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Über das Buch: Auf dem Planeten Jombuur, in den Tiefen der Milchstraße, ist es üblich, jedem Neugeborenen einen Stern zu schenken. Später dann besucht der junge Jomburaaner seinen Stern, um dort wie von einem Orakel zu erfahren, was das Leben für ihn bereithält. Eines Tages wird auch die Erde verschenkt – an den unbekümmerten Kelwitt, der auf seinem Planeten, der Erde, nicht nur gegen Geheimdienste und neugierige Wissenschaft­ ler zu kämpfen hat, sondern auch gegen ganz neuartige Ge­ fühle wie zum Beispiel die Liebe zu einer Menschenfrau ... Über den Autor: Andreas Eschbach, geboren am 15.9.19...
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Über das Buch: Auf dem Planeten Jombuur, in den Tiefen der Milchstraße, ist es üblich, jedem Neugeborenen einen Stern zu schenken. Später dann besucht der junge Jomburaaner seinen Stern, um dort wie von einem Orakel zu erfahren, was das Leben für ihn bereithält. Eines Tages wird auch die Erde verschenkt – an den unbekümmerten Kelwitt, der auf seinem Planeten, der Erde, nicht nur gegen Geheimdienste und neugierige Wissenschaft­ ler zu kämpfen hat, sondern auch gegen ganz neuartige Ge­ fühle wie zum Beispiel die Liebe zu einer Menschenfrau ... Über den Autor: Andreas Eschbach, geboren am 15.9.1959 in Ulm, studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik und arbeitete zunächst als Softwareentwickler. Als Stipendiat der Arno-Schmidt- Stiftung »für schriftstellerisch hoch begabten Nachwuchs« schrieb er seinen ersten Roman Die Haarteppichknüpfer, der 1995 erschien und für den er 1996 den Literaturpreis des Science- Fiction-Clubs Deutschland erhielt. Bekannt wurde er vor allem durch den Thriller Das Jesus Video (1998). Bis 1996 war er geschäftsführender Gesellschafter einer EDV- Beratungsfirma. Inzwischen lebt er mit seiner Familie als freier Schriftsteller in der Bretagne in Frankreich.,

ANDREAS ESCHBACH KELWITTS STERN

, BASTEI LÜBBE TASCHENBUCH Band 25 934 Vollständige Taschenbuchausgabe Bastei Lübbe Taschenbücher ist ein Imprint der Verlagsgruppe Lübbe © 1996 und 1999 by Schneekluth Verlag GmbH, München © für die Taschenbuchausgabe 1999 und 2001 by Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG, Bergisch Gladbach Einbandgestaltung: HildenDesign, München Satz: hanseatenSatz-bremen, Bremen Druck und Verarbeitung: Elsnerdruck, Berlin Printed in Germany ISBN 3-404-23232-1, Auf einem weit entfernten Planeten, irgendwo nahe dem Zentrum unserer Milchstraße, herrscht der Brauch, jedem Neugeborenen einen eigenen Stern am Himmel zu schenken. Nun ist die Zahl der am Nachthimmel mit bloßem Auge sichtbaren Sterne geradezu sprichwörtlich beeindruckend – und auf Planeten nahe dem dichten Milchstraßenzentrum sogar noch weitaus beeindruckender, als wir das auf der Erde gewöhnt sind –, dennoch braucht eine derartige Sitte selbst diesen Vorrat rasch auf. Nicht rasch genug andererseits, als dass besagter Brauch nicht zur lieben Gewohnheit, zu einer geschätzten Tradition, mit anderen Worten, zu einem ehernen Bestandteil einer Kultur werden könnte. Und weil niemand ausgerechnet bei den eigenen Kindern mit Traditionen bre­ chen will, erfanden die Bewohner des besagten Planeten notgedrungen das Teleskop. Die ersten Teleskope erschlossen eine Vielzahl weiter entfernte Sterne, ausreichend für Genera­ tionen, denen wiederum Zeit blieb, weitere, noch größere Teleskope zu entwickeln, und immer so fort. So kam es, dass die Bewohner des Planeten Jombuur nahe dem Zentrum unserer Milchstraße die besten Astronomen des gesamten bekannten Universums wurden. Natürlich war es nur eine Frage der Zeit, bis auch unsere eigene Sonne an einen neugeborenen Jombuuraner verschenkt wurde. Um genau zu sein: Das ist noch gar nicht so lange her., Die bleigrauen Wellen manschten träge gegen die Liegefelsen, überspülten sie mit dünnen, schaumigen Strudeln und mach­ ten ein gurgelndes Geräusch, wenn sie wieder zurück ins Meer flossen. Ein Geräusch, das irgendwie unanständig nach Ver­ dauung klang, fand Kelwitt. Er lag da, sah den silberglänzen­ den Strichwolken nach, die den Himmel wie geheimnisvolle Schriftzeichen überzogen, und dachte darüber nach, was ihm einer vom Nachbarschwarm heute Morgen in der Marktmulde erzählt hatte. »Und?«, hörte er Parktat fragen. Parktat lag neben ihm. Vorhin hatte er angefangen, die vierzehnte Kontemplation Jamuunis über die Freude des Existierens zu rezitieren, in langen, melodischen Gesängen, und Kelwitt hatte die Ohren­ falten zugedrückt. »Oh, ja«, beeilte er sich zu versichern und tat, als habe ihn das alles sehr ergriffen. Wie es ja von einem erwartet wurde, wenn Jamuuni rezitiert wurde. »Sehr beeindruckend.« Parktat setzte sich auf. »Das ist keine Antwort.« »Antwort?« »Ich habe dich etwas gefragt.« Oh. Erwischt. Das hatte er nicht mitbekommen. »Ach so. Hmm. Tut mir Leid. Ich fürchte, ich war so entrückt von Jamuunis Worten, dass mir das völlig entgangen ist.« Parktat ächzte nur. Er glaubte ihm kein Wort. »Ich habe dich gefragt, ob du endlich weißt, was du nach der Großjäh­ rigkeit machen willst.« »Ach so, das.« Kelwitt machte die Geste des Überdrusses. »Nein, keine Ahnung.« »Hast du über das Angebot nachgedacht, zu den Lederhäu­ ten zu gehen?«, Kelwitt wandte den Kopf ab. »Nein.« »Das solltest du aber. Ich an deiner Stelle …« »Du bist aber nicht an meiner Stelle.« »Kelwitt! Immerhin bin ich einer deiner Brüter. Da werde ich mir ein paar Gedanken über deine Zukunft machen dür­ fen. Und das Angebot der Lederhäute klingt nicht schlecht.« »Zu den Lederhäuten? Nach zehn Sonnenumläufen eine Haut zu haben wie ein Greis? Nein, danke. Und überhaupt, ich kann die Berge nicht ausstehen.« Parktat stieß tadelnde Pfiffe aus. »Wenn du immerhin schon mal weißt, was du nicht willst, wäre das auch schon ein Fort­ schritt. Dann ist klar, dass du zu einem der Schwärme gehen musst, die an der Küste leben.« »Hmm. Toll. Mein Leben lang Meergras ernten. Oder Grundschleimer fangen. Wirklich toll.« »Oh, Jamuuni! Du weißt aber auch nicht, was du willst.« »Nein, zum Dunkelgrund, ich weiß es nicht! Ich weiß nicht, was das Beste für mich ist! Woher denn auch?« Das abfließen­ de Wasser gurgelte und röhrte besonders unanständig, wäh­ rend Kelwitt damit herausplatzte. Eine Weile schwiegen sie. Kelwitt sah wieder den Wolken nach und wünschte sich, ihre Schrift entziffern zu können. »Du könntest mit einem der Jungen von den Nachbar­ schwärmen tauschen«, schlug Parktat schließlich vor. »Das ist vielleicht das Beste für den Anfang. Die triffst du doch immer in der Marktmulde, da müsst ihr doch auch über dieses Thema sprechen, oder?« Vielleicht war es das Beste, nicht lange mit dem herumzu­ machen, was ihn seit heute Morgen beschäftigte. »Ja«, sagte, Kelwitt. »Tun wir.« »Und? Was haben die anderen vor?« »Sie machen die Orakelfahrt.« Er konnte förmlich hören, wie Parktats Sprechritze er­ schlaffte. »Oh«, blubberte er undeutlich. »Dieser alte Aber­ glaube …« »Es soll Glück bringen, seinen Stern zu besuchen.« »Ja, ja.« »Und man kann dabei erfahren, was für ein Leben man füh­ ren wird. N'etehu hat ein ganzes Buch darüber. Wenn der Stern sieben Planeten hat, dann wird das Leben nur kurz sein und unglücklich enden. Hat er neun Planeten, erlangt man Weisheit. Ein gelb leuchtender Planet mit zwei Monden be­ deutet, dass man am Wasser leben soll. Ein schwarz glänzen­ der Planet bedeutet, dass man unter geistigen Störungen leiden wird …« »Dieser ganze unausrottbare Orakelfahrt-Humbug ist eine geistige Störung, wenn du mich fragst.« Kelwitt setzte sich auf. »Aber so könnte ich erfahren, was für mich das Beste ist!« »Dazu musst du nicht durch die halbe Galaxis fahren. Es würde reichen, wenn du einfach mal gründlich nachdächtest.« »Hast du denn keine Orakelfahrt gemacht, ehe du großjäh­ rig wurdest?« Parktat stieß einen schrillen Pfiff aus, verschränkte die Ar­ me und sah hinaus aufs Meer. In einiger Entfernung glitt ein glitzernder Wassersegler mit aufgeblähten Trageblasen dahin, verfolgt von einem Schwarm schimmernder Symbionten. »Ich glaube, es wird Zeit, dass ich nach den Meergrassammlern, sehe. Einer von ihnen hat gestern so seltsame Geräusche von sich gegeben. Wahrscheinlich ist wieder ein Lager kaputt.« »Hast du keine Orakelfahrt gemacht?« »Ach, hör mir mit dem Unsinn auf. Ich wollte ein ernsthaf­ tes Gespräch mit dir über deine Zukunft führen, wozu ich als einer deiner Brüter ja wohl das Recht haben sollte. Und alles, was dir einfällt, ist das.« »Entschuldige. Aber N'etehu sagt, die Orakelfahrt ist ein Brauch, der fast genauso alt ist wie der Brauch, zur Geburt einen Stern zu schenken.« »Das ist ja wohl kaum möglich.« »Na ja, natürlich mussten erst Raumschiffe erfunden wer­ den und all das. Aber das ist ja schließlich auch schon ewig her.« »Und die Sternstraßen mussten entdeckt werden. Das ist zwar auch schon eine Weile her, aber ewig würde ich es nicht nennen.« »Von mir aus. Aber N'etehu sagt, jeder Jombuuraner macht die Orakelfahrt.« »N'etehu sagt, N'etehu sagt – redest du alles nach, was an­ dere sagen?« »Ich wollte bloß wissen, ob du damals deine Orakelfahrt gemacht hast oder nicht.« Parktat wandte den Blick zum Himmel und stieß einen lang gezogenen, klagenden Laut aus. Dann meinte er dumpf: »Von mir aus – ja, habe ich.« Kelwitt musste an sich halten, um nicht triumphierend auf­ zulachen. Und das hatte ihm sein Brüter nie gesagt, ihn sogar im Un­, klaren gelassen darüber, dass es so etwas wie eine Orakelfahrt gab! »Wirklich?«, fragte er neugierig. »Du hast deinen Stern besucht? Erzähl – was hast du gefunden?« »Parktats Stern hat drei Planeten. Einer davon leuchtete gelb und hatte zwei Monde.« »Das bedeutet, dass du am Wasser leben sollst!« »Ja. Deshalb bin ich hierher gekommen. Ich hatte damals auch ein Angebot eines Lederhaut-Schwarms, drüben in den Silberbergen, aber ich habe es ausgeschlagen und bin hierher gekommen.« »Um am Wasser zu leben.« »Und seither repariere ich alle Maschinen, die wir haben. Wenn ich zu den Lederhäuten gegangen wäre, würde ich wahrscheinlich welche erfinden!« Kelwitt rückte näher an ihn heran. »Hilfst du mir, eine Pas­ sage zu bekommen?« »Lass uns das heute Abend besprechen, wenn alle zusam­ men sind«, erwiderte Parktat und glitt vom Liegefelsen hinab ins Wasser. »Aber du könntest mir bei den Grassammlern helfen.« Kelwitt zögerte. Das roch ziemlich nach Erpressung, und Parktat wusste genau, dass Kelwitt die Wartung von Robotern herzlich zuwider war. Aber wahrscheinlich tat er gut daran, ein paar Punkte zu sammeln. »In Ordnung«, meinte er also und folgte Parktat ins Meer. Opnaah kratzte sich ausgiebig die schütteren Brustschuppen, während er nachdachte. Er war der Schwarmälteste, und ehe er nicht seine Stellungnahme zu Kelwitts Wunsch abgegeben, hatte, geziemte es sich für die anderen nicht, zu sprechen. Kelwitt hatte sein Möglichstes getan, um die Versammlung des Schwarms für sich einzunehmen. Er hatte den Versamm­ lungsraum gewischt und hergerichtet, hatte die gläsernen Abdeckungen über den Feuerstellen gereinigt, frische Zierko­ rallen aufgestellt und die Ruhemulden der Ältesten mit Duftöl eingerieben. Nun saß er, was die anderen Kinder neidvoll kommentiert hatten, zum ersten Mal in der Runde der Er­ wachsenen und beobachtete Opnaahs Nachdenken genauso gespannt wie diese. »Orakelfahrten«, ließ der Schwarmälteste sich schließlich vernehmen, »dauern von Generation zu Generation immer länger. Nicht wahr, die Grenze der Namenlosigkeit schiebt sich immer weiter hinaus, immer weiter von Jombuur weg, die Fahrt führt also über immer größere Distanzen. Eine ganz natürliche Entwicklung.« Allgemeine Gesten der Zustimmung ringsum. »Deswegen versucht man heutzutage, von dem Brauch der Orakelfahrten wegzukommen. Zumal außer Frage steht, dass es sich dabei um einen Aberglauben handelt, der mit den Lehren Jamuunis nicht das Geringste zu tun hat.« Kelwitt duckte sich. Wieder allgemeine Zustimmung. Das schien alles in die falsche Richtung zu laufen. »Jamuuni schuf den Brauch der Sterngabe, als er Bandarat, seinem Erstgeborenen, die aufgehende Sonne zum Geschenk machte«, fuhr Opnaah gedankenvoll fort. »Es heißt, er wollte damit verhindern, dass man unsere Sonne nach ihm benenne. Nun gut – andererseits war auch Bandarat eine sehr einfluss­ reiche Persönlichkeit; letztendlich lassen sich fast alle Regeln und Strukturen unserer Gesellschaft auf ihn zurückführen. Er, war es auch, der das Amt des Kartografen schuf und damit die Grundlagen für die Sterngabe, wie wir sie heute betreiben. Dank ihm ist sichergestellt, dass ein Stern niemals zweimal verschenkt wird.« Kelwitt sah sich verstohlen um. Die anderen sahen drein, als hörten sie all diese Binsenweisheiten zum ersten Mal. »Jamuuni wollte uns mit allem, was er gesagt und getan hat, immer daran erinnern, dass wir Individuen sind, nicht nur Teile eines Schwarms. Das Bewusstsein, dass es einen Stern im Universum gibt, der nach uns benannt ist, der unseren Namen trägt und der niemals den Namen eines anderen tragen wird, hilft uns, uns dessen bewusst zu bleiben. Und jedes Mal, wenn wir nachts zum Himmel sehen und die Sterne erblicken, werden wir wieder daran erinnert. Das ist es, worum es bei der Sterngabe geht.« Opnaah blickte Kelwitt eindringlich an. »All das hat nichts zu tun damit, wie viele Planeten um diesen Stern kreisen, welche Farben sie haben, ob sie Ringe oder Monde aufweisen oder ob einer von ihnen belebt ist. Und in Jamuunis Schriften wird man nirgends auf den leisesten Hinweis stoßen dafür, dass er derartigen Merkmalen irgend­ eine Bedeutung für das Leben des Betreffenden zugemessen hätte.« Schweigen trat ein. Kelwitt erwiderte den Blick Opnaahs, der immer starrer und starrer wurde, und plötzlich merkte er, dass offenbar von ihm erwartet wurde, etwas dazu zu sagen. »Ähm«, machte er. Seine Stimmritze bebte und produzierte alberne, kieksende Nebengeräusche. »Ja.« Belustigte Unruhe machte sich ringsherum breit. »Hast du«, fragte Opnaah, immer noch starren Blicks, »noch etwas anderes dazu zu sagen?«, Kelwitt sah sich beunruhigt um. Er fing einen Blick Parktats auf, der eine Geste des Bedauerns andeutete. Tut mir Leid, aber aus deiner Orakelfahrt wird wohl nichts, schien er sagen zu wol­ len. »Darf ich, ähm«, begann Kelwitt hastig, als er merkte, dass Opnaah ungeduldig zu werden begann, »darf ich auch, ähm …?« »Sprich deutlicher, Kelwitt!«, mahnte der Schwarmälteste. »Ich kann dich nicht verstehen.« Einige der Älteren begannen sich amüsiert in ihren Mulden zu wälzen, was schmatzende Geräusche verursachte. Kelwitt sog Luft durch die Stimmritze ein, versuchte des Bebens Herr zu werden. »Darf ich auch etwas fragen?«, wie­ derholte er, so fest er konnte. »Bitte.« »Hast du eine Orakelfahrt gemacht, Opnaah?« Schlagartig war es wieder still. Opnaah begann wieder, sich ausgiebig die Brustschuppen zu kratzen. Sein Blick, der immer noch auf Kelwitt ruhte, bekam etwas Silbernes. Es war immer noch still. Bis auf das Kratzgeräusch. Jemand gab einen unterdrückten Laut der Ungeduld von sich. »Wenn ich es andererseits recht bedenke«, ließ sich Opnaah schließlich vernehmen, »haben wir bei den Sternfahrern schon seit längerem allerhand Gefälligkeiten gut. Es wird Zeit, dass wir die einmal einfordern …«, Einen kleinen Mondumlauf später saß Kelwitt in einem Schwingengleiter, der ihn über die Ebene der hunderttausend Seen zum Sternfahrernest bringen sollte. Parktat hatte ihm einen Umbindbeutel mit allerlei Meergrassülzen, getrockneten Schleimerhautstücken und verschiedenen anderen Leckereien mitgegeben. Außerdem hatte er sich das gleiche Buch besorgt, das ihm N'etehu gezeigt hatte., In einem Sternenschiff zu reisen war ganz anders, als Kelwitt sich das vorgestellt hatte. Es war vor allem laut. Über Tage und Tage hinweg war das Dröhnen der Motoren zu vernehmen, das ihm zuerst kaum aufgefallen war, sich aber dadurch, dass es niemals aufhörte, zu schierer Unerträglichkeit steigerte. Und es war trocken. Die klimatisierte Luft schien einem förmlich die Nässe von der Haut zu saugen, und selbst die Ruhemulden waren allenfalls feucht zu nennen. Als einziges Zugeständnis an das Wohlbe­ finden waren hier und da in den endlosen Gängen Duschen angebracht. An Bord des Schiffes begegnete Kelwitt zum ersten Mal Wesen, die keine Jombuuraner waren. Den Gunradi etwa, fast durchsichtigen Wesen, die auf vielen hundert kleinen Füßen die Gänge entlangkrabbelten und sich über Farbveränderun­ gen in ihrer Haut verständigten. Zwei von ihnen arbeiteten als Piloten, aber sie hatten eine unübersichtlich große Sippschaft dabei, die in einem warmen Raum zu einer großen, glibberi­ gen Kugel zusammengewimmelt von der Decke hing und nach verfaultem Meergras roch. Für die beiden Gunradi stan­ den spezielle Armaturen in der Steuerzentrale bereit, mit vielen hundert Schaltern, über die sie das Sternenschiff steuern konnten. Oder der Waijanti: ein düsterer Koloss mit sechs Armen und einem Wabenauge in jeder Fingerspitze, der sich zeitlupenhaft bewegte, sich um die Maschinen kümmerte und, niemals einen Laut von sich gab. Außerdem war oft von einem Wesen die Rede, das die anderen ›den Steinfließer‹ nannten, worunter Kelwitt sich nichts vorstellen konnte und das er auch nie zu Gesicht bekam. Man hatte Kelwitt eine kleine Höhle zugewiesen, in der nur der Boden mit der Ruhemulde aus echtem Stein bestand, die Wände und die Decke waren aus steinartig lackiertem Metall. Reichlich ungemütlich also. Die Fahrt verlief absolut eintönig – das Schiff trat in eine Sternstraße ein, flog eine Zeit lang, verließ sie wieder, manövrierte eine Zeit lang, immer so weiter – und schien überhaupt kein Ende zu nehmen. Irgendwann, als bestimmt schon zwei kleine Mondzyklen verstrichen waren, begann Kelwitt sich zu fragen, ob man ihn womöglich vergessen hatte. Doch gerade als er sich entschlossen hatte, in der Steuerzen­ trale nachzufragen, kam von dort die Mitteilung, dass man demnächst Kelwitts Stern erreiche und er sich bereit machen solle. Auf dem Weg zu den Laderäumen ließ Kapitän Handuma keine Dusche aus. »Keine Lust, dass man mich zu Hause für eine Lederhaut hält, sag' ich dir!«, dröhnte der schwergewich­ tige, nicht mehr ganz junge Jombuuraner und ließ das Wasser auf sich niederrieseln. Kelwitt hätte es ihm gern gleichgetan, traute sich aber nicht. Einer der ganz kleinen Gunradi, die unaufhörlich durch das Schiff wuselten, ohne dass jemand verstanden hätte, wieso, kam ihnen entgegen, nahm aber dann Reißaus vor der tropf­ nassen Gestalt. Die Gunradi mochten keine Feuchtigkeit, und von Wasser bekamen sie Hautausschläge, was bedeutete, dass, sie taub und stumm wurden. »Also«, meinte der Kapitän dann und legte Kelwitt die schwere Hand auf die Schulter, »in fünf oder sechs Zeiteinhei­ ten ist es soweit. Verdammt viel los auf den Sternstraßen in diesem Sektor, sage ich dir! Man kommt kaum von der Stelle. Sind vor allem die Grünen. Von denen geistern hier so viele herum, dass man sich fragt, ob ihr Heimatplanet überhaupt noch besiedelt ist. Ziemlich verrückt, die Grünen. Hast du schon mal einen gesehen?« »Ähm, also … Nein.« »Sind auch Zweibeiner, aber kleiner als wir. Haben einen großen Kopf, grüne Haut und eigentlich einen ganz anderen Namen, aber den kann niemand aussprechen, deshalb nennen wir sie die Grünen.« »Aha.« »Die Grünen haben ein riesiges Riechorgan. Sieht aus wie ein Trichter und sitzt unterhalb der Augen. Übrigens ihre empfindlichste Stelle, falls du dich mal mit einem prügeln musst. So«, verkündete Handuma dann und öffnete eine breite Tür, »da sind wir.« Der Laderaum war groß und ein einziges Chaos. Alles stand durcheinander, offenbar ohne Plan und Ziel. Und falls es einen Plan gab, dann kannte ihn der Kapitän ebenso wenig wie Kelwitt. Zumindest ließ das die Art, wie er umherging und sich suchend umsah, vermuten. »Habe ich dir eigentlich schon alles erklärt?«, fragte Han- duma dabei. »Nein«, erwiderte Kelwitt zaghaft. »Noch nicht alles?« »Eigentlich … eher… noch gar nichts.«, Der Kapitän stieß einen Pfiff der Trübnis aus. »Wirklich? Werde ich alt? Ich dachte, ich hätte dir schon alles erklärt. Aber das war dann wohl ein anderer Orakelfahrer.« »Wahrscheinlich.« »Also, ganz einfach. Wir verlassen die Sternstraße bei Poo­ gruntes Stern, setzen dich mit einem kleinen Raumboot aus und fliegen weiter. Du hast etwa sechs Tage Zeit, dir alles anzusehen, dann kommen wir zurück und nehmen dich wieder auf. Klar? Und gelandet wird nicht. Landen dürfen nur Sternfahrer.« »Poogruntes Stern?«, fragte Kelwitt kläglich. »Ja. Du bist doch Poogrunte, oder?« »Kelwitt. Mein Name ist Kelwitt.« »Dann eben Kelwitts Stern. Von mir aus. Die Gunradi ma­ chen das schon.« Der Kapitän blieb stehen und deutete auf ein kleines Raumboot, das, halb zugestellt von Transportbehältern und anderen Gerätschaften, in einem Eck des Laderaums stand. »Ah, da ist es. Das ist das Raumboot, das du bekommst. Du musst es natürlich freiräumen, damit du auch starten kannst. Aber du hast ja noch fünf Einheiten Zeit.« Kelwitt unterdrückte nur mühsam einen Laut des Entset­ zens. Diesen ganzen Stapel beiseite räumen? Allein, und in nur fünf Zeiteinheiten? Kapitän Handuma öffnete eine kleine Klappe an der Seite des Raumbootes und sah hinein. »Brack und Wasser!«, fluchte er. »Das ist ja noch gar nicht leer!« »Leer?« »Wenn ich den erwische! So ein Abwasser, verdammt!« Er, sah sich um. »Aber ein anderes Raumboot habe ich nicht für dich. Das ist das einzige, das man mit Anfängerkurs fliegen kann … Oh, so ein brackiges Abwasser!« Kelwitt warf einen neugierigen Blick in die Öffnung, die hinter der Klappe lag. Er sah etwas, das wie Sand aussah, eine Unmenge winziger brauner Kügelchen. »Was ist denn damit?« Handuma war schon davongestapft, hinüber zu einer Reihe silbergrauer, hoch aufragender Silofässer. »Wir handeln auf dieser Reise mit Samen«, erklärte er aufgebracht. »Samen von Pflanzen der verschiedensten Welten.« Er klopfte gegen eines der Silofässer. Es klang dumpf. Er las die Beschriftung eines kleinen Schildes daran. »Hier – Tausendblütenorchidee. Oder hier: Lichtjuwelenkraut. Das da drüben ist Samen der Augen­ öffnerblume, den wir auf dem vierten Planeten von Telekis Stern eingetauscht haben. Jemand hat vergessen, ihn aus dem Behälter des Raumboots in einen dieser Silos umzufüllen. Jemand, dem das noch Leid tun wird.« Kelwitt nahm ein paar Samenkörner in die Hand. Sie fühl­ ten sich hart und trocken an. »Die Augenöffnerblume? Noch nie gehört.« »Irgend so eine Pflanze. Keine Ahnung, wofür man die braucht. Die Telekianer erzählen einem die tollsten Legenden darüber, wahrscheinlich, um den Preis hochzutreiben. Ah!« Einer der Silotanks klang hell und hohl, als er ihn beklopfte. »Na also!« »Legenden?« Aber der Kapitän hörte ihm nicht zu. Er trat neben ihn, leg­ te ihm wieder die schwere Hand auf die Schulter und sagte, auf den leeren Silotank deutend: »Also, mein lieber Poogrunte …«, »Kelwitt.« »Kelwitt?« »Ja.« »Also gut, Kelwitt. Von mir aus. Dir wird nichts anderes übrig bleiben, als die Samen in diesen Silotank dort umzufül­ len. Immerhin hast du ja noch fünf Einheiten Zeit dafür.« »Aber …« »So, und nun komm, ehe ich es vergesse. Ich habe noch et- was für dich.« Kelwitt hatte befürchtet, dem Kapitän seien noch mehr Ar­ beiten eingefallen, aber Handuma führte ihn in einen kleinen Raum, wo er die Tür eines abgeschlossenen Schranks öffnete und einen Schulterspangencomputer herausnahm. »Hier«, meinte er. »Damit sich dein Schwarm nicht um dich sorgen muss. Auf welche Schulter willst du ihn?« »Ähm, ich weiß nicht …«, stammelte Kelwitt, der noch nie einen Schulterspangencomputer getragen hatte. »Am besten auf die rechte«, entschied Handuma kurzer­ hand, setzte ihm das Gerät auf die rechte Schulter und zog einen kleinen Stift aus der einzigen Öffnung. Summend schloss sich die Spange um die Schulter und schien förmlich damit zu verwachsen. Es war kein unangenehmes Gefühl. »So. Der wird dir mit Rat zur Seite stehen, falls du in irgendeine unvorhergesehene Situation kommen solltest. Man weiß ja nie.« Kelwitt verdrehte den Kopf, um das Gerät zu betrachten, das da auf seiner Schulter saß wie ein neues Körperteil. Viel gab es nicht zu sehen, es war einfach eine dicke, silberglän­ zende Spange mit einer kleinen runden Öffnung auf der Oberseite. »Kennst du dich mit diesen Spangendingern aus?«, »Man redet mit ihnen, glaube ich«, sagte Kelwitt zögernd. »Bei uns zu Hause tragen bloß ein paar Händler so was.« »Ja? Woher kommst du denn?« »Aus der Donnerbucht-Region. Fünfte Lagune.« »Donnerbucht, ach du große Nässe – was macht man denn da? Meergras ernten?« »Ja. Und wir fangen Grundschleimer.« »Ach so. Na ja, das kann man auch ohne Spange.« Handu­ ma konsultierte die Beschriftung des Aktivierungsstiftes. »Also, du sprichst einfach mit dem Gerät. Dieses hier reagiert auf den Namen Tik.« »Tik?« Er erschrak, als plötzlich eine gleichmütige, maschinenhaft klingende Stimme zu hören war, die mitten in seinem Kopf zu entstehen schien. »Ich bin bereit«, sagte sie. »Hat er sich gemeldet?«, fragte Handuma belustigt, der Kelwitts Mienenspiel beobachtet hatte. Kelwitt bejahte. »Da war eine Stimme.« »Ja. Aber die hörst nur du. Ist so ein Trick von dem Ding, es schaltet sich in dein Nervensystem ein.« »Aha.« Kelwitt musterte den Spangencomputer noch ein­ mal. Das war ja reichlich unheimlich. »Und wozu brauche ich das?« »Na, stell dir vor, du fliegst da ganz allein umher, und plötzlich schlägt irgendein Instrument Alarm. Dann kann Tik dir sagen, was das bedeutet und was du tun musst.« »Kann er denn etwas sehen?« »Sehen, hören, sprechen, auf alle Arten kommunizieren, die wir kennen. Keine Sorge. Stell dir einfach vor, er ist so eine Art, überbesorgter Brüter, der auf dich aufpasst.« Kelwitt musste an Parktat denken, der sich von allen seinen Brütern am meisten um ihn gekümmert hatte. Die Leckereien, die er ihm mitgegeben hatte, hatte er bei der letzten Nah­ rungsaufnahme alle verzehrt; er trug nur noch das Orakelbuch in seiner Umbindetasche. »Gut. Aber eigentlich dürfte ich ihn gar nicht brauchen, oder?« »Nein. Du schwirrst einfach ein bisschen durch dein Stern- system, schaust dir die Planeten an – keine Landeversuche, verstanden?« »Ja, ja.« »… und wir holen dich wieder ab, sobald wir auf dem Rückweg hier vorbeikommen. Dürfte in sechs oder sieben Tagen der Fall sein, je nach Belegung der Sternstraßen, aber das merkst du dann ja.« Kelwitt machte die Geste des Einverstandenseins. »Habe ich noch was vergessen?« Der Kapitän dachte kurz nach und machte dann eine Geste, die alles Mögliche bedeuten konnte. »Ich muss wieder in die Steuerungszentrale. Du siehst einfach zu, dass du in fünf Zeiteinheiten in deinem Raumboot sitzt und wir dich ausschleusen können. Alles klar?« »Ja, sicher. Bloß …« »Schön. Also, dann, viel Spaß bei deiner Orakelfahrt, Poo­ grunte!« »Kelwitt.« »Kelwitt? Ja, richtig. Was habe ich gesagt?« »Poogrunte.« »Wie komme ich auf Poogrunte? Keine Ahnung, warum mir dauernd dieser Name einfällt. Muss wahrscheinlich ein, anderer Orakelfahrer gewesen sein.« Kapitän Handuma wirk­ te etwas verwirrt, als er davonging und Kelwitt einfach stehen ließ. Kelwitt verschwendete eine Menge Zeit damit, herauszufin­ den, wohin die Teile gehörten, mit denen sein Raumboot zugestellt war. Schließlich dämmerte ihm, dass es in diesem Laderaum so etwas wie einen festen Platz für bestimmte Dinge einfach nicht gab, sondern dass man alles einfach ir­ gendwohin stellte, wo gerade Platz war, und wenn etwas im Wege war, dann tat man es irgendwo anders hin. Auf diese Weise war das Chaos ringsumher entstanden, und so wurde es auch am Leben erhalten. Einige der Transportbehälter waren leer und damit leicht, aber die meisten waren schmerzhaft schwer, einige davon schier unverrückbar. Kelwitt musste nach einer Schwebekralle suchen, um sie vom Fleck zu bekommen, fand schließlich auch eine, mit deren Bedienung er allerdings nur schwer zurecht­ kam. Bei alldem verging die Zeit, als wolle sie plötzlich die Lan­ geweile der vergangenen Perioden wiedergutmachen. Als er endlich alles weggeschafft hatte, was das Raumboot behinder­ te, war es noch eine halbe Zeiteinheit bis zum Ausschleusen. Und der Behälter mit dem Samen der Augenöffnerblume war noch nicht umgefüllt. Kelwitt öffnete die Klappe, starrte das braune, körnige Zeug in dem Transportbehälter dahinter an und war ratlos. Wie um alles im Universum sollte er den Samen auch nur aus dem Behälter herausbekommen? Die Öffnung war nicht einmal groß genug, um die Hand hindurchzustecken., Der Schulterspangencomputer fiel ihm wieder ein. Hatte der Kapitän nicht gesagt, der sei dazu da, ihm in unerwarteten Situationen mit Rat zu dienen? Eine gute Gelegenheit, das einmal auszuprobieren. »Tik!« »Ich bin bereit«, sagte die kühle, gleichmütige Stimme in sei­ nem Kopf. »Wie kann ich die Samenkörner aus dem Behälter des Raumboots in den Silotank schaffen?« »Du benötigst hierzu eine Substanzpumpe.« »Und wo finde ich eine – was? Substanzpumpe?« »Hier im Laderaum sollte sich eine befinden. Allerdings kann ich keine genauere Ortsangabe machen.« Kelwitt stieß einen Laut der Ungeduld aus, während er sich umsah. Unmöglich, in dem Durcheinander etwas zu finden, von dem er nicht einmal wusste, wie es aussah. »Tik, nenne eine andere Möglichkeit, den Samen in einer halben Zeitein­ heit in den Silotank umzufüllen.« »Es gibt keine solche Möglichkeit. Die schnellste Vorgehensweise ist das Umpumpen mittels einer Substanzpumpe. Das Umpumpen des vollständig gefüllten Transportbehälters eines Raumboots dieser Bauart dauert dabei eine dreiviertel Zeiteinheit.« Kelwitt stieß einen Laut aus, den besser niemand gehört hatte. »Dann schaffe ich es ja überhaupt nicht mehr!« »Das ist korrekt.« »Und was ist, wenn ich nicht startbereit bin?« »Dann muss die Orakelfahrt entfallen. Soll ich die Steuerzentrale entsprechend benachrichtigen?« »Brack! Nein, natürlich nicht.« Kelwitt traute seinen Hör­, membranen nicht. Die Orakelfahrt entfallen? All dieser Auf- wand, um unverrichteter Dinge zurückzukehren? »Nein, keine Benachrichtigung. Die Orakelfahrt findet statt.« Er öffnete das Einschlupfloch des Raumboots. Brack, zum Geist des Verderbens mit dem Samenvorrat! Es war ja schließ­ lich nicht seine Schuld, dass der Tank nicht umgefüllt worden war. Und startbereit war das Raumboot auch mit vollem Behälter. Was machte es schon aus, wenn er den Samen noch ein paar Tage durchs All kutschierte? Er stieg an Bord, schaltete alle Maschinen ein, wie er es im Anfängerkurs gelernt hatte, und wartete. Das Geräusch der Schiffsmotoren veränderte sich, wie immer, wenn das Schiff eine Sternstraße verließ. Gleich darauf kam die Startfreigabe aus der Steuerungszentrale. »Ich starte«, bestätigte Kelwitt nervös. Dabei war alles höchst einfach. Es gab eine Taste mit der Aufschrift ›Ausschleusen‹, eine mit der Aufschrift ›Einschleu­ sen‹ und einen Steuerhebel, um das Raumboot in alle Raum­ richtungen zu bewegen. Alles, was er zu tun hatte, war, die Taste mit der Aufschrift ›Ausschleusen‹ zu drücken. Einer der großen Greifer, die entlang der Decke des Lade­ raums verliefen, kam heran, packte einen an der Oberseite des Raumboots angebrachten Griff und hievte es hoch, um es in den Schleusenraum zu transportieren. Metallene Tore schlos­ sen sich, öffneten sich, und er war im All. Das große Schiff wartete keinen Augenblick länger als unbedingt nötig, son­ dern hüllte sich sofort wieder in das blaue Leuchten, das dem Übergang auf die Sternstraße vorausging, und war im nächs­ ten Augenblick spurlos verschwunden., So plötzlich allein in bodenloser Schwärze zu hängen war nun doch etwas anderes, als einen Anfängerschnellkurs in einer Simulationsanlage zu absolvieren. Kelwitt spürte, wie seine Seitenherzen kräftig pumpten, gerade so, als gelte es, den Rundflug um diesen Stern zu Fuß zu bewältigen. Wirklich etwas ganz anderes. Er lugte aus den Sichtluken, betrachtete die fremdartigen, ungewohnt spärlich über das Dunkel verteil­ ten Sterne und fragte sich, ob das mit der Orakelfahrt so eine gute Idee gewesen war. Andererseits kamen diese Art von Bedenken ein bisschen spät. Egal, wie er sich fühlte, er würde warten müssen, bis das Schiff wieder zurückkam, um ihn abzuholen. Und die sechs oder sieben Tage bis dahin nutzlos an derselben Stelle zu hängen, wollte er ganz bestimmt nicht. Er fasste behutsam in den Steuergriff und bewegte ihn ein wenig zur Seite. Sofort begann das Raumboot, sich zu drehen. Eigentlich ge­ nau wie im Simulator. Vielleicht war es doch nicht so anders. Eine große, auffallend helle Scheibe wanderte in sein Blick­ feld. Das musste die Sonne sein. Seine Sonne. Kelwitts Stern. Kelwitt stoppte die Drehbewegung, holte sein Buch hervor und begann zu blättern. Eine gelbe Sonne. Kelwitts Stern war, eine gelbe Sonne – was hatte das zu bedeuten? »›Gilt allgemein als günstiges Vorzeichen‹«, las er. »›Wenn der Stern aber keine Planeten aufweist, bedeutet es, dass der Besitzer keine herausragenden Fähigkeiten besitzt und ein Leben ohne besondere Ereignisse, weder im Guten noch im Schlechten, führen wird.‹« Mit anderen Worten, dass ihn ein absolut langweiliges Leben erwartete. Das konnte ja wohl nicht wahr sein. Blieb bloß zu hoffen, dass Kelwitts Stern bei seiner Entstehung auch an ein paar Planeten gedacht hatte! Um so etwas festzustellen, verfügte das Raumboot doch über geeignete Ortungsinstrumente. Kelwitt musterte die leuchtenden Flächen vor sich. Das sah nun wieder völlig anders aus als die Instrumente, die er während des Kurses im Sternfahrernest kennen gelernt hatte. »Tik?« »Ich bin bereit«, erklärte die geisterhafte Stimme in seinem Kopf. »Wie finde ich heraus, ob dieser Stern Planeten besitzt?« Eines der Instrumente schien plötzlich ein wenig aufzu­ leuchten. Wahrscheinlich wieder so ein Effekt, den der Span­ gencomputer über die Nervenkopplung hervorrief. »Der Stern besitzt insgesamt neun Planeten.« »Neun!«, frohlockte Kelwitt. »Das ist ein gutes Zeichen!« »Nach der Deutung von Mu'ati. Nach der Deutung von Isuukoa bedeutet es, dass der Besitzer in seinem Leben viele Reisen machen und sich mehrmals einem neuen Schwarm anschließen wird. Nach der Deutung von Denopret bedeutet es, dass der Besitzer mit Sitte und Gesetz in Konflikt kommen und möglicherweise gewisse Zeit in Verbannung zubringen wird.«, »Was?« Kelwitt drehte sein Buch um und studierte den Einband. Ja, er hatte das Deutungsbuch von Mu'ati erworben. Er hatte gar nicht gewusst, dass es noch andere Deutungswei­ sen gab. »Ist das alles?« »Es gibt außer diesen noch die Deutungen von Joohi, Em'neta, Kurzilit, Umpara, Lekalooti Prennek und Timma. Ich habe jedoch nur die drei genannten Werke gespeichert, wobei die Deutung von Denopret als die am meisten gebräuchliche gilt.« »Brack!«, entfuhr es Kelwitt. »Und ich habe mir Mu'ati auf­ schwatzen lassen.« »Mu'ati lebte in der 124. Epoche bei den dunklen Tiefen. Seine Deutungen galten lange Zeit als verschollen, wurden jedoch in der letzten Epoche bei Bauarbeiten in dieser Region wiedergefunden.« »Ja, danke, das steht hier alles auch.« »Bitte sehr.« Kelwitt lehnte sich in dem nicht sehr bequemen Sessel zu­ rück und machte einen Laut der Ratlosigkeit. Er blätterte das Buch durch und überflog die verschiedenen Beschreibungen. Man merkte dem Stil schon an, dass der Text ziemlich alt sein musste. 124. Epoche, du brackiges Abwasser! Was hatten die denn damals schon über Sterne wissen können? Damals hatte man doch noch nicht einmal gewusst, dass es so etwas wie Sternstraßen gab. Er pfefferte das Buch in die Ecke. »Tik? Was kannst du mir über die Planeten sagen?« »Die Halbachsen der Umlaufbahnen, die mittleren Entfernungen von der Sonne, die Durchmesser, die Masse, die Anzahl der Monde, die mittlere Bahngeschwindigkeit, die Umlaufzeiten, die herrschende Schwerkraft, die Zusammensetzung der …« »Nein, ich meine, gibt es irgendwelche Besonderheiten? Die Umlaufzeiten interessieren mich einen Brack. Ich bin hier, wegen des Orakels.« »Der sechste Planet weist einen Ring auf.« »Was sagt dein Denopret dazu?« »›Hoffnung, Begierde, Erwartung, Triumph …‹« Kelwitt machte flüchtig die Geste der einladenden Auf­ merksamkeit und wartete, aber da kam nichts weiter. »Ist das alles?« »Ja.« »Brack. Und was soll das heißen?« »Hoffnung ist der feste Glaube an das Eintreten des Gewünsch­ ten. Begierde bezeichnet ein starkes Gefühl des Verlangens. Unter Erwartung versteht man …« »Ja, ja! Schon gut!« Was sollte er denn mit so einem Abwas­ ser von Deutung anfangen? Er angelte wieder nach dem Buch von Mu'ati, strich die verknitterten Seiten glatt und schlug nach, was der alte Deuter über einen Planeten mit Ring zu sagen wusste. »›Ein ausgezeichnetes Glückszeichen‹«, las er. »›Der Besitzer wird auf einer Reise eine Bekanntschaft ma­ chen, die ihm zu einem tieferen Verständnis des Universums verhilft. In jungen Jahren wird er einige Schwierigkeiten zu überwinden haben, was ihm jedoch gelingt, auch wenn es nicht danach aussieht.‹« Damit ließ sich doch schon wesentlich mehr anfangen. Zum Geist des Verderbens mit Denopret! Er würde sich an Mu'ati halten. »Weiter, Tik! Gibt es weitere Besonderheiten unter den Pla­ neten?« »Der fünfte Planet ist der größte Planet. Er besitzt zwanzig Monde und weist eine auffallende Streifenfärbung auf.«, »Aha!« Nachschlagen. Größter Planet. Schade, dass es nicht der vierte war, das hätte ›großen Einfluss, Ruhm, Ehre‹ bedeu­ tet. So verhieß ihm Mu'ati: »›Der Besitzer wird nie ohne Hilfe und Unterstützung sein.‹« »Was noch?« Bis jetzt klang alles viel versprechend. »Zwischen dem vierten und dem fünften Planeten ist eine auffal­ lend große Lücke, in der sich etwa siebentausend kleine Planetoiden um die Sonne bewegen. Möglicherweise ein zerstörter Planet.« Kelwitt spürte sein Mittelherz bis zur Sprechritze hoch schlagen. Ein zerstörter Planet! Das konnte unmöglich Gutes bedeuten. Er unterdrückte den Impuls, Tik nach der Deutung von Denopret zu fragen, und begnügte sich damit, in seinem Buch nachzuschlagen. »›Den Besitzer erwartet eine schwere Prüfung, der er nicht ausweichen kann. Er wird dabei aller Unterstützung beraubt und gänzlich auf sich allein angewiesen sein.‹ Brack, das klingt ja ziemlich beunruhigend.« Das klang wirklich nicht gut. Kelwitt legte das Buch beiseite und sah durch eine der Sichtluken hinaus ins All. Plötzlich kam es ihm feindselig und abweisend vor. Unwillkürlich suchte sein Blick die Zeitanzeige, aber natür­ lich war noch nicht einmal eine Einheit verstrichen. Das Ster­ nenschiff, das ihn ausgesetzt hatte, würde frühestens in fünf Tagen zurück sein. Ausgesetzt, ja. Genau so fühlte er sich. Er hätte auf Parktat hören sollen. »Und?«, fragte er mit steifer Ritze. »Gibt es sonst noch et- was Bemerkenswertes in meinem Sonnensystem?«, »Ja«, antwortete Tik. »Und das wäre?« »Der dritte Planet«, erklärte der Schulterspangencomputer, »ist bewohnt.« Das Buch von Mu'ati widmete dem überaus seltenen Fall, dass ein Stern einen bewohnten Planeten aufwies, ungefähr die Hälfte seines Umfangs. Kelwitt hatte diesen Teil des Buches bisher so gut wie nicht zur Kenntnis genommen, denn die Wahrscheinlichkeit, auf einen bewohnten Planeten zu stoßen, war wirklich sehr gering. Um genau zu sein, Kelwitt kannte niemanden, der bei seiner Orakelfahrt einen bewohnten Plane- ten vorgefunden hatte, und er kannte auch niemanden, der je von so jemandem gehört hatte. Er hatte bisher noch nicht einmal mit dem Gedanken an diese Möglichkeit gespielt. Nun blätterte er fasziniert durch die Seiten wie durch un­ entdecktes Land. Einen bewohnten Planeten in seinem Son­ nensystem zu haben war ein überaus vieldeutiges Omen. Es gab eine schier unglaubliche Fülle von Deutungen, abhängig von Art, Gestalt und Entwicklungsstand der Lebewesen auf dem betreffenden Planeten, und es war in dem kunterbunten Sammelsurium beim besten Willen keine Systematik zu ent­ decken. Lebewesen mit langen Hälsen, las er zum Beispiel, die intelligent genug waren, mit Feuer umzugehen, deuteten darauf hin, dass der Besitzer des Sterns sich vor einer nahe stehenden Person in Acht nehmen müsse, die unaufrichtig mit ihm sei. Seien Anzeichen zu finden, dass nukleare Explosionen stattgefunden hätten, dann müsse der Besitzer sich vor über­ stürztem Handeln hüten und davor, in die Unannehmlichkei­ ten verwickelt zu werden, die eine befreundete Person erleide., Finde er ausgeprägte Landlebewesen vor, die jedoch keine blaue Hautfarbe aufwiesen, dann müsse er damit rechnen, unverschuldet die Aufmerksamkeit von Personen auf sich zu ziehen, die ihn für ihre eigenen Interessen ausnutzen wollten, insbesondere, wenn die Landlebewesen größer als ein Jom­ buuraner seien. Blaue Hautfarbe dagegen würde darauf hin­ deuten, dass … »Ich mache darauf aufmerksam«, meldete sich Tik zu Wort, »dass sich das Raumboot im direkten Anflugkurs auf den dritten Planeten hält.« Kelwitt sah hoch. War das Einbildung, oder klang in der Stimme des Computers so etwas wie ein tadelnder Unterton mit? War das technisch überhaupt möglich? Er konsultierte die Instrumente. »Ja. Sicher. Dahin will ich ja.« »Ich muss daran erinnern, dass eine Landung nicht gestattet ist.« »Ich weiß, ich weiß. Warum sagt mir eigentlich jeder im­ merzu dasselbe? Landungen sind das Privileg der Sternfahrer, das habe ich schon verstanden.« Er blätterte weiter. Unglaub­ lich, diese Fülle an Einzelheiten. Ein bewohnter Planet konnte einem so gut wie alles über die eigene Zukunft verraten. »Ich muss sicherheitshalber erwähnen, dass dieses Raumboot technisch nicht für Landungen auf Planeten ohne Raumhafen einge­ richtet ist. Es benötigt zwingend ein Abfangfeld und einen Lande­ leitstrahl.« War dieser Spangencomputer eine Nervensäge? »Ich habe nicht vor zu landen. Ich will den Planeten nur umkreisen, einverstanden? Ich muss ja schließlich sehen, was es dort an Orakelzeichen über mein Leben gibt.« »Wird das Raumboot an einen Orakelfahrer ausgeliehen, ist eine, Sicherheitsschaltung wirksam, die einen Annäherungskurs an einen Planeten in eine Umlaufbahn in sicherer Entfernung überführt.« »Von mir aus.« »Der Sicherheitsabstand wurde eben unterschritten. Das Raum­ boot geht nun in eine sichere Umlaufbahn.« »Was?!« Kelwitt zuckte hoch. »Aber… was soll denn das?! So sehe ich doch überhaupt nichts!« »Das Raumboot befindet sich nun in einer sicheren Umlaufbahn um den dritten Planeten von Kelwitts Stern.« »Das ist ein Scherz, oder?« Der Computer schien zu zögern. »Ein Scherz ist eine nicht ernst gemeinte Äußerung, die in erster Linie darauf hinzielt, beim Rezipienten Belustigung hervorzurufen. Ich bedaure, wenn ich diesen Eindruck hervorgerufen haben sollte. Meine Absicht war, eine Tatsache festzustellen.« »Aber… So sehe ich bloß eine blau-weiße Kugel! Wie soll ich denn von hier aus irgendein Orakelzeichen finden ?!« »Ich schlage vor, zu diesem Zweck das eingebaute Teleskop zu verwenden.« »Und ich schlage vor, dass ich erst einmal näher heranfliege und in eine möglichst niedrige Umlaufbahn gehe, ehe ich dieses brackige eingebaute Teleskop verwende.« »Dies lässt die Sicherheitsschaltung nicht zu.« »Ah«, machte Kelwitt und griff in seinen Umbindbeutel. »Lässt sie das nicht zu, die Sicherheitsschaltung?« N'etehu hatte ihn vorgewarnt, dass so etwas passieren könne. Schlau, schlau, dieser N'etehu. Er hatte sogar gewusst, was man dagegen tun konnte. Kelwitt zog das kleine Schaltelement hervor, das N'etehu, ihm mitgegeben hatte, suchte an der Seite des Steuerpults die zwei winzigen Öffnungen, die N'etehu beschrieben hatte, und schob die Anschlüsse des Elements hinein. Eine Anzeige, die die ganze Zeit über geleuchtet hatte, erlosch. »Soeben ist die Sicherheitsschaltung außer Funktion gesetzt wor­ den.« »Na, das hoffe ich doch«, murmelte Kelwitt und beschleu­ nigte das Raumboot wieder ungehindert in Richtung auf den Planeten. »Immerhin hat mir der alte Grundschleimer drei Windgleiterschwänze dafür abgehandelt.« Darauf sagte der Spangencomputer nichts. Kelwitt verfolg­ te, wie die helle Planetenkugel immer näher kam, wie ein Schmuckstück in der abgründigen Schwärze des Alls liegend, wie sie immer größer zu werden schien und sich in ritzenbe­ klemmender Pracht vor ihm entfaltete. Schräg hinter sich wusste Kelwitt die Sonne, die auf der Höhe dieser Planeten­ bahn so hell strahlte, dass sich die Sichtluken vor ihr verdun­ kelten. Kelwitts Stern. Und das hier, sagte er sich begeistert, war Kelwitts Planet. »Ich mache darauf aufmerksam«, unterbrach Tik seine Gedan­ ken wieder, »dass das Manövrieren im Gravitationsfeld eines Planeten anderen Gesetzmäßigkeiten unterliegt als das Manövrieren im freien Raum. Der Anfängerkurs bereitet auf diese Unterschiede nicht vor.« Kelwitt stieß einen Laut des Ärgers aus. »Stopf dir doch die Ritze, du brackiges Ding!«, rief er. »Das kann ja wohl nicht so schwer sein. Und wenn du mir nicht dauernd dazwischenre­ dest, kriege ich das schon hin!« Konnte er dieses Teil eigentlich abstellen? Der Kapitän hatte den Aktivierungsstift behalten, in voller Absicht wahrschein­, lich. Er konnte versuchen, Tik zu befehlen, sich von der Schul­ ter zu lösen, und die Spange dann irgendwohin stecken, wo ihr Gequassel nicht störte. Oha? Über die Anzeigeinstrumente flackerten irgendwelche Linien, deren Bedeutung er nicht verstand. Die Planetenschei­ be schien immer noch größer zu werden, was nun nicht in seinem Sinn war. Eigentlich hatte er eine enge Umlaufbahn einschlagen wollen … Fünf zwölftel Zeiteinheiten später ahnte Kelwitt, dass der Anfängerkurs ihn auf das Manövrieren in unmittelbarer Nähe eines Planeten tatsächlich nicht vorbereitet hatte. »Tik!«, gellte er. »Was mache ich denn jetzt?!« »Du steuerst das Raumboot auf einem Kurs, der zum Absturz auf die Planetenoberfläche führen wird«, erklärte die gleichmütige Stimme in seinem Kopf. »Ich mache darauf aufmerksam, dass auch ein Absturz nicht gestattet ist.« »Brack, ich will ja überhaupt nicht abstürzen. Ich will in ei­ ne niedrige Umlaufbahn!« »Beschleunige. Hebe den Vektor an, um etwa drei Teilkreiseinhei­ ten. Ich empfehle ferner, das Schutzfeld zu aktivieren.« »Ich beschleunige, in Ordnung«, beeilte sich Kelwitt zu ver­ sichern. Widersinnig, wieso beschleunigen? Würde er dadurch nicht noch viel schneller abstürzen? »Vektor anheben!«, mahnte Tik. Jetzt klang die Stimme aber wirklich nicht mehr gleichmütig, oder? »Höher. Dreieinhalb Teilkreiseinheiten.« »Vorhin waren es noch drei.« »Das war vorhin.« Ein hohles, fernes Pfeifen war plötzlich zu hören. Es schien, von außerhalb des Raumboots zu kommen. »Was ist das?«, wollte Kelwitt alarmiert wissen. »Dieses Geräusch?« »Atmosphärepartikel. Wir sind in die obersten Schichten der pla­ netaren Atmosphäre eingetreten.« »Ist das gefährlich?« »Im Prinzip ja. Aber wir werden in Kürze wieder austreten. Ich empfehle, das Schutzfeld zu aktivieren.« Allerhand. Da würde er was zu erzählen haben, wenn er wieder zu Hause war. Jede Wette, dass N'etehu da nicht mithalten konnte. Ein bewohnter Planet! Und er, Kelwitt, durchpflügte die oberste Atmosphäre! »Du musst stärker beschleunigen«, mahnte Tik. »Der Kontakt mit der Atmosphäre wirkt bremsend. Außerdem musst du das Schutzfeld einschalten.« »Beschleunigen?! Wieso beschleunigen? Muss ich nicht ab­ bremsen?« »Wenn du es wünschst, kann ich zu einem späteren Zeitpunkt die physikalischen Grundprinzipien von Umlaufbahnen um Planeten erläutern. Im Augenblick würde ich aus Zeitgründen lieber darauf verzichten. Die Antwort auf die letzte Frage lautet: nein.« »Was, was, was?« Kelwitt hob die Hände in der Geste der Verwirrung, worauf das Raumboot sofort merklich zu schlin­ gern anfing. »Was redest du da, du blödes Metallstück? Was für eine Antwort? Was für eine Frage?« Tik schien merklich länger zu brauchen, ehe er antwortete. »Die Frage, auf die ich mit ›Nein‹ antwortete, war…« Draußen huschte ein großer, dunkler Schatten vorbei. Von schräg rechts vorne nach schräg links hinten. Kelwitt schrie auf. »Tik – was war das?«, »Ein metallischer, energieabstrahlender Flugkörper. Genauere Angaben sind im Augenblick nicht möglich. Übrigens musst du immer noch beschleunigen, den Vektor um weitere anderthalb Teilkreiseinheiten anheben und das Schutzfeld einschalten.« »Langsam, langsam – ich beschleunige ja. Was für ein Flug­ körper? Wo kommt dieser Flugkörper her?« Er hätte bei Jamuuni schwören können, dass in Tiks Ant- wort ein verächtlicher Unterton mitschwang. »Wir überfliegen einen bewohnten Planeten. Es könnte sich bei dem Flugkörper um eine Verteidigungseinrichtung der Planetenbe­ wohner handeln.« »Ach so«, meinte Kelwitt und beobachtete die Ausrichtung des Vektors. Beschleunigen, er durfte nicht vergessen zu beschleunigen. »Ist das gefährlich?« »Wenn die Hypothese zutrifft«, erwiderte Tik mit entnerven­ dem Gleichmut, »ja.« »Wie – ja?« »Entschuldige, aber diese Frage verstehe ich nicht.« »Was kann uns passieren?« »Es sind eine Fülle von Varianten denkbar. Im unangenehmsten Fall könnten die Planetenbewohner versuchen, das Raumboot abzu­ schießen.« »Oh, brack! Glaubst du wirklich?« Da war der Schatten wieder. Weit vorne in der Flugbahn des Raumboots tauchte er aus dem dunkelblauen Dunst der planetaren Atmosphäre auf, erhob sich wie ein attackierender Giftgreifer, und Kelwitt sah ein Aufblitzen an der Vorderseite der dunklen Gestalt. Im nächsten Moment erschütterte ein donnernder Schlag das Raumboot, Kelwitt wurde im Sitz, umhergeschleudert, und alle Instrumente ringsum erloschen. »Tik!«, schrie er auf. »Was war das?« »Der unangenehmste denkbare Fall, von dem ich eben sprach.« »Das Ding hat geschossen! Ist es das, Tik? Haben die auf uns geschossen?« »Ja. Und sie haben uns getroffen.« »Brack!«, durchzuckte es den jungen Jombuuraner. »Weil ich das Schutzfeld nicht eingeschaltet hatte.« »Korrekt. Ich schlage vor, dass du es zumindest jetzt einschal­ test.« »Ja, in Ordnung. Und wie geht das?« »Indem du das Schaltelement entfernst, das die automatische Si­ cherheitsschaltung lahm legt.« »Ach so«, murmelte Kelwitt beklommen, tastete nach dem kleinen Ding und zog es heraus. Sofort veränderte sich das Geräusch der Maschinen, und das Gefühl des Taumelns hörte auf. »Meinst du, die schießen noch einmal auf uns?« »Möglicherweise. Aber der Schuss traf außer dem Antrieb haupt­ sächlich den Transportbehälter, und es sieht so aus, als irritiere der ausströmende Samen die Flugmanöver des Angreifers.« »Der Samen strömt aus …« Kelwitt sah beklommen aus dem hinteren Fenster. Ein feiner, heller Schleier war zu sehen, den das Raumboot hinter sich herzog. Unter ihnen huschte die Oberfläche des Planeten vorüber. Es würde unangenehm werden, Kapitän Handuma das alles zu erklären. »Was soll ich jetzt machen?«, fragte er. »Im Moment gibt es nichts zu tun«, erklärte Tik. »Muss ich nicht beschleunigen?«, »Im Prinzip schon. Aber da die Antriebseinheit beschädigt wurde, ist dies nicht mehr möglich.« Kelwitt hatte das Gefühl, als setzten seine drei Herzen gleichzeitig eine Pumpwelle lang aus, als er begriff, was das bedeutete. »Wir stürzen ab!«, entfuhr es seinen bebenden Stimmritzen. »Stimmt das, Tik?« »Das ist korrekt«, erklärte der Schulterspangencomputer ton­ los., Die weitaus meisten der Bewohner des dritten Planeten von Kelwitts Stern bekamen natürlich nichts von dem Vorfall mit, in den im Wesentlichen nur der entnervte Pilot eines hoch geheimen Hochgeschwindigkeitsjets und die misstrauische Besatzung eines nicht ganz so geheimen Radarstützpunktes verwickelt waren. Der Pilot war entnervt, weil er bei der Verfolgung des lächerlich kleinen, sich mit lächerlich großer Geschwindigkeit durch die Stratosphäre bewegenden Objekts in eine Wolke winziger, scharfkantiger Partikelchen geriet, die ihm mit Überschallgeschwindigkeit sämtliche Sichtfenster zerkratzten, worauf er kurzzeitig die Kontrolle über sein Flugzeug verlor und die Verfolgung des Eindringlings abbre­ chen musste. Die Besatzung des Radarstützpunktes war miss­ trauisch, weil sie auf ihren Schirmen nichts von all dem hatte beobachten können, was der Pilot des Jets zu sehen behauptet hatte. Nachdem das Flugzeug gelandet war, wurden die Schleif­ spuren mit erstauntem Interesse untersucht. Irgendetwas muss­ te sich dort oben ereignet haben, so viel stand fest. Aus einigen Ritzen, Vertiefungen, Auskerbungen von Luftansaugstutzen und dergleichen kratzte man insgesamt etwa einen Esslöffel voll kleiner, harter, brauner Körnchen, über deren Herkunft und Bedeutung die Wissenschaftler sehr unterschiedlicher Auffassung waren. Entsprechende Berichte machten die Runde, mit dem Er­, gebnis, dass sich zunehmend weitere Planetenbewohner in die Diskussion einmischten, die eine gleichfalls zunehmende Anzahl von metallenen Sternen auf den Schulterklappen ihrer Körperbekleidung trugen. Die kleinen, harten, braunen Körn­ chen wanderten im Verlauf dieser Diskussion über viele Besprechungstische von zunehmend größeren Abmessungen. Schließlich transportierte man sie mit beträchtlichem Aufwand in ein nicht besonders großes, nahe dem Zentrum einer nicht besonders großen Ansiedlung gelegenes Gebäude, das bei den Bewohnern des Planeten ›das Weiße Haus‹ genannt wurde, wo die Samen vom vierten Planeten von Telekis Stern jedoch durch eine Reihe unglücklicher Zufälle mit einer Tüte Ra­ dieschensamen verwechselt wurden, die eine Sekretärin mitgebracht hatte, um in einer Tonschale auf dem Fensterbrett hinter ihrem Schreibtisch frische Keimlinge für das Früh­ stücksbrot zu ziehen. Das hatte zur Folge, dass ein streng geheimer militärischer Ausschuss wenig später beträchtliche Mittel bewilligte, um die Einwirkungen von überschallschnellem Radieschensamen auf Titanlegierungen untersuchen zu lassen. Aber wir greifen den Ereignissen vor. Um an einer passenden Stelle zu diesen zurückzukehren, müssen wir unseren Blick ein wenig schweifen lassen, um schließlich zu landen in … … in … … in Schloss Tiefenwart. Dieses altehrwürdige graue Gemäuer ragt unweit des klei­ nen Weilers Kirchlöhnen aus einem kleinen Birkenwäldchen. Kirchlöhnen wiederum gehört verwaltungstechnisch zu Duf­, fendorf, das unweit des nordöstlichen Traufs der Schwäbi­ schen Alb liegt und von dem kein normaler Mensch jemals gehört haben sollte, es sei denn, er wohnt zufällig dort. Das Schloss war im zwölften Jahrhundert erbaut worden, hatte kriegerische Auseinandersetzungen, Zerstörungen und Um­ baumaßnahmen überstanden, bis man es schließlich, nach dem endgültigen Aussterben des Geschlechts derer von Tie­ fenwart, in ein privates Internat für die missratenen Nach­ kommen steinreicher Leute umwandelte. Es gab Stimmen, die behaupteten, dass damit der endgültige Untergang der alt­ ehrwürdigen Mauern besiegelt sei. Den Zöglingen des Internats Tiefenwart war der Besitz von Fortbewegungsmitteln jeder Art untersagt. Die einzige Zer­ streuung, die man vom Schloss aus zu Fuß erreichen konnte, war das Schützenfest von Stutzenhausen, das nur einmal im Jahr stattfand und zudem in den Sommerferien. Ansonsten musste man sich damit begnügen, den Füchsen und Hasen dabei zuzusehen, wie sie einander gute Nacht sagten. Mit anderen Worten, die Lehrkräfte, die weniger aufgrund ihres fachlichen Könnens als vielmehr im Hinblick auf ihre Stressstabilität ausgesucht wurden, hatten ihre Schutzbefohle­ nen stets unter Kontrolle. »Wir sind hier nicht altmodisch, Herr Mattek. Die Mauern dieses Instituts stammen aus der Vergangenheit, zugegeben. Aber ich lege Wert auf die Feststellung, dass wir absolut auf der Höhe der Zeit sind – nicht nur, was unsere technische Ausstattung oder die Inhalte der Ausbildung anbelangt, die wir vermitteln, sondern auch in Bezug auf die Moralvorstel­ lungen, mit denen diese Gesellschaft ins kommende Jahrhun­ dert zu gehen beliebt.« Der Mann, der dies sagte und dabei die Fingerspitzen seiner, Hände gegeneinander legte, mochte Mitte fünfzig sein, trug eine runde Nickelbrille, einen steingrauen, spitz zulaufenden Kinnbart und ein asphaltgraues Jackett. Seine Augen muster- ten den Besucher mit salbungsvoller Unerbittlichkeit. Seine Krawatte zeigte ein Muster aus kleinen Dampflokomotiven auf blauem Hintergrund. Er schien überhaupt ein Fan von Dampflokomotiven zu sein. Mehrere gerahmte Stiche an den Wänden zeigten histori­ sche Dampflokomotiven in voller Fahrt, und auf seinem Schreibtisch hatte er einen Briefhalter in Form eines kleinen Lokomotivschuppens stehen, aus dem sogar ein maßstabsge­ treues Gleis herausführte, das über die ganze vordere Längs­ seite des Schreibtischs reichte. Man schrieb den 17. Dezember des Jahres 1999. Ein Freitag. Die mächtige, dunkelbraune Standuhr hinter dem Schreibtisch zeigte 11 Uhr 12. »Ich verstehe«, sagte Wolfgang Mattek, der dem Rektor in einem dicken Ledersessel gegenübersaß und sich vergeblich zu erinnern versuchte, wie vielen Rektoren er in den vergan­ genen Jahren gegenübergesessen war. Alle hatten sie diese Art von Blick gehabt. Es musste eine geheime Ausbildungsstätte für Schulleiter geben, in der man ihnen diesen seltsamen, für die Eltern unbotmäßiger Schüler reservierten Blick beibrachte. »Mit anderen Worten«, fuhr der Rektor fort, »wir sind uns dessen bewusst, dass sexuelle Beziehungen unter Heranwach­ senden heutzutage nichts Außergewöhnliches mehr sind. Wir fördern das zwar nicht, aber wir tolerieren es.« »Ich verstehe«, sagte Mattek noch einmal. Ihm kam zu Be­ wusstsein, dass er mit eingezogenem Hals dasaß, als erwarte er einen Hieb in den Nacken. Verärgert über sich selbst reckte, er den Kopf in die Höhe, dehnte ihn leicht nach rechts und links und bedachte den Rektor mit einem grimmigen Blick, als der ihn verwundert musterte. »Ich verstehe. Sie tolerieren es.« »Ja«, nickte der Schulleiter. »Unsere Schüler nehmen an ei­ nem ausführlichen Sexualkundeunterricht teil, der über das hinausgeht, was staatlicherseits vorgeschrieben ist, und sind also, wie man so sagt, mit den Tatsachen des Lebens vertraut. Überdies hängt im Kellergeschoss ein allgemein zugänglicher Kondomautomat, den unser Hausmeister stets gefüllt hält. Mit anerkannten Markenpräparaten, wie ich betonen möchte.« »Aha«, machte Wolfgang Mattek. Er hätte heute Morgen weiß Gott Besseres zu tun gehabt, als hierher zu fahren und sich abkanzeln zu lassen. Zumal er schon hätte vorhersagen können, welchen Verlauf dieses Gespräch nehmen würde, bis in die Wortwahl, wenn es hätte sein müssen. »Ich denke, dass Sie aus all dem ersehen können, dass unse­ re moralischen Grenzen keineswegs enger als heutzutage üblich gesteckt sind, vielleicht sogar eher noch weiter«, fuhr der Mann mit dem steingrauen Spitzbart fort, wobei er die Spitzen seiner gespreizten Finger unduldsam gegeneinander klopfen ließ. »Aber wo auch immer diese Grenzen verlaufen mögen – Ihre Tochter hat sie zweifelsfrei überschritten.« Mattek sank unwillkürlich ein Stück in sich zusammen. »Es mag ja nicht ungewöhnlich sein, dass Jugendliche öfters wechselnde Beziehungen eingehen. Aber Sabrina hat, wie man mir glaubhaft versicherte, mit beinahe jedem männlichen Mitschüler zumindest eine Affäre gehabt, manchmal sogar mit mehreren gleichzeitig.« Mattek konnte einen abgrundtiefen Seufzer nicht mehr un­ terdrücken., »Es hat mehrere ernsthafte tätliche Auseinandersetzungen unter rivalisierenden Nebenbuhlern gegeben. Die letzte verlief so blutig, dass wir beide Kontrahenten ins nächste Kranken­ haus bringen mussten, um ihre Platzwunden nähen zu las­ sen.« Mattek verdrehte die Augen und wünschte sich, er wäre woanders – und vor allem jemand anders. »Einer ihrer Klassenkameraden hat einen Selbstmordver­ such unternommen, nachdem Sabrina die Affäre mit ihm beendet hatte.« Mattek ächzte nur. »Und«, fügte der Rektor erbarmungslos hinzu, »sie hat of­ fenbar sogar versucht, Mitglieder des Lehrerkollegiums zu verführen.« Wie er das sagte, klang es so, als sei das das Ver­ werflichste gewesen, was sie hatte tun können. »Herr Mattek, bitte haben Sie Verständnis für meine Situation. Wir können dieses Verhalten nicht länger hinnehmen. Sabrina muss unsere Schule verlassen. So schnell wie möglich. Heute noch. Gleich nachher.« Mattek räusperte sich. Letzte Woche hatte er den Leiter des Rechnungswesens zu sich ins Büro zitiert und ihn etwa ebenso rabiat abgebürstet. Nun konnte er zumindest nachvollziehen, wie sich der Mann gefühlt haben musste. »Man hat mir gesagt, diese Schule sei spezialisiert auf schwierige Fälle. Man hat die exorbitanten Schulgebühren« – es konnte nicht schaden, darauf herumzureiten – »damit begründet, dass Sie hier Psy­ chologen, Sozialpädagogen, Therapeuten und so weiter be­ schäftigen. Man hat mir versichert, hier an der richtigen Ad­ resse zu sein.« Die Miene des Rektors wurde undurchdringlich. »Ich ver­, stehe sehr gut, dass Ihnen meine Entscheidung nicht gefällt. Aber ich muss darauf bestehen, dass Sie Ihre Tochter heute noch mitnehmen.« »Und was soll ich dann mit ihr machen? Ich bin Unterneh­ mer. Ich leite eine Fabrik, die Feuerwerkskörper herstellt, und das Silvesterfest 1999 steht vor der Tür. Können Sie sich vor­ stellen, was das bedeutet?« »Ich verstehe Ihren Ärger, Herr Mattek«, meinte der Schul­ leiter, »aber es ist das Beste, wenn Sabrina geht, glauben Sie mir.« Damit beugte er sich vor und drückte einen kleinen roten Knopf an dem Lokomotivschuppen. Etwas begann zu summen. Die Türen des Lokomotiv­ schuppens klappten auf. Mit ungläubigem Staunen beobachte­ te Mattek, wie eine kleine Dampflokomotive unter reichlich elektronisch klingendem Keuchen herausgefahren kam, einen kleinen Kohletender und zwei Schüttgutwaggons hinter sich her ziehend. Das kleine Gespann fuhr bis zur Mitte des Schreibtischs, hielt dann an, und die Abdeckungen der Wag­ gons öffneten sich. Sie waren gefüllt mit Süßigkeiten – Lakritz, Zuckerperlen, kleinen Bonbons. »Nehmen Sie etwas Konfekt, Herr Mattek«, meinte der Rek­ tor mit einer einladenden Handbewegung. »Das beruhigt die Nerven.« Wolfgang Mattek starrte den Mann mit dem grauen Spitz­ bart an, dann die beiden Waggons, das bunte Zuckerzeug darin, dann wieder den Mann, und konnte die ganze Zeit nur mühsam verhindern, dass ihm der Kinnladen herunterklapp­ te. War da nicht ein irres Glitzern hinter der Nickelbrille? »Ich spreche aus Erfahrung, Herr Mattek.«, Wahrscheinlich war es tatsächlich das Beste, wenn er Sabri­ na von hier fortbrachte. Je schneller, desto besser. Heute noch. Gleich nachher. Sabrina betrachtete ihr Abbild in der spiegelnden Scheibe. Der Busen würde wohl tatsächlich nicht mehr größer werden. Nicht mehr mit siebzehn. Aber eigentlich konnte sie zufrieden sein; die Mädchen mit den großen Oberweiten würden mit dreißig Hängebrüste haben, und sie würde dann immer noch ohne BH herumlaufen können. Doch, das ging okay. Die Sache mit ihrem Haar war da schon problematischer. Jetzt sahen die weißen Strähnen in dem Blond noch ziemlich cool aus. Andere Mädchen mussten für so was zum Friseur und viel Geld dafür hinblättern. Und wo gab es in dieser öden Gegend hier einen Friseur, der Strähnchen machen konnte? Nirgends, eben. Aber wenn sie erst mal älter war, würden die weißen Haare sie älter aussehen lassen, als sie war. Sie würde irgendwann anfangen müssen, ihr Haar zu färben. Sie warf einen flüchtigen Blick auf die dunkle Eichentür auf der anderen Seite des Ganges, hinter der ihr Vater und der Rektor zusammensaßen. Sie konnte sich vorstellen, was das Ergebnis sein würde. Vorsichtshalber hatte sie schon mal gepackt. Sie sah wieder aus dem Fenster. Für einen Moment fiel ihr ein breiter Kondensstreifen auf, der ungewöhnlich rasch über das winterkalte Graublau des Himmels zog. Aber sie dachte sich nichts dabei. Es gab noch jemanden, dem der breite Kondensstreifen am Himmel auffiel, und der dachte sich etwas dabei. Genug, jedenfalls, um sein Auto an den Straßenrand zu fahren, auszu­ steigen und dem pfeilgrade dahinziehenden Strich nachzu­ schauen. Der Name des Mannes war Hermann Hase, und wie der Zufall es so wollte, war er Geheimagent. Oder, wie es im Behördenjargon heißt, Außendienstbeamter des Bundesnach­ richtendienstes. Zumindest war er das im Moment noch. Sein Vorgesetzter hatte ihm unlängst zu verstehen gegeben, dass er sich nach einem neuen Job würde umsehen müssen, denn es gebe nun einmal nicht mehr so viele Verwendungsmöglichkei­ ten für Geheimagenten wie in der guten alten Zeit. Was sein Chef nicht ausdrücklich hinzugefügt, aber todsicher gemeint hatte, war, dass er mit dieser Begründung endlich die tauben Nüsse, die Volltrottel und Hohlköpfe seiner Abteilung los­ werden konnte. Denn zweifellos zählte man ihn, Hermann Hase, zu dieser Kategorie. Zugegeben, er hatte ein paar Mal Pech gehabt. Das eine oder andere Missgeschick war ihm unterlaufen. Die Verhaf­ tung des Mannes etwa, den er für einen irakischen Agenten gehalten und der sich nachher als biederer türkischer Gemü­ sehändler entpuppt hatte, war etwas vorschnell gewesen. Auch seine Theorie, dass die Frau des Bundeskanzlers unter dem hypnotischen Einfluss eines Astrologen stünde, hatte für allerhand Wirbel gesorgt. Dass dem Bundeskanzler Einzelhei­ ten über seine diesbezüglichen Ermittlungen zu Ohren ge­ kommen waren, musste eindeutig unter Künstlerpech ver­ bucht werden. Vermutlich trug man ihm auch noch nach, dass er im Rahmen einer verdeckten Aktion eine halbe Million Mark ausgegeben hatte, um in den Besitz eines angeblich vom Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker, verfassten Tagebuchs zu gelangen, das sich dann als Fälschung heraus­, gestellt hatte. Doch Hermann Hase, dreiundvierzig Jahre alt und ledig, focht das alles nicht an. Er war, dieses Gefühl trug ihn seit seinen Kindheitstagen durch alle Anfeindungen und Widrig­ keiten, vom Schicksal dazu ausersehen, einmal eine bedeuten­ de Mission zu erfüllen. Mit goldenen Lettern war ins Buch Gottes geschrieben, dass er, Hermann Hase, eines schicksal­ haften Tages zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, das Richtige tun und damit das Schicksal der Menschheit in neue Bahnen lenken würde. Es galt abzuwarten und allzeit bereit zu sein. Wie jetzt zum Beispiel. Eigentlich war er nicht im Dienst. Er war unterwegs, um seine Mutter in dem neuen Pflegeheim zu besuchen, in dem sie sich, wie sie ihm am Telefon immer wieder gesagt hatte, so wohl fühlte wie noch nie, und rang noch mit sich, ob er ihr schon andeuten sollte, dass er es sich ab nächstem Jahr möglicherweise nicht mehr würde leisten können, sie weiter dort leben zu lassen. Doch im Grunde, so sagte er sich immer wieder, ist ein Geheimdienstler immer im Dienst. Dieser Kondensstreifen, der da direkt über seinem Kopf an den Himmel gemalt war, sah merkwürdig aus. Er zückte sein Handy und wählte eine Nummer, unter der sich sofort jemand meldete, noch während des ersten Klin­ gelns. »Ochsenfrosch hier«, sagte Hermann Hase. Es war strenge Vorschrift, auf dieser Leitung nur die Decknamen zu verwen­ den. Er wurde allerdings das Gefühl nie los, dass man ihm immer absichtlich besonders dämliche Tiernamen zuwies. »Ich bin unterwegs in der Region Südwest, auf der Straße von Duffendorf kommend Richtung Blaukirch, und beobachte ein verdächtiges Flugzeug. Könnt ihr mir sagen, was das ist?«, Mit einem elfenhaft feinen, prickelnden Geräusch fiel etwas neben ihm auf das Dach seines Autos. Hermann Hase streckte die Hand aus und nahm eines der kleinen braunen Körnchen auf, die da aus der Luft auf ihn herabgeregnet waren. Sie sahen aus wie Radieschensamen. Seltsam. Er sah hoch und folgte dem weißen, blumenkohli­ gen Wolkenband mit seinem Blick. Der Kondensstreifen begann irgendwo, dünn wie ein Strich, teilte den Himmel dann in zwei gleich große Hälften, wurde immer dicker und breiter und verschwand hinter der nahen Hügelkette, unge­ fähr dort, wo Blaukirch liegen musste. Mit einiger Fantasie konnte man meinen, das Ding sei abgestürzt. »Man könnte meinen, das Ding sei abgestürzt«, sprach er in das Telefon. Durch die Sichtluken sah Kelwitt die Planetenoberfläche wild und planlos umhertorkeln, und er begriff erschrocken, dass es nicht der Planet war, der ins Taumeln geraten war, sondern das Raumboot. »Tik!«, schrie er. »Was machen wir denn jetzt?!« »Im Augenblick gibt es nichts zu tun«, beschied ihn die seelen­ lose Stimme. »Aber wir stürzen ab! Wir werden jeden Augenblick auf der Oberfläche aufschlagen!« »Das ist korrekt. Noch acht Mikroperioden bis zum Bodenkon­ takt«, erklärte Tik gefühllos. »Noch sieben … sechs … fünf…« »Zum Geist der Verdammnis mit dir!« Die Oberfläche des fremden Planeten kam heran wie ein geschwungener Hammer., »Wer ist es?« »Der Ochsenfrosch.« Der Mann mit dem Bürstenhaarschnitt verdrehte die Au­ gen. »Das hat mir noch gefehlt. Als ob mein Tag nicht sowieso schon versaut wäre … Was will er diesmal?« »Er glaubt, ein verdächtiges Flugobjekt beobachtet zu ha­ ben. Region Südwest, am Nordalbtrauf.« »Ein verdächtiges Flugobjekt?« »Ja.« »Inwiefern verdächtig?« »Das ist nicht ganz klar geworden. Er sprach von einem Kondensstreifen. Meinte, möglicherweise sei da was abge­ stürzt.« »Wie bitte?!« Er schrie es fast. »Ich dreh' ihm den Hals um! Ich dreh' ihm einfach den Hals um, diesem Wichtigtuer. Was um alles in der Welt geht uns das an?« »Soll ich ihm das sagen?« Der Mann mit dem Bürstenhaarschnitt zögerte. Er war der Einzige in dem Raum voller Landkarten, Telefone und Com­ puter, der eine Krawatte trug, und er zerrte in einem fort daran, als erwürge sie ihn unmerklich langsam. »Nein, warten Sie. Haben Sie es gecheckt? Ist da was abgestürzt?« »Die Flugsicherung sagt, nein. Es wird kein Flugzeug ver­ misst. In der Gegend, aus der unser kleiner Maxwell Smart anruft, ist nicht mal eines unterwegs.« »Das Militär?« »Die Gegend ist Flugverbotszone.« Die beiden Männer tauschten entsagungsvolle Blicke., »Er will sich doch mal wieder wichtig machen, oder?« »Sehe ich auch so.« »Und eigentlich hat er dienstfrei, nicht wahr?« »Exakt.« »Kann es sein, dass unser Lieblingskollege zu viel Fantasie hat?« »Unbedingt.« Beide seufzten abgrundtief. »Könnte man nicht denjenigen standrechtlich erschießen lassen, der ihn eingestellt hat?« »Ich fürchte, nein. Das war Doktor Schneider, der bekannt­ lich schon vor fünf Jahren von uns geschieden ist.« »Was für ein Glück für ihn.« »Kann man wohl sagen.« Der Mann mit dem Bürstenhaarschnitt und der Würgekra­ watte überlegte. »Wir müssen ihn beschäftigen. Irgendwie müssen wir ihn beschäftigt halten, sonst tanzt er auf unseren Nerven Cha-Cha-Cha.« Plötzlich kam ihm eine Eingebung. Er streckte die Hand aus. »Geben Sie mir den Hörer. Ich will mal sehen, wie gut ich noch heucheln kann.« Der andere reichte ihm den Hörer und drückte auf ein Nik­ ken hin den Knopf, der die Leitung öffnete. »Ochsenfrosch? Hier ist Ameisenbär. Ja, schon gut, sparen Sie sich das, und hören Sie zu. Es kann sein, dass der Himmel Sie an die Stelle gestellt hat, an der Sie gerade sind. Wir haben eine Meldung von NORAD bekommen, dass ein Objekt aus­ gemacht wurde, das sich der Erde vom Weltraum her genä­ hert hat und das offenbar gelenkt ist. Sie haben es über dem Atlantik verloren und suchen nun wie die Verzweifelten, danach. Möglicherweise ist es abgestürzt… Ja, das wäre dann ein UFO, genau. Verstehen Sie jetzt? Sie müssen unbedingt – unbedingt, hören Sie – die Absturzstelle ausfindig machen!« Die beiden Männer grinsten sich an, und der Mann mit der Krawatte hatte Mühe, seinen ernsthaften Tonfall beizubehal­ ten. »Nein, ich kann Ihnen keine Verstärkung schicken, Och­ senfrosch. Was glauben Sie, was hier los ist? Wir haben Hun­ derte von Spuren, denen wir nachgehen müssen. Ja, natürlich ist das möglicherweise ein historisches Ereignis ersten Ranges. Glauben Sie, das ist uns nicht klar?« Der andere Mann konnte kaum noch an sich halten. Seine Augen schienen anzuschwellen, und sein Atem begann ganz merkwürdig zu werden. »Und hören Sie, Ochsenfrosch«, fuhr der Mann mit dem Bürstenhaarschnitt fort, nun voll in Fahrt, »Gnade Ihnen Gott, wenn Sie das vermasseln. Haben wir uns verstanden? Ich schwöre Ihnen beim Grab meines Vaters: Wenn Ihnen diesmal eines Ihrer berüchtigten ›Missgeschicke‹ passiert, dann bege­ hen Sie lieber still und leise Harakiri, als mir noch einmal unter die Augen zu treten! Alles klar? Viel Erfolg.« Er legte auf, und im selben Augenblick brüllten die beiden Männer los vor Lachen, dass sie sich die Bäuche halten muss- ten. »›Wir haben eine Meldung von NORAD bekommen …‹ Ich könnt' mich wegschmeißen!« »Er hat es gefressen! Er hat mir wahrhaftig jedes Wort ab­ gekauft! Am Ende schlitzt er sich tatsächlich den Bauch auf, nur weil er kein UFO findet!«, Nachdem das Krachen und Splittern aufgehört hatte, öffnete Kelwitt die Augen vorsichtig wieder. »Tik?«, fragte er mit bebender Stimmritze. »Funktionierst du noch?« »Ich bin bereit«, tauchte die körperlose Stimme des Gerätes in seinem Kopf auf, als sei nichts geschehen. Dabei war so viel geschehen, und das meiste davon inner­ halb von Bruchteilen von Mikroperioden. Es war dunkel. Irgendwo knisterte etwas. Ein fernes Fauchen war zu hören, das Geräusch von Wind, der sich in einer Öffnung fing. Und es roch so verbrannt, als hätte jemand ein Feuer mit Tangwas­ ser gelöscht. Kelwitt tastete umher, berührte Metall, fasste in klaffende Risse und bröckelige Splitter. Nichts davon fühlte sich so an, als sei es Bestandteil eines flugfähigen Raumbootes. »Was ist passiert, Tik?«, fragte er. »Wieso lebe ich noch? Das Raumboot ist auf der Planetenoberfläche aufgeschlagen, nicht wahr? Aber ich habe nichts gespürt.« »Das Schutzfeld hat die negative Beschleunigung des Aufpralls absorbiert.« »Aber das Raumboot ist zerstört, oder?« »Das ist korrekt. Der mechanische Kontakt war nicht neutrali­ sierbar.«. Kelwitt machte die Geste der Mutlosigkeit, auch wenn das in diesem Moment wenig Sinn machte. Er hatte es ziemlich vermasselt, das stand fest. Und keine Ahnung, was er nun tun, sollte. Hinter ihm knisterte etwas, dann glomm ein kleines Not­ licht auf. Er entdeckte das Buch von Mu'ati, hob es auf, schüt­ telte die graupeligen Plastsplitter ab und schob es in seinen Umbindbeutel. »Tik? Wird man nach mir suchen, wenn ich nicht am ver­ einbarten Treffpunkt bin?« »Ja.« »Und wie wird man mich finden?« »Anhand der Signale des Notsenders, der sich soeben zusammen mit der Notbeleuchtung aktiviert haben dürfte.« Das klang wenigstens beruhigend. »Das heißt, ich muss ein­ fach nur hier warten, oder?« »Ja.« Er furchte die Stimmritze. Einfach nur warten. Das ver­ sprach, ganz schön langweilig zu werden. Und was würde aus seiner Orakelfahrt werden? Brack, er hatte es wirklich vermas­ selt. »Tik? Spricht etwas dagegen, dass ich hinausgehe?« »Das kann nicht empfohlen werden. Die Daten des Planeten wei­ sen zwar weit gehende Ähnlichkeit mit denen Jombuurs auf, aber da er belebt ist, bedürfte es einer eingehenden mikrobiologischen Analy­ se, um festzustellen, ob ein ungeschützter Aufenthalt auf seiner Oberfläche risikolos möglich ist.« »Hat das Raumboot keinen Schutzanzug an Bord?« »Selbstverständlich nicht. Eine Landung war schließlich nicht vorgesehen.« »Ja, schon gut. Ich hab's begriffen.« Er würde trotzdem hi­ nausgehen. Er konnte unmöglich sechs oder sieben ereignislo­, se Tage hier in diesem schummrigen Halbdunkel sitzen und nichts tun. In diesem Augenblick dröhnte ein dumpfer Schlag durch das Raumboot. Und dann noch einer. Kelwitt erstarrte. Große Untiefe, natürlich – auf diesem Planeten gab es ja Le­ bewesen! Und das klang, als wäre draußen eines, das herein­ wollte. Es klang, als würde er sich vielleicht bald wünschen, sechs oder sieben ereignislose Tage lang in schummrigem Halbdun­ kel zu sitzen und nichts zu tun. Der einzige Mensch, der den Absturz tatsächlich sah, war der alte Anton Birnbauer. Das war sehr bedauerlich, denn dieser Augenzeuge galt bei seinen Mitmenschen nicht als besonders vertrauenswürdig. Um genau zu sein, man hätte ihm nicht einmal geglaubt, wenn er das kleine Einmaleins einwandfrei aufgesagt hätte. Was er, nebenbei bemerkt, wahrscheinlich nicht gekonnt hätte, denn die Tage seiner Schulzeit schienen, wenn überhaupt, in einem anderen Jahrhundert stattgefunden zu haben. Die meisten Bewohner von Blaukirch kannten ihn nur in mehr oder weniger angetrunkenem Zustand, und selbst wenn es dunkel oder neblig war, fiel es ihnen leicht, ihm aus dem Weg zu gehen, so weit reichend war die Wolke aus Bierdunst und ähnlichen Gerüchen, die ihn umgab. Dass er seine Kleidung nie zu wechseln schien, unterstützte diesen Effekt nur noch. Einige Jahre zuvor hatte der Sohn des Birnbauer Anton, der ansonsten so wenig wie möglich mit seinem Vater zu tun haben wollte, ihm in einem Anfall weihnachtlichen Familien­, gefühls einen Hund geschenkt, der in seiner Ahnenreihe überwiegend Cockerspaniels aufzuweisen hatte und auf den seltsamen Namen ›Bundeskanzler‹ hörte. Bundeskanzler fasste eine unverbrüchliche Zuneigung zu dem alten Säufer, wie nur Hunde dies vermögen, und wich hinfort nicht mehr von seiner Seite. Bundeskanzler sorgte dafür, dass Anton vor dem Mittags­ schlag der Kirche aus dem Bett kam, und bestand auf einem ausgiebigen Spaziergang durch die Fluren rund um den kleinen Ort. Dort wuselte er dann bei jedem Wetter umher, beschnupperte die Wegränder, wedelte über die Neuigkeiten, die es dort zu riechen gab, machte bellend ein paar Sätze und kam immer sogleich wieder zurück zu dem Alten, wie um ihn daran zu erinnern weiterzugehen. Und Anton stapfte gehor­ sam mit, als bestünde ein geheimer Vertrag zwischen ihm und seinem Hund dahingehend, dass er sich morgens für die treue Anhänglichkeit des Vorabends zu revanchieren habe. Im Lauf der Zeit hatte er sich einigermaßen an die Benom­ menheit gewöhnt, die der niedrige Blutalkoholspiegel und der viele Sauerstoff hervorriefen, und bisweilen erlebte er beinahe so etwas wie einen klaren Moment. An diesem Dezembermorgen, an dem das übliche undefi­ nierbare vorweihnachtliche Wetter herrschte, war er jedenfalls der Einzige, der das rauchende Etwas sah, das aus dem Him­ mel herabfiel, direkt auf den Heuschober des Brunnenwirts. Es tat einen mächtigen Rumms, staubte ein wenig über dem Dach des Schobers, dann war wieder Stille. »Allerhand«, brummelte der Birnbauer Anton. Auch Bundeskanzler hatte innegehalten und schaute, was da los war., »Na«, meinte der Alte nach einer guten Weile. »Das müss'n wir uns anschau'n.« Sie stapften quer über die Brache. Bundeskanzler sprang voraus, nahm Witterung auf und fand alles reichlich beunru­ higend, jedenfalls hielt er die schlappen Ohren aufgerichtet, so gut er konnte. Anton nestelte lange am Tor, bis er es endlich aufbekam, und tatsächlich! – da gähnte ein Loch im Dach, kreisrund, wie ausgestanzt, und so groß, dass man einen Traktor hätte hindurchschmeißen können. »Wirklich allerhand«, meinte der Birnbauer Anton, und Bundeskanzler bellte bekräftigend. Da war irgendwas im Heu. Der Heuhaufen sah zerfleddert und eingedrückt aus. Anton ahnte dumpf, dass das, was da durchs Dach gefallen war, sich ins Heu gebohrt haben musste. »Ruhig, Bundeskanzler«, mahnte er, obwohl der Hund artig am Tor stehen geblieben war und nur unruhig zusah, wie sein Herrchen näher heranging an die Sache. Anton nahm einen langen hölzernen Stab, der einmal zu einem Heurechen gehört hatte, und bohrte ihn mit beiden Händen ins Heu. Und stieß bald auf einen harten Widerstand. Allerhand! Er zog den Stab zurück und stieß noch mal zu, härter diesmal. Das klang nach Metall, wenn ihn nicht alles täuschte. Er klopf­ te noch ein paar Mal, bis ihm endlich einfiel, dass er besser um Hilfe ging. Dem Brunnenwirt würde das hier nicht gefallen, das stand fest. Dem Brunnenwirt gefiel zunächst mal nicht, dass Anton so früh bei ihm auftauchte. »Schau, Anton«, sagte er, ehe der Alte den ersten Satz losbrachte, »ich kann dir jetzt noch nix geben, bei aller Liebe. Ich muss so viel vorbereiten für Weihnachten, und für Silvester natürlich; wir haben dies Jahr so viele Gäste angekündigt wie noch nie. Weil das Jahrtausend zu Ende geht, verstehst?« »Ich will ja gar nix …«, begann der Birnbauer Anton. »Dann versteh'n wir uns ja.« »Ja, freilich.« »Gut, dann setz dich da her. Kannst mir zuschauen, wie ich die neuen Speisekarten einsortier'.« Der Birnbauer Anton setzte sich also her und schaute dem Brunnenwirt zu, wie der die neuen Speisekarten mit seinen dicken Wurstfingern in die abgewetzten alten Plastikhüllen schob. »Dein Heuschober«, begann er nach einer Weile wieder, »hat ein Loch im Dach.« »Ja, ich weiß«, sagte der stiernackige Wirt nebenbei. »Das sollt' ich auch noch flicken, eh es doch noch zu schneien an­ fängt.« »Ach«, machte der Anton verblüfft. »Du weißt es also schon.« »Ach, der Schober leckt jeden Herbst ein bisschen. Muss beizeiten ein Brett drunternageln, dann geht's schon.« Vom Wirtshaus allein war kein Auskommen zu haben; der Wirt hatte nebenher sein Vieh wie alle im Ort. Das gab auch ein Fleisch, auf das man sich verlassen konnte. »Ein Brett?«, wiederholte der alte Säufer, dem allmählich dämmerte, dass der Wirt und er von zwei verschieden großen Löchern sprachen. »Ein Brett wird nicht reichen, glaub' ich …« Jetzt sah der Wirt auf. »Wie meinst' denn das?« »Da is' was durch's Dach von deinem Schober gefallen. Grad' vorhin. Ich hab's geseh'n.«, »Was? Was red'st da? Durch's Dach?« »Vom Himmel runter«, nickte der Birnbauer Anton, und Bundeskanzler, der zu seinen Füßen hockte und das Gespräch aufmerksam zu verfolgen schien, bellte bekräftigend. »Und jetzt steckt's im Heu.« »Und was soll das sein?« »Weiß nicht. Aus Metall ist's, glaub' ich.« »Ach, mich kriegst du nicht dran«, machte der Wirt mit ei­ ner wegwerfenden Handbewegung und wandte sich seiner Frau zu, die hereingekommen war und angefangen hatte, Weihnachtsschmuck an den Wänden anzubringen. »Hast du den Tierarzt angerufen wegen der Sau?« »Ja, freilich«, antwortete die. »Er kommt heut' Mittag.« »Aber es ist ein Loch im Dach!«, beharrte Anton und breite­ te die Arme aus. »So groß! Noch viel größer!« »Hör jetzt auf, Anton, sonst schenk' ich dir heut' nix aus. Du siehst, dass ich zu arbeiten hab'.« Der alte Mann seufzte. »Aber wenn's doch wahr ist …« »Vom Himmel runter!«, ereiferte sich der Brunnenwirt, dass die Adern an seinem Hals anschwollen. Das taten sie freilich in letzter Zeit immer leichtfertiger, selbst wenn er sich fast überhaupt nicht aufregte. »Was soll denn vom Himmel runter­ fallen, frag' ich dich?« »Ein Satellit vielleicht«, meinte seine Frau aus dem Hinter­ grund, während sie ein Tannengesteck an die Holztäfelung nagelte. »Ein Satellit? Was für ein Satellit?« »Ein russischer, ein indischer – was weiß ich. Neulich kam im Radio was davon. Dass da irgendwas runterkommen, könnte die Tage. Vielleicht auch ein amerikanischer, so genau hab' ich nicht hingehört.« »Aber der kann doch nicht auf meinen Heuschober fallen! ?« Sie sah ihn erst nur an, ohne zu antworten, und wischte sich dann mit dem Handrücken über die Stirn. »Wenn so einer vom Himmel runterkommt, kann er überall hinfallen, denk' ich.« Die Schläge hatten aufgehört, bald nachdem sie begonnen hatten. Doch die Stille danach wirkte bedrohlich. Schließlich hielt er es nicht länger aus. »Ich muss raus«, erklärte Kelwitt. »Ich muss nachschauen, was draußen los ist.« »Das ist nicht zu empfehlen«, meinte Tik mahnend. »Wie ich schon erklärt habe, waren die Fernsondierungen nur oberflächlicher Natur. Die Instrumente, die für die notwendigen Untersuchungen erforderlich wären, sind zerstört. Der Aufenthalt auf der Planeten­ oberfläche könnte zu bleibenden gesundheitlichen Schäden führen. Ganz davon abgesehen, dass es zu einer Kontaktaufnahme mit fremden Intelligenzen kommen könnte, was nur Sternfahrern mit Kontaktbefugnis gestattet ist.« Kelwitt löste die Haltegurte und tränkte seinen Feuchtean­ zug noch einmal gründlich durch. »Tik? Wie kann ich dich eigentlich ausschalten?« »Durch Einführen des Aktivierungsstiftes in die dafür vorgesehe­ ne Öffnung«, antwortete der Schulterspangencomputer gehor­ sam. »Ach, stopf dir die Ritze, ja?«, Als er seinen Sitz verließ und damit dessen Schutzfeld, merkte er, dass der Bug des Raumboots nahezu senkrecht nach unten gerichtet war. Die normale Einstiegsluke war eingedrückt und sah nicht aus, als ob sie sich öffnen lassen würde. Er probierte es, nur um festzustellen, dass der erste Eindruck nicht getrogen hatte. »Tik, gibt es hier irgendwo Notausstiege?« »Ja.« Brackiges Abwasser! »Großartig. Und wo?« »Am hinteren Ende lässt sich die Wartungsluke zwischen den beiden Schubprojektoren entfernen. Am vorderen Ende …« »Danke, das reicht schon.« Er schob sich zwischen dem zweiten, unbenutzten Sitz und dem zertrümmerten Bahnanalysator hindurch nach hinten – was in dieser Situation bedeutete, nach oben. Wie man die Abdeckung zur hinteren Antriebskammer entfernte, war zum Glück offensichtlich; die Abdeckplatte hatte zwei unüberseh­ bare Schraubgriffe und fiel von selbst ab, als er diese löste. In dem schmalen Raum dahinter hatte er nur mit Mühe Platz. Die Schubprojektoren waren noch warm, die Notluke zwischen ihnen sah unbeschädigt aus. Neben der Luke gab es einen schmalen Sehschlitz, hinter dem es nicht ganz so dunkel war wie hinter den Sichtluken des vorderen Teils. Als Kelwitt genauer hinsah, sah er seltsa­ me grün-braune Borsten, dicht an dicht gefaltet, geschichtet und verdichtet sich gegen die Außenseite der Luke drücken. Er sah noch genauer hin, aber es glich nichts, was er jemals im Leben gesehen hatte. Ein Schauder rieselte seine beiden Seitenherzen entlang. Da, draußen wartete ein fremder Planet auf ihn. Eine unvorstellbar fremdartige Welt. »Kelwitts Stern«, sagte er sich trotzig. »Kelwitts Planet. Das ist mein Planet, zum Geist der Verdammnis!« Und damit öffnete er die Wartungsluke zwischen den beiden Schubpro­ jektoren. Etwas von dem braunen Zeug rieselte herab. Kelwitt fing es mit der Hand auf. Es war kratzig, zerbröselte zwischen den Fingern und vermischte sich mit der Feuchtigkeit seiner Haut zu einem schmierigen, übel riechenden Brei. Was um alles in der Galaxis konnte das sein? Er betrachtete die borstige Masse, die sich ihm durch das geöffnete Luk entgegendrückte. Irgendwie hatte er sich die erste Landung auf einem fremden Planeten anders vorgestellt. Ein Raumschiff, das in all seiner glänzenden Pracht inmitten einer großen, freien Ebene stand. Ein Sternfahrer, der stolz hinaustrat, um erhobenen Hauptes auf einen unberührten Horizont zu schauen. Ganz bestimmt hatte er sich nicht vorge­ stellt, sich durch einen Berg undefinierbaren Materials ins Freie zu wühlen. Aber das war es wohl, worauf es hinauslief. In diesem Moment hörte er Geräusche durch das braune Zeugs hindurch, gedämpft zwar, aber unzweifelhaft vorhan­ den. Scharren, Kratzen, tiefe, grollende Laute. Als sammelten sich unheimliche Tiere um ein Beutestück. Vielleicht war es besser, das Luk wieder zu schließen. Im nächsten Augenblick kam Bewegung in das Gestrüpp der dünnen, braungrünen Borsten. Es raschelte, wogte, brök­ kelte und rieselte herein. Kelwitt stieß unwillkürlich einen Schrei aus und langte nach der metallenen Abdeckung. Als hätte man seinen Schrei gehört, verstärkte sich das Wühlen, und Kratzen auf der anderen Seite des Borstenhaufens. Ganz bestimmt war es besser, das Luk wieder zu schließen. Bloß schien der Deckel nicht mehr zu passen. Oder die Ver­ schlüsse hatten sich verändert. Kelwitt schaffte es nicht, die Öffnung wieder zu verriegeln, und schließlich glitt ihm die schwere Abdeckung aus den Händen. Da wurde plötzlich das kratzige Hindernis weggerissen, und Kelwitt sah in das flache, bleiche Gesicht eines Planeten­ bewohners. Geheimagent Hermann Hase erreichte Blaukirch und fuhr zuerst einmal auf der anderen Seite wieder hinaus, weil er nicht damit gerechnet hatte, dass der Ort so klein sein könnte. Er wendete und fuhr die zweieinhalb Straßen des Weilers ab, auf denen nichts los war, abgesehen von einer alten Frau, die in einem winzigen Gärtlein Kräuter pflückte, und zwei kleinen Mädchen mit großen Schulranzen, die, in todernste Gespräche vertieft, auf einer Mauer hockten. Anders als der Name ver­ muten ließ, gab es überhaupt keine Kirche in Blaukirch, nur einen alten Brunnen an der einzigen Kreuzung im Ort, und daneben ein düsteres Wirtshaus, das ›Am Brunnen‹ hieß und aus dunklen, blinden Fenstern zu beobachten schien, wie er seinen Wagen davor parkte. Hase rang kurz mit sich, ob es an diesem friedlichen, weltabgeschiedenen Flecken Erde notwen­ dig war, das Auto abzuschließen, aber die melancholisch dreinblickenden Fensterläden ließen ihn dann doch zum Schlüssel greifen und das ganze Arsenal an Wegfahrsperren, ultraschallgesteuerten Bewegungsmeldern und Alarmanlagen in Bereitschaft setzen. Das Wirtshaus hatte geschlossen, was kurz nach zwölf Uhr, zumindest merkwürdig war. Ein kleiner Junge, der auf der Treppe saß und Star-War-Figuren auf seinem Schulranzen paradieren ließ, sah zu ihm hoch und fragte: »Sind Sie der Tierarzt?« »Tierarzt?«, schüttelte Hase unwillig den Kopf. »Nein, ich bin kein Tierarzt.« Er sah sich um, blinzelte zum Himmel hinauf. Von dem Kondensstreifen war so gut wie nichts mehr zu sehen. Das fade, schleimige Grau des Himmels schien ihn aufgesogen zu haben. »Mama und Papa sind nur kurz weggegangen«, erzählte der Junge weiter. »Ich muss hier auf den Tierarzt warten, wegen unserer kranken Sau.« »So, so«, machte Hase. »Ganz allein.« »Wir haben früher ausgehabt. Weil Weihnachtsferien sind.« »Schön, schön.« Ihm fiel ein, dass er genauso gut den Jun­ gen fragen konnte. »Sag mal, hast du zufällig gesehen, wie hier in der Gegend etwas vom Himmel gefallen ist?« »Was Großes?«, fragte der Junge zurück. »Ja, kann sein.« »So was wie ein Flugzeug?« »Ja, genau. So was wie ein Flugzeug. Hast du so was gese­ hen?« Der Junge schüttelte den Kopf. »Nein.« Der Geheimagent verdrehte die Augen. Diese kleine Pest­ bazille! Am liebsten hätte er ihm eine geschmiert. »Aber der Birnbauer Anton«, fuhr der Junge fort, »der hat es gesehen.«, »Ach Gott!«, rief die Frau vom Brunnenwirt aus. »Ach Gott, ist der süß!« »Was red'st du da?«, knurrte ihr Mann. »Süß? Was ist an dem süß? Was ist das überhaupt für ein Viech?« Sie packte ihn am Arm. »Komm weiter zurück. Der muss ja Angst vor dir haben.« »Ihr müsst ihn einfangen!«, rief der Birnbauer Anton mit einem verbissenen Blick im Gesicht. »Nicht, dass er euch abhaut!« »Der Anton hat Recht. Haut mir das Dach zusammen und springt mir am End' davon …« »Jetzt red keinen Blödsinn und geh einen Schritt zurück, damit er ganz rauskommt.« Ihr Griff um seinen Arm gab nicht nach, und so trat der Brunnenwirt schließlich ein paar Meter zurück, bis fast ans Scheunentor, von wo aus sie gemeinsam zusahen, wie das eigenartige kleine Wesen vollends aus sei­ nem Versteck stieg. Der erste Eindruck war: ein Delfin auf zwei Beinen. Ein sü­ ßer kleiner Delfin auf zwei Beinen, wie die Frau des Brunnen­ wirts fand, die am liebsten vorwärtsgestürzt wäre, um diese feucht glänzende, seidige dunkelgraue Haut zu liebkosen, das Heu abzuzupfen, das daran klebte, und das magere Wesen dann an die Brust zu drücken. So klein war es gar nicht, maß wohl etwas mehr als anderthalb Meter. Man brachte es nicht fertig, es für ein Tier zu halten, dazu bewegte es sich zu über­ legt, zu vorsichtig, zu – menschlich. Der Kopf, der ohne er­ kennbaren Hals auf dem Rumpf saß, lief spitz zu wie der eines Delfins. Große dunkle Augen schauten wachsam umher, neugierig, vorsichtig; Augen, die ganz schwarz waren wie riesige Pupillen. Und es schien ein Kleidungsstück zu tragen,, eine Art eng anliegenden Anzug von fast der gleichen Farbe wie die Haut und auf den ersten Blick kaum von dieser zu unterscheiden. Das einzig Auffällige war eine silbern schim­ mernde Metallspange, die auf der rechten Schulter des Wesens saß wie festgeklemmt. Als es, mit behutsamen, geschmeidigen Bewegungen, ganz über die Heuballen herabgeklettert war und auf festem Boden stand, hob es die Hände, und nun gruselte auch der Brunnen­ wirtin, denn die sahen wirklich fremdartig aus. Vier Finger hatte jede Hand, oder besser gesagt, drei Finger und einen, der ihnen gegenüberstand wie ein Daumen an einer menschlichen Hand, aber diese Finger bewegten sich wie sich ringelnde Würmer, umschlangen einander wie die dicken Haare auf einem Medusenhaupt. »Also«, grummelte der Birnbauer Anton, »so was hab' ich meiner Lebtag noch nicht gesehen.« Als wäre das das Stichwort gewesen, begann sein Hund plötzlich, sich wie toll zu gebärden – sprang einen Satz auf das schmale graue Wesen zu, sprang zwei Sätze zurück, heulte auf, warf sich zu Boden, wand sich, als müsse er sich in den eigenen Hintern beißen oder sterben, kurz, drehte völlig durch. »Bundeskanzler!«, rief der alte Mann und klopfte sich mit der flachen Hand auf die speckige Hose. »Da komm her! Bei Fuß! Sitz, Bundeskanzler!« Aber nichts half. Dann, im nächsten Moment, war es vorüber. Bundeskanzler hielt inne, sah hoch, äugte in Richtung des Fremden und stob dann auf und davon, geradewegs durch das offene Scheunen­ tor. »Ja, was …!?«, rief der Birnbauer Anton und stapfte hinter- her, so schnell seine alten O-Beine dies zuließen. Und hielt, inne, als er das Auto sah, das auf dem Feldweg vor der Scheu­ er stand und das vorher noch nicht da gestanden hatte. Ein dicklicher Mann stieg gerade aus diesem Wagen aus. Er trug eine Lederjacke mit pelzbesetztem Kragen, die ihn aussehen ließ wie einen betagten Elvis Presley mit fortgeschrittener Halbglatze, ein Eindruck, der durch die breitbeinige Art und Weise, wie er quer über die Wiese auf die Scheune zugewalzt kam, noch verstärkt wurde. Die drei sahen ihn ein Lederetui zücken mit einem Ausweis darin. Diese Geste kannte man ja aus dem Fernsehen. Im Auftrag der Regierung käme er, sagte der Mann in der Leder­ jacke, und dann sah er den Delfin auf zwei Beinen und brach mitten im Satz ab. »Das da!«, brachte er schließlich heraus. Er hob den Zeige­ finger und zeigte auf das ratlos dastehende kleine Wesen. »Was ist das?« Der Brunnenwirt fing unbeholfen an zu erklären, und der Birnbauer Anton redete ihm dazwischen, von einem Ding, das durchs Dach geschlagen sei und mitten rein ins Heu, und wie sie es freigebuddelt hätten, aber da winkte der Mann, der im Auftrag der Regierung gekommen war, schon ab. »Hören Sie«, sagte er in genau dem gleichen Ton, in dem solche Männer in amerikanischen Fernsehserien so etwas zu sagen pflegten, »ich muss dieses … Lebewesen mitnehmen. Sie drei bewahren über den ganzen Vorfall bitte strengstes Still­ schweigen. Es handelt sich um eine Angelegenheit der natio­ nalen Sicherheit, also zu niemandem ein Wort, verstanden?« Sie nickten ehrfürchtig, nur der Brunnenwirt bekam wieder dicke Adern am Hals und fragte aufgebracht: »Und mein Dach? Wer bezahlt mir den Schaden?«, Der dickliche Mann mit der Halbglatze ignorierte ihn. Er stapfte langsam auf das schmächtige Wesen zu, das im­ mer noch dastand und alles, was geschah, aufmerksam beo­ bachtete. Auch als der Mann seine Pranke ausstreckte, flüchte­ te es nicht. Es schien im Gegenteil zu verstehen, was der Mann von ihm wollte, und ging bereitwillig mit ihm mit, zum Scheunentor hinaus – wo es kurz stehen blieb und sich, stau­ nend, wie es schien, umsah – und zum Wagen des Mannes. Der setzte es auf den Rücksitz, schnallte es an, bekräftigte noch einmal, dass sie niemandem etwas darüber sagen dürften, versprach, dass in den nächsten Tagen jemand kommen wür­ de, um sich um alles zu kümmern, stieg dann ein und fuhr davon. »Allerhand!«, schnaubte der Birnbauer Anton und schüttel­ te grimmig den Kopf. »Das war einer von einem anderen Stern, glaubst du?«, meinte die Frau vom Brunnenwirt. »Wie der ausg'sehen hat …« Sie seufzte. »Und so süß!« Die Adern am Hals des Brunnenwirts waren immer noch zu sehen. »So leicht kommt mir der nicht davon«, schwor er. »Heut' Nachmittag hol' ich ein paar Leut' und schaff den Satellit oder was das war fort. Und wenn sie den zurückhaben wollen, dann zahlen die mir erst das neue Dach, das sag' ich dir!« Es waren Landbewohner. Ganz offensichtlich, denn sie hatten eine unverkennbare Lederhaut. Und lange Hälse auch. Aber blauhäutig waren sie nicht. Kelwitt erkannte mit wachsender Begeisterung, welch eine Fülle von Orakelzeichen da draußen darauf wartete, von ihm gedeutet zu werden., Deshalb zögerte er auch nicht, hinauszusteigen, als die drei großen Planetenbewohner sich in einer unverkennbaren Geste des Willkommens zurückzogen. Er vergewisserte sich nur, das Buch von Mu'ati im Umbindbeutel zu haben, denn das würde er brauchen. Sie sahen sehr fremdartig aus, und ihre Größe konnte einem fast Furcht einflößen. Drei absonderlich flache, bleiche Gesich­ ter waren ihm entgegengerichtet, und drei Paar winzige Au­ gen, über die sich in regelmäßigen Abständen dünne Nickhäu­ te senkten, beobachteten ihn aufmerksam. Eigentlich vier Paar, denn es gab noch einen vierten, etwas kleineren Planetenbe­ wohner, der auf vier Beinen stand und ein etwas jombuuraner­ ähnlicheres Gesicht aufwies. Der Vierbeinige war am ganzen Körper behaart wie ein Meergrasstein, die Zweibeiner dage­ gen nur auf der Oberseite des Kopfes. Kelwitt machte die Geste der Begrüßung, und obwohl sie ihn sicher nicht verste­ hen konnten, fing er an zu erklären, wer er war und woher er kam. Die Reaktionen darauf verblüfften ihn maßlos. Der kleinere Planetenbewohner fing beim ersten Wort an, einen wahren Grundschleimertanz zu vollführen, und als Kelwitt er­ schrocken innehielt, suchte das vierbeinige Wesen rasch das Weite. Womöglich war es so etwas wie ein Anführer gewesen, jedenfalls wandten sich die anderen drei Planetenbewohner daraufhin von ihm ab und verließen das große Gebäude, in dem er gelandet war, durch das offen stehende Tor. Kelwitt sah sich um. Das war alles sehr verwirrend. Vielleicht hatte die Regel, dass Kontaktaufnahmen nur durch Sternfahrer mit besonderer Ausbildung zu erfolgen hatten, doch ihren Sinn. Was war das zum Beispiel für eine Halle, in der er sich be­ fand? Ein großes, düsteres Gebäude, das, abgesehen von, einem breiten Gang in der Mitte, angefüllt war mit etwas, das ihn jetzt, da er es von außen sah, sehr an eingetrocknetes Meergras erinnerte. Auf Jombuur hätte man so etwas natürlich nicht aufbe­ wahrt, aber hier mochte es sich durchaus um ein Nahrungs­ mittel der Planetenbewohner handeln. Und wie das Loch im Dach bewies, war er mit seinem Raumboot mitten hineinge­ stürzt. Sicher waren sie ihm böse deswegen, und die Geste, sich von ihm abzuwenden, sollte das vielleicht ausdrücken. Da entdeckte Kelwitt einen fünften Planetenbewohner, der sich näherte. Offenbar ein Ranghöherer, jedenfalls war er auch auf den Schultern und auf der Brustmitte behaart, und nach­ dem er in der brummelnden, fast unhörbar tiefen Sprache der Planetenbewohner mit den anderen gesprochen hatte, deutete er auf Kelwitt in einer Art, die an die Geste der Zuneigung erinnerte. Diese Wesen konnten doch unmöglich etwas von jombuuranischer Gestik verstehen ? Dennoch war Kelwitt verwirrt genug, um mit dem Ranghöheren mitzugehen, als ihn der aus dem Gebäude hinauskomplimentierte. Was für eine wunderbare Welt! Kelwitt konnte es kaum fas­ sen. Land zwar, ja – aber feuchtes, beinahe nasses Land, wie man es auf Jombuur nur an den Lagunenrändern oder in den Farmhäusern der Lederhäute fand. Und überall, auf jedem Fleck, neben jedem Stein schien etwas zu wachsen, in der überquellenden Üppigkeit eines Meeresbodens. Unfassbar, dass diese Wesen sich damit abgaben, irgendetwas davon getrocknet aufzubewahren … Der Ranghöhere schien etwas dagegen zu haben, dass er stehen blieb. Kelwitt beeilte sich, ihm zu einem großen vier­ rädrigen Transportgefährt zu folgen und durch die Luke, die, ihm der Planetenbewohner öffnete, einzusteigen. Zu Kelwitts nicht geringem Entsetzen war der Sitz, den er einnehmen musste, geradezu Übelkeit erregend weich und nachgiebig! Großes Universum, setzten sich diese Wesen wahrhaftig nieder auf etwas, das sich anfühlte, als säße man einem Riesengluhm direkt im Maul? Aber er musste sich wohl den hiesigen Gebräuchen anpassen, und so versuchte er, sich nichts anmerken zu lassen. Der Ranghohe legte ihm einen Haltegurt an und schloss die Luke, um kurz darauf durch eine Luke auf der anderen Seite ebenfalls einzusteigen, auf einen Sitz direkt an den Steue­ rungselementen. Kelwitt wurde ganz anders, als der Planetenbewohner das Triebwerk startete und das Transportgefährt schlingernd und rüttelnd in Bewegung kam, eine Bewegung, die das Gefühl, auf dem gierigen, saugenden Maul eines Riesengluhms zu sitzen, noch verstärkte. Es wurde besser, als sie eine steinerne Fahrstraße erreichten. Weit und breit war kein weiteres Transportgefährt zu se­ hen. Der Planetenbewohner wackelte auf seinem eigenen Sitz, der offenbar genauso labbrig und nachgiebig war wie der Kelwitts, hin und her und gab die dumpfen, grollenden Laute seiner Sprache von sich. Ob das so klug gewesen war, mit diesem Wesen mitzuge­ hen? Wohin brachte es ihn? Kelwitt überlegte, ob er es wagen konnte, das Buch Mu'atis hervorzuziehen – er sehnte sich danach, die Deutung all der Dinge, die ihm bis jetzt widerfah­ ren waren, zu erfahren. Wenn ihm nur nicht so unwohl gewe­ sen wäre … Da, an einer Einmündung in eine andere steinerne Fahr­, straße, änderte der Ranghohe ruckartig die Fahrtrichtung. Das Transportgefährt neigte sich heftig auf die Seite. Das Gefühl, von einem Riesengluhm verschluckt zu werden, wurde über­ mächtig. Kelwitt schrie, unwillkürlich, auf … Die ultraschallgesteuerten Bewegungsmelder der Alarmanla­ ge, von einem noch nie da gewesenen Impuls getroffen, gaben noch nie da gewesene Werte an den zentralen Steuerungs­ computer weiter, der daraufhin in wilder Folge die Verriege­ lung aller Türen öffnete, schloss und wieder öffnete, die Blink­ lichter reihum in Betrieb setzte, die Hupe auslöste und schließ­ lich, in voller Fahrt, die Wegfahrsperre aktivierte. Der Wagen schlidderte mit blockierten Reifen, unlenkbar geworden, dahin, kam von der Fahrbahn ab, rutschte eine kleine Bö­ schung hinab, riss ein Schild, das auf eine dreieinhalb Kilome­ ter entfernte Niederlassung einer bekannten Schnellrestau­ rantkette hinwies, mit sich, und fing an, sich zu überschlagen. Nein, er explodierte nicht. Das tun Autos nur in schlechten Fernsehfilmen. Das Fahrzeug kam am unteren Ende der Bö­ schung auf das Dach zu liegen, reichlich zerknautscht und mit immer noch laufendem Motor. Geheimagent Hermann Hase, der, wie üblich, mal wieder nicht angeschnallt gewesen war, hatte sich den Kopf an mehreren harten Stellen im Fahrzeu­ ginnenraum angeschlagen und war bewusstlos., Das Schweigen lastete auf ihnen wie ein schweres Gewicht, während sie fuhren. Vater Mattek starrte auf die Straße, das Lenkrad fest umklammernd, und mahlte mit den Zähnen. Tochter Mattek hockte ganz rechts außen auf dem Beifahrer­ sitz, die Beine angezogen, düster vor sich hinblickend in Erwartung der väterlichen Standpauke, die da kommen wür­ de. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, sagte Mattek schließ­ lich. Das stand eine Weile so im Raum, und nichts geschah. Sabrina reagierte nicht. »Ein Junge hat sich deinetwegen beinahe das Leben ge­ nommen. Ist dir das ganz egal?« Sabrinas Augen quollen plötzlich fast aus den Höhlen. »Hat er dir das erzählt?«, platzte sie heraus. »Hat dir der blöde Rex das erzählt?« »Ja, allerdings. Dass einer deiner Mitschüler einen Selbst­ mordversuch unternommen hat, nachdem du mit ihm Schluss gemacht hast.« »Ich glaub's nicht! Ich glaub's einfach nicht!« Die Empörung schüttelte sie regelrecht. »Was erwartest du? Hätte er es mir verschweigen sollen?«, Mattek seufzte. »Sabrina – ich weiß wirklich nicht mehr, was ich mit dir noch machen soll.« »Ich wollte, er hätte sich umgebracht.«, »Sabrina!« »Dieser Idiot.« »Das ist wirklich das Herzloseste, Gemeinste und …« »Darf ich auch mal etwas dazu sagen?«, begehrte sie auf. »Was dir der Blödarsch von Rektor nämlich nicht gesagt hat, obwohl er es genau weiß, ist, dass der Typ alle Welt mit seinen ewigen Selbstmordversuchen erpresst. Er hat so lange Schlaf­ tabletten geschluckt, bis sein Vater ihm ein Moped gekauft hat. In seiner alten Schule hat er sich im Klassenzimmer die Puls­ adern aufgeschnitten, als er sitzen bleiben sollte. Und mir hat er gedroht, er bringt sich um, wenn ich nicht mit ihm schlafe.« Mattek spürte ein heißes Gefühl der Scham in sich aufwal­ len. »Ist das wirklich wahr?« »Was glaubst du, warum sie ihn nach Schloss Tiefenwart geschickt haben?« »Und was hast du gemacht?« »Ich hab' ihm gesagt, er kann von mir aus vom Schlossturm springen.« »Und das hat er gemacht?« »Dazu ist er viel zu feige. Er hat vier Schlaftabletten ge­ nommen – vier bloß, viel zu wenig – und es so arrangiert, dass man ihn findet. Das macht er immer so, und alle fallen drauf rein.« Mattek blinzelte hilflos. »Das ist ja unglaublich.« Wenn das stimmte, dann waren die übrigen Anschuldigungen womög­ lich ebenso haltlos. Und er hatte die Abmeldung in heiligem Zorn unterschrieben … »Und die anderen Dinge?« »Welche anderen Dinge?« »Na, dass du … na ja, wie soll ich sagen … mit ziemlich vie­, len Jungs … hmm …« »Geschlafen habe?« Mattek schluckte und nickte. Mein Gott, was für eine Ju­ gend wuchs da heran! Und nun zuckte sie, seine leibliche Tochter, auch noch ganz cool mit den Schultern und meinte nur: »Ehrlich, es ist dort so langweilig, dass man es anders nicht aushält.« Mattek verzichtete darauf, weiterzufragen. Es bereitete Kelwitt einige Schwierigkeiten, sich über Kopf hängend aus dem Gurt zu befreien, mit dem der Planetenbe­ wohner ihn auf den Sitz geschnallt hatte. Der Gurtverschluss war, wie nicht anders zu erwarten, reichlich fremdartig, doch schließlich, nachdem er eine Weile daran herumgemacht hatte, ging er auf, und Kelwitt fiel unsanft hinunter auf die Innensei­ te des Daches. Dieses Fahrmanöver, so viel stand fest, war so bestimmt nicht geplant gewesen. Es musste sich, wie man auf Jombuur gesagt hätte, ein Unfall ereignet haben. Dergleichen schien also überall im Universum vorzukommen, interessant. Der Planetenbewohner lag seltsam verkrümmt da und rühr­ te sich nicht. Kelwitt betastete vorsichtig seine Seiten, spürte aber keinen Herzschlag. Es konnte natürlich sein, dass diese Wesen keine Herzen besaßen, aber wahrscheinlicher schien ihm, dass der Planetenbewohner tot war. Das würde Schwierigkeiten geben. Erst recht, da es sich um einen ranghohen Planetenbewohner gehandelt hatte. Ob andere Orakelfahrten auch so aufregend verliefen? Er machte sich an der Luke des Transportfahrzeugs zu, schaffen. Da gab es allerhand Druckknöpfe, Hebel und dreh­ bare Armaturen, und eine von den drehbaren Armaturen bewirkte, dass sich die gläserne Scheibe hob. Kelwitt kurbelte so lange, bis die Scheibe ganz verschwunden war, und kroch dann durch die entstandene Öffnung hinaus. Der Boden war weich und angenehm feucht. Ringsum wuchsen große Pflanzen in die Höhe, die wenigstens zehnmal so groß waren wie ein Jombuuraner und sich weit ausladend verzweigten. Das Ganze erinnerte ihn an Bilder aus der 10. Epoche, die er einmal gesehen hatte. Es gab Theorien, dass das Land auf Jombuur früher einmal genauso fruchtbar gewesen war wie das Meer. Kaum vorstellbar, aber hier auf diesem Planeten schien das so zu sein … Was diesen Theorien zufolge natürlich hieß, dass es sich noch um eine primitive Kultur handeln musste. Die entspre­ chend gefährlich war und vielleicht nicht sehr sanft umsprin­ gen würde mit einem Fremden, der mit dem Tod eines ihrer Artgenossen zu tun hatte. Vielleicht, überlegte Kelwitt, während er sich die pflanzen­ bewachsene Böschung hinaufkämpfte, war es am besten, in das Raumboot zurückzukehren, um dort abzuwarten. Im Grunde war schon so viel passiert, dass ihm die Aussicht, sechs Tage einfach nur abzuwarten, gar nicht mehr so schreck­ lich vorkam. Er erreichte die steinerne Fahrstraße. Das war schon ein ver­ trauteres Gefühl. Die Richtung, aus der sie gekommen waren, war einwandfrei auszumachen. Er begann zu marschieren. »Ich fasse es nicht.« Demnächst würde der Kopf des Mannes mit der Bürstenfrisur abfallen, so unaufhörlich, wie er ihn hin, und her schüttelte. »Der versucht es wirklich mit allen Tricks. Sind Sie sicher, dass Sie sich nicht verhört haben?« »Ganz sicher.« »Und er hat gesagt, dass er einen Außerirdischen gefunden hat?« »Den. Nicht einen Außerirdischen – den Außerirdischen. Auf den wir ihn angesetzt haben.« »Und dann hat er einen Unfall gebaut, und als er wieder zu sich kam, war das kleine grüne Männchen verschwunden.« »Grau. Es war grau.« »In Blaukirch.« »Landkreis Stutzenhausen.« »In einer Scheune.« »Durch das Dach gefallen.« Der Mann mit dem Bürstenhaarschnitt seufzte. »Wie man sich doch in seinen Mitmenschen täuschen kann. Es ist immer wieder erstaunlich, geradezu beunruhigend … Ich hätte ge­ wettet, dass er auf meine Show hereingefallen ist. Wirklich. Ich habe Ihnen eine Wette angeboten, stimmt's? Vielleicht kann ich doch nicht so gut heucheln, wie ich dachte. Und wie raffi­ niert er das gegen mich ausspielt! Er langt sich nicht einfach an den Kopf – nein, er fährt seine klapprige Kiste in den Graben und beruft sich darauf, ich hätte ihn auf einen Außerirdischen angesetzt. Ich! Wie steh' ich jetzt da? Ochsenfrosch, Ochsen­ frosch – ich wollte, ich könnte dich in den Irak schicken.« »Ich habe ihm erst mal einen Krankenwagen geschickt.« »Wie ? Ach so, ja. Gut, sicher, die sollen ihn durchchecken. Und so lange … Haben wir nicht einen verlässlichen Mann dort in der Gegend?«, »Anaconda. Ist allerdings eine Frau.« »Eine Frau. So weit ist's also schon. Unsere verlässlichsten Männer sind Frauen. Okay, sie soll nach Blaukirch fahren und sich unauffällig umsehen. Und wenn es dort keine Scheune mit einem Loch im Dach gibt, dann reicht das hoffentlich endlich, um Ochsenfrosch heim ins Terrarium zu schicken.« Es begann sachte zu schneien. Kelwitt streckte die Hand aus und fing ein paar der Flocken auf. Grenzflächenschnee der siebten Kategorie. Einige der Muster waren sogar für die achte Kategorie gut. Unglaublich – und das fiel hier einfach so vom Himmel. Es wurde Zeit, dass er wieder einen ruhigen Fleck fand, um in seinem Mu'ati nachzulesen, was das alles zu bedeuten hatte. Ein wunderschöner Planet. Das konnte einfach kein schlechtes Omen sein. Wann hatte er denn auf Jombuur das letzte Mal Grenzflächenschnee gesehen? Auf der Wanderung über die Kahlebene, und da war er noch fast ein Geschlüpfter gewesen. In der Donnerbucht-Region fiel fast immer nur Federballenschnee, wenn man von den Tagen der tiefsten Sonnenverdunkelung absah. Da konnte man draußen auf dem Meer auch mal ein paar Silberplattenflocken erwischen, Ja­ muunis ewiges Symbol für die Vergänglichkeit des Seins. Die Bewohner dieses Planeten schienen all diese Herrlich­ keiten aber wie selbstverständlich hinzunehmen. Einer kam ihm entgegen, auf einem ebenso lauten wie langsamen Fort­ bewegungsgerät mit absurd großen Hinterrädern hockend, und würdigte den fallenden Schnee mit keinem Blick, sondern starrte stattdessen unentwegt Kelwitt an. Kelwitt erwiderte den Blick und betrachtete das merkwürdig bleiche, flache, Gesicht. Dieser hier schien zwar auch Nickhäute über seinen Augen zu besitzen, aber er benutzte sie nicht. Dafür stand bei ihm die Öffnung am unteren Gesichtsende unentwegt offen, regungslos. Bei den anderen Planetenbewohnern, die er gese­ hen hatte, als er aus dem Raumboot ausgestiegen war, hatte sich diese Öffnung ständig bewegt, sodass er angefangen hatte zu vermuten, dass sie damit die tiefen Laute erzeugten, mit denen sie sich wahrscheinlich verständigten. Ob dieser hier Geräusche erzeugte, war nicht festzustellen, denn die Maschi­ ne, auf der er saß, übertönte alles. Er schien die Maschine auch nicht anhalten zu können, obwohl er unverkennbar an Kelwitt interessiert war, so, wie er den Blick auch im Weiterfahren unverwandt auf ihn gerichtet hielt. Kelwitt überlegte, ob er womöglich ein Gefangener war und auf das Transportgerät gekettet, um ihn an einen anderen Ort zu bringen. Dass das Fahrzeug sich so langsam bewegte, ließ diese Hypothese glaubhaft erscheinen. Kelwitt war erleichtert, als der Planetenbewohner außer Sicht war. Er merkte, wie seine Seitenherzen und das Mittel­ herz außer Takt schlugen. Das war vielleicht doch ein zu aufregender Tag gewesen, als dass er sich einem weiteren Kontakt gewachsen gefühlt hätte. Er sehnte sich geradezu nach der Ruhe des Raumbootes. In diesem Moment hielt, mit einem quietschenden Ge­ räusch, eine der normalen Transportmaschinen des Planeten hinter ihm. Als Kelwitt sich erschrocken umdrehte, sah er zwei Planetenbewohner aussteigen: einen großen auf der einen, und einen kleinen mit einem langen, hellen Kopfpelz auf der anderen Seite des Gefährts., »Was ist das?!« Wolfgang Mattek raste sämtliche Erinnerun­ gen an seinen Biologieunterricht durch, während er sich, in einer seltsamen Mischung aus Furcht und Neugier befangen, am Kotflügel seines Wagens entlangschob, auf das Wesen zu, das da klein und unauffällig auf der Straße gestanden hatte und vor dem er mit knapper Not gerade noch hatte bremsen können. Aber auf wie so vieles im Leben hatte ihn seine Schul­ ausbildung auch darauf nicht vorbereitet. Dabei war er in Biologie ganz gut gewesen, hatte gute Noten gehabt, und auch wenn es nicht sein Lieblingsfach gewesen war, erinnerte er sich doch an das kurze Aufflammen des Wunsches, Biologie zu studieren – ein Wunsch, der noch im Kindbett starb, denn damals musste man nehmen, was man kriegen konnte, und ihm war es beschieden gewesen, in die Fabrik für Feuerwerks­ körper und Scherzartikel seines Onkels einzutreten und in langen, entbehrungsreichen Jahren das daraus zu machen, was sie heute war. Auch dabei war die Schule übrigens keine große Hilfe gewesen. So ein Wesen, dessen war er sich sicher, hatte er noch nie gesehen. Es war etwa einssechzig hoch, etwa so groß wie Sabrina, die auf der anderen Seite der Motorhaube stand und starrte wie ein hypnotisiertes Kaninchen, und es stand auf zwei Beinen. Es hatte einen spitz zulaufenden Kopf, der von einem Delfin hätte stammen können, keinen erkennbaren Hals, aber dafür eine eigenartige runde Körperöffnung unge­ fähr da, wo man bei einem Menschen den Kehlkopf gesucht hätte. Winzige Zähne oder dergleichen waren kreisförmig angeordnet, wobei das alles nicht sehr bedrohlich aussah, eher wie ein putziges Spielzeug. Nur dass dieses Spielzeug unzwei­ felhaft lebendig war. Der Kopf ging ruckartig hin und her, war also trotz fehlenden Halses offenbar einigermaßen beweglich,, und da waren vor allem diese großen schwarzen Augen, die einen ansahen und einem das Herz im Leibe schmelzen ließen … »Ist der süß!«, hörte er Sabrina hauchen. Das hatte er sie zum letzten Mal sagen hören, als sie fünf Jahre alt gewesen war und einen Teddybär unter dem Weihnachtsbaum vorge­ funden hatte. Das Wesen hob die Arme und machte unglaubliche Bewe­ gungen mit den Fingern daran. Nein, das waren keine Finger – das waren schlangengleiche, wurmartig sich schlängelnde, kringelnde Gliedmaßen, deren Anblick einem Gänsehaut über den Rücken jagte. Und es waren nur vier. Vier Finger an jeder Hand. Ein Gefühl wie kochendes Wasser wallte in Wolfgang Mat­ tek hoch. Waren sie hier auf irgendein schauerliches Geheim­ nis gestoßen? Vielleicht gab es hier in der Nähe, irgendwo in diesem Niemandsland, ein streng geheimes gentechnisches Labor, und dieses Wesen, das halb wie ein Mensch und halb wie ein Tier aussah, war von dort geflüchtet? Das hieße, dass sie jetzt Mitwisser geworden waren von etwas, das so unaus­ sprechlich war, dass Mitwisser nicht geduldet werden konnten … »Das ist ein Alien!«, erklärte Sabrina da. »Wie bitte?«, meinte Mattek verwirrt. »Ein – was?« »Ein Alien. Ein Außerirdischer. Jede Wette.« Das Wesen trug eine chromglänzende Metallklammer über der rechten Schulter. Das sah aus wie das Endstück einer Kette, so was wie eine Fußfessel. »Ein Außerirdischer? Sabri­ na, bitte … Das ist jetzt nicht der Augenblick, um alberne Witze zu machen.«, »Oh, Mann, schau ihn dir doch an …!« »Nicht in diesem Ton, wenn ich bitten darf. Ich bin dein Va ­ ter – nicht ›oh, Mann‹.« »Okay, von mir aus.« »Gut. Also, was wolltest du sagen?« Sabrina hob die Hände und ließ sie kraftlos wieder fallen. »Ach, nichts.« Vielleicht war jetzt nicht der geeignete Zeitpunkt, um ver­ säumte Erziehungsmaßnahmen nachzuholen. Mattek richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das fremdartige Wesen, das immer noch einfach dastand und sie beide aus seinen großen schwarzen Augen ansah. Er wünschte, es wäre einfach davon­ gerannt. Verdammt, er hasste es, nicht zu wissen, was zu tun war. Natürlich, sie hätten einfach wieder einsteigen, das Wesen umrunden und weiterfahren können. Aber das wären sie nie wieder losgeworden, dieses Rätsel. »Irgendwelche Vorschläge, was wir jetzt tun sollen?«, murmelte Mattek halblaut, hob den Kopf und sah die Straße entlang. Niemand, so weit das Auge reichte. Unglaublich, dass man im Deutschland des Jahres 1999 irgendwo so muttersee­ lenallein dastehen konnte. Und ausgerechnet dann auf einen Außerirdischen oder was immer das war stoßen musste. »Wir müssen ihn mitnehmen«, erklärte Sabrina entschieden. »Wie bitte? Wir können ihn doch nicht einfach mitnehmen. Was ist, wenn er…, was weiß ich, ansteckend ist? Jemandem gehört?« »Quatsch. Das ist ein Außerirdischer. Ein E. T., wie in dem Film. Der gehört niemandem.« »Und dann? Wohin bringen wir ihn?«, »Wir nehmen ihn mit nach Hause.« Sie hatte ganz leuch­ tende Augen. Als wäre schon Weihnachten. »Nach Hause?!« »Klar. Ich meine, ist doch logisch. Ein Außerirdischer, der auf der Erde gestrandet ist, will immer nur eines: nach Hause telefonieren.« »Von unserem Anschluss aus? Ist dir klar, was das kosten kann?« Sabrina seufzte und verdrehte die Augen, ein Bild der Ent­ nervung. Eltern! »Er muss seine Artgenossen rufen, klar? Und die sind wahrscheinlich Lichtjahre oder so entfernt und haben keine Ahnung, wo er ist.« »Ich glaube nicht, dass er da mit einem Telefon viel er­ reicht.« »Natürlich nicht, ist doch klar. In den Filmen bauen die immer irgendwelche Geräte, mit denen sie Notrufe senden können.« »Falls es dir noch nicht aufgefallen ist: Wir sind hier nicht in einem Film. Wir sind nicht einmal in Kalifornien. Wir stehen hier mitten auf der Schwäbischen Alb und haben weiß Gott andere Sorgen, als dass wir uns jetzt auch noch mit denen eines dahergelaufenen Außerirdischen belasten müssten.« »Tolles Argument«, maulte seine Tochter. »Könnte von ei­ nem Spießer stammen.« »Wir können ihn zur Polizei bringen.« Diese Idee gefiel ihm. Genau, sollten die sich damit herumplagen. »Zur Polizei? Damit die ihn einsperren oder aufschneiden oder was weiß ich?« »Unsinn. Die Polizei schneidet niemanden auf.«, »Aber die Geheimdienste.« »Du siehst zu viel fern.« »Und du zu wenig. Außerdem habe ich solche Sachen alle gelesen. Schau nicht so – ich habe eine Menge gelesen in dem langweiligen Internat. Unter anderem ein Buch, in dem ein amerikanischer Wissenschaftler ganz klar vorgerechnet hat, dass, wenn sich auf der Erde Leben entwickelt hat, sich auch noch anderswo im Universum Leben entwickelt haben muss. Das ist eine Frage der Wahrscheinlichkeiten oder so. Und bitte, hier haben wir den Beweis.« Wann hatte er eigentlich das letzte Mal ein Buch gelesen? Das musste mehr als zehn Jahre her sein. Das war der Beruf – der Job des Geschäftsführers ließ einem kaum Zeit zu atmen, geschweige denn die Muße zu lesen. Eigentlich ein Jammer. »Wir können ihn unmöglich mit nach Hause nehmen. Schlag dir das aus dem Kopf.« In diesem Augenblick fing das kleine graue Wesen an zu sprechen. »Kelwitt«, sagte es, mit einer graziösen Geste auf die eigene Brust deutend. Dann breiteten sich die Hände aus, sanft wie segelnde Schwalben, die dünnen Finger gespreizt, als liebko­ sten sie die Luft, und die Geste schien alles zu umfassen – die Straße, die baumgesäumten Felder rechts und links, die ganze Welt. »Nicht zu Hause hier«, sagte das Wesen. Kelwitt machte die Gesten des Friedens und der Begrüßung und fing an zu plappern – dass er in Frieden komme, dass er niemandem etwas zu Leide tun wolle, was man eben so sagen konnte, wenn man allein und verlassen auf einem fremden, Planeten stand. »Ich bitte um Verzeihung, dass ich mich unaufgefordert melde«, erklang da Tiks geisterhafte Stimme in seinem Kopf. »Aus den bisherigen Beobachtungen schließe ich, dass dich diese Wesen nicht hören können.« Kelwitt hielt inne. Die beiden Planetenbewohner schenkten ihm in der Tat nicht besonders viel Aufmerksamkeit. Sie standen auf beiden Seiten ihres Fahrzeugs und schienen sich hauptsächlich miteinander zu unterhalten, in ihrer merkwür­ dig tiefen, grollenden Sprache. »Sie können mich nicht verstehen«, meinte er. »Weil ich ihre Sprache nicht spreche.« »Nein, sie können dich buchstäblich nicht hören. Ihr Gehör ist wahrscheinlich auf das gleiche tiefe Frequenzspektrum abgestimmt, in dem sie auch sprechen.« »Bist du sicher?« »Wir können einen Versuch machen. Schließe deine Ohren.« Kelwitt schloss seine Ohren. Selbst durch die geschlossenen Ohrenfalten hindurch vernahm er, wie von seinem Schulter­ spangencomputer ein gellender jombuuranischer Alarmruf ausging, dessen schiere Lautstärke die beiden Planetenbewoh­ ner hätte zusammenzucken lassen müssen. Doch die beiden zeigten keinerlei Reaktion. »Tatsächlich. Brack, das heißt, es ist überhaupt keine Ver­ ständigung möglich?« »Im Moment noch nicht. Aber ich analysiere die Sprache der Pla­ netenbewohner seit dem ersten Kontakt. Wenn diese beiden sich noch ein paar Perioden weiter unterhalten, können wir mit einer Verstän­ digung beginnen.«, »Und wie soll das gehen?« »Ich werde alles, was du sagst, in die Sprache dieses Planeten übersetzen und für dich aussprechen. Und umgekehrt.« »Das kannst du?« Kelwitt versuchte, sich vorzustellen, wie das gehen mochte: eine Sprache zu analysieren, von der man so gut wie nichts wusste – und sie nach wenigen Perioden sogar selber benutzen zu können! Ihm wurde ganz schwindlig dabei. »Kommunikation mit anderen Spezies ist das Hauptaufgabenge­ biet von Schulterspangencomputern«, erklärte Tik. Und das Aufpassen auf Orakelfahrer, die sich benahmen wie Geschlüpfte, war demnach nur eine unbedeutende Ne­ benaufgabe. Na gut. Kelwitt wartete also ab und beobachtete die beiden Planetenbewohner, die sich, begleitet von allerlei fremdartigen Gesten, weiter miteinander unterhielten. Er fand ihre Hände faszinierend fremdartig. Es waren breite Pranken mit fünf Fingern, die Gelenke aufwiesen wie Arme oder Beine. Kaum vorstellbar, wie Wesen mit solch groben Greifwerkzeugen so komplizierte Maschinen wie diese Fahr­ zeuge bauen konnten. Und sie trugen komplizierte, vielschichtige Kleidung. Gera- de so, als sei ihnen kalt, was ja wohl nicht sein konnte. Jeden­ falls hatte Kelwitt noch nie gehört, dass Lebewesen in ihrer natürlichen Umgebung Kleidung benötigten. Aber wahrscheinlich verstand er da etwas falsch. Der klei­ nere der beiden Planetenbewohner, der mit dem langen hellen Kopfpelz, trug auffallend dünne Bekleidung um den oberen Teil des Körpers, verglichen mit dem dicken Kleidungsstück, das der größere der beiden trug. Wahrscheinlich hatte die Kleidung wohl doch mehr schmückende Funktion, oder sie, war eine Art Rangabzeichen. »Ich habe jetzt den minimalen Satz an Verständigungselementen ermittelt«, meldete sich der Computer. »Was heißt das?«, wollte Kelwitt wissen. »Die Bewohner dieses Planeten gehören zur Familie der Wort­ sprecher, das heißt, sie verständigen sich mit Hilfe von Kombinatio­ nen eines begrenzten Vorrats verschiedener Laute, so genannten Worten«, erklärte Tik bereitwillig. Das Thema Kommunikation schien tatsächlich seine große Stärke zu sein. »Im Gegensatz dazu gehören etwa Jombuuraner zur Familie der Klangsprecher. Weitere Kommunikationsfamilien innerhalb der Gruppe der aku­ stisch Kommunizierenden sind zum Beispiel Pausenhalter, Tonspre­ cher, Lautwandler oder Echogeber. In seltenen Fällen werden Misch­ formen beobachtet.« »Ja, schon gut. So genau wollte ich es gar nicht wissen. Heißt das, ich kann jetzt mit den Planetenbewohnern spre­ chen, oder nicht?« »Einfache Sachverhalte sind übertragbar.« »Zum Beispiel?« »Ich schlage vor, du beginnst mit einer einfachen Begrüßung«, meinte Tik. Täuschte er sich, oder klang das gereizt? Kelwitt spürte einen Doppelschlag seiner Seitenherzen. »Gut. Dann beginne ich jetzt, in Ordnung?« »Ich bin bereit.« Die beiden Planetenbewohner sprachen immer noch mit­ einander, und ihre Gesten hatten an Heftigkeit und Ausdruck zugenommen. Es war schade, dass er sie nicht verstand. Kelwitt machte die Geste der friedvollen Begrüßung. »Mein Name ist Kelwitt«, sagte er und spürte gleich darauf, dass, seine Schulterspange grollende Laute erzeugte, die denen der Planetenbewohner ähnelten. »Ich bin ein Orakelreisender und komme von einem anderen Planeten als dem euren. Seid gegrüßt.« Es spricht, dachte Mattek. Das Wesen spricht. Ich bin in einem Film oder so was gelandet. Er spürte erste Zuckungen von etwas unter dem Zwerchfell, was ein hysterischer Lachanfall zu werden versprach. Meine Tochter fliegt aus dem fünften Internat ihrer Laufbahn, und wir begegnen einem Wesen von einem anderen Stern, und das alles an einem Tag. Und zu allem Überfluss schien Sabrina das alles nicht im Mindesten seltsam zu finden. Sie stand schon vor dem Frem­ den, deutete mit ihren Händen auf sich und wiederholte: »Sabrina. Mein Name ist Sabrina.« Was für eine Jugend war da herangewachsen! Ließ die sich überhaupt noch von irgendetwas beeindrucken? »Entweder«, murmelte Mattek unhörbar, »schnappe ich jetzt über und finde mich in der psychiatrischen Station des nächstgelegenen Krankenhauses wieder – oder …« Ihm wollte keine rechte Alternative einfallen, aber ganz gewiss hatte er keine Lust, sich in der psychiatrischen Station des nächstgele­ genen Krankenhauses wiederzufinden. Nicht zwei Wochen vor Silvester, zwei Wochen vor dem wahrscheinlich größten Neujahrsfeuerwerk aller Zeiten. An dem seine Firma nicht wenig verdiente. Das Wesen, das so verwirrend an einen Delfin auf zwei Beinen erinnerte, deutete auf Sabrina und sagte: »Sabrina.« »Ja!«, rief Sabrina begeistert. Es deutete wieder auf sich. »Kelwitt.«, »Er heißt Kelwitt«, erklärte Sabrina ihrem Vater. Der nickte nur. So viel hatte er auch verstanden. Im Grunde war das Irritierendste an dieser Situation, dass sie im Grunde so wenig irritierend war. Da stand dieses Wesen vor der Kühlerhaube seines Wagens, fremdartig aussehend, in Ord­ nung, aber auch nicht fremdartiger als manche Tiere, die man bei einem Besuch im Zoo zu Gesicht bekam. Natürlich, er hatte auch den einen oder anderen Film gesehen in der Vergangen­ heit, in dem es darum gegangen war, dass Wesen von anderen Sternen zur Erde gekommen waren. In diesen Filmen waren die ersten Begegnungen zwischen Menschen und Außerirdi­ schen stets unerhört monumental verlaufen, jeder, der daran beteiligt war, wusste: Hier wurde Geschichte gemacht. Hier geschah etwas Enormes, nie Dagewesenes. Ja, genau – er hätte sich wohler gefühlt, wenn man von ir­ gendwoher dramatische Musik gehört hätte, wenn es Nacht gewesen wäre und ein sinnverwirrendes Spiel aus Licht und Schatten sie umschwirrt hätte. Aber so? Am helllichten Tag, auf einer verlassenen Landstraße … Das sah alles so normal aus, dass man schier durchdrehte. Ein Geräusch ließ ihn aufsehen. Aus der Ferne kam ein an­ deres Auto angeschossen, mit viel zu hoher Geschwindigkeit, auf ihrer Spur. Mit wütender Dauerhupe zog der Wagen auf die Gegenspur hinüber und schoss vorbei. »Wir können hier nicht ewig stehen bleiben«, erklärte Mat­ tek. »Frag ihn, ob er mit will, und dann fahren wir weiter. Außerdem ist mir kalt.« Er schlug den Mantelkragen hoch. Eigentlich hatte er heute vorgehabt, noch einmal ins Büro zu gehen, aber das konnte er wahrscheinlich vergessen. Na ja, wenn etwas Wichtiges gewesen wäre, hätte seine Sekretärin, ihn sicher im Auto angerufen. Dieser Bursche, der sich Kelwitt nannte, schien eine Weile zu zögern, aber dann kletterte er auf die Rückbank und ließ sich von Sabrina, die so begeistert wirkte, als habe sie gerade einen lang ersehnten Schmuseteddy geschenkt bekommen, ordentlich anschnallen. »Und das mir«, murmelte Mattek, als er wieder in den Wa­ gen stieg. »Wo ich noch nie im Leben einen Anhalter mitge­ nommen habe.« »Sie bieten dir an, dich mitzunehmen«, erklärte Tik. »Es scheinen sehr freundliche Wesen zu sein, besonders das mit dem langen hellen Kopfpelz«, meinte Kelwitt. »Aber ich muss ihnen begreiflich machen, dass das nicht geht. Ich muss zurück zum Raumboot.« »Davon möchte ich abraten«, kommentierte der Computer kühl. »Warum? Ich meine – ich muss auf das Schiff warten. Das wird doch kommen, oder?« »Sicher.« »Und ich muss im Raumboot sein, damit man mich findet.« »Nein. Man wird zuerst das Raumboot finden, aber dann ist das Schiff nahe genug, um meine Signale aufzufangen. Egal, wo auf diesem Planeten wir uns befinden. Du kannst also mit ihnen mitge­ hen.« Kelwitt machte die Geste des Nichtbegreifens. »Wie bitte? Die ganze Zeit hieß es, ich dürfte nicht landen, dürfte keinen Kontakt aufnehmen … Und jetzt soll ich mit diesen Planeten­ bewohnern mitgehen?«, »Die Situation hat sich geändert. Das Raumboot wurde abge­ schossen. Diejenigen, die es abgeschossen haben, werden es suchen und wahrscheinlich auch finden. Du bist in einer Notlage, in der die normalen Regeln nicht relevant sind. Eine ratsame Möglichkeit wäre, die Wartezeit zu verbringen, indem du dich unauffällig zwi­ schen den Planetenbewohnern verbirgst.« Kelwitt begriff. Er hatte sich an diese Idee geklammert – zurück ins Raumboot zu gehen, die Luken zu verschließen und abzuwarten, bis Hilfe kam. Aber die Planetenbewohner hatten den abgestürzten Flugkörper gesehen, sie würden sich dafür interessieren. Er würde geradewegs in Schwierigkeiten hineinlaufen. Bestürzt erkannte er, dass das Orakel zum ersten Mal Recht behalten hatte. Der zerstörte Planet zwischen dem vierten und fünften Planeten! Wie hatte es bei Mu'ati geheißen? »Den Besitzer erwartet eine schwere Prüfung, der er nicht auswei­ chen kann. Er wird dabei aller Mittel beraubt und gänzlich auf sich allein angewiesen sein.« So fühlte sich das also an! »Brack!«, machte er. Dann fiel ihm wieder Mu'ati ein und was er zum fünften Planeten zu sagen gewusst hatte: »Der Besitzer wird nie ohne Hilfe und Unterstützung sein.« Er musterte die beiden Planetenbewohner noch einmal. War das die Hilfe und Unterstützung? Bei Jamuuni, wer konnte das wissen? »Brack, ich riskiere es!« Damit stieg er in das Fortbe­ wegungsmittel. Die Fahrt als solche war interessant. Jede der steinernen Fahr­ straßen mündete in eine weitere, größere, die von einer ent­ sprechend größeren Zahl ähnlicher Fahrzeuge befahren wur­, de, und schließlich gelangten sie auf eine sehr breite Fahrstra­ ße, auf der sich Unmengen von Fahrzeugen in langen, lang­ samen Kolonnen dahinschoben. Kelwitt beobachtete das Geschehen sehr interessiert durch die Sichtluken. Ab und zu, wenn ein Fahrzeug mit dem ihren gleichauf war, starrten die Planetenbewohner darin zu ihm herüber, wobei meistens ihre Augen auffallend an Größe zunahmen und sich ihre untere Gesichtsöffnung zu einem großen dunklen Rund öffnete. Manche begannen auch mit heftigen, aber leider unverständ­ lich bleibenden Gesten. Der Planetenbewohner, dessen Name S'briina war, antwortete dann jeweils mit ähnlich heftigen Gesten. Kelwitt fand es interessant, dass die Bewohner dieses Planeten offenbar neben der akustischen Kommunikation eine zweite, optische Kommunikation benutzten, wenn die Bedin­ gungen für die erste nicht gegeben waren. Von der Interpreta­ tion der Gestik, erklärte Tik ihm auf Nachfrage, seien sie aber noch weit entfernt. »Optische Kommunikation ist wesentlich schwieriger zu analysieren«, dozierte der Computer, »und mit meinen Mitteln fast unmöglich in beide Richtungen zu übersetzen.« Es fiel weiterhin Schnee, aber die Planetenbewohner achte­ ten ihn so wenig, dass es kaum zu fassen war. Die Flocken, die auf die Fahrbahn fielen, wurden achtlos unter den Rädern ihrer Fahrzeuge zermahlen, und Schnee, der auf die Sichtluken gelangte, wurde von eigens dafür vorgesehenen Wischeinrich­ tungen beseitigt. Die Tatsache, dass jedes Fahrzeug über eine derartige Ein­ richtung verfügte, ließ darauf schließen, dass es hier wesent­ lich häufiger schneien musste als auf Jombuur. Ja, wahrschein­ lich war Schnee auf diesem Planeten geradezu etwas Gewöhn­ liches., »Absonderlich«, murmelte Kelwitt und fügte rasch hinzu: »Das brauchst du nicht zu übersetzen.« »Das könnte ich auch noch nicht«, gab Tik kühl zurück. Das Vokabular, das Tik beherrschte, war tatsächlich noch sehr beschränkt. Der Planetenbewohner namens S'briina, der neben ihm auf den unangenehm weichen Sitzen saß, redete in einem fort, aber nur ab und zu konnte Tik etwas davon über­ setzen, meistens nur sinnlose Satzfetzen. Technisch allerdings war die Art und Weise der Übersetzung beeindruckend: Auf die gleiche Weise, wie Tik seine eigene Stimme in Kelwitts Kopf entstehen ließ, projizierte er auch imaginäre Stimmen, die er den beiden Planetenbewohnern zugeordnet hatte, und zwar derart, dass man beinahe glauben konnte, man höre die beiden jombuuranisch sprechen, wenn man sie ansah. Auf seine Frage, wohin sie fuhren, hatte S'briina geantwor­ tet: »Nach Hause«, was Kelwitt so interpretierte, dass die beiden zum selben Schwarm gehörten und auf dem Rückweg in das Schwarmnest waren. Der andere Planetenbewohner, der das Fahrzeug steuerte und dessen Name offenbar F'tehr war, wollte daraufhin wis­ sen, woher er kam. Kelwitt versuchte redlich, das zu erklären, aber fast jeden seiner Sätze blockte Tik mit jenem Signal ab, das bedeutete, dass er das Gesagte nicht in die Sprache des Planeten überset­ zen konnte. Schließlich beschränkte Kelwitt sich auf eine so vage Aussage wie: »Von einer Welt wie dieser, aber sehr weit entfernt.« Das Wesen namens S'briina fing daraufhin an, sich wie wild auf und ab zu bewegen, was auch den Sitz, auf dem Kelwitt saß, in Übelkeit erregender Weise zum Schwingen brachte., Endlich bogen sie von der großen Fahrstraße ab auf eine schmalere, auf der sie in etwas hineinfuhren, was Kelwitt kaum zu glauben vermochte: eine riesenhafte Ansiedlung künstlicher Höhlen, die, in die Höhe gebaut wie die Nester der Lederhäute auf Jombuur, offenbar tatsächlich von den flachge­ sichtigen Wesen bewohnt wurden, die sich zu Tausenden und Abertausenden entlang der Fahrstraßen bewegten. Die An­ siedlung hatte sogar einen Namen, wenn er den Planetenbe­ wohner S'briina richtig verstand: Shtuug'ret. Blinkende Lichter in verschiedenen Farben schmückten die hoch gebauten Ne­ ster, konnten aber nicht verbergen, dass deren vorherrschen­ des Gestaltungselement das Rechteck war. Kelwitt sagte sich, dass etwas, das für jombuuranische Augen hässlich aussah, für die Augen so fremdartiger Wesen, wie es die Bewohner dieses Planeten zweifellos waren, durchaus schön sein konnte. Aber schwer zu glauben war es dennoch. Sie durchquerten die große Ansiedlung, was bedeutete, dass sie sich in weitere lange, langsam dahinschiebende Kolonnen einreihen und sich mit diesen so langsam bewegen mussten, dass es schneller gegangen wäre, wenn sie zu Fuß gegangen wären. Was Kel­ witt in der Tat vorgezogen hätte. Schließlich gelangten sie in einen etwas kleineren Teil der Ansiedlung, in dem kleine, aber zweifellos künstliche Höhlennester entlang schmaler Fahrstra­ ßen aufgereiht waren, und vor einem dieser Nester hielt F'tehr das Fahrzeug an. Aus einer – wieder rechteckigen – Tür kam ein weiterer Planetenbewohner mit langem, aber diesmal dunklem Kopf­ pelz, umarmte seinen Schwarmgefährten F'tehr, entdeckte dann Kelwitt und gab einen Laut von sich, der fast schon in den Klangbereich der jombuuranischen Sprache hineinreichte., Es passiert nicht alle Tage, dass man darauf wartet, dass die eigene Tochter aus dem Internat zurückkommt, von dem sie gerade geschmissen wurde. Man überlegt sich, was man sagen wird. Man wird nicht so tun, als sei alles in Ordnung; so leicht soll sie es nicht haben! Aber man wird sie auch nicht mit Vorwürfen überhäufen. Nein, sie soll sich angenommen fühlen als Mensch, als Kind, aber durchaus spüren, dass man nicht einverstanden ist mit ihrem Verhalten … All das war vergessen. Die zurechtgelegten Worte, die vor­ gedachten Gespräche. Nora Mattek lag bebend in den Armen ihres Mannes und starrte das Wesen auf dem Rücksitz des Autos an. »Was ist das, Wolfgang? Was ist das?« »Ich weiß es nicht«, murmelte ihr Mann beruhigend. »Wir glauben, dass es ein Außerirdischer ist.« »Ein … was?!« Nora Mattek schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. »Psst. Bitte schrei nicht mehr. Die Nachbarn schauen be­ stimmt schon.« Nora Mattek schrie nicht mehr, obwohl ihr durchaus da­ nach gewesen wäre. »Wir haben ihn unterwegs aufgelesen. Er stand plötzlich vor uns auf der Straße.« Nora Mattek schrie immer noch nicht. Sie starrte das Wesen, hinter der Glasscheibe an, und das Wesen schaute mit großen, schwarzen Augen zurück und legte dann den Kopf ein wenig zur Seite. Eigentlich sah es gar nicht so schrecklich aus. Eigentlich sah es beinahe süß aus. »Auf der Straße?«, wiederholte sie flüsternd. »Einfach so?« »Ich hätte ihn ums Haar überfahren.« »Das wäre aber schade gewesen«, meinte Nora gedanken­ verloren. Sabrina stieg aus, den zerknautschten Matchsack über der Schulter, das personifizierte schlechte Gewissen. »Hi, Mom«, kam es kläglich. Es passiert nicht alle Tage, dass man seine Tochter aus dem Internat zurückerwartet und bei ihrer Ankunft feststellen muss, dass sie einen Außerirdischen mitgebracht hat. Man kann guten Gewissens so weit gehen zu behaupten, dass das überhaupt noch nie passiert ist. Nora Mattek nahm ihre Toch­ ter in den Arm, drückte sie und sagte, was sie schon Tausende Male gesagt haben musste: »Sabrina – was hast du denn jetzt wieder angestellt?« »Wie wär's, wenn wir alle reingingen?«, meldete sich Vater Mattek nervös, als das Wesen auf dem Rücksitz seines Wagens Anstalten machte, ebenfalls auszusteigen. »Wir brauchen den Nachbarn doch kein Schauspiel zu liefern, oder?« Und dann standen sie alle im Flur herum. Kelwitt hieß das Wesen, das angeblich nicht von der Erde stammte – und jetzt, wo Nora ihn in ganzer Größe sah, musste sie zugeben, dass es eine Zumutung gewesen wäre, wenn man von ihr etwas anderes zu glauben verlangt hätte –, ein feucht glänzendes, mageres Bürschchen mit einem spitz zulaufenden, delfinarti­, gen Kopf und großen, lidlosen, nachtschwarzen Augen, um dessen Füße sich nasse Flecken auf den Fliesen bildeten. »Der Rücksitz ist auch ganz nass«, erklärte Mattek. Nora seufzte gottergeben. »Und so was bringst du mir nach Hause. Kurz vor Weih­ nachten.« »Vielleicht kann man ja etwas unterlegen«, schlug ihr Mann vor. »Ein Plastiktuch oder so was. Den alten Duschvorhang zum Beispiel.« »Den habe ich letzte Woche in den Sperrmüll getan.« »Aber der war doch noch gut!« »Eine Frau hat ihn mir auch gleich aus den Händen geris­ sen.« Kelwitt legte den Kopf wieder leicht schräg, und zum ersten Mal hörte Nora die Stimme, die aus dem metallenen Teil kam, das er auf der Schulter trug und das bestimmt ein Überset­ zungsgerät war. »Gerissen?«, fragte er. Die Stimme hatte einen deutlich schwäbischen Akzent. »Na gut«, meinte Wolfgang Mattek daraufhin und rieb sich ungeduldig die Hände. »Wie auch immer. Die Frage ist, was wir jetzt machen. Familienrat. Wo ist eigentlich Thilo?« »So was erzählt er mir längst nicht mehr. Aber ich würde mal vermuten, dass er wieder bei dieser Frau ist.« Sabrina sah ihre Eltern einen unverkennbaren »Was haben wir nur falsch gemacht?« – Blick austauschen. Thilo hatte eine Freundin, die gute elf Jahre älter war als er und sich ihren Lebensunterhalt mit Kartenlegen und anderen Wahrsagereien verdiente. Zu sagen, dass diese Verbindung ihren Eltern ein Dorn im Auge war, wäre extrem untertrieben gewesen. Ganze, Plantagen von Dornbüschen hätten herhalten müssen für einen angemessenen Vergleich. »Ist doch ganz klar, was wir machen«, erklärte sie. »Wir passen auf Kelwitt auf, bis er wieder abgeholt wird.« »Ach«, machte ihre Mutter und sah sie mit großen Augen an. »Er wird wieder abgeholt?« »Das vermutet sie nur«, warf ihr Vater ein. »Was soll denn sonst passiert sein?«, entgegnete Sabrina. »Er ist aus irgendeinem Grund vergessen worden, und sie werden wiederkommen, um ihn zu holen.« »Vergessen? Wobei vergessen?« »Was weiß ich – vielleicht ist er Mitglied einer Forschungs­ expedition? Und sein Raumschiff ist versehentlich ohne ihn abgeflogen.« Ihre Eltern sahen einander zweifelnd an. »Ich weiß nicht«, meinte ihr Vater. »Ich kann mir nicht vor­ stellen, dass eine außerirdische Forschungsexpedition unbe­ merkt landen kann. Schon gar nicht auf der Schwäbischen Alb.« »Das wäre bestimmt in allen Nachrichten gekommen«, pflichtete Mutter ihm bei. Sabrina verdrehte die Augen. »Das ist doch völlig piepegal!«, stöhnte sie. »Hier steht er und ist so außerirdisch wie nur was, und ihr zerbrecht euch den Kopf darüber, wieso er hier ist. Wen interessiert denn das?« »Mich zum Beispiel«, meinte ihr Vater. »Ich wüsste schon gerne, was er hier will und wie lange er zu bleiben gedenkt.« »Na, dann frag ihn doch!«, Zu ihrer aller Überraschung hob Kelwitt in diesem Augen­ blick die Arme, um mit seinen schlangengleich mäandernden Fingern einige bezaubernd elegante Bewegungen zu vollfüh­ ren. »Sieben Tage«, erklärte die Stimme aus seiner Schulter­ spange bestimmt. »Dann wieder gehen. Nach Hause.« »Na also«, kommentierte Sabrina zufrieden. »Da hörst du es.« »Aber wie stellst du dir das vor, Sabrina?«, meinte ihre Mutter. »Wir können doch unmöglich einen Außerirdischen bei uns zu Hause beherbergen. Ich meine … das geht doch nicht!« »Wieso denn nicht?« »Wir wissen ja nicht einmal, was er isst. Am Ende vergiften wir ihn, und dann?« »Wenn ich ein Weltraumforscher wäre, dann hätte ich ein Gerät dabei, mit dem ich feststellen kann, was ich essen darf und was nicht. Jede Wette, dass er auch so ein Ding hat.« »Ich weiß nicht… Wolfgang, sag du doch auch mal was! Müssten sich nicht irgendwelche Wissenschaftler darum kümmern? Wer ist denn für so was zuständig?« Wolfgang Mattek räusperte sich. »Das überlege ich auch schon die ganze Zeit. Im Grunde das Außenministerium, denke ich. Ich meine, Kelwitt ist ja wohl mit Sicherheit Aus­ länder …« »Ich halt's nicht aus!«, entfuhr es seiner Tochter. »Ja, klar, und garantiert hat er kein Visum. Womöglich nicht mal einen Pass. Ein illegaler Einwanderer!« »Streng nach den Buchstaben des Gesetzes«, räumte Mattek ein, »durchaus.«, »Und? Wird man ihn abschieben? Das glaubst du doch sel­ ber nicht. Wie will man denn das machen? Ihn in ein Space- shuttle stecken? Aufschneiden werden sie ihn, und nachsehen, wie es in ihm aussieht!« »Unsinn. Unsere Regierung schneidet niemanden auf.« »Unsere Regierung besteht überhaupt nur aus Aufschnei­ dern«, gab Sabrina zornig zurück. »Das mag sein, aber ich glaube trotzdem, dass das ein Fall für offizielle Stellen …« »Sie werden uns zum Schweigen bringen«, prophezeite Sa­ brina düster. »Kelwitt wird auf Nimmerwiedersehen in ir­ gendwelchen amerikanischen Labors verschwinden, und die Familie Mattek wird in einem bedauerlichen Unfalltod voll­ ständig ausgelöscht.« »Du siehst zu viel fern.« »Vielleicht lese ich auch nur zu viel Zeitung. Die Amerika­ ner haben in den fünfziger Jahren ahnungslose Leute systema­ tisch mit radioaktiver Strahlung verseucht, um herauszufin­ den, wie die auf Menschen wirkt. Von den Russen ganz zu schweigen. Was glaubst du, was die mit einem wehrlosen Außerirdischen machen?« Nun wechselten sie ziemlich beunruhigte Blicke. Sabrina musterte Kelwitt sorgenvoll und fragte sich, wie viel er von der Diskussion hier mitbekommen mochte. »Na ja«, meinte Vater schließlich zögernd. »Ich kann in meinem Haus schließlich zu Gast haben, wen ich will. Und ich muss mir keinen Ausweis zeigen lassen. Ich denke, es ist am besten, er bleibt erst einmal hier…, und wir denken heute Abend noch mal in Ruhe über alles nach.«, »Er kann das Gästezimmer haben«, erklärte Mutter. »Ich meine, falls er überhaupt … schläft, oder was weiß ich …« Sabrina machte, dass sie mit Kelwitt davonkam, ehe es sich jemand anders überlegte. Sie schnappte sich Kelwitt – war das ein eigenartiges Gefühl, diese schmalen Hände zu halten, diese Finger, die sich anfühlten wie kalte Makkaroni! – und zog ihn hinter sich die Treppe hoch. »Ich zeige dir das Gäste­ zimmer«, erklärte sie dabei lauter, als es hätte sein müssen. »Dort kannst du es dir gemütlich machen, schlafen, wenn du müde bist … Weißt du, was das ist, schlafen? Müsst ihr auch schlafen?« »Schlafen«, wiederholte das schmächtige Wesen. »Ja. Schla­ fen ist notwendig. In zeitlichen Abständen.« So ganz hatte er es noch nicht raus, schien ihr. Abgesehen davon, dass sich das Übersetzungsgerät einen schwäbischen Akzent angeeignet hatte, der sie fatal an das Idiom erinnerte, das in der Gegend um Schloss Tiefenwart gesprochen wurde. »Also, das kannst du dir merken, oder? Die Treppe herauf und dann diesen Gang entlang. In der anderen Richtung geht es auf die Dachterrasse, dort solltest du dich besser nicht blicken lassen. Das da ist mein Zimmer, das ist Thilos Zimmer – Thilo ist mein Bruder, aber mal wieder nicht da, typisch –, und hier ganz am Ende ist das Gästezimmer.« Sie stieß die Tür auf und musste erst einmal den Atem anhalten. Das Zimmer war bestimmt seit den Anfängen der bemannten Raumfahrt nicht mehr gelüftet worden. Sie riss die Fensterflügel weit auf, auch wenn dadurch kalte Luft hereinkam. »Gästezimmer«, wiederholte Kelwitt und machte eine sei­ ner faszinierend geschmeidigen Gesten, die so wirkte, als, nehme er das Zimmer dadurch gewissermaßen in Besitz. »Sogar mit eigenem Bad«, nickte Sabrina und öffnete die schmale Tür zum Gästebad, in banger Erwartung weiterer peinlicher Entdeckungen. Aber im Bad war alles in Ordnung. »Siehst du? Ein Waschhecken, ein Klo – keine Ahnung, ob du damit etwas anfangen kannst –, eine Badewanne. Das sind Wasserhähne. Man dreht sie einfach auf, so – und es kommt Wasser heraus, siehst du? Ich schätze, du wirst eine Menge Wasser brauchen, wenn du deinen Anzug immer nass halten musst, oder? Ach, und du musst auf diese farbigen Punkte hier achten. Der Hahn mit dem blauen Punkt ist für kaltes Wasser, der mit dem roten Punkt für heißes. Verstanden? Ich rede zu schnell, oder?« »Du redest schnell«, nickte Kelwitt ernsthaft. »Aber ich ha- be verstanden. Blau – kaltes Wasser. Rot – heißes Wasser.« »Richtig.« Sie sah das fremdartige Wesen an, das da neben ihr stand und die Wasserhähne sinnend betrachtete. Kelwitt war fast auf den Zentimeter genau so groß wie sie, stellte sie fest. Und am liebsten hätte sie ihn gedrückt und geknuddelt, aber das traute sie sich nicht. Am Ende war das eine tödliche Beleidigung, und sie löste damit einen interstellaren Krieg aus oder so was. »Du findest dich ziemlich gut zurecht, was?« Kelwitt brauchte, wie immer, eine ganze Weile. »Ich weiß nicht. Es ist sehr … fremd.« »Na ja, das geht uns mit dir genauso, weißt du?« »Vermutung ja«, erklärte Kelwitt und machte eine Geste mit der Hand, die er schon öfter gemacht hatte. Sabrina sah ihn an und ahmte die Geste nach. »Was bedeu­ tet das, wenn du so machst? Heißt das ›Ja‹?« Kelwitt wiederholte die Geste, bei der seine rechte Hand, sich ein kurzes Stück vor der Brust aufwärts bewegte, um dann mit einer gleitenden Bewegung, an der vor allem seine unglaublich beweglichen Finger beteiligt waren, nach vorn wegzudrehen. »Das bedeutet Zustimmung«, bestätigte er. »Aha. Wir auf der Erde nicken in solchen Fällen. Das ist ei­ ne Bewegung mit dem Kopf, siehst du? Das nennt man nicken. Das bedeutet bei uns Zustimmung.« »Nicken.« Kelwitt versuchte es. Sein Kopf schien nicht so beweglich zu sein wie der eines Erdenmenschen, aber er brachte trotzdem ein ganz passables Kopfnicken zu Stande. »Gut!«, freute sich Sabrina. »Du machst das gut.« »Was bedeutet ›aufschneiden‹?«, wollte Kelwitt wissen. »Aufschneiden?« Ups! Sabrina schnappte einen Moment nach Luft. »Das, ähm …« Was sollte sie ihm jetzt sagen? Hätte sie doch nur nicht davon angefangen. Wer hätte ahnen kön­ nen, dass er so schnell dazulernte? »Das ist ziemlich kompli­ ziert. Ich erkläre es dir morgen, einverstanden?« »Gut«, nickte Kelwitt zufrieden. »Du kommst wahrscheinlich ziemlich viel herum im Welt- all, was?«, beeilte Sabrina sich zu fragen, um von dem heiklen Thema abzulenken. Kelwitt nickte zwar, sagte aber: »Nein. Erstes fort von zu Hause.« »Nein, nein, wenn du nicht zustimmst, dann darfst du nicht nicken. Wenn wir ›Nein‹ meinen, dann schütteln wir den Kopf. Siehst du, so.« Kelwitt schüttelte gehorsam den Kopf. »Schütteln den Kopf. Bedeutet ›Nein‹.« »Und du bist wirklich das erste Mal unterwegs?« Kelwitt, nickte. »Ja.« »Und gleich hier gelandet?« Kelwitt schien das nicht zu hören. Er sah sie an aus seinen großen, dunklen, lidlosen Augen, die wie kleine Glaskuppeln wirkten in seinem spitz zulaufenden Gesicht, sah sie eine ganze geheimnisvolle Weile an, ohne etwas zu sagen. Und Sabrina hielt still, betrachtete ihn und konnte sich nur mühsam beherrschen, ihn anzufassen. Dann war der Moment vorüber. Der schmale Außerirdische wandte den Kopf, sah die Badewanne an und sagte: »Ich bin jetzt sehr müde. Zeit zu schlafen sollte bald sein.« »Schlafen«, echote Sabrina, der war, als erwache sie aus ei­ nem kurzen Traum. »Schlafen, ja, klar.« Es war zwar erst heller Nachmittag, aber Kelwitt war von seinem Heimatplane­ ten bestimmt einen anderen Zeitablauf gewöhnt, als er ihn hier vorfand. Er litt an einem interstellaren Jetlag, sozusagen. »Ich zeig' dir dein Bett. Wir sollten vielleicht noch überlegen, wie du das mit deinem feuchten Anzug machst… musst du den auch tragen, wenn du schläfst?« Das mit dem Bett war die Show. Kelwitt setzte sich darauf und sprang sofort wieder auf, als habe ihn etwas gebissen. »Nein«, rief er aus und schüttelte heftig den Kopf. »Keine Zustimmung.« »Was? Was ist denn mit dem Bett?« Sie setzte sich selbst darauf. »Es ist bequem, glaub mir. Ich hab' hier auch schon geschlafen. Es ist schön weich.« »Nein«, beharrte Kelwitt. Er schüttelte noch einmal den Kopf, setzte zur Sicherheit etwas hinterher, was wahrschein­ lich seine eigene Variante einer ablehnenden Geste war, und ging dann zurück ins Badezimmer. Dort kletterte er in die, Badewanne und begann, Wasser einlaufen zu lassen. Sabrina beobachtete ihn verwundert. Wollte er ein Bad nehmen, ehe er schlafen ging? Seltsam, dass er dazu seinen Anzug anbehielt. Sie stand auf und folgte ihm ins Bad. Zu ihrer Verblüffung drehte er das Wasser schon wieder ab, obwohl ihm der Wasserspiegel kaum bis über die Hüfte reich­ te, und legte sich zurück. »Du willst doch nicht etwa in der Badewanne schlafen?«, wunderte sie sich. »Sehr bequem«, meinte Kelwitt. »Zeit zu schlafen jetzt.« »In der Badewanne?« »Badewanne sehr bequem. Schön weich.« Fasziniert verfolgte Sabrina, wie Kelwitt einschlief. Nicht einmal jetzt schlossen sich seine Augen, sondern sie verfärbten sich. Die Öffnung auf seinem Scheitel, durch die er atmete, entspannte sich und nahm eine weiche, ovale Form an, das Schwarz seiner Augen wurde nach und nach zu einem milchi­ gen Weiß, und so lag er dann da, der Außerirdische in der Gästebadewanne im Hause Mattek. »Gute Nacht«, sagte Sabrina leise. Wahrscheinlich hörte er sie schon nicht mehr. »Träum was Schönes.« Einen Vorteil hat es, wenn man ganz überraschend einen Außerirdischen mit nach Hause bringt: Die Schule ist plötzlich kein Thema mehr. Vater Mattek schenkte einen Schnaps aus, sogar seiner Tochter, ohne groß darüber nachzudenken. »Auf jeden Fall muss ich morgen wieder in die Firma«, erklärte er dazu. »Es geht nicht, dass der Chef fehlt, wenn alle anderen ackern wie, die Pferde.« Dann hockten sie zu dritt um den Couchtisch herum und kauten alle Argumente noch einmal durch. Was allerdings nicht viel brachte. »Er schläft wirklich in der Badewanne?« Sabrinas Mutter konnte es nicht fassen. »Mit zwei Handbreit kaltem Wasser drin«, nickte Sabrina. Mutter schüttelte den Kopf. »Sachen gibt's.« Als Sabrina an diesem Abend selber ins Bett ging, war sie so aufgekratzt, dass sie kaum einschlafen konnte. Allmählich dämmerte ihr, in was für ein abgefahrenes Abenteuer sie da hineingeraten war. Ein Außerirdischer! Wahrscheinlich würde sie in die Geschichtsbücher eingehen. In hundert Jahren wür­ den Lehrer in Prüfungen nach ihrem Namen fragen, ausge­ rechnet. Bei schlechten Noten würden Kinder sich nicht mehr mit dem berühmten Satz »Einstein ist auch sitzen geblieben« herausreden, sondern mit »Sabrina Mattek ist sogar fünfmal von der Schule geflogen«. Als Kelwitt erwachte, brauchte er eine Weile, ehe ihm wieder einfiel, wo er war. Umgeben von tiefster Dunkelheit, in einer bemerkenswert unbequemen Schlafmulde liegend, kam ihm die Idee, sich unter die Planetenbewohner zu mischen, wie eine ausgesprochene Hicksvogelidee vor. Die ganze Orakel­ fahrt war eine Hicksvogelidee, wenn man es sich genau über­ legte. Allerdings war es für diese tiefe Einsicht etwas spät. Nun musste er sehen, wie er zurechtkam. Er wälzte sich unbeholfen aus der viel zu tiefen Schlafmul­ de. Unbequem, wirklich. Aber immerhin hatten sie eine Schlafmulde für ihn gehabt statt des gluhmen Möbelstücks, das, ihm S'briina zuerst angeboten hatte. S'briina hatte auch irgendwie Licht eingeschaltet. Dass die Planetenbewohner künstliches Licht benutzten, hatte er bereits feststellen können. Aber er hatte nicht aufgepasst, wie S'briina das gemacht hatte. Er tastete herum. Eine glatte Fläche. Vorsprünge. Alles sehr verwirrend. Mehr durch Zufall berührte er etwas, das unter der Berüh­ rung knackte, und gleich darauf erhellte sich, nach zweimali­ gem, schwerfälligem Aufflackern, ein länglicher Leuchtkörper an der Decke des Raums. Aha, so ging das also. Er studierte die Armatur genauer. Eine kleine, leicht geneigte Fläche aus einem glatten, hellen Material. Wenn man sie auf die entge­ gengesetzte Seite kippte, erlosch der Leuchtkörper wieder. Er probierte es mehrmals, um sicherzugehen, dass der Zusam­ menhang zwischen dem Schaltelement und dem Leuchtkörper eindeutig war. Die Tür in den benachbarten Raum stand nur angelehnt. Die Planetenbewohner hatten eine Vorliebe für Türen, die man aufschwenken musste, das war ihm gestern schon an den Fahrzeugen aufgefallen und an der Halle, in der sein Raum­ boot eingeschlagen war. Auch in dem anderen Raum fand er eine Lichtarmatur neben der Tür an der Wand und schaltete die Beleuchtung ein. Eine gute Gelegenheit, sich in Ruhe umzusehen. Rechteckige Kästen entlang der Wände dienten offenbar der Aufbewahrung von Gegenständen aller Art. Der Boden war mit einem Material ausgelegt, das Wasser aufsaugte – noch so eine fremdartige Sitte. Kein Jombuuraner wäre auf eine solche Idee verfallen, die Lederhäute vielleicht einmal ausgenommen., Kelwitt öffnete die einzelnen Klappen der Reihe nach und betrachtete, was darin war, ohne etwas zu berühren. Die meisten Gegenstände waren absolut fremdartig und ihre Funktion oder Bedeutung nicht zu erraten. Er erkannte eine Reihe verschiedener Gefäße aus durchsichtigem Material, aber wozu mochte dieser Gegenstand dienen, der aussah wie die Nachbildung eines dicken, vierbeinigen Lebewesens, von dessen Kopf zwei übergroße Hautlappen nach hinten weghin­ gen, während vorn etwas herausragte, das aussah wie der biegsame Greifarm eines Grundschleimers? Es hatte Stoßzäh­ ne wie ein Schlammstachler, allerdings nur zwei davon. Und wozu war es über und über mit glänzenden Plättchen belegt? Vielleicht ein Kultgegenstand. Aber, interessant, offenbar kannten die Bewohner von Kelwitts Planet auch so etwas wie Bücher! Diesmal wagte er es, den entsprechenden Gegenstand in die Hand zu nehmen. Natürlich war er, wie fast alles, wie­ der brackig rechteckig, aber das Grundprinzip stimmte ein­ deutig: dünne Blätter, mit Schriftzeichen versehen und an einer Seite geheftet. Die Blätter bestanden allerdings auch wieder aus einem Ma­ terial, das Feuchtigkeit aufsaugte. Zudem fing es in feuchtem Zustand an, sich zu wellen. Da er mit den reichlich eintönig aussehenden Schriftzeichen ohnehin nichts anzufangen wuss­ te, stellte Kelwitt das Buch wieder zurück. Aber das erinnerte ihn wieder an seinen Mu'ati. Er holte ihn aus seinem Umbindbeutel und blätterte darin, aber zum Verlauf von Kontakten mit den eventuellen Bewohnern des eigenen Planeten hatte Mu'ati keine Deutungen anzubieten. Das war nur verständlich, fiel Kelwitt dann ein, schließlich hatte Mu'ati seine Deutungen zu einer Zeit geschrieben, als es, noch keine jombuuranische Sternfahrt gegeben hatte. Erstaun­ lich genug, dass er überhaupt etwas über Bewohner anderer Planeten sagte. Er steckte das Buch wieder weg. Ein Gegenstand, der aussah wie ein Bildschirm, erregte sei­ ne Aufmerksamkeit. Er war so aufgestellt, dass man ihn am besten betrachten konnte, wenn man sich auf dem Gluhmen- Möbelstück befand, ließ sich aber problemlos drehen. Kelwitt setzte sich auf den Boden davor und untersuchte das Gerät genauer. Es gab ein paar Tasten, die man drücken konnte, und die dann beinahe in dem Gehäuse verschwanden. Allerdings geschah nichts. Erst als er die unterste Taste drückte, begann das Gerät zu knacken und zu brummen, und der Bildschirm wurde langsam hell. Kelwitt fuhr zurück, als ein Bild sichtbar wurde. Ein beweg­ tes Bild, und wie bewegt! Mehrere Planetenbewohner wurden gezeigt, die in ihren Fortbewegungsgeräten dahinfuhren, und das mit ziemlich bedrohlich aussehender Geschwindigkeit. Einer von ihnen beugte sich sogar, während er die Steuerkon­ trollen mit einer Hand bediente, aus der Luke und richtete einen rätselhaften Gegenstand auf das Fahrgerät vor ihm, der offenbar dazu diente, laute, knallende Geräusche zu machen. Und das Ganze vollzog sich mit geradezu sinnverwirrender Hektik. Er verfolgte das Geschehen, ohne recht daraus schlau zu werden, was es darstellte und wozu es gezeigt werden moch­ te. Gestern auf der Fahrstraße hatte er solche Ereignisse jeden­ falls nicht gesehen. Er drückte eine der oberen Tasten, und das Bild wechselte. Zwei Planetenbewohner waren zu sehen, die unbekleidet waren und einander umarmten. Sie lagen dabei auf einem, Möbelstück, das genauso brackig weich war wie das in diesem Raum, hatten beide die Augen geschlossen und vollführten eigenartige Bewegungen, wobei sie Laute von sich gaben, die der sonst üblichen Sprache nicht zu ähneln schienen. Kelwitt sah eine Weile zu, aber es tat sich nicht viel Interes­ santes, und so drückte er eine weitere Taste. »Das ist jetzt aufschlussreich«, meinte Tik. Drei Planetenbewohner saßen in einem Nest beisammen und sprachen miteinander. Ab und zu übersetzte Tik einen Satz, aber nicht oft genug, als dass Kelwitt sich einen Reim darauf hätte machen können, um was es ging. »Offenbar handelt es sich um Darstellungen des alltäglichen Le­ bens auf dem Planeten«, erklärte Tik. »Der Planetenbewohner in dem hautfarbenen, knittrigen Kleidungsstück trägt den Namen ›Inspektoorkolomboo‹. Er stellt sehr viele Fragen, die die anderen beantworten – das erleichtert mir die Analyse ihrer Sprache. Ich würde empfehlen, das Gerät eingeschaltet zu lassen.« Morgens um fünf fiel Emma mal wieder ein, dass sie lieber allein weiterschlafen wollte. Solche Anwandlungen hatte sie manchmal, und dann konnte sie kein Argument und nichts davon abhalten, sie in die Tat umzusetzen. Thilo zog sich also folgsam wieder an. Emma Vandout war eine weise Frau, eine Eingeweihte und Magierin, eine wahre Seherin. Zumindest in ihren eigenen Augen. Weniger freundliche Menschen hatten weniger freundliche Bezeichnungen für sie parat, aber das waren eben gewöhnliche, verblendete, verirrte Seelen. Nichts, was man ernst nehmen musste. Emma, die Thilo verboten hatte, sie so zu nennen, und auf, ihrem angenommenen Namen ›Sybilla‹ bestand, machte sich nichts aus materiellen Dingen, denn sie wusste, dass das Ende der Welt nahe war. Sie lebte in einer winzigen Wohnung, in der es nur zwei Zimmer und eine Toilette gab. Das eine Zim­ mer war den magischen Riten vorbehalten, den Kartenseancen und Wahrsagesitzungen, mit denen sie auch ihren Lebensun­ terhalt verdiente, und demzufolge musste sich in dem anderen Zimmer, das zur Hälfte bereits von ihrem Bett in Anspruch genommen wurde, alles andere abspielen. Sie kochte auf einer einzigen Herdplatte, wobei sie über ein beeindruckendes Repertoire von Rezepten verfügte, die nur einen einzigen Topf erforderten. Ihre beträchtliche selbst geschneiderte Garderobe verfertigte sie hier, hier las sie, und hier spielten sich auch die sexuellen Begegnungen ab, die es vor allem waren, die ihren jungen Liebhaber Thilo Mattek so sehr an ihr faszinierten. »Wann sehen wir uns wieder?«, fragte er, während er sich die Schuhe zuband. »Wenn es soweit ist«, entgegnete Emma rätselhaft. Während sie Thilo in ihrem zu einem Wohnmobil umge­ bauten VW-Bus nach Hause fuhr, wiederholte sie flüsternd ihre Visionen: dass das Ende der alten Zeit nahe war, und dass schon bald – vielleicht mit dem Anbrechen des neuen Jahrtau­ sends – eine neue Zeit beginnen würde, eine Zeit des Lichts. Doch es würde nicht ohne Kämpfe abgehen. Ihr Wohnmobil war Ausdruck dieser Erwartung. Sie hatte es zu einer fahrba­ ren Überlebenseinrichtung umbauen lassen, mit Schutzble­ chen, die man vor Fensterscheiben und Reifen legen konnte, verstärktem Sicherheitstank und eingebautem Weltempfänger. In abgedichteten Einbaufächern lagen Vorräte für vier Wochen bereit und große Wasservorräte, die sie alle vier Tage erneuer­ te. An mehreren geheimen Stellen waren Rollen mit echten, Goldmünzen versteckt; auch wenn sie sich nichts aus materiel­ lem Besitz machte, war sie sich doch darüber im Klaren, was er in kritischen Situationen bewirken konnte. Trotz alledem wäre es ein aussichtsloses Unterfangen gewe­ sen ohne ihre seherischen Fähigkeiten, die es ihr erlauben würden, zur richtigen Zeit an den richtigen Orten zu sein, um die Weltenwende heil zu überstehen. »Als im vierzehnten Jahrhundert die Pest ausbrach und Europa zur Hälfte entvöl­ kerte«, flüsterte ihre Stimme geisterhaft in die Nacht der leeren Straßen, in denen ein paar verirrte Schneeflocken trieben, »konnte man überleben, wenn man in Mailand oder Liège war. Dorthin kam die Krankheit nicht. Wer das wusste, über­ lebte.« »Und diesmal?«, fragte Thilo leise. »Wir wissen nicht, was kommen wird. Aber etwas wird kommen, und bald. Im Schwarzwald gibt es Täler, wo man sicher sein wird, und südlich der Donau werden einige Stellen verschont bleiben. Dort gehen wir hin, wenn es soweit ist.« Als sie angekommen waren – Emma parkte wie immer ums Eck, um vom Haus der Matteks aus nicht gesehen zu werden – , fragte Thilo noch: »Nimmst du mich mit?« Sie fuhr ihm über das Haar und lächelte schmerzlich. »Ja, sicher. Ich hol' dich ab, wenn es soweit ist. Aber du musst bereit sein, denn warten werde ich nicht können.« Thilo nickte. »Ich werde bereit sein.« Als er aussteigen wollte, fiel ihr noch etwas ein. Aus einem Schubfach holte sie eine Salatschüssel heraus, die er vor etli­ cher Zeit einmal mitgebracht hatte. »Hier«, sagte sie und küsste ihn zum Abschied. »Bring sie zurück.« »Ach was«, meinte Thilo. »Behalt sie. Die vermisst bei uns, niemand.« »Nein«, beharrte sie. »Die alten Dinge müssen geklärt sein, damit das Neue kommen kann. Bring sie zurück.« Er wartete, die Salatschüssel im Arm, und sah ihr nach, bis sie davongefahren war. Dann schlenderte er die restlichen Meter bis zur Haustür, die er möglichst unhörbar aufzuschlie­ ßen sich bemühte. In diesem Haus litten bisweilen die ver­ schiedensten Bewohner aus den verschiedensten Gründen an Schlafstörungen, und er wollte gerade keinem davon begeg­ nen. Aber in der Küche brannte Licht. Schmal und hell fiel ein Streifen durch die angelehnte Tür auf den dunklen Flur. Mist. Einen Moment überlegte er, ob er einfach die Treppe hinauf­ schleichen sollte, aber dann beschloss er, sich der Herausfor­ derung zu stellen. Er öffnete die Küchentür. Ich träume, dachte er im nächsten Moment. Ich liege noch bei Sybilla im Bett und träume das alles. Weder sein Vater noch Nora noch Sabrina saßen am Küchentisch, sondern ein bizarres Wesen, das einem Comicstrip entsprungen zu sein schien; eine Kreuzung aus einem magersüchtigen Teenager und einem Delfin. Ich habe die ganze Rückfahrt geträumt, und das hier träume ich auch. Und dieses Wesen sah ihn aus großen schwarzen Augen an, hob lässig die Hand und sagte: »Guten Abend, Mister.« Thilos Unterkiefer klappte herab. Die Schüssel entglitt seinen Händen und zerschellte mit ei­ nem markerschütternden Knall auf den Fliesen. »Oh«, sagte das Wesen am Küchentisch. »Hoffentlich Alli­ anz versichert.«, Sabrina konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt alle vier an einem ganz gewöhnlichen Samstagmorgen zusammen am Frühstückstisch gesessen waren. Dieses Jahr jedenfalls noch nicht. »Wir müssen reden«, sagte Wolfgang Mattek in seinem be­ sten Familienvater-Ton. »Ja«, sagte Thilo. »Allerdings«, nickte Nora. »Über verschiedene Dinge«, fuhr der Familienvater ernst fort. »Eine Menge Dinge«, bekräftigte seine Frau. »Vor allem mal über ein ganz bestimmtes Ding«, forderte Thilo. Sabrina warf ihren Löffel klirrend in die Müslischale. »Kelwitt ist kein Ding! Ich glaub', ich spinne! Jetzt bringt mein eigener Bruder schon solche nazimäßigen Sprüche, das halt' ich ja im Kopf nicht aus! Und alles bloß, weil du zu blöd bist, eine Salatschüssel richtig festzuhalten …« »Schluss!«, fuhr Mattek dazwischen. »Ich wünsche jetzt keinen Streit. Sabrina, was tut unser Besuch gerade?« »Unser Besuch schläft.« »In der Badewanne.« »Ja.«, »Nun ja«, machte Vater Mattek. »Jeder, wie es ihm beliebt. Jedenfalls müssen wir uns darüber klar werden, was wir mit ihm tun.« »Ich denke, das haben wir gestern ausgemacht?«, beharrte Sabrina. »Er bleibt unser Gast, bis er abgeholt wird.« »Und wann wird das sein? Morgen? In einer Woche? In zehn Jahren?« »Er hat doch gesagt, in sieben Tagen.« »Sieben unserer Tage oder sieben seiner Tage?« Ihr Vater sah sie ausgesprochen grimmig an. »Ich sag' dir eins – ich habe keinerlei Lust, so einen doofen Familienvater abzugeben wie in dieser amerikanischen Serie mit dem zotteligen Außerirdi­ schen, die ihr früher immer angeschaut habt!« »Null problemo. Kelwitt ist übrigens dabei, unsere Sprache zu lernen, und dann können wir ja noch mal genauer nachfra­ gen.« »Und wie lange wird das dauern?« »Bestimmt nicht mehr lange, wenn er weiter fernsieht wie ein Verrückter«, knurrte Thilo. »Der Fernseher in seinem Zimmer war die ganze Nacht an. Und er kann schon eine Irrsinnslatte von Sprüchen aus dem Werbefernsehen aufsagen. Ich hab' kein Auge zugekriegt.« »Dann komm nicht so spät heim«, versetzte seine Mutter. »Um fünf Uhr morgens, alles was recht ist!« Thilo verschränkte die Arme vor der Brust, ein einziges Bild trotziger Abwehr. »Das geht euch überhaupt nichts an.« »Das geht uns sehr wohl etwas an. Vor allem, wenn du um fünf Uhr morgens mit Geschirr durch die Gegend schmeißt und herumschreist wie am Spieß.«, »Entschuldige, dass ich erschrocken bin, als ich einen Au­ ßerirdischen in unserer Küche vorgefunden habe.« »Und außerdem bist du erst sechzehn. Sechzehn! Diese Frau ist viel zu alt für dich.« »Geht das wieder los!«, ächzte Thilo. »Genug!« Das Familienoberhaupt schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ihr hättet Thilo nicht so oft ›Harold and Maude‹ sehen las­ sen sollen«, meinte Sabrina gehässig. »Ich habe gesagt, genug!«, beharrte Vater Mattek. »Und zu­ rück zum Thema.« »Ja, ja.« »Also, was wissen wir von diesem Wesen? Es schläft lieber in einer Badewanne als in einem Bett, schaut sich freiwillig alle Kabelkanäle an und hat eine Art Computer auf der Schulter, der hoffentlich bald gelernt hat, seine Sprache zu übersetzen. So weit, so gut – aber was zum Beispiel isst es? Woher kommt es überhaupt? Und was will es eigentlich hier?« »Habt ihr schon mal überlegt, dass er eine Art Kundschafter sein könnte, der eine Invasion der Erde vorbereitet?«, warf Thilo ein. »Wenn seine Kollegen kommen, fressen sie uns vielleicht zum Dank als Erste.« Sabrina musterte ihn verächtlich von oben bis unten. »Du bist widerlich, weißt du das?« »Nein, Sabrina«, widersprach ihr Vater, »das ist der erste ernst zu nehmende Einwand, den ich höre. So etwas Ähnliches habe ich mir heute Nacht auch überlegt. Ich meine, warum ist er allein ? Er weiß so gut wie nichts über uns. Niemand würde eine Expedition auf einen unbekannten Planeten entsenden,, die nur aus einer Person besteht. Das ist unlogisch.« »Vielleicht hat seine Rasse eine andere Art von Logik«, meinte Sabrina. »Es gibt nur eine Art von Logik, egal, ob man Haare auf dem Kopf hat oder Atemschlitze. Wenn wir sonst nichts mit ihm gemeinsam haben sollten, die Logik haben wir auf jeden Fall dieselbe.« »Dann weiß ich's auch nicht«, sagte Sabrina und strich sich mit einer betont doofen Geste über die Haare. »Du weißt ja – Frauen und Logik, das geht auf keinen Fall zusammen …« In diesem Augenblick war aus den Tiefen des Hauses wie­ der ein Geräusch zu hören, das sich anhörte wie eine Vielzahl ferner Stimmen, die in einem Blecheimer durcheinander redeten. »Er hat den Fernseher wieder an«, sprach Thilo aus, was allen klar war. »Ich weiß nicht so recht«, murmelte sein Vater unbehaglich. »Bekommt er auf diese Weise nicht einen ziemlich verzerrten Eindruck von uns?« Thilo sah auf die Armbanduhr und musste lachen. »Ja, ge­ nau. Samstagvormittag. Jetzt laufen die ganzen Zeichentrick­ filme für die Kiddies. Donald Duck. Tom und Jerry. Familie Feuerstein. Da dreht er durch, wetten?« »Anacondas Bericht.« Ein Schnellhefter mit drei Blättern darin landete flatternd auf dem Schreibtisch. »Und?«, fragte der Mann mit dem Bürstenhaarschnitt. »Sie hat die Scheune gefunden.« »Mit dem Loch im Dach?«, »Genau. Und total zerwühlt das ganze Heu darin. Aber kein abgestürztes Flugzeug oder Ufo oder sonst was.« Der Mann hinter dem Schreibtisch nahm den Schnellhefter in die Hand und blätterte desinteressiert darin. »Ich werd' aus der Sache nicht schlau. Hat Ochsenfrosch jemandem ein Loch ins Scheunendach geballert oder was? Wem gehört denn das Ding?« Er blätterte, überflog die Seiten auf der Suche nach dieser Information. Dann wurde ihm das alles zu lästig, und er schleuderte den Hefter achtlos in ein Eck hinter sich, in dem schon etliche andere Schriftstücke lagen, reichlich zerknittert und vergilbt manche davon. »Ach, zum Teufel damit. Wir haben wirklich Wichtigeres zu tun. Und Ochsenfrosch hat Urlaub, oder? Dann soll er gefälligst auch Urlaub machen, verdammt noch mal. Sagen Sie ihm das, wenn er noch mal anruft. Er soll nach Mallorca fliegen und sich zwei Wochen an den Strand legen. Oder sich im Ballermann die Kante geben, von mir aus. Aber ich will ihn hier nicht sehen und nicht hören, und ich will nicht, dass jemand in diesen Räumen in den nächsten drei Wochen seinen Namen ausspricht. Das können Sie ihm übrigens auch sagen.« In der Fabrik lief alles auf Hochtouren, die Nachbestellungen für Feuerwerk stapelten sich zu Bergen, man würde mit sämt­ lichen greifbaren Aushilfsdatentypistinnen das Wochenende durcharbeiten, und die Produktion kam kaum nach. Dabei würde die heiße Phase erst noch kommen, wenn nach Weih­ nachten der Verkauf von Silvesterfeuerwerk freigegeben wurde und dann auch der letzte Einzelhändler merken würde, dass er viel zu wenig Feuerwerk auf Lager hatte. Sie hatten zwanzig zusätzliche Telefonistinnen für diese Tage eingestellt, und zusätzliche Leitungen angemietet, ganz zu schweigen von den Spediteuren, die schon Knallfrosch bei Fuß standen. Aber keine besonderen Vorkommnisse, nein. Im Grunde sei es unnötig, wenn er morgen herkomme. »Ich komme trotzdem«, erklärte Mattek seiner Sekretärin. »Der Chef muss mit gutem Beispiel vorangehen.« »Wenn Sie meinen, Herr Mattek …« »Also«, meinte Mattek, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte, »Sabrina und Thilo, ihr beide müsst euch um Kelwitt kümmern. Er kann meinetwegen hier auf sein Raumschiff warten, aber er soll im Haus bleiben.« »Ja, Papa«, kam es im Chor. »Wir behalten die ganze Angelegenheit erst mal für uns. Kein Wort zu den Nachbarn. Kein Wort zu irgendwelchen Freunden. Klar?« »Ja, Papa.« Er sah seine beiden Sprösslinge an, befremdet über die un­ gewohnte Eintracht. »Manchmal frage ich mich, ob ihr mich eigentlich ernst nehmt.« »Klar doch, Papa«, erklärte Sabrina mit treuherzigem Au­ genaufschlag. Und fügte, als ihr Vater Mantel und Aktenta­ sche genommen und die Haustür hinter sich geschlossen hatte, leise hinzu: »Manchmal schon …« Das Gesicht des Mannes war ein modernes Kunstwerk in blau und rot. Sein rechter Arm war in einen provisorischen Streck­ verband gelegt, sein Schädel bandagiert. »Ich hatte ein Handy dabei«, erklärte er. Das Sprechen fiel ihm schwer. »Ich habe, damit um Hilfe gerufen. Nach meinem Unfall. Wo ist es?« »Tut mir Leid«, sagte der hagere Mann in dem weißen Kit­ tel, der an seinem Bett stand, die Krankenakte in der Hand. »Das weiß ich leider nicht.« »Ich muss telefonieren«, beharrte der Patient. »Ich bin Agent des Bundesnachrichtendienstes, und es geht um eine Angelegenheit von größter Bedeutung. Von allergrößter Bedeutung.« Der Arzt griff nach dem Handgelenk des Mannes, um den Puls zu fühlen. »Ich verstehe«, nickte er ernst. »Ich werde veranlassen, dass man Ihnen so bald wie möglich ein Telefon bringt.« »Es ist dringend, Herr Doktor.« »Selbstverständlich. Je schneller Sie diese Tablette ge­ schluckt haben, desto eher erhalten Sie Ihr Telefon.« Der Mann betrachtete die große weiße Tablette, die der Arzt ihm auf die Hand gelegt hatte. »Wofür ist die?« »Hier«, sagte der Arzt und reichte ihm einen Becher mit Wasser. »Na gut«, seufzte Hermann Hase, nahm die Tablette in den Mund und spülte sie hinab. Der Arzt verfolgte gelassen, wie gleich darauf der Blick sei­ ner Augen glasig wurde, die Augenlider herabsanken und sein Atem den schweren, tiefen Rhythmus des Schlafes an­ nahm. »Meine Damen und Herren«, sagte er dann halblaut und ließ den Blick über die Schar junger Medizinstudenten schwei­ fen, die auf der anderen Seite des Bettes standen, »ich hoffe, Sie haben gut aufgepasst. Gerade bei Patienten mit Wahnvor­, stellungen ist es wichtig, dass man auf sie eingeht. Widerspre­ chen Sie nicht, argumentieren Sie nicht. Das erregt den Patien­ ten nur, was leicht zu einer Krise oder sogar einem psychi­ schen Kollaps führen kann. Spielen Sie stattdessen das Spiel mit, soweit es möglich ist. In schweren Fällen – oder in Fällen wie diesem, wo wir von einem temporären Unfalltrauma ausgehen können – ist im Allgemeinen der Einsatz eines Sedativums angezeigt.« Einer der Studenten streckte mit spitzem Finger die Hand hoch. »Müsste man aber nicht trotzdem nachprüfen, ob der Mann für den Bundesnachrichtendienst arbeitet?« Der Blick des Professors war vernichtend. »Ich meine ja nur«, murmelte der vorwitzige Frager schüch­ tern und drückte sich hinter den Rücken eines Kommilitonen. »Vielleicht hat er uns längst mit einer Krankheit angesteckt, gegen die es kein Gegenmittel gibt«, meinte Thilo und malte mit den Fingern unsichtbare Figuren auf die Platte des Kü­ chentischs. »Ein Virus aus dem All, das uns alle in eine große, schleimige Masse verwandelt.« Sabrina, die auf der anderen Seite des Küchentischs hockte, den Kopf in die Arme gestützt, sah ihren Bruder entnervt an. »Du guckst echt zu viele Filme.« »Könnte doch aber sein, oder?« »Ist extrem unwahrscheinlich.« »Woher willst'n das wissen?« »Ich hab' ein Buch darüber gelesen«, erklärte Sabrina. »Falls du weißt, was das ist.« »Schon mal davon gehört, ja.«, »Klasse. Jedenfalls, darin stand, dass Krankheitserreger meistens ganz speziell auf bestimmte Lebewesen angepasst sein müssen, um überleben zu können. Ein Virus, das einen Hund befällt, befällt keinen Menschen, und umgekehrt.« »Ah«, machte Thilo. »Und was ist mit dem Rinderwahn­ sinn? Der befällt doch auch Menschen.« »Das ist eine Ausnahme. Außerdem sind Rinder und Men­ schen ja noch ziemlich verwandt. Aber ein außerirdischer Krankheitserreger hat höchstwahrscheinlich keine Chance.« Von oben hörte man immer noch den Fernseher aus dem Gästezimmer dröhnen. Dem Geräusch nach schaute Kelwitt sich gerade Bonanza an oder so etwas Ähnliches. »Du liest ziemlich merkwürdige Bücher«, meinte Thilo gähnend. »Es war nichts anderes da.« In diesem Augenblick verstummte der Fernseher. Thilo und Sabrina sahen einander an. Gleich darauf hörte man eine Tür, dann langsame, platschende Schritte, die die Treppe herunter­ kamen, und dann stand er in der Küchentür, sah sie aus gro­ ßen, pupillenlosen schwarzen Augen an und sagte höflich: »Guten Morgen und herzlich willkommen zur neuen Ausgabe eines Tages.« Thilo starrte ihn an, und Sabrina merkte, dass er ein Auf­ wallen von Panik niederkämpfte. »Ähm … hallo, Kelwitt«, brachte er mühsam heraus. Kelwitt sah anders aus, als Thilo ihn in Erinnerung hatte. Nicht so … bedrohlich. Heute Nacht war er ihm wie ein Mon­ ster aus einem Albtraum vorgekommen, wie eine glitzernde, schleimige Stephen-King-Kreatur, die gerade die übrige Fami­ lie gefressen und nur noch auf ihn gewartet hatte. Aber bei, Tageslicht und nach einem kräftigen Frühstück hatte er eher etwas von einem abgemagerten Kind an sich, das von zu Hause ausgerissen war. Na ja, obwohl er natürlich schon ziemlich abgefahren aus­ sah. »Angenehm, mein Herr«, schnarrte Kelwitt mit einer verdächtig nach Heinz Rühmann klingenden Stimme, »mein Name ist Kelwitt.« Das Klangbild veränderte sich, plötzlich klang er nach Miss Piggy. »Huch, wer sind Sie?« »Ich heiße Thilo«, erklärte Thilo grinsend. »Wir sind uns nur kurz begegnet«, klagte Kelwitt mit einer weiblichen Stimme, die Thilo auch bekannt vorkam. »Bedauer­ lich. Ich hoffe, es geht Ihnen heute besser.« Das klang nun nach Doktor Quincy. Sabrina verbiss sich mit Mühe das Lachen. »Hallo, Kel­ witt!«, rief sie. »Komm, setz dich zu uns. Willst du was essen?« »Fruchtig-frisch«, erklärte Kelwitt ernsthaft und kam näher. Sein Anzug glänzte vor Feuchtigkeit, und seine Füße hinter­ ließen nasse Stellen auf den Fliesen. »Und das alles für nur sieben Mark neunundneunzig unverbindliche Preisempfeh­ lung. Nein, danke, mein Herr. Ich hab' null Bock auf Essen.« Er zog einen der Stühle heran, betastete das Kissen darauf, nahm es herunter und setzte sich auf das blanke Holz. »Was hast du eigentlich gegen weiche Kissen?«, wunderte sich Sabrina und nahm ihm das Sitzkissen ab. »Es ist… unangenehm«, erklärte Kelwitt. Er schaute sich um. »Wo sind eigentlich die anderen beiden Kandidaten? Fragen wir die Jury.« »Unser Vater ist im Büro«, schmunzelte Sabrina, »und unse­ re Mutter ist einkaufen. Weil wir nämlich demnächst wieder Bock auf Essen haben werden, und dann sollte was im Haus, sein, verstehst du?« Wahrscheinlich war es falsch, so auf seine aus lauter Fernsehpuzzlestücken zusammengebaute Sprech­ weise einzugehen, aber sie konnte der Versuchung nicht widerstehen. »Unser Vater«, wiederholte Kelwitt ernsthaft. »Unsere Mut­ ter. Sabrina.« Er deutete auf sie, dann auf ihren Bruder. »Thilo. Und diese Antwort ist – richtig!« Thilo schüttelte den Kopf. »Das ist echt abgefahren. Das sollten wir aufnehmen, weißt du das?« »Hab' ich mir auch schon überlegt. Hast du eine Ahnung, wo Vaters Videokamera ist?« »Ach, Scheiße«, fiel es Thilo ein. »In der Schule. Ich hab' sie für so eine beknackte Projektarbeit mitgenommen.« »Na, toll.« Sabrina wandte sich an Kelwitt, der ihnen inter­ essiert zugehört hatte. »He, kannst du uns eigentlich inzwi­ schen ein bisschen mehr darüber erzählen, woher du eigent­ lich kommst und was du hier willst?« Kelwitt machte eine seiner eleganten fingertänzelnden Ge­ sten und legte los, in einem wilden Kauderwelsch aus Werbe­ slogans und unpassend gewählten Wörtern, und alles mit schwäbischem Akzent. Mit einiger Mühe verstanden sie, dass sein Heimatplanet Jombuur hieß, dass seine Heimatsonne aber zu weit entfernt war, als dass man sie am irdischen Nacht­ himmel hätte erkennen können. »So heißt eure Sonne? Bandarats Stern?« »Ja.« »Und ist die weit weg von hier, diese Sonne?« Kelwitt machte eine Geste, die verdächtig so aussah, als ha- be er sie Inspektor Colombo abgeschaut. »Das ist schwer zu sagen. Wenn ich es richtig verstanden habe, würde ein Raum­, schiff wie eure ›Enterprise‹ ungefähr einen Monat unterwegs sein bis dorthin.« Sabrina starrte den Außerirdischen an und fühlte, wie ihre Kinnlade haltlos nach unten sacken wollte. »Oh, Scheiße«, murmelte sie. »Wir dürfen ihn wirklich nicht so viel fernsehen lassen«, meinte Thilo. Die Verständigung mit den beiden Erdbewohnern funktionier­ te besser, als Kelwitt zu hoffen gewagt hatte, auch wenn Tik hin und wieder signalisierte, dass die Übersetzung nur nähe­ rungsweise möglich war. Die Perioden vor dem Bildübertra­ gungsgerät waren sehr nützlich gewesen, nicht nur, weil sie dem Computer erlaubt hatten, die Sprache der Erdbewohner zu analysieren, sondern auch, weil er sich auf diesem Wege ein umfassendes Bild von deren Leben hatte machen können. Auch wenn er, wie er zugeben musste, vieles nicht verstanden hatte. So hatte er gesehen, dass die Erdbewohner durchaus über Sternschiffe verfügten, und zwar über eine verwirrende Viel­ falt davon. Auch Kontakte mit Bewohnern anderer Planeten hatte es durchaus schon gegeben, wenn auch Kelwitt keines der Wesen erkannt hatte, die gezeigt worden waren – was aber nichts heißen mochte, schließlich war er kein Sternfahrer. So begriff er nicht ganz, was nach dem Gespräch über Jom­ buur und der Distanz zur Erde geschah. Eine unverkennbare Unruhe bemächtigte sich der beiden Erdbewohner. Der eine der beiden, den er vom Vortag kannte – S'briina – stand auf, verließ den Raum und kehrte gleich darauf mit einem dicken Buch zurück, das er aufgeschlagen vor Kelwitt auf den Tisch, legte. »Dein Computer kann Sprache übersetzen«, sagte S'briina. »Kann er auch Schrift verstehen?« »Tik?«, fragte Kelwitt. »Der Erdbewohner scheint uns seine Schrift beibringen zu wollen.« »Das ist zu begrüßen«, ließ sich Tik vernehmen. Kelwitt machte die irdische Geste der Zustimmung – ein relativ grobschlächtiges Auf- und Abbewegen des Kopfes, das ihm nicht ganz leicht fiel – und sagte: »Dann sag ihnen ja.« Die nachfolgende Unterhaltung führte Tik im Grunde ohne ihn. Er war nur Zuschauer, wie S'briina mit einer der grobknochigen Handextremitäten auf jeweils ein Zeichen deutete und etwas dazu erklärte. »Die Schrift entspricht der Struktur der Sprache recht gut«, erklärte Tik nach einer Weile. »Eine lineare Folge von Zeichen, die für die Laute stehen, aus denen die Worte zusammenge­ setzt sind. Keine übergreifenden Vernetzungen, wie etwa im Jom­ buuranischen. Das macht die Übersetzung einfach.« Tik bediente sich wieder des Tricks, über das Nervensystem direkt auf seine Wahrnehmung einzuwirken. Kelwitt schaute eine Seite des Buches an und betrachtete die kleinen, in langen, waagerechten Linien angeordneten Zeichen – doch gleich darauf, nämlich sobald Tik mit der Übersetzung der Seite fertig war, erblickte er auf derselben Seite den vertrauten Anblick jombuuranischer Aufzeichnungen, ein differenziertes Geflecht von Begriffssymbolen, Vernetzungszeichen, Bezie­ hungslinien und Akzentfarben. Das meiste blieb allerdings unverständlich. Es wimmelte von Auslassungszeichen. Er blätterte vorsichtig ein wenig in dem Buch, doch die Reihenfolge der Erläuterungen darin beruhte auf einem undurchschaubaren System: Nach der, Beschreibung einer Pflanze kam die Erläuterung eines physi­ kalischen Begriffs, dem wiederum ein geschichtliches Traktat über eine bestimmte Epoche folgte, und so weiter. Der Zu­ sammenhang zwischen den einzelnen Abschnitten blieb Kelwitt verborgen. Doch die beiden Erdbewohner schienen, soweit er das ihrer Gestik und ihren Äußerungen entnehmen konnte, ziemlich angetan davon, dass er ihr Buch lesen konnte, nachdem er es durch das Vorlesen eines winzigen Abschnittes über das Sehorgan der Erdbewohner unter Beweis gestellt hatte. Doch auch die Seiten des Buches waren aus feuchtigkeitsab­ sorbierendem Material gefertigt, was naturgemäß dazu führte, dass er feuchte Flecken darauf verursachte, wenn er sie be­ rührte. Das wiederum schien die beiden zu beunruhigen, und schließlich sprang der andere Erdbewohner namens Tiilo auf, öffnete eine der Klappen der Aufbewahrungseinheiten entlang der Wand und kehrte mit zwei weichen, aus einem glatten, elastischen Material von grellgelber Farbe gefertigten Hand­ überziehern zurück. Eine Schutzmaßnahme offenbar. Es war nicht so einfach, damit zurechtzukommen – sie waren zu breit, die überzähligen Ausstülpungen störten, und er verlor fast alles Gefühl in den Fingern –, aber dafür wurden die Buchsei­ ten nicht mehr feucht, und nun ließen sie ihn nach Herzenslust in dem Buch blättern, das so etwas wie eine Einführung in grundlegende Wissensbereiche der Erdbewohner zu sein schien. Sehr interessant, wie er nach einer Weile feststellte, wenn­ gleich ihm das Ordnungsprinzip nach wie vor verborgen blieb. Es war mehr Zufall, wenn er hier und da auf brauchbare Informationen stieß. Die Bewohner dieser Welt, erfuhr er, nannten ihren Planeten ›Erde‹ und ihre Sonne ›Sonne‹., »Ziemlich typisch für isolierte Kulturen«, kommentierte Tik diese Stelle. »Der Begriff ›Erde‹ bezeichnet sowohl den Planeten als auch die oberste Bodenschicht. Der Begriff ›Sonne‹ ist sowohl Gat­ tungsbegriff als auch Eigenname der eigenen Sonne, gerade so, als gäbe es keine anderen Sonnen im Universum. Die anderen Sonnen bezeichnet man als ›Sterne‹, obwohl man weiß, dass es Sonnen sind – weil man noch nie eine andere Sonne als die eigene aus der Nähe gesehen hat.« Zudem war der Planet überaus dicht besiedelt. Selbst in den unwirtlichsten Gegenden drängten sich Millio­ nen von Erdbewohnern, unterteilt überdies in verschiedene Gruppen, so genannte ›Staaten‹, in denen sogar verschiedene Sprachen gesprochen wurden. Immer wieder tauchten zwei Begriffe auf, die weder Kelwitt noch Tik zu erklären wussten: ›Mann‹ und ›Frau‹. »Die Begriffe werden in einer Weise gebraucht, als gäbe es zwei grundlegend verschiedene Arten von Erdbewohnern«, erklärte Tik, und für einen Computer klang er erstaunlich nachdenklich. »In dem Sinne, dass jeder eines von beiden ist, keiner aber beides.« Kelwitt musste an den vierbeinigen Planetenbewohner denken, der vor ihm geflüchtet war. Zwischen ihm und den zweibeinigen Planetenbewohnern schien es eine Verbindung gegeben zu haben. »Das muss ich herausfinden«, meinte er. Nach einer Weile wurde das Verschlussloch der Höhle ge­ öffnet, und der Erdbewohner kam zurück, den die anderen am Tag zuvor Muutr genannt hatten, der aber, wie er einer Erklä­ rung S'briinas entnommen hatte, mit vollem Namen offenbar Unsremuutr hieß. Unsremuutr trug zwei Stofftragebeutel mit einer verwirrenden Vielzahl von Gegenständen herein, die von den drei Erdbewohnern in einer gemeinschaftlichen Aktion rasch in den verschiedenen Aufbewahrungsfächern, verstaut wurden. Den Unterhaltungen zufolge schien es sich bei den meisten der Gegenstände um Nahrungsmittel zu handeln. Unsremuutr warf immer wieder einen kurzen Blick in Kel­ witts Richtung, den dieser nicht so recht zu deuten wusste. Vorsichtshalber entbot er noch einmal den Gruß zum Tages­ beginn, ungeachtet der Tatsache, dass der Tag auf diesem Planeten ja längst begonnen hatte. »Tik, ist der Tag auf der Erde eigentlich kürzer als ein Jom­ buur-Tag?«, fiel ihm ein. »Ja, geringfügig.« »Wie viele Erdtage werden vergehen, bis das Sternenschiff kommt?« »Den heutigen eingerechnet, sieben bis acht.« Kelwitt wusste nicht so recht, ob er das Sternenschiff her­ beisehnen sollte oder nicht. Dieses Abenteuer, in das er da hineingeraten war, mochte durchaus interessant sein, aber es war auch anstrengend. Abgesehen davon, dass er mit einem äußerst dürftigen Orakelergebnis heimkehren würde, würden ihm die Sternfahrer gehörig die Schuppen bürsten für seine Übertretung der Standesregeln. Unsremuutr begann mit allerlei Gerätschaften zu hantieren. Offenbar ging es dabei um Vorbereitungen für die Nahrungs­ aufnahme, und auf ein Geheiß Unsremuutrs nahmen S'briina und Tiilo ihm das Buch weg und führten ihn aus dem Nah­ rungsraum hinüber in einen etwas größeren, wenngleich ebenfalls streng rechteckigen Raum, der offenbar dem allge­ meinen Aufenthalt des Schwarms diente. S'briina brachte ein beschichtetes Tuch herbei, wiederum auf den Schutz feuchtig­ keitsempfindlicher Einrichtungen bedacht. Sie fanden einen, bequemen Sitz, der nicht widerlich weich war und auf dem er, nachdem das Tuch darüber gebreitet worden war, Platz neh­ men konnte, um sich weiter der Lektüre des dicken Buches zu widmen. »Der Segeltuchsessel ist Vaters Heiligtum«, meinte Nora Mattek missbilligend, während sie Zwiebeln schälte. Es würde Zwiebelgeschnetzeltes mit Spätzle und grünem Salat geben, davon konnte sie Wolfgang eine Portion für den Abend aufhe­ ben. »Ich weiß nicht, ob ihm das gefallen wird.« »Er wird's überleben«, meinte ihre Tochter in ihrem übli­ chen patzigen Tonfall, ohne dass klar wurde, von wessen Überleben die Rede war. Na gut, sie hatte die Wachstischdecke mit den riesigen Son­ nenblumen darüber gebreitet, und der magere Außerirdische mit dem delfinartigen Kopf saß wirklich äußerst manierlich da, hingebungsvoll den ersten Band des zweibändigen Ju­ gendlexikons studierend, den die beiden ihm gegeben hatten. Sie wusste immer noch nicht, was sie von der ganzen Sache zu halten hatte. Weniger eigentlich als gestern Abend noch. Da war es alles so neu gewesen, so überraschend, beinahe aufre­ gend. Aber nun meldeten sich mehr und mehr Bedenken: War es klug, den Außerirdischen aufzunehmen? Würden sie sich Schwierigkeiten einhandeln damit? Und vor allem kam es ihr, je länger es dauerte, immer unwirklicher vor. Vielleicht, weil es im Grunde so wirklich war. Die Begegnung mit einem Außerirdischen – das hatte sie sich immer ganz anders vorge­ stellt. Größer irgendwie, epochaler, geradezu weltbilderschüt­ ternd. Nicht dass sie sich je viel für derartige Dinge interessiert hatte, aber natürlich hatte sie ein paar der einschlägigen Filme, gesehen – E. T. natürlich, und die Unheimlichen Begegnungen der dritten Art – und sich danach unvermeidlich die Frage gestellt: Wird es jemals zu Kontakten zwischen Menschen und Lebewesen von anderen Sternen kommen? Wie wird dieser Kontakt aussehen? Ganz bestimmt hatte sie sich nicht vorge­ stellt, dass dieser Kontakt so aussehen würde, dass ihre Toch­ ter eines Tages einen Außerirdischen mit nach Hause bringen würde und noch weniger, dass der am Samstagmittag im Lieblingssessel ihres Mannes sitzen und ein Lexikon lesen würde! Je mehr Zeit verging, das spürte sie, während sie die Zwie­ beln in die zerlassene Butter in der Pfanne gab, desto dringen­ der wartete etwas in ihr darauf, dass jemand aus den Kulissen trat und sagte: Ätschbätsch, reingefallen – war alles nur Spahaß! Ein richtiges Sehnen war das in ihr, eine Anspannung von der großen Zehe bis hinauf zum Scheitel, die nur auf einen derar­ tigen erlösenden Moment harrte. Ein Außerirdischer? Ja, er sah fremdartig aus. Doch, zwei­ fellos war er ein Außerirdischer. Daran konnte man nicht vernünftig zweifeln. Was sie nicht fassen konnte, war, dass das so normal ablief. Im Grunde fühlte sich die ganze Situation nicht großartig anders an, als beherbergten sie einen gut erzogenen Orang-Utan. »Sabrina?«, hörte sie sich rufen. »Hilfst du mir beim Ko­ chen?« »Ja, gleich«, kam die Antwort, wie immer. Sie hatten einen Außerirdischen im Wohnzimmer sitzen. Die uralte Frage der Menschheit war beantwortet. Doch nicht einmal das konnte etwas daran ändern, dass sie in der Küche stehen und das Mittagessen zubereiten musste., »Dein Laden brummt«, meinte der Besucher anerkennend. Er räkelte sich in dem tiefen Lederfauteuil und schlenkerte dabei gewohnheitsmäßig mit dem Handgelenk, sodass der Ärmel seines modischen Sakkos zurückrutschte und die dicke golde­ ne Armbanduhr freigab, die lässig an seinem Arm hing. »Samstagabend um halb sechs, und dein Laden brummt wie ein Bienenstock. Das wird das ertragreichste Jahr in der Ge­ schichte deiner Firma, schätze ich.« »Ja«, brummte Wolfgang Mattek. »Aber nicht durch unser Verdienst, fürchte ich. Willst du etwas zu trinken?« »Einen Kaffee höchstens.« Mattek drückte den entsprechenden Knopf an der Sprech­ anlage. Draußen wurde es schon dunkel, aber seine Sekretärin war noch da. »Zwei Tassen Kaffee bitte, Frau Wolf.« Der Kaffee kam. Während des ersten Schlucks sah Wolf­ gang Mattek sein Gegenüber an und fragte sich, wie Lothar Schiefer es fertig brachte, selbst mitten im Winter ein sonnen­ gebräuntes Gesicht spazieren zu tragen. Wenn man seinen Terminkalender sah, war es schwer vorstellbar, dass er die Zeit hatte, sich regelmäßig auf die Sonnenbank zu legen. »Du siehst besorgt aus«, meinte Lothar über den Rand sei­ ner Kaffeetasse hinweg. Lothar Schiefer sah nicht nur aus wie ein Siegertyp, er war auch einer. Gut aussehend und ehrgeizig, hatte er sich aus einfachsten Verhältnissen hochgearbeitet, hatte den Sprung vom windigen Verkäufer dubioser Versicherungen und Graumarktinvestitionen zum selbstständigen Finanzberater einer wohlhabenden Klientel geschafft. Und er genoss es, seinen Wohlstand zur Schau zu stellen: Der silbergraue Mer­, cedes SL draußen auf dem Firmenparkplatz war seiner. Und bestimmt lagen die Squash-Schläger unübersehbar auf dem Rücksitz. »Ich frage mich, wie es weitergeht«, gestand Wolfgang Mat­ tek. »Wenn wir nicht zufällig Feuerwerkskörper herstellen würden und nicht zufällig Silvester 1999 vor der Tür stünde, sodass sich selbst Leute, die noch nie im Leben auch nur einen Knallfrosch angezündet haben, mit großen Raketensortimen­ ten eindecken, würde es uns doch genauso gehen wie allen anderen. Wir steuern auf eine Rezession zu. Nächstes Jahr wird es uns um so härter treffen, denn nach diesem Rekord­ feuerwerk werden die Leute erst mal genug haben von Kra­ chern und Böllern.« Lothar stellte die Tasse ab. »Ich möchte mal wissen, warum eigentlich jeder jammert. Hotels verdienen sich dumm und dämlich am Jahrtausendwechsel. Reiseveranstalter erleben einen Boom wie zuletzt zu Zeiten der Maueröffnung. Die Softwarebranche macht unglaublich Kasse mit der Angst aller Firmen, dass ihnen am ersten Januar 2000 die richtigen Jahres­ zahlen fehlen. Aber alle jammern, ›was wird nächstes Jahr?‹. Du meine Güte! Wir sind in einem Abschwung – na und? Es kommt auch wieder ein Aufschwung.« »Hmm«, machte Mattek. Lothar Schiefer lehnte sich zurück. Seine breiten Finger be­ gannen ungeduldig, auf den Sitzlehnen Klavier zu spielen. »Es ist nicht nur die Firma, hab' ich Recht? Ärger zu Hause?« Mattek hob die Hand in einer unbestimmten Geste. »Weißt du, es mag ja sein, dass der nächste Aufschwung kommt – aber ich werde nicht jünger. Das ist es. Ich bin jetzt 54. Die Pumpe fängt schon an, Schwierigkeiten zu machen. Zeit, an, meinen Nachfolger zu denken. Aber Thilo interessiert sich für nichts weniger als für die Firma. Von einem entsprechenden Studium will er nichts wissen. Abgesehen davon, dass seine Noten das nur mit Mühe erlauben würden.« »Und was ist mit Sabrina?« »Ich glaube nicht, dass sie dafür in Frage kommt.« »Wolfgang, sei nicht so altmodisch. Frauen sind die Füh­ rungskräfte des nächsten Jahrhunderts. Eine Tochter in der Unternehmensnachfolge ist heutzutage gang und gäbe.« »So altmodisch bin ich auch wieder nicht. Aber meine Toch­ ter arbeitet auf eine Karriere als Hure hin.« »Oh«, machte Lothar. »Immer noch.« »Gestern habe ich sie mal wieder aus einem Internat abho­ len müssen.« »Aus diesem ›Wir werden auch mit Ihren schwierigen Kin­ dern fertig‹-Internat auf der Schwäbischen Alb?« »Genau. Vor Sabrina haben sie kapituliert.« »Hmm.« Lothar Schiefer schnippte ein unsichtbares Stäub­ chen von seinem Hosenbein. »Auch eine Leistung.« »Mag sein. Aber was mach' ich nun?« Lothar Schiefer griff wieder nach der Tasse, die Ruhe in Person. »Erstens«, erklärte er dann, »musst du das nicht heute Abend entscheiden. Heute Abend nicht und morgen Abend nicht – das hat Zeit bis nächstes Jahr.« »Aber …« »Stopp!« Eine erhobene Hand. »Keine Jahrtausendwende­ panik, bitte. Auch das Jahr 2000 ist ein Jahr wie jedes andere, mit der einzigen Ausnahme, dass keiner das zu glauben scheint. Zweitens – wer sagt, dass die Leitung der Firma in, deiner Familie bleiben muss?« »Ich habe sie von meinem Onkel geerbt, und natürlich will ich sie innerhalb der Familie weitergeben …« »Völlig antiquiertes Denken«, konstatierte Lothar Schiefer. »Entschuldige, aber so ist es. Du machst dir nur unnötigen Stress damit. In Wirklichkeit hast du jede Menge Möglichkei­ ten. Du bist noch nicht so alt, als dass du Thilo nicht noch zwei, drei Jahre Bedenkzeit geben könntest. Oder auch Sabri­ na. Du kannst dir einen Partner suchen, einen Teil der Firma veräußern. Oder auch die ganze Firma und dich als Millionär zur Ruhe setzen.« Mattek sah ihn an und begann dann, langsam und bedäch­ tig zu nicken, wie ein alter Mann auf einer Parkbank im Son­ nenschein, der sein Leben noch einmal vor seinem inneren Auge vorüberziehen lässt. Lothar Schiefer stieß den ausgestreckten Zeigefinger auf sein Knie, als wolle er ein Loch hineinbohren. »Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Es ist allerhöchste Zeit, an der Börse wieder einzusteigen. Spätestens im Januar, wenn alle gemerkt haben, dass das Leben weitergeht, ziehen die Kurse wieder an.« Matteks Blick schweifte durch die Fenster nach draußen, verlor sich im Lichtermeer der Stadt. »Welchen Einfluss hätte es eigentlich deiner Meinung nach auf die Aktienkurse«, fragte er nachdenklich, »wenn es zu einem Kontakt mit Außerirdi­ schen käme?« »Wie bitte?« »Ach, nichts«, meinte Mattek. »War nur so eine Frage.«, Als Thilo aufwachte, blieb er eine Weile mit halbgeschlossenen Augen liegen und spürte dem seltsamen Traum nach, den er geträumt hatte. Ein eigenartiger Traum war das gewesen, so real. Sie hatten einen Außerirdischen zu Besuch gehabt, ein Wesen mit feuchter, graublauer Haut und großen, schwarzen Augen. Und sie hatten den ganzen Tag damit verbracht, ihm Bücher und Videos zu zeigen, um ihm zu helfen, ihre Sprache zu erlernen … Er schlug die Augen auf. Es war hell. Hell und still. Das war doch ein Traum gewesen, oder? Er wälzte sich herum und studierte die Ziffern auf seinem Radiowecker. Elf Uhr dreißig, am Sonntag, dem 19. Dezember 1999. Ein Traum? Plötzlich war er sich da nicht mehr so sicher. Er setzte sich auf. Draußen hing diesiges Grau über der Welt. Ein sachter Wind bewegte die dürren schwarzen Äste vor seinem Fenster hin und her wie Gespensterfinger. Scheiße, nein, das war alles wirklich passiert. Oder? Er zerr­ te seinen Morgenmantel unter einem Berg miefiger Socken und waschbedürftiger Unterhosen hervor und wickelte sich hinein. Bloß cool bleiben jetzt. Als er die Treppe herunterkam, spähte er als Erstes ins Wohnzimmer. Auf der Couch saß seine Mutter und las in einer Zeitschrift. Der Segeltuchsessel stand leer und verlassen und sah aus wie immer, bis auf zwei gelbe Gummihandschu­ he, die rechts und links über den Lehnen hingen und reichlich, absurd aussahen. Also doch kein Traum. Krass. »Wo ist Kelwitt?«, fragte er. Seine Mutter sah auf und runzelte die Stirn. »Guten Mor­ gen«, sagte sie demonstrativ. »Zivilisierte Menschen wünschen sich zuallererst einen guten Morgen.« Thilo seufzte, ging drei Schritte rückwärts und tat dann so, als sei er Darsteller in einer unsäglichen Daily Soap, dem der Regisseur gesagt hatte, er müsse die Szene, wo er ins Wohn­ zimmer komme, noch einmal von vorn anfangen: »Guten Morgen, liebe Mutter!«, deklamierte er. »Oh – wo ist denn Kelwitt?« »Bei Sabrina im Zimmer«, antwortete seine Mutter. »Sabrina? Ist die etwa schon auf?« »Sie muss heute in aller Frühe aufgestanden sein. Ich glau­ be, sie und Kelwitt haben sich schon Videos angesehen. Jeden­ falls ist ein großer nasser Fleck vor dem Fernseher, und ein paar Kassetten mit wissenschaftlichen Sendungen liegen draußen. ›Die Wüste lebt‹ und so was.« »Und Papa? Schon wieder in der Firma, schätze ich.« »Ja.« »Verrückt.« Sie sah ihn verweisend an. »Ich möchte nicht, dass du so über deinen Vater redest. Das weißt du.« »Ach, komm!«, protestierte Thilo. »Was muss eigentlich passieren, dass der mal an was anderes denkt als an seine blöde Firma?« »Wenigstens einer muss ja an die Firma denken.« »Hey – wir haben einen Außerirdischen zu Besuch! Einen gottverdammten Außerirdischen – und alles, was meinen Vater, interessiert, sind die Verkaufszahlen seiner blöden Silvesterra­ keten!« »Wir leben von diesen blöden Silvesterraketen. Vergiss das nicht.« »Ach, scheiß doch drauf. Wir könnten alle tot sein, und er würde nach dem Begräbnis ins Büro gehen. Und am schärfsten finde ich, dass er allen Ernstes erwartet, dass ich diesen blöden Job auch mal mache und dabei noch Hosianna singe vor Dankbarkeit und Glück.« Seine Mutter widmete sich wieder ihrer Zeitschrift. »Ich glaube, inzwischen erwartet er das nicht mehr allen Ernstes.« »Das erste vernünftige Wort in dieser Angelegenheit«, brummte Thilo und machte, dass er ins Bad kam. »Das hier ist ein Fotoapparat«, erklärte Sabrina. Kelwitt nickte. Nicken hatte er mittlerweile schon ganz gut drauf. »Ein Gerät zum Anfertigen optischer Aufzeichnungen. Jetzt neu. Macht einfach gute Bilder.« »Genau«, sagte Sabrina und fädelte den Film in den dafür, gedachten Schlitz der Aufnahmespule. »Damit werde ich ein paar optische Aufzeichnungen von dir machen. Ein paar einfach gute Bilder. Sonst glaubt mir die Geschichte nachher kein Mensch.« Sie saßen in ihrem Zimmer, auf dem Boden. Kelwitt hatte die Wachsdecke untergelegt. Mittlerweile schleppte er die immer mit, wo er ging und stand, doch trotz dieser Vor­ sichtsmaßnahmen waren überall in der Wohnung feuchte Flecken anzutreffen, die langsam vor sich hin trockneten. Und auf fast allen Heizkörpern lagen aufgeschlagene Bücher, deren, Seiten trotz der Gummihandschuhe nass geworden waren. Abgesehen davon, dass er sich zu den absonderlichsten Zei­ ten schlafen legte, tat er nichts anderes als lesen und fernsehen und jeden mit Fragen zu löchern, der ihm dabei Gesellschaft leistete. Sein Wissensdurst war erstaunlich, wenn auch absolut unsystematisch. Heute Morgen waren sie zu der verwirrenden Fragestellung gelangt, welchen Sinn es machte, blaue Flüssig­ keit auf Gegenstände zu gießen, die die Menschen ›Binden‹ nannten. Eine Fragestellung, die trotz aller Bemühungen nicht zu seiner Zufriedenheit hatte geklärt werden können. »So. Ich glaube, jetzt hab' ich's.« Sie visierte Kelwitt durch den Sucher an. »Und jetzt bitte lächeln …« Die Öffnung an der Unterseite seines Kopfes ging auf und zu, und ein paar der kreisförmig darin angeordneten Borsten ruckten heraus. Nicht mal mit viel Fantasie ging das als Lä­ cheln durch, aber immerhin war der gute Wille erkennbar. Sabrina drückte auf den Auslöser. Das aufflammende Blitzlicht hatte eine erstaunliche Wir­ kung auf Kelwitt. Er schrie nicht auf, er zuckte nicht zusam­ men – ohne ein Wort und ohne eine Geste kippte er einfach nach hinten und schlug mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden auf. »Kelwitt!« Sabrina warf die Kamera aufs Bett und beugte sich über ihn. Seine Augen waren wieder milchigweiß, und seine Atemöffnung zitterte wie das Herz eines ängstlichen Vögelchens. Durch das offene Fenster hörte man alle Hunde der Nach­ barschaft wie verrückt bellen. Sabrina wusste inzwischen, dass sich Kelwitts wirkliche Stimme im Ultraschallbereich bewegte. Wahrscheinlich hatte er doch einen Schrei ausgestoßen, und, sie hatte ihn nur nicht gehört. »Kelwitt! Hey, was ist denn? Tut mir Leid …« Was um alles in der Welt macht man mit einem ohnmächtigen Außerirdi­ schen? Darauf hatte sie auch der Erste-Hilfe-Kurs nicht vorbe­ reitet. Sie tätschelte den Teil seines Kopfes, den man als Wan­ gen hätte bezeichnen können, aber Kelwitt rührte sich nicht. Hatte sie ihn womöglich umgebracht? Das fehlte noch. Am Ende ging sie in die Geschichte ein als diejenige, die den ersten interstellaren Krieg ausgelöst hatte. Falls es danach noch so etwas wie Geschichtsbücher gab. Sie öffnete mit bebenden Fingern Kelwitts Feuchthaltean­ zug – was ganz einfach war, denn der Anzug hatte eine Art Reißverschluss, und ein seltsam nüchterner Teil ihres Geistes fand es frappierend, dass ausgerechnet so etwas wie ein Reiß­ verschluss, dessen Funktionsweise sie noch nie wirklich be­ griffen hatte, auch auf einem Tausende von Lichtjahren ent­ fernten Planeten erfunden worden war – und tastete nach seinen Herzen. Er hatte ihr erzählt, dass er zwei längliche Herzen an den Seiten des Körpers hatte und ein Herz in der Mitte, dessen Schlag allerdings von außen nicht tastbar war. Immerhin, die Seitenherzen schlugen beide, in einem langsa­ men, merkwürdigen Takt. Und seine Haut fühlte sich gut an. Sabrina zuckte zurück. Das war ja wohl der unpassendste Augenblick, derartige Dinge zu bemerken! Aber dann legte sie ihre Hände doch wieder auf seine Brust. Kelwitts Haut war warm, warm und feucht und glitschig, und sie schmeichelte sich seidenweich an ihre Finger. Sabrina schluckte. Das war verrückt. Nicht nur verrückt, das war abartig. Aber durch ihren Kopf zuckten fiebrige Vorstellungen, davon, wie es sein musste, sich ganz an diesen seidenweichen, feuchten Körper zu schmiegen … Genug. Schluss damit. Sie zog ihm den Verschluss des An­ zugs entschlossen wieder zu und rüttelte etwas gröber, als angebracht gewesen wäre, an seiner freien Schulter. »Hey! Kelwitt! Aufwachen!« Diesmal hatte sie Erfolg. Die milchige Färbung der Augen wich wieder dem normalen Schwarz, und Kelwitt begann, sich zu regen. »Ist es unbedingt erforderlich«, fragte er, während er sich allmählich wieder hochrappelte, »später anderen Menschen von mir zu erzählen und dabei optische Aufzeichnungen vorzuweisen?« »Du hast mir einen ganz schönen Schreck eingejagt«, ächzte Sabrina. »Für mich war der Schreck nicht sehr schön«, erwiderte Kelwitt. Sabrina schüttelte grinsend den Kopf. »Okay. Lassen wir das mit den Fotos für heute. Morgen kaufe ich einen hoch empfindlichen Film, dann brauchen wir kein Blitzlicht.« Kelwitt hatte sich gerade von dem schier unerträglichen Licht­ blitz aus dem kleinen Bildaufzeichnungsgerät S'briinas erholt, als die Tür aufging und Tiilo den Kopf hereinstreckte. »Hi, Kelwitt«, sagte er. »S'briina, Unsremuutr lässt fragen, wie es mit deinem Hunger aussieht. Ob sie was zu Mittag kochen soll oder ob es heute Abend auch noch reicht?« Die Erdbewohner verwandten erstaunlich viel Zeit und Energie auf die Nahrungsaufnahme. Es schien sich dabei mehr, um eine Kunstform zu handeln als um die simple Befrie­ digung eines Grundbedürfnisses. Er hatte verschiedene Aufbewahrungsbehältnisse für Nahrungsmittel inspiziert – darunter einen Schrank, in dem künstliche Kälte herrschte – und eine schier unfassbare Vielfalt verschiedener Grund­ bestandteile vorgefunden, aus denen dann mit Hilfe zahlreicher Geräte in komplizierten Prozeduren, die oft viele Perioden dauerten und meistens von Unsremuutr durch­ geführt wurden, die Nahrung entstand. Und sie nahmen jeden Tag Nahrung zu sich! Und nicht nur einmal, nein, mindestens dreimal täglich bereiteten sie sich Nahrung, und meistens trafen sie sich dazu im Nahrungs­ raum. Es schien sich um festgelegte Rituale zu handeln, die zu bestimmten Zeiten stattzufinden hatten. Zuerst war ihm das reichlich rätselhaft erschienen, doch dann hatte er herausgefunden, dass diese Vielfalt vermutlich notwendig war, weil keines der Nahrungsmittel alle notwen­ digen Grundstoffe im notwendigen Verhältnis enthielt, wie dies auf Jombuur der Fall war, wenn man eine der siebzehn Speisen aus Meergras und Grundschleimern bereitete. Die Nahrung der Erdbewohner enthielt, das hatte er an mehreren verschiedenen Stellen in ihren Büchern bestätigt gefunden, mal von dem einen Grundstoff zu viel und von dem anderen zu wenig, was dann ausgeglichen werden musste, indem man eine andere Nahrung zu sich nahm, bei der das Verhältnis wieder anders gelagert war. Demzufolge war auch das Speichervermögen ihrer Körper für Nährstoffe offensichtlich unterentwickelt. Er hatte S'briina heute Morgen dabei Gesellschaft geleistet, wie sie sich ein schwarzes Heißgetränk bereitet hatte und dazu eine Nahrung, zu sich genommen hatte, die aus flachen gelben, unregelmäßi­ gen Plättchen bestand, die man in ein halbrundes Behältnis gab und mit einer weißen Flüssigkeit überschüttete. Davon hatte S'briina zwei Portionen verschlungen, und nun, kaum drei Perioden später, schien sie allen Ernstes bereits wieder zu erwägen, erneut Nahrung zu sich zu nehmen. »Von mir aus reicht's auch heute Abend noch«, erklärte sie nach allerlei Hin und Her. »Ich mach' mir dann zwischen­ durch ein Brot.« »Alles klar«, sagte Tiilo nickend und verschwand wieder. »Was ist eigentlich mit dir?«, wollte S'briina dann wissen. »Hast du nicht endlich mal Hunger?« Kelwitt erklärte ihr, dass für ihn der Tag der nächsten Nah­ rungsaufnahme noch nicht gekommen war. Dass jemand nur jeden zehnten oder zwölften Tag Nahrung zu sich nahm, schien ihr das Allerunbegreiflichste zu sein, was sie jemals im Leben gehört hatte. Dann wollte sie wissen, was für Nahrung er benötigte, und er versuchte ihr begreiflich zu machen, was Meergras war und wie ein Grundschleimer aussah, aber das wollte ihm nicht ganz gelingen. Heute wäre sie froh gewesen, wenn im Haushalt mehr zu tun gewesen wäre. Nora Mattek hockte mit angezogenen Beinen auf der Couch und zappte sich durchs Fernsehprogramm. Es kamen eine Menge guter Filme, da sich alle Sender bemühten, einen repräsentativen Querschnitt durch ein Jahrhundert Kino zu präsentieren, aber irgendwie konnte sie sich auf nichts konzentrieren. Und bei jedem dritten Werbespot musste sie an Kelwitt denken. Sie schaltete aus, ging in die Küche, wischte zum dritten, Mal über alle Arbeitsflächen und Schranktüren. Bügelwäsche wäre da gewesen, aber sie hatte plötzlich Angst, sich am Bügeleisen zu verletzen vor lauter innerer Anspannung. Das Telefon klingelte, und sie hob aufgeregt ab, ohne dass sie hätte sagen können, was sie Großartiges erwartet hatte. Es war nur das Altersheim, in dem Thilo bisweilen aushalf, das anfragte, ob er Montagnachmittag komme. Sie versprach, es auszurichten, und legte mit einem vagen Gefühl der Enttäu­ schung wieder auf. Das Altersheim. Das war eine der Eigenheiten ihres Sohnes, die sie nie begreifen würde. Seit Thilo eher gezwungenerma­ ßen im Rahmen eines Schulprojekts zwei Wochen im Alters­ heim mitgeholfen hatte, ließ er keine Woche verstreichen, ohne nicht mindestens einmal einige Stunden dort zu verbringen. Freiwillig, und ohne einen Pfennig Bezahlung. Und er verlor kein Wort darüber, was ihn dazu veranlasste. Dann stand sie am Fenster und starrte hinaus in den kon­ turlos grauen Himmel. Es war angenehm, das Gefühl für Zeit und Raum zu verlieren. Sie hätte nicht sagen können, wie lange sie so gestanden hatte. Irgendwann ging sie die Treppe hinauf, in Sabrinas Zimmer, wo sie alle drei zusammen auf dem Boden saßen, und sagte Thilo, dass das Altersheim angerufen hatte. »Okay«, sagte er nur. »Weißt du, was uns Kelwitt gerade erzählt hat?«, verkünde­ te ihre Tochter voller Begeisterung. »Er hat die Erde besucht, weil wir so eine Art Orakel für ihn sind!« »Wie seltsam«, erwiderte Nora Mattek und ging wieder, die Treppe hinunter, nahm das Telefon, fing an zu wählen und legte mittendrin wieder auf. Nein. Wolfgang mochte es nicht,, wenn sie ihn im Geschäft anrief wegen irgendwelcher Ge­ fühlszustände. Was war denn schon los? Nichts, womit sie nicht selber fertig werden konnte. Aber nach einer unruhigen Runde durch die Räume des Erdgeschosses griff sie wieder nach dem Telefon, nahm es mit ins Wohnzimmer, legte es neben sich auf die Couch und schaltete den Fernseher wieder ein. Ihre Knie begannen zu wippen, wie von selbst. Sie schaltete den Fernseher wieder ab und wählte Wolfgangs Nummer. »Hol mich ab«, bat sie. »Lass uns essen gehen, irgendwohin. Bitte. Raus, irgendwohin, wo alles normal ist.« Am anderen Ende der Leitung war es einen abgrundtiefen Moment lang still. Dann sagte Wolfgang: »Ja, Schatz. Ich komme in einer Stunde, in Ordnung?« »Ja. In einer Stunde. Danke. Danke dir.« Ihre Knie hatten aufgehört zu zittern. An diesem Nachmittag erfuhren Sabrina und Thilo, was es mit der Orakelfahrt auf sich hatte und was der jombuuranische Brauch der Sterngabe war. »Abgefahren«, meinte Thilo. »Schrill«, meinte Sabrina. »Im Internet soll's übrigens auch so was Ähnliches geben«, wusste Thilo. »Irgend so eine Stelle, die Sterne verkauft. Da kann man sich einen raussuchen, der noch keinen Namen hat, und der wird dann nach einem benannt. Man bekommt eine Urkunde darüber zugeschickt. Und bezahlen kann man mit Kreditkarte.« »Ist auch schon mal jemand zu seinem Stern hingeflogen?«,, wollte Sabrina wissen. »Nicht dass ich wüsste«, meinte Thilo. »Das ist noch 'ne Marktlücke.« Zwischendrin kam ihre Mutter noch mal kurz rein und er­ klärte, dass sie und Vater ausgehen würden und sie sehen müssten, wie sie sich selber verköstigten. »Alles klar«, meinte Sabrina. »Ich koch' uns Spaghetti oder so was.« Später hockten sie dann alle drei in der Küche, und Thilo und Sabrina ließen sich von Kelwitt dabei zusehen, wie sie einen Riesentopf Spaghetti mit Tomatensoße verdrückten. Danach ließen sie Bücher und Fernseher sein, hauptsächlich deshalb, weil Sabrina und Thilo der Dauerunterricht allmäh­ lich auf den Wecker ging, hockten sich stattdessen um den Couchtisch herum und versuchten, Kelwitt ›Mensch, ärgere dich nicht‹ beizubringen. Das wurde lustiger, als sie erwartet hatten. Kelwitt begriff, nachdem er die Figuren, den Würfel und das Spielbrett einge­ hend in Augenschein genommen hatte, recht schnell, worauf es ankam, hielt tapfer mit und gewann sogar auf Anhieb. Was er nicht so recht zu begreifen schien, war, wozu man so ein Spiel spielte. Die Idee des Gewinnens an sich schien ihm völlig fremd zu sein. Sie spielten noch eine zweite Runde. Es war faszinierend zu beobachten, wie er die Figuren mit seinen elastischen Fingern aufnahm und Feld um Feld weiter­ bewegte. Diesmal gewann Thilo, wenn auch mit knappem Vorsprung vor Kelwitt., Das Spielbrett musste man danach natürlich abtrocknen. Thilo räkelte sich. »Schon ganz schön spät, oder? Ich glaub', ich hau' mich all­ mählich aufs Ohr.« »Hauen?«, wunderte der Außerirdische sich. »Schlagen? Gewaltanwendung ?« »Pass doch auf, was du sagst, Thilo«, mahnte Sabrina. Zu Kelwitt sagte sie: »Er meinte, dass er schlafen gehen will.« »Schlafen«, nickte Kelwitt und stand auf. »Ja, es ist Zeit.« Sabrina erhob sich gleichfalls. »Ich begleite dich nach oben.« »Ich finde die Stufen zum Erfolg auch alleine«, wehrte Kel­ witt ab. Es klang fast eigensinnig. »Ja, ja«, meinte Sabrina. »Aber ich will nachsehen, ob im Gästezimmer alles in Ordnung ist.« »Es ist alles in Ordnung.« Aber er setzte sich in Bewegung und hatte nichts dagegen, dass Sabrina mitkam. »Gute Nacht«, rief Thilo ihm nach. »Wir sehen uns wieder«, versprach Kelwitt ihm. »Gleich, nach der Werbung.« »Genau«, grinste Thilo. Oben im Gästezimmer ging Kelwitt wieder schnurstracks ins Bad, um kaltes Wasser in die Wanne zu lassen. Sabrina beobachtete ihn fasziniert. Wie konnte man in kal­ tem Wasser schlafen? Sie hielt den Atem an, als sie sah, dass Kelwitt heute Abend seinen Feuchthalteanzug auszog. Er schien sich nichts dabei zu denken, dass sie ihm zusah. Trotz­ dem waren es eher verstohlene Blicke, mit denen sie die Teile, seines Körpers musterte, die ihr bislang verborgen geblieben waren. So etwas wie Geschlechtsmerkmale konnte sie nicht entdek­ ken. Es gab ein paar Furchen und Falten und auf der Brust so etwas wie eine Hand voll rudimentärer Schuppen, das war alles. Natürlich hatte sie nicht erwarten können, dass er wie ein nackter Mann aussah, aber nun fragte sie sich doch, ob es berechtigt war, von Kelwitt die ganze Zeit als von ›ihm‹ zu reden. War er am Ende eine ›Sie‹? »Zeit zu schlafen«, erklärte Kelwitt, als er in der Wanne lag und sich zurechtgerückt hatte zu der Position, die ihm wohl bequem sein musste. »Freier Atem, ruhiger Schlaf.« »Genau«, sagte Sabrina. »Soll ich das Licht ausmachen?« »Da wäre ich Ihnen sehr verbunden.« »In Ordnung.« Sabrina legte die Hand auf den Lichtschal­ ter. »Dann schlaf gut. Und träum was Schönes.« Kelwitt machte eine rasche Geste mit den Fingern, die aus­ sah, als schleudere er kleine Tropfen in alle Richtungen. »Das tut man nicht«, meinte er dazu. »Was tut man nicht?« »Jemandem Träume zu wünschen«, erklärte Kelwitt rätsel­ haft, legte sich zurück und schlief ein. »Wie ich's mir gedacht hab'«, sagte der Blaukircher Brunnen­ wirt an dem Abend zu seiner Frau, als sie mal wieder zu ihm hinter die Theke kam, um ein paar frisch gezapfte Pils abzuho­ len. »Der hat uns einen Bären aufgebunden.«, Sie hatte kein rechtes Ohr für ihn, weil die Wirtsstube schon wieder gerammelt voll war und sie kaum nachkam mit Bedie­ nen und Kassieren. »Einen Bären? Wer?« »Der Kerl, der das komische Viech mitg'nommen hat.« »Aus der Scheuer?« »Ja, genau. Da tät jemand kommen wegen dem Schaden im Dach, hat er g'sagt.« »Hat er g'sagt, stimmt. Ich brauch' noch zwei Spezi. Große.« Der Brunnenwirt langte nach zwei großen Gläsern. »Und wer ist 'kommen? Kein Mensch.« »Die werd'n auch Wochenende haben.« »Wochenende! Hab' ich vielleicht Wochenende? Nein, ich sag's dir: 's war gut, dass wir das Ding wegg'schafft haben. Wenn die's wieder wollen, dann zahlen die erst.« »Die werden schon zahlen, sei doch nicht so ungeduldig!« Er stellte ihr zwei große Gläser Spezi auf das Tablett und setzte eine Verschwörermiene auf. »Ich hab' mir noch was anderes überlegt.« »Muss das sein, wenn's ganze Lokal voll ist?«, versetzte sei­ ne Frau und trug das Tablett mit schnellen, verärgerten Schrit­ ten davon. »Ich geh' an die Presse!«, erklärte der Brunnenwirt. »Für so eine G'schichte zahlen die bestimmt einen Haufen!« Aber das hörte seine Frau schon nicht mehr. Kelwitt erwachte wieder einmal mitten in der Nacht. Wieder einmal tat ihm alles weh. Was an der ungeeigneten Schlafmul­ de liegen musste. Er ließ ein bisschen Wasser nachlaufen und versuchte wieder einzuschlafen, aber vergebens., Also stand er auf, schlüpfte in den Feuchteanzug und setzte sich ans Fenster, um hinauszusehen. Wieder tanzten Schnee­ flocken in der Luft, hell glänzend im Licht des großen Mondes, dessen linke Hälfte im Dunkel lag. »Tik?«, sagte Kelwitt leise. »Ich bin bereit«, kam ohne Zögern die Antwort. »Ich würde gern wieder hinausgehen. Ich meine – ich kann doch nicht auf einem Planeten landen und dann nur ein Gras- lager, ein paar Fahrstraßen und ein einziges kleines Nest sehen! Und ansonsten nur Bücher lesen … zum Beispiel würde ich gern diesen Niagarafall sehen. Das stelle ich mir beein­ druckend vor. Meinst du, das ließe sich machen?« »Da dir kein funktionsfähiges Raumboot mit eigenständiger Lan­ devorrichtung zur Verfügung steht, brauchtest du hierfür die Hilfe der Planetenbewohner.« »Wieso? Wie weit ist es bis dahin?« »Etwa neunhunderttausend Distanzeinheiten.« »Neunhunderttausend …!« Kelwitt stieß einen Laut der Überraschung aus. »Das ist ja auf der anderen Seite des Planeten!« »Korrekt.« »Brack! Da lande ich einmal im Leben auf einem anderen Planeten – und erwische ausgerechnet den uninteressantesten Punkt darauf.« »Grundsätzlich ist von ausgedehnten Erkundungen der Plane­ tenoberfläche ohnehin abzuraten. Daher ist es gleichgültig, wo du gelandet bist.« »Ja, ja«, machte Kelwitt missmutig. »Ich verstehe schon.« Immer das gleiche Thema, wieder und wieder wie Ebbe und, Flut. Er war ohne Erlaubnis und Zulassung auf einem fremden Planeten gelandet, auf einem sich noch in Isolation befindli­ chen zumal, und je weniger Kontakt er mit den Bewohnern aufnahm, desto besser. Tik wurde nicht müde, diesen Sermon immer aufs Neue zu wiederholen. Natürlich hatte der Spangencomputer damit Recht. Die Sternfahrer würden ihm ganz schön die Strudel wirbeln des­ wegen. Und er durfte auch den Planetenbewohner nicht vergessen, an dessen Tod er womöglich schuld war. Auf Jombuur hätten ihn deswegen die Fahrenden Wächter ver­ folgt, die die Regeln und Gesetze der Gemeinschaft lehrten, ihre Einhaltung überwachten und Verstöße bestraften. In einem der Bücher hatte er gelesen, dass auf der Erde ganz ähnliche Einrichtungen existierten. Was, wenn er es recht überlegte, nicht so verwunderlich war; wahrscheinlich war das Zusammenleben nicht anders zu organisieren. Aber er hatte es ja nicht absichtlich getan. Er hatte nur einen entsetzten Schrei ausgestoßen, und vor lauter Schreck hatte der Planetenbewohner das Fahrzeug von der Fahrbahn ge­ steuert. Vor lauter Schreck? »Er kann mich überhaupt nicht gehört haben«, erkannte Kelwitt. »Von wem ist die Rede?«, erkundigte sich Tik diensteifrig. »Der Planetenbewohner, der mich aus dem Graslager mit­ genommen hat. Er kann überhaupt nicht gehört haben, dass ich geschrien habe, denn das Gehör der zweibeinigen Plane­ tenbewohner reicht nicht bis in den Frequenzbereich jombuu­ ranischer Stimmen.« »Diese Schlussfolgerung ist logisch korrekt.«, »Also muss es ein Zufall gewesen sein, dass er sein Fahrge­ rät im gleichen Moment von der Fahrbahn heruntergesteuert hat.« »Diese Schlussfolgerung beruht auf unzureichenden Grundin­ formationen und ist daher hypothetisch.« »Jedenfalls bin ich unschuldig.« »Diese Schlussfolgerung beruht ebenfalls auf unzureichenden …« »Ach, stopf dir doch die Ritze!« In diesem Augenblick erregte ein eigenartiges Geräusch aus dem Nestinneren seine Aufmerksamkeit. Mittlerweile hatte er die verschiedenen Geräusche, die in diesem Nest vorkamen, zu identifizieren gelernt: das Gurgeln der Fäkalienentsorgung, das Plappern des Bildschirmgeräts, das Blubbern der Maschi­ ne im Nahrungsraum, mit der die Planetenbewohner das schwarze Morgengetränk zubereiteten, das Klappern, wenn die Gerätschaften zur Nahrungszubereitung in den Schränken verstaut wurden, das Dröhnen der Maschine, die diese Gerät­ schaften reinigte – und so weiter. Aber dieses Geräusch hatte er noch nie gehört. Was bei al­ len Geistern der Kahlebene war das? Ohne das künstliche Licht einzuschalten – das hereinfallen­ de Mondlicht war für jombuuranische Augen hell genug – ging er zur Tür, öffnete sie und lauschte hinaus in den Gang. Es klang wirklich eigenartig. Ein tiefes Grollen zweier Stimmen, gemischt mit hohen, raschelnden Geräuschen, wie sie die Planetenbewohner zu Kelwitts Leidwesen manchmal hervorriefen, ohne es zu merken, weil ihr eigenes Gehör nichts davon mitbekam. Leise trat er hinaus auf den Gang und folgte den Lauten. Das ganze Haus lag dunkel und still da, bis auf dieses uner­, klärliche Geräusch. Es kam von der Tür her, hinter der F'tehr und Unsremuutr ihre Schlafmulden hatten. Oder was die Bewohner dieses Planeten dafür hielten, ihre wabbeligen Ruhemöbel eben. Kelwitt legte die Hand auf den Türgriff und drückte das Metallstück sachte abwärts. Das Geräusch wurde lauter, als er die Tür einen Spalt weit öffnete und hindurchspähte. Es war dunkel, dunkler als auf dem Gang, obwohl durch einen Spalt der Stoffbahnen vor dem Fenster ein wenig Mond­ licht hereinschien. Auf dem großen Ruhemöbel in der Mitte des Raums lagen zwei Planetenbewohner, in denen Kelwitt F'tehr und Unsremuutr zu erkennen glaubte – obwohl er sich keineswegs sicher war, denn sie hatten sich offenbar ihrer Kleidung entledigt –, ihre Körper ineinander verschlungen und sich mit seltsamen Bewegungen umeinander herumbe­ wegend. Und dabei erzeugten sie diese Geräusche. »Sagen sie etwas, Tik?«, fragte Kelwitt leise. »Vereinzelt sind Wortfetzen zu identifizieren«, gab Tik zurück. »Ich erkenne ›Du‹ und ›Ja‹, aber ohne Sinnzusammenhang.« »Eigenartig«, meinte Kelwitt. »Und was tun sie?« »Ich sehe nichts«, erklärte der Computer auf seiner Schulter, und es klang fast missbilligend. Kelwitt sah noch eine Weile zu, ohne sich einen Reim ma­ chen zu können. Schließlich zog er die Tür so leise wieder zu, wie er sie geöffnet hatte. »Sie scheinen einander zu essen«, erklärte er Tik. »Seltsam. Manchmal könnte man meinen, die Erdbewohner haben nichts anderes im Kopf als die Nahrungsaufnahme.«, Am nächsten Morgen fand Kelwitt nur Unsremuutr im Nah­ rungsraum vor, und soweit er feststellen konnte, fehlte kein Teil von dessen Körper. F'tehr dagegen war nirgends aufzu­ finden. Ob das hieß, dass er aufgegessen worden war? Er wagte nicht, nachzufragen. Am Ende hatten sie ihn auch nur mitgenommen, um ihn irgendwann zu verspeisen? Er würde sich vorsehen. »Darf ich das auch fotografieren?«, fragte Sabrina und deu­ tete auf das eigenartig geformte Buch, das Kelwitt in einer Tasche seines feuchten Anzugs mit sich herumtrug. »Ja«, nickte Kelwitt. Sie hatte schon zweieinhalb Filme verknipst. Kelwitt von vorn, von hinten, stehend, sitzend, liegend, neben Sabrina sitzend (per Selbstauslöser), Nahaufnahmen der Hände, der Füße, des Gesichts, der Atemöffnung auf dem Scheitel, des borstenumrankten Mundes an der Unterseite des Kopfes, der großen, dunklen Augen – alles, was ihr eingefallen war. Kel­ witt hatte alles geduldig über sich ergehen lassen. Nun nahm sie behutsam das Buch, das Kelwitt ihr reichte. Erstaunlich, aber es war tatsächlich ein Buch: ein Stapel Blätter, der an einer Seite zusammengeheftet war, sodass man bequem darin blättern konnte. Noch so eine anscheinend universelle Erfindung. Allerdings waren die Seiten nicht rechteckig geformt, son­, dern hatten ungefähr die Form eines Blütenblattes. Und sie bestanden natürlich nicht aus Papier, sondern aus einer matt glänzenden, hauchdünnen Folie, die sich ungemein geschmei­ dig blättern ließ. Schmuckstücke hätte man daraus machen sollen, Diademe, Armbänder – nicht Buchseiten. Und was erst auf diesen Seiten gedruckt war, oder wie im­ mer die entsprechende Technik auf Kelwitts Heimatstern genannt wurde – die reinsten Kunstwerke! Jede Seite war ein farbenprächtiges Bild aus ineinander ver­ schlungenen und verwobenen Schriftzeichen, die aussahen, als hätte sich ein Künstler gesagt, nun kreuzen wir mal chinesische und arabische Schrift-Zeichen, und dann machen wir das alles noch viel, viel komplizierter. Jede Seite sah anders aus, Sabrina kam aus dem Fotografieren überhaupt nicht heraus. Sie würde das ganze Buch fotografieren und sich die schönsten Bilder ver­ größert an die Wand hängen. Gleich heute Nachmittag würde sie noch mal losgehen und noch mehr Filme kaufen. »Und man kann das wirklich lesen?«, vergewisserte sie sich. »Ja.« Kelwitt warf ihr einen Blick über die Schulter. Sie hatte das Buch auf ihrer Schreibtischunterlage ausgebreitet, wo die besten Lichtverhältnisse herrschten. »Das ist gerade die Be­ schreibung der Orakelzeichen blauer Riesensonnen.« »Und was ist unsere Sonne für eine?« Kelwitt machte eine graziöse Geste. »Meine Sonne ist ein gelber Stern.« »Nein, ich meinte unsere Sonne …« »Kelwitts Stern. Eure Sonne ist Kelwitts Stern. Eine gelbe Sonne mittlerer Größe.« Sabrina sah ihn konsterniert an. Aus seinem Gesicht war, einfach kein Mienenspiel herauszulesen. Aber es klang so, als beharre er hartnäckig auf seinen seltsamen Besitzansprüchen. »Na gut«, seufzte sie. »Von mir aus.« Er blätterte weiter. »Hier sind die Orakelzeichen«, erklärte er und deutete auf ein farbenfrohes Labyrinth aus Strichen und Symbolen. »Aber viel wichtiger ist, dass ein Planet be­ wohnt ist.« Er schlug eine Seite viel weiter hinten auf. »Hier beginnen die Orakelzeichen für bewohnte Planeten. Ich habe das noch nicht alles durchgelesen, weil ich nicht erwartet hatte, dass meine Sonne einen bewohnten Planeten haben würde.« »Ist das selten?« »Sehr selten.« »Dann gibt es außer euch und uns gar nicht so viele Wesen im All?« »Doch, sehr viele.« »Gerade hast du gesagt, es sei sehr selten, dass eine Sonne einen bewohnten Planeten hat.« »Ja«, nickte Kelwitt. »Aber es gibt sehr viele Sonnen. Mehr Sonnen als Sandkörner an allen Buchten Jombuurs.« »Soweit ich weiß, haben unsere Wissenschaftler noch keine Beweise für anderes Leben im All gefunden«, erklärte Sabrina und versuchte, sich an die diversen Bücher zu diesem Thema zu erinnern, die sie gelesen hatte. »Eines Tages werden sie sie sicher finden«, entgegnete Kel­ witt leichthin. Er deutete auf ihren Fotoapparat. »Du fertigst ja gerade welche an.« »Na ja«, meinte Sabrina zweifelnd. »Ich fürchte, das glaubt mir trotzdem kein Mensch. Die Bilder sind eher fürs Familien­, album, weißt du?« »Familienalbum«, wiederholte Kelwitt. »Ist das so etwas wie die Chronik deines Schwarms?« »Ja«, nickte Sabrina. Sie nahm Kelwitts Buch in die Hand und betrachtete die Seite, die er aufgeschlagen hatte. »Was hast du denn jetzt eigentlich für Orakelzeichen gefunden bei uns? Gute?« Kelwitt setzte sich wieder auf sein Wachstuch. »Ich bin verwirrt«, gestand er. »Es ist so viel passiert, aber nichts davon ist in meinem Buch erwähnt. Fast nichts. Ich weiß nicht, was das alles zu bedeuten hat.« »Schade, dass du nicht bis Silvester bleibst«, meinte Sabrina gedankenverloren. »An Silvester machen wir immer Bleigie­ ßen.« »Was ist Silvester?«, wollte Kelwitt wissen. »An Silvester endet ein Jahr. Am nächsten Tag ist Neujahr, der erste Tag des neuen Jahres.« Diese Definitionen, die Kel­ witt immer wieder abfragte, gingen ihr mittlerweile wie von selbst über die Lippen. »Na ja, und dieses Jahr ist ein besonde­ re? Jahr, das Jahr 1999. Das heißt, an diesem Silvester geht ein Jahrtausend zu Ende, und ein neues beginnt. Deswegen sind zurzeit alle Leute etwas aufgeregt.« »Ihr zählt die Sonnenumläufe.« »Ja.« Kelwitt hob eine Hand und ließ die vier tentakelartigen Finger daran einander umtanzen. »Euer Zahlensystem beruht darauf, dass ihr an einer Hand fünf Finger habt statt vier.« »Richtig.« »Die Menschen sind also aufgeregt wegen eines Übergangs, in einem Zahlensystem, das auf ihrer eigenen Anatomie be­ ruht?« »Ähm«, machte Sabrina. So hatte sie sich das überhaupt noch nie überlegt. Allenfalls hatte sie sich an den hitzigen Diskussionen in der Schule beteiligt, die von den ewigen Besserwissern geführt worden waren: dass nämlich das zweite Jahrtausend eigentlich erst am 3. Dezember 2000 endete. Weil es nämlich kein Jahr 0 gegeben habe. Also sei das erste Jahr des nächsten Jahrtausends das Jahr 2001. Und so weiter. All dieser logische Schmarren, auf den kein Mensch Rücksicht nehmen würde. »Ja«, meinte sie. »Kann man wohl so sagen.« Kelwitts Kopf machte eine elegante, schwenkende Bewe­ gung. »Wie kann man Blei gießen? Gießen kann man nur Flüssigkeiten. Blei ist ein Element. Ein Metall. Atomgewicht 207. Wie kann man es gießen?« Sabrina schüttelte den Kopf. »Wie machst du das? Du liest das Lexikon einmal durch und kannst es auswendig. Ich könnte es hundert Mal lesen und hätte nichts behalten.« »Das macht Tik«, erklärte Kelwitt und berührte die glän­ zende metallene Spange auf seiner Schulter. »Er speichert alles.« »Ihr könntet ein Mordsgeschäft machen, wenn ihr die Din­ ger auf die Erde exportieren würdet.« »Mordsgeschäft?«, echote Kelwitt verständnislos. Sabrina winkte ab. »Schon gut. Wir waren beim Bleigießen.« »Jawohl. Bleigießen.« »Man kann Blei in einem Löffel über einer Kerzenflamme schmelzen. Und wenn es flüssig ist, gießt man es mit einem, Ruck in kaltes Wasser. Dabei entstehen die merkwürdigsten Figuren, und die deutet man dann.« »Ein Orakel!« Es klang erstaunt. »Ja, so was in der Art. Es heißt, dass man aus den Figuren ablesen kann, was einem das nächste Jahr bringt. Wenn man eine Art Schiff gießt, wird man eine weite Reise machen. Wenn die Figur eher einem Geldstück ähnelt, verheißt das Reichtum. Und so weiter.« »Und dafür habt ihr auch ein Buch.« »Nein. Das macht man intuitiv.« »Intuitiv?« »Das heißt, dass man sich selber überlegt, was die Figur zu bedeuten hat.« »Man deutet selber?«, wunderte sich Kelwitt. »Und das gilt?« »Ja, klar. Das ist sogar bestimmt besser, als wenn man sich nach einem Buch richtet. Ich meine, in so einem Buch kann ja unmöglich alles drinstehen.« Das gab ihm mächtig zu denken. Er machte eine Reihe von sanften Bewegungen mit seinen Händen und seinen sich schlangengleich windenden Fingern. »Ich muss die Zeichen selber deuten«, erklärte er schließlich und breitete die Arme aus, in einer seiner alles umschließenden Gesten. Man hatte den Eindruck, dass ihm gerade eine epochale Erkenntnis gekommen war. »Ich muss selber herausfinden, was das, was mir hier zustößt, bedeutet. Das kann nicht alles in einem Buch stehen.« Montagmittag, und immer noch niemand, der sich um sein Scheunendach kümmerte. Es war doch immer dasselbe mit, diesen Regierungen, nur große Sprüche, aber kein Verlass auf nichts. Wenn man sich nicht um alles selber kümmerte und Druck machte, passierte nichts. »Jetzt ruf ich an!«, erklärte der Brunnenwirt der Wand sei­ nes Büros und legte das Gesicht in grimmige Falten. Die Frage war nur, wo. Der Mann, der da so unverhofft an der Scheune aufgetaucht war und das seltsame Lebewesen mitgenommen hatte, hatte ja keine Visitenkarte dagelassen. Nur eine Marke vorgezeigt, oder einen Ausweis, oder was immer das gewesen war, er hatte nicht so genau hingeschaut. Wie in diesen amerikanischen Filmen jedenfalls. Geheimdienst. Er hatte was von Geheimdienst gesagt. Der Brunnenwirt öffnete die Schublade seines Schreibtischs und zog das Plastiketui einer CD-ROM hervor, die alle Tele­ fonnummern Deutschlands gespeichert enthielt und die er schon manches Mal gut hatte brauchen können, wenn es darum gegangen war, einen Gast zu erreichen, von dem man nicht die vollständige Adresse hatte oder dergleichen. Man konnte auch einfach eine Telefonnummer eingeben, und das Programm sagte einem, wem die Nummer gehörte. Das war auch sehr praktisch. Den PC hatte ihm sein Neffe besorgt und eingerichtet. Der war ein Teufelskerl mit Computern. Ihm war das Gerät immer noch ein bisschen unheimlich, vor allem, weil es manchmal ein störrisches Eigenleben zu entwickeln schien, aber für Buchhal­ tung und dergleichen war es schon sehr nützlich. Er legte die CD-ROM ein, startete das Suchprogramm und gab als Namen ein: ›Geheimdienst‹. Da fand sich nichts. Ein Geheimes Staatsarchiv war angebo­ ten, aber das war sicher nicht, was er suchte. Na ja, war wohl, ein bisschen viel erwartet gewesen … Moment mal. Ganz falsch. Der deutsche Geheimdienst hieß Bundesnachrichtendienst. Das las man ja immer in der Zeitung. Genau. Tippen wir das mal ein. Und dann stand es plötzlich da. Bundesnachrichtendienst. Mit Adresse und Telefonnummer. Einfach so. Der Brunnenwirt starrte ungläubig auf den Bildschirm. Das hatte er nicht erwartet. Im Grunde hatte er bis jetzt nicht geglaubt, dass diese Institutionen außerhalb von Spionagero­ manen und Spielfilmen tatsächlich existierten. Ihn gruselte plötzlich, und er beendete das Programm rasch, nahm die CD aus dem Laufwerk und stopfte sie hastig zurück in die Schub­ lade. »Das nennt ihr ein Hochhaus, nicht wahr?«, fragte Kelwitt und deutete auf eine der zahlreichen Siebziger-Jahre-Bausünden, die diesen Stadtteil überschatteten. »Ja«, nickte Sabrina. »Und das ist tatsächlich eine Art Nestbau für eine große Anzahl kleiner Schwärme wie den euren?« »Wir sagen Familie dazu.« Sie saßen am offenen Fenster und schauten hinaus. Draußen herrschte das typische undefinierbare Vorweihnachtswetter, das immer unentschlossen zwischen Kälte, Regen, Nebel und trügerischem Sonnenschein schwankte. Die Kälte schien Kelwitt nichts auszumachen; Sabrina hatte ihren Parka drü­ bergezogen. Vom unteren Ende der Straße kam langsam eine Frau hoch­ geradelt, was Kelwitt mit unverkennbarem Interesse beobach­ tete., »Fahrrad«, erklärte er. »Fortbewegung mit Muskelkraft.« Es war Frau Lange, die am Ende der Straße wohnte und einmal ihre Lehrerin gewesen war. Aus irgendeinem Grund sah sie hoch, entdeckte Sabrina und winkte ihr zu. Sabrina winkte lahm zurück. Kelwitt winkte ebenfalls. Frau Lange winkte ihm gleichfalls zu und bog dann in die Querstraße ab, die hinab zur Hauptstraße führte. Im nächsten Moment schien ihr ganzer Körper auf dem Sat­ tel herumzufahren, und ihr Gesicht war ein einziges Fragezei­ chen, als sie noch einmal zum Fenster von Sabrinas Zimmer hochschaute. Doch da hatte Sabrina Kelwitt schon blitzschnell unter die Brüstung gezogen, und so versteckt hörten sie das Scheppern eines umstürzenden Fahrrads und gleich darauf einen schrillen Schmerzensschrei. »Geschieht ihr recht«, meinte Sabrina grimmig. »Sie hat mir für alle meine Aufsätze schlechte Noten gegeben. Einmal hat sie sogar ›Zu viel Fantasie‹ darunter geschrieben. Ha!« »Zu viel Fantasie?«, wiederholte Kelwitt, ohne zu verstehen. »Genau. Als ob man zu viel Fantasie haben könnte.« Es ge­ fiel ihr, so neben ihm zu sitzen, nebeneinander auf dem Boden, mit dem Rücken zur Heizung. Auch wenn ihr Parka dabei durchweichte. »Wie ist das bei dir zu Hause? Ihr baut keine Häuser, hab' ich das richtig verstanden?« »Wir bauen Nester, unter der Oberfläche. Es gibt Gänge und Hohlräume, Schächte für das Meerwasser… die Leder­ häute bauen aber auch Häuser, fast wie eure.« »Das habe ich noch nicht verstanden. Diese ›Lederhäute‹, von denen du immer erzählst – wer sind die?«, »So nennen wir Jombuuraner, die das Leben am Meer auf­ geben und in Städten mitten auf dem Land wohnen. Ihre Haut trocknet aus und verändert sich, auch durch Mittel, die sie nehmen.« »Und warum tun sie das?« Kelwitt machte eine seiner grazilen Gesten, besann sich aber dann und zuckte gekonnt mit den Schultern. »Es ist eben eine Art zu leben. Die Lederhäute wollen frei sein vom Wasser, von allen Beschränkungen der Natur. Sie lieben alles Technische, bauen alle unsere Maschinen. Wir handeln mit ihnen. Wir liefern ihnen Nahrung und erhalten Geräte dafür.« Er sah sich in Sabrinas Zimmer um, deutete auf die Stereoanlage, das Telefon und den Radiowecker. »Ihr könntet auch Lederhäute sein.« »Wie bitte?«, meinte Sabrina empört. »Ich hab' doch nicht viel Zeug. Ich hab' ja nicht mal einen eigenen Computer.« »In der Donnerbucht leben wir mit so wenig technischen Geräten wie möglich. Das ist bei uns so Brauch.« »Gibt es noch mehr solche Gruppen wie euch und die Le­ derhäute?« Kelwitt schien zu überlegen. »Ja. Die Sternfahrer zum Bei­ spiel. Oder die Treiber. Treiber leben nur auf dem Wasser, auf selbst gebauten Flößen. Oder vor zwei Sonnenumläufen hatten wir …« »Jahre. Einen Sonnenumlauf nennen wir ein Jahr.« »Ein Jahr? Ich verstehe. Vor zwei Jahren hatten wir eine Gruppe von Weltwanderern zu Gast. Das sind kleine Schwärme, die keine Nester anlegen. Sie sind immer auf Wanderschaft. Sie bemalen ihre Körper bunt, wissen Geschich­ ten zu erzählen und beherrschen viele Fertigkeiten, mit denen, sie sich beliebt machen bei denen, die sie aufnehmen.« »So eine Art Zigeuner«, nickte Sabrina. »Eure Zigeuner sind aber nicht sehr angesehen, habe ich gelesen«, korrigierte Kelwitt. »Du hast wirklich das ganze Lexikon geschafft.« »Die Weltwanderer bewahren das Wissen und tragen es weiter. Sie haben uns zwei neue Arten gezeigt, Grundschlei­ mer zu fangen. Eine davon haben wir übernommen. Sie stammt aus der Sieben-Winde-Bucht. Dort ist noch nie jemand von uns gewesen. Ohne die Weltwanderer hätten wir nie davon erfahren.« In diesem Augenblick ging die Tür auf, und Thilo kam her­ ein, noch in seinem abgeschabten Wintermantel. »Ist das arschkalt hier«, beschwerte er sich sofort. »Wieso habt ihr denn das Fenster offen, seid ihr wahnsinnig?« »Du kannst gern wieder gehen, wenn dir was nicht passt«, versetzte Sabrina, langte aber hoch, um den Fensterflügel zu schließen. Dabei spähte sie verstohlen hinaus, aber Frau Lange war schon nicht mehr zu sehen. »Und, was ist? Hast du die Videokamera mitgebracht?« Am Montagnachmittag hatte Geheimagent Hermann Hase immer noch kein Telefon am Bett. Gelinde gesagt, eine Unver­ schämtheit. Jedes Mal, wenn eine Schwester hereinkam, be­ schwerte er sich, jedes Mal nahm die Schwester seine Be­ schwerde freundlich lächelnd entgegen, versprach, sich darum zu kümmern – und jedes Mal geschah nichts. Gleiches musste mit Gleichem vergolten werden, Betrug mit Betrug. Seit gestern tat Hermann Hase nur noch so, als schluk­, ke er brav die Tabletten, die man ihm brachte, stellte sich danach schläfrig oder gar schlafend, was, der zufriedenen Reaktion des Pflegepersonals nach zu urteilen, genau die Wirkung war, die man erwartete, und entsorgte die unter der Zunge verborgenen Tabletten in die Blumenvase auf seinem Nachttisch, wenn er wieder allein im Zimmer war. Woher die Blumen in der Vase stammten, entzog sich seiner Kenntnis, aber seit heute Morgen wiesen die Blütenblätter seltsame rote Streifen auf. Was ihm zu denken gab. Es war eindeutig an der Zeit, zu gehen. Die Kopfschmerzen hatten nachgelassen, auch ohne Tabletten, die Rippenschmer­ zen waren erträglich, und die blauen Flecken überall würden von alleine vergehen. Schließlich hatte er einen Auftrag von immenser Bedeutung zu erfüllen, da war keine übertriebene Wehleidigkeit angebracht. Wenn es um das Wohl und Wehe der Menschheit ging, durfte man sich nicht schonen. Die Schränke, auch das hatte er in einem unbeobachteten Augenblick schon untersucht, waren genauso leer wie das zweite Bett im Zimmer. Auf die Nachfrage, wo seine Sachen seien, hatte die Schwester nur ausweichend geantwortet. Er würde sie bei der Entlassung wiederbekommen. Ha, ha. So lange konnte er nicht warten. »Ich möchte nach Hause«, hatte er dem Arzt bei der Mor­ genvisite gesagt. Der hatte nur gelächelt. »Frühestens in einer Woche.« Und ihm wieder eine Tablette in den Mund gestopft. Einfach lä­ cherlich, das Ganze. Er wartete, bis es draußen auf dem Gang ruhig war, stand dann auf und streckte den Kopf aus der Tür. Glück gehabt, der Gang war leer. Offenbar war Schichtwechsel oder so etwas, jedenfalls waren alle Pfleger im Stationszimmer versammelt., Schön. Also, er hatte verschiedene Möglichkeiten. Er konnte hinabgehen in den Aufenthaltsbereich, in dem es sicher auch ein paar Münzfernsprecher gab, konnte sich von jemandem ein paar Groschen leihen und seine Dienststelle anrufen. Oder, noch kühner, er konnte einfach in ein Taxi steigen und sich nach Hause fahren lassen. Wenn er es recht bedachte, gefiel ihm diese Möglichkeit noch besser. Es gab Türen an beiden Enden des Flurs, und er ging, als sei es das Normalste der Welt, dass ein Mann in einem lächerli­ chen weißen Nachthemd und auf nackten Füßen umherwan­ derte, zu der, deren Weg nicht am Fenster des Stationszim­ mers vorbei führte. Sie war verschlossen, verdammt noch mal. Er drehte sich um und musterte die andere Tür, wägte die Chancen ab, unentdeckt am Stationszimmer vorbeizukommen … Moment mal! Jetzt erst entdeckte er die Aufschrift, die in dicken schwarzen Klebebuchstaben außen auf der Milchglas­ scheibe der Tür angebracht war. Spiegelverkehrt natürlich, nur verschwommen durchschimmernd, aber durchaus zu entzif­ fern. »Psychiatrie«, las er fassungslos. Die Videoaufnahmen machten sie in Thilos Zimmer. Thilo hatte außer der Kamera auch ein Stativ mitgebracht und zwei Halogenlampen, mit denen er eine Ecke des Zimmers aus­ leuchtete, richtig professionell, mit zwei Stühlen und Blick durch das Fenster auf die Nachbarschaft. Sabrina beobachtete ihren kleinen Bruder und kam nicht umhin, sich zu wundern; so emsig und sachverständig hatte sie ihn sein Leben lang noch nicht arbeiten sehen., Kelwitt machte alles geduldig mit. Er hockte auf seinem Stuhl und verfolgte Thilos Vorberei­ tungen, wobei über seine Augen ab und zu milchige Schleier zogen, was bei ihm vielleicht einem Blinzeln angesichts der beiden hellen Lichtquellen gleichkam. »Okay«, meinte Thilo schließlich. »Können wir?« Sabrina sollte die Interviewerin spielen. Sie hatte sich ein bisschen geschminkt und einigermaßen gut angezogen und kam sich fast vor wie die Sprecherin der Tagesschau. »Alles klar«, nickte sie und schluckte einen trockenen Kloß hinab. »Aufnahme läuft in drei … zwei … eins …«, zählte Thilo mit den Fingern rückwärts wie ein gelernter Profi, und dann leuchtete das kleine rote Lämpchen über dem Objektiv auf. Jetzt begann es also. Sabrina setzte ein Lächeln auf, sah in das dunkle Auge der Kamera, als wolle sie mit dem Gerät flirten, und sagte den Text auf, den sie sich zurechtgelegt hatte. »Gu- ten Tag. Mein Name ist Sabrina Mattek, und wir schreiben heute, zum Zeitpunkt dieser Aufzeichnung den 20. Dezember 1999.« Zum Beweis hielt sie die aktuelle Ausgabe der Stuttgar­ ter Zeitung hoch und ließ die Videokamera einen ausgiebigen Blick auf die Schlagzeilen des Tages werfen. »Seit vergange­ nem Freitag ist bei uns ein Wesen aus dem Weltraum zu Gast, ein Bewohner des Planeten Jombuur, der mit seinem Raum­ schiff auf die Erde abgestürzt ist und nun darauf wartet, von seinem Mutterschiff abgeholt zu werden. Sein Name ist Kel­ witt. Hallo, Kelwitt.« Übergang von Nahaufnahme in Halbtotale. Kelwitt kommt ins Bild. »Hallo, Sabrina«, erklang die mechanische Stimme des Ü­ bersetzungscomputers in einwandfreiem Deutsch mit leicht, schwäbischem Akzent. Das Wesen aus dem Weltraum sah unschlüssig zwischen Sabrina und der Kamera hin und her. Sie hatten ihm erklärt, was sie vorhatten und dass es sich um eine Aufnahme handelte, ähnlich wie das, was er im Fernse­ hen zu sehen bekam. »Werdet ihr das ebenfalls im Fernsehen zeigen?«, hatte er wissen wollen. Sabrina hatte ihn beruhigt – das könne sein, aber auf jeden Fall erst, wenn er abgeholt und in Sicherheit sei. »Kelwitt«, bat Sabrina, »erzähle uns ein bisschen über dich, deinen Heimatplaneten und den Grund deiner Reise zur Erde.« Kelwitt beschrieb bereitwillig seine Heimat – eine wasser­ reiche Welt, die eine große, orangegelbe Sonne umkreiste –, schilderte das Leben seines Schwarms in der Donnerbucht und erklärte die Hintergründe einer Orakelfahrt. »Unsere Sonne ist also seit deiner Geburt in den jombuura­ nischen Sternkarten als Kelwitts Stern registriert?«, vergewis­ serte sich Sabrina. »Für alle Zeiten?« »Ja«, bestätigte Kelwitt und nickte in einer Weise, die zu­ gleich fremdartig und sympathisch wirkte. Die Sache machte Spaß, fand Sabrina. Sie hatte so etwas noch nie gemacht – sich für eine Kamera zurechtmachen, Interviewfragen auf Karteikarten kritzeln, all das –, aber es machte richtiggehend Spaß. »Und vor deiner Geburt? Welchen Namen hatte unsere Sonne da?« »Gar keinen. Nur eine Nummer. Jeder Stern erhält eine Nummer, und in dieser Reihenfolge werden sie verschenkt und nach den Neugeborenen benannt.« Er erklärte die Funktionsweise des Computers, der in Form, einer Metallspange auf seiner Schulter saß und ›Tik‹ hieß, und schilderte die Ereignisse, die zu seinem Absturz geführt hat- ten, und was danach geschehen war. Das hörten Sabrina und Thilo nun zum ersten Mal, dass ihn jemand mitgenommen und dass es einen Unfall gegeben hatte. »Hat er gesagt, wie er heißt?« »Zu der Zeit hatte Tik eure Sprache noch nicht analysiert. Ich habe deshalb nichts verstanden von dem, was gesprochen wurde.« Sabrina sah ihn an und spürte ein ungutes Zittern im Bauch. Das hieß ja wohl, dass Kelwitts Absturz beobachtet worden war – natürlich, der ganze Himmel wurde ja ständig mit Radar abgetastet – und dass jemand die Sache untersucht hatte. Wahrscheinlich lag Kelwitts Raumschiff schon in ir­ gendeinem Laboratorium und wurde von einem Heer weiß bekittelter Wissenschaftler nach allen Regeln der Kunst aus­ einander genommen. Man kannte das ja aus diesen ganzen Filmen. Und das wiederum hieß, dass insgeheim wahrscheinlich mit Hochdruck nach Kelwitt gefahndet wurde! Na, und wenn schon, dachte sie trotzig. Frau Lange fiel ihr ein. Wenn die auf die Idee kam, zur Po­ lizei zu gehen …? Schluss damit. Das führte zu nichts. Die Kamera lief, und das Interview musste geführt werden. Sie zückte ihre nächste Karteikarte. Was sagten die Erde und ihre Sonne denn nun über Kelwitts künftiges Schicksal? Kelwitt holte sein Orakelbuch hervor und las ein paar Sen­ tenzen vor, die ziemlich nach Horoskop und Hokuspokus, klangen. Dann ließ er das Buch sinken. »Dass ich gelandet bin, war nicht vorgesehen, aber zweifellos ist es ebenfalls bedeut­ sam, weil alles bedeutsam ist, was einem auf einer Orakelfahrt widerfährt. Ich muss die Zeichen selber erkennen und aus eigener Anschauung deuten. Intuitiv. Das ist schwierig. Es gibt nur einen einzigen Anhaltspunkt, den Mu'ati nennt: Wird der eigene Stern von einem Planeten umkreist, der einmal be­ wohnt war, dessen Bewohner aber ausgestorben sind, so ist dies das schlechteste Vorzeichen, das es geben kann. Es bedeu­ tet ein kurzes, unglückliches Leben und einen frühen, qualvol­ len Tod.« »Ups«, machte Sabrina. »Leider«, fuhr Kelwitt fort und ließ einige seiner Finger ei­ nen Schlangentanz aufführen, »sind die Nachrichten, die ich bis jetzt gesehen habe, sehr beunruhigend. Ihr vergiftet eure Luft und euer Wasser, und ihr zerstört die Schutzfunktion eurer Atmosphäre. Es gibt mehr von euch, als ihr ernähren könnt – was ja auch kein Wunder ist, so viel, wie ihr esst. Und ihr seid sehr gewalttätige Wesen. Ihr führt immerfort Kriege, und ihr besitzt unsinnig viele gefährliche Waffen. Das alles ist, fürchte ich, ein schlechtes Zeichen für mich.« Sabrina schluckte. Ganz so cool wie die Frauen von der Ta­ gesschau war sie wohl doch noch nicht, sonst wäre ihr jetzt eine Frage oder eine Rechtfertigung oder sonst irgendwas eingefallen. »Ihr seid zwar noch nicht ausgestorben«, erklärte Kelwitt und wiegte den Kopf, »aber ihr könntet es in nächster Zukunft sein.«, Da Thilo im Altersheim nur noch Gast war, musste er keine pflegerischen Arbeiten mehr verrichten, woran er ohnehin nie besonders Gefallen gefunden hatte. Was ihn faszinierte, waren die Menschen, die hier lebten: Menschen, die beinahe ihr ganzes Leben schon hinter sich hatten – zumindest den rele­ vanten Teil davon – und nun auf Zeiträume, die aus der Per­ spektive eines Sechzehnjährigen endlos anmuteten, zurück­ blicken konnten, vor sich nichts mehr als eine Ungewisse Zeit des Wartens und den Tod. Manchmal kam ihm diese Faszina­ tion selber ziemlich morbide vor, aber er ging immer wieder hin, besuchte den einen oder anderen, schob Rollstühle, saß an Betten oder Lehnstühlen und hörte zu. Vor allem deswegen war er ein gern gesehener Besucher – gern gesehen auch vom Pflegepersonal, dem sinkende Budgets und steigende Arbeits­ belastung nicht mehr allzu viel Zeit für Menschlichkeit ließen. An diesem späten Montagnachmittag besuchte er seinen liebsten Bekannten, einen mageren alten Mann namens Wil­ helm Güterling, der wenige Wochen zuvor seinen einund­ neunzigsten Geburtstag gefeiert hatte. Güterling war, das erzählte er jedes Mal mit nie ermüdender Inbrunst, während des Krieges in Peenemünde gewesen, als Mitarbeiter von Wernher von Braun, der später der Vater des amerikanischen Mondlandungsprogrammes werden sollte. »Nach dem Krieg kamen die Amerikaner« – an dieser Stelle fasste er immer nach Thilos Arm und drückte ihn mit erstaunlicher Kraft – »und, machten von Braun das Angebot, nach Amerika zu gehen. Er hat mich gebeten mitzukommen, ja, das hat er. Ich habe da­ mals abgelehnt, weil meine Frau nicht wollte. Kannst du dir das vorstellen? Wir haben uns hier durchgeschlagen, in den Trümmern, in elenden Jobs. Und dann hat sie mich doch verlassen, das Miststück. Geschieht ihr recht, dass sie so früh gestorben ist, und weiß Gott, ich habe immer noch keine Lust, sie wiederzusehen, das kannst du mir glauben!« Damit war die übliche Routine erledigt, und der alte Mann ließ seinen schlohweißen Kopf sinnend vor sich hin nicken, in unbe­ stimmte Fernen starrend. »Herr Güterling«, fragte Thilo, »glauben Sie, dass es andere Planeten gibt, auf denen Wesen wie wir leben?« »Oh, sicher!« Der Greis sah ihn so entgeistert an, als habe er gerade das Gesetz der Schwerkraft in Frage gestellt. »Ganz ohne Zweifel. Du brauchst nur ein einziges Mal bei Nacht in den klaren Sternenhimmel zu schauen, um zu wissen, dass es so sein muss. Jeder dieser Sterne ist eine Möglichkeit, ein Los in der Lostrommel. Und wenn du erst einmal durch ein Tele­ skop siehst… So viele Sterne. Winzigste Lichtpunkte, Unend­ lichkeiten entfernt, die in Wahrheit Galaxien wie unsere Milchstraße sind, aus Hunderten von Milliarden von Sternen bestehen … Niemand kann so vermessen sein zu glauben, dass wir die Einzigen sind in dieser unermesslichen Fülle.« »Aber so ein menschlicher Körper ist doch irre kompliziert aufgebaut. Sogar ein Grashalm ist irre kompliziert aufgebaut. Es muss ein unglaublicher Zufall sein, dass es uns überhaupt gibt. Und deswegen könnte es doch sein, dass das im ganzen Universum nur ein einziges Mal geglückt ist.« Güterlings Augen blitzten amüsiert auf. In solchen Momen­, ten schien er wieder hellwach zu sein: wenn seine hellblauen Augen funkelten wie frisch polierte Edelsteine. »Wenn das Leben einzig durch Zufall entstünde, mein Junge, dann gäbe es nicht einmal uns. Kein bloßer Zufall könnte das zu Stande bringen, dafür würden selbst diese Abgründe aus Raum und Zeit nicht ausreichen, vor denen wir stehen. Nein, nein – die Wege der Evolution, oder der Schöpfung meinetwegen, sind schon etwas komplizierter. Der Zufall spielt da nur eine Ne­ benrolle.« »Dann glauben Sie also, dass es Außerirdische gibt?« »Ohne Zweifel. Wir werden ihnen vielleicht niemals begegnen, aber ohne Zweifel leben sie irgendwo, auf irgendeinem fernen Planeten, und fragen sich das Gleiche wie wir.« »Könnte es sein, dass sie uns besuchen kommen?« Der alte Mann sah wieder in eine unsagbare Ferne. »Ich weiß es nicht. Ich habe mir immer gewünscht, dass das einmal passiert. Unsere eige­ nen technischen Möglichkeiten sind so gering … und das, was wir wissen, lässt uns so wenig Hoffnung, dass es möglich sein könnte … so wenig Hoffnung.« Thilo sah ihn an und wusste, dass er ihm eines Tages von Kelwitt erzählen würde. Als Wolfgang Mattek an diesem Montagabend nach Hause kam, war er wie gerädert. Der Stau auf der Rückfahrt hatte ihm vollends den Rest gegeben. Den Ausfall einer der Verpak­ kungsmaschinen heute Nachmittag konnten sie gerade unge­ fähr so nötig brauchen wie ein Loch im Kopf. Da musste er morgen noch ein paar Telefonate führen, ein paar Leute an­ schreien und mit Anwälten drohen und so weiter. Ihm am Telefon frech zu sagen, die Leute der Servicefirma seien schon, alle im Weihnachtsurlaub! Was stellten die sich eigentlich unter einem Wartungsvertrag vor? Wofür zahlte er jeden Monat diese Menge Geld? Und die Lieferung aus Taiwan, die in Bremen im Zoll feststeckte, hatten sie auch heute nicht freibekommen; wie es aussah, würde er morgen jemanden hinschicken müssen. Wenn er nicht am Ende selber fahren musste, aber das wollte er, wenn irgend möglich, vermeiden. Denn er machte sich Sorgen um Nora. Nein, das war das falsche Wort. Angst, er hatte Angst um sie. Regelrecht Angst, und die hatte er oft. Meistens unbegründet, weil das, was ihn an ihr beunruhigte, einfach nur eine schlechte Laune war, oder sie ihre Tage bekam. Aber die Angst war immer da, begleitete ihn und bedrückte ihn, so wie die Erinnerung, dass ein schmerzhafter Zahnarztbesuch bevorsteht, alle Freuden des Augenblicks dunkel überschatten kann. Die Angst, dass es wieder passieren könnte. Die Kinder waren noch zu klein gewesen, um eine Erinne­ rung daran zu haben. Und völlig aus heiterem Himmel war es nicht passiert, jedenfalls nicht so, dass man hätte sagen kön­ nen, dass es nicht zu ihr passe. Es hatte zu ihr gepasst. Schon wie sie sich kennen gelernt hatten, hatte dazu ge­ passt. Er hatte damals in der Bretagne Urlaub gemacht. Den ersten Urlaub, seit er fünf Jahre zuvor die Firma von Onkel Werner übernommen hatte. Aus irgendwelchen Gründen hatte er sich die Bretagne in den Kopf gesetzt gehabt, obwohl es dort im März alles andere als gemütlich war. Er hatte einen Stapel Bücher dabeigehabt, ungelesene Erwerbungen aus arbeitsamen Jahren, und ein paar dicke Wollpullover. Aber dann war das Tankerunglück passiert. ›Amoco Cádiz‹ hatte das Schiff geheißen, das vor der französischen Küste auf Grund gelaufen war, und in den darauf folgenden Tagen war, er fassungslos am Strand entlanggewandert und hatte zugese­ hen, wie Sand, Felsen und Tiere unaufhaltsam von einer schwarzen, zähen Brühe verschlungen wurden, die ein düste­ res Meer gleichgültig anspülte. Reporter waren in erschrek­ kenden Scharen aufgetaucht, und er hatte den Rest seines Urlaubs als freiwilliger Helfer mit kräftezehrender Arbeit verbracht: hilflose Seevögel aufsammeln und ihr verklebtes Gefieder reinigen, öligen, verklumpten Sand in große Kübel schaufeln, bei widrigstem Wetter und bis in die Nacht. Dabei hatte er Nora kennen gelernt, eine achtundzwanzigjährige Studentin der Literaturwissenschaften aus Tübingen, eigens angereist als freiwillige Helferin, getrieben von einem beinahe wütenden Entschluss, die Welt nicht verloren geben zu wol­ len. Im Jahr darauf hatten sie geheiratet, auf seinen Wunsch hin. An dem wütenden Entschluss änderte das nichts. Mit der einjährigen Sabrina im Buggy marschierte Nora Mattek gegen Pershing-Raketen und den NATO-Doppelbeschluss, wenige Wochen nach der Geburt Thilos blockierte sie schon wieder Kernkraftwerke, kettete sich an vor Gorleben und Mutlangen, schrieb für alternative Zeitungen und kaufte biologisch­ dynamisches Gemüse. Die ersten Kontakte Noras zu einer Gruppe, die sich um einen ehemaligen Pfarrer gebildet hatte, der seinen Jüngern den nahen Weltuntergang predigte, bekam Wolfgang Mattek überhaupt nicht mit. Irgendwann waren dann nur noch die Prophezeiungen des Nostradamus Ge­ sprächsthema, die Visionen irgendwelcher Waldpropheten aus dem neunzehnten Jahrhundert, die Geschichte von Päp­ sten und Kardinälen, das dritte Geheimnis von Fatima, und natürlich die Auslegungen der Apokalypse und des Buches Daniel. Wolfgang hielt dagegen, versuchte zu mäßigen, regte, sich auf, stritt, schrie, hielt sie einmal sogar mit Gewalt zurück, zu ihrer Gruppe zu gehen. Natürlich stand nicht alles zum Besten, mit der Umwelt nicht, mit der Politik nicht, es gab zu viele Waffen und zu viel Gift, das wusste Wolfgang auch, aber der Prediger vermischte Wahres mit wilden Behauptungen, zog Nora hinein in einen unentrinnbar scheinenden Strudel aus Zweifeln, paranoiden Ängsten und irrealen Hoffnungen. Es gelang ihm, sie zur Eheberatung zu schleppen, und eine Weile sah es so aus, als ob es mit Hilfe der Therapeutin gelin­ gen würde, das Ruder herumzureißen. Doch dann kam Tschernobyl, fast genau an dem Tag, für den der Prediger eine große Katastrophe vorhergesagt hatte, den ersten apokalypti­ schen Reiter, das erste Fanal des nahenden Endes. Nora ver­ ließ ihn und die Kinder und zog mit den anderen auf einen abgelegenen Berg in der rätoromanischen Schweiz, um zu beten und zu fasten, um das Armageddon zu überleben und die Hoffnung der besseren Welt zu werden, die danach kom­ men sollte. Sie hatte niemals darüber gesprochen, was sich auf dem Berg abgespielt hatte. Auch die Untersuchungen der Polizei später hatten kein vollständiges Bild ergeben. Die meisten waren wieder heruntergekommen, halb verhungert, schmut­ zig und verstört, nachdem der angekündigte Weltuntergang nicht stattgefunden hatte. Nur den Prediger selbst und fünf seiner engsten Getreuen hatte man tot in einem Zelt auf dem Berg gefunden, zusammen mit einem düsteren Brief, der besagte, dass es dieses Opfer gewesen sei, das die Welt noch einmal gerettet habe, dass aber der Tag kommen würde, an dem weitere Opfer notwendig werden würden … Heute Abend hatte sich ihre Umarmung fast genauso ange­ fühlt wie damals in der Schweiz., Wahrscheinlich war es die Anwesenheit Kelwitts, die sie nicht verkraftete. Es war nun lange Jahre gut gegangen, in letzter Zeit war sie sogar von Albträumen verschont geblieben, und sie hatten ein friedliches, im Großen und Ganzen glückli­ ches Leben geführt. Das Auftauchen des Außerirdischen musste etwas in ihr ausgelöst haben, und Wolfgang Mattek fragte sich, was. Kelwitt beobachtete an diesem Abend mit einiger Erleichte­ rung, dass F'tehr wie jeden Tag von draußen ins Nest zurück­ kehrte und Unsremuutr begrüßte, indem er seine Nahrungs- und Sprechöffnung – bei den Erdbewohnern waren diese beiden Funktionen seltsamerweise in einem Organ zusam­ mengefasst, obgleich Kelwitt sich nicht recht vorstellen konn­ te, was das eine eigentlich mit dem anderen zu tun hatte – auf die entsprechende Öffnung Unsremuutrs drückte, was Uns­ remuutr mit einer Umschlingbewegung der oberen Extremitä­ ten beantwortete. So waren seine Befürchtungen also unbegründet gewesen. Die Erdbewohner verspeisten zwar bisweilen andere Lebewe­ sen, aber immer nur kleine, die anscheinend eigens zu diesem Zweck gezüchtet wurden, und niemals Artgenossen. »Ich würde gern das Nest für kurze Zeit verlassen«, ver­ traute er sich S'briina an. »Mich auf dem Planeten etwas um­ sehen.« S'briina machte Gesten mit der Kopfvorderseite. Die Erd­ bewohner hatten flache Kopfvorderseiten, die so beweglich waren, dass sie damit Gesten machen konnten. Das sah für jombuuranische Augen sehr bizarr aus, aber mittlerweile hatte Kelwitt sich daran gewöhnt, wenn er auch noch nicht deuten, konnte, was die Gesichtsgesten bedeuteten. »Ich weiß nicht«, meinte S'briina. »Wir wissen nicht, wer hinter dir her ist. Was ist, wenn dich jemand sieht?« »Vielleicht kann ich im Schutz der Nacht gehen«, schlug Kelwitt vor. »Und vielleicht kann ich Stücke eurer Kleidung dabei tragen.« »F'tehr will das nicht«, sagte S'briina. F'tehr war offenbar so etwas wie der Schwarmälteste. Wieso er dann das Nest jeden Tag so lange Zeit verließ, verstand Kelwitt allerdings nicht, obwohl Tiilo versucht hatte, es ihm zu erklären. »Nur ganz kurz«, bat Kelwitt. »Du könntest mich begleiten, zur Sicherheit. Nur eine Viertelperiode.« S'briina zögerte und sagte dann: »Gut, meinetwegen. Aber das bleibt unter uns, verstanden?« Kelwitt verstand nicht ganz, was S'briina mit ›unter uns‹ meinte. »Redewendung mit unbekannter Bedeutung«, kommentierte auch Tik. Also zuckte Kelwitt die Schultern und sagte vor­ sichtshalber: »Ja.« S'briina bedeutete ihm, ihr in Tiilos Nesthöhle zu begleiten. Dort hingen in einem Aufbewahrungsfach zahlreiche aus Stoff gefertigte Verhüllungen für alle Körperteile eines Erdbewoh­ ners. S'briina nahm ein paar heraus und hielt sie prüfend neben Kelwitt, reichte ihm schließlich ein Verhüllungsteil und sagte: »Zieh das an; das müsste passen.« Das Kleidungsstück war schwierig anzulegen, und ohne S'briinas Hilfe hätte er sich nicht zurechtgefunden. Ihm wurde sofort heiß darunter. Außerdem saugte es die Feuchte ab, und seine Haut begann zu jucken., »Ihr Erdbewohner tragt ständig Kleidung«, stellte er fest. »Ja«, gab S'briina zu. »Das ist eigenartig«, meinte Kelwitt. Als S'briina wissen wollte, wieso, erklärte er: »Ihr seid auf diesem Planeten zu Hause. Ihr habt euch hier entwickelt. Ihr müsstet euch so an die Umgebungsbedingungen angepasst haben, dass ihr auf Kleidung verzichten könntet.« »Kann man auf Jombuur sich etwa frei von Schutzkleidung bewegen?«, wunderte sich S'briina. »Der Bedeutungskontext der Frage ist unzureichend übertragen«, fügte Tik hinzu. »Es scheint, als gelte das Nichttragen von Schutz­ kleidung als ungehörig.« Rätselhafte Wesen, diese Erdbewohner. Vermutlich waren alle fremden Lebewesen rätselhaft, wenn man sie näher kennen lernte, aber die Erdbewohner waren nun einmal die ersten Fremden, mit denen er näheren Kontakt hatte. Kelwitt bestätigte, dass auf Jombuur das Tragen von Schutzkleidung nicht erforderlich war. Seltsamerweise schüt­ telte S'briina daraufhin den Kopf. Aber alles in allem war dieser Kontakt eine interessante Er­ fahrung. Wenn man davon absah, dass sein Raumboot abge­ stürzt war, dass der Kontakt unerlaubt stattfand und dass er seine Orakelfahrt ziemlich vermasselt hatte. Sie verließen das Nest durch einen Ausgang, den Kelwitt bisher noch nicht bemerkt hatte und der in ein pflanzenbe­ decktes Areal hinausführte. Es war dunkel, der Boden feucht und angenehm kühl, was Kelwitt in seinem warmen Erdbe­ wohnerkleidungsstück zumindest von unten her Erleichterung, verschaffte. Sie umrundeten den Nestbau und traten durch einen schmalen Spalt in dem dichten Pflanzenwuchs, der das Areal umgrenzte, auf die breite steinerne Fahrstraße hinaus. Das sah wirklich alles ziemlich so aus wie das, was man über die Städte der Lederhäute erzählte. Lampen, die an hohen, gebogenen Metallstangen aufge­ hängt waren, warfen ein fahles Licht auf die Fahrstraße herab und auf die rechteckigen Nestbauten rechts und links davon. Alles war sehr symmetrisch angeordnet, und die Pflanzen, die, sorgfältig umzäunt von kleinen steinernen Mauern, davor wuchsen, sahen so aus, als gehörten sie dort eigentlich nicht hin. Und alles lag still da. Die Erdbewohner schienen ihre Nester nur ungern zu verlassen. »Und?«, fragte S'briina. »Wohin willst du nun?« Kelwitt überlegte. »Ich weiß es nicht«, meinte er. Im Grunde war es gleichgültig. Schließlich suchte er nichts Bestimmtes. »Irgendwohin.« »Gut«, sagte S'briina und deutete in eine Richtung. »Gehen wir dort hinunter.« Der Weg führte leicht abwärts. Kelwitt betrachtete die hoch gebauten Nester, die in einiger Entfernung groß und dunkel in den nächtlichen Himmel ragten wie Berge. Hier und da glänz­ ten hell erleuchtete Sichtscheiben wie die Trageblasen junger Wassersegler kurz vor dem Sonnenuntergang. Sie gelangten an eine etwas breitere Fahrstraße, auf der sich wirklich zahlreiche Fahrzeuge bewegten. Alle hatten sie je zwei große weiße Leuchtflächen vorne, mit denen sie die von den Lampen an den gebogenen Metallstangen erhellte Fahr­ straße zusätzlich beleuchteten, und zwei kleine rote Leuchtflä­ chen hinten, deren Sinn Kelwitt unklar blieb., Am Rand der Fahrstraße war ein seltsames Bauwerk errich­ tet, das hauptsächlich aus einem metallenen Dach und gläser­ nen Wänden bestand, von denen eine nicht durchsichtig war, sondern von innen erleuchtet und – wohl zu Dekorations­ zwecken – die farbige Darstellung eines Erdbewohners zeigte, der auffallend wenig Bekleidung trug. Unter diesem Dach standen einige Erdbewohner, ihrerseits in viel Kleidung ein­ gehüllt, und sahen einfach nur umher. »Was ist das?«, fragte Kelwitt. »Eine Bushaltestelle.« Tik ergänzte: »Das ist ein Wartepunkt, der von einem Beförderungsmittel in regelmäßigen Zeitabständen angefahren wird.« Kelwitt wusste nicht recht, was er sich darunter vorzustel­ len hatte. Gerade in dem Augenblick bog weiter unten ein großes gelbes Fahrgerät mit großen Sichtscheiben ums Eck, näherte sich den wartenden Erdbewohnern, die ihm einige Schritte entgegengingen, und hielt vor ihnen am Fahrstraßen­ rand. Große Türen klappten mit einem zischenden Geräusch auf, und die Erdbewohner konnten einsteigen. Andere Erd­ bewohner, die im Inneren des Fahrzeugs gewartet hatten, stiegen aus. Vorne in dem Fahrgerät saß ein Erdbewohner an einem Steuerinstrument, das dem ähnelte, das F'tehr in seinem Fahrzeug benutzt hatte, nur war es entsprechend größer. Eine praktische Angelegenheit, überlegte sich Kelwitt. Einer ver­ richtete die Arbeit des Steuerns, doch sie kam auf diese Weise vielen anderen zugute. Einige der Erdbewohner, die ausgestiegen waren, bewegten sich, gleichfalls in dicke Kleidung vermummt, auf sie zu. S'briina gab etwas von sich, was Tik in einen Pfiff des Erschreckens übersetzte, zerrte an Kelwitts Hand und meinte:, »Schnell weg!« »Wieso denn?« Kelwitt war ganz in die Betrachtung des großen Fahrgeräts versunken, das sich mit lautem Brummen der Antriebsmaschinen wieder in Bewegung setzte und an ihnen vorbeirauschte. Plötzlich stand eine hoch aufragende Gestalt vor ihnen, bis zum Hals in ein dunkles, felliges Kleidungsstück gehüllt und mit langem, grauem Kopfpelz. »Guten Abend, Fraul'nge«, sagte S'briina und schob Kel­ witts Hand umher, als wolle sie ihn veranlassen, sich hinter ihr zu verstecken. »Guten Abend, S'briina«, erwiderte der Erdbewohner na­ mens Fraul'nge. »Ihr habt mich heute Morgen so erschreckt, dass ich vom Fahrrad gestürzt bin. Das war nicht sehr freund­ lich. Ich komme gerade erst vom Arzt.« »Oh«, erwiderte S'briina. »Das tut mir Leid. Das wollte ich nicht.« »So richtig erschrocken habe ich mich eigentlich über dei­ nen Freund da. Ich sehe so schlecht bei diesem Licht – hat er diese Maske immer noch auf? Willst du ihn mir nicht vorstel­ len?« »Das ist keine Maske«, erklärte S'briina. »Er sieht wirklich so aus. Sein Name ist Kelwitt, und er kommt vom Planeten Jombuur in der Nähe des Milchstraßenzentrums.« Offenbar war er Zeuge eines Begrüßungsrituals. Da Fraul'nge nun ihn ansah, vollführte Kelwitt die Geste des bestätigenden Nickens und entbot den normalen Erdbewoh­ nergruß: »Guten Tag.« Erstaunlicherweise schüttelte Fraul'nge daraufhin den Kopf, und sagte zu S'briina: »Mein Kind, du hast zu viel Fantasie. Du solltest dich wirklich allmählich entschließen, erwachsen zu werden.« Damit drehte sich Fraul'nge um und ging mit auffallend raschen Schritten weiter. S'briina gab leise etwas von sich, das Tik übersetzte als: »Emotionalausdruck des Missfallens an einer Person. Wörtlich übersetzt Gleichsetzung des Gegenübers mit einem Tier, das flüssige, für Geschlüpfte gedachte Nahrung produziert und intelligenzmäßig beschränkt ist«. Sie wanderten dann noch ein bisschen die verschiedenen Fahrstraßen entlang, aber im Grunde sah die Nestsiedlung überall gleich aus, und schließlich kehrten sie in das eigene Nest zurück. Kelwitt war froh, als er das Kleidungsstück wieder loswurde, und wusste nicht so recht, was er von sei­ nem Ausflug nun halten sollte. Im Grunde war das, was in den Bildschirmgeräten vom Leben der Erdbewohner gezeigt wurde, wesentlich interessanter. »Es ist, wie ich schon gesagt habe«, erklärte er Tik. »Ich bin am uninteressantesten Punkt des ganzen Planeten abgestürzt.« Einer der Ärzte hatte die Angewohnheit, immer, wenn er auf die Station kam, zuerst einmal zu duschen. Als Hermann Hase kurz vor Mitternacht, allein in seinem dunklen Zimmer lie­ gend, das Geräusch plätschernden Wassers vernahm, be­ schloss er, dass es Zeit war zu handeln. Er glitt aus dem Bett, öffnete verstohlen die Tür und spähte den kahlen Gang entlang. Alles lag verlassen da. Die Tür zur Patientendusche war nur wenige Schritte entfernt auf der anderen Seite, und sie war nur angelehnt. Dahinter pladderte, Wasser, und jemand summte ebenso zufrieden wie unmelo­ disch vor sich hin. Aus dem Stationszimmer waren die Stimmen der beiden Nachtschwestern zu vernehmen. »Wenn unsereins das ma­ chen würde«, ereiferte sich die eine, »in der Patientendusche … aber die Ärzte …« »Der kriegt auch noch mal Ärger, wart's ab«, sagte die an­ dere Stimme. Genau, dachte Hermann Hase. Das Rauschen der Dusche übertönte die Schritte nackter Füße auf dem blanken Linoleum, das Rascheln, mit dem der weiße Arztkittel vom Haken gefischt, und das Klappern des Schlüsselbundes, der aus einer Hosentasche geangelt wurde. Es übertönte auch die Geräusche, die entstanden, als Hermann Hase in die weißen Sandalen des Arztes schlüpfte und sich eiligen Schrittes zu der Tür begab, an der er heute Mittag gescheitert war. Vom Stationszimmer drang Gelächter auf den Gang. Er probierte einen Schlüssel nach dem anderen, und der vierte passte schließlich. Er schloss von draußen wieder ab und eilte die Treppen hinab. Auf der Höhe des ersten Stockwerks fing es in seiner Kitteltasche plötzlich an zu piepsen. Er holte den orangeroten Piepser heraus, drückte auf den verschiedenen Knöpfen herum und stopfte das Gerät, als es ihm nicht gelang, es zum Schweigen zu bringen, tief in einen Wäschewagen, der vor der Tür zur Chirurgischen Station stand. Blöde Technik. Endlich hatte er das Erdgeschoss erreicht und den Ausgang. Die Frau an der Pforte warf ihm nur einen gleichgültigen Blick zu, als er hindurchschoss und in das einzige Taxi sprang. Das hatte gerade einen alten Mann mit Herzbeschwerden abgela­, den, und als Hermann Hase das Fahrziel nannte – die Adresse seiner Wohnung –, drehte sich der Taxifahrer, der eigentlich schon vor dieser Fahrt hatte Feierabend machen wollen, un­ willig um und meinte: »Sagen Sie mal, wissen Sie, wie weit das ist?« »Keine Ahnung«, entgegnete Hase, der nicht einmal wusste, in welcher Stadt er sich befand. »Das wird 'ne Sonderfahrt, wenn Sie da wirklich mit dem Taxi hinfahren wollen. Sonderfahrt und Nachtzuschlag.« Er nahm den Clip mit dem Ausweis darin ab und hielt ihm dem Fahrer vor die Nase. »Ich bin Arzt, Mann. Es geht um Leben und Tod. Fahren Sie los!« »Haben Sie denn nicht mehr diese hübschen weißen Autos mit Blaulicht drauf?« Hase spähte aus dem Fenster. Die Frau an der Pforte hatte den Telefonhörer am Ohr und machte immer größere Augen, während sie zuhörte. »Glauben Sie, ich würde ein Taxi neh­ men, wenn die nicht alle unterwegs wären?«, versetzte er so unwirsch wie möglich. »Wenn Sie einen Prozess wegen unter­ lassener Hilfeleistung an den Hals wollen, dann bleiben Sie nur weiter hier stehen.« »Okay, okay«, maulte der Taxifahrer und gab Gas. Durch die Windschutzscheibe sah Hermann Hase, wie die Frau aus der Pforte gerannt kam und die Hände hob. Im nächsten Augenblick waren sie um die Ecke ver­ schwunden. »Eigentlich ist er ganz nett«, meinte Nora und kuschelte sich in seine Armbeuge., »Wer? Kelwitt?« Wolfgang Mattek schob ein paar ihrer Haarsträhnen beisei­ te, die ihn am Hals kitzelten. »Wenn ich ihn ansehe, denke ich immer, es ist Flipper. Die alte Fernsehserie, weißt du? Als Kind habe ich die immer gesehen. Ich schau' ihn an und denke, Flipper sind Arme und Beine gewachsen, und er ist uns besuchen gekommen.« »Mmh.« Draußen fuhr ein Auto vorbei, und der Lichtstrahl der Scheinwerfer ließ die Lärche vor ihrem Schlafzimmerfen­ ster aufleuchten. »Ich habe noch keine drei Worte mit ihm gewechselt. Ganz schön dumm. Ich meine, wann hat man schon mal die Gelegenheit, mit einem Außerirdischen zu reden?« »Die Kinder verstehen sich gut mit ihm. Wahrscheinlich, weil er selber auch noch jung ist. Das hat er doch gesagt, oder?« »Ja. Sozusagen ein Teenager. Was mich darauf bringt, dass wir uns noch nicht überlegt haben, was mit Sabrina werden soll.« Nora seufzte. »Mit Sabrina, ja … lass uns morgen darüber nachdenken, einverstanden?« »Morgen«, wiederholte Wolfgang Mattek und drückte seine Frau an sich. »Einverstanden.« »Was hast du eigentlich gegen Träume?« Sabrina saß bei Kelwitt auf dem Badewannenrand und sah ihm zu, wie er sich für die Nacht einrichtete. »Man redet nicht gern über dieses Thema«, meinte Kelwitt., Es klang tatsächlich, als sei ihm das unbehaglich. »Wieso denn nicht? Jeder träumt doch, was ist da dabei? Ich hab' mal gelesen, dass jeder Mensch jede Nacht mindestens fünf Träume hat. Ist das bei euch anders?« Kelwitt drehte sich hin und her, als suche er nach der ge­ eignetsten Schlafposition. Sabrina hätte zu gerne gewusst, was sich in den wulstigen Falten zwischen seinen Beinen und an der Unterseite seines Bauches verbarg, aber das war nun ein Thema, über das sie sich scheute zu reden. »Wir reden nicht gern über Träume«, wiederholte Kelwitt. »Wir geben nur ungern zu, dass wir überhaupt welche ha­ ben.« »Aber ihr träumt auch.« »Es kommt vor, ja.« »Und was ist daran so unanständig?« Kelwitt zögerte. »Wir glauben, dass Träume Ermahnungen sind. Warnzeichen, wie Schmerz.« »Ich kenne eine Menge Leute, die ihre Träume deuten. Manche schreiben jeden Morgen auf, was sie geträumt haben, und wenn man weiß, wie es geht, kann man herausfinden, was die Träume zu bedeuten haben.« »Ist das eine Art Orakel?« »So was Ähnliches. Botschaften des Unterbewusstseins, sagt man.« »Ich verstehe«, meinte Kelwitt und versank in Nachdenken. Vielleicht unterhielt er sich auch nur mit Tik, denn die Sprech­ öffnung auf seinem Kopf bewegte sich ein wenig. »Nein, das stimmt so nicht«, meinte er schließlich. »Jamuuni lehrt, dass …«, »Entschuldige – wer?« »Jamuuni. Das ist einer unserer großen Lehrer. Er lebte vor vielen Epochen, und er hat unter anderem den Brauch der Sterngabe eingeführt.« Sabrina nickte. »So jemand wie bei uns, ähm, sagen wir – Konfuzius?« »Ja. Oder Aristoteles, Lao-Tse, Sokrates, Buddha, Plato …« »Okay, okay, schon gut!« Sabrina hob abwehrend die Hän­ de. »Ich hab's schon kapiert. Also dieser Jamuuni, was lehrt der über Träume?« »Er sagt, dass jeder Geist an einem Punkt mit der Wahrheit verbunden ist. Der Geist bildet Annahmen über die Welt, auf Grund derer wir handeln und entscheiden, und bei der Bil­ dung dieser Annahmen kann er sich irren, sodass wir manch­ mal falsch handeln und falsch entscheiden. Man kann sich sogar in einem Geflecht von falschen Annahmen verstricken, von denen eine die andere stützt, aber da ein Punkt unseres Geistes mit der Wahrheit verbunden ist, kann man sich nie­ mals vollständig täuschen. Und der Weg, auf dem der Punkt der Wahrheit sich meldet, ist der Traum.« »Eine Botschaft des Unterbewusstseins. Sagte ich doch.« »Nein.« Kelwitt schüttelte entschieden den Kopf. »Wenn Träume einfach nur Botschaften des Unterbewusstseins wä­ ren, könnte man nichts aus ihnen ablesen, denn das Unterbe­ wusstsein kann sich genauso irren wie das Bewusstsein.« »Ach so«, nickte Sabrina. Bisher war es meistens so gewe­ sen, dass Kelwitt ziemlich dumme Fragen gestellt hatte und sie ihm die einfachsten Dinge erklären musste. Dass er in Wirklichkeit alles andere als dumm war, vergaß sie dabei manchmal. Diesmal war sie richtiggehend beeindruckt., »Zu träumen heißt also, sich von der Wahrheit entfernt zu haben. Wer träumt, lebt sein Leben nicht richtig.« Kelwitt sah sie an aus seinen unergründlichen schwarzen Augen. »Ver­ stehst du nun, warum man jemandem keine Träume wün­ schen soll?«, Karl Wilz war Chefredakteur, Anzeigenleiter, Lokalreporter, Inhaber und Herausgeber des ›Duffendorfer Tagblatts‹ in Personalunion. Er war also denkbar kompetent, den Anruf entgegenzunehmen, der ihn am Morgen des 21. Dezember 1999 erreichte. »Also, habe ich das richtig verstanden?«, wiederholte er nach einigem Zuhören, während sein gewohnheitsmäßig ohnehin breites Grinsen anatomisch geradezu erstaunliche Maße angenommen hatte. »Ein UFO ist durch das Dach Ihrer Scheune gefallen. Ein kleines graues Männchen, das aussah wie ein Delfin auf Beinen, ist ausgestiegen und mit einem unbekannten Mann in einem Mercedes davongefahren.« »Ja, genau«, sagte der unbekannte Anrufer. Liz, Sekretärin, stellvertretende Lokalreporterin, Fotografin und einzige Angestellte des ›Duffendorfer Tagblatts‹, winkte mit der Kaffeekanne. Karl hob die Tasse und ruckte auffor­ dernd. »Dann haben Sie das UFO in Ihren Rübenkeller ge­ schafft.« »Ja, genau.« »Und wenn ich vierzigtausend Mark zahle, darf ich es se­ hen.« »Ja, genau.« »Verstehe.« Du mich auch, dachte er dabei. »Klingt wie ein gutes Geschäft, was?«, »Oh, das ist es bestimmt«, meinte der Mann im Brustton der Überzeugung. »Sie würden die Geschichte ja, wie sagt man, explosiv … ähm …« »Exklusiv«, half Wilz aus. »Ja, genau. Exklusiv würden Sie die kriegen. Ganz exklu­ siv.« »Schön, schön.« Wilz dachte nach. Einfach den Hörer auf die Gabel zu knallen war eindeutig zu gut für diesen Bur­ schen. Da musste er schon etwas Gehässigeres bringen. »Ich fürchte nur, unsere Zeitungen sind bis Neujahr schon völlig verplant. Mit anderen Worten, wir können diese Geschichte nicht mehr unterbringen. Wirklich schade, aber nicht zu än­ dern.« Das verschlug ihm einen Moment die Sprache. Wilz grinste in sich hinein. Mal gespannt, was jetzt kommt. »Verplant?«, kam es schließlich. »Aber… wie können Sie denn eine Zeitung verplanen? Sie wissen doch gar nicht, was passieren wird! ?« »Na klar doch. Ein Jahrtausend geht zu Ende, ein neues be­ ginnt. Das steht schon ziemlich lange fest.« »Aber Sie müssen doch noch über was anderes berichten als bloß darüber!« Er war wirklich fassungslos. Das gefiel Wilz ausnehmend gut. »Nein, schauen Sie«, sagte er in einem Ton, als sei das das Selbstverständlichste von der Welt, »jetzt ist die Zeit der großen Rückblicke. Auf das zwanzigste Jahrhundert zum Beispiel. Wenn Sie das Duffendorfer Tagblatt lesen, dann ist Ihnen sicher aufgefallen, dass wir letzten Freitag mit einer großen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts begonnen haben. Heute zum Beispiel waren die Jahre 1920 bis 1929 dran., Wenn ich morgen statt der Fortsetzung einen großen Bericht über Ihr UFO brächte, dann müssten wir am Freitag – also an Heiligabend – das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg abhandeln. Sie sehen sicher ein, dass wir das nicht tun kön­ nen.« »Aber… aber was tun Sie, wenn etwas passiert? Wenn ir­ gendein Präsident erschossen wird, zum Beispiel?« »Oh«, grinste Wilz und musste sich das Lachen verbeißen, »ich bin sicher, dass das niemand tun wird. Jeder Attentäter kann sich ausrechnen, dass jetzt keine gute Zeit für so was ist.« »Meinen Sie?« »Ja, natürlich.« »Dann heißt das, Sie haben kein Interesse an dem UFO.« »Tut mir wirklich Leid. Aber Ihr Außerirdischer hat sich einen ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht.« »Na ja«, meinte der Unbekannte kleinlaut. »Da kann man wohl nichts machen.« Irgendwie begriff sie, dass es Licht war, das da durch ihre Lider drang, und nur ein Traum, was sie erlebte, aber sie wollte nicht aufwachen, wollte zu Ende träumen, so schön war es. Dann war sie wach und spürte ihr Herz rasen, atmete schwer. Kelwitt. Sie hatte von Kelwitt geträumt. Junge, was hätte er dazu gesagt, wenn er gewusst hätte, was sie von ihm geträumt hatte! Der Traum verflog mit dem Tageslicht, die Einzelheiten entschwanden, nur das Gefühl blieb zurück, ein weiches,, warmes, lustvolles Gefühl, ein Begehren, eine strömende, heiße Ankündigung von Ekstase. Sabrina wälzte sich herum und fuhr mit den Händen dabei über ihren Körper. Ihre Hände glitten unter den Schlafanzug, suchten die Weiche ihres Bauches, ihrer Schenkel, ihrer Haut, die davon geträumt hatte, von Kelwitt berührt zu werden. Das ging doch nicht! Ein Außerirdischer. Ein fremdes Lebewesen, fremder als jedes Tier auf Erden. Ein absolut fremdartiger Organismus … Wenigstens musste man keinen Gedanken an Empfängnis­ verhütung verschwenden. Sie starrte an die Decke. Was der Punkt der Wahrheit in ihrem Geist ihr wohl mit diesem Traum sagen wollte? Nur noch ein paar Tage. Dann würde er weg sein, weg für immer. Abgründe aus Zeit und Raum würden sie trennen, von denen sie nicht einmal hoffen konnte, sie sich vorzustellen, geschweige denn jemals zu überwinden. Und er würde nicht wiederkommen. Den Rest ihres Lebens würde sie mit Erinnerungen an diese Woche verbringen. Sie würde damit leben müssen, was sie vergessen hatte zu fragen. Zu sagen. Zu tun. Irgendwie mussten sich die Jombuuraner doch auch fort­ pflanzen, oder? »Oh, verdammt!«, stieß sie aus und warf die Bettdecke bei­ seite. Vielleicht sollte sie einfach eine kalte Dusche nehmen, wie die Mönche im Mittelalter. Weil nichts anderes mehr im Haus gewesen war, aß Hermann, Hase eine Dose Erbsen mit Möhren zum Frühstück und blät­ terte, während er das kalte Zeug aus der Dose löffelte, in seinem abgegriffenen kleinen Adressenbüchlein. Die Taxifahrt gestern Nacht hatte ihn fünfhundert Mark ge­ kostet, und er hatte wohl oder übel noch einen Hunderter drauflegen müssen, um sich das Stillschweigen des Fahrers zu erkaufen, der bei ihrer Ankunft gemerkt hatte, dass er kein Arzt war. Zum Glück hatte er genug Bargeld im Haus gehabt. Mehr als genug. Hermann Hase gehörte zu denen, die nicht daran glaubten, dass die Computer der Banken die bevorste­ hende Umstellung der Jahreszahlen auf das Jahr 2000 verkraf­ ten würden, und hatte deshalb vorsichtshalber den größten Teil seines Geldes abgehoben und zu Hause an verschiedenen Stellen in der Wohnung versteckt. Falls im Januar 2000 das Bankensystem zusammenbrechen sollte, würde er statt bedeu­ tungsloser Ziffernfolgen auf der Festplatte eines funktionsun­ tüchtigen Großrechners zumindest noch richtiges Geld besit­ zen. Allerdings hatte er nicht sein ganzes Geld abgehoben. Einen gewissen Teil hatte er in eine Spekulation gesteckt, die eben­ falls auf den möglichen Folgeerscheinungen des Jahrtausend­ wechsels beruhte. Er hatte bei insgesamt 23 Banken Sparkon­ ten eröffnet, jeweils mit einem Guthaben von hundert Mark. Am Tag nach Neujahr würde er alle diese Banken abklappern und sich die Zinsen gutschreiben lassen. Sollte eine darunter sein, deren Computer nur zweistellige Jahreszahlen verarbei­ teten, würde dieser das neue Jahr ›00‹ als Jahr 1900 begreifen und ihm die Zinsen für hundert Jahre gutschreiben. Eine relativ risikolose Sache. Aber nun galt es zu handeln. Die wiedergewonnene Freiheit zu nutzen. Sein Blick blieb an einer Telefonnummer hängen., Daneben stand der Name. Kaulquappe. Das war natürlich nur der Deckname, schließlich verstand Hermann Hase sich als Profi. Kaulquappe war einer, dem er vertrauen konnte. Das war entscheidend, nachdem ihn seine Abteilung offensichtlich im Stich gelassen hatte. Es dauerte lange, bis jemand abhob, und die Stimme, die sich meldete, klang höchst verschlafen und nannte gänzlich unprofessionell den richtigen Namen. Auch als er etwas indigniert »Hier ist Ochsenfrosch« sagte, kam nur ein erfreuter Aufschrei: »Mensch, Hermann! Wie geht's? Ewig nichts mehr gehört von dir …!« Also gut. Er hatte sich längst damit abgefunden, dass nur wenige sein Verständnis von Sorgfalt und Verantwortung teilten, und so überging er den offensichtlichen Lapsus und erzählte, so weit es ihm am Telefon ratsam erschien, von dem Flugkörper, der vom Himmel gefallen war. Dass sich ein Außerirdischer an Bord befunden hatte und dass er diesen schon in seinem Gewahrsam gehabt hatte, erzählte er nicht; dazu würde später Gelegenheit genug sein, sollte Kaulquappe auf seinen Vorschlag eingehen. »Klingt interessant«, meinte Kaulquappe denn auch. »Und du hast gecheckt, dass das kein Ding der Amis war?« »Ja. Auch kein russisches.« »Allerhand. Aber warum hast du es nicht gleich gemeldet?« »Hab' ich. Aber man glaubt mir nicht, weil die Luftüberwa­ chung nichts registriert hat.« Das war gelogen, aber in diesem Fall heiligte der Zweck die Mittel. »Lass uns einen Treffpunkt ausmachen, zu dem Aufschlagspunkt fahren und alles unter­ suchen. Allein schaff ich das nicht, aber wir beide … wie in den alten Zeiten …«, »Hmm«, hörte er. Kaulquappe schien andere Erinnerungen an die alten Zeiten zu haben. Aber schließlich siegte die Neu­ gier. »Also gut. Wann und wo?« »Sobald wie möglich. Heute. Nachher.« »Heute nicht. Ich hab noch eine Observation. Morgen hab' ich frei, da könnte ich runterdüsen.« Morgen. Da konnte es zu spät sein. Das waren vierund­ zwanzig Stunden, in denen viel passieren konnte. Hermann Hase versuchte, in diesem Sinn auf Kaulquappe einzuwirken, aber der ließ sich nicht erweichen, und so einigten sie sich schließlich auf den nächsten Tag, morgens um neun Uhr. »Und wo?« Das hatte Hase sich schon überlegt. Der Treffpunkt durfte kein Ort sein, der bereits auf das tatsächliche Ziel hinwies. Und er musste es so formulieren, dass ein möglicher Mithörer nichts damit anfangen konnte. »Erinnerst du dich an die Autobahnraststätte an der A 8, auf der wir mal einen russi­ schen Agenten verhaftet haben?« »Der sich dann als polnischer Zigarettenschmuggler ent­ puppt hat?«, ergänzte Kaulquappe. »Ja, ich erinnere mich. Gut, treffen wir uns dort.« »Ich hab' dir doch gesagt, ich hole dich ab, sobald es soweit ist«, sagte Emma, die nicht wollte, dass man sie Emma nannte. Thilo nestelte an dem raschelnden, metallverkleideten Hö­ rerkabel herum und drückte sich tiefer in das dunkle Eck der Telefonzelle. Man brauchte ihn hier nicht zu sehen. Schlimm genug, dass er kein Handy besaß wie die meisten in seiner Klasse., »Und wann wird das sein?«, fragte er. »Noch vor Weih­ nachten?« Sibylla schwieg eine Weile. Befragte wahrscheinlich die Geister. »Nein, ich denke nicht. Ich weiß es nicht bestimmt, aber ich glaube nicht, dass es vorher ist.« »Dann könnte ich doch noch mal zu dir kommen.« »Ich weiß nicht…« »Aber das ist so lang hin!« Thilo wippte unruhig auf und ab. Sein Blick suchte die Uhr über dem Schulhof. Die große Pause war zu Ende, er musste machen, dass er zurück ins Klassenzimmer kam. Er ärgerte sich, dass er hier so endlos rumdiskutieren musste und dass sie sich so anstellte, aber er wollte es so sehr wieder haben. So nannte er es bei sich. Es haben. Dieses unglaubliche Gefühl, das mit nichts anderem zu vergleichen war. Wenn er an ihren großen, weichen Körper dachte, dann zerrte eine Sehnsucht in seinem Bauch, dass es ihm schier die Eingeweide rausriss. »Also gut«, meinte sie endlich. »Morgen Nachmittag. Um drei. Aber um fünf habe ich wieder einen Klienten!« »Okay!«, rief Thilo erleichtert. »Morgen um drei. Tschüs!« Im nächsten Augenblick warf er den Hörer auf die Gabel und rannte los. Nora stand gegen die Tür des Kühlschranks gelehnt und beobachtete Kelwitt, wie er auf der anderen Seite des Küchen­ tischs saß und aufmerksam eine Reihe von Lebensmitteln studierte, die sie ihm hingelegt hatte. Stand einfach da, ohne besonderen Grund. Nicht, weil sie Abstand halten wollte von diesem Wesen, sondern einfach so. Weil sie gern hier stand, an der Kühlschranktür. Ein bequemer Platz., »Vielleicht muss ich demnächst etwas Nahrung aufneh­ men«, hatte ihr Besucher aus dem All gesagt. Es hatte geklun­ gen wie Vielleicht muss ich den Wagen mal in die Werkstatt brin­ gen. Wenn diese Wesen nur alle zehn oder zwanzig Tage essen mussten, was um alles in der Welt taten die dann die ganze übrige Zeit? Nun stand er da und betrachtete eine Mohrrübe, eine Schei­ be Brot, einen Mohrenkopf, ein Stück rohes Rindfleisch, eine Kartoffel, einen Apfel, eine Auswahl von Nüssen, eine Hand voll Petersilie, eine Zwiebel, Salz und Zucker auf zwei Unter­ tellern, eine Schale voll Haferflocken, ein Glas Milch, ein Glas Orangensaft. Er fasste die Sachen nicht an, sondern schien nur daran zu riechen. Obwohl, von seinem eigenartigen Mund, der Nora in die­ sem Augenblick eher an die Öffnung eines Müllschluckers denken ließ als an einen Mund, gingen ein paar haarfeine Borsten oder Fühler aus, und es schien Nora, dass er damit die Lebensmittel berührte. Jedenfalls würde sie die Sachen nach­ her wegwerfen, sicherheitshalber. Und diskret natürlich, damit er sich nicht verletzt fühlte. »Wie nennt man das?«, wollte er wissen, auf die Kartoffel und den Apfel deutend. »Das eine ist eine Kartoffel, das andere ein Apfel«, erklärte Nora hastig. »Darf ich diese beiden einmal probehalber zu mir nehmen? Kostenlos und unverbindlich?« Nora machte unwillkürlich eine rasche, beinahe wegwer­ fende Geste mit der Hand und verschränkte die Arme dann wieder. »Ja, bitte, selbstverständlich. Iss, was du magst. Wir, haben auch noch mehr Äpfel, und Kartoffeln kistenweise.« »Nein, ich muss erst einmal probieren, wie bekömmlich sie für mich sind, ehe ich die ganze Vielfalt genieße.« »Soll ich sie dir irgendwie zubereiten? Kochen? Anbraten?« »Vorsorge mit Weitblick«, kommentierte Kelwitt und nahm die Kartoffel in die Hand. »Der neue Trend.« Nora zuckte die Schultern. »Na gut, dann eben nicht.« Kelwitt führte die Kartoffel an den Mund. Nora hatte sie gründlich gewaschen, aber nicht geschält. Nun beobachtete sie mit gelindem Grausen, wie sich Kelwitts Mundöffnung in einer blitzschnellen, an den Irisverschluss eines Fotoapparats erinnernden Bewegung öffnete und eine Vielzahl langer, dünner Stacheln oder Zähne oder was auch immer heraus­ schossen, die sich über der Kartoffel zu einem wirbelnden, für Augenblicke vielfach glitzernden Strudel trafen. Im nächsten Moment waren die Beißwerkzeuge wieder verschwunden, und von der Kartoffel fehlte ein beträchtliches Stück. »Fruchtig-frisch«, erklärte Kelwitt und ließ seinen Mund ein paar Mal ins Leere schnappen, während er die Bissfläche auf der Kartoffel betrachtete. »Stärkt die natürlichen Abwehrkräf­ te, nehme ich an. Ein Hochgenuss mit locker-leichter Remou­ ladensoße.« »Möchtest du Remouladensoße dazu?«, warf Nora unwill­ kürlich ein und schüttelte sofort den Kopf über sich. Ein Wesen aus dem All, das nicht einmal wusste, wie eine Kartof­ fel schmeckte, würde wohl kaum von sich aus das Bedürfnis nach Remouladensoße verspüren. Kelwitt wiegte nachdenklich den Kopf, als habe er verges­ sen, wie man ihn schüttelt. »Ich glaube«, sagte er dazu, »ich warte nun erst einmal auf die Risiken und Nebenwirkungen.«, An diesem Morgen, als sie in S'briinas Raum saßen, fiel ihm ein, dass er ja einmal einen der Planetenbewohner nach der Bedeutung der Begriffe ›Mann‹ und ›Frau‹ fragen wollte. »Das sind Bezeichnungen für die beiden Geschlechter«, er­ widerte S'briina. »Ja«, bestätigte Kelwitt und führte die irdische Zustim­ mungsgeste aus. »Und was ist ein Geschlecht?« S'briina schaute ihn an und sah, soweit er das beurteilen konnte, etwas ratlos aus. »Also, ein Geschlecht … Ja, wie soll ich das erklären? Es gibt Männer, und es gibt Frauen. Das sind die beiden Geschlechter.« »Das sagtest du bereits. Die Frage war, was der Begriff ›Ge­ schlecht‹ bedeutet.« »Ja, ja. Natürlich. Das ist bloß nicht so leicht zu erklären. Es hat jedenfalls mit der Fortpflanzung zu tun.« »Fortpflanzung ist der Vorgang der Arterhaltung.« »Ja, genau.« »Und was hat ein Geschlecht mit der Arterhaltung zu tun?« Das war alles äußerst verwirrend. In dem Buch, das in seltsa­ mer Reihenfolge allerhand Begriffe erläuterte und das die Erdbewohner ›Lexikon‹ nannten, hatte er nichts darüber gefunden. »Das muss es doch bei euch auch geben«, meinte S'briina. »Woher kommen denn die kleinen Jombuuraner?« Kelwitt verstand nicht ganz, was das alles sollte. »Aus dem Meer.« »Aus dem Meer?« Also erklärte er den ganzen Fortpflanzungszyklus. Erklärte, dass jeder Jombuuraner im körperlichen Stadium der Reife –, das er, Kelwitt, in wenigen Sonnenumläufen erreicht haben würde – fortwährend ein Sekret absonderte, das Millionen von Fortpflanzungszellen enthielt, die irgendwann das Meer erreichten und im Wasser umhertrieben, Sonnenlicht tankten und jedes Mal, wenn sie auf andere Fortpflanzungszellen trafen, mit diesen Stücke des Erbguts austauschten. Erläuterte, wie die Zellen, die nicht untergingen, sich irgendwann unter den Brustschuppen eines Jombuuraners festsetzten und zu Larven heranwuchsen. Legte dar, dass diese Larven sich irgendwann wieder davonmachten – manchmal unter Mit­ nahme der entsprechenden Brustschuppe –, um sich zu verpuppen. Verdeutlichte, dass die Puppen am Strand ange­ spült wurden und einen Lockstoff aussandten, der ausge­ wachsene Jombuuraner dazu brachte, die Puppen in ihr ge­ meinsames Nest zu holen und dort mit ihren Körpern zu wärmen, bis die Schale brach – was sie ohne den Druck eines Körpers nicht konnten – und die Jungen schlüpften. Noch während er all das erzählte, stieg in ihm der leise Verdacht hoch, dass das womöglich nicht die einzige denkbare Art im Universum sein mochte, wie Nachwuchs zu Stande kommen konnte. Tatsächlich schien ihm S'briina kaum glauben zu wollen. »Das ist ja irre kompliziert!« »Was ist daran kompliziert?«, wunderte sich Kelwitt. »Und du weißt überhaupt nicht, wer deine Eltern sind!« »Was sind Eltern?« S'briina schüttelte den Kopf. »Also, jetzt erkläre ich dir mal, wie das bei uns Menschen funktioniert. Dann wirst du schon sehen, dass eure Methode ganz schön kompliziert ist.« Menschen, das hatte Kelwitt längst verstanden, war die Be­, zeichnung, die die Erdbewohner ihrer eigenen Spezies gege­ ben hatten. »Gut«, meinte er. »Allerdings glaube ich nicht, dass sich etwas daran ändern lässt.« »Schon klar. Also – damit ein Kind entstehen kann …« »Ein Kind ist ein Menschenjunges?«, vergewisserte sich Kelwitt. »Ja. Kann man so sagen.« »Ich verstehe.« »Gut, also – damit ein Kind entstehen kann, braucht man genau einen Mann und eine Frau.« Kelwitt hob die Hände zur Geste der Verzweiflung. Ihm vorzuwerfen, der jombuuranische Fortpflanzungszyklus sei kompliziert! »Und was ist ein Mann? Eine Frau?« »Bei uns Menschen gibt es zwei Arten von Fortpflanzungs­ zellen. Es gibt Eizellen, und es gibt Samenzellen. Eine Eizelle und eine Samenzelle müssen zusammenkommen, damit daraus ein Kind entstehen kann. Die Eizelle wird von der Frau beigesteuert, die Samenzelle vom Mann.« Zwei verschiedene Fortpflanzungszellen? Und wo blieb der Austausch von Erbmaterial? Es hieß doch immer, das sei wesentlich für die Entwicklung der Arten. Kelwitt überlegte. Wahrscheinlich war es so, dass einem immer der Ablauf, den man kannte und an den man gewöhnt war, am einfachsten und einleuchtendsten vorkam. »Ich verstehe«, sagte er also. »Und wie wird festgelegt, wer als Mann und wer als Frau fungiert?« »Da gibt es nichts festzulegen«, erwiderte S'briina zu seiner Überraschung. »Man ist entweder das eine oder das andere.« Daran hatte Kelwitt wieder eine Weile zu überlegen. »Heißt, das etwa, es gibt zwei Arten von Erdbewohnern … von Men­ schen?«, fragte er vorsichtig. Darauf schien es hinauszulaufen, oder? »Ja, genau«, sagte S'briina. »Das ist die logische Konsequenz«, bestätigte auch Tik Kelwitts entsprechende Frage. »Das heißt, du bist auch ein Mann oder eine Frau?« »Ja«, erklärte S'briina. »Ich bin eine Frau.« Kelwitt war maßlos verblüfft, dass ihm eine so elementare Tatsache so lange verborgen geblieben war. » Wahrscheinlich gerade weil sie so elementar ist«, meinte Tik. »Es gibt selten Veran­ lassung, über Dinge zu sprechen, die jedermann geläufig sind.« Er erfuhr, dass Tiilo ein Mann war, Unsremuutr eine Frau und F'tehr wiederum ein Mann. Mehr noch – Tiilo und S'briina waren die Jungen von F'tehr und Unsremuutr! »Das heißt«, wunderte er sich, »du weißt genau, von wem deine Erbanla­ gen stammen!« »So ist es. Und die Menschen, von denen man abstammt, das sind die Eltern.« Wie befremdlich! Kelwitt versuchte, sich vorzustellen, wie es sein musste, zu wissen, dass man Erbanlagen von nur zwei Ahnen besaß – und diese auch noch persönlich zu kennen. Ja, mit ihnen in einem Schwarm zu leben! War es möglich, seinen Erbgutspendern frei und unbefangen gegenüberzutreten? Unweigerlich musste sich zu ihnen eine besondere Beziehung entwickeln, musste man sich vergleichen, Beobachtungen anstellen, zu erahnen versuchen, ob man gute oder schlechte Anlagen geerbt hatte. Vielleicht war es ein bisschen so, wie es ihm mit seinen Brü­ tern erging. Nur, dass die nichts mit seinen Erbanlagen zu tun, hatten. Ihre Beziehung beruhte darauf, dass die Brüter an ihm die Freuden des Brütens erfahren hatten und ihm deswegen gewogen waren – nun ja, wenigstens einige von ihnen, Parktat zum Beispiel – und dass er, da er ihnen nach dem Schlüpfen als ersten Wesen begegnet war, seinerseits besondere Erinne­ rungen und Gefühle mit ihnen verband. S'briina schien ebenfalls sehr nachdenklich zu sein. »Sag mal«, sagte sie nach einer längeren Pause, »wenn das bei euch alles so abläuft, wie du das erzählt hast, mit dem Sekret, dem Meer, den Brustschuppen, den Larven und so weiter – gibt es dann eigentlich bei euch so was wie Sex?« Kelwitt sah sie an. »Was ist Sex?«, fragte er. Thilo wurde das Gefühl nicht los, dass er eine vertrauliche Unterhaltung unterbrochen hatte, als er, von der Schule kom­ mend, in Sabrinas Zimmer platzte. Das erkläre ich dir ein anderes Mal, sagte Sabrina zu Kelwitt, beinahe verstohlen, und begrüß­ te ihn dann so freundlich, wie keine einzige Schwester auf der ganzen Welt ihren kleinen Bruder begrüßt, es sei denn, sie will ihn von etwas ablenken. Aber er wollte auch nicht fragen. Sabrina mochte es nicht, wenn man in ihren kleinen Geheimnissen herumstocherte; da konnte sie ziemlich schnell ziemlich kratzbürstig werden. Also tat er, als habe er nichts bemerkt. Sabrina schwenkte über auf das Thema ›Träume‹. Kelwitt hatte erzählt, dass es für einen seiner Art als unschicklich galt, Träume zu haben – ein Zeichen dafür, dass etwas mit dem eigenen Leben schief ging – und Sabrina fragte ihn, wie das sei mit Wunschträumen. Sie träume davon, nach dem Abitur eine große Reise nach Südamerika zu machen, mindestens drei, Monate lang kreuz und quer durch die verschiedenen Länder zu fahren – sei das nach jombuuranischer Auffassung eben­ falls eine unschickliche Angelegenheit? Kelwitt wiegte das Haupt gewichtig. In letzter Zeit schien sein Kopf immer beweglicher zu werden, vielleicht, weil er sich die menschlichen Gesten des Kopfschüttelns und -nickens angeeignet hatte. »Es ist erstaunlich, dass ihr dafür denselben Begriff verwendet wie für die Träume des Schlafs«, meinte er. »Die Träume des Schlafs kommen von selbst, wenn der Punkt der Wahrheit uns warnen will. Das, was du einen Wunsch­ traum nennst, ist ein Bild, das du selbst erzeugst. Wir verwen­ den dafür nicht den gleichen Begriff.« »Man könnte ›Vision‹ dazu sagen«, schlug Thilo vor. Dabei musste er unwillkürlich an Emma und ihre Visionen denken. Na ja, das traf es vielleicht auch nicht. Wenn Emma von Schwefelregen und Weltuntergang visionierte, hatte das eher Ähnlichkeit mit einem epileptischen Anfall als mit einem Wunschtraum. Thilo hing den ganzen Tag an ihnen wie eine Klette, fragte Kelwitt Löcher in den Bauch über das Weltall und die Sterne und die Technik, die erforderlich war, um sie zu bereisen. Dabei wusste Kelwitt darüber ungefähr so viel wie Thilo über die Technik von Strahltriebwerken, also nichts. Kelwitt schien nichts dabei zu finden, im einen Moment über Fortpflanzung zu sprechen und im nächsten über Fortbewegung. Konnte das wirklich wahr sein, dass er nicht wusste, was Sex war? Dass es das bei seiner Spezies nicht gab? Wahrscheinlich, überlegte Sabrina, war es nur ein Über­ setzungsproblem., Sie würde dem nachgehen, sobald sie und Kelwitt wieder allein waren. Der Nachmittag verging irgendwie blitzschnell, obwohl sie nur über alles Mögliche quatschten und noch einmal einen Versuch mit Mensch, ärgere dich nicht! machten, bei dem diesmal Thilo gewann, aber nur knapp. Und in drei Tagen würde Kelwitt gehen! Sabrina spürte ein heißes, schmerzhaftes Ziehen im Leib bei diesem Gedanken. Es gefiel ihr gar nicht, dass die Zeit immer schneller und schneller zu vergehen schien. Wie die großen Ferien: Die ersten Tage vergehen langsam, genussvoll, langsam dahinschmelzend wie die oberste Schicht eines großen Eisbechers – doch dann nimmt die ganze Sache Fahrt auf, und ratsch, ratsch, fliegen ganze Wochen dahin, ehe man sich versieht, und im Nu steht der Schulanfang wieder bevor. Sogar Vater kam außergewöhnlich früh nach Hause, gab Mutter einen Kuss und sagte etwas von einer Lieferung, die sie endlich dem Zoll in Bremen entrissen hätten. Dann wandte er sich Kelwitt zu, lächelte gezwungen und sagte: »Hallo, Kelwitt! Wie geht es dir?« Worauf Kelwitt eine seiner fingertänzelnden Gesten voll­ führte und erwiderte: »Hallo, Vater. Mir geht es gut.« Und sich umsah mit etwas, das nur das jombuuranische Gegenstück eines verwunderten Gesichtsausdrucks sein konnte, als alle lachten wie verrückt. An diesem Abend rief Gabriele Lange, Grundschullehrerin aus Stuttgart, ihre Freundin Eva-Maria Duggan, geborene Schulze, in Thunder Bay, Ontario, an, um ihr zum Geburtstag zu gratu­ lieren. Eva-Maria Schulze war, ebenfalls in Stuttgart, unglück­, lich verheiratet und Lehrerin für Englisch und Französisch gewesen, bis sie während einer Studienreise in Kanada den Holzgroßhändler Joe Duggan kennen gelernt hatte. Mit einer Entschlossenheit, die niemanden mehr gewundert hatte als sie selbst, hatte sie sich von ihrem langweiligen Mann scheiden lassen und ihre Beamtenlaufbahn an den Nagel gehängt, um nach Kanada auszuwandern, Joe Duggan zu heiraten, ihm drei Kinder zu gebären und fortan ein Leben zu führen, das nach allem, was ihre zurückgebliebene Freundin und ehemalige Kollegin Gabriele Lange davon mitbekam, beneidenswert glücklich sein musste. Das Problem war, dass der Anruf einen Tag zu spät kam. »Es tut mir wirklich Leid, dass ich dich gestern Abend nicht mehr anrufen konnte«, erklärte Gabriele Lange. »Aber du glaubst es nicht, was für schreckliche Streiche mir die Kinder hier spielen. Eine ehemalige Schülerin von mir, die auch hier in der Straße wohnt, hat mich so erschreckt, dass ich vom Fahrrad gefallen bin und zum Arzt musste.« »Du Arme!«, kam es von der anderen Seite des Atlantiks, mit einer winzigen Verzögerung, weil die Telefonverbindung über einen Satelliten lief. Im Hintergrund quengelte Eva- Marias Jüngster herum. »Shut up!«, mahnte ihn seine Mutter. »Als ich vom Bus kam, stand dieses schreckliche Mädchen wieder da«, fuhr Gabriele Lange fort. Das permanente Ge­ quengel im Hintergrund machte sie nervös. Möglicherweise geriet ihre Erzählung deshalb ein wenig konfus. »Als ich sie fragte, wer ihr Begleiter sei, behauptete sie, es sei ein Außerir­ discher.« »Tatsächlich?«, meinte ihre Freundin. »Ja. Ein Außerirdischer, stell dir vor.«, »Unglaublich«, kam es zurück. Irgendwie hatte Gabriele Lange das Gefühl, dass diese Epi­ sode ihre Freundin nicht besonders interessierte, und wechsel­ te das Thema., Hermann Hase und sein Kollege Kaulquappe erreichten die Scheune am Mittwochmorgen gegen zehn Uhr. »Na?«, meinte Hase stolz und deutete auf das mächtige Loch im Scheunendach. »Siehst du?« »Ich sehe ein Loch in einem Scheunendach«, erwiderte Kaulquappe. »Schon gut«, knurrte Hase. Es herrschte leichter Nebel, und ein Geruch nach Schnee hing in der Luft. Der Wetterbericht hatte allerdings wieder einmal keine weiße Weihnacht vorausgesagt, sodass es wahr­ scheinlich doch bloß bei einem eklig-kalten Nieselregen am Nachmittag bleiben würde. Die Scheune mit ihrem durchlö­ cherten Dach stand da wie eine vergessene Ruine, die Felder ringsumher lagen braungrün und verlassen. Das Tor war nicht verschlossen. Es quietschte, als Hase es öffnete, und irgendwie hatte er das Innere anders in Erinne­ rung. Das Stroh nicht so zerwühlt, vor allem. Ihm schwante Übles, und nachdem er in den Büscheln herumgestochert hatte, blieb er am Anfang einer unübersehbaren Traktorspur stehen und verkündete: »Der Flugkörper ist nicht mehr da.« »So«, sagte Kaulquappe nur und verschränkte die Arme vor der Brust. Hase deutete auf die Spur, die sich allerdings draußen vor dem Scheunentor in einer Vielzahl ähnlicher Spuren verlor., »Man hat ihn fortgeschafft.« »Den Flugkörper.« »Genau.« »Und wer?« »Weiß ich nicht.« »Wer wusste denn davon?« Hase zählte an den Fingern ab. »Zuerst habe ich es dem Chef gemeldet. Ameisenbär. Außerdem waren hier ein paar Leute aus dem Dorf, als ich ankam. Die Scheune gehört dem Brunnenwirt.« Er schaute seinen Kollegen an, der immer noch abwartend dastand, die Arme verschränkt, die Spitzen des Oberlippenbarts seltsam zuckend. »Den könnten wir mal fragen, oder?« Kaulquappe nickte. »Großartige Idee.« Am Morgen klagte Kelwitt über Schmerzen im Oberkörper. »Die Schlafmulde ist ungeeignet«, erklärte er, und es klang trotz der mechanischen Stimme beinahe jammervoll. »Das ist auch keine Schlafmulde«, meinte Sabrina. »Das ist eine Badewanne.« »Nein, das ist wirklich keine Schlafmulde«, stimmte Kelwitt ihr zu und machte eigenartige Dehnbewegungen mit den Schultern. In diesem Moment kam Sabrina die Idee. Wie eine innerli­ che Feuerwerksrakete stieg sie in ihr hoch, aus unergründli­ chen Tiefen kommend, zerstob in Hunderte leuchtender Geistesblitze und durchrieselte sie in Form warmer, erwar­ tungsvoller Schauer. »Soll ich dich ein bisschen massieren?«, bot sie an., »Massieren?«, fragte Kelwitt zurück. »Was ist das?« »Ich zeig's dir«, erklärte Sabrina. »Steig erst mal aus der Wanne.« Kelwitt stieg aus der Wanne. »Und jetzt setz dich auf den Stuhl.« Es war ein einfacher Stuhl ohne Polster, und Sabrina diri­ gierte Kelwitt so, dass er schließlich verkehrt herum darauf saß und sich mit den Armen auf der Rückenlehne aufstützte. Sie trat hinter ihn. »Massage«, erklärte sie dabei, »dient da­ zu, Verspannungen zu lösen.« Sie legte beide Hände an die Stelle seines Körpers, an der der Kopf mit sanftem Schwung in den Rumpf überging. »Wenn du unbequem gelegen bist, sind deine Muskeln bestimmt verspannt.« Die Haut war kühl, aber unter der Berührung erwärmte sie sich überraschend schnell. Und sie war feucht und schlüpfrig, so wie sie es in Erinnerung hatte; wie geschaffen dafür, be­ rührt, gestreichelt, sanft massiert zu werden. Sabrina ließ ihre Hände langsam wandern und spürte, wie ihr Herz anfing, schneller zu schlagen. Kelwitt saß ruhig da und rührte sich nicht. »Tut das gut?«, fragte Sabrina mit einem trockenen Gefühl im Mund. »Das ist schwer zu sagen«, meinte Kelwitt. »Es geht vielleicht besser, wenn du den oberen Teil deines Anzugs ausziehst.« »Das kann ich tun.« Er stand auf, streifte den feuchten, fil­ zig wirkenden Anzug bis zur Hüfte herab und setzte sich wieder. Ihre Hände nahmen ihre vorherigen Plätze wieder ein, begannen, größere Kreise zu streichen. Obgleich sie Kelwitt, schon nackt gesehen hatte, hatte sie doch noch nie so ausgiebig Gelegenheit gehabt, ihn zu betrachten. Fremdartig sah er aus, und trotzdem ungemein ästhetisch. Sabrinas Hände tasteten über eigenartige Muskelstränge, über Stellen unterschiedlicher Schlüpfrigkeit, über unerwartete Knochen. Wobei sie nicht einmal wusste, ob das wirklich Knochen und Muskeln waren. Aus dieser Perspektive ähnelte Kelwitt keinem anderen Lebe­ wesen, das sie jemals gesehen hatte. »Findest du es angenehm, berührt zu werden?« Kelwitt ließ sich Zeit mit der Antwort. »Ja.« »Kannst du es genießen?« »Genießen …? Ja. Es gefällt mir.« Sabrina musste schlucken. »Berührt ihr euch auch manch­ mal? Auf Jombuur, meine ich.« »Ja. Es ist oft nicht zu vermeiden, denn die Nester sind sehr eng gebaut.« »Nein, ich meine, berührt ihr euch auch manchmal nur um des Berührens willen? Weil es angenehm ist?« Kelwitt schien zu überlegen. »Wenn wir es uns angenehm machen wollen«, erklärte er schließlich, »dann legen wir uns meistens auf einen Stein, der vom Meer überspült wird.« »Auf einen Stein«, wiederholte Sabrina verblüfft. »Ja. Das ist sehr angenehm.« Sie hielt einen Moment inne. Vielleicht war Kelwitt einfach noch zu jung? Er hatte selber gesagt, dass er das Stadium der Reife noch nicht erreicht hatte. Das hieß so viel, dass er noch ein Kind war. Biologisch gesehen. Als Kind, erinnerte sich Sabrina, hatte sie zum Beispiel Küsse widerlich gefunden. Die Küsse von Onkeln und Tanten sowieso, die fand sie auch, heute noch widerlich, aber als sie im Kindergarten einmal ein Junge auf den Mund geküsst hatte, war sie schreiend davon­ gerannt und hatte sich die Lippen mit Seife gewaschen. Da­ mals hätte sie, vor die Wahl gestellt, jederzeit einer Tüte belie­ biger Süßigkeiten den Vorzug vor einem Kuss gegeben, und mit den Süßigkeiten hätte sie auch tatsächlich mehr Spaß gehabt. Heute dagegen, dachte sie versonnen und glitt an Kelwitts Flanken abwärts, bis sie wieder das langsame, ungleichmäßige Pumpen seiner seitlichen Herzen fühlte, bin ich ganz verrückt danach. Vor allem verzehrte sie sich danach, einmal jemanden zu finden, der das Küssen zu genießen verstand. Für die meisten Jungs war das Küssen nur eine Aufforderung zu mehr, eine Art Etappenziel, eine im Grunde lästige und zu überwindende Stufe auf dem Weg zum Sex. Und meistens verhielten sie sich dann beim Sex auch noch so, als wollten sie es möglichst schnell hinter sich bringen. »Was Sex ist, weißt du also tatsächlich nicht?« Kelwitt wiegte den Kopf. »Dieses Wort wurde im Fernsehen öfter erwähnt. Aber im Lexikon war es nicht erklärt.« Sabrina musste grinsen. »Das ist ja auch ein Jugendlexikon. Das mal meinem Vater gehört hat, wohlgemerkt.« Er drehte sich herum und sah sie aus seinen großen dunk­ len Augen an. »Das verstehe ich jetzt nicht«, bekannte er. »Na ja«, meinte Sabrina, »früher hat man Kindern und Ju­ gendlichen die ganzen Zusammenhänge um Sex und Fort­ pflanzung verschwiegen. Oder jedenfalls so wenig wie mög­ lich darüber beigebracht.« »Warum?« Sabrina zuckte die Schultern. »Ich warte auch noch drauf,, dass mir mal jemand erklärt, was das bringen sollte.« Kelwitt dachte nach. Die Haut um seine Augen schien sich ein bisschen zu kräuseln. »Heißt das, Sex und Fortpflanzung haben miteinander zu tun?« »Ja«, grinste Sabrina. »Und wie.« »Vielleicht hat man mir das auch verschwiegen.« »Was? Meinst du?« »Den Brauch der Orakelfahrt wollte man mir auch ver­ schweigen. Niemand von meinem Schwarm hat mir jemals etwas darüber erzählt.« »Und wie hast du dann davon erfahren?« »Alle Jungen der Donnerbuchtschwärme treffen sich in der Marktmulde. Einer von ihnen wusste etwas darüber.« »Ja, ja«, seufzte Sabrina. »Sie bringen uns immer nur das bei, von dem sie auch wollen, dass wir es wissen. Man kann gar nicht früh genug anfangen, für sich selber zu sorgen.« Den Mann, der an der Tür zur Schankstube gerüttelt hatte, erkannte der Brunnenwirt sofort wieder, trotz der vielen Pflaster am Kopf und der zugerichteten Haare und der Bluter­ güsse im Gesicht. »Es ist noch geschlossen«, sagte er trotzdem erst mal, wie es sich gehörte, und musterte den Begleiter, den der andere dabeihatte, einen stämmigen Kerl mit Halbglatze und Schnauzbart, der dreinschaute, als erwarte er jeden Augen­ blick die Invasion der Kakerlaken. »Wir öffnen erst um elf. Was wollen Sie? Ich hoff bloß, mein Scheunendach zahlen.« »Ihr Scheunendach zahlen?«, echote der Mann mit den Blu­ tergüssen, der heute keine Lederjacke anhatte, sondern einen, schäbigen Bundeswehrparka. »Sie sind von der Regierung, haben Sie gesagt. Und es tät' jemand kommen wegen dem Schaden an meiner Scheune.« Der Brunnenwirt stemmte die Hände in die Hüften. »Es ist aber niemand gekommen. Ich wart' jetzt seit Freitag, und ich sag' Ihnen eins: lang wart' ich nimmer!« »Ach so!«, machte der Mann. »Ja, natürlich. Ich entsinne mich. Selbstverständlich. Äh … das geht bloß nicht so schnell, verstehen Sie? Bürokratie. Da müssen, ähm, Berichte geschrie­ ben werden, Anträge ausgefüllt, jede Menge Papierkram eben …« Es klang verdammt so, als denke er sich das alles in dem Moment aus, in dem er es sagte, und als habe er seit Freitag keinen winzigen Gedanken an ihn und seine Scheune ver­ schwendet. »Und das jetzt vor Weihnachten … Das geht nicht so schnell, aber Sie kriegen Ihr Geld, hundertprozentig.« »Um mir das zu sagen, sind Sie gekommen?« »Wie? Nein, nein – ich … das heißt, wir… wir suchen den abgestürzten Flugkörper.« »So?« Der Brunnenwirt verschränkte die Arme vor der Brust. »Den Flugkörper.« »Der das Loch in Ihre Scheune … Sie verstehen. Er ist nicht mehr da.« Der Brunnenwirt lächelte hoch zufrieden. »Ja, genau. Der ist da nicht mehr.« »Ah!«, machte der andere und wechselte einen Blick mit seinem schweigenden Begleiter. Sollte wohl bedeutungsvoll aussehen, sah aber bloß bescheuert aus. »Sie haben ihn also fortgebracht!« »Konnte das Ding ja nicht gut da liegen lassen. Wo das, Dach doch ein Loch hat.« »Wohin haben Sie es gebracht?« Das war jetzt so ein Moment, den man ausschneiden und in ein Album kleben können sollte, um ihn mal den Enkelkin­ dern zu zeigen. »An einen Platz«, erklärte der Brunnenwirt genussvoll, »wo es gut aufgehoben ist, bis ich das Geld für mein Scheunendach hab'.« »Wir brauchen diesen Flugkörper.« »Jeder hat halt so seine Bedürfnisse.« Der komische Kerl tastete in den Taschen seines Parkas herum, fand aber wohl seinen Ausweis nicht. »Sie wissen, dass ich für die Regierung arbeite. Ich muss Sie auffordern, uns den abgestürzten Flugkörper auszuhändigen.« »Sie haben schon den Kerl bekommen, der darin saß«, hielt der Wirt dagegen. »Die Kapsel kriegen Sie erst, wenn ich mein Geld hab'. Keinen Moment eher.« Zum ersten Mal sagte der andere Typ auch etwas. »Her­ mann«, wandte er sich an seinen Kollegen, »du hast mir nicht gesagt, dass jemand an Bord war.« »Das erklär' ich dir später«, zischte der Mann mit den vielen Pflastern. Er fuhr wieder durch alle Taschen nach seinem Ausweis, wieder ohne Erfolg. »Hören Sie«, meinte er dann und legte seine Blutergüsse in grimmige Falten, »das ist hier kein Räuber- und Gendarm-Spiel oder so was. Hier geht's um eine Menge. Um die Sicherheitsinteressen der Bundesrepublik Deutschland, falls Ihnen das was sagt. Sie kriegen Ihr Geld – aber wir brauchen diesen Flugkörper! Jetzt!« Der Brunnenwirt schob seinen nicht unbeträchtlichen Bauch auf ihn zu. Drohen konnte er auch. »Red' ich zu undeutlich?«,, fragte er und schubste ihn ein wenig vor sich her. »Versteh'n Sie meinen Dialekt nicht? Soll ich's Ihnen aufschreiben? Erst das Geld – dann der Flugkörper. Punkt. Ende der Diskussion.« Der andere hob die Hände. »Okay, okay. Schon gut. Ich werd' sehen, was ich für Sie tun kann.« »Erst-Geld-dann-Flugkörper!«, wiederholte der Brunnen­ wirt mit diabolischem Ingrimm. »Vielleicht kann ich den Dienstweg etwas beschleunigen …« »Erst-Geld-dann-Flugkörper!« »Oder sogar ganz dran vorbeigehen …« »Erst-Geld-dann-Flugkörper!« »Eine Abschlagszahlung erwirken. Ja, das müsste möglich sein …« »Erst-Geld-dann-Flugkörper!« Er schien zu schwitzen in seinem schäbigen Parka und un­ ter all den Pflastern. »An, ähm, welche Summe dachten Sie denn …?« »Wie ist das eigentlich bei euch?«, fragte Sabrina, immer noch massierend und allmählich kühner werdend. »Um dieses Sekret ins Meer abzugeben – dazu braucht man niemand anderen, oder?« »Nein. Das geht von selbst. Das Sekret wird ständig abge­ geben.« »Wie sieht das aus?« »Das sieht man nicht. Es sind nur ein paar Tropfen pro Tag.«, »Und die Larven? Wie setzen die sich unter den Brust­ schuppen fest?« »Beim Schwimmen im Meer.« »Schwimmt man da allein?« »Das ist egal. Wenn sich eine Fortpflanzungszelle im reifen Stadium, unter einer Brustschuppe verfängt, wächst sie zur Larve heran.« »Und wie groß werden die, ehe sie wieder abgehen?« Kelwitt deutete etwa die Größe einer Kirsche an. »So unge­ fähr.« »Geschieht das auch wieder im Meer?« »Ja.« Sabrinas Finger ertasteten, tief unten an der vorderen Seite seines Körpers, das obere Ende einer der länglichen Falten, die sich entlang seiner Hüften bis zu den Beinen hinzogen. Es fühlte sich warm und knubbelig an, und Sabrina fragte sich, was in diesen Falten verborgen sein mochte. »Tut es weh, wenn eine Larve abgeht?« »Nein. Man sagt, es sei angenehm.« »Und dann verpuppen sich die Larven, werden ange­ schwemmt und geben Lockstoffe ab, damit sie bebrütet wer­ den«, rekapitulierte Sabrina. Was für eine seltsame Art des Liebeslebens! »Macht man das auch allein, das Brüten?« »Meistens zu mehreren. Man wechselt sich ab.« »Klingt alles sehr unlustig«, meinte sie. Aber sie erinnerte sich, dass sie, als sie das erste Mal in ei­ nem ›Aufklärungsbuch‹ gelesen hatte, das alles auch absolut schrecklich gefunden hatte. Der Mann führt sein erigiertes Glied in die Scheide der Frau ein. Wie das geklungen hatte! Ein medi­, zinischer Vorgang, kalt, technisch, eklig. Wie die Beschreibung einer Operation. Etwas, das man notgedrungen auf sich neh­ men musste, wenn man Kinder wollte. Dass man es freiwillig tun, dass es sogar Spaß machen könnte, auf diese Idee wäre man bei der Lektüre des Buches niemals gekommen. Diese Entdeckung hatte sie später selber machen müssen. Und irgendwie hatte sie immer noch das Gefühl, dass ihr dafür im Grunde eine Art Nobelpreis zustand. »Ich muss dir mal erklären, wie das bei den Menschen so läuft«, sagte sie versonnen und stellte sich vor, mit ihrem ganzen Körper das zu tun, was sie gerade mit den Händen tat. Eine Vorstellung, die ihren Atem beschleunigte. »Ja, das wäre interessant«, meinte Kelwitt arglos. »Aber können wir nun mit der Massage aufhören?« Sabrinas Hände zuckten erschrocken von ihm zurück. »Gefällt es dir nicht?« »Doch. Aber es ändert nichts an den Schmerzen. Und es wird Zeit, den Feuchthalteanzug wieder anzuziehen. Meine Haut fängt schon an auszutrocknen.« Das Haus des Holzgroßhändlers Joe Duggan, selbstverständ­ lich ganz aus Holz gebaut, stand am Ufer des Lake Superior, und vom Frühstückstisch aus hatte man einen großartigen Blick über die vorgelagerten Inseln. »Deine Freundin aus Deutschland hat sich dieses Jahr gar nicht gemeldet«, meinte Joe an diesem Morgen zu seiner Frau. »Gabriele, du weißt schon. Sonst schreibt sie immer zu deinem Geburtstag oder ruft an.« »Oh, sie hat gestern angerufen«, erwiderte Eva-Maria und, erzählte die Geschichte vom verstauchten Arm und dem Außerirdischen. Joe lachte, dass sein nicht unbeträchtlicher Bauch wackelte. »Das muss ich Leroy erzählen«, brachte er schließlich heraus. »Er sammelt tolle Ausreden, weißt du? Will mal ein Buch darüber schreiben, wenn er im Ruhestand ist.« Leroy Tubbs war sein Buchhalter und ältester Angestellter, und Duggan würde es nicht leicht fallen, ihn in den Ruhestand gehen zu lassen. Die Geschichte von der Lehrerin aus Stutt­ gart, Deutschland, die von einem Außerirdischen so erschreckt worden war, dass sie vom Fahrrad stürzte und zum Arzt musste und deshalb am Geburtstag ihrer Freundin nicht anrufen konnte, erzählte er ihm, während sie beide nebenein­ ander in der Toilette standen und ihr Geschäft verrichteten, und Leroy amüsierte sich prächtig, wie Joe Duggan es geahnt hatte. Von den beiden unbemerkt, hatte George Bell, ein schmäch­ tiger Lehrling, der an diesem Tag keine rechte Lust zu arbeiten hatte und sich deshalb so lang und so oft wie möglich auf die Toilette verdrückte, ihre Unterhaltung mitgehört. Zumindest Teile davon. George Bell hatte öfters keine rechte Lust zu arbeiten, weil er öfters sehr müde war. Und er war öfters sehr müde, weil er die Nächte damit verbrachte, stundenlang im Internet zu surfen, und zu entsprechend wenig Schlaf kam. Als er an diesem Abend heimkam, schaltete er sofort den Computer an und platzierte die Geschichte, ein wenig abge­ ändert und ausgeschmückt, in einschlägigen Newsgroups, die sich mit Außerirdischen, UFOs und ähnlichen Phänomenen befassten. Im Lauf der nächsten vierundzwanzig Stunden erfuhren, mehrere Tausend Menschen überall auf der Welt, dass eine Grundschullehrerin in Stuttgart, Deutschland, von einem Außerirdischen angefallen und verletzt worden war. Etliche glaubten es sogar. »Ich bin heut' Nachmittag im Heim«, erklärte Thilo, der nun endlich auch Ferien hatte, beim Mittagessen. Das nahm man ohne Kommentar zur Kenntnis. Seine Mutter wandte sich an Sabrina. »Wann will Kelwitt denn jetzt endlich was essen?« »Morgen oder übermorgen«, antwortete Sabrina und sto­ cherte in ihrem Teller herum. Sie wirkte etwas geistesabwe­ send. »Er sagt, er muss erst… na ja. Vielleicht ist das kein Thema für den Tisch.« »Was ?«, wollte Thilo nun erst recht wissen. »Muss er vor­ her aufs Klo? Booah, das kann was werden – die Scheiße von einem ganzen Monat auf einmal …!« »Thilo!« Nach Mittag ging Thilo tatsächlich ins Altenheim hinüber, aber nur, um Bescheid zu sagen, dass er erst kurz nach fünf kommen würde. Kurz danach saß er schon im Bus und fuhr in die Stadt. Emma war erst mal wieder ziemlich konfus drauf, als er ankam. Wie immer setzte er sich erst mal ruhig ins Eck und ließ sie umherwuseln, trank gehorsam den Tee, den sie kochte – es war nicht der Tee, der sie beruhigte, sondern der Vorgang, ihn zuzubereiten, deshalb ließ er sie immer gewähren; Tee als Getränk konnte er ansonsten nichts abgewinnen., »Das neue Zeitalter steht bevor«, erklärte sie ihm, mit einem unsteten Blick, der die Wände hoch und die Decke entlangglitt und so wirkte, als sehe sie etwas, das weit dahinter lag. »Ich kann es spüren, wenn ich durch die Stadt gehe. Ich kann es spüren, wenn ich mit den Menschen rede. Das Alte langweilt sie, sie haben genug davon, sie wollen einen Aufbruch, einen Neubeginn, eine Tür, die sich öffnet und sie in endlose Weiten blicken lässt. Ja, das wollen sie – das Neue. Sie sehnen es herbei. Sie würden alles, was sie haben, geben dafür. Wenn sie nur wüssten, in welche Richtung es geht, dann würden sie aufbrechen, ohne einen Augenblick zu zögern …« Thilo schlürfte seinen Tee, der nach Jasmin roch und nach Weihrauch. Sybillas Brust bebte und wogte, während sie redete, und das zu sehen ließ den Platz in seiner Jeans eng werden. Sie trug wallende Gewänder, die sie sich selber aus bunten, dünnen Seidenstoffen schneiderte. Thilo wusste, dass sie darunter niemals einen BH trug. »Es kann in jede beliebige Richtung gehen, verstehst du? Wie soll ich das sagen? Da ist diese ganze Energie … angestaut … alle warten … und der erste Impuls wird alles in eine Rich- tung in Bewegung setzen, und dann wird es unaufhaltsam sein. Unaufhaltsam. Das kann ein Krieg werden oder ein Aufstieg in neue Ebenen des Bewusstseins. Das kann der Himmel werden oder die Hölle. Es kommt nur auf den Impuls an. Und der wird kommen, demnächst. Nur noch ein paar Tage, höchstens Wochen. Die Zeit ist reif. Die Zeit ist wie eine Gewitterwolke, in der ein Blitz nur darauf wartet, einzuschla­ gen – irgendwo.« »Und was willst du tun?«, fragte Thilo beeindruckt. »Nicht dort sein, wo er einschlägt«, sagte Sybilla schlicht., Sie stellte ihre Tasse ab und setzte sich hinüber auf das Bett. »Aber wie? Woher willst du wissen, wo er nicht einschlagen wird?« Sie klopfte leicht mit der Hand neben sich auf die Matratze, für Thilo das lang erwartete Signal, ihr zu folgen. Sie roch würzig, auf eine unbeschreibliche Weise überwältigend, als er sich neben sie setzte. »Das werde ich wissen«, erklärte Sybilla. »Ich habe nicht meine Intuition die ganzen Jahre geübt und geübt, um das dann nicht zu wissen. Ich hab' ja nichts anderes getan, weißt du? Alles war nur Intuition, mein ganzes Leben lang. Ich werde es wissen, das versprech' ich dir, und ich werde kommen und dich abholen, und wir werden an einem sicheren Ort warten, bis die Erschütterungen vorbei sind. Danach muss man weitersehen.« Sie lächelte ihn an. »Und während wir warten«, meinte sie viel sagend, »vertreiben wir uns irgendwie die Zeit…« Wolfgang Mattek kam an diesem Tag früher als sonst aus dem Büro, und vor allem gelöster als sonst. »Du glaubst nicht, was heute angekommen ist«, erklärte er Nora, während er den Mantel auszog. »Die Lieferung von Chem-Tech! Mit zehn Tagen Verspätung, das ist wirklich unglaublich. Anscheinend hat der Fahrer irgendwo in Rumänien eine eigenmächtige Pause eingelegt; hatte wohl was mit einer Frau zu tun, die er da kennen gelernt hat.« »Wie romantisch«, meinte Nora verträumt. »Romantisch? Na ja, ich weiß nicht. Liegt mit ihr im Bett, und draußen auf dem Hof steht ein Laster mit ein paar Tonnen Sprengstoff…?« Jedenfalls, erzählte er weiter, seien die Männer im Lager, jetzt beschäftigt mit dem Abladen und Einlagern, und er werde morgen nur noch kurz ins Büro gehen und an Heilig­ abend möglichst gar nicht mehr, und dann sei erst mal Weih­ nachten. »Und so lange weiß ich dann nicht mal, wie man Feuerwerk schreibt!«, versprach er seiner Frau und küsste sie. »Uuh!«, machte die, als er sie wieder losließ. »Aber deine Lippen wissen es noch!« Wolfgang lächelte geschmeichelt und strich sich vor dem Spiegel die Haare zurecht. »Wie geht's denn unserem Gast aus der Milchstraße?« Er drehte sich um, als Schweigen war anstelle der Antwort, die er erwartet hatte. »Nicht so gut«, sagte Nora leise. Sie wirkte, als fühle sie sich schuld daran. »Er sagt, er habe Schmerzen, die seit ein paar Tagen schlimmer werden. Er meint, es läge an der Badewanne. Sie hat nicht die richtige Form.« »Du meine Güte«, erwiderte Mattek. »Man kann ja auch kaum erwarten, dass wir auf so einen Besuch eingerichtet sind!« In diesem Moment klappte oben eine Tür, und Sabrina kam die Treppe herunter. Kelwitt schlafe immer noch, den ganzen Nachmittag schon, berichtete sie. »In der Badewanne, die nicht die richtige Form hat?«, fragte ihr Vater zurück. Sabrina zuckte die Schultern. »Was soll er denn sonst ma­ chen?« »Na ja, das ist die Frage … Was denkst du? Liegt es wirklich an der Form der Badewanne?« »Jedenfalls hat er die Schmerzen immer nach dem Aufste­ hen.«, »Hmm. Das ist natürlich ein Problem. Wie müsste denn so ein Ding aussehen, so eine … wie sagen die dazu?« »Eine Schlafmulde.« »Ja, genau. Hast du ihn mal gefragt, wie die aussieht?« Sabrina nickte. »Ziemlich flach. Er hat erzählt, dass die Jombuuraner, die ganz auf Technik verzichten, einfach im flachen Wasser am Strand schlafen.« »Also im Prinzip«, resümierte ihr Vater, nun wieder ganz der Geschäftsführer beim Lösen eines unvorhergesehenen Problems, »ein flaches Bett, das Kopfende leicht angehoben und von ein paar Zentimetern Wasser überspült. Oder? So dürfte doch auch auf Jombuur ein Strand aussehen?« »Ich denke schon«, meinte Sabrina. »Was hast du vor? Mit ihm nach Gran Canaria fliegen?« »So viel Aufsehen wollte ich eigentlich vermeiden. Nein, erinnerst du dich an das aufblasbare Plantschbecken, das wir früher im Garten hatten, als ihr noch klein wart? Das müsste doch noch irgendwo sein. Wenn wir das im Gästezimmer aufstellen und mit ein paar Zentimetern Wasser füllen, wie wäre das?« Sie kamen überein, dass es auf jeden Fall einen Versuch wert war. Die nächste Stunde verbrachten sie damit, das aufblasbare Gummiteil in den verschiedenen Kellern und Abstellkammern des großen Mattekschen Hauses zu suchen. Nora war sich sicher, dass sie es nicht bei irgendeinem Sperr­ müll weggegeben hatte. Sie war sich allerdings auch sicher, dass es in einem der Kartons sein müsse, die an der hinteren Garagenwand standen, aber in diesen Kartons, das war nach einer staubigen Suchaktion klar, war es nicht. Im Keller, bei den Gartensachen? Dort fanden sie zwar kein aufblasbares, Plantschbecken, aber dafür das alte Zelt, das Thilo im Vorjahr auf seine Fahrradtour hatte mitnehmen wollen. »Na ja«, meinte Nora Mattek und hob die schwere braune Plane in die Höhe. »Ich glaube, selbst wenn wir es gefunden hätten, hätten wir Thilo doch ein neues gekauft. Das ist ja doch eher was fürs Auto.« »Vielleicht sollten wir auch einfach ein neues Plantschbek­ ken kaufen«, schlug Sabrina vor und sah sich angewidert ihre Hände an, die inzwischen schwarz waren vor Dreck. »Heute? Zwei Tage vor Heiligabend?«, meinte ihr Vater. »Wenn du mir sagst, wo man um die Zeit eines kriegt, herzlich gern.« Sie fanden es schließlich auf dem Dachboden, bei den Ur­ laubssachen. Irgendjemand – jeder Elternteil stritt ab, es gewe­ sen zu sein – hatte in einem Anfall von Ordnungs- und Kate­ gorisierungswut alles, was aus Plastik oder Gummi und aufblasbar war, in einer Pappkiste verstaut: aufblasbare Schwimmtiere, Luftmatratzen und eben das aufblasbare Plantschbecken aus Kindertagen. Die Fußluftpumpe mussten sie zum Glück nicht mehr suchen, die lag gleich daneben. Thilo fühlte sich ausgesprochen gut, als er kurz nach fünf wieder im Altersheim ankam, rundum zufrieden und, wie es ihm immer vorkam nach derartigen Nachmittagen oder Näch­ ten bei Emma, mindestens fünf Zentimeter größer. Man sagte ihm, dass Herr Güterling schon mehrmals nach ihm gefragt habe. Als er ihn in seinem Zimmer besuchte, saß Herr Güterling in seinem Ohrensessel am Fenster und schaute hinaus in die anbrechende Dunkelheit., »Wie geht es Ihnen?«, fragte Thilo und setzte sich auf den Stuhl neben ihn. »Ich weiß nicht«, meinte der alte Mann. »Ich glaube, ich ha- be mein Leben verpfuscht.« »Meinen Sie?« Thilo war nicht der Typ, solche Äußerungen mit billigem Trost zu erschlagen. Im Gegenteil – er wollte alles darüber erfahren, wie man ein Leben verpfuschen konnte, solange er noch jung war. Das war mit ein Grund, warum er hierher kam. »Habe ich dir schon mal erzählt«, fragte Güterling, »dass Wernher von Braun mich nach dem Krieg gebeten hat, mit ihm nach Amerika zu gehen?« »Doch«, sagte Thilo, »ich habe davon gehört.« »Er hat mich gebeten, mitzukommen«, versicherte Güter­ ling, wie er das immer zu tun pflegte, »ja, wirklich. Ich habe damals abgelehnt, weil meine Frau es nicht wollte. Amerika, die fremde Sprache, keine Leute, die man kennt, und so wei­ ter. Kannst du dir das vorstellen?« Thilo nickte. »Wir haben uns dann durchgeschlagen, im Nachkriegs­ deutschland, in den Trümmern, in elenden Jobs. Und schließ­ lich hat sie mich verlassen, ist einfach auf und davon, mit einem Kerl, der Geld hatte und ein Auto und so. Dieses Mist­ stück. Geschieht ihr ganz recht, dass sie dann so früh gestor­ ben ist.« Thilo seufzte. Ein Weg, sich das Leben zu verpfuschen, war ganz offenbar, alte Wunden niemals heilen zu lassen, sondern immer und immer wieder darin herumzuwühlen. »Glaubst du, man trifft seine Angehörigen im jenseits wie­, der?«, fragte Güterling. »Glaubst du das?« »Keine Ahnung«, gestand Thilo. »Ich weiß nicht mal, ob es überhaupt ein Jenseits gibt.« Der alte Mann schaute wieder hinaus, hinauf in den wolki­ gen, düsteren Himmel. »Ich schätze, ich werde es bald erfahren«, meinte er verson­ nen. »Aber weiß Gott, ich habe immer noch keine Lust, sie wiederzusehen, das kannst du mir glauben!« Thilo betrachtete ihn von der Seite. In dem schummrigen Licht sah die pergamentene Haut schon aus wie die einer Mumie. Das war es also, was am Ende von einem blieb – eine Ruine von einem Körper und unerfüllte Sehnsüchte. »Ich wollte immer wissen, was dort oben ist«, sprach Güter­ ling weiter, als habe er gehört, was Thilo gedacht hatte. »Wel­ che Geheimnisse die Sterne vor uns verbergen … Und jetzt sehe ich sie nicht einmal, weil lauter Wolken davor sind. Ich weiß nicht – früher waren die Winternächte immer die besten, wenn man Sterne beobachten wollte. Als ich jung war, erinne­ re ich mich an eine Nacht … Ich ganz allein unter einem ge­ waltigen Himmel voller Sterne, einem Himmel wie die Schatzkammer eines Märchenfürsten … Das war so schön. Ich würde meinen rechten Arm geben dafür, das noch einmal sehen zu können.« Er schwieg. Thilo schwieg auch. Manchmal gab es nichts zu reden, das war er gewöhnt, und dann saß er einfach da. Es war eine seltsame Ruhe in diesen Momenten, eine Ruhe, wie sie nur alte Leute ausstrahlen konnten. Aus dieser Ruhe heraus kam ihm ein Gedanke. »Herr Güterling?«, fragte er leise. »Darf ich Sie etwas fra­ gen?«, Der alte Mann blickte ihn an. »Alles, was du willst, mein Sohn. Man muss sein Leben lang Fragen stellen, auch wenn nicht alle beantwortet werden.« Thilo fuhr sich nervös über die Lippen. Wahrscheinlich war das jetzt der schiere Blödsinn. »Was würden Sie sagen«, fragte er langsam, »wenn ich Ihnen erzählen würde, dass bei uns zu Hause gerade ein Außerirdischer auf sein Raumschiff wartet?« Es war vorher schon ruhig gewesen wie in einer Kirche, aber nun war es plötzlich noch stiller. Güterling schien aufgehört haben zu atmen, schaute ihn bloß noch forschend an mit Augen, die zu glühen anfangen wollten. Keine Vorhaltun­ gen, einen alten Mann nicht zum Narren zu halten. Kein Spott. Kein Argwohn. Sie hatten einen Punkt der Wahrheit erreicht, an dem es all das nicht mehr gab. »Bring ihn bitte zu mir«, bat Wilhelm Güterling dann schlicht. »Vielleicht war mein Leben doch nicht vergebens.« Kelwitt hielt es in der unbequemen Schlafmulde der Erdbe­ wohner nicht mehr aus, aber auf zu sein war auch zur Qual geworden. »Tik«, klagte er, »was soll ich nur tun?« »Ich verfüge leider über keinerlei medizinische Wissensbank«, erklärte Tik mit kühlem Bedauern. »Brack! Ein schwerer Konstruktionsfehler, wenn du mich fragst.« »Die entsprechenden Speicher wurden zu Gunsten einer Wis­ sensbank über den interstellaren Handel im Yarnton-Quadranten ausgetauscht. Es wäre also inkorrekt, von einem Konstruktionsfehler zu sprechen.«, »Also gut«, gab Kelwitt nach. »Dann steh' ich eben wieder einmal auf.« Er wälzte sich mühsam aus der Schlafmulde, tränkte den Feuchteanzug nach und schlüpfte hinein. Er war gerade damit fertig, als die Tür aufging und S'briina den Kopf hereinstreck­ te. »Ah, du bist wach«, sagte sie – wobei ihm der Unterschied zwischen ›sie‹ und ›er‹ immer noch nicht recht klar war. »Ja«, bestätigte er. »Ich bin wach. Allerdings wäre es mir lieber, ich wäre es nicht.« »Immer noch Schmerzen?« Kelwitt machte die irdische Geste der Bejahung. S'briina bedeutete ihm ihrerseits mit einer relativ verständlichen Handgeste, aufzustehen und ihr zu folgen. »Wir haben viel­ leicht etwas für dich«, sagte sie. Staunend verfolgte Kelwitt, wie fast der ganze Schwarm hereinkam – Unsremuutr, F'tehr, nur Tiilo fehlte – und in einer gemeinsamen Anstrengung das weiche Möbelstück aus dem vorderen Zimmer schaffte. Dann zogen sie ein seltsames Ding aus blauer und gelber Folie herein, stöpselten ein kleines graues Gerät daran und wechselten sich damit ab, in gleich­ mäßigem Rhythmus mit dem Fuß auf dieses graue Gerät zu treten. Dabei entstand ein zischender Laut, und das Ding aus blauer und gelber Folie fing langsam an, seine Form zu verän­ dern. Wenige kurze Zeiteinheiten später konnte man schon erahnen, worauf das hinauslief: Die blaue Folie fing an, sich zu einem großen flachen Ring zu formen, und die gelbe Folie war im Inneren dieses Rings befestigt. Was das wohl zu bedeuten hatte? Vielleicht ein Abschieds­ ritual? Das gab es auch auf Jombuur. Die Bewohner der Stern­, regenbucht zum Beispiel ließen niemanden gehen ohne ein Abschiedsritual, das in extremen Fällen wesentlich länger dauern konnte als die darauf folgende Reise. Und immerhin würde morgen oder übermorgen das Raumschiff kommen, und dann hieß es schließlich auch, Abschied zu nehmen. »Tik, was tun sie da?« »Hierzu kann ich keinerlei Angaben machen, da mir nicht genü­ gend Grundlagendaten zur Verfügung stehen«, beschied Tik. »Der Gegenstand scheint pneumatisch stabilisiert zu werden. Es ist aber unklar, wozu er dient.« »Schon gut.« Im Grunde war es albern, immer von einem Computer Auskunft zu erwarten über Dinge, die man selber noch nie gesehen hatte. Schließlich stand das Ding fertig da. Das graue Gerät wurde entfernt, und zu Kelwitts Überraschung kam S'briina mit einem Tragegefäß voller Wasser, das sie in den pneumatisch stabilisierten Gegenstand hineinleerte. Dann füllte sie das Tragegefäß erneut, diesmal in dem Raum, in dem Kelwitt bisher geschlafen hatte, und leerte das Wasser zu dem anderen und wiederholte das noch ein paar Mal. »Bitte schön«, sagte sie dann und deutete mit der ausge­ streckten Vorderextremität auf den pneumatischen Gegen­ stand. »Eine neue Schlafmulde!« Kelwitt richtete den Blick auf sie und machte die Geste des fassungslosen Erstaunens. Dann näherte er sich dem blauen Ring. Tatsächlich – eine Schlafmulde, die ungleich komfortab­ ler zu sein versprach als die bisherige. Und schon mit genau der richtigen Menge Wasser gefüllt. »Tik!«, sagte Kelwitt. »Siehst du das?« »Bestätige. Meine optischen Sensoren nehmen deine gesamte, Umgebung wahr.« »Ach, stopf dir doch die Ritze.« Das war fantastisch. Er stieg hinein, nahm sich nicht die Zeit, den Feuchteanzug wieder auszuziehen, sondern streckte sich sogleich der Länge nach hin. »Und?«, fragte S'briina und schaute von oben auf ihn herab, was auf Jombuur ja nun nicht sehr höflich gewesen wäre. »Bequem?« »Ja, es ist sehr bequem«, erwiderte er und spürte eine seit Tagen verdrängte Müdigkeit von seinem Körper Besitz ergrei­ fen. Das war so herrlich, den Körper schwerer und schwerer werden zu spüren, ohne gleichzeitig in sich zusammenzusak­ ken. Die ersten hellen Schleier zogen durch sein Blickfeld. Jetzt würde er endlich schlafen können … »Gute Nacht«, erklärte F'tehr. »Und schöne Träume!« Nein, nicht doch! Er wollte etwas sagen, aber da war dieser dunkle Sog, der an ihm zerrte. S'briiina tat es für ihn. »F'tehr!«, wies sie ihn zurecht. »Man wünscht einem Jombuuraner keine Träume!« Niemandem, dachte Kelwitt. Denn der Punkt der Wahrheit exi­ stiert in jedem Geist, lehrt Jamuni. Aber als er das dachte, schlief er schon, und endlich war es ein tiefer, traumloser Schlaf. Sie kamen gerade alle drei die Treppe herunter, hochzufrieden mit sich und ihrer Plantschbecken-Aktion – die möglicherwei­ se den Ruf der Erde als gastfreundlichen Planeten in der Milchstraße gerettet hatte, wer weiß ? –, als es an der Tür klingelte. In der Annahme, es sei Thilo, der mal wieder den Hausschlüssel vergessen hatte, öffnete Nora, ohne zuvor einen, Blick durch den Spion zu werfen, doch es war Lothar Schiefer, der ohne Zögern eintrat und sofort Anstalten machte, seinen Kaschmirmantel auszuziehen. »Hallo, Nora, hallo, Sabrina, wie geht's euch?«, meinte er dabei gut gelaunt. Dass die Angesprochenen wie versteinert standen und sein Tun fassungslos verfolgten, schien er nicht zu bemerken. »Einen schönen Abend allerseits. Und, Wolf­ gang, alles klar?« »Hallo, Lothar«, brachte Mattek mühsam heraus. Nora fing an, hinter Lothars Rücken mit den Augen zu rollen wie wild. »Waren wir verabredet?« »Verabredet? Was heißt verabredet?« Lothar breitete die Arme aus. »Hast du etwa unseren Männerabend vergessen?« Wolfgang Mattek machte den Mund auf, und dann machte er ihn wieder zu. Der Männerabend! Den hatte er in der Tat vergessen. Sie trafen sich alle vier Wochen, jeweils mittwochs und jeweils abwechselnd bei einem von ihnen beiden zu Hause. In der Regel, um den Abend über in seinem Arbeits­ zimmer zu sitzen, nach und nach eine gepflegte Flasche Rot­ wein niederzumachen und dabei über Gott und die Welt zu reden, meistens jedoch über die Welt und wie sich Geld in ihr verdienen ließ. Ausgeschlossen, das heute Abend so wie immer durchzu­ ziehen und dabei so zu tun, als sei nichts. Als schliefe nicht im Zimmer darüber ein Außerirdischer aus unvorstellbaren galaktischen Tiefen einen unruhigen Schlaf in einem wasserge­ füllten, plätschernden, quietschenden Kinderplantschbecken … Er brauchte Nora nicht anzusehen, um zu wissen, dass sie das Gleiche dachte., »Also, Lothar, um ehrlich zu sein«, begann er, fasste den Freund am Arm, holte ihre Mäntel vom Haken und dirigierte sie beide sanft in Richtung Haustür, »es war mir tatsächlich entfallen. Und um ganz ehrlich zu sein, es passt Nora heute auch überhaupt nicht. Weihnachten, du verstehst… Aber da du schon einmal da bist, lass uns doch in diese Weinstube gehen, von der du neulich erzählt hast. Ich lade dich ein, in Ordnung?«, »Vierzigtausend Mark!«, stöhnte Hermann Hase erschüttert. »Wie soll ich dem Chef jetzt vierzigtausend Mark 'rauseiern?« »Von dem kriegst du keinen Pfennig«, prophezeite Kaul­ quappe und las zum hundertsten Mal die Kopie des Kosten­ voranschlags durch, die der Brunnenwirt ihnen mitgegeben hatte. »Der will dich nicht mal sehen. Aber sag mal – müsste das nicht überhaupt irgendeine Versicherung zahlen?« Hase hob gequält den Kopf. »Eine Versicherung? Was für eine Versicherung? Gegen außerirdische Raumschiffe?« »Wir könnten ihm den Rest seiner Hütte abfackeln. Dann muss die Feuerversicherung zahlen.« »Klar. Versicherungen zahlen ja einfach. Die stellen keine unbequemen Fragen vorher.« Kaulquappe studierte die einzelnen Posten auf dem Blatt, das den Briefkopf des einzigen Zimmermanns von Blaukirch trug. »Meinst du, die haben sich abgesprochen, um uns aus­ zunehmen?« »Nein, ich hab' mich erkundigt. Ein völlig üblicher Preis für ein neues Scheunendach.« »Du hättest mir ruhig vorher sagen können, dass du ein au­ ßerirdisches Raumschiff suchst.« »Ja, schon gut. Ich hätt's dir rechtzeitig gesagt, okay?« »Und dass jemand an Bord war, hast du mir auch ver­ schwiegen.«, Hase seufzte. »In unserem Beruf neigt man nun mal stark zur Geheimniskrämerei.« Einer derjenigen, die auf die Nachricht von George Bell auf­ merksam wurden, war Rainer Weck, Bibliothekar an der Universität Hamburg und nebenbei Leiter eines eingetragenen Vereins zur Aufklärung von UFO-Sichtungen, der seinen Sitz in Hamburg, aber Mitglieder in aller Welt hatte. Rainer Weck schickte eine ziemlich skeptisch formulierte E-Mail mit der Bitte um genauere Angaben direkt an George Bell, die diesen noch erreichte, gerade als er sich eigentlich ausloggen und zu Bett gehen wollte. Der skeptische Ton ärgerte George, und er schrieb eine ausführliche Antwort, in der er schilderte, wie er von dem Vorfall Kenntnis erlangt hatte. Er verschwieg dabei, dass sich das belauschte Gespräch auf dem Klo abgespielt hatte und dass sich die Gesprächspartner eher darüber amü­ siert als es ernst genommen hatten, aber er nannte den Namen seines Chefs, Joe Duggan. Rainer Weck wollte das Ganze immer noch nicht in den Kopf. Ein Außerirdischer in Stuttgart, in der biederen schwä­ bischen Hauptstadt, die eher durch Brezeln und bizarre Sau­ berkeitsrituale bekannt war? Das musste doch leicht als vor­ sätzliche Täuschung aufzuklären sein. Er beschloss, den Fall an das einzige Vereinsmitglied in Stuttgart weiterzuleiten, den Kunststudenten Thomas Thieme. Der hielt den ganzen Vorfall für reichlich abstrus und kaum für wert, Mühe darin zu investieren. Schließlich ging er lustlos daran, die Stuttgarter Grundschulen abzutelefonieren. Davon gab es nicht wenige. Überall sagte ihm die Sekretärin als Erstes, dass die Weihnachtsferien schon begonnen hätten und, alle Lehrer schon weg seien. Als zweites, dass sie ihm keine personenbezogenen Auskünfte erteilen dürften. Thieme ver­ suchte mit allerlei wilden Geschichten, in denen alte Klassen­ fotos, schwierige Erbschaften, heimliche Liebschaften, Reue nach langen Jahren oder Lottogewinne eine Rolle spielten, diese Hürde zu überwinden, scheiterte jedoch überall. Schließ­ lich gab er es auf. »Du siehst etwas mitgenommen aus«, erklärte Nora Mattek ihrem reichlich verkatert dreinblickenden Ehegatten an diesem Morgen. »Mitgenommen?«, ächzte der. »Ja, das liegt an dem Schup­ pen, in den Lothar mich mitgenommen hat. Eine Weinstube, pah! Eine total verräucherte Kneipe mit viel zu vielen allein­ stehenden Frauen und viel zu hohen Preisen. Oh, mein Kopf – ich darf mich nicht so aufregen. Wie spät ist es?« »Zehn Uhr. Ich habe dich schlafen lassen.« »Das war wirklich rücksichtsvoll von dir. Nachdem ich mich schon geopfert habe.« »Hier hättet ihr wirklich nicht bleiben können. Kelwitt ist kurz nach neun aufgewacht und durchs Haus getigert.« Wolfgang Mattek nickte und bereute diese Bewegung gleich darauf wieder. »Ich hätte ihn rechtzeitig anrufen können, um die Verabredung zu verschieben. Aber ich hab's immer vor mir hergeschoben. Und dann vergessen, vor lauter Chem- Tech.« »Meinst du, er hat jetzt irgendeinen Verdacht? Dass wir et- was verbergen?« Mattek ließ sich tiefer ins Kissen sinken und überdachte den, überstandenen Abend. Sie hatten hauptsächlich über Geld geredet, über die neuen Steuer- und Rentenpläne der Bundes­ regierung, die Entwicklung des europäischen Wirtschafts­ raums und ähnliche Dinge. Und über allerhand Themen, die nur Männer etwas angingen. »Natürlich ist ihm das etwas seltsam vorgekommen, weil ich ja normalerweise nicht der Typ bin, der gern abends durch Kneipen zieht. Aber ich habe behauptet, du würdest Großputz machen und hättest uns ausquartiert.« Er warf Nora einen Blick zu, von dem er hoffte, dass sie ihn als liebevoll-verschmitzt erkennen würde. Da seine Augen sich verquollen anfühlten, war er sich dessen nicht so sicher. »Ich glaube, das hat ihm eingeleuchtet.« Lothar Schiefer hatte an diesem Morgen Schwierigkeiten, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, und das lag nicht an dem Alkohol oder dem Tabakrauch der vergangenen Nacht, son­ dern an dem nagenden Gefühl, dass Wolfgang Mattek etwas vor ihm verheimlichte und er keine Ahnung hatte, was das sein mochte. Dass er ihm etwas verheimlichte, stand außer Frage. Mattek war ein schlechter Lügner, und heucheln konnte er gar nicht. So sehr dies ab und zu hinsichtlich der Nutzung gewisser steuerlicher Sparmöglichkeiten zum Problem wurde, war es menschlich doch zu begrüßen und mit ein Grund, dass sie eine Beziehung pflegten, die man beinahe als Freundschaft hätte bezeichnen können. Umso mehr beunruhigte ihn die Tatsache, dass Mattek ihn am vergangenen Abend hatte ablenken wollen von – ja, wo­ von? Er hatte ihn aus dem Haus haben wollen – warum? Was um alles in der Welt konnte einen Menschen wie Wolfgang, Mattek dazu bringen, einen geschlagenen Abend lang den sich amüsierenden Kneipengänger zu mimen? Auf diese Frage wusste auch Lothar Schiefer keine Antwort. War ein anderer Steuerberater im Haus gewesen und hatte die Unterlagen geprüft? Unsinn. Warum hätte Mattek so etwas tun sollen? Und außerdem hätte er ihm ja nur abzusagen brauchen. Sie waren beide viel beschäftigte Leute. Übers Jahr gesehen fand höchstens die Hälfte ihrer Treffen so statt wie geplant. Das wäre absolut unverdächtig gewesen, gerade jetzt kurz vor Weihnachten und dem Jahrtausendsilvester, das Mattek mehr als genug Arbeit machte. Aber diese Nummer mit dem »Was, Männerabend? Habe ich total vergessen …« war ja wohl mehr als unglaubwürdig gewesen. Nein, wie man es auch drehte und wendete, das machte al­ les keinen Sinn. Das war der Grund, warum Lothar Schiefer sich nicht auf seine Arbeit konzentrieren konnte. Lothar Schie­ fer war ein Mann, der viele Geheimnisse hatte. Aber was er absolut nicht mochte, war, wenn andere Ge­ heimnisse vor ihm hatten. Sabrina musterte ihren Bruder, als wüchsen ihm gerade rosa Hörner. »Das ist nicht dein Ernst.« »Klar ist das mein Ernst.« »Mit Kelwitt ins Altersheim? Wie stellst du dir das vor?« Thilo verdrehte die Augen. »Jetzt tu nicht so. Das ist die leichteste Übung der Welt.« »Du bist total übergeschnappt. Genau wie dein Herr Güter­ ling.«, »Was ist denn schon dabei? Wir machen einem alten Mann eine Freude, und selbst wenn uns jemand sehen sollte – na und? Morgen düst Kelwitt ab in die Milchstraße, und das war's dann. Soll sich aufregen, wer will.« Ja, morgen war es soweit. Sabrina spürte einen Stich tief im Bauch bei diesem Gedanken. Die ganze Zeit bemühte sie sich, nicht daran zu denken, und nun sprach ihr Bruder es mit geradezu brutaler Coolness aus, einfach so. »Was heißt aufregen?«, brummte sie und musste sich einge­ stehen, dass ihr irgendetwas an Thilos Vorhaben gefiel. »Wir werden ein Dutzend Herzinfarkte auslösen, wenn wir mit Kelwitt durchs Altersheim laufen.« »Wir laufen nicht mit ihm durchs Altersheim. Wir gehen durch den Notausgang Süd rein, sobald es dunkel ist. Ich mach' die Tür von innen auf, und …« »Der Notausgang, klar. Damit in irgendeiner Zentrale der Alarm losgeht.« »Da geht schon ewig kein Alarm mehr los. Was glaubst du, wie sich manche spät nachts von ihren Sauftouren zurück ins Heim schleichen?« »Sauftouren? Ich denk', das sind alles tatterige Grufties, die bloß noch Haferschleim mummeln?« »Quatsch. Etliche von denen sind einfach von ihren Famili­ en abgeschoben worden und wollen noch was vom Leben haben.« Sabrina runzelte die Stirn. »Wie schleicht man sich zu einem Notausgang rein, der sich nur von innen öffnen lässt?« »Mit einem Kumpanen im Heim und einem Handy in der Jacke.«, »Ah.« Ein Raketenpionier. Vielleicht war das auch für Kel­ witt eine interessante Sache. »Und weiter?« »Wir gehen hoch in den zweiten Stock. Güterlings Zimmer ist das erste vom Notausgang aus. Und dann …« Thilo zuckte die Schultern. »Keine Ahnung, was dann passiert.« Die neue Schlafmulde war wirklich wesentlich besser als die alte. Kelwitt fühlte sich beinahe wieder wohl, zumindest hatten die Schmerzen im Rücken ziemlich nachgelassen. Zwar hatte er sehr unruhig geschlafen, war mehrmals nachts aufge­ standen und hatte zuletzt gar kein Gefühl mehr dafür, welche Tageszeit auf dem Planeten gerade herrschte, aber das war wahrscheinlich nur eine körperliche Gegenreaktion. Sagte er sich zumindest. Sabrina hatte ihm – ohne dass er noch einmal danach ge­ fragt hätte – ein interessantes Buch gegeben, in dem nun endlich die Fortpflanzung der Erdbewohner ausführlich erklärt wurde. Wirklich eine interessante Lektüre. Nein, interessant war nicht das richtige Wort. Bizarr passte besser. Dass es zwei Arten von Menschen gab, wurde als selbstver­ ständlich vorausgesetzt. Offenbar war das bei allen Erdlebe­ wesen in irgendeiner Form der Fall, sodass niemand auf die Idee kam, zu fragen, wozu es gut sein solle. Diese zwei Arten von Menschen waren zudem in einer Weise unterschiedlich gebaut, dass man den Eindruck bekommen konnte, alles im Leben der Menschen drehe sich um den Fortpflanzungspro­ zess. Die Mann-Variante des Menschen verfügte über ein Organ, das an einer dafür denkbar ungeeigneten Stelle – nämlich, genau zwischen den Beinen – aus dem Körper wuchs und offenbar, wenn er das richtig gelesen hatte, im Stande war, seine Größe und Konsistenz zu verändern. Wann diese Verän­ derungen erfolgten und wodurch sie ausgelöst wurden, war in dem Buch nur sehr nebulös erklärt, unmissverständlich dage­ gen, wozu das Organ diente, wenn es seine maximale Größe und Festigkeit erreicht hatte. Kelwitt mochte es kaum glauben. »Wenn ich das richtig verstehe«, resümierte er für Tik, »dann müssen sich immer genau ein Mann-Mensch und ein Frau-Mensch zusammentun, damit eine Zeugung geschehen kann.« »Das scheint in der Tat notwendig zu sein«, bestätigte Tik. »Aber wenn es derart in das Belieben der Menschen gestellt ist, ob sie sich fortpflanzen oder nicht«, überlegte Kelwitt weiter, »dann frage ich mich, wie es dazu kommt, dass es so über alle Maßen viele von ihnen gibt.« »Das ist eine gute Frage.« Die Einzelheiten des Zeugungsvorganges waren überaus bizarr. Das Organ des Mann-Menschen drang durch einen speziell für diesen Zweck vorgesehenen Kanal in den Körper des Frau-Menschen ein und deponierte an dessen Ende ein Sekret mit mehreren Millionen Zellen, die jeweils eine Hälfte des Erbguts des Mann-Menschen enthielten. Diese Zellen, die über ein längliches Fortbewegungsmittel verfügten, veranstal­ teten dann eine Art Rennen, dessen Ziel eine einzige Zelle des Frau-Menschen war, die ihrerseits eine Erbguthälfte beinhalte­ te. Und nur eine Einzige der von dem Mann-Menschen abge­ gebenen Zellen verschmolz mit dieser Zelle, um so einen kompletten Satz Erbinformationen zu erhalten; die übrigen Millionen Zellen gingen unter. »Wie kompliziert!«, wunderte, Kelwitt sich. Aber richtig kompliziert wurde es erst jetzt. Denn diese komplettierte Zelle verblieb nun im Körperinneren des Frau-Menschen, um dort über zahllose Perioden heranzureifen zu einem fertigen Junglebewesen! Kelwitt studierte die Abbil­ dungen und Körperquerschnitte mit gelinder Fassungslosig­ keit. Auf manchen sah es aus, als sei das Jungwesen ein un­ aufhaltsam größer werdender Parasit, der das Wirtswesen nach und nach aushöhlte. Wie ein Frau-Mensch diesen Vor­ gang aushalten konnte, war Kelwitt ein Rätsel. Und dann, am Schluss der Entwicklungsperiode, kam das Schlüpfen. Wie er eigentlich nicht mehr erwartet hatte, stellte das den Höhepunkt des Bizarren dar: Denn nichts weniger geschah, als dass das große, fertig ausgebildete Jungwesen durch eben den schmalen Kanal hinausgedrückt wurde, der zu Beginn das Organ des Mann-Menschen aufgenommen hatte! »Das ist, bei Jamuuni, das Unglaublichste, was ich je gelesen habe«, murmelte Kelwitt. Auf den Bildern sah es aus wie eine grässliche Fehlentwicklung der Natur. Die Menschen konnten einem wirklich Leid tun. Da war ein Foto einer Menschenfrau, deren Junges gerade schlüpfte, und es schien tatsächlich so schmerzhaft für sie zu sein, wie es der Beschreibung nach sein musste. »Um so unverständlicher, dass sie das überhaupt auf sich nehmen. Jm Grunde müssten die Menschen längst ausge­ storben sein.« »Ohne vollständige Kenntnis der Fakten ist das nicht zu beurtei­ len«, meinte Tik nur. »Wieso?« Kelwitt blätterte das Buch durch. »Hier stehen sie doch, die Fakten.« »Aber offensichtlich sind die Menschen nicht ausgestorben.«, »Ja«, musste Kelwitt zugeben. »Das ist wirklich schwer zu verstehen.« In diesem Moment klopfte es, und S'briina kam herein. Ein Frau-Mensch, rief Kelwitt sich in Erinnerung. Er musste sie bei Gelegenheit fragen, was sie vom menschlichen Fortpflan­ zungsprozess hielt. »Hallo, Kelwitt!«, sagte sie. »Wie geht es dir?« Es gehe ihm gut, erwiderte Kelwitt höflich. »Wie gefällt dir das Buch?« Schwer zu sagen. »Sehr interessant«, meinte er schließlich vage. Aber es schien sie nicht wirklich zu interessieren, wie ihm das Buch gefiel. »Ich wollte dich etwas fragen«, begann sie. »Das heißt, eigentlich Tiilo und ich …« Es war alles ruhig im zweiten Stock des Altersheims. Ein dunkelgrüner Teppichboden bedeckte den Boden des breiten Flurs wie moosiger Rasen, Rollstühle, Infusionsständer und gerahmte Kupferstiche schmückten die Wände, niemand war zu sehen oder zu hören. Sie schlossen die schwere, feuerfeste Stahltür des Notausgangs hinter sich. Thilo gestattete sich ein triumphierendes Grinsen. Kelwitt zog den Parka aus, und er schien froh zu sein, das endlich tun zu können. »Brauchst du Wasser?«, fragte Sabrina ihn halblaut. Sie trug seine Wachsdecke und eine Plastikflasche mit Wasser in einer Umhängetasche bei sich. Kelwitt schüttelte den Kopf, sah sich um, während er Thilos Parka auf eigenartige Weise zusammenlegte. »Ich finde es befremdlich, dass ihr eure alt gewordenen Artgenossen ver­, stoßt«, erklärte er. »Wir behalten die Alten bei uns im Nest, bis sie sterben. Und dann übergeben wir ihre Körper dem Meer.« »Ja, ja«, machte Thilo. »Ihr seid gut und weise, das ist schon klar. Komm jetzt.« Er drängte sie zur ersten Tür auf der rech­ ten Seite, klopfte kurz an und machte dann auf, ohne eine Aufforderung abzuwarten. Sie marschierten hinein, irgend­ wie, ein bunter Haufen – doch dann, als sie Wilhelm Güterling sahen, blieben sie unwillkürlich stehen. Da saß er, in seinem Rollstuhl, hoch aufgerichtet, in seinem besten Anzug und hellwach. Der Rollstuhl mitten im Zimmer, als habe er darauf gewartet, abgeholt und woandershin gefah­ ren zu werden. In seinem Gesicht war ein Ausdruck feierli­ cher, geradezu hochachtungsvoller Erwartung, und es war dieser Ausdruck, der Sabrina und Thilo veranlasste, stehen zu bleiben wie jemand, der unbedacht in eine Kirche gestolpert kommt und plötzlich gewahr wird, wo er sich befindet. Selbst Kelwitt schien beeindruckt; er trat langsamen Schrittes vor den alten Mann hin, und dann blieben die beiden eine ganze Weile so, sahen einander an und sagten nichts. Schließlich brach Güterling das Schweigen. Ein feines Lä­ cheln schimmerte auf seinem Gesicht auf, als er langsam die rechte Hand hob wie zu einem Schwur. »Ich grüße Sie«, sagte er mit bebender Stimme, »und heiße Sie auf der Erde will­ kommen.« Kelwitt ahmte die Geste nach. »Ich bin schon eine ganze Weile hier«, erklärte er dazu. Güterling nickte. »Thilo hat mir davon erzählt. Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen? Ihr beiden auch. Thilo, bist du mal so gut und holst die Stühle dort drüben herbei?« Als sie alle saßen, Kelwitt auf dem einzigen Stuhl mit unge­, polstertem Sitz, seine blumige Wachstischdecke untergelegt, wollte die feierliche Stimmung immer noch nicht weichen. »Es gibt also Leben da draußen«, stellte Güterling sinnend fest und lächelte Kelwitt an. »Da draußen?«, wiederholte der. »Im Weltall. Auf anderen Planeten.« Kelwitt sah zwischen ihnen umher. »Ja«, meinte er dann. »Planeten sind die Voraussetzung für die Entstehung von Leben.« »Und es gibt viele belebte Planeten?« »Ich denke schon.« Güterling wiegte wohlwollend das Haupt. So lebendig, wach und klar hatte Thilo ihn noch nie erlebt. »Ihr beherrscht also die interstellare Raumfahrt. Ihr könnt schneller fliegen als das Licht. Es ist also möglich.« »Ja«, erwiderte Kelwitt. »Wieso sollte es nicht möglich sein?« Güterling lächelte. »Sie müssen wissen, dass ich früher – in der Zeit meines Lebens, von der ich heute weiß, dass sie die beste war – beteiligt war an der Entwicklung von Raketen. Unsere Raketen wurden zwar für den Krieg verwendet, aber gedacht – gedacht hatten wir sie für den Weltraum. Der Flug in den Weltraum: Das war unser großes Ziel. Später wurde es dann Wirklichkeit. Menschen flogen in den Weltraum, sogar bis zum Mond. Und wir schickten Roboter zu den anderen Planeten unseres Sonnensystems, zu Mars, Venus, Jupiter… Aber verglichen mit Ihrer Technik sind das natürlich nur Kinderschritte. Sie lachen wahrscheinlich über uns.« »Oh, nein«, versicherte Kelwitt ihm. »Das ist mir noch nie in, den Sinn gekommen. Offen gestanden, verstehe ich nicht viel von Raumfahrt.« »Aber Sie sind doch sicher mit einem Raumschiff herge­ kommen? Auf die Erde, meine ich.« »Ja. Allerdings bin ich damit abgestürzt.« Güterling hob die Augenbrauen. »Heißt das, Sie können nun nicht mehr zurückkehren auf Ihre Welt?« »Doch. Zumindest hoffe ich es. Das große Raumschiff wird kommen und mich abholen.« »Das große Raumschiff?«, hakte der alte Mann nach. »Was meinen Sie damit?« »Das große Raumschiff«, erklärte Kelwitt geduldig, »hat mich vor sechs Tagen Ihrer Zeitrechnung mit einem kleinen Raumschiff in diesem Sonnensystem abgesetzt. Da ich nicht zum vereinbarten Zeitpunkt am Treffpunkt sein werde, wird man mich suchen.« »Ah«, machte Güterling. »Ich verstehe. Eine Art Mutter­ schiff. Und Sie sind mit einem kleinen Beiboot unterwegs gewesen. Ja, das leuchtet ein. Und wann, denken Sie, wird es soweit sein? Wann wird man Sie abholen?« Kelwitt machte eine seiner sanften Gesten, hielt mittendrin inne und hob in einer sehr menschlich wirkenden Weise die Schultern. »Es müsste bald soweit sein. Morgen, oder vielleicht sogar schon heute. Im Prinzip kann es jeden Augenblick geschehen.« Güterling nickte verstehend, sagte aber nichts, sondern sah den Gast aus dem Weltraum nur an, so eindringlich und aufmerksam, als wolle er sich dessen wirklicher Gegenwart ganz unzweifelhaft versichern und sich jede Einzelheit seiner, Gestalt für immer ins Gedächtnis graben. Kelwitt erwiderte den Blick mit seinen großen, schwarzen, pupillenlosen Augen. Zumindest sah es so aus. Wie es wohl sein würde? Sabrina musste sich eingestehen, dass sie darüber noch nicht nachgedacht hatte, die ganze Zeit nicht. Würde es so sein wie in dem Film Unheimliche Begegnun­ gen der dritten Art – ein gewaltiges, lichterglühendes Raum­ schiff, das sich aus dem Nachthimmel auf erwartungsvoll wartende Menschen herabsenkte? Oder würde man Kelwitt einfach hochbeamen, rasch und unauffällig, fast beiläufig? Sie sah ihren Bruder die beiden so ungleichen Gesprächspartner, ins gemeinsame Schweigen verfallen, gedankenverloren betrachten. In diese Stille hinein öffnete sich die Zimmertür., Elke Gombert, Altenpflegeschülerin im dritten Lehrjahr, blieb in der Tür stehen, mit haltlos herabgesunkenem Unterkiefer, die Klinke in der Hand, und starrte die Gruppe der Besucher an. Was sie eigentlich gewollt hatte – Herrn Güterling die abendliche Spritze mit dem blutverdünnenden Mittel geben – war angesichts insbesondere des einen Besuchers vergessen. Was war das? In welchem Film war sie gelandet? War das … war das etwa … … ein Flashback?? Ein Kaleidoskop längst vergessen geglaubter Erinnerungen schoss in Sekunden vor ihrem inneren Auge vorbei, durch­ zechte Nächte an den Stränden Marokkos und Goas, selbst­ mörderische, wilde Fahrten auf schweren Motorrädern, dro­ genumnebelte Überfälle auf Läden, auf Passanten, ein Sud, der in einem angelaufenen Silberlöffel köchelte, dünne Linien weißen Pulvers auf einem fleckigen Spiegel, abgrundtiefe jenseitshohe Träume, unbeschreibliche Ritte durch unbegreif­ liche Dimensionen, zahllose wahllose Liebhaber – ein ganzes Leben, mit dem sie Schluss gemacht hatte und von dem nie­ mand etwas wissen sollte, vor allem ihr Freund nicht, an dessen Zuneigung ihre ganze Zukunft hing, ihre ganze Hoff­ nung. Und nun … Ein Flashback? Die Sühne für vergangene Missetaten. Drogen konnten so etwas tun, konnten sich im Körper verstecken und irgend­, wann wiederkommen, einen neuen Rausch auslösen, eine längst vergangene Vision zurückrufen. Konnten einen glauben machen, man sähe einen Menschen, der wie ein Delfin auf zwei Beinen aussah, mit großen schwarzen Augen wie die Augen eines Rauhaardackelwelpen, einen Delfinmenschen, schlank und schön wie ein Engel. Da war eine Stimme. Herr Güterling, der sagte: »Guten Abend, Elke.« »Guten Abend, Herr Güterling«, hörte, spürte sie sich sa­ gen. »Sie haben Besuch?« »Ja«, sagte Herr Güterling und wies auf den Delfinmen­ schen. »Das ist Kelwitt. Er kommt von einem Planeten in der Nähe des Milchstraßenzentrums, stellen Sie sich vor. Und das ist Sabrina, die Schwester von Thilo. Na, und Thilo kennen Sie ja.« »Ja. Sicher. Schön. Dann will ich nicht weiter stören.« »Aber Sie stören doch nie«, versicherte Herr Güterling ihr, ehe sie die Türe wieder zuzog und machte, dass sie ins nächste Bad kam. Dort erbrach sie sich und betrachtete sich dann, nachdem sie ihren Mund ausgespült und das Gesicht mit endlos viel kaltem Wasser gewaschen hatte, lange Zeit im Spiegel. Das war alles nicht wirklich passiert. Genauso wenig wie ihr altes Leben. Kelwitt hatte sich sofort nach ihrer Rückkehr wieder in sein Plantschbecken gesetzt. Man konnte zusehen, wie sein Feuch­ teanzug sich wieder mit Flüssigkeit vollsog. »Der alte Erdbewohner hat sich sehr gefreut, mich zu se­ hen«, sagte er. Es klang nachdenklich, trotz der metallenen Stimme, gerade so, als frage er sich nach dem Grund dafür., »Ja«, nickte Sabrina. »Aber nun bin ich schon wieder müde.« Eine schwermütig wirkende Geste mit einer Hand und sachte schlängelnden Fingern. »Immer bin ich müde. Ich weiß nicht, wieso.« »Es ist spät.« »Ja.« Er wackelte mit dem Kopf. Das tat er in letzter Zeit öfter, und Sabrina hatte noch nicht herausgefunden, was es zu bedeuten hatte. »Stimmt es übrigens, dass F'tehr und Unsre­ muutr wieder ein Junges gezeugt haben?« »Was?« Sabrina riss die Augen auf. »Wie kommst du dar­ auf?« Kelwitt beugte sich über den Beckenrand und griff nach dem Aufklärungsbuch, das sie ihm zu lesen gegeben hatte. »In der zweiten Nacht, die ich in eurem Nest verbracht habe, bin ich in ihren Raum gegangen, weil ich seltsame Geräusche hörte. Ich wusste nicht, was sie taten.« Er reichte ihr das Buch. »Nun weiß ich es. Sie zeugten ein Junges.« Sabrina brauchte ein paar keuchende Anläufe, ehe sie ein hustenartiges Gelächter zu Stande brachte. »Das glaub' ich nicht!«, stieß sie hervor. »Das glaub' ich einfach nicht. Du hast meine Eltern beim Sex beobachtet?« »Sex, ja«, nickte der Außerirdische ernsthaft. »Der Vorgang der Zeugung eines Menschenjungen.« »Ja, schon. Aber ich glaube nicht, dass meine Eltern noch mal ein Kind wollen.« »Wozu haben sie dann Sex gemacht?« »Du meine Güte. Meistens macht man Sex, weil es Spaß macht!«, »Weil es Spaß macht?« Kelwitts Stirnhaut rings um die Au­ gen kräuselte sich. »Davon stand nichts in dem Buch.« »Ach.« Sabrina schlug es auf, blätterte darin. Kelwitt hatte Recht. Das Buch, das im Untertitel versprach, jungen Men­ schen alle Geheimnisse der Geschlechtlichkeit zu enthüllen, verschwieg die Tatsache, dass Sex Spaß machte. »Tatsächlich. Das steht nirgends.« »Es ist«, gab Kelwitt zu und begann, den Feuchteanzug ab­ zustreifen, »schwer vorstellbar, wie euer Akt der Zeugung Spaß machen soll.« »Ich weiß ja nicht, wie das bei euch ist«, erwiderte Sabrina und klappte das Buch wieder zu, »aber ich kann dir versi­ chern, dass wir Menschen ganz verrückt danach sind.« Dann stand sie mitten im dunklen Zimmer und lauschte. Ihr Zimmer. Ihr Refugium. Sie lauschte auf ihren Atem. Auf ihren Herzschlag. Horchte dem Regen zu, der sacht gegen die Scheiben rieselte, feucht daran herunterlief. Den Reifen eines langsam vorbeifahrenden Autos, die genüsslich über die klatschnasse Straße schmatzten. Und die Heizung knackte immer wieder, wie ein schlecht verschraubtes Bett beim Um­ drehen darin. Sie kannte das Gefühl, das in ihr hochstieg und sich anfühl­ te, als wäre ihr Körper ein Bogen, der langsam, beinahe an­ dächtig gespannt wurde. So begann es immer. Dann sah immer alles so einfach aus, völlig klar und übersichtlich, und Probleme gab es nicht. Sie hatte gelernt, sich zu sagen, dass die Probleme nur vorübergehend verschwunden waren, dass sie Urlaub genommen hatten, mal kurz ein Bier trinken waren und zurückkommen würden. Weil das Leben nicht so einfach war. Weil es Probleme gab, immer, überall. Weil man Proble­, me berücksichtigen musste, und wenn man das tat, dann war alles nicht mehr so einfach. Das hatte sie sich beibringen lassen, aber in diesen Momenten glaubte sie sich selbst nicht. Im Grunde war es doch einfach, oder etwa nicht? Kelwitt würde nicht mehr lange hier sein. Das stand fest. Jeden Au­ genblick konnte es soweit sein, dass sie kamen, um ihn zu holen, womöglich heute Nacht schon, sicher aber morgen, spätestens morgen Abend. Und dann würde er wieder fort sein. Und sie würde niemals wieder diese feuchte, samtene Haut berühren. So einfach war das. Wenn sie es jetzt nicht tat, dann würde sie es niemals tun. Er war nicht wirklich müde. Es wurde Zeit heimzukehren. So interessant das alles war, allmählich überforderte es ihn. Zum Geist des Verderbens mit der Orakelfahrt, mit Mu'ati, mit Denopret, mit Isuukoa und wie sie alle hießen. Es wurde wirklich Zeit, und er würde sich nie mehr über das Leben in der Donnerbucht beschweren, das gelobte er bei den Worten Jamuunis. Mit der Entspannung im flachen Wasser schwanden die Schmerzen, und Kelwitt fiel in einen leichten Dämmerzu­ stand, mehr aus Langeweile als aus sonst einem Grund. An der Schwelle zum Schlaf riss ihn die Rückkehr S'briinas wieder wach. Sie schlüpfte eilig herein und gab sich Mühe, die Türe hinter sich möglichst leise zu schließen, schaltete dann nicht das große Deckenlicht an, sondern ein kleines Leucht­ element, das auf einem Tisch stand und den Raum in ein für Menschenaugen, wie er inzwischen wusste, unzureichendes Licht hüllte. Dann hockte sie sich neben seiner Schlafmulde auf den Boden und sah ihn an., »Ich habe dir doch heute Morgen das Buch gegeben«, sagte sie. »Ja«, bestätigte Kelwitt. »Wie hat es dir gefallen?« Kelwitt überlegte. Unter diesem Gesichtspunkt hatte er es nicht gelesen. »Es war sehr informativ«, meinte er schließlich. S'briina machte die bejahende Geste, etwas heftiger als üb­ lich. »Und«, fragte sie weiter, »hast du dich dabei nicht ge­ fragt, wie eine Menschenfrau nackt aussieht?« Das, fand Kelwitt, war eine merkwürdige Frage. Sie war ihm nicht in den Sinn gekommen, als er das Buch studiert hatte, und es leuchtete ihm auch nicht ein, warum sie ihm hätte in den Sinn kommen sollen. »Nein. Es waren ausrei­ chend viele diesbezügliche Abbildungen in dem Buch enthal­ ten.« »Aber die Wirklichkeit«, meinte sie und bewegte heftig die Hände, »die Wirklichkeit ist doch etwas ganz anderes als Abbildungen!« Kelwitt machte die Geste der Bestätigung. »Das ist zweifel­ los richtig.« »Und hier bin ich, eine richtige, wirkliche Menschenfrau! Möchtest du nicht wissen, wie ich nackt aussehe?« Er musterte sie. Irgendwie kam sie ihm anders vor als sonst. »Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.« »Und wenn du jetzt darüber nachdenkst?« Diese Erdbewohner waren wirklich merkwürdige Wesen. Immer wenn er gerade glaubte, sie ein wenig verstanden zu haben, benahmen sie sich wieder auf eine Weise, die ihm Rätsel über Rätsel aufgab. »Eure Sitte, euch ständig zu beklei­, den, verstehe ich nicht«, erklärte Kelwitt. »Wenn man in der Umgebung lebt, in der sich die eigene Spezies entwickelt hat, sollte es nicht notwendig sein. Ich frage mich, ob es euch einfach zur Gewohnheit geworden ist und wenn ja, warum. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Kleidung für euch nicht nur Schutz ist, sondern auch Schmuck, und dass …« »Ja, ja, ja«, unterbrach sie ihn ungeduldig. »Was ist? Soll ich mich ausziehen oder nicht?« Kelwitt hielt inne, überdachte das, was er gerade gesagt hat­ te, und machte dann die Geste der Bekräftigung. »Ja, natürlich !« »Ich dacht' schon…«?, murmelte S'briina rätselvoll, stand auf und begann, ihre Bekleidung abzulegen. Sie machte es ziemlich langsam, beinahe so, als könne sie sich nur schwer davon trennen. Zuerst legte sie das weite Kleidungsstück ab, das den oberen Teil ihres Körpers bedeckte – zog die oberen Extremitäten ein, schob es behutsam über den Kopf, hob es hoch, um es dann achtlos zu Boden fallen zu lassen. Darunter trug sie noch einmal ein ähnliches Kleidungs­ stück aus einem dünneren Stoff. Wirklich eine hartnäckige Gewohnheit. Und aus irgendeinem Grund begann sie, sich langsam hin und her zu wiegen, während sie mit dem Ent­ kleiden fortfuhr. Nachdem sie auch das zweite Oberteil abgestreift hatte, war sie oben herum unbekleidet bis auf ein weiteres Kleidungs­ stück, das zwei Wölbungen an der Vorderseite ihres Körpers umschloss. Von diesem Kleidungsstück trennte sie sich beson­ ders umständlich. Zuerst drehte sie ihm den Rücken zu, so­ dass er die dünnen Träger sehen konnte und wie sie einen Verschluss daran öffnete. Dann drehte sie sich wieder herum,, streifte die Träger über die Schultern, den größten Teil des Kleidungsstückes noch vor den Wölbungen festhaltend, um es dann schließlich doch abzulegen und beiseite zu tun. Die ganze Prozedur schien sie nicht wenig anzustrengen, denn sie atmete deutlich tiefer und heftiger. Und der Blick, mit dem sie ihn ansah, war eigenartig. Es folgte die Entkleidung der unteren Körperhälfte. Zuerst zwei kurze, dünne Teile, die die unteren Extremitäten bedeckt hatten. Dann galt es, das Kleidungsstück abzustreifen, das vor allem ihre Beine ausgesprochen eng anliegend umschloss und aus einem dicken, störrischen blauen Stoff gefertigt war, der sich diesen Bemühungen ziemlich widersetzte. Es schien kein Ende zu nehmen, bis es endlich abgelegt war. Zum Schluss trug sie nur noch ein ausgesprochen winziges Stück aus dün­ nem, weißem Stoff, das den untersten Teil ihres Leibs in Höhe des Schritts umspannte und dessen Sinn und Nutzen absolut nicht zu erkennen war. Sie zog ein wenig daran, sodass es herabfiel, und sie, endlich unbekleidet, daraus heraussteigen konnte. »Na?«, sagte sie dann. Kelwitt betrachtete den hellen Pelz, der an der Stelle wuchs, an der sich der Körper in die Beine teilte. Er hatte dieselbe Farbe wie der Pelz auf ihrem Kopf. »Du siehst aus wie die Menschenfrauen in dem Buch«, erklärte er. »Vielleicht abgese­ hen davon, dass diese ausgeprägtere Wölbungen auf der Brust hatten.« »Danke!« S'briina verzog das Gesicht, was sicher auch eine Geste war, nur wusste er nicht, was sie bedeutete. »Wenn du kein Außerirdischer wärst, würde ich jetzt wieder gehen, das kannst du mir glauben«, erklärte sie und trat an den Rand der, Schlafmulde. »Darf ich zu dir ins Wasser kommen?« Seltsam, dass sie ihn das fragte. Schließlich gehörte die Schlafmulde ihrem Schwarm. Offenbar sollte die Frage Re­ spekt vor seinem Territorium demonstrieren, da man sie ihm als Gast überlassen hatte. Sicher war es angebracht, sich ent­ sprechend entgegenkommend zu zeigen, obwohl Kelwitt im Grunde am liebsten weitergeschlafen hätte. »Sei willkommen«, sagte er also und rückte etwas zur Seite. »Es ist genug Platz für uns beide.« Sie stieg über den pneumatischen Rand und ging in die Ho­ cke, zögerte dann aber, sich ins Schlafwasser zu setzen. »Ganz schön kalt«, meinte sie. »Es kommt dir kalt vor, weil du die ganze Zeit Kleidung trägst. Dadurch bist du an zu hohe Temperaturen gewöhnt.« Das war ja wohl quellklar. Wohin solche Gewohnheiten füh­ ren konnten, sah man an den Lederhäuten. »Ja, ja«, erwiderte S'briina. Sie schien überhaupt keinen Wert auf den Platz zu legen, den er ihr eingeräumt hatte. Jedenfalls drängte sie sich mit ihrem ganzen Körper an ihn, umschlang seine Beine mit den ihren und rutschte unruhig hin und her, als könne sie keine stabile Position finden. Kelwitt bemühte sich, ihr entgegenzukommen, aber es half nichts. Warum sie dabei die Augen geschlossen hielt, verstand er auch nicht. »Du fühlst dich unglaublich gut an«, flüsterte sie, immer noch mit geschlossenen Augen. »Wirklich?« Was sollte das nun wieder heißen? Sie schlug die Augenabdeckungen wieder auf. »Gefällt dir das auch?«, wollte sie wissen., »Was?«, fragte Kelwitt. »Wie wir uns berühren?« »Ach so. Soll mir das gefallen?« »Ja, natürlich soll dir das gefallen.« »Das wusste ich nicht.« »Also gefällt es dir nicht?« »Es würde mir besser gefallen, wenn du eine Stellung fin- den könntest, in der du bequem liegen kannst.« Unvermittelt hörte sie auf, sich umherzubewegen, und lag ganz still, den Kopf auf seiner Brust liegend. »Was mache ich da eigentlich?«, fragte sie. »Ich versuche jemanden zu verfüh­ ren, der überhaupt nicht weiß, was Sex ist. So ein Quatsch.« »Redest du von mir?«, fragte Kelwitt irritiert. S'briina machte ein Geräusch, das Tik als Zustimmungslaut übersetzte. Kelwitt machte unwillkürlich die einhändige Geste der Verwunderung. »Natürlich weiß ich, was Sex ist. Der mensch­ liche Zeugungsakt. Das war doch in dem Buch ausführlich erläutert«, rief er ihr in Erinnerung. »Aber was hat das mit uns zu tun?« »Nichts. Das ist es ja eben.« »Es tut mir Leid, aber ich verstehe den Zusammenhang nicht.« Sie antwortete nicht. Stattdessen spürte Kelwitt, wie sie mit einer Hand über den unteren Teil seines Vorderkörpers glitt, seine Beine abtastete – besonders die Stelle dazwischen schien sie zu interessieren – und seine Hautfalten befühlte. Schließ­ lich wanderte die Hand wieder zurück, und sie sagte leise: »Das macht nichts.«, Wovon redete sie nur? Sie benahm sich heute Abend wirk­ lich ausgesprochen seltsam. Abgesehen davon, dass sie sich endlich einmal ihrer Bekleidung entledigt hatte. Das war aber auch das Einzige, was er wirklich verstanden hatte. »Wie findest du das, dass ich hier neben dir liege?«, wollte sie dann wissen. »Wie soll ich das finden?« »Na, ist es dir eher angenehm, oder ist es dir eher unange­ nehm …?« Kelwitt überlegte. »Eher angenehm.« »Schön. Dann bleibe ich noch ein bisschen.« »Allerdings«, gab Kelwitt zu bedenken, »werde ich so nicht schlafen können. Mit deinem Kopf auf der Brust.« »Ich bleibe nicht so lange. Mir ist schon ganz kalt.« Kelwitt gab einen leisen Laut des Bedauerns von sich. »Ihr seid eine seltsame Spezies«, meinte er dann. »Danke gleichfalls«, erwiderte S'briina. Dann schwiegen sie eine Weile. Er spürte ein Pochen, das aus ihrem Körper kam. Das musste das Schlagen ihres einen Herzens sein. Interessant, fand Kelwitt. »Was gibt es eigentlich in eurem Leben«, wollte S'briina plötzlich wissen, »was euch richtig Spaß macht?« »Spaß?« »Ja, Spaß. Was gibt es bei euch richtig Tolles? Ihr werdet doch nicht bloß arbeiten und euch auf eure lustlose Weise fortpflanzen?« »Nein, natürlich nicht.« Kelwitt überlegte. »Alles, was wir im Schwarm unternehmen, macht Spaß. Große Grundschlei­, merjagden zum Beispiel. Oder Formationsschwimmen – das machen wir manchmal einen ganzen Tag lang und noch bis tief in die Nacht hinein. Oder wenn wir gemeinsam Tangtau­ chen …« »Was macht am meisten Spaß? Ich meine, was ist für dich das Allertollste im ganzen Universum?« Kelwitt dachte nach. Erstaunlich, wie ihn die Erinnerungen überfielen, an endlose Schwimmtänze mit ihren hypnotischen Rhythmen, die kraftvollen Bewegungen im Einklang mit den anderen, wie sie beim Tangsammeln pfeilgerade abtauchten in dunkel glühende Tiefen … »In der Frostperiode gehen wir alle zu den Tropffelsen, versammeln uns darum und singen. Wir singen und singen, feuern uns gegenseitig an, immer lauter – so lange, bis das Eis vom Stein platzt und herabrieselt. In dem Moment verstummen wir, und dann sitzen wir nur da, hor­ chen auf die Stille und das fast unhörbare Klingeln der herab­ fallenden Eiskristalle.« Er gab den Laut des sehnsüchtigen Verlangens von sich. »Das ist das Schönste im ganzen Univer­ sum.« S'briina schien sich das durch den Kopf gehen zu lassen. »Eiskristalle«, sagte sie schließlich. »Ja. Winzige Eiskristalle.« »Das erinnert mich daran, dass mir kalt ist«, meinte sie und setzte sich auf. »Ich fühle mich selber schon wie ein Eiskristall. Zeit, dass ich in mein warmes Bett komme.« »Jeder von uns muss gemäß seinen körperlichen Eigenarten handeln«, bestätigte Kelwitt. »Genau«, nickte sie, stand auf und verließ die Schlafmulde. Sie ging hinüber in den Raum, in dem er die ersten Nächte geschlafen hatte, und kam mit einem großen Stofftuch zurück., »Es war, weil du morgen gehst«, sagte sie dann. »Ich wollte es wenigstens probiert haben. Es hätte mir mein Leben lang Leid getan, wenn ich es nicht probiert hätte.« Kelwitt wandte den Kopf ab. Es juckte ihn regelrecht, wenn er mit ansah, wie sie sich die Haut absichtlich trockenrieb. »Probieren?«, fragte er. »Was wolltest du probieren?« »Ach, nicht so wichtig«, erwiderte S'briina, hüllte sich nun ganz in das Tuch ein und las ihre Kleidungsstücke vom Boden auf. »Ich lass dich jetzt schlafen.« »Gut«, meinte Kelwitt. Den Türgriff in der Hand, blieb sie noch einmal stehen. »Du bist morgen früh noch da, oder? Die beamen dich nicht heute Nacht einfach hoch?« »Nein«, versicherte er. »Über diese Technologie verfügen wir noch nicht.« »Gut. Jedenfalls – geh nicht, ohne dich zu verabschieden, versprochen?« Kelwitt machte die menschliche Geste der Bejahung. »Das verspreche ich.«, »Dein eigenes Geld?« Kaulquappe nestelte die Plastiktüte noch einmal auf, die Hase ihm in den Schoß gelegt hatte, und starrte die Geldscheine darin mit ganz anderer Ehrfurcht an. »Ich wusste gar nicht, dass man in unserem Beruf solche Ersparnis­ se anhäufen kann.« »Das ist keine Frage des Berufs, sondern der Lebensge­ wohnheiten«, belehrte ihn Hase, ohne den Blick von der Fahrbahn zu nehmen. Der Lastwagen war größer als alles, was er bisher gesteuert hatte. Ein Lastwagen mit Ladekran. Der Mann vom Mietpark hatte sich gewundert, wozu jemand an Heiligabend so ein Gerät brauchte, und ihm vor lauter Verwunderung einen Sonderpreis gemacht. »Bei solchen Lebensgewohnheiten hättest du Mönch wer­ den sollen.« »Um genau zu sein, ein Teil des Geldes stammt von meiner Mutter.« »Das beruhigt mich richtiggehend«, meinte Kaulquappe und griff in die bunt gemischten Geldscheine. »Und das sind wirklich vierzigtausend Mark? Sieht nach weniger aus.« »Ja. Ich war auch ganz erschüttert.« Mit einiger Fantasie und an den entsprechenden Orten war es doch fast so etwas wie eine weiße Weihnacht. Zumindest auf der Albhochfläche lag entlang den Straßen und Wegen, die, sie fuhren, etwas Schnee, dicke, graue Wolken hingen vom Himmel herab, und silberner Raureif umklammerte die Äste der Bäume und Sträucher. Es war kalt, und die Luft roch feucht. Kaulquappe drehte die Tüte wieder zu. »Ich hätte das nicht gemacht, ehrlich gesagt. Engagement gut und schön, aber das Risiko, dass die Firma sich irgendwie rausredet und mir das Geld nicht zurückerstattet, wäre mir zu groß. Ich meine, du hast ja keinen entsprechenden Auftrag, oder? Du machst das auf eigene Faust.« Hase sah starr geradeaus. »Ich komme mit einem außerirdi­ schen Fluggerät zurück. Wenn die mir das Geld nicht wieder­ geben, gehört es mir. Mir ganz allein. Und das Risiko gehen sie nicht ein.« Die Weihnachtsvorbereitungen im Hause Mattek vollzogen sich angesichts des bevorstehenden Abschieds von Kelwitt in ungewöhnlich wehmütiger Stimmung. Trotzdem ging natür­ lich alles seinen rituellen Gang. Zum Mattekschen Weih­ nachtsritual gehörte unter anderem, am Morgen des vierund­ zwanzigsten Dezember festzustellen, dass noch nicht alle für die Feiertage notwendigen Einkäufe erledigt waren, was dann zur Folge hatte, dass Wolfgang Mattek sich im restlos überlau­ fenen Supermarkt vor der Kasse die Beine in den Bauch stand, einen Einkaufswagen mit zwei Bechern saurer Sahne, einer Tube Tomatenmark und einer Dose Waldpilze vor sich her­ schiebend, Nora Mattek im überfüllten Metzgerladen um die Aufmerksamkeit der Verkäuferinnen rang, Sabrina die ver­ schiedenen Bäcker nach den zwei letzten Weißbroten des Stadtviertels ablief und Thilo sich auf der Jagd nach, Christbaumkerzen durch die Drogerie kämpfte. Als sie wieder zu Hause anlangten, stellten sie fest, dass Kelwitt inzwischen erledigt hatte, was er seit Tagen angekündigt hatte, nämlich sich zu entleeren. Was man sich darunter vorzustellen hatte, war nicht aus ihm herauszubringen gewesen, und auch jetzt war er nicht geneigt, sich darüber näher auszulassen. Es roch ein wenig ungewohnt in der unteren Toilette: Das war alles, was der geheimnisvolle körperliche Vorgang des Jombuura­ ners an Spuren hinterlassen hatte. »Bescherung!«, sagte Hase, als sie vor dem Gasthof hielten. Kaulquappe deutete mit dem Kinn zu dem Fenster hin, hin­ ter dem großäugig das Gesicht des Brunnenwirts auftauchte. »Für ihn auf jeden Fall.« Der Brunnenwirt begrüßte sie knapp und fragte als Erstes, ob sie das Geld hätten. Als Hase ihm das bestätigte, nickte er zufrieden und ließ seinen Blick über den Lastwagen und den Ladekran darauf schweifen. »Gut«, sagte er dann, wobei für einen Augenblick ein seltsamer Ausdruck über sein Gesicht huschte. Irgendwie spöttisch. Verächtlich. Als plane der Wirt eine ganz große Verlade. Hase fühlte, wie ihm der Schweiß ausbrach. »Also gut«, sagte der Brunnenwirt noch mal. »Ich krieg' mein Geld, dann zeig' ich euch, wo das Ding liegt. Das war abgemacht, oder?« Er streckte die Hand aus. Hase zögerte. Versuchte zu verhandeln. Aber der untersetz­ te Mann blieb stur wie ein Esel. Über Deals wie »Die Hälfte jetzt, den Rest, wenn wir das Fluggerät haben« wollte er nicht einmal reden. Schließlich händigte der Agent ihm die Plastik­ tüte mit dem Geld aus und hoffte das Beste., Der Brunnenwirt war bestens vorbereitet. Er zog eine Geld­ bombe aus einer Tasche seines voluminösen Wintermantels, zählte Schein für Schein vor ihren Augen hinein, dann gingen sie gemeinsam zur Bank auf der anderen Seite des Platzes, die bereits geschlossen hatte, und die beiden Agenten sahen zu, wie das Geld im Nachttresor verschwand. »Für alle Fälle«, kommentierte der Brunnenwirt. Hase wurde das Gefühl nicht los, am kürzeren Hebel zu sitzen. Am entschieden kürzeren Hebel. »Geh'n wir erst mal hin«, meinte der Mann am längeren Hebel und setzte sich in Bewegung. Die beiden Agenten folgten ihm mit skeptischen Gesichtern. Sie marschierten durch das halbe Dorf bis zu einem am Rand einer Wiese gelegenen Garten, der einen traurig ver­ nachlässigten Anblick bot. Verrosteter, teilweise niederge­ drückter Maschendraht umzäunte eine Hand voll niedrig abgesägter Baumstämme und zwei Reihen verwelkter, von vereistem Gestrüpp umrankter Stangenbohnen. Hier hatte schon lange niemand mehr gepflanzt, geschweige denn geern­ tet. Ein paar Maschinen standen auf dem vergilbten Gras, ein Pflug, eine Egge, eine Sämaschine, ein Traktor, der von einer grauen Plane verdeckt wurde. Dahinter senkte sich der Boden hin zu einer Abdeckung, die den Zugang zu einem tief einge­ grabenen, bunkerartigen Gewölbekeller verschloss. Der Brunnenwirt deutete auf die schweren, sicherlich vor langer Zeit geschmiedeten Ringe an den beiden Klappen der Abdeckung. »Einfach hier dran ziehen«, sagte er. »Es ist nicht abgeschlossen.«, Nachmittags legte sich die Betriebsamkeit des Vormittags, wandelte sich zu emsiger Geschäftigkeit. Vater Mattek holte den am Vortag gekauften Tannenbaum herein und befestigte ihn mit Hilfe seines Sohnes im Christbaumständer. Seine Tochter trug die Kartons mit dem Weihnachtsschmuck aus dem Keller hoch. Und seine Frau fuhrwerkte in der Küche herum, um die Gans in die Bratröhre zu bekommen, von wo aus sie in späteren Stunden nach und nach das ganze Haus mit einem köstlich verheißungsvollen Duft erfüllen sollte. Wie immer würde es Klöße und Rotkraut geben und dazu einen guten Wein, den Vater Mattek kurz vor der Bescherung aus den Beständen seines Weinkellers auswählen würde. Kelwitt schien an diesem Nachmittag überall im Weg zu stehen. Er konnte es nicht lassen, die Tannenzweige neugierig zu befummeln, und zuckte mit einem unhörbaren Aufschrei zurück (der allerdings die per Ultraschall fernsteuerbare Schließautomatik der Wohnzimmergardinen in Betrieb setzte), als er merkte, wie spitz die Nadeln waren. Er untersuchte die goldenen Christbaumkugeln, betrachtete sich darin und zer­ brach natürlich prompt eine, die allerdings vom Vorjahr bereits einen Sprung gehabt hatte. Lametta faszinierte ihn maßlos. Einige der kleinen Engel drehte er so lange in seinen feuchten Fingern, bis die goldene Farbe der Flügel abging. Sabrina versuchte ihm anhand der Krippenfiguren den Hin­ tergrund des Weihnachtsfests zu erklären, und der Außerirdi­ sche nickte auch kräftig zu allem, was sie sagte; trotzdem wurde sie das Gefühl nicht los, dass er nicht einmal im Ansatz verstand, wovon sie redete. Später raschelte überall im Haus das Geschenkpapier. Die Spannung stieg, je dunkler es wurde. Die ersten Kerzen wur­ den angezündet, auf dem Esstisch, im Flur, auf dem Wohn­, zimmertisch. Die Gans schmurgelte im Ofen, und es roch im ganzen Haus nach Weihnachten. »Ist es nicht ein merkwürdiger Zufall, dass Heiligabend und der Abschied von Kelwitt zusammenfallen?«, fragte Wolfgang Mattek seine Frau. Nora Mattek sah versonnen in eine Kerzenflamme. »Viel­ leicht ist es kein Zufall«, meinte sie. »Wie meinst du das?« »Nur so.« Sie zuckte die Schultern. »Vielleicht gibt es über­ haupt keine Zufälle.« Sie traten auf Rübenschnitzel und faulige Kartoffeln. Kaul­ quappe hatte daran gedacht, eine starke Taschenlampe mitzu­ nehmen, und funzelte nun nervös damit durch die Dunkelheit. »Normal stell' ich hier meine Maschinen rein«, erklärte der Brunnenwirt. »Aber jetzt war nicht mehr genug Platz, deshalb hab' ich sie rausgetan.« Das Fluggerät sah hier in dem niedrigen, dunklen Gewöl­ bekeller ganz anders aus, als Hase es in Erinnerung hatte. Der erste Eindruck war: klobig. Irgendeine Form war nur schwer zu erkennen. Es sah aus wie ein Kleinbus, der in die Hände eines wahnsinnigen Künstlers geraten war, eines Künstlers, der in seinem sonstigen Schaffen bevorzugt Öltanks zu Kunstwerken umschweißte oder Eisenbahnschienen zu Skulpturen wand. Klobig, unförmig, fremdartig. Fremdartig, genau. Das Ding hockte da auf dem festgetre­ tenen Erdboden und sah markerschütternd fremdartig aus. »Unglaublich«, hauchte Kaulquappe. »Ja«, nickte Hase., »Wirklich«, bekräftigte Kaulquappe. »Ich hab's bis vorhin nicht wirklich geglaubt.« Hase starrte das metallene Artefakt an. »Und ich fang' ge­ rade an, es nicht mehr zu glauben.« Kaulquappe sah sich um. »Wie kriegen wir das hier her­ aus?« »Da bin ich auch mal gespannt«, ließ sich der Brunnenwirt aus dem Hintergrund vernehmen. »Ich tät' nämlich meine Maschinen gern wieder hier 'runterstellen.« Hase knurrte unwillig. »Raus kriegen wir es so, wie er es hereingekriegt hat. Bloß umgekehrt.« »Ha!«, machte der Brunnenwirt. Hase trat auf das fremde Gebilde zu. Da waren genug Ha- ken, Vorsprünge, Ösen, an denen sich ein Zugseil befestigen ließ. Zuerst mussten sie es ins Freie ziehen. Beim Aufladen würde wahrscheinlich das halbe Dorf gaffen – na wenn schon. Er fasste nach einer vielversprechend aussehenden Traverse, um ihre Festigkeit zu prüfen. Etwas schimmerte auf an der Stelle, an der er das Ding be­ rührte, bläulich, breitete sich huschend aus wie Wellen auf einem Teich, der still gelegen hatte bis dahin, fühlte sich an wie eine feste Umhüllung aus unnachgiebiger Plastikfolie. Hase zuckte zurück, versuchte es noch einmal. Dasselbe wieder. »Was ist denn das?«, fragte Kaulquappe. »Das macht's, seit's da liegt«, rief der Brunnenwirt, der im­ mer noch beim Eingang stand. »Leucht mal her«, sagte Hase. Im Schein der Taschenlampe, wiederholte er die Berührung, und nun sahen sie beide, was es damit auf sich hatte: Wenige Millimeter über der Oberfläche des Geräts stoppte ein unsichtbares Etwas die Finger. »Wie im Film«, meinte Kaulquappe. »Ein Energiefeld oder so was.« Hase nickte. »Ja. Mit dem sich das Gerät abschirmt. Ganz schön clever.« »Und was machen wir jetzt?« Hermann Hase, Agent des Bundesnachrichtendienstes, Co­ dename Ochsenfrosch, hob den Kopf und sah sich mit einem coolen James-Bond-Gesicht um. »Soll es sich doch abschirmen, wie es will. Die Zugtrosse ist lang genug. Wir legen sie um das ganze Ding herum und ziehen es heraus.« Die tranchierte Gans duftete, die Knödel dampften, das Rot- kraut glänzte. Wie immer saß der Herr des Hauses am Kopf­ ende der Tafel und verwaltete den Rotwein. Das andere Ende des Tisches war mit weißem Wachstuch abgedeckt, sodass Kelwitt sich in Ruhe dem Weihnachtsmahl widmen konnte, das er sich nach einigen Experimenten in der Küche zusam­ mengestellt hatte: zwei rohe, gewaschene Kartoffeln, drei leicht gedünstete Möhren, dazu eine Hand voll gesalzener Gummibärchen. »Hat es dir bei uns denn gefallen, Kelwitt?«, fragte Wolf­ gang Mattek in das andächtige Schweigen hinein, das Klirren des Bestecks und die vielfachen Kaugeräusche, unter denen besonders die Kelwitts auffielen, die gleichzeitig wie das Schwirren von Insektenflügeln und das Krachen eines Nuss­ knackers klangen. »Ja«, sagte Kelwitt kauend. Bei ihm war das nicht Unhöf­, lichkeit; schließlich sprach er in Wirklichkeit mit der Stimmrit­ ze auf der Oberseite seines Kopfes. »Aber als Orakel hat dir diese Reise nicht viel genutzt, o- der?«, fragte Sabrina. Kelwitt nickte. »Vielleicht ist das nicht so wichtig«, erklärte die metallene Stimme aus seiner Schulterspange, immer noch mit dem Akzent der Schwäbischen Alb. »Was wirst du machen, wenn du zu Hause bist?« »Ich weiß es noch nicht. Vielleicht bleibe ich in der Donner­ bucht.« Wolfgang Mattek ließ sich noch ein Stück Gans geben und einen weiteren Knödel dazu. »Werden wir auf der Erde nun weiteren Besuch von deinem Volk bekommen? Jetzt, wo ihr uns entdeckt habt, meine ich.« Kelwitt ließ sich Zeit mit der Antwort. »Ich glaube nicht«, sagte er dann. »Hmm«, machte Wolfgang Mattek. Es war ein hartes Stück Arbeit gewesen. Weil das Tor zu dem Gartengrundstück nicht breit genug gewesen war, hatten sie den Zaun an die zehn Meter weit abgebaut, um den Lastwa­ gen in Position bringen zu können. Die Zugtrosse reichte doch nicht so reichlich um das außerirdische Fluggerät herum, wie sie gedacht hatten, sondern nur ganz knapp, und sie hatten ordentlich manövrieren, zerren und ziehen müssen, ehe der Haken um das Drahtseil einschnappen konnte. Der Brunnen­ wirt war eine Weile dabeigestanden, natürlich ohne einen Finger zu ihrer Hilfe zu rühren, sich dann aber, als es anfing, dunkel und spät zu werden, verabschiedet. Sie müssten ver­, stehen, immerhin sei Weihnachten, seine Frau und die Kinder warteten auf ihn. Weihnachten, genau. Deswegen gaffte das Dorf doch nicht. Im Gegenteil, die beiden Agenten schufteten unbeachtet in der anbrechenden Dämmerung und mussten mit ansehen, wie in den Häusern des Dorfes, das ihnen sozusagen den Rücken zuzukehren schien, die Lichter angingen, gelb und warm in der kühl-grauen Landschaft, und wie Vorhänge vorgezogen wurden vor diese gelben, warmen Lichtecke oder Rollläden herunterrasselten. Sie schwitzten, stapften mit ihren Stadt­ schuhen in zähem Dreck umher, schrien sich mit dampfenden Mündern Manövrieranweisungen zu, während dort drinnen wahrscheinlich große Kinderaugen auf Christbäume und brennende Wunderkerzen schauten. Unter der Berührung des Stahlseils funkelte das fremde Raumschiff auch wie eine Wunderkerze. Hase gab das Zei­ chen. »Los!«, schrie er dazu. »Noch mal!« Kaulquappe saß am Gaspedal, dazu reichte es auch ohne LKW-Führerschein. Der Motor heulte auf, das Zugseil straffte sich zu einer gespannten Saite, und die Stollen der Räder fraßen sich in die zähe Gras­ narbe. Ansonsten bewegte sich nichts. »Das Ding muss irgendwie festhängen!«, rief Kaulquappe aus dem Fenster der Fahrerkabine. »Das hängt nirgends fest! Du musst nur richtig drauftre­ ten!« »Mach' ich doch!« Und wirklich, der Motor heulte geradezu jammervoll. Hase stürmte nach vorn. »Lass mich mal«, forderte er, schwang sich auf den Fahrersitz, den Kaulquappe widerwillig räumte, und trat selber voll auf das Pedal. Nichts. Das Gerät, rührte sich nicht von der Stelle. Er ließ den Motor sich beruhigen und drehte dann die Zün­ dung ab. »Ein Fluggerät kann doch unmöglich so schwer sein«, mein­ te Kaulquappe. »Vielleicht hat dieser alte Fuchs es irgendwie im Boden ver­ ankert«, überlegte Hase. »Festbetoniert oder so was. Schließ­ lich hat er es ja auch hertransportiert, mit seinem ollen Trak­ tor.« »Wir könnten versuchen, es mit dem Wagenheber anzuhe­ ben«, schlug Kaulquappe vor. »Gute Idee.« Der Wagenheber war ein wahres Monster, und wenn je­ mand behauptet hätte, es sei der Wagenheber eines Bundes­ wehrpanzers, die beiden hätten ihm sofort geglaubt. Zu zweit schleppten sie das Ding in den Gewölbekeller hinab und brachten es mit allerlei Flüchen, gestoßenen Zehen und Unter­ leghölzern so an, dass es das gedrungen daliegende Raum­ schiff trotz seiner Abschirmung fasste. Dann begannen sie zu kurbeln. Das ging, bis der Wagenheber voll ausgefahren war, dann ging nichts mehr. Die Hölzer knirschten und knackten ein bisschen, als sie beide mit aller Gewalt die große Kurbel noch einen Millimeter weiterpressten, aber das war es dann auch. »Ooh!«, stöhnte Kaulquappe. »Das wiegt ja hundert Ton­ nen!« Hase starrte die fremde Flugmaschine fassungslos an. »Es macht sich schwer!«, kam ihm die Erleuchtung. »Klar. So ein Ding muss ein künstliches Schwerkraftfeld haben, und das hat, es jetzt umgepolt und macht sich so schwer damit, dass wir es nicht von der Stelle kriegen. Wahrscheinlich nicht mal, wenn wir mit den größten Hebekränen kommen, die es gibt.« »Was? Wozu soll das gut sein?« »Ist doch klar.« Hermann Hase waren die Zusammenhänge jetzt vollkommen klar. Noch nicht so ganz klar war ihm, ob das alles gut oder schlecht war für ihn und das Geld seiner Mutter. »Das Raumschiff hat sich abgeschirmt und krallt sich an den Platz, wo es liegt. Das kann nur heißen, es wartet darauf, dass sein Besitzer zurückkehrt.« Die Schallplatte mit den Weihnachtsliedern war der einzige regelmäßige Gast auf Wolfgang Matteks altmodischem Plat­ tenspieler. Ansonsten ergab es sich höchstens ein, zwei Mal pro Jahr, dass er einmal eine seiner alten Jazzplatten aus dem Schrankfach kramte, in dem seine Sammlung vor sich hin staubte, und auflegte. An Heiligabend aber, wenn Kerzen und Wunderkerzen am Tannenbaum angezündet wurden, schmet­ terte stets ein großer Knabenchor sein Stille Nacht, Heilige Nacht. Bei Leise rieselt der Schnee umarmten sich alle – was diesmal zu feuchten Flecken auf der Kleidung führte, weil Kelwitt sich heftig daran beteiligte. Und bei Süßer die Glocken nie klingen ging es ans Auspacken der Geschenke. Kelwitt schien von der Musik nichts mitzubekommen. Of­ fenbar war das Übersetzungsgerät nicht im Stande, ihm einen Eindruck davon zu verschaffen, und Wolfgang Mattek zwei­ felte keinen Moment daran, dass der Frequenzgang seiner betagten Lautsprecherboxen weit davon entfernt war, den Ultraschallbereich zu berühren, in dem Kelwitt hörte. Die Wunderkerzen waren ihm zu grell. Er musste die Hän­, de vor die Augen halten, bis die ersten beiden knisternd und Funken sprühend abgebrannt waren, und danach verzichteten sie darauf, die übrigen anzuzünden. Und dann die Geschenke. Sie hatten sich alle in den letzten Tagen irgendwann fortgestohlen, um jeweils ein Geschenk für Kelwitt zu besorgen, und Kelwitt war maßlos begeistert da­ von, etwas geschenkt zu bekommen; einen entsprechenden Brauch schien man auf Jombuur nicht zu kennen. Nora schenkte ihm ein kleines Büchlein, das ›Weisheiten aus drei Jahrtausenden‹ versammelte, Wolfgang einen Bildband ›Die schönsten Naturlandschaften der Erde‹, dessen Seiten aus gutem Kunstdruckpapier und nahezu feuchtigkeitsbeständig waren. Sabrina hatte ein aktuelles Familienfoto vergrößern lassen und wasserdicht in einen Rahmen aus durchsichtigem Plastik eingepasst, was ein sehr hübsches Erinnerungsstück abgab. Und Thilo schenkte Kelwitt einfach einen Schwamm. Wozu der gut war, mussten sie ihm erst zeigen, aber dann war Kelwitt überaus angetan. Er nahm sich eine Schüssel Wasser mit ins Wohnzimmer und tauchte im Lauf des Abends immer wieder den Schwamm hinein, um ihn dann auf seinem Kopf langsam auszudrücken, was ihm sichtliches Behagen zu berei­ ten schien. »Das wäre ein Exportartikel für Jombuur«, meinte Wolf­ gang Mattek. Dann begann das Warten. Tik hatte den vereinbarten Flugplan des Mutterschiffs auf irdische Zeit umgerechnet und war zu dem Ergebnis gekom­ men, dass es an diesem Abend gegen halb zehn Uhr wieder im Sonnensystem ankommen würde. Unmittelbar danach würde der kleine Computer auf Kelwitts Schulter Funkkontakt mit, dem Raumschiff aufnehmen. So, wie er es dargelegt hatte, war das ungeachtet der riesigen Entfernungen zwischen den Planeten so simpel wie telefonieren. Und dann würde man kommen, um Kelwitt abzuholen. Die Kerzen glommen, knisterten ab und zu. Die Uhr an der Wand tickte langsam dahin. Zum ersten Mal überhaupt fiel ihnen auf, dass sie überhaupt ein Geräusch machte. »Tja«, machte Wolfgang Mattek und räusperte sich mehr­ mals, »mir fällt noch so manches ein, was ich die ganze Zeit fragen wollte …« Sabrina sah unglücklich drein. Thilo kaute das Ende des Lederriemchens weich, das er um den Hals trug; ein Geschenk Sybillas. Nora faltete geräusch­ voll das benutzte Geschenkpapier zusammen. »Wie werdet ihr eigentlich regiert auf Jombuur? Ich meine, gibt es so etwas wie einen Präsidenten, einen König? Oder wie ist das organisiert?« Kelwitt fiel in seine gewohnte, filigrane Gestik zurück. »Das weiß ich nicht so genau«, meinte er. »Es gibt Ratsversamm­ lungen, glaube ich, zu denen jeder Schwarm einen Vertreter entsendet. Der Donnerbuchtrat bestimmt dann wieder einen Vertreter für den Rat der Südküste, und immer so weiter.« »Direkte Demokratie also«, konstatierte Wolfgang Mattek. »Eine Räterepublik, sozusagen.« »Außerdem gibt es verschiedene Schwärme, die für be­ stimmte Dinge zuständig sind. Die Wächter. Die Wanderer. Die Untersten. Vor allem die Untersten sind wichtig; sie stellen die Regeln auf, machen die Gesetze, schlichten Streitigkeiten und so weiter.« »Die Untersten? Das klingt eher, als ob es die Obersten sei- en.«, Kelwitt machte eine Geste, die sie inzwischen schon als Ausdruck der Verwunderung zu identifizieren gelernt hatten. »Sie heißen eigentlich Die Untersten Diener, weil alles andere aufbaut auf dem, was sie tun. So sagt man bei uns. Einer, der zu den Untersten geht, muss zuerst auf ihre Schule im Tief­ land, und das fast doppelt so lang wie jemand, der zu den Sternfahrern geht.« »Hmm«, machte Mattek verwirrt. »Glaubt ihr«, schaltete sich Nora ein, »an ein höchstes We­ sen? An ein Weiterleben nach dem Tod? Solche Dinge?« »Manche tun es«, erklärte Kelwitt langsam, »manche nicht. Ich weiß nicht, was ich selber glauben soll.« »Aber…?«, begann Wolfgang Mattek, als seine Tochter sich nach hinten in die Sofakissen fallen ließ und einen gequälten Schrei losließ. »Oh, Mann!«, ächzte sie. »Er war jetzt eine geschlagene Wo­ che da – ihr werdet's nicht mehr in die letzten anderthalb Stunden packen, was ihr die ganze Zeit versäumt habt!« Also schwiegen sie wieder. Tickte die Uhr wieder. Mattek versuchte eine Verteidigung, dass er ja zu tun gehabt habe, das Silvestergeschäft und der Jahrtausendwechsel dazu, aber das kannten sie alle schon, und er glaubte sich selber kaum. Kel­ witt hielt seine neuen Besitztümer auf dem Schoß, und sie redeten über dies und das. Die Zeiger schritten voran. Sie hatten einen Außerirdischen zu Gast gehabt, eine ganze Wo­ che lang, und nun ging es zu Ende. Wenn es herauskommen sollte, würden sie in die Geschichtsbücher eingehen oder ins Gefängnis kommen oder beides. Für Wissenschaftler der ganzen Welt würde ihr Familienname zum Schimpfwort werden ob der vergebenen Chancen, ein wirkliches Lebewesen, von einem anderen Stern zu untersuchen, zu erforschen, es der vollen Breitseite moderner Untersuchungsmethoden auszuset­ zen und dann Hunderte gelehrter Abhandlungen darüber verfassen zu können, ach was, Tausende, zehnmal mehr als über den mumifizierten Urmenschen aus den Ötztaler Alpen jedenfalls. Die Uhr tickte. Thilo stand auf und trat an die Tür zur Terrasse, schaute hinauf in den bewölkten Himmel, aber da war kein Leuchten jenseits der Wolken, kein lichtfunkelndes Ungetüm, das sich lautlos herabsenkte. Noch nicht. Nora Mattek holte noch einmal den Fotoapparat, knipste noch einmal ein paar Bilder. »Ich werd' sonst morgen nicht mehr glauben, dass das alles wirklich passiert ist«, sagte sie, als müsse sie sich entschuldigen. Kurz vor halb zehn. Gut, es würde eine Weile dauern, bis das Raumschiff die Erde erreicht hatte. Aber höchstens ein paar Stunden. Kelwitt griff in seinen Umhängebeutel und holte das Buch heraus, das er dabeigehabt hatte. Er reichte es Nora. »Das schenke ich euch«, erklärte er. Nora nahm es beeindruckt entgegen. »Danke.« »Brauchst du das denn nicht mehr?«, fragte Thilo. »Um das Orakel zu deuten?« »Ich kann ein anderes besorgen«, erklärte Kelwitt. Die Uhr rückte vor. Halb zehn. Atem anhalten. Sie wechselten betretene Blicke, fingen schon an, den Moment des Abschieds, wenn er denn kommen musste, herbeizusehnen, weil dann der Schmerz endlich, vorbei sein würde. »Und?«, fragte Mattek, als es auf zehn Uhr zuging. »Nichts«, sagte Kelwitt. »Tik hat noch keinen Kontakt.« Ein Auto bog in die Straße ein, ein alter, lauter Diesel, und hielt vor dem Nachbarhaus. Gelächter war zu hören, laute Begrüßungen, bis die Haustür ins Schloss fiel und wieder alles ruhig war. Es wurde halb elf, elf, Mitternacht. Und Kelwitts Mutter­ schiff meldete sich nicht. »Tik?« »Ich bin bereit.« »Wird das Schiff kommen?« »Diese Frage kann nicht mit Sicherheit beantwortet werden.« Kelwitt starrte in die Dunkelheit. Das Wasser in der Schlaf­ mulde roch unangenehm. Als sie schließlich, spät in der Nacht, endlich doch alle schlafen gegangen waren, hatte niemand mehr daran gedacht, es zu wechseln. »Sind sie einfach weitergeflogen, weil ich nicht am verein­ barten Treffpunkt war?« »Nein. Das entspricht nicht der Praxis von Orakelfahrten. Das Schiff ist bis jetzt nicht in das Sonnensystem von Kelwitts Stern zurückgekehrt.« »Wieso nicht? Es war doch so ausgemacht?« »Ja. Allerdings war ein Zeitraum vereinbart, der noch nicht ver­ strichen ist. Selbst wenn das Schiff nach lokaler Zeitrechnung morgen um fünfzehn Uhr ankäme, wäre es immer noch im Flug­ plan.«, »Das heißt, spätestens morgen kommt es?« »Nein. Es heißt nur, dass noch kein Grund zu Beunruhigung be­ steht.« »Und wenn es morgen um fünfzehn Uhr auch nicht kommt? Was ist dann?« »Dann ist der wahrscheinlichste Grund, dass der Flugplan aus irgendeinem Anlass geändert wurde. Das ist häufig erforderlich, insbesondere auf Schiffen, die Handelswaren befördern.« Er hatte diesmal allen versprechen müssen, nicht zu gehen, ohne sich zu verabschieden. Das schien ihnen sehr wichtig zu sein. Aber würde er überhaupt gehen? Die Schmerzen in seinen Schultern waren wieder da. Und die ungewohnte irdische Nahrung schien ihm auch nicht gut zu bekommen. »Kann es verunglückt sein?« »Grundsätzlich ja. Allerdings ist dies sehr unwahrscheinlich.« »Kann es sein, dass man mich vergessen hat?« »Das ist nicht auszuschließen, ist aber ebenfalls sehr unwahr­ scheinlich.« »Und wenn sie mich doch vergessen haben? Wenn sie nicht zurückgekehrt, sondern einfach ohne mich weitergeflogen sind?« »Spätestens bei der Rückkehr nach Jombuur würde der Irrtum bemerkt und ein Ersatzflug gestartet werden.« Kelwitt lauschte auf das Schlagen seiner Herzen. Ihm war, als würde sein Blut allmählich zähflüssiger werden. Sein ganzer Körper fühlte sich brüchig, morsch und ausgetrocknet an. »Bis dahin wäre ich längst tot.« »Das ist in der Tat sehr wahrscheinlich.« Es war so still, so elend still in der Höhle des Mattek­, Schwarms. Er sehnte sich nach dem Ton des Meeres, dem Gesang der Brandung, dem Klang der Donnerbucht. Nur wieder zu Hause sein, dort, wo er hingehörte und von wo er nie hätte fortgehen sollen. »Tik?« »Ich bin immer noch bereit.« »Was soll ich denn jetzt tun?« »Verdunkle deine Augen und schlafe. Wenn das Schiff kommt, werde ich es dich sofort wissen lassen.«, Als Wolfgang Mattek am Morgen des ersten Weihnachtstages erwachte, sah er seine Frau mit hellwachen, weit geöffneten Augen auf dem Rücken liegen und an die Decke starren. Gerade so, als mache sie das schon seit Stunden. »Was ist los?«, fragte er schlaftrunken. »Ich mache mir Sorgen«, sagte Nora. »Sorgen? Was für Sorgen?« »Um Kelwitt.« »Ach so.« Sein schläfriges Gehirn verstand die Zusammen­ hänge nicht wirklich. »Was ist, wenn er stirbt? Wenn er bei uns, in unserem Haus, stirbt?« »Ach komm … So schlimm wird es schon nicht werden.« Er wälzte sich herum, an ihre Seite, legte den Arm um sie. Sie blieb stocksteif liegen. »Sie werden ihn holen.« »Und wenn nicht?« »Ich stelle Feuerwerksraketen her, keine intergalaktischen Raumschiffe. Wenn seine Leute ihn nicht retten, dann können wir ihm auch nicht helfen. Das ist bedauerlich, aber nicht zu ändern. Nicht mal, indem wir uns Sorgen machen.« Endlich schien sie seine Nähe wahrzunehmen, kuschelte sich mit dem Rücken an ihn und legte die Hand über seinen Arm. »Weißt du«, meinte sie, »ich kann so gut nachfühlen, wie es ihm gehen muss. Er ist ganz allein auf dieser Welt, ein Fremder auf die­, sem Planeten, und alles, was er will, ist, nach Hause zurück­ zukehren – zu einem Zuhause, das so unvorstellbar weit entfernt liegt, dass es wehtut, nachzudenken über den Ab­ grund, der ihn von dort trennt. Und er ist hier zwischen We­ sen, die ganz anders sind als er, die anders aussehen, anders reden und hören, andere Sitten und Gebräuche haben und die Feste feiern, deren Sinn er nicht versteht. Es gibt nichts zu essen für ihn, nicht wirklich jedenfalls, und wenn er nicht bei uns Unterschlupf gefunden hätte, säße er jetzt vielleicht in irgendeinem Laboratorium gefangen und würde untersucht wie eine neu entdeckte Tierart …« Mattek drückte sein Gesicht in ihre Haare. Er mochte, wie es morgens roch. »Manchmal habe ich das Gefühl, du bist auch so eine Fremde auf diesem Planeten.« Nora sagte nichts, sondern drückte nur seinen Arm. Ihren warmen, vertrauten Rücken zu spüren ließ ihn allmählich wieder wegduseln. Später war er sich nicht mehr sicher, ob er sie tatsächlich noch antworten gehört oder ihre Antwort nur geträumt hatte. »Ja«, hatte sie irgendwann gesagt. »Ich auch.« Das Frühstück am Morgen des ersten Weihnachtstages war ebenso Tradition wie das Essen an Heiligabend. Doch die Familie hatte sich gerade am Tisch versammelt, die ersten Toastbrote brutzelten noch im Toaster, und der Kaffee war noch nicht eingeschenkt, als sie hörten, wie Kelwitt oben die Tür des Gästezimmers öffnete und schloss und es gleich darauf einen dumpfen Schlag tat. Sabrina war die Erste, die aufsprang. Die anderen folgten, und Wolfgang Mattek dachte noch daran, den Toaster abzu­, schalten. Als sie oben ankamen, war es genau so, wie es sich angehört hatte: Kelwitt war bewusstlos zusammengebrochen und lag mit fahlweißen Augen auf dem Boden. »Was machen wir jetzt?« In Noras Augen flackerte Panik. Sabrina kniete bei ihm, fühlte an seinen Seiten. »Die Herzen schlagen noch«, erklärte sie mit dünn klingender Stimme. Man sah ihn auch noch atmen, wenn man genau hinsah. Nach und nach huschten wieder die ersten schwarzen Schlie­ ren über seine großen Augen, und kurz darauf kam er wieder zu sich. »Mir geht es gar nicht gut«, klagte er. Nora war es, die dann die Idee hatte, ihm ein Salzbad zu verabreichen. So schleppten sie ihn ins Badezimmer, lösten in entsetzlich kaltem Wasser zwei komplette Haushaltspackun­ gen Salz auf – die gesamten Vorräte –, setzten ihn hinein und übergossen ihn wieder und wieder damit. Und das schien ihm tatsächlich gut zu tun. Unterdessen schickte Nora Wolfgang in den Keller, den Liegestuhl zu holen, den er einmal von einem Lieferanten geschenkt bekommen und den so gut wie nie jemand benutzt hatte, weil er so unbequem und hart war, und darauf packten sie Kelwitt dann, in klatschnasse Badetücher gewickelt, auf eine Wachstischdecke mitten ins Wohnzimmer. »Wir müssen etwas unternehmen«, sagte Nora. Lothar Schiefer verbrachte die Weihnachtsfeiertage allein. Wieder einmal. Seine derzeitige Hauptfreundin war dum­ merweise verheiratet und Mutter zweier Kinder, mit denen sie über die Festtage heile Familie spielen wollte, was er zähne­ knirschend hatte akzeptieren müssen. Zwar gab es für derarti­ ge Notfälle eine Nebenfreundin, doch die war für zwei Wo­, chen in die Dominikanische Republik geflogen, ohne ihn, womöglich mit einem anderen Mann, von dem er noch nichts wusste. Und der ihn, wenn er es recht überlegte, auch nichts anging. Na ja, und wenn schon. Wer brauchte denn das Weiberpack zum Glücklichsein? Das Fernsehprogramm bot, wie immer an Weihnachten, Unerträgliches, also hatte er sich einen Stapel Videos geholt und reingezogen, was auf seinem neuen riesi­ gen 16:9-Apparat besser als Kino war. Besonders, wenn man dabei auf einem weichen Sofa aus schneeweißem Veloursleder lümmeln und nach und nach eine Flasche eines wunderbaren, sündhaft teuren alten schottischen Whiskys niedermachen konnte, der einen tief schlafen ließ und am nächsten Morgen keinen dicken Kopf machte. Nun war dieser nächste Morgen, und Mattek fiel ihm wie­ der ein. Mattek mit seinem schmutzigen kleinen Geheimnis. Er konnte nur absolut glasklare Freunde akzeptieren. Wenn sie schon Geheimnisse hüteten, dann bitte so, dass er erst gar nicht auf die Idee kam, sie hätten welche. So machte er es schließlich auch. Das Wohnzimmer sah schlimmer aus, als er es in Erinne­ rung hatte. Und die Putzfrau kam erst Montag wieder. In seiner Wahrnehmung existierte sie nur als dienstbarer Geist, der ihn abends eine strahlend saubere Wohnung vorfinden ließ, wo morgens noch ein Schweinestall gewesen war. Er durfte nicht vergessen, ihr das Weihnachtsgeld hinzulegen. Dienstbare Geister musste man sich mit großzügigen Gaben gewogen halten. Es machte ihm Mühe, von ihr als einer nor­ malen Frau zu denken, obwohl er natürlich genau wusste, mit wem sie verheiratet war und wie viele Kinder sie hatte und für wen sie außerdem noch arbeitete., Doch was Mattek ihm verheimlichte, wusste er nicht. Schlimmer noch, er hatte nicht einmal eine Vorstellung, was es sein mochte. Er fegte ein paar Chipstüten vom Sessel auf den Boden, beschloss, später selber ein bisschen aufzuräumen, und fischte das Telefon unter dem achtlos darübergeworfenen Pullover hervor. Wobei er einen hässlichen Fleck an dem Teil bemerkte, verdammt, und das hatte zweitausend Mark geko­ stet! Er pfefferte es wütend auf die Couch und hackte Matteks Nummer in die Tastatur. Mattek ging selber ans Telefon, und er klang etwas be­ drückt. Vielleicht hatte er Streit mit Nora, war es das? Lothar wünschte ihm jedenfalls erst einmal frohe Weihnachten, der Familie auch, das übliche Gesülze eben, aber Mattek schien sich ehrlich zu freuen. »Was ich noch sagen wollte …«, setzte er dann zum Angriff an. »Neulich, Mittwochabend, bei unserem Männerabend – ich hatte das Gefühl, du schleppst irgendein Problem mit dir herum.« Peng. Ruhe am anderen Ende erst mal. Erschrockene Ruhe. Dann, zögernd, verdammt schlecht geheuchelt: »Ein Problem? Was für ein Problem denn?« Lothar dachte nicht daran, auf dieses durchsichtige Ablen­ kungsmanöver einzusteigen. »Was auch immer es ist, ich bin überzeugt, es würde dir helfen, mal mit einem guten Freund darüber zu reden. Von Mann zu Mann. Das wollte ich dir nur anbieten.« Er konnte ihn förmlich schwitzen hören. »Lothar, wirklich, ich weiß nicht, wovon du redest.« »Wolfgang … Wie lange kennen wir uns jetzt schon? Du kannst mir nichts vormachen.« So lange auf den Busch klop­, fen, bis etwas darunter hervorkam. Das half fast immer. »Ich mache dir nichts vor.« »Doch. Und in diesem Moment schon wieder.« »Du irrst dich.« »Dann erzähl mir mal, seit wann du so begeistert in so mie­ sen Kaschemmen herumhockst und alles toll findest wie letzten Mittwoch?« Pause. Dann, gequält: »Ich hab's dir doch erklärt. Nora war dabei, Großputz zu machen …« »Und ich hab' dir erklärt, dass ich kein Wort davon glaube!« Zack. Das saß. Lange Pause. Lothar triumphierte, grinste sein Spiegelbild in der Vitrine mit den Sportpokalen an. Jetzt musste er rausrücken damit, mit was auch immer… »Lothar?«, kam es da aus dem Hörer. »Du hast getrunken, nicht wahr?« »Was?« Hörte man das seiner Stimme noch an? Das war doch gestern gewesen, ewig lange her …! »He! Ich bin voll­ kommen klar, wenn du das meinst!« »Wir wollen das vergessen, einverstanden? Jetzt leg dich erst mal hin und schlaf noch eine Runde.« »Nichts da! Wolfgang, du sagst mir jetzt sofort …!« So kam der nicht davon, so nicht! »Wir treffen uns dann im neuen Jahr, wie abgemacht.« »Wolfgang! ?« »Frohe Weihnachten.« »Wolfgang, verdammt noch mal!« Er sah den Hörer an. Aufgelegt! Der hatte einfach aufgelegt, war das zu fassen?, Wolfgang Mattek hielt, nachdem er aufgelegt hatte, den Hörer noch auf der Gabel fest, als fürchte er, er könnte unversehens von selbst wieder in die Höhe schnellen. Er spürte sein Hemd schweißnass am Rücken kleben. »Lothar ahnt etwas«, erklärte er seiner Familie, die um ihn herumstand. »Ich weiß nicht, was und wieso, aber er hat Verdacht geschöpft.« »Wie kann das sein?«, fragte Nora. »Ich sagte doch, ich weiß es nicht.« »Du hast ihm wirklich nichts gesagt? Angedeutet?« »Nein, so glaub mir doch …« »Aber wie kommt er dann auf solche Ideen?« »Anscheinend hat es ihn stutzig gemacht, dass ich am Mittwoch so bereitwillig mit ihm in die Stadt gezogen bin. jetzt denkt er, ich will irgendwas vor ihm verbergen.« Mattek sah zu Kelwitt hinüber, der im Wohnzimmer auf dem Liege­ stuhl lag und ihre Unterhaltung durch die offene Tür hindurch aufmerksam verfolgte. »Was ja auch stimmt.« Das Telefon klingelte wieder. Mattek ließ so ruckartig los, als habe es ihn gebissen. »Das ist er bestimmt wieder.« Er warf einen Blick in die Runde. »Thilo, geh du ran. Sag, wir sind alle weg, und du weißt von nichts.« »Ich?«, wehrte Thilo ab. »Wieso ausgerechnet ich?« Sein Vater hielt ihm das Telefon hin. »Niemand kann Dinge so gut für sich behalten wie du«, erklärte er. »Freundlich ausgedrückt.« Thilo nahm den Hörer mit mauligem Gesichtsausdruck ab. »Mattek?«, sagte er, und es klang ausgesprochen abweisend. Dann, einen Moment später, wesentlich freundlicher: »Ja, am, Apparat.« Er lauschte eine Weile, während der sie seine Augen groß und sein Gesicht ernst werden sahen. Dann sagte er »Danke« und legte auf. »Es war das Altersheim«, sagte er und suchte den Blick sei­ ner Schwester. »Herr Güterling ist heute Nacht gestorben.« Sie saßen in Thilos Zimmer, die beiden Geschwister, zur Abwechslung einmal ohne Kelwitt. Thilo hatte für sie beide Tee gemacht, schweigend und ernst. Ihre Eltern begriffen natürlich überhaupt nicht, was los war. »Er hat wahrscheinlich die ganzen Jahre gewartet«, meinte Thilo schließlich, die warme Teeschale in der Hand. »Dass sein Leben sich erfüllt, meine ich. Und als wir mit Kelwitt dort waren, hatte es sich erfüllt, und er konnte endlich sterben. Meinst du, so war es?« Sabrina starrte in das dunkle Schimmern in ihrer Tasse. So ernst hatte sie ihren Bruder noch nie erlebt. Sie hatte auch noch nie erlebt, dass er freiwillig Tee trank. »Sieht so aus«, sagte sie. Wieder Schweigen. Jeder hing seinen Gedanken nach. Ge­ danken, die um den Abend kreisten, an dem sie mit Kelwitt dort gewesen waren. »Aber wenn wir nicht hingegangen wären?«, fragte Thilo plötzlich. Sabrina schreckte hoch. »Was meinst du damit?« »Na, wenn wir nicht hingegangen wären. Wenn er Kelwitt nicht getroffen hätte. Was wäre dann gewesen?« »Weiß ich nicht.«, Thilo sah hoch, zum Fenster hinaus, in den Sternenlosen Nachthimmel. »Es gibt keine Garantie«, meinte er mit dünner, erschrockener Stimme. »Nicht wahr? Es gibt keine Garantie, dass das Leben sich erfüllt. Man kann auch einfach so ster­ ben.« Sabrina sah ihn an, fühlte einen Kloß in ihrer Kehle und sagte nichts. Er hätte an diesem Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages Besseres zu tun gewusst, als sich am Rand eines gottverlasse­ nen Älblerdorfes den Hintern abzufrieren. Andererseits war da dieses eigenartige Ding in dem Keller unten, wirklich und wahrhaftig, und ausgerechnet Ochsenfrosch hatte es entdeckt. Unglaublich. Ameisenbär zog ein letztes Mal an seiner Ziga­ rette und ließ die Kippe zu Boden fallen. Er musste eine Ent­ scheidung treffen. Er sah seinem Schuh zu, wie der die Kippe im schlammigen Ackerboden austrat, und wünschte sich, er wäre woanders, hätte einen anderen Beruf ergriffen, hätte niemals im Leben einen James-Bond-Film gesehen. »Also gut«, schnauzte er seinen bestgehassten Agenten an. »Wir übernehmen die Angelegenheit. Und Sie leiten den Fall. Was schlagen Sie vor?« Ochsenfrosch verschluckte sich fast vor Aufregung. Mit all den Pflastern und blauen Flecken sah er noch widerlicher aus als sonst. »Flugzeuge!«, sprudelte er heraus. »Suchflugzeuge mit Infrarotdetektoren. Falls das Wesen irgendwo … ich meine, es könnte tot sein – oder verletzt …« »Ich werde sehen, was sich machen lässt.« Das ließ sich kaum durchführen, ohne dass die Amerikaner davon Wind bekamen. Und das wollte er, wenn möglich, noch eine Weile, vermeiden. »Bis dahin haben Sie ja die Leute der Abteilung, damit sollte sich auch etwas anfangen lassen.« »Ja. Sicher. Selbstverständlich.« »Schön.« Er wandte sich seinem Auto zu, das am Feldrand stand und Wärme, Geborgenheit und eine zunehmende An­ zahl von Kilometern zwischen ihm und diesem Ort hier ver­ hieß. »Sie halten mich auf dem Laufenden.« »Natürlich. Aber, Chef…« »Ja, was denn noch?« »Ähm, es ist mir ein bisschen peinlich, aber… ähm, Chef, das Geld, das ich vorgestreckt habe …« »Ich werde veranlassen, dass man es Ihnen überweist. Gleich im neuen Jahr. Sie haben sich doch eine Quittung geben lassen, hoffe ich.« »Eine Quittung?« Ochsenfrosch riss die Augen auf, als wol­ le er seinem Tarnnamen Ehre machen. »Ach so. Nein. Ist das …? Aber ich denke, ich kann noch eine kriegen.« »Gut. Tun Sie das.« »Aber, Chef…?« Hörte das denn nie auf? »Irgendwelche Probleme damit?« »Wäre es möglich, das Geld noch dieses Jahr… ?« Der ma­ gere Mann, der es auf unerfindliche Weise geschafft hatte, Agent zu werden, vollendete den Satz nicht, sondern hielt mit sonderbar wippendem Kehlkopf inne und schaute ihn hunde­ äugig an. Für einen Augenblick hatte Ameisenbär das irreale Gefühl, er müsse nur einen Stock hinaus aufs Feld werfen, und Ochsenfrosch würde ihn laut bellend apportieren. »Noch dieses Jahr?«, wiederholte er. »Ja. Wenn es möglich wäre.«, »Ich verstehe das Problem nicht, fürchte ich.« »Das Jahr 2000, Chef«, sagte Ochsenfrosch, als sei damit al­ les erklärt. »Der Millennium-Bug.« »Der – was?« Es war ein Schauspiel. Der Kehlkopf wippte auf und ab, die Augen rollten, die Hände gestikulierten, als würgten sie unsichtbare Geister. Aus dem, was Ochsenfrosch an abgeris­ senen, aufgeregten Sätzen hervorwürgte, entnahm er so viel, dass dieser befürchtete, am ersten Januar 2000 würden die Computer dieser Welt sich an den Jahreszahlen verschlucken und zusammenbrechen und das Finanzsystem mit ihnen. Mindestens. »Das ist doch ausgemachter Unsinn«, fuhr er ihn barsch an. »Als Nächstes soll ich dann an Hexen glauben, an Pyramiden oder UFOs …« Er hielt inne. Warf einen Blick zurück auf den Eingang des Rübenkellers. Musterte Ochsenfrosch, der ein Gesicht machte wie ein Geisteskranker. »Oh, verdammt«, knurrte er. Das Finanzsystem. Banken. Jede Menge Computer, richtig. Und wie war das eigentlich mit seinen eigenen Ersparnissen? Den Versicherungen? Unvor­ stellbar, wenn das alles … Aber da hinten lag ein genauso unvorstellbares Gerät, und was das betraf, war es Ochsen­ frosch gewesen, der Recht gehabt hatte. Was für eine kranke Welt! »Oh, verdammt noch mal«, wiederholte er und riss die Au­ toschlüssel aus der Tasche. »Also gut, Sie kriegen Ihr Geld noch vor Silvester.« Kelwitts Zustand schien sich zu verschlechtern. Sie hatten ihn, noch einmal mit kaltem Salzwasser abgewaschen. Sabrina war die Nacht über bei ihm geblieben. Den zweiten Weihnachtsfei­ ertag über war er kaum ansprechbar und verdöste die ganze Zeit. Am Nachmittag bestand immer noch keine Verbindung mit dem Mutterschiff, und Tik gab zu, dass es sich nun tat­ sächlich ernsthaft verspätet hatte. »Und was sollen wir jetzt tun?«, fragten die Matteks. »Die gegebene Situation«, erklärte die Stimme aus der silbern schimmernden, nahtlosen Schulterspange, »liegt außerhalb des Bereiches, in dem ich sinnvolle Ratschläge geben kann.« »Mit anderen Worten: Das Ding hat keine Ahnung!«, brau­ ste Sabrina auf. Es war gespenstisch, mit dieser mechanischen Stimme zu reden, die sie als Kelwitts Stimme wahrzunehmen gelernt hatten, während Kelwitt mit schlierig-weißen Augen dalag und ab und zu seltsame Geräusche mit seinen Kauwerkzeugen machte. Wolfgang Mattek, der die ganze Zeit nichts gesagt, nur im Sessel gesessen und zugeschaut hatte, sprang plötzlich auf, stieß hervor: »So geht das nicht weiter! Es muss etwas gesche­ hen!«, und fegte aus dem Zimmer. Die Tür zu seinem Arbeits­ zimmer fiel donnernd ins Schloss. Kelwitt fuhr vor Schreck hoch und ließ wohl einen seiner unhörbaren Schreie los, jedenfalls fing die Wohnzimmergardine wieder einmal an, leise rauschend zuzufahren, und in der Nachbarschaft bellten etliche Hunde auf wie angestochen. Aus der Diele hörten sie das Klicken der Telefonanlage. »Er wird nicht die Polizei anrufen, oder?« wandte Sabrina sich an ihre Mutter. »Nicht wahr?« »Dein Vater weiß, was er tut.«, Sabrina und Thilo wechselten einen viel sagenden Blick. Es dauerte eine ganze Weile, dann kehrte Wolfgang Mattek zurück, das Mobilteil seines Telefons noch in der einen, den Kalender in der anderen Hand. »Also«, erklärte er. »Morgen früh werdet ihr beide mit Kelwitt zum Arzt gehen.« »Zum Arzt?!«, riefen seine Kinder. »Die Praxis macht morgen den Jahresabschluss und ist ei­ gentlich erst nachmittags geöffnet, aber ihr könnt schon vor­ mittags kommen, ab acht.« »Die Praxis? Welche Praxis?!« Mattek sah seine Sprösslinge an, als hege er plötzlich ernst­ hafte Zweifel an ihrer Intelligenz. »In der Nähe gibt es ja wohl nur einen Arzt, oder? Die Praxis von Doktor Lacher natürlich.« »Doktor Lacher?«, echote Sabrina entgeistert. »Ich dachte, mit dem willst du nie wieder etwas zu tun haben?« »Will ich auch nicht«, meinte Mattek. »Aber er schuldet mir ja wohl zumindest einen Gefallen, oder?« Damit verschwand er wieder, und die Tür zum Arbeitszimmer rumste wieder. Über das Weiß von Kelwitts Augäpfeln zogen dunkle Schlieren wie sturmgepeitschte Wolken. »Wieso schuldet er ihm einen Gefallen?«, wiederholte er schlaftrunken. Sabrina seufzte. »Das erklär' ich dir ein andermal.« Und nachdem Kelwitt beruhigt zurück auf sein hartes, nasses Lager gesunken war, setzte sie leise hinzu: »Oder auch nicht.«, Am nächsten Morgen ging es Kelwitt etwas besser. Die Nacht über hatte er ziemlich im Haus herumrumort, war türenschla­ gend umhergeirrt, sodass sie mehrmals aus den Betten ge­ sprungen waren, um nach ihm zu sehen. Er habe sich noch einmal entleert, erklärte er gegen halb vier Uhr früh, und danach gab er endlich Ruhe. Trotzdem bestand Vater Mattek beim Frühstück eindringlich auf dem Arztbesuch. »Ein Arzt unterliegt der Schweigepflicht. Sogar Doktor Lacher. Es kann also gar nichts passieren«, erklärte er und sah auf die Uhr. »Ich muss los, die Jahrtausendwende wartet.« Als sie ihm den Parka überstreifen wollten, den er für den Weg zum Altersheim getragen hatte, wurde Kelwitt plötzlich renitent. Es gehe ihm nicht so gut, dass er sich die Haut trok­ kensaugen lassen wolle. Also hängten sie den Parka wieder weg und gingen mit ihm, wie er war: eine silbergraue Gestalt, die wie eine Kreuzung aus einem mageren Teenager und einem Delfin aussah und einen eng anliegenden, quietschnas­ sen Anzug trug. Von Rechts wegen hätte ihm der Anzug draußen auf dem Leib gefrieren müssen, aber aus irgendeinem Grund tat er das nicht. Nur die Fußspuren, die er auf dem Asphalt zurückließ, kristallisierten hinter ihm zu seltsamen silbrigen Figuren. »Ich fasse es nicht«, raunte Sabrina ihrem Bruder zu. »Die ganze Zeit verstecken wir ihn, gehen nur nachts mit ihm raus, und das auch nur verkleidet – und jetzt das. Am helllichten, Tag durchs Einkaufszentrum. Am ersten Werktag nach Weih­ nachten.« Die Praxis von Doktor Lacher, dem einzigen Allgemeinarzt weit und breit, lag mitten in der Ladenstraße. Rechts die Apotheke, links eine Bankfiliale, gegenüber ein Supermarkt. Es konnte nicht ausbleiben, dass die Leute sie anstarren wür­ den wie Erscheinungen. Bestimmt würde es eine Panik geben. Polizei würde kom­ men und alles abriegeln … Sabrina bekam feuchte Hände, während sie darüber nachdachte. Aber es war das Einkaufszentrum. Am ersten Werktag nach Weihnachten. Die Leute hatten leer gefutterte Kühlschränke zu Hause und anderes zu tun, als andere Leute anzustarren. Der eine oder andere verwunderte Blick streifte sie, man schaute ihnen nach, runzelte die Stirn und konzentrierte sich dann wieder auf seine Besorgungen, und eine Oma am Krück­ stock machte sich die Mühe, vorsichtshalber die Straßenseite zu wechseln. Bloß ein Kind, ein vielleicht fünfjähriger Knirps, der neben seiner Mutter daherhüpfte, zeigte auf Kelwitt und rief: »Guck mal, Mama! Ein Außerirdischer!« Worauf seine Mutter ihm auf die Hand patschte. »Ich hab' dir schon tausend Mal gesagt, dass man nicht mit dem Finger auf Leute zeigt!« »Aber das ist doch kein Leut!«, protestierte der Kleine. »Das ist ein Außerirdischer!« »Ja, der sieht seltsam aus«, nahm seine Mutter ihre pädago­ gische Pflicht wahr, ihrem Kind die Wahrheit über die Welt nahe zu bringen. »Aber es ist nur ein Mann, der ein Kostüm anhat, verstehst du?«, »Aber warum hat der Mann ein Kostüm an?«, kam es in gnadenlosem Kinder-fragen-ihren-Eltern-ein-Loch-in-den- Bauch-Singsang. »Er macht Werbung für einen neuen Kinofilm. Er hat das Kostüm an, damit die Leute neugierig auf den Film werden und ins Kino gehen.« »Was für einen Film denn?«, bohrte der Pimpf weiter. Das wusste die allwissende Mutter nun auch nicht. »So ein Weltraumfilm halt«, meinte sie vage und warf Sabrina einen finsteren Blick zu. »Du, stimmt das?«, wollte das Kind von Sabrina wissen. Sabrina, die sich eigentlich schon die ganze Zeit am liebsten in die andere Richtung davongemacht hätte, sah auf die gro­ ßen Augen des Kleinen hinab. Bestimmt hatte er noch nie etwas vom Weihnachtsmann gehört, geschweige denn vom Klapperstorch. »Nein«, hörte Sabrina sich sagen. »Das stimmt nicht. Du hast Recht. Das ist ein richtiger Außerirdischer.« Ein Leuchten glomm in diesen Augen auf. »Siehst du, Ma­ ma?«, frohlockte er. Seine Mama riss ihn ungehalten auf ihre andere, von Sabri­ na abgewandte Seite, erdolchte sie alle drei mit Blicken und zischte: »Wie können Sie es wagen, einem arglosen Kind so einen Unsinn zu erzählen?!« Nun war sie es, die sich in die andere Richtung davonmach­ te und ihr Kind so dem verderblichen Einfluss entzog. Ein paar Jugendliche, die am Döner-Kebab-Stand lungerten, hatten den Vorfall mitbekommen. »Ja, hey!«, rief einer her­ über. »Was für ein Film denn?«, »Mann«, beantwortete ihm sein Kumpel lautstark die Frage. »Der neue ›Krieg der Sterne‹!« »Hey, quatsch mich nich' an! Der läuft doch schon ewig!« »Und? Da kommt ja wohl ein zweiter Teil, oder?« Doch da war endlich die Apotheke und die Bankfiliale und dazwischen die unscheinbare Mattglastür mit dem Praxistür­ schild, hinter die sie sich retten konnten. Doktor Lacher saß an seinem Schreibtisch, wühlte in Belegen und Abrechnungen und kam sich vor wie ein Buchhalter. Hatte er dafür Medizin studiert? Jedes Jahr das gleiche Thea­ ter, und jedes Jahr war er um diese Zeit kurz davor, den gan­ zen Kram hinzuschmeißen. Dass die Türglocke ging, nahm er nur unterbewusst wahr. Erst als die Sprechstundenhilfe den Kopf hereinstreckte, fiel ihm wieder ein, was er gestern Abend zugesagt hatte. »Ich weiß schon Bescheid«, sagte er, warf dankbar den Ku­ gelschreiber beiseite und streckte sich. »Die Mattek-Kinder sind da mit ihrem kranken Gast.« »Ja, ja, aber…« Das Mädchen stockte, schluckte, rollte mit den Augen. Sie hieß Stefanie und war nicht schön, aber tüch­ tig. Ein mausgraues Wesen, und gerade sah sie noch grauer aus als sonst. Beinahe schon blass. »Was ist denn mit Ihnen?« Als Arzt hat man sich auch um das Wohlergehen seiner Angestellten zu kümmern. »Ist Ihnen nicht gut?« »Wen die dabeihaben!«, brachte Stefanie hervor. »Wie bitte?« »Haben Sie den gesehen? Den die dabeihaben?« Sie wagte, kaum zu atmen. »Wie hätte ich von hier aus wohl … Stefanie! Nun beruhi­ gen Sie sich! Nein, ich weiß nicht, wer da bei Matteks zu Gast ist, aber Michael Jackson wird es doch wohl kaum sein, oder?« Stefanie war eine glühende Verehrerin des amerikanischen Popstars. Eigentlich hätte nur dessen unangekündigtes Er­ scheinen in Lachers Arztpraxis diese Symptome bei ihr her­ vorrufen können. Stefanie schloss die Augen, legte die flache Hand auf die Brust und zwang sich zu ruhigerer Atmung. »Bitte, Herr Doktor«, sagte sie gefasst, als sie die Augen wieder aufschlug. »Sie müssen jetzt ganz vorsichtig ins Wartezimmer schauen.« »Sicher muss ich das. Dort wartet ja mein Patient, nehme ich an.« »Ja, aber dieser Patient – was ist das?« Das klang ja wirklich beunruhigend. Lacher überlegte, was mit seiner sonst geradezu chronisch zuverlässigen und ruhi­ gen Assistentin los sein mochte. Konnte er es wagen, sie in diesem Zustand nach Hause zu schicken, oder war es ange­ zeigt, ihr ein Beruhigungsmittel zu geben? »Dieser Patient, meine Liebe, ist ein Gast von Herrn Mattek. Das habe ich Ihnen doch heute Morgen erklärt. Ihm ist nicht gut, und ich soll herausfinden, warum.« Doktor Lacher grinste flüchtig. »So kurz nach den Weihnachtsfeiertagen sollte das nicht allzu schwer fallen.« »Ah«, machte Stefanie. Sie ging zu einem Stuhl und ließ sich hineinfallen wie ein nasser Sack Sand. »Eigenartige Gäste hat er, Ihr Herr Mattek.« Jetzt wurde er doch neugierig, wer da in seinem Warte­ zimmer hocken mochte. Er ging hinüber in den Röntgenraum., Dort gab es ein winziges Guckloch, auf der anderen Seite durch einen Strauß Plastikblumen getarnt. Diesen Spion pflegte er zu benutzen, wenn er ein Gefühl dafür brauchte, wie viel Arbeit noch auf ihn wartete. Diesmal war das wirklich schwer zu sagen. »Allerhand«, sagte Doktor Lacher zu sich und schaute noch einmal hindurch. Er war sehr nachdenklich, als er zu Stefanie zurückkehrte. »Wie, würden Sie sagen, sieht das aus?«, fragte er. »Wie ein Wesen von einem anderen Stern«, erklärte Stefanie sofort. »Ja. Genau.« Lacher überlegte angestrengt. Gut jedenfalls, dass er gewarnt war. »Genauso sieht es aus.« Sie sah ihn mit großen Augen an. Großen Augen, um die es verräterisch zuckte. »Aber«, fuhr der Arzt fort, »würde ein Wesen von einem anderen Stern ausgerechnet die Familie Mattek besuchen? Wohl kaum, das sagt einem schon der gesunde Menschenvers­ tand. Also muss es eine andere Erklärung geben. Stefanie – ist Ihnen vor Weihnachten irgendetwas Besonderes aufgefallen? War ein Wartungstechniker da? Für den Kopierer? Die Com­ puter? Die Heizung?« »Wie bitte?« Stefanie schüttelte verwirrt den Kopf, dachte aber dann doch nach. »Nein. Ich meine … Nein, nicht dass ich wüsste.« »Na gut.« Doktor Lacher rieb sich die Faust. Das tat er gern, wenn er angestrengt überlegte. »Wir müssen davon ausgehen, dass die ziemlich raffiniert vorgehen. Aber wir werden sie austricksen. Ha! Und wie wir die auflaufen lassen!« Es dauerte, eine Weile, bis er bemerkte, mit welch argwöhnischem Blick ihn seine Sprechstundenhilfe ansah. Einer von uns beiden ist übergeschnappt, sagte dieser Blick. Er lachte auf. »Versteckte Kamera!«, erklärte er triumphierend. »Das ist ein Streich der ›Versteckten Kamera‹! Dieser Fernsehsendung, Sie wissen schon.« »Was?« Allmählich musste man sich ernsthafte Sorgen ma­ chen, dass ihre Augen aus den Höhlen fallen konnten. »Sind Sie sicher?« »Ja«, nickte Lacher. »Aus einer Reihe von Gründen bin ich mir ziemlich sicher. Und deswegen müssen wir beide uns jetzt gut absprechen. Die glauben, sie kriegen jetzt einen fassungs­ losen Arzt und eine entgeisterte Sprechstundenhilfe auf den Film. Aber da sollen sie sich getäuscht haben. Wir, Fräulein Stefanie, wir werden die Ruhe selbst bleiben. Absolut cool. Wir werden so tun, als gingen bei uns Patienten aus allen Galaxien nur so ein und aus, verstehen Sie?« »Nein.« Sie schüttelte energisch den Kopf. »Nein, das ver­ stehe ich nicht. Wenn die von der ›Versteckten Kamera‹ kom­ men – dann heißt das doch, dass die Mattek-Kinder einge­ weiht sind, oder?« »Ja, natürlich.« »Aber warum sollten sie das tun?« Der Arzt sah sie nachdenklich an. »Tja, das war vor Ihrer Zeit. Eine seltsame Geschichte. Ich wusste, dass er eines Tages versuchen würde, sich zu rächen.« »Wer?« »Mattek. Der Vater der beiden.« Lacher seufzte. »Die ganze Familie gehörte früher einmal zu meinen Patienten. Bis zu einer anderen Fernsehsendung, die ›Überraschung!‹ hieß oder, so ähnlich. Erinnern Sie sich an die? Da wurden Leute mit lange vermissten Verwandten oder alten Schulkameraden zusammengebracht, vor laufender Kamera. Manchmal kamen sie mit einem ganzen Kamerateam zu jemandem an den Ar­ beitsplatz oder nach Hause, wie ein Überfall. Und einmal eben zu Wolfgang Mattek. Im Schlepptau einen alten Mann, der bei seinem Onkel, von dem er die Fabrik geerbt hat, Buchhalter gewesen war und an den er sich überhaupt nicht mehr erin­ nerte. Ziemlich peinliche und im Grunde belanglose Sache.« »Und was hat das mit Ihnen zu tun?« »Der alte Mann war mein Patient gewesen. Hat hier im Al­ tersheim gelebt, ist vor vier oder fünf Jahren gestorben. Er hat mir einmal von seiner früheren Stellung erzählt, dabei wohl ein bisschen übertrieben, und ich habe der Redaktion dieser Show geschrieben. Hielt es für eine witzige Idee. Mattek leider nicht; er hat mich verklagt wegen Bruchs der ärztlichen Schweigepflicht.« »Oh«, machte die Sprechstundenhilfe. Lacher nickte versonnen. Ab und zu konnte er den Mund nicht halten, das war wohl richtig. »Ein Grenzfall. Er hat den Prozess verloren, und ich einen Patienten. Wie auch immer – ich bin mir sicher, dass er dahinter steckt. Das, was Sie im Wartezimmer sehen, ist ein Trick. Ein guter Trick, aber ein Trick. Die sind verdammt gut in solchen Dingen heutzutage.« Stefanie rang nach Worten. »Das ist ja infam!« »Nicht wahr? Aber wir verderben ihnen den Spaß.« »Worauf warten wir?«, wollte Kelwitt wissen. »Beim Arzt muss man immer warten«, erklärte Thilo. »Selbst, wenn man einen Termin hat. Sogar, wenn man der, einzige Patient am ganzen Vormittag ist. Keine Ahnung, warum das so ist, aber es ist so.« Schließlich kam die Sprechstundenhilfe wieder, eine schwarze Schreibunterlage mit einem Formular darauf in der Hand. »Geht das auf Krankenkasse oder privat?«, wandte sie sich an Sabrina. »Ähm – was?«, fuhr Sabrina zusammen. »Keine Ahnung. Privat, nehme ich an.« Ein Häkchen wurde aufs Papier gesetzt. »Gut. Sie können dann ins Behandlungszimmer gehen. Geradeaus, die erste Tür.« Sie verschwand wieder. Thilo runzelte die Stirn. »Die ist ja ziemlich cool.« »Ja«, nickte seine Schwester beeindruckt. »Vorhin an der Tür dachte ich noch, sie fällt gleich in Ohnmacht.« Das Behandlungszimmer hatte sich nicht großartig verän­ dert, seit sie beide das letzte Mal hier gewesen waren. Kinder waren sie damals noch gewesen. Immer noch dieselben ge­ rahmten Drucke an der Wand, Paul Klee und Chagall und ein Konzertposter von Pink Floyd. Immer noch dieselben weißen Möbel. Nur die Geräte und Instrumente sahen ein bisschen anders aus. Kelwitt sah sich neugierig um, sagte aber nichts. Er befühlte die Sitzflächen der verschiedenen Stühle, die alle mit hellem Kunstleder überzogen waren. Waschbar, feuchtigkeitsu­ nempfindlich und leicht gepolstert. »Unangenehm«, meinte er. Thilo sah sich um, entdeckte aber auch keine andere Sitzge­ legenheit. »Ich fürchte, da musst du durch.« In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen, und Doktor Lacher kam hereingewirbelt, mit wehendem weißen Kittel, das, Inbild des vielbeschäftigten Arztes. »So!«, rief er aus. »Hallo, Sabrina, hallo, Thilo – lange nicht gesehen, was? Groß seid ihr geworden.« Er schüttelte ihnen die Hände. »Wie geht's euch? Gut, hoffe ich.« »Ja«, erwiderte Sabrina verdutzt. »Doch. Im Grunde schon.« »Schön«, nickte der Arzt. »Dann wollen wir uns mal den Patienten anschauen.« Er streckte Kelwitt die Hand hin. »Gu- ten Tag, mein Name ist Doktor Lacher. Sie sind nicht von hier, scheint mir, oder?« Kelwitt ergriff die Hand des Arztes und schüttelte sie, als sei er keinen anderen Gruß gewohnt. »Mein Name ist Kel­ witt«, erklärte er. »Ich komme vom Planeten Jombuur.« »Das liegt im Zentrum der Milchstraße«, fügte Thilo hinzu. »Jedenfalls in der Gegend«, ergänzte Sabrina. Beide wun­ derten sich doch etwas, wie gelassen ihr ehemaliger Hausarzt die Begegnung mit einem Außerirdischen aufnahm. Gerade, dass er ein bisschen nervös blinzelte, als er Kelwitts kalte Tentakelfinger umfasste. »Jombuur. Im Zentrum der Milchstraße. Verstehe. Das ist ein ganz schönes Stück weit weg, wenn ich mich nicht irre?« »Ja«, sagte Kelwitt. »Wahrscheinlich wäre man sogar mit der ›Enterprise‹ eine ganze Weile unterwegs, was?« Kelwitt nickte. »Ungefähr einen Monat.« Sabrina und Thilo sahen einander nur hilflos an. Doktor Lacher stieß einen Pfiff aus. »Das ist allerdings ein ziemliches Stück. Was führt Sie auf unseren kleinen blauen Planeten, wenn ich fragen darf?« »Ich habe eine Orakelfahrt gemacht. Unglücklicherweise, bin ich dabei abgestürzt.« »Ah.« Der Arzt griff nach seiner Karteikarte und einem Ku­ gelschreiber und begann, sich Notizen zu machen. »Und dabei haben Sie sich verletzt?« Er deutete auf die Stühle vor seinem Schreibtisch. »Nehmen Sie doch Platz. Ihr beide natürlich auch.« Sie setzten sich. Sogar Kelwitt, wenngleich sehr behutsam und nicht ohne spürbare Anspannung. »Nein«, stand er weiter Rede und Antwort. »Das Schutzfeld des Raumschiffes wurde rechtzeitig vor dem Aufprall aktiviert.« »Verstehe«, nickte Doktor Lacher ernsthaft. »Aber Sie haben Beschwerden, hat man mir gesagt.« »Ja. Ich fühle mich nicht gut. Seit zwei Tagen geht es mir sehr schlecht.« »Seit zwei Tagen. Verstehe. Und wie äußert sich das kon­ kret?« Kelwitt überlegte einen Augenblick. »Dass ich mich sehr schlecht fühle«, erklärte er dann. Doktor Lacher schmunzelte einen Moment, und sein Blick huschte kurz umher, als suche er etwas in den Ecken des Raumes. »Sicher, das habe ich schon verstanden. Heißt das, dass Sie Schmerzen haben? Ist Ihnen übel? Haben Sie das Bedürfnis, sich hinzulegen?« »Ja«, sagte Kelwitt nach einer weiteren Sekunde des Über­ legens. »Es hat mit Schmerzen in der Oberkörpermuskulatur ange­ fangen«, schaltete sich Sabrina ein. »So etwas wie Verspan­ nungen. Er hat schlecht geschlafen.«, »Am Heiligen Abend hat er zum ersten Mal etwas geges­ sen«, fügte Thilo hinzu. »Vielleicht ist ihm das nicht bekom­ men?« »Jombuuraner essen nur einmal im Monat etwas«, erklärte Sabrina. »Verstehe«, nickte der Doktor. »Ich habe ein paar Patienten, denen das auch sehr gut täte.« Er machte sich Notizen und schaute sich dabei wieder verstohlen um, zu den Glastüren seiner Arzneischränke, dem Spiegel über dem Waschbecken, dem Wandschirm vor dem gynäkologischen Stuhl im Eck. »Fühlen Sie sich allgemein schwach?« »Gestern habe ich mich sehr schwach gefühlt«, gab Kelwitt Auskunft. »Dann habe ich mich noch einmal entleert. Seither fühle ich mich etwas besser.« »Sie haben sich entleert – heißt das, Sie hatten Stuhlgang?« »Ungefähr ja.« »Haben Ihre Muskelschmerzen seither nachgelassen?« »Nein.« »Aber Sie fühlen sich stärker?« »Ein wenig.« »Hmm.« Der Arzt drehte seinen Kugelschreiber unent­ schlossen zwischen den Fingern. »Hatten Sie ähnliche Be­ schwerden schon irgendwann einmal in Ihrem Leben?« »Nein, noch nie.« »Haben Sie eine Vorstellung, was es sein könnte, woran Sie leiden?« »Nein.« »Es ist also keine auf Ihrem Heimatplaneten häufig vor­ kommende Krankheit?«, »Nein.« »Entschuldigen Sie, Doktor«, unterbrach Sabrina. »Was ich die ganze Zeit schon fragen wollte: Trauen Sie sich überhaupt zu, ihn zu behandeln? Ich meine, er ist schließlich kein Mensch. Er hat zum Beispiel drei Herzen, und wahrscheinlich sind auch seine übrigen Organe ganz anders als bei uns …« Doktor Lacher nahm seine Faust in die andere Hand und knetete sie, eine Geste, die Sabrina noch von früher von ihm kannte. Nur dass er ständig verstohlen an einem vorbei in eine Zimmerecke schielte, schien ein neuer Tick zu sein. »Gut, dass du das fragst«, lächelte er gütig. »Darauf wollte ich aber ohne­ hin gleich zu sprechen kommen. In der Tat habe ich keine Erfahrungen in der Behandlung kranker Außerirdischer – woher auch ? Deswegen werde ich auch sehr vorsichtig sein. Aber im Augenblick sind wir noch bei der Diagnose. Dabei kann nichts passieren. Allerdings werden wir um ein paar eingehendere Untersuchungen tatsächlich nicht herumkom­ men.« Ein paar eingehende Untersuchungen später saß Doktor Lacher in seinem Labor und versuchte, das Gefühl loszuwer­ den, etwas ganz und gar Unwirkliches zu erleben. Unglaub­ lich, was diese Special-Effects-Leute vom Film heutzutage draufhatten. Er hatte diesem angeblichen Außerirdischen Blut abgenommen – besser gesagt, Körperflüssigkeit, denn es war eine dünne, wässrige Brühe von – natürlich! – grüner Farbe –, aber diese Flüssigkeit transportierte Sauerstoff und Proteine. Er fragte sich wirklich, wie sie das gemacht hatten. Das Wesen wirkte unglaublich echt, bewegte sich, wirkte lebendig – aber es war fast nicht vorstellbar, dass es ein Schauspieler in Maske, sein sollte: Es hätte ein magersüchtiger Schauspieler sein müssen, geradezu ein Skelett, und ein ziemlich kleines noch dazu. »Ich frage mich, wie weit sie es treiben«, murmelte er vor sich hin. Stefanie sah ihn an. Sie wirkte erschöpft. »Müsste nicht ir­ gendwann dieser – wie heißt er? –, der die ›Versteckte Kame­ ra‹ moderiert, kommen? Der kommt doch am Schluss immer dazu und nimmt seine Verkleidung ab.« Lacher nickte grimmig. »Das tut er natürlich erst, wenn er uns drangekriegt hat«, sagte er. »Aber er wird uns nicht drankriegen. Wir werden den ganzen Schwindel auffliegen lassen.« Sie sah auf die Röhrchen mit der trübgrünen Flüssigkeit und auf die verfärbten Teststreifen, die vor dem Ständer ausgebreitet lagen. »Und wie wollen Sie das machen?« »Wie würden Sie es machen?« »Ich würde versuchen, ob ich ihm die Gummimaske vom Kopf ziehen kann.« »Das ist keine Gummimaske. Wahrscheinlich ist der ganze so genannte Außerirdische eine Art Roboter. Eine ferngesteu­ erte Puppe.« »Glauben Sie?«, fragte Stefanie beeindruckt. Lacher setzte ein Lächeln auf, von dem er hoffte, dass es siegessicher wirkte. »Wir werden ihn trotzdem demaskieren«, prophezeite er. »Wir stellen ihn vors Röntgengerät!« »Bei uns gibt es in jedem Schwarm einen Heiler«, erzählte Kelwitt und presste gehorsam den Mulltupfer auf die Ein­, stichstelle in der Armbeuge, während Doktor Lacher und seine Assistentin im Labor beschäftigt waren. »Meistens einer der Älteren. Er versorgt einen, wenn man sich verletzt oder eine Krankheit bekommt, die nicht gefährlich ist. Erst wenn es gefährlich wird, ruft er einen der Großen Heiler. Der kommt mit einer Flugmaschine, mit der er den Kranken notfalls mit ins Nest der Großen Heiler mitnehmen kann.« »Eine Art Krankenhaus«, mutmaßte Thilo. »Wahrscheinlich«, gab ihm Kelwitt recht. Doktor Lacher kam zurück, ein Auswertungsformular in der Hand, und verkündete, es sei unumgänglich, Kelwitt zu röntgen. Ob er, Kelwitt, wisse, was das bedeute? »Ja«, erwiderte Kelwitt sofort. »Röntgenstrahlen. Von ihrem Entdecker W. C. Röntgen, 1895, ursprünglich X-Strahlen genannt. Elektromagnetische Wellen im Spektrum zwischen Ultraviolett und Gammastrahlung. Ihre medizinische Ver­ wendung zur Krankheitserkennung wird Röntgendiagnostik genannt, sie beruht auf …« »Schon gut«, winkte der Arzt hastig ab. »Ich sehe, Sie wis­ sen Bescheid. Haben Sie etwas dagegen einzuwenden, dass ich Sie röntge?« »Nein, nichts«, entgegnete Kelwitt bereitwillig. Das schien Doktor Lacher beinahe noch mehr zu verwirren als das prompte Lexikonzitat. »Sie sind nicht zufällig gegen Röntgenstrahlen überempfindlich oder dergleichen?«, verge­ wisserte er sich, als habe er eigentlich erwartet, dass Kelwitt diese Untersuchung ablehnen würde. »Nein«, meinte Kelwitt. »Eine ähnliche Technik wird auch bei uns seit Jahrtausenden eingesetzt, soweit ich weiß.«, »Nun ja, dann …« Der Doktor kratzte sich ratlos das Haupt. Schließlich rang er sich zu einer einladenden Handbewegung durch. »Dann darf ich bitten. Ihr beide bleibt hier. Strahlen­ schutz, ihr versteht schon.« »Klar«, meinte Thilo. »Ich glaube immer noch nicht, was wir hier tun«, meinte Sabrina, als Kelwitt und Doktor Lacher das Zimmer verlassen hatten. »Ich komme mir so blöd vor. Die ganze Zeit hatte ich Angst, alle Welt würde sich auf Kelwitt stürzen, die Zeitun­ gen, die Geheimdienste, die Wissenschaftler, jeder, und ihn in der Luft zerreißen vor Gier. Ein Außerirdischer! Und jetzt sieht es so aus, als juckt das überhaupt keinen.« Thilo sah auf die weiße Fläche der geschlossenen Tür. »Echt wahr. Wenn man dem Doktor so zusieht, könnte man glauben, das ist das Normalste der Welt für ihn.« Doktor Lacher betrachtete das am Lichtkasten eingeklemmte Röntgenbild und zerkaute sich die Lippen. Es war ein Trick, ganz klar, aber wie hatten sie das gemacht? Er hatte noch nie davon gehört, dass man Röntgengeräte derart überlisten konnte. »Stefanie?« »Ja, Doktor?« »War nicht Anfang Dezember der Wartungsmensch für das Röntgengerät da?« »Ja. Am zweiten.« »War es derselbe wie immer?« »Ähm, ich weiß nicht…« Sie überlegte. Er ließ sie überlegen. Ihr Gedächtnis für solche Einzelheiten war immer wieder, verblüffend. »Jetzt, wo Sie es sagen – nein. Es war jemand anders.« »Also«, meinte Lacher zufrieden. »Da haben wir es. So ha­ ben sie es gemacht. Sie haben etwas in das Röntgengerät eingebaut, das auf ein Funksignal hin vorprogrammierte Bilder auf den Film strahlt.« »Glauben Sie?« »Und das Spiel geht anders, als ich zuerst dachte. Jede Wet­ te. Es geht überhaupt nicht darum, ob wir in Panik geraten oder nicht – sondern darum, ob wir das Spiel kapieren und mitspielen. Das macht nämlich alles Sinn hier, sehen Sie? Wie bei einem Detektivspiel.« Er klopfte gegen die angebliche Röntgenaufnahme. »Hier. Sehen Sie das? Natürlich wäre die Lunge eines hypothetischen Außerirdischen, der durch ein Loch auf der Kopfoberseite atmet, zum Rücken hin orientiert. Also müssen wir das hier als Lunge interpretieren.« Stefanie trat neben ihn. Ihrem Gesichtsausdruck nach sah sie noch nicht so recht, wo Doktor Lacher einen Sinn entdeckt hatte. »Das ist Information eins. Information zwei ist das, was er gesagt hat: dass die Beschwerden mit Rückenschmerzen begannen. Also, wenn wir das Spiel konsequent spielen, hat die Lösung möglicherweise mit der Lunge zu tun. Und nun schauen Sie sich mal das Verhältnis zwischen Lungenkapazität und Körpergewicht an. Merken Sie was?« Als Doktor Lacher es sich mit seinen Unterlagen wieder hinter seinem Schreibtisch gemütlich machte, wirkte er außerordent­ lich zufrieden. Sabrina und Thilo warfen einander rasche Blicke zu. Das war hoffentlich ein gutes Zeichen., »Kelwitt«, begann er schließlich, »können Sie mir zufällig sagen, wie hoch der Sauerstoffanteil in der Atmosphäre Ihres Heimatplaneten ist?« »Achtzehneinhalb Prozent«, erwiderte Kelwitt wie aus der Pistole geschossen. »Aha«, machte Doktor Lacher zufrieden und besah sich versonnen nickend seine Papiere. »Das habe ich mir gedacht. Ihre Lunge ist sehr groß im Verhältnis zum Körper. Das muss sie auch sein, da sie auf Ihrem Planeten mehr Luft aufnehmen muss, um den benötigten Sauerstoff daraus zu beziehen. Hier auf der Erde aber« – er sah von seinen Unterlagen hoch – »ist sie zu groß.« »Was heißt das?« »Ich kann mich natürlich irren«, räumte der Arzt ein. »Ich kenne Ihren Metabolismus zu wenig, um mir meiner Sache halbwegs sicher zu sein. Sie könnten buchstäblich alles Mögli­ che haben. Eine Infektion beispielsweise, angesteckt von einem Bakterium oder Virus Ihrer Heimat – das kann ich hier un­ möglich nachweisen. Aber da Sie sagen, dass Sie diese Be­ schwerden noch nie gehabt haben und auch nicht der Be­ schreibung nach kennen …« »So ist es.« »… denke ich, dass Sie ursächlich mit Ihrem Aufenthalt auf der Erde zusammenhängen.« Er sah Kelwitt an. »Ich vermute, dass Sie an einer Sauerstoffvergiftung leiden.« »Was?!«, riefen Sabrina und Thilo beinahe im Chor. »Das kommt euch seltsam vor, nicht wahr?«, schmunzelte Doktor Lacher. »Aber lasst euch gesagt sein, dass Sauerstoff ein überaus aggressives Gas ist. Nur wenige Gase sind noch aggressiver. Sauerstoff kann sogar Metalle zersetzen – Rost ist, nichts anderes als Eisen, das dem Angriff von Sauerstoff erlegen ist. Es ist fast ein Wunder, dass unser Körper so gut damit fertig wird.« »Aber er atmet doch auch Sauerstoff«, wandte Sabrina ein. »Sein Körper müsste doch damit genauso gut fertig werden!« »Es würde doch reichen, wenn er einfach weniger oft at- met«, meinte Thilo. »Das tut er zweifellos auch«, vermutete der Doktor. Kelwitt machte seine Geste der Bestätigung, hielt mitten­ drin inne und nickte, so gut er es konnte. »Ja. Ich glaube, so ist es.« »Vielleicht«, schränkte Doktor Lacher ein, »ist Sauerstoff­ vergiftung auch das falsche Wort. Aber ich denke, dass wir es grundsätzlich mit einer Unverträglichkeitsreaktion auf die irdische Atmosphäre zu tun haben. Das ist ein sehr kompli­ ziertes Gebiet, in dem Blutgaskonzentrationen, Mischungsver­ hältnisse und andere Dinge eine Rolle spielen, und all das wirkt letztlich zurück auf den gesamten Stoffwechsel. Da kann es durchaus sein, dass eine Atmosphäre, die für ihn zunächst gut atembar ist, sich auf Dauer – und er ist ja nun schon eine Weile hier – als nicht ganz so verträglich erweist.« Daran hatten sie einen Moment zu kauen. »Ich denke, Sie haben Recht«, brach Kelwitt schließlich das verdutzte Schweigen. »Aber was kann ich nun tun?« Der Arzt wiegte den Kopf. »Da kann ich Ihnen nun leider wenig raten. Es gibt natürlich Medikamente gegen die Be­ schwerden, die Sie haben, aber diese Medikamente sind für Menschen gedacht. Da Sie bereits auf Karotten und Kartoffeln empfindlich reagiert haben, müssen wir davon ausgehen, dass diese Medikamente bei Ihnen nicht die gewünschte Wirkung, haben würden. Möglicherweise wären sie sogar gefährlich. Im Grunde können Sie nur versuchen, eine andere Luft zu atmen – eine, die der Atmosphäre Ihrer Heimatwelt so nahe wie möglich kommt. Am besten wäre es natürlich, Sie könnten nach Hause zurückkehren.« Kelwitt machte eine seiner faszinierenden fließenden Ge­ sten, deren Bedeutung Sabrina noch nicht enträtselt hatte. »Ja«, erklärte er dazu. »Das wäre am besten.« »Nun?«, meinte Doktor Lacher zufrieden zu seiner Assistentin, die nun wieder so mausgrau wie immer wirkte. »Wie haben wir uns geschlagen?« »Ich weiß nicht so recht«, erwiderte Stefanie. »Mich irritiert immer noch, dass dieser Moderator nicht aufgetaucht ist.« »Keine Angst, ohne unsere ausdrückliche Erlaubnis können sie es nicht senden.« Er musterte die Zimmerecken und Arz­ neischränke eingehend. »Ich wüsste gern, wo sie die Kameras versteckt haben. Wahrscheinlich in der Roboterpuppe. Be­ stimmt eine interessante Perspektive, uns dann so zu sehen.« Die Sprechstundenhilfe starrte die Tür an, durch die die drei gegangen waren. »Der sah wirklich verdammt echt aus«, meinte sie versonnen. »Nicht wahr? Unfassbar, was diese Fernsehleute für einen Aufwand treiben.« Doktor Lacher klatschte in die Hände. »Jedenfalls war es ein amüsanter Vormittag. Auch wenn wir dadurch mit dem Papierkram hinten dran sind.« Plötzlich hielt er inne und meinte in einem Ton, als spräche er zu sich selbst: »Stellen Sie sich vor, wie das wäre, wenn tatsächlich Wesen von anderen Planeten hierher auf die Erde kämen! Wenn sie hier leben und arbeiten würden. Wenn sie im Bus neben einem, säßen. Wenn sie zu uns in die Praxis kämen mit völlig anders­ artigen Krankheiten … Man könnte noch einmal ganz von vorn anfangen zu studieren. Wie das wäre …« Ein paar Au­ genblicke lang Stille im Zimmer. Als ginge ein Engel vorbei, leise, auf Zehenspitzen und mit angezogenen Flügelspitzen. Dann war es vorbei. Doktor Lacher gluckste plötzlich, sein üblicher Sarkasmus. »Aber wahrscheinlich«, meinte er pol­ ternd, »müsste man mit einer Krankenkasse auf dem Sirius abrechnen, und wer weiß, wie die sich erst anstellen …!« »Und was machen wir jetzt?«, fragte Sabrina, während sie durch die Kälte heimwärts trotteten. Um irgendwelche Blicke irgendwelcher Passanten kümmerten sie sich gar nicht mehr. »Sollen wir ihn unter eine Art Anti-Sauerstoff-Zelt stecken?« Thilo hatte die Hände in die Jackentaschen gestopft. »Ich kann mich nicht erinnern, dass wir so was zu Hause haben.« Sabrina dachte laut nach. »Die Atmosphäre von Jombuur nachahmen – wie sollen wir das machen? Selbst wenn wir etwas bauen – vielleicht über Vaters Fabrik die entsprechen­ den Gase in Druckflaschen beschaffen – man müsste das alles ja auch irgendwie messen und regeln …« »Heute Nachmittag schaffen wir das nicht mehr«, meinte Thilo trocken. »Ja«, meinte Sabrina. »Ich fürchte, das ist ein paar Num­ mern zu groß für uns.« Kelwitt, der die ganze Zeit schweigend neben ihnen gegan­ gen war, sagte plötzlich: »Eine Möglichkeit gibt es.« Die beiden Menschen blieben abrupt stehen. »Ach«, machte Thilo., »Und die wäre?«, fragte Sabrina. Wieder eine dieser geschmeidigen, rätselvollen Gesten. »Das Versorgungssystem meines Raumboots«, sagte Kelwitt einfach., Den ersten Erfolg erzielten sie am Dienstag, als sie einen Landwirt aufstöberten, der den Piloten des fremden Raum­ schiffs vom Traktor aus gesehen hatte. »Ja!«, machte Hermann Hase – und dazu die Boris-Becker-Armbewegung –, als ihn diese Meldung erreichte. Endlich war er da, wo er hingehörte. An einem großen Tisch sitzend, eine großmaßstäbliche Karte der Umgebung vor sich, zwei Mobiltelefone eingeschaltet, ein Faxgerät, einen Notizblock und jede Menge Kaffee. Und alles hörte auf sein Kommando. Sie hatten die Kommandozentrale der Einfachheit halber im Gasthof am Brunnen aufgeschlagen, sämtliche Zimmer mit Beschlag belegt und alle Parkplätze mit ihren Wagen voll gestellt. Der Wirt freute sich über die unerwarteten Einnah­ men, betonte aber in jedem Gespräch, dass sie Silvester wieder draußen sein müssten, denn er sei ausgebucht zum Jahrtau­ sendwechsel. An der Haustür hing auch ein Plakat, das ein großes Fest ankündigte, mit Blasmusik, Spanferkel und Feu­ erwerk. »Ja, ja«, antwortete Hase dann immer, ohne sich im Mindesten für die Sorgen des Brunnenwirts zu interessieren. Er würde, das stand für ihn so unverrückbar fest wie – leider – das fremde Raumschiff im Rübenkeller am Ortsrand, hier nicht weggehen, ehe er nicht hatte, was er wollte. »Schaffen Sie den Mann her!«, kommandierte er. »Sofort!« Jetzt nur nichts falsch machen. »Ich brauche die Videokame­, ra!«, bellte er in das andere Telefon. »Hier in meinem Zimmer. Ja, natürlich auch einen Recorder! Was denn sonst? Und Licht und eine Videokassette und ein Mikrofon und was sonst noch dazu gehört!« Während die Anlage hereingeschafft und aufgebaut wurde, stand er am Fenster und wusste, wie sich ein General an der Front fühlen musste. Ein einsamer Mann, der einsame Ent­ scheidungen zu treffen hatte. Entscheidungen, an denen das Wohl und Wehe ungezählter Menschen hing, das Schicksal von Millionen. Er beobachtete den Brunnenwirt, der dickbäu­ chig vor der Tür stand, mit vor der Brust verschränkten Ar­ men das Kommen und Gehen der Agenten verfolgte, und dessen einzige Sorge war, dass weniger Leute als sonst zum Mittagstisch kamen. Ein glücklicher Mann. Dafür kämpften er und seine Leute: dass Menschen wie dieser Wirt keine anderen Sorgen zu haben brauchten. Das Gefühl, das ihn in diesem Augenblick durchrieselte, musste die schiere Ehrfurcht vor der eigenen, ungeahnten Größe sein. Die sich nun endlich, endlich offenbarte. Endlich brachten sie den Mann, einen vierschrötigen Bau­ ern, der nicht recht zu begreifen schien, was hier vorging. Er schien überhaupt nicht besonders schnell von Begriff zu sein. In einem fort machte er Kaubewegungen mit dem Mund, ohne etwas darin zu haben. »Vorige Woch'«, erwiderte er auf die Frage, wann er seine Beobachtung gemacht hatte. »Also die Woch' vor Weihnach­ ten. Ich meine, die Woch' vor der Woch', in der Weihnachten war… Jedenfalls am Freitag. Freitagnachmittag.« »Um wie viel Uhr ungefähr?«, fragte Hase und achtete dar­, auf, in günstigem Winkel zur Kamera zu stehen. »Oh? Das weiß ich nimmer. – Nach dem Mittag halt. Ich bin mit'm Traktor rausg'fahren zu mei'm Feld am Duffenbach. Wegen mei'm Pflug. Den han ich's letzte Mal liegen lassen.« Er ließ den Alten, der nach Kuhmist und Bier stank, noch einmal erzählen, was er den beiden Agenten, die ihn gefunden hatten, schon erzählt hatte: dass ein seltsames Wesen – ›komi­ sches Viech‹ nannte er es – ihm auf der Straße entgegenge­ kommen sei, ein Wesen, das aussah wie ein Delfin mit Armen und Beinen. »Können Sie mir hier auf der Karte zeigen, wo das war?« »Ha … Damit kenn' ich mich net aus …« Sie probierten es trotzdem. Hase winkte den Mann mit der Kamera näher heran, wäh­ rend er dem Bauer zu erklären versuchte, was die Striche und Kästchen auf der Karte bedeuteten. Schließlich einigten sie sich auf einen Punkt an der Straße, die von Blaukirch nach Kirchlöhnen führte. Ja, bestätigte der Mann vor laufender Kamera, dort sei es gewesen. Hase zeichnete ein Kreuz ein, mit einem blauen Filzstift. »Das deckt sich mit den vorliegenden Informationen«, er­ klärte Hase fürs Protokoll und zeigte auf ein rot eingezeichne­ tes Kreuz. »An dieser Stelle ist mein Fahrzeug aus noch unge­ klärter Ursache von der Fahrbahn abgekommen und eine Böschung hinabgestürzt, wobei es sich überschlug. Ich verlor das Bewusstsein, und das zuvor in Blaukirch sichergestellte Wesen entkam. Wenn es hier« – er zeigte auf das blaue Kreuz – »gesehen wurde, heißt das, es hat sich zielstrebig auf den Weg zurück zur Absturzstelle gemacht.« Drittes Kreuz, schwarz., Plötzlich kam Hase eine Idee. Eine Eingebung, gewissermaßen. »Haben Sie«, fragte er den unentwegt kauenden Mann, »beim Weiterfahren andere Autos gesehen? Entgegenkommende Autos?« Der Mann kaute eine Weile weiter. »Ja«, meinte er dann. »Eins.« Hase spürte plötzlich seinen Puls. »Können Sie sich erin­ nern, was für eines?« Kaubewegungen. Sie machten ihn rasend. »Ein Mercedes. Dunkelgrau.« »Können Sie sich an das Kennzeichen erinnern?« Das wagte er ja kaum zu hoffen … »Des han ich mir net g'merkt. 's war halt ein Stuttgarter Kennzeichen. Am Steuer war ein Mann, und ein jung's Madie auf dem Beifahrer. Ein blond's Mädle.« »Ein dunkelgrauer Mercedes mit Stuttgarter Kennzeichen«, rekapitulierte Hermann Hase und versuchte, im Kopf zu überschlagen, auf wie viele Fahrzeuge diese Beschreibung zutreffen mochte. »Ja. Die ham dann bei dem Viech g'halten.« »Wie bitte?!« Hase war elektrisiert. »Angehalten?« »Ja. Das Viech ist ja auf ihrer Fahrbahn g'laufen. Ich hab' noch g'sehen, wie sie g'halten haben und ausg'stiegen sind.« »Und dann?!« »Bin ich um die Kurv'.« Eine halbe Stunde später ging bei der Stuttgarter Kraftfahr­ zeug-Zulassungsstelle per Fax ein Ersuchen um Amtshilfe ein. Eine nicht näher bezeichnete Sonderermittlungskommission, die sich über mehrere Rückrufnummern ins Bundesinnenmi­, nisterium legitimierte, bat um ein Verzeichnis aller Kraftfahr­ zeuge mit Stuttgarter Kennzeichen vom Typ Mercedes-Benz, Farbe dunkelgrau oder anthrazit, mit Name und Anschrift des Halters. Als Datei und als Computerausdruck, ein Kurier werde innerhalb der nächsten anderthalb Stunden eintreffen und auf das Ergebnis der Abfrage warten. »Da ist jemand völlig verzweifelt«, meinte der zuständige Beamte zu seinem Kollegen. »Oder komplett wahnsinnig.« Auch Kelwitt und seine Gastgeber saßen an diesem Morgen über Landkarten. Eine Wanderkarte, die den Osten der Schwäbischen Alb und einen Teil des angrenzenden Schwarzwalds zeigte, lag ausgebreitet auf dem Küchentisch. Allerdings blätterte Kelwitt sich gerade durch Thilos Schulat­ las. »Hier«, erklärte er schließlich. Interessanterweise benutzte er zum Zeigen jedes Mal einen anderen seiner tentakelartigen Finger. Sabrina ächzte. »Das kann nicht sein. Das ist Somalia.« »Wieder falsch?«, fragte Kelwitt. »Ja. Wieder falsch.« Tik, Kelwitts erstaunlicher kleiner Computer, kannte die genaue Absturzstelle des Raumboots. Das Problem war nur, ihm beizubringen, diese Position in das auf irdischen Karten gebräuchliche Koordinatensystem zu übersetzen. Irgendwie hatte er da etwas missverstanden. »Dann hier!«, versuchte es Kelwitt erneut und zeigte auf eine Stelle, die im Golf von Biskaya lag, weit vor der Küste von Brest., Thilo nahm ihm den Atlas wieder ab und klopfte mit der flachen Hand auf die Wanderkarte. »Hier!«, sagte er. »Es muss hier irgendwo sein.« Nora beobachtete das alles mit einem unguten Gefühl. Ein dunkles, unruhiges Gefühl, das mehr war als Sorge. »Ich weiß nicht, was euer Vater dazu sagen würde«, meinte sie zaghaft und wünschte sich, ihr Mann wäre da gewesen, um dem Einhalt zu gebieten, was sich hier anbahnte. Aber Wolfgang Mattek war an diesem Morgen schon um fünf Uhr früh aufge­ standen, um nach einer flüchtigen Rasur, einer flüchtigen Tasse Kaffee und einem flüchtigen Kuss zurückzukehren in das Büro, das er am Abend zuvor erst um halb elf verlassen hatte. »Der Endspurt!«, hatte er ihr versichert. Kelwitt beugte sich wieder über die Karte, studierte die Li­ nien darauf und fuhr manche von ihnen mit nassen Fingern nach. Er sah tatsächlich nicht mehr so gesund aus wie an dem Tag, an dem Sabrina ihn ins Haus gebracht hatte, fand Nora. Seine Haut glänzte nicht mehr rundherum, sondern wies eine zunehmende Anzahl matter Stellen auf. Und er roch anders als vor einer Woche. Nora hätte nicht sagen können, wonach, aber jedenfalls nicht mehr gut. Faulig irgendwie. »Hier«, sagte die dünne mechanische Stimme aus der Me­ tallspange auf seiner Schulter. Die Kinder inspizierten die Stelle, auf die Kelwitts Finger wies. »Blaukirch«, las Thilo vor. »Sie haben es sich über die Feiertage so richtig gegeben, und nun wundern Sie sich, dass es Ihnen so geht, wie es Ihnen geht? Ich wundere mich überhaupt nicht. Sie haben zu viel, getrunken, zu viel und zu fett gegessen, und Sie sind nicht mehr der Jüngste«, las Doktor Lacher an diesem Morgen einem seiner Patienten die Leviten. »Sie fühlen sich vielleicht krank, aber Sie sind es nicht. Sie verschwenden Ihr Geld, wenn Sie deswegen kommen.« »Das kann ich mir gerade noch leisten«, knurrte Lothar Schiefer und knöpfte sich das Hemd wieder zu. »Mir soll es recht sein. Aber da Sie schließlich hier sind, um sich meinen fachmännischen Rat anzuhören: Ändern Sie Ihr Leben. Weniger Stress, weniger Hektik. Wann haben Sie das letzte Mal einen Spaziergang gemacht, einfach so? Lassen Sie ein paar Zigaretten weg, und gönnen Sie sich dafür frische Luft. Und Sie sollten darüber nachdenken, ob es nicht doch an der Zeit wäre, ein bisschen sesshafter zu werden. Glücklich verheiratete Männer leben länger – aber das habe ich Ihnen letztes Jahr auch schon erzählt.« »Ja. Aber ich nehme an, ehetaugliche Frauen gibt es immer noch nicht auf Rezept?« Doktor Lacher stellte kopfschüttelnd die Nierenschale mit dem bei der Untersuchung verbrauchten Einwegmaterial beiseite. »Hör sich einer diesen Mann an! Einer wie Sie, ein Mann in seinen besten Jahren …« »Gerade haben Sie mir noch vorgehalten, ich sei nicht mehr der Jüngste!« »Das ist dasselbe, nur netter ausgedrückt.« »Abgesehen davon kenne ich so gut wie keinen glücklich verheirateten Mann. Die meisten verheirateten Männer, die ich kenne, flüchten vor ihren Familien in die Arbeit und hoffen, dass sie der Herzinfarkt vor der Rente einholt.« Lothar Schie­ fer betrachtete seine Krawatte, als habe er etwas ungeheuer, Interessantes darauf entdeckt. »Allenfalls Mattek scheint glücklich verheiratet zu sein.« Der Arzt schaute auf. »Mattek?« Lothar Schiefer beschloss, die Krawatte zusammenzurollen und in die Tasche seines Jacketts zu stopfen. »Haben Sie den schon verdrängt? Wolfgang Mattek. Er hat Sie mir empfohlen, kurz bevor das mit dieser Fernsehsendung war.« »Nein, nein, daran erinnere ich mich natürlich noch. Es ist nur seltsam, dass Sie ihn erwähnen, gerade als …« Doktor Lacher hielt inne und presste die Lippen zusammen. »Na ja«, meinte er dann. »Zufall.« Der Finanzberater musterte ihn aufmerksam. »Gerade als – was?« »Nichts. Es hat nichts zu bedeuten.« »Das sagen Sie, weil Sie denken, dass es sehr wohl etwas zu bedeuten hat.« »Vielleicht. Ich weiß nicht, ob es etwas zu bedeuten hat.« »Und wovon«, setzte Lothar Schiefer den Bohrer an, »reden wir jetzt genau?« »Von einem dummen Streich. Nichts Wichtiges. Eigentlich war es sogar amüsant.« Lothar Schiefer starrte den Arzt an, als habe der gerade an­ gefangen, Kisuaheli zu sprechen, klappte die Augen zu und dann wieder auf, und alles war immer noch so, wie es war. »Wolfgang Mattek hat Ihnen einen Streich gespielt? War es das, was ich Sie da eben gerade habe sagen hören? Reden wir von demselben Mann?« »Na ja – eigentlich waren es seine Kinder. Aber ich könnte mir vorstellen, dass er dahinter steckt. Ich bin mir fast sicher.«, »Wolfgang Mattek? Der allseits bekannte Fabrikant von Feuerwerksartikeln?« Lothar Schiefer holte tief Luft. »Es ist Ihnen hoffentlich klar, dass Sie jetzt nicht mehr darum herum­ kommen, mir die ganze Geschichte zu erzählen? Vorher krie­ gen Sie mich nicht durch diese Tür da.« »Es ist unwichtig, glauben Sie mir. Belanglos. Ich hätte nicht davon anfangen sollen.« »Ich verdiene meinen Lebensunterhalt damit, mir Dinge anzuhören, die andere für belanglos halten.« Doktor Lacher wand sich förmlich. »Wirklich, ich sollte das nicht erzählen …« »O doch. Sie müssen sogar.« »Am Ende heißt es wieder, ich hätte gegen die Schweige­ pflicht verstoßen …« Lothar Schiefer hockte sich breitbeinig auf die Behandlungs­ liege und verschränkte die Arme vor der breiten Brust, als habe er ernsthaft vor, den Raum nicht mehr zu verlassen. So sah er den Arzt nur an, sagte nichts und wartete. »Ich sollte das für mich behalten. Wirklich.« Wie der Mann ihn voll schweigender Erwartung ansah! Nicht auszuhalten. »Ich und mein loses Mundwerk …« Nicht einmal die Andeutung eines Lächelns. Geradezu schraubstockhafte Stille. Schweigen, von dem ein Sog auszu­ gehen schien. »Also gut. Aber es bleibt unter uns! ?« Der Finanzberater, sonderbar zerzaust wirkend in seinem italienischen Designeranzug ohne Krawatte, nickte nur. Nick­ te. Versprach es. Endlich konnte Doktor Lacher die Schleusen, öffnen und erzählen, erzählen, erzählen … Eine dreiviertel Stunde später, das Wartezimmer war schon bis auf den letzten Platz voll und der Tagesplan endgültig durcheinander, verließ ein abgrundtief verwirrter Lothar Schiefer die ärztliche Praxis. Das, was der Arzt ihm erzählt hatte, fand einfach keinen Platz in seinem Weltbild. Machte keinen Sinn. Als er seinen Wagen erreicht hatte und hinter dem Steuer saß und ihm der Wagenschlüssel das dritte Mal aus den Fingern geglitten und zu Boden gefallen war, reali­ sierte er, dass er nicht im Stande war zu fahren. Er blieb eine Weile sitzen und dachte nach, aber es ergab immer noch keinen Sinn, und er wurde immer konfuser im Kopf, je länger er nach einem suchte. Schließlich rief er über sein Autotelefon ein Taxi, um sich nach Hause bringen zu lassen. »Denkst du nicht, dass das ziemlich gefährlich werden kann?«, fragte Thilo. Sabrina durchwühlte einen Schuhkarton voller Briefe, Post­ karten und Notizzettel, und sie hielt nicht inne, während sie antwortete. »Wieso? Gibt's neuerdings Grizzlybären auf der Schwäbischen Alb?« »Sehr witzig. Ich denke, Kelwitts Absturz ist beobachtet worden?« »Ist er.« »Und hast du nicht die ganze Zeit in Paranoia gemacht, dass die Geheimdienste auf der Lauer liegen, um Kelwitt zu fangen, falls er dorthin zurückgeht?« »Ja. Aber Kelwitt geht ja nicht. Ich gehe.« Sabrina musterte, einen Zettel, auf dem nur Alex stand und eine Telefonnummer. »Alex? Alex? Ah – Zeltlager. Genau. Einen Versuch wert.« Sie legte den Zettel beiseite und wühlte weiter. »Und was soll das bringen?« »Moritz«, las Sabrina. »Der studiert wahrscheinlich immer noch. Und fährt sicher immer noch seine Klapperente.« Noch ein Brief, der auf dem kleinen Häufchen neben dem Telefon landete. »Schon mal den Begriff ›Kundschafter‹ gehört?«, sagte sie dann auf die Frage ihres Bruders, der unruhig an ihrem kleinen Schreibtisch lehnte. »Das habe ich schon verstanden. Du willst herausfinden, was aus Kelwitts Raumschiff geworden ist. Und danach? Du kannst es ja wohl schlecht einfach mitbringen.« Sabrina seufzte. »Ach, das weiß ich auch noch nicht! Aber ich will nicht ein­ fach herumsitzen und zusehen, wie Kelwitt mehr und mehr verfällt.« »Momentan scheint es ihm doch wieder besser zu gehen …« »Weil er das, was er bei uns gegessen hat, wieder losge­ worden ist. Aber das ist ja keine Lösung. Er braucht seine eigene Luft, und vor allem braucht er seine eigene Nahrung!« Sie klappte den Deckel des Schuhkartons zu, schob ihn in das Schreibtischfach zurück, aus dem sie ihn geholt hatte, und förderte aus demselben Fach ein Adressenbüchlein mit abge­ wetzten Pferdebildern auf dem Umschlag zu Tage. »Sag mal«, fragte Thilo, »was machst du da eigentlich?« Sabrina hielt inne, das aufgeschlagene Adressenbuch in der Hand, als müsse sie sich das selber erst überlegen. »Tja«, machte sie, »wie soll ich sagen … Ich suche Telefonnummern, von Leuten, die sich eventuell überreden lassen, mich mit dem Auto in der Gegend um Blaukirch herumzufahren.« »Wieso das denn?« Thilo beugte sich über den kleinen Sta­ pel von Briefen und Notizzetteln. »Du willst da irgendwelche Leute mit reinziehen? Irgendwie wirst du immer leichtsinni­ ger, hab' ich das Gefühl …« »Unser Vater wird bis zum Ladenschluss an Silvester prak­ tisch in der Firma wohnen, das ist ja wohl klar.« Und ihre Mutter traute sich das Autofahren nicht mehr zu, seit einem Ereignis kurz nach Sabrinas Geburt, über das nie gesprochen wurde. »Es soll ja so Einrichtungen geben wie Busse und Bahnen«, schlug Thilo vor. »Hört man bisweilen.« »Danke. Man merkt, dass du nie in Schloss Tiefenwart warst. Die Gegend dort ist das Ende der Welt – wenn in Blau­ kirch überhaupt ein Bus fährt, dann höchstens zweimal am Tag, jede Wette. Nein, ohne eigenes Auto macht das keinen Sinn.« Thilo zog eine Postkarte aus dem Stapel. »Norbert? War das nicht der Typ, mit dem du zusammen warst, als du hier von der Schule geflogen bist?« »He, das geht dich überhaupt nichts an!«, rief Sabrina und nahm ihm die Karte wieder aus den Fingern. Thilo erspähte schon den nächsten Namen, zusammen mit einer Telefonnummer auf einen Bierdeckel gekritzelt. »Bodo Fechtner? Der Bodo Fechtner? Du hast echt was mit unserem Kunstlehrer gehabt?« »He! Hör auf damit!« »Aber der ist doch verheiratet?«, »Ich bin nicht eifersüchtig«, erwiderte Sabrina und nahm das Häufchen an sich, sodass ihr Bruder nichts mehr lesen konnte. »Mann!«, meinte Thilo beeindruckt. »Sind das etwa alles deine Ex-Lover?« Sabrina hob den Stapel hoch und betrachtete ihn von der Seite, seine Dicke abschätzend. »Wieso?«, fragte sie verwun­ dert. »Findest du das etwa viel?« Nora hielt es nicht mehr aus in der Küche. Am Türrahmen zum Wohnzimmer zu stehen und diesem armseligen Wesen zuzusehen, das da auf der harten Holzliege lag und schlief und unheimliche Geräusche machte beim Atmen, das war nicht länger auszuhalten. Es wurde langsam dunkel, und dann glänzte seine Haut ölig, und sie meinte wieder das Öl zu riechen, wie damals, in der Bretagne, an der Küste, an der die Welt unterzugehen schien … Wo war ihre Angst geblieben vor diesem Wesen? Ver­ schwunden. Sie hatte nur noch Angst um dieses Wesen. Ein Außerirdischer – na und? Es war ein Lebewesen wie jedes andere. Mit ihm umzugehen war nicht anders als mit einem Tier, das reden konnte, das klug war. Und genauso wie man ein Tier gern haben konnte, konnte man ihn gern haben. Nicht wie einen Menschen, dazu war er zu fremd, zu anders. Aber was hieß das schon? An einen Menschen hatte man Erwartun­ gen. An ihn konnte man keine Erwartungen haben. Ein selt­ samer kleiner Gast, wie ein hungriges Kind, und es half nichts, ihm zu essen zu geben, weil er krank wurde davon … War es wirklich der Sauerstoff der Luft, der ihm zusetzte? Nora schüttelte langsam den Kopf, stand immer noch da,, obwohl sie gehen wollte, stand da in der einbrechenden Dämmerung mit vor der Brust verschränkten Armen und sah ihm beim Schlafen zu. Erschöpft war er gewesen nach der Suche auf den Landkarten. Was wusste so ein Arzt schon von Außerirdischen? War es nicht viel wahrscheinlicher, dass ihn die Giftstoffe in der Atmosphäre schädigten – die Kohlenwas­ serstoffe, die Stickoxide, das Ozon und so weiter? Eine Erinnerung rief, von weit her, aus einer dunklen, lange zurückliegenden Zeit. Damals hatte sie so viel gewusst, so viel verstanden – aber dann war irgendetwas passiert, und sie hatte vergessen und aufgehört zu verstehen. War es wirklich Zufall, dass der Außerirdische unterwegs gewesen war, um nach einem Zeichen für seine Zukunft zu suchen? Konnte es wirklich Zufall sein, dass er dabei ausge­ rechnet in ihrem Haus gelandet war? War es am Ende umgekehrt? War er ein Zeichen? Die Karten und Zettel mit Namen und Telefonnummern riefen Erinnerungen wach. Erinnerungen konnte sie gerade nicht brauchen. Erstaunlich, wie schwer es ihr fiel, den Hörer in die Hand zu nehmen und die Nummern zu wählen, die da stan­ den, hingekritzelt oder erwartungsvoll aufgemalt, zittrig oder entschlossen. Norbert. Der musste inzwischen neunzehn sein und ausge­ lernter Kfz-Schlosser. Unter Garantie hatte er ein Auto. Diesen kleinen Gefallen konnte er ihr ruhig tun. Immerhin waren sie an die zwei Monate miteinander gegangen. Na ja – eigentlich mehr gelegen als gegangen., Er schien sich zu freuen, von ihr zu hören, aber: »Du – schrecklich gern, aber weißt du …, ich flieg' morgen mit mei­ ner Verlobten nach Amerika. Wir heiraten am Silvestermorgen und feiern das neue Jahrtausend an den Niagarafällen. Muss schon sein bei so 'ner runden Zahl, oder?« Udo? Für ihn war es das erste Mal gewesen. Noch im Bett hatte er in einem fort von heiraten und Kinder kriegen und Haus bauen geredet, furchtbar. Aber eigentlich hatte er es ganz mannhaft getragen, als sie Schluss machte. Unter der Telefonnummer meldete sich jemand, der nur gebrochen Deutsch sprach und noch nie von einem Udo gehört hatte. Sie rief die verschiedenen Auskunftsdienste an, ohne Erfolg. Fabrizio? Warum hatte der nur so eifersüchtig sein müssen; mit ihm war es immer wunderbar gewesen. Aber irgendwann war sie sich vorgekommen wie in einer italienischen Tragödie. »Sabrina?! Mich zu fragen, ob ich mich an dich erinnere? Mi amore – wie könnte ich dich vergessen? Sag, was du auf dem Herzen hast; ich tue alles für dich.« Als sie es ihm erklärte, schien ihm das Herz zu brechen. »Morgen? Impossibile! Madre mio, warum rufst du erst jetzt an? Morgen geht es nicht, ausgeschlossen. Wir fahren alle nach Italien, die ganze Familie trifft sich, um das neue Jahr zu erwarten. Wir werden einen Blick auf den Ätna haben, und meine Großmutter wird kochen … Willst du nicht mitkom­ men? Ja, komm doch mit! Dann lernst du meine ganze Familie kennen, und auf dem Rückweg fahren wir in dieses – wie war der Name doch gleich?« Nach diesem Telefonat musste sie eine Pause machen, weil es ihr in den Ohren surrte. Sorgenvoll betrachtete sie den, kleiner werdenden Stapel. Wenn das so weiterging, nutzte ihr der ganze Fundus an Männern nichts. Hatten die nichts ande­ res im Kopf als Silvesterfeten? Alex. Das war nett gewesen. Sie hatten es am Waldrand gemacht, auf weichem Moos, weit weg vom Zeltlager, und waren danach nackt dagelegen und hatten sich die Sterne und die schwarzen Silhouetten der Tannen angeschaut, bis ihnen kalt geworden war. Unter der Telefonnummer meldete sich seine Mutter, die ihr sagte, dass Alex ausgezogen sei, und ihr die neue Nummer gab. Als sie dort anrief, hörte sie, wie sie automatisch weiter­ verbunden wurde, und dann das typische Klingeln eines Mobiltelefons. »Sabrina? Ach so, ja, klar. Entschuldige, natürlich erinnere ich mich. Ich bin bloß gerade im Stress, weil – also, ich bin gerade im Krankenhaus, und meine Frau – ich meine, wir – also, das Baby kommt jeden Moment…« »Dann ruf ich besser ein anderes Mal wieder an«, schlug Sabrina vor. »Ja, das war' toll … Tut mir wirklich Leid, dass es grade so ein ungünstiger Moment ist… Wir hatten gehofft, das Baby kommt an Neujahr, weißt du, aber es will wohl doch noch das alte Jahrtausend mitkriegen …« Sabrina legte auf und stieß einen Schrei aus. »Ich kann das Wort Neujahr nicht mehr hören!«, rief sie ihrer Zimmerwand zu. »Und das Wort Silvester gleich zweimal nicht!« Bodo. Das war ein gebildeter, erwachsener Mann mit Ge­ schmack und Kultur. Das war es auch gewesen, was sie da­ mals an ihm fasziniert hatte. Er war absolut anständig gewe­ sen, hatte ihr vorher in Ruhe erklärt, dass er den Wunsch habe,, mit ihr zu schlafen, aber dass sie wissen müsse, dass er verhei­ ratet sei und seine Frau nicht verlassen würde. Sie hatten es dann in einem richtigen Hotel getan und Sekt dazu getrunken, in einer Atmosphäre wunderbarer Melancholie. »Hier ist der Anrufbeantworter von Isabel und Bodo Fecht­ ner«, hörte sie seine Stimme vom Band. »Leider können Sie uns in diesem Jahrtausend telefonisch nicht mehr erreichen. Wir sind schon mal ein Stück vorangegangen – wenn Sie diese Nachricht hören, sind wir auf Pitt Island im Pazifik, wo das neue Jahrtausend früher anbrechen wird als sonst wo auf der Welt. Bis dann!« Moritz, den sie auf einem Studentenfest kennen gelernt hat­ te, war inzwischen beim dritten Studienfach angelangt. »Ich fahr' mit so ner Clique runter nach Südfrankreich – da gibt's 'ne Strecke, bei der der Zug drei Minuten vor Mitternacht in einen Tunnel fährt und erst zwei Minuten danach wieder rauskommt. Geil, oder?« Guido war ihretwegen auf ein Internat verbannt worden. Er schien ihr das nicht nachzutragen, musste aber passen: »Du, ich hab' kein Auto. Sorry.« Eberhard war der einzige Mann, der je mit ihr Schluss ge­ macht hatte anstatt, wie sonst, umgekehrt. Ihm war der Sport wichtiger gewesen, Leichtathletik, Handball, Schwimmen. »Eberhard ist beim Training«, beschied sie eine keifige Frauenstimme, als sie anrief. »Soll ich ihm was ausrichten? Wie war noch mal der Name?« Was Eberhard wohl an Silvester machen würde? Vermut­ lich fünf Sekunden vor Mitternacht in ein Schwimmbecken hechten, um erst im neuen Jahrtausend wieder an die Oberflä­ che zu kommen., Bis auf ein paar Telefonnummern, unter denen sich nie­ mand meldete, war der Stapel damit verbraucht. Männer! Wenn man sie mal wirklich brauchte, ließen sie einen im Stich. Sabrina blätterte stirnrunzelnd in ihrem Adressbüchlein mit dem Pferdeumschlag, aber jeden wollte sie nun doch nicht fragen. An etliche erinnerte sie sich nicht mehr, und an den Rest nur mit Schaudern. Mehr aus Versehen kam sie auf die Seite mit der Geburts­ tagsübersicht. Sonderlich viele Geburtstage waren nicht einge­ tragen. Ihr eigener, die ihrer Eltern und der Thilos – und Dorotheas! Sie starrte den Eintrag in Jungmädchenhandschrift an, als leuchte er plötzlich. Dorothea Weinmann war vorgestern achtzehn geworden. Ach du Schande. Und sie hatte es völlig vergessen. Als sie noch gemeinsam zur Schule gegangen waren, waren sie die besten Freundinnen gewesen, hatten unentwegt zu­ sammengesteckt und einander die denkbar intimsten Geheim­ nisse anvertraut. Sie hatten sogar – angeregt durch Dorotheas Vater, der Amateurfunker war, und mit einer Ausdauer, die ihr heute unbegreiflich war – das Morsealphabet gelernt und es darin zeitweise zu solcher Meisterschaft gebracht, dass sie sich nur unter der Schulbank gegenseitig die Hände auf die Knie zu legen brauchten, um sich völlig unauffällig nach Belieben unterhalten zu können. Als Sabrina ihre Tournee durch die Internate begann, hatten sie das Morsen gegen endlose Telefonate ausgetauscht, um in Kontakt zu bleiben – sehr zum Zorn von Dorotheas Eltern, die sich angesichts der Telefonrechnungen kurz vor dem Ruin sahen, abgesehen davon, dass sie selber kaum noch telefonisch erreichbar waren., Was Sabrina anbelangte, hätte ihr Vater ihr nicht unbeträchtli­ ches Taschengeld auch gleich an verschiedene Telefongesell­ schaften überweisen können. Das änderte sich erst, als sie nach Schloss Tiefenwart kam, wo nicht nur die Lehrer, sondern auch die Telefonzeiten beschränkt waren. Seither hatte sie wieder Geld, aber kaum noch Kontakt zu Dorothea. Achtzehn? Doro war achtzehn! Das Letzte, was sie von ihr gehört hatte, war, dass sie angefangen hatte, den Führerschein zu machen! »Doro, bitte verzeih mir«, murmelte Sabrina, während sie die Telefonnummer wählte, die nirgendwo geschrieben stand, weil sie sie zu jeder Tages- und Nachtzeit hätte wählen kön­ nen – und auch schon gewählt hatte. »Lass uns Frauen zu­ sammenhalten, bitte, bitte …« Kelwitt erwachte aus seinem leichten, unruhigen Schlaf. Inzwischen war es dunkel geworden. Es tat gut, zu liegen, aber seine Haut brannte. Er langte nach seinem Schwamm, der in kühlem, salzigem Wasser lag, und befeuchtete sich. Dann sah er, dass Unsremuutr im offenen Durchgang zum ebenfalls dunklen Nahrungsraum stand und ihn beobachtete., »Entschuldigung«, meinte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Eine verdammt junge Stimme, beschäftigten die schon Kinder und Jugendliche bei diesen privaten Fernseh­ sendern? Kaum herauszuhören, ob da ein Mann sprach oder eine Frau. Und jede Menge ablenkende Geräusche im Hinter­ grund. Tohuwabohu. »Also bei Ihnen war eines unserer Fern­ sehteams?« »Ich weiß nicht, ob es eines Ihrer Fernsehteams war«, wie­ derholte Doktor Lacher ärgerlich. Hatte er das diesem Schnö­ sel nicht gerade erklärt? Wahrscheinlich schaute der nebenher fern. »Und das hat etwas kaputtgemacht oder was?« »Nein, es hat nichts kaputtgemacht. Es hat mich gefilmt.« »Verstehe«, meinte die helle Stimme gelangweilt. »Und was kann ich nun für Sie tun? Sie wollen wissen, wann der Beitrag gesendet wird?« »Ja«, sagte Doktor Lacher und nickte bekräftigend. »Ganz genau. Darum geht es. Dass das nicht ohne meine ausdrückli­ che Einwilligung gesendet werden darf.« »Hat die der Redakteur nicht eingeholt? Das ist so ein hell­ blaues Formular…« »Nein! Hat er nicht!« »Verstehe. Können Sie mir bitte den Namen des Redakteurs sagen? Dann verbinde ich Sie weiter.«, Doktor Lacher verdrehte die Augen. »Ich weiß keinen Na­ men, wie oft soll ich das denn noch erklären?« »Aber Sie müssen doch einen Ansprechpartner gehabt ha­ ben?« »Ich sagte doch, ich bin mit versteckter Kamera gefilmt worden!«, bellte Lacher. Einen Moment Schweigen. »Mit versteckter Kamera?« »Ja. Versteckt. Wie verborgen, getarnt, heimlich.« »Entschuldigung, da muss ich mal kurz nachfragen, wer bei uns so etwas macht.« Zack, wieder in der Warteschleife, mit Filmmusik und Ankündigungen der Spielfilm-Highlights zum Ausklang des Jahrtausends. Das war jetzt schon der vierte Fernsehsender, durch dessen wild wuchernde Hierarchie er sich hindurchtelefonierte. Bisher hatte sich keiner zu dem Streich bekannt, den die Mat­ tek-Kinder ihm zu spielen geholfen hatten. »Hallo, hören Sie?«, kam die helle Bubenstimme wieder. »Ich erfahre, dass wir zurzeit keine Sendungen mit versteckter Kamera produzieren. Sind Sie sicher, dass das Filmteam aus unserem Haus kam?« »Wie soll ich mir dessen sicher sein, wenn ich es überhaupt nicht zu Gesicht bekommen habe?«, knurrte Lacher. Immerhin, allmählich dämmerte dem Jüngelchen, worum es hier ging. »Dann wissen Sie gar nicht, von wem Sie gefilmt wurden?« »Genau.« Noch mal die Warteschleife und drei Takte bom­ bastische Fanfaren, dann: »Haben Sie es schon mal beim ZDF versucht?« »Danke für den Tipp«, meinte Lacher und legte auf. Das, hörte er jetzt zum dritten Mal. Haben Sie es schon beim ZDF versucht? Dort hatte er sogar als Erstes angerufen; Fernsehzeit­ schriften konnte er immerhin auch lesen. Die hatten ihn an den WDR verwiesen. Irgendwas lief hier verkehrt. Niemand wollte sich zu dem Streich mit dem Außerirdischen bekennen. »Mit der Blonden vom Supermarkt hat er vor einem halben Jahr Schluss gemacht«, erzählte Dorothea. »Seither ist er mit der Silvia zusammen, weißt du, die nach der siebten in die Realschule gewechselt ist.« »Mmh«, meinte Sabrina. »Und die auch blond ist.« Dorothea musterte ihr dunkelbraunes Haar im Rückspiegel. »Ja, allmählich sollte er blond echt überhaben.« »Doro!«, ächzte Sabrina, verdrehte die Augen und ließ den Kopf nach hinten gegen die Kopfstützen fallen. »Du kapierst es nie, oder?« Dorothea war, seit sie dreizehn war, verknallt in einen Tu­ nichtgut namens Gerold, der seinerseits nichts von ihr wissen wollte. Weswegen Dorothea immer noch Jungfrau war. Was, wie Sabrina fand, sich eigentlich nicht gehörte für ihre beste Freundin. Sie fuhren auf der Autobahn, in zäh dahinfließendem Ver­ kehr kurz vor dem Stillstand. Dorothea hatte ihrem Vater dessen Auto abgeschwatzt, einen ausladenden, ratternden Ford von geradezu amerikanischen Ausmaßen, der schon so alt war, dass man sich auch keine Sorgen mehr darum machen musste, ihrer Mutter hoch und heilig versprochen, vorsichtig zu fahren, dabei mit Erstaunen festgestellt, in ihrem Vater, einen Fürsprecher ihres Unternehmens zu haben (»Sie hat den Führerschein – sie muss auch mal ganz auf sich allein gestellt fah­ ren! Wie soll sie sonst je selbstständig werden?«), eine fiktive Telefonnummer hinterlassen (sie durfte nicht vergessen, von unterwegs anzurufen, damit der Schwindel nicht aufflog), und nun waren sie unterwegs. Ob sie den Wagen auch bekommen hätte, wenn sie verraten hätte, dass sie zusammen mit Sabrina fahren wollte, hatte sie wohlweislich allerdings nicht auspro­ biert. Jedenfalls war es großartig, fand Sabrina. Schade, dass es zu kalt war, um das riesige Schiebedach aufzukurbeln. Aber auch so kam sie sich vor wie die Hauptdarstellerin in einem Road Movie. Thelma und Louise. Sabrina und Dorothea. »Du weißt eben nicht, was wahre Liebe ist«, verteidigte sich Dorothea dünnlippig. »Wahre Liebe? Gerold? Ach du meine Güte.« Allmählich schien es chronisch zu werden. »Mir würde es für den Anfang schon genügen, wenn ich verstehen könnte, was du an dem Typ eigentlich findest. Der hat doch nur sein Motorrad im Kopf. Wenn er nicht mal wieder Hasch raucht, dann hat er gar nichts im Kopf. Und ansonsten macht er nichts, als den Wei­ bern hinterher zu steigen …« »Also, ehrlich gesagt, aus deinem Mund klingt das als Vor­ wurf reichlich merkwürdig«, versetzte Dorothea. »Er muss eben auch seine Erfahrungen machen, na und?« Sabrina seufzte. »Also gut. Von mir aus. Und was spricht dagegen, dass du solange auch deinen Spaß hast?« »Dagegen spricht, dass es mir keinen Spaß machen würde. Mit irgendjemandem zu schlafen, meine ich.« »Woher willst du denn das wissen? Du hast es ja überhaupt, noch nicht probiert.« »Ich muss nicht aus dem Fenster springen, um zu wissen, dass es mir keinen Spaß machen würde, unten aufzuschla­ gen.« Das Fatale war, dass, wie Sabrina Gerold und seine Vorlie­ ben einschätzte, Dorothea für ihn auf einer Attraktivitätsskala von null bis zehn ungefähr bei minus fünfzehn rangierte. Geralds Freundinnen waren immer blond, so langmähnig wie langbeinig, dazu sportlich und vom Wesen eher zänkisch und doof. Dorothea dagegen hatte dunkelbraune, stark zu Spliss neigende Haare, die sie stets kürzer tragen musste, als ihr gut gestanden hätte, und breite Schultern, da sie gern schwamm. Ihre Hüften waren dagegen knabenhaft schmal und ihr Busen nicht der Rede wert. Dass sie eine verträgliche Seele von Mensch sein konnte, gern Fontane und Theodor Storm las und Streichholzbriefe von Hotels aus aller Welt sammelte, brachte ihr in den Augen eines dummen Buben wie Gerold Natter auch keine Ausgleichspunkte ein. »Was macht eigentlich Christian?«, fragte Sabrina. Christian war ein stiller Junge aus Dorotheas Parallelklasse, der Bücher las und Klavierstunden nahm und ihrer Meinung nach gut zu Dorothea passen würde. »Jetzt fang nicht wieder von dem an! Ich hab' dir schon mal gesagt, dass der mich nicht interessiert.« »Hätte sich ja was geändert haben können.« »Hat sich aber nicht.« Sie deutete auf ein großes blaues Schild, das die nächste Ausfahrt ankündigte. »Müssen wir da jetzt raus?« »Noch nicht. Die danach, glaube ich.« Einen Vorteil hatte es zumindest, dass Dorotheas ganzes Denken unentwegt um, ihren Gerold kreiste: Sie war noch nicht einmal auf die Idee gekommen, genauer nachzufragen, was Sabrina eigentlich suchte in diesem Kaff auf der Schwäbischen Alb, dessen Namen sie gestern Abend zum ersten Mal gehört hatte. Die Beerdigung von Herrn Güterling war eine einsame Veran­ staltung. Der Einzige, den Thilo kannte, war ein alter Mann, der dem Sarg mit zittrigen Schritten folgte, eine schiefe schma­ le Figur in einem schwarzen Anzug. Er hatte früher öfter mit Güterling Schach gespielt, doch seine Alzheimererkrankung war vorangeschritten und hatte das schließlich unmöglich gemacht. Immerhin schien er sich noch an ihn zu erinnern. Es war kalt und windig. Der Pfarrer spulte seinen Part rou­ tinemäßig ab und so schnell, wie es die Pietät zuließ. Thilo starrte das offene Grab an, ohne zuzuhören. Kelwitt hatte genau wissen wollen, wie die Erdbewohner mit ihren Toten verfuhren. Die Idee, sie im Boden zu vergraben, hatte ihn verblüfft. Auf Jombuur wurden die Toten – natürlich – im Meer beigesetzt, wobei es durchaus verschiedene Varianten gab. In Kelwitts Gegend war es üblich, den Leichnam auf einem brennenden Floß einer bestimmten Meeresströmung zu übergeben. Im Hintergrund standen zwei alte Weiber, von denen Thilo glaubte, dass sie jeden Tag auf den Friedhof gingen, um ir­ gendwelchen Beerdigungen beizuwohnen. Im Altersheim hatte er sie jedenfalls nie gesehen. Und bei der schlechten Meinung, die Güterling von Frauen im Allgemeinen und seiner eigenen im Besonderen gehabt hatte, war schwer vor­ stellbar, dass er noch zu irgendeiner eine besondere Beziehung gepflegt hätte., Der eisige Wind trieb winzige Schneeflocken vor sich her. Die Kälte kroch durch die Schuhsohlen. Der alte Mann schwankte am Grab, als wolle er selber hineinfallen. Thilo dachte an Sabrina, die jetzt mit ihrer Freundin nach Blaukirch unterwegs war. Am liebsten wäre er mitgefahren, aber jemand musste bei Kelwitt bleiben. Zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, dass, wenn Kelwitt sterben sollte, sie sich würden überlegen müssen, was mit seinem Leichnam zu geschehen hatte. Lothar Schiefer ließ sich mit dem Taxi bis an den Aufgang zur Ladenstraße bringen und wartete neben dem Türschild eines Rechtsanwalts, bis es wieder weg war. Dann zog er seinen Schlüsselbund aus der Tasche und machte sich auf den Weg zum Parkplatz, auf dem sein Auto hoffentlich noch stand. Er musste allmählich wirklich aufpassen mit dem ver­ dammten Saufen. Vor allem an solchen Feiertagen wie Weih­ nachten. Dass ihn die blöde Geschichte, die ihm der Arzt gestern erzählt hatte, so durcheinander gebracht hatte … Aber ausgerechnet Mattek! Mattek, der sich sowieso merkwürdig benahm in letzter Zeit. Er schloss die Wagentür auf, ließ sich in den Sitz fallen und zog sie wieder zu. Sein Bauch fühlte sich an wie ausgestopft. Als hätte er Steine geschluckt. Und dieser blöde, bittere Ge­ schmack im Mund, bestimmt von den Tabletten heute Morgen … Zeit, dass das neue Jahr endlich anfing und man sich wie­ der in die Arbeit stürzen konnte. Aber diese Geschichte mit dem Außerirdischen … Ver­ dammt, wie kam dieser furztrockene Mediziner dazu, ihm so, einen Stuss zu erzählen? Mattek?! Wolfgang Mattek war weder nachtragend noch fantasievoll genug für eine solche Aktion. Es sei denn, er hatte sich in diesem Mann so gründlich getäuscht wie noch nie in jemandem. Verdammt, verdammt, verdammt! Seine Finger trommelten auf dem Lenkrad. Dann drehte er den Zündschlüssel, schoss rückwärts aus der Parkbucht, rammte beinahe eine Frau mit Kinderwagen und trat aufs Gas. Fünf Minuten später stand er vor der Haustür der Matteks und klingelte Sturm. Nora öffnete ihm, nur einen Spalt weit, als fürchte sie sich. »Hallo, Lothar«, sagte sie. Auch sie war anders, als er sie kannte. Leiser. Irgendwie verschreckt. »Wolfgang ist nicht da.« »Hallo, Nora«, erwiderte er, blieb breitbeinig stehen und popelte mit der Zungenspitze in seinen Zähnen herum, wäh­ rend er nachdachte. »Was ist bei euch los?«, fragte er schließ­ lich. Sie riss die Augen auf. Eine noch schlechtere Lügnerin als ihr Mann. »Wieso? Was soll bei uns los sein?« »Deine Kinder – mit wem waren die vorgestern beim Arzt? Bei Doktor Lacher, um genau zu sein?« Sie blinzelte nervös. »Keine Ahnung. Eigentlich gehen wir gar nicht mehr zu Doktor Lacher.« »Ach ja?« Mit einer blitzschnellen Bewegung stieß er die Haustür auf, schob die völlig überrumpelte Nora beiseite und stapfte mitten in den Flur. »Wo sind deine Kinder? Ich will sie sprechen.« »Lothar, bitte … Sie sind nicht da. Sabrina ist mit einer Freundin fort, und Thilo ist auf einer Beerdigung …«, »Nora, verdammt noch mal, was geht hier vor?!« Er schrie es mit einer wütenden Lautstärke, die ihn selber überraschte. Er sah Entsetzen auf ihrem Gesicht, und es tat ihm Leid, aber er hatte sich nicht mehr unter Kontrolle. Sie machte hastig die Haustür zu, machte wirklich und wahrhaftig die Haustür zu, als sei das hier ein Ehestreit, von dem die Nachbarn nichts mitkriegen sollten! Sein Brustkorb pumpte wie verrückt. Alles an ihm schien zittern zu wollen. Das war doch sinnlos, was wusste denn sie von dem, was Wolfgang zu verbergen hatte? Aber er konnte sich nicht mehr bremsen, fegte den Flur ent­ lang, sah die Treppe hoch, drehte um und rauschte wieder zurück. Irgendetwas ging hier vor, ja. »Lothar…!«, hörte er sie wispern. Hörte die Angst in ihrer Stimme. »Bitte …!« »Sag mir, was hier vor sich geht!«, beharrte er. Sein Blick fiel auf die Tür zu Wolfgangs Arbeitszimmer. Wahrscheinlich war dort zu finden, was er suchte, die Antwort, des Rätsels Lösung … Aber da wurde eine andere Tür aufgeschoben, die Tür zum Wohnzimmer. Lothar fuhr herum. Und erstarrte, als er eine Gestalt erblickte, wie er sie noch nie gesehen hatte. Dorothea Weinmann langweilte sich. Sabrina war schon über zwei Stunden weg. Worum es bei der ganzen Sache ging, hatte sie nicht sagen wollen. Was wahrscheinlich hieß, dass es um einen Mann ging, den sie ihre Sammlung einverleiben wollte. Jedenfalls war weit und breit nichts von ihr zu sehen, und so hockte sie nun hier im Auto, rauchte eine Zigarette nach der anderen, drehte das Radio von einer Station zur nächsten und langweilte sich., »Das kann sie mir nicht antun«, erklärte sie der Wind­ schutzscheibe. »Mich die Nacht über hier im Wagen warten lassen.« Sie versuchte, einen Rauchring zu blasen. Wenn sie wenig­ stens etwas zum Lesen mitgenommen hätte! »Nein«, fügte sie hinzu. »Wenn es dunkel wird, fahr' ich heim. Dann kann sie sehen, wo sie bleibt.« Mann, war das langweilig hier! Ihr fiel ein, dass ihr Vater sauer sein würde, wenn das Auto noch tagelang nach ihren Ziggies stank. Vielleicht besser, sie machte die Tür eine Weile auf. Ein bisschen frische Luft konn­ te auch nicht schaden. Sie zog ihren knallroten Parka an und stellte die beiden Vordertüren auf Durchzug. Eine öde Gegend, wirklich. Kalte, kahle Felder ringsum, teilweise noch verschneit. Krüppelige Bäume. Und eben dieses mickrige Dorf da hinten. Warum war Sabrina dagegen gewe­ sen, in den Ort hineinzufahren? Vielleicht hätte es dort ein Café oder so was gegeben, wo sie hätte warten können auf Madame Geheimnisvoll. Ein alter Mann und ein kleiner Hund kamen den Feldweg entlang auf sie zu. Aus der Entfernung war schwer zu sagen, wer von beiden eigentlich wen ausführte. Der Hund wuselte herum, schnüffelte und witterte und stöberte in den Ackerfur­ chen, zwischendurch lief er aber immer wieder zu seinem Herrchen zurück, als müsse er es daran erinnern, weiterzuge­ hen. Ein süßer Hund. Als er näher herankam, ging Dorothea in die Hocke und versuchte, ihn heranzulocken. Sie konnte es gut mit Tieren. Er kam bis auf zwei Armlängen heran und betrach­ tete sie dann abwartend aus klaren braunen Knopfaugen. »Na,, du?«, gurrte Dorothea. »Was bist denn du für einer, hmm? Sag mal, wie heißt denn du?« Der Hund legte nur den Kopf schräg, sie weiter unver­ wandt anstarrend. Der Alte kam herangeächzt. »Der mag dich, was?«, rief er ihr zu. »Ja? Sieht so aus«, rief sie zurück. Es behagte ihr nicht, gleich geduzt zu werden, aber da konnte man wohl nichts dagegen tun. »Wie heißt er denn?« »Bundeskanzler«, sagte der alte Mann und trat neben sei­ nen Hund, der bekräftigend bellte. Eine Wolke unaussprechli­ chen Körpergeruchs senkte sich auf sie nieder wie der Fallout eines explodierten Klärwerks. Dorothea hielt erschrocken die Luft an, stand schnell auf und machte einen Schritt zurück, aus dem unmittelbaren Katastrophengebiet hinaus. »Bundeskanzler?«, wiederholte sie und versuchte zu lä­ cheln. »Ein ungewöhnlicher Name für einen Hund.« Der Mann sah sie aus wässrigen Säuferaugen an. »Ja«, meinte er in seinem schwer verständlichen Dialekt. »Das sagt jeder.« »Kann ich mir vorstellen.« Dorothea sah sich um. Wenn er aufdringlich wurde, konnte sie sich jedenfalls mit einem Satz in den Wagen in Sicherheit bringen. »Suchen Sie auch was?«, wollte der Alte wissen und hauch­ te eine geballte Bierdunstschwade in ihre Richtung. »Nein«, sagte Dorothea mit angehaltenem Atem. »Ich warte hier nur auf eine Freundin.« Er schien sich nicht für das zu interessieren, was sie sagte, sondern beugte sich mühsam zu seinem Hund hinab, um ihn, zu streicheln. »Es sind eine Menge Leute unterwegs, die hier was suchen«, meinte er. »Aber der Bundeskanzler und ich, wir haben es gesehen. Ja, nicht wahr, mein Kleiner! Wir haben es gesehen, ja. Wie es vom Himmel gefallen ist. Mitten auf die Scheune vom Brunnenwirt, gell?« Er lachte zahnlos. »Hat der sich vielleicht geärgert!« Dorothea lächelte höflich mit. Konnte sie den Verrückten einfach stehen lassen und zurück ins Auto steigen? Oder gehörte sich das nicht? »Dort hinten ist es runtergekommen, das Ding«, drückte der alte Suffkopf ihr seine Schauergeschichte rein, wedelte mit den Armen, dass sich sein Gestank in alle Richtungen verbrei­ tete. »So vom Himmel runter, krach, zack. Dort rein, durchs Scheunendach. Ja, so war das.« Sie erkannte undeutlich eine Art Schober in der Richtung, in die er deutete, und nickte unbehaglich. »Verstehe«, brachte sie hervor. »Dann ist einer gekommen, der hat den mitgenommen, der drin saß. Den kannte keiner, aber jetzt ist er wieder da.« Er rollte die Augen und schnaubte dazu, brummte was in seinen Bart, das sie nicht verstand. »Und der Brunnenwirt hat das Ding fortgeschafft in seinen Rübenkeller. Der ist dort hinten, siehst du? Vor dem Haus mit dem blauen Dach? Siehst du's?« »Ja«, beeilte sich Dorothea zu versichern. Er sah ganz so aus, als würde er ihr näher auf die Pelle rücken, wenn sie nicht sah, was er ihr zeigte. Außerdem sah sie das Haus mit dem blauen Dach, es war unübersehbar. »Ein blaues Dach, also wirklich«, brabbelte er. »Was die heutzutag' für Zeug bauen …« Dann stand er eine ganze Weile gedankenverloren da. Sein, Hund fing wieder an zu schnüffeln und zu schnuppern. »Ich, ähm, steig' dann mal wieder ein …«, sagte Dorothea, während sie sich behutsam Richtung Wagen bewegte. Er reagierte nicht, auch nicht, als sie ins Auto kletterte und beide Türen von innen zuzog. Geschafft! Nicht genug, dass hier Einöde war, es liefen auch noch Verrückte frei herum. Sie ließ sich aufatmend in ihren Sitz sinken und gelobte, im Wagen sitzen zu bleiben, bis Sabrina zurückkam. Der Alte schien sie völlig vergessen zu haben. Sein Hund stupfte ihn an, und er setzte sich wieder in Bewegung, weiter den Feldweg entlang. Dorothea kurbelte die Scheibe einen Spaltbreit herab, um zu hören, was er vor sich hin schwatzte. »Früher hat man rote Ziegel g'habt, und's hat auch g'hoben. Aber heut' müssen sie blaue Ziegel aufdecken. Eine verrückte Zeit…« Diesmal war es umgekehrt. Diesmal war es Kelwitt, der sie beobachtete und sich Sorgen machte. Sie lächelte ihn an, so gut sie konnte. Vielleicht verstand er das. Wahrscheinlich nicht. Arg gut war ihr Lächeln sicher gerade auch nicht. »Er ist nicht da«, brachte sie heraus, während sie das Tele­ fon mit bebenden Händen zurück auf die Ladestation legte. Es klapperte richtiggehend, als sie auflegte. »Seine Sekretärin sagt, er hilft im Versand mit, packen.« »Du hast keine Kommunikationsverbindung zu ihm auf­ bauen können«, meinte der Außerirdische. Nora nickte. »Er will als Chef Vorbild sein, weißt du? Er ist sich für nichts zu schade. Ich glaube, er macht das wirklich großartig.« Ihr Blick wanderte umher, fand nirgends Halt. »Ja, er macht es großartig. Wirklich großartig.«, Kelwitt machte eine seiner Gesten. »Wer war der Erdbe­ wohner, der so laut gesprochen hat?« »Ein Freund von uns. Von Wolfgang.« »Er hat mir viele Fragen gestellt. Ich habe nicht alles ver­ standen, was er gefragt hat. Ich bin beruhigt, dass es sich um einen Freund handelte.« Nora biss sich auf die Fingerknöchel. »Wir hätten ihm nichts sagen sollen. Es war ein Fehler, ihn einzuweihen.« Darüber musste Kelwitt eine Weile nachdenken. »Warum war es ein Fehler?«, wollte er schließlich wissen. »Hast du nicht gesagt, er ist ein Freund?« »Vielleicht hört er jetzt auf, ein Freund zu sein.« Sie hieb sich aus einem plötzlichen, wütenden Impuls heraus mit der Faust auf das Knie, dass es wehtat. »Wo bleibt nur Thilo?!« Dorothea war eingenickt und schreckte hoch, als es plötzlich an die Scheibe klopfte. Es war Sabrina. Und es war noch hell. »Ich habe ein Zimmer für uns gefunden«, verkündete Sabrina statt einer Begrüßung oder gar Entschuldigung, als sie in den Wagen geklettert kam. »In einem putzigen Hexenhäuschen. Komm, fahren wir hin!« »Moment mal.« Dorothea entknotete schlaftrunken ihre Arme. »Was soll das heißen, du hast ein Zimmer für uns gefunden?« »Na, dass ich ein Zimmer gefunden habe«, erklärte Sabrina, verwundert ob ihrer Begriffsstutzigkeit. »Wo wir übernachten können.« »Wo wir übernachten können. Na klar.« Sie schüttelte den Kopf. »Es war nie die Rede davon, dass wir hier übernachten!«, »Jetzt sei doch einmal im Leben ein bisschen flexibel!« »Aber ich hab' überhaupt nichts dabei! Keine Zahnbürste, keine frische Unterhose …« »Meinst du, ich? Ich hab' gedacht, wir sind um diese Zeit schon wieder zurück. Aber es ist alles schwieriger, als ich dachte.« »Wenn du wenigstens endlich mal sagen würdest, was du hier eigentlich willst! ?« Sabrinas Blick begann, über das Armaturenbrett zu wan­ dern. »Das ist nicht so leicht zu erklären«, meinte sie zögernd. »Ich, hmm … ich suche etwas.« »Etwas? Oder jemanden?« Sabrina zog pikiert das Kinn ein. »Glaubst du etwa, ich würde wegen eines Typen so weit fahren?« »Nein, du nicht. Klar«, brummelte Dorothea und fühlte sich irgendwie beleidigt, wenn sie auch nicht so recht verstand, wodurch eigentlich. Sie verschränkte die Arme wieder und drehte sich schmollend beiseite. »Hey«, machte Sabrina. »Ich versprech' dir, morgen erfährst du alles. Und ich versprech' dir auch, dass du dann verstehst, warum ich so ein Geheimnis darum machen muss.« »Klingt wahnsinnig aufregend«, brummte Dorothea. »Wie im Film. Bloß ist es irgendwie überzeugender, wenn Tom Cruise das sagt.« Geheimagent Hase, Codename Ochsenfrosch, betrachtete eingehend das Polaroidfoto, das ihm Geheimagent Wiesel hingelegt hatte. Es zeigte ein junges, blondes Mädchen im Gespräch mit Agent Habicht. »Habicht schätzt sie auf siebzehn Jahre«, erläuterte Wiesel., »Dem Akzent nach nicht von hier. Sie hat sich den ganzen Nachmittag im Dorf herumgetrieben und so getan, als würde sie uns nicht beobachten. Später hat sie versucht, mit verschie­ denen unserer Leute ins Gespräch zu kommen.« »Wer ist sie?«, fragte Hase. »Wissen wir nicht.« »Und ihr glaubt, dass sie sich dafür interessiert, was wir machen?« Wiesel zuckte die Schultern. Hase wog das Foto einen Moment sinnierend in der Hand, dann warf er es vor Wiesel auf den Tisch. »Okay. Wenn sie morgen noch einmal auftaucht, überwacht sie. Findet heraus, wer sie ist und was sie will. Wenn nötig, nehmt sie fest.« Boah, fühlte sich das gut an, solche markigen Anweisungen zu geben! An diesem Abend telefonierte Thomas Thieme, Student an der Stuttgarter Kunstakademie, wieder mit Rainer Weck, dem Vorsitzenden des Vereins zur Aufklärung von UFO- Sichtungen. Was denn nun mit der Grundschullehrerin sei, die angeblich von einem Außerirdischen erschreckt worden sei. »Vor Weihnachten habe ich nichts mehr erreicht«, berichtete Thomas, dem das Thema inzwischen ziemlich zum Hals heraushing. »Da hatten ja auch gerade die Ferien angefangen und so weiter. Und wir sind selber erst wieder seit gestern da.« »Und ich hab' die ganze Zeit versucht, dich zu erreichen. Du solltest dir wirklich mal einen Anrufbeantworter zulegen. Wo wart ihr, Ski fahren?«, »Nein. Bei Elkes Eltern.« Rainer pfiff vielsagend durch die Zähne. »Dann wird es allmählich ernst, mein Junge! Lass dir das von einem erfahre­ nen Mann sagen.« »Danke. Es war tatsächlich ziemlich anstrengend«, gestand Thomas. »Vor allem für Elke. Ich glaube, sie hat sich dort noch unwohler gefühlt als ich.« »Tja, die Familienbande … Aber Silvester habt ihr hoffent­ lich für euch, oder? Oder ist da der Besuch bei deinen Eltern fällig?« Thomas seufzte. »Von wegen. Elke hat Dienst. Ganz tollen. An Silvester Spätschicht bis halb neun, und an Neujahr Früh­ schicht ab sechs.« Er hörte Schlüsselgeklapper an der Woh­ nungstür. »Sie kommt grade heim.« »Das ist ja gemein. Wie wollt ihr dann das neue Jahrtausend begrüßen?« »Wir werden tief und fest schlafen. Das ist so in dem Beruf – wer an Weihnachten frei will, muss an Silvester arbeiten, und umgekehrt. Und als Schüler kann man sich's nicht mal raussuchen.« Er hörte sie ihre Tasche in die Ecke pfeffern. Dann rumste die Klotür. Rainer schwenkte abrupt zurück auf sein eigentliches An­ liegen. »Ich habe diesem George Bell noch mal gemailt und noch ein paar Details erfahren. Also, seine Frau heißt Eva- Maria und hieß früher Schulze. Allerdings wusste er nicht, ob das ihr Geburtsname ist oder der ihres ersten Mannes.« »Schulze? Na, das ist ja mal ein ungewöhnlicher Name. Das hilft mir bestimmt weiter«, meinte Thomas missgelaunt. Elke war in ihrem Zimmer verschwunden, ohne sich blicken zu lassen. Das war sonst nicht ihre Art. Irgendwas musste mit ihr, los sein. »Probier's einfach noch mal. Es wäre gut, wenn wir definitiv wüssten, ob es diese Frau gibt oder nicht.« »Okay«, sagte Thomas, nur um das Gespräch rasch zu be­ enden. Sie wechselten noch ein paar belanglose Sätze, bis er endlich auflegen konnte. In Elkes Zimmer war es dunkel. Sie lag auf ihrem Sofa, das Gesicht in den Kissen vergraben. »Lass mich«, sagte sie nur, als sie ihn kommen hörte. Er machte die Tür wieder zu und stand dumm im Flur her­ um. Mehr um irgendwas zu tun als aus einem wirklich drin­ genden Bedürfnis ging er auf die Toilette. Als er den Deckel der Kloschüssel hob, schwamm eine kleine gläserne Ampulle im Abfluss. Ein heißes Gefühl von Schreck schoss in ihm hoch und trocknete ihm den Mund aus. Einen Augenblick lang fühlte er sich versucht, einfach draufzupinkeln und alles einfach weg­ zuspülen, so zu tun, als hätte er dieses glitzernde kleine Ding überhaupt nie gesehen, aber dann nahm er doch ein Stück Klopapier und fischte es heraus. Er spülte es im Handwaschbecken ab und betrachtete es aus der Nähe. Eine Ampulle, halb so groß wie sein Daumen, die mit einer wasserklaren Flüssigkeit gefüllt war. Keine Beschrif­ tung, kein Aufkleber. Die kleine Luftblase darin musste ihr wohl genug Auftrieb gegeben haben, dass sie sich der alters­ schwachen Klospülung hatte widersetzen können. Er trockne­ te sie ab, ging in Elkes Zimmer, schaltete das Licht ein, setzte sich neben ihrem Sofa auf den Boden, hielt ihr die Ampulle hin und fragte: »Was ist das?« Elke Gombert, Altenpflegeschülerin im dritten Lehrjahr,, setzte sich mit verheulten Augen auf. »Ein blutverdünnendes Mittel«, schniefte sie. »Und was tut das in unserem Klo?« »Ich dachte, ich hätt's weggespült.« Er betrachtete die Ampulle selber noch einmal. Ein blutver­ dünnendes Mittel? Sie sah mit einem Mal schon nicht mehr so unheimlich aus. »Ich versteh' kein Wort«, sagte er. Sie sah ihn an mit Entsetzen in den Augen. »Sie schmeißen mich bestimmt raus, wenn sie dahinter kommen!« »Hinter was?« »Oh, Thomas, ich hab' ihn umgebracht! Ich hab' ihn auf dem Gewissen!«, schluchzte sie und schlang ihre Arme um sich. Als müsse sie sich selber umarmen, weil es sonst keiner tat. Also tat Thomas es. Er nahm sie in die Arme, drückte sie an sich und hielt sie, bis ihr Schluchzen, das sie erschütterte wie Erdbeben, endlich nachließ. »An meinem letzten Tag vor Weihnachten«, berichtete sie dann stockend, während sie sich die Tränen mit dem Taschen­ tuch abwischte, das er ihr geholt hatte, »habe ich vergessen, das Mittel einem alten Mann zu spritzen, für den ich zuständig war. Und in der Nacht darauf ist er gestorben, an Herzversa­ gen. Ich hab's heute erfahren. Heute ist er beerdigt worden. Und in meinem Kittel war immer noch seine Ampulle!« Thomas wusste nicht, was er sagen sollte. Er griff nach ihrer Hand. Plötzlich kam er sich wie ein Drückeberger vor mit seiner Bildermalerei, angesichts der Verantwortung, die ande­ re zu tragen hatten. »Ich meine«, fuhr seine Freundin schniefend fort, »natürlich war er alt und krank und musste irgendwann sterben. Klar., Aber ich mache mir Vorwürfe, weißt du?« »Ja. Klar. Täte ich auch.« Sie biss sich auf die Lippen, starrte irgendwo die Zimmer­ decke hinauf. Setzte mehrmals an. »Das Schlimmste ist«, meinte sie schließlich, »dass ich niemandem die Wahrheit erzählen kann, warum ich es vergessen habe.« Thomas Thieme sah sie an und hatte plötzlich das Gefühl, den Boden zittern zu spüren, weil sich etwas Großes, Unheim­ liches näherte. Ein Tyrannosaurus vielleicht. Oder ein Wende­ punkt in ihrem Leben. »Er hatte Besuch an dem Abend«, erzählte Elke mit entrück­ ter Stimme. »Ein Junge, der ihn öfters besuchte. Thilo Mattek. Und ein Mädchen. Seine Schwester, glaube ich. Und außerdem …« Sie sah ihn an, forschend, als müsse sie erst das Vertrauen fassen, dass er ihr glauben würde., Fünf Uhr morgens. Wolfgang Mattek hatte dunkle Schatten unter den Augen, als er in seinen Mantel schlüpfte. Er war erst kurz vor ein Uhr nachts aus der Firma nach Hause gekommen, um ein paar Stunden unruhigen Schlafes zu haben. »Ich rede mit ihm«, versprach er seiner Frau. »Ich glaube nicht, dass wir uns Sorgen machen müssen. Um die Weih­ nachtszeit ist Lothar einfach immer etwas seltsam.« Nora wickelte sich fester in ihren Morgenmantel. »Kannst du nicht versuchen, heute früher heimzukommen?« »Ich kann dir nichts versprechen. Rechne lieber nicht damit. Heute wird es nochmal mörderisch.« Sie nickte bedrückt. »Verstehe.« »Heute noch, und morgen bis Ladenschluss. Dann ist Ru­ he.« Er gab ihr einen Kuss. »Für den Rest des Jahrtausends.« Nachher saß Nora im Schlafzimmer auf ihrem Bett und starrte die Schrankwand an. Sie war müde, entsetzlich müde, hätte sich hinlegen und den ganzen Tag verschlafen wollen, aber gleichzeitig rumorten Ängste in ihr wie tausend kleine Teufelchen, außer Rand und Band. Sie würde keine Luft kriegen, wenn sie sich jetzt hinlegte. Einfach ersticken. Also blieb sie sitzen, wickelte den Morgenmantel wieder und wieder um sich, fester und fester, sah auf die Schranktü­ ren und dachte an das, was dahinter war. In den Kartons, von denen Wolfgang nichts wusste, nichts wissen durfte., Sie hatte sich geschworen, sie nie wieder anzurühren. Sie wegzuwerfen hatte sie nicht über sich gebracht, hatte es Wolf­ gang gegenüber nur behauptet, aber es waren andere Kartons gewesen, die im Schlund des Sperrmüllwagens verschwunden waren. Doch sie hatte sich geschworen … Damals hatte sie verstanden. Gewusst. Keine Angst mehr gehabt. Nur einen Blick. Mehr nicht. Einen Blick und wieder weg­ packen. Sie legte die Hand auf ihre Brust, die schwer atmend auf und ab ging. Einen einzigen Blick. Versprochen. Sie schloss die Schlafzimmertür von innen ab, leise. Öffnete die Schranktür, nahm den Schminkkoffer aus dem obersten Regal und den Schmuckkoffer, den sie ohnehin nie benutzte. Nur ein bisschen blättern in den alten Büchern. Dort waren sie, in zwei von den festen grauen Kartons verpackt, in denen die Hemden kamen, die Wolfgang sich immer schicken ließ. All die Jahre hatten sie gewartet und gewartet, unter einer alten Tischdecke und altem Vorhangstoff versteckt. Gewartet dar­ auf, dass ein dunkler Morgen wie dieser kommen würde. Aus dem kurzen Blick wurde ein langer Lesemorgen. Die Prophezeiungen des Nostradamus, die einen großen Krieg um die Jahrtausendwende vorhersagten, zumindest nach Meinung der Autoren, die ihre Deutungen im Schatten der atomaren Hochrüstung geschrieben hatten. Zukunftsvi­ sionen indianischer Schamanen, die schon vor Jahrhunderten gewarnt hatten: Zuerst werden die Bäume sterben, und dann werden die Menschen sterben. Apokalyptische Gesichte schlich­ ter Waldbauern, die sahen, wie ein Volk wider das andere zieht,, ein Krieg dem anderen folgt, und große Erdbeben, Missernten, Hungersnot und Pestilenz kommen. Astrologische Analysen, die Klimaveränderungen, Epidemien, Unwetterkatastrophen, politische Morde und Umstürze, sogar Polsprünge und Ver­ schiebungen der Planetenbahnen erwarteten. Er hatte all dies auch gepredigt. Er hatte den Untergang na­ hen gespürt und nach Auswegen, nach Rettung gesucht. Nora stellte erschrocken fest, dass sie seinen Namen verges­ sen hatte. Wie war das möglich? Sie hielt inne, starrte ins Leere und versuchte, sich zu erinnern. Wie sie auf den Berg gegangen waren. Die tagelangen Gebete, das Fasten, um den Geist zu klären, das verzweifelte Ringen um Rettung. Und wie er sie schließlich um sich geschart hatte, damit sie ihm halfen, sich als Opfer darzubringen. »Wenn es eine Rettung gibt, dann die, dass alle Menschen sehend werden.« Das waren seine letzten Worte gewesen, vor dem Schweigen, dem Ritual, dem Ende. An all das erinnerte sie sich, mühsam, weil sie jahrelang nicht daran gedacht hatte, sogar jeden Gedanken daran ver­ mieden hatte in der Hoffnung, wieder gesund zu werden. An alles erinnerte sie sich, aber nicht an seinen Namen. Und nicht an sein Gesicht. Sie packte die Bücher zurück in den Karton, mit hypnotisch langsamen Bewegungen, und öffnete den anderen. Was hatte das zu bedeuten? Damals waren seitenlange Artikel in Zeitun­ gen und Zeitschriften erschienen, alle Fernsehkanäle hatten ausführlich, hektisch und reißerisch über die Ereignisse am Berg berichtet, Tagesgespräch waren sie gewesen. Und nun konnte sie sich nicht mehr an diesen Namen erinnern. Seltsam. Im zweiten Karton waren, abgegriffen und zerlesen, die Bü­, cher, die sie auf diesen Weg gebracht hatten. Als junges Mäd­ chen hatte sie die gelesen, verschlungen, auswendig gelernt; Bücher, in denen Wissenschaftler von den ›Grenzen des Wachstums‹ sprachen, vor Überbevölkerung und Umweltver­ giftung warnten, in scharfen Worten und mit Zahlen, Fakten, Schaubildern den Raubbau an der Natur geißelten. Es war wie eine Rückkehr in die Kindheit, diese Seiten wieder zu durch­ blättern und den Schmerz wieder zu fühlen, den sie damals empfunden hatte: zu spät geboren zu sein, um noch ein wirk­ liches Leben leben zu dürfen. Es tat gut, die Tränen heiß über die Wangen laufen zu spü­ ren. Sie blätterte die Seiten um, voller Markierungen und Noti­ zen, eselsohrig, vergilbt, und las immer wieder Sätze, die begannen mit Wenn nichts geschieht, dann wird … Vor dreißig Jahren waren diese Sätze geschrieben worden. Heute, am Ende des Jahres 1999, konnte man fast jeden dieser Sätze abändern zu Es ist nichts geschehen, und darum ist … und erhielt eine wahre Aussage. Man hatte es gewusst, und nichts war gesche­ hen. »Bin ich denn krank, wenn ich Angst habe ?« Später wusste sie nicht mehr, ob sie diesen Satz gesagt oder nur gedacht hatte, jedenfalls war er plötzlich da gewesen, und sie hatte innegehalten, verblüfft auf das Blumenmuster der Bettdecke gestarrt und nicht gewusst, ob sie lachen oder weinen sollte. Wer ist denn verrückt? Derjenige, der in einem brennenden Haus laut schreit, um die anderen zu warnen, und nach einem Ausgang sucht – oder derjenige, der tut, als ob nichts wäre? Sie hatte die Angst loswerden wollen. So sein wollen wie alle anderen. Der einzige Weg schien zu sein, das zu leugnen,, was ihr Angst machte. Niemand hatte ihr je gezeigt, dass der einzige Weg, Angst zu überwinden, der ist, ihr entgegenzutre­ ten und ins Auge zu sehen. Sie packte die Bücher zurück, stellte die Kartons zurück in den Schrank und wusste, dass sie sie nicht mehr brauchen würde. Sie war traurig, als sie aus dem Schlafzimmer kam – drau­ ßen war es schon hell, aus Thilos Zimmer hörte man Musik –, aber sie war wieder eine gesunde Frau. Als er an diesem Morgen zurück in sein Arbeitszimmer kam, stank es nach kaltem Zigarettenrauch, und der Computer lief immer noch. Lothar Schiefer blieb vor dem Schreibtisch ste­ hen, starrte die Zahlen in der Tabellenkalkulation an, die er aus den Büchern und Ordnern zusammengetragen hatte, die überall in wüsten Haufen herumlagen, und fühlte sich wie ausgekotzt. Wieso war das Scheißding überhaupt noch an? Ach ja, richtig – er war aufs Klo gegangen und im Tran dann irgendwie ins Bad und ins Schlafzimmer geraten und ganz automatisch ins Bett gegangen. Irgendwann um halb vier Uhr nachts oder so. Er fuhr sich durchs Haar und betrachtete dann irritiert seine Hand. Ihm war, als könne er immer noch den Händedruck des Außerirdischen spüren, dieses Gefühl, als umfasse man einen Haufen kalter, nasser Makkaroni. Der Aschenbecher quoll über. Er leerte ihn in den Papier­ korb und ließ sich auf den Schreibtischsessel fallen. Aussichts­ los. Er war wie high von Matteks heimgefahren: Außerirdische würden landen, und er war der einzige Bör­ sianer, der davon wusste! Im Auto war ihm das vorgekommen, wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Aber dann hatte er ange­ fangen zu arbeiten, die Hausaufgaben zu machen, wie er das nannte, hatte versucht, die Inspiration in Zahlen zu fassen, in Geld umzurechnen, und aus dem High war rasch ein Low geworden. Seinen ganzen analytischen Werkzeugkasten hatte er, sinn­ bildlich gesprochen, vor sich ausgeschüttet und alles versucht, aber wie er es auch anpackte: Es war unmöglich, vorherzusa­ gen, was geschehen würde, wenn es zu einem Kontakt mit Außerirdischen kam. Und folglich war es auch nicht möglich zu bestimmen, auf welche Weise er aus diesem Ereignis Profit schlagen konnte. Wenn sie nur kamen, um diesen mageren Kerl abzuholen, der aussah, als wären Flipper Arme und Beine gewachsen, und das Ganze unbemerkt blieb – nun, dann änderte sich einfach nichts. Aber wenn es stimmte, was dieser – Kelvin? Kelwitt? – erzählt hatte, dass er nämlich ohne Erlaubnis auf der Erde gelandet war und dass sein Volk bis jetzt nicht ge­ wusst hatte, dass die Erde bewohnt war – dann konnte alles Mögliche passieren. Vielleicht wurde der Menschheit der Beitritt zu einer Galaktischen Konföderation angetragen? (Was wurde dann aus Wechselkursen, Devisenspekulationen, dem Dollar und dem Euro?) Vielleicht würde die Erde teilhaben an ihren technischen Errungenschaften, bald über unerschöpfli­ che Energiequellen verfügen und den Hunger in der Welt ausrotten? (Was wurde dann aus seinen Kontrakten an der Warenterminbörse, den Weizen-Futures, den Schweinebauch- Calls?) Vielleicht würden die Außerirdischen in einem raschen Schlag alle Atomwaffenarsenale neutralisieren? (Was wurde dann aus den militärischen Allianzen? Welche Staaten würden sich gegen ihre Nachbarn erheben? Welche Auswirkungen, würde das auf seine Aktien haben?) Dass die Außerirdischen auf die Idee kommen könnten, die ganze Erde samt ihren Bewohnern aus dem Universum zu bomben, hielt er nicht für sehr wahrscheinlich. Selbst wenn, war es müßig, für einen solchen Fall irgendwelche Pläne zu schmieden. Aber vielleicht kamen sie auf die Idee, die Erde zu kolonisieren? Welche Veränderungen das nach sich ziehen würde, war kaum abzusehen. Es war zum Heulen. Da hatte er eine Sensation in der Hand und konnte nichts damit anfangen. Spät in der Nacht waren ihm dann, reichlich gefrustet, die eher grimmigeren Ideen gekommen. Kelwitt zu entführen und an den Meistbietenden zu verkaufen etwa. Aber da kannte er sich wieder zu wenig aus. Wer würde für einen Außerirdi­ schen Geld bezahlen? Hollywood? Pharmakonzerne? Was war mit dem rechtlichen Aspekt? War die Entführung eines Außer­ irdischen strafbar? Vermutlich. Und es war ja auch nicht auszuschließen, dass seine Artgenossen ihn trotzdem aufspür­ ten, und was würde dann geschehen? Am Ende landete er in einem Zoo auf deren Heimatplaneten. Oder in einem ihrer Spezialitätenrestaurants, als Spezialität. Er stemmte sich missmutig in die Höhe und schlurfte in die Küche, um sich einen Kaffee aufzubrühen. Seltsam, wie normal ihm das alles vorgekommen war. Das kam wahrscheinlich von den vielen Filmen, die man schon gesehen hatte. Irgendwie war dieser Kelwitt allerdings eine nicht unsympathische Erscheinung gewesen, sehr fremdartig zwar auf den ersten Blick, aber auf eigenartige Weise auch gut aussehend. Vielleicht konnte er sein Manager werden? Wenn über­ haupt irgendwo, dann konnte es Kelwitt im Showgeschäft zu, etwas bringen. Zwar würde er mit diesem silbrigen Überset­ zungscomputer auf der Schulter kaum irgendwelche Schall­ platten besingen, aber vielleicht hatte er Talent zum Schau­ spieler? Selbst ohne Talent war er sicher für gutes Geld in Filmproduktionen unterzubringen. Oder er konnte bei einem dieser Musikvideokanäle die aktuellen Hits ansagen und im Handumdrehen zum Idol der Teenager werden. Und für all das würde er einen Manager brauchen, einen gewieften, knallharten Geschäftsmann. Einen wie ihn, Lothar Schiefer. Auf halbem Weg zwischen Küchenbord und seinem Mund hielt die Kaffeetasse an wie von selbst. Etwas in ihm fühlte sich an wie ein Videorekorder, der den Ablauf seiner Gedanken ein Stück zurückspulte und noch mal langsam ablaufen ließ. Er musste die Kaffeetasse wieder abstellen und sich auf den nächsten Stuhl setzen, weil seine Beine zu zittern anfingen, als er die Idee begriff und was sie bedeutete. Die Schulterspange! Der Übersetzungscomputer! Es gab auf der Erde Tausende verschiedener Sprachen, und die Übersetzung von einer in die andere beschäftigte Hundert­ tausende von Übersetzern und Dolmetschern und verschlang Unsummen. In großen multinationalen Organisationen und Konzernen stellte die Sprachvielfalt ein ständiges Hindernis dar. Und auch nach Jahrzehnten der Forschung war die ma­ schinelle Übersetzung ein ungelöstes Problem. Wenn es ihm, Lothar Schiefer, gelang, sich in den Besitz von Kelwitts Schul­ terspangencomputer zu bringen, dann hatte er die Chance, dieses Gerät von Fachleuten untersuchen und nachbauen zu, lassen. Und wenn ihm das gelang, dann war er der König der Welt, bildlich gesprochen. Dann konnte er den gesamten Markt der Übersetzung aufrollen und Geld scheffeln in einem Maßstab, in dem er bisher noch nie zu denken gewagt hatte. Das war es. Gott Mammon selbst hatte ihn soeben auser­ wählt. Und so schwierig konnte es ja nicht sein. Er musste eben diesen einen unfreundlichen Akt vollbringen, dem mageren jungen Außerirdischen die Spange wegzunehmen. Danach würde sein Leben nie wieder das sein, was es bis jetzt gewesen war. Dieser eine Schritt, und er hatte es endgültig geschafft. Wie fast alle PC-Besitzer besaß auch Thomas Thieme eine CD­ ROM mit dem Telefonverzeichnis von ganz Deutschland. An diesem Morgen nach einer Nacht, die er hauptsächlich damit zugebracht hatte, seine Freundin zu trösten, suchte er auf dieser CD nach einem Teilnehmer namens Mattek, wohnhaft in Stuttgart. Das war eine Angelegenheit weniger Sekunden, bis Name, Adresse und Telefonnummer von ›Wolfgang Mat­ tek, Fabrikant‹ auf dem Bildschirm erschienen. Das Suchprogramm besaß eine weitere nützliche Funktion, nämlich alle Teilnehmer aufzulisten, die in der gleichen Straße wohnten. Das dauerte noch einmal ein paar Augenblicke. Dann las Thomas Thieme: ›Gudrun Lange, Grundschullehre­ rin‹. »Das ist echt der Hammer«, meinte er kopfschüttelnd und griff nach dem Hörer, um die angegebene Nummer zu wäh­ len. Eine resolute Stimme meldete sich, die Stimme einer Frau, die ungezogenen kleinen Rangen Zucht und Ordnung bei­ bringt. Er nannte einen falschen Namen und fragte, ob sie eine, Freundin namens Eva-Maria Duggan habe, die in Thunder Bay, Ontario, lebe. Als sie das, etwas verwundert, bestätigte, behauptete er, dass er von ihr schöne Grüße ausrichten solle. »Ich bin gestern aus Kanada zurückgekommen«, log er un­ verfroren, »wo ich Ihre Bekannte zufällig kennen gelernt habe.« »Ach, das ist ja nett«, meinte Frau Lange. Der Kasernenhof­ ton schmolz ein bisschen. »Vielen Dank.« Nun kam der endgültige Test. »Frau Duggan hat mir er­ zählt, Sie seien von einem Außerirdischen so erschreckt wor­ den, dass Sie vom Fahrrad gefallen sind und sich den Arm gebrochen haben«, sagte er. »Das hat sie Ihnen erzählt?«, wunderte sich Frau Lange. »Erst, nachdem ich ihr erzählt hatte, dass ich UFO- Phänomene untersuche.« »Ach so.« Sie schien richtiggehend zu schmunzeln. »Also, ganz so war es nicht.« »Sondern?«, fragte Thomas Thieme, gespannt auf des Rät­ sels Lösung. Sie erzählte ihm, was vorgefallen war – der Sturz vom Rad, die Begegnung am Abend, die freche Bemerkung des Mäd­ chens. Unerhört, pflichtete er ihr bei und bedankte sich artig. Wie es sich gehört gegenüber einer Lehrerin. »Das ist ja ein Spaziergang«, sagte sich Thomas Thieme und erwog, Privatdetektiv zu werden anstatt Maler. Als Nächstes wählte er die Nummer der Familie Mattek. »Mattek«, meldete sich eine leise Frauenstimme. »Guten Tag, Frau Mattek«, sagte Thieme in locker­ flockigern Tonfall, »Sie beherbergen doch einen Außerirdi­, schen bei sich, nicht wahr?« »Woher wissen Sie das?«, entfuhr es der Frau, dann hörte er noch ein »Oh, verdammt!« im Hintergrund widerhallen, ehe der Hörer aufgelegt wurde. Ein beinahe beschwingtes Gefühl von Unwirklichkeit be­ schlich den Kunststudenten Thomas Thieme. So, als wäre er aus dem wirklichen Leben in ein Computerspiel hineingeraten oder in einen abstrusen Abenteuerfilm. Er durchdachte noch einmal alles und rief dann Rainer Weck in Hamburg an, um Bericht zu erstatten. Dorothea erwachte davon, dass Unruhe im Zimmer herrschte. Sie schlug die Augen auf und starrte eine ganze Weile benommen auf eine mit Blümchen tapezierte Decke und auf Rüschenvorhänge am Fenster, ehe ihr wieder einfiel, wo sie war. »Wir haben verpennt«, sagte Sabrina. Dorothea drehte sich herum, stemmte sich hoch und stützte den Kopf auf den Ann. Sabrina, noch in Unterwäsche, wühlte emsig in ihren Taschen und Jacken. »Was machst du da eigentlich?«, fragte sie nach einer Weile. »Wir dürfen nichts bei uns haben, auf dem unsere Namen stehen.« Auf ihrem Nachttisch lag ein kleines Häufchen aus Personalausweisen, Monatskarten, Krankenkassenkarten und so weiter. »Und warum das, um alles in der Welt?« »Erklär' ich dir später.« »Ich wusste, dass du das sagen würdest«, meinte Dorothea seufzend und schlug die Decke beiseite, um ins Bad zu gehen., Sie bekamen noch ein Frühstück, obwohl sie eine halbe Stunde zu spät dran waren. Sabrina saß unruhig am Kaffee­ tisch und wirkte, als hätte sie am liebsten darauf verzichtet, sagte aber nichts dergleichen. Während Dorothea den letzten Schluck Kaffee trank, stand sie schon auf und bezahlte das Zimmer, dann gingen sie zum Auto und versteckten die Ausweise im Kofferraum, unter dem Reserverad. Sie fuhren zwei Straßen weiter und stellten den Wagen dann wieder ab. »Und jetzt?«, fragte Dorothea. Sabrina starrte durch die Windschutzscheibe nach draußen, auf Misthaufen, Traktoren und das staubige Leuchtreklame­ schild einer winzigen Videothek. »Wenn ich das wüsste.« Sein Atemloch brannte bei jedem Atemzug. Es war ein leiser, aber unerbittlicher Schmerz, der sich nach und nach im gan­ zen Kopf ausbreitete. Der Drang, Nahrung aufzunehmen, wurde immer stärker und war auch schon fast zum Schmerz geworden. Aber er wagte es nicht, noch einmal Nahrungsmit­ tel dieses Planeten zu essen. Nicht so, wie er sich fühlte. »Tik?« »Ich bin bereit.« »Wenn sie mich nicht vergessen haben – warum dauert es dann so lange, bis sie kommen?« »Es sind zahllose Ursachen denkbar, die eine derartige Verzöge­ rung hervorrufen können. Es könnte zu einer Verwerfung der Sternstraße gekommen sein, was in den Randbezirken nicht selten ist. Eine Antriebsmaschine könnte Schaden genommen haben. Der Warenaustausch könnte sich verzögert haben. Ein Sternfahrer könnte während des Aufenthalts auf einer fremden Welt verletzt worden sein und …«, »Es genügt. So genau will ich das nicht wissen.« Vielleicht war es an der Zeit, dem Unausweichlichen ins Auge zu blicken. Vielleicht war das die einzige Möglichkeit, noch die Reife der Seele zu erlangen, ehe es zu Ende ging. Vor ihm auf dem Tisch lagen einige Blätter der Schreibfolie, die die Erdbewohner benutzten. Sie nannten es ›Papier‹, und Unsremuutr hatte ihm Papier besorgt, das etwas unempfindli­ cher gegen Wasser war als üblich. Er konnte es ohne Hand­ schuhe anfassen und sogar darauf schreiben, ohne es zu be­ schädigen. »Alles ist rechteckig bei ihnen«, meinte er nachdenklich. »Sogar das.« »Die rechteckige Form hat praktische Vorteile. Sie ermöglicht es, Dinge auf einfache Weise ohne Zwischenräume zu lagern.« Kelwitt stieß den Laut der Verwunderung aus. »Das kann ja wohl kaum der Grund …« Er hielt inne. »Doch. Auf einem so dicht besiedelten Planeten ist das möglicherweise ausschlag­ gebend.« Er dachte an die hochgebauten Nester der Erdbe­ wohner. Nahmen sie diese eintönigen Formen tatsächlich nur in Kauf aus Gründen höherer Packungsdichte …? Er machte die Geste der Resignation. Mit dem Schneidege­ rät, das aus zwei miteinander verschraubten Klingen bestand, beschnitt er einige Bogen Papier, bis sie annähernd die Gestalt hatten, die angemessen war. Angemessen für ein Vermächtnis. Die Gestalt, die man auf Jombuur persönlichen Mitteilungen für den Fall des eigenen Todes gab. Er nahm das Schreibgerät in die Hand, einen dünnen Zy­ linder, der an einem Ende einen Knopf hatte, den man ein­ drücken musste, damit am anderen Ende die farbgebende Spitze zum Vorschein kam. Das Ganze war relativ simpel und, einfarbig; er würde nur die Notizschrift verwenden können. Kelwitt begann, aufzuschreiben, was ihm seit Verlassen des Mutterschiffs widerfahren war. Nachmittags meldete sich Rainer Weck noch einmal. »Wann stehst du morgen früh auf?«, wollte er wissen. »Keine Ahnung. Wann wir eben aufwachen«, erwiderte Thomas Thieme. »Elke hat Spätschicht, da stehen wir meistens gegen acht auf. Warum?« »Weil ich nach Stuttgart komme. Heute um siebzehn Uhr ist hier Schluss, die Unibibliothek macht erst im nächsten Jahr­ tausend wieder auf. Ich pack' dann meine Sachen und fahr' die Nacht durch. Morgen früh um sechs steh' ich bei dir vor der Tür. Dann schauen wir ihn uns mal vor Ort an, deinen Außer­ irdischen.« Irgendwann würde es auffallen, wie sie hier herumstanden. Und Dorothea gab sich keine besondere Mühe, unauffällig zu wirken. Warum auch, wenn sie nicht wusste, worum es ging? Klotzig wie ein Stein stand sie neben ihr und glotzte unver­ hohlen in die Richtung, in die Sabrina nur beiläufig zu schau­ en sich bemühte. Der Gasthof am Brunnen schien das Hauptquartier der Männer zu sein, die in Blaukirch herumschwärmten und verdammt noch mal nicht so aussahen, als gehörten sie hier­ her. Zwar trugen sie keine Trenchcoats mit hochgeschlagenen Kragen, aber sie wirkten, als seien die bloß grade in der Reini­ gung. »Mir ist kalt«, beschwerte sich Dorothea zum wiederholten Mal und scharrte ungeduldig mit den Schuhen. »Hunger habe, ich auch. Und keine Ahnung, was wir hier tun.« »Wir suchen etwas«, sagte Sabrina verhalten. »Du«, erwiderte Dorothea. »Du suchst etwas.« »Also gut. Ich.« »Und du wirst mir später erklären, was. In hundert Jahren oder so.« Allmählich wurde selbst die sehr geduldige Doro­ thea unwirsch. Sabrina zog sie am Ärmel mit sich. Sie setzten sich in Bewe­ gung, in langsamem Schlenderschritt von dem Platz mit dem Brunnen fort. Aus einem Hof bellte sie ein Hund an, der zum Glück an einer festen Kette hing. »Ich würde dir gern erklären, was ich suche«, meinte Sabrina. »Aber du hast Angst, mich zu gefährden.« »Nein«, sagte Sabrina. »Ich habe Angst, du könntest glau­ ben, ich sei verrückt geworden, und davonlaufen, noch ehe ich zu Ende gesprochen habe.« Dorothea blinzelte verwundert. »Aber ich weiß doch, dass du verrückt bist!« »Also gut«, gab sich Sabrina einen Ruck. Sie blieb stehen. Der Hund an der Kette brachte sich schier um. »Wir beherber­ gen zu Hause zur Zeit einen Außerirdischen.« »Ich wusste nicht, dass du so verrückt bist.« »Doro, das ist kein Witz!«, versetzte Sabrina scharf. »Ich weiß, dass es doof klingt. Was glaubst du, warum ich das die ganze Zeit vor mir hergeschoben habe? Aber ich kann auch nichts machen, es ist einfach so.« Dorothea hatte die Stirn in fürchterliche Falten gelegt. »Ent­ schuldige, aber erklär mir mal, was ein Außerirdischer bei euch zu Hause macht? Und wenn du jetzt sagst, die Marsmen­, schen fühlen sich durch die ewigen Silvesterfeuerwerke am Himmel gestört und haben einen Botschafter zu deinem Vater geschickt, damit der seine Produktion einstellt, dann bist du nicht mehr meine Freundin.« »Mit dem Mars hat das überhaupt nichts zu tun. Kelwitt kommt vom Planeten Jombuur, der eine Sonne in der Nähe des Milchstraßenzentrums umkreist …« »Kelwitt? Er hat einen Namen?« »Ja, sicher.« »Das heißt, er spricht mit euch?« »Mit einem Übersetzungsgerät.« Dorothea sah sie mit großen Augen an, in denen allmählich ein Schimmer von Beleidigtsein auftauchte. »Und er ist nicht auf dem Rasen vor dem Weißen Haus gelandet und auch nicht vor dem Petersdom oder bei den Pyramiden, sondern bei euch im Garten. Warum erzählst du mir so einen Scheiß ?« Ich hätte sie mit Kelwitt bekannt machen sollen, ehe wir losgefah­ ren sind!, erkannte Sabrina bestürzt. »Nein, so war das nicht. Er ist am siebzehnten Dezember abgestürzt, hier in der Nähe von Blaustein. Mein Vater und ich haben ihn auf der Bundes­ straße aufgelesen, auf dem Heimweg vom Internat, und erst wussten wir auch nicht, was los ist, weil sein Übersetzungsge­ rät erst unsere Sprache lernen musste. Er hat bei uns darauf gewartet, dass er von seinen Leuten abgeholt wird, aber aus irgendeinem Grund kommt niemand. Er kann zwar unsere Luft atmen, aber er wird allmählich krank davon, und unsere Nahrung verträgt er auch nicht. Er braucht sein Raumschiff zurück, aber man hat seinen Absturz beobachtet – mit Radar oder was weiß ich – und ist hinter ihm her. Ich bin hier, um herauszufinden, wo sein Raumschiff abgeblieben ist und wie, man es vielleicht … Dorothea? Was ist mit dir?« Ihre Freundin starrte sie plötzlich an, als sehe sie Gespen­ ster. Noch ein Millimeter mehr, und die Augen würden ein­ fach aus den Höhlen fallen. »Doro, ich schwör' dir, dass ich die Wahrheit…« »Ist es in eine Scheune gestürzt?«, fragte Dorothea flü­ sternd. »Wie?«, fragte Sabrina irritiert. »Das Raumschiff. Ist es in eine Scheune gestürzt?« Sabrina nickte verblüfft. »Ja. Woher weißt du das? Ja, es ist in einen Heuschober gestürzt, der dem Besitzer des Gasthau­ ses dort vorn gehört. So viel habe ich gestern herausgefunden. Aber es ist nicht mehr dort.« »Sie haben es fortgebracht. In den Rübenkeller. Bei dem Haus mit dem blauen Dach.« Jetzt war es Sabrina, die nicht wusste, was sie sagen sollte. »Gestern, als du unterwegs warst und ich im Auto gewartet habe«, erzählte Dorothea flüsternd, »kam ein alter Mann daher, der einen Hund hatte, der Bundeskanzler hieß. Der hat mir das erzählt.« »Bundeskanzler.« »Ja. Seltsamer Name für einen Hund.« »Und was hat der dir erzählt?« »Dass er gesehen hätte, wie ›es‹ vom Himmel gefallen sei. In die Scheune vom Brunnenwirt hinein. Ich wusste nicht, was er meinte, und ehrlich gesagt stank er so nach Alkohol, dass ich es auch nicht wissen wollte.« »Und dann? Wie war das mit dem Rübenkeller?«, »Dorthin hätten ›sie‹ ›es‹ gebracht. In den Rübenkeller bei dem Haus mit dem blauen Dach.« Sabrina sah sich fassungslos um. Der Hund im Hof unter­ nahm einen neuen Anlauf, und wieder riss ihn seine Kette jäh zurück. »Das Haus mit dem blauen Dach. Das habe ich gestern gesehen …« »Ich auch«, sagte Dorothea. Zwanzig Minuten später standen sie vor einem nachlässig eingezäunten Grundstück, auf dem allerlei landwirtschaftliche Geräte herumstanden. Weit und breit niemand, der sie beo­ bachtete. Eine Art ausgefahrene Rampe führte zu einem tief liegenden Kellergewölbe hinab. »Ein Rübenkeller?« Sabrina und Dorothea waren Groß­ stadtkinder. Aber es lagen ein paar Gebilde herum, bei denen es sich nur um Futterrüben handeln konnte. »Ich weiß nicht…«, meinte Sabrina zweifelnd. »Wenn hier etwas wäre, müsste eigentlich alles abgesperrt und bewacht sein.« Aber nicht einmal die verwitterten hölzernen Türflügel wa­ ren verschlossen. Man konnte sie an großen Eisenringen einfach aufziehen. »Schauen wir einfach nach«, schlug Dorothea vor. »Okay«, sagte Sabrina. »Jede Wette, dass da drin tatsächlich nur Rüben sind.« Aber gleich darauf standen sie vor einem unglaublichen, in unfassliches blaues Schimmern gehüllten technischen Gebilde, starr vor Staunen. Woher die Männer kamen, die sie im näch­ sten Augenblick umzingelten, mit Pistolen, Netzen und Schlagstöcken in den Händen, hätten die beiden Mädchen später nicht sagen können., Parken nur für Kunden, stand auf den Schildern auf dem Park­ platz vor dem Supermarkt. Maximal 1 Stunde während des Einkaufs. Widerrechtlich parkende Fahrzeuge werden kostenpflichtig abgeschleppt. Lothar Schiefer hatte seinen Wagen hier geparkt, ohne et- was einzukaufen. Das Gleiche traf auf den Mann zu, mit dem er verabredet war. Das Vergehen, das sie besprachen, war jedoch weitaus schwerwiegender als das, das sie im Moment begingen. »In Ordnung«, sagte der Mann, nachdem er die Geldscheine in dem Briefumschlag durchgezählt hatte, mit raschen geübten Handgriffen, die verrieten, dass er öfter Geld auf diese Weise zählte. Er schob den Umschlag ein. Sein Gesicht war glatt, ausdruckslos, ohne besonders auffällige Merkmale. Abgesehen vielleicht von dem seltsam leeren Blick seiner Augen. »Das ist die Adresse«, erklärte Lothar Schiefer und zeigte ihm einen Zettel. Der andere las, was darauf stand, und nickte nur, ohne Anstalten zu machen, das Stück Papier an sich zu nehmen. »Es muss wie ein gewöhnlicher Raubüberfall ausse­ hen.« »Kein Problem.« »Das ist wichtig. Nichts darf darauf hindeuten, dass das Haus gezielt ausgesucht wurde.« »Ich habe schon verstanden.« Es klang kalt und ungeduldig. »Gut, okay.« Lothar fröstelte unwillkürlich, obwohl er warm genug angezogen war, um hier herumzustehen. Er zog ein zweites Blatt Papier hervor, auf dem er den Grundriss von Matteks Haus skizziert hatte und was er über die Sicherheits­ vorkehrungen wusste. »Das ist die Zeichnung, um die Sie gebeten hatten.«, Der Mann nahm sie, mit behandschuhten Händen, und stu­ dierte sie wieder eingehend. Seine Augen wanderten über das Blatt wie Abtaststrahlen eines Scanners. Dann gab er es zu­ rück. »Gut«, meinte er. »Kein Problem.« »Wenn Sie reinkommen«, fuhr Lothar mit bebender Stimme fort, »werden Sie ein Wesen vorfinden, das aussieht wie eine Kreuzung aus einem Menschen und einem Delfin. Ziemlich fremdartig also. Dieses Wesen trägt auf der rechten Schulter eine Art silberne Spange …« Zum ersten Mal bildeten sich skeptische Fältchen um die Augen des Mannes, und er hörte auf, wie ein Finanzbeamter auszusehen. »Was ist das für ein Wesen?« »Das braucht Sie nicht zu interessieren. Es darf ihm jeden­ falls nichts passieren. Worum es geht, ist die silberne Schulter­ spange. Die brauche ich. Um jeden Preis unbeschädigt.« Der Mann zögerte. Jemand schob einen Einkaufswagen an ihnen vorbei, voll beladen mit Sektflaschen, einer tiefgefrore­ nen Pute und einem gewaltigen Bündel Feuerwerksraketen. Die Schachteln trugen das Signet der Mattek-Werke. »Es trifft keinen Armen, wie ich sehe«, meinte der Mann dann. Lothar warf ihm einen düsteren Blick zu. Er hasste, was er hier tat. »Muss ich Sie jetzt Robin Hood nennen?« Der andere grinste flüchtig. »Das wäre übertrieben.« »Wann passiert es?« »Morgen Vormittag.« »Am helllichten Tag? Sind Sie wahnsinnig?« »Glauben Sie mir, das ist am sichersten. Wenn in solchen Gegenden nachts irgendwo ein Glas klirrt, ruft man gleich die, Polizei – aber tagsüber kann passieren, was will, das kümmert keinen. Schon gar nicht an Silvester; da kann auch mal ein Schuss fallen …« Lothar Schiefer bekam schweißfeuchte Hände. »Ich will nicht, dass jemand verletzt wird!« »Schon in Ordnung«, meinte der Mann, kalt und glatt, und öffnete die Tür seines Wagens, der ebenso unauffällig war wie er selber. »Ich werde tun, was ich kann.«, »Die Geschichte ist löchriger als das Nudelsieb meiner Mut­ ter«, erklärte Hermann Hase. Seit Minuten kaute er an der Antenne seines Mobiltelefons, ohne sich dessen bewusst zu werden. »Finde ich auch«, sagte Wiesel. »Aber wir können sie nicht ewig festhalten, wenn wir nichts Handfestes haben.« »Ja, das ist mir auch klar.« Hase schmiss das Telefon hin, stand auf und ging zum Fenster. »Ihr habt sie heute Nacht doch hoffentlich abgehört, oder?« »Klar«, sagte Wiesel. »Und?« »Nichts. Dieselbe Geschichte. Sie sind zwei Mädchen, die von zu Hause ausgerissen sind, weswegen sie uns nicht verra­ ten wollen, wie sie heißen, und hergekommen sind sie per Anhalter.« Wiesel griff nach einem Kuli und klopfte nervtö­ tend damit auf der Tischplatte herum. »Aber das war Theater. Sie können sich die Bänder anhören – das klingt alles unecht. Erstens reden sie viel zu wenig für zwei Mädchen, die eine ganze Nacht in einem Gästezimmer eingesperrt sind. Und was sie reden, ist einfach Hörspiel.« »Mit anderen Worten, sie haben Verdacht geschöpft, dass man sie abhört.« »Genau.« »Haben sie sich irgendwie anders verständigt? Mit Zetteln, oder so?« Wiesel zuckte die Schultern. »Kameras hatten wir keine. Wäre auch zu dunkel gewesen. Anaconda hat eine Leibesvisi­ tation durchgeführt, aber sie hat nichts gefunden.« »Und was wollten sie in dem Keller?« »Einen Platz zum Übernachten suchen«, zitierte Wiesel mit gestelzter Kleinmädchenstimme. »Dass ich nicht lache.« »Die Blonde ist dieselbe, die mich vorgestern angemacht hat«, warf Habicht ein. »Ich glaub' das nicht, dass die per Anhalter gefahren sind. Und die Nacht davor haben die auch nicht in einem Rübenkeller geschlafen, jede Wette.« »Wir haben vorhin im Dorf ein Auto mit Stuttgarter Kenn­ zeichen gefunden, einen alten braunen Ford«, nickte Wiesel und wechselte den Rhythmus, in dem er auf den Tisch klopfte. »Keiner der Anwohner hat Besuch, aber jemand will gesehen haben, dass zwei Mädchen daraus ausgestiegen sind. Noch Fragen?« »Auf wen ist der Wagen zugelassen?«, fragte Hase sofort. Wiesel verzog das Gesicht. »Wissen wir nicht. Das Rechen­ zentrum der Zulassungsstelle ist heute außer Betrieb. Letzte Datensicherung vor dem Jahr 2000. Sie sagen, wenn sie die unterbrechen, fährt das System nie wieder hoch.« Hase nickte. Auf eine seltsame Weise gefiel ihm das sogar. Er ging um den Tisch herum und nahm Wiesel wortlos den als Trommelstock missbrauchten Kugelschreiber aus den Fingern. »Der Bauer, der den Außerirdischen gesehen hat, will in dem Auto einen Mann und ein blondes Mädchen gesehen haben«, erklärte er. »Das geht mir nicht aus dem Kopf. Jede Wette, dass die Blonde dieses Mädchen ist und dass sie das, Raumschiff gesucht hat.« Er ließ sich wieder auf seinen Stuhl fallen. Nun war es der Kugelschreiber, der angenagt wurde. »Mit anderen Worten, wir müssen herausfinden, wer sie ist.« »Keine Chance«, sagte Wiesel. »Ihre Fingerabdrücke sind nicht erfasst.« »Identifikation über das Gebiss?« »Würde mindestens eine Woche dauern.« »Vermisstenmeldungen?« »Wir sind alle durchgegangen, aber keine Beschreibung stimmt auch nur entfernt.« »Verdammt!« Hase zerkaute voller Ingrimm den Druck­ knopf des Kugelschreibers. Nie wieder würde jemand damit schreiben können. »Was wissen wir überhaupt über sie, außer dass sie blond ist?« »Nichts.« Wiesel grinste gehässig. »Ich werde sie wohl ein bisschen befragen müssen. Dann werden wir schon erfahren, was wir wissen wollen.« »Mit Vornamen heißt sie Sabrina«, warf Habicht ein. »Hat sie jedenfalls vorgestern behauptet.« »Wenn ich mit ihr fertig bin, wird sie nicht mehr wissen, wie sie heißt«, versprach Wiesel, ohne sich der offensichtlichen Unlogik seiner Versprechungen bewusst zu werden. Er schien die Aussicht auf diesen Aspekt seiner beruflichen Tätigkeit ziemlich zu genießen. »Sabrina«, wiederholte Hase nachdenklich. »Das ist kein allzu häufiger Name, oder?« »Keine Ahnung«, meinte Habicht. »Haselmaus?!«, rief Hase in den Hintergrund. Agent Haselmaus, der Computerfreak der Gruppe, war ein, Mann, für den ein Codename wie ›Walross‹ oder ›Nilpferd‹ viel besser gepasst hätte. Er hatte einen Bauch wie ein Fass, lief entweder unrasiert oder mit heraushängendem Hemd herum oder beides, und im Tageslicht sah seine Haut bleich und ungesund aus. Aber diese Begegnung fand ohnehin höchst selten statt. »Hier?!«, kam seine piepsige Stimme aus dem Hintergrund. (Man munkelte, Haselmaus sei obendrein der letzte lebende Kastrat.) »Hast du Zugriff auf die Adressbuchdatei von Stuttgart?«, fragte Hase. »Ein Verzeichnis aller Einwohner? Name und Adresse?« »Ja, sag' ich doch. Ein elektronisches Adressbuch. Hast du darauf Zugriff, oder läuft da auch irgendeine Datensiche­ rung?« Haselmaus gab einen Ton äußerster Herablassung von sich. »Das hab' ich alles hier auf CD-ROM. Was willst du wissen?« »Mach bitte einen Abgleich zwischen dem Adressbuch und der Datei, die wir von der Zulassungsstelle bekommen haben. Diese aussichtslos lange Liste von Besitzern eines schwarzen oder dunkelgrauen Mercedes in Stuttgart, du weißt schon.« Hase sah schräg in die Luft und kniff die Augen zusammen, während er seine Anforderung definierte. Jetzt nichts falsch machen. »Wie viele von dieser Liste haben Töchter namens Sabrina? Das ist die Frage. Geht das?« »Also, ob es Töchter sind, kann ich dir nicht sagen. Aber ich kann dir aus der Liste alle herausfiltern, unter deren Adresse zusätzlich jemand mit dem Vornamen Sabrina gemeldet ist. Das kann dann aber genauso gut die Ehefrau oder Großmutter sein.«, »Das ist okay. Wie lange dauert das?« »Eine halbe Stunde, zwanzig Minuten … ich bin schon dran.« Wiesel wirkte enttäuscht. Dann fiel ihm ein: »Das kann nicht funktionieren. Minderjährige stehen nicht im Adress­ buch.« »In meinem schon«, ließ Haselmaus sich aus dem Hinter­ grund vernehmen. Schweigen senkte sich über die Runde der Männer. Minu­ tenlang war nur unregelmäßiges Tastaturgehacke zu verneh­ men, ab und zu unterbrochen von hellen, unartikulierten Lauten, die Haselmaus von sich gab. Dann verstummte auch die Tastatur. »Abgleich rennt«, verkündete Haselmaus. Und, keine Minute später: »Es ist genau einer. Sein Name ist Wolfgang Mattek. Wollt ihr die Adresse auch?« Hase spuckte den Kugelschreiber aus und sprang auf. »Das ist er. Trommelt alle zusammen. Es geht los.« »Wer war das?«, wollte Thilo wissen, als seine Mutter wieder auflegte, kaum dass sie sich gemeldet und einmal »Nein, leider nicht« gesagt hatte. »Ich weiß nicht. Ein Mann. Er wollte wissen, ob Sabrina zu Hause sei. Er hat gleich wieder eingehängt.« »Seltsam«, meinte Thilo. Sie zuckte die Schultern. »Ach, deine Schwester kriegt öfter solche Anrufe, weißt du. Komm, hilf mir lieber mal mit dieser Girlande hier.« Sie waren mitten in den Vorbereitungen für die Silvesterparty. Silvester zu feiern war unabdingbar im, Hause Mattek, und natürlich war es Ehrensache, um Mitter­ nacht jeweils das größte Feuerwerk weit und breit abzufeuern. Auch wenn es Kelwitt nicht gut ging und sie seinetwegen diesmal ohnehin niemanden einladen konnten, würden sie den Jahres-, Jahrhundert- und Jahrtausendwechsel doch eini­ germaßen angemessen begehen, das war beschlossene Sache. »Allerdings könnte sich Sabrina wirklich mal wieder melden.« Thilo stieg die Leiter beim Fenster hinauf, um das andere Ende der Girlande mit einem Reißnagel in den Holzpaneelen der Decke zu befestigen. Dabei fiel sein Blick hinaus auf die Straße und den weißen Lieferwagen ohne Aufschrift, der schon eine ganze Weile auf der gegenüberliegenden Straßen­ seite stand, ohne dass etwas passierte. Niemand lud etwas ein oder aus, trotzdem glaubte man ein Gesicht im Wageninneren zu erspähen. Fast wie im Film. »Gut«, meinte seine Mutter, als die Girlande hing. »Jetzt die blaue auf die andere Seite. Was macht Kelwitt eigentlich?« »Schreibt«, sagte Thilo und stieg die Leiter wieder herab. »Sagt er zumindest. Für mich sieht es aus, als ob er lauter Schaltpläne zeichnet oder so was.« Sie fuhren in Thomas Thiemes dunkelgrünem, altem VW-Bus auf der stadtauswärts führenden Schnellstraße. »Wozu braucht ein Student wie du eigentlich so einen hal­ ben Lieferwagen?«, wollte Rainer wissen. Thomas wiegte den Kopf. »Wenn du heute früh tatsächlich um halb sechs da gewesen wärst, hätte ich dir noch mein Atelier zeigen können. Dann hättest du gesehen, dass ich ziemlich große Formate male.« Er zuckte die Schultern. »Und die wollen transportiert sein.«, »Streu nur Salz in meine Wunden. Ein Stau mitten in der Nacht. Und ich mit Sommerreifen.« Rainer ächzte. »Das war echt das Letzte.« »Ja, heute Morgen hast du schlimmer ausgesehen als dein Passbild.« »Deine Elke macht einen guten Kaffee, muss ich sagen.« »Nicht wahr?« »Aber über Außerirdische redet sie nicht so gern, oder? Kam mir so vor.« Thomas setzte den Blinker. »Na ja, ich hab's dir ja erzählt. Es muss sie ziemlich geschockt haben.« Es ging am Neckar entlang. Der Verkehr war fast so zäh­ flüssig wie an einem normalen Werktag. Kaltweißer Nebel stieg von der Wasseroberfläche auf. »Das sieht auch nach Schnee aus«, unkte Rainer. »Wart's ab, der Schnee kommt heute noch bis Stuttgart. Hast du eigentlich Winterreifen?« »Ja«, nickte Thomas und bog erneut ab. »In der Garage.« »Wie ich.« Sie bogen in ein Wohngebiet ein. Der Himmel spannte sich grau und schwer über Hochhäuser, Reihenhäuser und Einfa­ milienhäuser gleichermaßen. Thomas konsultierte noch einmal den Stadtplan und fand schließlich die Straße, die er gesucht hatte, eine Sackgasse, an deren Anfang eine Bushaltestelle lag. »So, da sind wir. Nun müssen wir nur noch die Nummer … was ist denn hier los?« Er bremste abrupt., »Da stimmt was nicht«, meinte Thilo. Er achtete sorgfältig darauf, die Vorhänge der Fenster nicht zu bewegen, durch die er hinausspähte. Seine Mutter betrachtete ihn mit gerunzelter Stirn. Sie war irgendwie anders als sonst. Er hatte sich Sorgen gemacht, sie zu beunruhigen, und sein mulmiges Gefühl lange für sich behalten. Aber sie schien eher verärgert als beunruhigt. »Du meinst die Autos da draußen?«, fragte sie. Thilo nickte. »Erst war der weiße Lieferwagen da. Gegen­ über. Der steht immer noch da, und ab und zu schaukelt er ein bisschen. Also ist jemand drin. Seit einer halben Stunde tau­ chen immer mehr Autos auf, in denen zwei oder drei Männer sitzen, und die parken irgendwo an der Straße, und niemand steigt aus.« »Hinter dem Haus sind sie auch«, nickte seine Mutter. »Ich hab' sie gerade vom Arbeitszimmer aus gesehen.« Thilo schaute wieder hinaus und sah, wie jemand die Straße entlangging, ein junger Mann in einer Fliegerjacke, den er hier noch nie gesehen hatte, hinter dem weißen Lieferwagen ver­ schwand und auf der anderen Seite nicht mehr zum Vorschein kam. »Ich dachte immer, so was gibt es nur in Filmen«, meinte er. »Dass es in Wirklichkeit auch so aussieht, hätte ich nicht gedacht.« »Ich hatte gleich kein gutes Gefühl, dass Sabrina dorthin fährt. Bestimmt ist ihr irgendwas passiert.« Thilo sah sie erschrocken an. Sie stand da, mitten im Wohn­ zimmer, biss nachdenklich am Daumennagel herum und sagte das ganz kühl und sachlich. Geriet kein bisschen in Panik. So kannte er sie wirklich nicht. »Was soll ihr denn passiert sein?«, »Ach – deine Schwester ist eine Frau, nach der sich alle Männer umdrehen! Wie kommt sie bloß auf die Idee, sie könnte irgendwo unbemerkt herumschleichen?« Sie seufzte. »Ich hoffe nur, man behandelt sie gut.« Die da draußen waren also Sabrinas Spur gefolgt. Sie waren gekommen, um Kelwitt zu holen. Oh, verdammt! Würde man ihn gut behandeln? »Was machen wir denn jetzt?«, fragte er. Sein Mund fühlte sich trocken an. »Hol Kelwitt runter«, sagte seine Mutter mit geradezu un­ natürlicher Ruhe. »Und bring das Handy aus dem Schlafzim­ mer mit. Wir müssen noch ein paar Vorbereitungen treffen.« »Sieht so aus, als seien wir nicht die Einzigen, was?«, meinte Thomas. Rainer hatte eine winzige Videokamera hervorgeholt und kramte nun hektisch in seiner Umhängetasche nach einer Kassette. »Sieht ganz so aus«, meinte er. »Bleib mal besser ein bisschen auf Abstand. Ah, da ist ja eine! Ich dachte schon, ich hätte das Wichtigste vergessen. Okay.« Der Kassettendeckel klappte zu, die rote Leuchtdiode glomm auf. Schwenk über die Szenerie. Thomas ließ den Bus langsam an den Straßenrand rollen und schaltete den Motor ab. Das sah ja alles wirklich zum Fürchten aus. Wie in diesen amerikanischen Action-Streifen, bloß diesmal in echt. Ein weißer Lieferwagen am Straßenrand, aus dem ab und zu jemand in neutralem Overall ausstieg. Dunkle Limousinen, in denen Männer saßen und sich nicht regten. Er sah einen Mann in einer verdächtig ausgebeulten Leder­, jacke in einem Hauseingang stehen, ein Mobiltelefon am Ohr, die Augen unverwandt auf das Gebäude gerichtet, das das Haus der Familie Mattek sein musste. Alles konzentrierte sich unverhohlen auf dieses Haus. »Ich glaube«, murmelte er, »ich will da jetzt nicht hingehen und klingeln.« »Da interessiert sich noch jemand anders für unsere Beute«, murmelte der Mann in dem weißen Lieferwagen, den man in einer anderen Umgebung für einen antriebslosen Beamten der niederen Laufbahn gehalten hätte. Er spähte durch die halb verspiegelten Scheiben des Lieferwagens nach draußen und betrachtete die Wagen, die nach und nach hier angekommen waren und nun entlang der Straße parkten, ohne dass die Insassen Anstalten machten, auszusteigen. »Ich frage mich, wer das ist. Aussehen tut's nach Mafia.« Er hörte den Mann neben sich erschrocken einatmen und musste beinahe lächeln. Es war nicht leicht, als Kleinunter­ nehmer gegen die großen und mächtigen Konzerne anzutre­ ten, aber unmöglich war es nicht. Man musste allerdings verdammt wendig sein, und flink. »Meinst du nicht, dass das zu heiß ist?«, flüsterte der Mann mit der Maschinenpistole. »Wenn sogar die Mafia …« »Ach was. Die schießen auch nur mit Blei.« Das Ding, das sein Kunde haben wollte, diese Schulter­ spange, musste allerdings erheblich mehr wert sein, als er zuerst gedacht hatte. Vermutlich so verdammt viel mehr, dass über den Preis für ihre Dienstleistung nachträglich noch einmal verhandelt werden musste, auch auf die Gefahr hin, keine weiteren Aufträge von diesem Kunden mehr zu erhal­, ten. Er hob das Sprechfunkgerät an den Mund und drückte die Sprechtaste. »Boris? Mehmet? Seid ihr in Position?« »Alles klar«, kam es zurück. Die beiden hatten sich durch den Garten bis zur Kellertreppe vorangearbeitet. Sie hatten alles dabei, um innerhalb von dreißig Sekunden geräuschlos ins Haus zu kommen. Sie kannten den Grundriss auswendig und wussten, wohin sie sich zu wenden hatten. Und sie hießen in Wirklichkeit nicht Boris und Mehmet. »Wartet auf mein Zeichen«, befahl der Mann mit heiserer Stimme. Er wandte sich an seine beiden Begleiter. »Bringt euch in Position, den anderen die Reifen zu zerschießen, wenn es losgeht.« Hermann Hase saß mit wippenden Knien auf der Vorderkante seines Stuhls, das Telefon am Ohr, die Unterarme auf die Tischplatte gestützt und den Blick unverwandt auf die Unter­ lagen gerichtet, die vor ihm ausgebreitet lagen. Er hatte zuerst erwogen, mit nach Stuttgart zu fahren, dann aber beschlossen, die Kommandozentrale hier zu lassen, in der Nähe des frem­ den Raumschiffs, und die Operation von hier aus zu leiten. »Sind inzwischen alle angekommen?« »Ja.« »Der Krankenwagen?« »Steht ums Eck.« »Was ist mit dem Telefon?« »Ist angezapft und wird abgehört«, kam es prompt zurück. Wiesel mochte ein Charakterschwein sein, in solchen Dingen aber war auf ihn Verlass. »Die Verbindung kann jederzeit, gekappt werden.« »Gut. Schon etwas gehört?« »Nein. Seit unserem Kontrollanruf wurde nicht mehr tele­ foniert. Zumindest nicht übers Festnetz.« Die Art, wie er das sagte, ließ Hase aufhorchen. »Was heißt das?« »Wir haben eine Anmeldung für ein Mobiltelefon aufge­ spürt. So ein altes, noch absolut abhörsicheres.« »Verdammt!«, knurrte Hase. »Allerdings ist es seit über einem Jahr nicht mehr benutzt worden. Gute Chancen, dass er es verloren hat.« Das gefiel Hermann Hase überhaupt nicht. »Sonst noch schlechte Nachrichten?« »Wir haben hier einen weißen Lieferwagen mit verspiegel­ ten Scheiben, der ziemlich unmotiviert herumsteht. Sieht fast nach CIA aus. Irgendwas bekannt, dass Mattek von einer anderen Behörde observiert wird?« Das hätte ja gerade noch gefehlt. Hase spürte seinen Puls beschleunigen. »Nein. Wobei der CIA uns das nicht sagen würde. Bist du sicher, dass es kein Partyservice ist?« »Soll ich klopfen und um ein paar Lachsschnitten bitten?« »Quatsch.« Hase überlegte. Sein Chef hatte versprochen, die Amerikaner herauszuhalten. Und außerdem waren seine Männer zahlenmäßig überlegen. »Behaltet sie im Auge. Sobald die Aktion gelaufen ist, nehmt ihr euch den Lastwagen vor und durchsucht ihn.« »Alles klar«, meinte Wiesel. »Im besten Fall haben wir dann gleich unser Mittagessen.« Hase sah auf die Uhr. »Wie auch immer«, sagte er. »Es wird, Zeit, dass ihr euch bereitmacht reinzugehen. Das Grundstück ist umstellt, nehme ich an?« »Darauf kannst du einen lassen.« »Gut.« Er nahm das Fax zur Hand, auf dem der Bauplan des Mattekschen Hauses abgebildet war. Das Mikrofilmarchiv der zuständigen Behörde brauchte zum Glück keine Angst vor dem Jahr 2000 zu haben. Jemand hatte mit rotem Filzstift eingetragen, was nach dem Bericht der Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle an installierter Sicherheitstechnik bekannt war. Im Prinzip handelte es sich um eine schwachbrüstige Alarm- anlage, die bei Einbruch per Telefon im nächsten Polizeiposten Alarm auslöste. »Geht am besten durch die Terrassentüren. Es wird stillen Alarm geben, aber das dürfte kein Problem sein, oder?« »Der wird nicht weit kommen.« »Okay.« Hermann Hase sah noch einmal auf die Uhr. »In sieben Minuten sollte der Hubschrauber auftauchen. Zugriff beginnt, sobald er über dem Haus ist.« Wiesel gab ein Knurren von sich. »Ich finde das immer noch übertrieben. Von mir aus könnten wir gleich losschlagen.« »Ich sagte: Zugriff, sobald der Hubschrauber über dem Haus ist«, erwiderte Hase streng. »Wir werden kein Risiko eingehen.« Sie standen im Flur, abmarschbereit. Was vor allem hieß, dass Thilo in einer Umhängetasche mehrere mit Salzwasser gefüllte Colaflaschen trug. Kelwitt stand seltsam schief da und verfolg­ te schweigend, was um ihn herum geschah. »Nichts zu machen. Er meldet sich nicht«, sagte Nora Mat­, tek und steckte das Handy ein. Wolfgang hatte es ihr zuliebe gekauft. All die Jahre hatte es unbenutzt auf ihrem Nachttisch in seiner Ladestation gestanden, nur für den Fall, dass einmal nachts Einbrecher kommen könnten. Und nun das … »Und jetzt?«, fragte Thilo mit großen Augen. Nora dachte angestrengt nach. »Ich wollte, ich hätte den Führerschein doch noch und einen Porsche unten in der Gara­ ge«, murmelte sie. »Aber das hilft uns jetzt auch nicht weiter.« In diesem Augenblick war draußen ein Fahrzeug zu hören, das sich mit hochtourig knatterndem Motor rasch näherte. Ja, es schien geradewegs auf das Haus zuzubrettern. Sie hielten beide unwillkürlich die Luft an. »Es geht los«, flüsterte Thilo. Es hielt mit quietschenden Bremsen direkt vor dem Haus. Eine Tür schlug, jemand rannte über den Plattenweg zur Haustür. Und klingelte Sturm. »Los«, zischte Nora. »Wir gehen in den Keller.« Aber Thilo sprang stattdessen an den Türspion, stieß einen Schrei aus und riss im nächsten Moment die Haustür auf. Eine dunkelhaarige Frau in wallenden Gewändern stand vor der Tür. »Emma!«, rief Thilo verblüfft. »Du sollst mich nicht so nennen«, erwiderte Emma Van­ dout. »Entschuldigung«, sagte Thilo. »Sybilla.« Sybilla warf Nora einen Blick zu, musterte Kelwitt einen Moment lang, scheinbar ohne sich im Mindesten zu wundern, und sah dann Thilo an. »Ich habe dir versprochen, dich abzu­ holen, wenn der große Umbruch beginnt«, sagte sie mit ihrer, dunklen Stimme, die einem Schauer über den Rücken jagen konnte. »Es ist so weit.« »Ehrlich ?« Thilo schluckte. So ganz ernst hatte er ihre Vi­ sionen eigentlich nie genommen. »Der Weltuntergang?« »Ich weiß nicht, was kommen wird«, erwiderte Sybilla. »Aber die alte Welt endet heute.« »Das gefällt mir alles überhaupt nicht«, sagte der Mann in dem weißen Lieferwagen. »Wer ist das jetzt schon wieder?« Die Haustür wurde geschlossen. Der Campingbus der Frau blieb mit laufendem Motor und offener Fahrertür stehen. »Boris?«, fragte der Mann sein Walkie-Talkie. Ein Knacken antwortete ihm. »Los«, sagte der Mann. »Und beeilt euch.« »Können Sie uns bitte alle drei mitnehmen?«, bat Nora. »Sie schickt der Himmel.« Sybilla zögerte. Sie deutete auf Kelwitt. »Wer ist das?« »Mein Name ist Kelwitt«, erwiderte der Außerirdische und nickte ihr mit einer fast menschlichen Geste zu. »Sehr ange­ nehm.« »Er ist vom Planeten Jombuur«, fügte Thilo hinzu. Kelwitts Kopf ruckte herum, Richtung Treppe. »Jemand ist in den unterirdischen Teil des Nests eingedrungen«, erklärte er. »Ich höre Bewegungen. Es sind zwei Lebewesen.« »Die sind alle hinter Kelwitt her«, erklärte Thilo seiner zehn Jahre älteren Freundin hastig. »Die da draußen auch. Lass uns abhauen, schnell!«, »Gut«, erwiderte Sybilla. »Wenn ihr bereit seid, dann kommt mit mir.« »Wir sind bereit«, erklärte Thilo und griff nach seiner Ta­ sche. »Wir sind so was von bereit …« Aus dem Nichts war die Luft plötzlich von ohrenbetäuben­ dem Knattern erfüllt, das von überall her gleichzeitig zu kommen schien. Sie erstarrten in ihren Bewegungen. Kelwitt duckte sich wie unter einem Schlag und stieß wohl wieder einen seiner Ultraschall-Schreie aus, denn die Übergardinen im Wohnzimmer begannen wieder zuzufahren und rissen dabei die Girlanden ab, die sie heute Morgen noch so sorgsam angebracht hatten. »Ich brech' ab!«, schrie Thilo. »Ein Hubschrauber! Sie kom­ men mit einem Hubschrauber!« Sybilla öffnete die Haustür. Eine Flutwelle aus Lärm und wütenden, wilden Winden kam hereingeschossen. Der Hub­ schrauber musste direkt über dem Haus sein. Überall entlang der Straße stiegen dunkle Männer aus dunklen Limousinen. »Kommt!«, rief Sybilla, aber man las es mehr von ihren Lip- pen, als dass man es hätte hören können. Sie stürzte sich hinaus. Der Rotorabwind riss an ihrem weiten Prophetinnen­ mantel, während sie auf ihren Überlebensbus zurannte. Die Männer kamen näher, im Laufschritt einige, und einige zück­ ten Waffen. »Ich komm' gleich!«, schrie Thilo und drückte seiner Mutter die Tasche mit den Wasserflaschen in die Hand. Dann rannte er die Treppe ins Obergeschoss hoch. »Thilo! ?«, schrie Nora. »Lass das doch! Das hat jetzt auch keinen Zweck mehr!« Sybilla hatte ihren Bus erreicht. Die Fahrertür schlug zu, der, Motor heulte auf, sogar durch den ganzen apokalyptischen Lärm hindurch war das zu hören. Sie setzte zurück. »Thilo!«, schrie Nora wieder. Thilo tauchte wieder auf, stolperte die Treppe mehr hinab, als er rannte, und fiel nur wie durch ein Wunder nicht. Zwei Männer kamen die Treppe aus dem Keller hoch. Auch sie hatten Waffen in den Händen. »Thilo, verdammt noch mal …« Sybilla gab Gas, überfuhr den Randstein und den Garten­ zaun und durchpflügte die brachliegenden Blumenbeete und den Vorgarten bis unmittelbar vor die offene Haustür. Es schien endlos zu dauern, bis Kelwitt, Thilos Mutter und schließlich Thilo selber im Wagen waren. Die Tür war noch nicht wieder zu, als sie das Pedal bis zum Boden durchtrat und mit durchdrehenden Reifen auf die Straße zuhielt. Die dunklen Männer, die von überall herkamen, hielten nun alle Revolver in den Händen, und alle rannten sie. Aus dem wei­ ßen Lieferwagen gegenüber sprangen Männer mit Gewehren. Der Hubschrauber über ihnen senkte sich herab wie die Rache Gottes. Wenn sie dieser Übermacht entkommen wollten, dachte Sybilla, dann musste jetzt ein Wunder geschehen. Der Verkauf von Feuerwerkskörpern für Silvester war nur eines der Geschäftsfelder der Firma Mattek, wenn auch das bei weitem ertragreichste. Ein anderes, anspruchsvolleres Ge­ schäftsfeld war die Belieferung und Ausrichtung von großen Feuerwerken, die während des Jahres anlässlich von Volksfe­ sten oder Rockkonzerten, in Freizeitparks und Freilichtbühnen stattfinden. Solche Feuerwerke bedürfen der behördlichen Genehmi­, gung, und sie werden in der Regel von ausgebildeten Pyro­ technikern vorbereitet und durchgeführt. Um ein großes, durchorchestriertes Feuerwerk abzubrennen, benutzen diese Leute eine Reihe von modernen technischen Hilfsmitteln, die dem Normalbürger, der an Silvester ein paar Chinaböller und Brillantraketen abfeuert, nicht zur Verfügung stehen. Auch diese technischen Hilfsmittel stellte die Firma Mattek her, und natürlich hatte Wolfgang Mattek, selber ausgebildeter und geprüfter Pyrotechniker, all diese Geräte auch bei sich zu Hause. Das alljährliche Silvesterfeuerwerk der Familie Mattek war, das verlangte die Ehre, ein halbstündiges, durchkompo­ niertes Himmelsspektakel nach dem letzten Stand der Pyro­ technik. Der wichtigste technische Unterschied ist, dass professio­ nelle Feuerwerkskörper nicht mit dem Streichholz, sondern elektrisch gezündet werden. Wenn ein großes Feuerwerk beginnt, stehen Hunderte von kleinen und großen Raketen in speziellen Ständern aufgereiht, und eine computerisierte Steuereinheit schießt jede von ihnen zu einem festgelegten Zeitpunkt völlig automatisch ab. Wolfgang Mattek pflegte die am Vortag vorbereiteten Ständer eine halbe Stunde vor Mit­ ternacht auf den Rasen hinauszustellen, die Zeitschaltuhr der Steuerung zu starten und dann mit seinen Gästen und einem Glas Champagner in der Hand zum Jahreswechsel auf den großen oberen Balkon zu treten, um mit ihnen das farben­ prächtige Schauspiel zu genießen, das wie von selbst ablief. Was Thilo und Nora getan hatten, war, die Raketenbatterien auf den oberen Balkon zu stellen und den Zeitablauf des Programms so zu verändern, dass das für eine halbe Stunde geplante Feuerwerk in drei Minuten abgefeuert wurde. Damit, so hatten sie sich überlegt, konnte man im Notfall um Hilfe, rufen oder zumindest das Auftauchen von Polizei bewirken. Was Thilo getan hatte, ehe sie zu Sybilla ins Auto sprangen, war, die Steuereinheit zu starten. Das Gerät hatte aus sicherheitstechnischen Gründen einen Mindestvorlauf von fünfzehn Sekunden. Fünfzehn Sekunden, nachdem Thilo den Startknopf gedrückt hatte, schon in Sybil­ las Bus saß und sich fragte, was er falsch gemacht hatte, be­ gann das Feuerwerk im Zeitraffer. Die Ersten, die nicht wussten, wie ihnen geschah, waren die Piloten des Hubschraubers, als ein wahres Trommelfeuer von Raketen gegen den Rumpf schlug und durch die Rotoren fetzte. Verglichen mit ernsthaften Sprengkörpern waren Silve­ sterraketen Spielzeug, aber in so großer Menge und aus so großer Nähe konnten sie doch gefährlich werden. Der Pilot, der nicht wusste, was da um ihn herum explodierte, der nur begriff, dass er beschossen wurde, riss seine Maschine mit jaulenden Turbinen hoch und vergaß alle Befehle von wegen Überwachung und Verfolgung eventueller Flüchtender. Die Agenten, die auf das Haus und den Campingbus zu­ stürmten, blieben erschrocken stehen. Einen Kugelhagel, das hätten sie verstanden, darauf waren sie gefasst, dafür wären sie trainiert gewesen. Aber das ? Eine ohrenbetäubende Salve von Böllern? Ein Bombardement chaotisch umherzuckender Schwärmer? Bengalische Feuer, die über dem Dach aufstiegen wie ein Springbrunnen aus Licht? Kein Training der Welt hatte sie auf einen derartigen Augenblick vorbereiten können. Tourbillonraketen schossen auf niedrigen, spiraligen Bahnen über ihre Köpfe hinweg und zwangen sie in Deckung. Giran­ doles stiegen auf wie wütende Hornissen, versprühten ihr Feuer mit wildem Zischen und ließen sie erwarten, das Haus könnte im nächsten Moment explodieren. Heuler jagten in, einem kakophonischen Angriff über die Straße und die Dächer und ließen sie glauben, den Verstand verloren zu haben. Dennoch ist eine Schrecksekunde eben nur das: eine Sekun­ de. Wiesel war der Erste, der sich fasste. »Verfolgt den Cam­ pingbus!«, schrie er, zuerst in sein Funkgerät, dann so laut er konnte. Seine Stimme riss andere aus ihrer Erstarrung. Einer der Männer aus dem weißen Lieferwagen begann, auf die Reifen der Autos zu schießen. Die Agenten warfen sich in Deckung und schossen zurück. Das war endlich etwas, mit dem sie sich auskannten, und einen Herzschlag später rollte der Mann im hellen Overall aus seiner Deckung, das Gesicht schmerzverzerrt, die Hand auf eine Stelle an der Schulter gepresst, an der der helle Overall dunkelrot zu werden be­ gann. Männer sprangen in Autos, Motoren jaulten auf. Der Campingbus war an ihnen allen vorbeigefegt, aber nun dreh­ ten Autos mit heulenden Reifen um und nahmen die Verfol­ gung auf. Sybilla stand auf dem Gas. Hielt das Lenkrad umklammert. Weigerte sich zurückzu­ blicken. Die anderen saßen starr vor Schreck – Thilo und seine Mutter über das, was da mit irrsinniger Geschwindigkeit geschah, Kelwitt darüber, dass er auf einem entsetzlich wei­ chen Sitz gelandet war, der so schaukelte und federte, dass er es schier nicht aushielt. Das unerwartete Feuerwerk hatte ihnen einen Vorsprung verschafft, aber der reichte nicht einmal bis zur Hauptstraße hinab und wurde zudem immer knapper. Sie wären nicht entkommen, wenn nicht noch ein Wunder passiert wäre. Ein richtiges diesmal., »Oh-oh!«, hatte Rainer gemacht, als sich plötzlich der Hub­ schrauber aus den Wolken herabsenkte. »Vielleicht sollten wir ein andermal wiederkommen, was meinst du?« »Ja«, meinte Thomas und musste schon etwas lauter spre­ chen. »Ich habe auch das Gefühl, wir würden gerade nur stören.« Er ließ den Motor wieder an. Die Männer, die aus ihren Wagen stiegen und auf das Haus zugingen, hörten nichts davon, weil der Rotor des Hubschraubers alles überdröhnte. »Schau dir die an!«, schrie Rainer auf. »Nicht zu fassen!« Thomas hatte den Gang schon eingelegt, aber er vergaß los­ zufahren, als er sah, wie die Frau mit schwarzen, wehenden Haaren und schwarzen, wehenden Kleidern zurück in ihren Campingbus stürzte und damit durch den Vorgarten fuhr. »Die hauen ab!«, rief Rainer und hielt mit der Kamera drauf. »Mann, die haben doch keine Chance.« »Da ist er!«, hörte sich Thomas sagen. »Was? Was ist?«, brüllte Rainer. »Der Außerirdische. Er ist in dem Wagen.« »Was? Red lauter, ich versteh' kein Wort…« Was dann geschah, geschah in Sekunden, aber in der Erin­ nerung sollte es Thomas Thieme immer wie Stunden vor­ kommen. Der Bus mit den Flüchtenden kam heran, die Straße herab, auf sie zu, an ihnen vorbei. Die Frau mit den langen schwarzen Haaren saß am Steuer, eine andere, ältere Frau neben ihr, dahinter ein Junge, viel­ leicht fünfzehn, und … das Wesen. Es sah ihn an. Er hätte schwören können, dass ihn diese riesigen schwar­, zen Augen ansahen. Sie baten um nichts. Sie drohten nicht. Sie übten keinen Zwang aus. Sie sahen ihn einfach nur an. Dann schoss der Bus vorbei, und nun waren es seine Ver­ folger, die auf sie zukamen, an ihnen vorbei wollten. Alles, was Thomas Thieme zu tun brauchte, war, die Kupplung loszulassen und Gas zu geben, und das tat er. Sein grüner VW- Bus, ein Geschenk seiner Eltern, sprang mit einem Satz quer mitten auf die Straße, und die heranrasenden Autos prallten darauf und verkeilten sich rettungslos ineinander. Sie schälten Thomas und Rainer mit Prellungen und Schürfwunden aus dem Wrack und brachten sie in den ur­ sprünglich für ganz andere Zwecke bereitgestellten Kranken­ wagen. Das Letzte, was Thomas hörte, ehe er in angenehme Bewusstlosigkeit sank, war ein Mann, der völlig außer sich schrie: »Sie sind weg! Verdammte Scheiße, sie sind weg!«, Sie flossen mit dem Verkehr dahin, ein grauer, unauffälliger Kleinbus mit Gardinen an den Fenstern, und schwiegen. Keiner von ihnen konnte so recht begreifen, was ihnen da gerade passiert war. Es war nicht einfach Schweigen, es war eine geschockte, erschrockene Stille. Als könnte das erste gesprochene Wort das Inferno erneut auf sie herabbeschwö­ ren. Um sie herum brummte es, als wäre nichts. Als wäre nicht Silvester 1999. Als hätte das alles überhaupt nicht stattgefun­ den. Sie fuhren einfach dahin. Irgendwohin. Flossen mit dem Strom und gerieten auf die doppelspurige Bundesstraße, die am Neckar entlang nach Süden aus Stuttgart hinausführt. Aber der Einzige, der die Industriegebiete rechts und links davon betrachtete, war Kelwitt. Er war es auch, der das Schweigen brach. »Was ist das?«, fragte er plötzlich und deutete aus dem Fenster. »Das ist eine andere Stadt«, antwortete Thilo tonlos. »Sie heißt Plochingen.« »Nein«, beharrte Kelwitt. »Ich meine dieses … Gebäude dort. Mit den goldenen Kugeln auf dem Dach.« Nun sah Thilo genauer hin. Tatsächlich ragt mitten im Zen­ trum von Plochingen ein bunt verzierter Turm in die Höhe, der von vier großen, goldenen Kugeln gekrönt wird. Er wirkt, zugleich kindlich, Ehrfurcht einflößend und Aufsehen erre­ gend und ist das Wahrzeichen der Stadt. »Das ist das Hun­ dertwasser-Haus«, erklärte Nora Mattek mit belegter Stimme und räusperte sich. Sie schien noch etwas dazu sagen zu wollen, ließ es aber dann. »Das gefällt mir«, erklärte Kelwitt und schaute dem Gebäu­ de nach, bis es den Blicken entschwand. »Hundertwasser- Haus. Das gefällt mir. Ein schöner Name.« Sybilla warf ihm einen irritierten Blick zu, sagte aber zu­ nächst nichts. Erst als sie Richtung Autobahn abgebogen waren, fragte sie: »Wie lange ist er schon bei euch? Und wieso ist er zu euch gekommen?« Sie sah Thilo an dabei, aber dessen Mutter antwortete. »Seit zwei Wochen. Mein Mann und meine Tochter haben ihn auf der Straße aufgelesen, irgendwo auf der Alb.« »Er ist mit seinem Raumschiff abgestürzt«, fügte Thilo hin­ zu. »Zwei Wochen«, wiederholte Sybilla sinnend. »Du warst bei mir und hast nichts davon gesagt, Thilo?« Thilo wich dem erstaunten Stirnrunzeln seiner Mutter aus. »Wir haben versucht, es geheim zu halten.« »Das war falsch«, erklärte Sybilla kategorisch. »Wie bitte? Du hast doch gesehen, wie sie hinter ihm her waren!« »Die erste Begegnung mit Wesen von den Sternen ist ein bedeutsamer Zeitpunkt und von großer spiritueller Bedeutung für die Menschheit«, sagte Sybilla mit dunkler Stimme. »Ihr hattet kein Recht, das der Welt vorzuenthalten. Ihr hättet seine Ankunft allen verkünden müssen, aller Welt und allen bösen, Mächten zum Trotz.« Sachlich fügte sie hinzu: »Abgesehen davon hätten diese Gestalten so einen Überfall vor laufenden Fernsehkameras nicht gewagt.« »Das Fernsehen als Macht des Guten«, murmelte Nora vor sich hin. »Sie sollten mal mit meinem Mann reden.« »Aber es ist ein Zeichen«, fuhr Sybilla fort. Ihr Blick ging in eine entrückte Ferne, nicht unbedingt ein Anblick, den man als Beifahrer schätzt. »Ganz sicher ist es ein Zeichen. Ich wusste, dass es so weit ist.« Kelwitt wurde hellhörig. »Ein Zeichen? Wie in einem Ora­ kel? Wofür?« »Dafür, dass sich nun alles ändert.« Hermann Hase hörte sich Wiesels Bericht an, ohne etwas zu sagen. Er schwieg so beharrlich, dass Wiesel plötzlich abbrach und sich vergewissern musste: »Bist du noch da?« »Mmh, ja«, erwiderte Hase. »Ich denke nur nach.« Die Hälfte der Männer war bei dem Massenaufprall auf den VW-Bus, der die Flucht der Zielpersonen gedeckt hatte, mehr oder weniger schwer verletzt worden, drei Männer waren nicht mehr einsatzfähig. Es hatte ein unerhörtes Aufsehen gegeben, die Anwohner waren zusammengelaufen, Polizei und Feuerwehr gleich massenweise erschienen, kurzum, ein Fiasko auf ganzer Linie. Zumal sie die Spur der Flüchtenden verloren hatten. Völlig unklar war noch, was die beiden Männer in dem VW-Bus zu dieser Zeit in dieser Straße verloren gehabt hatten. Sie lagen gut bewacht in einem Bundeswehrkrankenhaus und waren noch nicht wieder bei Bewusstsein. Der Fahrer des, Wagens stammte aus Stuttgart, schien aber in keinerlei Bezie­ hung zur Familie Mattek zu stehen. »Der andere stammt aus Hamburg. Wir haben zwei Tankrechnungen in seiner Briefta­ sche gefunden, die vergangene Nacht an Autobahnraststätten auf dem Weg von Hamburg nach Stuttgart ausgestellt wur­ den«, berichtete Wiesel. »Das begreife ich nicht. Er macht den weiten Weg von Hamburg, fährt in diese Straße und behindert im entscheidenden Moment unsere Aktion. Als ob er es geahnt hätte.« »Als er in Hamburg weggefahren ist, haben wir ja selber noch nichts davon geahnt«, erwiderte Hase. »Es muss Zufall gewesen sein.« Wiesel gab einen Knurrlaut von sich. »Zufall, ja? Zufällig hatte er auch einen Zettel mit Matteks Adresse bei sich. Wie findest du das?« Hase fand das in der Tat merkwürdig, enthielt sich aber ei­ nes Kommentars. Die Situation begann ihm zu gefallen. Schließlich war der Zugriff in Stuttgart Wiesels Aktion gewe­ sen, nicht wahr? Wiesel hatte das Ganze geleitet, er hatte massenhaft Leute und Autos und einen Hubschrauber zur Verfügung gehabt, und er hatte es vermasselt. Wiesel würde so schnell keine Aktion mehr leiten, das stand fest. »Und«, berichtete Wiesel weiter, »er hat alles mit einer Handkamera gefilmt. Die hatte er nämlich auch zufällig dabei. Wir analysieren gerade die Aufnahme, um das Kennzeichen des Fluchtfahrzeugs zu ermitteln.« »Hmm«, machte Hase kopfschüttelnd. Mit anderen Worten, der Wagen hatte minutenlang vor dem Haus gestanden, und niemand hatte daran gedacht, sich die Nummer aufzuschrei­ ben? Großartig. Noch ein Nagel an dem Sarg, in dem Wiesel, seine Karriere beerdigen konnte. »Dann können wir eine Großfahndung einleiten«, ließ sich Wiesel kämpferisch vernehmen. Zeit für den Gnadenstoß, fand Hase. »Das werden wir blei­ ben lassen«, erklärte er und versuchte, seine Stimme kalt und markig klingen zu lassen. »Das Letzte, was ich will, ist, dass irgendein Hinterwäldler-Polizist den Außerirdischen vor Schreck über den Haufen schießt.« »Aber …« »Nimm alle Männer, die noch laufen können, und alle Au­ tos, die noch fahren, und kommt hierher zurück. Die nächste Aktion leite ich persönlich.« Das klang gut, fand Hase. Ein ganz neuer Stil. Es war ziemlich genial gewesen, hier die Stellung zu halten und Wiesel vorzuschicken. Na gut, eigentlich war es Feigheit gewesen. Aber ein General stürmte heutzutage nun mal nicht seinen Truppen voran. Das musste man auch mal so sehen. »Die nächste Aktion?« Wiesel klang verdattert. »Was für eine Aktion?« Hase lächelte verächtlich. »Ich weiß nicht, wo sie gerade sind, und es interessiert mich auch überhaupt nicht«, erklärte er. »Früher oder später müssen sie hierher kommen. Sie haben keine andere Wahl. Und wir werden sie erwarten.« »Was macht sie da?«, fragte Nora. Thilo kaute gerade auf vollen Backen und konnte nicht antworten. Nora spähte wieder hinaus, aber der Anblick war immer noch derselbe: Sybilla stand an einem großen Baum und umarmte ihn mit geschlossenen Augen., »Sie redet mit ihm«, erklärte Thilo. »Mit dem Baum. Das kann jetzt stundenlang so gehen.« Nora hob die Augenbrauen. »Ah. Ich wusste nicht, dass Bäume so geschwätzig sind.« Dabei standen sie nun schon seit geraumer Zeit auf diesem abgelegenen Parkplatz. Sie hatten bei einem Schnellrestaurant gehalten und etwas zu essen geholt, wobei Kelwitt sich im Wagen versteckt gehalten und Nora alles bezahlt hatte, dann war Sybilla mit ihnen kreuz und quer durch die Gegend gefahren, bis sie schließlich hier gelandet waren, mitten im einsamsten Wald. Und nun begann es leicht zu schneien. Auf Sybillas dunklem Haar und ihrem schwarzen Mantel bildete sich schon eine puderweiße Schicht. Sie müsse Zwiesprache halten, hatte sie erklärt, mit den Lichtwesen der höheren Ebenen. Oder so ähnlich. Kelwitt untersuchte höchst interessiert die Schachtel, in der Thilos Hamburger gewesen war, und beschnupperte mit seinen Mundborsten die Reste von Käse und Soße. Überhaupt schien ihm das ganze Abenteuer nicht schlecht zu gefallen. Er fand alles interessant und stellte immer wieder Fragen, als seien sie nicht auf der Flucht, sondern auf einer Sightseeing- tour. Dabei schien er seinen Körper zu vergessen. Körperlich ging es ihm zusehends schlechter. Er hatte eine Art Husten entwickelt, wobei er natürlich aus seinem Kopfloch hustete, und ab und zu kam etwas Schleim aus der Atemöffnung. Nora sah auf die Uhr. Schon nach drei. Wie die Zeit ver­ ging. Sie hätte gern zu Hause angerufen, aber Thilo und Sybil- la hatten übereinstimmend gemeint, dass das keine gute Idee sei. »Dann wissen die sofort, wo wir sind!«, hatte Thilo erklärt,, und da er sich mit solchen Dingen beschäftigt hatte, glaubte sie ihm das. »Erst recht mit 'nem Handy. Das brauchst du nur einzuschalten, und schon wissen die, wo du bist.« Kelwitt legte die Schachtel zurück auf die aufgerissene Tü­ te, machte eine seiner anmutigen Gesten und meinte: »Ich finde es erstaunlich, was ihr alles zu euch nehmen könnt.« Wolfgang Mattek war um halb drei nach Hause gekommen. Er war der Letzte gewesen, der die Firma an diesem Tag verlas­ sen hatte, hatte alle Mitarbeiter an der Tür mit Handschlag verabschiedet und sich endlich vom Nachtwächter ausschlie­ ßen lassen. Unterwegs im Auto hatte sich eine bleierne Mü­ digkeit auf ihn herabgesenkt, eine so fürchterliche Erschöp­ fung, dass er die Heizung abgedreht und ganz gegen seine Gewohnheit einen Radiosender mit dröhnender Popmusik eingeschaltet hatte, aus Angst, mitten im Stadtverkehr am Steuer einzuschlafen. »Heute mache ich nichts mehr!«, hatte er sich geschworen. »Den Rest dieses Jahrtausends ruhe ich mich nur noch aus.« Er bog in die Straße ein, sah die Spuren eines kolossalen Massenunfalls und runzelte die Stirn. Dann sah er, dass jemand quer durch ihren Vorgarten ge­ fahren war. Allerhand. Er stellte das Auto vor der Garage ab, um sich die Angelegenheit aus der Nähe anzusehen, und stellte fest, dass die Haustür offen stand. Das nun war wirklich beunruhigend. »Hallo?« Er schob die Tür weiter auf. Im Flur brannte Licht, die Vorhänge im Wohnzimmer waren zugefahren, etliche Girlanden abgerissen, das bereits aufgebaute Büfett ansonsten unangetastet. »Jemand zu Hause?«, Niemand meldete sich. In der Küche lag der Karpfen tot im Ausguss und glotzte ihn mit großen Knopfaugen an. Mattek schnupperte, und jetzt erst roch er es: Es stank nach Kordit. Nach abgebranntem Feuerwerk. Er hatte den Geruch noch aus der Firma in der Nase, aber hier war er zweifellos auch. »No­ ra? Thilo? Sabrina?« Die Zimmer alle leer. »Kelwitt?« Auch das Gästezimmer verlassen. Sogar die Wachstischdecke mit den Sonnenblumen, die Kelwitt die letzten Tage benutzt hatte, war verschwunden. Und die Kellertür stand auch offen, mit aufgebrochenem Schloss. Was war hier geschehen? Keine Nachricht, nirgends. Das beunruhigte ihn am meisten. Zweifellos hätten sie ihm eine Nachricht hinterlassen, wenn sie irgendwohin gegangen wären, und sei es nur, dass er sich keine Sorgen machen solle. Und zweifellos hätten sie die Haustür nicht offen stehen lassen. Alle Spuren, die er vorfand, ließen nur den Schluss zu, dass sie entführt worden waren. Er ging zum Telefon, versuchte jemanden anzurufen, die Polizei, Lothar, aber egal wessen Nummer er wählte, es klin­ gelte nur und klingelte, ohne dass jemand abhob. Der Mann an den Tonbandgeräten nahm den Kopfhörer ab. »Im Zimmer der Mädchen geht irgendwas vor sich«, sagte er. Sein Blick suchte den Hases, und dem Ausdruck seiner Augen nach beunruhigte ihn, was er gehört hatte. Hase nickte. »Je­ mand soll nach ihnen sehen.« Viel Auswahl war nicht, solange Wiesel und die anderen noch nicht wieder da waren. Der Abhörtechniker stand auf, legte das Schulterhalfter wieder an und ging zur Tür. Als er sie öffnete, hörte man von draußen, schon, wie jemand panisch gegen eine verschlossene Tür trommelte. Der Agent beeilte sich. Das Zimmer der Mädchen lag eine Treppe höher. Als er die Tür aufschloss, sah er, dass eine der beiden – die dunkelhaarige – starr und verkrampft auf dem Boden lag und Schaum vor dem Mund hatte. Die Blonde stand mit Panik in den Augen da. »Meine Freundin hat einen epileptischen Anfall!«, rief sie. »Schnell, sie braucht einen Arzt!« Der Agent starrte das Mädchen am Boden erschrocken an. Sie zitterte mit geschlossenen Augen. Der Schaum rann ihr aus dem Mundwinkel ins Ohr. »Okay«, stieß er hervor. »Kümmere dich um sie. Ich hole Hilfe.« Er stürmte davon. Im nächsten Moment griff Sabrina nach einem Handtuch und wischte ihrer Freundin damit über den Mund. Dorothea öffnete die Augen, rappelte sich hoch, nahm Sabrina das Handtuch aus der Hand und begann, auch das Innere ihres Mundes zu säubern. Ihr Gesicht war ein einziger Ausdruck des Abscheus, aber sie gab keinen Ton von sich. Sabrina war schon an der Tür und spähte hinaus. Niemand zu sehen. Sie machte eine hektische Bewegung mit der Hand. Dorothea warf das Handtuch beiseite, beide schlüpften in ihre Winterjacken und zur Tür hinaus. Das Fenster am Ende des Flurs ließ sich problemlos öffnen. Draußen dämmerte es schon, und es begann zu schneien. Bis zum Dach der angebauten Garage ging es etwa zwei Meter hinab. »Du warst genial!«, erklärte Sabrina, während sie auf das Fensterbrett kletterte., »Wenn du wüsstest, wie der Seifenschaum geschmeckt hat«, meinte Dorothea und verzog das Gesicht. »Hoffentlich werde ich den Geschmack im Mund jemals wieder los.« »Ich war im Internat, Schätzchen«, erwiderte Sabrina und brachte sich in Sprungposition. »Glaub mir, ich weiß, wie Seifenschaum schmeckt.« Es rumste gewaltig, als sie auf dem Garagendach landete. Es rumste noch einmal, als Dorothea ihr folgte. Aber nie­ mand schrie, niemand ballerte in die Luft. Sie machten, dass sie hinab auf die Erde kamen und in der nächsten Gasse ver­ schwanden. Sybilla hatte ihre Zwiesprache mit dem Baum beendet und wusste nun, was zu tun war. »Wir müssen nach Süden«, erklärte sie. »Südlich der Donau sind wir sicher.« »Sicher wovor?«, fragte Nora. »Ein Himmelszeichen wird es geben«, verkündete Sybilla mit in sich gekehrtem Blick. »Das Bayerland wird verheert und verzehrt, das Böhmerland mit dem Besen ausgekehrt. Über Nacht wird es geschehen. Die Leut', die sich am Fuchsen­ riegel verstecken oder am Falkenstein, werden verschont bleiben. Aber schnell muss es gehen. Wer zwei Laib Brot unterm Arm hat und verliert einen, der soll ihn liegen lassen und laufen, denn der eine Laib wird ihm auch reichen.« »Der Waldprophet«, sagte Nora. »Und ziemlich durchein­ ander zitiert.« Die junge Frau mit den langen dunklen Locken sah auf. »Was?« »Das sind die Prophezeiungen des Mühl-Hiasl, auch ge­, nannt der Waldprophet«, erläuterte Nora Mattek freundlich. »Ich habe an den ganzen Kram auch mal geglaubt, wissen Sie? Genau wie an die Weissagungen des Alois Irlmaier, die Pro­ phezeiung von der Weltschlacht am Birkenbaum, die Gesichte des westfälischen Schäfers, die Voraussagen des Spielbernd, die Mainzer Prophetie, das dritte Geheimnis von Fatima, und so weiter und so weiter.« »Ehrlich?«, staunte Thilo. »Ja«, nickte seine Mutter. »Aber das ist lang her.« Thilo strich sich die Haare aus der Stirn. »Cool.« Sybilla war auf ihrem Sitz zusammengesunken. Sie starrte ins Leere. Schatten schienen über ihr Gesicht zu huschen. »Ich sehe nichts mehr«, flüsterte sie plötzlich, Angst in der Stimme. »Ich habe gesehen, dass es beginnt. Ich bin losgefahren, zu euch. Aber nun sehe ich nichts mehr. Ich habe eine Tür gese­ hen, die aufging – aber dahinter ist nur Leere.« »Und da haben Sie sich an alte Prophezeiungen gehalten«, meinte Nora. »An irgendetwas muss man sich doch halten.« »Ich weiß nicht. Ich finde Leere nicht so schlimm. Leere – das ist irgendwie … viel versprechend.« Sybilla schwieg. Draußen wurde es allmählich dunkel. Im Wagen begann es, ungemütlich kalt zu werden. Es gab eine Standheizung, aber sie hatte sie nicht eingeschaltet, um die Vorräte zu schonen. »Mein Leben lang habe ich immer ge­ wusst, was passieren wird«, begann sie schließlich. »Du hättest Lotto spielen sollen«, warf Thilo spitzfindig ein. Sie maß ihn mit geduldigem Blick. »Solche Dinge nicht. Ob jemand im Lotto gewinnen wird, das ist Schicksal, das kann, man sehen – aber nicht seine Zahlen, nicht das genaue Datum. Mein Schicksal war es nicht, das habe ich gesehen. Aber ihn« – sie deutete auf Kelwitt, der erbarmungswürdig schief auf seiner Wachstischdecke saß – »habe ich nicht gesehen.« Sie schnüffelte, als gäbe es etwas zu riechen. »Ich weiß nicht, was geschehen ist. Habe ich bloß meine Gabe verloren? Oder hat sich die Zukunft verändert? Ist der Lauf der Zeit unvorhersag­ bar geworden?« Nora betrachtete die junge Frau nachdenklich. Als sie sie nur vom Hörensagen gekannt hatte, hatte sie nur die Verder­ berin ihres Sohnes in ihr sehen können. Doch in den letzten Stunden hatte sie sie auf merkwürdige Weise lieb gewonnen. »Ja«, nickte Sybilla. »Vielleicht ist es das. Wenn sich alles ändert, wenn die alte Welt endet – vielleicht werden dann auch die alten Prophezeiungen ungültig …« Es wurde wirklich immer kälter, und der Wald rings um den Wanderparkplatz begann unheimlich zu werden. Nora schlang ihre viel zu dünne Jacke fester um sich. »Auf jeden Fall sollten wir allmählich überlegen, was wir tun. Wir können nicht ewig hier herumsitzen.« »Schlagen Sie etwas vor. Ich muss mich erst an diesen Zu­ stand der Ungewissheit gewöhnen.« »Wir sollten uns ein Hotel suchen. Vielleicht eines an der Autobahn, das so ähnlich wie amerikanische Motels gebaut ist. Dort dürfte es leichter sein, Kelwitt hineinzuschmuggeln.« »Das ist teuer.« »Ich habe genug Geld dabei«, erklärte Nora. »Ein Glück, dass Thilo der Lieferwagen vor dem Haus rechtzeitig aufgefal­ len ist. So hatten wir ein wenig Zeit, uns vorzubereiten.« »Glück«, nickte Sybilla. »Ich verstehe.«, Nora zog ihr Adressbüchlein aus der Jackentasche. »Von dort aus – oder von einer Telefonzelle – kann ich versuchen, ein paar Bekannte zu erreichen. Vielleicht finden wir einen Arzt, der sich um Kelwitt kümmert, ohne dass jemand davon erfährt.« »Gut, von mir aus.« Sybilla beugte sich zum Handschuh­ fach hinüber und zog eine Straßenkarte heraus. »Irgendwelche besonderen Wünsche, wohin es gehen soll?« In diesem Augenblick ging ein Ruck durch Kelwitt. Er setz­ te sich kerzengerade hin, die Hand an der Schulterspange, und sein Atemloch auf dem Scheitel bewegte sich heftig. Draußen in der Dunkelheit heulten namenlose Tiere auf. Offenbar hielt er heftige Zwiesprache mit Tik, seinem Computer. »Es ist da«, erklärte er. Man konnte sich einbilden, in der mechanischen Stimme Erleichterung mitschwingen zu hören. »Das Raumschiff ist gekommen, um mich abzuholen.« Der für das Abhören des Gefangenenzimmers zuständige Agent hielt Hermann Hase das Handtuch hin, als erwarte er, damit erdrosselt zu werden. »Offenbar war es nur Seifen­ schaum und alles vorgetäuscht. Sie haben die Gelegenheit genutzt, um – vermutlich über das Garagendach – zu fliehen.« »Na endlich«, erwiderte Hase. »Und wie fantasievoll! Ich dachte schon, ich muss sie freilassen.« Der Agent mit dem seifigen Handtuch bekam Kulleraugen. »Heißt das, Sie haben …?« Hase schaute zu einem anderen Mann hinüber, der mit Kopfhörern an einer Funkanlage hockte. »Wie ist der Emp­ fang?«, Der Mann machte mit den Fingern das O.K.-Zeichen. »Sie haben Peilsender in den Schuhen und Abhörmikrofone in den obersten Jackenknöpfen. Alle arbeiten einwandfrei.« »Wo sind sie gerade?« »In der Nähe des Raumschiffs. Wenn sie das Dorf verlassen, müssen wir ihnen ein Auto mit Relaisstation nachschicken, aber es sieht nicht danach aus.« »Also«, nickte Hase dem Abhörspezialisten zu. »Sie sehen, Sie behalten Ihren Job.« Die aufgestemmte Kellertür hatte er behelfsmäßig zugenagelt. Die umgefahrene Hecke hatte er versucht, wieder aufzurich­ ten, aber die Äste waren ihm abgebrochen, und dann war ein Nachbar gekommen, mit dem er noch nie im Leben gespro­ chen hatte, und hatte ihm erzählt, was vorgefallen war – eine Schießerei, eine Massenkarambolage, Hubschrauber und ein Feuerwerk wie aus einer Stalinorgel. Und eine Flucht in einem grauen Campingbus. Das gab ihm zu denken, während er den Karpfen unge­ schickt in eine Schüssel bugsierte und hilflos in den Kühl­ schrank stellte. Was war geschehen? Warum rief ihn niemand an? Wer war in dem Campingbus gewesen? Er hätte zur Polizei fahren können, aber der Gedanke, das Haus wieder zu verlassen, versetzte ihn beinahe in Entsetzen. Dass niemand kam, um ihn zu befragen, zu verhören …? Es war alles so unwirklich. Als hätten sich einfach alle Menschen in nichts aufgelöst und ihn allein zurückgelassen. Draußen wurde es dunkel. Silvester, es war ja Silvester. Ab und zu krachte ein verfrühter Böller, jaulte ein voreiliger Heuler, und dann fiel es ihm wieder ein., So ruhig im Haus …! Er strich unruhig umher, klebte die Girlanden wieder an, rückte die Schalen mit dem Knabberge­ bäck zurecht, als erwarte er Gäste. Holte sogar zur üblichen Zeit die erste Sektflasche aus dem Kühlschrank, füllte Eis in den Kühler und stellte sie hinein. Von dort aus sah sie ihn an, als lache sie ihn aus, weil ja doch niemand kommen würde. Das Handy von Noras Nachttisch fehlte. Hatte sie es mitge­ nommen? Dann waren sie vielleicht doch nicht entführt wor­ den. Aber warum rief sie nicht an? Er ging auch ins Gästezimmer, stand vor dem Plantschbek­ ken, das noch ganz merkwürdig roch, und musste daran denken, dass er Kelwitt wahrscheinlich nie wiedersehen würde. So war das Leben, so ungerecht. Jetzt, wo er Zeit gehabt hätte, sich mit dem außerirdischen Besucher zu befas­ sen, war es zu spät. In Washington, D. C., war es gerade zwei Uhr nachmittags. Der Präsident hatte gerade die letzte dienstliche Besprechung beendet, die in diesem Jahrtausend noch auf seinem Termin­ plan gestanden hatte. Er streckte sich, sah hinauf zur Decke des Oval Office, dachte an den Silvesterball, der heute Abend im Weißen Haus stattfinden würde, und überlegte, ob er sich darauf freuen oder es als lästige Repräsentationspflicht hin­ nehmen sollte. Noch ehe er zu einer Entscheidung gelangt war, klopfte es. Es war einer seiner militärischen Berater, und er hatte einen zweiten Mann in Uniform dabei, den er noch nie gesehen hatte. »Mister President, Sir«, sagte der Mann, »da gibt es etwas, das Sie sich ansehen sollten.« »Ich nehme an«, sagte der Präsident, »dass es nicht bis zum, nächsten Jahrtausend warten kann? Oder wenigstens bis morgen?« Der Mann in der Uniform hatte keinen Humor. »Ich fürchte, nein, Sir.« »Also zeigen Sie schon her.« Es waren allerhand Papiere, die die beiden vor ihm auf dem Tisch der Sitzgruppe ausbreiteten, Zeichnungen und Tabellen. »Wir haben etwas entdeckt, Sir«, erklärte der Mann, den er nicht kannte. »Einen metallenen Körper mit hoher Energieab­ strahlung in einer Entfernung von etwa hundert Millionen Meilen, der sich auf die Erde zu bewegt.« »Im Weltraum?«, vergewisserte sich der Präsident. »Ja, Sir. Um genau zu sein, aus Richtung des Sternbilds Großer Hund.« »Großer Hund«, wiederholte der Präsident. »Verstehe. Da wird meine Katze sich freuen. Und wofür halten Sie diesen metallischen Körper mit der hohen Energieabstrahlung?« Der Mann raschelte mit den Papieren, als sei ihm die Sache peinlich. »Der Körper hat seit seiner Entdeckung auf etwa zehn Prozent der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und verzögert seit ungefähr zwanzig Minuten wieder. Sir, die Experten glauben, dass es sich nur um ein außerirdisches Raumschiff handeln kann.« »Ein außerirdisches Raumschiff?« »Jawohl, Sir.« »Und es bewegt sich auf die Erde zu, habe ich das richtig verstanden?« »Ja, Sir. Um genau zu sein, es wird in etwa drei bis vier Stunden hier sein.«, »Na großartig.« Und das heute. Der Präsident starrte auf die Linien und Diagramme, die ihm nichts sagten, und über­ legte, ob er sich über diesen zweifellos historischen Moment freuen oder sich über die möglichen Konsequenzen Sorgen machen sollte. Irgendwie schienen ihm Entscheidungen heute schwerer zu fallen als sonst. »Die schnappen uns doch!«, meinte Thilo aufgebracht. »Wenn wir dort hinfahren, hätten wir erst gar nicht von zu Hause abzuhauen brauchen!« Der Campingbus quälte sich eine schmale, steil ansteigende Straße mit vielen Kehren hoch. Es schneite immer weiter, wenn auch reichlich unentschlossen. »Das große Raumschiff wird uns beschützen«, erklärte Kelwitt ihm. »Du brauchst keine Angst zu haben.« »Das große Raumschiff – na toll! Und wann wird das da sein?« »Etwa um Mitternacht eurer Zeit.« »Und wer hilft bis dahin?« »Du brauchst keine Angst zu haben«, wiederholte der Au­ ßerirdische ruhig. Nora legte ihrem Sohn die Hand auf die Schulter. »Wir fah­ ren zuerst nur in die Nähe und warten ab. Erst wenn es so weit ist, wagen wir uns an den Treffpunkt.« »Warum kann das Raumschiff Kelwitt nicht irgendwo an­ ders abholen? Warum ausgerechnet bei dem abgestürzten Raumboot, wo uns hundertprozentig diese Typen auflauern?« »Es ist für sie sicherlich praktischer, wenn sie nur einmal, landen müssen. Und ich denke auch, dass wir uns im Grunde keine Sorgen machen müssen, wenn das Raumschiff wirklich kommt.« Thilo seufzte abgrundtief. Sybilla, die den Bus mit grimmiger Entschlossenheit durch das glitzernde Schneetreiben lenkte, sah plötzlich hoch, suchte im Rückspiegel Noras Blick und zögerte. Nora hatte es bemerkt. »Was ist, Sybilla?« »Ich hatte gerade das Gefühl«, meinte Sybilla zögernd, »dass jemand ganz intensiv an Sie denkt.« »Mein Mann wahrscheinlich. Er wird schon krank sein vor Sorge …« Sybilla schüttelte den Kopf. »Nein. So fühlte es sich nicht an.« Nora hielt inne, als spüre sie auch etwas. »Sabrina.« Sie zog das Mobiltelefon aus der Tasche und schaltete es ein. Nichts geschah. »Jetzt wissen die, wo wir sind«, brummte Thilo nervös. »Sie können richtig zugucken, wie wir auf ihre Falle zurollen. Echt klasse.« Sybilla schaute unglücklich drein und konzentrierte sich wieder aufs Fahren. »Ich hätte wirklich wetten können …« In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Nora riss es ans Ohr, hätte fast vor Aufregung die falsche Taste gedrückt, meldete sich und schrie dann fast: »Sabrina, mein Kind! Ja, ich bin's! Wo bist du?« »Ha!«, machte Sybilla und lächelte ihrem Spiegelbild in der Windschutzscheibe glücklich zu., »Sie hat mit ihrer Mutter telefoniert«, berichtete der Abhör­ spezialist. »Von der Telefonzelle am Ortsausgang. Zuerst hat sie versucht, zu Hause anzurufen, aber da ging niemand an den Apparat …« »Logisch«, nickte Hase. Wiesels Leute hatten die Abhöran­ lage falsch angebracht. Man hätte zwar jedes Gespräch mithö­ ren können, aber durch die Anlage kamen auf dieser Leitung keine Verbindungen mehr zu Stande. »Dann hat sie ihre Mutter über das Mobiltelefon erreicht. Das Seltsame ist, dass ihre Mutter das Telefon erst ungefähr eine Minute vor dem Anruf ihrer Tochter eingeschaltet hat.« »Wahrscheinlich hatten sie sich verabredet.« »So klang das aber nicht. Es klang, als habe sie zufällig in ihrem Geldbeutel einen Zettel mit der Mobiltelefonnummer ihrer Eltern gefunden. Ihrer Freundin sagte sie, dass es wahr­ scheinlich aussichtslos sei, es zu versuchen. Und im Gespräch mit ihrer Mutter wiederholte sie mehrmals, wie unglaublich sie das finde, sie erreicht zu haben.« Hase rieb sich das Kinn. Das war wirklich merkwürdig. »Worüber haben sie gesprochen?« »Wir haben natürlich nur das mitbekommen, was das Mäd­ chen gesagt hat. Zuerst hat ihre Mutter ihr etwas erzählt, worauf sie sagte ›Das ist ja großartig‹ Dann haben sie verabre­ det, sich um halb zwölf zu treffen, und zwar bei dem Trans­ formatorenhäuschen an der Landstraße. Ich habe nachge­ schaut, das ist keine dreihundert Meter vom Liegeplatz des fremden Raumschiffs entfernt.« »Ja«, nickte Hase, »ich sagte doch, dort wollen sie hin. Wo befand ihre Mutter sich während des Gesprächs?« Der Abhörspezialist umkreiste ein enges Gebiet auf der, Karte des weiteren Umkreises. »Das Telefon war angemeldet beim Sender in Obersteinhofen und wechselte während des Gesprächs in den westlich benachbarten Quadranten.« Hase betrachtete die Karte. »Sie bewegen sich also auf uns zu. Aber man braucht doch keine zweieinhalb Stunden von Obersteinhofen bis hierher! ?« Er rieb sich wieder das Kinn, ohne die allmählich sprießenden Bartstoppeln zu bemerken. »Das ist wirklich merkwürdig. Was haben die vor?« Im Raumschiff schien man nicht weniger erleichtert zu sein, ihn heil vorzufinden, als er es war. Offenbar hatte es einen Maschinenschaden in der Nähe von Nokints Stern gegeben, der sie so lange aufgehalten hatte. Kapitän Handuma ließ ihm über Tik sein tiefes Bedauern ausrichten und versprach, ihn für das erlittene Ungemach zu entschädigen. Dass er, Kelwitt, ohne Erlaubnis auf einem bewohnten Pla­ neten gelandet, ja sogar bruchgelandet war, schien dagegen niemanden groß aufzuregen. Er bekam sogar den Eindruck, dass die Sternfahrer das amüsant fanden. Jedenfalls würde man ihm nicht die Schuppen ausreißen deswegen. Also war dies die Zeit des Abschieds. Die Erdbewohnerin mit dem langen schwarzen Kopfpelz, die das große Fahrzeug gesteuert hatte, hatte es wieder auf einem freien Platz abge­ stellt, weil sie erst kurz vor dem Eintreffen des Raumschiffs zum Treffpunkt fahren wollten. Dort würden sie auch S'briina noch einmal treffen, sodass er auch von ihr Abschied nehmen konnte. Lediglich F'tehr würde er nicht mehr sehen. Kelwitt vollführte die traditionellen Gesten des Abschieds, auch wenn ihm klar war, dass die Erdbewohner damit nichts anfangen, konnten. Aber er hatte das Bedürfnis, sich auf seine Weise zu verabschieden. Immerhin sahen sie ihm aufmerksam zu. »Ich danke euch für eure Gastfreundschaft«, erklärte er dann noch, damit sie verstanden, worum es ihm ging. Es kam ihm etwas unbeholfen vor, es so auszudrücken, aber sie schie­ nen sich darüber zu freuen. Unsremuutr sonderte sogar etwas Flüssigkeit aus den Augenwinkeln ab, was bei Erdbewohnern meist Ausdruck großer Trauer war. Sie wünschten ihm auch alles Gute, erklärten ihm, wie gut es ihnen gefallen hatte, ihn zu Gast zu haben, und äußerten den Wunsch, er möge sie einmal wieder besuchen. Alles begleitet von ihren eigenen Gesten, die Kelwitt interessiert verfolgte. Er musste ihnen mit Bedauern sagen, wie unwahr­ scheinlich es war, dass er in seinem Leben noch einmal ihren Planeten besuchen würde. »Dazu müsste ich selber Sternfahrer werden«, erklärte er. »Dann werd's doch«, meinte Tiilo trocken. Kelwitt stellte zu seiner eigenen Überraschung fest, dass ihm dieser Gedanke noch nie gekommen war. »Tik?«, fragte er. »Ich bin bereit.« »Hat es irgendwelche Orakelzeichen gegeben, dass es mei­ ne Bestimmung sein könnte, Sternfahrer zu werden?« »Nein«, erwiderte der Spangencomputer. »Schade«, meinte Kelwitt unwillkürlich. Der Gedanke hatte ihm irgendwie gefallen. »Allerdings gebe ich zu bedenken«, fuhr Tik fort, »dass man sol­ che Zeichen schwerlich von einer Orakeldeutung erwarten kann, die zu einer Zeit entstanden ist, als es noch keine Sternfahrt gab.«, Das entbehrte nicht einer gewissen Logik. Aber er konnte doch nicht einfach beschließen … einfach nur, weil es ihm in den Sinn gekommen war… Was, wenn er den ihm zugedach­ ten Weg dadurch verfehlte? »Ich muss darüber nachdenken«, erklärte er Tiilo. Die Zeit verging langsam. Die Erdbewohner aßen wieder einmal etwas, kleine dunkle Stangen, die mit hellen Kristallen bestreut waren. Unsremuutr hatte sie aus einem Nest mitge­ bracht, an dem sie gehalten hatten, um Energie für das Fahr­ zeug zu tanken. Kelwitt probierte eine. Sie schmeckte ein bisschen meerig, brannte aber unangenehm im Verdauungs­ kanal nach. Nach und nach kamen die geladenen Gäste im Weißen Haus an – politische Freunde, einflussreiche Unternehmer, Sport- stars, berühmte Musiker, wichtige Wahlkampfspender. Sie bemerkten nichts von den Vorkehrungen, die getroffen wor­ den waren, sollte sich das näher kommende außerirdische Raumschiff als Angreifer erweisen: Innerhalb von sieben Minuten konnten alle Gäste in unterirdische Schutzräume gebracht werden. Im Idealfall würde man die Silvesterfeier in eine Begrüßungsfeier für die ersten außerirdischen Besucher auf der Erde umfunktionieren, was demgegenüber die gerin­ geren organisatorischen Probleme aufwerfen sollte. Der Präsident begrüßte gerade seine Lieblingssängerin, als er weggerufen wurde. »Sir, das Flugobjekt …«, begann der Uniformierte verhalten. »Was ist damit?« »Es hat die Erde erreicht, Sir. Wie es aussieht, steuert es auf Europa zu.«, Der Präsident blinzelte. »Europa?« »Ja, Sir. Um genau zu sein, auf Süddeutschland.« Das, fand der Präsident, war allerhand. Er überlegte, ob er sich brüskiert fühlen sollte. »Wird es aus der Nähe beobach­ tet?« »Jawohl, Mister President. Es ist sehr schnell, aber wir ver­ suchen, immer mindestens zwei Aufklärungsmaschinen in seiner Nähe zu halten.« »Gut. Ich gehe wieder runter und kümmere mich um die Gäste. Benachrichtigen Sie mich, wenn wir eine Ahnung davon haben, was es will.« Sabrina und Dorothea standen neben dem Transformatoren­ häuschen und warteten sich die Beine in den Bauch. Schnee fiel, allmählich blieb auch welcher liegen und be­ gann, die umliegenden Felder wie mit Puderzucker bestreut aussehen zu lassen. Ab und zu lugte eine dünne Mondsichel zwischen dicken, dunklen Wolken hervor. Von hier aus konn­ te man das Grundstück sehen, auf dem Kelwitts Raumschiff versteckt lag. Endlich kamen sie, mit fast zehn Minuten Verspätung. Da war dann erst mal großes Begrüßen und Umarmen an­ gesagt. Dorothea staunte nicht schlecht, als sie Kelwitt sah. Sie schüttelte ihm scheu die Hand und hauchte dann: »Ist der aber süß!« »Ja, nicht wahr?«, pflichtete ihr die dunkelhaarige Frau bei, die Sybilla sein musste, die Freundin von Sabrinas Bruder. »Ist euch jemand gefolgt?«, fragte Sabrina ihre Mutter., »Ich glaube nicht«, erwiderte Nora. »Wir waren die meiste Zeit ganz allein auf weiter Flur.« »Gut. Und das Raumschiff kommt wirklich? Ausgerechnet heute Abend?« »Behauptet Kelwitt. Er redet schon die ganze Zeit mit sei­ nen Leuten. Per Funk, oder was die stattdessen verwenden.« Da flammten in einem weiten Kreis rings um sie herum die Scheinwerfer von Autos auf. Eine Megafonstimme krächzte unverständliches Zeug, begann zu kreischen und zu quiet­ schen und wurde wieder abgeschaltet, begann noch einmal von vorn: »Bleiben Sie stehen, leisten Sie keine Gegenwehr, und unternehmen Sie keinen Versuch zu fliehen!« »Oh, Scheiße!«, schrie Sabrina. Die schwarzen Umrisse von Männern mit Gewehren in den Händen tauchten vor den Scheinwerfern auf. Sie kamen näher. »Ach, verdammt, Mama, ich hab's schon wieder vermas­ selt!« Nora nahm ihre Tochter in den Arm. »Das macht jetzt nichts mehr, Liebling.« Sabrina sah sie an. »Du hast noch nie ›Liebling‹ zu mir ge­ sagt.« »Wirklich?«, wunderte sich Nora. »Noch nie.« »Aber gedacht hab' ich's oft, ehrlich.« Ein Mann in einem schäbigen Bundeswehrparka baute sich vor ihnen auf. Er hatte zahlreiche verschorfte Wunden in seinem auch sonst reichlich unsympathischen Gesicht, das sich auch auf dem Passbild des Ausweises fand, den er ihnen präsentierte., »Mein Name ist Hase«, erklärte er. Dorothea musste unwillkürlich kichern. »Wir werden dieses Wesen«, fuhr er fort und deutete auf Kelwitt, der reglos dastand und alles um sich herum mit seinen großen schwarzen Augen beobachtete, »in Gewahrsam nehmen. Alle Übrigen werden von uns befragt werden, um festzustellen, ob Sie eine Straftat begangen haben, als Sie dieses Wesen den staatlichen Stellen vorenthielten.« Nora Mattek musterte ihn kühl. »Sie haben einen Knall, Herr Hase«, beschied sie ihm dann herablassend. Die Antwort des Mannes ging in dem Donner unter, mit dem zwei Kampfjets über sie hinwegschossen, so niedrig, dass man das Lohen der Triebwerke erkennen konnte. Alles duckte sich, jeder hielt sich die Ohren zu. »Was zum Teufel …?!«, schrie jemand. Da alle unwillkürlich die Augen emporgehoben hatten, be­ kamen sie mit, wie sich etwas mit den Wolken veränderte, wie es wallte und wogte darin, als müssten sie etwas Größerem Platz machen. Dann senkte sich aus der dunklen Nacht ein mächtiger schwarzer Schatten auf sie herab, groß wie zehn Fußballfelder und lautlos. Die Uhren zeigten zehn Minuten vor Mitternacht. Im Inneren des Transformatorenhäuschens gab es brizzeln­ de Geräusche, dann gingen im ganzen Dorf die Lichter aus. Auch die Scheinwerfer der Autos erloschen. Einfach alles wurde dunkel, und man sah das dunkelblaue Glimmen, das den riesigen Flugkörper über ihren Köpfen umgab. Ein Strahl matten Lichts tastete herab, direkt auf das Grundstück mit dem Rübenkeller. Das Wrack des Raumbootes, brach durch den Boden, schwebte langsam hinauf zu der Öffnung im Rumpf des Mutterschiffs, aus der das Licht kam. (Der Brunnenwirt, so erzählte man sich später, der die Erei­ gnisse aus gebührender Entfernung verfolgt hatte, habe sich bei diesem Anblick wütend die Mütze vom Kopf gerissen, sie auf den Boden geworfen und gejault: »Schon wieder ein Loch in einem Dach!«) In einiger Entfernung drehten die beiden Düsenflugzeuge große Schleifen und kamen wieder auf das Raumschiff zuge­ schossen. Hermann Hase hatte plötzlich einen Revolver in der Hand und Kelwitt um den Leib gepackt, hielt ihm den Lauf an den Kopf und schrie zum Himmel: »Den kriegt ihr nicht so leicht!« In diesem Augenblick öffneten sich überall auf der Welt die Blüten der Augenöffnerblume und verströmten ihren Duft., Kelwitts Raumboot hatte bei seinem Absturz von dem Zeit­ punkt, als es von einem amerikanischen Hochgeschwindig­ keitsjäger hoch über einem pazifischen Luftwaffenstützpunkt angeschossen worden war, bis zum Augenblick des Aufpralls ungefähr ein Drittel des Erdumfangs überquert. Die Samen der Augenöffnerblume, die während dieses Fluges dabei aus den Transportbehältern geströmt waren, hatten sich in den darauf folgenden Tagen mit Winden und Passaten, Turbulen­ zen und anderen Luftströmungen über nahezu den gesamten Erdball ausgebreitet, ehe sie zu Boden gesunken waren und angefangen hatten zu keimen. Die Augenöffnerblume vom vierten Planeten von Telekis Stern ist ein erstaunlicher Organismus. Sie wächst praktisch überall und scheint keine besonderen Nährstoffe zu benötigen. Es ist eine unauffällige Pflanze – oder eine Art von Pflanze – , klein, mit dünnen blaugrünen Sprossen und winzigen violet- ten Blüten. Man bemerkt sie kaum zwischen anderen Pflanzen. Ihr Aussehen ist aber auch nicht der Grund, warum mit ihr Handel getrieben wird. Der Grund, aus dem sie so begehrt ist, ist ihr Duft. Der Duft der Augenöffnerblume bewirkt bei allen Wesen, dass sie dessen gewahr werden, was sie tun. Das klingt nach wenig. Beinahe nach nichts. Es ist nicht messbar, nicht spürbar, nicht sichtbar. Es hat kaum mehr Bedeutung als der Flügelschlag eines Schmetterlings. Aber sagt man nicht, der Flügelschlag eines Schmetterlings, könne, zur richtigen Zeit und unter den richtigen Umständen, einen Hurrikan auf der anderen Seite der Welt auslösen – oder verhindern? In dem Moment, da wir dessen gewahr werden, was wir tun, können wir darüber nachdenken, wie wir es tun, warum wir es tun, ob wir es überhaupt tun wollen. In dem Moment, da wir dessen gewahr sind, was wir tun, sind wir lebendiger, sind wir wirklich da. Der Duft der Augenöffnerblume weckt uns auf, und es ist, als hätten wir bis dahin geschlafen und nur geträumt, wach zu sein. Es ist, als zöge sie uns einen Schleier von unseren Augen, sodass wir die Welt zum ersten Mal wahrhaft sehen. Deshalb nennt man sie die Augenöffnerblume. Lothar Schiefer stürzte gerade ein Glas Whisky hinab in dem Moment, als der Duft der Augenöffnerblume ihn erreichte. Ich trinke, erkannte er. Ich trinke, aber es schmeckt mir gar nicht. Ich habe überhaupt nicht auf den Geschmack geachtet. Er sah das leere Glas an. Was tat er hier? Whisky für hun­ dert Mark die Flasche, nur um besoffen zu werden? Und wozu das alles ? War das wirklich die Art und Weise, wie er sein Leben verbringen wollte? Er spürte den Impuls, das Glas gegen die Wand zu schmet­ tern, aber das hatte er schon unzählige Male getan, also stellte er es einfach auf den Tisch. Er sah sich um, staunend. Als wäre er noch nie hier gewesen, dabei war es doch seine Wohnung, sein Zuhause, von einer begabten jungen Innenarchitekturstu­ dentin eingerichtet und von einer aus Tschechien stammenden Mutter zweier Kinder sorgfältig gepflegt. Eine so wunder­ schöne Wohnung. Wie kam es, dass er das noch nie bemerkt, hatte? Wie kam es, dass er noch nie bemerkt hatte, wie viel Grund er hatte, dem Leben dankbar zu sein? Als er an der Brüstung der Terrasse angekommen war und hinabsah auf das nächtliche Stuttgart, das sich anschickte, das neue Jahrtausend mit Feuerwerk zu begrüßen, kamen ihm die Tränen, so prachtvoll war alles. Wolfgang Mattek presste gerade die letzten Feuerwerksrake­ ten in die Zündhalterungen, als ihn der Duft der Augenöff­ nerblume erreichte. Ich arbeite, erkannte er. Ich wollte doch nur noch ausruhen, und nun hetze ich mich ab, um mit den letzten Vorräten noch ein jäm­ merliches Feuerwerk hinzubekommen. Als hinge weiß Gott was davon ab. Niemals ausruhen. Als dürfe er das nicht. Er hielt inne, sah auf die Uhr, sah die Zeiger auf die Zwölf zuwandern und spürte den Impuls, sich zu beeilen. Er musste das Jahr 2000 feiern, als Fabrikant von Feuerwerksartikeln war das seine Pflicht…! Pflicht, das war etwas, an dem man sich festhalten konnte. Da musste man nicht lange nachdenken, Pflichten gab es genug, und ehe man sich versah, konnte man schon die näch­ ste am Hals haben. Eigentlich machte er das alles nur, um sich abzulenken. Weil er sich Sorgen um Nora und die Kinder machte. Und weil er so müde war, so sterbensmüde. Eigentlich hätte er schlafen wollen, unendlich lange schlafen, aber er konnte doch nicht schlafen, solange er nicht wusste, was los war, wo Nora war, Thilo, Sabrina … was aus Kelwitt geworden war… War es nicht seine Pflicht, am Telefon auszuharren?, Als draußen das Feuerwerk losging, legte sich Wolfgang Mattek, in dessen Fabrik das meiste davon hergestellt worden war, angezogen aufs Bett – was er noch nie gemacht hatte – und schlief ungeachtet des Krachs sofort ein. Die Sekretärin, in deren Kresseschale der Samen der Augen­ öffnerblume irrtümlich gelandet war, hatte über Weihnachten und Neujahr Urlaub, und ihre Stellvertreterin hatte sich nicht um die Kräuterzucht gekümmert. Als sich an diesem Silve­ sterabend die Blüten öffneten, verteilte die unauffällige, hoch­ leistungsfähige Klimaanlage des Weißen Hauses ihren Duft sofort in allen Räumen. Der Präsident hatte die langsam in Gang kommende Party wieder verlassen, verfolgt von neugierigen Blicken, die sich vermutlich fragten, welche Weltkrise sich da anbahnen moch­ te, und stand gerade in einem der Räume, die kein offizieller Prospekt nennt, um sich auf mehreren Monitoren Bilder anzusehen, die die Kameras der Aufklärungsjets und die nächstliegenden Satelliten lieferten. Wir beobachten den ersten Kontakt mit Wesen von anderen Ster­ nen, dachte der Präsident. Ist das nicht fantastisch? Er hieb seinem Berater begeistert auf die Schulter und rief: »Ist das nicht fantastisch, Jim? Es gibt sie also doch!« »Ja, ich kann's kaum glauben, dass ich das hier sehen kann!«, erwiderte der begeistert, sah ihn mit leuchtenden Augen an, um im nächsten Moment ein steinernes Gesicht zu bekommen, in dessen Augen das Leuchten erstarb. »Ich meine, ja, Sir, Mister President«, sagte er steif. Präsident sein ist doch ein Scheißjob, dachte der Präsident. Kein Mensch redet mehr vernünftig mit einem., Ich richte meine Waffe auf das fremde Wesen, erkannte Hermann Hase. Dabei habe ich überhaupt keinen Plan. Ich habe keine Ah­ nung, was ich jetzt tun soll. Er nahm die Waffe herunter, ließ den Außerirdischen los. Das riesige Raumschiff, das wie ein steinerner Himmel über ihren Köpfen hing, hatte seinen Plänen ohnehin ein Ende gesetzt. Das war die Chance gewesen, auf die er immer gewartet hatte. Der Moment, in dem sich sein Schicksal hatte erfüllen sollen. Die eine Stunde, in der er das Richtige tun und damit die Geschicke der Menschheit in neue Bahnen lenken würde … Den Fremden zu erschießen war im Augenblick jedenfalls nicht das Richtige. »Bitte entschuldigen Sie«, bat er das Wesen, das ihn aus großen Augen betrachtete. »Ich habe wohl, ähm, etwas die Nerven verloren …« »Kann passieren«, sagte das Wesen mit unverkennbar schwäbischem Akzent. Im Grunde, überlegte Hermann Hase, gab es keinen Au­ genblick im Leben, in dem man nicht versuchen musste, das Richtige zu tun. Und wenn jeder das Richtige tat, würde sich das auf die Geschicke der Menschheit jedenfalls nicht negativ auswirken. Ich halte die Oberschenkel zusammengepresst, merkte Dorothea Weinmann. Diese Männer machen mir Angst… Sabrina hatte bestimmt keine Angst. Sie stand da und war nur wütend. Ich bewundere Sabrina, erkannte Dorothea., Merkwürdig – warum eigentlich? Sabrina hatte eher ihre Regel bekommen und einen Busen und mit Jungs herumge­ macht und ihr immer alles haarklein erzählt. Das war aufre­ gend gewesen, aber es hatte ihr auch Angst gemacht, vor allem, als Sabrina angefangen hatte, richtig mit Jungs zu schlafen. Ich stehe hier und sehe ein außerirdisches Lebewesen und ein au­ ßerirdisches Raumschiff, und alles, woran ich denken kann, ist, dass ich mich wahrscheinlich nur in Gerold verknallt habe, um nie im Leben Sex haben zu müssen, dachte Dorothea. Und damit war das erledigt. Sie war nicht mehr in Gerold verliebt. Ihm hätte sie auch nie von diesem Erlebnis hier erzählen können. Einem wie Christian schon eher. Sie fühlte sich plötzlich großartig. Sie hätte jauchzen mögen vor Lebenslust. Ich bin glücklich, merkte Nora. Wir haben es geschafft. Kelwitt wird nach Hause zurückkehren und wieder gesund werden. Zuletzt war er ihr, so fremd er war, mit all seinen seltsamen Gerüchen und der ewigen Nässe um ihn herum, doch ans Herz gewachsen wie ein eigenes Kind. Der Gedanke, er hätte bei ihnen sterben können, elend eingehen, so weit entfernt von seiner Heimat, war ihr unerträglich gewesen. Vielleicht neigte sie dazu, sich immer um alle Welt küm­ mern zu wollen. Um hungernde Kinder, Seevögel im Öl­ schlick, das Schicksal der gesamten Menschheit. Nichts ande­ res hatte sie damals auf den Berg getrieben. Aber wahrscheinlich war es unsinnig, sich mehr aufzubür­ den, als man bewältigen konnte. Darüber musste sie einmal nachdenken., Ich beobachte alle Menschen, merkte Thilo. Selbst jetzt schaue ich zu und beobachte, was sie tun. Er betrachtete Kelwitt. Kelwitt war kein Mensch, aber ihn plagte dieselbe Frage wie ihn, Thilo: Was soll ich mit meinem Leben anfangen? Was ist es wert, anzustreben? Wofür lohnt es sich, sich einzusetzen? Kelwitt hatte die Antwort in seinem Orakel gesucht und musste nun doch ohne sie nach Hause zurückkehren. Sybilla hatte immer Antworten gehabt, auf alles. Aber es waren düstere Antworten gewesen, mit denen er wenig hatte anfangen können. Vielleicht gab es keine Antworten. Vielleicht musste er mal darüber nachdenken, dass eine Möglichkeit, sein Leben zu verpassen, sein mochte, sich ständig zu fragen, was man damit anfangen sollte. Ich bin wütend, merkte Sabrina. Stinkewütend. Ich könnte allen diesen Typen in die Eier treten … Männer natürlich. Die hatten nichts anderes im Sinn, als alle Welt herumzukommandieren, immer um die Wette. Und mit den Frauen machten sie, was ihnen gerade in den Sinn kam … Aber nicht mit mir! Sie spürte diese Wut und die Entschlossenheit, sich nicht beherrschen zu lassen, und fragte sich, ob sie irgendwann angefangen hatte, mit Männern zu schlafen aus dem Grund, sich zu beweisen, dass letztendlich sie es war, in deren Hän­ den die Macht lag?, Ich gehe ungern, erkannte Kelwitt. Er spürte, wie er zögerte. Warum? Was hielt ihn auf diesem Planeten, dessen Luft ihm nicht bekam, dessen Nahrungsmit­ tel er nicht vertrug, auf dem er es mit Mühe und Schmerzen einige Perioden ausgehalten hatte? Die Bewohner? Einige hatten ihn verfolgt, aber die Erdbe­ wohner des Mattek-Schwarms hatten für ihn gesorgt, ihn beherbergt, getan, was sie konnten, damit es ihm gut ging. Dafür war er ihnen dankbar, und er fühlte sich ihnen freundschaftlich verbunden. Aber er konnte nicht bei ihnen bleiben. Ich hätte gern mehr von dieser Welt gesehen. Es tat ihm Leid, dass er die ganze Zeit mehr oder weniger isoliert hatte zubrin­ gen müssen. Und nun sollte er zurückkehren und sich entscheiden, ob er in die Berge zu den Lederhäuten ging oder zu einem der anderen Schwärme der Donnerbucht? Keines von beiden würde ihn glücklich machen. Er wollte etwas sehen vom Universum … »Tik, meinst du, dass mich die Sternfahrer jemals aufneh­ men würden nach dem, was ich mir hier geleistet habe?« Ein zweiter fahler Lichtkegel fiel herab, berührte unweit der Gruppe den Boden. Ein paar Schneeflocken begannen, darin emporzusteigen, und zeigten so, was mit dem geschehen würde, der in den hellen Kreis trat. Kelwitt verabschiedete sich von allen, die ihm nahe gewe­ sen waren, auf seine eigene Art und auf die Art der Menschen, dann ging er über das ungepflügte Feld und ließ sich sacht, nach oben tragen wie von einem unsichtbaren Aufzug. »Komm wieder!«, rief ihm Sabrina nach. »Oder schreib 'ne Karte!«, schrie Thilo. »Komm gut nach Hause!«, wünschte ihm Nora. Kelwitt winkte ihnen zu, wurde immer kleiner und schließ­ lich vom Rumpf des Mutterschiffs aufgesogen. Der Lichtfinger erlosch. In der plötzlichen Dunkelheit sah man in der Ferne Leuchtraketen aufsteigen, Schwärmer und Heuler und präch­ tige Diamantkaskaden. Es war Mitternacht, das neue Jahrtau­ send hatte begonnen. Über ihnen hob sich das Raumschiff aus den Tiefen der Milchstraße so lautlos, wie es sich herabgesenkt hatte, und verschwand. Am nächsten Morgen hatte die Augenöffnerblume aufgehört zu blühen, war der Duft verflogen. Die Menschen waren wieder in ihrem normalen, halb wachen Zustand gefangen, erinnerten sich allenfalls, dass etwas anders gewesen war in dieser Nacht, was sich aber leicht auf den Jahrtausendwechsel schieben ließ. Doch wie sagen die Weisen auf dem vierten Planeten von Telekis Stern? Den Duft der Augenöffnerblume zu riechen ist der erste Schritt einer Reise, die überall hingehen kann. Es ist der wahre Duft der Freiheit. Und wenn die Augenöffnerblume blüht, weht sie neue Sa- men hinaus in die Welt, die wiederum neue Blüten tragen, und immer so fort…]
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