Herunterladen: Philip K. Dick Der dunkle Schirm Science Fiction-Roman

Philip K. Dick Der dunkle Schirm Science Fiction-Roman BASTEI-LÜBBE-TASCHENBUCH Science Fiction Bestseller Band 22 018 © Copyright 1977 by Philip K. Dick All rights reserved Deutsche Lizenzausgabe 1980 Scan by Brrazo 07/2006 Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe, Bergisch Gladbach Originaltiel: A Scanner Darkly Ins Deutsche übertragen von Karl-Ulrich Burgdorf Titelillustration: Patrick Woodroffe Umschlaggestaltung: Bastei-Grafik (W) Druck und Verarbeitung: Mohndruck Graphische Betriebe GmbH, Gütersloh Printed in Western Germany ISBN 3-404-22018-2 Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich de...
Autor Anonym
Downloads: 0 Abrufe 3

Dokumentinhalt

Philip K. Dick

Der dunkle Schirm

Science Fiction-Roman, BASTEI-LÜBBE-TASCHENBUCH Science Fiction Bestseller Band 22 018 © Copyright 1977 by Philip K. Dick All rights reserved Deutsche Lizenzausgabe 1980 Scan by Brrazo 07/2006 Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe, Bergisch Gladbach Originaltiel: A Scanner Darkly Ins Deutsche übertragen von Karl-Ulrich Burgdorf Titelillustration: Patrick Woodroffe Umschlaggestaltung: Bastei-Grafik (W) Druck und Verarbeitung: Mohndruck Graphische Betriebe GmbH, Gütersloh Printed in Western Germany ISBN 3-404-22018-2 Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer., Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit toten oder noch lebenden Personen wäre rein zufällig. Quellennachweise: Auszüge aus »The Other Side of the Brain: An Appositional Mind« von Joseph E. Bogen, M.D. zuerst erschienen im Bulletin of the Los Angeles Neurological Societies, Vol. 34, Nr. 3, Juli 1969. Mit freundlicher Geneh- migung des Verfassers. Auszüge aus »The Split Brain in Man« von Michael S. Gazzaniga, zuerst erschienen im Scientific American, August 1967, Vol. 217. Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers. Gedicht ohne Titel aus Heinrich Heine: Lyric Poems and Ballads, übersetzt von Ernst Feise. Copyright © 1961 by The University of Pittsburgh Press. Mit freundlicher Genehmigung der University of Pittsburgh Press. Weitere auch im Original deutschsprachige Zitate (vgl. Fußnoten) aus Goe- thes Faust, Teil I, und aus Beethovens Oper Fidelio.,

I

Da stand einmal ein Typ mitten im Raum und versuchte den ganzen Tag lang verzweifelt, sich die Wanzen aus den Haaren zu schütteln. Sein Arzt erklärte ihm, er habe überhaupt keine Wanzen in den Haaren. Nachdem er acht Stunden lang geduscht hatte, wobei er Stunde um Stunde unter dem heißen Wasserstrahl stand und unter dem Ge- krabbel der Wanzen litt, trat er wieder aus der Duschka- bine und trocknete sich ab, und er hatte immer noch Wanzen in seinem Haar; ja, sie hatten sich jetzt sogar über seinen ganzen Körper ausgebreitet. Einen Monat später hatte er schon Wanzen in der Lunge. Da es sonst nichts gab, was er hätte tun oder worüber er hätte nachdenken können, machte er sich daran, den Lebenszyklus der Wanzen zu erforschen und zudem mit Hilfe der Encyclopedia Britannica genau zu bestimmen, um welche Gattung von Wanzen es sich eigentlich han- delte. Jetzt waren sie schon überall in seinem Haus. Wäh- rend er die umfangreiche Literatur über die zahlreichen Wanzenarten, die es auf der Welt gab, systematisch durcharbeitete, bemerkte er schließlich auch draußen im Freien Wanzen, und daraus schloß er, daß es sich wohl eher um Vertreter der Spezies Aphidina handeln müsse – also um Blattläuse. Nachdem er einmal zu dieser Er- kenntnis gelangt war, ließ er sich auch davon nicht mehr abbringen, ganz gleich, was andere Leute ihm erzählen mochten … wie zum Beispiel: »Aber Jerry, Blattläuse beißen doch keine Menschen!«, Er aber wußte es besser, weil die endlosen Wanzenbis- se ihm mittlerweile wahre Höllenqualen bereiteten. Im 7- 11-Kolonialwarenladen, der zu einer Ladenkette gehörte, die sich über fast ganz Kalifornien erstreckte, erstand er Sprühdosen mit Razzia, Schwarzkreuz und Hofwächter. Erst sprühte er das Haus damit ein und schließlich auch sich selbst. Das Hofwächter-Spray schien am besten zu wirken. Zugleich verfolgte er auch den theoretischen Aspekt des Problems weiter und entdeckte dabei drei Entwick- lungsstadien im Lebenszyklus der Wanzen. Zunächst wurden sie von Menschen, die er fortan »Wanzenträger«, nannte, in sein Haus eingeschleppt, um ihn zu verseu- chen. Diese Wanzenträger waren Personen, die sich ihrer Rolle bei der Verbreitung der Wanzen gar nicht bewußt waren. Während dieses Stadiums hatten die Wanzen noch keine Beißwerkzeuge oder Mandibeln. (Er lernte dieses Wort anläßlich seiner wochenlangen Forschungs- arbeiten kennen, während der er sich immer tiefer in die Bücher vergrub – eine recht ungewöhnliche Beschäfti- gung für einen Typen, der in einem Bremsen- und Rei- fen-Schnelldienst arbeitete, wo seine Aufgabe darin be- stand, Bremstrommeln zu richten.) Die Wanzenträger spürten daher nichts. Oft hockte Jerry jetzt im. hintersten Winkel des Wohnzimmers und beobachtete die Wanzen- träger, die den Raum betraten. Es waren meist Leute, die er schon länger kannte, aber er entdeckte auch einige neue Gesichter darunter. Sie alle waren über und über mit Blattläusen dieses ersten Entwicklungsstadiums bedeckt. Manchmal lächelte Jerry auch schief vor sich hin, weil er, als einziger wußte, daß die betreffende Person von den Wanzen benutzt wurde und das noch gar nicht geschnallt hatte. »Warum grinst du eigentlich so, Jerry?« fragten sie ihn dann bisweilen. Er aber lächelte nur weiter vor sich hin und antwortete nicht. Im nächsten Stadium wuchsen den Wanzen eine Art Flügel; nun, eigentlich waren es keine richtigen Flügel, sondern eher Auswüchse, die die Funktion von Flügeln erfüllten und es den Wanzen ermöglichten, auszu- schwärmen, denn nur so konnten sie von einer Person zur anderen überwechseln und sich auf einem neuen Träger niederlassen – also in erster Linie auf Jerry. Wenn die Wanzen zu schwärmen begannen, war die Luft voll von ihnen; sie hingen wie lebende Wolken in seinem Wohn- zimmer, ja in seinem ganzen Haus. Während dieses Sta- diums versuchte er, sie nicht einzuatmen. Am meisten tat Jerry sein Hund Max leid, denn er konnte sehen, wie die Wanzen auf ihm landeten und sich überall in seinem Fell niederließen. Vielleicht gelangten sie auch in Max’ Lunge, so wie sie in seine eigene Lunge eingedrungen waren. Jerry glaubte zu spüren, daß der Hund ebenso stark litt wie er selbst. Deswegen überlegte er, ob er Max fortgeben sollte, um wenigstens ihm das Leben leichter zu machen. Aber schließlich entschied er sich doch dagegen, weil der Hund ja bereits versehentlich infiziert worden war und ihn die Wanzen darum überall- hin begleiten würden. Manchmal nahm er den Hund mit unter die Dusche, und versuchte, ihn von den Wanzen zu säubern. Aber er hatte bei Max auch nicht mehr Erfolg als bei sich selbst. Da er ein sehr mitfühlender Mensch war, schmerzte es ihn, mit ansehen zu müssen, wie der Hund litt; daher setzte er die Versuche, ihm zu helfen, unermüdlich fort. In gewisser Weise waren die Qualen dieses hilflosen Tie- res, das sich nicht einmal beklagen konnte, das Schlimm- ste an der ganzen Wanzenplage. »Was, zum Teufel, machst du eigentlich den ganzen Tag lang mit dem gottverdammten Köter unter der Du- sche?« fragte ihn sein Kumpel Charles Freck einmal, als er während einer dieser Duschprozeduren hereinkam. Jerry sagte: »Ich muß irgendwie die Aphidien von ihm runterkriegen.« Er schleppte Max aus der Duschkabine und fing an, ihn trockenzurubbeln. Verwirrt schaute Charles Freck zu, wie Jerry Babyöl und Talkumpuder in das Fell des Hundes einmassierte. Überall im Haus türm- ten sich wild durcheinandergeworfene Sprühdosen mit Insektenspray und Flaschen mit Talkum, Babyöl und Hautpflegemitteln, die meisten davon leer; mittlerweile verbrauchte Jerry schon Dutzende von Flaschen pro Tag. »Ich seh’ keine Aphidien«, sagte Charles. »Was ist ei- gentlich ‘ne Aphidie?« »Kann manchmal tödlich sein«, sagte Jerry. »Genau das ist ‘ne Aphidie – tödlich. Die Biester sind in meinen Haaren und auf meiner Haut und in meiner Lunge, und die gottverdammten Schmerzen werden langsam uner- träglich – ich werd’ wohl bald ins Krankenhaus müssen.« »Wie kommt’s, daß ich sie nicht sehen kann?« Jerry setzte den Hund ab, den er inzwischen in ein Ba-, detuch eingewickelt hatte, und kniete sich auf dem Zot- telteppich hin. »Paß auf, ich zeig’ dir mal eine«, sagte er. Der Teppich war dicht mit Blattläusen bedeckt; überall schnellten welche hoch und hüpften auf und nieder, wo- bei manche höher sprangen als ihre Artgenossen. Jerry hielt Ausschau nach einem besonders großen Exemplar, weil es den anderen Leuten so schwerfiel, die Biester zu sehen. »Hol mir mal ‘ne Flasche oder ‘n Glas«, sagte er. »Unterm Spülstein. Wir decken das Glas dann mit einem Tuch ab oder schrauben den Deckel drauf, und dann kann ich’s mitnehmen, wenn ich zum Arzt geh’, und der kann sich das Vieh mal genau ansehen.« Charles Freck brachte ihm ein leeres Mayonnaiseglas. Jerry setzte seine Suche unverdrossen fort, und schließ- lich entdeckte er eine Blattlaus, die mindestens drei Zen- timeter lang war und bestimmt einen halben Meter hoch in die Luft sprang. Er fing sie geschickt ein, trug sie zum Glas, ließ sie vorsichtig hineinfallen und schraubte rasch den Deckel zu. Dann hielt er die Blattlaus triumphierend hoch. »Na, siehst du sie?« erkundigte er sich. »Jaaaaaa«, sagte Charles Freck. Seine Augen weiteten sich, als er den Inhalt des Glases musterte. »Was für ein Riesenvieh! Wow!« »Hilf mir mal dabei, noch mehr einzufangen, die ich dem Arzt zeigen kann«, sagte Jerry, während er sich er- neut auf dem Teppich hinhockte, das Glas neben sich. »Klar«, sagte Charles Freck und machte sich an die Arbeit. Binnen einer Stunde hatten sie drei Gläser voller Wanzen. Obwohl Charles sich heute zum ersten Mal an, einer Wanzenjagd beteiligte, fand er einige der größten Exemplare. Das war um die Mittagszeit, irgendwann im Juni 1994, irgendwo in Kalifornien, in einem heruntergekommenen Wohnbezirk mit endlosen Reihen von billigen, aber halt- baren Plastikhäusern, die die Spießer schon längst aufge- geben hatten. Jerry hatte jedoch vor einiger Zeit Metall- farbe über alle Fenster gesprüht, um das Tageslicht drau- ßen zu halten; der Raum wurde nun von einer mehrarmi- gen Stehlampe erleuchtet, in die er nichts als Punktstrah- ler geschraubt hatte. Jerry ließ die Punktstrahler Tag und Nacht brennen, um die Zeit für sich und seine Freunde abzuschaffen. Dieser Gedanke gefiel ihm; er liebte es, sich von der Zeit zu befreien. Denn indem er das tat, konnte er sich ohne jede Störung wirklich wichtigen Dingen widmen. Und wichtig war zum Beispiel, daß jetzt zwei Männer auf dem Zottelteppich knieten und eine Wanze nach der anderen auflasen, um sie in eine endlose Batterie von Gläsern zu sperren. »Was springt dabei ei- gentlich für uns raus?« erkundigte sich Charles Freck später an diesem Tag. »Ich meine, bezahlt uns der Arzt so ‘ne Art Stückpreis für die Viecher? ‘ne Fangprämie? ‘n paar Flöhe?« »Mir würd’s schon reichen, wenn dabei ein todsiche- res Gegenmittel herausspränge«, sagte Jerry. Obwohl die Schmerzen stets gleich blieben, waren sie jetzt unerträg- lich geworden; er hatte sich nie daran gewöhnen können, und er wußte, daß er sich, verdammt noch mal, auch nie daran gewöhnen würde. Das unwiderstehliche Verlan- gen, schon wieder zu duschen, überwältigte ihn. »Hey,, Mann«, keuchte er und richtete sich auf, »du machst wei- ter damit, die Viecher in die Gläser zu tun, während ich mal eben unter die Dusche gehe, ja?« Er stürzte in Rich- tung Badezimmer davon. »Okay«, sagte Charles. Seine langen Beine zitterten, als er sich zu einem der Gläser herumdrehte, die Hände schalenartig zusammengelegt. Als Ex-Veteran hatte er seine Muskeln jedoch noch immer ganz gut unter Kon- trolle; er schaffte es bis zum Glas, ohne umzukippen. Aber dann sagte er plötzlich: »Jerry, hey – diese Wanzen machen mich irgendwie richtig nervös. Du, mir gefällt das gar nicht, wenn ich hier so ganz alleine bin.« Er stand auf. »Dämlicher Arschficker«, sagte Jerry. Er lehnte sich einen Augenblick lang im Badezimmer an die Wand, schwer atmend vor Schmerzen. »Könntest du nicht …« »Ich muß erst ‘ne Runde duschen!« Jerry knallte die Tür zu und drehte an den Reglern der Dusche. Eine Was- serlawine rauschte herab. »Ich fürchte mich aber hier draußen.« Obwohl Charles Freck offenbar lauthals brüllte, drang seine Stimme nur schwach bis an Jerrys Ohren. »Dann hau doch ab und fick dich selbst ins Knie!« schrie Jerry zurück und stieg unter die Dusche. Zu was sind Freunde eigentlich gut? fragte er sich verbittert. Zu gar nichts. Scheiße noch mal, wirklich zu gar nichts. »Stechen diese Scheißviecher?« schrie Charles, der jetzt anscheinend direkt vor der Badezimmertür stand. »Natürlich stechen sie«, sagte Jerry, während er sich, Shampoo in die Haare einmassierte. »Das hab’ ich befürchtet.« Eine Pause. »Du, kann ich mal reinkommen und mir die Hände waschen, damit ich sie wieder abkriege? Und kann ich dann auf dich warten?« Kubikscheiße, dachte Jerry voll bitteren Zorns. Er sag- te nichts; er schrubbte sich nur weiter ab. Dieser Bastard war es gar nicht wert, daß man ihm eine Antwort gab … Er kümmerte sich nicht mehr um Charles Freck, sondern nur noch um sich selbst. Kümmerte sich nur noch um seine eigenen lebenswichtigen, schrecklichen, dringen- den Bedürfnisse, die ihn mit Haut und Haaren in An- spruch nahmen. Alles andere mußte eben warten. Er hatte keine Zeit, keine Zeit; solche Dinge konnten ruhig aufge- schoben werden. Alles andere war zweitrangig. Mit Aus- nahme des Hundes vielleicht; Jerry machte sich immer noch Gedanken über Max, den Hund. * Charles Freck rief einen Typ an, von dem er hoffte, daß er einen Posten Stoff im Angebot hatte. »Kannste mir auf die schnelle zehn Ts rüberschieben?« »Himmel, ich sitze doch selbst auf dem trockenen – ich versuch’ gerade, was ranzuschaffen. Sag mir Be- scheid, wenn du welche auftreibst, ich könnte dringend ‘n bißchen Tod gebrauchen.« »Was ist denn mit dem Nachschub los?« »Schätze, die ham ‘n paar Lieferungen gekascht.« Charles Freck hängte ein. Während er deprimiert aus der Telefonzelle trat – kein Doper wickelte einen telefo-, nischen Deal über seinen eigenen Anschluß ab – und langsam zu seinem daneben abgestellten Chevy trottete, spulte er in seinem Kopf eine Phantasienummer ab. In dieser Phantasienummer fuhr er gerade an einer Dis- count-Drogerie vorbei, und die Discount-Macker hatten das ganze Schaufenster mit Langsamem Tod dekoriert: Langsamer Tod in Flaschen, Langsamer Tod in Dosen, Langsamer Tod in Gläsern und Badewannen und Botti- chen und Schüsseln, Millionen von Kapseln und Tablet- ten und Fixen mit Langsamem Tod, Langsamer Tod ge- mixt mit Speed und Junk und Barbituraten und psychede- lischen Drogen, eben alles, was das Herz erträumt. Und über der Auslage prangte ein gigantisches Schild: HIER HABEN SIE KREDIT. Und vom Rest des Textes ganz zu schweigen: NIEDRIGE NIEDRIGE PREISE, DIE NIEDRIGSTEN IN DER GANZEN STADT! Aber in Wirklichkeit hatte die Discount-Drogerie für gewöhnlich nur nutzloses Zeug in der Auslage: Kämme, Flaschen mit ätherischen Ölen, Sprühdosen mit Deodo- rants, immer den gleichen Schund. Aber ich möchte dar- auf wetten, daß diese Macker in den Hinterzimmern ihrer Läden Langsamen Tod unter Verschluß halten, unge- panschten, reinen, unverfälschten, unverschnittenen Langsamen Tod, dachte Charles Freck, während er aus der Parklücke setzte und sich in den Nachmittagsverkehr auf dem Harbor Boulevard einfädelte. Mindestens ein Päckchen mit zwanzig Kilo drin. Er hätte für sein Leben gerne gewußt, wann und wie sie jeden Morgen das Zwanzig-Kilo-Päckchen mit Sub- stanz T bei der Discount-Drogerie ausluden und woher, der Stoff eigentlich kam – aus der Schweiz vielleicht o- der von einem fernen Planeten, auf dem eine weise Rasse lebte. Vielleicht wußte das auch nur der liebe Gott. Viel- leicht lieferten sie den Stoff in aller Herrgottsfrühe aus, unter dem Schutz bewaffneter Wächter – unter dem Feu- erschutz Des Mannes, der da mit einem Lasergewehr rumlungert und so finster und drohend dreinschaut, wie es Der Mann immer tut. Wenn irgendwer mir meinen Langsamen Tod abklaut, dachte Charles Freck, wobei er sich in den Kopf Des Mannes versetzte, dann werde ich ihn auslöschen. Vielleicht ist Substanz T ein fester Bestandteil aller Arzneimittel, die irgendwas taugen, dachte er. Eine klei- ne Prise hier und da, gemäß der geheimen, exklusiven Formel, die von den Herstellern, die Substanz T entwik- kelt haben, in einem Tresor in ihrem Stammhaus in Deutschland oder in der Schweiz wie ein Staatsgeheim- nis gehütet wird. Aber in Wirklichkeit wußte Charles Freck es besser; die Behörden vernichteten alle (oder sperrten sie zumindestens ein), die Substanz T verkauften oder transportierten oder konsumierten. Folglich würde auch die Discount-Drogerie – ja, die Millionen und A- bermillionen von Discount-Drogerien! – auf der Flucht erschossen oder unsanft aus dem Geschäft gedrängt oder wenigstens eingesperrt werden. Vermutlich doch nur eingesperrt. Discount war eine einflußreiche Ladenkette. Und überhaupt, wie erschießt man eigentlich eine Kette großer Drogerien? Oder wie sperrt man sie in den Knast? Dann haben die wohl doch nur den üblichen Kram, dachte er, während er über den Boulevard dahinkreuzte., Er fühlte sich lausig, weil er nur dreihundert Tabletten Langsamer Tod für Notzeiten wie diese zurückgelegt hatte, sorgfältig im Hinterhof unter der Kamelie vergra- ben – unter der Hybridkamelie mit den kühlen, großen Blättern, die auch im Frühling nicht braun wurden. Ich hab’ nur noch eine Wochenration, dachte er bestürzt. Was mach’ ich bloß, wenn ich auf dem trockenen sitze? Scheißdreck! Mal angenommen, daß allen Dopern in Kalifornien und in einem Teil Oregons der Arsch am selben Tag auf Grundeis geht, dachte er. Wow. Das war der absolute Hit unter den Horrorvisionen, die er manchmal in seinem Kopf abspulte. Und nicht nur er, sondern jeder Doper. Der ganze Westen der Vereinigten Staaten sitzt plötzlich zur gleichen Zeit auf dem trocke- nen, und alle Doper gehen am selben Tag auf Turkey, vielleicht so gegen sechs Uhr an einem Sonntagvormit- tag, während sich die Spießer gerade fein machen, um eine Runde beten zu gehen. Ort: Die First Episcopal Church von Pasadene, um 8.30 Uhr vormittags am Grundeis-Sonntag. »Liebe Pfarrgemeinde, so lasset uns nun Gott den Herrn anrufen und Ihn darum anflehen, daß Er Seine Gnade leuchten lasse über jenen, die sich zu dieser Zeit mit Ent- zugssymptomen in Todesqualen auf ihren Betten winden.« »Sein Wille geschehe.« Die Gemeinde bekräftigt die Worte des Priesters. »Doch bevor Er nun gnädiglichst eingreift und unsere Brüder und Schwestern mit einer größeren Lieferung von –« Offenbar hatte die Besatzung eines Streifenwagens, etwas an Charles Frecks Fahrstil bemerkt, was ihm selbst noch gar nicht aufgefallen war; jedenfalls hatte die Schmiere ihren Standplatz verlassen und folgte dem Chevy nun dichtauf, bisher noch ohne Blaulicht oder Si- rene, aber … Vielleicht fahr’ ich ja Schlangenlinien oder was, dach- te Charles Freck. Scheiß Viehtransport, der klebt mir ja direkt an der Stoßstange. Bin gespannt, was die mir an- hängen wollen. BULLE: »All right, Ihren Namen bitte.« »Meinen Namen?« (MIR FÄLLT KEIN NAME EIN.) »Sie wissen Ihren eigenen Namen nicht mehr?« Bulle gibt dem anderen Bullen im Streifenwagen ein Handzei- chen. »Der Typ hier ist anscheinend ausgeklinkt.« »Bitte, erschießen Sie mich nicht hier!« Charles Freck in seiner Horrorvision, die der Anblick des Streifenwa- gens im Rückspiegel ausgelöst hat. »Nehmen Sie mich doch bitte wenigstens mit zur Wache und erschießen Sie mich da, wo’s nicht alle Leute sehen.« Um in diesem faschistischen Polizeistaat zu überleben, dachte er, mußt du immer einen Namen parat haben. Deinen Namen. Jederzeit. Das ist das erste, worauf sie achten. Wenn du deinen eigenen Namen nicht mehr zu- sammenkriegst, dann wissen sie, daß du total breit bist. Am besten, entschied er, schere ich aus, sobald ich ei- ne Parklücke sehe, und fahre freiwillig rechts ran, bevor die Schmiere das Blaulicht blitzen läßt oder sonstwas unternimmt, und dann, wenn die Bullen neben mir anhal- ten, werde ich sagen, ich hätte wohl ‘n loses Rad oder sonst ‘n Defekt., Das finden die immer toll, dachte er. Wenn du auf die- se Weise aufgibst, weil dir nichts anderes mehr übrig- bleibt. Das ist so, als würdest du dich wie ein Tier zu Bo- den werfen und ihnen deine ungeschützte Bauchseite hinhalten. Ja, genau das werde ich tun. Er scherte nach rechts aus und brachte den Wagen zum Stehen, als die Vorderreifen gegen den Bordstein stießen. Der Streifenwagen fuhr vorbei, ohne anzuhalten. Für nichts und wieder nichts rausgefahren, dachte Charles Freck. Jetzt werde ich meine liebe Mühe damit haben, wieder rückwärts rauszusetzen, weil der Verkehr so dicht ist. Er stellte den Motor ab. Vielleicht sollte ich einfach ein Weilchen hier sitzenbleiben, beschloß er, und Alphameditation machen oder mich in einige höhere Bewußtseinszustände versetzen. Vielleicht, indem ich mir die Puppen anschaue, die so vorbeispazieren. Möchte wissen, ob’s irgendwo eine Firma gibt, die Geiloskope herstellt. Statt Alpha-Bioskopen. Geilheitswellen, erst sehr kurz, dann länger, größer, größer, bis sie schließlich geradewegs über die Skala hinausschnellen. Das bringt alles nichts, begriff er plötzlich. Ich sollte unterwegs sein, um herauszufinden, ob irgendwo Stoff auf der Scene ist. Ich muß unbedingt Nachschub kriegen, sonst klinke ich wirklich bald aus, und dann werd’ ich überhaupt nicht mehr in der Lage sein, was geregelt zu kriegen. Wenn’s mal soweit ist, werd’ ich nicht mal mehr am Bordstein sitzen können, so wie jetzt. Ich werde dann nicht nur nicht mehr wissen, wer ich bin, ich werde nicht mal wissen, wo ich bin oder was eigentlich um mich her- um läuft., Was läuft hier eigentlich? fragte er sich selbst. Was für einen Tag haben wir heute? Wenn ich nur wüßte, welcher Tag heute ist, würde mir auch alles andere wieder einfal- len. Es würde nach und nach wieder in mein Gehirn sik- kern. Mittwoch, im Einkaufsviertel von L. A. irgendwo im Westwood-Bezirk. Direkt vor Charles Freck eine dieser riesigen Einkaufsarkaden, von einer Mauer umgeben, an der man wie ein Gummiball abprallt – außer wenn man eine Kreditkarte dabei hat, mit der man durch den elek- tronischen Sperrgürtel gelangen kann. Da Charles Freck für keine der Arkaden eine Kreditkarte besaß, kannte er das Innere der Läden nur vom Hörensagen. Offenbar gab es in den Arkaden eine ganze Reihe von Läden, die Qua- litätsprodukte an die Spießer verkauften – besonders na- türlich an die Spießerehefrauen. Er schaute zu, wie die uniformierten und bewaffneten Wächter am Haupttor die eintretenden Kunden einer gründlichen Überprüfung un- terzogen. Die Wächter achteten darauf, daß der Mann oder die Frau auch wirklich zu seiner oder ihrer Kredit- karte paßte und daß die Kreditkarte nicht geklaut, ver- kauft, gekauft oder in betrügerischer Absicht benutzt worden war. Eine Menge Leute strömten durch das Tor hinein, aber Charles Freck vermutete, daß viele davon nur einen Schaufensterbummel machen wollten. So viele Leute können doch gar nicht das Moos oder das unauf- schiebbare Verlangen haben, um diese Zeit einkaufen zu gehen, überlegte er. Es ist schon spät, kurz nach zwei. Zwei Uhr nachts, ja. Die Läden sind alle beleuchtet. Wie alle seine Freak-Brüder und -Schwestern, die in dieser, Nacht unterwegs waren, konnte Charles Freck die Lichter von draußen sehen, Lichter wie bunte Funkenkaskaden. Wie ein Vergnügungspark für große Kinder, dachte er. Auf dieser Seite der Mall gab es nicht viele Geschäfte, die keine Kreditkarten verlangten und sich nicht von be- waffneten Wächtern schützen ließen. Nur ein paar Läden für alltägliche Besorgungen: ein Schuhgeschäft, einen TV-Shop, eine Bäckerei, einen Schlüsseldienst, eine Schnellwäscherei. Charles Freck schaute zu, wie ein Mädchen, das ein kurzes Plastikjäckchen und eine Stretchhose trug, von Geschäft zu Geschäft schlenderte. Die Kleine hatte hübsche Haare, aber von hier aus konnte er ihr Gesicht nicht erkennen, und man mußte schon das Gesicht sehen, um beurteilen zu können, ob eine Puppe wirklich scharf war. Keine schlechte Figur, dachte er. Das Mädchen blieb eine Zeitlang vor einem Schaufenster stehen, in dem Lederwaren ausgestellt waren. Es schien sich für einen mit Quasten verzierten Geldbeutel zu in- teressieren; Charles Freck konnte verfolgen, wie die Kleine sich die Nase an der Schaufensterscheibe platt- drückte und hin und her gerissen den Geldbeutel anstarr- te. Wetten, daß sie gleich reingeht und ihn sich zeigen läßt? dachte Freck. Im nächsten Augenblick tänzelte das Mädchen tat- sächlich in den Laden, ganz wie Charles Freck es erwar- tet hatte. Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf eine andere Puppe, die jetzt den stark belebten Bürgersteig entlanggeschlendert kam. Sie trug eine gekräuselte Bluse und hatte hohe Absätze, silberne Haare und zu viel Make-up. Versucht, älter auszusehen, als sie ist, dachte, er. Vielleicht geht sie sogar noch zur Oberschule. Nach dieser Puppe kam nichts mehr, was der Rede wert gewesen wäre. Freck machte den Bindfaden los, der die Klappe des Handschuhfachs an ihrem Platz hielt, und holte ein Päckchen Zigaretten heraus. Während er sich eine ansteckte, schaltete er mit der anderen Hand das Au- toradio ein, eine Rock-Station. Früher einmal hatte er sogar einen Stereo-Cassettenrecorder besessen, aber als er eines Tages mal wieder total abgefüllt gewesen war, hatte er nicht daran gedacht, den Recorder mit ins Haus zu nehmen, als er den Wagen abschloß; bei seiner Rück- kehr war das ganze Stereosystem verschwunden gewe- sen. Das hat man nun von seiner Schusseligkeit, hatte er gedacht. Und darum hatte er jetzt eben nur noch ein mickriges Radio. Irgendwann würden sie ihm das wohl auch noch wegnehmen. Na egal, er wußte ja, wo er prak- tisch umsonst ein neues Radio kriegen konnte, besser gesagt: ein gebrauchtes Radio. Im übrigen war sein Che- vy sowieso praktisch reif für den Schrottplatz; die Dich- tungsringe waren porös und die Kompression im Keller. Wahrscheinlich hatte er ein Ventil zu Klumpatsch gefah- ren, als er eines Abends mit einer ganzen Ladung guten Stoffs über den Freeway nach Hause raste; manchmal, wenn er eine wirklich große Partie gemacht hatte, wurde er paranoid – nicht so sehr wegen der Bullen, sondern vielmehr, weil er befürchtete, daß andere Leute aus der Scene ihm den Stoff abklauen könnten. Irgend so ein Scenetyp, halb meschugge vor Turkey und dopegeil wie ‘n Weltmeister. In diesem Moment ging ein Mädchen vorbei, das so-, fort Charles Frecks Aufmerksamkeit erregte: schwarzes Haar, hübsch, und ein aufreizend langsamer Schlender- schritt. Es trug eine offene Bolerobluse und eine oft ge- waschene, weiße Baumwollhose. Hey, die kenne ich doch, dachte er. Das ist doch Bob Arctors Mädchen. Klar, das ist Donna! Er stieß die Wagentür auf und schwang sich aus sei- nem Chevy. Das Mädchen warf ihm einen kurzen, miß- trauischen Blick zu und ging weiter, ohne langsamer zu werden. Er folgte ihr. Denkt bestimmt, ich will ihr an die Wäsche, dachte Charles Freck, als er sich zwischen den anderen Passan- ten einen Weg bahnte. Wie leichtfüßig sie einen Zahn zulegte; er konnte sie jetzt kaum noch sehen, als sie jetzt einen flüchtigen Blick über die Schulter zurückwarf. Ein festes, ruhiges Gesicht … Er sah große Augen, die ihn abschätzig musterten. Bestimmt versuchte sie jetzt, seine Geschwindigkeit zu kalkulieren und festzustellen, ob er sie würde einholen können. Nicht, wenn sie weiter so ein Tempo vorlegt, dachte Charles Freck. Mann, die bewegt sich ja wie ‘ne Katze! An der Ecke waren die Leute stehengeblieben und warteten darauf, daß die Fußgängerampel GEHEN statt NICHT GEHEN anzeigte; Autos bogen mit quietschen- den Reifen nach links ab. Aber das Mädchen ging ein- fach weiter, schnell, aber würdevoll, und schlängelte sich zwischen den dahinschießenden Wagen hindurch. Die Fahrer starrten sie aufgebracht an. Sie schien die wüten- den Blicke nicht einmal zu bemerken. »Donna!« Als das Zeichen auf GEHEN umsprang,, stürzte Charles Freck über die Straße hinter ihr her und holte sie ein. Trotzdem fing sie nicht an zu laufen, son- dern ging nur einfach so zügig weiter wie bisher. »Bist du nicht Bobs Alte?« sagte er. Irgendwie schaffte er es, sich ihr in den Weg zu stellen, um endlich ihr Gesicht genauer mustern zu können. »Nein«, sagte sie. »Nein.« Sie kam auf ihn zu, kam genau auf ihn zu; er wich rückwärtsgehend vor ihr zu- rück, weil er plötzlich bemerkte, daß sie ein kurzes Mes- ser in der Hand hielt und dieses Messer genau auf seinen Magen gerichtet war. »Hau ab«, sagte sie, wobei sie un- beirrt weiterging, ohne langsamer zu werden oder auch nur einen Augenblick lang zu zögern. »Bestimmt bist du’s«, sagte Charles Freck. »Wir ha- ben uns mal auf seiner Bude kennengelernt.« Er konnte das Messer kaum sehen, nur ein winziges Stückchen der Klinge, aber er wußte, daß es da war. Sie würde ihn ein- fach niederstechen und dann weitergehen. Er wich immer weiter zurück, die Hände in einer abwehrenden Geste erhoben. Das Mädchen verbarg das Messer so geschickt in ihrer Hand, daß vielleicht keiner der anderen Passan- ten es bemerken würde. Aber er, Charles Freck, bemerkte es nur zu gut; die Klinge zielte genau auf ihn, als das Mädchen ohne zu zögern näher kam. Im letzten Augen- blick trat er zur Seite, und das Mädchen ging einfach schweigend weiter. »Mensch, hör doch mal!« sagte er zu ihrem Rücken. Ich bin mir doch ganz sicher, daß es Donna ist, dachte er. Sie kommt bloß im Moment nicht drauf, wer ich bin und daß wir uns kennen. Hat wohl Angst, daß ich ihr an den, Arsch will. Heutzutage muß man verdammt vorsichtig sein, wenn man auf der Straße ‘ne fremde Puppe an- quatscht. Die sind jetzt alle auf der Hut. Na ja, kein Wunder, wenn man bedenkt, was denen schon alles pas- siert ist! Heißes kleines Messer, dachte Freck. Wäre besser, wenn die Puppen nicht mit so was ‘rumspielten; jeder Macker könnte ihr das Handgelenk rumdrehen und die Klinge auf sie selbst richten, wenn er’s wirklich darauf anlegen würde. Ich hätt’s auch tun können. Wenn ich sie wirklich hätte anmachen wollen. Er stand einfach nur da und ärgerte sich. Ich weiß doch ganz genau, daß das Donna war, dachte er. Gerade als er zu seinem Wagen zurückgehen wollte, bemerkte er plötzlich, daß das Mädchen am Rand des sich dahinwälzenden Fußgängerstroms stehengeblieben war und schweigend zu ihm herüberstarrte. Er ging vorsichtig auf sie zu. »Eines Abends«, sagte er, »hatten ich und Bob und noch so ‘ne Puppe ein paar uralte Simon-und-Garfunkel-Bänder aufgetrieben, und du saßest da –« Sie hatte die ganze Zeit über Kapseln mit astreinem Tod gefüllt, eine Kapsel nach der anderen, ganz systematisch. Stundenlang. El Primo. Numero Uno: Tod. Und als sie damit fertig gewesen war, hatte sie je- dem eine Kapsel angeboten, und sie hatten sie eingewor- fen. Alle, nur Donna nicht. Ich deale nur mit dem Zeug, hatte sie gesagt. Wie soll ich denn noch ‘n Schnitt ma- chen, wenn ich die Dinger alle selber schlucke? Das Mädchen sagte: »Ich dachte, du wolltest mir eins überziehen und mich dann durchbumsen. «, »Nein«, sagte er. »Ich hab’ nur gedacht, ich könnte dich …« Er zögerte. »Na ja, ich könnt’ dich ein Stück im Wagen mitnehmen … Auf dem Bürgersteig?!?« erkun- digte er sich ungläubig, als er begriff, was sie eigentlich gesagt hatte. »Am hellichten Tage?!?« »Vielleicht in einem Hauseingang. Oder du würdest mich in einen Wagen schleifen.« »Aber wir kennen uns doch«, protestierte Freck. »Und Arctor würde mich allemachen, wenn ich das täte.« »Du, ich hab’ dich gar nicht erkannt.« Sie kam drei Schritte auf ihn zu. »Ich bin ‘n bißchen kurzsichtig.« »Dann solltest du Kontaktlinsen tragen.« Ihm fiel auf, daß sie klare, große, dunkle, warme Augen hatte. Was bedeutete, daß sie nicht auf Dope war. »Hatte ich ja früher mal. Aber dann ist mir eine raus- gefallen, direkt in ‘ne Bowlenschüssel. Du weißt schon, Acid-Bowle, auf ‘ner Party. Das Ding ist direkt bis auf den Boden gesunken, und wahrscheinlich hat sie wer rausgeschöpft und mitgetrunken. Hoffentlich hat’s ihm geschmeckt; ich hab’ immerhin fünfunddreißig Dollar dafür hinlegen müssen.« »Kann ich dich denn nun irgendwohin mitnehmen?« »Du willst mich ja doch nur im Wagen durchbumsen.« »Nein«, sagte Freck. »Ich krieg’ im Moment sowieso keinen hoch, schon seit ‘n paar Wochen nicht mehr. Muß an was liegen, womit die den Stoff strecken. Irgendwas Chemisches.« »Mann, das ist ja ‘ne heiße Ausrede, aber damit ist mir schon mal einer gekommen. Alle bumsen mich nur durch.« Sie verbesserte sich sofort. »Jedenfalls versuchen, sie’s. So läuft’s nun mal, wenn man ‘ne Puppe ist. Ich hab’ jetzt gerade ‘nem Typen ein Gerichtsverfahren an- gehängt, wegen Belästigung und handgreiflicher Beleidi- gung. Mein Anwalt verlangt 40 000 Schadensersatz. « »Wie weit ist er denn gekommen?« Donna sagte: »Der hat mir mit seinen Schmierfingern die Möpse betatscht.« »Das ist aber keine 40 000 wert.« Gemeinsam gingen sie den Weg zu Charles Frecks Wagen zurück. »Hast du was zu verkaufen?« erkundigte sich Freck. »Ich brauch’ wirklich dringend was. Ehrlich gesagt, ich bin praktisch auf Null runter, stell’ dir das mal vor, total auf Null! Ich war’ schon mit ein paar zufrieden, wenn du welche lockermachen könntest.« »Ich kann dir welche besorgen.« »Tabletten«, sagte er. »Ich schieße nicht.« »Ja.« Donna nickte bestimmt, den Kopf leicht gesenkt. »Aber, hör mal, die Dinger sind im Moment Mangelware – die Nachschubquelle ist zeitweilig ausgetrocknet. Wahrscheinlich hast du das schon selbst mitgekriegt. Ich kann dir nicht sehr viele besorgen, aber …« »Wann?« unterbrach er sie. Sie hatten mittlerweile den Wagen erreicht; Charles Freck blieb stehen, öffnete die Tür und stieg ein. Auf der anderen Wagenseite stieg auch Donna ein. Und dann saßen sie da, Seite an Seite. »Übermorgen«, sagte Donna. »Aber nur, wenn ich den einen Typ irgendwie erwischen kann. Ich nehme an, es wird klappen.« Scheiße, dachte Charles Freck. Übermorgen erst., »Geht’s nicht eher? Nicht bis, sagen wir mal, heute a- bend?« »Allerfrühestens morgen.« »Wie viel?« »Sechzig Dollar pro Hunderterpack.« »O Mann«, sagte Charles Freck. »Das ist aber ‘n stol- zer Preis.« »Dafür sind sie auch echt Spitze. Ich hab’ schon früher welche von dem Typen bekommen; die sind wirklich nicht so wie das Zeug, was einem sonst angedreht wird. Mein Wort darauf, der Stoff ist echt sein Geld wert. Wenn’s eben geht, kaufe ich immer bei dem Typen. Aber er hat nicht immer welche. Weißt du, der Typ hat gerade eine Tour in den Süden runter gemacht, denke ich mir. Er ist gerade erst zurückgekommen. Er hat den Stoff selbst rangeschafft, ohne Zwischenhändler, darum weiß ich, daß die Tabletten mit Sicherheit gut sind. Und du mußt mir nichts im voraus bezahlen. Erst, wenn ich sie habe. Okay? Ich vertraue dir.« »Ich leg’ nie Geld hin, bevor ich die Ware sehe«, sagte er. »Manchmal muß man’s aber. « »Okay«, sagte er. »Kannst du mir dann mindestens ein Hunderterpack besorgen?« Er versuchte rasch durchzu- kalkulieren, wie viele er sich leisten konnte; vielleicht konnte er binnen zwei Tagen 120 Dollar flüssig machen und zweihundert Tabletten von ihr kaufen. Und wenn er in der Zwischenzeit irgendwo einen besseren Deal ab- schließen konnte, mit anderen Leuten, die Stoff anboten, dann konnte er den Deal mit Donna ja wieder vergessen, und bei denen kaufen. Das war der Vorteil dabei, wenn man nie Geld vorstreckte – das und die Tatsache, daß man nie abgelinkt werden konnte. »Da hast du aber mächtig Glück gehabt, daß wir uns getroffen haben«, sagte Donna, als er den Wagen anließ und rückwärts auf die Straße setzte. »Ich treff mich in ungefähr ‘ner Stunde mit so einem Macker, der mir viel- leicht alles abkaufen würde, was ich eben ranschaffen könnte … du scheinst ja ‘ne ziemliche Pechsträhne ge- habt zu haben, aber jetzt geht’s wieder bergauf.« Sie lä- chelte, und er erwiderte ihr Lächeln. »War’ nur toll, wenn du sie eher kriegen könntest«, sagte Freck. »Wenn’s klappen sollte …« Donna öffnete ihren Geld- beutel und holte einen kleinen Notizblock und einen Stift mit dem Aufdruck SPARKS AUTO-ELEKTRO- SERVICE heraus. »Wie kann ich dich erreichen? Und dein Name ist mir übrigens immer noch nicht wieder eingefallen.« »Charles B. Freck«. sagte er. Er gab ihr seine Telefon- nummer – eigentlich war es gar nicht seine, sondern die eines Spießerfreundes, über die er solche Kontakte im- mer laufen ließ –, und sie schrieb die Nummer sorgfältig auf. Wie schwer ihr das Schreiben doch fällt, dachte Freck. Malt einen Buchstaben nach dem anderen hin … Die bringen den Puppen in der Schule auch nur noch Scheiß bei, dachte er. Hat wohl immer unter der Schul- bank gesessen. Aber ‘ne heiße Puppe ist sie ja. Na ja, dann kann sie eben kaum lesen und schreiben; was soll’s? Was bei ‘ner Puppe wichtig ist, das sind handliche Titten., »Ich glaube, ich erinnere mich jetzt wieder an dich«, sagte Donna. »Vage jedenfalls. Es ist alles irgendwie verschwommen, der ganze Abend; ich war richtig weg- getreten. So richtig weiß ich eigentlich nur noch, wie ich das Pulver in diese kleinen Kapseln getan hab’ – richtig, Librium-Kapseln … wir hatten den Originalinhalt weg- geschüttet. Ich muß die Hälfte runtergekippt haben. Auf den Boden, meine ich.« Sie blickte ihn nachdenklich an, wie er so am Steuer saß und fuhr. »Du scheinst ja ganz okay zu sein«, sagte sie. »Vielleicht können wir öfters miteinander ins Geschäft kommen? Du willst doch hin- terher bestimmt noch mehr von dem Zeug, oder nicht?« »Sicher«, sagte Charles Freck. Zugleich überlegte er, ob es ihm wohl gelingen würde, den Preis zu drücken, wenn sie sich das nächste Mal sahen; er hatte so das Ge- fühl, als ständen seine Chancen gar nicht mal so schlecht. Aber auch wenn er Donna nicht herunterhandeln konnte, hatte er es wieder einmal geschafft. Was hieß: Er hatte wieder eine neue Nachschubquelle auf getan. Glücklichsein ist, dachte er, wenn du weißt, daß du ein paar Pillen kriegen kannst. Draußen, außerhalb des Wagens, strömten der Tag und all die geschäftigen Menschen, das Sonnenlicht und das pulsierende Leben der Stadt unbemerkt vorbei; Charles Freck war glücklich. Irre, was er da durch Zufall entdeckt hatte – und das nur, weil sich eine Polizeistreife ohne jeden besonderen Grund an seine Fersen geheftet hatte. Eine unerwartete neue Quelle für Substanz T! Was konnte er mehr vom Leben verlangen? Er konnte jetzt vielleicht damit rech-, nen, daß zwei Wochen vor ihm lagen, nahezu ein halber Monat, bevor er krepierte oder wenigstens beinahe kre- pierte – was bei einem Entzug von Substanz T praktisch das gleiche war. Zwei Wochen! Charles Freck wurde es wunderbar leicht ums Herz, und für einen winzigen Au- genblick roch er die erregenden Düfte des Frühlings, die durch das offene Fenster des Wagens hereinwehten. »Möchtest du mitkommen, wenn ich Jerry Fabin besu- che?« fragte er das Mädchen neben sich.« Ich bring’ ihm eine Ladung Klamotten rüber in die Staatliche Nerven- klinik Nummer Drei, wo sie ihn letzte Nacht hingebracht haben. Ich schaffe jedesmal nur ein bißchen rüber, weil’s ja immer noch möglich wäre, daß er bald wieder raus- kommt, und ich habe keine Lust, dann alles zurückkarren zu müssen.« »Ich möchte ihn lieber nicht besuchen«, sagte Donna. »Du kennst ihn? Jerry Fabin?« »Jerry Fabin denkt, daß ich es gewesen bin, der ihn zuerst mit diesen Wanzen verseucht hat.« »Blattläusen.« »Nun, damals wußte er noch nicht, was das für Vie- cher waren. Ich halte mich besser von ihm fern. Als ich ihn zum letzten Mal sah, wurde er richtig bösartig. Es sind die Wahrnehmungszentren, in seinem Gehirn … glaube ich wenigstens. Es scheint mit den Wahrnehmungs- zentren zusammenzuhängen, das steht wenigstens neuer- dings in den Regierungsinfos.« »Das läßt sich doch wieder in Ordnung bringen, nicht wahr?« sagte Freck. »Nein«, sagte Donna. »Das ist für immer im Arsch.«, »Die Leute in der Klinik haben mir gesagt, daß ich ihn besuchen dürfte und daß sie glauben würden, daß er wie- der …« Er machte eine hilflose Geste. »Verstehst du, daß er nicht …« Wieder bewegte er seine Hände hilflos hin und her; es war schwierig, das in Worte zu fassen, was er über seinen Freund sagen wollte. Donna blickte ihn besorgt an. »Du hast doch nicht et- wa einen Schaden am Sprachzentrum?« erkundigte sie sich. »Eine Schädigung der – wie nennt man die Dinger doch gleich – der Hinterhauptslappen?« »Nein«, sagte er. Mit Nachdruck. »Hast du überhaupt irgendwelche Schäden?« Sie tipp- te sich an den Kopf. »Nein, es ist nur … verstehst du das denn nicht? Ich habe immer Schwierigkeiten dabei, wenn ich über diese Scheiß-Kliniken spreche; ich hasse diese Kliniken für neurale Aphasie. Einmal war ich in einer, um so einen Typ zu besuchen. Weißt du, der hat die ganze Zeit ver- sucht, den Fußboden zu bohnern – die Pfleger sagten, er würd’s nie schaffen, ich meine, er konnt’s einfach nicht mehr auf die Reihe kriegen, wie man’s machen muß … Was mich so unheimlich geschockt hat, war, daß er’s immer weiter versucht hat. Ich meine, nicht nur so ‘ne Stunde lang oder so; er hat’s immer noch versucht, als ich einen Monat später wieder hingefahren bin. So, als ob er’s immer wieder versucht hätte, wieder und wieder, wie da, wo ich ihn zuerst gesehen hab’, bei meinem ersten Besuch. Er konnte einfach nicht kapieren, warum er’s nicht auf die Reihe bekam. Ich erinnere mich noch ganz genau an den Ausdruck auf seinem Gesicht. Er war sich so, sicher, daß er’s richtig hinkriegen würde, wenn er nur end- lich rausbekommen würde, was er eigentlich falsch mach- te. ›Was mache ich denn bloß falsch?‹ fragte er die Pfleger immer wieder. Und es gab keinen Weg, es ihm begreiflich zu machen. Ich meine, sie haben’s ihm erklärt – verdammt noch mal, sie haben’s ihm erklärt –, aber er konnte es trotzdem immer noch nicht auf die Reihe kriegen.« »Ich hab’ gelesen, daß die Wahrnehmungszentren im Gehirn meist zuerst den Bach runtergehen«, sagte Donna gelassen. »Wenn sich zum Beispiel einer ‘nen miesen Schuß gesetzt hat. ‘ne zu große Dosis oder so.« Sie mu- sterte den Wagen, der direkt vor ihnen fuhr. »Sieh mal, da ist einer von diesen neuen Porsches mit den zwei Mo- toren.« Sie zeigte aufgeregt nach vorn. »Wow!« »Ich kannte mal einen Typ, der sich einen dieser neu- en Porsches frisiert hatte«, sagte Charles Freck, »und dann damit auf den Riverside Freeway rausfuhr und ihn auf 280 hochjagte – Filmriß.« Er gestikulierte wild mit den Händen. »Geradewegs in den Arsch von einem Sat- telschlepper. Hat ihn gar nicht gesehen, nehme ich an.« In seinem Kopf ließ er eine Phantasienummer abspulen: er, Charles Freck, hinter dem Steuer eines Porsche, aber er bemerkte den Sattelschlepper rechtzeitig – alle Sattel- schlepper. Und jedermann auf dem Freeway – dem Hol- lywood Freeway zur Hauptverkehrszeit – bemerkte ihn, Charles Freck. Schließlich konnte man diesen schlaksi- gen, breitschultrigen, gutaussehenden Macker, der da mit 320 Stundenkilometern über den Freeway brauste, auch gar nicht übersehen. Und den Bullen hing der Unterkiefer bis runter auf die Schuhe., »Du zitterst ja«, sagte Donna. Sie beugte sich zu ihm herüber und legte ihre Hand auf seinen Arm. Eine ruhige Hand, auf die er sofort ansprach. »Langsamer.« »Ich bin müde«, sagte er. »Ich war zwei Tage und zwei Nächte auf den Beinen und habe Wanzen gezählt. Hab’ Wanzen gezählt und sie in Flaschen getan, bis ich vor Müdigkeit aus den Latschen gekippt bin. Und als wir dann am nächsten Morgen aufgestanden sind und uns fertiggemacht haben, um die Flaschen in den Wagen zu laden und sie zum Doktor zu bringen, weil wir ihm die Wanzen zeigen wollten, da war nichts in den Flaschen drin. Leer.« Er konnte das Zittern jetzt selber spüren, konnte es in seinen Händen spüren, die auf dem Lenkrad ruhten, konnte die zitternden Hände auf dem Lenkrad sehen, bei dreißig Stundenkilometern. »Alle«, sagte er. »Die ganzen Scheiß-Flaschen. Nichts drin. Keine Wan- zen. Und dann hab’ ich’s endlich begriffen. Scheiße noch mal, ich hab’ begriffen, was mit seinem Gehirn los war. Mit Jerrys Gehirn.« Die Luft roch nicht mehr länger nach Frühling, und übergangslos begriff Charles Freck, daß er dringend ei- nen neuen Hit Substanz T brauchte, weil es vielleicht schon später am Tag war, als er bisher bemerkt hatte. Oder war die letzte Dosis, die er eingepfiffen hatte, ge- ringer gewesen, als er dachte? Nun, zum Glück hatte er immer einen Notvorrat dabei, ganz hinten im Handschuh- fach. Er spähte aus dem Fenster und hielt Ausschau nach einer freien Parkbucht, wo er anhalten konnte. »Manchmal macht einem das Gehirn was vor«, sagte Donna wie aus großer Entfernung; sie schien sich in sich, selbst zurückgezogen zu haben, schien sehr weit wegge- gangen zu sein. Charles Freck fragte sich, ob ihr seine ziellose Fahrerei wohl auf die Nerven ging. Vielleicht lag es daran. Ein weiterer Phantasie-Film spulte sich plötzlich in seinem Kopf ab, ganz ohne seine Zustimmung: Zuerst sah er einen großen Pontiac, aufgebockt auf einem plötz- lich kippelnden Wagenheber, und ein Jüngelchen von vielleicht dreizehn Jahren mit langen, strohigen Haaren, das sich verzweifelt gegen den wegrollenden Wagen zu stemmen versuchte und dabei zugleich gellend um Hilfe schrie. Er sah sich selbst zusammen mit Jerry Fabin aus dem Haus – Jerrys Haus – stürzen und die mit Bierdosen übersäte Auffahrt hinunterstürmen. Er, Charles Freck, griff nach der Wagentür auf der Fahrerseite, um sie auf- zuwuchten, damit er das Bremspedal treten konnte. Aber Jerry Fabin, der nur eine Hose trug und nicht einmal Schuhe anhatte – er hatte gerade geschlafen, und sein Haar war wirr und zerwühlt –, dieser Jerry Fabin also rannte am Wagen entlang zum Fahrzeugheck und drängte den Jungen mit seiner bloßen, bleichen Schulter, die nie das Licht des Tages sah, in letzter Sekunde vom Wagen weg. Der Wagenheber rutschte endgültig ab und fiel um, das Heck des Wagens krachte runter, die Felge und das Rad rollten davon – aber dem Jungen war nichts passiert. »Zu spät für die Bremse«, keuchte Jerry und versuch- te, sich seine häßlichen, schmierigen Haare aus den Au- gen zu streichen. Er blinzelte. »Zu knapp.« »Is’ er okay?« rief Charles Freck. Sein Herz hämmerte immer noch., »Ja.« Jerry stand schwer atmend neben dem Jungen. »Scheiße!« schrie er ihn an, um sich Luft zu machen. »Hab’ ich dir nicht gesagt, du sollst warten, bis wir’s zu- sammen machen? Und wenn ein Wagenheber wegrutscht – Scheiße, Mann, du kannst doch keine fünftausend Pfund zurückhalten!« Sein Gesicht zuckte. Der Junge, der von allen nur Rattenarsch genannt wurde, blickte ihn wie ein Häufchen Elend an und wand sich schuldbewußt. »Mensch, ich hab’s dir doch wieder und wieder gesagt!« »Ich wollte die Bremse treten«, erklärte Charles Freck, der plötzlich begriff, wie idiotisch er sich verhalten hatte, begriff, daß er einen Fehler gemacht hatte, der genauso schwerwiegend und tödlich gewesen war wie der des Jungen. Er, ein erwachsener Mann, hatte versagt, weil er unfähig gewesen war, richtig zu reagieren. Aber genau wie der Junge suchte er nun nach Worten, um sein Ver- sagen zu rechtfertigen. »Klar, ich seh’ jetzt ein –«, setzte er kläglich an, und dann brach die Phantasie-Nummer ab; eigentlich war sie nur eine exakte Widergabe realer Erei- gnisse gewesen, denn Charles Freck erinnerte sich noch genau an den Tag, an dem sich dieser Zwischenfall abge- spielt hatte, damals, als sie noch alle zusammenlebten. Jerrys guter Instinkt … ohne den hätte Rattenarsch eine Sekunde später unter dem Heck des Pontiac gelegen, mit zerschmettertem Rückgrat! Alle drei trotteten in düsterer Stimmung zum Haus zurück, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, die Felge und den Reifen einzufangen, die immer noch die Straße hinunterrollten. »Ich war eingeschlafen«, murmelte Jerry, als sie das abgedunkelte Innere des Hauses betraten. »Zum ersten, Mal seit Wochen haben mich die Wanzen lange genug in Ruhe gelassen, daß ich’s geschafft hab’. Ich hab’ seit fünf Tagen keinen Schlaf mehr gekriegt – bin immer nur rumgelaufen und rumgelaufen. Ich hab’ schon gedacht, sie wären vielleicht weg; und sie sind weggegangen, wirklich. Ich hab’ gedacht, sie härten endlich aufgegeben und wären woandershin gegangen, nach nebenan viel- leicht, ganz aus dem Haus weg. Jetzt kann ich sie wieder spüren. Der zehnte Anti-Wanzen-Strip, den die mir ver- kauft haben – oder vielleicht war’s der elfte – die haben mich wieder reingelegt, wie sie’s mit allen anderen ge- macht haben.« Aber seine Stimme klang jetzt gedämpft, nicht wütend, sondern nur leise und irgendwie verwun- dert. Er legte seine Hand auf Rattenarschs Kopf und ver- setzte ihm einen kurzen, scharfen Schlag. »Du blöder Kerl – wenn ein Wagenheber wegrutscht, dann nimm gefälligst die Beine in die Hand. Vergiß den Wagen. Stell dich bloß nicht hinter ihn, und versuch ja nicht, dich ei- ner solchen Masse entgegenzustemmen und sie mit dei- nem Körper aufzuhalten.« »Aber Jerry, ich hatte Angst, daß die Achse …« »Scheiß was auf die Achse. Scheiß was auf den Wa- gen. Dein Leben ist doch wichtiger.« Sie gingen durch das dunkle Wohnzimmer, alle drei, und die Vision eines längst vergangenen Augenblicks verschwamm und er- losch dann für immer.,

II

»Meine sehr verehrten Herrschaften vom Anaheim Lions Club«, sagte der Mann am Mikrophon, »es erfüllt mich mit außerordentlicher Freude, daß wir dank der freundli- chen Genehmigung der Behörden des Orange County heute nachmittag einen Geheimen Rauschgift-Agenten in unserer Mitte begrüßen dürfen. Nach einem einleitenden Referat unseres Gastes werden wir die einmalige Gele- genheit haben, ihn zu sich und zu seiner Arbeit zu befra- gen.« Oh, wie er strahlte, dieser Mann mit dem rosa Waf- felfiber-Anzug, der gelben Plastikkrawatte, dem blauen Hemd und den Schuhen aus Lederimitat! Ein überge- wichtiger, überalteter Mann, der pausenlos lachte, als sei er überglücklich, auch wenn es wenig oder gar nichts gab, weswegen man glücklich sein konnte. Der Geheime Rauschgift-Agent beobachtete ihn ange- ekelt. »Nun, wie Sie sicherlich bereits bemerkt haben wer- den«, sagte der Versammlungsleiter, »können Sie dieses Individuum, das hier direkt zu meiner Rechten neben mir sitzt, eigentlich gar nicht richtig sehen, geschweige denn erkennen. Und das liegt an einer besonderen Vorrich- tung, die er trägt, nämlich dem sogenannten ›Jedermann- Anzug‹. Und eben diesen Anzug trägt unser verehrter Gast während seines unermüdlichen Einsatzes für Recht und Ordnung fast ständig. Den Grund dafür werden Sie in wenigen Minuten erfahren.« Das Auditorium, das in jeder denkbaren Hinsicht ein, Spiegelbild des Versammlungsleiters war, betrachtete interessiert das Individuum in seinem Jedermann-Anzug. »Dieser Mann«, verkündete der Versammlungsleiter, »den wir einfach nur Fred nennen wollen, weil er unter diesem Decknamen die Informationen, die er sammelt, an seine Vorgesetzten weitergibt, dieser Mann also kann, sobald er sich einmal innerhalb seines Jedermann- Anzugs befindet, weder durch den Klang seiner Stimme noch durch einen auf technischem Wege erstellten Stimmabdruck identifiziert werden – und auch nicht durch sein Aussehen. Würden Sie nicht auch sagen, daß er nur wie ein vager Fleck und sonst nichts aussieht?« Bei diesen Worten verzog er sein Gesicht zu einem brei- ten Lächeln. Das Auditorium nickte und lächelte konzili- ant zurück. Ja, das war wirklich lustig. Der Jedermann-Anzug stammte aus den Forschungs- laboratorien des Bell-Konzerns, eigentlich eine Zufalls- entdeckung, die einem Angestellten namens S. A. Powers wie durch Zauberei gelungen war. Vor einigen Jahren hatte Powers mit enthemmenden Substanzen experimen- tiert, die direkt auf das Nervengewebe einwirkten; eines Abends hatte er sich selbst eine als ungefährlich und nur schwach euphorisierend geltende IV-Injektion verab- reicht, was wider Erwarten zu einem katastrophalen Ab- fall in der GABA-Flüssigkeit seines Gehirns geführt hat- te. Subjektiv hatte Powers die Folgen der Injektion so erlebt, als würden pausenlos geisterhaft phosphorisieren- de Phänomene an die gegenüberliegende Wand seines Schlafzimmers projiziert – eine mit irrwitziger Ge- schwindigkeit voranschreitende Montage von Bildern,, die in Powers zu diesem Zeitpunkt den Eindruck zeitge- nössischer abstrakter Gemälde erweckten. Sechs Stunden lang hatte Powers überwältigt beobach- tet, wie sich Tausende von Picasso-Gemälden in einer blitzschnellen Schnittfolge vor seinen Augen ablösten, und im Anschluß daran war er mehr Bildern von Paul Klee ausgesetzt worden, als dieser Künstler überhaupt während seines ganzen Lebens geschaffen hatte. S. A. Powers, über den sich nun eine wahre Sturzflut von Mo- digliani-Gemälden ergoß, hatte die Hypothese aufgestellt (schließlich braucht man für alles eine wissenschaftliche Theorie), daß die Rosenkreuzler diese Bilder auf telepa- thischem Wege auf ihn abstrahlten, wobei die telepathi- schen Impulse möglicherweise noch durch hochkomple- xe Mikrorelais-Systeme verstärkt werden mochten; aber als ihn dann Kandinsky-Bilder zu martern begannen, er- innerte er sich daran, daß sich das größte Kunstmuseum in Leningrad gerade auf solche nichtgegenständlichen Maler der Moderne spezialisiert hatte. Und daraus nun wieder ließ sich die Schlußfolgerung ziehen, daß die So- wjets versuchten, telepathischen Kontakt mit ihm aufzu- nehmen. Erst am nächsten Morgen erinnerte sich S. A. Powers daran, daß ein drastischer Abfall in der GABA- Flüssigkeit des Gehirns stets solche Phosporeszenzphä- nomene erzeugte; demnach hatte also niemand versucht, auf telepathischem Wege – sei es mit oder ohne Mikro- wellen-Verstärker – mit ihm in Verbindung zu treten. Aber immerhin brachte S. A. Powers dieses nächtliche Erlebnis auf die Idee für den Jedermann-Anzug. Im, Grunde genommen bestand Powers’ Konstruktion aus einer Quarzlinse mit einer Vielzahl von Facetten, die mit einem miniaturistischen Computer zusammengeschaltet war. Die Speicherbänke dieses Computers enthielten ma- ximal eineinhalb Millionen enkodierter Abbilder partiel- ler physiognomischer Charakteristika einer großen An- zahl von Menschen – Männern, Frauen und Kindern. Der Computer projizierte die gespeicherten Abbilder nach außen auf eine hauchdünne, gewandartige Membrane, die groß genug war, um einem durchschnittlichen Menschen zu passen. Wenn der Computer sein in einer Endlosschleife ge- speichertes Programm durchlaufen ließ, lieferten seine Speicherbänke nach und nach jede erdenkliche Augen- farbe, Haarfarbe, Nasenform, Gebißfiguration und Ge- sichtsknochenstruktur und speisten sie in die Projektions- vorrichrung ein. Die leichentuchähnliche Membrane nahm dann alle körperlichen Charakteristika an, die in jeder Nanosekunde projiziert wurden – bis auf das näch- ste Sample umgeschaltet wurde. Um seinen Jedermann- Anzug noch effektiver zu machen, programmierte S. A. Powers den Computer darauf, die Abfolge der körperli- chen Merkmale, die bei jedem Durchlauf auf der Mem- brane erschienen, nach Zufallskriterien zu variieren. Und um den Kostenfaktor möglichst niedrig zu halten (den Leuten von der Regierung imponierte so etwas immer besonders), verwendete Powers als Material für die Membrane bisher unverwertbare Abfallprodukte eines großen Industrieunternehmens, das bereits Geschäfte mit Washington betrieb., Powers’ Konzeption machte den Träger des Jeder- mann-Anzugs (wenngleich natürlich nur innerhalb des Limits von eineinhalb Millionen Sub-Bits, die der Com- puter speichern und miteinander kombinieren konnte) stündlich zu jedem Mann und zu jeder Frau. Daher war es völlig sinnlos, den Träger – oder die Trägerin – eines solchen Anzugs beschreiben zu wollen. Unnötig zu er- wähnen, daß S. A. Powers natürlich auch seine eigenen, ganz persönlichen physiognomischen Charakteristika in die Speicherbänke des Computers eingespeist hatte, da- mit aus dem rasenden Wirbel der aufgespaltenen Ge- sichtszüge auch sein eigenes Gesicht manchmal an die Oberfläche tauchte, vom Computer zufällig wieder aus seinen einzelnen Bestandteilen zusammengesetzt … ein Ereignis, das nach Powers’ Berechnungen pro Anzug durchschnittlich alle fünfzig Jahre eintreten würde. Das aber natürlich nur, wenn der jeweilige Anzug lange ge- nug in Betrieb war. Einen größeren Anspruch auf Un- sterblichkeit konnte Powers nicht erheben. »Bühne frei für den vagen Fleck!« sagte der Ver- sammlungsleiter laut, und ein allgemeines Beifallklat- schen hob an. Im Innern seines Jedermann-Anzugs seufzte Fred – der zugleich auch Robert Arctor war – unhörbar und dachte: Das ist alles so fürchterlich. Einmal im Monat wählte das Amt für Drogenmiß- brauch des Orange County nach Zufallskriterien einen Geheimen Rauschgift-Agenten aus und beauftragten ihn damit, vor einer Versammlung von Hohlköpfen wie die- sen hier zu sprechen. Heute war er, Fred, an der Reihe., Als er nun den Blick über seine Zuhörer schweifen ließ, begriff er, wie sehr er Spießer verabscheute. Sie fanden immer alles toll. Sie lächelten. Sie unterhielten sich groß- artig. Vielleicht hatte der Miniaturcomputer seines Jeder- mann-Anzugs in diesem Augenblick aus der unendlich großen Zahl von gespeicherten Komponenten S. A. Po- wers zusammengesetzt und auf die Oberfläche der Mem- brane projiziert. »Aber Spaß beiseite«, sagte der Versammlungsleiter, »dieser Mann hier …« Er hielt inne und versuchte krampfhaft, die richtigen Worte zu finden. »Fred«, sagte Bob Arctor. »S. A. Fred.« »Ja, richtig, Fred.« Der Versammlungsleiter gewann seine bisherige Sicherheit wieder zurück und nahm den Faden wieder auf, während er zugleich seine Zuhörer- schaft anstrahlte. »Wie Sie selbst hören können, ähnelt Freds Stimme einer jener Computerstimmen, die ertönt, wenn Sie drü- ben in San Diego am Schalter einer Bank vorfahren – sie ist vollkommen tonlos und so künstlich wie die eines Roboters. Mit dieser Stimme, die im Geist eines Zuhörers keinerlei bleibende Eindrücke hinterläßt, spricht Fred auch, wenn er seinen Vorgesetzten im Amt für Drogen- mißbrauch Bericht erstattet.« Er legte eine bedeutungs- schwere Pause ein. »Sie müssen wissen, daß jeder Ge- heime Rauschgift-Agent durch seinen Einsatz ein gräßli- ches Risiko eingeht. Es ist wohl kein Geheimnis mehr, daß es den Kräften, die hinter dem Drogenhandel stehen, wahrscheinlich überall in unserem Land gelungen ist, die, für die Bekämpfung des Drogenmißbrauchs zuständigen Behörden mit erschreckendem Geschick auf allen Ebe- nen zu infiltrieren. Nach Meinung der am besten infor- mierten Experten dürfte an dieser Tatsache kein Zweifel mehr bestehen. Und eben darum ist der Jedermann- Anzug eine notwendige Schutzmaßnahme, damit das Le- ben dieser wagemutigen und ihrer Sache treu ergebenen Männer nicht in Gefahr gerät.« Schwacher Applaus für den Jedermann-Anzug. Und dann erwartungsvolle Blicke, die sich auf Fred richten, der im Innern seiner Membrane lauert. »Wenn Fred jedoch vor Ort, in der Drogenszene also, arbeitet«, fügte der Versammlungsleiter abschließend noch hinzu, als er sich vom Mikrophon entfernte, um Platz für Fred zu machen, »trägt er diesen Anzug natür- lich nicht. Er kleidet sich dann wie Sie oder ich, obwohl er selbstverständlich zumeist die Hippie-Tracht anlegt, die in den verschiedenen subkulturellen Gruppen üblich ist, in denen sich ein Geheimer Rauschgift-Agent im Zu- ge seiner Ermittlungen bewegt.« Er gab Fred ein Zeichen, sich zu erheben und vor das Mikrophon zu treten. Fred – Robert Arctor – hatte sich schon sechsmal zuvor dieser Prozedur unterzogen, und er wußte, was er sagen mußte und was anschließend auf ihn zukam: nämlich die ewig gleichen Arschloch-Fragen und das übliche Maß an dumpfer Beschränktheit. Es machte ihn wütend, daß er gezwungen war, hier seine Zeit zu verschwenden. Alles verlorene Liebesmüh … und das Gefühl der Nutzlosigkeit, das er empfand, wurde mit je- dem Mal stärker., »Wenn ich Ihnen auf der Straße begegnen würde«, sagte Fred ins Mikrophon, nachdem der Beifall verklun- gen war, »würden Sie wahrscheinlich sagen: ›Schon wie- der so ein ausgeflippter Rauschgift-Freak.‹ Und Sie wür- den Ekel empfinden und sich von mir abwenden.« Schweigen. »Ich sehe nicht so aus wie Sie«, sagte er. »Ich kann mir das nicht leisten. Mein Leben hängt davon ab.« In Wirklichkeit unterschied er sich in seinem Aussehen gar nicht so sehr von ihnen. Und außerdem hätte er die Sa- chen, die er täglich trug, auch dann angezogen, wenn es sein Job und der Schutz seines Lebens nicht erforderlich gemacht hätten. Ihm gefiel die Kleidung, die er trug. A- ber die Ansprache, die er hier abspulte, war praktisch von A bis Z von anderen Leuten geschrieben und ihm dann zum Auswendiglernen vorgelegt worden. Zwar konnte er in gewissen Grenzen improvisieren, aber letztlich mußte er sich doch an den Standardtext halten, den alle Rausch- gift-Agenten verwendeten, die öffentliche Vorträge hiel- ten. Diese Regelung war vor Jahren von einem diensteif- rigen Abteilungschef eingeführt und später durch einen Erlaß zur Norm erhoben worden. Er wartete, bis das Auditorium seine Worte verdaut hatte. »Ich möchte mein Referat nicht damit beginnen«, sagte er, »Ihnen eine Aufzählung dessen zu bieten, was ich in meiner Funktion als Geheimer Rauschgift-Agent zu tun versuche. Sie wissen ja bereits, daß ich damit be- faßt bin, Dealer dingfest zu machen und besonders die Quellen aufzuspüren, aus denen die illegalen Drogen stammen, die diese Dealer auf den Straßen unserer Städte, und in den Korridoren unserer Schulen hier in Orange County feilbieten. Statt dessen möchte ich Ihnen zuerst sa- gen« – hier legte er eine Kunstpause ein, wie man es ihm in den Public-Relations-Kursen auf der Polizeiakademie bei- gebracht hatte –, »wovor ich mich am meisten fürchte.« Jetzt hatte er seine Zuhörer im Griff; sie schienen nur noch aus offenen Mündern und weit aufgerissenen Au- gen zu bestehen. »Was ich bei Tag und bei Nacht fürchte«, sagte er, »ist, daß unsere Kinder, Ihre Kinder und meine Kinder …« Wieder eine Kunstpause. »Ich habe zwei«, fuhr er fort. Dann, besonders ruhig und eindringlich: »Sie sind noch klein. Sehr klein.« Und dann ließ er seine Stimme an- schwellen, betonte jedes Wort. »Aber das schützt sie nicht davor, süchtig gemacht zu werden, mit voller Ab- sicht um des bloßen Profits willen süchtig gemacht zu werden, von jenen, die unsere Gesellschaft zerstören wollen.« Eine erneute Pause. »Zum gegenwärtigen Zeit- punkt«, fuhr er übergangslos fort, jetzt wieder ruhiger, »wissen wir noch nicht, wer diese Menschen – oder bes- ser: diese Tiere! – sind, die sich unsere Kinder als Beute erkoren haben, so, als würden wir hier nicht in den Ver- einigten Staaten leben, sondern in einem Dschungel ir- gendwo in einem fernen Land. Wir bemühen uns nach besten Kräften darum, die Identität jener Männer aufzu- decken, die diese Gifte, die täglich von mehreren Millio- nen von Männern und Frauen eingenommen, geschossen und geraucht werden, aus gehirnzerstörendem Dreck zu- sammenbrauen. Sicherlich ist das eine langwierige Auf- gabe, aber am Ende werden wir ihnen doch, so wahr uns, Gott helfe, die Maske vom Gesicht reißen.« Eine Stimme aus dem Auditorium: »Macht sie fertig!« Eine weitere Stimme, ebenso enthusiastisch: »Schnappt euch die roten Schweine!« Applaus, der in immer neuen Wogen heranrollte und gar nicht mehr zu enden schien. Robert Arctor zögerte. Starrte sie an, starrte die Spie- ßer mit ihren fetten Anzügen, ihren fetten Krawatten und ihren fetten Schuhen an und dachte: Substanz T kann ihre Gehirne nicht zerstören; sie haben keine. »Los, Mann, sag’s uns, wie’s ist!« drang eine etwas weniger aufdringliche Stimme zu ihm herauf – die Stim- me einer Frau. Arctor ließ seinen Blick suchend über die Zuhörer schweifen und machte schließlich die Sprecherin aus: eine mittelalterliche Dame, die nicht ganz so fett war und ihre Hände wie zum Gebet ängstlich gefaltet hatte. »Jeder Tag«, sagte Fred (oder Robert Arctor?), »for- dert diese Seuche ihren Tribut von uns. Täglich steigen die Profite – und wohin sie fließen, werden wir –« Er brach ab. Selbst wenn sein Leben davon abgehangen hät- te, hätte er den Rest des Satzes nicht mehr aus den Tiefen seines Gehirns heraufbaggern können, obwohl er ihn doch wenigstens eine Million mal wiederholt hatte, so- wohl auf der Akademie als auch während der vorange- gangenen Vorträge. In dem großen Raum war es jetzt totenstill. »Nun«, sagte er, »irgendwie dreht sich’s eigentlich gar nicht um die Profite. Der Kernpunkt liegt woanders. Ich meine, von dem, was sich da vor Ihrer aller Augen ab- spielt.«, Verblüfft stellte er fest, daß die Zuhörer keinerlei Un- terschied bemerkten, obwohl er doch vom vorbereiteten Text abgewichen war und jetzt völlig frei improvisierte und das sagte, was ihm gerade in den Sinn kam, ohne sich auf die Vorgaben der PR-Jungs drüben im Behör- denzentrum des Orange County zu verlassen. Aber wieso sollten sie den Unterschied auch überhaupt entdecken? Was wußten sie denn von dem, was um sie herum vor- ging? Letztlich interessierte das alles sie doch gar nicht. Die Spießer, dachte er, die da unter dem Schutz bewaff- neter Wächter in ihren riesigen, festungsgleichen Apart- ment-Komplexen leben, würden doch keine Sekunde zö- gern, das Feuer auf jeden Doper zu eröffnen, der mit ei- nem leeren Kissenüberzug über der Schulter an ihren Mauern kratzt und versucht, ihr Piano und ihre elektri- sche Uhr und ihren Rasierapparat und ihr Stereogerät zu klauen – die sie ohnehin noch nicht abbezahlt haben –, damit er neuen Shit oder seinen nächsten Schuß kriegen kann. Denn wenn er den nicht kriegt, wird er möglicher- weise sterben, einfach so, ka-wumm, weil er den Entzugs- schock und die damit verbundenen Qualen nicht durch- steht. Aber was kümmert das einen, solange man in seiner privaten Festung sitzt und durch die Schießscharten nach draußen späht, die Mauern unter Starkstrom stehen und die Wächter genug Munition für ihre Kanonen haben? »Stellen Sie sich einmal vor«, sagte Fred, »Sie wären ein Diabetiker und hätten kein Geld mehr für den näch- sten Schuß Insulin. Würden Sie dann stehlen, um an das Geld zu kommen? Oder würden Sie sich einfach hinlegen und sterben?«, Schweigen. Im Kopfhörer seines Jedermann-Anzugs sagte eine blecherne Stimme: »Ich glaube, Sie sollten besser zum vorbereiteten Text zurückkehren, Fred. Ich möchte Ihnen das wirklich dringend raten.« Über sein Kehlkopfmikrophon sagte Fred (oder Robert Arctor?): »Ich hab’ den Text vergessen.« Nur sein Vor- gesetzter im Hauptquartier, der nicht mit Mr. F. (alias Hank) identisch war, konnte diese Worte hören. Der an- onyme Beamte am anderen Ende der Leitung war Fred nur für die Dauer dieser PR-Einsatzes zugeteilt worden. »Verstaaanden«, schepperte die blecherne Antreiber- stimme in Freds Kopfhörer. »Ich werde Ihnen den Text vorlesen. Sprechen Sie ihn mir bitte Wort für Wort nach, aber achten Sie darauf, daß die entstehenden Pausen ganz natürlich wirken.« Ein kurzes Zögern, dann das Rascheln von Papier. »Wollen wir mal schauen … Jeden Tag stei- gen die Profite stärker an – und wohin sie gehen, werden wir –‹ Ungefähr da haben Sie aufgehört.« »Ich habe einen psychologischen Block gegen dieses Zeug«, sagte Arctor. »›– schon bald herausfinden‹«, sagte sein offizieller Souffleur, ohne auf Arctors Einwand zu achten, »›und dann wird die ganze Strenge des Gesetzes die Hinter- männer treffen. Und wenn es soweit ist, möchte ich um keinen Preis der Welt in ihrer Haut stecken.‹« »Wissen Sie eigentlich, warum ich einen Block gegen dieses Zeug habe?« sagte Arctor. »Weil es genau das ist, was die Leute zur Droge treibt.« Und er dachte: Genau das ist der Grund dafür, daß man auf alles pfeift und ein, Doper wird. Warum man einfach aufgibt und angewidert weggeht. Aber dann ließ er seinen Blick einmal mehr über das Auditorium schweifen und begriff, daß das alles auf die- se Menschen dort unten nicht zutraf. Nur mit einer Rede wie der, die er eigentlich hatte halten wollen, konnte man sie überhaupt erreichen. Er sprach vor einer Versamm- lung von Ignoranten, die in emotionaler Hinsicht so debil waren, daß man ihnen alles so erklären mußte, wie es in der ersten Grundschulklasse üblich war: A steht für Ap- fel, und der Apfel ist rund. »T«, sagte er laut zu seinen Zuhörern, »steht für Sub- stanz T. Und damit zugleich für Torheit und Trostlosig- keit und Trennung – Trennung deswegen, weil Substanz T dich von allen anderen Menschen, selbst von deinen besten Freunden, trennt und dich in einen Kosmos aus Isolation und Einsamkeit und Haß und Mißtrauen stößt. T«, fuhr er dann fort, »steht schließlich für Tod. Für Langsamen Tod, wie wir es nennen, wir –« Er stockte. »Wir, die Doper.« Seine Stimme schwankte und drohte zu versagen. »Vielleicht haben Sie das schon einmal ge- hört: Langsamer Tod. Vom Kopf an abwärts. Das wär’s dann wohl.« Er ging zu seinem Stuhl zurück und setzte sich schweigend. »Sie haben alles vermasselt«, sagte sein Vorgesetzter, der Souffleur. »Ich erwarte Sie in meinem Büro, wenn Sie zurückkommen. Zimmer 430. « »Ja«, sagte Arctor. »Ich hab’ alles vermasselt.« Die Zuhörer schauten ihn an, als hätte er vor ihren Augen auf die Bühne gepißt. Aber Arctor war sich nicht, sicher, was diese Blicke eigentlich aussagten. Der Versammlungsleiter ging rasch zum Mikrophon. »Fred hat mich vor Beginn seines Vortrags darum gebe- ten, Sie darauf hinzuweisen, daß er nur ein kurzes, ein- führendes Statement abgeben wolle und an Stelle eines langen Referats lieber während der Diskussion ausführli- cher auf Ihre Fragen eingehen möchte. Nun« – er hob die rechte Hand – »gibt es schon Fragen?« Plötzlich kam Arctor noch einmal ungeschickt auf die Füße. »Offenbar möchte Fred seine Ausführungen doch noch etwas ergänzen«, sagte der Versammlungsleiter und nickte Arctor zu. Während Arctor langsam gesenkten Kopfes zum Mi- krophon zurückschlurfte, sagte er mit großer Präzision: »Nur eines noch. Geben Sie ihnen keinen Tritt in den Arsch, wenn sie erst einmal an der Nadel hängen. Die User, die Süchtigen. Die Hälfte von Ihnen, sogar fast al- le, besonders die Mädchen, wußten nicht, worauf sie sich da einließen oder daß sie sich da überhaupt auf etwas einließen, von dem man nicht mehr loskommt. Versu- chen Sie lieber, diese Menschen, uns alle, von der Nadel fernzuhalten.« Er blickte kurz auf. »Verstehen Sie, die lösen ein paar Tabletten in einem Glas Wein auf – die Händler, meine ich –, und dann geben sie den Fusel ei- nem Mädchen, das fast noch ein Kind ist, und in dem Glas sind acht oder zehn Tabletten, und die Kleine wird bewußtlos. Und dann spritzen sie ihr einen Mex-Hit, zur Hälfte Heroin und zur Hälfte Substanz T –« Er brach ab. »Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit«, sagte er., Ein Mann meldete sich zu Wort. »Wie können wir sie aufhalten, Sir?« »Töten Sie die Pusher«, sagte Arctor und ging zurück zu seinem Stuhl. * Bob Arctor war nicht danach zumute, auf dem schnell- sten Wege ins Behördenzentrum zurückzukehren und sich in Raum 430 zu melden. Darum spazierte er langsam eine der Haupteinkaufsstraßen von Anaheim hinunter und schaute sich die McDonaldburger-Stände und die Wagenwaschanlagen und die Tankstellen und die Pizze- rien und all die anderen amerikanischen Wunder an. Immer, wenn er so wie jetzt ziellos dahinschlenderte und ihm dabei Leute aus allen Bevölkerungsschichten begegneten, verspürte er ein seltsames Gefühl – ein Un- behagen, das irgendwie mit seiner Identität zusammen- hing. Wie er zu den Typen vom Lyons-Club gesagt hatte, sah er wie ein Doper aus, wenn er den Jedermann-Anzug ablegte; er sprach wie ein Doper, und die Menschen rund um ihn hielten ihn natürlich auch für einen Doper und reagierten dementsprechend. Andere Doper zum Beispiel – Schau mal einer an, dachte er, »andere« – warfen ihm einen »Friede, Bruder«-Blick zu, und die Spießer taten das nicht. Zieh dir eine Bischofssoutane an und setz dir eine Mi- tra auf, dachte er, und spaziere darin herum, und die Leu- te werden ehrfürchtig das Haupt neigen, die Knie beugen und versuchen, deinen Ring zu küssen – wenn nicht so-, gar deinen Arsch. Und plötzlich bist du ein Bischof. So- zusagen jedenfalls. Was ist das eigentlich: Identität? frag- te er sich. Wo endet die Vorstellung, die man gibt, die Rolle, die man spielt? Wahrscheinlich weiß keiner das. Die schlimmsten Identitätskrisen machte Bob Arctor immer dann durch, wenn er wieder einmal von Dem Mann angeschissen wurde. Wenn die Bullen – ganz gleich, ob es nun gewöhnliche Beamte in Uniform, An- gehörige von Spezialtruppen in paramilitärischen Kampf- anzügen oder irgendwelche andere Polypen waren – mit ihrem Streifenwagen dicht am Randstein neben ihm her- fuhren, dabei die Geschwindigkeit ihrer Fahrzeuge lang- sam seinem Schlenderschritt anpaßten, ihn durch die Sei- tenfenster mit gespannten, scharfen, metallischen, leeren Blicken prüfend anstarrten und dann manchmal, offen- sichtlich aus einer bloßen Laune heraus, anhielten und ihn zu sich winkten. »Okay, zeig uns mal deinen Ausweis«, sagte der be- treffende Bulle dann stets und streckte ihm fordernd die Hand durch das heruntergekurbelte Fenster entgegen; und dann, während Fred-Arctor-wer-auch-immer in sei- ner Brieftasche herumfummelte, pflegte der Bulle ihn anzuschreien: »Schon mal VERHAFTET worden?« Und um das Ritual ein wenig zu variieren, mochte er viel- leicht noch hinzufügen: »ZUVOR?« Ganz so, als ob Arc- tor im nächsten Augenblick ins Loch wandern würde. »Was liegt denn an?« sagte Arctor dann für gewöhn- lich, falls er überhaupt etwas sagte. Natürlich versammel- te sich wie von selbst eine Menschenmenge am Ort des Geschehens. Die meisten der Zuschauer nahmen wohl, an, der arme Kerl sei beim Dealen an der Straßenecke erwischt worden. Sie grinsten nervös und warteten ab, was wohl weiter geschehen würde. Einige von ihnen – in der Regel Chicanos oder Schwarze oder Typen, denen man auf den ersten Blick ansah, daß sie selber zur Scene gehörten – verfolgten das Geschehen allerdings eher wü- tend. Aber jene, die wütend aussahen, kapierten schon nach kurzer Zeit, daß sie wütend aussahen und beeilten sich tunlichst, einen eher unbeteiligten Gesichtsausdruck aufzusetzen. Weil es nämlich ein offenes Geheimnis war, daß jeder, der in Anwesenheit von Bullen wütend oder unbehaglich dreinblickte – was nun davon, war egal –, offenbar etwas zu verbergen hatte. Wenn man den Ge- rüchten, die so im Umlauf waren, Glauben schenken wollte, dann wußten das gerade auch die Bullen und nahmen sich ausgerechnet diese armen Teufel als nächste vor. Heute jedoch belästigte niemand Bob Arctor. Eine Menge Scenerypen liefen hier herum; er war nur einer unter vielen. Was bin ich eigentlich? fragte er sich. Er sehnte sich einen Augenblick lang nach seinem Jedermann-Anzug. Dann, dachte er, könnte ich als vager Fleck weitergehen, und die Passanten, das ganze Volk, würden applaudieren. Bühne frei für den vagen Fleck! dachte er und spulte die ganze Szene im Lyons-Club noch einmal in seinem Kopf ab. Was für eine Art, Anerkennung zu finden! Wie konn- ten sie sich zum Beispiel eigentlich sicher sein, daß er der richtige vage Fleck war und nicht ein anderer? Es könnte jemand anderes als Fred darinstecken, oder ein, anderer Fred, und sie würden das nie erfahren, nicht ein- mal dann, wenn Fred den Mund aufmachte und redete. Sie würden es nicht einmal dann wirklich wissen. Sie würden es nie wissen. Beispielsweise könnte der Träger des Jedermann-Anzuges Al sein, der nur vorgab, Fred zu sein. Jeder Beliebige könnte darin stecken, ja, der Anzug könnte sogar leer sein. Vom Orange County-Polizei- hauptquartier könnten sie per Funk eine Stimme in den Jedermann-Anzug senden, könnten ihm vom Büro des Sheriffs aus auf diese Weise Leben einhauchen. Fred könnte jeder x-beliebige sein, der zufällig an diesem Tag an seinem Schreibtisch sitzt und zufällig das Drehbuch und das Mikro findet; eine Einzelperson oder eine ganze Verschwörung von Typen an ihren Schreibtischen. Aber ich nehme an, daß dank der Schlußworte meiner Ansprache diese Möglichkeit wohl doch nicht in Betracht kommt. Die Jungs drüben im Büro wollen ja gerade dar- über mit mir sprechen. Da er nicht besonders scharf auf diese Aussprache war, trödelte er weiter herum, um so das Treffen hinauszuschieben. Sein zielloses Herumwan- dern führte ihn nirgendwohin und zugleich doch überall- hin. In Kalifornien machte es ohnehin keinen Unter- schied, wohin man ging; überall stieß man auf denselben McDonaldburger-Stand, wieder und wieder, wie bei einer gemalten, kreisförmigen Kulisse, die an einem vorbei- läuft, während man vorgibt, irgendwohin zu gehen. Und wenn man schließlich Hunger bekam, und an den McDo- naldburger-Stand trat und einen Hamburger von McDo- nald’s kaufte, war es genau derselbe, den sie einem schon beim letzten Mal verkauft hatten und beim Mal davor, und immer so weiter, bis zurück in jene Zeit, bevor man geboren worden war. Und um das Maß voll zu machen, behaupteten böse Zungen auch noch, daß er aus Trut- hahnmägen bestand. Was natürlich nur eine ganz üble Lüge sein konnte. Wenn man den Reklameschildern glauben schenken wollte, dann hatten sie denselben Original-Hamburger mittlerweile fünfzig Milliarden Mal verkauft. Vielleicht sogar immer an denselben Kunden? Das Leben in Ana- heim, Kalifornien, war ein einziger, verselbständigter Werbespot, der endlos wiederholt wurde. Nichts änderte sich; alles breitete sich nur weiter und weiter in Form von Neonschleim aus. Das, was diese Stadt in immer größe- ren Mengen überschwemmte, schien schon vor langer Zeit unabänderlich festgelegt worden zu sein; es war, als ob sich die automatische Fabrik, die diese Objekte aus- spuckte, nicht mehr abschalten ließe, nachdem man ein- mal auf den Startknopf gedrückt hatte. Der .Aus-Schalter war blockiert. Wie aus dem Land Plastik wurde, dachte Arctor und erinnerte sich an das alte Märchen »Wie aus dem Meer Salz wurde«. Eines Tages, dachte er, wird es gesetzlich vorgeschrieben sein, daß wir alle den McDo- nalds-Hamburger sowohl kaufen als auch wieder verkau- fen müssen; wir werden ihn in alle Ewigkeit von unseren Wohnzimmern aus hin und her verkaufen. Auf diese Weise werden wir nicht einmal mehr nach draußen gehen müssen! Arctor schaute auf die Uhr. Halb drei: Zeit, sich ans Telefon zu hängen und sich um Nachschub zu kümmern. Donna hatte ihm gesagt, daß er über sie einen guten Deal, machen könne – schätzungsweise tausend Tabletten mit Substanz T, verschnitten mit Meth. Sobald er den Stoff hatte, würde er ihn natürlich an das Amt für Drogenmißbrauch des County weiterleiten, damit die Tabletten analysiert und dann vernichtet wer- den konnten – oder was immer sie damit vorhaben moch- ten. Sie vielleicht selber einpfeifen, wie das jedenfalls ein Gerücht behauptete. Oder sie wieder verkaufen. Aber Arctor kaufte nicht von Donna, um sie wegen Dealens hochgehen zu lassen; er hatte schon viele Male bei ihr Stoff gekauft und sie nie festgenommen. Darum ging es ihm gar nicht. Warum sollte man auch einen Gelegen- heits-Dealer hopsnehmen, eine Puppe, die es cool und in fand, mit Drogen zu handeln? Die Hälfte aller Rausch- gift-Agenten im Orange County wußten, daß Donna deal- te, und kannten sie vom Sehen. Donna dealte manchmal auf dem Parkplatz des 7-11-Ladens, direkt vor der auto- matischen Holo-Kamera, die die Polizei dort installiert hatte, und sie war bisher immer damit durchgekommen. Irgendwie konnte Donna nie auf die Schnauze fliegen, ganz egal, was sie tat und wer auch immer sie dabei beo- bachten mochte. Arctors sämtliche Drogenkäufe bei Donna dienten letztlich alle nur einem übergeordneten Ziel: nämlich dem, über Donna die Spur zu dem Nachschublieferanten aufzunehmen, von dem sie ihren Stoff bezog. Eben dar- um nahmen die Mengen, die er von ihr kaufte, immer mehr zu. Anfangs hatte er sie nur mal beschwatzt – wenn das das richtige Wort dafür war –, ihm mit zehn Tablet- ten auszuhelfen. Nur ein persönlicher Gefallen, so von, Freund zu Freund … Später dann hatte er, sozusagen als Wiedergutmachung, ein Päckchen mit hundert Tabletten gekauft, und schließlich sogar gleich drei Päckchen auf einmal. Jetzt konnte er, wenn er Glück hatte, tausend Ta- bletten auf einen Schlag herausholen, was zehn Päckchen entsprach. Und bald würde er dazu übergehen, regelmä- ßig in solchen Mengen zu kaufen, daß Donna finanziell nicht mehr mithalten konnte; sie würde ihrem Nach- schublieferanten nicht mehr so viel Geld vorschießen können, daß dieser sich noch auf das Geschäft einzulas- sen wagte. Deshalb würde sie in der Klemme sitzen, statt einen großen Profit zu machen. Natürlich würden sie feil- schen; Donna würde darauf bestehen, daß Arctor wenig- stens einen Teil des Geldes im voraus bezahlte; er aber würde ablehnen. Sie wiederum würde die Summe allein aus ihren Mitteln nicht aufbringen können, und die Zeit würde knapp werden – selbst bei einem so kleinen Deal würde das große Zittern beginnen. Alle Beteiligten wür- den ungeduldig werden; Donnas Nachschublieferant – wer immer das auch sein mochte – würde wie auf heißen Kohlen sitzen, seine Ware nicht loswerden können und langsam ausflippen, weil Donna nichts von sich hören ließ. Wenn alles nach Plan verlief, würde Donna schließ- lich aufgeben und zu Arctor und ihrem Lieferanten sa- gen: »Wißt ihr was? Ihr beide dealt besser direkt mitein- ander. Ich kenne euch beide; ihr seid beide coole Typen, für die ich die Hand ins Feuer legen würde. Ich werde einen Ort und eine Zeit festlegen, und ihr zwei könnt sel- ber Kontakt miteinander aufnehmen. So, Bob, von jetzt an kannst du direkt kaufen, wenn du weiterhin in solchen, Mengen kaufen willst.« Denn wer wie Bob Arctor so viel Stoff brauchte, wollte mit Sicherheit selbst als Profi- Dealer ins Geschäft einsteigen; die Mengen, um die es jetzt ging, näherten sich bereits dem Einkaufsvolumen der richtigen großen Dealer. Donna würde vermuten, daß Arctor den Stoff, den er von ihr bezog, mit Gewinn wei- terverkaufte, da er nun immer mindestens tausend auf einmal haben wollte. Auf diese Weise konnte Arctor die nächste Sprosse der Leiter erklettern und zum nächsten Hintermann vorstoßen. War er erst einmal selbst ein Dea- ler wie dieser, mochte er später vielleicht noch eine Stufe höher kommen, und dann noch eine, je nachdem, wie die Mengen, die er kaufte, wuchsen. Schließlich – und darauf lief die ganze Aktion am En- de hinaus – würde Arctor jemanden treffen, der eine so große Nummer war, daß es sich wirklich lohnte, ihn auf- fliegen zu lassen. Jemanden, der so dick drin war, daß er entweder selbst Kontakt zu den Herstellern hatte oder aber wenigstens Leute kannte, die den Stoff direkt vom Hersteller bezogen – Leute also, die selbst die Quelle kannten. Im Gegensatz zu anderen Drogen stammte Substanz T offensichtlich nur aus einer einzigen Quelle. Substanz T war nämlich kein organisches Rauschgift, sondern wurde synthetisch hergestellt; deshalb mußte es aus einem La- bor stammen. Die Substanz T-Synthese war in zahlrei- chen Experimenten unter strenger behördlicher Kontrolle nach vollzogen worden. Dabei hatte man herausgefun- den, daß die wesentlichen Bestandteile selbst Derivate komplexer Substanzen waren, und diese wiederum waren, fast ebenso schwer zu synthetisieren. Theoretisch konnte sie zwar jeder herstellen, der die Formel kannte und zu- dem über hinreichende finanzielle und technologische Mittel verfügte, eine geeignete Fabrik einzurichten; in der Praxis jedoch waren die Kosten dafür astronomisch. Auch jene, die Substanz T entwickelt hatten und sie her- stellten, verkauften die Droge eigentlich viel zu billig, als daß es sich für sie hätte lohnen können. Und die Verbrei- tung deutete darauf hin, daß es, selbst wenn nur eine Quelle existierte, ein weitverzweigtes Netz von Endfa- brikationsstätten und Auslieferungsstellen geben mußte. Vielleicht befanden sich eine Reihe von Laboratorien in mehreren Schlüsselgebieten, etwa in der Nähe eines je- den größeren städtischen Drogenzentrums in Nordameri- ka und Europa. Warum man bisher keines dieser Labora- torien hatte entdecken können, blieb ein Rätsel. Aller- dings lag die Vermutung nahe, daß die ST-Agentur – wie die Behörden die Organisation, die sich mit der Herstel- lung und dem Vertrieb von Substanz T beschäftigte, mitt- lerweile einfach nannte – sowohl auf örtlicher als auch auf nationaler Ebene über vorzügliche Verbindungen zu den Spitzen der höchsten Polizeibehörden verfügte – eine Tatsache, über die die Öffentlichkeit lautstark und die offiziellen Stellen etwas verklausulierter lamentierten. Zudem munkelte man, daß allzu neugierige Schnüffler, die rauchbare Fakten über die Operationen der ST- Agentur in Erfahrung brachten, entweder bald wieder die Finger von diesem heißen Eisen ließen oder aber sang- und klanglos von der Bildfläche verschwanden und nie wieder auftauchten., Arctor hatte natürlich im Moment neben Donna noch verschiedene andere Ansatzpunkte. Er drängte auch an- dere Dealer dauernd dazu, ihm immer größere Mengen Stoff zu besorgen. Aber weil Donna seine Puppe war – er machte sich jedenfalls Hoffnungen in dieser Richtung –, stellte sie für ihn den brauchbarsten Ansatzpunkt dar. Donna zu besuchen, mit ihr zu telefonieren, sie auszufüh- ren oder sie flachzulegen – das war gleichzeitig auch ein persönliches Vergnügen. Indem er sich besonders auf sie konzentrierte, wählte er in gewisser Weise den Weg des geringsten Widerstandes. Wenn man schon jemanden bespitzeln und über ihn berichten mußte, dann konnten das schließlich ebensogut Leute sein, mit denen man oh- nehin öfters zusammen war; das war weniger verdächtig und außerdem auch weniger umständlich. Und wenn man diese Leute noch nicht oft getroffen hatte, bevor man mit der Überwachung begann, würde man von da an sowieso intensiver mit ihnen in Kontakt treten müssen. Am Ende lief es auf das gleiche hinaus. Fred-Arctor betrat eine Telefonzelle und wählte durch. Klingelingeling. »Hallo«, sagte Donna. Alle Münzfernsprecher in der ganzen Welt waren an- gezapft. Und wenn irgend einer doch mal nicht angezapft war, mochten die Monteure bloß noch nicht bis dorthin vorgestoßen sein. Die abgehörten Gespräche wurden an einem zentralen Ort elektronisch gespeichert. Ungefähr jeden zweiten Tag erhielt ein Polizeibeamter einen Spei- cherausdruck und konnte sich nun einen Überblick über alle abgehörten Telefongespräche verschaffen, ohne ü-, berhaupt sein Büro verlassen zu müssen. Er wählte nur die Speichertrommeln an, und auf sein Signal hin spulten sie die verlangten Anrufe ab, wobei sie alle Leerstellen auf den Bändern ausließen. Die meisten Anrufe waren harmlos. Der Polizeibeamte konnte jedoch die, die nicht so harmlos waren, ziemlich schnell identifizieren. Das war seine besondere Fähigkeit. Dafür wurde er bezahlt. Und einige Beamte konnten das halt besser als ihre Kol- legen. Als Arctor und Donna jetzt miteinander sprachen, hör- te niemand simultan mit. Der elektronische Mitschnitt würde frühestens am nächsten Tag zur Überprüfung ab- gespult werden. Wenn sie etwas eindeutig Illegales be- sprachen und der Überwachungsbeamte das bemerkte, würde man von ihnen Stimmabdrücke machen. Alles, was Arctor und Donna also tun mußten, war, das Ge- spräch so unverfänglich wie möglich zu halten. Aber auch dieser Dialog konnte immer noch als Rauschgift- Deal erkennbar sein. Hier kam ihnen aber ein gewisses regierungstypischen Effektivitätsdenken zugute: Für die Behörden lohnte es sich einfach nicht, die ganze kompli- zierte Prozedur mit den Stimmabdrücken und den an- schließenden Nachforschungen durchzuziehen, wenn es nur um kleine Delikte ging. Davon gab es viel zu viele, die an jedem Wochentag über viel zu viele Telefone be- sprochen wurden. Donna und Bob Arctor wußten das natürlich. »Wie geht’s?« erkundigte er sich. »So la la.« Ein kurzes Zögern in ihrer warmen, rauhen Stimme. »Was macht dein Kopf heute?«, »Totale Wirrnis. Bin irgendwie down.« Pause. »Mein Boß hat mich heute morgen im Laden angefurzt.« Donna arbeitete an der Kasse einer kleinen Parfumerie in Gate- side Mall in Costa Mesa. Sie fuhr jeden Morgen mit ih- rem MG hin. »Stell dir mal vor, was er von mir wollte. Da war so ein Kunde, ein abgehalfteter Opa, einer von diesen Typen mit den grauen Schläfen, du kennst die Sorte ja, und der hat uns um zehn Eier beschissen. Und weißt du, was mein Chef gesagt hat? Das wär’ nur mein Fehler gewesen, und ich müßte den Schaden natürlich ersetzen. Na, jedenfalls werden mir die zehn Kröten jetzt vom Gehalt abgezogen. Und auf diese Weise bin ich zehn Kröten los, ohne überhaupt einen Scheißfehler – ‘tschuldige – gemacht zuhaben.« Arctor sagte: »Hey, kann ich was von dir kriegen?« Sie klang jetzt mürrisch. Als ob sie nicht wollte. Aber das war nur einer der kleinen, in diesem Geschäft übli- chen Bluffs. »Wie viele – willst du? Hör mal, eigentlich –« »Zehn«, sagte er. So, wie sie es vereinbart hatten. Eins stand für einhundert; er forderte jetzt also tausend an. Wenn solche Geschäfte über öffentliche Kommunika- tionseinrichtungen abgewickelt wurden, hatte es sich als praktisch erwiesen, die wirklich großen Transaktionen als alltägliche Mini-Deals zu tarnen. Bei so geringen Mengen wie denen, von denen hier die Rede war, konnte man sogar einen Deal nach dem anderen abziehen, ohne daß sich die Behörden darum gekümmert hätten; falls die Behörden auf jeden kleinen Deal reagieren wollten, wür- den die Drogenfahnder pausenlos Tag und Nacht unter- wegs sein müssen, um Apartments und Häuser, ja sogar, ganze Straßenzüge zu durchsuchen – und dabei doch so gut wie nichts erreichen. »Zehn«, murmelte Donna gereizt. »Mensch, mir geht der Arsch wirklich langsam auf Grundeis«, sagte Arctor wie ein mieser kleiner Süchtiger. Nicht wie ein Dealer. »Ich werd’s dir später zurückzah- len, wenn ich mir wieder was beschafft hab. « »Nein«, sagte sie hölzern. »Ich geb’ sie dir gratis. Zehn.« Zweifellos dachte sie jetzt intensiv darüber nach, ob er wohl wirklich selber dealte. Vielleicht tat er’s. »Zehn. Okay, warum nicht? Sagen wir … in drei Tagen?« »Nicht früher?« »Die sind –« »Okay«, sagte er. »Ich schau’ bei dir rein.« »Um wieviel Uhr?« Sie rechnete nach. »Sagen wir, gegen acht Uhr abends. Hey, ich muß dir unbedingt ein Buch zeigen, das ich neu hab’. Jemand hat’s im Laden vergessen. Es ist echt irre. Hat was mit Wölfen zu tun. Weißt du, was Wölfe manchmal machen? Der Wolfsrüde? Wenn er seinen Gegner besiegt hat, macht er ihn nicht alle – er pißt ein- fach auf ihn drauf. Echt! Er steht da und pißt auf den be- siegten Gegner und haut dann ab. Das ist alles. Haupt- sächlich kämpfen sie um ihre Territorien. Und um das Recht, zu bumsen, weißt du.« Arctor sagte: »Ich hab’ kürzlich auch’n paar Leute an- gepißt.« »Ehrlich? Wie denn das?«, »Metaphorisch. « »Nicht so, wie man’s sonst macht?« »Ich meine«, sagte er, »ich hab’ ihnen gesagt –« Er unterbrach sich mitten im Satz. Er quatschte mal wieder zuviel, und außerdem war er hier Bob Arctor und nicht Fred. Herr im Himmel, dachte er. »Diese blöden Mak- ker«, sagte er, »diese Motorradfreaks, du weißt schon. Die immer drüben beim Foster’s Freeze rumhängen. Ich schlendere da also nichtsahnend vorbei, und einer von den Typen schiebt ‘ne blöde Bemerkung raus. Da bin ich eben stehengeblieben und hab’ ihnen gesagt –« »Du kannst es mir ruhig verraten«, sagte Donna, »selbst wenn’s superunanständig ist. Man muß diesen Motorradfreaks schon was Superunanständiges vor den Latz knallen, sonst checken die’s sowieso nicht.« Arctor sagte: »Ich hab’ ihnen erzählt, ich würd’ lieber auf ‘ne Schnalle klettern als auf einen Riemen. Jederzeit sogar.« »Du, den Witz hab’ ich jetzt aber nicht so ganz mitge- kriegt. « »Na, ‘ne Schnalle ist ‘ne Puppe, und ‘n Riemen –« »Oh yeah. Hab’ schon kapiert. Würg kotz.« »Wir treffen uns dann bei mir zu Hause, wie verabre- det«, schloß Arctor. »Tschüss.« Er wollte auflegen. »Kann ich dir dieses Buch über die Wölfe mitbringen und dir mal zeigen? Es ist von Konrad Lorenz. Auf dem Klappentext steht, daß er die bedeutendste Autorität für Wölfe auf der ganzen Welt war. Ach ja, und noch was. Deine Kumpel sind heute zu mir in den Laden gekom- men, Ernie Wie-heißt-er-doch-gleich und dieser Barris., Sie haben dich gesucht, weil du –« »Was wollten sie denn?« »Dein Cephalochromoskop, für das du neunhundert Dollar hingeblättert hast und das du immer anschaltest und laufen läßt, wenn du nach Hause kommst – Ernie und Barris haben die ganze Zeit nur davon gelabert. Sie haben versucht, es heute zu benutzen, aber es wollte ein- fach nicht funktionieren. Keine Farben und keine Ceph- Muster, nichts. Darum haben sie Barris’ Werkzeugkasten geholt und die Bodenplatte abgeschraubt.« »Sag mal, ich hör’ wohl nicht recht?« sagte er aufge- bracht. »Und sie haben erzählt, daß irgendwer es vermackelt hat. Regelrecht sabotiert. Zerschnittene Kabel und all so ‘n Zeug – das totale Chaos. Kurzschlüsse und kaputtge- schlagene Teile. Barris sagte, er hätte versucht –« »Ich geh’ sofort heim«, sagte Arctor und legte auf. Mein bestes Stück, dachte er bitter. Und dieser Idiot Bar- ris pfuscht auch noch daran herum. Aber ich kann ja jetzt gar nicht so einfach nach Hause gehen, fiel ihm plötzlich ein. Ich muß hinüber zum Neuen Pfad, um herauszufin- den, was da eigentlich läuft. Das war nun einmal seine Aufgabe. Und der konnte er sich nicht entziehen.,

III

Auch Charles Freck hatte schon daran gedacht, sich der Obhut des Neuen Pfades anzuvertrauen. Jerry Fabins Ausflippen hatte ihn ganz schön fertiggemacht. Freck saß mit Jim Barris in Fiddlers Kaffeestube Nummer Drei in Santa Ana und spielte mürrisch mit sei- nem zuckerglasierten Doughnut herum. »Das ist wirklich eine schwierige Entscheidung«, sagte er. »Die lassen dich doch voll auf Cold Turkey gehen. Sie bleiben nur Tag und Nacht bei dir und passen auf, daß du dich nicht selbst allemachst oder dir den Arm abbeißt, aber sie ge- ben dir nie was. Ich meine, was ein Doktor verschreiben würde. Valium zum Beispiel.« Kichernd inspizierte Barris sein Sandwich, das auf der Speisekarte unter dem hübschen Namen Patty Melt – Schmelzpastetchen – firmierte und aus zerlaufenem Kä- seimitat und einem steinharten Klumpen Syntho-Rind- fleisch auf speziellem organischen Brot bestand. »Was für eine Brotsorte ist das?« fragte er. »Schau auf die Speisekarte«, sagte Charles Freck. »Da steht’s.« »Wenn du reingehst«, sagte Barris, »werden sich bei dir eine Reihe von Symptomen einstellen, die aus Ab- wehrreaktionen bestimmter basischer Körperflüssigkei- ten – besonders jener, die im Gehirn lokalisiert sind – herrühren. Damit meine ich natürlich die Katecholamine wie etwa Noradrenalin und Seratonin. Sieh mal, das funktioniert so: Substanz T – eigentlich alle suchtbilden-, den Rauschgifte, aber Substanz T steht da an erster Stelle – interagiert mit den Katecholaminen, und zwar auf sub- zellularer Ebene, so daß es zu einer biostrukturellen An- passung der Katecholamine an Substanz T und damit schlußendlich zu einer Abhängigkeit kommt, die sich im Prinzip nie mehr rückgängig machen läßt.« Er nahm ei- nen großen Bissen von der rechten Hälfte seines Patty Melt. »Früher glaubten die Wissenschaftler, daß so etwas nur bei den Alkaloid-Narkotika wie etwa Heroin eintre- ten könne.« »Ich hab’ mir nie Smack geschossen. Das bringt dich echt runter.« Die Kellnerin, aufregend und hübsch anzuschauen in ihrer Uniform, kam herüber zu ihrem Tisch. Ihre Titten wippten keck bei jedem Schritt. »Hi«, sagte sie. »Alles in Ordnung?« Charles Freck blickte erschrocken auf. »Heißt du Patty?« fragte Barris sie und gab gleichzei- tig Freck ein Zeichen, daß alles cool sei. »Nein.« Sie wies auf das Namensschild auf ihrer rech- ten Titte. »Beth.« Ich möchte zu gerne wissen, wie die linke heißt, dach- te Charles Freck. »Die Kellnerin, die uns beim letzten Mal bedient hat, hieß Patty«, sagte Barris und musterte die Kellnerin mit einem unanständigen Blick. »Genauso wie das Sand- wich.« »Die kann wohl kaum was mit dem Sandwich zu tun gehabt haben. Ich glaube, sie schreibt sich mit einem i.« »Mensch, ich finde heute alles super dufte«, sagte Bar-, ris. Über seinem Kopf konnte Charles Freck eine Denk- blase sehen, in der Beth zuerst einen aufreizenden Strip- tease aufs Parkett legte und dann lüstern ihr Becken krei- sen ließ. Ihr Bär schien ihnen geradezu zuzuwinken. »Hat sich was mit super dufte«, sagte Charles Freck. »Ich hab’ ‘ne Menge Probleme, die außer mir niemand hat.« Mit schwermütiger Stimme sagte Barris: »Du wür- dest gar nicht glauben, wie viele Leute die gleichen Pro- bleme haben wie du. Und es werden mit jedem Tag mehr. Unsere Welt ist krank, und es wird immer schlim- mer mit ihr.« Die Bilder in der Denkblase über seinem Kopf wurden ebenfalls immer schlimmer. »Möchten Sie nicht vielleicht ein Dessert bestellen?« fragte Beth und lächelte auf die beiden hinab. »Was gibt’s denn?« erkundigte sich Charles Freck mißtrauisch. »Wir haben frischen Pflaumenkuchen und frische Pfir- sichtörtchen«, sagte Beth lächelnd. »Die machen wir hier selbst.« »Nein, wir möchten keinen Nachtisch«, sagte Charles Freck. Die Kellnerin ging wieder. »Das ist was für alte Omas«, sagte er zu Barris, »diese Obstkuchen.« »Der Gedanke, dich freiwillig zur Entziehung zu mel- den«, sagte Barris, »macht dich sicher kribbelig. Du hast eine panische Angst davor, daß dich dort nur endlose negative Symptome erwarten. Das ist die Einflüsterung der Droge, die sich meldet, um dich vom Neuen Pfad fernzuhalten, und dich daran hindern will, dich von ihr zu lösen. Du siehst, alle Symptome haben eine Bedeutung, ganz gleich, ob sie nun positiv oder negativ sind.«, »Echt?« murmelte Charles Freck. »Die negativen Symptome manifestieren sich als blanke Gier, die gezielt vom gesamten Körper erzeugt wird, um den Besitzer dieses Körpers – in diesem Falle also dich – dazu zu zwingen, verzweifelt –« »Wenn du zum Neuen Pfad kommst«, sagte Charles Freck, »schneiden sie dir als erstes den Pimmel ab. Eine pädagogische Maßnahme zur Einstimmung auf dein zu- künftiges Leben. Und dann machen sie in dem Stil wei- ter.« »Als nächstes kommt die Galle dran«, sagte Barris. »Wieso denn das? Was macht so eine Galle eigent- lich?« »Hilft dir dabei, dein Essen zu verdauen.« »Und wie?« »Indem sie die Zellulose daraus entfernt.« »Und danach kriegt man vermutlich –« »Genau. Nur noch Nahrungsmittel ohne Zellulosege- halt. Keine Blätter und kein Häcksel mehr.« »Und wie lange kann man auf die Art am Leben blei- ben?« Barris sagte: »Das kommt auf deine körperliche Kon- stitution an.« »Wie viele Gallen hat der Durchschnittsmensch?« Freck wußte, daß jeder Mensch für gewöhnlich zwei Nie- ren hatte. »Scheint ganz vom Alter abzuhängen. Ich vermute, daß ihre Anzahl mit der Zeit zunimmt.« »Wieso?« In Charles Freck keimte ein schlimmer Verdacht., »Tja, je älter die meisten Menschen werden, desto verbitterter werden sie auch. Wenn einer erst mal achtzig ist –« »Sag mal, du willst mich wohl verarschen?« Barris lachte. Charles Freck hatte Barris’ Lachen schon immer seltsam gefunden. Ein unwirkliches La- chen, dachte er, ganz so, als ob etwas zerbricht. »Wieso hast du dich eigentlich so plötzlich entschlossen«, sagte Barris übergangslos, »dich freiwillig zu einer stationären Behandlung in ein Zentrum für Drogenrehabilitation zu begeben?« »Jerry Fabin«, sagte Freck. Barris winkte mit der Hand ab und sagte: »Jerry war ein besonderer Fall. Ich hab’ einmal beobachtet, wie Jer- ry Fabin herumtorkelte und dann hinfiel und sich von oben bis unten vollschiß. Er wußte nicht mehr, wo er war, und er versuchte, mich dazu zu kriegen, nachzu- schauen und herauszufinden, welches Gift er erwischt hatte; höchstwahrscheinlich Thaliumsulfat … das wird in Insektiziden verwendet und bei der Rattenbekämpfung. Muß ein Racheakt gewesen sein – jemand wollte ihm was heimzahlen. Ich kenne mindestens zehn verschiede- ne Toxide und Gifte, die diese Wirkung –« »Es gibt noch einen anderen Grund«, sagte Charles Freck. »Mein Vorrat geht schon wieder zur Neige, und ich kann’s nicht mehr aushalten, ewig auf dem letzten Loch zu pfeifen und nicht zu wissen, wie ich jemals wie- der neuen Stoff in die Finger kriegen soll. Scheißdreck.« »Tja, wer kann schon sicher sein, den nächsten Son- nenaufgang zu erleben?«, »Ach Scheiße – ich bin jetzt so abgebrannt, daß es praktisch nur noch eine Sache von Tagen ist. Und außer- dem … ich glaube, daß ich dauernd beklaut werde. Ich kann die Dinger doch nicht soooo schnell nehmen; irgend ein Scheißer muß sich hinter meinem Rücken von mei- nem Stash bedienen.« »Wie viele Tabletten pfeifst du eigentlich jetzt jeden Tag ein?« »Schwer zu sagen. Aber jedenfalls nicht soooo viele.« »Du weißt, daß sich ein Gewöhnungseffekt einstellt und man hinterher immer mehr braucht.« »Sicher, richtig, aber doch nicht in einem solchen Ausmaß. Ich kann das nicht mehr ertragen, dieses ewige auf dem trockenen sitzen und all das. Andererseits …« Er überlegte einen Augenblick lang. »Ich glaube, ich hab’ da ‘ne neue Quelle. Diese Puppe, Donna. Donna Irgend- was.« »Ach, Bobs Mädchen.« »Seine Alte«, sagte Charles Freck nickend. »Nein, er hat’s noch nie geschafft, ihr zwischen die Beine zu kommen. Er versucht’s nur immer wieder …« »Ist sie zuverlässig?« »In welcher Hinsicht? Beim Ficken oder –« Barris führte zur Verdeutlichung die Hand zum Mund und schluckte. »Was für ‘ne Art von Sex is’n das?« Dann dämmerte es Freck. »Oh, yeah, letzteres.« »Ziemlich zuverlässig. Vielleicht ein bißchen flatter- haft. Wie man das halt bei einer Puppe erwarten kann, besonders bei denen, die nicht so helle sind. Die hat ihr, Gehirn zwischen den Beinen, wie die meisten. Vielleicht bewahrt sie da auch ihren Stash auf.« Er kicherte. »Und dazu vielleicht auch noch den ganzen Stoff, mit dem sie dealt, wer weiß?« Charles beugte sich zu ihm hinüber. »Arctor hat Don- na nie gebumst? Er redet aber über sie, als hätt’ er’s ge- tan.« Barris sagte: »Das ist typisch Bob Arctor. Der redet viel, wenn der Tag lang ist. Aber da stimmt nichts von, überhaupt nichts.« »Woran liegt’s, daß er sie nie flachgelegt hat? Kriegt er keinen hoch?« Barris dachte angestrengt nach, wobei er immer noch mit seinem Patty Melt herumspielte; er hatte ihn mittler- weile in kleine Stücke gerissen. »Donna hat Probleme. Vielleicht schießt sie Junk. Sie hat eine Aversion gegen jede Art von körperlichem Kontakt – du weißt doch be- stimmt, daß Junkies das Interesse am Sex verlieren, weil ihre Sexualorgane durch Gefäßverengung anschwellen. Und bei Donna zeigt sich, wie ich beobachten konnte, ein widernatürlicher Mangel an sexueller Erregbarkeit. Und das nicht nur, wenn sie mit Arctor zusammen ist, sondern auch …« Er unterbrach sich verdrießlich. »Auch mit an- deren Männern.« »Scheiße, du meinst einfach, daß es bei ihr nicht rich- tig losgeht?« »Oh, sie würde schon auf Touren kommen«, sagte Barris, »wenn man sie richtig anheizen würde. Zum Bei- spiel …« Er blickte Freck mit einem geheimnisvollen Augenaufschlag an. »Ich kann dir zeigen, wie man sie für, 98 Cent dazu kriegen kann, die Beine breit zu machen.« »Ich will sie gar nicht flachlegen. Ich will nur bei ihr kaufen.« Freck fühlte sich unbehaglich. Barris hatte eine Art an sich, die ihm stets ein flaues Gefühl bescherte. »Wieso gerade für 98 Cent?« sagte er. »Sie würde kein Geld dafür nehmen; so eine ist sie nicht. Und überhaupt, schließlich ist sie Bobs Puppe.« »Nun, es wäre nicht im eigentlichen Sinne eine finan- zielle Transaktion«, sagte Barris in seinem präzisen, ge- lehrten Stil. Er beugte sich zu Charles Freck hinüber. Seine haarigen Nasenlöcher zuckten vor heimtückischem Vergnügen. Und nicht nur das – auch seine Sonnenbrille schien plötzlich in einem intensiveren Grün zu leuchten. »Donna schnieft Coke. Sie würde ganz unzweifelhaft die Beine für jeden breitmachen, der ihr ein Gramm Coke gibt – besonders, wenn diesem Coke durch streng wis- senschaftliche Prozeduren ganz bestimmte, exorbitant seltene chemische Substanzen beigemengt worden wä- ren. Und meine gewissenhaften Grundlagenforschungen haben mich zu einem Spezialisten für eben diese raren Stoffe werden lassen.« »Ich wäre froh, wenn du nicht so reden würdest«, sag- te Charles Freck. »Über Donna, meine ich. Und über- haupt wird ein Gramm Coke derzeit für über hundert Dollar gehandelt. Wer hat schon so viele Flöhe?« Barris unterdrückte ein Niesen und verkündete trium- phierend: »Ich kann ein Gramm reines Kokain derivie- ren, ohne daß die Gesamtkosten für die Ingredienzien, die ich dazu benötige – die Apparaturen in meinem La- bor nicht eingerechnet – mehr als einen Dollar betragen.«, »Du tickst wohl nicht mehr richtig. « »Ich kann es dir auf der Stelle vorführen.« »Und woher kommen diese Bestandteile?« »Aus dem 7-11-Kolonialwarenladen«, sagte Barris und kam stolpernd auf die Füße. In seiner Erregung wischte er ein Stückchen vom Patty Melt vom Tisch. »Bezahl die Rechnung«, sagte er, »und ich werd’s dir zeigen. Ich hab’ mir zu Hause ein provisorisches Labora- torium eingerichtet, mit dem ich arbeite, bis ich mir ein besseres leisten kann. Du kannst mir dabei zusehen, wie ich ein Gramm Kokain aus gesetzlich erlaubten Stoffen extrahiere, die im 7-11-Laden für weniger als einen Dol- lar öffentlich feilgeboten werden.« Er marschierte auf den Durchgang los. »Komm.« Seine Stimme klang drän- gend. »Okay«, sagte Charles Freck. Er nahm die Rechnung und folgte Barris. Der Knabe hat ja ‘n Schlag schräg, dachte er. Oder etwa doch nicht? Schließlich macht er dauernd chemische Experimente – und was er so alles in der Bezirksbücherei liest … Vielleicht ist ja doch etwas an der Sache dran? Stell dir mal den Profit vor, sagte er sich. Stell dir vor, wie wir absahnen könnten! Er eilte an der Kassiererin vorbei hinter Barris her, der im Gehen die Schlüssel für seinen Karmann Ghia aus den Taschen seines modischen Anzugs holte. * Sie stellten den Wagen auf dem Parkplatz des 7-11 ab, stiegen aus und gingen hinein. Wie gewöhnlich stand ein, großer, schweigsamer Bulle an der vorderen Theke und tat so, als sei er in die Lektüre eines Sportmagazins ver- tieft; Charles Freck wußte, daß der Bulle natürlich in Wirklichkeit alle Eintretenden genau musterte, um abzu- schätzen, ob sie vielleicht vorhaben mochten, den Laden zu überfallen. »Was willst du hier eigentlich kaufen?« fragte er Bar- ris, der scheinbar ziellos durch die Korridore zwischen den Bergen von Konservendosen schlenderte. »Eine Sprühdose«, sagte Barris. »Solarcaine.« »Ein Sonnenschutzspray?« Charles Freck glaubte nicht wirklich daran, daß diese ganzen Ereignisse Reali- tät waren. Aber andererseits, was wußte er schon? Wer konnte sich da sicher sein? Er folgte Barris zur Kasse; dieses Mal bezahlte Barris. Sie kauften die Dose Solarcaine, schlängelten sich an dem Bullen vorbei und gingen zurück zum Wagen. Bar- ris steuerte den Karmann rasch vom Parkplatz und lenkte ihn die Straße hinunter. Er fuhr fast pausenlos mit Voll- gas, ohne sich um die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu kümmern, bis er schließlich den Wagen auf der Auffahrt vor Bob Arctors Haus ausrollen ließ, wo unzählige alte Zeitungen, die nie jemand gelesen hatte, im hohen Gras des Vorhofes herumlagen. Als sie ausstiegen, nahm Barris einige Gegenstände, von denen Kabel herabbaumelten, vom Rücksitz, um sie nach drinnen mitzunehmen – Voltmeter, andere elektro- nische Prüfgeräte und dazu einen Lötkolben, wie Charles Freck erkannte. »Wofür brauchst du denn das?« erkun- digte er sich., »Ich muß einen langwierigen und mühseligen Job er- ledigen«, sagte Barris, während er die verschiedenen Ge- rätschaften und das Solarcaine den Weg hinauf zur Ein- gangstür trug. Er gab Charles Freck den Türschlüssel. »Und wahrscheinlich werde ich dafür nicht mal bezahlt. Wie das so üblich ist.« Charles Freck schloß die Tür auf, und sie betraten das Haus. Zwei Katzen und ein Hund stürmten auf sie zu und begrüßten sie mit hoffnungsvollem Miauen und Bellen. Freck und Barris schoben sie sorgfältig mit ihren Stiefeln beiseite. Im hintersten Winkel der Eßecke hatte Barris sich im Laufe der Zeit ein irres Laboratorium zusammengebaut, das hauptsächlich aus Flaschen und allem möglichen Schrott bestand, der ohne jede erkennbare Ordnung he- rumlag – aus lauter auf den ersten Blick wertlos wirken- den Objekten, die Barris aus den verschiedensten Quellen zusammengeklaubt hatte. Charles Freck wußte (denn er hatte sich das oft genug anhören müssen), daß Barris kei- nen Wert darauf legte, alles möglichst effektiv durchzuor- ganisieren, sondern vielmehr auf Spontaneität und Kreati- vität vertraute. Du solltest jederzeit in der Lage sein, dein Ziel mit dem ersten Ding zu erreichen, das dir in die Hand kommt, predigte Barris immer. Eine Heftzwecke, eine Büroklammer, ein Stück einer Apparatur, deren andere Teile kaputt oder verlorengegangen waren … Charles Freck kam es so vor, als ob sich hier eine Ratte häuslich eingerichtet hätte und nun dabei wäre, mit Materialien, wie Ratten sie eben schätzen, Experimente durchzufüh- ren., Der erste Schritt in Barris’ Arbeitsplan sah vor, einen Plastikbeutel aus der Rolle beim Ausguß zu holen und den Inhalt der Sprühdose in diesen Beutel hineinzusprit- zen, bis die Kanne leer oder zumindestens das Treibgas erschöpft war. »Das ist alles so unwirklich«, sagte Charles Freck. »Super unwirklich.« »Die Hersteller«, sagte Barris fröhlich, während er ar- beitete, »haben absichtlich das Kokain mit dem Öl ge- mischt, damit es nicht extrahiert werden kann. Aber mei- ne chemischen Kenntnisse sind so weit vorangeschritten, daß ich exakt weiß, wie man das Coke vom Öl separiert.« Jetzt kippte er wie wild Salz in die klebrige, schleimige Masse im Innern des Beutels. Anschließend goß er alles in ein Glasgefäß. »Ich lasse es gefrieren«, kündigte er grinsend an, »und dadurch steigen die Kokain-Kristalle nach oben, weil sie leichter als Luft sind … äh, ich mei- ne, leichter als das Öl. Den abschließenden Arbeitsschritt behalte ich natürlich für mich, aber ich kann dir immer- hin verraten, daß es sich dabei um einen methodologisch hochkomplizierten Filtrierungsprozeß handelt.« Er öffne- te den Gefrierschrank oberhalb des Eisschranks und stell- te das Gefäß vorsichtig hinein. »Und wie lange muß es da drin bleiben?« fragte Charles Freck. »Eine halbe Stunde.« Barris holte eine seiner selbstge- drehten Zigaretten heraus, zündete sie an und schlenderte dann zu der Ansammlung elektronischer Meßgeräte. Ge- dankenversunken blieb er davor stehen und rieb sich sein bärtiges Kinn., »Yeah«, sagte Charles Freck, »aber … hör mal, selbst wenn du ein ganzes Gramm puren Kokains herstellst, kann ich es doch nicht dazu benutzen, Donna zu … du weißt schon, sozusagen im Austausch dafür, daß ich ihr das Kokain gebe, zwischen ihre Beine zu kommen. Ich hätte dabei das Gefühl, sie zu kaufen; und darauf läuft’s doch letztlich auch hinaus.« »Ein Austausch«, korrigierte Barris. »Du machst ihr ein Geschenk, und sie macht dir auch eins. Das kostbar- ste Geschenk, das eine Frau überhaupt machen kann.« »Sie wird wissen, daß sie gekauft wurde.« Er kannte Donna immerhin gut genug, um das zu schnallen; Donna würde den Schwindel auf der Stelle entdecken. »Kokain ist ein Aphrodisiakum«, murmelte Barris halb zu sich selbst; er baute gerade die Meßgeräte neben Bob Arctors Cephalochromoskop auf, Bobs teuersten Besitz. »Nachdem sie eine gute Prise davon geschnieft hat, wird sie auf Wolke Neun schweben, wenn du so gnä- dig bist, ihr einen reinzuschieben.« »Scheiße, Mann«, protestierte Charles Freck. »Du sprichst über Bob Arctors Mädchen. Er ist schließlich mein Freund, und außerdem wohnen Luckman und du mit ihm zusammen.« Barris hob für einen Moment seinen zottigen Kopf und ließ seine Augen nachdenklich auf Charles Freck ruhen. »Da gibt’s eine ganze Menge, was du nicht über Bob Arctor weißt«, sagte er. »Was keiner von uns weiß. Dei- ne Sichtweite ist simplifizierend und naiv. Du glaubst ihm doch alles, was er dir erzählt.« »Er ist schwer in Ordnung.«, »Sicher«, sagte Barris, nickend und grinsend. »Ohne jeden Zweifel. Einer der edelsten Menschen auf dem ganzen Erdenrund. Aber mir – oder besser: uns, und da- mit meine ich alle, die Arctor scharf und ohne Scheu- klappen beobachtet haben – sind an ihm gewisse Wider- sprüche aufgefallen. Sowohl in seiner Persönlichkeits- struktur als auch in seinem Benehmen. In der gesamten Art, wie er sein Leben lebt. Oder, um es mal so auszu- drücken, in seinem angeborenen Stil.« »Könntest du dich nicht mal konkreter ausdrücken?« Barris’ Augen tanzten runter den grünen Gläsern sei- ner Sonnenbrille. »Dein wildes Augenrollen sagt mir gar nichts«, murrte Charles Freck. »Was ist eigentlich mit dem Cephskop los, an dem du da arbeitest?« Er trat näher, um selbst nachzuschauen. Barris verkantete das Zentralchassis und sagte: »Fällt dir was an der Verdrahtung hier an der Unterseite auf?« »Ich sehe zerschnittene Drähte«, sagte Charles Freck. »Und eine ganze Reihe von Stellen, die wie absichtlich herbeigeführte Kurzschlüsse wirken. Wer hat das getan?« Immer noch tanzten Barris’ fröhliche, wissende Au- gen, ganz so, als freue er sich über etwas, von dem nur er Kenntnis hatte. »Langsam gehst du mir mit dieser abgewichsten Ge- heimnistuerei ganz schön auf den Sack«, sagte Charles Freck. »Wer hat denn nun das Cephskop beschädigt? Wann ist das passiert? Und wann hast du den Schaden entdeckt? Arctor sagte nichts davon, als ich ihn vorge- stern das letzte Mal sah.«, Barris sagte: »Vielleicht wollte er noch nicht darüber sprechen.« »Jetzt hör mir mal gut zu«, sagte Charles Freck. »Von mir aus kannst du ruhig weiter so in bescheuerten Rätseln reden, aber ich jedenfalls werde jetzt in eines der Auf- nahmeheime des Neuen Pfades gehen und mich freiwillig zum Entzug melden. Da stehen mir zwar ein ganz übler Turkey und dieses therapeutische Zerstörungsspiel bevor, das sie da mit einem spielen, und ich werde Tag und Nacht mit diesen ausgeflippten Typen Zusammensein, aber dann muß ich wenigstens nicht solche Blödmänner wie dich ertragen, die dauernd einen auf geheimnisvoll machen und sinnloses Zeug schwafeln, von dem ich nicht die Bohne verstehe. Ich kann erkennen, daß dieses Cephskop hier zerdeppert worden ist, aber du sagst mir überhaupt nichts. Du willst doch nicht etwa andeuten, daß Bob Arctor das getan hat, daß er sein eigenes, teures Cephskop zerstört hat? Oder vielleicht doch? Was willst du eigentlich? Ich wünschte mir, ich würde schon drüben im Neuen Pfad leben, wo ich nicht diesen bedeutungs- schweren Scheiß ertragen müßte, den ich absolut nicht abkann. Tag für Tag dasselbe, und wenn’s nicht von dir kommt, dann von einem anderen ausgeklinkten Freak, der genauso nervtötend ist wie du.« Seine Augen blitzten. »Ich habe die Sendeeinheit nicht beschädigt«, sagte Barris in einem seltsamen Tonfall; sein Backenbart zuck- te. »Und ich hege auch ernsthafte Zweifel daran, daß Er- nie Luckman es getan hat.« »Und ich glaube, daß Ernie Luckman nie in seinem Leben was kaputtgemacht hat, abgesehen von dem einen, Mal, als er von schlechtem Acid ausflippte und den Kaf- feetisch und den Rest der Wohnzimmereinrichtung aus dem Fenster des Apartments, in dem er damals mit dieser Puppe Joan zusammenlebte, auf den Parkpklatz runter- warf. Aber das ist was ganz anderes. Normalerweise hat Ernie alles besser im Griff als wir alle. Nein, Ernie würde nie jemandem das Cephskop kaputtmachen. Und Bob Arctor – es ist doch seines, nicht wahr? Würde er so et- was tun? Würde er heimlich mitten in der Nacht aufste- hen, ohne sich dessen bewußt zu werden, und sich selbst so ins Knie ficken? Das hier hat jemand getan, um Bob eins reinzuwürgen. Verdammt noch mal, das steckt da- hinter, und sonst nichts.« Vielleicht hast du’s ja auch gemacht, du blöder Arschficker, dachte Freck. Du ver- fügst über das technische Know-how, und dein Geist ist böse. »Denjenigen, der das hier getan hat«, sagte Freck, »sollte man in eine staatliche Klinik für sensorische A- phasie verfrachten – oder dahin, wo er sich die Ra- dieschen von unten anschauen kann. Vorzugsweise letz- teres. Bob führ immer richtig auf dieses Altec-Cephskop ab. Man muß das echt mal miterlebt haben, wie er sich die Haube aufsetzte, jedesmal, wenn er abends von der Arbeit nach Hause kam. Er war kaum durch die Tür, da hat er das Ding schon angeschaltet. Jeder Typ hat irgend- ein Ding, daß er wie einen Schatz hütet. Und das hier war sein Schatz. Und deshalb ist es Scheiße, ihm so was an- zutun, Mann, Scheiße!« »Genau das meine ich auch.« »Was meinst du auch?« »Jedesmal, wenn er abends von der Arbeit nach Hause, kam‹«, erwiderte Barris. »Ich stelle nun schon seit ge- raumer Zeit Mutmaßungen darüber an, von wem Bob Arctor wirklich bezahlt wird und was an der Organisati- on, die ihn beschäftigt, eigentlich so ungewöhnlich ist, daß er uns nicht mal ihren Namen sagen will.« »Bob arbeitet in so einer beschissenen Briefmarken- sammelstelle des Blauen Chip in Placentia«, sagte Charles Freck. »Er hat’s mir mal erzählt.« »Ich möchte zu gerne wissen, was er da macht.« Charles Freck seufzte. »Die Briefmarken blau färben vermutlich.« Ihm wurde klar, daß er Barris eigentlich noch nie gemocht hatte. Freck wünschte sich, woanders zu sein. Vielleicht unterwegs, um mir Stoff zu beschaf- fen, dachte er, und die erste Person, der ich begegne oder die ich anriefe, hat gerade einen größeren Posten im An- gebot. Vielleicht sollte ich mich wirklich auf die Socken machen … Aber dann erinnerte er sich an das Gefäß mit Öl und Kokain, das im Gefrierschrank abkühlte: Kokain im Wert von hundert Dollar, und das für nur 98 Cent. »Hör mal«, sagte er, »wann ist das Zeug eigentlich end- lich fertig? Ich glaube, du willst mich sowieso nur verar- schen. Wie können die Solarcaine-Leute es so billig ver- kaufen, wenn es ein Gramm puren Kokains enthält? Wie können sie da noch einen Gewinn machen?« »Sie kaufen«, erklärte Barris, »in großen Mengen.« In seinem Kopf spulte Charles Freck eine Phantasie- nummer ab: 30tonner, voll mit Kokain, fuhren rückwärts an die Solarcaine-Fabrik heran – wo auch immer sie auch liegen mochte … vielleicht in Cleveland? – und luden tonnenweise pures, unverschnittenes, hochgradiges Ko-, kain ab, das mit Öl und Treibgas und anderem Dreck vermischt und dann in kleine, bunte Spraydosen abgefüllt wurde, die dazu bestimmt waren, zu Tausenden in 7-11- Läden und Drogerien und Supermärkten aufgestapelt zu werden. Eigentlich, überlegte er, sollten wir einfach ei- nen dieser 30tonner überfallen und uns die ganze Ladung schnappen, sieben- oder achthundert Pfund vielleicht – Hölle, bestimmt noch viel, viel mehr! Was faßt eigentlich so ein 30tonner? Barris holte jetzt die leere Solarcaine-Spraydose, um sie ihm zu zeigen; er deutete auf das Etikett, auf dem alle Bestandteile aufgeführt waren. »Siehst du? Benzocain. Nur wissenschaftlich gebildete Leute wissen, daß das ein Handelsname für Kokain ist. Wenn sie auf dem Etikett ›Kokain‹ schreiben würden, würden das alle möglichen Leute sofort spitzkriegen und vielleicht genau das tun, was ich hier mache. Aber den meisten fehlt es einfach an der notwendigen Bildung, um den Trick zu durchschau- en. Schließlich haben sie nicht die gleiche wissenschaft- liche Ausbildung wie ich genossen.« »Wie willst du denn deine Kenntnisse verwerten?« fragte Charles Freck. »Außer dazu, Donna Hawthorne geil zu machen?« »Ich beabsichtige, vielleicht einen Bestseller zu schreiben«, sagte Barris. »Ein Handbuch für jedermann, wie man sauberes Dope in seiner eigenen Küche herstel- len kann, ohne geltendes Recht zu verletzen. Sieh mal, diese Methode zur Kokaingewinnung verstößt gegen kein Gesetz. Benzocain ist legal. Ich habe eine Apotheke an- gerufen und nachgefragt. Viele frei verkäufliche Sub-, stanzen enthalten Benzocain.« »Irre«, sagte Charles Freck beeindruckt. Er blickte auf seine Armbanduhr, um festzustellen, wie lange sie noch warten mußten. * Bob Arctor hatte von Hank (der eigentlich den offiziellen Decknamen »Mr. F.« trug) den Auftrag erhalten, das örtli- che Zentrum des Neuen Pfades einer gründlichen Über- prüfung zu unterziehen, um einen großen Dealer ausfindig zu machen, den er schon seit längerem überwachte und der nun urplötzlich von der Bildfläche verschwunden war. Wenn ein Dealer merkte, daß man ihn bald hochneh- men würde, suchte er manchmal Zuflucht in den Rehabi- litationszentren für Drogenabhängige, also etwa in Sya- non, Center Point und X-Kalay oder auch beim Neuen Pfad. Er gab sich dann als Süchtiger aus, der Hilfe such- te, War er erst einmal drinnen, nahm man ihm alles ab, was ihn hätte identifizieren können, von seiner Briefta- sche bis zu seinem Namen. Das war eine flankierende Maßnahme, um den Aufbau einer neuen, nicht drogen- orientierten Persönlichkeit zu erleichtern. Im Zuge dieses Auslöschungsprozesses verschwand vieles, was die Poli- zeibehörden brauchten, um eine gesuchte Person ausfin- dig zu machen. Später dann, wenn die unmittelbare Ge- fahr vorüber war, tauchte der Dealer wieder draußen auf und ging erneut seinen üblichen Beschäftigungen nach. Wie oft dies geschah, wußte niemand. Zwar versuch- ten die Angestellten der Rehabilitationszentren, dahinter-, zukommen, wenn sie auf diese Weise ausgenützt wurden, aber das gelang ihnen nur in den seltensten Fällen. Einem Dealer, dem draußen vierzig Jahre Haft drohten, fiel schnell eine gute Geschichte ein, die er den Leuten in den Zentren, die die Macht hatten, darüber zu entscheiden, ob er eingelassen werden sollte oder nicht, verklickern konnte. Schließlich litt er wirklich unter Todesangst, wenn er nur an die vierzig Jahre im Knast dachte. Während er langsam den Katella-Boulevard hinauf- fuhr, hielt Bob Arctor Ausschau nach dem Schild, das auf das hölzerne Gebäude – ein ehemaliges Privathaus – hinwies, in dem jetzt die energischen Leute vom Neuen Pfad ihr regionales Zentrum unterhielten. Es machte ihm keinen Spaß, sich durch einen Bluff Zugang zu dieser Institution zu verschaffen, indem er vortäuschte, er sei ein Drogenkranker, der dringend Hilfe brauchte. Aber das war der einzige Weg, um hineinzukommen. Wenn er sich als Agent des Amtes für Drogenmißbrauch zu er- kennen gab, der jemanden suchte, würden die Leute vom Neuen Pfad – jedenfalls die meisten davon – ganz auto- matisch ein Ausweichmanöver einleiten. Sie wollten nicht, daß Der Mann Mitgliedern ihrer Familie auf die Zehen trat. Das war so sicher wie das Amen in der Kir- che, und eigentlich konnte er es ihnen nicht einmal ver- übeln. Alle ehemaligen Süchtigen sollten im Rehabilita- tionszentrum sicher sein; und es hatte sich eingebürgert, daß sich das Personal der Zentren offiziell für die Sicher- heit derer verantwortlich fühlten, die sich vertrauensvoll in ihre Obhut begaben. Andererseits war der Dealer, hin- ter dem Arctor her war, ein mit allen Wassern gewasche-, ner Ganove, und wenn er ein Rehabilitationszentrum in dieser Weise mißbrauchte, lief das den berechtigten In- teressen aller Beteiligter zuwider. Weder Arctor noch Mr. F. der ihn ursprünglich auf Spade Weeks angesetzt hatte, hatten angesichts dieser Sachlage anders entschei- den können. Weeks war schon seit Ewigkeiten die Nummer Eins auf Arctors Liste gewesen, bisher aller- dings ohne greifbare Ergebnisse. Und nun war Weeks spurlos verschwunden – und das seit vollen zehn Tagen. Arctor entdeckte das Hinweisschild, stellte seinen Wagen auf dem kleinen Parkplatz ab, den sich der Neue Pfad mit einer Bäckerei teilte, und ging schwankend den Weg zur Pforte hinauf, die Hände tief in den Hosenta- schen vergraben: das heulende Elend in Person, offen- sichtlich bis zum Stehkragen voll mit schlechtem Dope und down wie ‘n Weltmeister. Wenigstens machte ihm die Abteilung keine Vorwür- fe, daß er Spade Weeks verloren hatte. Das bewies nur, wie aalglatt Weeks war. Eigentlich war Weeks eher ein Runner als ein Dealer; er brachte in unregelmäßigen Zeitabständen Lieferungen mit harten Drogen von Mexi- ko herauf bis irgendwo kurz vor L. A. wo die Käufer sich trafen und die Ware aufteilten. Weeks’ Methode, die Lie- ferungen heimlich über die Grenze zu bringen, war wirk- lich clever: Er befestigte den Stoff mit Klebestreifen an der Unterseite des Wagens irgendeines Spießertypen, der vor ihm am Grenzübergang wartete, verfolgte den Mak- ker dann bis auf die US-Seite und schoß ihn bei der er- sten passenden Gelegenheit nieder. Wenn die US- Grenzer das Rauschgift an der Unterseite des Wagens des, Spießers entdeckten, dann wurde eben der Spießer ein- kassiert und nicht Weeks. Rauschgiftbesitz ist in Kalifor- nien ein Kapitalverbrechen. Pech für den Spießer, seine Frau und seine Kinder. Kein anderer Geheimer Rauschgift-Agent im ganzen Orange County hätte Weeks so sicher auf den ersten Blick erkannt wie Arctor: ein fetter schwarzer Macker in den Dreißigern mit einem einzigartig langsamen und ele- ganten Sprachstil, der den Eindruck erweckte, als hätte Weeks ihn sich in irgendeiner Snobby-Schule in England angewöhnt. In Wirklichkeit kam Weeks aus den Slums von L. A. Er hatte seine besondere Diktion wahrschein- lich von Sprachlehrbändern, die er sich aus irgendeiner College-Bibliothek geliehen hatte. Weeks liebte es, sich dezent, aber gediegen zu kleiden, etwa so, als sei er ein Arzt oder Rechtsanwalt. Oft hatte er einen teuren Diplomatenkoffer aus Alligatorenhaut bei sich und trug eine Brille mit Horngestell. Auch war er für gewöhnlich bewaffnet – mit einer Schrotflinte, für die er extra einen italienischen Pistolengriff in Maßanfertigung in Auftrag gegeben hatte. Wirklich sehr smart und stil- voll. Aber im Neuen Pfad würde man ihm all diese auser- lesenen Stücke eins nach dem anderen weggenommen haben, und jetzt würde er wie jeder andere Patient hier in Klamotten aus der letzten Altkleidersammlung herumlau- fen, während sein Diplomatenköfferchen in einem Schrank verstaubte. Arctor öffnete die massive Holztür und trat ein. Ein düster wirkendes Foyer, zu seiner Linken eine Sitzecke, in der ein paar Burschen herumlungerten und, lasen. Eine Tischtennisplatte im Hintergrund, dann eine Küche. Slogans an den Wänden, einige handgemalt und einige gedruckt: DAS EINZIGE WIRKLICHE VERSA- GEN IST, SICH ANDEREN ZU VERSAGEN und so weiter. Wenig Lärm, wenig Aktivität. Der Neue Pfad unterhielt eigene Werkstätten und kooperierte auch mit normalen Firmen; wahrscheinlich waren die meisten der Insassen, sowohl die Jungs als auch die Puppen, derzeit an ihren Arbeitsstellen in den Perückenmachereien, Tankstellen und Kugelschreiberfabriken. Arctor stand da und wartete müde. »Ja?« Ein hübsches Mädchen erschien. Sie trug ein ex- trem kurzes blaues Baumwollhemd und ein T-shirt, auf dem zwischen den Brustwarzen DER NEUE PFAD auf- gedruckt war. Mit einer krächzenden und kraftlosen Stimme sagte Arctor: »Ich bin … total down. Ich krieg’s nicht mehr zusammen. Kann ich mich irgendwohin setzen?« »Klar.« Das Mädchen winkte, und zwei farblose, un- beteiligt wirkende Burschen tauchten auf. »Bringt ihn irgendwohin, wo er sich hinsetzen kann. Und holt ihm einen Kaffee.« Was für eine Horrorshow, dachte Arctor, während er sich von den beiden Typen zu einer schäbig aussehenden Couch schleifen ließ. Deprimierende Wände, dachte er. Häßliche Farben. Wahrscheinlich eine Spende. Der Neue Pfad konnte sich jedoch nur auf der Grundlage solcher Spenden überhaupt über Wasser halten, weil es schwierig war, Unterstützung von der öffentlichen Hand zu erhal- ten. »Danke«, röchelte er zittrig, als ob es eine überwälti-, gende Erleichterung sei, hier zu sein und zu sitzen. »Wow«, sagte er und versuchte, sein Haar glattzustrei- chen; er tat so, als könnte er das nicht und gab auf. Das Mädchen, das jetzt direkt vor ihm stand, sagte: »Sie sehen wie ausgekotzt aus, Mister.« »Yeah«, stimmten die beiden Burschen in einem über- raschend lebhaften Tonfall zu. »Wie ein Haufen Scheiße. Was haben Sie eigentlich gemacht? In Ihrer eigenen Scheiße gelegen?« Arctor blinzelte. »Wer sind Sie?« fragte einer der Typen. »Du kannst doch sehen, was er ist«, sagte der andere. »Abschaum von einer beschissenen Müllhalde. Sieh dir das mal an.« Er zeigte auf Arctors Haare. »Läuse. Darum juckt’s dir, Jack.« Das Mädchen, ruhig und über allem stehend, sagte nicht eben herzlich: »Warum sind Sie hierhergekommen, Mister?« Im stillen dachte Arctor: Weil ihr hier drinnen einen ganz dicken Fisch habt. Und ich bin Der Mann. Und ihr seid blöde, ihr alle. Aber er sprach das nicht laut aus, son- dern murmelte statt dessen kriecherisch das, was offen- sichtlich von ihm erwartet wurde: »Sagten Sie nicht –« »Ja, Mister, Sie können Kaffee haben.« Das Mädchen ruckte mit dem Kopf, und einer der Burschen lief los zur Küche. Eine Pause. Dann beugte sich das Mädchen zu ihm nieder und berührte sein Knie. »Sie fühlen sich ziemlich mies, was?« sagte sie sanft. Er konnte nur nicken., »Sie empfinden Scham und Ekel vor dem Ding, das Sie jetzt sind«, sagte sie. »Yeah«, pflichtete er bei. »Und Sie ekeln sich vor der Umweltverschmutzung, die Sie in sich selbst angerichtet haben. Sie sind eine Jauchegrube geworden. Stecken sich Tag für Tag die Nadel in den Arsch, pumpen ihren Körper voll mit –« »Ich konnte nicht mehr so weitermachen«, sagte Arc- tor. »Dieser Ort ist die einzige Hoffnung, an die ich den- ken konnte. Ich hatte einen Freund, der auch hierher- kommen wollte. Jedenfalls hat er mir das erzählt. Ein schwarzer Macker, in den Dreißigern, gebildet, sehr höf- lich und –« »Sie werden die Familie später kennenlernen«, sagte das Mädchen. »Wenn Sie sich für die Aufnahme qualifi- zieren. Zuerst müssen Sie unseren Anforderungen genü- gen, Sie verstehen. Und die erste ist Ihr aufrichtiges Be- dürfnis.« »Das habe ich«, sagte Arctor. »Ein aufrichtiges Be- dürfnis.« »Sie müssen schon übel dran sein, um hier eingelassen zu werden.« »Das bin ich«, sagte er. »Wie schlimm hat es Sie denn schon erwischt? Bei welcher Dosis sind Sie mittlerweile angelangt?« »Dreißig Gramm am Tag«, sagte Arctor. »Pur?« »Yeah.« Er nickte. »Ich habe immer eine Zuckerdose voll davon auf dem Tisch.« »Dann wird es unheimlich rauh werden. Sie werden, die ganze Nacht über Ihr Kissen zernagen, bis die Federn nur so fliegen; überall werden Federn sein, wenn Sie aufwachen. Und Sie werden Anfälle haben und Schaum vor dem Mund. Und sich beschmutzen, so, wie kranke Tiere es tun. Sind Sie dazu bereit? Sie wissen doch: Wir geben Ihnen hier nichts.« »Dagegen hilft sowieso nichts«, sagte er. Mann, war das hier ein Horrortrip! Er fühlte sich gereizt und unbe- friedigt. »Mein Kumpel«, sagte er, »der schwarze Kerl. Hat er’s geschafft, hierherzukommen? Ich will nur hof- fen, daß ihn die Schweine nicht auf dem Weg hierher gekascht haben – er war so weggetreten, daß er kaum noch navigieren konnte. Er dachte –« »Es gibt keine einzelnen Zweierbeziehungen im Neu- en Pfad«, sagte das Mädchen. »Aber das werden Sie noch lernen.« »Yeah, aber hat er’s bis hierhin geschafft?« sagte Arc- tor. Er begriff, daß er nur seine Zeit verschwendete. Herr im Himmel, dachte er, das ist ja noch schlimmer als in unserer Clique. Blödes Spiel. Und sie wird den Teufel tun, mir was zu sagen. Das ist ihre Politik, erkannte er. Wie ein eiserner Vorhang. Wenn jemand erst mal in ei- nes dieser Zentren hineingeht, dann ist er für die Welt draußen tot. Spade Weeks könnte gerade jetzt, in diesem Augenblick, hinter der Trennwand sitzen, uns zuhören und sich den Arsch ablachen. Oder vielleicht ist er über- haupt nicht hier. Sogar mit einem Haftbefehl ließe sich hier gar nichts erreichen. Die Leute vom Neuen Pfad ha- ben den Dreh raus, wie sie mit ihrer Verzögerungstaktik die Polizisten so lange hinhalten konnten, bis der Ge-, suchte durch eine Seitentür verschwunden war oder sich sonstwie dünne gemacht hatte. Schließlich setzte sich das Personal selbst aus ehemaligen Süchtigen zusammen. Und keine Polizeibehörde würde riskieren, eine regel- rechte Razzia in einem der Rehabilitationszentren durch- zuführen. Das wäre ein Stich in ein Wespennest gewesen – und die Behörden hätten sich vor den Beschwerden der Öffentlichkeit kaum mehr retten können. Zeit, Spade Weeks endgültig abzuhaken, entschied Arctor, und mich zu verdünnisieren. Kein Wunder, daß meine Chefs mich noch nie zuvor hierhergeschickt ha- ben; mit den Leuten hier kommt man einfach nicht klar. Und dann dachte er: Und für mich heißt das, daß ich meinen derzeitigen Hauptjob verloren habe; Spade Weeks existiert nicht mehr. Ich werde Mr. F. Bericht erstatten, sagte er sich, und einen neuen Auftrag abwarten. Zur Hölle damit. Er erhob sich steifbeinig und sagte: »Ich mach ma’ lieber wieder ‘n Abflug.« Die beiden Typen waren jetzt zurückgekommen, einer von ihnen mit einem Becher Kaffee, der andere mit so ‘ner Art Traktätchen, wahrscheinlich einer vom Neuen Pfad herausgegebenen Informationsbroschüre. »Mann, du willst dich echt verpissen?« sagte das Mäd- chen hochmütig und voller Verachtung. »Hast wohl die Hosen so voll, daß du nicht mal bei deiner Entscheidung bleiben kannst, aus dem ganzen Dreck rauszukommen? Du willst echt wieder auf dem Bauch hier rauskriechen?« Alle drei starrten ihn zornig an. »Vielleicht ‘n andermal«, sagte Arctor und bewegte sich auf die Vordertür zu. Er wollte bloß noch hier raus., »Du beschissener Doper«, schleuderte ihm das Mäd- chen nach. »Kein Mumm in den Knochen, ‘n ausge- lutschtes Gehirn, sonst nichts. Kriech raus, ja, kriech nur; das ist einzig und allein deine Entscheidung.« »Ich werde später zurückkommen«, sagte Arctor ver- ärgert. Die Atmosphäre hier bedrückte ihn, und sie war noch schlimmer geworden, weil er jetzt abhaute. »Wir wollen dich dann vielleicht hier gar nicht mehr haben, du Schwächling«, sagte einer der Typen. »Du wirst betteln müssen«, sagte der andere. »Du wirst betteln und winseln müssen. Und sogar dann wol- len wir dich vielleicht nicht mehr haben.« »Eigentlich wollen wir dich jetzt schon nicht mehr ha- ben«, sagte das Mädchen. An der Tür blieb Arctor stehen und wandte sich zu seinen Anklägern um. Er wollte etwas sagen, aber ihm fiel nichts ein. Sie hatten seinen Geist leer gemacht. Sein Gehirn wollte nicht mehr funktionieren. Keine Gedanken, keine Erwiderung, keine passende Antwort auf ihre Anklagen, nicht mal eine lausige oder läppische, kam ihm in den Sinn. Seltsam, dachte er und war verblüfft. Und er verließ das Gebäude und ging zu seinem geparkten Wagen. Soweit es mich betrifft, dachte er, ist Spade Weeks für immer verschwunden. Mich kriegen keine zehn Pferde mehr in eines dieser Zentren. Nie im Leben. Zeit, entschied er übellaunig, um einen neuen Auftrag zu bitten. Sich jemand anderem an die Fersen zu heften. Sie sind zäher als wir.,

IV

Aus der sicheren Deckung seines Jedermann-Anzugs heraus beobachtete der vage Fleck, der unter dem Deck- namen »Fred« zur Berichterstattung erschienen war, ei- nen anderen vagen Fleck, der ihm an einem großen Schreibtisch gegenübersaß und den er nur unter dem Namen Hank kannte. »So viel zu Donna, zu Charles Freck und – einen Mo- ment bitte …« Das metallische, monotone Klicken, das Hanks Stimme war, setzte eine Sekunde lang aus. »Rich- tig, Jim Barris können wir auch abhaken.« Hank machte sich eine kurze Notiz auf dem Block, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag. »Sie glauben, daß Doug Weeks möglicherweise tot ist oder unseren Bezirk verlassen hat?« »Oder er ist untergetaucht und stellt sich nur tot«, sag- te Fred. »Haben Sie mal gehört, daß jemand diesen Namen er- wähnt hat: Earl oder Art de Winter?« »Nein.« »Was ist mit einer Frau namens Molly? Ziemlich kor- pulent?« »Nein.« »Und was ist mit zwei Negern, Brüder, ungefähr zwanzig, ziemlich dunkle Haut? Sie sollen Hatfield oder so ähnlich heißen. Möglicherweise handeln sie mit Kilo- päckchen Heroin.« »Kilopäckchen? Kilopäckchen Heroin?«, »Stimmt.« »Nein«, sagte Fred. »Daran würde ich mich bestimmt erinnern.« »Jemand aus Schweden, groß, schwedisch klingender Name? Männlich. Vorbestraft, trockener Humor. Ein kräftiger Mann, aber dünn. Trägt eine Menge Bargeld mit sich rum, vielleicht aus dem Erlös einer Lieferung zu Beginn des Monats?« »Ich werd’ die Augen offenhalten«, sagte Fred. »Kilo- päckchen!« Er schüttelte den Kopf – oder besser gesagt: Der vage Fleck schwankte hin und her. Hank kramte in seinen holografischen Aufzeichnun- gen herum. »Hm, der hier ist im Gefängnis.« Er hielt kurz ein Bild hoch und las dann den Text auf der Rück- seite. »Nein, dieser hier ist tot; sie haben die Leiche un- ten.« Er suchte weiter. Zeit verstrich. »Glauben Sie, daß die kleine Jora auf den Strich geht?« »Ich bezweifle es.« Jora Kajas war erst fünfzehn. Trotzdem hing sie schon an der Nadel, fixte Substanz T. Sie wohnte in einem Slum in Brea, in einer Dachkam- mer, die nur von der Streu wärme eines Wassererhitzers notdürftig geheizt wurde. Joras einzige Einkommens- quelle war ein Schulgeldstipendium des Staates Kalifor- nien, für das sie sich vor Beginn ihrer Sucht durch gute schulische Leistungen qualifiziert hatte. Fred wußte, daß sie seit sechs Monaten nicht mehr zum Unterricht gegan- gen war. »Wenn Sie’s tut, lassen Sie’s mich wissen. Dann kön- nen wir die Eltern belangen. « »Okay. « Fred nickte., »Junge, die Teenies gehen wirklich besonders schnell den Bach runter. Kürzlich hatten wir ein Mädchen hier – die Kleine sah aus wie fünfzig. Strähniges graues Haar, fast keine Zähne mehr, Augen tief in den Höhlen, Arme wie Pfeifenreiniger … Wir haben sie gefragt, wie alt sie sei, und sie sagte: ›Neunzehn‹. Wir haben uns bloß ange- sehen. ›Weißt du eigentlich, wie alt du aussiehst?‹ sagte meine Kollegin – wissen Sie, so eine Matrone – zu ihr. ›Schau dich doch mal im Spiegel an.‹ Und die Kleine hat in den Spiegel geschaut, und dann hat sie angefangen zu weinen. Ich habe sie gefragt, wie lange sie denn schon schießen würde.« »Ein Jahr«, sagte Fred. »Vier Monate.« »Das Zeug, was momentan im Straßenhandel verkauft wird, ist wirklich unheimlich schlimm«, sagte Fred. Er versuchte krampfhaft, sich nicht vorzustellen, wie das Mädchen da saß: neunzehn Jahre alt, mit Haaren, die ihr büschelweise ausfielen. »Mit noch üblerem Dreck ge- panscht als sonst.« »Wissen Sie, wie sie an die Nadel gekommen ist? Ihre Brüder, beides übrigens Dealer, sind eines Nachts in ihr Schlafzimmer gegangen, haben sie festgehalten und dann vollgeschossen. Anschließend haben sie sie noch durch- gebumst. Beide. Vermutlich, um sie schon mal so richtig auf ihr neues Leben einzustimmen. Die Kleine ging mehrere Monate lang auf den Strich, bevor wir sie schnappten.« »Und ihre Brüder?« Fred dachte daran, daß sie ihm viel- leicht irgendwann einmal über den Weg laufen würden., »Die sitzen jetzt sechs Monate wegen Rauschgiftbesitz ab. Die Kleine hat sich auf dem Strich den Tripper ge- holt, ohne es überhaupt zu merken. Darum hat er sich in ihr hochgefressen … na ja, Sie wissen ja, wie das bei Tripper so geht. Ihre Brüder fanden das lustig.« »Nette Jungs«, sagte Fred. »Ich will Ihnen mal ‘ne Geschichte erzählen, die Ihnen bestimmt an die Nieren geht. Sie erinnern sich doch noch an die drei Babys drüben im Fairfield-Krankenhaus, de- nen sie jeden Tag eine Dosis H geben müssen, weil sie noch zu klein sind, um einen Entzug durchstehen zu kön- nen? Tja, und eine Krankenschwester hat versucht –« »Sie haben recht. Das geht mir an die Nieren«, sagte Fred mit seiner monotonen Maschinenstimme. »Ich habe genug gehört, danke.« Hank fuhr fort: »Wenn man sich überlegt, daß neuge- borene Babys heroinsüchtig sind, weil –« »Danke«, wiederholte der vage Fleck, der Fred ge- nannt wurde. »Was sollte man Ihrer Meinung nach mit einer Mutter tun, die einem neugeborenen Baby eine Fixe mit Heroin setzt, um es ruhigzuhalten, damit es nicht mehr weint? Sie eine Nacht lang ins Distriktgefängnis sperren?« »Etwas in der Art«, sagte Fred tonlos. »Vielleicht ein Wochenende lang, wie’s mit den Säufern gemacht wird. Manchmal wünsche ich mir, daß ich wüßte, wie man vor Wut durchdreht. Ich hab’ vergessen, wie das geht.« »Ja, das ist eine verlorengegangene Kunst«, sagte Hank. »Vielleicht existiert irgendwo ein Handbuch dafür. »So um 1970 rum gab’s mal einen Streifen«, sagte, Fred, »The French Connection, der handelte von einem Zwei-Mann-Team vom Rauschgiftdezernat. Als die sich mal selbst einen Schuß H setzten, klinkte der eine davon total aus und erschoß jeden, der ihm vor die Flinte kam, seine Vorgesetzten eingeschlossen. Dem Typen war in- zwischen alles ganz egal. »Dann ist es vielleicht gar nicht so schlecht, daß Sie nicht wissen, wer ich bin«, sagte Hank. »Sie könnten mich höchstens rein zufällig erwischen. « »Irgend jemand«, sagte Fred, »wird uns sowieso alle irgendwann einmal erwischen.« »Und das wird für uns alle eine Erlösung sein. Eine wirkliche Erlösung.« Hank wühlte sich noch tiefer in den Stapel mit Aufzeichnungen. »Jerry Fabin. Den können wir wohl endgültig von der Liste streichen. Spezialklinik. Die Jungs unten im Büro sagen, Fabin habe den zustän- digen Beamten auf der Fahrt zur Klinik erzählt, ein ange- heuerter Killer – ein kleines Männchen ohne Beine, so ungefähr neunzig Zentimeter groß – sei Tag und Nacht auf einem Wägelchen hinter ihm hergerollt. Aber er hätte niemandem was davon erzählt, weil ihn sonst bestimmt alle für übergeschnappt gehalten hätten und sich schleu- nigst aus dem Staub gemacht hätten, und dann hätte er ja gar keine Freunde mehr gehabt, niemanden, mit dem er sprechen könnte.« »Ja«, sagte Fred stoisch. »Fabian ist weg vom Fenster. Ich habe die EEG-Analyse aus der Klinik gelesen. Den können wir vergessen.« Immer, wenn er Hank so gegenübersaß und seine Rapportnummer abzog, beobachtete er eine tiefgreifende, Verwandlung seines innersten Selbst. Normalerweise wurde ihm diese Verwandlung erst nach der Sitzung be- wußt, obwohl er schon während des Rapports selbst spür- te, daß er aus irgendeinem Grund eine geschäftsmäßige und unbeteiligte Haltung einnahm. Ganz gleich, was in diesem Raum besprochen wurde und um wen sich das Gespräch auch immer drehen mochte – all das hatte für ihn während dieser Sitzungen keinerlei gefühlsmäßige Bedeutung. Zuerst hatte er geglaubt, das rühre von den Jedermann- Anzügen her, die sie beide trugen; sie konnten beide die körperliche Nähe ihres jeweiligen Gegenüber nicht spüren. Später kam er jedoch zu dem Schluß, daß es letztlich keinen Unterschied machte, ob sie die Anzüge trugen oder nicht; die Veränderung lag in der Situation selbst begründet. Aus beruflichen Gründen spielte Hank ab- sichtlich die menschliche Wärme und die verschiedenen Gefühle herunter, die manchmal aufzukommen drohten; weder Zorn noch Liebe noch andere tief ergehende Emo- tionen, gleich welcher Art, würden ihm oder Hank hel- fen. Was nützte es ihnen denn, ihrer starken persönlichen Betroffenheit freien Lauf zu lassen, wenn sie über Verbrechen – noch dazu Kapitalverbrechen – diskutier- ten, die von Personen begangen worden waren, die Fred nahestanden und ihm sogar, wie im Falle von Luckman und Donna, teuer waren? Nein, sie mußten ihre Gefühle ausklammern. Und das taten sie beide, er noch mehr als Hank. Sie wurden neutral; sie sprachen in einem neutra- len Tonfall; sie sahen neutral aus. Und langsam wurde es immer einfacher, die eigenen Empfindungen zu unter-, drücken, selbst ohne vorherige Einstimmung. Und hinterher sickerten dann alle seine Gefühle wie- der in ihn zurück. Entrüstung angesichts der Geschehnisse, die er hatte mit ansehen müssen. Entrüstung und sogar Entsetzen und, im Nachhinein, lähmender Schock. Große, überwäl- tigende Gefühlssequenzen, die ohne Beispiel waren. Bildfolgen mit viel zu lautem Ton in seinem Kopf. Aber während er hier saß, nicht nur durch den Schreibtisch von Hank getrennt, fühlte er keine dieser Emotionen. Theoretisch konnte er alles, was er ab Zeuge miterlebt hatte, völlig teilnahmslos beschreiben. Oder sich teilnahmslos alles anhören, was Hank ihm erzählte. Zum Beispiel konnte er jetzt beiläufig sagen: »Donna stirbt langsam an Hepatitis und benutzt ihre Nadel dazu, noch so viele ihrer Freunde mitzunehmen, wie sie eben kann. Ich würde empfehlen, daß wir sie unter Druck set- zen, bis sie damit aufhört.« Seine eigene Puppe … falls er das beobachtet hatte oder wenigstens wußte, daß es zutraf. Oder: »Donna hat ein Mickymaus-LSD-Analog geschluckt und leidet jetzt unter akuter Gefäßverengung im letzten Stadium. Die Hälfte der Blutgefäße in ihrem Gehirn ist schon dicht.« Oder: »Donna ist tot.« Und Hank würde das seelenruhig notieren und vielleicht fra- gen: »Wer hat ihr den Stoff verkauft, und wo wird er her- gestellt?« oder. »Wo ist die Beerdigung? Wir sollten auf jeden Fall die Autonummern registrieren und so die Na- men der Leute herausfinden, die an der Beerdigung teil- nehmen.« Und er, Fred, würde völlig emotionslos mit Hank darüber diskutieren., Das war Fred. Aber später irgendwann verwandelte sich Fred wieder in Bob Arctor, irgendwo auf dem Bür- gersteig zwischen dem Pizza-Schuppen und der Arco- Tankstelle (wo das Normalbenzin jetzt einen Dollar und zwei Cent pro Gallone kostete), und die fürchterlichen Farben sickerten wieder in ihn zurück, ob ihm das nun gefiel oder nicht. Diese Verwandlung, die er in seiner Identität als Fred erlebte, war eine Art »Ökonomie der Leidenschaften«, Auch Feuerwehrleute und Ärzte und Leichenbestatter gingen bei ihrer Arbeit auf den gleichen Trip. Keiner von ihnen konnte alle paar Augenblicke aufspringen und los- schreien; durch ein solches Verhalten würden sie sich zuerst selbst aufreiben und nutzlos werden und anschlie- ßend auch die Menschen in ihrer Umgebung fertigma- chen. Und das gleichermaßen als Techniker während der Arbeitszeit und als Menschen in ihrem Privatleben. Jedes Individuum hat nur eine beschränkte Menge von Energie, über die es verfugen kann. Hank zwang Fred diese Leidenschaftslosigkeit nicht auf; er gestattete ihm vielmehr, so zu sein. Um seinetwil- len. Fred rechnete ihm das hoch an. »Was ist mit Arctor?« fragte Hank. Zu allem Überfluß erstattete Fred in seinem Jeder- mann-Anzug auch noch über sich selbst Bericht. Tat er das nicht, dann würde sein Vorgesetzter – und durch ihn die gesamte Behörde – gewahr werden, wer Fred war, Anzug oder nicht. Und die Spitzel, die die ST-Agentur in den Polizeiapparat eingeschleust hatte, würden der Agen- tur diese brandheiße Neuigkeit natürlich sofort melden., Und dann würde Fred, der als Bob Arctor in seinem Wohnzimmer saß und zusammen mit anderen Dopern Dope rauchte und Dope einpfiff, plötzlich entdecken, daß auch hinter ihm ein neunzig Zentimeter großer Killer auf einem Wägelchen herrodelte. Und er, Bob Arctor, würde nicht halluzinieren, wie Jerry Fabin das getan hatte. »Arctor rührt sich im Moment nicht«, sagte Fred – seine Standardantwort. »Arbeitet bei der Briefmarken- sammelstelle des Blauen Chip, schluckt täglich ein paar Tabletten Tod, der mit Methedrin gepanscht ist –« »Ich bin mir da nicht so sicher.« Hank spielte mit ei- nem Blatt Papier, das er aus dem Stoß vor sich gekramt hatte. »Wir haben hier einen Tip von einem Informanten, dessen Hinweise für gewöhnlich sauber sind, daß Arctor wesentlich mehr Geld zur Verfügung hat, als ihm die Leute vom Blauen Chip bezahlten. Wir haben deshalb dort angerufen und uns nach Arctors Nettoeinkommen erkundigt. Hoch ist es nicht. Und als wir dann nachhak- ten, um festzustellen, woran das liegt, da haben wir er- fahren, daß er nicht die ganze Woche über dort arbeitet. Also muß Arctor einen Nebenverdienst haben, von dem wir bisher nichts wußten.« »Ach wirklich?« sagte Fred niedergeschlagen. Er be- griff natürlich, daß es sich bei dem »Nebenverdienst«, von dem Hank sprach, um die Einkünfte aus seiner Tä- tigkeit als Rauschgiftagent handelte. Jede Woche erhielt er von einer Maschine, die sich als Automat für Dr. Pep- per’s Diät-Sprudel in einem mexikanischen Stehimbiss in Placentia tarnte, eine bestimmte Geldsumme in kleinen Scheinen – hauptsächlich Honorare für Informationen,, die er geliefert hatte und die vor Gericht zu einem Schuldspruch geführt hatten. Manchmal war diese Sum- me außergewöhnlich groß, etwa dann, wenn dank Arc- tors Hilfe eine besonders große Lieferung Heroin abge- fangen werden konnte. Hank las nachdenklich weiter. »Unser Informant sagt weiter, daß Arctor unter geheimnisvollen Umständen kommt und geht, besonders gegen Sonnenuntergang. Wenn er zu Hause ankommt, ißt er zunächst und geht dann bald wieder weg, wobei er oft Gründe angibt, die Vorwände sein könnten. Manchmal verläßt er das Haus sogar in großer Hast. Aber er bleibt nie sehr lange weg.« Hank – oder genauer gesagt: der Jedermann-Anzug – schaute auf und blickte Fred an. »Haben Sie das schon einmal beobachtet? Können Sie die Angaben unseres Informanten bestätigen? Lassen sich irgendwelche Schlüsse daraus ziehen?« »Höchstwahrscheinlich geht er zu seiner Puppe – Donna«, sagte Fred. »›Höchstwahrscheinlich‹, hm. Wir erwarten von Ih- nen, daß Sie so etwas genau wissen.« »Natürlich liegt’s an Donna. Er ist drüben bei ihr und vögelt Tag und Nacht mit ihr rum.« Sein Unbehagen wuchs. »Aber ich werd’s mal überprüfen und Sie darüber informieren, was ich herausfinde. Wer ist eigentlich die- ser Informant? Vielleicht will da einer Arctor eins rein- würgen.« »Wissen wir nicht, zum Teufel. Kam per Telefon. Wir haben nicht mal ‘nen Stimmabdruck – der Bursche be- nutzte eine elektronische Abschirmung, wahrscheinlich, selbst zusammengefutschelt.« Hank kicherte; ein seltsam fremdartiges Geräusch, dieses Kichern, das da metallisch aus dem Sprechteil des Anzugs schepperte. »Aber es hat funktioniert. Gut genug.« »Meine Güte«, begehrte Fred auf, »das war bestimmt bloß dieser ausgeflippte Säurekopf Jim Barris, der aus irgend einem Grund sauer auf Arctor ist und ihn jetzt reinreiten will. Barris hat während seiner Zeit beim Mili- tär pausenlos Elektronikkurse belegt und dazu noch einen Kurs für die Wartung von schwerem Gerät. Ich an Ihrer Stelle würde ihm nicht mal glauben, wenn er Ihnen die Uhrzeit sagt. « Hank schüttelte ablehnend den Kopf. »Wir wissen nicht, ob es überhaupt Barris war. Und außerdem ist Bar- ris vielleicht doch nicht nur ein ›ausgeflippter Säure- kopf‹. Wir haben mehrere Leute auf die Sache angesetzt. Allerdings haben wir keine Erkenntnisse gewonnen, die für Sie von Nutzen sein könnten – jedenfalls bisher nicht.« »Auf jeden Fall war es einer von Arctors Freunden«, sagte Fred. »Ja, der Tip ist zweifellos ein Racheakt. Diese ver- rückten Doper – rufen uns jedesmal an, wenn sie Wut aufeinander haben. Mir schien es übrigens tatsächlich so, als würde er Arctor sehr gut kennen. Also gehört er zu seinem engsten Bekanntenkreis.« »Netter Junge«, sagte Fred verbittert. »Tja, auf diese Weise kommen wir nun mal an unsere Informationen«, sagte Hank. »Wo liegt da der Unter- schied zu dem, was Sie machen?«, »Ich tu’s nicht, weil ich einen persönlichen Groll ge- gen jemanden hege«, sagte Fred. »Und warum tun Sie’s eigentlich dann?« Nach einer langen Pause sagte Fred: »Sie können mich totschlagen, aber ich weiß es nicht, verdammt noch mal.« »Sie haben doch im Moment nichts mehr mit Weels am Hut. Ich glaube, ich werde Sie vorläufig dazu eintei- len, in erster Linie Bob Arctor zu observieren. Hat er ei- nen zweiten Vornamen? Er verwendet die Initialen –« Fred gab ein abgewürgtes, roboterartiges Geräusch von sich. »Warum ausgerechnet Arctor?« »Arctor bezieht Geld aus einer unbekannten Quelle, also geht er auch einer unbekannten Nebentätigkeit nach. Außerdem macht er sich durch seine Aktivitäten offenbar Feinde. Wie lautet Arctors zweiter Vorname?« Hanks Stift schwebte geduldig über dem Papier. Hank erwartete eine klare Antwort. »Postlethwaite. « »Wie wird das buchstabiert?« »Weiß ich nicht. Scheiße noch mal, weiß ich nicht«, sagte Fred. »Postlethwaite«, sagte Hank und schrieb ein paar Buch- staben hin. »Aus welchem Sprachraum kommt denn das?« »Walisisch«, sagte Fred kurz. Er konnte kaum noch verstehen, was Hank sagte; in seinen Ohren verschmolz alles zu einem großen Rauschen, und auch seine übrigen Sinne versagten jetzt einer nach dem anderen. »Sind das nicht die Leute, die immer dieses Lied über die Männer von Harlech singen? Was ist ›Harlech‹? Eine Stadt irgendwo?«, »Harlech ist der Ort, wo im Jahre 1468 der heldenhaf- te Widerstand gegen die Yorkisten –« Fred verstummte. Scheiße, dachte er. Das ist alles so fürchterlich. »Moment, ich möchte das zu den Akten nehmen.« Hanks Stift flog über das Papier. Fred sagte: »Bedeutet das, daß sie Arctors Haus und seinen Wagen verwanzen lassen werden?« »Ja, mit dem neuen Holografie-System; das ist we- sentlich leistungsstärker, und außerdem haben wir im Augenblick sowieso mehr Geräte zur Verfügung, als an- gefordert werden. Sie wollen doch sicher die kompletten Speicheraufzeichnungen und die Ausdrucke aller Aus- wertungen haben?« Hank notierte sich auch das. »Ich nehme alles, was ich kriegen kann«, sagte Fred. Er fühlte sich vollständig von allen Vorgängen um sich herum isoliert; er wünschte sich nichts sehnlicher, als daß diese Besprechung endlich vorbei sein möge. Und er dachte: Wenn ich bloß ein paar Tabletten einpfeifen könnte – Jenseits des Tisches schrieb der andere formlose Fleck immer weiter, übertrug Kennziffern aus einer Inventarli- ste in die dafür vorgesehenen Formblätter – die Kennzif- fern jener elektronischen Spielereien, über die Fred wür- de verfügen können, sobald Hanks Vorhaben von oben abgesegnet worden war, und mit denen sich ein lückenlo- ses, dem modernsten Stand der Technik entsprechendes Überwachungssystem installieren ließ, das auf sein eige- nes Haus gerichtet war. Und auf ihn selbst., * Seit über einer Stunde arbeitete Barris nun schon daran, einen Schalldämpfer zu fabrizieren, der nur aus Haus- haltsmaterialien bestehen sollte, die nicht mehr als elf Cent kosteten. Und jetzt hatte er es fast geschafft – mit Alufolie und einem Stückchen Schaumgummi. In der nächtlichen Dunkelheit von Bob Arctors Hinterhof, zwi- schen all den Stapeln Unkraut und Abfall, machte er sich nun bereit, seine Pistole mit dem hausgemachten Schall- dämpfer abzufeuern. »Die Nachbarn werden’s hören«, sagte Charles Freck unbehaglich. Er konnte überall erleuchtete Fenster sehen, Fenster, hinter denen vielleicht Leute in die Glotze starr- ten oder sich Joints drehten. Luckman, der im Schatten herumlungerte und alles beobachtete, ohne selbst sichtbar zu sein, sagte: »In die- sem Viertel rufen die nur die Bullen wenn ein Mord pas- siert.« »Wozu brauchst du überhaupt einen Schalldämpfer?« fragte Charles Freck Barris. »Ich meine … äh … die sind doch illegal, oder?« Barris sagte düster: »In einer Zeit wie dieser, da die Gesellschaft degeneriert ist und die Gottlosigkeit unter den Menschen um sich greift, braucht jeder aufrechte Mann, der etwas auf sich hält, eine Pistole, um sich zu schützen. Und er sollte sie ständig bei sich tragen.« Er kniff die Augen zusammen und feuerte seine Pistole mit dem selbstgebastelten Schalldämpfer ab. Ein gewaltiger Knall ertönte, der vorübergehend alle drei taub machte., In weit entfernten Höfen begannen Hunde zu bellen. Lächelnd machte sich Barris daran, die Alufolie von dem Schaumgummi abzuwickeln. Er schien amüsiert zu sein. »Mann, das is’ ja ‘n toller Schalldämpfer«, sagte Charles Freck und fragte sich, wann die Polizei wohl kommen würde. Mit einer ganzen Armada von Polizei- wagen. »Wirklich faszinierend«, erklärte Barris und zeigte Freck und Luckman die schwarz versengten Brennkanäle im Schaumgummi. »Er hat den Sound verstärkt, statt ihn zu dämpfen. Aber ich hab’ den Dreh beinahe raus. Im Prinzip jedenfalls.« »Wie teuer ist so eine Pistole eigentlich?« erkundigte sich Charles Freck. Er selbst hatte noch nie eine Pistole gehabt. Mehrere Male hatte er ein Messer besessen, aber irgendwer stahl es ihm immer. Einmal hatte eine Puppe das getan, während er gerade im Badezimmer war. »Nicht besonders teuer«, sagte Barris. »Gebraucht un- gefähr dreißig Dollar. Die hier ist gebraucht.« Er hielt sie Freck hin, der sofort nervös zurückwich. »Ich verkaufe sie dir«, sagte Barris. »Du solltest wirklich eine Waffe haben, damit du dich gegen all die Leute schützen kannst, die dir was antun wollen.« »Soll ja ‘ne ganze Menge davon geben«, grinste Luckman in seiner ironischen Art. »Ich hab’ kürzlich in der L. A. Times gelesen, daß jeder, der Freck erfolgreich eins verpaßt, kostenlos ‘n Transistorradio kriegt.« »Ich geb’ dir ein Borg-Warner-Tacho dafür«, sagte Freck., »Das du aus der Garage unten an der Straße gestohlen hast«, sagte Luckman. »Na, und wenn schon«, sagte Charles Freck. »Viel- leicht ist ja auch die Knarre gestohlen.« Praktisch alles, was irgendwie wertvoll war, war ursprünglich irgend- wem abgeklaut worden; erst der Diebstahl bewies, daß ein Stück überhaupt einen Wert hatte. »Und überhaupt«, sagte er, »hat der Typ unten an der Straße das Tacho zu- erst geklaut. Es hat vielleicht fünfzehn Mal oder so den Besitzer gewechselt. Ich meine, das ist ja auch wirklich ein superheißes Tacho.« »Woher weißt du, daß er es geklaut hat?« fragte Luckman ihn. »Hölle, Mann, er hat acht Tachos da in seiner Garage, und an allen baumeln noch die abgeschnittenen Kabel rum. Was würde er sonst mit ihnen tun, mit so vielen, meine ich? Wer geht denn los und kauft sich acht Ta- chos?« Luckman sagte zu Barris: »Ich dachte, du wärst mit dem Cephskop beschäftigt. Bist du schon damit fertig?« »Ich kann nicht pausenlos Tag und Nacht daran arbei- ten, weil der Schaden so groß ist«, sagte Barris. »Ich muß da manchmal einfach ‘ne Pause machen.« Er schnitt mit einem komplizierten Taschenmesser noch ein Stück Schaumgummi ab. »So, das nächste Modell wird völlig lautlos sein.« »Bob denkt, du wärst dabei, sein Cephskop zu reparie- ren«, sagte Luckman. »Er liegt da in seinem Zimmer im Bett und stellt sich das vor, während du hier draußen rumstehst und mit deiner Pistole rumballerst. Hast du, nicht mit Bob ausgemacht, daß er dir die überfällige Mie- te streicht, wenn du –« »Wie gutes Bier«, sagte Barris, braucht auch die ge- wissenhafte Rekonstruktion einer beschädigten elektroni- schen Vorrichtung –« »Na, wenn das so ist, dann schieß halt den großartig- sten Elf-Cent-Schalldämpfer aller Zeiten noch mal ab«, sagte Luckman und rülpste. * Jetzt haben sie mich am Arsch, dachte Robert Arctor. Er lag allein auf dem Rücken im trüben Licht seines Schlafzimmers und starrte grimmig ins Nichts. Unter seinem Kopfkissen spürte er seinen Polizei-Spezial- Revolver, Kaliber 32; nach dem Knall, den der Abschuß von Barris’ 22er im Hinterhof verursacht hatte, hatte er reflexartig seine eigene Knarre unter dem Bett hervorge- holt, um sie in bequemerer Reichweite zu haben – eine Sicherheitsmaßnahme gegen alle nur vorstellbaren Ge- fahren; er hatte nicht einmal bewußt darüber nachge- dacht. Aber der 32er unter dem Kopfkissen würde nicht viel gegen solche indirekten Angriffe wie etwa die Sabotage seines kostbarsten und teuersten Besitzes nützen. Sofort, nachdem er von der Besprechung mit Hank heimge- kommen war, hatte er all die anderen Hilfsmittel über- prüft und festgestellt, daß sie okay waren – auch der Wa- gen, und in einer Situation wie dieser mußte man immer zuerst den Wagen überprüfen. Was immer auch vorgehen, mochte, und von wem auch immer es ausging –es würde heimtückisch und link sein. An der Peripherie seines Le- bens lauerte irgendein feiger, hinterhältiger Freak, der sich nicht traute, ihm offen entgegenzutreten, sondern ihn aus dem Verborgenen heraus fertigzumachen versuchte. Eigentlich gar kein richtiger Mensch, sondern eher eine Unperson, ein als Mensch verkleidetes Symptom ihres Lebensstils. Früher einmal hatte es eine Zeit gegeben, da hatte er nicht so gelebt wie jetzt. Und dieses Jetzt bestand aus einem 32er unter seinem Kopfkissen, einem Verrückten, der aus Gründen, die nur der Herrgott selbst erahnen mochte, wieder und wieder im Hinterhof eine Pistole ab- feuerte, und einem anderen Idioten (der vielleicht sogar mit dem im Hinterhof identisch war), den ein Kurzschluß in seinem Oberstübchen dazu getrieben hatte, auch das unglaublich teure und wertgeschätzte Cephskop kurzzu- schließen, das alle Bewohner dieses Hauses – und alle ihre Freunde nicht minder – liebten und genossen. Ja, früher einmal hatte Bob Arctor ein anderes Leben ge- führt. Da waren eine Ehefrau gewesen, die sich in nichts von anderen Ehefrauen unterschied, zwei kleine Töchter, ein solider Haushalt, der täglich gefegt und geputzt und ausgeleert wurde, und nichtssagende Zeitungen, die nie aufgeschlagen, sondern gleich vom Briefkasten zur Müll- tonne getragen wurden – oder manchmal sogar gelesen. Aber eines Tages dann, während er gerade den elektri- schen Popcornautomaten unter dem Ausguß hervorholte, hatte Arctor sich den Kopf an der Ecke eines Küchen- schränkchens gestoßen. Dieser Schnitt in seiner Kopf-, haut, dieser unerwartete und unverdiente Schmerz, hatte aus irgendeinem unerfindlichen Grund die Spinnweben zerrissen. Und er begriff mit wundersamer Klarheit, daß er nicht das Hängeschränkchen haßte: Er haßte seine E- hefrau, seine beiden Töchter, das ganze Haus, den Hin- terhof mit dem elektrischen Rasenmäher, die Garage, die Zentralheizung und ihre gleichmäßige Wärme, den Vor- hof, den Zaun, dieses ganze beschissene Heim – und je- den einzelnen, der darin lebte. Er beschloß, sich scheiden zu lassen; er wollte sich von allem lösen. Und das hatte er auch getan, sehr bald schon. Und dann war er Schritt um Schritt in ein neues Leben eingetreten, dem es an all dem mangelte. Vielleicht hätte er diese Entscheidung bedauern sollen. Er tat das nicht. Sein früheres Leben war ohne Aufregung gewesen, ohne Abenteuer. Es war zu sicher gewesen. Alle Bestandteile, aus denen sich dieses Leben zusam- mensetzte, standen vorgefertigt da, stets sichtbar. Nichts würde sich jemals ändern. Sein Leben, so hatte er einmal überlegt, war wie ein kleines Boot aus Plastik, das auf ewig weitersegeln würde, ohne Zwischenfälle, bis es schließlich sank, was für alle eine Erlösung war. Aber in dieser dunklen Welt, in der er nun lebte, strömten dauernd häßliche und überraschende Dinge auf ihn ein – und gelegentlich gab es auch einmal ein winzi- ges, wunderbares Ding. Er konnte mit nichts fest rechnen; jeder Tag bot neue Überraschungen. Wie die absichtliche, böswillige Beschädigung seines Altec-Cephalochro- moskops, um das herum er den Vergnügungsteil seines Tagesablaufs aufgebaut hatte, den Abschnitt des Tages,, in dem sie sich alle entspannten und aus dem sie eine innere Ruhe und Zufriedenheit gewannen. Rational be- trachtet, ergab es für niemanden Sinn, das alles zu zerstö- ren. Aber nicht viel inmitten dieser langen, dunklen A- bendschatten war wirklich rational, wenigstens nicht im exakten Wortsinn. Jeder konnte diese rätselhafte Hand- lung begangen haben, und das aus fast jedem erdenkli- chen Grund. Jeder, den er kannte oder dem er jemals flüchtig begegnet war. Jeder einzelne von acht Dutzend ausgeklinkten Säureköpfen, exotischen Freaks, kaputten Fixern oder psychotischen Paranoikern, die ihren hallu- zinierten Groll gegen ihn nun nicht mehr bloß in ihrer Phantasie, sondern in der Wirklichkeit auslebten. Oder sogar jemand, dem er nie begegnet war und der ihn ein- fach nach Zufallskriterien aus dem Telefonbuch ausge- wählt hatte. Oder sein bester Freund. Vielleicht hat Jerry Fabin es getan, dachte er, bevor sie ihn weggekarrt haben. Diese ausgebrannte, vergiftete Hülse, die einmal ein Mensch gewesen ist. Jerry Fabin und seine Milliarden von Blattläusen. Jerry Fabin, der Donna – und eigentlich alle Puppen – beschuldigt hat, ihn »verseucht« zu haben. Dieser ausgeflippte Homo. Aber, dachte Arctor, wenn Jerry jemanden hätte fertig- machen wollen, dann wäre das Donna gewesen und nicht ich. Und außerdem hätte Jerry bestimmt nicht mal he- rausfinden können, wie man die Bodenplatte des Geräts entfernt; wenn er das versucht hätte, wäre er jetzt wahr- scheinlich immer noch dabei, dieselbe Schraube loszu- schrauben und wieder festzuschrauben. Oder er hätte, gleich versucht, die Platte mit einem Hammer abzukrie- gen. Und überhaupt: Wenn Jerry Fabin es getan hätte, dann wäre der Kasten voller Wanzeneier, die von ihm abgefallen wären … Bei diesem Gedanken mußte Bob Arctor innerlich grinsen. Armes Schwein, dachte er, und sein innerliches Grin- sen erstarb. Arme, unglückliche Tunte. Sobald sich erst einmal die Spuren der hochkomplexen Schwermetalle in seinem Gehirn abgelagert hatten, war’s mit ihm vorbei gewesen. Game over. Einer mehr in einer langen Reihe von Gehirngeschä- digten, eine weitere traurige Existenz wie so viele andere vor ihm. Völlig debil. Das biologische Leben geht weiter, dachte Arctor, aber die Seele, der Verstand – das ist alles tot. Was bleibt, ist eine Reflexmaschine. Wie irgendein Insekt, verdammt dazu, düstere Verhaltensmuster zu wiederholen. Ein einziges Verhaltensmuster, wieder und wieder. Ob dieses Muster nun angemessen ist oder nicht. Möchte wissen, wie er früher war, grübelte er. Er hatte Jerry noch nicht sehr lange gekannt. Charles Freck be- hauptete, daß Jerry früher mal ziemlich gut funktioniert habe. Das hätte ich mit meinen eigenen Augen sehen müssen, um es zu glauben, dachte Arctor. Vielleicht sollte ich Hank von der Sabotage meines Cephskops erzählen, dachte er. Sie würden auf der Stelle wissen, wer und was dahintersteckt. Aber was können sie überhaupt für mich tun? Das ist nun mal das Risiko, das man eingeht, wenn man diese Art Arbeit macht. Und sie ist das nicht wert, diese Arbeit, dachte er. So viel Geld gibt es auf dem ganzen beschissenen Planeten, nicht. Aber er tat diese Arbeit sowieso nicht des Geldes wegen. »Und warum tun Sie’s eigentlich dann?« hatte Hank ihn gefragt. Aber was wußte denn ein Mann – gleich, welche Art von Arbeit er tat – schon über seine tatsächlichen Motive? Langeweile, vielleicht; die Sehn- sucht nach ein bißchen Action. Oder eine unterschwellige Feindseligkeit gegenüber den Menschen, die einen um- gaben, gegenüber allen seinen Freunden und sogar den Puppen. Oder es mochte eine positive Motivation sein, die das Ergebnis einer schrecklichen persönlichen Erfah- rung war. Vielleicht kannte man ein menschliches We- sen, das man aus ganzem Herzen liebte, dem man wirk- lich nahegekommen war, das man im Arm gehalten und mit dem man geschlafen hatte, das man geküßt und um das man sich gesorgt hatte, das man als Freund behandelt und vor allem bewundert hatte – und dann mußte man mit ansehen, wie diese warme, lebendige Person inner- lich ausbrannte, vom Herzen an nach außen verbrannte. Bis sie klickt und klackt wie ein Insekt. Wieder und wie- der den gleichen Satz wiederholt. Eine Bandaufnahme. Eine Endlosschleife. »… wenn ich bloß noch einen einzigen Schuß haben könnte …« Keine Probleme mehr, dachte er. Drei Viertel des Ge- hirns Brei, und immer wieder dieser eine Satz. Wie bei Jerry Fabin. »… wenn ich bloß noch einen einzigen Schuß haben könnte, würde mein Gehirn ganz bestimmt von selbst wieder in Ordnung kommen. « Dann hatte er eine Vision – Jerry Fabins Gehirn als die, ruinierte Verkabelung des Cephalochromoskops, mit zer- schnittenen Drähten, Kurzschlüssen, herausgerissenen Leitungen, überladenen und zu undefinierbaren Klumpen zusammengeschmolzenen Kondensatoren, verschmorten Kontakten, beißendem Qualm und einem widerwärtigen Geruch. Und da sitzt jemand mit einem Voltmeter, mißt die Stromkreise durch und murmelt düster: »O weh, o weh! Eine Menge Widerstände und Transistoren müssen ersetzt werden« und so weiter. Und dann würde von Jerry Fabin nur ein mattes Summen kommen, und sie würden aufgeben. Und in Bob Arctors Wohnzimmer würde ein Tausend- Dollar-Qualitäts-Cephskop, eine Maßanfertigung der Firma Altec, das nun angeblich wieder repariert war, eine Schrift in fahlem Grau auf einen winzigen Fleck an der Wand werfen: WENN ICH BLOSS NOCH EINEN EINZIGEN SCHUSS HABEN KÖNNTE … Danach würden sie das Cephskop, das irreparabel be- schädigt war, und Jerry Fabin, der irreparabel beschädigt war, in denselben Abfalleimer werfen. Nun ja, dachte Arctor. Wer braucht Jerry Fabin? Au- ßer vielleicht Jerry Fabin selbst, der einmal davon ge- träumt hatte, als Geschenk für einen Freund ein drei Me- ter langes Konsolensystem mit einer Quadrophonieanla- ge und einem Fernseher darin zu entwerfen und zu bau- en. Und als man ihn gefragt hatte, wie er es von seiner Garage zum Haus seines Freundes transportieren wollte,, wo es doch nach der Fertigstellung so groß sein und so viel wiegen würde, da hatte er erwidert: »Überhaupt kein Problem, Mann! Ich werde es einfach zusammenklappen – hier, ich habe die Scharniere schon gekauft – ich werd’s also zusammenklappen, verstehst du, das ganze Ding zusammenklappen, es in einen Briefumschlag stek- ken und es ihm per Post schicken.« Jedenfalls, dachte Bob Arctor, müssen wir jetzt wenig- stens nicht dauernd Blattläuse aus dem Haus fegen, nachdem Jerry zu Besuch gekommen ist. Er verspürte das Bedürfnis zu lachen, als er daran dachte. Einmal hat- ten sie eine Theorie entwickelt, mit der sich Jerrys Blatt- laus-Trip psychoanalytisch erklären ließ. Den Löwenan- teil dazu hatte der clevere, stets zu Spaßen aufgelegte Luckman beigetragen – bei solchen Sachen hatte er wirk- lich was auf dem Kasten. Natürlich setzte die Erklärung bei Jerry Fabins Kindheit an. Eines schönen Tages also kommt Jerry Fabin aus der ersten Klasse nach Hause, den Ranzen unter den Arm geklemmt, fröhlich pfeifend. Und da sitzt im Eßzimmer neben seiner Mutter diese große Blattlaus, ungefähr einen Meter groß. Jerrys Mutter schaut sie stolz an. »Was is’n los?« erkundigt sich der kleine Jerry Fabin. »Das hier ist dein älterer Bruder«, sagt seine Mutter, »den du bisher noch nicht kennengelernt hast. Er wird von jetzt an bei uns wohnen. Ich mag ihn viel lieber als dich. Er kann viel mehr als du.« Und von da an vergleichen Jerry Fabins Eltern ihn pausenlos mit seinem älteren Bruder, der Blattlaus, und immer schneidet Jerry dabei schlecht ab. Als die beiden, heranwachsen, entwickelt Jerry nach und nach einen starken Minderwertigkeitskomplex – was unausbleiblich ist. Nach der Oberschule erhält sein Bruder ein Stipendi- um für ein College, während Jerry in einer Tankstelle zu arbeiten beginnt. Danach wird dieser Bruder, die Blatt- laus, ein berühmter Arzt oder Wissenschaftler, ja sogar Nobelpreisträger. Jerry hingegen wechselt immer noch für einen Dollar fünfzig in der Stunde Reifen an der Tankstelle. Seine Mutter und sein Vater hören nie damit auf, ihn daran zu erinnern. Sie sagen immer: »Wenn du doch bloß nach deinem Bruder geraten wärst!« Schließlich läuft Jerry von zu Hause fort. Aber in seinem Unterbewußtsein fühlt er immer noch, daß Blatt- läuse ihm überlegen sind. Zuerst glaubt er, sicher zu sein, aber dann fängt er an, in seinen Haaren und in seinem Haus überall Blattläuse zu sehen, weil sich sein Minder- wertigkeitskomplex inzwischen in eine Art sexuellen Schuldkomplex verwandelt hat, und die Blattläuse sind nun eine Strafe, die er sich selber auferlegt, etc. Jetzt fand Arctor das nicht mehr so spaßig wie damals – jetzt, da Jerry mitten in der Nacht auf Betreiben seiner eigenen Freunde weggeschleppt worden war. Sie selbst – alle, die in jener Nacht mit Jerry zusammengewesen wa- ren – hatten beschlossen, die Klinik zu verständigen; die Lage hatte sich so zugespitzt, daß man diesen Schritt nicht länger hinauszögern konnte. Er war absolut unver- meidlich. In jener Nacht nämlich hatte Jerry die Vorder- tür seines Hauses verbarrikadiert – mit allem, was er in seinem Haus nur finden konnte, so ungefähr neunhundert Pfund gottverdammter Kram, einschließlich der Couch, und der Stühle und des Eisschranks und des Fernsehers. Und dann hatte er allen erzählt, daß eine gigantische, su- perintelligente Blattlaus von einem anderen Planeten da draußen sei und sich darauf vorbereitete, hereinzukom- men und sich ihn zu schnappen. Und weitere würden spä- ter noch landen, selbst wenn er diese hier erwischte. Die- se außerirdischen Blattläuse waren bei weitem gewitzter als alle Menschen und würden, wenn nötig, auch gera- dewegs durch die Wände kommen, denn das sei für sie dank ihrer übernatürlichen Fähigkeiten gar kein Problem. Um sich selbst so lange wie möglich zu retten, würde er das Haus mit Zyanidgas fluten müssen, worauf er vorbe- reitet war. Welche Vorkehrungen er denn getroffen habe, hatten seine Freunde wissen wollen. Nun, hatte Jerry dar- aufhin erklärt, er habe bereits alle Fenster und Türen mit Klebeband luftdicht versiegelt. Dann schlug er vor, die Wasserhähne in der Küche und im Badezimmer aufzu- drehen und das Haus zu überfluten. Er behauptete, daß der Heißwassertank in der Garage mit Zyanid gefüllt sei, nicht mit Wasser. Er habe das schon seit langer Zeit ge- wußt, das Gas aber bis zum Schluß aufgespart, sozusagen als letzte Verteidigung. Zwar würden auch sie selber alle dabei sterben, aber wenigstens würden sie auf diese Wei- se die superintelligenten Blattläuse daran hindern, ins Haus einzudringen. Seine Freunde riefen daraufhin die Polizei an. Die Po- lizisten brachen die Vordertür auf und karrten Jerry weg in die Staatliche Nervenklinik. Das letzte, was Jerry zu ihnen allen sagte, war: »Bringt mir später meine Sachen – bringt mir mein neues Jackett mit den Perlen auf dem, Rücken mit.« Er hatte sich dieses Jackett gerade erst ge- kauft, und er hing sehr daran. Das Jackett war so unge- fähr alles, woran er noch hing; alles andere, was er besaß, hielt er für verseucht. Nein, dachte Bob Arctor, jetzt scheint es nicht mehr so spaßig zu sein. Er fragte sich, warum es ihm jemals so vorgekommen war. Vielleicht kam das von der Furcht, der schrecklichen Furcht, die sie alle in den letzten Wo- chen in Jerrys Gegenwart verspürt hatten. Jerry hatte ih- nen erzählt, daß er manchmal nachts das Haus mit einer Schrotflinte durchstreifte, weil er die Anwesenheit eines Feindes spürte. Er hoffte darauf, selbst noch einen Schuß abfeuern zu können, bevor er erschossen wurde. Aber seinen eigenen Tod hatte er schon mit einkalkuliert. Und nun, dachte Bob Arctor, habe ich einen Feind. Oder jedenfalls bin ich auf seine Fährte gestoßen. Auf die Zeichen, die er hinterläßt. Noch so ein drogenverseuchtes Wrack im letzten Stadium, ganz wie Jerry. Und wenn dieses letzte Stadium der Scheiße zuschlägt, dann knallt es wirklich in deinen Kopf rein. Nachhaltiger als jeder Werbespot von Ford oder General Motors zur besten Sendezeit. Ein Klopfen an seiner Schlafzimmertür. Er berührte die Pistole unter seinem Kissen und sagte: »Yeah?« Murmel-murmel. Barris’ Stimme. »Komm rein«, sagte Arctor. Er knipste die Nachttisch- lampe an. Barris trat ein; seine Augen funkelten. »Noch wach?« »Ein Traum hat mich wachgemacht«, sagte Arctor., »Ein religiöser Traum. Urplötzlich klafften die Himmel mit einem gewaltigen Donnerschlag auseinander, und Gott der Herr erschien, und seine Stimme grollte mich an – was, zum Teufel, sagte Er doch gleich? – ach ja, rich- tig. »Ich ärgere mich über dich, mein Sohn‹, sagte Er. Sein Gesicht war sehr finster. Ich zitterte, in meinem Traum, und sagte, zu Ihm aufblickend: ›Was habe ich getan, o Herr?‹ Und Er sprach: ›Du hast schon wieder den Verschluß deiner Zahnpastatube nicht zugeschraubte Und dann merkte ich plötzlich, daß Er meine Ex-Ehefrau war.« Barris setzte sich, legte die Hände auf seine lederbe- deckten Knie, straffte sich, schüttelte den Kopf und blick- te Arctor geradeheraus an. Er schien allerbester Laune zu sein. »Tja«, sagte er lebhaft, »ich habe eine erste Theorie, wer böswillig und systematisch dein Cephskop zerstört haben könnte und das auch wieder tun mag. « »Wenn du sagen willst, es sei Luckman –« »Hör zu«, sagte Barris und schaukelte aufgeregt vor und zurück. »W-w-was würdest du denken, wenn ich dir sagen würde, daß ich bereits vor Wochen eine ernsthafte Fehlfunktion einer der Apparaturen in diesem Haushalt vorausgesehen habe, und zwar speziell in einer Appara- tur, die teuer und schwer zu reparieren ist? Meine Theo- rie schrie geradezu danach, daß das passieren mußte! Der Schaden an deinem Cephskop ist die Bestätigung meiner allumfassenden Theorie!« Arctor musterte ihn mißtrauisch. Barris sank langsam zurück und setzte wieder sein ru- higes, breites Lächeln auf. »Du«, sagte er und zeigte mit, dem Finger auf Arctor. »Du denkst also, ich hätte es getan«, sagte Arctor. »Ich hätte mein eigenes Cephskop kaputtgemacht, ob- wohl es nicht mal versichert war.« Ekel und Zorn schwollen in ihm an. Und es war schon spät in der Nacht; er brauchte seinen Schlaf. »Nein, nein«, sagte Barris rasch, mit angstvollem Blick. »Du schaust auf die Person, die es getan hat. Die dein Cephskop zu Klumpatsch gemacht hat. Nichts ande- res wollte ich sagen, aber du hast mich ja nicht ausreden lassen!« »Du hast es getan?« Verwirrt starrte er Barris an, aus dessen trüben Augen eine Art schaler Triumph sprach. »Warum?« »Ich meine, es paßt in meine Theorie, daß ich es getan haben muß«, sagte Barris. »Offenkundig unter dem Ein- fluß eines posthypnotischen Befehls, der mit einem Am- nesie-Block gekoppelt ist, damit ich mich nicht daran erinnern kann.« Er begann zu lachen. »Darüber sprechen wir später noch mal«, sagte Arctor und schaltete die Nachttischlampe aus. »Am besten viel später. « Barris stand zitternd auf. »Hey, aber begreifst du denn nicht – nur ich verfüge über das hochspezialisierte elek- tronische Fachwissen, und außerdem hatte ich jederzeit Zugang zu deinem Cephskop – schließlich wohne ich ja hier. Was ich aber partout nicht ergründen kann, ist mein Motiv.« »Du hast es getan, weil du bekloppt bist«, sagte Arc- tor., »Vielleicht bin ich von geheimen Mächten angewor- ben worden«, murmelte Barris verwirrt. »Aber dann er- hebt sich wiederum die Frage nach deren Motiven. Viel- leicht wollen sie erreichen, daß wir uns gegenseitig ver- dächtigen und einander zu mißtrauen beginnen, so daß Zank und Hader zwischen uns keimt und wir einander schlußendlich in offener Feindschaft gegenüberstehen – daß wir alle unsicher werden, wem wir noch vertrauen können und wer unser Feind ist? Oder jedenfalls was in der Art.« »Das ist ihnen schon gelungen«, sagte Arctor. »Aber warum würden sie so etwas tun wollen?« sagte Barris, während er sich zur Tür bewegte; seine Hände wirbelten aufgeregt in der Luft. »Ein derartig großer Aufwand – das Abmontieren der Bodenplatte, ein Nach- schlüssel für die Vordertür –« Ich werde froh sein, dachte Bob Arctor, wenn wir end- lich die Holo-Kameras kriegen und sie überall in diesem Haus eingebaut sind. Er berührte seine Pistole und fühlte sich sofort sicherer. Dann fragte er sich, ob er vielleicht überprüfen sollte, ob sie noch geladen war. Aber dann, begriff er plötzlich, werde ich mich als nächstes fragen, ob der Abzugbolzen überhaupt noch da ist oder ob nicht jemand das Pulver aus den Patronen entfernt hat… und so weiter, und so weiter, in manischer Besessenheit, wie ein kleiner Junge, der die Risse im Bürgersteig zählt, um seine Angst zu verringern. Der kleine Bobby Arctor, der aus der ersten Klasse nach Hause kommt, den Ranzen unter den Arm geklemmt, voller Angst vor dem Unbe- kannten, das vor ihm liegt., Mit einer Hand tastete er an der Unterkante des Bett- rahmens entlang, weiter und weiter, bis seine Finger schließlich den Klebestreifen berührten. Obwohl Barris noch im Raum war und ihm zuschaute, riß er zwei Ta- bletten Substanz T los, führte sie zum Mund und warf sie ein, schluckte sie ganz ohne Wasser hinunter. Dann legte er sich mit einem Seufzer zurück. »Angenehme Träume«, sagte er zu Barris. Und schlief ein.,

V

Es war unvermeidlich, daß sich Bob Arctor für längere Zeit außerhalb seines Domizils aufhielt, damit es ordent- lich (und das hieß: lückenlos) verwanzt werden konnte – inklusive des Telefons, obwohl das doch schon längst von einer anderen Abteilung der Behörden angezapft worden war. Normalerweise sah es in der Praxis so aus, daß Beamte das betreffende Haus überwachten, bis sie sich sicher sein konnten, daß alle Bewohner es verlassen hatten und wohl auch nicht so bald zurückkommen wür- den. Manchmal mußten die Behörden tage- oder sogar wochenlang auf einen geeigneten Zeitpunkt warten. Wenn schließlich trotz der mühseligen Warterei von selbst absolut nichts laufen wollte, arrangierte man dann halt einen Vorwand: Man teilte den Hausbewohnern ein- fach mit, daß ein Kammerjäger einen ganzen Nachmittag in ihrem Haus zu tun haben würde (oder was sich sonst auch immer als Bluff anbieten mochte) und alle Einwoh- ner doch bitte deshalb verduften sollten – »So etwa bis gegen sechs Uhr abends, okay?« Aber im vorliegenden Fall war der Verdächtige, ein gewisser Robert Arctor, so zuvorkommend, sein Haus ganz von selbst zu verlassen und dabei auch gleich noch seine beiden Mitbewohner mitzunehmen, um sich zu- sammen mit ihnen auf die Suche nach einem Cephalo- chromoskop zu machen, das die drei auf Leihbasis be- nutzen konnten, bis Barris Arctors Cephskop wieder re- pariert hatte. Die drei Hausbewohner wurden dabei beo-, bachtet, wie sie mit ernsten Mienen in Arctors Wagen stiegen und wegfuhren. Dann, nur wenig später, ging in der Zentrale ein Anruf von Fred ein, der sich, in seinen Jedermann-Anzug gekleidet, von einem Münzfernspre- cher aus meldete und berichtete, daß für den Rest des Tages niemand daheim sein würde. Er, Fred, habe die drei Männer dabei belauscht, wie sie den Entschluß faß- ten, den ganzen langen Weg nach San Diego hinunterzu- fahren, um sich ein Cephskop anzuschauen, das irgend- ein Typ offenbar geklaut hatte und jetzt für rund fünfzig Kröten zum Verkauf anbot. Wahrscheinlich war der Typ ein total ausgeflippter Fixer, denn wer ein Cephskop so billig anbot, mußte schon ziemlich meschugge sein. Und ein Cephskop für nur fünfzig Kröten war die lange Fahrt und den ganzen Zeitaufwand echt wert. Zudem gab diese Entwicklung den Behörden die Mög- lichkeit, neben der Verwanzungsaktion auch noch eine klitzekleine (und natürlich illegale) Durchsuchung zu starten, was die Geheimagenten vom Rauschgiftdezernat sowieso immer gerne taten, wenn es keine Zeugen dafür gab. Es schien ihnen ein innerer Reichsparteitag zu sein, Schreibtischschubladen herauszuziehen, um nachzu- schauen, was wohl an der Rückseite festgeklebt war; Stehlampen auseinanderzunehmen, um festzustellen, ob nicht vielleicht Hunderte von Tabletten heraussprangen; tief in Toilettenschüsseln hinabzutauchen, um zu über- prüfen, was da für kleine, in Klopapier eingewickelte Päckchen befestigt sein mochten, außer Sichtweite und dort, wo sie beim Abziehen von den rauschenden Was- serfluten automatisch weggespült werden würden; und, schließlich sogar in das Gefrierfach des Kühlschranks zu schauen, um zu kontrollieren, ob nicht irgendeins der Päckchen mit tiefgefrorenen Erbsen und Bohnen in Wirklichkeit tiefgefrorenes Dope enthielt, das natürlich schlau mit einem falschen Etikett getarnt war. Und in der Zwischenzeit wurden die komplizierten Holo-Kameras installiert. Die Beamten setzten und stellten sich dazu an verschiedene Plätze, um die Kameras durchzutesten. Die gleiche Prozedur wurde dann noch einmal für die Audio- einheiten wiederholt. Aber der Video-Teil war wichtiger und nahm mehr Zeit in Anspruch. Und natürlich durften die Holo-Kameras von keiner Stelle aus sichtbar sein. Es verlangte schon ein beachtliches handwerkliches Kön- nen, sie so anzubringen. Eine ganze Reihe von Plätzen mußten durchprobiert werden. Die Techniker, die die Geräte einbauten, wurden gut bezahlt, denn wenn sie Mist bauten und die Bewohner des Hauses später auch nur eine der Holo-Kameras entdecken, würden sie sofort wissen, daß man bei ihnen eingebrochen hatte, und sie nun unter ständiger Beobachtung standen – und dann würden sie bei allen ihren zukünftigen Aktivitäten vor- sichtiger sein. Und außerdem würden sie vielleicht das ganze Holo-System herausreißen und verhökern. Es hatte sich als schwierig für die Gerichte erwiesen, dachte Bob Arctor, als er über den San Diego Freeway nach Süden fuhr, Leute für den Diebstahl und den Ver- kauf elektronischer Apparaturen schuldig zu sprechen, die illegal in deren Häusern installiert worden waren. Die Polizei konnte dann nur versuchen, die Angeklagten un- ter dem Vorwand anderer Vergehen doch noch reinzurei-, ßen. Seltsam, dachte Arctor, eigentlich reagieren auch Pusher in einer entsprechenden Situation ganz ähnlich, nur eben noch etwas konsequenter. Er erinnerte sich an einen Fall, bei dem ein Heroindealer einer Puppe eins reinwürgen wollte und darum zwei Päckchen mit Heroin im Griff ihres Bügeleisens versteckt hatte. Anschließend hatte er der Polizei anonym einen telefonischen Tip ge- geben, aber bevor die Bullen darauf hatten reagieren können, hatte die Puppe das Heroin zufällig gefunden. Aber statt es durchs Klo zu spülen, hatte sie es verkauft. Die Polizei kreuzte bei ihr auf, fand aber nichts, machte dann einen Stimmabdruck von dem anonymen Anrufer und verhaftete den Pusher, weil er den Behörden falsche Informationen gegeben hatte. Als der Pusher auf Kaution wieder freigelassen wurde, besuchte er mitten in der Nacht die Puppe und schlug sie fast tot. Als er ge- schnappt wurde und man ihn fragte, warum er dem Mäd- chen ein Auge ausgeschlagen und ihr beide Arme und mehrere Rippen gebrochen habe, erklärte er, daß die Puppe auf zwei Päckchen mit hochgradigem Heroin ge- stoßen sei, die ihm gehörten, sie dann mit einem guten Schnitt verkauft und ihn nicht am Profit beteiligt habe. Das, dachte Arctor, ist halt die Pusher-Mentalität. Er lud Luckman und Barris in San Diego ab, wo sie al- leine versuchen sollten, das Cephskop zu organisieren. Dadurch saßen sie erst einmal fest, was sie nicht nur dar- an hinderte, zum Haus zurückzukehren, während die Verwanzungsaktion in vollem Gange war, sondern es Arctor zudem auch möglich machte, mal wieder bei ei- nem Mädchen vorbeizuschauen, das auf der Liste jener, Personen stand, die er observieren sollte und das er seit über einem Monat nicht mehr gesehen hatte. Er kam sel- ten in diese Gegend, und die Puppe schien sowieso nicht viel mehr zu tun als zwei- oder dreimal am Tag Meth zu schießen und gelegentlich ein paar Freier abzuschleppen, um so das Geld für ihren Stoff zusammenzubringen. Sie wohnte mit ihrem Dealer zusammen, der – was ja auf der Hand lag – auch ihr Zuhälter war. Gewöhnlich war Dan Mancher tagsüber weg, und das war günstig für Arctor. Der Dealer war zugleich auch selber süchtig, aber Arctor hatte bisher nicht herausfinden können, nach welchem Stoff. Offensichtlich nach einer ganzen Reihe von Dro- gen. Um welchen Stoff es sich auch immer handeln mochte – er hatte Dan seltsam und bösartig werden las- sen. Außerdem unberechenbar und gewalttätig. Es war ein Wunder, daß die örtliche Polizei ihn nicht längst we- gen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit eingebuchtet hatte. Vielleicht waren die Beamten bestochen. Oder, was am wahrscheinlichsten war, sie kümmerten sich ein- fach nicht mehr darum; dieses merkwürdige Pärchen leb- te in einem Slumviertel, in dem sonst nur Rentner und andere arme Leute hausten. Die Polizisten betraten den Cromwell-Village-Distrikt mit seinen heruntergekomme- nen Häusern, den Müllkippen, Parkplätzen und Straßen, die wie Schuttabladeplätze wirkten, wohl nur dann, wenn es sich absolut nicht mehr vermeiden ließ – also etwa bei Kapitalverbrechen. Auf der ganzen Welt schien es nichts zu geben, was mehr Schmutz und menschliches Elend produzierte als solche endlosen Straßenzüge mit ihren grauen, tristen, Mietskasernen, die eigentlich gebaut worden waren, um die Leute aus dem Schmutz und dem Elend herauszuho- len. Arctor stellte seinen Wagen ab, fand den richtigen, nach Urin stinkenden Treppenaufgang, stieg hinauf in die Dunkelheit und entdeckte schließlich die Tür von Apart- ment 4, die mit einem G gekennzeichnet war. Eine volle Dose Drano lag vor der Tür, und er hob sie automatisch auf, wobei er sich fragte, wie viele Kinder hier wohl spie- len mochten. Einen Augenblick lang erinnerte er sich an seine eigenen Kinder und daran, was er über die Jahre hinweg alles unternommen hatte, um sie vor Gefahren zu schützen. Dazu hätte auch gehört, eine solche Dose auf- zuheben. Er hämmerte mit der Dose gegen die Tür. Sofort rasselte das Türschloß, und die mit einer Vorle- gekette gesicherte Tür öffnete sich einen Spalt weit. Das Mädchen, Kimberly Hawkins, spähte heraus. »Ja?« »Hallo«, sagte er. »Ich bin’s, Bob.« »Was hast du da in der Hand?« »Eine Dose Drano«, sagte er. »Scherzkeks.« Sie löste apathisch die Kette; auch ihre Stimme klang apathisch. Kimberly war down, das konnte er sehen – sehr down. Außerdem hatte sie ein blaues Au- ge und eine gespaltene Lippe. Und als Arctor sich um- blickte, sah er, daß die Fenster des kleinen, total ver- dreckten Apartments zersplittert waren. Glasscherben lagen auf dem Boden, vermischt mit umgekippten A- schenbechern und Coke-Flaschen. »Bist du allein?« fragte er. »Yeah. Dan und ich hatten einen Streit, und dann ist er abgehauen.« Das Mädchen – ein Chicano-Halbblut, klein, und nicht besonders hübsch, mit der gelblichen Gesichts- farbe der Schnee-Freaks – starrte blicklos zu Boden, und Arctor bemerkte ein Raspeln in ihrer Stimme, wenn sie sprach. Manche Drogen bewirkten das, aber es konnte auch von einer schweren Kehlkopfentzündung herrühren. Da die Fenster kaputt waren, ließ sich das Apartment nicht mehr richtig beheizen. »Er hat dich zusammengeschlagen.« Arctor stellte die Dose mit Drano auf ein Regal neben einige Porno- Taschenbücher; die meisten davon waren uralt und vom vielen Lesen zerfleddert. »Tja, er hatte sein Messer nicht dabei, Gott sei Dank. Sein Schnappmesser, das er jetzt immer in einer Scheide am Gürtel trägt.« Kimberly ließ sich in einen schweren Plüschsessel fallen, aus dem die Sprungfedern ragten. »Was willst du, Bob? Ich bin im Arsch, wirklich.« »Möchtest du, daß er wieder zu dir zurückkommt?« »Tja –« Sie zuckte ein wenig mit den Achseln. »Wer weiß?« Arctor ging zum Fenster und schaute hinaus. Dan Mancher würde ganz bestimmt früher oder später wie- derauftauchen – das Mädchen war eine Geldquelle, und Dan wußte, daß sie Nachschub brauchen würde, wenn ihr der Stoff ausging. »Wie lange reicht’s noch?« fragte er. »Einen Tag.« »Kannst du nicht irgendwoanders was kriegen?« »Yeah, aber nicht so billig.« »Was ist mit deiner Kehle los?« »‘ne Erkältung«, sagte sie. »Von dem Wind, der rein- kommt.«, »Du solltest –« »Wenn ich zum Arzt gehe«, sagte sie, »dann wird er sehen, daß ich kokse. Ich kann nicht hingehen.« »Ein Arzt würde sich nicht weiter darum kümmern.« »Aber sicher doch.« Plötzlich schien sie zu lauschen. Da war ein Geräusch – ein Autoauspuff, unregelmäßig und laut. »Ist das Dans Wagen? Ein roter Ford Torino, Modell ‘79?« Arctor, der immer noch am Fenster stand, schaute hin- aus und sah, wie ein zerknautschter roter Torino, aus des- sen Doppelrohr-Auspuff dunkler Rauch quoll, auf dem mit Abfall übersäten Parkplatz anhielt; langsam öffnete sich die Fahrertür. »Ja.« Kimberly verschloß die Tür: zwei Extraschlösser. »Vielleicht hat er jetzt das Messer.« »Hast du ein Telefon?« »Nein«, sagte sie. »Du solltest dir unbedingt eins anschaffen.« Das Mädchen zuckte die Achseln. »Er wird dich kaltmachen«, sagte Arctor. »Nicht jetzt. Du bist ja hier.« »Aber später, wenn ich wieder weg bin.« Kimberly setzte sich wieder und zuckte erneut die Achseln. Nur wenige Augenblicke später konnten sie draußen auf der Treppe Schritte hören und dann ein wildes Häm- mern an der Tür. Dann die Stimme Dans, der brüllte, Kimberly solle die Tür öffnen. Sie schrie ein »Nein« zu- rück, und daß jemand bei ihr sei. »Okay!« schrie Dan mit überschnappender Stimme. »Dann schlitze ich dir eben, deine Reifen auf!« Er lief treppabwärts, und Arctor und das Mädchen beobachteten durch das zerbrochene Fen- ster, wie Dan Mancher, ein magerer, kurzhaariger, tuntig wirkender Macker, der mit einem Messer herumfuchtelte, sich Kimberly s Wagen näherte. Er schrie immer noch Drohungen zu ihr hoch; seine Worte mußten in der gan- zen Nachbarschaft zu verstehen sein. »Ich schlitz’ jetzt deine Reifen auf, deine Scheißreifen! Und dann mache ich dich alle, du verfluchte Hure!« Er bückte sich und zerschlitzte erst einen Reifen am alten Dodge des Mäd- chens, und dann noch einen. Kimberly sprang plötzlich auf, hetzte zur Tür des A- partments und begann wie wahnsinnig die diversen Schlösser aufzuschließen. »Ich muß ihn aufhalten! Der zerschneidet mir alle Reifen! Ich bin doch nicht versi- chert!« Arctor riß sie zurück. »Mein Wagen steht auch da un- ten.« Natürlich hatte er seinen Revolver nicht bei sich, und Dan hatte das Schnappmesser und war offensichtlich völlig außer Kontrolle. »Reifen sind nicht –« »Meine Reifen!« Kreischend versuchte das Mädchen, die Tür aufzukriegen. »Aber merkst du denn nicht, daß er hofft, daß du ge- nau das tust?« sagte Arctor. »Eine Etage tiefer«, keuchte Kimberly. »Wir können die Polizei rufen – die haben ein Telefon. Laß mich doch los!« Mit einer schier übermenschlichen Kraftanstrengung stieß sie ihn weg und brachte es irgendwie fertig die Tür aufzubekommen. »Ich werde die Polizei rufen. Meine, Reifen! Einer davon ist noch ganz neu!« »Ich geh’ mit dir.« Er packte sie an der Schulter; sie stolperte vor ihm die Stufen hinunter, und er schaffte es kaum, mit ihr Schritt zu halten. Schon hatte sie das näch- ste Apartment erreicht und hämmerte gegen die Tür. »Bitte, öffnen Sie!« rief sie. »Bitte, ich möchte die Poli- zei rufen! Bitte lassen Sie mich doch die Polizei anru- fen!« Arctor holte sie ein, schob sich neben sie und klopfte ebenfalls an. »Wir müssen unbedingt Ihr Telefon benut- zen«, sagte er. »Es ist wirklich dringend. Ein Notfall.« Ein älterer Mann, der eine graue Wolljacke, eine zer- knitterte, konservativ geschnittene Hose und eine Kra- watte trug, öffnete die Tür. »Danke«, sagte Arctor. Kimberly drängte sich in die Wohnung, rannte zum Telefon und wählte die Nummer der Vermittlung. Arctor stand da, zur Tür gewandt, und rechnete jeden Moment damit, daß Dan auftauchen würde. Alles war still, bis auf Kimberlys Plappern. Sie schien dem Fräulein vom Amt eine völlig wirre Geschichte zu erzählen, die irgend et- was mit einem Streit wegen eines Paares Stiefel, das sie- ben Dollars gekostet hatte, zu tun hatte. »Er meinte, sie würden ihm gehören, weil ich sie ihm zu Weihnachten gekauft hatte«, plapperte sie, »aber sie gehörten mir, weil ich sie doch bezahlt habe, und da wollte er sie mir weg- nehmen, und dann habe ich die Schäfte mit einem Do- senöffner zerfetzt, und dann hat er –« Sie verstummte; dann nickte sie. »All right, danke. Ja, ich bleibe dran.« Der ältliche Mann starrte Arctor an, und Arctor starrte, zurück. Vom Nebenzimmer aus verfolgte eine ältliche Dame in einem Kleid aus bedrucktem Kattun stumm die ganze Szene; ihr Gesicht war steif vor Angst. »Muß schlimm für Sie sein«, sagte Arctor zu den bei- den ältlichen Leuten. »So geht’s die ganze Zeit«, sagte der ältliche Mann. »Wir hören sie die ganze Nacht über, Nacht für Nacht, wie sie sich streiten. Und er sagt dauernd; daß er sie töten will.« »Wir hätten doch nach Denver zurückgehen sollen«, sagte die ältliche Dame. »Ich hab’s dir wieder und wieder gesagt. Wir hätten wirklich wieder nach Denver ziehen sollen.« »Diese schrecklichen Streitereien«, sagte der ältliche Mann. »Und wie sie dauernd Sachen kaputtschlagen, und dann der ganze Lärm.« Er starrte Arctor mit einem mü- den, flehenden Blick an, fast so, als erwarte er Hilfe von ihm oder vielleicht wenigstens ein bißchen Verständnis. »Weiter und weiter, es hört nie auf, und außerdem, was überhaupt das Schlimmste ist …Wissen Sie, jedesmal –« »Ja, erzähl’ ihm das mal«, drängte die ältliche Dame. »Was am schlimmsten ist«, sagte der ältliche Mann würdevoll, »ist nämlich Folgendes: Jedesmal, wenn wir nach draußen gehen, um einzukaufen oder einen Brief einzuwerfen, dann treten wir in … na, Sie wissen schon … in das, was die Hunde so hinter sich lassen.« »Hundekürtel«, sagte die ältliche Dame voller Entrü- stung. *, Der Streifenwagen der örtlichen Polizeistation tauchte auf. Arctor gab seine Zeugenaussage zu Protokoll, ohne sich als Polizeibeamter zu erkennen zu geben. Der Bulle nahm seine Aussage auf und versuchte, auch eine von Kimberly zu bekommen, die die Polizei ja schließlich alarmiert hatte; aber was Kimberly sagte, ergab keinen Sinn. Sie lamentierte nur pausenlos über das Paar Stiefel und warum sie sie besorgt hatte und wie viel sie ihr be- deuteten. Der Bulle, der mit seinem Klemmblock und einem darauf befestigten Formular Kimberly gegenüber- saß, blickte einmal zu Arctor auf und betrachtete ihn mit einem kalten Ausdruck, den Arctor zwar nicht deuten konnte, der ihm aber jedenfalls ganz und gar nicht gefiel. Schließlich riet der Bulle Kimberly, sich ein Telefon an- zuschaffen und wieder anzurufen, wenn der Verdächtige noch mal zurückkam und noch mehr Ärger machte. »Haben Sie das mit den aufgeschlitzten Reifen no- tiert?« erkundigte sich Arctor, als der Bulle gerade wie- der gehen wollte. »Haben Sie den Wagen des Mädchens draußen auf dem Parkplatz untersucht und persönlich festgestellt, wie viele Reifen beschädigt worden sind? Steht in Ihrem Protokoll drin, daß die Schäden mit einem scharfen Gegenstand – vermutlich einem Schnappmesser – verursacht worden sind, und zwar erst vor ganz kurzer Zeit – sogar jetzt tritt ja noch Luft aus den Reifen aus?« Der Bulle starrte ihn wieder mit dem gleichen Aus- druck in den Augen an und ging ohne weiteren Kommen- tar. »Du bleibst besser nicht hier«, sagte Arctor zu Kim-, berly. »Er hätte dir den Rat geben sollen, dich davonzu- machen. Hätte dich fragen sollen, ob es irgendeinen an- deren Ort gibt, wo du unterkommen könntest.« Kimberly saß auf der schäbigen Couch in ihrem mit Trümmern übersäten Wohnzimmer. Jetzt, da sie ihre un- zulänglichen Bemühungen, dem ermittelnden Beamten ihre Situation darzulegen, eingestellt hatte, waren ihre Augen wieder so glanzlos wie zuvor. Sie zuckte die Ach- seln. »Ich fahre dich überallhin, wo du hin möchtest«, sagte Arctor. »Weißt du irgendeine Freundin, bei der du –« »Mensch, verpiß dich doch endlich!« sagte Kimberly übergangslos mit einer bösen Stimme, die sehr wie die Dan Manchers klang, nur rauher. »Verpiß dich, und zwar auf der Stelle, Bob Arctor – zisch ab, mach ‘ne Fliege, verdammt noch mal. Hau endlich ab!« Ihre Stimme wurde immer schriller und brach dann verzweifelt ab. Er verließ wortlos das Apartment und stieg langsam die Treppe hinunter, Stufe um Stufe. Als er die unterste Stufe erreichte, hörte er einen Knall. Etwas rollte hinter ihm die Treppe herunter; es war die Dose mit Drano. Er hörte, wie Kimberly ihre Tür wieder verschloß, einen Riegel nach dem anderen vorschob … Völlig sinnlos, dachte er. Das ist alles völlig sinnlos. Der Ermittlungsbe- amte rät ihr, wieder anzurufen, wenn der Verdächtige zurückkommt. Aber wie kann sie das, ohne ihr Apart- ment zu verlassen? Und dann wird Dan Mancher sie auf- schlitzen, genau wie die Reifen. Und wenn sie dann tot umfällt … Plötzlich erinnerte er sich an die Klagen der, alten Leutchen, die eine Treppe unter Kimberly wohnten. Ja, wenn sie dann tot umfällt, wird sie bestimmt mitten in einem Häufchen Hundescheiße landen. Er verspürte den Drang in sich, hysterisch loszulachen. Als er daran dach- te, in welcher Rangordnung diese alten Leutchen die Probleme in ihrer Umgebung sahen. Da verprügelt zwar eine Etage über ihnen ein ausgeklinkter Freak Nacht für Nacht eine junge Rauschgiftsüchtige, die auf den Strich geht, mit tödlicher Sicherheit eine schwere Kehlkopfent- zündung hat und dazu vielleicht noch andere, viel schlimmere Krankheiten; da droht dieser Freak dem Mädchen pausenlos damit, daß er es töten werde – eine Drohung, die er vielleicht schon sehr bald wahrmachen mochte – aber zu allem Überfluß – Als er mit Luckman und Barris zurück Richtung Norden fuhr, kicherte er laut. »Hundescheiße«, sagte er. »Hundescheiße.« Wieviel Humor doch in so einem Stückchen Hundescheiße steckt, dachte er, wenn man nur darüber lachen kann. Oh, wie lustig ist doch Hundescheiße! »Du solltest lieber die Spur wechseln und den Über- landlaster da überholen«, sagte Luckman. »Der Lahm- arsch kommt ja kaum von der Stelle.« Arctor ordnete sich in die linke Spur ein und be- schleunigte. Aber dann, als er den Fuß vom Gas nahm, sackte das Pedal urplötzlich bis auf die Bodenmatte durch. Gleichzeitig heulte der Motor wütend auf, und der Wagen schoß wild mit gewaltiger Geschwindigkeit vor- wärts. »Langsamer!« sagten Luckman und Barris wie aus ei- nem Mund., Inzwischen hatte der Wagen fast 160 Stundenkilome- ter erreicht; vor ihnen tauchte verschwommen ein VW- Lieferwagen auf. Das Gaspedal blieb tot; es kam nicht wieder hoch, sondern blieb einfach unten. Sowohl Luckman, der neben Arctor saß, als auch Barris hinten auf dem Rücksitz rissen instinktiv die Arme hoch. Arctor kurbelte wie wild am Lenkrad und schoß an dem VW- Lieferwagen vorbei nach links, hinein in eine unglaubli- che winzige Lücke vor einem heranjagenden Corvette. Der Corvette hupte, und sie hörten seine Bremsen quiet- schen. Jetzt schrien Luckman und Barris irgendwas; Luckman griff plötzlich zur Fahrerseite hinüber und stell- te die Zündung ab. Zugleich schaltete Arctor das Auto- matikgetriebe auf die Nullstellung. Der Wagen wurde langsamer; Arctor bremste ihn ab und lenkte ihn auf die rechte Spur und weiter auf den Randstreifen. Nun, da der Motor abgeschaltet war und auch im Getriebe keine Kraftübertragung mehr stattfand, rollte der Wagen lang- sam aus und kam zum Stehen. Der Corvette, der schon fast außer Sicht war, hupte immer noch entrüstet. Und jetzt rollte der riesige Über- landlaster an ihnen vorbei und ließ für einen taub ma- chenden Augenblick sein eigenes Warnhorn ertönen. »Was, zum Teufel, ist passiert?« sagte Barris. Seine Hände und seine Stimme und überhaupt alles an ihm zitterte, als Arctor sagte: »Die Feder vom Gaszug. Muß festgehakt oder abgebrochen sein.« Er wies nach unten. Sie alle blickten auf das Pedal, das immer noch flach auf dem Boden lag. Der Motor war bis zur größt- möglichen Umdrehungszahl auf Touren gekommen, was, für den Wagen wirklich beachtlich war. Arctor wußte nicht, wie schnell der Wagen zum Schluß gewesen war; der Tacho hatte die erreichte Geschwindigkeit gar nicht mehr anzeigen können. Bestimmt viel mehr als 160 Ki- lometer, dachte Arctor. Und plötzlich begriff er, daß der Wagen auch nicht langsamer geworden war, als er re- flexartig auf die Bremse gestiegen war. Schweigend stiegen sie alle drei aus und öffneten die Motorhaube. Weißer Rauch stieg von dem mit einem dünnen Ölfilm bedeckten Motor auf, und aus dem Kühl- system sprühte fast kochend heißes Wasser. Luckman beugte sich über den heißen Motor und zeig- te auf etwas. »Die Feder ist nicht kaputt«, sagte er, »son- dern die Verbindung vom Pedal zum Vergaser. Seht ihr? Sie ist auseinandergefallen.« Der lange Verbindungsstab lag nutzlos da, obwohl die Kopplungsringe noch an der richtigen Stelle waren. »Darum ist das Gaspedal nicht wieder zurückgeschnellt, als du den Fuß weggenommen hast. Aber –« Er sah sich den Vergaser eine Zeit lang genauer an und runzelte dann die Stirn. »Da gibt es doch eine mechanische Sicherung am Vergaser«, sagte Barris und zeigte grinsend seine Zähne, die aussahen, als seien sie künstlich. »So ein System, das einspringt, wenn das Verbindungsgestänge auseinander- geht –« »Aber warum ist es denn überhaupt auseinanderge- gangen?« unterbrach ihn Arctor. »Sollte dieser Ring hier nicht die Schraubenmutter an Ort und Stelle halten?« Er strich an dem Gestänge entlang. »Wie konnte es denn einfach so abfallen?«, Als hätte er Arctors Einwand gar nicht gehört, fuhr Barris fort: »Wenn – aus welchem Grund auch immer – diese Verbindung hier nachgibt, dann müßte sich der Motor eigentlich von selbst auf Leerlauf umstellen. Als Sicherheitsfaktor. Aber statt dessen hat sich die Drehzahl immer mehr erhöht.« Er verdrehte sich wie eine Schlan- ge, um einen besseren Blick auf den Vergaser zu haben. »Diese Schraube hier hat sich vollständig herausge- dreht«, sagte er. »Ich meine, die Schraube, die im Notfall bewirkt, daß sich der Motor auf Leerlauf schaltet. Und als das Gestänge auseinanderfiel, hat der Abschalter des- halb das genaue Gegenteil bewirkt – die Umdrehungs- zahl ist nicht gesunken, sondern immer noch mehr ange- stiegen.« »Wie hat das passieren können?« sagte Luckman laut. »Besteht die Möglichkeit, daß sich eine solche Schraube von selbst ganz herausdreht, so weit wie in diesem Fall? Rein zufällig?« Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, holte Barris sein Taschenmesser hervor, klappte die kleine Klinge heraus und fing an, die Leerlauf-Regler-Schraube wieder festzu- schrauben. Er zählte laut mit. Zwanzig Umdrehungen, dann erst saß die Schraube wieder fest. »Um diese Vor- richtung, die aus dem Haltering und der Schraubenmutter besteht und das Verbindungsgestänge zum Gaspedal zu- sammenhält, loszumachen«, sagte er, »würde man Spezi- alwerkzeuge benötigen. Etliche sogar. Ich würde schät- zen, daß es so ungefähr eine halbe Stunde dauern wird, um das hier wieder hinzukriegen. Ich habe allerdings alle dazu nötigen Werkzeuge in meiner Werkzeugkiste.«, »Deine Werkzeugkiste steht bei uns zu Hause«, sagte Luckman. »Ja.« Barris nickte. »Dann werden wir uns eben eine Tankstelle suchen müssen, wo wir uns entweder Werk- zeuge leihen oder aber einen Abschleppwagen anfordern können. Ich würde vorschlagen, daß wir die Mechaniker aus der Werkstatt hierher holen, damit sie den Wagen gründlich überprüfen können, bevor wir wieder damit fahren.« »Hey, Mann«, sagte Luckman laut, »war das nun ei- gentlich ein Zufall, oder hat jemand absichtlich am Mo- tor rumgespielt? Genau wie bei Bobs Cephskop?« Barris dachte angestrengt nach, wobei er immer noch sein verschlagenes, klägliches Lächeln zeigte. »Dazu kann ich nichts Definitives sagen. Sabotage an einem Wagen, böswillige Manipulationen, um einen Unfall her- beizuführen … « Er starrte Arctor an, die Augen unsicht- bar hinter der grünen Sonnenbrille verborgen. »Wir wä- ren fast drauf gegangen. Wenn dieser Corvette auch nur ein kleines bißchen schneller gewesen wäre … Da hat ja kaum noch ‘ne Briefmarke dazwischengepaßt. Du hättest die Zündung sofort abstellen sollen, als du gemerkt hast, was los war.« »Ich hab’ die Automatik auf Leerlauf geschaltet«, sag- te Arctor. »Sofort, als ich bemerkt hab’, daß da was nicht in Ordnung war. Aber ich hab’ im ersten Augenblick gar nicht geschnallt, was eigentlich passiert war.« Er dachte: Wenn es die Bremsen gewesen wären, wenn das Brems- pedal unten geblieben wäre, dann hätt ich’s eher kapiert. Dann hätte ich gewußt, wie ich reagieren mußte. Aber, das … das war irgendwie abartig. »Das hat jemand absichtlich gemacht«, sagte Luckman laut. Er wirbelte wütend herum und ließ die Fäuste ziel- los durch die Luft sausen. »SO EINE ABGEWICHSTE SCHEISSE! Wir wären fast dran gewesen! Verdammte Scheiße, fast hätten sie uns erwischt!« Barris stand am Rand des Freeway, auf dem pausenlos der dichte Verkehr vorbeidröhnte, und nahm eine kleine Schnupftabakdose aus Schildpatt heraus, die bis obenhin mit T-Tabletten gefüllt war. Er schluckte etliche davon, hielt die Dose Luckman hin, der nur ein paar Tabletten nahm, und wollte sie dann an Arctor weiterreichen. »Vielleicht ist es gerade das, was uns langsam kirre macht«, sagte Arctor gereizt und weigerte sich, die Dose anzunehmen. »Was unsere Gehirne so versaut.« »Dope kann keine Verbindungsgestänge und keine mechanischen Sicherungen losschrauben«, sagte Barris, der die Schnupftabakdose immer noch Arctor hinhielt. »Am besten nimmst du wenigstens drei davon – sie sind Primo, aber mild. Mit ein bißchen Meth verschnitten.« »Tu endlich die verdammte Dose weg«, sagte Arctor. Er spürte, wie in seinem Kopf laute Stimmen sangen: eine schreckliche Musik, als wäre die Wirklichkeit um ihn plötzlich vergoren. Die dahinschießenden Wagen, die beiden Männer, sein eigener Wagen mit der offenstehen- den Motorhaube, der Smoggeruch, das grelle, heiße Mit- tagslicht – das alles war irgendwie ranzig, fast so, als sei seine ganze Welt durch und durch in Fäulnis und Verwe- sung übergegangen. Diese seltsame Veränderung wirkte nicht eigentlich bedrohlich, und sie flößte Arctor auch, keine Furcht ein, aber es machte ihn regelrecht krank, daß alles, was er sah, hörte und roch, nach Moder stank. Er schloß die Augen und erschauerte. »Was riechst du?« fragte Luckman. »Ein Hinweis, Mann? Irgend ein Geruch vom Motor, der –« »Hundescheiße«, sagte Arctor. Er konnte sie riechen, und der Gestank kam direkt aus dem Motorblock. Er beugte sich vor und schnüffelte. Ja, hier war der Geruch ganz deutlich; er wurde immer stärker. Abartig, dachte er. Ein echter Horror. »Riecht ihr die Hundescheiße?« fragte er Barris und Luckman. »Nein«, sagte Luckman und musterte Arctor scharf. Zu Barris sagte er: »Waren irgendwelche Psychedelics im Dope?« Barris lächelte und schüttelte den Kopf. Als Arctor sich über den heißen Motor beugte, den Geruch von Hundescheiße immer noch in der Nase, be- griff er auf einmal, daß dies eine Illusion war; es gab gar keinen Hundescheiße-Geruch. Aber trotzdem roch er sie immer noch. Und jetzt sah er überall auf dem Motor- block, besonders unten bei den Zündkerzen, schmierige, dunkelbraune Flecken – eine widerwärtige Substanz. Öl, dachte er. Ausgelaufenes Öl. Da muß eine Dichtung ka- putt sein. Aber er mußte mit der Hand hinfassen und die Substanz berühren, um sich dessen zu versichern, um das, was sein Verstand ihm sagte, zu bekräftigen. Seine Finger berührten die klebrigen braunen Flecken und zuckten dann instinktiv zurück. Er hatte mit den Fingern in Hundescheiße gepackt. Auf dem ganzen Motorblock und auf allen Kabeln war ein dicker Überzug von Hunde-, scheiße. Dann nahm er plötzlich wahr, daß die Hunde- scheiße auch auf dem Luftfilter war, und als er aufblick- te, entdeckte er sie auch an der Unterseite der Motorhau- be. Der Gestank überwältigte ihn. Er schloß die Augen und erschauerte. »Hey, Mann«, sagte Luckman scharf und packte den schwankenden Arctor an der Schulter, damit er nicht um- fiel. »Du hast einen Flashback, nicht wahr?« »Freikarten fürs Theater», stimmte Barris zu und ki- cherte. »Du setzt dich besser hin«, sagte Luckman. Er geleite- te Arctor zurück zum Fahrersitz und bugsierte ihn hinein. »Mann, du bist ja echt weggetreten. Bleib nur ganz ruhig da sitzen. Keine Panik. Wir leben doch alle noch, und jetzt sind wir ja gewarnt.« Er schloß die Wagentür hinter Arctor. »‘s is’ alles in Butter, klar?« Barris tauchte am Wagenfenster auf und sagte: »Möchtest du ein Stückchen Hundescheiße. Bob? Zum Draufrumkauen?« Arctor verspürte tief in seinem Innern eine ungeheure Kälte. Er öffnete die Augen und starrte Barris an, aber dessen grünverglaste Augen waren völlig ausdruckslos. Hat er das wirklich gesagt? dachte Arctor. Oder hat mein Kopf das nur erfunden? »Was, Jim?« sagte er. Barris begann zu lachen. Und lachte und lachte und lachte. »Laß ihn in Ruhe, Mann«, sagte Luckman und ver- setzte Barris einen Schlag auf den Rücken. »Los, verpiß dich, Barris.« »Was hat er gerade eben gesagt?« erkundigte Arctor, sich bei Luckman. »Verdammt noch mal, was genau hat er zu mir gesagt?« »Ich weiß nicht«, sagte Luckman. »Ich verstehe so- wieso nicht mal die Hälfte von dem, was Barris alles zu den Leuten sagt.« Barris lächelte immer noch, hielt aber jetzt den Mund. »Du gottverdammtes Arschloch«, sagte Arctor zu ihm. »Ich weiß, daß du’s gewesen bist. Du hast erst mein Cephskop und jetzt auch noch den Wagen kaputtge- macht, du Drecksau. Du hast’s getan, du dreckiger klei- ner Bastard.« Er konnte seine Stimme selbst kaum hören, aber als er dem lächelnden Barris diese Anklage entge- genbrüllte, wurde der schreckliche Gestank von Hunde- scheiße stärker. Er gab seine sinnlosen Sprechversuche auf, klammerte sich am jetzt nutzlosen Lenkrad seines Wagens fest und konzentrierte sich ganz darauf, nicht endgültig umzukippen. Gott sei Dank ist Luckman mitge- fahren, dachte er. Wenn er nicht da gewesen wäre, dann wäre ich jetzt endgültig weg vom Fenster. Game over, und das hätte ich diesem übergeschnapptem Schleim- scheißer zu verdanken, dieser Tunte, die mit mir unter einem Dach wohnt. »Keine Panik, Bob«, drang Luckmans Stimme durch die endlosen Wellen von Übelkeit zu ihm durch. »Ich weiß genau, daß er’s getan hat«, sagte Arctor. »Aber warum, zum Teufel noch mal?« schien Luck- man zu sagen (oder versuchte er nur, das zu sagen?). »Er hätte sich doch auf diese Art selbst mit plattgemacht. Warum, Mann? Warum?« Der Geruch, der von dem immer noch lächelnden Bar-, ris ausströmte, überwältigte Bob Arctor, und er erbrach sich auf das Armaturenbrett seines eigenen Wagens. Tau- send dünne Sümmchen zwitscherten los, strömten auf ihn ein, und endlich ließ der Gestank nach. Tausend dünne, fremdartige Stimmen, die nach ihm riefen; er verstand nicht, was sie ihm sagen wollten, aber wenigstens konnte er jetzt wieder etwas sehen, und der Gestank, dieser ent- setzliche Gestank, war nun ganz verschwunden. Arctor zitterte und griff nach dem Taschentuch in seiner Hosen- tasche. »Was war in diesen Tabletten, die du uns gegeben hast?« fragte Luckman herausfordernd den lächelnden Barris. »Zum Teufel, ich hab’ doch selber ein paar eingepfif- fen«, sagte Barris, »und du auch. Und wir hatten keine schlechten Trip. Also lag’s nicht am Dope. Und außer- dem ist es viel zu schnell losgegangen. Wie hätte es denn am Dope liegen können? Der Magen kann das doch in der kurzen Zeit gar nicht absorbieren, und –« »Du hast mich vergiftet«, sagte Arctor wild. Sein Blick war fast klar, und auch sein Geist klärte sich lang- sam wieder. Nur die Angst, die sich jetzt, da der Anfall von Wahnsinn vorüber war, als Reaktion auf die Erei- gnisse der letzten Minuten eingestellt hatte – diese Angst wollte nicht weichen. Arctor hatte Angst, wenn er an das dachte, was fast passiert wäre, Angst, schreckliche Angst vor dem lächelnden Barris und seiner Scheiß-Schnupf- tabakdose und vor dem Irrsinn, der aus seinen Erklärun- gen und seinen Äußerungen und seinem Verhalten und seinen Gewohnheiten und seinen privaten Ritualen und, aus seinem klammheimlichen Kommen und Gehen sprach. Und da waren noch der anonyme Telefonanruf, mit dem Robert Arctor bei der Polizei denunziert worden war, und die zusammengefutschelte elektronische Ab- schirmung, die immerhin gut genug funktioniert hatte, um die Stimme des Anrufers unkenntlich zu machen. Und auch dahinter konnte nur Barris stecken. Bob Arctor dachte: Der Scheißkerl will mich fertigma- chen. »Ich hab’ noch nie jemanden so schnell ausflippen se- hen wie gerade Bob«, sagte Barris, »aber andererseits –« »Bist du jetzt wieder okay, Bob?« sagte Luckman. »Wir werden die Kotze wegmachen, keine Sorge. Leg dich besser auf den Rücksitz.« Er und Barris öffneten gemeinsam die Wagentür; Arc- tor, der immer noch ganz betäubt war, stieg unsicher aus. Luckman wandte sich an Barris. »Du bleibst also dabei, daß du ihm nichts untergejubelt hast?« Barris wedelte protestierend mit den Händen in der Luft herum.,

VI

Item. Was ein Geheimer Rauschgift-Agent am meisten fürchtet, ist nicht etwa, daß er erschossen oder zusam- mengeschlagen wird, sondern daß man ihm einen Hit irgendeiner psychedelischen Droge unterjubelt, die be- wirkt, daß sich für den Rest seines Lebens ein endloser Horrorfilm in seinem Kopf abspult, oder man ihn mit einem Mex-Hit vollpumpt, der zur Hälfte aus Heroin und zur Hälfte aus Substanz T besteht und manchmal auch aus einer Mischung dieser beiden Drogen plus einem Gift wie etwa Strychnin, das ihn beinahe umbringen wird – aber eben nur beinahe, damit er auch ja nicht dem oben- genannten Schicksal entgeht: der lebenslänglichen Sucht, dem lebenslänglichen Horrorfilm. Er wird auf eine Stufe der Existenz absinken, auf der sich sein ganzes Denken nur noch um Nadel und Spritzbesteck dreht, oder er wird wieder gegen die Wände einer Gummizelle in einer psy- chiatrischen Klinik anrennen oder – was am schlimmsten ist – in einer Staatlichen Nervenklinik landen. Er wird Tag und Nacht versuchen, die Blattläuse von sich abzu- schütteln oder bis an sein Lebensende darüber nachgrü- beln, warum er es nicht länger fertigbringt, einen Fußbo- den zu bohnern. Und all dies wird man ihm mit voller Absicht antun, weil jemand herausgefunden hat, daß er für die Behörden arbeitet, und ihn dann hinterrücks er- wischt hat. Eigentlich auf die naheliegendste und übelste Art, die man sich nur vorstellen konnte: nämlich mit dem Zeug, das diese Leute verkauften und wegen dem der, Rauschgift-Agent schließlich hinter ihnen her war. Und das, dachte Bob Arctor, während er vorsichtig heimfuhr, bedeutet, daß sowohl die Dealer als auch die Rauschgift-Agenten wissen, was die Drogen, die auf den Straßen verkauft werden, dem Menschen antun. Wenig- stens ein Punkt, in dem beide Seiten sich einig waren. Von einer nahe gelegenen Union-Tankstelle war ein Automechaniker zu der Stelle herausgekommen, wo Arc- tors Wagen stand, hatte den Wagen durchgecheckt und ihn schließlich für dreißig Dollar wieder in Ordnung ge- bracht. Alles sonst schien okay zu sein; allerdings hatte der Automechaniker ziemlich lange die linke Vorderrad- aufhängung untersucht. »Stimmt da was nicht?« hatte Arctor sich erkundigt. »Möglich, daß Sie Ärger kriegen, wenn Sie scharf um die Ecke biegen«, hatte der Automechaniker gesagt. »Schwimmt der Wagen?« Der Wagen schwamm nicht; jedenfalls hatte Arctor das bisher nicht bemerkt. Aber der Automechaniker ließ sich nicht dazu herab, genauere Erläuterungen abzuge- ben; er betastete nur immer wieder die Achsschenkel und den ölgefüllten Stoßdämpfer. Arctor bezahlte die Rech- nung, und der Abschleppwagen fuhr weg. Dann stieg er wieder in seinen eigenen Wagen und steuerte ihn nord- wärts, zurück nach Orange County. Luckman und Barris saßen jetzt beide hinten. Während er so dahinfuhr, dachte Arctor über ver- schiedene andere ironische Parallelen zwischen Rausch- gift-Agenten und Dealern nach. Mehrere Rauschgift- Agenten, die er kennengelernt hatte, hatten sich bei ihrer, Arbeit als Dealer getarnt und schließlich wirklich Hasch und am Ende manchmal sogar Smack verkauft. Eine hübsche Tarnung, die aber zudem im Laufe der Zeit dem jeweiligen Agenten einen Profit brachte, der weit über seinem offiziellen Gehalt lag – selbst dann noch, wenn man die Summen dazurechnete, die der Agent jedesmal dann kassierte, wenn durch seine Hilfe eine große Liefe- rung Stoff abgefangen werden konnte. Außerdem erlagen die Agenten nach und nach immer stärker der Versu- chung, das Zeug, mit dem sie zur Tarnung handelten, selbst zu konsumieren. Auf diese Weise verstrickten sie sich immer tiefer in die Scene, und bald nahm ihre Exi- stenz als Dealer und Süchtige einen ebenso großen Raum in ihrem Leben ein wie ihre Tätigkeit als Rauschgift- Agenten – was am Schluß dazu führte, daß einige von ihnen ihre dienstlichen Pflichten zu vernachlässigen be- gannen und sich statt dessen lieber als Full-Time-Dealer etablierten. Andererseits wiederum gab es Dealer, die ihre eigenen Kollegen verpfiffen, weil sie auf diese Wei- se persönliche Feinde fertigmachen wollten oder hoffen durften, aufgrund ihrer Informantentätigkeit davor ge- schützt zu sein, in nächster Zeit selber hochgenommen zu werden. Diese Dealer entwickelten sich dann manchmal zu einer Art inoffizieller Geheimer Rauschgift-Agenten. Die Grenzen waren fließend; alles war dunkel und un- durchschaubar. Die Drogenscene war ohnehin für alle, die in ihr lebten, eine dunkle Welt. Für Bob Arctor zum Beispiel war sie seit diesem Nachmittag dunkler gewor- den als je zuvor: Während er und seine beiden Kumpels draußen am San Diego Freeway gerade noch einmal dem, Teufel von der Schippe gesprungen waren, hatten die Beamten vom Amt für Drogenmißbrauch ihr Haus – wie er hoffte – sorgfältig verwanzt, und wenn das der Fall war, würde er von jetzt an vor solchen Dingen, wie sie heute geschehen waren, sicher sein. Diese Verwanzung- aktion war ein Glücksfall, der letztendlich darüber ent- scheiden mochte, ob er, Arctor, vergiftet oder erschossen oder süchtig gemacht wurde oder ob es ihm statt dessen gelingen würde, seinen Feind festzunageln – seinen Feind, dessen Identität er nicht kannte, der ihn aber längst im Fadenkreuz hatte und ihn heute sogar beinahe schon erwischt hätte. Wenn erst einmal die Holo- Kameras an den vorgesehenen Stellen eingebaut sind, dachte Arctor, dann werden kaum noch weitere Sabota- geakte oder Angriffe auf mich möglich sein. Zumindest aber wird dadurch der Erfolg solcher Aktionen in Frage gestellt. Das war so ungefähr der einzige Gedanke, der ihm et- was Beruhigung verschaffte. Jemand, der gejagt wird, überlegte er, als er den Wagen vorsichtig durch den dich- ten Spätnachmittagsverkehr lenkte, flieht manchmal viel- leicht schon, wenn ihm noch niemand unmittelbar auf den Fersen ist – er hatte einmal so etwas gehört, und viel- leicht traf das ja wirklich zu. Was aber mit Sicherheit zutraf, war, daß jemand, der gejagt wurde, rasch eine Reihe von Vorsichtsmaßnahmen ergriff und floh, als sei der Teufel höchstpersönlich hinter ihm her, wenn ihm wirklich jemand auf den Fersen war – eine reale Person, die in solchen Dingen erfahren war und zudem aus dem Verborgenen heraus operierte. Und wenn dieser Jäger, sehr dicht hinter ihm war. So dicht, dachte Arctor, wie der Rücksitz dieses Wagens. Und wenn der Jäger seine seltsame kleine Kugelspritze vom Kaliber 22, hergestellt in Deutschland, mit seinem ebenso seltsamen und lächer- lichen Pseudo-Schalldämpfer darauf dabei hat und Luckman wie gewöhnlich eingeschlafen ist, dann kann er mir ein Hohlmantelgeschoß durch die Rückseite meines Schädels jagen, und ich werde so tot sein wie Bobby Kennedy, der an einer Kugel vom gleichen Kaliber ge- storben ist. So ein kleines Kaliber, und doch so tödlich … Und das kann nicht nur heute passieren, sondern an jedem beliebigen Tag. Und in jeder beliebigen Nacht. Aber ich habe wenigstens noch einen Trumpf im Är- mel. Denn wenn ich die Speichertrommeln im Haus ü- berprüfe, werde ich bald ziemlich genau wissen, was alle, die in diesem Haus leben, tun und wann sie es tun und möglicherweise sogar, warum sie es tun – mich selbst eingeschlossen. Ich werde die Person, die zugleich ich selbst bin, dabei beobachten können, dachte er, wie sie mitten in der Nacht aufsteht, um zu pinkeln. Ich werde, alle Zimmer täglich vierundzwanzig Stunden lang über- wachen … obwohl es dabei natürlich zwangsläufig im- mer eine zeitliche Verzögerung gibt. Es wird mir nicht viel nützen, wenn die Holo-Kameras aufnehmen, wie ich jeden Kontakt zur Realität verliere, weil mir jemand eine gehirnzerstörende Droge in den Kaffee getan hat, die die Hell’s Angels aus einem geheimen Militärdepot geklaut haben; ein anderer Beamter, der die Speichertrommeln durchgeht, wird zuschauen müssen, wie ich tobe oder mich in Agonie auf dem Boden winde, und er wird nicht, einmal wissen, wo und was ich in Zukunft sein werde. Er wird nur wissen, daß mich jetzt jemand erwischt hat – eine reichlich verspätete Erkenntnis, die eben nicht ein- mal mehr mir selbst vergönnt sein wird, sondern nur die- sem anderen Beamten. Luckman sagte: »Ich frage mich, was daheim im Haus vor sich gegangen sein mag, während wir den ganzen Tag über weg waren. Weißt du, Bob, dieser Vorfall be- weist doch, daß jemand hinter dir her ist und dich fertig- machen will, so richtig auf die üble Tour. Ich hoffe nur, daß das Haus noch da ist, wenn wir zurückkommen. « »Oh, verdammt«, sagte Arctor. »Daran habe ich ja noch gar nicht gedacht. Und wir haben nicht mal ein Cephskop auftreiben können.« Er achtete sorgfältig dar- auf, daß seine Stimme dumpf und resigniert klang. Überraschend fröhlich sagte Barris: »Ich an eurer Stel- le würde mir da nicht zu viele Sorgen machen.« Wütend sagte Luckman: »Ach nein? Herr im Himmel, die können bei uns eingebrochen sein und alles gestohlen haben, was wir besitzen. Jedenfalls alles, was Bob ge- hört. Und vielleicht haben sie sogar die Tiere umgebracht oder totgetrampelt. Oder –« »Ich habe für alle, die in unserer Abwesenheit das Haus betreten haben, eine kleine Überraschung zurück- gelassen«, sagte Barris. »Ich bin erst heute morgen damit fertig geworden … hab’ pausenlos gearbeitet, bis ich den richtigen Dreh raushatte. Eine hübsche kleine elektroni- sche Überraschung.« Arctor verbarg mühsam seine Betroffenheit und sagte scharf: »Was für eine elektronische Überraschung? Das, ist immer noch mein Haus, Jim, und du kannst nicht ein- fach anfangen, irgendwelche Manipulationen –« Reg dich doch nicht künstlich auf«, sagte Barris. »Wie unsere deutschen Freunde zu sagen pflegen: leise* Was übrigens bedeutet: immer schön cool bleiben.« »Was zum Teufel hast du denn gemacht,« »Wenn während unserer Abwesenheit die Vordertür geöffnet wird«, sagte Barris, »schaltet sich automatisch mein Cassettenrecorder ein. Er steht unter der Couch, und ich habe ihn mit einer Cassette von zwei Stunden Spieldauer bestückt. Sodann habe ich an drei verschiede- nen Stellen drei Sony-Mikrophone plaziert und sie –« »Du hättest mir das sagen sollen«, sagte Arctor. »Was ist, wenn sie durch die Fenster kommen?« sagte Luckman. »Oder durch die Hintertür?« »Um die Wahrscheinlichkeit dafür zu erhöhen, daß sie durch die Vordertür ins Haus eindringen und nicht auf anderen, weniger gebräuchlichen Wegen« fuhr Barris fort, »habe ich in weiser Voraussicht einfach die Vorder- tür unverschlossen gelassen.« Nach einem Moment der Verblüffung begann Luck- man zu kichern. »Mal angenommen, Sie wissen nicht, daß die Tür un- verschlossen ist?« sagte Arctor. »Ich habe einen Zettel drangemacht«, sagte Barris. »Hör mal, du willst mich wohl verarschen?« »Ja«, sagte Barris prompt. * Anm. d. Übersetz.: Deutsch im Original, »Verarschst du uns nun oder nicht?« sagte Luckman. »Bei dir weiß ich das nie so recht. Verarscht er uns, Bob?« »Wir werden’s ja feststellen, wenn wir heimkom- men«? sagte Arctor. »Wenn ein Zettel an der Tür hängt und sie nicht abgeschlossen ist, dann wissen wir, daß er uns nicht verarscht.«, »Sie würden den Zettel vielleicht abmachen und die Tür abschließen, nachdem sie alles Brauchbare geklaut und den Rest der Einrichtung zertrümmert haben«, sagte Luckman. »Das ist also kein zuverlässiges Kriterium. Wir werden’s nie genau wissen können. Jedenfalls nicht mit letzter Sicherheit. Wieder einmal diese Grauzone.« »Natürlich scherze ich nur!« sagte Barris mit Nach- druck. »Nur ein Psychopath würde so etwas tun – die Vordertür seines Hauses unverschlossen zu lassen und einen Zettel an der Tür zu hinterlassen.« Arctor wandte sich zu ihm um. »Was hast du auf den Zettel geschrieben, Jim?« »An wen ist der Zettel gerichtet?« stimmte Luckman ein. »Ich wußte nicht mal, daß du überhaupt schreiben kannst.« Herablassend sagte Barris: »Ich habe draufgeschrie- ben: ›Donna, komm ruhig rein; die Tür ist offen. Wir –‹« Barris hielt inne »Die Nachricht ist für Donna«, schloß er, jetzt weniger selbstbewußt. »Er hat’s tatsächlich gemacht«, sagte Luckman. »Er hat’s echt gemacht. Alles, was er uns erzählt hat.« »Auf diese Weise«, sagte Barris glatt, »werden wir he- rausfinden, wer hinter der ganzen Sache steckt, Bob. Und, das ist von vorrangiger Wichtigkeit.« »Außer, sie klauen«, sagte Arctor. Er dachte fieberhaft darüber nach, ob diese neue Entwicklung wirklich ein ernsthaftes Problem darstelle. Warum mußte dieser Kindskopf Barris auch jede mögliche und unmögliche Gelegenheit dazu benutzen, um sein verdrehtes elektroni- sches Genie unter Beweis zu stellen? Ach, zum Teufel, beruhigte er sich schließlich selbst, sie werden die Mi- kros schon innerhalb der ersten zehn Minuten finden und dann die Kabel zum Recorder zurückverfolgen. Sie wer- den genau wissen, was in einer solchen Situation zu tun ist. Sie werden das Band löschen, es zurückspulen, die ganze Konstruktion so lassen, wie sie war, die Tür nicht abschließen und auch den Zettel daran hängen lassen. Vielleicht wird die offene Tür ihnen ihren Job sogar er- leichtern. Scheiß-Barris, dachte er. Immer voller grandio- ser, genialer Pläne, die das Universum aus den Angeln heben sollen! Möglicherweise hat er sogar vergessen, den Recorder überhaupt in die Steckdose einzustöpseln. Mo- ment mal … wenn er feststellt, daß der Recorder nicht eingestöpselt ist … Schlagartig begriff Arctor, daß Barris gerade das als Beweis dafür werten würde, daß in ihrer Abwesenheit tatsächlich jemand ins Haus eingedrungen war. Und von diesem Augenblick an würde er keine Ruhe mehr geben und ihnen allen tagelang damit in den Ohren liegen, daß jemand hereingekommen sein müsse, der seine Vorrich- tung entdeckt und schlauerweise den Stecker herausge- zogen habe. Und darum, dachte Arctor, kann ich eigent- lich nur hoffen, daß sie den Recorder einstöpseln, wenn, sie feststellen, daß er gar nicht eingestöpselt war, und außerdem noch sicherstellen, daß das Gerät betriebsbereit ist. Noch besser wäre es natürlich, wenn sie Barris’ Ü- berwachungsanlage mit der gleichen Sorgfalt durchtesten würden wie die, die sie selber einbauen; sie sollten abso- lut sicher sein, daß Barris’ System perfekt funktioniert, bevor sie das Band dann bis Null zurückspulen und dabei alle etwaigen Aufzeichnungen löschen, damit nur eine Tafel zurückbleibt, auf der nichts steht – eine Tafel, auf der aber mit absoluter Sicherheit etwas stehen würde, wenn jemand (zum Beispiel eben das Verwanzungsteam) das Haus betreten hätte. In jedem anderen Fall würde Barris unweigerlich zu dem Schluß kommen, daß etwas nicht in Ordnung war. Und nichts und niemand würde ihn wieder davon abbringen können. Während des restlichen Heimwegs setzte Arctor die theoretische Analyse seiner derzeitigen Situation fort, indem er ein zweites Beispiel heranzog, das in Fachkrei- sen eine gewisse Berühmtheit erlangt hatte. Während seines Polizeitrainings auf der Akademie war dieses Bei- spiel oft von seinen Instruktoren herangezogen worden; sie hatten es Arctor regelrecht in seinen eigenen Ge- dächtnisspeicher eingehämmert. Oder hatte er doch viel- leicht nur mal etwas darüber in der Zeitung gelesen? Item. Eine der effektivsten Formen industrieller oder militärischer Sabotage besteht darin, die Sabotageakte auf Beschädigungen zu beschränken, bei denen nie mit letzter Sicherheit – oder sogar überhaupt nicht – bewie- sen werden konnte, daß sie absichtlich herbeigeführt worden waren. Das ist wie mit einer unsichtbaren politi-, schen Bewegung: Vielleicht gibt es sie ja gar nicht. Wenn eine Bombe mit der Zündung eines Wagens ge- koppelt wird, dann existiert offensichtlich ein Feind; wenn ein öffentliches Gebäude oder das Hauptquartier einer politischen Partei in die Luft gejagt wird, dann exi- stiert offensichtlich ein politischer Feind. Aber wenn sich ein Unfall oder eine Serie von Unfällen ereignen, wenn – besonders über einen längeren Zeitraum hinweg verteilt – diverse Gerätschaften einfach nur versagen, wenn es zu lauter kleinen Pannen und Fehlzündungen kommt, die ja schließlich auch am natürlichen Verschleiß liegen können – dann wird das Opfer, sei es nun eine Einzelperson, eine politische Partei oder ein ganzes Land, nicht in der Lage sein, geeignete Verteidigungsmaßnahmen zu ergreifen. Und es kann sogar so weit kommen, dachte Arctor, während er sehr langsam den Freeway entlangfuhr, daß das jeweilige Opfer – nehmen wir einmal an, es ist ein Mann – sich selbst für paranoid zu halten beginnt und glaubt, er habe gar keinen Feind; er zweifelt an sich selbst. Sein Wagen geht kaputt; gut, da kann vorkom- men, er hat halt eine Pechsträhne. Und seine Freunde bestärken ihn darin. Er bildet sich das alles nur ein. Und diese Vorgehensweise löscht eine Person gründlicher aus als alle direkten, offenen Aktionen; allerdings nimmt sie auch mehr Zeit in Anspruch. Die Person oder die Perso- nen, die ihn fertigmachen wollen, müssen eifrig tüfteln und immer neue Tricks ausknobeln und über einen lan- gen Zeitraum jeden sich bietenden Zufall ausnützen. Falls das Opfer aber in der Zwischenzeit herausfinden kann, wer seine Feinde sind, hat er eine gute Chance, sie, zu erwischen – und die hätte er nicht, wenn sie ihn, sagen wir mal, mit einem Zielfernrohrgewehr erschießen wür- den. Das ist sein Vorteil. Arctor wußte, daß jedes Land auf der Welt eine große Zahl von Agenten ausschickte, die dazu ausgebildet wa- ren, hier einen Bolzen anzusägen, da ein Gewinde zu lo- ckern, Leitungskabel zu unterbrechen und kleine Brände zu entfachen, Dokumente verschwinden zu lassen – eben lauter kleine Pannen auszulösen. Ein Kaugummi in ei- nem Xerox-Fotokopierer, der in einem Regierungsbüro steht, kann ein unersetzliches – und für die nationale Si- cherheit lebenswichtiges – Dokument zerstören: statt daß eine Kopie herauskommt, wird das Original vernichtet. Zu viel Seife und Toilettenpapier (das wußten schon die Hippies in den sechziger Jahren) kann das Abwässersy- stem eines Behördenhochhauses ruinieren und alle Ange- stellten dazu zwingen, ihre Büros für eine Woche zu räumen. Eine Mottenkugel im Benzintank eines Wagens zerstört den Motor erst nach zwei Wochen, wenn der Wagen längst in einer anderen Stadt ist, und hinterläßt keine Spuren im Benzin, die analysiert werden könnten. Jede beliebige Radio- oder Fernsehstation ist dazu ge- zwungen, ihre Sendungen einzustellen, wenn bei Stra- ßenbauarbeiten eine Ramme ein Mikrowellen- oder E- nergieversorgungskabel kappt. Und so weiter. Und schon die Angehörigen der adeligen Herrscher- schichten früherer Jahrhunderte wußten ein Lied von den seltsamen kleinen Mißgeschicken zu singen, die ihren Dienstmädchen, Gärtnern und sonstigen Bediensteten bisweilen unterliefen: eine zerbrochene Vase hier, ein, hingefallenes, unbezahlbares Erbstück da, das aus einer eigensinnigen Hand rutscht… »Warum hast du das getan, Rastus Brown?« »Oh, ick hap nuar fagessn su –« Und davor gab es keinen Schutz, oder jedenfalls fast keinen. Niemand konnte etwas dagegen unternehmen, weder ein reicher Grundbesitzer, ein politisch engagierter, dem Regime mißliebiger Schriftsteller, noch ein kleines, gerade unab- hängig gewordenes Land, das es wagte, mit geballter Faust der USA oder der UdSSR zu drohen … Einmal hatte die Gattin eines amerikanischen Bot- schafters in Guatemala, der für seine rüden Methoden berüchtigt war, mit stolzgeschwellter Brust öffentlich herumerzählt, daß ihr Mann die linksgerichtete Regie- rung Guatemalas sozusagen im Alleingang gestürzt habe. Nach dem abrupten Regierungswechsel war der Bot- schafter in eine kleine asiatische Nation beordert worden, um sich dort neuen Taten zuzuwenden. Während eines Ausflugs mit seinem Sportwagen bemerkte er plötzlich einen langsam fahrenden Heuwagen, der direkt vor ihm aus einer Seitenstraße kam. Einen Augenblick später war außer ein paar blutigen Fleischfetzen von dem Botschaf- ter nichts mehr übrig. Weder seine rüden Methoden noch die CIA-Privatarmee, die seinem Kommando unterstand, hatten ihm etwas genützt. Seine Gattin schrieb darüber keine stolzen Gedichte. »Häh, was ich getan?« mochte der Fahrer des Heuwa- gens zu den örtlichen Behörden gesagt haben. »Was ich getan, Massah? Nee, ich nix –« Oder zum Beispiel seine Ex-Ehefrau, erinnerte sich, Arctor. Damals hatte er Ermittlungen für eine Versiche- rungsfirma durchgeführt (»Trinken Ihre Nachbarn ge- genüber eigentlich viel«), und seine Frau war gar nicht damit einverstanden gewesen, daß er spät nachts noch seine Berichte schrieb, statt bei ihrem bloßen Anblick vor Begierde zu erzittern. Gegen Ende ihrer Ehe hatte sie aber gelernt, wie sie seine spätnächtlichen Arbeitsperio- den sabotieren konnte – sie verbrannte sich immer beim Zigarettenanzünden die Hand, bekam irgend etwas ins Auge, putzte in seinem Büro Staub oder suchte in oder direkt neben seiner Schreibmaschine irgendwelche ob- skuren Gegenstände. Zuerst hatte er grollend seine Arbeit unterbrochen und sich in das Schicksal ergeben, bei ih- rem bloßen Anblick vor Begierde zu erzittern aber dann hatte er sich ja in der Küche den Kopf gestoßen, als er den Popcornautomaten hervorkramte, und eine bessere Lösung gefunden. »Wenn sie unsere Tiere umbringen«, sagte Luckman gerade, »werde ich sie ausräuchern. Ich werde sie alle kriegen. Ich werde eine professionelle Schlägertruppe anheuern, zum Beispiel ein paar Panthers aus L. A.« »Das tun sie schon nicht«, sagte Barris. »Was hätten sie davon, wenn sie die Tiere quälen würden? Die armen Viecher haben noch niemandem was getan.« »Ich etwa?« sagte Arctor. »Offenbar glauben sie das«, sagte Barris. Luckman sagte: »Wenn ich gewußt hätte, daß es harm- los war, hätte ich es selber umgebracht. Erinnert ihr euch noch daran?« »Aber sie war ein Spießer«, sagte Barris. »Die Kleine, ist nie in die Scene eingestiegen, und sie hatte mächtig Moos. Wißt ihr noch, wie ihr Apartment eingerichtet war? Die Reichen wissen überhaupt nicht, was für ein kostbares Gut das Leben ist. Und darum hinkt dein Ver- gleich, Ernie. – Erinnerst du dich noch an Thelma Korn- ford, Bob? Das stämmige Mädchen mit den riesigen Brü- sten – sie trug nie einen BH, und wir saßen einfach nur rum und guckten uns ihre Brustwarzen an. Sie kam rüber in unsere Bude, um uns zu fragen, ob wir nicht für sie dieses Rieseninsekt totmachen konnten. Und als wir ihr dann erklärten –« Bob Arctor, der verkrampft hinter dem Steuer des langsam dahinrollenden Wagens hockte, vergaß seine theoretischen Überlegungen und spulte in seinem Kopf noch einmal jene Szene ab, die bei ihnen allen einen sol- chen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte: Thelma, diese gezierte und elegante Spießertochter mit den irren Titten, wie immer in Rollkragenpullover und Glocken- rock, war zu ihnen gekommen und hatte allen Ernstes von ihnen verlangt, ein großes, harmloses Insekt, das zu- dem noch nützlich war, weil es Moskitos fraß, totzu- schlagen – und das in einem Jahr, in dem man im Orange County mit dem Ausbruch einer Meningitisepidemie rechnete, deren Erreger von den Moskitos übertragen wurde. Als sie festgestellt hatten, um was für ein Insekt es sich handelte, und ihr erklärt hatten, daß es harmlos und außerdem nützlich war, da hatte Thelma jenen Satz ausgesprochen , der nun für Bob Arctor und seine Freun- de zu einem geflügelten Wort geworden war – zu einem geflügelten Wort, das wie ein in flammenden Lettern ge-, schriebenes Motto über allem stand, was sie fürchteten und verabscheuten: WENN ICH GEWUSST HÄTTE, DASS ES HARMLOS WAR, HÄTTE ICH ES SELBER UMGEBRACHT! Diese Bemerkung brachte in ihren Augen all das auf ei- nen Nenner, worauf sich der Argwohn gründete, den sie gegenüber ihren Feinden unter den Spießern empfanden, mal angenommen, sie hatten Spießerfeinde; Thelma Kornford jedenfalls, dieses wohlerzogene Geschöpf, das weidlich alle Segnungen des Reichtums genoß, war so- fort zum Feind geworden, als sie diese Worte ausgespro- chen hatte. Und darum waren die drei zu Thelmas Ver- blüffung auf der Stelle aus dem Apartment gelaufen und in ihre eigene, abfallübersäte Bude zurückgekehrt. In die- sem einen Augenblick war der Abgrund offenkundig ge- worden, der zwischen der Welt Bob Arctors und seiner Kumpel und der Welt Thelmas klaffte – und der Spalt war geblieben, auch wenn die drei nach wie vor darüber nachsannen, wie sie es anstellen sollten, Thelma mal zu bumsen. Thelmas Herz, überlegte Bob Arctor, war wie eine leere Küche: Fußbodenkacheln und Wasserrohre und eine Spüle mit blankgescheuerter Oberfläche. Und dazu ein auf der Kante des Ausgusses stehengelassenes Glas, um das sich niemand kümmerte. Einmal, bevor er endgültig nur noch als Geheimer Rauschgift-Agent arbeitete, hatte er die Schadensmel- dung eines wohlbetuchten Spießerehepaares aufgenom- men, dem sämtliche Möbel geklaut worden waren, als, sich niemand daheim aufhielt. Die Täter waren offenbar Junkies gewesen; damals kam es noch vor, daß Spießer in Gegenden wohnten, wo umherziehende Banden alles stahlen, was sie nur eben stehlen konnten; meist blieb nicht viel in den Häusern zurück. Diese professionell or- ganisierten Banden hatten sogar Aufpasser mit Walkie- talkies, die sich mehrere Kilometer vom Tatort entfernt an der Straße postierten und nach Anzeichen dafür Aus- schau hielten, ob die Bewohner des jeweiligen Hauses oder Apartments zurückkamen. Bob Arctor erinnerte sich noch daran, wie der Spießer und seine Ehefrau zu ihm sagten: »Leute, die einem das Haus ausrauben und den Farbfernseher stehlen, sind doch vom gleichen Schlag wie diese Verbrecher, die Tiere abschlachten oder un- schätzbare Kunstwerke besudeln.« Nein, hatte Bob Arc- tor erklärt und das Formular für die Schadensmeldung sinken lassen, wieso glauben Sie das? Seiner Erfahrung nach jedenfalls taten Süchtige nur selten Tieren etwas zuleide. Er hatte selbst miterlebt, wie Junkies über lange Zeiträume hinweg verletzte Tiere fütterten und pflegten, die die Spießer bestimmt schon längst hätten »einschlä- fern« lassen. Wenn es überhaupt so etwas wie einen typi- schen Spießerausdruck gab, dann war das bestimmt »ein- schläfern« – übrigens zugleich der alte Syndikatsaus- druck für Mord. Eines Tages hatte Bob Arctor zwei völ- lig ausgeflippten Dopern bei der deprimierenden Aufga- be geholfen, eine Katze zu bergen, die in einem zerbro- chenen Fenster hängengeblieben war. Die Fixer, die kaum noch in der Lage waren, ihre Umwelt einigerma- ßen klar zu erkennen oder gar zu begreifen, hatten sich, mit unendlicher Geduld über eine Stunde lang abgemüht, die Katze, die aus mehreren kleinen Wunden blutete, wieder freizubekommen. Auch die Freaks hatten sich an den scharfen Glassplittern die Hände aufgeschnitten, und mit diesen blutigen Händen hatten sie die Katze während der ganzen Prozedur sanft festgehalten, damit sie sich nicht noch mehr verletzte, und das arme Tier immer wie- der beruhigend gestreichelt. Einer der Typen war mit Arctor im Haus gewesen, der andere hatte draußen ge- standen, wo das Hinterteil und der Schwanz der Katze waren. Schließlich hatten sie es mit vereinten Kräften geschafft, die glücklicherweise nicht ernsthaft verletzte Katze zu befreien. Und dann hatten die Freaks sie gefüt- tert. Sie wußten nicht, wem die Katze gehörte; offenbar war sie hungrig gewesen und hatte durch das zerbrochene Fenster des Hauses, in dem die Freaks lebten, Nahrung gerochen. Wahrscheinlich hatte sie laut miaut, aber als niemand darauf reagiert hatte, mußte sie wohl versucht haben, hineinzuspringen. Die Freaks hatten die Katze erst bemerkt, als sie jämmerlich zu kreischen begann, aber dann hatten sie ihre Trips und Träume für eine Weile vergessen, um dem Tier zu helfen. Und was die »unschätzbaren Kunstwerke« anging – nun, auch in diesem Punkt konnte er dem Spießerehepaar nicht beipflichten. Wahrscheinlich, weil er von einer ganz anderen Definition ausging. Während des Vietnam- krieges waren in My Lai auf Befehl des CIA 450 un- schätzbare Kunstwerke unwiederbringlich zerstört wor- den – 450 unschätzbare Kunstwerke plus Ochsen und Hühner und andere, auf keiner Liste verzeichnete Tiere., Wenn er darüber nachdachte, hakte in seinem Kopf im- mer etwas aus, und man konnte schlecht mit ihm über Gemälde und Museen und andere solche Dinge diskutie- ren. »Was meint ihr«, sagte Bob Arctor laut, während er konzentriert fuhr. »Wenn wir sterben und am Tage des Jüngsten Gerichts vor Gott treten, werden unsere Sünden dann in chronologischer Folge oder nach ihrer Schwere geordnet, also von den leichten Sünden aufsteigend über die mittleren bis hin zu den schweren oder umgekehrt? Oder vielleicht alphabetisch? Irgendwie gefällt mir der Gedanke nicht, daß ich im Alter von 86 Jahren sterbe und Gott mich dann anknurrt: ›Also du bist der kleine Junge, der die drei Flaschen Coke von dem Coca-Cola-Liefer- wagen gestohlen hat, der 1962 auf dem Parkplatz vor dem 7-11-Laden stand? Tja, da wirst du dir jetzt aber schnell was zu deiner Verteidigung einfallen lassen müs- sen …‹.« »Ich denke mir, daß sie lexikalisch nach Sachgebieten geordnet sind«, sagte Luckman. »Und die da oben geben dir einfach einen Computerausdruck, auf dem schon die Endsumme steht, die der Computer durch das Zusam- menzählen aller Einzelposten deines langen Sündenregi- sters ermittelt hat.« »Sünde«, sagte Barris kichernd, »ist ein total veralter- ter jüdisch-christlicher Mythos.« Arctor sagte: »Vielleicht haben sie alle deine Sünden in einem großen Einmachglas« – er wandte sich um, da- mit er Barris, diesen alten Antisemiten, direkt anblicken konnte –, »einem koscheren Einmachglas, und sie heben, den Deckel ab und kippen dir den ganzen Inhalt auf ein- mal ins Gesicht. Und du stehst einfach da, während die Sünden an dir heruntertropfen. Deine eigenen Sünden, und dazu vielleicht ein paar Sünden von jemand anders, die versehentlich dazwischengerutscht sind.« »Die Sünden von jemand anders mit dem gleichen Namen«, sagte Luckman. »Ein anderer Robert Arctor. Was meinst du, Barris? Wie viele Robert Arctors gibt’s wohl?« Er stieß Barris heimlich an. Könnten uns die Computer vom Cal Tech uns das verraten? Und im glei- chen Arbeitsgang auch noch alle Jim Barris’ raussu- chen?« Im stillen dachte Bob Arctor: Wie viele Bob Arctors gibt es wohl? Ein abartiger und total verwirrender Ge- danke. Zwei fallen mir schon mal ein, dachte er. Der eine wird Fred genannt, und er beobachtet den zweiten, der Bob genannt wird. Beides dieselbe Person. Wirklich? Ist Fred tatsächlich dieselbe Person wie Bob? Weiß das ü- berhaupt jemand? Ich müßte es wissen, eher als jeder andere, weil ich die einzige Person auf der ganzen Welt bin, die weiß, daß Fred Bob Arctor ist. Aber, dachte er, wer bin ich? Welcher der beiden ist ich? Als sie in der Einfahrt stehenblieben, den Wagen ab- schlossen und bedächtig auf die Vordertür zugingen, stellten sie fest, daß Barris’ Zettel noch da und die Tür unverschlossen war, aber als sie vorsichtig die Tür öffne- ten, schien alles noch so zu sein, wie es gewesen war, als sie das Haus verlassen hatten. Sofort regte sich der Argwohn in Barris. »Ah«, mur-, melte er, als er über die Schwelle trat. Rasch langte er hinauf zum obersten Brett des Bücherregals neben der Tür und holte seine 22er-Pistole herunter, die er mit fe- stem Griff umklammerte, während die beiden anderen Männer im Raum umhergingen. Wie üblich stürmten die Tiere auf sie zu und veranstalteten zu ihren Füßen einen Höllenspektakel, weil sie Hunger hatten und gefüttert werden wollten. »Tja, Barris«, sagte Luckman, »jetzt sehe ich mit ei- genen Augen, daß du recht gehabt hast. Es kann gar kein Zweifel mehr daran bestehen, daß jemand hier war, weil man ja auf den ersten Blick erkennen kann – du erkennst das doch auf den ersten Blick, nicht wahr, Bob? –, mit welch peinlicher Sorgfalt sie alle Spuren verwischt ha- ben, die sie andernfalls zurückgelassen hätten, was ja ihre Anwesenheit verraten hätte, und –« Dann furzte er ver- ächtlich und schlenderte in die Küche, um im Kühl- schrank nach einer Dose Bier zu schauen. »Barris«, sagte er, »dir hamse ins Gehirn geschissen.« Barris ignorierte Luckman einfach und schlich weiter in höchster Alarmbereitschaft auf der Suche nach verrä- terischen Spuren umher, die Pistole um Anschlag. Arctor, der ihm dabei zuschaute, dachte: Vielleicht findet er ja wirklich welche. Kann sein, daß sie welche zurückgelas- sen haben. Seltsam, dachte er, wie paranoide Wahnvor- stellungen und die Wirklichkeit sich manchmal für kurze Zeit decken können. Unter ganz besonderen Bedingun- gen, so wie heute. Als nächstes wird Barris behaupten, ich hätte alle absichtlich aus dem Haus gelockt, um heim- lich Eindringlingen eine Möglichkeit zu verschaffen, hier, was anzustellen. Und später wird er sich Gedanken dar- über machen, warum ich das wohl getan haben mag und wer die Eindringlinge gewesen sein könnten. Und viel- leicht hat er das sogar schon längst getan. Und wenn dem so ist, dann könnte das der Grund dafür sein, daß er das Cephskop zerstört, den Wagen sabotiert und Gott weiß was für Dinge in die Wege geleitet hat. Vielleicht brennt ja das Haus ab, sobald ich in der Garage das Licht an- knipse? Aber die wichtigste Frage im Augenblick ist, ob das Verwanzungsteam da war und alle Überwachungsan- lagen eingebaut und richtig angeschlossen hat. Das aber würde er erst sicher wissen, wenn er mit Hank gespro- chen hatte und nachprüfbare Informationen darüber in der Hand hielt, wo die Kameras und Mikros installiert waren und wo er die Speichertrommeln und die Überwa- chungsmonitoren vorfinden würde. Und bei dieser Unter- redung würde er auch erfahren, was der Boß der Ver- wanzungscrew und all die anderen Experten, die an die- ser Aktion beteiligt waren, sonst noch an Informationen gesammelt hatten, mit denen sich Fred dann im Rahmen dieser konzertierten Aktion gegen Bob Arctor, den Ver- dächtigen, würde herumschlagen müssen. »Schaut euch das mal an!« sagte Barris. Er beugte sich über einen Aschenbecher auf dem Kaffeetisch. »Los, kommt her!« rief er mit schneidender Stimme, und beide Männer kamen seiner Aufforderung nach. Als er sich vorbeugte, spürte Arctor Hitze aus dem Aschenbecher aufsteigen. »Ein Zigarettenstummel, der noch warm ist«, sagte Luckman ungläubig. »Mich laust der Affe!«, Herr im Himmel, dachte Arctor. Sie haben wirklich Mist gebaut. Einer der Crew hat geraucht und dann die Zigarette ausgedrückt, ohne sich dabei etwas zu denken. Also konnte das Verwanzungsteam gerade erst wieder verschwunden sein. Wie immer quoll der Aschenbecher über; möglicherweise hatte der Mann von der Crew an- genommen, daß eine Kippe mehr gar nicht auffallen würde, und ein paar Augenblicke später wäre sie ja schon erkaltet gewesen. »Moment mal«, sagte Luckman, der jetzt den Inhalt des Aschenbechers genauer unter die Lupe nahm. Zwi- schen den anderen Zigarettenstummeln fischte er die Kippe eines Joints heraus. »Von wegen Zigarette! Sie haben sich einen Joint angesteckt, während sie hier wa- ren. Aber was haben sie gemacht? Was, zum Teufel, ha- ben sie gemacht?« Mit finsterer Miene schaute er umher. Er war todsauer. »Bob, verdammt noch mal – Barris hat recht gehabt. Es war wirklich jemand hier! Dieser Joint ist noch warm, und du kannst den Shit sogar noch rie- chen, wenn du dran schnüffelst.« Er hielt ihn Arctor di- rekt unter die Nase. »Yeah, da innen drin glimmt noch ein Krümel Shit. Muß ein Anfänger gewesen sein. Hat das Zeug nicht richtig verteilt, bevor er ihn gedreht hat. « »Dieser Joint«, sagte Barris, der nicht weniger grim- mig dreinschaute als Luckman, »ist möglicherweise nicht zufällig hier zurückgelassen worden. Ich glaube nicht, daß es sich um eine Panne handelt, sondern würde eher mutmaßen, daß ein teuflischer Plan dahintersteckt.« »Und welcher?« sagte Arctor und fragte sich, was das für eine Verwanzungscrew sein mochte, die jemanden in, ihren Reihen hatte, der während des Dienstes vor den Augen seiner Kollegen einen Joint rauchte. »Vielleicht waren sie nur aus dem Grunde hier, um das ganze Haus mit Stoff zu spicken«, sagte Barris. »Und später rufen sie einfach die Bullen an und geben ihnen den freundschaftlichen Tip, doch mal eine kleine Haus- durchsuchung bei uns zu veranstalten. Und dann ist Hän- gen im Schacht … Die können das Zeug praktisch über- all versteckt haben, zum Beispiel im Telefon oder in den Steckdosen. Wir müssen das ganze Haus auf den Kopf stellen und es absolut sauber kriegen, bevor die sich ans Telefon klemmen. Und wir haben vielleicht nur Stunden.« »Du überprüfst die Wandsteckdosen«, sagte Luckman. »Ich werde das Telefon auseinandernehmen.« Barris hob die Hand. »Moment«, sagte er. »Wenn sie sehen, wie wir direkt vor der Razzia das ganze Haus durchwühlen –« »Was für eine Razzia?« sagte Arctor. »Wenn wir wie die Irren herumlaufen und die Hände voller Dope haben«, sagte Barris, »dann können wir doch nicht glaubhaft machen – obwohl es die reine Wahrheit ist –, daß wir nicht wußten, daß der Stoff im Haus war. Sie werden uns schnappen, wenn wir sozusagen gerade den Joint in der Hand halten. Und vielleicht ist auch das ein Teil ihres Plans.« »So eine Scheiße«, sagte Luckman angeekelt. Er warf sich auf die Couch. »Scheiße, Scheiße, Scheiße. Wir können überhaupt nichts tun. Vielleicht haben sie den Stoff an tausend Stellen versteckt, die wir nie finden werden. Wir sind erledigt.« Er starrte Arctor in hilfloser, Wut an. »Wir sind erledigt!« Arctor sagte zu Barris: »Was ist eigentlich mit deinem elektronischen Cassetten-Spielzeug, das du mit der Vorder- tür gekoppelt hast?« Er hatte gar nicht mehr daran gedacht. Barris offenbar auch nicht. Und Luckman auch nicht. »Ja, das müßte uns bei diesem Stand der Dinge einige außerordentlich nützliche Informationen liefern«, sagte Barris. Er kniete neben der Couch nieder, griff darunter, grunzte und zog dann einen kleinen Cassettenrecorder mit Plastikgehäuse hervor. »Das hier dürfte uns eine gan- ze Menge verraten«, begann er. Dann verfiel sein Ge- sicht. »Tja, vielleicht mag es sich doch nicht als so wich- tig erweisen.« Er zog den Stecker für die Energiezufüh- rung aus der an der Rückseite des Geräts angebrachten Buchse und stellte den Recorder auf den Kaffeetisch. »Den wichtigsten Tatbestand kennen wir ja schon – näm- lich daß während unserer Abwesenheit jemand hereinge- kommen ist. Und das festzustellen war die Hauptaufgabe dieses Geräts.« Betretenes Schweigen. »Ich wette, ich kann erraten, was passiert ist«, sagte Arctor. Barris sagte: »Das erste, was sie überhaupt gemacht haben, als sie hereingekommen sind, war, den Recorder auf Aus zu stellen. Als wir gingen, stand das Gerät natür- lich auf Ein, aber wie ihr selber sehen könnt – jetzt ist es auf Aus umgestellt. Und trotz meiner –« »Es hat nichts aufgezeichnet?« sagte Luckman ent- täuscht. »Sie haben blitzschnell reagiert«, sagte Barris. »Bevor, auch nur ein Zentimeter Band durch den Aufnahmekopf gelaufen ist. Ein nettes kleines Apparätchen, nebenbei bemerkt – ein Sony, mit gesonderten Tonköpfen für Playback, Löschen und Aufnahme und einem eingebau- ten Dolby-Rauschfiltersystem. Ich hab’s ganz billig be- kommen, auf einem Tauschtag. Und ich hab’ noch nie Ärger damit gehabt.« Arctor sagte: »Dann können wir also nur noch die Hände in den Schoß legen und Trübsal blasen.« »Genau«, stimmte Barris zu. Er setzte sich in einen Sessel, lehnte sich bequem zurück und nahm seine Son- nenbrille ab. »Wir sind an einem Punkt angelangt, wo es einfach keine kurz- oder mittelfristigen Strategien mehr gibt, um diesem heimtückischen Angriff zu begegnen. Wahrscheinlich bist du dir im klaren darüber, Bob, daß es nur noch eines gibt, was du tun könntest, obwohl das natürlich Zeit kostet.« »Das Haus verkaufen und ausziehen«, sagte Arctor. »Aber, zum Teufel, noch mal«, protestierte Luckman. »Das hier ist unser Heim!« »Was sind Häuser wie dieses in dieser Wohngegend derzeit wert?« fragte Barris und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. »Auf dem Immobilienmarkt? Ich frage mich auch, wie groß wohl im Moment die Nachfrage sein mag. Vielleicht könntest du einen ansehnlichen Gewinn herausschlagen, Bob. Andererseits mußt du vielleicht bei einem schnellen Verkauf immer damit rechnen, daß du ein Verlustgeschäft machst. Aber, mein Gott, Bob, die Leute, die dir an den Kragen wollen, sind Professionals!« »Kennt ihr eine guten Makler?« fragte Luckman die, beiden. Arctor sagte: »Womit sollte ich den plötzlichen Ver- kauf begründen? Sie fragen immer danach.« »Yeah, wir können dem Makler schließlich nicht die Wahrheit sagen«, pflichtete Luckman ihm bei. »Wir könnten sagen …« Er grübelte, während er mürrisch ein Bier trank. »Mir fällt kein Grund ein. Barris, weißt du keine Geschichte, die wir ihm auftischen können?« Arctor sagte: »Wir werden einfach geradeheraus sa- gen, daß überall im Haus Rauschgift versteckt ist. Und weil wir nicht wußten wo, hätten wir beschlossen, auszu- ziehen, damit nicht wir, sondern der neue Besitzer von der Polizei hopsgenommen wird.« »Nein«, widersprach Barris, »ich glaube nicht, daß wir uns erlauben dürfen, so direkt zu sein. Ich würde eher vorschlagen, daß du sagst, Bob … genau, du sagst, daß deine Firma dich in eine andere Stadt versetzt hat.« »Wohin?« sagte Luckman. »Nach Cleveland«, sagte Barris. »Ich finde, wir sollten ihnen die Wahrheit sagen«, sag- te Arctor. »Wir könnten sogar eine Anzeige in die L.A. Tïmes setzen: ›Modernes Wohnhaus mit fünf Zimmern, Küche und zwei Toiletten zur problemlosen Beseitigung von Shit jeder Art; Dope (garantierte Spitzenqualität) in allen Räumen ist im Verkaufspreis eingeschlossen^« »Aber dann würden wir dauernd Anfragen kriegen, um was für Dope es sich eigentlich handelt« sagte Luckman. »Und das wissen wir nicht; es kann jeder x- beliebige Stoff sein.«, »Und sie würden wissen wollen, wieviel überhaupt davon da ist«, murmelte Barris. Mögliche Kaufinteres- senten könnten sich nach der Menge erkundigen.« »Es könnten zum Beispiel fünfzig Gramm Marijuana sein«, sagte Luckman, »oder einfach ganz banaler Shit wie der in dem Joint, den wir gefunden haben. Oder ki- loweise Heroin.« »Was ich vorschlagen würde«, sagte Barris, »ist, daß wir das Amt für Drogenmißbrauch anrufen, die zuständi- gen Beamten von der Situation in Kenntnis setzen und sie bitten, herzukommen und das Dope zu entfernen – das Haus zu durchsuchen, den Stoff zu finden und ihn wegzu- schaffen. Wenn wir die ganze Angelegenheit einmal reali- stisch betrachten, dann müssen wir doch wohl einsehen, daß uns nicht genügend Zeit bleibt, das Haus zu verkau- fen. Ich habe vor längerer Zeit einmal die juristischen Implikationen untersucht, die sich aus einer Lage wie dieser ergeben, und dabei festgestellt, daß die meisten Gesetzeskommentare darin übereinstimmen, daß –« »Du bist verrückt«, sagte Luckman und starrte ihn an, als sei er eine von Jerrys Blattläusen. »Wir sollen das Amt für Drogenmißbrauch anrufen? Aber dann wimmelt es hier doch in null Komma nichts von Bullen, und –« »Eben darauf hoffe ich doch«, fuhr Barris glatt fort. »Wir könnten uns alle freiwillig einem Lügendetektor- Test unterziehen, um zu beweisen, daß wir nicht wissen, wo der Stoff ist, um welche Art von Stoff es sich handelt und wer ihn hier versteckt hat. Der Stoff ist ohne unser Wissen und ohne unsere Zustimmung ins Haus gebracht worden. Wenn du den Beamten das erzählst, Bob, wird, das etwaige Anschuldigungen gegen dich entkräften. »Nach einer Pause räumte er ein: »Möglicherweise je- denfalls. Und natürlich müssen alle Fakten erst von ei- nem ordentlichen Gericht gewürdigt werden.« »Aber andererseits«, sagte Luckman, »haben wir doch unsere eigenen Vorräte. Und von denen wissen wir, wo sie sind … und so weiter. Bedeutet das, daß wir unsere gesamten Vorräte durchs Klo spülen müssen? Und mal angenommen, wir lassen einen Stash aus? Herr im Him- mel, ist das alles schrecklich!« »Also gibt es keinen Ausweg«, sagte Arctor. »Wir scheinen wirklich erledigt zu sein.« Aus einem der Schlafzimmer erschien Donna Haw- thorne. Sie trug eine merkwürdige, knielange Hose. Of- fenbar hatte sie geschlafen, denn ihr Haar war zerwühlt und ihr Gesicht aufgedunsen. »Ich bin einfach reingekommen«, sagte sie, »wie’s auf dem Zettel stand. Und ich hab’ eine Weile rumgesessen und mich dann aufs Ohr gelegt. Aus dem Zettel war nicht zu ersehen, wann ihr zurückkommen würdet. Warum habt ihr so rumgeschrien? Mann, ihr, wart vielleicht laut! Ihr habt mich wach gemacht.« »Sag mal, hast du gerade eben einen Joint geraucht?« fragte Arctor sie. »Bevor du dich aufs Ohr gelegt hast?« »Klar«, sagte Donna. »Ohne Joint kann ich nie ein- schlafen.« »Es ist Donnas Kippe«, sagte Luckman. »Gib sie ihr wieder.« Mein Gott, dachte Arctor. Ich war voll auf dem glei- chen Trip wie Barris und Luckman. Wir sind alle drei, gleich stark auf diesen Wahnsinn abgefahren. Er schüttel- te sich, erschauerte und blinzelte. Obwohl ich genau ge- wußt habe, was hinter der ganzen Sache steckte, bin ich zusammen mit ihnen in dieses ausgeflippte, paranoide Niemandsland hineingeschliddert und habe alles ganz genau so betrachtet wie sie auch – nämlich total ver- morscht, dachte er. Wieder dieser trübe Schmant; der gleiche Schmant, der sie bedeckt, bedeckt mich auch; der Schmant dieser traurigen, öden Traumwelt, in der wir ziellos treiben. »Du hast uns gerettet«, sagte er zu Donna. »Was hab’ ich?« sagte sie, verwirrt und schläfrig. Nicht das, was ich bin, dachte er, oder das, was ich über die Vorgänge wußte, die heute hier ablaufen sollten, sondern diese Puppe – sie hat meinen Kopf wieder zu- rechtgerückt, hat uns alle drei aus diesem Niemandsland herausgeholt. Eine kleine, schwarzhaarige Puppe mit ir- ren Klamotten, über die ich regelmäßig Bericht erstatte, der ich mit allen nur denkbaren Tricks meine wahre Iden- tität verheimliche und die ich hoffentlich bald mal ficken werde … noch so eine Welt, in der Tricks und Ficks alles sind, was wirklich zählt, dachte er. Und dieses scharfe Mädchen ist der Mittelpunkt davon: ein Vorposten der Vernunft, durch dessen Existenz wir abrupt wieder ein- geklinkt sind. Was wäre sonst wohl noch mit unseren Köpfen passiert? Wir waren ja schon total weggetreten, wir alle drei. Und das nicht zum erstenmal, dachte er. Nicht einmal heute. »Dir solltet eure Bude nicht so offenlassen«, sagte, Donna. »Man könnte euch das ganze Haus leerräumen, und ihr wärt selber schuld daran. Sogar die gigantischen kapitalistischen Versicherungsgesellschaften sagen, daß sie nichts zahlen, wenn man eine Tür oder ein Fenster offenläßt. Das ist eigentlich der Hauptgrund, warum ich reingekommen bin, als ich den Zettel gesehen habe. Ich dachte mir, es wäre schon jemand hier, wenn das Haus nicht abgeschlossen ist.« »Wie lange bist du schon hier?« fragte Arctor sie. Vielleicht hatte ihre Anwesenheit die Verwanzung ver- hindert; vielleicht nicht. Wahrscheinlich nicht. Donna warf einen Blick auf ihre elektrische Timex- Armbanduhr, die Arctor für zwanzig Dollars gekauft und ihr geschenkt hatte. »Ungefähr seit 38 Minuten. Hey.« Ihr Gesicht hellte sich auf. »Bob, ich hab’ das Buch über Wölfe mitgebracht – hast du Lust, dir’s jetzt mal anzu- schauen? ‘ne echte Schaffe, das Buch, wenn du auf so was stehst.« »Das ganze Leben«, sagte Barris wie im Selbstge- spräch, »ist nur eine einzige große Schaffe und sonst gar nichts; es gibt nur diesen einen Trip, und der schafft dich wirklich. Eine Schaffe, die am Ende jeden und alles ins Grab bringt.« »Sag mal, hab’ ich wirklich gehört, daß du das Haus verkaufen willst?« fragte Donna Arctor. »Oder hab’ ich … hab’ ich das alles bloß geträumt? Ich könnte es nicht mit Bestimmtheit sagen; was ich gehört hab’, klang alles so weggetreten und verrückt.« »Wir sind alle am Träumen«, sagte Arctor. Wenn ein Süchtiger der einzige in seiner Umgebung ist, der nicht, weiß, daß er süchtig ist, dann wird vielleicht gerade der, der nicht weiß, ob ein Mann meint, was er sagt, dieser Mann selbst sein, überlegte er. Er fragte sich, wie viel von dem Geschwafel, das Donna mitbekommen hatte, er ernst gemeint hatte. Und er fragte sich, wieviel von dem heute zutage getretenen Wahnsinn – seinem heute zutage getretenen Wahnsinn – echt und wieviel sozusagen indu- ziert gewesen war – eine Art Kontakt-Irresein, das sich aus der Situation heraus ergeben hatte. Donna war stets für ihn ein Dreh- und Angelpunkt der Wirklichkeit; für sie war die Frage, die sie ihm gestellt hatte, grundsätzlich und naheliegend. Und er sehnte sich von ganzem Herzen danach, ihr eine Antwort darauf geben zu können. Aber er konnte es nicht.,

VII

Am nächsten Tag erschien Fred in seinem Jedermann- Anzug, um sich über die Verwanzungsinstallation zu in- formieren. »Die Aufnahmen der sechs Holo-Kameras, die nun in- nerhalb des Anwesens arbeiten – wir meinen, daß sechs vorerst genügen dürfen –, werden in ein Kontroll- Zentrum abgestrahlt, das sich in einem Apartment im gleichen Häuserkomplex befindet wie Arctors Haus, nur ein kleines Stück die Straße hinunter«, erläuterte Hank und breitete einen Grundriß von Bob Arctors Haus auf einem Metalltisch aus, der zwischen ihnen stand? Als Fred den Grundriß sah, begann er zu frösteln, aber nicht sehr stark. Er nahm den Plan an sich und studierte die Stellen, an denen die Kameras in den verschiedenen Räumen installiert worden waren, gleichmäßig da und dort verteilt, so daß jeder Winkel permanent optisch und akustisch überwacht werden konnte. »Also sehe ich die Bänder in dem Apartment durch, von dem Sie sprachen«, sagte Fred. »Wir benutzten dieses Apartment als Kontroll-Zen- trum für ungefähr acht – oder, besser gesagt, jetzt neun – Häuser oder Apartments, die wir in diesem speziellen Komplex unter Überwachung halten. Sie werden also öfters anderen Agenten begegnen, die an den Monitoren ihre eigenen Bänder abspielen. Tragen Sie also immer Ihren Anzug.« »Es wird sich nicht vermeiden lassen, daß man mich, sieht, wenn ich in das Apartment gehe. Es liegt zu nahe bei Arctors Haus.« »Kann schon sein, aber der Komplex ist riesig – Hun- derte von Wohneinheiten. Und außerdem war das das einzige Apartment, das die richtigen Voraussetzungen für die notwendigen elektronischen Installationen bot. Wir werden uns damit behelfen müssen, wenigstens so lange, bis wir mit Hilfe eines Räumungsbefehls ein anderes A- partment in einem weiter entfernten Komplex bekommen können. Wir haben uns schon dahintergeklemmt … zwei Blocks weiter weg, wo Sie weniger Verdacht erregen werden. Ich schätze, in einer Woche oder so ist die Sache über die Bühne. Wenn sich bloß holografische Bilder mit hinreichend guter Auflösung durch Mikro-Relais-Kabel oder durch die Kabelfernsehleitungen älteren Typs schik- ken ließen, dann –« »Ich werde einfach einen Vorwand erfinden, falls Arc- tor oder Luckman oder ein anderer dieser Freaks mich dabei beobachten, wie ich das Haus betrete. Zum Bei- spiel könnte ich ihnen erzählen, daß da so eine Nutte wohnt, die ich manchmal durchbumse.« In Wirklichkeit komplizierte die Lage des Apartments die Dinge gar nicht so sehr; tatsächlich ersparte sie ihm ja sogar lange Anfahrzeiten, für die er nicht bezahlt wurde – ein wichti- ger Faktor. Er konnte leicht mal eben zwischendurch ins Kontroll- Zentrum rüberschlendern, sich die Bänder durchsehen, entscheiden, was für seine Berichte wichtig war und was abgelegt werden konnte, und dann rasch zurückgehen – Zu meinem eigenen Haus, dachte er. Arctors Haus. In, dem Haus oben an der Straße bin ich Bob Arctor, der verdächtige Rauschgiftsüchtige, der ohne sein Wissen ununterbrochen überwacht wird; und dann, alle paar Ta- ge, finde ich einen Vorwand, um mich die Straße hinun- ter und ins Kontroll-Zentrum zu schleichen, wo ich Fred bin, der Kilometer um Kilometer Bänder abspielen läßt, um zu sehen, was ich getan habe. Diese ganze Angele- genheit, dachte er, ist irgendwie bedrückend. Aber zu- gleich werde ich dadurch wertvolle persönliche Informa- tionen erhalten – und ich werde mich besser schützen können. Vielleicht werde ich dank der Holo-Kameras schon innerhalb der ersten Woche erfahren, wer mich eigentlich jagt. Bei diesem Gedanken ließ seine Anspannung sofort nach. »Fein«, sagte er zu Hank. »Aus dem Plan können Sie genau ersehen, wo die Ho- los installiert sind. Falls sie gewartet werden müssen, können Sie das möglicherweise selbst machen, während Sie sich in Arctors Haus aufhalten und gerade niemand in der Nähe ist. Sie haben doch normalerweise Zutritt zu seinem Haus, oder nicht? So eine Scheiße! dachte Fred. Wenn ich das tue, dann ist ganz klar, daß ich auch mit auf den Bildern bin. Leite ich die Holos dann an Hank weiter, so weiß er mit abso- luter Sicherheit, daß ich eine der Personen sein muß, die darauf zu sehen sind, und das schränkt die Zahl der Mög- lichkeiten deutlich ein. Bisher hatte er es geschickt verstanden, Hank darüber, im unklaren zu lassen, wie er das in Erfahrung brachte, was es über die Verdächtigen auf seiner Liste in Erfah- rung zu bringen gab; nur er selbst, Fred, war der Schirm, auf dem die Informationen erschienen. Aber von jetzt an gab es dafür noch andere Apparate: Holo-Kameras und Mikrophone, die im Gegensatz zu seinen mündlichen Berichten nicht automatisch all die Hinweise ausfilterten, die zur Aufdeckung seiner Identität führen mochten. Ganz deutlich würde da Robert Arctor zu erkennen sein, der an den Holos herumbastelte, wenn sie nicht richtig funktionierten; sein Gesicht würde den Bildschirm voll- ständig ausfüllen. Aber andererseits würde ja er der erste sein, der die Speicherbänder abspielte; er konnte immer noch selektiv Informationen ausfiltern – zum Beispiel, indem er Teile der holografischen Aufzeichnungen ein- fach löschte. Nur würde das Zeit und Sorgfalt beanspru- chen. Aber was sollte er eigentlich löschen? Arctor vielleicht – und das vollständig? Aber Arctor war doch gerade der Verdächtige. Und war es nicht eine glänzende Bestäti- gung dieses Verdachtes, wenn Arctor an den Holos her- umbastelte? »Ich werde mich selbst elektronisch von den Bildern löschen«, sagte er. »Damit Sie mich nicht sehen. Eine reine Routinemaßnahme zu meinem eigenen Schutz. « »Natürlich. Haben Sie vorher noch nie mit solchen Überwachungssystemen gearbeitet?« Hank griff nach ein paar Bildern und zeigte sie ihm. »Zum elektronischen Edieren holografischer Aufzeichnungen benützen Sie einen solchen Totalauslöscher – damit können Sie jeden, Abschnitt der Bänder löschen, auf dem Sie in Ihrer Iden- tität erscheinen. Das betrifft in erster Linie die Holos; für die Tonaufzeichnungen gibt es keine feststehenden Richtlinien. Sie werden allerdings wohl kaum besondere Schwierigkeiten haben. Wir nehmen es als gesicherte Tatsache an, daß Sie eine der Personen aus Arctors Freundeskreis sind, die sein Haus regelmäßig besuchen – Sie sind entweder Jim Barris oder Ernie Luckman oder Charles Freck oder Donna Hawthorne –« »Donna?« Er lachte. Oder besser gesagt: Eigentlich lachte der Anzug. Auf seine eigene, ganz spezielle Art. »Oder Bob Arctor«, fuhr Hank fort, während er nach- denklich die Liste der Verdächtigen studierte. »Ich berichte die ganze Zeit über mich selbst?«, sagte Fred. »Also werden Sie sich selbst von Zeit zu Zeit doch auf den Holo-Bändern auftreten lassen müssen, die Sie an uns weitergeben, denn wenn Sie sich systematisch her- ausedieren, können wir durch einen Eliminationsprozeß daraus schließen, wer Sie sind, ob wir das nun wollen oder nicht. Das Problem für Sie besteht also letztlich dar- in, sich selbst gezielt herauszuedieren, sozusagen auf – wie soll ich das nennen? – erfinderische, künstlerische … jetzt hab’ ich’s, Teufel noch mal: auf kreative Weise … also zum Beispiel während der kurzen Zeitabschnitte, wenn Sie allein im Haus sind und recherchieren, also etwas, wenn Sie Papiere durchblättern und Schubladen durchsuchen. Oder, wenn Sie eine Holo-Kamera im Auf- nahmebereich einer anderen Kamera warten, oder –« »Sie sollten einfach einmal im Monat jemanden in ei-, ner Uniform zu Arctors Haus schicken«, sagte Fred. »Der könnte dann ja sagen: ›Guten Morgen! Ich bin hier, um die Überwachungssysteme zu warten, die wir heimlich in Ihrem Haus, Ihrem Telefon und Ihrem Wagen installiert haben.‹ Vielleicht würde Arctor sich ja bereit erklären, die Reparatur zu bezahlen.« »Arctor würde ihn wahrscheinlich kaltmachen und dann verschwinden.« Der Jedermann-Anzug Fred sagte: »Falls Arctor wirk- lich so viel auf dem Kerbholz hat. Das ist bisher noch nicht erwiesen. « »Arctor könnte eine ganze Menge auf dem Kerbholz haben. Wir haben erst kürzlich neue Informationen über ihn erhalten und sofort analysiert. Meiner Ansicht nach gibt es nicht mehr die geringsten Zweifel: der ist so echt wie ein Dreidollar-Schein. Ausgekocht bis dorthinaus. Ein wirklich übler Typ. Bleiben Sie also an ihm dran, bis er reif ist, bis wir so viele und so gute Beweise haben, daß er sich nicht mehr rauswinden kann, wenn wir ihn uns greifen.« »Wollen Sie sein Haus mit Dope spicken lassen?« »Darüber sprechen wir vielleicht später noch mal.« »Sie glauben, daß er eine große Nummer in der … na, Sie wissen schon … in der ST-Agentur ist?« »Was wir glauben, hat für unsere Arbeit nicht die ge- ringste Bedeutung«, sagte Hank. »Wir werten aus und ziehen unsere Schlüsse; Sie berichten nur und teilen uns Ihre eigenen, notwendigerweise unzulänglichen Schluß- folgerungen mit. Damit will ich Ihre Arbeit nicht abwer- ten, aber Sie können mir glauben, daß wir eine gewaltige, Menge von Informationen haben, die Ihnen nicht nur zur Verfügung stehen. Wir sehen das ganze Bild, und das haben nicht fehlbare Menschen, sondern Computer zu- sammengesetzt.« »Arctor ist verloren«, sagte Fred. »Jedenfalls, wenn er wirklich in eine große Sache verwickelt ist. Und nach dem, was Sie mir da so erzählen, kriege ich langsam eine dumpfe Vorahnung, daß da was dran sein könnte.« »Wenn wir weiter so gut vorwärts kommen wie bisher, sollten wir ihn bald vor Gericht stellen können«, sagte Hank. »Und dann können wir ihn endgültig abhaken. Und darüber würden wir uns ja alle freuen. « Fred lernte mit stoischer Ruhe die Adresse und die Nummer des Apartments auswendig und erinnerte sich plötzlich daran, daß er manchmal ein junges Freak- Pärchen, das kürzlich mit einemmal verschwunden war, beim Betreten und Verlassen des Gebäudes beobachtet hatte. Wahrscheinlich hatte man sie hochgehen lassen und ihr Apartment übernommen, um dort das Kontroll- Zentrum einzurichten. Er hatte sie wirklich gemocht. Das Mädchen hatte langes, flachsblondes Haar und trug nie einen BH. Einmal war er zufällig mit dem Wagen vor- beigekommen, als sie sich mit ein paar Einkaufstüten abschleppte, und hatte ihr angeboten, sie mitzunehmen; daraufhin hatten sie sich ein bißchen miteinander unter- halten. Sie schien auf dem Makrobiotik-Trip zu sein, so richtig mit Megavitaminen und Seetang und Sonnenlicht. Ein hübsches, scheues Mädchen. Und sie war merkwür- dig mißtrauisch gewesen. Jetzt also kannte er den Grund dafür: Offenbar hatten sie und ihr Freund eine Menge, Stoff daheim gehabt. Oder, was noch wahrscheinlicher war, sogar gedealt. Aber wenn das Apartment dringend gebraucht wurde, hätte auch eine Anklage wegen Dro- genbesitzes gereicht, und die konnte man immer kriegen. Wofür, fragte er sich, würde wohl Bob Arctors ver- drecktes, aber geräumiges Haus von den Behörden ge- nutzt werden, wenn man Arctor erst mal weggekarrt hat- te? Nun, höchstwahrscheinlich würde man daraus ein noch größeres Kontroll-Zentrum machen, wo sich noch mehr einlaufende Informationen sichten und verarbeiten ließen … »Arctors Haus würde Ihnen gefallen«, sagte er laut. »Es ist total heruntergekommen, eine richtige schmutzige Doper-Bude halt, aber es ist groß. Ein schöner Hof. Eine Menge Büsche und Stauden.« »Das hat die Installationsmannschaft in ihrem Bericht auch erwähnt. Das Haus böte wirklich einige ausgezeich- nete Verwendungsmöglichkeiten. « »Sie … was? Sie haben berichtet, es ›böte einige aus- gezeichnete Verwendungsmöglichkeiten‹ ja?« Er hatte das Gefühl, gleich wahnsinnig zu werden, als er hörte, wie die schnarrende Stimme des Jedermann-Anzugs selbst diesen Worten jeden Klang und alle Emotionen raubte. Seine Wut steigerte sich immer mehr. »Zum Bei- spiel?« »Nun, eine Verwendungsmöglichkeit liegt doch auf der Hand: Vom Wohnzimmer aus blickt man direkt auf eine vielbefahrene Kreuzung, so daß sich vorbeifahrende Wagen und deren Nummernschilder bequem fotografie- ren ließen …« Hank las wieder einmal in einem der un-, zähligen Berichte, die er vor sich liegen hatte. »Aber der Leiter der Crew, Burt – komisch, aber ich kann mich nie an sein Gesicht erinnern – Burt also vertritt hier die Auf- fassung, daß das Haus so übel heruntergekommen sei, daß es sich nicht lohnen würde, es zu übernehmen. Zu hohe Kosten.« »In welcher Hinsicht? In welcher Weise herunterge- kommen?« »Das Dach.« »Das Dach ist perfekt.« »Sowohl der Innen- als auch der Außenanstrich. Der Zustand der Böden. Die Küchenschränke –« »Quatsch mit Soße«, sagte Fred, oder jedenfalls summte der Anzug das. »Okay, Arctor hat vielleicht nichts dagegen unternommen, daß sich das Geschirr und der Müll nur so stapeln, und Staub gewischt hat er auch nicht, aber schließlich leben da je auch drei Macker ohne Puppen! Seine Frau hat ihn verlassen; normalerweise kümmern sich doch die Frauen um den ganzen Kram. Wenn Donna Hawthorne eingezogen wäre – und Arctor hat sie darum gebeten, ja, er hat sie deswegen richtig an- gebettelt –, dann hätte sie das Haus bestimmt in Ordnung gehalten. Auf jeden Fall könnte ein professioneller Rei- nigungs-Service das ganze Haus in einem halben Tag wieder in Topzustand bringen, jedenfalls soweit’s ums Saubermachen geht. Was das Dach betrifft, da ärgere ich mich wirklich drüber, weil –« »Dann empfehlen Sie also offiziell, daß wir das Haus erwerben, nachdem Arctor festgenommen worden ist und sein Besitzanspruch erloschen ist?«, Fred, der Anzug, starrte ihn an. »Nun?« sagte Hank unbeteiligt. Sein Kugelschreiber schwebte schon über dem entsprechenden Formular. »Ich hab’ dazu überhaupt keine Meinung. Mir ist das alles ganz egal.« Fred erhob sich von seinem Stuhl, um zu gehen. »Sie werden noch nicht gehen«, sagte Hank und be- deutete ihm, wieder Platz zu nehmen. Er fischte ein Blatt zwischen den Unterlagen auf seinem Schreibtisch hervor. »Ich habe hier ein Memorandum –« »Sie haben immer Memoranden«, sagte Fred. »Für je- dermann.« »In diesem Memorandum«, sagte Hank, »werde ich angewiesen, Sie hinüber nach Zimmer 203 zu schicken, bevor Sie heute das Haus verlassen.« »Wenn es wegen der Anti-Drogen-Ansprache sein sollte, die ich im Lions-Qub gehalten habe … dafür hat man mich schon zusammengeschissen.« »Nein, darum geht es diesmal nicht.« Hank warf ihm den zerknüllten Zettel zu. »Diesmal ist es was anderes. Ich bin für heute mit Ihnen fertig – warum setzen Sie sich also nicht in Bewegung, traben schnurstracks da hinüber und bringen es hinter sich?« * Zimmer 203 erwies sich als vollständig weißer Raum mit stählernen Beleuchtungskörpern, stählernen Sesseln und einem stählernen Schreibtisch, die alle festgeschraubt waren – ein Raum wie in einem Krankenhaus, blitzblank, und steril und kalt; grelles Licht stach Fred in die Augen. Eine Personenwaage an der rechten Seite des Raumes, an der ein Schild mit der Aufschrift NACHJUSTIERUNG NUR DURCH ANGEHÖRIGE DES TECHNISCHEN PERSONALS prangte, verstärkte den Krankenhausein- druck noch. Als er eintrat, blickten ihm zwei Polizeibe- amte in voller Uniform entgegen; besondere Ärmelstrei- fen wiesen sie allerdings als medizinische Assistenten im polizeiärztlichen Stab des Sheriff-Büros von Orange County aus. »Sie sind der Beamte Fred?« fragte einer der beiden. Er trug einen Kaiser-Wilhelm-Schnurrbart. »Ja, Sir«, sagte Fred. Er fühlte sich verschreckt. »All right, Fred, lassen Sie mich zunächst noch einmal eine grundsätzliche Tatsache klarstellen. Wie Sie zwei- fellos wissen, werden sämtliche Sitzungen, in denen Sie Ihre Aufträge erhalten oder Bericht erstatten, aufgezeich- net und später noch einmal auf einer Mitschauanlage ab- gespielt, und zwar für den Fall, daß bei den Sitzungen selbst etwas übersehen worden ist. Das ist natürlich eine reine Routineangelegenheit und gilt für alle Beamten, die hier zur mündlichen Berichterstattung erscheinen, nicht nur für Sie.« Der andere medizinische Assistent sagte: »Diese Re- gelung betrifft auch alle Ihre sonstigen Kontakte mit Ih- rer Abteilung, also etwa Telefongespräche, und alle übri- gen dienstlichen Aktivitäten, wie beispielsweise die öf- fentliche Ansprache, die Sie kürzlich in Anaheim vor den Jungs vom Rotary-Club gehalten haben.« »Lions-Club«, sagte Fred., »Nehmen Sie Substanz T?« sagte der medizinische Assistent zur Linken. »Diese Frage«, sagte der andere, »ist trivial, weil wir es als gegeben annehmen, daß Sie im Vollzug Ihrer Ar- beit dazu gezwungen sind. Antworten Sie also nicht. Nicht, daß es Sie belasten könnte, aber es ist einfach tri- vial.« Er wies auf einen Tisch, auf dem ein Stapel Blöcke und anderer Krimskrams lagen, darunter grellbunte Ge- genstände aus Plastik und andere Objekte, die der Beam- te Fred nicht identifizieren konnte. »Kommen Sie hier herüber und setzen Sie sich, Beamter Fred. Wir werden Sie, kurz gesagt, einigen einfachen Tests unterziehen. Das wird nicht viel von Ihrer Zeit in Anspruch nehmen, und es sind auch keine physischen Unannehmlichkeiten damit verbunden.« »Was diese Rede angeht, die ich gehalten habe –«, sagte Fred. »Wir führen diese Untersuchungen durch«, sagte der medizinische Assistent zur Linken, während er sich setz- te und einen Stift und ein paar Formulare hervorkramte, »weil ein vor kurzem vorgelegter Regierungsbericht ge- zeigt hat, daß in unserem Zuständigkeitsbereich in den letzten Monaten mehrere Geheime Rauschgift-Agenten in Kliniken für neurale Aphasie eingewiesen werden mußten.« »Sie sind sich der Tatsache bewußt, daß Substanz T in hohem Maße suchtbildend ist?« sagte der andere Assi- stent zu Fred. »Sicher«, sagte Fred. »Natürlich bin ich mir dessen bewußt.«, »Wir werden Ihnen jetzt diese Tests vorlegen«, sagte der sitzende medizinische Assistent, »und zwar in dieser Reihenfolge … Wir beginnen mit einem Test, den wir den OH-Test oder auch –« »Sie glauben, daß ich süchtig bin?« sagte Fred. »Ob Sie süchtig sind oder nicht, ist eine zweitrangige Frage, da wir ohnehin damit rechnen, daß die bei den Streitkräften für chemische Kriegsführung zuständige Abteilung irgendwann in den nächsten fünf Jahren ein Gegenmittel finden wird.« »Bei diesen Tests geht es nicht um die suchtbildenden Eigenschaften von Substanz T, sondern um – na, am be- sten lege ich Ihnen zuerst diesen Objekt-Hintergrund- Test vor, mit dessen Hilfe sich die Fähigkeit messen läßt, problemlos ein Objekt von seinem Hintergrund zu unter- scheiden. Sehen Sie dieses geometrische Diagramm?« Er legte eine vollgekritzelte Karte vor Fred auf den Tisch. »Inmitten dieser scheinbar bedeutungslosen Linien ver- birgt sich ein wohlvertrautes Objekt, das jeder normale Mensch eigentlich erkennen müßte. Sie sollen mir nun sagen, worum es sich bei diesem …« Item. Im Juli 1969 veröffentlichte Joseph E. Bogen seinen revolutionären Aufsatz »Die andere Seite des Ge- hirns: Das appositionelle Denken«. In diesem Aufsatz zitierte er einen in der Fachwelt völlig unbekannten Dr. A. L. Wigan, der bereits 1844 geschrieben hatte: Der Geist ist seinem Wesen nach zweigeteilt, wie je- nes Organ, dem er entspringt. Diese Idee hat sich mir aufgedrängt, und ich habe mich mehr als ein Viertel-, jahrhundert eingehend damit beschäftigt, ohne daß es mir gelungen wäre, einen einzigen validen oder auch nur plausiblen Einwand zu finden. Daher glaube ich, beweisen zu zu können – (1) Daß jede Gehirnhemi- sphäre als Organ des Denkens ein eigenständiges, in sich vollendetes Ganzes ist. (2) Daß in jeder der bei- den Hälften des Cerebrums simultan voneinander un- abhängige, gesonderte Prozesse des Denkens oder Schlußfolgerns abzulaufen vermögen. In seinem Aufsatz schlußfolgerte Bogen daraus: »Ich bin [wie Wigan] der Ansicht, daß jeder von uns zwei Persön- lichkeiten in einer Person vereinigt. Natürlich wirft diese Hypothese eine Unzahl von Einzelfragen auf, die noch beantwortet werden müssen. Aber in erster Linie gilt es, dem Hauptwiderstand gegen Wigans Theorie entgegen- zutreten: nämlich dem uns allen eigenen subjektiven Empfinden, daß jeder Mensch in sich eine unauflösliche Einheit ist. Dieser Glaube an die menschliche Ganzheit wird in unserer westlichen Kultur nach wie vor hoch- gehalten. …« »… Objekt handelt. Sodann zeigen Sie uns bitte, wo genau es sich innerhalb des Gesamtfeldes befindet.« Ich werde hier für dumm verkauft, dachte Fred. »Was soll das alles eigentlich?« sagte er, wobei er nicht das Diagramm, sondern den medizinischen Assistenten an- starrte. »Ich wette, Sie machen das nur wegen der Rede vor dem Lions-Club?« sagte er. Er zweifelte keinen Au- genblick lang daran. Der ihm gegenübersitzende Assistent sagte:»Bei vie-, len von denen, die Substanz T nehmen, tritt eine Spal- tung zwischen der rechten und der linken Hemisphäre des Gehirns auf. Das führt zu einem Verlust der Fähig- keit zur angemessenen Gestalt-Wahrnehmung, was ein Defekt innerhalb sowohl das des perzeptiven als auch des kognitiven Systems ist, obwohl das kognitive System scheinbar weiterhin normal funktioniert. Aber die Daten, die das kognitive System nun vom perzeptiven System empfängt, sind bereits durch diese Spaltung deformiert, so daß auch das kognitive System nach und nach immer mehr versagt, fortschreitend immer weiter verfällt. Haben Sie das vertraute Objekt in dieser Strichzeichnung aus- findig gemacht? Können Sie es mir zeigen?« Fred sagte: »Sie meinen damit nicht die Ablagerung von Schwermetallspuren in den Synapsen, wo die Nerven- impulse verarbeitet werden, nicht wahr? Irreversible –« »Nein«, sagte der Assistent, der neben dem Tisch stand. »Das ist kein herkömmlicher Hirnschaden, son- dern eine Art Toxizität, eine Gehirntoxizität. Eine toxi- sche Gehirnpsychose, die das perzeptive System schä- digt, indem sie es spaltet. Was da vor Ihnen liegt, dieser OH-Test, mißt den Grad der Handlungsfähigkeit Ihres perzeptiven Systems als ein einheitliches Ganzes. Kön- nen Sie die Form hier sehen? Sie sollte Ihnen geradewegs ins Auge springen. « »Ich sehe eine Coke-Flasche«, sagte Fred. »Eine Limonadenflasche ist die richtige Antwort«, sagte der sitzende Assistent, nahm mit einem raschen Griff die Zeichnung weg und ersetzte sie durch eine neue. »Haben Sie etwas Ungewöhnliches festgestellt, als, Sie meine Rapporte und das alles studiert haben? Ir- gendwas in Richtung Matschbirne?« Es liegt an der Re- de, dachte er. »Was ist mit der Rede, die ich gehalten habe?« sagte er. »Habe ich da bilaterale Dysfunktionen gezeigt? Bin ich darum zu diesen Tests hierhergeschleift worden?« Er hatte mal etwas über diese Gehirnspaltungs- teste gelesen, die die Abteilung von Zeit zu Zeit durch- führen ließ. »Nein, das hier ist eine reine Routinemaßnahme«, sag- te der sitzende Assistent. »Wir wissen schließlich, Beam- ter Fred, daß es für Geheime Rauschgift-Agenten oft notwendig ist, im Zuge der Ausübung ihrer Pflicht Dro- gen zu nehmen; die, deren Einweisung in staatliche –« »Für immer?« fragte Fred. »Nur in den seltensten Fällen für immer. Um es noch einmal zu wiederholen: Es handelt sich hierbei um eine Art Verseuchung der Wahrnehmung, die im Laufe der Zeit durchaus von selbst wieder verschwinden mag, wenn –« »Trübe«, sagte Fred. »Trüber Schmant, der sich über alles legt.« »Haben Sie manchmal Überlagerungseffekte?« fragte ihn plötzlich einer der Assistenten. »Was?« sagte er unsicher. »Zwischen den Hemisphären. Wenn in der linken Hemisphäre, wo das Sprachzentrum normalerweise ver- ortet ist, ein Schaden entsteht, dann übernimmt die rechte Gehirnhälfte oft die ausgefallenen Funktionen, so gut sie das kann.« »Ich weiß es nicht«, sagte er. »Ich bin mir dessen nicht bewußt.«, »Gedanken, die nicht Ihre eigenen zu sein scheinen. Etwa so, als ob noch eine andere Person, ein anderer Geist in Ihrem Kopf denken. Aber ganz anders, ab Sie normalerweise denken würden. Sogar ausländische Wor- te, die Sie nicht kennen. Man erlernt so etwas oft irgend- wann im Leben durch periphere Perception.« »Nichts in der Art. Ich hätte das bemerkt.« »Wahrscheinlich. Nach den Berichten, die Leute mit einer Schädigung der linken Hemisphäre gegeben haben, ist es offensichtlich eine ziemlich schockierende Erfah- rung.« »Ich glaube eigentlich doch, daß ich das bemerkt hät- te.« »Früher nahm man im allgemeinen an, daß die rechte Hemisphäre über überhaupt keine sprachlichen Fähigkei- ten verfügte, aber diese Theorie wurde aufgestellt, bevor sich so viele Leute die linke Gehirnhälfte mit Drogen ruiniert hatten und ihr – der rechten, meine ich – dadurch eine Chance gaben, auf den Plan zu treten. Das Vakuum zu füllen.« »Ich werde bestimmt in Zukunft darauf achten«, sagte Fred und lauschte zugleich auf den rein mechanischen Klang seiner Stimme. Wie die Stimme eines pflichteifri- gen Kindes in der Schule. Eine Stimme, aus der die Be- reitschaft sprach, jedem noch so dummen Befehl zu ge- horchen, der ihm von jenen erteilt wurde, die die Be- fehlsgewalt innehatten. Jenen, die größer waren als er und sich in einer Position befanden, die es ihnen erlaubte, ihm ihren Willen aufzuzwingen. Egal, ob der Befehl nun sinnvoll war oder nicht., Immer nur beipflichten, dachte er. Und das tun, was einem befohlen wird. »Was sehen Sie auf dem zweiten Bild?« »Ein Schaf«, sagte Fred. »Zeigen Sie mir das Schaf.« Der sitzende Deputy beugte sich vor und drehte das Bild um. »Wenn Ihre Fä- higkeit zur Unterscheidung von Objekt und Hintergrund beeinträchtigt ist, dann kann Ihnen das eine Menge Ärger machen – statt keine Formen wahrzunehmen, nehmen Sie falsche Formen wahr.« Wie Hundescheiße, dachte Fred. Hundescheiße würde bestimmt zu den falschen Formen gerechnet werden. E- gal, was man für einen Maßstab anlegt. Er … Die vorliegenden Daten deuten darauf hin, daß die stumme, untergeordnete Hemisphäre auf die Gestalt- Wahrnehmung spezialisiert ist, also in erster Linie den Informations-Input ganzheitlich-synthetisch verarbei- tet. Im Gegensatz dazu scheint die mit Sprachfähigkeit begabte, dominierende Hemisphäre eher in der Art ei- nes Computers, also tendenziell logischer und analyti- scher, zu arbeiten, und die Befunde legen die Vermu- tung nahe, daß ein möglicher Grund für die zerebrale Ungleichgewichtigkeit beim Menschen in der grund- legenden Unvereinbarkeit der Sprachfunktionen einer- seits und der synthetischer Perzeptionsfunktionen an- dererseits zu suchen ist. … fühlte sich krank und niedergschlagen, fast so sehr wie während der Ansprache vor dem Lions-Club. »Da ist, gar kein Schaf, nicht wahr?« sagte er. »Aber war ich we- nigstens nahe dran?« »Das hier ist kein Rorschach-Test«, sagte der sitzende Assistent, »bei dem ein vager Fleck von verschiedenen Testpersonen auf unterschiedliche Weise gedeutet wer- den kann. Bei diesem Test zeigen die Testkarten ein de- finitiv festgelegtes Objekt. Eins und nur eins. In diesem Fall ist es ein Hund.« »Ein was?« sagte Fred. »Ein Hund.« »Woher wissen Sie, daß es ein Hund ist?« Er sah kei- nen Hund. »Zeigen Sie ihn mir.« Der medizinische Assi- stent … Diese Schlußfolgerung findet ihren experimentellen Beweis durch den sogenannten »Spaltungsversuch«, bei dem die beiden Gehirnhemisphären eines Tieres darauf trainiert werden können, unabhängig voneinan- der wahrzunehmen, Strategien zu erwägen und zu handeln. Beim Menschen, wo die dominanten, hand- lungsrelevanten Denkfunktionen sehr ausgeprägt in nur einer Hemisphäre verortet sind, hat sich die andere Hemisphäre offensichtlich auf eine strukturell anders- artige Form des Denkens spezialisiert, die man apposi- tionell nennen könnte. Die Regeln oder Modelle, nach denen die Denkakte der dominanten Hemisphäre (je- ner also, die spricht, liest und schreibt) ablaufen, sind bereits seit vielen Jahren Gegenstand syntaktischer, semantischer, mathematisch-logischer u. a. Analysen. Die Gesetze und Modelle, nach denen auf der anderen, Seite des Gehirns das appositionelle Denken abläuft, werden hingegen noch viele Jahre intensiver Erfor- schung bedürfen. … wendete die Karte; auf der Rückseite war als schema- tisch stark vereinfachter Umriß EIN HUND gezeichnet, und jetzt erkannte Fred, daß es sich dabei tatsächlich um die Form handelte, die inmitten der Linien auf der Vor- derseite eingezeichnet gewesen war. Übrigens war es nicht nur einfach irgendein Hund, sondern eine ganz be- stimmte Hunderasse: ein Windhund mit eingezeichneten Gedärmen. »Was bedeutet es«, sagte er, »daß ich statt dessen ein Schaf gesehen habe?« »Vielleicht haben Sie einfach nur eine psychologische Blockade«, sagte der Assistent, der neben dem Tisch stand und sein Gewicht dauernd von einem Fuß auf den anderen verlagerte. »Erst wenn wir mit dem ganzen Stapel von Testkarten durch sind und diverse andere Tests –« »Die Überlegenheit dieses Tests gegenüber dem Ror- schach-Test«, unterbrach der sitzende Assistent ihn, wäh- rend er zugleich die nächste Zeichnung auf den Tisch legte, »besteht darin, daß er nicht interpretativ ist; es gibt so viele falsche Antworten, wie man sich nur ausdenken kann, aber nur eine richtige. Pro Karte ein ganz be- stimmtes Objekt, vom Bundesamt für Psychotest- Graphiken eingezeichnet und mit Brief und Siegel bestä- tigt; das und nur das ist das richtige Objekt, denn schließ- lich kommen die Angaben direkt aus Washington. Ent- weder finden Sie es, oder Sie finden es nicht, und wenn, Sie eine ganze Serie von Fehlern machen, dann haben wir einen Anhaltspunkt für eine funktionale Wahrneh- mungsbeeinträchtigung. Und in diesem Fall werden wir Sie für eine Weile trockenlegen müssen – so lange, bis spätere Tests beweisen, daß bei Ihnen wieder alles okay ist.« »In einer Staatlichen Nervenklinik?« sagte Fred. »Ja. So, was sehen Sie in dieser Zeichnung zwischen den schwarzen und weißen Linien?« Die Stadt des Todes, dachte Fred, während er die Zeichnung studierte. Genau das sehe ich: Tod in allen Formen und nicht nur in der einen, korrekten. Tod über- all. Angeheuerte Killer auf kleinen Wägelchen, neunzig Zentimeter groß. »Sagen Sie mal«, sagte Fred, »hat Sie nicht doch die Ansprache vor dem Lions-Club auf mich aufmerksam gemacht?« Die beiden medizinischen Assistenten wechselten ei- nen Blick. »Nein«, sagte schließlich der, der neben dem Tisch stand. Es war ein kurzer Dialog zwischen Ihnen und Hank. Eigentlich nur eine beiläufige Bemerkung. Eine Blödelei. Ungefähr vor zwei Wochen … Wie Sie sicher wissen, gibt es eine technisch bedingte Verzögerung bei der Sichtung dieses ganzen Mülls, dieser ganzen Roh- informationen, die bei uns zusammenlaufen. Die zustän- digen Sachbearbeiter sind noch gar nicht bis zu Ihrer An- sprache gekommen. Das wird wohl auch noch ein paar Tage dauern.« »Worum ging’s denn bei dem ›Rumgealber‹?«, »Um ein gestohlenes Fahrrad«, sagte der andere Assi- stent. »Ein Sieben-Gang-Fahrrad, wie Sie es nannten. Sie haben versucht, herauszufinden, wo wohl die fehlenden drei Gänge geblieben sein mochten, richtig?« Wieder schauten sie einander an, die beiden medizinischen Assi- stenten. »Sie äußerten die Vermutung, daß die Gänge auf dem Boden der Garage liegengeblieben sein könnten, aus der das Rad gestohlen worden war.« »Zum Teufel noch mal«, protestierte Fred. »Das war doch alles Charles Frecks Fehler, nicht meiner; er hat alle damit verrückt gemacht wie ‘n Weltmeister. Ich fand die ganze Angelegenheit nur irgendwie witzig.« BARRIS: (Steht mit einem großen, tollen, chromglän- zenden Fahrrad mitten im Wohnzimmer und strahlt über das ganze Gesicht) Schaut mal, was ich für nur zwanzig Dollar gekriegt hab’! FRECK: Was is’n das? BARRIS: Ein Fahrrad, ein Zehn-Gang-Fahrrad, prak- tisch funkelnagelneu. Ich hab’s bei unseren Nachbarn im Hof stehen sehen und mich danach erkundigt, und weil die gleich vier von der Sorte hatten, haben sie’s mir für zwanzig Dollar bar auf die Hand verkauft. Farbige. Sie haben’s sogar für mich über den Zaun gehievt. LUCKMAN: Wußte gar nicht, daß man ein fast fa- brikneues Zehn-Gang-Fahrrad für zwanzig Dollars krie- gen kann. DONNA: Ich finde, es ähnelt unheimlich dem, das der Puppe, die bei mir gegenüber wohnt, vor ungefähr einem Monat geklaut worden ist. Vielleicht haben diese, schwarzen Typen es geklaut. ARCTOR: Na klar doch. Wenn sie vier davon hatten und sie so billig verscherbeln. DONNA: Wenn es wirklich der Kleinen mir gegen- über gehört, solltest du’s ihr zurückgeben. Auf jeden Fall solltest du’s ihr mal zeigen, damit sie sehen kann, ob’s ihres ist. BARRIS: Das ist ein Herrenfahrrad. Also kann’s gar nicht ihres sein. FRECK: Warum behauptest du eigentlich, es sei ein Zehn-Gang-Fahrrad, wo’s doch nur sieben Gänge hat?« BARRIS (erstaunt) Was? FRECK: (Geht hinüber zum Rad und zeigt ihm, was er meint) Schau mal, fünf Zahnräder hier und zwei Zahnrä- der hier am anderen Ende der Kette. Fünf und zwei … Wenn der optische Chiasmus einer Katze oder eines Affen sagital geteilt wird, so gelangen die vom rechten Auge aufgenommenen visuellen Daten nur noch in die rechte Hemisphäre; analog dazu informiert das linke Auge nur noch die linke Hemisphäre. Wenn ein Tier nach dieser Operation darauf trainiert wird, unter aus- schließlicher Benutzung jeweils nur eines Auges zwi- schen zwei Symbolen zu unterscheiden, so zeigen spä- tere Tests, daß es diese Symbole auch mit dem ande- ren Auge korrekt unterscheiden kann. Wenn jedoch vor dem Training die Nervenverbindungsstränge – be- sonders der Corpus Callosum – durchtrennt worden sind, so müssen das ursprünglich abgedeckte Auge und seine ipsilaterale Hemisphäre ganz neu trainiert, werden. Die antrainierte Fähigkeit überträgt sich, um es noch einmal anders auszudrücken, also nicht von einer Hemisphäre auf die andere, wenn die Nerven- verbindungsstränge durchtrennt worden sind. Das ist der grundlegende »Spaltungsversuch« von Myers und Sperry (1953; Sperry, 1961; Myers, 1965; Sperry, 1967). … macht zusammen sieben. Also ist das nur ein Sieben- Gang-Rad. LUCKMAN: Yeah, aber selbst ein Sieben-Gang- Rennrad ist seine zwanzig Dollars wert. Er hat immer noch einen guten Kauf gemacht. BARRIS: (verärgert) Diese Farbigen haben mir aber gesagt, es sei ein Zehn-Gang-Rad. Das ist Betrug! (Alle drängen sich um das Rad, um es genauer in Au- genschein zu nehmen. Sie zählen wieder und wieder die Gänge.) FRECK: Jetzt zähle ich acht. Sechs vorne, zwei hin- ten. Das ergibt acht. ARCTOR: (logisch) Aber es müßten zehn sein. Es gibt keine Sieben- oder Acht-Gang-Räder. Jedenfalls nicht, daß ich wüßte. Habt ihr ‘ne Idee, was mit den fehlenden Gängen passiert sein könnte? BERRIS: Diese Farbigen müssen daran herumgeba- stelt haben. Bestimmt haben sie’s mit völlig ungeeigne- ten Werkzeugen auseinandergenommen, ohne auch nur einen blassen Schimmer von Fahrradmechanik zu haben, und als sie es dann wieder zusammengebaut haben, ha- ben sie drei Gänge auf dem Boden der Garage vergessen., Vielleicht liegen sie da noch rum. LUCKMAN: Dann sollten wir rübergehen und sie um die fehlenden Gänge bitten. BARRIS: (wütend) Aber eben da liegt ja der Betrug: Wahrscheinlich werden sie uns anbieten, mir die Gänge extra zu verkaufen, statt sie umsonst rauszugeben, wie es eigentlich ihre Pflicht wäre. Ich frage mich, was sie wohl sonst noch alles kaputtgemacht haben. (Inspiziert das gesamte Rad) LUCKMAN: Wenn wir alle zusammen hingehen, rük- ken sie die Gänge bestimmt raus; darauf kannst du Gift nehmen, Mann. Wir gehen alle, richtig? (Blickt sich bei- fallheischend um) DONNA: Seid ihr sicher, daß das Rad nur sieben Gänge hat? FRECK: Acht. DONNA: Sieben, acht. Ich meine jedenfalls, ihr solltet jemanden fragen, bevor ihr rübergeht. Irgendwie, find’ ich, sieht es nicht so aus, als hätten sie’s auseinanderge- nommen oder sonst was in der Richtung. Bevor ihr da rübergeht und denen Feuer unter dem Arsch macht, müßt ihr das doch erst mal rausfinden. Kapiert ihr das? ARCTOR: Sie hat recht. LUCKMAN: Aber wen könnten wir fragen? Kennt ei- ner von euch jemanden, der Ahnung von Rennrädern hat? FRECK: Fragen wir doch einfach den ersten, den wir treffen. Wir schieben es vor die Tür, und wenn dann ir- gend so ein Freak daherkommt, fragen wir ihn. Auf diese Weise kriegen wir wenigstens ein neutrales Urteil., (Gemeinsam schieben sie das Rad nach draußen und treffen auch sofort einen jungen Schwarzen, der gerade aus seinem Wagen steigt. Sie deuten auf die sieben – acht? – Gänge und fragen ihn, wie viele Gänge das Rad denn nun habe, obwohl sie doch ganz deutlich sehen können – außer Charles Freck natürlich –, daß es nur sieben sind: fünf Zahnräder am einen Ende der Kette, zwei am anderen. Fünf und zwei macht zusammen sieben. Das können sie mit eigenen Augen feststellen. Wo liegt denn nun der Hund begraben?) JUNGER FARBIGER: Sie müssen die Zahl der Zahn- räder vorne mit der Zahl der Zahnräder hinten malneh- men, um die Zahl der Gänge zu erhalten. Nicht addieren, sondern multiplizieren. Verstehen Sie? Die Kette springt nämlich bei jedem Schaltvorgang von einem Zahnrad zum nächsten weiter, so daß jeweils eine andere Überset- zung entsteht. Zunächst koppelt die Kette jedes der fünf Zahnräder hinten (er deutet mit dem Finger auf diese fünf Zahnräder) mit einem der beiden vorne (er zeigt auch darauf), was einmal fünf und damit fünf verschiedene Übersetzungsverhältnisse ergibt – fünf Gänge. Wenn Sie dann diesen Hebel hier an der Lenkstange ziehen, springt die Kette hinüber auf das andere der beiden vorderen Zahnräder und koppelt nun dieses mit jedem der fünf Zahnräder hinten, was weitere fünf plus fünf und damit zehn Gänge. Verstehen Sie jetzt, wie das funktioniert? Die Zahl der Gänge wird nämlich immer berechnet, in- dem man – (Sie bedanken sich bei ihm und rollen schweigend das Rad ins Haus zurück. Der junge Schwarze, den sie noch, nie vorher gesehen haben und der kaum älter als sieb- zehn sein kann und einen unglaublich alten, vermackel- ten Wagen – so eine Art Lieferwagen – fährt, schließt jetzt die Wagentür endgültig ab, und sie machen die Haustür hinter sich zu und stehen da wie begossene Pu- del.) LUCKMAN: Hat irgendwer von euch Dope dabei? Where there’s dope there’s hope.«* (Keiner… Alle Befunde deuten darauf hin, daß eine Trennung der Hemisphären zwei voneinander unabhängige Be- wußtseinssphären innerhalb desselben Kraniums er- schafft, will heißen: innerhalb eines einzigen Orga- nismus. Diese Schlußfolgerung mag manche Leute – nämlich jene, die das Bewußtsein als eine unteilbare Eigenschaft des menschlichen Gehirns betrachten – beunruhigen. Andere Kritiker mögen sie als voreilig abtun, weil sie darauf beharren, daß sich die bisher entdeckten Fähigkeiten der rechten Hemisphäre auf einer quasi automatenhaften Ebene bewegen. Unzwei- felhaft ist, daß sich bei allen bisher untersuchten Fäl- len eine deutliche Ungleichheit der Hemisphären hat zeigen lassen, aber es ist durchaus möglich, daß dies nur ein Charakteristikum gerade jener Individuen ist, die wir studiert haben. Wenn das Gehirn eines sehr jungen Menschen auf die oben beschriebene Weise »geteilt« würde, läßt es sich keineswegs ausschließen, * Anm. d. Übers.: Etwa: »Wo es Stoff gibt, da gibt es auch noch Hoffnung.«, daß in der Folge beide Hemisphären dieses Gehirns getrennt und unabhängig voneinander mentale Funk- tionen einer höheren Ordnung entwickeln würden – und das auf einem Level, das sonst bei normalen Indi- viduen nur in der linken Hemisphäre erreicht wird. … lacht.) »Wir wissen, daß Sie eine der Personen in dieser Gruppe waren«, sagte der medizinische Assistent, der ihm am Tisch gegenübersaß. »Es ist übrigens ganz egal, welche. Keiner von Ihnen war in der Lage, das Rad anzu- schauen und die simple mathematische Operation wahr- zunehmen, die erforderlich ist, um aus diesem sehr klei- nen System von Übersetzungen die richtige Zahl der Gänge abzuleiten.« Aus der Stimme des Assistenten konnte Fred ein gewisses Mitgefühl heraushören, einen Versuch, freundlich zu sein. »Problemstellungen wie die- se finden sich in jedem Eignungstest für weiterführende Schulen. Waren Sie alle high?« »Nein«, sagte Fred. »Eignungstests dieses Schwierigkeitsgrads werden selbst Kindern vorgelegt«, sagte der andere medizinische Assistent. »Also woran lag’s, Fred?« fragte der erste Assistent. »Weiß ich auch nicht mehr«, sagte Fred. Er schwieg einen Moment lang. Und dann sagte er: »Für mich klingt das alles so, als sei im kognitiven Bereich was schiefge- gangen, nicht im perzeptiven. Spielt bei einem solchen Vorgang nicht das abstrakte Denken eine entscheidende Rolle? Und nicht –«, »Das könnte man zunächst meinen«, sagte der sitzen- de Assistent. »Aber Tests haben gezeigt, daß das kogniti- ve System versagt, weil es keine akkuraten Daten erhält. Mit anderen Worten: Der Input ist auf eine solche Weise verzerrt, daß man, wenn man ihn verarbeiten will, ihn falsch verarbeitet, weil man nicht –« Der Assistent we- delte hilflos mit den Händen in der Luft herum, weil es ihm sichtlich schwerfiel, einen Weg zu finden, die Zu- sammenhänge in einfachen Worten zu erklären. »Aber ein Zehn-Gang-Rad hat sieben Zahnräder«, sagte Fred. »Was wir gesehen haben, war korrekt. Zwei vorne, fünf hinten.« »Aber die Zahnräder an sich sind eben nicht mit den Gängen identisch. Sie haben nicht wahrgenommen – kei- ner von Ihnen hat das –, wie die sieben Zahnräder durch die Kette miteinander in Verbindung treten müssen, da- mit zehn verschiedene Übersetzungen und damit zehn Gänge entstehen. Nämlich die fünf hinten mit jedem der beiden vorne, ganz so, wie der Schwarze Ihnen das ja auch erklärt hat. War er ein sehr gebildeter Mann?« »Wahrscheinlich nicht«, sagte Fred. »Das, was der Schwarze gesehen hat«, sagte der ste- hende Assistent, »unterschied sich grundlegend von dem, was Sie alle gesehen haben. Er sah nämlich zwei gesonderte Verbindungslinien zwischen dem rückwärtigen und dem vorderen Zahnrad- system, das heißt, er konnte simultan zwei voneinander verschiedene Verbindungslinien wahrnehmen, die von den beiden vorderen Zahnrädern der Reihe nach zu je- dem der fünf hinteren verliefen. Sie hingegen haben nur, eine Verbindung zu allen rückwärtigen Zahnrädern gese- hen.« »Aber das würde dann sechs Gänge machen«, sagte Fred. »Zwei Zahnräder vorne, aber eine Verbindung.« »Was wiederum ein Fall von inakkurater Wahrneh- mung ist. Keiner hat dem schwarzen Jungen das beige- bracht; wenn man ihm in der Schule überhaupt was bei- gebracht hat, dann höchstens, durch Nachdenken – also durch eine Aktivität auf der kognitiven Ebene – heraus- zufinden, was es mit diesen beiden Verbindungslinien auf sich haben könnte. Sie hingegen haben eine davon einfach vollständig übersehen. Sie alle! Obwohl Sie vor- ne zwei Zahnräder gezählt haben, haben Sie sie auf der perzeptiven Ebene doch als gleichartig aufgefaßt.« »Beim nächsten Mal werd’ ich’s besser machen«, sag- te Fred. »Bei welchem nächsten Mal? Wenn Sie wieder ein geklautes Zehn-Gang-Rad kaufen? Oder wenn Sie den ganzen perzeptiven Input, der täglich so anfällt, in Ihrem Gehirn verarbeiten?« Fred schwieg. »Lassen Sie uns mit dem Test fortfahren«, sagte der sitzende Assistent. »Was sehen Sie in diesem Bild hier, Fred?« »Plastik-Hundescheiße«, sagte Fred. »Wie die, die hier im Raum Los Angeles verkauft wird. Kann ich jetzt ge- hen?« Das alles kam ihm wie eine Neuauflage der An- sprache vor dem Lions-Club vor. Aber zu seiner Überraschung lachten die beiden Assi- stenten., »Wissen Sie, Fred«, sagte der, der ihm gegenübersaß, »Sie nehmen’s wenigstens noch mit Humor, und wenn Sie den auch in Zukunft behalten, dann werden Sie’s vielleicht machen.« »Machen?« wiederholte Fred wie ein Echo. »Was ma- chen? Meinen Weg machen? Eine Puppe anmachen? Meine Fehler wiedergutmachen? Mir in die Hose ma- chen? Geld machen? Boden gutmachen? Noch mehr von diesem Scheiß hier durchmachen? Definieren Sie die Be- deutungsebene des von Ihnen verwendeten Begriffs. Das lateinische Wort für ›machen‹ ist facere, was mich im- mer an hickere erinnert, und das ist lateinisch für ›fik- ken‹, und das wiederum bringt mich darauf, daß in der Hinsicht … Das Gehirn der höheren Tiere und somit auch das menschliche Gehirn ist ein Doppelorgan, das sich aus einer rechten und einer linken Hemisphäre zusammen- setzt, die durch einen Isthmus aus Nervengewebe, den man ›Corpus Callosum‹ nennt, miteinander verbunden sind. Vor rund fünfzehn Jahren machten Ronald E. Myers und R.W. Sperry, die seinerzeit an der Univer- sität von Chicago arbeiteten, eine überraschende Ent- deckung: Wenn diese Verbindung zwischen den bei- den Hälften des Cerebrums durchtrennt wird, so funk- tionieren beide Hemisphären unabhängig voneinander, als sei jede davon ein vollständiges Gehirn. … in letzter Zeit nicht sehr viel gelaufen ist, scheiß’ was drauf, Plastikscheiße oder richtige Scheiße oder was für, Shit auch immer. Wenn ihr Jungs so ‘ne Art Psychologen seid und ihr euch laufend meine endlosen Rapporte bei Hank angehört habt, dann sagt mir doch mal eins: Wie deichsle ich die Sache mit Donna? Wie komme ich an sie ran? Ich meine, wie macht man das? Bei so einer süßen, einzigartigen, spröden kleinen Puppe wie der?« »Jedes Mädchen ist anders«, sagte der sitzende Assi- stent. »Ich meine, auf anständige Weise«, sagte Fred. »Nicht auf die Tour, sie mit Pillen und Fusel vollzupumpen und ihr dann einen reinzuschieben, während sie auf dem Fuß- boden vom Wohnzimmer liegt.« »Kaufen Sie ihr Blumen«, sagte der stehende Assi- stent. »Wie bitte?« sagte Fred, und seine durch den Schirm des Jedermann-Anzugs gefilterten Augen öffneten sich weit. »Zu dieser Jahreszeit können Sie überall kleine Früh- lingsblumen kriegen. In den Blumenabteilungen von Penney’s oder K Mart zum Beispiel. Oder eine Azalee.« »Blumen«, murmelte Fred. »Meinen Sie Plastikblu- men? Richtige Blumen, vermute ich.« »Die aus Plastik bringen’s nicht«, sagte der sitzende Assistent. »Die sehen aus, als wären sie … na, nachge- macht halt. Irgendwie nachgemacht.« »Darf ich jetzt gehen?« fragte Fred. Die beiden Assistenten wechselten einen Blick und nickten dann. »Wir werden Sie zu einem späteren Zeit- punkt weiter durchtesten, Fred«, sagte der, der neben dem Tisch stand. »Es eilt nicht so. Hank wird Sie von, dem neuen Termin in Kenntnis setzen.« Aus einem undeutlichen Impuls heraus, dessen Ur- sprung er nicht ergründen konnte, hätte Fred ihnen am liebsten die Hand geschüttelt, bevor er hinausging, aber dann tat er das doch nicht; er ging nur einfach wortlos hinaus, ein bißchen down und ein bißchen verwirrt, was möglicherweise an der Art lag, wie es ihn so plötzlich erwischt hatte. Sie haben das ganze Material über mich wieder und wieder durchgesehen, dachte er, und ver- sucht, Anzeichen dafür zu finden, daß mein Gehirn aus- gebrannt ist, und sie haben welche gefunden. Jedenfalls genug, um mich diese Tests machen zu lassen. Frühlingsblumen, dachte er, als er den Aufzug erreich- te. Kleine Frühlingsblumen; vielleicht wachsen sie dicht am Boden, und eine Menge Leute trampeln darauf her- um. Wachsen sie wild? Oder in besonderen kommerziell betriebenen Gewächshäusern oder auf großen, einge- zäunten Farmen? Ich möchte zu gerne wissen, wie es wohl draußen auf dem Land ist. Die Felder und das alles, die seltsamen, ungewohnten Gerüche. Und, so fragte er sich, wo findet man so etwas? Wo muß man hingehen, und was muß man machen, um hinzukommen und dort- zubleiben? Was für eine Art von Trip ist das, und was für eine Art von Fahrkarte braucht man dazu? Und von wem kauft man sich das Ticket? Und, dachte er weiter, ich würde gerne jemanden mit- nehmen, wenn ich dorthin gehe. Donna vielleicht. Aber wie bittet man darum? Wie bittet man eine Puppe darum, wenn man nicht einmal weiß, wie man an sie rankommen soll? Wenn man schon seit Ewigkeiten ein Auge auf sie, geworfen hat und trotzdem immer noch nichts erreicht hat – nicht mal Stufe eins. Wir sollten uns beeilen, dachte er, weil bald alle Frühlingsblumen tot sein werden. Tot und verblüht.,

VIII

Auf dem Weg zu Bob Arctors Haus, wo man normaler- weise immer einen Haufen Freaks traf, mit denen zu- sammen man sich antörnen und einen guten Tag machen konnte, bastelte Charles Freck an einem Gag herum, mit dem er den ollen Barris reinlegen wollte, um ihm die Ver- arscherei mit der Galle neulich in Fiddlers Kaffeestube Nummer Drei heimzuzahlen. Während er gekonnt den Radarfallen der Bullen auswich, von denen es in der Stadt nur so wimmelte (neuerdings tarnte die Polizei die Radarwagen, mit denen sie den armen Autofahrern auf die Pelle rückten, als alte, verkommene, in einem stump- fen Braun gespritzte VW-Busse, die von bärtigen Freaks gesteuert wurden; wenn er einen solchen VW-Bus sah, verlangsamte er die Geschwindigkeit), spulte er in sei- nem Kopf eine Phantasienummer ab – eine Vorschau auf die große Verarschung, die er gleich starten würde: FRECK: (beiläufig) Ich hab’ mir heute ‘nen Methe- drin-Kolben gekauft. BARRIS: (mit einem ganz gemeinen Gesichtsaus- druck) Methedrin gehört zur Gruppe der Amphetamine, wie Speed; es ist eine kristalline Substanz, die synthe- tisch in einem Labor hergestellt wird. Demnach ist es also nicht organisch, wie etwa Pot. So etwas wie einen Methedrin-Kolben gibt es nicht. Bist du dir sicher, daß die dir nicht einen Maiskolben angedreht haben? FRECK: (elegant die Pointe anbringend) Ich meine, ich hab’ vierzigtausend Dollar von einem alten Onkel, geerbt und bin damit zu so einem Macker gegangen, der heimlich in seiner Garage Methedrin herstellt. Ich meine, der hat da so eine Art chemisches Labor. Und von dem hab’ ich einen Kolben und die ganzen anderen Geräte gekauft, die man sonst noch dazu braucht. Kolben im Sinne von – Er konnte die Pointe jetzt noch nicht ganz richtig aus- formulieren, denn schließlich mußte er sich beim Fahren ja auch auf die Wagen um ihn herum und auf die Ampeln konzentrieren; aber er war sich sicher, daß er es schaffen würde, Barris supergut eins reinzuwürgen, wenn er erst einmal zu Bobs Haus kam. Und je mehr Leute da waren, desto begieriger würde Barris nach dem Köder schnap- pen, den er ihm hinzuwerfen gedachte. Und hinterher würde Barris in aller Augen als absolutes Riesenarsch- loch dastehen. Auf diese Weise würde er ihm die Verar- schung von neulich doppelt und dreifach heimzahlen, weil Barris es noch mehr als alle anderen nicht ertragen konnte, wenn man auf seine Kosten einen Gag machte. Als er vorbeifuhr, sah er, daß Barris draußen war und an Bob Arctors Wagen arbeitete. Die Motorhaube stand offen, und Arctor und Barris beugten sich gemeinsam über den Motor. Neben ihnen lag ein Stapel Werkzeuge. »Hey, Leute«, sagte Freck, während er die Tür zu- knallte und beiläufig zu den beiden hinüberschlenderte. »Barris«, fuhr er dann ganz cool und direkt fort und legte Barris die Hand auf die Schulter, um seine Aufmerksam- keit auf sich zu lenken. »Später«, knurrte Barris. Er trug seinen Mechaniker- overall, dessen ohnehin schon schmutziger Stoff jetzt, über und über mit Motoröl und anderem Schmier bedeckt war. Freck sagte: »Ich hab’ mir heute einen Methedrin- Kolben gekauft.« Ungeduldig und mit finsterem Blick sagte Barris: »Wie groß?« »Was meinst du damit –« »Ich möchte wissen, wie groß der Kolben ist.« »Nun … äh …«, sagte Freck, während er fieberhaft überlegte, wie er jetzt weitermachen sollte. »Wieviel hast du dafür bezahlt?« erkundigte sich Arc- tor, der von der ganzen Wagenrepariererei nicht weniger ölverschmiert war als Barris. Die beiden hatten den Ver- gaser, den Luftfilter, die Schläuche und alle möglichen anderen Teile abmontiert. Freck sagte: »Ungefähr zehn Eier.« »Jim hätte ihn dir billiger besorgen können«, sagte Arctor und machte sich wieder an die Arbeit. »Nicht wahr, Jim?« »Im Moment kriegt man Methedrin-Kolben doch praktisch nachgeschmissen«, sagte Barris. »Aber es ist nicht nur ein Kolben, sondern eine ganze Garage voller Geräte!« protestierte Freck. »Eine chemi- sche Fabrik! Die spuckt pro Tag eine Million Tabs aus – mit automatischer Pillenabfüllung und allem. Mit allem!« »Und das alles zusammen hat nur zehn Dollar geko- stet?« sagte Barris und grinste breit. »Wo steht denn diese sagenhafte chemische Fabrik?« erkundigte sich Arctor. »Nicht hier in der Nähe«, sagte Freck unbehaglich. «, Ach, Scheiße, Jungs.« Barris hielt in seiner Arbeit inne – er legte beim Arbei- ten oft Pausen ein, egal, ob jemand sich mit ihm unter- hielt oder nicht – und sagte: »Weißt du, Freck, wenn du viel Meth einwirfst oder schießt, dann fängst du an, wie Donald Duck zu reden.« »Und?« sagte Freck. »Dann kann dich keiner mehr verstehen«, sagte Barris. Arctor sagte: »Was hast du gerade gesagt, Barris? Ich kann dich nicht mehr verstehen. « Barris verstellte seine Stimme und ließ sie wie die Do- nald Ducks klingen, wobei sein Gesicht vor Vergnügen zu tanzen schien. Freck und Arctor grinsten und genos- sen die Nummer. Barris konnte schier kein Ende finden, und schließlich wies er laut quakend auf den Vergaser. »Was ist mit dem Vergaser?« erkundigte sich Arctor, jetzt nicht mehr lächelnd. Mit normaler Stimme, aber immer noch breit grinsend, sagte Barris: »Der Choke ist verbogen. Eigentlich müßte ein ganz neuer Vergaser rein. Andernfalls könnte es dir passieren, daß der Choke plötzlich die Benzinzufuhr dichtmacht, während du den Freeway entlangfährst, und dann stehst du plötzlich dumm da, weil dir der Motor abgesoffen ist und dir irgend so ‘n Arschloch hinten draufknallt. Und wenn da nicht bald was dran gemacht wird, läuft außerdem möglicherweise noch reines Benzin an den Zylinderwänden runter und wäscht den Schmier- film weg, so daß die Zylinder angegriffen werden und Dauerschäden entstehen. Und dann wirst du sie neu aus- bohren lassen müssen.«, »Wieso ist der Choke verbogen?« fragte Arctor. Achselzuckend machte sich Barris wieder daran, den Vergaser auseinanderzunehmen; er antwortete nicht. Er überließ es Arctor und Charles Freck, die keine Ahnung von Motoren hatten – und von komplizierten Reparaturen wie dieser hier erst recht nicht –, selbst eine Erklärung zu finden. In diesem Augenblick kam Luckman aus dem Haus. Er trug ein irre scharfes Hemd, hauteng geschnittene Le- vis und eine Sonnenbrille und hatte ein Buch unter dem Arm. »Ich hab’ gerade angerufen«, sagte er, »und jetzt prüfen sie nach, wie tief dich ein neuer Vergaser in die Miesen bringen wird. Sie wollen gleich zurückrufen, darum hab ich die Vordertür offengelassen.« Barris sagte: »Du könntest doch gleich einen Vergaser mit doppelter Leistungsstärke einbauen lassen, wenn du schon einmal dabei bist. Natürlich müßte dann zugleich auch ein neuer Verteiler rein. Wir könnten bestimmt ir- gendwo ganz billig einen gebrauchten kriegen.« »Der Motor würde im Leerlauf auf viel zu hohe Tou- ren kommen«, sagte Luckman, »wenn man einen Roche- ster-Vergaser oder was anderes in der Art nimmt – daran hattest du doch gedacht, oder? Und er würde nicht richtig schalten. Er würde nicht hochschalten.« »Man könnte die Einspritzdüsen durch kleinere erset- zen«, sagte Barris, »das würd’ das ausgleichen. Und er könnte die UpM auf einem Drehzahlmesser beobachten, damit er den Motor nicht überdreht. Er würde am Dreh- zahlmesser ablesen können, wenn der Wagen nicht hoch- schaltet. Wenn die Automatik nicht von selber hoch-, schaltet, läßt sich das je auch bewerkstelligen, indem man den Fuß vom Gaspedal nimmt. Ich weiß sogar, wo- her wir einen Drehzahlmesser kriegen könnten. Ich hab’ nämlich einen.« »Yeah«, sagte Luckman, »das mag ja noch hinhauen. Aber wenn er in einer gefährlichen Situation auf dem Freeway volle Pulle auf das Gaspedal tritt, um per Kick- down in den Überholgang zu wechseln, dann würde der Motor doch runterschalten und so stark überdrehen, daß es die Dichtungsköpfe auseinanderreißt. Und es könnte noch was Schlimmeres passieren – was viel Schlimme- res. Der ganze Motor könnte in die Luft gehen.« Barris sagte geduldig: »Er würde die Nadel des Dreh- zahlmessers springen sehen und sofort den Fuß wegneh- men.« »Beim Überholen?« sagte Luckman. »Wenn er gerade auf halber Höhe von so ‘m dicken Scheiß-Sattelschlepper ist? Scheiße, Mann, er würde weiter voll draufknallen müssen, hohe Umdrehung oder nicht; er würde den Mo- tor hochjagen müssen, um genug Power zu haben. Wenn er nämlich langsamer würde, würde er nie an dem Kasten vorbeikommen, den er da gerade zu überholen versucht.« »Schwung«, sagte Barris. »Bei einem so schweren Wagen wie dem hier würde ihn der Schwung vorbeitra- gen, selbst wenn er den Fuß vom Gas nähme.« »Und was ist, wenn’s bergauf geht –« sagte Luckman. »Dein Schwung trägt dich sehr weit bergauf, wenn du überholst.« Barris wandte sich an Arctor. »Dieser Wagen …« Er bückte sich, um nachzusehen, um was für eine Marke es, sich handelte. »Dieser …« Seine Lippen bewegten sich. »Olds. Wieviel –« »Er wiegt ungefähr tausend Pfund«, sagte Arctor. Charles Freck sah, wie er Luckman zublinzelte. »Dann hast du recht«, gab Barris zu. »Bei einem so geringen Gewicht kann die träge Masse nicht hinreichend groß sein. Oder vielleicht doch?« Er wühlte in seinen Taschen nach einem Stift und etwas, worauf er schreiben konnte. »Wenn sich tausend Pfund mit hundertdreißig Stundenkilometern bewegen, ergibt das eine Kraft, die –« »Tausend Pfund«, warf Arctor ein, »mit Insassen, ei- nem vollen Benzintank und einer großen Kiste Ziegel- steine im Kofferraum.« »Wie viele Insassen?« fragte Luckman. Sein Gesicht war so unbewegt wie das einer Sphinx. »Zwölf.« »Also sechs auf dem Rücksitz«, sagte Luckman, »und sechs auf –« »Nein«, sagte Arctor, »elf auf dem Rücksitz. Der Fah- rer sitzt allein vorn. Verstehst du, auf diese Weise lastet ein größeres Gewicht auf den Hinterrädern. Das ergibt eine bessere Bodenhaftung. Dann bricht er hinten nicht so leicht aus.« Barris schaute beunruhigt auf. »Der Wagen bricht hin- ten leicht aus?« »Außer, wenn du elf Leute hast, die auf dem Rücksitz mitfahren«, sagte Arctor. »Dann wäre es besser, den Kofferraum mit Sandsäk- ken zu beladen«, sagte Barris. »Drei Sandsäcke zu je zweihundert Pfund. Dann könntest du die Beifahrer, gleichmäßiger verteilen, und sie hätten es ein bißchen bequemer.« »Wie war’s, wenn wir eine Kiste mit sechshundert Pfund Gold in den Kofferraum packen würden?« fragte Luckman ihn. »Ich meine, statt drei Säcken mit je zwei- hundert –« »Kannst du nicht mal endlich die Klappe halten?« sag- te Barris. »Ich versuche nämlich gerade, die Trägheit dieses Wagens bei hundertdreißig Stundenkilometern zu berechnen.« »Der bringt sowieso keine hundertdreißig mehr«, sagte Arctor. »Einer der Zylinder ist kaputt. Ich wollte es dir eigentlich schon vorhin sagen. Ich muß da wohl gestern abend auf dem Nachhauseweg vom 7-11 was zu Klum- patsch gefahren haben. « »Aber warum, zum Teufel, montieren wir dann eigent- lich den Vergaser ab?« wollte Barris wissen. »Wenn wir das wieder in Ordnung bringen wollen, müssen wir das ganze Kopfteil des Motors abmontieren. Eigentlich sogar noch mehr. Sag mal, ist vielleicht sogar der Motorblock gesprungen? Darum also springt er nicht an.« »Springt dein Wagen nicht an?« fragte Freck Bob Arc- tor. »Er springt nicht an«, sagte Luckman, »weil wir den Vergaser abmontiert haben.« Verwirrt sagte Barris: »Warum haben wir den Verga- ser abmontiert? Ich hab’s vergessen.« »Um die ganzen Federn und was es da sonst so an un- wichtigen Teilchen gibt zu erneuern«, sagte Arctor. »Damit er nicht wieder über den Jordan geht und wir, beinahe mit ihm. Der Mechaniker von der Union- Tankstelle hat uns das geraten.« »Wenn ihr Bastarde nicht so dumm rumlabern würdet wie eine Bande von Speed-Freaks«, sagte Barris, »könnte ich endlich meine Berechnungen abschließen und euch sagen, wieviel dieser Wagen hier mit einem Rochester- Vergaser bringen würde, natürlich unter Berücksichti- gung seines Gewichts und der notwendigen Modifikatio- nen der Einspritzdüsen.« Er war jetzt echt sauer. »Also HALTET ENDLICH DAS MAUL!« Luckman schlug das Buch auf, das er die ganze Zeit über unter dem Arm getragen hatte. Er plusterte sich so auf, daß es aussah, als sei er viel größer als gewöhnlich. Sein mächtiger Brustkorb schwoll an. Sein Bizeps eben- fall. »Höre, Barris, ich werde dir nun aus dieser Schrift lesen. « Er fing an, ungewöhnlich flüssig eine Textstelle aus dem Buch vorzulesen. »›Der, der die Gabe hat, Chri- stus als wirklicher zu erkennen als jede andere Wirklich- keit …‹« »Was?« sagte Barris. Luckman las unbeirrt weiter. »›… als jede andere Wirklichkeit auf der Welt – Christus, der überall gegen- wärtig ist und allerorten immer größer wird, Christus, die finale Bestimmung und das plasmatische Prinzip des Uni- versum –‹« »Was ist das?« sagte Arctor. »Chardin, Teilhard de Chardin.« »Mein Gott, Luckman«, sagte Arctor. »›… jener Mensch lebt wahrlich in einem Kosmos, wo die mannigfaltigen Phantome der Welt ihn nicht bedrän-, gen können und die doch zugleich die aktivste Werkstatt der universellen Erfüllung ist.‹« Luckman klappte das Buch wieder zu. Charles Freck, der dank seiner raschen Auffassungs- gabe sofort begriff, daß es jetzt gleich Zoff geben würde, schob sich zwischen Barris und Luckman. »Macht doch mal halblang, Jungs.« »Aus dem Weg, Freck«, sagt Luckman und holte weit mit dem rechten Arm aus, um Barris mit einem von un- ten hochgezogenen Schwinger kräftig eins zu verpassen. »Na, komm schon, Barris. Ich hab’s nicht gern, wenn jemand mich in so ‘m Ton anmacht. Dafür kriegst du jetzt eine getafelt, daß dir die Eier aus dem Sack fliegen.« Mit einem flehentlichen, angsterfüllten Aufblöken ließ Barris Filzstift und Notizblock fallen und stürzte Hals über Kopf in Richtung der offenstehenden Haustür da- von. Während er wegrannte, rief er über die Schulter zu- rück: »Ich glaub’, das Telefon hat gerade geklingelt. Be- stimmt die Werkstatt wegen des Vergasers.« Sie sahen ihm nach, wie er in der Tür verschwand. »Ich wollte ihn nur ein bißchen auf den Arm nehmen«, sagte Luckman, seine Unterlippe reibend. »Und wenn er jetzt seinen Revolver und den Schall- dämpfer holt?« sagte Freck, dessen Nerven zum Zerrei- ßen gespannt waren. Schrittchenweise bewegte er sich auf seinen Wagen zu, um sich blitzschnell dahinter in Deckung werfen zu können, falls Barris zurückkam und das Feuer auf sie eröffnete. »Machen wir weiter«, sagte Arctor zu Luckman. Die beiden wandten sich wieder der Reparatur des Vergasers, zu, während Freck sich ängstlich bei seinem eigenen Wagen herumdrückte und sich fragte, warum er bloß auf die Idee gekommen war, heute hier reinzuschauen. Von der lockeren Atmosphäre, die sonst hier herrschte, war nichts, aber auch rein gar nichts zu spüren. Schon von Anfang an hatte er die häßlichen Untertöne beim Herum- albern bemerkt. Was, zum Teufel, ist eigentlich nicht in Ordnung? fragte er sich und stieg in düsterer Stimmung wieder in seinen Wagen, um den Motor anzulassen. Wird sich hier auch alles zum Schlimmeren wenden, fragte er sich, so wie in Jerry Fabins Haus während der letzten Wochen mit ihm? Früher ging’s da ja auch immer ganz locker zu, dachte er. Alle machten sich einen Lenz und törnten sich an, während sie auf Acid-Rock, beson- ders auf den Stones, abfuhren. Donna saß da, in Leder- jäckchen und Stiefeln, und füllte Kapseln; Luckman drehte Joints und erzählte dabei von dem Seminar über Doperauchen und Jointdrehen, das er an der UCLA* ab- zuhalten gedachte, und von dem absolut perfekten Joint, den er eines Tages plötzlich drehen würde und den man als Teil der amerikanischen Geschichte zusammen mit all den anderen Reliquien, die für das amerikanische Natio- nalbewußtsein von so großer Wichtigkeit waren, unter Glas – in einer mit Helium gefüllten Vitrine – in der Constitution Hall ausstellen würde. Wenn ich zurück- blicke, dachte Freck, sogar nur bis zu dem Tag, als Jim Barris und ich neulich bei Fiddler’s saßen … sogar da * Anm. d. Übers.: Die Universität von Kalifornien in Los An- geles, war noch alles besser. Jerry war der Anfang, dachte er; und jetzt geht genau das, was uns Jerry weggenommen hat, auch hier los. Wie können Tage und Ereignisse und Augenblicke, die so gut waren, bloß so schnell häßlich werden, und das ohne jeden Grund, ohne jeden wirkli- chen Grund? Einfach nur – ein Wandel. Und da ist nichts, was ihn verursacht. »Ich verzieh’ mich«, sagte er zu Luckman und Arctor, die zu ihm hinüberschauten, als er den Motor im Leerlauf aufheulen ließ. »He, Mensch, bleib doch noch was«, sagte Luckman mit einem wannen Lächeln. »Wir brauchen dich. Du bist unser Bruder.« »Ach Scheiß, ich hab’ keine Lust mehr.« Barris erschien vorsichtig in der Haustür. Er hielt ei- nen Hammer in der Hand. »Falsch verbunden«, rief er, als er zögernd näher kam, wobei er immer wieder inne- hielt und umherspähte wie die Monsterkrabbe in einem billigen Horrorfilm. »Wofür brauchst du den Hammer?« fragte Luckman. Arctor sagte: »Um den Motor zu reparieren.« »Ich dachte, ich bring’ ihn einfach mal mit«, erklärte Barris, während er zaghaft wieder zu dem Olds hinüber- ging, »weil ich gerade im Haus war und ihn da rumliegen sah.« »Niemand ist so gefährlich wie der«, sagte Arctor, »der sich vor seinem eigenen Schatten fürchtet.« Das war das letzte, was Freck noch mitbekam, bevor er wegfuhr; er zerbrach sich den Kopf darüber, was Arctor damit wohl meinte. Vielleicht war das auf ihn, Charles Freck,, gemünzt gewesen? Er fühlte sich beschämt. Aber Schei- ße noch mal, dachte er, warum weiter hier rumhängen, wenn’s einen so abtörnt? Das bringt doch sowieso nichts. Nur immer schön auf Abstand bleiben, wenn irgendwo Trouble im Anmarsch ist, befahl er sich selbst; das war sein Leitspruch im Leben. Und darum fuhr er jetzt weg, ohne noch einmal zurückzuschauen. Sollen sie sich doch gegenseitig in die Pfanne hauen, dachte er. Was hab’ ich denn überhaupt mit denen am Hut? Aber er fühlte sich mies, echt mies, weil er einfach so wegfuhr und sie allein ließ und weil er miterlebt hatte, wie auch hier der Wandel einsetzte, der alles verdunkelte. Und wieder fragte er sich, warum es bloß dazu gekommen war und wie das alles noch enden würde. Aber dann kam ihm der Gedan- ke, daß die Dinge später vielleicht wieder anders laufen würden, daß es auch wieder bergauf gehen konnte, und das hob seine Stimmung, ja, es veranlaßte ihn sogar dazu, in seinem Kopf eine kurze Phantasienummer abzuspulen, während er so dahinkreuzte, sorgsam darauf bedacht, keinem der unsichtbaren Polizeiwagen in die Quere zu kommen. DA SASSEN SIE ALLE WIEDER BEISAMMEN WIE

FRÜHER

Sogar die Leute, die entweder tot oder ausgebrannt wa- ren, wie etwa Jerry Fabin. Sie alle saßen da, in so einer Art klarem, weißem Licht, das kein Tageslicht war, son- dern etwas viel Besseres, eine Art Meer aus Licht, das sie gleichmäßig von allen Seiten umgab., Und Donna und die anderen Puppen sahen so scharf aus – sie hatten rückenfreie T-shirts und Hot Pants an oder auch halb durchscheinende Blusen aus indischer Baumwolle, natürlich ohne BH. Er konnte Musik hören, ohne allerdings in der Lage zu sein, zu sagen, was für eine Nummer es war und von welcher LP sie stammte. Vielleicht Hendrix! dachte er. Yeah, eine alte Hendrix- Nummer, oder nun, ganz plötzlich, etwas von Janis Jo- plin. Die Nummer stammte von ihnen allen zugleich: von Jim Croce und von J. J. aber in erster Linie von Hendrix. »Bevor ich sterbe«, murmelte Hendrix gerade, »laßt mich mein Leben so leben, wie ich es möchte«, und an dieser Stelle riß der Film in seinem Kopf, weil er vergessen hat- te, daß Hendrix tot war und wie Hendrix und auch Janis gestorben waren, von Croce gar nicht zu reden. Hendrix und J. J. krepiert an einer Überdosis Smack, alle beide, zwei so dufte und coole Typen wie sie, zwei Menschen, die mit ungeheurer Intensität lebten, und er erinnerte sich, einmal gehört zu haben, daß Janis’ Manager ihr nur dann und wann mal ein paar hundert Eier ausgezahlt hat- te; den Rest – praktisch alles, was sie verdiente – wollte er ihr wegen ihrer Heroinsucht nicht geben. Und dann hörte Freck in seinem Kopf Janis’ Song »All Is Loneli- ness«, und er begann zu weinen. Und in diesem Zustand fuhr er weiter in Richtung Heimat. * Als Robert Arctor zusammen mit seinen Freunden im Wohnzimmer saß und zu einer Entscheidung darüber zu, gelangen versuchte, ob er nun den Vergaser überholen lassen oder sich nicht doch vielleicht einen neuen Verga- ser oder sogar einen modifizierten Vergaser – plus einem neuen Verteiler – anschaffen sollte, spürte er die schwei- gende, nie aussetzende Überwachung durch die Holo- Kameras, ihre elektronische Allgegenwart. Es war ein beruhigendes Gefühl. »Du machst so ‘n gutgelaunten Eindruck«, sagte Luckman. »Wenn ich hundert Eier rausschieben müßte, wär’ ich nicht so guter Laune.« »Ich hab’ gerade beschlossen, so lange rumzuziehen, bis ich auf einen Olds wie meinen stoße«, erklärte Arc- tor. »Und dann montiere ich denen ihren Vergaser raus und bezahle gar nichts. So machen’s doch alle, die wir kennen.« »Besonders Donna«, sagte Barris beipflichtend. »Es wäre mir lieber gewesen, wenn sie nicht ins Haus ge- kommen wäre, während wir neulich weg waren. Donna stiehlt alles, was sie wegtragen kann, und wenn sie’s nicht alleine wegtragen kann, dann ruft sie eben ihre Bande von Klaubrüdern an, und die kreuzen auf und tra- gen’s für sie weg.« »Ich will euch mal eine Geschichte erzählen, die ich über Donna gehört habe«, sagte Luckman. »Also: Ir- gendwann hat Donna mal ‘n Vierteldollar in einen dieser Briefmarkenautomaten reingesteckt – ihr wißt schon, so einen mit Rollenmarken drin –, und die Maschine ist ausgeflippt und hat gar nicht mehr damit aufgehört, Briefmarken rauszukurbein. Nach ‘ner Zeit hatte sie schon einen ganzen Einkaufskorb voll. Aber der Automat, hat immer noch mehr von dem Zeug ausgespuckt. Am Ende hatte sie so ungefähr – sie und ihre Klaubrüder ha- ben sie gezählt – gut achtzehntausend 15-Cent-Marken. Tja, das war ja schon mal ‘ne heiße Sache – nur: Was sollte Donna Hawthorne damit machen? Schließlich hat sie noch nie in ihrem ganzen Leben einen Brief geschrie- ben, außer damals, als sie ihre Rechtsanwalt damit beauf- tragt hat, einen Typen zu belangen, der sie bei einem Deal gelinkt hatte.« »Das hat Donna gemacht?« sagte Arctor. »Sie hat wirklich einen Rechtsanwalt eingeschaltet, als sie bei einer illegalen Transaktion betrogen worden ist? Wie geht denn das?« »Vielleicht hat sie einfach behauptet, der Macker wür- de ihr Flöhe schulden.« »Stell dir bloß mal vor, du würdest nach einem Deal von einem Rechtsanwalt einen bitterbösen Mahnbrief kriegen«, sagte Arctor. »Nach dem Motto: ›Entweder Sie zahlen, oder wir gehen vor Gericht!‹« Wie schon so oft konnte er auch jetzt wieder nur über Donna staunen. »Jedenfalls«, fuhr Luckman fort, »stand sie also nun mit einem Einkaufskorb da, der randvoll mit 15-Cent- Marken war – achtzehntausend mindestens. Was zum Teufel fängt man damit an? Schließlich kann man sie nicht ans Postamt zurückverkaufen. Und wenn die Leute von der Post aufkreuzten, um den Automaten zu warten, würden sie feststellen, daß er ausgeflippt war, und wenn dann jemand mit lauter 15-Cent-Marken an einem Schal- ter auftauchte, besonders mit ‘ner Rolle davon – Scheiße, die würden doch sofort kapiert haben, woher der Wind, weht; wahrscheinlich würden sie sogar schon auf Donna gewartet haben, stimmt’s? Also legte sie sich einen ande- ren Plan zurecht – natürlich erst, nachdem sie die Brief- markenrolle in ihren MG geladen hatte und weggefahren war –, und dann rief sie ein paar von ihren Klaubrüdern an, mit denen sie immer zusammenarbeitet, und befahl ihnen, zu ihr rüberzukommen und einen Preßlufthammer mitzubringen, so ein Spezialmodell, wassergekühlt und mit Flüssigkeits-Schalldämpfung, ein richtig irres Ding, das sie – so wahr mir Gott helfe! – auch geklaut hatten. Mitten in der Nacht gruben sie dann den einbetonierten Briefmarkenautomaten aus und schafften ihn in ihre Bu- de, auf der Ladefläche eines Ford Ranchero. Der viel- leicht auch geklaut war. Und das alles wegen der Brief- marken.« »Willst du damit sagen, daß sie die Briefmarken ver- kauft haben?« fragte Arctor verblüfft. »Aus dem Auto- maten? Marke für Marke?« »Nach dem, was ich gehört habe, legten sie jedenfalls die Rolle wieder ein und stellten die Automaten wieder auf, an einer belebten Kreuzung, wo eine Menge Leute vorbeikommen, aber natürlich ein wenig versteckt, so daß er nicht zufällig von einem Postauto aus gesichtet werden konnte. Und dann setzten sie ihn wieder in Be- trieb.« »Es wäre klüger gewesen, den Münzspeicher aufzu- brechen«, sagte Barris. »Also verkauften sie von da an Briefmarken«, sagte Luckman, »so ein paar Wochen lang, eben bis die Ma- schine vollständig leer war, was ja irgendwann einmal, der Fall sein mußte. Aber was, zum Teufel, sollten sie dann damit anfangen? Ich kann mir gut vorstellen, wie Donnas Gehirn während jener Wochen an diesem Pro- blem arbeitete, dieses bauernschlaue Gehirn … sie ist bäuerlicher Abstammung, ihre Familie kommt aus ir- gendeinem europäischen Land. Kurz und gut, als die Rol- le dann aufgebraucht war, da hatte Donna beschlossen, den Automaten auf Softdrinks umzustellen. Eine riskante Sache, denn das sieht das Postministerium nun gar nicht gern. Dafür wandert man für immer in den Knast. « »Ist das wirklich wahr?« fragte Barris. »Ist das wirklich wahr?« fragte Luckman. Barris sagte: »Dieses Mädchen ist asozial. Man sollte sie auf der Stelle verhaften lassen. Begreift ihr überhaupt, daß alle unsere Steuern erhöht worden sind, weil sie die- se Briefmarken gestohlen hat?« Es klang jetzt wieder sehr wütend. »Schreib doch an die Regierung und erzähl’s ihnen«, sagte Luckman. Sein Widerwille gegen Barris ließ sein Gesicht ganz kalt werde. »Und bitte Donna um eine Marke, damit du den Brief damit frankieren kannst; sie wird die bestimmt eine verkaufen.« »Zum vollen Preis«, sagte Barris ebenso aggressiv. Die Holos, dachte Arctor, werden Kilometer um Ki- lometer von solchem Zeug auf ihren teuren Bändern speichern. Nicht Kilometer um Kilometer toter Bänder, sondern Kilometer um Kilometer total ausgeflippter Bänder. Plötzlich kam ihm der Gedanke, daß – zumindestens für ihn … für wen? … für Fred – nicht das wichtig war,, was sich abspielte, während Robert Arctor vor einer Ho- lo-Kamera saß, sondern das, was geschah, während Bob Arctor anderswo war oder schlief und andere Personen sich im Bereich der Aufzeichnungsgeräte aufhielten. Und darum, dachte er, sollte ich jetzt ganz wie geplant einen Abgang machen, sollte diese Jungs hier allein lassen und andere Leute, die ich kenne, zu ihnen rüberschicken. Ich sollte mein Haus von jetzt an superzugänglich machen. Und dann nahm in seinem Innern ein schrecklicher, häßlicher Gedanke Gestalt an. Angenommen, ich sehe Donna hier drinnen, wenn ich die Bänder durchlaufen lasse – Donna, die mit einem Löffel oder einer Messer- klinge ein Fenster öffnet, hereinschlüpft und mein Eigen- tum zerstört oder stiehlt. Eine andere Donna: meine klei- ne Donna, wie sie in Wirklichkeit ist, oder wie sie jeden- falls immer dann ist, wenn ich sie nicht sehen kann. Die philosophische »Wenn ein Baum im Walde stürzt«- Nummer. Wie ist Donna, wenn keiner in der Nähe ist und sie beobachtet? Verwandelt sich, so fragte er sich, dieser sanfte, lie- benswerte Zankteufel, dieses super-gutherzige Mädchen dann schlagartig in eine verschlagene, heimtückische Fremde? Werde ich eine Veränderung miterleben, die mir fast den Verstand raubt? Bei Donna oder bei Luck- man, bei irgend einem von denen, für die ich etwas emp- finde? Nimm nur einmal deine Schoßkatze oder deinen Schoßhund … was mögen die tun, wenn du aus dem Haus bist? Die Katze schnappt sich vielleicht einen Kis- senbezug und fängt an, deine ganzen Wertgegenstände hineinzustopfen; die elektrische Uhr, den elektrischen, Radiowecker, den Rasierapparat, eben alles, was sie nur einsacken kann, bevor du zurückkommst; während du weg bist, ist sie wie verwandelt, eine ganz andere Katze, die dich beklaut und alles zur Pfandleihe bringt und deine Joints raucht oder an der Decke entlangspaziert oder Ferngespräche mit Unbekannten führt … und Gott weiß was noch. Ein Alptraum, eine verkehrte Welt hinter dem Spiegel, eine Stadt des Schreckens, in der wirklich alles möglich ist und in deren Straße unsägliche Wesenheiten herumkriechen; Donna, die auf allen vieren kriecht und aus den Futternäpfen der Haustiere frißt … wilde psy- chedelische Trips jeder Art, unauslotbar und abscheulich. Wahnsinn, dachte er; ebensogut könnte es sein, daß Bob Arctor mitten in der Nacht aus tiefem Schlaf auf- steht und auf solche Trips geht. Vielleicht hat er sexuelle Beziehungen mit der Wand. Oder mysteriöse Freaks tau- chen auf, die er nie zuvor gesehen hat, ein ganzer Haufen davon, und sie alle haben eine besondere Art von Köp- fen, die sich um 360 Grad drehen lassen, wie die von Eu- len. Und die Überwachungsmikrophone werden die total abstrusen, geisteskranken Verschwörerpläne aufzeich- nen, die er gemeinsam mit ihnen ausheckt und die vorse- hen, das Herrenklo an der nächsten Standard-Tankstelle in die Luft zu jagen, indem man die Toilette mit Plastik- sprengstoff füllt – aus gott weiß was für hirnverbrannten Gründen auch immer. Vielleicht passiert diese Art von Zeug jede Nacht, während er zu schlafen glaubt, und ist am Tag aus seiner Erinnerung wie weggewischt. Bob Arctor, mutmaßte er, mag mehr über sich selbst erfahren, als er zu erfahren bereit ist, mehr als über Don-, na mit ihrem Lederjäckchen und über Luckman mit sei- nen modischen Klamotten und sogar über Barris – viel- leicht geht Jim Barris ja einfach nur schlafen, wenn kei- ner in der Nähe ist, und schläft so lange, bis die anderen wiederauftauchen. Aber daran vermochte er nicht zu glauben. Da war es schon wahrscheinlicher, daß Barris unter dem ganzen Müll in seinem Zimmer – das wie alle anderen Räume des Hauses jetzt erstmals rund um die Uhr überwacht wurde – einen verborgenen Sender hervorzauberte und ein kryptisches Signal an jene Bande von kryptischen Arsch- löchern abstrahlte, mit denen er laufend aus irgendeinem Grunde konspirierte, aus denen Leute wie er oder sie halt zu konspirieren pflegten. Vielleicht, überlegte Bob Arc- tor, bilden sie eine andere Abteilung der Behörden. Andererseits würden Hank und die Jungs im Haupt- quartier nicht allzu glücklich sein, wenn Bob Arctor jetzt, da die Kameras und Monitoren geschickt und unter ho- hem Kostenaufwand montiert worden waren, sein Haus verließ und nie wieder gesehen ward; nie auf einem der Bänder auftauchte. Er konnte deshalb nicht einfach ver- schwinden, um seine eigenen Überwachungspläne auf Kosten der ihren durchzuführen. Schließlich waren sie die Geldgeber dieses Projekts. In dem Drehbuch, das hier verfilmt wurde, würde im- mer nur er der Starschauspieler sein müssen. Arctor – actor – Schauspieler, dachte er. Bob, der Schauspieler, der gejagt wird; er, der Staatsfeind Nummer eins. Es heißt, daß man seine eigene Stimme nicht wieder- erkennt, wenn man sie zum erstenmal auf Tonband hört., Und wenn man sich selbst auf einem Videoband sieht – oder, wie in diesem Fall, in einem 3-D-Hologramm –, dann erkennt man sich ebensowenig wieder. Man hat sich vorgestellt, ein großer fetter Mann mit schwarzen Haaren zu sein, und statt dessen ist man eine winzige, dünne Frau mit Glatze … kann das so weit gehen? Ich bin sicher, daß ich Bob Arctor erkennen werde, dachte er, und sei es auch nur an den Kleidern, die er trägt, oder durch einen Eliminationsprozeß. Das, was nicht Barris oder Luckman ist und hier wohnt – das muß Bob Arctor sein. Falls es nicht einer der Hunde oder eine der Katzen ist. Ich werde versuchen müssen, mein professionell ge- schultes Auge immer auf etwas gerichtet zu halten, das aufrecht geht. »Barris«, sagte er, »ich mach’ mal ‘n Abflug. Viel- leicht kann ich ja irgendwo ‘n paar Schnäppchen ma- chen.« Dann tat er so, als erinnere er sich plötzlich daran, daß er im Moment keinen Wagen hatte; er verzog pas- send zu diesem Gedanken sein Gesicht. »Luckman«, sag- te er, »läuft dein Falcon eigentlich wieder richtig?« Luckman überlegte. »Nein«, sagte er dann nachdenk- lich, »ich glaube nicht.« »Kann ich deinen Wagen haben, Jim?« fragte Arctor Barris. »Ich frage mich … ob du mit meinem Wagen klar- kommen kannst«, sagte Barris. Barris brachte diesen Einwand immer vor, wenn je- mand versuchte, seinen Wagen auszuleihen. Er hatte nämlich daran geheime Modifikationen vornehmen las- sen, deren Natur er nie näher erläuterte und die sowohl, (a) die Radaufhängung (b) den Motor (c) den Gaszug (d) die Hinterachse (e) das Getriebe (f) das elektrische System (g) die Vorderachse und die Lenkung als auch (h) die Uhr, den Zigarettenanzünder, den Aschenbe- cher und das Handschuhfach betrafen. Besonders das Handschuhfach. Barris hielt es immer verschlossen. Auch das Radio war auf raffinierte Weise verändert wor- den (aber das Warum und das Wie blieben unerklärt). Wenn man einen Sender einstellte, hörte man immer nur Piepser, und zwar stets in Abständen von einer Minute. Alle Druckknöpfe brachten nur diese eine Sendung her- ein, die keinen Sinn ergab. Und merkwürdigerweise spielte dieser Sender nie irgendwelche Rockmusik. Manchmal, wenn sie Barris zu einem Einkauf begleite- ten, stellte er den mysteriösen Sender auf ganz besondere Weise ein und drehte das Radio sehr laut, bevor er den Wagen parkte, ausstieg und sie allein im Wagen zurück- ließ. Wenn sie den Sender während seiner Abwesenheit wechselten, wurde er ganz komisch und weigerte sich, sich auf dem Heimweg mit ihnen zu unterhalten oder ihnen auch nur eine Erklärung für sein Verhalten zu ge- ben. Bisher hatte er es ihnen noch nie erklärt. Vielleicht begann das Radio ja zu senden, wenn es auf jene Fre- quenz eingestellt war, und am Empfänger saßen (a) die Behörden (b) eine private, paramilitärische Polit-Organisation, (c) das Syndikat (d) Außerirdische einer höheren Intelligenzstufe. »Womit ich nur ausdrücken will«, sage Barris, »daß er –« »Ach Quatsch!« unterbrach Luckman ihn barsch. »Das ist ein Wagen mit ‘nem ganz gewöhnlichen Sechszylin- dermotor, du Arsch. Wenn wir ihn in der Stadt abstellen, fährt ihn doch auch der Parkwächter. Warum dann nicht Bob? Du Arschloch.« Natürlich hatte Bob Arctor ebenfalls veranlaßt, daß ein paar Zusatzgeräte in sein Autoradio eingebaut und gut getarnte Modifikationen daran vorgenommen wurden. Aber er sprach nicht darüber. Eigentlich war es ja auch Fred gewesen, der das veranlaßt hatte. Jedenfalls war es auf Veranlassung von irgend jemandem geschehen, und nun vollbrachten diese Geräte ein paar Kunststückchen, die ein wenig denen ähnelten, die Barris’ diverse elektro- nische Geräte dessen eigener Aussage nach angeblich auch vollbrachten. Was sie aber natürlich in Wirklichkeit nicht taten. Beispielsweise strahlt jedes Polizeifahrzeug auf der vollen Breite des Frequenzspektrums ein besonderes In- terferenzsignal ab, das in einem normalen Autoradio den gleichen Effekt erzeugt wie ein nicht hinreichend entstör- ter Motor. Jeder gewöhnliche Autofahrer würde höch- stens mutmaßen, daß die Zündung des Polizeiwagens defekt sei. In seiner Eigenschaft ab Geheimer Rauschgift- Agent war Bob Arctor jedoch von der Gerätestelle der Behörden eine Apparatur ausgehändigt worden, die ihm, nachdem er sie ins Autoradio eingebaut hatte, eine Men- ge über das verriet, was um ihn herum vorging, wohin-, gegen die Geräusche anderen Leuten – jedenfalls den meisten anderen Leuten – überhaupt keine Informationen gaben. Diese anderen Leute erkannten nicht einmal, daß das statische Rauschen ein Informationsträger war. Zu- erst einmal verrieten die verschiedenen Untertöne Bob Arctor, wie weit das jeweilige Polizeifahrzeug sich sei- nem eigenen Wagen genähert hatte und zu welcher Ab- teilung oder Behörde es gehörte – zur Stadtpolizei, zur Polizei des County, zur Autobahnpolizei, zur Bundespo- lizei oder wozu auch immer. Ferner empfing er auch die in einminütigen Abständen abgestrahlten Piepser, die zur Zeitkontrolle für Beamte in einem parkenden Fahrzeug dienten; dank dieser Signale konnten sie feststellen, wie lange sie schon warteten, ohne dauernd auf die Uhr zu schauen, was ja Verdacht erregen mochte. Das war zum Beispiel dann von Nutzen, wenn man beschlossen hatte, in exakt drei Minuten ein bestimmtes Haus zu stürmen. Das zt zt zt im Autoradio verriet den Beamten präzise, wann diese drei Minuten verstrichen waren. Er wußte auch über die AM-Station Bescheid, die pau- senlos nur Top-Ten-Hits und ähnliches Zeug plus eine wahre Sturzflut von DJ-Gelaber sendete – DJ-Gelaber, das sich manchmal auf merkwürdige Weise in etwas ganz anderes verwandelte. Wenn jemand das Radio auf diese Station einstellte und das Gedudel der Musik den Wagen erfüllte, dann würde dieser Jemand, falls er nur mit halbem Ohr zuhörte, den Eindruck gewinnen, einen ganz gewöhnlichen Popmusiksender mit typischem, ödem DJ-Gelaber erwischt zu haben, und entweder nicht auf dieser Welle bleiben oder wenigstens nicht merken,, daß der vorgebliche Disc-Jockey manchmal in genau demselben gedämpften Plauderton, in dem er sagte: »Und hier ist eine Nummer für Phil und Jane, ein neuer Song von Cat Stevens, mit dem Titel –« plötzlich Sachen sagte, die eher klangen wie: »Blaues Fahrzeug, rücken Sie eine Meile weiter nach Norden in Richtung Bastan- chury vor. Alle anderen Einheiten –« und so weiter. Er hatte noch nie erlebt, daß einer der vielen Macker oder eine der Puppen, die mit ihm fuhren, irgend etwas davon bemerkt hatte – nicht einmal dann, wenn er aufgrund ei- ner dienstlichen Anweisung dazu gezwungen war, den Polizeifunk laufen zu lassen, weil gerade irgendwo eine Razzia oder eine andere Großaktion anlief, in die er viel- leicht einbezogen werden mochte. Möglicherweise hatten jene seiner Mitfahrer, die doch etwas mitkriegten, ein- fach geglaubt, auf einem privaten Horrortrip oder para- noid zu sein, und die ganze Sache schnell wieder verges- sen. Und er erkannte auch die vielen nicht als solche ge- kennzeichneten Polizeifahrzeuge – alte Chevys zum Bei- spiel, die mit dröhnenden (und gesetzlich verbotenen) Doppelröhren und Rallyestreifen aufgemotzt waren und von wild aussehenden Freaktypen gesteuert wurden, die sich weder um Geschwindigkeitsbeschränkungen noch um andere Verkehrsregeln kümmerten –, weil die beson- dere Art von informationstragender Statik, die aus dem Radio drang, ihm ihre wahre Natur verriet, wenn sie an seiner Stoßstange klebten oder an ihm vorbeischossen. Er hatte längst gelernt, gar nicht mehr darauf zu achten. Wenn er die Taste drückte, mit der man normalerweise, das Autoradio von AM auf FM umstellte, dann quoll nicht nur ein von einer ganz bestimmten Station auf einer ganz bestimmten Frequenz gesendeter Strom sich endlos wiederholender, stupider Disco-Musik aus dem Laut- sprecher, sondern zugleich schaltete sich dadurch auch ein innerhalb des Radios verborgenes, mit einem Sender gekoppeltes Mikrophon ein, das von diesem Zeitpunkt an alles, was die Insassen seines Wagens sagten, aufnahm, zerhackte und ins Behördenzentrum abstrahlte, während zugleich die lärmende Musik, die aus dem Lautsprecher flutete, mit Hilfe eines Spezialfilters unterdrückt wurde. Von der Musik – egal, wie laut sie auch immer dudeln mochte – bekamen die Leute im Behördenzentrum nichts mit. Sie störte ihre Abhörtätigkeit nicht im geringsten; der Spezialfilter eliminierte sie vollständig. Das, was Barris zu besitzen behauptete, hatte tatsäch- lich ein gewisse Ähnlichkeit mit dem, was er, Bob Arc- tor, in seiner Eigenschaft als Geheimer Rauschgift-Agent wirklich in seinem Autoradio hatte; aber über das hinaus waren an seinem Wagen keinerlei weitere Modifikatio- nen vorgenommen worden, weder an der Radaufhängung noch am Motor noch sonstwo. Das wäre zu plump und auffällig gewesen. Und außerdem konnten ja Millionen von Autofanatikern die gleichen haarigen Umbauten an ihren Wagen vornehmen; darum hatte er sich nur darum bemüht, einen Wagen mit möglichst vielen PS zugeteilt zu bekommen, und es dabei bewenden lassen. Ein Fahr- zeug mit hoher Motorleistung kann nun einmal jeden anderen Wagen überholen und abhängen. In dieser Hin- sicht redete Barris viel Stuß; ein Ferrari verfügt schon, serienmäßig über Radaufhängungen, Fahreigenschaften und eine Lenkung, gegen die keine wie auch immer gear- teten »geheimen Modifikationen« ankommen können, also zum Teufel damit. Und Bullen können sich keine Sportwagen leisten, nicht mal billige. Von Ferraris gar nicht zu reden. Letztendlich ist es immer das fahrerische Können, das alles entscheidet. Über eine Spezialausstattung verfügte sein Wagen al- lerdings doch – nämlich über sehr ungewöhnliche Reifen. Vor Jahren hatte die Firma Michelin in ihrer X-Serie da- mit begonnen, Reifen mit eingezogenen Stahlbändern auf den Markt zu bringen. Die Reifen an Bob Arctors Wagen hingegen waren ganz aus Metall. Sie nutzten sich zwar schnell ab, hatten aber Vorteile hinsichtlich der Ge- schwindigkeit und der Beschleunigung. Ihr größter Nach- teil war ihr Preis, aber er bekam sie umsonst – von einer behördlichen Zuteilungsstelle, die im Gegensatz zu der, von der er sein Geld erhielt, kein Dr.-Pepper-Automat war. Die Behördenstelle arbeitete sehr zuverlässig, aber natürlich erhielt er immer nur dann eine neue Zuteilung, wenn es unumgänglich notwendig war. Die Reifen zog er selbst auf, wenn ihn niemand beobachtete. Wie er auch die Zusatzgeräte in seinem Radio selbst montiert hatte. Seine einzige Sorge wegen des Radios war nicht die mögliche Entdeckung der Umbauten durch jemanden, der – wie Barris – herumschnüffelte, sondern die Mög- lichkeit eines ganz gewöhnlichen Diebstahls. Wegen der zusätzlichen Geräte würde es eine teure Angelegenheit werden, das Radio im Falle eines Diebstahls zu ersetzen; er würde sich bei der Zuteilungsstelle wahrscheinlich den, Mund fusselig reden müssen, bevor man ihm ein neues Radio zugestand. Natürlich hatte er in seinem Wagen auch eine Waffe versteckt. Barris, gefangen in seinen grellen, ausgeklink- ten Acid-Phantasien, würde das Versteck wohl niemals gerade da eingerichtet haben, wo es sich wirklich befand. Barris hätte bestimmt einen möglichst exotischen Platz gewählt, um die Waffe zu verbergen, etwa einen Hohl- raum in der Lenksäule. Oder den Benzintank. Ja, wahr- scheinlich hätte er die Waffe – ähnlich wie die Helden in dem klassischen Streifen Easy Rider ihre Ladung Koks – an einem Draht in den Benzintank baumeln lassen. Ne- benbei bemerkt war gerade dieser Ort wohl das ungeeig- netste Dope-Versteck, das man sich nur vorstellen konn- te. Jedem Bullen, der den Film mitgekriegt hatte, war wohl sofort das klargewesen, was clevere Psychiaterty- pen später aufgrund hochwissenschaftlicher Analysen herausgefunden hatten: nämlich, daß die beiden Motor- radfahrer es unterbewußt darauf anlegten, erwischt und möglichst auch getötet zu werden. Seine Waffe – die in seinem Wagen – lag im Handschuhfach. Die angeblich so raffinierten Apparätchen, auf die Barris dauernd anspielte, wenn er von seinem eigenen Wagen sprach, hatten möglicherweise sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit, der Wirklichkeit von Arctors umgerüsteten Wagen, weil viele der radiotechni- schen Gimmicks, die Arctor zur Verfügung standen, längst weite Verbreitung gefunden hatten und in TV- Spätprogrammen und in Talkshows von Elektronik- Experten vorgeführt worden waren, die an ihrer Entwick-, lung beteiligt gewesen waren oder in Fachzeitschriften darüber etwas gelesen hatten oder sie mal gesehen hatten oder aus den Polizeilaboratorien gefeuert worden waren und nun einen Groll gegen ihren früheren Arbeitgeber hegten. Daher wußte der Durchschnittsbürger (oder, wie Barris in seiner pseudo-gebildeten Art stets sagte, der typische Durchschnittsbürger) inzwischen, daß kein ge- wöhnlicher Bulle das Risiko einging, einen mit überhöh- ter Geschwindigkeit durch die Gegend rasenden, hochfri- sierten und mit Rallyestreifen aufgemotzten 57er Chevy, hinter dessen Steuer ein Etwas saß, das wie ein wildge- wordener Teenager aussah, der ausgeflippt war, weil er zu viel Coors-Bier intus hatte, anzuhalten – nur um he- rauszufinden, daß er einen Geheimen Rauschgift- Agenten gestoppt hatte, der seiner Beute dicht auf den Fersen war. Demnach wußte der typische Durchschnitts- bürger also heutzutage, wie und warum diese ganzen Ge- heimfahrzeuge, die durch die Straßen röhrten, alte Da- men erschreckten und manche Spießer so abschockten, daß sie sich hinsetzten und entrüstete Briefe an die Re- gierung schrieben, im munteren Hin und Her Identifikati- onssignale miteinander oder mit ihrer jeweiligen Leitstelle austauschten … aber was machte das schon aus? Wirkli- che Probleme – erschreckende Probleme sogar –würde es erst geben, wenn die Puks, die Hot-Rod-Freaks, die Mo- torradrocker und besonders die Dealer, Zwischenträger und Großhändler es fertigbrachten, auch in ihre Fahrzeuge solche ausgeklügelten Vorrichtungen einzubauen. Dann nämlich konnten sie einfach an jedem Bullen vorbeirauschen. Ungestraft., »Dann gehe ich eben zu Fuß«, sagte Arctor. Genau das hatte er ja ohnehin tun wollen; er hatte sowohl Barris als auch Luckman elegant ausgetrickst. Er mußte zu Fuß ge- hen. »Wo willst du hin?« erkundigte sich Luckman. »Rüber zu Donna.« Es war unmöglich, zu Fuß bis zu ihrer Bude zu gelangen; mit dieser Ankündigung stellte er sicher, daß keiner der beiden Männer auf die Idee kam, ihn zu begleiten. Er zog sich den Mantel an und trabte zur Haustür. »Bis später, Jungs.« »Mein Wagen –« setze Barris ein wenig schuldbewußt noch einmal zu einer Erklärung an. »Wenn ich versuchen würde, deinen Wagen zu fah- ren«, sagte Arctor, »würde ich bestimmt den falschen Knopf drücken und plötzlich wie der Goodyear-Zeppelin hoch über Los Angeles schweben, und dann würde ich dazu engagiert werden, borsaueres Salz über brennenden Ölquellen abzuwerfen.« »Ich bin froh, daß du meine schwierige Lage zu wür- digen weißt«, murmelte Barris, während Arctor die Tür hinter sich schloß. * Fred saß in seinem Jedermann-Anzug vor dem Holo- Schirm von Monitor Zwei und betrachtete teilnahmslos die in rascher Folge vor seinen Augen wechselnden Bil- der. Im Kontroll-Zentrum waren noch weitere Beobach- ter mit der Durchsicht holografischen Bildmaterials be- schäftigt, das die an allen möglichen anderen Orten in-, stallierten Kameras hierher übermittelt hatten. Meist handelte es sich um Aufzeichnungen. Fred jedoch be- trachtete eine Live-Übertragung gerade jetzt ablaufender Ereignisse; zwar zeichnete das ihm zugewiesene Gerät auch auf, aber er hatte das Speicherband mit einer beson- deren Schaltung umgangen, damit die Bilder, die eben in diesem Moment aus Bob Arctors angeblich so herunter- gekommenem Haus übertragen wurden, gleichzeitig auch auf den Holo-Schirmen erschienen. Im Innern des Hologramms saßen – in naturgetreuen Farben und mit sehr guter Auflösung – Barris und Luck- man. Barris kauerte im besten Wohnzimmersessel und beugte sich über eine Hasch-Pfeife, an der er schon seit Tagen herum werkelte. Er umwickelte den Kopf der Pfei- fe in endlosen Lagen mit weißem Bindfaden; er konzen- trierte sich so sehr auf diese Arbeit, daß sein Gesicht zu einer Maske erstarrt war. Am Kaffeetisch hockte Luck- man über einer Portion Swanson’s Hühnchen- Schlemmermahl für frohe Fernsehstunden, die er in gro- ßen Bissen herunterschlang, während er sich einen We- stern im Fernsehen ansah. Vier Bierdosen, allesamt leer, lagen auf dem Tisch, von seiner mächtigen Faust zer- quetscht; gerade griff er nach einer fünften, noch halb- vollen Dose, warf sie um, verschüttetete das Bier, packte sie und fluchte. Bei diesem Fluch schaute Barris auf, be- trachtete ihn wie Mime im Siegfried und nahm dann sei- ne Arbeit wieder auf. Fred beobachtete weiter. »Scheiß Sparprogramm«, gurgelte Luckman, den Mund vollgestopft mit Essen, und dann, ganz plötzlich,, ließ er den Löffel fallen und kam stolpernd auf die Füße, wankte, drehte sich zu Barris um, beide Hände erhoben, gestikulierend, aber ohne etwas zu sagen. Sein Mund stand offen, und halbzerkautes Essen fiel heraus, auf sei- ne Kleider, auf den Boden. Die Katzen kamen gierig her- angestürzt. Barris hielt in seiner Arbeit an der Hasch-Pfeife inne, blickte auf, musterte den unglücklichen Luckman. Der verfiel regelrecht in Raserei, gurgelte jetzt noch viel schrecklicher als zuvor und fegte mit einer Hand die Bierdosen und das Essen vom Kaffeetisch; alles klapper- te zu Boden. Die Katzen hetzten erschrocken davon. Im- mer noch saß Barris da, Luckman starr anglotzend. Luckman schwankte ein paar Schritte in Richtung Kü- che; er geriet jetzt in den Aumahmebereich der dort in- stallierten Kamera, und auf einem der anderen Holo- Schirme vor Freds schreckgeweiteten Augen erschien ein Bild davon, wie Luckman im Halbdunkel der Küche zu- nächst blind nach einem Glas tastete und dann versuchte, den Kran anzudrehen und das Glas mit Wasser zu füllen. Am Monitor sprang Fred auf; betäubt sah er auf Monitor Zwei, daß Barris, der noch immer ruhig im Sessel saß, zu seiner alten Beschäftigung zurückkehrte und sorgfältig immer mehr Bindfaden um den Kopf einer Hasch-Pfeife wand. Barris schaute nicht wieder auf; Monitor Zwei zeigte ihn wieder ganz in seine Arbeit vertieft. Aus den Lautsprechern klirrten die berstenden und rö- chelnden Geräusche der Agonie; das erstickte Würgen eines Menschen und der scheppernde Lärm von Gegen- ständen, die zu Boden polterten, weil Luckman in dem, verzweifelten Versuch, Barris’ Aufmerksamkeit zu erre- gen, Töpfe und Pfannen und Geschirr und Besteck um sich schleuderte. Barris, ganz ruhig inmitten des Lärms, arbeitete methodisch an seiner Hasch-Pfeife weiter und schaute nicht wieder auf. In der Küche, auf Monitor Eins, stürzte Luckman wie vom Schlag getroffen zu Boden. Er sank nicht langsam in die Knie, sondern schlug einfach mit einem widerwärtig dumpfen Geräusch lang hin und lag dann reglos da, alle viere von sich gestreckt. Barris fuhr fort, Bindfaden um seine Hasch-Pfeife zu wickeln, und jetzt stahl sich ein kleines Lächeln auf sein Gesicht, in seine Mundwinkel. Wie unter Schockeinwirkung stand Fred vor den Schirmen und starrte sie an. Alles in ihm drängte danach, zu handeln, und doch war er zugleich wie paralysiert. Er langte nach dem Polizeitelephon neben dem Monitor, hielt inne, schaute immer noch zu. Mehrere Minuten lang lag Luckman reglos auf dem Boden der Küche, während Barris wickelte und wickelte. Barris beugte sich vornüber wie eine alte Dame, die gänzlich in ihrer Strickarbeit aufgeht; er lächelte still vor sich hin, wiegte sich vor und zurück, lächelte, lächelte … und warf dann übergangslos die Hasch-Pfeife weg, stand auf, starrte durchdringend auf Luckmans reglose Gestalt auf dem Küchenfußboden, auf das zersplitterte Glas ne- ben ihm und auf all die Trümmer und Pfannen und zer- brochenen Teller. Sein Gesicht verzog sich zu einer höh- nischen Parodie plötzlichen Erschreckens. Barris riß sich die Sonnenbrille herunter, seine Augen weiteten sich gro- tesk, er flatterte wie ein aufgescheuchter Vogel in hilflo-, ser Furcht mit den Armen, rannte ziellos ein bißchen hin und her, wieselte dann auf Luckman zu, hielt ein paar Schritte von ihm entfernt inne, rannte zurück, keuchte heftig. Er stimmt sich ein, begriff Fred. Er bereitet sich drauf vor, seine ›ich-habe-gerade-etwas-Schreckliches-entdeckt‹ - Nummer abzuziehen. So, als habe er gerade erst die Szene betreten. Barris, auf dem Schirm von Monitor Zwei, krümmte sich zusammen, atmete schwer vor Kummer, dunkelrot im Gesicht, und hüpfte dann zum Telefon. Er riß es mit einem Ruck hoch, ließ es fallen, hob es mit zitternden Fingern wieder auf … er hatte ge- rade entdeckt, daß Luckman dort in der Küche einen ent- setzlichen, einsamen Tod gestorben war, erstickt an ei- nem Essensbrocken, begriff Fred; und keiner war da ge- wesen, der ihn hätte hören oder ihm gar hätte helfen kön- nen. Und jetzt versuchte Barris gerade verzweifelt, Hilfe herbeizurufen. Natürlich zu spät. Langsam und mit hoher, gepreßter Stimme sprach Barris jetzt in das Telefon. »Fräulein, können Sie mir sagen, wo ich anrufen muß, wenn ich einen dieser spezi- ellen Notdienst-Rettungswagen brauche? Ich meine, ei- nen von denen, die …. wie heißt das doch gleich? Wie- derbelebungsversuche? Künstliche Beatmung?« »Sir«, quietschte die Simme in der Ohrmuschel aus dem Lautsprecher dicht neben Fred, »bekommt da je- mand keine Luft mehr? Soll ich –« »Ich glaube, es handelt sich um einen Herzstillstand«, sagte Barris mit seiner tiefen, ruhigen und irgendwie zu- gleich drängend und professionell klingenden Stimme in, das Telefon, einer Stimme, der man sofort anhörte, daß sich der Sprecher über den tödlichen Ernst der Lage und die Knappheit der noch verbleibenden Zeit sehr wohl im klaren war. »Entweder das, oder er hat versehentlich ei- nen Fremdkörper durch die Luftröhre in –« »Wie ist die Adresse, Sir?« unterbrach ihn das Fräu- lein von der Auskunft. »Die Adresse«, sagte Barris »Moment, die Adresse ist –« Fred, der immer noch stand, sagte laut: »Mein Gott.« Luckman, der ausgestreckt auf dem Boden lag, atmete plötzlich krampfhaft. Ein konvulsivisches Zittern durch- lief seinen Körper, und dann würgte er das Zeug, das sei- ne Kehle verstopfte, aus, schlug um sich und öffnete sei- ne Augen, die verquollen und verwirrt ins Leere starrten. »Äh, es scheint ihm jetzt wieder besserzugehen«, sagte Barris glatt in das Telefon. »Vielen Dank; anscheinend braucht er jetzt doch keine Hilfe mehr.« Rasch legte er den Hörer auf. »Himmel«, murmelte Luckman undeutlich, während er sich aufsetzte. »Scheiße«. Er schnaubte geräuschvoll, hustete und schnappte nach Luft. »Wieder okay?« fragte Barris voller Besorgnis. »Ich muß was in die falsche Kehle gekriegt haben. Bin ich ohnmächtig geworden?« »Nicht eigentlich ohnmächtig. Du bist allerdings in ei- nen anderen Bewußtseinszustand übergewechselt. Für ein paar Sekunden. Vielleicht in einen Alpha-Zustand.« »Gott! Ich hab’ mich vollgesaut!« Obwohl er taumelte und vor Schwäche zitterte, schaffte Luckman es doch irgendwie, auf die Füße zu kommen; schließlich stand er, da, haltsuchend an die Wand gelehnt, und schwankte vor und zurück. »Ich verkomme langsam wirklich«, murmel- te er angeekelt. »Wie ein alter Weinsäufer.« Mit unsiche- ren Schritten tappte er in Richtung Ausguß, um sich zu waschen. Fred, der alles beobachtete, fühlte, wie die in ihm auf- gestaute Angst wieder verschwand. Luckman würde bald wieder ganz okay sein. Aber Barris! Was für eine Art von Mensch war das bloß? Luckman hatte sich nicht dank, sondern trotz seiner »Hilfe« erholt. Was für ein Freak, dachte Fred. Was für ein bekloppter Freak. Was muß eigentlich in seinem Kopf los sein, daß er in einer solchen Situation einfach müßig rumstehen kann? »Man könnte durch so etwas abkratzen«, sagte Luck- man, während er sich am Ausguß mit Wasser bespritzte. Barris lächelte. »Gut, daß ich so eine kräftige Konstitution hab’«, sag- te Luckman. In großen Schlucken leerte er eine Tasse mit Wasser. »Was hast du eigentlich gemacht, als ich da lag? Dir einen runtergeholt?« »Du hast doch gesehen, daß ich telefoniert habe«, sag- te Barris. »Ich wollte einen Rettungswagen rufen. Ich habe sofort gehandelt, als –« »Wichs«, sagte Luckman säuerlich und kippte immer mehr von dem frischen, sauberen Wasser herunter. »Ich weiß, was du tun würdest, wenn ich tot umfiele – du würdest meinen Stash klauen. Du würdest sogar meine Taschen nach Stoff filzen.« »Wirklich faszinierend«, sagte Barris, »diese Be- schränkungen der menschlichen Anatomie. Ich meine,, daß Nahrung und Luft sich einen gemeinsamen Durch- gang teilen müssen. So daß jederzeit die Gefahr besteht, daß –« Wortlos bedeutete Luckman ihm, sich doch einen run- terzuholen. * Das Kreischen von Bremsen. Eine Hupe. Bob Arctor blickte hastig auf, spähte hinaus in den nächtlichen Ver- kehr. Am Bordstein ein Sportwagen mit laufendem Mo- tor; am Steuer ein Mädchen, das ihm zuwinkte. Donna. »Mein Gott«, sagte er wieder. Mit einem langen Schritt war er am Randstein. Während sie die Tür ihres MGs öffnete, sagte Donna: »Hab’ ich dich etwa erschreckt? Ich war auf dem Weg zu deiner Bude und bin erst glatt an dir vorbeigefahren, bis ich plötzlich gecheckt hab’, daß du das warst, der da ent- langtrabte. Darum hab’ ich umgedreht und bin zurückge- kommen. Steig ein.« Schweigend stieg er ein und schloß die Wagentür. »Warum bist du um diese Zeit hier draußen unter- wegs?« sagte Donna. »Wegen deines Wagens? Ist er immer noch nicht wieder in Ordnung?« »Ich hab’ grad’ eine total ausgeflippte Sache erlebt«, sagte Bob Arctor. »Nicht auf’m Trip, sondern …« Er schauderte. Donna sagte: »Ich hab’ dein Zeug.« »Was?« sagte er., »Tausend Tabletten Tod.« »Tod?« echote er. »Yeah, hochgradigen Tod. Ich fahr’ besser los.« Sie schaltete in den niedrigsten Fahrbereich, fuhr los und fädelte sich in den Verkehr ein; fast augenblicklich hatte sie den Wagen bis über die zulässige Höchstgeschwin- digkeit hochgejagt. Donna fuhr immer zu schnell und zu dicht auf, aber zugleich auch sehr gekonnt. »Dieser Scheißkerl Barris!« sagte er. »Weißt du, wie er arbeitet? Wenn er jemanden um die Ecke bringen will, tötet er ihn nicht etwa eigenhändig; er wartet nur ganz einfach, bis eine Situation eintritt, in der der Betreffende von selbst stirbt. Und Barris sitzt ganz ruhig dabei, wäh- rend der andere stirbt. Er richtet es sogar gezielt so ein, daß sie sterben und er sich raushalten kann. Aber ich bin mir nicht sicher, wie er das macht. Jedenfalls arrangiert er alles so, daß sie abkratzen können, einfach abkratzen.« Dann verfiel er in tiefes Schweigen und brütete vor sich hin. »Beispielsweise«, sagte er, »würde Barris nie selbst eine Ladung Plastiksprengstoff an die Zündung deines Wagens anschließen. Statt dessen würde er –« »Hast du das Geld?« sagte Donna. »Für den Stoff? Er ist wirklich primo, und ich brauche das Geld sofort. Ich muß es noch heute abend haben, weil ich mir ‘n paar an- dere Sachen besorgen muß.« »Sicher.« Er hatte das Geld in seiner Brieftasche. »Ich mag Barris nicht«, sagte Donna, während sie den Wagen durch den Verkehr lenkte, »und trauen tue ich ihm auch nicht. Weißt du, er ist verrückt. Und wenn du mit ihm rum-, hängst, dann wirst du auch verrückt. Und wenn du nicht mit ihm rumhängst, dann bist du okay. Im Moment bist du auch wieder verrückt.« »Echt?« sagte er erschrocken. »Ja«, sagte Donna ruhig. »Hm«, sagte er. »Himmel.« Er wußte nicht, was er darauf antworten sollte. Besonders, weil Donna sich nie irrte. »Hey«, sagte Donna voller Begeisterung, »könnten wir nicht mal zusammen zu einem Rockkonzert gehen? Nächste Woche im Anaheim Stadium? Ja?« »Klar doch«, sagte er mechanisch. Und dann kapierte er erst, was Donna da eigentlich gesagt hatte – sie hatte ihn gefragt, ob er mit ihr ausgehen sollte. »Alll riiiight!« sagte er überglücklich; neue Lebens- kraft durchpulste ihn. Einmal mehr hatte ihn die kleine, dunkelhaarige Puppe, die er so sehr liebte, wieder auf die Erde zurückgeholt. »Wann denn?« »Sonntag nachmittag. Ich werd’ was von dem dunk- len, öligen Hasch mitnehmen und mir richtig einen rein- knallen. Das wird schon keiner merken, weil bestimmt Tausende von Freaks da sein werden.« Sie blickte ihn kritisch an. »Aber du mußt dir was Duftes anziehen, nicht diese gammeligen Klamotten, in denen du manch- mal rumläufst. Ich meine –« ihre Stimme wurde weich. »Ich möchte, daß du scharf aussiehst, weil ich dich ganz schön scharf finde. « »Okay«, sagte er entzückt. »Wir fahren jetzt in meine Bude«, sagte Donna, als sie in ihrem kleinen Wagen durch die Nacht schossen. »Du, hast ja das Geld bei dir, und wenn du’s mir gegeben hast, pfeifen wir ‘n paar von den Tabs ein und hauen uns so richtig bequem hin und machen uns ‘nen schönen Abend. Und wenn du Lust drauf hast, kannst du ja losziehen und uns ‘ne Pulle Southern Comfort holen, und die können wir uns dann auch noch reinziehen.« »Oh wow«, sagte er mit aufrichtiger Begeisterung. »Worauf ich heute abend aber am meisten Bock hät- te«, sagte Donna, während sie herunterschaltete, in die Straße einbog, an der sie wohnte, und den Wagen in ihre Auffahrt lenkte, »das war’, in ein Drive-in-Kino zu fah- ren. Ich hab’ mir eine Zeitung gekauft und nachgeschaut, was heute läuft, aber ich hab’ nichts Vernünftiges finden können, außer im Torrance Drive-in, und die haben schon angefangen. Um halb sechs. Die Ärsche.« Er sah auf die Uhr. »Dann haben wir schon ‘ne Menge verpaßt, mindestens –« »Nein, wir können immer noch das meiste sehen.« Sie schenkte ihm ein kurzes, warmes Lächeln, als sie den Wagen zum Stehen brachte und den Motor ausschaltete. »Die zeigen da alle Planet der Affen-Filme, alle elf; das Hauptprogramm geht von heute abend halb acht durch bis morgen früh um acht. Ich werde direkt vom Drive-in zur Arbeit gehen, darum muß ich mich jetzt umziehen. Wir werden total stoned im Kino sitzen und Southern Comfort trinken, die ganze Nacht lang. Wow, war’ das nicht ‘ne echte Superschaffe?« Sie guckte ihn hoffnungs- voll an. »Die ganze Nacht lang«, echote er. »Yeah yeah yeah.« Donna sprang aus dem Wagen und, kam herüber auf seine Seite, um ihm dabei zu helfen, die kleine Beifahrertür aufzukriegen. »Wann hast du zuletzt alle Planet der Affen-Filme gesehen? Ich hab’ die mei- sten davon schon früher dieses Jahr gesehen, aber als die letzten liefen, wurde ich krank und mußte’s drangeben. Lag an einem Schinkensandwich, das sie mir im Drive-in verkauft haben. Das hat mich echt sauer gemacht; Ich hab’ grad’ den letzten Film verpaßt, du weißt schon, den, in dem enthüllt wird, daß alle berühmten Persönlichkei- ten der Menschheitsgeschichte wie etwa Lincoln oder Nero insgeheim Affen waren, die die gesamte menschli- che Geschichte von Anfang an gelenkt haben. Darum will ich unbedingt da reingehen.« Sie senkte ihre Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern, als sie auf die Haustür zugingen. »Die haben mich mit diesem ollen Schinkensandwich ganz schön abgelinkt. Weißt du, was ich deshalb gemacht hab’? Jetzt lach aber nicht – als wir das nächste Mal ins Drive-in gefahren sind, drüben in La Habra, da hab’ ich eine verbogene Münze in den Münz- schlitz gesteckt, vorne an der Einfahrt. Und auch ‘n paar in die anderen Verkaufsautomaten, damit sich’s auch richtig lohnte. Ich hab’ zusammen mit Larry Tailing – du erinnerst dich doch bestimmt an Larry, wir sind damals zusammen gegangen? – einen ganzen Haufen von Quar- ters und Fünf-Cent-Stücken verbogen, mit seinem Schraubstock und einem großen Schraubenschlüssel. Ich hab’ natürlich vorher nachgeforscht, ob die Automaten auch alle der richtigen Firma gehörten. Und dann haben wir ‘ne ganze Ladung davon hopsgehen lassen, praktisch alle, wenn ich ehrlich sein soll.«, Langsam und irgendwie feierlich schloß sie im Halb- dunkel die Vordertür mit ihrem Schlüssel auf. »Scheint nicht gerade ratsam zu sein, dich ablinken zu wollen, Donna«, sagte er, als sie ihre hübsche kleine Bu- de betraten. »Tret nicht auf den Plüschteppich«, sagte Donna. »Wo soll ich dann hintreten?« »Bleib stehen. Oder tritt auf die Zeitungen.« »Donna –« »Nun mach’ mich bloß nicht an, nur weil du auf den Zeitungen gehen mußt. Weißt du eigentlich, wieviel es mich gekostet hat, diesen Teppich hier reinigen zu las- sen?« Sie stand da und knöpfte ihr Jäckchen auf. »Du bist ja sparsam wie ‘n französischer Bauer«, sagte er, während er seinen eigenen Mantel ablegte. »Wirfst du eigentlich jemals irgendwas weg? Wahrscheinlich be- wahrst du sogar noch Bindfadenstücke auf, die zu kurz für –« »Eines Tages«, sagte Donna und schüttelte ihr langes, schwarzes Haar, als sie aus der Lederjacke schlüpfte, »werde ich mal heiraten, und dann werd’ ich all das brauchen, alles, was ich beiseite gelegt hab’. Wenn man heiratet, braucht man alles, was man nur kriegen kann. Nimm nur mal den großen Spiegel, den wir neulich ne- benan im Hof entdeckt haben; drei Leute haben zusam- men über eine Stunde malocht, um ihn über den Zaun zu hieven. Eines Tages –« »Wieviel von dem, was du zurückgelegt hast, hast du eigentlich gekauft?« fragte er, »und wieviel davon ge- stohlen?«, »Gekauft?« Sie studierte unsicher sein Gesicht. »Was meinst du mit kaufen?« »Etwa, wie wenn du Dope kaufst«, sagte er. »Das, was bei einem Dope-Deal vor sich geht. Jetzt zum Beispiel.« Er zückte seine Brieftasche. »Ich gebe dir Geld, richtig?« Donna nickte und blickt ihn an, gehorsam (das jedoch wohl mehr aus Höflichkeit), aber trotzdem würdevoll. Und ein wenig reserviert. »Und dann gibst du mir dafür eine Ladung Dope«, sagte er, während er ihr zugleich die Scheine hinhielt. »Was ich mit kaufen meine, ist eine Ausdehnung dessen, was wir hier gerade machen, wir beide, bei diesem Dope-Deal, in die größere Welt menschlicher Geschäftsbeziehungen.« »Ich glaube, das versteh’ ich«, sagte sie. Ihre großen, dunklen Augen waren sanft, aber lebhaft. Sie war immer bereit, etwas dazuzulernen. »Als du kürzlich diesen Coca-Cola-Lieferwagen ge- stoppt und leergemacht hast – wie viele Flaschen Coke hast du da eigentlich geklaut? Wie viele Kästen?« »Genug für einen Monat«, sagte Donna. »Für mich und meine Freunde. « Er starrte sie tadelnd an. »Das ist auch eine Art von Tauschhandel«, sagte sie. »Aber was –« Er begann zu lachen. »Was gibst du denn zurück?« »Ich gebe etwas von mir selbst.« Jetzt lachte er lauthals. »Wem? Dem Fahrer des Last- wagens, der den Schaden vielleicht ersetzen –« »Die Coca-Cola-Company ist ein kapitalistisches Mo- nopolunternehmen. Kein anderer außer denen kann Co-, ca-Cola herstellen. Das ist wie bei der Telefongesell- schaft. Wenn du jemanden anrufen willst, meine ich. Al- les kapitalistische Monopole. Wußtest du schon« – ihre dunklen Augen blitzten – »daß die Formel von Coca- Cola ein sorgfältig gehütetes Geheimnis ist, das von Ge- neration zu Generation weitervererbt wird und das je- weils nur wenige Personen kennen, die alle der gleichen Familie angehören? Und daß es keine Coke mehr geben wird, wenn der letzte von denen, die die Formel auswen- dig kennen, stirbt? Darum ist ja auch sicherheitshalber eine Niederschrift der Formel irgendwo in einem Safe deponiert«, fügte sie nachdenklich hinzu. »Ich möchte zu gerne wissen, wo«, sagte sie wie im Selbstgespräch. Ihre Augen flackerten. »Du und deine Klaubrüder werden die Coca-Cola- Formel niemals finden, nicht in einer Million Jahren.« »WARUM ZUM TEUFEL SOLLTE MAN ÜBER- HAUPT EIN INTERESSE DARAN HABEN, COKE HERZUSTELLEN, WENN MAN ES DOCH VON IH- REN LIEFERWAGEN KLAUEN KANN? Die haben eine Menge Lieferwagen. Du siehst sie doch dauernd auf der Straße, und sie fahren richtig schön langsam. Ich häng’ mich immer an sie dran, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet; das macht sie echt sauer.« Sie bedachte ihn mit einem verstohlenen, listigen, lieblichen kleinen Ko- boldlächeln, als wolle sie versuchen, ihn durch die Magie dieses Lächelns in ihre eigene, seltsame Wirklichkeit hinüberzuziehen, in der sie mit blitzender Lichthupe im- mer wieder gefährlich dicht auf einen der langsamen Lie- ferwagen auffuhr und dabei immer wütender und unge-, duldiger wurde und dann, wenn der Fahrer des Lastwa- gens auf den Randstreifen fuhr, um sie vorbeizulassen, nicht wie andere Fahrer mit ihrem Wagen vorbeizog, sondern ebenfalls anhielt und alles stahl, was auf dem Lieferwagen war. Und das letztlich nicht, weil sie ein Dieb war oder etwa gar aus Rache, sondern weil sie zu dem Zeitpunkt, da der Lieferwagen endlich an den Rand fuhr, schon so lange auf die Kisten mit Coke gestarrt hat- te, daß sie mittlerweile einen Verwendungszweck für das Zeug gefunden hatte. Schiere Wut hatte sich in prakti- sches Denken verwandelt. Sie hatte ihren Wagen – nicht den MG, sondern den größeren Camaro, den sie damals noch nicht zu Schrott gefahren hatte – mit einer Menge von Coke-Kästen vollgeladen, und dann hatten sie und ihre Langfingerfreunde einen Monat lang so viel Coke getrunken, wie ihr Herz begehrte. Und im Anschluß dar- an – hatte sie das Leergut in verschiedene Läden zurück- gebracht. Wegen des Flaschenpfandes. »Was hast du eigentlich mit den Schraubverschlüssen gemacht?« hatte er sie einmal gefragt. »Sie in Kattun gewickelt und sie in deiner Zedernkiste gehortet?« »Ich hab’ sie weggeworfen«, hatte sie mürrisch ge- antwortet. »Man kann doch mit diesen Coke-Ver- schlüssen überhaupt nichts anfangen. Es gibt nicht mal mehr Sammelwettbewerbe oder sonst was in der Art.« Donna verschwand jetzt im Nebenraum und kam un- mittelbar darauf mit mehreren Polyäthylen-Tüten zurück. »Willste nachzählen?« erkundigte sie sich. »Es sind ganz bestimmt tausend. Ich hab’ sie auf meiner Feinwaage ab- gewogen, bevor ich bezahlt hab’.«, »Ist schon okay«, sagte er. Er nahm die Beutel entgegen und sie das Geld, und er dachte: Donna, einmal mehr könn- te ich dich in den Knast bringen, aber das werde ich viel- leicht nie machen, ganz egal, was du tust, selbst wenn es gegen mich gerichtet ist, weil du so etwas Wundervolles und Lebendiges und Süßes an dir hast, und das würde ich nie zerstören können. Ich verstehe es nicht, aber es ist da. »Könnte ich zehn haben?« fragte sie. »Zehn? Zehn Tabs zurück? Klar.« Er öffnete einen der Beutel – er ließ sich nur schwer aufknoten, aber er ver- fügte über die nötige Fingerfertigkeit – und zählte genau zehn für sie ab. Und dann zehn für sich selbst. Dann band er den Beutel wieder zu und brachte alle Beutel zu sei- nem Mantel im Schrank. »Weißt du, was die jetzt in den Cassetten-Läden ma- chen?« sagte Donna mit sichtlicher Wut, als er zurück- kam. Die zehn Tabs waren nirgendwo zu sehen; sie hatte sie schon ihrem Stash einverleibt. »Wegen der Cassetten, meine ich?« »Sie nehmen dich fest«, sagte er, »wenn du welche davon stiehlst.« »Das haben sie doch schon immer gemacht. Aber jetzt haben sie einen neuen Trick – hängt mit dem Preisschild zusammen, das die Verkäufer immer abmachen, wenn du eine LP oder eine Cassette mit zur Kasse bringst. Rat mal, welchen. Du wirst nie draufkommen, was ich he- rausgefunden hab’. Beinah’ hätt’s mich dabei übrigens erwischt.« Sie warf sich in einen Sessel, grinste erwar- tungsvoll und holte einen kleinen, in Alufolie eingewik- kelten Würfel aus der Tasche, den er sofort als einen, Brocken Hasch identifizierte, noch bevor sie ihn ausge- wickelt hatte. »Das ist nicht einfach, nur ein aufgeklebtes Preisschild. Es enthält auch ein winziges Stückchen einer ganz bestimmten Metallegierung, und wenn der Verkäu- fer an der Kasse das Preisschild nicht abgemacht hat und du damit durch die Tür zu gehen versuchst, dann geht eine Alarmsirene los.« »Und wie hast du das rausgekriegt?« »Direkt vor mir war so ‘n Teenybopper, die mit ‘ner Cassette unter dem Mantel rausmarschieren wollte. Die Alarmsirene ging los, und die Angestellten schnappten sie sich und riefen die Bullen.« »Wie viele hattest du denn unter deinem Mantel?« »Drei.« »Hattest du auch Dope im Wagen?« fragte er. »Wenn sie dich nämlich erst mal beim Cassettenklauen erwischt haben, dann beschlagnahmen sie auch deinen Wagen, wenn du auch nur ‘n bißchen so aussiehst, als könntest du noch mehr auf dem Kerbholz haben. Und wenn sie ihn dann abschleppen und bei der Routinedurchsuchung den Stoff finden, lochen sie dich auch dafür noch ein. Ich wette, das war nicht mal hier in L. A. oder? Ich wette, du hast das irgendwo gemacht, wo –« Er hatte gerade anset- zen wollen zu sagen: Wo du niemanden vom Rauschgift- dezernat kennst, der sich für dich einsetzen könnte. Aber das durfte er nicht sagen, weil er sich selbst damit mein- te; falls Donna jemals wegen Drogenbesitz hopsgenom- men werden würde, würde er sich, wenigstens im Rah- men seiner Möglichkeiten, den Arsch abrackern, um ihr zu helfen. Aber er konnte überhaupt nichts für sie tun,, wenn sie nicht in Los Angeles selbst, sondern beispiels- weise im L. A. County festgenommen wurde! Und wenn das jemals passierte, womit man eines Tages wohl rech- nen mußte, dann würde es wahrscheinlich ausgerechnet dort geschehen: zu weit weg, als daß er davon erfahren würde oder ihr helfen konnte. In seinem Kopf spulte er eine Phantasienummer ab, eine echte Horrorshow: Don- na, die ähnlich wie Luckman starb, ohne daß jemand es hörte oder sich dafür interessierte oder etwas unternahm. Selbst wenn sie es hörten, mochten sie genau wie Barris unbeteiligt und träge abwarten, bis für Donna alles zu spät war. Sie würde nicht richtig sterben, nicht so, wie Luckman gestorben war – war? Beinahe gestorben war, verbesserte er sich. Aber weil sie süchtig nach Substanz T war, würde sie nicht nur einfach ins Gefängnis wan- dern, sondern zugleich auch zwangsweise auf Entzug gehen müssen. Cold Turkey. Und da sie nicht nur Drogen konsumierte, sondern auch dealte – und schließlich war da ja auch noch die Sache mit dem Diebstahl –, würde sie eine ganze Weile im Knast sitzen, und während dieser Zeit mochten ihr noch eine ganze Reihe anderer Dinge, schrecklicher Dinge, zustoßen. Und wenn sie dann wie- der rauskam, würde sie völlig verändert sein – eine ganz andere Donna. Ihre sanfte, fürsorgliche Art, die er so sehr liebte, ihre Wärme – das alles würde sich in Gott weiß was verwandelt haben. Auf jeden Fall würde sie leer sein, leer und verbraucht. Donna, verwandelt in ein Ding; und das blühte ihnen eines Tages allen. Aber hoffentlich nicht Donna, dachte er. Jedenfalls nicht, solange ich lebe, und nicht an einem Ort, wo ich ihr nicht helfen kann., »Lebendig«, sagte er jetzt todunglücklich zu ihr, »ohne Besessenheit.« »Was soll’n das heißen?« Nach einem Augenblick be- griff sie, was er meinte. »Ach so, Transaktionsanalyse, stimmt’s? Aber wenn ich Hasch rauche …« Sie hatte ihre eigene kleine Hasch-Pfeife aus Ton herausgeholt, die sie selbst gemacht hatte und deren Kopf wie ein Seeigel aus- sah, und zündete sie gerade an. »Dann fühle ich mich beireit.« Sie blickte mit glänzenden Augen glücklich zu ihm auf, lachte und streckte ihm die kostbare Hasch- Pfeife entgegen. »Ich lade dich jetzt auf«, erklärte sie. »Setz dich hin.« Während er sich setzte, erhob sie sich und paffte im Stehen so lange, bis der Shit im Pfeifenkopf kräftig glomm. Dann watschelte sie auf ihn zu und beugte sich über ihn, und als er den Mund öffnete – wie ein Vogel- junges, dachte er, ein Gedanke, der ihm jedesmal in die- sen Augenblicken kam –, atmete sie den Hasch-Rauch in einem großen, kraftvollen Strom in ihn hinein und erfüll- te ihn so mit ihrer eigenen heißen und kühnen und unver- besserlichen Energie, die zugleich ein Beruhigungsmittel war, das sie beide zusammen entspannte und ganz gelöst werden ließ: sie, die ihn auflud, und Bob Arctor, der die- se Gabe entgegennahm. »Ich liebe dich, Donna«, sagte er. Dieses Aufladen war für ihn an die Stelle sexueller Beziehungen mit ihr getreten, und vielleicht war es sogar besser als Sex; es bedeutete ihm so viel; es war so unglaublich intim und so ganz anders im Vergleich zu Sex, denn hierbei konnte zuerst sie etwas in ihn einströmen lassen und dann, wenn, sie das Bedürfnis danach hatte, er etwas in sie. Ein gleichberechtigter Austausch, ein Geben und Nehmen, bis der letzte Krümel Hasch verglommen war. »Yeah, das kann ich dir nachfühlen, daß du mich liebst, meine ich«, sagte sie, kicherte und setzte sich ne- ben ihn, um einen Zug aus der Hasch-Pfeife zu nehmen, diesmal für sich selbst.,

IX

»Hey, Donna, hör mal«, sagte er. »Magst du Katzen?« Sie blinzelte mit geröteten Augen. »Klamme kleine Dinger. Schleichen ungefähr ‘nen Meter über dem Boden daher.« »Über, nein, auf dem Boden.« »Klamm. Hinter den Möbeln.« »Dann eben kleine Frühlingsblumen«, sagte er. »Ja«, sagte sie. »Das gefällt mir – kleine Frühlings- blumen, mit Gelb drin. Die, die zuerst rauskommen.« »Vorher«, sagte er. »Früher als alle anderen« »Ja.« Sie nickte, die Augen geschlossen, sehr weit weg auf ihrem Trip. »Bevor alle auf ihnen rumtrampeln und sie – weg sind.« »Du kennst mich wirklich«, sagte er. »Du kannst mei- ne Gedanken lesen. « Sie lehnte sich zurück und legte die Hasch-Pfeife bei- seite. Sie war ausgegangen. »Nichts mehr da«, sagte sie, und ihr Lächeln verschwand langsam. »Was ist los mit dir?« sagte er. »Nichts.« Sie schüttelte den Kopf, und das war alles. »Darf ich meine Arme um dich legen?« fragte er. »Ich möchte dich festhalten. Okay? Dich nur ein bißchen in den Arm nehmen, ja?« Ihre dunklen, müden Augen mit den geweiteten Pupil- len öffneten sich. »Nein«, sagte sie, ohne ihn direkt an- zublicken. »Nein, du bist zu häßlich.« »Was?« sagte er., »Nein«, sagte sie, diesmal mit einer gewissen Schärfe. »Ich schniefe ‘ne Menge Koks; ich muß supervorsichtig sein, weil ich ‘ne Menge Koks schniefe.« »Häßlich?« wiederholte er wie ein Echo. Er war wü- tend auf sie. »Du verfickte –« »Geh mir bloß nicht an die Wäsche«, sagte sie und starrte ihn an. »Klar«, sagte er. »Natürlich nicht.« Er kam auf die Füße und wich vor ihr zurück. »O ja, darauf kannst du Gift nehmen!« Er spürte das unwiderstehliche Bedürfnis, zu seinem Wagen hinauszugehen, die Pistole aus dem Handschuhfach zu holen und ihr das Gesicht wegzu- schießen – ihren Schädel und ihre Augen in kleine Stückchen zerplatzen zu lassen. Und dann verging das alles wieder – dieser Hasch-Haß, diese Hasch-Wut. »Ach Scheiße«, sagte er niedergeschlagen. »Ich hab’s nicht gern, wenn irgendwelche Leute mei- nen Körper betatschen«, sagte Donna. »Ich muß aufpas- sen, weil ich so viel kokse. Eines Tages – jedenfalls hab’ ich das vor – werde ich über die kanadische Grenze ge- hen, mit vier Pfund Koks drin, in meiner Möse, meine ich. Ich werde sagen, ich sei katholisch und Jungfrau. Wo willst du hin?« Sichtlich alarmiert erhob sie sich halb. »Ich hau ab«, sagte er. »Dein Wagen steht bei dir zu Hause. Ich hab’ dich hergefahren.« Das Mädchen kämpfte sich hoch, zerzaust und durcheinander und halb schlafend, stolperte hinüber zum Schrank, um ihre Lederjacke herauszuholen. »Ich fahre dich heim. Aber verstehst du wenigstens, warum ich meine Möse schützen muß? Vier Pfund Coke bringen, in Kanada –« »Ach, laß doch den Scheiß«, sagte er. »Du bist zu sto- ned, um zehn Meter weit zu fahren, und du läßt ja nie jemand anders an diesen blöden kleinen Rollschuh ran.« Sie baute sich vor ihm auf und schrie ihn an: »Weil außer mir keiner meinen Wagen fahren kann, darum! Kein anderer kriegt das jemals richtig hin, erst recht kein Mann! Weder das Fahren noch sonstwas! Deine Pfoten waren schon wieder unten in meiner –« Und dann war er irgendwo draußen in der Dunkelheit, irrte ziellos umher, ohne Mantel, in einem Teil der Stadt, den er nicht kannte. Er ganz allein. Beschissen allein, dachte er, und dann hörte er Donna, die hinter ihm hereil- te, Donna, die versuchte, ihn einzuholen. Ihr Atem ging keuchend, weil sie in letzter Zeit so viel Pot und Hasch geraucht hatte und ihre Lungen von dem ganzen Harz halb verschlammt waren. Er hielt an, stand da, ohne sich umzudrehen, wartete. Er fühlte sich echt down. Als sie nur noch wenige Schritte von ihm entfernt war, wurde Donna langsamer und keuchte: »Mir tut’s schreck- lich leid, daß ich dir weh getan hab’. Mit dem, was ich gesagt hab’, meine ich. Ich war gar nicht so richtig da.« »Yeah«, sagte er. »Zu häßlich!« »Wenn ich den ganzen Tag gearbeitet habe und super- super-müde bin, dann haut mich manchmal schon die erste Pfeife um. Wülste nich’ wieder reinkommen? Oder sollen wir was anderes machen? Wülste ins Drive-in? Und was ist mit dem Southern Comfort? Ich kann keinen kaufen … sie verkaufen ihn mir nicht«, sagte sie und un- terbrach sich einen Moment lang. »Bin schließlich noch, minderjährig, stimmt’s?« »Okay«, sagte er. Zusammen gingen sie zurück. »Das Hasch ist doch wohl echt Klasse, was?« sagte Donna. Bob Arctor sagte: »Das Hasch ist schwarz und klebrig, was bedeutet, daß es mit Opium-Alkaloiden gesättigt ist. Was du rauchst, ist Opium und kein Hasch – weißt du das eigentlich? Darum ist es auch so teuer – weißt du das eigentlich?« Er hörte, wie seine Stimme immer lauter wurde; er blieb stehen. »Du rauchst kein Hasch, Herz- chen. Du rauchst Opium, und das bedeutet lebenslängli- che Sucht. Und dafür bezahlst du … wie teuer ist dieses Hasch eigentlich im Augenblick pro Pfund? Und du wirst das Zeug rauchen und wegnicken, wegnicken und nicht mal mehr in der Lage sein, deinen Wagen anzuwerfen und dich an Lieferwagen dranzuhängen, und du wirst es jeden Tag brauchen, bevor du zur Arbeit gehst –« »Ich brauch’ das heute schon«, sagte Donna. »Ich meine, ich muß mir jedesmal erst ‘n Pfeifchen reinzie- hen, bevor ich zur Arbeit gehe. Und auch mittags und sobald ich nach Hause komme. Darum deale ich ja – um mir mein Hasch kaufen zu können. Hasch ist fab. Hasch bringt’s.« »Opium«, wiederholte er. »Wieviel kostet Hasch jetzt?« »Ungefähr zehntausend Dollar pro Pfund«, sagte Don- na. »Die gute Sorte.« »Heiliger Himmel! So viel wie Smack!« »Ich würd’ nie ‘ne Fixe nehmen. Ich hab’s nie getan und werd’s auch nie tun. Man hält ungefähr noch sechs, Monate lang durch, wenn man zu schießen anfängt, ganz egal, was man nun schießt. Sogar Leitungswasser. Man wird süchtig –« »Du bist süchtig.« Donna sagte: »Das sind wir doch alle. Du nimmst Substanz T. Also? Wo ist denn da der Unterschied? Ich steh’ eben drauf, mir jeden Abend, wenn ich nach Hause komme, ‘ne Ladung klasse Hasch reinzuziehen … das ist mein Trip. Versuch nicht, mich zu ändern. Versuch nie- mals, mich zu ändern. Mich oder meine Moralvorstellun- gen. Ich bin, was ich bin. Und ich fahre nun mal auf Hasch ab. Es ist mein Leben.« »Schon mal Bilder von einem dieser alten Opiumrau- cher gesehen, wie es sie früher in China gab? Oder von einem Hasch-Raucher heutzutage in Indien? Weißt du, wie die hinterher mal aussehen, wenn sie älter werden?« Donna sagte: »Ich rechne gar nicht damit, lange zu le- ben. Also? Ich will gar nicht lange hier rumhängen. Du etwa? Warum? Was ist denn so toll an dieser Welt? Hast du eigentlich mal gesehen – Scheiße, denk doch bloß mal an Jerry Fabin; schau dir jemanden an, der sich zu viel Substanz T in den Kopf geknallt hat. Gibt dir diese Welt wirklich was, Bob? Sie ist doch nur eine Zwischenstation auf dem Weg in die nächste, wo sie uns dafür bestrafen, daß wir von Natur aus bös sind –« »Du bist ja tatsächlich eine Katholikin.« »Wir werden sowieso bestraft. Wenn du also dann und wann mal auf ‘n Trip gehen kannst, dann tu’s, zum Teu- fel noch mal. Neulich war ich fast verunglückt, als ich mit meinem MG zur Arbeit gefahren bin. Ich hatte das, Acht-Kanal-Stereo voll auf und rauchte gerade meine Hasch-Pfeife, und da hab’ ich diesen alten Macker in seinem 84er Ford Imperator nicht gesehen –« »Du bist ja total behämmert«, sagte er. »Super be- hämmert.« »Weißt du, ich werde früh sterben. Auf jeden Fall. Egal, was ich tue. Vielleicht auf dem Freeway. Hast du eigentlich schon bemerkt, daß die Bremsen an meinem MG völlig durch sind? Und ich hab’ mir dieses Jahr schon vier Strafzettel wegen überhöhter Geschwindigkeit eingehandelt. Jetzt muß ich wieder zum Verkehrsunter- richt gehen. Mann, das fuckt einen ab. Sechs ganze Mo- nate lang.« »Eines Tages«, sagte er, »werde ich dich also urplötz- lich nie mehr sehen. Richtig? Nie wieder.« »Wegen des Verkehrsunterrichts? Nein, nach den sechs Monaten –« »Weil du auf dem Friedhof liegst«, erläuterte er. »Ausradiert, bevor du nach kalifornischem Recht alt ge- nug bist, um dir eine Dose Bier oder eine Flasche Schnaps zu kaufen. « »Yeah!« rief Donna lebhaft aus. »Der Southern Com- fort! Also los! Soll’n wir uns jetzt ‘ne Pulle Southern Comfort reinziehen und uns dann die Affen-Streifen rein- tun? Soll’n wir? Es sind immer noch acht übrig, darunter auch der –« »Hör mir doch mal zu«, sagte Bob Arctor und legte seine Hand auf ihre Schulter; instinktiv entzog sie sich ihm. »Nein«, sagte sie., Er sagte: »Weißt du, was sie dich ein einziges Mal machen lassen sollten? Vielleicht nur ein einziges Mal? Sie sollten dir erlauben, in einen Laden zu gehen und dir ganz legal eine Dose Bier zu kaufen.« »Warum?« sagte sie verblüfft. »Als Geschenk für dich, weil du gut bist«, sagte er. »Einmal haben sie Alkohol an mich ausgeschenkt!« rief Donna voller Begeisterung aus. »In einer Bar! Die Cocktail-Kellnerin – ich hatte mich richtig in Schale ge- worfen und war mit ‘nen paar anderen Leuten da – hat mich gefragt, was ich denn wünsche, und ich hab’ ge- sagt: ‘Ich hätte gerne einen Wodka Collins’, und sie hat mich tatsächlich bedient! Das war übrigens im La Paz, ‘n echt dufter Laden. Wow, kannst du dir das vorstellen? Ich hab’ das mal in ‘ner Werbung gesehen und mir ge- merkt, den Wodka Collins, meine ich. Damit ich, wenn man mich irgendwann mal in ‘ner Bar fragen würde, auch ganz cool klingen würde. Irre, was?« Plötzlich hak- te sie sich bei ihm ein und drückte sich an ihn, während sie die Straße entlangschlenderten, etwas, was sie sonst fast nie tat. »Das war der allertollste Supertrip meines Lebens.« »Ich glaube«, sagte er, »dann hast du dein Geschenk wohl schon bekommen. Das eine, wunderbare Ge- schenk.« »Ich find’ das toll«, sagte Donna. »Ich find’ das echt toll! Natürlich haben sie mir hinterher erzählt – die Leu- te, mit denen ich zusammen da war, meine ich –, daß ich mir einen mexikanischen Drink hätte bestellen müssen, zum Beispiel einen Tequila Sunrise, weil das eben so, eine Art mexikanische Bar ist, die im La Paz-Restaurant. Beim nächsten Mal werde ich das natürlich wissen; ich hab’s oben in meinem Gedächtnisspeicher aufgezeichnet, für den Fall, daß ich da mal wieder hingehe. Weißt du, was ich eines Tages tun werde, Bob? Ich werde nach Norden ziehen, nach Oregon, und im Schnee leben. Ich werde jeden Morgen den Schnee vor dem Eingang weg- schaufeln. Und ein kleines Haus haben und einen Gemü- segarten.« Er sagte: »Dafür mußt du sparen. Dein ganzes Geld sparen. So was ist teuer.« Donna streifte ihn mit einem seltsam verlegenen Blick. »Es klappt bestimmt. Er wird schon dafür sorgen.« »Wer?« »Na, du weißt schon.« Ihre Stimme klang weich, als sie ihn an ihrem Geheimnis teilhaben ließ, ihm ihr Ge- heimnis offenbarte, weil er, Bob Arctor, ihr Freund war und sie ihm vertrauen konnte. »Mister Wunderbar. Ich weiß ganz genau, wie er sein wird – er wird einen Aston- Martin fahren und mich darin nach Norden mitnehmen. Und genau da steht das kleine, altmodische Haus im Schnee, nördlich von hier.« Nach einer Pause fügte sie hinzu: »Schnee soll doch ganz hübsch sein, nicht wahr?« Er sagte: »Weißt du das nicht selbst?« »Ich bin noch nie im Schnee gewesen, außer einmal oben in den Bergen in San Berdoo, und da war es mehr Graupelregen als Schnee, und ich bin im Schlamm aus- gerutscht und voll auf die Schnauze geflogen. Solchen Schnee meine ich nicht; ich meine richtigen Schnee.« Bob Arctors Herz wurde schwer. Er kannte dieses Ge-, fühl nur zu gut. »Bist du dir da ganz sicher? Es wird wirklich so kommen?« »Es wird so kommen!« Sie nickte. »Es steht für mich in den Karten.« Schweigend gingen sie dann weiter. Zurück zu Don- nas Bude, um ihren MG zu holen. Donna, eingehüllt in ihre eigenen Träume und Pläne; und er – er mußte plötz- lich wieder an Barris denken, an Luckman und Hank und das Kontroll-Zentrum. Und an Fred. »Hey, du«, sagte er, »kann ich mit dir nach Oregon gehen? Wenn du hier endgültig deinen Abflug machst?« Sie lächelte ihn an, sanft und so voller Zärtlichkeit, daß es weh tat. Und er begriff, daß die Antwort nein lautete. Und weil es sie so gut kannte, verstand er auch, daß sie es wirklich so meinte. Und daran würde sich nichts ändern. Er erschauerte. »Ist dir kalt?« fragte sie. »Yeah«, sagte er. »Sehr.« »Die Heizung in meinem MG ist echt Spitze«, sagte sie. »Wir drehen sie einfach voll auf, wenn wir im Drive- in sind … dann kannst du dich richtig schön aufwär- men.« Sie nahm seine Hand, drückte sie, hielt sie fest, und dann, ganz plötzlich, ließ sie sie wieder los. Aber der Nachklang dieser kurzen Berührung blieb noch lange in ihm, in seinem Herzen. Wenigstens das blieb ihm. In all den Jahren seines Lebens, die noch vor ihm lagen, in den langen Jahren ohne sie, ohne die Hof- fung, sie jemals wiederzusehen oder etwas von ihr zu hören oder etwas über sie zu erfahren, nicht einmal, ob sie lebte oder glücklich war oder tot oder was auch im-, mer, blieb die Erinnerung an diese Berührung in ihm be- schlossen, eingesiegelt in seinem Innern, und verließ ihn nie. Die Erinnerung an diese eine kurze Berührung ihrer Hand. * Er nahm einen netten kleinen Nadel-Freak namens Con- nie mit zu sich nach Hause, um sie im Austausch dafür zu bumsen, daß er ihr ein Päckchen mit zehn Mex-Hits gegeben hatte. Das Mädchen – sie war mager und hatte merkwürdig glattes Haar – setzte sich auf die Bettkante und kämmte sich; es war das erste Mal, daß sie mit ihm mitgekommen war – er hatte sie auf einer Fixerparty kennengelernt –, und er wußte sehr wenig über sie, obwohl er doch ihre Telefonnummer schon seit Wochen mit sich herumtrug. Da sie ein Nadel-Freak war, war sie natürlich frigide, aber das törnte ihn durchaus nicht ab; Sex war ihr letzt- lich gleichgültig, weil sie kein Vergnügen daran hatte, aber andererseits machte es ihr deshalb auch nichts aus, welche Art von Sex es war. Das merkte man sofort, wenn man sie einfach nur an- schaute. Connie saß halb ausgezogen da, schon ohne Schuhe, eine Haarklammer im Mund, gleichgültig vor sich hin starrend, offensichtlich irgendwo in ihrem Kopf auf einem Trip unterwegs. Ihr längliches, knochiges Ge- sicht war herb und irgendwie ausdrucksvoll; wahrschein- lich, entschied er, weil die Knochen, besonders die Kie- ferlinien, so stark hervortreten. Auf der rechten Wange, hatte sie einen Pickel. Zweifellos kümmerte sie das nicht, ja, wahrscheinlich bemerkte sie ihn nicht einmal; genau wie Sex bedeuteten ihr auch Pickel herzlich wenig. Vielleicht konnte sie nicht einmal einen Unterschied erkennen. Für sie, die sie schon lange an der Nadel hing, mochten Sex und Pickel vielleicht etwas ganz Ähnliches oder sogar das gleiche sein. Was für ein Gedanke, dachte er, dieser flüchtige Einblick in die Gedankenwelt eines Fixers. »Hast du eine Zahnbürste, die ich benutzen kann?« sagte Connie; sie war ein bißchen weggenickt und hatte vor sich hin zu murmeln begonnen, wie es bei Fixern manchmal nachts um diese Zeit vorkam. »Ach, Scheiße – Zähne sind Zähne. Ich putze sie mir …« Ihre Stimme war so leise geworden, daß er ihre nächsten Worte nicht mehr hören konnte, obwohl er an der Bewegung ihrer Lippen erkennen konnte, daß sie weiter vor sich hin brabbelte. »Weißt du, wo das Badezimmer ist?« »Was für ein Badezimmer?« »Das hier im Haus.« Sie riß sich mühsam zusammen und begann wieder, sich mit mechanischen Bewegungen zu kämmen. »Was sind das für Typen, die da draußen rumhängen? Sich Joints drehen und immer weiterquatschen, obwohl’s schon so spät ist? Ich nehme an, die wohnen hier bei dir. Klar wohnen die hier. Wo sollten Typen wie die auch sonst wohnen?« »Zwei davon jedenfalls«, sagte Arctor. Ihre Augen, die an die eines toten Kabeljaus erinner- ten, wandten sich ihm zu und starrten ihn an. »Bist du, schwul?« fragte Connie. »Ich kämpfe dagegen an, so gut ich kann. Genau des- halb bist du ja heute nacht hier.« »Dann wird das wohl eine ziemlich heiße Schlacht werden, was?« »Worauf du Gift nehmen kannst.« Connie nickte. »Schätze, ich werd’s wohl gleich raus- finden. Wenn du ein latenter Schwuler bist, wirst du’s vielleicht mögen, wenn ich die Initiative übernehmen. Leg dich hin, und ich besorg’s dir. Soll ich dich auszie- hen? Okay, du liegst einfach nur da, und ich mach’ al- les.« Sie griff nach dem Reißverschluß seiner Hose. * Später döste er im Halbdunkel vor sich hin, schläfrig vom Abdrücken seiner eigenen Fixe, wenn man das so nennen konnte. Connie schnarchte neben ihm vor sich hin. Die lag auf dem Rücken, die Arme beiderseits ihres Körpers auf der Decke. Er konnte sie nur verschwommen erkennen. Sie schlafen wie Graf Dracula, dachte er, diese Junkies. Starren unverwandt immer nur nach oben, bis sie sich urplötzlich aufrichten, wie eine Maschine, die von Position A auf Position B umgeschaltet wird. »Es – muß – schon – Tag – sein«, sagt der Junkie. Oder jeden- falls das Tonband in seinem Kopf, das ihm seine Anwei- sungen vorspielt. Der Geist eines Junkies ist wie die Mu- sik, die du aus dem Radiowecker hörst … manchmal klingt sie ja hübsch, aber sie ist nur dazu da, dich zu et- was ganz Bestimmtem zu veranlassen. Die Musik aus, dem Radiowecker soll dich aufwecken; die Musik des Junkies soll dich in ein Werkzeug zur Beschaffung von immer mehr Stoff verwandeln, ein Werkzeug, das der Junkie so einsetzt, wie es ihm nützt. Er, der selber eine Maschine ist, wird dich in seine Maschine verwandeln. Jeder Junkie, dachte er, ist eine Bandaufnahme. Wieder döste er vor sich hin und sann dabei über diese häßlichen Dinge nach. Und wenn der Junkie eine Puppe ist, dann hat er schließlich nichts zu verkaufen als seinen Körper. Wie Connie, dachte er; Connie, die hier neben mir liegt. Er öffnete seine Augen und drehte sich zu dem Mäd- chen neben sich um – und sah Donna Hawthorne. Mit einem Ruck setzte er sich im Bett auf. Donna! dachte er. Er konnte ihr Gesicht deutlich erkennen. Ein Irrtum war unmöglich. Herr im Himmel! dachte er und tastete nach der Lampe auf dem Nachttisch. Seine Finger stießen dagegen; die Lampe kippte um und fiel zu Boden. Das Mädchen merkte nichts davon, sondern schlief ruhig weiter. Immer noch starrte er sie an, und dann, ganz all- mählich, sah er wieder Connie, sah ihr scharfgeschnitte- nes, kantiges Gesicht mit den eingefallenen Wangen, das hagere, düstere Gesicht eines völlig ausgemergelten Jun- kies – Connie und nicht Donnas; das eine Mädchen und nicht das andere. Niedergeschlagen ließ er sich wieder zurücksinken, dämmerte wieder ein bißchen weg und fragte sich, was das wohl bedeuten mochte, wieder und wieder, bis sich seine Gedanken in der Dunkelheit verloren. »Ich hab’ mir nie was draus gemacht, daß er gestun-, ken hat«, murmelte das Mädchen neben ihm irgendwann später verträumt im Schlaf. »Ich habe ihn trotzdem ge- liebt.« Er fragte sich, wen sie damit meinte. Ihren ersten Freund? Ihren Vater? Ein heißgeliebtes Spielzeugtier aus ihren Kindertagen? Vielleicht sie alle, dachte er. Aber die Worte hatten »Ich habe ihn geliebt« gelautet, nicht »Ich liebe ihn«. Offenbar gab es diesen Er, wer oder was auch immer er gewesen sein mochte, jetzt nicht mehr. Viel- leicht, überlegte Arctor, haben sie (wer immer sie sein mochten) Connie dazu gezwungen, ihn rauszuwerfen, weil er so übel stank. Durchaus möglich. Er fragte sich, wie alt sie damals wohl gewesen war, dieses verbrauchte Junkie-Mädchen, das neben ihm schlummerte und im Traum ihren Erinne- rungen nachhing.,

X

In seinem Jedermann-Anzug saß Fred vor einer Batterie wirbelnder Holo-Schirme und beobachtete, wie Jim Bar- ris in Bob Arctors Wohnzimmer ein Buch über Pilze las. Warum über Pilze? fragte sich Fred und spulte die Bän- der im Schnellvorlauf eine Stunde weit vor. Barris saß auch jetzt noch da, las mit großer Konzentration und machte sich Notizen. Kurz darauf legte Barris das Buch weg und ging aus dem Haus, wobei er den Erfassungsbereich der Kameras verließ. Als er zurückkam, trug er eine kleine Packpa- pier-Tüte bei sich, die er auf den Kaffeetisch stellte und öffnete. Er entnahm ihr einige getrocknete Pilze, die er sodann einen nach dem anderen mit den Farbfotos in dem Buch verglich. Mit einer für ihn ungewöhnlichen, übertrieben anmutenden Akribie überprüfte er jeden ein- zelnen Pilz. Schließlich schob er einen erbärmlich ausse- henden Pilz beiseite und füllte die anderen wieder in die Tüte; aus der Hosentasche holte er eine Handvoll leerer Kapsein und fing an, den von ihm auserkorenen Pilz sorgfältig zu zerbröseln und die Bröckchen in die Kap- seln zu füllen, die er dann verschloß. Nachdem Barris damit fertig war, klemmte er sich ans Telefon. Da der Apparat angezapft war, wurden die Nummern, die er wählte, automatisch registriert. »Hallo, hier ist Jim.« »Und?« »Ich hab’ was.«, »In echt?« »Psilocybe mexicana. « »Was ‘n das?« »Ein seltener halluzinogener Pilz, der seit Tausenden von Jahren von südamerikanischen Geheimkulten ver- wendet wird. Du fliegst, du wirst unsichtbar, verstehst die Sprache der Tiere –« »Nein danke.« Klick. Erneutes Wählen. »Hallo, hier ist Jim.« »Jim? Jim wer?« »Der mit dem Bart … grüne Sonnenbrille, Lederhose. Wir haben uns mal auf ‘nem Happening bei Wanda –« »Oh yeah. Jim. Yeah« »Wärst du interessiert, organische Psychedelics zu kaufen?« »Hm, ich weiß nicht so recht…« Unsicherheit. »Sag’ mal – spricht da wirklich Jim? Du klingst gar nicht wie Jim.« »Ich hab’ da was Unglaubliches, einen seltenen orga- nischen Pilz aus Südamerika, den indianische Geheim- kulte seit Tausenden von Jahren benutzen. Du fliegst, wirst unsichtbar, dein Wagen verschwindet, du bist in der Lage, die Sprache der Tiere zu verstehen –« »Mein Wagen verschwindet sowieso dauernd. Näm- lich immer dann, wenn ich ihn im Parkverbot abstelle und die Bullen ihn abschleppen lassen. Haha.« »Ich kann dir vielleicht sechs Kapseln mit diesem Psi- locybe geben.« »Wie teuer?« »Fünf Dollar pro Kapsel.«, »Horrorshow! Ohne Witz? Hey, sollen wir uns nicht gleich nachher irgendwo treffen?« Dann Argwohn. »Hör’ mal, ich glaube, jetzt erinnere ich mich wieder an dich; du hast mich doch mal abgelinkt. Und woher hast du die- se Pilz-Hits überhaupt? Woher weiß ich, daß das kein müdes Acid ist?« »Sie sind im Innern eines tönernen Götzenbildes in die USA gebracht worden«, sagte Barris. »Als Teil einer sorgfältig bewachten Lieferung für ein Museum. Das Götzenbild mit den Pilzen war besonders gekennzeich- net. Die Zollschweine haben nicht den geringsten Ver- dacht geschöpft.« Barris fügte hinzu: »Wenn du davon nicht abhebst, dann kriegst du dein Geld wieder.« »Da hab’ ich auch was von, wenn die Dinger mein Gehirn angefressen haben und ich mich von Baum zu Baum schwinge.« »Ich hab’ selbst vor zwei Tagen einen eingepfiffen«, sagte Barris. »Um den Stoff anzutesten. War der beste Trip, den ich jemals gehabt hab’. Farben über Farben. Besser als Meskalin, echt. Ich will nicht, daß meine Kun- den gelinkt werden. Ich teste mein Zeug immer selbst. Alles mit Garantie.« Ein anderer Jedermann-Anzug war hinter Fred getre- ten und betrachtete jetzt auch den Holo-Schirm. »Womit geht er hausieren? Meskalin, hat er gesagt?« »Er hat vorhin Pilze in Kapseln gefüllt«, sagte Fred. »Entweder er selbst oder jemand anderes muß sie hier in der Gegend gesammelt haben.« »Manche Pilze sind hochgiftig«, sagte der Jedermann- Anzug hinter Fred., Ein dritter Jedermann-Anzug löste sich von seinen Ho- lo-Monitoren und gesellte sich zu ihnen. »Bestimmte Amanita-Pilze enthalten gleich vier verschiedene Gifte auf einen Schlag – alles Wirkstoffe, die die roten Blut- körperchen knacken. Es dauert zwei Wochen, bis man endlich stirbt, und es gibt kein Gegengift. Ein unvorstell- bar schmerzhafter Tod. Nur ein Fachmann kann bei wildwachsenden Pilzen mit Bestimmtheit sagen, was er da eigentlich gesammelt hat.« »Ich weiß«, sagte Fred und notierte sich die abtei- lungsinternen Kennziffern dieses Bandabschnitts. Barris wählte schon wieder. »Wegen was kann man ihn dafür eigentlich belan- gen?« sagte Fred. »Wegen irreführender Werbung«, sagte einer der an- deren Jedermann-Anzüge, und beide lachten und kehrten an ihre eigenen Schirme zurück. Fred beobachtete weiter. Auf Holo-Monitor Vier öffnete sich die Vordertür des Hauses, und ein ziemlich entmutigt wirkender Bob Arc- tor trat ein. »Hi.« »Howdy«, sagte Barris, sammelte rasch seine Kapseln ein und stopfte sie sich in die Tasche. »Na, bist du bei Donna weitergekommen?« kicherte er. »Vielleicht sogar an mehreren Angriffspunkten, eh?« »Schnauze«, sagte Arctor und verschwand von Holo- Monitor Vier, nur um einen Moment später in seinem Schlafzimmer in den Erfassungsbereich von Kamera Fünf zu treten. Nachdem er die Tür mit einem Tritt hinter sich ins Schloß befördert hatte, holte Arctor eine Reihe von Plastikbeuteln hervor, die mit weißen Tabletten ge-, füllt waren; er blieb einen Augenblick lang unentschlos- sen mitten im Raum stehen und stopfte sie dann unter das Bettzeug, um sie vor neugierigen Blicken zu verbergen. Dann erst zog er sich den Mantel aus. Er wirkte müde und deprimiert; tiefe Linien hatten sich in sein Gesicht eingegraben. Eine Weile saß Bob Arctor nun auf der Kante seines ungemachten Betts, ganz allein. Schließlich schüttelte er den Kopf, erhob sich, stand unentschlossen da … dann strich er sich das Haar glatt und verließ das Zimmer, um wieder zu Barris zu gehen, wodurch er erneut in den Be- reich der zentralen Wohnzimmerkamera kam. Während dieser Zeit war Kamera Zwei Zeuge gewesen, wie Barris die braune Tüte mit den Pilzen unter den Polstern der Couch versteckt und das pilzkundliche Buch zurück in das Bücherregal gestellt hatte, wo es nicht auffallen würde. »Was hast du heute gemacht?« fragte Arctor ihn. Barris erklärte: »Nachforschungen angestellt.« »Über was?« »Über die besonderen Merkmale gewisser pilzartiger Daseinsformen mit recht heiklen Eigenschaften.« Barris kicherte. »Ist wohl nicht so gut gelaufen bei dem kleinen Fräulein mit den großen Titten, was?« Arctor musterte ihn eingehend und ging dann in die Küche, um die Kaffeemaschine einzustöpseln. Barris folgte ihm gemächlich. »Bob«, sagte er, »es tut mir leid, wenn ich irgendwas gesagt habe, was dich ver- letzt hat.« Während Arctor darauf wartete, daß der Kaf- fee heiß wurde, lungerte Barris bei ihm in der Küche herum und trommelte und summte ziellos vor sich hin., »Wo ist Luckman?« »Vermutlich irgendwo draußen unterwegs, um eine Telefonzelle zu knacken. Er hat deinen hydraulischen Wagenheber mitgenommen; für gewöhnlich heißt das, daß er vorhat, eine Telefonzelle auszunehmen, stimmt’s?« »Mit meinem Wagenheber«, echote Arctor. »Du weißt«, sagte Barris, »daß du jederzeit mit meiner professionellen Unterstützung rechnen kannst, wenn du weitere Versuche unternimmst, das kleine Fräulein an- zumachen und –« Fred ließ das Band im Schnellvorlauf vorwärtsschie- ßen. Schließlich zeigte der Zähler einen Zwei-Stunden- Sprung an. »– bezahl’ endlich deine gottverdammte Miete oder mach’ dich an die Arbeit am Cephskop, verflucht noch mal«, sagte Arctor hitzig zu Barris. »Ich habe bereits Widerstände bestellt, die –« Erneut spulte Fred das Band vorwärts. Weitere zwei Stunden verstrichen. Jetzt zeigte Holo-Monitor Fünf, daß Arctor in seinem Schlafzimmer im Bett lag. Ein auf KNX eingestellter Radiowecker spielte leise und verschwommen Folk- Rock. Auf Monitor Zwei war Barris zu erkennen, der allein im Wohnzimmer saß und wieder in dem pilzkund- lichen Buch las. Lange Zeit tat keiner der beiden Männer besonders viel. Einmal bewegte sich Arctor und streckte die Hand nach dem Radio aus, um den Lautstärkeregler höherzudrehen, weil gerade ein Song gespielt wurde, den er offenbar mochte. Im Wohnzimmer las Barris immer, weiter; er rührte sich kaum. Arctor lag jetzt wieder reglos auf seinem Bett. Das Telefon klingelte. Barris griff nach dem Hörer und hob ihn an sein Ohr. »Hallo?« Aus dem Lautsprecher neben Fred drang die Stimme des Anrufers, eines Mannes: »Mister Arctor?« »Ja, am Apparat«, sagte Barris. Da brat’ mir doch einer einen Storch, sagte Fred zu sich selbst. Er griff nach dem Regler der Abhöranlage und drehte die Lautstärke höher. »Mr. Arctor«, sagte der Anrufer, der seinen Namen immer noch nicht genannt hatte, langsam und mit leiser Stimme, »es tut mir leid, daß ich Sie so spät störe, aber es dreht sich um den Scheck, den Ihre Bank nicht anneh- men –« »Ah ja«, sagte Barris. »Ich hatte ohnehin vor, Sie deswegen anzurufen. Die Situation ist die, Sir. Ich habe einen schweren Anfall von Darmgrippe, verbunden mit einem starken Absinken der Körpertemperatur sowie Pförtner- und Unterleibskrämpfen … Mir geht’s im Mo- ment zu beschissen, daß ich die Sache mit diesem mick- rigen Zwanzig-Dollar-Scheck derzeit einfach nicht regeln kann, und offengestanden habe ich auch nicht die Ab- sicht, sie überhaupt noch zu regeln.« »Wie bitte?« sagte der Mann. Er wirkte nicht sonder- lich überrascht; seine Stimme klang rauh. Und drohend. »Ja, Sir«, sagte Barris nickend. »Sie haben mich schon richtig verstanden, Sir.« »Mr. Arctor«, sagte der Anrufer, »besagter Scheck ist jetzt schon zweimal von der Bank retourniert worden,, und diese Grippe-Symptome, die Sie da beschreiben –« »Ich glaube, irgendwer hat mir was in den Kaffee ge- tan«, sagte Barris mit einem breiten Grinsen auf dem Ge- sicht. »Und ich glaube«, sagte der Mann, »daß Sie einer von diesen –« Er suchte nach dem richtigen Wort. »Glauben Sie doch, was Sie wollen«, sagte Barris, immer noch grinsend. »Mr. Arctor«, sagte der Mann und atmete vernehmlich ins Telefon, »ich werde mit dem Scheck zum Büro des Bezirks-Staatsanwalts gehen, und da ich Sie ohnehin ge- rade am Telefon habe, möchte ich Ihnen mal klipp und klar erzählen, was ich von Leuten halte, die –« »Turn on, tune out und tschüß«, sagte Barris und legte auf. Die mit der Abhöranlage gekoppelte Fangschaltung hatte automatisch die Telefonnummer des Anrufers auf- gezeichnet, indem sie auf elektronischem Wege die beim Wählen entstandenen Impulsketten von einem unhörba- ren Signal aufnahm, das in dem Augenblick erzeugt wur- de, da die Verbindung zustande kam. Fred las die Num- mer ab, die jetzt auf einem Anzeigegerät sichtbar wurde. Dann stoppte er den Bandtransport aller Holos, griff zu seinem Polizeitelefon und fragte an, welcher Teilnehmer zu dieser Nummer gehörte. »Schlosserei Englesohn, 1343 Harbor in Anaheim«, informierte ihn der diensttuende Beamte. »Lover Boy.« »Schlosserei«, sagte Fred. »Okay.« Er hatte sich das notiert und legte jetzt wieder auf. Ein Schlosser … zwan- zig Dollars, eine runde Summe: Das deutete auf einen Job außerhalb des Ladens hin – möglicherweise auf einen, Außeneinsatz zur Herstellung eines Nachschlüssels, weil der Schlüssel des »Besitzers« verlorengegangen war. Theorie. Barris hatte sich als Arctor ausgegeben und die Schlosserei Englesohn angerufen, um sich illegal ei- nen »Zweit«-Schlüssel machen zu lassen, entweder für das Haus oder für den Wagen oder gar für beides. Wobei er Englesohn gegenüber vorgegeben hatte, seinen kom- pletten Schlüsselring verloren zu haben … aber dann hat- te der Schlosser sozusagen als Rückversicherung plötz- lich von Barris gefordert, zum Nachweis seiner Identität einen Scheck auszuschreiben. Barris war ins Haus zu- rückgegangen, hatte Arctors Scheckbuch geklaut, einen der Schecks ausgefüllt und ihn dem Schlosser gegeben. Der Scheck war nicht durchgegangen. Aber warum nicht? Arctor sorgte immer dafür, daß genug Geld auf seinem Konto war; ein Scheck über eine so geringe Summe würde auf jeden Fall gedeckt sein. Aber wenn der Scheck angenommen wurde, würde Arctor bei der Durchsicht der Kontoauszüge darauf stoßen und entdek- ken, daß nicht er, sondern Jim Barris den Scheck ausge- schrieben hatte. Also hatte Barris in Arctors Schränken herumgewühlt und – vielleicht schon zu einem früheren Zeitpunkt – ein altes Scheckbuch entdeckt, das zu einem längst aufgelösten Konto gehörte. Dieses Scheckbuch hatte er dann benutzt. Da das Konto nicht mehr bestand, war der Scheck retourniert worden. Und jetzt stand Bar- ris das Wasser bis zum Halse. Aber warum ging Barris nicht einfach hin und bezahl- te die Rechnung in bar? So, wie die Dinge jetzt lagen, war der Gläubiger bereits sauer und rief dauernd an, und, am Ende mochte er den Scheck vielleicht wirklich zum Bezirksstaatsanwalt bringen. Arctor würde alles heraus- kriegen, und eine ganze Wagenladung Scheiße würde auf Barris herniederprasseln. Aber die Art, in der Barris am Telefon mit dem ohnehin schon vor Wut kochenden Gläubiger umgesprungen war … er hatte ihn raffiniert zu noch größerer Feindseligkeit angestachelt, und nur der Himmel mochte wissen, was der Schlosser daraufhin al- les unternehmen würde. Und was noch schlimmer war – Barris’ Beschreibung seiner »Grippe« war nichts anderes als eine Beschreibung der Symptome, die auftraten, wenn ein Heroinsüchtiger sich zu lange keine Fixe mehr ge- setzt hatte, und jeder, der nicht ganz blöd war, mußte das erkennen. Und Barris hatte das Telefonat sogar mit ei- nem weiteren ganz offenen Hinweis darauf beendet, daß er harte Drogen nahm und es ihm scheißegal war, wie andere darüber dachten. Und das alles in der Rolle Bob Arctors. An diesem Punkt wußte der Schlosser, daß er einen Junkie-Schuldner hatte, der ihm einen faulen Scheck ausgeschrieben hatte und sich einen Scheiß darum küm- merte und gar nicht die Absicht hatte, seine Schulden zu begleichen. Und der Junkie verhielt sich so, weil der Drogenkonsum ihn offenbar so hatte ausklinken und durchdrehen lassen, daß das alles für sein zerstörtes Ge- hirn völlig bedeutungslos war. Und das war eine Beleidi- gung für Amerika. Ein Maul voll Spucke in das Gesicht von Gottes eigenem Land. Tatsächlich hatte Barris mit seiner letzten Bemerkung sogar fast wörtlich Tim Learys berühmt-berüchtigte Her-, ausforderung an das Establishment und alle Spießer zi- tiert. Und der Orange County war voll von rechtschaffe- nen Bürgern mit Gewehren und Revolvern, die nur dar- auf warteten, daß mal einer dieser bärtigen Doper das Maul zu weit aufriß. Barris hatte Arctor eine Zielscheibe umgehängt und ihn zum Abschuß freigegeben. Wenn er Glück hatte, be- kam er nur wegen des ungedeckten Schecks einen Schuß vor den Bug. Wenn er aber Pech hatte – nun, dann erwar- tete ihn vielleicht eine richtige Kugel. Und Arctor ahnte nicht einmal, was sich da über seinem Haupt zusammen- braute. Warum? fragte sich Fred. Auf seinem Notizblock hielt er die Kennziffer dieser Bandsequenz fest; außerdem no- tierte er auch die Nummer des Tonbandes, auf dem das abgehörte Gespräch aufgezeichnet worden war. Was wollte Barris Arctor damit bloß heimzahlen? Was hatte Arctor ihm getan? Arctor muß ihn ziemlich übel abge- linkt haben, dachte Fred, wenn Barris so etwas tut. Das ist reine Bosheit. Billig, mies und gemein. Dieser komische Barris, dachte er, ist ein Arschloch. Durch sein Verhalten wird er den Tod eines Menschen verursachen. Einer der Jedermann-Anzüge, die bei Fred im Kon- troll-Zentrum waren, riß ihn aus seinen Gedanken. »Kennst du diese Typen eigentlich persönlich?« Der An- zug deutete auf die jetzt leeren Holo-Schirme vor Fred. »Bist du in deiner Tarnidentität einer von denen?« »Jau«, sagte Fred. »Es wäre bestimmt keine schlechte Idee, sie in irgend-, einer Form davor zu warnen, daß er sie mit den giftigen Pilzen, mit denen er hausieren geht, ganz schön in Gefahr bringt, dieser Clown mit der grünen Sonnenbrille. Kannst du ihnen das unterjubeln, ohne daß deine Tarnung dabei draufgeht?« Der andere Jedermann-Anzug in Freds Nähe rief von seinem Drehstuhl aus herüber: »Wenn einer von ihnen auf einmal unter heftiger Übelkeit leiden sollte – das ist manchmal ein Anzeichen für Pilzvergiftung.« »Ähnlich wie bei Strychnin?« sagte Fred. Es durch- fuhr ihm eiskalt, als er vor seinem inneren Auge noch einmal den Kimberly Hawkins-Tag abspulte, den Hunde- scheiße-Tag, und er sich an die schlagartig einsetzende Übelkeit erinnerte, an seinen Zusammenbruch in seinem Wagen – Seinen. »Ich werd’s Arctor erzählen«, sagte er. »Ich kann’s ihm bestimmt verklickern, ohne daß er Verdacht schöpft. Er ist fügsam und gelehrig.« »Und häßlich«, sagte einer der Jedermann-Anzüge. »Das war doch Arctor, dieses abgehalfterte Individuum, das mit hängenden Schultern zur Tür ‘reinkam?« »Öh«, sagte Fred und drehte sich wieder den Schirmen zu. Oh verdammt, dachte er, der Tag, an dem Barris uns am Straßenrand die Tabletten gegeben hat – Sein Geist versank in einem Malstrom, wirbelte durch zwei Trips zur gleichen Zeit und zerbrach dann in zwei Hälften. Das nächste, an das er sich erinnern konnte, war, daß er im Waschraum des Kontroll-Zentrums stand, in der Hand eine Blechtasse voll Wasser und sich den Mund, ausspülte, allein an einem Ort, wo er nachdenken konnte. Wenn man es genau nimmt, bin ich Arctor, dachte er. Ich bin der Mann auf den Schirmen, der Verdächtige, den Barris durch sein hinterfotziges Telefongespräch mit dem Schlosser in Teufels Küche gebracht hat, und trotzdem habe ich mich gefragt, was Arctor wohl angestellt haben mag, daß Barris ihn unbedingt fertigmachen will! Ich bin bematscht; mein Gehirn ist bematscht. Das hier ist nicht wirklich – kann nicht wirklich sein. Das, was ich beo- bachte, bin ich – ist Fred. Das da auf den Schirmen war Fred ohne seinen Jedermann-Anzug; so sieht Fred ohne den Anzug aus! Und Fred war es auch, so begriff er nun, der kürzlich fast mit giftigen Pilzstückchen erledigt worden wäre. Er hätte es fast nicht bis hierher in sein Kontroll-Zentrum geschafft, um diese Holobänder zu sichten. Aber jetzt hatte er sie gesichtet. Jetzt hatte Fred eine Chance. Auch wenn sie nur hauchdünn war. Wirklich ein total verrückter Job, den die mir da gege- ben haben, dachte er. Ein Scheißjob. Aber wenn ich ihn nicht machen würde, dann würde ein anderer an meine Stelle treten, und sie könnten das alles ganz falsch ver- stehen. Sie würden ihn im Namen der Gerechtigkeit in den Knast stecken; sie würden ihn mit Dope spicken und ihn dann einfach einsammeln. Wenn also schon irgend jemand sein Haus beobachten muß, dachte er, dann ist es immer noch am besten, wenn ich dieser Jemand bin, trotz der damit verbundenen Nachteile; allein schon die Tatsa- che, daß ich auf diese Weise Barris unter Kontrolle hal-, ten und seine Umgebung vor diesem ausgeflippten Scheißkerl schützen kann, rechtfertigt das. Und wenn irgendein anderer Polizist, der Barris’ Ak- tionen auf dem Monitor überwacht, das sieht, was ich wahrscheinlich noch alles sehen werde, dann werden sie zu dem Schluß kommen, daß Arctor der größte Drogen- Zwischenhändler im Westen der USA ist, und empfeh- len, daß er – Herr im Himmel! – ohne Gerichtsverfahren in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ausgeschaltet wird. Von unseren geheimen Kommandoeinheiten. Den Män- nern in Schwarz, die wir von der Ostküste anfordern und die meist auf Zehenspitzen durch die Gegend schleichen und mit weittragenden Winchester 803 ausgerüstet sind. Und mit den neuen Infrarot-Zielfernrohren für Hecken- schützen und der Vollsynchronisation für EE-Schrap- nellgeschosse. Den Männern, die überhaupt nicht bezahlt werden, nicht einmal von einer Dr. Pepper-Maschine; sie dürfen nur eines Tages Pinnchen ziehen, und wer ge- winnt, der ist der nächste Präsident der USA. Mein Gott, dachte er, diese Scheißkerle können ein vorüberfliegen- des Flugzeug abschießen. Und das Ganze so aussehen lassen, als habe einer der Motoren einen Schwarm Vögel angesaugt. Diese EE-Schrapnellgeschosse – oh ver- dammt, Mann, dachte er; es würden sogar Federspuren in den Trümmern der Motoren zurückbleiben, wenn man die Geschosse entsprechend präparierte! Das ist ungeheuerlich, dachte er, als er darüber nach- sann. Arctor nicht bloß als Verdächtiger, sondern Arctor als … was auch immer. Zielscheibe. Ich werde ihn weiter beobachten; Fred wird weiter seine Fred-Nummer abzie-, hen; dann wird sich alles zum Guten wenden. Ich kann edieren und interpretieren und auch sonst eine Menge tun, so auf die Tour »Wir warten doch besser noch ab, bis er schließlich …« Als er das begriff, warf er die Blechtasse weg und tauchte wieder aus dem Waschraum des Kontroll-Zentrums auf. »Du siehst ja ziemlich angeschossen aus«, sagte einer der Jedermann-Anzüge zu ihm. »Tja«, sagte Fred, »mir ist da was Komisches passiert auf dem Weg zum Grab.« Vor seinem inneren Auge sah er ein Bild des Ultraschall-Richtstrahlprojektors, der einen tödlichen Herzanfall bei einem neunundvierzigjährigen Bezirksstaatsanwalt ausgelöst hatte, gerade als dieser im Begriff war, die Untersuchungen im Fall eines schreckli- chen und berühmt gewordenen politischen Meuchelmor- des, der sich hier in Kalifornien ereignet hatte, erneut zu eröffnen. »Ich hätt’s fast erreicht«, sagte er laut. »Fast ist fast«, sagte der Jedermann-Anzug. »Aber eben nicht ganz.« »Oh«, sagte Fred. »Yeah. Richtig.« »Setz’ dich«, sagte ein Jedermann-Anzug, »und mach’ dich wieder an die Arbeit, oder der nächste Zahltag ist dein letzter, und so hoch ist die Arbeitslosenunterstüt- zung auch wieder nicht.« »Kannst du dir vorstellen, diesen Job anzugeben, wenn sie dich nach deiner letzten Arbeitsstelle –« begann Fred, aber die beiden Jedermann-Anzüge waren nicht zu Scherzen aufgelegt und hörten nicht einmal zu. Darum setzte er sich wieder und zündete sich eine Zigarette an. Und ließ die Batterie der Holos erneut anlaufen., Was ich tun sollte, entschied er, ist, die Straße hinauf- zugehen zum Haus, jetzt sofort, da ich gerade darüber nachdenke, damit ich nicht wieder abgelenkt werde. Ich sollte geradewegs auf Barris zugehen und ihn erschießen. In Ausübung meiner Dienstpflicht. Ich werde sagen »Hey, Mann, mir geht’s echt dreckig Ich brauch’ dringend Stoff – haste nich’ ‘n Joint für mich über? Ich geb’ dir auch ‘n Dollar dafür.« Und er wird das tun, und dann werde ich ihn festnehmen, ihn zu meinem Wagen schleifen, ihn hineinverfrachten, hinaus auf den Freeway fahren und ihm dann eins mit der Pistole über- ziehen und ihn aus dem Wagen werfen, direkt vor einen Lastwagen. Und ich kann einfach behaupten, daß er sich befreien wollte und zu springen versuchte. Passiert ja immer wieder. Denn wenn ich das nicht mache, dann kann ich nie mehr etwas essen oder trinken, was offen im Haus ge- standen hat, und Luckman oder Donna oder Freck auch nicht, oder wir werden alle an Pilzvergiftung krepieren. Und Barris sagte hinterher aus, daß wir alle draußen im Wald herumgekraucht seien und wahllos Pilze gepflückt und gegessen hätten, obwohl er, Barris, versucht hätte, uns davon abzuraten, aber wir hätten nicht auf ihn hören wollen, weil wir nie auf’s College gegangen seien. Selbst wenn die Gerichtspsychiater feststellen, daß er total ausgebrannt und verrückt ist, und ihn für immer in die Klapsmühle sperren, wird schon jemand tot sein. Zum Beispiel, dachte er, vielleicht Donna. Vielleicht wird sie hereinspaziert kommen, voll auf einem Hasch- Trip, weil sie mich und die Frühlingsblumen sucht, die, ich ihr versprochen habe, und Barris wird ihr ein Stück Shitkuchen anbieten, den er nach geheimen Spezialrezep- ten selbst gebacken hat, und zehn Tage später wird sie sich mit Schaum vor dem Mund in Todesqualen winden, in einer Intensivstation, aber auch die Ärzte dort werden ihr nicht mehr helfen können. Wenn das passiert, dachte er, werde ich ihn in Drano kochen, in der Badewanne, in heißem Drano, bis nur noch Knochen übrigbleiben, und dann die Knochen per Post verschicken, an seine Mutter oder seine Kinder oder was für Verwandte er auch immer haben mag, und wenn er keine hat, dann werde ich die Knochen eben herum- streunenden Hunden vorwerfen. Aber mein kleines Mäd- chen wird trotzdem längst seinem heimtückischen An- schlag zum Opfer gefallen sein. Entschuldigt bitte, wandte er sich in einer Phantasie- Nummer, die er jetzt in seinem Kopf abspulte, an die beiden anderen Jedermann-Anzüge. Wo kann ich um diese Nachtzeit noch eine Hundert-Pfund-Dose Drano herbekommen? Mir steht das alles bis oben hin, dachte er und schalte- te die Holos ein, um bei den anderen Anzügen im Kon- troll-Zentrum nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu erre- gen. Auf Monitor Zwei sprach Barris gerade mit Luckman, der zur Vordertür hereingetorkelt war, offensichtlich stockbesoffen. Wahrscheinlich hatte er wieder zuviel Ripple intus. »In den Vereinigten Staaten«, sagte Barris gerade zu Luckman, der versuchte, die Tür zu seinem Schlafzimmer zu finden, um sich dort hinzuhauen, und, dem es entsetzlich dreckig ging, »gibt es mehr Alkohol- süchtige als sonstige Drogensüchtige. Die Zahl der Hirn- und Leberschäden, die vom Alkohol und den darin ent- haltenen Verunreinigungen verursacht –« Luckman verschwand, ohne überhaupt mitgekriegt zu haben, daß Barris da war. Ich wünsche ihm alles Gute, dachte Fred. Aber gute Wünsche werden nicht reichen, jedenfalls nicht mehr lange. Weil dieser Scheißkerl da ist. Aber jetzt ist auch Fred da. Aber Fred hat im wahrsten Sinne des Wortes immer nur das Nach-Sehen. Außer, dachte er, außer vielleicht, wenn ich die Holo-Bänder rückwärts laufen lasse. Dann werde ich eher da sein, vor Barris. Was ich tue, würde dem vorausgehen, was Barris tut. Wenn er, da ich doch zuerst da bin, überhaupt noch dazu kommt, etwas zu tun. Und dann tat sich die andere Seite seines Kopfes auf und sprach zu ihm, ganz ruhig, wie ein zweites Ich, das ihm eine Botschaft übermitteln wollte, wie man die gan- ze Sache viel einfacher handhaben konnte. »Der richtige Weg, um die Geschichte mit dem Schlosser-Scheck ganz cool über die Bühne zu bringen«, sagte es ihm, »ist, zuerst einmal morgen in aller Herr- gottsfrühe nach Harbor ‘rüberzufahren, die Rechnung zu begleichen und den Scheck zurückzukriegen. Tu das zu- erst, bevor du irgendwas anderes tust. Erledige das auf der Stelle. Setz an diesem Ende an. Und danach, sobald das erledigt ist, nimm die anderen, ernsteren Probleme in Angriff. Richtig?« Richtig, dachte er. Auf diese Weise werde ich Boden gutmachen. Genau da muß ich anset- zen., Er schaltete das Band auf Schnellvorlauf und ließ es so lange vorwärtsschießen, bis er aufgrund der Daten auf den Skalen vermuten konnte, daß es jetzt eine Nachtsze- ne zeigen würde. Alle würden schlafen. Ein guter Vor- wand, hier seinen Arbeitstag zu beschließen. Alle Lichter im Haus waren gelöscht; die Kameras standen auf Infrarot. Luckman und Barris lagen in ihren Zimmern in den Betten. In Arctors Raum war außer Arc- tor noch eine Puppe; beide schliefen. Wollen wir doch mal schauen, dachte Fred. Connie Ir- gendwas. Gespeichert in unseren Computern als abhän- gig von harten Drogen. Außerdem verdient sie sich das Geld für ihren Stoff durch Prostitution und dealt auch selbst. Ein geborener Verlierer. »Wenigstens hast du nicht zusehen müssen, wie dein Objekt Geschlechtsverkehr hatte«, sagte einer der ande- ren Jedermann-Anzüge, der über Freds Schulter einen kurzen Blick auf die Schinne warf und dann weiterging. »Immerhin ein Trost«, sagte Fred und betrachtete mit stoischer Ruhe die beiden schlafenden Gestalten auf dem Bett; in Gedanken war er bei dem Schlosser und dem, was er dort tun mußte. »Ich habe es schon immer gehaßt, bei –« »Eine hübsche Sache, wenn man es selber macht«, pflichtete ihm der Jedermann-Anzug bei, »aber längst nicht so hübsch anzuschauen.« Arctor schläft jetzt, dachte Fred. Mit seiner Fotze. Tja, dann kann ich wohl bald Schluß machen; bestimmt wer- den sie nach dem Wachwerden noch mal bumsen, aber mehr wird sich da wohl nicht tun., Er konnte seine Blicke jedoch nicht abwenden. Der schlafende Bob Arctor … immer nur dieses eine Bild, dachte Fred, Stunde um Stunde. Und dann bemerkte er etwas, was er vorher nicht wahrgenommen hatte. Das sieht aber verdammt nach Donna Hawthorne aus! dachte er. Dort im Bett. Die Puppe, die mit Arctor in der Falle liegt. Aber das paßt doch nicht zusammen, dachte er und schaltete die Holos mit einem Handgriff um. Er ließ das Band zurücklaufen, dann wieder vor. Bob Arctor und eine Puppe, aber nicht Donna! Es war die Junkiepuppe Connie! Er hatte recht gehabt. Die beiden Individuen lagen Seite an Seite da, und beide schliefen. Und dann, während Fred zuschaute, schmolzen und verblaßten Connies harte, kantige Gesichtszüge, wurden ganz weiß und verwandelten sich in Donna Hawthornes Gesicht. Er schaltete das Band wieder aus. Saß verwirrt da. Ich kapier’s nicht, dachte er. Das ist ja wie eine – wie nennen die das doch gleich? Wie eine gottverdammte Überblen- dung! Ein filmisches Verfahren. Scheiße, was soll das bedeuten? Hat schon jemand das Material bearbeitet, um es im Fernsehen zu zeigen? Ein Regisseur, der spezielle visuelle Effekte verwendet? Wieder spulte er das Band zurück und dann wieder vorwärts; genau in dem Augenblick, als die ersten Ver- änderungen in Connies Gesichtszügen eintraten, stoppte er dann den Bandvorlauf. Das Holoprogramm gefror zu einem Standbild., Er drehte am Vergrößerer. Alle anderen Kuben ver- schwanden; ein großer Kubus formte sich aus den bishe- rigen acht. Eine einzige nächtliche Szene: Bob Arctor, reglos in seinem Bett, das Mädchen reglos neben ihm. Aufrecht ging Fred in das Hologramm hinein, in die dreidimensionale Projektion, und stellte sich dicht neben das Bett, um das Gesicht des Mädchens genauer zu mu- stern. Auf dem halben Wege dazwischen, entschied er. Im- mer noch halb Connie; aber zugleich auch schon halb Donna. Am besten übergebe ich das hier dem Labor, dachte er; da hat ein Experte dran rumgedreht. Man hat mir manipulierte Bänder untergeschoben. Aber wer? fragte er sich. Er trat aus dem Holo-Kubus, ließ ihn zu- sammenbrechen und veränderte die Einstellung, bis wie- der acht kleine Kuben an seine Stelle getreten waren. Saß erneut da, fieberhaft nachdenkend. Jemand hatte die Bänder frisiert, indem er Connies Bild mit dem Donnas überlagerte. Sorgfältig gefälschte Beweise dafür, daß Arctor die kleine Hawthorne bumste. Und? Ein guter Techniker konnte das schon immer bei Tonbändern oder auch bei Videobändern machen, und nun hielt er eben den Beweis in der Hand, daß so etwas auch bei Holo-Bändern möglich war. Sicherlich eine schwierige Aufgabe, aber … Wenn unsere Abtastkameras nur in Intervallen arbei- ten würden, dachte er, hätten wir jetzt eine Sequenz, die zeigt, wie Arctor mit einem Mädchen im Bett liegt, das er vielleicht nie ins Bett gekriegt hat und auch nie ins Bett kriegen wird. Aber auf dem Band ist genau das zu sehen., Oder handelt es sich vielleicht nur um einen elektroni- schen Bildfehler oder Bildzusammenbruch? überlegte er. Was man bei Tonbändern Durchmagnetisierung nennt. Eine Art elektronische Durchmagnetisierung von einem Abschnitt des Bandes auf einen anderen. Wenn die Bild- impulse bei der Aufnahme zu hoch verstärkt waren und zwei Bandsektionen zu lange in Berührung miteinander kamen, dann mochten die Impulse sozusagen abfärben. Himmel, dachte er. Das Bild Donnas stammt aus einer vorangegangenen oder einer nachfolgenden Szene, viel- leicht aus der im Wohnzimmer. Wenn ich bloß mehr über die technische Seite des Überwachungsvorganges wüßte, dachte er. Ich verschaf- fe mir lieber mehr Hintergrundinformationen darüber, bevor ich die Sache an die große Glocke hänge. Manch- mal gibt es ja auch beim Rundfunk Wellensalat; ein Sen- der überlagert einen – Überlagerungseffekte, entschied er. Zufällige Überlagerungseffekte. Wie die Geisterbilder auf einem Fernsehbildschirm. Technisch bedingt, eine Fehlfunktion. Störimpulse eines anderen Senders. Wieder ließ er das Band vorwärts lau- fen. Der Schirm zeigte jetzt wieder nur Connie und wür- de auch weiterhin nur Connie zeigen. Und dann … wie- der sah Fred, wie Donnas Gesicht sich in das Bild stahl, und diesmal wachte der schlafende Mann neben ihr im Bett – Bob Arctor – nach einem Augenblick auf und setz- te sich mit einem Ruck hin, tastete dann nach der Lampe auf dem Nachttisch; die Lampe fiel zu Boden, und Arctor saß da und starrte unverwandt auf das schlafende Mäd- chen, auf die schlafende Donna., Als Connies Gesicht ganz allmählich wieder Donnas Gesicht verdrängte, entspannte sich Arctor, und schließ- lich sank er wieder zurück und schlief weiter. Aber sein Schlaf war nicht mehr so ruhig wie zuvor. Tja, das erledigt wohl die Theorie mit den technisch bedingten Fehlfunktionen, dachte Fred. Hat sich was mit elektronischem Abfärben oder Überlagerungseffekten. Arctor hat es auch gesehen. Ist aufgewacht, hat es gese- hen, hingestarrt und dann aufgegeben. Heiliger Himmel, dachte Fred und desaktivierte die ganze Anlage vor ihm vollständig. »Schätze, ich hab’ genug für heute«, erklärte er und erhob sich zittrig auf die Füße. »Mir reicht’s.« »Wohl ein bißchen abartigen Sex gesehen, was?« frag- te ein Jedermann-Anzug. »Na, du wirst dich schon an diesen Job gewöhnen.« »Ich werde mich nie an diesen Job gewöhnen«, sagte Fred. »Darauf kannst du wetten.«,

XI

Da jetzt nicht mehr nur sein Cephskop, sondern sein Wa- gen reif für eine Reparatur war, fuhr er am nächsten Morgen mit dem Taxi bei der Schlosserei Englesohn vor, vierzig Dollar in bar in der Tasche und eine gute Dosis Besorgnis im Herzen. Der Laden hatte eine altertümliche, hölzerne Ausstrah- lung; zwar war das Ladenschild eher modern gehalten, aber in den Schaufenstern lagen seltsame messingne Zierstücke von einer Art aus, wie man sie bei einer Schlosserei eben erwarten konnte: irre zierliche Briefkä- sten, ausgeflippte Türknäufe, die so geformt waren, daß sie menschlichen Köpfen ähnelten, große Attrappen schwarzer, eiserner Schlüssel. Er trat ein. Halbdunkel umgab ihn. Wie in der Bude eines Dopers, dachte er und genoß die Ironie. An einem Ladentisch, der von zwei großen Maschinen zum Fräsen und Polieren von Schlüsselbärten und Tau- senden von unfertigen, von Gestellen herabbaumelnden Schlüsseln überragt wurde, begrüßte ihn eine ältliche, mollige Dame. »Guten Morgen, Sir. Sie wünschen?« Arctor sagte: »Ich bin hier … Ihr Instrumente freilich spottet mein, Mit Rad und Kämmen, Walz’ und Bügel: Ich stand am Tor, ihr solltet Schlüssel sein;, Zwar euer Bart ist kraus, doch hebt ihr nicht die Riegel* … um einen von mir ausgestellten Scheck auszulösen, den die Bank retourniert hat. Er ist über zwanzig Dollar, glaube ich.« »Oh.« Die Dame holte liebenswürdig einen mit einem Deckel verschlossenen Karteikasten aus Metall unter der Theke hervor, suchte nach dem dazugehörigen Schlüssel und entdeckte dann, daß der Karteikasten gar nicht abge- schlossen war. Sie öffnete ihn und fand den Scheck auf der Stelle; ein Zettel war drangeheftet. »Mr. Arctor?« »Ja«, sagte er, das Geld schon in der Hand. »Ja, zwanzig Dollar.« Nachdem sie den Zettel von dem Scheck abgemacht hatte, begann sie ungelenk etwas auf den Zettel zu schreiben, wahrscheinlich eine Notiz, daß er aufgetaucht war und seinen Scheck ausgelöst hat- te. »Es tut mir aufrichtig leid«, sagte er zu ihr, »aber ich habe durch ein Versehen den Scheck statt auf mein der- zeitiges Konto auf ein längst erloschenes ausgestellt.« »Ummm«, sagte die Dame lächelnd, während sie schrieb. »Ich wäre Ihnen zudem sehr verbunden«, sagte er, »wenn Sie Ihrem Gatten, der mich kürzlich angerufen hat, sagen könnten –« »Mein Bruder Carl«, sagte die Dame, »um genau zu sein.« Sie warf ihm über ihre Schulter einen Blick zu. »Falls Carl mit Ihnen gesprochen hat…« Sie gestikulierte * Anm. d. Übers.: Deutsch im Original., lächelnd. »Er regt sich manchmal so auf, wenn es um Schecks geht … ich möchte mich in seinem Namen ent- schuldigen, falls er ein wenig heftig … Sie wissen schon.« »Sagen Sie ihm bitte«, spulte Arctor seine auswendig gelernte Ansprache ab, »daß ich zu dem Zeitpunkt, als er anrief, selbst etwas durcheinander war, und daß auch ich mich meinerseits für mein Verhalten entschuldigen möchte.« »Ich glaube, er sagte irgend etwas davon, ja.« Sie gab ihm den Scheck; er gab ihr zwanzig Dollar. »Irgendwelche Nebenkosten?« sagte Arctor. »Keine Nebenkosten.« »Ich war durcheinander«, sagte er und warf einen kur- zen Blick auf den Scheck, um ihn dann in seiner Tasche verschwinden zu lassen, »weil ein Freund von mir gerade unerwartet verstorben war.« »Du meine Güte«, sagte die Dame. Ohne selbst so recht zu wissen, warum er eigentlich seinen Abgang immer noch hinauszögerte, sagte Arctor: »Er ist erstickt, ganz allein in seinem Zimmer, an einem Stück Fleisch. Niemand hat ihn gehört.« »Wußten Sie, daß sich mehr solcher Todesfälle ereig- nen, als die meisten Leute ahnen? Ich habe gelesen, daß, wenn man mit einem Freund diniert und dieser eine Zeit lang nichts sagt, sondern einfach nur dasitzt, man sich vorbeugen und ihn fragen soll, ob er sprechen kann. Weil er nämlich vielleicht nicht mehr dazu in der Lage ist. Stellen Sie sich das nur vor – er mag ersticken und kann es einem nicht einmal sagen.«, »Ja«, sagte Arctor. »Danke. Das ist wahr. Und danke wegen des Schecks.« »Das tut mir leid, das mit Ihrem Freund«, sagte die Dame. »Ja«, sagte er. »Er war wohl der beste Freund, den ich hatte.« »Das ist ja ganz schrecklich«, sagte die Dame. »Wie alt war er denn, Mr. Arctor?« »Anfang Dreißig«, sagte Arctor, was auch stimmte: Luckman war zweiunddreißig. »Oh, wie furchtbar. Ich werde es Carl erzählen. Und vielen Dank, daß Sie den langen Weg hier herunterge- kommen sind.« »Ich habe Ihnen zu danken«, sagte Arctor. »Und sagen Sie bitte auch Mr. Englesohn meinen aufrichten Dank. Ich bin Ihnen beiden ja so dankbar.« Er verließ den La- den und trat wieder hinaus auf den warmen, morgendli- chen Bürgersteig. Das grelle Licht und die dumpfige Luft ließen ihn blinzeln. Er bestellte sich telefonisch ein Taxi, und auf der Rückfahrt zu seinem Haus saß er einfach nur da und lob- te sich selbst dafür, wie gut er doch aus diesem von Bar- ris gesponnenen Netz herausgekommen war, ganz ohne häßlichen Eklat. Hätte ein ganzes Stück schlimmer kommen können, machte er sich selber klar. Der Scheck war immer noch da. Und ich mußte nicht dem Macker selbst gegenübertreten. Er holte den Scheck hervor, um nachzusehen, wie gut es Barris gelungen war, seine Handschrift nachzuahmen. Ja, es handelte sich tatsächlich um ein aufgelöstes Konto; er erkannte die Farbe des Schecks auf der Stelle, ein end-, gültig geschlossenes Konto, und die Bank hatte einen Stempel mit den Worten KONTO ERLOSCHEN darauf- gedrückt. Er fragte sich, ob der Schlosser daraufhin wohl ausgeflippt war. Und dann, als er den Scheck genau be- trachtete, während sich das Taxi einen Weg durch das Verkehrsgewühl suchte, sah Arctor, daß die Handschrift seine war. Sie erinnerte nicht im geringsten an die von Barris. Eine perfekte Fälschung. Er hätte nie und nimmer darauf kommen können, daß es nicht seine eigene Schrift war, außer dadurch, daß er sich daran erinnerte, diesen Scheck nicht ausgestellt zu haben. Mein Gott, dachte er, wie viele dieser Schecks hat Barris bis heute wohl schon in Umlauf gesetzt? Vielleicht hat er mich längst um die Hälfte all dessen gebracht, was ich besitze! Barris, dachte er, ist ein Genie. Andererseits könnte er die Schrift natürlich durchgepaust oder jedenfalls auf mechanischem Wege kopiert haben, etwa mit einem Pan- tographen. Aber ich habe doch nie einen Scheck für diese Schlosserei Englesohn ausgestellt … wie also könnte es eine auf mechanischem Wege hergestellte Fälschung sein? Für diesen Scheck gibt es doch keine Vorlage. Ich werde ihn rüber zur graphologischen Abteilung schicken, entschied er. Sollen die doch herausknobeln, wie es ge- macht worden ist. Vielleicht nur Übung, Übung, Übung. Und was den Schwindel mit den Pilzen anging – Er dachte: Ich werde einfach direkt auf ihn zugehen und ihm sagen, daß mehrere Leute mir erzählt hätten, er habe versucht, ihnen Pilz-Hits zu verkaufen. Und daß er, Schluß mit diesem Scheiß machen sollte. Genau – ich habe eine Rückfrage von jemanden bekommen, der sich wegen der Pilz-Hits Sorgen machte. Was ja auch nur zu verständlich ist. Aber diese ganzen Einzelpunkte, dachte er, sind letzt- lich doch nur zufällige Indikatoren für das, was er eigent- lich vorhat. Was ich bei der ersten Durchsicht der Bän- der entdeckt habe, stellt nur eine Zufallsauswahl aus der Gesamtheit dessen dar, gegen das ich angehen muß. Weiß der Himmel, was er sonst noch alles angestellt hat: Schließlich hat er alle Zeit der Welt zur Verfügung ge- habt, um herumzustöbern und Nachschlagewerke zu le- sen und Anschläge und Intrigen und Verschwörungen und was nicht noch alles sonst auszuhecken … Viel- leicht, dachte er übergangslos, sollte ich besser mein Te- lefon durchchecken lassen, um zu sehen, ob es angezapft ist. Barris hat eine ganze Kiste voller elektronischer Bau- teile, und sogar eine Firma wie Sony hat beispielsweise eine Induktionsspule auf den Markt gebracht, die als An- zapfvorrichtung für ein Telefon verwendet werden kann. Wahrscheinlich ist das Telefon tatsächlich angezapft. Möglicherweise schon seit geraumer Zeit. Ich meine, dachte er, zusätzlich zu der kürzlich mit meinem Einverständnis vorgenommenen – der notwen- digen – Anzapfung. Erneut studierte er den Scheck, während das Taxi durch die Straßen holperte, und ganz plötzlich dachte er: Was, wenn ich ihn selber ausgestellt hätte? Was, wenn Arctor das hier geschrieben hat? Ich glaube, ich hab’s getan, dachte er; ich glaube, dieses spinnerte Arschloch, Arctor hat diesen Scheck höchstpersönlich ausgeschrie- ben, zwischen Tür und Angel – die Buchstaben kippen alle –, weil er aus irgendeinem Grund in Eile war; wollte den Scheck eben rausknallen und hat dabei das falsche Scheckbuch erwischt, und hinterher hat er das alles ver- gessen. Hat die ganze Angelegenheit total vergessen. Den Tag vergessen, dachte er, an dem Arctor… Was grinsest du mir, hohler Schädel, her? Als daß dein Hirn, wie meines, einst verwirret Den leichten Tag gesucht und in der Dämmrung seh wer Mit Lust nach Wahrheit, jämmerlich geirret. * … wieder aus dem Dunst der gewaltigen Dope- Happenings in Santa Ana aufgetaucht war, auf dem er die- se kleine, blonde Puppe mit den komischen Zähnen, den langen blonden Haaren und dem dicken Arsch kennenge- lernt hatte; keine große Schönheit, aber so tatkräftig und freundlich … er hatte den Wagen nicht ans Laufen kriegen können; er war bis zum Stehkragen mit Dope abgefüllt gewesen. Er hatte die Sache mit dem Wagen einfach nicht mehr geregelt gekriegt – an diesem Abend war er so un- glaublich viel Dope eingepfiffen und geschossen und ge- schnieft worden, und das Happening hatte sich beinahe bis zur Morgendämmerung hingezogen. So viel Substanz T, und alles echt primo. Sehr, sehr primo. Sein Stoff. * Anm. d. Übers.: Deutsch im Original., Indem er sich vorbeugte, sagte er: »Halten Sie bitte an der Shell-Tankstelle da drüben. Ich möchte aussteigen.« Er stieg aus, bezahlte den Taxifahrer und betrat die Telefonzelle, schaute die Nummer des Schlossers nach und rief an. Die alte Dame war am Apparat. »Schlosserei Engle- sohn, guten –« »Hier spricht noch einmal Arctor. Tut mir leid, daß ich Sie schon wieder belästigen muß. Von was für einer Ad- resse ist damals der Anruf gekommen, durch den der Auftrag erteilt wurde, für den hinterher der Scheck aus- gestellt worden ist?« »Nun, da muß ich erst einmal nachsehen. Einen klei- nen Moment bitte, Mr. Arctor.« In seinem Ohr dröhnte es, als sie den Telefonhörer auf die Theke legte. Die ferne, gedämpfte Stimme eines Mannes: »Wer ist dran? Dieser Arctor?« »Ja, Carl, aber sag bitte nichts, bitte. Er ist vorhin he- reingekommen und –« »Laß mich mit ihm sprechen.« Pause. Dann wieder die alte Dame. »Ja, ich habe die Adresse, Mr. Arctor.« Sie las seine Heimatadresse ab. »Dorthin ist ihr Bruder bestellt worden? Um den Schlüssel zu machen?« »Einen Moment, bitte. Carl? Erinnerst du dich noch, wo du mit dem Lieferwagen hingefahren bist, um den Schlüssel für Mr. Arctor zu machen?« Das weit entfernte Brummen einer Männerstimme: »Zum Katella Boulevard.« »Nicht zu ihm nach Hause?«, »Zum Katella Boulevard. « »Zum Katella Boulevard, Mr. Arctor. In Anaheim. Nein, warten Sie – Carl sagt gerade, es war in Santa Ana, an der Main Street. Hilft Ihnen das –« »Danke«, sagte er und legte auf. Santa Ana. Main Street – dort hat die Scheiß-Dopeparty stattgefunden; ich muß in dieser Nacht mindestens dreißig Namen und e- benso viele Nummernschilder notiert haben. Das war nicht nur eine von diesen gewöhnlichen Drogenparties. Eine große Lieferung war gerade aus Mexico eingetrof- fen; die großen Dealer teilten die Ware unter sich auf und testeten sie an, wie es dabei so üblich ist. Die Hälfte von ihnen ist jetzt möglicherweise schon von als Käufern ge- tarnten Agents provocateurs hopsgenommen worden … Wow, dachte er, ich erinnere mich immer noch an diese Nacht – oder besser gesagt: Ich werde mich wohl nie mehr so genau daran erinnern können. Aber das entschuldigte Barris immer noch nicht dafür, daß er vorsätzlich vorgetäuscht hatte, Arctor zu sein, als dieser Telefonanruf kam. So, wie es jetzt aussah, hatte er sich das nur spontan ausgedacht – improvisiert. Scheiße, vielleicht war Barris an jenem Abend einfach nur abge- füllt gewesen und hatte das getan, was eine Menge Mak- ker tun, wenn sie weggetreten sind: nämlich auf allem abfahren, was sich gerade so ergibt. Arctor hatte den Scheck geschrieben, daran konnte es jetzt keinen Zweifel mehr geben; Barris hatte nur zufällig den Hörer abgeho- ben. Und in seinem angefressenen Kopf gedacht, daß es ein irre cooler Gag war. Er hatte nur unverantwortlich gehandelt, sonst nichts., Und auch Arctor, überlegte er, als er erneut die Taxi- zentrale rief, hat nicht sehr verantwortungsbewußt ge- handelt, als er den Scheck während dieser ganzen langen Zeitspanne nicht ersetzte. Wessen Fehler war das gewe- sen? Er holte den Scheck noch einmal heraus, um das Datum festzustellen. Anderthalb Monate. Jesus, und da hatte er Barris mangelndes Verantwortungsbewußtsein vorgeworfen! Beinahe hätte Arctor sich dafür die schwe- dischen Gardinen von innen ansehen können; nur dank Gottes unergründlicher Gnade war dieser Schwachkopf Carl nicht längst zum Bezirksstaatsanwalt gerannt. Ober vielleicht hatte ihn auch nur seine putzige alte Schwester davon abgehalten. Arctor, entschied er, sollte seinen Arsch jetzt besser in Bewegung setzen; er hat selbst ein paar bescheuerte Sa- chen gemacht, von denen ich bisher noch nichts wußte. Barris ist da nicht der einzige und vielleicht nicht einmal der Hauptübeltäter. Erstens einmal muß immer noch der Grund geklärt werden, aus dem Barris Arctor mit so ab- gefeimter Bösartigkeit verfolgt. Woher kommt dieser brennende Haß? Kein Mensch unternimmt doch über eine längere Zeitspanne hinweg alle nur erdenklichen Anstrengungen, um jemanden fertigzumachen, wenn er keinen Grund dafür hat. Und Barris versucht nicht, ir- gendwen sonst fertigzumachen, sagen wir, Luckman oder Charles Freck oder Donna Hawthorne; er hat sich mehr als jeder andere darum gekümmert, daß Jerry Fabin in die Staatliche Nervenklinik kam, und er kümmert sich gera- dezu rührend um alle Tiere im Haus. Einmal war Arctor kurz davor gewesen, einen der, Hunde – wie zum Teufel hatte der kleine schwarze Köter doch gleich geheißen, Popo oder so ähnlich? – ins Tier- heim zu bringen und dort einschläfern zu lassen, weil die Hündin sich nicht abrichten ließ. Barris hatte Stunden, ja, eigentlich sogar Tage mit Popo verbracht und sie abge- richtet und mit ihr gesprochen, bis sie sich beruhigte und dressiert werden konnte und deshalb nicht mehr weg mußte, um eingeschläfert zu werden. Falls Barris’ Bösar- tigkeit sich gegen alle richtete, dann würde er doch wohl keine Nummern – keine guten Nummern – wie die ab- ziehen. »Taxizentrale«, sagte das Telefon. Er gab die Adresse der Shell-Tankstelle durch. Und wenn Carl, der Schlosser, gemerkt hat, daß Arctor schwer drogensüchtig ist, überlegte er, während er in dü- sterer Stimmung herumlungerte und auf das Taxi wartete, dann ist das auch nicht Barris’ Schuld; als Carl damals um fünf Uhr morgens in seinem Lieferwagen aufgetaucht war, um einen Schlüssel für Arctors Olds zu machen, war Arctor möglicherweise gerade auf puddingweichen Bür- gersteigen entlangspaziert und die Wände hochgegangen, oder er hatte mit Fischaugen Schlagball gespielt oder ein paar von den anderen Dingen getan, die man auf einem Dope-Trip so tun konnte. Carl hatte schon da seine Schlußfolgerungen gezogen. Als Carl den neuen Schlüs- sel geschliffen hatte, war Arctor vielleicht gerade ver- kehrt herum durch die Luft geschwebt oder auf seinem Kopf herumgeteichelt, während er zugleich seitwärts sprach. Kein Wunder, daß Carl nicht sonderlich erfreut gewesen war., Vielleicht, spekulierte er, versucht Barris ja sogar bloß, Arctors zunehmende Fehlleistungen wieder auszu- bügeln. Arctor hält sein Fahrzeug nicht länger so gut in Schuß, wie er das früher mal getan hat, er stellt faule Schecks aus, und das alles nicht aus böser Absicht, son- dern weil sein gottverdammtes Gehirn durch den ganzen Stoff zermatscht ist. Aber das macht die Angelegenheit eher nur noch schlimmer. Barris tut, was er kann; das kann durchaus sein. Nur ist auch sein Gehirn zermatscht. Alle ihre Gehirne sind… Dem Wurme gleich’ ich, der den Staub durchwühlt. Den, wie er sich im Staube nährend lebt, Des Wandrers Tritt vernichtet und begräbt. * … zermatscht und beeinflussen sich gegenseitig auf zer- matschte Art und Weise. Die Zermatschten führen die Zermatschten. Und zwar geradewegs ins Verderben. Vielleicht, mutmaßte er, hat Arctor selbst die ganzen Drähte durchgeknipst und verbogen und die ganzen Kurzschlüsse in seinem Cephskop verursacht. Mitten in der Nacht. Aber aus welchen Gründen? Eben das würde die Kardinalsfrage sein: Warum? Aber bei zermatschten Gehirnen war alles möglich, alles denk- bar, selbst Motive, die so verdreht wie die Drähte waren. Während seiner Tätigkeit als Geheimer Rauschgift-Agent hatte er das selbst gesehen, viele, viele Male. Diese Tra- gödie war ihm nicht neu; das alles war nur ein Routine- * Anm. d. Übers.: Deutsch im Original., fall mehr in den Computerspeichern. Das hier war das Stadium, das der Reise in die Staatliche Nervenklinik unmittelbar vorausging. Wie bei Jerry Fabin. Alle diese Typen bewegten sich auf demselben Spiel- feld; sie standen jetzt nur auf verschiedenen Feldern in unterschiedlicher Entfernung vom Ziel und würden es zu verschiedenen Zeiten erreichen. Aber am Ende würden sie doch alle an diesem Ziel ankommen: in der Staatli- chen Nervenklinik. Das war in ihr Nervengewebe einprogrammiert. Oder in das, was immer davon übriggeblieben war. Nichts konnte dem noch Einhalt gebieten oder es verhindern. Jetzt nicht mehr. Und, so glaubte er nun zu wissen, besonders nicht mehr für Bob Arctor. Diese langsam in ihm aufdäm- mernde Erkenntnis gewann er rein intuitiv; sie war nicht von dem abhängig, was Barris getan hat. Es war eine neue, eine professionelle Erkenntnis. Und auch seine Vorgesetzten im Sheriff-Büro von Orange County hatten ja beschlossen, Bob Arctor in den Brennpunkt ihres Interesses zu rücken; sie hatten zwei- fellos gute Gründe dafür, Grunde, über die er nichts wuß- te. Vielleicht bestätigten diese gleichzeitigen Entwick- lungen einander: Das wachsende Interesse der Behörden an Arctor – immerhin hatte es die Abteilung eine ganz schöne Stange Geld gekostet, die Holo-Kameras in Arc- tors Haus zu installieren und ihn dafür zu bezahlen, daß er die Ergebnisse dieser Überwachungstätigkeit analy- sierte, und dann waren da ja auch noch die anderen Be- amten weiter oben, die sich das abschließende Urteil über, das Material bilden mußten, das er in regelmäßigen Ab- ständen an sie weiterleitete – dieses Interesse paßte gut zu der Tatsache, daß Barris seine Aufmerksamkeit in ei- nem unüblichen Maße auf Arctor richtete; beide Parteien hatten Arctor zu ihrem Primärziel gemacht. Aber was hatte er selbst an Arctors Verhalten bemerkt, das ihm als ungewöhnlich ins Auge gestochen war? Durch unmittel- bare Beobachtung, unabhängig von den Einschätzungen der beiden anderen Parteien? Während das Taxi weiterfuhr, überlegte er sich, daß er höchstwahrscheinlich eine ganze Weile würde Ausschau halten müssen, um auf etwas zu stoßen; die Wahrheit würde sich den Kameras und den Schirmen nicht binnen eines Tages offenbaren. Er würde viel Geduld aufbringen müssen; er würde sich darein schicken müssen, über ei- nen langen Zeitraum Nachforschungen anzustellen und sich in einen Bewußtseinszustand zu versetzen, in dem er die notwendige Bereitschaft zum Warten aufbrachte. Aber dann, sobald er etwas auf den Holo-Schirmen sah, irgendein dunkles, rätselhaftes Verhalten von Arc- tors Seite, würde Arctor plötzlich im Schnittpunkt einer Peilung von drei Fixpunkten aus stehen, und es würde eine dritte Absicherung für die Einschätzungen der ande- ren Parteien geben. Gewiß würde das die endgültige Be- stätigung liefern. Und damit den Kostenaufwand und die Zeit rechtfertigen und den Interessen aller beteiligten Parteien dienlich sein. Ich frage mich, was Barris weiß, was wir nicht wissen, dachte er. Vielleicht sollten wir ihn ins Behördenzentrum schleifen und ihn danach fragen. Andererseits ist es na-, türlich günstiger, über Material zu verfügen, das unab- hängig von Barris zusammengetragen worden ist; an- dernfalls würden die Erkenntnisse eine bloße Verdopp- lung jener Erkenntnisse sein, über die Barris – wer immer er auch war oder was immer er auch darstellen mochte – verfügte. Und dann dachte er: Was, zum Teufel, habe ich da ei- gentlich gerade gedacht? Ich muß verrückt sein. Ich ken- ne Bob Arctor doch; er ist ein guter Mensch. Er ist in nichts verwickelt. Jedenfalls in keine üblen Sachen. Er arbeitet ja sogar, dachte er, für das Sheriff-Büro von Orange County, in einer Tarnidentität. Was möglicherweise der Grund dafür ist … Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, Die eine will sich von der andern trennen: Die eine hält, in derber Liebeslust, Sich an die Welt mit klammernden Organen; Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust Zu den Gefilden hoher Ahnen. * … warum Barris hinter ihm her ist. Aber, dachte er, das erklärt noch nicht, warum das Sheriff-Büro von Orange County hinter ihm her ist – und zwar so sehr, daß sie diese ganzen Holos installiert und einen Full-Time-Agenten damit beauftragt haben, ihn zu überwachen und über ihn Bericht zu erstatten. Das läßt sich damit nicht erklären. * Anm. d. Übers.: Deutsch im Original, Das paßt alles nicht zusammen, dachte er. Da muß noch mehr, noch viel mehr in jenem Haus vor sich gehen, jenem heruntergewirtschafteten, schuttgefüllten Haus mit dem unkrautüberwucherten Hinterhof und den Katzen- klos, die nie geleert werden, jenem Haus, wo die Tiere auf dem Küchentisch herumspazieren und die Abfallei- mer überquellen, weil nie jemand den ganzen Müll nach draußen trägt. Was für eine Verschwendung, dachte er, ein so gutes und solides Haus derartig herunterkommen zu lassen. Man könnte so viel damit machen. In diesem Haus könn- te eine Familie leben, Kinder und eine Frau. Dafür war es ausgelegt: drei Schlafzimmer. So eine Verschwendung; so eine beschissene Verschwendung! Sie sollten es ihm wegnehmen, dachte er; sie sollten auf der Stelle eingrei- fen und die Zwangsräumung anordnen. Vielleicht werden sie das ja auch machen. Und es einer besseren Verwen- dung zuführen; dieses Haus schreit geradezu danach. Dieses Haus hat auch schon viel bessere Tage gesehen, vor langer Zeit. Jene Tage könnten wiederkehren. Wenn jemand, der nicht so ist wie Arctor und seine Kumpane, darin wohnen würde und es gut in Schuß hielte. Besonders den Hof, dachte er, als das Taxi in die mit alten Zeitungen übersäte Auffahrt einbog. Er bezahlte den Fahrer, holte seinen Türschlüssel her- aus und betrat das Haus. Sogleich spürte er, daß da etwas war, das ihn beobach- tete: die auf ihn gerichteten Holo-Kameras. Von dem Moment an, da er über seine eigene Türschwelle getreten war. Er war ganz allein – keiner außer ihm im Haus., Falsch! Keiner außer ihm und den heimlichen, unsichtba- ren Kameras, die ihn beobachteten und alles aufnahmen. Alles, was er tat. Alles, was er sagte. Unwillkürlich mußte er an die Kritzeleien denken, die man manchmal sah, wenn man zum Pinkeln auf ein öf- fentliches Pissoir ging. LÄCHLE! DU WIRST FÜR »VORSICHT, KAMERA« GEFILMT! Und die Kamera surrt los, dachte er, sobald ich das Haus betrete. Gespen- stisch. Er mochte das nicht. Er fühlte sich gehemmt; die- se Empfindung war seit dem ersten Tag, vom ersten Au- genblick an, nachdem sie wieder nach Hause gekommen waren, immer stärker geworden. Seit dem »Hundeschei- ße-Tag«, wie er ihn bei sich nannte – eine Bezeichnung, die ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Und mit jedem Tag war das Bewußtsein um die Anwesenheit der Kameras gewachsen. »Keiner daheim, nehme ich an«, erklärte er wie üblich mit lauter Stimme und war sich dabei der Tatsache be- wußt, daß die mit den Kameras gekoppelten Mikrophone diese Worte aufgenommen hatten. Aber er mußte immer aufpassen; er durfte ja die Position der Kameras nicht kennen. Wie ein Schauspieler vor einer Filmkamera, dachte er. Du mußt spielen, als würde die Kamera gar nicht existieren, sonst schmeißt du die Szene. Und dann ist alles vorbei. Denn bei dieser Scheiße gibt es keine Wiederholungs- aufnahmen. Statt dessen muß man damit rechnen, von den Bändern gelöscht zu werden. Ich meine, ich muß damit rechnen. Nicht die Leute hinter den Kameras, sondern ich., Was ich tun sollte, dachte er, um aus all dem heraus- zukommen, ist das Haus zu verkaufen; es ist ja sowieso heruntergewirtschaftet. Aber … ich liebe dieses Haus. Punktum! Es ist mein Haus. Niemand kann mich hier rausbringen. Aus welchen Gründen auch immer sie das tun würden oder wenigstens gerne täten. Immer vorausgesetzt, daß es da überhaupt ein »Sie« gibt. Vielleicht existieren die »Sie«, die mich beobachten, ja auch einfach nur in meiner Einbildung. Paranoia. Oder besser: nicht die »Sie«, sondern das »Es«. Das entpersön- lichte »Es«. Was immer es ist, das mich beobachtet – ein Mensch ist es nicht. Jedenfalls nicht nach meinen Maßstäben. Es ist nichts, was ich als Menschen erkennen könnte. So albern das alles auch ist, dachte er, so beängstigend ist es zugleich. Etwas wird mir angetan, von einem bloßen Ding, hier in meinem Haus. Direkt vor meinen Augen. Vor den Augen eines Etwas; im Blickfeld irgendeines Dings. Das, ungleich meiner kleinen, dunkeläugigen Donna, niemals blinzelt. Was sieht eine Kamera eigent- lich? fragte er sich. Ich meine, was sieht sie wirklich? Sieht sie in den Kopf hinein? Oder in das menschliche Herz? Sieht eine starr montierte Infrarot-Kamera, wie man sie früher zu verwenden pflegte, oder eine 3-D- Abtastkamera, wie man sie heute verwendet, das neueste Modell, in mich – in uns – hinein, und ist das Bild, das auf den Schirmen erscheint, klar oder dunkel und ver-, schwommen? Ich hoffe, daß wenigstens das Bild auf den Schirmen klar ist, dachte er, weil ich in letzter Zeit nicht länger in mich selbst hineinsehen kann. Ich sehe nur Matsch. Matsch draußen; Matsch drinnen. Um unser aller willen hoffe ich, daß die Kameras es besser können. Denn, so dachte er, wenn die Kameras nur dunkle Bilder liefern, so dunkle wie die, die ich selber sehe, dann sind wir alle verdammt, sind wieder verdammt, wie wir es schon von jeher gewesen sind, und dann werden wir am Ende unwissend sterben, und selbst das bißchen, das wir wissen, jenes winzige Fragment der Wahrheit, noch falsch ausgelegt haben. Nach Zufallskriterien nahm er einen Band aus dem Bücherschrank im Wohnzimmer; es handelte sich, wie er feststellte, um Das große illustrierte Buch der körperli- chen Liebe. Als er es nach Zufallskriterien aufschlug, entdeckte er eine Seite, die einen Mann zeigte, der mit seligem Lächeln an der über ihn ragenden rechten Titte einer vor Lust keuchenden Puppe knabberte, und er sagte laut, ganz so, als lese er etwas aus dem Buch vor, als zi- tiere er die Worte eines berühmten, altehrwürdigen, über- ragenden Philosophen (was natürlich nicht der Fall war): »Jedweder Mensch sieht nur einen winzigen Teil der einen, alles umfassenden Wahrheit, und sehr oft, ja sogar nahezu … Weh! steck’ich in dem Kerker noch? Verfluchtes dumpfes Mauerloch, Wo selbst das liebe Himmelslicht Trüb durch gemalte Scheiben bricht!, Beschränkt mit diesem Bücherhauf, Den Wurme nagen, Staub bedeckt, Den bis ans hohe … * … immer, bringt er sich sogar noch selbst um jenes klei- ne, kostbare Fragment. Ein Teil von ihm wendet sich ge- gen ihn und handelt wie eine andere Person, besiegt ihn von innen heraus. Ein Mensch innerhalb eines Menschen. Und damit letztlich überhaupt kein Mensch.« Mit einem bedeutungsschweren Nicken, so, als sei er von der Weisheit der nichtexistenten Worte auf jener Sei- te tief bewegt, schloß er das großformatige, in rotes Le- der eingebundene und mit güldenen Lettern geschmückte Große illustrierte Buch der körperlichen Liebe wieder und stellte es auf seinen angestammten Platz im Regal zurück. Hoffentlich, dachte er, zoomen die Kameras nicht auf den Buchumschlag und lassen meinen kleinen Schwindel auffliegen. * Charles Freck, der angesichts dessen, was mit allen sei- nen Bekannten geschah, immer deprimierter wurde, be- schloß zu guter Letzt, sich ein für allemal davonzuma- chen. In den Kreisen, in denen er verkehrte, war es kein Problem, seinem Leben ein Ende zu setzen; man kaufte sich einfach eine größere Ladung Reds und schluckte sie mit etwas billigem Wein, spät in der Nacht, nachdem * Anm. d. Übers.: Deutsch im Original., man zuvor den Telefonhörer neben die Gabel gelegt hat- te, um von niemandem gestört zu werden. Natürlich mußte ein solcher Abgang sorgfältig geplant werden. Im Mittelpunkt der Vorbereitungen standen da- bei die Artefakte, die spätere Archäologen dereinst fin- den sollten. Es galt, sie so auszuwählen, daß diese Ar- chäologen auch wissen würden, aus welcher Schicht man kam. Und sich außerdem ein Bild davon zusammenpuzz- len konnten, was zum Zeitpunkt der Durchführung deiner Tat in deinem Kopfe vorging. Deshalb verwandte er mehrere Tage darauf, über die Zusammenstellung der Artefakte zu entscheiden. Viel länger, als er darauf verwandt hatte, zu beschließen, sich zu töten, und ungefähr die gleiche Zeit, die er benötigt hatte, um sich eine hinreichend große Menge von Reds zu beschaffen. Man würde ihn in seinem Bett finden, auf dem Rücken liegend, neben sich ein Exemplar von Ayn Rands The Fountainhead (welches Zeugnis davon able- gen würde, daß er ein unverstandener Obermensch gewe- sen war, verkannt von den Massen und daher in gewisser Weise ein Opfer ihrer schmählichen Mißachtung) und einen unvollendeten Brief an Esso, in dem er gegen die Annullierung seiner Benzin-Kreditkarte protestierte. Auf diese Weise würde er das System anklagen und durch seinen Tod etwas bewirken, das über das hinausging, was der Tod für ihn selbst bewirkte. Tatsächlich war er sich über das, was der Tod für ihn selbst bewirken mochte, längst nicht so im klaren wie über das, was die beiden Artefakte bewirken würden; aber jedenfalls summierte sich alles auf, und er begann, die letzten Vorbereitungen, zu treffen, wie ein Tier, das spürt, daß seine Zeit ge- kommen ist, und nun nach dem Instinktprogramm han- delt, das die Natur ihm für den Augenblick mitgegeben hat, da sein unvermeidliches Ende naht. Im letzten Moment (der Sand in seinem Stundenglas war beinah schon verronnen) änderte er seinen Plan in einem entscheidenden Punkt ab und beschloß, die Reds mit einem Connaisseur-Wein statt mit Lambrusco oder Ripple ‘runterzuspülen, und so machte er sich auf zu sei- ner letzten Fahrt, hinüber zu Joe’s Laden, einem Fachge- schäft für Weine, und erstand dort eine Flasche 1971er Mondavi Cabernet Sauvignon, was ihn um nahezu drei- ßig Dollar ärmer machte – und das war alles, was er hat- te. Wieder daheim, entkorkte er die Flasche und gab der Blume Zeit, sich in aller Ruhe zu entfalten. Dann trank er ein paar Gläser, verbrachte ein paar Minuten damit, sich in seine Lieblingsseite im Großen illustrierten Buch der körperlichen Liebe zu versenken, die ein Mädchen zeig- te, das rittlings auf einem Mann hockte, stellte den Pla- stikbeutel mit den Reds neben sein Bett und legte sich schließlich mit dem Ayn Rand-Buch und dem unvollen- deten Brief an Esso hin und versuchte, an etwas Bedeu- tungsvolles zu denken, aber das wollte ihm einfach nicht gelingen; statt dessen sah er immer nur das rittlings auf dem Mann hockende Mädchen vor seinem inneren Auge. Und dann kippte er mit einem Glas Cabernet Sauvignon alle Reds auf einmal hinunter. Nach vollbrachter Tat ließ er sich zurücksinken, das Ayn Rand-Buch und den Brief auf seiner Brust, und wartete., Aber er war abgelinkt worden. Die Kapseln waren gar keine Barbiturate, wie ein Dealer behauptet hatte, son- dern eine Art verrückter psychedelischer Drogen, und zwar eine Sorte, die er noch nie zuvor eingepfiffen hatte. Vielleicht eine Mischung, die neu auf dem Markt war. Statt ruhig zu ersticken, begann Charles Freck zu hallu- zinieren. Tja, dachte er philosophisch, das ist nun einmal mein Geschick. Immer werde ich beschissen. Angesichts der Menge der Kapseln, die er geschluckt hatte, richtete er sich vorsorglich schon einmal darauf ein, daß ihm ein ganz schön höllischer Trip bevorstand. Seine erste Wahrnehmung war ein Geschöpf von ir- gendwo zwischen den Dimensionen, das neben seinem Bett stand und mißbilligend auf ihn herabschaute. Das Geschöpf hatte viele Augen, die gleichmäßig über seine Körperoberfläche verteilt waren, trug ultramoderne, teuer aussehende Kleidung und ragte ungefähr zweiein- halb Meter hoch auf. Außerdem hielt es eine gewaltige Schriftrolle. »Du wirst mir meine Sünden vorlesen«, sagte Charles Freck. Das Geschöpf nickte und erbrach das Siegel der Schriftrolle. Freck, hilflos auf seinem Bett liegend, sagte: »Und das wird hunderttausend Stunden dauern.« Das Geschöpf von irgendwo zwischen den Dimensio- nen bedachte ihn mit einem scharfen Blick aus seinen unzähligen, wie aus Facetten zusammengesetzten Augen und sagte: »Wir sind nicht länger im weltlichen Univer- sum. Kategorien wie ›Raum und Zeit‹ die den Niederun- gen materiellen Seins angehören, treffen auf dich nicht länger zu. Du bist auf die Ebene transzendenten Seins, erhoben worden. Deine Sünden werden dir ohne Unterlaß vorgelegen werden, in alle Ewigkeit, im Schichtdienst. Die Liste wird nie enden.« Vertrau nie einem Dealer, dachte Charles Freck und wünschte sich, die letzte halbe Stunde seines Lebens un- geschehen machen zu können. Tausend Jahre später lag er immer noch da auf seinem Bett, das Ayn Rand-Buch und den Brief an Esso auf der Brust, und hörte ihnen dabei zu, wie sie ihm seine Sün- den vorlasen. Sie waren jetzt bei der ersten Klasse ange- langt, und er war damals gerade sechs Jahre alt gewesen. Zehntausend Jahre später hatten sie die sechste Klasse erreicht. Das Jahr, in dem er die Masturbation entdeckt hatte. Er schloß die Augen, aber trotzdem konnte er immer noch das vieläugige, zweieinhalb Meter große Wesen mit der endlosen Schriftrolle sehen, das las und las und las… »Und als nächstes –«, sagte es gerade. Charles Freck dachte: Wenigstens war der Wein gut.,

XII

Zwei Tage später beobachtete Fred verwirrt auf dem Schirm von Holo-Kamera Drei, wie sein Objekt offen- sichtlich nach Zufallskriterien ein Buch aus dem Bücher- schrank im Wohnzimmer seines Hauses nahm. Ein Ver- steck für Dope? fragte Fred und zoomte mit der Kamera- linse näher heran. Oder hatte er sich in diesem Band viel- leicht eine Telefonnummer oder eine Adresse notiert? Er konnte auf den ersten Blick sehen, daß Arctor das Buch nicht hervorgeholt hatte, um darin zu lesen; Arctor hatte gerade eben erst das Haus betreten und trug immer noch seinen Mantel. Eine eigentümliche Aura umgab ihn; er wirkte gleichzeitig angespannt und ausgelaugt. Als stehe er unter emotionaler Hochspannung und sei doch zu- gleich völlig abgestumpft. Die Zoom-Linse zeigte, daß sich auf der von Arctor aufgeschlagenen Seite ein Farbfoto eines Mannes befand, der an der rechten Brustwarze einer Frau knabberte; bei- de Individuen waren nackt. Die Frau hatte offensichtlich gerade einen Orgasmus; ihre Augen hatten sich halb ge- schlossen, und ihr Mund klaffte in einem unhörbaren Stöhnen offen. Vielleicht benutzt Arctor das dazu, um sich aufzugeilen, dachte Fred, während er zuschaute. Aber Arctor schenkte dem Bild keine große Aufmerksamkeit; statt dessen rezitierte er zu Freds Verblüffung mit knar- render Stimme einen höchst merkwürdigen Text, teilwei- se in Deutsch, offenbar, um jeden zu verwirren, der ihn zufällig belauschen sollte. Vielleicht nahm er an, daß, seine Mitbewohner irgendwo im Haus waren, und wollte sie auf diese Weise ins Wohnzimmer locken, mutmaßte Fred. Aber niemand tauchte auf. Luckman – das wußte Fred, weil er sich schon längere Zeit vor den Schirmen aufhielt – hatte sich stereo mit einer Handvoll Reds und einer Ladung Substanz T vollgepumpt und war, noch immer vollständig angezogen, in seinem Schlafzimmer bewußt- los geworden, nur ein paar Schritte von seinem Bett ent- fernt. Barris war überhaupt nicht zu Hause. Was macht Arctor da bloß? fragte sich Fred und no- tierte sich die Kennziffern dieser Bandabschnitte. Er wird immer seltsamer. Jetzt verstehe ich erst, was der Infor- mant, der wegen Arctor anrief, gemeint hat. Oder, überlegte er, könnten die Sätze, die Arctor laut ausgesprochen hat, der akustische Auslöser für irgendei- ne elektronische Apparatur sein, die er im Haus installiert hat? An oder aus. Vielleicht erzeugt diese Apparatur so- gar ein Interferenzfeld, das die Funktion der Abtastkame- ras stört … und damit unsere Überwachungstätigkeit. Aber er zweifelte daran. Zweifelte daran, daß Arctors Handlungsweise überhaupt verstandesmäßig erklärbar war oder einen Zweck oder eine Bedeutung hatte – außer für Arctor selbst. Der Typ ist verrückt, dachte er. Echt verrückt. Seit dem Tag, da er die Schäden an seinem Cephskop ent- deckte – spätestens aber von dem Tag an, als er von der Fahrt heimkam, auf der er merkte, daß jemand an seinem Wagen rumgebastelt hatte, und zwar so, daß er dadurch beinahe draufgegangen wäre –, verhält er sich permanent, wie ein Irrer. Bis zu einem gewissen Grad auch schon früher, dachte Fred. Aber permanent jedenfalls seit dem »Hundescheiße-Tag«, wie Fred diesen Tag seines Wis- sens nach nannte. Eigentlich konnte man ihm deswegen sogar nicht ein- mal Vorwürfe machen. So etwas, überlegte Fred, wäh- rend er beobachtete, wie Arctor sich müde aus seinem Mantel schälte, würde jeden um den Verstand bringen. Aber die meisten Leute würden nach einiger Zeit wieder einklinken. Nicht so Arctor. Bei ihm wird’s immer schlimmer. Jetzt liest er doch tatsächlich schon laut Bot- schaften vor, die gar nicht existieren, und das, obwohl keiner da ist, der sie hören könnte. Und noch dazu in fremden Zungen. Oder will er mich vielleicht nur bluffen? dachte Fred unbehaglich. Hat er irgendwie herausgefunden, daß er unter permanenter Überwachung steht … und tut er nur so, als sei er verrückt, weil er dadurch von seinen wirkli- chen Aktivitäten ablenken will? Oder spielt er einfach nur irgendwelche ausgeflippten Spielchen mit uns? Die Zeit, entschied er, wird es an den Tag bringen. Also wenn man mich fragt, dachte Fred, spielt er uns etwas vor. Manche Leute spüren, wenn sie beobachtet werden. Ein sechster Sinn. Nicht Paranoia, sondern ein primitiver Instinkt: da, was eine Maus hat, jedes gejagte Ding. Es weiß, daß sich jemand anschleicht. Es spürt das. Arctor zieht extra für uns eine Nummer ab, foppt uns. Aber andererseits kann man sich da nie ganz sicher sein. Es gibt Bluffs, unter denen sich noch andere Bluffs ver- bergen. Unter jeder Schicht liegt immer noch eine weitere., Der Klang von Arctors obskurer Lesung hatte Luck- man geweckt. Die Kamera in seinem Schlafzimmer zeig- te, wie er sich benommen aufsetzte und lauschte. Dann vernahm er den Lärm, der entstand, als Arctor beim Auf- hängen seines Mantels einen Kleiderbügel fallen ließ. Luckman ließ seine langen, muskulösen Beine unter sich gleiten und griff nach einer Handaxt, die er immer auf dem Tisch neben seinem Bett liegen hatte; er stand jetzt aufrecht und bewegte sich mit der Geschmeidigkeit eines Tieres auf die Tür seines Schlafzimmers zu. Im Wohnzimmer nahm Arctor die Post vom Kaffee- tisch und blätterte sie durch. Er warf eine kitschige Re- klamesendung in Richtung Papierkorb, verfehlte ihn aber. In seinem Schlafzimmer hörte Luckman das. Er ver- steifte sich und hob den Kopf, als wolle er eine Witte- rung aufnehmen. Arctor, der die Post las, machte plötzlich ein finsteres Gesicht und sagte: »Da wird doch der Hund in der Pfan- ne verrückt.« In seinem Schlafzimmer entspannte Luckman sich, legte die Axt mit einem lauten Klirren beiseite, glättete sein Haar, öffnete die Tür und trat hinaus. »Hi. Was gibt’s Neues?« Arctor sagte: »Ich bin heute am Gebäude der Maylar Mikropunkt AG vorbeigekommen.« »Erzähl mir doch keinen vom Pferd.« »Sie waren gerade dabei, Inventur zu machen«, sagte Arctor. »Aber anscheinend hatte einer der Angestellten die ganzen Inventurlisten am Absatz seines Schuhs nach draußen geschleppt. Darum hechelte die ganze Beleg-, schaft draußen auf dem Parkplatz der Maylar Mikropunkt AG herum, mit Pinzetten und einer Unmenge von Lupen. Und einer kleinen Papiertüte.« »Gab’s auch ‘ne Prämie für den ehrlichen Finder?« sagte Luckman gähnend und schlug sich mit den Hand- flächen auf seinen flachen, harten Bauch. »Klar hatten die ‘ne Belohnung ausgesetzt«, sagte Arctor. »Nur hatten sie die auch verloren. Es war näm- lich ‘n winzig kleiner Penny.« Luckman sagte: »Du siehst ‘ne ganze Menge merk- würdiger Sachen, wenn du so durch die Gegend fährst, ja?« »Nur in Orange County«, sagte Arctor. »Wie groß ist eigentlich das Gebäude dieser Maylar Mikropunkt AG?« »Knapp drei Zentimeter«, sagte Arctor. »Und was schätzt du, daß es wiegt?« »Mit oder ohne Belegschaft?« Fred ließ das Band im Schnellvorlauf vorwärtsschie- ßen. Als die Skalen anzeigten, daß eine Stunde verstri- chen war, hielt er es für einen Augenblick an. »– ungefähr zehn Pfund«, sagte Arctor gerade. »Sag’ mal, wenn das Gebäude nur drei Zentimeter groß ist und nur zehn Pfund wiegt, wieso hast du es dann überhaupt bemerkt?« Arctor, der jetzt auf der Couch saß und die Füße hoch- gelegt hatte, sagte: »Sie haben ein großes Firmenschild.« Herr im Himmel! dachte Fred und spulte das Band er- neut vorwärts. Aus einem vagen Impuls heraus hielt er es nach nur zehn Minuten real verstrichener Zeit an., »– wie sieht dieses Firmenschild aus?« sagte Luckman gerade. Er saß auf dem Fußboden und reinigte eine Kat- zengras-Kiste. »Neon oder so? Farben? Ich überleg’ mir die ganze Zeit, ob ich’s vielleicht schon mal gesehen hab’ Fällt es einem sofort ins Auge?« »Hier, ich werd’s dir zeigen«, sagte Arctor und langte in die Brusttasche seines Hemdes. »Ich hab’s mitge- bracht.« Wieder schaltete Fred auf Schnellvorlauf. »– weißt du eigentlich, wie man Mikropunkte in jedes beliebige Land schmuggeln könnte, ohne daß irgendwer was spitzkriegen würde?« sagte Luckman gerade. »Wahrscheinlich auf jedem beliebigen Weg«, sagte Arctor und lehnte sich bequem zurück. Er rauchte einen Joint, und eine dicke Qualmwolke verfinsterte das Wohnzimmer. »Nein, ich meine einen Weg, auf den nie jemand kommen würde«, sagte Luckman. »Barris hat ihn mir eines Tages mal verraten, unter dem Siegel der Ver- schwiegenheit; ich sollte keinem was davon erzählen, weil er es in seinem Buch verarbeiten will.« »Was für ein Buch? Kleine Dopekunde für –« »Nein. Einfache Tricks, um x-beliebige Objekte in die Vereinigten Staaten einzuschmuggeln oder auch wieder hinaus, je nachdem, in welcher Richtung man die Grenze überquert. Man schmuggelt sie mit einer Lieferung Dope ein. Zum Beispiel mit Heroin. Die Mikropunkte sind in den Päckchen drin. Keiner würde das merken, weil sie so klein sind. Sie würden nicht –« »Aber dann würde sich irgendein Junkie einen Hit, schießen, der zur Hälfte aus Smack und zur Hälfte aus Mikropunkten besteht.« »Tja, dann würde er wohl plötzlich der scheiß-gebil- detste Junkie sein, der dir je über den Weg gelaufen ist. « »Käme ganz darauf an, was auf den Mikropunkten war.« »Barris hatte auch noch ‘nen ganz neuen Trick auf La- ger, um Dope über die Grenze zu schmuggeln. Du kennst das doch, diese Typen vom Zoll fragen einen immer, ob man was zu verzollen hat, richtig? Und da kann man ja schließlich nicht sagen: ›Ja, Dope‹, weil –« »Okay, wie geht dieser Trick denn nun?« »Tja, schau mal, du nimmst einfach einen großen Klotz Hasch und schnitzst so lange daran herum, bis er von außen wie ein Mensch aussieht. Anschließend höhlst du ihn teilweise aus und baust ein Aufziehwerk und ein kleines Cassettengerät ein. Dann stellst du dich mit ihm in die Schlange, und direkt vor der Zollabfertigung ziehst du ihn mit dem Schlüssel auf, und er geht von ganz allei- ne zu dem Mann vom Zoll hin. Der sagt dann zu ihm: ›Haben Sie etwas zu verzollen?‹ und der Haschklotz sagt: ›Nein, nichts‹ und marschiert einfach immer geradeaus weiter bis er auf der anderen Seite der Grenze stehen- bleibt, weil das Uhrwerk abgelaufen ist.« »Man könnte auch statt einer Feder eine Art Solarzel- lenbatterie einbauen. Dann könnte er jahrelang weiter- marschieren. Bis in alle Ewigkeit.« »Und was sollte das bringen? Am Ende würde er entwe- der den Pazifik oder den Atlantik erreichen. Vielleicht wür- de er sogar über den Rand der Welt hinauswandern, wie –«, »Stell’ dir mal ein Eskimodorf vor und einen zwei Me- ter großen Haschklotz, so ungefähr im Wert von – wie- viel würde der wohl wert sein?« »Ungefähr eine Milliarde Dollars.« »Mehr. Zwei Milliarden.« »Die Eskimos kauen gerade Seehundsfelle und schnit- zen Knochenspeere, und dieser Haschklotz, der zwei Milliarden Dollar wert ist, kommt durch den Schnee da- hermarschiert und sagt wieder und wieder: ›Nein, nichts‹.« »Sie würden sich bestimmt fragen, was er damit wohl meint. « »Sie würden so verwirrt sein, daß sie gar nicht mehr darüber wegkämen. Legenden würden entstehen.« »Kannst du dir vorstellen, deinen Enkeln zu erzählen: ›Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie der zwei Meter große Haschklotz aus den treibenden Nebeln auftauchte und vorüberschritt, ungefähr in die Richtung da vorne, und er war zwei Milliarden Dollar wert und sagte immer nur: ›Nein, nichts.‹ Seine Enkel würden ihn ins Irrenhaus stecken.« »Nein, schau mal, Legenden bauschen immer alles auf. Nach ein paar Jahrhunderten würde die Geschichte ungefähr so gehen: ›Zu Zeiten unserer Altvorderen stürmte eines Tages ein dreißig Meter großer Klotz aus ganz hervorragendem Schwarzen Afghanen, der acht Trilliarden Dollar wert war und tödliches Feuer versprüh- te, auf uns los und schrie: »Sterbt, Eskimo-Hunde!« und wir kämpften todesmutig mit unseren Speeren gegen ihn und töteten ihn am Ende auch.‹«, »Die Kinder würden auch die Version nicht glauben.« »Kinder glauben einem sowieso überhaupt nichts mehr.« »Es bringt dich echt runter wenn du dich mit einem Kind unterhältst. Mich hat mal ein Kind gefragt: ›Wie war das eigentlich für dich, als du das erste Auto gesehen hast?‹ Scheiße, Mann, ich bin 1962 geboren.« »Mein Gott«, sagte Arctor, »genau das hat mich auch mal ein Typ gefragt, den ich kannte. Hatte zuviel Acid geschluckt. Er war siebenundzwanzig Jahre alt, nur drei Jahre jünger als ich. Er bekam überhaupt nichts mehr auf die Reihe. Später pfiff er noch ein paar Hits Acid ein – oder was sie ihm als Acid verkauft hatten –, und danach pinkelte er auf den Fußboden und schiß auf den Fußbo- den, und wenn man etwas zu ihm sagte, wie etwa: ›Wie geht’s dir, Don?‹ dann sprach er einem das nur nach wie ein Papagei. ›Wie geht’s dir, Don?‹« Das Gespräch verstummte, und das Schweigen hing wie der Qualm des Joints zwischen den beiden Männern in dem dunstigen Wohnzimmer. Ein langes, düsteres Schweigen. »Bob, weißt du was?« sagte Luckman schließlich. »Ich bin immer gerade so alt gewesen wie alle anderen.« »Ich glaube, ich auch«, sagte Arctor. »Ich weiß nicht, woran das gelegen hat.« »Aber natürlich weißt du das, Luckman«, sagte Arc- tor. »Nämlich daran, woran es bei uns allen gelegen hat.« »Hm. Du, reden wir über was anderes, ja?« Er inha- lierte wieder geräuschvoll, und sein langes Gesicht war ein blasser Fleck im trüben Licht des Mittags., * Eines der Telefone im Kontroll-Zentrum klingelte. Ein Jedermann-Anzug nahm das Gespräch entgegen und schob den Apparat dann zu Fred hinüber. »Fred.« Er stellte die Holos ab und griff nach dem Hörer. »Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie letzte Woche unten bei uns waren?« sagte eine Stimme. »Und dem OH-Test unterzogen wurden?« Nach längerem Schweigen sagte Fred: »Ja.« »Sie sollten noch einmal wiederkommen.« Eine Pause auch am anderen Ende der Leitung. »Wir haben weiteres Material über Sie gesichtet. Material neueren Datums … Ich habe es für nötig erachtet, einen neuen Termin für Sie anzuberaumen, bei dem Sie sämtliche Standard-Perzep- tionstests sowie einige andere Tests absolvieren werden. Dieser Termin ist morgen um fünfzehn Uhr, wieder im selben Raum. Alles in allem werden die Tests ungefähr vier Stunden in Anspruch nehmen. Wissen Sie noch die Zimmernummer?« »Nein«, sagte Fred. »Wie fühlen Sie sich?« »Okay«, sagte Fred stoisch. »Irgendwelche Probleme? Während oder außerhalb des Dienstes?« »Ich hab’ Krach mit meinem Mädchen gehabt. « »Irgendwelche Bewußtseinsstörungen? Haben Sie bisweilen Schwierigkeiten, Personen oder Gegenstände zu identifizieren? Kommt es Ihnen manchmal so vor, als, seien bestimmte Dinge, die Sie sehen, umgekehrt oder verkehrt? Und da ich gerade danach frage … irgendwel- che Raum-Zeit- oder Sprachdesorientierungen?« »Nein«, sagte er mürrisch. »Nein auf alle Fragen.« »Wir erwarten Sie dann also morgen in Zimmer 203«, sagte der medizinische Assistent. »Welches Material über mich hat Sie eigentlich dazu bewogen –« »Darüber reden wir morgen. Kommen Sie einfach hin. All right? Und, Fred … Kopf hoch.« Klick. Tja, ein herzliches Klick auch Ihnen, dachte er und legte auf. Voller Verärgerung darüber, daß sie ihm solche Sche- rereien machten und ihn dazu zwangen, etwas zu tun, wogegen sich alles in ihm auflehnte, schaltete er einmal mehr die Holos an; die Schirme leuchteten in bunten Farben auf, und die dreidimensionalen Szenen darauf erfüllten sich mit Leben. Aus dem Lautsprecher drang noch mehr von dem nutzlosen, für Fred so frustrierenden Geplapper: »Diese Puppe«, schwafelte Luckman weiter, »war also schwanger geworden und beantragte eine Abtreibung, weil ihre Periode schon viermal ausgeblieben war und ihr Bauch sichtlich dicker wurde. Die ganze Zeit über be- schwerte sie sich ständig über die Kosten für die Abtrei- bung; aus irgendeinem Grund wollte die Wohlfahrt näm- lich kein Geld dafür rausrücken. Nun, eines Tages war ich mal bei ihr auf der Bude, und da war so eine Freundin von ihr da und sagte ihr knallhart ins Gesicht, daß sie ja sowieso nur eine hysterische Schwangerschaft – ‘ne, Scheinschwangerschaft also – hätte. ›Du willst einfach nur glauben, daß du schwanger bist‹ schimpfte die Puppe auf sie ein. ›Ein reiner Schuld-Trip. Und die Abtreibung und das ganze Moos, das du dafür blechen mußt, das ist ein Selbstbestrafungs-Trip.‹ Und daraufhin schaute die Puppe sie ganz ruhig an – ich stand damals echt auf sie, nebenbei bemerkt – und sagte: ›Na gut, wenn es also eine hysterische Schwangerschaft ist, dann werde ich auch eine hysterische Abtreibung haben und dafür mit hysteri- schem Geld bezahlen!‹« Arctor sagte: »Ich möchte zu gerne wissen, wem ei- gentlich das Gesicht auf der hysterischen Fünf-Dollar- Note gehört.« »Tja, wer war unser hysterischster Präsident?« »Bill Falkes. Er glaubte bloß, er sei Präsident.« »Und wann, dachte er, sei seine Amtszeit gewesen?« »Er bildete sich ein, er sei für zwei Amtsperioden im Amt gewesen, so ungefähr um 1882. Später, nachdem er sich einer längeren Therapie unterzogen hatte, kam er immerhin so weit, daß er bloß noch glaubte, es sei nur eine Amtszeit gewesen –« Wutentbrannt schlug Fred auf die Bedienungselemente der Holos und ließ die Bänder zweieinhalb Stunden vor- wärts jagen. Wie lange geht dieser Rotz denn noch wei- ter? fragte er sich. Den ganzen Tag? Bis in alle Ewigkeit? »– also bringst du dein Kind zum Doktor – zum Psy- chologen – und erzählst ihm, daß dein Kind die ganze Zeit über schreit und Wutanfälle hat.« Vor Luckman auf dem Kaffeetisch lagen neben einer Dose Bier zwei Beu- tel mit Grass; er unterzog gerade das Grass einer genauen, Überprüfung. »Und es lügt; das Kind lügt. Erfindet über- triebene Geschichten. Und der Psychologe untersucht das Kind, und seine Diagnose lautet: ›Gnädige Frau, Ihr Kind ist hysterisch. Sie haben ein hysterisches Kind. Aber ich kann Ihnen leider auch nicht sagen, woran das liegt.‹ Und dann merkst du, die Mutter, daß deine große Stunde ge- kommen ist, und du jubelst ihm die Wahrheit ganz locker unter den Kittel: ›Ich weiß, woran das liegt, Herr Doktor. Nämlich daran, daß ich eine hysterische Schwangerschaft hatte.‹ Luckman und Arctor lachten beide, und auch Jim Barris fiel in ihr Gelächter ein; er war irgendwann wäh- rend der letzten zwei Stunden zurückgekommen und saß bei ihnen. Er arbeitete wieder an seiner irren Hasch- Pfeife; er war immer noch nicht fertig, den Pfeifenkopf mit weißem Bindfaden zu umwickeln. Wieder spulte Fred das Band um eine volle Stunde vor. »– dieser Typ«, sagte Luckman gerade und strich vorn- übergebeugt das Grass in einer kleinen Schachtel glatt, während Arctor ihm gegenübersaß und ihm mit halbem Auge dabei zuschaute, »trat im Fernsehen auf und be- hauptete von sich, ein weltberühmter Hochstapler zu sein. Im Laufe seiner Karriere, so erzählte er dem Inter- viewer, sei er in einer Vielzahl von Rollen aufgetreten, unter anderem als berühmter Chirurg vom John Hopkins Medical College, als Physiker, der mit einem staatlichen Forschungsstipendium in Harvard an der Theorie hoch- beschleunigter subatomarer Teilchen arbeitete, als ein finnischer Romancier, der den Literaturnobelpreis ge- wonnen hatte, als abgesetzter argentinischer Staatspräsi- dent, der jetzt verheiratet war mit –«, »Und mit dem allen ist er durchgekommen?« fragte Arctor. »Man hat ihn nie erwischt?« »Der Typ hat sich nie als irgendeiner dieser Leute ausgegeben. Er hat sich nie als irgendwas ausgegeben, außer als weltberühmter Hochstapler. Das kam später durch einen Artikel in der L. A. Times heraus – die hat- ten die Geschichte nachgeprüft. Der Typ war ‘n einfacher Besenschwinger in Disneyland, oder jedenfalls war er das so lange gewesen, bis er die Autobiographie eines weltberühmten Hochstaplers in die Finger kriegte –es gab nämlich wirklich mal so einen – und sich sagte: ›Zum Teufel, wenn der sich als diese ganzen exotischen Macker ausgibt und damit durchkommt, dann kann ich das schon lange‹, aber später hat er sich’s wohl anders überlegt und sich gesagt: ›Zum Teufel, was soll das ei- gentlich; ich werd’ mich einfach als Hochstapler ausge- ben!‹ Er hat auf diese Weise ‘ne Menge Moos gemacht, stand in der Times. Fast so viel wie der echte weltbe- rühmte Hochstapler. Und er sagte, es wäre so doch viel einfacher gewesen.« Barris, der in seiner Ecke immer noch Bindfaden auf- wickelte, sagte wie zu sich selbst: »Auch wir sehen ab und an Hochstapler. In unserer nächsten Umgebung. Aber sie geben sich nicht als Physiker für subatomare Teilchen aus.« »Rauschgift-Agenten, meinst du«, sagte Luckman. »Yeah, Rauschgift-Agenten. Ich frage mich manchmal, wie viele Rauschgift-Agenten wir kennen. Wie sieht so ein Rauschgift-Agent eigentlich aus?« »Das ist ja, als würdest du fragen: Wie sieht so ein, Hochstapler eigentlich aus?« sagte Arctor. »Ich hab’ mich mal mit einem großen Hasch-Dealer unterhalten, der hopsgenommen worden war, als er gerade zehn Pfund Hasch in seiner Tasche hatte. Ich hab’ ihn gefragt, wie der Rauschgift-Agent, der ihn hatte auffliegen lassen, denn aussah. Ihr wißt schon, der – na, wie sagt man doch gleich? – der Lockvogel, der auftrat und sich als Freund eines Freundes ausgab und ihn dazu brachte, ihm etwas Hasch zu verkaufen.« »Wahrscheinlich«, sagte Barris und wickelte weiter Bindfaden auf, »ganz genau so wie wir.« »Viel echter als wir«, sagte Arctor. »Dieser Macker, dieser Hasch-Dealer, meine ich – er war übrigens schon verknackt worden und mußte am nächsten Tag in den Kahn –, der erzählte mir: ›Sie haben längere Haare als wir.‹ Und die Lehre, die man daraus ziehen kann, ist wohl: Halte dich bloß von Typen fern, die so aussehen wie wir.« »Es gibt auch weibliche Rauschgift-Agenten«, sagte Barris. »Ich möchte gerne mal einen Rauschgift-Agenten kennenlernen«, sagte Arctor. »Ich meine, bewußt. Einen, bei dem ich mit Bestimmtheit weiß, daß es einer ist.« »Tja«, sagte Barris, »mit Bestimmtheit würdest du das erst wissen, wenn er dir die Handschellen anlegt. Falls es mal so weit kommt.« Arctor sagte: »Was mich interessieren würde … haben Rauschgift-Agenten eigentlich Freunde? Wie sieht ihr gesellschaftliches Leben aus? Wissen ihre Ehefrauen Be- scheid?«, »Rauschgift-Agenten haben keine Ehefrauen«, sagte Luckman. »Sie leben in Höhlen und spähen unter gepark- ten Wagen hinter dir her, wenn du vorübergehst. Wie Trolle.« »Und was essen sie?« sagte Arctor. »Menschen«, sagte Barris. »Wie kann ein Typ das bloß machen?« sagte Arctor. »Sich als Rauschgift-Agent ausgeben?« »Was?« sagten Barris und Luckman wie aus einem Munde. »Scheiße, ich bin heute echt ausgeklinkt«, sagte Arctor mit einem schiefen Grinsen. »›Sich als Rauschgift-Agent ausgeben‹ – wow.« Er schüttelte in komischer Verzweif- lung den Kopf. Luckman starrte ihn an. »SICH ALS RAUSCHGIFT- AGENT AUSGEBEN? SICH ALS RAUSCHGIFT- AGENT AUSGEBEN?« »Ich glaub’, mein Gehirn ist heute eine einzige Mot- sche«, sagte Arctor. »Ich hau’ mich besser in die Falle. « Vor den Schirmen unterbrach Fred den Bandvorlauf; alle Bildwürfel gefroren, und der Ton erstarb. »Machste ‘ne Pause, Fred?« rief einer der anderen Je- dermann-Anzüge zu ihm hinüber. »Yeah«, sagte Fred. »Ich bin müde. Dieser Scheiß geht einem nach ‘ner Weile ganz schön auf den Geist.« Er stand auf und zündete sich eine Zigarette an. »Ich ka- pier’ schon nicht mehr die Hälfte von dem, was sie sa- gen, so müde bin ich. Und ich hab’s satt«, fügte er hinzu, »ihnen zuzuhören.« »Wenn man selbst dabeisitzt«, sagte ein Jedermann-, Anzug, »ist es längst nicht so schlimm; richtig? Ich nehm’ doch an, daß du dabeigesessen hast – daß du einer aus dieser Gruppe bist, natürlich in einer Tarnidentität. Stimmt’s?« »Ich würde nie mit Spinnern wie denen da rumhän- gen«, sagte Fred. »Die reden doch nur immer und immer wieder das gleiche, wie senile alte Opas. Warum machen sie das eigentlich, dauernd nur rumsitzen und Scheiß la- bern?« »Warum machen wir das, was wir machen? Im Grun- de genommen ist das doch auch immer wieder das glei- che, wenn man’s sich mal genau anschaut.« »Aber wir müssen das machen; das ist unser Job. Wir können uns das nicht aussuchen.« »Wie senile alte Opas«, warf ein Jedermann-Anzug ein. »Die können sich das auch nicht aussuchen. Die sind einfach so.« Sich als Rauschgift-Agent ausgeben, dachte Fred. Was bedeutet das? Keiner weiß das … So tun, überlegte er, als sei man ein Hochstapler. Ei- ner, der unter parkenden Wagen lebt und Dreck frißt. Nicht ein weltberühmter Chirurg oder Romancier oder Politiker; jemand, um den sich keine Fernsehanstalt rei- ßen würde. Das ist kein Leben, das irgend jemand, der noch bei Verstand ist … Dem Wurme gleich’ ich, der den Staub durchwühlt, Den, wie er sich im Staube nährend lebt,, Des Wandrers Tritt vernichtet und begräbt.* Ja, das trifft es ganz genau, dachte er. Dieses Gedicht. Luckman muß es mir vorgelesen haben, oder vielleicht ha- ben wir es mal in der Schule durchgenommen. Lustig, was da manchmal aus den Tiefen der Erinnerung wieder an die Oberfläche kommt. Was das Gehirn so alles speichert. Arctors verdrehte Worte wollten ihm nicht aus dem Kopf gehen, obwohl er doch das Band schon längst ge- stoppt hatte. Ich wünschte mir, ich könnte sie vergessen, dachte er. Ich wünschte mir, ich könnte – wenigstens für eine Zeitlang – ihn vergessen. »Irgendwie krieg’ ich das Gefühl«, sagte Fred, »daß ich manchmal weiß, was sie im nächsten Augenblick sa- gen werden. Noch bevor sie es aussprechen. Ihre genauen Worte.« »Das nennt man Déjà vu«, nickte einer der Jedermann- Anzüge. »Paß mal auf, ich will dir mal ‘n paar gute Tips geben. Spul das Band immer über einen längeren Auf- nahmezeitraum vor, also nicht nur eine Stunde sondern, sagen wir mal, sechs Stunden. Wenn sich da nichts Be- merkenswertes ereignet, dann spulst du es zurück, bis du auf etwas stößt. Rückwärts, verstehst du, statt vorwärts. Auf diese Weise kommst du nicht in ihren Rhythmus. Du schwimmst sozusagen gegen den Strom. Sechs oder so- gar acht Stunden vorwärts, dann in großen Sprüngen zu- * Anm. d. Übers.: Im Gegensatz zu Kapitel XI, wo diese drei Gedichtzeilen im Original in Deutsch zitiert werden, steht hier im Original eine englische Übersetzung., rück … Du wirst den Dreh bald raushaben und ein Ge- spür dafür kriegen, ob du nun Kilometer um Kilometer von diesem Nichts vor dir hast oder ob irgendwo was Verwertbares darunter ist.« »Und du wirst eigentlich gar nicht wirklich zuhören«, sagte der andere Jedermann-Anzug. »Bis du wirklich auf etwas stößt. Wie eine Mutter, wenn sie schläft – nichts macht sie wach, nicht einmal ein vorbeifahrender Last- wagen, bis sie ihr Baby weinen hört. Das weckt sie – das erregt ihre Aufmerksamkeit. Ganz egal, wie schwach das Weinen auch immer sein mag. Das Unterbewußtsein ar- beitet selektiv, wenn es erst einmal gelernt hat, auf was es achten muß.« »Ich weiß«, sagte Fred. »Ich habe selbst zwei Kinder.« »Jungen?« »Mädchen«, sagte er. »Zwei kleine Mädchen.« »Ist ja suuuuper«, sagte einer der Jedermann-Anzüge. »Ich hab’ auch ein Mädchen, ein Jahr alt.« »Bitte keine Namen«, sagte der andere Jedermann- Anzug, und sie alle lachten. Ein bißchen. Jedenfalls, sagte Fred zu sich selbst, gibt es jetzt end- lich etwas, das sich aus dem ganzen Zeug auf den Bän- dern auszusondern und weiterzuleiten lohnt. Diese kryp- tische Äußerung darüber, »sich als ein Rauschgift-Agent auszugeben«. Die anderen Männer bei Arctor im Haus – auch die hat diese Äußerung überrascht. Wenn ich mor- gen um drei rübergehe, werde ich eine Kopie davon mit- nehmen – ein Band allein mit dem Ton müßte reichen – und das mal mit Hank durchdiskutieren. Das und alles andere, was ich bis morgen noch finde., Aber selbst wenn das alles ist, was ich Hank vorlegen kann, dachte er, so ist es immerhin doch ein Anfang. Es zeigt, daß diese Rund-um-die-Uhr-Überwachung Arctors keine Verschwendung ist. Es zeigt, dachte er, daß ich recht hatte. Diese Bemerkung war ein Ausrutscher. Arctor hat sich verplappert. Was diese Äußerung allerdings bedeuten sollte, wußte er bisher noch nicht. Aber das, sagte er zu sich selbst, werden wir schon noch herausfinden. Wir werden so lange an Bob Arctor dranbleiben, bis er reif ist. Auch wenn es noch so uner- quicklich ist, ihm und seinen Kumpels die ganze Zeit über zusehen und zuhören zu müssen. Diese Kumpels von ihm, dachte er, sind genauso schlimm wie er selbst. Wie habe ich es bloß jemals aushalten können, die ganze Zeit über mit denen allen in diesem Haus rumzuhängen? Was für eine Art, sein Leben zu verbringen; was für ein, wie der andere Beamte es genannt hatte, endloses Nichts. Ganz tief unten, dachte er, in der Motsche, der Mot- sche ihres Gehirns und der Motsche, die sie von außen umgibt; überall nichts als Motsche. Und das liegt nur an ihnen selbst – daran, was für eine Art von Individuen sie sind. Er steckte seine Zigaretten ein und ging zurück in den Waschraum, verriegelte die Tür. Dann nahm er zehn Ta- bletten Tod aus der Zigarettenschachtel, füllte eine Blechtasse mit Wasser und pfiff alle zehn Tabs ein. Er wünschte sich, mehr Tabs mitgenommen zu haben. Na ja, dachte er, ich kann ja noch ein paar schlucken, wenn, ich die Arbeit hinter mich gebracht habe. Wenn ich nach Hause komme. Er schaute auf seine Uhr und versuchte, auszurechnen, wie lange das wohl noch hin war. Aber er konnte kaum noch klar denken; wie lange, zum Teufel, ist es bis dahin noch? fragte er sich und überlegte zu- gleich, was aus seinem Zeitgefühl geworden sein mochte. Das Betrachten der Schirme hat mein Zeitgefühl durch- einandergebracht, erkannte er plötzlich. Ich weiß nicht einmal mehr, wie spät es schon ist. Ich fühle mich, als hätte ich Acid geschluckt und wäre dann durch eine Wagenwaschanlage geschickt worden, dachte er. Unmengen von gigantischen, wirbelnden, seifigen Bürsten, die auf mich eindringen; von einer Kette immer tiefer hineingezogen in Tunnels aus schwarzem Schaum. Was für eine Art, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, dachte er und entriegelte die Tür des Waschraumes, um widerwillig zurück an die Arbeit zu gehen. Als er den Bandtransport erneut anstellte, sagte Arctor gerade: »– soweit ich das bisher überblicken kann, ist Gott tot.« Luckman antwortete: »Ich wußte nicht mal, daß Er krank war.« »Da mein Olds jetzt wohl endgültig im Arsch ist«, sagte Arctor, »habe ich beschlossen, ihn zu verscheuern und mir statt dessen eine Ente zu kaufen.« »Wie teuer ist ‘ne Ente?« sagte Barris. Bei sich dachte Fred: Kommt ganz aufs Gewicht an. »Kommt ganz aufs Gewicht an«, sagte Arctor., * Am folgenden Nachmittag um drei Uhr wurde Fred, der sich noch schlechter fühlte als am Tag zuvor, von zwei medizinischen Assistenten – nicht denselben wie beim ersten Mal – mehreren Tests unterzogen. »In rascher Aufeinanderfolge werden Sie nun eine Anzahl von Objekten, die Ihnen vertraut sein müßten, vor sich vorbeiziehen sehen, und zwar zunächst vor Ihrem linken und dann vor Ihrem rechten Auge. Zur gleichen Zeit werden auf dem Leuchtschirm vor Ihnen simultan Umrißzeichnungen mehrerer solcher Ihnen vertrauter Objekte erscheinen, und Sie sollen mit Hilfe des Druck- stiftes markieren, welches Ihrer Ansicht nach die korrek- te Umrißzeichnung des jeweils gerade sichtbaren Objek- tes ist. Die Objekte werden sich allerdings sehr schnell an Ihnen vorüberbewegen, also zögern Sie nicht zu lange. Neben Ihrer Trefferzahl wird auch die von Ihnen benötig- te Zeit bewertet. Okay?« »Okay«, sagte Fred, den Druckstift einsatzbereit. Dann lief eine ganze Herde vertrauter Objekte an ihm vorbei, und er stieß mit dem Stift auf die beleuchteten Fotos darunter. Zuerst exerzierte er diese Übung mit dem linken Auge durch und dann noch einmal mit dem rechten Auge. »Als nächstes wird vor Ihrem rechten Auge kurzzeitig das Bild eines vertrauten Objekts erscheinen; Ihr linkes Auge wird dabei abgedeckt sein. Sie sollen mit Ihrer lin- ken Hand, ich wiederhole, Ihrer linken Hand, in eine Gruppe von Objekten hineinlangen und das eine finden, dessen Bild Sie gesehen haben.«, »Okay«, sagte Fred. Das Bild eines einzelnen Würfels wurde kurzzeitig gezeigt; mit der linken Hand tastete er zwischen vor ihm aufgebauten kleinen Objekten herum, bis er einen Würfel fand. »Im nächsten Test werden sich in Reichweite Ihrer linken Hand mehrere Buchstaben befinden, die zusam- men ein Wort ergeben, die Sie aber nicht sehen können. Sie werden diese Buchstaben ertasten und dann mit Ihrer rechten Hand das von den Buchstaben gebildete Wort aufschreiben.« Er tat das. Die Buchstaben ergaben das Wort WARM. »Sprechen Sie bitte nun das Wort aus, das sich ergibt.« Also sagte er: »Warm.« »Als nächstes werden Sie in diese vollständig dunkle Schachtel hineinlangen, während zugleich beide Augen abgedeckt sind, und mit Ihrer linken Hand ein Objekt berühren, um es zu identifizieren. Sagen Sie uns dann, worum es sich bei diesem Objekt handelt, ohne es visuell wahrgenommen zu haben. Danach werden Ihnen drei Objekte gezeigt werden, die einander irgendwie ähnlich sehen, und Sie sollen uns sagen, welches der drei Objek- te, die Sie sehen, am stärksten dem Objekt ähnelt, das Sie mit der Hand berührt haben.« »Okay«, sagte Fred und absolvierte auch diesen und viele weitere Tests, fast eine Stunde lang. Tasten, benen- nen, mit einem Auge betrachten, auswählen. Tasten, be- nennen, mit dem anderen Auge betrachten, auswählen. Hinschreiben, zeichnen. »In dem nun folgenden Test werden Sie, während Ihre Augen wieder abgedeckt sind, hinauslangen und mit je-, der Ihrer beiden Hände jeweils ein Objekt fühlen. Sie sollen uns sagen, ob das Objekt, das Ihrer linken Hand präsentiert wird, mit dem identisch ist, das Ihrer rechten präsentiert wird.« Er tat das. »Hier nun in schneller Folge Bilder von Dreiecken in verschiedenen Positionen. Sie sollen uns sagen, ob es dasselbe Dreieck ist oder –« Nach zwei Stunden ließen sie ihn komplizierte Klötze in komplizierte Löcher einpassen und stoppten die Zeit, die er dafür brauchte. Er fühlte sich, als sei er wieder in der ersten Klasse, in der er auch immer alle Tests ver- masselt hatte. Ihm kam es vor, als schneide er jetzt noch schlechter ab als damals. Fräulein Frinkel, dachte er; das alte Fräulein Frinkel. Während ich diesen Scheiß machen mußte, stand sie immer nur da, beobachtete mich und schleuderte mir Sterbebefehle entgegen, wie man das in der Transaktions-Analyse nennt. Stirb. Hör auf zu exi- stieren. Hexenmutter-Flüche. Eine ganze Ladung davon, bis ich am Ende wirklich Mist baute. Vielleicht war Fräu- lein Frinkel jetzt schon längst tot. Vielleicht hatte es je- mand geschafft, sich seinerseits mit einem Sterbebefehl zu revanchieren, und es hatte gewirkt. Er hoffte es. Viel- leicht hatte sie sogar einer seiner eigenen Sterbebefehle erwischt. Übrigens schleuderte er auch den Testern, die ihm gegenübersaßen, jetzt solche Befehle entgegen. Es schien aber nicht viel zu nützen. Der Test ging weiter. »Was ist an diesem Bild falsch? Eines der Objekte paßt nicht zu den anderen. Sie sollen markieren –« Er tat das. Dann folgte ein Test mit realen Objekten,, von denen eines nicht in die Schar der anderen gehörte; man erwartete von ihm, hinzugreifen und das Anstoß erregende Objekt zu entfernen. Danach sollte er alle An- stoß erregenden Objekte aus einer Vielzahl von »Sets« – wie die Tester das nannten – herausnehmen und sagen, ob all die Anstoß erregenden Objekte ein gemeinsames Merkmal hatten, und wenn ja, welches. Ob auch sie zu- sammen wieder ein »Set« ergaben. Er mühte sich immer noch damit ab, als die Tester ihm mitteilten, die ihm zur Verfügung stehende Zeit sei abge- laufen, die Testreihen für beendet erklärten und ihn auffor- derten, eine Tasse Kaffee trinken zu gehen und anschlie- ßend draußen zu warten, bis man ihn wieder hereinriefe. Nach einer Zeit – die ihm verdammt lange vorkam – erschien einer der Tester und sagte: »Da wäre noch eine Sache, Fred –wir hätten gerne eine Blutprobe von Ih- nen.« Er gab ihm einen Zettel: eine Laborüberweisung. »Gehen Sie die Halle hinunter zu dem Raum mit der Aufschrift ›Pathologisches Labor‹ und geben Sie das hier dort ab. Dann, nach der Blutentnahme, kommen Sie hier- her zurück und warten.« »In Ordnung«, sagte er düster und schlenderte mit der Überweisung in der Hand davon. Spuren im Blut, begriff er. Danach suchen sie. Als er vom pathologischen Labor wieder nach Zimmer 203 zurückkam, machte er sich an einen der Tester heran und sagte: »Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich nach oben gehen würde, um mit meinem Vorgesetzten zu kon- ferieren, während ich auf Ihre Ergebnisse warte? Er hat bald Dienstschluß.«, »Keine Einwände«, sagte der Tester. »Da wir be- schlossen haben, Ihnen eine Blutprobe abnehmen zu las- sen, wird es ohnehin länger dauern, bis wir die Schluß- auswertung machen können; ja, gehen Sie ruhig rauf. Wir werden oben anrufen, wenn wir Sie wieder hier benöti- gen. Hank, nicht wahr?« »Ja«, sagte Fred. »Ich werde oben bei Hank sein.« Der Tester sagte: »Sie kommen mir heute sehr viel niedergeschlagener vor als da, wo wir uns das erste Mal gesehen haben.« »Wie bitte?« sagte Fred. »Als Sie das erste Mal hier bei uns waren. Letzte Wo- che. Da waren Sie zwar auch angespannt, aber Sie haben immer noch Scherze gemacht und gelacht.« Fred starrte ihn an und begriff plötzlich, daß das einer der beiden medizinischen Assistenten war, mit denen er es schon früher zu tun gehabt hatte. Aber er sagte nichts; er grunzte einfach nur und verließ dann ihr Büro, wankte zum Aufzug. Das bringt einen echt runter, dachte er. Die- se ganze Sache. Ich möchte zu gerne wissen, welcher der beiden medizinischen Assistenten das war. Der mit dem Kaiser-Wilhelm-Schnurrbart oder der andere. Der ande- re, vermute ich. Der hier hatte ja keinen Schnurrbart. »Sie werden dieses Objekt manuell mit Ihrer linken Hand abtasten«, sagte er zu sich selbst, »und es gleich- zeitig mit Ihrer rechten anschauen. Anschließend werden Sie uns in Ihren eigenen Worten sagen –« Er brachte es nicht fertig, sich noch mehr solchen Unsinn auszuden- ken. Nicht ohne ihre Hilfe., * Als er Hanks Büro betrat, sah er, daß außer Hank noch ein anderer Mann anwesend war. Er trug keinen Jeder- mann-Anzug und saß in der hintersten Ecke des Raumes, Hank gegenüber. Hank sagte: »Das ist der Informant, der uns wegen Bob Arctor angerufen und dabei diese elektronische Ab- schirmung benutzt hat – ich habe Ihnen davon erzählt. « »Ja«, sagte Fred. Er stand reglos mitten im Raum. »Dieser Mann hat uns erneut angerufen, um uns weite- re Informationen über Bob Arctor zukommen zu lassen; wir haben ihm daraufhin erklärt, daß er sein Inkognito aufgeben und seine wahre Identität enthüllen müsse. Wir forderten ihn auf, persönlich hier vorzusprechen, und das hat er getan. Kennen Sie ihn?« »Aber sicher«, sagte Fred und starrte unverwandt Jim Barris an, der grinsend dasaß und mit einer Schere her- umspielte. Barris wirkte ganz so, als behage ihm das alles nicht so recht. Und er sah häßlich aus. Superhäßlich, dachte Fred mit innerem Widerwillen. »Sie sind James Barris, nicht wahr?« sagte er. »Sind Sie schon mal ver- haftet worden?« »Seine ID-Karte weist ihn als James R. Barris aus«, sagte Hank, »und der behauptet er auch zu sein.« Er fügte hinzu: »Er hat kein Vorstrafen-Register. « »Was will er?« Zu Barris sagte Fred: »Wie lauten Ihre Informationen?« »Ich habe Beweise dafür«, sagte Barris mit gedämpf- ter Stimme, »daß Mr. Arctor einer weitgespannten, im, Verborgenen operierenden Geheimorganisation angehört, die über beträchtliche Geldmittel sowie über ein umfang- reiches Waffenarsenal verfügt, Kodeworte benutzt und deren Endziel möglicherweise der Sturz der –« »Dieser Teil ist reine Spekulation«, unterbrach ihn Hank. »Von welchen Aktionen dieser Organisation wis- sen Sie konkret? Wie sehen Ihre Beweise aus? Aber lie- fern Sie uns jetzt ja keine Informationen, die nicht aus erster Hand stammen.« »Sind Sie je in eine Nervenklinik eingewiesen wor- den?« sagte Fred zu Barris. »Nein«, sagte Barris. »Wären Sie bereit«, fuhr Fred fort, »im Büro des Be- zirksstaatsanwalts eine notariell beglaubigte eidesstattli- che Erklärung hinsichtlich Ihrer Beweise und Informa- tionen zu unterzeichnen? Und würden Sie unter Eid vor Gericht erscheinen und –« »Er hat bereits durchblicken lassen, daß er das tun würde«, unterbrach ihn Hank. »Meine Beweise«, sagte Barris, »die ich zwar heute größtenteils nicht mitgebracht habe, aber jederzeit vorle- gen könnte, bestehen aus Bandaufnahmen, die ich von Telefongesprächen Robert Arctors angefertigt habe. Ich meine Gespräche, die er führte, ohne zu wissen, daß ich zuhörte.« »Was ist das für eine Organisation?« sagte Fred. »Ich halte sie für eine –«, begann Barris, aber Hank winkte ab. »Eine politische Organisation«, sagte Barris. Obwohl er schwitzte und ein wenig zitterte, machte er einen zufriedenen Eindruck. »Eine Verschwörung gegen, den Staat. Von außen initiiert. Den USA feindlich geson- nen.« Fred sagte: »Was für eine Verbindung besteht zwischen Arctor und der Quelle, aus der Substanz T stammt?« Barris blinzelte, leckte sich dann die Lippen und sagte, indem er das Gesicht verzog: »Meiner Meinung nach –« Er unterbrach sich mitten im Satz. »Wenn Sie alle meine Informationen auswerten, werden Sie – meine Beweise, meine ich – werden sie zweifellos daraus den Schluß zie- hen, daß Substanz T von einer fremden Macht hergestellt wird, die entschlossen ist, die USA zu vernichten, und daß Mr. Arctor eine wesentliche Funktion in der Maschi- nerie dieses –« »Können Sie uns noch weitere Angehörige dieser Or- ganisation namhaft machen?« sagte Hank. »Personen, mit denen Arctor sich getroffen hat? Sie sind sich sicher der Tatsache bewußt, daß es ein Verbrechen ist, staatli- chen Behörden wissentlich falsche Informationen zu ge- ben, und daß man Sie deswegen belangen kann und ver- mutlich auch belangen wird.« »Ich bin mir dessen bewußt«, sagte Barris. »Mit wem hat Arctor konferiert?« sagte Hank. »Mit einer gewissen Miß Donna Hawthorne«, sagte Barris. »Unter verschiedenen Vorwänden fährt er hinüber zu ihrer Wohnung und kollaboriert dort regelmäßig mit ihr.« Fred lachte. »Kollaboriert. Was meinen Sie damit?« »Ich bin ihm gefolgt«, sagte Barris langsam und be- tont. »In meinem eigenen Wagen. Ohne sein Wissen.« »Er geht oft dahin?« sagte Hank., »Ja, Sir«, sagte Barris. »Sehr oft. So oft er –« »Donna Hawthorne ist sein Mädchen«, sagte Fred. Barris sagte: »Außerdem hat Mr. Arctor –« Hank wandte sich zu Fred um und sagte: »Glauben Sie, daß an dieser Sache was dran ist?« »Wir sollten uns auf jeden Fall die Beweise anschau- en«, sagte Fred. »Bringen Sie Ihre Beweise her«, befahl Hank Barris. »Alle. Vor allen Dingen interessieren uns Namen – Na- men, Autonummern, Telefonnummern. Haben Sie jemals beobachten können, daß Arctor mit größeren Mengen von Drogen zu tun hatte? Mengen, die den Bedarf eines gewöhnlichen Drogenkonsumenten bei weitem überstie- gen?« »Aber ja doch«, sagte Barris. »Welche Arten von Drogen?« »Verschiedene Arten. Ich habe Proben davon. Ich ha- be sorgfältig Proben gesammelt … damit Sie sie analy- sieren können. Die kann ich auch mitbringen. Eine ziem- liche Menge und über ein breites Spektrum verteilt.« Hank und Fred wechselten einen kurzen Blick. Barris, der blicklos vor sich hin starrte, lächelte. »Gibt es noch etwas, was Sie uns für diesmal mitteilen wollen?« sagte Hank zu Barris. Zu Fred sagte er: »Viel- leicht sollten wir ihm einen Beamten mitgeben, wenn er die Beweise holt.« Was im Klartext hieß: Um ganz si- cherzugehen, daß er nicht plötzlich Angst vor seiner ei- genen Courage bekam und sich verdünnisierte. Daß er gar nicht erst auf den Gedanken kam, es sich doch noch anders zu überlegen und wieder auszusteigen., »Da wäre noch eine Sache, die ich Ihnen gerne sagen möchte«, sagte Barris. »Mr. Arctor ist schwer drogenab- hängig, süchtig nach Substanz T, und daher jetzt geistes- gestört. Seine geistige Verwirrung hat in letzter Zeit im- mer mehr zugenommen, und er ist gefährlich. « »Gefährlich«, echote Fred. »Ja«, erklärte Barris. »Er zeigt bereits Symptome, wie sie bei einem durch Substanz T verursachten Hirnscha- den auftreten. Sein optischer Chiasmus muß ernsthaft beeinträchtigt sein, was eine Schwächung der ipsilaterna- len Komponente nach sich zieht … Und zudem –« Barris räusperte sich. »Verfallserscheinungen auch im Corpus Callosum.« »Ich habe Ihnen doch schon einmal erklärt«, sagte Hank, »daß solche durch nichts gestützte Spekulationen völlig wertlos sind, und ich möchte Ihnen dringend raten, in Zukunft darauf zu verzichten. Aber auf jeden Fall werden wir Ihnen einen Beamten mitgeben, wenn Sie jetzt Ihre Beweise holen. All right?« Grinsend nickte Barris. »Aber ich nehme doch an –« »Der Beamte wird selbstverständlich in Zivil sein.« »Ich könnte –« Barris gestikulierte. »Ermordet wer- den. Ich sagte ja schon, daß Mr. Arctor –« Hank nickte. »All right, Mr. Barris, wir wissen es zu würdigen, daß Sie ein derartiges Risiko eingehen, und wenn alles klappt, wenn Ihre Informationen von maßgeb- licher Bedeutung dafür sind, bei Gericht eine Verurtei- lung zu erzielen, dann werden Sie natürlich –« »Aus diesem Grunde bin ich nicht hier«, sagte Barris. »Der Mann ist krank. Gehirngeschädigt. Durch Substanz T., Der Grund, aus dem ich hier bin –« »Uns interessiert nicht, warum Sie hier sind«, sagte Hank. »Uns interessiert nur, ob Ihre Beweise und das von Ihnen gesammelte Material uns etwas in die Hand geben. Der Rest ist Ihr Problem.« »Vielen Dank, Sir«, sagte Barris und grinste und grin- ste.,

XIII

Wieder in Zimmer 203, dem Polizeilabor für psychologi- sche Tests, hörte Fred ohne großes Interesse zu, wie die beiden Psychologen versuchten, ihm seine Testergebnis- se zu erläutern. »Wir sind zu dem Schluß gekommen, daß bei Ihnen keine gewöhnlichen Funktionsbeeinträchtigungen vorlie- gen, sondern etwas, das wir eher als ein ›Konkurrenz- Phänomen‹ bezeichnen möchten. Setzen Sie sich.« »Okay«, sagte Fred stoisch und setzte sich. »Konkurrenz«, sagte der andere Psychologe, »zwi- schen der linken und der rechten Hemisphäre Ihres Ge- hirns. Das Problem liegt nicht so sehr darin begründet, daß ein einzelnes Signal unzulänglich oder, wenn man es einmal so ausdrücken will, verseucht wäre; uns scheint es vielmehr, als würden sich ständig zwei Signale in die Quere kommen, miteinander interferieren, weil sie ein- ander widersprechende Informationen tragen.« »Normalerweise«, erläuterte der andere Psychologe, »benutzt jeder Mensch die linke Hemisphäre. Das Ego, das Ich-Bewußtsein, hat dort seinen Sitz. Sie ist domi- nant, weil in eben dieser linken Hemisphäre auch stets das Sprachzentrum lokalisiert ist; oder, um es präziser auszudrücken: Die Zweigeteiltheit des Gehirns manife- stiert sich vor allem darin, daß die Sprachfähigkeit – be- ziehungsweise das Potential für den Spracherwerb – in der linken und die räumlichen Fähigkeiten in der rechten Hälfte verortet sind. Die linke Hemisphäre kann mit ei-, nem Digitalcomputer verglichen werden, die rechte mit einem Analogcomputer. Daher führt die bilaterale Funk- tionsweise des Gehirns nicht zu einer einfachen Ver- dopplung; beide Perzeptionssysteme registrieren und verarbeiten die hereinkommenden Daten auf unterschied- liche Weise. Bei Ihnen jedoch ist keine der beiden Hemi- sphären dominant; sie ergänzen einander nicht, kompen- sieren nicht die funktionalen Defizite der jeweils anderen Hemisphäre. Die eine Hälfte gibt Ihnen eine Information, die andere Hälfte eine andere.« »Das ist ungefähr so, als hätten Sie in Ihrem Wagen zwei Tankanzeiger«, sagte der andere Mann, »und einer davon würde anzeigen, daß der Tank voll ist, wohinge- gen der andere auf ›leer‹ steht. Beide Anzeigen können nicht gleichzeitig zutreffen. Die Informationen liegen im Widerstreit miteinander. Aber es ist – in Ihrem Fall – nicht so, daß einer der Tankanzeiger funktioniert und der andere nicht; vielmehr … Also noch mal anders rum. Beide Tankanzeiger überwachen genau die gleiche Men- ge Benzin: das gleiche Benzin, den gleichen Tank. Sie testen sozusagen das gleiche Ding. Sie als Fahrer haben nur eine indirekte Beziehung zum Benzintank, nämlich vermittelt über die Benzinuhr, oder, in Ihrem Fall, die Benzinuhren. Tatsächlich könnte der Tank sogar völlig leer sein, und Sie würden nichts davon wissen, bis eine Anzeige auf dem Armaturenbrett es Ihnen mitteilt oder der Wagen schließlich stehenbleibt. Es sollte nie zwei Benzinuhren geben, die einander widersprechende In- formationen liefern, denn sobald dieser Fall eintritt, kön- nen Sie überhaupt kein Wissen mehr über den Zustand, erlangen, auf den sich diese Informationen beziehen. Das ist nicht dasselbe, als hätten Sie zwei Benzinuhren, eine reguläre und eine als Reserve, und die Reserveuhr immer dann einspringt, wenn die reguläre ausfällt.« Fred sagte: »Und was bedeutet das Ganze also?« »Ich bin mir sicher, daß Sie das schon wissen«, sagte der Psychologe zur Linken. »Sie haben es am eigenen Leibe erfahren, ohne zu begreifen, woran es lag und was es war.« »Die beiden Hemisphären meines Gehirns konkurrie- ren miteinander?« sagte Fred. »Ja.« »Warum?« »Substanz T. In funktioneller Hinsicht bewirkt sie das oft. Das war es, was wir erwartet hatten; das war es, was der Test uns bestätigt hat. Die für gewöhnlich dominante linke Hemisphäre ist geschädigt, und die rechte Hemi- sphäre versucht fortwährend, die durch diese Schädigung bedingten Ausfälle zu kompensieren. Aber die nun paar- weise auftretenden Gehirnfunktionen verschmelzen nicht zu einem einheitlichen Ganzen, weil dieser Zustand ab- norm ist, da der Körper für so etwas nicht ausgelegt ist. So etwas könnte normalerweise nie eintreten. Wir nennen das Überkreuz-Überlagerungen. Ein mit dem Spaltungs- irresein verwandtes Phänomen. Wir könnten natürlich eine rechtsseitige Hemisphärektomie durchführen, aber –« »Wird das wieder weggehen«, unterbrach ihn Fred, »wenn ich von Substanz T runterkomme?« »Möglicherweise«, sagte der Psychologe zur Linken nickend. »Es ist eine funktionale Störung.« Der andere Mann sagte: »Es könnte auch eine organi-, sche Schädigung sein. Es könnte irreversibel sein. Das wird sich erst im Laufe der Zeit herausstellen, und zwar erst dann, wenn Sie schon lange von Substanz T runter sind. Und zwar vollständig.« »Was?« sagte Fred. Er verstand die Antwort nicht – lautete sie ja oder nein? War er für immer geschädigt oder nicht? Was hatten sie denn nun eigentlich gesagt? »Und selbst wenn es ein Schaden am Gehirngewebe ist«, sagte einer der Psychologen, »sollten Sie die Hoff- nung nicht aufgeben. Derzeit laufen Experimente zur operativen Entfernung kleiner Gewebeabschnitte aus beiden Hemisphären, um so konkurrierende Verarbei- tungsprozesse im Bereich der Gestaltwahrnehmung nach- haltig abzustellen. Es wird allgemein angenommen, daß dadurch vielleicht die ursprüngliche Hemisphäre ihre Dominanz wieder zurückerlangen könnte.« »Das Problem dabei ist jedoch, daß das jeweilige Indi- viduum für den Rest seines Lebens vielleicht nur noch partielle Eindrücke – einlaufende Sinnesdaten – empfan- gen mag. Statt zweier Signale bekommt es ein halbes Signal. Was meiner Ansicht nach ebenso schädlich ist.« »Ja, aber partielle, nichtkonkurrierende Funktionen sind immer noch besser als gar keine Funktionen, weil paarweise auftretende, konkurrierende Überkreuz-Über- lagerungen sich am Ende immer zu einer Null-Aufnahme auf summieren.« »Sehen Sie mal, Fred«, sagte der andere Mann, »Sie können nicht länger –« »Ich werde nie wieder Substanz T einpfeifen«, sagte Fred. »In meinem ganzen Leben nicht mehr.«, »Wieviel schlucken Sie jetzt?« »Nicht viel.« Nach Pause sagte er: »In letzter Zeit mehr. Wegen dem Streß bei meinem Job. « »Man sollte Sie auf jeden Fall von Ihren Aufgaben entbinden«, sagte der Psychologe. »Sie ganz freistellen. Sie sind geschädigt, Fred. Und Sie werden das noch für eine ganze Zeit sein. Allermindestens. Was danach sein wird, kann jetzt noch niemand mit Sicherheit wissen. Vielleicht werden Sie wieder ein volles Comeback ma- chen; vielleicht aber auch nicht.« »Und wie kommt es«, knirschte Fred, »daß die beiden Hemisphären meines Gehirns, selbst wenn sie beide zu- gleich dominant sein mögen, nicht dieselben Reize emp- fangen? Warum können ihre beiden Dingsbumse nicht synchronisiert werden, wie etwa die beiden Kanäle beim Stereoempfänger?« Schweigen. »Ich meine«, sagte er gestikulierend, »die linke Hand und die rechte Hand – wenn die ein Objekt ergreifen, dasselbe Objekt, dann müßten –« »Linksseitigkeit versus Rechtsseitigkeit und ihre Be- deutung, zum Beispiel, sagen wir mal, hinsichtlich eines Spiegelbildes – in dem die linke Hand zur rechten Hand ›wird‹…« Der Psychologe beugte sich über Fred, der nicht aufschaute. »Wie würden Sie einen linken Handschuh im Gegensatz zu einem rechten Handschuh definieren, so daß jemand, der nichts über diese Begriffe weiß, Ihnen sagen könnte, welchen Sie meinen? Und nicht den anderen er- wischt? Das spiegelbildliche Gegenstück?« »Ein linker Handschuh«, sagte Fred und hielt inne., »Es ist, ab nähme eine Hemisphäre Ihres Gehirns die Wirklichkeit so wahr, als werde sie von einem Spiegel widergespiegelt. Wie durch einen Spiegel hindurch. Ver- stehen Sie? Und darum wird links zu rechts, mit allen Implikationen, die sich daraus ergeben. Und wir wissen bisher noch nicht, was für Implikationen es mit sich bringt, wenn man die Welt auf diese Weise verkehrt sieht. Topologisch gesprochen ist ein linker Handschuh ein rechter Handschuh, der durch die Unendlichkeit ge- zogen wurde.« »Durch einen Spiegel hindurch«, sagte Fred. Ein dunkler Spiegel, dachte er; ein dunkler Schirm. Und der heilige Paulus hatte, wenn er von einem Spiegel sprach, nicht einen Glasspiegel – die hatte es damals noch gar nicht gegeben – gemeint, sondern das Abbild seiner selbst, das er sah, wenn er auf den polierten Boden einer metallenen Pfanne schaute. Das hatte Luckman ihm bei einer seiner theologischen Vorlesungen erzählt. Kein Blick durch ein Teleskop oder Linsensystem, wo ja keine Umkehrung stattfindet, kein Blick durch irgend etwas, sondern nur der Anblick seines eigenen Gesichts, zu ihm zurückgespiegelt, und zwar verkehrt – durch die Unend- lichkeit gezogen. Wie sie es mir die ganze Zeit begreif- lich machen wollten. Nicht durch ein Glas hindurch, son- dern wie von einem Glas zurückgespiegelt. Und diese Widerspiegelung, die auf dich zurückfällt: das bist du, das ist dein Gesicht, aber zugleich auch wieder nicht. Und sie hatten in jenen alten Zeiten noch keine Kameras, und darum ist das die einzige Art, in der jemand sich sel- ber sehen konnte: rückwärts., Ich habe mich selbst rückwärts gesehen. Ich habe in gewisser Hinsicht damit angefangen, das gesamte Universum rückwärts zu sehen. Mit der anderen Seite meines Gehirns! »Topologie«, sagte einer der Psychologen gerade. »Eine bisher nur unzulänglich verstandene Wissenschaft oder mathematische Theorie, wie auch immer man das bezeichnen will. Genau wie die Schwarzen Löcher im Weltall, wie –« »Fred sieht die Welt von innen heraus«, erklärte der andere Mann gerade im selben Augenblick. »Von vorne und von hinten zugleich, vermute ich. Es dürfte uns schwerfallen, zu sagen, wie sie ihm daher erscheint. Die Topologie ist der Zweig der Mathematik, der jene Eigen- schaften einer geometrischen oder andersgearteten Kon- figuration untersucht, die unverändert bleiben, wenn das Objekt einer isomorphen, ja jeder denkbaren isomor- phen, kontinuierlichen Transformation unterworfen wird. Aber angewandt auf die Psychologie …« »Und wenn Objekte eine solche Transformation durchmachen – wer weiß, wie sie dann hinterher ausse- hen würden? Sie würden prinzipiell unerkennbar sein. Um ein Analogiebeispiel zu wählen: Wenn ein primitiver Eingeborener zum ersten Mal eine Fotografie von sich sieht, dann erkennt er nicht, daß er das selbst ist. Und das, obwohl er doch schon viele Male sein Spiegelbild gesehen hat, in Flüssen oder auf der Oberfläche metalle- ner Gegenstände. Weil sein Spiegelbild nämlich seiten- verkehrt ist und die Fotografie nicht. Darum weiß er nicht, daß es dieselbe Person ist.«, »Er ist nur das seitenverkehrte, zurückgespiegelte Ab- bild gewohnt und denkt, er sehe so aus.« »Es kommt auch oft vor, daß eine Person, die ihre ei- gene Stimme vom Tonband hört –« »Das ist etwas ganz anderes. Das hat etwas zu tun mit der Resonanz im Sinus –« »Vielleicht seid ihr Scheißkerle es«, sagte Fred, »die das Universum verkehrt sehen, wie in einem Spiegel. Vielleicht sehe ich es richtig.« »Sie sehen es auf beide Arten. « »Und welches ist nun –« Ein Psychologe sagte: »Früher wurde bisweilen die Ansicht vertreten, daß man nur ›Abspiegelungen‹ der Wirklichkeit sehe. Nicht die Wirklichkeit selbst. Der grundlegende Fehler einer solchen Abspiegelung ist nicht, daß sie nicht wirklich ist, sondern daß sie umge- kehrt ist. Ich frage mich …« In seiner Stimme schwang ein merkwürdiger Unterton mit. »Parität. Das wissen- schaftliche Prinzip der Gleichgewichtigkeit. Universum und abgespiegeltes Bild, und aus irgendeinem Grunde halten wir das letztere für das erstere … weil es uns an bilateraler Parität mangelt.« »Wohingegen eine Fotografie das Fehlen der bilatera- len hemisphärischen Parität kompensieren kann; sie ist nicht das Ding, aber sie ist auch nicht verkehrt, so daß fotografische Bilder gar keine bloßen Abbilder mehr wä- ren, sondern das Ding selbst in ihnen aufgehoben sein müßte. Durch eine Umkehrung der Umkehrung.« »Aber ein Foto kann auch durch einen unglücklichen Zufall umgekehrt werden, nämlich wenn man das Nega-, tiv falsch herum einlegt und seitenverkehrt belichtet; man kann das normalerweise nur erkennen, wenn Schrift auf dem Bild ist. Aber nicht am Gesicht eines Menschen. Man könnte zwei Kontaktabzüge von einem beliebigen Menschen haben, einen seitenverkehrten und einen kor- rekten. Jemand, der diesem Menschen nie persönlich be- gegnet wäre, könnte nicht feststellen, welches das richti- ge Bild wäre, aber er könnte sehen, daß sie sich vonein- ander unterscheiden und nicht zur Deckung gebracht werden können.« »Merken Sie jetzt, Fred, wie vielschichtig das Problem ist, den Unterschied zwischen einem linken Handschuh und –« »Und alsbald wird sich das Wort erfüllen, das da ge- schrieben steht«, sagte eine Stimme. »Der Tod wird auf- gezehrt. Im Sieg.« Vielleicht konnte nur Fred diese Wor- te vernehmen. »Denn«, sagte die Stimme, »sobald die Schrift rückwärts erscheint, wirst du wissen, was Illusion ist und was nicht. Die Verwirrung endet, und der Tod, der letzte Feind, Substanz Tod, wird nicht hinunterge- schluckt, sondern au/gezehrt – im Sieg. Siehe, ich ver- künde dir nun das heilige Geheimnis: Wir werden nicht alle im Tode ruhen.« Das Geheimnis, dachte er, er meint die Offenbarung. Eines Geheimnisses. Eines geheiligten Geheimnisses. Wir werden nicht sterben. Die Spiegelbilder werden erlöschen Und das wird rasch geschehen. Wir werden alle verwandelt sein, und damit meint er: plötzlich wieder umgekehrt, auf rechte Weise. In einem Augenblick!, Weil, dachte er düster, während er zuschaute, wie die Polizeipsychologen ihre Schlußfolgerungen schriftlich fixierten und die Berichtbögen abzeichneten, wir jetzt verkehrt sind. Ganz beschissen nach rückwärts gekehrt, nehme ich an, jeder einzelne von uns, jedermann und jedes verdammte Ding, und auch die Abstände zwischen uns und sogar die Zeit. Aber wie lange, dachte er, dauert es wohl, wenn ein Abzug gemacht wird, ein Kontaktab- zug, und der Fotograf entdeckt, daß er das Negativ falsch eingelegt hat, wie lange dauert es da wohl, es wieder zu wenden? Es wieder umzukehren, so daß es wieder so ist, wie es eigentlich sein sollte? Den Bruchteil einer Sekunde. Jetzt begreife ich, dachte er, was jene Bibelstelle be- deutet: Durch ein dunkles Glas. Aber trotzdem ist mein perzeptives System so im Arsch wie eh und je. Wie sie es mir erklärt haben. Ich begreife, aber ich bin hilflos – kann mir nicht selber helfen. Da ich beide Formen auf einmal sehe, dachte er, die, die der Norm entspricht, und die, die ihr nicht entspricht, bin ich vielleicht der erste Mensch in der Geschichte, für den beides völlig gleichwertig ist und der so einen flüch- tigen Blick von dem erhascht, wie es sein wird, wenn alles richtig ist. Obwohl ich auch das andere wahrnehme, das Gewöhnliche. Und was davon ist was? Was ist verkehrt, und was nicht? Wann sehe ich eine Fotografie, wann ein Spiegelbild? Und wie hoch ist wohl mein Krankengeld oder mein Ru- hestandsgehalt oder meine Invalidenrente, während die mich trockenlegen? fragte er sich, und schon jetzt spürte, er ein ungeheures Entsetzen, eine alles durchdringende Furcht und Kälte. Wie kalt ist es in diesem unterirdischen Gewölbe! Das ist natürlich, es ist ja tief.* Und ich muß von dem Dreck loskommen. Auf Entzug gehen. Ich habe gesehen, wie andere Leute das durchgemacht haben. Herr im Himmel, dachte er und schloß die Augen. »Es mag wie Metaphysik klingen«, sagte einer von ih- nen gerade, »aber die Leute bei den Mathematikern sa- gen, daß wir so dicht vor der Grenze einer neuen Kosmo- logie stehen könnten, daß –« Der andere sagte erregt: »Die Unendlichkeit der Zeit, die als Ewigkeit ausgedrückt wird – als eine Schleife. Ge- nau wie eine Endlosschleife auf einer Tonbandcassette!« * Er mußte noch eine Stunde rumbringen, bis er wieder in Hanks Büro erwartet wurde, um sich Barris’ Beweise anzuhören und sie zu überprüfen. Die Cafeteria des Gebäudes zog ihn irgendwie an, und so ging er in diese Richtung, Teil eines ununterbrochenen Stromes von Menschen in Uniform und Menschen in Je- dermann-Anzügen und Menschen in Schlips und Kragen. In der Zwischenzeit wurden die Befunde der Psycho- logen vermutlich gerade zu Hank hochgebracht. Sie wür- den dort vorliegen, wenn er hinkam. Wenigstens gibt mir diese Frist Zeit zum Nachdenken, überlegte er, als er in die Cafeteria schlenderte und sich * Anm. d. Übers.: Deutsch im Original., in die Schlange der Wartenden einreihte. Zeit. Ange- nommen, dachte er, die Zeit ist rund, wie die Erde. Du segelst nach Westen, um Indien zu erreichen. Alle lachen dich aus, aber am Ende liegt Indien da vor dir, nicht hin- ter dir. In der Zeit – vielleicht liegt die Kreuzigung vor uns, während wir dahinsegeln und glauben, sie liege hin- ter uns im Osten. Vor ihm eine Sekretärin. Enger blauer Sweater, kein BH, fast kein Rock. Es war ein angeneh- mes Gefühl, sie mit Blicken auszuziehen; er starrte und starrte, und schließlich bemerkte sie ihn und rückte un- behaglich mit ihrem Tablett ein paar Schritte weiter vor. Die Menschwerdung und die Wiederkunft Christi – ein und dasselbe Ereignis, dachte er; Zeit eine Endlos- schleife auf einer Tonbandcassette. Kein Wunder, daß sie sich so sicher waren, daß es geschehen würde. Er würde zurückkommen. Er betrachtete das Hinterteil der Sekretärin, aber dann fiel ihm ein daß sie ihn ihrerseits unmöglich so erkennen konnte, wie er sie erkannte, denn in seinem Anzug hatte er kein Gesicht und keinen Arsch. Aber sie spürt, daß ich sie im Visier habe, entschied er. Jede Puppe mit solchen Bei- nen würde das sehr deutlich spüren – bei jedem Mann. Weißt du, dachte er, in diesem Jedermann-Anzug könnte ich ihr eins über den Kopf geben und sie bis in alle Ewigkeit bumsen, und wer würde je erfahren, wer es getan hat? Wie könnte sie mich überhaupt identifizieren? Was für Verbrechen man in diesen Anzügen begehen könnte! philosophierte er. Aber nicht nur richtige Ver- brechen, sondern auch läßlichere Sünden – Sachen eben, die man sonst nie tat; immer tun wollte, aber nie tat., »Miß« sagte er zu dem Mädchen mit dem engen blau- en Sweater, »Sie haben aber verdammt hübsche Beine. Aber ich vermute, das wissen Sie längst, oder Sie würden nicht so einen Mikrorock wie den da tragen.« Das Mädchen schnappte nach Luft. »Eh«, sagte sie. »Oh, jetzt weiß ich, wer Sie sind.« »Wirklich?« sagte er überrascht. »Pete Wickam«, sagte das Mädchen. »Was?« sagte er. »Sind Sie nicht Pete Wickam? Sie sitzen mir immer bei Tisch gegenüber – Sie sind’s doch, Pete?« »Bin ich der Typ«, sagte er, »der immer dasitzt und Ihre Beine mustert und eine Menge über Sie-wissen- schon-was nachgrübelt?« Sie nickte. »Habe ich eine Chance?« sagte er. »Nun, kommt ganz drauf an.« »Darf ich Sie demnächst mal abends zum Essen einla- den?« »Vielleicht.« »Kann ich Ihre Telefonnummer haben? Damit ich Sie anrufen kann?« Das Mädchen murmelte: »Geben Sie mir lieber Ihre.« »Ich werde Sie Ihnen geben«, sagte er, »wenn Sie sich jetzt zu mir hersetzen und mit mir essen. Was immer Sie haben möchten.« »Nein, da drüben sitzt eine Freundin von mir – sie wartet auf mich.« »Dann könnte ich mich doch zu Ihnen setzen, zu Ihnen beiden.«, »Wir wollen was Persönliches besprechen.« »Okay«, sagte er. »Tja, dann bis demnächst mal, Pete.« Sie ließ ihn ste- hen und trat mit ihrem Tablett, auf dem Besteck und eine Serviette lagen, zur Essensausgabe. Er holte sich einen Kaffee und ein Sandwich, suchte sich einen freien Tisch und setzte sich alleine hin. Ließ kleine Brocken von dem Sandwich in den Kaffee fallen. Starrte darauf. Sie werden mich von Arctor abziehen, entschied er. Verdammte Scheiße. Ich werde in Syanon oder im Neuen Pfad oder in einem anderen dieser Heime sitzen und auf Entzug sein, und sie werden jemand anders damit beauf- tragen, ihn zu beobachten und die Erkenntnisse über ihn auszuwerten. Irgendein Arschloch, das einen Scheiß- dreck über Arctor weiß. Sie werden noch einmal ganz von vorne anfangen müssen. Wenigstens können sie mich Barris’ Beweise begut- achten lassen, dachte er. Mich erst in den zeitweiligen Ruhestand versetzen, nachdem wir das Zeug durchge- checkt haben, was immer es auch ist. Wenn ich sie wirklich mal bumsen würde, und wie würde schwanger, grübelte er. Die Babys – keine Gesich- ter. Nur vage Flecken. Er schauderte. Ich weiß, daß man mir den Fall entziehen muß. Aber warum ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt? Wenn ich nur noch ein paar Dinge tun könnte … Barris’ Informationen bearbeiten, an der Entscheidung teilhaben. Oder einfach nur dasitzen und sehen, was er vorlegt. Um meines eige- nen Seelenfriedens willen endlich herausfinden, in was, Arctor eigentlich verwickelt ist. Ist er überhaupt in etwas verwickelt? Oder etwa doch nicht? Sie sind es mir schuldig, mir zu gestatten, lange genug dabeizubleiben, um das herauszufinden. Wenn ich bloß einfach nur zuhören und zuschauen könnte, sogar ohne etwas zu sagen. Er saß da und starrte vor sich hin, und irgendwann später bemerkte er, daß das Mädchen in dem engen blau- en Sweater und ihre Freundin, die kurze, schwarze Haare hatte, von ihrem Tisch aufstanden und sich anschickten, hinauszugehen. Die Freundin, die nicht besonders scharf aussah, zögerte plötzlich und kam dann auf den Tisch zu, an dem Fred vornübergebeugt vor seinem Kaffee und den Überresten des Sandwichs saß. »Pete?« sagte das Mädchen mit den kurzen Haaren. Er schaute auf. »Äh, Pete«, sagte sie nervös. »Ich habe nur einen win- zigen Augenblick Zeit. Äh, wollte es Ihnen eigentlich selbst sagen, aber dann hatte sie doch nicht die Traute. Pete, sie wäre schon längst mit Ihnen ausgegangen, viel- leicht schon vor einem Monat oder so, vielleicht sogar schon im März. Wenn –« »Wenn was?« sagte er. »Nun, sie hat mich gebeten, Ihnen zu sagen, daß sie Ihnen schon seit einiger Zeit den Tip geben wollte, daß Sie viel mehr Erfolg hätten, wenn Sie eines dieser Mittel benutzen würden … sagen wir, Odol.« »Ich wünschte, ich hätte das früher gewußt«, sagte er ohne Begeisterung. »Okay, Pete«, sagte das Mädchen und wandte sich, sichtlich erleichtert zum Gehen. »Bis später mal.« Grin- send eilte sie davon. Der arme Teufel, dachte er bei sich selbst. War das nun wirklich gut gemeint? Oder einfach nur eine Verarscherei, um Pete endgültig durcheinanderzubringen? Ausgekocht von zwei gehässigen Weibsbildern, als sie sahen, wie er – ich – hier so alleine saß. Einfach nur ein mieser kleiner Sei- tenhieb, um – Ach, zur Hölle damit, dachte er. Oder es könnte auch wahr sein, entschied er, während er sich den Mund abwischte, seine Serviette zerknüllte und sich steif erhob. Ich möchte zu gerne wissen, ob der heilige Paulus Mundgeruch hatte. Er schlenderte aus der Cafeteria, die Hände wieder in den Taschen vergraben. In den Taschen des Jedermann-Anzugs und dann auch in den richtigen Anzugtaschen darunter. Vielleicht war das der Grund dafür, warum Paulus in den späteren Jahren seines Lebens dauernd im Gefängnis saß. Sie haben ihn deswegen reingesteckt. Auf solche beschissenen Trips wird man ausgerechnet immer dann geschickt, wenn sowieso schon alles schief- läuft, dachte er, als er die Cafeteria verließ. Erst diese ganzen Tiefschläge, und dann knallt einem so eine Puppe glatt noch mal einen vor den Latz. Als ob die gebauten Weisheiten dieser Psychologen-Macker, die sich für un- fehlbarer als der Papst halten, nicht schon ausreichen würden. Anscheinend nicht. Scheiße, dachte er. Er fühlte sich jetzt sogar noch schlechter als vorher; er konnte kaum noch gehen, kaum noch denken; sein Gehirn summte, so durcheinander war er. Durcheinander und verzweifelt. Jedenfalls, dachte er, bringt’s Odol nicht;, Lavons ist besser. Außer, daß es, wenn du’s wieder aus- spuckst, so aussieht, als würdest du Blut spucken. Viel- leicht Micrin, dachte er. Das könnte das Richtige sein. Wenn es in diesem Gebäude einen Drugstore gäbe, dachte er, könnte ich mir eine Flasche kaufen und das Zeug anwenden, bevor ich raufgehe, um Hank gegenü- berzutreten. Und dann – dann würde ich vielleicht selbst- sicherer auftreten können. Vielleicht würde ich eine bes- sere Chance haben. Ich könnte jetzt alles gebrauchen, überlegte er, was mir irgendwie helfen könnte. Ganz egal, was. Jeden Fin- gerzeig, wie den, den mir dieses Mädchen gegeben hat. Jeden guten Rat. Er fühlte sich niedergeschlagen und ängstlich. Scheiße, dachte er, was soll ich bloß machen? Wenn ich von allem runter bin, dachte er, dann werde ich keinen von ihnen mehr wiedersehen, keinen meiner Freunde, der Leute, die ich beobachtet und gekannt habe. Ich werde endgültig draußen sein; ich werde vielleicht für den Rest meines Lebens außer Dienst sein. Auf jeden Fall werde ich sie nie wieder zu Gesicht kriegen, weder Arctor noch Luckman noch Jerry Fabin noch Charles Freck. Und, was am schlimmsten ist. auch Donna Hawthorne nicht. Ich werde keinen meiner Freunde wie- dersehen, für den Rest der Ewigkeit. Es ist aus. Donna. Dun fiel ein Lied ein, das sein Großonkel vor Jahren zu singen pflegte, in Deutsch. »Ich seh’, wie ein Engel im rosigen Duft Sich tröstend zur Seite mir stellet. «* * Anm. d. Übers.: Im Original zuerst in Deutsch und dann in Englisch., Sein Großonkel hatte ihm die Zeilen übersetzt und ihm erklärt, mit dem Engel sei die Frau gemeint, die er liebte, die Frau, die ihn rettete (im Lied). Im Lied, nicht im wirklichen Leben. Jetzt war sein Großonkel schon tot, und es war lange her, daß er jene Worte gehört hatte. Die Stimme seines in Deutschland geborenen Großonkels, der im Haus sang oder laut las. Gott! Welch Dunkel hier! O grauenvolle Stille! Öd’ ist es um mich her. Nichts lebet außer mir…** Selbst wenn mein Gehirn nicht ausgebrannt ist, begriff er, wenn ich später wieder im Dienst sein werde, wird jemand anders zu ihrer Überwachung eingesetzt worden sein. Oder sie werden tot sein oder im Knast oder in Staatlichen Nervenkliniken oder einfach nur in alle Win- de verstreut, verstreut, verstreut. Ausgebrannt und zer- stört, so wie ich, unfähig, herauszuknobeln, was zum Teufel eigentlich läuft. Für mich ist alles irgendwie an einem Endpunkt angekommen. Ich habe, ohne es zu wis- sen, längst adieu gesagt. Alles, was ich irgendwann tun könnte, dachte er, ist, die Holo-Bänder wieder abzuspielen, um mich an sie zu erinnern. »Ich sollte ins Kontroll-Zentrum gehen …« Er blickte um sich und verstummte. Ich sollte ins Kontroll-Zentrum gehen und die Bänder jetzt klauen, dachte er. Solange ich noch dazu in der Lage bin. Später mögen sie gelöscht werden, und später werde ich sowieso keinen Zugang mehr zu ihnen haben. Scheiß was auf die Abteilung, dachte er; sie können die Materialkosten ja mit meinem ausstehenden Gehalt verrechnen. Aufgrund jeder ethi-, schen Erwägung gehören mir die Bänder von jenem Haus und den Leuten darin. Und jetzt, jetzt sind diese Bänder alles, was ich von all dem übrigbehalten habe; das ist alles, was ich mitzunehmen hoffen kann. Aber zum Abspielen der Bänder, dachte er gehetzt, brauche ich auch das komplette holografische Projekti- onssystem aus dem Kontroll-Zentrum. Ich werde es de- montieren und Stück für Stück wegkarren müssen. Die Kameras und die Aufzeichnungskomponenten werde ich ja nicht benötigen – nur die Abspielvorrichtung und die Mitschauanlage. Ja, besonders die Schirme. Sie werden mich zwar auffordern, den Schlüssel abzuliefern, aber ich kann mir ein Duplikat davon machen lassen, kurz bevor ich ihn abgebe; es ist ein ganz gewöhnlicher BKS- Schlüssel. Ich kann es schaffen! Er fühlte sich sogleich wohler, als er das begriff; in seinem Innern spürte er grimmige Entschlossenheit und eine neue innere Stärke. Und ein wenig Zorn. Auf jedermann. Und Befriedigung darüber, wie gut er alles regeln würde. Wenn ich andererseits auch die Kameras und die Auf- zeichnungsgeräte und das ganze andere Zeug klauen würde, dachte er, könnte ich die Überwachung fortfüh- ren. Auf eigene Faust. Könnte die Kontrolle am Leben erhalten, wie ich es bisher getan habe. Zumindest für eine Weile. Aber schließlich ist alles im Leben nur für eine Weile – wie das hier beweist. Die Überwachung, dachte er, muß erhalten bleiben, das ist das Wichtigste. Und, wenn möglich, die Überwa- chung durch mich. Ich sollte bis in alle Ewigkeit beo- bachten, beobachten und auswerten, selbst wenn ich nie, irgend etwas hinsichtlich dessen, was ich sehe, unter- nehme; selbst wenn ich einfach nur dasitze und still ü- berwache, ungesehen: das allein ist wichtig, allein die Tatsache, daß ich an meinem Platz bin und alles überwa- che, was passiert. Nicht um ihretwillen. Um meinetwillen. Yeah, verbesserte er sich, auch um ihretwillen. Falls etwas passiert, so wie damals, als Luckman erstickte. Wenn jemand zuschaut – wenn ich zuschaue –, kann ich es bemerken und Hilfe holen. Um Hilfe telefonieren. Ih- nen auf der Stelle Beistand leisten. Den richtigen Bei- stand. Sonst, dachte er, könnten sie sterben, und niemand würde darum wissen! Darum wissen oder sich vielleicht auch nur einen Scheißdreck darum kümmern. Irgendwer muß doch in so erbärmliche kleine Leben wie die ihren eingreifen. Oder wenigstens ihre traurigen Auftritte und Abgänge registrieren. Registrieren und, wenn möglich, dauerhaft aufzeichnen, damit man sich an sie erinnere und ihrer gedenke. An einem besseren Tag, später mal, wenn die Menschen begreifen werden. * In Hanks Büro saß er mit Hank und einem uniformierten Beamten und dem schwitzenden, grinsenden Informanten Jim Barris zusammen, während auf dem Tisch vor ihnen eine von Barris’ Cassetten ablief. Ein zweites Gerät zeichnete die Einspielungen auf, damit auch für den Ab- teilungsgebrauch eine Kopie zur Verfügung stand., »… Oh, hallo. Hör mal, ich kann jetzt nicht sprechen.« »Wann denn?« »Ich ruf dich zurück. »Aber es ist dringend.« »Worum geht’s denn?« »Wir planen –« Hank hob die Hand und gab Barris ein Zeichen, das Band anzuhalten. »Würden Sie bitte die Stimmen für uns identifizieren, Mr. Barris?« sagte Hank. »Aber natürlich«, erklärte Barris eifrig. »Die weibli- che Stimme ist die von Donna Hawthorne, die männliche die von Robert Arctor.« »All right«, sagte Hank nickend und blickte dann Fred an. Er hatte Freds medizinischen Befund vor sich liegen und blickte immer wieder hinein. »Lassen Sie das Band weiterlaufen.« »… halb Südkalifornien morgen nacht«, fuhr die Männerstimme, die der Informant als die Bob Arctors identifiziert hatte, fort. »Das Luftwaffendepot in Van- denberg AFB soll überfallen werden, um automatische und halbautomatische Waffen –« Hank hielt in der Lektüre des medizinischen Berichts inne und hörte zu, wobei er den vom Jedermann-Anzug verwischten Kopf hin und her wiegte. Barris, der bisher still vor sich hin gegrinst hatte, grin- ste nun alle im Raum offen an; seine Finger spielten mit Büroklammern, die er vom Tisch genommen hatte, fum- melten und fummelten, als wolle er aus Draht ein Metall- netz stricken. Er strickte und fummelte und schwitzte und strickte., Die weibliche Person, die als Donna Hawthorne iden- tifiziert worden war, sagte: »Was ist mit dieser Desorien- tierungsdroge, die die Motorradfreaks für uns geklaut haben? Wann bringen wir dieses Dreckszeug hoch zur Wasserscheide, um –« »Die Organisation braucht zuerst die Waffen«, sagte die Stimme des Mannes. »Das andere ist Stufe B.« »Okay, aber jetzt muß ich Schluß machen; ich habe einen Kunden.« Klick. Klick. Barris verlagerte sein Gewicht im Stuhl und sagte laut: »Ich kann die eben erwähnte Motorrad-Gang identifi- zieren. Sie wird noch auf einem anderen –« »Haben Sie noch mehr Material von dieser Sorte?« sagte Hank. »Um diese Erkenntnisse zu vertiefen? Oder handelt es sich im wesentlichen nur um dieses eine Band?« »Viel mehr.« »Aber es dreht sich im Grunde immer um das gleiche.« »Sicher, es bezieht sich auf die gleiche konspirative Organisation und ihre Pläne, ja. Insbesondere auf dieses Komplott.« »Was sind das für Leute?« sagte Hank. »Und was ist das für eine Organisation?« »Es ist eine weltweite –« »Nennen Sie uns Namen. Sie spekulieren schon wie- der.« »Robert Arctor, Donna Hawthorne, in erster Linie. Ich habe hier auch verschlüsselte Nachrichten …« Barris fummelte mit einem schmutzigen Notizbuch herum, ließ, es beinahe fallen, als er versuchte, es aufzuschlagen. Hank sagte: »Ich beschlagnahme das ganze Zeug hier, Mr. Barris, die Bänder und was Sie sonst noch haben. Dir Beweismaterial geht damit zeitweise in unseren Besitz über. Wir werden es selbst sichten. »Aber meine Handschrift … und das chiffrierte Mate- rial, das ich –« »Sie werden zur Verfügung stehen, um uns das zu er- klären, wenn wir zu diesem Punkt kommen und das Ge- fühl haben, daß wir irgend etwas erklärt haben möchten.« Hank gab dem uniformierten Bullen, nicht Barris, ein Zeichen, die Cassette zu stoppen. Barris streckte die Hand zur Abschalttaste aus. Sofort hielt ihn der Bulle auf und stieß ihn grob zurück. Blinzelnd starrte Barris die anderen Männer an, immer noch maskenhaft lächelnd. »Mr. Barris«, sagte Hank, »wir können Sie leider nicht entlassen, bis die Sichtung dieses Materials abgeschlos- sen ist. Damit Sie jederzeit verfügbar sind, werden Sie formal unter dem Vorwurf belangt werden, den Behörden wissentlich falsche Informationen vorgelegt zu haben. Das ist natürlich nur ein Vorwand um Ihrer eigenen Si- cherheit willen, und wir alle wissen das, aber die formale Anklage wird jedenfalls erhoben werden. Sie wird an den Bezirksstaatsanwalt weitergeleitet werden, allerdings mit einem Stillhaltevermerk. Ist diese Regelung zufrieden- stellend?« Er wartete nicht auf eine Antwort; statt dessen gab er dem uniformierten Bullen ein Zeichen, Barris hi- nauszubringen. Die Beweise und der Shit und der ganze restliche Kram blieben auf dem Tisch zurück. Der Bulle führte den grinsenden Barris hinaus. Hank, und Fred saßen sich gegenüber, zwischen sich das Durcheinander auf dem Tisch. Hank sagte nichts; er las die Befunde der Psychologen. Nach einer Weile hob er den Telefonhörer ab und wählte eine hausinterne Num- mer. »Ich habe hier eine Ladung noch nicht ausgewerte- tes Material – ich möchte, daß Sie es durchsehen und feststellen, wieviel davon eine Fälschung ist. Geben Sie mir über Ihre Erkenntnisse Bescheid, und dann werde ich Ihnen sagen, was Sie als nächstes damit machen sollen. Es sind ungefähr zwölf Pfund; Sie werden wohl einen Pappkarton brauchen, Größe drei. Okay, danke.« Er legte auf. »Das Elektronik- und Entschlüsselungslabor«, in- formierte er Fred und las weiter. Zwei schwerbewaffnete uniformierte Labortechniker erschienen mit einem schweren Stahlbehälter. »Wir konnten nur den hier finden«, entschuldigte sich einer von ihnen, als sie die Beweisstücke auf dem Tisch sorgfältig in den Kasten luden. »Wer hat da unten jetzt Dienst?« »Hurley.« »Richten Sie Hurley aus, daß er das auf jeden Fall noch irgendwann heute sichten soll. Und er soll mir so- fort Bericht erstatten, wenn er Hinweise darauf findet, daß es sich um Fälschungen handeln könnte. Die Sache muß unbedingt noch heute über die Bühne gehen; sagen Sie ihm das.« Die Labortechniker verschlossen den Metallkasten und schleppten ihn wieder aus dem Büro. Hank warf die medizinischen Befunde auf den Tisch, lehnte sich zurück und sagte: »Was – okay, was haben, Sie bisher für ein Gefühl bei Barris’ Beweisen?« Fred sagte: »Das ist mein medizinischer Bericht, den Sie da haben, nicht wahr?« Er streckte die Hand aus, um ihn aufzuheben, überlegte er sich dann aber anders. »Ich würde sagen, das, was er uns vorgespielt hat, die kurzen Passagen, die er uns vorgespielt hat, das hörte sich für mich echt an.« »Es ist eine Fälschung«, sagte Hank. »Völlig wertlos.« »Sie mögen recht haben«, sagte Fred, »aber ich bin anderer Ansicht.« »Das Depot in Vandenberg, über das sie sprachen, ist möglicherweise das OSI-Depot.« Hank griff nach dem Telefon. Wie im Selbstgespräch sagte er laut: »Wollen wir doch mal sehen – wie hieß der Typ vom OSI doch gleich, mit dem ich mich damals unterhalten habe … er war am Donnerstag mit einigen Bildern hier …« Hank schüttelte den Kopf, schob das Telefon wieder weg und wandte sich erneut Fred zu. »Ich werde damit warten. Das hat Zeit, bis der vorläufige Bericht über die Fälschungen vorliegt. Fred?« »Was sagt mein medizinischer –« »Sie behaupten, daß Sie völlig plemplem sind.« Fred zuckte die Achseln, so gut er das in seinem Je- dermann-Anzug konnte. »Völlig?« Wie kalt ist es in diesem unterirdischen Gewölbe!* »Na, vielleicht flackern noch irgendwo so zwei Gehirn- * Anm. d. Übers.: Deutsch im Original., zellen vor sich hin. Aber das war’s auch schon. Haupt- sächlich Kurzschlüsse und Funken.« Das ist natürlich, es ist ja tief.** »Zwei, sagen Sie«, sagte Fred. »Von wie vielen?« »Keine Ahnung. Das Gehirn hat eine Menge Zellen. Soviel ich weiß – Billionen.« »Und es gibt mehr mögliche Verbindungen zwischen ihnen«, sagte Fred, »als Sterne im Universum.« »Wenn das stimmt, dann haben Sie aber im Moment keine allzu gute Trefferquote. Ungefähr zwei Zellen von – vielleicht fünfundsechzig Billionen?« »Eher fünfundsechzig Billionen Billionen«, sagte Fred. »Das ist ja noch schlechter als die Trefferquote der gu- ten alten Philadelphia Phillies unter Connie Mack. Die schlossen die Saison immer mit einem Prozentsatz von –« »Was kriege ich,« sagte Fred, »wenn ich angebe, daß es in Ausübung meines Dienstes passiert ist?« »Einen Ehrenplatz in einem Wartezimmer, wo Sie ganz umsonst eine Menge Saturday Evening Posts und Cosmopolitans lesen dürfen.« »Und wo ist dieses Wartezimmer?« »Wo möchten Sie denn am liebsten hin?« Fred sagte: »Darüber müßte ich erst mal nachdenken.« »Ich will Ihnen mal sagen, was ich tun würde«, sagte Hank. »Ich würde nicht in eine Staatliche Nervenklinik ** Anm. d. Übers.: Deutsch im Original, gehen; ich würde mir an Ihrer Stelle sechs Flaschen gu- ten Bourbons kaufen, Marke I. W. Harper, und in die Hügel gehen, ‘rauf in die San Bernadino-Berge, irgend- wo in die Nähe eines der Seen, in eine einsame Gegend, und einfach ganz allein dort bleiben, bis alles vorüber ist. An einem Ort, wo mich niemand finden kann.« »Aber vielleicht geht es nie mehr vorüber.« »Dann kommen Sie eben nie mehr zurück. Kennen Sie irgendwen, der da oben ein Blockhaus hat?« »Nein«, sagte Fred. »Sind Sie fit genug, um zu fahren?« »Mein –« Er hielt inne, und eine traumartige Kraft ü- berkam ihn; plötzlich fühlte er sich ganz entspannt und gelöst. Alle räumlichen Beziehungen in dem Büro verän- derten sich; die Veränderung berührte sogar seine Zeit- wahrnehmung. »Er ist in …« Er gähnte. »Sie erinnern sich nicht.« »Ich erinnere mich daran, daß er nicht mehr funktio- niert.« »Wir könnten dafür sorgen, daß jemand Sie hinauf- fährt. Das wäre auf jeden Fall sicherer.« Mich wo hinauffährt? fragte er sich. Hinauf in was? Straßen, Feldwege, Pfade hinauf, zerrend und sich auf- bäumend in der Motsche, wie ein Kater an einer Leine, der nur wieder ins Haus zurückwill. Der sich befreien will. Er dachte: Ein Engel, der Gattin so gleich, der führt mich zur Freiheit ins himmlische Reich.* Sicher«, sagte * Anm. des Übers.: Deutsch im Original., er und lächelte. Erleichterung. Gegen den Zug der Leine ankämpfen, sich abmühen, freizukommen, und sich dann zur Ruhe betten. »Was denken Sie jetzt eigentlich von mir«, sagte er, »jetzt, da Sie wissen, daß ich so einer bin – ausgebrannt, vorübergehend jedenfalls. Vielleicht auch auf Dauer.« Hank sagte: »Ich denke, daß Sie ein sehr guter Mensch sind.« »Danke«, sagte Fred. »Nehmen Sie Ihren Revolver mit.« »Was?« sagte er. »Wenn Sie mit den I. W. Harper-Flachmännern in die San Bernadino-Berge aufbrechen. Packen Sie Ihren Re- volver ein.« »Sie meinen, für den Fall, daß ich nicht mehr von dem Zeug loskomme?« Hank sagte: »Nicht nur für diesen Fall. Bei der Dosis, auf der Sie laut diesem Bericht mittlerweile sind, sind die Entziehungserscheinungen … Sie sollten ihn bei sich haben.« »Okay.« »Wenn Sie zurückkommen«, sagte Hank, »melden Sie sich bei mir. Lassen Sie es mich wissen.« »Hölle, ich werde meinen Anzug nicht anhaben.« »Rufen Sie mich trotzdem an. Mit oder ohne Ihren Anzug.« Wieder sagte er: »Okay.« Offenbar machte selbst das nichts mehr aus. Offenbar war das ein für allemal vorüber. »Wenn Sie hingehen und Ihre nächste Gehaltszahlung abholen, wird unter dem Strich ein anderer Betrag stehen., Der Unterschied wird beträchtlich sein, allerdings nur dieses eine Mal.« Fred sagte: »Bekomme ich einen Bonus dafür – für das, was mir passiert ist?« »Nein. Lesen Sie Ihre Dienstvorschrift. Ein Beamter, der willentlich süchtig wird und das nicht auf der Stelle meldet, macht sich eines Dienstvergehens schuldig und muß mit einer Geldbuße von dreitausend Dollar und/oder sechs Monaten Haft rechnen. Sie werden möglicherweise nur mit einer Geldbuße davonkommen. « »Willentlich?« sagte er in ungläubigem Staunen. »Es hat Ihnen ja niemand eine Pistole an den Kopf gehalten und Sie mit dem Zeug vollgepumpt. Niemand hat Ihnen etwas in den Kaffee getan. Sie haben wissent- lich und willentlich eine suchtbildende Droge einge- nommen, eine Droge, die zu Gehirnschäden und Desori- entierungserscheinungen führt.« »Aber ich mußte doch!« Hank sagte: »Sie hätten es auch vortäuschen können. Die meisten Beamten schaffen es, damit klarzukommen. Und wenn man die Menge in Betracht zieht, die Sie laut diesem Bericht schlucken –« »Sie behandeln mich wie einen Gauner. Ich bin kein Gauner.«* * Anm. des Übers.: Im Original: »I am not a crook » – ein wörtliches Zitat eines Ausspruchs des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon anläßlich seiner vom Fernse- hen übertragenen Verteidigungsrede gegen die im Zu- sammenhang mit der Watergate-Affäre gegen ihn erho- benen Vorwürfe. Außer Dick haben auch andere ameri-, Hank griff nach einem Notizblock und einem Stift und begann zu rechnen. »Wie hoch sind Sie jetzt eigentlich, gehaltsmäßig, meine ich? Ich kann das Ganze ja mal durchrechnen, wenn –« »Könnte ich die Geldbuße nicht später bezahlen? Viel- leicht in einer Reihe von monatlichen Raten, verteilt über zwei Jahre?« Hank sagte: »Na, hören Sie mal, Fred.« »Okay«, sagte er. »Wieviel kriegen Sie pro Stunde?« Er konnte sich nicht daran erinnern. »Wissen Sie wenigstens, wie viele eingetragene Stun- den Sie haben?« Daran auch nicht. Hank warf den Schreibblock wieder hin. »Möchten Sie eine Zigarette?« Er bot Fred seine Schachtel an. »Ich werde mir auch das abgewöhnen«, sagte Fred. »Alles. Eingeschlossen Erdnüsse und …« Er konnte nicht mehr denken. Sie saßen beide einfach nur da, beide in ihren Jedermann-Anzügen, beide schweigend. »Wie ich meinen Kindern immer sage«, begann Hank. »Ich habe zwei Kinder«, sagte Fred. »Zwei Mädchen.« kanische Künstier dieses Zitat als Anspielung auf Ri- chard »Tricky Dicky« Nixon ironisch verarbeitet, u. a. der Rockmusiker Frank Zappa in seinem Song »Son of Orange County«. Der »Sohn von Orange County« ist natürlich Richard Nixon, dessen Geburtsort im kaliforni- schen Orange County liegt – wo ja auch Philip K. Dick ganz bewußt die Handlung des vorliegenden Romans angesiedelt hat., »Ich glaube nicht; von Rechts wegen dürften Sie keine haben.« »Vielleicht nicht.« Er hatte den Versuch unternom- men, darüber nachzudenken, wann wohl die Entzugs- symptome einsetzen würden, und jetzt unternahm er den Versuch, darüber nachzudenken, wie viele Tabletten Substanz T er an allen möglichen Stellen versteckt hatte. Und ob das Geld, das er in Zukunft am Zahltag kriegte, wohl reichen würde, genügend Nachschub ranzuschaf- fen. »Soll ich denn nun für Sie ausrechnen, wie hoch Ihr Ruhestandsgehalt sein wird, oder was?« sagte Hank. »Okay«, sagte er und nickte heftig. »Tun Sie das.« Er saß da und wartete angespannt, trommelte auf dem Tisch. Wie Barris. »Wieviel kriegen Sie also jetzt pro Stunde?« wieder- holte Hank und griff dann resigniert zum Telefon. »Ich werde mal die Gehaltsstelle anrufen.« Fred sagte nichts, sondern starrte nur auf den Boden und wartete. Er dachte: Vielleicht kann Donna mir hel- fen. Donna, dachte er, bitte hilf mir jetzt. »Ich glaube nicht, daß Sie es bis in die Berge schaffen werden«, sagte Hank. »Selbst, wenn jemand Sie hin- fährt.« »Nein.« »Wohin wollen Sie dann?« »Lassen Sie mich noch ein bißchen hier sitzen und nachdenken.« »Staatliche Nervenklinik?« »Nein.«, Sie saßen da. Er fragte sich, was von Rechts wegen wohl bedeuten mochte. »Wollen Sie vielleicht rüber zu Donna Hawthorne?« sagte Hank. »Aufgrund der ganzen Informationen, die ich von Ihnen und allen anderen Agenten erhalten habe, weiß ich, daß Sie sich nahestehen.« »Ja.« Er nickte. »Tun wir.« Und dann blickte er auf und sagte: »Wie haben Sie das herausgefunden?« Hank sagte: »Durch einen Eliminationsprozeß. Ich weiß, wer Sie nicht sind, und die Zahl der Verdächtigen in dieser Gruppe ist nicht unendlich groß – tatsächlich handelt es sich ja sogar um eine sehr kleine Gruppe. Wir dachten, wir würden auf dem Weg über diesen Personen- kreis weiter nach oben vorstoßen, und vielleicht gelingt uns das ja tatsächlich – durch Barris. Sie und ich haben eine Menge Zeit damit verbracht, miteinander zu plau- dern. Ich hab’s schon vor langer Zeit rausgeknobelt. Daß Sie Arctor sind.« »Ich bin wer?« sagte er und starrte auf Hank, den Je- dermann-Anzug, der ihm gegenübersaß. »Ich bin Bob Arctor?« Er konnte es nicht glauben. Es ergab keinen Sinn für ihn. Es paßte mit nichts von dem zusammen, was er getan oder gedacht hatte; es war grotesk. »Machen Sie sich nichts draus«, sagte Hank. »Wie ist Donnas Telefonnummer?« »Sie ist vielleicht gerade auf der Arbeit.« Seine Stim- me zitterte. »In der Parfumerie. Die Nummer ist –« Er konnte seine Stimme nicht mehr unter Kontrolle halten, und er konnte sich nicht an die Nummer erinnern. Wer,, zum Teufel, soll ich sein? sagte er zu sich selbst. Ich bin nicht Bob Arctor. Aber wer bin ich dann? Vielleicht bin ich – »Geben Sie mir die Telefonnummer von Donna Hawthornes Arbeitsstelle«, sagte Hank gerade rasch in die Sprechmuschel des Telefons. »Hier«, sagte er und hielt Fred den Hörer hin. »Sprechen Sie selbst mit ihr. Nein, vielleicht besser doch nicht. Ich werde ihr sagen, sie soll Sie abholen … wo? Wir werden Sie hinfahren und dort absetzen; Sie können sie schließlich nicht hier treffen. Wüßten Sie einen guten Ort? Wo treffen Sie sich für gewöhnlich?« »Bringen Sie mich zu ihrer Wohnung«, sagte er. »Ich weiß, wie man reinkommt. « »Ich werde ihr sagen, daß Sie hier neben mir sitzen und auf Entzug sind. Ich werde einfach sagen, ich sei ein Bekannter von Ihnen und daß Sie mich gebeten haben, anzurufen.« »Spitze«, sagte Fred. »Find’ ich ja echt dufte. Danke, Mann.« Hank nickte und wählte erneut, diesmal eine Nummer im öffentlichen Netz. Fred kam es so vor, als wähle er von Ziffer zu Ziffer langsamer, als dauere der Wählvor- gang ewig, und er schloß die Augen, atmete schwer vor sich hin und dachte: Wow. Ich bin echt hinüber. Da haste recht mit, stimmte er zu. Ausgeklinkt, ausge- flippt, ausgebrannt und abgenibbelt. Und angeschissen. Total im Arsch. Er hatte das unwiderstehliche Bedürfnis, laut zu lachen. »Wir werden Sie zu ihr rüberbringen –«, begann, Hank, unterbrach sich dann aber und wandte seine Auf- merksamkeit dem Telefon zu. Er sagte: »Hey, Donna, hier is’ ‘n Kumpel von Bob, hörste? Hey, Mann, ihm geht’s unheimlich beschissen, nein, echt, ich will dich nich’ verarschen. Hey, er –« So was von dufte, dachten zwei Stimmen unisono in seinem Geist, als er hörte, wie sein Kumpel Donna die Sache verklickerte. Und vergiß nicht, ihr zu sagen, daß sie mir was mitbringen soll; ich geh’ echt aufm Zahn- fleisch! Kann sie für mich Nachschub besorgen oder so? Mich vielleicht aufladen, wie sie’s sonst immer tut? Er streckte seine Hand aus, um Hank zu berühren, schaffte es aber nicht; seine Hand griff zu kurz. »Du, ich mach’ das bestimmt auch mal für dich«, ver- sprach er, als Hank auflegte. »Bleiben Sie nur ganz ruhig da sitzen, bis der Wagen draußensteht. Ich werde jetzt einen bestellen.« Wieder telefonierte Hank; dieses Mal sagte er: »Wagenpark? Ich brauche einen nicht als Polizeifahrzeug kenntlichen Wa- gen und einen Beamten in Zivil. Was ist derzeit verfüg- bar?« Im Innern des Jedermann-Anzugs, des vagen Flecks, schlossen sie die Augen, um zu warten. »Vielleicht sollte ich doch lieber veranlassen, daß Sie in ein Krankenhaus gebracht werden«, sagte Hank. »Ih- nen geht’s ja wirklich unheimlich dreckig; vielleicht hat Jim Barris Sie vergiftet. In Wirklichkeit waren und sind wir an Barris interessiert, nicht an Ihnen; die Installation der Kameras im Haus sollte in erster Linie dazu dienen, Barris unter Überwachung zu halten. Wir hofften, ihn auf, diese Weise hierherlocken zu können … und das haben wir ja auch geschafft.« Hank schwieg. »Eben aus diesem Grunde bin ich mir ziemlich sicher, daß seine Bänder und die anderen Beweisstücke gefälscht sind. Das Labor wird das bestätigen. Aber Barris ist in eine ganz große Sache verwickelt. Eine ganz üble Geschichte. Es hat was mit Waffen zu tun.« »Ich war dann also ein Was?« sagte er plötzlich sehr laut. »Wir mußten an Barris rankommen und ihn reif schie- ßen.« »Ihr Arschficker«, sagte er. »Auf die Art, wie wir es arrangiert haben, mußte Bar- ris – wenn das überhaupt sein richtiger Name ist – im Laufe der Zeit immer deutlicher gewahr werden, daß Sie ein geheimer Polizeiagent waren, der kurz davorstand, ihn festzunageln oder aber ihn dazu zu benutzen, über ihn an seine Hintermänner heranzukommen. Und darum –« Das Telefon klingelte. »All right«, sagte Hank später. »Bleiben Sie nur ganz ruhig da sitzen, Bob, Fred, was auch immer. Beruhigen Sie sich – wir haben den Mistkerl ja geschnappt, und er ist wirklich ein – na, was Sie uns jetzt gerade genannt haben. Dafür hat es sich doch gelohnt, meinen Sie nicht auch? Um ihn zu fangen. Ein solches Etwas, egal, in was er nun eigentlich verwickelt ist?« »Sicher, gelohnt.« Er konnte kaum noch sprechen; seine Stimme war ein mechanisches Knirschen. Zusammen saßen sie da., * Auf der Fahrt zum Neuen Pfad hielt Donna am Straßen- rand an, an einer Stelle, wo sie unter sich zu allen Seiten die Lichter sehen konnten. Aber inzwischen hatten die Qualen für ihn begonnen; sie konnte das deutlich erken- nen, und es blieb ihnen nicht mehr viel Zeit. Sie hatte sich so sehr gewünscht, noch einmal mit ihm zusammen- zusein. Tja, sie hatte wohl zu lange gewartet. Tränen ran- nen ihr über die Wangen, und er hatte jetzt begonnen zu würgen und sich zu übergeben. »Wir bleiben ein paar Minuten hier sitzen«, erklärte sie ihm, während sie ihn durch die Büsche und das Un- kraut führte, über den sandigen Boden, zwischen weg- geworfenen Bierdosen und allerlei anderem Müll hin- durch. »Ich –« »Hast du deine Hasch-Pfeife dabei?« brachte er müh- sam heraus. »Ja«, sagte sie. Sie mußten sich weit genug von der Straße entfernen, um nicht von der Polizei bemerkt zu werden. Oder wenigstens weit genug, damit sie die Hasch-Pfeife verschwinden lassen konnten, wenn ein Polizist vorbeikam. Sie würde den Polizeiwagen anhalten sehen, mit ausgeschalteten Scheinwerfern, ein Stück ent- fernt in sicherer Deckung, und die Beamten, die sich zu Fuß näherten. Es würde genügend Zeit sein. Sie dachte: Dafür jedenfalls. Zeit genug, um sicher vor dem Gesetz zu sein. Aber Bob Arctor hatte keine Zeit mehr. Jedenfalls keine Zeit nach menschlichen Maßstä- ben mehr – die war abgelaufen. Es war eine andere Art, von Zeit, in die er jetzt eingetreten war. Ähnlich der Zeit, dachte sie, die eine Ratte hat: nämlich Zeit, hin und her zu rennen, nutzlos zu sein. Sich ziellos zu bewegen, hin und her, her und hin. Aber wenigstens kann er noch die Lichter unter uns sehen. Obwohl ihm das vielleicht nichts mehr bedeutet. Sie fanden einen geschützten Platz, und sie holte den in Alufolie gewickelten Klumpen Hasch hervor und zün- dete die Hasch-Pfeife an. Bob Arctor, der neben ihr hockte, schien es nicht einmal zu bemerken. Er hatte sich beschmutzt, aber sie wußte, daß er nichts dafür konnte. Tatsächlich war er sich dessen vielleicht nicht einmal bewußt. Während des Entzugs wurden sie alle so. »Hier.« Sie beugte sich zu ihm hinüber, um ihn aufzu- laden. Aber er bemerkte auch sie nicht. Er saß einfach nur da, völlig weggetreten, von Magenkrämpfen geschüt- telt, kotzte und beschmutzte sich, zitterte und wimmerte wie wahnsinnig vor sich hin. Es klang fast wie eine Art Lied. Sie mußte plötzlich an einen Typen denken, den sie einmal gekannt hatte – einen Typen, der Gott gesehen hatte. Er hatte sich ganz ähnlich verhalten, gewimmert und geweint, ohne sich allerdings selbst zu beschmutzen. Er hatte Gott während eines Flashbacks nach einem Acid-Trip gesehen, zu einem Zeitpunkt, als er gerade mit riesigen Dosen wasserlöslicher Vitamine experimentier- te. Ihre orthomolekulare Struktur sollte angeblich die neuralen Impulse im Gehirn anregen, beschleunigen und synchronisieren. Bei diesem Typen jedoch hatten sie an- ders gewirkt. Er war nicht einfach nur smarter geworden, – er hatte Gott gesehen. Er war völlig überrascht gewe- sen. »Ich nehme an«, sagte sie, »wir wissen nie, was das Schicksal für uns bereithält. « Neben ihr stöhnte Bob Arctor und antwortete nicht. »Kanntest du einen Macker namens Tony Amster- dam?« Keine Reaktion. Donna nahm einen Zug aus der Hasch-Pfeife und ver- senkte sich in die Lichter, die unter ihnen ausgebreitet lagen; sie roch die Luft und lauschte. »Nachdem er Gott gesehen hatte, fühlte er sich richtig gut, so ungefähr ein Jahr lang. Und dann fühlte er sich richtig mies. Mieser, als er sich je zuvor in seinem Leben gefühlt hatte. Weil er eines Tages schlagartig kapierte, daß er Gott nie wieder sehen würde; er würde für den Rest seines Lebens – Jahrzehnte, fünfzig Jahre vielleicht – dahinvegetieren und nichts außer dem sehen, was er schon immer gesehen hatte. Das, was auch wir sehen. Er war schlechter dran, als wenn er Gott nicht gesehen hätte. Er erzählte mir spä- ter mal, daß er daraufhin richtig durchgedreht wäre; er flippte einfach aus und fing an zu fluchen und zerdepper- te alle möglichen Sachen in seinem Apartment. Er zer- schlug sogar seine Stereoanlage. Er hatte begriffen, daß er für alle Zeit so würde weiterleben müssen, wie er jetzt lebte – nämlich ohne etwas zu sehen. Ohne jeden Sinn. Einfach nur ein Fetzen Fleisch, der sich dahinquält, ißt, trinkt, schläft, arbeitet und scheißt.« »Wie wir anderen auch.« Es war das erste, was Bob Arctor zu sagen fertiggebracht hatte; die Worte kamen, heraus, als müsse er jedes einzelne von ihnen unter gro- ßen Schwierigkeiten erbrechen. Donna sagte: »Genau das habe ich ihm auch gesagt. Ich hab’ versucht, ihm das klarzumachen. Wir säßen alle im gleichen Boot, und es würde den Rest von uns auch nicht zum Ausflippen bringen. Und er sagte: ›Du weißt nicht, was ich gesehen habe. Du weißt es nicht.‹« Ein Krampf ging durch Bob Arctor und erschütterte seinen ganzen Körper, und dann würgte er heraus: »Hat er … hat er gesagt, wie es war?« »Funken. Ganze Kaskaden von farbigen Funken, un- gefähr so, als würde an deinem Fernseher was kaputtge- hen. Funken, die die Wände hochgingen, Funken in der Luft. Und die ganze Welt war ein lebendiges Wesen, wohin auch immer er blickte. Und es gab keine Zufälle: alles paßte zusammen und geschah planvoll, weil damit etwas erreicht werden sollte – irgendein Ziel in der Zu- kunft. Und dann sah er eine Pforte. Ungefähr eine Woche lang sah er sie, wohin auch immer er schaute – drinnen in seinem Apartment oder draußen, wenn er zum Laden ging oder durch die Gegend fuhr. Und sie hatte immer die gleichen Proportionen; sie war sehr schmal. Er sagte, sie sei – beglückend gewesen. Das ist der Begriff, den er immer gebraucht hat. Er hat nie versucht, durch die Pfor- te hindurchzugehen; er hat sie einfach nur angeschaut, weil sie so beglückend war. Klare Konturen aus lebendi- gem roten und goldenen Licht, sagte er. Als ob sich die Funken entlang bestimmter Linien versammelt hätten, wie in der Geometrie. Und dann, hinterher, meine ich, hat er sie nie wieder gesehen, in seinem ganzen Leben, nicht, und das war es, was ihn schließlich so fertigge- macht hat.« Nach einer Weile sagte Bob Arctor: »Und was war auf der anderen Seite.« Donna sagte: »Er sagte, da sei noch eine Welt auf der anderen Seite gewesen. Er konnte sie sehen.« »Er … ist nie hindurchgegangen?« »Das ist ja der Grund, warum er wie ein Irrer in sei- nem Apartment rumgetobt ist; er hat nie auch nur daran gedacht, hindurchzugehen, er hat einfach nur die Pforte bewundert, und später konnte er sie überhaupt nicht mehr sehen, und da war’s zu spät. Sie öffnete sich ihm nur für ein paar Tage, und dann war sie wieder dicht und für immer verschwunden. Er hat wieder und wieder jede Menge LSD und diese wasserlöslichen Vitamine ge- nommen, aber er hat sie nie wieder gesehen; er hat nie die richtige Dosierung gefunden.« Bob Arctor sagte: »Was war auf der anderen Seite?« »Er sagte, es sei immer Nacht gewesen.« »Nacht!« »Da war Mondschein und Wasser, immer das gleiche Bild. Nichts bewegte oder veränderte sich. Schwarzes Wasser, wie Tinte, und ein Ufer, ein Inselstrand. Er war sich sicher, daß es Griechenland war, das Griechenland des Altertums. Er legte sich die Theorie zurecht, daß die Pforte eine schwache Stelle in der Zeit war und daß er zurück in die Vergangenheit sah. Und dann, später, als er sie nicht mehr sehen konnte, meine ich, ist er immer auf den Freeway hinausgefahren, mitten hinein in den dichte- sten Lastwagenverkehr, und dabei jedesmal schier, wahnsinnig geworden. Er sagte, er könne die ganze Be- wegung und den Lärm nicht aushalten, dieses ganze ver- rückte Hin- und Hergeschiebe, all das Scheppern und Bumsen. Jedenfalls konnte er nie herausfinden, warum ihm das, was er gesehen hatte, gezeigt worden war. Er glaubte wirklich daran, daß es Gott gewesen und die Pforte zur nächsten Welt, aber unter dem Strich ist dabei doch nur herausgekommen, daß es ihn ganz wirr im Kopf gemacht hat. Er konnte es nicht festhalten, und darum konnte er nicht damit fertig werden. Jedesmal, wenn er irgendwen kennenlernte, erzählte er ihm todsicher nach einiger Zeit, er hätte alles verloren.« Bob Arctor sagte: »So fühle ich mich auch.« »Da war eine Frau auf der Insel. Keine richtige – mehr so ‘ne Art Statue. Er sagte, es sei eine Statue gewesen, die die Aphrodite von Kyrene darstellte. Und sie stand einfach nur da im Mondschein, bleich und kalt und ganz aus Marmor verfertigt.« »Er hätte durch die Pforte gehen sollen, als er die Chance dazu hatte.« Donna sagte: »Er hatte die Chance gar nicht. Es war ein Versprechen. Etwas, was später sein würde. Etwas Besseres, das ihn in ferner Zukunft erwartete. Vielleicht, nachdem er –« Sie hielt inne. »Wenn er starb.« »Er hat sie verpaßt«, sagte Bob Arctor. »Man kriegt nur eine Chance, und damit hat sich’s.« Er schloß die Augen, als wolle er sich so vor der Qual und dem Schweiß schützen, der in Bächen über sein Gesicht rann. »Und überhaupt, was weiß denn so ein ausgebrannter Säurekopf schon? Was weiß überhaupt einer von uns?, Ich kann nicht mehr reden. Vergiß es.« Er wandte sich von ihr ab, der Dunkelheit zu, zuckend und zitternd. »Sie zeigen uns jetzt Vorschauen«, sagte Donna. »Wie im Kino.« Sie legte ihre Arme um ihn und preßte ihn so dicht an sich, wie sie es nur vermochte, wiegte ihn sanft vor und zurück. »Damit wir durchhalten.« »Genau das versuchst du auch gerade zu tun. Für mich.« »Du bist ein guter Mann. Dir ist verdammt übel mitge- spielt worden. Aber das Leben ist für dich noch nicht vorüber. Du bedeutest mir sehr viel. Ich wünschte –« Sie ließ ihn nicht mehr los, hielt ihn schwiegend in den Ar- men, in der Dunkelheit, die ihn von innen heraus auf- zehrte. Die ihn selbst jetzt, da sie ihn an sich drückte, ihr immer mehr entriß. »Du bist ein guter und freundlicher Mensch«, sagte sie. »Und es ist ungerecht so, aber es kann nicht anders sein. Versuche, das Ende abzuwarten. Irgendwann einmal, sehr weit vom Hier und Jetzt ent- fernt, wirst du den Weg wiedererkennen, den du früher schon gegangen bist. Es wird dir alles wieder einfallen.« Zurückgegeben werden, dachte sie. An dem Tage, da den Menschen alles, was ihnen ungerechterweise wegge- nommen worden ist, zurückgegeben wird. Es mag tau- send Jahre dauern oder sogar noch länger, aber jener Tag wird kommen, und dann werden alle Konten ausgegli- chen. Vielleicht hast du wie Tony Amsterdam eine Visi- on von Gott gesehen, die nur vorübergehend verschwun- den ist; die dir entzogen wurde, dachte sie, aber nicht für alle Zeit erloschen ist. Und tief drinnen in den schreck- lich verbrannten, den immer noch brennenden Schalt-, kreisen deines Kopfes, die mehr und mehr verschmoren, selbst jetzt, da ich dich halte, hat sich vielleicht uner- kannt ein Funke aus Farbe und Licht gebildet, der sein wahres Wesen nicht preisgibt und der dich doch dank der darin beschlossenen Erinnerung durch die Jahre, die vor dir liegen, diese schrecklichen Jahren, leiten wird. Ein Wort, nicht einmal ganz verstanden, irgendein winziges Ereignis, das man zwar sieht, doch nicht begreift; ein Splitter eines Sterns, begraben unter dem Gerümpel die- ser Welt, der dich durch Reflexe leiten soll, bis zu dem Tag … aber wie schwach glomm dieser Funke doch. Nicht einmal sie selbst vermochte ihn sich wirklich vor- zustellen. Vermengt mit dem Gewöhnlichen, Alltägli- chen, war Bob Arctor vielleicht etwas aus einer anderen Welt erschienen, für einen Augenblick nur. Alles, was sie jetzt tun konnte, war, ihn in ihren Ar- men zu halten und zu hoffen. Aber wenn er eines Tages wieder darauf stieß, dann würde – falls sie Glück hatten – das Muster von seinem Gehirn wiedererkannt werden. Die rechte Hemisphäre würde den korrekten Vergleich ziehen. Und das, auch wenn er jetzt nur noch auf einem subkortikalen Niveau zu denken in der Lage war. Und die Reise, diese für ihn so schreckliche Reise, die ihn so viel gekostet hatte, ob- wohl sie anscheinend doch völlig ohne Sinn war, würde endlich vorüber sein. Ein Licht stach in ihre Augen. Vor ihr stand ein Bulle mit Gummiknüppel und Taschenlampe. »Würden Sie beide bitte aufstehen?« sagte der Beamte. »Und mir Ihre Ausweise zeigen? Sie zuerst, Miß.«, Sie löste sich von Bob Arctor, der zur Seite rutschte, bis er auf dem Boden lag; er bemerkte den Bullen gar nicht, der sich ihnen heimlich von einem Privatweg am Fuß des Hügels genähert hatte. Während Donna ihr Ausweismäppchen aus der Geldtasche holte, winkte sie zugleich den Beamten beiseite, dahin, wo Bob Arctor nicht mithören konnte. Mehrere Minuten lang studierte der Beamte beim gedämpften Licht seiner Taschenlampe ihre Ausweise, und dann sagte er: »Sie sind ein Geheimagent der Bundespolizei.« »Sprechen Sie leise«, sagte Donna. »Tut mir leid.« Der Beamte gab ihr die Ausweismappe zurück. »Hauen Sie endlich ab, verdammt noch mal«, sagte Donna. Der Beamte leuchtete ihr kurz mit der Taschenlampe ins Gesicht und wandte sich dann ab; er verschwand so geräuschlos, wie er auch gekommen war. Als sie zu Bob Arctor zurückkehrte, wurde ihr sofort klar, daß er den Bullen überhaupt nicht bewußt wahrge- nommen hatte. Er nahm jetzt nahezu nichts mehr bewußt wahr. Nicht einmal sie, geschweige denn irgend jeman- den oder irgend etwas anderes. Weit weg konnte Donna den Polizeiwagen hören, der wie ein verklingendes Echo den ausgefahrenen, von hier aus nicht einsehbaren Privatweg hinunterrollte. Ein paar Wanzen, vielleicht eine Eidechse, raschelten durch das trockene Gras um sie herum. In der Ferne schimmerte das Lichterband des Freeway 91, aber kein Geräusch er- reichte sie; der Abstand war zu groß., »Bob«, sagte sie sanft. »Kannst du mich hören?« Keine Antwort. Alle Schaltkreise sind zusammengeschmolzen, dachte sie. Geschmolzen und verschmolzen. Und keiner wird sie wieder öffnen können, egal, wie sehr sie es versuchen mögen. Und sie werden es versuchen. »Los, komm«, sagte sie und versuchte, ihn auf die Fü- ße zu zerren. »Wir müssen endlich losspritzen.« Bob Arctor sagte: »Ich kann keine Liebe machen. Mein Ding ist weg.« »Sie erwarten uns schon«, sagte Donna bestimmt. »Ich hab’ die Verantwortung dafür übernommen, daß du an- kommst.« »Aber was soll ich bloß machen, wenn mein Ding weg ist? Werden sie mich trotzdem aufnehmen?« Donna sagte: »Sie werden dich nehmen.« Es bedarf der größten Weisheit, die es nur geben mag, dachte sie, um zu erkennen, wann man Ungerechtigkeit walten lassen darf. Wie kann die Gerechtigkeit jemals dem zum Opfer fallen, was richtig ist? Wie kann so et- was passieren? Sie dachte: Weil auf dieser Welt ein Fluch liegt, und all das hier beweist es; das hier ist der endgültige Beweis, gerade das hier. Irgendwo, auf dem tiefsten möglichen Level, ist der Mechanismus, die Kon- struktion der Dinge, auseinandergefallen, und aus dem, was übriggeblieben ist, hat sich das Bedürfnis gelöst, alle die verschiedenen Arten von vagem, verschwommenem Bösen zu tun, zu dem der weiseste Ratschluß uns befä- higt hat, und ist an die Oberfläche getrieben. Es muß vor Tausenden von Jahren begonnen haben. Und jetzt hat es, sich in das Wesen von allem eingeschlichen. Und, dachte sie, in jeden einzelnen von uns. Wir können uns nicht umwenden oder unseren Mund öffnen und sprechen, ja nicht einmal eine einzige Entscheidung treffen, ohne das Böse zu tun. Es interessiert mich nicht, wie es angefan- gen hat, wann oder warum. Sie dachte: Ich hoffe nur, daß es einmal enden wird. Wie bei Tony Amsterdam; ich hof- fe einfach nur, daß eines Tages der Sprühregen aus hell- leuchtenden Funken zurückkehren wird und wir ihn diesmal alle sehen werden. Die schmale Pforte, hinter der es Frieden gibt. Eine Statue, das Meer, und das, was wie Mondschein aussieht. Und nichts, was sich bewegt, nichts, was die Ruhe stören könnte. Vor langer, langer Zeit, dachte sie. Vor dem Fluch, und jedermann und alles fand diese Ruhe. Das Goldene Zeitalter, dachte sie, als Weisheit und Gerechtigkeit das- selbe waren. Bevor alles in scharfkantige Splitter zer- barst. In winzig kleine Bruchstücke, die nicht zusam- menpassen, die nicht wieder zusammengefügt werden können, so sehr wir uns auch bemühen. Unter ihr, in der Dunkelheit, zwischen den wie zufäl- lig in der Nacht verstreuten Lichtern der Stadt, ertönte eine Polizeisirene. Ein Polizeiwagen, der seiner Beute dicht auf den Fersen war. Es klang wie ein geistesgestör- tes Tier, das danach gierte, zu töten. Und wußte, daß es bald töten würde. Sie erschauerte; die Nachtluft war kalt geworden. Es war Zeit, zu gehen. Jetzt kann nicht das Goldene Zeitalter sein, dachte sie. Nicht, wenn solche Geräusche aus der Dunkelheit drin- gen. Geht diese Art von gierigem Geräusch auch von mir, aus? fragte sie sich. Bin ich das? Bin ich jenes Ding, das sich an seine Beute anschleicht oder schon zum Sprung ansetzt? Das seine Beute schon erlegt hat? Der Mann neben ihr regte sich schwach und stöhnte; sie half ihm auf. Half ihm auf die Füße und zurück zum Wagen, Schritt für Schritt, half ihm, half ihm, half ihm, weiterzumachen. Unter ihnen war das Geräusch des Poli- zeiwagens abrupt verstummt; er hatte seine Beute an- gehalten. Sein Job war getan. Bob Arctor an sich drük- kend, dachte sie: Meiner ist jetzt auch vorüber. * Die beiden Mitarbeiter des Neuen Pfades standen da und musterten das Ding, das da vor ihnen auf dem Fußboden lag, das sich erbrach und zitterte und selbst beschmutzte, die Arme eng um sich gelegt wie in einer Umarmung, als könne es sich auf diese Weise die Kälte fernhalten, die es so heftig zittern ließ. »Was ist das?« sagte ein Angehöriger des Anstaltsper- sonals. Donna sagte: »Ein Mensch.« »Substanz T?« Sie nickte. »Sie hat sein Gehirn aufgefressen. Noch ein Verlierer.« Sie sagte zu den beiden: »Es ist leicht, zu gewinnen. Jeder, kann gewinnen.« Indem sie sich über Robert Arc- tor niederbeugte, sagte sie schweigend: Lebe wohl., Sie legten gerade eine alte Armeedecke über ihn, als sie ging. Sie schaute nicht zurück. Sie stieg wieder in ihren Wagen und fuhr sofort zum nächsten Freeway, mitten hinein in den dichtesten Ver- kehr. Aus der Cassettenbox auf dem Boden des Wagens nahm sie das Band mit Carole Kings Tapestry – ihre Lieblingscassette – und stieß es in das Cassettendeck; gleichzeitig zerrte sie ihre Ruger-Pistole aus der unter dem Armaturenbrett vor neugierigen Blicken verborge- nen Magnethalterung. Mit Höchstgeschwindigkeit hängte sie sich an die Stoßstange eines Lieferwagens, der Holz- kästen mit Coca-Cola-Familienflaschen transportierte, und während Carole King in Stereo sang, entleerte sie das Magazin der Ruger auf die Coke-Flaschen ein paar Meter vor ihr. Während Carole King mit einschmeichelnder Stimme von Leuten sang, die sich hinsetzten und sich in Kröten verwandelten, schaffte Donna es, vier Flaschen zu tref- fen, bevor das Magazin der Pistole leer war. Glassplitter und Coke-Spritzer prasselten auf die Windschutzscheibe ihres Wagens. Jetzt ging es ihr besser. Gerechtigkeit und Ehrlichkeit und Treue sind nicht Ei- genschaften dieser Welt, dachte sie; und dann, bei Gott, rammte sie ihren alten Gegner, ihren Feind von alters her, den Coca-Cola-Lieferwagen, der einfach weiterfuhr, ohne es überhaupt zu bemerken. Der Zusammenprall brachte ihren Wagen ins Schleudern; die Scheinwerfer erloschen, ein Kotflügel kreischte mit einem schrecker- regenden Geräusch über einen Reifen, und dann war sie plötzlich vom Freeway herunter, stand auf dem Rand-, streifen der Gegenfahrbahn. Wasser strömte aus dem Kühler, und Autofahrer bremsten ab, um zu gaffen. »Komm zurück, du Wichser«, sagte sie zu sich selbst, aber der Coca-Cola-Lieferwagen war längst weg. Mögli- cherweise war er nicht einmal beschädigt worden. Höch- stens ein Kratzer. Tja, früher oder später hatte es wohl dazu kommen müssen, daß sie es in diesem ihrem Krieg mit einem Symbol und einer Realität aufzunehmen ver- suchte, die zu übermächtig für sie waren. Jetzt wird mein Versicherungssatz wieder in die Höhe gehen, begriff sie, als sie aus ihrem Wagen stieg. Wenn du ein Turnier mit dem Bösen ausfichst, bezahlst du dafür in dieser Welt mit kaltem, hartem Bargeld. Ein Mustang neueren Jahrgangs wurde langsamer, und der Fahrer, ein Mann, rief ihr zu: »Kann ich Sie mitneh- men, Miß?« Sie antwortete nicht. Sie ging einfach nur weiter. Eine kleine zerbrechliche Gestalt zu Fuß, die einer Unendlich- keit auf sie eindringender Lichter entgegenblickte.,

XIV

Zeitungsausschnitt, im Foyer des Samarkand House, des Zentrums des Neuen Pfades in Santa Ana, Kalifornien, mit Reißzwecken an eine Wand gepinnt: Wenn der senile Patient am Morgen aufwacht und nach seiner Mutter ruft, dann erinnern Sie ihn daran, daß sie schon lange tot ist, daß er über achtzig Jahre alt ist und in einem Genesungsheim lebt und daß wir nicht mehr 1913, sondern schon 1992 schreiben und daß er darum der Wirklichkeit und der Tatsache ins Gesicht sehen muß, daß … Ein Insasse hatte den Rest des Textes abgerissen; er hörte an dieser Stelle auf. Offensichtlich stammte der Artikel aus einer Fachzeitschrift für Krankenpflegerin- nen; er war nämlich auf Kunstdruckpapier gedruckt. »Was du hier zuerst tun wirst«, sagte George, der zum Betreuerstab gehörte, als er ihn durch die Halle führte, »ist, die Badezimmertür zu putzen. Die Böden, die Bek- ken und besonders die Toiletten. Es gibt drei Badezim- mer in diesem Trakt, eines auf jeder Etage. « »Okay«, sagte er. »Hier ist ein Scheuerlappen. Und ein Wischeimer. Glaubst du, daß du weißt, wie man so was macht? Ein Badezimmer putzen? Fang an, und ich werde dir zusehen und dir Tips geben, wenn du nicht klarkommst.« Er trug den Eimer zu der Wanne im rückwärtigen Teil, des überdachten Vorbaus und schüttete Reinigungsmittel hinein und ließ dann das heiße Wasser einlaufen. Alles, was er sehen konnte, war der entstehende Schaum direkt vor ihm; der Schaum und das Brausen. Aber er konnte Georges Stimme hören, die von außer- halb seines Gesichtsfeldes kam. »Nicht zu voll, sonst kannst du ihn hinterher nicht hochheben.« »Okay.« »Es soll dir ein bißchen schwerfallen, zu sagen, wo du eigentlich bist«, sagte Georg nach einiger Zeit. »Ich bin in einem Heim des Neuen Pfades.« Er stellte den Eimer auf dem Boden ab, und der Eimer schwappte über; er stand bloß da und starrte teilnahmslos auf die Bescherung. »In welchem Heim des Neuen Pfades?« »In Santa Ana.« George hob den Eimer hoch, um ihm zu zeigen, wie man den Drahtgriff anfassen und den Eimer beim Gehen schwingen mußte. »Ich denk’ mir, daß wir dich später auf die Insel oder auf eine der Farmen schicken werden. Aber zuerst geht’s mal ‘ne Runde ab aufs Klo. »Das kann ich«, sagte er. »Aufs Klo gehen.« »Magst du Tiere? Oder Gartenarbeit?« »Tiere.« »Na, mal sehen. Wir werden damit warten, bis wir dich besser kennen. Auf jeden Fall wird das ‘ne Weile dauern; alle, die zu uns kommen, müssen erst mal ‘n Monat lang Klos schrubben.« »Irgendwie würde ich gerne auf dem Land leben«, sagte er., »Wir unterhalten verschiedene Arten von Rehabilitati- onseinrichtungen. Wir werden später entscheiden, was für dich am besten ist. Du weißt, daß du hier rauchen darfst, aber es wird nicht gerne gesehen. Hier ist’s nicht wie in Syanon; die lassen dich nicht rauchen. « Er sagte: »Ich habe keine Zigaretten mehr.« »Wir geben jedem Insassen ein Päckchen pro Tag.« »Geld?« Er hatte keines. »Es kostet nichts. Hier ist alles umsonst. Du hast dei- nen Preis längst bezahlt.« George nahm den Scheuerlap- pen, tauchte ihn in den Eimer, zeigte ihm, wie man scheuern mußte. »Weswegen habe ich eigentlich kein Geld?« »Aus dem gleichen Grund, weswegen du keine Brief- tasche und keinen Nachnamen hast. Das wird dir später zurückgegeben werden, das alles. Genau das ist ja unser Programm: dir zurückzugeben, was man dir weggenom- men hat. « Er sagte: »Diese Schuhe passen mir nicht.« »Wir sind auf Spenden angewiesen, aber wir nehmen nur neue Sachen, von Läden. Später können wir dir viel- leicht mal welche anmessen. Hast du alle Schuhe in der Kiste durchprobiert?« »Ja«, sagte er. »All right, das hier ist das Badezimmer im Erdge- schoß; mach das zuerst. Dann, wenn das erledigt ist, alles blitzblank und so, dann geh nach oben – nimm den Wischlappen und den Eimer mit – und ich werde dir das Badezimmer da oben zeigen. Und danach kommt dann das Badezimmer in der dritten Etage dran. Aber du mußt, dir eine Erlaubnis holen, bevor du in die dritte Etage raufgehst, weil da die Puppen wohnen; also frag zuerst jemanden vom Personal und geh nie ohne Erlaubnis rauf.« Er klopfte ihm auf die Schulter. »All right, Bruce? Alles kapiert?« »Okay«, sagte Bruce, während er weiterscheuerte. George sagte: »Du wirst so lange Badezimmer schrubben, bis du so weit kommst, daß du gute Arbeit leisten kannst. Es ist völlig egal, was jemand tut; es kommt nur darauf an, daß er so weit kommt, daß er es richtig tun und darauf stolz sein kann.« »Werde ich jemals wieder so werden, wie ich früher war?« fragte Bruce. »Das, was du früher warst, hat dich hierhergebracht. Wenn du wieder so würdest, wie du früher mal warst, dann würde dich das früher oder später wieder hierher- bringen. Und beim nächsten Mal würdest du’s vielleicht nicht mal bis hierhin schaffen. Stimmt doch, oder? Du hast Glück gehabt, daß du hierhergekommen bist; du hät- test es fast nicht geschafft.« »Jemand anderes hat mich hergefahren.« »Du bist ein Glückspilz. Beim nächsten Mal würden sie’s vielleicht nicht tun. Vielleicht würden sie dich am Straßenrand aus dem Wagen kippen und sich sagen: Zum Teufel damit.« Bruce scheuerte unbeirrt weiter. »Am einfachsten geht’s, wenn du zuerst die Wasch- becken machst, dann die Wanne, dann die Toiletten und erst ganz zuletzt den Fußboden.« »Okay«, sagte er und legte den Scheuerlappen weg., »Man muß erst mal den richtigen Dreh rauskriegen. Das wirst du schon schaffen.« Als er genauer hinschaute, sah er vor sich Risse in der Emaille des Beckens; er träufelte Reinigungsmittel in die Risse und ließ heißes Wasser darüberlaufen. Der Dampf wallte auf, und er stand regungslos mitten darin, während der Dampf immer dichter wurde. Er mochte den Geruch. * Nach dem Mittagessen saß er im Gemeinschaftsraum und trank Kaffee. Die anderen ließen ihn in Ruhe, weil sie wußten, daß er auf Entzug war. Während er so dasaß und aus seiner Tasse trank, konnte er ihre Gespräche verfol- gen. Sie kannten sich alle untereinander. »Wenn du durch die Augen eines Toten hinaussehen könntest, könntest du immer noch etwas erkennen, aber du könntest die Augenmuskulatur nicht mehr betätigen, und darum könntest du den Blick nicht auf eine bestimm- te Stelle richten. Dir bliebe nichts anderes übrig, als zu warten, bis sich irgendein Objekt an dir vorüberbewegt. Du würdest wie eingefroren sein. Einfach nur warten und warten. Das wäre bestimmt ganz schrecklich.« Er starrte hinunter auf den Dampf seines Kaffees; nur darauf. Der Dampf stieg auf; er mochte den Geruch. »Hey«. Eine Hand berührte ihn. Die Hand einer Frau. »Hey«. Er schaute ein wenig zur Seite. »Wie geht’s dir?«, »Gut«, sagte er. »Fühlst du dich schon ein bißchen besser?« »Ich fühle mich gut«, sagte er. Er betrachtete den Kaffee und den Dampf und schaute weder die Frau noch einen der anderen Anwesenden an; er schaute bloß hinunter auf den Kaffee, schaute und schaute. Er mochte die Wärme des Geruchs. »Du könntest dann jemanden sehen, wenn er direkt vor dir hergeht, aber eben nur dann. Du könntest nur das sehen, was in der Richtung liegt, in die du schaust, aber nichts, was in einer anderen Richtung liegt. Wenn ein Blatt oder sonst was über deine Augen fallen würde … tja, das wär’s dann. Für immer. Nur noch das Blatt. Nichts anderes; du könntest dich ja nicht bewegen. « »Okay«, sagte er, den Kaffee, die Tasse, mit beiden Händen haltend. »Stell dir mal vor, Empfindungen zu haben, aber nicht zu leben. Zu sehen und sogar zu begreifen, aber nicht zu leben. Einfach nur hinauszuschauen. Zu erkennen, aber nicht zu leben. Ein Mensch kann sterben und trotzdem weiterexistieren, Vielleicht ist das, was manchmal aus den Augen eines Menschen auf dich hinausschaut, schon damals in seiner Kindheit gestorben. Das, was in einem Menschen schon tot ist, schaut immer noch hinaus. Es ist nicht einfach der Körper, der dich anblickt, der leere Kör- per; da ist immer noch etwas darin, aber das ist irgend- wann gestorben und schaut nur einfach weiter und weiter hinaus; es kann nicht damit aufhören, zu schauen. « Jemand anderes sagte: »Genau das bedeutet es ja letzt- lich, zu sterben: wenn man nicht mehr aufhören kann,, das anzustarren, was auch immer vor dir ist. Da ist ir- gendein verdammtes Ding, genau vor dir, und du kannst einfach nichts dagegen unternehmen, also zum Beispiel eine Wahl treffen oder etwas verändern. Du kannst nur noch das, was vor dich hingestellt wird, akzeptieren – und zwar so, wie es ist. « »Wie würde es dir gefallen, in alle Ewigkeit auf eine Bierdose zu starren? Vielleicht war’ das gar nicht mal so schlimm. Wenigstens müßte man sich davor nicht fürch- ten.« * Vor dem Abendessen, das sie im Speiseraum zu sich nahmen, hatten sie Diskussionsstunde. Verschiedene phi- losophische Konzepte wurden von verschiedenen Mit- gliedern des Betreuerstabes auf eine Tafel geschrieben und dann gemeinsam diskutiert. Er saß mit im Schoß gefalteten Händen da, betrachtete den Fußboden und lauschte darauf, wie sich die große Kaffeemaschine aufheizte; es klang wie blub-blub, und das Geräusch machte ihm Angst. »Das Lebende gibt ununterbrochen seine Eigenschaf- ten an das Nichtlebende ab und umgekehrt.« Alle saßen im Raum verstreut auf Klappstühlen und diskutierten das. Das Konzept schien ihnen vertraut zu sein. Offensichtlich waren solche Sätze Teile der Denk- weise des Neuen Pfades und wurden vielleicht sogar auswendig gelernt, damit man wieder und wieder über sie nachdenken konnte. Blub-Blub., »Das Nichtlebende drängt stärker vorwärts als das Lebende.« Sie sprachen auch darüber. Blub-blub. Das Geräusch, das von der Kaffeemaschine ausging, wurde lauter und lauter und ängstigte ihn immer mehr, aber er bewegte sich nicht und schaute nicht hinüber; er saß nur da, an seinem Platz, und lauschte. Es war schwierig, zu hören, was die anderen sagten; die Maschine war so laut. »Wir haben zuviel von dem in uns, was das Nichtle- bende vorwärts treibt. Und der Austausch – kann nicht mal jemand aufstehen und nachsehen, was mit dieser verdammten Kaffeemaschine los ist?« Es gab eine Unterbrechung, während jemand die Kaf- feemaschine untersuchte. Er saß da, starrte nach unten, wartete. »Ich schreibe das jetzt noch mal auf. ›Wir tauschen zuviel unseres passiven Lebens gegen die äußere Wirk- lichkeit ein.‹« Sie diskutierten das. Die Kaffeemaschine verstummte, und sie trotteten wie eine Herde hinüber, um sich Kaffee zu holen. »Möchtest du nicht auch etwas Kaffee?« Eine Stimme hinter ihm, die ihn sanft berührte. »Ned? Bruce? Wie heißt er noch mal – Bruce?« »Okay.« Er stand auf und folgte ihnen zur Kaffeema- schine. Er wartete geduldig, bis er an der Reihe war. Sie schauten ihm dabei zu, wie er Sahne und Zucker in seine Tasse tat. Sie schauten ihm dabei zu, wie er zu seinem Stuhl – demselben wie vorher – zurückkehrte; er hatte ihn sich gut gemerkt, damit er ihn auch wiederfand, um, sich hinsetzen und weiter zuhören zu können. Der warme Kaffee, der Dampf, verschaffte ihm angenehme Gefühle. »Aktivität bedeutet nicht notwendigerweise Leben. Quasare sind aktiv. Und ein Mönch, der meditiert, ist nicht unbelebt.« Er saß da und schaute auf den leeren Becher; es war ein Porzellanbecher. Als er ihn umdrehte, entdeckte er einen Aufdruck auf dem Boden und daß die Glasur ge- splittert war. Der Becher sah sehr alt aus, aber er war in Detroit hergestellt worden. »Kreisförmige Bewegung ist die toteste Form des Uni- versums. « Eine andere Stimme sagte: »Es ist Zeit.« Er wußte die Antwort darauf. Zeit ist rund. »Richtig, wir müssen jetzt Schluß machen, aber will irgend jemand noch eine abschließende Bemerkung ma- chen?« »Nun, man muß dem Weg des geringsten Widerstan- des folgen; das ist die Grundregel, wenn man überleben will. Man muß folgen, nicht führen.« Eine andere, ältere Stimme sagte: »Ja, die, die folgen, überleben den Führer. Wie bei Christus. Nicht umge- kehrt.« »Wir sollten jetzt lieber essen, weil Rick neuerdings genau ab halb sechs nichts mehr ausgibt.« »Sprecht während des Spiels darüber, nicht jetzt.« Stühle kreischten, knarrten. Er stand ebenfalls auf, trug ganz wie die anderen seinen alten Becher zurück zum Tablett und stellte sich mit ihnen in einer langen Reihe auf. Er konnte kalte Kleidungsstücke um sich her-, um riechen; gute Gerüche, aber kalt. Es klingt so, als würden sie sagen, passives Leben sei gut, dachte er. Aber so etwas wie passives Leben gibt es doch gar nicht. Das ist ein Widerspruch in sich. Er fragte sich nach dem Wesen und der Bedeutung des Lebens; vielleicht verstand er bloß noch nicht richtig, was sie meinten. * Ein großes Spendenpaket mit lollyhaften Kleidungsstük- ken war angekommen. Mehrere Leute standen mit Hau- fen von Kleidern auf dem Arm herum, und einige hatten sich Hemden angezogen, um sie anzuprobieren und Komplimente einzuheimsen. »Hey, Mike, du bist ja ein wahnsinnig scharfer Macker.« In der Mitte des Foyers stand ein untersetzter, stämmi- ger Mann mit lockigem Haar und einem Boxergesicht; er fummelte stirnrunzelnd an seinem Gürtel herum. »Wie funktioniert denn das hier? Ich kapier’ einfach nicht, wie man ihn am Verrutschen hindert. Und warum geht er jetzt auf einmal nicht mehr auf?« Er hatte sich einen zehn Zentimeter breiten, schnallenlosen Gürtel mit Metallrin- gen ausgesucht, wußte aber nicht, wie man die Ringe einklinken mußte. Augenzwinkernd blickte er um sich und sagte: »Ich glaube, die haben mir einen gegeben, mit dem sonst keiner klarkommen konnte.« Bruce trat hinter ihn, griff um ihn herum und zog die Gürtelschleife zurück durch die Ringe. »Dane«, sagte Mike. Er wühlte sich durch einen Stapel, von Hawaiihemden, die Lippen geschürzt. Zu Bruce ge- wandt, sagte er: »Wenn ich heirate, zieh’ ich eins davon an.« »Hübsch«, sagte er. Mike schlenderte zur anderen Seite des Foyers hin- über, wo zwei Frauen standen; sie lächelten. Indem er sich ein weinrotes Hemd mit Blumenmuster vor die Brust hielt, sagte Mike: »Ich geh’ heut’ groß aus, in die Stadt.« »All right, geht rein und kommt essen«, rief der Direk- tor des Rehabilitationszentrums anfeuernd. Seine Stimme klang so kraftvoll wie immer. Er winkte Bruce zu. »Na, wie steht’s, mein Junge?« »Gut«, sagte Bruce. »Klingt, als ob du dich erkältet hättest. « »Ja«, stimmte er zu, »das kommt vom Entzug. Könnte ich nicht doch ein bißchen Dristan oder –« »Keine Chemikalien«, sagte der Direktor des Zen- trums. »Nichts. Jetzt rein mit dir, damit du was in den Magen kriegst. Was macht dein Appetit?« »Besser«, sagte er, dem Direktor folgend. Von den Ti- schen aus lächelten die anderen ihn an. * Nach dem Essen saß er auf halber Höhe der breiten Treppe, die zum zweiten Stock führte. Keiner sprach ihn an; derzeit fand gerade eine Mitarbeiterbesprechung statt. Er saß da, bis sie zu Ende war. Alle Mitarbeiter tauchten jetzt wieder auf und strömten in die Halle. Er spürte, daß sie ihn ansahen, und vielleicht sprachen, ihn auch einige an. Er saß auf den Stufen, vornüberge- beugt, die Arme um sich gelegt, und starrte und starrte. Auf den dunklen Teppich vor seinen Augen. Jetzt keine Stimmen mehr. »Bruce?« Er regte sich nicht. »Bruce?« Eine Hand berührte ihn. Er sagte nichts. »Bruce, komm mal mit in den Gemeinschaftsraum. Eigentlich müßtest du ja schon auf deinem Zimmer sein und im Bett liegen, aber ich möchte mit dir sprechen, hörst du?« Mit einem Wink forderte Mike ihn auf, ihm zu folgen. So begleitete er Mike die Treppe hinunter und in den Gemeinschaftsraum, der jetzt leer war. Als sie im Gemeinschaftsraum waren, schloß Mike die Tür. Er ließ sich in einen tiefen Sessel fallen und bedeutete Bruce, sich ihm gegenüber hinzusetzen. Mike schien müde zu sein; dicke Ringe langen um seine kleinen Au- gen, und er rieb sich die Stirn. »Ich bin seit halb sechs heute morgen auf den Bei- nen«, sagte Mike. Ein Klopfen; die Tür ging einen Spaltbreit auf. Mit erhobener Stimme brülle Mike: »Ich möchte nicht, daß irgendwer hier hereinkommt; wir unterhalten uns. Hört ihr?« Gemurmel. Die Tür schloß sich. »Weißt du, du solltest lieber dein Hemd ein paarmal am Tag wechseln«, sagte Mike. »Ist ja furchtbar, wie du schwitzt.« Er nickte., »Aus welcher Ecke des Staates kommst du eigent- lich?« Er sagte nichts. »Von jetzt an kommst du zu mir, wenn’s dir so schlecht geht. Ich hab’ das gleiche durchgemacht, vor ungefähr anderthalb Jahren. Sie haben mich immer im Wagen durch die Gegend gefahren. Andere vom Perso- nal. Hast du schon Eddie kennengelernt? Das große, dür- re Handtuch, das immer alle Leute fertigmacht? Der hat mich acht Tage lang pausenlos durch die Gegend kut- schiert. Hat mich nie allein gelassen.« Mike brüllte plötz- lich: »Wollt ihr wohl endlich draußenbleiben? Wir sind hier drin und reden. Geht und schaut euch Fernsehen an.« Seine Stimme wurde leiser, und er blickte Bruce prüfend an. »Manchmal muß man das tun. Jemanden nie allein lassen.« »Verstehe«, sagte Bruce. »Bruce, paß auf, daß du dir nicht das Leben nimmst.« »Ja, Sir«, sagte Bruce, zu Boden starrend. »Nenn mich nicht Sir!« Er nickte. »Warst du bei der Armee, Bruce? Hat’s daran gele- gen? Bist du deswegen auf dem Zeug hängengeblieben?« »Nein.« »Schießt du, oder schluckst du Tabletten?« Er gab nicht das geringste Geräusch von sich. »›Sir‹«, sagte Mike. »Ich selbst hab’ zehn Jahre im Knast gesessen. Einmal hab’ ich miterlebt, wie sich in unserem Zellentrakt acht Typen an einem Tag die Kehle durchgeschnitten haben. Wir mußten mit den Füßen in, der Toilette schlafen, so klein waren unsere Zellen. Ge- nau das ist es, was ein Gefängnis ausmacht: Du schläfst mit deinen Füßen in der Toilette. Du bist nie im Knast gewesen, oder?« »Nein«, sagte er. »Aber andererseits hab’ ich Gefangene gesehen, die achtzig Jahre alt waren und froh darüber, zu leben und die auch am Leben bleiben wollten. Ich erinnere mich noch genau an die Zeit, als ich auf Dope war und schoß; ich hab’ zu schießen angefangen, als ich noch ein Teena- ger war. Sonst hab’ ich mir nie was zuschulden kommen lassen. Ich hab’ mich nur vollgeschossen und bin dann für zehn Jahre in den Bau gewandert. Ich hab’ so viel geschossen – Heroin und T durcheinander –, daß ich gar nicht mehr fähig war, was anderes anzustellen; ich hab’ außer dem Stoff gar nichts anderes mehr wahrgenom- men. Jetzt bin ich davon runter und aus dem Knast raus und lebe hier. Weißt du, was mir am meisten auffällt? Weißt du, was der Unterschied ist, den ich bemerkt hab’? Jetzt kann ich die Straße entlanggehen und etwas sehen. Ich kann das Wasser hören, wenn wir in den Wald fahren – du wirst unsere anderen Einrichtungen später kennen- lernen, die Farmen und das alles. Ich kann die Straße ent- langgehen und die Hunde und Katzen sehen. Ich hab’ sie früher nicht mal bemerkt. Alles, was ich gesehen hab’, war der Stoff.« Er blickte auf seine Armbanduhr. »Und darum verstehe ich, wie du dich fühlst.« »Es ist hart«, sagte Bruce, »von dem Zeug runterzu- kommen.« »Jeder einzelne hier ist davon runtergekommen. Na-, türlich fangen einige hinterher wieder damit an. Wenn du von hier weggehen würdest, würdest du auch wieder da- mit anfangen. Du weißt das.« Er nickte. »Keiner von denen, die in diesem Heim sind, hat ein leichtes Leben gehabt. Ich will damit nicht sagen, daß dein Leben leicht gewesen ist. Eddie würde das vielleicht sagen. Er würde dir knallhart erklären, deine Probleme seien läppisch. Aber Probleme sind nie läppisch, bei kei- nem. Ich sehe, wie mies du dich fühlst, aber ich hab’ mich auch mal so gefühlt. Jetzt geht’s mir ‘ne ganze Menge besser. Wer ist dein Stubenkamerad?« »John.« »Ah ja, John. Dann bist du also unten im Erdge- schoß.« »Mir gefällt es«, sagte er. »Ja, es ist schön warm da. Du wirst wahrscheinlich sehr viel frieren. Die meisten von uns tun das, und ich erinnere mich noch gut dran, wie’s bei mir war; ich hab’ die ganze Zeit über vor Kälte gezittert, und die Hosen hab’ ich mir auch vollgeschissen. Aber glaub mir, du wirst das nicht noch einmal durchmachen müssen, wenn du hier im Neuen Pfad bleibst.« »Für wie lange?« sagte er. »Für den Rest deines Lebens.« Bruce hob den Kopf. »Ich kann hier jedenfalls nicht mehr raus«, sagte Mi- ke. »Ich würde sofort wieder an der Nadel hängen, wenn ich wieder nach draußen ginge. Ich hab’ zu viele Kum- pels draußen. Ich würd’ wieder in die Scene einsteigen,, dealen und schießen, und dann zurück in den Knast wan- dern, aber diesmal für zwanzig Jahre. Weißt du – hey – ich bin jetzt 35 und heirate demnächst zum ersten Mal. Hast du Laura schon kennengelernt? Meine Verlobte?« Er war sich nicht sicher. »Ein hübsches Mädchen, ziemlich stämmig? Ganz hübsche Figur?« Er nickte. »Sie fürchtet sich davor, aus dem Heim zu gehen. Ir- gendwer muß sie immer begleiten. Wir gehen jetzt bald mal zusammen in den Zoo … wir nehmen den Kurzen vom Direktor nächste Woche mit in den Zoo von San Diego, und Laura hat jetzt schon ‘n höllischen Bammel. Mehr Bammel als ich.« Schweigen. »Hast du überhaupt gehört, was ich gesagt hab’?« sag- te Mike. »Daß ich Bammel hab’, in den Zoo zu gehen?« »Ja.« »Ich bin noch nie in einem Zoo gewesen, jedenfalls könnt’ ich mich nicht dran erinnern«, sagte Mike. »Was macht man eigentlich in so einem Zoo? Vielleicht weißt du’s?« »Man schaut in verschiedene Käfige und Freigehege hinein.« »Was für Tierarten gibt’s denn da so?« »Alle möglichen.« »Wilde Tiere, denk’ ich mir. Normalerweise wilde Tiere. Und exotische.« »Im Zoo von San Diego haben sie fast alle wilden Tie- re«, sagte Bruce., »Die haben auch einen von diesen … wie heißen die doch gleich? Koalabären?« »Ja.« »Ich hab’ mal einen Werbespot im Fernsehen gese- hen«, sagte Mike. »Da kam ein Koalabär drin vor. Die hüpfen. Irgendwie erinnern die mich an ein ausgestopftes Spielzeug.« Bruce sagte: »Die Leute, die in den zwanziger Jahren den guten alten Teddybären erfunden haben – den, mit dem die Kinder spielen –, haben den Koalabären als Vorbild genommen.« »Ach, wirklich? Ich hatte immer geglaubt, man müßte nach Australien fahren, um einen Koalabären zu sehen. Oder sind die da jetzt ausgestorben?« »In Australien gibt’s sie in rauhen Mengen«, sagte Bruce, »aber die Ausfuhr ist verboten. Egal, ob von le- benden Tieren oder von Fellen. Sie wären früher mal fast ausgerottet worden.« »Ich bin nie weit rumgekommen«, sagte Mike, »außer, wenn ich Stoff von Mexiko rauf nach Vancouver in Bri- tisch Kolumbien transportiert hab’. Aber ich hab’ immer die gleiche Route genommen, und darum hab’ ich nie was gesehen. Ich bin einfach nur mit Vollgas durch die Gegend gedüst, um’s hinter mich zu bringen. Ich fahr’ jetzt übrigens einen Wagen von der Anstalt. Wenn du dich danach fühlst, ich meine, wenn du dich richtig mies fühlst, dann fahr’ ich dich rum. Ich werde fahren, und wir können dabei reden. Mir macht das nichts aus. Eddie und ein paar andere, die jetzt nicht mehr hier sind, haben das auch für mich getan. Mir macht’s echt nichts aus. «, »Danke.« »Jetzt sollten wir uns aber alle beide in die Falle hau- en. Haben sie dich schon für den Küchendienst am Mor- gen eingeteilt? Tische decken und auftragen?« »Nein.« »Dann kannst du ja genauso lange pennen wie ich. Wir sehen uns dann also beim Frühstück, okay? Du setzt dich zu mir an den Tisch, und ich mach’ dich mit Laura bekannt.« »Wann wollt ihr heiraten?« »In sechs Wochen. Wir würden uns freuen, wenn du kommen würdest. Natürlich wird die Trauung hier im Gebäude sein, und darum werden sowieso alle dran teil- nehmen.« »Danke«, sagte er. * Er saß im Spiel, und sie schrien auf ihn ein. Gesichter überall, schreiende Gesichter; er senkte den Blick und starrte zu Boden. »Wißt ihr, was er ist? Ein Kußmäulchen!« Der Klang dieser Stimme, die noch schriller war als die anderen, ließ ihn aufblicken. Inmitten der entsetzlich schreienden Fratzen ein chinesisches Mädchen, das wie ein Dämon kreischte. »Du bist ein Kußmäulchen, genau das bist du!« »Kannst du dir einen runterholen? Kannst du dir einen runterholen?« sangen die anderen in endloser Wiederho- lung auf ihn ein; der Kreis, den sie auf dem Fußboden bildeten, schloß sich immer enger um ihn., Der Direktor des Zentrums, jetzt in roten Pluderhosen und rosa Pantoffeln, lächelte. Winzige, gesplitterte Glit- zeraugen, wie die eines Gespenstes. Sich vor und zurück wiegend, die Beine unter sich zusammengelegt, ohne Sitzkissen. »Los, wir wollen endlich sehen, wie du dir einen run- terholst!« Der Direktor schien es zu genießen, wenn seine Augen sahen, wie etwas zerbrach; seine Augen glänzten vor freudiger Erregung. Wie ein tuntiger alter Schmierenko- mödiant, der im Kreise seiner Verehrer hofhält, einge- hüllt in den Mantel seines Charismas, paradiesvogelbunt, spähte er umher und genoß. Und dann, von Zeit zu Zeit, trillerte seine Stimme heraus, schabend und monoton, wie Metall auf Metall. Eine knarrende Türangel. »Das Kußmäulchen!« heulte ihm das chinesische Mädchen entgegen; neben ihr flatterte ein Mädchen wie ein Vogel mit den Armen und blies ihre Backen auf, plop-plop. »Hier!« heulte das chinesische Mädchen und drehte sich herum, um ihm ihr Hinterteil entgegenzu- strecken, auf das sie dann mit dem Finger zeigte, wäh- rend sie ihn zugleich anheulte: »Dann küß mir doch den Arsch, Kußmäulchen! Er möchte andere Leute küssen! Küß doch das hier, Kußmäulchen!« »Wir wollen endlich sehen, wie du dir einen runter- holst!« psalmodierte die Familie. »Hol dir einen runter, Kußmäulchen!« Er schloß die Augen, aber seine Ohren hörten immer noch. »Du Tunte«, sagte der Direktor langsam zu ihm. Mo-, noton. »Du dämliches Stück Scheiße. Du Pimmel. Du Dreck. Du Arschwichser. Du –« Weiter und weiter. Seine Ohren nahmen immer noch Geräusche auf, aber die Töne vermischten sich jetzt alle miteinander. Er schaute nur einmal kurz auf, als er Mikes Stimme er- kannte, die sich über die anderen Stimmen erhob, als der Lärm für einen Moment ein wenig abebbte. Mike saß da und starrte ihn teilnahmslos an; sein Gesicht war ein biß- chen gerötet und die Haut seines Nackens wund und ge- schwollen von dem zu engen Kragen seines Hemdes. »Bruce«, sagte Mike. »Was ist mit dir los? Was hat dich hierhergebracht? Was möchtest du uns erzählen? Kannst du uns überhaupt irgendwas über dich erzählen?« »Tunte!« kreischte George, auf und ab hüpfend wie ein Gummiball. »Was warst du, du Tunte?« Das chinesische Mädchen sprang auf, schrill krei- schend: »Erzähl’s uns, du Schwanzlutscher! Wichsjunge! Arschficker! Scheißhaufen! Pisser!« Er sagte: »Ich bin wie ein Auge.« »Du Arschwichser«, sagte der Direktor. »Du Schwächling. Du Gewichs. Du Wichselecker. Du Fotze.« Er hörte jetzt nichts mehr. Und vergaß die Bedeutung der Worte und schließlich auch die Worte selbst. Das einzige, was er noch spürte, war Mike; Mike, der ihn ansah, ihn ansah und lauschte, aber nichts hörte. Er wußte nichts, er erinnerte sich an nichts, er fühlte kaum noch etwas, er fühlte sich schlecht, er wollte weg. Die Leere in ihm breitete sich immer weiter aus. Und er war sogar ein bißchen froh darüber., * Später am Tag. »Schau mal hier hinein«, sagte eine Frau. »Hier brin- gen wir die Freaks unter. « Er spürte eine unbestimmte Angst, als er die Tür öff- nete. Die Tür schwang beiseite, und aus dem Raum ergoß sich ein Lärm, dessen Ausmaß ihn überraschte; aber er sah viele kleine Kinder, die spielten. An jenem Abend beobachtete er zwei ältere Männer, die in einer abgeteilten kleinen Nische nahe der Küche saßen und die Kinder mit Milch und Babynahrung fütter- ten. Rick, der Koch, gab zuerst den beiden ältlichen Männern das Essen für die Kinder, während alle anderen im Speisesaal warteten. Ein chinesisches Mädchen, das Teller in den Speise- saal trug, lächelte ihn an und sagte: »Du magst Kinder?« »Ja«, sagte er. »Du kannst dich zu den Kindern setzen und da mit ih- nen essen.« »Oh«, sagte er. »Du kannst sie später auch mal füttern, so in ein oder zwei Monaten.« Sie zögerte. »Wenn wir sicher sein kön- nen, daß du sie nicht schlägst. Wir haben hier eine Regel: Die Kinder dürfen nie für etwas, das sie tun, geschlagen werden.« »Okay«, sagte er. Ihm wurde warm ums Herz, und er fühlte sich plötzlich wieder lebendig, als er die Kinder essen sah; er setzte sich, und eines der ganz kleinen Kin- der krabbelte ihm auf den Schoß. Er begann, das Kind, mit einem Löffel zu füttern. Das Kind und er selbst, dachte er, fühlten sich nun gleichermaßen geborgen. Das chinesische Mädchen lächelte ihm zu und ging dann mit den Tellern weiter in den Speisesaal. Eine lange Zeit über saß er mitten zwischen den Kin- dern und hielt erst eines, dann ein anderes. Die beiden ältlichen Männer stritten mit den Kindern und kritisierten gegenseitig ihre Füttermethoden. Der Tisch und der Fuß- boden waren über und über mit größeren und kleineren Essensbrocken und Schmierflecken bedeckt; erschrocken stellte er fest, daß schon alle Kinder gefüttert worden waren und nun in das große Spielzimmer strömten, um sich Zeichentrickfilme im Fernsehen anzuschauen. Lin- kisch beugte er sich vor, um das verschüttete Essen auf- zuwischen. »Nein, das ist nicht deine Aufgabe!« sagte einer der ältlichen Männer scharf. »Das soll ich machen.« »Okay«, stimmte er zu. Als er sich wieder erhob, stieß er sich den Kopf an der Tischkante. Seine Hände waren von Essen verschmiert, und er starrte sie nachdenklich an. »Geh und hilf dabei, den Speisesaal sauberzuma- chen!« sagte der andere Mann zu ihm. Er hatte einen leichten Sprachfehler. Einer von den Küchenhelfern sagte im Vorübergehen zu ihm: »Du brauchst eine Erlaubnis, um bei den Kindern sitzen zu dürfen.« Verwirrt stand er da und nickte. »Das ist was für die Alten«, sagte der Küchenhelfer. »Babysitten.« Er lachte. »Für die, die nichts anderes mehr können.« Er ging weiter., Ein Kind – ein kleines Mädchen – war in der Nische zurückgeblieben. Es musterte ihn mit großen Augen und sagte zu ihm: »Wie heißt’n du?« Er antwortete nicht. »Ich hab’ dich gefragt, wie du’n heißt?« Zögernd berührte er ein Stück Rindfleisch, das auf dem Tisch lag. Es war jetzt kalt. Aber er selbst fühlte sich immer noch warm, weil er sich der Gegenwart des Kindes an seiner Seite bewußt war; er berührte ihren Kopf, aber nur kurz. »Mein Name ist Thelma«, sagte das Kind. »Hast du deinen Namen vergessen?« Sie tätschelte ihn. »Wenn du deinen Namen öfters vergißt, kannst du ihn dir doch auf die Hand schreiben. Soll ich dir zeigen, wie?« Sie tät- schelte ihn wieder. »Wird er denn nicht abgegeben?« fragte er sie. »Wenn ich ihn mir auf die Hand schreibe und dann irgendwas tue oder ein Bad nehme, wird er doch sofort wieder ab- gewaschen.« »Oh, verstehe.« Sie nickte. »Tja, du könntest ihn auch an die Wand schreiben, über deinen Kopf. In dem Zim- mer, wo du drin schläfst. Am besten ganz weit oben, da- mit er nicht weggewischt werden kann. Und wenn du dann wissen willst, wie du heißt, mußt du nur –« »Thelma«, murmelte er. »Nein, das ist doch mein Name. Du heißt bestimmt anders. Und außerdem ist’s ein Mädchenname.« »Hm, mal überlegen«, sagte er und dachte angestrengt nach. »Das nächste Mal, wenn wir uns treffen, werde ich dir, einen Namen geben«, sagte Thelma. »Ich denk’ mir ei- nen für dich aus. Wie wär’s den mit ›Kay‹?« »Du wohnst doch auch hier, oder?« sagte er. »Ja, aber meine Mami dürfte jetzt eigentlich von hier weg. Sie ist noch am Überlegen, ob sie von hier weggeht und uns mitnimmt, mich und meinen Bruder.« Er nickte. Etwas von der Wärme, die ihn bisher erfüllt hatte, war von ihm gewichen. Urplötzlich, ohne erkennbaren Grund, rannte das Kind fort. Ich sollte mir selbst einen Namen ausdenken, ent- schied er; eigentlich ist das doch meine eigene Aufgabe. Er betrachtete eingehend seine Hand und fragte sich, wa- rum er das tat; da war nichts Besonderes zu sehen. Bruce, dachte er; das ist mein Name. Aber es müßte noch einen anderen, besseren Namen geben als den, dachte er. Die Wärme, die ihm noch geblieben war, verschwand nach und nach, ganz so wie das Kind. Er fühlte sich wieder allein und sehr weit weg von sich selbst und verloren. Und nicht sehr glücklich. * Eines Tages konnte Mike Westaway es so hindrehen, daß er losgeschickt wurde, um eine Fuhre halb verrotteten Gemüses abzuholen, die ein ortsansässiger Supermarkt dem Neuen Pfad gespendet hatte. Nachdem er sich je- doch vergewissert hatte, daß ihm niemand vom Personal folgte, tätigte er einen Telefonanruf und traf dann in ei- nem McDonald’s-Schnellimbiß Donna Hawthorne., Sie saßen zusammen draußen, und auf dem Holztisch zwischen ihnen standen Coke und Hamburger. »Haben wir es wirklich geschafft, ihn einzuschleu- sen?« erkundigte sich Donna. »Ja«, sagte Westaway. Aber bei sich dachte er: Der Typ ist so total ausgebrannt. Ich frage mich, ob uns das weiterbringt. Ich frage mich, ob wir damit wirklich einen entscheidenden Erfolg verbucht haben. Und doch mußte alles so ablaufen, wie es abgelaufen ist. »Sie haben noch keinen Verdacht geschöpft?« »Nein«, sagte Mike Westaway. Donna sagte: »Sind Sie sich eigentlich sicher, daß sie das Zeug anbauen?« »Nein. Aber das zählt nicht. Die da oben glauben es.« Die, die uns bezahlen, dachte er. »Was bedeutet der Name?« »Mors ontologica. Tod der Seele. Der Identität. Des innersten Wesens.« »Wird er dazu fähig sein, zu handeln?« Westaway betrachtete die Autos und die Menschen, die vorüberströmten, mit schwermütigem Blick, während er zugleich in seinem Essen herumstocherte. »Wer kann das schon sagen?« »Man kann es nie mit Sicherheit wissen, bis der ent- scheidende Augenblick da ist. Eine vage Erinnerung. Ein paar durchgeschmorte Gehirnzellen, die noch ein bißchen weiterflackern. Wie ein Reflex. Reagieren, nicht agieren. Wir können nur hoffen. Erinnern Sie sich, was Paulus in der Bibel sagt: Glaube, Hoffnung und Selbstaufgabe bis zum letzten Cent.« Er musterte eingehend das hübsche,, dunkelhaarige Mädchen, das ihm gegenübersaß, und ihr intelligentes Gesicht verriet ihm, warum Bob Arctor – nein, dachte er; ich muß von ihm immer nur als Bruce denken. Andernfalls gebe ich zu, daß ich zuviel weiß: Dinge, die ich nicht wissen sollte, nicht wissen kann. Et- wa, warum Bruce so viel von ihr hielt. Jedenfalls damals, als er noch fähig war, zu denken. »Er ist sehr gründlich auf seine Aufgabe vorbereitet worden«, sagte Donna in einem, wie es ihm vorkam, un- gewöhnlich hoffnungslosen Tonfall. Und gleichzeitig huschte ein Ausdruck von Trauer über ihr Gesicht und entstellte es. »Ein so hoher Preis«, sagte sie dann wie zu sich selbst und nippte an ihrer Coke. Er dachte: Aber es gibt keinen anderen Weg. Anders kann man nicht hineinkommen. Ich kann nicht hinein- kommen. Das ist jetzt endgültig sicher; ich muß nur dar- an denken, wie lange ich es versucht habe. Sie werden nur eine ausgebrannte Hülle wie Bruce hereinlassen. Je- manden, der harmlos ist. Er würde so sein müssen wie … ja, genau so, wie er jetzt ist. Sonst würden sie das Risiko nicht eingehen. Das ist ihr Grundsatz. »Die Regierung verlangt schrecklich viel«, sagte Don- na. »Das Leben verlangt schrecklich viel.« Sie hob ihren Blick und starrte ihn voller mühsam un- terdrückter Wut an. »In diesem Fall doch wohl die Bun- desregierung. Und sie verlangt es von Ihnen, von mir, von –« Sie unterbrach sich. »Von dem, was einmal mein Freund war.« »Er ist immer noch Ihr Freund. «, Donna sagte heftig: »Ja, das, was von ihm übrigge- blieben ist.« Das, was von ihm übriggeblieben ist, dachte Mike Westaway, sucht immer noch nach dir. Auf seine Weise jedenfalls. Auch er fühlte sich niedergeschlagen. Aber der Tag war schön, die Menschen und die Autos ringsum ließen seine Stimmung wieder besser werden, und die Luft roch gut. Und endlich bestand wieder Aussicht auf Erfolg; das beflügelte ihn am meisten. Sie waren so weit gekommen, und jetzt konnten sie den Rest des Weges auch noch schaffen. Donna sagte: »Ich glaube wirklich, es gibt nichts, was schrecklicher wäre, als jemanden oder etwas – ein leben- des Geschöpf zu opfern, ohne daß dieses Geschöpf je- mals erfährt, was mit ihm geschieht. Wenn er es nur wüß- te! Wenn er es nur verstehen würde und sich freiwillig zur Verfügung stellen würde. Aber –« Sie hob resignie- rend die Hände. »Er weiß es nicht; er hat es nie gewußt. Er hat sich nicht freiwillig –« »Natürlich hat er das. Es gehört zu seinem Job.« »Es ist ihm nie zu Bewußtsein gekommen, und auch jetzt ist es ihm noch nicht bewußt, weil er jetzt überhaupt kein aktives Bewußtsein mehr hat. Sie wissen das genau- sogut wie ich. Und er wird nie wieder in seinem Leben, nie wieder, solange er lebt, ein aktives Bewußtsein ha- ben. Nur noch Reflexe. Und das war kein Betriebsunfall; es sollte passieren. Darum lastet ein schlechtes Karma auf uns. Ich spüre es auf meinem Rücken. Wie ein Leichnam. Ich trage einen Leichnam mit mir herum – Bob Arctors Leichnam. Auch wenn er klinisch gesehen, noch lebt.« Ihre Stimme war laut geworden; Mike We- staway bedeutete ihr, sich zu mäßigen, und mit sichtli- cher Anstrengung zwang sie sich wieder zur Ruhe. Von den anderen Holztischen hatten schon andere Gäste, die dort genußvoll ihre Hamburger und Shakes verzehrten, fragend herübergeblickt. Nach einer Pause sagte Westaway: »Betrachten Sie es doch einmal unter diesem Aspekt – man kann nicht etwas … jemanden verhören, der keinen Verstand hat.« »Ich muß zurück zur Arbeit«, sagte Donna. Sie schau- te auf die Armbanduhr. »Ich werde ihnen berichten, daß alles okay zu sein scheint, wenn man von dem ausgeht, was Sie mir erzählt haben. Ihrer Einschätzung nach.« »Warten Sie bis zum Winter«, sagte Westaway. »Winter?« »Bis dahin wird es dauern. Fragen Sie nicht, warum, aber so ist es nun mal; entweder wird es im Winter klap- pen, oder es läuft überhaupt nicht. Wir werden es dann schaffen oder nie.« Genau zur Sonnenwende, dachte er. »Ein angemessener Zeitpunkt. Dann, wenn alles tot ist und unter dem Schnee begraben.« Er lachte. »In Kalifornien?« »Der Winter der Seele. Mors ontologica. Wenn der Geist tot ist.« »Nur am Schlafen«, sagte Westaway. Er erhob sich. »Ich muß auch abhauen. Ich muß eine Fuhre Gemüse abholen.« Donna starrte ihn mit einem Blick an, in dem zugleich stumme Trauer, Schmerz und Bestürzung lagen. »Für die Küche«, sagte Westaway sanft. »Möhren und, Salat. Richtiges Gemüse. Gespendet von McCoy’s Su- permarkt, für uns Arme vom Neuen Pfad. Tut mir leid, daß ich das gesagt habe. Es sollte kein Witz sein. Es soll- te überhaupt nichts bedeuten.« Er tätschelte ihre in Leder gehüllte Schulter. Und als er das tat, kam ihm auf einmal der Gedanke, daß vielleicht Bob Arctor diese Jacke als Geschenk für sie gekauft hatte – in besseren, glückliche- ren Tagen. »Wir arbeiten schon lange in dieser Angelegenheit zu- sammen«, sagte Donna in gedämpftem, ruhigem Tonfall. »Ich möchte nicht mehr viel länger daran arbeiten. Ich wünsche mir, daß das endlich aufhört. Manchmal, wenn ich nachts nicht schlafen kann, denke ich mir: Scheiße, wir sind kälter als sie. Als der Gegner.« »Ich sehe nichts Kaltes, wenn ich Sie anschaue«, sagte Westaway. »Aber natürlich kenne ich Sie eigentlich nicht sehr genau. Was ich allerdings sehe – und ich glaube nicht, daß ich mich täusche –, ist einer der warmherzig- sten Menschen, die ich je kennengelernt habe. « »Ich bin nach außen hin warm, und die Leute können nur die Außenseite sehen. Warme Augen, ein warmes Gesicht, ein warmes, vorgetäuschtes Scheiß-Lächeln, aber innendrin bin ich die ganze Zeit über kalt und voller Lügen. Ich bin nicht das, was ich zu sein scheine; in Wirklichkeit bin ich schrecklich.« Die Stimme des Mäd- chens blieb ruhig, und während sie sprach, lächelte sie. Ihre Pupillen waren groß und sanft und ohne Arglist. »Aber dann wieder sage ich mir, daß es nicht anders geht. Oder? Ich habe das vor langer Zeit begriffen und mich gezielt so gemacht, wie ich jetzt bin. Aber eigent-, lich ist das gar nicht so schlecht. Auf diese Weise be- kommt man alles, was man will. Und bis zu einem ge- wissen Grad ist jeder so. Nur eines an mir ist tatsächlich schlimm – ich bin ein Lügner. Ich habe meinen Freund angelogen. Ich habe Bob Arctor die ganze Zeit über be- logen. Ich habe ihm sogar einmal gesagt, er solle bloß nichts von dem glauben, was ich sagte, aber natürlich hat er gedacht, ich würde nur scherzen; er hat nicht auf mich gehört. Aber nachdem ich es ihm einmal gesagt habe, lag es doch nur noch an ihm, ob er von da an noch auf mich hören und mir glauben wollte oder nicht. Ich habe ihn gewarnt. Aber er hat das, was ich ihm gesagt habe, sofort wieder vergessen und einfach weitergemacht. Ist einfach auf seinem Weg weitergegangen, ohne nach rechts oder links zu schauen.« »Sie haben getan, was Sie tun mußten. Sie haben sogar mehr getan, als Sie tun mußten.« Das Mädchen entfernte sich langsam vom Tisch. »O- kay, dann gibt es soweit also nichts, was ich berichten müßte. Außer Ihrer optimistischen Einschätzung. Einfach nur, daß er eingeschleust worden ist und sie den Köder geschluckt haben. Sie haben nichts aus ihm herausge- kriegt bei diesen –« Sie schauderte. »Diesen gemeinen Spielen.« »Richtig.« »Dann bis später.« Sie hielt inne. »Die Regierungsleu- te werden nicht bis zum Winter warten wollen.« »Im Winter oder nie«, sagte Westaway. »Zur Winter- sonnenwende.« »Zur was?«, »Warten Sie einfach ab«, sagte er. »Und beten Sie.« »Das ist Quatsch«, sagte Donna. »Beten, meine ich. Ich habe früher mal gebetet, sehr viel sogar, aber jetzt nicht mehr. Wir würden das, was wir tun, nicht tun müs- sen, wenn Gebete funktionieren würden. Das ist nur wie- der so ein Selbstbetrug.« »Das sind die meisten Sachen.« Als sie sich langsam noch ein paar Schritte zurückzog, folgte er ihr, weil er sich zu ihr hingezogen fühlte; Zuneigung für sie empfand. »Ich glaube nicht, daß Sie Ihren Freund zerstört haben. Mir scheint, Sie sind genausosehr zerstört worden, ebensosehr ein Opfer. Nur tritt das bei Ihnen nicht so offen zutage. Aber wie dem auch sei – es gab keine andere Wahl.« »Ich werde in die Hölle kommen«, sagte Donna. Sie lächelte plötzlich, ein breites, jungenhaftes Grinsen. »Meine katholische Erziehung.« »In der Hölle verkaufen die einem jetzt Klingelbeutel, und wenn man heimkommt, sind lauter kleine McDo- nald’s-Hamburger drin.« »Und die sind aus Truthahnscheiße«, sagte Donna. Und dann, ganz plötzlich, war sie verschwunden. Hatte sich zwischen den ziellos dahineilenden Menschen ver- flüchtigt; er blinzelte. Ob Bob Arctor das gleiche gefühlt hat wie ich jetzt? dachte er. Bestimmt. Im einen Augen- blick war sie noch da, und sie schien so dauerhaft zu sein, als würde sie für alle Ewigkeit auch bleiben; dann – nichts. Verschwunden wie Feuer oder Luft, ein Element der Erde, das in die Erde zurückkehrt. Sich mit den Je- dermann-Menschen vermischt, die es immer gab und immer geben wird. In ihrer Mitte ausgegossen. Das Mäd-, chen, das verdunstete, dachte er. Das sich nach Belieben wandelt. Das kommt und geht, ganz wie sie will. Und niemand, nichts, kann sie fassen. Ich versuche, den Wind mit Netzen einzufangen, dach- te er. Und das hatte auch Arctor versucht. Wie sinnlos es doch ist, dachte er, einen Rauschgiftagenten der Regie- rung festhalten zu wollen. Sie sind substanzlos. Schatten, die mit dem Hintergrund verschmelzen, wenn ihr Job das von ihnen fordert. Als ob sie eigentlich schon vorher gar nicht dagewesen wären. Arctor, dachte er, hat ein von den Behörden geschaf- fenes Trugbild geliebt, eine holografische Projektion, durch die ein gewöhnlicher Mensch wieder und wieder hindurchgehen kann, nur um am Ende allein herauszu- kommen. Allein und ohne auch nur für einen Augenblick wirklich in ihr Innerstes eingedrungen zu sein – in das Mädchen selbst. Der Wille des Herrn, überlegte er, ist es, aus dem Bö- sen das Gute zu erschaffen. Wenn Er hier aktiv ist, tut Er das auch gerade jetzt, obwohl unsere Augen es nicht wahrnehmen können; der Prozeß liegt unter der Oberflä- che der Wirklichkeit verborgen und kommt erst viel spä- ter zum Vorschein. Vielleicht für unsere Nachgeborenen, jene armseligen Wesen, die nichts von dem Kampf wis- sen werden, den wir durchgestanden haben, und nichts von den Verlusten, die wir hinnehmen mußten – außer, wenn sie vielleicht in einer Fußnote zu einem unbedeu- tenden Buch einen Hinweis darauf finden. Irgendeine kurze Randnotiz, in der nicht einmal die Namen der Ge- fallenen aufgeführt sind., Irgendwo, dachte er, sollte man ein Denkmal mit den Namen all jener errichten, die in diesem Krieg gestorben sind. Und auch derer sollte gedacht werden, denen das noch schlimmere Schicksal zuteil geworden ist, nicht zu sterben. Die weiterleben mußten, über ihren Tod hinaus. Wie Bob Arctor. Der tragischste Fall überhaupt. Ich habe das Gefühl, daß Donna ein Söldner ist. Je- mand, der nicht auf der gewöhnlichen Gehaltsliste steht. Und solche Söldner sind noch mehr als die anderen wie flüchtige Gespenster. Sie verschwinden für immer. Man fragt sich, wo sie jetzt ist, und die Antwort darauf lautet – Nirgendwo. Weil sie nämlich sowieso nie dagewesen ist. Mike Westaway nahm wieder an dem Holztisch Platz, um seinen Hamburger aufzuessen und seine Coke auszu- trinken. Denn das war immerhin noch besser als alles, was man ihnen im Neuen Pfad vorsetzte – selbst wenn der Hamburger aus Kuhfladen bestehen sollte. Der Gedanke, Donna zurückzurufen, den Versuch zu unternehmen, sie zu finden oder sie zu besitzen … Ich suche das, was auch Bob Arctor gesucht hat, und darum ist er jetzt vielleicht sogar besser dran als vorher, trotz allem. Auch vorher war seine Existenz schon tragisch. Einen Luftgeist zu lieben – das war die eigentliche Tra- gödie. Die Hoffnungslosigkeit an sich. Ihr Name würde in keinem Buch erscheinen. Nirgendwo in den Annalen der Menschheit: kein Wohnort, kein Name. Es gibt sol- che Mädchen, dachte er, und genau die liebst du am mei- sten: die, bei denen es keine Hoffnung gibt, weil sie sich dir gerade in dem Moment, da du deine Hände um sie schließt, auch schon entzogen haben., Also haben wir ihn vielleicht vor einem noch schlim- meren Geschick gerettet, schloß Westaway. Und zugleich das, was von ihm übriggeblieben ist, sinnvoll eingesetzt. Für einen guten und nützlichen Zweck. Wenn wir Glück haben. * »Kennst du irgendwelche Geschichten?« fragte Thelma eines Tages. »Ich kenne die Geschichte vom Wolf«, sagte Bruce. »Vom Wolf und der Großmutter?« »Nein«, sagte er. »Vom schwarzweißen Wolf. Er lebte oben in einem Baum und sprang von dort aus wieder und wieder hinunter auf die Tiere des Bauern. Eines Tages schließlich rief der Bauer alle seine Söhne und die Freun- de seiner Söhne zusammen, und sie stellten sich rund um den Baum auf und warteten darauf, daß der schwarzwei- ße Wolf heruntersprang. Am Ende stürzte sich der Wolf tatsächlich auf ein räudiges braunes Tier, und da wurde er in seinem schwarzweißen Mantel von ihnen allen ge- meinsam erschossen. « »Oh«, sagte Thelma, »das ist aber schlimm.« »Aber sie retteten den Pelz«, fuhr er fort. »Sie enthäu- teten den großen schwarzweißen Wolf, der sich aus dem Baum schnellte, und bewahrten seinen wunderschönen Pelz auf, damit jene, die auf ihn folgten, jene, die nach ihm kamen, sehen konnten, wie er ausgeschaut hatte, und ihn in all seiner Kraft und Herrlichkeit bewundern konn- ten. Und zukünftige Generationen erzählten sich voller, Ehrfurcht die vielen Geschichten, die sich um seine Tap- ferkeit und seine Würde rankten, und sie beweinten sei- nen Tod.« »Warum haben sie ihn erschossen?« »Es mußte sein«, sagte er. »Wölfe wie den muß man erschießen.« »Kennst du sonst noch irgendwelche Geschichten? Bessere?« »Nein«, sagte er, »das ist die einzige Geschichte, die ich kenne.« Und er saß da und erinnerte sich daran, wie sehr der Wolf seine überlegenen Fähigkeiten genossen hatte und was für ein gutes Gefühl es gewesen war, sich wieder und wieder mit diesem geschmeidigen Körper vom Baum hinunterzuschnellen. Aber jetzt gab es diesen Körper nicht mehr; sie hatten den Wolf niedergeschos- sen. Und das wegen ein paar magerer Tiere, die sowieso nur abgeschlachtet und gegessen wurden. Kraftlose Tie- re, die nie sprangen und die auf ihren Körper nicht stolz sein konnten. Aber andererseits – und das mochte auf seine Weise auch etwas Gutes sein – schleppten sich die- se Tiere immer irgendwie vorwärts. Und der schwarz- weiße Wolf hatte sich nie beklagt; er hatte nichts gesagt, nicht einmal dann, als sie ihn erschossen. Seine Klauen waren immer noch tief in seine Beute vergraben gewe- sen. Aus keinem besonderen Grund. Nur, weil das eben so seine Art war und er es gerne tat. Er konnte sich nicht anders verhalten, kannte keinen anderen Lebensstil. Und schließlich erwischten sie ihn eben. »Ich bin der Wolf«, rief Thelma und sprang unge- schickt durch den Raum. »Wuff, wuff!« Sie schnappte, nach verschiedenen Gegenständen und verfehlte sie doch alle, und bestürzt erkannte er, daß etwas mit ihr nicht in Ordnung war. Zum ersten Mal sah er, daß sie hirnge- schädigt war, und das erfüllte ihn mit einer unbestimmten Angst. Wie konnte so etwas nur geschehen? »Er sagte: »Du bist nicht der Wolf.« Aber trotzdem stolperte sie nach wie vor, als sie her- umtappte und herumhinkte; trotzdem blieb, wie er plötz- lich begriff, die Hirnschädigung weiter bestehen. Er frag- te sich, wie es möglich war, daß … Ich unglücksel’ger Atlas! Eine Welt, Die ganze Welt der Schmerzen muß ich tragen, Ich trage Unerträgliches, und brechen Will mir das Herz im Leibe.* ein solches Maß an Leid existieren konnte. Er ging weg. Hinter ihm spielte sie immer noch. Sie strauchelte und fiel. Was mag man dabei empfinden? fragte er sich. * Er wanderte den Korridor entlang, weil er den Staubsau- ger suchte. Es war ihm aufgetragen worden, sorgfältig das große Spielzimmer zu saugen, in dem die Kinder den größten Teil des Tages verbrachten. »Die Halle hinunter rechts.« Jemand wies ihm den Weg. Earl. * Anm. d. Übers.: Deutsch im Original, »Danke, Earl«, sagte er. Als er vor der geschlossenen Tür stand, wollte er ei- gentlich erst klopfen, aber dann öffnete er sie statt dessen einfach so. In dem Raum stand eine alte Frau, die drei Gummibäl- le in der Hand hielt, mit denen sie jonglierte. Ihr graues, strähniges Haar hing ihr bis auf die Schultern. Sie wandte sich ihm zu und grinste ihn zahnlos an. Sie trug weiße Sportsöckchen und Tennisschuhe. Er sah, daß ihre Augen tief in den Höhlen lagen; grinsende, eingesunkene Au- gen, leerer Mund. »Schaffst du das auch?« schnaufte sie und warf alle drei Bälle hoch in die Luft. Sie fielen herab, trafen sie, sprangen auf den Fußboden. Sie beugte sich über die Bäl- le und lachte. Aus ihrem Mundwinkel tropfte Speichel. »Nein«, sagte er und stand einfach nur da, zutiefst er- schreckt. »Aber ich.« Das dünne alte Geschöpf, dessen Armge- lenke bei jeder Bewegung knackten, hob die Bälle wieder auf, blinzelte kurzsichtig und versuchte es noch mal. Jemand erschien neben Bruce in der Tür und stellte sich neben ihn, um ebenfalls zuzuschauen. »Wie lange übt sie schon?« sagte Bruce. »Ganz schön lange.« Der andere rief der Frau zu: »Versuch’s noch mal. Bald hast du den Dreh raus!« Die alte Frau gackerte, während sie sich niederbeugte und mit den Händen umhertastete, um die Bälle wieder aufzuheben. »Einer ist da drüben«, sagte die Person neben Bruce. »Unter dem Nachtschränkchen.«, »Ohhhhhhh!« keuchte sie. Sie sahen zu, wie die alte Frau wieder und wieder neue Versuche unternahm – die Bälle fallen ließ, die Bälle wieder aufhob, sorgfältig zielte, sich selbst ausbalancier- te, die Bälle hoch in die Luft warf und sich dann krümm- te, als sie auf sie herniederregneten und sie dabei manchmal auf den Kopf trafen. Die Person neben Bruce schnüffelte und sagte nase- rümpfend: »Donna, du solltest dich jetzt besser waschen gehen. Du bist nicht sauber.« Seltsam berührt sagte Bruce: »Das ist nicht Donna. Ist das wirklich Donna?« Er hob den Kopf, um die alte Frau zu beäugen, und er spürte ein großes Entsetzen in sich; so etwas wie Tränen standen in den Augen der alten Frau, als sie seinen Blick erwiderte, aber sie lachte, lachte, als sie die drei Bälle auf ihn warf, begierig, ihn zu treffen. Er duckte sich. »Nein, Donna, das sollst du doch nicht tun«, sagte die Person neben Bruce zu ihr. »Nicht nach anderen Leuten werfen. Probier einfach nur, das nachzumachen, was du im Fernsehen gesehen hast. Du weißt schon, fang sie selbst wieder auf und werf sie sofort wieder hoch. Aber zuerst machst du dich jetzt mal sauber; du stinkst.« »Okay«, stimmte die alte Frau zu und eilte davon, ge- bückt und klein. Die drei Gummibälle, die immer noch auf dem Boden umherrollten, ließ sie zurück. Die Person neben Bruce schloß die Tür, und sie gin- gen gemeinsam durch die Halle. »Wie lange ist Donna schon hier?« sagte Bruce. »Lange. Sie war schon da, bevor ich gekommen bin,, und das ist sechs Monate her. Sie versucht seit ungefähr einer Woche zu jonglieren.« »Dann ist das nicht Donna«, sagte er. »Nicht, wenn sie schon so lange hier ist. Ich bin nämlich gerade erst vor einer Woche hierhergekommen.« Und Donna, dachte er, hat mich mit ihrem MG hierhergefahren. Ich erinnere mich daran, weil wir anhalten mußten, um Kühlflüssig- keit nachfüllen zu lassen. Und da sah sie noch gut aus. Ruhig und gelassen, mit dunklen, traurigen Augen, in Lederjäckchen und Stiefeln, mit dem Geldbeutel, an dem der Hasenfuß baumelte. So, wie sie immer aussieht. Dann ging er weiter, immer noch auf der Suche nach dem Staubsauger. Er fühlte sich jetzt viel besser. Aber er verstand nicht, warum.,

XV

Bruce sagte: »Könnte ich irgendwo arbeiten, wo es Tiere gibt?« »Nein«, sagte Mike, »ich glaube, ich werde dich auf eine unserer Farmen schicken. Ich möchte, daß du es erst mal mit Pflanzen versuchst, ein paar Monate lang. Drau- ßen im Freien, wo du den Boden berühren kannst. Die Menschen versuchen viel zu oft, nach dem Himmel zu greifen. Diese ganzen Raumsonden, die sie mit Raketen hochschicken … Ich möchte, daß du mit dem Boden –« »Ich möchte aber bei etwas Lebendigem sein. « Mike erklärte: »Der Boden ist lebendig. Die Erde lebt noch. Das wird dir gut tun. Hast du Ahnung von Land- wirtschaft? Weißt du, wie man sät, den Boden kultiviert und erntet?« »Ich hab’ in einem Büro gearbeitet.« »Von jetzt an wirst du im Freien arbeiten. Wenn dein Verstand zurückkommen soll, dann muß das auf natürli- chem Wege geschehen. Du kannst nicht durch eigene Anstrengungen wieder zu denken lernen. Du kannst nur immer weiter arbeiten, also zum Beispiel auf unseren Gemüseplantagen – wie wir sie nennen – die Saat aus- streuen oder den Boden bestellen. Oder Insekten vernich- ten. Das machen wir viel – Insekten mit der richtigen Sorte Sprays ausrotten. Wir sind allerdings bei der Ver- wendung von Sprays sehr vorsichtig. Sie können mehr Schaden anrichten, als sie Nutzen bringen. Sie können nicht nur die Ernte oder den Boden vergiften, sondern, auch den, der sie benutzt. Sein Gehirn angreifen.« Er füg- te hinzu: »So wie deins.« »Okay«, sagte Bruce. Man hat dich eingesprüht, dachte Mike, als er auf den Mann ihm gegenüber blickte, und darum bist du jetzt zu einer Wanze geworden. Wenn man eine Wanze mit ei- nem Gift besprüht, dann stirbt sie; wenn man einen Mann, sein Gehirn, damit besprüht, dann wird er zu ei- nem klickenden und klackenden Insekt, das sich für im- mer in einem geschlossenen Kreis bewegt. Eine Reflex- maschine, wie eine Ameise. Eine Maschine, die immer nur die letzte Anweisung wiederholt, die man ihr gege- ben hat. Dein Gehirn wird nie mehr etwas Neues aufnehmen, dachte Mike, weil dieses Gehirn sich aufgelöst hat. Und zugleich mit dem Gehirn auch jener Mensch, der einmal aus diesem Kopf herausschaute. Jener Mensch, den ich nie gekannt habe. Aber wenn er an den richtigen Ort und in die richtige Stellung gebracht wird, kann er vielleicht immer noch hinunterschauen und den Boden sehen. Und erkennen, daß dieser Boden existiert. Und etwas, das lebt, das also anders ist als er, darin einpflanzen. Auf daß es wachse und Frucht bringe. Denn genau das ist es ja, was er oder es nicht mehr kann: Diese Kreatur neben mir ist gestorben und kann darum niemals wieder wachsen. Es kann nur nach und nach immer mehr verfallen, bis das, was übrigbleibt, auch tot ist. Und dann karren wir das weg. Jemand, der tot ist, dachte Mike, hat keine große Zu-, kunft mehr. Für gewöhnlich hat er nur noch seine Ver- gangenheit. Und für Arctor-Fred-Bruce gibt es nicht einmal mehr die Vergangenheit, sondern nur noch den gegenwärtigen Augenblick. Neben Mike, auf dem Beifahrersitz des von ihm ge- steuerten hauseigenen Wagens, hüpfte die eingefallene Gestalt auf und ab. Das Rütteln des Wagens übertrug sich auf sie, setzte sie in Bewegung. Ich möchte zu gerne wissen, dachte Mike, ob es wirk- lich der Neue Pfad war, der ihm das angetan hat. Der ei- nen Stoff in die Welt hinausgeschickt hat, um ihn zu dem zu machen, was er jetzt ist. Um ihn in diesen Zustand zu versetzen, damit sie ihn schließlich wieder bei sich auf- nehmen konnten. Und um auf diese Weise, dachte er, inmitten des Cha- os eine Zivilisation nach ihrem Bilde aufzubauen. Wenn man wirklich von einer »Zivilisation« sprechen kann. Er wußte es nicht. Er war noch nicht lange genug beim Neuen Pfad gewesen; ihre Ziele, so hatte der Direktor ihn einmal belehrt, würde er erst erfahren dürfen, wenn er für weitere zwei Jahre dem Mitarbeiterstab angehört hatte. Jene Ziele, hatte der Direktor gesagt, hatten nichts mit der Rehabilitation von Drogensüchtigen zu tun. Niemand außer Donald, dem Direktor, wußte, wo die Gelder herkamen, mit denen sich der Neue Pfad finan- zierte. Aber es war immer genügend Geld da. Tja, dachte Mike, man kann schon eine schöne Stange Geld machen, wenn man Substanz T herstellt. Draußen auf verschiede- nen ländlichen Farmen in abgeschiedener Lage, in klei-, nen Läden, in diversen Institutionen, die unter dem Eti- kett »Schulen« liefen. Herstellung, dann Verteilung und schließlich Verkauf. Profite allerorten. Sie reichten be- stimmt dafür, daß der Neue Pfad solvent blieb und weiter gedeihen konnte – und wahrscheinlich sogar für mehr. Für eine ganze Reihe von Endzielen. Die sich daraus bestimmten, was der Neue Pfad ei- gentlich vorhatte. Er wußte etwas – die für die Eindämmung des Dro- genhandels zuständige Regierungsstelle wußte etwas –, von dem der größte Teil der Öffentlichkeit, ja selbst die Polizei, keine Ahnung hatte. Wie Heroin war auch Substanz T organisch und kei- neswegs ein Laborprodukt. Und darum war es nicht ohne Doppelsinn, wenn er, wie so oft, nun dachte, daß all diese Profite dazu beitru- gen, den Neuen Pfad gut bei Kasse zu halten und ihn ge- deihen zu lassen. Die Lebenden, dachte er, sollten nie dazu benutzt wer- den, den Absichten der Toten zu dienen. Aber die Toten – er warf einen flüchtigen Blick auf Bruce, die leere Hül- le neben ihm – sollten, wenn möglich, den Absichten der Lebenden dienen. Das, überlegte er, ist das Gesetz des Lebens. Und wenn die Toten überhaupt noch etwas fühlen konnten, dann mochten sie sich vielleicht besser fühlen, wenn sie das taten. Die Toten, dachte Mike, die immer noch sehen kön- nen, selbst wenn sie nichts mehr begreifen: Sie sind unse- re Kamera.,

XVI

Unter dem Ausguß in der Küche, bei den Seifenkisten und Bürsten und Eimern, fand er ein kleines Knochen- stückchen. Es sah irgendwie menschlich aus, und er frag- te sich, ob das Jerry Fabin sein mochte. Dieser Fund weckte in ihm die Erinnerung an ein Er- eignis, das schon sehr lange zurückliegen mußte. Einmal hatte er mit zwei anderen Typen zusammengewohnt, und manchmal hatten sie im Scherz behauptet, eine Ratte namens Fred zu besitzen, die unter dem Ausguß lebte. Und als sie einmal total pleite gewesen waren, so pfleg- ten sie ihren Bekannten zu erzählen, hatten sie den armen alten Fred aufgegessen. Vielleicht war das hier einer der Knochen jener Ratte, die unter dem Ausguß gehaust hatte. Die sie erfunden hatten, damit sie nicht so allein waren. * Die Gespräche im Gemeinschaftsraum. »Dieser Typ war noch ausgeflippter, als er nach außen hin wirkte. Ich spürte das. Eines Tages fuhr er hinauf nach Ventura und kurvte überall rum, um einen alten Freund zu suchen, der landeinwärts in Richtung Ojai wohnte. Er erkannte das Haus, ohne nach der Nummer zu sehen, hielt an und fragte die Leute, ob er mit Leo spre- chen könne. ›Leo ist schon tot. Tut mir leid, daß Sie das nicht wußten.‹ Und darauf sagt dieser Typ zu ihnen:, ›Okay, dann komme ich eben nächsten Donnerstag noch mal wieder.‹ Und er fuhr weg, fuhr zurück die Küste run- ter, und ich schätze, daß er am Donnerstag wieder rauf- gefahren ist, um Leo zu suchen. Wie findet ihr das?« Er hörte ihrer Unterhaltung zu und trank dabei seinen Kaffee. »– es funktioniert echt, das Telefonbuch, in dem nur eine einzige Nummer drinsteht; egal, wen man sprechen will, man wählt immer diese eine Nummer. Seite um Sei- te immer nur die gleiche Nummer … ich sprech’ natür- lich von ‘ner total ausgeflippten Gesellschaft. Und in deiner Brieftasche hast du diese Nummer auch, die Nummer, hingekritzelt auf Zettel und Karten, für ver- schiedene Leute. Und wenn du die Nummer vergißt, dann könntest du niemanden mehr anrufen.« »Du könntest die Auskunft anrufen.« »Die hat dieselbe Nummer.« Er hörte immer noch zu; er fand den Ort, den sie da beschrieben, sehr interessant. Wenn man anrief, hörte man vielleicht »Kein Anschluß unter dieser Nummer«, oder jemand meldete sich und sagte: »Tut mir leid, Sie sind falsch verbunden. Haben Sie vielleicht die falsche Nummer gewählt?« Und darum rief man noch mal an, wählte einfach wieder dieselbe Nummer, und diesmal war die Person dran, die man sprechen wollte. Wenn man zum Arzt ging – es gab nur einen, und der war Spezialist für alles –, dann gab es nur eine Medizin. Nachdem der Arzt einen untersucht hatte, pflegte er im- mer diese Medizin zu verschreiben. Man brachte das Re- zept zur Apotheke, um es dort einzulösen, aber der Apo-, theker konnte nie lesen, was der Doktor geschrieben hat- te, und darum gab er einem die einzige Pille, die er hatte, nämlich Aspirin. Und das half immer, ganz egal, was man hatte. Wenn man gegen das Gesetz verstieß, dann immer nur gegen das eine Gesetz, gegen das alle wieder und wieder verstießen. Der Bulle schrieb alles sorgfältig auf: welches Gesetz, welcher Verstoß. Jedesmal. Und auf jede Geset- zesverletzung, von der Verkehrsgefährdung bis hin zum Verrat, stand immer dieselbe Strafe, und das war die To- desstrafe. Es gab zwar Bemühungen, die Todesstrafe ab- zuschaffen, aber dazu durfte es letztlich doch nicht kommen, weil es dann ja zum Beispiel für Verkehrsge- fährdung überhaupt keine Strafe mehr gegeben hätte. Also blieb man bei der alten Regelung, und das Volk zehrte sich von innen heraus aus und starb. Aber eigent- lich konnte man in diesem Fall wohl doch nicht von »Sterben« sprechen – die Bürger waren schon vorher tot gewesen. Sie verblaßten einfach nur ein bißchen mehr, wenn sie das Gesetz brachen, einer nach dem anderen, und lösten sich dann am Ende nur irgendwie endgültig auf. Er dachte: Und wenn die Leute dann hören, daß der letzte von ihnen verschwunden ist, werden sie bestimmt sagen, ›Möchte ja zu gerne wissen, was das eigentlich für Menschen waren. Hm – tja, am besten kommen wir am Donnerstag noch mal wieder.‹ Obwohl er sich nicht si- cher war, lachte er, und als er seine Geschichte laut er- zählte, lachten auch alle anderen im Aufenthaltsraum. »Sehr gut, Bruce«, sagten sie., Dieser Satz wurde bald zu einer Art geflügeltem Wort; wenn einer der Insassen des Samarkand House etwas nicht verstand oder etwas, das er holen sollte – etwa eine Rolle Toilettenpapier –, nicht finden konnte, dann pflegte er zu sagen: »Tja, dann komme ich wohl am besten am Donnerstag noch mal wieder.« Im allgemeinen wurde dieser Slogan ihm zugeschrieben. Sein Spruch. Wie bei den Trickfilmen im Fernsehen, in denen Woche für Wo- che als besonderes Erkennungszeichen die gleichen Sprüche gerissen wurden. Der Slogan verbreitete sich im Samarkand House, und alle wußten, was damit gemeint war. Als sie sich später eines Abends beim Spiel wechsel- seitig für die Dinge lobten, die jeder von ihnen in die Gemeinschaft des Neuen Pfades eingebracht hatte, wie etwa neue Konzepte, da wurde er dafür gelobt, den Hu- mor eingebracht zu haben. Er hatte die Fähigkeit mitge- bracht, die Dinge als spaßig anzusehen, ganz egal, wie schlecht er sich auch fühlen mochte. Alle im Kreis klatschten, und als er überrascht aufblickte, sah er einen Ring aus lächelnden Gesichtern. Alle Augen waren voller Wärme und Einverständnis auf ihn gerichtet, und das Geräusch ihres Applauses blieb noch lange in ihm, ganz tief drinnen in seinem Herzen.,

XVII

Gegen Ende August dieses Jahres, zwei Monate nachdem er in das Rehabilitationszentrum des Neuen Pfades einge- liefert worden war, wurde er auf eine therapeutische Farm im Napa Valley überstellt, das sich im Hinterland Nordkaliforniens befindet. Diese Region Kaliforniens wird auch das »Weinland« genannt, weil es dort viele fruchtbare Weinberge gibt. Donald Abrahams, der Direktor der Neue-Pfad- Stiftung, unterzeichnete den Überstellungsbefehl. Der Vorschlag dazu war von Michael Westaway gekommen, einem Angehörigen seines Mitarbeiterstabes, der beson- ders daran interessiert war, herauszufinden, was für Bru- ce getan werden konnte. Vor allem, da das Spiel ihm nicht geholfen hatte. Um der Wahrheit die Ehre zu ge- ben, mußte man sogar zugeben, daß sein Zustand durch das Spiel eher noch verschlechtert worden war. »Dein Name ist Bruce«, sagte der Manager der Farm, als Bruce steif aus dem Wagen stieg, seinen Koffer hinter sich herschleifend. »Mein Name ist Bruce«, sagte er. »Wir werden jetzt mal eine Zeit lang probieren, wie du mit der Landwirtschaft klarkommst, Bruce.« »Okay.« »Ich glaube, es wird dir hier besser gefallen, Bruce. Viel besser.« »Ich glaube, es wird mir hier besser gefallen«, sagte er. »Viel besser.«, Der Farmmanager blickte ihn prüfend an. »Man hat dir kürzlich einen Haarschnitt verpaßt.« »Ja, sie haben mir einen Haarschnitt verpaßt.« Bruce hob tastend die Hand, um seinen geschorenen Kopf zu berühren. »Warum?« »Sie haben mir die Haare abgeschnitten, weil sie mich im Quartier der Frauen gefunden haben.« »War das dein erster Haarschnitt?« »Nein, das war mein zweiter.« Nach einer Pause sagte Bruce: »Einmal bin ich gewalttätig geworden.« Er stand da, den Koffer immer noch in der Hand; der Manager bedeutete ihm, ihn abzusetzen. »Ich habe die Gewaltregel gebrochen.« »Was hast du gemacht?« »Ich habe ein Kissen geworfen.« »Okay, Bruce«, sagte der Manager. »Komm mit, und ich zeige dir, wo du schlafen wirst. Wir haben hier kein Haupthaus; je sechs Personen haben zusammen eine kleine Hütte. Sie schlafen und kochen und wohnen da, wenn sie nicht gerade arbeiten. Hier gibt es keine Spiele- Sitzungen, nur die Arbeit. Keine weiteren Spiele mehr für dich, Bruce.« Bruce schien das zu gefallen; ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. »Magst du Berge?« Der Farmmanager wies nach rechts. »Schau mal da hin. Berge. Kein Schnee, aber Berge. Santa Rosa liegt links; auf den Hängen da wachsen schön große Trauben. Wir bauen keine Trauben an. Verschiedene ande- re landwirtschaftliche Produkte, aber keine Trauben.«, »Ich mag Berge«, sagte Bruce. »Schau sie dir an.« Der Manager wies mit der rechten Hand auf die Berge. Bruce schaute nicht hin. »Wir wer- den dir einen Hut besorgen«, sagte der Manager. »Ohne Hut kannst du mit deinem kahlgeschorenen Kopf nicht draußen auf den Feldern arbeiten. Geh nicht hinaus zur Arbeit, bis wir einen Hut für dich haben. Klar?« »Ich werde nicht zur Arbeit gehen, bis ich einen Hut habe«, sagte Bruce. »Die Luft ist gut hier«, sagte der Manager. »Ich mag Luft«, sagte Bruce. »Yeah«, sagte der Manager und bedeutete Bruce mit einer Handbewegung, den Koffer wieder aufzunehmen und ihm zu folgen. Er fühlte sich irgendwie gehemmt, als er Bruce anblickte; er wußte nicht, was er sagen sollte. Wenn Leute wie dieser hier ankamen, ging es ihm immer so. »Wir alle mögen die Luft, Bruce. Wirklich. Das ist uns allen gemeinsam, ja.« Er dachte: Wenigstens noch das. »Werde ich meine Freunde wiedersehen?« fragte Bru- ce. »Du meinst, die von da, wo du bisher gewesen bist? In unserer Einrichtung in Santa Ana?« »Mike und Laura und George und Eddie und Donna und –« »Die Leute aus den Wohnheimen kommen nicht hin- aus auf die Farmen«, erläuterte der Manager. »Die Far- men sind geschlossene Einrichtungen. Aber möglicher- weise kannst du ein- oder zweimal im Jahr zurückgehen. Manchmal finden Zusammenkünfte statt, zu Weihnach- ten und auch zu –«, Bruce war stehengeblieben. »Die nächste«, sagte der Manager und gab ihm zu- gleich einen Wink, wieder weiterzugehen, »ist zu Thanksgiving.* Wir schicken die Arbeiter aus diesem Anlaß für zwei Tage in die Zentren zurück, aus denen sie ursprünglich zu uns gekommen sind. Dann geht’s wieder zurück nach hier, bis Weihnachten. Also wirst du deine Freunde wiedersehen. Wenn sie nicht in andere Zentren überstellt worden sind. In drei Monaten. Aber du sollst doch keine Zweierbeziehungen aufbauen – hat man dir das denn nicht erklärt? Du sollst nur einen Teil der Ge- samtheit der Familie werden.« »Das weiß ich«, sagte Bruce. »Wir mußten das alle auswendig lernen, als Teil des Glaubensbekenntnisses des Neuen Pfades.« Er spähte umher und sagte: »Kann ich einen Schluck Wasser haben?« »Wir werden dir zeigen, wo hier die Wasserkräne sind. Du hast einen in deiner Hütte, aber es gibt auch eine gemeinschaftliche Zapfstelle für die ganze Familie.« Er führte Bruce zu einer der Hütten, die aus Fertigteilen be- standen. »Die Farmen sind geschlossene Einrichtungen, weil wir mit Neuzüchtungen und Hybriden experimentie- ren und vermeiden wollen, daß diese Pflanzen von Insek- ten befallen werden. Jeder, der hier hereinkommt – sogar Angehörige des Mitarbeiterstabes – könnte Schädlinge einschleppen, die sich in seinen Kleidern, an seinen Schuhen oder in seinen Haaren festgesetzt haben.« Er * Anm. des Übers.: Ein amerikanischer Festtag, der sich in etwa mit dem deutschen Erntedankfest vergleichen läßt., wählte nach Zufallskriterien eine Hütte aus. »Deine ist 4- G«, entschied er. »Kannst du sie dir merken?« »Sie sehen alle gleich aus«, sagte Bruce. »Du kannst ja irgendeinen Gegenstand an die Tür na- geln, damit du sie wiedererkennst, die Hütte. Etwas, das du leicht im Gedächtnis behalten kannst. Am besten was Farbiges.« Er stieß die Tür der Hütte auf; ein Schwall heißer, abgestandener Luft quoll ihnen entgegen. »Ich denke, wir werden dich zuerst bei den Artischocken ein- setzen«, überlegte er laut. »Du wirst Handschuhe tragen müssen – die haben Dornen.« »Artischocken«, sagte Bruce. »Zum Teufe – wir haben hier auch Pilze. Experimen- telle Pilzkulturen, natürlich hermetisch eingesiegelt – jeder, der Zuchtpilze anbaut, muß seine Kulturen einsie- geln –, damit keine krankheitserregenden Sporen herein- geweht werden und die Beete verseuchen. Pilzsporen werden nämlich durch den Wind verbreitet. Das stellt ein Risiko für alle Pilzzüchter dar.« »Pilze«, sagte Bruce und betrat die dunkle, heiße Hüt- te. Der Manager verfolgte ihn dabei mit seinen Blicken. »Ja, Bruce«, sagte er. »Ja, Bruce, sagte Bruce. »Bruce«, sagte der Manager. »Wach auf.« Er stand in dem schalen Dunkel der Hütte, den Koffer immer noch in der Hand, und nickte. »Okay«, sagte er. Sie nicken ein, sobald es dunkel ist, dachte der Mana- ger bei sich. Wie Hühner. Ein Gemüse unter Gemüsen, dachte er. Ein Pilz unter Pilzen. Und wenn du willst, kannst du sie ernten., Mit einem Ruck schaltete er das elektrische Decken- licht an und zeigte dann Bruce, wie es zu bedienen war. Bruce schien sich nicht dafür zu interessieren; er hatte jetzt einen flüchtigen Blick der Berge erhascht und stand da, sie unverwandt anstarrend, sich ihrer Existenz zum ersten Mal bewußt. »Berge, Bruce, Berge«, sagte der Manager. »Berge, Bruce, Berge«, sagte Bruce und starrte nur weiter. »Hallihallo, Bruce, hallihallo«, sagte der Manager. »Hallihallo, Bruce –« »Okay, Bruce«, sagte der Manager und schloß die Tür der Hütte hinter sich, wobei er dachte: Ich glaube, ich soll- te ihn zu den Möhren stecken. Oder zu den Runkelrüben. Irgendwas Einfaches. Etwas, was ihn nicht überfordert. Und dort, da in der anderen Hütte, noch ein Gemüse. Da hat er wenigstens Gesellschaft. Sie können ihre Leben gemeinsam wegnicken, immer schön im Einklang. Rei- hen von ihnen. Ganze Morgen. * Sie drehten ihn so, daß er auf das Feld schauen konnte, und er sah die Weizenähren, die sich wie ausgefranste Schattenrisse gegen den Himmel abhoben. Müllanbau, dachte er. Sie unterhalten eine Müllfarm. Er beugte sich nieder und sah einen kleinen, blauen Blütenkelch, der dicht über dem Boden wuchs. Und nicht nur einen, sondern viele, auf niedlichen, sich im Wind wiegenden Stengeln. Wie Stoppeln. Spreu., Jetzt, da er sein Gesicht nahe genug heranbringen konn- te, um sie auszumachen, sah er, daß es eine Menge dieser Blumen gab. Regelrechte Felder davon, zwischen den hö- her aufragenden Reihen von Weizenhalmen. Dazwischen verborgen. Viele Farmer benutzten diese Pflanztechnik: eine Feldfrucht inmitten einer anderen, in konzentrischen Ringen. Auf diese Art, erinnerte er sich, legten auch die Farmer in Mexiko ihre Marijuana-Plantagen an: einge- kreist – umringt – von hohen Gewächsen, so daß die Fe- dérales sie nicht vom Jeep aus entdecken konnten. Aber dann wurden sie eben aus der Luft aufgespürt. Und wenn die Fédérales eine solche Hasch-Plantage tief unter sich ausmachten … Sie schossen den Farmer, seine Frau, ihre Kinder und sogar das Vieh mit Maschi- nenpistolen zusammen. Und flogen dann wieder ab. Und ihre Suche vom Hubschrauber aus ging weiter, unter- stützt von den Jeeps. All die Blumen, so lieblich und klein und blau. »Was du da siehst, das ist die Blume der Zukunft«, sagte Donald, der Direktor des Neuen Pfades. »Aber für dich ist sie nicht bestimmt.« »Warum nicht für mich?« fragte Bruce. »Das wäre dann doch zuviel des Guten«, sagte der Di- rektor. Er kicherte. »Also hoch mit dir und Schluß mit der Anbeterei – das da ist nicht mehr dein Gott, dein Idol, auch wenn es das früher einmal war. Einen Vorschein des Unendlichen – ist es das, was du hier wachsen siehst? Deinem Gesichtsausdruck nach könnte man das glatt meinen.« Er klopfte Bruce kräftig auf die Schulter. Dann senkte er seine Hand vor Bruces Gesicht und beraubte, die gefrorenen Augen des Anblicks. »Weg«, sagte Bruce. »Frühlingsblumen weg.« »Nein, du kannst sie einfach nur nicht sehen. Das ist ein philosophisches Problem, das du nicht begreifen würdest. Epistemologie – die Lehre von der Erkenntnis. « Bruce sah nur die Innenfläche von Donalds Hand, die das Licht von ihm fernhielt, und er starrte darauf, tausend Jahre lang. Der dunkle Schirm … Er schloß sich um ihn; war von jeher um ihn geschlossen gewesen; würde sich in alle Ewigkeit um ihn schließen, um die toten Augen außerhalb der Zeit, Augen, die nicht wegschauen konn- ten, und eine Hand, die sich nicht wegbewegen würde. Die Zeit blieb stehen, als das Universum gleich ihm in diesem Augenblick, da alles ineinandergriff, erstarrte; als es gleich ihm in der eisigen Kälte des Begreifens gefror. Jede Vorwärtsbewegung hörte für ihn auf. Es gab nichts, was er nicht wußte; es gab nichts, was noch hätte ge- schehen können. »Zurück an die Arbeit, Bruce«, sagte Donald, der Di- rektor. »Ich habe es gesehen«, sagte Bruce. Er dachte: Ich ha- be es gewußt. Es ist geschehen: Ich habe gesehen, wie Substanz T wächst. Ich habe gesehen, wie der Tod aus der Erde sprießt, aus dem Boden selbst, auf einem blauen Feld, wie winzige Farbsprenkel. Der Farmmanager und Donald Abrahams wechselten einen flüchtigen Blick und schauten dann hinunter auf die kniende Gestalt, auf den knienden Mann und die Mors ontologica, die überall zwischen den sie verber- genden Weizenähren angepflanzt war., »Zurück an die Arbeit, Bruce«, sagte der kniende Mann daraufhin und erhob sich auf die Füße. Donald und der Farmmanager schlenderten davon, hinüber zu ihrem geparkten Lincoln. Sie unterhielten sich miteinander; er sah zu – ohne sich umzudrehen, ohne sich umdrehen zu können –, wie sie wegfuhren. Dann aber bückte Bruce sich, pflückte eine der kleinen blauen Pflanzen und steckte sie in seinen rechten Schuh, um sie vor neugierigen Blicken zu verbergen. Ein Ge- schenk für meine Freunde, dachte er, und tief in seiner Seele, wo niemand es sehen konnte, freute er sich schon auf Thanksgiving., Nachbemerkung des Verfassers Der dunkle Schirm erzählt die Geschichte einer Gruppe von Menschen, die für das, was sie taten, viel zu hart be- straft wurden. Eigentlich wollten sie sich nur einen guten Tag machen und ihren Spaß dabei haben, aber sie waren wie Kinder, die auf der Straße spielten; sie konnten se- hen, wie einer nach dem anderen von ihnen getötet wurde – überfahren, verstümmelt, ausgelöscht –, aber sie spiel- ten trotzdem weiter. Eine Zeitlang waren wir wirklich alle sehr glücklich. Wir saßen nur herum und rackerten uns nicht ab, sondern machten nur Unsinn und spielten. Aber die Zeit war so schrecklich kurz bemessen, und die Strafe, die dann folg- te, überschritt alles menschliche Maß: Sogar als wir sie schon sehen konnten, vermochten wir nicht daran zu glauben, daß sie über uns kommen würde. Gerade, wäh- rend ich das hier schreibe, habe ich zum Beispiel erfah- ren, daß die Person, auf der die Gestalt des Jerry Fabin basiert, Selbstmord begangen hat. Einer meiner Freunde, der für die Gestalt des Ernie Luckman Pate stand, starb schon, bevor ich den Roman anfing. Für einige Zeit war ich selbst eines dieser Kinder, die auf der Straße spielen; genau wie die anderen von ihnen versuchte ich, zu spie- len, statt erwachsen zu sein, und auch ich bin dafür be- straft worden. Auch ich stehe auf der weiter unten abge- druckten Liste, die eine Aufzählung jener ist, denen ich diesen Roman gewidmet habe, und eine Auflistung des- sen, was aus jedem einzelnen davon wurde., Drogenmißbrauch ist keine Krankheit, sondern eine Entscheidung, vergleichbar mit der Entscheidung, vor einem heranrasenden Wagen hinaus auf die Fahrbahn zu treten. Man würde das nicht als Krankheit bezeichnen, sondern als Fehlentscheidung. Wenn eine ganze Gruppe von Menschen so zu handeln beginnt, dann wird aus der individuellen Fehlentscheidung eine gesellschaftliche – ein Lebensstil. Das Motto dieses speziellen Lebensstils lautet: »Sei jetzt glücklich, weil du morgen schon stirbst.« Aber das Sterben beginnt praktisch auf der Stel- le, und das Glücklichsein ist nur eine Erinnerung. Dem- nach ist dieser Lebensstil eigentlich nur eine Beschleuni- gung, eine Intensivierung der gewöhnlichen menschli- chen Existenz. Er unterscheidet sich im Prinzip nicht von Ihrem Lebensstil, er ist bloß schneller. Alles spielt sich in Wochen oder Monaten statt in Jahren ab. »Nimm das Bargeld und pfeif auf den Kredit«, wie Villon 1460 sag- te. Aber das ist ein Fehler, wenn das Bargeld ein Penny und der Kredit ein ganzes Leben ist. Der dunkle Schirm hat keine Moral; er steht nicht in der Tradition des bürgerlichen Romans. Der Roman soll nicht aussagen, daß diese Menschen falsch gehandelt haben, als sie spielten, statt sich abzurackern; er beschreibt nur die Konsequenzen. Die griechische Tragödie ist ein gesell- schaftlicher Reflex auf die Entdeckung der Wissenschaft, die wiederum letztlich auf dem Gesetz der Kausalität fußt. In diesem Roman hingegen gibt es kein Schicksal, son- dern nur Nemesis, da jeder von uns sich dafür hätte ent- scheiden können, nicht länger auf der Straße zu spielen. Die Nemesis aber, die über jene kam, die weiterspielten,, war entsetzlich, wie ich aus eigener bitterer Erfahrung sagen kann. Ich selbst – ich bin keine Gestalt des Ro- mans; ich bin der Roman. Doch zu jener Zeit war das unsere gesamte Nation. Dieser Roman handelt von mehr Personen, als ich selber gekannt habe. Über einige davon haben wir oft in den Zeitungen gelesen.* Die Entschei- dung, mit Kumpeln herumzusitzen und Blödsinn zu ma- chen, während das Tonband mitlief, war der größte Feh- ler, der in unserem Jahrzehnt, den sechziger Jahren, ge- macht worden ist, sei es nun innerhalb oder außerhalb des Establishments. Und die Entwicklung überrollte uns. Wir wurden von schrecklichen Ereignissen dazu ge- zwungen, aufzuhören. Wenn es dabei so etwas wie »Sünde« gegeben hat, dann bestand sie darin, daß diese Menschen die gute Zeit, die sie sich machten, immer weiter ausdehnen wollten und dafür bestraft wurden, aber wenn es so war, dann bin ich – wie ich schon sagte – der Ansicht, daß diese Strafe viel zu hart war, und ich würde es vorziehen, diese Dinge nur in griechischen oder moralisch neutralen Kategorien zu betrachten, sozusagen in Form reiner Wissenschaft, deterministischer, unparteiischer Kausalzusammenhänge. Ich habe sie alle geliebt. Hier ist die Liste jener, denen ich in Liebe dieses Buch widme. Der dunkle Schirm ist * Anm. des Übers.: Dick bezieht sich hier und in den fol- genden Zeilen auf die politische Entwicklung in den Vereinig- ten Staaten unter der Regierung des republikanischen Präsi- denten Richard Nicon, die ihren Höhepunkt in der »Wa- tergate-Affäre« fand., Für Gaylene verstorben Für Ray verstorben Für Francy permanente Psychose Für Kathy permanenter Hirnschaden Für Jim verstorben Für Val schwerer permanenter Hirnschaden Für Nancy permanente Psychose Für Joanne permanenter Hirnschaden Für Maren verstorben Für Nick verstorben Für Terry verstorben Für Dennis verstorben Für Phil permanente Schädigung der Bauch- speicheldrüse Für Sue permanenter Gefäßschaden Für Jerri permanente Psychose und perma- nenter Gefäßschaden … und für so viele andere. In Memoriam. Sie alle waren meine Kameraden; es gibt keine besseren. Sie bleiben in meinem Herzen, und dem Feind soll keine Vergebung zuteil werden. Der Feind war ihre Entscheidung, zu spielen. Mögen sie alle wieder spielen, auf irgendeine andere Weise, und mögen sie glücklich sein.

ENDE

]
15

Similar documents

ALBERT EINSTEIN AUSGEWÄHLTE TEXTE
ALBERT EINSTEIN AUSGEWÄHLTE TEXTE AUSGEWÄHLTE TEXTE Herausgegeben von Hans Christian Meiser ALBERT EINSTEIN GOLDMANN VERLAG Made in Germany • 9/86 • 1. Aufl age © der Originalausgabe 1986 beim Wilhelm Goldmann Verlag, München Umschlaggestaltung: Design Team München Satz: Filmsatz Schröter GmbH, Münc
Die Menschen haben die Sterne erreicht – aber als Bitt-
Die Menschen haben die Sterne erreicht – aber als Bitt- steller, als Nutznießer der Technologie extraterrestrischer Rassen. Wenig ist geblieben vom Bild der glorreichen Er- denmenschen, die das All erobern. Sie leben in kleinen En- klaven auf anderen Planeten und versuchen ihre Minder- wertigkeitsko
Helga Dudman Chaplins Katze, Clintons Kater
Helga Dudman Chaplins Katze, Clintons Kater und viele andere verkannte Miezen Aus dem Englischen von Ulrike Seeberger Deutscher Taschenbuch Verlag Deutsche Erstausgabe November 2000 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München www.dtv.de © 2000 Carta, Jerusalem Titel der israelischen Original
Stephen Coonts Nachteis
Stephen Coonts Nachteis Inhaltsangabe Fanatische japanische Nationalisten dringen in den Tokioter Kaiserpalast ein und enthaupten den Kaiser. Das Ziel dieser konspirativen Gruppe ist es, in das ge- schwächte Russland einzumarschieren, das an Öl reiche Sibirien zu besetzen und schließlich die Welther
Arne Dahl Falsche Opfer
Arne Dahl Falsche Opfer Kriminalroman Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt Piper München Zürich Von Arne Dahl liegen auf deutsch außerdem vor: Misterioso (Serie Piper 3992) Böses Blut (Piper Original 7041) Deutsche Erstausgabe April 2004 © Arne Dahl 2000 Titel der schwedischen Originalausgabe: »Up
BIBLIOTHEK DER SCIENCE FICTION LITERATUR H Philip K. Dick EINE ANDERE WELT Roman
BIBLIOTHEK DER SCIENCE FICTION LITERATUR H Philip K. Dick EINE ANDERE WELT Roman H EINE ANDERE WELT Die BIBLIOTHEK DER SCIENCE FICTION LITERATUR um- faßt herausragende Werke dieser Literaturga ung, die als Mei- lensteine ihrer Geschichte gelten und als beispielha e Versu- che, Möglichkeiten denkbare
Satlik war einst ein öder Planet ohne Leben – bis die Menschen
Satlik war einst ein öder Planet ohne Leben – bis die Menschen kamen und eine neue phantastische Welt formten. Im Laufe der Zeit müssen sie allerdings feststellen, daß sie nicht nur ihre Umwelt, sondern auch sich selbst stark verändern … Unter dem Mondstern, inmitten eines wilden Sturms, wird Jobe g
Allan Folsom Stunde der Vergeltung
Allan Folsom Stunde der Vergeltung scanned by unknown corrected by himself Wahnwitzige Machtspiele, skrupellose Rache, geheimnisvolle Frauen, gnadenlose Killer: Der letzte Spross der Zarenfamilie Romanow will mit allen Mitteln die Macht an sich reißen – und schreckt vor keinem noch so teuflischen Pl
Der Autor Klappentext
Der Autor Gunter Gerlach wurde 1941 in Leipzig geboren, studierte an der Hochschu- le für bildende Künste in Hamburg und wandte sich später dem Schreiben zu. Er verfaßte Hörspiele, Funkserien, Kurzprosa sowie Romane und ist Mitbegründer und Mitglied der Autorengruppe PENG. 1992 erhielt Gerlach den H
Michael Forster Pancho Villa Der Rebell von Mexico
Michael Forster Pancho Villa Der Rebell von Mexico Inhaltsangabe Tollkühn, grausam-gerecht, todesverachtend, so führt Pancho Villa seinen gnaden- losen Kampf gegen die Hacienderos Nordmexikos. In wilden Ritten durch die tie- fen Schluchten der Sierra Madre, durch die brühheiße Ödnis Chihuahuas erbeu
Der Autor Klappentext
Der Autor Allan Folsom ist 1944 geboren und lebt in Kalifornien. Er arbeitete als Kamera- mann, Filmredakteur und Drehbuchautor. Seitdem ihm mit "Übermorgen" ein inter- nationaler Durchbruch gelang, widmet er sich ausschließlich dem Schreiben. Klappentext Ein schöner Junitag in Rom: Auf offener Stra
Timothy Findley Die letzte Flut
Timothy Findley Die letzte Flut Roman Aus dem Englischen von Eleanor Pawlik Claassen Die Originalausgabe erschien 1984 unter dem Titel Not Wanted on the Voyage bei Penguin Books Canada Limited, Toronto. Der Claassen Verlag ist ein Unternehmen der Econ Ullstein List Verlag GmbH & Co. KG ISBN 3-546-00
MICHTAIhL eBoAKdUoNrI NF ontane PHILOSOPHIE DER TAT L’Adultera
MICHTAIhL eBoAKdUoNrI NF ontane PHILOSOPHIE DER TAT L’Adultera Theodor Fontane L'Adultera Roman (1882) Kommerzienrat van der Straaten Der Kommerzienrat van der Straaten, Große Petri- straße 4, war einer der vollgiltigsten Finanziers der Hauptstadt, eine Tatsache, die dadurch wenig alte- riert wurde,
Hans Graf von der Goltz ANDERLAND
Hans Graf von der Goltz ANDERLAND Roman BERLIN VERLAG © 2004 Berlin Verlag GmbH, Berlin Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Nina Rothfos und Patrick Gabler, Hamburg Typografie: Renate Stefan, Berlin Druck & Bindung: Ebner & Spiegel, Ulm Printed in Germany 2004 ISBN 3-8270-0542-6 Kurt Anderla
Sergius Golowin Das Geheimnis der Tiermenschen Von Vampiren, Nixen, Werwölfen und ähnlichen Geschöpfen
Sergius Golowin Das Geheimnis der Tiermenschen Von Vampiren, Nixen, Werwölfen und ähnlichen Geschöpfen Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Golowin, Sergius: Das Geheimnis der Tiermenschen : von Vampiren, Nixen, Werwölfen und ähnlichen Geschöpfen / Sergius Golowin. - Basel : Sphinx, 1993 I
Thomas Gifford Aquila
Thomas Gifford Aquila s&p 2006 Ein über zweihundert Jahre altes Dokument kommt überraschend ans Tageslicht. Der Student, der es entdeckt hat, wird ermordet aufgefunden. Eine junge, forsche Fernsehreporterin lässt nicht locker. Und ein harmloser Geschichtsprofessor aus Harvard, Massachusetts, findet
Tess Gerritsen In der Schwebe
Tess Gerritsen In der Schwebe scanned 05-2006/V1.0 Emma Watson, medizinische Forscherin mit großen Ambitionen, will das Verhalten des menschlichen Organismus im Weltraum studieren. Aber auf ihrer Weltraumstation kommt es zu seltsamen Vorfällen: Emma entdeckt im All eine Kultur von Einzellern, die ih
Pauline Gedge Der fremde Pharao
Pauline Gedge Der fremde Pharao Herrscher der Zwei Länder 01 Inhaltsangabe Seit Ende der zwölften Dynastie, etwa 1800 vor Christus, werden die Ägypter von einer fremden Macht regiert, die sie Setius nennen. Deren Könige sorgen sich we- nig um das Wohl des Landes, plündern seinen Reichtum und vernach
Wenn uns etwas unumstößlich erscheint, so das Fortschreiten der Zeit, die Unum-
Wenn uns etwas unumstößlich erscheint, so das Fortschreiten der Zeit, die Unum- kehrbarkeit von Vergangenheit und Zukunft. Ohne sie gäbe es kein Leben, keine Erfahrung, keine Wirklichkeitserkenntnis. Die Physik zeigt jedoch, daß durch die fundamentalen Naturgesetze für diese Phänomene keine Richtung
HARLIE – ein denkendes Wesen, das dem Denken von
HARLIE – ein denkendes Wesen, das dem Denken von Wissenschaftlern und Technikern entsprang. HARLIE – ein künstlicher Organismus aus tausenden von Kilometern Leitungen und Schaltungen. HARLIE – ein neuartiger Computer, der selbständig denkt und einen eigenen Willen entfaltet, ein ICH. HARLIE – ein Be
Die Autorin Klappentext
Die Autorin Frances Fyfield (eigentlich Hegarty) wurde 1948 in Derbyshire geboren.. Seit 1976 arbeitet sie in London als Anwältin, speziell im Bereich des Straf- rechts. Darüber hinausist sie für die juristische Berichterstattung der Zeit- schrift ›Woman's Realm‹ zuständig. Frances Fyfield hat bishe
Tess Gerritsen Verrat in Paris
Tess Gerritsen Verrat in Paris s&p 05/2006 Ein atemberaubendes Verwirrspiel um eine internationale Spionageaffäre beginnt, als Beryl nach Paris kommt. Sie will Nachforschungen über den mysteriösen Tod ihrer Eltern anstellen, zwei Mitarbeiter des Geheimdienstes, die bei ungeklärten Umständen ums Lebe
BASTEI LÜBBE TASCHENBUCH Band 24 293
BASTEI LÜBBE TASCHENBUCH Band 24 293 1. Auflage: November 2001 Vollständige Taschenbuchausgabe Bastei Lübbe Taschenbücher ist ein Imprint der Verlagsgruppe Lübbe Titel der amerikanischen Originalausgabe: Rocket Ship Galileo © 1947 by Robert A. Heinlein © für die deutschsprachige Ausgabe 2001 by Verl
BASTEI-LÜBBE-TASCHENBUCH Band 21211
BASTEI-LÜBBE-TASCHENBUCH Band 21211 Dieser Roman ist auf deutsch bereits unter folgendem Titel erschienen: ›Weltraummollusken erobern die Erde‹ © Copyright 1951 by Robert Heinlein © Copyright 1951 by World Editions, Inc. All rights reserved Deutsche Lizenzausgabe 1994 Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe G
Taschenbücher von ROBERT A. HEINLEIN
Taschenbücher von ROBERT A. HEINLEIN im BASTEI-LÜBBE-Programm: 24001 Sternenkrieger 24118 Das neue Buch Hiob 24124 Die Katze, die durch Wände geht 24163 Die Sternenbestie 24176 Die Tür in den Sommer 21211 Die Marionettenspieler Robert A. Heinlein Farnhams Oase Science Fiction Roman Ins Deutsche über
ERNEST
ERNESTHEMINGWAYro ro roDIEHAUPTSTADTDERWELTSTORYSDrei der großartigsten und eindrucksvollsten Erzäh- lungen vom Meister der Kurzgeschichte – und mit «Schnee auf dem Kilimandscharo» eine Erzählung, die ihm selbst am liebsten war. ERNEST HEMING- WAY, 1899-1961, war Reporter in Kansas City, be- vor er
Clifford C. Russell – Kip nennen ihn seine Eltern und
Clifford C. Russell – Kip nennen ihn seine Eltern und Freunde – hat seinen Schulabschluß bestanden. Seine große Sehnsucht ist es, Ingenieurwissenschaften zu studieren, um eines Tages einen der begehrten Jobs auf der Mondstation zu bekommen. Bei einem Wettbewerb gewinnt er einen ausran- gierten Rauma
Isidor Heller DER GOLEM
IsidorHellerDER GOLEM eBOOK-Bibliothek Isidor Heller DER GOLEM Eine böhmisch-jüdische Sage (1842) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Isidor Heller (1816 – 1879) 1. Ausgabe, Juli 2006 © eBOOK-Bibliothek 2006 für diese Ausgabe Textbearbeitung nach: „Sonntags-Blätter für heimat
BASTEI LÜBBE TASCHENBUCH Band 23 214
BASTEI LÜBBE TASCHENBUCH Band 23 214 Erste Auflage: Juli 1999 Sie finden uns im Internet unter http://www.luebbe.de © Copyright 1949 by Robert A. Heinlein renewed 1976 by Robert A. Heinlein All rights reserved Deutsche Lizenzausgabe 1999 by Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe GmbH & Co. Bergisch Gladbach
Das Buch Michael Harner ist einer der renommiertesten Experten im Bereich der
Das Buch Michael Harner ist einer der renommiertesten Experten im Bereich der Schamanenforschung und gehört zu den großen schamanischen Praktikern. Vor allem ihm ist es zu verdanken, daß der westlichen Welt der praktische Nutzen dieses uralten Heilsystems nahegebracht wurde. In seinem Grund- lagenbu