atomsprengköpfe zerstört hätte. Nur ein Trottel wür- de das wirklich glauben, doch zweifellos war die Nachricht einer der Anlässe gewesen, warum Abes Regierung sich entschlossen hat- te, in Sibirien einzudringen. Jetzt hatte Ju seine Meinung geändert., Hatte er zuvor gelogen oder log er jetzt? Pavel Saratov war der Letzte, der die Brücke an der Spitze des Turms der Admiral Kolchak verließ. Er warf einen letzten Blick auf die vier an das Deck geschweißten Container und versicherte, dass das Boot genau in der Mitte der kleinen Lagune lag und auf den Unterwassereingang ausgerichtet war; dann stieg er in die Luke hinunter und zog sie hinter sich zu. Esenin war in der Kommandozentrale. Er schien ein bisschen we- niger herrisch als gewöhnlich, oder vielleicht bildete sich Saratov das nur ein. »Dies ist der schwierige Teil«, sagte Saratov zum Obersteuermann, der nickte. »Wir müssen Steuerkraft aufs Boot bekommen, ehe es zu treiben beginnt. Tauchen.« Der Steuermann gab die Befehle, während Saratov die Sonarpro- jektion im Oszillationsperiskop prüfte. Esenins Adjutant war ein Major, zumindest trug er die Uniform eines Majors. Er sah blass aus, dachte Saratov, als Luft aus den Tanks gurgelte und Meerwasser hineinrauschte. Saratov schüttelte ärgerlich den Kopf. Er sollte diese beiden igno- rieren und sich auf die momentane Aufgabe konzentrieren, damit er dieses Boot sicher aus dem Berg herausbekam. Eine halbe Stunde später hatte das Boot den Tunnel und das seichte Wasser passiert. Es war dunkel und der Himmel war be- deckt, so dass Saratov das Boot auf Schnorcheltiefe brachte und den Diesel startete. Zwei Stunden später ging er in seine winzige Kabine. Dort saß Esenin bereits auf dem einzigen Stuhl. »Ah, Kapitän, kommen Sie herein. Und schließen Sie bitte die Tür.« Die Kabine war sehr klein. Saratov quetschte sich an dem Stuhl, vorbei und setzte sich auf die Koje. »Ich dachte, dies sei ein guter Zeitpunkt, um unseren Auftrag zu erörtern, Kapitän.« Esenin nahm die aufgerollten Karten vom Schreibtisch, löste die Schnur und breitete sie aus. Saratov schaute ihm über die Schulter. »Sie kennen die Bucht von Tokio? Bis in den Süden?« »Ich erkenne sie wieder.« »Wie Sie sehen können, habe ich auf dieser Karte eine Anzahl größerer geologischer Verwerfungen rot eingezeichnet. So können Sie sehen, wo sie verlaufen.« Mit dem Finger verfolgte er mehrere Linien. »Die Verwerfung, an der wir interessiert sind, ist diese hier.« Sein Finger stoppte. »Es wird nicht notwendig sein, an einem Pier festzumachen und einen Lastwagen zu stehlen.« Saratov antwortete nicht. »Revel, ein führender Geologe in Moskau, der diese Dinge ge- meinsam mit internationalen Gruppen erforschte, hat sie mir emp- fohlen«, fuhr Esenin fort. »Er denkt, dass dies hier die instabilste Verwerfung in der Einfahrt zur Tokioer Bucht ist. Sie hat sich seit mindestens dreihundert Jahren nicht bewegt, und es wird sehr bald wieder so weit sein. Unsere Aufgabe ist es, unsere vier Bomben in einer Reihe oben auf dieser Verwerfung zu platzieren, drei Kilometer voneinander entfernt. Wenn die Sprengköpfe explodieren, sollte die Erschütte- rung die östliche Platte losbrechen und sie bedeutend ansteigen las- sen.« »Wie bedeutend?« Pavel Saratov konnte seine Augen nicht von der Karte abwenden. »Der Geologe denkt, dass dort das Potential für eine Bewegung um etwa dreieinhalb Meter liegt. Natürlich lassen Explosionen die- ser Größenordnung eine gewaltige Menge Wasser verdampfen, also wird das Meer hineinstürzen und den Krater füllen. Die Bewegung der Platte wird das Wasser lediglich beschleunigen.«, »Verstehe.« »Die Flutwelle sollte ziemlich außergewöhnlich sein. Ein Tsuna- mi, glaube ich, nennen es die Japaner. Wenn die Berechnungen des Professors stimmen, sollte die Welle fünfundsechzig Meter hoch sein, wenn sie Tokio überspült.« »Nur vier Sprengköpfe?« »Wir werden zwei gleichzeitig explodieren lassen. Der zweite Satz wird exakt drei Minuten später gezündet. Professor Revel glaubt, dass die Erde sich in diesem Moment nach unten senken sollte, in einem langen Oszillationszyklus, so dass die zweite Explosion diese Bewegung verstärken müsste. Es stimmt, wir haben das Szenario sehr eilig ausgearbeitet, aber wir haben großes Vertrauen zu Profes- sor Revels Computeranimationen. Es sollte funktionieren. Es wird funktionieren.« »Alles, was wir tun müssen«, sagte Saratov schwer, »ist über die Verwerfungen zu kommen, die Bomben abzuwerfen und davonzu- fahren.« »Das überlasse ich Ihren fähigen Händen, Kapitän.« »Ich werde tun, was ich kann, General. Leider liegt jede Aussicht auf Erfolg in den Händen der Japaner. Sie werden uns jagen, und die Chancen stehen zu ihren Gunsten.« 20. KAPITEL

Quellwolken trieben über einen ruhigen Sommerhimmel undgrüßten die japanischen Piloten, als sie von Chabarowsk starte-

ten und auf ihr Rendezvous mit ihren Tanker zusteuerten. Es waren, sechzehn Zeros, aufgeteilt in zwei Staffeln von je acht Flugzeugen. Oberst Handa führte die acht Maschinen der hoch fliegenden Staf- fel. Er hatte seinen Kommandanten die Wahl gelassen, wo sie flie- gen wollten, und alle wünschten, hoch zu fliegen, mit ihm. Ruhm erwarb man sich dadurch, feindliche Jäger im Kampf abzuschießen, nicht dadurch, Hangars und Kasernen zu bombardieren. Dennoch setzten die Kommandanten ihre allerbesten Untergebe- nen in die acht Flugzeuge, die die Basis unter Beschuss nehmen sollten. Oberst Handa hatte seine Piloten bei der Einsatzbesprechung ei- gentlich dazu ermahnen wollen, ihr Bestes für die Ehre Japans und des Zero-Piloten-Korps zu geben, es dann jedoch lieber gelassen. Ich habe zu viele amerikanische Filme gesehen, sagte er sich. »Sie kommen«, schrie Lee Foy und warf den Telefonhörer auf die Gabel. »Mit Kurs hierher. Über ein Dutzend. Gestartet vor zehn Minuten.« Die amerikanischen Piloten gingen in die Aufenthaltsbaracke – ein alter Hühnerstall, den sie beschlagnahmt, gesäubert und zu den Abstellplätzen verlegt hatten – um letzte Instruktionen in Empfang zu nehmen. Jeder überprüfte seine Uhr. Sie sahen einander nicht an. Bob Cassidy war froh, dass die Japaner unterwegs waren. Die An- spannung war vorbei. Er hatte gewusst, dass die Japaner schließlich angreifen würden; er hatte nur nicht gewusst, dass es so bald sein würde. Seine Leute waren bereit. Er hatte nur sechs verfügbare Maschi- nen, so dass er sie in drei Gruppen einteilte. Er selbst würde mit Paul Scheer im Norden der Basis warten, bis die Sentinel-Geschosse die Zero-Piloten zwangen, ihren Radar auszustellen. Dann würden er und Scheer sie sich vorknöpfen., Dixie und Aaron Hudek sollten den Nordwesten überwachen, Preacher Fain und Lee Foy den Südwesten. Sie würden hereinkom- men, wenn Cassidy sie rief. Jeder Jäger war mit acht Sidewindern und einer vollen Munitions- ladung für die Bordwaffe ausgerüstet. Er hatte angeordnet, dass die AMRAAMs zurückgelassen wurden. Cassidy betete, dass das Sky Eye-Data-Link funktionierte. Wenn nicht, würde dieser Kampf zu einem Desaster ausarten. Er setzte auch darauf, dass die Japaner den chinesischen Luftraum meiden und aus dem Osten kommen würden, die direkteste Route von Chabarowsk, ohne den chinesischen Luftraum zu verletzen. Wenn die Zeros kreisten und aus einer anderen Richtung kamen, könnten sie eines der F-22-Paare mit ihrem Radar orten und beide abschießen. Jede Wahl schließt Risiken ein. Das Leben schließt Risiken ein. Atmen ist ein Risiko, dachte Cassidy. Seine Piloten und er brauchten etwas Glück. Wenn sie ein biss- chen Glück hätten, könnten sie die Zeros genau hier und heute ein für allemal zerschlagen. Und wenn das Glück den verkehrten Weg nahm … Okay, jeder musste nur einmal sterben. Cassidy stand vor der Tafel. Er hatte bereits all die Frequenzen, Höhen und Identifi- kationscodes von der Einsatzbesprechung dort angeschrieben. »Okay, Leute. Sie sind unterwegs. Sie werden auftanken und uns über den Weg laufen, hoffen wir. Lassen Sie uns das Ganze noch mal durchgehen, dann machen wir uns fertig. Wir werden einein- halb Stunden, bevor sie erwartet werden, bereit sein und eine Stun- de vorher starten.« Niemand stellte eine Frage. Alle Augen blickten auf die Uhren an den Handgelenken. Als die Besprechung vorüber war, ging Cassidy hinaus, verzog sich hinter der Hütte, und pinkel- te ins Gras. Schließlich legte er seine Ausrüstung an und ließ sich dabei viel Zeit. Er stand vor der Hütte, betrachtete die Flugzeuge, dachte an, Sweet Sabrina, den kleinen Robbie und Jiro Kimura, als er das Klin- geln des Satellitentelefons hörte. Lee Foy nahm ab. Nach 15 Sekun- den rief Foy: »Sechzehn Zeros. Sie haben das Auftanken beendet und sind auf dem Weg hierher. Erwartete Ankunftszeit ist eine Stunde und achtundzwanzig Minuten von diesem Augenblick an.« »Dann mal los!« »Auf geht's.« Sie griffen nach Ausrüstung und Helmen und trabten zu ihren Jagdbombern. Als die Maschinen nach dem Auftanken auf einer Höhe waren, glitt Jiro Kimura aus der anderen Gruppe der vier Zeros, die dem Bo- denangriff zugeteilt waren, heraus. Er trug den Nachtsichthelm, den er sich von dem Helikopterpiloten ausgeliehen hatte, doch er hatte ihn nicht eingeschaltet. Das wollte er jetzt versuchen. Zuerst sah er nach seinen drei Schützlingen, Ota, Miura und Sasai. Sie waren ge- nau in Position, als ob er sie dort angeschweißt hätte. Gute Piloten, großartige Gefährten. Zufrieden schaltete Jiro den Autopiloten ein und begann, mit dem Helm herumzuspielen. Vor dem Start hatte er den Verstär- kungsgrad auf die niedrigste Stufe eingestellt, wie es ihm der Heli- kopterpilot geraten hatte. Jetzt zog er die hochklappbare Schutz- brille über seine Augen. Die Batterie war angeschaltet, so dass die Schutzbrille funktionierte, oder zumindest funktionieren sollte. Dann gewöhnten sich seine Augen an den reduzierten Lichtpegel. Oh ja, dort war die andere Gruppe, dort draußen rechts. Er drehte den Kopf von einer Seite zur anderen und prüfte die Sicht. Sie war zu beiden Seiten beschränkt und er konnte die In- strumente auf seiner Anzeige nicht lesen, doch im Kampf würde das nicht nötig sein: Er fand jedes Zifferblatt und jeden Schalter blind., Der wirkliche Nachteil des Helms war das Gewicht. In einem Hubschrauber war ein zwölf Pfund schwerer Helm für einen gesun- den Mann kein großes Problem, wenn er ihn nicht zu lange tragen musste, doch in einem Jäger, der auf ein Mehrfaches der Schwer- kraft beschleunigte, war das etwas ganz anderes. Bei fünf g würde das verflixte Ding 60 Pfund wiegen, ein hübscher Test für Jiros Halsmuskeln. Zehn g könnten ausreichen, um seinen Hals wie ei- nen Zweig abknicken zu lassen. Dagegen stand, dass, wenn die Amerikaner eine Möglichkeit ge- funden hätten, sichtbare Lichtwellen aufzuheben, ihre Flugzeuge immer noch im infraroten Teil des Spektrums sichtbar sein könn- ten. Jiros Sauerstoffmaske lag in seinem Schoß. Der Helikopter-Helm hatte keine Vorrichtung für die Maske. Das Zero-Cockpit wurde teilweise mit einem maximalen drei Psi-Differential druckfest ge- macht; wenn der Bomber also 8.500 Meter hoch war, lag das Cock- pit nur bei 3.000. Wenn die Cockpithaube beschädigt wurde oder verlorenging, würde sich Jiro die Maske mit der linken Hand vor das Gesicht halten müssen, während er mit der anderen flog. Die F-22 starteten paarweise, Cassidy und Scheer als Erste, dann Dixie und Hudek, dann Fain und Foy. Die Zurückbleibenden stan- den auf der Rampe und sahen den davondonnernden Maschinen nach. Sobald die Fahrwerke eingezogen waren, schalteten die Pilo- ten die Tarnhaut ihrer Flugzeuge ein. Der Lärm der Motoren rum- pelte mehrere Minuten weiter, nachdem die Bomber aus der Sicht verschwunden waren. Nachdem der Lärm verebbt war, forderte der befehlshabende Offizier die Männer auf, in die frisch ausgehobenen Gräben zu gehen. Sie hätten sicher noch eine Weile außerhalb der Gräben bleiben können, doch der Offizier war zu aufgeregt, um zu warten. Sicher war sicher., Die Zero-Symbole erschienen auf Bob Cassidys taktischer Anzeige, in einer Entfernung von 320 Kilometern. Er befand sich 80 Kilome- ter nördlich von der Basis in 7.000 Metern Höhe und flog mit ei- nem Maximum der günstigen Geschwindigkeit, etwa Mach 0,72. Scheer war etwa 100 Meter entfernt auf Höhe seiner linken Tragflä- che. Die Symbole waren so dicht gebündelt, dass er nicht genau sagen konnte, wie viele Feindflugzeuge es waren. Das Hauptproblem von Sky Eye war, dass die Symbole bei größe- ren Entfernungen grob komprimiert und bei geringeren unzuverläs- sig waren. Das Gerät schien die beste Auflösung zu bieten, wenn die Feindflugzeuge zwischen acht und 80 Kilometer entfernt waren. Bei acht Kilometern wäre er gezwungen, sich auf die infraroten Sen- soren der F-22 zu verlassen; alle Daten der F-22 wurden geteilt, so dass die Computer ein ziemlich vollständiges taktisches Bild erstel- len konnten. Wenigstens blieb ihm das erste Problem heute erspart; die Zeros kamen aus dem Osten, genau an der Angriffsachse entlang. Cassidy überprüfte die Position der anderen beiden F-22-Gruppen. Er fand, Preacher Fain sei zu nahe an der Basis. »Preacher, hier Hoppy. Ein paar Kilometer nach Süden, bitte.« Preacher bestätigte. Cassidy ging noch einmal alles durch: Intensität der HUD-Anzei- gen, Hauptbewaffnungsschalter ein, die korrekten Anzeigen auf den korrekten MFDs, die Kabinenhöhe, Maschinenanzeigen … Er war bereit. Preacher Fain zog seine Schultergurte fest, stellte seine Sauerstoff- maske ein, wischte mit einem Handschuh über seine dunkle Helm- blende und überprüfte die Bewaffnungsanzeige. Fain blickte kurz auf seine Tac-Anzeige: Lee Foy war genau dort, wo Fain ihn haben wollte, etwa dreißig Meter entfernt und hinter seinem Führer. Mit Foy hinter und neben sich war Fain frei, um nach links oder rechts, zu manövrieren, ohne sich um einen Zusammenstoß in der Luft zu sorgen. Und der Rottenflieger konnte dem Kampf frei folgen und die bösen Jungs von Fains Heckflosse fernhalten, während der Füh- rer ins Gefecht verwickelt war. Die hochfliegenden Zeros waren nur 65 Kilometer von der Basis entfernt, die niedrigen 50 Kilometer. Acht in jeder Gruppe. Fain be- trachtete die Annäherungsrate der obersten Gruppe und legte sei- nen Kurvenradius fest. Er wollte direkt hinter ihnen hereinkommen, nachdem sie in der Sentinel-Zone waren, wenn sie ganz bestimmt ihren Radar ausgestellt hatten. Er wollte im ersten Durchgang so viele wie möglich herunterholen, dann abtauchen, um die tiefflie- genden Zeros anzugreifen. Die Zeros in der Tiefe würden hilflos sein, festgenagelt, wenn die unsichtbaren F-22 von oben auf sie her- unterstießen. Oh Mann! Das Herz des Sentinel-Geschosssystems war sein Computer, der ein hochwertiges Programm enthielt, das einen Feind daran hindern sollte, alle Geschosse in der Batterie durch einen einmaligen Such- lauf seines Radars abzufeuern, der dann aus- und wieder angeschal- tet wurde. Das Programm erforderte, dass der Zielradar wiederholt suchte und mit einer ausreichenden Geschwindigkeitsrate in den Leistungsbereich des Geschosses vordrang, so dass er in Reichweite des Geschosses war, wenn es ankam. Wurde diesen Parametern ent- sprochen, würde der Computer zwei Geschosse abfeuern, eines nach dem anderen, und dann für kurze Zeit inaktiv sein, bevor das System erneut auf die korrekten Signale horchte. Das Lenksystem der Geschosse war noch höher entwickelt als der Computer in der Batterie. Während das Geschoss in Richtung sei- nes Ziels flog, lernte der Computer die relative Position, Kurs und Geschwindigkeit des Ziels auswendig, so dass er, falls der Zielradar zu strahlen aufhörte, dennoch Lenksignale an das Geschoss ausge-, ben konnte. Natürlich nahm die Wahrscheinlichkeit eines Treffers dramatisch ab, je länger der Zielradar ausgeschaltet war. Strahlte das Ziel wieder aus, während das Geschoss noch im Flug war, würde der Computer die Flugbahn des Ziels aktualisieren und seine An- weisungen ans Lenksystem verfeinern. Das System funktionierte am besten, wenn das Geschoss auf ein Flugzeug abgeschossen wurde, das direkt auf die Sentinel-Batterie zuflog. Aufgrund der Geschwindigkeiten von Ziel und Geschoss wurde die Leistung des Geschosses reduziert, wenn es ein Ziel von hinten einholen musste. Während Oberst Handa zur Luftwaffenbasis in Chita flog, schal- tete er seinen Radar von Stand-by auf Senden und wieder zurück, wieder und wieder. Er hatte alle anderen Piloten angewiesen, ihren Radar auf Stand-by zu belassen – das bedeutete, der Radar war ange- schaltet, ohne zu senden – er aber durchsuchte mit seinem den Himmel, um feindliche Bomber hoch droben entdecken zu kön- nen oder die Amerikaner dazu zu bringen, eines ihrer Antistrah- lungsgeschosse zu feuern. Handa wusste nicht, dass die Geschosse von automatisierten Batterien abgeschossen wurden; diese Möglich- keit hatte er nie in Betracht gezogen. Die acht Angriffsflugzeuge hatten den oberen Verband 150 Kilo- meter zuvor verlassen. Sie waren jetzt unten in der Wolkendecke 165 Meter über den Baumkronen und mit einer Geschwindigkeit von etwas über Mach 1. Handa wartete weiter darauf, dass sein ECM-Warngerät anzeigte, dass er durch feindlichen Radar geortet worden war, doch das Gerät gab keinen Laut von sich. Es schien kein feindlicher Radar auf Sen- dung zu sein. Oder, dachte Handa ahnungsvoll, kein Radar, den sein ECM-Gerät erfassen konnte. Vielleicht hatten sich die Amerika- ner eine neue Technologie erschlossen und verwendeten Frequen- zen, die dieses Gerät nicht erfassen konnte. Oder vielleicht war ihr Radar nur auf Empfangsmodus geschaltet, der lediglich das Leucht-, feuer seines Radars entdeckte, wenn er sendete. Wenn er nur … Er ließ diesen Gedankengang fallen, als das erste Sentinel-Ge- schoss in einem Abstand von nicht mehr als 30 Metern auf sein Flugzeug zuschoss. Der leuchtende Schweif des Raketenantriebs zog einen Strich über die Retina seines Auges. Handas Herz hämmerte heftig. Als er den Himmel nach weiteren Geschossen absuchte – die Sicht war ausgezeichnet –, vergaß er, den Schalter seines Radars auf Stand-by zurückzustellen. Dies war der Moment, als ein zweites Sentinel-Geschoss, fast 60 Sekunden zuvor automatisch abgefeuert, in den Nasenkonus seines Bombers krachte. Das 30-Pfund-Geschoss flog mit Mach 3 dahin, als es den Nasenkonus und Zielradar durchschlug. Handas Maschine kam mit Mach 1,28 aus fast ent- gegengesetzter Richtung. Die vereinigte Energie des Zusammen- pralls zerfetzte den Zero-Jäger in mehr als zwei Millionen winziger Teilchen. Die sich ausdehnende Wolke aus Stücken prallte wie ge- gen eine Wand, als jedes einzelne Fragment aus Metall, Plastik, Fleisch, Kleidung und Schuhleder in seine eigene Druckwelle einzu- dringen versuchte und scheiterte. Während die anderen Zeros weiter in Richtung der Luftwaffen- basis in Chita flogen, begannen die Teile von Handas Bomber, je nach Form, in unterschiedlichem Tempo erdwärts zu fallen. Die Sprittröpfchen fielen wie Regen vom kühlen Sommerhimmel, doch die Fragmente aus Metall und Fleisch rieselten mehr wie Staub oder schwerer Schnee hinab. Nachdem Oberst Handas Zero zerstört war, flogen die anderen sie- ben Bomber seines Schwarms geradeaus weiter. Mehrere Sekunden vergingen, bevor die übrigen Piloten begriffen, was geschehen war. Während dieser Zeit legten die Bomber fast anderthalb Kilometer zurück. Ohne ihren Radar waren die Piloten im Grunde genommen, blind. Bei diesen Geschwindigkeiten konnten sie mit bloßem Auge nicht weit genug sehen. In genau diesem Moment befanden sich Bob Cassidy und Paul Scheer 15 Kilometer entfernt, auf zwei Uhr, mit Mach 2,15 auf einem Kollisionskurs. Die beiden amerikani- schen Bomber flogen 200 Meter auseinander, Seite an Seite, mit Scheer zur Linken. »Wir schießen zwei auf jede, Paul, dann Jo-Jo rauf und hinter ihnen runter.« »Geht klar, Hoppy.« Die Sucher der Sidewinder hatten in den vierzig Jahren, seit das Geschoss in Dienst gestellt worden war, eine lange Entwicklung. Der Hauptvorteil des Geschosses war seine passive Natur: Es strahl- te nicht, so dass es seine Gegenwart nicht verriet. Die kurze Reich- weite der Waffe wurde durch ihre Durchschlagkraft mehr als kom- pensiert. Bei acht Kilometern Entfernung hörte Bob Cassidy ein Grollen und ließ das erste Geschoss los. Er hatte die Zeros noch nicht ge- sichtet, und die Zero-Piloten hatten ihn natürlich nicht gesehen. Das zweite Geschoss feuerte er vier Sekunden später aus fünf Kilo- metern Entfernung. Danach zog Bob Cassidy die Nase seines Jägers zu einem 80-Grad-Steigflug hoch, machte eine halbe Rolle und schaltete den Brenner aus, dann senkte er die Nase hart, als die Ma- schine verlangsamte. Schließlich lagen die Zeros unter ihm; sie flo- gen in entgegengesetzter Richtung, auf die Basis zu. Scheer hatte zwei Sidewinder fast gleichzeitig abgeschossen, stieg und zog ebenfalls die Nase herum. Eines der amerikanischen Geschosse verfehlte aufgrund des rasch wechselnden Sichtwinkels sein Ziel. Es passierte das Zielflugzeug zu weit entfernt, um den Abstandszünder auszulösen. Die anderen drei Sidewinder waren Treffer. Eines durchschlug die linke Ansaugleitung einer Zero, explodierte im Kompressor des Ge- triebes und riss die Maschine in Stücke. Ein weiteres verfehlte das, Zielflugzeug um sechs Zentimeter, aber sein Abstandszünder explo- dierte neben dem Cockpit und tötete den Piloten sofort. Der Sprengkopf des vierten Geschosses explodierte über der lin- ken Tragfläche der Zero, auf die es gerichtet war, und durchlöcherte den Tragflächentank. Sprit kochte in die Atmosphäre hinaus. Der Pilot spürte den Treffer, sah, wie sich das Flugzeug seines Schwarmführers in eine Metallwolke auflöste, sah dann Sprit aus seiner eigenen Tragfläche spritzen. Er hatte kein feindliches Flug- zeug gesehen, und zwei Zeros waren bereits zerstört, eine stürzte außer Kontrolle ab, und er selbst war übel lädiert. Er begann eine harte Linkskurve, um das Gebiet zu verlassen. Cassidy sah, wie der Jagdbomber kurvte, und stieß seinen Steuer- knüppel vorwärts, der, da er im Rückenflug war, das Sinken der Na- se stoppte. Er rollte 90 Grad nach rechts auf Messers Schneide und senkte die Nase. Die Zero unter ihm flog ihre Kurve weiter. Das klappte ja großartig – Cassidy würde sich direkt hinter den Schwanz des feindlichen Piloten setzen. Er würde die Bordwaffe verwenden. Sich absinken lassen, die Tragflächen auf eine Höhe bringen – er drückte den Knopf, als der feindliche Bomber in sein Visier glitt. Die Maschine vibrierte, Mündungsfeuer erschien vor der Wind- schutzscheibe, und die Zero stand in Flammen, die linke Höhen- flosse abgetrennt. Nun rollte Cassidy in einen 90-Grad-Winkel und zog glatt hoch bis zu neun g. Er wollte schnell kurven, um wieder ins Gefecht zu kommen. Zum ersten Mal genehmigte er sich eine Sekunde, um auf seiner Tac-Anzeige die Position der anderen fünf F-22 zu überprü- fen. Nur er und Scheer waren noch oben. Die anderen beiden Staffeln gingen im Kurvenflug hinunter. Dixie Elitch und Aaron Hudek feuerten je einen Sidewinder ab, als sie auf den Schwarm der vier, Zeros aus dem Nordwesten niederbrummten. Die Geschosse peilten die Ziele prächtig an. Dixie schoss ein zweites und ein drittes ab. Ihr erstes Geschoss verwandelte die Zero in einen Feuerball, und das zweite flog in den Feuerball hinein und explodierte. Ihr dritter Sidewinder wählte eine andere Zero aus, gerade als der Pilot, der die dritte Maschine flog, die von Hudeks erstem Geschoss getroffen worden war, mit dem Schleudersitz ausstieg. Sie war weniger als drei Kilometer von der letzten Zero entfernt und wartete auf das Geschosssignal, als Hudek sich vor sie setzte, seine Auspuffrohre knapp über ihrer Windschutzscheibe. Dixie nahm Geschwindigkeit weg und zog ihre Maschine hoch, um einen Zusammenstoß zu verhindern. Hudek kümmerte sich nicht um das Geschosssignal. Er wollte seine Bordwaffe benutzen. Er schloss unerbittlich zu der einzigen übrigen Zero der Vierergruppe auf. Preacher Fain führte Lee Foy zu Jiro Kimuras Geschwader hinun- ter. Sie feuerten zwei Sidewinder ab, jeder einen; beide Geschosse verfolgten ihr Ziel. Immer noch den Nachtsichthelm tragend, reckte Kimura den Hals, versuchte zu sehen, was da draußen geschah. Den Zeros, die rechts von ihm explodierten, galt seine ganze Aufmerksamkeit. Er drehte sich, auf den Cockpitbogen abgestützt, halb in seinem Sitz herum. Und erblickte die F-22, die in einem 30-Grad-Winkel von hinten auf die Zeros herunterstießen. »Nach links ausbrechen«, schrie er in seine Sauerstoffmaske. Er hielt die Maske mit seiner linken Hand. Nun ließ er die Maske fal- len und benutzte die Hand, um den Helm festzuhalten, während er mit der rechten den Steuerknüppel hinüberkrachen ließ und scharf zog. Fains Geschoss konnte die Kurve nicht mitmachen. Es krachte in, den Boden. Miura war nicht schnell genug. Foy Pfützes Sidewinder schoss in sein rechtes Auspuffrohr und explodierte in der Turbine dieses Getriebes. Stücke des Getriebes wurden weggeschleudert, als die Turbine, nun übel aus der Balance gebracht, weiter mit maxi- maler Umdrehungszahl rotierte. Miura spürte die Explosion, sah, wie das rechte Triebwerk-Meß- gerät Richtung Ende schwang, und wusste, dass er in großen Schwierigkeiten war. Er drosselte beide Triebwerke, als das rechte Feuer fing, und drückte auf fünf g, um langsamer zu werden. Als die Geschwindigkeit des Bombers unter fünfhundert Knoten fiel, betätigte er den Schleudersitz. Drei Sekunden später öffnete sich sein Fallschirm, gerade als sein Jäger explodierte. Zu diesem Zeitpunkt war der Kampf gerade eine Minute alt. Den schweren Nachtsichthelm und die Schutzbrille mit der linken Hand festhaltend, drehte Jiro Kimura rechtwinklig ab. Er war der einzige der japanischen Piloten, der die amerikanischen Bomber auf sie niedergehen sehen konnte. An einem Punkt zeigte der Beschleu- nigungsmesser acht g, und Kimura trug keinen kompletten Druck- anzug wie die Amerikaner. Er spannte sich bis zum Maximum und schrie gegen das g an, um bei Bewusstsein zu bleiben, als er seine Maschine herumdrückte. Dann beging Lee Foy einen fatalen Feh- ler. Vielleicht sah er nicht, wie Jiro kurvte, vielleicht war er auf sein nächstes Opfer, Sasai, fixiert, oder vielleicht überprüfte er die Posi- tion seines Rottenfliegers auf seiner Tac-Anzeige. Auf jeden Fall rea- gierte er nicht schnell genug auf Jiros Kurvenflug in seine Richtung, und als Jiro einen Sidewinder in Kernschussweite auslöste, blieb ihm keine Zeit mehr. Das von den Amerikanern konstruierte und von den Japanern produzierte Geschoss durchschlug direkt hinter dem Cockpit den Flugzeugrumpf der F-22, explodierte im Haupt- tank und ließ den Inhalt unter ungeheurem Druck nach draußen, spritzen. Als der Treibstoff auf den Sauerstoff traf, entzündete er sich explosiv. Lee Foy hatte gerade noch genug Zeit, tief Luft zu holen und in sein Funkmikrophon zu schreien, bevor er bei leben- digem Leib eingeäschert wurde. Aaron Hudek registrierte die Explosion aus dem Augenwinkel, als er gerade die letzte der Blue-Flight-Zeros mit seiner Kanone abfer- tigte. Er erkannte Foys Stimme. »Pfütze?« Jeder der F-22 Piloten hörte Hudeks Funkruf. Jiro Kimura hatte bereits ein zweites Geschoss abgefeuert. Wäh- rend das erste in der Luft war, erhielt er eine Geschossmeldung für eine F-22 in sechs Kilometern Entfernung, die hart hinter einer Zero herkurvte. Er drückte den Auslöser. Dann drehte er um zehn Grad in Richtung auf eine F-22, die frontal auf ihn zuraste. Es war Sacklaus Hudek. Die F-22 feuerte. Ein Feuerstrom, fast wie ein Suchscheinwerfer, fuhr aus der Nase des amerikanischen Bombers. Der Finger Gottes griff nach ihm. Wie er entkam, konnte Jiro später nie erklären. Er riss den Knüp- pel hinüber und schmetterte das Seitenruder hinunter, und sein Jä- ger schmierte zur Seite, fast außer Kontrolle. Im selben Moment presste er den Daumen auf den Waffenknopf. Die Granaten spritzten aus der Kanone seiner rechten Tragflä- chenwurzel. Er wackelte mit dem Seitenruder, gerade als Hudek, immer noch schießend, durch den Kanonenhagel blitzte. Aaron Hudek spürte die Hammerschläge. Sein linkes Getriebe- warnlicht leuchtete auf, die Temperatur ging in den roten Bereich und die Drehzahl fiel ab. Er schaute in den Rückspiegel und sah Feuer an der Seite eines Bombers entlanglodern. Er griff nach dem Schleudersitzhebel, doch eine andere Zero, die von Jiros Rottenflie- ger Ota, flog frontal auf ihn zu. Bei diesen Geschwindigkeiten gab, es nichts zu überlegen, doch selbst wenn es möglich gewesen wäre, hätte sich Aaron Hudek vielleicht genauso entschieden. Mit einer schnellen Bewegung aus dem Handgelenk brachte er die beiden Jagdbomber fast frontal zusammen. Jiros zweiter Sidewinder besprühte den Bauch von Dixie Elitchs Maschine mit Schrapnell. Die Maschine reagierte weiterhin auf die Steuerung, doch im Cockpit hörte Dixie ein fürchterliches Klopfen und Hämmern. Es klang, als ob der Fahrtwind große Teile des Bombers abriss. Automatisch zog sie ihre Leistungshebel zurück, aktivierte ihre Sturzflugbremsen und zog die Nase himmelwärts. Nachdem Cassidy und Scheer ihren letzten Sidewinder verschos- sen hatten, waren nur noch zwei der acht hochfliegenden Zeros un- ter Kontrolle ihrer Piloten. Weiterhin in loser Formation fliegend, senkten diese beiden die Nasen steil hinunter und gaben Vollgas. Sie kurvten weder, noch schlängelten sie, stiegen nur ab, bis sie zehn Meter über dem Talboden waren. Ihre Schalldruckwellen zo- gen eine Staubwolke hinter ihnen her. Cassidy ging bei 3.000 Me- tern in die Horizontale und schaltete den Brenner aus. Er wollte für die Jagd auf die beiden Zeros nicht all seinen Treibstoff verbrau- chen. »Können Sie sie kriegen, Paul?« »Ich denke schon.« Scheer holte das fliehende Paar ein, als Cassidy zurück in Rich- tung des niedrigen Kampfs drehte, der immer noch nahe bei der Basis tobte. Preacher Fain war auf 90 Grad neben Jiros Kurs und anderthalb Ki- lometer hinter ihm, als ihn der japanische Pilot mit der Infrarot- Schutzbrille erblickte. Jiro wusste, dass die meisten seiner Gefährten tot waren, und er, wenn er weiterkämpfte, bald auch tot sein würde,, doch diese F-22 in seinem Rücken zu ignorieren, wäre Selbstmord. Kimura zog seine Maschine hoch und rollte Richtung Fain. Fain war überrascht. Dies war die einzige Zero, die die F-22 ins Gefecht zog. Dieser Kerl muss mich sehen, dachte er. Vielleicht funktioniert der Chamäleon-Mechanismus nicht … Er zog ebenfalls hoch und brachte sich in einen senkrechten Schersprung. In Kor- kenzieher-Manier jagten die beiden Bomber senkrecht hinauf; jeder suchte einen Winkelvorteil, doch keiner fand ihn. Jiro war außer sich. Er war 1.500 Kilometer vom heimatlichen Stützpunkt entfernt, umgeben von Feinden, und die Zeit lief ab. Die Zeit war auf Seiten seines Gegners. Er musste das hier schnell beenden. Er stieß die Leistungshebel in den Leerlauf, zog die Sturzflug- bremsen. Im Senkrechtflug verlangsamte sich die Zero, als ob sie gegen eine Wand geprallt wäre. Preacher Fain schoss an ihm vorbei. Jiro rammte die Leistungshebel vorwärts, drückte die Maschine hoch und richtete die Nase auf Fain. Die Gefahr ahnend, zog Fain den Knüppel mit aller Kraft zurück. Die F-22 kam in Rückenlage und senkte die Nase in Richtung Erde, als ein Kanonenhagel an ihm vorbeirauschte. Die Granaten gingen an seinem Bauch vorbei. Fain zog weiter. Dann sah er, wie der Boden auf ihn zuraste. Er stieg verkehrt her- um ab, mit 70 Grad Vorneigung und gezündetem Brenner, 2.500 Meter passiert. Preacher Fain rollte die F-22 zurück und zog, bis er dachte, die Tragflächen würden abbrechen. Der Beschleunigungsmesser stand auf zwölf g, als sein Jäger mit Mach 1,2 auf dem Boden zerschellte. Dixie Elitch stieg aus, als ihre Fluggeschwindigkeit auf 250 Knoten fiel. Das Flugzeug brannte. Sie hatte das linke Triebwerk abgestellt,, als das linke Feuerwarnlicht aufleuchtete, doch jetzt waren die Flammen im Spiegel hinter ihr sichtbar. »Dixie steigt aus«, verkündete sie über Funk. Sie atmete tief durch und zog den Handgriff zwischen ihren Bei- nen mit beiden Händen. Der Kampf hatte gerade mal zwei Minuten gedauert. Die War- tungstrupps von der Basis sahen, wie jemand mit einem Fallschirm absprang, doch sie wussten nicht, dass es Dixie war. Vier der Leute fuhren mit dem Sattelschlepper los. Das Schwierigste war, sie drau- ßen im Wald, anderthalb Kilometer von der nächsten Straße ent- fernt zu finden. Sie hing in einem Baum. Es dauerte zwanzig Minu- ten, sie herunterzuholen, indem sie den Baum fällten. Obwohl sie zitterte, war sie nicht verletzt. Anderthalb Stunden nach ihrem Aus- stieg kamen Dixie und ihre Retter aus dem Wald. Jiro Kimura rollte in die Splitterbox in Chabarowsk, öffnete die Cockpithaube und stellte die Motoren aus. Der Flugzeugkomman- dant brachte die Leiter an, während Jiro sich losschnallte, und stieg dann hinauf. »Wo sind die anderen?« »Tot. Oder draußen im Wald. Ich weiß es nicht.« Der Flugzeugkommandant konnte es einfach nicht glauben. Er dachte, Jiro mache einen Scherz. Als er mit dem Nachtsichthelm und seinem Flugsack die Rampe überquerte, traf Jiro seinen Geschwaderadjutanten. »Wo sind die anderen, Kimura?« »Sie wurden abgeschossen, Oberst. Alle. Ich bin der Einzige, der übriggeblieben ist.« »Und der Geschwaderkommandant?« »Er starb als Erstes, glaube ich. Mein Schwarm war zwar weit un- ter ihm, aber ich habe gesehen, wie seine Maschine von einem Ge- schoss getroffen und zerstört wurde. Dann haben die Amerikaner, uns angegriffen. Es war schnell vorbei.« »F-22?« »Die anderen haben sie nicht gesehen, Oberst. Ihre Flugzeuge sind unsichtbar. Ohne Radar hatten die anderen keine Chance. Ich hatte das hier.« Jiro hielt den Helm hoch. »Das habe ich mir vom Hubschraubergeschwader ausgeliehen. Ich konnte sie nur in infra- rotem Licht sehen, nicht in normalem.« »Fünfzehn Flugzeuge!« Der Oberst starrte ungläubig. »Ja, Oberst.« »Wie viele feindliche Flugzeuge waren im Einsatz?« »Sechs oder acht. Ich bin mir nicht sicher. Nicht mehr als acht, denke ich.« Der Adjutant schwankte. Riss sich zusammen. »Haben wir wenig- stens eines von ihnen gekriegt?« »Ich habe eine erwischt. Eine andere F-22, die mich zu umgehen versuchte, ist in den Boden gekracht. Ob irgendjemand anderes ei- nen Treffer erzielt hat, weiß ich nicht.« »Ich will sobald wie möglich einen vollständigen schriftlichen Be- richt, Kimura. Ich schicke ihn dann nach Tokio.« Der Oberst wandte ihm den Rücken zu, so dass Jiro sein Gesicht nicht sehen konnte. Jiro ging zur Aufenthaltsbaracke. Sie konnten nicht alle tot sein. Bestimmt hatten sich einige von ihnen mit dem Schleudersitz gerettet. Sasai, Ota, Miura … Während er weiterging, wischte sich Jiro Kimura die Tränen ab. Als Cassidy und Elitch zum Geschwader zurückkamen, saß Paul Scheer im Büro, die Füße auf dem Schreibtisch und rauchte eine Zigarre. Er schenkte ihnen ein glückseliges Lächeln. »Irgendetwas von den anderen gehört?«, fragte Cassidy scharf. »Nein. Ich habe mir die Aufnahmen aus Ihrer und meiner Ma-, schine angeschaut. Ich bin ziemlich sicher, dass sie tot sind.« »Sie scheinen ja verdammt erschüttert darüber zu sein.« Scheer ließ sich nicht nervös machen. Er paffte ein paar Mal an der Zigarre, dann nahm er einen langen Zug und atmete aus. »Colonel, es ist so: Wenn ich tot wäre und Sacklaus statt meiner hier säße, würde ich mir wünschen, dass er eine Zigarre raucht. Ich würde wollen, dass er diesen unglaublichen Moment genießt. Wenn ich könnte, würde ich ihm die Zigarre selbst anzünden.« Scheer streckte die Arme aus und gähnte. »Die gottverdammten besten zwei Minuten meines Lebens. Die allerbesten.« Er seufzte. »Das Traurige dabei ist, dass ab jetzt alles bergab geht. Was könnte dem schon gleichkommen?« Scheer stand langsam auf. Während Zigarrenrauch um seinen Kopf wirbelte, zog er seinen Waffengurt hoch, griff in seinen geöff- neten Druckanzug, holte eine kleine Flasche heraus und trank ei- nen Schluck Wasser. Er zog die Schreibtischschublade auf, holte zwei Zigarren heraus und reichte sie ihnen hinüber. »Für jeden eine. Das war unser Depot, Hudeks und meins. Wenn Sie sie rauchen, denken Sie an Sacklaus und Foy Pfütze und den Preacher. Drei verdammt gute Männer.« Cassidy und Elitch nahmen die angebotenen Zigarren. Paul Scheer verließ das Zimmer und zog eine Rauchfahne hinter sich her. Als er an diesem Abend in seiner Koje lag, konnte Jiro Kimura nicht einschlafen. Der morgendliche Kampf wirbelte ihm durch den Kopf. Nach einer Weile holte er seine Taschenlampe heraus, zog sich die Decke über den Kopf und schrieb einen Brief an seine Frau. Liebe Shizuko,, heute hatten wir einen heftigen Kampf mit den amerikanischen Bombern, dem Amerikanischen Geschwader, von dem Du gehört hast. Bob Cassidy ist ihr Kommandant! Ota, Miura und Sasai werden vermisst und sind vermutlich tot. Wenn Du diesen Brief bekommst, werden ihre Familien schon benachrichtigt wor- den sein. Wie Du weißt, habe ich gefürchtet, Cassidy in der Luft zu begegnen. Heute muss ich ihn getroffen haben. Wahrscheinlich war er da. Geliebte Frau, Du wirst stolz sein, zu wissen, dass ich nicht zögerte, meine Pflicht zu tun. Ich gab mein Allerbestes, und das ist der einzige Grund, warum ich immer noch lebe. Dennoch habe ich mir Sorgen darüber gemacht, auf Cassidy schießen zu müssen, so dass ich mich jetzt am Tod meiner Gefährten mit- schuldig fühle. Seltsam, wie sogar geheime Sünden einen heimsuchen. Das ist ein sehr unjapanischer Gedanke, aber die Amerikaner haben mir stets ver- sichert, dass es so ist. Geheime Sünden sind die schlimmsten, sagten sie. Ich habe mir selbst geschworen, nicht mehr an Bob Cassidy zu denken. Ich wer- de in diesem mörderischen Geschäft kaltblütig sein. Ich werde wie ein Tiger kämpfen. Ich schreibe Dir von diesen Dingen, weil ich Dich vielleicht in diesem Le- ben nicht wiedersehen kann. Es ist wahrscheinlich, dass ich meinen Freun- den bald in den Tod folgen werde, eine Aussicht, die ich nicht fürchte, wie Du weißt. Dennoch erfüllt mich der Gedanke an meinen Tod mit Ver- zweiflung, weil Du allein weiterleben musst, weil wir nicht länger zusam- menleben können, was wir immer als unser Schicksal betrachtet haben. Wenn ich vor Dir sterbe, werde ich auf Dich in dem warten, was nach die- sem Leben kommt. Wenn Du alt an Jahren bist, wirst Du den Mann Dei- ner Jugend wiedertreffen, der mit einem Herzen voll Liebe wartet. Glaube daran, in den Tagen, die kommen werden. Jiro., 21. KAPITEL

Der Zug war kaum eine Stunde nördlich von Wladiwostok, alser entgleiste. Isamu Iwakuro spürte, wie die Maschine und die

Waggons ruckten. Er hatte sein Berufsleben lang als Lokomotiv-Re- paratur-Spezialist gearbeitet und er wusste Bescheid. Der Waggon, in dem er saß, der zweite hinter der letzten Loko- motive, kippte zur Seite und die Lichter erloschen. Der Waggon schleuderte scheinbar eine Ewigkeit dahin, ehe er liegenblieb. Im Waggon wurden Zivilisten, Soldaten und ihr Gepäck hoff- nungslos durcheinandergeworfen. Jemand schrie. Iwakuro schaffte es, auf die Füße zu kommen und über mehrere Sitze zur Tür zu klettern, rief dabei, jeder solle ruhig bleiben und nicht in Panik geraten. Dann begannen die Explosionen. Stahl und Rauch fetzten durch den zertrümmerten Waggon. Panzerabwehrgranaten! Die Explosionen knallten wie Feuerwerkskörper. Überall, den ganzen Zug entlang, konnte er das Hämmern von Granaten hören. Und er hörte Maschinengewehre, lange, knatternde Salven. Etwas schmetterte gegen seine Schulter, und er ging zu Boden. Ei- ne weitere Explosion dicht neben seinem Kopf stieß ihn in die Be- wusstlosigkeit. Als Iwakuro wieder zu sich kam, konnte er nichts sehen. Es war Nacht, obwohl er es nicht wusste. Zuerst dachte er, er sei blind. Sei- ne Schulter blutete und schmerzte fürchterlich, daher wusste er, dass er lebte. Er tastete sich über Leichen hinweg, suchte nach ei- nem Ausgang. Schließlich sah er ein bisschen Licht, nur den Schim- mer eines entfernten Feuers., Irgendwie schaffte er es, durch ein Loch im Boden des Waggons hinauszukriechen, der immer noch auf der Seite lag. Rechts von der Lok sah er einen brennenden Güterwaggon. Iwakuro kroch direkt vom Zug fort. Nach mindestens 50 Metern setzte er sich auf und versuchte, sich die Schulter mit seiner Jacke zu verbinden. Er saß im Gras und jammerte leise, als ihm jemand in den Rü- cken schoss. Grobe Hände ergriffen ihn. Eine Taschenlampe schien ihm ins Gesicht. Jetzt packte ihn jemand am Haar und rammte ihm ein Messer in den Hals. Isamu Iwakuro fühlte den Schrei in seine Lungen auf- steigen, doch er war tot, ehe er einen Laut herausbrachte. Der Mann, der Iwakuro erschossen hatte, schnitt ihm den Kopf ab. Er ließ ihn in einen Sack zu sechs anderen fallen. Sein Befehl war, jeden Leichnam zu enthaupten, den er fand. 320 Kilometer östlich von Honshu fuhr die Admiral Kolchak auf Pe- riskoptiefe mit zehn Knoten auf 195 Grad missweisendem Kurs. Durch das Hauptperiskop sah Pavel Saratov ein leeres, windge- peitschtes Meer und den Himmel. Nach einem sorgfältigen 360-Grad-Rundblick mit dem Periskop ordnete Saratov an, es abzusenken. Der Navigator stand über den Kartentisch gebeugt, als Saratov zu ihm kam. »Wie schnell wollen Sie fahren, Kapitän?« Wie an Bord der Admiral Kolchak üblich stell- te der Navigator die Frage mit gedämpfter Stimme. »Ich möchte jederzeit eine gute Ladung in den Batterien halten«, antwortete Saratov und passte sich automatisch der Lautstärke des Navigators an. »Wir müssen in der Lage sein, auf Tiefe zu gehen und dort zu bleiben, um eine Chance gegen die Patrouillen der Ja- paner zu haben.«, »Wir fahren im japanischen Strom, gegen die Strömung. Wir wären schneller, wenn wir nach Südosten ausweichen und dann nach Südwest steuern würden.« »Bleiben Sie drin, genau in der Mitte. Wir haben keine Eile.« »Glauben Sie wirklich, dass sie uns suchen?« »Darauf können Sie Ihr Leben verwetten.« Askold lehnte sich über den Tisch. »Wie planen Sie, da hineinzu- fahren, Kapitän?« »Ich habe keinen Plan. Wir müssen sehen, wie es sich entwickelt.« »Aussteigen?« »Wer weiß. Wir werden sehen.« »Was werden Sie sehen, Saratov?« Die Stimme dröhnte in dem kleinen Raum. Esenin stand direkt hinter ihnen. Wie üblich trug er den Kasten bei sich, einen grauen Metallkasten, etwa drei Zenti- meter breit, fünf Zentimeter lang und einen Zentimeter tief. Er bau- melte an einer Kette um seinen Hals. Seitdem das Boot von der trojanischen Insel abgetaucht war, hatte er sich nie ohne den Kas- ten sehen lassen. »Wir werden sehen, ob wir lebend aus japanischen Gewässern rauskommen können«, antwortete Saratov. »Seien Sie nicht so pessimistisch. Das ist die Gelegenheit Ihres Lebens, etwas Wichtiges für Ihr Land zu leisten.« »Für Sie vielleicht, General. Diese Männer haben Russland bereits einen großartigen Dienst erwiesen.« »Seien Sie bloss nicht aufsässig«, bellte Esenin. »Sie sind in einer Führungsposition.« »Ich befehlige dieses Schiff, und ich werde das nicht vergessen.« Esenin sah von einem zum anderen. Dann wandte er sich Saratov zu und flüsterte: »Reizen Sie mich nicht.« In dieser Nacht kam eine P-3. Der Sonartechniker hörte sie als Er- ster. Der Wachoffizier rief Saratov, der unten in seiner Kabine lag und zu schlafen versuchte. Die Maschine flog etwa fünf Kilometer, südlich an ihnen vorbei nach Osten. »Sie fliegen ein Suchraster«, berichtete der Navigator. »Wahrscheinlich«, sagte Saratov, »aber die Frage ist: Sind wir in- nerhalb des Rasters oder nicht?« Das Flugzeuggeräusch verschwand. Nach einigen Minuten ent- spannte sich das Wachteam; sie lächelten einander an und wandten sich wieder den Messgeräten zu, machten Eintragungen ins Log- buch, lasen und kratzten sich. Esenin hatte einen seiner bewaffne- ten Marineinfanteristen in der Zentrale stationiert. Der Mann ver- suchte, nicht im Weg zu stehen, doch in der drangvollen Enge war das unmöglich. Er musste sich jedes Mal bewegen, wenn sich ir- gendjemand anderes bewegte. Saratov betrachtete den Mann. Er war Mitte zwanzig, sagte fast nie etwas und verstand offensichtlich wenig von dem, was um ihn herum geschah. War er wirklich Marineinfanterist? Oder etwas an- deres? Anscheinend war er noch nie zuvor auf See gewesen, oder doch? Die P-3 kehrte zurück. Sie flog etwa anderthalb Kilometer hinter dem U-Boot nach Norden, auf westlichem Kurs. »Wir sind in ihrem Raster«, sagte der Navigator. »Diesen Steuerkurs halten. In etwa fünf Minuten werden wir ihre Originalflugbahn kreuzen. Sie werden hinter uns suchen.« So konnte es klappen. Dennoch sahen der Erste Offizier und der Navigator besorgt aus. Um Mitternacht, als der Kapitän den Befehl zum Schnorcheln gab, wollte der Erste Offizier darüber diskutieren. »Kapitän, die P-3 kann den Schnorchelkopf auf Radar erfassen.« »Wir müssen die Batterien aufladen, Askold. Wenn wir das hier nicht tun können, schaffen wir es nie in die Mündung der Bucht und wieder heraus.« Askold biss sich auf die Lippen und gab dann den Schnorchel- befehl an den Obersteuermann weiter., Wie es das Glück wollte, erreichte das U-Boot innerhalb von 30 Minuten eine Schlechtwetterzone. Starker Seegang und strömender Regen verbargen den Schnorchelkopf. Das Schaukeln des Boots, dicht unter der Meeresoberfläche, ließ die Seemänner lächeln. Sie wussten, wie rau es dort oben war. Saratov trank eine Tasse Tee in der Offiziersmesse, während Esenin und seine Nummer zwei, der Major, ihn schweigend beobachteten. Dann ging Saratov in seine Kabine und streckte sich auf der Koje aus. Er konnte nicht schlafen. Vor seinem geistigen Auge sah er Flug- zeuge und Zerstörer, die sie jagten, suchten, vor und zurück, vor und zurück … Der Sonartechniker kündigte die P-3 60 Sekunden, bevor sie direkt über das U-Boot flog, an. Der Offizier der Wache befahl, das Schnorcheln sofort zu stoppen und die elektrischen Motoren zu starten. Das Flugzeug flog vorbei, 15 Sekunden vergingen, dann be- gann es eine Kurve. »Sie haben uns geortet«, sagte der Wachoffizier. »Den Kapitän ru- fen.« Saratov hörte diesen Befehl, als er den Durchgang entlang kam. »Gehen Sie auf vierzig Meter«, sagte Pavel Saratov, als der Ober- steuermann meldete, dass die Dieselmotoren gesichert waren. »Backbord, Ruder auf eins null null Grad.« »Backbord, aye. Neuer Kurs eins null null.« Esenin kam in die Zentrale. Einen Moment später kam der Major und konnte gerade noch hören, wie der Sonartechniker rief: »Sono- bojen im Wasser.« Er rief die Peilung und geschätzte Entfernung der Spritzer aus, die der Navigator in seine Karte einzeichnete. »Lassen Sie das Boot so leise wie möglich fahren, Obersteuer- mann.« »Aye, Kapitän. Langsame Geschwindigkeit?«, »Drei Knoten. Nicht mehr. Und gehen Sie tiefer. Siebzig Meter.« »Vordere und achtere Tiefenruder«, befahl der Obersteuermann. Der Michman an den Ruder- und Tiefenruderanlagen tat wie ge- heißen. Saratov sah auf seine Uhr. Kurz nach 03 Uhr morgens. »P-3 kommt für einen neuen Lauf rein, Kapitän. Es klingt, als ob sie direkt über uns wegfliegen wollen.« »Halten Sie mich auf dem Laufenden.« »Auf neuem Kurs eins null null.« »Weiter runter, Obersteuermann. Einhundert Meter. Jemand soll die Wassertemperatur-Anzeige beobachten. Lassen Sie mich wissen, wenn wir auf eine Inversionsschicht treffen.« »Hier sollte eine Inversion sein«, murmelte der Offizier der Wa- che vor sich hin. »Das ist schließlich der japanische Strom.« »P-3 fliegt genau über unsere Köpfe.« »Kommen Sie nach backbord auf neuen Kurs null vier fünf.« Aus dem Augenwinkel bemerkte Saratov Esenins angespannten Gesichtsausdruck. Der Major neben Esenin sah besorgt aus. »Einhundert Meter, Kapitän.« »Auf hundertfünfzig.« »Eins fünfzig, aye.« »Wie tief ist das Wasser hier?«, fragte der Major den Navigator, der, ohne auf die Karte zu schauen, antwortete. »9.600 Meter. Wir sind genau über dem japanischen Graben.« »Und was geschieht, wenn wir dieses Flugzeug nicht abschütteln können?« »Es wirft einen Zielsuchtorpedo ins Wasser.« Der Navigator sah den Major an und grinste. »Dann sind wir dran.« »Zweihundert Meter, Obersteuermann«, sagte der Kapitän. Als sie 170 Meter passiert hatten, begann die Temperatur des Wassers zu steigen. Der Offizier sah es und machte Meldung. »Wie tief kann dieses Boot gehen?«, fragte der Major den Ersten, Offizier. »Das Boot ist für zweihundert Meter Tiefe konstruiert.« Der Kapitän verpasste dieses Gespräch. Er trug einen Sonarkopf- hörer und lauschte mit geschlossenen Augen. In dieser Tiefe knarrte das Boot ein bisschen, wahrscheinlich durch die Temperaturänderung oder den Druck. Saratov hörte nichts davon. Er konzentrierte sich vollständig auf das Zischen und Glucksen der See. Ah ja … da war das Hämmern der Flugzeugpro- peller. Er öffnete die Augen, blickte kurz auf den Sonaranzeiger, der in Richtung des größten regelmäßigen, unnatürlichen Geräuschs zeigte. Das feindliche Flugzeug war … fast genau über ihnen … jetzt … vorüber … Ein Platschen! Eine Sonoboje. Oder ein Torpedo. »Tiefer, Obersteuermann. Nochmal fünfzig Meter.« »Aye, Kapitän.« Noch mehr Sonobojen. Wanderten achteraus. Gut, wenigstens hatte die P-3 das U-Boot nicht festgeklammert. Die Mannschaft suchte nach etwas, das sie gefunden und dann wieder verloren hat- ten. »Ich glaube, sie haben uns verloren, Obersteuermann. Jetzt wer- den sie versuchen, uns wiederzufinden. Tiefe, Kurs und Geschwin- digkeit halten.« Eine Welle sichtbarer Erleichterung überflutete die Männer in der Kommandozentrale. Saratov nahm einen der Sonarkopfhörer ab und fragte Esenin: »Diese Röhren, die wir ans Deck geschweißt haben, wieviel Druck halten die aus? Für wieviel sind sie konstruiert worden?« »Ich weiß es nicht.« »Wir werden es herausfinden«, brummte Pavel Saratov. »Sie können es ihnen ja sagen, wenn Sie nach Hause kommen«, fügte er hinzu und rückte den Kopfhörer zurecht., Atsuko Abe las die Nachricht des Agenten Ju und schnaubte un- gläubig. »Und das sollen wir glauben?« »Wir können es uns nicht leisten, es zu ignorieren«, sagte Cho, der Außenminister, vorsichtig. »Selbst wenn die Chance eins zu tausend steht, dass Ju recht hat, ist das ein unannehmbares Risiko.« »Erzählen Sie mir nichts von unannehmbarem Risiko«, knurrte Abe. Cho war einer der lautstärksten Befürworter des Plans gewe- sen, die sibirischen Ölfelder zu besetzen. Heute saßen sie im Büro des Premierministers in der Diet. Er benutzte dieses Büro normaler- weise, um mit seinen Parteimitgliedern zu konferieren. Abe schwenkte das Blatt mit der Nachricht drohend vor Cho. »Wir haben vor zwei Tagen fünfzehn Zeros durch ein amerikani- sches Geschwader verloren. Die Generäle glauben, wir können un- sere Stellungen ab jetzt halten, aber das ist wahrscheinlich nur Wunschdenken. Die wesentliche militärische Vorbedingung für die Invasion Sibiriens war die Luftsouveränität. Sie ist uns abgenom- men worden.« Cho schwieg. »Letzte Nacht wurden zweihundert Zivilisten und dreißig Solda- ten bei einem Überfall auf einen Zug getötet, bloß fünfzig Kilome- ter nördlich von Wladiwostok. Guerillas haben eine ganze Zugla- dung von Menschen in einem Gebiet ermordet, das angeblich sicher ist, in einem Bereich, der praktisch in unserem Vorgarten liegt.« Abe strich seine Krawatte und Jacke glatt. »Die Köpfe wurden heute Morgen in Wladiwostok auf die Straße gekippt – vor das ja- panische militärische Hauptquartier.« Abe sah Cho direkt in die Augen. »Ich kann verhindern, dass die Nachricht veröffentlicht wird, aber ich kann das Geflüster nicht stoppen. Unternehmer wis- sen, dass ihre Angestellten abgeschlachtet werden. Kein Japaner ist irgendwo in Sibirien sicher. Die Leute fordern, dass wir irgendetwas tun, um solchen Vorkommnissen künftig vorzubeugen.«, Cho verbeugte sich leicht. »Die Vereinten Nationen kommen allmählich in Bewegung und fangen an, die japanische Aggression zu verurteilen. Wenn das nicht reicht, uns davon abzubringen, wird jemand einen Wirt- schaftsboykott vorschlagen. Die Russen sind sehr aktiv in der UN – sie schütteln Hände, lächeln und bereiten einen Atomschlag auf uns vor. Sie sind bereit, alles zu tun, um zu siegen. Ich frage Sie, Cho, wollen Sie das auch? Cho?« »Herr Premierminister, ich habe die Invasion befürwortet. Ich glaube fest daran, dass der Besitz der sibirischen Ölfelder es unse- rem Volk erlauben wird, zu überleben und in den kommenden Jahrhunderten aufzublühen. Dieses Öl ist unser Lebenselixier. Es ist für uns kostbarer als für jede andere Nation.« Atsuko Abe legte die Hände auf den Schreibtisch. »Ohne Luft- souveränität werden wir diesen Winter unsere Leute in Sibirien nicht versorgen können. Die Luftsouveränität ist absolut kritisch. Alles hängt davon ab.« »Ich weiß, Herr Premierminister.« Cho nickte. »Das Amerikanische Geschwader in Chita muss eliminiert wer- den. Die Generäle sagen, es gibt nur eine Möglichkeit, die Flugzeu- ge, Leute, Geräte und Ersatzteile zu vernichten: Wir müssen mit ei- ner Atomwaffe angreifen.« Cho erbleichte. »Darum geht es hier«, brüllte Abe. »Wir haben uns festgelegt! Wir müssen siegen oder sterben. Es gibt keine andere Möglichkeit. Wir haben alles darangesetzt – alles – unsere Regierung, unsere Nation, unser Leben. Haben Sie den Mut, es zu Ende zu bringen?« »Dieser Kurs wird für die japanische Öffentlichkeit völlig unan- nehmbar sein«, stotterte Cho. »Ich scheiße auf die Öffentlichkeit.« Abe knallte die Hände auf den Schreibtisch. »Die Öffentlichkeit will Nutzen aus dem Besitz Sibiriens ziehen. Ein so wertvolles Gut kann nicht billig erkauft, werden. Wir müssen den Preis zahlen. Eine Atombombe auf Chita abzuwerfen, das ist der Preis. Wir kriegen Sibirien nicht für einen Yen weniger.« »Das japanische Volk wird diesen Preis nicht bezahlen.« Abe schwenkte Jus Nachricht. »Ich schlage nicht vor, Moskau mit Atomsprengköpfen anzugreifen! Machen Sie die Augen auf, Mann. Die Russen versuchen selbst, uns mit Atombomben anzu- greifen!« »Der Einsatz von Atomwaffen ist das größte Übel, Herr Premier- minister. Sie wissen das genauso gut wie ich. Wenn wir Chita damit angreifen, können wir gezwungen werden, Raketen auf andere Ziele zu richten, Moskau eingeschlossen. Wenn es erst einmal anfängt, wo wird es enden, Herr Premierminister?« Abe tat Chos Worte ab, als hätte er sie nicht gehört. »Die militä- rische Situation erfordert die Zerstörung des Amerikanischen Ge- schwaders. Russland hat die Verantwortung für das Geschwader; Russland muss die Folgen tragen.« »Bei allem Respekt, die Entscheidung ist nicht so einfach.« Cho suchte nach Worten. »1945 haben die Amerikaner die Atombombe auf Japan abgeworfen und Japan dafür verantwortlich gemacht, dies notwendig gemacht zu haben. Sie haben gerade den Amerikanern zugestimmt, dass sie damals richtig gehandelt haben.« »Ich habe nicht vor, metaphysische Spitzfindigkeiten zu erörtern, Cho. Wenn Tokio in einem Atompilz untergeht, werden Sie dann gewillt sein, Atomwaffen einzusetzen?« »Nein! Niemals! Das japanische Volk wird niemals gewillt sein, Atombomben auf irgendjemanden zu werfen. Herr Premierminister, Sie waren es, der gefordert hat, dass die Entwicklung dieser Waffen ein Staatsgeheimnis bleibt, dass die Öffentlichkeit niemals darüber informiert wird.« »Wer soll der Öffentlichkeit sagen, dass wir sie einsetzen?« Schweigen., Abe ordnete die Dinge auf seinem Schreibtisch neu an. Schließ- lich sagte er: »Eine kleine Bombe, acht oder zehn Kilotonnen, sollte reichen. Wir greifen mit Flugzeugen an, so dass die Raketenleute nichts mit- kriegen. Das Amerikanische Geschwader in Chita wird von der Bildfläche getilgt. Die Russen werden sehen, dass weiterer Wider- stand zwecklos ist. Sibirien wird unser sein. Die Vereinten Nationen werden vor vollendete Tatsachen gestellt. Keine japanischen Solda- ten werden mehr sterben; Öl wird in japanische Raffinerien fließen; Bodenschätze werden unsere Industrien versorgen. Unsere Nation, unser Volk, wird gedeihen.« »Ich sage Ihnen, dass es nicht so leicht sein wird.« »Dies ist die einzige Chance, die wir haben«, donnerte Abe. »Wir brauchen dieses Öl!« Cho weigerte sich, aufzugeben. »Japan wird uns das nie ver- zeihen«, beharrte er. Atsuko Abe zwang sich dazu, sich in seinem gepolsterten Sessel zu entspannen. »Sieger schreiben die Geschichtsbücher«, sagte er, als er seine Be- herrschung wiedergefunden hatte. »Die Russen sind im Begriff, einen Atomunfall in Chita zu erleben. Sie haben solche Unfälle schon an anderen Orten gehabt. Laut Ju haben sie Atomwaffen vor der internationalen Abrüstungskontrollkommission versteckt und Verträge verletzt, die sie bereitwillig unterschrieben haben – sie pla- nen, diese Bomben auf Japan zu werfen. Dies sind Wahrheiten, die nur darauf warten, von irgendjemandem entdeckt zu werden, der genug Fragen an den richtigen Stellen stellt.« Abe zeigte auf Cho. »Sie wissen, dass wir versucht haben – wie- derholt versucht haben –, diese Angelegenheit auf diplomatischem Wege zu lösen. Kalugin hat sich geweigert, in die Diskussionen ein- zutreten. Hat es kategorisch abgelehnt. Die Russen lachen sich ins Fäustchen über den Vorfall in der Bucht von Tokio, sie applau-, dieren dem katastrophalen Verlust unschuldigen Menschenlebens, sie erfreuen sich an unserer Verlegenheit, und das japanische Volk ist zornig.« Er stieß mit einem Finger auf die Nachricht von Ju, die auf dem Schreibtisch vor ihm lag. »Die Zeit ist gekommen, diese Bastarde mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.« »Was für ein Flugzeug wird die Bombe abwerfen?« »Zeros.« »Die Zeros waren in letzter Zeit nicht sehr erfolgreich. Das ist das ganze Problem. Was ist, wenn sie nicht durchkommen?« »Dann werden wir es mit etwas anderem erneut versuchen. Wir werden tun, was getan werden muss.« Beim morgendlichen Briefing berichtete Jack Innes Präsident David Herbert Hood von der Notiz, die einem der CIA Agenten am Tag zuvor in Moskau von einer Straßenkehrerin zugesteckt worden war, von einer dieser alten Frauen, die Abfall und Dreck auf öffentlichen Plätzen mit einem langen Reisigbesen zusammenkehren. Dann übergab er Hood eine Übersetzung der Notiz. Die russische Regierung hat Atomangriffe auf Japan befohlen. Ein U- Boot versucht derzeit, vier hocheffektive Atomsprengköpfe auf dem Mee- resgrund vor Tokio zu platzieren, wo sie explodieren und ein Erdbeben und eine Flutwelle auslösen sollen. Sollte aus irgendwelchen Gründen der Angriff des U-Boots fehlschlagen, ist Kalugin darauf vorbereitet, einen Atomangriff auf Tokio zu fliegen. »Ist das glaubwürdig?«, fragte der Präsident. »Wir denken schon, Mr. President. Wie Sie sich erinnern, haben mehrere ranghöhere Russlandspezialisten insistiert, dass Russland, nicht alle seine Atomwaffen zerstört hätte.« »Ich habe auch nie geglaubt, dass sie es tun würden«, gab Hood zu. »Aber selbst wenn sie uns betrogen haben, jede zerstörte Waffe war eine weniger.« »Die Notiz besagt, dass derzeit ein U-Boot unterwegs ist, deshalb haben wir letzte Nacht versucht, es per Satellit zu finden.« Innes knipste das Licht aus und zeigte auf eine große Abbildung auf dem Bildschirm hinter sich. »Dies ist eine computererzeugte Abbildung eines Abschnitts des nördlichen Pazifiks, mit Radar und infraroten Inputs aufgenommen.« Innes setzte mit einer kleinen Taschenlampe einen roten Punkt auf den Bildschirm. »Hier ist, glauben wir, die Signatur eines schnorchelnden dieselelektrischen U-Boots.« »Die Russen würden für eine Mission wie diese bestimmt ein ato- mar angetriebenes U-Boot einsetzen.« »Wenn sie eines hätten, Sir, dann sicherlich. Der Angriff auf die Bucht von Tokio wurde auch mit einem konventionellen dieselelek- trischen Boot ausgeführt.« »Wo ist dieses U-Boot?« Hood machte eine Handbewegung zum Bildschirm. »Als das hier letzte Nacht zusammengestellt wurde, befand sich das Boot etwa einhundertachtzig Meilen vor Honshu, Kurs süd- westlich. Es ist sehr nahe an den Hauptschifffahrtsstraßen.« »Ist es das einzige U-Boot da draußen?«, fragte der Präsident. »Nein, Sir. Die Japaner haben gegenwärtig zwei in See. Wenig- stens glauben wir, dass es japanische sind.« Innes schaltete auf eine Landkartenanzeige um und benutzte den Lichtzeiger. »Eines pa- trouilliert in der Sagami-Bucht, das andere nahe der nördlichen Ein- fahrt ins Japanische Meer. Alle japanischen U-Boote sind dieselelek- trische Boote.« »Wo sind unsere Boote?« Innes projizierte eine Auflegemaske auf den Bildschirm. »Hier, Mr. President.«, Hood massierte einen Moment seine Stirn. Schließlich sagte er: »Normalerweise würde ich etwas mehr Bestätigung wollen, bevor wir irgendetwas tun. Das hier ist sehr dürftig. Und doch, Kalugin ist dazu fähig. Er würde den Knopf drücken.« »Erinnern Sie sich an den Bericht, den wir letzte Woche vom US-Militärattache in Moskau erhalten haben? Er hatte ein Gespräch mit Marschall Stolypin. Der Marschall sagte, dass die Russen ver- suchen würden, in den Kampf einzugreifen.« »Ein Abkommen mit den Japanern würde gerade jetzt in Russ- land niemand akzeptieren«, stimmte Hood zu. »Trotzdem, die Be- weise für eine Atomwaffeneskalation sind verdammt dünn.« Der Präsident schlug mit der Faust auf den Tisch. »Dieses Arsch- loch von Abe! Atomkrieg. Gut, wir sollten den Japanern besser von all dem berichten. Vielleicht können sie dieses U-Boot versenken.« »Ja, Sir.« »Dann bestellen Sie den japanischen und den russischen Bot- schafter hierher. Heute. Zur selben Zeit. Bestehen Sie darauf, dass sie kommen. Ich sollte wohl besser mal wieder einen Schwatz mit den beiden halten. Und benachrichtigen Sie die Joint Chiefs – schauen Sie, ob denen irgendetwas einfällt.« »Gehen Sie davon aus, dass eine militärische Kooperation mit den Japanern die Angriffe vereiteln wird?« »Davon gehe ich aus. In der Zwischenzeit will ich sehen, was die Leute bei Space Command mit ihren Satelliten machen können. Ob sie mit irgendeinem unabhängigen Beweis für den Inhalt dieser Notiz aufwarten können.« Hood stand auf und warf dann erneut einen Blick auf die Satel- litenansicht der Schnorchelsignatur des russischen U-Boots, die In- nes wieder auf den Wandbildschirm geholt hatte. »Ich habe ein wirklich mieses Gefühl dabei, den Japanern zu hel- fen«, sagte Hood. »Sie haben den Wind gesät, und jetzt hat der Or- kan sie fast erreicht. Doch ich sehe keine andere Möglichkeit., Wenn der Atomgeist aus der Flasche entweicht, weiß ich nicht, wie die Welt danach aussieht. Das weiß auch sonst niemand. Und ich will es nicht herausfinden.« In Chita ging Yan Chernov, den Übersetzer im Schlepptau, auf die Suche nach Bob Cassidy. Er fand ihn im Bereitschaftsraum, wo er in Satellitenfotos vertieft war, die über Funk von Colorado aus ver- schlüsselt gesendet worden waren. Chernov sah kurz die Fotos an, die mit ›Geheimnis NOFORN‹ gekennzeichnet waren, und wandte sich dann dem Amerikaner zu. »Colonel Cassidy, ich möchte Ihnen dafür danken, dass Sie mei- ne Männer und mich verpflegt haben.« »Sie ziehen ab?« »Ja. Wir sind zu den Stützpunkten in Irkutsk am Baikalsee beor- dert worden. Wir fliegen die Maschinen heute dorthin. Die Boden- trupps gehen morgen.« »Wir haben Sie gern im Kasino gesehen.« »Amerikaner essen besser als irgendjemand sonst, von den Fran- zosen natürlich abgesehen. Jahrelang habe ich mich geweigert, das zu glauben. Jetzt bin ich überzeugt.« Cassidy lachte. Sie redeten noch ein paar Minuten über belanglo- se Dinge, dann verabschiedeten sie sich. Mit einem Gefühl echten Bedauerns beobachtete Cassidy den russischen Abzug. Major Cher- nov, dachte er, wäre ein Gewinn für jede Luftwaffe. Als er sich wieder über die Satellitenfotos beugte, fragte er sich, warum das Suchoi-Geschwader abgezogen wurde. Es stimmte, die Zero war der Su-27 überlegen, doch mit den F-22, die die Zeros in Schach hielten, wären die Suchois beim Bodenangriff nützlich ge- wesen. Okay, niemand hatte nach seiner Meinung gefragt. Er sollte sich wahrscheinlich lieber um seinen Teil des Kriegs kümmern. Sein Teil, beinhaltete heute Abend einen Angriff auf die Zero-Basis in Chaba- rowsk, eine Stunde vor Einbruch der Dunkelheit. Er machte sich wieder daran, die Anfluglinien auszuhecken. Janos Ilin nahm zwei seiner Männer mit, als er die Ausrüstungsab- teilung, oder, wie einige es nannten, ›das James-Bond-Zimmer‹, im alten KGB-Hauptquartier am Dzerzinsky-Platz in Moskau aufsuch- te. Hier wurden die Instrumente der Spionage gelagert, ausgegeben und nach Verwendung zurückgegeben. Natürlich war der Mann, der es leitete, als Q bekannt. Im Gegensatz zu dem verbindlichen britischen Beamten aus den Filmen, war dieser Q fett, watschelte, wenn er ging, und verbrachte den Großteil der Zeit damit, sich in seine Aufzeichnungen zu vertiefen. Staub lag in jeder Ecke seit Jah- ren unberührt. Q hatte sich vor Jahren in diesen Pfründen eingerichtet. Wie für viele russische Bauern war ein kleiner Ort, den man sein eigen nen- nen konnte, alles, was Q vom Leben wollte, und dies war sein Zu- hause. Er blickte Ilin und die beiden Männer böse an, die ihm durch die mit Abhörvorrichtungen und Bandrecordern vollgestopf- ten Regale zu seinem kleinen Eckschreibtisch folgten. »Guten Morgen, Q«, begrüßte ihn Janos Ilin freundlich. »Morgen.« Q war mürrisch. »Nur ein paar Auskünfte. Sie wissen von dem Attentatsversuch auf den Präsidenten?« Q sah ihn überrascht an. »Damit hatte ich absolut nichts zu tun. Sie können doch nicht ernsthaft glauben –« »Wir glauben gar nichts. Wir sind hier, um ein paar Fragen zu stellen. Wo sind die Aufzeichnungen über die Ausrüstungsausgaben der letzten sechs Monate?« »Na, genau hier. In diesem Buch.« Q wedelte fast mit dem Schwanz vor Anstrengung, behilflich zu sein. Er zeigte das Buch, und schlug zufällig eine Seite auf. »Sie sehen, meine Methode der Buchführung ist simpel. Ich trage die Sache in diese Spalte –« »Wo sind Ihre Schlüssel?« »Ich kann Ihnen die Schlüssel nicht geben. Ich kann Ihnen alles zeigen, was Sie wollen, aber Sie können nicht –« »Die Schlüssel.« Ilin streckte die Hand aus. Sein Gesicht blieb ausdruckslos. Die Männer hinter ihm traten neben ihn, wo sie Q sehen konnten und er sie. Q öffnete eine Schreibtischschublade. Sie enthielt eine Handvoll von Schlüsselringen, jeder mit mehreren Dutzend Schlüsseln. »Die Inventarliste, bitte.« »Welche Inventarliste?« »Halten Sie mich nicht zum Narren, Mann«, knurrte Ilin. Er konnte wirklich knurren, wenn er sich aufregte. »Ich habe weder Zeit noch Geduld dafür. Ich frage Sie noch mal: Wo ist die Be- standsliste der Ausrüstung, die Sie in dieser Abteilung haben?« »Aber … Die Bestandsliste ist alt, Sir. Sie ist nicht völlig aktuell. Es ist –« »Sicherlich haben Sie eine Bestandsliste, Q, weil die Bestimmun- gen verlangen, dass Sie eine haben. Ich habe das nachgeprüft. Wenn Sie keine haben, fürchte ich, muss ich Sie unter Arrest stel- len.« Q fiel fast in Ohnmacht. »Die schwarzen Ordner in dem Regal da drüben.« Er zeigte hin. »Ich lasse die Leute da nicht reinschauen, verstehen Sie. Die Ausrüstung, die der Dienst besitzt, ist ein Staats- geheimnis.« »Ich verstehe vollkommen. Nun, wenn Sie jetzt mit diesen Her- ren gehen wollen. Sie haben Ihnen einige Fragen zu stellen.« Q geriet erneut in Panik. Er sah wirklich Mitleid erregend aus. »Was ist, wenn jemand mit einer Anforderung kommt, während ich weg bin?« »Dieses Büro bleibt geschlossen, bis Sie zurückkommen. Gehen, Sie.« Einer der Männer packte Q am Arm. Als sie das Zimmer verlassen hatten, verriegelte Ilin hinter ihnen die Tür. Ilin war im Laufe der Jahre natürlich dann und wann in diesem Raum gewesen, doch er hatte sich nie wirklich umgeschaut. Er wusste nicht, über was Q hier verfügte und noch viel weniger, wo er es lagerte. Ilin setzte sich mit den Inventarlisten an den Schreib- tisch. Wie er vermutet hatte, waren sie wertlos. Sie waren seit zwan- zig Jahren nicht aktualisiert worden. Dennoch gab es eine Überein- stimmung zwischen manchen der Buchstaben und Nummern der Inventarliste und der Nummern in Qs Logbuch. Jeder Ausrüstungs- gegenstand im Logbuch war mit ein oder zwei Worten beschrieben und hatte einen Buchstaben und eine Nummer, gefolgt von Unter- schriften, Uhrzeit, Datum et cetera. Ilin studierte die Beschreibungen. Er prüfte die Schlüssel. Aha, die Schlüssel waren nach den Buchstaben angeordnet. Hier war der A-Ring, der B-Ring und so weiter. Ilin begann, sich umzusehen. Q benutzte das meiste des Stock- werks für seine Sammlung, elf Zimmer, gefüllt mit Vitrinen, Kästen und Wandschränken – alle verriegelt. Der Ort glich fast dem Keller- geschoss eines Museums, wo all die Artefakte gelagert wurden, die nicht im Ausstellungsraum Platz fanden. Ilin kontrollierte die Kästen und Vitrinen, während er mit dem Logbuch in der Hand von Raum zu Raum ging. Q hatte dieses Ma- terial nie inventarisiert, weil er nicht wollte, dass irgendjemand an- deres wusste, was genau hier lagerte. Er war unentbehrlich. Waffen füllten zwei Zimmer. Abhörvorrichtungen ebenfalls. Wer hätte ge- dacht, dass so viele Arten von Wanzen existieren? Es kostete Janos Ilin eine Stunde, zu finden, was er wollte. Sechs Stück lagen in ei- ner kleinen Schublade einer antiken Kommode aus der frühen Ro- manov-Ära. Das polierte Holz war dreihundert Jahre alt. Er überprüfte das Logbuch. Keins dieser Dinge war aufgelistet., Ilin prüfte das halbe Dutzend. Die Lagerdaten waren darauf etiket- tiert. Er wählte das mit dem jüngsten Datum. Es würde reichen müssen. Zurück an Qs Schreibtisch stellte er das Logbuch ins Regal zu- rück und legte alle Schlüssel in die Schreibtischschublade zurück. Er brachte sie durcheinander, so dass keiner in Originalposition lag. Konnte er Q unbesorgt am Leben lassen? Das war eine ernste Frage, und er betrachtete sie ernsthaft. Wenn der Mann mit den falschen Leuten redete … Vielleicht sollte er ihn einfach festnehmen. Hunderte von Men- schen saßen bereits in den Zellen. Einer mehr würde da keinen Un- terschied machen. Wenn dies vorüber war, konnte Q unbeschadet zu seinem Job zurückkehren, wie, so Gott wollte, die anderen auch. Es gab ein Risiko, natürlich, doch es schien klein, und Ilin würde nicht noch mehr Blut an seinen Händen kleben haben. Das Blut war schwerer und schwerer abzuwaschen. Wieviel Blut ist Kalugin wert? Ilin verließ die James-Bond-Abteilung, knipste das Licht aus und verriegelte die Tür hinter sich. Er fuhr mit dem Aufzug in sein Stockwerk und schritt dann an einer Zimmerflucht von Büros vor- bei, die neben seinem lagen. Seine Männer waren mit Q dort. »Bringt ihn in die Zelle. Zum weiteren Verhör.« Q brach zusammen. Einer der Agenten kippte ihm den letzten Rest aus einem Wasserglas ins Gesicht. Als Ilin das Zimmer verließ, schluchzte der Mann. Es war einer dieser seltenen Sommerabende, wenn die Wolken hö- her und höher krochen und doch nicht zu Gewittern werden. Sie hingen über dem westlichen Horizont, und die Sonne färbte die Wolkentürme und -stapel rot, orange, rosa und gelb, während das, Land tief unten dunkel wurde. Bob Cassidy führte seinen Schwarm aus vier F-22 nach Süden das Amur-Tal hinauf, in Richtung des japanischen Luftstützpunktes in Chabarowsk. Sie flogen tief, etwa 300 Meter über dem Fluss, mit einer Geschwindigkeit knapp oberhalb der Schallmauer. Im Osten und Westen waren mit Wolken gekrönte, düstere, violette Bergket- ten sichtbar. Zwei F-22, die Antistrahlungsgeschosse dabei hatten, um auf je- den Radar zu schießen, der auf Sendung kam, flogen Chabarowsk von Westen her an. Weiter dahinter flogen zwei weitere F-22. Joe Malan führte diesen Schwarm, der beauftragt war, feindliche Flug- zeuge zu finden und anzugreifen. Etwas früher am Abend hatte sich Cassidy so heftig übergeben, dass er dachte, er könne nicht fliegen. Er hatte wieder begonnen, über Jiro und Sweet Sabrina nachzudenken, und ihm war speiübel geworden. Der Doktor hatte ihm etwas gegeben, um seinen Magen zu beruhigen. »Ich denke, Ihr Problem ist psychischer Natur«, hatte er bemerkt, worauf Cassidy ihm eine scharfe Antwort gab, was er sofort bedauerte. Er entschuldigte sich, zog sich an und ging, um zu fliegen. Die Mission klappte wie am Schnürchen. Zwei Tankflugzeuge, die von Adak auf den Aleuten kamen, trafen sich pünktlich mit den Bombern, genau 160 Kilometer nördlich von Zeya. Wenn alles gut lief, würden sie in 64 Minuten am selben Treffpunkt sein, wenn die acht Angriffsflugzeuge Treibstoff brauchten, um nach Chita zurück- zufliegen. Wenn nicht, hätten acht Kampfpiloten einen langen Marsch nach Hause vor sich. Wie üblich war Cassidy nervös. Er war so bereit, wie ein Mann nur sein kann. Die Rottenflieger waren in Position, das Satelliten- Data-Link zeigte das taktische Bild, der Jäger flog glatt, mit einge- schalteter Tarnhaut, der Hauptbewaffnungsschalter war eingestellt und alle Warnlichter aus., Und es war kein einziges feindliches Flugzeug am Himmel zu ent- decken. Nicht ein einziges. Die Satellitenverbindung musste abgebrochen sein. Schon wieder. »Haltet die Augen auf, Leute«, sagte Cassidy über den verschlüs- selten Funk. Vielleicht hätte er es nicht tun sollen, aber er brauchte das einfach. Sollte er seinen Radar benutzen? Einen kurzen Blick riskieren? Wenn die Feinde noch nicht wussten, dass er kam, würden sie es wissen, wenn seine Radarenergie ihre ECM-Geräte aufleuchten ließ. 40 Kilometer. Die Maschinen seines Schwarms streuten aus, rich- teten sich nach ihren zugeteilten Anflugwinkeln aus. Die Ziele an diesem Abend waren die feindlichen Flugzeuge und ihre Tankanla- gen: die Lastwagen, Tanks und Pumpelemente. Wo waren die Japaner? Hatten sie sie auf dem Boden erwischt? Sein Bomber holperte in leichten Turbulenzen, als Bob Cassidy mit 650 Knoten, fast 18 Kilometer pro Minute, auf die Basis zu- schoss. Seine Ziele waren eine Reihe von Zeros, die vor zwei Tagen vor dem einen großen Hangar auf der Basis geparkt worden waren. Da war der Hangar! Er legte den Steuerknüppel hinüber, korri- gierte seinen Kurs um ein paar Grad. Sein Finger legte sich fest um den Auslöser, doch vergeblich: Die Zeros standen nicht mehr dort. Die Rampe war leer, als er in 150 Meter Höhe darüber hinweg- brüllte, immer noch mit 650 Knoten. »Da sind keine Zeros«, sagte jemand über Funk. War das ein Hinterhalt? Lauerten die Zeros in der Nähe, um sich auf die F-22 zu stürzen? Vielleicht waren die Zeros auf dem Weg nach Chita – genau in diesem Augenblick! »Feuern Sie auf die Hangars und Tankanlagen«, sagte Cassidy zu den anderen Mitgliedern seines Schwarms. »Nach Flakfeuer und SAMs Ausschau halten.« Er flog eine weite Loopingkurve und steuerte auf die Stadt Cha-, barowsk zu. Die Bahngleise wiesen wie Pfeile zum Bahnhof. Ein Zug im Bahnhof! Drück den Auslöser … schick einen Granatenhagel der Länge nach drüber. Gott, da sind Menschen, Soldaten in Uniform, sie rennen, stieben auseinander, die Lok spukt Feuer und öligen schwarzen Rauch … Er zog eine weitere weite Schleife, hielt weiterhin nervös nach Flakfeuer Ausschau und flog flussabwärts. Er entdeckte einen zwei- ten Zug, der dieses Mal südlich auf Wladiwostok zufuhr. Er griff ihn von hinten an und feuerte Granaten in jeden Waggon. Die ganze Maschine vibrierte – im Abenddämmerlicht wirkte der Feuerstrahl der Waffe wie ein Suchscheinwerfer. Blitze funkelten in- mitten einer Wolke aus Staub und Trümmern, als die Granaten in den Zug krachten, 50 Stück in einer Sekunde. Dann ließ er den Auslöser los, zog hoch und herum für einen weiteren Durchgang. Bei gedrosselter Geschwindigkeit, weniger als 300 Knoten, leerte er die Waffe auf den Zug. Zufrieden beobachtete er, wie zwei der Waggons explodierten und eine der Loks entgleiste. Über der Stadt aufsteigend, rief er über Funk seine Rottenflieger zusammen, um den Rückflug nach Chita anzutreten. Wo sind die Zeros? 22. KAPITEL

Die Admiral Kolchak fuhr langsam in 200 Meter Tiefe auf dieEinfahrt zur Sagami-Bucht zu, dem Tor zur Bucht von Tokio.

Pavel Saratov saß in der Zentrale und trug den zweiten Satz Sonar-, kopfhörer. Etwa alle halbe Stunde hörte er das schwache Trommeln der Turboprop-Maschinen: P-3s, die sein Boot jagten. Daran zwei- felte Saratov nicht. Esenin kam und ging. Anscheinend wanderte er durch das Boot, kontrollierte seine Leute, die alle Pistolen und Gewehre trugen. Als ob sie solche Waffen in diesem Stahlsarg gebrauchen könnten. Dennoch, die Seemänner verstanden, was gemeint war: Die Marine- infanteristen sollten sicherstellen, dass die Marine Esenins Geheiß befolgte. Saratov hatte das noch vor seinen Leuten begriffen. Esenin trug seinen kleinen Kasten um den Hals. Während er auf Flugzeuge und Kriegsschiffe horchte, dachte Saratov darüber nach, was in dem Kasten sein könnte. Nachdem er dieses Thema aus jedem Winkel beleuchtet hatte, be- gann er sich zu fragen, was die Mannschaft dachte. Er konnte ihre Gesichter betrachten und ihrem Geflüster zufällig lauschen, doch das war verstummt. Die gedrängte Enge des Boots erlaubte nicht einmal private Gespräche mit seinen Offizieren. Und zweifellos wollte Esenin genau das erreichen, weil er seine Leute überall pos- tiert hatte, mindestens einen in jedem Teil des Boots. Jeder wusste, wohin das Boot fuhr und warum. Am ersten Tag auf See hatte Saratov sie über die Bordsprechanlage des Boots in- formiert. Nun kauten sie auf Lippen und Fingernägeln, kratzten an ihren Gesichtern herum, dachten an andere Orte und andere Dinge. Das Fehlen von Gelächter, Witzen und gutmütigem Geplänkel entging Saratov nicht. Auch nicht die Art, wie die Seemänner die Marinein- fanteristen kurz aus dem Augenwinkel ansahen, prüfend, abschät- zend, fragend … An diesem Abend brachte Askold Saratov einen Blechteller mit einem Stück Brot, Kartoffeln und einigen in Sauerrahm gekochten Rübenschnitzen. Während er aß, zeigte Askold ihm die Karte. »Wir sind hier, Kapitän, achtzig Kilometer vor der Einfahrt zur Bucht.«, Saratov nickte und schob sich ein paar Kartoffeln in den Mund. »Wollen Sie, dass wir heute Abend Schnorcheln?« Saratov nickte. Als er den Bissen hinuntergeschluckt hatte, sagte er: »Wir müssen noch einmal für mehrere Stunden Schnorcheln, ehe wir reingehen. Wir müssen es lange drauf ankommen lassen. Das ist wie ein Hafen dort oben, Schiffe und Flugzeuge …« »Können wir nicht mit der Batterieladung, die wir jetzt haben, reingehen?« »Nicht, wenn wir lebend wieder rauskommen wollen.« »Wann?« »Heute Abend.« »Wir haben Glück gehabt. Die thermische Schicht –« »Glück, hmmm …« »Wenn wir den japanischen Strom verlassen –« »Wird die thermische Schicht ablaugen.« »Ja«, murmelte Askold und blickte kurz auf seine Hände. Er sah seinem Kapitän einige Bissen lang zu und ging dann weg. Jack Innes erstattete Präsident Hood in seinem Schlafzimmer im Weißen Haus Bericht. Der Präsident zog sich gerade einen Smo- king an. »Wieder so ein ungesundes Mittagessen«, sagte Hood düster, als er den Kummerbund über seinem Bauch zurechtrückte. »Ich hätte gerne einen Dollar für jedes Essen, das ich in den letzten dreißig Jahren habe über mich ergehen lassen.« »Die Japaner haben alles ausgeschickt, was sie für die Suche nach diesem U-Boot auftreiben konnten.« »Wo ist es jetzt?« »Wir wissen es nicht.« Hood blickte ihn fragend an. »Wenn es nicht auf Periskoptiefe hochkommt, können wir es mit, den Satellitensensoren nicht sehen. Und über dem Meer von Japan wüten einige Stürme – es kann unter einem davon liegen.« »Wie lange kann ein elektrisches Boot wie dieses unten bleiben?« »Ich habe die Experten gefragt, Sir. Hundertfünfundsiebzig Stun- den bei einer Geschwindigkeit von zwei Knoten.« »Mehr als sieben Tage?« »Ja, Sir. Aber das Boot muss so langsam fahren, dass es im Grun- de genommen immobil ist. Sobald die Jäger eine ungefähre Vorstel- lung davon bekommen, wo so ein konventionelles U-Boot ist, kann es nicht ausweichen und stellt keine Gefahr mehr dar. Übrigens, die Russen leugnen, dass das Boot auf dem Satellitenfoto eins von ihren ist.« Hood fummelte an seinen Manschettenknöpfen herum. »Ist es eines von ihren?« »Wir denken schon, Sir. Aber es könnte auch ein japanisches sein.« »Oder chinesisch, koreanisch, ägyptisch, iranisch … Es scheint, als ob jeder so ein verdammtes Ding in seiner Flotte hat.« »Die russische Antwort auf die gestrige Konferenz wird gerade vom Außenministerium ausgewertet. Der Kreml bestreitet jegliche Absicht, Nuklearwaffen einzusetzen. Weder gegen Japan noch ge- gen irgendjemand anderen. Sie sagen, da müsse ein Fehler vorlie- gen.« »Ich hoffe, sie machen keinen Fehler«, sagte Hood heftig. »Die wirkliche Frage ist, was die Japaner vorhaben. Sie haben ihre Zeros von Chabarowsk nach Wladiwostok abgezogen. Space Com- mand weiß nicht warum.« »Verdammt gut, dass die Japaner keine Atomwaffen besitzen«, meinte der Präsident und sah Innes kurz an. »Der Direktor der CIA sagt, sie haben keine.« »Nun, Abe hat Kalugin erzählt, sie hätten welche, als er Kalugins Ultimatum beantwortet hat. Entweder ist Abe der weltbeste Poker-, spieler oder der Leiter der CIA liegt falsch.« »Abe scheint mir nicht der Typ zu sein, der blufft.« »Habe ich nicht vor einer Weile eine Einschätzung des Geheim- dienstes gelesen, in der es hieß, dass die Japaner Nuklearwaffen ent- wickelt haben könnten?« »Einer der Analytiker hat diese Möglichkeit in Betracht gezogen. Die hohen Tiere der CIA haben das vehement zurückgewiesen.« »Lassen Sie die Schaltzentrale des Weißen Hauses diesen Analyti- ker suchen. Bringen Sie ihn in das Hotel, wo dieses Mittagessen stattfindet. Wenn er da ist, holen Sie mich.« »Ja, Sir.« Die Admiral Kolchak brauchte eine Stunde, um von 200 Metern auf Periskoptiefe zu gelangen. Als er durch das Angriffsperiskop schaute, dachte Saratov: Mein Gott, es regnet! Heftig. In Strömen. Nichts in Sicht oder auf dem Sonar. Wer be- hauptet, dass es keinen Gott gibt? Die Mannschaft fuhr den Schnorchel aus und startete die Diesel- motoren, die pulsierten, als sie das Boot mit zehn Knoten voran- trieben. Die Wellen schaukelten das U-Boot sanft hin und her. Mit geschlossenen Augen saß Pavel Saratov da und genoss das Gefühl. »Dieses Mal werden sie uns kriegen, Kapitän«, flüsterte der So- nartechniker leise. Saratov wollte etwas Aufmunterndes sagen, doch ihm fiel nichts ein. Er tat so, als hätte er die Bemerkung nicht gehört, und der Mann wiederholte sie glücklicherweise nicht. »Die technologische Überlegenheit der Russen durch die Amerika- ner muss in der Luft und auf dem Boden eliminiert werden. Der Stützpunkt des F-22-Geschwaders in Chita wird zerstört, und die, Gefahr der F-22 ist gebannt.« Der japanische Offizier, der diese Erklärung abgab, war ein Zwei- Sterne-General. Sein kurzes dunkles Haar war mit Grau durchsetzt. Er war tadellos uniformiert und sah sehr würdevoll aus. Drei der vier Zero-Piloten saßen um den Tisch herum und nick- ten zustimmend, der vierte, Jiro Kimura, nickte nicht. Trotz seines leidenschaftlichen Vorsatzes dachte er sofort an Bob Cassidy, als der General die Basis des F-22-Geschwaders erwähnte. Weder der General noch die anderen Offiziere im Zimmer schienen Jiros Ver- sunkenheit zu bemerken. »Ich komme gerade von einer Einsatzbesprechung auf höchster Ebene im Verteidigungsministerium. Ich muss mich korrigieren: auf allerhöchster Ebene. Wie jeder in diesem Raum weiß, ist die Luft- souveränität über Sibirien unbedingt erforderlich, um unsere militä- rischen Kräfte und die zivilen Technik- und Bauteams im Winter zu versorgen. Ohne … nun, ohne Luftüberlegenheit müssen wir ganz einfach damit beginnen, unsere Kräfte abzuziehen, oder sie werden in den nächsten Monaten verhungern und erfrieren. Tatsächlich ist es ohne Luftsouveränität sogar fraglich, ob wir die Leute, die wir dort jetzt haben, überhaupt herausholen können. Kurz gesagt, wenn Japan den technologischen Vorteil nicht neu- tralisieren kann, den die Amerikaner den Russen geben, verliert Ja- pan den Krieg. An die schrecklichen Folgen eines solchen Ereignis- ses für das japanische Volk mag man gar nicht denken. Meine Herren, das Überleben unserer Nation steht auf dem Spiel«, fuhr der General fort. »Folglich ist auf allerhöchster Ebene die Entscheidung getroffen worden, eine Atombombe auf Chita zu werfen.« Im Zimmer herrschte ein so tödliches Schweigen, dass Jiro Kimu- ra sein Herz schlagen hören konnte. Er hatte nicht geahnt, dass Ja- pan über Atomwaffen verfügte. Nicht einmal im Traum. Den star- ren Blicken der anderen Gesichter im Raum zufolge war die Tatsa-, che für die meisten der Anwesenden völlig neu. »Ich muss Sie warnen: Die Existenz dieser Waffen ist ein Staats- geheimnis«, fügte der General überflüssigerweise hinzu. »Die Ge- fechtsköpfe, die wir verwenden werden, verfügen nur über eine niedrige Sprengkraft, etwa zehn Kilotonnen, glauben wir, obwohl wir nie in der Lage gewesen sind, eine davon zu testen.« Einer der Piloten, die am Tisch saßen, hob die Hand. Der Gene- ral sah ihn an. »General, die Eltern meines Vaters sind ums Leben gekommen, als die Amerikaner Nagasaki bombardiert haben. Ich kann und werde keine Atombombe auf irgendjemanden abwerfen, aus keinem Grund. Ich habe einen Eid darauf geschworen, ehe ich zum Militär ging. Mein Vater hat ihn mir abverlangt.« Der General verbeugte sich leicht in Richtung des Piloten, dann sagte er: »Sie dürfen diesen Raum verlassen.« Der General sah die Oberste an. Der ranghöchste Zero-Pilot, Oberst Nishimura, stand von seinem Stuhl auf und setzte sich ne- ben Jiro an den Tisch. Jiro Kimura wusste nicht, was er tun sollte. Sein Mund war tro- cken; er war außerstande zu sprechen. Er hörte, was gesagt wurde, und sah die Menschen im Raum, doch er war starr vor Entsetzen darüber, gezwungenermaßen hier zu sein, ein Teil davon zu sein. Der Zwei-Sterne-General redete weiter und zeigte dabei auf die Landkarte, die hinter ihm hing. Vier Maschinen, vier Bomben, eine müsse durchkommen. Oberst Nishimura war verantwortlich für Taktik und Flugplanung. Endlich war es vorbei, und Jiro ging mit seinen Kameraden den Flur hinunter, fühlte, wie sich seine Beine bewegten, sah den Eingang zum Gebäude, stieg die Außentreppe hinunter, ging über den Rasen und übergab sich ins Gras. Als er es zuerst hörte, war sich Saratov nicht sicher. Er presste den Kopfhörer an seinen Kopf und hörte konzentriert zu. Die Nacht, war gekommen und gegangen, er hatte ein paar Stunden geschlafen und war wieder in der Kommandozentrale, beobachtete, wie der So- nartechniker mit den Daten auf seinem Computerbildschirm spiel- te, und lauschte den Geräuschen in seinem eigenen Kopfhörer. Irgendwo da oben flog eine P-3, und das Brummen ihrer Propel- ler war beharrlich. Eingebettet in dieses Klopfen … Ja. Sonar-Klin- geln. Sehr schwach. Weit weg. »Kapitän …«, sagte der Sonartechniker, der in seinem winzigen Abteil nur wenige Zentimeter entfernt saß. »Ich höre es auch«, murmelte Saratov. Er horchte eine Weile, dann stand er und schaute auf die Karte. »Wo genau sind wir?«, fragte er den Navigator. »Hier, Kapitän.« Der Navigator zeigte auf die Karte. »Wenn wir auf diesem Kurs bleiben, fahren wir in den Hauptka- nal?« »Ja, Kapitän.« »General Esenin – bitten Sie ihn, in die Zentrale zu kommen.« Obwohl Esenin seit Tagen kein Bad genommen hatte, sah er aus wie ein Moskauer Politiker, glatt rasiert und fleckenlos. Saratov nahm die Kopfhörer ab und gab sie dem General: »Hö- ren Sie mal.« Nach einer Weile sagte Esenin: »Ich höre … ein Murmeln.« »Das ist eine P-3, die uns sucht. Hören Sie ein Klingeln?« Nach einem Moment antwortete Esenin: »Ich glaube ja. Sehr schwach. Wie eine Glocke.« »Das ist ein Zerstörer, wahrscheinlich dicht bei der Einfahrt zum Hauptkanal. Er lässt sein Sonar das Echo überprüfen. Töne werden ausgesendet, die von jedem festen Objekt wie einem U-Boot zu- rückgestrahlt werden.« »Aber wir hören ihn und können ihm ausweichen.« »Wenn Sie sich bitte die Karte ansehen würden. Der Zerstörer ist etwa hier. Irgendwo näher beim Festland wird ein japanisches U-, Boot sein. Sie werden auf das Sonarklingeln und das Echo von un- serem U-Boot lauschen, aber sie werden zu weit vom Aussender entfernt sein, als dass wir das Echo ihres Boots hören könnten. Ver- stehen Sie?« »Ja.« Esenin gab den Kopfhörer zurück. »Was schlagen Sie vor?« »Ich frage mich, wie geheim Ihre kleine Mission, halb Japan zu überfluten, wirklich ist.« »Wollen Sie damit sagen, dass es eine undichte Stelle bei der Ge- heimhaltung gegeben hat?« »Ich will gar nichts sagen. Ich bemerke lediglich, dass die Japaner anscheinend gut auf unsere Ankunft vorbereitet sind, fast als ob je- mand ihnen gesagt hat, dass wir kommen.« »Ich kann die Relevanz dieser Beobachtung nicht erkennen.« »Vielleicht ist sie nicht relevant.« »Wir haben unsere Befehle. Wir werden gehorchen. Also, wie wol- len Sie vorgehen, um uns dort hineinzubringen?« »Ich weiß es nicht.« »Denken Sie nach, Kapitän. Erhalten Sie uns am Leben, damit wir unsere Pflicht erfüllen können.« Saratov setzte sich den Kopfhörer auf und ging zu seinem Stuhl zurück. Er lauschte dem Klingeln und starrte auf die Karte des Na- vigators, die auf dem Tisch lag. Auch andere redeten von Pflicht. »Oberst Nishimura, ich glaube nicht, dass ich den Kriegergeist habe, der notwendig sein wird, um diese Mission zu vollenden.« »Kimura, kein vernünftiger Mensch will eine Atombombe abwer- fen. Wir werden es tun, weil es unsere Pflicht gegenüber unserer Nation ist.« »Ich verstehe, Oberst. Aber wir haben alle eine ähnliche Pflicht. Jemand anderes kann diese Mission fliegen und seine Pflicht erfül-, len.« »Ich kann nicht glauben, dass Sie das sagen, Kimura. Diese Be- merkung ist abstoßend.« »Ich wollte niemanden beleidigen.« »Sie sind japanischer Offizier. Sie sind für diesen Auftrag ausge- wählt worden, weil Sie den größten Erfolg gegen die F-22 gehabt haben. Ihre Erfahrung ist nicht zu ersetzen.« »Es ist wahr, ich lebe noch, während andere tot sind. Und es ist wahr, ich habe mehrere F-22 abgeschossen. Beides war möglich, weil ich einen Hubschraubernachtsichthelm getragen habe und den Feind sehen konnte. Ich war der einzige Pilot, der so handelte. Ich habe es den anderen vorgeschlagen, auch Oberst Handa, der das je- doch ablehnte, weil keine höhere Autorität es abgesegnet hatte.« »Ah ja, der gute Oberst Handa, durch und durch ein Bürokrat. Das ist typisch für ihn.« »Ich habe nur überlebt, weil ich den Helm trug.« »Jeder wird bei diesem Auftrag eine solche Vorrichtung tragen«, antwortete der Oberst. »Wir haben sie modifiziert, damit wir sie mit unseren regulären Helmen verbinden und gleichzeitig unsere Sauer- stoffmasken tragen können.« »Dann brauchen Sie mich nicht«, gab Jiro zurück. »Ich möchte die Ehre dieses Einsatzes für die Nation an einen meiner Kamera- den übergeben.« Der Oberst kämpfte um Beherrschung. »Sie haben die Erfahrung. Nur Sie. Ich will nichts mehr davon hören. Ehre und Pflicht erfor- dern diesen Dienst von Ihnen. Die Zukunft Ihres Landes steht auf dem Spiel.« »Saito wurde entschuldigt. Es ist auch sein Land. Gewähren Sie mir dieselbe Höflichkeit wie ihm.« »Haben Sie wie Saito einen Eid geleistet?« Kimura senkte den Kopf. »Nein, Oberst«, gestand er ein. »Alles, was Sie sind«, sagte der Oberst nachdenklich, »verdanken, Sie Japan, dem japanischen Volk, das Ihnen das Leben schenkte, Sie aufzog, ausbildete und Sie zu dem Mann machte, der Sie sind. Ihre Verpflichtung kann nicht gelöscht oder verringert werden.« »Ich habe auch andere Verpflichtungen«, murmelte Kimura. »Ich will das nicht weiter erörtern«, sagte der Oberst. »Wir werden nicht mehr darüber reden.« »Meine Herren, dies ist die Lage.« Pavel Saratov schaute in der dicht besetzten Kommandozentrale seine Offiziere und General Esenin an. »Über uns suchen P-3s. Sie können uns nicht finden, weil wir unter einer Inversionsschicht sind, einer Schicht, die wir wahrscheinlich in einigen Seemeilen verlassen werden. Wir sind tief unten, fahren langsam, und sie müssten direkt über uns fliegen, da- mit ihr magnetisches Gerät anzeigt.« Saratov hatte ihre ganze Aufmerksamkeit. »Etwa dreißig Seemei- len vor uns liegt ein feindliches Kriegsschiff und sendet regelmäßig Sonartöne. Dieses Kriegsschiff ist wahrscheinlich ein großer Zerstö- rer oder eine große Fregatte mit ein oder zwei Hubschraubern, die Peilungs-Sonar haben. Wir werden die Hubschrauber hören, wenn wir näher kommen. Irgendwo in der Nähe dieses Kriegsschiffs lau- ert wahrscheinlich ein U-Boot, eventuell sogar zwei oder mehr. Sie liegen tief und ruhig, horchen auf uns. Ich vermute, dass eines auf der anderen Seite des Zerstörers ist, aber es könnte auch sonstwo sein. Ich habe alle unsere Möglichkeiten in Betracht gezogen. Wenn wir mit einem Frachter hineinfahren, entdecken sie uns mit der Echo-Entfernungsbestimmung. Zweifellos setzen sie sie deshalb ein. Wir stehen vor dem klassischen Batterieboot-Dilemma. Wenn wir schnell hineinfahren, geht unseren Batterien vorzeitig der Saft aus und wir müssen in der Sagami-Bucht Schnorcheln, was reiner Selbstmord wäre. Wenn wir langsam hineinfahren und so die Bat-, terie schonen, werden wir eine Menge Zeit brauchen und von der Strömung abhängig sein. Drei Knoten stabilisieren uns gerade; wenn die Tide gegen uns läuft, benötigen wir sechs Knoten. Leider ist das so. Unsere einzige Wahl ist, kühn zu sein. Wenn die Tide in zwei Stunden wechselt, schließen wir zu dem Zerstörer auf und feuern zwei Torpedos, die sich auf Geräusche ausrichten. Sie bringen wahr- scheinlich Köder ins Wasser. Wir können vielleicht einen Treffer er- zielen; vielleicht aber auch nicht. Trotzdem wird der Verwirrungs- faktor groß sein. Das gibt uns, hoffe ich, eine Chance, in die Bucht von Sagami zu schlüpfen.« »Sie haben wirklich keinen Plan«, sagte Esenin und runzelte miss- billigend die Stirn. »Das kann man sagen, General«, gestand Saratov ein. »Wir kön- nen nur Gelegenheiten ausnutzen, die sich uns bieten. Der Feind muss jedes Ziel sicher identifizieren, ehe er schießt. Wir sind nicht derart gebunden. Jeden, den wir hören, ist der Feind. Andererseits können wir nur tun, was die Batterien erlauben.« Niemand sagte etwas. »Wir gehen so langsam vor, doch die Zeit ist knapp«, sagte Sara- tov. »Wir müssen in die Bucht hineinkommen, ehe weitere U-Boot- Abwehr-Kräfte auftauchen und sich an der Suche beteiligen. Einmal drinnen, müssen wir unsere Verwerfungen finden und auf Grund gehen. Gibt es Fragen?« Sie starrten ihn aus schmutzigen, ausgezehrten Gesichtern an, von denen der Schweiß perlte, obwohl es nicht warm war. Was auch im- mer sie erwartet hatten, das nicht. »General Esenin.« »Was ist, wenn Sie den Zerstörer nicht torpedieren können?« »Dann werden wir beide unsere allererste Bekanntschaft mit Was- serbomben machen, General. Wie ich gehört habe, soll es eine fast, religiöse Erfahrung sein.« »Sie haben Mut, Saratov. Das muss man Ihnen lassen.« Die Michmen und die Marineoffiziere wechselten Blicke und ver- suchten, ihren Gesichtern nichts anmerken zu lassen. Saratov glaub- te zu wissen, was sie dachten, doch Esenin stand dort… »Beabsichtigen Sie, das Periskop zu verwenden, Kapitän?« »Wir müssen aus dieser Tiefe schießen.« Er beugte sich mit dem Ersten Offizier und dem Navigator über den Kartentisch. »Unsere Torpedos haben eine Reichweite von zehn Seemeilen. Wir müssen innerhalb dieser Entfernung schießen, dürfen aber nicht so weit aufschließen, dass wir entdeckt werden. Aufgrund der Schraubengeräusche und der Peilungsänderung des Zerstörers sollten wir in der Lage sein, eine klare Vorstellung von seinem Kurs und seiner Geschwindigkeit und so von seiner relati- ven Position und Entfernung zu bekommen. Navigator, Sie und der Sonar starten eine Auswertung. Ich denke, er kreuzt in einem Rennbahnmuster. Ich vermute, das Beste wird sein, dieses Raster von seewärts anzulaufen und die Torpedos aus kürzester Distanz abzufeuern. Nummer eins, lassen Sie vier der Rohre fluten und die äußeren Luken öffnen. Die Luken werden beim Öffnen ein bisschen Lärm machen.« »Aye, aye, Kapitän.« Saratov zog den Sonarkopfhörer über und setzte sich wieder auf seinen Hocker. Er sah auf die Uhr. »Mr. President, der Analytiker vom Geheimdienst sitzt draußen in der Limousine.« David Herbert Hood entschuldigte sich, schüttelte die Hände der wichtigen Leute am Kopfende des Tisches und steuerte auf die Ho- tellobby zu. Dort schüttelte er noch ein paar Hände und bestieg, dann die Limousine für die Fahrt zum Weißen Haus. Der Analytiker entpuppte sich als junge Frau, und sie war offen- sichtlich sehr nervös. Sie trug Jeans und Tennisschuhe. »Mr. Presi- dent.« »Das ist Deborah Buell, Mr. President.« »Sehr erfreut. Tut mir Leid, Sie am Samstag von Zuhause abzuru- fen.« Die Analytikerin versicherte ihm, dass das kein Problem sei. »Vor einiger Zeit haben Sie eine Einschätzung geschrieben, die besagte, dass Japan Atomwaffen haben könnte. Erinnern Sie sich daran?« »Oh ja, Sir. Das war vor ein paar Monaten.« »Warum dachten Sie, dass das möglich ist?« »Meine Sektion analysiert die Wirtschaft im Ausland. Es schien mir, dass ein signifikanter Prozentsatz der Regierungsausgaben Ja- pans sich nicht auf normale Weise begründen ließ. Grundsätzlich fand ich, dass sie sehr viel außerhalb ihres Budgets ausgaben. Also habe ich angefangen, mir andere Bereiche der Wirtschaft anzuse- hen, wohin das Geld fließen könnte. Die High-Tech-Firmen in Ja- pan florieren seit Jahren sehr gut, und es ist schwer zu erkennen, warum – die zivilen Güter, die sie produzieren sollten, scheinen nicht vorhanden zu sein. Jedenfalls, um es kurz zu machen, schien mir, dass Japan mehrere größere schwarze Waffenprogramme haben könnte. Sie haben die technischen Voraussetzungen, um Bomben zu bauen, wenn sie sie wollen. Also habe ich in der Einschätzung geschrieben, dass sie solche Waffen besitzen können.« Ein schwar- zes Programm war so geheim, dass die Regierung seine Existenz nicht zugab. »Was hielten Ihre Vorgesetzten von Ihrer Überlegung?« »Sie fanden, es gäbe nicht genug Beweise. Trotzdem stimmten sie widerwillig zu, dass ich es in die Einschätzung als Möglichkeit ein- bringe.«, »Sicherlich haben Sie dann weiter darüber nachgedacht?« »Ja, Sir. Und ich habe weitergeforscht. Noch kann ich es nicht beweisen.« »Aber Sie stehen zu Ihrer Behauptung. Es ist eine Möglichkeit.« »Meiner Meinung nach ja.« »Mrs. Buell, ich danke Ihnen für Ihre Zeit, um mit mir darüber zu reden. Nachdem die Limousine mich abgesetzt hat, kann sie Sie zu Ihrem Auto zurückfahren.« Sie lachte nervös. »Ich bin froh, dass jemand diese Einschätzun- gen liest, Mr. President. Die Leute im Büro denken, sie wandern auf den großen Aktenberg im Himmel.« »Kein Zweifel, das tun sie, Mrs. Buell. Aber zuerst lese ich sie.« »Mr. President, ich will nicht aus der Schule plaudern, aber im Frühsommer ging ein unbestätigtes Gerücht durch die Nachrichten- dienste, dass die Japaner über einsatzfähige Nuklearwaffen verfüg- ten. Es war nie mehr als ein Gerücht, und niemand konnte jemals herausfinden, wer es in Umlauf gebracht hatte. Kurz danach ist Ja- pan in Sibirien einmarschiert. Es scheint möglich, mir jedenfalls, dass die Japaner das Gerücht verbreitet haben, um die Russen gar nicht erst auf den Gedanken kommen zu lassen, sich mit Atomwaf- fen zu verteidigen.« Der Präsident sah die Frau lang und eindringlich an, nachdem er aus dem Wagen gestiegen war. »Ich danke Ihnen«, sagte er. Während sie durch die Korridore des Weißen Hauses gingen, fragte der Präsident Innes: »Was unternehmen die Japaner gegen dieses U-Boot?« »Sie haben mindestens vier Flugzeuge und sechs Schiffe im Ein- satz, die es zwischen seiner letzten bekannten Position und der Ein- fahrt zur Tokioer Bucht suchen. Einer von den Marinetypen dort hat unseren Leuten berichtet, dass die Japaner eine Wiederholung des Raffineriedramas von Yokosuka fürchten. Sie wollen keine zwei- te Katastrophe wie diese.«, »Was ist, wenn es gar nicht zur Bucht von Tokio fährt?« »Das ist es, was Ihnen Sorge bereitet. Sie haben alles, was sie in den Gewässern östlich der japanischen Inseln zur Verfügung haben, auf die Suche nach diesem U-Boot geschickt. Das U-Boot könnte ein Ablenkungsmanöver sein. Die Russen könnten im Begriff sein, von Wladiwostok aus etwas Spektakuläres zu unternehmen.« »Was sagt Abe zu diesen Entwicklungen?« »Er hat Botschafter Hanratty gegenüber bemerkt, dass Russland, falls es noch über Atomwaffen verfüge, jahrelang alle anderen belo- gen habe.« »Ist das vielleicht etwas Neues?« »Er will erreichen, dass die Vereinten Nationen einschreiten. Sie sollen eine Art Resolution verfassen, die jedem eine Intervention mit Waffengewalt androht, der Nuklearwaffen einsetzt.« »Na klar doch.« »Und er will, dass die UN in Sibirien eingreift. Grundsätzlich wie- derholte er seine Forderung, dass die UN Japan ein Mandat erteilt, als Vormund der einheimischen Bevölkerung zu fungieren, das Ge- biet zu erschließen und sibirische Ressourcen zu Weltmarktpreisen zu verkaufen.« »Damit wird er nie durchkommen«, sagte der Präsident, als er sich in den Stuhl hinter seinem Schreibtisch im Oval Office fallen ließ. »Das weiß er wahrscheinlich. Er macht nur seine Position klar.« »Und was denken Sie?« »Ich denke, das sowohl Russland als auch Japan mit dem Rücken zur Wand stehen. Der Krieg ist außer Kontrolle geraten. In sehr naher Zukunft wird irgendetwas geschehen.« Vier Stunden nach der Konferenz in der Zentrale war die Admiral Kolchak in Position. Mit einem Knoten, gerade genug Geschwindig-, keit, um die Ruder wirken zu lassen, steuerte sie nach Nordwesten auf die Wasserstraße zu, die in der Sagami-Bucht endete. Fünf Schiffe waren über sie hinweggefahren, Frachter dem Geräusch nach, in die Bucht hinein und hinaus. Krieg oder nicht, die Räder des Handels drehten sich weiter. Von seinem Hocker außerhalb der Sonarecke aus konnte Pavel Saratov die Karte erkennen. Tatsächlich schaute er fast dem Naviga- tor über die Schulter, so konnte er die Messungen, die Linien, die winzigen Dreiecke sehen. Das U-Boot lief die Rennbahn des Zerstörers aus einem 45-Grad- Winkel an. Das bedeutete, dass das Schraubengeräusch am lautes- ten sein würde, wenn sich der Zerstörer vom U-Boot entfernte. Der Torpedo würde sich auf das Geräusch ausrichten. Ein Treffer mit diesen riesigen Schiffskillern sollte reichen. Das Kunststück war, wirklich zu treffen. Saratov hatte die letzten fünf Stunden auf diesem Hocker geses- sen, den Geräuschen gelauscht und versucht, andere U-Boote zu hören. Erstaunlicherweise war er kein bisschen müde. Er war zu auf- geregt. Er musste alle Eventualitäten einplanen. Askold hatte die Torpe- do-Mannschaft und die Ingenieure instruiert, stellte sicher, dass je- der wusste, was verlangt wurde. Irgendwann während all dieses Gedränges steckte Michman Mar- tos den Kopf in die Zentrale, sah sich um, fing den Blick des Kapi- täns auf und ging dann wieder. Vor zwei Stunden hatte Saratov mit Esenin konferiert. »Wie ge- nau ist das GPS?«, fragte Esenin. »Für die größte Genauigkeit sollten wir auftauchen und dem Ge- rät eine Positionsaktualisierung von den Satelliten zukommen las- sen. Jetzt variiert es um ein paar Meter.« »Das wird gehen«, sagte Esenin mit einem Stirnrunzeln. »Ja.«, »Wenn wir zu der Verwerfung kommen, werden meine Männer bereit sein.« »Sind sie erfahrene Taucher?« »Sie wissen, was sie tun müssen, glauben Sie mir. Ich gehe als Erster raus.« »Wie Sie wollen.« »Sie haben einen Spetsnaz-Taucher an Bord.« »Ja. Michman Martos.« »Ich habe mit ihm gesprochen. Ich glaube nicht, dass er politisch zuverlässig ist.« »Diese Redensart habe ich schon seit einigen Jahren nicht mehr gehört.« »Sie wissen, was ich meine. Ich brauche Männer, denen ich ver- trauen kann.« »Soweit ich weiß, hat er sich nicht freiwillig gemeldet. Ich will kei- ne Zweifel an den professionellen Fähigkeiten dieses Mannes auf- kommen lassen, General. Er ist bestens ausgebildet, erfahren und reif für eine Auszeichnung für seinen Einsatz beim Angriff auf die Raffinerie in Yokosuka. Er hat die Ehre verdient.« »Kein Zweifel, das hat er«, sagte Esenin, dann ging er zu einem anderen Thema über. Jetzt schien es, als habe dieses Gespräch in einem anderen Leben stattgefunden. Jetzt gab es nur das Boot, das inmitten des Schrau- benlärms und der Meeresklänge sanft vorwärtsglitt. Und das Klin- geln: ping … ping … ping … Saratov lauschte konzentriert auf dieses Orchester. Es waren andere U-Boote in der Nähe. Saratov konnte sie spüren. »Wir feuern in fünf Minuten, Kapitän«, sagte der Erste Offizier. Esenin spielte mit dem Leben eines jeden Mannes auf dem Boot. Er wollte vier Atombomben zünden, um zehn Millionen Men- schen zu ermorden. Selbst wenn die vier Explosionen nicht aus- reichten, um einen Tsunami auszulösen, würden die Feuerbälle an, die Oberfläche brechen, Küstendörfer einäschern und fürchterliche Flutwellen auslösen, die gewaltige Bereiche überschwemmen wür- den. Diese Bomben dicht vor der Mündung der Bucht von Tokio explodieren zu lassen – vielleicht würde Esenin ein Tidenrennen be- schert, das ihn nach der seewärtsgerichteten Anfangswoge wieder in die Bucht schwemmte, zurück in den Explosionsbereich. »Drei Minuten, Kapitän.« Er konnte den Zerstörer hören, mächtige Schrauben, er drehte … Jetzt waren sie ihm auf ihrem Kurs am nächsten, vier Seemeilen entfernt. Wenn er die Admiral Kolchak jetzt nicht ortete, würde das U-Boot seinen Schuss bekommen. Esenin schien nicht zu begreifen, dass man, wenn man sie mit Atomwaffen angriff, es ihnen erleichterte, einen selbst mit Atomwaf- fen anzugreifen. Wahrscheinlich dachte er, das sei Kalugins Pro- blem. Das der Leute in Moskau. Im Kreml. Dieser Leute eben. Der Zerstörer wechselte immer noch den Kurs. Das Stampfen der Schrauben änderte sich, sobald sich der Winkel änderte. »Zwei Minuten.« »Sind wir bereit?« »Ja, Kapitän.« »Sonar, haben Sie irgendetwas gehört?« »Nein, Kapitän.« »Eine Minute.« Der Zerstörer war fest auf seinem neuen Kurs und lief von der Admiral Kolchak fort. Er fuhr etwa zehn Knoten, machte alle sechs Minuten eine Seemeile. Das U-Boot machte eine Seemeile pro Stunde, so dass es im Grunde genommen tot im Wasser lag, die Schrauben drehten sich kaum, und jede unwesentliche elektrische Einheit war abgeschaltet. Sogar die Lüftungsventilatoren. »Rohr eins – Feuer.« Saratov vernahm die Druckwelle der Pressluft, die den Torpedo aus dem Rohr drückte, und hörte dann, wie seine Schrauben ins, Wasser bissen. Er hatte vorsichtshalber die Lautstärke seines Kopfhörers herun- tergedreht, was gut war. Der Torpedo war nicht gerade leise. Als die Schraubengeräusche verklangen, drehte er den Lautstärke- regler langsam auf das Maximum zurück. Die Laufzeit für diesen Fisch betrug sechseinhalb Minuten. Ver- mutlich würde der Sonartechniker an Bord des Zerstörers das Ge- räusch des einlaufenden Torpedos erfassen und es dem Kapitän melden, der wahrscheinlich befehlen würde, akustische Köder aus- zuwerfen. Wenn die Schiffsmannschaft auf Draht wäre, hätten sie dafür eine Menge Zeit. Tatsächlich könnten die Köder sogar zu früh ausgestoßen werden. Saratov nahm den Sonarkopfhörer ab und blickte auf die Uhr: Eine volle Minute war seit dem Abfeuern des ersten Fisches verstri- chen. »Rohr zwei – Feuer.« Vielleicht würde der zweite Torpedo überraschend eintreffen. Nachdem der zweite Fisch gestartet war, unterdrückte er den Drang, an dem Zerstörer vorbeizustürmen, der hoffentlich bald sehr beschäftigt sein würde. Das Risiko war zu groß. Saratov ordne- te dennoch fünf Knoten und eine Kursänderung um 60 Grad nach steuerbord an, um den Abschussbereich der Torpedos zu räumen. Ein kompetenter U-Boot-Abwehr-Kommandant würde sobald wie möglich einen Hubschrauber mit Peilungssonar in dieses Gebiet schicken. Saratov wendete 60 Grad nach steuerbord, nachdem er seine Tor- pedos abgefeuert hatte, weil dieser Kurs am direktesten in die Saga- mi-Bucht führte. Was er nicht wusste, war, dass dieser aus gutem Grund gewählte Kurs die Admiral Kolchak genau auf das japanische U-Boot Akashi zulaufen ließ. Der Sonartechniker an Bord der Akashi hörte die Torpedos und meldete sie. »Hochgeschwindigkeitsschrauben, zwei eins null Grad, relativ.« »Wie weit?« »Mehrere Meilen, Kapitän«, antwortete der Operator. Leider gab es keine Möglichkeit für ihn oder seinen Kapitän, das Ziel der Torpedos umgehend zu bestimmen. Wäre genug Zeit, wür- de jede rechte oder linke Abdrift in der relativen Peilung eindeutig werden. Trat keine Abdrift auf, waren die Torpedos auf Kollisions- kurs. Zeit war es, was erforderlich war, und der Kapitän hatte keine zu verlieren. Wenn Torpedos auf ihn gezielt waren, sollte er den Feind mit aktivem Sonar ausfindig machen, einen Torpedo als Ant- wort feuern, Köder aussetzen und versuchen, dem einlaufenden Fisch auszuweichen. Wenn andererseits die Torpedos auf den Zer- störer abgefeuert worden waren, war es nicht unbedingt notwendig, die Position seines U-Boots durch den Sonar zu verraten. Das war auch nicht ratsam. Der Kapitän kannte die Langstreckenkapazitäten russischer 50- Zentimeter-Torpedos, und dies gab den Ausschlag bei seiner Ent- scheidung. Das Gefecht hatte begonnen – sein Schiff war in der Schusslinie – er wollte keine Zeit verschwenden, um auf eine Pei- lungsabdrift zu warten, die es ohnehin wahrscheinlich nicht geben würde. »Peilung beginnen«, befahl er dem Sonartechniker. »Rohr eins und zwei fluten und die äußeren Luken öffnen.« Zum Offizier der Wache sagte er: »Sechzig Grad backbord, volle Kraft voraus.« Das Klingeln des Sonars raste durchs Wasser, dicht gefolgt von dem Geräusch der Doppelschrauben des U-Boots, die das Wasser peitschten, um das Boot zu beschleunigen. An Bord der Admiral Kolchak hörten Saratov und der Sonartechniker beides. »Schnell«, sagte Saratov zum Sonar. »Peilung.« »Null eins null relativ, Kapitän. Ein U-Boot.« »Rohr drei auf akustische Zielsuchlenkung.« »Rohr drei akustisch bereit.«, »Peilung zehn Grad steuerbord.« »Zehn Grad steuerbord liegt an.« »Rohr drei – Feuer.« »Rohr drei gefeuert, Kapitän.« Beide Sonartechniker an Bord der Harukaze, des japanischen Zerstö- rers, der als Vorposten-Funkstelle zwischen der Oshima-Insel und der Tateyama-Halbinsel östlich des Eingangs zur Sagami-Bucht kreuzte, hörten den unverkennbaren Klang kleiner, rasend schneller Schrauben, als der erste Torpedo der Admiral Kolchak noch vier Mi- nuten vom Zerstörer entfernt war. Ihre Computer bestätigten, was ihre Ohren ihnen sagten: Torpedos. Sie meldeten das Schraubenge- räusch und die Peilung sofort ihrem Vorgesetzten, dem taktischen Gefechtsoffizier, der es der Brücke meldete. Der Kapitän ordnete an, akustische Köder auszusetzen. Innerhalb von sechzig Sekunden waren drei der vier bereitliegenden Köder im Wasser. Einer der Köder, der am weitesten nach steuerbord hätte ausgeworfen werden sollen, wurde aufgrund eines Kurzschlusses im Initiator nicht gestartet. Während ein kleiner Haufen Seemänner und Maats wild daran arbeiteten, diesen Fehler zu beheben, hatte der Kapitän eine Entscheidung zu treffen. Sollte er diesen Kurs bei- behalten, nach backbord abdrehen oder nach steuerbord? Er ent- schied sich aus einem vollkommen logischen Grund dafür, nach steuerbord abzudrehen – an steuerbord lag ein japanisches U-Boot in der Mündung der Bucht, und den Feind in diese Richtung zu lotsen, schien eine gute Idee. Der Kapitän hatte sein Schiff bereits gewendet und war fast auf dem neuen Kurs, als ihm gemeldet wurde, dass einer der akusti- schen Köder versagt hatte. Der Kapitän hatte nur Sekunden gehabt, um diese Nachricht ab- zuwägen, als Saratovs erster Torpedo einen der Köder traf, ihn zer-, störte, ohne zu explodieren, und etwa 100 Meter backbord an dem drehenden Schiff vorbeischoss. Die Sonartechniker der Harukaze lauschten auf die Köder und den Schraubenlärm. Der Verlust des einen Köders änderte den Pegel der Kakophonie. Außerdem ließ der Lärm des ersten Torpedos nach, als er sich entfernte. Der Com- puter zeigte eine Graphik der Spur des Torpedos. Es hatte sie nur um 100 Meter verfehlt! Die zwei grinsten einander an und schrien sich Glückwünsche zu. Verspannte Schließmuskel entspannten sich ein wenig. Der jüngere Techniker war der Erste, der seine Tätigkeit wieder aufnahm. Er war überrascht, sehr nahe und lauter werdende Schraubengeräusche zu hören. Er konnte nicht glauben, was er da hörte, und starrte seinen Computerbildschirm an. Ein zweiter Torpedo! Dies ist keine Übung. Das sind echte Torpedos! »Torpedo«, schrie er, während er die Peilungsdarstellung auf dem Bildschirm anstarrte und versuchte, sich zu konzentrieren, damit er die Zahlen dem taktischen Gefechtsoffizier wiederholen konnte. Der riesige russische Schiffskiller schlug in das Heck der Harukaze ein. Wasser, im wesentlichen nicht komprimierbar, wurde durch die Kraft der Explosion in das Schiff gepresst. Die Explosion riss das Ruder und beide Schrauben der Harukaze ab, verbog die Schrau- benwellen und schlug ein riesiges Loch in das hintere Ende des Schiffs. Wasser strömte in beide Maschinenräume und ertränkte die Maschinisten, die die Explosion überlebt hatten. Das Schiff kam zum Stillstand und begann mit dem Heck voraus zu sinken. Das Echo des Klingelns war sehr schwach, als es zur Asashi zu- rückkam. Das russische U-Boot war fast frontal, drei Seemeilen ent- fernt und 130 Meter tiefer als die Asashi, Geräusche, die vom aufstei- genden Meeresboden widerhallten, verursachten Chaos im Compu- ter. Der Sonartechniker versuchte außerdem, die Peilungsabtrift auf, dem Torpedogeräusch zu bestimmen, das er hörte. Er bekam eine positive Abdrift, als die akustischen Köder der Harukaze im Wasser landeten und das Problem noch verkomplizierten. Dann erreichte ihn die Explosion der Harukaze, ziemlich laut, Wasser leitet Geräu- sche ausgezeichnet. Der ganze Input, vieles davon unwesentlich, verursachte ein heilloses Computerchaos. Er meldete die Explosion und die Peilung, erleichtert und er- schüttert zugleich. Erleichtert, weil sein Boot nicht das Ziel gewesen war, und erschüttert, weil die Peilung für die Harukaze bestimmt gewesen war, der es seit Stunden zugehört hatte. Er schreckte auf, als er erneut Schraubengeräusche inmitten der entsetzlichen Laute von zerreißendem Metall und brechenden Schotten hörte. Automatisch überprüfte er die Peilung. »Ein weiterer Torpedo, Kapitän. Peilung zwei eins null relativ.« Die relative Peilung war die gleiche wie beim ersten Torpedo, den er gehört hatte, jedoch nicht die magnetische Peilung, weil die Asa- shi um 60 Grad gedreht hatte. »Schraubengeräusch, wird lauter, Kapitän. Offensichtlich wenig Peilungsabdrift.« »Akustische Köder starten«, bellte der Kapitän. »Schraubengeräusch auf konstanter Peilung, Kapitän.« »Wo bleiben die Köder, Leute! Unser Leben steht auf dem Spiel! Raus damit!« »Das dauert ein paar Sekunden, Kapitän.« »Alle Maschinen stopp.« »Alle Maschinen stopp.« »Ruder hart backbord. Weitere sechzig Grad backbord.« »Ruder hart backbord«, wiederholte der Steuermann, gerade als der Torpedo der Admiral Kolchak ins Heck des U-Boots schlug und explodierte., 23. KAPITEL

Jack Innes tauchte hinter dem Präsidenten auf, als dieser geradeseinen Kaffee nach dem Essen trank, und flüsterte ihm die Neuig-

keiten aus der Bucht von Sagami ins Ohr. Präsident Hood ent- schuldigte sich bei den anderen am Tisch und stand auf. Er folgte Innes aus dem Zimmer. »Ein Zerstörer und ein U-Boot – er hat beide torpediert. Nur ein paar Dutzend Männer des Zerstörers haben überlebt. In dem U- Boot waren alle verloren.« »Was hat er vor?« Hood stellte die Frage so, dass Innes wusste, der Präsident erwar- tete keine Antwort. Schließlich sagte Hood: »Sie rufen wohl besser die Joint Chiefs hierher. Und den Außenminister.« Die beiden Männer gingen zum Büro des Präsidenten. Nachdem Innes den Offizier vom Dienst angerufen hatte, sagte Hood: »Ist das derselbe Kapitän, der Yokosuka in die Luft gejagt hat?« »Es scheint so. Die CIA sagt, die Russen hätten nur ein Boot üb- rig, eins aus der Kilo-Klasse, namens Admiral Kolchak.« »Wie heißt der Kapitän nochmal?« »Pavel Saratov.« »Ein überholtes altes Boot…« »Er ist ein ausgekochter Fuchs, er ist in seichtem Wasser, und er hat verdammt viel Glück gehabt.« »Was hat er vor?« »Ich weiß es nicht, Sir.« Eine Stunde später stellte Hood den leitenden Offizieren des Ge- neralstabs dieselbe Frage. »Was hat er vor?«, Jeder hatte eine eigene Vermutung. Hood wischte sie beiseite. »Warum haben die Japaner diesen Kerl nicht gefunden? Es ist ein völlig veraltetes dieselelektrisches Boot.« Der Chef der Marine antwortete. »Es mag vielleicht alt sein und eingeschränkte Fähigkeiten haben, Sir, aber Batterieboote sind sehr leise. In seichtem Wasser ist es äußerst schwierig, sie schnell zu or- ten. Die Computer tun sich höllisch schwer mit den Echos vom Meeresboden.« »Schnell?« »Sie müssen alle ein oder zwei Tage Schnorcheln, Mr. President. Geben Sie ihnen ein paar Tage Zeit, und geübte U-Boot-Jäger wer- den sie jederzeit finden.« »Meine Herren, um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Wie viel Ärger kann Pavel Saratov mit seinem kleinen U-Boot machen?« »Offensichtlich kann er eine Menge Schiffe versenken«, sagte jemand. »Das hätte er auch tun können, ohne in die Höhle des Löwen zu gehen.« Mit Hilfe von Computergrafiken rekapitulierten sie die militäri- sche Situation. »Was auch immer Kapitän Saratov zu erreichen hofft, Sir«, meinte der Chef der Marine, »er sollte sich besser be- eilen. Vor drei Stunden hat er diesen Zerstörer genau hier versenkt.« Er benutzte einen Laserzeiger. »Selbst wenn er mit fünfzehn Knoten abgehauen ist – und das ist ein Abgang, der wirklich Saft kostet –, ist er innerhalb eines Umkreises von fünfundvierzig Seemeilen von dieser Position. Die Japaner haben vier Zerstörer, die in diesen Be- reich aufschließen, und sie fliegen mit Sonar ausgerüstete Hub- schrauber von anderen Flottenstützpunkten ein. Egal, was Pavel Sa- ratov vorhat, ihm und seiner Mannschaft bleibt nur noch wenig Zeit.« »Meine Herren«, sagte der Präsident der Vereinigten Staaten, »ich denke, Kapitän Saratov transportiert eine Atombombe. Wie, das, weiß ich nicht. Meine Sorge ist, dass Japan versucht ist zu kontern, sofern sie Nuklearwaffen besitzen.« Sie saßen schweigend da, während der Präsident von einem Ge- sicht zum anderen blickte. »Wir haben Japan alle Informationen über das U-Boot Kapitän Saratovs gegeben, die wir besitzen. Ich wünschte, wir könnten mehr tun.« »Vielleicht, Mr. President«, sagte General Tuck, »sollten wir so- wohl Russland als auch Japan mit nuklearer Vergeltung durch die Vereinigten Staaten drohen, wenn sie Atomwaffen gegeneinander einsetzen.« Totenstille folgte diesem Vorschlag. Präsident Hood rieb sich die Schläfen. »Ich habe nicht das Zeug dazu, auf den Knopf zu drü- cken«, sagte er schließlich. »Ich könnte es nicht. Kalugin und Abe könnten dazu in der Lage sein, ich aber nicht. Sie würden wissen, dass wir bluffen. Mein Dad hat mir immer gesagt: Richte nie eine Waffe auf einen Mann, es sei denn, du bist bereit zu schießen.« Saratov war über die Seekarte der Sagami-Bucht gebeugt und maß die Entfernung zu Esenins Verwerfung, als der Sonartechniker meldete: »Hubschrauber, Kapitän. Er schwebt, glaube ich.« Ein schwebender Helikopter konnte nur eins bedeuten: ein ASW- Hubschrauber. »Sagen Sie durch: wieder Schleichfahrt. Im Torpedoraum sollen sie das Nachladen stoppen. Unnötigen Lärm absolut vermeiden.« Saratov blickte kurz auf den Tiefenmesser, der 25 Meter anzeigte. Hier im seichten Wasser der Bucht war das das Äußerste an Tiefe, was sie erreichten. Wenigstens war das Wasser voller Geräusche. Fischerboote, Schif- fe, Hobbyboote, Schnellboote donnerten hier kreuz und quer. Pa- vel Saratov setzte die Kopfhörer auf und schloss die Augen, um sich besser konzentrieren zu können. Eine Kakophonie von Schrau-, bengeräuschen dröhnte laut in seine Ohren. Andererseits waren da diese vier verdammten Bombencontainer an der Deckoberschale. Sogar bei zwei Knoten mussten diese Dinger Lärm machen. Ganz zu schweigen davon, dass die schalldichten Platten fehlten. Der Hubschrauber war wirklich dort, kaum hörbar. Der Sonar- mann hatte gute Ohren. »Setzen Sie einen Kurs fest«, sagte er dem Michman und klopfte ihm auf den Rücken. »Hab ich schon, Kapitän.« »Wir werden ungefähr eine Stunde brauchen, bis wir über die Ver- werfung kommen. Sobald wir auf dem Grund sind, werden wir schwieriger zu finden sein.« Der Michman antwortete nicht. Er kannte dieses Geschäft und ließ sich von Propaganda nicht einwickeln. »Der Helikopter hat seinen Standort gewechselt. Etwas näher.« »Peilung?« »Zwei sechs fünf relativ.« »Zwei sechs fünf relativ«, wiederholte Saratov für den Navigator, der eine Linie in die Karte einzeichnete. »Ein Rotor oder zwei?«, fragte Saratov den Michman am Sonar. »Einer, glaube ich.« Das bedeutete, dass der Hubschrauber relativ klein war. Vielleicht hatte er keine Bordwaffen. Fünf Minuten verstrichen. Niemand in der Zentrale sprach. Jeder starrte auf ein Messgerät, ein Steuerrad, einen Hebel oder irgendet- was anderes. Saratov fand es seltsam, doch in angespannten Mo- menten schienen die Männer Blickkontakt zu vermeiden. Sie horchten. Und wollten natürlich überhaupt nichts hören. »Er hört auf zu schweben, wird leiser. Geräusch wird von einem Schnellboot überdeckt.« »Drehen Sie die Empfindlichkeit runter«, schlug Saratov vor. »Hab ich schon, Kapitän. Es ist verdammt laut da draußen.«, »Okay, okay.« Esenin sah auf seine Uhr, starrte dann ins Leere und dachte of- fensichtlich große Gedanken. Die Luft im Boot war schlecht. Saratov konnte sich selbst rie- chen, er stank. »Er ist direkt über uns. Er hat seine Sonarhülse genau über uns ins Wasser getaucht.« »Einen Knoten«, befahl Saratov dem Steuermann. Er zeigte es mehr mit einem Finger an, damit der Steuermann verstand. Mehrere der Männer hielten den Atem an. Das Prügeln des Rotors, sein mechanischer Rhythmus hämmerte Saratov in den Ohren. Der Hubschrauber war sehr nah. Jetzt bewegte er sich ein bisschen, nicht sehr weit. »Er hat uns, glaube ich«, sagte der Sonartechniker und biss sich auf die Lippe. »Auf einen Zerstörer horchen. Er wird mit voller Kraft laufen.« Nach einigen Minuten bewegte sich der Hubschrauber wieder auf die andere Seite des Boots. »Ja, er hat uns«, sagte der Sonartechniker angewidert mit verzerr- tem Gesicht. »Wirklich, Kapitän.« »Auf den Zerstörer horchen.« Der Mann am Sonar nickte verdrießlich. »Nummer eins, wie alt waren die Geschosse, die Sie in den Turm geladen haben?« »Zwanzig Jahre, Kapitän.« »Viel Verfall?« »Ein bisschen Korrosion an den Geschosskörpern, aber alle elek- trischen Kontakte waren in Ordnung.« Weitere fünf Minuten vergingen. Der Helikopter bewegte sich wieder. Die Spannung war qualvoll. »Wo ist er jetzt?« »Steuerbord achteraus. Er hat sein Ding an allen vier Quadranten, eingetunkt.« »Bringen Sie uns hoch, Steuermann. Auf Periskoptiefe. Sonar, ma- chen Sie den Radar bereit. Wir schieben den Turm rauf, schießen auf diesen Typen und lassen ihn ins Wasser klatschen, dann ma- chen wir, dass wir zur Verwerfung des Generals kommen.« »Wie leise wollen sie auftauchen?«, fragte der Steuermann. »Ich stimme dem Sonar zu – sie haben uns. Nichts wie hoch, be- vor dieser Kerl außer Reichweite ist.« Als das Boot auf Periskoptiefe war, fuhr Saratov das Periskop für einen schnellen Rundblick aus. Ihn interessierte weniger der Hub- schrauber – er wusste, wo der war –, sondern andere Schiffe in der Nähe. Er kreiste mit dem Periskop einmal vollständig herum, stoppte nur für ein oder zwei Sekunden und ließ es dann absenken. »Okay, Leute. Er ist dort oben. Und ein Zerstörer oder eine Fre- gatte ist auf dem Weg. Er ist direkt vor unserem Bug. Wir tauchen auf und knallen den Hubschrauber ab, dann gehen wir auf Peris- koptiefe zurück und feuern auf den Zerstörer.« »Warum dieses Schiff angreifen?«, fragte Esenin nach. »Ich versuche, Zeit für Sie zu schinden, Sie gottverdammter Idiot. Jetzt halten Sie die Klappe!« Zum Steuermann sagte er: »Auftauchen. Schnell rauf, mit den Tiefenrudern Position halten, schießen und wieder runter.« »Ihr habt den Kapitän gehört. Auftauchen.« Als der Turm aus dem Wasser kam, aktivierte der Sonar-Michman den winzigen Radar auf dem Mast. Er wusste, in welchem Quadran- ten der Hubschrauber war, und suchte zuerst dort. »Er haut ab.« »Radarerfassung!«, rief der Sonartechniker. »Eine Rakete feuern!« Das Flugabwehrgeschoss ging mit einem Brüllen los, schoss ge- rade hinauf und drehte dann ab, um den Hubschrauber zu verfol- gen. Als wenig vertrauensseliger Mann, der Saratov war, feuerte er, noch zwei weitere Geschosse ab, ehe das U-Boot wieder unter die Wellen glitt. »Ich glaube, wir haben einen Treffer, Kapitän«, sagte der Sonar- techniker und presste die Kopfhörer gegen seine Ohren. »Auf Periskoptiefe, Steuermann. Rohre fünf und sechs fluten und die äußeren Luken öffnen. Neuer Kurs null vier fünf. Angriffsperis- kop hoch und für Peilung bereithalten.« »Der Hubschrauber ist gerade ins Wasser geklatscht. Ich kann den Zerstörer hören.« »Wir warten, bis der Zerstörer näher dran ist.« »Direkt zwischen die Augen?«, fragte Askold mit zusammengezo- genen Augenbrauen. »Wir haben zwei Fische geladen. Entweder wir treffen mit einem oder wir gehen drauf.« »Zerstörer misst die Entfernung per Echopeilung, Kapitän.« Alles geschieht langsam bei der U-Boot-Kriegsführung. In diesem Leben-oder-Tod-Duell schien der angreifende Zerstörer den Abstand unendlich langsam zu verringern. Die Männer in der Zentrale wischten sich ihre Gesichter mit den Ärmeln ab, beobachteten ihre Zifferblätter und Messgeräte, blickten den Kapitän an, wischten ihre Handflächen an ihren dreckigen Hosen ab … und beteten. »Periskop ausfahren.« Saratov machte eine rasche Peilung durch das Periskop und ließ es dann wieder in den Schacht fallen. Es war höchstens fünf Sekun- den draußen gewesen. Als es eingefahren wurde, las der Erste Offi- zier die Entfernung vom Fokusring ab. »Fünftausendeinhundert Meter.« »Er wird gleich feuern, Kapitän«, sagte einer der jüngeren Offi- ziere. »Ruhe. Reißen Sie sich zusammen. Sonar, hat er uns?« »Schwer zu sagen. Er hat noch nicht aufgehört, zu senden. Ich glaube, das seichte Wasser macht ihm zu schaffen. Oder der ganze, zivile Betrieb. Und er fährt zu schnell.« »Beten wir, dass er nicht langsamer wird. Er wird die Fische nicht hören, bis sie direkt vor ihm sind.« »Er sollte jetzt etwa bei dreitausend Meter sein, Kapitän.« »Periskop raus.« »Peilung und Entfernung, markieren. Periskop runter.« Fünf Se- kunden. »Er wird langsamer, Kapitän.« »Zweitausend Meter.« »Rohr fünf feuern!« »Rohr fünf gefeuert.« Eine Seemeile. Der Torpedo machte 45 Knoten, der Zerstörer wurde langsamer … vielleicht auf 20 Knoten. 55 Knoten Annäherung. Der Torpedo würde in etwas mehr als einer Minute dort sein. 20 Sekunden, 30 … »Periskop hoch.« Saratov packte die Griffe, als das Periskop aus dem Schacht kam. »Er dreht auf unsere linke Seite. Peilung fünfzehn backbord für Rohr sechs.« »Backbord fünfzehn, aye.« »Rohr sechs feuern. Periskop runter.« An Bord der ASW-Fregatte Fudschijama wusste die Crew des Ge- fechtskontrollzentrums genau, dass das U-Boot vor ihnen bewaffnet und gefährlich war. Sie hatten Daten von dem Hubschrauber erhal- ten, ehe er abgeschossen wurde, und kannten die Position, obwohl sie selbst das U-Boot noch nicht auf dem Sonar ausfindig gemacht hatten. Die Entscheidung, die Echo-Mess-Signale nicht auszurichten, war ein absichtlicher Versuch, den U-Boot-Kapitän glauben zu lassen, er, sei weiterhin unentdeckt. Der Kapitän der Fudschijama ordnete an, die Geschwindigkeit des Schiffs zu drosseln, um dem Sonar ein bes- seres Lauschen zu ermöglichen. Wie Saratov vermutete, hatten die Sonartechniker große Schwierigkeiten, das U-Boot aus dem Hinter- grundlärm herauszuhören. Als der Sonarchef dem Unteroffizier zurief: »Torpedo im Wasser«, befahl der taktische Gefechtsoffizier, die U-Boot-Abwehr-Raketen zu feuern. Die Raketen zischten aus dem Startgerät, als die Fregatte nach steuerbord auf Saratovs linke Seite drehte, um dem entgegenkom- menden Torpedo auszuweichen. Das Schiff drehte sich schneller als der Torpedo, der es verfehlte. Als er seinen letzten Fisch abschoss, sah Saratov das Aufblitzen der Raketen und wusste, dass es soweit war. Als das Periskop in den Schacht fiel, befahl er: »Volle Kraft vor- aus, neunzig Grad nach steuerbord drehen.« Er blickte in die Gesichter, die ihn anstarrten. »Abwehrraketen«, sagte er, als der Sonar die Aufschläge der Raketen ins Wasser melde- te. Der zweite Torpedo ging unter dem Kiel der Fregatte hoch und riss den Bug ab. Der Lärm des hereinrauschenden Wassers und der brechenden Schotten waren im U-Boot sogar ohne Kopfhörer deut- lich vernehmbar. Die Männer wollten gerade jubeln, als das U-Boot unter einem heftigen Schlag erzitterte. »Steuerbordseite, Kapitän. Es hat in die äußere Hülle eingeschla- gen. Außenhülle ist leck.« Der Bootsmann gab hastige Befehle. Der durchbohrte Tank wur- de rasch identifiziert und die angrenzenden Kammern mit Luft voll- gepumpt, um die Schwimmkraft zu erhalten und zu verhindern, dass das U-Boot auf den Grund der Bucht aufschlug. Währenddessen konsultierte Saratov die Karte. Er verwendete ein Lineal, um den Kurs zur Verwerfung abzustecken, und befahl dann,, das Ruder umzulegen. Der Gestank war ziemlich deutlich. Irgendjemand hatte die Kon- trolle über seinen Schließmuskel verloren. Vielleicht mehrere als ei- ner. General Esenin, der sich am Schott festhielt, wandte seinen Blick nicht eine Sekunde von Pavel Saratov ab. »Es hätte schlimmer kommen können«, philosophierte Askold. Inmitten des Chaos sagte der Sonartechniker zu niemand Bestimm- tem: »Wir werden draufgehen.« Die Stadt Irkutsk in Zentralasien, ein verwahrlostes, schäbiges Denkmal bürokratischer Dummheit und Ineffizienz, verschlug Erst- besuchern dennoch allein aufgrund ihrer Umgebung die Sprache. Das außergewöhnliche Wasser des Baikalsees, an dessem Ufer die Stadt lag, war unter den Schatten der dahintreibenden Wolken dun- kelblau, fast schwarz. Der See war tief, schien fast bodenlos zu sein. In Wahrheit war er ein riesiges Binnenmeer, 600 Kilometer lang, das ein Fünftel des Süßwassers der Erde enthielt. Seine Oberfläche dehnte sich bis zum Horizont. Entlang der Westküste des Sees ragten hohe, bereits vorwinterlich mit Schnee bedeckte Berge auf. Felsigere, zerklüftete blaue Berge lagen im Süden und Osten. Seit er in Irkutsk angekommen war, hatte Yan Chernov keine Zeit gefunden, um die Aussicht zu bewundern. Ständig hatten Bespre- chungen mit Generälen und Obersten stattgefunden, die aus Mos- kau eingeflogen waren. »Sie begleiten einen Luftangriff auf Tokio«, wurde ihm gesagt. In- mitten der Transportmaschinen mit Aeroflot-Markierungen, die auf dem Stützpunkt standen, befand sich ein halbes Dutzend MiG- 25, ältere einsitzige Mach 3-Abfangjäger. Diese Maschinen, so wur-, de Chernov gesagt, würden die Bomben transportieren. Von allen Flugzeugen, die die Sowjets gebaut und die Russen geerbt hatten, hatte allein die MiG-25 eine Chance gegen die Zero. Die MiGs konnten ihre unglaubliche Geschwindigkeit einsetzen, um den japa- nischen Abfangjägern zu entkommen – anfliegen, ihre Bomben ab- werfen und sich zurückziehen, bevor die Zeros sie alle abschießen konnten. Ein Moskauer General hielt einen Finger hoch. »Nur eine«, sagte er. »Nur eine einzige muss durchkommen.« Zur selben Zeit würde ein weiterer Angriff auf die japanischen Raketen-Startrampen auf der Tateyama-Halbinsel gestartet werden. Chernov kannte den Oberst flüchtig, der diesen Angriff führen wür- de. Das Problem der MiG-25 und Anlass für diese Besprechungen und Konferenzen war ihre beschränkte Reichweite. Die Bomber würden mehrmals von Tankflugzeugen aufgetankt werden müssen, um diesen Flug, der viel länger war, als sich das die Konstrukteure in ihren wildesten Phantasien für diesen superschnellen Bomber je- mals vorgestellt hatten, zu ermöglichen. Wie alle sowjetischen Kampfflugzeuge war die MiG-25 für die Verteidigung des Vater- landes konstruiert worden. Die Tankflugzeuge in Position zu bringen, um die MiGs vor und nach ihrem Angriff aufzutanken, war Chernovs Aufgabe. Er sollte sie begleiten und gegen die Zeros verteidigen. Chernov hörte den Moskauer Generälen und ihren Leuten zu, die den Auftrag erklärten, Karten kommentierten, Frequenzen und Indikationscodes zuteilten und über die Mission redeten, als wäre es tatsächlich möglich, als handele es sich um eine routinemäßige militärische Operation. Er wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Das Ganze war lächerlich. Zu Beginn dieser militärischen Dummheit versuchte Chernov, den Leuten des Stabes zu erklären, dass die Suchois nicht die geringste Chance gegen die semi-getarn-, ten Zeros hatten: »Zeros sind eine technologische Generation wei- ter als unsere Bomber. Und zwei Generationen weiter als die MiG- 25«, sagte er. Keinen der hohen Tiere interessierte das. Er würde tun, was ihm gesagt wurde – es war alles in Moskau entschieden worden. Jetzt saß Chernov da, hörte zu und machte sich Notizen. Er schaute aus dem Fenster und beobachtete den Sekundenzeiger der Gebäudeuhr, Minute um Minute. Die Morgendämmerung würde noch mehrere Stunden auf sich warten lassen. Eine Stunde vor Beginn der Operation waren die Einsatzleiter fer- tig. Die Piloten wurden aufgefordert, auszuspannen und ein wenig zu schlafen. Chernov wanderte zur Kaserne hinüber und fand eine leere Koje. Er streckte sich aus, versuchte sich zu entspannen und das Ganze in anderen Perspektiven zu sehen – er fühlte den Wahnsinn über sich hereinbrechen. Er hatte das Gefühl, als würde er ertrinken. Atombomben. Ein Atombombenabwurf auf Tokio. Atompilze. Millionen von Toten. Falls eine der MiGs durchkam. Und danach die Tanker finden, genug Treibstoff auftanken für den Rückflug zur russisch besetzten Basis … »Was ist, wenn die Japaner zurückschlagen?«, hatte jemand die Moskauer hohen Tiere gefragt; er bekam zur Antwort: »Die Japaner haben keine Nuklearwaffen.« »Hoffen wir«, sagte Yan Chernov laut. »Präsident Kalugin ist ab- solut sicher.« »Wetten, dass er das in einem Telefonat von seiner Datscha am Schwarzen Meer aus gesagt hat«, hatte einer der jüngeren Piloten eingeworfen, und seine Gefährten hatten gelacht. Die Moskauer Offiziere runzelten die Stirn, dann taten sie so, als hätten sie nichts gehört. Die Männer waren nicht glücklich, doch sie hatten nie von ir- gendjemand in Uniform gehört, dass Japan eine Atommacht sein, könnte, so dass die Möglichkeit einer nuklearen Vergeltung gering schien. Japan zu erreichen, das war der schwierige Teil. Nun, wenn die Zeros sie nicht erledigten, würden die üblichen russischen Führungs- und Effizienzprobleme diesen komplexen Plan lahmlegen, bevor die Flugzeuge sicher wieder in Irkutsk lande- ten. Chernov lag in der Dunkelheit und versuchte sich zu entspannen. An Schlaf war nicht zu denken. Die Operation würde in weniger als einer Stunde beginnen. Seine Gedanken begannen zu treiben. Szenen seiner Jugend auf einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft blitzten ihm durch den Kopf. Er hatte mehr gewollt, und so hatte er sich treu und eifrig bemüht, um die Schule mit Auszeichnung abzuschlie- ßen. Die Arbeit hatte sich ausgezahlt. Man war auf ihn aufmerksam geworden. Und was hatte er gewonnen? Sein Leben war ein großes Abenteuer gewesen. Wirklich. Das Flie- gen, die neuen, unbekannten Orte, das Hochgefühl im Kampf, die Erregung im Sieg – nie hätte ein Mann auf der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft auch nur einen Hauch davon erlebt, mit diesem ewigen Wind, der über die Ebene heulte, und Erdkru- me, Hoffnungen, Träume und alles andere mit sich forttrug. Wenn nur sein Vater und seine Mutter sehen könnten, wie weit er gekommen war. Er wurde von einer mächtigen Sehnsucht ergriffen. Ach, wenn er nur noch einen einzigen Tag mit seinen Eltern verbringen, in ihrem winzigen Häuschen sitzen und aus der Tür auf die gepflügten Fel- der schauten könnte, während sein Vater über die Erde redete. All das war vorbei. Vergangenheit. In ein paar Stunden würde er tot sein, und nichts davon wäre mehr wichtig., Das U-Boot setzte einmal auf, schabte ein paar Meter am Meeres- grund entlang, sank dann auf den schlammigen Grund der Sagami- Bucht und kippte ganz langsam nach backbord. »Kapitän«, sagte Esenin scharf, als die Schlagseite fünf Grad er- reichte. Sogar er hielt sich fest. Sechs Grad … »Bei zwölf Grad heben wir das Boot an und versuchen eine ande- re Stelle.« Acht Grad … »Wir sind so dicht dran«, murmelte Esenin. Zehn Grad … Kaum Bewegung … Dann blieb das Boot liegen. Ein Seufzer der Erleichterung tönte durch die Zentrale. »Zweiundfünfzig Meter«, las jemand vom Tiefenmesser ab. Plötz- lich bemerkte Saratov, wie müde er war. Er musste sich am Karten- tisch festhalten, um aufrecht stehen zu bleiben. »Hier sind wir, General. Leckgeschossen, die Luft wird knapp, die Batterien sind fast leer, und die ganze japanische Marine ist hinter uns her. Ich weiß nicht, wie viel Zeit wir haben.« Die Stunden der Anspannung waren nicht spurlos an Esenin vorübergegangen. Er musste Kraft sammeln, um sprechen zu kön- nen. »Sie haben uns hierher gebracht, Saratov. Das ist es, worauf es ankommt. Hier können wir Russland retten.« »Sicher.« Die Bissigkeit in Saratovs Stimme ließ Esenin die Augen zusammenkneifen. »Wir verlassen diesen Punkt, wenn ich es sage, und nur dann.« Esenin schaute jedem Mann prüfend ins Gesicht. »Ich nehme zwei Taucher mit. Wir verlassen das Boot durch die Luftschleuse. Wir öffnen einen Container und platzieren eine der Bomben auf dem Meeresgrund. Dann kommen wir wieder rein, und Sie werden das Boot eine Meile westwärts an der Verwerfung entlangfahren, wo wir wieder eine Bombe abladen werden. Wenn der letzte Sprengsatz auf dem Grund ist, werden Sie uns hier rausbringen.«, Esenin sah kurz auf seine Uhr. »Wann werden die Bomben explodieren?«, fragte Saratov. »In zwölf Stunden. Die Sprengsätze anzubringen dauert je eine Stunde plus eine Stunde, um das Boot zu bewegen – das macht sie- ben Stunden insgesamt. Das gibt uns fünf Stunden, um die Bucht zu verlassen.« »Wir haben keine sieben Stunden«, sagte Saratov. »Sie haben viel- leicht eine oder zwei. Höchstens drei.« »Sie glauben, dass sie uns bis dann finden werden?« »Ich garantiere es.« Esenins Lippen wurden zu einer schmalen Linie. »Die Sprengköpfe sind jetzt scharf, oder?«, fragte Pavel Saratov. »Wissen Sie das oder vermuten Sie es?« »Der Kasten.« Er nickte zu dem Kasten an Esenins Brust hin. »Das konnte nur ein Zünder sein.« »Wir haben entschieden, dass es besser wäre, die Bomben auf See zu detonieren, als sie in feindliche Hände fallen zu lassen. Glückli- cherweise hat sich diese Notwendigkeit nicht ergeben. Dennoch, sie könnte sich ergeben. Wenn ja, vertraue ich Major Polyakov, dass er tut, was getan werden muss. Er wird den Kasten in seiner Obhut behalten, während ich außerhalb des Boots bin.« Esenin nahm den Kasten ab, stellte ihn auf den Kartentisch und öffnete ihn. »Wie Sie sehen, gibt es eine Tastatur für die Eingabe eines Codes.« Er gab mit dem Zeigefinger eine vierstellige Zahl ein. »So«, er sagte. »Der Code ist eingegeben. Die Schaltkreise sind jetzt scharf.« Saratov trat einen Schritt vor und wollte einen Blick darauf wer- fen. »Sie haben das gottverdammte Ding scharfgemacht?« »Es war zu gefährlich, mit scharfen Bomben zu fahren. Jetzt sind sie scharf.« Esenin hob die Hand. Er hielt eine Pistole darin und stieß den, Lauf gegen Saratovs Brust. »Nicht näher, Kapitän. Sie haben Ihren Spaß auf meine Kosten gehabt. Ab jetzt ist das meine Vorstellung.« Polyakov und die Männer der Marineinfanterie zogen ebenfalls ihre Pistolen und richteten sie auf Saratov. Der Major grinste Saratov an. »Ich werde auf den Kasten auf- passen, Kapitän.« »Sie haben uns weit gebracht, Pavel Saratov«, sagte Esenin und zeigte das gleiche Grinsen wie auf der trojanischen Insel, »doch wir müssen noch weiter gehen. Sie würden uns enttäuschen, wenn Sie zulassen, dass Ihnen etwas zustößt.« »Sie geben wirklich keine Kopeke darum, ob Sie leben oder ster- ben, nicht wahr, Esenin?« »Manchmal ist das leichter.« Saratov setzte sich wieder auf den Hocker, auf dem er die letzten zwölf Stunden verbracht hatte. »Sie sollten anfangen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Japaner ankommen.« Es war spät am Abend, als Janos Ilin Marschall Stolypin im Haupt- quartier in Moskau einen Besuch abstattete. Der alte Mann war zornig. Nachdem sich die Tür geschlossen hatte und sie allein wa- ren, stieß der Soldat hervor: »Idiot! Nichtskönner! Stümper!« »Was soll ich dazu sagen?« »Heute Morgen hat er die Order gegeben, einen Atomangriff ge- gen Japan zu starten. Er hat drei Bomber nach Tokio geschickt, und drei zu den Startrampen nach Tateyama. Und es gibt da noch dieses U-Boot mit vier Bomben an Bord, das versucht, die Spreng- sätze auf dem Meeresgrund außerhalb der Bucht von Tokio abzule- gen. Ich habe mich dagegen ausgesprochen, sagte ihm nein, nein, tausendmal nein, und er hat mich fast rausgeschmissen.« »Oh, das ist schlimm. Sehr schlimm! Haben wir irgendetwas von der Admiral Kolchak gehört?«, »Nicht ein Wort. Den abgefangenen japanischen Funksprüchen nach scheint es, als wäre es Kapitän Saratov gelungen, in die Saga- mi-Bucht einzudringen. Wider Erwarten. Eine erstaunliche Leis- tung.« »Was sagt Kalugin?« »Er glaubt nicht, dass die Japaner Sprengköpfe für Geschosse ha- ben, die sie als Interkontinentalraketen verwenden können. Weigert sich, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen.« »Ich hatte gehofft, Sie hätten in nächster Zukunft einen Termin bei ihm.« »Pff.« Der alte Mann saß da und schaute aus dem Fenster. Er sah zehn Jahre älter aus als noch vor einem Monat. »Sie haben getan, was Sie konnten, Marschall.« »Ich sollte zu Hause in meinem Garten sitzen.« Stolypin seufzte. »Mein Vermächtnis für Russland – ich habe vergeblich gegen einen selbstmörderischen Kurs protestiert, der bereits durch einen Dik- tator entschieden worden war. Ich habe fünfzig Jahre als Soldat ge- dient, und er wollte nicht einmal zuhören.« »Vielleicht ist es wirklich Zeit für den Garten.« »Ich habe gerade einen Sekretär mit einem Brief hinübergeschickt, eine Rücktrittserklärung, gültig ab Mitternacht. Ich sollte jetzt nach Hause gehen und mit allem abschließen.« Stolypin sah auf die Uhr. »Ich habe in ein paar Minuten meine letzte Stabsversammlung. Vielleicht sollte ich hingehen und Lebwohl sagen.« »Wie sieht es aus? Wirklich.« »Die Situation ist nicht so schlimm, wie Kalugin glaubt. Wir bauen eine Armee auf; wir rüsten sie aus, beschaffen Verpflegung, Treibstoff und Transportmittel… Wir könnten die Japaner in die- sem Winter schlagen. Wir hätten eine halbe Million Männer, die ihnen gegenübertreten könnten. Wenn wir Luftüberlegenheit haben, zermalmen wir sie.«, »Kalugin weigert sich, zu warten?« »Er sagt, dass die UN die Ölfelder vor dem Frühling verschenken wird. Vielleicht liegt er richtig. Die Welt hat sich so sehr verändert.« »Ich muss Kalugin heute Abend noch sprechen.« »Ich habe es zu erklären versucht … Die Zeit ist eindeutig auf un- serer Seite. Jeder Tag, der vergeht, stärkt uns. In sechs Monaten werden sie reihenweise Truppen verlieren; wir werden sie erbar- mungslos bluten lassen; die Diet wird über die Kosten der Armee diskutieren …« Dann könnten wir sie packen! Das Telefon läutete. Stolypin sah es an und hörte dem Klingeln zu, bevor er schließ- lich eine Hand ausstreckte und den Hörer abnahm. »Ja.« Er hörte eine Weile zu und sagte dann: »Janos Ilin vom FIS ist ebenfalls hier. Er hätte auch gern eine Audienz. Darf ich ihn mit- bringen?« Er hörte wieder zu, brummte und legte dann auf. »Einer von Kalugins Lakaien. Der Präsident will mich wegen des Briefes sehen.« »Wegen der Rücktrittserklärung?« »Ja.« Stolypin wischte über den Schreibtisch, stellte das Telefon genau dorthin, wo es stehen sollte, und fegte ein unsichtbares Staubkorn fort. »Sie können mitkommen, wenn Sie wollen.« »Danke.« »Danken Sie mir nicht. Er wird mich wahrscheinlich wegen Ver- rats erschießen lassen, und Sie dafür, weil Sie gerade im selben Zim- mer sind.« Als sie über den Hof gingen, legte Ilin leicht eine Hand auf den Arm des Marschalls und brachte ihn zum Stehen. »Haben Sie einen Hinweis darauf, dass Kalugin Sie oder mich des Attentats auf ihn, verdächtigt?« »Keinen. Bisher.« »Kalugin wird die Bürokratie, das Militär und die Abgeordneten- kammer einer Säuberung unterziehen, sobald die militärische Situa- tion das ermöglicht.« »Ich bin ein alter Mann. Ich habe mich mit meinem Schicksal ab- gefunden. Sie können sicher sein, ich werde nichts sagen.« »Ich habe nicht an Sie oder mich gedacht. Ich dachte an hundert- fünzig Millionen Russen, die etwas Besseres verdienen als Aleksan- der Kalugin.« Damit ging Ilin weiter zum Auto. Der junge Soldat, der die Autotür aufhielt, grüßte den Marschall, und er erwiderte den Gruß. Stolypin und Ilin setzten sich in die Li- mousine, und der Soldat schlug die Tür hinter ihnen zu. Eine Glasscheibe trennte Rücksitz und Fahrersitz. »Kann er uns hören?«, fragte Ilin. »Nein.« »Ich wollte Kalugin persönlich von einer kritischen Information des Geheimdienstes erzählen, die ich gerade erhalten habe.« »Während ich dabei bin?« »Sie können es ebenso gut jetzt gleich hören. Sowohl Japan als auch die Vereinigten Staaten wissen von Kalugins Entschluss, Atomwaffen einzusetzen. Die Missionen, die er befohlen hat, kön- nen sehr leicht fehlschlagen.« »Woher wissen sie das? Ein Spion? Ein Verräter?« »Die Japaner nennen ihn Agent Ju.« »Sie kennen die Identität dieser Person?« »Es ist jemand aus Kalugins Kreis, denke ich. Jemand, der ihm sehr nahe steht.« Dies war natürlich eine Lüge, doch Stolypin wusste das nicht. Stolypin starrte ihn an. »Warum, um Himmels willen?« »Geld, nehme ich an«, meinte Janos Ilin. »Ursprünglich. Was es, jetzt ist, weiß ich nicht. Macht? Wahnsinn? Ich werde Kalugin von diesem Agenten erzählen, ihm sagen, was ich weiß. Und ich werde ihm noch einmal sagen, dass die Japaner über Atomwaffen verfü- gen.« »Ein Verräter! In Zeiten wie diesen!« »Gerade in Zeiten wie diesen«, antwortete Janos Ilin. Die stinkende, abgestandene Luft im Boot bewegte sich nicht. Alle Ventilatoren waren ausgeschaltet worden, um die Batterien zu scho- nen und den Geräuschpegel zu reduzieren. Jeder Mann saß in einer Wolke seines eigenen Gestanks. Das Boot lag seit einer Stunde auf dem Grund. Esenin und zwei seiner Taucher hatten es vor 20 Minuten durch die Luftschleuse verlassen. Während der letzten Stunde waren mehrere Schiffe so dicht vor- beigefahren, dass man sie ohne Sonar hören konnte. Nur Saratov und der Sonartechniker wussten mehr als das, weil beide Kopfhörer trugen. Saratov hatte gerade geschlossen, dass sich sechs Schiffe in- nerhalb des hörbaren Bereichs befanden, als der Mann am Sonar flüsterte, dass es sieben wären. Sie fuhren auf die versenkte Fregatte zu und bargen wahrscheinlich Überlebende aus dem Wasser. Im Augenblick lag die Admiral Kolchak knapp 10 Kilometer von diesem Punkt entfernt auf dem Grund. Die Anzahl der Flugzeuge war schwieriger zu beurteilen, weil das Dröhnen ihrer Motoren kam und ging. Es mussten mehrere sein, vielleicht sogar vier Maschinen. Die Schiffe und Flugzeuge würden das U-Boot früher oder später orten. Obwohl das U-Boot auf Grund lag, würde ein Signal auf der Skala erscheinen, wenn ein Jäger nah genug herankam. Pavel Saratov saß da und sah Major Polyakov an, der auf dem Hocker des Navigators saß, dem Kapitän direkt gegenüber., In Esenins Abwesenheit war Polyakov lethargisch geworden. Saratov nahm an, das er wenig Phantasie hatte. Er war nicht dumm, nur phantasielos, ohne Ambitionen oder Ideen. Es gibt vie- le Menschen wie ihn auf der Welt, rief sich Saratov ins Gedächtnis, und sie schienen ganz gut zurecht zu kommen. Es ist sicher kein Verbrechen, das Denken anderen zu überlassen. Trotzdem blieb die Frage: Warum würde Polyakov den Knopf drücken und sich und jeden Mann auf dem Boot töten? »Sie würden sich selbst töten, nicht wahr, Polyakov?« »Ich werde tun, was für mein Land getan werden muss, Kapitän. Ich glaube an Russland.« »Und Sie sind der Einzige, der das tut?« Polyakov betrachtete Saratov misstrauisch. Anscheinend dachte er, dies sei eine Art Loyalitätstest. »Natürlich nicht«, sagte er. »Alek- sander Kalugin liebt Russland auch.« »Ich verstehe.« »Ich will nicht über diese Dinge reden.« »Diese Themen sind unbequem.« »Ich bin Soldat. Ich gehorche meinen Vorgesetzten. Jedem von ihnen.« »Ist Esenin Soldat? Ein richtiger Soldat?« »Was sonst?« Polyakov zog die Brauen zusammen. »Sie sind ihm während Ihrer Laufbahn schon einmal begegnet, nicht?« »Nein. Die Marineinfanterie ist ein großer Laden. Es gibt natür- lich Offiziere, die ich nicht kenne.« »Und Michmen!« »Eine Menge Michmen, die ich nicht kenne.« »Woher stammen Sie, Polyakov?« »Aus St. Petersburg, Kapitän. Mein Vater war Werftarbeiter.« Mehrere Minuten lang ging das so weiter. Der Major beantwor- tete die Fragen des Kapitäns, weil er der Kapitän war, doch seine, Antworten ließen keine inneren Zweifel erkennen. In den Gesich- tern der Seemänner, die in dem kleinen Raum standen und saßen, spiegelte sich die Tortur, die sie durchlebt hatten, und das Entset- zen über den Abgrund, an dem sie standen. Sie sahen Polyakov an, als wäre er ein Monster, was den Major nicht im Geringsten zu stö- ren schien. Esenin hatte eine gute Wahl getroffen. In diesem Moment wurde das Schraubengeräusch eines Schiffs hörbar. Saratov blickte kurz zur Decke, wie die meisten der Män- ner im Raum, einschließlich Polyakov. Der Lärm wurde lauter und lauter. Als das Schiff direkt über das U-Boot hinwegdonnerte, zog Pavel Saratov seine Tokarev aus der Tasche und schoss Major Polyakov in den Kopf. Der Major kippte seitwärts vom Hocker und fiel auf den Boden. Der Kasten blieb auf dem Kartentisch liegen. Saratov griff mit der linken Hand danach, während er seine Pistole auf den Marineinfan- teristen richtete, der ihm mit offenem Mund gegenüberstand, das Gewehr in der Hand. Der Obersteuermann nahm dem Michman Gewehr und Pistole ab. »Jetzt heißt es Farbe bekennen, Obersteuermann. Sind Sie dabei oder nicht?« »Wir stehen hinter Ihnen, Kapitän. Alle.« »Gehen Sie und entwaffnen Sie die Infanteristen. Sammeln Sie alle Waffen ein und bringen Sie sie hierher. Und schicken Sie Mich- man Martos zu mir. Schnell. Wir haben nicht viel Zeit.« Der Navigator wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß aus dem Gesicht. Er war den Tränen nahe. »Oh, danke, Kapitän! Ich würde lieber sterben, als den Dritten Weltkrieg auszulösen.« »Wenn wir kein Glück haben, mein Junge, werden wir beides tun. Nehmen sie die Pistole des Majors und entwaffnen Sie die Infan- teristen im Maschinenraum und Batterieraum.« »Und wenn sie mir ihre Waffen nicht geben?«, »Schießen Sie, und zwar verdammt schnell. Los jetzt.« Saratov hob den Kasten auf. Er war sehr leicht. Er benutzte ein Taschenmesser, um die Rückseite aufzubrechen, die nur mit drei Schrauben befestigt war. Der Kasten enthielt lediglich eine Batterie. Keinen Sender. Eine Attrappe. »Kapitän«, sagte der Sonartechniker. »Ein Hubschrauber schwebt auf unserer Backbordseite. Er ist sehr nah. Er muss eine Sonarhülse eingetaucht haben.« 24. KAPITEL

Die Bomber, die nach Tokio fliegen sollten, starteten als Erste,drei MiG-25, eine nach der anderen. Die vier sie eskortieren-

den Suchois mit Yan Chernov als Schwarmführer rollten auf die Startbahn, als die letzte MiG abhob. Chernov und sein Rottenflie- ger machten einen Halbstaffel-Start, Chernov auf der linken Seite. Sicher in der Luft, drehte Chernov leicht nach links, so dass er über seine rechte Schulter zurückblicken konnte. Ja, die anderen beiden Suchois starteten ebenfalls. In weniger als einer Minute hatten die vier Jagdbomber zueinan- der aufgeschlossen und stiegen, um die drei MiGs einzuholen, die in Dreierformation auf Kurs aufstiegen. Der Tateyama-Angriff sollte zehn Minuten später folgen. Leider hing diese ganze Entwicklung davon ab, sich an drei Stellen entlang dieser Strecke mit den Tankern zu treffen. Die Tanker waren schon vor Stunden von Basen weiter östlich gestartet. Das behauptete je-, denfalls ein Moskauer General nach langem Geschrei am Telefon. Ein koordinierter Angriff, präzise Rendezvous, über ein Dutzend Flugzeuge, die über Tausende von Kilometern genau geplante Rou- ten einhielten – die Russen hatten das in all den Jahren nicht ein einziges Mal geübt. Wenn die Tanker nicht am Treffpunkt waren, wenn ihre Pumpen nicht funktionierten, wenn die Tankflugzeuge oder Kampfbomber technische Probleme bekamen, wenn ein Tan- kerpilot etwas vermasselte, wenn die Japaner mit Zeros angriffen – jede dieser durchaus wahrscheinlichen Eventualitäten würde die Bomber daran hindern, Japan zu erreichen. Der General aus Moskau hatte darüber nicht reden wollen. Der Morgen war kühl, doch der Tag würde heiß werden. Schon bildeten sich Wolken über den Berggipfeln. Hier und dort wuchs ein Kumulonimbus in den Thermiken, aus dem sich ein nachmit- tägliches Gewitter entwickeln könnte. Alle Wolken lagen unterhalb der Jagdbomber, die in 13.000 Metern Höhe folgten. Der Sauer- stoff schmeckte nach Gummi. Yan Chernov sog ihn ein, sah kurz auf seine Cockpithöhenanzeige und versuchte es sich auf dem Schleudersitz bequemer zu machen. Wie besprochen, teilte Chernov seinen Schwarm aus vier Maschi- nen in zwei Gruppen. Sich selbst und seinen Rottenflieger positio- nierte er fünf Kilometer voraus und rechts von der Angriffsforma- tion, die andere Sektion in ähnlicher Position auf der linken Seite. Er blickte auf seine Uhr. Anderthalb Stunden bis zum ersten Tan- kertreffpunkt. Der Major saß da, hörte auf das ECM-Gerät und beobachtete die Wolken in der tieferen Atmosphäre. Dort unten gab es Sandstürme, undurchsichtige Bereiche, die das Land verbargen. Erstaunlich, wie gut die Sicht aus dieser Höhe war. So muss Gott die Erde sehen, dachte er., Nach peinlich genauer Prüfung ihrer Ausweispapiere durfte der Wa- gen mit Stolypin und Ilin die kleine Brücke am Haupteingang des Kremls überqueren und seine Insassen absetzen. Die beiden Män- ner betraten dann einen nahe gelegenen Raum, in dem sie durch- sucht wurden. Zuerst leerte jeder den Inhalt seiner Taschen in einen Plastikkas- ten: Uhr, Geld, Schlüssel, Ausweispapiere, alles. Andere Sicherheits- leute prüften den Inhalt ihrer Aktentaschen. Sie entkleideten sich in separaten Kabinen unter den Augen zweier Getreuer Kalugins, die dann ihre nackten Körper untersuchten. Nackt standen sie in den Kabinen, während ihre Kleidung mit einem Fluoroskop, einer Vor- richtung wie bei der Gepäckkontrolle auf dem Flughafen, durch- leuchtet wurde. Die Sicherheitsleute durchleuchteten jedes Kleidungsstück ein- schließlich Schuhe, Gürtel und Krawatte. Als sie seine Kleidung zurückbrachten, zog Ilin sich wieder an. Dann verließ er die Kabine und ging zu einem Tisch, wo ein Offi- zier mit seinen Schlüsseln und seiner Brille spielte. Der Offizier, etwa vierzig und fett, prüfte den Kamm, besah sich die Bilder in der Brieftasche, stülpte dann die Brieftasche um und durchleuch- tete sie noch einmal. Eine so gründliche Prüfung hatte Ilin noch nie erlebt. Ein anderer Offizier händigte ihm sein Geld, seine Schlüssel und seine Uhr aus und betrachtete dann den FIS-Ausweis und den Pass. Er zog die Ausweise durch Schwarzlicht, um ihre Echtheit sicherzu- stellen, und untersuchte dann beide mit einem Vergrößerungsglas, bevor er sie zurückgab. Ilin hatte an diesem Abend zwei Stifte dabei, einen Kugelschrei- ber und einen amerikanischen Füllhalter. Der dicke Offizier saß da und drückte den Knopf des Kugelschreibers, der die Miene ein- und ausführte, Klick, Klick, Klick, während er jede einzelne von Ilins Zigaretten durchleuchtete. Als er damit fertig war, legte er sie in ein, Blechetui, das die Insignien des KGB trug, und legte es auf den Tisch. Er machte mit dem Kugelschreiber ein paar Notizen auf ei- nem Schmierblock, legte ihn dann hin und nahm den Füllhalter. Er öffnete ihn, besah ihn sich unter einem Vergrößerungsglas, drehte ihn dann wieder zu und legte ihn neben den Kugelschreiber. Ilin trug zwei Ringe, einen mit den alten KGB-Insignien, einge- ritzt in einen Opal, der andere ein einfacher goldener Trauring, der seinem Großvater gehört hatte. Er trug den Trauring normalerweise an der rechten Hand, da er nicht verheiratet war. Der KGB-Ring faszinierte die Wache. Natürlich durchleuchtete er ihn. Dann be- gann er, mit einem Taschenmesser an dem Stein herumzustochern und versuchte, ihn aus der Fassung zu holen. »Wollen Sie meinen Ring zerstören?«, fragte Ilin mit unterdrück- tem Zorn. Er wandte sich an die Aufsicht. »Dieser Offizier versucht, meinen Ring zu zerstören.« »Er tut nur seine Pflicht.« »Sie bezahlen ihn, um Steine aus den Fassungen zu pulen?« »Lassen Sie mich den Ring sehen.« Der Aufsicht habende Wach- mann nahm eine Lupe und prüfte den Stein darunter. »Wenn Sie wollen, kann ich ihn hier lassen, bis ich wieder gehe«, schlug Ilin vor. Der Mann gab ihm den Ring und legte die Lupe zur Seite. Inzwi- schen ergriff der Sicherheitsoffizier am Tisch Ilins Feuerzeug, ein ungeschlachtes Souvenir mit Hakenkreuz. Er strich mit einer Fin- gerspitze über das Hakenkreuz und sah Ilin mit einer hochgezoge- nen Augenbraue an. »Von meinem Vater«, sagte Ilin. »Er hat den deutschen Offizier getötet, dem es gehörte.« Die Wache zündete das Feuerzeug mehrmals: Eine Flamme er- schien. Dann nahm er es auseinander. Er entfernte die Baumwoll- dichtung, prüfte den Docht und das Rad und baute das Ding dann, wieder zusammen. Schließlich stieß er den Stapel vom Tisch, damit Ilin ihn aufhob. Er sagte nichts, saß nur dort und starrte Ilin an, der seine Sachen einsteckte und seine Krawatte zurechtrückte. Der Marschall brauchte ein bisschen länger, bis er wieder angezo- gen war. Als er aus seiner Kabine trat, folgte ihm der Offizier und beobachtete, wie er seine Habseligkeiten einsteckte und seine Uhr um sein Handgelenk band. Keiner der Sicherheitsleute sagte ein Wort. Als der Marschall fertig war, nahm er seinen Aktenkoffer und sah Ilin an. »Hier entlang«, sagte eine der Wachen. Sie waren lange unterwegs – über mehrere Höfe, zwei Treppen- fluchten hinauf, dann durch mehrere Flure, die mit Bildern längst vergessener Adeliger aus dem 18. und 19. Jahrhundert geschmückt waren. Schließlich betraten sie Kalugins Empfangsbereich. Zwei Beamte in Zivil durchsuchten sie noch einmal, während ein Sekretär sie beobachtete. Erst dann wurden sie in Kalugins Büro geführt. Einer der Sicherheitsleute schloss die Tür hinter ihnen und blieb, den Rü- cken zur Tür, drinnen stehen. Aleksander Kalugin blickte von seiner Schreibarbeit auf. »Ah, Marschall Stolypin. Janos Ilin. Ich habe auf Sie gewartet.« Das erste russische Tankerrendezvous klappte wie am Schnürchen, was Chernov etwas aus der Fassung brachte. Eine MiG nach der an- deren reihte sich hinter dem Tanker auf, bekam eine volle Treib- stoffladung und machte dann den Suchois Platz. Obwohl die MiG- Piloten in den letzten sechs Monaten nicht mehr als zwei Flüge ab- solviert hatten, lagen sie in korrekter Position, als ob sie dies jeden Tag übten., Es gab drei Tanker: einen für den Angriff auf Tokio, einen für das zehn Minuten später folgende Tateyama-Angriffsteam und einen als Reserve. Das Tateyama-Angriffsteam tauchte auf, als das Tokio-Kampfteam auf Kurs aus der Rendezvousrennbahn abflog. Die Angriffsteams passierten den amerikanischen Stützpunkt in Chita 160 Kilometer nördlich. Von hier zum nächsten Rendezvous waren sie innerhalb der Reichweite der Zeros in Chabarowsk. Chernov regelte die Emp- findlichkeit seines ECMs hoch. Als sie zwei Stunden zuvor zu ihren Maschinen hinausgegangen waren, hatte einer der Piloten einen anderen gefragt: »Wie wird das wohl sein, Tokio zu bombardieren?« Chernov hörte die Frage zufällig, doch er bekam die Antwort nicht mit. Die wirkliche Frage war, grübelte Chernov jetzt, wie jeder von ihnen mit dem Wissen leben würde, Millionen von Menschen ab- geschlachtet zu haben. Zehn Millionen? 20? 30? 30 Millionen Men- schen waren sicher im Bereich des Möglichen, entschied er. Viel- leicht auch mehr. Was zum Teufel dachten sich diese Idioten in Moskau dabei? War Sibirien so viel Blut wert? Er schüttelte müde den Kopf. Er war Soldat. Es war schändlich diese Gedanken zu denken, Gedanken eines Verräters. Er rückte sei- ne Sauerstoffmaske zurecht und überprüfte seine Instrumente, den verbleibenden Treibstoff und die Position seines Rottenfliegers Ma- lakov, oder wie er auch hieß. Chernov war noch nie mit ihm geflo- gen. Er war neu, von einem Geschwader in der Nähe von Moskau. Es ging das Gerücht, dass dieser Verrückte sich für diese Mission freiwillig gemeldet hatte. Vielleicht wollte er einen Orden, eine Beförderung, Anerkennung, sein Bild in den Zeitungen als Held der russischen Republik. Oder war er voll Hass auf die verräterischen Erzfeinde, auf Japan? Einer, der Zivilisten aus Moskau hatte vor den Piloten eine Rede gehalten und sich etwa in dieser Art über die Japaner geäußert. Chernov verdrehte den Hals und durchsuchte den Himmel, bis er alle drei MiGs ausfindig gemacht hatte, die dort draußen lauer- ten wie Fische in einem unsichtbaren Meer. Haie. Seine Mutter – was hätte sie wohl zu alldem gesagt? Vielleicht fühlte sich Malakov so ähnlich wie Chernov. Vielleicht war er nur lebensmüde und wollte sterben. »Kommen Sie, meine Herren, setzen Sie sich.« Aleksander Kalugin wies mit einer Handbewegung auf die Sessel vor dem Schreibtisch. Er hob ein Blatt Papier hoch. »Was ist das, Marschall? Ein Rück- tritt?« »Herr Präsident, ich denke, es ist an der Zeit, dass jemand anderes als Stabschef dient.« Kalugin lehnte sich in seinem Stuhl zurück und zog seine Hosen hoch. »Stolypin, Sie haben Ihrem Land gut gedient. Sie bauen uns eine Armee auf, eine Armee, wie wir sie brauchen. Wir befinden uns im Krieg. Wir können Sie nicht entbehren.« Er sagte das alles, während die Wache von ihrem Posten an der Tür die Szene beobachtete. Der Mann hatte die Arme vor der Brust verschränkt. »Ich stimme Ihrem Entschluss absolut nicht zu, diesen Konflikt eskalieren zu lassen. Die Japaner können Atomwaffen haben, und sie könnten sie gegen Russland einsetzen. Das ist ein Risiko, das wir nicht hinnehmen können.« »Ihre Einwände sind zur Kenntnis genommen worden. Trotzdem entscheide ich, welche Risiken wir eingehen sollten. Ich bin verant- wortlich.« »Das hier ist keine Lappalie, Herr Präsident. Ich bin der Ansicht, dass ich zurücktreten muss. Sie brauchen Soldaten, die, selbst wenn, sie nicht mit Ihnen übereinstimmen, die Politik Ihrer Regierung unterstützen können. Ich kann das nicht.« »Marschall Stolypin, die Japaner besitzen keine Atomwaffen. Ich weiß nicht, wer Ihnen diese falsche Information zugeflüstert hat« – er hielt die Hand hoch – »und es ist auch ganz gleich. Atomwaffen sind meine Sorge.« »Herr Präsident, ich widerspreche dem mit allem Nachdruck.« »In Ihrem Rücktrittsgesuch steht, dass Sie mit siebzehn in die Ar- mee eingetreten sind. Vierundfünfzig Jahre.« Stolypin nickte. »Jeder in Uniform gehorcht den Befehlen seiner Vorgesetzten ein- schließlich des Stabschefs. Sie wissen das. Ich interessiere mich nicht für Ihre Unterstützung. Sie haben Ihre Meinung gesagt, ich habe die Angelegenheit entschieden, und jetzt werden Sie gehor- chen und weitermachen. Sie werden weitermachen, bis ich Sie aus Ihrer Verpflichtung entlasse.« Kalugin ergriff einen Stift und schrieb quer über den Brief: »Abge- lehnt. Kalugin.« Dann reichte er ihn dem Marschall. »Die nationale Politik ist meine Sache«, sagte Kalugin mit aus- druckslosem Gesicht. »Wir können nicht sechs Monate damit war- ten, die Japaner zu bekämpfen – unter keinen Umständen. Genauso wenig können wir ein Stück unseres Landes aufgeben. Die Japaner müssen mit aller Macht vertrieben werden. Sie müssen bluten. Jetzt! Das russische Volk ist sich so einig wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Das ist unsere Gelegenheit, diese verzweifelten, hoff- nungslosen Menschen zu einer Nation zusammenzuschweißen. Wenn wir diese Gelegenheit versäumen, könnten wir nie wieder eine zweite bekommen. Eine starke, vereinte Nation, in der die Dis- sidenten endlich zum Schweigen gebracht worden sind – das sind wir Mütterchen Russland schuldig.« Kalugin lachte höhnisch. »Vor ein paar Minuten hat der amerika- nische Präsident am Telefon mit einem wirtschaftlichen und politi-, schen Boykott gedroht, ›totale politische Isolation‹ sagte er, wenn Russland Atomwaffen gegen den japanischen Aggressor zum Ein- satz bringt.« Kalugin schüttelte Unheil verkündend den Kopf. »Die- ser Mann versteht nicht, dass das Leben Russlands auf dem Spiel steht. Dies ist unser Augenblick.« Stolypin atmete tief durch. Er schaute kurz Ilin an, der Kalugin sehr aufmerksam gefolgt war. Ilin drehte sich halb um, um zu sehen, was die Türwache von all dem hielt. Der Mann stand immer noch mit verschränkten Armen da. Sein Blick begegnete dem Ilins. Stolypin murmelte etwas Unhörbares. Er holte ein Taschentuch aus der Tasche und wischte sich Hände und Gesicht ab. »Was haben Sie gesagt?«, fragte Kalugin. »Ich glaube, Sie liegen falsch, Herr Präsident«, sagte Stolypin rundweg. »Ich habe jedoch vor vielen Jahren einen Eid geschworen. Ich werde gehorchen.« Kalugin gab sich damit zufrieden. Sein Blick wanderte zu Ilin. »Warum sind Sie hier?« »Herr Präsident, ich habe Marschall Stolypin begleitet«, antwor- tete Janos Ilin, »um Ihnen eine wichtige Information zukommen zu lassen. Wie Sie wissen, kennen die Amerikaner Ihre Pläne, Nuklear- waffen einzusetzen. Die Japaner kennen Sie ebenfalls. Ein Spion hat es ihnen verraten.« Kalugin blinzelte mehrmals, wie eine Eule. Oder wie eine Eidech- se. Ilin zog seinen Stuhl näher heran und lehnte sich vor. »Ich glau- be, der Verräter sitzt in Ihrem Stab.« »Wer ist es?« »Die Japaner nennen ihn Agent Ju oder Agent Zehn. Er hat den Japanern seit Jahren Informationen übermittelt. Jetzt verrät er Ge- heimnisse an die Amerikaner.« Kalugin knurrte fast. »Können Sie diesen Mann finden?« »Wir sind dabei, Herr Präsident. Ich bin heute mitgekommen, um, Sie zu warnen.« »Ich habe mir schon so etwas gedacht«, schoss Kalugin zurück. »Aber wir werden ihn finden. Sie werden mit meinen Leuten zusam- menarbeiten. Geben Sie ihnen alles, wonach sie fragen.« »Ja, Herr Präsident.« »Wir müssen wieder politische Gesinnungsprüfungen einführen. Finden Sie heraus, was die Leute glauben, was sie sagen, wenn sie sich unbeobachtet glauben. Wir müssen wissen, wer zuverlässig ist und wer nicht. Ich sehe keine andere Möglichkeit. Ihr Geheim- dienst wird mit vielem davon beauftragt werden, so wie früher. Die modernen Reformen haben nicht funktioniert.« Kalugin kreuzte die Hände auf dem Schreibtisch. »Viele Menschen haben nicht an die neuen Wege geglaubt. Das wird eine populäre Bewegung sein.« »Ja, Herr Präsident.« »Ihr Direktor soll für morgen einen Termin mit mir vereinbaren lassen. Wir dürfen keine Zeit verschwenden.« Kalugin lehnte sich in seinem Stuhl zurück und stand auf. »Meine Herren, ich danke Ihnen für Ihre Hingabe an Ihre Nation und an mich.« Er kam um den Tisch herum und stand vor ihnen. »Ich verkörpere jetzt unser Land. Ich bin Russland, sein Geist und seine Seele. Ich werde es gut beschützen. Das ist mein heiliger Auf- trag.« Ilin befand sich auf der rechten Seite des Präsidenten und als Ka- lugin zur Tür ging, blieb er auf gleicher Höhe. Der Moment kam, als die Wache sich umdrehte und nach der Klinke griff. Für wenige Sekunden kehrte er ihnen den Rücken zu. Janos Ilin hielt seinen Füllhalter in der Hand. Er stieß ihn einige Zentimeter vor Kalugins Mund und drückte fest auf den Nachfüll- hebel. Ein kühler, klarer Strahl spritzte aus einem Loch dicht unter der Feder. Erschrocken holte Kalugin tief Atem. »Was –«, fragte er laut. Dann blieb sein Herz stehen. Er fiel vornüber, Ilin fing ihn auf, und ließ ihn zu Boden gleiten. Ilin fiel neben dem Präsidenten auf die Knie. Er tastete nach der Halsschlagader. »Mein Gott, sein Herz schlägt nicht mehr! Er hatte einen Herzinfarkt!« Zu der Wache sagte er: »Schnell, rufen Sie die Ärzte! Der Präsi- dent hatte einen Herzinfarkt!« Als die Wache aus dem Zimmer hastete, spritzte Ilin eine weitere Portion aus dem Stift in Kalugins Mund, um sicher zu gehen. Dann steckte er den Füllfederhalter in die Tasche. Er lockerte Kalu- gins Krawatte, riss Jacke und Hemd auf und begann mit der Wie- derbelebung. Er pumpte heftig auf das Herz des toten Mannes ein, als das Ärz- teteam 30 Sekunden später herbeieilte. Ilin hatte ihm schon einige Rippen gebrochen; er hatte es gespürt. Die Ärzte überprüften schnell die Lebenszeichen des Präsidenten, während sich fünf seiner Männer um sie versammelten. Ein Arzt stieß eine Nadel direkt durch Kalugins Brustkasten in sein Herz und gab ihm eine Injektion. Dann verabreichten sie ihm einen Elektroschock mit Elektroden. Der Körper zuckte. Wieder die Elektroden. Nichts. Janos Ilin wischte sich mit dem Ärmel seines Jacketts den Schweiß von der Stirn. Marschall Stolypin beobachtete die Mediziner mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck. Drei von Kalugins Leutnants standen hinter ihnen. Einer fragte die Wache: »Was haben Sie gesehen?« »Er hatte einen Herzinfarkt. Dieser Mann hat ihn aufgefangen, als er zusammenbrach. Es war bestimmt ein Herzanfall. Ich habe ihn nicht aus den Augen gelassen.« Schließlich entschieden die Ärzte, dass der Fall hoffnungslos war. Sie packten ihre Ausrüstung zusammen und verließen das Zimmer., Kalugin lag noch auf dem Boden, Hemd und Jacke lagen neben ihm. Die Wache war nirgends zu sehen. Kalugins Männer folgten den Medizinern. Der letzte sah kurz Ilin und Stolypin an, zuckte die Achseln und eilte dann hinter den anderen her. Stolypin griff zum Telefon. Es dauerte mehrere Minuten, bis er Verbindung mit der Person bekam, die er erreichen wollte. Inzwi- schen schloss Ilin Kalugin die Augen und breitete das Jackett des toten Mannes über ihn. »Hier Marschall Stolypin. Ich rufe an, um die Befehle zu widerru- fen, die Präsident Kalugin gegeben hat, um Japan mit Atombom- ben anzugreifen … Er ist tot… Ja, der Präsident ist tot. Ein Herzin- farkt, vor wenigen Minuten … Es gibt keinen Zweifel; ich schwöre es … Kommen Sie mir nicht mit so was! Ich kenne Sie seit zwanzig Jahren, Vasily. Ich befehle, dass Sie die Bomber nicht starten las- sen.« Stolypin hörte einen Moment zu, dann bedeckte er die Muschel mit der Hand. »Er kann sie nicht mehr stoppen. Sie sind vor zwei Stunden gestartet. Fünf von Kalugins Männern sind noch in sei- nem Hauptquartier, bewaffnet bis an die Zähne. Es wurde aus- drücklich angeordnet, dass die Piloten aus keinerlei Gründen um- kehren sollten.« Stolypin lauschte noch ein paar Sekunden und brummte dann einen Abschied. Ilin ging aus dem Zimmer in den Empfangsbereich. Marschall Stolypin folgte ihm. Der Empfangsbereich war verlassen. Die Männer schritten den Korridor entlang, den sie gekommen waren. Sie begegneten niemandem. An der großen Treppe gab es ein Fenster. Durch das konnten sie die beleuchteten Flächen des Kremls und das Haupttor sehen. Kalugins Getreue eilten auf das Tor zu. Ilin und Stolypin sahen zu, wie sich das Anwesen leerte. Nicht, eine einzige Person blieb. »Den Piloten wurde befohlen, Japan zu bombardieren und dann nach Irkutsk zurückzukehren.« »Werden sie es tun?« »Wenn sie Frauen und Kinder haben, fürchte ich, kommt es ihnen nicht in den Sinn, dass sie eine Wahl haben.« »Vielleicht, Marschall«, sagte Ilin, »sollten wir den heißen Draht benutzen und Washington anrufen. Der amerikanische Präsident könnte in der Lage sein, uns zu helfen.« Seite an Seite gingen sie durch den leeren Korridor zum Büro des Präsidenten zurück. »Er war verrückt, das wissen Sie«, meinte Stolypin. »Ja.« Pavel Saratov stand unter der Luftschleuse im vorderen Torpedo- raum und sah Michman Martos dabei zu, wie er seine Sauerstofffla- schen überprüfte und sie umschnallte. »Drei gegen einen«, sagte Saratov. »Ich wünschte, wir könnten Ihnen jemanden mitgeben.« »Wird schon gut gehen.« Martos konzentrierte sich darauf, seine Ausrüstung zu überprüfen und korrekt anzulegen. Der Kapitän dachte offensichtlich an andere Dinge, was in Ordnung war. Des- halb war er ja der Kapitän. »Versuchen Sie rauszufinden, wie die Zeitzünder funktionieren und schalten Sie sie aus.« »Das kann ein paar Minuten dauern.« »Atomkrieg, das Ende der Welt … Ich will keinen Anteil daran ha- ben.« »Verstehe, Kapitän.« Martos sah Saratov kurz an, der um zehn Jahre gealtert zu sein schien. Diese letzten Wochen hatten sie alle altern lassen, dachte Martos., »Ihr seid alle Verräter«, warf einer der Marineinfanteristen ein. Er war entwaffnet worden, saß auf einer nahe gelegenen Koje und sah zu, wie Martos sich fertig machte. »General Esenin wird –« Saratov blickte kurz den Torpedo-Michman an, der dem Infante- risten auf den Mund schlug. »Keinen Laut mehr, kleb seinen Mund zu.« »Aye, aye, Kapitän.« Der Michman, der einen Kopfhörer trug, meldete laut: »Kapitän, Sonar meldet zwei Zerstörer in zehntausend Metern, kommen schnell näher.« Saratov klopfte Martos auf den Arm. »Beeilen Sie sich.« »Aye, Kapitän.« Martos setzte sich seine Taucherbrille auf und stieg die Leiter hin- auf. Während die Torpedomänner hinter ihm die Luke schlossen, ging Saratov in die Zentrale. Bleiche Gesichter beobachteten jeden seiner Schritte. Er versuchte, seine Schritte zu kontrollieren, doch die Männer mussten denken, er renne aus Leibeskräften. »Zwei Zerstörer«, berichtete der Sonar. »Bei neuntausendfünfhun- dert Metern. Und zwei weitere Hubschrauber.« »Messen sie mit Echopeilung?« »Ja, Kapitän.« Askold hatte den zweiten Sonarkopfhörer getragen und reichte ihn jetzt wortlos dem Kapitän. Er sah sehr müde aus. Als er in der dunklen Schleusenkammer wartete, während das kalte Wasser hereinströmte, fühlte Martos die zugeklappte Luke über sei- nem Kopf. Esenin hatte sie geschlossen, sobald er außerhalb des Boots war. Hätte er die Luke offen gelassen, hätte niemand anderes die Luftschleuse benutzen können. War das Schließen der Luke ein taktischer Fehler oder wartete Esenin darauf, dass jemand heraus- kam?, Eingeschlossen in diesen Stahlzylinder, während das Wasser an seinen Schultern vorbeiströmte, erinnerte sich Martos daran, dass Esenin und einer seiner Männer als Erste hinausgegangen waren, dann der dritte Mann. Dieser dritte Mann also musste die Luke hinter sich geschlossen haben. Das kalte Wasser schoss mit hohem Druck in die Kammer. Diese kleine, vollkommen dunkle Stahlkammer voll kaltem Meerwasser war nichts für Leute, die unter Klaustrophobie litten. Das Wasser war jetzt über seinem Kopf. Reinen Sauerstoff aus den Flaschen auf seinem Rücken atmend, wartete Martos, bis das Geräusch des einströmenden Wassers völlig verebbte. Er konnte das Klingeln des japanischen Sonars hören, der die Dunkelheit durch- suchte. Saratov hatte Recht: Ihre Zeit lief ab. Martos packte das Rad an der äußeren Luke über seinem Kopf. Er drehte daran. Das Rad gab nicht nach. Martos brummte in seine Taucherbrille und stemmte sich mit aller Kraft dagegen. Das Rad drehte sich um 90 Grad, und er drückte gegen die Luke. Sie ging nach außen auf. Martos schwamm hindurch. Das Licht war trübe, die Sicht im dunklen Wasser sehr be- schränkt. Er konnte höchstens drei Meter weit sehen. Er zog sein Messer und hielt es in der rechten Hand bereit. Er warf schnell einen Blick in alle Richtungen, auch nach oben. Nur ein paar Zentimeter über dem Stahlrumpf schwamm Martos nach achtern. Die ersten beiden Container kamen in Sicht. Sie schienen ge- schlossen zu sein, die Metallbänder, die sie umschlossen, waren noch an ihrem Platz. Als er näher kam, sah er, wie zwischen den Containern jemand in halb aufgerichteter Position nach hinten schaute. Die anderen bei- den Männer mussten über diesem Kerl sein., Martos' Adrenalinspiegel schoss in die Höhe. Er war bereit. Er schwamm nach oben und über den linken Container, der etwa anderthalb Meter hoch war, näherte sich dem Mann, dessen linke Schulter er sehen konnte. Als er näher kam, sah er die beiden ande- ren, die Köpfe gebeugt. Sie hatten den einen Container geöffnet, beugten sich darüber und waren mit dem Inhalt beschäftigt. Eine kleine Lichtquelle zeichnete ihre Umrisse im finsteren Wasser ab. Martos nahm die Szene mit einem einzigen Blick wahr und nä- herte sich schnell dem nächsten Mann, der immer noch fast bewe- gungslos verharrte. Der Kopf des Mannes gegenüber fuhr hoch, ge- rade als er mit dem Messer zustach, es bis zum Heft in die Hals- seite des Mannes bohrte. Mit einer ruckartigen, drehenden Bewe- gung riss er das Messer heraus und dunkles Blut sprudelte wie Tin- te. Martos stieß das Opfer mit der linken Hand zur Seite. Sein Schwung trug ihn zu dem Mann hinauf, der den Kopf gehoben hatte. Er schlug mit dem Messer zu, doch der Mann bewegte sich rück- wärts, so dass das Messer sein Ziel verfehlte. Als er an dem dritten Mann vorbeischwamm, schmetterte Martos einen Ellenbogen gegen dessen Mundstück und schlug es ihm aus dem Mund. Heftig mit den Beinen rudernd schoss der Spetsnaz- Kämpfer zum zweiten Mann hinüber und stieß wieder mit der Klin- ge zu. Dieses Mal prallte das Messer gegen einen Schraubenschlüs- sel, den der Mann in der Hand hielt. Der Mann ließ den Schraubenschlüssel fallen. Der menschliche Hai, der ihn angegriffen hatte, drang unerbittlich auf ihn ein. Ein weiterer Stoß mit der Klinge nach der Sauerstoffleitung schnitt tief in seine Schulter. In Panik packte der Mann mit einer Hand Martos' Brille und riss sie weg. Dieses Mal rammte Martos die Klinge tief in den Unterleib des Mannes und riss sie mit der gleichen Bewegung wieder heraus,, dann schob er den sterbenden Mann weg und drehte sich nach seinem letzten Gegner um. »Achttausend Meter, Kapitän. Sie machen mindestens dreißig Kno- ten. Jetzt wird einer von ihnen langsamer. Der andere steuert in un- sere Richtung.« Ping! Dieses verdammte Geräusch. »Die Hubschrauber? Wo sind die?« »Einer ist über uns, Kapitän. Ich glaube, er hat eine Sonarhülse eingetaucht.« Saratov konnte den harten Rotorschlag eines Hubschraubers in seinem Kopfhörer hören. Es klang, als ob der Hubschrauber schwebte. Ping! »Wie lange ist Martos schon draußen?« »Über eine Minute, Kapitän.« Jeder in der Zentrale sah ihn an, wartete darauf, dass er ein Wun- der ausbrütete, ein Kaninchen aus dem Hut zog. Pavel Saratov griff in Askolds Hemdtasche, zog eine Zigarette her- aus, zündete sie an und nahm einen tiefen Zug. Esenin war kein Amateur. Er kämpfte wie ein gut trainierter Profi, vergeudete keine Kraft und berechnete jede Bewegung. Seine Augen richteten sich auf Martos' Unterleib, nicht auf sein Gesicht. Er hat- te sein Messer in der rechten Hand. Und der Bastard grinste! Mar- tos sah das Blitzen weißer Zähne, ehe Esenin sein Mundstück wie- der in den Mund steckte. Zum ersten Mal verspürte Martos Angst. Grinste der General, weil er Martos mit einem Messer töten woll- te, oder grinste er, weil diese verdammte Bombe, an der er gearbei-, tet hatte, bald hochgehen würde? Esenin schlug mit dem Messer zu und Martos konterte, jedoch wie in Zeitlupe, weil all ihre Bewegungen vom Wasser verlangsamt wurden. Auf den ersten Blick schien es einfach zu sein, einem Zeit- lupenangriff auszuweichen, bis man merkte, dass die eigenen Bewe- gungen ebenso verzögert abliefen. Dann wurde der Wasserkampf zu einem fürchterlichen Alptraum. Martos bekam mit der linken Hand Esenins rechtes Handgelenk zu fassen und umklammerte es heftig. Bevor Martos einen Todesstoß mit seiner rechten Hand an- setzen konnte, ergriff Esenin ebenfalls sein Handgelenk. Martos war der stärkere von beiden. Er spürte, wie Esenins Kraft nachließ, und in diesem Moment bekam Esenin seine Füße hoch und trat zu. Die beiden Männer flogen auseinander. Martos musste einen Blick auf die Bombe werfen. Da war eine Tafel mit leuchtenden Ziffern. Esenin stieß sich vom Turm des U-Boots ab. Martos paddelte heftig, um ihm zu entgehen und schlug mit dem Messer zu, als Esenin unter ihn schwamm. Er fühlte, wie die Klinge ins Fleisch drang. Esenin wirbelte herum, war ihm gegenüber. Aus der Schulter sei- nes Taucheranzugs sickerte dunkles schwarzes Blut, oder vielleicht bildete sich Martos das nur ein. In der trüben Dunkelheit war es schwer zu erkennen. Dieses Mal kam Esenin von vorn und hielt das Messer tief, be- reit, aufwärts zu stechen. Martos benutzte seine Hände, um sich rückwärts zu bewegen und auf einen günstigen Moment zu warten. Etwas rammte in seine linke Schulter. Betäubt von Schmerz und Schock sah Martos an seiner Schulter hinunter. Aus dem Taucher- anzug ragte die Spitze einer Messerklinge, die im wässerigen Zwie- licht schimmerte., 25. KAPITEL

Sie warteten bereits, als Atsuko Abe das Kriegszimmer im Keller-geschoss des Verteidigungsministeriums betrat. Der Außenminis-

ter Cho, vier andere Minister und ein halbes Dutzend ranghohe Politiker aus der Diet. Der Stabschef der japanischen Streitkräfte, General Yamashita, stand in ihrer Mitte. »Was machen Sie hier?«, fragte Abe die Gruppe, als sie sich ver- beugten. Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er um sie herum. Er ging zum Sessel des Premierministers auf dem Podest und setzte sich hinein. »Ein russisches U-Boot befindet sich in der Sagami-Bucht, außer- halb der Mündung der Bucht von Tokio«, sagte er. »Ich nehme an, Sie haben davon gehört. Kommen Sie, wir müssen uns darum küm- mern.« Sie wandten sich zu ihm um. Der erhabene Stuhl ähnelte einem Thron, dachte Cho; es ärgerte ihn, dass so ein Gedanke ihn in die- sem Moment ablenken sollte. »Das U-Boot kann warten, Herr Premierminister«, antwortete Cho. »Wir sind wegen einer ernsteren Angelegenheit gekommen.« Abe sah von einem Gesicht zum anderen, musterte jeden von ihnen. »Mein Gewissen hat mich gezwungen, die Sicherheitsgesetze zu verletzen«, fuhr Cho fort. »Ich habe diesen Herren von Ihren Atomwaffenplänen berichtet, um die amerikanische Basis in Chita zu zerstören. Meine Kollegen haben entschieden, dass eine Über- prüfung stattfinden muss, bevor irgendeine Entscheidung in dieser so ernsten Angelegenheit getroffen werden kann. General Yamashita war bereit, sich mit uns zutreffen. Er hat bestätigt, dass Sie diesen, Angriff befohlen haben.« Abes Augen blitzten wütend. »Ohne Luftüberlegenheit, meine Herren, ist unsere Position in Sibirien unhaltbar. Wir können den Winter über unsere Streitkräfte nicht mit Nachschub versorgen. Bestreitet das irgendjemand?« Niemand sprach. Abe bohrte weiter. »General Yamashita? Stimmen Sie mit meiner Beurteilung überein?« Yamashita machte eine winzige bejahende Verbeugung. »Wir müssen die amerikanischen Flugzeuge eliminieren, oder wir verlieren den Krieg. Wenn wir den Krieg verlieren, stürzt diese Re- gierung. Wenn diese Regierung stürzt, wird Japan seine letzte Hoff- nung auf Größe verlieren. Bestimmt sehen Sie unser Dilemma. Ver- zweifelte Situationen verlangen nach extremen Mitteln – ich habe den Mut, zu tun, was getan werden muss.« »Herr Premierminister«, sagte Cho, »manchmal sind Niederlagen nicht zu vermeiden. Der kluge Mann fügt sich dem Unvermeidli- chen mit Würde.« »Niederlagen sind nie unvermeidlich. Unsere Entschlossenheit muss ebenso groß sein wie die Krise.« »Gegen das Unvermeidliche zu kämpfen, entehrt einen selbst.« Abe brauste auf. »Wie können Sie es wagen, mit mir über Ehre zu sprechen?«, brüllte er. Cho wich keinen Zentimeter zurück, was Abe überraschte. Das hätte er dem alten Mann nicht zugetraut. »Ich spreche von unserer Ehre, unserer kollektiven Ehre, Ihrer und meiner, der Ehre der Menschen in diesem Raum und der Ehre Japans. Wir müssen einen uns und unserer Nation würdigen Weg wählen.« »Und der wäre?«, flüsterte Abe. »Wir müssen uns aus Sibirien zurückziehen. Atomwaffen sind dem japanischen Volk verhasst. Sie als Abschreckung zu besitzen, ist eine Sache, sie aber gegen einen Feind einzusetzen, wenn das Le-, ben der Nation nicht auf dem Spiel steht, ist etwas völlig anderes.« »Das Leben Japans steht auf dem Spiel.« Wieder musterte Abe jedes Gesicht, versuchte in ihnen zu lesen. »Wir sind eine kleine, arme Insel in einem von großen Nationen umgebenen gewaltigen Ozean. Wir sind zwischen China und den Vereinigten Staaten ge- fangen. Mit Sibirien kann auch Japan groß sein. Ohne Sibirien …« Er verstummte. »Ihre Schwäche, Herr Premierminister«, sagte Cho langsam, »ist, dass Sie keinerlei Visionen außer Ihren eigenen für möglich erach- ten. Aber die Zeit der Diskussion ist vorbei. Die Entscheidung ist gefallen. Die japanische Regierung verrät die Ideale des japanischen Volkes nicht.« Abe schien in seinem großen Stuhl in sich zusammenzuschrump- fen. General Yamashita trat vor und legte ihm ein Stück Papier vor. »Bitte unterschreiben Sie das, Herr Premierminister, und widerrufen Sie alle Vorbereitungen für den Atomschlag.« Abe machte eine sehr kleine Geste und winkte das Papier fort. »Das kann ich nicht«, flüsterte er heiser. »Die Operation wurde vor einer halben Stunde gestartet.« »Rufen Sie sie zurück«, sagte einer der höheren Politiker streng. Atsuko Abe lächelte grimmig. »Es bestand immer die Gefahr, dass schwache Männer den Mut verlieren könnten. Den Piloten wurde befohlen, alle Rückrufbefehle zu ignorieren.« Die Politiker standen wie betäubt da und versuchten, die Unge- heuerlichkeit von Abes Schritt zu erfassen. Cho war einer der Ersten, der die Sprache wiederfand. »Begleiten Sie mich«, bat er General Yamashita. »Wir werden den amerikanischen Präsidenten anrufen.« David Herbert Hood telefonierte noch mit Marschall Stolypin, als, der Anruf vom japanischen Verteidigungsministerium kam. Schwei- gend hörte Hood dem Übersetzer des Außenministers Cho zu. Als er begriff, dass Cho sagte, der Atomangriff gegen Chita sei vor 42 Minuten von Wladiwostok aus gestartet worden, betätigte Hood den Telefonlautsprecher, damit jeder im Raum den Übersetzer und im Hintergrund Chos rasches Japanisch hören konnte. Hood war entsetzt. Die Nachricht, dass der Atomangriff nicht zurückgerufen werden konnte, erschien ihm wie der komplette Wahnsinn. Die Russen hatten genau das Gleiche getan. »Mr. Cho«, antwortete Hood und versuchte, seine Stimme unter Kontrolle zu halten. »Ich habe gerade ein Telefonat mit dem russi- schen Stabschef beendet. Wissen Sie, dass Russland vor fast drei Stunden einen Atombombenangriff gegen Tokio und die Raketen- abschussrampen auf der Tateyama-Halbinsel gestartet hat?« Der Übersetzer feuerte zehn Sekunden Japanisch auf Cho ab, der voller Entsetzen fragte: »Tokio?« »Tokio«, donnerte David Hood. »Und diese verrückten Huren- söhne haben die Bombe, ohne irgendeine Möglichkeit losgeschickt, sie zurückzubeordern.« Cho sagte etwas, um die Nachricht auch wirklich richtig verste- hen zu können. Nach einem Moment fuhr Hood fort: »Ja, Sir. Die Russen haben genau das getan. Sie tun es gerade jetzt. Sechs MiG- 25-Bomber, drei für jedes Ziel mit einer Suchoi-27-Eskorte.« Er reichte Jack Innes das Telefon. »Sagen Sie ihnen, wo sich die russische Angriffsstaffel befindet. Vielleicht können sie sie abfan- gen.« Während Innes sprach, suchte Hood das riesige Display ab, das den Großteil der Wand vor ihm bedeckte. Es war eine Darstellung der von den Satelliten gelieferten Rohdaten, aufbereitet von den besten verfügbaren Computerprogrammen. Hood blickte auf die markierten Symbole unbekannter Luftziele im östlichen Sibirien. Es gab mehrere. Eine der Formationen, die die Amerikaner beobach-, teten, waren zweifellos die Atomangriffsstaffeln, wahrscheinlich die- se dort, 160 Kilometer nördlich von Chabarowsk. Der Vorsitzende der Joint Chiefs, General Stanford Tuck, stand neben ihm. »Atombomben«, sagte Hood. »Diese Bastarde versu- chen sich gegenseitig mit Nuklearsprengsätzen zu bombardieren.« »Was sind die Ziele?« »Die Russen schicken zwei Angriffsstaffeln, eine gegen Tokio, eine gegen die Raketenstartrampen auf der Tateyama-Halbinsel. Inzwi- schen versuchen die Japaner, eine Atombombe auf die F-22-Basis in Chita abzuwerfen.« Tuck war entsetzt. »Tokio …« »Das F-22-Geschwader«, sagte Hood und schürzte die Lippen. »Es gibt Hitzköpfe im Kongress, die japanisches Blut fordern werden, wenn sie eine Atomwaffe einsetzen, um Amerikaner zu töten.« »Wie sind wir bloß an den Rand dieses Abgrunds geraten?«, fragte Stanford Tuck. »Was kann uns vor dem Abstürzen retten?«, antwortete Hood. Er zeigte auf die Computerdarstellung an der Wand. »Die Russen sind zu weit im Osten, um von den F-22 abgefangen werden zu können. Es wäre eine vergebliche Verfolgungsjagd. Die Japaner werden sich selbst darum kümmern müssen. Unsere einzige Option ist, dem F-22-Geschwader zu funken, den japanischen Angriffsflug in ihre Richtung abzufangen.« »Die Bomber da bei Chabarowsk müssen die Japaner sein«, sagte Tuck. Er griff zum Satellitentelefon. Betäubt vom Schmerz durch das Messer, das ihm von hinten durch die linke Schulter gerammt worden war, verlor Michman Martos fast sein Mundstück. Instinkt und Erfahrung retteten ihn. Unwillkürlich drehte er sich um, packte die Kehle seines Angreifers mit der linken Hand und begrub sein Messer erneut im Bauch des Mannes. Dann, drehte er den Mann in Esenins Richtung und paddelte so fest er konnte. Der Schmerz in seiner Schulter war unglaublich, ver- schleierte seinen Blick. Esenin versuchte, den sterbenden Marineinfanteristen aus dem Weg zu drücken, um an Martos heranzukommen, doch während seine Hände damit beschäftigt waren, zog Martos sein Messer aus dem menschlichen Schild und stieß es Esenin in die linke Achsel- höhle. Esenin drehte sich weg, bevor Martos seine Waffe herausziehen konnte. Er schwamm davon und griff sich mit der rechten Hand an die linke Seite. Martos schwamm zurück zu der Bombe. Lichter … Zahlen … Wo war der Zeitzünder? Als er danach suchte, hörte er das laute Klingeln. Und ein Ge- räusch wie von einem Zug. Martos sah zur Oberfläche hinauf, etwa 30 Meter über ihm. Er sah den Zerstörer über sich hinwegrasen und die Spritzer. Auf jeder Seite des dahinrasenden Schiffs klatschte etwas ins Wasser. Wasserbomben! Der japanische Zerstörer warf Wasserbomben! »Wasserbomben im Wasser, Kapitän!« »Alle Mann in die Schwimmwesten. Beten wir, dass diese Wasser- bomben zu flach eingestellt sind. Wenn wir das hier überleben, bla- sen wir die Tanks an, bringen das Boot an die Oberfläche und ge- hen von Bord. Weitersagen.« Jeder der Männer im Boot redete mit irgendjemand, griff nach etwas und hielt sich irgendwo fest. »Alle wasserdichten Installationen schließen.« Saratov hörte, wie die Luken zuschlugen. Er griff nach einer Schwimmweste, zog sie über und verhedderte sich mit den Gurten. Er war noch damit beschäftigt, als die erste Wasserbombe explo-, dierte. Die Detonation warf das U-Boot hin und her, ließ Strom- kreisunterbrecher platzen und die Notfallbeleuchtung angehen. Eine zweite Explosion, als ob Thor mit seinem Hammer auf das Boot eindrosch. Dann die schlimmste von allen, drei wahnsinnige Erschütterun- gen in kurzer Folge. Stille. »Schadensmeldungen?« Saratov schrie die Frage in die Dun- kelheit. Sogar das Notlicht war erloschen. Die Meldungen kamen über das Bordtelefon. Das Boot war noch intakt. »Notauftauchen. Tanks anblasen. Alle Mann bereitmachen, das Schiff aufzugeben.« Martos hatte nur wenige Sekunden, also betrachtete er wieder das Instrumentenbrett der Bombe, die noch in ihrer Wiege im Trans- portcontainer lag. Esenin und seine Helfer hatten lediglich den Container geöffnet, in dem sie die beiden Stahlbänder gelöst hat- ten. Bestimmt hatten diese verdammten Idioten das Ding nicht scharf gemacht, bevor sie es vom U-Boot geschafft hatten? Doch die Bombe war scharf. Martos versuchte, sich zu erinnern – als er den ersten Mann er- stochen hatte, war Esenin zu seiner Linken gewesen und hatte an diesem Brett herumgefummelt. Wo? Welches ist der richtige Schalter? Die Zeit lief ab … Welcher Schalter? Er hörte einen mächtigen Schlag, zog instinktiv die Knie hoch und umklammerte sie mit den Armen. Die Erschütterung prallte wie ein rasender Lastwagen gegen seine linke Seite. Für ein oder zwei Sekunden verlor er das Bewusstsein. Eine zweite Explosion und noch eine. Diese Explosionen waren über ihm und zu seiner rechten, weiter entfernt als die erste, die ihn, fast wie eine reife Tomate zerquetscht hätte. Martos konzentrierte sich darauf, bei Bewusstsein zu bleiben und sein Mundstück festzuhalten, während die Druckwellen der Explo- sionen auf ihn einhämmerten. Das Messer in seiner Schulter half. Der Schmerz wütete und wü- tete, und sein Verstand konnte ihn nicht vergessen. Dann waren die Explosionen vorüber. Erstaunlicherweise lebte er noch. Und war taub. Er konnte nichts hören. Seine Trommelfelle mussten geplatzt sein. Er versuchte, die Sprengköpfe, die Container zu finden, konnte es jedoch nicht. Das Wasser war völlig undurchsichtig. Das auftauchende U-Boot schlug von unten gegen ihn, trug ihn auf einem wachsenden Turm aus Blasen, einem Universum aufstei- gender Luftblasen nach oben, nach oben zum Licht. Instinktiv hielt sich Martos mit beiden Händen an den schlüpfri- gen Platten des Decks fest, das ihn zum Licht hinaufdrückte. Er tauchte zu rasch auf. Er war kurz davor, zu dekompensieren. Sein Leib schwoll an. Oh, Jesus! Mehr und mehr Licht, näher und näher … Als das U-Boot auftauchte, aktivierte Pavel Saratov das Lautspre- chersystem. Die Notstromversorgung arbeitete wieder. »Schiff auf- geben. Alle Mann ins Wasser.« Schon hatte die Turm-Crew die Luke zur Brücke geöffnet. »Los. Alle Mann raus«, brüllte Saratov. Erstaunlicherweise zögerte der Sonar-Michman. »Tut mir Leid, Kapitän. Was ich gesagt habe –« »Vergiss es, mein Junge. Raus. Die Leiter hoch.« Er wartete, bis der letzte Mann die Zentrale verlassen hatte und im Turm war, dann stieg Pavel Saratov die Leiter zur Brücke hinauf. Das Tageslicht traf ihn wie ein Schlag. Die Männer, die vor ihm, ausgestiegen waren, paddelten in ihren Schwimmwesten vom U- Boot weg. Noch mehr Männer kamen aus dem vorderen Torpedo- raum und dem achtern gelegenen Maschinenraum. Die Wellen – sie waren nicht sehr hoch, doch sie schlugen über die Luke des offe- nen Maschinenraums. Die Zerstörer kreuzten. Einer kam mit einem weißen Knochen zwischen den Zähnen zurück. Die Hubschrauber kreisten dort draußen … Saratov wandte sich den vor dem Turm an Deck angeschweißten Bombencontainern zu. Drei von ihnen waren noch versiegelt. Einer war jedoch offen. Das Kopfteil des Containers fehlte, doch die Stahlbänder waren noch dort, hingen lose. In einem hatte sich ein Körper in einem Taucheranzug mit Sauerstoffflaschen verfangen. Saratov stieg die Sprossen auf der Backbordseite des Turms hinun- ter zum Deck und ging vorsichtig über den nassen Fliesen nach vorn. Der Mann bewegte sich. Esenin. Das Heft eines Messers ragte unter seinem linken Arm hervor. Sa- ratov hob Esenins Kopf. »Wo ist Martos?« »Kapitän, hier drüben.« Der Schrei kam von der Steuerbordseite des Turms. Saratov ging nach hinten. Martos versuchte, sich aufzurichten. Er hatte einen Halt am Turm gefunden und sich festgeklammert, als das U-Boot aus der Tiefe aufstieg; sonst hätte ihn das Wasser weg- gespült. Der Griff eines Messers ragte aus Martos' Schulter. »Nicht rausziehen«, sagte Martos. »Ich verblute sonst.« »Können Sie schwimmen? Es kann sein, dass die Japaner zu schießen anfangen.« »Ich kann Sie kaum hören. Ich glaube, mein Trommelfell ist geplatzt.« Saratov sprach lauter: »Ich sagte –«, »Die Bombe … Ich glaube, Esenin hat eine geschärft und einen Zeitzünder gestellt. Helfen Sie mir.« Die beiden Männer gingen hinüber, um nachzusehen, Saratov trug den Spetsnaz-Kämpfer halb. »Sehen Sie die Zahlen, sie laufen rückwärts.« »Wir brauchen etwas, um das aufzubrechen, um die Kabel zu zer- schneiden.« »Das Messer, das in Esenin steckt«, sagte Martos. »Nehmen Sie das.« Saratov machte drei Schritte vorwärts und zog das Messer aus dem im Stahlband gefangenen Mann. Er gab es Martos, der es mit der rechten Hand mit aller Kraft in den elektronischen Kasten rammte. Das Messer drang etwa drei Zentimeter tief ein. Martos brach den Kasten mit der Klinge auf. »Kapitän!« Der Ruf kam vom Wasser. Saratov sah hinüber. Askold rief sei- nen Namen. Jetzt zeigte er. »Wasser … die Maschinenraumluke. Das Boot schlägt voll.« Jetzt spürte er auch, wie sich das Deck bewegte. »Schnell«, sagte er zu Martos. »Ich –« Martos gab ihm das Messer und riss am Deckel des Schaltkastens, den er gelockert hatte. Er bog ihn auf, versuchte, die Öffnung zu vergrößern. Das Deck neigte sich, stieg weiter aus dem Meer und kippte. »Helfen Sie mir«, keuchte Martos. Saratov packte den Spetsnaz-Kämpfer mit der linken Hand und benutzte die rechte, um die freiliegenden Drähte zu zerschneiden. »Halten Sie mich fest und geben Sie mir das Messer«, japste Mar- tos. Saratov gab ihm das Messer und hielt ihn mit beiden Händen fest. Martos sägte mit der Klinge an den Drähten. Ein paar wurden durchtrennt. Er zersägte noch mehr., Der Bug ragte hoch aus dem Wasser. In der Nähe schrien See- männer in ihren Schwimmwesten. Saratov sah hinauf. Ein japanischer Zerstörer hatte weniger als 50 Meter entfernt gestoppt. Gesichter säumten die Reling. Jemand auf der Brücke schrie durch ein Megaphon und schwenk- te einen Arm. Neben ihm standen Männer mit Gewehren. »Das Boot säuft ab, Kapitän«, sagte Martos. »Zerschneiden Sie die letzten Drähte.« »Der Strudel wird uns nach unten ziehen.« »Vielleicht. Zerschneid die verdammten Drähte.« »Ich versuch's ja.« Der Bug stieg höher und höher in die Luft. Saratov hörte, wie ein Schott im Innern des U-Boots sich mit einem Knall löste. Als der Winkel des Decks etwa 60 Grad betrug, verlor Saratov Martos aus seinem Griff, der noch den Uhrteil des Mechanismus hielt. Martos ließ das Messer fallen und packte die Uhr mit beiden Händen. Dann rissen die Drähte des Uhrmechanismus, und Martos glitt das Deck hinunter ins Meer. Verzweifelt angeklammert, überprüfte Saratov den Mechanismus. Die Uhr war fort, alle Lichter aus. Er konnte sich nicht mehr halten, rutschte das Deck hinunter, stieß sich dann mit den Füßen ab und fiel ins Wasser. Als das Boot über ihm aufragte, griff er nach Martos. Er schleppte den Taucher an seinem Sauerstoffschlauch mit sich, drehte sich auf den Rücken und paddelte davon, so schnell er konnte. Er war nicht weit gekommen, als er die Schreie hörte. Er schaute zurück. Die Admiral Kolchak ging unter. Als das Boot ein letztes Mal in die Tiefe sank, war Esenin bei Be- wusstsein und versuchte, sich von dem Stahlband zu befreien, das ihn gefangen hielt., Mit einem gewaltigen Seufzer, als die letzte Luft aus dem Inneren des Boots entwich, verschwand der Bug der Admiral Kolchak im Meer. Die wirbelnde Unterströmung zog Saratov hinab. Immer noch hielt er Martos' Sauerstoffschlauch fest gepackt. Als er dachte, seine Lungen würden zerplatzen, öffnete er die Au- gen. Er war immer noch unter Wasser, stieg zur Oberfläche hoch. Er würgte, sog die Luft ein, zog dann Martos hoch und hielt seinen Kopf über Wasser. »Atmen Sie, verdammt! Atmen.« Martos hustete, würgte, spuckte Wasser, holte dann Luft. »Kratzen Sie mir ja nicht ab, Martos.« »Ja, Kapitän«, sagte Martos und verlor das Bewusstsein. Die Suchois und die MiGs waren 30 Minuten vom zweiten Tanker- rendezvous entfernt, als Major Yan Chernov seinen Radar anschal- tete, um ihre Position zu senden. Er und der andere Suchoi-Pilot hatten passiv auf Radarübertragungen von japanischen Zeros ge- horcht und nicht selbst ausgestrahlt. Bisher hatten sie nichts ge- hört. Er stellte Empfindlichkeit und Verstärkungsgrad des Schirms ein, drehte die Entfernung auf das Maximum und beobachtete, wie der Radarleuchtfleck vor und zurück und vor und zurück lief. Der Schirm war ebenso leer wie der staubige Himmel. Der Staub in der Atmosphäre machte das Sonnenlicht diffus und schränkte die Sicht ein. Vielleicht betrug sie hier knapp zehn Kilometer, schätzte er, nach Süden hin wurde sie schlechter. Vielleicht würden die verdammten Tanker nicht auftauchen. Cha- os dieser Art war im russischen Leben alltäglich. Dass die erste Ab- teilung der Tanker pünktlich auf der korrekten Position aufgetaucht war, grenzte an ein kleines militärisches Wunder, einer Erwähnung, wert, wo immer Männer in Uniform sich versammelten. Ein ähnli- ches Wunder zwei Stunden später wäre zuviel des Guten. So dachte Chernov. Er wandte den Kopf und suchte alle seine Schützlinge, die Bomber und die Begleiter. Als er gegen die Sonne blinzelte, konnte er gerade die zweite Gruppe der Suchois erken- nen, etwa sechs Kilometer weiter im Süden auf gleicher Höhe. Und natürlich fiel sein Blick auf seine Benzinanzeige. Er hatte genug, um bis zum Tankerrendezvous zu fliegen und dann noch für weitere 15 Minuten. Das war alles. Zweifellos waren die anderen Maschinen in einem ähnlichen Zustand. Ohne den Treibstoff der Tanker würde den drei MiG-25-Bombern und ihrer Suchoi-Eskorte schlichtweg der Sprit ausgehen. Der Tate- yama-Angriffsflug würde ein ähnliches Schicksal erleiden. Chernov betrachtete die Karte dieses Bereichs, die er auf seinem Schoß aufgefaltet hatte. Die Rendezvousposition war deutlich markiert. Leider gab es in- nerhalb des Gebiets keine erreichbare Landebahn, wenn Chernov und seine Schützlinge nicht auftanken konnten. Das Radarecho zu beobachten, war hypnotisierend. Die Maschine flog mit Autopilot, und Chernov hatte Muße, den Schirm zu stu- dieren, an den Knöpfen zu drehen, den weiten Himmel mit den Augen abzusuchen und seine Karte zu betrachten. Schließlich erblickte er ihn, einen Punkt auf dem Schirm, 225 Kilometer entfernt, auf der linken Seite. Er bewegte sich langsam über den Schirm, in Richtung der Anfluggrundlinie von Chernovs Maschine. Dieser Leuchtfleck war natürlich die Tankerformation. Pünktlich. Genau da, wo sie sein sollte. Und nicht eine einzige Zero in Sicht. Bei 160 Kilometern drehten die Tankflugzeuge auf die entgegen- kommenden Bomber ab. Sie befanden sich jetzt in ihrem Renn- bahnraster. In fünf Minuten würden sie ihren gegenwärtigen Kurs aufgeben, dann mit einer 180-Grad-Kurve nach rechts auf Gegen-, kurs gehen und diesen weitere fünf Minuten einhalten. Die Bomber würden sie einholen. Die Entfernung zu den Tankern betrug nur 32 Kilometer, als sie ihren 180-Grad-Kurvenflug nach rechts begannen. Was zuvor ein Leuchtfleck auf Chernovs Radar gewesen war, löste sich nun in drei separate, deutliche Ziele auf. Jiro Kimura war seit 30 Stunden wach. Letzte Nacht hatte er sich hingelegt, doch an Schlaf war nicht zu denken gewesen. Er hatte an seine Frau Shizuko, an Bob Cassidy, an Pflicht, Ehre und Vaterland gedacht und zu entscheiden versucht, was das alles bedeutete, wenn es überhaupt etwas bedeutete. Er war gefangen wie eine Fliege in Bernstein. Hatte zu viele Ver- pflichtungen gegenüber zu vielen Dingen. Es gab keine Möglich- keit, die Konflikte zu lösen. Die Sonne schien sanft von einem staubigen gelben Himmel. Sandstürme in der Mandschurei hatten den Staub hoch in die Atmosphäre gewirbelt, schränkten die Sicht ein. Hier zwischen Wladiwostok und Chabarowsk war der Staub besonders dicht. Die Meteorologen sagten, er würde sich lichten, wenn der Schwarm den chinesischen Luftraum bei Chabarowsk umging und westwärts auf Chita zusteuerte. Fünf Kilometer voraus und anderthalb nach rechts, mehrere hun- dert Meter unter ihm, flog die zum Tankflugzeug umgebaute Boeing-747, die den vier nach Chita fliegenden Jagdbombern hinter Chabarowsk Treibstoff liefern würde. Jiro konnte sie im gelblichen Dunst gerade eben ausmachen. Sein Rottenflieger und er sollten auf der linken Seite im hinteren Quadranten des Tankers Position be- ziehen, um ihn vor amerikanischen oder russischen Bombern zu schützen und sich für einen Granaten- oder Sidewinderschuss auf- reihen. Der Schwarmführer Oberst Nishimura hatte sich und seinen, Rottenflieger hinter dem Tanker auf der rechten Seite in dem Qua- dranten stationiert, von dem er meinte, er würde am ehesten von den F-22 attackiert werden. Dass die F-22 die vier Zeros, die die Bomben transportierten, vor ihrem Angriff auf Chita angreifen wür- den, war dem Oberst kaum eine Diskussion wert gewesen. Natür- lich würden die Amerikaner angreifen! Auch Jiro hielt einen Angriff für höchst wahrscheinlich. Bei der Einsatzbesprechung hatte der Oberst den klassischen Fehler des ja- panischen Kriegers begangen – er unterschätzte seinen westlichen Gegner. Er schien zu glauben, Bob Cassidy und seine Leute wären leichte Beute, hatte sogar eine halb spöttische, abschätzige Bemer- kung über sie fallen gelassen. Jiro hoffte, dass irgendwo seine durch F-22 getöteten alten Freun- de über Nishimuras Naivität lachen konnten. Oder über seine Dummheit. Was auch immer. Wenn Cassidy angefegt kam, würde Nishimura schnell lernen. Er würde wahrscheinlich tot sein, bevor er seine Torheit begriff. Jiro hatte geraten, dass die Zeros ihren Radar benutzen sollten, bis sie nur noch 80 Kilometer von Chita entfernt waren. »Nur in Chita sind wir auf Strahlenabwehrgeschosse gestoßen, die auf dem Boden stationiert sind. Wir müssen unseren Radar einsehen, um die F-22 zu orten, bevor sie uns entdecken.« Nishimura weigerte sich. »Athena wird verhindern, dass sie uns entdecken. Wenn wir unseren Radar ausgeschaltet lassen, haben sie keine Chance, uns zu orten.« »Oberst, bei allem Respekt muss ich widersprechen. Wir müssen uns auf den Schutz durch Athena verlassen und unseren Radar ge- brauchen, um die F-22 zu finden und abzuschießen, bevor sie in Sidewinder-Reichweite kommen.« Nishimura hatte sich geweigert, zuzuhören. Er wusste es besser. Jiro sah nach unten links, die Spitze der Bombe war eben unter- halb seiner linken Tragfläche sichtbar. Sie war ein weißer, supersoni-, scher Schemen. In elf Kilometern Entfernung konnte Yan Chernov die russischen Tanker sehen. Sie flogen in einer Streifenformation, ein Flugzeug anderthalb Kilometer hinter dem anderen und mit je 300 Metern Höhenstufung. Der Führungstanker war für den Tokio-Angriffsflug eingeteilt. Anstatt hinter den Führungstanker einzuschwenken, stieg Cher- nov mehrere hundert Meter und setzte sich etwa anderthalb Kilo- meter hinter das dritte Tankflugzeug in der Reihe, Tail-end Charlie, den Reservetanker. Sein Rottenflieger Malakov war auf seiner rech- ten Tragflächenseite, allerdings viel näher, als er sein sollte. Jetzt trennten sie weniger als 30 Meter. Als Chernov zu ihm hinübersah, gestikulierte Malakov wie verrückt mit beiden Händen. Kein Zwei- fel, in wenigen Sekunden würde Malakov die Funkstille brechen. Chernov klopfte sich an den Kopf und zeigte dann auf Malakov, das Handsignal für das Überholen des Führers. Malakov klopfte sich ebenfalls an den Kopf und bestätigte den Führer Wechsel. Er beschleunigte und setzte seine Maschine vor Chernovs, der seinen Bewaffnungsschalter auf ›Bordwaffe‹ stellte. Er verschwendete keine Zeit. Während Malakov wegzog, drückte Chernov den Steuer- knüppel leicht nach rechts, um sich hinter ihn zu setzen. Als das Fadenkreuz des HUD im Cockpitbereich von Malakovs Bomber erschien, drückte Chernov den Auslöser. Ein Feuerstrom brach aus der Gatling-Waffe hervor, mit fünfzig 23-mm-Granaten pro Sekun- de. Chernov vergeudete keine Geschosse – aus dieser Entfernung war eine Viertelsekunde Beschuss ausreichend. Er gab den Auslöser frei und zog scharf hoch. Malakovs Suchoi fiel mit der Nase voran in einer sanften Kurve zur Erde, 14.000 Meter unter ihm. Eine Welle von Furcht, Entsetzen und Selbstekel flutete über Yan, Chernov hinweg. Mit eisernem Willen zwang er sich zu seiner gegenwärtigen Aufgabe zurück … Den Bewaffnungsschalter auf ›Geschoss‹, grünes Licht bei allen vier Geschossen, Radarpeilung auf Tail-end Charlie, den Auslöser am Knüppel drücken und eine Sekunde warten. Das Geschoss aus dem äußeren Träger zog los. Es schoss die an- derthalb Kilometer über den Himmel, die den Tanker von Cher- novs Bomber trennten, und explodierte im Bereich der Heckflosse. Die linke Tragfläche des Tankers sackte steil herunter; dann senkte sich die Nase. Chernov hatte keine Zeit, zu beobachten, wie er abstürzte. Er hatte den mittleren Tanker bereits mit dem Radar erfasst und feu- erte das Geschoss ab. Vier Sekunden später verließ das dritte Ge- schoss die Halterung mit dem Führungstanker als Ziel. Das dritte Geschoss schlug in die erste der MiGs, die beim Füh- rungstanker Treibstoff aufnehmen wollte. Der Jagdbomber explo- dierte. »Zeros«, schrie Chernov in das Funkgerät. »Sechs Zeros.« Die russischen Bomber stoben auseinander wie aufgescheuchte Wachteln. Chernov nahm sich Zeit, überprüfte die Radar-Zielerfassung dop- pelt, stellte sicher, dass das letzte Geschoss darauf ausgerichtet war und feuerte dann das Ding sorgfältig ab. Es verließ mit einem Blitz und einer Rauchfahne den Träger, drehte dann 11.000 Meter nach unten in Richtung Mutter Erde und verschwand mit Mach 3 im Dunst. Chernov schaltete auf ›Bordwaffe‹ zurück. Er hatte keine Ge- schosse mehr. Leistungshebel vorwärts, Brenner zünden, um den Abstand schnell zu verringern … Bei anderthalb Kilometern hatte er die HUD-Fadenkreuze auf dem Schwanz des großen, wehrlosen vier-, motorigen Tankers. Bei 400 Metern Entfernung betätigte er den Auslöser. Wie ein La- serstrahl schoss der Feuerstrom aus der Waffe heraus und berührte den Flugzeugrumpf des Tankers. Chernov hielt den Auslöser unten. Feuer! Ein Lecken von Feuerzungen am Flugzeugrumpf, den immer noch 50 Granaten pro Sekunde trafen. Die rechte Tragfläche des Tankers kippte ab. Chernov stellte den Brenner aus, näherte sich weiter, bis auf 100 Meter. Er zog die Fa- denkreuze auf eine Tragfläche und sah zu, wie die Kanone sie zer- fetzte. Er gab den Auslöser frei, schlug den Steuerknüppel nach links und versuchte, aus dem Nachstrom des todgeweihten Tankers zu rollen. In diesem Moment fegte ein Strom aus Leuchtspurgeschossen über seinen Kopf hinweg, nur einen Meter über dem Cockpit. Yan Chernov wollte nicht noch mehr Russen töten. Er rollte auf den Rücken und zog die Nase gerade nach unten. Mehrere hundert Meter tiefer sah er einen Tanker – das musste der zweite sein – kreisend absteigend und einen Strom von Treib- stoff hinter sich herziehen. Er riss die Nase hinüber und drosselte die Geschwindigkeit, setzte die Sturzflugbremsen ein. Er musste sicher gehen. Wenn eines der Tankflugzeuge übrig blieb, um einer MiG-25 Treibstoff zu liefern, wären all der Schmerz und all das Blut umsonst. Schon als er die Nase in Richtung Tanker zog, fing der Treib- stoffstrom des beschädigten Tanks Feuer. Zwei Sekunden später ex- plodierte das große viermotorige Flugzeug mit einem blendenden Blitz. Yan Chernov stürzte erdwärts. Irgendwo über ihm könnte ein Mitglied der zweiten Staffel hinter ihm herjagen und für einen Schuss in Stellung gehen. Chernov blickte nicht zurück., Als der Anruf vom Weißen Haus über das Satellitentelefon einging, nahm ihn der Offizier vom Dienst entgegen. Er gab ihn an Paul Scheer weiter, der aufmerksam zuhörte, ein paar Sätze auf dem Schreibblock des Offiziers notierte und dann dreimal »Ja, Sir« sagte, ehe er den Hörer auf die Gabel legte. »Vier Zeros sind unterwegs, alle mit Atombomben bestückt. Sie planen einen Atomschlag gegen diesen Stützpunkt.« »Wo?«, fragte Cassidy. »Im Augenblick sind sie gerade südlich von Chabarowsk. Das Weiße Haus will, dass wir sie abfangen und sie runterholen.« »Das Weiße Haus?«, fragte Cassidy, nachdem er den Schock des Wortes Atombomben ein bisschen verdaut hatte. »Sie werden es mir nicht glauben, Colonel, aber die Stimme klang wie die von Präsident Hood.« Das war vor einer Stunde gewesen. Jetzt flogen Cassidy, Scheer, Dixie Elitch und ein weiterer Pilot namens Smith nach Osten. Bevor Cassidy eingestiegen war, hatte er sich auf den Beton über- geben. Jiro war dort draußen – Cassidy wusste es. Er wusste es mit Sicherheit. Er lebte in einem Alptraum. »Sind Sie in Ordnung, Sir?«, hatte der Mannschaftschef gefragt. »Ich muss wohl was Falsches gegessen haben«, murmelte Cassidy. Als Yan Chernov einige hundert Meter über dem Boden mit Mach 2 in die Horizontale ging, schaute er über seine Schulter. Er war auch nur ein Mensch. Nichts rechts, nichts links, nichts hinter ihm. Der Himmel schien leer. Wo waren die anderen russischen Bomber? Er durchsuchte das Terrain vor sich, dann den Himmel hinter sich. Nichts. Das ECM war still., Treibstoff? Das Warnlicht auf der Anzeige leuchtete. Noch 1.000 Pfund etwa, vielleicht. Er steuerte nordwärts durch ein Tal, umgeben von Bergen im Osten und Westen. Das Land unter ihm war mit Kiefern bedeckt. Es gab keine Straßen, nur ein endloses Meer grüner Bäume und die fernen Berge. Er zog die Leistungshebel in den Leerlauf und die Nase steil nach oben. Bei 1.600 Meter erblickte er eine unbefestigte Straße, die sich durch den Wald zog. Er schob die Leistungshebel ein wenig vor und zog die Nase auf die Horizontale. Weniger als 500 Knoten. Er sollte einfach rausspringen und fertig. Solange durch den Wald wandern, bis er verhungerte oder sich ein Bein brach. Er hatte die linke Hand am Hebel für den Schleudersitz, doch er zog ihn nicht. Noch 400 Pfund Treibstoff. Die Straße war unter ihm, verlief nach Nordwesten zu den ent- fernten Bergen hin. Er drehte ab, um ihr zu folgen. Eine Straße würde irgendwo hinführen – zu einem Ort, wo es Menschen gab. Nicht, dass er bewusst darüber nachdachte, doch der Gedanke war in seinem Hinterkopf. Die Anzeige des Haupttanks zeigte noch ein paar hundert Pfund an, als die Triebwerke abstarben. Chernov verlangsamte die Maschine bis auf ihre optimale Gleit- geschwindigkeit. Er richtete sich im Sitz auf, legte den Kopf an die Stütze und zog den Schleudergriff., 26. KAPITEL

Der Schwarm aus den vier F-22 ging bei 12.600 Meter unter ei-nem staubigen Himmel in den Horizontalflug. Bob Cassidy

machte sich keine Sorgen wegen der weißen Eiskristalle, die hinter den Motoren herströmten – die Sicht war so schlecht, dass die Ja- paner sie nicht sehen würden. Er spielte mit dem Data-Link des Satelliten und stellte seine Tac- Anzeige ein. Der Bildschirm war leer. Das beunruhigte ihn. Bei die- sem Staub und der Thermik erfassten die Satelliten die Zeros viel- leicht nicht. Sehnsüchtig blickte er auf den Ein-Aus-Schalter des Radars. Er hätte ihn nur zu gern eingeschaltet und den Himmel durchsucht. Wenn die Amerikaner die Zeros in diesem Dunst verfehlten, würde jeder in Chita bei lebendigem Leib eingeäschert werden. Vorausge- setzt, die hohen Tiere im Kriegszimmer des Weißen Hauses wuss- ten, worüber sie sprachen. Das Ganze war Wahnsinn. Atombomben? Heute, in diesem Zeit- alter? Er war unruhig, spielte jämmerliche Möglichkeiten durch und merkte plötzlich, dass er nicht an seinen Schleudersitz gegürtet war. Oh, vor dem Start hatte er den Sitz natürlich entsichert. Leider hatte er vergessen, sich selbst anzuschnallen, und so würde er, wenn er ausstieg, draußen ohne Flügel oder Fallschirm fliegen. Sogar ein Engel braucht Flügel, kam es ihm in den Sinn. Er schaltete den Autopiloten ein und begann, die Verschlüsse ein- zuschnappen und die Gurte festzuziehen. So. Erstaunlich, wie man so etwas vergessen konnte. Oder vielleicht auch nicht. Ihm ging zu viel durch den Kopf., »Hey, Taco! Irgendwas Neues aus Washington?« Taco Rodriguez war der Offizier vom Dienst und saß am Satelli- tentelefon in Chita. Der verschlüsselte Funk surrte, dann hörte Cas- sidy Tacos Stimme. »Sie haben die Ecke in Chabarowsk umflogen, Hoppy, und ha- ben den Tanker verlassen. Vier Maschinen, heißt es. Etwa achthun- dert Kilometer vor Ihnen. Ich melde mich gleich wieder.« »Danke, Taco.« Die F-22 machten Mach 1,4, mehr als 1.000 Knoten. Vermutlich flogen auch die Zeros mit hoher Geschwindigkeit. 800 Kilometer – die Schwärme würden in etwa 15 Minuten aufeinandertreffen. Eine Viertelstunde. Nicht viel. Er hatte nur vier F-22, um die Zeros abzufangen. Cassidy hätte mehr mitgebracht, wenn er sie gehabt hätte. Um seine zwei einzi- gen anderen Bomber wimmelten Mechaniker herum. Ein paar wei- tere Maschinen waren auf dem Weg von Deutschland hierher, heu- te Morgen jedoch hatte er genau vier einsatzfähige Flugzeuge. Die Bodenmannschaft war bei dem ganzen Einsatz ziemlich cool gewesen, als die Piloten einstiegen, dachte Cassidy. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Die Japaner sind auf dem Weg hier- her, um eine Atombombe abzuwerfen! Trotzdem taten die Männer ihre Arbeit, klopften den Piloten auf den Rücken, grinsten sie an und schickten sie los. Kurz bevor er die Cockpithaube schloss, hatte der Mannschaftschef zu Cassidy gesagt: »Schnappen Sie sie sich, Sir.« Als ob das hier ein Baseballspiel oder so etwas sei. Als ob sein Arsch nicht auch auf dem Spiel stünde. Gut aussehender Typ, der Mannschaftschef. Kein Asiat, klar, doch er sah ein bisschen wie Jiro aus. Etwa dasselbe Alter und die- selbe Größe, mit kurzem schwarzem Haar. Jiro würde nicht hier draußen an diesem schmutzigen Himmel mit einer Atombombe unter seinem Jäger herumfliegen. Nein. Er war wahrscheinlich wieder irgendwo in Japan, vielleicht sogar zu, Hause bei Shizuko. Bestimmt. Bob Cassidy wischte sich mit dem Handschuh über die Augen und versuchte, sich zu konzentrieren. Die Tac-Anzeige war immer noch leer. Wie sicher war diese Information, die Washington Taco Rodri- guez übermittelte? Konnte Cassidy sich darauf verlassen? Es gab 200 Amerikaner und mehrere tausend Russen auf dem Passrücken bei Chita. Wie viele Seelen solltest du auf diesen Washingtoner Technikscheiß setzen, Colonel Cassidy, Sir? Bob Cassidy hob das linke Handgelenk hoch und löste die No- mex-Klappe, um einen Blick auf seine Uhr werfen zu können. 14 Minuten. Ihm blieben noch 14 Minuten in diesem Leben. Dixie Elitch schob die Blende ihres Helms hoch und wischte sich mit dem Handschuh das Gesicht ab. Der dreckige Himmel ärgerte sie. Schmutz in diesen Höhen war obszön, ein Verbrechen gegen die Natur. Die Japaner machten sie wütend. Atombomben. Sie überprüfte ihren Hauptbewaffnungsschalter, runzelte die Stirn wegen der leeren Tac-Anzeige und suchte mit den Augen den leeren gelben Himmel ab. Vielleicht hätte ich in Kalifornien bleiben und einen anständigen Mann finden sollen, dachte sie. Gott, es muss doch wenigstens ei- nen davon in Kalifornien geben. »Wenn ich das hier überlebe, gehe ich nach Kalifornien zurück und werde diesen Mann finden«, sagte sie laut in ihre Sauerstoff- maske und übertönte das Brummen der Motoren, die durch die Streben zu ihr drangen. Okay, Dixie, Baby, das ist ein gottverdammt großes Wenn., Paul Scheer war der ruhigste der F-22-Piloten. Als man vor drei Jah- ren eine tödliche Krankheit bei ihm diagnostiziert hatte, hatte er sich durch die ganze Palette der Emotionen hindurchgearbeitet: Verdrängung, Wut, Lethargie, Akzeptanz. Der Kommentar, der ihn während dieser Tage des Schocks und des Schmerzes am heftigsten getroffen hatte, war ein Zitat gewesen, das er in einem Magazin im Wartezimmer gelesen hatte: »Wir sind alle Reisende zwischen zwei Ewigkeiten.« Aus einer Ewigkeit und in eine andere Richtung. Das ist die Wahrheit. Scheer saß entspannt da, und seine Augen wanderten über das In- strumentenbrett. Layton Robert Smith III, Scheers Rottenflieger, war unglücklich. Er sollte gar nicht hier sein. Er war seit neun Jahren bei der Air Force, neun friedliche, schöne Jahre, hatte sich ohne Schweiß oder An- strengung auf die magische Zwanzig zutreiben lassen. Noch elf Jahre, dann wollte er die blaue Uniform ablegen und Firmenjets für Unternehmensmogule fliegen. Wochenenden in Aspen, Nächte in New York und San Francisco, gelegentliche kleine Abstecher auf die Bahamas, damit konnte er umgehen. Die Maschine fliegen, wenn der Boss mit dem Gehaltsscheck es wollte, und dann entspan- nen. Sein Fehler war gewesen, dass er sich freiwillig gemeldet hatte, eine F-22 von Deutschland zu diesen Idioten nach Chita zu fliegen. Gott sei's gelobt, wenn er das hier überlebte, würde er sich NIE- MALS FREIWILLIG auf den Hintern tätowieren lassen. In Chita hatte dieser verdammte Cassidy ihn schanghait, hatte in Deutsch- land angerufen und gesagt, dass er Smith III ›in seinem Team‹ brauchte. Und Colonel Fettsack in Deutschland hatte ja gesagt!, Layton Robert Smith III war verängstigt, wütend und fühlte sich wie ein Fisch auf dem Trocknen. Er starrte auf seinen Hauptbewaff- nungsschalter, der eingeschaltet war. Heilige Scheiße! Die Japaner würden versuchen, Smith III zu töten. Diese Aussicht ließ sein Blut zu Eiswasser werden und durch seine Schläfen pulsie- ren. Er hätte Cassidy sagen sollen, er könne ihn mal kreuzweise. Jetzt war ihm das klar. Was hätte Cassidy schon tun können? Ihn vors Kriegsgericht zerren, weil er sich weigerte, in die russische Luftwaffe einzutreten? Zum Teufel, es gab nichts, was Cassidy tun könnte, sagte sich Smith, als er den Fall nun durchspielte. Dann fragte er sich, warum er nicht schon vor zwei Stunden daran gedacht hatte. Vielleicht sollte er einfach umdrehen und zum Stützpunkt nach Chita zurückfliegen. Man sehe sich bloß mal diesen Staub an! So eine Scheiße sieht man über den guten alten USA nicht. Oder sogar in Deutschland. Was zum Teufel ist das für ein Land, wo man durch Dreck fliegt? Smith III befahl sich, aufzuhören, sich über die Ungerechtigkeit der ganzen Angelegenheit aufzuregen und sich lieber darauf zu konzen- trieren, am Leben zu bleiben. Jiro Kimura stellte seine Infrarot-Schutzbrille ein. Sie war an seinem Helm über der Sauerstoffmaske angebracht, und sie war zu schwer. Er würde den Helm mit seiner linken Hand festhalten müssen, während er beschleunigte, oder Helm und Schutzbrille würden ihm den Kopf auf die Brust drücken. Vielleicht würde er gar kein g ziehen müssen. Vielleicht lag der Oberst richtig, was den Radar betraf. Wenigstens hatte er einen Plan. Jiro sah auf die Uhr. Shizuko unterrichtete heute Morgen im Kin-, dergarten. Sie war jetzt dort, erzählte den Kindern Geschichten, sang ihnen Lieder vor, tröstete diejenigen, die in den Arm genom- men werden mussten. Er hatte so großes Glück mit seiner Ehe gehabt. Shizuko war die perfekte Frau, ohne Fehler. Sie war die weibliche Hälfte von ihm. Er liebte sie und vermisste sie schrecklich. Durch die Schutzbrille suchte Jiro Kimura den staubigen Himmel ab. Er vermutete, dass ihm nur Sekunden bleiben würden, die Ame- rikaner zu entdecken und zu reagieren – und nicht allzu viele Se- kunden. Die Meteorologen hatten sich geirrt, was den Staub anging. Er schien kein Ende zu nehmen. Er blickte erneut auf seine Uhr. Ja, es war Zeit. Jiro gab seinem Rottenflieger ein Handsignal, drosselte dann die Geschwindigkeit und begann den Sinkflug. »Rufen Sie den japanischen und den russischen Botschafter an«, wies Präsident David Herbert Hood den nationalen Sicherheitsbera- ter Jack Innes an. »Bitten Sie sie darum, sobald wie möglich wieder ins Weiße Haus zu kommen.« Es war ein Uhr morgens in Washing- ton. Innes stellte keine Fragen. Er stand vom Tisch auf und ging zu ei- nem Telefon an der Rückseite des Kriegszimmers. Hood wandte sich an General Tuck, den Vorsitzenden der Joint Chiefs. »Es ist an der Zeit für uns, dazwischen zu gehen. Der Kon- gress ist nur widerwillig bereit gewesen, sich einzumischen. Die Lage hat sich verändert. Wir müssen zwischen diese Leute treten, ehe sie etwas auslösen, das niemand mehr aufhalten kann.« »Ja, Sir.« »Ich will nachher, wenn die Sonne aufgeht, im Fernsehen eine Ansprache an die Nation und an die japanische und russische Füh-, rung halten.« Der Außenminister fragte: »Sir, sollten wir nicht zuerst die Kon- gressführung hierher bestellen und ihre Meinung einholen?« »Die können hinter mir stehen, wenn ich zur Nation spreche. Feuer zu löschen ist mein Job, nicht ihrer. Und lassen Sie uns die US-Streitkräfte in Verteidigungsbereitschaft Stufe eins setzen.« »Gegen wen sollen wir kämpfen?«, fragte General Tuck. »Gegen jeden, der das Evangelium nicht mag, das ich ihm vorle- sen werde.« Bob Cassidy atmete schneller, ohne es selbst zu bemerken. Wäh- rend die Minuten verstrichen, war er schwer in Versuchung, den Ra- dar anzuschalten. Was war, wenn die Satelliten die Zeros in dieser Dreckbrühe nicht erkennen konnten? Vielleicht würde das Athena- Gerät der Zeros nicht funktionieren. »Taco, lass mal was hören.« »Hoppy, Washington sagt, sie sind auf 12 Uhr und fünfhundert Kilometer entfernt. Space Command hat ein paar Schwierigkeiten, sagen sie … aber sie sagen nicht genau, was für welche.« Cassidy knurrte in seine Maske und schüttelte den Kopf, um den Schweiß aus den Augen zu kriegen. Er überprüfte wieder seine Uhr. Wenn die Zeros mit ihrem Radar sendeten, sollte er die Ausstrahlungen erfassen. Vielleicht hatten die Sentinel-Batterien sie eines Besseren belehrt. Vielleicht waren die Zeros ebenso schweigend unterwegs wie die F-22. In diesem Fall läge der Vorteil auf derjenigen Seite, die Hilfe von außen hatte. Die Satelliten waren Cassidys Hilfe von außen, und gerade jetzt schienen sie alles andere als zuverlässig zu sein. Er spielte mit der Tac-Anzeige und versuchte, ein Radarecho auf seinem Bildschirm erscheinen zu lassen. Nichts. »400 Kilometer, Hoppy.«, »Können die Satelliten uns sehen?« »Moment.« Wenn der Satellit die F-22 sehen konnte, konnte Cassidy seinen Schwarm guten Gewissens in Sektionen einteilen und darauf bauen, dass seine Tac-Anzeige die anderen drei F-22 anzeigen würde, ob- wohl der Staub die Laserverbindung zwischen den Maschinen blo- ckierte. Es blieb trotzdem die Frage: Wenn der Satellit die Zeros ausmachen konnte, warum erschienen sie dann nicht auf den tak- tischen Anzeigen? Und wenn der Satellit blind war, mussten die F-22 zusammenbleiben, um sicherzugehen, dass sie nicht aufeinan- der schossen. War er blind oder war es es nicht? Eine Minute verging, dann noch eine. Die Spannung war qualvoll. Außerstande, es noch länger zu ertra- gen, war Cassidy schon im Begriff, eine Vokalattacke auf Taco los- zulassen, als ein Feindflugzeugsymbol auf seinem Schirm auftauch- te, weit draußen, 420 Kilometer entfernt. Er klickte das Symbol mit der Maus an. Zeros. Menge eins plus. 1.079 Knoten Fahrt über Grund. 244 Grad missweisender Steuerkurs. Höhe 13.000 Meter. Distanz 411 Kilometer … 409… 407 … Die Zahlen sprangen alle 1,8 Sekunden um. »Bleibt bei mir, Leute«, sagte er über Funk und drehte 30 Grad nach links. Er würde nach Norden ausweichen, dann wenden, von der Seite reinkommen und aus optimaler Entfernung schießen, wenn die F-22 ins rechte Heckviertel der Zeros flog. Als er etwa 15 Kilometer nördlich von der Flugbahn der Zeros war, kurvte Cassidy zurück auf seinen Originalkurs. Die zwei For- mationen schossen aufeinander zu. Bitte, Gott. Wir müssen diese Kerle töten. Es ist ein Unding, Dich um den Tod anderer Menschen zu bitten, aber diese Typen haben Atombomben bei sich. Wenn nur einer von ihnen durchkommt, können sie jeden in Chita, töten. Seine Formation war genau, wo sie sein sollte, breitete sich aus, doch nicht zu weit – so blieb jeder in Sicht innerhalb des kleinen Sichtradius von zehn Kilometern. Cassidy fragte sich, was seine Rottenflieger wohl dachten. Viel- leicht war es besser, dass er es nicht wusste. Weiterhin nur ein Plus als Mengenangabe der Zeros. Verdammt sollten diese Zauberer und Technik-Idioten sein! 80 Kilometer … 60 … 50 … Bei 20 meldete sich Cassidy über Funk: »Okay, Leute, macht euch bereit, nach rechts abzudrehen und euch hinter diese Kerle zu setzen. Versucht eine Sidewinder- Zielerfassung. Auf mein Kommando feuern wir je ein Geschoss ab. Dann werden wir weiter aufschließen und die Überlebenden ab- knallen.« »Zwei, Roger«, antwortete Dixie. »Drei hat verstanden«, sagte Scheer. »Vier«, antwortete Smith. Cassidy hätte Smith nicht mitgenommen, wenn Taco nicht mit einem Anfall von Durchfall zu kämpfen gehabt hätte; der Idiot hatte Wasser aus der Dusche getrunken. Joe Malan laborierte an einer Stirnhöhleninfektion, die anderen waren erschöpft: Cassidy hatte in den letzten paar Wochen Maschinen über der Basis operie- ren lassen, wann immer es möglich gewesen war. Smith hatte überhaupt keine Kampferfahrung. Doch er war der Einzige, den Cassidy in ein Cockpit setzen konnte, also musste er fliegen. Das Leben ist nicht fair. »Abdrehen!« Cassidy legte seinen Jäger in die Kurve. Die Zeros steuerten weiter auf ihrem 244-Grad-Kurs. Nach einer 90-Grad-Kurve waren die Zeros genau vor seiner Nase, laut Tac-Anzeige 90 Grad seitlich, acht Kilometer voraus und 650 Meter über ihm. Cassidy schaute auf das HUD und erhaschte einen Blick auf eine Zero, dann war, sie wieder weg. Verdammter Staub! Er hörte ein Rasseln von seinem Sidewinder. Das Geschoss hatte eine Hitzequelle angepeilt. Cassidy kurvte weiter. Sein Schwarm setzte sich hinter die Zeros. Durch sein HUD sah er Flecke. Zeros. Zwei. Zwei? Gab es noch mehr Zeros? Wo waren sie? »Macht sie fertig, Leute.« Cassidy löste einen Sidewinder aus. »Es sind nur zwei Japaner vor uns. Sie haben uns in eine Falle gelockt.« »Red Three, die Amerikaner sind hinter uns. Ich habe sie in Sicht.« Oberst Nishimura gab diese Meldung über seinen verschlüsselten Funk weiter, und 25 Kilometer hinter und 7.000 Meter unter ihm hörte Jiro Kimura seine Worte. Jiro und sein Rottenflieger schalte- ten ihren Radar an. Die vier F-22 erschienen wie durch Zauberei auf den Schirmen. »Acht Kilometer auf Position 04:30 Uhr, Red«, sagte Jiro über Funk, als er die nächste F-22 ortete und den roten Knopf auf sei- nem Steuerknüppel drückte. Das erste Geschoss donnerte los. Während er sein zweites Ziel erfasste, feuerte sein Rottenflieger ein Geschoss ab. Sie wechselten sich ab und feuerten sechs Geschosse ab. Inzwischen drehte Oberst Nishimura scharf nach rechts und sein Rottenflieger hart nach links, jeder zog sechs g und versuchte, den Geschossen auszuweichen, die die Amerikaner gerade abgefeuert hatten. Bob Cassidy wusste, dass er in einen Hinterhalt geraten war, als sei- ne ECM-Anzeigen aufleuchteten. Die Messlinienanzeige wies über, seine linke Schulter hinweg nach hinten, das akustische Warnsignal begann zu jaulen; das Warnlicht ›Geschoss‹ auf dem HUD leuchte- te auf und begann Sekunden später zu blinken. Die japanischen Bomber hinter ihm hatten Raketen auf ihn abgefeuert. Cassidy hatte bereits sein erstes Geschoss losgejagt. Als sich die Ziele vor ihm trennten, feuerte er ein zweites auf das nach rechts drehende Flugzeug, auf Oberst Nishimura, obwohl er nicht wusste, wer in der Maschine saß. Cassidys Bordautomat stieß Radarstörfolie aus, und das ECM ver- suchte, den Radar der auf ihn ausgerichteten Geschosse elektro- nisch hereinzulegen. All dies geschah automatisch, ohne Cassidys zutun. Bob Cassidy versuchte, im scharfen Winkel abzudrehen, damit die Geschosse an ihm vorbeischießen würden. Er zündete seine Nachbrenner und zog glatt bis auf elf g, zwei mehr, als sein Flug- zeug eigentlich aushalten sollte. Seine Sicht trübte sich, er schrie, um bei Bewusstsein zu bleiben, und die zwei Geschosse hinter ihm verfehlten ihr Ziel. Nishimuras Rottenflieger unterschrieb sein eigenes Todesurteil, als er nach links abdrehte, in eine Flugbahn, die ihn direkt vor die Amerikaner führte. Zwei Sidewinder wurden auf ihn gezielt, und beide richteten sich problemlos auf die Zero aus. Der erste krachte in sein Auspuffrohr und explodierte; der zweite ging zwölf Zentime- ter über dem Haupttank hoch, durchlöcherte ihn mit Hunderten von Schrapnells und zerfetzte ihn. Der Bomber fing innerhalb des Bruchteils einer Sekunde Feuer. Ohne nachzudenken, zog der Pilot den Schleudersitzhebel. Er starb sofort, als der Schleudersitz aus dem Schutz des Cockpits schnellte. Eine Schalldruckwelle traf sei- nen Körper und zermalmte ihn, bevor er und sein Schleudersitz auf Unterschallgeschwindigkeit verlangsamen konnten. Nishimura hatte Glück. Zwei der auf ihn abgefeuerten Geschosse richteten sich auf die Köder aus, die er ausgestoßen hatte. Das, dritte konnte seiner Kurve nicht folgen. Doch leider führte ihn seine Flugbahn direkt in Schussweite der Amerikaner. Jiro Kimuras erstes Geschoss krachte etwa anderthalb Meter vor dem Schwanz in Paul Scheers Flugzeug. Scheer wusste, dass etwas nicht stimmte, als er die Kontrolle über seine Maschine verlor – sie reagierte einfach nicht mehr auf Steuerbefehle. Instinktiv warf er einen kurzen Blick auf die Anzeige, die ihm technische Probleme seines Flugzeugs meldete; sämtliche Warnlichter dort leuchteten. Was die Lichter und Messgeräte ihm nicht sagen konnten, war, dass der Bomber in zwei Teile zerbrochen war. Der Schwanz war nicht länger mit dem Rumpf verbunden. Er schaute kurz auf die Geschwindigkeitsanzeige. Immer noch Überschallflug. Die Nase sackte weg, und der Steuerknüppel zeigte keine Wir- kung. Dann schaute Scheer in den Rückspiegel, sah, dass der Schwanz abgetrennt war. Der Fluglageanzeiger stellte den Jäger in einem steiler werdenden Sturzflug dar. Er zog die Leistungshebel in den Leerlauf zurück und klappte die Sturzflugbremsen auf. Sie fuhren völlig aus und hätten die Maschine wahrscheinlich unter Mach 1 verlangsamt, wenn sie nicht senkrecht hinuntergestürzt wäre. Dann begann der Bomber, sich wie ein Frisbee zu drehen. Paul Scheer kämpfte darum, bei Be- wusstsein zu bleiben. Er wollte jede Sekunde seines zu Ende gehen- den Lebens miterleben. Layton Robert Smith III bemerkte die japanischen Zeros hinter den Amerikanern gar nicht, so dass die Explosion, die seine halbe linke Tragfläche abriss, ihn vollkommen überraschte. Er hatte einen Sidewinder losgejagt und wollte gerade einen Zwei- ten auf Oberst Nishimura abfeuern, als die Explosion unter seinem, Flügel erfolgte. Er hatte sein ECM-Gerät angestellt und das Warn- signal richtig eingestellt, doch in der Erregung darüber, Raketen ab- zufeuern, um Menschen zu töten, hörte er weder die Sirene noch sah er die Blinklichter. Zu schießen, um zu töten, war aufregend. Er hatte sich noch nie so lebendig gefühlt. Hätte niemals vermutet, dass die Freude daran, einen anderen Menschen zu töten, so erhaben sein konnte. Dann explodierte der japanische Sprengkopf unter seiner Trag- fläche und sein Bomber trudelte außer Kontrolle, schneller und schneller und schneller. Er verlor durch die Beschleunigung das Bewusstsein, trotz der einwandfreien Funktion seines Druckanzugs. Als der Beschleunigungsmesser das Sechzehnfache der Schwerkraft anzeigte, blieb das Herz Layton Robert Smiths III stehen. Er war tot. Der Sarg aus Stahl, Titan und exotischen Metallen, der seine Leiche enthielt, zerschellte 42 Sekunden später auf der Erde. Eines der Geschosse verfehlte Bob Cassidy in so großem Abstand, dass der Abstandszünder versagte, der den Sprengkopf explodieren lassen sollte. Über Cassidy befand sich noch ein anderes Radarziel, das sich auf Unterschallgeschwindigkeit verlangsamte und eine sehr scharfe Kurve flog. Das Geschoss hätte es verfehlen können – Win- kel und Geschwindigkeiten waren oberhalb der Lenkfähigkeit des Geschosses –, hätte das Ziel nicht auf das entgegenkommende Ge- schoss zugewendet. Dieses Mal funktionierte der Abstandszünder des Geschosses. Das Schrapnell durchschlug die Cockpithaube und enthauptete Oberst Nishimura. Der Treffer war Eins-zu-einer-Million-Zufall, ein tragi- scher Unfall. Dixie Elitch vermied den Hagel aus Geschossen, die Scheer und, Smith töteten. Auch sie hatte ein Karree geflogen, und nun ergab sich ein Frontalschuss auf einen der japanischen Bomber weit unter ihr, einer der beiden, die die Geschosse gefeuert hatten. Jetzt waren diese beiden Maschinen auf ihrer Tac-Anzeige. Sie erfasste ihr Ziel mit einem Sidewinder und feuerte, dann ließ sie einen weiteren fol- gen. Eines der Geschosse hatte das Ziel erfasst; das andere nicht. Dixie hatte keine Zeit zum Zuschauen. Ihr ECM jaulte, also zog sie ihren Knüppel gerade zurück und zündete ihre Brenner. Sie wollte direkt über diesen Bastard kommen und den richtigen Moment abwarten, um sich auf ihn zu stürzen. Jiro Kimura wusste, dass die Chancen, der letzte Überlebende zu sein, gering waren, wenn er in diesem Kurvenkampf blieb. Die Ze- ros waren hier, um Chita zu bombardieren und nicht, um amerika- nische Bomber abzuschießen. Kimura rollte auf den Rücken und zog seine Nase senkrecht hinunter. Im Sturzflug schaltete er den Brenner ab, falls einer der Amerikaner einen Sidewinder abfeuerte. Er drehte seine Maschine auf den gewünschten Kurs von 260 Grad und begann, den Sturzflug abzufangen. Er würde im Tiefflug nach Chita rasen, während die Amerikaner mit Nishimura und den anderen beschäftigt waren. Der letzte japanische Pilot im Kampf war Hideo Nakagawa, der als der beste Nachwuchspilot der japanischen Streitkräfte galt. Und dieser Ruf war ehrlich verdient. Er war sehr, sehr gut. Und er hatte Glück. Der erste Sidewinder, den Dixie Elitch in sei- ne Richtung feuerte, verließ ohne Führung den Träger; der zweite verlor die Zielerfassung auf sein Auspuffrohr und schwirrte nach sechs Sekunden ziellos davon. Sobald Nakagawa merkte, dass das zweite Geschoss nicht Kurs hielt, zog er seinen Bomber herum, um Bob Cassidy ins Visier zu nehmen, der zu dem Schluss gekommen, war, dass die beiden Zeros vor ihm außer Gefecht gesetzt waren und deshalb seine Kurve in Richtung des Gegners im rückwärtigen Quadranten beendete. Beide Piloten flogen mit Brenner – Nakagawa in leichtem Steig- flug, Cassidy in sanftem Sinkflug. Und beide waren fast bei Mach 2. Nakagawa schaffte es, eine Zielerfassung auf Cassidy zu bekom- men, den er nur als Radarziel sah. Er feuerte ein radargeführtes Ge- schoss ab und zog dann seine Infrarot-Schutzbrille über die Augen, um zu sehen, ob er den Amerikaner visuell ausfindig machen konn- te. Da war er! In etwa acht Kilometern Entfernung. Nakagawa schaltete auf ›Bordwaffe‹ um. Cassidy sah den Blitz des zündenden Geschossmotors unter Na- kagawas Tragfläche, sonst hätte er ihm nie ausweichen können. Er zog den Steuerknüppel zurück in ein weiteres Karree, während er Köder und Störfolie auswarf. Das Geschoss behielt seine Radar-Zielerfassung auf Cassidys Ma- schine, konnte jedoch seine Zehn-g-Kurve nicht mitmachen. Es ex- plodierte harmlos weit unter Cassidy. Nakagawa zog mit aller Kraft, um Cassidys aufsteigendes Flug- zeug zu überholen. Als die beiden Bomber aufeinander zuschossen, feuerte er eine Salve aus der Bordkanone ab und startete dann durch in einen senkrechten Scherensprung. Cockpit an Cockpit schraubten Bob Cassidy und Hideo Nakagawa sich senkrecht hin- auf, und jeder versuchte dabei, langsamer als der andere zu fliegen und hinter ihn zu fallen. Der Gewinner dieses Wettbewerbs würde einen Schuss abfeuern können; der Verlierer würde sterben. Nakagawa fuhr sein Fahrgestell aus. Als er sah, wie Nakagawas Bugrad aus dem Schacht kam, traf Cas- sidy fast der Schlag. Nakagawa trieb unaufhaltsam nach hinten. Cassidy schoss nach vorn über die Zero hinaus. Er presste beide Leistungshebel bis zum Anschlag vor, zündete die Brenner und zog, bis er das Überziehungsrütteln fühlte, rollte den Bomber auf, den Rücken und wartete die ganze Zeit darauf, dass die Granaten ihm zwischen die Schulterblätter schlugen. Nakagawa hatte ein Problem. Die Konstrukteure der Zero hatten einen Sicherheitskreislauf in das Waffensystem eingebaut, um ein versehentliches Feuern auf dem Boden zu verhindern. Nur durch manuelles Umlegen eines Schalters im Bugrad-Schacht konnte die Kanone bei ausgefahrenem Fahrwerk abgefeuert werden. Eine weite- re Eigenart der Zero war die Tatsache, dass der Pilot warten musste, bis das Bugrad völlig ausgefahren war, ehe er es wieder einfahren konnte. Nakagawa saß bei 240 Knoten in seiner Zero und wartete auf das Einfahren des Bugrads, während er Bob Cassidy mit einem sauberen Kopfsprung wegtauchen sah. Wütend schrie er in seine Maske. Sein Schrei verstummte, als ein Sidewinder in Richtung Mutter Erde an seinem Flugzeug vorbeirauschte. Er blickte hinauf und hielt mit seiner linken Hand die Infrarot-Schutzbrille fest, gerade rechtzeitig, um eine F-22 hinter sich eindrehen zu sehen. Glücklicherweise war das Bugrad-Licht erloschen, so dass er hart auf seinen Angreifer eindrehen konnte. Die geringe Geschwindigkeit von Nakagawas Zero verleitete Dixie Elitch dazu, die notwendige Peilung falsch zu beurteilen. Ihre erste Granatsalve zerriss die Luft und sonst nichts. Sie war zu schnell. Sie schoss über die beschleunigende, kurvende Zero hinweg. Die Mo- toren im Leerlauf und mit ausgefahrenen Sturzflugbremsen, drehte sie ab, um langsamer zu werden und bei ihrem trudelnden Gegner zu bleiben. Der Typ war verdammt gut! Erstaunlicherweise stieg seine Nase, und er gewann irgendwie einen Winkelvorteil. Das g war furchteinflößend, drückte mächtig auf sie nieder. Sie kämpfte darum, bei Bewusstsein zu bleiben, darum den feindlichen Bomber im Blick zu behalten., Er war Cockpit an Cockpit mit ihr und sank unter 7.000 Meter. Er war nah … zu nah. Irgendwie musste sie sich Raum zum Ma- növrieren verschaffen. Sie schlug den Knüppel seitwärts und nach vorn. Der andere Jäger blieb an ihr dran, während sie rollte. Sie beendete die Rolle und brachte den Knüppel etwas zurück. Sofort näherte sich der feindliche Bomber, Cockpit an Cockpit … 15 Meter zwischen den Maschinen. Sie sah geradewegs in sein Cockpit, sah seinen zurück- geneigten Helm, sah, wie er sie ansah, während sie mit den Trieb- werken im Leerlauf und mit ausgefahrenen Sturzflugbremsen um- einander rollten. Sie sah die Infrarot-Schutzbrille und realisierte blitzartig, wofür sie gedacht war. So also konnte er die unsichtbare F-22 im Auge behalten! Was sie nicht sah, war, dass Nakagawa seinen Helm und seine Schutzbrille mit der linken Hand festhalten musste, während er mit der rechten flog. Was er brauchte, war eine dritte Hand, um die Leistungshebel zu bedienen. Dann war er über ihr, auf dem Rücken … und zu langsam, außer Kontrolle. Er gab den Knüppel mit der rechten Hand frei und lang- te über seinen Körper hinweg, um den Leistungshebel vorwärts zu drücken. Dixie begriff, dass Nakagawa überzogen hatte, als sein Bomber auf sie hinunterfiel. Bevor sie reagieren konnte, kollidierten die bei- den Maschinen, Cockpit an Cockpit. Bob Cassidy hatte sich weit nach unten zurückgezogen und zün- dete seine Brenner wieder, um zurück in den Kampf zu steigen. Er schoss hinauf, auf die beiden trudelnden Bomber zu – zwei auf sei- nem HUD, doch er konnte nur die Zero sehen. Sie waren zu dicht beieinander, um einen Schuss zu riskieren. Gerade als er einen Blick auf die F-22 neben der Zero erhaschte, küssten sich die beiden Jäger. Die Maschinen sprangen auseinander, explodierten dann. Jesus!, Cassidy rollte und tauchte unter den Feuerball. Jiro Kimura war im Tiefflug und flog mit beiden gezündeten Bren- nern in Richtung Chita. Sein Radar war ausgeschaltet. Sein GPS gab ihm die Peilung und den Abstand: 266 Grad bei 332 Kilometer. Atombomben abzuwerfen, war Wahnsinn, doch Japans gesetz- mäßige Regierung traf die Entscheidung und gab den Befehl. Jiro Kimura hatte geschworen, zu gehorchen. Und genau das würde er tun, selbst wenn es ihn das Leben kostete. In diesem Augenblick er- schien ihm der bevorstehende Tod als Gewissheit: Er raste ihm mit 1,6-facher Schallgeschwindigkeit entgegen. Es war sehr wahrschein- lich, dass weitere F-22 ihn sehr bald abfangen würden. Wahrschein- lich manövrierten sie gerade, um ihn abzufangen. Selbst wenn er die Bombe erfolgreich abwerfen konnte, hätte er nicht genug Treib- stoff, um den Tanker zu erreichen, der über Chabarowsk wartete. Er verbrauchte diesen Treibstoff jetzt, um seine Chancen zu maxi- mieren, an seinen Abwurfpunkt zu gelangen. Er würde abgeschos- sen werden oder aussteigen müssen. Wenn er ausstieg, würde die sibirische Wildnis ihn langsam töten. Sollte er durch irgendein Wunder überleben, würde die nukleare Strahlung ihn wahrschein- lich zugrunde richten. Das schwirrte ihm alles durch den Kopf, doch er dachte nicht wirklich darüber nach; er dachte daran, wie er den Abwurfpunkt er- reichen könnte. Er hatte F-22 hinter und vor sich, glaubte er. Und in Chita hatten die Amerikaner diese Geschosse, die auf seinen Ra- darstrahl zielten. Jiro Kimura glaubte nicht, dass er viel älter werden würde. Wo, fragte er sich, war Bob Cassidy? War er in einer der F-22, die abgeschossen worden waren, oder saß er in einem der Bomber, die voraus auf ihn warteten? Ein Warnlicht stach ihm ins Auge. Athena! Der supergekühlte, Computer überhitzte. Er schaltete es aus. In diesem Moment war Cassidy 80 Kilometer hinter ihm. Die letzte Zero war nicht auf seiner Tac-Anzeige. Der Staub in der Luft muss- te die Fähigkeit des Satelliten, Maschinen in der Atmosphäre zu or- ten, behindern, überlegte er. Laut dem Weißen Haus waren vier Zeros mit je einer Bombe un- terwegs gewesen. Drei waren abgestürzt; die letzte war entkommen. Wenn der Pilot seine Mission abbrach und zur Basis zurückkehrte, gab es kein Problem. Doch Cassidy kannte den professionellen Ei- fer und die Hingabe der japanischen Piloten; er hielt diese Möglich- keit für unwahrscheinlich. Wenn der Pilot allein weitergeflogen war, um Chita zu bombar- dieren, gäbe es dort niemanden, der ihn aufhalten könnte. Deshalb ging Cassidy auf 13.000 Meter und zündete seine Nachbrenner. Im Augenblick flog er mit Maximalgeschwindigkeit von Mach 2,2 in Richtung Chita. Die leere Tac-Anzeige war stiller Zeuge der Tatsache, dass die drei anderen F-22 nicht mehr in der Luft waren. Der Funk schwieg. Er musste diesen feindlichen Bomber finden. Dixie Elitch war mit Sicherheit tot, getötet bei der Explosion der beiden Maschinen ge- rade eben. Smith III und Paul Scheer … Wer konnte das wissen? Vielleicht hatten sie aussteigen können. Vielleicht auch nicht. Er musste diese Zero abfangen. Er überprüfte seinen Treibstoff. Wenn dieser Bomber Chita erreichte … Cassidy schaltete den Radar ein. Es würde nicht helfen, konnte aber auch nicht schaden. Er fragte sich, in welchem Bomber Jiro gesessen hatte. Jiro war einer der Besten, die sie hatten, so dass er zweifellos bei diesem Einsatz dabei gewesen war. Schon als Cassidy darüber nach- dachte, beantwortete sich die Frage von selbst. Die besten Piloten, finden immer einen Weg, um zu überleben. Eine Zero war noch in der Luft. Mit wachsendem Entsetzen wandelte sich die Möglichkeit, dass Jiro Kimura im Cockpit dieses Jagdbombers sitzen konnte, zur Gewissheit. Ja. Es muss Jiro sein! Das ECM zeigte eine F-22 hinter ihm an. Jiro beobachtete die Messlinienanzeige. Ja! Der Amerikaner hatte ihn wahrscheinlich noch nicht gesehen, was ihm einige Möglichkeiten einräumte. Er konnte nach rechts oder links abwenden und versuchen, sich auf die andere Seite zu schleichen. Oder er konnte drehen und ihn angreifen. Wenn er auf diesem Kurs blieb, würde der Amerikaner nahe genug kommen, um ihn zu orten, ehe Jiro den Abwurfpunkt erreichte; dann würde er ein Geschoss abfeuern. Jiro drehte so schnell er konnte 90 Grad hart nach links ab, um die Zeit zu reduzieren, in der die Längsform seines Flugzeugs der feindlichen Radarenergie zugewandt war. Cassidy sah den Leuchtfleck auftauchen. 68 Kilometer. Einige Se- kunden lang war er zu sehen; dann nicht mehr. Der feindliche Pilot kurvte. Nach rechts oder nach links? Wenigstens hatte er eine fünfzigpro- zentige Chance, die korrekte Richtung zu treffen. Nach rechts. Er drehte 20 Grad nach rechts und starrte auf den Radar. In etwa einer Minute würde er es wissen. Glücklicherweise war er schneller als die Zero, allerdings nur, weil er höher war. Die dünnere Luft erlaubte ihm, schneller zu fliegen. Die Sekunden tickten vorbei. Er konnte nicht zu lange darauf war- ten, dass dieser Typ auftauchte, sonst würde er ihn nie kriegen,, wenn er die andere Richtung eingeschlagen hatte. Doch er musste lang genug darauf warten, um sicher zu sein. Cassidy wischte sich den Schweiß aus den Augen. Der feindliche Pilot musste Jiro sein. Wenn er sich früh nach links abdrehte, ehe er sicher war, dass Jiro nicht vor ihm war, gab er Jiro freie Bahn, um jeden in Chita zu töten – sie alle. Dixie war schon tot. Scheer. Foy Pfütze. Hudek. Nach 60 Sekunden drehte Cassidy 40 Grad nach links. Er hatte sich entschieden – eine Minute. Nicht eine Sekunde mehr oder we- niger. Fest auf neuem Kurs, fragte er sich, ob er länger auf dem anderen Kurs hätte bleiben sollen. Lieber Gott, wo ist diese Zero? Als Jiro merkte, dass der Amerikaner sich in seine Richtung gedreht hatte, war es zu spät. Der amerikanische Jäger war zu nah. Wenn er jetzt kurvte, würde der Pilot ihn ganz sicher entdecken. Doch wenn er auf diesem Kurs blieb – wieder einmal zeigte seine Nase gerade- wegs auf Chita -, würde ihn der Amerikaner sehen, ehe er viele Kilometer zurückgelegt hatte. Vielleicht … Er betätigte das linke Seitenruder und bewegte den Knüppel nach rechts, setzte entgegengesetzt wirkende Ruderschläge. Vielleicht könnte er eine flache Kurve fliegen. Cassidy war außer sich. Er konnte nicht denken, sich nicht ent- scheiden, was er tun sollte. Der japanische Bomber war ihm ent- kommen. Jede Entscheidung, die er getroffen hatte, war schlecht ausgegan- gen. Seine Kameraden waren tot, eine Zero war entkommen … Und, ein Junge, den er liebte wie seinen eigenen Sohn, war entweder tot oder flog diese Zero und würde jeden in Chita töten – mit einer einzigen Bombe. Er schwang die Nase der Maschine von einer Seite zur anderen, flog Schlangenlinien und beobachtete konzentriert die taktische Anzeige. Wenn der Radar irgendetwas erfasste, würde es dort er- scheinen. Nichts. Bob Cassidy schaltete die Brenner aus, um etwas Treib- stoff zu sparen, und kippte die F-22 in eine Kurve. Er würde eine 360-Grad-Kurve fliegen und sehen, ob er irgendetwas entdecken konnte. Wenn nicht, würde er nach Chita fliegen, über dem Gebiet lauern und darauf warten, dass die Zero auftauchte. Natürlich wür- de der Zero-Pilot seine Gegenwart wahrscheinlich durch eine große Pilzwolke verkünden. Da ist sie! Da! Ein verschlüsseltes Symbol erschien auf dem Ra- darbildschirm und der Tac-Anzeige. Cassidy stieß die Leistungshebel auf maximalen Nachbrenner. Der Jagdbomber schien einen Satz vorwärts zu machen. Obwohl Jiro Kimura es nicht wusste, war die F-22 Raptor so hoch, dass ihr Radar von oben ein Radarecho von der Verbindung zwi- schen seiner linken Seitenflosse und dem Flugzeugrumpf erfasst hatte. Er merkte erst, dass ihn der feindliche Pilot geortet hatte, als die ECM-Messlinie länger und breiter wurde. Die F-22 verringerte den Abstand zwischen ihnen, und das konnte nur bedeuten, dass sie die Zero verfolgte. Jiro hatte keine Wahl. Er senkte eine Tragfläche und drehte sich zum Angriff. Da die Atombombe in einem Bombenträger an seiner linken Tragfläche hing, hatte Jiro nur zwei radargeleitete Geschosse mitnehmen können, und er hatte sie beide abgeschossen. Er hatte, auch einen Sidewinder gefeuert, es blieb ihm also nur noch einer. Als die zwei Jagdbomber aufeinander zurasten, hörte er einen Hitze-Zielerfassungston und schoss den Sidewinder ab. Cassidy hatte bereits den Brenner abgeschaltet und warf Leuchtgranaten aus. Er hatte die Zero nicht in Sicht, doch dieser Kerl würde nicht warten. Er würde sobald wie möglich schießen, und Cassidy wette- te, dass er, da er seinen Radar nicht benutzte, einen Sidewinder schießen würde. Als das Geschoss fast direkt von vorn aus dem gelben Dunst her- anzischte, rollte Cassidy hart nach rechts und zog den Knüppel bis in seine Magengrube. Ziehen, ziehen, gegen die Bewusstlosigkeit ankämpfen, versuchen abzutauchen, während der Automat Köder ausstößt … Und das Ge- schoss flog hinter der F-22 vorbei. Die Zero drehte zurück in Rich- tung Chita. Cassidy hatte sie erneut auf der Tac-Anzeige. Wie weit ist Chita entfernt? Heiliger … nur 50 Kilometer. Der Kerl ist fast da! Cassidy schob die Nase nach unten und stürzte sich auf die flüchtende Zero wie ein Falke auf einen Sperling. Bei zehn Kilome- tern erblickte er die Zero, die sich als kleiner Punkt vom matten, gelblichen Himmel abhob. Die Geschwindigkeit, die er beim Sinken gewann, war der einzige Vorteil, den Cassidy hatte, sonst hätte er Jiro Kimura nie eingeholt. Vielleicht hätte er seine letzten Geschosse auf ihn zielen oder auf Waffenreichweite aufschließen und den Bomber mit der Kanone in Fetzen reißen sollen. Er tat nichts dergleichen. Cassidy stieß hinab, hinab, hinab und verringerte den Abstand unerbittlich. Er wusste, dass Jiro die Zero flog. Er musste es sein. Er wollte, dass es Jiro war. Kimura blickte über seine Schulter, hielt seinen Helm und die, Schutzbrille fest und erblickte die F-22 in etwa fünf Kilometer Ent- fernung. Der Pilot schloss rasch auf. Es ist noch Zeit, dachte Jiro. Wenn ich dieses Ding herumreiße, kann ich einen Frontalschuss mit der Kanone feuern. Doch er drehte nicht ab. Er flog 120 Meter über dem Boden, zog seinen Bomber in eine sanfte Linkskurve, mit einem Querneigungswinkel von zehn Grad. Wieder warf er einen Blick über die Schulter und wartete darauf, dass der ankommende Pilot für einen Bordwaffenbeschuss nach vorn zog. Und er wartete. Es ist Cassidy! Er will mich töten, weil ich ihn nicht töten konnte. Der Abstand betrug jetzt etwa 300 Meter. 200 … 100 Meter, und die F-22 machte keinen Versuch, zu schießen. Sie schloss weiter auf, vielleicht mit 30 oder 40 Knoten. Jiro begriff jäh, was geschehen würde. Er packte den Knüppel und riss ihn hart zurück. Der verdammte Helm … Er konnte ihn nicht festhalten, so dass er die ankommende F-22 aus den Augen verlor. Bob Cassidys linke Tragflächenspitze schnitt in die rechte Seiten- flosse der Zero. Die Maschinen stiegen etwa 50 Grad aufwärts, als sie zusammen- stießen. Jiro fühlte den Ruck und rollte instinktiv nach links, fort von dem Schatten über und hinter ihm. Diese Rolle kostete ihn die rechte Höhenflosse, die wie ein toter Zweig von der linken Trag- fläche der F-22 abgebissen wurde. Knapp ein Meter brach von der linken Tragflächenspitze der F-22, die in einer unkontrollierten Rolle nach rechts war, ab., Bob Cassidys Augen wandten sich der Geschwindigkeitsanzeige zu. Er hatte genug Zeit in Jagdbombern verbracht, um die Lektion gelernt zu haben – steig niemals bei Überschall aus. Glücklicherweise hatten der Steigflug, die ausgeschalteten Brenner und die zurückgezogenen Leistungshebel – er hatte sie in den Leer- lauf gezogen, gerade als seine Tragfläche in die Zero gekracht war – die F-22 abgebremst. Erstaunlicherweise gewann Cassidy die Kontrolle zurück. Er schlug den Steuerknüppel automatisch nach links, um die Rolle zu stoppen, und der Jäger gehorchte. Er tauchte die Tragfläche tiefer und suchte die Zero. Da! Der feindliche Bomber wurde langsamer und versprühte Treibstoff. Raus, Jiro! Steig aus, ehe sie explodiert! Jiro Kimura kämpfte gegen die aerodynamischen Kräfte, die an der lädierten Maschine zerrten. Er hatte keine Ahnung, wie viel sein Jäger bei dem Zusammenstoß abgekriegt hatte, doch wenigstens rollte oder trudelte sie nicht besonders heftig. Er schaute in den Rückspiegel, schaute dann noch einmal hin. Die rechte Seitenflosse war weg! Und die rechte Höhenflosse! Noch während er den Schaden erfasste, begann der Bomber zu rollen. Er sah die Treibstofffahne in seinem Rückspiegel. Jiro versuchte, die Rolle mit dem Steuerknüppel zu stoppen. Die Rolle wurde heftiger. Himmel und Erde wechselten rasch. Der Geschwindigkeitsmesser zeigte 300 Knoten, so dass Jiro den Schleudersitzgriff zog., Als er sah, wie der japanische Pilot seinen rollenden Bomber mit dem Schleudersitz verließ, widmete Bob Cassidy seine Aufmerksam- keit ganz seiner eigenen Maschine. Mit vollem linkem Seitenruder und rechtem Steuerknüppel flog das Ding noch. Chita war 22 Kilometer nordwestlich. Bob Cassidy kurvte sanft in diese Richtung. Er blickte rechtzeitig hinunter, um Jiro Kimuras Fallschirm zu erkennen. Er drosselte die Geschwindigkeit und ließ den schwer beschädig- ten Bomber auf 250 Knoten verlangsamen. Während die Geschwin- digkeit fiel, betätigte er mehr und mehr Ruder und Knüppel. Er spürte, dass das Flugzeug nicht langsam genug fliegen würde, damit er es landen könnte. Vergiss Fahrwerk und Klappen – er wür- de außer Kontrolle geraten, bevor er auf Fahrwerk-Geschwindigkeit verlangsamen konnte. Er würde aussteigen müssen. Und es war ihm gleichgültig. Eine tiefe Lethargie hielt Bob Cassidy gefangen. Noch 15 Kilometer bis Chita. Schließlich bedeutete das Schicksal einzelner Personen im großen Plan aller Dinge sehr wenig. Nichts hielt den natürlichen Gang des Universums auf. Doch noch war er ein Mann mit Verantwortungen. »Taco, hier ist Hoppy.« »Ja, Hoppy.« »Alle vier der feindlichen Angriffsbomber sind abgeschossen. Ich bin der letzte von unseren, der noch in der Luft ist.« »Verstanden.« »Melden Sie das bitte Washington.« »Roger.« »Und sagen Sie den Absturzleuten, sie sollen mich suchen. Ich bin im Begriff, über der Basis auszusteigen.« »Verstanden. Viel Glück, Hoppy.« »Ja.« Er hielt die Geschwindigkeit bei etwa 300 Knoten. Der Bomber, flog leicht seitwärts und Warnlichter blinkten überall auf dem In- strumentenbrett, während die Start- und Landebahn der Basis näher und näher kam. Als er mit seinem direkt auf Moskau ausgerichte- ten Bomber am Hangarbereich vorbei war, zog Bob Cassidy den Schleudersitzhebel. 27. KAPITEL

Zwei Mechaniker, die in einem Kleintransporter unterwegs waren,fanden Jiro Kimura in einem dichten Wäldchen auf der Flanke

eines Hügels 15 Kilometer von der Luftwaffenbasis entfernt. Jiro hatte sich beim Aussteigen das rechte Bein gebrochen. Als man ihn fand, hing er noch an seinem Fallschirm, der sich in einem kleinen Baum verfangen hatte. Nachdem die Mechaniker den japanischen Piloten in das behelfs- mäßige Lazarett gebracht hatten, ging Bob Cassidy dorthin, um nach ihm zu sehen. Er stand nur da, sah ihn an und überlegte, was er sagen könnte. »Ich dachte mir, dass Sie diese Maschine fliegen, Jiro.« »Und ich wusste, dass Sie hinter mir waren.« Cassidy wusste nicht, was er hinzufügen sollte. »Der Doktor wird Ihr Bein richten. Sie werden Ihnen ein Beru- higungsmittel geben. Wir reden morgen.« »Sie hätten mich töten sollen, Bob.« »Shizuko hätte mir das nie verziehen.« Jiro schwieg. »Ich hätte mir auch nie verziehen«, fügte Bob Cassidy hinzu., Dann ging er hinaus. Draußen hockte er sich auf einen Stein und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Er konnte einen Fernseher hören, den jemand laut aufgedreht hatte. Die Parabolantenne war auf dem Rasen vor Cassidy angebracht. Präsident Hood sprach. Cassidy konnte seine Stimme hören. Die Sonne schien warm auf seine Haut. Er saß da und stellte sich die Gesichter seiner toten Piloten vor, als er merkte, dass Dick Guelich neben ihm hockte. »Hoppy, ich dachte, wir sollten vielleicht die Cessna losschicken, um nach Überlebenden zu suchen. Die anderen, die heute Morgen mit Ihnen geflogen sind? Hat irgendjemand …« »Sie sind tot.« Sein Mund war so trocken, dass die Worte kaum zu verstehen waren. Er räusperte sich. »Sie sind tot.« »Dixie?« »Zusammenstoß mit einer Zero«, flüsterte Cassidy. »In einem Kurvenkampf. Hab keinen Fallschirm gesehen.« »Scheer und Smith?« »Haben Treffer abgekriegt, glaube ich. Bei den Geschwindigkei- ten …« Er deutete mit der Hand nach Osten. »Schicken Sie die Cessna los. Suchen Sie.« »Tut mir Leid, Colonel.« »Nehmen Sie die beiden anderen Flugzeuge mit. Lassen Sie die Piloten im Umkreis von mindestens hundertfünfzig Kilometern su- chen. Und sie dürfen nicht weiter als dreißig Kilometer auseinander fliegen, damit einer dem anderen helfen kann, wenn er abgesprun- gen ist.« »Ich habe sie entsprechend angewiesen, Sir.« »Wenn die Maschinen aus Deutschland landen, tanken Sie sie auf und rüsten Sie sie mit Raketen aus. Schicken Sie die Piloten für eine Einsatzbesprechung zu mir. Ich glaube nicht, dass die Japsen es noch mal versuchen, aber es wäre möglich.«, »Ja, Sir«, sagte Guelich und ging. Es tat gut, still zu sitzen. Er hatte weder die Energie noch das Be- dürfnis, sich zu bewegen. Arme Dixie. Die Sonne brannte und machte ihn so müde, dass er nicht mehr sitzen konnte. Er rutschte ins Gras und lehnte sich mit dem Rü- cken an den Stein. »Ich habe mein Bestes getan, Sabrina … Ehrlich …« Als die Tränen kamen, gab es keine Möglichkeit, sie zu unterdrü- cken. Bob Cassidy versuchte es auch gar nicht. Das Bajonett war in ausgezeichnetem Zustand, trotz seines Alters. Die Armee hatte es Atsuko Abes Vater ausgehändigt, als er 1944 im Alter von sechzehn Jahren eingezogen worden war. Natürlich hatte Abe senior nie gekämpft. Hätte er es getan, würde das Bajonett jetzt vermutlich das Haus des Sohns irgendeines ame- rikanischen Veteranen schmücken. Der Jungsoldat hatte seine mili- tärische Laufbahn damit verbracht, ein Flugabwehrmunitionslager in Nordjapan zu bewachen. Die Armee hatte es nach dem Krieg zerstört. Der junge Abe ließ sein Arisaka-Gewehr stehen und fuhr per Anhalter in sein Heimatdorf zurück. Aus nie geklärten Gründen behielt er das Bajonett und die Scheide. Beinahe schon ein kleines Schwert, war das Bajonett etwa 18 Zen- timeter lang und hatte eine gerade, schmale Klinge. Mit seinem höl- zernen Griff eignete es sich hervorragend für militärische Aufgaben wie das Beseitigen von Unterholz und das Öffnen von Dosen. Die Klinge war ursprünglich nicht sehr scharf gewesen, doch als Junge hatte Atsuko Schneide und Spitze scharf gewetzt. In einem Staat mit sehr strengen Waffengesetzen, die den Besitz von Feuerwaffen regulierten, war das alte Bajonett eine gefährliche Waffe. Abe stellte es immer auf einem kleinen hölzernen Ständer zur, Schau, der eigentlich für ein Samuraischwert gedacht war, gegen- über seinem Schrein. An diesem Abend schickte Atsuko Abe die Diener weg. Er sorgte dafür, dass die Türen zur Residenz des Premierministers verriegelt wurden, dann zog er sich in seine Privaträume zurück, wo er badete und danach einen Seidenkimono überzog, den ihm seine Frau vor Jahren, vor ihrem Tod, geschenkt hatte. Einige Zeit verbrachte er auf einer Matte vor seinem Schrein und schrieb Briefe. Einen an seine Schwester, seine einzige noch lebende Verwandte, und einen an Kaiser Hirohito, Sohn des früheren Kai- sers Naruhito. Er bat beide um Entschuldigung. Er bat seine Schwester um Vergebung für die Schande, die er der Familie be- reitet hatte. Er bat den jungen Kaiser um Verzeihung dafür, dass er Japan im Stich gelassen hatte. Das Japan, von dem Abe sprach, war nicht die alltägliche Nation der überfüllten Städte, Wohnungen, Fabriken und winzigen Bauernhöfe, wo er die meiste Zeit seines Le- bens gelebt hatte; es war ein idealisiertes Japan, das wahrscheinlich nur in seinen Träumen existierte. Die Pinselstriche auf dem weißen Reispapier hatten eine fast quä- lende Schönheit an sich. Oh, was hätte sein können! Abe beendete den Brief an den Kaiser und unterschrieb ihn. Er steckte jeden Brief in einen Umschlag, versiegelte ihn, schrieb den Namen des Emp- fängers darauf und legte die Umschläge auf den Schrein. Der letzte Brief war an seinen Vater, der seit zwanzig Jahren tot war. Er erklärte seine Träume für Japan, seinen Glauben an ihre Größe und berichtete bitter von ihrem Scheitern. Er hatte das japa- nische Volk falsch eingeschätzt, sagte er. Sie hatten ihn verraten. Und sich selbst. Es war beschämend, und doch war es die Wahr- heit, und zukünftige Generationen würden damit leben müssen. Auch diesen Brief steckte er in einen Umschlag. Doch nachdem er ihn zunächst auf den Schrein gelegt und gebetet hatte, ließ er ihn in das Räuchergefäß fallen, wo er verglühte. Abe zündete ein, Räucherstäbchen an und beobachtete den Rauch, der zum Himmel aufstieg. Er fächelte sich etwas davon zu und atmete ihn ein. Atsuko Abe begriff, dass er es hinter sich bringen sollte. Er war bereit für den Schmerz, bereit für das, was auch immer nach dem Leben kam. Er entblößte seinen Bauch, zog dann das Bajonett aus der Schei- de. Die überlieferte und ehrbare Weise, Seppuku oder Harakiri zu begehen, war, die Klinge tief in den Bauch zu stoßen, sie quer durch den Magen zu ziehen, die Aorta zu durchtrennen, die Klinge in der Wunde zu drehen und sie dann aufwärts zu ziehen. Die Schnitte führten zu massiven inneren Blutungen und der Tod trat rasch ein. Der Nachteil war, dass nur wenige Männer genug Mut hatten, um sich eine solche Verletzung zuzufügen. Um ihrer Ehre willen zogen verurteilte Samurai in alten Zeiten einen Assistenten, den Kaishakunin, hinzu, normalerweise ein enger Freund, der den Krieger enthauptete, nachdem er den rituellen Schnitt ausgeführt hatte, oder auch früher, sobald der Assistent die kleinste Andeu- tung von Schmerz oder Unentschlossenheit bemerkte. Abe hatte keinen Kaishakunin, seine Ehre verlangte, dass er litt. Atsuko Abe langte nach vorn und packte den Griff des Bajonetts mit beiden Händen. Er holte mehrmals tief Luft, um sich vorzube- reiten. Hier zu scheitern, würde ihn noch mehr entehren. Schweiß perlte auf seiner Stirn. Er sprach ein letztes Gebet und rammte sich das Bajonett mit beiden Händen tief in die Einge- weide. Der Schmerz riss ihn fast zu Boden. Fest entschlossen zog er die scharfe Klinge durch seinen Bauch. Er schaffte es halb, dann verließen ihn die Kräfte. Der Schmerz raubte ihm seine Entschlossenheit. Er sammelte all seine Willens- kraft und seinen Mut und drehte die Klinge. Die Qual war unglaublich. Ein letzter Schnitt, und alles wäre vorüber., Stöhnend, mit den Zähnen knirschend und einen Schrei unter- drückend, zog er den Griff aufwärts. Seine Hände rutschten ab. Nur wenig Blut sickerte aus der Wunde. Wenn er die Klinge nicht herausbekam, würde er eine Woche lang hier leiden. Mit einem letzten gewaltigen Ruck zog er das Bajonett aus sei- nem Fleisch. Das kleine Schwert glitt ihm aus der Hand, flog halb durch das Zimmer und landete klappernd. Das Blut floss jetzt besser, obwohl der Schmerz nur leicht nach- ließ. So sehr er sich auch bemühte, er konnte sich nicht aufrecht hal- ten. Langsam kippte er auf die Seite. Er biss sich auf die Lippen, dann auf die Zunge. Blut floss aus seinem Mund, vermischte sich mit dem Schweiß, der ihm übers Gesicht rann. Er hätte mehr Wein trinken sollen. Das hätte den Schmerz betäubt. Wenigstens die Ehre war gewahrt. Er hatte Japan, nicht jedoch seine ehrbaren Vorfahren enttäuscht, zu denen er sich bald gesellen würde. Die Zeit verging. Wie viel, er wusste nicht. Seine Gedanken wan- derten ziellos, während er immer wieder aus der Ohnmacht erwach- te. Dann hörte er die Stimme eines Mannes. Sich öffnende Türen. Eine fragende Stimme. Seine Sinne schärften sich; der Schmerz in seinem Leib drohte ihn zu überwältigen. Die Tür zu seinem Zimmer öffnete sich. Er versuchte sich umzu- drehen. Abe erhaschte einen Blick auf ein Gesicht. Es war der Haushof- meister. Ein Beamter von etwa 50 Jahren; der Mann hatte alle Rän- ge des häuslichen Stabs durchlaufen, seit er als junger Mann einge- treten war. Jetzt stand er wortlos da und betrachtete ihn, dann ging er und schloss die Tür hinter sich. Atsuko Abe bewegte sich, versuchte, die Qual zu mildern. Nichts, schien zu helfen. Als er merkte, dass er stöhnte, biss er sich heftig auf Lippen und Zunge. Solange es ihn nur davon abhielt, sich selbst noch mehr zu beschämen. Episoden der vergangenen paar Monate gingen ihm wieder und wieder durch den Kopf: die Besprechungen mit seinen Ministern; General Yamashita; Kaiser Naruhito; Reden vor der Diet. Die ver- worrenen Szenen spielten sich wieder und wieder vor seinem inne- ren Auge ab. Oh, wenn nur er es nur noch einmal tun könnte. Eine Tür ging im Stockwerk unter ihm auf. Das Geräusch war un- verkennbar. Wie spät war es? Die frühen Morgenstunden. Der Haushofmeister war hier gewesen – wann? Vor zwei Stunden, min- destens. Wer konnte das sein? Die Tür öffnete sich. Eine Frau stand dort. Abe versuchte genauer hinzuschauen. Sie kam durch das Zimmer, stand vor ihm. Masako. Kaiserin Masako. Scham ergriff Atsuko Abe, verwandelte sich in Empörung. Dass ihn eine Frau so sehen sollte! Der Haushofmeister hatte ihn ent- ehrt, ihn, den Premierminister. »Eure Majestät«, brachte er mühsam heraus. Jede Unze Kraft sam- melnd, setzte er sich auf. »Bitte lasst mich allein. Eure Gegenwart macht mir Schande.« Sie stand vor ihm, blickte sich um, sah die blutgetränkte weiße Matte, das Bajonett und den Schrein und schwieg. Sie trug einen schlichten westlichen Hosenanzug, weiße Handschuhe, feste Schu- he und einen dazu passenden modischen Hut. In ihrer linken Hand hielt sie eine kleine, mit Perlen bestickte weiße Tasche. Sie blickte auf die Tasche hinunter und öffnete sie. Mit der rechten Hand zog sie eine Pistole heraus. »Eure Majestät, nein! Ich flehe –«, »Das«, sagte sie ruhig, »ist für meinen Mann. Und für meinen Sohn.« Damit hob sie die Pistole und schoss Atsuko Abe mitten in die Stirn. Seine Leiche kippte vornüber. Kaiserin Masako legte die Pistole in die Tasche zurück, schloss sie und verließ ohne einen Blick zurück das Zimmer. Die zwei Wochen nach dem vorzeitigen Tod Aleksander Kalugins waren sehr anstrengend für Janos Ilin. Er half bei den Sicherheits- vorkehrungen für Marschall Stolypins Amtseinführung und unter- stützte die Polizei dabei, Kalugins Getreue zu fassen und zu ent- waffnen. Er flüsterte den Staatsanwälten lange und laut zu, welche der Getreuen vor Gericht gestellt werden sollten. Er forderte, das Kalugins Leutnants sich für ihre Verbrechen verantworten müssten. Private Armeen, fand er, waren schlecht für die Demokratie und fürs Geschäft. Präsident Stolypin half ihm, sich durchzusetzen. Auch er hielt nicht viel von privaten Armeen. Eines Abends saß Janos Ilin in seinem Büro und versuchte, Ge- winne und Verluste des russisch-japanischen Krieges einzuschätzen. Morgen würden Hauptmann Ersten Ranges Pavel Saratov und die überlebende Mannschaft des U-Boots Admiral Kolchak aus Tokio einfliegen. Präsident Stolypin würde sie am Flughafen empfangen und jeden Mann auszeichnen. Saratov würde zum Helden der Rus- sischen Republik erklärt und rückwirkend zum Admiral befördert werden. Den Berichten hatte Ilin entnommen, dass Saratov diese Ehre mehr als reichlich verdiente. Der amerikanische Präsident hatte heute einen neuen Auslands- kredit für Russland angekündigt, den größten in der amerikani- schen Geschichte, der zum ersten Mal wesentliche Steuererleichte- rungen für amerikanische Firmen vorsah, die in Russland investier- ten. Und sehr bald würden amerikanische Firmen das Geld haben,, um zu investieren. Die letzten beiden Wochen waren die größten in der Geschichte der amerikanischen Börse gewesen. Jeder, so schien es, hatte plötzlich entschieden, dass Frieden etwas Wunder- bares war. Atsuko Abes Tod hatte Japan eine neue Regierung beschert, von der Ilin glaubte, dass sie mehr in die Zukunft schaute als in die Ver- gangenheit. Die unvermeidliche Tatsache war, dass Russland reich an Bodenschätzen war und Japan Kapital und technisches Know- how hatte. In der richtigen Partnerschaft sollte es hier für jeden etwas zu gewinnen geben. Etwas für jeden war die Art und Weise, wie die Welt am besten funktionierte, dachte Janos Ilin. Bald wäre es für Agent Ju an der Zeit, eine neue Information an Toshihiko Ayukawa zu schicken. Dieses Mal würde Ju auf die Leute in Russland hinweisen, die für ein sibirisches Joint Venture am ehesten in Frage kämen, Leute, die Dinge bewegen konnten. Eine Zeitlang hatte Ilin gedacht, dass Jus Nachricht über die Zer- störung aller russischen Atomwaffen nach hinten losgegangen sei. Monatelang hatte es so ausgesehen, als ob dieser Schachzug üble Folgen haben würde. Zurückblickend dachte er jedoch immer noch genauso wie damals, als er die Nachricht entworfen hatte – die enormen Risiken waren berechtigt. Russland hatte wenig zu verlie- ren und alles zu gewinnen, wenn ein ausländischer Feind es zum Kampf zwang. Die Atomdrohungen gegen Japan waren ein Spiel mit dem Feuer gewesen. Er hatte nie gedacht, dass Kalugin durchdrehen und den Einsatz von Atomwaffen befehlen würde. Glücklicherweise war nichts geschehen, doch Kalugin hatte sich tatsächlich alle Mühe gegeben. Yuri Esenin und die Bomben an Bord dieses U-Boots – das war von Anfang an ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen gewesen. Nur das Geschick und der Mut von Pavel Saratov hatten das U-, Boot überhaupt so weit gebracht. Die Luftangriffe auf Japan waren eine andere Angelegenheit. Als sie gestartet wurden, hatte der Chefagent gedacht, dass sein schlimmster Albtraum wahr werden würde. Dann waren die Jäger einfach verschwunden. Ilin ließ nachforschen, was geschehen war. Nachdem er die Berichte über die Verhöre der Überlebenden von den Angriffen auf Tokio und die Tateyama-Halbinsel gelesen hatte, dachte Ilin, dass wahrscheinlich Yan Chernov auf die russischen Tanker geschossen und damit alle Maschinen zur Notlandung ge- zwungen hatte. Es war seine Stimme gewesen, glaubten zwei Über- lebende, die vor Zeros gewarnt hatte, doch kein einziger feindlicher Bomber war gesichtet worden. Einer der Agenten Ilins, der in einer amerikanischen Erdbebenfor- schungsstelle in Sibirien tätig war, sagte, dass ein Mann, auf den Chernovs Beschreibung passte, zwei Tage nach dem Angriffsver- such, nur mit einem Fluganzug bekleidet, dort aufgetaucht war. Die Amerikaner gaben ihm zu essen und einen Job. Er war noch immer dort, sagte der Informant. Entweder Chernov oder die Japaner hatten die russischen Tanker abgeschossen und die Angriffsbomber zum Scheitern verurteilt. Wie auch immer, dachte Ilin, der Atomangriff auf Japan war eine Ange- legenheit, die man besser vergessen sollte. Armes Russland, Land ohne Hoffnung. Doch heute gab es etwas Hoffnung. Ohne Kalugin, mit der verjüngten Regierung und aus- ländischen Nationen, die zu Investitionen bereit waren, lugte sie unter dem Schutt hervor. Vielleicht würde die Hoffnung weiter wachsen. Mit all dieser Hoffnung und den Milliarden ausländischen Kapitals könnte Russ- land zu einem Land heranwachsen, das seiner Patrioten, Männern wie Yan Chernov und Pavel Saratov, würdig war. Die Zeit würde es zeigen.,

DANKSAGUNG

Für verschiedene Passagen des Buches erbat der Autor technische Ratschläge von Experten. Für ihre freundliche Unterstützung be- dankt sich der Autor vor allem bei Ray A. Crockett, Charles G. Wilson und Captain Sam Sayers, USN Ret. Ein besonderer Tipp über einen Fliegerhelm ist Colonel Bob Price, USMC Ret., und sei- nen Kollegen zu verdanken, den Testpiloten in Lockheed-Martin, die dem Autor dabei zusahen, wie er im Flugsimulator eine F-22 flog, ohne zu lachen.]
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