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Ins Deutsche übertragen von Michael Krug BASTEI LUBBE TASCHENBUCH Band 20 541 1. Auflage: Juli 2006 Vollständige Taschenbuchausgabe Bastei Lübbe Taschenbücher in der Verlagsgruppe Lübbe Deutsche Erstveröffentlichung Originaltitel: Impossible Odds © 2003 by Dave Duncan © für die deutschsprachige Ausgabe 2006 by Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG, Bergisch Gladbach Scan by Brrazo 06/2006 Lektorat: Anke Stockdreher/Ruggero Leo Titelillustration: Gary Ruddell/Agentur Schluck Umschlaggestaltung: Gisela Kullowatz Satz: Satzkonzept, Düsseldorf Druck und Verarbeitung: Maury Imprimeur, Frankreich Printe...
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Ins Deutsche übertragen von Michael Krug,

BASTEI LUBBE TASCHENBUCH Band 20 541

1. Auflage: Juli 2006 Vollständige Taschenbuchausgabe Bastei Lübbe Taschenbücher in der Verlagsgruppe Lübbe Deutsche Erstveröffentlichung Originaltitel: Impossible Odds © 2003 by Dave Duncan © für die deutschsprachige Ausgabe 2006 by Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG, Bergisch Gladbach Scan by Brrazo 06/2006 Lektorat: Anke Stockdreher/Ruggero Leo Titelillustration: Gary Ruddell/Agentur Schluck Umschlaggestaltung: Gisela Kullowatz Satz: Satzkonzept, Düsseldorf Druck und Verarbeitung: Maury Imprimeur, Frankreich Printed in France ISBN-13: 978-3-404-20541-3 ISBN-10: 3-404-20541-3 Sie finden uns im Internet unter www.luebbe.de www.bastei.de Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer., Zum Gedenken an Rudolf Rassendyll, der den Weg aufgezeigt hat, KENNT IHR JOHN PEEL? Kennt ihr John Peel mit der bunten Kluft, Kennt ihr John Peel in morgendlicher Luft, Kennt ihr John Peel, der aus weiter, weiter Ferne ruft, Mit seinen Hunden und dem Horn am frühen Morgen? Denn der Klang seines Horns ließ aus dem Bell mich schrecken Und das Kläffen seiner Hunde, die die Zähne blecken. Peels »Halali« vermag, die Toten zu erwecken Oder den Fuchs in seinem Bau am frühen Morgen. Ja, ich kenne John Peel und auch Ruby im Nu, Raunzer und Ringwald, Glockmann und Tru, Von der Spur zur Fährte und zur Sicht im Nu, Von der Sicht zum Tod am frühen Morgen. Auf John Peel also mit ganzem Heizen Stoßen wir an, trinken im Schein der Kerzen, Wir folgen John Peel durch Freude und Schmerzen, Für ‘ne gute Jagd am frühen Morgen. JOHN WOODCOCK GRAVIS, Dies ist ein in sich geschlossener Roman, der während der Herrschaft von König Athelgar, zwei Jahre nach dem Ende von Die verlorene Klinge, angesiedelt ist.,

INHALTSVERZEICHNIS PROLOG

Die Toten zu erwecken 10 I In morgendlicher Luft 37 II Von der Spur zur Fährte 185 III Und zur Sicht im Nu 311 IV Von der Sicht zum Tod 458

EPILOG

Aus weiter, weiter Ferne 687,

PROLOG DIE TOTEN ZU ERWECKEN

Die Nacht war ungewöhnlich dunkel. Der Tag war heiß und klar gewesen, aber nach Sonnenuntergang waren dichte Wolken aufgezogen und verhüllten nun die Sterne. Auch der Mond war nicht zu sehen. In Chivial wurden solche Nächte Katzensichträuber genannt. Die Wachablöse erfolgte um Mitternacht. Mutter Schöllkraut, Schwester Gertrude und ihre Begleitgarde marschierten in pechschwarzer Finsternis durch das Ge- lände von Palast Sorglos. Die Palastgärten waren zu Recht berühmt und um diese Jahreszeit, zu Beginn des Achtmonds, besonders herrlich, nur war im Augenblick nichts davon zu sehen. Trudy stiegen zwar reichlich Düf- te nachtblühender Gewächse in die Nase, die ihr verrie- ten, was sie verpasste – Levkojen, Nachtkerzen, vermut- lich auch Mondblumen –, doch die von zwei Lakaien ge- tragenen Laternen erhellten nur den Pfad und die Sche- men einiger Büsche. Die vier Soldaten der Hoffreisassen, die geräuschvoll hinter ihr stapften, betrachtete sie als unnötige Vor- sichtsmaßnahme – jeder, der Übles im Schilde führte und sie sowie die erhabene Mutter Schöllkraut in ihren bau- schigen weißen Gewändern und mit den spitzen Hüten erblickte, würde wohl kreischend in die Dunkelheit, flüchten und von Gespenstern brabbeln. Außerdem trug einer der Soldaten einen Talisman, der ihre Nerven wie eine gefolterte Katze quälte. In den wenigen Tagen seit ihrem Eintreffen am Hof war sie regelrecht entsetzt dar- über gewesen, wie viele Menschen auf derlei Quacksal- berei vertrauten. Da Zufall eine Urgewalt war, zogen Glücksbringer ebenso oft Pech wie Glück an, was gebil- dete Menschen eigentlich wissen sollten. Aber abgesehen davon waren mitternächtliche Streifzüge ein rechtes Ver- gnügen. Die sauertöpfische alte Mutter Schöllkraut sah dies vermutlich anders, denn seit sie sich getroffen hat- ten, war noch kaum ein Wort über ihre Lippen gekom- men. Die Weißen Schwestern mussten ihre Gabe, Beschwö- rungen aufzuspüren, nur selten mitten in der Nacht ein- setzen. Für gewöhnlich galt die nächtliche Sicherheit als Aufgabe der Männer – die Hoffreisassen bewachten die Tore und das Gelände, die Klingen liefen im Palast ihre Runden. Nun aber beherbergte der König einen wichti- gen Gast, und entweder dieser oder jemand in seinem Gefolge war so taktlos gewesen, Beschwörungen im Ge- päck zu belassen. Jeder andere wäre getadelt und aufge- fordert worden, die Beschwörungen auszuhändigen. Ei- nen Großherzog jedoch galt es mit Samthandschuhen anzufassen. Deshalb wurde die Hilfe der Weißen Schwe- stern benötigt, und Schwester Gertrude war die jüngstge- diente Schwester am Hof. In jene Nacht sollte Mutter Schöllkraut sie beaufsichtigen und unterweisen. Danach, würden Trudy die nächtlichen Ehren allein zustehen. Es war lediglich eine Formsache. Zwei Lichter gerieten in Sicht und entpuppten sich als- bald als Fackeln in Halterungen zu beiden Seiten eines beeindruckenden Tores, das den Eingang zum Quamast- Haus darstellte. Der Großherzog war ein gutes Stück vom Hauptpalast entfernt untergebracht worden, und Sir Bernard hatte Trudy versichert, dass dies das Werk der Klingen gewesen sei. Den meisten Gästen wurden Ge- mächer im Westflügel zugewiesen, aber wenn unerkann- te Geistigkeit im Spiel war, gingen die Klingen nie ein Wagnis ein. Unter jeder Fackelhalterung stand ein Pikenstreiter mit glänzender Brustplatte und kegelförmigem Stahlhelm. Derjenige auf der rechten Seite stampfte mit den Stiefeln, trat mit einem Bein einen Schritt vor, senkte die Helle- barde und rief: »Wer da?« Was eine überaus dumme Frage schien, zumal er die Antwort bereits kannte. Bernard hatte Trudy verraten, dass die Königliche Garde Unfug wie Losungswörter verschmähte, weil untereinander ohnehin jeder den ande- ren kannte und man versuchte, nichts zu tun, was die Hoffreisassen taten – oder zumindest nicht so wie die Hoffreisassen. »Die Nachtigall singt ein übles Lied!«, verkündete Un- teroffizier Bates hinter Trudy. Was nicht stimmte, denn die Nachtigallen sangen bereits seit dem Fünftmond nicht mehr, und er hatte es so laut gesprochen, dass es etwaige, Eindringlinge, die ihnen versteckt folgten, ohne weiteres hätten hören können. Der Soldat am Tor nahm seine ursprüngliche Haltung wieder ein und ließ den Schaft der Hellebarde auf den Boden niedersausen. »Geh durch, Freund.« Einer der Lakaien öffnete die rechte Hälfte des Dop- peltors. Als Trudy Mutter Schöllkraut hindurchfolgte, erhaschte sie einen beunruhigenden Hauch von … sie war nicht sicher wovon. Und sie blieb nicht stehen, um dem Eindruck auf den Grund zu gehen. Sie betrat einen Saal voller Säulen, der einen Großteil des Erdgeschosses des Bauwerks einnehmen musste. Zwei riesige Kerzenständer aus Bronze sorgten für gänz- lich unzureichendes Licht. Sie standen am Fuß einer protzigen Marmortreppe, die in die Mitte des Saals ragte, was eine ziemliche Platzverschwendung schien. In den Schatten entlang der Wände waren zahlreiche Skulpturen schemenhaft auszumachen. Den Marmorboden übersäten willkürlich verlegte Läufer. Ein paar hässliche Sofas und Stühle standen lieblos angeordnet herum. Eine Stimme dicht hinter Trudy sprach: »Sei gegrüßt, Trudy.« Sie zuckte zusammen und drehte sich zu einem grin- senden Gesicht um. »Bernard!« Er hatte ihr nicht gesagt, dass er hier sein würde. Er kicherte. »Eine Dienstplanänderung im letzten Au- genblick.« Offenbar hatte er dies eingefädelt, um sie zu überra-, schen – und bloßzustellen! Mutter Schöllkraut runzelte die Stirn, und drei weitere Klingen hatten sich mit anzüg- lichen Blicken aus der Dunkelheit gelöst. Alle Klingen ähnelten einander – schlanke, athletische Männer mittle- rer Größe, zumeist unter dreißig Jahren. Die Beschwö- rung, die sie zu bedingungsloser Treue dem König ge- genüber verpflichtete, nahm Trudy als sanften metalli- schen Schimmer wahr, den sie überaus ansprechend fand. »Er arbeitet wirklich schnell, unser Bernie«, meinte einer der Männer. »Diese Rapier-Fechter muss man wahrlich im Auge behalten.« Ungeheuer! Trudys Gesicht brannte lichterloh. »Das reicht!« Die vierte Klinge war ein wenig älter und trug eine rote Schärpe, die darauf hinwies, dass die- ser Mann den Befehl hatte. Er klopfte auf den Katzenau- genknauf seines Schwertes. »Guten Abend, Mutter Schöllkraut.« »Euch auch, Sir Kühn.« »Kennt Ihr Sir Richey? Sir Aragon? Und unseren Her- zensbrecher vom Dienst, Sir Bernard?« Die Männer salu- tierten nacheinander. Mutter Schöllkraut bedachte jeden Gruß mit einem knappen Nicken. »Diese errötete Maid ist Schwester Gertrude.« Neidische alte Hexe! »Ihren Freunden auch als Trudy bekannt«, ließ Aragon eine hörbare Randbemerkung fallen., »Wir haben doch Weiße Schwestern angefordert, kei- ne roten«, witzelte Richey. Zutiefst verlegen suchte Trudy Bernies Blick. Er zwin- kerte ihr zu. Da wurde ihr klar, dass er mit ihr angab. Die derben Scherze der anderen waren eine Form von Schmeichelei. Sie zwinkerte zurück. »Warum habt ihr hier so wenig Licht?«, verlangte Schöllkraut zu erfahren und spähte missbilligend in die Düsternis. »Klingen besitzen eine gute Nachtsicht«, erklärte Sir Kühn, »aber der eigentliche Grund ist, dass die Gäste jede Kerze und Laterne, die sie finden konnten, mit nach oben genommen haben. Der Baron meinte, sie hätten’s gern so hell wie möglich. Wir kümmern uns darum, dass wir morgen mehr Licht haben.« Die alte Frau rümpfte die Nase. »Nun, bringen wir es hinter uns. Frisch ans Werk, Schwester.« Trudy ging zurück zur Tür, um zu beginnen. Die La- kaien mit den Laternen folgten ihr, während die Klingen sich zur Treppe in der Mitte zurückzogen, damit ihre Bindungen die Schwestern nicht ablenkten. Trudy schloss die Augen und lauschte. Sie sog die Luft ein, leckte sich über den Gaumen, achtete auf ungewöhnliche Empfindungen auf der Haut… tat all die seltsamen Din- ge, die ihr Gespür für die Geister schärften, Kniffe, die man ihr in Eichental beigebracht hatte. Sie vermisste Ei- chental und all ihre Freundinnen dort, wenngleich in Ei- chental ein schwerwiegender Mangel an jungen Männern, herrschte, die sich als genau jenes Vergnügen entpupp- ten, das Trudy sich erträumt hatte. »Hier ist nichts, Mutter.« Sie begann, den Rand des Saals abzuschreiten und hielt an der ersten Ecke inne. »Aber da oben ist etwas! Überwiegend Luft, ein wenig Feuer und Wasser. Und Liebe.« Abgesehen von Belang- losigkeiten wie Glücksbringern waren Beschwörungen innerhalb des Palastes verboten. Schöllkraut unterdrückte ein Gähnen. »Dann befinden wir uns unter dem Schlafgemach des Großherzogs. Er trägt eine Art Übersetzungshilfe.« »Gewiss ein Trugbann, oder? Ich meine«, fügte Trudy rasch hinzu, bevor die alte Schreckschraube sich belei- digt fühlen konnte, »es ähnelt mehr einem Trugbann als alles, dem ich bisher begegnet bin.« Mutter Schöllkraut schürzte die Lippen, kräuselte sie wie nie zuvor. »Ich glaube, Ihr habt Recht! Ja. Das ist gut. Diese Möglichkeit hatten wir übersehen. Trotzdem ist es harmlos, findet Ihr nicht auch?« Vielleicht, aber die Regeln besagten … Trudy war an jenem Tag bereits zwei Mal gescholten worden, weil sie etwas erwidert hatte. Die Priorin drohte bereits damit, sie ins fernste Wylderland zu versetzen, wenn sie nicht lern- te, ihren Vorgesetzten mit angemessener Achtung zu be- gegnen. »Ja, Mutter.« Trudy hoffte bloß, der König wür- de nichts unterzeichnen, solange er sich in der Nähe die- ses Banns befand. Im Beisein der Lakaien marschierten Schwester und, Mutter durch das Erdgeschoss, durch verwaiste Küchen, einen Speisesaal, ein Arbeitszimmer. Trudy entdeckte nichts Ungewöhnliches, bis sie beinahe wieder am Aus- gangspunkt ihrer Runde angelangt waren. »Hier ist etwas! Oben, meine ich.« Diesmal erwies es sich als schwieriger zu entwirren. Trudy mühte sich meh- rere Minuten lang, aber das Geflecht der Elemente ließ sich nicht einordnen. »Es ist mehr als eine Beschwörung. Ich kann sie nicht eindeutig erkennen. Jedenfalls sind es viele, und alle vermischt.« Ein Schauder kroch ihr über die Haut. »Ich finde, wir sollten hinaufgehen und einen näheren Blick darauf werfen.« »Das ist Baron von Faders Arzneitruhe«, erklärte Mut- ter Schöllkraut. »Zumindest waren die Beschwörungen beim Eintreffen darin. Baron von Fader ist Ihro Gnaden Arzt, Außenminister, Schatzmeister und wissen die Geis- ter was sonst noch. Wir haben die Truhe sorgfältig ge- prüft. Die Priorin hat entschieden, nicht zu verlangen, dass sie geöffnet wird.« »Warum nicht? Da drin ist Tod!« »Schwester! Wie Ihr sehr wohl wisst, befindet sich in so gut wie allem Tod. Wurdet Ihr in Eichental etwa nie in den Laden eines Arzneikundigen geführt? Viele Arznei- en und Heilkräuter sind in großen Mengen gefährlich. Und Großherzoge genießen nun mal das Vorrecht gerin- ger Zweifel. Also, seid Ihr jetzt fertig?« »Dieses Ding bereitet mir Unbehagen, Mutter«, ent- gegnete Trudy stur., »Es wurde erst heute Morgen genehmigt. Aber prägt es Euch gut ein. Solltet Ihr morgen oder in einer anderen Nacht eine Veränderung daran feststellen, solltet Ihr es der Garde unverzüglich mitteilen. Zögert nicht, um mei- ne Hilfe zu bitten, falls Ihr unsicher seid. Kommt jetzt!« Damit ging sie voraus zu den wartenden Klingen. »Möchtet Ihr nun nach oben gehen?«, fragte Kühn. »Nein, wir sind zufrieden. Etwas wirklich Gefährli- ches könnten wir von hier unten erkennen. Natürlich sind uns die Arzneitruhe des Barons und der Trugbann aufge- fallen, den Ihro Gnaden trägt, aber darüber wussten wir bereits Bescheid.« »Ist etwas davon gefährlich?«, wollte Kühn wissen. »Nur wenn man zu viel Abführmittel oder Schlaftrunk schluckt.« »Der hohe Herr trägt einen Trugbann? Was bewirk- ter?« »Macht ihn ansprechender für errötende Maiden«, ant- wortete Trudy. Vermutlich war das tatsächlich alles, was er bewirkte, doch die Arzneitruhe beunruhigte sie noch immer. Jede nur halb erledigte Aufgabe beunruhigte sie. Mutter Schöllkraut zeigte sich keineswegs belustigt. Sie wollte ihren Schönheitsschlaf. »Ihr wisst, wo Ihr uns findet, falls Ihr uns braucht, Sir Kühn.« Als sie auf die Tür zusteuerten, griff Bernard abermals in die Trickkiste. Unmittelbar hinter Trudys Ohr, aber laut genug, dass es jeder hören konnte, fragte er: »Frühs- tück wie üblich, Trudy?«, »Sicher«, gab sie zurück. »Diesmal bei mir.« »Oooooooh, Trudy!«, rief Sir Aragon aus. »Wir kommen als Anstandswauwaus mit, Trudy«, füg- te Sir Richey hinzu. Sie hatte noch nie mit Bernie zusammen gefrühstückt. Auch im Bett war sie noch nie mit ihm gewesen, wenn- gleich in jener Nacht nach dem Abendessen nicht viel dazu gefehlt hatte. Wer vermochte zu sagen, was wohl geschehen wäre, wenn sie dienstfrei gehabt hätte? Sie wusste es natürlich. Wenngleich nur vom Hörensagen. Bis jetzt. Bevor ihr Gesicht auch nur daran denken konnte zu er- röten, folgte sie Mutter Schöllkraut in die dunkle Vorhal- le und weiter nach draußen. Sie ging einen Schritt die Treppe nach unten, dann hielt sie so jäh inne, dass Un- teroffizier Bates beinah in sie hineinlief. Fragend muster- te sie den Wachmann, der sich ihnen bei ihrer Ankunft in den Weg gestellt hatte. Er gebarte sich wieder wie eine Statue, aber … aber … »Stimmt etwas nicht, Schwester?«, erkundigte Bates sich. »Ich hin nicht sie her.« Trudy spürte etwas. »Geht es Euch gut?«, fragte sie. »Antworte ihr, Elson!«, befahl der Unteroffizier. Der Wachmann war überaus groß und besaß einen un- gepflegten blonden Bart. Dümmlich blinzelte er auf sie herab. »Gut? ja, Fräulein – will sagen, Schwester.«, Trudy schauderte. Sie besann sich, dass ihr dasselbe auf dem Weg hinein aufgefallen war, nun jedoch schien es stärker. Höchst merkwürdig. Lud völlig unvertraut. Luft? Kein Feuer. Weder Liebe noch Zufall. Zeit, kein Wasser. Tod. Ja, eindeutig eine Menge Tod. »Was ist denn?« Mutter Schöllkraut war zurückge- kommen. »Ähem? Oh, das. Tragt Ihr ein Amulett, Sol- dat?« Elson schüttelte den Kopf so heftig, als versuchte er, den Helm abzuwerfen. »Nein. Mutter.« »Einen Ring vielleicht?« »Ah, ja, Mutter.« Mutter Schöllkraut stieß ein heiseres Lachen aus, dann ergriff sie Trudys Arm und führte sie die Stufen hinunter. »Er ist ein junger Mann. Schwester.« Trudy widerstand der Versuchung zu erwidern, dass sein Bart sie bereits zu dieser Erkenntnis geführt hatte. »Ich verstelle nicht reiht. Mutter.« Bates brüllte Befehle: der Tross formierte sich wie zu- vor und setzte sich den Pfad entlang in Bewegung. »Beschworene Ringe sind eine verbreitete Form der – ähem! – Familienplanung. Ringe sind nicht hinderlich, wenn man alles andere abgelegt hat. Ich gebe zu, die Be- schwörung dieses Soldaten Elson ist ungewöhnlich, kei- ne Formel, der zu begegnen ich mich entsinnen kann, aber Ihr werdet derlei Mittelchen überall im Palast an- treffen.« »Tut mir Leid.« Sie hatte sich blamiert., »Ich mag Eure junge Klinge, diesen Bernard.« Trudy japste. »Ah … danke.« »Es muss mühsam für ein Mädchen sein, einen sol- chen Humor zu ertragen.« »Bis jetzt komme ich ganz gut damit zurecht.« »Ist mir aufgefallen.« »Bernie ist lustig. Aber Ihr solltet Ihn nicht als meine Klinge bezeichnen.« »Ich denke, das ist er.« Die Mutter seufzte. »Früher beseelte mich eine recht absonderliche Begierde nach Klingen, aber aus der Nähe bekam ich immer Kopf- schmerzen von ihren Bindungen. Immer noch. Selbst heute Nacht, obwohl wir nur ein paar Minuten mit ihnen beisammen waren.« Wenn sie eine Abneigung gegen Klingen hegte, wes- halb hatte sie dann einen Posten am Hof angenommen? Jedenfalls war das keine Entschuldigung für ihre Halb- herzigkeit bei der Überprüfung der Beschwörungen. »Mir machen Bindungen nichts aus«, gestand Trudy und versuchte, sich Mutter Schöllkraut vierzig Jahre frü- her vorzustellen, eine sittsame Maid frisch aus Eichental. Begierde? Trudy schwirrte der Kopf. »Tatsächlich mag ich sie sogar.« Sie fand Bindungen irgendwie sinnlich. »Dann habt Ihr Glück. Euch ist aber doch klar, dass sich andere junge Männer von Euch fern halten werden, wenn Ihr mit einer Klinge ausgeht, oder? Und dass jeder annehmen wird, Ihr schliefet mit Bernard.« »Ich schlafe nicht mit Bernard! Ich meine, äh, ich liege, nicht bei ihm!« Allein neben ihm zu sitzen, war gefähr- lich genug. »Dann werdet Ihr das demnächst«, erklärte Mutter Schöllkraut voll Überzeugung. Es war nicht als Frage gedacht. »Es sei denn, Ihr lasst auf der Stelle ganz die Finger von ihm.« Das war als Frage gedacht. »Naja, das möchte ich nicht«, meinte Trudy. »Dann unterhalten wir uns mal über Ringe und Ähnli- ches, Liebes.« Wenn eine dumme Pute fragte, ob man sich gut fühlte, begann man als erstes, sich nicht gut zu fühlen. Und dachte man eine Weile darüber nach, fühlte man sich als- bald richtig schlecht. Mit fortschreitender Nacht wurde der gemeine Pikenstreiter Elson immer unglücklicher. Ihm war kalt. Er schwitzte. Seine Augen schmerzten. Er spürte einen Floh, und Flöhe in einem Brustharnisch wa- ren eine schlimmere Folter als die Streckbank. Außerdem war er unglaublich zornig auf seine hohlköpfige Frau, weil sie so bald schon wieder ein Kind bekam. Er konnte es sich ohnehin kaum mehr leisten, all die offenen Mäu- ler zu stopfen, die ihn begrüßten, wenn er nach Hause kam. Etwa jede Viertelstunde gab Korporal Nolly das Zei- chen, das bedeutete, bis drei zu zählen, die Hacken zu- sammenzuschlagen, die Hellebarde zu schultern, einen Schritt nach vorn zu gehen, sich nach innen zu drehen und so weiter. Es endete damit, dass die beiden die Sei-, ten gewechselt hatten. Das war zwar besser, als gemeldet zu werden, weil man im Dienst eindöste, trotzdem konn- te man es kaum als aufregende Abendunterhaltung be- zeichnen. Es war der grelle Schimmer der Fackel, der Elsons Augen schmerzen ließ. Seine neue Geliebte vergnügte sich wahrscheinlich ge- rade mit diesem Rotschopf in der Blauen Schänke. Ungefähr jede Stunde gab Nolly das andere Zeichen, also schulterte Elson die Hellebarde und ging zur Hinter- tür, um Schwarzkalb abzulösen. Dann war er ganz allein und konnte zittern, so viel er wollte. Er konnte die Augen schließen, damit ihm das Fackellicht keine Schmerzen mehr bereitete. Er konnte auf der Stelle laufen, um sich zu wärmen. Er konnte sich kratzen, wo der Floh ihn zwackte. Zumindest die Stechmücken schienen sich sei- ner zu erbarmen. Er gelangte zu dem Schluss, dass es keine besondere Ehre sei, Großherzog Wer-auch-immer von Was-auch-immer zu bewachen, der oben in einem Federbett zweifellos ein hübsches blondes Mädel be- sprang. Elson war fuchsteufelswild auf Unteroffizier Ba- tes. Stiefelgetrampel kündigte die Rückkehr von Schwarz- kalb an. Elson ging wieder nach vorn und nahm seinen Platz ein. Wann hatten die Geister eigentlich verfügt, dass er frierend hier draußen in der Dunkelheit stehen und einen Geldsack aus der Fremde bewachen musste? Einen ein-, gebildeten Geldsack, der nie auch nur ein Nicken als Dankeschön für Elson erübrigen würde? Und eben dieser Geldsack tollte gerade oben mit einer verruchten Schlam- pe herum! Warum ließ Nolly ihn nicht einfach nach Hau- se gehen – oder zu seiner neuen Geliebten, in welchem Bett sie auch stecken mochte? Abermals gab Nolly das Zeichen. Eins, zwei, drei … Als sie sich in der Mitte begegneten, rammte Elson dem guten Nolly nur so zur Abwechslung seinen Dolch ins linke Auge. Nolly ließ die Hellebarde fallen. Der Korporal ging nicht zu Boden. Statt dessen lehnte er sich vor und gab ein leises Wimmern von sich, während er beobachtete, wie Blut in einem dünnen Rinnsal vom Heft des Dolchs troff und auf seine Stiefel fiel. Für den nächsten Teil war das Licht zu grell. Unstet wankte Elson die Stufen hinab. Dann schwang er die ei- gene Hellebarde waagerecht und hielt sie mit beiden Händen fest, damit er sich die Kehle durchschneiden konnte. Was weniger schmerzlos verlief, als er gehofft hatte. Er hätte darauf achten sollen, die Klinge regelmä- ßig zu schärfen. Nolly hörte auf zu bluten und zu winseln. Plump stapf- te er die Stufen hinab und begab sich auf die Suche nach Schwarzkalb zur Rückseite des Hauses. Indes wurde Elson mit dem Sterben fertig, erwachte wieder und ging durch die Vordertür hinein. Die Klingen mochten das Quamast-Haus, da sie wuss-, ten, dass hier untergebrachte, fragwürdige Gäste sich durch keine Geheimgänge hinausschleichen würden. Ebenso wenig konnten sich Meuchelmörder herein- schleichen. Als es von König Ambrose errichtet wurde, war der damalige Befehlshaber der Königlichen Garde und nunmehrige Großmeister der große Durendal gewe- sen, und er hatte dafür gesorgt, dass es richtig gebaut wurde. Da die Außentüren und Fenster verriegelt und vergittert waren, brauchten Kühn und sein Trupp nur am Fuß der Treppe wach zu bleiben. Von dort aus hatten sie freie Sicht auf den Balkon im Obergeschoss und die Tü- ren aller Schlafgemächer. Es war eine einfache Aufgabe. Außerdem hatten sie in jener Nacht einen Neuling dabei, der noch in einige der tückischen Würfelspiele eingeweiht werden musste, de- nen die Klingen frönten, um sich während des Dienstes die Zeit zu vertreiben. Keine Unterrichtsgebühr. Unbe- grenzte Annahme von Schuldscheinen. Einige Frischlin- ge brauchten Jahre, um ihre Einweihung abzubezahlen. Natürlich musste Jungspund Bernard zuerst wegen der liebreizenden Weißen Schwester gehänselt werden, mit der er angebandelt hatte. Es schien ungehörig, dass ein sommersprossiger Grünschnabel, der noch keine zwei Wochen in der Garde war und noch kaum seinen Gela- geunterricht hinter sich hatte, ein solches Schmuckstück an Land zog, während ältergediente Männer vergebens nach ähnlichem Glück trachteten. Bald stellte sich her- aus, dass der junge Bernard kein gewöhnlicher Un-, schuldsknabe aus Eisenburg war. Ihm entging keines- wegs, dass seine Gefährten neidisch wie Hirsche mit Glasgeweihen waren. Er blieb ihnen nichts schuldig und ersann allerlei blumige Einzelheiten. Schließlich gaben Kühn, Aragon und Richey das aus- sichtslose Spiel auf und wandten sich ernsteren Dingen zu. Sie fanden einen mächtigen Eichentisch und zerrten ihn mit einiger Anstrengung an den Fuß der Treppe. Dann versuchten sie, die riesigen Kerzenständer aus Bronze näher an den Tisch zu schieben – so außerge- wöhnlich die Nachtsicht einer Klinge sein mochte, wenn es ums Geld ging, hatte man selbst die Hände seiner Brüder gern in helles Licht gebadet. Da die Ungetüme sich als unbeweglich erwiesen, begnügten sie sich zwangsweise mit der vorhandenen Beleuchtung und wandten sich geballtem Unterricht zu. »Bestimmt kennst du Sieben Gewinnt, oder?«, erkun- digte sich Kühn. Der Junge verneinte, also verlangte Richey zu sehen, was er an Geld bei sich hatte, und Aragon holte einen Beutel voll Würfel mit acht Seiten hervor. Jede Seite stellte eines der Elemente dar, erklärte er, und man wür- felte mit vier Würfeln gleichzeitig. Das Ziel bestand dar- in, sieben Elemente zusammenzubekommen, nicht aber das achte, den Tod. Würfelte man den Tod, musste man von vorn beginnen. »Der erste Spieler hat einen kleinen Vorteil«, fügte er hinzu, »deshalb überlassen wir dir die Ehre. Danach be-, ginnt der Gewinner die nächste Runde. Mach mit einem Farthing deinen Einsatz und nimm dir vier Würfel.« Beim ersten Versuch würfelte der Junge zwei Mal Luft, ein Mal Wasser und ein Mal Zufall, also drei Ele- mente. Sir Richey machte seinen Einsatz und würfelte zwei Mal Tod, wodurch er für diese Runde aus dem Ren- nen war. Die beiden anderen erzielten je vier Elemente. »Nur weiter«, meinte Richey. »Du kannst aussteigen, denselben Einsatz zahlen wie der Spieler vor dir oder den Einsatz verdoppeln.« Niemand verdoppelte in dieser Runde, bei der Bernard Liebe, Zeit und Feuer würfelte, während Kühn und Ara- gon je ein Element dazu bekamen. Da Bernard mit sechs Elementen in Führung lag und ihm nur noch Erde fehlte, verdoppelte er den Einsatz, konnte seinen Punktestand aber nicht verbessern. Als die anderen beiden an der Rei- he waren, gingen sie mit, traten jedoch ebenfalls auf der Stelle, also verdoppelte er den Einsatz erneut. Mut konn- te man ihm wahrlich nicht absprechen. Mit einem mitt- lerweile hübschen Sümmchen auf dem Tisch würfelte er drei Mal Tod. Kühn und Aragon tauschten zornige Bli- cke. Richey stimmte schallendes Gelächter an. Bernard strahlte übers ganze Gesicht. »Was bedeutet das nun?« »Das bedeutet, dass du gewinnst«, erklärte Richey rasch, bevor die beiden anderen kurzerhand eine neue Regel erfinden konnten. »Würfelt man vier Mal Tod, muss einem jeder, der zu Beginn im Spiel war, die Sum-, me des Endeinsatzes zahlen. Das wird als das ›Massaker‹ bezeichnet. Noch ein Spiel, Sommersprosse?« »Warum nicht?«, meinte Bernard, während er die Münzen einsammelte. Bedauerlicherweise waren Können, Tugend und Er- fahrung kein ebenbürtiger Gegner für das launische Glück. Der Grünschnabel gewann vier Spiele hinterein- ander, zwei davon mit Dreifachtod. Das nächste Spiel erwies sich als schier endlos. Jeder würfelte ständig einen Tod, und niemand erreichte die magische Sieben. Da mittlerweile ein erkleckliches Sümmchen und der Ruf dreier alter Hasen auf dem Spiel standen, wurden die Gebote immer verwegener, bis sie den Jungen endlich in die Ecke gedrängt hatten. Alle hatten aussichtsreiche Punktstände, der Grünschnabel hingegen nur zwei Ele- mente. Alle drei verdoppelten nacheinander den Einsatz, um ihn aus dem Spiel zu bieten. Vielleicht war er zu dumm, um zu begreifen, dass er in seiner Lage mit nur einem Wurf nicht gewinnen konnte. Oder vielleicht lag es daran, dass er längst mit ihrem Geld spielte, während die anderen nur noch fleißig Schuldscheine ausstellten. Jedenfalls ging er nicht nur mit, er verdoppelte den Ein- satz abermals. Und würfelte vier Mal Tod. Das betretene Schweigen wurde von einem Schrei Kuhns zerrissen, der mit dem Rücken zur Treppe und dem Gesicht zum Haupteingang saß. Er sprang auf die Beine und ließ das Schwert aus der Scheide schnellen., »Eindringling! Richey, hol ihn dir. Ihr beiden kommt mit mir.« Damit preschte er sieben oder acht Stufen hinauf und schaute prüfend durch den Saal. »Du bildest dir was ein!«, meinte Aragon, gesellte sich aber dennoch zu seinem Anführer, um den Weg nach o- ben zu den Gästen zu versperren. Bernard gebührte An- erkennung dafür, dass er es ihm gleichtat, zumal es sich durchaus um eine Tücke gehandelt haben mochte, um ihn um den Sold eines halben Jahres zu betrügen. Sir Richey schritt mit seinem Säbel Schmerz im An- schlag auf den Haupteingang zu. In der kleinen Ein- gangshalle war es dunkel, aber als er die Säulenreihe er- reichte, rief er, ohne sich umzudrehen: »Die Tür ist im- mer noch verriegelt!« Jäh hielt er inne. »Ich rieche Blut! Da ist Blut auf dem …« Etwas, das hinter der nächstge- legenen Säule gestanden hatte, wankte auf ihn zu. Viel- leicht hatten ihn die Blutflecken auf dem Boden abge- lenkt. Dennoch parierte er den Hieb der Hellebarde be- wundernswert, indem er den Schaft mit der linken Hand abfing und Schmerz auf den Hals seines Angreifers sau- sen ließ. Bei einem solchen Zweikampf hatte eine Klinge wenig zu befürchten, daher sandte Kühn ihm klugerweise keine Verstärkung. Am wichtigsten war immer noch die Trep- pe. »Aragon, weck den Herzog und den Baron. Dann kommst du hierher zurück«, befahl er. Aragon rannte die Treppe hinauf. Richey, der seinen Angreifer fast enthauptet hatte, ließ, die Hellebarde los. Was sich als Fehler entpuppte, den der Eindringling ging nicht zu Boden. Statt dessen schwang er die Hellebarde auf Richeys Leibesmitte. Ri- chey sprang zurück und wehrte die Waffe ab. Sein Geg- ner schlurfte hinter ihm her, griff ihn wiederholt an. Als sie sich der Treppe näherten und ins Licht gerieten, stieß Bernard einen entsetzten Schrei aus. Nun war offensicht- lich, dass der Eindringling ein wandelnder Leichnam war, denn der Kopf hing in unmöglichem Winkel am Hals, und der Körper war vom Brustharnisch bis zu den Stiefeln mit geronnenem Blut verschmiert. Aus der klaf- fenden Wunde, die Richey in den Hals geschlagen hatte, drang fast kein Blut, doch da war ein anderer, verkruste- ter schwarzer Schnitt. Die Kehle war zwei Mal aufge- schlitzt worden, trotzdem kämpfte das Ungetüm noch immer. Sie kamen immer näher, und erstaunlicherweise be- gann Richey zu lachen, wenngleich etwas schrill. Die Erscheinung griff ihn weiter mit der Spitze der Hellebar- de an, die er so mühelos abwehrte, als bestünde sie aus steifem Papier. Er versuchte ein paar eigene Hiebe und fegte die Erscheinung wie Stroh beiseite. Zwar kam sie jedes Mal zurück, war aber offenbar harmlos. »Es ist nur ein Trugbild!«, schrie er. Oben hämmerte Aragon brüllend an Türen. Das Gespenst eines weiteren Freisassen geriet aus den Küchen um die Treppe herum in Sicht. Es bewegte sich mit demselben schlurfenden Gang. Aus seinem linken, Auge ragte ein Dolch. Als es den Tisch erreichte, ließ es sich auf alle viere plumpsen und kroch darunter. »Lass es in Ruhe«, rief Kühn. »Geister können uns nichts anhaben.« Richey war beinahe an der Treppe angelangt. Sein Gegner wirkte durchscheinend, war kaum noch zu seilen. Die Erscheinung ließ von ihren unbeholfenen Hieben ab, denn sie sausten durch Richey hindurch, als wäre er gar nicht da. Ähnlich wirkungslos zischte Schmerz durch den Schemen. Der Tisch neigte sich, Würfel und Geld prasselten zu Boden. Verdutzt beobachteten Kühn und Bernard das Geschehen, denn alle vier Klingen gemeinsam halten es mit Müh und Not geschafft, das Ungetüm von einem Möbelstück zu bewegen. Kurz stand der Tisch auf der Kippe, dann stürzte er um und stieß gegen einen der Ker- zenständer. Mit einer Wucht, die den Saal erschütterte, schlugen Tisch und. Kerzenständer auf den Boden. Die meisten der Kerzen erloschen. Wie ein schwarzer Blitz breitete sich Finsternis aus. Richey brüllte, als die Hellebarde seines Gegners ihn durchbohrte. Schmerz schlitterte klirrend über den Mar- morboden. Richey fiel; der Leichnam zog die Hellebarde zurück und stach erneut auf ihn ein. Und wieder. Der zweite Eindringling löste sich von dem umge- stürzten Tisch und schlurfte mit beiden Armen vor den Augen auf den zweiten Kerzenständer zu. »Wir müssen die restlichen Kerzen retten!«, gellte, Kühn. Er und Bernard preschten die Treppe hinab. Bernard war mit ein paar gewaltigen, ungestümen, die Knöchel gefährdenden Schritten als Erster ans Ziel ge- langt, vollführte einen aufsehenerregenden Hechtsprung und bohrte sein Rapier in die Achselhöhle seitlich des Brustharnischs des toten Mannes. Nur hielt es dort nicht inne. Schwert und Klinge fegten gemeinsam mitten durch die rauchschwadenartige Gestalt hindurch. Bernard traf mit dem Bauch voran auf dem Boden auf und rutschte an Sir Richey und dem Ungeheuer vorbei, das auf ihn ein- hieb. Wie vom Donner gerührt blieb er liegen. Sein hel- denhafter Einsatz war umsonst gewesen, denn der Leich- nam, den er angegriffen hatte, war neben dem Kerzen- ständer fast zur Unsichtbarkeit verblasst. Oben flogen Türen auf. Leider trug das Licht, das aus den Zimmern fiel, wenig dazu bei, die tödliche Finsternis im Erdgeschoss zu erhellen. Kühn bezog unter dem verbliebenen Kerzenständer Stellung und erwehrte sich der Bemühungen des zweiten Schemens, ihn zu erdrosseln, bis er erkannte, dass die Erscheinung ihm nichts anhaben konnte. Ein dritter Ein- dringling schlurfte vollkommen in einen schweren Tep- pich gehüllt aus den Küchen herein. Kühn wartete, bis das Ungeheuer nah genug war, dann griff er an und bohr- te Quietus durch den Teppich, bis er spürte, wie die Waf- fe gegen einen stählernen Brustharnisch prallte. Sein Gegner rächte sich, indem er den Teppich über ihn stülp-, te und ihn anrempelte. Kühn wurde vom Gewicht eines großen Mannes in Halbrüstung rücklings von den Beinen gerissen, als er aber auf dem Marmorboden aufschlug, lastete nur mehr der Teppich auf ihm. Hastig befreite er sich davon. Mittlerweile umschwirr- ten ihn zwei Gespenster, die ihn mit ähnlichem Erfolg zu verletzen versuchten, der ihm bei einem Kampf gegen Nebelschwaden beschieden gewesen wäre. Von oben brüllten Stimmen, dass Hilfe unterwegs sei. Drüben in den Schatten lag Richey augenscheinlich tot auf dem Rücken. Bernard setzte sich auf. Der erste Frei- sasse ließ die Hellebarde auf ihn herabsausen. Behände rollte Bernard sich zur Seite. Stahl prallte klirrend auf die Stelle, an der er gesessen hatte. Durch das Ausweichma- növer war Bernard in Reichweite seines Rapiers Blitz- schlag gelangt. Zwar gelang es ihn, das Heft zu ergrei- fen, doch er kam etwas zu langsam auf die Beine. Erst halb im Gleichgewicht wehrte er die Hellebarde mit der linken Hand ab und trieb Blitzschlag so heftig durch den Leichnam, dass zwei Drittel der Waffe am Rücken hin- ausragten. Jedem lebenden Gegner hätte der Hieb den Garaus gemacht, dieser hingegen schenkte ihm keine Be- achtung und ließ sich auf Bernard fallen. Gemeinsam gingen sie zu Boden, wobei der Untote die Hände nach der Kehle des Jungen ausstreckte. Dann traf Kühn bei ihm ein und schwang Quietus wie ein Breitschwert. Gleich einem Scharfrichter schlug er dem Ding mit einem Hieb den Kopf ab. Der behelmte, Schädel kullerte klirrend über den Boden, was dem ent- haupteten Körper, der den Jungen unvermindert mit bei- den Händen würgte, jedoch einerlei schien. Das dritte Gespenst ging die Treppe empor, zunächst huschend wie im Wind treibende Asche, dann langsamer und fester, als es in die Dunkelheit geriet. Aragon und der fettleibige Baron kamen dem Schemen mit gezückten Kerzen und Laternen entgegen, wodurch er sich wieder in einen harmlosen, flackernden Schatten verwandelte. Kühn bemühte sich verzweifelt, Bernard aus dem Würgegriff zu befreien und bearbeitete die Arme des Ungeheuers. Einen hatte er beinahe durchtrennt, als er zu Boden geschleudert wurde. Als er aufblickte, sah er den Leichnam mit dem Dolch im Auge. Das Ding trat mit dem schweren Stiefel nach ihm. Kühn versuchte, sich wegzurollen, aber sein Angreifer folgte ihm und traf ihn mehrere Male mit knochenbrecherischer Wucht. Kühne konnte nicht mehr atmen; er war so gut wie tot. Dann eilten Aragon und Baron von Fader mit ihren Lichtern herbei, die den Untoten wieder zu Rauchschwa- den verblassen ließen. »Rasch!«, brüllte der Baron. Mit dem weiten, weißen Nachtgewand um den fülligen Leib und den ebenso wei- ßen Haar- und Bartbüscheln, die in alle Richtungen sta- ken, war er selbst eine furchteinflößende Erscheinung. »Bevor sie entkommen! Wir müssen die Schattengestal- ten hier bannen. Kommt, kommt!« »Bernard?«, krächzte Kühn und rang ob der Schmer-, zen in seinen Rippen nach Luft. »Bernard ist tot!«, brüllte Aragon. »Kannst du lau- fen?« Er hatte beide Hände voller Laternen, trug vier Stück. »Schnell, schnell, schnell!«, drängte der Baron mit sei- ner schrillen Stimme. »Sie entkommen. Sie werden den Palast angreifen! Beeilt euch!« Bernard begann, sich aufzurichten, die Augen aus- druckslos wie weiße Kiesel. Kühn mühte sich auf die Beine und hob Quietus auf. Zwischen den beiden ande- ren Männern wankte er zurück zur Treppe. Die Schatten- gestalten folgten ihnen, fünf bedrohliche, kaum sichtbare Schemen am Rand des Lichts, einer davon kopflos. Der Großherzog in seinem schweren, roten Gewand versuchte, den noch heilen Kerzenständer zu kippen. Sei- ne beiden Diener eilten halbnackt mit noch mehr Licht herbei. »Halt!«, schrie Kühn. »Nein!«, widersprach der Baron. »Dieses Ding muss weg.« Damit warf er sein erhebliches Gewicht in die Wagschale. Der Kerzenständer erbebte. Doch erst, als Aragon mithalf, kippte und stürzte er, schlug mit dem Lärm eines herabfallenden Schmiedehammers auf dem Boden auf. Die meisten Kerzen erloschen, die übrigen trat der Baron in einem absonderlichen Tanz aus, wäh- rend er gleichzeitig seine verästelten Kerzenhalter schwenkte und Gefahr lief, sich selbst in Brand zu ste- cken. Dann hasteten die sechs lebendigen Männer zu-, sammen die Treppe hinauf, überließen das Erdgeschoss der Dunkelheit und den Toten. Sie drängten sich in das Herzogsgemach und schlugen die Tür zu. Der Baron ließ sich auf einen Stuhl fallen, der darauf besorgniserregend knarrte. Der Großherzog warf sich aufs Bett und vergrub das Gesicht in den Laken. »Wir müssen den Palast warnen«, flüsterte Kühn ein- dringlich. In seiner geschundenen Brust loderte der Schmerz. »Nein, schon gut!«, erklärte Baron von Fader, der nach der Anstrengung deutlich schnaufte. »Schattenher- ren sind in der Dunkelheit zwar tödlich, andererseits kön- nen sie dann nicht durch Wände gelangen.« »Können sie nicht einfach die Türen öffnen und hi- nauslaufen?«, fragte Aragon. Der fettleibige Mann zuckte mit den Schultern. »Ich hoffe, das tun sie nicht. Sie wollen uns und werden in unserer Nähe bleiben. Wenn natürlich jemand anders kommt oder zu nahe am Haus vorbeigeht… dann könnte es schon sein. Jedenfalls werden sie beim ersten Tages- licht sterben.« Richey war tot. Bernard war tot. Und Kühn wünschte, er wäre es. Schwester Trudy würde allein frühstücken müssen., IN MORGENDLICHER

LUFT

, »Herein!«, rief Großmeister. Sir Tancred tat, wie ihm geheißen und schloss die schwere Tür hinter sich, wobei er sich mit der katzen- gleichen Anmut eines Fechters ersten Ranges bewegte. Er hatte die schlammverspritzten Reisegewänder gegen eine frische, adrette Livree getauscht, und niemand konn- te ihm mehr ansehen, dass er den Großteil eines Tages und einer Nacht auf dem Rücken eines Pferdes verbracht hatte. Sein silbernes Bandelier kennzeichnete ihn als Stellvertretenden Befehlshaber der Königlichen Garde; und seine Anwesenheit hier in Eisenburg, fern der Hauptstadt Grandon, wo der König sich aufhielt, ließ er- ahnen, dass etwas schwer außer Ordnung geraten war. »Alle im Bett?«, erkundigte Großmeister sich trocken. »Meine Schützlinge schon. Eure beiden stehen sich gegenseitig beim Anziehen im Weg.« Tancreds dünnes Lächeln war eine Höflichkeit und vermochte nicht, über die darunter schwelende Sorge hinwegzutäuschen. »Es sei denn, sie sind zu dem Schluss gekommen, es war bloß ein Albtraum, und haben sich wieder schlafen ge- legt.« Großmeister grunzte nur und drehte sich um, starrte aus dem Fenster auf den ersten Schimmer der Morgenrö- te auf der wilden Landschaft von Kahlmoor. Die Kälte des frühen Morgens kroch ihm in die Knochen, ließ ihn, schaudern und den Umhang enger um sich ziehen, dabei war es in seinem Arbeitszimmer noch warm von der Hit- ze des vorigen Tages. Tancred trug nicht einmal einen Umhang über dem Wams, und dieser Beweis jugendli- chen Schneids vermittelte Großmeister das Gefühl, alt zu sein. Fürst Roland war auch alt, wenngleich er es sogar sich selbst gegenüber nur sehen eingestehen musste. Er war zu alt, um mitten in der Nacht aus dem Bett gezerrt zu werden, zu alt, um sich unerwarteter, unwillkomme- ner Besucher anzunehmen und zu alt, ein gewaltiges Problem zu bewältigen, das ein Narr von einem König geschaffen hatte. »Ich bedaure, dass ich solchen Arger bringe«, sagte Tancred kleinlaut. Es war die erste Gelegenheit, die sie für ein Gespräch unter vier Augen hatten. »Ist nicht Eure Schuld.« Es war Großmeisters Schuld. Ja, der König handelte gänzlich unvernünftig, und der Befehlshaber der Königlichen Garde war ein alter Schwarzseher, aber die Verantwortung lag bei Großmeis- ter. Wenn es seine Pflicht war, unmittelbare Befehle sei- nes Herrschers zu verweigern, sollte er bereit sein, es zu tun und die Folgen hinzunehmen. Es waren Schuldgefüh- le, die an jenem Morgen an ihm nagten, nicht das Alter. In einem langen Leben im Dienst des Reichs hatte er sich noch selten so sehr wie ein Versager gefühlt. »Wie viele warme Leiber erwartet Seine Majestät denn genau von mir?« »Ich bitte um Verzeihung … die Vollmacht.« Sir Tan-, cred trat näher, um das unheilvolle Schriftstück zu über- reichen, einen einzelnen Bogen Papier, der über zahlrei- che junge Leben zu verfügen vermochte. »Er hat die An- zahl freigelassen. Mindestens einen, soll ich Euch aus- richten, aber er weiß, dass es Euch widerstrebt, weniger als drei private Klingen gleichzeitig zuzuweisen. Höchs- tens drei, hat er gemeint.« »Wie rücksichtsvoll von ihm! Und so bald wie mög- lich, nehme ich an? Flugs die Schwerter durch die Her- zen der Jungen und dann bis spätestens um diese Zeit morgen ab auf das erste Schiff, das außer Landes se- gelt?« »Sogar noch eher!« Sir Tancred lächelte, wenngleich er bestürzt darüber sein musste, derart höhnische Worte aus dem Mund eines Mannes zu vernehmen, der berühmt für sein Feingefühl war. Was für ein Querkopf von einem König! Athelgar wusste haargenau, dass in Eisenburg keine Jungen bereit- standen, die in den Rang der Klingen aufgenommen wer- den konnten, denn er hatte erst vor zwei Wochen seine halbjährliche Wallfahrt zur Schule angetreten, um den jüngsten Schwung Altgedienter zu ernten, sie mit dem uralten, geheimnisvollen Ritual zu uneingeschränkter Treue zu binden. Ursprünglich wollte Großmeister sechs Anwärter freigeben und ließ widerwillig drei weitere zie- hen, um Sir Florian zufrieden zu stellen, der bestrebt war, die Kopfzahl der Königlichen Garde zu erhöhen. Der Be- fehlshaber davor, Sir Ungestüm, hatte es vorgezogen, die, Garde schlank zu halten – so wie Großmeister selbst in seiner Zeit als Anführer vor mittlerweile vierzig Jahren. Florian sah in größerer Anzahl erhöhte Sicherheit, was sein Vorrecht als Befehlshaber war. Doch dann, nur eine Woche darauf, hatte der König aus einer Laune heraus beschlossen, einen neuen Bot- schafter für Baelmark einzusetzen. Der unglückselige Bursche, ein gewisser Fürst Baxterbrück, war mit einer Vollmacht für drei Klingen in Eisenburg eingetroffen. Schon damals hätte Großmeister aufbegehren müssen, doch wie konnte er einen Mann dazu verdammen, ohne ausreichenden Schutz in jene Brutstätte blutrünstiger Pi- raten zu reisen? In Baelmark war diplomatische Immuni- tät nichts wert. Dort zählten nur Stahl und das Geschick im Umgang damit, außerdem endete die Jagdzeit auf Botschafter nie. Und so hatte Großmeister entgegen sei- nem besseren Wissen drei weitere Anwärter freigegeben. Und heute wieder eine Vollmacht. Es dauerte fünf Jah- re, um einen verstoßenen, aufsässigen Knaben in eine Klinge zu verwandeln, und selbst Primus Raunzer war erst seit weniger als vier Jahren in der Schule. Seit den schlimmsten Tagen des Monsterkriegs vor vierzig Jahren hatte in Eisenburg kein derartiger Notstand an ausgebil- deten, fähigen Altgedienten mehr geherrscht. »Im Adlerzimmer sah es etwas karg aus«, meinte Tan- cred süßsauer. Das Adlerzimmer war ein Schlafsaal mit einem Dut- zend Betten und nur drei Bewohnern – Raunzer, Ring-, wald und Gutsieg. Zwei der Jungen waren noch keine ganze Woche dort untergebracht. Noch vor wenigen Au- genblicken hatte Großmeister in Selbstmitleid ge- schwelgt, weil er um den Schlaf einer halben Nacht ge- bracht worden war. Wie viel schlimmer musste das Er- wachen an jenem Morgen für Raunzer gewesen sein, der vom Stellvertretenden Befehlshaber wachgerüttelt wor- den war! Er musste sofort gewusst haben, dass sein Auf- enthalt in Eisenburg damit ebenso zu Ende war wie die Zeit des Erwachsenwerdens. Ringwald durfte noch hof- fen, dass er nicht benötigt würde, doch beide Jungen hat- ten sich durchaus begründet auf ein weiteres Jahr der Si- cherheit und des Unterrichts gefreut, um persönlich und körperlich zu reifen und die tödlichen Fähigkeiten zu vervollkommnen, die sie als Klingen brauchen würden. All das stand ihnen zu, und Großmeister hatte sie im Stich gelassen. Dann wurde ihm klar, dass Tancreds Bemerkung ei- gentlich eine Frage über Anwärter Glockmann gewesen war, der ihn nun wirklich nichts anging. Glockmann war ein anderes Problem, doch dieses Ungemach stand in kei- nerlei Zusammenhang mit ihm. »Gutsieg ist nicht aufgewacht?«, fragte Großmeister. »Als ich ging, hat er noch geschnarcht.« Nach einer Weile brach Fürst Rolands Zorn erneut durch. »Sagt, Stellvertreter, wurde Anführer bei dieser Voll- macht nicht um Rat gefragt? Hat er Seine Majestät nicht, daran erinnert, dass in Eisenburg derzeit keine Anwärter zur Bindung bereit sind?« Tancred wand sich und mied den Blick seines Gegen- übers. »Ich bin sicher, das hat er, denn ich wurde losge- schickt, um Euren jüngsten Bericht über die Anwärter zu holen. Was Ihr über Raunzer geschrieben habt…« »Ich weiß, was ich über Raunzer geschrieben habe! Noch bin ich nicht ganz verkalkt, vielen Dank.« Ich habe Anwärter Raunzer zu den Altgedienten befördert. Er ist körperlich reif und zeigt vielversprechende Ansätze mit schwereren Waffen. Seine Reitkünste sind überdurch- schnittlich. Nichts über seinen Umgang mit dem Rapier oder seine gesellschaftlichen Fähigkeiten, die nicht vor- handen waren. Auch nichts über seinen Verstand. »Hat Seine Majestät denn noch nie davon gehört, dass faden- scheiniges Lob in Wahrheit eine schlechte Beurteilung ist? Hat Anführer ihn nicht darauf hingewiesen, dass in der Klasse der Altgedienten noch ein Dutzend Jungen vor Raunzer waren und er noch ein volles Jahr der Aus- bildung vor sich hatte, als ich diese Zeilen schrieb? Hat er ihm nicht erklärt, dass es wesentlich mehr als überra- gender Fechtkunst bedarf, um eine Klinge zu sein?« Tak- tisches Denken? Politischer Durchblick? Zusammenar- beit mit anderen? »Anführer muss doch gewusst haben, was meine Worte über Raunzer durchklingen ließen: Dass ihm ein Schicksal als unscheinbares Gesicht in den Rängen vorherbestimmt ist, als Befehlsempfänger, nicht als Anführer einer privaten Garde, von dem erwartet, wird, dass er Entscheidungen trifft und die Treue seiner Untergebenen erringt!« »Ich war nicht anwesend, als Anführer Seine Majestät beraten hat«, erklärte Tancred kurz angebunden. »Meine Meinung wurde nicht eingeholt.« »Und freiwillig habt Ihr sie wohl auch nicht kundge- tan, vermute ich!«, herrschte Großmeister ihn an. Ein guter Befehlshaber musste seinem König manch- mal widersprechen. In der langen Geschichte der Klinge hatte es Fälle gegeben, in denen der Herrscher von der Garde regelrecht entführt worden war, um ihn in Sicher- heit zu bringen. Als Großmeister noch Befehlshaber Du- rendal gewesen war, hatte er mit König Ambrose einige hitzige Wortgefechte ausgetragen. Auch Sir Ungestüm hatte Athelgar die Stirn geboten, wenn es sein musste. Womöglich hatte der König deshalb einen Jasager zu dessen Nachfolger erkoren. Nein, das war ein zu hartes Urteil über Florian. Mit der Zeit würde er noch dazuler- nen, aber bis dahin würden vielleicht andere für seine Lektionen bezahlen. Raunzers Zulassung zur Schule war eine knappe An- gelegenheit gewesen. Großmeister hatte einen Fehler be- gangen, indem er ihn aufnahm. Der Zufall hatte einen kleinen Irrtum in eine große Katastrophe verwandelt. Wieder klopfte es – unnötig heftig – an die Tür. »Herein!« Großmeister drehte sich um und zwang sich, zwei verängstigte Antlitze mit einem Lächeln zu begrüßen. »Guten Tag, meine Herren. Ich vermute, ihr, ahnt den Grund für dieses unerwartete Treffen.« Der traditionelle Wortlaut war: Seine Majestät braucht eine Klinge. Seid ihr bereit zu dienen? Und nur eine Ant- wort war zulässig. Raunzers schlichte, störrische Züge waren von der Sommersonne gerötet, die sein sonst rotblondes Haar flachsfarben gebleicht hatte. Mit neunzehn Jahren war er für eine Klinge recht stämmig, aber seine Kraft und Be- händigkeit gingen mit den Umgangsformen eines Schwamms einher. Beliebtheit war oft ein zuverlässiges Zeichen für die Möglichkeiten eines Jungen. Die besten Klingen, die Eisenburg je hervorgebracht hatte – Männer wie zum Beispiel Beaumont, Turmfalke oder Ivor – wur- den fast ausnahmslos von den Jungspunden verehrt, die ihnen nachfolgten. Raunzer hingegen hatten seine spitze Zunge und sein derber, bisweilen sogar grausamer Sinn für Humor herzlich wenige Freunde beschert. Ringwald verkörperte das genaue Gegenteil: Er war liebenswert, oft geistreich, dunkel, schlank und besaß ausdrucksstarke, feingeschnittene und gutaussehende Züge. Als Sekundus war er für Disziplin verantwortlich und hatte in den letzten paar Tagen trotz seiner Jugend gute Ansätze erkennen lassen. Da ihm Raunzers Muskeln fehlten, bevorzugte er ein Rapier, mit dem er eine be- merkenswerte Geschwindigkeit entwickelte. Gäbe man ihm das zusätzliche Jahr, das er verdiente, mochte aus ihm einer der besten Fechter des Ordens werden, was gleichbedeutend mit ganz Euranien war. Und dennoch,, als er die Tür schloss, klemmte er sein Schwert darin ein. Großmeister wusste, dass er es unter den gegebenen Um- ständen niemals rechtfertigen konnte, ein bloßes Kind zu binden. Und auch Raunzer würde er nicht ins offene Messer laufen lassen, ohne ihn davor zu warnen, was ihn erwar- tete. »Macht es euch gemütlich«, forderte er die beiden auf und begab sich zu seinem Lieblingsstuhl am kalten Ka- min. »Das hier könnte länger als üblich dauern.« Im Gegensatz zu anderen Meistern und den angestaub- ten alten Rittern in Eisenburg war Fürst Roland aus ande- rer Quelle wohlhabend, wodurch er in der Lage gewesen war, sein Arbeitszimmer geschmackvoll und behaglich mit Stil und Kunstwerken einzurichten. Schließlich ging er davon aus, hier den Rest seines Lebens zu verbringen. Wenn er die Altgedienten an Winterabenden zum Strate- gieunterricht zusammenrief – sofern es Altgediente zum Zusammenrufen gab –, war die zweitbeste Sitzgelegen- heit, ein blauer Lederstuhl, traditionell dem Primus vor- behalten. Nun hielt Raunzer geradewegs darauf zu, ver- mutlich weil er dachte, dies würde seine einzige Gele- genheit werden, dort Platz zu nehmen. Der Anstand hätte geboten, dass er ihn dem Stellvertretenden Befehlshaber überließ. Dennoch tadelte Großmeister ihn nicht. In diesem Sa- lat verbargen sich weit schlimmere Würmer als schlechte Manieren. »Sir Tancred und zehn weitere Mitglieder der, Garde sind vor wenigen Stunden als Begleitung eines erlauchten Gastes eingetroffen. Würdet Ihr uns die Besu- cher bitte nennen, Stellvertreter?« »Ihro Gnaden, der Großherzog Rubin von Krupina, Baron …« »Krup… wie? Wo liegt denn das?«, fiel Raunzer ihm ins Wort. »Ist nicht meine Aufgabe, das zu wissen«, entgegnete Tancred schlagfertig – eine gute Riposte, aus der sprach, dass es demnächst Raunzers Aufgabe sein würde. »Er reist in Begleitung seines Adjutanten, Baron von Fader. Der hohe Herr zieht es vor, als ›Königliche Hoheit‹ an- gesprochen zu werden, der König aber bezeichnet ihn als ›Ihro Gnaden‹, drum nennt man ihn am Hof auch so. Er ist ein entfernter Verwandter des Piratensohns.« »Ist nichts verkehrt an ›Ihro Gnaden‹«, meinte Raun- zer. »Wir verwendend für den Piratensohn.« »Primus!«, herrschte Großmeister ihn an. »Die Garde darf auf diese respektlose Weise von unserem Herrscher sprechen. Dir steht dieses Vorrecht nicht zu.« Und würde es auch nie. Raunzer setzte eine finstere Miene auf. »Ich bitte um Verzeihung, Großmeister.« »Und hättest du beim Protokollunterricht aufgepasst, wüsstest du, dass man stets mit ›Eure Majestät‹ beginnt. Erst danach ist ›Majestät‹ oder ›Ihro Gnaden‹ zulässig.« »Ja, Großmeister.« »Fahrt fort, Stellvertreter.«, Tancred lehnte sich auf seinem minderwertigen Stuhl zurück und schlug die ausgestreckten Beine übereinan- der. »Wo immer Krupina liegen mag oder wie man den hochwohlgeborenen Herrn auch bezeichnen mag, er wurde von seinem Onkel, Fürst Volpe, gestürzt. Seither grast er die Höfe Euraniens ab, um Unterstützung dafür zu finden, seinen Thron zurückzuerobern. Oder zumin- dest seine Frau und sein Kind zu retten. Anscheinend bis- lang ohne Erfolg.« Ringwald und Raunzer tauschten bestürzte Blicke. In Eisenburg galt die Aufnahme in die Garde als das große Los, denn Gardisten weilten in königlichen Palästen und wurden nach etwa zehn Jahren zum Ritter geschlagen und entlassen. Eine private Klinge blieb gebunden, bis entweder sie oder ihr Mündel starb. Daher zählte es als abgeschlagener Trostpreis, an jemand anders als den Kö- nig gebunden zu werden. Ein entthronter, mittelloser A- deliger aus einem winzigen, fremden Herzogtum, von dem noch kein Mensch gehört hatte, würde in keinem Verzeichnis erstrebenswerter Mündel aufscheinen. Großmeister gab ihnen einen Augenblick Zeit, dies zu verdauen, ehe er hinzufügte: »Ich fürchte, es gibt noch schlimmere Neuigkeiten als das, Primus. Stellvertreter, würdet Ihr bitte die Ereignisse von vor zwei Nächten zu- sammenfassen?« Tancreds Miene verdüsterte sich. »Schlimme Ereignis- se. Der Thronräuber Volpe ist selbst ein begabter Geis- terbeschwörer und befehligt zahlreiche weitere. Er sendet, böse Zauber gegen den Großherzog. Ich bringe bei die- sem Besuch zwei Schwerter zurück, Primus. In der Nacht vor der vorigen wurde Ihro Gnaden im Palast Sorglos angegriffen. Fünf Männer starben dabei, drei Hoffreisas- sen und zwei Klingen. Sir Richey und Sir Bernard.« Bestürzung verwandelte sich in Grauen. Richey kann- ten sie nur als Mitglied der Garde, Bernard aber war ei- ner der ihren gewesen. Noch vor zwei Wochen hatte er mit ihnen gefochten, war durch die Hallen gewandert, hatte am Altgediententisch gegessen. Während Großmeister zum zweiten Mal einem Bericht der Katastrophe lauschte, plante er seine Antwort auf das lächerliche Verlangen des Königs. Raunzer wäre niemals Großmeisters Wahl für den Primus gewesen, der ein Mu- sterbeispiel für die anderen Jungen verkörpern sollte. Al- lein der Umstand, dass er am längsten hier war, hatte ihn in diese Zwangslage gebracht. Großmeister konnte sich zwar nicht dazu durchringen, ihn zu mögen, trotzdem tat er ihm Leid. Sein jugendliches Antlitz war aschfahl, während er der Schilderung von den wandelnden Toten und den Morden im Palast Sorglos lauschte. Natürlich würde Raunzer die Bindung verweigern. Er wäre wahnsinnig, einer solchen Zuteilung zuzustimmen. Nach den Regeln musste die Frage danach an Sekun- dus gerichtet werden, weshalb der Sekundus anwesend zu sein hatte. Weigerte auch er sich, ging der Vorgang weiter, bis ein Anwärter annahm. Doch Großmeister hat- te keineswegs vor, einen so jungen Burschen wie Ring-, wald zu binden. Raunzer musste er opfern, aber danach würde er diesem unfähigen Großherzog mitteilen, dass keine geeigneten Anwärter zur Verfügung stünden und den Mann mit Tancred zurück in den Sorglos-Palast schicken. Selbstverständlich musste Großmeister gleich- zeitig seinen Rücktritt einreichen, danach konnte Athel- gar entscheiden, was mit ihm geschehen sollte. Es wäre nicht das erste Mal, dass Fürst Roland ein Verlies der Bastion von innen kennen gelernt hatte, auch wäre seine Laufbahn nicht die erste, die in Schimpf und Schande endete. Tancred war fast fertig. »Gestern früh fand man die fünf Leichen auf einem Haufen im finstersten Winkel der Halle, wo sie vor dem Licht des Morgengrauens Zuflucht gesucht hatten. Zwei Klingen und drei Hoffreisassen. Der Baron meinte, wir hätten Glück, dass es im Quamast- Haus keinen Keller gab. Schattenherren aus Kellern zu vertreiben, sei so gut wie unmöglich, sagt er. Irgendwel- che Fragen?« Raunzers Gesichtsausdruck glich dem eines Toten- schädels. »Und Ihr sagt, das war nicht der erste Angriff?« »Anscheinend der vierte oder fünfte, seit der Großher- zog aus Krupina floh. Wenngleich nicht alle mit densel- ben Mitteln erfolgten.« »Und er hat niemanden gewarnt?« Verkniffen nickte Tancred. »Doch, hat er. Er hat den König davor gewarnt, dass weitere Angriffe folgen könn- ten. Der König wiederum hat Anführer gewarnt. Und, Anführer mich. Ich habe meinerseits Sir Gefahr und Sir Kühn gewarnt. Irgendwo entlang der Befehlskette hat sich die Warnung verwaschen, Primus.« »Verwaschen?«, knurrte Raunzer. »Was zum Pferde- apfel soll das denn heißen?« Mühevoll hielt der stellvertretende Befehlshaber an sich. »Das bedeutet, dass es Nachforschungen geben und jeder Dreck über das scharren wird, was er weggelassen hat. Letzten Endes wird niemandem die Schuld zuge- schoben. Es war auch niemandes Schuld! Erstens tau- chen diese Schattenherren nur in äußerst dunklen Näch- ten auf, die wir im Sommer selten haben. Zweitens ist es ein sehr weiter Weg nach Krupina, und welche üble He- xerei auch im Spiel ist, sie muss dort ihren Ursprung ha- ben. Drittens sind sie bei hellem Licht ungefährlich. Ich bin sicher, der Großherzog selbst hat die Gefahr ver- harmlost, weil er Zuflucht suchte. Vielleicht hat ihm je- mand nur halbherzig zugehört oder es nicht richtig wei- tergegeben. Bei den Geistern, Raunzer! Glaubst du etwa, es freut mich, dass zwei Männer auf diese Weise sterben mussten? Mir ist zum Heulen zumute. Wir leben in einer verdammt unvollkommenen Welt.« Stille. Raunzer warf einen entsetzten Blick zu Großmeister. Da nahte sie also, die schreckliche Entscheidung. Noch gestern war er als Primus durch Eisenburg stolziert und hatte den Jungspunden gegenüber den hohen Herrn ge- spielt. Nun war seine Welt zu Staub zerfallen., »Primus«, ergriff Durendal das Wort, »unser Orden wird selten in militärische Belange verwickelt. Dieser Fall ist außergewöhnlich, weil Seine Majestät und Groß- herzog Rubin entfernte Vettern sind. Es bekümmert den König, dass ein Mitglied seiner Familie in solcher Gefahr schwebt. Deshalb hat er ihm Hilfe und Schutz angebo- ten.« Wahrscheinlicher hatte es ihm die naseweise Köni- gin Tascha eingeredet, denn Athelgar ließ sich selten von Großmut leiten. »Ich weiß, dass du noch nicht in Außenpolitik unter- wiesen wurdest.« Diesen Unterricht verpasste Protokoll- meisterden Altgedienten im Zwölftmond. »Folglich hast du noch nicht von Fürst Volpe gehört, dem Oberhaupt der Vamky-Bruderschaft. Ich schon. Er befehligt nicht nur Furcht erregende Hexer, sondern gilt selbst als einer der größten Krieger Euraniens. Ich sage das der Gerech- tigkeit halber. Seit elf Jahren bin ich Großmeister. Schon davor waren die Klingen mittelbar oder unmittelbar mein Leben, seit ich vierzehn Jahre alt war. Ich gebe zu, dass ich noch nie von einem Mann gehört habe, dem ein här- terer Posten als dieser angeboten wurde, aber unser Kö- nig hat einen Befehl erteilt, und wir alle müssen unsere Pflicht erfüllen. Du musst wissen, das hat überhaupt nichts mit persön- lichen Gründen zu tun. Ich kann nicht wählen. Nicht ein- mal Seine Majestät kann das. Aus eben diesem Grund beharrt unsere Charta darauf, dass jeder Anwärter Eisen- burg in der Reihenfolge verlässt, in der er aufgenommen, wurde. Allein die launischen Elemente des Zufalls haben dir und nicht jemand anders diese Bürde auferlegt.« Seufzend erhob sich Großmeister. Ringwald sprang sogleich auf, einen Lidschlag später tat Raunzer es ihm gleich. Tancred blieb, wo er war, und beobachtete das Geschehen mit verdrießlicher Miene. »Primus, Seine Majestät braucht eine Klinge. Bist du bereit zu dienen?« Raunzer leckte sich über die Lippen. »Habe ich denn eine Wahl?« Seine Stimme ertönte als heiseres Krächzen. »Die Regeln wurden dir mitgeteilt, als du hier einge- troffen bist«, gab Großmeister frostig zurück. »Du hast vier Jahre lang das Brot des Königs gegessen. Er hat dir Zuflucht und die weitbeste Fechtausbildung gewährt, ganz zu schweigen vom Schutz vor den Gerichtsverfah- ren, die dir drohten. Nun erwartet er, dass du deinen Teil der Abmachung erfüllst.« Er bietet dir einen unmögli- chen Posten an. »Oder ich werde im Moor ausgesetzt?« So lautete das offizielle Los für Aussteiger. In Wahr- heit war der Verweis von der Schule keineswegs die To- desstrafe, die es schien, wie Raunzer sehr wohl wissen musste. Früher oder später würde ihn der Karren eines Lebensmittelhändlers auf der Straße auflesen und nach Schwarzwasser oder Narby mitnehmen. Aber er wäre für immerdar ein Mann ohne Herr, ein Ausgestoßener Ei- senburgs, und jeder wusste, was für Knaben überhaupt erst in die Schule aufgenommen wurden. In Raunzers, Zukunft würde es keine Tänze bei Hofbällen geben. Das Beste, worauf er hoffen durfte, war ein Leben als Stall- bursche. Aber Pferdebesitzer waren stets auf der Hut vor Dieben, deshalb war Seemann, Bergarbeiter oder Ge- höftknecht ein wahrscheinlicheres Los. Raunzer schaute zu dem gleichermaßen fahlen Ring- wald, der stocksteif neben ihm stand. »Wieviele? Nur ich oder wir beide?« Einzelne Klingen verloren häufig den Verstand bei dem Versuch, ihre Mündel vierundzwanzig Stunden am Tag zu beschützen. »Ich werde diese Frage erst beantworten, wenn du meine beantwortet hast«, gab Großmeister zurück. »Soll ich sie erneut stellen oder dein Schweigen als Weigerung auffassen?« Dies kam einer Folter gleich, und er hasste es; aber zum ersten Mal war er gezwungen, nach den Re- geln zu spielen. Strategie, Regel eins: Das wahrscheinlichste Ergebnis jedes Plans ist der völlige Zusammenbruch. Mit kleinlauter Stimme meldete Ringwald sich zu Wort: »Falls Großmeister mich auch fragt, Primus, unab- hängig davon, ob du annimmst oder nicht… Ich will nur, dass du weißt, ich werde einwilligen.« Nach dieser kleinen Ansprache hätte Raunzer allen Grund gehabt, seinem Gefährten um den Hals zu fallen und ihm Tränen der Dankbarkeit in den Kragen zu heu- len. Statt dessen kräuselte er verächtlich die Lippen. »Schon klar, dass du das sagst! Wenn ich mich weigere, fragt er dich auf jeden Fall. Wenn ich annehme, braucht, er dich vielleicht, vielleicht aber auch nicht, jedenfalls wärst du dann zumindest einer von zweien, nicht wahr?« Ringwald zuckte mit den Schultern. »Ich schätze schon. Aber das habe ich nicht gemeint.« »Primus, Seine Majestät braucht eine Klinge. Bist du bereit zu dienen?« Raunzer schluckte mühsam. »Ich werde dienen«, flüs- terte er. Tancred sprang auf und klopfte ihm auf die Schulter. »Bravo!« Um ein Haar hätte der verdutzte Großmeister ihn an- gebrüllt. Hast du denn nicht zugehört, du junger Tor? Ich habe dir erklärt, dass deine Aufgabe Selbstmord gleich- kommt! Statt dessen aber sagte er: »Gut gemacht! Sehr gut! Das ist eine der mutigsten Entscheidungen, von de- nen ich je gehört habe. Ich hatte nicht erwartet, dass du annehmen würdest.« Damit streckte er ihm die Hand ent- gegen. Raunzer schenkte ihr keine Beachtung. »Ich bin bloß dämlich!« Selbst wenn dem so war, würde sich nun doch keine Kerkertür hinter Großmeister schließen. Trotz all seiner gegenteiligen Bemühungen hatte er die Klinge, die der König verlangte. Damit war das Problem gelöst. Nur, dass Ringwald sich nachgerade freiwillig gemel- det hatte. Alle Augen hefteten sich auf ihn. Zwar würde niemand im Zimmer dem König petzen, sollte Großmeis- ter sein Angebot ausschlagen, aber er bestand seit seiner, eigenen, schauderhaften Erfahrung als private Klinge darauf, dass drei Männer das notwendige Mindestmaß für eine private Garde darstellten. Selbst zwei waren un- endlich viel besser als einer. Er schuldete Raunzer einen Gefährten. Ringwald wartete wie ein Hund, der an der Leine zerrt, mit leuchtenden Augen auf die Frage. Er war zu jung, um eine solche Entscheidung zu tref- fen. »Sekundus … das ist jetzt schwierig. Weil bei uns im Augenblick ein solcher Mangel an Altgedienten herrscht, hat Seine Majestät es mir überlassen, ob ich dem Groß- herzog eine oder zwei Klingen zuteile. Ich weiß dein be- herztes Angebot durchaus zu schätzen, aber es ist nicht nötig. Falls du es zurückziehen möchtest, kannst du hier bleiben und als …« »Das ist ungerecht!«, heulte Raunzer auf. »Warum soll er die Wahl haben und ich nicht?« »Schweig still! Er hat versucht, dir zu helfen, und du hast ihn zum Dank beleidigt. Er bekommt die Wahl, weil ich sie in seinem Fall anbieten kann. In deinem konnte ich das nicht.« Großmeister wandte sich wieder Ring- wald zu und sah Bestürzung. »Anwärter, dies ist eine au- ßergewöhnlich schwierige und gefährliche Zuteilung.« »Schattenherren?« Der Junge lief rot an. »Ich fürchte mich nicht vor Schatten! Hätte man Bernard und den an- deren die Sache mit dem Licht gesagt, wären sie nicht gestorben!«, Schon richtig, aber was um alles in der Welt ging nur in seinem jungen Kopf vor? Fürst Roland spähte zu Tan- cred, der mit den Schultern zuckte, dann zum unglückli- chen Raunzer, der mit finsterer Miene sein Schicksal er- wartete. »Von den Schattenherren mal ganz abgesehen, hat der Herzog sein Herzogtum verloren. Er ist entthront. Mäch- tige Beschwörer versuchen, ihn zu töten. Du wärst zu einem Leben in der Verbannung gebunden. Bleib noch ein Jahr in Eisenburg, danach ist ein Posten in der König- lichen Garde ein wesentlich besserer Vorschlag, Junge.« »Bei allem Respekt, Großmeister«, entgegnete Ring- wald in schrillem und keineswegs respektvollem Tonfall. »Wie es sich anhört, braucht mich der Herzog dringen- der, als der König mich je brauchen wird. Vielleicht bin ich kein so guter Fechter, wie ich in einem Jahr sein könnte, trotzdem bin ich an jeder anderen Norm gemes- sen ein wahrer Dämon. Das hat mir Sir Bogenschütz ges- tern gesagt!« Er besaß zwar noch kein besonders ausge- prägtes Kinn, dennoch reckte er es trotzig vor. Zweifellos wären zwei halbausgebildete, halbunter- richtete Jungen ein besserer Schutz für den Herzog als einer. Großmeister hatte auch die Pflicht, den Ruf des Ordens selbst zu verteidigen, denn dieser Ruf war gleichbedeutend mit der ersten Verteidigungslinie. Allein dieser Ruf verhinderte nicht selten den Ausbruch eines Kampfes. Verbreitete sich die Kunde, dass manche Klin- gen unfähig wären, würden andere sich künftig mehr, Herausforderungen stellen müssen. »Na schön. Anwärter Ringwald, Seine Majestät braucht eine Klinge, aber wenn du diesen Posten nicht willst, kannst du ihn ablehnen.« Ringwald setzte ein breites Grinsen auf. »Ich werde dienen!« Es war beinahe ein Jubelschrei. »Danke, Herr.« »Tod und Feuer!«, stieß Tancred aus. »Du beschämst uns.« »Er ist wirklich unglaublich«, pflichtete Großmeister ihm bei. »Das gilt für beide. Ich bin sehr stolz auf euch. Ihr werdet der besten Tradition des Ordens gerecht!« Er streckte Ringwald die Hand entgegen, der sie mit strahlender Miene heftig schüttelte. »Das werde ich im- mer versuchen, Großmeister.« »Nur zwei?«, knurrte Raunzer. »Ihr habt uns immer eingebläut, zu einer Garde gehören drei. Warum gebt Ihr mir nicht auch Gutsieg?« Großmeister rang den Drang nieder, ihn anzuherr- schen. Er stand in der Schuld dieses Flegels, und die mindeste Gegenleistung war Geduld. »Gutsieg ist zu jung.« »Er ist einen Monat älter als der da.« »Ich weiß.« Großmeister überlegte, wie Gutsieg wohl als Primus zurechtkommen würde. Es musste an die zwanzig Anwärter geben, die älter waren als er. Und wie würde Eisenburg ohne fähige Altgediente zurechtkom- men, mit denen die Jungspunde brauchbar üben konnten? Gutsieg war ein besserer Fechter als Raunzer., »Euer künftiges Mündel ruht sich gerade aus, aber die Bindung findet heute Nacht statt, und dem Großherzog wurde mitgeteilt, dass zuvor meditiert werden muss. Ringwald, bitte such Waffenmeister und gib ihm Be- scheid. Ich glaube, er hat noch nicht einmal angefangen, ein Schwert für dich zu schmieden. Falls er die Esse braucht, finden wir einen anderen Ort, an dem ihr medi- tieren könnt. Raunzer, bitte überbring die Neuigkeiten unserem neuen Primus. Ich schlage vor, danach begebt ihr euch schnurstracks zur Esse, damit die Jungspunde euch nicht belästigen. Ich führe Ihro Gnaden später zu euch. Eisenburg wird sich an die Vorgabe des Königs halten, aber ihr zwei habt meine Erlaubnis, den Mann so anzureden, wie er es wünscht. Abschließend«, fügte Großmeister inbrünstig hinzu, »danke ich euch im Namen des Königs und beglückwün- sche euch nochmals zu eurem Mut und Pflichtgefühl.« Er brachte es nicht übers Herz, ihnen Glück zu wünschen. »Komm mit zu deinem Verhängnis, du Esel.« Damit ging Raunzer zur Tür voraus. Ringwald folgte ihm, aber auf halbem Weg hielt er in- ne und schaute unsicher zurück. »Großmeister? Ah … Anwärter Glockmann? …« »Kümmere dich um deine Angelegenheiten! Glock- mann geht dich nichts an.« »Ja, Großmeister. Tut mir Leid…« Damit verschwand Ringwald und zog die Tür hinter sich zu. Die Morgenglocke begann zu läuten. Erster Anwärter, Gutsieg würde aufwachen und feststellen, dass er allein war – von nun an eine ganze Weile, der arme Bursche. Sir Tancred musterte Großmeister mit schiefer, fra- gender Miene. Er sagte nicht: »Heute Morgen lacht Euch aber wahrlich das Glück, Herr!«, oder »Wie konntet Ihr das diesen armen Knaben nur antun?« Statt dessen mein- te er: »Glockmann ist noch hier? Ist die Heilung fehlge- schlagen?« Großmeister versengte ihn mit dem lodernden Blick, den er in seiner Zeit als Lordkanzler vervollkommnet hatte. Dieser Blick hatte noch bei jedem außer König Ambrose gewirkt, und er besaß immer noch die Macht, einen Stellvertretenden Befehlshaber zurückschrecken zu lassen. »Um die Rückgabe der Schwerter kümmern wir uns gleich nach dem Frühstücksmahl, Sir Tancred.« »Gewiss, Großmeister.«, Die Glocke läutete. Glockmann schlug die Augen auf. Rings um ihn brach der übliche Chor des Klagens los. Das Falkenzimmer war für gewöhnlich einer der Schlaf- säle der Altgedienten. Aber mittlerweile gab es in der Klasse der Flaumlinge zweiunddreißig Anwärter, und ihre eigenen Schlafsäle, das Leoparden- und das Luchs- zimmer, waren hoffnungslos überfüllt. Fortwährend wur- den Bartlose zu Flaumlingen befördert, aber niemand konnte zu den Altgedienten vorrücken, bevor Glockmann es tat. Und das würde Glockmann nie, denn die Beförde- rung beruhte so wie die Bindung auf der Dauer der An- wesenheit in der Schule und auf dem Fechtgeschick – und Glockmann focht wie eine lahme Schildkröte, die den Panzer verkehrt herum trug. Er war der älteste An- wärter in Eisenburg, was jedoch keine Rolle spielte. Er setzte sich auf und streckte sich, stählte sich für ei- nen weiteren Tag, eine weitere Runde schändlichen Versagens. Sein Leiden musste bald ein Ende haben. Großmeister hatte unglaubliche Geduld gezeigt, aber er konnte nicht ewig beide Augen zudrücken. Der Stau musste beseitigt werden, indem Anwärter Glockmanns Füße den langen Weg durch das Moor antraten. Die Tür flog auf und prallte krachend gegen die Wand. Anwärter Mark war von kleinem Wuchs, dafür von lauter Stimme. »DIE GARDE IST WIEDER DA!«, rief er, schrill. »ES GIBT EINE WEITERE BINDUNG!« Die Ankündigung wurde mit einem Hagel aus Stiefeln, Kissen und jugendlichen Unflätigkeiten erwidert, doch Mark war bereits wieder fort, um die Kunde andernorts zu verbreiten. Leiber drängten sich am Fenster, undja, es marschierten tatsächlich zwei Klingen in blauer Livree über den Innenhof. Wo zwei waren, waren für gewöhn- lich mehr. Heftige Streitgespräche entflammten. Würde Groß- meister zulassen, dass auch nur ein einziger Altgedienter gebunden wurde, wenn er insgesamt nur drei hatte? Flaumlinge verfolgten leidenschaftlich die Fechtkünste jedes Anwärters, und sie wussten, dass Raunzer gemes- sen an Klingennormen nach wie vor mittelmäßig war. Er konnte nicht einmal Sir Luis besiegen, den größten Stümper in der Garde. Ringwald war Eisenburgs bester Anwärter, trotzdem musste Raunzer zuerst gebunden werden. Niemand erwähnte den völlig unzulänglichen Anwär- ter Glockmann, aber so lange er noch das Brot des Kö- nigs aß, würde es keine neuen Altgedienten geben. Alt- gediente waren höchst erhaben; immerhin trugen sie Schwerter. Flaumlinge geiferten ob dieser Aussicht re- gelrecht. Sie träumten jede Nacht davon. Dies musste das Ende sein, beschloss Glockmann. Er stand auf und zog seine bessere Hose aus dem Korb ne- ben seiner Pritsche. Er würde sich rasieren, waschen und sich bestmöglich für das letzte, schmerzliche Gespräch, herausputzen. Das qualvolle Warten hatte sich bereits viel zu lange hingezogen. Sofern Großmeister ihn heute nicht von der Klippe stoßen würde, würde Glockmann ehrenvoll handeln und selbst springen. Frei! Endlich frei! Ringwald musste an sich halten, um nicht loszurennen, als er sich auf die Suche nach Waf- fenmeister begab. Er fand ihn auf Anhieb in der Esse, wo er das Feuer schürte. Die große, widerhallende Gruft war das geheimnisumwitterte Herz von Eisenburg. Acht Am- bosse standen entlang der Wände, jeder mit einem eige- nen Ofen und einem Wassertrog, den die eigene Quelle der Esse nährte. Hier wurden die prächtigen Katzenau- genschwerter geschmiedet, und dort, auf dem neunten Amboss, einem sargförmigen Stahlblock in der Mitte des Oktogramms auf dem Steinboden, wurden die Klingen gebunden. Heute um Mitternacht würde Ringwald mit abgeleg- tem Hemd dort sitzen, damit sein künftiges Mündel ihm das Schwert durchs Herz stoßen konnte. Der Gedanke verursachte ihm ein Kribbeln im Bauch, aber es war ein durchaus angenehmes Kribbeln. Er hatte zahlreiche Bin- dungen miterlebt, und nie war jemand gestorben. Frei- heit! Vier Jahre Gefangenschaft neigten sich dem Ende zu. Waffenmeister war ein frohgemuter junger Hüne mit einem grauenhaften Westerth-Akzent, zwei Lehrlingen, die älter waren als er, und einem geschickteren Händchen beim Schwertschmieden als jeder andere Waffenschmied, auf der Welt. Wie üblich trug er ein Paar Stiefel und eine knielange Lederkluft, aus der nackte Arme und Schultern hervorragten, an denen uralte Verbrennungsmale prang- ten. Seine Muskeln schürten den Neid jedes Jungen der Schule, und seine Schwerter galten als Staatsschatz. Als er die Neuigkeiten erfuhr, runzelte er die Stirn. »Primus ‘s keen Problem«, erklärte er und fuhr sich mit den mächtigen Fingern durchs Haar. »Für den passt ‘ne Axt wie de Faust aufs Auche. Bloß über dich hab’ ich mir de Birne noch nich’ so sehr zerbrochen, Kam’rad. Versprichste mir, dass de nich’ mehr wächst?« »Ich hoffe schon. Dass ich noch wachse, meine ich. Habt Ihr denn schon ein Schwert für mich gemacht?« »Nee. Gib’ mir ma’n Tipp.« »Rapier? Mit einem Breitschwert bin ich nicht beson- ders gut.« »Mit’m Säb’l biste nich’ üb’l. Hab ich geseh’n. Komm ma’ mit, Kam’rad.« Waffenmeister stapfte quer durch die Esse voraus. Auf der gegenüberliegenden Seite schloss er eine Tru- he auf und öffnete den Deckel. Darin kamen zig Rapiers und zierliche Stoßwaffen zum Vorschein. Er durchwühlte die Truhe, holte ein Stück nach dem anderen heraus, wi- ckelte es aus, um es zu begutachten, und legte es zurück. »Probier ma’, ob’s eins von denen tut. Ich nenn’se ›Schwarze‹, weg’n dem da.« Er deutete auf den Kiesel, der den Knauf des Schwerts bildete, das er hielt. »Glei- ches Jewicht wi’n Katz’nauche. Nimm ma’ den Pikser, hier, Kam’rad.« Nur Waffenmeister nannte jeden »Kam’rad«. Ab mor- gen würden die Menschen Ringwald Sir Ringwald nen- nen, wenngleich er kein echter Ritter sein würde. Aber egal, sein Augenmerk galt vielmehr jenem Schwert. Dünn, kerzengerade und unvorstellbar schön! Nahe der Spitze war die Klinge doppelschneidig, ansonsten ein- schneidig. Die Waffe war kaum schwerer als ein Rapier und hatte Fingerringe, um sie besser lenken zu können. Auf Anhieb kam er mit dem zusätzlichen Gewicht zu- recht. Folglich würde er kaum an Behändigkeit einbüßen, und eine Schneide konnte sich als nützlich erweisen, falls erje Stücke von einem Schattenherren abhacken musste. (Schluck!) Er versuchte ein paar Ausfallschritte, ein, zwei Hiebe. Dieses Wunderding zu besitzen! Für immer! Zu- mindest solange er lebte, also vielleicht ein paar Wochen … Waffenmeister nahm ihm das gute Stück ab und bot ihm stattdessen ein Rapier an. »Nein«, lehnte Ringwald ab. »Ich denke, ich brauche doch etwas mit einer Schneide. Mein Mündel hat Ärger mit wandelnden Toten.« Waffenmeister zog die Augenbrauen hoch, raunte aber nur: »Dann versuch ma’ das da.« In einem Taumel der Glückseligkeit probierte Ring- wald mehr als ein Dutzend Schwerter aus. Die Zeit ver- flog unbemerkt; es war ihm an jenem Tag ohnehin nicht gestattet zu essen. Er kam immer wieder zurück auf die, erste Waffe. Schließlich hob er sie an und küsste die Klinge. Waffenmeisters Augen leuchteten. »Liebe auf’n erst’n Blick, wa’, Kam’rad? Nur isse ‘n Deut lang für dich.« »Ich wachse ja noch.« »Na denn, wie sollse heiß’n?« »Schlechte Neuigkeiten!« Als er sah, wie der Waffen- schmied ob dieser Beleidigung seiner erlesenen Arbeit die Stirn runzelte, legte Ringwald hastig eine Erklärung nach. »Sir Tancred hat uns heute Morgen geweckt und meinte, er brächte schlechte Neuigkeiten. Raunzer dachte das auch, aber ich fand, es waren großartige Neuigkeiten, weil sie bedeuten, dass ich gebunden werde. Also ver- heißt dieses Schwert gute Neuigkeiten für mich und sehr schlechte für die Feinde meines Mündels.« Das hatte er sich bereits auf dem Weg zu Großmeisters Arbeitszim- mer ausgedacht. Der große Mann lachte. »Gefällt mir! Weißte wie die- ser Raunzer seins nenn’n will?« »Unbezwingbar.« Geräuschvoll wurde die Truhe geschlossen, dass es nur so durch die Esse hallte. Der Waffenmeister blickte finster drein. »Kannste mir auch stecken, wie man das schreibt, Kam’rad?« Unter dem Himmel der Schwerter saß ein kalkweißer Gutsieg allein am Tisch der Altgedienten; also wusste bereits die ganze Schule, was vor sich ging. Um Raunzer, war es nicht schade, aber Ringwald! Er war noch keine Woche ein Altgedienter gewesen. In der Halle summte es wie in einem Bienenstock. Glockmann ging hinüber, um Gutsieg Glück zu wün- schen und ihm die Hand zu schütteln. Außerdem bat er ihn, Großmeister zu bestellen, dass Glockmann mit ihm sprechen wollte – was bedeutete, dass Gutsieg bald Ge- sellschaft am Tisch bekommen würde. Gutsieg wünschte ihm ebenfalls Glück. Und dann die Rückgabe. Für gewöhnlich stellte die Zeremonie eine Formalität dar, denn die meisten Klingen erreichten ein gediegenes Alter, und für gesunde, vor Ta- tendrang strotzende Jungen war der Tod Überachtzigjäh- riger bedeutungslos. Zumal dies alle ein, zwei Wochen vorkam. Als der Stellvertretende Befehlshaber Tancred jedoch Bernards Namen aussprach, erscholl ein gemein- samer Aufschrei der Bestürzung. Jeder hatte Bernard gemocht. Das Schluchzen war nicht auf die Tische der Soprane beschränkt, und Tancreds kurze Schilderung der Schattenherren würde in naher Zukunft gewiss so man- chen Albtraum heraufbeschwören. Glockmann hatte Bernard nahe gestanden, weshalb er mindestens ebenso betroffen wie alle anderen war. Als er aus der Halle schritt, verspürte er zudem einen lodernden Zorn. Die Geschichte über diese sogenannten Schatten- herren enthielt zu viele unerklärte Sonderbarkeiten. Sie ergab keinen Sinn. Ein Finger stieß ihn in die Rippen. »Ich will mit dir, reden.« Glockmann drehte sich um. Er blickte in das zahnlü- ckige Grinsen und den geweihartigen Schnurrbart von Sir Gefahr, der als das schlimmste Klatschmaul der Garde berüchtigt war. Er erwiderte das Grinsen. »Es ist strengstens verboten, dir etwas zu erzählen! Worüber willst du überhaupt re- den?« »Aber du darfst doch wohl ein paar Hinweise austau- schen, oder?« »Ich habe nichts zum Handeln.« Glockmann fiel kein aufsehenerregendes Ereignis ein, von dem Gefahr noch nichts gehört haben würde. Andererseits wäre Gefahr zweifellos die beste Quelle für Auskünfte über die To- desfälle. »Aber frag einfach.« Sie suchten sich einen stillen Winkel im Innenhof und setzten sich auf das von der Hitze des Sommers braune, verdorrte Gras. Die Mitglieder der Garde, die auf Besuch in Eisenburg weilten, versuchten, Fechtunterricht für die angehenden Klingen anzubieten. Die meisten Anwärter aber standen nur in betretenen Grüppchen beisammen und besprachen die traurigen Neuigkeiten. Sogar Meister und Ritter tuschelten untereinander. »Also«, begann Gefahr eindringlich. »Vor ein paar Monaten wurde gemunkelt, du würdest unser nächster Fechtmeister. Wir brauchen jemanden, der diese wider- wärtigen, knoblauchfressenden Isilonder in Schach hält, wenn Cedric verknöchert. Ich habe sogar im voraus Geld, auf dich für den Königspokal 408 oder 409 gesetzt. Ich will dir nicht verraten, welche Quote ich bekommen ha- be, aber ich hatte vor, mir damit ein Gehöft zu kaufen.« »So gut war ich nie«, begehrte Glockmann auf. »Ich war bloß älter als die meisten, als ich an der Schule zuge- lassen wurde.« »Dann muss Großmeister etwas Besonderes in dir ge- sehen haben«, meinte Gefahr siegessicher. Was er in Glockmann gesehen hatte, musste ein sehr früher Tod gewesen sein, doch das war eine andere Ge- schichte und gewiss keine, die man dem Fürsten der Klatschmäuler mitteilte. Ein wenig jedoch hatte das Alter beigetragen. Glockmann war nie wirklich einer der Jun- gen gewesen, und bereits in seinem Bohnenstengeljahr hatten sogar die Ritter wie mit einem Erwachsenen mit ihm gesprochen. »Dann hieß es, du hättest nachgelassen«, fuhr Gefahr fort. »Aber als wir beide zuletzt die Klingen kreuzten, hast du mich haushoch geschlagen. Vor zwei Wochen – wie du dich vielleicht erinnern kannst, haben sie mich zu Hause gelassen, um die Kronjuwelen zu wienern – gab es hier in Eisenburg eine große Untersuchung wegen dir. Anführer, Tancred, Cedric, Großmeister, die ganze Schurkenbande. Und jetzt flüstert der Wind, du sollst wegen Stümperei den Stiefeltritt kriegen, aber niemand macht den Mund auf! Warum? Was ist denn los?« Glockmann lachte. »Das ist alles?« In Eisenburg war es kein Geheimnis. »Mein Fechten hat aufgehört, besser, zu werden, ja. Dann wurde es schlechter. Viel, viel schlechter. Und niemand verstand weshalb. Das ist das einzige Geheimnis – keiner will zugeben, dass er etwas so Offensichtliches übersehen hat.« Was ihn selbst mit einschloss, denn es widerstrebte ihm zutiefst, sich dumm zu fühlen. »Cedric, der Unbesiegbare. Großmeister, die größte Klinge, die es je gab. Rapiermeister, Säbelmeister. Auch einige der alten Ritterwaren zu ihrer Zeit wirklich gut. Sie alle waren da. Den ganzen Tag lang haben sie mich bearbeitet.« »Und?« »Und es war Cedric, der es schließlich erkannte.« »Was erkannte?«, wollte Gefahr wissen, wobei die Enden seines Schnurrbarts zitterten. »Warum ich mich gegen einige Mitglieder der Garde immer noch gut schlug, aber in Eisenburg mit nieman- dem jenseits der Soprane mithalten konnte.« »Und warum ist das so?« Glockmann stieß einen tiefen Seufzer aus. »Das darf ich nicht verraten. Also, was hat es nun mit diesen Schat- tenherren auf sich?« »Der König ist ein Trottel«, verkündete Raunzer. »Ver- schenkt uns wie zwei Rebhühner an einen herunterge- kommenen, schäbigen Schmarotzer! Was trägt das zum Wohl Athelgars, Chivials oder der Garde bei? Er besitzt das Gehirn eines Schimmelpilzes. Die springen die ganze Zeit für ihn in die Bresche. Er hat wohl zu viele Nägel, verwendet, um sich die Krone auf den Kopf zu häm- mern.« Rastlos lief er in der Esse auf und ab. Wenn er jetzt schon so über Athelgar redete, wie wür- de er dann erst über ihr Mündel schimpfen, nachdem sie gebunden waren? Ringwald saß auf dem Boden und lehnte an dem großen Amboss, der sich kühl in seinem Rücken anfühlte. Wegen der Ofen war es in der Esse niemals kalt, und im Achtmond war es angenehm, fast schon zu warm. Der Gedanke an ein kaltes Bad in diesen Wassertrögen hatte durchaus seinen Reiz. Es war ein Teil des Rituals. Ritualmeister pflegte scherzhaft zu meinen, es sei eine Mutprobe für Anwärter, die im Erstmond ge- bunden werden. Aber natürlich bestand der eigentliche Zweck darin, einem Mann genug Treue und Mut zu ver- leihen, um für sein Mündel zu sterben. Er wünschte, Raunzer würde den Mund halten und sich setzen. Immerhin sollten sie meditieren. Zum Bei- spiel, indem sie in den wunderbaren Gedanken an Frei- heit schwelgten. Oder darüber, dass sie etwas anderes als tagaus, tagein Steinmauern und kahles Moorland zu se- hen bekämen, nicht mehr jede Nacht im selben Zimmer schlafen müssten. Reisen. Abenteuer. Ein Schwert tragen und ein Mündel beschützen. Seinem Leben eine Bedeu- tung geben, wie Papa es sich gewünscht hatte. »Und was für ein Großherzog lässt sich den Thron ab- luchsen und von bösen Hexern quer durch Euranien scheuchen?«, fuhr Raunzer verbittert fort. »Was erwartet er eigentlich vom Piratensohn? Dass er mit den Hoffrei-, sassen anmarschiert und dieses Schwein Volpe in Ge- wahrsam nimmt? Das Äußerste, was er tun könnte, ist, ihm Geld zu geben, und so was machen Baelen nicht. Er wird dem Herzog keinen Pfifferling schenken.« »Großherzog. Und doch, wird er. Jetzt schon. Zwar nicht viel, aber er wird ihm ein paar Goldbrocken hin- werfen und uns alle so schnell aus Chivial verschiffen, dass unsere Füße kaum den Boden berühren werden.« Raunzer trat gegen einen Amboss und zerschrammte sich den Stiefel. »Du meinst wohl, er will keine weiteren Schattenherren, wie? Kann schon sein. Auf dem Weg hierher bin ich Sir Luis über den Weg gelaufen, und der hat gesagt, Krapina liegt zweihundert Wegstunden öst- lich von Fi tain und ist noch kleiner als Tümpelsmark.« »Es heißt Krupina, nicht Krapina.« »Halt den Rand! Ich bin jetzt dein Anführer, Sonnen- schein, und ich kann’s nicht haben, dass du mich die gan- ze Zeit berichtigst.« Erschrocken schaute Ringwald auf. »Was?« »Jede Garde braucht einen Anführer!«, erklärte Raun- zer höhnisch. »Das ist eine Klingenregel. Das Mündel wählt ihn aus, aber seine Klingen können einen andern wählen, wenn sie damit nicht einverstanden sind. Dieser Herzog kann zwischen einem Mann und einem Knaben wählen. Was meinst du wohl, für wen er sich entscheiden wird?« Raunzer als sein Anführer? Für den Rest seines Le- bens? Würg! Darüber wollte Ringwald nicht meditieren., Wieder hallten die Klänge von Stahl über den Innen- hof. Es fand gerade Fechtunterricht statt. Glockmann lag auf dem Rücken und starrte zu falschen Zinnen hinauf, die sich gegen einen wolkenlos blauen Himmel abzeich- neten. Lebt wohl, ihr schönen Zeiten. Dies würde der letzte der glücklichsten Tage seines Lebens werden. Vielleicht nahte bald sein letzter Tag überhaupt. Wie viel Vorsprung würden sie ihm wohl geben? »Das ist er«, sagte Gefahr. »Unterwegs zu Großmeis- ter, würde ich meinen.« Glockmann setzte sich auf. Vier Männer, zwei davon Mitglieder der Garde, überquerten den Hof und hielten auf das Erste Haus zu. Das rege Treiben hielt jäh inne, als sie an den fechtenden Paaren vorbeistapften. Statt dessen folgte ihnen eine Spur starrender Blicke. »Der Fette?« »Nein. Der Fette ist Baron von Fader.« »Ist auch besser so«, brummte Glockmann. »Ich könn- te mir kaum vorstellen, wie sich dieses Butterfass über einen Strick aus Bettlaken abseilt. Wie ist es Rubin ei- gentlich gelungen, seinem bösen Onkel Volpe zu ent- kommen?« »Immer langsam.« Gefahrs dunkle Augen leuchteten. »Zuerst erzählst du mir, was es mit deinem Fechten auf sich hatte, das nur Cedric erkannte und allen anderen ent- ging.« Glockmann seufzte. »Er hat bemerkt, dass ich den Kopf auf eine Seite neigte.«, Gefahr musterte ihn und ahmte ihn nach. »Hm. So et- wa, meinst du?« »Genau. Dann haben sie meine Augen untersucht.« »Blut und Eingeweide!« Der schimmernde schwarze Schnurrbart kräuselte sich vor Entsetzen. »Was stimmt den nicht mit deinen Augen?« »Mit dem linken ist alles in Ordnung, und auch mit dem rechten sehe ich noch ganz gut. In gewisser Weise kann ich damit sogar lesen. Aber es fehlen Teile. Da- durch werde ich zu langsam. Die Veränderung hat sich so schleichend vollzogen, dass sie mir nie aufgefallen ist.« Auch sonst niemandem, doch so wie er sich dem Gebrechen anpasste, hatte es auch der Rest der Schule getan. Ohne bewusstes Zutun hatten alle, mit denen er regelmäßig focht – Fechtmeister, Ritter, Anwärter –, un- willkürlich begonnen, seine blinden Stellen auszunützen. Die Mitglieder der Garde, die nur selten zu Besuch ka- men, hatten davon nichts gewusst, deshalb hatte er sich gegen sie besser geschlagen, was den üblichen Erfahrun- gen ganz und gar widersprach. »Aber was hat es verursacht?«, rief Gefahr aus. »Blanke Dummheit. Und zwar meine eigene. Ich bin vom Pferd gestürzt und habe mir den Kopf angeschlagen. Etwa eine Woche lang sah ich doppelt. Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht und wollte einer dieser ganz harten Jungs sein, die sich nie beklagen und niemals Hil- fe brauchen. Darum habe ich Ritualmeister nie etwas da- von erzählt, und er hat mir nie eine Heilung verpasst., Erst vor zwei Wochen, aber da war es bereits viel zu spät.« »Wie entsetzlich!« Gefahr wirkte aufrichtig betroffen. »Links sehe ich besser als rechts«, fuhr Glockmann fort. »Also hat Großmeister vorgeschlagen, man sollte versuchen, einen Linkshänder aus mir zu machen. Er war unglaublich hilfsbereit und rücksichtsvoll. Jeder war das, doch es hat nichts geholfen.« Zwei Wochen voll Qualen. »Bloß ein dummer kleiner Schlag auf den Kopf?« »Manchmal sorgt sogar der Zufall für Gerechtigkeit.« Gefahrs Ohren und Schnurrbartspitzen richteten sich auf. »Was soll heißen?« Glockmann stieß einen leisen Fluch aus. Der Mann hatte das untrügliche Gespür eines Wolfshundes. »Nichts. Ist nur so ein Sprichwort.« »Nein, ehrlich.« Gefahr musterte ihn argwöhnisch. »Ist wirklich bloß ein Sprichwort. Erzähl mir lieber von diesem Hexer, der in der Lage ist, Flüche quer über Euranien zu senden.« »Seine Königliche Hoheit zieht es vor, als solche ange- sprochen zu werden«, keuchte Baron von Fader, der nach dem Erklimmen der Stufen zu Großmeisters Arbeits- zimmer immer noch außer Atem war. Großmeister verneigte sich auch vor ihm. »Ich hoffe, Eure kurze Rast war erfrischend, Herr.« Baron von Fader war einer der fettesten Männer, die er je gesehen hatte, und schob watschelnd einen abartig ü-, berhängenden Wanst vor sich her. Sein rosiges Gesicht hatte sich in Wülste und verdrießlich wirkende Falten gelegt, sein Bart und Haar waren weiß, schütter und län- ger, als die Mode Chivials es vorschrieb. Er trug einen unhandlichen Säbel in einem Bandelier, das er ablegen musste, bevor er in seines Gastgebers Lieblingsstuhl sank, aus dem er in alle Richtungen hervorquoll. Wie hatte er den langen Ritt aus Grandon nur bewältigt? Und wie erst seine Pferde? Großherzog Rubin erwies sich als weit weniger auffäl- lig: Er war mittleren Alters und beleibt, aber keineswegs fett. Seine Züge waren eher unscheinbar denn hässlich – die Augen hatten deutliche Tränensäcke, der Mund wirk- te sinnlich, das Kinn zierte ein grau melierter Spitzbart. Die Finger, die er zum Küssen dargereicht hatte, waren weich und wiesen keine Schwielen auf. Er war unbe- waffnet. Wams und Hose waren schlicht, jedoch von ta- delloser Güte, und als einzigen Schmuck trug er einen goldenen Siegelring. Nach der Aufforderung, sich zu set- zen, wählte er einen der minderwertigeren Stühle, in dem er sehr aufrecht sitzen musste. Die Knie hielt er dicht beisammen, die Hände gefaltet, als fiele es ihm schwer, sich zu entspannen. »Als Erfrischung kann ich Euch leider nur Wasser an- bieten, Euer Gnaden«, erklärte Großmeister, »da Ihr vor dem Ritual fasten müsst.« »Das spielt keine Rolle.« Die Stimme des Herzogs klang hell und melodisch. »Euer König erweist sich als, überaus großzügig, indem er mir eigene Klingen ge- währt. Habt Ihr welche für mich gefunden? Sir Tancred meinte, Ihr hättet einen Mangel an geeigneten Anwär- tern.« »Ich fürchte, ich kann nur zwei erübrigen, Euer Gna- den. Uns selbst die beiden haben unseren üblichen Aus- bildungsverlauf noch nicht abgeschlossen, weshalb sie unseren sonstigen, überragenden Normen der Fechtkunst nicht entsprechen. Wir erwarten von einer Klinge, es mit zwei gewöhnlichen Gegnern gleichzeitig aufzunehmen. Von diesen Männern würde ich das nicht verlangen, im Kampf Mann gegen Mann hingegen haben sie wenig zu befürchten.« »Wie steht es gegen Schattenherren?«, brummte der Baron. Seine Stimme erinnerte an mahlende Mühlsteine. »Mir wurde mitgeteilt, dass als Verteidigung gegen sie ein paar Kerzen reichen«, antwortete Durendal frostig. »Euer Gnaden, das Bindungsritual ist gefährlich, weshalb wir darauf bestehen, dass es genau eingehalten wird. Die eigentliche Bindung beginnt um Mitternacht und dauert etwa eine halbe Stunde. Bis dahin müsst Ihr fasten, medi- tieren und nach Ritualmeisters Anweisungen rituelle Bä- der nehmen.« Der Großherzog nickte. »Ich verstehe.« »Ich werde dabei sein, Majestät«, meldete der Baron sich zu Wort. »Ihr könnt die Bindung bezeugen«, schränkte Groß- meister ein, der sich allmählich auf die Zunge beißen, musste. »Aber Euch ist nicht gestattet, an den Vorbereitungen teilzunehmen. Wurden Euer Gnaden über Euren Part un- terwiesen?« »Sir Tancred hat uns davon erzählt«, antwortete der Baron, bevor sein Lehnsherr den Mund öffnen konnte. »Auf dem Weg hierher.« »Ich werde den Text vorher durchlesen.« »Das ist nicht gestattet, aber Ihr könnt über den allge- meinen Inhalt mit Ritualmeister sprechen. Habt Ihr ir- gendwelche Fragen, Euer Gnaden?« Rubin schien eher belustigt denn verärgert darüber, wie sein Untergebener zurechtgestutzt wurde. »Die meis- ten hat Sir Tancred bereits beantwortet, Herr. Nur Namen konnte er mir keine nennen. Wie ich höre, leisten die Anwärter mir persönlich einen Eid. Mein vollständiger Name lautet Rubin Hans Ludwig Maria Burkhard Achim Lammert von Krupina und Vargschloss. Sollen wir ihn für die Anwärter aufschreiben? Und all meine Titel?« Fürst Roland erklärte: »In Anbetracht der Anspan- nung, der die Jungen bei dem Ritual ausgesetzt sind, be- gnügen wir uns mit nur einem Namen und lassen die Ti- tel weg. Der Name ist unwichtig. Was zählt, ist nur, wes- sen Hand den Griff des Schwertes hält.« Und in diesem Fall sah die Hand aus, als hätte sie noch nie zuvor eines gehalten. Was eine Sorge darstellte, die Großmeister nicht vorhergesehen hatte. Er war davon ausgegangen, dass selbst jeder Vertreter des niederen Adels aus der, wilderen Hälfte Euraniens ein Krieger wie der nieder- trächtige Onkel des Großherzogs sein würde. »Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Waffe das Herz des Anwärters durchdringt. Sie mögen es, wenn das Schwert sie ganz durchstößt, aber das muss nicht sein.« »Warum?« »Warum was? Oh, sie haben gerne zwei Narben, eine vorn, eine hinten. Das beeindruckt die Mädchen.« Groß- meister selbst besaß sogar vier und hatte in längst ver- gangenen Tagen schamlos damit geprahlt. »Ich will sehen, was ich tun kann, um ihnen den Wunsch zu erfüllen«, gab Rubin ohne Anzeichen von Belustigung zurück. Er schien seine Züge und seinen Tonfall stets streng zu beherrschen. »Ritualmeister kann Euch den Stoß vorführen. Wenn Euer Gnaden üben möchten, können wir einen Tierkada- ver in der Küche aufhängen.« »Das ist ein beleidigender Vorschlag!«, erboste sich der Baron. »Aber ein durchaus sinnvoller, wenn das Leben zweier Männer auf dem Spiel steht«, äußerte der Großherzog ruhig. »Bitte veranlasst das, Großmeister.« Baron von Fader aufzuhängen, wäre ein besserer Ein- fall, dachte Großmeister. Er fuhr fort: »Ich habe eine kur- ze Predigt über den Umgang mit Klingen, die ich jedem neuen Mündel halte, Euer Gnaden. Ringwald und Raun- zer werden nicht Eure Diener sein. Sie dienen König A- thelgar, indem Sie Euch beschützen, falls nötig unter, Einsatz des eigenen Lebens. Seine Majestät erwartet von Euch, dass Ihr ihnen Nahrung und Kleidung zur Verfü- gung stellt…« Und so weiter. Die ersten Karren der Lebensmittelhändler rumpelten durch das Tor. Glockmann spähte zu den Schatten und stellte erstaunt fest, dass er über eine Stunde mit Gefahr geschwatzt hatte. Dabei hatte er sich noch von so vielen zu verabschieden. »Ich muss los.« Er rappelte sich auf die Beine. »Wohin?« Gefahr folgte ihm und wischte sich Gras von den Kleidern. Glockmann nickte in Richtung Karren. »Ich muss die Kutsche nach Schwarzwasser kriegen.« Die Klinge verengte die Augen. »Wartet dort eine Ar- beit auf dich?« »Nein.« Ein Arbeitsplatz war das geringste seiner Pro- bleme. »Aber ich kenne dort einige Bauern.« »Wir finden etwas Besseres für dich. Du reitest die Pferde des Königs mit uns zurück nach Grandon, und die Garde wird dir etwas Würdiges verschaffen.« Kurz befürchtete Glockmann einen grausamen Scherz. »Meinst du das ernst?« Gefahr lachte. »Hast du etwa einen Arbeitskittel und Holzschuhe erwartet? Du wirst weder rausgetreten, noch brauchst du wegzulaufen, Freund. Dein Fall ist, was die Hoffreisassen als ehrenvolle Entlassung bezeichnen. Die Klingen werden dafür sorgen, dass du sanft landest., Mach dir um nichts Sorgen. Bevorzugst du Blondinen oder Rothaarige?« »Jungfrauen«, erwiderte Glockmann, der sich an diese plötzliche Begnadigung erst gewöhnen musste. »Die sind in Grandon ausgestorben. Darf’s ein Posten im Palast sein? Wie wär’s mit Wappenkunde? Oder Be- amter der Schatzkammer? Beschwörung vielleicht?« »Es gibt da ein Erschwernis.« Gefahrs Augen leuchteten. Verzückt zwirbelte er die Enden seines Schnurrbarts. »Lass mich raten. Du bist zwei Schritte vor dem Gesetz hier eingetroffen?« Glockmann nickte. »Kaum einen Schritt. Die Charta sieht eine allgemeine Begnadigung bei der Bindung vor. Andernfalls muss Großmeister eine Benachrichtigung an …« »Vergiss diesen Teil! Das passiert nicht. Niemals. Vergiss auch gleich deinen alten Namen. Du kannst E- delbert Glockmann oder Glockmann Wieseneimer sein, und niemand wird dich je finden. Jeder hier hat eine un- liebsame Vergangenheit, sogar Großmeister, obwohl es mir nie gelungen ist. Wie sieht eigentlich deine aus?« »Darf ich nicht sagen.« »Ich habe Wild des Königs getötet«, verriet Gefahr hoffnungsvoll. »Einen prächtigen Fünfender.« »Ich habe Schlimmeres getan. Wenn du mir helfen willst, darfst du es nicht wissen.« Gefahrs finstere Meine ließ darauf schließen, dass er es herauszufinden gedachte, und wenn es sie beide das, Leben kosten würde. »Hab ich mir diese grässliche Er- scheinung nur eingebildet?«, fragte er laut und deutete mit dem Daumen über die Schulter auf einen dürren, vierzehnjährigen Knaben, der zwei Florette hielt und ihm wie ein rachsüchtiger Dämon in den Rücken starrte. »Das ist der gefürchtete Anwärter Mark«, erklärte Glockmann. »Er findet, dass er Anrecht auf Fechtunter- richt von einer Klinge der Königlichen Garde hat und wird deine Nachkommen bis zur siebenten Generation mit einem fürchterlichen Fluch belegen, wenn du seine Erwartungen nicht erfüllst. Er ist gar nicht schlecht.« »Ich werde ihn aufspießen. Geh schon mal los und hol einen Apfel, den wir ihm in den Mund stecken können.« Gefahr klopfte Glockmann auf die Schulter. »Du reitest mit der Garde, wenn wir aufbrechen.«, Allmählich begann die Esse, Ringwalds Nerven zuzuset- zen. Er wollte hinaus in die Sonne und frische Luft – auf die offene Straße nach Irgendwo und sich für den Weg dorthin ewig Zeit lassen, wie Papa zu sagen pflegte. Raunzer raunzte wieder und lief immer noch auf und ab. »Das ist ungerecht! Uns wurden fünf Ausbildungs- jahre versprochen. Gekriegt haben wir nicht mal vier. Die haben uns geprellt. Dann wurde mir mit dem Hun- gertod im Starkmoor gedroht. Ist das vielleicht eine Wahl? Großmeister selbst hat immer gepredigt, dass eine Garde aus mindestens drei Männern bestehen muss …« Und so weiter. Und so fort. Ringwald, der verdrießlich am Rand eines Wasser- trogs hockte, war versucht, Raunzer aufzufordern, den Kopf unter Wasser zu stecken und drei Mal tüchtig Luft zu holen. Aber dann würde Raunzer ihm wohl eine klei- ne Abreibung verpassen, wie er sie jüngeren Anwärtern bisweilen gern zuteil werden ließ. An jenem allerersten Tag vor vier Jahren, als Papa Ringwald nach Eisenburg gebracht hatte, war Raunzer der Balg und schon damals groß gewesen. Nachdem Ringwald aufgenommen wurde und Papa für immer gegangen war, wurde natürlich Ringwald zum Balg, und Raunzer stand es frei, seinen neuen Namen zu wählen. Er hatte auf »Meister«, beharrt. Der Name stand nicht auf der Liste, weshalb Archivmeis-, ter ihn zu Großmeister schickte, der damit einverstanden war. Die Soprane und Bohnenstengel waren das nicht. Sie hatten ihn Raunzer genannt, und seither war er Raunzer. Würde er nun daran erinnert, mochte er beschließen, für die Bindung wieder Meister heißen zu wollen, also war es am besten, ihm einfach keine Beachtung zu schenken. All die einstigen Soprane und Bohnenstengel waren mitt- lerweile fort. Zur Garde, nach Baelmark oder wohin auch immer. So wie er, Ringwald, bald aufbrechen würde! Wer vermochte zu sagen, wo er nächste Woche um diese Zeit weilen würde? Im Reich der Toten, wie Bernard? »Mädchen!«, rief Raunzer aus. »Frauen! Dich küm- mern sie natürlich noch nicht, dafür bist du zu jung.« »Bin ich nicht!« »Warte du lieber, bis die Männlichkeit mal dein Kinn erreicht, Bürschchen. Mädchen – darum dreht sich das Dasein als Klinge. Frauen können gebundenen Klingen nicht widerstehen.« Er stellte ein anzügliches Grinsen zur Schau. »Genießen, abfertigen und weiter zur nächsten!« Das schien eine eigenartige Umschreibung von Liebe, und Raunzer konnte nicht mehr über Mädchen wissen als Ringwald, also gar nichts. Lebenslanger Dienst unter Raunzer war eine grauenhafte Vorstellung, aber sich nun noch zurückzuziehen, sähe nach Feigheit aus. Schlimmer noch, er würde dadurch wortbrüchig, und für Papa hatte das immer als Ehrlosigkeit gegolten. Genau wie für, Großmeister. Gnadenvollerweise öffnete sich die Tür oben an den Stufen und ließ mehr Licht in das Gewölbe. Eine raue Stimme brüllte. Großmeister schnitt sie ab. Ringwald stand auf. Raunzer setzte sich. Ein älterer Mann kam die Treppe herab, gefolgt von Großmeister, der die Tür hinter ihnen schloss. Der Neu- ankömmling ließ den Blick über die acht Ofen, die Trö- ge, Ambosse und das Oktogramm schweifen, während er darauf wartete, dass seine Augen sich dem Zwielicht an- passten. Er hatte seltsam dürre Beine, und oberhalb der Hüfte war er pummelig. Weder schillernd noch männ- lich. Ringwald hatte sich einen wesentlichjüngeren Krie- germonarchen vorgestellt. Wütend bedeutete Großmeister Raunzer, sich zu erhe- ben. »Euer Gnaden, es erfüllt mich mit Stolz, Euch Eure künftigen Klingen vorzustellen: den Ersten Anwärter Raunzer und Anwärter Ringwald.« Raunzer verneigte sich. Ringwald vollführte eine voll- ständige Hofverbeugung, die aufwendiger und bei dieser Gelegenheit fraglos angebrachter war. Er spürte Raun- zers zornigen Blick; und sah Großmeisters billigendes Nicken. »Meine Herren, das ist euer künftiges Mündel, Ihro Gnaden Großherzog Rubin von Krupina.« »Ich fühle mich zutiefst geehrt, dass Ihr mir Eure Dienste anbietet«, meinte der Großherzog mit leiser Stimme. »Und Eure Beherztheit erfüllt mich mit Demut.« Damit hielt er den beiden die Finger zum Küssen hin,, zuerst Raunzer, dann Ringwald. »Die Ehre ist ganz auf unserer Seite, Königliche Ho- heit«, erwiderte Raunzer. Wenigstens das hatte er richtig hinbekommen. »Und es ist uns ein Vergnügen«, fügte Ringwald hin- zu. Abermals öffnete sich die Tür. Verärgert wirbelte Großmeister herum, aber der Mann, der die Stufen he- runterkam, war der Stellvertretende Befehlshaber. »Bitte verzeiht die Störung«, sagte Tancred. »Euer Gnaden, die Garde hat ihre Aufgabe erfüllt, die darin be- stand, Euch wohlbehalten hierher zu geleiten und dafür zu sorgen, dass Ihr Klingen bekommt. Nun erwarten uns wieder Pflichten in Grandon. Erteilen Euer Gnaden uns die Erlaubnis aufzubrechen oder möchtet Ihr, dass wir bleiben, um Euch zurückzubegleiten?« Der Großherzog lächelte. »Ich will die beiden Herren befragen, die künftig für meine Sicherheit verantwortlich sind. Anwärter Raunzer?« Raunzer zuckte mit den Schultern. »Nee, wir brauchen sie nicht. Von nun an müsst Ihr Euch auf uns verlassen, außerdem ist Chivial ein viel sicherer Ort als Krupina oder jeder andere dieser Orte in der Fremde.« Das schien eine falsche Entscheidung. Warum einen geschenkten Gaul ausschlagen? »Anwärter Ringwald?«, fragte der Großherzog. »Ich würde sagen, wenn Sir Tancred auch nur ein paar Männer erübrigen kann, Hoheit, wären sie ein angeneh-, mer Rückhalt für zwei Anfänger, die sich erst mit ihren Pflichten vertraut machen müssen. Außerdem herrscht in Eisenburg Mangel an Altgedienten, sie könnten den Jungspunden also Fechtunterricht erteilen, während sie auf Euch warten.« Der Großherzog kicherte. »Überaus diplomatisch aus- gedrückt! Sir Tancred, ich bin Euch äußerst dankbar für Eure Dienste bislang und wäre Euch für jeden Begleit- schutz zu noch größerem Dank verpflichtet, den Ihr mit gutem Gewissen für die sichere Rückreise bereitstellen könntet.« »Ich bin sicher, die Abwesenheit von fünf oder sechs Männern bringt Seine Majestät in keinerlei Gefahr.« Tancred salutierte und ging. »In Kürze wird Ritualmeister hier eintreffen«, erklärte Großmeister. »Abgesehen davon, werdet Ihr nicht ge- stört.« »Nach den Ereignissen der vergangenen zwei Tage ist mir ein wenig Zeit des Friedens höchst willkommen.« Der Großherzog entließ Großmeister mit einem Nicken. Dann setzte er sich auf den Amboss in der Mitte und wartete, bis die Tür sich geschlossen hatte, ehe er das Wort ergriff. Nein, er war in der Tat nicht, was Ringwald erwartet hatte. Sein Gebaren war – wie von Protokollmeister be- schrieben – das eines weltgewandten Adeligen, keines- wegs das eines ungehobelten Räuberbarons, wie man es mit einem winzigen Staat in den entlegensten Winkeln, östlich von Fitain eher in Verbindung bringen mochte. Chivialisch beherrschte er fehlerlos, doch das konnte er sich auch durch eine Beschwörung angeeignet haben. Er sprach zwar mit leisem Tonfall, aber zu entschlossen, um ihn als Gecken zu bezeichnen. Seine Stimme mutete nachgerade weiblich an, doch an seinem Kinn prangte ein echter Bart. Außerdem wirkte er angespannt, hatte aber auch allen Grund dafür. »Nehmt Platz, meine Herren. In den nächsten paar Ta- gen haben wir viel zu besprechen. Vielleicht sollten wir damit beginnen, einander kennen zu lernen. Mir ist be- kannt, dass Eisenburg nur Knaben von niedriger Geburt aufnimmt, und ich kann Euch versichern, dass ich in die- ser Hinsicht keinerlei Vorurteile gegen einen Mann habe. Oder eine Frau, denn auch meine Gemahlin ist nicht von adeliger Geburt. Was zählt, sind Mut und Ehre. Und Eure Bereitschaft, Euch durch dieses gewalttätige Ritual bin- den zu lassen, beweist, dass Ihr von beidem reichlich be- sitzt. Raunzer, würdet Ihr mir ein wenig von Euch erzäh- len?« »Das gilt alles als vergessen, wenn wir aufgenommen werden«, entgegnete Raunzer. »So steht’s in der Charta. Neuer Name, neuer Mensch. Und ich bin nicht von nied- riger Geburt! Mein Großvater hatte blaues Blut in den Adern und wurde von König Ambrose auf dem Feld von Wyldbrand zum Ritter geschlagen. Mehr sage ich nicht.« Trottel! Großherzog Rubin starrte ihn schweigend an, bis er, die Augen niederschlug. »Wie steht’s mit Euch, Ringwald?« »Von niedrigerer Geburt als ich kann man kaum sein, Majestät, aber ich bin kein Verbrecher. Mein Vater war ein Kesselflicker. Er zog mit einem Esel umher und ver- diente sich den Lebensunterhalt, indem er Töpfe flickte. Über meine Mutter weiß ich nichts. Er hat nie über sie gesprochen, weshalb ich mich inzwischen frage, ob er überhaupt mein richtiger Vater war. Jedenfalls weiß ich, dass er mich nicht geraubt oder entführt hat, denn er war ein aufrichtiger Mann! Sehr, sehr aufrichtig! Er meinte immer, der Ruf eines Mannes ist alles, was er zurücklas- sen kann, wenn er zu den Elementen zurückkehrt. Auf- richtigkeit und Ehre, Mut und Anstand, das ist es, was einen Mann ausmacht. Das hat er mir beigebracht, Herr.« »Klingt nach einem Vater, auf den man stolz sein kann. Meiner pflegte Ähnliches zu sagen. Was ist aus ihm geworden?« »Er ist gestorben.« Plötzlich spürte Ringwald ein Krib- beln unter den Lidern und blinzelte heftig. Er durfte nicht weinen! Das wäre nun völlig unangebracht und kindlich. Das Problem war nur, dass er den ganzen Tag während des Meditierens viel über Papa nachgedacht hatte, stets in der Hoffnung, Papa hätte gebilligt, was er tat. »Er wurde zunehmend krank, hustete und spuckte Blut. Er meinte, ich wäre zu jung, um allein das zu tun, was er tat, außer- dem war der Esel zu alt. Also hat er mich … hat er mich hierher gebracht.«, Ringwald hatte geweint, als Großmeister sagte: »Er ist gut. Der Junge ist sehr vielversprechend, aber zu jung. Könnt Ihr ihn im Frühling wiederbringen?« Papa hatte nur geantwortet: »Nein, Herr.« Und alle drei hatten gewusst, was das bedeutete. »Draußen braut sich übles Wetter zusammen. Wollt Ihr bei uns bleiben, bis es vorübergezogen ist?« »Zögern wir’s lieber nicht hinaus, Herr.« Damit hatte der Kesselflicker seinen Jungen ein letztes Mal umarmt und war mit dem Esel in den Schnee und aufs Moor hin- aus gezogen. Ringwald hatte nie wieder etwas von ihm gehört. Damals hatte er geweint, aber jetzt würde er die Tränen zurückdrängen. »Er hat mir gesagt, Herr, dass man in Eisenburg einen richtigen Mann aus mir machen würde, damit mein Le- ben mehr als ein paar geflickte Töpfe wert sein würde, so gut die Flicken auch sein mochten.« »Töpfe sind wichtig«, meinte der Großherzog. »Jede ordentlich vollbrachte Arbeit ehrt den Vollbringer. Ich denke, bislang hat Eisenburg gute Arbeit an Euch geleis- tet, aber wir werden sehen, nicht wahr? Jetzt bin ich an der Reihe.« Er überlegte kurz. »Vermutlich habt Ihr bis heute noch nie von Krupina gehört …« »Nein«, fiel Raunzer ihm ins Wort. »Ich vermute, in Chivial gibt es größere Grafschaften. Einst war das Gebiet Teil des Großen Heiligen Kaiser- reichs, und Kaiser Carlus IV schuf das Herzogtum für, einen Schwiegersohn. Meine Ahnen erhielten Krupina also vom Kaiser, doch da es das Kaiserreich nicht mehr gibt, hielten sie es seither gegen jeden. Zum Glück be- sitzt das Herzogtum einfach zu verteidigende Grenzen.« Er legte die Fingerspitzen gegeneinander. »Stellt Euch eine fruchtbare Ebene vor, ein Dreieck wie dieses. Meine Hände sind zwei Gebirgsketten, und dazwischen fließt die Asch in die Siril-Seen im Süden, hier, wo meine Daumen sind. Eigentlich ist das Siril-Gebiet eher eine Sumpf- als eine Seenlandschaft, sogar in feuchten Jahren. Es gibt zwei Städte, beide liegen am Fluss. Krupa ist die Hauptstadt und befindet sich etwa in der Mitte. Zolensa ist näher an den Seen im Süden. In den Städten wird überwiegend Fitainisch gesprochen, auf dem Land Bo- hakisch. Die Herzöge haben seitjeher den Anspruch erhoben, über die Hügel und Sümpfe ebenso zu herrschen wie ü- ber die Ebene, aber für gewöhnlich gaben sie sich mit Versprechen der Gefolgstreue zufrieden, statt Geld bei dem Versuch zu verschwenden, in den abgelegenen Ge- bieten gewaltsam Steuern einzutreiben. Die Menschen, die in den Sümpfen leben, mögen keine Eindringlinge, und Bergvolk besteht überall aus wackeren Kriegern. Fremde gelangen üblicherweise zu dem Schluss, dass nicht genug übrig ist, das einen Eroberungskrieg recht- fertigen würde. Und dabei ist die Vamky-Bruderschaft noch gar nicht berücksichtigt. Das Vamky-Kloster ver- teidigt den Pilgerpass an dessen nördlichem Ende, am, Scheitel des Dreiecks, wo die Asch aus den Bergen her- vorbricht. Das ist mein Heimatland. Es ist klein – man kann in wenigen Stunden vom Vamky-Kloster nach Zolensa rei- ten. Es ist unbedeutend und bestrebt, es dabei zu belas- sen, aber es ist wunderschön. Man züchtet dort Rinder und Pferde. Ausgeführt werden Beschwörer, gute Weine und noch erlesenere Krieger, was immer besser ist, als fremde Krieger ins Land zu holen. Es gehört mir und da- nach meinem Sohn, nicht meinem Onkel. Ich will es zu- rück.« »Wir werden Euch dabei helfen, Hoheit«, meldete Ringwald sich zu Wort. »Danke.« Anerkennend lächelte der Großherzog. Oder belächelte er bloß einen großspurigen Jungen? Was konnte ein Paar halbausgebildeter Klingen schon zu er- reichen hoffen? »Wie viel wisst Ihr über die Vamky- Bruderschaft?« »Nichts«, antwortete Raunzer. Ringwald ergänzte: »Herr, Großmeister hat sie als ei- nen der berühmtesten Geisterbeschwörerorden bezeich- net.« »Der älteste in Euranien. Die Brüder sind sowohl gro- ße Krieger als auch große Beschwörer, und das Kloster selbst gilt als bedeutende Festung. Leider herrscht mein Onkel Volpe über Vamky.« Da gerade von Beschwörern gesprochen wurde … Knarrend öffnete sich die Tür, und Sonnenlicht warf ei-, nen mächtigen Schatten die Stufen herab. Mit dem un- verkennbaren Geräusch klatschender Sandalen kam Ritu- almeister die Treppe herunter und trug gegen seinen Bauch gedrückt einen Stapel weißer Handtücher. Im Ge- gensatz zu anderen Meistern war er kein Ritter des Or- dens, sondern ein Meister der geheimen Lehren. Der pummelige Leib war in eine bodenlange, graue Robe aus schwerer Wolle gehüllt, wenngleich allein die Geister wussten, wie er diese Kluft mitten im Sommer ertragen konnte. Sein kahler Schädel war von der Sonne krebsrot und wurde von einem Hufeisen grau melierten Haars ge- säumt. Das Gesicht war noch rötlicher und glänzender als sonst. Ringwald kannte niemanden, der ständig so froh- gemut war wie Ritualmeister, was er bekundete, indem er stets fröhliche Weisen vor sich her summte. »Badezeit!«, verkündete er kichernd. »Wenn Euer Gnaden gestatten. Aber besser jetzt als im Erstmond, hm? Die Reihenfolge ist sehr wichtig. Beginnt hier …« Er ließ ein Handtuch an einem der Tröge fallen. »Dann geht es hier weiter!« Er ging zu einem anderen Trog hin- über und ließ zwei Handtücher fallen. »Und schließlich … hier!« Damit legte er den Rest des Stapels ab und fal- tete die weichen, fleischigen Hände. »Notwendig ist nur, dass Ihr in jeden Trog vollständig eintaucht, aber Ihr könnt darin herumplanschen, so lange es Euch beliebt. Den ganzen Tag, wenn Ihr wünscht. Wir versammeln uns in der Halle und gesellen uns kurz vor Mitternacht zu Euch.« Er strahlte übers ganze Gesicht. »Noch Fragen?«, »Schlagt Ihr etwa vor«, erkundigte Großherzog Rubin sich in frostigem Tonfall, »dass ich zusammen mit diesen jungen Männern bade?« Ausnahmsweise verblasste Ritualmeisters fröhliches Lächeln. Er blinzelte. »Seine Majestät … König Athelgar hatte nie Einwände dagegen, Euer Gnaden.« »Und seine Mutter?« »Königin Malinda?« »Hat er denn noch andere Mütter?« Zum ersten Mal zeigte Großherzog Rubin großherzog- lichen Zorn. Das war sein Vorrecht und höchst willkom- men, denn es bewies, dass er Mumm hatte. Die Gründe spielten keine Rolle. Raunzers dümmliches Grinsen be- reitete Ringwald wesentlich mehr Kopfzerbrechen. Er schnürte bereits sein Hemd auf, um zu beweisen, dass er Manns genug war, sich ohne Scham vor den anderen aus- zuziehen. Jeden Augenblick würde er etwas Grauenhaf- tes sagen oder tun. »M-Mütter?«, stammelte Ritualmeister. »Nicht, dass ich … Ich glaube, im Keller haben wir einige Wand- schirme, die heraufgebracht werden, wenn eine Dame eine Bindung …« »Gewiss, Ritualmeister«, riss Ringwald das Wort an sich, »ist es möglich, dass Raunzer und ich draußen war- ten, wenn unser Mündel dabei allein sein möchte, oder? Und während wir baden, könnte der Großherzog hinaus- gehen.« Der rundliche Mann war sichtlich aus der Fassung ge-, bracht. »Ihr sollt aber doch bis zur Bindung in der Esse bleiben!« »Wenn Euer Ritual dermaßen heikel ist«, herrschte der Großherzog ihn an, »will ich nichts damit zu tun haben.« »Äh…« Raunzer ließ das Hemd zu Boden fallen. »Der Windfang oben an der Treppe ist noch Teil der Esse«, stellte Ringwald hastig fest. »Dort warten wir, bis Ihre Hoheit uns ruft. Mit Eurem Einverständnis?« Damit drehte er Ritualmeister herum und schob ihn auf die Stu- fen zu. »Raunzer!« Raunzer setzte eine finstere Miene auf und zog die Hose wieder hoch. Im Stall war es heiß, stickig und laut vom Summen der Fliegen. Die Stallburschen waren auffallend emsig zu- gange und taten so, als lauschten sie nicht, aber selbst die Pferde hatten die Ohren gespitzt. »Ihr könnte Anführer ausrichten«, sagte Durendal, »dass ich ihm binnen einer Woche einen Bericht über die neue Altgedientenklasse schicke.« Er sprach leise und betonte seine Worte mit einem strengen Blick. Sir Tancred, der den Bauchgurt seines Rosses über- prüft hatte, lehnte sich mit einem Arm an den Hals des Tieres, um es zu streicheln und nickte vorsichtig. »Ja, Großmeister.« »Und Ihr könnt ihm im Vertrauen sagen, dass es keine weiteren Bindungen geben wird, bis ich ihm melde, dass, wir geeignete Anwärter zur Verfügung haben. Was min- destens ein Jahr dauern wird! Jedes Gesuch davor, selbst eine informelle Anfrage, wird mit meinem Rücktritt be- antwortet.« Stellvertreter nickte heftig. »Gewiss, Großmeister.« »Gehabt Euch wohl.« Tancred würde es Anführer natürlich bestellen, aber würde Anführer es dem König mitteilen? Wahrscheinlich nur, wenn es sein musste. Großmeister stapfte hinaus in den Sonnenschein und steuerte auf das Erste Haus zu. Der neue Primus, Gutsieg, schritt neben ihn. »Ich bitte um Verzeihung, Groß…« »Wieviele?« »Was? Beförderungen? Ich hatte an zwölf gedacht.« »Ich an fünfzehn. Vierzehn, wenn du Zweifel wegen Sparmann hast. Natürlich nicht Glockmann.« »Selbstverständlich, Großmeister.« »Geh und sag ihnen, sie sollen ihr Zeug herüberzu- bringen. Auf Schwerter müssen sie bis morgen waren. Los!« Und da war Glockmann auch schon. Er wartete gedul- dig an der Treppe auf ihn, umgeben von kummervollen Jungen, die sich von ihm verabschiedeten. »Komm mit«, forderte Großmeister ihn auf, ohne in- nezuhalten. »Wir müssen uns unterhalten.« Als er die Stufen hochstieg, fühlte Großmeister sich alt. Der Schlafmangel setzte ihm zu, benebelte seinen Verstand. Vielleicht konnte er sich noch ein, zwei Stünd-, chen ausruhen, denn die Bindung durfte erst kurz vor Mitternacht beginnen. Der königliche Gast war beschäf- tigt, und Ritualmeister hatte Anweisung, den widerwärti- gen Baron von Großmeister fernzuhalten. Endlich war alles geregelt. Fast alles. Glockmann lief respektvoll schweigend neben ihm her. »Setz dich!«, lud Großmeister ihn ein, als sie sein Ar- beitszimmer erreichten. »Du wirst Wein mit mir trin- ken.« Ja, er würde sich auf jeden Fall ein Nickerchen ge- nehmigen. Seine grauen Haare rechtfertigten es. »Danke, Großmeister.« Dieser reichte seinem Gast ein Glas und nahm ihm ge- genüber Platz. »Ich trinke auf mehr Glück in deiner Zu- kunft, Glockmann.« »Danke, Herr. Ich gebe allein mir und meiner Dumm- heit die Schuld. Und Euch bin ich für Eure Geduld zu- tiefst dankbar.« »Der Narr war ich. Nach all den Jahren hätte ich sofort erkennen müssen, dass du ein Problem hast. Du bist ein großer Verlust für den Orden.« Glockmann nahm das Lob mit dem ihm eigenen An- stand zur Kenntnis. Er hatte gewelltes, brünettes Haar, haselnussbraune Augen und sonnengebräunte Züge, die nur wenige Menschen als gutaussehend beschreiben wür- den – als zerklüftet oder ausdrucksstark vielleicht, jeden- falls ein Gesicht, das auf jemanden schließen ließ, mit dem nicht zu spaßen war. Zudem war er breitschultrig, stattlich und schon am Tag seiner Ankunft größer gewe-, sen, als Eisenburg es bevorzugte. Eine Beschwörung hat- te seinem Wachstum Einhalt geboten, es jedoch nicht rückgängig gemacht. Aufgrund seiner größeren Reife stach er seit Jahren aus der Herde hervor. Neben ihm wirkte Raunzer wie ein trotziges Kind, obwohl die bei- den gleich alt waren. Ein Blick auf ihn, und man dachte unwillkürlich: Dieser Mann ist fähig. »Ich habe die Charta und Musterbeispiele überprüft«, erklärte Großmeister, »kann aber kein Schlupfloch, keine Möglichkeit finden, die Regeln zu beugen, um dich blei- ben zu lassen. Ebenso wenig kann ich dir ein Katzenau- genschwert geben, wenn du uns verlässt. Aber wir wer- den eine würdige Beschäftigung für dich finden. Selbst jetzt noch verfüge ich durchaus über Einfluss, und ich werde dich wärmstens empfehlen.« »Ihr seid überaus freundlich, Großmeister. Aber könnt Ihr reinen Gewissens einen Mörder empfehlen?« »Ich kann dich reinen Gewissens empfehlen.« Ohne die Augen von ihm abzuwenden, nippte Glock- mann an dem Wein. »An dem Tag, als ich hier eintraf, habt Ihr zu mir gesagt, Ihr kennt eine Menge Bewerber, die mit dem Gesetz auf den Fersen eintreffen, aber Ihr musstet noch nie zuvor die Tore vor einem eigenmächti- gen Hinrichtungstrupp schließen.« Eine aufgebrachte Meutejunger Grobiane, die dachten, sie hätten eine Ausrede, jemanden aufzuknüpfen? »Sie waren Narren, wenn sie erwarteten, auf Kahlmoor einen Baum zu finden.«, »Ihr habt Münzen für mich geworfen, und ich habe die Hälfte von ihnen verfehlt.« »Du hast die Hälfte gefangen, obwohl dich vor dem Tor eine Schlinge erwartet hätte, wenn ich dich abgewie- sen hätte. Für mich war das gut genug. Aber erzähl es mir ruhig, wenn dir danach ist.« Offensichtlich wollte der Junge es sich von der Seele reden, vermutlich um zu se- hen, wie Großmeister sich danach verhielt. Glockmann lächelte wehmütig. »Es ist eine kurze, traurige Geschichte, Herr. Ich war Lehrling bei meinem Vater, dem Schlosser von Camfurt. Er wurde beauftragt, ein verklemmtes Schloss im Haus des Friedensrichters auszubessern, also hat er mich geschickt, um es auszu- bauen und in seine Werkstatt zu bringen. Der Friedens- richter hatte es vergessen oder wurde nicht benachrich- tigt. Deshalb sah er nur einen Mann, der versuchte, in das Schlafzimmer seiner Tochter einzudringen. Wohl nicht ganz zu unrecht, vermute ich – immerhin war ich fünf- zehn und hatte auf jedermanns Tochter ein Auge gewor- fen. Jedenfalls war da plötzlich dieser alte Mann im Nachtgewand, der völlig außer sich und brüllend mit ei- nem Stock auf mich eindrosch. Ich sprang auf und wollte ihm das Ding wegnehmen. Ich habe ihn nicht geschla- gen, aber er stürzte und stand nicht wieder auf. Als ich losrannte, um Hilfe zu holen, kamen mir auf der Treppe Leute entgegen, die nach dem Rechten sehen wollten. Er war tot, und sie dachten, ich wollte flüchten. Was ich dann auch tat.«, »Hatte er einen Schlaganfall?« Glockmann seufzte. »Ich denke, er hat sich den Kopf am Tischrand angeschlagen. Nur ein lächerlicher kleiner Stoß gegen den Kopf. Einer hat mich nach Eisenburg ge- führt; ein weiterer wieder hinaus. Manchmal sorgt sogar der Zufall für Gerechtigkeit.« »Ich kenne einen überaus zuverlässigen Zeugen, der aussagt, dass es ein Unfall war.« »Es gab keine Zeugen.« »O doch.« Glockmann lächelte. »Danke.« »Würdest du deine Geschichte vor einem Inquisitor wiederholen?« Die Augen des Jungen hellten sich auf. »Und ob ich das würde!« »Das kann ich einrichten«, erklärte Fürst Roland. Be- fehlshaber Florian würde in sechs oder sieben Jahren zu- rücktreten, und dieser Junge wäre sein offensichtlicher Nachfolger geworden, wäre ein gewisser Großmeister nicht so unfähig gewesen, eine augenscheinliche Verlet- zung zu übersehen. Aber leider! Nun konnte es nie dazu kommen. »Also … Wie sieht es mit einer Beschäftigung aus? Ich bin überzeugt, dass du mit allem Erfolg haben wirst, was du versuchst. Gibt es ein bestimmtes Gebiet, auf das du Lust hättest? Du kannst gut mit Menschen umgehen. Ich könnte dich mir gut als Verwalter eines Anwesens vorstellen. Ritualmeister würde nur allzu gern sehen, dass du dich in die Gilde einschreibst, um die Be-, schwörkunst zu erlernen. Oder lieber etwas mit mehr körperlicher Betätigung? Ein königlicher Kurier viel- leicht, wenn du gerne reist.« Der Junge blickte auf seine Hände und den Kelch hin- ab. Nach einer Weile meinte er leise: »Der Feind meines Feindes ist mein Freund.« Ein Blitz! Das war Rolands geheime Bezeichnung für einen flüchtigen Lidschlag der Gelegenheit, eine kurze Lücke in der Deckung des Gegners, die das eigene Florett für einen Treffer nützen kann. In seinen Tagen als Schwert- kämpfer hatte er solche Blitze viele Male gesehen. Manchmal war er solchen Blitzen auch als Lordkanzler bei Besprechungen begegnet, wenn ein Durchbruch er- zielt und ein Pakt besiegelt werden konnte. Hier in Ei- senburg, wo die Probleme fast ausschließlich alltäglicher Natur waren, hatte er noch nie einen erfahren. Dabei hatte diesen selbst Ringwald erkannt, und er hatte den Jungen dafür auch noch gescholten. Also war es nicht das Alter gewesen, das ihm den gan- zen Vormittag zu schaffen gemacht hatte. Es war ver- zweifelte Wut gewesen, das Wissen um ein Problem, ge- gen das er nichts auszurichten vermochte. Hohes Alter verhieß stets verzweifelte Wut, aber verzweifelte Wut war nicht unbedingt mit hohem Alter gleichzusetzen. Vielleicht konnte er in diesem Fall doch etwas unter- nehmen. Oder vielmehr Glockmann. Pfeif auf das Ni- ckerchen …, »Was geistert dir denn im Kopf herum?«, erkundigte er sich, tunlichst darauf bedacht, seine Erregung aus der Stimme zu verbannen. Der Junge neigte den Kopf auf die seltsame Weise, die ihm mittlerweile zueigen geworden war. »Nur, dass Ber- nard mein Freund war und den Umständen seines Todes etwas höchst Merkwürdiges anhaftet. Ich habe Sir Gefahr darüber ausgefragt, aber er wusste nichts Nützliches zu berichten.« Und wenn Gefahr nichts wusste, dann nie- mand in der Garde. »Trotzdem hat irgendjemand diese Schattenherren geschickt, die meinen Freund getötet ha- ben. Und dieser Jemand sollte teuer dafür bezahlen.« »Dem schließe ich mich voll und ganz an. Ich habe mich mein ganzes Leben auf mein Gefühl verlassen, Jun- ge. Und wenn ich es doch einmal übergangen habe, tat es mir später für gewöhnlich Leid. Ab und an war es aber auch falsch und hat mich zu Fehlern verleitet. Doch ob man ihnen folgt oder nicht, man sollte Gefühlen stets Be- achtung schenken, und in diesem Fall hatte ich dasselbe wie du. Etwas an diesem landstreichenden Großherzog und seinen untoten Verfolgern ist äußerst seltsam. Ich kann auf jeden Fall vorschlagen, dass er dich in sein Ge- folge aufnehmen soll, zumal es mitleiderregend klein ist. Die meisten Herzöge reisen mit Dutzenden Bedienste- ten.« »Natürlich könnte er misstrauisch sein.« Also hatte Glockmann auch diese Möglichkeit gese- hen., Großmeister nickte. »Wenn er etwas zu verbergen hat, wird er sehr misstrauisch sein. Er wird sogar ablehnen. Mal angenommen, du findest heraus, dass der Herzog selbst die Schattenherren aus einem verwerflichen Grund heraufbeschworen hat – vielleicht, um des Königs Mitge- fühl zu erregen. Immerhin scheinen Kerzen eine ausrei- chende Verteidigung zu sein. Die Garde wurde unzuläng- lich gewarnt, die Krupinesen hingegen kannten die Tat- sachen und waren durchweg in Sicherheit. Also mal an- genommen, der Angriff stellt sich als List und Tücke her- aus. Was würdest du dann tun?« Glockmann zuckte mit den Schultern. »Nichts. Er wird zwei Klingen haben, die ihn beschützen, also kann ihm niemand ein Leid antun, ohne diese zuerst zu töten, und sie sind ebenfalls meine Freunde. Es ist niemals einfach, einem Großherzog Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ich weiß ja noch nicht einmal, weshalb seine Untertanen ihn verstoßen haben.« »Ich auch nicht. Wusste es Gefahr?« Der Ansatz eines Lächelns. »Nein.« »Dann gehen wir davon aus, dass unser König weiß, was er tut und Rubin von Krupina seiner Hilfe würdig ist. Ich weiß, dass du sein Vertrauen nicht verraten wirst, wenn er dich einstellt. Aber ich möchte, dass du etwas anderes tust, und mir und dem Orden einen Dienst er- weist, natürlich vorbehaltlich der Gefolgstreue, die du ihm schuldest. Ich gebe dir Geld. Falls der Herzog stirbt, kümmerst du dich bestmöglich um seine verstörten Klin-, gen, ja? Und falls sein Bestreben zum Scheitern verurteilt ist und er völlig verarmt, was durchaus sein kann, bringst du ihn zurück nach Chivial – ohne Freunde in die Ver- bannung, wo ihm nur noch seine Klingen beistehen. Dann kann Athelgar alle drei bei sich aufnehmen und durchfüttern.« Lächelnd nickte Glockmann. »Sogar der Zufall kann für Gerechtigkeit sorgen?« »Genau!«, rief Großmeister aus. »Aber es kann nie schaden, ihn in die richtige Richtung zu stupsen.«, Hämmer klopften auf Ambossen den Takt, Soprane klet- terten beim Weihlied der Klingen über Tenöre und Bari- tone, der üppige Widerhall der Esse fügte seinerseits Klangharmonien hinzu. Von den kleinwüchsigen Sopra- nen bis hin zum greisen Sir Bram, den man außer zu den Mahlzeiten selten zu Gesicht bekam, hatte sich ganz Ei- senburg um das Oktogramm eingefunden. Das Licht aus den Öfen hinter den Versammelten flackerte höchst schwach an der Decke, was bei Ringwald Sorgen wegen der Schattenherren heraufbeschwor, aber draußen herrschte klarer Himmel, und der Herzog hatte ihm ver- sichert, der Fluch könnte nur in sternenlosen Nächten wirken. Jedenfalls war er nicht in Panik verfallen und davon- gelaufen. Papa wäre stolz auf ihn. Im Oktogramm standen selbstverständlich acht Män- ner. Ringwald selbst befand sich auf der Ecke der Erde, links neben ihm Raunzer auf Tod. Und genauso sah er auch aus. Neben Raunzer wiederum befand sich Gutsieg, der ähnlich unglücklich wirkte, weil ihm eine lange Zeit als Primus bevorstand. Dann der Balg, der breit auf die beiden blanken Schwerter zu seinen Füßen hinabgrinste. Dies war seine dritte Bindung in drei Wochen. Jedes Mal hatte er drei Sätze zu sagen, und zuvor hatte er Ringwald keck mitgeteilt, dass dieser die vierzehnte Klinge würde,, an deren Bindung er mitwirkte, eine neue Bestleistung. Der Lobgesang endete. Auf Feuer stimmte Ritualmeis- ter den Sprechgesang des Beschwörers an. Der Herzog stand auf Liebe, unmittelbar gegenüber Raunzer, und ne- ben ihm war Waffenmeister, der den Spender singen würde – er besaß eine außergewöhnliche Bassstimme und die Lungen eines Wals. Die Geister der Elemente störten sich offenbar nicht an seinem kaum verständli- chen Akzent. Großmeister verkörperte den Schiedsrichter und hatte auf der Ecke der Zeit Stellung bezogen. Ringwald hatte bereits mehr als einem Dutzend Bin- dungen beigewohnt, dennoch wurde das Ritual nie lang- weilig. Er war zwar kaum empfindsam für Geister, dafür war er umso gefühlsseliger. Schon beim Gedanken, dass er morgen fort sein könnte – obschon sein Mündel mein- te, übermorgen wäre wahrscheinlicher – und dieses Ritu- al nie wieder miterleben würde, drohten seine Augen ü- berzuquellen. Papa wäre heute Nacht bestimmt stolz auf ihn gewesen. O bei den Geistern! Da kamen sie! Tränen kullerten ihm über die Wangen. Angestrengt versuchte er, an die große weite Welt zu denken, die draußen auf ihn wartete. Ein guter Mann, dieser Herzog Rubin, trotz seines leicht heruntergekommenen Erscheinungsbildes. Still, höflich und stählern. Ihn zu beschützen, würde ein Ver- gnügen und wesentlich aufregender sein, als ein unbe- deutendes Gesicht in einer Garde von über hundert Klin- gen zu sein, die Athelgar umschlichen. Nur Raunzer als, Anführer verhieß keine besonders erfreuliche Aussicht. Raunzer hatte die Augen geschlossen und schien leicht zu wanken, als rüttle ein Wind an ihm, den niemand sonst zu spüren vermochte. Was würde geschehen, wenn er das Bewusstsein verlöre und aus dem Oktogramm fie- le? Dadurch könnten die versammelten Elementargeister entfesselt werden! Es kursierten Schauergeschichten über Beschwörer, die über geballte Geisterhorden die Herr- schaft verloren und den Verstand eingebüßt oder sich in Ungeheuer verwandelt hatten. Großmeister trat zum Amboss in der Mitte vor und verstreute Goldmünzen darauf, um zu gewährleisten, dass die Geister des Zufalls nicht außer Rand und Band gerieten. Argwöhnisch begutachtete er das Ergebnis, dann jedoch nickte er und trat wieder zurück. Warum verflog die Zeit ausgerechnet dann so flink, wenn man jeden Lidschlag genießen wollte? Die Elementargeister waren versammelt. Nun war der Balg an der Reihe, der Unbezwingbar umklammerte. Er war ein sehr kleiner Balg, und ein Langschwert war, wie der Name schon sagte, lang. Dennoch legte er es ohne Missgeschick auf den Amboss, sagte seinen Text mit piepsender Spatzenstimme auf und wuselte zurück an seinen Platz auf Zufall. Raunzer schaute überall hin außer auf das Schwert. Auf Großmeisters Zeichen hin half Gutsieg ihm, das Hemd auszuziehen. Raunzer unternahm keinen Versuch, ihm die Aufgabe zu erleichtern. Danach musste Ring-, wald auf Raunzers Brust die Stelle des Herzens kenn- zeichnen, was bei gutem Licht und mit trockenen Augen wesentlich einfacher gewesen wäre. Er fand die unterste Rippe, zählte nach oben und schwang das Holzkohle- stück. Auf Raunzers Brust wucherte bereits beachtliche Behaarung – warum konnte er sich nun nicht etwas mehr wie ein Mann verhalten? Vermassle es nicht – nur dieses eine Mal! Ringwald wich zwei Schritte zurück und stellte fest, dass nichts geschah. Also ging er wieder vor, ergriff den Ellbogen seines künftigen Anführers und zerrte ihn vor- an. Mit Ringwalds Hilfe stolperte Raunzer zum Amboss hinüber. Ringwald musste sogar Raunzers Hand um Un- bezwingbars Heft legen. Der grobschlächtige Kerl zitter- te und war feucht vor Schweiß. »Rauf da!« Raunzer nickte und hievte sich auf den Amboss. Dann hob er das Schwert zum Gruß … wobei es heftig zitterte. Der einzige Laut war das Klappern von Raunzers Zäh- nen. »Bei meiner Seele …«, flüsterte Ringwald. Keine Antwort. Großmeister kaute auf der Unterlippe. Konnten sie das Ritual an dieser Stelle noch abbrechen? Einen anderen Mann mit einem anderen Schwert antreten lassen? Oder würde alles aus den Fugen geraten und je- mand sterben? Zum Beispiel Ringwald. Er stupste Raunzer ins Kreuz und sprach ihm erneut vor., »Bei meiner Seele schwöre ich, Raunzer,…« Diesmal zeigte es Wirkung. »Bei meiner Seele schwöre ich, Raunzer, …« Er war kaum zu hören. »Anwärter des Getreuen und Alten Ordens …« »Anwärter des Getreuen und Alten Ordens … der Klingen des Königs, äh, unwiderruflich, dass ich …« Jetzt hatte er es. Schwitzend kehrte Ringwald an sei- nen Platz zurück, aber er zuckte bei jedem Atemstoß un- ruhig zusammen. Raunzer sprach seinen Eid zu Ende, besann sich, was er als Nächstes zu tun hatte und schaffte es, vom Amboss zu springen, ohne der Länge nach hin- zufallen. Er kniete sich vor den Herzog und reichte ihm das Schwert dar, dann wich er rücklings zurück, bis er den Amboss fand, indem er darauf fiel. Gutsieg und Ringwald waren zur Stelle, um seine Arme zu ergreifen und ihn für den Stoß zu stützen. Der Großherzog vergeudete keine Zeit. »Diene oder stirb!« Damit bohrte er das Schwert in Raunzers Brust, jedoch nicht hindurch. Raunzer bäumte sich gegen den Griff seiner Gefährten auf, doch da war die Klinge auch schon wieder draußen und das Rinnsal des Blutes ver- ebbt. Ungläubig starrte er hinab, als die Wunde sich schloss, dann schaute er mit einem breiten, stolzen Lä- cheln auf. »He!«, rief er aus. »Pssst!«, machten alle anderen. Ringwald geleitete ihn wohlbehalten zurück an seinen, Platz auf Erde und stellte sich selbst auf Tod. Nach dieser Tortur dachte er, die eigene Bindung würde ein Kinder- spiel. Voll Freude beobachtete er, wie der Balg Schlechte Neuigkeiten mit dem strahlenden Funkeln des neuen Knaufs herbeibrachte. Ohne darauf zu warten, dass Raunzer sich seiner Pflicht besann, riss er sich das Hemd vom Leib. Er war erleichtert, dass es Gutsieg war, der das Ziel kennzeichnete. Dann sprang er auf den Amboss, streckte das pracht- volle Schwert hoch empor und schrie: »Bei meiner Seele schwöre ich, Ringwald …« Es war ein Traum! Fast vier Jahre lang hatte er diesem Augenblick entgegengefiebert. Nachdem er sich vor seinem Mündel von den Knien erhoben hatte, dachte er sogar daran, sich auf dem Am- boss nicht auf den feuchten Fleck zu setzen, den Raunzer hinterlassen hatte. Er breitete die Arme aus und spürte, wie erst Gutsieg und danach Raunzer sie ergriffen. Dann stählte er sich für den Schmerz … Da kam die Klinge. Er beobachtete, wie das Schwert auf ihn zu kam. Es tat nicht annähernd so weh, wie jeder gelobt hatte. Zudem dauerte es zu kurz, um als echter Schmerz zu gel- ten. Ringwald erhob sich, um im überschwänglichen Ju- bel der Anwesenden zu baden, nahm von irgendjeman- dem sein Hemd entgegen und versuchte vergebens, es überzustreifen, während ihm auf die Schulter geklopft und die Hand geschüttelt wurde. Hinter ihm war das ehr- fürchtige »Aaaah!«, und »Oooooh« von Jungspunden zu hören, die dort eine Narbe entdeckt hatten, die dem leicht, rötlichen Mal auf der Brust entsprach. Der Herzog beäugte das Schwert. »Wie heißt es?« »Schlechte Neuigkeiten, Herr. Das heißt, schlechte Neuigkeiten für Eure Hoheit Feinde.« Rubin lachte. »Fein! Gut gemacht!« Damit gab er die Waffe zurück. Ringwalds Herzblut auf dem Stahl ähnelte enttäu- schend herkömmlichem Blut. Mit Eisenburgs Hemd wischte er die Klinge sauber. Meister und Ritter drängten herbei, um ihm ebenfalls die Hand zu schütteln. Er schob sich an ihnen vorbei, um sein Mündel im Auge zu behal- ten. Im Vorbeigehen zerzauste er dem Balg das Haar und rief: »Danke! Gute Bindung.« Indes schüttelte der Großherzog Raunzer die Hand, dann kehrte er zu Ringwald zurück. »Sir Ringwald?« »Hoheit?« »Hiermit ernenne ich Euch zum Befehlshaber meiner Klingen.« Zunächst vermeinte Ringwald, sich verhört zu haben, doch der Tumult verebbte rings um ihn wie Wellen auf einem Teich und es wurde still. »Was?«, brüllte Raunzer. »Er ist drei Jahre jünger als ich!« Zweieinhalb! »Das merkt man aber nicht«, meinte sein Mündel nur. »Das ist ungerecht! Er ist von gemeiner Geburt und ich nicht!«, »Auch das merkt man nicht. Er ist der Befehlshaber. Großmeister, ich glaube, Ihr habt erwähnt, dass es als Nächstes etwas zu essen gibt?« Raunzers finsteres Starren auf Ringwald kündigte ent- setzliche Vergeltung für diese Beleidigung an. Zahlreiche Kerzenflammen flackerten auf all den Ti- schen im Saal und spiegelten sich hundertfach vom be- rühmten Himmel der Schwerter an der Decke. Tags zu- vor hatte eine Rückgabe stattgefunden, stets ein Anlass der Trauer, nun jedoch waren zwei Klingen gebunden worden, und das war ein Grund zum Feiern. Neunzig junge Allesfresser durften schlemmen, bis sie nicht mehr konnten, und anschließend von dannen ziehen, um zu schlafen, so lange sie wollten. Der Saal bebte vor Lärm. Sir Ringwald stand am Hochtisch hinter seinem Mün- del. Niemand hatte ihn dazu aufgefordert. Es würde ihm überhaupt niemand mehr sagen, was er zu tun hatte. Ob- wohl sein Appetit selbst für Eisenburgs Normen bemer- kenswert war, wusste er, dass all das Knurren in seinem Magen und das Wasser, das ihm im Mund zusammenlief, noch nicht befriedigt werden konnten. Er hatte Raunzer – Sir Raunzer bitteschön – aufgetragen, sich in der Küche den Wanst voll zu schlagen und anschließend zurückzu- kommen, um ihn abzulösen. Bislang schien Raunzer bei Ersterem erfolgreicher als bei Letzterem, doch es spielte kaum eine Rolle. Ringwald war gar nicht sicher, ob er die Augen überhaupt vom Großherzog abwenden konnte,, ganz gleich, aus welchen Gründen. Es hieß, der ärgste Drang würde in ein paar Tagen nachlassen. Im Augen- blick stellte er eine Art angenehmen Schmerz dar, ver- gleichbar leichtem Muskelkater nach körperlicher Er- tüchtigung. Rubin von Krupina saß am Ehrenplatz zu Großmeis- ters Rechter. Der widerwärtige, fette Baron hockte links von Großmeister und lehnte sich halb über ihn, um der Unterhaltung zu lauschen, wobei er gleichzeitig mit bei- den Händen Essen in sich hineinstopfte. Am Tisch der Altgedienten drängten sich sechzehn Altgediente und fünf Mitglieder der Garde. Sir Calvert, dem Stellvertreter den Befehl über den verringerten Trupp übertragen hatte, war am Hochtisch. Ebenso – überraschenderweise – Glockmann, der nun offiziell ein Gast und kein Anwärter mehr war. Er lachte unbeschwert mit ein paar der redse- ligsten Ritter und ließ keinerlei Anzeichen von Verbitte- rung oder Bedauern erkennen. »Ich bin sicher, das tut er, und ich bin sicher, das wird er nicht«, meinte Großmeister. Er schenkte sich ein Glas Wein ein und reichte den Krug weiter nach links, wobei er scheinbar nicht bemerkte, dass er dem Baron den Ell- bogen vors Auge stieß. Dann hielt er den Krug noch kurz fest, sodass sein Arm den Baron aus der Unterhaltung ausschloss. Der Großherzog drehte den Kopf halb herum. »Sir Ringwald?« Ringwald beugte sich dichter zu ihm. »Hoheit?«, »Belauscht Ihr, was Großmeister und ich bespre- chen?« »Ja, Hoheit.« »Sagt Ihr mir dann, was Ihr von seinem Vorschlag hal- tet?« »Nicht hier, Hoheit.« Sein Mündel kicherte. »Ihr habt gewonnen, Großmeis- ter.« Das fühlte sich gut an. Ringwald folgte lediglich sei- ner Eingebung, und bislang schien sie ihn nicht im Stich zu lassen. Dann sah er Raunzer herbeieilen und kam zu dem Schluss, dass er sich doch kurz etwas zu essen ge- nehmigen konnte. Zum Beispiel zwei geröstete Eber. Schließlich wäre es ein erbärmlicher Beginn seiner Lauf- bahn, vor Hunger zu sterben. Als Großherzog Rubin mit seinen Klingen im Schlepptau – die sich bemühten, mit ihren Schwertern nichts umzu- stoßen – zum Haupthaus zurückkehrte, versah die König- liche Garde bereits Dienst am Fuß der großen Treppe. Ringwald war überrascht, unter den Männern auch Glockmann zu erblicken, der sich mit Sir Calvert unter- hielt. Großmeister musste ihn dem Herzog gezeigt haben, denn Rubin wusste, wer er war. »Ihr vergeudet keine Zeit junger Mann, was?« Glockmann verneigte sich. Sein Lächeln war voll- kommen, weder unverschämt noch speichelleckerisch. »Ich stehe Eurer Königlichen Hoheit nach Belieben zur, Verfügung.« »Sucht mich morgen früh auf. Sir Calvert? Habt Ihr bereits die Spinnen unter dem Bett gezählt?« »Nein, Euer Gnaden. Ich war sicher, Sir Ringwald würde sie nur noch einmal zählen.« Mit hochgezogener Augenbraue schaute er zu Ringwald. Der nickte, womit er ausdrücken wollte: Ja bitte, ich hätte gerne eine Lektion. »Bringen wir es hinter uns«, schlug Rubin vor und er- klomm die Stufen im Laufschritt, dass der Rest Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten – mit Ausnahme seiner Klingen, die vorauseilten und die Türen aufrissen, um sich zu vergewissern, dass nichts und niemand lauerte. Hastig wurden Kerzen angezündet, viele Kerzen. Als Ba- ron von Fader ächzend und stöhnend eintraf, war bereits überall Licht. Ringwald hatte die königliche Zimmerflucht noch nie von innen gesehen. Der erste Raum war hoch, groß und verfügte über mächtige Fenster, die auf einen Balkon hi- nausgingen. »Das Vorzimmer«, erklärte Calvert und ging in die nächste Kammer voraus. »Der Ankleideraum … und schließlich das königliche Schlafgemach.« Die Ein- richtung und Ausstattung übertrafen bei weitem alles an- dere in der Schule – wie es einem König gebührte. »Wer schläft im Ankleideraum?« »Für gewöhnlich ein Kammerdiener. Jetzt der Baron.« Argwöhnisch betrachtete Ringwald das königliche Himmelbett. Irgendwie beunruhigte es ihn. Im mittleren, Zimmer hatte er in einer Ecke eine Pritsche gesehen, die den Baron, selbst wenn er saß, nicht vollständig aufzu- nehmen vermochte. »Und wir drehen im Vorzimmer Däumchen?« Ob Calverts selbstgefälligem Lächeln run- zelte er die Stirn. »Ich denke, der Ankleideraum sollte als Wachzimmer dienen, immerhin befindet es sich gleich neben dem Gemach unseres Mündels. Der Baron sollte im Vorzimmer schlafen.« »Nur zu. Du hast jetzt das Sagen – Sir Ringwald.« Cal- vert setzte ein herzlicheres Grinsen auf. »Ich gehe selbst gern nach dem Regelbuch vor, aber Tancred wollte kein Aufhebens.« Da Ringwald kaum eine Woche lang ein Altgedienter gewesen war, kannte er das Regelbuch nicht. Es fühlte sich einfach richtig an und entsprang derselben Einge- bung, die Raunzer draußen im Vorzimmer bei ihrem Mündel bleiben ließ. Es war, als hätte man einen Stapel Goldbarren zu bewachen. Die Entscheidungen treffen zu müssen, fühlte sich weniger gut an – eher besorgniserre- gend. Baron von Fader polterte riesig, übellaunig und be- trunken herein. »Was ist denn hier los? Seine Königliche Hoheit wünscht, zu Bett zu gehen. Genau wie ich.« Abermals schaute Ringwald zu dem Himmelbett. Es beunruhigte ihn wirklich. »Herr, erklärt mir etwas über diese Schattenherren. Können sie durch feste Mauern gelangen?« Der fettleibige Mann bedachte ihn mit einem mürri-, schen Blick. »Heute Nacht sind keine Schattenherren hier, Junge.« »Trotzdem muss ich es wissen.« »Morgen ist Zeit für Unterricht, Junge. Heute Nacht ist es Zeit fürs Bett. Und zwar jetzt gleich!« »Je eher Ihr meine Fragen beantwortet, Herr, desto früher kommt Ihr ins Bett.« Der Ochsenfrosch blähte sich vor Zorn auf. »Bei Licht können sie durch Wände gehen, Junge. Wenn es dunkel ist, sind sie fest und gefährlich, bei Licht hingegen nur Schatten und harmlos. Ist das denn zu schwierig zu be- greifen?« »Was ist, wenn auf einer Seite einer Mauer Licht ist und auf der anderen Dunkelheit herrscht?« Baron von Fader schüttelte den Kopf, als wollte er ihn von Spinnweben befreien. Sein Doppelkinn wackelte da- bei wie Pudding. »Sie können vom Licht in die Finster- nis, nicht aber in die andere Richtung.« »Worauf willst du hinaus?«, fragte Calvert mit gerun- zelter Stirn. »Dieses Bett«, erklärte Ringwald, »steht an der Wand. Ich vermute, mein Mündel wird bei angezündeten Ker- zen schlafen. Nein, ich bestehe darauf, dass Seine Hoheit bei angezündeten Kerzen schläft. Folglich wird mein Mündel trotz der warmen Nacht die Bettvorhänge schlie- ßen wollen. Mal angenommen, auf der anderen Seite die- ser Mauer ist Licht. Dann könnten diese untoten Wesen von jenem Raum« – von dem er annahm, dass es sich um, ein weiteres Gästezimmer handelte – »unmittelbar ins Bett gelangen.« Calvin starrte ihn frostig an. »Versuchst du etwa, mir meine Aufgabe zu erklären, Grünschnabel?« »Nein, Sir Calvert, aber …« »Doch, hast du gerade. Daran habe ich nie gedacht. Der Orden hat das Regelbuch für diese widerlichen Schattenherren noch nicht geschrieben. Ich kümmere mich darum, dass deine Feststellung darin aufgenommen wird. Was gedenkst du zu unternehmen?« »Das Bett von der Wand wegschieben? Kerzen zwi- schen der Wand und dem Bett aufstellen?« »Frag mich nicht, Ringwald. Frag überhaupt nieman- den. Befiehl einfach! Du hast sieben Männer hier, die dir gehorchen werden, und einen Baron, den du piesacken kannst.« »Was?«, begehrte der Baron wütend auf. »Und Eure Pritsche wird in den Vorraum geschoben, Herr«, verkündete Ringwald vergnügt. »Was?!« »Tut mir Leid, ich muss mich an diese Macht erst noch gewöhnen.« Trotzdem durfte er nicht so weit ge- hen, Baron von Speck aufzufordern, beim Möbelschie- ben zu helfen. »Bitte hol deine Ochsen herein, Sir Cal- vert.« Natürlich war es damit noch nicht getan. Er musste un- ter das Bett schauen, in jede Truhe, jeden Schrank, jede Schublade. Er spähte in den Waschkrug, zwischen die, Kleider, hinter die Vorhänge, in jeden Kamin und Rauch- fang und begutachtete die Befestigungen der Fensterflü- gel. Der Baron schäumte vor Wut, knirschte mit den Zäh- nen und tat seinen Unmut lautstark kund. Der Großher- zog hingegen wartete geduldig, bis seine Klingen zufrie- den waren, ohne sich ein einziges Mal zu beschweren. »Ein gutes Mündel«, flüsterte Calvert. »Vielen Dank für Eure Geduld, Hoheit«, sprach Ring- wald schließlich und kehrte ins Vorzimmer zurück. Er musste voller Staub und Spinnweben sein, und das Mor- gengrauen stand bereits bevor. »Tut mir Leid, dass es so lange gedauert hat.« »Es war Eure Pflicht, und ich bin dankbar für Eure Sorgfalt.« Rubin steuerte auf sein Schlafgemach zu und bedeutete Ringwald, ihm zu folgen. »Hättet Ihr all das auch gestern gekonnt?« »Gekonnt schon, aber ich hätte es nicht als nötig emp- funden.« Rubin hielt die Tür auf, bis Ringwald sich im Zimmer befand, dann schlug er sie vor Raunzers Nase zu, sodass die beiden allein waren. »Könnt Ihr mich anlügen?« »Ja, Hoheit.« »Tatsächlich?« Damit hatte der Großherzog nicht ge- rechnet. »Aber nur, wenn es zu Eurem Schutz notwendig ist, Euer Gnaden. Nur, wenn es nicht anders geht. Sonst nie. Schließlich muss ich gewährleisten, dass Ihr mir ver- traut.« Das lernte man bereits in der Sopranklasse., »Ich verstehe. Großmeister zeigt sich recht beharrlich, dass ich diesen halbblinden Schulabbrecher Glockmann einstelle. Mir ist bloß nicht recht klar, zu welchem Zweck.« »Er ist ein hervorragender Mann, Hoheit, und damit belüge ich Euch nicht. Ich würde Glockmann mein Le- ben anvertrauen. Das Eure selbstverständlich nicht.« Der Großherzog unterdrückte ein Gähnen. »Er soll mit uns nach Grandon reisen. Dort können wir eine Ent- scheidung treffen. Gute Nacht – Befehlshaber.« Ringwald verneigte sich tief. »Gute Nacht, Königliche Hoheit. Und danke für das Vertrauen, das Ihr in mich setzt.« »Danke für den Rest Eures Lebens«, erwiderte Rubin. In der Ankleidekammer hockte Raunzer mit verdrieß- licher Miene, schäumte vor Wut und schürte den Zorn, den er seit Stunden hegte. Beide Türen waren geschlos- sen, und durch die dicke Eichentür zum Vorzimmer drang bereits leise das Schnarchen des Barons. Danke für den Rest Eures Lebens? Eine seltsame Aus- drucksweise. Aber in gewisser Weise durchaus zutref- fend. Ringwalds Leben gehörte nunmehr seinem Mündel. Wie alt mochte Rubin sein? Vierzig? Sechzig? Wenn er eines natürlichen Todes und langsam stürbe, sodass seine Klingen Zeit hätten, sich an die Vorstellung zu gewöh- nen, sollten sie es unbeschadet überstehen. Nur wenn ein Mündel gewaltsam ums Leben kam, verfielen dessen Klingen in Raserei., Ringwald fühlte sich überhaupt nicht schläfrig. Ge- bundene Klingen schliefen nie, oder so gut wie nie. Den- noch war er erschöpft, und ein paar Stunden auf einem Bett wären recht angenehm. Zwar gab es in der Kammer keine Liegestatt, dafür aber ein paar brauchbar aussehen- de Stühle. Raunzer rieb sich die Knöchel. »Wir haben was zu be- sprechen, Bruder Ringwald.« »Nicht dass ich wüsste.« Ringwald setzte sich und zog die Stiefel aus. Der linke zwackte nach so vielen Stunden ein wenig. Raunzer packte ihn vorn am Wams und zerrte ihn hoch. Aus seinen Augen sprach Wahnsinn. »Wir haben zu besprechen, wer hier Anführer ist, Pickelgesicht.« Ringwald hatte vor Raunzer nichts mehr zu befürch- ten. »Ich bin Anführer. Unser Mündel hat entschieden.« »Wir werden ihn überstimmen, wir beide.« Traurig schüttelte Ringwald den Kopf. »Nein.« Armer Raunzer. Es musste schrecklich sein, sich so oft zu irren, über alles und jeden, tagein, tagaus. Das große Raubein ballte die Faust gleich einem Vor- schlaghammer. »Versuch’s ruhig«, forderte Ringwald ihn auf. »Ich bin die Klinge deines Mündels. Du kannst mich nicht verletzen. Deine Bindung lässt es nicht zu.« Eine ganze Weile lang geschah gar nichts, außer dass Schweiß auf Raunzers Stirn zu glitzern begann. »Siehst du?«, meinte Ringwald. »Finde dich damit ab, und entspann dich. Du hast die einfachere Aufgabe. Ich muss all die Entscheidungen treffen. Wenn Fehler auftre- ten, werden es meine Fehler sein. Dann kannst du Ihro Gnaden auffördern, mich abzusetzen, und ich werde dich dabei unterstützen, versprochen. Und falls der Herzog stirbt, kannst du mich zu Mus stampfen. Aber jetzt setz dich erst mal. Du hast nicht zufällig Würfel dabei, oder?« Dann fiel ihm ein, dass Raunzer gelernt hatte, das Würfelspielen sein zu lassen. Etwa eine halbe Stunde später vermeinte Ringwald, et- was aus dem Schlafgemach zu hören, und war sogleich auf der Hut. Raunzer schien zu dösen, schaute aber sofort auf, als sein Gefährte sich regte. Ringwald legte einen Finger an die Lippen, schlich zur Tür und schob sie ganz langsam, ganz leise ein Stückchen auf. Im Schlafgemach war es hell, und sofern die Bettvorhänge zugezogen wa- ren, sollte sein Mündel ihn weder sehen noch hören. Er lauschte. Nach einer Weile schloss er die Tür wie- der und begab sich zurück zu seinem Stuhl. Raunzer be- dachte ihn mit fragenden Blicken, also zuckte Ringwald bloß mit den Schultern. Er hatte keine Lust, ihm zu erklä- ren, dass er die Laute eines weinenden Großherzogs ge- hört hatte., Einige Achtelmeilen östlich von Eisenburg neigte die Straße nach Schwarzwasser sich in eine Senke und voll- führte eine jähe Kurve, um wieder herauszugelangen. Am oberen Rand dieser Biegung hatte man eine herrliche Aussicht auf die Schule mit ihren falschen Türmen und Zinnen. Glockmann wusste, dass es der letzte Blick auf seine einstige Heimat sein würde. Er drehte sich im Sat- tel herum und beobachtete, wie Eisenburg hinter den Fel- sen verschwand. »Bedauern?«, fragte Sir Ansel an seiner Seite. »Ein großes Bedauern und viele glückliche Erinnerun- gen.« Der Rücken eines Pferdes war ein guter Ort für unge- störte Unterhaltungen, und Ansel war ein guter Vertrau- ter, einfühlsam und verschwiegen. Er, Glockmann und Bernard waren bis zum jüngsten Besuch des Königs ein unzertrennliches Dreiergespann gewesen. Ansel war da- bei als letzter gebunden worden und so nur knapp dem Los entgangen, in der folgenden Woche mit Fürst Bax- terbrück nach Baelmark verfrachtet zu werden. »Es geht das Gerücht, dass du für Seine Hochwohlge- borenheit arbeiten wirst.« »Bislang ist es nur ein Gerücht«, gab Glockmann zu- rück. »Oh, sieh dir das bloß an!«, Ringwald hatte das Recht für sich beansprucht, neben seinem Mündel zu reiten. Raunzer und der Baron folgten dicht dahinter. Wann immer der Pfad sich weitete, sodass ein drittes Pferd Platz hatte, versuchten beide, nach vorn zu gelangen. Das Gerangel wurde rücksichtslos geführt, und Raunzer wäre um ein Haar in einen Distelstreifen abgeworfen worden. Die Zuschauer schlossen bereits Wetten ab. Die Sonne hatte sich eben erst über die Gipfel der Hü- gel erhoben, trotzdem war es bereits heiß. Irgendwo in luftiger Höhe zwitscherte eine Lerche, und ein Stück süd- lich ergriff eine Herde des königlichen Wilds furchtsam die Flucht vor den herannahenden Störenfrieden. Im Sommer war Kahlmoor atemberaubend schön. Nach einer Weile sagte Ansel: »Sehr erfolgreich war der Besuch des hohen Herren in Eisenburg ja nicht. Raunzer ist gesellschaftlich eine Nacktschnecke und Ringwald noch ein Junge. Beide sind nicht vollständig ausgebildet. Für gewöhnlich bringt Eisenburg Besseres hervor.« »Die Ersatzmannschaft? Immerhin hat er noch die Möglichkeit, zusätzlich einen Blinden anzuwerben.« »Das habe ich nicht gemeint!« »Ich weiß. Ich glaube, die beiden werden zurecht- kommen. Ringwald besitzt Verstand.« Aber besaß er auch genug davon? Schon bedauerte Glockmann das Versprechen, das er Großmeister gege- ben hatte. Er vertraute diesem geheimnisvollen Großher-, zog und seinem aufgeblasenen Baron nicht mehr. Ges- tern war er vor dem Mann niedergekniet und hatte darum ersucht, in seine Dienste eintreten zu dürfen. Doch er war froh gewesen, nicht sofort aufgenommen zu werden. Glockmann hatte das untrügliche Gefühl, dass der Mann nicht war, was er zu sein schien. »Großmeister spricht in höchsten Tönen von Euch«, hatte Rubin gesagt und sich mit gerunzelter Stirn auf dem Stuhl zurückgelehnt. »Ebenso meine Klingen, deren Ur- teil ich vertrauen muss, was ich auch tue. Aber Ihr ver- fügt über keine besonderen Fähigkeiten außer der Fecht- kunst, und mir wurde gesagt, darin seit Ihr nun keinem gewöhnlichen Kämpfer mehr überlegen. Sir Ringwald meinte, Ihr könntet Ihm in Grandon hilfreich sein, wo er einige Dinge erledigen lassen möchte. Es fällt ihm schwer, von meiner Seite zu weichen. Das verstehe ich. Aber ich habe nicht vor, lange in Chivial zu bleiben …« »Sprachbeschwörungen sind kostspielig!«, fuhr Baron von Fader dazwischen. »Was könnt Ihr beitragen, um diese Kosten zu rechtfertigen, die jedes Mal anfallen, wenn Seine Hoheit eine Grenze überquert?« Da Glockmann erkannte, dass eine Antwort auf die Frage erwartet wurde, sagte er: »Aufrichtigkeit, Hoheit, und den Willen zu dienen. Obwohl ich keines Handwerks Meister bin, wurde ich in Eisenburg Geselle in mehreren. Ich besitze eine schöne Schrift. Und ich verstehe etwas von Pferden.« Des weiteren von Tänzen, von grundle- gender Beschwörung, vom Hofprotokoll sowie von der, Geschichte und den Gesetzen Chivials – kurzum nichts von Belang. »Ich verfüge bereits über einen Stallknecht und einen Sekretär.« Der Großherzog zuckte mit den Schultern. »Großmeister sagt, Ihr könntet dafür sorgen, dass die Anklage gegen Euch fallen gelassen wird?« »Es gab nie eine offizielle Anklage, Hoheit, aber ich bin überzeugt, dass ich meinen Namen reinwaschen kann, sobald wir in Grandon eintreffen.« »Tut das. Und unterstützt Sir Ringwald nach Bedarf, danach sehen wir weiter. Ich werde Euch für Eure Zeit bezahlen. Ihr könnt gehen …« Ansel riss ihn aus seinen Grübeleien. »Wie hast du dein Schwert genannt?« Unwillkürlich suchte Glockmanns Hand den Rückhalt jenes Hefts an seinem Gürtel. Der Stein am Knauf war schwarz, denn Katzenaugen waren gesetzlich den Klin- gen vorbehalten. Selbst ein namenloses Schwert aus der Waffenschmiede Eisenburgs stellte ein unrechtmäßiges Geschenk dar, doch Waffenmeister hatte mit unbewegter Miene erklärt, dieses hätte bloß irgendwo herumgelegen, wo er es zufällig gefunden habe. Offensichtlich hatte Großmeister diese glückliche Entdeckung gutgeheißen. »Ich habe der Waffe noch keinen Namen gegeben«, antwortete Glockmann. »Ich war versucht, sie Lug oder Schwindel zu nennen, aber ich hab’s nicht übers Herz gebracht, sie so zu beleidigen.« Wenn er sich selbst ge- genüber ehrlich sein wollte, wie er es sich angewöhnt, hatte, wusste er außerdem, dass eine schnippische Be- zeichnung den Wert der Klinge herabsetzen würde. Und es konnte durchaus sein, dass er sie verkaufen musste, um sich Essen zu beschaffen. Außerdem durften ohnehin nur Edelmänner Schwerter tragen. »Kannst du ein paar Stunden für mich erübrigen, wenn wir in Sorglos eintref- fen? Ich brauche einen Führer.« Raunzer hatte bei der Rangelei schon wieder verloren und ritt weiter neben dem Baron. Das arme Pferd war wirklich zu bemitleiden! »Das lässt sich wahrscheinlich einrichten.« Ansel grin- ste. »In Grandon selbst gibt es bessere Freudenhäuser. Ist es das, wonach dir der Sinn steht?« »Nein. Aber Raunzer. Er spricht von nichts anderem.« »Wie sieht’s mit Ringwald aus?«, erkundigte Ansel sich aufmerksam. »Lass ihn noch warten. Den Jungen beschäftigt im Augenblick auch ohne das genug.« Angesichts der trockenen Straßen und der noch langen Tage sowie mit Hilfe der neuen Brücke über den Flasch- bach konnten sie bis in die Nacht hinein reiten und er- reichten Sorglos, noch bevor der Mond aufging. Das Ge- folge des Großherzogs zog wieder im Quamast-Haus ein. Hoffreisassen und Klingen wurden aus den Betten ge- zerrt, um es zu beschützen. Doch nichts und niemand belästigte die Gäste. Am nächsten Morgen stand Ansel vor der Tür, um sei- nen Freund abzuholen. Obwohl Glockmann die beste, Hose, das schönste Wams und den schmucksten Umhang trug, den Eisenburg zur Verfügung stellen konnte, war er nicht angemessen für einen Palast gekleidet. Außerdem brandmarkte ihn die Depeschenmappe, die er bei sich trug, als Verwaltungsgehilfen, weshalb er das Schwert zurückgelassen hatte. »Zur Dunklen Kammer, bitte«, sagte er, als sie aufbra- chen. Wie riesig das Anwesen doch war! Wesentlich grö- ßer und prunkvoller, als er es sich vorgestellt hatte, eine Parklandschaft voller Bäume, Blumen und Rasen. Der Palast selbst glich einer kleinen Stadt aus Marmor und Glas, roten Ziegeln und hohen Schornsteinen. Lange hat- te er davon geträumt, hier zu leben und den König zu bewachen. Und dennoch … Da er stets älter als seine Klassenkameraden gewesen war, hatte er sich überwie- gend mit Jungen angefreundet, die in der Schule vor ihm waren, und im letzten Jahr waren alle aus dem Nest aus- geflogen. Diejenigen, die Eisenburg seither besucht hat- ten, schwärmten von ihrem wundervollen Leben in Gran- don und den Mädchen, von den prächtigen Palästen des Königs und den Mädchen, von Bällen und Maskenspie- len und den Mädchen. Aber wenn man nachbohrte, mussten sie zugeben, dass ihr Leben größtenteils lang- weilig war – abgesehen von den Mädchen natürlich. An- sel war eine Klinge in feiner blauer Livree und mit einem Katzenaugenschwert. Er konnte sich unbehelligt an so gut wie jeden Ort des Landes begeben. Aber was voll- brachte er eigentlich wirklich?, Glockmann schalt sich dafür, etwas herabzuwürdigen, was er nicht haben konnte. So etwas war gemein. »Du hättest ein paar Pferde mitbringen sollen.« »Für ein zusätzliches Entgelt trage ich dich«, gab An- sel vergnügt zurück. »Ich könnte dein Entgelt verdoppeln, und trotzdem würde es nicht mal für ein Bier reichen.« »Das Bier bezahle ich. Nur damit ich den Weg planen kann: Wo musst du denn sonst noch hin?« »Ich muss zu den Hoffreisassen, den Weißen Schwes- tern und zum Ordensprinzen der Herolde.« »Die liegen alle dicht beieinander«, meinte Ansel, dennoch verdüsterten sich seine Züge. »Aber man wird dich grundsätzlich überall eine Stunde Wurzeln schlagen lassen. Die Schwestern wahrscheinlich gleich drei Stun- den lang.« »Du brauchst nicht auf mich zu warten. Zeig mir ein- fach, wo sie sind. Ich finde schon wieder hin.« »Du könntest abgewiesen werden. Oh, sieh dir nur die- se Rosen an!« »Prachtvoll.« Glockmann holte seinen Pass aus der Mappe. »Wie steht’s damit?« Das Dokument wies den Inhaber als Herrn Jakob Glockmann aus – durchaus rechtmäßig, da er im Dienst Seiner Majestät unterwegs war. Unterzeichnet war es mit »Ringwald, Gefährte des Getreuen und Alten Ordens der Klingen des Königs«. Damit, pflichtete Ansel ihm bei, sollte man ihm, abgesehen von den königlichen Gemä-, chern, überall Einlass gewähren. »Ich wette, das hat dem Bürschchen Freude bereitet«, meinte er neidisch. Als dienstjüngster Mann der Garde würde er noch jahrelang keine bedeutungsvollen Unter- lagen unterzeichnen. »Das sind die Kasernen der Klin- gen. Geh dorthin, wenn du Hilfe brauchst.« Im Palasthauptquartier des Nachrichtendienstes Seiner Majestät saß ein einsamer, schwarz gewandeter Inquisi- tor lesend an einem Schreibtisch, auf dem sich Papier türmte. Hinter ihm befand sich ein Fenster. Durch eine angelehnte Tür zu seiner Rechten drangen leise Geräu- sche von Stimmen aus inneren Räumlichkeiten. Mit dem starren Glotzen eines erstickten Fisches schaute er zu Glockmann auf. Obwohl er noch jung wirkte, schrie sein teigiges Äußeres eines Bücherwurms nach frischer Luft und körperlicher Ertüchtigung, ganz so, als verbrächte er sein ganzes Leben in dieser düsteren, stickigen Kammer damit, sich durch diese Unmengen von Papier zu arbei- ten. Zweifellos würden ihn neue Stapel erwarten, wenn er morgen wiederkehrte. »Guten Tag!«, begrüßte Glockmann ihn beschwingt, da er vermutete, nur wenige Menschen würden zu einem Schnüffler der Dunklen Kammer freundlich sein. »Ich möchte eine eidesstattliche Erklärung als wahrheitsge- treue Aussage bestätigen lassen.« »So etwas machen wir nicht.« Die Stimme des Inquisi- tors war so dünn und angestaubt wie sein Erscheinungs-, bild. Er wandte sich wieder seinen Unterlagen zu. Glockmann griff in seine Mappe. »Ich habe hier ein Schreiben von Graf Roland von Amwasser.« Der Inquisitor legte seine Arbeit beiseite und ergriff den Brief. Er las die Widmung, brach das Siegel und ü- berflog den Inhalt mit einem Blick. Zugegeben, der Großteil des langen Texts war eine Auflistung von Großmeisters Titeln, Auszeichnungen und Ämtern, und in diesem Fall zählte nur ein Punkt davon, nämlich die beiden Buchstaben »G.R.«, die darauf hinwiesen, dass er ein Mitglied des Geheimrats war. Erneut streckte der Schnüffler die Hand aus. »Die ei- desstattliche Erklärung!« Auch die bedachte er lediglich mit einem flüchtigen Blick, bevor er sie Glockmann zurückgab. »Habt Ihr das geschrieben?« »Das habe ich.« »Seid Ihr die genannte Person, vormals bekannt als Jakob, Sohn des Johann Ostschwein von Camfurt, später bekannt als Anwärter Glockmann des Getreuen und Al- ten Ordens der Klingen des Königs, derzeit bekannt als Jakob Glockmann?« »Das bin ich.« »Lest mir die Erklärung vor.« Inquisitoren erkannten Falschheit, indem Sie Stimmen lauschten. »Schneller.« Mit einem nur halb tauglichen Auge und dem Licht mitten im Gesicht war das leichter gesagt als getan. An- scheinend hatte der Schnüffler sich den gesamten Text, eingeprägt, denn zwei Mal berichtigte er Glockmann beim Vorlesen. Nachdem Glockmann fertig war, nahm er das Schriftstück wieder an sich, tunkte einen Federkiel in ein Tintenfass und begann, auf dem Dokument zu schrei- ben. »Er hätte im Bett bleiben sollen«, meinte er, ohne auf- zublicken. »Was? Wer?« Glockmann war durcheinander und wü- tend darüber, dass der Inquisitor ihn absichtlich durch- einander bringen wollte. »Friedensrichter Glover. Am Tag davor hatte er einen Schlaganfall erlitten, bereits den zweiten in jenem Mo- nat.« Der Schnüffler streute Sand über den von ihm ver- fassten Text. »Einen Aderlass verweigerte er, und die Arzte befanden seinen Zustand als zu schlecht, um ihn zu einer Beschwörungsstätte bringen zu lassen.« »Woher wisst Ihr das alles?« »Er war ein Hüter des Friedens des Königs. In jenem Jahr traf ein Bericht über seinen Tod hier ein … ich glau- be am vierten des Achtmonds.« Der Schreiberling hielt Wachs und Kerze über das Papier und drückte ein Siegel in die Pfütze. Dann gab er Glockmann die eidesstattliche Erklärung zurück. »Ich habe einen Vermerk darüber an- gefügt, dass der Leichenbeschauer eine natürliche To- desursache feststellte.« »Danke!«, sagte Glockmann verdutzt. »Das ist überaus freundlich von Euch.« Der Inquisitor erwiderte nichts. Er las bereits wieder., Seine Welt bestand nur aus Papier. Glockmann beneidete ihn nicht um seine Arbeit. Das Wachzimmer der Hoffreisassen war ein sonniger und weniger bedrohlich wirkender Ort, trotz der beiden stocksteifen Soldaten, die funkelnd und federgeschmückt davor Wache hielten. Der Soldat hinter dem Schreibtisch begrüßte Glockmann mit einem herzlichen »Guten Tag!«, und schien ihm wohlgesonnen – bis er seinen Pass las, denn der war von einer Klinge unterzeichnet. Die alten Streitigkeiten ließen Milch schneller sauer werden als sengende Hitze. Nein, Unteroffizier Bates war nicht verfügbar. Er hätte keine Ahnung, wann Unteroffizier Bates verfügbar sein würde. Es bedurfte jeder Menge guten Zuredens und all der bescheidenen Liebenswürdigkeiten, die Glockmann aufzubringen vermochte, um dem Mann die zögerliche Erklärung zu entlocken, dass der Tod dreier Hoffreisas- sen im Dienst unter Umständen – jedoch keineswegs si- cher, zudem sei diese Aussage eine reine Gedankenspie- lerei, die in keinerlei Zusammenhang zu dem bestimm- ten, zuvor besprochenen Fall stünde – dazu führen könn- te, dass sein unmittelbarer Vorgesetzter sich vor einem Kriegsgericht verantworten müsste. Mit anderen Worten, der bedauernswerte Bates hockte irgendwo in einem Kerker. Glockmann entschied, dass er auch kein Soldat sein wollte., Die Amtsstube des Ordensprinzen der Herolde war win- zig und lag versteckt in einem vernachlässigten Winkel des Palastes, in dem nicht mehr abgestaubt worden war, seit König Ambrose den Ort vor über vierzig Jahren hatte errichten lassen. Zugegen war nur ein gelangweilter jun- ger Herold mit sommersprossiger Nase, sich lichtendem rotblondem Haar und tintenklecksigen Fingern. Als er feststellte, dass er einen Besucher hatte, der tatsächlich hören wollte, was er zu sagen hatte, geriet er regelrecht aus dem Häuschen. Ringwalds Unterschrift genügte hin- länglich als Genehmigung, Auskünfte in Hülle und Fülle zu erteilen. Und schon holte er dicke, staubige Wälzer hervor. Deren Inhalt reichte zwar nicht, um irgendetwas zu beweisen, jedoch trug er keineswegs dazu bei, Glock- manns Verdacht zu zerstreuen. »Lasst mich prüfen, ob ich das richtig verstanden ha- be«, sagte er. »Jener Everard, der als erster Herzog von Brinton eingesetzt wurde, war der jüngere Sohn von Kö- nig Ambrose dem Dritten? Ferner zeugte Ambrose der Dritte Taisson den Zweiten, der Ambrose den Vierten zeugte, der Malinda die Erste zeugte, die Athelgar den Ersten gebar, der bislang Prinz Everard zeugte?« »Mögen die Geister Seine Königliche Hoheit beschüt- zen. Und für gewöhnlich beginnen wir erst, einen Namen mit Ziffern zu ergänzen, wenn er zum zweiten Mal auf- tritt«, murmelte der Herold zaghaft. »Dann habe ich das ja alles richtig genannt. Und ent- lang der anderen Linie zeugte Ambrose der Dritte Eve-, rard, den ersten Herzog, der seinerseits Fürstin Estrid zeugte, die den Maréchal Louis de Montmarle ehelichte, der Fürstin Yvette zeugte, die sich mit Großherzog Hans von Krupina vermählte, der Rubin zeugte, ebenfalls Großherzog.« »Ich glaube, er ist der siebente Großherzog.« »Schön für ihn. Hat er irgendwelche Kinder?« Der Herold öffnete eine Schublade und wühlte in ei- nem Gewirr von Schriftstücken, das den Inquisitor mit Grauen erfüllt hätte. »Ja. Das muss ich erst noch hinzu- fügen … einen Sohn, Frederik, Markgraf von Krupa. Ein Ehrentitel, vermute ich.« »Ist diese Neuigkeit erst unlängst eingegangen? Wisst Ihr, wann er geboren wurde?« »Vierhundertundzwei nach unserer Zeitrechnung. Ich bin nicht sicher, in welchem Monat.« »Also ist er genauso alt wie unser geliebter Prinz«, stellte Glockmann fest, der spürte, dass er seiner Beute näher kam. »Und dieselbe Anzahl von Generationen seit Ambrose dem Dritten. Bemerkenswert ordentlich! Aber in einer Linie haben wir drei Männer und eine Frau, in der anderen jeweils zwei. Damen vermählen sich für ge- wöhnlich jünger. Ist Großherzog Rubin nicht etwas alt für einen dreijährigen Sohn? Wie alt ist er eigentlich ge- nau?« Der Herold schien bestürzt darüber, es nicht zu wissen. Doch alsbald hellte seine Miene sich wieder auf. »Wenn Ihr mir ein paar Minuten unten in den Archiven gewährt,, Meister Glockmann, kann ich Euch das beantworten.« Glockmann begleitete ihn und verbrachte zwei Stun- den stehend in einem Kellergewölbe. Dabei gelangte er zu dem Schluss, dass er auch kein Herold werden wollte. Und eine Weiße Schwester konnte er gewiss nicht wer- den. Ansel hatte ihn vor den Weißen Schwestern gewarnt, nachdem er eingeräumt hatte, dass er nicht ganz unvor- eingenommen war. Die meisten Weißen Schwestern fan- den die Bindungen von Klingen so anziehend wie einen lauen Kadaver. Das traf keineswegs auf alle zu, doch An- sel hatte versucht, mit einer jener Unglücklichen anzu- bandeln, und hatte Narben davongetragen, die es bewie- sen. Da Glockmann ungebunden war, hoffte er auf einen wärmeren Empfang, als er an die Tür der Schwestern- schaft klopfte, von wo aus man einen stillen Hof hinter dem Flügel des Schatzamts überblickte. Die Frau, die öffnete, war großgewachsen, hager und wirkte in ihren weißen Gewändern und dem turmartigen Kopfschmuck farblos. Beunruhigt wich sie vor ihm zurück. Er erklärte sein Ansinnen und überreichte ihr seinen Pass, den sie mit den Fingerspitzen hielt, als wäre er faulig. Rasch gab sie das Papier zurück. »Wartet bitte.« Da- mit schloss sie die Tür. Erwartete draußen auf dem Hof und vertrieb sich die Zeit damit, die vorbeischlendernden Höflinge und ihre, Ergebenen zu beobachten. In persönlicher Hinsicht war der Tag bislang erfolgreich gewesen, da er nun kein ge- flohener Verdächtiger mehr war. Dank des emsigen Schnüfflers waren sowohl seine Akte als auch sein Ge- wissen rein. Wenn ihm danach wäre, könnte er sogar in seine Heimat Camfurt zurückkehren, jenes kleine Nest, in dem er noch Verwandte haben musste. Doch er emp- fand die Aussicht als abstoßend. Seine Mutter hatte ihn einen Mörder geschimpft, seine Schwestern waren in Ohnmacht gefallen, und sein Vater hatte ihn aus dem Haus gejagt. Außerdem hatte er seither den Duft einer größeren, unendlich ansprechenderen Welt geschnuppert, in der nicht der Zustand der Heuernte der spannendste Gesprächsinhalt war. Sein zweites Bestreben indes war bislang ein Fehl- schlag gewesen. Ringwald hatte ihn gebeten, einige Din- ge zu überprüfen. Dabei hatte der Junge zwar nicht aus- drücklich den Hintergrund seines Mündels erwähnt, doch er hatte entsprechende Andeutungen fallen gelassen. Es schmerzte ihn, dass sein Mündel sich ihm noch nicht an- vertraut hatte, gleichzeitig jedoch war er schlau genug zu begreifen, dass er womöglich an einen Hochstapler ge- bunden worden war. Bedauerlicherweise war es Glock- mann nicht gelungen, handfeste Beweise zu sammeln, weder für noch gegen Großherzog Rubin. Sein Verdacht war stärker denn je, aber er konnte nichts vorweisen, um ihn zu rechtfertigen. Schließlich öffnete eine ältere Frau die Tür, noch grö-, ßer, noch dünner, noch blasser und unter einem noch hö- heren Hennin sogar noch erhabener. Er vermutete, dass es sich um eine Mutter handelte, wenngleich er die Zei- chen, welche die Spitze an ihrem Kopfschmuck bildete, nicht zu deuten vermochte. »Mutter Schöllkraut ist nicht zu sprechen«, verkündete sie und versuchte, die Tür zu schließen. Glockmann schob einen Stiefel in die Tür. »Ich bin auf Geheiß von Sir Ringwald hier, dem neu ernannten Be- fehlshaber der Klingen des Großherzogs. Er benötigt Auskünfte über den Angriff, bei dem sein Mündel vor fünf Tagen beinahe getötet wurde.« Das war unanfechtbar, und sie zog einen Schmoll- mund. »Die Schwesternschaft hat bereits uneinge- schränkt mit den Klingen, den Hoffreisassen, der Dunk- len Kammer, dem Kanzleramt, dem Haushofmeister und der Gilde der Zauberer zusammengearbeitet. Er sollte sich an die Garde wenden.« Zweifellos war auch das unanfechtbar. »Aber wenn die Schattenherren erneut angreifen«, be- gehrte Glockmann auf, »besteht die Gefahr, dass Sir Ringwald und Sir Raunzer sterben, Mutter.« Widerwillig sagte sie: »Mutter Schöllkraut wurde die Rückkehr nach Eichental gestattet, um sich zu erholen. Und zwar aufgrund der Tatsache«, gab sie zu, »dass die ehrwürdige Dame einen Nervenzusammenbruch erlitten hat.« »Sehr verständlich. Mein tiefstes Mitgefühl. Wie sieht, es mit Schwester Gertrude aus?« Die Schwester richtete sich so jäh zu voller Größe auf, dass ihr Hut den Türsturz zu durchbohren drohte. »Schwestern ihres Ranges ist es nicht gestattet, mit Au- ßenstehenden zu sprechen.« Glockmann flehte beharrlich weiter. Schließlich wurde die Tür wieder geschlossen. Diesmal ließ man ihn noch länger warten. Ungeachtet des Versprechens, das er Großmeister gegeben hatte, konnte er nicht guten Gewissens in die Dienste des Groß- herzogs eintreten, solange er den Verdacht hegte, dass der Mann ein Schwindler war. Die Aneignung zweier Klingen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen war mindestens schwerer Diebstahl und wäre verheerend für Ringwald und Raunzer. Zwar machte das Gesetz Klingen nicht für die Taten ihres Mündels verantwortlich, wasje- doch wenig half. Denn ebenso wenig berücksichtigte es ihren Zwang, das Mündel davor zu bewahren, in Ge- wahrsam genommen zu werden. Bei den Geistern! Wenn Athelgar auf die Lügengeschichte eines Hochstaplers he- reingefallen war, der sich sein Vertrauen erschleichen wollte, war Glockmann machtlos, den Schlamassel zu bereinigen. Allein den Umstand aufzudecken, käme eine Majestätsbeleidigung gleich. Und wenn Rubin tatsächlich nicht der war, als der er sich ausgab, und Athelgar die wahre Geschichte kannte, drang Glockmann in Staatsangelegenheiten vor und da- mit in einen gefährlichen Irrgarten., Die Tür öffnete sich. Die greise Mutter, die auftauchte, wirkte abgezehrt, lang gestreckt und so überirdisch, dass kaum vorstellbar war, wie sie noch auf Erden wandeln konnte. Mit geisterhafter Stimme verkündete sie, dass Schwester Gertrude nichts zu sagen hätte und Meister Wieauchimmer sich an die Klingen oder Großzauberer wenden sollte. Damit wurde die Tür geschlossen und ge- räuschvoll verriegelt. Verdutzt und zornig machte sich Glockmann auf den Weg zurück zum Quamast-Haus. »He! Ihr da!«, rief ein Lorbeerbusch. Der rechtmäßige Besitzer der Stimme stand auf. Die Frau trug die weißen Gewänder einer Schwester und ei- nen nahezu schmucklosen Hennin. Vermutlich war sie kaum älter als Ringwald, zudem völlig anders als die Frauen, mit denen Glockmann sich soeben herumge- schlagen hatte. Ihr Gesicht war pummelig, breit und ent- gegen der herrschenden Mode sonnengebräunt. Darin prangten eine unverkennbare Stupsnase und Augen so dunkel wie Kohle und so strahlend wie Edelsteine. Über- irdisch jedoch wirkte die Frau nicht. Eher stämmig. Un- willkürlich dachte Glockmann an Milchmädchen oder Mägde auf einem Bauernhof, die Hühner rupften. Mühe- voll versuchte er, nicht auf die betörende Rundung ihres Gewands über den Brüsten zu starren. Sie stemmte die Fäuste in die Hüften und musterte ihn argwöhnisch. »Ich bin Schwester Gertrude. Was wollt Ihr wissen?«, Einiges, zum Beispiel, wo kann ich dich heute Abend finden … »Mein Name ist Glockmann, Schwester. Bis gestern war ich ein Anwärter …« »Ihr wart in Eisenburg. Ich sehe einen matten Schim- mer an Euch, aber Ihr seid nicht gebunden.« »Nein, und das werde ich auch nie sein. Ich habe mir das Auge verletzt«, erklärte er rasch, als er ihre gerunzel- te Stirn sah. »Aber mein bester Freund in Eisenburg war ein Mann namens Bernard, der …« Ihre Miene ließ ihn jäh verstummen. »Was ist mit Sir Bernard?«, herrschte sie ihn an. »Nur was ich sagte, Schwester. Er und ich waren enge Freunde. Der König band ihn vor etwa drei Wochen. Er kam hierher nach Grandon, ich blieb in Eisenburg zu- rück. Ich bin eben erst hier eingetroffen. Spät vergangene Nacht.« Eine Weile kaute sie auf den Lippen, obwohl sie be- reits atemberaubend rubinrot waren. Volle, weiche, feuchte Lippen … »Habt Ihr je etwas von Bernard ge- hört, nachdem er an den Hof kam? Hat er mich je er- wähnt?« Aha! »Ich schwöre, ich habe kein Sterbenswort von ihm gehört, Schwester Gertrude. Klingen sind keine gro- ßen Briefschreiber. Wart Ihr auch mit ihm befreundet?« Sie drehte ihm den Rücken zu. »Das war ich«, erklärte sie einer Stechpalme. »Dann haben wir beide einen schweren Verlust erlit- ten.«, Unbeirrt starrte sie weiter ins Gebüsch. Er wartete. Schließlich fragte sie: »Was wollt Ihr?« »Gerechtigkeit für seinen Tod.« »Das will ich auch.« Schwester Gertrude schaute zu den Fenstern des Gebäudes auf. »Ich darf nicht dabei ge- sehen werden, wie ich mit Euch rede. Folgt mir.« Sie nahm den Hut ab, unter dem eine Flut raben- schwarzen Haars hervorquoll, und tauchte in die Büsche. Glockmann folgte ihr und war vollauf damit beschäftigt, mit ihr Schritt zu halten, sogar als sie alsbald einen Trampelpfad erreichten. Zwar reichte sie ihm kaum bis an die Schulter, trotzdem legte sie die Geschwindigkeit eines Rennpferds vor. Am Rand eines von Weiden über- hangenen Teichs blieb sie unvermittelt stehen. Zwischen den kalten Steinen unter Wasser tummelten sich goldene Fische. Schließlich drehte sie sich zu ihm um. »Erzählt mir von Euch. Erzählt mir alles über Euch!« Er tat, wie ihm geheißen. »Und wer hat diese Ungeheuer nun tatsächlich ge- schickt?« »Ich hatte gehofft, Ihr könntet es mir sagen, Schwes- ter. Die Schattenherren vermehrten sich, indem sie ihre Opfer ebenfalls in Schauergestalten verwandelten. Aber wer oder was hat es begonnen? Woher kam es, und wo- hin verschwand es, nachdem es den ersten Hoffreisassen getötet hatte?« Sie ging zu einer zwischen dem Laubwerk fast verbor-, genen Steinbank hinüber, setzte sich und wischte sich Blätter und Zweige vom Gewand. Neben sich ließ sie Platz, was Glockmann als Einladung auffasste. Er hatte gehört, dass Frauen unter gewöhnlichen Umständen kei- ne derart abgeschiedenen Plätze wählten, um sich mit Männern zu unterhalten, die sie nicht kannten. Schwester Gertrude schienen gänzlich andere Gedanken im Kopf herumzuschwirren. Außerdem sah sie aus, als wäre sie durchaus in der Lage, ihm den Arm zu brechen, sollte er sich nicht zu benehmen wissen. »Ich weiß es nicht«, erklärte sie mürrisch. »Und ich kann nicht herausfinden, was die Mütter oder die Gilde der Zauberer darüber denken.« »Mir wurde gesagt, einer der Hoffreisassen sei von seiner eigenen Hellebarde getötet worden, und sein Dolch hätte einen weiteren getötet. Außerdem wurde mir erzählt, Ihr hättet beim Hinausgehen eine Beschwörung an einem der Wächter entdeckt.« »Seit es geschah, habe ich fortwährend Fragen darüber beantwortet«, sagte sie verkniffen und starrte in den Teich. »Es war reiner Zufall, dass ich so nah an ihm vor- beiging und für diese bestimmte Verbindung der Elemen- te empfänglich war. Mutter Schöllkraut hat sie falsch ge- deutet, aber das ist nicht der Grund, weshalb sie …« »Weshalb sie was? Redet weiter!« Trudy zog einen Schmollmund. »Weshalb sie von Schuldgefühlen übermannt wurde, die arme alte Schach- tel. Nein, den eigentlichen Fehler beging sie im Qua-, mast-Haus. Ich wollte etwas Verdächtiges überprüfen, aber sie hat es mir verboten, weil die ehrwürdigen Grei- sinnen es früher am Tag hatten durchgehen lassen.« Sie zuckte die Schultern. »Natürlich ist es möglich, dass sie nicht so empfänglich wie sonst für das war, was ich ent- deckte, aber sie hätte mir das Zweifelsrecht einräumen müssen. Das ist es, was die Schwestern zu vertuschen suchen – Unfähigkeit! Was danach folgte, war ein gro- ßes, grauenhaftes Verbrechen.« Sollte das heißen, dass die Gefahr noch vorhanden sein konnte? Davon musste Ringwald unbedingt erfah- ren. »Abscheulich«, meinte Glockmann. »Und mir fällt nicht einmal ein Beweggrund dafür ein.« »Aber Ihr habt eine Vermutung! Erzählt sie mir.« Überrascht von ihrer Menschenkenntnis und belustigt von ihrer Nachdrücklichkeit, antwortete er: »Sie mutet befremdlich an. Ich frage mich, ob der Angriff womög- lich nur vorgetäuscht war, um Seiner Majestät Mitgefühl für das vermeintliche Opfer zu erregen. Wenn dem so war, ging die Rechnung auf, denn Großherzog Rubin be- sitzt nun zwei Klingen.« »Seid Ihr diesem Großherzog begegnet?« »Ein paar Mal. Kurz.« »Beschreibt Ihn. Was für ein Mensch ist er?« »Mittleren Alters, nicht wirklich mollig, aber er sieht aus, als mangelte es ihm an Bewegung. Er wirkt nicht unbedingt wie ein Genussmensch … eher vom Leben, gezeichnet? Aber er ist auch höflich und geduldig. Ring- wald ist durchaus glücklich mit ihm. Ein übellauniges, unvernünftiges Mündel kann einer Klinge den Rest des Lebens zu einer fortwährenden Folter gestalten.« »Nur was?«, bohrte sie nach und sah sich um. »Nur nichts.« »Nein, Ihr wolltet noch mehr sagen. Was?« Sie mochte aussehen wie eine dralle Landmaid, doch sie besaß den Verstand eines Inquisitors. »Klingen tratschen niemals über die Belange ihrer Mündel, nicht einmal gegenüber Freunden. Aber Ring- wald hat mich gebeten, die Zeugen aufzusuchen – Euch oder Mutter Schöllkraut sowie Unteroffizier Bates. Die Klingen der Garde haben ihm alles mitgeteilt, was sie konnten, aber es ist nur allzu verständlich, dass er auch mit anderen Leuten reden möchte, die etwas über seine Todfeinde wissen, denn das sind sie, wer immer das an- gerichtet hat.« »Und?«, fragte sie. »Werdet Ihr auch nicht wiederholen, was ich Euch er- zähle?« »Ich verspreche es.« Glockmann war längst zu dem Schluss gelangt, dass Trudy eher einen Aufstand anzetteln würde, als sich dazu herabzulassen zu lügen. »Er machte außerdem Andeu- tungen, dass ich so viel wie möglich über den Hinter- grund des Großherzogs herausfinden sollte.« »Das soll wohl ein Witz sein! Wollt Ihr damit sagen,, das Rubin Geheimnisse vor seinen eigenen Klingen hat?« »Anscheinend. Was überhaupt keinen Sinn ergibt. Sie hatten reichlich Gelegenheit, sich ungestört zu unterhal- ten. Selbst die Garde scheint nicht zu wissen, wie oder weshalb er vom Thron gestoßen wurde oder was er dage- gen zu unternehmen gedenkt. Rein gar nichts. Es ist höchst ungewöhnlich, dass die Garde nicht weiß, was vor sich geht.« Obwohl ihm der Orden nun eigentlich einerlei sein konnte, fühlte er sich wie ein Nestbeschmutzer, in- dem er dies aussprach. »Auch die Schwestern scheinen keine Ahnung zu ha- ben, was noch seltsamer ist. Für gewöhnlich verfügen wir über Quellen, die den Klingen unzugänglich sind. Und Baron von Fader?« »Ihr nehmt mehr, als Ihr gebt, Schwester. Lasst mich Eure Meinung über den Herzog hören.« Sie ließ ein kindhaftes Lächeln aufblitzen. Gleich dar- auf war es wieder verschwunden, schließlich führten sie kein unbeschwertes Gespräch. »Das scheint mir nur recht und billig! Er trägt einen Trugbann.« »Große Güte!«, stieß Glockmann hervor. »Feuer und Tod! Ihr meint, er ist nicht, was er zu sein scheint? Aber man hätte ihn doch gewiss nicht in die Nähe des Königs gelassen, wenn er verzaubert ist?« »Soweit ich weiß, ist nicht er selbst verzaubert, son- dern etwas, was er trägt.« »Um so unverständlicher. Immerhin hätte man ihn auf- fordern können, es abzunehmen.« Was hatte die Garde, sich nur dabei gedacht? »Womöglich nimmt er es bei Privataudienzen auch ab. Mit anderen Worten, Obermutter und Befehlshaber Flo- rian könnten die Wahrheit kennen.« »Aber sie schweigen?« »Ganz genau. Uns wurde gesagt, es sei ein Überset- zungshilfsmittel, doch das ist es nicht. Was es genau be- wirkt, weiß ich nicht, aber ich denke, es verändert sein Aussehen.« »Genau das denke ich auch!« Damit war Glockmanns Verdacht bestätigt. »Warum?« Schwester Gertrude drehte das Haar zu ei- nem Knoten und stülpte den Hut darüber. »Nein, nicht jetzt. Ich muss gehen.« Sie sprang auf die Beine. »Wohnt Ihr im Quamast-Haus, Meister Glockmann?« »Ja.« Auch er stand auf. Er wollte nicht, dass sie ging. »Ich wünschte, Ihr würdet mich einfach Glockmann nen- nen. Irgendwie habe ich mich an den Namen gewöhnt.« »Nur wenn Ihr mich Trudy nennt. Wir sehen uns um Mitternacht. Ich versehe wieder Dienst im Quamast- Haus. Zunächst wurde ich zwar von dort abgezogen, aber ich will unbedingt einen näheren Blick auf diese Arznei- truhe werfen, also habe ich gesagt, es sei wie mit einem Pferd.« »Die Arzneitruhe ist wie ein Pferd?« »Nein!« Sie grinste verschmitzt, wobei sie eine Reihe tadelloser Zähne entblößte, in der einer fehlte. Trudy deutete auf die Lücke. »Seht Ihr? Man muss gleich wie-, der in den Sattel, nachdem man abgeworfen wurde.« Ihre Augen funkelten. »Ich bin eine Expertin darin, mit einem Pferd über neunzig Prozent einer Hecke zu springen.« »Mein Fachgebiet sind drei Viertel eines Grabens. Hatte man Einwände?« Diese Geschichte über Unfähig- keit – oder gar Verrat? – in der Schwesternschaft war besorgniserregend. Wenngleich die Garde kaum ein gu- tes Wort über die Dunkle Kammer oder die Hoffreisas- sen verlor, hatte Glockmann sie noch nie schlecht über die Weißen Schwestern reden gehört. Eigentlich mochte er Rätsel, aber bei diesem fehlten zu viele Hinweise. »Ich kann recht laut werden, wenn ich will.« Zweifellos. Schwester Gertrudes Vorgesetzte in ihren gestärkten Gewändern hatten gewiss alle Hände voll mit ihr zu tun und würden sie wohl kaum dulden, wenn sie ihren Eigensinn nicht durch wahres Können aufwöge. Sich in Büschen zu verstecken! »Der Herzog speist mit dem König zu Abend«, erklär- te er, »aber wahrscheinlich wird er bis Mitternacht oder kurz danach zurück sein. Jedenfalls bin ich sicher, dass Ringwald mit Euch reden wollen wird.« »Ich werde ihm mein Herz ausschütten.« Grinsend klopfte sie ihm auf die Schulter, als wäre er ein Pferd, dann ging sie beschwingt den Pfad entlang davon. Glockmann schlug die entgegengesetzte Richtung ein. Nun musste er zurück zum Quamast-Haus und zwei Klingen mitteilen, dass Ihr Mündel ein Schwindler war. Was man nicht unbedingt als ungefährlichen Zeitvertreib, bezeichnen konnte. Rings um das Quamast-Haus wimmelte es von Hoffrei- sassen. Zunächst bestanden sie darauf, seinen Pass zu sehen, anschließend riefen sie auch noch nach einer Klinge, die sich für ihn verbürgte. Heraus kam Sir Clo- vis, einer der ranghöheren Mitglieder der Garde. Er trug eine goldene Schärpe, was bedeutete, dass ihm mindes- tens zehn Mann unterstanden. Argwöhnisch musterte er Glockmann. »Was ist über der königlichen Tür?« »Großmeisters Schlafzimmer.« Erst da lächelte er. »Komm herein, Freund.« Er gab bloß vor den Hoffreisassen an, denn er kannte Glock- mann nur allzu gut. Die beiden hatten Dutzende Male miteinander gefochten. In der großen Halle fanden mindestens zwei Würfel- spiele und mehrere angeregte Gesprächsrunden statt. Nicht einmal der König wurde so verschwenderisch be- wacht. Ringwald wartete bereits oben an der Treppe, also musste er wohl aus dem Fenster geschaut und Glock- mann kommen gesehen haben. Ungeduldig winkte er ihn zu sich. Glockmann eilte hinauf. »Nun?« »Keine guten Neuigkeiten«, bereitete Glockmann ihn vorsichtig vor. Ringwald war zwar in der Schule stets vor ihm, aber trotzdem zu jung gewesen, um sich mit ihm anzufreunden; ein Knabe, als Glockmann ein Halbwüch-, siger war, ein Halbwüchsiger, als Glockmann das Man- nesalter erreichte. Durch die jüngsten Veränderungen waren sie näher zusammengerückt, und die Verantwor- tung hatte Ringwald bereits reifen lassen. Außerdem hat- te sie ihn gefährlich gemacht. Er grinste. »Das sehe ich dir am Gesicht an. Nur raus damit, ich werde dich schon nicht umbringen.« »Dein Mündel trägt eine Beschwörung, einen Trug- bann. Der Herzog ist nicht, was er zu sein scheint.« Ringwalds Augen verengten sich zu Schlitzen. Kurz dachte er nach. »Weißt du, wer oder was er ist?« »Nein, aber ich denke, er ist wesentlich jünger, als er vorgibt. Misstrauisch wurde ich in jener Nacht, als er die Treppe zur königlichen Zimmerflucht hinauflief. Es war fast schon früher Morgen, zudem hatte er ein paar zer- mürbende Tage hinter sich gehabt. Der echte Großherzog ist fünfzig Jahre alt! Männer dieses Alters benehmen sich nicht so. Und bevor er loslief, legte er die Hände auf die Oberschenkel.« »Noch etwas?« »Ja. Am nächsten Morgen habe ich mich ein wenig umgehört. Nachdem ihr alle heruntergekommen wart, habe ich die Klingen, die an der Treppe Wache hielten, gefragt, ob irgendjemand hinaufgegangen sei. Sie mein- ten nein. Der Baron trägt einen Vollbart. Raunzer war stoppelig, aber er ist hellhaarig und rasiert sich nicht je- den Tag. Genau wie du. Dein Mündel aber sah wie aus dem Ei gepellt aus. Hat der Mann sich etwa mit kaltem, Wasser rasiert, obwohl er doch nur am Glockenseil zu ziehen und heißes zu verlangen gebraucht hätte? Falls er ein Schwindler ist, wer ist er wirklich? Der nächste Großherzog jedenfalls nicht, denn der ist noch ein Klein- kind.« Glockmann wurde klar, wie weit hergeholt sich all das anhören musste. »Ist natürlich alles kein Beweis, a- ber es hat mich beunruhigt. Und dann erfuhr ich von Schwester Gertrude von diesem Trugbann.« Die Züge der Klinge hellten sich auf. »Ich muss unbe- dingt mit ihr reden!« »Das ist ihr verboten. Zum Glück war sie von meinem blendenden Aussehen so betört, dass sie versprach, um Mitternacht hierher zu kommen. Unteroffizier Bates wird unter Verschluss gehalten und ist nicht zu sprechen.« »Das hast du gut gemacht, sehr gut sogar. Folg mir!« Ringwald steuerte auf eine der Türen zu, klopfte und ging hinein. Das Klopfen mochte dazu gedacht gewesen sein, Raunzer nicht zu erschrecken, der am Fenster stand. Ein älterer Mann mit Nadeln im Mund machte sich an ihm zu schaffen. Der Großherzog saß geduldig auf einem Stuhl. Der Baron kauerte am Rand des Betts und war halb ver- graben unter der Daunendecke, während seine fleischi- gen Beine hervorbaumelten und seine Züge zornig arbei- teten. Glockmann verneigte sich vor dem Herzog. »Er hat bestanden«, erklärte Ringwald. »Mit Aus- zeichnung. Er ist dahintergekommen und hat sogar he-, rausgefunden, wie Ihr es bewerkstelligt.« »Still, junger Narr!«, brüllte der Baron und deutete auf den Schneider. Der Herzog schenkte ihm, wie so oft, keine Beach- tung. »Herzlichen Glückwunsch, Meister Glockmann. Ihr müsst mich aufklären, welche Fehler mir unterlaufen sind.« »Ich … ich wusste nicht, dass ich auf die Probe ge- stellt wurde!«, gab Glockmann frostig zurück. »Das war auch nicht der ursprüngliche Zweck. Sir Ringwald und ich haben uns heute Morgen unterhalten. Ich erkundigte mich, was Ihr für ihn erledigen solltet, und er hat gestanden. Wir kamen überein, dass dies ein angemessenes Zeugnis über Eure Fähigkeiten abgeben würde. Schneider, vermesst auch diesen Mann.« Der Schneider ließ ein Messband fallen, um die Na- deln aus dem Mund zu nehmen und zu sagen: »Ich bin Eurer Königlichen Hoheit zu tiefstem Dank verpflichtet.« »Herr!«, knurrte der Baron. »Ich habe Euch gefragt, wozu ein blinder Schwertkämpfer nütze sei, aber Ihr habt es mir bis jetzt noch nicht verraten. Eure Mittel sind be- schränkt.« Rubin brachte ihn mit einer scharfen Erwiderung zum Schweigen, dann wandte er sich wieder lächelnd Glock- mann zu. »Aber ich greife Euch vor, indem ich davon ausgehe, dass Ihr immer noch in meine Dienste treten möchtet. Ich versichere Euch, dass König Athelgar be- kannt ist, was Ihr heute festgestellt habt, und er es bereits, wusste, als er mir so großzügig Klingen zugestand.« Ringwald grinste. Raunzer nicht, aber Raunzer hatte zumeist eine finstere Miene aufgesetzt. Ringwald kannte die Wahrheit, und wie sie auch aussehen mochte, ihm war dadurch nicht das Lachen vergangen. »In diesem Fall«, erklärte Glockmann erleichtert, »soll es mir in der Tat eine Freude sein, Eurer Königlichen Hoheit zu dienen.«, Später, nachdem Glockmann vereidigt und zum Kam- merherrn des Großherzogs ernannt worden war, was ein angemessen ungenauer Titel schien, lernte er die beiden Bediensteten kennen, die ihren Herrn in die Verbannung begleitet hatten. Manfred war Kutscher und Stallknecht. Harald diente je nach Bedarf als Sekretär, Kammerdiener oder Lakai. Bevor Ringwald und Raunzer in die Mann- schaft aufgenommen worden waren, hatte er zudem bis- weilen als Soldat ausgeholfen. Ringwald bezeichnete die beiden als Drinnen und Draußen und riss Witze darüber, wie fehlbesetzt sie schienen. Sie sahen zwar schon wie ein Holzfäller und ein Schreiberling aus, jedoch war Ha- rald Drinnen der gutmütige junge Hüne, noch muskelbe- packter und blonder als Raunzer. Manfred Draußen war älter und kleiner, wies die gebückte Haltung eines Bü- cherwurms auf und hatte ein Gesicht wie getrockneter Lehm, in dem Sorgenfalten gleich Sprüngen prangten. Keiner der beiden verstand Chivialisch, weshalb sich die Unterhaltung auf Lächeln und Händeschütteln be- schränkte. Bei Sonnenuntergang brachen Herzog, Baron und Klingen zum königlichen Mahl auf, und die Wachablöse erfolgte. Der neue Klingentrupp wurde von Sir Cedric angeführt, der den Königspokal für Fechten mittlerweile drei Jahre hintereinander gewonnen hatte und der einzige, Chivianer zu sein schien, der die Herausforderer aus Isi- lond in Schach zu halten vermochte. Vermutlich hatte er eigens um diese Zuteilung ersucht, damit er Glockmann in Augenschein nehmen konnte. So edel seine Absichten auch sein mochten, für Glockmanns Geschmack war der weitbeste Schwertkämpfer sich seines Könnens ein we- nig zu bewusst, und Glockmann hatte es satt, als medizi- nische Außergewöhnlichkeit betrachtet zu werden. »Geh und hol dein Schwert, Junge.« »Ich habe das Schwertkämpfen aufgegeben und fröne mittlerweile dem Sticken.« »Dann geh und hol deine Sticknadel.« Da er sah, dass es keine Möglichkeit gab, dem Trauer- spiel zu entrinnen, holte Glockmann sein Schwert und ließ sich von Cedric demonstrieren, wie überaus schlecht er war, als sie durch die große Halle vor und zurück tän- zelten – Cedric vor, Glockmann zurück. Der Mond stand am Himmel und hielt die Schattenherren fern. Der Gast, den die Klingen bewachen sollten, war nicht zugegen, und so verwendete der Rest des Trupps die große Treppe als Tribüne, um das Geschehen angewidert und besorgt zu beobachten. Es missfiel ihnen zutiefst, daran erinnert zu werden, wie leicht ihr eigenes Können zerstört werden konnte. »Du bist nicht schlechter geworden«, erklärte Cedric schließlich. »Aber leider auch nicht besser. Lass es uns dort drüben versuchen, wo weniger Licht ist.« »Nein!«, rief Glockmann aus. »Das ist lächerlich. Für, mich käme es Selbstmord gleich, ein Schwert zu tragen. Jemand soll dafür sorgen, dass es nach Eisenburg zu- rückgelangt.« Ein Chor der Entrüstung folgte. »Unsinn!«, übertönte Ansels Stimme die anderen. »Tu einfach so, Mann, täusch es vor! Du siehst aus wie ein Schwertkämpfer. Du bewegst dich wie ein Schwertkämp- fer. Deine Haltung, dein Handgelenk … Sobald du ziehst, wird dein Gegner es sich anders überlegen und einen Rückzieher machen. Selbst wenn nicht, bist du trotzdem ein überdurchschnittlicher Fechter. Solange du einen Bogen um Klingen und Sabreure machst, solltest du keine Probleme haben.« Sehnsüchtig blickte Glockmann auf die erlesene Waf- fe, die er hielt. »Wie soll ich sie nennen? Krücke? Wei- ßer Stock?« »Wagemut!«, brüllte Ansel. Alle stimmten in das Gelächter mit ein, und Glock- mann ließ sich dazu überreden, Wagemut an seinen Gür- tel zu hängen. Schließlich war es ja nur seinen Freunden zuliebe. Bald würde er aus ihrer Welt verschwinden und vermutlich keinen von ihnen je wiedersehen. Um Mitternacht zog Cedrics Truppe ab und wurde von anderen Klingen abgelöst, was Glockmann eine weitere schmerzliche Flut von Mitgefühlsbekundungen bescher- te. Die Schärpe trug diesmal Sir Kühn, der offenbar an Schwester Gertrudes Leitsatz glaubte, dass man zurück, auf das Pferd musste, von dem man abgeworfen worden war. Ihm war ein ähnliches Los wie Unteroffizier Bates von den Hoffreisassen erspart geblieben, aber immerhin hatte er bei dem Kampf mitgewirkt und danach eine Hei- lung gebraucht; was schon einen Unterschied darstellte. Die Neuankömmlinge hatte noch nicht einmal die Würfel ausgepackt, als ein Zug Hoffreisassen Schwester Trudy ablieferte, die wie ein Ausbildungsoffizier zur Tür hereinstapfte. Dabei beschränkte der Vergleich sich nicht allein auf ihren Gang. Der finstere Blick, den sie abwä- gend über die Versammelten schweifen ließ, ließ sich jeden fragen, ob womöglich sein Beinkleid zerknittert oder der Hosenlatz offen war. Sogleich bemerkte sie Glockmann und bedachte ihn mit einem siegessicheren Zwinkern. Alsbald wurde ihm klar, dass ihre Freundschaft mit Bernard weithin bekannt war, denn die üblichen anzüglichen Bemerkungen fielen gedämpft aus, und ein paar Äußerungen, die zu weit gin- gen, bescherten den Sprechern unwirsche Ellbogenstöße. Trudy selbst hingegen schien fest entschlossen, kein Mit- gefühl oder gefühlsduselige Trauer aufkommen zu las- sen. Sie raspelte in rascher Abfolge mit vier Männern Süßholz und riss ein paar schlüpfrige Witze, die Glock- mann mit den Ohren schlackern ließen. Er hatte nicht gewusst, dass junge Damen sich so verhielten. Aus dem Vergnügen der Klingen schloss er, dass es wohl auch wenige taten. Offenbar spielte Trudy ihnen etwas vor, denn hätte es in ihrem Leben andere Männer als Bernard, gegeben, wären sie längst erwähnt worden. Hatte nie- mand sie davor gewarnt, dass es einem Ringen mit Blit- zen gleichkam, mit gebundenen Klingen zu liebäugeln? Die meisten Klingen betrachteten ihre verstärkte Macht über Frauen als den besten Teil ihres Entgelts. Und es war auch keineswegs der Teil, den sie sich fürs Alter auf- sparten. Von bewundernden Augen verfolgt, drehte sie durch die Halle eine Runde, die am Fuß der großen Treppe en- dete, wo Glockmann den Wachhund spielte und fest ent- schlossen war, sich jedem in den Weg zu stellen, der hin- aufzugelangen versuchte. Zwar verdächtigte er Klingen nicht zu stehlen, aber er kannte einige, die sehr neugierig waren. Trudy grinste ihn an, wodurch die Zahnlücke voll zur Geltung kam. »Ihro Gnaden ist noch nicht zurück.« Sie äußerte es nicht als Frage. »Wieso denkt Ihr das?«, wollte Glockmann wissen. »Wäre der Herzog hier, könnte ich ihn spüren. Trotz- dem ist oben etwas, was ich mir näher ansehen muss.« Das war ihre Pflicht. »Ich will Euch gerne begleiten, Schwester.« Als eine Gruppe von Klingen herbeidrängte, fügte er hinzu: »Sie kann keine Menschenmengen um sich gebrauchen, Sir Kühn.« »Der Rest von euch bleibt hier.« »Wettrennen!«, rief Trudy. Damit hob sie ihr Kleid an und preschte davon., Glockmann und Kühn ließen sie gewinnen, hätten aber auch alle Mühe gehabt, es zu verhindern. Zielstrebig marschierte sie den Balkon entlang zur Tür, zu der sie wollte. »Da drin.« Kühn schaute zu Glockmann. »Das Zimmer des Barons«, erklärte Letzterer. Kühn wirkte etwas verlegen. »Schwester Gertrudes Wort sollte als Rechtfertigung genügen, es zu durchsu- chen.« Glockmann kicherte. »Dachtest du etwa, ich hätte et- was dagegen?« Er verspürte keinerlei Lust mitzuerleben, wie seine Freunde oder er selbst sich in mordlüsterne Leichname verwandelten. Zu seinen Pflichten dem Groß- herzog gegenüber gehörte es jedenfalls nicht, einen Mör- der zu schützen, falls der Baron einer war. »Fremdes Hoheitsgebiet!« Nun wirkte Kühn noch un- glücklicher. »Ein Staatsoberhaupt zu Besuch? Rechtlich könnte dieses Gebäude derzeit als krupinesisches Ho- heitsgebiet gelten. Es gab zwar nichts Offizielles vom Rat, aber ich wurde gewarnt, vorsichtig zu sein.« Glockmann wog seine Treuepflichten ab – seinem neuen Arbeitgeber, seinem König, seinen Freunden ge- genüber … »Seine Majestät hat dem Großherzog bislang noch keine königlichen Ehren zugestanden. Seine Hoheit hat mich nicht angewiesen, Unantastbarkeit vor den Ge- setzen Chivials zu beanspruchen. Ich könnte die Grenze ziehen, indem ich dich nur sein eigenes Zimmer durchsu-, chen lasse, aber da er euch als Wachen angenommen hat, dürfte er wohl auch erwarten, dass ihr eure Pflicht erfüllt. Wenn ich dafür gefeuert werde, tut es mir Leid, aber ich tue, was ich für richtig halte.« »Danke. Meister Glockmann«, verkündete Kühn for- mell, »die Königliche Garde hat Grund zu der Annahme, dass sich in diesen Räumlichkeiten unerlaubte Beschwö- rungen befinden und macht nun von ihrem Recht Ge- brauch, sie zu überprüfen.« Glockmann grinste. »Als Vertreter des Großherzogs behalte ich ihm das Recht vor, Beschwerde angesichts dieser Belästigung einzureichen.« »Ach, die Pestsoll dich holen! Nein, lass mich öffnen, falls an der Tür eine Falle angebracht ist.« »Denkt Ihr etwa, ich würde es Euch nicht sagen, wenn da eine Falle wäre?«, empörte sich Trudy. Die Tür war versperrt. Kühne brüllte zu seinen Männern hinunter, und Sir Ost kam mit einem riesigen Schlüsselbund heraufgerannt. Beim dritten Versuch fand Kühn einen Schlüssel, der passte, und warf die Tür auf. Das Zimmer war groß ge- nug, um ein scheunengroßes Himmelbett, zwei prunkvol- le Sofas, vier Stühle, ein paar Tische, einen Waschtisch, einen Schreibtisch und ein Bücherregal zu beherbergen und dennoch geräumig zu wirken. Die Läufer waren dick, die Vorhänge verschwenderisch, die Wandbehänge mit verschlungenen Mustern bestickt. Ohne zu zögern stapfte Trudy zu zwei mit Nieten verzierten Reisetruhen, aus Rindsleder, die schäbig und abgewetzt waren, wes- halb sie inmitten all des Prunks seltsam fehl am Platz wirkten. »Diese hier. Nicht anfassen!«, fügte sie hinzu, als die Männer neben ihr eintrafen. »Eine Schutzkordel?« Um die Truhe, auf die Trudy es abgesehen hatte, war ein unscheinbares Seil mit einem höchst einfachen Knoten gewickelt. »Eindeutig. Zwar nicht derselbe Zauber, den Inquisito- ren verwenden, aber er enthält genug Tod, um gehörig wehzutun.« »Ich glaube, diese Truhe wurde überprüft, als Ihro Gnaden eintraf«, gab Kühn bekannt, der wieder höchst unbehaglich wirkte. Trudy bedachte ihn mit einem breiten Grinsen. »Aber nicht geöffnet. Und jetzt haben wir fünf Todesfälle auf- zuklären. Überrascht mich, dass der Leichenbeschauer die Truhe nicht als Beweismittel beschlagnahmt hat. Bit- te geht aus dem Weg, Glockmann. Und hebt mir das Ding ein Stück von der Wand weg, aber rührt bloß nicht das Seil an.« Dann sank sie auf Hände und Knie, um o- ben und seitlich an der Truhe entlangzuspähen. An- schließend kroch sie weiter, um den Vorgang aus einem anderen Winkel zu wiederholen. Kein Wunder, dass man auch die Schwestern bisweilen als Schnüfflerinnen be- zeichnete. »Da ist eine Menge seltsames Zeug drinnen«, murmel- te sie. »Alles vermischt. Das ist natürlich eine Möglich-, keit, Elemente des Todes zu verbergen. Ohne Tod als Zutat kann man nichts Gefährliches zusammenschustern. Es ist sogar schwierig, überhaupt irgendetwas ohne eine Brise Tod zu machen.« Nun fühlte Kühn sich noch unbehaglicher. »Habt Ihr nicht letztes Mal gesagt, etwas wirklich Gefährliches könntet Ihr von unten aus entdecken?« Trudy setzte sich zurück auf die Fersen und wirkte leicht gereizt. »Mutter Schöllkraut hat das gesagt, und jetzt ist sie ein Pflegefall. Aber ich habe diese Truhe heu- te Nacht unten wesentlich deutlicher gespürt als vor einer Woche – ich glaube, selbst Mutter Schöllkraut würde nun nicht mehr darüber hinwegsehen. Außerdem ist es nicht ganz so einfach, wie sie gesagt hat. Was ich da drin spü- re, sind mehrere kleine Zauber. Ja, es könnten Fläsch- chen mit Pillen oder Salben sein. Oder Abführmittel«, fügte sie mit einem undamenhaften Grinsen hinzu. »Aber es sind mindestens zwei darunter, die sich furchteinflö- ßend anfühlen, wirklich furchteinflößend. Zudem sind sie sehr gebündelt, sehr klein. Das ist natürlich der Grund, weshalb sie aus der Ferne schwer zu beurteilen sind. Es ist keineswegs unmöglich, etwas sehr Kleines und trotz- dem sehr Tödliches anzufertigen! Eine Giftpille bei- spielsweise, die mit Feuer beschworen ist, um ihre Wir- kung zu beschleunigen, ist kaum zu erspüren. Das weiß ich, weil man uns in Eichental bei einer Prüfung damit auf die Probe gestellt hat, und ich war die einzige der Klasse, die dahintergekommen ist. Man bringt uns solche, Ausnahmefälle zwar bei, aber wir neigen dazu, sie zu vergessen, wenn sie uns im wahren Leben nicht begeg- nen.« Wenn sie etwa zur selben Zeit wie Bernard im Palast eingetroffen war, konnte sie höchstens einen Monat Er- fahrung im wahren Leben vorzuweisen haben. Jedenfalls mangelte es Trudy nicht an Vertrauen in die eigenen Fä- higkeiten. »Wurde Euch aufgetragen, diese Truhe heute Nacht zu überprüfen?«, fragte Glockmann. Mit einem verschwörerischen Grinsen im Gesicht schaute sie auf. »Mir wurde aufgetragen, gründlich zu sein.« »Wie taktvoll von Euren Vorgesetzten!«, stieß Kühn erzürnt hervor. »Haben sie kalte Füße bekommen oder es sich anders überlegt? Oder beides? Habt Ihr eine Vorstel- lung, was die nächste Parlamentsversammlung zu den Morden durch Geisterbeschwörung im Palast des Königs zu sagen haben wird?« »Darum rennen die guten alten Schachteln ja auch wie aufgescheuchte Hühner herum«, gab Trudy grinsend zu- rück. »Was soll ich tun, Schwester? Ist diese Truhe so ge- fährlich, dass ich sofort befehlen soll, sie zu entfernen, oder kann es warten, bis der Baron zurückkehrt, um sie zu öffnen? Oder«, fügte er hoffnungsvoll hinzu, »kann es gar bis morgen warten?« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich denke, es kann war-, ten, bis der Herzog zurückkehrt. Und ich warte ebenfalls. Warum stellt Ihr vorerst nicht eine Wache neben ihr auf und teilt meiner Begleitgarde mit, dass sie nicht auf mich zu warten braucht?« Kuhns Augen hefteten sich auf Sir Ost, der sich im Hintergrund herumdrückte. Nachdem er die Schlüssel überbracht hatte, war er mit einer Neugier, die Sir Gefahr höchstpersönlich zur Ehre gereicht hätte, geblieben, um zu schnüffeln. Sein Befehlshaber lächelte. »Schön, dass du dich frei- willig meldest, Bruder! Bleib in diesem Raum und lass niemanden die Truhe berühren.« Ost zog einen Schmollmund. »Ganz allein?« »Lies ein Buch. Tu mal etwas für den Saustall, den du als Verstand bezeichnest.« »Bald kommt ja der Baron, um dir Gesellschaft zu lei- sten«, fügte Glockmann hilfsbereit hinzu. »Dem kannst du eine Gutenachtgeschichte vorlesen.« Finster funkelte Sir Ost ihn an. »Was ist da drin?« Kühn ging zu einer zweiten Tür hinüber und riss sie auf. Aufgeregte Stimmen gellten. Der kleinwüchsige Man- fred stürmte ins Zimmer. Harald, der blasse Ochse von einem Mann, folgte ihm ohne das übliche Lächeln be- drohlich. Kühn versuchte eine Erklärung – auf Chivialisch. Mit Schreien und Gesten forderten die beiden Bediensteten die Eindringlinge unverkennbar auf zu verschwinden., Harald schien drauf und dran, sie zu ergreifen und aus dem Raum zu werfen. Glockmann versuchte zu vermit- teln, indem er auf die königlichen Abzeichen auf der Liv- ree der Klingen deutete. Alle wurden zunehmend lauter., Schwester Gertrude indes genoss die Wirren. Ihre neue Vorgesetzte, Mutter Evangeline, hatte Trudys Gesuch, wieder der nächtlichen Streife zum Quamast-Haus zuge- teilt zu werden, fast widerstandslos stattgegeben. Als Trudys Freundin, Schwester Seenebel, die Neuigkeit er- fahren hatte, war sie sofort misstrauisch gewesen. »Die wollen dich bloß zum Sündenbock stempeln!«, hatte sie gemeint. Seenebel war schon in Eichental stets Trudys beste Freundin gewesen und es hier im Palast ge- blieben – überaus hilfsbereit und sehr angenehme Gesell- schaft, obwohl sie selbst auf Armeslänge keinen Liebes- trank von einem Brechmittel zu unterscheiden vermoch- te. Auch Trudy war misstrauisch, doch es kümmerte sie nicht sonderlich. »Möglich. Es zu versäumen, die Arz- neitruhe zu öffnen? Einen Trugbann als ›Übersetzungs- zauber‹ zu bezeichnen? Ich bitte dich! Du willst mich wohl auf den Arm nehmen.« Seenebels Augen weiteten sich. »Schwester Gertrude! Du willst doch nicht etwa andeuten, dass die ehrwürdi- gen Mütter versuchen, ihre überweltlichen Hinterteile aus dem Dreck zu ziehen?« »Haben ehrwürdige Mütter denn überhaupt Hintertei- le, Schwester Seenebel?« Die beiden kicherten., »Was versuchst du nur zu erreichen?«, wollte Seene- bel wissen. »Ich will Gerechtigkeit für Bernie! Aber wenigstens werde ich einen Großherzog kennen lernen. Und einen Haufen schneidiger Klingen.« Seenebel schauderte. Für sie stanken Klingen wie fau- le Eier. »Außerdem ist es das einzig Aufregende, was es in der Stadt zu tun gibt«, hatte Trudy hinzugefügt. »Sonst stehe ich bloß herum und beobachte, wie andere Leute Spaß haben. Ich hätte nie gedacht, dass das Palastleben so langweilig sein könnte!« Nun war es das nicht mehr. Diese Reisetruhe war ein- deutig alles andere als langweilig. Sie verursachte ihr Gänsehaut. Sie sah Abenteuer am Horizont. Und junge Männer. Obwohl Meister Glockmann nicht den Glanz einer ge- bundenen Klinge ausstrahlte, besaß er einen stillen, ganz eigenen Schimmer, der nicht von Geisterbeschwörungen herrührte. Seenebel würde ihn als offensichtlich zuver- lässig bezeichnen, und für gewöhnlich bedeutete zuver- lässig zugleich eintönig, aber er war ein angenehmer Ge- fährte. Was Sir Kuhns derzeitige Schar von Klingen an- ging, waren sie zwar unterhaltsam, doch keiner der Män- ner konnte es mit Bernard aufnehmen. Trudy war gerade zu diesem wehmütigen Schluss gelangt, als sie hinter der Tür zunächst den Schein zweier weiterer Klingen und dann den Trugbann des Großherzogs entdeckte. Die Bin-, dung einer Klinge konnte sie auf dreiunddreißig Schritte Entfernung spüren. Das hatte sie gemessen. In dem Augenblick, als der Herzog mit seinem Gefol- ge das Zimmer betrat, brach ein Tumult los. Der große Bedienstete, Harald, begann in welcher Sprache auch immer vom Balkon herüberzubrüllen. Der Baron brüllte zurück. Der kleinere Diener, der die Klinge im Auge be- halten hatte, die ihrerseits die Truhe im Auge behielt, tauchte auf und stimmte in das Geschrei mit ein. Der Herzog schaute zu Glockmann, der ihm die Lage erklär- te. »Das müssen wir besprechen, Sir Kühn«, erklärte Sei- ne Hoheit und ging die Treppe hinauf voraus zum Au- dienzraum. Bislang war Trudy vom Großherzog wenig beeindruckt. Wenn sein Trugbann nichts Besseres als dieses abgezehr- te, kümmerliche Erscheinungsbild zu bewirken vermoch- te, musste sein echtes Äußeres wahrhaft grauenerregend sein. Ebenso wenig hielt sie vom Audienzraum, der kleiner als das Schlafgemach des Barons war und zudem unan- genehm muffig. Um die Kerzen schwirrten verrückte In- sekten. Die Wandbehänge waren schwer und aus- gebleicht, an manchen Stellen sogar mottenzerfressen. Die Deckenfresken hatten einen Wasserschaden erlitten. Der Herzog nahm auf einem niedrigen Podest, auf einem Staatsstuhl, Platz, was ihm eine königliche Würde ver-, lieh, an der es ihm zuvor gemangelt hatte. Entlang der Wände stand etwa ein Dutzend gewöhnlicher Stühle, doch er lud niemanden ein, sich zu setzen, also standen sie ihm in einem Halbkreis gegenüber: Glockmann, Sir Kühn, der fette Baron, ein Diener – der große Blonde – und Trudy. Der kleine, runzlige Mann fuhr fort, den Wächter zu bewachen, der die Truhe bewachte. Auch die beiden frischgebackenen Klingen des Herzogs waren zu- gegen und standen zu beiden Seiten des Stuhls. Sie gaben ein seltsames Paar ab, der eine klein, dunkel und überra- schend jung, der andere hell und bärenhaft. Letzterer zwinkerte ihr zu. Noch bevor sie entscheiden konnte, ob sein blondes Haar und die strammen Waden eine solche Dreistigkeit rechtfertigen konnten, wurde sie ins Ge- spräch gezogen. »Schwester, äh, Gertrude«, sprach der Großherzog. »Diese Gräueltat letzte Woche war nur die jüngste in ei- ner Reihe von Angriffen auf mich. Ich wurde von ihnen quer durch Euranien gehetzt und hege keinen Zweifel daran, dass sie in Krupina ihren Ursprung haben. Ich weiß sogar, wer dahintersteckt, wenngleich ich es nicht beweisen kann. Nun deutet ihr an, dass sie örtlichen Ur- sprungs sind. Damit beschuldigt ihr ein Mitglied meines Gefolges fünf versuchter Anschläge auf mein Leben und des Mordes an über einem Dutzend Menschen! Das sind schwerwiegende Anklagen.« O nein! Das wäre ein aufsehenerregender Beginn und ein noch aufsehenerregenderes und jähes Ende ihrer, Laufbahn, doch so einfach wollte Trudy sich nicht in die Falle locken lassen. »Euer, äh, Gnaden. Bei allem Re- spekt, etwas Derartiges habe ich nie behauptet! Ich habe lediglich gemeldet, dass sich in jener Truhe zahlreiche Zauber befinden, von denen einige gefährlich sind. Sogar tödlich. Sie sollten ordnungsgemäß überprüft werden. Das ist alles, was ich sage.« »Die Truhe wurde bei unserer Ankunft von den Wei- ßen Schwestern genehmigt. Sie wurde sogar in der Nacht des Anschlags überprüft.« »In jener Nacht war ich hier, Euer Gnaden. Kurz dar- auf starben fünf Männer. Aber niemand hat die Truhe geöffnet, beide Male nicht. Niemand ging auch nur in ihre Nähe. Außerdem hat sie sich seither verändert.« Der Herzog legte die Stirn in Falten. »Und wurde Euch aufgetragen, sie heute Nacht erneut zu überprü- fen?« »Nein, Euer Gnaden. Mir wurde nur aufgetragen, mei- ne Pflicht zu tun.« »Habt Ihr Eure Pflicht beim ersten Mal denn nicht ge- tan?« »In jener Nacht hatte nicht ich die Aufsicht. Ich wollte die Truhe eingehender in Augenschein nehmen, was mir jedoch untersagt wurde. Sir Kühn kann meine Aussage bezeugen.« Sir Kühn nickte, doch der Herzog hielt den stirnrun- zelnden Blick unbeirrt auf Trudy gerichtet. »Obwohl Ihr sorgsam darauf bedacht seid, es nicht, auszusprechen, wollt Ihr zweifellos andeuten, dass etwas in jener Truhe dazu verwendet werden könnte, um die Schattenherren heraufzubeschwören. Aber die einzigen, die Zugang zu dieser Truhe haben, befanden sich in jener Nacht allesamt in diesem Gebäude. Der Übeltäter hätte sich demnach selbst in Gefahr gebracht.« Trudy hatte zwar noch nie die Klinge mit einem Staatsoberhaupt gekreuzt, doch immerhin ließ sie sich selbst von Obermutter nicht einschüchtern, und so ge- dachte sie auch nicht, vor diesem alten Tränensack zu duckmäusern. »Ich bin keine Beschwörerin. Daher weiß ich auch nicht, wie man Schattenherren heraufbeschwört, obwohl ich vermute, dass man zu Beginn eine besondere Art an- steckendes Gift verwendet, um das erste Opfer zu töten. Das wäre gewiss einfacher, als eine Beschwörung von Krupina aus zu senden, oder? Ich sage lediglich …« »Sie sagt viel zu viel!«, brüllte der Baron. »Hoheit, das ist eine unduldbare Unverschämtheit!« Großherzog Rubin nickte, als wollte er ihm beipflich- ten, was er hingegen sagte, war: »Vielleicht habe ich zu viel zugehört und zu wenig nachgedacht. Fahrt fort, Schwester.« Das war schmeichelhaft. »Es ist spät, Euer Gnaden. Wenn ich mich irre und alles in der Truhe harmlos ist, wird mich die Schwesternschaft bestimmt maßregeln und sich bei Eurer Lordschaft entschuldigen. Warum lasst Ihr sie nicht bis morgen von den Klingen bewachen? Dann, könnten wir weitere Schwestern rufen, um einen Blick darauf zu werfen. Ich bin zwar sehr gut, aber beim Schnüffeln ist es stets weise, mehrere Meinungen einzu- holen.« »Eure Hoheit wissen ganz genau, dass alles in dieser Truhe harmlos ist!«, schrie der Baron. »Ihr lügt«, erklärte Trudy. Ahem. Das war wohl etwas unbesonnen. Bestürzt starrten alle auf Gertrude. Der Baron lief purpurn an, sein Schnurrbart drohte, vor Weißglut in Brand zu geraten. Sogar der Großherzog runzelte wieder die Stirn, dabei hatte Trudy ihn schon fast auf ihrer Seite gehabt. »Das hätte ich nicht sagen sollen, Euer Gnaden.« »Nein, ganz gewiss nicht!« »Aber nicht, weil es nicht stimmt! Nur deshalb, weil es uns nicht zusteht, lügenerkennende Fähigkeiten für uns zu beanspruchen. Das machen die Inquisitoren. Aber auch die meisten Weißen Schwestern sind dazu in der Lage, weil Wörter offensichtlich aus Luft bestehen, au- ßerdem aus Weisheit, was Licht bedeutet, und Licht ist größtenteils Feuer. Also sind Wörter Luft und Feuer so- wie ein wenig Erde zwecks Festigkeit. Lügen aber ent- halten auch Tod und Wasser. Wasser für die Gestaltlo- sigkeit. Es können also zahlreiche Schwestern ebenso gut Lügen erkennen wie die Schnüffler, aber es ist kein Teil unserer Zuständigkeit, deshalb sollte ich es nicht erwäh- nen.« Trotzig schaute sie zu dem fetten, alten Baron. »Er hat gelogen.«, »Hoheit!«, gellte der Greis. Der Herzog hob eine Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen und lächelte milde. »Bedenkt, Baron, Ihr habt gesagt, ich wüsste genau, dass alles in dieser Truhe harmlos ist. Tatsächlich weiß ich es nicht, da ich sie nicht gepackt habe und kaum eine Ahnung habe, was sich dar- in befindet. Ich weiß nur, was Ihr mir erzählt habt. Hättet Ihr lediglich behauptet, dass Ihr wüsstet, die Truhe ent- halte nichts Gefährliches, wäre Eure Äußerung voll- kommen wahr gewesen.« Alle warteten, ob der fettleibige Mann den Köder schluckte, was jedoch ausblieb. Stattdessen schäumte er vor Wut. »Trotzdem ist das unduldbar! Meine Ehre wur- de noch nie in Frage gestellt. Über zehn Generationen hinweg haben meine Vorväter Waffen für Krupina getra- gen. Mein ganzes Leben lang habe ich gedient. Und nun unterwerft Ihr mich dieser Unverfrorenheit! Das Frauen- zimmer sollte ausgepeitscht werden. König Athelgar muss sich persönlich entschuldigen!« Der Herzog seufzte. »Es ist spät. Sir Kühn, bitte lasst die Truhe bis zum Morgen bewachen. Seine Majestät hat auf eine Überprüfung meines Gepäcks verzichtet, aber um in dieser Angelegenheit sämtliche Zweifel auszuräu- men, werden wir tun, was Schwester Gertrude vor- schlägt.« »Unerträglich!«, brüllte der Baron. Mit für einen Wa- ckelpudding seiner Ausmaße bemerkenswertem Schwung wirbelte er herum und watschelte flinken, Schrittes auf die Tür zu. Der große, hellhaarige Diener rannte voraus, um sie für ihn zu öffnen, und folgte ihm hinaus. Nach einer Weile meinte der Großherzog: »Was Ihr al- le denkt, ist unmöglich. Ernst von Fader ist kein Be- schwörer. Nie und nimmer kann er hinter diesen Morden stecken! Ich kenne ihn seit Jahren, und niemand war mir je treuer ergeben. Er hat um meinetwillen alles verloren. Lüge ich, Schwester Gertrude?« »Nein, Euer Gnaden.« Er lächelte sie an. Irgendetwas fehlte in seinem Lä- cheln. Er lächelte anders als die meisten Männer. In sei- nem Lächeln schwang weder die Lüsternheit der größe- ren Klinge noch das scheue Verlangen des Jungen auf der anderen Seite des Stuhls mit. Glockmann lächelte überhaupt nicht. Genau wie Sir Kühn. An ihn wandte sich der Großherzog als Nächstes. »Wir danken Euch für Eure Dienste. Gehe ich recht in der Annahme, dass Ihr eine Begleitgarde für die Schwes- ter abstellen könnt, wenn sie aufbricht? Aber erst müssen wir noch ein paar abschließende Worte mit ihr wech- seln.« Sir Kühn verstand den Wink. Er salutierte und zog sich zurück. Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, waren noch Trudy und vier Männer übrig. Ein vielversprechendes Verhältnis, hätte Seenebel gesagt. Der Großherzog betrachtete eine Weile seinen Siegel- ring. Schließlich sprach er: »Spürt Ihr an mir eine Be-, schwörung, Schwester?« »Ja, Euer Gnaden.« »Welcher Art?« »Einen Trugbann. Vermutlich verändert er in irgend- einer Weise Euer Aussehen.« Er nickte. »Ich werde Chivial bald verlassen, um mein Streben nach Gerechtigkeit, meine Mission zum Sturz des Thronräubers fortzusetzen. Es könnte ein langer und schmerzlicher Feldzug werden. Als König Athelgar mir Klingen anbot, meinte er, ich brauchte zur Ergänzung einige Weiße Schwestern. Ohne Schwestern hätte ich nur eine halbe Mannschaft, waren sein Worte, doch er könnte den Schwestern nichts befehlen, er könnte sie lediglich ersuchen. Heute Nacht teilte er mir mit, dass Obermutter die gesamte Schwesternschaft befragt, sich jedoch keine Schwester freiwillig gemeldet hätte.« Was?! Ihre Miene brachte ihn zum Lächeln. »Ihr wurdet nicht gefragt?« »Nein, Euer Gnaden! Ebenso wenig habe ich davon gehört, dass jemand anders gefragt wurde.« Je mehr sie über die Machenschaften der Schwesternschaft erfuhr, desto mehr wirkte dieser wie ein rückgratloser Haufen unfähiger alter Weiber. »Nun, merkt es Euch vor.« Rubin erhob sich und trat von dem Podest. Alle rührten sich, da sie ein Ende der Unterredung spürten. »Ich habe meinen Klingen und Meister Glockmann versprochen, ihnen die ganze Ge-, schichte zu erzählen. Was ich schon viel zu lange hin- ausgezögert habe. Wenn Ihr mir Euer Ehrenwort gebt, nicht zu wiederholen, was Ihr hört, lade ich Euch ein zu bleiben.« Gertrude zögerte und überlegte, ob Ihr Amtseid es zu- ließ, Geheimnisse vor ihren Vorgesetzten zu haben. Mut- ter Evangeline war ein entsetzliches Waschweib. Auch das verschleierte Angebot, in die Dienste des Großher- zogs einzutreten, ging ihr durch den Kopf. Das Palastle- ben war eintönig, bestand nur aus endlosen Wachen ne- ben Türen, während Besucher ein und aus gingen, oder an Wänden bei Feierlichkeiten, während andere sich vor ihren Augen vergnügten. »Ich schwöre es, Hoheit.« Der Ehrentitel, den sie verwendete, entging seiner Aufmerksamkeit keineswegs, was er durch ein anerken- nendes Nicken kundtat. »Dann wollen wir es uns gemüt- lich machen, und ich erzähle es Euch allen. Verriegelt die Tür, Sir Raunzer. Meine Geschichte ist traurig, aber Schwester Gertrude kann anschließend bestätigen, dass sie wahr ist. Nun setzt Euch bitte, Ihr alle.« Damit zog er einen Stuhl heran, den er gegenüber von zwei anderen aufstellte, und Glockmann holte rasch zwei weitere, um einen Kreis zu bilden. Glockmann hatte den Schlagabtausch zwischen Trudy und dem Baron mit Belustigung und einem gehörigen Maß an Bewunderung verfolgt. Nach allem, was er über die steifen und spießigen Traditionen der Weißen Schwe-, stern gehört hatte, musste sie ihren Vorgesetzten ein mammutgroßer Dorn im Auge sein. Und der Umstand, dass sie überhaupt geduldet wurde, legte nahe, dass sie über bemerkenswerte Fähigkeiten verfügen musste. »Meister Glockmann?« »Hoheit?« »Sir Ringwald meinte, Ihr hättet meine Maske durch- schaut. Ich möchte erfahren, welche Fehler mir unterlau- fen sind. Ich lebe diese Rolle seit Monaten und hatte ge- dacht, ich wäre nahezu vollkommen darin.« »Ich hegte keinerlei Verdacht, Hoheit, bis Ihr im Haupthaus die Treppe hinaufgelaufen seid. Unter den damaligen Umständen fand ich das höchst überraschend für einen Mann Eurer scheinbaren Jahre. Heute Nacht habe ich beobachtet, wie Trudy dasselbe tat, und Sie hob zuerst ihr Kleid vorn an, damit sie nicht darüber stolper- te. Dieselbe Geste habt Ihr damals vollführt, obwohl Ihr eine Hose getragen habt. Außerdem habe ich mich ein wenig umgehört und erfahren, dass Ihr Euch entweder gar nicht oder mit kaltem Wasser rasiert.« Der Herzog lachte. »Bravo! Sir Ringwald überprüfte in jener Nacht mein Gepäck und stieß auf einige Klei- dungsstücke, die weder Groß- noch sonstige Herzöge für gewöhnlich tragen. Als meine Klinge hat er es außer Sir Raunzer niemandem anvertraut.« Ringwald grinste. Raunzer schaute finster drein. »Heute … mittlerweile gestern habe ich es ihnen mit- geteilt. Nun zeige ich es ihnen und Euch. Alles, was ich, gesagt habe, entspricht der Wahrheit, ich bin lediglich in die Rolle eines anderen geschlüpft.« Er griff sich mit bei- den Händen an den Nacken und fingerte an etwas herum. »Ich trage ein Medaillon, das ein kleines Bild des Groß- herzogs Rubin von Krupina enthält. Es ist ein Zauber, der den Träger wie ihn aussehen lässt.« Damit hob er die En- den der Kette an und löste das Medaillon von seinem Kragen. »In Wahrheit bin ich seine Gemahlin, Großher- zogin Johanna.« Sein Bild waberte und verschwamm. Glockmann er- schrak und blinzelte, bis er sicher war, dass seine Augen ihn diesmal nicht täuschten. Der Großherzog war ver- schwunden, an seinem Platz saß eine junge Frau. Sie war zierlich und atemberaubend schön, trotz der unvorteilhaf- ten Männerkleidung und der Art, wie sie das goldene Haar zu einem einfachen Knoten hochgesteckt trug. Trudy stieß einen spitzen Schrei der Überraschung aus. Die anderen glotzten nur mit aufgerissenen Augen. Die Großherzogin lächelte, während sie das Verhalten ihrer Zuhörerschaft beobachtete, doch ihr Frohsinn ver- mochte nicht, eine tiefsitzende Traurigkeit in den saphir- blauen Augen zu überdecken. »Sir Ringwald, Sir Raunzer, vor Euch seht Ihr Euer Mündel. Der Zauber wirkt ungemein gut, dennoch hat er Grenzen. Er verändert mein Gesicht vortrefflich, meinen Oberkörper recht gut, aber er ist außerstande, meine Wa- den so männlich wie die meines Gemahls wirken zu las- sen, und ich habe nicht gewagt, die Wirkung bei einem, gemeinsamen Bad auf die Probe zu stellen. Hat meine Schamhaftigkeit in der Esse ersten Argwohn bei Euch ausgelöst, Sir Ringwald?« Ringwald strahlte vor Verzückung über die Verwand- lung. »Ganz und gar nicht, Hoheit.« »Ich hoffe, Ihr bedauert Eure Entscheidung nicht?« »Nein«, brummte Raunzer mürrisch. Eine Bindung auf Lebenszeit drohte wesentlich länger auszufallen, wenn sein Mündel ebenso jung war wie er statt dreißig Jahre älter. Ringwald hingegen frohlockte förmlich. »O nein, Ho- heit! Ich meine, ich dachte, Seine Hoheit wäre … ich bin sicher, Seine Hoheit ist ein sehr guter Großherzog, aber Ihr seid …« Er lief scharlachrot an, und seine Stimme verlor sich. Ringwald war ihrem Zauber bereits erlegen. Genau wie Glockmann. Oh, bei den Geistern! Ihre Schönheit war berauschend. Trudy verblasste in ihrer Gegenwart. Er selbst fühlte sich wie ein dummer Junge neben ihr. Nun verstand er das eigenartig sanftmütige Gebaren des »Großherzogs«. Sie sollte lernen, sich einer deftigeren Ausdrucksweise zu befleißigen. »Ich danke Euch beiden.« Sie seufzte. »Meister Glockmann, meine Klingen können Ihren Eid nicht wi- derrufen, Ihr hingegen sehr wohl. Möchtet Ihr nun aus meinen Diensten treten?« »Niemals, Hoheit!« Er war versucht hinzuzufügen, er würde ihr auf ewig unentgeltlich dienen, wenn sie ihm nur jeden Tag ein solches Lächeln schenkte. Der, Schmerz, der sich hinter diesen betörenden Augen fest- gesetzt hatte, zerriss ihm das Herz. »Ich habe Euch ver- traut, als ich bereits wusste, dass Ihr nicht wart, was Ihr zu sein schient, und jetzt vertraue ich Euch erst recht.« Sie hingegen konnte ihm nie so vertrauen wie ihren gebundenen Klingen. Er konnte ihr uneingeschränkte Treue schwören und es mit ganzem Herzen meinen, den- noch wäre es ohne die Beschwörung nie dasselbe. Menschliche Treue war fehlbar. »Schwester Gertrude?« »Ich schließe mich Glockmann voll und ganz an, Ho- heit! Das ist wunderbar!« »Ist es das? Ist es das wirklich? Nein, es ist schlimmer als zuvor, denn ich bin nach wie vor eine Verbannte, und nun erfahrt Ihr obendrein, dass ich von gewöhnlicher Herkunft bin. Ich besitze weder Rang noch blaues Blut. Mein Gemahl ist tot oder ein Gefangener, ich weiß nicht, was von beidem. Mein kleiner Sohn ist entrechtet und schwebt in Todesgefahr, denn sollte sein Onkel ihn fin- den, wird man ihn zweifellos ermorden. Meinen Bemü- hungen, Unterstützung von den Herrschern Euraniens zu erhalten, war kein Erfolg beschieden – zumindest nicht bis jetzt und hier, im fernen Chivial. Euer König und Eu- re Königin waren wunderbar freundlich. Aber selbst sie werden froh sein, mich abreisen zu sehen.« »Wieso?«, fauchte Raunzer. »Weil der Tod mir überallhin folgt. Außerdem – wenngleich das in ihrem Fall weniger als andernorts zu-, trifft – weil ich nicht von adliger Geburt bin. Deshalb hat mir Euer König die königlichen Ehren verweigert, die er dem echten Großherzog entgegengebracht hätte. Mein Vater war ein gemeiner Ritter, Erich von Schale. So wie seine Vorfahren seit Generationen schuldete er dem Fürs- ten von Fadrenschloss, Baron von Fader, Ritterdienste. In seiner Jugend focht er unter dem Banner des Barons, doch in der Zeit, als ich ihn kannte, waren seine Tage als Krieger längst vorüber. Er war ein Landwirt, der seine Pferde selbst beschlug und dabei half, das Heu einzu- bringen. An meine Mutter kann ich mich kaum erinnern, weil sie bei dem Versuch starb, mir einen Bruder zu schenken. Sir Ringwald?« »Hoheit?« »Eure Geschichte hat mich zutiefst bewegt. Wie alt wart Ihr, als Euer Vater Euch nach Eisenburg brachte?« »Fast dreizehn, Euer Gnaden.« »Auch ich verlor meinen Vater, als ich erst zwölf Jah- re alt war. Er schnitt sich in den Fuß, und die Wunde be- gann zu eitern. Hätte er den Baron um Hilfe gebeten, hät- te dieser ihn mit Gold für eine Heilung nach Vamky ge- schickt, aber er war zu stolz, um zu betteln. Als der Ba- ron die Kunde erfuhr und zu unserem Häuschen geritten kam, lag mein Vater auf dem Totenbett. Ernst gelobte, er würde sich um mich kümmern. Es war seine Pflicht als Lehnsherr, aber er meinte es aus ganzem Herzen, was unendlich mehr zählt. Ich zog in sein Haus, und er war unvorstellbar freundlich zu mir. Fadrenschloss war ein, unzusammenhängender alter Ort, teils einstige Burg, teils neues Holzhaus, behaglich und trotzdem zu verteidigen. Der Baron hatte keine Familie mehr, folglich würde das Anwesen nach seinem Tod an den Großherzog zurückfal- len. Zwei Jahre lebte ich dort. Natürlich habe ich um meinen Vater getrauert, dennoch waren es wundervolle Jahre. Aber ich muss Euch auch über den Schurken der Ge- schichte berichten, Fürst Volpe. Er ist Rubins Onkel, je- doch nur ein Jahr älter als er. Sie wuchsen zusammen im Palast von Krupa auf, und ich habe ansatzweise erfahren, dass sie einander damals nicht leiden konnten. Volpe mag es widerstrebt haben, dass er, obschon älter, nicht der Erbe von Großherzog Hans war. Rubin wiederum mag sich vor Volpe geängstigt haben, denn der neigt zu Tobsuchtsan- fällen, während Rubin eher … friedliebend ist. Mein Ge- mahl zieht es vor, einen Feind zu überlisten, statt gegen ihn zu kämpfen. Ich weiß, dass er seinen Onkel bisweilen zu beschuldigen pflegte, einer unehelichen Verbindung zu entstammen, denn Volpe wurde acht Monate nach dem Tod seines Vaters und dreißig Jahre nach seinem einzigen Bruder geboren. Als ich in das Geschehen trat, hatten die beiden sich längst versöhnt. Offenbar vertraute Rubin sei- nem Onkel, zumal er ihn zum Probst von Vamky ernannt hatte, wodurch er zum mächtigsten Mann des Reiches wurde, noch mächtiger als der Großherzog selbst. Wie Ihr wisst, sorgen mehrere jüngere Söhne hoch- wohlgeborenen Familien überall für Schwierigkeiten., Indem man ein Erbe teilt, schwächt man es, daher geht fast überall in Euranien alles an den Erstgeborenen. Herr- scher trifft dieses Problem in besonderem Maße, und am schlimmsten von allen die Großherzoge Krupinas, weil das Reich zu klein ist, um Platz für zahlreiche königliche Nachkommen zu bieten. Für gewöhnlich besteht die be- vorzugte Lösung darin, sie ehrenwert in einer Schlacht sterben zu lassen. Doch Krupina meidet Kriege seit jeher nach Möglichkeit. Krupinas Ausweg sieht so aus, dass überzählige Söhne in die Vamky-Bruderschaft einzutre- ten haben, von der sie als Söldner ausgesandt werden, um in anderer Menschen Kriege zu sterben. Die Brüder werden zu Armut, Ehelosigkeit und bedin- gungslosem Gehorsam ihrem Abt gegenüber vereidigt. Ihr befestigtes Kloster Vamky beherrscht den Pilgerpass, das nördliche Tor zum Reich. Ihre Ritter sind als Krieger stets gefragt, zumeist heuert man dazu auch einige ihrer Beschwörer an, denn niemand versteht mehr als die Brü- der davon, die Geister der Elemente zur Kriegsführung einzusetzen. Die gesamten Einnahmen aus solchen Ver- trägen fließen in die Säckel der Bruderschaft, folglich ist sie sehr reich. Sie verfügt über die einzige ständige Ar- mee im Reich. Wer immer über die Brüder herrscht, kann demnach auch über Krupina herrschen, und der Abt ist ein Mann gewaltiger Macht. Mehrere Generationen von Herzögen haben versucht, ihn im Zaum zu halten, indem sie einen Probst als eine Art Mitherrscher ernannten. Of- fiziell unterstehen dem Probst der militärische Arm und, Verträge mit fremden Ländern, während die Ausbildung und Disziplin in den Bereich des Abtes fallen. Die Machtteilung ist verschwommen und funktioniert nicht immer, aber Rubin folgte lediglich einer Tradition, indem er seinen Erben zum Probst ernannte.« »Ehelosigkeit?«, meldete Raunzer sich zu Wort. »Heißt das, sie tun es nicht mit Frauen?« »Das heißt, dass sie nicht heiraten dürfen. Eigentlich sollten sie überhaupt keinen Umgang mit Frauen pflegen, aber natürlich ist niemand vollkommen, Ihre Disziplin ist streng, ihre Strafen sind furchtbar.« Die Herzogin blickte mit ihrem wehmütigen Lächeln in die Runde. »Es ist schon fast Morgen. Soll ich lieber aufhören?« »Keinesfalls, Euer Gnaden«, antwortete Ringwald. »Wenn wir Euch helfen sollen, müssen wir diese Dinge wissen.« »Na schön, ich werde mich so kurz wie möglich fas- sen. Das Fadrenschloss des Barons liegt in der Nähe von Vamky im Norden Krupinas, wo das Land sich zwischen den Gebirgsketten verengt. Von der Turmspitze aus kann man das Kloster erkennen. Ein Großteil der Hügel ist bewaldet und bietet Wild und Wildschweinen, ja sogar Bären ein Zuhause. Im Wind segeln Adler, und die Berge bewahren sich bis in den Hochsommer hinein ihre Schneekrone. Eines prachtvollen Herbsttages, als die Hügel sich golden präsentierten, ritt Großherzog Rubin durch das Gebiet. Er war auf der Jagd. Was er fand, war ich.«,

II

VON DER SPUR zUR FÄHRTE, »Ah, was haben wir denn da? Eine Waldschlüsselblu- me?« Überrascht wirbelte Johanna zum Sprecher herum. Nachdem sie den Tag damit verbracht hatte, den Arbei- tern bei der Ernte zu helfen, war sie nach Hause zurück- gekehrt und hatte den Burghof voller Pferde und unver- trauter Männer vorgefunden. Einige waren Schwert- kämpfer in Livree, andere trugen die grüne Kluft von Förstern. Die Stallburschen des Barons hetzten bald hier- hin, bald dorthin und versuchten, dieses unerwarteten Ansturms lauter und ungeduldiger Fremder Herr zu wer- den. Die Hunde von Fadrenschloss hatten die Besucher gewittert; beide kläfften wild und ungestüm. Der Mann, der sie angesprochen hatte, war beleibt, mittleren Alters und musste der Adelige sein, zu dem der Tross gehörte. Denn seine Reitkluft aus grünem Leder war von erlesenerer Güte als alles andere auf dem Hof, von den Sporen bis hinauf zu den Federn an seinem Hut. Am Gürtel trug er einen Falknerhandschuh, an einem juwelenbesetzten Bandelier hing ein silbernes Jagdhorn. Eigentlich sollte sie vor einem adeligen Besucher knick- sen, doch etwas an der Art, wie er sie ansah, lähmte sie regelrecht. Die Abendsonne loderte an einem Himmel so klar und blau, wie er sich sonst nur im Sommer präsentierte. Jo-, hanna war erschöpft und angenehm verschwitzt, denn das Einbringen der Ernte war eine vergnügliche Arbeit, an der jede gesunde Seele in oder rings um Fadrenschloss teilnahm, von kleinen Kindern bis zu rüstigen Greisen. Die Jungen arbeiteten ausnahmslos barbrüstig, was zu allerlei Flachsereien und Andeutungen, Liebäugeln und Versprechen führte, die später am Abend teils eingelöst wurden, teils nicht. Mädchen, die kaum älter waren als sie, wurde emsig der Hof gemacht. »Nun?«, fragte der Edelmann. »Wie lautet dein Name, kleine Schlüsselblume?« Ihr grünes Leinenhängekleid war von besserer Güte als die Gewänder der Bauernmädchen, trotzdem beileibe kein Kleidungsstück einer Fürstin. Ihr Haar, das sie mit einer Schleife zurückgebunden hatte, war vom Sommer flachsfarben gebleicht, weshalb ihr der Gedanke durch den Kopf schoss, dass sie eher einem Gänseblümchen denn einer Schlüsselblume glich. Dann besann sie sich ihrer Manieren und knickste. »Johanna Schale, Herr.« Kaum hatte sie es ausgespro- chen, ahnte sie bereits, dass sie ihm den falschen Titel verpasst hatte. »Ein hübscher Name für ein überaus hübsches Mäd- chen. Was für liebreizende gebräunte Arme!« Er beliebte wohl zu scherzen, denn nur Bauern waren sonnenge- bräunt. Modebewusste Damen besaßen blasse Haut, je blasser, desto besser. Er streckte den Finger aus, um ei- nen Träger des Kleids an der Schulter anzuheben und, fügte hinzu: »Und blasse Schultern.« »Herr!« Da sie wusste, dass er nicht nur an Schultern dachte, wich sie hastig zurück. Missbilligend runzelte er die Stirn. »Wer ist dein Va- ter, Johanna?« »Mein Vater starb vor zwei Jahren. Ich bin das Mün- del des Barons … Herr.« Rings um sie tummelten sich Pferde und Menschen, aber niemand schaute in ihre Richtung, ganz so, als wäre sie unsichtbar oder in einem fernen, verborgenen Verlies mit diesem Mann eingeker- kert. Sie konnten oder wollten sie nicht sehen. »Wie alt bist du?« »Vierzehn, Herr.« »Lebst du hier in der Burg?« Sie nickte. Mittlerweile war sie zutiefst verängstigt. »Dann werden wir einander während meines Aufent- halts ja noch besser kennen lernen.« Seine vollen Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln. »Du weißt nicht, wer ich bin, oder? Lass mich dir ein Bild zeigen. Hier! Er- kennst du mich nun?« Zwischen Finger und Daumen hielt er eine Münze hoch, einen funkelnden, goldenen Kru. Zwar hatte sie Krus schon zuvor gesehen, aber selbst der Baron musste sie nur selten verwenden. Dieser Kru sah frisch geprägt aus, trugjedoch ein altes Bildnis, da er einen wesentlich jüngeren Großherzog zeigte. »Ich bitte Euer Hoheit um Verzeihung!« Damit ver- suchte sie in ihrem Bauernkittel einen Knicks, der eines, Ballsaals würdig war. Er beugte sich hinab, um sie aus dem Knicks zu erhe- ben, indem er eine weiche Hand um ihren Oberarm schloss. »Dir ist bereits vergeben, Johanna. Ich hoffe, wir können Freunde sein, während ich hier verweile und die gefeierte Gastfreundschaft deines Vormunds genieße. Vielleicht überlasse ich dir dieses Bild von mir, wenn ich aufbreche, was hältst du davon? Gleichsam als Erinne- rung an unsere glücklichen gemeinsamen Stunden?« Er ließ sie nicht los, sondern hielt sie dicht vor sich und lä- chelte. Was für glückliche Stunden hatte er im Sinn, dass er ihr Gold dafür anbot? War sie etwa eine Gossendirne, dass er sie so beleidigte? Bevor ihr eine passende, aber höfliche Antwort einfiel – die es vielleicht ohnehin nicht gab – kam der Baron höchstpersönlich in aller Eile über den Burghof gewat- schelt. Offenbar hatte er sich überhastet in seine besten Kleider geworfen, denn sein Wams war noch nicht ge- schnürt und die Hose zerknittert. »Königliche Hoheit!« Er lüpfte die Mütze, um eine Verbeugung zu vollführen, wodurch er schütteres weißes und völlig zerzaustes Haar entblößte. »Was für eine Ehre! Hätten Euer Gnaden uns vorgewarnt, hätte Fadrenschloss ein herrliches Fest vor- bereitet, um – geh und mach dich zurecht, Mädchen! – ein solch herausragendes Ereignis gebührend zu feiern. Aber wenn Hoheit uns doppelt ehren, indem Ihr Euren Besuch ein paar Tage verlängert…«, Johanna riss den Arm los und flüchtete. Für einen herzoglichen Besuch war nur das Beste gut genug, aber Johannas Bestes war höchst gewöhnlich. In zwei, vielleicht drei Jahren würde sie in die gesellschaft- lichen Kreise eingeführt werden. Das hatte ihr der Baron ebenso versprochen wie eine üppige Aussteuer, um einen feinen Ehemann zu finden. Wenn die Zeit reif war, wür- de sie Kleider, Juwelen und edle Düfte besitzen. Aber jetzt noch nicht. Derzeit war ihr bestes Stück ein schlich- tes, braunes Leinenkleid mit gebauschten Schultern und einfacher Spitze über einem rechteckigen Ausschnitt. Heidi, die ihr als Zofe diente, wenn sie nicht gerade als Zimmermädchen beschäftigt war, flocht ihr das Haar zu einem Zopf. Johanna setzte sich eine bescheiden gefie- derte Toque auf den Kopf und begab sich auf die Suche nach ihrem Vormund. Sie brauchte Geleit im Umgang mit einem brünstigen Herrscher. Der Wohnbereich von Fadrenschloss war als Neuer Flügel bekannt, wenngleich er uralt und durch wiederhol- te Umbauten recht verschlungen war. Der Baron hatte seinen Besucher gewiss in die Gästegemächer geführt, damit Seine Königliche Hoheit sich nach der Reise frisch machen konnte. Nachdem Rubin seine Körperpflege be- endet hatte, würde er den Baron vermutlich für den Rest des Tages in Beschlag nehmen, wahrscheinlich auch die nächsten Tage, deshalb musste Johanna ihn um Rat fra- gen, bevor ihn seine Pflichten als Gastgeber zu sehr be-, schäftigten. Zuerst eilte sie zum Sonnenzimmer, das sich am obe- ren Ende einer schmalen Treppe vom Bankettsaal aus befand. Da die Tür nur angelehnt war, spähte sie hinein und stellte fest, dass der Raum verwaist war. Lediglich eine staubige Flasche und zwei Kristallkelche auf einem Silbertablett warnten einsam davor, dass der Gast hier demnächst unterhalten würde. Die einzige andere Tür am Ende der Treppe führte zum Schlafgemach des Barons und war verschlossen. Da er sich bereits umgezogen hatte, war es unwahrschein- lich, dass er sich darin aufhielt, dennoch klopfte sie. Eine ihr bereits bekannte Stimme bat sie einzutreten. Im sel- ben Augenblick erblickte sie Baron von Fader, der sich hinter ihr die Treppe heraufmühte, die er von Wand zu Wand ausfüllte. O Graus! Er hatte sein Schlafgemach dem königlichen Gast überlassen, und Johanna klopfte gerade an die Tür des Herzogs. Abermals forderte er sie auf einzutreten, vermutlich weil er seinen Kammerdiener, sein Gepäck, Rasierwasser oder etwas anderes erwartete. Was würde ihn doch für eine erfreuliche Überraschung erwarten, wenn er zur Tür käme, um nachzusehen! Der Baron plagte sich mit den Stufen und hatte Johanna noch nicht bemerkt. Hastig schlüpfte sie ins Sonnenzimmer. Es war ein kleiner Raum, voll mit großen, abgewetzten Stühlen, einem Schreibtisch und ein paar Dokumententruhen. Letztere waren stets verschlossen, da der Baron die Kammer auch, als Kontor verwendete. Also blieb als einzig mögliche Zuflucht der Kamin, dessen verkohltes Mauerwerk im Sommer hinter einem Wandteppich hing. Dahinter war zwischen dem Ruß und der kalten Asche gerade genug Platz für Johanna, der durchaus bewusst war, dass sie soeben ihr bestes Kleid besudelt hatte. Stimmen vor der Tür … Dann im Zimmer. Oh, bei den Geistern! Ob sie ihr donnergleich pochendes Herz hören würden? »… Rebhühner zuhauf dort oben«, erklärte der Baron. »Für Keiler ist es noch etwas früh, aber falls Euer Gna- den derlei Unterhaltung frönen …« Der Herzog lachte. »Nein! Solchen Unfug überlasse ich den Jungen und Törichten. Aber die Rehe, die Ihr er- wähnt habt…« Ein Stuhl knarrte unter jemandes Ge- wicht. Eine Weile unterhielten die beiden Männer sich über Wild. Es hörte sich ganz so an, als beabsichtigte der Her- zog, Fadrenschloss einige Tage als Jagdhaus zu verwen- den. Als Lehnsherr des Barons stand ihm dieses Vorrecht zu. Gläser klirrten. Johanna war überzeugt, sich jeden Augenblick vor blankem Entsetzen übergeben zu müs- sen. Sie sollte den Großherzog und ihren Vormund nicht belauschen! Würde sie entdeckt, bliebe dem Baron keine andere Möglichkeit als anzuordnen, sie auszupeitschen – oder sie Rubins Gnade auszuliefern. »Diese Mädchen, Ernst, mit dem ich mich unterhalten habe, ist ein hübsches Ding.«, »Wenn sie erwachsen ist, wird sie eine wahre Schön- heit sein.« »Das ist sie bereits. Haut wie Porzellan! Aber von niedriger Geburt, richtig?« »Ihr Vater war mein bester Ritter, ein außerordentlich guter Mann. Ich schwor ihm an seinem Totenbett, dafür zu sorgen, dass seine Tochter gut und ehrbar vermählt wird.« Die Stimme des Barons hatte ihren trotzigsten Tonfall angenommen. »Natürlich ist sie noch so jung, dass erst in Jahren an eine Heirat zu denken ist.« Das Lachen des Herzogs hörte sich metallisch und un- angenehm an. »Ich möchte wetten, in Euren eigenen Kü- chen sind Mädchen ihres Alters zu finden, an deren Brüs- ten längst Säuglinge trinken, mein guter Baron.« Pause. »Selbstverständlich würde ich einen großzügigen Beitrag zu ihrer Aussteuer leisten. Ich kenne einige vielverspre- chende junge Männer, die auf Brautschau sind.« »Euer Gnaden sind überaus freundlich, aber an Freiern wird es nicht mangeln, und für Johannas Aussteuer habe ich bereits Vorsorge getroffen. Ich muss gestehen, dass sie mir über die Jahre ans Herz gewachsen ist. Sie ist mir ein großer Rückhalt im Alter. Eure Hoheit brauchen sich um ihretwillen keine Gedanken zu machen.« Eine längere Pause, während der Johanna sich bang fragte, welche Zeichen durch Augen, Augenbrauen und stumme Lippen ausgetauscht wurden. Schließlich brach der Herzog das Schweigen. »Gewiss ist sie ein bemerkenswerter Rückhalt, wie?«, »Hoheit!« Von Faders Aufschrei mochte durchaus bis hinunter auf den Burghof zu hören gewesen sein. »Das ist eine höchst unwürdige Herabsetzung meiner Ehre.« »Ach, Ernst!« Der Herzog gähnte. »Wir sind beide Männer von Welt. Ihr wisst, was ich will. Wenn Sie nicht Euer ist, kann sie ohne weiteres ein paar Tage mein zum Kuscheln sein. Ein wenig Erfahrung wird hilfreich sein, um sie auf die Ehe vorzubereiten und richtet keinen Schaden an. Außerdem braucht es niemand zu erfahren. Nennt einen Preis.« »Mein Leben!« Wieder eine Pause. Johanna hörte, wie ein Kelch ab- gesetzt wurde. »Ihr zeigt Euch widersinnig überzogen. Ich fordere Eure Gefolgstreue ein!« »In jeder Hinsicht der Ritterlichkeit können Eure Ho- heit stets auf mich zählen. Ich habe meine Gesundheit viele Male für Euch und Euren Vater aufs Spiel gesetzt. Ich bin Euch in allen Belangen treu ergeben, mit einer Ausnahme: Ich werde mein Mündel nicht für eines Man- nes Lust verschachern! Ein ehrenwerter Lehnsherr würde so etwas niemals verlangen.« Abermals knarrte der Stuhl. Als der Herzog das Wort ergriff, klang seine Stimme aus weiterer Entfernung. »Fordert mich nicht heraus, von Fader! Ich habe Wege und Mittel, um zu bekommen, was ich will.« »Eher gehe ich aufs Schafott, als dass ich mich beu- ge.«, Ein raues Lachen … eine sich schließende Tür … die schweren Schritte des Barons … ein Bolzen, der verrie- gelt wird… »Du kannst jetzt herauskommen«, sagte er. Er schob den Wandteppich beiseite, und Johanna kroch unter aufstiebender Asche heraus. Immer noch auf Händen und Knien schaute sie bang zu ihm auf. Aus die- sem Winkel erinnerte er an eine gewaltige Gewitterwol- ke; sein Gesicht war purpurn vor Zorn. »Ekelhaft! Ich sollte dich gleich den Schornstein fegen lassen, da du schon einmal so aussiehst. Steh auf und bleib weg von mir!« »Danke, Herr«, flüsterte sie und rappelte sich auf. »Ich will Euch keine Probleme bereiten.« Sie hatte Ernst von Fader noch nie so außer sich vor Wut erlebt. »Du bist nicht das Problem!« Er wirbelte herum und stapfte zur gegenüberliegenden Seite der Kammer. »Du wirst mir jetzt einen Eid schwören, Johanna Schale! Den heiligsten Eid deines Lebens. Du wirst dich diesem wi- derwärtigen Wüstling nicht hingeben. Ganz gleich, was er dir anbietet oder womit er droht, du wirst dich ihm standhaft verweigern.« Dann kam er, nach wie vor fuchs- teufelswild, zurück und funkelte auf sie herab. »Du wirst jederzeit höflich und respektvoll sein, aber du wirst dich ihm verweigern.« Bedrohlich ragte er über ihr auf. »Schwör es!« Sie schwor, was er ihr verlangte. Danach drehte er sich um und füllte ein Weinglas, ließ, sie am Kamin zurück, während immer noch Asche von ihr rieselte. Sein Tonfall wurde leiser, mürrischer, be- herrschter. »Rubin ist kein übler Herrscher. Besser als sein Vater oder Großvater. Aber er hat eine Schwäche für junge Mädchen. Jeder weiß es, und wahrscheinlich rich- tet es keinen großen Schaden an, solange das Mädchen und dessen Eltern einverstanden sind. Heiraten kann er nicht.« Ohne sie anzusehen, reichte der Baron ihr den Kelch. Diese Unterhaltung musste ihn zutiefst schmer- zen, denn unter gewöhnlichen Umständen hätte er nie- mals ein schlechtes Wort über seinen Lehnsherr verloren oder fleischliche Belange mit einer jungen Frau bespro- chen. Aus dem, was sie von der Dienerschaft des Schlos- ses aufgeschnappt hatte, wusste Johanna mehr darüber, als er ahnte. »Üblicherweise«, brummte der Baron, »beschränkt er seine Aufmerksamkeit auf die niederen Klassen, und dem Vernehmen nach ist er recht großzügig. In Krupa werden Mädchen als Bestechung verwendet, um Aufträ- ge, Beförderungen, bevorzugte Behandlung oder hohe Ämter zu erlangen. Aber das Mündel eines Adeligen steht nicht zum Verkauf!« »Warum? Ich meine, warum habt Ihr gesagt, dass Sei- ne Hoheit nicht heiraten kann?« Der Wein zitterte unbe- achtet in dem Kelch, den sie hielt. Ernst drehte seinen fülligen Leib herum und stapfte zurück zum Fenster. »Weil Großherzoge von Krupina stets königliches Blut heiraten – gewiss, zumeist aus un-, bedeutenderem Hause, dennoch aus königlichem. In sehr jungen Jahren war Rubin zwei Mal verheiratet, und beide Gemahlinnen kamen unter merkwürdigen Umständen ums Leben. Das genügt, um den Herrscher eines kinder- schuhgroßen Herzogtums vom Markt für Prinzessinnen auszuschließen. Auch seine Liederlichkeit ist wenig hilf- reich, denn sie ist wohlbekannt. Mit seinem Onkel hat er einen geeigneten Erben und scheint zufrieden damit, es dabei zu belassen.« Der alte Mann drehte sich um und musterte Johanna mit düsterer Miene. »Ich kann ihn nicht aus dem Hausjagen, was jedem anderen blühen würde, der so mit dir redet, wie er es tat. Und dich kann ich auch nicht zu Nachbarn schicken – da er dich bereits kennen gelernt hat, käme das einer Beleidigung gleich. Wir wer- den ihn wohl ertragen müssen, bis er jemand anders ins Auge fasst. Ich werde die Kunde unter der Dienerschaft verbreiten und hoffen, dass eines der Mädchen anbeißt. In der Zwischenzeit schläfst du im Fuchsbau, und tags- über darfst du nie ohne Begleitung sein.« Zwei Wochen lang war Johanna nie allein, außer nachts, wenn sie davonhuschte, um im Fuchsbau zu schlafen. Niemand wusste, wer den Fuchsbau gebaut hatte oder wann. Wäre er in der Lage gewesen zu sprechen, hätte er gewiss so manche haarsträubende Geschichte von Ge- hetzten, Flucht und Verrat zu erzählen gewusst, einige bereits Jahrhunderte alt, andere nicht. Selbst Suchende, die Grund zu der Annahme hätten, dass es einen solchen, Ort gab, brauchten Wochen, um ihn zu finden, denn er war listig in der dicken Turmmauer verborgen. Obwohl Ernst selbst nie Anlass gehabt hatte, ihn zu verwenden, hielt er ihn gut in Schuss – die geheime Tür, die Warn- glocke, die klug angeordneten Gucklöcher, durch die man das Geschehen draußen beobachten konnte. Der Fuchsbau war zwar beengt, aber er befand sich hoch im Turm, wodurch Johanna das Grauen vor Orten unter der Erde erspart blieb, das sie seit frühester Kindheit plagte. Die Mahlzeiten waren schlimm, weil sie neben dem Herzog sitzen und seine Annäherungsversuche ertragen musste, aber an den meisten Tagen war er auf der Jagd. Am schlimmsten waren die Abende, wenn sie ihn im Sonnenzimmer bedienen musste und seine Anzüglichkei- ten immer unverhohlener wurden, was zorniges Aufbe- gehren seitens des Barons zur Folge hatte. Für einen be- rüchtigten Verführer erwies sich Rubin als seltsam toll- patschig. Selbst sommersprossige Bauernjungen brachten weit bessere Floskeln zustande als Rubin, wie Johanna aus Erfahrung wusste. Er bot ihr Reichtum und Juwelen an, ließ Andeutungen auf Land und den Titel einer Frei- frau fallen, die sie an einen Sohn vererben konnte, so sie je einen haben sollte. Sie sollte sich geschmeichelt füh- len, doch stattdessen fühlte sie sich beschmutzt. Ihm kam nie in den Sinn, sie zur Jagd mitzunehmen, zum Hof ein- zuladen oder etwas anderes als plumpe Bestechung zu versuchen. Leider schenkte er den hübschen Dienstmäd- chen keine Beachtung, die ihn liebäugelnd umschwirrten., Da der Baron reich und höchst betagt war, bestand kaum Hoffnung, ihn durch Bestechung gefügig zu ma- chen, aber er konnte ihm zusetzen, was er auch tat. Aus Krupa schwärmten weitere fünfzig Gefolgsleute herbei, die fraßen wie Heuschrecken, die Speisekammern des Schlosses rasch leerten und Seneschall Priboi zwangen, zu hohen Kosten Vorräte von nah und fern zu erwerben. Uralte Landansprüche und Klagen wurden aus den Staatsarchiven ausgegraben und gleich einem Henkers- beil über von Faders Reichtum und sogar Titel ge- schwungen. Dieses Vorgehen verängstigte Johanna zu- tiefst, weshalb sie den Baron unter vier Augen anflehte, sich dem Herzog unterwerfen zu dürfen, damit sie es hin- ter sich hätten. Doch dadurch wurde der betagte Mann nur um so wütender und störrischer. Er schwor, dass er nie und nimmer nachgeben würde. Letztlich tat es der Herzog. Gerüchte besagten, dass die Jagd an jenem Tag schlecht verlaufen war, was bedeutete, dass er beharrlicher als üblich sein würde – nach einer guten Jagd war er eher bereit, sich mit ein paar Flaschen Wein und früher Nachtruhe zu begnügen. Sobald gemeldet wurde, dass sein Tross die Straße hinaufritt, war Johanna in die Si- cherheit der Küchen geflüchtet, wo sie versuchte, bei den geschäftigen Vorbereitungen zum Abendmahl nicht im Weg zu stehen. Dann berichteten die Tratschmäuler, dass der Herzog und der Baron sich im Sonnenzimmer ver-, schanzt hätten. Johanna wartete auf den üblichen Ruf. Und wartete. Das Essen war bereit. Dann wurde das Es- sen kalt. Was ging nur vor sich? Schließlich kam ein Page, um sie zu holen, aber als sie im Sonnenzimmer eintraf, stellte sie überrascht fest, dass der Baron allein war und aus dem Fenster starrte. Er drehte sich nicht um, als sie die Tür schloss. »Ihr habt mich rufen lassen, Herr?« »Ja«, antwortete er in Richtung der kleinen, diamant- förmigen Fensterscheiben. »Das habe ich. Es gibt Neuig- keiten. Wir haben verloren, Liebes. Oder gewonnen, ich weiß nicht, was von beidem. Vielleicht hat auch seine Lust gesiegt.« Seine Stimme klang leicht lallend, und auf dem Boden lagen zwei leere Weinflaschen. »Mein Lehnsherr hat um die Hand meines Mündels zur Heirat angehalten, und ich sehe keine ehrbare Möglichkeit, sie ihm zu verweigern.« Damit drehte er sich um, wollte se- hen, was sie darüber dachte. Johanna war so erschrocken, dass die Worte keinen Sinn für sie ergaben. »Heirat?« Mit finsterer Miene nickte der fettleibige Mann. »Eine vollwertige, rechtmäßige Heirat, keine Ehe zur linken Hand. Großherzogin Johanna. Er hat beschlossen, dass die Erbfolge doch eine Rolle spielt. Er behauptet, er will einen Erben. Dein Sohn wird das Herzogtum erben, Lie- bes.« Hätte die Sonne ihren Lauf umgekehrt, um über die Hügel zurückgestürmt zu kommen, wäre Johanna kaum, verblüffter gewesen. »Aber sind das nicht wunderbare, ja großartige Neuigkeiten, Herr?« Der Baron grunzte. »Rubin ist sechsundvierzig Jahre alt und kein besonders aufregender Liebhaber. Ich ver- mute, damit können Frauen sich abfinden, andernfalls gäbe es nicht so viele Menschen auf der Welt. Aber ich bin sicher, dass er dem Schürzenjägertum nicht abschwö- ren wird. Und weißt du eigentlich, was seinen ersten bei- den Gemahlinnen widerfuhr?« Flugs geriet die Sonne wieder außer Sicht. »Eigentlich nicht, Herr.« Sie hatte nur Andeutungen gehört. »Die erste starb an einem Fieber. So wie viele andere in jenem Jahr, doch die Wohlhabenden konnten sich zu- meist die nötigen Heilungen leisten. Leider war die Großherzogin empfindlich gegenüber Geistlichkeit, wes- halb sie es zu lange hinauszögerte, die Beschwörer zu rufen. So wurde es zumindest berichtet. Seine zweite Gemahlin war noch jünger. Einen Monat nach der Ver- mählung erlitt sie einen Schwindelanfall und stürzte aus dem Fenster.« »O nein! Das ist ja schrecklich!« »Natürlich ist es das. Man kann verstehen«, meinte der Baron, »dass böse Zungen behaupten, sie wurde gestoßen oder sei gesprungen. Aber selbst wenn sie den Freitod wählte, kann es sowohl daran, dass sie von ihrem Ge- mahl misshandelt wurde, als auch an ganz anderen Grün- den gelegen haben, die nichts mit ihm zu tun hatten. Glaub mir, Liebes, hegte ich auch nur den geringsten, Verdacht, dass Rubin bei diesen beiden Tragödien die Finger im Spiel hatte, unterstützte ich sein Werben um dich keinen Lidschlag lang. Falls du Zweifel hast, dann sprich es jetzt aus, und ich teile Seiner Hoheit mit, dass du den Antrag ablehnst.« Johanna wusste, dass der Ehrenkodex des Barons ihm gebot, seinem Herrscher das Zweifelsrecht einzuräumen. »War er bereits Großherzog, als es geschah?« »Ja. Hätte es auch nur die geringsten Beweise für ein Verbrechen gegeben, hätte man bestimmt davon gespro- chen, ihn abzusetzen und Fürst Volpe auf den Thron zu bringen. Doch die gab es nicht. Keine Spur.« Johanna versuchte sich vorzustellen, wie Herzog Ru- bin eine Gemahlin aus dem Fenster stieß oder einer ande- ren vorsätzlich eine Behandlung vorenthielt, obwohl sie sterbenskrank war. Sie konnte es nicht. Er war ein törich- ter, besessener Schürzenjäger, kein Ungeheuer. »Ich kann verstehen, dass ihm keine weiteren Prinzes- sinnen angeboten wurden«, meinte sie. »Aber selbst wenn er beide Gemahlinnen getötet hat, würde er es ge- wiss nicht wagen, eine dritte zu ermorden, oder? Das würde ihm keiner mehr durchgehen lassen!« »Die Entscheidung liegt bei dir, Liebes.« Johanna lachte laut auf. »Das ist wie im Märchen! Ich – Großherzogin?« Ihre Hoffnungen waren nie über einen strammen jungen Bauern, einen Förster oder vielleicht einen wohlhabenden Händler hinausgegangen. Plötzlich wurden ihr Juwelen, prunkvolle Kleider angeboten und, Menschen, die vor ihr duckmäuserten? Menschenmengen würden ihr zujubeln, wenn sie in ihrer vergoldeten Kut- sche an ihnen vorüberfuhr. »Wie könnte ich so etwas ab- lehnen? O danke, danke, Herr!« Sie warf sich dem grei- sen Mann um den Hals. Sonnengleiche Erleichterung vertrieb die letzten Schatten der Zweifel aus seinem Gesicht. »Ich bin so glücklich für dich … Aber jetzt bist du ja nicht mehr mein ›Liebes‹, richtig?« Er ließ sie los, damit er sich vor ihr verbeugen konnte. »Von nun an muss ich dich mit ›Königliche Hoheit‹ anreden.« Johanna lachte vor Verzücken und umarmte ihn er- neut., Richtig glauben, was geschah, konnte sie erst ein paar Minuten später, als ihr Herrscher zu ihren Füßen kniete und ihr einen goldenen Ring mit einem Saphir von der Größe einer Eichel darbot. »Ich wollte, dass er zu deinen Augen passt«, erklärte er, »aber im unmittelbaren Vergleich wirkt er so glanz- los! O meine Liebste, wunderbare Johanna, wenn ich dich die vergangenen zwei Wochen verängstigt oder be- leidigt habe, tut es mir aus tiefster Seele Leid. Meine frü- heren Erfahrungen mit der Ehe waren so schmerzlich, dass ich gelobte, nie wieder zu heiraten, es sei denn, ich fände eine Frau, die wunderschön, beherzt, gesittet und rechtschaffen zugleich ist. In zwanzig Jahren bist du die erste, die all das erfüllt. Gewährst du mir Vergebung und die Ehre, meine Frau und Gefährtin zu werden, die an meiner Seite herrscht?« Johanna brachte kein Wort heraus, und so konnte sie nur nickten. Was vollkommen genügte. Rubin lächelte, steckte ihr den Ring an den Finger und erhob sich, um sie zu küssen. Der Kuss schmeckte zwar nach Wein, doch er war überraschend zärtlich. Bald darauf wurde die Verlobung in der Halle angekün- digt und mit tosendem Beifall begrüßt. Die Zuneigungs- bekundungen gingen weiter und weiter, bis die auser-, wählte Großherzogin sich zur Närrin machte und zu wei- nen begann. Rubin, der Verlobte, entpuppte sich als so bezaubernd, wie Rubin, der Freier, abstoßend gewesen war. Er hatte den Wettstreit gewonnen und brauchte nur noch seinen Preis einzufordern, daher gab es kein Bedrängen mehr. Das einzig Drängende waren wichtige Staatsangelegen- heiten, um die er sich kümmern musste. Johanna stünde es frei, die Hochzeitsvorbereitungen nach Belieben und ohne Rücksicht auf die Kosten zu treffen, meinte er. Blaskapellen, eine Reiterparade, Feuerwerke – was sie wollte. Wenn ihr danach sei, könne sie das gesamte Her- zogtum einladen. Und gewiss sei er einverstanden, die Zeremonie in Fadrenschloss zu begehen. Seine einzige Bedingung war, dass diese am übernächsten Tag stattfin- den musste – ungeachtet des Aufsehens und der Unan- nehmlichkeiten, die eine solche Hast zwangsläufig verur- sachen würde. Der Baron rief Seneschall Priboi zu sich und trug ihm auf, eine Staatsvermählung und ein Bankett für fünfhun- dert Gäste binnen zwei Tagen vorzubereiten. Der ge- bückte, alte Diener zuckte kaum mit der Wimper. Am folgenden Tag brach Rubin früh am Morgen nach Krupa auf, um seine Staatsgewänder zu holen und die Förmlichkeiten zu erledigen, die anfielen, wenn ein Herr- scher sich vermählte. Er versprach, dass noch vor Ein- bruch der Dunkelheit Näherinnen in Fadrenschloss ein- treffen und vor dem nächsten Morgengrauen Johannas, Hochzeitskleid fertig stellen würden. Immerhin war er ein Herrscher, und seine Wünsche duldeten keinen Wi- derspruch. Erneut küsste er seine Braut und gelobte, so rasch wie möglich zurückzukehren. Johanna fühlte sich irgendwie verloren. Alle anderen waren in heller Aufruhr, sie hingegen hatte keine Pflich- ten zu erfüllen. »Das ist dein allerletzter Tag hier«, meinte der Baron. »Wie gedenkst du ihn zu verbringen?« »Ich würde gern mit Euch ausreiten, Herr, und ein paar letzte Erinnerungen an Fadrenschloss horten.« Sie rannte los, um sich umzuziehen. Als sie in den Turmhof kam, stand der Baron bereits neben den gesat- telten Pferden und einem wartenden Stallburschen, sonst jedoch war weit und breit niemand zu sehen. Seine Mie- ne wirkte verkniffen. »Wir bekommen Besuch«, erklärte er. »Silber mit blauem Emblem, samt dem Oberhaupt.« Als Tochter eines Ritters musste sie etwas von Wap- penkunde verstehen. Ein blaues V auf weißem Hinter- grund war das Wappen der Vamky-Bruderschaft und stellte als Symbol den Pilgerpass dar. Niemand konnte sich Fadrenschloss über die lange Straße nähern, ohne von den Spähern gesehen zu werden. Da im Land Frieden herrschte, wäre es einer schweren Beleidigung gleichgekommen, die Tore zu schließen, und schon donnerten Hufe durch das Außenwerk. Auf den Hof strömte ein Trupp Ritter mit allem, was dazuge-, hörte – Helmen, Kettenpanzern, Lanzen und Schilden. Bei der Ausbildung und um sich zu präsentieren, trugen die Brüder immer noch solch überholte Rüstungen, aber selbst sie kämpften kaum noch darin. Während sein Ge- folge eine Linie quer über die gesamte Breite des Burg- hofs bildete, ritt der Anführer nah heran und zügelte das Pferd. Von seinem mächtigen Schlachtross spähte er auf Johanna herab, als schaute er durch die Schlitze eines Fensterladens im zweiten Stockwerk. Der Baron verneigte sich. »Ihr ehrt mein Heim durch Eure Gegenwart, erhabener Probst.« »Ist das die Schlampe?« Volpe glarte auf sie hinab wie ein angeketteter Falke auf eine Maus. Der Baron bebte. »Liebes, darf ich dir …« »Abschaum!«, brüllte Volpe. »Bauerndirne. In wel- chem Stall habt Ihr sie gefunden? Welcher Abstammung ist sie?« »Ihr Vater war ein Ritter in meinen …« »Von niederer Herkunft! Bei den Geistern des Todes! Was denkt sich ein Fürst Eures Ranges eigentlich dabei, Gossenflittchen an seinen Herrscher zu verschachern? Wo bleibt Eure Ehre, wenn Ihr die seine schon nicht ach- tet? Und versucht nicht, mir einzureden, diese Hochzeit wäre der Einfall meines Neffen gewesen. Dafür kenne ich ihn viel zu gut. Sobald er sich von einer Frau rollt, ist sie ihm egal. Eine Münze, ein Klaps aufs Hinterteil und weiter zur nächsten, das ist sein Stil.« Von Fader schäumte vor Wut. Zu allem Überfluss, folgten diese Beleidigungen zwei Wochen blanker Folter. Wären die beiden gleichen Ranges gewesen, hätte er den Probst vermutlich geschlagen. So jedoch sprach er statt- dessen eine Herausforderung aus. »Meine Ehre gebot mir, dafür zu sorgen, dass mein Mündel ehrbar vermählt wird, Herr, genauso wie sie mir nun gebietet, von Euch Genugtuung zu verlangen.« »Alter Narr! Ich kämpfe nicht mit altersschwachen Dirnenhirten. Gehe ich recht in der Annahme, dass Ihr politische Ziele verfolgt, indem Ihr Bettgespielinnen an Leute verhökert, die über Euch stehen? Viel Glück dabei. Seit Jahrhunderten entspringen die Herrscher dieses Lan- des königlichen Lenden, und Ihr wollt die Ausgeburt ei- ner Kokotte auf den Thron von Krupina bringen!« An der Stelle schritt Johanna ein, zum einen weil sie es war, über die der Probst herzog, zum anderen weil sie fürchtete, ihr greiser Vormund könnte einen Schlaganfall erleiden. »Wenn ich wäre, als was Ihr mich bezeichnet, Herr, wäre ich nicht zu Eurer künftigen Großherzogin erkoren worden.« Erfreut stellte sie fest, dass ihre Stimme sich ruhig und fest anhörte. »Indem Ihr mich beleidigt, beleidigt Ihr gleichzeitig Euren Herrscher.« Die Falkenaugen hefteten sich wieder auf sie. »Eine Ankündigung von einem halben Tag für eine Staatshoch- zeit? Ich kenne Hengste, die länger brauchen, um eine Stute zu begatten. Ihr wisst doch wohl, was den Gemah- linnen Eures Verlobten widerfahren ist? Oder hat dieser, verlotterte alte Fleischkrämer vergessen, Euch zu war- nen?« Diese Stichelei saß, denn sie hieb mitten in ihre ge- heimen Ängste, und ihre Wut brandete auf. »Und wer hatte einen Vorteil aus dem Tod dieser Frauen? Mich werdet Ihr nicht so einfach aus dem Weg räumen wie sie, Fürst Volpe. Ich habe vor, lange genug zu leben, um Krupina einen Erben zu schenken, an dessen Händen kein Blut klebt.« Eine kurze Pause entstand, ehe er auf diese Anschul- digung antwortete. »Ihr seid noch dümmer, als ich dach- te. Ich wünsche Euch weder ein langes Leben noch Glück, denn beides wird Euch nicht beschieden sein. Kocht nicht zu viel Kohl für das Hochzeitsmahl, Tatter- greis. Es werden keine Gäste kommen. Nur der Pöbel aus der Gegend.« Einer der Ritter hinter ihm brüllte eine Warnung. Die Männer das Barons gerieten mit Armbrüsten entlang der Zinnen in Sicht. Es handelte sich gewiss bloß um eine Drohgebärde, aber es waren viele, und der Seneschall hatte sie beeindruckend schnell zusammengetrommelt. Der Baron stürzte sich zurück ins Wortgefecht. »Bes- ser ein Herrscher von gemeiner, aber aufrichtiger Her- kunft als ein Schandmaul von einem Söldling.« Unab- hängig davon, dass der Probst tatsächlich ein Söldner war, stellte es eine schwere Beleidigung dar, ihm jenes Wort ins Gesicht zu schleudern. »Dieses Land ist unbe- streitbar besser bedient, wenn Ihr die Krone niemals tra-, gen werdet, Herr – ein Berufssoldat, der nicht einmal ge- gen einen fast doppelt so alten Mann kämpft. Verlasst mein Anwesen. Erbrecht Eure Galle in Euren eigenen Zwinger.« Volpe wendete das Pferd und führte seine Männer durch das Torvorwerk hinaus. Seine Vorhersage über die Hochzeitsgäste erfüllte sich. Keine prunkvollen Kutschen rollten auf den Burghof. Johannas Schwester Voica traf wenige Minuten vor Be- ginn der Feierlichkeiten auf einem Esel mit schäumenden Nüstern ein. Die Vasallen und Hörigen des Barons strömten von nah und fern mit ihren Familien herbei, um das glückliche Paar zu bejubeln; doch aus Krupa kam niemand. Der Baron führte die Trauung durch und erklärte sei- nen Lehnsherr und sein Mündel zu Mann und Frau. Draußen im herbstlichen Sonnenschein waren aufge- bockte Tische vor dem Hintergrund des efeuumrankten Turms und der goldgetünchten Hügel aufgestellt worden. Jene Untertanen, die sich als Zaungäste eingefunden hat- ten, wurden eingeladen, beim Vertilgen des Festmahls zu helfen, das eigentlich für den Adel vorgesehen war, und so kamen sie in den Genuss von Köstlichkeiten, von de- nen sie bislang noch nicht einmal gehört hatten. Während die Dienerschaft die unzähligen Gerichte auftrug und an- dere den Ochsen zerlegten, standen Braut und Bräutigam – ein fuchsteufelswilder Bräutigam – unter einer mächti-, gen Buche und nahmen die Achtungsbezeugungen der an ihnen vorüberziehenden Gäste entgegen. Hätte Johanna einen Mann ihres Ranges geehelicht, hätten sich Ge- schenke – Strickwaren, Töpfe, Zinngeschirr, Pelze, Ge- würze – zu ihren Füßen aufgehäuft, doch alle wussten, dass Johanna dergleichen im Palast Agathon nicht brau- chen würde, und so hatten sie nur ihre guten Wünsche anzubieten. Dann schlenderte ein Jüngling von etwa sechzehn Lenzen an die Spitze der Schlange, offenbar ein junger Edelmann, denn seine rote, grüne und goldene Reitkluft musste ein Vermögen gekostet haben, und an seiner Seite hing ein juwelenbesetztes Schwert. Niemand machte ihm das Vorrecht streitig, sich vorzudrängen. Sein Selbstver- trauen und sein Hochmut entsprangen gleichermaßen seinem Rang und seinem Wissen um das eigene, bemer- kenswert gute Aussehen – gerade Nase, klare dunkle Au- gen und ein glattrasiertes Antlitz, das lediglich einige kleine Vernarbungen und der Staub der Straße verunzier- ten. Zunächst vollführte er eine tiefe Verbeugung vor dem Herzog, dann begutachtete er dessen Braut und warf erstaunt beide Arme hoch. »Bezaubernd! Vollkommen! Das Gesicht eines Kindes und der Körper einer Frau. Krupa wird Euch zu Füßen liegen, Base.« Verärgert über die derbe Äußerung und noch verärger- ter, weil sie darob errötete, ersuchte Johannas Blick ihren Gemahl um eine Erklärung., Rubin wirkte, so es möglich war, noch wütender als zuvor. »Das schwarze Schaf, Liebste. Ich schäme mich, dir meinen Vetter vorstellen zu müssen, Fürst Karl. Zweifellos ist er nur deshalb gekommen, weil ich ihn nicht eingeladen habe.« »Stimmt nicht!«, widersprach Fürst Karl schmollend. »Hauptsächlich deshalb, weil mein Vater es mir verboten hat.« Er warf Johanna ein Lächeln zu, als wüsste sie, was er meinte. »Ich konnte einer Gelegenheit, beide zu verär- gern, einfach nicht widerstehen. Tut mir Leid, dass ich spät dran bin. Mein holder Vater hat an jeder Straße Wa- chen aufgestellt. Ich musste um das halbe Herzogtum reiten, um hier her zu gelangen. Aber ich freue mich schon auf den Rest der Feier. Darf ich um den zweiten Tanz bitten?« Vater? Er konnte nur Fürst Volpe meinen, dabei hatte Johanna stets gedacht, die Vamky-Ritter wurden zu Ehe- losigkeit vereidigt. Demnach musste Karl unehelich ge- zeugt worden sein. »Nein«, antwortete Rubin. Zwar sprach er wegen all der Umstehenden leise, trotzdem sah er aus, als meinte er es bitterernst. »Keine Tänze! Halte dich von diesem Wüstling fern, Liebste. Er ist ein Nichtsnutz und Tu- nichtgut.« »Ah, dabei fällt mir ein!«, rief Karl aus und kramte in einer Tasche. »Ein Hochzeitsgeschenk für Euch, Base.« Er zog eine Perlenkette hervor und schickte sich an, sie ihr um den Hals zu legen., Rubin riss sie ihm aus der Hand und starrte wütend darauf. »Wohl gestohlen, nehme ich an?« Karl spielte den Gekränkten. »Selbstverständlich! Woher sollte ich wohl das Geld nehmen, um etwas Der- artiges zu kaufen? Aber ich habe es von der Frisierkom- mode der Vorbesitzerin genommen, und sie würde nie- mals zugeben, dass ich in ihrem Schlafgemach war, also könnt Ihr die Kette unbesorgt tragen, liebste Johanna.« »Wird sie nicht!« Rubin kochte vor Zorn. »Und du wirst Unsere Gemahlin gefälligst als ›Königliche Hoheit‹ anreden!« »Gewiss doch!« Karl zuckte mit den Schultern und warf Johanna einen Blick zu, aus dem deutlich sprach, wie unmöglich es doch war, es älteren Herren recht zu machen. Nun hatte Johanna Mühe, nicht zu lächeln, was alles andere als ratsam gewesen wäre. Sie fragte sich, ob Karl nicht eine Bereicherung für das Leben in einem staubi- gen, grauen Palast sein könnte. Andererseits musste er Anspruch auf den Thron besitzen, und seinen Augen ent- ging nichts. Unter dem Mantel seiner Mätzchen mochte sich ein Dolch der Gemeinheit verbergen. Der zweite Tanz ward ihm in jener Nacht nicht be- schieden. Weil es keine Tänze gab. Unmittelbar nach dem Ban- kett erklärte der Großherzog die Feier für beendet und führte seine Gemahlin nach oben, um sie in einigen Din- gen des wahren Lebens zu unterweisen., Neun Monate und einen Tag später gebar sie einen Sohn., Eine Großherzogin war nie allein. Selbst wenn sie ihren Sohn an einem strahlenden Morgen in die frische Luft brachte und in Frederiks unsteter Geschwindigkeit einen Gang entlangbummelte, war Johanna in Begleitung drei- er gelangweilter Zofen. Weiter hinten folgte ihnen zudem Frederiks Amme Ruxandra mit einem Beutel voll Not- wendigkeiten. Frederik war mittlerweile fast drei Jahre alt und bestand darauf, alles zu erkunden. Wenn seine Mutter versuchte, ihn zu tragen oder seine Hand zu hal- ten, bekam er Trotzanfälle. Weiter kamen sie nur durch zähes Verhandeln, untertäniges Flehen und allerlei Ab- lenkung. Er bremste den Gang des gesamten Palastes, weil die Dienerschaft sich verneigen oder knicksen und anschließend beiseite treten musste, bis der Thronfolger an ihnen vorüber war. Um diese Stunde waren kaum Vertreter des Adels anzutreffen, die wenigen jedoch feg- ten wie üblich an ihnen vorüber, ohne die Großherzogin eines Blickes zu würdigen. Johanna hatte sich längst dar- an gewöhnt. Soweit es den Adel Krupinas betraf, war sie nach wie vor Luft. Das Märchen hatte sich anders als geplant entwickelt. Der Markgraf von Krupa war damit beschäftigt, mit den kleinen Fäusten gegen eine Zierrüstung zu hämmern und schenkte dem Klang marschierender Stiefel und klir- render Sporen keine Beachtung, als etwa ein Dutzend, Vamky-Ritter um die Ecke vor ihnen bog. Der Mann an der Spitze hinkte leicht, wodurch er sofort als Volpe er- kennbar war. In jenem Augenblick erspähte Frederik sein Lieblingsplüschpferd auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges und trottete los, um es zu begutachten. Jo- hanna glaubte zwar, dass selbst Volpe nicht fähig wäre, ein Kind zu Tode zu trampeln, trotzdem rannte sie los, ergriff Frederik und brachte sie beide an der Wand in Si- cherheit. »Oh, sieh nur!«, rief sie, um dem sonst unvermeidli- chen Zornesgeschrei vorzubeugen. »Schau mal, Solda- ten!« »Soldaten!«, stimmte Frederik ihr aufgeregt zu. Er mochte Soldaten. Vamky-Brüder waren im Palast Agathon ein durchaus vertrauter Anblick. Für gewöhnlich trabten sie zu zweit oder zu viert in ihren weißen Gewändern mit dem blauen Vamky-V über dem Kerzen umher und gingen wussten- die-Geister-welchen Angelegenheiten nach, stets mit den Händen in den Ärmeln und den Gesichtern unter den Ka- puzen verborgen. Weniger häufig tauchten sie in militäri- schem Aufzug auf, der von altmodischen Kettenpanzern bis zu Lederreitklüften reichte, doch selbst dann gelang es ihnen zumeist, die Gesichter teilweise zu verbergen, und immer trugen sie Schwerter. Heute setzte sich ihre Aufmachung aus Krempenhelmen, Brustharnischen mit Plattenhüftschienen und in lange Stiefel steckenden Beinkleidern aus Leder zusammen. Sie waren reichlich, mit Frühlingsschlamm bespritzt, was darauf schließen ließ, dass sie eben erst mit ihren Pferden angekommen waren. Bei den Helmen fehlten die üblichen Wangenteile und der Nasenschutz, wodurch die staubigen, vom Wind gezeichneten Gesichter frei lagen. Zu Johannas Erstaunen marschierten sie nicht gerade- wegs an ihr vorbei. Volpe befahl: »Abteilung … stillge- standen! Linksherum … Augen geradeaus! Prä … sen- tiert die Waffen!« Zischend schnellte Stahl aus Scheiden, und Johanna starrte auf dreizehn Schwerter, die lotrecht vor ihr zum Gruß erhoben waren. Sie war so verblüfft, dass sie Frederik um ein Haar fal- len gelassen hätte. Den Brüdern war verboten, mit Frau- en zu sprechen oder Frauen auch nur anzusehen, es sei denn, es war unvermeidlich. Obwohl Probst Volpe von dieser Regel ausgenommen war, hatte er Johannas Da- sein seit ihrer ersten Begegnung aus eigenen Gründen nie zur Kenntnis genommen. Es war sein Beispiel, dem der niedrigere Adel folgte, indem er sie schnitt, und seine Befehlsgewalt, die den Edelleuten den Mut gab, ihrem Herrscher zu trotzen. Der Probst besaß denselben schweren, stämmigen Körperbau wie Rubin, in seinem Fall jedoch schien der ganze Leib nur aus Knochen und Muskeln zu bestehen. Sein Gesicht – Kiefer, Wangenknochen, dichte Augen- brauen – wirkte wie aus Eichenholz geschnitzt, die Haut schien ohne Fleisch an den Knochen zu kleben. Er war glattrasiert, was in Krupina selten war, und unter dem, Helm lugte kein Haar hervor, als rasierte er sich auch den Schädel. Seine Augen waren außergewöhnlich, pech- schwarz und makellos rund, und blickten stets mit einem durchdringenden Starren. Schweigend musterte er sie, während ein leicht höhni- sches Lächeln um seine Lippen spielte und er so tat, als belustigte ihn ihre Überraschung. »Guten Tag, Onkel«, sagte sie. »Ich vermute, die Ehre gilt dem Markgrafen, nicht mir selbst?« »Eine durchaus begründete Vermutung, wenngleich nicht unbedingt zutreffend. Er ist ein großer, kräftiger Knabe.« Wozu Rubin wenig beigetragen hatte, dachte sie. »Mein Vater konnte seine Hellebarde auf Armeslänge mit einer Hand halten.« »Ich habe bei mehr als einer Gelegenheit gesehen, wie er es tat. Auch ich kann es. Immer noch.« Zwar lockerte sich das raubtierhafte Starren keinen Deut, trotzdem dachte Volpe unverkennbar, dass diese Runde an ihn ge- gangen war. »Ich wusste gar nicht, dass Ihr meinen Vater kanntet!« »Wieso solltet Ihr auch?« Zweiter Punkt. Frederik beäugte neugierig die Soldaten, war jedoch vorerst durchaus damit zufrieden, in den sicheren Armen seiner Mutter zu bleiben. »Begrüß Fürst Volpe, Frederik.« Eigentlich hatte sie erwartet, dass er das Gesichtchen an ihrer Schulter ver- graben würde, doch ihr Sohn war in der Lage, sie ebenso, zu überraschen wie Volpe. »Guten Tag, Herr!«, sprach er mit süßer Stimme und zeigte sich von seiner besten Seite. »Und möge der Zufall Euch stets gewogen sein, Ho- heit«, antwortete Volpe feierlich. »Ich hoffe, dass sich demnächst die Gelegenheit ergibt, Euch ausgiebiger mei- ne Aufwartung zu machen, nun aber muss ich mich, mit Eurer Erlaubnis, um Belange Eures Vaters kümmern.« Gebieterisch erteilte er Befehle. Die Männer steckten die Waffen zurück in die Scheiden, drehten sich um neunzig Grad und marschierten weiter den Gang entlang. Mehrere Diener sowie die drei Schreckschrauben von Zofen hatten den Zwischenfall bezeugt. Alle Münder standen weit offen, und alsbald würde die Geschichte sich überall verbreitet haben. Oberflächlich hatte Volpe ein entscheidendes Zugeständnis gegenüber Johanna ge- macht, indem er den Thronerben anerkannte. Da Frederik die gefährlichsten Jahre der Kindheit überstanden hatte, konnte nicht mehr einfach so über ihn hinweggesehen werden, und Volpe konnte ihm kaum den gehörigen Re- spekt erweisen, während er seine Mutter gleichzeitig als emporgekommene Bürgerliche mit Missachtung strafte. Dennoch fühlte es sich nicht an, als hätte sie einen Sieg errungen. Ein so verschlagener Mann wie der Probst konnte es sich ohne weiteres leisten, eine Schlacht verlo- ren zu geben, um einen Krieg zu gewinnen. Was führte er nur im Schilde?, Palast Agathon glich einem Irrgarten, einem verrückten Gefüge von Ergänzungen, Instandsetzungen und Wieder- aufbauten, dessen ursprünglicher Kern vor Jahrhunderten verloren gegangen war. Großherzöge hatten das Anwe- sen nacheinander über jede Vernunft hinaus zu verbes- sern versucht und es zu einem Albtraum von einem Ge- bäude gestaltet – jener Art Albtraum, bei der man endlos laufen konnte, ohne je irgendwohin zu gelangen. Treppen durchbrachen Hallen, Gänge führten zurück an ihren Be- ginn, Stallhöfe trennten Speisezimmer von Küchen. Es war Johannas Kerker. Von Beginn an hatte Rubin ihr verboten, ihn zu verlassen, damit sie von den Menschen nicht ausgebuht oder mit Gegenständen beworfen werden konnte. Sie war noch nie durch die Straßen von Krupa geschlendert. Johanna kannte den Irrgarten wie ihre Westentasche, denn in den ersten Monaten ihrer Ehe, bevor Frederik geboren wurde, war es ihre Hauptbeschäftigung gewe- sen, ihn zu erkunden. Sie kannte die Fenster, die einen Ausblick über die Dächer der Stadt auf die fernen Hügel boten, die sie so sehr vermisste, und andere, durch die sie auf die geschäftigen Straßen sehen und echte Menschen dabei beobachten konnte, wie sie gewöhnliche Leben führten. Sie mochte die beiden abgeschiedenen, kleinen Gärten und hasste die düsteren, muffigen Räume, die gewundenen Treppen; vor allem aber hasste sie den Thronsaal, in dem sie manchmal neben Rubin sitzen und die abweisenden, finsteren Blicke einer Versammlung, ertragen musste. Ja, sie saß auf dem Thron der Gemahlin neben dem größeren herzoglichen Thron, aber sie war nie formell eingeführt oder mit der silbernen Krone gekrönt, nie von den Menschen umjubelt worden. Hochstaplerin! schienen ihre Augen zu sagen. Eindringling! Empor- kömmling! Bauernweib! Von der Begegnung mit Volpe beunruhigt, kam sie von ihrem ursprünglichen Vorhaben ab, Frederik zum Spielen zur Wiese zu bringen, und ging stattdessen an ihren Lieblingsort, eine Galerie, die den Haupthof über- blickte. Sie war schmal und führte nirgendwohin, wes- halb nur Johanna und die Tauben sie nutzten. An sonni- gen Tagen konnte sie dort sitzen und beobachten, wie das Palastleben sich gleich einem Tanz unter ihr abspielte – Pferde, Kutschen, Karren, Soldaten, Bäckergehilfen, La- kaien, Zimmermädchen, Spielmänner, Straßenmusikan- ten, Boten und Dutzende weitere, deren Zweck und Be- schäftigung sie nur erahnen konnte. Frederik konnte dort gefahrlos spielen, denn die eherne Brüstung war eng ge- schmiedet. Außerdem war Johanna von dort deutlich zu sehen, und das war wichtig. Die Menschen sollten nie vergessen, dass sie eine Großherzogin hatten! Als sie auf der Galerie eintraf, sah sie, wie Fürst Volpe und seine Männer sich unter allerlei Gebrüll und Hufge- trampel auf dem Hof zum Aufbruch vorbereiteten. Um- stehende hechteten aus dem Weg, als die Brüder los- preschten. Johanna überraschte die Abreise, denn sie be- deutete, dass die Männer Angelegenheiten bereits vor der, Begegnung mit ihr erledigt haben mussten, dabei waren sie so schlammverspritzt gewesen, dass Johanna vermu- tet hatte, sie wären eben erst eingetroffen. Wenn ihr Be- such so kurz und dessen Zweck so dringend gewesen war, weshalb hatte Volpe sich dann die Zeit genommen, um anzuhalten und Frederik zu begrüßen? Höchst selt- sam! Wie üblich befahl sie, einen Stuhl für sie am fernen Ende der Galerie aufzustellen, und nahm ihren Sohn und einen Sack voll Spielzeug mit, während sie die Schreck- schrauben an der Tür zurückließ, wo sie häkeln und über Leute herziehen konnten. Smaranda, Eupraxia und Cneajna waren allesamt älter als sie, bürgerliche Töchter ehrgeiziger Mütter. Sie alle wollten Ehemänner und wa- ren so hässlich, dass sie im Gegenzug für Unterstützung bereit waren, der falschen Herzogin zu dienen, was die adeligen Damen des Reichs glatt verweigerten. Johanna wünschte, sie könnte ihre Bemühungen beschleunigen, und träumte oft insgeheim davon, ihnen Preisschilder umzuhängen. Je schneller sie die drei unter die Haube brächte, desto mehr Auswahl hätte sie für ihren Ersatz. Vielleicht würde sie sogar eine verwandte Seele als Ge- fährtin finden. Leider aber erlagen ihre Zofen zu oft den Versuchungen des Palastes und mussten in Schimpf und Schande nach Hause geschickt werden. Was andere Müt- ter nicht gerade ermutigte, ihre Töchter anzubieten. Und da sie gerade an Liederlichkeit gedacht hatte … Johanna hatte es sich eben erst gemütlich gemacht, und, Frederik beobachtete noch zufrieden durch das Eisen- werk das Geschehen unten, als Cneajna, Eupraxia und Smaranda ihre Handarbeiten fallen ließen, damit sie auf- springen und vor dem begehrtesten Junggesellen des Herzogtums knicksen konnten, der auf den Balkon ge- schlendert kam. Die Jahre hatten es nicht gut mit Karl gemeint. Er war gerade erst zwanzig geworden, dennoch verlor sich sein bemerkenswert gutes Aussehen bereits, und selbst die kostspieligsten Gewänder im Land konnten den Ansatz eines Spitzbauchs nicht mehr verbergen. Die Rechnun- gen seines Schneiders mussten horrend sein, sofern er sie je bezahlte. Selbst an jenem Tag, an dem es keinen be- sonderen Anlass gab, sich herauszuputzen, bot er einen aufsehenerregenden Anblick in seiner unpraktischen Kluft aus Brokat und Taft, allerlei Rüschen, Polsterungen und Schärpen, die in allen Regenbogenfarben schillerte. Sporen klirrten an knielangen, enganliegenden Ziegenie- derstiefeln. Seine Handschuhe verfügten an den Fingern über Freilassungen für seine Ringe. Sein Umhang war pelzgesäumt, sein Bart aufwändig gelockt. Abgerundet wurde sein Erscheinungsbild von einem hohen, weichen Kronenbonnet. Keine der drei Zofen war hübsch genug, um ihn lange aufzuhalten. Er schlenderte auf Johanna zu. Auch seine Moral hatte sich nicht gebessert. Hinter je- ner Haltung gleichmütiger Sinnlichkeit verbarg sich zu- mindest ein Teil der Gewaltbereitschaft seines Vaters, denn er hatte zwei Duelle bestritten und seinen Gegner, jedes Mal getötet. Erzürnte Ehemänner forderten ihn nicht mehr heraus. Frauen, denen ihr Ruf am Herzen lag, machten weite Bögen um ihn. Frederik, der zu jung war, um es besser zu wissen, liebte ihn abgöttisch. Nun tapste er ihm verzückt entge- gen und zirpte »Herr, Herr, Herr!« Karl hob ihn auf und kitzelte ihn, ohne dabei stehen zu bleiben. Es hatte zugegebenermaßen Zeiten gegeben, in denen Karl eine unterhaltsame Gesellschaft für eine ein- same Herzogin gewesen wäre, doch Johanna war stets sorgsam darauf bedacht gewesen, den Mühlen der Klatschmäuler kein Mahlgut zu bescheren. Unlängst hat- ten seine Bemühungen, mit ihr zu scherzen, eine heftige- re Note bekommen, was Johanna zutiefst verärgerte. Obwohl er so gut wie jeder andere wusste, dass es in ei- nem Palast keine Geheimnisse gab, hatte er begonnen, sie mit Botschaften und Blumen zu belästigen und schickte ihr sogar Geschenke. Hier draußen hatte er ihre Ruhe noch nie zuvor gestört. »Was wollt Ihr hier?« Sie versuchte, ihrer Stimme ei- nen bedrohlichen Tonfall und ihren Zügen einen unver- bindlichen Ausdruck zu geben. Selbst wenn sie laut mit ihm wurde, konnten Gerüchte ins Rollen geraten. »Ich gräme mich!« Irgendwie gelang es Karl, sich gleichzeitig in eine mitleidhaschende Pose zu werfen und Frederik auf der Hüfte zu halten. »Fragt, weshalb die Biene die Blüten besucht. Fragt, weshalb das Meer nach dem Mond strebt.« Er drückte den Mund an Frederiks, Hals an und ließ ein Geräusch erklingen, das niemand sonst im Palast zu verursachen gewagt hätte: Pffffft! »Fragt, weshalb die Lerche so traurig singt. Ihr wisst, dass ich Euch nicht fernbleiben kann.« Frederik gluckste vor Vergnügen. »Weiter!« »Eure Aufmerksamkeit ist weder willkommen noch glaubwürdig, Herr!« Johanna wusste, wie ein lüsterner Blick aussah, und Karls war wenig überzeugend. Er tat dies nur, um sie einzuschüchtern, so als risse man einer Fliege die Flügel aus, ohne sie jedoch zu töten. »Hat Eu- er Vater Euch damit beauftragt?« Pffffft! »Mein Vater ist wahnsinnig. Zu viel Sonne auf dem Helm, Ihr versteht? Er hält Euch für eine verab- scheuungswürdige, goldgierige Schlampe und mich für unwürdig, Euren Schatten zu küssen.« »Mit Letzterem hat er Recht, aber er würde nur zu gern sehen, dass Ihr mich als Kokotte bloßstellt.« »Oh, und ich erst!« Karl seufzte. »Ich könnte auf Eu- rem Körper spielen wie auf einer Harfe, Frau. Könnte Euch in Fluten der Verzückung ertränken. Ich sehne mich danach, Eure Brüste mit meinen Lippen zu liebko- sen. Etwa so.« Pffffft! Frederik schrie vor Freude auf. Johanna erinnerte sich an eine aufgelöst heulende Hel- ga, eine ihrer ersten Zofen und noch jünger als sie, die Karl binnen einer Woche nach ihrem Eintreffen am Hof zum Opfer gefallen war. Ich dachte, ersähe mich bloß an, Hoheit! Dann war es plötzlich zu spät., »Ihr seid hier nicht willkommen. Lasst meinen Sohn los und geht.« Pffffft! »Ihr wisst, dass Eure verhängnisvolle Schön- heit mich magisch anzieht.« »Geht! Ich werde mich bei meinem Gemahl über Euch beschweren.« Aber Johanna hatte bezeugt, wie Rubin seinem fehlgeleiteten Vetter befohlen hatte, den Palast zu verlassen und sich nie wieder blicken zu lassen. Zugege- ben, Karl hatte sich hinaus auf die Straßen begeben, aber wenige Minuten später war er mit einer Dirne an jedem Arm zurückgekehrt. Es war gemeinhin bekannt, dass auch Volpe ihm zürnte, trotzdem blieb Karl unbeirrt Karl. »Rubin? Weshalb sollte es ihn kümmern? Er erübrigt nie auch nur einen Gedanken für Euch, meine Liebste. Denkt Ihr wirklich, es würde ihn stören, wenn Ihr von Eurem nutzlosen Widerstand abließet und aufhörtet, uns beide zu quälen? Gesteht Eure Leidenschaft für mich, mein Honigkuchen, und findet Trost in meinen Armen. Das alte Mastschwein wird sich freuen, Euch wieder glücklich statt voll unerwiderter Liebe umherwandeln zu sehen.« »Herr!«, quiekte Frederik. »Noch mal!« »Du bist eine unersättliche unbelehrbare Nervensä- ge!«, stellte Karl vergnügt fest. Pffffft! »Noch mal!« Karl blies schrille Fanfarenstöße auf Frederiks Hals, während er auf die Knie sank und den Knaben auf den, Boden stellte. »Jetzt ist’s genug! Johanna, Liebste, be- greift Ihr denn nicht, dass wir füreinander geschaffen sind? Zwei einsame Waisen in einer übergroßen Scheune voller Rinder? Schon mein ganzes Leben schleiche ich trübselig durch dieses schreckliche Elendsviertel von ei- nem Palast, und ich bin noch nie jemandem begegnet…« Seine Leichtfertigkeit erzürnte sie. »Ihr seid keine Waise!« »Glaubt Ihr?« Plötzlich musterte er sie mit einem fast so eindringlichen Starren wie Volpe. »Bezeichnet Ihr meinen Vater etwa als einen Vater? Nach allem, was er meiner Mutter angetan hat?« Damit hatte er einen Punkt errungen. Wie Johanna vor geraumer Zeit herausgefunden hatte, war Karl ein eheli- cher Sohn und somit erbberechtigt. Obwohl die Vamky- Brüder zu Ehelosigkeit vereidigt wurden, hatten Staats- angelegenheiten Vorrang, und Volpe war mutmaßlicher Thronerbe gewesen. Er hatte eine Sondererlaubnis erhal- ten zu heiraten, doch nach Karls Geburt hatte er seine Gemahlin verlassen und das Kind mitgenommen. »Vielleicht gehorchte er nur Befehlen, als er Eure Mutter verstieß?« »Nein«, widersprach Karl voll Überzeugung. »Meine Mutter hat es nie gegeben, und mein Vater ist zu Keusch- heit vereidigt. Ich bin ein Trugbild, eine Luftspiegelung. Ich wurde aus Nichts erschaffen!« Jäh schlug seine Ver- bitterung wieder in Spöttelei um. »Lasst mich beschrei- ben, wie ich Euch lieben werde. Zunächst liebkose ich, Eure Nippel mit meiner Zunge. Wenn Sie sich dann auf- richten, beginne ich zärtlich, daran zu kauen …« Johanna rang nach Luft, teils ob seiner Geschmacklo- sigkeit, teils vor Erleichterung, weil sie Rettung nahen sah. Sie schloss die Hände so fest um das Geländer, dass es schmerzte, und forderte ihn auf: »Sprecht lauter.« Karl war zu gewieft, um sich so leicht in eine Falle lo- cken zu lassen. Mit einer eleganten Bewegung erhob er sich, drehte sich um und verneigte sich. Rubin stolzierte den Balkon entlang. Auch er hatte Jo- hanna noch nie hier aufgesucht. Was war nur aus ihrer kostbaren Zuflucht geworden? Und würde er sie für Karls öffentliches Schäkern schelten? Frederik flüchtete hinter seine Mutter in Sicherheit. Im Vergleich zu Karl wirkte Rubin alt und zerstreut, was er war, zudem schä- big gekleidet, was er nicht war. Johanna knickste. »Euer Gnaden ehren mich.« »Ich finde dich in übler Gesellschaft vor, meine Süße. Ihr habt unsere Erlaubnis zu gehen, Vetter.« Karl zeigte sich unerschrocken. »Dann wünsche ich Eurer Hoheit einen guten Tag. Wir sehen uns spätestens in Trenko wieder.« Ohne die letzte Bemerkung näher zu erklären, zog er sich zurück. Unterwegs hielt er für ein letztes Wort zu den drei Anstandsdamen inne, die ob des Aufmarsches königlicher Besucher völlig aus dem Häu- schen waren. »Ich versichere Euer Gnaden«, setzte Johanna an, »dass er nicht auf meine Einladung hin hier war.« Sie, taumelte, als Frederik versuchte, ihren Rock zu erklim- men. Johanna streichelte ihm übers Haar, um ihm zu zei- gen, dass sie ihn nicht vergessen hatte. Rubin schenkte seinem Sohn wie üblich keinerlei Beachtung. Oft fragte Johanna sich, ob er Frederik unter einem Rudel Zweijäh- riger überhaupt erkennen würde. »Selbst wenn ich Zweifel an deiner Treue hegte, Lieb- ste, was nicht der Fall ist, würde ich einen besseren Ge- schmack von dir erwarten.« Rubins Lächeln wirkte un- echt und hölzern. Ihm spukten andere Dinge im Kopf herum. »Ion ist gestorben, Ladislas’ Sohn.« Von Ion hatte sie noch nie gehört, aber Markgraf La- dislas herrschte in der Markgrafschaft Trenko, dem Land jenseits des Pilgerpasses. Damit erklärte sich Volpes eili- ger Auftrag, aber was um alles in der Welt hatte das mit ihr zu tun? »Ich bedaure, das zu hören«, erwiderte sie zögernd. Traurig schüttelte er den Kopf. »Das gilt für uns alle. Er war sehr jung. Ich möchte an der Beerdigung teilneh- men und hoffe, du willigst ein, mich zu begleiten und mir die Reise zu versüßen.« Fragend zog er die sorgsam ge- stutzten Augenbrauen hoch. War sie etwa vom Balkon gestürzt und hatte eine Ge- hirnerschütterung erlitten? Sie sollte endlich aus dem Kerker gelassen werden? Zumindest auf Bewährung. »Ich bedaure lediglich, dass mir ein solch trauriger An- lass solche Freude beschert, Euer Gnaden.« Er mochte hochgestochene Floskeln., »Du kannst doch reiten, oder?« Seit dreieinhalb Jahren waren sie verheiratet, und er musste sie danach fragen? »Ich reite sehr gut, Hoheit.« Doch sie war sicher, dass dies auf keine ihrer bürgerlichen Zofen zutraf. Würde dieses Pech sie ihres unverhofften Glücks berauben? Wenn Rubin das Problem angemessener Gefährtinnen für sie nicht erwähnte, würde sie es jedenfalls nicht tun. »Also morgen dann«, meinte er leichthin. »Wir bre- chen bei Sonnenaufgang auf und reiten nach Vamky, wo wir die Nacht verbringen, ehe wir den Pass zu überque- ren versuchen. Wenn das Wetter sich verschlechtert, können wir es womöglich nicht wagen, aber der Bote hatte keine Schwierigkeiten.« »Ich freue mich schon sehr darauf. Wird Fürst Volpe uns begleiten?« Rubin lächelte mit feuchten, bemalten Lippen. »Wenn er sich zu benehmen weiß. Bis dann, meine Liebe.« Und damit verließ er sie. Frederik lugte an Johanna vorbei, um zu überprüfen, ob es wieder sicher war, sich sehen zu lassen. Nun denn! Dies war der bemerkenswerteste Tag, den seine Mutter seit seiner Geburt erlebt hatte. Johanna ließ Frederik bei Ruxandra. Das Problem der Begleitung löste sie, indem sie ihm keine Beachtung schenkte und nur ihr Hauptdienstmädchen Arghira mitnahm, die so wie sie ein Mädchen vom Lande war und Pferde in- und auswendig kannte. Der Rest des Tages und die halbe Nacht verflo- gen mit emsigen Vorbereitungen. Johanna vermeinte,, kaum geschlafen zu haben, ehe sie an der Seite ihres Gemahls durch die Palasttore hinausritt., Der Tag war windig und sonnig. Das Volk der Stadt säumte die Straßen vor ihnen. Männer lüpften die Hüte und verbeugten sich, Frauen knicksten. Rubin entschied, den Fluss zu überqueren und die Straße nach Westen ein- zuschlagen, wobei er eine gemächliche Geschwindigkeit vorgab. Der Tross bestand aus zwei Frauen und dreißig Männern, denn ein Großherzog reiste nie ohne Herolde, Diener und Soldaten der Palastwache. Die meiste Zeit ritt er schweigend vor sich hin und dachte unbekannte Ge- danken, doch bisweilen löste er sich davon, um sich zu unterhalten, und dann konnte er sich als bezaubernde Ge- sellschaft erweisen. Sie sprachen über das Land, umher- springende Lämmer, pflügende und säende Bauern. Da- bei stellte sich heraus, dass er einiges über Landwirt- schaft wusste, seine Haupteinnahmequelle für Steuern. Rubin behandelte seine Gemahlin nie vorsätzlich schlecht, er konnte lediglich keine Beziehung zu jeman- dem aufbauen, der so viel jünger war und tiefer auf der gesellschaftlichen Leiter stand. Sie hatten keine gemein- samen Freunde, keinen gemeinsamen Hintergrund, keine gemeinsamen Vorlieben. Für gewöhnlich zeigte er sich großzügig, wenn sie um etwas bat, aber da der Adel eine bürgerliche Herzogin ablehnte, nahm er sie nie zu Bällen oder Banketten mit, und Johanna vermutete, dass ihm jede Ausrede recht war, solchen Anlässen fernzubleiben., Seine einzige wahre Leidenschaft war die zwanghafte Hatz auf junge Mädchen, denen er nachstellte, indem er ihre Eltern bestach oder unter Druck setzte. Johanna war stets darauf bedacht gewesen, nicht gegen seine Untreue aufzubegehren, da ihm augenscheinlich mehr als an al- lem anderen daran gelegen war. Nun hatte er etwas gefunden, das er mit ihr teilen konnte, nämlich einen Staatsbesuch in Trenko. Er hätte keine Bedenken, dass man sie auch dort ablehnen würde, meinte er. Das käme einem schwerwiegenden diplomati- schen Vorfall gleich. Sie fragte nicht, ob es denn kein diplomatischer Fehltritt wäre, eine Gemahlin niederer Herkunft zu einem Staatsbegräbnis mitzubringen. »Würdet Ihr mir etwas über Trenko erzählen, Euer Gnaden?«, bat sie. Er zuckte mit den Schultern. »Etwa genauso groß wie Krupina, aber noch recht jung im Vergleich zu unserer langen Geschichte. Wir haben wenig gemein – unter- schiedliche Sprachen, unterschiedliche Landwirtschaft, unterschiedliches Klima. Ein paar Mal waren die beiden Staaten unter einem Herrscher vereint, aber niemals lang. Es scheint besser für uns, getrennte Wege zu gehen und zusammenzuarbeiten, indem wir den Pass für den Handel öffnen und für Armeen schließen.« Allmählich näherten sich zu beiden Seiten die Hügel, brachten erst Weinhänge, dann Weiden und schließlich Wälder mit sich. Spät am Tag kamen sie an Fa- drenschloss vorbei. Johanna sprach es nicht aus, aber sie, wusste, dass der Turm von einigen Stellen entlang der Straße zu sehen war und wartete auf diese, um dem Ort im Geiste Kusshände zuzuwerfen. O welch glückliche Erinnerungen! Ihrem Gemahl fiel es auf. »Hältst du Verbindung zu von Fader?« »Wir schreiben uns gelegentlich, Hoheit.« »Aber gesehen hast du ihn seit dem Tag unserer Hoch- zeit nicht mehr?« »Am Morgen danach.« »Natürlich.« Der Herzog lächelte, als schwelgte auch er in glücklichen Erinnerungen. »Jetzt haben wir keine Zeit, aber falls du ihm auf dem Rückweg einen Besuch abstatten möchtest, habe ich nichts dagegen.« Fraßen Stuten Hafer? Auf der vor langer Zeit vom Kaiserreich gebauten Alten- brücke ritten sie über die Asch, und von dort aus sahen sie im Norden vor dem Hintergrund verschneiter Gipfel Vamky bedrohlich aufragen. Der Pilgerpass galt als eine der großen Handelsverbindungen im Osten Euraniens, und niemand überquerte ihn, ohne unter jenen finsteren Türmen vorbeizureisen. Alsbald traf die Straße nach Westen auf die Straße nach Osten und begann, stetig durch einen Wald anzu- steigen und die Asch zu verlassen, die in einer tiefen Schlucht vor sich hingurgelte. Nach etwa einer Stunde brach die Straße aus den Bäumen hervor und wand sich, steil einen unbewaldeten Hang empor. Das Kloster kau- erte auf Felsen darüber. Johanna war nie klar gewesen, wie gewaltig es war – dunkle Steinmauern, bedrohliche Zinnen und Türme mit spitz zulaufenden, bleiumhüllten Dächern, ein düsteres Bauwerk, das sich einen Felskamm entlang erstreckte, der das Tal so gut wie versperrte. »Du weißt doch«, meldete Rubin sich unvermittelt zu Wort, »dass es den Brüdern verboten ist, mit Frauen zu sprechen, oder?« »Das weiß ich, Hoheit.« »Du und dein Dienstmädchen werden willkommene Gäste sein, und ihr könnt um jede Annehmlichkeit ersu- chen, die nicht bereits bereitgestellt ist, aber man wird Euch nur mit Gesten oder in Notfällen sogar schriftlich antworten.« »Ich verstehe.« »Natürlich wird Abt Minhea dich begrüßen.« Der Großherzog lächelte. »Und der Probst, dafür sorgen wir schon.« Ob der neu erlangten Freiheit verwegen, verriet Jo- hanna: »Fürst Volpe hat gestern angehalten und ein paar Worte mit mir gewechselt, Hoheit.« »Ah, gut. Als die Kunde von Ions Tod in Vamky ein- traf, ritt mein Onkel in aller Eile nach Krupa, um mich davon zu unterrichten und anzubieten, mich bei der Be- erdigung zu vertreten. Er schien mir seltsam erpicht dar- auf, Trenko zu besuchen, verdächtigt erpicht sogar. Ich teilte ihm mit, dass ich selbst hinreisen würde, er uns je-, doch begleiten könne, wenn er dich mit dem Respekt be- handelt, den dein Rang verlangt.« »Ich danke Euch, Hoheit!« »Du warst überaus geduldig, meine Liebe«, murmelte Rubin. »Aber allmählich muss ich sicherstellen, dass mein Thronfolger anerkannt wird, und das bedingt, dass man seine Mutter als meine Gemahlin anerkennt. Sobald ich Volpe gebeugt habe, folgt der Rest der Narren von allein.« Johanna fragte sich, ob sie soeben eine Art Prüfung bestanden hatte, vielleicht eine Ausdauerprüfung. Im- merhin war sie aus keinem Fenster gesprungen, also wollte er wohl das Beste aus der Lage machen. Zweifel- los müsste sie sich undankbar fühlen, weil sie solche Ge- danken hegte, doch dem war nicht so. Sie verspürte le- diglich Groll darüber, nicht schon längst die Anerken- nung erhalten zu haben, die ihr gebührte. Erschöpfte Pferde brachten sie auf die Kuppe des Fels- kamms, eine steinige Ebene mit atemberaubender Aus- sicht auf die Berge vor ihnen und Krupina hinter ihnen. Im Norden, Süden und Westen fiel das Gelände steil ab. Östlich ragte ein hohes Torvorwerk auf, dahinter er- streckte sich der Rest des Klosters und stieg leicht an, da der Rücken mit einem Gebirgsarm verschmolz. Eine Eh- rengarde berittener Ritter in Plattenharnischen säumte die Straße zum Tor. Die Lanzen standen am Boden und sta- ken kerzengerade und ebenmäßig wie die Zähne eines, Kamms gen Himmel. Johanna konnte sich nicht vorstel- len, wie die Männer den heulenden, bitterkalten Wind ertrugen. Es musste unglaublicher Übung und unvorstell- baren Könnens bedürfen, die Pferde bei solchen Böen ruhig zu halten, aber weder Männer noch Tiere zuckten auch nur mit einem Muskel, während die Besucher lang- sam zwischen den Reihen entlangritten. Warum rasselten die Rüstungen eigentlich nicht? Johanna fühlte sich steif und wund von den ungewohnt langen Stunden im Sattel. Auf dem großen, düsteren Hof glitt sie erleichtert auf einen Aufstiegsbock, von dem Rubin ihr höchstpersönlich herunterhalf. Gemeinsam be- gaben sie sich zur Begrüßungsgesellschaft, wo acht mit Schwertern bewaffnete Brüder warteten, alle in weißen Roben mit Kapuzen und dem blauen Vamky-V. Der Wind peitschte ihre Gewänder so heftig, dass ab und an der eine oder andere Mönch leicht taumelte; andernfalls wäre Johanna geneigt gewesen, sie für strohgestopfte Vogelscheuchen zu halten. Sechs standen mit geneigten Häuptern, verborgenen Gesichtern und den Händen in den Ärmeln da. Zwei hatten die Kapuzen zurückgeschla- gen und wagten es, ihren Gästen in die Augen zu blicken. Einer war natürlich der granitgesichtige Volpe. Ja, er schor tatsächlich seinen gesamten Kopf. Abgesehen von zwei schwarzen Moosstreifen – den buschigen Brauen über den starrenden Augen – war dieser glatt wie ein Mauerstein. Der andere, ältere und kleinere Mann war Abt Minhea., Der weiße Stoppelsaum um seine Tonsur war weiß, das Antlitz darunter glattrasiert, unverwittert und zutiefst ausdruckslos. Seine Verbeugung war nur angedeutet, sein Lächeln erreichte nie die Augen, und seine Worte erklangen im Sturm fast unhörbar. »Eure Hoheit ehren uns. Vamky steht Euch voll und ganz zur Verfügung. Und selbstverständlich ist Eure verehrte Fürstin ebenso willkommen.« »Wir danken Euch, Herr Abt«, gab Rubin zurück. Danach war Volpe an der Reihe. »Willkommen, lieber Neffe.« Seine Verneigung erwies sich als respektvoll und annehmbar. »Auch Ihr, Königliche Hoheit.« Damit ver- neigte er sich tief vor Johanna, und als er sich aufrichtete, schenkte er ihr sogar ein kleines, süßsaures Lächeln, so als gestünde er eine Niederlage ein. Hochgefühl! Johanna knickste, wenngleich nicht zu tief. Der Rest der Begrüßungsgesellschaft wurde ihnen nicht vorgestellt. Mittlerweile waren Dutzende weißge- wandete Brüder aufgetaucht, um sowohl die Besucher als auch die Ehrengarde beim Absteigen zu unterstützen – und Johanna wurde klar, dass es kein einfaches Unter- fangen sein konnte, einem Ritter in voller Rüstung von einem gepanzerten Pferd zu helfen. Rubins Herolde grif- fen die Kammerdiener und Lakaien, darunter auch Arg- hira, aus dem Gewirr und scheuchten sie zum Großher- zog hinüber. Anschließend wurden die Gäste von namen- losen, weißgewandeten Führern zu ihren Gemächern ge-, leitet. Der Weg war lang, verlief über sanfte Rampen den Hang des Rückens hinauf und blieb selten längere Zeit gerade. Die Bogengänge wirkten kalt und finster, und die Krümmung der Decke spiegelte sich in den oberen Hälf- ten der Fenster und Türen wider, wodurch sie auf seltsa- me Weise wie Tunnel anmuteten. Obwohl das Kloster hoch gelegen war und sie sich darin stetig emporbewegt hatten, konnte Johanna weder dem Zittern ihrer Hände Einhalt gebieten, noch den Knoten der Angst in ihrer Magengrube vertreiben. Es fühlte sich an, als befänden sie sich unter der Erde, und davor graute ihr bereits, so- lange sie zurückdenken konnte. Schließlich brachte ihr Führer sie in einen großen Raum mit einer Tonnendecke und Fenstern mit Läden. Der Putz der Steinmauern war geweißt, der Bohlenboden mit Stroh bedeckt, die Einrichtung höchst schlicht. Ob- wohl das Bett groß genug für zwei war, sah die Matratze dünn und klumpig gefüllt aus. Als Ausgleich für diese Mängel knisterte in einem riesigen Kamin ein mächtiges Feuer aus Holzscheiten, das sogar jene kärglich ausges- tattete Kammer warm und behaglich wirken ließ. Ein großer Kupferkrug auf dem Kamineinsatz bot reichlich heißes Wasser. Johanna eilte zum Fenster, um einen La- den zu öffnen und sich zu vergewissern, dass sie sich hoch auf einem Berg und nicht in einer tiefen Gruft be- fanden. Der Wind hieb wie eine Axt aus Eis auf sie ein, dennoch füllte sie die Lungen mit der kalten, süßen Luft., Arghira zeigte sich beeindruckt, jedoch etwas besorgt angesichts des einzigen Betts. »Schlafe ich bei Euch, Herrin?« »Das bezweifle ich«, antwortete Johanna. Rubin mochte mehr als einen Grund haben, sie auf die Reise mitzunehmen, aber sie ahnte den wichtigsten. Außerdem warteten ihre beiden mit Kapuzen vermummten Führer draußen vor der offenen Tür und blickten geduldig zu Boden. »Wo schläft meine Begleiterin?«, fragte sie. Der größere Bruder schritt auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges zu einer kleineren Kammer mit einem kleineren Feuer. Es würde reichen. Er öffnete eine weite- re Tür, hinter der ein Kleiderschrank zum Vorschein kam. Weitere Brüder trafen mit Gepäck ein, das sie ab- stellten und anstarrten, während sie darauf warteten zu erfahren, welches Johanna gehörte. Allmählich verur- sachten ihr diese gesichtslosen Marionetten Gänsehaut. Nachdem sie sich erfrischt, umgezogen und Arghira fortgeschickt hatte, um dasselbe zu tun, fühlte sie sich verloren. Sie vermisste Frederik, denn sie war noch nie zuvor von ihm getrennt gewesen. Nach einer Weile be- schloss sie, die Einrichtung auf die Probe zu stellen und öffnete die Tür. Davor stand zu jeder Seite ein Schwert- kämpfer mit Kapuze – als Wächter oder Kerkermeister? »Ich wünsche, einen Brief zu schreiben«, verkündete sie. »Ich brauche Papier, Tinte.« Der kleinere der beiden verneigte sich mit einer Geste in Richtung der gegenüberliegenden Wand. Auch der, andere verneigte sich, dann stapfte er den Gang entlang davon. Zehn oder fünfzehn Minuten später klopfte je- mand heftig gegen die Tür. Johanna öffnete sie und ihr wurde ein Tablett mit Papier, Federkielen, einem Messer, einem Tintenfass, einem Sandstreuer und sogar einem Wachsstab überreicht. Sie verfasste eine Nachricht an den Baron, in der sie ihm mitteilte, wo sie sich aufhielt und dass sie hoffte, Fadrenschloss in ein paar Tagen bei der Rückreise aus Trenko zu besuchen. Als sie fertig wurde, drang kein Licht mehr durch die Läden, folglich konnte die Botschaft erst am Morgen abgeschickt wer- den. Dennoch versiegelte Johanna sie, versah sie mit der Anschrift und begab sich hinaus auf den Gang, wo sie darum ersuchte, den Brief so bald wie möglich zustellen zu lassen. Der Bruder, der ihn entgegennahm, hatte al- tersfleckige Hände. Derjenige, der ihr das Papier ge- bracht hatte, besaß die Hände eines Knaben. Bald darauf schlenderte der Großherzog höchstpersön- lich zur Tür herein, rasiert, umgezogen und strahlend gu- ter Laune. »Alles zu deiner Zufriedenheit, mein Täubchen?« Er sah sich um. »Ich fühle mich bei den Brüdern sehr willkommen, Hoheit.« Er nickte und sah sich abermals um. »Gut, gut! Ich werde in der Halle speisen. Für dich wäre es schicklicher, hier zu essen.« »Mit Freuden.«, Wieder nickte er. »Bis später also?« Damit ging er. Er warnte sie stets vor, wenn er sie zu besuchen beabsichtig- te. Was selten geschah. Eigentlich nur zwischen zwei Geliebten oder wenn seine augenblicklich bevorzugte Mätresse unpässlich war, doch heute war zweifellos eine jener Nächte, in der seine Gemahlin reichen musste, so alt sie auch sein mochte. Zwar fühlte sie sich nach dem langen Ritt wund, dennoch gedachte sie, ihn nicht zu ent- täuschen. Er war stets zärtlich – die Geister wussten, Ü- bung hatte er genug! – und heute hatte er sich eine Be- lohnung redlich verdient. Am folgenden Morgen wurde Johanna das Frühstück auf einem Tablett zur Tür hereingereicht. Daneben lag eine Antwort des Barons, der ihr mitteilte, sie wäre höchst willkommen. So früh im Monat erhellte kein Mond die Nächte, folglich musste jemand den ganzen Weg nach Fadrenschloss und wieder zurück in pechschwarzer Fins- ternis geritten sein. Nach Sonnenaufgang brachen die Reisenden auf und mussten gegen einen eisigen Wind ankämpfen. Die Pa- lastgarde blieb in Vamky zurück und wurde durch Probst Volpe sowie zwanzig seiner Brüder ersetzt, die sinnvoll- erweise Leder- und Pelzgewänder trugen. Bewaffnet wa- ren sie nur mit Schwertern. Auf der Nordseite des Rü- ckens fiel der Pfad fast ebenso steil ab, wie er auf der Südseite angestiegen war, bis er wieder auf die Asch stieß, die sich nun als wesentlich schmalerer Strom mil-, chigen Wassers präsentierte und gurgelnd durch einen Wald verlief. Allmählich stieg das Gelände wieder an. Bäume wurden rarer und verschwanden gänzlich. An der Kuppe des langen Anstiegs bildete der Weg vor ihnen ein V aus blauem Himmel zwischen mächtigen, gletscherbe- deckten Gipfeln: der Pilgerpass. Auf der steinigen Ebene lag immer noch Winter- schnee, und an manchen Stellen verengte die Straße sich in dem Gewirr der Felsblöcke so sehr, dass die Pferde nur noch hintereinander Platz hatten. Wenn die Reiter sich wieder nebeneinander gesellten, wechselten sie häu- fig die Gefährten, und Johanna fand sich letztlich neben Karl wieder. »Wie strahlend die Gletscher Eure ruhmreiche Schön- heit widerspiegeln, o Perle der Berge.« »Ich wusste gar nicht, dass Ihr bei uns seid, Herr.« Er hatte sich so sehr gegen den Wind vermummt, dass sein übliches spöttisches Grinsen kaum zu sehen war. »Und nun kennt Eure Freude keine Grenzen.« »Nun ist mir die Freude an der Reise verdorben.« Sein Vater hatte sie anerkannt. Ihr Gemahl nahm sie zu einem Staatsbesuch mit. Endlich war sie eine echte Großherzo- gin und brauchte sich den Hohn dieses Nichtsnutzes nicht mehr gefallen zu lassen. »Aber nein, Ihr solltet jeden Augenblick genießen, Schönste. Sobald Ihr nach Krupina zurückkehrt, heißt es wieder Teller waschen und Böden schrubben!« Wollte er damit andeuten, dass Volpe wieder in sein, altes Ich schlüpfen würde, nachdem er sein Ziel in Tren- ko erreicht hatte, worum es sich dabei auch handeln mochte? Johanna erwiderte nichts. »Lasst mich Euch aus der Spülküche entführen, Ge- liebte! Flieht mit mir ins fernste Skyrria und lasst Eure Schönheit die sagenumwobenen Edelsteine des Morgen- lands überstrahlen.« »Wenn Ihr nichts Sinnvolles von Euch geben könnt, dann geht und langweilt jemand anderen.« »Oooh, das schmerzt! Erwartet Ihr etwa von mir, ernst zu sein?« »Ja. Erzählt mir von Eurer Mutter. Ich weiß nur, dass Ihr Name Tatjana war. Starb sie, als Ihr noch klein wart?« »Falls sie überhaupt je gelebt hat.« Johanna ritt schweigend vor sich hin. Er versuchte es mit ein paar weiteren dummen Bemerkungen, auf die sie nichts erwiderte. »Oh, na schön! Aber es ist eine Verschwendung des prächtigen Morgens. Damals war mein Vater noch nicht Probst. Er war mutmaßlicher Erbe, aber unverheiratet und darauf vereidigt. Rubin war nicht in der Lage, lange genug verheiratet zu bleiben, um einen rechtmäßigen Sohn zu zeugen. Aber Krupina brauchte einen weiteren Erben. Also bekam es mich.« »Wie?« »Na, auf die übliche Weise, vermute ich.« Schweigend ritt sie weiter. Als er wieder das Wort er-, griff, klang seine Stimme nicht wie sonst schnippisch, sondern so gereizt, dass er vermutlich die Wahrheit sprach. »Vamky-Ritter tun, was ihnen befohlen wird. Zu jener Zeit braute sich ein hübscher Krieg zusammen, und der König von Drasia brauchte dringend Hilfe. Er hatte eine verwitwete Schwester, Prinzessin Tatjana, die zu alt für eine ordentliche königliche Ehe war, aber nicht zu alt, um mit der richtigen Unterstützung einen königlichen Balg zu werfen. Volpe wurde befohlen, sie zu heiraten, mich zu zeugen und den Krieg zu gewinnen. All das er- ledigte er unverzüglich. Danach kehrte er nach Hause zurück und brachte mich mit. Tut es Euch nicht Leid, dass Ihr danach gefragt habt?« »Von wem befohlen?« »Keine Ahnung. Fragt doch ihn.« Karl trieb das Pferd in eine schmale Spalte zwischen schartigen Felsen. Johanna folgte ihm und gelangte zu dem Schluss, dass sie ihrem schuftigen Schwiegervetter ausnahmsweise glaubte, überwiegend weil die schreckliche Geschichte erklärte, weshalb sie noch nie Einzelheiten darüber erfah- ren hatte. Wenn er tatsächlich von Dienern im unmensch- lichen Irrgarten des Palasts Agathon aufgezogen worden war, schien seine Verbitterung durchaus verständlich. Als der Pfad sich wieder weitete, wartete er auf sie. »Den ersten Teil verstehe ich«, sagte sie. »Ein Land braucht einen Herrscher. Aber Euch Eurer Mutter weg- zunehmen – hatte Euer Vater denn dabei gar nichts zu sagen?«, Karl zuckte mit den Schultern. »Ich vermute, es war sein Vorschlag. Sie war wesentlich älter als er. Jedenfalls ist sie mittlerweile tot, also spielt es ohnehin keine Rolle mehr, oder?« »Wäre sie meine Mutter gewesen, würde es für mich eine große Rolle spielen.« Darauf erwiderte er nichts. Sie teilten sich, um jeder auf einer Seite eines großen Felsblocks vorbeizureiten. »Wieso sind alle plötzlich so versessen auf Trenko?«, fragte sie, als sie einander wieder trafen. »Warum seid Ihr und Fürst Volpe so erpicht darauf, an einem Begräb- nis teilzunehmen?« Oder auch Rubin. Überrascht schaute Karl sie an. »Hat Euer Gemahl es Euch denn nicht erzählt?« »Nein.« »Und dann denkt Ihr, mein Vater würde es mir sa- gen?« Er grinste. »Jedenfalls muss mehr daran sein. Er reist nie aus reinem Vergnügen.« Inzwischen war er wieder in sein spöttisches Gebaren verfallen, doch nun betrachtete Johanna ihn in einem an- deren Licht und war zu ein paar Zugeständnissen bereit. »Habt Ihr denn gar keine Vorstellung?« »Jede Menge Vorstellungen, aber Ihr verweigert Euch mir ja, meine Rosenknospe, mein Honigkuchen. Ich ver- mute, die Thronfolge bereitet ihnen Kopfzerbrechen. Der Markgraf hat keine weiteren Söhne und ist kränklich. Wer soll das nördliche Ende des Pilgerpasses halten, nachdem er zu den Elementen zurückgekehrt ist?«, »Und was führt Euch nach Trenko, Herr?« »Ebenfalls Geschäfte.« Er seufzte. »Da Ihr mein Wer- ben verschmäht, will ich der liebreizenden Margarita den Hof machen!« »Wem?« »Aha! Ihr seid nicht vorgewarnt? Wie ungerecht!« Karls höhnisches Lächeln war kaum zu sehen, aber deut- lich in seinem Tonfall zu hören. »Ladislas’ einziges über- lebendes Kind ist seine Tochter Margarita. Der Leichnam ihres Bruders ist noch kaum erkaltet, trotzdem bin ich überzeugt, dass bereits Anträge um ihre Hand eintrudeln. Ich dachte, ich lasse mich mal auf die Liste setzen.« »Ich wünsche Euch viel Glück, Herr.« Was Pech für die Erbin verhieß. Möge sie ihn von den Beinen fegen und auf dem Boden halten! Dennoch wäre er eine nahe- liegende Wahl. Und die Anbahnung einer Vermählung mochte Fürst Volpes Eifer erklären, die Reise anzutreten. »Und was meint Ihr wohl, könnte das Ansinnen Eures werten Herrschers und Gemahls sein?«, grübelte Karl. »Ich kann mich nicht entsinnen, dass er je zuvor an einer Beerdigung teilgenommen hätte. Für gewöhnlich ist er sogar zu beschäftigt, um jenen seiner Ehefrauen beizu- wohnen. Ob er wohl geschäftlich oder zum Vergnügen hinreist?« »Für einen Herrscher kann man es getrost als geschäft- lich bezeichnen, wenn er sich nachbarschaftlich zeigt«, meinte sie mit heiterer Miene, doch sie ahnte, was folgen würde. Sie konnte den Schmerz bereits spüren., »Nein, ich glaube eher, es muss zum Vergnügen sein«, meinte Karl bedächtig. »Es heißt, Margarita besäße Lo- cken heller als Flachs und Brüste gleich süßen Kirschen. Sie ist dreizehn und ein höchst zierlicher königlicher Le- ckerbissen.« Wo der lange, absteigende Pfad sich um einen von einer Quelle genährten Teich wand und eine Böschung Schutz vor dem Wind bot, ließ Fürst Volpe den Tross innehal- ten, um zu rasten und die Pferde zu tränken. Natürlich mussten sämtliche Gäule und insbesondere ihre Hufe ü- berprüft werden. Johanna war durchaus in der Lage, dies selbst zu tun, doch das war keine Aufgabe für eine Groß- herzogin, also wartete sie darauf, wer ihr dabei helfen würde. Ihr Gemahl nahm bereits die Erfrischungen in Augenschein und überließ sein Pferd dem jungen Ritter, der ihm für diese Reise als Knappe zugewiesen worden war. Eine Weile schenkte niemand ihr Beachtung, doch als eben jener Ritter mit dem Pferd des Herzogs fertig war, kam er herüber und begann ohne ein Wort oder einen Blick in ihre Richtung mit der Arbeit an dem ihren. Jo- hanna empfand es als verstörende Erfahrung, für junge Männer unsichtbar zu sein. »Ritterbruder Nikolaus, richtig?«, fragte sie zuckersüß. Er tat, als gäbe es sie nicht. Der junge Mann verfügte über ein bewundernswertes Profil, und zweifellos rührte seine plötzliche Röte vom kühlen Wind her. Als er den, ersten Huf losließ, meldete sich hinter Johanna eine Stimme zu Wort. »Ich kümmere mich um Ihre Hoheit, Nikolaus.« »Herr!« Der Jungspund salutierte und schritt davon. Fürst Volpe tätschelte den Hals der Stute und bückte sich, um ihr rechtes Vorderbein anzuheben. »Wieder ehrt Ihr mich«, stellte Johanna fest. »Guten Tag, Herr.« »Euch auch, Hoheit.« Er klemmte den Huf zwischen die Knie. »Eure Höflichkeit ist überaus willkommen. Ihr müsst Euch jedoch keineswegs erniedrigen.« Mit der Parierstange seines Dolchs kratzte Volpe Schnee aus dem Hufeisen. »Für einen Ritter ist es keine Erniedrigung, sich um ein Pferd zu kümmern.« »Mein Gemahl wird sich freuen zu sehen, was Ihr tut.« »Ihr versteht nicht, wie ein militärischer Verstand ar- beitet, Mädchen«, sprach er, ohne den Kopf zu heben. »Ich bin der größte, berühmteste Krieger in ganz Eura- nien. Staaten haben schon Kriegserklärungen zurück- gezogen, weil ich mich bei ihren Feinden verpflichtete.« Er duckte sich unter den Zügeln hindurch, um den linken Huf zu begutachten. »Ich habe mich noch nie ergeben, und das werde ich auch nie. Taktische Rückzüge hinge- gen habe ich schon viele gemacht.« »Ich verstehe. Nachdem Ihr Eures Sohnes Verlobung verhandelt habt, stehen demnach wohl wieder gezielte Flegeleien auf der Tagesordnung, richtig?«, Volpe ließ den Huf los, den er gerade anheben wollte, richtete sich auf und starrte sie an. »Nachdem ich was getan habe?« Offenbar hatte Johanna ein Geheimnis aufgedeckt. Bei jedem anderen hätte sie eine Kehrtwende in Erwägung gezogen, nun jedoch trieb sie ein Anflug boshafter Freu- de weiter. »Fürst Karl teilte mir mit, dass er mitkommt, um Fürs- tin Margarita den Hof zu machen. Unterstützt Ihr sein Werben etwa nicht?« Volpe prustete, ein Laut, der sich gefährlich nach ei- nem Lachen anhörte. Danach beugte er sich wieder über seine Arbeit. »Er hat es mir gegenüber nicht erwähnt. Ich habe sogar mit dem Gedanken gespielt, selbst um sie zu freien. Nein, hauptsächlich wollte ich mitreisen, um zu verhindern, dass mein Neffe sich völlig zum Hampel- mann macht.« Verhöhnte er sie oder war diese Bemerkung ein Hin- weis auf den eigentlichen Grund, weshalb er diese Un- terhaltung begonnen hatte? Sie kannte ihn zu wenig, um seine Beweggründe zu erraten. Und überlisten könnte sie einen Krieger seines Ranges niemals. »Dann sind wir bei diesem Unterfangen Verbündete«, meinte sie. »Was kann ich tun, um zu helfen?« »Haltet Ihn ordentlich auf Trab, obwohl ich aufrichtig davon überzeugt bin, dass er selbst jetzt noch unersättlich ist. Mit siebzehn, da … Aber egal. Hat Karl es aus- nahmsweise einmal ernst gemeint?«, »Ich weiß es nicht, Herr.« Volpe richtete sich auf und steckte den Dolch zurück in die Scheide. Seine Raubtieraugen starrten sie über den Hals der Stute hinweg an, sodass sie sich wie eine Maus fühlte, die jeden Augenblick das Zeitliche segnen würde. »Wie ich höre, hat er Euch in Krupa belästigt.« »Ja, das hat er.« Hatte Rubin sich bei ihm beschwert, oder verfügte der Probst am Hof seines Neffen über Spit- zel? Mit Sicherheit sogar. Aber bespitzelten sie seinen eigenen Sohn? Warum sollten sie nicht? »Quält er Euch nur zum Vergnügen, oder hat er vor, Euch in ernste Schwierigkeiten zu bringen?« »Was versteht Ihr unter ›ernste Schwierigkeiten^« »Euch ein Kind und somit Schande anzuhängen.« »Falls er das versucht, wird ihm kein Erfolg beschie- den sein, das versichere ich Euch!« Statt sich am Sattel und Bauchgurt der Stute zu schaf- fen zu machen, blickte Volpe prüfend über die Senke und beobachtete die Reisenden. »Unsere Familie ist die ältes- te in ganz Euranien, habt Ihr das gewusst?« »Ich weiß nur, dass sie höchst angesehen ist«, antwor- tete sie verwirrt. »Außerdem ist ihre Geschichte gut belegt. Im Verlauf der Jahrhunderte hat sie zahlreiche seltsame und einige verrückte Gestalten hervorgebracht. Sogar ein paar so berühmte Krieger wie mich. Rubins triebhaftes Verhalten taucht alle paar Generationen auf. Ein Großherzog legte sich ein Gefolge aus über zweihundert Zwergen zu. Ein, weiterer setzte es sich in den Kopf, tausend Kinder zu zeugen. Unsere Ahnen haben eine Eigenschaft gemein- sam, die so unverkennbar wie eine missgebildete Lippe oder eine weiße Stirnlocke ist.« Die mitternachtsschwar- zen Augen hefteten sich abermals auf sie. »So faul und feige Euer Gemahl sein mag, sein Erfolg bei Frauen ist außergewöhnlich, findet Ihr nicht auch?« Johanna fragte sich, wohin seine Ansprache führen sollte. Wenn Volpe versuchte, sich umgänglich zu zei- gen, war er fast schlimmer als von seiner verächtlichen Seite. »›Widerwärtig‹ wäre zutreffender.« Höhnisch lächelnd schüttelte er den Kopf. »Nicht so- lange er seine Aufmerksamkeit auf Leute beschränkt, die keinen Ärger verursachen können. Ich reise nach Trenko, um dafür zu sorgen, dass er keine unschicklichen Annä- herungsversuche bei Margarita unternimmt. Als er in die Falle der Ehe mit einem Flittchen niederer Geburt tappte, das war widerwärtig. Wir stammen von vierzehn Herr- schergenerationen ab. Euer Sohn hingegen ist das Kind eines Bauernweibs. Niemand von Rang und Ruf wird ihn je heiraten. Unser Netz königlicher Bündnisse wird ge- schwächt werden und Krupina in Gefahr geraten.« »Eine Kreuzung mit frischem Blut stärkt die Linie«, widersprach sie erbost. »Sie könnte die Anzahl der Ver- rückten in Zukunft verringern.« Volpe überging ihre Bemerkung. »Wisst Ihr, ein Kru- pina hat immer Erfolg. Welches Ziel er sich im Leben, auch setzt, er wird es erreichen, ausnahmslos.« »Auch der mit den tausend Kindern?« »Er begann vielversprechend, starb aber jung. Das är- gert mich an Karl so. In seinem Alter hatte ich bereits in drei großen Schlachten gefochten. Sein einziges Ziel scheint es zu sein, kein Ziel zu haben, und das finde ich unerträglich. Wenn er es sich in den Kopf gesetzt hat, Euch zu verführen, nur um Rubin zu ärgern, gehört ihm der Hintern versohlt. Und er sollte nicht ohne meine Er- laubnis über eine Vermählung plappern. Überprüft den Sattel selbst.« Damit hinkte Fürst Volpe davon. Frederik war der einzige geistig Gesunde der ganzen Familie., Trenko erwies sich als von Bergen umgebenes Juwel, als Perle bunter Gebäude auf bewaldeten Hängen, die zu den Ufern eines jadegrünen Sees hin abfielen. Da sowohl in der Stadt als auch im ganzen Land Trauer um den jungen Prinzen herrschte, gab es während Johannas kurzen Auf- enthalts keine Feierlichkeiten, dennoch war es eine glückliche Zeit für sie. Der Palast war so überfüllt, dass sie und Rubin sich ein Gemach teilen mussten. Rubin machte das Beste daraus und erweckte in ihr die Hoff- nung, Frederik könnte aus dieser seltenen Gelegenheit ein Brüderchen oder Schwesterchen beschieden werden. Vertreter zahlreicher Nachbarstaaten waren zur Beer- digung gekommen und hatten größtenteils ihre Gemah- linnen mitgebracht. Die Männer neigten dazu, sich wie Spinnweben in Ecken zusammenzurotten, Bündnisse zu schmieden und den Sturz von Gegnern zu planen. Ähn- lich wetzten die Frauen in kleinen Gruppen die Krallen, zerstörten so manchen Ruf und spannen Ränke über die künftige Ehelandschaft Euraniens. Zum ersten Mal fühlte Johanna sich in feiner Gesellschaft anerkannt. Zwar wäre sie des Klatsches alsbald überdrüssig geworden, doch für eine kurze Zeit war er eine willkommene Abwechslung. Der Wein und die Kuchen schmeckten köstlich. Selbstverständlich stand die liebreizende Margarita ganz oben auf der Tagesordnung, war jedoch selbst weit, und breit nicht zu sehen. Sie wurde von der Außenwelt abgeschirmt, da sie sowohl der Tod ihres Bruders als auch die Verantwortung bekümmerten, die dadurch auf sie übergegangen war. Das Werben um die Hand der schönen Maid würde heftig ausfallen. Zumindest meinten die erlauchten Damen das. Wenn sie Blicke in jede Richtung außer die ihre ent- deckte, lernte Johanna, an dieser Stelle des Maskenspiels in den Angriff überzugehen. »Sehr weise! Das Kind ist noch zu jung für öffentliche Pflichten.« Weitere Blicke. Erst dreizehn, pflichteten die Klatsch- mäuler ihr stets bei. Und sie verspräche, eine große Schönheit zu werden! »Mein Gemahl bekundete Interesse«, verkündete Jo- hanna dann immer und tat dabei so, als entginge ihr die Entrüstung, obwohl Rubins Ruf ihm offenbar vorausge- eilt war. »Aber wir wurden uns einig, dass der Altersun- terschied erheblich zu groß ist.« Weitere Bestürzung. »Frederik ist erst drei.« Aha! »Aber da ist noch Fürst Karl, oder?«, hatte eine Schreckschraube mit hennagefärbtem Haar sich einmal zu Wort gemeldet. »Euer Gemahl hat ihn mitgebracht?« »Nein, er ist uns gefolgt«, hatte Johanna vergnügt er- widert. »Wir haben vergessen, ihn zu Hause anzuketten.« »Ich hörte, er hatte einen Unfall auf der Reise?« »Nichts Ernstes. Er ist nur vom Pferd gestürzt.« Jo- hanna hatte den Vorfall nicht bezeugt, aber gesehen, wie Karl mit schlammverschmiertem Mantel und einem so, geschwollenen Gesicht in Trenko eingetroffen war, dass er sich unverzüglich zwecks einer Heilung zur Beschwö- rungsstätte im Ort begab. Niemand war so taktlos gewe- sen, sich zu erkundigen, wie es ihm gelungen war, den Rücken seines Mantels zu beschmutzen und gleichzeitig auf dem Gesicht zu landen. Das Leben steckte voller kleiner Geheimnisse wie diesem. An jenem selben ersten Abend hatte sie während der Begrüßungsformalitäten neben Fürst Volpe gestanden und sich gefragt, wie er sich die Knöchel so übel aufgeschrammt hatte. Vielleicht war auch er vom Pferd gefallen. Jedenfalls besprach sie derlei Familienangelegenheiten nicht mit den Waschwei- bern. Als nächstes folgte für gewöhnlich etwas wie: »Ihr Vater vergöttert sie. Der Markgraf besteht darauf, dass Margarita ihre Wahl aus Liebe trifft.« Worauf Johanna stets erwiderte, sie hielte das für eine ausgezeichnete Vorgehensweise. Sie war sicher, Rubin und Volpe wären damit aus dem Spiel, vermutlich auch Karl. Natürlich besaß Karl ein ansprechendes Äußeres und war von edler Geburt, weshalb er Aussichten auf Er- folg haben mochte, wenn er seine Manieren bessern könnte. Sofern ihm nicht der Vorzug gegenüber den an- deren Brautwerbern eingeräumt worden war, erhielt er während jenes Besuchs keine Gelegenheit, seine Schli- chen bei der jungen Dame auszuprobieren. Denn als es für Großherzog Rubin und sein Gefolge an der Zeit war, nach Krupina zurückzukehren, hatte die schöne Margari-, ta sich immer noch nicht blicken gelassen., Gute Neuigkeiten und schlechte Neuigkeiten gingen Hand in Hand, hieß es. Die guten Neuigkeiten waren neun Tage zuvor einge- troffen und hatten Fadrenschloss in aufgeregte Vorfreude versetzt – die Großherzogin kam zu Besuch, das ausge- flogene Vöglein kehrte endlich ins Nest zurück. Die Kö- che planten ein großes Festmahl, die Spielmänner und Musikanten probten unablässig, und Seneschall Priboi veranlasste das größte Putzen und Aufräumen, das das alte Schloss seit Jahrhunderten erfahren hatte. Ernst selbst stapfte überall umher, überprüfte hier etwas, mischte sich dort ein, billigte dieses oder jenes und er- freute sich einer wunderbaren Zeit. Das Leben war schon zu lange eintönig gewesen, und er durfte nicht damit rechnen, dass ihm in seinen verbleibenden Jahren noch viele glückliche Ereignisse beschieden sein würden. Die schlechten Neuigkeiten kehrten mit Priboi heim. Da sämtliche Vorbereitungen abgeschlossen waren, hatte Ernst dem alten Seneschall bereitwillig einige Stunden Freizeit gewährt. Es war ja nicht so, hatte Ernst zu ihm gemeint, dass er jedes Jahrzehnt darum ersuchte, den- noch sollte er es sich nicht zur Gewohnheit werden las- sen. Als er zurückkehrte und berichtete, was er in Vamky erfahren hatte, wandelte sich Freude in blankes Entset- zen. Vor Johannas Eintreffen jedoch konnte Ernst den, greisen Seneschall nur noch zu Verschwiegenheit ver- pflichten und ihm auftragen, dafür zu sorgen, dass der Fuchsbau gesäubert und mit Vorräten aufgefüllt wurde. Am Morgen darauf sah der Späher ihren Tross heran- nahen, zwei Frauen und ein Trupp der Palastgarde. Die gesamte Dienerschaft fand sich auf dem Burghof ein, um die Großherzogin zu begrüßen, wobei der Jubel beinahe die von den Zinnen schmetternden Fanfaren übertönte. Ernst höchstpersönlich hob sie vom Pferd und wollte vor ihr niederknien, doch sie hielt ihn davon ab, umarmte ihn und verbot es ihm. Zugleich lachend und weinend be- grüßte sie all die alten, vertrauten Gesichter. Das verschreckte Kind, das vor dreieinhalb Jahren in der herzoglichen Kutsche verschwunden war, hatte sich zur Frau gemausert, zu einer anmutigen, königlichen Schönheit. Sie meinte zu ihm, er hätte sich kein bisschen verändert. Bloß fetter und hässlicher geworden, erwiderte er, aber stolz darauf, geistig rege wie eh’ und je zu sein. Es sei wundervoll, zu Hause zu sein, meinte sie, doch der Blick, mit dem sie Ernst nach jenen ersten, glücklichen Momenten bedachte, verriet es ihm: Sie ahnte bereits, dass ihm etwas Unheilvolles auf der Seele lastete. Es dauerte eine Stunde, bis das erste Schwelgen in Er- innerungen und das Austauschen von Nettigkeiten vor- über waren. Erst dann konnte er sich ungestört mit ihr unterhalten. Die beiden machten es sich im Sonnenzim- mer gemütlich, und alsbald wandte das Gespräch sich ernsteren Dingen zu. Er gestand, wie sehr er sie immer, noch vermisste und beglückwünschte sie dazu, wie schön sie geworden war. Sie gab zu, dass sie nicht mehr solches Heimweh nach Fadrenschloss hatte wie einst. Johanna erwähnte nicht, wie sehr ihr tatsächliches Eheleben von jenem ihrer Vorstellung abwich, doch das brauchte sie auch nicht. Obwohl der Baron keine Persona grata mehr am Hof war, hatte er immer noch Freunde in Krupa, ü- berwiegend Söhne und Enkel von Männern, neben denen er in seiner Zeit im Heer gekämpft hatte. Er wusste, wie sehr sie gedemütigt und geschnitten worden war. In ihren Briefen hatte sie sich nie darüber beklagt, aber als sie von Trenko erzählte – den Menschen, den Häusern, dem Land selbst, alles neu für sie – und besonders darüber, dass ihr dieselben königlichen Ehren zuteil geworden waren wie Rubin, da strahlte ihr Antlitz vor Glück. Allmählich begann der Zeitpunkt, Sinn zu machen. »Also hat sich dir Fürst Volpe letztlich gebeugt?« »Er hat sich die ganze Zeit über kühl, aber gebührlich verhalten.« Kurz flackerte das süßsaure Lächeln auf, an das von Fader sich noch so gut erinnerte. »Er hat jedoch angedeutet, dass dieser Zustand bloß vorübergehender Natur sein könnte.« »Er ist ein seltsamer Mann.« Ernst rief sich Volpe als Kind in Erinnerung, als verbitterten, verschlossenen, wehmütigen Knaben. Schon damals war offenkundig gewesen, dass er ein wesentlich besserer Großherzog geworden wäre als Rubin, sein Neffe und Spielgefährte, es je sein könnte. Als der Junge mit der Bruderschaft in, den Krieg geritten war, hatte Ernst ein Alter erreicht, in dem er bereit war, die Lanze an den Nagel zu hängen, folglich hatten ihre militärischen Pfade sich nur kurz ge- kreuzt. Bereits als Grünschnabel hatte Volpe sich den Ruf erarbeitet, verwegen und rücksichtslos zu sein. »Der größte Krieger in ganz Euranien, meinte er.« Jo- hannas Tonfall ersuchte um Bestätigung. »Jedenfalls gewiss der gefragteste Söldner. Die meis- ten Söldlinge streichen ihren Sold ein und verdienen ihn sich nie. Sie marschieren und taktieren und tanzen Ga- votten mit ihren Gegnern, tun alles lieber, als ihre Haut in Gefahr zu bringen. Volpe war nie so. Für ihn war es eine Frage der Ehre, sich so bald wie möglich in den An- griff zu stürzen. Mit der Macht der Beschwörer von Vamky im Rücken verlor er nie eine Schlacht und hielt noch jede Festung. Nur wenige Herrscher konnten sich seine Preise leisten, aber er lieferte einen angemessenen Wert dafür.« »›Lieferte‹? Hat er sich etwa zur Ruhe gesetzt?« »Es scheint so. Weder letztes Jahr noch das Jahr davor ist er ins Feld gezogen.« Der Mann musste mittlerweile fünfzig sein! Unglaublich! Wo hatten sich all die Jahre nur versteckt? »Warum hinkt er? Eine alte Verletzung?« »Ein missgebildeter Fuß«, klärte Ernst sie auf. »Als er ein Kind war, kam es noch deutlicher zur Geltung.« Und jener Makel hatte dem empfindsamen, verwaisten Kna- ben unendlich heftiger zugesetzt, als sich nun der Vete-, ran zahlreicher Schlachten daran störte. »Wenn er ein Schwert trägt, merkt man es weniger.« »Also, Herr!« Strahlend blaue Augen, denen nichts entging, schauten ihn an. »Ich habe genug geredet. Sagt mir, was nicht stimmt.« »Ach, Frauenzimmer! Wir Einfaltspinsel von Männern können einfach keine Geheimnisse vor euch bewahren.« Und dieses musste er ihr sogar mitteilen. »Ja, Liebes. Aber bitte halte dir vor Augen, dass es Auskünfte aus dritter oder vierter Hand sind, an denen nichts Wahres sein muss.« »Fahrt schon fort!« Den Befehlston hatte sie eindeutig gelernt. »Erinnerst du dich an Harald?« »Welchen Harald?« »Pribois Harald.« Sie nickte. »Wir haben ihn ›Winzling‹ genannt. Wie geht es ihm?« Die beiden waren gleich alt. »Erwuchs zum größten Burschen des Wurfs heran. Mittlerweile ist er ein Novize im Kloster. Alle sechs Mo- nate ist ihm ein Besucher gestattet. Sein Vater ritt erst gestern zu ihm und fand ihn völlig außer sich vor.« »Das wäre wohl jeder, der dort leben muss. Weshalb also?« »Unter Umständen ist es eine Probe«, warnte Ernst sie. »Sie stellen die Novizen auf seltsame Weise auf die Probe, und es wäre nur allzu einfach, ein Gerücht in die Welt zu setzen, um zu beobachten, ob der Junge es sei-, nem Vater verriete. Was Harald tat, weshalb er jeden Augenblick mit wunden Füßen hier auftauchen könnte – ausgestoßen und vertrieben.« »Was für ein Gerücht?«, bohrte sie ungeduldig weiter. »Ein geplanter Staatsstreich.« Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht. »Volpe? Wie? Wann?« »Keine Ahnung«, gestand Ernst. »Ich kenne keine Einzelheiten. Aber es wäre leicht! Selbst ohne Truppen in fremden Diensten nach Hause zu beordern, könnte er mühelos vierhundert Ritter aufbringen. Er könnte einfach so nach Krupa reiten und die Macht an sich reißen. In ein paar Stunden wäre alles erledigt.« »Die Palastgarde würde sich ausgestreckt vor ihm auf den Boden werfen«, bestätigte sie. »Wie habt Ihr immer gesagt – ›Waffen runter, Hände hoch?‹« Johanna wusste, dass dies keine Angelegenheit war, die Scherze duldete. Sie versuchte nur, Zeit zum Nach- denken zu gewinnen. Obwohl Rubin mittlerweile als fä- higer Herrscher galt, konnte ein Mann mit seinen morali- schen Unzulänglichkeiten nie wahrhaft beliebt sein. Das Volk würde sich jedenfalls nicht erheben, entrisse der Kriegsheld dem Wüstling die Krone. »Würde Rubin abdanken, wenn Volpe ihm ein Schwert an die Kehle setzte?«, fragte Ernst. »Er würde in Ohnmacht fallen.« Johanna schauderte, schlang die Arme um sich und starrte zu Boden. »Das eigentliche Wunder ist wohl, dass Volpe es nicht schon, längst versucht hat.« »Das liegt wahrscheinlich an seiner Söldnerehre, wür- de ich meinen. Ein Schwur ist ihm heilig, und er ist Ru- bins vereidigter Vasall.« Johanna schaute auf – zwei Saphire in weißem Mar- mor blickten den Baron an. »Worüber mag in Trenko wohl verhandelt worden sein, frage ich mich? Herr, mich kümmert kaum, was aus meinem Gemahl wird. Mein ei- gener Rang und Titel sind mir einerlei. Aber ich werde nicht zulassen, dass mein Sohn um sein Geburtsrecht be- trogen wird!« Hatte sie eigentlich schon an Mord gedacht? Und un- erwünschte Witwen konnte man getrost in die Gosse sto- ßen, aber rechtmäßige Erben waren anfällig für grässli- che Unfälle. Unzählige Male in seiner Laufbahn hatte Volpe bewiesen, dass er gewissenlos war. Wenn er nun entschied, seine Lehnstreue in den Wind zu schlagen, würde Frederik sterben müssen. »Wann wird es geschehen?«, wollte sie wissen. Ernst breitete die Hände aus. Fleischige, weiche, nutz- lose Greisenhände. »Bald, könnte ich mir vorstellen, wenn sogar ein Novize schon davon gehört hat. Aber be- denke, vielleicht ist es gar nicht wahr!« »Trotzdem muss mein Gemahl gewarnt werden.« »Ich hätte eine Botschaft an den Hof schicken lassen, wenn er… Ist er zurück nach Krupa gereist?« »Ich denke schon. Er verließ das Kloster heute Mor- gen vor mir.« Von plötzlichen Zweifeln erfüllt, biss sie, sich auf die Lippe. »Zumindest hat man mir das gesagt.« »Das hört sich ganz und gar nicht nach ihm an.« In Fadrenschloss hatte er regelmäßig bis um die Mittags- stunde geschlafen. Johanna sprang auf. »Ich muss zu meinem Sohn!« Dies war nicht mehr das scheue, unsichere Kind, das der Herzog geehelicht hatte. Von Fader mühte sich auf die Beine. »Volpe könnte vor dir eintreffen.« Und das Kind tot sein? »Ich muss wissen, ob es ihm gut geht!« »Vielleicht stimmt die Geschichte ja auch gar nicht. Rubin könnte ohne weiteres im Palast sein und seinem üblichen Treiben nachgehen.« »Und falls nicht? Angenommen, Rubin hat von den Neuigkeiten erfahren und ist geflohen? Gebt mir einen Rat, Herr!« Zorn loderte in ihren Augen wie Sonnen- schein. Warum suchten die Geister des Zufalls einige Menschen so häufig heim? Ernst hatte die ganze Nacht darüber gegrübelt. »Die Sicherheit deines Sohnes muss an oberster Stelle stehen. Kannst du ihn aus dem Palast schmuggeln?« »Ich kann es versuchen. Bis ich dort eintreffe, wird es dunkel sein. Die Tore werden bei Sonnenuntergang ge- schlossen.« »Und die Wachen sind nachts eher auf der Hut. Falls Rubin dort ist, warne ihn. Falls nicht, warte bis zum Mor- gengrauen. Leg Dienstmädchenkleider an, häng dir einen Korb an den Arm und Frederik in einem Tuch auf den, Rücken. Plaudere beim Hinausgehen mitjemandem, dann würdigen die Wachen dich keines zweiten Blicks.« Johanna nickte. »Ich kann dich auf der Stelle in meiner Kutsche hin- fahren …« »Nein! Ein Pferd ist schneller.« Er seufzte. »Dann ist alles, was ich anbieten kann, eine sichere Zuflucht. Erinnerst du dich an Hunyadi, der frü- her hier gearbeitet hat? Er betreibt jetzt eine Herberge in der Kupferschmiedstraße, unmittelbar vor der Biegung. Du kannst ihm vertrauen, wahrscheinlich auch seinen Männern, falls er nicht da ist. Er kann dich nach Fa- drenschloss bringen. Hier bist du in Sicherheit.« Aldea war zurzeit von Johannas Verlobung zum ersten Mal nach Fadrenschloss gekommen, damals als Soldat der Palastgarde. Mittlerweile war er Hauptmann, hatte jedoch wenig dazugelernt. Er war ein großer, stumpfsin- niger Mann, der mürrisch wurde, als die Großherzogin ihm die Planänderung mitteilte. Er begann, daraufhinzu- weisen, dass sie gemäß den Befehlen drei Tage bleiben sollten. Belustigt beobachtete Ernst, wie Johanna ihn zu- rechtstutzte. Obwohl es ihr an Rang und Befehlsgewalt mangelte, die Rubin ihr hätte verschaffen sollen, wusste sie inzwischen, wie man sich durchsetzte. »Muss ich mich wirklich bei meinem Gemahl darüber beschweren, dass Ihr Euch meinen ausdrücklichen Be- fehlen widersetzt habt? … Mit welchem Recht stellt Ihr, meine Entscheidungen in Frage? … Es tut mir Leid, wenn Ihr es nicht eilig habt, zu Eurer Familie zurückzu- kommen, Hauptmann. Aber wollen Eure Männer nicht zu den ihren? Wenn wir nicht unverzüglich aufbrechen, werden wir bei Einbruch der Nacht immer noch auf der Straße sein.« Und so weiter. Der Burghof war voller bestürzter Menschen. Das Festmahl, die Musik, all das Zierwerk … Ihre Königliche Hoheit brach auf! Aldea begehrte erneut auf, als Johanna ihrem Dienst- mädchen befahl zurückzubleiben, um auf das Gepäck aufzupassen, und verkündete, der Baron würde dafür sorgen, dass sie am nächsten Tag nach Hause begleitet würde. Ernst hatte nichts dergleichen zugestimmt. Natür- lich würde er ihr den Gefallen trotzdem gern tun. Johanna brannte vor Ungeduld, während die Pferde herausgebracht und gesattelt wurden. Als endlich alles bereit war, schenkte sie ihm eine Abschiedsumarmung und widersprach, als er mit den Händen eine Räuberleiter bildete, um ihr beim Aufsteigen zu helfen. Doch er be- stand darauf. Ihr Ross tänzelte aufgeregt, doch sie hielt das Tier im Zaum. »Können wir bei Sonnenuntergang dort sein?«, fragte sie. Aldea schaute zum Himmel. »Wir könnten, Hoheit.« »Dann kann ich es auch. Reitet los!« Obwohl er mit weniger Vorstellungskraft als eine, Walnuss geschlagen war, verwunderte Aldea die eigenar- tige Dringlichkeit allmählich. »Stimmt etwas nicht?« »Ich kann es nur kaum erwarten, mein Kind wiederzu- sehen, das ist alles. Ich meinte lediglich, dass Ihr Euch meinetwegen nicht zu zügeln braucht. Ich vermag, Euch alle in Grund und Boden zu reiten.« Jäh einsetzendes Gehüstel rings um sie kündete von allgemeinem Argwohn. Trotzig blickte Johanna die Män- ner an. »Dann holt mich doch ein!«, rief sie und galoppierte zum Tor hinaus. Sie waren allesamt große Männer und trugen Halbrüs- tung. Johanna war wesentlich leichter und hatte zudem ein hervorragendes Pferd. Kurz nach Sonnenuntergang bogen sie auf die Krupa-Brücke, und sie wusste, wo sie sich befanden. Ihre Ungeduld bewog sie, die Fersen in die Flanken des Rosses zu stoßen, um es ein letztes Mal anzutreiben. Sie ließ die Männer hinter sich und preschte allein zu den Toren vor. Diese waren geschlossen. Nie- mand antwortete auf ihr Rufen. Sie musste absteigen, um am Glockenseil zu ziehen, und dann weigerte sich das dumme, behaarte Gesicht, das zum Fenster herauslugte, standhaft zu glauben, wer sie war. Großherzogin? Er hieß sie eine Schnapsdrossel und bespuckte sie. Erst als ein wutentbrannter Aldea herbeiritt, öffneten die Wachen die Nebenpforte. Sofern sie noch Zweifel gehegt hatte, bewies der Zwi-, schenfall, dass sie Frederik nachts unmöglich aus dem Palast schmuggeln konnte. Bei Tagelicht hingegen sollte es einfach sein. Sie hatte schon allerlei lichtscheu wir- kendes Gesindel beobachtet, das unbehelligt ein und aus ging. Seine Königliche Hoheit war noch nicht aus Trenko zurückgekehrt, doch selbst dies in Erfahrung zu bringen, bedurfte einiger Mühe und Selbstbeherrschung. An sich hatte Rubins Abwesenheit wenig zu bedeuten. Er ver- schwand häufig für mehrere Tage, wenn er ein liebrei- zendes Nymphchen in die Enge getrieben hatte. Ange- sichts dessen, was ihr am Morgen im Kloster und später vom Baron mitgeteilt worden war, erfüllten die Neuig- keiten sie diesmal jedoch mit blankem Entsetzen. Eilig begab sie sich auf die Suche nach Frederik und fand ihn bei Ruxandra, die ihn gerade fürs Zubettgehen vorbereitete. Frederik verfiel sofort in einen lautstarken Trotzanfall. »Er bestraft Euch nur, weil Ihr fort wart«, beschwich- tigte Ruxandra und knuddelte ihn. »Wo ist denn der bra- ve Junge plötzlich geblieben?« Sie war eine pummelige, großmütterliche Frau, unerschütterlich wie eine Schnee- bärin. Da sie ihr Leben damit verbracht hatte, anderer Leute Sprösslinge großzuziehen, wusste sie wesentlich mehr über Kleinkinder als Johanna. Wenn sie einen Feh- ler hatte, dann den, dass sie fand, die Großherzogin ver- brachte viel mehr Zeit mit ihrem Kind, als gut für die beiden war. Im Augenblick schien Frederik einer Mei-, nung mit ihr. Letzten Endes verlor er den Kampf jedoch. Sein Kin- derbett wurde zurück in Johannas Kammer geschoben, er ließ sich widerwillig von seiner Mutter umarmen, und schließlich unterlag er auch seinem nächtlichen Ringen mit dem Schlaf. Genau wie seine Mutter. So besorgt sie auch war, heimgesucht von der Furcht, Volpe und seine Mörder könnten bereits unterwegs sein, hatte sie doch zwei anstrengende Tage im Sattel verbracht. Sie fiel ins Bett und folgte dem Beispiel ihres Sohnes. Sie wurde von einer Stimme geweckt, die aus schein- bar weiter Ferne ihren Namen rief. Licht auf ihrem Ge- sicht… Bettvorhänge wurden aufgezogen … Mondlicht ergoss sich durch die geöffneten Läden … ein Mann stand neben ihr, hielt eine Laterne … Von unten beleuch- tet, wirkte sein Antlitz verzerrt und sonderbar, bis sie den Spitzbart und die hängenden Züge ihres Gemahls erkann- te. »Johanna, wach auf! Mein Veilchen, mein Faun! Wach auf!« Verwirrung. »Herr! Ihr seid zurück!« »Dasselbe könnte ich über dich sagen. Du solltest doch wohlbehalten in Fadrenschloss sein.« »Wohlbehalten? O ja, ja! Eine Verschwörung! Von Fader hat mich gewarnt. Fürst Volpe …« Rubin kicherte. »Ich weiß alles über die törichten Plä- ne meines Onkels, meine Rosenknospe. Seine Rechnung wird nicht aufgehen, das verspreche ich dir, aber wir, müssen den Palast eine Weile verlassen. Ich bin zurück- gekommen, um Freddie zu retten. Ich hatte jedoch nicht erwartet, dich ebenfalls hier anzutreffen. Komm, mein Turteltäubchen. Wir müssen uns beeilen. Es droht Ge- fahr.« Dabei hörte er sich rundum unbeschwert an. Und diese sonderbaren Kosenamen verlieh er ihr sonst nur, wenn sie einander liebten. Der Schlaf fiel von ihr ab. Sie setzte sich auf und zog sich die Laken ans Kinn. Rubin trug einen Reiseumhang mit einer Kapuze und darunter eindeutig ein Schwert. Sie hatte ihn noch nie zuvor bewaffnet gesehen. »Mein böser Onkel ist unterwegs, Täubchen. Zieh dich an und bring unseren Schatz mit. Wir müssen uns spu- ten.« Johanna glitt aus dem Bett und stolperte durch die Kammer. Sie hatte sich noch nie vor ihm angezogen und war sich seiner auf ihr weilenden Augen unangenehm bewusst. Doch Scham schien gänzlich fehl am Platz, wenn ihrer aller Leben in Gefahr schweben konnte. Frederik wimmerte ob der Unruhe kurz in seinem Bettchen in der Ecke, dann verstummte er wieder. »Ruxandra!«, rief Johanna, während sie sich mit ihren Strümpfen plagte. »Nein, lasst sie mich besser holen.« Mit hinter ihr herwehenden Schnüren rannte sie in den Vorraum und weiter zum Schlafzimmer der Amme. Ruxandra riss den Mund auf und japste nach Luft, als ihre Herrin sie wachrüttelte und anbrüllte, aber selbst aufgeregtes Gerede von Aufruhr vermochte nicht, sie aus, der Fassung zu bringen. »Lasst ihn noch schlafen, Ho- heit«, meinte sie so ruhig, als sprächen sie über Bauch- schmerzen. »Ich packe erst eine Tasche für ihn.« Damit begann sie, Kleider in einen Kissenbezug zu stopfen. Jo- hanna lief los, um ihre Juwelen zu holen. Sie hetzten dunkle Gänge entlang, wobei ihre Laternen gespenstische Schatten rings um sie tanzen ließen. Rubin lief voraus – mit aufgesetzter Kapuze, weil er meinte, sein Anblick in wilder Flucht mitten in der Nacht könnte eine Panik auslösen. Johanna hielt ihren in Decken ge- hüllten Sohn an sich gepresst und versuchte, sein schlaf- trunkenes Murren zu beruhigen, da sie schreckliche Angst hatte, er könnte in Wutschreie ausbrechen. Ru- xandra folgte ihnen und trug den Beutel sowie zusätzli- che Decken. Über Hintertreppen hinab, durch eine ver- waiste Küche … Als sie auf den frostigen Stallhof hi- naustraten, trafen sie dort auf Männer, die Pferde vor zwei Kutschen spannten. Im Fackellicht kräuselte sich Atemnebel. Ein riesiger Mond trieb zwischen silbrig schimmernden Wolken hindurch. Johanna hielt auf die große achtspännige Herzogskut- sche zu. Rubin ergriff ihren Arm. »Nein! Wir nehmen die an- dere.« Er führte sie zu dem kleineren Gefährt hinüber und stieg als erster ein, damit er Frederik entgegenneh- men konnte. Der Markgraf von Krupa erschrak und schrie. Johanna kletterte hinterher, um ihn an sich zu, drücken und zu trösten, woraufhin er noch lauter brüllte. Ruxandra wurde von einem Stallburschen hineingehol- fen, der sie nachgerade emporhieven musste. Danach wurde die Tür zugeworfen. Eine Stimme gellte, eine Peitsche schnalzte, und die Staatskutsche begann, sich unter Hufgeklapper und dem Knarren kalter Achsen in Bewegung zu setzen. Eisenbeschlagene Räder polterten donnergleich über Kopfsteinpflaster und drohten, die ganze Stadt aus dem Schlaf zu reißen. Dann folgte die zweite Kutsche. Frederik heulte unbeirrt weiter. Johanna reichte ihn Ruxandra, auf dass sie es versuchte. Ihr Gemahl schlang den Arm um sie. Erschrocken wich sie zurück, bis er von ihr abließ. Zwar drang nur wenig Licht durch die horngetäfelten Fenster, dennoch war es im Inneren nicht gänzlich dunkel. Liebesbezeu- gungen vor einer Dienerin waren unschicklich. »Nun denn, Euer Gnaden«, sagte sie. »Bitte berichtet mir, was geschehen ist.« »Volpe hat sich zum Verräter gewandelt, mein Täub- chen. Er plant diesen Umsturz bereits seit geraumer Zeit. Zum Glück ist mir Abt Minhea treu geblieben, sodass ich unterrichtet wurde. Nun sind Volpe und mehrere hun- dert Ritter aus Vamky hierher unterwegs, um mich ab- zusetzen. Wir sollten aus der Stadt sein, bevor er ein- trifft. Aber keine Sorge, wir kommen zurück.« Holpernd und klappernd rollte die Kutsche schmale Gassen ent- lang, in die kaum Mondlicht vorzudringen vermochte., »Und wohin fahren wir jetzt?« »Lass dich überraschen. Ich habe Pläne.« Seine Stim- me hörte sich in der Düsternis selbstgefällig an. Die Kutsche rumpelte und holperte übelkeiterregend über die rauen Straßen. Johanna wünschte inbrünstig, sie wä- ren stattdessen geritten, wenngleich Frederik mittlerweile zu groß war, um ihn einfach in einer Schlinge zu tragen. Auch er mochte die Kutsche nicht. Kaum hatte er sich in den Schlaf geweint, ruckelte sie und weckte ihn wieder, sodass selbst Ruxandra machtlos war. Die Straßen wur- den immer holpriger und steiler, führten bald bergauf, bald bergab. Bisweilen prasselte Regen aufs Dach und sickerte rings um die Fenster herein. Schließlich nahm Rubin seinen Sohn, was er noch nie zuvor getan hatte. Unglaublicherweise hörte Frederik auf zu brüllen. Entweder wusste er die Ehre zu schätzen, oder er war bloß zu verdutzt, um sich zu wehren. Jeden- falls wimmerte er noch ein paar Mal, dann versank er in tiefen Schlaf. Bald darauf stellte Johanna fest, dass sie im Begriff war, es ihm gleichzutun. Ruckartig erwachte sie und war unsicher, wo sie sich be- fand. Rubin hielt immer noch seinen Sohn. Ruxandra schnarchte. Die Kutsche erklomm einen steilen Hang. »Wir fahren nach Norden?«, fragte sie. »Ganz recht. Die andere Kutsche fährt nach Süden, nach Zolensa, und ich hoffe, mein niederträchtiger Onkel, jagt sie höchstpersönlich und fällt dabei vom Rand der Welt.« »Aber wohin? Doch nicht zurück nach Trenko?« Selbst wesentlich später im Jahr wäre die Überquerung des Passes in diesem Gefährt ein höchst gewagtes Unter- fangen. Sie würden gewiss frische Pferde brauchen. Und sie müssten an Vamky vorbei, dem Hort des Verräters. Rubin stimmte wieder jenes sonderbare Kichern an. »Ich hoffe, so weit müssen wir nicht, aber der Markgraf versprach mir tatsächlich seine Unterstützung, sollte et- was wie dies geschehen. Nein, ich habe dir doch gesagt, Minhea ist mir treu geblieben. Wir tauschen Tisch und Bett mit dem Abtrünnigen. Volpe kann den Palast haben. Indes sichern wir unsere Herrschaft im Kloster!« »Wunderbar!«, stieß Johanna hervor und war erstaunt über sein Selbstvertrauen. Diese gelassene Beherztheit war eine Seite an ihm, die sie nie für möglich gehalten hätte. »Geschah zurzeit Eures Großvaters nicht etwas Ähnliches?« »Zu seiner Zeit geschah alles nur Erdenkliche. Mach dir keine Sorgen, Honigschnittchen. Alles wird gut.« Ruxandra war erwacht. »Hier, Frau«, sagte der Her- zog. »Kümmere dich um den Jungen. Nimm ihn und … Was? …« Die Kutsche war wieder etwas schneller geworden, aber plötzlich wieherten die Pferde aufgebracht. Der Kut- scher riss an den Zügeln, Schotter knirschte unter blo- ckierten Rädern, und die ganze Welt schien sich zu nei-, gen. Johanna schrie auf und streckte die Hand nach ih- rem Sohn aus. Rubin fiel auf sie, anschließend fielen Kind und Amme auf sie beide. Die Kutsche rollte sich überschlagend abwärts, fiel, prallte gegen Bäume, rollte holpernd weiter, zerbarst und ergoss ihren Inhalt über den Felshang., Nach einer scheinbaren Ewigkeit begann der Himmel über den Gebirgsketten im Osten aufzuhellen. Die Welt war düster, feucht und sehr kalt. Johanna konnte sich nicht entsinnen, aus dem Wrack geschleudert worden zu sein. Entweder hatte sie Frederik an sich gerissen, bevor es geschah, oder sie hatte ihn später in der Finsternis ge- funden. Doch sie erinnerte sich weder an das eine noch an das andere. Sie kauerte an einer dürren Kiefer, die al- les war, was sie davor bewahrte, einen überaus steilen Hang hinabzurollen und über dem Rand des Abgrunds am Ende der Böschung zu verschwinden. Frederik war in eine dreckige, grasbefleckte Decke gehüllt und schlief in ihren Armen .Sein Gesicht war voller Schlamm und Blut, aber er atmete. Johanna selbst hatte an zu vielen Stellen Schmerzen, um auch nur den Versuch zu unternehmen, sie einzuordnen. Über ihr verriet eine Schneise von ge- knickten Bäumen, Trümmerteilen und toten Pferden, wo die Kutsche den Hügel herabgestürzt war. Die Überreste hatten sich an einem Baum ein Stück unterhalb von ihr verkeilt. Ein Rad und ein totes Pferd hingen über dem Abgrund zur Asch, die in ihrer Schlucht rauschte. Irgendwie musste sie Hilfe finden. Es dauerte eine Weile, bis sie das begriff. Sie hatte ihre Schuhe verloren. Ein unbeherrschbares Zittern hatte Besitz von ihr ergrif- fen. Die vertrauten Umrisse der Umgebung verrieten ihr,, dass sie sich unweit des Vamky-Klosters befand, west- lich des Flusses stromabwärts der Altenbrücke. Folglich musste Fadrenschloss ganz in der Nähe sein, aber sie würde barfuß dorthin laufen und Frederik dabei tragen müssen. Bevor sie die Straße erreichte, hörte sie Stimmen brüllen. Sie sparte sich die Mühe zu antworten, da Frederik be- reits den nötigen Lärm veranstaltete. Zwei Männer ka- men durch die Büsche und Bäume heruntergeklettert. Einer jung, der andere älter. Vater und Sohn. Holzfäller. Hilfe. Der Ältere nahm Frederik auf seinen Arm, der Jün- gere hob ebenso mühelos Johanna. Später befand sie sich in einer Hütte. Frauen versorg- ten sie. Weitere Menschen waren dort und schließlich sogar der Baron, riesig und abgehärmt. Sein Antlitz war so bleich wie sein Bart. Nur ein paar Schrammen, beharr- te sie. Man teilte ihr mit, dass sie mehrere Schnittwunden hatte, die schlimmste davon am Bein, aber es würden keine Narben zurückbleiben. Sie beide hatten großes Glück gehabt. Frederik war nahezu ungeschoren davon- gekommen. Die Knochen kleiner Kinder waren ge- schmeidig wie grüne Zweige. Sie erfuhr, dass anderen weniger Glück beschieden gewesen war. Johanna wusste, dass sie dem Baron etwas Wichtiges sagen sollte. Aber sie konnte sich nicht besinnen, was es war. Ernst ließ seine Kutsche kommen und verstaute sie al- le darin. Frederik tat seine Meinung über Kutschen mehr, als lautstark kund, doch ihm wurde kein Gehör ge- schenkt. Als sie in Fadrenschloss eintrafen, löste Johanna sich allmählich aus ihrem Dämmerzustand, und das Grauen stieg ihr wie Galle in die Kehle. Der Baron rühmte sich, etwas von Kräuterkunde zu verstehen. Er holte die alte Heilkräutertruhe seiner Mutter hervor und braute einen Trank, der die Wirkung der Axt eines Holzfällers hatte. Zum Schlafen legte man Johanna in ihr altes Bett. Beim ersten Tageslicht appellierte Frederiks Wehklagen an ihre mütterlichen Instinkte und weckte sie. Sie fand ihn im Zimmer nebenan, noch bevor die Frau, die bei ihm schlief, die Augen aufschlug. Der Baron hatte die Anweisung erteilt, dass er zu rufen sei, sobald Johanna wach war. Nachdem sie den Jungen wieder in den Schlaf gewiegt hatte, gesellte sie sich im Sonnenzimmer neben einem Kiefernholzfeuer zu dem alten Mann. Dort trank sie aus einem Silberkelch Glühwein und verschlang Brot, Käse und Wurst, als hätte sie seit einem Monat nichts mehr gegessen. Ihr Gesicht war geschwollen, zudem trug sie mehrere Verbände und hatte ausreichend Schmerzen, um eine ganze Armee zu quälen, aber keine Zeit, sich darum zu kümmern. Der greise Baron sah aus, als hätte er die ganze Nacht kein Auge zugetan. »Es ist schön, dich wieder hier zu haben, Johanna«, meinte er. »Ich wünschte nur, die Umstände wären glücklicher.«, »Ich auch.« Damit waren die Nettigkeiten gesagt. Ernst schienen die Worte zu fehlen, und Johanna wollte überhaupt nicht sprechen. Schließlich seufzte er. »Geht es Euch gut genug, um zu reden, Hoheit? Ich will Euch keineswegs bedrängen, aber wir … wir müssen uns über wichtige Dinge unter- halten.« Sie nickte. »Ich fühle mich noch ein bisschen zittrig, aber bitte fahrt fort.« Er zupfte an seinem Bart, was er stets zu tun pflegte, wenn er besorgt war. »Sagt mir, wenn es zu anstrengend wird!« »Mache ich. Ich kann mich an kaum etwas über den Unfall erinnern.« »Gestern habt Ihr wirres Zeug geredet, das wenig Sinn ergab. Petre und sein Sohn haben Euch gefunden, als Ihr mit dem Markgrafen auf den Armen den Hang hinaufge- klettert seid. Der Leichnam des Kutschers lag unweit der Straße. Der Mann wurde vom Bock geschleudert und zerquetscht, als die Kutsche über ihn schlitterte. Außer- dem wurde eine ältere Frau in Dienstmädchengewändern gefunden. Ebenfalls tot, fürchte ich. Wer war sonst noch in der Kutsche?« »Nur mein Gemahl. Fürst Volpe hatte seinen Staats- streich in die Wege geleitet, genau, wie Ihr es vorherge- sagt habt. Rubin weckte mich und meinte, wir müssten unverzüglich fliehen. Was wir auch taten.«, Der Baron grunzte und zupfte wieder an seinem Schnurrbart. »Wo ist Rubin?«, wollte sie wissen. Warum hatte sie eigentlich nicht schon längst danach gefragt? »Es wurden keine weiteren Leichen gefunden, Lie- bes.« Der Abgrund! Ihr Gemahl. Der Herzog. Frederiks Va- ter und Beschützer. Von Faders fleischige Züge hatten den gestrengen Ausdruck angenommen, an den Johanna sich aus Zeiten erinnerte, zu denen sie ihn beobachtet hatte, wenn er hier in Fadrenschloss Gericht hielt. Als Baron hatte er das Recht, über seine Untertanen und Vasallen zu richten, wobei er stets stolz darauf gewesen war, ein aufrichtiger und gerechter Richter zu sein, der peinlich darauf achte- te, sämtliche Tatsachen zu berücksichtigen, bevor er ein Urteil verkündete und bisweilen sogar zu seinen eigenen Ungunsten entschied, wenn das Gesetz oder das Brauch- tum es verlangten – etwas, was die meisten Fürsten nie- mals taten. »Johanna, Liebes, bist du sicher, dass der Mann in der Kutsche dein Gemahl war?« Eine solche Frage musste ein Scherz sein. Sie wider- stand der Versuchung zu lachen, weil Gelächter einfa- cher zu beginnen als zu beenden gewesen wäre. »Natür- lich bin ich sicher, Herr! Wieso auch nicht? Er sagte, er hätte seit Wochen über die Verschwörung Bescheid ge- wusst und eigene Pläne geschmiedet. Leider scheint es, so, dass der Zufall Volpe begünstigt hat. Er hat gewon- nen, und ich muss mit Frederik in die Verbannung flie- hen. Ist es das, was Ihr mir sagen wollt?« Von Fader schüttelte den Kopf. »So einfach ist es nicht. Zunächst hatte der Zufall nichts damit zu tun. Der Unfall war kein Unfall, sondern vorsätzlicher Mord.« »Nein!« »Bitte, Hoheit, hört Euch die Beweise an, bevor Ihr das sagt!« Manchmal war sie die Großherzogin, dann wieder bloß das Kind, das er großgezogen hatte, und die Jahre dazwischen waren vergessen. Er lehnte sich zur Seite, um an einem Glockenseil zu ziehen. »Die Stelle dort ist gefährlich für jeden, der sie nicht kennt. Der Pfad macht eine unerwartete Biegung und ist ungeschützt. Dadurch rinnt Schlamm darüber und macht ihn rutschig. Aber wir können das Unglück zu unserem Vorteil ver- wenden. Herein!« Das zerfurchte Affenantlitz, das zur Tür hereinspähte, gehörte Manfred, dem Förster des Barons, von dem es hieß, er könne der Fährte einer Krähe über einen See fol- gen. Er musste auf den Ruf gewartet haben. Johanna kannte ihn von früher und begrüßte ihn mit einem Lä- cheln, obwohl jedes Lächeln schmerzte. »Schließ die Tür«, brummte der Baron. »Sag Ihrer Hoheit, was du gesehen hast.« Der Förster umklammerte mit beiden Händen seinen Hut und erklärte sichtlich unruhig: »Es hatte geregnet, Königliche Hoheit, dann hörte es auf. Die Spuren waren, sehr deutlich. Jemand hatte dort einen Karren abgestellt, der die Straße versperrte. Der Kutscher hatte keine Mög- lichkeit anzuhalten oder auszuweichen.« Ein Karren? Johanna erwiderte nichts, weigerte sich, die Folgerungen zu akzeptieren. Er wand sich unter ihrem starren Blick. »Ein Karren und ein Mann auf einem Pferd, Königliche Hoheit. Sie kamen aus dem Norden. Auf dem Hinweg ritt der Mann auf dem Pferd voraus, genau wie später, als sie aufbra- chen.« »Sie sind nach dem Unfall verschwunden?«, fragte der Baron. »Ja, Herr. Die Spuren waren sowohl unter als auch über jenen der Kutsche. Der Karren stand eine ganze Weile da. Jede Menge Tropfspuren.« »Und das Pferd?«, half der Baron ihm auf die Sprün- ge. »Ein sehr großes Pferd. Wahrscheinlich ein Schlacht- ross. Es trug noch Winterhufe mit Stollen.« Von Fader musterte sein einstiges Mündel und beo- bachtete, wie Johanna die Neuigkeiten aufnahm. »Die Bruderschaft?« Zustimmend nickte er. »Eine höchst naheliegende Vermutung. Zwar können wir nicht sicher sein, dass der Reiter aus Vamky kam, aber es ist sehr wahrscheinlich. In Krupina gibt es nur wenige Schlachtrösser, und nur jene der Brüder tragen Hufe mit Stollen. Die überwachen den Pass. Erzähl ihr, was sich ereignet hat, Manfred.«, »Karren und Pferd, Hoheit … Der Reiter ritt ein wenig umher, der Kutscher wendete und stellte den Karren an der gewünschten Stelle ab, etwa in der Mitte der Straße, sodass zwar eine Lücke blieb, diese aber zu schmal für ein Gespann war. Und der Reiter ließ einige Krähenfüße fallen.« Manfred holte einen Krähenfuß hervor, den er in seinem Hut gehalten haben musste, denn in der Hosenta- sche hätten die Stacheln ihn gepiesackt. Ein widerwärti- ges, hässliches kleines Ding. »Nicht viele. Gerade genug, um das Gespann in Panik zu versetzen und sicherzustel- len, dass es nicht rechtzeitig anhalten würde. Diesen hier habe ich aus einem der Hufe der Pferde.« »Sind alle Pferde tot?« Vier prachtvolle Pferde! Manfred nickte. »Nach dem Unfall sammelte der Rei- ter die übrig gebliebenen Krähenfüße ein – seine Spuren waren obenauf. Er trug Reitstiefel, keine Sabots.« »Fußpanzer«, erklärte der Baron. Johanna schauderte und versuchte zu begreifen, dass eine derart kaltblütige Gemeinheit ihr und ihrem Kind gegolten hatte. Sie war jetzt Witwe. Die Vorstellung schien zu gewaltig, um irgendwo hineinzupassen … »Jemand wusste, dass ihr kommen würdet«, ergriff der Baron das Wort. »Ein schnelles Pferd kann eine Kutsche überholen. Es könnte über die Straße nach Osten von Krupa nach Vamky und über die Brücke zurück galop- piert sein. Dadurch wäre Zeit geblieben – wenn auch nur knapp –, den Hinterhalt einzurichten.« »Rubin hat seihe Staatskutsche nach Süden geschickt,, um Verfolger auf eine falsche Fährte zu schicken. Er wurde verraten!« »Nicht unbedingt.« Von Fader seufzte pfeifend. »Ich fürchte, da ist noch mehr … Hoheit.« »Nein!«, rief sie scharf aus und stand auf. Es durfte nicht noch mehr geben! Sie hatte sich noch nicht einmal an den Gedanken von Mord gewöhnt. Händeringend humpelte Johanna gleichsam als Flucht vor der Wahrheit zum Fenster hinüber. Der Himmel war hell, kündigte das Morgengrauen an. Frühe Blätter zeichneten sich wie schwarze Federn an den Bäumen ab. Dieser Raum war vertraut, unverändert, ein Zuhause. Dennoch konnte sie nicht bleiben. Jemand hatte versucht, Frederik zu töten. Und dieser jemand konnte einen neuen Anlauf nehmen. Die Zukunft glich einer blanken Mauer quer über ihren Pfad. Wohin konnte sie sich wenden? Wer würde ihr Zu- flucht gewähren? Nichts in ihrem Leben oder ihrer Er- ziehung hatte sie auf eine solche Zwangslage vorbereitet. Sie drehte sich um und stellte fest, dass der Baron sie mit zutiefst besorgtem Blick beobachtete, aber war das Mitleid in den Augen des runzligen Försters? Sie würde kein Mitleid dulden. Mit diesem Entschluss kehrte sie zu ihrem Stuhl zurück. »Nun denn, Herr. Welche weiteren grausigen Neuig- keiten habt Ihr für mich?« »Manfred hat dieses Medaillon gefunden. Sag ihr wo.« Johanna hatte ihr Edelsteinkästchen bei sich gehabt. Nicht die Staatsjuwelen, nur einige Schmuckstücke, die, Rubin und der Baron ihr geschenkt hatten, außerdem Per- len, die ihrer Mutter gehört hatten. Nun konnte die Asch in ihrer Schlucht mit all dem hübschen Tand spielen. Der Förster redete bereits. »… einem Busch am Rand des großen Abgrunds, Königliche Hoheit. Viele geknick- te Zweige, ein bisschen Blut, Reste von Damast und Sei- de, ein paar Haare.« Er holte einige Überbleibsel aus sei- nem Hut hervor. Johanna nahm sie nicht entgegen. Sie konnte sich nicht erinnern, was Rubin getragen hatte. Nichts Besonderes, nichts, das sie erkennen würde. »Also wurde ein Körper in den Busch geschleudert und fiel durch ihn hindurch in den Fluss?«, half der Ba- ron ihm weiter. »So sah es zumindest aus, Herr.« »Könnte es auch vorgetäuscht worden sein?« Der kleinwüchsige Mann zögerte, aber nur, um die richtigen Worte zu wählen. Als er schließlich sprach, schwang in seiner Stimme kein Zweifel mit. »Das glaube ich nicht, Herr. Keine Fußabdrücke im Schlamm. Ich wüsste nicht, wie es jemand hätte vortäuschen können.« Johanna kannte seinen Ruf, und der Baron nahm Man- freds Ansichten offenbar als unfehlbar hin. Er warf ihr ein aufmunterndes Lächeln zu, das die beabsichtigte Wirkung verfehlte. »Die Frage vor Gericht also lautet, Liebes, wer stürzte in die Asch und ließ dieses Medaillon zurück? Seine Ho- heit? Ein Goldmedaillon in Herzform an einer goldenen Kette. Teuer. Gehörte es ihm? Gehört es dir?« Er reichte, es Johanna. »Ich habe es noch nie gesehen«, erklärte sie. Darin be- fand sich ein schmeichelhaftes Bildnis von Rubin, das ihn vom Kopf bis zu den Schultern zeigte. »Nein, meines ist es nicht.« Vermutlich hatte Rubin es in der Vergangenheit der einen oder anderen Freundin geschenkt, doch dies vor Manfred auszusprechen, hätte sich wie Verrat angefühlt. Man sollte nicht schlecht über Tote reden. Warum schnitt der Baron Grimassen? »Ich bezweifelte, dass es ihm oder Euch gehören wür- de. Ihr müsst wissen, Hoheit, es handelt sich um einen Zauber jener Art, der als Trugbann bezeichnet wird. Mach dich auf einen Schreck gefasst, Liebes. Manfred, leg es an. Zeig der Großherzogin, was es bewirkt.« Es verwandelte Manfred in Rubin. Als Johanna es ver- suchte und ihr Spiegelbild in ihrem Kelch betrachtete, war sie plötzlich Rubin. Offenbar hatte sie sich bei dem Sturz den Kopf ange- schlagen und den Verstand verloren. Jemand anders war gestorben? Rubin lebte noch? Von Faders teigige Züge wirkten vor Elend ganz schlaff. »Danke, Manfred. Das war der größte Dienst, den du mir in dreißig Jahren erwiesen hast.« Nachdem der Förster gegangen war, meinte Johanna verbittert: »Ihr denkt, ich hätte versucht, mit jemandem auszureißen.« Die ganze Welt würde das denken. Johan- na war am Ende., »Dafür kenne ich dich zu gut, Liebes. Ich habe dich früher an jenem Tag gesehen, und da hattest du solchen Unfug nicht im Sinn. Du würdest deinen Sohn niemals um sein Geburtsrecht betrügen.« Abermals spielte er an seinem Bart. »Aber andere könnten es durchaus so ausle- gen. O bei den Toten! All dieses Übel ergibt einfach kei- nen Sinn für mich! Gewiss ist man nur in Vamky in der Lage, dieses Schmuckstück zu verhexen, außerdem wur- de der Hinterhalt von Männern aus Vamky vorbereitet. Wäre in jener Kutsche dein Gemahl gewesen, hätte der Mörder ohne weiteres hoffen dürfen, sowohl ihn als auch seinen Sohn zu töten, wodurch Volpe zum unumstritte- nen Großherzog und Karl zu seinem Erben geworden wären. Es wurden schon Männer aufgrund wackeligerer Beweise gehängt. Aber dieses Medaillon ändert alles! Jemand hat sich als dein Gemahl ausgegeben. Was versuchte der Hoch- stapler damit zu erreichen? Am ehesten eine Entführung. Aber wollte er deinen Sohn, dich oder euch beide entfüh- ren? Sind sich zwei Verschwörungen in die Quere ge- kommen? Sagte er, wohin er euch bringen wollte?« »Er meinte, nach Vamky.« Hätte sie jene düstere Fes- tung je wieder verlassen? »Oder wollte er mich bloß in Verruf bringen? Wäre ich mit einem anderen Mann durchgebrannt, hätte Rubin sich von mir scheiden lassen können.« Und hätte ungehindert die betörende Margarita von Trenko ehelichen können. »Dafür hätte es einfachere Wege und Mittel gege-, ben!«, widersprach der Baron. Johanna mied seinen Blick. »Der Hochstapler kannte bestimmte, sehr persönliche Kosenamen, die mein Ge- mahl mir bisweilen gab. Nur er konnte sie kennen!« Der Baron grunzte. »Verzeih meine Taktlosigkeit, Jo- hanna, Liebes, aber du warst vielleicht nicht die einzige Frau, bei der er sie verwendet hat.« »Aber natürlich!« Immerhin hatte es Hunderte in sei- nem Leben gegeben. Das hätte sie erkennen müssen. Mit dem Medaillon hätte der Betrüger jeder sein können, so- gar eine Frau. Margarita von Trenko womöglich? Eine ihrer eigenen Zofen? »Er hat Frederik gehalten!« »Tut Rubin das sonst nicht?« »Seit den Feierlichkeiten zu Frederiks Taufe habe ich nicht mehr gesehen, dass er seinen Sohn berührt hat.« Und dann sein Lachen. Es war nicht Rubins Lachen ge- wesen. Das Lachen eines Menschen konnte oft sehr spe- ziell sein. War sie diesem Lachen schon einmal begeg- net? »Dein Gemahl hätte seinen Sohn nicht in Gefahr ge- bracht.« »Oh, niemals. Erst vor ein paar Tagen erwähnte er, da- für sorgen zu wollen, dass Frederik als sein Erbe aner- kannt würde.« Nach einem Moment der Stille wurde ihr klar, dass der Baron es eigentlich als Frage gemeint hatte. Schließlich war sie nun die Fachfrau, was Rubins eheliches Verhal- ten anging. Aber Rubin würde seinem Sohn nichts antun,, es sei denn…? Es sei denn, er hatte bereits zwei Gemah- linnen ermordet und wollte sich einer dritten entledigen, damit er die schöne Margarita ins Bett bekam, die adeli- gen Blutes und somit nur durch eine rechtmäßige Ehe- schließung zu haben war …? Als Johanna den alten Ba- ron anstarrte, sah sie in seinen Augen das Grauen, das nicht ausgesprochen werden durfte. Niemand würde ei- nen Mann verdächtigen, den eigenen Sohn zu ermorden, nur um ein unerwünschtes Eheweib loszuwerden. Ganz zu schweigen von drei unschuldigen Unbeteiligten. Aber wenn der Großherzog nicht in der Kutsche gesessen hat- te, konnte er dann der Mann auf dem Pferd gewesen sein? »Wollt Ihr etwa sagen«, fragte sie, obwohl Ernst be- wusst nichts sagte, »dass die Absicht darin bestand, mich und Frederik zu töten?« Nein, das war nicht richtig … Ernst hatte einen ganzen Tag Zeit gehabt, darüber nach- zudenken. »Oder nur Frederik zu töten? Dass ich eigent- lich hier in Fadrenschloss und gar nicht in der Kutsche sein sollte? Dass es ein Plan Volpes war, um Frederik zu beseitigen, damit Karl wieder an zweiter Stelle der Thronfolge stünde?« Gewiss war das Unsinn. Wenn Volpes Vorstellung von Ehre es ihm verbot, seinen Neffen abzusetzen, wie konnte er dann ein unschuldiges Kind ermorden, um ei- nen lasterhaften Sohn zu fördern, den er verachtete? Steckte demnach Karl dahinter? Er hätte durch Fred- eriks Tod am meisten zu gewinnen. Immerhin wäre er, wieder an zweiter Stelle der Thronfolge. Lächerlich! Karl war nicht in der Lage, mehr als einen schäbigen Verfüh- rungsversuch in die Wege zu leiten. Also? Also kam Johanna wieder auf den Umstand zurück, dass sie nur zufällig in Krupa gewesen war. Sie hätte nicht im Palast sein sollen, folglich war der falsche Her- zog gezwungen gewesen, sie ebenfalls mitzunehmen. Es war Frederik gewesen, durch den die Gefahr eines Um- sturzes heraufbeschworen wurde. Hätte Volpe seinen frü- heren Platz als mutmaßlicher Erbe wieder, wäre die Be- drohung eines Staatsstreichs vorbei. Rubin war nicht ge- rade der Mutigste. Er hasste alles, was sein stilles Leben ausgewählter fleischlicher Genüsse störte, und was nach seinem Tod aus Krupina wurde, kümmerte ihn keinen Deut. Aus diesem Winkel betrachtet, wäre Frederik ein Fehler gewesen, vielleicht ein Fehler, den es zu berichti- gen galt. Natürlich hatte der falsche Herzog keine Ah- nung von dem Hinterhalt gehabt. Johanna schüttelte sich, um die Albträume zu vertrei- ben. Der Baron musterte sie. Er wirkte um zehn Jahre älter als noch zwei Tage zuvor. »Gebt mir einen Rat, Herr«, forderte sie ihn auf. »Das kann ich nicht«, antwortete er verärgert. »Ich bin zu alt, um ein solches Gewirr aufzulösen. Ich sehe so vie- le mögliche Erklärungen! Gab es zwei Verschwörungen? Oder war es eine Doppellist? Wer war das beabsichtigte Opfer? Vielleicht wusste Rubin tatsächlich von einem, geplanten Staatsstreich, bei dem er gestürzt werden soll- te. Also schickte er dich und deinen Sohn in Sicherheit, ohne zu ahnen, dass Volpe so weit gehen würde, der Kutsche aufzulauern. Aber wo steckt dein Gemahl jetzt? Und wer herrscht in Krupa?« Und wagte sie es, dorthin zurückzukehren? »Ich bin noch nicht in der Lage zu reisen«, sagte Jo- hanna. »Natürlich nicht.« Der Baron stemmte seinen massi- gen Körper aus dem Stuhl und watschelte zum Fenster, um hinauszustarren. »Tageslicht!« Er seufzte. »Weder der Kutscher noch die Frau konnten identifiziert werden. Die Kutsche war nur noch Feuerholz. Aber die Pferde trugen das Brandzeichen des Großherzogs. Als wir die Leichen gestern holten, war es bereits zu spät, um noch eine Botschaft nach Krupa zu schicken, verstehst du? Zumindest kann ich das behaupten. Aber ich wage nicht, es noch länger hinauszuzögern. Heute muss ich eine Nachricht in den Palast senden. Sofort! Noch vor Ein- bruch der Dunkelheit wird jemand hier sein. Und wenn dein Verschwinden bereits bekannt ist, könnte noch frü- her jemand hier auftauchen. Dies ist der erste Ort, an dem man nach dir suchen wird.« Johanna erkannte, dass nicht nur sie selbst in Gefahr schwebte. Sie verbreitete die Gefahr wie eine Seuche. »Ihr dürft meinetwegen kein Wagnis eingehen, Herr.« Der Baron stand am Fenster wie ein steinernes Denk- mal und blickte hinaus auf die Berge. »Es ist kein Wag-, nis. Nur sehr wenige Menschen wissen, dass du hier bist, und sie mussten mir allesamt Verschwiegenheit schwö- ren. Immerhin könntest du auch durch die Wälder irren oder in der Hütte eines Köhlers Zuflucht gesucht haben.« »Nein!« Jäh stand sie auf, wodurch sie unverzüglich an ihre Wunden und Abschürfungen erinnert wurde. »Ihr dürft Euch nicht in Gefahr bringen!« Mit gerunzelter Stirn drehte er sich zu ihr um. »Sei nicht töricht, Johanna. Für ein paar Tage ist es keine Ge- fahr. Dein Gemahl hat dir gesagt, dass Aufwiegler im Begriff wären, den Palast zu stürmen. Du wurdest von einem Unbekannten entführt. Dein Gemahl ist tot. Er hat versucht, dich zu töten. Sein Onkel hat versucht, dich zu töten. Zwar können nicht alle diese Aussagen zutreffen, aber jede davon reicht als Grund, dich zu verstecken, bis es nachweislich sicher ist, um sich wieder an die Öffent- lichkeit zu wagen. Ich habe den Fuchsbau schon vorbe- reiten lassen.« »Aber die Gemahlin des Großherzogs vor ihm zu ver- stecken, muss doch mindestens Hochverrat sein!« »Unfug. Sie vor Aufwieglern zu verstecken, zeugt von wahrer Gefolgstreue. Fadrenschloss wird dir Zuflucht gewähren, und ich dulde keine Widerrede.« Nun war sie wieder das Kind. Sie ging zu ihm hinüber und umarmte ihn innig., Der Fuchsbau hatte sich nicht verändert. Er war bereits vor ihrer Ehe ihre Zuflucht gewesen, und nun würde er ihr denselben Dienst erneut erweisen. Frederik fand den seltsamen, gewundenen, düsteren kleinen Raum durchaus einen Besuch wert – aber nur, solange es dauerte, zur Pritsche am fernen Ende und wieder zurück zu tapsen. »Wir werden eine Weile hier bleiben, Liebling«, er- klärte ihm seine Mutter. »Sieh nur, wie hübsch alles für uns geputzt und vorbereitet wurde! Bist du hungrig? Dur- stig? Wir haben Essen hier. Und ich glaube, in dieser Ki- ste sind Spielsachen. Wir haben alles, was wir brau- chen.« »Muss aufs Töpfchen«, tat der Markgraf entschieden kund. Erschrocken sah Johanna sich um. Fast alles. Nachdem der Notfall bereinigt war – die Lösung be- fand sich unter dem Bett –, war Frederik rundum zufrie- den damit, seine Mutter für sich allein zu haben und nicht in einer Kutsche zu sein. Die eigenen Blutergüsse und Abschürfungen störten ihn, hingegen fand er ihr ge- schwollenes Auge sehr lustig. Fortwährend versucht er, darauf zu hauen. So wie kleine Jungs eben sind. »Ich hoffe aufrichtig, du legst das mit der Zeit ab«, meinte sie, während sie ihn abwehrte. So ziemlich das Einzige, was den Fuchsbau an Feinde, verraten konnte, wäre der Tobsuchtsanfall eines Zweijäh- rigen gewesen, den keine Steinmauer der Welt gänzlich zu dämpfen vermocht hätte. Doch nachdem Frederik ein, zwei Stunden die Spielsachen durch die Gegend gewor- fen hatte, nahm er auf dem Schoß seiner Mutter Platz, um einer Geschichte zu lauschen. Er schlief ein, bevor sie zu Ende war. Was sich als Glück erwies, denn Johan- na hatte ihn kaum zu Bett gelegt und zugedeckt, als auch schon leise die Glocke läutete. Sie eilte zum nächstgele- genen Guckloch, von denen es drei gab. Durch eines sah man auf die Straße, die zum Torvorwerk führte, durch eines auf den Burghof und durch das dritte in den großen Saal. Da durch keines etwas Aufsehenerregendes zu se- hen war, kehrte sie zu jenem zurück, das auf die Straße zum Schloss wies und wartete dort. Der Kurier, der an jenem Vormittag losgeritten war, konnte Krupa noch nicht erreicht haben, folglich konnte erst recht keine Antwort in Fadrenschloss eintreffen, aber Vamky lag nur ein paar Stunden entfernt. Wer immer nahte, musste auf der Suche nach der verschwundenen Großherzogin sein, und wie von Fader gesagt hatte, war dies der wahrscheinlichste Ort, um damit zu beginnen. Alsbald geriet eine Kavalkade in ihr Sichtfeld: Herolde, Standartenträger, ein Trupp der Palastgarde, der einen Mann in weltlicher Kleidung begleitete. Keine Rüstun- gen, kein Blau auf Weiß. Kurz darauf erkannte sie in der Vorhut des Trosses das herzogliche Banner. Also musste es Rubin sein. Eine Woge der Erleichterung erfasste sie., Ihr Eheleben war zwar alles andere als vollkommen ge- wesen, doch hätte es sich bei dem Neuankömmling um Volpe gehandelt, wären Verbannung und Armut ihr Los gewesen. Die Reiter verschwanden aus ihrem Sichtfeld. Johanna eilte zum nächsten Guckloch und beobachtete den Burg- hof. Der Großherzog ritt zu den Stufen. Der Baron warte- te, um die Zügel entgegenzunehmen. Gleich darauf gin- gen die beiden Männer zusammen hinein. Zweifellos würde Ernst zu Beginn lügen, was das Zeug hielt. Er würde erst zugeben, dass Johanna hier war, wenn er überzeugt wäre, dass die Absichten ihres Gemahls ehrenwert waren. Es würde ein schwieriges Un- terfangen werden, dies herauszufinden. Er konnte weder einen Staatsstreich noch einen Hochstapler oder ein ver- zaubertes Medaillon erwähnen, ohne preiszugeben, dass er mehr wusste, als er sollte. Johanna musste auf sein Zeichen warten. Die Soldaten stiegen ab und ließen die Pferde in der Obhut der Männer des Barons. Es war eine ziemlich große Begleitgarde. Gewiss hatten Gastgeber und Gast sich in das Sonnen- zimmer begeben, um sich ungestört zu unterhalten, und Johanna würde erst etwas erfahren, nachdem Rubin wie- der fort war. Falls er misstrauisch war, mochte er durch- aus eine oder zwei Wochen bleiben. Oder Fadrenschloss von seinen Männern durchsuchen lassen. Natürlich wäre das so, als bezeichnete er den Baron unverhohlen als Verräter und käme somit einer tödlichen Beleidigung von, Faders gleich, aber es war Rubin ohne weiteres zuzutrau- en. Ohne große Hoffnung schlich sie halb die schmale Treppe hinab zu dem Guckloch, das den großen Saal überblickte. Wieder war ihr Sichtfeld eingeschränkt, um- fasste kaum mehr als den Thron auf dem Podest am fer- nen Ende des Raumes und den Raum unmittelbar davor. Sonnenstrahlen fielen in schrägem Winkel ein, wirkten durch den Staub in der Luft silbrig. Uralte Banner hingen reglos von Sparren. Die beiden Männer kamen tatsächlich in ihr Sichtfeld und steuerten auf den Thron zu. Der Baron stapfte auf seinen Stock gestützt dahin und wirkte unnatürlich ver- kürzt. Und Rubins rechtes Bein hinkte leicht! Oh, bei den Geistern! Entsetzt starrte Johanna hinab, versuchte durch blanke Willenskraft, jenes Hinken hinfort zu wünschen, doch je besser ihr Sichtwinkel wurde, desto deutlicher kam es zur Geltung. Wo ein verzaubertes Medaillon her- stammte, konnte es weitere geben. War es dem Baron aufgefallen? Und falls nicht, würde er es rechtzeitig be- merken? Dann jammerte Frederik, und Johanna lief die Treppe hinauf, um ihn zu trösten, bevor er ihre Abwe- senheit bemerkte und aufschrie. Nun wusste sie, wie es dem Großherzog gelungen war, an diesem Vormittag so schnell von Krupa nach Fa- drenschloss zu reiten – er hatte es gar nicht getan. Statt dessen kam er aus Vamky. Und es war nicht der Groß- herzog., Es dauerte eine Weile, bis die gesamte Dienerschaft von Fadrenschloss zusammengerufen war und sich im großen Saal einfand. Als alle anwesend waren, konnte Johanna nur beobachten, was vor sich ging. Hören konnte sie nichts. Der Baron stellte den Großherzog vor, wenn- gleich so gut wie jeder im Schloss lange genug hier be- schäftigt war, um sich gut an ihn zu erinnern. Es folgte bestenfalls höflicher Jubel. Anschließend hielt der verkleidete Fürst Volpe eine kurze Ansprache. Johanna konnte sich die Worte ausma- len, sie wusste bloß nicht, wie viel sie wert war und konnte die Zahl nur raten. Bald darauf gingen die beiden Adeligen, und die Versammelten begaben sich zurück an die Arbeit. Wie viele Menschen kannten den Fuchsbau? Wie viele würden sich kaufen lassen? Schon ein einziger würde genügen. Mittlerweile war Frederik wieder aufgewacht und wollte essen. »Du solltest stolz auf dich sein«, meinte sie, während sie ihm Butter aufs Brot schmierte. »Noch keine drei Jah- re alt, und schon gibt es einen Preis auf deinen Kopf.« Grinsend betastete er mit beiden Händen seine Locken und versuchte, den Preis zu finden. Selbstverständlich würde es nicht als Preis bezeichnet. Gewiss war das Wort »Belohnung« verwendet worden, in Wahrheit aber handelte es sich um Blutgeld. Findet den armen, kleinen Thronerben, der in den Wäldern um- herirrt, und gewinnt ein Vermögen. Ein falscher Groß-, herzog brauchte sich keine Sorgen um seinen Ruf als Eh- renmann zu machen, denn der Ruf würde ihm nicht lange anhaften. Sobald das Ärgernis in der Thronfolge beseitigt war, konnte erden offiziellen Tod seines Vorgängers ein- fädeln und beginnen, unter dem eigenen Namen und Ge- sicht zu herrschen. Johanna fragte sich, ob Rubin bereits tot war. Wahr- scheinlicher jedoch, beschloss sie, schmorte er irgendwo in Gefangenschaft, bis sein Sohn ebenfalls aus dem Weg geräumt werden konnte. Die Stärke einer Monarchie lag darin, dass es keine Lösung war, ein gekröntes Haupt abzuschlagen: Der Großherzog ist tot, lang lebe der Großherzog! Frederik musste vor oder unmittelbar nach seinem Vater sterben. Und da eine geringe Möglichkeit bestand, dass seine Mutter ein Brüderchen oder Schwes- terchen im Leib trug, sollte sie besser auch ins Jenseits befördert werden. So wäre alles geregelt. Gegen Mittag ritt der Hochstapler mit seinen Soldaten die Straße hinab davon, aber die Glocke gab kein Zei- chen, dass alles wieder sicher war. Damit hatte Johanna gerechnet. Wenn Volpe eine Belohnung für ihre Ergrei- fung ausgesetzt hatte, wie sie vermutete, hatte er be- stimmt einige Männer zurückgelassen, die darauf warte- ten, dass jemand den Köder schluckte und sie verriet. Dann konnten sie die Gesuchten in Gewahrsam nehmen. Johanna wünschte, sie hätte sein Gefolge gezählt, als es eintraf, doch sie musste sich damit abfinden, mit einem, zum Brüllen gelangweilten Frederik einen Tag, vielleicht sogar mehrere allein zu verbringen. Mit drei Jahren würden die Trotzanfälle enden, hatte Ruxandra versprochen, doch bis dahin waren es noch ein paar Monate, und Trotzanfälle waren seine einzige Mög- lichkeit, Unzufriedenheit auszudrücken. Er konnte nicht verstehen, dass böse Menschen durch das Schloss schlei- chen und auf ein schreiendes Kleinkind lauschen moch- ten. Tatsächlich schien er zu spüren, dass Wutausbrüche ihm an jenem Tag mehr Aufmerksamkeit als üblich be- scherten, denn er setzte sie häufiger ein. Es gab Zeiten, in denen Johanna vermeinte, ihr Sohn triebe sie in den Wahnsinn. Gleichzeitig aber wusste sie, dass sie längst den Verstand verloren hätte, wenn er nicht bei ihr gewe- sen wäre. Als letztlich die Dunkelheit einsetzte, schloss sie die Läden vor den Gucklöchern, damit sie gefahrlos eine Kerze anzünden konnte. Frederik schlief ein und träumte vermutlich von einem weiteren chaotischen Tag. Johanna versuchte, ein Buch zu lesen, gab es auf, ließ die Laterne brennen und legte sich voll bekleidet hin, da sie wusste, der Ruf konnte jederzeit während der Nacht kommen. Zu ihrer Überraschung schlief sie, als es so weit war. Sofort war sie hellwach, ergriff die Laterne und humpelte die enge Treppe hinunter, wobei sie ob der Schmerzen in ihren steifen Muskeln mehrfach zusammenzuckte. Der Eingang zum Fuchsbau führte über die Oberseite eines Schranks. Sie kniete nieder, um die Riegel aufzu-, schieben und die Falltür zu öffnen, die so schmal war, dass der Baron die letzten vierzig Jahre nicht mehr ver- mocht hätte, sich nach oben hindurchzuzwängen. Aber er konnte noch auf einem Stuhl stehen, wenngleich wacke- lig. Sein Kopf tauchte neben ihren Knien auf. »Alles in Ordnung, Liebes?« Er sprach mit Flüster- stimme. »Uns geht es bestens. Es war Volpe! Habt Ihr sein Hinken bemerkt?« »Habe ich. Er bot eine Belohnung von je tausend Hy- rischen Dukaten für euch beide.« »Das ist alles?«, fragte Johanna entrüstet. »Ein ziem- lich geringer Preis für ein Herzogtum!« »Aber ein gewaltiges Vermögen für einen schwer schuftenden Arbeiter oder Küchengehilfen.« »Gewiss«, pflichtete sie ihm traurig bei. Vor gar nicht allzu langer Zeit wäre ihr der Betrag selbst wie ein ge- waltiges Vermögen erschienen. »Er hat sechs Männer hier gelassen«, verriet er ihr. »Wir lassen sie von Mädchen ablenken, trotzdem kann ich nicht lange bleiben. Braucht ihr etwas?« »Morgen, falls wir noch hier sind – mehr Spielzeug, frisches Wasser und einen frischen Nachttopf.« Sie ver- kniff es sich, der Aufzählung einen Knebel für ihren Sohn hinzuzufügen; dies war nicht die rechte Zeit für Scherze. Frederik weckte sie. Er wimmerte nur und heulte nicht,, mit ein wenig Glück würde er also wieder einschlafen. Johanna rollte sich zur Seite, stöhnte dabei ob ihrer Schmerzen und Blutergüsse und wollte gerade den Kopf unter dem Kissen vergraben, als ihr zu Bewusstsein kam, dass die Glocke läutete. Es war eine sehr kleine Glocke, die nur ein ganz leises Klingeln vernehmen ließ. Unauf- hörlich. Einmal Läuten für Alarm, drei Mal für alles in Ordnung – das waren die vereinbarten Zeichen, nun je- doch rüttelte jemand ohne Unterlass an dem Seil. Sie setzte sich auf. Aus der Ferne ertönten hämmernde Geräusche. Johanna wälzte sich aus dem Bett, ergriff die Laterne und lief die Treppe hinab, um der Ursache auf den Grund zu gehen. Jemand pochte gegen die Falltür, versuchte, sie zu wecken. Dann roch sie Rauch. Fadrenschloss war uralt; es würde brennen wie Zun- der. Sogleich waren alle ihre Wehwehchen vergessen, und sie stürzte zurück hinauf in die kleine Kammer … sammelte Mantel, Schuhe und ihren Sohn in seiner De- cke … hetzte im Dunklen wieder die Treppe hinab … und Frederik begann angesichts eines weiteren, unsanften Erwachsens lauthals zu weinen. Nun war der Lärm lauter und ließ auf die heftigen Schläge eines Hammers schlie- ßen, die ihre Füße durch den Steinboden sogar spüren konnten. Noch bevor sie sich daran machen konnte, die Riegel aufzuschieben, gaben sie nach, und die Falltür wurde aufgeschleudert. Grelles Licht und ein Schwall Rauch, der in den Augen brannte, drang nach oben. Die, Menge des Hustens unter ihr legte nahe, dass ein be- trächtliches Empfangskomitee auf sie wartete. »Nehmt ihn!«, rief sie und legte ihren Sohn in die auf- tauchenden Arme. Selbst wenn sie Volpe höchstpersön- lich gehörten, war es kein Ausweg, bei lebendigem Leib zu verbrennen. Dann verdrängte sie alle Scham, steckte die Füße durch die Lücke und spürte, wie zahlreiche star- ke Hände sie ergriffen und hinunterhoben. Johanna trug nur ein Nachtkleid, einen Mantel und ihre Schuhe; die Hände verweilten etwas länger als nötig auf ihr. »Hauptmann Aldea, Königliche Hoheit«, stellte sich eine zufrieden klingende Stimme vor. Groß, kräftig, unbeirrbar und mit der Vorstellungskraft einer Stechmücke geschlagen. Jeder Versuch, Aldea zu erklären, dass der Mann, den er für seinen Herrscher hielt, in Wahrheit ein Thronräuber mit einem verzauber- ten Medaillon war, schien von vornherein zum Scheitern verurteilt. Johanna hatte ein ebensolches Medaillon da- bei, doch sich plötzlich selbst in Rubin zu verwandeln, war nun auch keine Lösung mehr. Sie hustete, als der Rauch in ihre Lungen drang. »Kommt mit!«, forderte Aldea sie auf. »Wir sollten schnellstens hier raus. Allmählich wird es gefährlich.« Damit packte er sie am Arm und zerrte sie auf den Gang hinaus. Johanna setzte sich zur Wehr. »Lasst mich gefälligst los!« »Nein.« Offenbar besaß Aldea doch genug Vorstel-, lungskraft, um zu erkennen, dass sie versuchen könnte, in den Wirren zu fliehen. Er zwang sie, in Bewegung zu bleiben. »Der Baron sagt, das gesamte Schloss wird gleich in Rauch und Flammen aufgehen.« Mit seinen Fingern gleich Stahlbändern um ihren Arm eilte sie neben ihm her. Inmitten des Hustens vor ihr hör- te sie Frederiks Geschrei. Außerdem vernahm sie ein ent- setzliches Gebrüll, das an das Tosen eines Wasserfalls erinnerte, und sie fürchtete, es stammte vom Feuer selbst. »Hat der Herzog Euch ermächtigt, Fadrenschloss in Brand zu stecken?«, fuhr sie ihn an. »Das war nicht unser Werk, Hoheit. Der Baron glaubt, dass eine Feuerfliege ihr Unwesen treibt. Oh … bei den Toten!« Sie hatten die Tür zum großen Saal erreicht. Eine Seite davon glich einer Feuerwand, die durch dichten Rauch schimmerte. »Da können wir nicht rein!«, schrie ein anderer Mann. »Kennt Ihr einen anderen Weg nach draußen, Ho- heit?«, fragte Aldea. »Ja. Lasst meinen Arm los.« Sie wartete, bis er es tat. »Und jetzt folgt mir!« Sie drängte sich durch die Menge, ergriff eine Laterne und lief voraus, wobei sie auf Fred- eriks Geschrei lauschte, um sich zu vergewissern, dass man ihr mit ihm folgte. An der Tür zum Keller zögerte sie kurz. Ihr graute vor dem Gedanken, sich dort hinunter zu begeben, unter das gesamte Gewicht des Schlosses, aber sie konnte ihren Sohn nicht dem Feuertod überlas-, sen. Gefolgt von dem Trommelwirbel zahlreicher Stiefel stolperte Johanna die Treppe hinab in kühle, frischere Luft. Als sie sich mit einer Tür plagte, griffen Männer- hände an ihr vorbei und rissen diese förmlich aus den Angeln. Wieder hinauf. Sie gelangte auf den Burghof und stieß vor Bestürzung einen spitzen Schrei aus. Unter der Flammensäule, die vom Neuen Haus – das bei weitem nicht den jüngsten Teil der Anlage darstellte – in den Himmel ragte, war die Nacht taghell. Selbst auf diese Entfernung war die Hitze schier unerträglich. Un- geachtet aller Bemühungen der Stallknechte waren meh- rere Pferde in Panik geraten und hatten sich losgerissen; nun tobten sie wie wahnsinnig über den Hof und brach- ten jeden in Gefahr. Hinter ihr explodierte der große Saal in einer riesigen Rauchwolke. Feuerbälle quollen aus je- dem Fenster und schleuderten Trümmer durch die Ge- gend. »Dort entlang!« Sie zerrte an dem Mann, der Frederik trug, und umklammerte seinen Arm, als sie zum kleine- ren Torvorwerk rannten. Zeitweise mussten sie sich eng an die Mauer drücken, während die zu Tode verängstig- ten Gäule an ihnen vorbeidonnerten. Der Boden war von glimmendem, rauchenden Schutt übersät. Mit der freien Hand hielt sie den Saum ihres Nachtkleids hoch, da sie fürchtete, es könnte sonst in Brand geraten. »Halt!«, gellte jemand. »Da ist sie! Bleibt stehen! Die Fliege! Bewegt euch nicht.« Die Männer vor ihr hielten so unvermittelt inne, dass, Johanna an ihren Rücken zurückprallte. »Lauft! Lauft! Lauft!« »Nein!«, brüllte Hauptmann Aldea. »Alles stillgestan- den. Redet nicht einmal.« »Was ist das für ein Wahnsinn?«, schrie Johanna. Rings um sie waren die Flüchtenden zu Salzsäulen er- starrt. Frederik schluchzte. Sie versuchte, sich zwischen zwei Männern hindurchzuzwängen, doch abermals schlossen Aldeas stählerne Finger sich um ihren Arm. »Steht still!« Er hörte sich an, als versuchte er zu spre- chen, ohne den Mund zu bewegen. »Es ist die Feuerflie- ge.« Sie schaute hin, wo alle anderen hinstarrten, und sah … einen Funken? Einen Stern? Was immer es sein mochte, es überstrahlte selbst die gewaltige Feuersbrunst des Neuen Hauses dahinter. Der Schein war so grell, dass es in den Augen schmerzte. Das Ding kreiste über dem Burghof, als würde es an einem unsichtbaren Seil ge- schwungen. Es war kaum zu verfolgen, da es helle Linien und Kreise auf ihren Netzhäuten hinterließ. Lebte es et- wa? Ein lebendiges Feuer, das sich an den Wirren erfreu- te, die es angerichtet hatte? »Wie tötet man das Ding?«, murmelte ein Soldat. »Das kann man nicht«, murmelte Aldea, ohne die Lip- pen zu bewegen. »Der Baron sagt, sie leben nicht lange.« Brauchten sie auch nicht. Aus unerfindlichem Grund stürzte die Feuerfliege nun trudelnd auf die Pferde zu, die in der Ecke neben dem Verbindungsflügel in der Falle, saßen, wo sie sich wild aufbäumten und um sich traten. Erst kreiste sie dicht über ihnen, als nähme sie Maß, dann schnellte sie mitten in die Herde. Ein Pferd explodierte unter Dampf und Feuer zu einem Schauer verkohlten Fleisches. An seiner Stelle tänzelte wieder die Feuerflie- ge. Mit ähnlichem Ergebnis traf sie ein weiteres Tier. »Bewegt euch!«, befahl Aldea. »Aber langsam. Bloß nicht rennen. Wir müssen hier raus.« Diese Aufforderung bedurfte keiner Wiederholung. Der Rauch, die Hitze und die herabprasselnden Trümmer wurden unerträglich. Es war kaum noch Luft zum Atmen vorhanden. Johanna drängte sich dicht an Frederik, der in seiner Decke nach Leibeskräften schrie, während die ge- samte Gruppe die Mauer entlangschlich und dabei das grauenhafte Gemetzel an den Pferden beobachtete. Als fünf oder sechs der Tiere vernichtet waren, schien die Feuerfliege des Spielchens überdrüssig zu werden. Sie stieg auf und verharrte einen Augenblick schwebend, dann fuhr sie in kreisendem Sturzflug und geradewegs durch eine Mauer in den Verbindungsflügel. Mit einem Schlag waren alle Fenster hell erleuchtet. Das Dach des großen Saals stürzte ein und sandte un- vorstellbare Funkenwolken zu den Sternen. »Jetzt!«, rief Aldea, aber es rannten ohnehin bereits al- le. Sie drängten sich zur Nebenpforte, dann ließen sie Johanna und den Mann mit Frederik vorauslaufen. Sie wankte hinaus in Dunkelheit und frische, klare Luft. Sogleich nahm sie ihren Sohn an sich, drückte ihn und, murmelte ihm tröstende Worte zu, um sein Entsetzen zu lindern. »Kommt, Hoheit«, forderte Aldea sie auf. Zwar hielt er sie nicht mehr fest, aber er blieb in Griffweite. »Wir sind immer noch zu nah.« Er und seine fünf Untergebenen umringten sie und trieben sie über die Wiese zur Straße. Sonst kam nie- mand mit ihnen. Eine Reihe Obstbäume hinter der Straße schimmerte, als hätte ein strahlender Sonnenuntergang sie erfasst. Dort standen zahlreiche Leute und bezeugten den Tod von Fadrenschloss, obwohl selbst auf diese Ent- fernung noch lodernde Trümmer herabregneten und die Bäume zu wenig Blätterwerk hatten, um Schutz zu bieten. Als sie bei der Menge eintraf, drehte sie sich um und starrte auf die Verheerung. Der uralte Turm ragte inmit- ten eines Flammenwalds auf. Wäre sie im Fuchsbau ge- blieben, wäre sie wie Brot gebacken worden, selbst wenn der Turm nicht eingestürzt wäre, was er vermutlich noch würde. Ganz Fadrenschloss brannte lichterloh. Immer mehr Dächer brachen in sich zusammen und sandten wil- de Funkenwirbel himmelwärts in die Nacht. Irgendwo in der Nähe musste auch der Baron sein. Jo- hanna graute bei dem Gedanken, ihm ihr Mitgefühl für eine solch allgewaltige Katastrophe ausdrücken zu müs- sen. In gewisser Weise war es ein Glück, dass er so alt war und keine Erben hatte. »Schwört Ihr, dass dies nicht Euer Werk war?«, ver- langte Johanna von dem Hauptmann zu erfahren., Aldea schaute auf sie herab – er war ein sehr großer Mann. »Ihr habt die Feuerfliege mit eigenen Augen ge- sehen, Hoheit.« »Und woher kommen Feuerfliegen?« Er verzog den Mund zu einem sonderbaren Lächeln. »Von Beschwörern, erzählt man sich gemeinhin.« »Von Fürst Volpe womöglich?« »Das habe ich nicht behauptet.« »Aber ich behaupte es! Und wessen Befehlen gehorcht Ihr?« »Denen des Großherzogs, Euer Gnaden.« Misstrauisch verengte er die Augen zu Schlitzen, vermutlich weil er ihre Frage verwirrend fand. Ssssurr! »Häh?«, stieß Aldea verdutzt hervor und kippte vornüber. Eine abgehackte Armbrustsalve, ein paar Schreie, und sechs Männer lagen auf dem Boden. Aus einigen ragten grässliche Stacheln des Todes. Frederik hatte das Gesicht an ihrer Schulter vergraben, folglich hatte er es nicht ge- sehen. Selbst wenn, hätte er es nicht verstanden. Johanna wusste, dass sie entsetzt sein sollte, doch sie war vom Übermaß der Schrecken rings um sie wie betäubt. Eines der Opfer versuchte, sich auf Hände und Knie zu rappeln. Der Baron trat mit einem beidhändigen Breit- schwert vor und schlug ihm den Kopf so sauber ab wie ein geübter Scharfrichter. »Sie haben nur Befehle befolgt!«, begehrte Johanna halbherzig auf., »Und das hätten sie auch weiterhin!« Der Baron glich einer wilden, hutlosen Gestalt in nicht zusammenpassen- den, halb zugeknöpften und geschnürten Kleidern. Das schüttere, weiße Haar und der Bart standen in alle Rich- tungen ab; seine Augen leuchteten im Schein des Feuers wie die eines Wahnsinnigen. »Sie wären uns gefolgt. Wir müssen fort. In Vamky hat man das Feuer bestimmt ge- sehen. Los doch!« »Wohin? Gewiss überwachen sie die Straßen.« »Sie haben Straßensperren errichtet«, knurrte von Fa- der. »Sie wollten dich ausräuchern. Aber in diesen Wäl- dern fängt mich niemand! Manfred, nimm das Kind. Gunter, wirf diese Leichen ins Feuer. Komm, Johanna, wir haben ein paar Kleider gerettet, die dir passen soll- ten.«,

III

UND ZUR SICHT IM NU, Eine verängstigte Motte umschwirrte einen Kerzenleuch- ter und geriet dabei in Raunzers Reichweite. Seine Hand zuckte vor und fing sie, zerquetschte sie. »Ich habe noch nie von Feuerfliegen gehört«, sagte er. »Wieso auch?«, fragte sein Mündel müde. »Du bist kein Soldat.« Die Großherzogin war mutig, entschlossen und eh- renwert, und nun konnte Glockmann auch Geduld in die Liste ihrer Tugenden aufnehmen, denn dies war gut und gern das sechste Mal, dass Raunzer ihre Geschichte un- terbrochen hatte. Die anderen hatten erkannt, dass sie es vorzog, sie auf ihre eigene Weise zu erzählen, und res- pektierten ihr Recht darauf, nicht aber Raunzer. Zarte Hinweise versagten bei ihm ebenso wie Ringwalds Dro- hungen. Vor den Fenstern war es noch dunkel, dennoch konnte das Morgengrauen nicht mehr weit sein. Glockmanns Lider fühlten sich unendlich schwer an; sogar die Klin- gen sahen aus, als könnten sie etwas Rast gebrauchen, und Schwester Trudy wirkte erschöpft und kaum noch aufnahmefähig. Ringwald nützte die Pause, um sich zu erheben und einige rauchende Kerzen zu löschen und durch neue zu ersetzten. »Wärt Ihr ein König oder ein Prinz, Sir Raunzer«, fuhr die Herzogin fort, »der eine Burg belagert, wäre es für, Euch am besten, die Vamky-Bruderschaft anzuheuern. Sie verfügt über zahlreiche geheime Kriegsbeschwörun- gen. Eine davon ist die Feuerfliege. Wie könnte ein Boll- werk je Feuerfliegen standhalten?« »Oh«, entgegnete Raunzer. »Und ist das derselbe Zweck, für den die Schattenherren eigentlich vorgesehen sind?« Er war nicht dumm, nur gedankenlos. »Wie brin- gen sie Schattenherren in eine Burg?« »Wir wissen nicht einmal, wie sie die Schattenherren in diesen Ort geschleust haben«, meldete Ringwald sich zu Wort. »Bitte fahrt fort, Hoheit.« Glockmann stellte sich vor, wie es sein musste, in ei- ner belagerten Festung eingekerkert zu sein und von Schattenherren heimgesucht zu werden. Sogleich ver- suchte er, den Gedanken wieder zu verdrängen. Burgen besaßen Verliese und Keller, in denen die Schauergestal- ten ewig umherschleichen konnten. Eine Feuerfliege hin- gegen würde wie ein Frettchen in einem Kaninchenbau wirken und dafür sorgen, dass die Verteidiger aus jedem Fenster sprangen. Er fragte sich, wie viel die Brüder wohl für ihre todbringenden Dienste verlangten. »Wir sind müde, und es ist sehr spät«, meinte Johanna. »Ich wollte nur die Gelegenheit nützen, solange der Ba- ron nicht anwesend ist, um zu erklären, weshalb Ihr ihn nicht verdächtigen dürft, mich zu verraten. Manchmal behandelt er mich immer noch wie ein Kind, aber so ist er nun mal. Vergesst nicht, er ist betagt. Und er hat alles verloren. Besitzlos, in die Verbannung getrieben und, nach einem Leben ehrenvoller Dienste zum Verräter ge- stempelt! Ich sehe ihm seine gelegentlichen Wutanfälle nach.« Sie lächelte. »Ich habe zu viel geredet, und Ihr habt zu lange zugehört. Später heute erzähle ich Euch von unserer Reise aus Krupina hierher. Anschließend können wir besprechen, wie ich zurück in meine Heimat gelange.« »Spart Euch die Mühe«, brummte Raunzer. »Ihr kehrt nicht dorthin zurück.« Glockmann hatte etwas in der Art erwartet. Das Lächeln der Herzogin ermattete und verschwand. »So redet Ihr nicht mit mir, Sir Raunzer!« »Wenn es sein muss sehr wohl. Ringwald und ich ha- ben geschworen, für Eure Sicherheit zu sorgen. Wir wer- den nicht zulassen, dass Ihr in diese Schlangengrube zu- rückstolpert.« Mit flammend roten Zügen erhob sich Johanna. »Ihr werdet tun, was ich sage.« Auch Glockmann stand auf. Ringwald wandte sich von den Kerzen ab. Raunzer lehnte sich nur auf dem Stuhl zurück und grinste. »Nein, Ihr werdet tun, was wir sagen! Unsere Treue gilt unserem König, nicht Euch. Wir dienen dem Piraten- sohn, indem wir Euch beschützen. Hat Großmeister Euch das nicht erklärt?« »Sei still, Raunzer!«, herrschte Ringwald ihn an. »Das ist weder die rechte Zeit noch der rechte Ort dafür.« »Der Zeitpunkt ist so gut wie jeder andere!«, fauchte, sein Mündel. »Begreift gefälligst, dass es mir keinerlei Freude beschert hat, eine Herzogin zu sein und mein Gemahl bereits so gut wie sicher tot ist. So weit es mich betrifft, kann Volpe Krupina ruhig haben. Aber mein Sohn ist noch am Leben. Ich habe ihn in einer sicheren Zuflucht gelassen, und jetzt besteht meine erste Pflicht darin, ihn zu holen. Meine zweite ist es, dafür zu sorgen, dass er sein Erbe antreten kann, denn er ist entweder der rechtmäßige Thronfolger oder bereits der rechtmäßige Herzog. Um seinetwillen müssen die Verräter sterben. Das ist meine Mission, und Ihr beide werdet mich dabei unterstützen. In dieser Hinsicht dulde ich keine Widerre- de. Wenn ich König Athelgar darum bitten muss, die nö- tigen Befehl zu erteilen, soll es mir recht sein!« »Klingen nehmen von niemandem Befehle entgegen«, erklärte Raunzer, bevor Ringwald das Wort an sich rei- ßen konnte. »Euer Balg geht uns nichts an. Schickt doch Glockmann, um ihn zu holen, wenn Ihr wollt. Wir ersu- chen den Piratensohn, Euch eine kleine Rente zu gewäh- ren, suchen Euch irgendwo ein sicheres Häuschen, und das war’s dann auch schon. Der Baron und seine beiden Lakaien können ja mit verbundenen Augen auf Wild- schweinjagd gehen, wenn ihnen danach ist, aber Ihr bleibt hier in Chivial. Unter falschem Namen.« Sie drehte sich zu Ringwald um, als erwartete sie, dass er sich dieser Gehorsamsverweigerung annähme. Glock- mann überlegte, wen er mehr bedauerte, Mündel oder Klinge; beide waren ihr Leben lang an diesen Stoffel ge-, bunden. Der arme Ringwald war im Verlauf ihrer Ge- schichte immer trübsinniger und zerknirschter geworden. Er musste von Anfang an gewusst haben, dass er ein Jun- ge war, der mit der Aufgabe eines Mannes betraut wor- den war. Nun aber war ihm klar, dass er eine Armee brauchte, und welche Armee in Euranien wäre wohl be- reit, die furchteinflößende Vamky-Bruderschaft auf de- ren heimischen Boden herauszufordern? Selbst wenn er einige Jahre älter wäre, die Ausbildung in Eisenburg be- endet hätte und ein Dutzend erstklassiger Klingen befeh- ligte, die allesamt fochten wie Sir Cedric, wären die Aus- sichten auf Erfolg immer noch gleich null. Die Herzogin machte sich etwas vor. Dann schaute sie auf der Suche nach Unterstützung zu Glockmann, der am liebsten aufgeheult hätte – vor Gram, Verzweiflung und Wut. Er wünschte sehnsüchtig, er hät- te etwas, um ihr Trost zu spenden, doch alles, was Raun- zer gesagt hatte, war zutreffend. Selbst wenn ihre Klin- gen ihr bei ihrem Unterfangen helfen wollten, würden ihre Bindungen sie wahrscheinlich zwingen, es zu ver- hindern. Aber das war ein Problem für eine andere Zeit, wenn sie nicht alle so müde waren. Vorläufig konnte er sie nur ablenken. »Ich habe ein paar Fragen über den Baron, Hoheit, die ich lieber in seiner Abwesenheit stellen möchte. Diese früheren Anschläge auf Euch, nachdem Ihr Fadren- schloss verlassen hattet und bevor Ihr hierher nach Chi- vial kamt. Wo fanden sie statt? Erfolgten sie alle durch, Schattenherren?« Verwirrte legte sie die Stirn in Falten. »Nur einer – in Blanburg. In Brikov, Cosanza und Château Bellçay wur- de es mit anderen Verfahren versucht. Warum?« »Ihr habt zuvor gesagt, jene Anschläge stammten aus Krupina, womit Ihr angedeutet habt, die Beschwörung würde in Vamky durchgeführt. Ritualmeister hat mir er- zählt, er hätte noch nie von Geisterzaubern gehört, die auf solche Entfernungen wirksam wären. Wie Ihr wisst, beschränkt die Wirkung sich fast immer auf den Bereich innerhalb des Oktogramms. Er meinte, höchstwahr- scheinlich sei jemand in der Nähe dafür verantwortlich. Es könnte sich um einen mitgebrachten Zauber handeln, der ausgelöst werden kann, aber das müsste jemand aus nächster Nähe tun.« »Seid Ihr ein Fachmann der Beschwörungskunst, Mei- ster Glockmann?« »Nein, Hoheit. Aber das Wetter ist nicht überall das- selbe. Selbst in Kahlmoor kann ein Schneesturm toben, während in Grandon die Sonne scheint. Wie konnten Fürst Volpe oder seine Handlanger dann in Vamky wis- sen, dass der Himmel hier in Chivial in jener Nacht dun- kel genug für Schattenherren war? Wer hat Euch gesagt, dass die Anschläge von Vamky aus gesendet würden?« Sie zögerte kurz, bevor sie antwortete. »Ich kann mich nicht erinnern.« Was bedeutete, dass sie den Baron schützte. »Wollt Ihr damit sagen, dass uns jemand ge- folgt ist?«, Nein, das meinte er nicht. »Habt Ihr nicht versucht, Eure Spuren zu verwischen?« »Selbstverständlich haben wir das.« »Wie viele Herrscher habt Ihr auf Euren Reisen um Unterstützung für Euer Unterfangen gebeten?« Diese Dame war zwar nicht dafür geboren worden, ei- ne Krone zu tragen, aber sie hatte gelernt, sich von den eigenen Bediensteten keine Verhöre gefallen zu lassen. Sie lief rot an. »Welchem Zweck dienen diese Fragen?« »Ich erkläre es Euch gleich, Euer Gnaden. Glaubt mir, sie sind wirklich wichtig. Lasst mich eine letzte stellen. Wie viele Male seid Ihr auf Verständnis gestoßen und wo?« Sie zuckte zusammen, wodurch sie seinen Verdacht bestätigte. Doch dann richteten ihre Zweifel sich unver- mittelt auf ihn, und sogar Ringwald beobachtete ihn mit finsteren Blicken. »Mit wem habt Ihr geredet?«, verlangte die Herzogin zu erfahren. »Antwortet!« »Mit niemandem, Hoheit. Es war nur eine Vermutung. Was mich allerdings überrascht hat, war, wie bereitwillig Ihr die Geschichte des Hochstaplers geglaubt habt, als er mitten in der Nacht in Euer Schlafgemach platzte.« »Meister Glockmann!…« Die Herzogin zügelte ihren Zorn und fuhr in gefassterem Tonfall fort. »Ich habe doch erzählt, dass der Baron mich an eben jenem Tag vor einem möglichen Staatsstreich gewarnt hatte.« »Ja, das habt Ihr«, bestätigte Glockmann unglücklich., »Und wie hättet Ihr Euch ohne seine Warnung verhalten? Noch etwas. Manfred fand ein Medaillon. Der Baron er- kannte, dass es verzaubert war. Wie? Legte er es etwa vor einem Spiegel an? Eine Frau könnte so etwas tun, aber ein Mann? Verdächtigt er alles, was er sieht, verhext zu sein?« »Worauf wollt Ihr hinaus?« »Ihr habt uns gesagt, der Baron rühme sich, etwas von Kräuterkunde zu verstehen, aber er sei kein Beschwö- rer.« »Das ist er auch nicht! Ebenso wenig wie Ihr. Wenig Wissen auf diesem Gebiet kann gefährlich sein.« »Ja, Euer Gnaden.« Zunächst schien es, als wollte sie auf die verschleierte Anschuldigung nichts erwidern. »Ernst ist über die Kunst der Geisterbeschwörung gut unterrichtet«, räumte sie ein. »Er hatte zwei jüngere Brüder in der Bruderschaft. Beide starben vor langer Zeit auf fernen Schlachtfeldern. Dass er ein Adeliger ist und ein Soldat war, bedeutet noch lan- ge nicht, dass er dumm sein muss! Als sein Zuhause nie- derbrannte, verlor er eine der besten Bibliotheken von ganz Krupina. Er ist ein kluger, gebildeter Mann. Und er ist kein Beschwörer.« »Aber jemand in seinem Umfeld ist ein Beschwörer, Hoheit«, gab Glockmann zurück. »Ist es nicht merkwür- dig, dass der Staatsstreich so kurz, nachdem Ihr gewarnt worden seid, stattgefunden hat? Und noch merkwürdiger, dass die Neuigkeit Euch überhaupt erreicht hat – ausge-, rechnet über den Baron? Dass der Leichnam des Betrü- gers zwar verschwand, ihm aber praktischerweise das Medaillon im Fallen an einem Busch vom Hals gerissen wurde? Dass der Baron daran dachte zu prüfen, ob das Medaillon verzaubert sei? Wer wusste etwas über Feuer- fliegen? War das nicht auch er? War er es, der Euch er- mutigt hat, an Fernbeschwörungen zu glauben? Ihr habt so gut wie zugegeben, dass jedes Mal, wenn Ihr auf einen Herrscher wie König Athelgar gestoßen seid, der bereit war, sich Eure Geschichte anzuhören, durch Geisterbe- schwörungen Anschläge auf Euch verübt wurden. Zufall? Oder Verrat?« »Nein!« Der Schrei der Großherzogin schreckte Trudy auf, die alle Mühe hatte, die Augen offen zu halten. »Es tut mir aufrichtig Leid, Hoheit«, sagte Glockmann und meinte es aus ganzem Herzen, »aber in dieser Suppe schwimmen zu viele Fliegen. Eine oder zwei könnte ich schlucken, aber nicht so viele. Jemand in Eurem Umfeld arbeitet für Eure Feinde.« »Soviel scheint offensichtlich«, meinte Raunzer. »Morgen lassen wir alle drei von Inquisitoren verhören – den Baron, Manfred und Harald.« Ringwald warf Glockmann ein Lächeln zu. »Gut ge- macht, Bruder! Bitte erzählt uns von Manfred, Hoheit.« »Manfred? Ach, das ist doch lächerlich!« Sie wirbelte herum und schritt auf das Podest zu, als hätte sie vor, den Thron zu besteigen. Dann drehte sie sich wieder um. »Manfred ist dem Baron inniglich ergeben, inniglich! Er, hat sein ganzes Leben für ihn gearbeitet. Ich weiß von ihm, dass seine Familie den von Faders seit vier Genera- tionen dient. Er hat seine Frau und …« »Und?«, forderte Ringwald sie auf fortzufahren. »Er hat seine Frau und Familie zurückgelassen.« Die Herzogin schaute in die Runde der besorgten Gesichter. »Aber seine Kinder sind erwachsen …« »Und Harald?« Sie seufzte und blickte auf ihre Hände hinab. »Wenn es schon jemand sein muss, dann am ehesten Harald. Sein Vater ist der Seneschall des Barons, so wie dessen Vater vor ihm, aber Harald ist einer von vielen Söhnen, und alle sind riesig. Er war Novize im Kloster, weil er in die Fußstapfen seines älteren Bruders Radu treten wollte. Es war Harald, der seinem Vater von der Verschwörung erzählt hat, und Priboi hat dem Baron davon berichtet. Als Fadrenschloss brannte, war das Feuer von Vamky aus zu sehen, aber den Brüdern wurde verboten, hinüber- zureiten und zu helfen. Die Disziplin innerhalb des Or- dens ist so streng, dass ein Ritter ohne Erlaubnis nicht einmal seine Steigbügel einrichten darf. Das Erste, was ein Novize schwören muss, ist uneingeschränkter Gehor- sam. Später erfuhr Harald, dass bereits Brüder in der Nä- he von Fadrenschloss waren, die sämtliche Straßen nach draußen versperrten aber nichts unternommen hatten, um zu helfen. Sie haben nur gewartet und gehofft, mich zu fangen. Harald war darüber so erbost, dass er das Kloster verließ. Er trat aus dem Orden aus.«, Die Männer aus Eisenburg tauschten Blicke. »Ist das denn gestattet?«, fragte Raunzer. »Es kommt sogar recht häufig vor«, erklärte die Her- zogin. »Nur wenige Anwärter schaffen es bis in die Rit- terschaft. Nachdem Harald sich vergewissert hatte, dass seine Familie in Sicherheit war, ist er uns nachgereist und hat uns in Brikov eingeholt. Der Baron hat ihn auf- genommen. Harald ist gebildet, sprachgewandt und stark wie ein Ochse. Ich habe ihn noch selten ohne ein Lächeln auf dem Gesicht gesehen.« Zornig blickte sie in die an- klagenden Mienen. »Ihr denkt, er wurde geschickt, um uns zu bespitzeln, richtig? Nun, ich glaube das nicht. Der Baron würde ihm sein Leben anvertrauen.« »Ehrlich gesagt, erscheint mir das im Augenblick we- nig ratsam, Euer Gnaden«, meinte Glockmann. »Traf er vor oder nach dem Anschlag auf Euch in Brikov ein?« Sie zögerte, wog die Folgen ihrer Antwort ab. »Da- vor.« »Harald muss verhört werden, aber wir müssen nicht unbedingt die Inquisitoren hinzuziehen. Wenn unsere Schwester hier bereit ist, uns zu helfen und … Schwester Gertrude?« Trudy hielt eine Hand am Hals, als wäre sie dabei er- starrt, wie sie ihn rieb. Sie starrte wie gebannt durch den Raum auf einen Wandteppich, der einen Lautenspieler und eine tanzende Frau zeigte. Soweit Glockmann es be- urteilen konnte, war mit dem Wandteppich alles in Ord- nung. Dahinter, auf der gegenüberliegenden Seite der, großen Treppe, musste sich … das Zimmer des Barons befinden. Und daneben die Bedienstetenkammer. »Trudy?«, versuchte es Ringwald. »Schwester!« »Tod«, flüsterte sie. »Und Feuer! Feuer, Feuer, Feu- er!« Die Klingen sprangen wie Grashüpfer auf. Raunzer preschte von seinem Stuhl zur Wand und erfasste einen schweren Wandbehang mit Pfauen und Blumen, als woll- te er daran emporklettern. Ringwald schrie: »Das Me- daillon!« Er schien drauf und dran, sein Mündel zu pa- cken und zu schütteln. »Legt das Medaillon an!« Glock- mann sperrte bereits die Tür auf. Er spähte hinaus und widerstand der Versuchung, das Schwert zu ziehen. Kein Feuer in Sicht. Er trat auf die Galerie hinaus und blinzelte in der Finsternis. Kein Not- fall. Unter ihm spielten die Klingen der Garde im Ker- zenlicht Würfel, aber sie hatten ihn gehört. Alle Gesich- ter waren empor gewandt. Falscher Alarm? Jedenfalls wirkte alles friedlich. »Feuer!«, gellte er. »Wahrscheinlich gelegt.« Er rannte die Galerie entlang zur gegenüberliegenden Seite. »Falls ihr eine grellweiße … tanzende Flamme seht… bewegt euch nicht! Bleibt einfach stehen und rührt euch nicht. Sie lebt.« Unter der Tür des Barons leuchtete ein schmaler Licht- streifen durch hervorquellende Rauchschleier. Schlitternd blieb Glockmann stehen. Falls sich hinter dieser Tür eine Feuerfliege befand – oder auch nur ein lodernder Raum,, der heiß genug war, um einen derartigen Schimmer zu verursachen –, würde er sterben, wenn er sie öffnete. Das Feuer würde in dem Augenblick explodieren, in dem es mit Luft genährt wurde. Wenn hingegen lediglich die Medizintruhe in Brand geraten war und der Baron nach wie vor schlief, konnte es noch möglich sein, ihn zu ret- ten. Auch Sir Ost sollte sich in jenem Gemach befinden und die Truhe bewachen, und er würde gewiss nicht schlafen. Glockmanns kurzes Zögern rettete ihm das Leben, denn dadurch erkannte er, dass die Tür selbst dabei war nachzugeben. Die Täfelung begann, rötlich zu glimmen und wurde durchscheinend. Züngelndes Feuer, das sich rasch ausbreitete, schimmerte hindurch. Sir Kühn kam im Laufschritt mit drei weiteren Männern im Gefolge die Treppe herauf. Bevor das Holz sich gänzlich in einen Schwall von Asche und Rauch auflöste, brüllte Glock- mann eine Warnung und hechtete in den Raum nebenan, gerade noch rechtzeitig, um dem unerträglichen Hitze- stoß zu entrinnen. Ein paar Lidschläge lang konnte er nur das Nachbild jenes gespenstischen Gleißens sehen, aber nun war auch das Gebrüll der Flammen deutlich zu hö- ren. Beißender Rauch drang in seine Lungen, ließ ihn heftig husten. Im Vergleich zur Helligkeit draußen auf der Galerie wirkte das Zimmer dunkel. Es enthielt vier Bediensteten- betten – schlichte Pritschen, nicht die Himmelbetten des niederen Adels. Manfred lag nur mit einer Hose bekleidet, auf dem Boden. Ein Fenster stand offen. Unter der Ver- bindungstür quoll Rauch herein. Dies war kein Ort zum Verweilen. Aufgeregtes Gebrüll ließ ihn herumwirbeln. Ringwald und Raunzer hatten gerade mit dem in einen Wandtep- pich gehüllten Großherzog Rubin zwischen sich den Au- dienzsaal verlassen. Falls nötig würden sie ihr Mündel wie ein Paket hinaustragen, aber sie hatten ob des An- blicks des winzigen, weißen Gleißens über der Treppe angehalten. Kühn und die anderen mussten Glockmanns Warnung verstanden haben, denn auch sie verharrten reglos. Dann wurde die Hitze zu viel für sie. »Zurück!«, brüll- te Kühn. Alle drehten sie um und wollten losrennen – und die Feuerfliege stürzte sich auf sie. Glockmann wandte sich gerade noch rechtzeitig ab, um die Folgen nicht mitansehen zu müssen. Er schloss die Tür und kümmerte sich stattdessen um sein unmittel- bares Problem. Manfred lebte noch. An seinem Kinn breitete sich ein Bluterguss aus, an seinem Kopf sickerte aus einer Platz- wunde noch Blut, was nahe legte, dass er bewusstlos ge- schlagen worden und im Fallen auf die Ecke des Betts geprallt war. Ein am Bett befestigtes Seil führte zum of- fenen Fenster hinüber und verriet, wie der Übeltäter ge- flohen war. Die Bäume und Büsche des Parks wurden vom Feuerschein erhellt, was bedeutete, dass die Flam- men bereits durch das Dach gedrungen sein mussten. Wo, steckten die Hoffreisassen, die den Ort bewachen soll- ten? Glockmann spürte Hitze von der Wand und der Verbindungstür. In wenigen Minuten würde das Qua- mast-Haus zu Asche zusammenfallen. Das Fenster lag zu hoch, um es zu wagen, einen be- wusstlosen Mann hinabzuwerfen. Glockmann holte das Seil ein und stellte fest, dass es in Abständen verknotet war, um das Klettern zu erleichtern. Er schleifte Manfred zum Fenster, band ihm das lose Ende des Seils um die Brust und hievte ihn auf den Sims. Dann hockte er sich auf den Boden, stemmte die Füße gegen die Mauer und schubste Manfred hinaus. Es war ein Glück, dass Man- fred klein und Glockmann größer als durchschnittliche Klingen war. Schon an seinem ersten Tag als der Balg war er größer als jeder andere in Eisenburg mit Ausnah- me von Waffenmeister gewesen, und seither hatte er zu- dem einiges Fleisch auf die Knochen bekommen. Den- noch hätte er es ohne die Knoten nicht geschafft, die ihm einerseits als Halt dienten und andererseits gleich einem Klinkenrad über den Sims ratterten, wodurch sie brem- send wirkten. Als das Seil endlich durchhing, waren seine Hände verkrampft, und er drohte, in Rauch zu ersticken. Hastig schwang er sich hinaus und begann hinunterzuklettern. Auf halbem Weg nach unten ließ er los und fiel hinab auf den Rasen. Dann schnitt er das Seil von Manfred und schleifte ihn in sichere Entfernung von der Feuersbrunst – wenige Augenblicke, bevor ein Feuerschwall aus dem, Fenster, aus dem sie gekommen waren, Trümmer auf die Erde darunter regnen ließ. Glockmann vergewisserte sich, dass der Förster atme- te, dann rannte er zur anderen Seite des Gebäudes. Über- all schien es taghell zu sein. Er traf gerade rechtzeitig ein, um zu beobachten, wie Ringwald sprang und wohl- behalten in dem ausgebreiteten Wandteppich landete, den eine Rettungsmannschaft aus Hoffreisassen und Klingen gespannt hielt. Ringwald war der Letzte. Raunzer, Trudy und der Großherzog waren bereits in Sicherheit. Glockmann ging zur nächstbesten Klinge – es war Sir Silber – und stupste den Mann in den Rücken. »Wie vie- le?« Silber drehte sich um und sah ihn mit leidvoller Miene an. »Kühn, Yorick, Ost und Clovis.« »Auf der anderen Seite des Gebäudes liegt ein be- wusstloser Mann. Er braucht sofort eine Heilung.« »Ist so gut wie erledigt!«, gab Silber zurück und be- gann, Befehle zu brüllen, zweifellos froh darüber, etwas zu tun zu haben, das ihn ablenkte. Da es Ringwald und Raunzer widerstrebte, ihr Mündel in der Nähe der Feuersbrunst verweilen oder auch nur von dessen Schein erfassen zu lassen, trieben sie den Großherzog zu einem Aussichtspunkt hinüber. Es war ein hässliches Ding aus Gitterwerk mit einer Bank und einem Marmortisch. Der Herzog plumpste auf die Bank und krümmte sich schluchzend vornüber. Trudy war be- reits dort. Glockmann gesellte sich zu ihnen., Ringwald schaute fragend zu ihm, und Glockmann schüttelte den Kopf. »Hoheit«, sagte er, »es tut mir aufrichtig Leid, Euch mitzuteilen, dass wir Baron von Fader zu den Toten zäh- len müssen. Manfred wurde bewusstlos geschlagen, ist aber in Si- cherheit und kommt wieder in Ordnung, davon bin ich überzeugt. Von Sir Ost und Harald habe ich keinerlei Spur gesehen, außer dass jemand an einem Seil aus dem Fenster geklettert ist. Ich schlage vor, die Palastwache umgehend zu verständigen. Es muss jede nur erdenkliche Anstrengung unternommen werden, um Harald Priboi zu finden. Er sollte als sehr gefährlich beschrieben werden.« Der Großherzog richtete sich auf und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. »Gefährlich? Harald gefährlich?« »Ich glaube, wir müssen diese Warnung ausgeben«, meinte Glockmann. Obwohl es sich auch für ihn irgend- wie nicht richtig anhörte. »Er ist groß und verfügt über eine militärische Ausbildung.« »So sei es denn. Sir Ringwald, würdet Ihr Euch bitte darum kümmern? Gebt außerdem bekannt, dass er kein chivialisch spricht.« Als Ringwald losrannte, japste Ru- bin, als fiele ihm das Atmen schwer. »Wie ist es gesche- hen?« Glockmann berichtete, was er gesehen hatte. »Ich ver- mute, Manfred wachte auf und hat ihn bei seinen üblen Machenschaften ertappt«, schloss er. »Ich habe keine, Ahnung, wie er eine wachhabende Klinge töten konnte, aber irgendwie muss es ihm gelungen sein. Und gewiss wird König Athelgar erfahren wollen, wie er ein Seil hin- abklettern und davonlaufen konnte, ohne dass die Hof- freisassen ihn dabei bemerkten.« »Hexerei?«, meldete Trudy sich verärgert zu Wort. »Es ist meine Schuld! Hätte ich nicht halb geschlafen, hätte ich all das gespürt. Ich hätte Euch viel eher warnen können.« »Ihr habt nicht geschlafen«, widersprach der Großher- zog. »Ihr habt unser aller Leben gerettet, denn wärt Ihr nicht da gewesen, hätten wir überhaupt keine Warnung erhalten. Aber Euer König hatte Recht. Ich brauche tatsächlich ein, zwei Weiße Schwestern, die mich bei meinem …« Er schaute zu Glockmann. »Habe ich ein Unterfangen?«, fragte er leise. »Werden meine Klingen mich zurück zu meinem Sohn lassen?« Raunzer stand am Eingang und beobachtete das Feuer, aber wahrscheinlich lauschte er gleichzeitig. In den Mau- ern taten sich Risse auf. Die letzten Überreste des Daches stürzten unter donnergleichem Tosen ein. Trudy ging zum Eingang, um besser hinüberzusehen. Glockmann setzte sich neben den Großherzog auf die kleine Bank. »Ihr habt noch ein Unterfangen, Hoheit«, antwortete er leise. »Sollten Eure Klingen sich sträuben, kann ich sie überreden.« »Danke. Nach diesem Vorfall wird Seine Majestät es, kaum erwarten können, mich abreisen zu sehen.« »Ich fürchte, damit habt Ihr Recht.« Die Verluste häuf- ten sich – vier weitere Mitglieder der Garde waren tot, insgesamt bereits sechs, dazu drei Hoffreisassen und der Baron ergaben zehn, ganz abgesehen von einem zerstör- ten Herrenhaus. Und ein verzweifelter Mörder lief frei herum. Lebt wohl, Herzog, und kommt bloß nicht wieder! »Begleitet Ihr uns oder möchtet Ihr von Eurem Ver- sprechen entbunden werden?« »Ich bleibe mit ganzem Herzen bei Euch, Hoheit«, er- widerte Glockmann. Wenngleich es die Erinnerung an die Herzogin war, die seine Treue besiegelte. Raunzer schlang einen Arm um Trudy und zog sie an sich. »Irgendwie seid Ihr süß«, meinte er., Es war fast Mittag, als es Trudy endlich gelang, die kru- pinesische Gruppe aufzuspüren, und zu jenem Zeitpunkt war sie bereit, jemanden zu erwürgen. Drei Mal war sie von Inquisitorenmannschaften befragt worden – für sie eine noch schlimmere Erfahrung als für die meisten Menschen, denn sie nahm die Zauber der Schnüffler als übelkeiterregenden Gestank nach wochenaltem Fisch wahr. Außerdem hatte sie sich mit Mutter Evangeline in den Haaren gelegen, die der Auffassung war, Schwester Gertrude hätte eine umgehende Überprüfung der ver- dächtigen Medizintruhe veranlassen müssen, statt bis zum Morgen zu warten. Sie hätte nicht im Quamast-Haus bleiben dürfen und sollte sich nun nicht weigern, Fragen darüber zu beantworten, was sie vom oder über den Großherzog erfahren hatte. Abschließend verkündete Mutter Evangeline, man werde einen dienstlichen Auf- enthalt an der Westküste Nythias für sie in die Wege lei- ten, auf dass sie sich zu bessern lernte. Trudy hatte sich geweigert, sich zum Sündenbock für das jüngste Ungemach und die allgemeine Unfähigkeit der Schwesternschaft machen zu lassen. Die Schlacht hatte sich mit Mutter Beschaulichkeit, Ehrwürdiger Mut- ter Weidenruhm, Hochehrwürdiger Mutter Laeticia und anderen alten Schachteln bis hinauf zu und einschließlich Obermutter fortgesetzt. Letzten Endes hatte Trudy der, erlauchten Dame recht genau mitgeteilt, wohin sie sich ihre altmodischen Gewänder und den dämlichen Spitzhut stecken könne. Infolgedessen war Schwester Gertrude nun keine Schwester mehr, dafür arbeitslos. Da selbst eine Zukunft als Bettlerin oder Küchengehil- fin besser gewesen wäre, als nach Hause zurückzukehren und sich von ihren Brüdern anhören zu müssen, sie hät- ten es ihr ja schon vor Jahren gesagt, hatte sie beschlos- sen, in die Dienste des Herzogs einzutreten. Nach außen hin mochte er wohl großspurig und beleibt wirken, aber immerhin war er zugleich seine bezaubernde und bewun- dernswert starke Gemahlin. Diese zweischneidige Per- sönlichkeit schien eine hervorragende Einrichtung und eröffnete endlose Möglichkeiten. Jedenfalls konnte die arme Frau Trudys Fähigkeiten gewiss gut gebrauchen. Ihre beachtlichen Fähigkeiten. Bescheidenheit hatte Ger- trude noch niemand vorgeworfen, vor allem nicht ihre Brüder, und sie hatte immer gewusst, dass sie ihre Klas- sengefährtinnen in Eichental weit überstrahlte, doch an jenem Vormittag war einem der blökenden Weiber her- ausgerutscht, wie hoch sie in der Wertung der Schwes- tern tatsächlich stand. Was sogar Gertrude überrascht hatte. Nicht zu vergessen, dass der Herzog beziehungsweise die Herzogin nun von zwei glänzenden, frischgebacke- nen Klingen und dem faszinierenden Glockmann beglei- tet wurde, der sich im Gegensatz zu den Klingen nicht von Mündelproblemen ablenken ließe. Eine ausgedehnte, Reise mit diesem Dreiergespann konnte sich als höchst lehrreich erweisen. Trudys erste Schwierigkeit bestand darin, dass sie nicht mehr berechtigt war, sich als Weiße Schwester zu kleiden und den Palast unverzüglich verlassen musste. Zum Glück standen diese beiden Vorschriften in Wider- spruch zueinander, denn sie besaß keine anderen Kleider. Die zweite Schwierigkeit war, das herzogliche Wesen zu finden. Das Quamast-Haus war eine modrige Ruine, aus der immer noch Rauch aufstieg. Die krupinesische Gruppe war in unbekannte Gefilde gebracht worden, wurde von der Außenwelt abgeschirmt und hatte zweifel- los eigenen Arger mit Inquisitoren. Jedenfalls stießen ihre Erkundigungen auf ahnungslose Blicke oder besten- falls ein entschuldigendes Lächeln, obwohl sie in Erfah- rung zu bringen vermochte, dass sich das Ziel ihrer Su- che noch innerhalb der Grenzen von Palast Sorglos auf- hielt. Ohne jede Spur wäre es einer Lebensaufgabe gleichgekommen, das gesamte Anwesen zu durchstö- bern, aber Trudy hatte jede Menge Anhaltspunkte. Wenngleich der Trugbann des Herzogs kaum zu erspüren war, konnte sie den Schein einer Klinge durchaus wahr- nehmen. Je mehr Klingen beisammen waren, desto heller schimmerten sie. Ähnlich zeigten sich Inquisitoren, wenn sie in Schwärmen auftraten, oder in Rotten, oder wie auch immer es richtig heißen mochte. Trotz allem musste sie eine geschlagene Stunde durch allerlei Gänge wandern, bevor sie eine Anhäufung von, Klingen entdeckte. Mit diesem geistigen Ziel vor Augen erklomm sie zwei Treppenfluchten in einen Bereich, den sie noch nie besucht hatte, und wo sie ein ganzes Zimmer voll Klingen fand. Etwa ein Dutzend saß um einen Tisch und würfelte. Als die Männer Trudy bemerkten, richteten sie vielsagende Blicke auf sie, wie es für Klingen üblich war. Der Mann, der aufstand und zur Tür kam, um mit ihr zu sprechen, war Sir Tancred, der Stellvertretende Befehlshaber, was bewies, wie ernst die krupinesische Angelegenheit nunmehr in Sorglos genommen wurde. Er war zu alt für sie, außerdem verheiratet, aber er be- saß ein bezauberndes Lächeln. »Was für eine angenehme Überraschung, Schwester Gertrude. Wie kann ich Euch helfen?« »Was?« Körbe mit Brötchen und Käse auf dem Tisch riefen ihr brüllend in Erinnerung, dass sie den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. »Oh, ich möchte zum Großherzog.« »Darf ich fragen, auf wessen Geheiß?« »Auf sein Geheiß. Ich arbeite mittlerweile für ihn. Wusstet Ihr das nicht?« Da der Großherzog es selbst noch nicht wusste, war es eine ungerechte Frage, aber sie zeigte Wirkung. Tancred führte sie in einen inneren Raum, in dem Mutter Veil- chen Mutter Giselle Gedichte vorlas. Trudy fragte sich, wie sie den Inquisitorengestank ertrugen, denn die Schnüffler mussten erst kürzlich an diesem Ort gewesen sein. Vielleicht waren die beiden nicht in der Lage, den, Restmoder zu spüren. Als Trudys vergnügtes Lächeln an ihnen vorbeizog, blickten sie zwar argwöhnisch auf, doch offenbar hatten sie noch nicht von ihrer Entlassung erfah- ren. Tancred klopfte an eine Tür. Kurz darauf wurde sie von Glockmann geöffnet, der in einem goldenen und grü- nen Wams mit einer Mütze, einer Hose und einem kur- zen Umhang in dunklerem Grün ungemein schneidig aussah. Bei ihrem Anblick hellte sich seine Miene erfreut auf. »Es gab ein Missverständnis«, erklärte Trudy hastig. »Die Garde wurde noch nicht darüber in Kenntnis ge- setzt, dass ich jetzt für den Herzog arbeite.« »Der Papierkram dauert hier ewig!«, meinte Glock- mann. »Ich bin sicher, ich habe es Sir Florian mitgeteilt. Seine Hoheit wartet schon auf Euch. Kommt herein.« Es ging in einen weiteren Vorraum, diesmal men- schenleer, an dessen gegenüberliegendem Ende eine Tür in die herzoglichen Gemächer führte. Ein übliches Schlafgemach in Schlachtfeldgröße mit Fenstern an zwei Wänden, einer Wandschranktür in einer Ecke und wenig geschmackvollen Wandbehängen und Deckenfresken. Die Einrichtung bestand aus einem langen Tisch und vergoldeten Stühlen mit hohen Lehnen, die das Zimmer in eine Ratskammer verwandelten. Sofort fiel ihr das Essen am fernen Ende des Tisches auf. Am anderen Ende türmten sich Kleider. Etwa in der Mitte saß unscheinbar Manfred, kaute an einem Brötchen, und nagte an einem Hühnerbein. Er hatte einen Ge- sichtsausdruck, als wäre er unlängst einer Heilung unter- zogen worden. Trudy spürte sie an ihm. Der Großherzog stand an einer Fensterlaibung und starrte hinaus. Ring- wald trug eine schneidige neue blaugraue Livree und schnallte sich einen Schuh zu. Raunzer zog nur mit ei- nem Hemd und einer Hose bekleidet weitere Gewänder aus einem Beutel. Überall türmte sich Kleidung. Trudy ging zum Herzog und knickste. Er … ja, es musste er heißen, wenn die Erscheinung einen Bart hatte. Er also drehte den Kopf und lächelte sie an. »Ich hoffe doch, Ihr habt keine unangenehmen Aus- wirkungen zu spüren bekommen, Schwester?« »Keine, Hoheit. Wolltet Ihr nicht eine Schnüfflerin anwerben? Ich kann mich nur wärmstens empfehlen.« »Das will ich in der Tat.« Sein Gesicht wirkte müde und kummervoll, noch schlaffer als sonst. »Zumindest glaube ich, dass ich das möchte. Tatsächlich kommt Ihr gerade recht. Wir haben eben erst die Inquisitoren und Schneider hinter uns gebracht, und jetzt muss ich ent- scheiden, was als nächstes zu tun ist. In Kürze habe ich eine Audienz bei Seiner Majestät, es ist also dringend. Falls Sir Raunzer seine Drohung auszuführen gedenkt, mich in irgendeinem Sumpf in eine Zelle zu sperren, dann benötige ich Eure Dienste nicht. Allerdings hoffe ich nach wie vor, dass er es sich anders überlegt.« Sein Lächeln war unangenehm, kein Vergleich mit dem seiner Gemahlin. »Hat Obermutter eingewilligt, Euch leihweise, in meine Dienste zu entlassen?« Beim letzten Treffen war Obermutter einer Ohnmacht nahe gewesen, aber die Einzelheiten waren belanglos. »Ich bin meine eigene Herrin.« Dem Großherzog entging ihre ausweichende Antwort keineswegs, doch er vergeudete keine Zeit damit. »Eure Fähigkeiten wären natürlich von unschätzbarem Wert, zudem wäre es schön, eine weitere Frau in meinem Tross zu haben.« Unbewusst griff er sich an den Bart. »Seid Ihr bald fertig, Sir Ringwald?«, fragte Rubin ü- ber die Schulter zurück. »Ich bin schon fertig, Hoheit. Raunzer noch nicht.« Just als Raunzer das Hemd auszog und so tat, als hätte er sie eben erst bemerkt, drehte Trudy sich um. Er warf sich in die Brust. »Oh, ich bitte um Verzeihung, Schwester! Ich hoffe, ich habe Euch nicht entsetzt.« »Ganz und gar nicht«, gab sie zurück. »Früher hatte ich einen Hirtenhund mit einem ähnlichen Fell.« Wäre sie ehrlich gewesen, hätte sie sagen müssen, dass sein Schein sie regelrecht blendete und die Narbe über seinem Herzen wie die Sonne strahlte, aber Raunzer brauchte keine Ermutigung. »Zieht Euch gefälligst an!«, herrschte der Großherzog ihn an und verließ das Fenster. »Meine Herren und auch Ihr, Schwester. Ich habe heute Morgen meinen engsten Freund verloren. Wie Ihr wisst, war er mir wie ein zwei- ter Vater oder ein Großvater, außerdem mein getreuester Berater. Nun verlasse ich mich auf Euren Rat, wenn-, gleich ich gedenke, die endgültigen Entscheidungen selbst zu treffen.« Das war ein offensichtlicher Seiten- hieb auf Raunzer. »Sagt mir stets, was Ihr wirklich denkt, nicht was Ihr glaubt, dass ich hören möchte.« Er zog ei- nen Stuhl zur Tür, stellte ihn aber dahinter ab, sodass er vom Vorraum aus nicht zu sehen sein würde. Ringwald wirkte zutiefst betrübt. Letztlich würde er es sein, der die endgültigen Entscheidungen traf, ganz gleich, wie sehr der Großherzog und Raunzer sich auf- spielen mochten. Wenn Ringwald darauf bestünde, dass Rubin in Chivial bliebe, würde seine Meinung so gut wie sicher den Sieg davontragen. Wofür er sich auch ent- schied, es mochte durchaus sein, dass er seine Wahl für den Rest seines Lebens bereuen würde. Er schaute zu Trudy und lächelte freudlos. »Habt Ihr schon gegessen, Schwester?« »Den ganzen Tag noch nicht.« Dankbar dafür, dass jemand daran dachte, sich danach zu erkundigen, fügte sie hinzu: »Hübsche Aufmachung. Mir gefällt Eure Ho- se.« Anscheinend war dies ein unbesonnenes Kompliment an einen jungen Mann. Ringwald errötete heftig und wandte die Aufmerksamkeit dem Essen zu, indem er sich einen Teller nahm und eine ganze gebratene Ente darauf lud. Warum stellten Männer ihre Beine so zur Schau, wenn sie nicht wollten, dass man sie bewunderte? »Bitte bedient Euch!«, forderte der Großherzog sie auf. »Wir haben keine Zeit für Förmlichkeiten. Ich habe, auf meinen Reisen gelernt zu essen, wann immer sich die Möglichkeit bot.« Alle versammelten sich um den Tisch. Raunzer, der immer noch sein Wams zuknöpfte, setzte sich neben Tru- dy. »Wisst Ihr denn nicht, dass Männer mit behaarter Brust die besten Liebhaber sind?«, flüsterte er heiser. »Nicht nach meiner Erfahrung.« Das stimmte! Schließlich hatte ihre Erfahrung noch keine Liebhaber vorzuweisen. Sie griff in den Brotkorb und holte ihr Gür- telmesser hervor, um sich damit über die Butter herzu- machen. »Werte Berater!« Es war die Stimme von Großherzo- gin Johanna. Sie hatte das Medaillon abgenommen, was die Männer im Raum veranlasste, sich flugs zurechtzu- striegeln. »Ich bin sicher, dass Seine Majestät erbost über diese neuen Todesfälle ist. Tatsächlich rechne ich damit, dass der König mich auffordern wird, sein Reich schnellstmöglich zu verlassen. Wenn wir davon ausge- hen, dass dies meine letzte Audienz ist, worum soll ich ihn bitten?« Trudy ließ den Blick über all die besorgten, abgehärm- ten Gesichter schweifen. Keiner von ihnen hatte geschla- fen. Ohne den Trugbann wirkte Johanna erschöpfter als je zuvor. Zudem trauerte sie um einen verlorenen Freund. »Ich bin überzeugt davon, dass der Baron ein wunder- barer Berater war.« In Trudys Ohren hallte Glockmanns, Lüge wie eine Eisenglocke wieder und erschreckte sie, sonst schien sie jedoch niemandem aufzufallen. »Eure Hoheit werden seinen Verlust auf ewig spüren. Wir je- doch brauchen noch einige zusätzliche Auskünfte, wenn unser Rat etwas wert sein soll. Wir wissen nichts über Eure Abenteuer zwischen dem Untergang von Fadren- schloss und Eurer Ankunft in Chivial. Wo wurdet Ihr noch angegriffen und wie? Wo ist Euer Sohn, der Mark- graf? Wo …« »Ich werde Euch nicht verraten, wo Frederik sich auf- hält«, unterbrach sie ihn mit wütender Stimme. »Er ist in Sicherheit. Das muss genügen. Auch habe ich keine Zeit, Euch ein abenteuerliches Epos zu erzählen.« Glockmann legte seine großen Schwertkämpferhände auf den Tisch und starrte auf sie hinab. »Da ich die dro- henden Gefahren nicht kenne, sehe ich mich leider au- ßerstande, Euer Gnaden zu beraten.« Das gefiel ihr nicht. »Na schön, dann in Kurzfassung. Der Baron kennt die Wälder um Fadrenschloss wie kein anderer …« Es klopfte an die äußere Tür. Glockmann murmelte eine Entschuldigung, stand auf, ging hinaus und schloss die Tür zum Vorraum hinter sich. Kurz darauf kehrte er zurück und ließ sie diesmal offen. »Die Garde ist bereit, Euch zur Audienz zu geleiten, Euer Gnaden. Ich habe um etwas mehr Zeit gebeten, aber sie können uns nicht viel gewähren.« Trudy begann, noch schneller zu essen, obwohl nie-, mand erwähnt hatte, dass sie zu irgendwelchen Audien- zen eingeladen war. Johanna nickte mit zusammengepressten Lippen. »Mit Manfreds Hilfe entgingen wir den Versuchen der Brüder, uns zu fangen.« In einer fremden Sprache fügte sie etwas für Manfred hinzu, der seinen Namen aufgeschnappt hat- te. »Und mit der Hilfe eines weiteren Mannes des Ba- rons, Bogdan. Wir haben uns in die Hügel durchgeschla- gen zu einem Ort namens Brikov, dem Sitz des Grafen János. Offiziell befanden wir uns immer noch in Krupi- na, aber nur wenige Großherzöge haben je ernsthaft ver- sucht, ihre Herrschaft in jenen Bergen durchzusetzen. János hieß uns willkommen, weil er ein lebenslanger Freund von Ernst von Fader war. Dort stieß anschließend Harald zu uns. Zunächst schienen wir in Sicherheit, aber nach drei Tragen verübten die Brüder einen Anschlag auf uns. Das Haus, in dem uns Unterschlupf gewährt worden war, wurde urplötzlich von Ungeziefer heimgesucht – Ratten, Mäuse, Fliegen, Flöhe, Spinnen, Schaben, Schlangen, Tausendfüßler. Sie drangen von überall her- ein, unter den Türen, den Kamin herunter, durch das Strohdach, und sie schienen sich vor unseren Augen zu vervielfachen. Wir wurden regelrecht aus dem Haus ge- trieben.« Schlangen und Spinnen, sechs- oder vierbeinige Le- bewesen hatten Trudy noch nie gestört, aber Tausendfüß- ler! Igitt! Ob jeder einen solchen wunden Punkt hatte, ein ganz persönliches Schreckgespenst?, »Der Baron erklärte mir«, fuhr Johanna fort, »dass dies eine Waffe sei, die von den Brüdern vor Jahrzehnten in seinen eigenen Feldzugstagen wirkungsvoll eingesetzt worden war. Man bezeichnet es als ein ›Schwärmen‹, und es diente dazu, militärische Lager in den Wahnsinn zu stürzen. Das einzige Heilmittel besteht darin, die be- fallenen Gebäude niederzubrennen.« »Aber es ist nicht wirklich gefährlich?«, fragte Raun- zer. »Im Gegensatz zu den Schattenherren?« »Es kann gefährlich sein, wenn draußen Feinde lauern. Auch Schlangen können gefährlich sein. Und könntet Ihr schlafen, wenn Eure Laken und Euer Kissen mit Krab- belgetier verseucht wären? Wir hatten Glück, dass nur ein Haus befallen war, nicht die ganze Siedlung. Es war eine Warnung, zumindest haben wir es als solche aufge- fasst. Graf János bat uns zu bleiben, jedoch nicht allzu überzeugend, außerdem wollten wir ihm keine weiteren Schwierigkeiten bereiten. Von Brikov aus reisten wir über geheime Pfade durch die Berge nach Blanburg, denn der dortige Prinz ist ein Vetter von Rubin. In Blanburg erlebten wir den ersten Angriff der Schattenherren. Bogdan wurde dabei getötet, darüber hinaus vier der Wachen des Prinzen. Wieder mussten wir fliehen. Wir besuchten viele, viele Orte, zu viele, um sie jetzt aufzuzählen. In Cosanza, in Ritizzia und im Château Bellçay in Isilond wurden wir erneut von Schwärmen überfallen. Wie Meister Glockmann gestern mutmaßte, schienen die Anschläge immer dann zu erfol-, gen, wenn ich auf verständnisvolles Gehör stieß. Folglich wurden wir verraten. Harald brauchte nicht einmal Ein- zelheiten zu wissen. Allein unsere Mienen hätten es ihm verraten.« Ihre Hoheit seufzte. »Ich habe keine Ahnung, warum wir nie Verrat vermutet haben!« Trudy schon. Der Verräter hatte den Baron überzeugt. Der Baron war zu alt gewesen, um seine Haltung durch Tatsachen ändern zu lassen, und Johanna hatte ihm blind vertraut. Glockmann hatte das von Anfang an erkannt. »Trotzdem bleiben zu viele Ungereimtheiten«, meinte Glockmann. »Selbst wenn Harald im Sold des Thronräu- bers steht, ergeben die Anschläge selbst keinen Sinn.« Er wurde von einem neuerlichen Klopfen unterbrochen und ging zur Tür, um darauf zu antworten. Raunzer nützte die Gelegenheit, um mit vollem Mund das Wort zu ergreifen. »Warum lauft Ihr eigentlich als Euer Gemahl herum? Ihr seht gut aus und habt einen hübschen Körper. Gewiss könntet Ihr jeden Mann mühe- los um den kleinen Finger wickeln.« Trudy spielte mit dem Gedanken, ihn mit einer Wein- flasche zum Schweigen zu bringen. Auf der gegenüber- liegenden Seite des Tisches schloss Ringwald die Augen und schauderte. »Aber einer Frau wird wesentlich weniger Achtung entgegengebracht als einem Mann«, erklärte die Groß- herzogin, ohne eine Miene zu verziehen. Raunzer zuckte mit den Schultern. »Schätze, da ist was Wahres dran.«, »Und von Euch erwarte ich mehr Achtung, Sir Raun- zer, sonst könnt Ihr Euch Euer Abendessen in den Wind schreiben.« »Ich versuch’ ja bloß zu helfen«, brummte Raunzer mürrisch. »Ich weiß, dass ich oft das Falsche sage, Ho- heit. Ich mein’s nicht böse. Hab versucht, mich zu än- dern, aber es hat nichts geholfen.« »Dann gebt Euch mehr Mühe!« Er sollte damit beginnen zu lernen, erst zu denken und dann den Mund aufzumachen. Trudy fielen auf Anhieb ein Dutzend Gründe ein, weshalb die Herzogin es vor- zog, das Medaillon zu nützen. Ein Herrscher würde mehr Gehör als seine Gemahlin von niederer Geburt finden. Fürst Volpes Meuchelmörder mochten zaudern, ein Staatsoberhaupt zu töten, dessen Ableben mehr Auf- merksamkeit erregen würde. Frauenkleider waren ent- setzlich unvorteilhaft beim Reiten – die Weißen Schwes- tern kleideten sich regelmäßig wie Männer, wenn sie reisten. Obendrein wäre eine Frau, die ohne ihren Ge- mahl durch die Lande zog, eine gesellschaftlich Geächte- te. So etwas schickte sich nicht. Sie ergriff das Wort. »Darf ich Euer Gnaden fragen, was Manfred Euch über den Tod des Barons berichten konnte?« »Nichts«, antwortete die Herzogin. »Er schlief. Dann hörte er seltsame Geräusch und wollte aus dem Bett stei- gen. Das Nächste, woran er sich erinnern kann, ist seine Heilung in der Beschwörungsstätte. Sein Angreifer muss, Harald gewesen sein. Jeder andere hätte erst einbrechen müssen, und das Haus wurde streng bewacht. Die Klin- gen beobachteten sämtliche Türen.« Doch selbst Klingen waren sterblich. Sir Ost hatte die verdächtige Truhe im Raum nebenan bewacht. Glockmann rannte herein und nahm wieder Platz. Diesmal hatte er die innere Tür geschlossen. »Hoheit, wir haben nur noch ein paar Minuten. Bitte erzählt uns, was Ihr über die derzeitige Lage in Krupina wisst. Hat Fürst Volpe sich bereits zum Herzog ausgerufen?« Wie gebannt beobachtete Trudy, wie die Herzogin die Hände rang. Das taten echte Menschen wirklich? Nicht bloß Gestalten aus Liebesgeschichten? »Es ist überaus schwierig, jemanden zu finden, der ü- berhaupt je von Krupina gehört hat, geschweige denn, jüngste Neuigkeiten darüber kennt. Geburten, Eheschlie- ßungen und Todesfälle in der Herzogsfamilie erregen ein wenig Aufmerksamkeit in Adelskreisen, das ist aber schon alles. Die letzten Neuigkeiten, die ich hörte, waren keine Neuigkeiten. Daher muss ich davon ausgehen, dass Volpe nach wie vor in Gestalt meines Gemahls auftritt und für den Rest der Welt alles seine Ordnung hat. Des- halb hatte ich auch solche Schwierigkeiten, meine Ge- schichte glaubhaft zu machen.« Demselben Problem begegnete sie nun erneut. Trudy beobachtete, wie die Männer Blicke wechselten. Die Herzogin log zwar nicht, aber sie konnte sich durchaus irren., »Die Morde bestätigen, was Ihr erzählt, Hoheit«, meinte Glockmann, und nur der Schatten eines Zweifels schwang in seinen Worten mit. »Jemand versucht beharr- lich, Euch zu töten, und mäht dabei Unbeteiligte wie Stroh um. Aber bei allem Respekt, Ihr habt noch keine Beweise vorgelegt, dass Fürst Volpe der Übeltäter ist.« »Er hat ein Motiv«, rief Johanna hitzig. »Und er hat die Mittel, denn er herrscht über die Beschwörer, die das Medaillon angefertigt haben. Männer aus Vamky ver- sperrten die Straßen nach Fadrenschloss, als der Ort nie- derbrannte. Wollt Ihr etwa andeuten, mein Gemahl hätte versucht, seinen eigenen Sohn zu töten? Dann erklärt mir, wie er an die Beschwörungen oder die Ritter kam, die rings um Fadrenschloss Straßensperren errichteten!« Glockmann öffnete den Mund, doch ein donnerglei- ches Klopfen an der Außentür kam dem zuvor, was er sagen wollte. »Eure Hoheit haben mich um Rat gefragt«, erklärte er hastig. »Ich glaube, Ihr schwebt in ernster und unmittel- barer Gefahr. Die Schwärme, wie Ihr sie nennt, zielten nicht darauf ab, Euch zu töten, sondern Euch die Hilfe jener zu versagen, die Euch andernfalls womöglich un- terstützt hätten. Außerdem dienten sie dazu, Euch weit, weit aus Krupina wegzutreiben, und ich vermute, Chivial war immer ein logisches Ziel für Euch, zumal es das Reich des Vetters Eures Gemahls ist. Weiter könnt Ihr nicht. Und nun wird der Verräter plötzlich verwegen, und wieder sterben Menschen. In gewisser Weise ist das er-, mutigend für Euch, denn wären sowohl Euer Gemahl als auch Euer Sohn bereits tot, dann wärt Ihr – verzeiht mei- ne unverhohlene Ausdrucksweise – wesentlich unbedeu- tender. Mir scheint, die Hatz ist zu Ende. Ihr könnt nicht weiter fliehen, also ist es an der Zeit für den Todesstoß, und der Mörder ist letzte Nacht entkommen. Wir müssen davon ausgehen, dass er immer noch über einige teufli- sche Zauber verfügt.« Die Garde meldete sich erneut mit einem polternden Klopfen. »Bitte legt das Medaillon an«, forderte Glockmann Jo- hanna auf. »Mein Rat an Euch lautet, umgehend zu ver- schwinden, noch heute. Bittet Seine Majestät um etwas Geld und einen vertrauenswürdigen Führer, der Euch wohlbehalten an Bord eines Schiffes geleitet. Euer obers- tes Gebot muss es sein, Harald zu entrinnen. Wir haben Glück, dass er die Sprache nicht beherrscht und keine Mitverschwörer hat.« Letzteres war zwar keine unverhohlene Lüge, doch Trudy spürte Vorbehalte. Sie dachten, Harald spräche kein Chivialisch, und er hatte keine Mitverschwörer, von denen sie wussten. Indem Johanna sich das Medaillon um den Hals häng- te, wurde sie wieder zu Rubin. Er stand auf. Alle anderen folgten seinem Beispiel. Ringwald wirkte blass, aber zufrieden. »Ich schließe mich Glockmanns Meinung an, Hoheit. Wir segeln fort.« Raunzer prustete spöttisch. »Wohin denn? Falls Ihr, vorhabt, nach Hause zu reisen und Volpe oder einen son- stigen Urheber dieser Morde zu entlarven, dann seid Ihr wahnsinnig. Ihr alle. Wenn Ihr untertauchen wollt, dann tut es doch hier in Chivial, wo der König auf Eurer Seite steht.« »Das ist die Denkweise eines Feiglings!«, rief Ring- wald aus. »Vorsicht ist gut, aber Klingen sind keine Ker- kermeister. Dächte die Garde auf diese Weise, würde sie den König dauerhaft in einem Verlies wegschließen.« Die Tür öffnete sich. Sir Tancred lugte offenkundig verärgert herein. »Seine Majestät ist unterwegs zum Au- dienzsaal, Hoheit.« »Kommt mit!«, sprach der Herzog. »Ihr seid über- stimmt, Sir Raunzer.« Damit eilte er, gefolgt von seinen beiden Klingen, hinaus. Glockmann lehnte sich an den Tischrand und machte: »Uff!« Man konnte sein Gesicht unmöglich als hübsch bezeichnen, aber sein Lächeln vermittelte Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit. »Auch uff«, gab Trudy zurück. »Manfred, das ist Trudy. Trudy, das ist Manfred.« Der runzlige Förster lächelte und murmelte in einer fremden Sprache: »Guten Tag.« »Auch Euch einen guten Tag«, erwiderte sie. »Ich glaube, Ihr habt Recht«, meinte sie, an Glockmann ge- wandt. »Wir müssen weg, aber wohin?« »Zu ihrem Sohn, wo immer sie ihn gelassen hat.« Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Wir müssen in, Erfahrung bringen, ob das Kind in Sicherheit ist oder ob die Mörder es gefunden haben, nachdem sie aufbrach.« Trudy fand die Möglichkeit zu grausam, um darüber nachzudenken, aber der armen Johanna spukte vermut- lich kaum etwas anderes im Kopf herum. »Ich brauche Kleider. Und mit wem verhandelt man hier über den Lohn?« Glockmann lachte und griff zu seiner Gürteltasche. »Mit niemandem. Wir reden überhaupt nicht über Geld. Ich vermute, Ihro Gnaden weiß wenig darüber und hat eine gewisse Scheu vor diesen Dingen. Sie gab mir einen Geldbeutel für Ausgaben, aber ein Großteil der Mittel wurde vom Baron verwaltet und ist heute Morgen ge- schmolzen. Wie viel braucht Ihr?« »Wer hat denn die Schneider bezahlt?« »Noch niemand. Wir sind mit der Auswahl nicht fer- tig. Außerdem sind Großherzoginnen berüchtigt dafür, die Zeche zu prellen. Hier, nehmt alles und gebt mir zu- rück, was übrig bleibt.« Er reichte ihr den Geldbeutel. »Noch etwas, Schwester …« »Ich bin keine Schwester mehr. Ich habe Obermutter geraten, in einen hohen Baum zu klettern und Eier zu legen.« Er lächelte. »Ein hübsches Bild. Ich wollte Euch nur sagen, dass ich nicht beabsichtige, den Rest meines Le- bens in Krupina zu verbringen. Natürlich könnten wir dort alle unser Leben lassen, aber im Gegensatz zu den Klingen bin ich nicht gebunden. Unabhängig davon, ob, alles gut ausgeht und Ihro Gnaden in die Arme ihres lie- ben Mannes zurückkehrt oder alles in Scherben zerfällt, habe ich vor, in ein, zwei Jahren nach Chivial zurückzu- kehren. Ich würde mich freuen, Euch begleiten zu dürfen, falls Ihr ähnliche Pläne hegt.« »Das ist beruhigend. Vielen Dank.« Sehr beruhigend. So weit voraus hatte sie noch gar nicht gedacht. Und Glockmann hatte keine Hintergedanken, die sie spüren konnte. Dann entdeckte sie einen Schimmer und schaute zum Vorzimmer. Glockmann verstand den Hinweis und stand auf. Ein Gesicht mit einem unverkennbaren Schnurrbart spähte vom Gang herein. Als der Mann erkannte, dass er bemerkt worden war, trat er ins Zimmer und kam auf sie zu. Trudy war bereits an ihrem ersten Tag im Palast vor dem berüchtigten Sir Gefahr gewarnt worden. Unter den Schwestern hieß es, er kannte mehr aufsehenerregende Gerüchte als die Dunkle Kammer. »Guten Tag euch allen!«, verkündete er. »Ich habe ge- hört, ihr reist ab.« Das war schon mal eine Lüge. Er riet lediglich. »Heimwärts nach Krupina?« »Nach Skyrria zur Bärenhatz«, antwortete Glockmann. »Was für echte Neuigkeiten hast du gehört?« »Ein paar, die höchst interessant für Euch wären.« Fra- gend schaute er zu Trudy. »Sage ich die Wahrheit, Schwester?« »Warum fragt Ihr mich?«, gab sie zurück und war wü-, tend darüber, dass er sie so einfach in die Verteidigung gedrängt hatte. »Weil die meisten Schwestern ebenso gut Lügen er- kennen können wie Inquisitoren und Ihr die erste Schwe- ster elften Ranges seid, die in zweiundvierzig Jahren aus Eichental kam. Also, lüge ich?« »Redet weiter.« Wie konnte er es wagen, etwas zu wissen, was sie erst vor einer Stunde erfahren hatte! Zweiundvierzig Jahre, wie? Ähnlich ärgerte sie, dass Glockmann sich hinter Gefahr gestellt hatte, damit er über den Hut des kleineren Mannes hinweg Grimassen schneiden konnte. »Unter Umständen bin ich bereit zu handeln«, erklärte die Klinge. »Handeln womit?«, fragte sie, obschon sie wusste, dass sie es nicht sollte. Übertrieben gleichgültig zuckte er mit den Schultern. »Vielleicht gegen ein, zwei Hinweise darüber, wie die Wetten beim Trudy-Preis stehen?« »Besinn dich deiner Manieren, Sir Klinge!« Glock- manns Grinsen verschwand. Er legte die Hand an den Hals von Sir Gefahr und setzte den Daumen drohend un- ter dem Ohr an. Gefahr schenkte ihm keine Beachtung. »Tja, wenn Ihr nicht handeln wollt, süße Schwester, müsst Ihr natürlich nicht. Schade. Es sind wirklich wichtige Neuigkeiten. Ganz ehrlich, Trudy.« Er log nicht. »Wie wäre es mit einer kurzen Liste? Die drei ersten Anwärter vielleicht?, Ein Drittel meiner Gewinne für einen sicheren Tipp, und Ihr zahlt mir die Hälfte meiner Verluste, wenn Ihr es Euch im letzten Augenblick anders überlegt.« Nun begriff Trudy, was der Trudy-Preis war. Sie errö- tete heftig. »Wer gilt denn als am wahrscheinlichsten?«, fragte sie, da sie unwillkürlich neugierig geworden war. Gefahr grinste anzüglich. Glockmann ließ ihn achsel- zuckend los. »Ansel, Hector und Bluthand.« »Bluthand? Dieser Aufschneider?« Trudy gab einen Laut von sich, der in Eichental streng verboten war. »Ich kann Euch versichern, dass es keiner dieser drei wird.« Weil sie fortging, sonst wäre Ansel auf jeden Fall im Rennen gewesen. »Sir Silber womöglich?«, fragte Gefahr rasch. »Dazu erspare ich mir jede Äußerung.« Er kicherte. »Und wann rechnet Ihr damit, den Preis zu verleihen?« Glockmann hob hinter Gefahrs Rücken eine geballte Faust und wartete auf Trudys Zeichen, sie herniedersau- sen zu lassen. »Bald. Ich habe das Feld der Bewerber auf eine kurze Liste verringert.« Gefahr rieb sich die Hände. »Danke, danke! Und denkt daran, dass ich ebenfalls zur Verfügung stehe, falls Ihr Können der Jugend vorzieht.« »Die Neuigkeiten?«, forderte Glockmann ihn auf. Die Klinge drehte sich zu ihm um und konnte es kaum, erwarten, den neuesten Skandal zu verbreiten. »Du weißt, dass selbst eine so heiße Feuersbrunst wie jene im Quamast-Haus keine Knochen vernichten kann. Und du weißt auch, dass dort fünf Menschen gestorben sind – vier Klingen und der Baron? Falsch! Die Männer des Leichenbeschauers haben sechs Schädel ausgegraben. Wer war der sechste, hm?« Es musste Harald sein, oder? Wer sonst konnte es sein? »Keine Ahnung«, antwortete Glockmann frostig. »Ich wüsste nicht, wie ein Eindringling sich durch den Ring der Hoffreisassen geschlichen haben könnte. Anderer- seits konnte ich mir auch nicht vorstellen, wie Harald unbemerkt die Flucht gelang. Wurde er im selben Be- reich wie der Baron gefunden?« »Das weiß ich nicht.« »Ich vermute, der König wird es Seiner Hoheit mittei- len. Hast du auch irgendwelche neuen Neuigkeiten?« Gefahr gab vor, die Frage als Beleidigung zu betrach- ten, und stapfte entrüstet davon, zweifellos erpicht dar- auf, seinen Einsatz bei den Wetten um den Trudy-Preis zu sichern. Trudy war der Appetit aufs Mittagessen vergangen. »Aber wenn Harald nicht der Verräter war, wer dann?« Alles, was mit den Krupinesen zu tun hatte, schien nach- gerade lachhaft nebelhaft. Glockmann seufzte. »Ich wünschte, Ihr könntet es mir sagen. Diese Zimmerflucht wurde von innen und von, außen bewacht. Damit ein Eindringling hereinfliegen, sich unsichtbar machen oder sich als Fledermaus hätte verkleiden können, wäre gewiss ein solches Maß an Be- schwörung erforderlich gewesen, dass Ihr es gespürt hät- tet, oder?« »Höchstwahrscheinlich.« »Dann waren es Haralds Knochen. Er hat das Seil für seine Flucht vorbereitet und hat sich versehentlich getö- tet, als er die Feuerfliege entfesselte. Das wäre doch möglich, nicht wahr?« »Ich denke schon.« »Oder vielleicht hat ihn Sir Ost getötet, aber zu spät. Ich werde Großzauberers Meinung einholen. Ich muss ihn auch andere Dinge für Ringwald fragen. Könnt Ihr mir sagen, wie ich zu ihm finde?« »Ich bringe Euch hin«, bot Trudy an. »Ich muss mich ohnehin auf die Suche nach einem Damenschneider be- geben.« Manfred tat sich mit seinen wenigen verbliebenen Zähnen mühsam an der Ente gütlich, die aufzuessen Ringwald keine Zeit gehabt hatte. Glockmann drehte sich zu ihm um und bedeutete dem Förster, dazubleiben und auf die Kleider aufzupassen. Der alte Mann grinste, nick- te und tat mit Gesten kund, dass er sich bei der Gelegen- heit auch gleich weiter um das Essen kümmern würde. Glockmann bot Trudy den Arm an, und gemeinsam gingen sie hinaus. Von Gefahr durfte sie sich so nicht sehen lassen, obwohl sie Sorglos längst verlassen haben, würde, wenn sich der Trudy-Preis entschied. Der Sieger würde kein Mitglied der Garde werden. Und die Aussich- ten standen recht gut, dass er nicht einmal eine Klinge sein würde., Die offene Straße! Mit einem kräftigen Pferd zwischen den Schenkeln und Schlechte Neuigkeiten am Sattel preschte Sir Ringwald, Befehlshaber der Garde der Groß- herzogin, eine Landstraße entlang und genoss jeden Au- genblick. Es hatte Arger gegeben, und es würde weiteren Ärger geben, jede Menge. Eines Tages würde er sterben, weil jeder sterben musste. In seinem Fall würde es eher früher als später so weit sein, aber an diesem Tag lebte er und war jung, und das Leben fühlte sich zuckersüß an. Vor ihm wand der Pfad sich durch die Landschaft des fortschreitenden Spätsommers. Sie hatten sich für diese Straße entschieden, weil auf ihr wenig Verkehr herrschte, doch vor wenigen Minuten war ihre Kavalkade an einem Kesselflicker und einem dürren Knaben vorbeigezogen, der einen Esel führte. Ringwalds Augen hatten so heftig gebrannt wie zweifellos jene des armen Mannes, als ihm der von den Pferden aufgewirbelte Staub in die Augen geriet. Ich bin ‘s Papa! Ich bin jetzt ein Mann, ein Edel- mann, und was ich tue, ist wichtig. Bislang fand er, dass er seine Sache recht gut machte. Besser, als die meisten von ihm erwartet hatten, vermute- te er. Auf jeden Fall besser, als er befürchtet hatte. Natür- lich konnte dieser Zustand nicht von Dauer sein. Im Um- gang mit dem Schwert war er recht gut, aber ihm fehlte die Strategieausbildung, die Klingen üblicherweise er-, hielten. Früher oder später würde ihm ein verheerender Fehltritt unterlaufen. Der Großherzog ritt zu seiner Linken, obwohl er der- zeit lediglich Herr Johann Schale war und sich wieder in Frau Johanna Schale verwandeln würde, sobald sie ihren Führer los waren. Letzterer ritt an Johannas anderer Seite und war Sir Rivers, der erst unlängst aus der Garde ent- lassen und von Anführer angeworben worden war, um den Grünschnäbeln zu helfen. Er war zweifellos ein fähi- ger Mann und würde dafür sorgen, dass die krupinesische Gruppe wohlbehalten nach Brimiarde und an Bord eines Schiffs gelangte, aber etwas an Rivers störte. Obwohl er nicht ganz so unerträglich wie Raunzer war, schien er klüger, weshalb die Art, wie er die Menschen zur Weiß- glut brachte, vorsätzlicher wirkte. Hinter ihnen ritten Raunzer und Trudy, die einen über- raschend überzeugenden Jungen abgab, dann Manfred, der offenbar ein Fachmann war, was Pferde anging. Ich muss etwas von ihm lernen. Die Nachhut bildete Glock- mann, der zwei Packtiere führte. Ich darf nicht verges- sen, ihn abzulösen. Ebenso musste er daran denken, Raunzer nicht das alleinige Recht der besten Gesellschaft wahrnehmen zu lassen. Und da bot sich auch schon die Gelegenheit dazu, denn der Pfad verschmälerte sich über ein Kornfeld; es wäre unhöflich gewesen, das Getreide zu zertrampeln, indem man zu dritt nebeneinander ritt. Ringwald ließ sich zurückfallen. »Bitte übernimm die Packtierzügel von Glockmann, Sir Raunzer«, befahl er, mit einschmeichelnder Stimme. Raunzer setzte eine finstere Miene auf und verlang- samte das Pferd wortlos, was gleichermaßen eine Er- leichterung und eine Überraschung war. Ringwald grinste seine neue Gefährtin an. »Das ist besser. Viel besser!« »Sagt Ihr mir das oder fragt Ihr mich?«, wollte Trudy wissen. »Ich sage es Euch. Zu fragen würde ich mich nicht trauen.« Das brachte ihm ein Lächeln ein! »Ich kann Euch gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass Ihr bei uns seid, Schwester. Ich bin überzeugt davon, dass Ihr uns vergangene Nacht das Leben gerettet habt und es wieder tun werdet. Andernfalls kehre ich zurück und suche Euch als Geist heim!« »Nennt mich nicht Schwester«, sagte sie. »Und ja, Ihr seid tatsächlich eine willkommene Abwechslung. Was ist bloß mit Raunzer los? Er scheint ständig einen Wespen- schwarm im Wams zu haben.« »Raunzer ist immer die ungehobeltste Kuh im Stall. Er nagt noch immer daran, dass ihn seine älteren Brüder in Eisenburg abgesetzt haben, um das Erbe nicht mit ihm teilen zu müssen. Das war nicht besonders gerecht.« Ringwald wollte sich nicht über Raunzer unterhalten. »Ich hatte auch ältere Brüder. Deswegen laufe ich aber trotzdem nicht herum und ärgere Leute, oder?« Ringwald bedachte sie mit einem gefühlvollen Blick. »O nein, meine Dame!« Ein tiefer Seufzer. »Ganz im, Gegenteil, meine Dame!« »Idiot!« Sie war belustigt! Und sie füllte dieses Män- nerwams auf höchst bemerkenswerte Weise. »Ja, meine Dame.« Jetzt wurde es ernst. Weg mit die- sem dümmlichen Grinsen. Männliche Haltung. »Ich habe eine Frage, meine …« »Nenn mich einfach Tru.« »Ja, Tru! Meine Freunde nennen mich Ringwurm, was ich allerdings hasse. In Brimiarde werden wir verzaubert, um fitainisch und wahrscheinlich isilondisch zu spre- chen. Ich habe mich bloß gefragt … Ich weiß, dass einige Schwestern Beschwörungen nicht ertragen können. Wirst du zurechtkommen?« »Das sage ich dir, wenn es so weit ist und ich weiß, wie die Beschwörung riecht.« »Dann stimmt es also, Tru? Ihr riecht die Geister? Schnuppert sie?« Sie hatte ein betörendes Lächeln. Sonst war ihr Ge- sicht nicht außergewöhnlich, aber wenn sie lächelte, musste er an Sterne, Blüten und Geigen denken. »Das hängt ganz von der Beschwörung und von der Schnüffle- rin ab. Einen Inquisitor kann ich auf fünfzig Schritte rie- chen. Ein Moder wie verdorbener Fisch.« »Und Klingen?«, fragte er vorsichtig. »Für mich schimmern Klingen.« »Tatsächlich?« »Tatsächlich«, bekräftigte sie. »Du kannst uns in der Dunkelheit sehen?«, »Gewiss. Raunzers Schimmer ist fahlgelb. Deiner er- innert eher an Bronze.« Sie zog ihn auf. Im Vergleich zu Raunzer musste sie ihn wie einen kleinen Jungen wahrnehmen. Raunzer be- saß Muskeln und Haare auf der Brust – erst an jenem Vormittag hatte er größten Bedacht darauf gelegt, es ihr zu zeigen. »Das könnte praktisch sein, falls du mal im …« O Graus! »… Bett lesen möchtest.« Warum, warum, warum hatte er das gesagt? »Ich bezweifle, dass du hell genug wärst. Es sei denn, zu zögest alle Kleider aus.« »Aber allzu gern«, antwortete er rasch, doch es half al- les nichts mehr. Sie hatte es ihm wieder angetan. Wel- chem Schwertkämpfer stieg schon die Schamesröte ins Gesicht? Zwei Nächte verbrachten sie im Haus von Sir Martin, einem weiteren ehemaligen Mitglied der Königlichen Garde. Er hatte so weise geheiratet, dass ihm nunmehr zwei Dörfer gehörten. Sowohl er als auch seine fuchsge- sichtige Gemahlin waren taktvoll und stellten keine Fra- gen. Dort holte sie ein königlicher Kurier ein und lieferte ihnen Pässe, Bankakzepte und Empfehlungsschreiben, die der König Johanna versprochen hatte. Die meisten der Dokumente waren echt, einige jedoch Fälschungen der Dunklen Kammer. Es war sehr praktisch, Könige als Freunde zu haben. Am nächsten Tag erreichten sie Brimiarde und stiegen, im Zeichen der Schildkröte ab, einer Herberge, die zufäl- lig einem weiteren ehemaligen Mitglied der Garde gehör- te, Sir Panther. Brimiardes Beschwörungsläden genos- sen, wie von einer bedeutenden Hafenstadt zu erwarten, einen guten Ruf für Sprachzauber. Von Glockmann beo- bachtet, führte Sir Rivers die Verhandlungen und rang es einer Gruppe von Brüdern erfolgreich ab, Bohakisch oh- ne Aufpreis hinzuzufügen. Trudy verweigerte Bohakisch und Isilondisch, begnügte sich mit Fitainisch, doch selbst das schickte sie für zwei Tage mit Kopfschmerzen und Übelkeit ins Bett. Danach konnten sich alle mit Manfred unterhalten und ihn in die Gruppe einbeziehen. Er erwies sich als wort- karg, besaß eine bissige Weltanschauung und einen tro- ckenen Sinn für Humor. Er trauerte aufrichtig um den Baron und gab zu, dass er sich darauf freute, nach Hause zu seiner Frau und Familie zurückzukehren. Durch eine glückliche Fügung lag im Hafen ein geeig- netes Schiff vor Anker, eine gedrungene kleine Kogge namens Eroberer, die vor allem über die Meerenge pen- delte und Einrichtungen für Fahrgäste besaß. Sobald Be- dingungen ausgehandelt und mit Glockmanns Unter- schrift neben jener von Kapitän Howie ins Logbuch ein- getragen waren, hatte Sir Rivers seinen Auftrag vollen- det. Er konnte mit allerlei guten Wünschen heimwärts reiten, was er auch tat, aber es bedauerte niemandem wirklich, ihn ziehen zu sehen. Trudy wünschte nur, er hätte Raunzer mitgenommen. Raunzer hielt sich für den, aussichtsreichsten Anwärter auf den Trudy-Preis. Jeden- falls legte er sich mächtig ins Zeug. Sehr mächtig! Die Eroberer brauchte weitere vier Tage, um ihre Fracht aus Wolle, Pökelfisch und Apfelwein zu löschen. Danach zögerte das Wetter, sie in See stechen zu lassen, aber eines Morgens ging die Sonne an einem klaren Himmel auf, und die Benachrichtigung traf ein. Sechs Männer verließen die Schildkröte, vier Männer und zwei Frauen gingen an Bord., »Es ist wundervoll, wieder eine Frau zu sein!«, verkün- dete die Großherzogin voll Inbrunst. Trudy war sich da weniger sicher. Die beiden standen am Hinterdeck in der Nähe des Rudergängers und ver- suchten, der Besatzung nicht im Weg zu stehen, während Kapitän Howie durch ein Sprachrohr Befehle brüllte. Die Eroberer neigte sich vor dem Wind und steuerte auf das offene Meer zu. Landwärts war die Aussicht schlichtweg atemberaubend: Auf den Hügeln schillerten die goldenen Töne des Herbstes, und auf den Dächern von Brimiarde spiegelte sich funkelnd die Vormittagssonne. Das Schiff selbst hingegen war überfüllt, schäbig und modrig, wie Sir Panther ihnen bereits angekündigt hatte; alle Schiffe waren so. Mit etwas Glück würden sie in ein paar Tagen in Isilond eintreffen; mit Pech mochte es Wochen dauern oder sie ins Seemannsgrab führen. Jeder Matrose trug mindestens einen Glücksbringer. Trudys Zähne klapper- ten jedes Mal, wenn ihr einer davon zu nahe kam. Sie fragte sich, ob sie inmitten solcher geballter Geistigkeit nachts überhaupt ein Auge zutun konnte. »Euch war dieses Vergnügen wesentlich länger ver- sagt als mir«, meinte Trudy taktvoll. Großherzogin Johanna hatte allen Grund, sich über ihr wahres Erscheinungsbild zu freuen. Sie war eine un- glaublich weibliche Frau, zierlich und golden, und das, obwohl Sorgenschatten über ihren fein geschnittenen Zügen lagen. Da der Wind ihr das burgunderrote Kleid eng an die Brüste drückte und den Saum häufig hoch- schlug, sodass ihre Knöchel und Waden zum Vorschein kamen, stellte sie eine regelrechte Gefahr für die Schiff- fahrt dar. Kapitän Howie und der Rudergänger waren außerstande, die Augen von ihr zu lassen. Auf der gege- nüberliegenden Seite des Decks lehnten Glockmann, Ringwald, Raunzer und Manfred rücklings an der Reling, sodass sie die Aussicht in ihre Richtung genießen konn- ten. Trudy bevorzugte insgeheim die Freiheit, die ein Da- sein als Mann verhieß. Sie sah aus wie ein Mann. Jeden- falls war sie alles andere als eine klassische, adelige Schönheit. Sie war bloß eine grobknochige Landmaid mit zu ausgeprägten Kieferknochen und einer viel zu kleinen Nase. Durch das jahrelange Kühemelken als Kind war sie mit übergroßen Händen und Unterarmen wie ein Schmied geschlagen. Die Mütter in Eichental hatten sie unablässig ermahnt, die Ellbogen anzuwinkeln und nicht so zu gehen, als trüge sie Stiefel. Johanna hätte wahrscheinlich eine gute Weiße Schwe- ster werden können, denn ein Gespür für Menschen wies für gewöhnlich auf Empfänglichkeit für Geistigkeit hin. Sie bemerkte Trudys Zurückhaltung und schaute sie fra- gend an. »Ihr habt eine andere Freiheit, die mir versagt ist.« »Tatsächlich?«, »Ihr könnt die Motten um Eure Flamme kreisen las- sen. Ich bin einen verheiratete Frau und muss mich als solche gebaren.« Höchstwahrscheinlich war sie eine Witwe, doch niemand sprach es aus. »Ich wünschte nur, meine Flamme würde so hell leuchten wie die Eure«, gestand Trudy. »Unsinn! Wir haben bloß Glück, dass die Bindungen meiner Klingen sie zwingen, sich zu benehmen, andern- falls würden sie einander wegen Euch an die Kehle ge- hen. Und ich hätte plötzlich nur noch einen Leibwäch- ter.« Untertöne leichter Falschheit schrillten wie Glocken in Trudys Kopf. Johanna wollte auf etwas hinaus. »Bei allem Respekt, Hoheit, ich glaube, Ihr irrt Euch. Mich bemerken sie nur, wenn Ihr durch Euer Medaillon verborgen seid.« »O nein. Mir ist keineswegs entgangen, wie sie Euch ansehen.« Johanna kicherte und tat so, als scherzte sie bloß unbeschwert, was nicht der Fall war. »Von Manfred abgesehen, wie stuft Ihr die anderen ein?« »Rein äußerlich? Ringwald sieht am besten aus. Ohne Frage. Gefolgt von Raunzer. Glockmanns Kiefer ist zu groß.« »Dieser Einschätzung würde ich mich anschließen.« Schrill. Eine Lüge. »Unterhalb des Kragens«, fuhr Trudy fort, die wusste, dass sie Johanna niemals so bestürzen würde, wie es ihr oft bei Ringwald gelang, »ist es umgekehrt. Ringwald ist ein Jüngelchen, Raunzer viel zu fleischig, aber Glock-, mann so ziemlich vollkommen, findet Ihr nicht auch?« »Vielleicht«, seufzte Johanna, wobei die Elemente der Liebe wie Lerchen zwitscherten. »Aber als angenehme Gesellschaft? Ich fürchte, der arme Raunzer stünde wohl auf der Liste jeder Frau an letzter Stelle, vermutlich auch auf jener der meisten Männer. Ringwald kann recht geist- reich sein, aber es mangelt ihm an Selbstvertrauen. Glockmann? Findet Ihr ihn unterhaltsam?« »Zuverlässig.« »Ist das denn ein Fehler?« »Wer mit zwanzig zuverlässig ist, wird mit dreißig langweilig.« »Schämt Euch! Wie bissig!« Das Lachen der Herzogin brachte Trudys Alarmglocken erneut zum Schrillen. »Und was kümmert Euch, wie er mit dreißig sein wird? Schließlich reden wir hier über harmloses Schäkern, nicht über eine Heirat.« »Wir Frauen müssen praktisch denken. Wie würdet Ihr die finanziellen Aussichten der drei einstufen?« Johanna seufzte. »In der Hinsicht hat keiner von ihnen irgendwelche Aussichten. Raunzer und Ringwald sind an eine mittellose Verbannte gebunden, folglich steht sogar ihr beider Leben auf dem Spiel. Glockmann dürfte in ei- nem Jahr noch mit größerer Wahrscheinlichkeit unter den Lebenden wandeln als sie. Er ist erstaunlich begabt. Ich denke, er müsste sich ganz gut durchs Leben schlagen.« Nun erkannte Trudy das Problem eindeutig. »Aber er ist so schlicht.«, »Ganz und gar nicht. Glockmann mag nicht bahnbre- chend gutaussehend sein, aber seine Züge strahlen eine unverfälschte Stärke aus.« Kein sanftes Läuten. Statt des- sen schwollen die Gesänge der Liebeselemente zu einem Crescendo an. Glockmann war ihrem Bann verfallen, und sie wusste es. Was dachte sie nur, dass Trudy dagegen unternehmen konnte? Glockmann gehörte nicht zu dem Menschen- schlag, der sich von einem Landei wie ihr ablenken ließ, nur weil es sich ihm mit einer Rose zwischen den Zähnen vor die Füße warf. Sein Herz gehörte Johanna, und was Johanna in Angst versetzte, war ihr eigenes Empfinden darüber. Nachdem die Eroberer die Hafengewässer verlassen hat- te, begann sie zu rollen und zu stampfen. Am nächsten Tag bäumte sie sich auf wie ein verrückter Gaul. Der Wind schwoll immer noch an, und die größten Wogen spülten mittschiffs quer über das Deck. Die Welt war grau und voller Nebel und Wellen mit Gischtkronen. Glockmann, Manfred und die Herzogin waren unter Deck in die Kabinen verschwunden. Gut und gern ein Drittel der Besatzung hing an der Back über der Reling. Trudy stellte dankbar fest, dass sie gegen dieses ver- breitete Ungemach gefeit war. Sie wickelte sich warm ein und blieb auf dem Achterdeck, wo die Luft frisch, wenngleich im Überfluss vorhanden war. Leider waren Klingen gegen alles gefeit, und auf See war es nicht nö-, tig, dass beide ihr Mündel bewachten. Folglich hatte Raunzer Trudy ganz für sich allein. »Dein Körper erregt mich wirklich ungemein«, war noch eine seiner besseren Floskeln, dicht gefolgt von »Mädchen können Klingen nicht widerstehen«. »Klingen sind die besten Liebhaber«, war dem Vernehmen nach wahr, sofern man Klingen glaubte. Und »Du weißt, dass du mir nicht mehr lange widerstehen kannst« klang ent- setzlich glaubhaft. Selbst in Ölzeug schimmerten Klingen für sie, und Trudy musste immerzu daran denken, wie er ohne sein Hemd geleuchtet hatte. Wenn sie sich mit dem Rücken gegen die Reling lehnte, stand er vor ihr und schnitt sie vom Rest des Schiffes ab. Wenn sie aufs Meer hinausschaute, schlang er einen Arm um sie und drückte sie. »Ist dein Anführer seekrank?«, fragte sie und meinte eigentlich Ich wünschte, er wäre hier. »Nein, er kümmert sich um Ihro Gnaden.« Trudy wusste bereits, wo Ringwald war, denn sie stand unmittelbar über der winzigen Kabine, die sich die beiden Frauen teilten. Ringwald und sein Mündel trieben gewiss nicht das, wonach Raunzer der Sinn stand, jeden- falls nicht, solange die Züge der Herzogin so grün wie noch vor einer Stunde waren. »Also ist er beschäftigt«, fügte Raunzer hinzu. »Wir zwei könnten in unsere Kabine gehen und würden nicht gestört.« »Warum muss er bei ihr blieben? Hier wird ihr nie-, mand ein Leid antun?« Raunzer blickte finster drein. »Er hält den Eimer. Sie könnte ersticken.« »Ich wusste gar nicht, dass Klingen auch Kranken- pfleger sind.« »Für unsere Mündel sind wir alles, was nötig ist. Für hübsche Mädchen sind wir tolle Liebhaber.« Trudy hoffte inständig, dass bald Hilfe kommen wür- de. Glockmann wäre bestimmt eingeschritten, wenn er gesehen hätte, was vor sich ging, aber Glockmann lag ebenfalls danieder. Und die Seeleute würden es nicht wagen, einer Klinge in die Quere zu kommen. »Sir Raunzer, es ist mitten am Vormittag in einem heulenden Sturm. Ich bin nicht in der Stimmung für Ro- mantik.« »Komm mit nach unten, und ich bringe dich sofort in die richtige Stimmung, das verspreche ich dir. Die Mäd- chen in Brimiarde haben alle gemeint, wie gut ich doch sei.« »Nein!« »Du weißt gar nicht, was dir entgeht.« Ihre Weigerung verwirrte ihn aufrichtig. »Doch, das weiß ich. Immerhin bin ich ein Mädchen vom Land.« »Meine Matratze ist mit Heu gefüllt.« Für Raunzer war das eine wahrhaft geistreiche Erwi- derung, und Trudy lachte. Ein Fehler! Sofort setzte er ein lüsternes Grinsen auf., »Also bist du einverstanden?« Um Raunzer frohlockten keine Liebesgeister. Nur rote Flammen der Wollust. »Ich brauche Zeit, um darüber nachzudenken.« »Lass mich dir helfen.« Er versuchte, sie zu küssen. Trudy lehnte sich rücklings, um ihm auszuweichen. Sie spielte mit dem Gedanken zu schreien. Dann begann sie, sich zu fragen, ob es die Mühe wert war, sich zu wehren – gäbe sie es auf und ließe ihn gewähren, hätte sie vielleicht eine Weile Ruhe vor ihm. Doch das war nur der Bindungszauber, der an ihrem Widerstand nagte. Beim nächsten Mal würde sie sich leichter fügen, und in ein paar Tagen käme sie schon angerannt, wenn er ihr bloß zuzwinkerte. Keine Frau konnte einer gebundenen Klinge widerstehen. Warum sonst sollten Männer einwil- ligen, sich binden zu lassen? Wieso also sich wehren? Ringwald! Sein Schimmer hatte sich bewegt und die Kabine verlassen. »Halt!«, rief sie. »Dein Anführer kommt.« Und so war es auch. Ringwald kam aus der Luke und wankte im Sturm über das Deck. Raunzers zorniger Blick schien heftig genug, um ihn über Bord zu schleudern. Ringwald hielt sich an der Reling fest. »Lös mich mal eine Weile ab, Bruder. Ich brauche eine Pause.« Raunzer stapfte davon und fluchte lauthals in den Wind. »Guten Tag«, begrüßte Trudy ihn inbrünstig. Sie zit- terte am ganzen Leib. Noch etwa eine Minute und ihr, Widerstand wäre gebrochen. »Stimmt etwas nicht?« »Alles in Ordnung.« Sie wandte sich ab und schaute über die Wellen. »Sag es mir. Bitte, Trudy?« »Es ist nichts.« Er legte auf der Reling eine Hand über die ihre. Keine ungestüme Umarmung wie von Raunzer, auch keine Feu- ersbrunst der Lust. Nicht einmal Vogelgezwitscher, nur ein ferner Klagelaut gleich dem Ruf eines Brachvogels in einem Moor. »Kann ich irgendetwas tun?« Seine Hand fühlte sich warm auf der ihren an. »Raunzer wurde ein wenig zudringlich.« Ringwald ließ die freie Faust auf die Reling niedersau- sen. »Es tut mir Leid, Tru! In Brimiarde hatte ich ihn im Griff, aber hier draußen bin ich machtlos.« »Zerbrich dir deshalb nicht den Kopf. Wenn ich mich meiner Haut nicht zu wehren wüsste, wäre ich auf einem Baum in Eichental hocken geblieben. Es gibt Schlimme- res als Raunzer.« »Aber die meisten Männer müssen sich mit einem Nein als Antwort abfinden. Einer Klinge hingegen kann keine Frau widerstehen.« Sie fand, sie hatte sich die letzten paar Tage recht wa- cker geschlagen, wenngleich ihre Kraft nun allmählich zu Ende ging. »Das gilt doch für alle Klingen, oder?« »So sagt man zumindest«, murmelte er und starrte aufs Meer., Es war sinnlos, Andeutungen fallen zu lassen, denn dadurch stieg ihm stets unweigerlich die Schamesröte ins Gesicht, was das Problem nur verschlimmerte. Ange- sichts des Windes war schwierig zu erkennen, ob er im Augenblick rot anlief, jedenfalls wurde der Ruf des Brachvogels noch schwächer, noch kläglicher. »Ich finde, was Raunzer tut, ist verachtenswert«, er- klärte er. Probier’s doch erst mal aus, Sonnenschein. Wie ging man mit einem schüchternen Liebhaber um? Fiele sie mit der Tür ins Haus, indem sie ihn fragte, würde er sich zu- tiefst gedemütigt fühlen. Andererseits verriet das fort- währende Rufen des Brachvogels, dass er sie durchaus begehrte. Er unterdrückte sein Empfinden, verleugnete seine Sehnsucht, fürchtete sich davor, auch nur davon zu träumen. »Wie konntest du ihn in Brimiarde denn im Griff be- halten?«, erkundigte sie sich, obschon sie es genau wuss- te. »Die meiste Zeit hat er sich fast wie ein zivilisierter Mensch aufgeführt.« Ringwald verzog das Gesicht. »Wenn er einen Tag überstand, ohne sich zum Narren zu machen, bekam er eine Weile dienstfrei und ein bisschen Geld, mit dem er ausgehen und, na du weißt schon, ein paar Getränke kau- fen konnte.« »Ich dachte immer, Klingen trinken nicht viel.« »Sie waren ja auch nicht für ihn. Tod und Verderben, Tru! Du weißt genau, was ich meine!«, »Dein Mündel hat es mir erzählt, und ich konnte es kaum glauben. Das ist das Kindischste, was ich je gehört habe. Ich für meinen Teil habe mich nicht mehr mit Kek- sen bestechen lassen, seit ich fünf Jahre alt war.« Ringwald wirkte überrascht, dann grinste er aufs Meer hinaus. »Ist wohl auch kindisch.« Er hatte es auf sich be- zogen, nicht auf Raunzer. Sie spürte, wie er sich inner- lich stählte. »Womit wirst du denn jetzt am liebsten be- stochen?« »Mit Süßholzraspeln.« Er drehte sich um und starrte sie an. Sie blickte un- verwandt zurück. Der Ruf des Brachvogels schwoll zum Trällern einer Lerche an. Was immer er sehen mochte, die Pupillen seiner dunklen Augen wuchsen und wuch- sen. Sie, fragte sich, ob das auch für die ihren galt. So- wohl Glockmann als auch Raunzer waren im Rennen um den Trudy-Preis ausgeschieden, doch sie bedauerte es nicht. Sie wusste nun, wen sie wollte. Er bedurfte ledig- lich etwas mehr Arbeit, als sie erwartet hatte. »Das ist alles?«, Ringwald zeigte sich überrascht. Das hatte er nicht gewusst. »Das ist oft alles.« Mit einem Schlag zwitscherten Nachtigallen unmittel- bar über ihnen Liebesweisen – er war ein Schwertkämp- fer und dafür ausgebildet, unverzüglich zu handeln. So- gar Andeutungen roter Flammen waren in der Nähe, wenngleich er noch nicht bereit war, das einzugestehen. »Du meinst, wenn ich zum Beispiel sage, dass ich dich, liebe? Wäre das Süßholzraspeln?« »Wenn es stimmt, dann schon.« Der Chor der Elemen- te war ohrenbetäubend. Vermutlich hatten sich auch ei- nige der ihren dazugesellt. Er holte tief Luft. »Ich nehme an, ich könnte Raunzer sagen, du seist mein Mädchen, und er soll einen langen Spaziergang unternehmen.« »Und warum tust du es nicht?« Nun rührte seine Röte nicht von Scham her, lediglich von einem gesunden Verlangen. »Aber dann hätte ich das Recht, dich zu küssen.« Sein Grinsen wirkte beinahe lüs- tern. »Es wäre nachgerade eine Verpflichtung!« Sie hatte zwar von den Reflexen der Klingen gehört, aber meine Güte! »Das wäre es auf jeden Fall.« »Ich erfriere hier draußen fast.« Ringwald schlang ei- nen Arm um sie. Er loderte wie ein Schmelzofen, und Trudy war verblüfft darüber, wie ansteckend seine Erre- gung war. »Möchtest du mit nach unten kommen, Tru? Dann sage ich dir, wie sehr ich das möchte.« Das war es doch, was sie gewollt hatte, oder? »Liebend gern!«, rief sie aus. Liebend? Um einander zu lieben? Zu zweit? In wahrer Liebe? Wahrer Liebe zu Tru?, Der Sturm blies sie nach Furret. Eigentlich sollte die Er- oberer nach Boileau, aber Furret würde reichen. Glock- mann zeigte König Athelgars Pässe vor und warf ein paar Münzen in ausgestreckte Hände. Damit waren die Förm- lichkeiten erledigt. Im Verlauf der nächsten Tage kaufte Manfred Pferde. Trudy half ihm dabei, denn auch ohne isilondisch zu ver- stehen, konnte sie ihm ein Zeichen geben, wenn Händler logen. Die Kosten entsetzten Glockmann. Sechs Pferde, sechs Ersatzgäule, drei Packtiere sowie das erforderliche Sattel- und Zaumzeug verschlangen den Großteil der Spende König Athelgars an seinen mittellosen Vetter. Wenn sie den ganzen Weg bis nach Krupina etwas zu essen haben wollten, mussten sie schnell reisen. Die Ta- ge wurden kürzer, bald würde ihnen das Wetter Kopfzer- brechen bereiten, und es tobte ein Krieg – Dolorth war in Bohakia eingefallen. Obwohl bislang nur aus dem Nor- den Feindseligkeiten berichtet wurden, nicht aus der Nä- he von Trenko oder Krupina, würden die Auswirkungen die Preise in die Höhe treiben und die Menschen Frem- den gegenüber argwöhnisch werden lassen. Sie mussten mit aller möglichen Eile voranpreschen, ohne dabei je- doch die Pferde zu überlasten. Wann immer sich eine Gelegenheit ergab, reisten sie mit Händlern oder anderen redlichen Wandersleuten, de-, nen die Gesellschaft dreier wortgewandter junger Schwertkämpfer sehr willkommen war. Sie übernachte- ten in Herbergen, Scheunen oder Häusern, wo immer ih- nen ein paar Münzen Unterschlupf erkaufen konnten. Vier Mal konnten sie die Gastfreundschaft wohlhabender Persönlichkeiten in Anspruch nehmen, für die sie Emp- fehlungsschreiben mitbekommen hatten. Drei davon wa- ren ernannte chivianische Gesandte, und einer war nicht nur selbst aus Chivial, sondern zudem ein Ritter im Or- den, der sagenumwobene Sir Beaumont. Er hatte fünf Jahre zuvor den Königspokal errungen und gab immer noch so ausgezeichneten Unterricht, dass die Schwert- kämpfer darauf bestanden, tagelang bei ihm zu verweilen – vorgeblich, um den Pferden Erholung zu gönnen. Häufig ritten sie in Paaren. Zumeist waren Ringwald und Trudy zuvorderst, gefolgt von Johanna und Glock- mann, während Manfred und Raunzer die Nachhut bilde- ten. Manfred war der einzige von ihnen, der Raunzer län- gere Zeit ertragen konnte. Der alte Mann kicherte, wobei er seine Zahnstumpen zeigte, und meinte: »Hatte mal ‘nen Klepper wie ihn. Ob er biss? Andauernd! Einmal kurz weggeschaut, und schon zwickte er. Wenn man ihn striegelte, ihm Hafer gab, war er brav und gefügig, und dann biss er wieder zu. Ohne Vorwarnung. Schlagen half auch nix. Musste ihn einfach ertragen. Aber bei den Geistern, was für’n Kraftprotz! Der konnte ewig laufen.« Danach nannten sie Raunzer hinter seinem Rücken »Kraftprotz«., Ähnlich stand »die Turteltäubchen« für Trudy und Ringwald, die kaum die Hände voneinander lassen konn- ten. Für gewöhnlich jedenfalls waren sie damit gemeint. Glockmann fand alsbald heraus, dass der Begriff biswei- len auch anderweitig verwendet wurde. Drei Tage, nachdem sie Furret verlassen hatten, an einem glühend heißen Nachmittag, ritt Glockmann neben Jo- hanna … »Hört auf, mich so anzusehen!« »Wie?«, fragte er erschrocken. »Als ob Ihr in mich verliebt wärt!« Dann errötete sie und wandte den Blick ab. »Gewiss ist Euch klar, dass dies nur eine Folge meines Austritts aus Eisenburg ist, oder?«, antwortete er. »Im- merhin hat man mich auf die Zuchtweide entlassen. Ich muss mich zwangsläufig in die erste Frau verlieben, der ich begegne. Das ist unvermeidlich. Ich brunfte nur. Ach- tet gar nicht darauf.« Er war bereits zu dem Schluss gelangt, dass es zu sehr schmerzte, um bloßes Brünften zu sein. Lägen seine Qualen an blanker Wollust, müsste er dann nicht so wie Raunzer jeder Frau hinterherjagen? Warum sollte er sich ausgerechnet eine aussuchen, die verheiratet war? Zudem war sie praktisch eine Königin und wohl eine der größten Schönheiten in ganz Euranien, er hingegen ein unbedeu- tender Niemand. »Ihr seid sehr unhöflich«, meinte sie., »Ich bin Euer Diener, Euer Gnaden. Wenn Ihr Euch gekränkt fühlt, entlasst mich einfach, und ich gehe fort.« Schweigen. »Johanna«, wagte er schließlich zu sagen, »ich schwö- re, dass ich dir mit aller Kraft helfen werde, deinen Sohn zu holen und an seinen rechtmäßigen Platz zu setzen. Falls dein Gemahl noch lebt, werde ich zudem alles in meiner Macht Stehende unternehmen, um dich wieder mit ihm zu vereinen. Danach werde ich meine Kündi- gung einreichen, denn ich kann nicht ewig in Qualen le- ben.« Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, bis bevor sie flüs- terte: »Und wenn Rubin nicht mehr lebt?« »Falls du je so verzweifelt sein solltest, dass ein kir- chenmausarmer, heimatloser Geliebter nützlich für dich wäre, steht dir einer zur Verfügung. Einer, der dir stets treu ergeben sein wird.« »Und in der Zwischenzeit?« »Tun wir gar nichts«, gab er zurück. Wobei ihm die Worte schwer fielen. »Wir dürfen nicht, um Frederiks willen.« »Was hat Frederik mit dir zu tun?«, wollte sie wütend wissen. »Nichts, nur dass er alles für dich und dein Glück alles für mich ist.« »Danke«, erwiderte sie darauf. Danach schwieg sie ei- ne lange Weile., Ein paar Wochen später ging Glockmann in einer bevöl- kerten, wüsten Taverne, in der es nach Talgrauch stank, an den Schanktisch, um seinen Becher nachfüllen zu las- sen. Dort begegnete er Raunzer, der den Arm um eine schluderige Frau geschlungen hatte. Raunzer war so be- trunken, wie eine Klinge sein konnte, also nicht beson- ders. Doch in seinem Fall reichte es, um seine bereits kümmerlichen gesellschaftlichen Fähigkeiten auf null zu verringern. »Glockmann!«, rief er. »Oder eher Glockknabe?« An- gewidert musterte Glockmann ihn. »Was willst du?« Die Klinge lachte. »Dasselbe wie du. Der Unterschied ist nur, ich kriege es, du hingegen nicht! Ich kriege es jede Nacht, du niemals. Was ist bloß mit dir los, Meister Ja- kob? Hat Glockmann keine Glocken? Mein Mündel will dich. Sie redet sogar im Schlaf von dir. Vielleicht muss ich ihr geben, was sie braucht, wenn du es nicht kannst. Ein Wort von dir, und sie würde sich die Kleider vom …« Klingen waren unglaublich schnell. Glockmann war zwar keine Klinge, aber daran war nur seine Sicht Schuld, nicht seine mangelnde Schnelligkeit. Krachend prallte seine Faust gegen Raunzers Kinn, und nur ein Bollwerk aus einem Dutzend Männer hinter Raunzer verhinderte, dass die Klinge ausgestreckt auf dem spu- ckefeuchten Boden landete. Natürlich konnte niemand eine Klinge bewusstlos schlagen. »Bewusstlose Klinge« galt als Widerspruch in sich. Die Männer hinter Raunzer, sanken ob der Wucht zusammen, Raunzer selbst hinge- gen federte sofort mit Unbezwingbar in der Hand zurück. An die zwanzig Kehlen gellten vor Entsetzen, und die Menge sprang zurück, wodurch ein freier Platz um die Gegner entstand. Glockmann griff nach Wagemut – und erstarrte … »Halte dich von Klingen und Sabreuren fern«, hatte Ansel ihn gewarnt. Gemeint hatte er Halte dich von Kämpfen fern. Eigentlich sollte Glockmann gar nicht bewaffnet sein, aber die Erfahrung hatte ihn gelehrt, wel- chen Unterschied es machte. Ohne Schwert an der Hüfte war er nur ein Schriftführer oder Diener. Mit einem Schwert war er ein Edelmann, dem man Achtung zollte, wodurch er Johanna besser dienen konnte. Nun steckte er in der Zwickmühle. Er hatte den Kampf begonnen. Wenn er zog, konnte Raunzer ihn töten und sich auf Selbstver- teidigung berufen. Dann war Ringwald zwischen ihnen. »Steck das Schwert weg!«, brüllte er seinen Stellvertreter an. Seiner Stimme mangelte es an der volltönenden Befehlsgewalt eines Erwachsenen. Tatsächlich hörte sie sich eindeutig schrill an, dennoch behielt er die Oberhand. Raunzer füg- te sich, weil er sein Mündel nicht gefährden konnte, in- dem er in aller Öffentlichkeit einen Mord beging. Beschämt schlich Glockmann von dannen. »Feigling!«, schrie Raunzer ihm nach. Da die Gefahr somit gebannt war, begannen die Umstehenden ent- täuscht zu johlen., Später, als Glockmanns Blut abgekühlt war, ging er zu Ringwald und entschuldigte sich. Mittlerweile hatte Ringwald Raunzer zum Dienst eingeteilt, wodurch er selbst frei hatte. Er nützte die Zeit, indem er mit Trudy in einer Ecke lümmelte und sie mit Zuckerpflaumen fütter- te, die er gekauft hatte. Er warf dem reuigen Sünder ei- nen düsteren Blick zu. »Und es kommt auch nicht wieder vor?« »Nein, Anführer«, antwortete Glockmann. »Es wird nicht wieder vorkommen.« »Na schön.« Damit wandte der Befehlshaber sich wie- der dem Vorspiel zu., Von Isilond drangen sie südwärts nach Ritizzia vor, und von Ritizzia nach Nordosten in ein Flickenwerk kleiner Fürstentümer, von denen die meisten offiziell zu Fitain gehörten. Glockmanns Geldbörse musste an allen Gren- zen bluten. Als sie nach Blanburg gelangten, war er ernsthaft besorgt über ihre Mittel. Die Bankakzepte, die Großmeister ihm für die Rückreise gegeben hatte, sparte er nach wie vor auf, doch mittlerweile hatte er erkannt, dass sie nicht reichen würden, um sie alle nach Chivial zurückzubringen, sollte dies je erforderlich sein. An den meisten Tagen machten sie mittags Rast, um den Pferden und sich selbst etwas Ruhe zu gönnen, und an jenem Tag ließen sie sich im Schatten einer Eiche auf einem mit Büschen und kurzem braunen Gras bewachse- nen Hügel nieder. Über dem goldenen Tal hingen die Rauchschwaden brennender Stoppelfelder. Weintrauben und Getreide waren bereits geerntet; Herden wurden zur Schlachtung von den Hügeln getrieben. Hier hatte der Krieg noch nicht Einzug gehalten. Doch die Wolken wa- ren keine Sommerwolken mehr, und die Gipfel, die über ihnen aufragten, waren bereits mit frühem Schnee ge- sprenkelt. Im Norden stand auf einem Hügel unweit des Flusses ein Schloss, um das sich gleich einem Rock aus geweißeltem Kalk und Terrakotta eine befestigte Stadt erstreckte., Trudy und Ringwald lagen Seite an Seite fast unan- ständig nah nebeneinander. Auch Raunzer lag ausge- streckt auf dem Rücken, jedoch hatte er den Ort so ge- wählt, dass er den Zugang zu seinem Mündel versperrte. Glockmann und Johanna saßen in geringem Abstand voneinander. Manfred kaute vor sich hin und behielt die Pferde im Auge. Im Unterholz summten Bienen. Johanna machte eine vage Geste. »Das ist Blanburg, die Hauptstadt des Fürstentums Blanburg. Der Palast ist der Sitz von Rubins Vetter, dem Prinzen.« »Also«, meinte Glockmann, »sollte es uns endlich ge- lingen, ein paar Neuigkeiten zu erfahren. Wir werden herausfinden, was in Krupina vor sich geht, und wenn wir den Prinzen selbst fragen müssen.« Was sie natürlich nicht tun würden. Es folgte eine nachdenkliche, fast melancholische Stil- le. Ein Kapitel ihres Lebens neigte sich dem Ende zu. Sie alle waren schlank und braungebrannt wie Bauern, bei Raunzer und Johanna hatte die wochenlange Sonnenein- strahlung das Haar zudem fast silbrig gebleicht. Die schi- cken Kleider, die sie an jenem letzten Vormittag in Sorg- los so eilig ausgewählt hatten, waren verblasst und ab- gewetzt – mit Ausnahme jener, die Ringwald trug, denn er war aus seinen ursprünglichen Gewändern und mitt- lerweile auch fast schon aus deren Ersatz herausgewach- sen. In Eisenburg hätte Ritualmeister ihn ins Oktogramm gescheucht, um dem jähen Wachstum Einhalt zu gebie- ten., Manfred, der bei den Pferden wahre Wunder gewirkt hatte, grinste beim Gedanken an das Wiedersehen mit seiner Familie zahnlos vor sich hin. Die Schwertkämpfer schwiegen. Die Finten waren vorüber; unter Umständen würden sie sterben müssen. Die Großherzogin, die sich gelegentlich in den Herzog verwandelte, hatte ohne ein Wort des Klagens selbst ihr Pferd gestriegelt und ihre Wäsche gewaschen. Sehr bald würde sie vielleicht wie- der mit ihrem Gemahl vereint. Unmöglich war es kei- neswegs. Der gänzliche Mangel an Neuigkeiten über Krupina ließ den Schluss zu, dass es Rubin doch gelun- gen war, die Krone zu behalten. In diesem Fall würde Glockmann sich tief verneigen und zurückziehen müssen – und nur sein Herz zurücklassen. Natürlich konnte ihr Ehemann auch tot sein, doch Glockmann wollte sich nicht mit verfrühter Hoffnung quälen. »Wie weit ist es bis Krupina?«, fragte Trudy schläfrig. Johanna zuckte mit den Schultern. »Hängt vom Weg ab, den wir einschlagen. Südlich und um die Siril-Seen nach Zolensa brauchten wir mindestens eine Woche. Wir könnten aber auch von Blanburg nördlich nach Trenko Weiterreisen und das Reich über den Pilgerpass betreten. Dann wären es so an die fünf Tage, richtig, Manfred? Aber ich würde Vamky lieber meiden. Falls Manfred ei- nen Weg für uns finden kann, wäre die schnellste Route geradewegs über Brikov. Kannst du das, Manfred?« Er kicherte. »Mit geschlossenen Augen, Fürstin.«, »Wisst ihr«, fuhr die Herzogin fort, »eigentlich gibt es nur zwei Möglichkeiten. Die eine ist, dass mein Gemahl nach wie vor herrscht. In diesem Fall hole ich unseren Sohn und kehre mit ihm nach Hause zurück. Wahr- scheinlicher aber ist mein Gemahl tot, Volpe Großherzog und Karl Markgraf von Krupa. In diesem Fall hole ich meinen Sohn ab und kehre nach Chivial zurück, um die Zuflucht in Anspruch zu nehmen, die Königin Tascha mir so großzügig angeboten hat.« Letzteres war die beste aller Zukunftsaussichten für Glockmann. Johanna hatte sich endlich damit abgefun- den, dass sie einen Thronräuber nicht allein stürzen konnte und dass ein Sohn, der seines Erbes beraubt war, allemal besser war als ein toter Sohn. Die düstere Seite jener Zukunft war, dass sie dem Namen nach immer noch eine Herzogin wäre, und Königin Tascha könnte die Kosten verringern, indem sie Johanna mit irgendjeman- dem vermählte. »Was, wenn Herzog Rubin lebt und im Kerker schmort?«, fragte Ringwald und stützte sich auf einen Ellbogen. Abermals zuckte Johanna mit den Schultern. »Oder wenn der Adel Volpes Thronraub nicht hingenommen hat und ein Bürgerkrieg droht? Jede Möglichkeit, so un- wahrscheinlich sie auch sein mag, bedingt, dass ich Bri- kov besuche, denn dort habe ich Frederik gelassen. Fürst János ist ein Verbündeter, und er wird wissen, was sich in den letzten sieben Monaten ereignet hat.«, »Das kann ich Euch ebenso gut sagen«, sprach Raun- zer und blickte in den Himmel. »Letzte Nacht habe ich mit einer Gruppe von Händlern aus Krupina geplaudert. Hab alle Neuigkeiten bekommen.« »Du hast was?«, stieß Ringwald hervor und setzte sich auf. »Warum hast du mir das nicht gesagt?« »Ich sag’s dir jetzt. Falls du’s hören willst.« »Wo war das?«, fragte die Herzogin scharf. Nach wie vor auf dem Rücken liegend gähnte Raun- zer. »Im Freudenhaus. Wir hockten einfach so in unse- rem …« »Raunzer!«, brüllte sein Anführer. »Raus damit!« »Ja, Anführer.« Grinsend setzte er sich auf. Dann zähl- te er mit seinen Fingern Eins und blickte in die Runde. »Großherzog Rubin herrscht immer noch.« Zwei. »Groß- herzogin Johanna starb letzten Frühling bei einem Un- fall.« Drei. »In drei Tagen heiratet Großherzog Rubin Fürstin Margarita, die Tochter des Markgrafen Ladislas von Trenko.« »Falls das deine Vorstellung von einem Witz ist…« »Er sagt die Wahrheit«, meldete Trudy sich zu Wort. »Was nicht heißen muss, dass die Händler die Wahrheit gesagt haben.« Glockmann ergriff Johannas Hand. Sie zitterte. »Eine Stiefmutter für meinen Sohn?«, fragte sie. »Wo? Ich meine die Trauung. In Trenko?« »Auch habe ich mich erkundigt«, antwortete Raunzer selbstgefällig. Irgendwie war er noch unausstehlicher,, wenn er Recht hatte, als wenn er sich irrte. »In Krupa.« »Trauungen finden für gewöhnlich in der Heimat der Braut statt.« »Aber unmittelbar danach findet eine Thronbesteigung statt, Ihr versteht? Die letzte Herzogin wurde nie auf den Thron geführt, deshalb bestand der Markgraf diesmal darauf, meinten die Händler. Ich glaube, was sie erzählt haben, waren eher Gerüchte, aber wie dem auch sei, die Angelegenheit spielt sich am Vierten im Zehntmond in Krupa ab. Das sind drei Tage von heute an, nicht wahr?« »Drei Tage«, flüsterte Johanna. »Mensch!«, stieß Raunzer aus. »Bin schon gespannt, was geschehen wird, wenn Ihr bei der Hochzeit auf- taucht.« Ringwald stöhnte. »Trottel! Soweit käme es nur über unsere Leichen. Ein guter Bericht, aber du hättest es mir gleich sagen müssen, als du gestern Nacht zurückkamst.« »War zu müde.« Ein hämisches Grinsen. »Darüber unterhalten wir uns noch.« Stille. Glockmann schwieg bewusst. Seit sie Chivial verlassen hatten, war er der eigentliche Anführer gewe- sen, hauptsächlich deshalb, weil Johanna auf ihn hörte. Doch von nun an musste Ringwald die Bürde tragen, ob er wollte oder nicht. Sie drangen ins Schlachtgebiet vor. Ab sofort befanden sie sich im Kriegszustand. Dennoch wandte Johanna sich an Glockmann. »Habe ich mich geirrt? War es Rubin, der nach dem Unfall nach Fadrenschloss kam, nicht Volpe? Hat Rubin die ganze, Zeit versucht, mich zu töten?« Ihre Stimme schwoll an und klang schrill. »Und seinen eigenen Sohn? Ist es so? Weil er ohne Erben für Ladislas’ Mädchen ein besserer Anwärter ist, weil sie ihm einen eigenen Thronfolger schenken kann? War es sein Plan, uns beide in dieser Kutsche und in den Abgrund stürzen zu lassen? Mit zwei weiteren Menschen? Nur um dieses … Kind zu heira- ten?« »Pssst, Liebste! Immerhin warst du vier Jahre mit ihm vermählt. Ist er ein solches Ungeheuer?« »Nein! Niemals. Ich weiß, dass er seine Fehler hat, aber er ist aufrichtig freundlich und sanftmütig.« »Außerdem«, sprach Glockmann weiter, »selbst wenn er seine ersten beiden Gemahlinnen ermordet hat, hätte er nicht gewagt, auch dich zu töten. Drei Morde wären ein- fach zu viel gewesen. Und noch dazu seinen eigenen Sohn? Nein, Volpe ist der Familienmörder. Volpe hatte ein Motiv und die Mittel. Ich glaube immer noch, dass er hinter allem steckt.« »Und warum verkleidet er sich dann nach wie vor als Rubin?«, wollte Raunzer wissen. »Willst du damit an- deuten, dass Volpe die kindliche Braut heiratet?« »Ich weiß es nicht«, gab Glockmann zurück. »Aber ich habe vor, es herauszufinden. Es hieß, der Markgraf wolle für sein Kind eine Liebesheirat, also würde er wohl kaum einwilligen, sie mit jemandem zu verehelichen, der seine Frauen der Reihe nach umbringt. Wir wissen einige Dinge, die er nicht weiß, was also weiß er, was wir nicht, wissen? Und Volpe ist es verboten, den Bund der Ehe zu schließen, solange er unter seinem eigenen Gesicht auf- tritt. Es wäre sinnvoller, wenn Volpe sich als Rubin aus- gäbe und sich selbst die Genehmigung erteilte, wieder zu heiraten, aber das ist nicht, was die Händler berichtet ha- ben.« Andererseits konnte der Markgraf ebenfalls in den Lug und Trug verstrickt sein. Jedenfalls waren die Neu- igkeiten ein weiterer Hinweis im fesselndsten Rätsel, das Glockmann je untergekommen war, aber vorerst führte sie in zu viele Richtungen. Er schaute zu Ringwald. »Was tun wir jetzt, Anführer?« »Vorschläge sind herzlich willkommen.« Ringwald schien zu lernen. Raunzer gähnte und streckte sich. »Für mich hört es sich so an, als müssten wir von nun an für unser Abend- essen kämpfen. Wo liegt denn dieses Brikov?« »Auf der anderen Seite von dem da.« Manfred deutete nach Osten auf die Felswand, die sich vor dem Himmel erhob. »Das soll wohl ein Witz sein!« »Nein, ist es nicht«, meldete Johanna sich zu Wort. »Wir sind im Frühling über den Pass gekommen, richtig, Manfred? Ich schwöre, wir haben gut und gern tausend Schmelzbäche durchquert. Offiziell gibt es dort oben kei- nen Pass. Auf Karten ist keiner eingezeichnet. Aber es gibt einen Schmugglerpfad, der auf Krupinas Seite von Fürst Janos gehalten wird, auf dieser von einem Banditen namens Sigmund, der zwar für gewöhnlich mit ihm zu-, sammenarbeitet, aber uns ebenso gut die Kehlen durch- schneiden könnte, um an unsere Pferde zu gelangen. Manfred kennt den Weg jetzt und kann uns führen, nicht wahr, Manfred?« Ringwald stöhnte, ohne es zu wollen. »Augenblick mal! Wie viele Männer hat dieser Sigmund, und welchen Preis wird er verlangen?« »Sigmund lassen wir links liegen«, antwortete Man- fred. Seine Runzeln kräuselten sich zu einem Grinsen. »Seine Männer sind Bergarbeiter und Köhler, ein paar Hirten. Er hat kein Dorf.« Der Förster kicherte über all die besorgten Mienen. »Sie leben überall.« Er breitete die Arme aus. »Mit genügend Zeit kann er viele Männer zu- sammentrommeln. Aber wir marschieren einfach lä- chelnd und winkend durch. Dann hat er keine Möglich- keit, uns aufzuhalten.« »Wir haben keine Zeit zu verlieren«, erklärte Johanna und griff nach den Stiefeln, die sie ausgezogen hatte. »Drei Tage! Irgendwo auf dem Weg nach oben gibt es eine Höhle, einen Unterschlupf. Manfred findet bestimmt hin. Dort übernachten wir. Wenn wir beim ersten Tages- licht von dort aufbrechen, können wir Brikov vor Ein- bruch der Dunkelheit erreichen. Richtig, Manfred?« Der alte Mann drehte den Kopf und musterte den westlichen Himmel. »Mir bereitet das Wetter mehr Kopfzerbrechen als Sigmund.« »Für mich sieht es ganz in Ordnung aus«, tat Raunzer kund., »Sigmund kann uns nicht einholen. Er verwendet Maultiere.« Ringwald verzog das Gesicht. »Sollten wir nicht auch auf Maultiere ausweichen?« »Keine Zeit dafür!«, rief Johanna aus, während sie in den zweiten Stiefel schlüpfte. »Wir reiten unverzüglich nach Brikov los, Befehlshaber!« »Ich habe Eure Anweisungen vernommen, Hoheit.« Ringwald ließ den Blick durch die Gruppe wandern. »Aber Brikov hört sich nach einer Falle an – ein verär- gerter Bandit hinter uns und ein mordlüsterner Beschwö- rer vor uns. Ich wünschte, ich hätte von Großmeister mehr Strategieunterricht erhalten. Was für ein Mensch ist dieser Graf János?« Johanna sprang auf die Beine. »Von kleinem Wuchs, in jeder anderen Hinsicht hingegen groß. Laut. Grausam, denn er herrscht über ein unwirtliches Land. Seinem Lehnsherrn, dem Großherzog, treu ergeben, aber fest ent- schlossen, zuerst seine eigenen Rechte zu verteidigen. Er hasst die Bruderschaft, weil sie die einzige mögliche Be- drohung für seine Unabhängigkeit darstellt. Ich habe ihm genug vertraut, um Frederik dort zu lassen, oder? János meinte, wenn Volpe käme, um nach meinem Sohn zu suchen, würde er ihn an der Firststange aufknüpfen.« »Wie viele Männer befehligt er?« Die Großherzogin rollte die Decke ein, auf der sie ge- sessen hatte. »Zweihundert binnen weniger Tage. Ein- hundert für Unterfangen außerhalb seiner Grenzen.«, »Und Frederik ist in Brikov?« »Er ist im Hoheitsgebiet des Grafen«, erklärte Johan- na, »nicht an seinem Hof. Kommt jetzt!« Ringwald seufzte. »Na schön. Wir brechen jetzt nach Brikov auf. Aber wenn ich sage, weiter als Brikov gehen wir nicht, Königliche Hoheit, dann gehen wir auch nicht weiter! Ist das klar?« Soweit es Johanna betraf, war das längst nicht das letz- te Wort. »Drei Tage«, murmelte sie, während sie das Pferd sattelte, und hätte Glockmann nicht ihr Zaumzeug ergriffen, wäre sie wohl allein losgeritten. »Ruhig Blut, Euer Gnaden! Wir müssen ohnehin in dieser Höhle übernachten. Ob wir ein paar Minuten frü- her oder später dort eintreffen, spielt nun wirklich keine Rolle.« Das schien sie etwas zu beruhigen, wenngleich sie weiter unablässig »drei Tage«, murmelte, während sie auf die anderen wartete. Sie brummte es auch noch, als sie den Pfad entlangtrabten und nur Glockmann sie hören konnte. In nur drei Tagen konnte die Folter vorüber sein. Ent- weder wäre sie zurück an der Seite ihres Gemahls, oder Glockmann könnte sie für sich beanspruchen. Sie verließen die Straße nach Blanburg und reisten ost- wärts durch ein Gewirr schmalerer Pfade weiter. Dabei erklommen sie Weinberge, auf denen es noch vor weni- gen Wochen vor Lesearbeitern und Fuhrmännern ge-, wimmelt haben mochte, die sich nun jedoch verwaist präsentierten. Noch höher gelangten sie auf kahle Hügel, die von Ziegen oder Schafen abgegrast waren. Obwohl der alte Förster diesen Weg nur einmal in seinem Leben – noch dazu in die entgegengesetzte Richtung – beschrit- ten hatte, schien er den gewünschten Pfad zu kennen, folgte den ausgetrockneten Bachbetten und zögerte nie, wenn diese sich gabelten, was fortwährend der Fall war. Nur wenige ihrer derzeitigen Pferde besaßen sie schon seit Furret. Diejenigen, die schwächer geworden waren oder eine Rast brauchten, hatten sie gegen bessere einge- tauscht, und einige jener, die sie nun bei sich hatten, wür- den die Anstrengungen der nächsten zwei Tage nicht bewältigen. Glockmann hätte sie am liebsten alle in Blanburg gegen Maultiere eingetauscht. Bei einer ihrer Pausen schlug er vor, ein paar der Tiere freizulassen, und verlangte eine Abstimmung darüber, welche die schwächsten wären. Manfred sprach sich dagegen aus. »In den Bergen herrscht der Zufall«, erklärte er. »Ein starkes Pferd mit einer gerissenen Sehne ist nur noch zum Essen gut. Unter Umständen brauchen wir sie alle.« Seine Meinung ob- siegte. Am späten Nachmittag reiste die Gruppe wieder unter Bäumen, und Manfred führte sie unbeirrbar weiter. Wenngleich für den in der Stadt aufgewachsenen Glock- mann jede Eiche oder Buche ziemlich ähnlich aussah, erkannte er Bäume, die gekappt oder gestutzt worden, waren, und wusste, dass dies ein Forst, kein urwüchsiger Wald war. Der Anstieg wurde steiler. Manfred begann, etwas zu jagen. Er deutete auf Spu- ren, Mist, Holzspäne, und schließlich witterten sogar die anderen einen leichten Rauchgeruch. Als sie gegen den Wind weiterritten, entdeckten sie eine Lichtung, auf der eine Gruppe von Köhlern ihrem Handwerk nachging. Vermutlich handelte es sich um eine Großfamilie, die aus einem Dutzend Leuten von Kleinkindern bis hin zu Grei- sen bestand, und sie waren ausnahmslos schwarz. Ihre Kleider waren schwarz. Ihr Maultier, ihre Werkzeuge und sogar ihr aufgeregt kläffender Hund waren schwarz. Strahlend weiße Augen starrten aus schwarzen Gesich- tern misstrauisch auf die Neuankömmlinge. Ihre Unterkünfte erwiesen sich als behelfsmäßige Un- terstände aus Zweigen. Ihr Erdwall glich einem riesigen, mit Soden und Erde bedeckten Bienenstock, in dem das Feuer schwelte und aus dem weiße Rauchschwaden in die Abendluft aufstiegen. Das Machwerk wirkte rundum schlicht, aber Glockmann wusste, dass seine Errichtung echtes Können erforderte und das Feuer ohne ständiges Zutun nicht ordentlich brennen würde. Manfred rief ihnen etwas in einem Dialekt zu, der Glockmanns durch Beschwörung erworbenes Verständ- nis überstieg. Er bekam lediglich mit, dass über etwas gefeilscht wurde. Letzten Endes tauschte der Förster ein Pferd gegen Auskünfte darüber, wer sich sonst in der Nachbarschaft befand, eine Ladung geschnittenes Feuer-, holz, das den Reisenden später viel Arbeit ersparen wür- de, und eine Keule »Ziegenfleisch«, bei der es sich zwei- fellos um ungesetzlich erlegtes Wild handelte. Vom Wert her hatten die Köhler das bessere Geschäft gemacht, aber beide Seiten waren zufrieden, und darauf kam es schließ- lich an. »Ist auch ein Leben«, meinte Glockmann, als die Rei- senden weiter ins Gebirge vordrangen. »Es sind gute Menschen«, pflichtete Johanna ihm ü- berraschend nachdrücklich bei. »Sie hatten keine Angst vor uns.« »Sie fürchten keine Diebe, weil sie nichts besitzen, das es wert wäre, gestohlen zu werden, außer ihrem Maultier. Doch kaum ein Bandit würde sich dazu herablassen, das Maultier eines Köhlers zu stehlen, denn Holzkohle ist für viele Dinge unersetzlich. Diese Menschen sind ein stol- zes Volk. Und sie schätzen ihre Freiheit.« Mittlerweile hatte sie ihre gute Laune wiedererlangt. »Ich schmecke da eine Geschichte.« Zum ersten Mal, seit sie von der bevorstehenden Hochzeit gehört hatte, lächelte sie. »Ich habe eine ältere Schwester namens Voica. Sie ist gegen den ausdrückli- chen Willen meines Vaters mit einem Köhler durchge- brannt. Manchmal hat sie mich in Fadrenschloss besucht. Auch bei meiner Vermählung war sie dort, und ich ver- sprach ihr, ich würde eine bessere Arbeit für ihren Mann finden. Aber sie hat sich geweigert und gemeint, sie ge- nössen ihre Freiheit zu sehr, um die Hügel zu verlassen.«, Es war das erste Mal, dass sie etwas über ihre Familie erzählte. »Leben die beiden zufällig auf dem Land des Grafen János?« Johanna lachte. »Du bist fast schon zu schlau! Ja, Voi- ca ist stark und ihr Gemahl ein regelrechter Ochse, trotz- dem haben sie keine Kinder. Die Geister können biswei- len grausam sein! Also habe ich ihr Frederik geliehen. Wer würde schon in einem Köhlerlager nach einem Markgrafen suchen?« Und wer würde ihn mit einem rußgeschwärzten Ge- sicht erkennen? Die Höhle diente ihnen dadurch am besten, dass sie ihr Feuer verbarg. Zudem wäre sie von unschätzbarem Wert, falls das Wetter sich in der Nacht verschlechterte – was Manfred immer noch beharrlich vorhersagte, wenngleich er seine Gründe nicht erklären konnte oder wollte. Da das Wetter angenehm blieb und Generationen von Schmugglern den Unterschlupf durch Unrat und altes Streu besudelt hatten, zogen es alle vor, unter freiem Himmel zu schlafen. Wie üblich hielten die Klingen Wa- che, obschon es keinerlei Anzeichen dafür gab, dass ih- nen Anhänger des zwielichtigen Sigmund auf den Fersen waren. Glockmann lag lange wach und beobachtete die Sterne und Wolken. Er hatte seine Decke ein angemessenes Stück von jener Johannas entfernt ausgebreitet, war aber nah genug, um ihr gleichmäßiges Atmen zu hören. Aus Trudys Richtung vernahm er wesentlich heftigere Laute,, während Raunzer Wache hielt und Ringwald frei hatte. Er beneidete die Liebenden um ihr Glück. War der angehende Bräutigam tatsächlich Rubin oder Volpe in Verkleidung? War Glockmann so weit gekom- men, nur um die Frau, die er liebte, ihrem Gemahl zu- rückzubringen, der vielleicht sogar versucht hatte, sie zu töten? Würde Rubin sie überhaupt zurückhaben wollen? Sechs Monate Abwesenheit konnten den Ruf jeder Frau verderben, erst recht den einer Großherzogin. Aber was würde dann aus Frederik? Wäre er immer noch enterbt? Die Probleme schienen zahlreicher als die Sterne. Was hatte der junge Karl die ganze Zeit im Schilde geführt? Wenn Frederik so wie seine Mutter für tot gehalten wur- de, wäre er inzwischen wieder der mutmaßliche Erbe und würde die neuerliche Vermählung seines Vetters wohl kaum begrüßen. Karl, galt es zu bedenken, hatte immer Absichten, aber keine Mittel gehabt. Abt Minhea wieder- um die Mittel, aber keine Absichten. Beim ersten Anzeichen von Tageslicht erwachte Jo- hanna und weckte die anderen. Während ihr Atem in der frühmorgendlichen Kälte noch Wölkchen bildete, ver- schlangen die Reisenden ein eiliges Mahl und bereiteten sich auf einen anstrengenden Tag vor. Johanna hätte ob ihrer an Besessenheit grenzenden Hast das Frühstück am liebsten ausgelassen, dennoch wollte sie nicht preisge- ben, was sie glaubte, in Brikov bewirken zu können. Die Zeit mochte zwar ausreichen, um vor der Hochzeit in Krupa einzutreffen, aber ihre Klingen wären verrückt, es, ihr zu erlauben. Die Straße verweigerte ihnen einen einfachen Tages- beginn. Bereits nach wenigen Minuten waren sie ge- zwungen, abzusteigen und die Pferde zu führen. Über Schotterfelder, durch Kiefernwälder und geröllübersäte Flussbette entlang ging es stetig bergauf. Nach etwa einer Stunde gelangten sie auf steinige Hänge, unter freiem Himmel, über denen vereiste Gipfel düster emporragten. Glockmann wusste, dass er nicht der einzige war, der sich fragte, ob Manfred sich tatsächlich an den Weg er- innerte oder bloß riet. Sie glichen Milben, die dazu ver- dammt waren, auf ewig über das Antlitz der Welt zu kriechen. Um die Mitte des Vormittags brüllte Ringwald plötz- lich: »Schaut!« Er deutete auf etwa ein Dutzend berittener Leute in weiter Ferne, zwei oder drei Felsrücken hinter ihnen. Diese mochten in gänzlich unschuldigen eigenen Ange- legenheiten unterwegs sein. Viel wahrscheinlicher aber verfolgten sie die unerlaubten Eindringlinge. Johanna verlangte mehr Geschwindigkeit, doch sie liefen bereits, so schnell sie konnten. Manfred begann, Abkürzungen einzuschlagen, wo- durch der Pfad, so unglaublich es schien, noch beschwer- licher wurde. Sie knoteten Schlepptaue um die Sättel, damit die Pferde sie Halden hinaufziehen konnten, die selbst für Ziegen eine Herausforderung gewesen wären. Zwei Mal rutschte ein Pferd aus, lahmte und musste ge-, tötet werden. Da Raunzer die Aufgabe nicht zu stören schien, wurde er zum Vollstrecker ernannt. Einige andere unglückselige Tiere stürzten in den Tod, schlitterten hilf- los über den Hang hinab und außer Reichweite. Die Ver- folger holten auf, wenngleich sehr langsam. Glockmann wagte nicht, sich auszumalen, was ge- schehen würde, wenn Graf János sie nicht bei sich auf- nähme. Sie könnten nicht zurück und hätten kein Geld, um die fehlenden Pferde und die benötigte Ausrüstung zu ersetzen. Eine entschiedenere Klinge als Ringwald hätte sein Mündel nie in eine solche Falle ziehen lassen. Bald hatte es den Anschein, dass sie auch nicht mehr weiter voran konnten, denn der Förster führte sie eine nahezu unüberwindbare Geröllhalde hinauf zum Fuß ei- ner lotrecht aufsteigenden Felswand. Dort stieg er über- raschend auf sein Pferd auf. Als die anderen eintrafen, fanden sie einen kaum sichtbaren Pfad, der sich einen Sims entlang zu einer Schlucht wand, die wie mit einer Säge in den Berg geschnitten wirkte. Nun war der von Menschenhand geschaffene Pfad offensichtlicher und durchaus passierbar. Dies, so erklärte Manfred mit zahn- losem Grinsen, war die Scheide, die Grenze, und Sig- munds Männer würden ihnen nicht in das Hoheitsgebiet des Grafen János folgen. Und so war es auch. Die Schlucht verbreiterte sich zu einem schmalen Tal, das in ein noch breiteres überging. Beim ersten offenen, Gewässer ließ Manfred den Tross anhalten, damit die Pferde rasten und trinken konnten. Rings um sie ragten hohe Gipfel auf. »Wie weit ist es noch nach Brikov?«, erkundigte sich Glockmann. Der alte Mann zuckte mit den Schultern. »Bei Ein- bruch der Nacht sollten wir dort sein.« Er schaute zum Himmel. »Wenn das Wetter hält.« Also hatten sie noch einen weiten Weg vor sich, doch zumindest konnten sie nun auf vier statt auf zwei Beinen reisen. Der östliche Hang der Gebirgskette erwies sich als weniger steil und trockener als der westliche. Der Pfad führte in eine steinige Moorlandschaft hinab, da- nach in sandige, mit vereinzelten Kiefern gesprenkelte Täler und am Nachmittag schließlich wieder in Weide- und Forstland. Manfred wies immer wieder auf Spuren von Herden und Wild hin, gelegentlich sogar auf jene von Menschen, doch es war bereits spät am Tag, als sich ihnen jemand in den Weg stellte. Der junge Reiter, der sie aufhielt, war kaum mehr als ein Knabe. Dennoch wirkte er nicht so beunruhigt, wie zu erwarten gewesen wäre, hätte er ganz allein bewaffne- ten Eindringlingen aufgelauert, und die Ebene, die sie überquerten, bot reichlich Deckung. Sein Dialekt war noch unergründlicher als jener der Köhler, aber er und Manfred plauderten alsbald unverständlich miteinander. Zufrieden gab der Junge in Richtung Büsche und Haine ein Zeichen, dass alles in Ordnung sei. Danach begleitete, er die Gruppe nach Brikov, wobei er sich den ganzen Weg lang mit Manfred unterhielt. Sofern sich im Ge- büsch Bogenschützen verbargen, blieben sie außer Sicht. Die Sonne war bereits hinter den Hügeln verschwunden, als Johanna ausrief: »Das ist Brikov!« »Das?« Glockmann hatte eine kleine Stadt oder zu- mindest eine Burg erwartet, aber er sah wenig mehr als ein kahles, steiniges Tal mit hinter trockenen Steinmau- ern eingepferchten Rindern und ein paar entlang der Hänge verstreuten Häuschen. Da die Farbe der Hütten jener der Landschaft ähnelte, waren die Behausungen in der einsetzenden Dämmerung kaum auszumachen. »Warum?«, fragte er. »Ich meine, warum hier?« Für gewöhnlich gab es einen Grund, weshalb Siedlungen ent- standen: eine Furt, bestellbares Land oder ein guter Ha- fen. Johanna lächelte matt. Wie alle anderen war auch sie erschöpft. »Bergbau. Ernst hat es mir erklärt. Sie haben ihre Heime aus dem Abraum gebaut, der aus den Stollen gekippt wird. Entlang der Hügel wimmelt es nur so von Stollenmündern. Niemand hat je versucht, Brikov zu er- obern, hat Ernst gesagt – es wäre, als marschierte man in einen Ameisenhaufen ein.« Und ebenso sinnlos, dachte Glockmann. Das einzig Wertvolle in Sicht waren Rinder, und die konnten mühe- los an einen anderen Ort geschafft werden. Der Pfad, den der Führer gewählt hatte, verlief an der, Seite des Tals und dicht an einigen der Häuser vorbei, wodurch Glockmann sah, dass es sich um einfachste Hüt- ten handelte, die aus Steinmauern und Sodendächern be- standen. Einige der Männer, die den Einzug der Besucher beobachteten, ragten höher auf als ihre eigenen Behau- sungen. Viele waren bewaffnet und schienen ein weiterer guter Grund dafür, nicht in das Tal einzufallen. Der Sitz des Fürsten bestand aus mehreren größeren Gebäude, die eher einem befestigten Gehöft glichen denn einem herkömmlichen Bollwerk. Am Haupttor standen Wachen mit Hellebarden, wobei nicht klar wurde, ob sie das Haus oder die drei Arbeiter bewachten, die einen Galgen errichteten., Wenn János seine zweihundert Männer aus den Bergen zusammenriefe, stellte Ringwald fest, hätten sie in seiner freiherrlichen Halle nur Platz zum Stehen. Mit den Glas- fenstern, dem mit Sägemehl bedeckten Holzboden und den Wollwebarbeiten an den Wänden, um die Winterkäl- te zu bannen, wirkte der Raum eher wie der Speisesaal eines wohlhabenden Gutsbesitzers denn wie die Halle eines Helden oder eine Messe für die Besatzung einer Burg. An jenem Abend war der Saal so gut wie verwaist – kein Ochse drehte sich am Spieß über der schmucklo- sen Feuerstelle, keine Bohlentische und Bänke waren für ein Festmahl aufgestellt, nur ein Stuhl für den Grafen selbst und ein weiterer für seinen Gast, Frau Schale. Die dicken Wände gaben immer noch die Hitze des Tages ab, obwohl das Licht mittlerweile rasch schwand. Bei den Geistern! Er war ein wahrhaft anstrengender Tag gewesen. Ringwalds Knie schlotterten vor Müdig- keit. Er wünschte, ihm wäre ein Sitzplatz angeboten wor- den. Regelrecht verärgert jedoch war er darüber, dass auch Tru stehen musste. Die Reisenden waren schmutzig und am Verhungern, dennoch hatte Johanna jegliche Er- frischungen ausgeschlagen und auf einer unverzüglichen Audienz mit dem Grafen beharrt. Seit Raunzer von der bevorstehenden Hochzeit berichtet hatte, verhielt sie sich merkwürdig, murmelte vor sich hin und bedachte ihre, Klingen mit finsteren Blicken. Ringwald fürchtete, sie könnte János um eine Begleitgarde ersuchen, um an der Trauung teilzunehmen. Käme János einer solchen Bitte nach, würden zwei Klingen in ernsten Schwierigkeiten stecken, da sie einen Streit mit zweihundert Bergkriegern auszutragen hätten. Der Thron des Grafen war kunstvoll geschnitzt, einst vergoldet gewesen und hoch genug, um eine Fußstütze zu erfordern. Von dort oben konnte János auf die Herzo- gin hinabblicken, deren Stuhl zu niedrig schien, um ge- mütlich zu sein. »Von kleinem Wuchs« hatte sie ihn be- schrieben, was jedoch an seinen Beinen liegen musste, denn seine Schultern wirkten eine Wegstunde breit, und sein Kopf war groß wie ein Bierfass. Er besaß eine vor- stehende Stirn mit wild wuchernden Brauen, einen kah- len Schädel und einen Bart wie ein verheddertes Eisen- drahtknäuel. An dicken, behaarten Fingern glitzerten E- delsteine, seine Kleider hingegen bestanden aus Leder und waren schlicht und abgetragen. Johannas Beharren, dass ihre drei Schwertkämpfer ih- re Waffen nicht abgeben würden, hatte zu einer Verzöge- rung geführt, bis drei der Söhne des Grafen gefunden und herbeigeschafft wurden, auf dass sie sich hinter ihrem Vater aufstellten, gleichsam als Gegenstück zu den Män- nern aus Eisenburg. Sie waren kleiner, breiter und we- sentlich älter als die Klingen, doch Ringwald empfand für die mächtigen Breitschwerter, die sie trugen, nur Verachtung. Er zöge Schlechte Neuigkeiten jederzeit sol-, chen Waffen vor. Obwohl es den drei Kerlen nicht gelang, den furchteinflößenden Blick ihres Vaters nachzuahmen, vermittelten ihre Mienen unverkennbar, dass sie herzlich wenig von dieser emporgekommenen Frau hielten, die es wagte, bewaffnete Männer in die Halle ihres Vaters mit- zubringen. Offenbar vertraute János ihnen nicht genug, um ihnen zu erklären, wer sie in Wirklichkeit war. Nach einem Mindestmaß an Förmlichkeiten fragte sie: »Wie geht es Krupina, Herr? Wie ich höre, herrscht im- mer noch Herzog Rubin.« »Scheint so. Aber wo ist mein Freund Ernst?« Seine Stimme grollte und hallte in dem Raum wider. Als sie von Faders Tod und die verschiedenen An- schläge beschrieb, die auf sie verübt worden waren, seit sie Brikov verlassen hatte, wurde sein finsterer Blick immer Furcht erregender. Nur als sie die Gastfreund- schaft des Königs von Chivial und dessen Geschenk in Form dreier erstklassiger Schwertkämpfer erwähnte, ließ das Blitzen in seinen Augen ein wenig nach. Die drei erstklassigen Schwertkämpfer betrachtete er mit unver- hohlener Verachtung. Die drei Holzhacker im Hinter- grund glotzten mit großen Augen. Wahrscheinlich waren sie in ihrem ganzen Leben noch nie jenseits der Grenzen Krupinas gewesen. János gab nur eine einzige Äußerung dazu ab. Als Jo- hanna berichtete, dass Harald sich als Verräter entpuppt hatte, grunzte er und brummte: »Das ist keine Überra- schung!«, Was Ringwald wiederum überraschend fand. Der Ba- ron hatte Harald vertraut und ihn hier in Brikov in die Gruppe aufgenommen. Wenn János den Mann als unzu- verlässig erachtet hatte, wieso hatte er damals nicht dar- auf hingewiesen? Natürlich hatte Johanna eine Frage zu stellen, die wichtiger als alle anderen war, zugleich jedoch eine schwierige, da die massigen Söhne nicht wussten, dass ihr Vater den abgängigen Markgrafen versteckte. »Und mein liebstes … Schwesterlein? Und ihre Fami- lie?« »Ich nehme an, es geht ihr gut. Dennoch muss ich Euch beunruhigende Kunde mitteilen.« János drehte den übergroßen Kopf. »Genug der Spielchen. Raus mit euch allen. Geht und macht euch nützlich. Kümmert euch um das Häuten.« »Vater …« setzte einer an. »Raus!«, brüllte der Graf. »Und schickt eine Bank für unsere Gäste herein. Und Wein.« Wie Kinder stapften die drei Bären schmollend hinaus. János zog die abreiten Schultern hoch und ließ den Blick über Tru und die Schwertkämpfer wandern. Es bedurfte keiner Weißen Schwester, um zu erkennen, dass er sehr besorgt war. »Genießen diese Burschen Euer Vertrauen, Hoheit?« »Uneingeschränkt. Was stimmt denn nicht?« »Vieles, offen gesagt. Viele, viele Dinge. Zunächst, dass Euer Gemahl in Krupina herrscht und im Begriff ist,, die Tochter des Markgrafen zu heiraten.« »Davon habe ich gehört.« »Aber er ist nicht Euer Gemahl. Er ist ein Schwindler, wie Ihr es mir gesagt habt. Offen gestanden, habe ich Euch anfangs nicht geglaubt. Selbst Ernst habe ich nicht wirklich geglaubt. Ich dachte, Euer Medaillon sei das Werk eines Scharlatans. Nun, es muss noch eines geben. Ich habe mich geirrt.« Das änderte die Dinge gehörig! Johannas Stimme schwoll eine Oktave an. »Wisst Ihr das mit Sicherheit?« »So gut wie.« János hörte sich ausweichend an und schien etwas zu verbergen. »Ich habe einen unabhängi- gen Zeugen, obwohl ich ihm nicht alles abkaufe, was er erzählt. Wenn Ihr möchtet, könnt Ihr mit ihm reden. Es ist ein Glück, dass Ihr heute eingetroffen seid. Morgen früh lasse ich ihn aufknüpfen.« »Wie geht es meinem Sohn?«, wollte die Großherzo- gin wissen. Die Antwort blieb dem Grafen durch zwei Männer er- spart, die eine lange Bank hereintrugen und sie neben den Stühlen abstellten. Dankbar setzte sich der Rest der Gruppe, wobei Ringwald den Platz neben seinem Mün- del für sich beanspruchte. Ihr Gastgeber nützte die Gelegenheit, um sich weniger tückischen Belangen zuzuwenden. »Ist Euch bekannt, dass unsere geliebte Großherzogin letzten Frühling unter beklagenswerten Umständen verschwand? Nachdem man, nicht weit von Fadrenschloss die Überreste einer Kutsche fand, wurde ein beträchtlicher Skandal daraus. Den Fah- rer erkannte man als einen Kutscher des Palasts, einen der Fahrgäste als die Amme des Markgrafen. Beide wa- ren tot. Ein Großteil der Trümmer war über …« Diener brachten Wein, Kelche und einen Tisch herein. Ringwald brauchte etwas zu essen, nicht zu trinken. »Zeugen sagten einstimmig aus, dass sie freiwillig in die Kutsche einstieg und das Kind trug. Den männlichen Begleiter hat niemand erkannt …« Die Diener schlossen die Tür. Binnen eines Lidschlags war Johanna auf den Beinen, sodass sie sich in Augen- höhe mit dem kleinwüchsigen Mann auf dem erhöhten Stuhl befand. »Wo ist mein Sohn?« Er verzog das hässliche Gesicht. »Ich habe Euch noch gewarnt, dass er hier im Tal unter meinen Augen bleiben sollte.« Seine mächtige Stimme schwoll noch lauter an, übertönte sie. »Aber nein! Ihr musstet ja darauf bestehen, ihn in den Wäldern zu verstecken, wo ihn niemand be- schützen konnte.« »Wo ist er?« János zog einen Schmollmund. Es fiel ihm schwer, ein Versagen einzugestehen. »Ich weiß es nicht. Etwa einen Monat, nachdem Ihr aufgebrochen wart, kam eine Schwadron der Brüder und holte ihn. Sie nahmen …« Johanna stürzte auf ihn zu und hätte ihm wohl die Au- gen ausgekratzt, wäre sie nicht in Raunzers Arm gerannt., Ringwald stellte verärgert fest, dass er selbst eine Win- zigkeit langsamer gewesen war. »Langsam mit den Pferden, Euer Gnaden!«, mahnte er. »Das hilft auch nichts.« Die beiden Klingen drückten sie zurück auf den Stuhl. »Gebt Ihr Wein!«, knurrte János und trank selbst einen großen Schluck. »Sie nahmen auch Eure Schwester und ihren Mann mit. Ich erfuhr erst davon, nachdem es vor- über und sie verschwunden waren. Sie wurden nach Vamky gebracht.« Johanna ließ sich etwas Wein einflößen. Ihr Antlitz war so fahl, dass es in der zunehmenden Dunkelheit zu schimmern schien. »Falls es ein Trost ist«, fügte der Graf hinzu, »ich habe den Mann, der dafür verantwortlich ist. Morgen könnt Ihr beobachten, wie er in drei Meter Höhe an einem ein Me- ter langen Seil baumelt.« »Also sind Frederik und ich offiziell tot?«, murmelte sie, ohne ihn anzusehen. Frederik wohl mehr als nur offiziell, vermutete Ring- wald. »Seid Ihr. Offiziell. Rubin ließ eine öffentliche Unter- suchung der Angelegenheit durchführen. Die Beweise waren sehr überzeugend. Einige Eurer Habseligkeiten wurden eine Wegstunde flussabwärts gefunden. Das Ein- zige, das nicht mit Sicherheit geklärt wurde, ist, wer Euer mutmaßlicher Liebhaber war. Der Großherzog selbst, hielt sich in der fraglichen Nacht bei einer Geburtswo- chenfeier in Zolensa auf, einer ehrenwerten Veranstal- tung mit zahlreichen Zeugen.« Stille. Glockmann ergriff das Wort. »Herr? Wer ordnete an, die Kutschen mitten in der Nacht vorzubereiten?« János bedachte den vorlauten Lakaien mit einem zor- nigen Blick. »Keine Ahnung. Ich habe Besseres zu tun, als Untersuchungen beizuwohnen, bei denen sich plap- pernde Klatschmäuler tummeln. Ich könnte mir denken, es war eine gefälschte Nachricht oder etwas in der Art. Wenn man, so wie die Untersuchung, zu dem Schluss gelangen wollte, dass die Großherzogin und ihr Sohn bei einem bedauerlichen Unfall ums Leben kamen, gab es dafür reichlich Beweise. Zog man es vor zu glauben, dass sie mit jemandem das Weite gesucht hatte, der nicht ihr Ehemann war, ging auch das in Ordnung. Alle offenen Fragen wurden hinlänglich geklärt. Nur wer der Mann mit der Kapuze war, bleibt bis heute ein Geheimnis.« »Wer«, beharrte Glockmann in die Stille hinein mit jenem tödlichen Tonfall, den er verwendete, wenn er in eine Stimmung wie die augenblickliche verfiel, »war es denn laut den Klatschmäulern? Ich bin sicher, sie haben ihm einen Namen gegeben.« János schnaubte. »Ratet mal?« »Prinz Karl?« Der Graf nickte und trank einen weiteren Schluck Wein., Überrascht schaute Johanna auf. »Wieso denkt Ihr das? Wer hat es Euch gesagt?« Ringwald hatte die Möglichkeit nie in Erwägung ge- zogen. Wenn sowohl Rubin als auch Volpe einen Sohn in jener Kutsche hatten, wer hatte sie dann in den Ab- grund stürzen lassen? »Ihr, Euer Gnaden«, antwortete Glockmann. »Oder vielmehr Euer Sohn. Soweit ich mich von meinen Schwestern erinnere, beruhigt man ein schreiendes Kleinkind zuallerletzt dadurch, dass man es einem Frem- den gibt, geschweige denn einem fremden Mann. Den- noch habt Ihr uns erzählt, dass der Schwindler Frederik an sich nahm und der Knabe zu weinen aufhörte. Ich vermute mal, Karl wurde seither nicht mehr gesehen?« »Offensichtlich«, bestätigte János. »Bei der Untersu- chung wurde angedeutet, er hätte Annäherungsversuche bei Ihrer Hoheit unternommen. Sie hätte ihn ermutigt und so weiter und so fort. Selbstverständlich wurden derlei Bemerkungen aus der Mitschrift gestrichen.« »Selbstverständlich.« Glockmann spähte zu Johanna, aber sie schaute weder auf, noch sprach sie. »Ihr habt zuvor erwähnt, Herr, dass Ihr glaubt, der Mann, der sich als Großherzog ausgibt, sei ein Hochstapler. Wieso glaubt Ihr das, und wann denkt Ihr, wurde der Wechsel vollzogen?« »Ihr stellt eine Menge Fragen, Freundchen.« »Er stellt sie für mich«, erklärte Johanna, während sie auf ihre Hände blickte. »Glockmann kann sie schneller, und klarer stellen als ich. Ihr schuldet mir ein paar Ant- worten.« »Tue ich das?«, knurrte der Graf und griff nach der Weinflasche. »Wann der Wechsel vollzogen wurde, weiß ich nicht. Falls überhaupt einer stattgefunden hat. Ihr habt mir gesagt, Ihr hieltet den Rubin, der in Fadren- schloss auftauchte, für Fürst Volpe mit einem jener Me- daillons. Damals habe ich dem wenig Glauben ge- schenkt. Ich bin noch nicht einmal sicher, ob ich es jetzt tue, aber vor einer Woche kam einer der Brüder hier vor- bei, um Zuflucht zu suchen. Er meinte, er würde nie nach Vamky zurückkehren. Der Bursche bot an, mir die Ge- folgstreue zu schwören – was wohl die Höhe war, zumal er eben erst gestanden hatte, ein anderes Treuegelübde gebrochen zu haben. Als Grund gab er an, dass er Groß- herzog Rubin dort in einem Verlies eingekerkert gesehen hätte.« Niemand gab eine Meinung dazu ab. Wahrscheinlich waren alle zu beschäftigt mit dem Versuch, diesen Neu- igkeiten einen Sinn abzuringen. Ringwald wusste nicht einmal, wo er beginnen sollte. Nur Glockmann besaß ge- nug Verstand für solche Rätsel. Warum sollte Volpe den Herzog einkerkern lassen, um dessen Stelle einzuneh- men? Es würde ihn niemals freilassen können, weshalb also tötete er ihn nicht gleich? Und warum sollte er sich bei einer Trauung als der rechtmäßige Herzog ausgeben? Irgendjemand schien bei dieser Geschichte unglaublich verschlagen oder unglaublich dumm zu sein., Der Graf kicherte seltsam glucksend. »Und es ist ziemlich schwierig zu erklären, wie er in Vamky in Ket- ten verrotten kann, wenn er gleichzeitig in Krupa umher- läuft, um seine Hochzeit vorzubereiten, nicht wahr?« »Erzählt uns von der Hochzeit!«, forderte Glockmann in einem Tonfall, den Adelige nur selten von Untertanen zu hören bekamen. Doch János hatte mittlerweile zu viel Spaß, um ihn zu bemerken. »Übermorgen bei Sonnenuntergang. In Krupa. Fürstin Margarita, die Tochter des Markgrafen.« Die Volpe heiratete. In dem Glauben, es handle sich um Rubin. Ringwald spürte, wie sich pochende Kopf- schmerzen ankündigten. Wenn sowohl der Markgraf als auch Karl verschwunden waren, blieb als einziger Erbe Fürst Volpe übrig, der sich, sofern ihre Mutmaßungen richtig waren, als der Großherzog ausgab. Egal. Wessen Hintern auch auf dem Thron sitzen mochte, er brauchte einen Erben, und die Tochter des Markgrafen würde ganz Trenko erben. Ein gemeinsames Kind würde über beide Staaten herrschen. Ein verzaubertes Medaillon im Bett zu tragen, wäre zwar etwas seltsam, aber keineswegs un- möglich. (Welchen Vater würde das Kind wohl bevorzu- gen?) »Ist Fürst Volpe ebenfalls verschwunden?«, wollte Glockmann wissen. Der Graf zuckte mit den Schultern und leerte seinen Kelch. »Ist nicht meine Aufgabe, über den Probst auf dem Laufenden zu sein. Wenn er ein verzaubertes Me-, daillon wie jenes Ihrer Hoheit hat, kann er nach Belieben auftauchen und verschwinden. Habt Ihr vor, die Trauung zu besuchen, Euer Gnaden? Ich muss. Leider habe ich keine andere Wahl. Aber wenn Ihr dort aufkreuztet, würde es eine wesent- lich erfreulichere Pflicht.« »Wenn der Herzog in Vamky eingesperrt ist«, fragte Glockmann, »gilt das dann auch für seinen Sohn?« Mittlerweile war es in dem Raum fast völlig dunkel, was Ringwald zwar als seinem geistigen Zustand ange- messen, aber schlecht für das Beschützen eines Mündels betrachtete. Erwartete auf eine Pause im Gespräch, damit er um Licht bitten konnte. »Ich hab Euch doch gesagt, Freundchen«, antwortete János, »dass die Brüder ihn dorthin geschafft haben. Seit- her hat niemand mehr etwas von ihm gehört. Seine An- kunft in Krupa wurde nie angekündigt. Klingt übel, hm?« »Aber Ihr habt gesagt, Sie hätten auch seine Tante und deren Gemahl mitgenommen«, gab Glockmann zurück. »Das hört sich nicht so an, als wollten sie ihn töten.« Wieder schnaubte der Graf höhnisch. »Wollte ich ei- nen süßen, lockigen Balg wie ihn auslöschen, würde ich jedenfalls nicht die Männer damit beauftragen, die ich losschicke, um ihn zu holen. Darum würde ich mich per- sönlich kümmern – später, wenn niemand dabei zusieht. Wisst Ihr, es gibt so etwas wie Moral. Ist zwar nicht das- selbe wie Anstand, aber die beiden beeinflussen einan- der. Tantchen könnte durchaus auch tot in den Wäldern, oder am Grund der Asch liegen. Und geht nicht von der falschen Annahme aus, dass die Ritterbrüder nur für Volpe arbeiten. Ihr eigentlicher Eid gilt dem Abt, der seine Befehle vom Großherzog entgegennimmt, so steht es in den Regeln geschrieben. Ich habe Abt Minhea schon immer für einen schleimigen Kriecher gehalten. Wenngleich für weniger kaltblütig als Volpe.« »Aber das …« setzte Glockmann an. Er schaute zur Herzogin. »Verzeiht, Hoheit … Frederiks Verschwinden ist ein weiterer Grund zu glauben, dass der derzeitige Großherzog ein Schwindler ist. Wenn er der wahre Rubin wäre und seinen Sohn zurückbekam, hätte er es doch gewiss bekannt gegeben, oder? Er müsste nicht einmal erklären, wo er den Knaben gefunden hat. ›Durch die Wälder streunend‹ würde schon reichen. Es wäre ein weiterer Beweis dafür, dass Ihre Hoheit tot ist und er frei wäre, erneut zu heiraten.« »Ich glaube, es ist Volpe«, pflichtete der Graf ihm bei und leerte abermals seinen Kelch. »Und dennoch wollt Ihr den Mann hängen, der es Euch gesagt hat?« János funkelte ihn finster an. »Das ist nicht der Grund, weshalb ich ihn hänge. Er hat den Knaben verraten.« »Wer?«, wollte die Herzogin wissen. »Radu.« »Radu Priboi?« »Genau der. Der alte Mann starb hier vor etwa zehn, Tagen – er hat sich nie richtig vom Untergang des Fa- drenschlosses erholt. Zu seinem Begräbnis tauchten ein paar Dutzend Söhne auf. Einer davon war Radu, Ritter der Vamky-Bruderschaft, der Held der Familie. Nach- dem alle anderen nach Hause aufgebrochen waren, blieb er zurück und bat mich, ihn aufzunehmen. Aber er ge- stand, dass er den Knaben unmittelbar nach Eurer Abrei- se aufgespürt hatte. Er wusste, wie er aussah, meinte er. Was nur auf wenige der Brüder zutraf.« »Möglich wäre es«, räumte Johanna mit heiserer Stimme ein. »Volpe kam häufig in den Palast, und er hat- te immer ein Gefolge dabei.« »Auch Eure Schwester kannte er, sagte Radu. So fand er den Knaben und holte eine Schwadron der Brüder. Ich habe ihn gefragt, wie viele Ritter in Rüstung denn nötig wären, um einen Zweijährigen in Gewahrsam zu neh- men. Mittlerweile weiß er, was wir hier von Verrätern und Dieben halten. Er stahl einen Jungen, der unter mei- nem Schutz stand. Von Euch weiß ich, dass sein Bruder Harald ein Mörder war, und er ist ein Spitzel und Wen- dehals. Deshalb wird er morgen gehängt. Kommt ruhig und seht es Euch an.« »Nein!« Johanna stand langsam auf. »Ich will mit ihm reden.« Das hat doch wohl bis nach dem Abendessen Zeit, dachte Ringwald. Wie hungrig konnte ein Mann werden, ehe er ins Gras biss? »Redet morgen früh mit ihm«, schlug János vor,, »wenn wir ihm den Abschiedskragen umlegen. Das wird ihn aufmuntern.« »Nein!« Ihre Hoheit blickte stur. »Ich kannte Radu schon, bevor er nach Vamky ging.« »Das bedeutet gar nichts mehr, sobald sie ihren Eid geschworen haben«, gab János zurück. »Denkt daran, wie Harald gelogen hat!« »Trotzdem will ich Radu verhören.« Der Graf schüttelte den großen Kopf wie ein zorniger Bulle. »Er wurde bereits gründlich verhört, sehr gründ- lich. Viel mehr erträgt er nicht. Und ich will nicht, dass er stirbt, bevor wir ihm den Strick um den Hals legen.« Ungeachtet ihrer Erschöpfung und ihres Grams sprach Johanna nun mit ihrer Großherzoginnenstimme. »Schwe- ster Gertrude! Hat der Graf die Wahrheit gesagt?« »Großteils, Hoheit«, antwortete Trudy ruhig. »Aber er war bei der Untersuchung.« »Nennt Ihr mich einen Lügner?«, brüllte János. »Schwester Gertrude besitzt die Gabe, Falschheit zu erkennen. Stellt sie doch auf die Probe. Wie viele Söhne habt Ihr?« »Sechs.« »Stimmt nicht«, verkündete Trudy. »Wisst Ihr über- haupt, wie viele Söhne Ihr habt?« »Sicher!« Trudy seufzte. »Wieder gelogen. Als Ihr bei der Unter- suchung wart, habt Ihr da mit dem Herzog oder dem Schwindler gesprochen, der sich als der Herzog ausgibt?«, »Nein.« »Das stimmt! Habt Ihr versucht, unerkannt zu blei- ben?« »Natürlich nicht.« »Falsch. Was …« »Na schön, Ihr habt mich überzeugt.« Um der Gefahr vorzubeugen, weitere persönliche Geheimnisse preis- zugeben, glitt János von seinem Stuhl. »Ihr könnt zu dem Gefangenen.« Ringwalds Magen tat knurrend seine Missbilligung kund. Zwei Söhne des Fürsten gingen mit Laternen voraus. Da- hinter kamen János und Johanna, dicht gefolgt von den Klingen. Glockmann, Trudy und zwei weitere Männer mit zusätzlichen Laternen bildeten die Nachhut. Das Haus des Grafen war ein seltsames, zusammenhangloses Gebilde. Durch einige Teile zogen köstliche Kochgerü- che, denen Ringwald nur zu gern auf den Grund gegan- gen wäre, was er jedoch nicht konnte. Als der Pfad sich abwärts zu neigen begann, wurde ihm klar, dass sie sich unter der Erde befanden. Keine natürlich gewachsene Höhle konnte so ebenmäßig sein, und die Wände waren eindeutig von Menschenhand geschaffen. Die Luft war kalt und schal. Johanna hielt inne. »Könnt Ihr ihn zu uns bringen las- sen?« »Nein«, antwortete der Graf. »Wenn Ihr ihn sehen, wollt, müsst Ihr zu ihm.« »Dann geht voraus«, forderte sie ihn zögernd auf und sah sich nach Glockmann um. Dieser drängte sich an den Klingen vorbei und ergriff ihre Hand. Wenn das Haus zusammenhanglos war, glichen die Kellergewölbe einem Irrgarten, der sich ständig ver- zweigte und neigte, sich an manchen Orten feucht, an anderen trocken präsentierte. Einige Gabelungen waren durch dicke Holztüren versiegelt, andere mit uraltem Ge- rümpel übersät. Die Führer brachten sie zu einer hüftho- hen Holzabsperrung einige Schritte abseits einer Fels- wand, die kennzeichnete, wo die Grabungsarbeiten an diesem bestimmten Zugang aufgegeben worden waren. »Priboi!«, brüllte János, und seine mächtige Stimme hallte gespenstisch wider. Als Ringwald sich neben sein Mündel drängte, stolper- te er beinahe über eine am Boden liegende Holzleiter. Als er über die Absperrung spähte, schaute er in eine Grube hinab, einen etwa drei Meter tiefen Schacht, der kaum breit genug war, dass ein Mann sich darin ausstre- cken konnte. Die Wände schimmerten im Schein der La- ternen feucht, der Boden jedoch lag im Schatten. Da keine Antwort kam, brüllte János erneut. Wieder geschah nichts. »Radu?«, rief die Herzogin. »Ich bin es, Johanna Schale. Du musst mir etwas über meinen Sohn erzählen.« Ringwald spürte, wie sie zitterte. Er konnte es ihr nachempfinden. Auch er mochte enge Orte nicht. Er füg-, te das Licht einer weiteren Laterne hinzu. Etwas dort unten regte sich, ein Schemen, der begann, sich langsam zu bewegen. Er keuchte ein paar Mal, ein Laut, der an jemanden erinnerte, der Schmerzensschreie unterdrückte, aber schließlich gelang es ihm, emporzu- blicken und einen Arm zu heben, um die Augen vor dem Licht abzuschirmen. Ketten rasselten. Entsetzt stellte Ringwald fest, dass der Gefangene nur eine Decke und Stroh als Liegestatt, jedoch keine Kleider zu haben schien. Dem Aussehen nach konnte er ebenso gut Ha- ralds Bruder wie der jedes anderen sein. Vermutlich hätte seine eigene Mutter ein derart übel zugerichtetes Gesicht nicht mehr erkannt. »Hoheit?«, krächzte er. »Ihr seid in Sicherheit?« »Bislang noch. Es tut mir Leid, was ich über deinen Vater erfahren habe. Er war ein sehr netter Mann.« Eine Pause folgte, dann murmelte der Gefangene: »Danke.« An einem solchen Ort wirkte das Wort gänz- lich fehl am Platz, ja fast schon verboten. »Mir wurde gesagt, du warst derjenige, der Voica und meinen Sohn verschleppt hat.« »Es tut mir Leid.« »Auf wessen Befehl?« »Auf den meiner Vorgesetzten.« »Bitte erzähl mir davon. Ich will meinen Sohn zu- rück.« »Ich musste Gefolgstreue schwören, Euer Gnaden.« Radu besaß eine bemerkenswert melodische Stimme,, einen klaren Tenor, der in krassem Gegensatz zu seinem übel zugerichteten Erscheinungsbild stand. Er musste in seinem Kerker bis auf die Knochen frieren. »Also trifft dich keine Schuld. Ich verstehe. Aber ich flehe dich an, erzähl mir von meinem Sohn.« »Mir wurde gesagt, Ihr wärt nicht mehr in Krupina, hättet Euren Sohn irgendwo zurückgelassen, wahrschein- lich in Brikov. Ich wurde gefragt, ob ich wüsste, wohin Ihr ihn gebracht haben könntet, und da fiel mir Voica ein … Wenn ich reden soll, brauche ich Wasser.« Wasser wurde geordert. Einer der Diener eilte davon. Das Licht seiner Laterne entfernte sich den Tunnel ent- lang. »Öffnet dieses Tor!«, forderte Glockmann. »Ich gehe da hinunter.« »Was für ein Narr«, knurrte János, aber er öffnete ei- nen Teil der Absperrung. Glockmann und Ringwald senkten die Leiter in die Grube, sorgsam darauf bedacht, nicht den Gefangenen mit ihr zu verletzen. Glockmann nahm eine Laterne mit und stieg hinab. Ein paar Mal würgte er. Das Licht offenbarte, dass Radus Arme und Schultern schwarz vor Blutergüssen und Striemen waren. Sein Haar war kurz geschoren, sein Bart kaum länger. Beides mochte einst golden wie bei Harald gewesen sein, nun war es jedoch zu sehr mit Blut und Dreck verkrustet, um es mit Sicherheit zu sagen. Ein Eisenkragen um seinen Hals war mit einer Kette an einer Klammer in der Wand, befestigt. Er versuchte, sich aufzusetzen, doch selbst mit Glockmanns Hilfe war die Anstrengung zu viel für ihn, und er sank zurück auf das Stroh. »Wer hat dir befohlen, nach Frederik zu suchen?«, fragte die Herzogin. »Der Probst, Fürst Volpe.« Das Wasser traf ein und wurde hinabgereicht. Glock- mann hielt es an Radus geschundenen Mund. Der Gefangene fuhr mit seiner Geschichte fort, wobei er jedes einzelne Wort schmerzlich zwischen gebroche- nen Zähnen und geschwollenen Lippen hervorpresste. »Fürst Volpe meinte, Euer Sohn schwebte in schlimme- rer Gefahr, als Ihr wüsstet, und er könnte einen sicheren Ort finden, um ihn zu verstecken. Ich sollte den Knaben finden und Volpe mitteilen, wo dieser sich aufhielt. Er sagte, ihm sei klar, dass dies nicht nach einer ehrenwer- ten Tat aussähe. Es gefiel mir ganz und gar nicht, Hoheit, aber ich musste ihm gehorchen, genau wie er dem Abt gehorchen muss und der wiederum Seiner Hoheit. Der Probst hat gesagt, Seine Hoheit hätte dies angeordnet. Ich antwortete, dass ich gehorchen würde.« »Und hast du die Männer geführt, die meine Schwes- ter und meinen Sohn verschleppten?« »Ich habe ihnen den Weg gewiesen, Hoheit«, murmel- te er. »Ich sagte Eurer Schwester, dass sie mit uns kommen und den Jungen mitnehmen müsste.« »Oder?«, »Oder wir würden Gewalt anwenden.« »Und wohin habt ihr sie gebracht?« »Nach Vamky, Euer Gnaden. Wohin sie von dort aus weiterreisten, weiß ich nicht.« Wieder trank er einen Schluck. »Radu, ich fürchte, ich habe weitere schlechte Neuig- keiten für dich. Ich bin fast sicher, dass dein Bruder Ha- rald tot ist.« Es war unmöglich, den Ausdruck im Gesicht des Ge- fangenen zu deuten. »Ist er einen guten Tod gestorben?« »Das weiß ich nicht. Wie es scheint, hat er versucht, mich zu töten. Könnte er dazu in der Lage gewesen sein?« »Wenn es ihm befohlen wurde.« »Also leistete er einen Meineid, als er dem Baron Ge- folgstreue schwor?« »Wenn ihm aufgetragen wurde, einen Meineid zu leis- ten, hätte er es getan. Der Eid kennt keine Einschränkun- gen.« »Und als du dem Grafen vor einer Woche gesagt hast, dass du Vamky verlassen willst? Hast du da auch gelo- gen?« Der Gefangene wollte mit den Schultern zucken und keuchte ob der Schmerzen, die ihm der Versuch bereite- te. »Nein, das habe ich aufrichtig gemeint. Es war töricht von mir zu erwarten, er würde mir glauben.« »Warum solltest du diesen unwiderruflichen Eid bre- chen?«, »Weil ich den Großherzog in einem Verlies in Vamky gesehen habe. Der Probst hat einen Vertrauensbruch be- gangen. Er ist ein Verräter.« »Graf János hat dich abgewiesen. Willst du stattdessen mir die Gefolgstreue schwören? Aufrichtig?« »Mit Freuden. Aufrichtig. Obwohl ich fürchte, meine Dienste werden von kurzer Dauer sein.« Ringwald war klar, dass er soeben einen Beweis selte- nen Mutes bezeugte. Die Grausamkeiten des Grafen hät- ten die meisten Menschen gebrochen. Radu hingegen war anscheinend immer noch in der Lage zu scherzen. »Du wirst nicht sterben, jedenfalls nicht morgen. Der Eid, den ich verlange, gilt ein Leben lang. Schwörst du ihn mir?« »Ich schwöre. Mit ganzem Herzen.« »Du musst mir helfen, meinen Gemahl zu retten.« »Hoheit!«, platzte Ringwald heraus und hörte, wie Raunzer gleichzeitig einen wüsten Fluch ausstieß. »Schweigt still! Schwester Trudy?« »Der Gefangene sagt die Wahrheit, Euer Gnaden.« »Ihr wärt wahnsinnig, ihm zu vertrauen«, hallte János’ Stimme donnergleich wider. »Wie kann er einen unwi- derruflichen Eid brechen und zugleich erwarten, dass Ihr ihm vertraut?« »Ich vertraue ihm einfach«, gab Johanna müde zurück. »Ich nehme dich in meine Dienste auf, Radu, wenn du eine Prüfung bestehst. Offenbare mir ein Geheimnis … Wie erschaffen die Brüder Schattenherren?«, Kurz schien es so, als wollte der Abtrünnige nicht ant- worten. Dann schauderte er und sprach: »Mit einem Floh, Hoheit. Einem verzauberten Floh. Ein einziger ge- nügt, um den Tod jenseits des Todes auszulösen.« »Trudy?« Ringwald hatte Tru japsen gehört und wusste bereits, was sie antworten würde. »Es ist wahr.« »Sehr gut. Graf János, schafft diesen Mann hier her- aus. Sorgt dafür, dass er gepflegt und für eine Heilung zum Oktogramm gebracht wird. Ihr werdet ihn nicht hängen. Morgen wird er uns einiges verraten, das wir wissen müssen.«, Radu schritt den dunklen Gang entlang. Er ging schnell, rannte aber nicht, denn der Ruf hatte dringend und nicht unverzüglich gelautet. Käme er außer Atem an, konnte er gemaßregelt werden, weil er Befehle übertrieben ausge- führt hatte. Er verspürte immer noch das leicht zittrige, hohle Gefühl, das daher rührte, mitten in der Nacht wachgerüttelt worden zu sein, doch in Vamky gewöhnte man sich daran. Die Kapuze hatte er aufgesetzt, das Schwert an seiner Seite hing an einem brandneuen, brau- nen Schwertgurt. Er war ein gegürteter Ritter, was sich überaus gut anfühlte. Tatsächlich bestimmte er die Richtung nach den Ster- nen, denn vor ihm erstreckten sich endlose ebene oder geneigte Gänge, nur vereinzelt an Gabelungen von La- ternen erhellt, die hoch oben angebracht waren, damit ihr Schein nicht von irgendwelchen Leuten versperrt werden konnte. Um diese Stunde waren kaum andere Menschen unterwegs. Ab und an hielt er inne, um mit den Fingern über die Zahlen an einer Tür zu streichen und sich zu vergewissern, dass er sich nicht verirrt hatte. Als er die Tür fand, zu der er musste, holte er tief Luft, dann hämmerte er drei Mal mit dem Schwertknauf dage- gen. Bumm, bumm, bumm. Wo Generationen von Schwertern dasselbe getan hatten, war das Holz zersplit- tert., Nur etwa eine Minute verstrich, bevor ihn eine Stim- me zum Eintreten aufforderte. Er schloss die schwere Tür hinter sich, ging zwei Schritte auf den schlichten Bohlen- tisch zu, warf die Kapuze zurück und wartete, bis ihm Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Ohne die Augen zu bewegen, konnte er sehen, dass die Zelle weder größer noch aufwändiger eingerichtet war als andere. Gemäß der üblichen Ausstattung enthielt sie ein Bett, einen Tisch und einen Stuhl sowie ein Regal, auf dem sämtli- che persönliche Habseligkeiten frei sichtbar liegen muss- ten. Besonderheiten waren lediglich die Dokumententru- he, ein Zeichen hohen Ranges in der Bruderschaft, und die beiden Öllampen, die für Radu alles taghell wirken ließen. Der Bewohner der Zelle steckte den Federkiel in das Tintenfass und schaute von seinen Papieren auf. Er schob die Kapuze zurück und offenbarte ein hartes, zernarbtes Gesicht mit einem graumelierten Bart. Radu salutierte. »Herr! Jungritter Radu meldet sich wie befohlen bei Bannerherr Dusburg.« »Rühr dich, Radu. Herzlichen Glückwunsch zur Gür- tung.« »Herr! Danke.« Beide Männer setzten die Kapuzen wieder auf. Mitt- lerweile fühlte Radu sich ohne sie regelrecht nackt. »Weniger als drei Jahre?« »Herr! Nur einen Monat weniger.« Zwei Jahre als No- vize, drei als Knappe. Es war ein guter Schnitt., »Besser als zehn Jahre darüber«, meinte Dusburg. »Hat dir die Reise nach Trenko gefallen?« »Herr. Sie war denkwürdig und sehr erfreulich.« Als Jungritter in der herzoglichen Begleitgarde hatte Radu zwar von den Stallungen des Markgrafen mehr gesehen als von dessen Hof, trotzdem war es eine willkommene Feier seines neuen Ranges gewesen. Dusburg schrieb weiter. In Vamky galt der Mann als ein Rätsel. Ein Bannerherr befehligte militärische Einhei- ten auf dem Feld, doch Dusburg war eindeutig weit über vierzig und somit zu alt dafür. Dennoch hatte er weder den üblichen Wechsel zum Beschwörungszweig noch den selteneren in die Verwaltung vollzogen, weshalb sei- ne Pflichten geheimnisumwittert waren. Es herrschte so- gar Uneinigkeit darüber, ob er ein Mann des Abts oder des Probstes war, eine Unterscheidung, über die selten Zweifel bestanden. Radu hatte noch nie zuvor mit ihm gesprochen. Nach gut zehn Minuten pochte ein Schwert an die Tür, nur ein Mal. Novizen ließ man für gewöhnlich warten – es war nicht unüblich, dass sich vor einer Tür eine Schlange von drei oder vier bildete –, doch der Banner- herr rief sogleich »Herein!«. Radu hörte, wie die Tür sich öffnete und schloss, drehte sich aber nicht um. Der Mann, der neben ihm auf die Knie sank, war be- merkenswert groß. Dusburg überging die Unterbrechung und schrieb weiter. Radu wagte einen verstohlenen Blick nach unten, der bestätigte, dass es sich bei dem Neuan-, kömmling tatsächlich um Harald handelte, wenngleich er es bereits ob der Größe geahnt hatte. Ihr Vater behaupte- te stets, dass er durch die Übung besser geworden sei, und Harald, der jüngste seiner Söhne, war der größte von allen gewesen, noch bevor er sechzehn war. Inzwischen war er achtzehn und wuchs immer noch. Radu sah ihn gelegentlich im Kloster, aber die beiden hatten selten Ge- legenheit, miteinander zu sprechen. Harald hechelte wie ein Hund, und auf seinem gescho- renen Schädel glänzte Schweiß, was durchaus verständ- lich schien, wenn er den ganzen Weg von den Novizen- zellen mit einem Breitschwert gerannt war. Radu hoffte bloß, dass der Ruf an seinen Bruder unverzüglich gelau- tet hatte, vermutlich aber schon, denn schließlich hatte Dusburg ihn sofort hereingerufen, nur um eben jenen Schweiß zu sehen. Unvermittelt legte er den Federkiel beiseite, schenkte dem Neuankömmling jedoch immer noch keine Beach- tung. »Radu, ich muss dich mit einem Disziplinproblem behelligen.« »Herr!«, rief Radu voll Inbrunst, doch insgeheim sank sein Mut. Sein eigenes Gewissen war rein. Was hatte der Junge bloß angestellt? Es würde Harald das Herz bre- chen, hinausgeworfen zu werden, wie es so vielen An- wärtern erging. Novizen waren die Ackergäule von Vam- ky, Kärrner, die all die niedrigen Arbeiten in den Küchen und Ställen verrichteten und dadurch den Betrieb im Klo- ster aufrechterhielten. Manche blieben ihr ganzes Leben, lang Novizen, manche wurden aus dem Orden verwiesen, manche gaben auf. Nur wenige zeigten den uneinge- schränkten Gehorsam, die bedingungslose Hingabe und die für die Beförderung zum Knappen, der ersten Stufe auf der Leiter, erforderliche Selbsterniedrigung. Jeder von Pribois Söhnen hatte versucht, es zum Rittertum zu bringen, und Radu war der erste seit Fritz, dem ältesten. Letzerem war es vor vielen Jahren gelungen, doch war er anschließend auf seinem ersten Feldzug gestorben. »Ein bestimmter Novize«, sprach der Bannerherr, »hatte Anrecht auf einen Besuch, und sein Vater kam, um ihn zu sehen. Dabei gab der Novize an seinen Vater ein Gerücht weiter, demzufolge gewisse Mitglieder der Bruderschaft Hochverrat planten. Du weißt, dass es zu Disziplinarmaßnahmen der dritten Liste führt, eine sol- che Geschichte gegenüber anderen als den unmittelbaren Vorgesetzten zu wiederholen. Was findest du, sollte mit diesem Novizen geschehen?« Die Frage war so einfach, dass Radu zu lächeln wagte, zumal er wusste, dass sein Bruder nicht aufschauen wür- de. Aber er verbannte die Belustigung aus seinem Ton- fall. »Herr! Ein paar Wochen in Einzelhaft sollten ihn die Tugenden der Verschwiegenheit lehren. Es sei denn na- türlich, ihm wurde befohlen, diese Auskünfte weiter- zugeben.« Es war sechs Monate her, seit Harald in den Orden eingetreten war, folglich hatte ihm ein erster Be- such zugestanden. Dusburg nickte. »Es wurde ihm tatsächlich befohlen.«, »Herr, dann finde ich, er sollte dazu beglückwünscht werden, eine Prüfung bestanden zu haben.« »Aber diese Auskünfte waren falsch, Radu. Er wusste, dass sie unrichtig waren. Er belog seinen eigenen Vater, und wir haben Beweise, dass sein Vater sich täuschen ließ. Ist er nicht ein widerwärtiges Schandmaul, ein un- dankbarer Balg, ein unflätiger Lügner?« »Herr, er hat seine Sache noch besser gemacht, als ich dachte. Besonders wenn dieser Vater nur annähernd wie mein eigener Vater war, der ein äußerst argwöhnischer und scharfsinniger alter Mann ist.« Die harten Augen des Bannerherrn funkelten. Seine Stimme blieb eiskalt. »Dann billigst du seine Falschheit also?« »Herr. Mit ganzem Herzen.« »Dann erwäge die folgende Mission. Der Abt braucht einen Mann, der vorgibt, die Bruderschaft zu verlassen und ins Laientum zurückzukehren. Er wird Lügen erzäh- len müssen, um zu erklären, weshalb er angeblich ab- trünnig geworden ist. Außerdem wird es erforderlich sein, dass er einen Meineid leistet, indem er einem Au- ßenstehenden die Gefolgstreue schwört, und zwar mit dem festen Vorsatz, jenen Eid in jeder Weise zu verraten, die seine übergeordnete Treuepflicht gegenüber dem Or- den erfordert. Ferner wird er gewisse Vorgänge ausfüh- ren müssen, die zum Tod anderer und bestimmt zu sei- nem eigenen führen könnten, falls er dabei ertappt wird. Es wird eine einsame und gefährliche Mission, die in den, Augen der Welt gänzlich außerhalb der üblichen Grenzen der Ehre verläuft. Was würdest du zu einer solchen Mis- sion sagen?« Radu war übel, wofür er sich schämte. Ein Krieger tut, was immer nötig ist, um zu siegen. »Herr! Ich würde mich geehrt fühlen, mit einer solchen Mission beauftragt zu wer- den.« Geehrt, aber entsetzt. Sie würden doch wohl keinem Jungspund wie Harald eine solche Folter auferlegen? »Warum?« »Herr. Weil eine einsame Mission immer eine Ehre ist, und eine derart anspruchsvolle würde zudem bedeuten, dass der Rat großes Vertrauen in mich setzt, einen Mann, der erst seit weniger als einem Monat ein Ritter ist. Weil ich außerdem weiß, dass die Bruderschaft nicht grundlos Tod herbeiführt, muss diese Mission wichtig für unser aller Wohlergehen sein. Herr.« Dusburg überlegte einen Augenblick. »Der Meineid würde dir keine Gewissensbisse bereiten? Der Verrat?« »Nicht, wenn ich dabei Befehlen gehorche, Herr.« »Und wenn deine Befehle lauteten, um jeden Preis zu vermeiden, entdeckt zu werden, wärst du dann bereit, die Regeln unseres Ordens zu brechen? Würdest du stehlen, morden und falls nötig sogar Unzucht treiben?« »Herr. Ich werde jedem Befehl gehorchen, wie ich es am Tag meiner Aufnahme geschworen habe.« An jenem Tag waren ihm die drei Grundvoraussetzungen der Bru- derschaft mitgeteilt worden – Gehorsam, Gehorsam und nochmals Gehorsam., Der Bannerherr nickte. »Der Novize darf sich erheben.« Harald stand auf. »Rühr dich. Der Novize darf seinen Bruder begrüßen.« Harald drehte sich und blickte mit einem wagenbreiten Grinsen auf Radu herab. »Herr! Bitte um Erlaubnis, Euch zur Gürtung beglückwünschen zu dürfen!« »Erlaubnis erteilt«, sagte Radu. »Und Glückwunsch auch an den Novizen! Wenn er dem alten Mann wirklich Sand in die Augen streuen konnte, ist er ein besserer Mann, als ich je zu werden hoffen darf.« Damit umarmte er seinen Bruder und wünschte sogleich, er hätte es nicht getan. Die Hälfte seiner Rippen fühlte sich gebrochen an. »Der Novize wird sich freuen zu hören«, meldete sich Dusburg zu Wort, »dass seine Beförderung zum Knap- pen beim Mittagsmahl verkündet wird.« Harald sog heftig die Luft ein und schaute Radu voll ungläubiger Freude an. Dann tappte er in die uralte Falle und griff nach oben, um sich die Kapuze aufzusetzen. »Die Beförderung wird erst mit der Ankündigung wirksam.« »Herr!« Harald sank wieder auf die Knie. Sein Nacken aber leuchtete vor Erregung rosa. Radu hoffte, dass seine Gefühle Erstaunen und kein Neid waren. Knappe in sechs Monaten? Unglaublich! So etwas kam gewiss nicht jedes Jahrhundert vor, oder? »Der Novize wird die Fensterläden öffnen und berich- ten, was er sieht.« Dusburg ergriff seine Papiere, als wollte er durchlesen, was er geschrieben hatte., Harald sprang auf, um zu gehorchen. »Herr. Nur Dun- kelheit.« »Er soll nach links schauen.« Harald beugte sich hinaus. »Herr! Ein Feuer! Ein rie- siges …« »Kann der Novize beurteilen, wo es ist?« »Ich denke … Herr! Ich denke, es muss Fadrenschloss sein, der Sitz des Barons von Fader.« »Radu, geh hin und sieh nach, ob du ihm zustimmst.« Natürlich hatte Harald Recht. Und nachdem die Läden wieder geschlossen waren, die Brüder sich wieder vor dem Tisch befanden, einer stehend, der andere kniend, sollte Schlimmeres folgen. »Radu, war Fadrenschloss die Heimat deiner Kind- heit?« »Herr.« »Hast du dort noch Familie?« »Herr.« »Radu, derzeit befinden sich an jeder Straße nach oder von Fadrenschloss Truppen der Brüder. Sie sind bereits seit Sonnenuntergang dort. Sie haben und werden nichts gegen das Feuer unternehmen. Was sagst du dazu?« Mit Augen so kalt wie die eines Leichnams starrte der Bannerherr zu ihm empor. Natürlich konnte er Fragen stellen – hatten die Brüder das Feuer entfacht? Sie oder irgendjemand mussten gewusst haben, dass es einen Brand geben würde. Hielten sie Menschen auf, die nach Fadrenschloss wollten oder von dort kamen? Doch un-, kluge Fragen bescherten strenge Maßnahmen der zweiten Liste. »Herr. Ich verstehe die Frage nicht.« »Fragst du dich nicht, weshalb sie dort sind oder was sie tun?« »Herr. Es steht mir nicht zu, mich das zu fragen.« Dusburg nickte, als wäre er zufrieden. »Du bist entlas- sen.« Radu salutierte, stapfte davon und ließ seinen nach wie vor knienden Bruder zurück. Er sah Harald nicht mehr im Kloster, was jedoch nicht be- deutete, dass der Junge die einsame Mission angenommen hatte. Er konnte sich auch geweigert und infolgedessen aus dem Orden verstoßen worden sein. Oder in Einzelhaft gesperrt, falls er zu viele Geheimnisse erfahren hatte. Weniger als eine Woche später wurde Radu erneut mitten in der Nacht gerufen, diesmal aber vom Probst höchstpersönlich, was eine erstaunliche Erfahrung für einen Jungritter war. Außerdem versicherte ihm Volpe, dass die Befehle, die er hiermit erteilte, vom Großherzog persönlich stammten. Selbst unter Berücksichtigung der einzigartigen Befähigung, die Radu für diese besondere Aufgabe besaß, war es eine atemberaubende Ehre für einen gemeinen Jungritter, unbeaufsichtigt mit einer so bedeutsamen Mission betraut zu werden. Belustigt fragte er sich, ob Haralds gekonntes Lügen der Familie einen guten Namen beschert hatte., Nach der Unterredung kehrte Radu nicht ins Bett zu- rück. Stattdessen begab er sich geradewegs zum Lager des Quartiermeisters, wo er mit Hilfe des Passes, den der Probst ihm gegeben hatte, alles beziehen konnte, was er brauchen würde. Er kleidete sich an Ort und Stelle mit der Lederkluft eines Försters und legte darüber wieder seine Kutte an. Dann begab er sich zu den Stallungen, um einen Zelter und ein verkümmertes Packtier zu requi- rieren. Am Tor gab er seinen Pass ab und merkte sich sorgsam den Missionsnamen vor, den Volpe ihm genannt hatte, Juwelentruhe. Beim ersten Tageslicht ritt er los, gefolgt von einem Knappen der Wachmannschaft. Ein, zwei Achtelmeilen den Hang hinab zügelte Radu das Pferd. Mit dem Rücken zu seinem Gefährten entledigte er sich der Kutte und ließ sie fallen. Dann ritt er mit dem Packtier an der Hand weiter. Der Knappe würde das Ge- wand zur Quartiermeisterei zurückbringen, doch selbst er hatte das Gesicht des Mannes nicht gesehen, den er aus dem Kloster begleitet hatte. Radu widerstand der hartnäckigen Versuchung, unter- wegs die Überreste von Fadrenschloss zu besuchen, aber nur, weil er erkannt werden konnte, und ihm das verbo- ten worden war. Mit dem Trost des Wissens, dass er mittlerweile erfahren hätte, wenn ein Mitglied seiner Familie in der Feuersbrunst umgekommen wäre, hielt er auf die Berge zu und folgte aus der Kindheit vertrauten Pfaden gen Brikov. Die Siedlung selbst jedoch mied er,, denn Fürst Volpe hatte ihn davor gewarnt, dass viele Leute des Barons, einschließlich Radus Vater, bei Graf János Zuflucht gesucht hatten. Wie sollte er einen bestimmten Köhler aufspüren? Sollten ihn die Männer des Grafen dabei bemerken, wie er durch dessen Land streunte, hätten sie gewiss Fragen zu stellen und würden dabei nicht zimperlich vorgehen. Zum Glück hatte ein jüngerer Radu das Försterhandwerk von Meister Manfred, dem Förster des Barons erlernt, und so hinterließ er kaum mehr Spuren als eine Forelle. In Wahrheit war seine Aufgabe gar nicht so schwierig. Mit hohen Bauholzbäumen oder unzugänglichen Ge- birgshängen konnten Köhler nichts anfangen. Forste wurden etwa alle achtzehn Jahre gefällt, folglich konnte Radu das Hauptaugenmerk auf Gebiete legen, in denen aus den gekappten Strünken wieder Unterholz gewach- sen war. Der Klang einer Axt hallte über weite Entfer- nungen. Nach wenigen Tagen stieß er auf einen Mann, der Aste abhackte und erkannte dessen Gefährten – eine Frau und ein Kleinkind, das fröhliche Rufe ausstieß, während es auf kurzen Beinchen vor ihr weglief. Sie sa- hen Radu nicht, dabei hätte er ebenso gut ein Feind sein können, der trachtete, dem Kind ein Leid anzutun! Fürst Volpe hatte Recht gehabt, als er meinte, es gäbe sicherere Ort, um den rechtmäßigen Thronfolger zu verstecken. Ein Köhlererdwall war weit und breit nicht zu sehen. Der Mann war noch damit beschäftigt, Unterstände zu bauen, offensichtlich als Vorbereitung auf das Eintreffen, einer größeren Gruppe. Je früher das Kind in Gewahrsam genommen werden konnte, desto besser. Doch Radus Befehle untersagten ihm, es allein zu versuchen. Stattdessen ging er zurück zu seinem angebundenen Pferd und ritt los. Um Mitternacht traf er in Vamky ein. Das Losungswort Juwelentruhe verschaffte ihm Einlass. Er meldete seine Rückkehr dem Adjutanten des Probstes und stand wenige Minuten später vor Volpe höchstper- sönlich, der aussah, als wäre er gerade erst geweckt wor- den, obwohl die Decke auf seiner Pritsche ordentlich ge- faltet war. »Wirklich gut gemacht, Bruder. Ich stimme dir zu, dass Eile geboten ist. Kommst du eine Nacht ohne Schlaf zurecht?« »Herr«, sagte Radu. Konnte es eine andere Antwort geben? Zwei Stunden später ritt er mit einer Schwadron unter Führung von Oberritter Bâthory wieder los. Bereits bei Sonnenaufgang schloss sich ein Ring bedrohlich wirken- der Ritter auf Pferden um das Lager der Köhler, obwohl immer noch nur die beiden Erwachsenen mit dem Kind zugegen waren. Radu stieg ab und näherte sich ihnen. Die Frau, Voica, hob den Knaben hoch und suchte Schutz bei ihrem Mann. Letzterer war kaum kleiner als Radu und hatte eine Axt, wenngleich die Klinge auf dem Boden ruhte und er sorgsam darauf achtete, sie nicht drohend zu heben. Fahle Augen starrten ihn aus rußge- schwärzten Gesichtern an., »Ich kenne dich, Voica«, verkündete Radu. »Und ich kenne dich, Radu Priboi«, gab sie zurück. Sie musste ihn an der Stimme erkannt haben, denn die Gesichtsplatte, die Wangenteile und das Visier seines Helms verbargen sein gesamtes Antlitz mit Ausnahme der Augen. »Mein Name tut nichts zur Sache. Auch den Knaben kenne ich, denn ich habe ihn in Krupa gesehen. Hier ist er nicht sicher. Andere könnten ihn ebenso einfach fin- den wie ich. Wir bringen ihn an ein sichereres Versteck. Du bist herzlich eingeladen, ihn zu begleiten.« Als er sah, dass ihre Augen zu ihrem Mann zuckten, fügte er hinzu: »Er auch, wenn er will. Man wird euch alle gut behandeln.« »Schwörst du das?«, knurrte der Mann. »Ich schwöre es.« »Und wenn wir uns weigern?« Das war genau, was Radu fürchtete. Dieses wurzellose Bergvolk hing inbrünstig an seiner Freiheit. Würden sie tatsächlich so wahnsinnig sein, der Bruderschaft zu trot- zen? »Wir werden den Jungen mitnehmen. Was sonst noch geschieht, liegt ganz bei euch.« Und dann überstieg er seine Befehle, indem er hinzufügte: »Bitte wehrt euch nicht. Wenn wir Gewalt anwenden müssen, werden wir keine Zeugen zurücklassen.« »Wir vertrauen dir, Radu«, erklärte Voica. Somit wurde die Mission gewaltlos erfüllt. An jenem, Nachmittag sah Radu, wie der Knabe und seine zwei Be- schützer Vamky betraten, doch er hatte keine Ahnung, wohin man sie danach brachte oder was aus ihnen wurde. In jener Nacht hatte er sich noch kaum auf die Pritsche gelegt, als er abermals zum Bannerherrn Dusburg geru- fen wurde. »Hervorragende Arbeit, Radu. Du wirst mit sofortiger Wirkung zum Oberritter befördert. Meinen Glück- wunsch. Du machst beachtliche Fortschritte.« Radu konnte nur ein »Herr!«, hervorstoßen. Natürlich hatte er auch Glück gehabt, aber der Zufall spielte in der Laufbahn jedes Menschen eine Rolle. Nun war er wieder zwei Ränge vor seinem aufsehenerregenden jüngeren Bruder. Doch er bezweifelte, dass er diesen Vorsprung lange halten würde. »Überbring diesen Brief«, befahl Dusburg, »und zwar mit angemessener Eile – ›angemessen‹ bedeutet in die- sem Fall, dass du die Pferde und vorzugsweise auch dich selbst nicht verletzen sollst. Bannerherr Catavolinos wur- de bereits unterrichtet. Erkundige dich bei der Befehls- stelle nach deiner Route.« Bevor Radu etwas sagen konn- te, fügte Dusburg hinzu: »Du bist entlassen.« Der Brief war an Präzeptor Oswald gerichtet, der ei- nen Posten am Hof der regierenden Zarin von Skyrria innehatte. Doch Radu wusste, dass die eigentliche Bot- schaft ihm galt und lediglich besagte, dass er mindestens bis Mittsommer mit niemandem in der Umgebung von, Vamky reden durfte. Kiensk, die Hauptstadt Skyrrias, lag fern im Osten, mindestens eine Monatsreise entfernt. Für einen lebhaften jungen Ritter verhieß eine solche Mission gleichermaßen eine Belohnung und eine gute Übung. Er konnte die Welt kennen lernen, seine Reit- kunst vervollkommnen und zum ersten Mal seit fünf Jah- ren etwas erfahren, das Freiheit zumindest nahe kam. Radu trug eine Halbrüstung mit dem Zeichen der Bruder- schaft auf dem Umhang, folglich betrachteten ihn recht- schaffene Wanderer als willkommenen Gefährten, der Räuber und Wegelagerer abschrecken würde, während die Unredlichen nicht sonderlich erpicht waren, sich mit ihm anzulegen. Da er mit Geld für Auslagen ausgestattet und durch eine Beschwörung gegen Reisedurchfall und das Ungeziefer in Herbergen geschützt war, begegnete er kaum Schwierigkeiten. Am schlimmsten waren noch die Mädchen in den Schänken, die es genossen, sich über einen Mann lustig zu machen, dem sogar verboten war, sie überhaupt wahrzunehmen. Dagegen konnte Radu sich nur mit seiner Willenskraft verteidigen, die viele Male schwer auf die Probe gestellt wurde. Er musste einen Umweg um Bohakia und Dolorth ein- schlagen, da beide Reiche mit Vamky um Ritter und Kriegsbeschwörer verhandelten und er andernfalls wo- möglich auf der falschen Seite eines Krieges gestanden hätte. Früh im Sechstmond traf er in der skyrrischen Hauptstadt Kiensk ein und meldete sich bei Präzeptor Oswald. Zwei Stunden später überreichte der Präzeptor, ihm ein Schreiben an den Bannerherrn Valentin, der ge- genwärtig Brüder auf einem Feldzug in Gevily befehlig- te. Radu sattelte sein Pferd und ritt durch ganz Euranien nach Westen. Valentin wies Radus Gesuch, an den Kampfhandlun- gen teilnehmen zu dürfen, rundweg ab, doch er war so freundlich, sich zu erkundigen, ob es ein bestimmtes Land gäbe, das er besuchen wolle. Radu entscheid sich für Distlain und fragte sich, weshalb die Umstehenden grinsten. Die Antwort erfuhr er mehrere Wochen später, als die südliche Sonne ihn in seinem Brustharnisch förm- lich kochte. Pflichtbewusst lieferte er den Brief ab, den Valentin ihm mitgegeben hatte, und erhielt einen weiteren. Als er eines prächtigen Morgens allein durch einen Orangen- hain ritt, wurde auf ihn geschossen. Ein Pfeil verfehlte ihn, ein weiterer durchdrang seinen Schild, wurde aber so sehr gebremst, dass er lediglich seine Brustplatte ver- beulte. Ohne überhaupt daran zu denken, die Wegelage- rer zu zählen, zog er das Schwert und griff an. Zum Glück waren es nur drei, und er gewährte ihnen keine Zeit, die Armbrüste zu spannen. Ihre Leichen ließ er für die Krähen zurück, ihre Pferde nahm er mit, um sie im nächsten Ort zu verkaufen. Die Ehre der Bruderschaft war gewahrt. Nach einer sechsmonatigen Rundreise durch Euranien kehrte Radu schließlich nach Vamky zurück. Im Mond-, licht betrachtet, mutete das Kloster auf dem Felsrücken nachgerade überirdisch schön an. Die Türme und Mauern wirkten wie aus Träumen und Spinnweben gebaut und so zart, dass er nach Sternen suchte, die durch sie hindurch- leuchteten. Und dennoch konnte er nicht verleugnen, dass es sich wie die Rückkehr in ein Gefängnis anfühlte, als er das Pferd den langen Aufstieg hinauflenkte. Er hät- te in Krupa übernachten können, aber Ehre hatte ihn an- gespornt, weiter zu preschen und die Reise zu beenden, statt einen anstrengenden Tag in zwei unbeschwerliche zu verwandeln. So erschöpft er auch sein mochte, falls der Verbleib des Markgrafen immer noch als hochge- heim galt, war es durchaus möglich, dass man ihn gleich wieder auf den Weg schickte. Auf seiner langen Reise hatte Radu sich oft gefragt, ob Volpe und Dusburg ihn tatsächlich für ein unzuverlässi- ges Plappermaul hielten oder lediglich etwas vor jeman- dem innerhalb von Vamky verbergen wollten, der in der Bruderschaft einen so hohen Rang genoss, dass er Radu zwingen konnte zu reden. Minhea womöglich? Auf Klatsch standen Maßnahmen der Liste drei, doch es war gemeinhin bekannt, dass der Abt und der Probst nicht immer einer Meinung waren. Vamky schlief nie. Er nannte sein Losungswort, das Reiherflug lautete, und die Verwaltungslakaien fanden seine Karte so schnell, als wäre er kein halbes Jahr, son- dern bloß einen Tag fortgewesen. Er ritt zum Arsenal hinüber, um den Stahl abzugeben,, den er so lange getragen hatte. Der Knappe, der ihm half, stieß einen leisen Pfiff aus, als er die Delle im Brusthar- nisch bemerkte, doch er war klug genug, nicht zu fragen, wer dafür wie teuer bezahlt hatte. Radu zog sich vom Hals abwärts aus und legte die weiße Kutte an, die ihm gereicht wurde. Dann drehte er sich um, nahm den Helm ab und setzte die Kapuze auf. Gesichtslos war er auf- gebrochen, und gesichtslos kehrte er zurück. Männer aus den Stallungen und der Quartiermeisterei trafen ein, um ihm alles übrige abzunehmen. Nur mit ei- ner Kutte bekleidet, den Sandalen und einem Schwert begab er sich ins eigentliche Kloster, und nicht einmal diese Ausrüstung war seine eigene. Die Wachen würden Bannerherrn Dusburg darüber in Kenntnis setzen, dass sein Gesandter zurückgekehrt war, und Dusburg würde ihn entweder wieder auf die Reise schicken oder Banner- herrn Catavolinos mitteilen, dass er seinen Untergebenen zurückhaben konnte. Seine einzige unmittelbare Pflicht bestand darin, den Brief, den er von Meistersinger Gru- ningen mitgebracht hatte, Kantor Samuil zu überbringen und eine Empfangsbestätigung dafür zu erhalten. Kantor war der unterste Beschwörerrang, stand jedoch im Klos- ter über einem Bannerherrn. Radu kannte den Mann zwar nicht, wollte ihn aber mit Freuden aus dem Bett zerren. Sechs Monate mit einem sattelwunden Hintern schrien förmlich nach Genugtuung. Er ging in die Buchhaltung, eine staubige, muffige Kammer, in der Novizen den ganzen Tag an Schreibti-, schen standen und Listen in riesige Wälzer abschrieben. Wie alle Brüder hatte auch Radu zahlreiche unerfreuliche Erinnerungen an diesen Ort der Langeweile. Er erkundig- te sich nach Kantor Samuils Zellennummer. Der einsame Novize, der Dienst versah und sowohl schläfrig als auch dumm wirkte, blätterte eine Weile in dem Verzeichnis vor und zurück, dann verschwand er durch eine Hinter- tür. Kurz bevor Radu so weit war, aus der Haut zu fahren und die Regeln zu brechen, um sich auf die Suche nach ihm zu begeben, kehrte der Novize mit einem Mann zu- rück, der den braunen Schwertgurt eines Jungritters trug, einen anderen Band aus dem Regal nahm und ihn auf- schlug. »Herr. Diese Auskunft ist nicht verfügbar.« »Bruder, ich muss unbedingt zum Kantor.« »Herr. Ich bin nicht berechtigt, seinen Aufenthaltsort preiszugeben.« »Bruder, die letzten drei Männer, die versucht haben, mich von der Erfüllung meiner Mission abzuhalten, habe ich getötet. Ich befehle dir, es mir zu sagen.« »Herr. Ich habe bereits meine Befehle«, entgegnete der Mann verdrossen. Er hörte sich alt für einen Jungrit- ter an und nicht annähernd hochnäsig genug, um sich seiner Sache sicher zu sein. Zweifellos war die Depesche, die Radu bei sich hatte, völlig belanglos, aber seine Pflichten waren klar, und ei- ne Untersuchung würde sein Verhalten gutheißen. Er hielt sich an die Verfahrensregeln, indem er die Kapuze, zurückwarf und das Schwert halb aus der Scheide zog. »Bruder, ich will dein Gesicht sehen!« Der Novize wurde kalkweiß, vermutlich weil er sich vorstellte, wie er Offiziere höchsten Ranges aus dem Bett zerren musste, um den Streit zu schlichten. Sein Vorgesetzter gab sich geschlagen. »Blau 1, A 5.« »Wie bitte?« »Herr! Blau 1, A 5.« »Bruder, ich wusste gar nicht, dass es eine Ebene 1 im blauen Flügel gibt.« »Herr. Hier steht, man muss zu einer mit ›Besen‹ ge- kennzeichneten Tür auf Blau 3, J 6. Ihr werdet eine La- terne brauchen«, fügte der Jungritter in einem verspäte- ten Anflug von Kooperationswillen hinzu. In Vamky gab es sieben Flügel. Der blaue befand sich so weit vom Haupttor entfernt, wie es überhaupt ging, da das Kloster dort an den Berg grenzte. Radu kannte Blau 3 recht gut, weil dort die Knappen ihre Grundausbildung in Beschwörungskunde erhielten. Oktogramme mussten sich ebenerdig befinden, wo Elemente der Luft und der Erde einander begegneten. Der Rücken stieg dort steil an, folglich ruhte Ebene 3 unmittelbar auf der Felssohle. Da- her auch seine Überraschung. Als er auf Blau 3 eintraf, fand er Gang J dunkel vor. Kein leuchtender Stern am fernen Ende wies ihm den Weg. In Vamky waren alle Laternen gleich, bestanden im Wesentlichen aus einer Glasflasche, die sich in der, Mitte verengte, damit man sie halten konnte. Radu nahm den Zylinder ab und hob die Laterne an die Flügellampe, um den Docht anzuzünden. Als die Flamme stetig brann- te, brachte er den Zylinder wieder an und begab sich auf die Suche nach J 6. Wie sich herausstellte, handelte es sich um einen großen achtseitigen Raum, still und ver- waist, gespenstisch ob der Rückstände von Geistigkeit, die gleich alten Kochgerüchen darin schwebten. Was nach einer Schranktür auf der gegenüberliegenden Seite aussah, öffnete sich zu einer Treppe, die in den Fels hin- abführte. Die einzigen Treppen, die Radu in Vamky je gesehen hatte, verliefen nach oben in die Türme, weshalb Neugier seine Müdigkeit verdrängte, als er hinabzustei- gen begann. Zweifellos drang er in ein Gebiet vor, das den Rängen der Beschwörer vorbehalten war, doch er hatte eine hervorragende Ausrede, ein wenig herumzu- schnüffeln, was stets ein Vergnügen war. Die gerade und gefährlich steile Treppe endete schließlich an einer Gabe- lung, an der drei Gänge aufeinander trafen. Hier bestan- den die Wände wieder aus Steinblöcken statt aus unbear- beitetem Fels. Angaben an der Wand bestätigten, dass er sich auf Ebene 2 und immer noch im blauen Flügel be- fand. Weitere, noch steilere Stufen führten in tiefere Ge- filde. Vamky war riesig. Selbst im Winter, wenn die meisten der Expeditionskorps zum Stützpunkt zurückkehrten, herrschte im Kloster nie Platzmangel. Weshalb also war Kantor Samuil so weit abseits von den übrigen Brüdern, untergebracht? Bis er von der Messe zurückkehrte, muss- te es fast schon wieder Zeit für die nächste Mahlzeit sein. Die zweite Treppe zog sich zunächst durch Fels, an- schließend wieder durch Mauerwerk, bog erst ein Mal, dann zwei Mal scharf nach links und endete an einem Gittertor, hinter dem Licht zu erkennen war, jede Menge Licht. Wie es schien, war Ebene 1, Gang A des blauen Flügels ein Kerker, und gewiss nicht die Verwahrstätte, in der fehlgeleitete Novizen und Knappen landeten. Die nämlich kannte Radu nur zu gut, und es war ein hässli- cher Ort, an dem stets reges Treiben herrschte. Von der untersten Stufe spähte er mit wachsendem Er- staunen durch das Gitter. Die erste Überraschung war die verschwenderische Beleuchtung. Mit Öl wurde stets sparsam umgegangen, dennoch leuchteten etwa ein Dut- zend Hängelampen diesen Ort nachgerade blendend hell aus. Anscheinend war der Pfad hier zu Ende, denn es gab keinen offensichtlichen Ausgang. Sechs Türen entlang der rechten Wand sahen wie die Eingänge üblicher Klos- terzellen aus, ähnlich jenem Rot 7, A 17 Dusburgs oder seinem eigenen, Grün 5, F 97. Er war zu weit entfernt, um die in das Holz gebrannten Nummern zu erkennen, aber wenn eine der TürenA5war, handelte es sich bei Kantor Samuil um einen Kerkermeister, der nah bei sei- nen Schützlingen leben musste. An der gegenüberliegenden Wand prangten vier Türen aus Metallgittern, Verliese für Häftlinge. Falls eine jener TürenA5war, schien der Gedanke, den Brief Samuil, persönlich zu überreichen, dämonisch verlockend und ungemein töricht zugleich. Am überraschendsten von allem war ein Bohlentisch in der Mitte des langen Raums, denn darauf lagen sich ein paar Bücher, zwei Arme und ein Kopf. Der Körper dazu gehörte einem weiß gewandeten Mann mit Schwert, dessen Hintern auf einer Bank neben dem Tisch ruhte. Er schnarchte, als wollte er einen ganzen Wald zersägen. Ob des hellen Lichts konnte Radu erkennen, dass der Schwertgurt des Mannes violett war, was bedeutete, dass er – man stelle sich vor – ein Präzeptor war. Aber wel- cher Gefangene rechtfertigte es, dass ein ranghoher Meister ihn bewachte? Ritter, die man während des Dienstes schlafend ertappte, wurden ohne großes Feder- lesen hingerichtet. Meldete Radu dieses Vergehen, brächte er den Sünder in ernste Gefahr, doch er konnte dadurch auch selbst in Schwierigkeiten geraten. Schließ- lich wusste er, dass er in Angelegenheiten gestolpert war, die ihn nichts angingen. Er schlich die Treppe zurück hinauf, bis er außer Sicht war, dann hüstelte er. Das Schnarchen setzte sich unver- mindert fort. Er stampfte mit den Füßen, doch Sandalen erzeugten nur kümmerlichen Lärm. Radu gab es auf, be- gab sich wieder hinunter und strich mit dem Schwertheft klirrend über die Gitterstäbe. Das Schnarchen setzte nicht einmal aus, dafür bewegte sich das Tor. Radu hatte vermutet, es wäre versperrt, was es zwei- fellos auch sein sollte. Gebot seine Treuepflicht der Bru-, derschaft gegenüber, dass er diese Nachlässigkeit melde- te? Er wollte dem Missetäter eine letzte Gelegenheit ein- räumen und schob das rostige Tor weit auf. Zwar hatte er erwartet, dass die Angeln quietschen würden, doch in der unterirdischen Stille kreischten sie wie ein Schwein bei der Schlachtung, sodass er vor Schreck zusammenzuckte. Das Schnarchen des Wächters setzte aus … er schnaubte ein paar Mal … und schnarchte weiter. Das war einfach lächerlich! Radu schlief fast schon im Stehen ein und könnte sich glücklich schätzen, wenn ih- nen zwei Stunden auf der Strohmatratze vergönnt sein würden, ehe er einen Bericht verfassen, zu Waffenübun- gen antreten oder zu sonstigen Folterungen erscheinen musste, die seine Vorgesetzten für ihn ersannen. Mit schwingender Laterne marschierte er in den Kerker. Die erste feste Tür war mitA1beschriftet. Folglich war Sa- muil ein Kerkermeister, kein Gefangener, und seine Tür musste auf dieser Seite sein … 3 … 4 … Ein dreifaches donnergleiches Klopfen auf dieses Holz sollte dem schlafenden Wächter einen Herz- anfall bescheren. »Bruder!« Radu wirbelte herum und ließ beinahe die Laterne fal- len. Von irgendwo kannte er diese Stimme. Nur ein Ver- lies war besetzt, und der Gefangene stand unmittelbar am Gitter, umklammerte die Stäbe und spähte heraus. Radu ging zu ihm hinüber, und einen Lidschlag lang starrten die beiden einander schweigend an. Gesichter waren in, Vamky ein seltener Anblick, und dieses Gesicht an die- sem Ort überstieg jede Vorstellungskraft. »Radu!«, flüsterte der Gefangene eindringlich. »Hilf mir!« Er war durch eine lange, an einem schweren Mes- singkragen angebrachte Kette an die hintere Wand gefes- selt. »Hoheit!« Dies war Wahnsinn! Warum sollte der Großherzog … »Tod und Feuer!«, brüllte eine andere Stimme. »Wer, zum Henkersbeil, bist du denn?« Das Geschrei stammte von einem Neuankömmling, einem großen, schwabbeligen Mann, bei dem es sich höchstwahrscheinlich um Kantor Samuil handelte, denn er stand in der Tür zuA5und hielt ein Schwert in der Hand. Der schlafende Wächter grunzte, setzte sich auf und griff nach seiner Waffe. Samuil bewegte sich auf den Eingang zum Kerker zu, um dem Eindringling den Fluchtweg abzuschneiden. Radu schoss wie ein Pfeil an dem Tisch vorbei und rannte die steile Treppe hinauf, so schnell er konnte. Zor- niges Gebrüll hinter ihm kündete davon, dass er verfolgt wurde. Blankes Grauen trieb ihn weiter und um die erste Ecke. Rubin ein Gefangener im Kloster? Hochverrat! Es war bekannt, dass Äbte und Großherzöge in der Vergan- genheit ihre Meinungsverschiedenheiten ausgefochten hatten, aber niemals in der gesamten Geschichte war es zu einem offenen Umsturz wie diesem gekommen. Köp- fe mussten rollen., Um die zweite Ecke … Wenn die Verschwörer ihn zu fassen bekämen, wäre er ein toter Mann. Und wer außer Probst Volpe konnte dahinterstecken? Vielleicht noch Abt Minhea, aber es war Volpe gewesen, der Radu aus- gesandt hatte, den versteckten Sohn des Großherzogs zu finden. Die Erinnerung traf ihn wie ein Tritt in die Ma- gengrube – Volpe hatte behauptet, im Auftrag des Her- zogs zu sprechen, der die Entführung seines eigenen Soh- nes angeordnet hatte! Also war der Probst der Oberverrä- ter und Radu nunmehr Zeuge zweier Akte des Hochver- rats, Mittäter bei der Entführung und zweifellos Ermor- dung des kindlichen Markgrafen. Radu stolperte auf den Treppenabsatz zu Ebene 2 und hielt inne. Er schaute zu den nach oben verlaufenden Stu- fen und zu den drei Gängen, von denen allein die Geister wussten, wohin sie führten. Dann drehte er sich um und schleuderte die Laterne den Weg zurück hinunter, den er gekommen war. Glas zerbarst, und ein Chor wüster Flü- che verwandelte sich in gellende Schreie, als brennendes Öl auf Samuil spritzte. Radu rannte durch die Dunkelheit und schwenkte die Arme vor sich. Die Treppe hinaufzu- flüchten, wäre zu offensichtlich gewesen. Er hatte keine Ahnung, wohin die Gänge sich erstreckten. Die Schup- pen der Novizen lagen auf Ebene 2 des blauen Flügels, so weit wie möglich von jeder gesitteten Einrichtung ent- fernt. Aber der Umstand, dass er angewiesen worden war, sich über Blau 3, J 6 zu seinem Ziel zu begeben, legte den dringenden Verdacht nahe, dass dieser Ab-, schnitt nicht mit den Unterkünften der Novizen verbun- den war. Außerdem brächte niemand ein Geheimnis wie jenen Kerker in der Reichweite neugieriger Novizen un- ter. Er entschied sich für den mittleren der drei Gänge und fuhr mit den Fingern die Wand entlang. Als er Tür 2, K 1 erreichte, beschloss er, weit genug entfernt zu sein. Ein paar angespannte Augenblicke später hetzten drei Männer mit Laternen und Schwertern von Ebene 1 her- auf und weiter nach oben Richtung Ebene 3. Sofern einer der drei Samuil war, hatte er sich Zeit genommen, sich umzuziehen. Radu ertastete sich den Weg zurück zur Gabelung – wobei er sich bemühte, den leichten Moder verbrannter Wolle zu verdrängen – und erklomm die lan- ge Treppe zum Besenschrank. Er hatte keine Möglich- keit, den Großherzog zu retten; es würde all seines Vers- tandes bedürfen, sich selbst zu retten. Vom Oktogramm in Blau 3, J 6 aus wusste er selbst in der Finsternis, wohin er ging. Aber wohin waren seine Verfolger gerannt? Einer hatte sich so gut wie sicher auf- gemacht, Hilfe herbeizurufen. Ein anderer, um dem Probst Bericht zu erstatten. Einer vielleicht, um eine Tra- ge für den Mann mit den Verbrennungen zu holen. Radu durchquerte OktogrammB5und wählte die Rampe zum weißen Flügel. Er bediente sich der üblichen Gangart eines Ritters, indem er mit geneigtem Haupt und einer Hand am Schwert lief. Sollte sich ihm jemand ernsthaft in den Weg stellen, so beschloss er zu kämpfen, aber die, wenigen Männer, denen er begegnete, schenkten ihm kei- ne Beachtung. Lampen glommen, erste Anzeichen von Helligkeit zeigten sich entlang der Ränder der Läden, doch alle Gedanken an Bett und Schlaf mussten verwor- fen werden. Er musste das Kloster und Krupina verlas- sen, bevor er in Stücke gehackt wurde. Aber wie? Niemand verließ Vamky ohne Pass, und Pässe wurden nur von den höchsten Rängen ausgestellt. Jedes Fenster des Bauwerks wies auf einen tödlichen Abgrund hinaus. Außerdem konnte man ohnehin kein Pferd über ein Seil hinablassen, und ohne Pferd würde man ihn binnen einer Stunde ergreifen. Und wenn er einfach so täte, als wüsste er von nichts? Wenn er den Brief vernichtete, sodass es keine sichtbare Verbindung zwischen ihm und dem unbekannten Spitzel gäbe? Falls Dusburg sich nach der Reise erkundigte, konnte er behaupten, Meistersinger Groningen hätte ihm lediglich mitgeteilt, sein Urlaub sei zu Ende und er könne nach Hause zurückkehren, Punkt und aus. Kein Brief. Würde Dusburg ihm das glauben? Hatte Samuil gehört, wie der Herzog Radus Namen sprach? Konnten sie ihn aus dem Herzog herausprügeln? Der Bruder in der Buch- haltung würde jedenfalls nicht freiwillig erzählen, dass er eine vertrauliche Anschrift herausgegeben hatte, und wieso sollten die Verräter auf den Gedanken kommen, ihn zu fragen? Schließlich konnten sie unmöglich wissen, dass der Spitzel, den sie um ein Haar gefasst hätten, erst in dieser Nacht nach Vamky zurückgekehrt war., Während Radus Füße die Rampe von Rot 4 nach Grün 5 erklommen, waren seine Gedankengänge etwa an die- ser Stelle angelangt, als ihm bewusst wurde, dass erden Brief von Groningen nicht mehr hatte. Er besann sich, ihn gehalten zu haben, als er das Gittertor aufschob. Da- nach hatte er ihn unter den Gürtel gesteckt, um eine Hand dafür frei zu haben, an Samuils Tür zu klopfen. Das war die letzte Erinnerung, die er an den Brief hatte. Man würde ihn finden – hatte ihn vielleicht bereits gefunden – und zum Tor laufen, um sich zu erkundigen, wer in jener Nacht eingetroffen war. Es bestand durchaus die Mög- lichkeit, dass man längst in Grün 5, F 97 auf ihn wartete. Er war so gut wie tot. Da er keine anderen Anweisungen hatte, blieben seine Füße auf demselben Pfad, während sein Verstand wie eine Motte um ein Leuchtfeuer um dieselben, schreckli- chen Gedanken kreiste. Seine Finger fanden seine Zel- lennummer. Auf dem Gang lauerten keine Wachen. Doch sie konnten auch drinnen auf ihn warten. Er hatte keinen wirklichen Grund hineinzugehen, keine Habseligkeiten außer einem Kamm. In seiner Zelle mochte eine Todes- schwadron auf ihn warten, und dennoch war sie sein Zu- hause bis zu dem Tag, an dem er starb und der draußen bereits anbrechen mochte. Irgendwie schien ihm die Zel- le wie eine Zuflucht, die sie gewiss nicht war. Er hob den Riegel an und ging hinein. Niemand hielt ihm ein Schwert an die Kehle. Niemand war da. Die ein- zige Veränderung in der Kammer war eine in sechs Mo-, naten gewachsene Staubschicht, auf die Maßnahmen der Liste drei standen. Seine Decke lag ordentlich auf der Matratze, genauso, wie er sie hinterlassen hatte, als der Novize mit Dusburgs Ruf damals an seine Tür hämmerte. Radu öffnete die Läden, ließ das Licht und frische, kalte Bergluft herein. Er war tot, tot, tot. Drei Briefe lagen auf dem Bett. Natürlich waren sie geöffnet worden. Briefe wurden immer gelesen und nicht immer zugestellt. Einer enthielt eine Nachricht von sei- nem Vater, der ihm zu seiner Geburtswoche vor fünf Monaten gratulierte. Im zweiten teilte Franz ihm mit, dass der alte Mann gestorben sei und sie das Begräbnis bis zum fünfundzwanzigsten verschieben würden, damit die Familie sich einfinden konnte. Es sollte natürlich in Brikov stattfinden. Und hoffentlich könnte Radu kom- men, denn ihr Vater sei ja so stolz auf ihn gewesen. Am fünfundzwanzigsten wovon, du großer, dämlicher Bauer? Das dritte Schriftstück erwies sich als Pass mit dem Losungswort Lied des Westens für einen zehntägigen Freigang, unterzeichnet von Bannerherr Catavolinos und datiert mit dreiundzwanzigster Neuntmond. Er war schon ein gerades Schwert, dieser Catavolinos. Die meisten Be- fehlshaber gewährten aus keinen Gründen je Urlaub, und er musste den Pass persönlich hergebracht und für den Fall auf das Bett gelegt haben, dass Radu rechtzeitig zu- rückkehrte. Nach einer Weile des Hin- und Herrechnens gelangte Radu zu dem Schluss, dass der vierundzwan-, zigste sein musste. Demnach war der Pass noch gültig. Wenn er sofort aufbräche, konnte er es mit knapper Not aus Vamky schaffen.,

IV

VON DER SICHT ZUM TOD, »Bist du sicher, dass der Mann im Verlies mein Gemahl war?« »Ganz sicher, Hoheit.« Nach dem langen Redefluss war Radus Stimme heiser, doch seit der Heilung war er ein neuer Mensch, der in keiner Weise mehr an den ge- schundenen Schatten eines Mannes erinnerte, den sie am Vorabend gerettet hatten. Nun erkannte Ringwald auch eine gewisse Ähnlichkeit mit Harald, wenngleich Radu dunkler und nicht ganz so riesig war. Trotzdem war er groß. Und er wusste zu beeindrucken. Auch ohne Trudys Bestätigung war er äußerst überzeugend. Sogar seine bei- läufige Erwähnung der drei Wegelagerer hatte glaubwür- dig geklungen. Ausgeruht und mit vollem Bauch fühlte Ringwald sich an jenem Vormittag wesentlich frohgemuter. Auch die Halle des Grafen wirkte heimeliger, da im Kamin ein Feuer aus Holzscheiten knisterte, aus dem bisweilen Rauch aufwallte, wenn der Wind durch die Ritzen des Gemäuers blies. Durch den Schornstein in die Flammen zischender Regen erfüllte Manfreds Vorhersage, dass schlechtes Wetter nahte. Heute hätten die Reisenden es nicht über den Schmugglerpass geschafft. Sie hatten sich auf zwei Bänken vor dem Kamin ver- sammelt – Raunzer, Johanna und Glockmann auf der lin- ken, Radu, Ringwald und Tru auf der rechten, János auf, seinem Thron dazwischen. Die Einblicke, die Radus Er- zählung ihnen in das innere Getriebe des geheimnisum- rankten Vamky-Klosters offenbarte, hatten sie regelrecht gebannt. Erst jetzt, da man begann, über das Berichtete nachzu- denken, setzten die ersten Fragen ein. Die wichtigste musste lauten: Was unternehmen wir jetzt? Aber so weit waren sie noch nicht. Glockmann ergriff das Wort. »Sagt mir, woher der Großherzog Euren Namen kannte.« »Als wir letzten Frühling Trenko besuchten«, antwor- tete Radu, »war ich Jungritter in der Begleitgarde und wurde ihm als Knappe zugewiesen. Seine Hoheit ist aus- nahmslos höflich zu Untergebenen.« »Das stimmt«, pflichtete Johanna ihm bei, »aber er ist auch berüchtigt dafür, sich keine Namen zu merken.« Sie legte die Stirn in Falten. »Und sein Betreuer war jemand anderes. Ein längerer Name …« »Ritter Nikolaus auf der Hinreise. Für den Rückweg habe ich die Ehre gehabt.« »Ich kann mich nicht erinnern, dich während der Reise überhaupt gesehen zu haben!« Radu lächelte. »Ich habe Euch gesehen, Hoheit.« »Ich vermute, es muss am Bart gelegen haben. Außer- dem war ich doch immer größer als du!« Er lachte. »Ihr meint Franz.« »Tatsächlich? Schon möglich. Ich kann euch einfach nicht alle auseinander halten.«, »Franz hat immer davon geträumt, Euch zu küssen, sobald er dafür nicht mehr auf Zehenspitzen stehen müsste.« Johanna schenkte ihm ein kurzes Lächeln jener Art, die Ringwald zu meiden gelernt hatte. Dann schaute sie zum Grafen auf. »Wann brecht Ihr nach Krupa auf, Herr?« Da war es nun. »Bald.« Das Gesicht dieses János eignete sich wahr- haft vortrefflich für finstere Mienen. »Im Sommer und bei trockenen Straßen kann ich es in einem Tag schaffen. Bei diesem Sturm werde ich in Donehof übernachten und morgen früh Weiterreisen.« Die Trauung sollte am nächsten Tag bei Sonnenunter- gang stattfinden, was niemand vergessen hatte, am aller- wenigsten die Gemahlin des Großherzogs. »Und wo werdet Ihr in Krupa nächtigen?« »Ich habe für die Woche der Festlichkeiten ein Haus gemietet. Mein Verwalter dachte, ich hätte es gekauft, als ich ihm den Preis nannte.« Ringwald fiel auf, dass kein Angebot der Gastfreund- schaft folgte. János war vermutlich äußerst geschickt dar- in, Ärger aus dem Weg zu gehen. Er wählte seine Schlachtfelder weise, und die vorige Großherzogin zur Thronbesteigung der nächsten zu begleiten, würde sei- nem Lehnsherrn, dem Herzog, zutiefst missfallen. »Wann habt Ihr das getan?«, fragte sie, und die Span- nung im Raum stieg etwas an. Natürlich hätte János behaupten können, einen Be-, vollmächtigten geschickt zu haben, doch dafür hätte Tru ihn auffliegen lassen. »Als ich mir die Untersuchung über Euren Tod angehört habe. Euren ersten Tod, Euer Gna- den.« »Habt Ihr Rubin dabei gesehen?« Er nickte. »Aber nicht gesprochen.« »Hinkte er?« »Nicht, dass es mir aufgefallen wäre, aber ich habe auch nicht darauf geachtet.« »Nun?«, wandte sie sich an die gesamte Versamm- lung. »Ich denke, er ist ein Schwindler! Ich glaube Radu, und mein Gemahl ist ein Gefangener in Vamky. Wie werden wir ihn retten?« Der Graf gab einen abschätzigen Laut von sich. »Er ist Euer Lehnsherr!« Johannas Worte waren wie Peitschenhiebe. »Ihr wollt ihm nicht beistehen?« »Ihn aus Vamky rausholen, Mädchen? Ihr müsst den Verstand verloren haben!« Alle anderen warfen neugierige Blicke zu Ringwald, der aber lächelte nur. Er hatte sein Mündel bereits vor- gewarnt, dass sie jede Rettung oder Störung der Trauung nach Herzenslust planen könnte, er jedoch nicht zulassen würde, dass sie sich persönlich daran beteiligte. Johanna und ihre Klingen würden nicht weiter als bis Brikov vor- dringen, wo sie sich bereits aufhielten. Ende der Reise, Ende des Gesprächs. »Warum wollt Ihr Euch die Mühe machen?«, fragte Raunzer. »Warum solltet Ihr ihn zurückwollen?«, Darob zuckte sogar der Graf zusammen. Johanna fuhr ihre Krallen aus, krümmte den Rücken und spie ihm ihre Erwiderung entgegen: »Weil Volpe meinen Sohn geraubt hat, du dummer Ochse, und ich ihn dafür auf die Streckbank spannen werde! Mit Freuden werde ich persönlich daran drehen, bis ich Frederik zu- rückbekomme oder es diesen Unhold zerreißt. Je lauter er schreit, desto lauter werde ich dazu singen.« »Das Kind ist tot. Das wisst Ihr.« »Gar nichts weiß ich! Halt gefälligst die Klappe. Herr, ich begleite Euch heute nach Donehof.« Nun heulte Ringwald auf. »Aber Hoheit! Wir waren uns doch einig …« »Stell dich nicht an wie ein altes Weib!«, schnitt Jo- hanna ihm das Wort ab. »Wahrscheinlich ist das deine Aufgabe. Aber sie steht dir nicht an.« »Warum wollt Ihr an diesen Ort, wo immer er liegen mag?« »Aus Sicherheitsgründen! Der Schmugglerpass ist bei diesem Wetter unüberquerbar, nicht wahr, Herr? Also ist Brikov eine Sackgasse und höchst gefährlich für mich, falls Volpe weitere Spitzel in der Gegend hat, wovon ich überzeugt bin. In Donehof ist es wesentlich sicherer.« »Was ist Donehof?«, fragte Ringwald, der bereits wusste, dass er die Schlacht verloren hatte. Sie hatte den einzigen Vorwand gefunden, den er nicht entkräften konnte, nämlich Sicherheit. »Ein Ort etwas südlich von Fadrenschloss, der mir ge-, hört«, antwortete János. »Einer von Radus Brüdern ver- waltet ihn für mich. Es ist an der Zeit aufzubrechen.« Damit rutschte er auf dem Thron nach vorn. »Donehof liegt an der Weststraße«, erklärte Johanna. »Sollte es also Schwierigkeiten geben, könnt Ihr mich nach Belieben Richtung Norden oder Süden bringen. Dort ist es viel sicherer als hier.« »Warum wollt Ihr dorthin?«, fragte Ringwald. Warum hatte ihn der Zufall nicht mit einem netten, willfährigen Mündel bedacht, das sich ihm unterordnete? »Damit ich winken kann, wenn die Braut vorüber- zieht! Wann trifft das liebe Kind denn ein, weiß das je- mand?« »Sie wurde vor drei Tagen in Krupa erwartet«, ant- wortete János. »Oh, naja.« Sofern Johanna tatsächlich vorgehabt hat- te, den Tross der Braut aufzuhalten, ließ sie keine Anzei- chen von Enttäuschung erkennen. »Radu? Du kennst dich in Vamky aus. Wie können wir Seine Hoheit ret- ten?« Der Ritter schüttelte den Kopf. »Ich bin Euer Diener, Hoheit, und werde Euch bis zum Ende meiner Tage treu ergeben sein. Nach dem Verbrechen, das ich an Eurem Sohn und Eurer Schwester begangen habe, ist das Min- deste, was ich tun kann, Euch mein Leben zu widmen. Dennoch wüsste ich nicht, wie zu bewerkstelligen wäre, was Ihr beabsichtigt. Kein Volk in Euranien würde eine Belagerung versuchen; und diese Mauern zu erstürmen,, ist undenkbar. Die Sicherheitsvorkehrungen am Tor ha- ben sich seit Jahrhunderten unfehlbar bewährt, also kön- nen wir auch nicht hoffen, uns einzuschleichen. Und selbst wenn uns das gelänge, wie um alles in der Welt sollten wir ihn wohlbehalten aus dem Kloster schaffen? Sogar als mein Leben davon abhing, fiel mir nicht einmal für mich, einen einzelnen Mann, ein Fluchtweg ein.« Sturheit konnte man Ringwalds Mündel wahrlich nicht absprechen. »Du hast angedeutet, dass die Bruderschaft in die Männer des Abts und jene des Probstes geteilt sei.« »Das ist richtig«, räumte Radu ein. »Geschichtlich ge- sehen, trifft das zu, und geschichtlich gesehen, haben die Herzoge immer den Abt gegen den Probst und umge- kehrt ausgespielt. Wir bescheidenen Leibeigenen waren überzeugt davon, dass Minhea und Volpe einander ver- abscheuten, aber wir haben nur gemutmaßt. Beweise hat- ten wir keine. Und vergesst nicht, ich war ein halbes Jahr fort, also bin ich nicht auf dem letzten Stand der Dinge. Es könnte durchaus sein, dass ich zum Abt hätte laufen sollen, um zu berichten, was ich gesehen hatte, aber…« Er zuckte mit den Schultern. »Ich konnte mir nicht vor- stellen, dass man einen solchen Gefangenen vor ihm ge- heim zu halten vermocht hätte. Seine Gehilfen und jene Volpes müssen wohl an die Hälfte ihrer Zeit damit verbringen, einander im Auge zu behalten. Hätte man mir überhaupt eine Anhörung gewährt? Immerhin hatte der Probst selbst mich ausgesandt, um den Knaben zu fangen, also musste die Gruppe um den Abt mich als ei-, nen seiner Männer betrachten.« »Ihr glaubt nicht, dass der Abt und der Probst sich diesmal gegen den Herzog zusammengetan haben könn- ten?«, fragte Glockmann. »Sogar das ist möglich.« Radu hegte unverkennbar Argwohn gegen diesen Lakaien, der so nah neben Johan- na auf der Bank saß, zu nah für einen Diener oder sogar einen gesellschaftlich Gleichgestellten. Glockmann überlegte eine Weile, während die anderen erwartungsvoll schwiegen. Der Graf runzelte die Stirn, mischte sich aber nicht ein. Johannas Augen leuchteten, als sie das Profil ihres Geliebten musterte. Es war recht offensichtlich, was die beiden füreinander empfanden, doch Glockmann hätte unmöglich das Bett mit ihr zu tei- len vermocht, ohne dass ihre Klingen es erfahren hätten. Da Ringwald nur allzu gut wusste, wie verrückt er selbst wurde, wenn er längere Zeit nicht mit Trudy zusammen war, bewunderte er die Selbstbeherrschung der beiden. Dann kam Glockmanns nächste Frage. »Ihr habt ge- sagt, Herr Ritter, dass Ihr dachtet, das Tor zum Wach- raum hätte verriegelt sein müssen. Gehe ich recht in der Annahme, dass die Tür zum Verlies versperrt war, zumal der Gefangene nicht versucht hat, herauszukommen?« »Er war mit einer Kette um den Hals an die Wand ge- fesselt.« »Ja, und das ist merkwürdig. Ähneln die Schlösser in Vamky jenen hier in Brikov? Gewöhnlichen alten Eisen- schlössern? Sind sie nicht verzaubert?«, »Darauf habe ich nicht geachtet …« Radu schaute zur Tür der Halle hinüber. »Nichts Besonderes, von dem ich wüsste. In Vamky gibt es so gut wie keine Schlösser. Außer dem Recht auf Essen und Kleidung besitzt kaum jemand etwas. Wieso?« »Sein Vater war Schlosser!«, verkündete Johanna sie- gessicher. Ohne die Augen von Radu abzuwenden, nickte Glock- mann. »Gilt Euer Pass noch, Herr Ritter?« »Könnte sein.« Ungläubig starrte Radu ihn an. »Aus- gestellt am dreiundzwanzigsten. Ah … ungerader Monat, ungerade Tage … haben wir den dritten?« Er zählte die Tage an den Fingern ab. »Er gilt bis heute um Mitter- nacht.« »Bis dahin könnten wir es nach Vamky schaffen, oder? Was steht auf diesen Pässen geschrieben?« Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr Glockmann fort. »Der Tag der Ausstellung, die Unterschrift des befehlshabenden Offi- ziers, ein Missionsname? Sonst noch etwas? Ein Ablauf- datum?« »Die Anzahl der Männer, für die er gilt. Kein Ablauf- datum, Auf meinem stand ›zehn Tage‹ geschrieben, aber das war eine Anweisung an mich, nicht an die Wachen. Sonst nichts. In Vamky ist man höchst bedacht auf Si- cherheit.« Für Ringwald hörte Vamky sich nach einem völligen Irrenhaus an. Er zöge Eisenburg jederzeit vor. Vorbehalt- lich der fleischlichen Enthaltsamkeit., »Der Grundgedanke ist, dass die Männer am Tor nicht wissen sollen, wer wohin geht und was er aus welchem Grund tun soll«, pflichtete Glockmann ihm bei. »Ähnli- ches gilt für Ankommende. Es muss eine Möglichkeit geben, das auszunützen.« Radu glotzte ihn verdutzt an. »Ihr redet wirres Zeug! In mehreren Jahrhunderten hat nie jemand die Sicher- heitsvorkehrungen der Bruderschaft durchbrochen!« »Wie viele haben es denn versucht? Trifft es zu, dass man je nach Mission in vollem Kettenprunk, Halbrüstung oder Bauernlumpen hinausreiten kann, aber im Inneren jeder nur diese weißen Gewänder trägt?« »Ja.« Nun hörte Radu sich unverhohlen verächtlich an. »Ich hoffe, Ihr wollt nicht vorschlagen, dass wir versu- chen sollen, mit meinem Losungswort eine Armee hin- einzuschmuggeln?« »Nur Euch und einen Gefangenen«, schränkte Glock- mann ein. »Männer auf Freigang laufen nicht herum und machen Gefangene.« »Das ist der springende Punkt – die Wachen haben keine Ahnung, was Ihr getrieben habt. Ihr könntet auf Freigang gewesen sein oder irgendwo in einer Armee gedient haben, sie wissen es nicht. Wie wird mit Gefan- genen verfahren?« »Ich würde eine Empfangsbestätigung für Euch erhal- ten, und Ihr würdet in Ketten abgeführt. Catavolinos würde von Euch berichtet, wenn er über meine Rückkehr, in Kenntnis gesetzt wird.« Radu schüttelte den Kopf. »Es kann nicht funktionieren! Womöglich gibt es für meinen Pass sogar eine Anweisung, dass ich auf der Stelle in Gewahrsam zu nehmen bin.« Glockmann grunzte, wobei er verärgert und verwirrt aussah. »Das bezweifle ich. Bei all der Sicherheitsbeses- senheit würde man nicht wollen, dass die Wachen sich fragen weshalb. Solltet Ihr tatsächlich zurückkehren, könntet Ihr ja nicht mehr hinaus, wieso also sollten sie sich darüber den Kopfzerbrechen?« »Genau.« Aus Radus Lächeln sprach, dass die Unter- haltung damit beendet war und der neunmalkluge junge Fremde aufhören sollte, die Vamky-Bruderschaft in Zweifel zu ziehen. »Also braucht ihr zwei Pässe«, meldete Trudy sich zu Wort. »Aber natürlich!«, rief Glockmann aus. »Warum bin ich nicht darauf gekommen?« Statt dankbar wirkte er eher wütend. »Worauf gekommen?«, fragten Ringwald, Radu und János wie aus einem Mund. Glockmann bedeutete Trudy, dass ihr die Ehre gebühr- te. »Lügenerkennung«, erklärte sie. »Wenn Ihre Hoheit Recht hatte, als sie meinte, Vamky hätte Spitzel hier in Brikov, kann ich diese für euch aufstöbern.« »Keine Zeit für Spitzeljagden«, widersprach János un- behaglich. »Meine Männer stehen zum Aufbruch bereit.«, »Ich möchte schwören, dass die Bruderschaft einen Spitzel hier hat, Herr«, meinte Radu. »Einen Mann, der eingetroffen ist, nachdem Ihre Hoheit im Frühling hier durchkam, würde ich vermuten. Oder jemanden aus Fa- drenschloss, der hierher gezogen ist, denn ich bin über- zeugt davon, dass Vamky ein Auge auf von Fader hatte. Irgendjemand hier, der in Vamky gedient hat, wenn auch nur kurz? Bedenkt, meinen Bruder hat man binnen eines halben Jahrs in einen Meuchelmörder verwandelt.« Der Graf setzte eine finstere Miene auf. »Wolfgang Webber, der älteste Sohn des Stellmachers. Drei Jahre in Vamky. Hat vor fünf Monaten aufgegeben, weil er nicht über den Rang eines Novizen hinauskam.« »Ich wette einen Dukaten, dass er ein Knappe oder gar ein Ritter ist, Herr.« »Das fragen wir ihn als Erstes«, schlug Trudy vor. »Selbst wenn er nur mit einem schlichten ›Nein!‹ ant- wortet, würde ich Falschheit darin erkennen.« »Und dann prügeln wir sein Losungswort aus ihm raus!«, rief Raunzer begeistert aus. »Du da, Junge, zieh an dem Klingelseil«, forderte Já- nos Ringwald auf. »Habt Ihr einen Schlosser?«, fragte Glockmann. »Ich werde Dietriche brauchen.« »Der Schmied macht das«, antwortete János. Nun lag Aufregung in der Luft. »Halt!«, rief Johanna plötzlich aus. »Halt! Halt!« Sie sprang auf. »Das ist viel zu gefährlich! Ich verbiete es!«, Das hätte sie sich früher überlegen müssen, dachte Ringwald. Hatten die Bluthunde die Beute erst gewittert, war es zu spät, die Jagd abzubrechen. Trudy und Johanna packten gerade in aller Eile im Schlafgemach und stopften schmutzige Kleider zu noch feuchten, als sie von einem donnergleichen Pochen an der Tür unterbrochen wurden. Trudy öffnete und erblick- te davor vier große Männer und einen Knaben, ein schmächtiges Bürschchen, das noch grün hinter den Oh- ren, verständlicherweise verängstigt und wesentlich jün- ger wirkte, als sie erwartet hatte. »Fräulein Gertrude?«, fragte ein Hüne mit rotem Bart. »Das ist Wolfgang Webber. Der Graf sagt, Ihr wollt ihm einige Fragen stellen.« Trudy war bereits übel, als sie sich zwang, jenen un- schuldigen Augen zu begegnen. »Wie ich höre, hast du zwei Jahre in Vamky verbracht.« Ein Engelslächeln. »Eher drei Jahre, Fräulein.« »Und warum hast du den Orden verlassen?« Es war einfach – seine Pupillen zogen sich zusammen. »Weil man mich nicht befördern wollte.« »Das ist eine Lüge.« »Na also!«, rief Rotbart aus. »Nein, wartet! Wolfgang, ich kann erkennen, wenn Menschen lügen. Möchtest du mir die Wahrheit jetzt gleich sagen oder lieber warten, bis diese Männer dir wehtun?« »Ihr irrt Euch!«.widersprach er mit schriller Stimme., »Ich lüge nicht.« »Überlasst ihn uns«, forderte Rotbart sie auf. »Wir ru- fen Euch, wenn er bereit ist, Fräulein.« Trudy schloss die Tür. Ihre Hände zitterten so heftig, dass sie kaum die Satteltaschen festzurren vermochte. Nur mühevoll gelang es ihr, einen feinen Regenmantel und einen Hut aus Geißenleder anzulegen, die Ringwald ihr geschenkt hatte. »Fühlt Euch nicht schuldig!«, mahnte Johanna sie in schroffem Tonfall. »Sie haben meinen Sohn entführt. Sie haben Bernard getötet. Es sind Spitzel, Mörder und Ver- räter. Was Ihr tut, ist rechtens.« Für sie war das einfach zu sagen – schließlich hatte sie die Geister des Todes nicht gespürt, die sich dem jungen Wolfgang bereits näherten. In Begleitung der Klingen, die auf dem Gang Wache gestanden hatten, folgte Trudy ihr nach unten. Nachdem sie Träger damit beauftragt hat- ten, das Gepäck zu holen, traten sie hinaus in den Regen, der sich in Strömen vom Himmel ergoss, den Boden ne- belgleich verhüllte, von Traufen plätscherte und in Rinn- salen über die Erde floss. In den Stallungen machten Männer für sie Platz. Dort standen sie bibbernd und lauschten den auf die Schindeln prasselnden Tropfen. Draußen auf dem Hof sattelten etwa zwei Dutzend Män- ner mit Helmen und Brustharnischen Pferde. Nachdem diese Wirren endeten, die gesamte Begleitgarde aufge- stiegen und die Packtiere beladen waren, hielten ver- schmutzte Knaben ein paar noch freie Pferde. Unablässig, rollte Donner durch die Hügel. Nass wie Laichkraut tauchte Glockmann in Halbrüs- tung auf. »Worauf warten wir?« »Auf Wolfgang«, antwortete Johanna brüsk. »Er muss zäher sein, als er aussah.« »Dachtet Ihr etwa, ein Waschlappen hätte es drei Jahre in diesem Irrenhaus ausgehalten? Eine Frage, Trudy – hat Radu die Wahrheit gesagt, als er meinte, er wäre bei der Reise nach Trenko dabei gewesen?« »Ja. Warum?«, gab sie zurück. Es gelang Glockmann, trotz des Brustpanzers mit den Schultern zu zucken. »Ich weiß nicht genau. Irgendwie scheint dort alles seinen Anfang genommen zu haben. Was wurde denn aus dem ersten Stallknecht, diesem Ni- kolaus?« Johanna kicherte. »Ihr könnt einen wahrhaft zur Rase- rei bringen!«, meinte sie liebevoll. »Ich habe nicht die leiseste Ahnung! Wie kann das jetzt noch eine Rolle spielen?« »Auch das weiß ich nicht«, antwortete Glockmann. »Es fühlt sich bloß so an, als könnte es wichtig sein. Es ist, als versuche man, ein Schloss zu knacken – man tas- tet herum, bis etwas Sinn ergibt. Ich werde Radu fragen.« Ein behelmter Kopf mit einem dichten, roten Bart tauchte im Eingang auf. »Ach, da seid Ihr, Fräulein! Er ist jetzt bereit für Euch.« Zutiefst betrübt folgte ihm Trudy. Regen prasselte auf ihren Hut und ihre Schultern. Als sie rote Flammen hin-, ter sich spürte, drehte sie sich um und spähte unter der Kapuze hervor. Natürlich war es Ringwald. »Du bleibst hier, Geliebter«, forderte sie ihn auf. »Du würdest mich ablenken.« Warum hatte sie sich nur frei- willig dafür gemeldet? Wolfgang glich einem schlammverschmierten Häuf- chen Elend an der rauen Steinwand hinten in der Scheu- ne. Sie hätte ihn auch gefunden, indem sie einfach auf die Elemente des Todes zusteuerte, die seinen Schmerz und sein Grauen nährten. Der Hass seiner Wächter war nachgerade greifbar. Sie würden nicht so empfinden, wenn ihnen Freude bereitet hätte, was sie getan hatten, trotzdem hatten sie es getan. Einer von ihnen hielt eine Eisenstange. »Auf die Beine, Spitzel!«, befahl ein anderer und ver- setzte ihm einen Tritt. Das Bürschchen winselte und versuchte, ohne Hilfe seiner Arme aufzustehen. Trudy wandte die Augen ab, jedoch zu langsam, um den Anblick dessen zu vermei- den, was sie aus seinem Gesicht gemacht hatten. Auch Graf János war zugegen und wirkte wie ein überaus gro- ßer Mann auf Knien. »Wie lange warst du in Vamky, Wolfgang?«, fragte Trudy über die Schulter. »Dreiunddreißig Monate, Fräulein.« Er konnte kaum sprechen. Konnte sie bei all diesem Geistergetöse Falschheit er- kennen? Sie musste ihn dazu bringen, erneut zu lügen,, damit sie einen Anhaltspunkt hatte. »Wirst du mir jetzt die ganze Wahrheit sagen, egal was ich frage?« »Ja, Fräulein.« Das würde hinlänglich reichen. »Welchen Rang hattest du inne?« »Jungritter.« »Wann wurdest du dazu befördert?« Eine Pause. »An dem Tag, als ich Vamky verließ, Fräulein.« »Wurdest du als Spitzel hierher geschickt?« »Ja.« »Um was in Erfahrung zu bringen?« »Um nach der Herzogin, dem Baron oder dem Mark- grafen Ausschau zu halten.« »Das ist alles?« »Und nach allem, wovon ich dachte, es könnte wis- senswert für … sie sein.« »Wer hat dir diese Befehle erteilt?« »Präzeptor Oswald« Klirr! stimmte er den ersten fal- schen Ton an. »Denk noch einmal nach.« Ein Mann mit Helm und Brustharnisch sagte: »Ich bin Präzeptor Oswald in Skyrria begegnet.« Trudy erkannte Radus Stimme. Was dann geschah, sah sie nicht, jedenfalls begann der Junge zu schreien. Ihr Magen verkrampfte sich so heftig, dass sie glaubte, sich übergeben zu müssen. Warum hatte sie diese Grausamkeit je vorgeschlagen? Warum war sie, nicht in Chivial geblieben? Aber dann hätte sie nie Ringwalds Liebe erfahren. Könnte er sie nach dieser Ge- schichte überhaupt noch lieben? Das Gebrüll verebbte zu einem Schluchzen. Jemand befahl dem Gefangenen aufzustehen. »Bitte zwing sie nicht, dir das noch einmal anzutun!«, flehte sie ihn an. »Wer war es?« »Abt Minhea«, kam die Antwort im Flüsterton. »Aha!«, meldete Glockmanns Stimme sich zu Wort. »Und wie lautet dein Losungswort?«, wollte Trudy wissen. »Spinnwebbeobachter.« Sie schauderte. »Nein, das ist es nicht.« »Dreht ihm beide um«, befahl der Graf. Trudy presste die Hände auf die Ohren, aber der Spit- zel ahnte, weshalb sie diese Auskunft wollten, und es bedurfte zahlreicher schrecklicher Schreie und allerlei Winseln um Gnade, um eine wahre Antwort aus ihm her- auszuholen: Drehendes Rad. »Ist das alles?«, fragte sie. Bitte lass es alles sein! »Nicht ganz.« Radu trat vor. »Wer ist dein befehlsha- bender Offizier?« »Kantor Samuil«, murmelte Wolfgang. Seine Zähne klapperten. Trudy spürte, wie Verzweiflung und Kälte an seinem Lebenswillen nagten. Wenn man ihn nicht bald zu einer Heilung brächte, würde er vor Grauen sterben. »Seine Zelle?« »Weiß 5, D 21.«, Radu schaute in Trudys Richtung, doch es entsprach der Wahrheit, so weit Wolfgang sie kannte, also schwieg sie. »Und deine?« »Grün 2, G 55.« »Woher wusstest du, wie die Herzogin aussieht?« »Ich habe sie gesehen, als sie ins Kloster kam. Hab Schreibpapier für sie geholt.« »Wie viele weitere Spitzel gibt es hier in Brikov?« Schweigen. »Sei kein Narr!«, herrschte Radu ihn an. »Es gibt noch wesentlich schlimmere Dinge, die sie dir antun können. Antworte.« »Keine, von denen ich weiß.« Alle schauten zu Trudy, die nickte. Es kam der Wahr- heit sehr nahe. »Als du Ihre Hoheit gestern hier gesehen hast, wem hast du es gesagt?« »Niemandem.« »Legt noch ein wenig nach«, befahl der Graf. »Nein!«, gellte Trudy. Gleichzeitig brüllte Wolfgang: »Das ist die Wahrheit!« »Warum nicht?«, bohrte Radu weiter. »Wem solltest du es sagen, und warum hast du es nicht getan?« »Fuhrmann Franhof. Ich gebe ihm Nachrichten zum Zustellen. Er ist noch nicht zurück. Er gehört nicht zur Bruderschaft, tut es nur für Geld.« Das stumme Knurren des Grafen ließ nichts Gutes für, den Fuhrmann erahnen. »Und was hast du über mich geschrieben?«, fragte Radu. »Ich kann dich nicht sehen.« »Oberritter Radu.« »Der Verräter Radu?« Radu hob eine Hand, um den Mann mit der Eisenstan- ge Einhalt zu gebieten. Wolfgang duckte sich in Erwar- tung weiterer Schmerzen. Der Regen wusch den Schlamm und das Blut von ihm ab. Was darunter zum Vorschein kam, war noch schlimmer als das, was Trudy sich ausgemalt hatte. Hastig wandte sie sich wieder ab. »Beantworte einfach die Frage, Bruder«, forderte Ra- du ihn auf. »Und spar dir die Mühe zu lügen.« »Ich habe geschrieben, dass du zu einer Beerdigung gekommen bist und der Graf dich in eine Zelle werfen ließ.« Die Stimme des Spitzels schwoll von einem heise- ren Flüstern zu einem Krächzen an. »Also werden sie kommen, um dich zu retten, aber sie werden stattdessen mich retten! Ihr alle werdet für das hier bezahlen.« Radu zuckte mit den Schultern und wandte sich von ihm ab. »Zu spät für dich, Abschaum«, meinte der Graf nur. »Aber zumindest kommst du aus dem Regen. War der Galgen also doch nicht umsonst. Knüpft ihn auf.« Trudy ging zurück zum Stall, als sie plötzlich Ring- wald an ihrer Seite spürte. Sie hielt an und warf beide Arme um ihn. Er drückte sie eng an sich, während ihre, Tränen sich mit dem Regen vermengten, der ihm von der Schulter rann. »Du hast richtig gehandelt«, hauchte er ihr ins Ohr. »Die wichtigsten Dinge sind oft am schwierigsten. Du hast mit diesen Auskünften vielleicht unser aller Leben gerettet.« Trudy konnte ihr Schluchzen nicht lange genug unter- drücken, um eine Antwort hervorzupressen. »Er ist genauso schuldig wie der Rest«, meinte Ring- wald. »Er hat Bernard und die anderen getötet. Und er hat gewiss nicht nach dem Sohn Ihrer Hoheit gesucht, um mit ihm Sandkuchen zu bauen.« Doch nun war sie genauso schlimm. Trudy hasste sich. Wie konnte Ringwald sie nur lieben? »Er wusste, was geschehen würde, falls man ihn er- wischte«, beharrte er. »Er hat diesen grässlichen Eid mit dem Wissen geschworen, dass er ihn das Leben kosten könnte.« War sein Eid wirklich schlimmer als jener der Klin- gen? Ringwald konnte der nächste sein., Rüstungen waren ein grässliches Zeug. In Eisenburg gab es einige Exemplare, sogar Plattenharnische, und alle Anwärter mussten ein paar Mal darin zu kämpfen versu- chen. Doch Klingen waren Duellkämpfer, keine Krieger. Da Glockmanns Widerspruch einhellig überstimmt wor- den war, ritt er in einem Harnisch gleich einem Fass vor sich hin, während ihm stetig Regen in den Nacken troff. Stahlringschienen ruhten schwer auf seinen Hüften. Ge- härtete Lederärmel zwackten ihn jedes Mal, wenn er den Arm beugte. Zudem lag die Welt halb hinter dem schleiergleichen Regen verborgen, der Wolken über die kahlen, grünen Hügel vor sich hertrieb. Den Eingang zum Tal bildete eine tückische Schlucht. Radu hatte ihm erzählt, dass die Grafen diesen Pass seit Generationen gegen jegliche Ein- dringlinge hielten, aber umgekehrt war es ein hervorra- gender Ort für einen Hinterhalt. Jeder schien unbe- schwerter zu atmen, als die Kavalkade auf das offene Moorland kam. Glockmann kanterte nach vorn, wo Jo- hanna neben dem Grafen ritt. »Herr, Manfred sagt, hier verlassen wir Euch. Radu bittet Euch zu bedenken, was Wolfgang über einen be- vorstehenden Angriff aus Vamky angedroht hat. Nicht um Radu zu retten, sondern um ihn zum Schweigen zu bringen. Es ist ein Wunder, dass sie nicht längst gekom-, men sind, zumal sie wissen, wohin er ging.« »Denkt Ihr etwa, daran hätte ich nicht gedacht?«, brummte János mürrisch. Auf dem Rücken eines Pferdes wirkte er riesig. »Das bedeutet, dass die erste Botschaft des Verräters ihr Ziel erreicht hat. Folglich denkt man dort, ich hätte das Problem mit Radu bereits für sie ge- löst. Aber keine Sorge, ich werde die Augen offen halten, wenn ich von der Hochzeit zurückkehre.« Glockmann zog das Schwert zum Gruß. »Mit Eurer Hoheit Erlaubnis?« »Wisst Ihr, das tut Ihr nicht für mich!«, rief Johanna etwas zu laut aus. Sie hatte bereits Tränen, Drohungen, Hohn, Märtyrertum, Einschüchterung, Gesuche an seine Vernunft und unverhohlene Bestechung versucht. Sie gestaltete eine schwierige Aufgabe nicht gerade leichter. »Doch, tue ich«, entgegnete Glockmann. »Ihr werdet nie in Sicherheit sein, solange der Mörder auf freiem Fuß ist, deshalb will ich ihn aufhalten. Außerdem hoffe ich, einer Mutter dabei zu helfen, ihren Sohn zu finden.« »Wirklich?« Der Schmerz in ihren Augen war nur Hoffnung. Er zuckte mit den Schultern. »Ich glaube wirklich, dass er noch am Leben ist, Liebste.« »Warum?« »Es liegt an etwas, was gesagt wurde. Und mach dir wegen uns keine Sorgen. Radu und ich haben unterwegs stundenlang Zeit, um diese Sache zu besprechen. Wir sind uns einig, dass wir nur hineingehen, wenn wir sicher, sind, dass es klappen wird.« Sie mit dem Wissen zu verlassen, dass er sie womög- lich nie wiedersehen würde, war reine Folter, doch Glockmann konnte das anzügliche Grinsen des Grafen im Hintergrund sehen. Er hatte bereits zu viel gesagt und wagte nicht, sie in der Öffentlichkeit zu umarmen. In ein oder zwei Tagen konnte sie mit ihrem Gemahl wieder- vereint sein, und ein Skandal wäre tödlich für sie und ihn selbst. Stattdessen küsste er die kalten Finger, die sie ihm darbot und lenkte das Pferd von dannen. Manfred führte Radu und Glockmann in einem blenden- den Sturm über felsige Hänge, als wüsste er haargenau, wohin er ging. Sie hätten mit dem Grafen auf die Eben und von dort aus die Straße Richtung Norden zur Alten- brücke einschlagen können, aber Glockmann hatte den rüstigen, alten Förster aufgesucht, der sogleich eingewil- ligt hatte, ihnen eine Abkürzung zu zeigen. »Gern doch«, hatte er gemeint. »Mein sattelwunder Hintern heilt ohne- hin zu schnell.« Das Wetter war schrecklich. Wolkenbrüche wechsel- ten sich mit Regengüssen ab. Sie hatten noch Stunden der Reise vor sich, und trocken war von Glockmann nur noch der Kopf, der in einem Helm steckte. Er würde er- frieren, ehe er das berüchtigte Kloster zu Gesicht bekä- me. Zunächst mussten sie im Gänsemarsch reiten, doch schließlich wurde das Gelände besser, sodass Radu Knie, an Knie neben Glockmann traben konnte. Die beiden Männer musterten einander neugierig. Erst vor wenigen Stunden hatten sie sich kennen gelernt, und nun waren sie bereits Gefährten auf einer Mission, die nachgerade selbstmörderisch schien. Der Mann war durchaus beein- druckend, und Trudy hatte für seine Aufrichtigkeit ge- bürgt, dennoch hatte er bereits einmal die Seiten gewech- selt. Wie weit konnte man ihm über den Weg trauen? Radu fragte sich offensichtlich Ähnliches über Glock- mann. »Verzeiht, wenn ich das sage, aber Ihre Hoheit ist nicht besonders geschickt dabei zu verbergen, was Sie für Euch empfindet. Ich will ja nicht neugierig sein, aber ich wüsste doch zu gern, weshalb Ihr Kopf und Kragen aufs Spiel setzen solltet, um ihren Gemahl zu retten. Das scheint mir im Widerspruch zu Euren eigenen Interes- sen.« Glockmanns Lachen ertönte schriller, als er es beab- sichtigt hatte. »So ist es, aber die Pflicht treibt mich an. Ursprünglich habe ich mich verpflichtet, ihr zu dienen, weil ich Freunde zu rächen hatte. Das persönliche Inte- resse – das ich gar nicht leugnen will – kam erst später hinzu. Hauptsächlich aber will ich dieses üble Durchein- ander entwirren und die Mörder für ihre Verbrechen be- zahlen lassen.« Was jedoch nicht alles war. Hochmut spielte ebenfalls eine Rolle. Rätsel faszinierten ihn. Die Verlockung, das oder die Ungeheuer der Gerechtigkeit zuzuführen, war unwiderstehlich gewesen, und nun war der Gedanke, die, Vamky-Bruderschaft zu überlisten, fast in eine Beses- senheit ausgeartet. Er wusste, dass es eine Narretei war, trotzdem konnte er sich nicht dagegen wehren. Neugier wurde schon so manchem zum Verhängnis. »Und Ihr, Ritter? Eure ehemaligen Brüder werden Euch eher mit einer Schlinge denn mit offenen Armen begrüßen. Darf ich Euch auffordern, mir Eure Beweg- gründe zu nennen?« Radu nickte, wodurch Wasser von der Krempe seines Helms triefte. »Mich erfüllt mit Grauen, was aus der Bru- derschaft geworden ist. Die Macht, über die sie verfügt, muss ehrenvoll beherrscht werden, wenn sie nicht in das Böse umschlagen soll. Letzten Endes muss ihre Gefolgs- treue über den Probst und Abt hinaus dem Großherzog von Krupina gelten. Ich gehorchte Befehlen, ein Kind zu entführen, weil die Befehle vom Großonkel des Kindes stammten, der mir zudem sagte, er hätte sie vom Vater des Knaben erhalten. Als ich herausfand, dass der Vater eingekerkert ist und ein Schwindler die Krone trägt, hatte ich das Gefühl, dass mein Eid und meine Treue miss- braucht worden waren. Mein Gewissen gebietet mir, nach besten Kräften zu versuchen, Wiedergutmachung zu leisten.« Was dem entsprach, was er Johanna erklärt hatte, doch es schien ein wackeliger Beweggrund. Jahrelang war ihm eingetrichtert worden, dass Gehorsam über alles andere zu stellen war, was er auch – nach eigenen Aussagen – wiederholt getan hatte. Wahrscheinlich meinte er es nun, aufrichtig, aber wer ein Mal abtrünnig geworden war, konnte es wieder werden. Seine Entfremdung von der Bruderschaft war auf einen Zufall zurückzuführen gewe- sen; er hatte ein gefährliches Geheimnis entdeckt und war in Panik geraten. Böte man ihm eine Begnadigung und die Wiederaufnahme an, bräche seine Entschlossen- heit zusammen wie ein einstürzendes Zelt. Und er hätte allen Grund dazu, fände er heraus, dass Glockmann nicht ganz ehrlich mit ihm war. Die Straße neigte sich in eine Senke und einen Kie- fernwald, wodurch sie gezwungen waren, wieder im Gänsemarsch zu reiten. Auf der anderen Seite setzten sie die Unterhaltung fort. »Außerdem trachte ich so wie Ihr nach Vergeltung«, erklärte Radu. »Mein Bruder ist gestorben. Wer die Stra- ße der Krieger reitet, weiß sehr wohl, dass Töten und Tod sein Los sein kann, aber dies war kein ehrenvoller Krieg. Mein Bruder wurde als Mörder missbraucht. Was ist daran ehrenvoll?« »Ich glaube nicht, dass er das Ungeheuer war, das Jo- hanna beschrieb«, meinte Glockmann. »Ich kannte ihn kaum, nur ein paar Stunden lang. Nach dem Untergang von Fadrenschloss ging er nach Brikov und überzeugte den Baron, ihn aufzunehmen. Er muss dabei auf den lan- gen Dienst Eures Vaters hingewiesen und Euren Vater ebenso wie den Baron getäuscht haben. Jedenfalls ver- steckte er einige gefährliche Beschwörungen in der Arz- neitruhe des Barons. All das zeugt nicht von ehrenhaftem, Verhalten. Trotzdem glaube ich nicht, dass Harald ein Mörder war. Ihr habt uns verraten, dass die Schattenher- renbeschwörung mit einem Floh übertragen wird. Ich vermute, dieser Ungezieferzauber, den man ›Schwärmen‹ nennt, ist ähnlich einfach zu verbergen?« »Ich glaube schon«, antwortete Radu zurückhaltend. »Meine Ausbildung war noch nicht in die höheren Ge- filde militärischer Geistigkeit vorgerückt.« Was bedeuten sollte: Hört auf nachzubohren! »Jedenfalls ist das wohl kaum eine Mordwaffe.« Radu runzelte die Stirn. »Harald hat ein Schwärmen gegen Ihre Hoheit eingesetzt? Es heißt, diese Beschwö- rung wäre gegen belagerte Städte wirksam. Welchen Zweck hat sie für ihn erfüllt?« »Johanna blieb dadurch in Bewegung. Der Zauber be- scherte ihr nicht nur widerwärtige Erlebnisse, er war zu- gleich eine Warnung, dass ihre Feinde wussten, wo sie sich aufhielt. Dadurch wurde sie aus Brikov vertrieben, und Harald ging natürlich mit ihr. Sobald sie Anzeichen erkennen ließ, sich länger als ein paar Tage an einem Ort aufhalten zu wollen, sandte er eine weitere Ungeziefer- plage, die ihre Gastgeber in Panik versetzte, sodass sie Johanna zur Weiterreise aufforderten. Wisst Ihr, Ritter, in dieser ganzen Geschichte gibt es mehr als nur einen Übeltäter. Ihr dachtet, Ihr würdet den Knaben Frederik vor möglichem Ungemach retten. Euer Bruder tat dassel- be für die Mutter des Jungen. Andere trachteten danach, sie zu töten. In Fadrenschloss wäre es ihnen mit der Feu-, erfliege fast gelungen. Sie floh nach Brikov, doch bevor sie dort angegriffen werden konnte, sorgte Harald dafür, dass sie abreiste. Sie zog weiter nach Blanburg. Davon abgesehen, dass es der nächstgelegene Ort war, ent- stammte die Mutter von Herzog Rubins Vater dem Haus Blanburg, wodurch sie den Prinzen um Hilfe ersuchen konnte. Dort verübten ihre Feinde mit den Schattenher- ren einen Anschlag auf sie, wobei Bogdan getötet wurde. Abermals flüchtete sie, doch danach verloren sie ihre Spur, was durchaus Haralds Werk gewesen sein könnte. Jedenfalls war es seine Absicht. Bedenkt, dass Euer Bru- der ihr Vertrauen genoss! Hätte er Mord im Sinn gehabt, er hätte tausende Gelegenheiten dafür gefunden. Er hätte ihr mit einer Hand das Genick zu brechen vermocht.« Eine Weile ritt Radu schweigend weiter, dann meinte er: »Danke, dass Ihr mir das gesagt habt. Aber er hätte sie doch gewiss einfach warnen können, oder?« »Nicht, wenn sie sich geweigert hätte, demjenigen zu glauben, von dem die Warnung ursprünglich stammte«, entgegnete Glockmann. »Verratet mir etwas. Ein Schwärmen ist nicht besonders gefährlich. Schattenher- ren sind tödlich, es sei denn, man weiß, dass man sich in hellem Licht aufhalten muss. Feuerfliegen sind ungemein dämonisch. Hätte man einem Mann von Haralds Erfah- rung gestattet, mit solchen Ungetümen zu üben?« »Selbstverständlich nicht. Eine Feuerfliege könnte selbst Vamky zerstören.« Was Glockmanns Vermutung bestätigte, dass die Bru-, derschaft ihre Beschwörungsversuche an einem anderen Ort durchführen musste. »Also ist nur sehr hochrangigen Brüdern erlaubt, sie einzusetzen?« Radu musterte ihn eine Weile. »Für gewöhnlich wird niemand unter dem Rang eines Kantors in tödliche Be- schwörungen eingeweiht. Ihr glaubt nicht, dass Harald von seiner eigenen Feuerfliege getötet wurde, als er die Herrschaft über sie verlor?« Glockmann hatte richtiggehend Spaß und verachtete sich zugleich, weil er prahlte. Konnte er seinen Gefährten andererseits durch seine Schläue beeindrucken, wäre es einfacher, ihre gemeinsamen Bemühungen in jene Rich- tung zu lenken, die er für die richtige hielt. Doch ihm war klar, dass Radu Priboi ein Mann der Tat mit begrenzter Wertschätzung für geistige Behändigkeit war und außer- dem ein aufgeblasener Esel. »Ich dachte mir, dass Feuerfliegen für den Benutzer gefährlich sein müssten, weil Johannas Geschichte über die Zerstörung von Fadrenschloss erahnen ließ, dass der Zauber dort hinterlegt worden war und erst einige Stun- den später wirksam werden sollte. Habe ich Recht?« »Wahrscheinlich«, räumte Radu ein. »Die Beschwö- rung wird das ›Ei‹ genannt. Es soll möglich sein, das Schlüpfen so zu planen, dass es Stunden oder gar Tage später erfolgt. Aber ich habe auch gehört, dass es unbere- chenbar und gefährlich für den Anwender ist.« »Also entkam Johanna im Drittmond aus Blanburg, wodurch die Übeltäter sie aus den Augen verloren. Im, Viertmond wurde Wolfgang Webber nach Brikov ent- sandt, um dort Ausschau zu halten, falls sie auf diesem Weg zurückkehrte. Jemand anders wurde nach Chivial vorausgeschickt, weil Rubin auch mit der dortigen Kö- nigsfamilie verwandt ist. Zwar nur fern, aber König A- thelgar ist ein mächtiger Monarch und hat weit weniger Grund, die Hand Vamkys zu fürchten als die Herrscher kleiner Staaten wie Blanburg. Johanna traf wie geplant im Achtmond dort ein, und die anderen Angreifer ließen erneut Schattenherren gegen sie los.« »Weiß Ihre Hoheit all das?«, fragte Radu. »Nein. Ich war mir meiner Schlussfolgerungen zu un- sicher, bis wir heute Morgen Wolfgang Webbers Ges- tändnis gehört haben. Er sagte, ihm wurde befohlen, nach Johanna und Frederik Ausschau zu halten, aber das war im Viertmond. Ihr hattet den Knaben bereits im Dritt- mond geholt. Demnach muss es in der Bruderschaft min- destens zwei Gruppierungen geben!« »Das könnte auch an einer unachtsamen Unterweisung gelegen haben.« »Unterweist die Bruderschaft ihre Spitzel etwa acht- los? Einen Mittelsmann mit einer unmöglichen Aufgabe zu betrauen, erhöht zwangsläufig die Gefahr seiner Ent- deckung. Männliche Fremde, die sich nach Kindern er- kundigen, erregen allemal Argwohn.« Radu grunzte. »Ihr habt Recht. Ich entschuldige mich.« Ein weiterer Punkt für Glockmann, der sich jedoch als, Punkt gegen ihn erweisen konnte, falls Radu ein falsches Spiel mit ihm vorhatte. Er mochte es noch bedauern, den Mann so weit ins Vertrauen gezogen zu haben. »Nach dem Anschlag der Schattenherren ritt Johanna nach Eisenburg, um Klingen zu binden. Nur Manfred und Harald blieben im Quamast-Haus zurück. Als sie zurückkehrte, wurde das Anwesen streng bewacht, was aber während ihrer Abwesenheit nicht unbedingt der Fall gewesen sein musste. Jedenfalls spürte Schwester Trudy nach Johannas Rückkehr mehr Todeselemente in der Arzneitruhe als zuvor. Wie konnte das Haralds Werk gewesen sein? In jener Truhe befand sich sein Vorrat an Beschwörungen, wie also hätte er ihn vermehren sollen? Es musste jemand anders gelungen sein, in das Haus ein- zudringen und sich an der Truhe zu schaffen zu machen! Harald konnte das nicht verstehen, aber er wusste, dass die Truhe am nächsten Tag überprüft werden sollte. Au- ßerdem hatte er erfahren, dass chivianische Inquisitoren Falschheit erkennen, er also aufgedeckt werden würde. Er versuchte zu fliehen. Wahrscheinlich hatte er kein Geld, und er beherrschte die Sprache nicht, folglich muss er ziemlich verzweifelt gewesen sein. Als der greise Manfred erwachte, schlug er diesen nieder, damit er kei- nen Alarm geben konnte. Wie bei Johanna hätte Euer Bruder den alten Mann mit bloßen Händen zu töten ver- mocht. Was er nicht tat. Vielmehr begnügte er sich mit dem erforderlichen Mindestmaß an Gewalt. Um ein Haar wäre er entkommen. Warum also ist er nicht geflohen?, Im angrenzenden Zimmer befanden sich der Baron und eine Klinge, Sir Ost. Gegen eine Klinge wäre Ha- ralds Kraft nutzlos gewesen. Das Einzige, was Ost töten konnte, bevor er Alarm schlagen konnte, war die Feuer- fliege. Er muss wohl nahe neben der Truhe gesessen ha- ben und sofort gestorben sein, als das Untier schlüpfte. Harald hat es gehört oder gesehen und ist hineingestürmt, um den Baron zu retten. Ich glaube nicht, dass Euer Bru- der ein Meuchelmörder war.« Radu nahm die Zügel in die linke Hand und streckte die rechte aus, um jene Glockmanns zu schütteln. »Dafür stehe ich tief in Eurer Schuld. Ihr seid ein kluger Mann, Herr Glockmann.« »Morgen um diese Zeit könnte ich anders dastehen.« »Und wer ist der Übeltäter, der Ihrer Hoheit nach dem Leben trachtet? Wer steckt hinter allem?« »Wir sind unterwegs, um genau das herauszufinden, richtig? Mit diesen verzauberten Medaillons im Umlauf kann jeder den Anschein erwecken, jemand anders zu sein. Ihr habt gesagt, Fürst Volpe persönlich habe Euch befohlen, Frederik zu entführen. Aber Ihr könnt nicht sicher sein, dass der Mann, den Ihr gesehen habt, der Probst war.« Radu nickte. »Seit ich die Geschichte der Herzogin hörte, habe ich mir darüber den Kopf zerbrochen. Und Wolfgang wurde womöglich gar nicht vom Abt ge- schickt.« Wer immer in jenem Verlies schmorte, kannte die, Wahrheit, sofern er noch am Leben war. Eine Weile rit- ten sie schweigend weiter, bis der Ritter ein für ihn über- raschendes Geständnis ablegte. »Ich habe von diesen Medaillons noch nie gehört. So- lange man sie geheim hält, müssen sie ein verheerender militärischer Zauber sein. Man könnte sich beispielswei- se in den Oberbefehlshaber der feindlichen Streitkräfte verwandeln!« »Das wäre wohl schwierig umzusetzen. Ich habe mich in Grandon bei Großzauberer über solche Zauber erkun- digt. Er hatte Beispiele ähnlicher Beschwörungen gese- hen, aber keiner so wirkungsvollen – keiner, die in der Lage waren, eine Ähnlichkeit zu schaffen, die jemanden zu täuschen vermocht hätte. Als ich ihm davon erzählte, wurde er ziemlich aufgeregt! Er wies daraufhin, dass der Zauber in der Kette sitzen musste, nicht im Medaillon – weil er erst wirkt, wenn sich die Kette um den Hals schließt. Und er meinte, für eine solche Beschwörung müsste die echte Person anwesend sein. Mit anderen Worten: Sowohl das Medaillon als auch der Großherzog müssen sich im Oktogramm befunden haben. Ich wüsste nicht, wie man so etwas in einem Krieg bewerkstelligen sollte.« »Aber weshalb …?« Radu überlegte kurz, dann lachte er. »Nach allem, was ich über unseren Großherzog ge- hört habe, ließ er es wahrscheinlich anfertigen, damit er einen Doppelgänger zu langweiligen gesellschaftlichen Anlässen schicken und selbst eigenen Angelegenheiten, nachgehen konnte. Ein gefährliches Objekt, wenn es ge- stohlen wird.« Oder die Beschwörer hatten statt einem zwei angefer- tigt. »Erzählt mir von Ritter Nikolaus.« »Tod und Feuer!«, rief Radu aus. »Ich wüsste nicht, was er Euch angehen sollte.« »Ich ebenso wenig. Ich gehe nur einer Ahnung nach, aber wenn wir beide einander nicht vertrauen können, sollten wir besser gleich umkehren.« Eine Weile schmollte Radu stumm vor sich hin, letzt- lich aber sagte er: »Da gibt es nicht viel zu erzählen. Er und ich sind befreundete Wettstreiter – man könnte uns als Klassenkameraden bezeichnen. In Vamky unterhalten sich Männer zwar nie über ihren Hintergrund, aber Niko- laus ist offensichtlich von edler Geburt. Er ist beliebt, begabt … Vereidigt wurde er ein paar Tage vor mir, aber ich wurde eine Woche früher gegürtet, also hatte ich auf der Rangleiter einen Vorsprung. Bei jeder Mission wer- den dem Rangniedrigeren die niedrigen Aufgaben wie das Bewachen der Pferde zugewiesen.« Glockmann grinste. »Oder das Bemuttern des Her- zogs?« »Ganz besonders das Bemuttern des Herzogs. Sobald wir Trenko erreichten, wurde Nick eine andere Pflicht übertragen, weshalb ich mit dem Striegeln und Stiefelle- cken betraut wurde. Seither habe ich nichts mehr von ihm gehört. Natürlich war ich monatelang fort, aber selbst wenn nicht, wäre daran rein gar nichts ungewöhn-, lich oder verdächtig! Seid Ihr jetzt zufrieden, Eure Neu- gierigkeit?« »Es fühlt sich einfach wichtig an. Ihr seid mit einem Mann weniger zurückgekehrt?« »Das ist richtig. Und?« »Und nichts. Bei Ahnungen kann ich nur warten, bis sie, nach eigenem Ermessen schlüpfen. Danke.« Diese Ahnung aber pickte bereits an der Schale, und was sich darunter abzeichnete, sah sehr nach der Wahr- heit aus. Der Pfad neigte sich einen felsigen Hang hinab zu einem nunmehr vom Regen angeschwollenen Bach. Manfred, eine winzige, vermummte Gestalt im Sattel, ließ sein Pferd trinken. »Ihr seid da, meine Herren«, verkündete er heiser. »Folgt diesem Weg, und Ihr gelangt unmittelbar unter- halb der Altenbrücke zur Asch. Ich gehe nach Hause und genieße eine nette Lungenentzündung.« Die beiden lachten angemessen und dankten ihm. Er ritt zurück den Hügel hinauf und verschwand im Regenschlei- er. Die Schwertkämpfer wandten sich flussabwärts, und Glockmann lenkte das Gespräch auf praktische Dinge. »Wir haben einiges zu planen«, begann er. »Euch müssen in Vamky Schlüssel untergekommen sein. Ich will genau wissen, wie sie aussahen. Wie groß sind sie?« »So lang wie mein Finger, vielleicht einen Deut län- ger. Ein Griff, ein Stiel und eine Art Fahne am Ende.«, »Bügel, Schaft und Bart. Sind die Schäfte hohl? Haben Sie am Ende Löcher, die über einen Stift passen?« »Nicht, dass ich mich erinnern könnte.« »Dann beschreibt den Bart. Das muss ich wissen.« »Weißt du, Naseweis, du stellst dich nicht besonders gut an«, erklärte Raunzer. »Wie meinst du das?«, gab Ringwald zurück, obwohl er soeben dasselbe gedacht hatte. »Als Anführer. Zunächst einmal hat man uns beige- bracht, dass Klingen ihr Umfeld kennen sollten. Hast du auch nur die leiseste Ahnung, wo wir gerade sind?« Sie saßen auf Pferden und folgten unmittelbar ihrem Mündel und dem Banditen János, während in der Vorhut etwa ein Dutzend bewaffneter Männer ritt, in der Nach- hut nochmals ungefähr ebenso viele. Abgesehen davon … Nein, abgesehen davon, wusste Ringwald lediglich, dass sie »irgendwo in Krupina« waren. Den ganzen Tag über hatte es ohne Unterlass geregnet, nun setzte auch noch die Dämmerung ein. Angeblich lag Donehof auf halbem Wege zwischen Fadrenschloss und Krupa, und sie hatten die verkohlten Überreste von Fadrenschloss vor einigen Stunden passiert. Sie befanden sich immer noch auf der Straße, die sich heute als langer, schmaler Schlammstreifen präsentierte, doch sofern Ringwald die geografischen Gegebenheiten richtig verstanden hatte, was zu bezweifeln war, sollten sie demnächst nach Wes- ten abbiegen., »Wir sind etwa eine Stunde von Donehof entfernt.« »Du rätst bloß. Und warum sind wir überhaupt hier? Du sollst unser Mündel von Gefahr fern halten, Sir Neunmalklug. Auch dabei zeichnest du dich nicht gerade aus.« Weil Ringwald sich deshalb bereits den ganzen Tag mit Vorwürfen quälte, hatte er ein paar Antworten zur Hand. Wenngleich keine besonders guten. »Und was hät- test du anders gemacht, wenn du Anführer wärst – außer Ihro Gnaden irgendwo in Chivial einzukerkern?« »Ich hätte verhindert, dass sie Brikov verlässt. Du weißt verflucht genau, dass sie versuchen wird, die Hochzeit morgen zu vereiteln.« »Wird sie nicht. Dafür sorgen wir schon. Und wir konnten nicht in Brikov bleiben. Sie hatte Recht. Da es nur einen Fluchtweg gab, hätte jedes Spatzengehirn er- kannt, dass es eine Falle war.« »Ich hätte sie erst gar nicht dorthin gelassen«, raunzte Raunzer. Er war nass, müde, durchgefroren und verängs- tigt, und nur Ringwald stand ihm als Zielscheibe zur Ver- fügung. »Über diesen Schmugglerpass hetzen, Pferde verlieren, den örtlichen Räuberbaron auf uns wütend ma- chen. So etwas nennt man Brücken niederbrennen.« Auch Ringwald war nass, müde, durchgefroren und verängstigt. Und hungrig. »Der Grund, warum wir über diesen Pass mussten, ist, Bruder, dass du ja unbedingt die Neuigkeiten über die Hochzeit ausplaudern musstest. Hättest du stattdessen mir unter vier Augen Bericht er-, stattet, was deine eigentliche Pflicht gewesen wäre, hätte ich es ihr nicht gesagt. Wir hätten den langsamen, siche- ren Weg über Zolensa einschlagen und Brikov oder Trenko meiden können. Bis wir hier eingetroffen wären, wäre es längst zu spät gewesen! Sie hätte aufgegeben, und wir hätten sie zurück nach Chivial geleiten können, um dort zu leben.« Kein schlechter Vortrag, dachte er, und einiges davon stimmte sogar. »Pah! Alles nur Mutmaßungen! Sie hätte gewiss dar- auf bestanden, nach Brikov zu reisen, um ihren Balg ab- zuholen. Die Bruderschaft hätte erfahren, dass sie dort ist, wäre gekommen und hätte sie geschnappt. Und wenn nicht, wäre sie kreischend auf der Suche nach dem Jun- gen herumgerannt, weil er nicht mehr war, wo sie ihn zurückgelassen hatte.« »Wer stellt jetzt Mutmaßungen an, hm?« Das Schlim- me war nur, dass Raunzers Einwände allesamt gerecht- fertigt waren. Ringwald hatte es vermasselt, genau wie er es immer befürchtet hatte. Er hatte zugelassen, dass sein Mündel sich weiter und weiter in Gefahr begab, und nun sah er keinen Ausweg mehr. Sein jüngster und verhee- rendster Fehler, der Raunzer noch gar nicht aufgefallen war, war ihm erst an jenem Morgen unterlaufen, denn in der Hast, Brikov zu verlassen, hatte er vergessen, Glock- mann um das Geld zu ersuchen. Er hatte rein gar nichts in der Tasche. Die Herzogin hatte grundsätzlich nie et- was bei sich. Bis Glockmann zurückkehrte, waren sie, voll und ganz von Graf János abhängig. Und die Aus- sichten, dass Glockmann je zurückkehren würde, schie- nen ebenso schlecht wie jene, dass Graf János sich als großzügiger Wohltäter erweisen würde. Die Vorhut bog von der sogenannten Straße ab. »Da ist der Pfad nach Donehof«, meinte Ringwald. »Jetzt regnet es uns auch noch in die Augen, und der Wind legt zu. Wir werden noch beschwerlicher voran- kommen, und ich vermute, wir treffen in einem kalten Haus ein, in dem kein Essen bereitsteht. Hoffen wir, dass wir wenigstens bald dort sind. Es wird eine sehr finstere Nacht.« Ja, das würde es, pflichtete Ringwald ihm bei. Eine sehr finstere Nacht. Auf den Gipfeln schwand das Licht, unten in der Schlucht herrschte bereits Nacht. Immer noch prasselte der Regen herab. An der Altenbrücke zügelte Radu das Pferd. Glockmann hielt neben ihm an, und die beiden Männer musterten einander. »Eine gute Nacht für Schattenherren, Herr Glock- mann?« »Ich kann mich nicht erinnern, dass ich je zuvor in meinem Leben so nass oder durchgefroren war, Herr Rit- ter.« »Es war ein besserer Tag als einige, die ich im Verlies des Grafen verbracht habe«, meinte Radu, »aber nicht viel besser. Jetzt müssen wir uns entscheiden.«, »Ich dachte, das hätten wir bereits.« »Zwischen hier und Vamky gibt es keinen Unter- schlupf mehr. Wenn wir umkehren wollen, würde man uns in nahegelegenen Hütten für ein oder zwei Kupfer- münzen Unterstand gewähren. Morgen könnten wir in aller Eile nach Donehof reiten und zu Eurer Herzensda- me stoßen. Es liegt an Euch.« Glockmann schauderte und tätschelte den Hals seiner Stute. Das arme Tier könnte sich glücklich schätzen, nach einem solchen Tag keine Lungenentzündung zu be- kommen, aber seinem Reiter könnten sehr bald noch ern- stere Probleme drohen. »Beantwortet mir eine Frage, Herr Ritter. Für jede Fallgrube, die wir besprochen ha- ben, weiß ich einen Ausweg – abgesehen von den höchst unwahrscheinlichen –, und angesichts des hohen Einsat- zes bin ich bereit, dieses Wagnis einzugehen. Ich sehe nur eine einzige Ausnahme, auf die Ihr selbst aufmerk- sam gemacht habt. Wenn der Wächter am Tor Euren Pass aus der Ablage zieht, wird sich ein Hinweis darauf befinden, dass Ihr unverzüglich in Gewahrsam zu neh- men seid? Wird er Alarmglocken auslösen, oder wird die übliche Vorgehensweise folgen? Ihr habt den Brief fallen gelassen, folglich können die Verräter keinen Zweifel daran haben, dass Ihr der Eindringling wart, der ihren geheimen Gefangenen entdeckt hat. Sie können nicht ernsthaft davon ausgehen, dass Ihr zurückkehren würdet, aber werden sie Vorsichtsmaßnahmen für diesen Fall ge- troffen haben?«, »Eure Entscheidung beruht allein darauf?« »So ist es. Wenn Ihr bereit seid, das Wagnis einzuge- hen, trotze ich dem gesamten Rest.« Glockmann war fest entschlossen, nicht als erster zu kneifen. Er hoffte instän- dig, dass Radu ihm das abnehmen würde. »Ihr seid ein Narr, Chivianer«, erklärte Radu schroff. »Erwartet Ihr etwa, einen Vamky-Ritter an Wagemut zu übertreffen?« Einen abtrünnigen Ritter? Glockmann war des Hoch- muts dieses Mannes überdrüssig. »Nun, ja. Auch wir Schlosserlehrlinge haben unseren Stolz.« »Dafür sollte ich Euch die Zunge herausschneiden.« »Dafür ist das Licht zu spärlich. Wenn Ihr den Schwanz einziehen wollt, dann sagt es gefälligst, andernfalls bewegt den Hintern, ehe der meine am Sattel festfriert.« Wortlos grub Radu die Sporen in die Flanken seines Rosses und ritt weiter auf die Brücke. Glockmann folgte ihm. Siehst du, was du jetzt wieder angerichtet hast, du Trottel? Die Pferde wussten, dass sie sich Donehof näherten, was sie zeigten, indem sie wieherten und schneller liefen. Bald ritt die Reisegesellschaft unter den Mauern eines hohen, trommelförmigen Turms vorbei, der in den letzten Resten des Tageslichts kaum zu erkennen war. Dicht da- hinter stand ein Herrschaftshaus, in dessen Fenstern Licht schimmerte. Bereits auf den ersten Blick entpuppte es sich als wesentlich eindrucksvolleres Anwesen als Já-, nos’ Sitz in Brikov. Es war umringt von zahlreichen Ne- bengebäuden, Arbeiterhütten und Viehkoppeln. Ring- wald war beeindruckt. Das musste auch für Raunzer gel- ten, denn er packte seinen Spott wieder aus. »Warum lebt er dort droben in diesem Drecksloch in den Bergen, wenn er einen solchen Palast besitzt?« Wahrscheinlich fühlte der Graf sich in der Festung sei- ner Ahnen sicherer als hier unten auf den Ebenen in Reichweite seines herzoglichen Oberherrn. Ringwald behielt diese Meinung jedoch für sich, weil János noch unmittelbar vor ihnen neben der Herzogin ritt und wo- möglich lauschte. Dankbar stiegen die Besucher ab. Als sie ihrem Gast- geber in das Anwesen folgten, verschlug es ihnen förm- lich den Atem. Der Schein zahlreicher Kerzen ließ sie blinzeln, wohlige Wärme empfing sie. In zwei großen Kaminen knisterten Feuer. Hohe, mit Jagdtrophäen be- hangene Wände ragten zu Galerien und einer Hammer- balkendecke empor. Raunzers Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet, denn der Seneschall hatte den Gra- fen erwartet und alles vorbereitet. Lakaien kamen mit Krügen voll Gewürzbier herbeigeeilt, um die Kälte zu vertreiben. Ringwald gelang es, eine überraschende Menge in sich hineinzugießen, bevor seine Bindung es in seinem Mund zu Lauge werden ließ; die Hitze breitete sich geradewegs durch seine Blutbahnen aus und überzog ihn mit einer Gänsehaut. Max Priboi, der Seneschall, wurde Frau Schale vorge-, stellt. Er war ein älteres, kahleres und wesentlich stäm- migeres Ebenbild von Radu. Zudem besaß er ein unbe- schwertes Lächeln, das an den abtrünnigen Harald erin- nerte. Er hieß die Gäste willkommen und führte sie per- sönlich nach oben, um ihnen ihre Zimmerflucht zu zei- gen. Diese stellten sich als vollkommen heraus – ein gro- ßes, eindrucksvolles Gemach für die Frauen, das man über einen Vorraum erreichte, in dem die Klingen sich einquartieren konnten. Eimertragende Diener füllten bereits eine Eichenholz- wanne mit heißem Wasser. Johanna und Trudy warteten ungeduldig, während Ringwald die Unterkunft eilends überprüfte. Für eine Klinge bedeutete eilends jedoch kei- neswegs oberflächlich, und er suchte pflichtbewusst nach möglichen Ärgernissen. Nachdem er sich davon über- zeugt hatte, dass niemand unter dem Bett lauerte, stand er wieder auf. Er öffnete den Mund, um es kundzutun, dann warf er einen zweiten Blick auf die Liebe seines Lebens. »Stimmt etwas nicht?« Trudy runzelte die Stirn. »Es ist nichts … Naja, da ist schon etwas. Aber ich habe es noch nicht aufgespürt.« »Was für ein Etwas?« »Frag mich noch mal, wenn ich warm, trocken und satt bin.« »Trudy!« Mit zusammengekniffenen Lippen schüttelte sie den Kopf. »Nichts da Trudy! Geh jetzt.« Unglücklich begab Ringwald sich hinaus ins Wach-, zimmer, um sich abzutrocknen und umzuziehen. So wie sie alle war Trudy müde. Schlimmer noch, er hatte ihr den ganzen Tag lang keine Zeit widmen können. Nicht das Trudy eifersüchtig gewesen wäre! Sie verstand, wie seine Bindung wirkte. Dennoch sollte eine Klinge sich nie verlieben, schon gar nicht eine Klinge, die an eine andere Frau gebunden war. Sie speisten in einem kleinen, geschmackvoll einge- richteten Zimmer: Herzogin, Graf, Seneschall, zwei Klin- gen und Trudy. Diener eilten herein, brachten allerlei Köstlichkeiten wie gebratenes Fleisch, Fisch, Eintöpfe, Suppen, Käse, warmes Brot, Geflügel, Gemüse und wür- zige Soßen. Wie üblich völlerte Raunzer. Ringwald über- traf ihn mühelos, aber auch die anderen Männer blieben nur wenig zurück. Sogar die Frauen schlugen sich die Bäuche ordentlich voll und kosteten ein Gericht nach dem anderen, weshalb während der ersten halben Stunde kaum Zeit für Unterhaltungen blieb. In der Zwischenzeit spielte ein in der Ecke hockender Mann auf einer Viola und sang schwermütige krupinesische Lieder. Als er fer- tig war, lobte János ihn in höchsten Tönen und schickte ihn mit Goldmünzen in den Händen fort. Es war eine überraschende Seite des barbarischen Häuptlings, der erst an jenem Morgen einen Mann so gefühllos foltern und hängen gelassen hatte. Mittlerweile wurden die Gerichte abgetragen und ein zweiter Gang hereingebracht, der eine ähnliche Vielfalt bot, diesmal mit Aal und Lachs statt Schmerle sowie, Schweinefleisch statt Rind. Da der ärgste Hunger nun- mehr gestillt war, konnte Ringwald essen und sich gleichzeitig wieder seiner Pflicht widmen, die darin be- stand, sich über alles Mögliche zu sorgen – was war es, das Trudy entdeckt hatte und ihr Kummer bereitete? War es dasselbe, was sie nach wie vor so unruhig wirken ließ? Er hatte sie noch nie so zappelig erlebt. Bedeuteten die merkwürdigen Blicke des Seneschalls auf die Herzogin, dass er ahnte, wer Frau Schale in Wirklichkeit war? Und was würde morgen geschehen, wenn János zur Trauung ritt und Glockmann samt dem Geld weit und breit nicht zu sehen wäre? Chivianische Inquisitoren verfügten über einen Zauber namens »die Frage«, der das Opfer zwang, alles zu ge- stehen. Selbst wenn die Brüder keine ähnlichen Mittel besaßen, um Gefangene zu verhören, konnten sie immer noch auf Daumenschrauben ausweichen, und anschlie- ßend würden sie geradewegs nach Donehof preschen, um die verlorene Herzogin zu holen. Das galt natürlich nur unter der Voraussetzung, dass es ihnen gelingen würde, Glockmann lebendig zu fassen. Allmählich wurde Ring- wald bewusst, wie sehr er sich auf den scharfen Verstand des Mannes verlassen hatte. In der Zwischenzeit flammten Unterhaltungen auf. Ei- ne Weile nahm der Graf den Seneschall über Erträge des Gehöfts, einige von ihm beaufsichtigte Bergwerke und ähnliche geschäftliche Belange ins Kreuzverhör. János hatte stetig getrunken, weshalb seine hässlichen Züge, sich gerötet präsentierten, aber seinen Verstand hatte der Wein noch nicht benebelt. Dann wandte das Gespräch sich der am nächsten Tag anstehenden Hochzeit, der un- mittelbar danach geplanten Thronbesteigung und den im Anschluss folgenden Festtagen zu. »Etwas Vergleichbares hat Krupa noch nie erlebt«, meinte der Seneschall. »Soll das heißen, seine anderen Ehen hat der Herzog nicht so überschwänglich gefeiert?« »Ich bin zu jung, um mich daran zu erinnern.« »Oder soll es heißen, der Adel billigt diese Gemahlin mehr als die letzte?« János war doch betrunken. Der große Max wartete, bis ein letzter Lakai den Raum verlassen hatte, dann erklärte er mit sorgfältig gewählten Worten: »Ich erinnere mich an die verstorbene Großher- zogin Johanna, Herr. Wie Ihr wisst, waren mein alter Herr und ich selten einer Meinung, aber ich habe Fa- drenschloss einmal besucht, als sie noch dort lebte. Sie war unglaublich schön und wurde von allen vergöttert.« Johanna prustete vor Lachen. Auch sie hatte einiges getrunken. »Ich sagte doch, dass er mich erkennen wür- de! Es ist schön, dich zu sehen, Max! Wie geht es deiner Familie?« Seiner Familie, antwortete er, ginge es gut, und sie be- suchte derzeit einen Ort namens Werfurt. »Und sie wird sich geehrt fühlen, wenn sie erfährt, dass Eure Hoheit sich nach ihr erkundigt haben.« Ringwald schauderte. Warum schickten sie nicht, gleich Herolde mit Fanfaren nach Krupa und Vamky, um zu verkünden, dass sie nun hier war, man kommen und sie holen und diesmal tatsächlich töten könnte? Wie viele weitere Menschen in diesem Haushalt hatten sie erkannt? All das war sein Fehler. Er war bestimmt die unfähigste Klinge in der Geschichte des Ordens. »Wenn Ihr«, fuhr Max fort, »mit meiner ›Familie‹ auch all meine Brüder, Schwägerinnen, Neffen und Nich- ten meint, Hoheit, dann hätte ich natürlich die ganze Nacht damit zu tun. Fast alle von uns haben es geschafft, letzte Woche zur Beerdigung meines Vaters nach Brikov zu kommen, und wir haben ihn auf eine Weise verab- schiedet, die ihm gewiss gefallen hätte. Mittlerweile ha- ben wir sogar einen vollwertigen Vamky-Ritter in der Familie! Radu? Erinnert Ihr Euch an ihn?« »Ja, ich erinnere mich«, sagte Johanna mit einem Sei- tenblick zum Grafen. Würde János zugeben, wie er den Bruder seines Sene- schalls behandelt hatte? Nein. Er schwieg. Max entging die plötzliche Anspannung. »Und sogar Harald, unser jüngster Bruder, ist bereits ein Knappe!«, verkündete er voll Stolz. »Es ist wunderbar festzustellen, dass die schrecklichen Geschichten über Euren Tod nicht wahr sind.« Und so weiter. Nach einer Weile fiel Ringwald auf, dass alle anderen mit dem Essen fertig waren. Bedauernd wischte er das Messer an seinem Ärmel ab und steckte es zurück in den, Gürtel. Er suchte Trudys Blick, und sie nickte. Ringwald schob seinen Stuhl zurück. »Mit Eurer Erlaubnis, Hoheit, Herr?« Der Graf brach mitten im Satz ab, drehte sich um und funkelte ihn an. »Wohin wollt Ihr?« »Mich kurz im Haus umsehen, Herr.« »Ihr misstraut meiner Gastfreundschaft, wie?« »Herr, würde ich Euch nicht voll und ganz trauen, wä- re mein Mündel nicht hier, aber ich bin verpflichtet, die Sicherheit zu überprüfen.« »Sagt wer?«, János lief vor Zorn puterrot an. »Mein Eid, meine Ausbildung, meine Bindung. Das- selbe habe ich in König Athelgars Palast getan, als dort ein Dutzend anderer Klingen Wachdienst versah.« »Setzt Euch! Max wird Euch später herumführen.« Da Ringwalds Mündel kein Wort zu seiner Verteidi- gung sagte, nahm er Platz. Klingen sollte man bestenfalls sehen, aber nicht hören, hatte Großmeister ihnen beige- bracht, und wenn es möglich war, nicht einmal sehen. Die Hauptpersonen plauderten weiter. Max wurde ein Großteil der Geschichte der Herzogin erzählt. Als er er- fuhr, dass Harald versuchte hatte, sie zu töten, und so gut wie sicher tot war, legte Max nur die Stirn in Falten und schüttelte traurig den Kopf. Er erkundigte sich nicht, was die wiederauferstandene Herzogin bezüglich der Hoch- zeit zu unternehmen gedachte, obwohl er es sich insge- heim bestimmt fragte. Wusste Johanna es überhaupt selbst? Und was konnte Ringwald tun, um sie aufzuhal-, ten? Er ließ sich im Hintergrund von der Unterhaltung berieseln, während er sich wieder Sorgen und Schuldge- fühlen zuwandte. Es war spät. Unvermittelt gähnte János. Mit einem lin- kischen Versuch von Feingefühl erkundigte er sich, ob er sein Bett vorgewärmt vorfinden würde, wie er es mochte, und Max versicherte ihm, dass dem so sein würde. »Schlaft gut, meine Damen«, sprach der Graf und tor- kelte zur Tür hinaus. Johanna runzelte die Stirn, Trudy grinste, und alle an- deren erhoben sich, um ihm zu folgen. Das Haus präsen- tierte sich still und dunkel. Die meisten Diener hatten sich zu Bett begeben; auf die Feuer war reichlich Brenn- stoff bis zum Morgen geschichtet. Ringwald begleitete die Herzogin in ihr Gemach. Er befahl Raunzer, es zu überprüfen und anschließend Wache zu halten. Nun endlich konnte Trudy dem nachspüren, was sie schon den ganzen Abend beunruhigte. Mit einer Laterne wanderte sie durch die Gänge des Obergeschosses. Ring- wald und der Seneschall liefen hinter ihr her. Max muss- te einiges an hochgeistigen Getränken vertragen, denn er ließ keinerlei Auswirkungen des Biers erkennen, das er im Verlauf des Abends getrunken hatte. Er beobachtete Trudy neugierig, sprach jedoch von anderen Dingen. »Ich habe von Klingen gehört. Ihr seid durch Zauber gebunden?« »Ja.« »Lebenslang?« Er war zwar weder so groß noch so, breit wie Harald, zweifellos aber schwerer, als sein Bru- der es gewesen war. Ringwald fühlte sich neben ihm wie ein Kind. »In unserem Fall schon. Der König kann seine eigenen Klingen entlassen. Und Ihr? Radu sagte, all seine Brüder wären der Bruderschaft beigetreten.« »Außer einigen wenigen, die bereits in der Kindheit starben. Möchtet Ihr einen Blick in die Dachkammern werfen?« Trudy hatte ein Ende des Hauses erreicht und ging den Weg zurück, den sie gekommen waren. »Nein«, antwor- tete sie und unterdrückte dabei ein Gähnen. »Schlafen dort oben die Bediensteten?« »Hast du etwas gefunden?«, wollte Ringwald wissen. Das war es, was zählte. »Nur die üblichen Glücksbringer und was in meiner einstigen Schwesternschaft höflich als ›Familienpla- nungszauber‹ umschrieben wurde.« Max kicherte. »Da drin?« Er deutete auf das Zimmer des Grafen. »Ja.« »Ich habe ihr einen geliehen. Bitte sagt es dem Grafen nicht, denn er hat immer noch das Ziel, meinen alten Herrn zu übertreffen. Wollt Ihr jetzt nach unten?« Sie steuerten auf die Treppe zu. »Also wie werden die Brüder gebunden?«, erkundigte Ringwald sich. »Oder eher wie werden die Brüder ent- bunden?«, Max ließ sich mit der Antwort kurz Zeit. Stufen knarr- ten unter seinem Gewicht. »Vertraut Ihr mir nicht, Sir Ringwald?« »Ich hätte gerne eine Antwort.« »Die Unbrauchbaren werden hinausgeworfen. Wer aufgeben möchte – überwiegend Novizen, einige davon recht greise Männer – gehen zu ihrem befehlshabenden Offizier und erklären, dass sie sich als unwürdig erach- ten, dem Orden anzugehören. Sie werden zum Tor gelei- tet und fortgeschickt.« Während Ringwald Trudy durch den Küchenbereich folgte, meinte er: »Also werdet Ihr nie formell entbun- den?« Glockmann hatte diese Möglichkeit bereits vor Monaten in Erwägung gezogen. »Einmal ein Bruder, immer ein Bruder? Klopft die Bruderschaft jemals Jahre später an, um jemanden aufzufordern, seinem unwider- ruflichen Gelübde wieder Folge zu leisten?« »So etwas ist schon vorgekommen.« Der Seneschall lächelte. »Aber noch nie bei mir.« »Dennoch kann sich der Graf nicht uneingeschränkt auf Eure Gefolgstreue verlassen?« »Graf János vertraut niemandem uneingeschränkt.« Die ausweichende Antwort war eine Bestätigung: Ein- mal ein Bruder, immer ein Bruder. »Wie werden die Brüder vereidigt? Wird Euer Schwur so wie der unsere durch eine Beschwörung gestützt?« Eine weitere von Glockmanns Vermutungen. »Diese Frage werde ich nicht beantworten, Sir Ring-, wald. Ja, Fräulein?« Ein paar Dienstmädchen putzten noch die Küche, aber Trudy war an ihnen vorbei in einen Bereich mit Vorrats- schränken und Speisekammern vorgedrungen, ein Reich aus Ballen, Fässern und Kisten, verziert mit baumelnden Schinken und Zwiebelketten. Dort blieb sie ein Stück vor etwas stehen, was offenkundig nach der Hintertür des Hauses aussah und um diese späte Stunde verriegelt und vergittert war. Ihre Aufmerksamkeit jedoch galt einer anderen Tür daneben, einer mächtigen Absperrung aus eisenbeschlagenem Holz. »Wohin führt diese Tür?« »In die Kellergewölbe, Fräulein.« »Ich muss einen Blick dorthinunter werfen.« Viel- leicht war es nur eine Tücke im Schein der Laternen, je- denfalls wirkte sie so angespannt, dass Ringwald einen Arm um sie legte. Sie zitterte. »Nein, Fräulein«, entgegnete Max. »Wie Ihr seht, ist diese Tür zugenagelt.« »Ihr habt dort unten Schattenherren!« Der große Mann seufzte. »Gehen wir in die Halle, um darüber zureden.« Hand in Hand folgten Ringwald und Trudy ihm in den großen Saal, in dem sie begrüßt worden waren, als sie Donehof betraten. Max führte sie zu Bänken an einem Kamin und nahm müde auf einer davon Platz. Die beiden setzten sich ihm gegenüber. Einen Arm hatte Ringwald nach wie vor um Trudy gelegt, die andere Hand aber um-, fasste immerzu wie von allein den Griff von Schlechte Neuigkeiten, ganz gleich wie oft er ihr befahl loszulas- sen. Seine Bindung brüllte ihn an, sein Mündel so schnell wie möglich aus diesem Haus zu schaffen. Schattenher- ren! »Habt Ihr die Feste gesehen, als Ihr eingetroffen seid?«, fragte der Seneschall. »Den alten Turm?« »Ja. Er ist sehr alt, stammt noch aus der Zeit vor dem Kaiserreich. In Krupina sind private Festungen verboten, deshalb ist er seit Jahrhunderten versperrt. Ihn zu beman- nen, käme einem Akt der Aufwiegelung gleich.« »Warum wurde dieses Haus dann so nah an dem Bau- werk errichtet?«, wollte Ringwald wissen. Max kicherte. »Vielleicht weil es einen guten Wind- fang abgibt?« Er war ein aufreizend liebenswerter Mann. »Ihr denkt, dass ein Tunnel durch die Kellergewölbe des Anwesens ein guter Fluchtweg wäre, junger Mann? Dass János in der Feste Zuflucht suchen und warten könnte, bis ihn seine Männer aus den Bergen retten, sollte der Großherzog ihm je übel wollen? Jedenfalls denkt der Graf so, und sein Bruder vor ihm war noch schlimmer. Es war sein Bruder Luitgard, der das Land kaufte und das Haus zu bauen begann. János hat es fertig gestellt.« »Wo kommen die Schattenherren dabei ins Spiel?«, fragte Trudy, die immer noch zitterte. »Der springende Punkt ist, dass sie gar nicht ins Spiel kamen, Fräulein. Sie waren schon da. Luitgard grub tat-, sächlich einen Tunnel in das Gewölbe unter der Feste, und was er vorfand, waren Schattenherren. Vielmehr fan- den sie ihn. Nur einer der Bergarbeiter, die bei ihm wa- ren, konnte entkommen, und der starb später an seinen Verletzungen. Luitgard und der Rest sind immer noch dort unten.« »Wer sind sie?«, erkundigte Ringwald sich. »Diese Schattenherren?« Der große Mann zuckte mit den Schultern. »Wer weiß? Womöglich die letzte Garnison der Feste. Es gibt auch Geschichten über Barone, die Schattenherren als unbe- zahlte Scharfrichter in ihren Verliesen gehalten haben sollen. Angeblich sind sie ungefährlich, solange man vor- gewarnt und mit ausreichend Licht ausgestattet ist. Da es dort unten kein Licht gibt, können sie nicht durch die Tür gelangen und uns angreifen. Und sollte der Graf von Bri- kovje in eine Notlage geraten, könnte er dennoch unten Zuflucht suchen. Seine Feinde würden wohl kaum wa- gen, ihm zu folgen.« »Das ist doch verrückt!«, stieß Trudy hervor. Max bedachte sie mit einem väterlichen Lächeln. »Nein. Wer so reich ist wie János, kann nicht verrückt sein, höchstens schrullig.« »Wenn Schattenherren ungefährlich sind, was hat Graf Luitgard und seine Männer dann getötet?«, fragte Ring- wald. Abermals zuckte Max Priboi mit den Schultern. »Ich, weiß es nicht, Sir Ringwald. Ich bin noch nie einem Schattenherren begegnet. Und ich hoffe, das werde ich auch nie. Fräulein, ich hatte befürchtet, dass Ihr unsere Schattenherren entdecken würdet. Ich schwöre, ich wuss- te über sie Bescheid. Seit fast zehn Jahren lebe ich mit meiner Frau und meinen Kindern hier, und ich versichere Euch, sie stellen keine Gefahr dar. Es ist spät. Bitte, lasst uns zu Bett gehen und die schnatternden Gespenster im Keller einfach vergessen.« »Eine letzte Frage, Seneschall«, meldete Ringwald sich erneut zu Wort. »Habt Ihr mich heute Abend einmal belogen?« Max’ Züge verfinsterten sich. »Nicht dass ich wüsste. Nein. Wieso?« »Ich wollte Euch keineswegs beleidigen. Es ist nur so, dass wir Klingen unsere Senkel immer doppelt knoten.« Einmal ein Bruder, immer ein Bruder, aber Trudy brüllte keine Warnung. Anscheinend konnte man Max Priboi vertrauen. Es war ein wahnwitziges Unterfangen, auf das Glock- mann sich eingelassen hatte, und allein der Wahnwitz selbst verlieh ihm Erfolgsaussichten. Stechmücken konn- ten zwacken, wo es Wölfen unmöglich war, und es be- stand die Möglichkeit – die geringe Möglichkeit –, dass Vamky keine ausreichenden Vorsichtsmaßnahmen gegen zwei Männer auf einer Selbstmordmission getroffen hat- te. Außerdem, rief Glockmann sich zum wohl millionsten Mal ins Gedächtnis, nahmen die Eindringlinge es nicht, mit der gesamten Bruderschaft auf. Träte der schlimmste Fall ein und würden sie gefasst, konnten sie immer noch Verrat brüllen und hoffen, dass ihre Häscher nicht mit den Verschwörern unter einer Decke steckten. Immerhin war Radu nicht nach Brikov verfolgt worden, woraus man schließen konnte, dass die Macht der Verräter in- nerhalb des Ordens begrenzt sein musste. Mittlerweile waren gewiss zahlreiche ranghohe Or- densbrüder aufgebrochen, um an der herzoglichen Ver- mählung teilzunehmen, und der Rest würde bereits im Bett sein und schlafen. Auch das konnte sich als hilfreich erweisen. Es herrschten in der Tat günstige Bedingungen für Schattenherren! Selbst gemessen an der Norm der Klin- gen war Radu ein hervorragender Reiter. Glockmann hat- te es aufgegeben, sich zu fragen, wie der Mann die Stra- ße fand, und verließ sich einfach auf die Fähigkeit seiner Stute, ihm zu folgen. Der Hügel wurde steiler und un- wegsamer, wo der Regen ihn ausgewaschen hatte. Er schien sich ewig hinzuziehen. Gelegentlich erwachte Glockmann ruckartig, wenn er aus dem Sattel zu rut- schen begann. Dabei spielte ihm sein Verstand seltsame Streiche. »Keine, von denen ich weiß.« Keine wovon? Wer hatte das gesagt? Er durchforstete sein Gedächtnis, bis er auf Radus Frage an den dem Un- tergang geweihten Wolfgang stieß: »Wie viele weitere Spitzel gibt es hier in Brikov?«, »Keine, von denen ich weiß.« Nun erkannte er, dass dies eine ausweichende Antwort gewesen war. Trudy hatte sie nicht als Lüge erkannt, dennoch schien das Wortmuster falsch. Das Sprechen hatte dem armen Bürschchen erhebliche Mühe bereitet, und all seine übrigen Antworten waren wesentlich knap- per ausgefallen. Keine, von denen ich weiß, aber ich ver- dächtige … Wen? Viele Gruppierungen innerhalb der Bruderschaft konnten über Spitzel in Brikov verfügen. Wolfgang hatte noch nicht gemeldet, dass die Großher- zogin von ihren Reisen zurückgekehrt war, aber ein un- bekannter anderer konnte es sehr wohl berichtet haben. Glockmann wünschte, er wäre rechtzeitig darauf ge- kommen, um Ringwald zu warnen. Ein leises Klirren aus einer seiner Satteltaschen erin- nerte ihn ständig an die Dietriche, die János’ Schmied widerwillig zu dem Unterfangen beigesteuert hatte. Jo- hann Ostschwein von Camfurt hätte sie als plumpes Ge- lumpe verschmäht. Es wäre eine nette Vorstellung, dass alle Schlösser in Krupina so einfach sein könnten wie jene, die Glockmann bislang gesehen hatte, aber die rei- che, misstrauische Vamky-Bruderschaft mochte durchaus höheren Normen folgen, als sie im hinterwäldlerischen Brikov vorherrschten. Radus Beschreibung der Schlüssel, die ihm untergekommen waren, hatte sich als höchst un- genau erwiesen, da er nun mal nicht das Geringste über den Aufbau von Schlössern wusste. Im Quamast-Haus waren die Schlüssel der Albtraum jedes Einbrechers ge-, wesen, da sie Einschnitte für sieben oder acht verworren geformte Besatzungen aufwiesen. Selbst wenn die Diet- riche passten, die er dabei hatte, was er bezweifelte, wür- de Glockmann mehrere Stunden ungestörter Ruhe bei der Arbeit benötigen, um solche Dämonenwerke zu knacken. Heute Nacht könnte er sich glücklich wähnen, wenn er ein paar Minuten ohne ein Messer an der Kehle zur Ver- fügung hatte. Obendrein war er seit vier Jahren aus der Übung. Es fühlte sich an, als verstrichen vier weitere Jahre, ehe er in der Ferne verschwommene Lichter erspähte, gegen die sich Radus Umriss abzeichnete, der ihm be- deutete, zu ihm zu kommen. Glockmann trieb seine er- schöpfte Stute neben den Ritter. »Letzte Gelegenheit, es sich anders zu überlegen, Dre- hendes Rad«, meinte Radu. »Wer als Letzter ankommt, ist eine große fette Glucke, Lied des Westens.« »Dann reiten wir zusammen und unterhalten uns über etwas Belangloses.« »Es sei denn, Ihr sagt ›Aus dem Staub!‹« »Denkt nicht einmal daran«, murmelte Radu und starr- te auf den bedrohlich vor ihnen aufragenden Torbogen. »Aus dem Staub« war ihr Zeichen zur Flucht. Sie hat- ten alles nur Erdenkliche eingeplant – ausgenommen ei- sige Klauen blanken Grauens im Magen. Glockmanns Zähne klapperten, doch das taten sie bereits den ganzen Tag. Es kam einem Wunder gleich, dass überhaupt noch, welche in seinem Mund geblieben waren. Seine Hände fühlten sich so taub an, dass er bei einem Versuch zu kämpfen wohl das Schwert fallen gelassen und sich die eigenen Zehen abgeschnitten hätte. Die Lichter erwiesen sich als große, neben einem ho- hen Bogen angeordnete Laternen. Dahinter erstreckte sich das Torvorwerk, ein von kleineren Lampen erhellter Tunnel. Hufe hallten auf Kopfsteinpflaster wider. Es war eine höchst angenehme Erfahrung, aus dem Regen und in unvermittelte Stille zu gelangen. Unwillkürlich schaute Glockmann empor und sah eine dunkle Spalte, die sich von Seite zu Seite über das Tonnendach zog. Sogleich war ihm klar, dass beim geringsten Verdacht auf eine Ungereimtheit ein Fallgitter herabsausen würde. Außer- dem bemerkte er hoch oben an den Wänden Öffnungen im Mauerwerk, hinter denen Bogenschützen lauern mochten. Das von den überragendsten Soldaten Eura- niens bemannte Vamky-Kloster war das vielleicht am besten gesicherte Bollwerk auf dem ganzen Kontinent. Und er hoffte, es zu knacken! Vor ihnen, ein scheinbar langes Stück innerhalb der Falle, endete der Pfad an einem mächtigen Holztor. Es wirkte eine Achtelmeile dick. Unmittelbar davor zügelte Radu das Pferd neben einem hohen, schmalen Lanzett- fenster, aus dem fahles Licht drang. »Torwache!«, brüllte er. »Nein, Bruder, schwarze und grüne Oliven stammen vom selben Baum.« Glockmann versuchte, seiner Stimme einen steten, Klang zu verleihen. »Dann ist es wohl die Essiglake, die ihre Farbe ändert, richtig?« »Losungswort?« Die Stimme ertönte aus weiter Ferne hinter einer unvorstellbar dicken Mauer hervor. Ein Kopf verdunkelte den Lichtschlitz. »Lied des Westens«, gab Radu zurück. »Und deines, Bruder?« »Drehendes Rad. Und uns ist bitterkalt. Macht schnell, oder ich reiche Beschwerde ein.« Das Gesicht verschwand. Radu plauderte weiter. »Mit Wein verhält es sich ganz anders. Aus roten Trauben ent- steht Rotwein, aus schwarzen …« Dies war der Augenblick, der über Leben oder Tod entschied. Mehr als ein Augenblick … mehrere Minuten. Der höchste Beweis von Mut, hatte Großmeister dereinst gemeint, musste es sein, vor Angst zu sterben. Seltsa- merweise begann diese Äußerung nun, Sinn zu ergeben. »Torwache!«, brüllte Radu erneut. »Sind da drinnen etwa alle tot?« Oder waren sie hier draußen schon tot, ohne es zu wis- sen? Als Glockmann mit belanglosem Geschwafel an der Reihe war, fiel ihm über Wein rein gar nichts ein. »Was machen sie denn mit den Ausscheidungen?« »Novizen bringen sie in Schubkarren hinaus und ver- frachten sie auf Karren, um sie als Dung an Bauern zu verkaufen. Warum?« »Ist mir nur so durch den Kopf gegangen.« Tatsäch- lich hatte er überlegt, ob er einen Weg übersehen hatte,, um unbemerkt ins und aus dem Kloster zu gelangen, aber offenbar hatte die Bruderschaft auch daran gedacht. Alle Lieferkarren wurden vor dem Tor auf Handwagen entla- den, hatte Radu ihm erklärt. »Warum solche Vorsichts- maßnahmen in einem Land, in dem Frieden herrscht? Wen fürchten sie?« »Es ist eine Übung für andere Orte. Redet gefälligst von belangloseren Dingen.« Weiteres qualvolles Warten. Es konnte doch nicht so lange dauern, zwei Karten in einer Schublade zu finden, oder? »In Isilond gibt es eine Köstlichkeit namens ›Trüf- fel‹«, meinte Glockmann. »Sie wird von Schweinen auf- gespürt und …« Radu verlor die Nerven. »Das dauert zu lange! Aus dem Staub!« Er wirbelte das Pferd herum, aber er über- raschte das erschöpfte Tier damit, weshalb es um ein Haar stolperte. An dieser Stelle musste Glockmann entscheiden, ob er mit ihm fliehen oder es allein versuchen wollte. Das hat- ten sie im Voraus abgemacht – ob er flüchten oder blei- ben und den Alleingang probieren wollte, lag letztendlich ganz bei ihm. Doch er war so überrascht, dass er sich wie eine Klinge verhielt und das Schwert zückte. Wodurch es kein Zurück mehr gab. »Was ist denn los?«, gellte Glockmann. Er wendete die Stute, hielt sie jedoch davon ab, Radu zu folgen. »Wohin willst du? Komm sofort zu- rück!«, Radu hatte sein Pferd mittlerweile in Bewegung ge- setzt und trieb es mit den Sporen an, aber es brachte nur einen müden Trab zustande, was zu langsam war. Mit einem Donnerschall, der das Kloster und den Berg zu erschüttern schien, sauste eine Holzwand vor ihm herab und versperrte ihm den Ausgang., Es war eine üble Nacht voll Regen, Wind und Sorge. Ringwald gab Trudy einen Gutenachtkuss und klärte Raunzer über die Gefahr im Keller auf. Dann ließ er sei- nen Stellvertreter vor dem Schlafgemach Wache halten und begab sich selbst nach unten, um dort denselben Dienst zu versehen. Max hatte ihm versichert, dass selbst bei diesem Wetter eine Nachtwache das Gelände mit Hunden abschritt, sodass sich keine Eindringlinge unbe- merkt hineinschleichen konnten. Was schön war, doch eine Klinge verließ sich auf niemandes Wort, wenn es um die Sicherheit ihres Mündels ging. Die Dienstmädchen hatten ihre Arbeit in der Küche beendet und waren verschwunden, wodurch er das Haus für sich allein hatte. Ein paar Mal schritt er durch die große Halle, überwiegend jedoch blieb er in der Nähe der Hintertür und des Kellers des Grauens. Der Gedanke an das, was hinter jener Tür lauerte, bedrückte ihn. Die An- geln waren so angebracht, dass sie sich in den Gang öff- nete. Der Zugang war mit an den Rahmen genagelten Holzbalken versperrt. Insgesamt wirkte das Machwerk recht sicher, aber weshalb sollte jemand eine solche Ge- fahr im Haus behalten, statt den Zugang gänzlich zu vermauern? Die geringe Möglichkeit, dass der Graf je so verzweifelt sein würde, den verwunschenen Keller als Fluchtweg zu nützen, schien bedeutungslos im Vergleich, zu dem Wagnis, dass ein tollkühner Raffzahn auf die Idee kommen könnte, sich auf Schatzsuche zu begeben. Die nächste Tür, die sich ein paar Schritte den Gang entlang auf der gegenüberliegenden Seite befand, führte zu einer großen Speisekammer mit Fässern und klobigen Kisten, wobei die schwereren Gegenstände in der Nähe des Eingangs gelagert waren. Dort deckte Ringwald sich mit einem Vorrat an Kerzen und Laternen ein und berei- tete sich auf eine lange Nacht vor. Er konnte von dort aus sowohl die Keller- als auch die Hintertür im Auge behal- ten, die wesentlich wahrscheinlichere Ziele für einen Eindringling waren als der Vordereingang. Nach einer Weile erkannte er, dass ein möglicher Meuchelmörder stattdessen auch in die Feste einbrechen, durch den Tun- nel gelangen und einfach mit einem Licht die ferne Seite der Kellertür erhellen konnte. Den Rest würden die Schattenherren erledigen. Alle Klingen waren etwas ver- rückt – das gehörte zu einer von Ritualmeisters Moral- predigten. Alle Nächte waren schlimm, ausgenommen jene, in denen Trudy und er Zeit für sich hatten. Sonst hatte er als einzige Gesellschaft Raunzer. Zumindest das blieb ihm heute Nacht erspart. Er erkundete die verschiedenen wei- teren Vorratskammern, konnte sich jedoch nicht dazu überwinden, der unheilverkündenden Tür allzu lange fernzubleiben. Immerhin stand ihm ein unbegrenzter Vorrat an Imbissen zur Verfügung – zum Beispiel sieben verschiedene Käsesorten. Und er musste sich über den, nächsten Tag den Kopfzerbrechen, der vermutlich bereits angebrochen war. Er und Raunzer würden ihr Mündel nachgerade in Ketten legen müssen, was sorgfältiger Pla- nung und der Mitarbeit des Grafen János bedurfte. János? János, der völlig unberechenbar war? Der die- ses prachtvolle Haus fertig gestellt hatte, es aber vorzog, in einem öden Gebirgsweiler zu leben? János, der den Zugang zum Keller, in dem sein Bruder gestorben war, zwar zugenagelt, sich jedoch nicht dazu durchgerungen hatte, ihn zuzumauern. János, der einen Mann foltern konnte, ohne mit der Wimper zu zucken, und Musik schätzte. János, der seinen Landbesitz und seinen Titel von seinem Bruder Luitgard geerbt hatte. O Mist und Jauchengrube! Ringwald musste an sich halten, um der Versuchung zu widerstehen, mit dem Kopf gegen eine Steinwand zu stürmen. Warum hatte er das nicht gleich erkannt? Die Herzogin selbst hatte ihm gesagt, dass es in Adelskreisen üblich war, jüngere Söhne in die Bruderschaft zu entsen- den. Einmal ein Bruder, immer ein Bruder. János war der letzte Mensch, dem er vertrauen sollte! János war einer von denen! Nun hatte Ringwald sein Mündel hier in Do- nehof in die Falle geführt. Das Gelände wurde mit Hun- den abgeschritten, sie hatten kein Geld für eine Flucht; sie hatten nicht einmal eine Möglichkeit, zu den Stallun- gen zu gelangen. Versager, Versager, Versager! Warum war er ein so dämlicher, hochmütiger Schwachkopf ge- wesen, sich für diese Mission freiwillig zu melden? Und, dann noch seinem Mündel zu erlauben, ihn zum Anfüh- rer zu ernennen? Schlechter hätte Raunzer sich keines- falls anstellen können. Raunzer hatte von Anfang an Recht damit gehabt, dass Johanna in Chivial hätte blei- ben sollen. Seine Folter wurde vom Scheppern berstenden Glases und einem Aufprall unterbrochen, der das Haus erschüt- terte. Noch bevor der Widerhall verebbte, war er mit ei- ner Laterne in der Hand unterwegs zum großen Saal. Im Saal war es düster, doch ein paar Kerzen und die bevorrateten Feuer spendeten genug Licht, um zu sehen, dass ein hohes bleigefasstes Fenster in Scherben lag. Wind heulte durch die Öffnung, zerrte an Wandbehän- gen, wehte Regen herein. Der Stein, der das Fenster zer- brochen hatte, war so groß wie ein ›Scheffelkorb‹ und somit lag es jenseits der Möglichkeiten eines Menschen, ihn zu heben. Im Rollen hatte er einige Möbel zerstört. Als Ringwald die Treppe hinaufrannte, barst ein zwei- tes Fenster; ein weiteres Geschoss zerschmetterte Fliesen und kullerte in einen Kamin. Gemälde und Hirschköpfe fielen von den Wänden. Eine Balliste war nicht so ziel- genau und konnte nicht so schnell aufgezogen werden, folglich war hier Hexerei am Werk. Das Gegenstück Vamkys von Chivials General Zerstörer griff Donehof an. Draußen erscholl eine Trompete. Also handelte es sich um keinen verstohlenen Angriff. Die Tür zum Zimmer der Frauen stand offen. Raunzer war im Schlafgemach und brüllte. Auf dem Gang, schwollen weitere Stimmen an, über ihnen trommelten Schritte. Raunzer eilte mit mehreren Mänteln über dem Arm heraus. Ringwald berichtete ihm, was er gesehen hatte. Abermals wurde die Trompete geblasen, wenn- gleich sie hier oben leiser zu hören war. »Und die Hunde?«, fragte Raunzer. »Die Wachen?« Ringwald hatte keinerlei Gebell gehört. »Tot, vermute ich. Oder angekettet. Wir wurden verraten, Bruder.« Licht flutete in den Gang, als Türen aufflogen und Menschen herausstolperten. Graf János tauchte auf, brüllte voll rasendem Zorn, umklammerte ein blankes Schwert und war so gut wie nackt. Er schien lediglich in Stiefel und einen Pelzmantel gekleidet. Dann löste sich Max’ mächtige Masse aus den Schatten und rief Befehle. Als nächstes folgten Johanna und Trudy, zwar ange- kleidet, aber unverschnürt, sodass sie allerlei Bänder hin- ter sich herschleiften. Die Klingen schlangen Mäntel um sie und scheuchten sie inmitten eines Stroms von János’ Wachen, einer Horde halb angekleideter, schwertschwin- gender Wahnsinniger die Treppe hinunter. Irgendwo vor den geborstenen Fenstern schrie jemand etwas durch ein Sprachrohr. Die Worte waren nicht erkennbar, doch Ringwald ahnte, dass die angebotenen Bedingungen mit der Auslieferung der Herzogin beginnen mussten – wenngleich vermutlich nicht namentlich. »Frauen und Kinder« würde genügen. Es gab nur einen Menschen, der nicht in die Nähe der Trauung und Thronbesteigung ge- lassen werden durfte., Armbrüste und Hellebarden tauchten auf geheimnis- volle Weise auf. János kletterte auf einen Tisch und be- gann, Befehle zu brüllen. Wahrscheinlich hatte er einen schlimmen Kater, dennoch wusste er haargenau, was er wollte – jeder sollte sich im großen Saal um den Kamin einfinden und jede Menge Licht mitbringen. Ringwald verstand. »Schnell!«, rief er. »Hier entlang.« »Nein!«, begehrte Johanna auf. »Der Graf will, dass wir …« »Hier entlang!« Ringwald ergriff ihren Arm und zog daran. »Ihr streitet niemals mit Euren Klingen, habt Ihr mich verstanden?« (Nicht einmal mit einer Klinge, die ihre Ausbildung nie beendet hatte und der Fehler unter- liefen?) Er trieb sein verstörtes Mündel in den Gang, der zum hinteren Teil des Hauses führte und schaute nur einmal zurück, um sich zu vergewissern, dass Trudy und Raunzer ihm folgten. Im Augenblick hatten sie zu viert nur ein einziges Licht, aber er führte sie durch die Küche in die Vorratskammer, wo er die Kerzen und Laternen vorbereitet hatte. »Licht!«, rief er. »Wir brauchen jede Menge Licht.« »Was denkt Ihr eigentlich, was …«, setzte die Herzo- gin an. »Still!« Er beugte sich dicht zu ihr, sodass sie einander in die Augen blickten. »Sagt kein Wort! János ist ein Verräter, und da draußen sind Mörder, die Euch nach dem Leben trachten. Schweigt und tut genau, was ich Euch sage.« Verdutzt wich Johanna zurück. Trudy grins-, te ihn an, als wäre all das ein riesiger Spaß. Raunzer zün- dete Laternen an und hatte keinerlei Einwände anzubrin- gen. Sie alle verließen sich darauf, dass Sir Ringwald vom Orden der Klingen sie am Leben hielt, und bislang hatte er ihr Vertrauen jämmerlich enttäuscht. Diesmal sollte er sich wahrlich besser anstellen, sonst würde er keine wei- tere Gelegenheit erhalten. Er stellte sich an der Tür auf und hielt sie einen Spalt- breit offen, damit er zur anderen Tür, der Kellertür, schauen konnte. Zwar dunkelte er das Licht hinter ihm nicht gänzlich ab, aber der Graf würde gewiss eigene Lichter dabei haben und den messerkantenschmalen Lichtstreifen an der Tür wahrscheinlich nicht bemerken. »Wer greift uns an?«, flüsterte Raunzer. »Vamky«, antwortete Ringwald ebenso leise. Nie- mand sonst würde derartige Kriegsbeschwörungen ein- setzen. »Und auf welcher Seite steht János?« »Auf seiner eigenen. Er gehört auch zur Vamky-Rotte, aber in diesem Fall treibt er ein doppeltes Spiel.« Ein weiterer Einschlag erschütterte das Haus. Ge- dämpfte Kampflaute aus dem großen Saal ließen erah- nen, dass die Angreifer einzudringen begannen. Sofern János also vorhatte, was Ringwald vermutete, würde er sich bald in Bewegung setzen müssen. Was er auch tat. Zunächst näherten sich zwei Stim- men, die miteinander stritten. Im dunklen Gang hellte es, sich erst langsam, dann unvermittelt auf, als die Licht- quelle um die Ecke bog. Ringwald schob die Tür zu, drehte sich zu den ver- ängstigten Gesichtern der anderen um und lächelte ihnen ermutigend zu. »Zieh!«, sagte er, und Raunzer blinzelte überrascht, als er Unbezwingbar in seiner Hand sah, ganz so, als wäre sie aus eigenen Stücken zwischen seine Fin- ger gesprungen. Der Streit zog an ihnen vorüber und endete. Natürlich hatte der Graf die Oberhand behalten. Ringwald öffnete die Tür gerade weit genug, um mit einem Auge hinaus- zuspähen. Entgegen seiner Erwartung öffneten sie nicht zuerst die Hintertür. Max stand mit einer Laterne in jeder Hand und zwei weiteren zu seinen Füßen davor, während der gedrungene, vierschrötige János mit einer Brechstan- ge die Kellertür bearbeitete. Holz knarrte und splitterte. »Ich wünschte, ich wüsste, wohin Johanna und die Chivianer geflohen sind!«, meinte Max. »Die schlagen sich schon allein durch!« Mit einer letz- ten Kraftanstrengung löste János die restlichen Balken. »Bereit?« Er riss die Tür weit auf und wich gleichzeitig in die Sicherheit des Laternenscheins zurück. Die Schat- tenherren mussten sich schon auf der anderen Seite ge- drängt haben, denn sie strömten wie Rauchschwaden aus dem Keller. »Bleib, wo du bist!«, brüllte Glockmann und zielte mit dem Schwert auf den verhinderten Flüchtling. Seine, Stimme hallte durch das Torvorwerk. »Und steig ab.« Auf dem Rücken eines Pferdes ein echtes Schwert zu ziehen, war in Eisenburg streng verboten. Die Belanglo- sigkeit jenes Gedankens löste den Drang zu kichern aus, und ihm wurde bewusst, dass er auf Messers Schneide am Rand einer Panik entlangwandelte. Er holte ein paar Mal tief Luft. »Steck das Schwert weg!«, befahl eine Stimme von oben. »Steigt beide ab und entfernt euch von den Pfer- den.« Glockmann schob Wagemut zurück in die Scheide am Sattel und sprang, ja fiel fast zu Boden. Linkisch wankte er zur gegenüberliegenden Seite des Torvorwerks und hatte wie üblich nach einem Tag im Sattel den Eindruck, seine Beine wären geschrumpft. Graf János musste sich ständig so fühlen. Metall klirrte, Angeln quietschten, und eine Neben- pforte schwang auf. Sie war hoch und breit genug für einen berittenen Mann, doch die Soldatentruppe, die hin- durchtrat, war zu Fuß unterwegs. Die Männer trugen baumwollgepolsterte Rüstungen und Hellebarden mit dämonisch funkelnden Spitzen. Die Pforte schloss sich hinter ihnen. Zuerst nahmen sie sich Glockmanns an, vermutlich weil er sich näher zu ihnen befand. Der Anführer der Gruppe sah auf einer Karte in seiner freien Hand etwas nach. »Losungswort?«, »Drehendes Rad.« »Unterschrieben von?« »Kantor Samuil.« »Zelle?« »Weiß 5, D 21. Und spart Euch die Mühe, mich nach dem Datum zu fragen, weil ich es nicht mehr genau weiß. Irgendwann Anfang Viertmond.« »Kennst du den Mann, der mit dir hereingeritten ist?« »Nein. Wir sind uns auf dem Hügel begegnet.« »Dann willkommen zurück, Bruder. Verzeih die Ver- zögerung.« War der Mann nun ein »Herr« oder ein »Bruder«? Das Abzeichen an seinem Helm musste seinen Rang preisge- ben, aber Glockmann konnte es nicht lesen. Zum Glück blieb sein eigener Rang ein Geheimnis, da er keinerlei Abzeichen trug. »Es war mal wieder einer jener Tage«, erwiderte er nur. Ohne einen Blick zurück führte er sein Pferd zu der Pforte, die sich öffnete, um ihn einzulassen. Mit an Si- cherheit grenzender Wahrscheinlichkeit würden er und Radu demnächst in angrenzenden Verliesen wiederver- eint werden. Radu hatte ihn zwar auf eine solche Katast- rophe so gut wie möglich vorbereitet, doch er musste da- bei viele, viele Dinge übersehen haben. Jenseits des Torvorwerks liegt der Innenhof. Ihr reitet zur Quartiermeisterei hinüber… rechter Hand… Es sah nicht wie ein Innenhof aus, und er war bereits abgestiegen. Verwirrt stand er in einem Bogengang, in, dem einige Laternen brannten, die Licht auf kahles Mau- erwerk und Bögen warfen, die sich im Regen wie in schimmernde weiße Spitze verhüllt präsentierten. Der Hof musste sich dahinter befinden. Wie weit musste er gehen? Sollte er wieder aufsteigen oder das Pferd füh- ren? Ein Mann in einem knöchellangen, weißen Gewand kam herbeigerannt – ein Halbwüchsiger mit rasiertem Antlitz und kahlgeschorenem Haupt. Eine auf gesetzte Kapuze und ein weißer Gürtel bedeuten, dass es sich um einen Novizen handelt. Nennt ihn »Novize« oder gar nichts. »Herr!« »Nimm sie«, befahl Glockmann. Danach brauchte er dem Burschen nur noch zu folgen. Sie hielten sich rechts und gelangten zu einer großen Tür, hinter der Laternen- licht schimmerte. Offensichtlich handelte es sich nicht um einen Stall. Er hoffte, es wäre die Quartiermeisterei und nicht die Bäckerei oder der Laden des Kräuterkund- lers. »Warte kurz!« Mit steifgefrorenen Fingern begann er, an den Satteltaschen zu fummeln. »Herr! Ich bringe sie Euch.« Er konnte einem Novizen widersprechen – vorausge- setzt, dies war tatsächlich ein Novize und kein ranghöhe- rer Bruder, der geschickt worden war, um ihn im Auge zu behalten. »Ich brauche nur etwas aus dieser Tasche, sonst nichts. Aber das Schwert will ich haben.« Ihr könnt verlangen, dasselbe Schwert zu behalten. Man darf ein, Lieblingsschwert haben, es sei denn, dem befehlshaben- den Offizier gefällt es nicht. »Herr!«, sagte der Novize und öffnete die Tasche für ihn. »Ich bringe Euch das Schwert, Herr.« »Tu das.« Glockmann hob die sperrige Tasche mit den Dietrichen heraus. In Chivial konnte man dafür gehängt werden, solches Werkzeug ohne triftigen Grund zu besit- zen. Der Bursche führte das Pferd fort. Was für ein Men- schenschänder ließ Stallknechte in weißen Kutten arbei- ten? Die Halle erwies sich als groß und düster. Im hinteren Teil waren Regalreihen erkennbar, zur Linken befanden sich offene Kabinen. Hier war er richtig. Als er die nächstgelegene Kabine erreichte, eilten zwei weitere No- vizen herbei, um ihm zu helfen. »Herr. Handtücher, Herr?« Gerade als er den Helm abnehmen wollte, fiel Glock- mann die Regel ein, dass Gesichter nicht gezeigt werden durften, also hob er sich den Helm bis zuletzt auf. Beflis- sene Hände lösten seinen Harnisch und hoben eine Ton- ne Stahl von ihm. Sofern den Männern sein Zittern auf- fiel, würden sie es der Kälte zuschreiben. Es war eine wahre Wonne, sich mit den rauen Handtüchern abzurei- ben. Anschließend wurde ihm eine weiße Kutte gereicht. Sein Schwert wurde auf die Bank gelegt. »Herr. Welche Farbe?« Welche Farbe wofür?, »Ah, orange.« Er legte die Kutte an, nahm den Helm ab und zog sich die Kapuze ins Gesicht. »Oh … Novize! Ich brauche eine Laterne.« Sofern die Mächtigen ihn beobachteten, hatte er so- eben sein eigenes Todesurteil unterzeichnet, aber der Bursche entgegnete nur Herr! und rannte los. Gehorsam, Gehorsam und nochmals Gehorsam. Er nahm einen orangefarbenen Schwertgurt entgegen und hängte Wagemut daran, die er durchaus zutreffend getauft hatte. Die Sandalen passten recht gut. Er dachte sogar daran, das Haupt zu senken, als er aus der Kabine trat und sich eine nicht angezündete Laterne reichen ließ. Mit ihr in der linken und mit den Dietrichen in der rech- ten Hand verließ Oberritter Glockmann die Quartiermeis- terei, um sich auf die Suche nach dem geheimnisvollen Gefangenen zu begeben. Und niemand hielt ihn auf. Erfand den Beginn der Rampe, die Radu ihm be- schrieben hatte, und ließ sich Zeit damit, sie hinaufzulau- fen, damit seine Augen sich wieder an die Dunkelheit gewöhnen konnten. Es gibt sieben Flügel, die grob in zwei Reihen vom Eingang aus nach hinten angeordnet sind – Rot, Grün, Weiß, Blau im Norden, Gelb, Orange und Violett im Süden, aber sie sind quer miteinander verbunden. Die meisten jedenfalls. Sie können bis zu sechs Ebenen haben. Für gewöhnlich gelangt man über eine Rampe von einem Flügel zum anderen. Und von ei- ner Ebene zur nächsten im Regelfall, indem man zu ei-, nem anderen Flügel und wieder zurück geht. Die Gänge sind eben. Aber das ganze Geflecht ist wesentlich unre- gelmäßiger, als ich es gerade beschrieben habe. Er holte Johannas verzaubertes Medaillon aus der Ta- sche, in der er es verstaut hatte, befestigte die Kette um den Hals und steckte das Medaillon selbst unter die Kut- te. Vielleicht würde das Antlitz, das es ihm verlieh, im Kloster sofort erkannt, vielleicht auch nicht, jedenfalls war er dadurch in der Lage, sein Erscheinungsbild rasch zu verändern, sollte er in Schwierigkeiten geraten. Kurz ging etwas unter dem Licht weit vor ihm hin- durch. Bald darauf begann sein Herz, noch schneller zu schlagen als zuvor. Zwei Männer kamen herab und ihm entgegen. Selbstverständlich waren sie bewaffnet. Falls Euch irgendjemand irgendetwas fragt, sagt Ihr einfach, Ihr hättet Eure Befehle. Das gilt sogar für Euer Haar. Stärker als alles andere, was er in seinem Leben je emp- funden hatte, verspürte er nun den Drang, über die Schul- ter zurückzuschauen. Zwei Gegner waren vielleicht zu bewältigen, allein gegen vier hingegen war es die Mühe nicht wert, überhaupt ins Schwitzen zu geraten. Ohne aufzublicken, zogen sie an ihm vorbei. Zittrig folgte er der Rampe hinauf zum nächsten Licht. Mittlerweile sollte er sich im roten Flügel befinden, doch er hielt nicht inne, um sich zu vergewissern. Er hatte die Wahl zwischen einer Rampe nach oben, zwei Rampen nach unten und mehreren Gängen, die kleiner und schmaler waren. Er entschied sich für die Rampe nach, oben, da er hoffte, sie würde ihn zum grünen Flügel füh- ren. Sie war steiler als die vorherige. Oben angelangt, lief er ein paar Schritte den Gang entlang, eher er innehielt und wartete. Niemand verfolgte ihn. Ein Verfolger hätte dicht, sehr dicht hinter ihm bleiben müssen, doch es kam niemand. Wie Radu es ihm beschrieben hatte, fuhr er mit den Fin- gern behutsam über eine Tür und stieß auf »G 2, C 1«, was zu passen schien. Er machte sich in die Richtung auf, die hoffentlich zum weißen Flügel führte. Doch es war anders. Es war Orange 4, und das ver- wirrte ihn. Das einzig Tröstliche an diesem Irrgarten war, dass man ihn hier nie und nimmer finden würde, bevor er verhungerte. Der nächste Flügel sollte Violett 3 sein. Er entpuppte sich als Weiß 3. Zwei Rampen verliefen nach oben. Blau 4. Zurück zu Weiß 3 und die andere Rampe hin- auf. Violett 4. Nun verstand er, weshalb die Brüder ihre schmutzigen Geheimnisse in Blau 3 versteckten – es gab kein Blau 3. Er kehrte zurück zu Weiß 3. Dann wieder zu Blau 4 und eine Rampe hinunter. Violett 3. Immer weiter… Blau 3! Gefunden. Gang H und Gang K. Kein Gang J. Schwierig hinzugelangen. Das Gewirr entpuppte sich als noch unregelmäßiger, als Radu gesagt hatte. H und K präsentierten sich finster. Kein Lichtkegel zeichnete sich am fernen Ende ab. Gerade wollte er die Laterne an der Wandlampe entzünden, als er Stimmen hörte und ein, Licht am fernen Ende von Gang K auftauchte. So schnell er es in der Dunkelheit wagte, flüchtete er H entlang, wobei er mit einer Hand über die Wand strich, bis er zu einer Sackgasse gelangte und fürchterfüllt inne- hielt. Er war an mehreren Türen vorbeigekommen. Nun befanden sich zwei neben ihm, aber er hatte keine Ah- nung, was sich dahinter befinden mochte – harmlose alte Bücher oder an Schlaflosigkeit leidende Ritter. Laternen bogen um die Ecke in Gang H, leuchteten auf weiße Kut- ten. Glockmann griff gerade nach dem nächstbesten Rie- gel, als die Neuankömmlinge stehen blieben und der ers- te Mann eine Tür öffnete. Glockmann zählte sie beim Hineingehen – zwei Brü- der, Radu mit gefesselten Händen, vier weitere Brüder. Offenbar war den Wachen am Tor ihr Gefangener abge- nommen worden, da er zu wichtig war, um ihn niederen Rängen anzuvertrauen. Sie hatten die Tür angelehnt gelassen. Glockmann rannte los. Es handelte sich um Tür Blau 3, K 1, und sie führte zu einem Oktogramm mit einer anderen, offenen Tür an der gegenüberliegenden Seite. Diese war mit B 3, J 5 beschriftet. Vermutlich war dieser Irrgarten ein Intel- ligenztest für Novizen. Er sah den letzten Mann der Es- korte in etwas verschwinden, was Glockmann für den falschen Besenschrank hielt, öffnete B 3, J 6 auf der ge- genüberliegenden Seite und fand das von Radu erwähnte Oktogramm dunkel und verwaist vor. Dort ließ er die Laterne zurück, behielt aber die Ta-, sche mit den Dietrichen. In der Hoffnung, es würde si- cher genug sein, den Brüdern zu folgen, solange er den Schein ihrer Lichter im Auge behielt, setzte er sich die Treppe hinunter in Bewegung. Er erreichte die Gabelung unten, ohne sich den Hals zu brechen, aber nun befand er sich in pechschwarzer Fins- ternis. Dies musste Blau, Ebene 2 sein. Er versuchte, sich Radus Geschichte in Erinnerung zu rufen – eine weitere Treppe und mehrere Gänge? Die Treppe fand er auf un- angenehme Weise, indem er sich den Knöchel verrenkte. Wenigstens aber konnte er sich noch retten, bevor er der Länge nach hinstürzte. Er vermeinte, Stimmen zu hören, also tastete er sich hinunter zu einem Treppenabsatz vor und stieß auf eine Kehre. Von dort aus sah er Licht, das um eine weitere Ecke drang. Genau wie von Radu beschrieben, führte die zweite Treppenflucht zu einem vergitterten Tor hinab, das offen stand. Der Raum dahinter war so hell erleuchtet, dass Glockmann zögerte, sich näher dorthin zu wagen. Er hör- te Stimmen, viele Stimmen, doch die Worte konnte er nicht verstehen. Sechs Wachen hatten Radu abgeliefert, und auch der andere Gefangene war gewiss nicht unbe- aufsichtigt gewesen. Insgesamt mochte sich dort unten ein Dutzend Brüder befinden, allesamt dafür ausgebildet, die Schwerter einzusetzen, die sie trugen. Selbst ein Durendal ließe sich nicht auf ein solches Kräfteverhältnis ein. Und käme noch jemand, um den Spitzel zu begutachten, säße Glockmann in der Falle und könnte nirgends mehr hin., Also schlich er zurück hinauf zu Ebene 2, erkundete die Gabelung, überprüfte die beiden Treppen und fand drei Gänge. Einen davon ging er hinab, bis er meinte, von der Treppe aus unsichtbar zu sein, dann ließ er sich zu Boden plumpsen und lehnte sich an das kalte Mauer- werk. Erschöpfung spülte über ihn hinweg und umhüllte ihn wie eine Karrenladung Sand. Wie viele Stunden noch, bis das Kloster zu einem neu- en Tag erwachte? Jemand würde diesen Gang entlang- kommen und einen Eindringling auf dem Boden schnar- chend vorfinden, was zweifellos Argwohn erregen wür- de. Dennoch glaubte er, nicht mehr lange wach bleiben zu können. Einzuschlafen käme einem Todesurteil gleich. Müh- sam rappelte er sich auf und begann, den Gang auf und ab zu laufen, nur um munter zu bleiben. Sein gesamter Körper schmerzte und zitterte vor Müdigkeit. Mit der körperlichen Erschöpfung würde er vielleicht noch eine Stunde zurechtzukommen, aber im Augenblick brauchte er seinen Verstand dringender denn je zuvor, und er wusste, dass dieser ihn im Stich ließ. Wäre Radu bei ihm, könnten sie einen sicheren Ort zum Ausruhen suchen, abwechselnd Wache halten, Essen und Trinken suchen, um sich zu stärken … Jener Gedanke löste ein brennen- des Durstgefühl aus. Auf sich allein gestellt war er so gut wie hilflos, solange sich in Blau1Aso viele Brüder tummelten. Stimmen und Lichter … Männer kamen die Treppe, herauf … grummelten, als wäre ihr Schlaf durch eine Be- langlosigkeit unterbrochen worden … gingen weiter hin- auf zu Ebene 3, ohne den Beobachter in der Dunkelheit zu bemerken. Sechs Männer. Stille und Finsternis kehr- ten zurück. Radu war unten bei den Wachen zurück- geblieben, die bereits zuvor dort gewesen waren, wie vie- le es auch immer sein mochten. In der Nacht, als Radu den Gefangenen entdeckte, waren es mindestens vier gewesen, womöglich mehr. Als niemand sonst auftauch- te, schlich Glockmann zur Treppe vor und ging hinunter. Der Graf und der Seneschall waren hell erleuchtet und hinter der offenen Kellertür verborgen. Ähnlich war von Ringwald nur ein Auge zu sehen, und hinter ihm schim- merte noch mehr Licht. Die wandelnden Toten schenkten ihnen allen keine Beachtung und schlurften stattdessen den Gang entlang, um sich auf die Suche nach leichterer Beute zu begeben. In der Düsternis waren sie fest und tödlich und verströmten einen übelkeiterregenden Fäul- nisgeruch. Es waren mehr als zwanzig; einige trugen Waffen oder Werkzeuge, ein paar waren in uralte Rüs- tungen gekleidet, andere zerlumpt oder fast nackt. Sogar einige Frauen waren darunter. An vielen waren tödliche Wunden zu erkennen, die so abscheulich anzusehen wa- ren, dass sich Ringwald der Magen umdrehte. »Das müssen alle sein«, meinte der Graf und kam hin- ter der Tür hervor. »Nein, wartet. Ich höre noch jeman- den kommen.«, »Lasst doch gut sein! Warum warten?«, wollte Max wissen. »Weil ich alle draußen haben und anschließend die Türe schließen will, damit sie nicht zurückkommen kön- nen. Tageslicht tötet sie, oder wusstet Ihr das etwa nicht?« »Es ist entsetzlich, was Ihr getan habt!« »Ich verteidige bloß mein Haus!«, brüllte János. »Die- se Schurken greifen mich nachts und ohne jede Vorwar- nung an, zerstören mein Eigentum, töten meine Hunde, meine Wachen …« »Das wisst Ihr doch gar nicht!« »Warum habe ich dann keine Warnung erhalten? Ge- schieht ihnen recht. Hört! Es hat angefangen.« Ferne Schreie hallten leise durch das Haus, als die An- greifer feststellten, in welcher Gefahr sie schwebten. So niederträchtig die Strategie des Grafen auch sein mochte, Ringwald musste zugeben, dass sie der Bruderschaft durchaus würdig war. János hatte seine eigenen Leute in einen hell erleuchteten Bereich getrieben und ließ die Schattenherren auf die Angreifer los, die sich in dieser besonders finsteren Nacht draußen befanden. Der Keller der Toten war nie ein Fluchtweg, sondern eine geheime Verteidigung gewesen. »Kommt mit!«, forderte Max den Grafen auf. »Wir müssen gewährleisten, dass die Leute nicht in Panik ge- raten. Und wir müssen Frau Schale und die Chivianer finden.«, »Wozu? Tot ist tot.« »Nicht immer!« Damit schleuderte Ringwald die Tür auf und sprang mit Schlechte Neuigkeiten in der Hand hervor. Unmittelbar hinter ihm war Raunzer, und im Gang wurde es noch heller, als die Frauen mit weiteren Laternen folgten. Die Brechstange des Grafen lag zu dessen Füßen. Er trug immer noch lediglich einen Pelzmantel, unter dem seine behaarte Brust und seine Unterarme hervorlugten. Das Breitschwert trug er links, in der rechten Hand hielt er eine Laterne, die er fallen lassen müsste, um zu ziehen, wodurch Ringwald reichlich Warnung erhielt. Der große Seneschall war unbewaffnet. Die Hintertür hinter den beiden war vergittert und verriegelt. Vorerst hatte Ringwald die Oberhand. Aber konnte er sie gegen zwei Vamky-Männer behalten? »Oh, da seid Ihr ja, Euer Gnaden!«, rief der Graf aus. »Wir haben uns schon Sorgen gemacht. Steck das Schwert weg, Söhnchen. Es zeugt von schlechten Manie- ren, seinen Gastgeber zu bedrohen.« »Noch schlimmer ist es, einen Gast an dessen Feinde zu verkaufen.« Ringwald trat näher. Ein an Insekten er- innerndes Rascheln und Klirren ließ erahnen, das etwas immer noch die Stufen heraufkroch, doch Ringwald schenkte dem keine Beachtung. »Habt Ihr Wolfgang Webber tatsächlich gehängt oder nur so getan, als hättet Ihr es vor?« Das Licht der Lampen spiegelte sich in den Augen des, Grafen wider. »Was, bei den Geistern des Todes, geht dich das an?« »Sagt mir einfach, dass Ihr nicht befohlen habt, ihn zu einem Oktogramm zu schaffen und zu heilen, sobald wir weg waren.« »Sir Ringwald!«, begehrte die Herzogin hinter ihm auf. »Das ist lächerlich. Ich habe Euch doch erzählt, wie uns Graf János geholfen hat, nachdem Fadrenschloss niedergebrannt war. Er war mir ein treuer Freund, außer- dem war er ein lebenslanger Freund von Ernst von Fa- der.« Ringwald ließ den Grafen nicht aus den Augen. »Dar- über hinaus aber ist er ein abtrünniger Vamky-Ritter, Hoheit. Er verließ den Orden, nachdem Luitgard gestor- ben war, was ihn jedoch nicht von seinem Eid entband. Ja, er hat Euch und dem Baron geholfen. Dann traf Ha- rald mit Befehlen für ihn ein. Deshalb hat János dem Ba- ron Harald empfohlen. Und deshalb hat er angedeutet, dass Ihr aufbrechen solltet, bevor Harald weitere Schwärme auf ihn loslassen konnte. Später erhielt er an- dere Befehle, nicht wahr, Herr? Als Radu zur Beerdigung seines Vaters erschien, habt Ihr ihn in Gewahrsam ge- nommen. Warum? Ihr habt gesagt, weil er die Bruder- schaft verlassen hatte, aber genau das habt Ihr selbst ge- tan.« »Er hatte ein Kind entführt, das in meiner Obhut ge- lassen worden war!« »Und wer hat Euch das verraten? War Radu etwa so, dumm? Er hatte sorgsam darauf geachtet, nicht gesehen zu werden, hat er uns gesagt.« »Was geht dich das an, Söhnchen?« Ringwald genoss diesen Schlagabtausch fast. Glock- mann wäre stolz auf ihn gewesen. »Euren Seneschall hier geht es auf jeden Fall etwas an. Habt Ihr ihm mitgeteilt, wie Ihr Radu zu Mus geschlagen und wie ein Tier in ei- ner Grube gefangen gehalten habt? Er kannte keine Ge- heimnisse, die für Euch von Belang gewesen wären. Euch wurde befohlen, ihn zu verhören, weil man in Vamky wissen wollte, wie viel er herausgefunden hatte. Anschließend solltet Ihr ihn hängen. Was Ihr auch getan hättet, wenn wir nicht gerade noch rechtzeitig eingetrof- fen wären.« Max gab einen erstaunt-fragenden Laut von sich, den man von einem Bären erwartet hätte, der mitten im Win- ter aus dem Schlaf gerissen wurde. »Und als Ihre Hoheit vor zwei Tagen auftauchte«, fuhr Ringwald fort, »habt Ihr eine Nachricht nach Vamky ge- sandt und versprochen, sie wie befohlen auszuliefern. Max wusste, dass wir kommen würden, richtig, Sene- schall?« »Ich wusste, dass er Gäste mitbringen würde«, bestä- tigte Max vorsichtig. »Also hat unser guter Graf zwei Botschaften gesandt, von denen er uns nichts erzählt hat. Leider haben seine Freunde bei seinem Plan nicht mitgespielt. Oder sie wur- den ungeduldig. Sie beschlossen, heute Nacht hereinzu-, schneien und sich selbst zu bedienen. Was ist schiefge- laufen?« »Sag du es mir doch, Bürschchen«, forderte János ihn in einem Tonfall auf, der ein Rudel Wölfe in die Flucht geschlagen hätte. »Du saugst dir doch hier absonderliche Geschichten aus den Fingern. Warum sollten Freunde von mir mein Haus verwüsten, meine Hunde töten und meine Wachen metzeln oder außer Gefecht setzen?« Der Tumult wurde lauter. Flüchteten die Angreifer von draußen ins Haus, um sich vor den Schattenherren in Si- cherheit zu bringen? Wenn dem so war, hatte der Graf sich selbst überlistet. »Da bin ich mir nicht sicher«, räumte Ringwald ein. »Habt Ihr zu viel für sie verlangt?« »Und warum«, wollte der Graf wissen, während er beiläufig die Laterne in die linke Hand nahm, »hätte ich mich gegen Wolfgang wenden sollen, wenn ich der Bru- derschaft noch treu ergeben wäre?« »Ich habe nicht gesagt, dass Ihr der Bruderschaft treu ergeben seid. Ich sagte lediglich, dass Ihr Befehle entge- gennehmt, und ich bin überzeugt davon, dass Ihr fuchs- teufelswild wart, als Ihr herausgefunden habt, dass Wolf- gang Euch bespitzelte. Außerdem, was habt Ihr Wolf- gang schon groß angetan? Der Junge hat eine grässliche Stunde erlebt, und seine Arme wurden so schlimm zuge- richtet, dass sie vielleicht nie richtig heilen werden, doch ein Ritter muss schließlich damit rechnen, zum Wohl der Sache ein paar Schläge einzustecken, oder? Aber habt Ihr, ihn gehängt? In meinem Orden würde man das als etwas über das Ziel hinausgeschossen betrachten. Sagt mir, dass Ihr wisst, dass er gehängt wurde.« »Das werde ich nicht. Und jetzt geh beiseite, damit ich mich um mein Haus und meine Leute kümmern kann.« János trat einen Schritt vor und blieb stehen, als die fun- kelnde Spitze von Schlechte Neuigkeiten sich nicht von der Stelle rührte. Er wusste um Trudys Gabe, Lügen zu erkennen, und hatte sich behutsam in Fragen ausge- drückt, keine unmittelbaren Aussagen abgegeben. Folg- lich konnte Ringwald immer noch nicht uneingeschränkt sicher sein. Aber immerhin konnte er mit Freude feststellen, wie ruhig er das Schwert hielt, und die Herzogin hatte aufge- hört, sich zu beschweren. »Ich lasse Euch vorbei und ent- schuldige mich, Herr, wenn Ihr mir sagt, dass Ihr im ver- gangenen Jahr keine Befehle aus Vamky erhalten habt. Dass Ihr Wolfgang gehängt habt. Und uns mitteilt, wes- halb Ihr Radu gefoltert habt.« »Ich werde nichts dergleichen tun! Aus dem Weg!« »Lasst das Schwert fallen«, forderte Ringwald den Grafen auf und beobachtete dessen Augen. Der Graf schleuderte mit der Linken die Laterne auf ihn und zog mit der Rechten das Breitschwert. Er schwang einen Hieb, der seinen unverschämten Peiniger töten sollte. Klirrend landete sein Schwert auf dem Bo- den, und er schrie vor Schmerz auf. Viel, viel zu langsam! Ringwald hatte mit einem leisen, »Kahlmoor« um Hilfe ersucht, die Laterne mit Schlechte Neuigkeiten beiseite geschlagen und nach innen pariert. Stahl kreischte. Die Kraft, die der alte Mann ins Gefecht warf, war unglaublich, aber Ringwald drehte sich nach rechts und legte das gesamte Gewicht in die Bewegung, wodurch er zu seiner Linken Platz für Raunzer schaffte, der eingriff und den Ellbogen des Grafen mit einem Auf- wärtshieb der flachen Seite seiner Klinge brach. Das Breitschwert fiel zu Boden. Der Kampf war vorüber. Fühlte sich gut an. Sehr, sehr gut! Sein erster richtiger Kampf. Je weniger Blut vergossen wird, desto besser, hatte Großmeister zu mahnen gepflegt; Rechtsverdreher lebten davon. »Danke, Bruder«, sagte Ringwald. »Seneschall, ich denke, Ihr solltet nachsehen, was dort vorn vor sich geht. Wenn ich Ihr wäre, würde ich mir Sorgen machen, dass die Angreifer das Haus in Brand stecken könnten. Der Rest von uns geht durch den Keller. Euren Herrn nehmen wir als Geisel mit.« »Um keinen Preis gehe ich da hinunter …«, tobte Já- nos. Max’ mächtige Hand stieß ihn zurück gegen die Wand. »Deshalb also ist Radu unmittelbar nach dem Be- gräbnis verschwunden, ohne irgendjemandem Lebewohl zu sagen?« Abermals schleuderte er den Grafen zurück, diesmal mit beiden Händen. »Ihn zu Mus geschlagen, wie?« Offensichtlich würde er als nächstes die Fäuste einsetzen, erhielte er nur die geringste Gelegenheit., »Bis die Sonne sich in Wasser verwandelt und der Mond brennt!«, brüllte János. Zornig knurrte der Seneschall und wich zurück. Der zweite Kampf war vorüber. »Was bedeutet das?«, wollte Raunzer wissen. »Ich glaube, das ist ein Teil ihres Eids«, antwortete Ringwald. »Sie sind beide Vamky-Männer.« »Genug davon!«, schrie János. »Ich habe Radu doch verschont, oder? Ich habe nicht gemeldet, dass die Her- zogin zurückgekommen war. Sage ich die Wahrheit, Mädchen?« Trudy nickte. »Tut er, Liebster.« »Also ist er schon wieder abtrünnig geworden?«, meinte Ringwald. »Der dreht sich wie ein Wetterhahn. Seneschall, Ihr seid entschuldigt.« Unnötig, sich im Au- genblick weitere Feinde zu schaffen. »Ihr seid verrückt, dort hinunterzugehen. Wartet we- nigstens hier, bis …« Max hielt inne und lauschte. Stimmen brüllten ganz in der Nähe. »Schnell!«, rief Ringwald. »Sie kommen.« »Sir Raunzer«, sprach Ringwald laut und vernehmlich. »Wir schicken Graf János mit zwei Laternen voraus. Du folgst ihm. Unter Umständen musst du ihn mit Unbe- zwingbar anspornen, und er versteht keine sanften Hin- weise. Nimm auch eine Laterne. Hoheit, Ihr müsst mir vertrauen. Du gehst Sir Raunzer nach, Tru. Ich bilde die Nachhut.« »Wenn Ihr denkt«, widersprach die Großherzogin,, »dass ich diese Treppe unter irgendwelchen Umständen hinab …« »Du glaubst, Licht wird euch beschützen?«, gellte Já- nos. »Was hat dann meinen Bruder und die Bergarbeiter getötet?« »Unwissenheit oder Panik«, gab Ringwald zurück. »Setz ihn in Bewegung, Bruder.« Raunzer hatte jahrelange Übung darin, andere herum- zuschubsen, zudem trug er seit Monaten Unbezwingbar und hatte noch keine Gelegenheit gehabt, die Waffe ein- zusetzen. Im Nu hatte er den Grafen so weit, dass dieser vor Schmerz schreiend die Treppen hinunterstieg, mit einer Laterne in jeder Hand und kleineren Fleischwunden an den Pobacken. »Lasst mich vorbei!«, forderte Max. Ringwald ging kein Wagnis ein und wich in die Vor- ratskammer zurück, um ihn vorbeilaufen zu lassen. Der große Mann hob eine Faust zum Gruß. »Viel Glück, Sir Klinge. Wenn ich am Morgen noch etwas zu sagen habe, werde ich versuchen, Euch zu helfen.« Er seufzte. »Aber falls das da draußen Vamky-Männer sind, solltet Ihr mir besser nicht vertrauen.« »Danke. Ich verstehe. Beeilt Euch.« Die Kampfgeräu- sche kamen immer näher. Trudy hob das Breitschwert des Grafen auf. »Weiter und nach unten!« »Das könnt Ihr nicht verwenden!«, begehrte Johanna auf., »Ach, kann ich nicht? Denkt Ihr, mir fehlen die nöti- gen Muskeln dafür? Ich gewinne bei zwei von drei Kraftproben gegen Ringwald. Gehen wir.« Mit Schwert und Laterne verschwand sie im Treppenhaus. Was für ein Prachtweib! Zum Glück schien der Herzogin Trudys Angeberei entgangen zu sein, die zwar nicht stimmte, aber auch nicht ganz unbegründet war. Stattdessen starrte sie voll Entsetzen auf den düsteren Eingang. »Das ist Wahn- sinn!« Ringwald reichte ihr eine Laterne. »Es muss sein. Wir müssen Euch zur Hochzeit bringen, Euer Gnaden.« »Tatsächlich? Aber Ihr habt doch …« »… gestern noch etwas anderes gesagt. Aber da sie nun wissen, dass Ihr zurück seid, trachten sie Euch nach dem Leben. Mitten in der Nacht ein Angriff auf das Haus eines Grafen? Sie sind verzweifelt!« Er gab ihr eine wei- tere Laterne. »Wir müssen Euch so bald wie möglich der Öffentlichkeit präsentieren, um zu zeigen, dass Ihr noch am Leben seid. Andernfalls könntet Ihr es schon sehr bald nicht mehr sein. Bitte, Euer Gnaden! Ich kann Euch nicht tragen und gleichzeitig Schattenherren abwehren. Was darf es sein?« Sein Mündel hatte offenkundig blindwütige Angst vor der Dunkelheit, unterirdischen Orten und Ähnlichem. Aber Ringwald wusste, dass die Herzogin Mut besaß, was sie nun erneut bewies, indem sie tat, worum er sie ersuchte. Er folgte ihr hinein und zog die Tür halbherzig, hinter sich zu. Er bezweifelte, dass sich jemand auf ihre Fersen heften würde. Es würde davon abhängen, wie verzweifelt der Feind tatsächlich war, wer immer es sein mochte. Er war schon eine wahre Prachtklinge, wenn er nicht einmal wusste, wer der Gegner war, der sein Mün- del seit über einem halben Jahr zu töten versuchte! Nach vier Stufen schrie Johanna auf: »Igitt! Was ist das?« »Nur so ein Schattending«, gab Trudy unbekümmert zurück. Sie hatte unterhalb des Hindernisses gewartet. »Haltet das Licht einfach tiefer und marschiert gerade- wegs hindurch.« Das »Hindernis« war einst ein Mann gewesen, der in Ketten gestorben war. Er besaß keine Beine mehr, wes- halb er so lange gebraucht hatte, um seinen Gefährten die Treppe hinauf zu folgen. Bei gutem Licht wurde er durchscheinend und flüchtig, sodass seine Versuche, nach Knöcheln zu greifen, vergeblich waren. »Warte auf uns, Raunzer!«, rief Trudy. »Lauf nicht zu weit voraus. Wir kommen.« Ihre Stimme hallte in das Kellergewölbe hinab., Glockmann kroch die Treppe hinab, bis er die zweite E- cke erreichte, von wo aus er zum Gittertor hinuntersehen konnte, das nunmehr geschlossen war. Er hörte Stimmen und noch etwas anderes: Schnalz! Und dann erneut: Schnalz! Stufe um Stufe ging er furchtsam weiter. Ein Mann sagte etwas. Jemand lachte. Dann eine ihm be- kannte Stimme … »Hört auf damit!«, schrie Johanna. Seine Herz setzte kurz aus, doch es war nur die Stim- me, die sie hatte, wenn sie das Medaillon trug. Jemand knurrte eine Erwiderung, die er nicht auszumachen ver- mochte. Es hörte sich wie eine Drohung an. Er ging weiter nach unten, bis er durch das Tor unter ihm spähen konnte. Der Raum war wesentlich größer, als er ihn sich vorgestellt hatte, abgesehen davon jedoch ge- nau so, wie Radu ihn beschrieben hatte: helle Laternen, sechs Holztüren auf der rechten Seite, ein schwerer Tisch mit zwei Bänken in der Mitte (eine dicht am Tisch, die andere zurückgeschoben), vier Gittertüren auf der linken Seite. Und fünf Männer. Einer war beleibt, fast füllig, trug schäbige, schmutzi- ge Gewänder, und wenn es nicht Großherzog Rubin per- sönlich war, dann sein vollkommenes Ebenbild. Er stand in dem zweiten Verlies, umklammerte die Gitterstäbe der, Tür und brüllte über das, was die anderen Männer taten. Wie Radu erzählt hatte, war er zudem durch eine lange, an einem Metallkragen befestigte Kette gesichert. Ein weiterer Mann kauerte auf den Knien vor der drit- ten Gittertür. Seine Handgelenke waren daran gefesselt. Sein Gewand war ihm über die Hüfte hinabgezogen wor- den, und einer seiner Häscher schwang eine Peitsche. Schnalz! Ein weiterer blutiger Striemen gesellte sich zu den vielen anderen auf dem Rücken des Gefangenen. Zwei Brüder beobachteten das Geschehen. Nein. Schliche Glockmann einfach davon und ließe diesen Grausamkeiten ihren Lauf, würde sein Gewissen ihn für den Rest seines Lebens martern. Auch wenn es den Rest seines Lebens wahrscheinlich auf ein paar Mi- nuten verringerte, musste er etwas unternehmen, um die- sem Treiben Einhalt zu gebieten. Drei gegen einen? Für eine echte Klinge waren das furchteinflößende, aber kei- neswegs unmögliche Aussichten. In seiner Jugend hatte Großmeister vier Gegner überwältigt, doch Glockmann war keine echte Klinge. Seine Hände zitterten vor Mü- digkeit; er hatte seine Ausbildung nie abgeschlossen; und er hatte nur ein heiles Auge … Schluss damit! Es waren die Anwärter in Eisenburg gewesen, die ihn regelmäßig besiegt hatten. Beim ersten oder zweiten Versuch hatte er zahlreiche Klingen der Königlichen Garde geschlagen. Erst nachdem sie durch- schaut hatten, wie sie sich seine fast blinde Seite zunutze machen konnten, hatten sie ihn wie eine Schildkröte aus-, sehen lassen. Die Brüder konnten davon nichts wissen. »Ich sagte, hört auf damit!«, brüllte Rubin. »Ihr ent- ehrt die Bruderschaft! Dieser Mann wurde keines Ver- stoßes angeklagt oder verurteilt.« »Und ich sagte, halt gefälligst das Maul, oder ich stop- fe dir deine Kronjuwelen hinein und nagle es zu!«, gab der größere der beiden Beobachter zurück. »Wir verhö- ren hier einen Spitzel.« »Er ist ein Ritter und hat somit Anrecht auf ein Ver- fahren.« Glockmann suchte ein paar Dietriche aus, rollte die Tasche wieder zusammen und schlich so leise wie mög- lich zum Tor. »Ich habe euch bereits alles gesagt, was ich weiß«, meldete sich Radu mit unsteter Stimme zu Wort. »Erzähl uns noch mehr!«, forderte der größere Beob- achter ihn auf. »Achim!« Schnalz! Radu keuchte. »Ich habe den Brief irgendwo verloren.« »Du hast ihn hier verloren! Noch mal, Achim.« Schnalz! Glockmann drückte gegen das Tor und stellte fest, dass es tatsächlich verschlossen war. Er schob einen Dietrich in das Schloss und arbeitete nach Gefühl, wäh- rend er die Augen auf die Brüder gerichtet hielt. Glückli- cherweise befand das Schloss sich zu seiner Rechten, sollte also jemand in seine Richtung schauen, würde man ihn lediglich für jemanden halten, der um Einlass bat., Unglücklicherweise zitterten seine Hände. Dann fand er einen passenden Dietrich … Schnalz! Diesmal schrie Radu auf. »Nein! Ich konnte diesen Ort nicht finden. Ich habe ihn anderswo verloren. Aber ich wusste, dass ihn jemand finden und zustellen würde. Dann habe ich erfahren, dass mein Vater gestorben war und bin zu seiner Beerdigung gereist.« »Du lügst. Du wurdest erkannt.« Schnalz! »Erkannt von mir!«, brüllte der Großherzog. »Auf den ersten Blick dachte ich, es wäre Radu, aber ich lag falsch. Es war ein anderer Mann. Ich habe mich geirrt.« »Und dir habe ich gesagt, du sollst das Maul halten!«, herrschte ihn der große Mann an. »Worauf wartest du, Achim? Mach weiter, bis ich dir befehle aufzuhören.« Schnalz! Radu unterdrückte einen Schrei. »Wäre ich denn zu- rückgekommen, wenn ich etwas Unrechtes getan hätte?« »Dafür wirst du bezahlen, Samuil!«, gellte der Groß- herzog. Also war der große Mann Samuil. Das Schloss war recht einfach. Glockmann brauchte lediglich zwei Ein- schnitte zu umgehen. Mittlerweile konnte er den Bolzen schon berühren, konnte ihn sogar leicht bewegen, aber der Dietrich war zu kurz, um ihn weit genug zu schieben. Er versuchte es mit einem anderen. Schnalz!, Radu brüllte auf. »Bitte! O bitte, hört auf!« »Herr«, meldete der andere Beobachter sich zu Wort. »Wenn es stimmt, dass der Gefangene ein Ritter ist, hat er nach den Regeln des Ordens Anrecht auf ein Verfah- ren. Er sollte nicht verhört werden, ohne …« »Schnauze, Gerlach!« Schnalz! »Ich habe Euch alles gesagt!«, gellte Radu. Schnalz! Entweder übersah Glockmann etwas, oder der Dietrich war immer noch nicht lang genug. Oder saß der Bolzen zu fest im Auslöser? Wenn er mehr Druck ausübte und den Dietrich abbräche, wäre jede Aussicht dahin, das Tor zu öffnen. »Mir ist einerlei, ob du uns alles erzählt hast, Bruder Radu«, meinte Samuil. »Du hast noch nicht für mein Au- ge bezahlt. Mach weiter, Achim! Oder für diese Narben in meinem Gesicht. Wir haben noch eine lange Nacht vor uns.« Schnalz! Radu stöhnte. Klick! Das Tor war offen. Doch sowohl Samuil als auch Gerlach hatten es ge- hört. Beide drehten sich um und schauten in seine Rich- tung. Glockmann wartete, hielt das Haupt im Stil der Brüder geneigt und sein Gesicht in den Schatten. Gerlach schritt zu ihm herüber. »Wer bist du? Und was willst du?«, Glockmann nannte den erstbesten Namen, der ihm ein- fiel. »Ritter Harald mit einem Paket für Kantor Samuil.« Er hielt die eingerollte Ledertasche mit den Dietrichen hoch, jedoch außerhalb der Gitterstäbe. Gerlach griff durch das Tor hindurch danach. Mit der freien Hand er- griff Glockmann sein Handgelenk, zerrte Gerlach nach vorn, presste dessen Arm nach unten auf eine Querstrebe und wuchtete sein gesamtes Gewicht darauf, um ihn zu brechen. Dem darauffolgenden Schrei nach zu urteilen, hatte er es zumindest fast geschafft. Mit der Schulter stieß er das Tor auf, riss den unglück- seligen Gerlach dabei mit, sprang hindurch und zückte Wagemut. Zwei weitere Schwerter zischten aus ihren Scheiden. Drei gegen einen, sechs Augen gegen wenig mehr als eines. Der Vorteil der Überraschung war ver- braucht. Samuil bewegte sich auf den Eindringling zu, doch er näherte sich vorsichtig, also hatte Ansel viel- leicht Recht damit gehabt, dass Glockmann wie ein Schwertkämpfer aussah. Achim, der Folterknecht, ging um das ferne Ende des Tisches, statt seinem Vorgesetzten blindlings in den Kampf zu folgen. Er hoffte eindeutig, Glockmann von hinten zu überraschen, was der Denkweise eines Solda- ten entsprach. Diese Männer waren ausgebildete Krieger – keine Klingen zwar, doch zweifellos gut. Sie würden den Spitzel lebendig fassen wollen. Was nicht gleichbe- deutend mit unverletzt war. Es würde eine gewagte An- gelegenheit werden., Glockmann preschte vor und trat die Bank vor Samuil um, wodurch er ihn zwang zurückzuspringen. Nein, nur fünf Augen! Eines der beiden von Samuil war milchig- weiß, und sein Gesicht war mit weißem Narbengewebe überzogen. Heilzauber vermochte nicht, alles zu heilen, was in besonderem Maße für verbranntes Fleisch zutraf. Glockmann hob sich den Einäugigen für später auf und rannte zurück um den Tisch, um sich Achim vorzu- nehmen. Gerlach stand immer noch und versuchte, mit der linken Hand sein Schwert zu ziehen, aber ein flinker Hieb über den Hals im Vorbeilaufen setzte ihn endgültig Schachmatt. Um Gnade wurde weder gefleht, noch wur- de sie gewährt … Achim war groß, doch ungeachtet dessen und seiner weiten weißen Kutte bewegte er sich wie ein geübter Schwertkämpfer. Da er zum Folterknecht ernannt worden war, war er vermutlich der jüngste und stärkste der drei Brüder. Er führte ein Bastardschwert, ein Anderthalb- hand-Breitschwert, das er in weitem Bogen schwang und Glockmann hätte enthaupten können. Doch Glockmann wehrte es mit der Dietrichtasche ab, die er immer noch in der linken Hand hielt –, versuchte er dies öfter, würde er Finger verlieren – und hob den Kopf. Achim sah das Antlitz des Großherzogs in der Kapuze. Ablenkung! Wa- gemut traf sein linkes Handgelenk, sandte das Breit- schwert klirrend zu Boden. »Hinter dir!«, brüllte der Großherzog. Glockmann wirbelte herum und sprang zurück, parier-, te einen Hieb von Samuil. Wieder trat er zurück, wich vor einer todbringenden Schlagreihe zurück, bis er an den Holztüren fast in die Enge getrieben war. Dann huschte er nach links und bewegte sich in die Richtung, aus der er gekommen war. Der einäugige Bruder war gut, doch er würde sich alsbald verausgaben. Glockmann war fast wieder dort, wo er den Kampf begonnen hatte, also in der Nähe des Tores. Gerade als ihm einfiel, dass dort irgend- wo Gerlachs Leichnam liegen musste, trat er auf einen Arm und stolperte um ein Haar. Samuil drängte mit hass- verzerrter Fratze nach. Auch der Verräter kämpfte um sein Leben. Nur der Sieger konnte dieses Gefecht überleben. Richtig! Die Brüder waren Krieger, keine Zweikämp- fer. Sie waren Männer fürs Grobe, dafür ausgebildet, mit Langschwert oder Säbel gegen Rüstungen oder auf Pfer- den zu fechten. Wagemut besaß ebenfalls eine Schneide, war jedoch leichter, beweglicher und verfügte obendrein über eine Spitze. Glockmann ging zum Angriff über, machte einen Ausfall, stieß zu und hielt so gut es ging das Gleichgewicht. Man musste Samuil Anerkennung dafür zollen, dass er mit nur einem Auge überhaupt zu kämpfen versuchte, zumal er nicht wissen konnte, dass sein Gegner in fast der gleichen Verfassung war. Zudem war er nicht mehr der Jüngste und bereits außer Atem, doch in einem Hochverratsfall kamen Gnade oder Auf- geben nicht in Frage. Glockmann trieb ihn bewusst ent- lang der Zellen vor sich her, indem er mit Wagemuts töd- licher Spitze auf das Gesicht des Einäugigen zielte., Als Kantor Samuil den Großherzog in das Verlies sperrte, hätte er ihm die Knöchel ebenso wie den Hals in Ketten legen sollen, denn Rubin saß mittlerweile auf dem Boden und steckte die Beine durch die Gitterstäbe der Kerkertür. Der Falle hinter sich ungewahr stolperte Sa- muil und verlor das Gleichgewicht. Glockmann tötete ihn mit einem Stoß ins Herz. Bevor er die Klinge herauszie- hen konnte, gellte der Herzog: »Pass auf, hinter dir!«, und Glockmann wirbelte herum, parierte Achims Sichel- hieb. Klirr! Der große Bursche war ihm gefolgt und schwang das Bastardschwert mit einer Hand fast so gut wie mit zwei- en. Nun war es Glockmann, der sich verteidigen musste und beständig von der Tür zurückgetrieben wurde, wäh- rend er versuchte, Atem zu holen und seinen Gegner ein- zuschätzen. Der Letzte von dreien musste zwangsläufig vorgewarnt sein. Und verzweifelt. Über Achims linken Arm strömte Blut, doch es würde lange dauern, bis er verblutete. Außerdem war er der Beste der drei Brüder. Mittlerweile hatte er Glockmann auf Höhe des vierten Verlieses und war dabei, ihn gegen die hintere Wand zu- rückzudrängen. Klirr! Glockmann wusste, dass er fast am Ende seiner Kräfte war. »Du bist gut, Bruder Achim!« Klirr! »Lass das Schwert fallen …« Klirr! »… und ich gewähre dir eine …« Klirr! »… königliche Begnadigung.« Achim lachte. Klirr! »Ich gewähre Euch ein Staatsbe- gräbnis.«, »Mein Zwilling dort in der Zelle wird …« Klirr! »… das Angebot bestätigen. Nicht wahr, Bruder?« »Voll und ganz«, sagte Rubin. Klirr! Nun mischte sogar Radu sich in den Kampf. Er war auf Knien rücklings gekrochen und hatte dabei die Ver- liestür aufgezogen, bis sie weit offen stand. In einem letzten, verzweifelten Kraftakt stürmte Glockmann vor, schwenkte Wagemut gleich einem silbrigen Wirbel vor Achim, um seinen Gegner in die Falle zu drängen. Achim wich zurück – einen Schritt… zwei… Radu warf sich vorwärts, als wollte er die Gittertür schließen, und schwang sie dabei auf Achims Rücken zu. Der Bruder hörte das Quietschen der Angeln oder spürte die Tür kommen. Jedenfalls gelang es ihm, ihr auszuwei- chen, doch er war zu abgelenkt, um den Stoß zu parieren, der sich durch sein Auge in sein Gehirn bohrte. Mit ei- nem dumpfem Schlag fiel er auf den Boden und warf sich ein paar Mal hin und her, aber es war vorüber. Die Stille wurde nur von Glockmanns heftigem Japsen nach Luft und einem leisen Klatschen des Großherzogs in seiner Zelle unterbrochen., Die Treppe führte zwischen feuchten Steinwänden etwa zwanzig Stufen nach unten und endete in weitläufiger Dunkelheit. Ringwald, der als Letzter kam, fand seine Gefährten betreten schweigend vor. Sie hielten Laternen hoch und spähten um sich. Die Luft war feucht und mod- rig, doch der faulige Gestank deutete auf Gemüse hin, keine Tiere; es roch nicht nach verwestem Fleisch oder nagetierjagenden Katzen. Gedrungene Steinsäulen er- streckten sich in zwei Reihen links und rechts nach hin- ten. Jede Säule verzweigte sich nach oben in vier Bögen, doch es waren auch zahlreiche kleine Säulenstümpfe un- regelmäßiger Höhe und mit ungleichmäßigem Abstand zueinander zu erkennen. Dies war ein unfertiger Keller, und die Säulenstümpfe waren in Wahrheit Fliesenstapel, die darauf warteten, verlegt zu werden. Der bestehende Boden war uneben, feucht und geröllübersät. Überall lau- erten Schatten und Unrat, zumindest hier neben dem Ausgang – umgekippte Schubkarren, verrottete Körbe, Maurerkellen, Hämmer, Schaufeln. Der Schein der Laternen war zwar begrenzt, dennoch konnte Ringwald etwas entfernt Mauern sehen. Gewiss gab es rechter Hand eine Maurerrampe. »Wohin führt das dort?« Er deutete mit dem Schwert die Richtung. »Eine Fässerrampe«, meinte Raunzer. »Auf den Hof?«, »Zugemauert.« János wirkte ebenso verloren wie die anderen, aber wahrscheinlich war auch er noch nie hier unten gewesen. »Dafür werde ich dich am Galgen bau- meln sehen, du chivianischer Abschaum. Und das ist noch gar nichts im Vergleich zu dem, was meine Söhne mit dir anstellen werden, falls ich sterben sollte.« »Die werden zu beschäftigt damit sein, untereinander zu streiten«, widersprach Raunzer. »Wo geht es zu dem geheimen Tunnel?« »Findet ihn selbst.« »Wann ist Euer Bruder gestorben?«, fragte Ringwald. »Wie lange ist das her?« »Frag ihn doch. Er muss noch irgendwo hier unten sein.« Dreißig Jahre? Länger. János hatte Söhne, die älter waren, und sie mussten nach der Katastrophe geboren worden sein. Die Herzogin wimmerte. Sie wirkte, als wäre ihr kalt, obwohl die Luft nicht besonders frostig war, bloß feucht und modrig. Sie brauchte Glockmann, um ihr den Rü- cken zu stärken. Der große Bursche könnte ihnen allen den Rücken stärken, oder er hätte die Falle bereits früher erkannt und sie davor bewahrt, sich überhaupt hier unten herumdrücken zu müssen. Ringwald hätte Trudy am lieb- sten umarmt, aber Umarmen kam nicht in Frage, wenn man in einer Hand ein Schwert und in der anderen eine Laterne hielt. »Lasst Euch von ihm keine Angst machen, Euer Gna-, den«, sagte er. Nur ein Narr hätte an diesem Ort keine Angst gehabt. Aus den Augenwinkeln erspähte er fort- während Schemen, die sich bewegten und dabei leise, schlurfende Geräusche verursachten. Er spürte eine Mil- lion toter Augen, die ihn beobachteten, sah eine Million Plätze, an denen sich Schattenherren vor den Laternen verstecken mochten. Es wäre töricht anzunehmen, dass sie alle an der Tür gewartet hatten. »Ihr steckt mit uns hier fest, Graf. Wo geht es zur Feste?« János antwortete mit einer Unflätigkeit und jaulte auf, als Raunzer ihn piekste. »Heb dir das für dann auf, wenn es nötig ist, Bruder«, forderte Ringwald die andere Klinge auf. Wenigstens brauchte er sich nicht darüber zu sorgen, dass ihre Geisel wegrennen könnte. János musste ebenso verängstigt wie der Rest von ihnen sein, er hatte lediglich mehr Erfah- rung darin, dies nicht zu zeigen. »Gehen wir auf Erkun- dungsgang. Zuerst dort entlang.« Er steuerte auf die aufgegebene Fässerrampe und ei- nen konischen Geröllhügel daneben zu, und auf weitere verrottende Schubkarren. »Da ist einer!«, gellte Trudy, und alle starrten in die Richtung, in die sie deutete. Doch dort war nichts mehr zu sehen. »Kannst du sie spüren, Liebste?«, fragte Ringwald. Sie schauderte. »O ja. Sie sind überall. Aber ich kann sie nicht genau orten.« »Wir sind in Sicherheit. Schließlich haben wir reich-, lich Licht dabei. Achte darauf, dass der Graf dir nicht zu nahe kommt.« Er wünschte, sie hätte das Breitschwert nicht mitgenommen. Sollte der einstige Vamky-Ritter es ihr entreißen, konnten die Dinge übel außer Kontrolle geraten. Oh, sind sie denn noch nicht übel? Der Haufen erwies sich als Schlamme und Kiesel, nicht als Bauschutt. »Ich glaube«, tat Ringwald kund, »das ist der Aushub von dem Tunnel zur Feste. Sie haben ihn hier gesammelt, damit andere ihn über die Rampe auf Karren im Hof verladen konnten. Aber wenn sie nicht in der Lage waren, den Tunnel fertig zu stellen, haben sie wohl den Großteil zurückgeschafft. Klingt das sinnvoll?« Hätte Glockmann ihm beigepflichtet? Raunzer trat gegen einen Stapel fauligen Holzes. »Und damit haben sie ihre Grabungen abgestützt?« »Guter Mann! Natürlich.« Aber war der Tunnel noch offen? Solide Wände und eine Decke hätten die Bauar- beiter gewiss nur angelegt, wenn sie wussten, dass ihre Bemühungen einen Zweck erfüllten. Weit und breit wa- ren keine Mauersteinstapel zu sehen. Die Arbeiten muss- ten in dem Augenblick eingestellt worden sein, als sie in die Gruft der Feste vorstießen, und wie groß musste ein Loch für einen Schattenherren schon sein? Wäre die Luft so schal, wenn es einen offenen Zugang zur Feste gäbe? »Hier ist der Pfad«, verkündete Trudy. Auf der gege- nüberliegenden Seite des Haufens war der Boden ge- pflastert, und schlammige Spuren verrieten, wo die Kar-, ren vor vierzig Jahren herangeschoben worden waren. »Da lang!« »Warte!«, rief Ringwald. »Der Graf zuerst. Haltet die Reihenfolge ein. Und bleibt dicht beisammen.« Abermals von Raunzers Schwert bedroht, stapfte Já- nos den uralten Pfad entlang. Bei der ersten Säule sprang eine Gestalt auf ihn zu und zielte mit den Fingernägeln auf sein Gesicht. Er schrie auf, taumelte rücklings und ließ beide Laternen fallen, als er versuchte, sich zu ver- teidigen. Glas zerbarst, Dunkelheit umflutete ihn. János ging unter dem Gewicht seines Angreifers zu Boden. Brüllend griff Raunzer den Geist mit Licht und Schwert an. Mit dem einen oder dem anderen statt bei- dem zusammen hätte er mehr Erfolg gehabt. Unbezwing- bar sauste harmlos durch die Erscheinung hindurch. Zum Glück hatte er waagerecht zugestoßen, denn ein Ab- wärtshieb hätte János wohl getötet. Weitere Lichter ka- men herbei; das Trugbild kroch auf allen vieren davon und gesellte sich zu einer Gruppe weiterer Schemen am Rand der Finsternis. Nun war der Feind in Sicht, und zwar in reichlicher Zahl. Die sieben Laternen der Eindringlinge hatten sich auf fünf verringert. Ringwald versuchte, die lauernden Schat- tenherren zu zählen, aber sie bewegten sich unablässig durcheinander. Es waren mehr als ein Dutzend. Ihr stum- mer Hass drückte ihm aufs Gemüt. Hätten sie gestöhnt oder Unflätigkeiten gebrüllt, hätten sie vermutlich weni- ger gefährlich gewirkt., »Ist alles in Ordnung mit Euch, Herr?«, fragte Johanna und sank auf ein Knie. János kauerte gleich einem Häufchen Elend auf dem Boden. Er sah keineswegs aus, als wäre alles in Ordnung mit ihm. Weil er nicht stand, wirkte er groß, doch er mur- melte japsend vor sich hin, schluchzte fast. Ein Mann seines Alters konnte an einem solchen Schreck sterben. »Ist euch das Gleiche aufgefallen wie mir?«, fragte Raunzer. »Ein jüngerer Bursche, altmodische Kleider, zerlumpt zwar, aber ursprünglich recht ausgefallen, wür- de ich meinen. Seht Ihr die anderen dort? Die meisten sind halbnackte Arbeiter. Der da aber sticht hervor. Und seine Beine …« »Das reicht!«, herrschte Ringwald ihn an. Seine Beine waren kurz? Es war Luitgard gewesen – er höchstpersön- lich. Oder mittlerweile es höchstpersönlich? Der arme, alte János war von seinem eigenen, vor vierzig Jahren verstorbenen Bruder angegriffen worden. Ringwald schauderte. »Auf die Beine, Graf! Wir müssen einen Weg hier heraus finden. Gebt ihm ein Licht, Euer Gna- den. Eine Laterne für jeden von uns. Wer sie verliert, muss ohne zurechtkommen. Schnell jetzt!« Johanna half dem greisen Mann beim Aufstehen. Mit einem Schlag wirkte er nicht mehr wie der grausame Herrscher von Brikov; er war geschrumpft und gealtert. Sein Bart schien nicht mehr zu Knistern. Nach zwei weiteren Säulen gelangten sie zu einer Wand mit Nischen darin. Aus einer der Nischen waren, ein paar Steinblöcke entfernt worden. Als Durchgang war das Loch klein, kaum kopfhoch und gerade breit ge- nug für einen Schubkarren. Hier hatte der längst verstor- bene Luitgard mit seinem geheimen Tunnel zur Feste begonnen. »Wir schauen abwechselnd hinein«, schlug Ringwald vor. »Der Rest von uns muss für Licht rund um den Ein- gang sorgen.« Er wartete bis zuletzt, um sich selbst ein Bild zu ma- chen. Der Tunnel war leicht abschüssig und genauso schmal wie der Eingang. Am Rand seines Sichtfelds er- spähte er einen Schatten, der ein abzweigender Stollen sein mochte. Die Decke war mit Holz gesichert, aber ei- nige der Balken hingen stark durch, und die Verstrebun- gen wirkten wackelig. An manchen Stellen waren die Abstützungen zusammengebrochen. Dort hatte sich Ge- röll auf dem Boden gesammelt. Was war er doch für eine armselige, unfähige Klinge, dass er sein Mündel an einen solchen Ort führte! Er zog sich wieder zurück, um sich mit den anderen zu beratschlagen. Sie standen in einem Halbkreis der schat- tenschwangeren Dunkelheit zugewandt. »Sagt nicht, Ihr ginget dort nicht hinein, und wenn Eu- er Leben davon abhinge«, meinte Raunzer unbekümmert, »denn das tut es.« »Der Tunnel ist abschüssig«, gab Ringwald zu beden- ken. »Und der Boden ist feucht. Sickerwasser.« »Das Holz ist völlig verrottet«, knurrte der Graf. Er, rieb sich unablässig die Kehle, als schmerzte sie. Der Leichnam seines Bruders hatte versucht, ihn zu erdros- seln. »Ja, aber es muss irgendwo einen Abfluss geben. Ich weiß schon, dass er kaum größer als ein Mauseloch sein könnte. Sicher können wir nur sein, wenn wir hineinge- hen und nachsehen.« »Ich kann dort nicht hin!« Die Herzogin hatte die Ar- me um sich geschlungen, als fröstelte sie. »Ich kann ein- fach nicht.« »Ich auch nicht«, pflichtete János ihr bei. »Werde ich auch nicht. Ich kehre um, und ihr werdet mich töten müs- sen, um mich aufzuhalten. Ich finde, ihr solltet alle mit- kommen. Lasst den Jungen doch gehen, wenn er unbe- dingt will.« Befehlshaber Ringwald sah sich seiner ersten Meuterei gegenüber. »Sagt uns die Wahrheit, Herr. Habt Ihr eine Nachricht zur Bruderschaft geschickt, dass Ihr die Her- zogin in Eurer Gewalt habt und für einen angemessenen Preis abtreten würdet?« Der Versuch des Grafen zu brüllen drang als schmerz- liches Krächzen aus seiner Kehle. Er hustete. »Dummer Junge!«, flüsterte er. »Nein. Und mit Vamky feilscht man nicht! Ja, ich war ein Ritter, bis … das geschah.« Mit dem Daumen deutete er auf den Tunnel hinter sich. »Vor vierundvierzig Jahren verließ ich den Orden. Vierund- vierzig Jahre lang habe ich nichts mehr von den Brüdern gehört. Sie ließen mich in Frieden. Dann trafen Befehle, ein. Nicht durch Harald. Auch damit hast du dich geirrt. Erst nachdem er weg war, im Fünftmond. Vamky ge- horcht man, sonst …!« »Sonst was?«, fragte Raunzer, als wollte er es wirklich wissen. »Sonst blüht einem, was man sich nur vorstellen kann. Mir wurde aufgetragen, die Herzogin und sämtliche ihrer Gefährten festzuhalten, sollten sie auftauchen. Anschlie- ßend sollte ich Vamky benachrichtigen.« »Aber das war Monate, nachdem sie aufgebrochen war!«, rief Ringwald aus. »Warum haben sie so lange gewartet?« »Keine Ahnung!«, gellte der Graf. »Ich habe nicht ge- fragt! Schließlich wurde mir letzte Woche befohlen, Ra- du in Gewahrsam zu nehmen und ihn darüber zu verhö- ren, was er gesehen hat und nicht hätte sehen sollen. Das tat ich. Danach habe ich Bericht erstattet. Mir wurde auf- getragen, ihn zu hängen.« »Aber das habt Ihr nicht getan«, stellte Ringwald fest. »Ihr habt gewartet und gehofft, er würde den Anstand besitzen, still und leise in dem Loch zu sterben, damit es Euch erspart bliebe, einen Bruder zu hängen. Als Ihre Hoheit auftauchte, habt Ihr Radu freigelassen. Auch die Herzogin habt Ihr nicht festgehalten.« »Weil ihr mich davon überzeugt habt, dass Radu die Wahrheit sagte«, erklärte János. »Volpe ist an Hochver- rat beteiligt, er und der Abt. Damit will ich nichts zu tun haben. Mein Landrecht gewährt mir der Herzog, nicht, Volpe. Also bin ich übergelaufen. Ich habe nicht gemel- det, dass Ihre Hoheit zurück war. Nun, Mädchen? Lüge ich?« »Nein, Herr«, bestätigte Trudy und schaute besorgt zu Ringwald. Ringwalds Lachen erschreckte sogar ihn selbst. »Des- halb seid Ihr so hart mit Wolfgang umgesprungen! Ihr habt nicht gewusst, dass er Euch bespitzelt. Habt Ihr ihn gehängt?« Der Graf schüttelte den mächtigen Kopf. »Ich habe be- fohlen, ihn heilen und in die Grube werfen zu lassen, bis ich zurückkomme. Darin bin ich mit dir einer Meinung, Junge. Ein Bruder sollte einen anderen Bruder nicht hän- gen.« »Wer ist Euer Ansprechbruder in Vamky, Herr? Wem habt Ihr die Meldung geschickt?« Warum spielte das eine Rolle? Tat es nicht. Ringwald brauchte bloß Zeit zum Nachdenken. »Weiß ich nicht. Ich schreibe an eine Zellennummer. Er kannte das Losungswort, das man mir gab, als ich den Orden verließ. Das ist alles, was zählt.« »Und jetzt zerstört jemand Eure Fenster? Wer? Und woher wussten die, dass Ihre Hoheit hier war?« »Keine Ahnung.« »Das könnte meine Schuld gewesen sein«, gestand Trudy. »Wolfgang sagte, er wüsste nichts von weiteren Spitzeln im Tal. Er hat nicht behauptet, es gäbe keine. Ich glaube, er hatte jemanden im Verdacht, vielleicht so-, gar den Grafen selbst.« »Das spielt jetzt alles keine Rolle!«, brüllte János. »Sie sind uns auf den Fersen. Wir müssen hier raus, bevor sie uns das Haus über den Köpfen abfackeln, und in der Fes- te erwartet uns kein Heil. Wir kehren um.« »Wir stimmen ab«, widersprach Ringwald unglück- lich. »Umkehren oder den Tunnel erkunden. Trudy?« »Ich stimme für dich, Liebster.« Ringwald steckte das Schwert in die Scheide, damit er einen Arm frei hatte, um sie an sich zu drücken. »Wir kehren um!«, rief die Herzogin. »Ich ersticke hier unten. Hier ist keine Luft!« »Bruder Raunzer, deine Stimme gibt den Ausschlag.« Und wahrscheinlich würde er von nun an auch die Be- fehlsgewalt haben, wenn die Herzogin das Vertrauen in den gegenwärtigen Anführer verloren hatte. Raunzer zuckte mit den Schultern. »Du bist der An- führer. Ich schließe mich dir an.« »Dann … Tatsächlich?« Ringwald fragte sich, ob er sich verhört hatte. »Aber klar doch. Glaubst du etwa, ich will die Ver- antwortung für diese Katastrophe übernehmen? Du hast uns da hereingeritten, Bruder, also wirst du uns gefälligst auch wieder herausholen.« Bisweilen konnte Raunzer das Richtige tun, er konnte bloß nie das Richtige sagen. »Danke, Bruder.« »Außerdem glaube ich kaum, dass wir es lebendig zu- rück zur Treppe schaffen würden.«, »Damit könnte er Recht haben«, meinte János – und verschwand. Er lag ausgestreckt auf dem Rücken, während ein Stein von der Größe eines Säuglingskopfes den Tunnel hinabkullerte. Auf seiner Stirn prangte eine mächtige Delle. Erstaun- licherweise war seine Laterne nicht zersplittert. »Rein da!«, brüllte Ringwald und packte die Herzogin. Sie kreischte und wehrte sich, dennoch gelang es ihm, sie über den Körper des Grafen hinweg in den Tunnel zu schieben. Trudy folgte den beiden mit der Laterne des Grafen. Raunzer kam als Letzter und schleifte den Gra- fen hinter sich her, der an einem derart beengten Ort eine beträchtliche Bürde darstellte. Steine flogen hinter ihnen her. Warum hatten sie nie daran gedacht, dass die Schattenherren echte Waffen verwenden konnten? Selbst wenn alles, was sie bei sich hatten, als sie starben – wie die Hellebarden der Hoffrei- sassen – dasselbe Schicksal erlitt und in Helligkeit ver- blasste, waren die Schattenherren in Dunkelheit fest, und ein Stein war trotz allem ein Stein. So mussten sie Luit- gard und dessen Arbeiter überwältigt haben. Eine weitere Fehleinschätzung, Sir Ringwald, und womöglich eine tödliche! »Stoßt bloß nicht gegen die Stollenstützen!«, rief Tru- dy. »Geh weiter, Liebster.« Geduckt und stolpernd ging Ringwald den Stollen ent- lang voraus. Der Boden war mit Gesteinsbrocken übersät,, die aus den Wänden gebrochen waren. Für die Schattenher- ren gäben diese hervorragende Wurfgeschosse ab, sollten sie ihnen folgen. An manchen Stellen waren die Seiten eingestürzt, hatten zudem Lehm oder Sand auf den Boden ergossen. Raunzer, der die Nachhut bildete, hielt ein Brett als Schild hoch, und Ringwald hörte, wie Steine hagel- gleich dagegen prasselten. Sie erreichten die Abzweigung, die er zuvor bemerkt hatte. Es handelte sich lediglich um eine Nische, an der zwei Schubkarren einander passieren konnten, sie war jedoch nicht tief genug, um Schutz zu bieten. Ringwald konnte die uralten Radspuren sehen. Dennoch hielt er dort inne, um sich zu sammeln und eine aufkeimende Panik niederzuringen, die ihn davon überzeugen wollte, dass er hier und jetzt sterben würde, und sein Mündel mit ihm. Der Steinhagel hatte nachge- lassen, höchstwahrscheinlich weil der Durchgang zu we- nig Platz bot, um Geschosse zu werfen. »Wo ist der Graf?« »Er wurde durchscheinend, Anführer«, antwortete Raunzer ausnahmsweise kleinlaut. Also hatte der knabenhafte Anführer nun einen Mann verloren, einen Tod verursacht, seine Unschuld verloren, sich als nutzlos wie ein Mistkäfer erwiesen. Er hätte beim Kesselflicken bleiben sollen. Was hatte es für einen Sinn, etwas aus seinem Leben zu machen, wenn es das Falsche war? Der Geschosshagel war verebbt. »Folgen sie uns?« Raunzer spähte an seinem behelfsmäßigen Schild vor-, bei. »Ja, Anführer. Jede Menge dieser Dreckskerle. Sie kommen immer näher.« »Dann nichts wie weiter. Es kann nicht mehr weit sein. Sie würden uns nicht folgen, wenn es keinen Aus- weg gäbe.« Ringwald glaubte das nicht wirklich, aber vielleicht würde es jemand der anderen tun. Noch fünf Laternen und vier Menschen übrig. Während er weiterstolperte, fragte er sich, was diesen Hass der Schattenherren verursachte – waren sie etwa eifersüchtig auf die Lebenden? Trachteten sie nach Ra- che für einen gewaltsamen Tod? Er kam zu dem Schluss, dass die Beschwörung wohl genau darauf ausgelegt war. Einer der Hoffreisassen vor dem Quamast-Haus hatte sich die eigene Kehle durchgeschnitten. Sie wollten kei- nen Rache; wollten niemanden leiden lassen. Sie wollten nur die Lebenden zu sich ins Reich der Untoten holen. Plötzlich platschten seine Füße durch Wasser, und der Tunnel endete. Die Pfütze war seicht, zehn oder zwölf Schritte lang und füllte den Boden von Wand zu Wand. Sie endete an einem sandigen Hang. Dies war das Ende des Pfades, und immer noch prallten Steine von Raunzers Schild ab. Gelegentlich stieß er einen Fluch aus, als wäre er selbst getroffen worden. Glas barst. »Oh!«, rief Raunzer aus. »Ich brauche eine andere Laterne. Schnell!« Noch vier Laternen übrig. Hier kämpfen wir. Hier ster- ben wir., Die Abstützungen endeten kurz vor dem Tunnelende, und zu Ringwalds Füßen lagen einige unbenutzte Holz- balken, folglich waren die Arbeiter nur bis hierhin ge- kommen. Dieser Teil war nicht erst später eingestürzt. Im Verlauf der vierundvierzig Jahre hatte sich vom unge- stützten Teil der Decke Sand und Lehm in die Pfütze dar- unter ergossen. Die Pfütze selbst stellte Sickerwasser dar, das sich an der niedrigsten Stelle des Tunnels sammelte. Wie tief unter der Erde mochten sie sein? Ringwald wa- tete nach vorn und hob die Laterne an, um zu überprüfen, ob es weiter oben einen Ausweg gab. Doch da war kei- ner, nur eine Kuppe, die nirgendwohin führte. Warum hatten die Bergarbeiter hier aufgehört? Und warum füllte sich nicht der gesamte Tunnel mit Wasser? »Halt das mal!« Damit warf er Trudy die Laterne zu und begann, in dem Sandhang zu wühlen wie ein Hund, der nach Kaninchen scharrt, indem er den Aushub zwi- schen den Beinen nach hinten schleuderte. Alsbald stieß er auf Lehm und Kiesel, die seine Hände schmerzen lie- ßen. »Gib das her!« Er nahm ihr das Breitschwert ab und verwendete es wie eine Spitzhacke, schaufelte das Geröll damit beiseite. Es war eine anstrengende Arbeit, aber er legte sich mächtig ins Zeug, da er immer noch jene dä- monischen Steine hörte, die von Raunzers Schild abprall- ten. Ich will nicht hier unten in diesem Rattenloch ster- ben. Die Seitenwände seiner Ausgrabung wurden unstet, und stürzten ein. Trotzdem buddelte er unbeirrt weiter. Trudy eilte ihm mit einem Brett zu Hilfe, das sie als Schaufel verwendete. Seite an Seite gruben sie aus Lei- beskräften. Über ihnen prangte die unsichere Höhlende- cke und ließ Sand auf sie herabrieseln. »Sie kommen näher, Anführer«, meldete Raunzer ru- hig. In ein paar Minuten würde Ringwald mit ihm die Plät- ze tauschen müssen. Viel länger konnte er nicht so wei- ter… Da war es! »Wir sind auf Stein gestoßen!«, rief er. »Es ist eine Mauer.« Steinblöcke, rau und unbearbeitet, aber vermör- telt. Nun musste er tiefer graben, und seine schmale Rin- ne stürzte immerfort ein. »Das ist die Mauer der Gruft! Meißelmale! Die Öffnung muss hier irgendwo sein.« Na- türlich weiter unten in der Nähe des Wassers. »Zurück, Gewürm!«, brüllte Raunzer. Er schlug auf Schatten ein und auf etwas mehr als Schatten, denn Ring- wald hörte leise metallische Laute. Doch nun war die Öffnung in Sicht. Die Arbeiter hat- ten einen Steinblock vollständig zerschlagen, aber eben nur einen, zudem war die Lücke mit Sand und Lehm ver- stopft. Ringwald zerrte mit bloßen Händen daran, schau- felte das Hindernis heraus. Konnte sich ein lebendiger Mensch dort hindurchzwängen? Schattenherren waren jedenfalls hindurchgelangt, aber das konnte auch mit Hil- fe von Licht geschehen sein, das sie körperlos machte. Er zog Schlechte Neuigkeiten und ließ sich auf den, Bauch fallen. Seine Schultern waren zu breit, aber er wand einen Kopf und einen Arm in das Loch, sodass sei- ne Brust schmerzlich auf einer Fläche aus rauem, mit scharfkantigen Steinsplittern durchsetztem Mörtel auflag. Auf der anderen Seite mochten Heerscharen von Schat- tenherren warten. Was, wenn etwas seinen Arm ergriffe und daran zöge? Er schwenkte das Schwert nach unten, nach oben, in jede Richtung, ohne auf etwas zu stoßen. Dort draußen war ein großer Raum, doch wie weit war es zum Boden hinab? Er konnte sich über einem See oder einem zehn Meter tiefen, mit Stacheln gespickten Ab- grund befinden. Doch die Luft roch frisch und sauber. Er wand sich zurück in den Tunnel. Trudy und Johan- na standen im Schlamm. Sogar Raunzer war mittlerweile in die Pfütze zurückgewichen und wehrte Schwerter und Piken ab. Die Schattenherren waren viel näher als zuvor und grauenerregend sichtbar, eine Masse sich windender, riesiger Schaben, ausgemergelte Schauergestalten, die den Tunnel bis zur Decke füllten. Die meisten waren zer- lumpt oder nackt, und etwa das erste Dutzend wirkte durchscheinend. Allein die Enge des Tunnels verhinder- te, dass sie Raunzer überrannten. Sie versuchten, seine Laterne zu zerschlagen, doch das Licht verwandelte ihre Waffen in Nichts; wenn sie mit Brettern zuschlagen wollten, verblassten ihre Hände, und die Bretter fielen zu Boden. Sie sollten sich einfach in die Dunkelheit zurück- ziehen und wieder Steine werfen, doch Ringwald hatte, nicht vor, es ihnen zu raten. Er ließ einen Kiesel in die Gruft fallen. Dieser prallte auf etwas und kullerte davon. Der Boden hörte sich nicht weit entfernt an. Es bestand immer noch Hoffnung. »Eine Laterne!«, rief er. »Ich kann keinen Boden er- kennen. Trudy, du siehst nach. Wir ziehen dich anschlie- ßend wieder hoch.« Ohne Widerrede tat sie, wie ihr geheißen wurde, die- ses Prachtweib! Sie meinte nur: »Wenn ich auf halbem Wege stecken bleibe, werde ich dir das nie verzeihen.« Dennoch sank sie in den Schlamm, streckte beide Arme und eine Laterne vor sich und schlängelte sich mit dem Kopf voraus durch das fürchterlich enge und raue Loch. Ringwald ließ ihr ein paar Augenblicke Zeit, dann packte er sie am Kleid und zerrte sie zurück. Er hörte, wie das Kleid riss. Sie heulte auf. »Autsch! Das hat wehgetan! Aber es ist nicht weit bis nach unten. Ich kann es schaffen.« »Dann du zuerst«, sagte er. »Das wird jetzt nicht besonders würdevoll«, meinte Trudy, aber sie war ohnehin schon vom Kinn bis zu den Zehen voller Schlamm. Sie küsste ihn. »Ich will keine tolldreisten Heldentaten von dir erleben, mein Gelieb- ter«, flüsterte sie. Damit schob sie sich erneut mit dem Gesicht nach unten in die Öffnung, diesmal jedoch mit den Füßen voraus. Ihre Kleid bauschte sich zusammen, und ihre Hüfte bereitete ihr Schwierigkeiten. Sie fluchte, wand sich, und dann fluchte sie abermals, als ihre Beine, hilflos in der Luft baumelten und ihre Schultern in der Lücke klemmten. Als schließlich nur noch ihre Arme zu sehen waren, reichte Ringwald ihr eine Laterne, die sie mit sich zog. Dann verschwand auch diese. »Trudy!«, schrie er und warf sich auf den Boden, um ihr zu folgen. Als er von unten den Schimmer der Later- ne durch das Loch dringen sah, hielt er inne. »Alles in Ordnung, Liebster!«, rief sie. Ihre Stimme hallte in einem größeren Raum wider. »Hier unten bin nur ich. Aber warte mal kurz.« Der Schein der Laterne verblasste, und sein Herz begann, sich zu verknoten. Dann ein grauenerregendes Kreischen. Außer sich vor Angst schrie er und schlug sich den Kopf am oberen Rand des Lochs an. Kurz bevor die Sternchen vor seinen Augen verflogen, meldete ihre Stimme sich wieder. »Das hat sich schlimm angehört, nicht wahr? Es ist ei- ne Tür. Ich wollte mich nur vergewissern, dass sie auf- geht. Schick Ihro Gnaden durch. Und ich möchte, dass du es entsprechend sittsam tust.« Eine Tür? Aber wie viele weitere Türen mochten sie dahinter erwarten? Würde es überhaupt einen Weg aus der Gruft und der Feste geben, wenn sie dort eintrafen? Ringwald wand sich aus dem Loch und immer noch einarmig wieder hinein, damit er Trudy eine weitere La- terne reichen konnte. Sie konnte sie auf Zehenspitzen nicht ganz erreichen, aber er ließ sie zu ihr fallen, und sie, fing die Lampe geschickt auf. Dabei erhaschte Ringwald einen flüchtigen Blick auf eine anscheinend leere Kam- mer und auf die Tür an der fernen Seite, die Trudy er- wähnt hatte. Die Ränder der schmalen Öffnung schabten an ihm wie an einer Karotte. Als nächste war Johanna an der Reihe. Sie blieb stumm, und Ringwald fiel auf, dass sie die Augen ge- schlossen hielt, als sie sich hinlegte, um sich mit den Fü- ßen voraus und dem Gesicht nach unten in Position zu begeben. »Alles in Ordnung«, sagte er. »Trudy wird Euch hel- fen.« Immer noch wortlos zwängte Großherzogin Johanna sich in die Abwasseröffnung und verschwand. Von je- mandem mit ihrem Grauen vor unterirdischen Orten musste dies gewaltigen Mut fordern. Mittlerweile waren nur noch zwei Laternen übrig, weshalb der Tunnel sich gefährlich düster präsentierte. Es war an der Zeit für toll- dreiste Heldentaten. »So!«, rief Ringwald und zog Schlechte Neuigkeiten. »Du bist als nächster dran, Bruder. Ich werde uns unsere Bewunderer vom Hals halten.« Seltsamerweise fiel es ihm leichter, die Worte auszusprechen, als er erwartet hatte. »Nein«, widersprach Raunzer. »Ich passe da nicht durch. Du gehst.« Die Angreifer hatten einige Stangen gefunden, die lang genug waren, um seiner Laterne gefährlich zu wer-, den. Raunzer hackte darauf ein und trat auch. Einige wa- ren so morsch, dass sie abbrachen. Andere nicht. Jeden- falls war es ein anstrengendes Unterfangen, und er sprang so heftig hin und her, dass Ringwald sich nicht an ihm vorbeizwängen konnte, um seinen Platz einzunehmen. »Nein!«, rief Ringwald schrill. »Ich bin der Anführer, und ich befehle dir zu gehen!« »Ich passe nicht hindurch. Hör auf, Zeit zu ver- schwenden.« »Versuch’s wenigstens! Wenn es wirklich nicht passt, dann gehe ich, aber du musst es versuchen.« »Nein! Nimm die andere Laterne und geh, Bohnen- stange. Ihr Rapierfechter habt eben immer Glück. Aber wir Säbelkämpfer sind die besseren Liebhaber. Und jetzt verschwinde und kümmere dich um unser Mündel!« Der Gedanke an Johanna, die schutzlos in der Gruft weilte, während ihr womöglich Schattenherren auflauer- ten, versetzte Ringwald beinahe in Panik. Keine Helden- taten, hatte Trudy gesagt, aber er war Anführer, und es war seine Pflicht, als letzter zu gehen. Das Wissen, dass Raunzer Recht hatte, machte es nicht einfacher. Der gro- ße Ochse würde nie und nimmer durch die winzige Lü- cke passen. Ringwald war nicht einmal sicher, ob er es selbst schaffen würde. »Bitte!«, schrie er. »Versuch es wenigstens!« »Wir werden ganz schön dumm aus der Wäsche gu- cken, wenn ich da darin stecken bleibe, während du noch auf dieser Seite bist.«, »Das kannst du nicht wissen, wenn du es nicht ver- sucht hast.« »Ich werde es versuchen, ich versprech’s. Und jetzt geh«, forderte Raunzer ihn auf. »Schnell! Ich kann sie nicht mehr lange aufhalten.« Ein matter, verzerrter Schrei hallte durch das Loch in der Wand. Dann zwei Schreie. Die Frauen wurden ange- griffen. Nein! Nein! Nein! Seufzend setzte Ringwald sich auf den Boden, zog die dritte Laterne in Griffweite und schob die Beine in die Öffnung. Er ließ Schlechte Neuigkeiten voraus fallen, mit dem Griff nach unten, damit die Waffe niemanden töten würde. Dann das Breitschwert. Schließlich rollte er sich auf den Bauch. Sofern er sich nicht kastrieren wollte, würden seine Hüften das Problem sein. Er musste sich hin und her winden und schieben, um sie hindurchzu- pressen, und die steinigen Ränder des Lochs schienen ihn bis auf die Knochen zu häuten. Raunzer fluchte lauthals, als wäre er verletzt worden, und just in diesem Augen- blick dachte Ringwald, er stecke endgültig fest, könnte weder vor, noch zurück. Seine Schultern waren breiter als seine Hüften, aber beweglicher. Dann war er hin- durch. Seine Beine baumelten in der Luft, und er musste nach Halt suchen, während er die Laterne ergriff. Hände fassten seine Beine, und er unterdrückte ein furchtsames Heulen, indem er sich verzweifelt einredete, es wären helfende Hände und keine, die ihn in den Tod ziehen wollten., »Ich bin durch«, sagte er. »Komm jetzt!« »Gleich«, gab Raunzer zurück. Ringwald glitt über den Rand und riss sich dabei den Bauch und die Schulterblätter auf. Er wollte mit einer Hand die Laterne mitziehen und sich mit der anderen am Rand der Öffnung festhalten, was ihm jedoch misslang. Trudy versuchte, sich sein Gewicht auf die Schultern zu laden, doch auch ihr war kein Erfolg beschieden. Die bei- den stürzten gemeinsam zu Boden. Ringwald schlug so heftig auf dem gekachelten Boden auf, dass es ihm den Atem verschlug. Die Laterne zerbarst. Mühsam setzte er sich auf. »Alles in Ordnung mit dir?« Er selbst schien sich nichts gebrochen zu haben. »Ja, ja!« Sie hatten Glück gehabt. »Was ist denn los? Warum habt ihr geschrien?« »Gar nichts ist los«, antwortete Trudy. »Wir haben Euch streiten gehört, Befehlshaber«, mel- dete die Herzogin sich zu Wort, »weil Ihr mannhaft han- deln wolltet, und wir mussten Euch irgendwie in Bewe- gung setzen. Wir brauchen Euch. Euch beide.« Zittrig stand er auf, roch sein eigenes Blut. »Geht es Euch gut, Euer Gnaden?« »Es ging mir schon besser, aber ich bin nicht verletzt.« Überrascht sah er, wie weit er tatsächlich gefallen war. Das Loch zeichnete sich als Rechteck fahlen Lichts ab. Er hörte, wie Raunzer die Schattenherren mit Flüchen eindeckte., »Raunzer!«, brüllte er, dass es in der Kammer wider- hallte. »Komm jetzt!« Dann drehte er sich um und um- armte Trudy. »Irgendwelche Schattenherren hier?« »Ich glaube nicht. Ich nehme sie nur ganz matt wahr. Aber ihr Gestank hat mich ein wenig betäubt, ich könnte mich also irren.« »Raunzer!« Das Licht erlosch. »Ah!«, rief die Herzogin. »Er kommt!« Ringwald schaute zu Trudy. Trudy schaute zu Ring- wald. »Ich fürchte nein, Hoheit«, widersprach er heiser. »Ich glaube, sie haben die letzte Lampe zerbrochen.« Stille. Aus dem Tunnel drang kein Laut. »Raunzer?« Immer noch entsetzliche Stille. »Und wenn ich auf deine Schultern steige?«, flüsterte Trudy. »Und eine Laterne an die Öffnung halte?« Ringwald schlang erneut einen Arm um sie. Und dann den anderen um Johanna. Eine Weile umarmten alle drei einander. Wäre Raunzer noch am Leben gewesen, hätte er sich gemeldet. »Er hätte nicht durch das Loch gepasst«, meinte Tru- dy. »Oder?« »Ich glaube nicht.« Ich wünschte, ich wäre sicher. Ich wünschte, er hätte es versucht. Also würde Raunzers Name in die Litanei der Helden in Eisenburg eingehen, und es würde Ringwalds Pflicht, sein, den Lobestext zu verfassen: »Von seinem Anführer im Stich gelassen, kämpfte er unverzagt eine aussichtslo- se Schlacht …« Ein andermal. Sein eigener Name steuerte nach wie vor demselben Schicksal entgegen. Vermutlich war es ganz gut, dass niemand über ihn schreiben würde. Weder Schlechte Neuigkeiten noch Unbezwingbar würden je- mals am Himmel der Schwerter hängen. Jetzt aber mussten sie gehen. Zu verharren und zu trauern, wäre töricht und ein Verrat an Raunzers Opfer gewesen. Flucht war in diesem Fall keine Feigheit, son- dern gesunder Menschenverstand. Ringwald war mit Blutergüssen übersät, zerschunden und erschöpft, und die Frauen waren in keiner besseren Verfassung. Drei Men- schen und zwei Laternen. Er schaute auf diejenige hinab, die er fallen gelassen hatte, und war bestürzt darüber, wie wenig Öl inmitten des zerbrochenen Glases zu erkennen war. »Schaffen wir unsere Laternen von der Öffnung weg«, schlug er vor. »Ich glaube, in der Dunkelheit können die- se Ungeheuer nicht durch das Loch.« Aber das wusste er nicht, und er hatte die Schattenherren bereits zuvor unter- schätzt. »Gehen wir uns den Sonnenaufgang ansehen.« In den ersten Strahlen des Tageslichts wären sie sicher. In der Kammer war es schlammig, aber sie war frei von Geröll. Sie besaß keine Fenster, nur eine kleine, ros- tige Eisentür., »Das sieht wie ein Kerker aus«, meinte er, als er auf den Ausgang zusteuerte. Die anderen folgten ihm und brachten das Licht mit. »Das dachte ich auch«, bestätigte Johanna. »Man ket- tet jemanden an einem Ort wie diesem mit ein paar Ker- zen an und lässt ihn eine Weile die Schattenherren beo- bachten. Wenn die Kerzen allmählich zu Ende brennen, kommt man zurück und fragt ihn, ob er nun bereit ist zu reden.« Das war die längste Wortmeldung von ihr seit Stunden. Ihrer Stimme haftete nach wie vor eine grauen- erfüllte Brüchigkeit an, aber wenigstens redete sie wie- der. »Kein besonders netter Einfall, Hoheit.« »Es sei denn, dieser Jemand wäre Fürst Volpe«, mein- te Trudy. Niemand widersprach ihr. Trudy war es gelungen, die Tür eine Hand breit aufzu- drücken. Als Ringwald sich dagegen stemmte, überrasch- te ihn die Kraft, die er aufwenden musste, um sie weiter zu öffnen. Trudy musste noch kräftiger sein, als er ge- dacht hatte. Abermals kreischten die Angeln. Nachdem sich alle drei durch den Spalt gezwängt hatten, schafften er und Trudy es mit vereinten Kräften, die Tür zu schlie- ßen, und erneut hallte der Schrei gepeinigten Eisens durch die Gruft. Die Tür besaß ein Schloss, aber es war kein Schlüssel da. Ringwald unterließ es, darauf hinzuweisen. »Ich rieche Regen!«, flüsterte Trudy. »Ich kann ihn hören!«, bestätigte die Herzogin aufge-, regt. »Und Wind!« Sie befanden sich in einem Gang gegenüber einer ähn- lichen Tür, die vermutlich zu einem ähnlichen Raum führte. Zu ihrer Rechten endete der Gang, also brachen sie nach links auf, um die Quelle der frischen Luft zu su- chen. Trudy trug immer noch das Breitschwert des Gra- fen. Die Steinplatten auf dem Boden waren mit weichem Lehm überzogen, wo Schlamm hereingespült worden war. Sehr bald gelangten sie zu einem Gesteinshaufen. Ge- waltige Massen von Mauerwerk versperrten den Gang von Seite zu Seite und so weit ihr mitleiderregend spärli- cher Lichtkegel reichte. Die Feste war eine Ruine, fiel in sich zusammen und sammelte sich in ihrer eigenen Gruft. Es war kein Himmel zu sehen, aber irgendwo sickerte und tröpfelte Regenwasser. Pilze wucherten in den E- cken, und Baumwurzeln schlängelten sich zwischen moosbewachsenen Überresten von Bögen und Säulen. Wehmütig meinte Trudy: »Ich könnte diesen Regen gut gebrauchen. Wäre schön, sich abspülen zu können.« »Das Morgengrauen muss bald einsetzen«, sagte Ring- wald. »Sobald wir etwas Licht haben, finden wir einen Weg hier heraus.« Was er jedoch nicht wirklich glaubte. Nur Mäuse konnten je einen Weg durch diesen Schutt- haufen finden. Ob die anderen sich von seiner Zuversicht täuschen ließen, blieb ein Geheimnis, denn in jenem Augenblick hallte das Quietschen rostiger Angeln durch den Gang, hinter ihnen. Trudy hob die Laterne an und spähte den Tunnel zurück. Was immer von dort kam, war nicht zu erkennen … noch nicht. »Ich glaube, die Trompeten haben soeben die dritte Runde eingeläutet«, meinte sie. Und es stand zwei zu null für die Schattenherren. »Sucht euch eine Nische, in der ihr euch verstecken könnt«, forderte Ringwald die beiden Frauen auf. »Ich halte sie auf.« Nun hatte er keinen Raunzer mehr, der ihm dabei half. Er war an der Reihe, und demnächst würde er in der Dunkelheit kämpfen müssen. Wie lange würde das Öl noch reichen? »Ich glaube, da fällt uns doch etwas Besseres ein«, murmelte Trudy und ging näher zu dem Gesteinshaufen. »Die Schattenherren haben einen Weg da durch. Ich kann es riechen.« Ein Wunderweib! Ringwald war einerlei, wie sie das genau tat. »Dann geh voraus. Schnell!« Trudy erklomm den Hügel und zwängte sich in eine maulwurfsbaugroße Lücke unter einer Steinplatte. Nach einer Weile hallte ihre Stimme zurück: »Alles klar hier!« »Euer Gnaden?« Dies würde wesentlich schlimmer werden als der Tun- nel oder das Loch in der Wand. Selbst wenn Trudy Recht behalten sollte und den Pfad der Toten finden könnte, gab es keinen Grund zu glauben, dass Lebende ihm zu folgen vermochten. Die Herzogin wusste das. Wieder suchten ihre Dämonen sie heim, dennoch schwieg sie,, folgte nur dem Schein von Trudys Laterne. Ringwald blieb dicht hinter ihr, um ihr zu helfen, sollte sie in Schwierigkeiten geraten, und um sich nicht zu verirren. Er rechnete jeden Augenblick damit, dass sich eisige Hände um seine Knöchel schließen würden. Sie kamen entsetzlich langsam voran. Je höher sie kletterten, desto kleiner schienen die Tunnel und Spalten zu werden. An einer Stelle steckte er in einer höchst ver- winkelten Biegung fest und war ganz und gar nicht si- cher, ob er sie zu überwinden vermochte, und konnte es nicht ausprobieren, weil die Füße seines Mündels unmit- telbar vor seinen Augen baumelten. Er konnte die Herzo- gin atmen hören. Ihr Atem ging zu schnell, zu unregel- mäßig. Sie musste einer Panik nahe sein. »Es tut mir aufrichtig Leid, Euer Gnaden, dass ich als Klinge eine solche Katastrophe bin«, sprach er. »Ich ha- be sowohl Euer Vertrauen als auch das des Ordens ent- täuscht.« Nach einer schmerzlichen Stille entgegnete sie: »Ich finde, Ihr habt Euch bewundernswert geschlagen, Sir Ringwald. Ihr habt Graf János durchschaut. Ich bin si- cher, er hätte mich Fürst Volpe ausgeliefert, wenn Ihr uns nicht fortgeschafft hättet. Ihr, Glockmann und Raunzer – ihr alle wart wunderbar, und ich bin noch nicht bereit aufzugeben.« »Ihr seid äußerst tapfer!« »Wären Frauen Feiglinge, gäbe es keine Kinder, Sir Ringwald.«, Abermals Stille. Ringwald lauschte kaum vernehmba- ren Geräuschen hinter sich und versuchte, sich einzure- den, dass sie nur seiner Einbildung entsprangen oder tröpfelnder Regen waren. Johanna lachte spröde. »Es ist nicht schwierig, tapfer zu sein, wenn man keine Wahl hat. Das soll nicht heißen, dass ich Sir Raunzers Opfer nicht zu würdigen weiß. Er hatte zwar heute Nacht keine andere Wahl, als sich und den Rest von uns zu verteidigen, aber er traf diese Ent- scheidung bereits damals in Eisenburg. Ich sah, wie er seine Angst in der Nacht überwand, als er gebunden wur- de, und diese Erinnerung hat mir den Mut gegeben zu tun, was ich heute Abend tun musste. Es war nicht leicht, ihn zu mögen, dennoch besaß er einige bewundernswerte Eigenschaften.« »Ja«, pflichtete Ringwald ihr bei. »Er hat mich heute Nacht unterstützt, als er Gelegenheit hatte, eine alte Rechnung zu begleichen. Er gab mir die Möglichkeit zu leben, als er wusste, dass er sterben würde. Und vor al- lem hat er seine Pflicht getan. Wenn ich dies hier überle- be, werde ich seinen Brüdern im Orden von seinen Hel- dentaten berichten.« »Wenn ich überlebe, lasse ich eine Statue für ihn er- richten.« Dann rief Trudy herab, dass alles in Ordnung sei, und die Herzogin kletterte weiter. Weitere Hautabschürfun- gen in Kauf nehmend zwängte Ringwald sich durch die Enge und folgte ihr., Kurz darauf hallte ein Freudenschrei von oben herab. »Moos!« Und dann: »Ich bin oben!« Bald gelangte er zu den Frauen in eine felsgesäumte Senke. Kalter, wunderbarer Regen troff aus der Schwärze über ihnen herab und fiel auf die Blätter von Büschen und dürren Bäumen, die inmitten des eingestürzten, moosüberwucherten Mauerwerks sprossen. Der Himmel war noch dunkel, aber von irgendwo erhellte ein matter Schein die freistehende Außenwand der Feste, welche einer leeren Tonne mit ein paar blinden, schwarzen Fens- tern glich. »Dort oben ist ein Licht.« Trudy deutete in die Rich- tung. Warum flüsterte sie plötzlich? »Sollen wir rufen?«, fragte Ringwald. »Nein, Liebster! Sehen wir besser erst nach.« Trudy ging eine lange, gekippte Steinplatte entlang voraus hin- auf. Dabei verwendete sie immer noch das Schwert des Grafen als Stock, denn die moosbewachsene Oberfläche war glitschig. Schattenherren mochten nicht die einzige lauernde Gefahr sein; die Laternen würden sie schon bald verraten. Oben konnten sie zwar besser sehen, doch die Quelle des Feuerscheins lag immer noch hinter Bäumen verborgen. Ringwald deutete nach links. »Seht ihr dasselbe wie ich?« Die anderen sahen es nicht, aber schließlich ge- reichte die Nachtsicht von Klingen selbst Katzen zur Eh- re. »Da ist eine Treppe!« Sie mussten über weitere Steine klettern, um sie zu er-, reichen, doch wenigstens befanden sie sich nun unter freiem Himmel und brauchten sich nicht mehr wie Wür- mer durch einen Sandhügel zu winden. Die Treppe ver- lief entlang der gewundenen, freistehenden Außenmauer der Feste. Einst hatte sich auch auf der Innenseite der Treppe eine Mauer befunden, von der jedoch wenig übrig geblieben war. Die schmalen Stufen waren abgetreten, überraschend frei von Geröll und eindeutig leichter zu bewältigen als der Hügel unsteten, eingestürzten Mauer- werks, den die Flüchtigen gerade hinter sich gelassen hatten. Dies mochte die Lösung sein. Eine Treppe konnte Ringwald gegen eine ganze Armee von Schattenherren verteidigen, zumal sie ihn einzeln angreifen müssten. »Weiter und rauf?«, erkundigte er sich, wobei er un- willkürlich flüsterte. »Sicher doch«, bestätigte Johanna. »Zu erfrieren wäre jedenfalls keine Verbesserung der gegenwärtigen Lage.« »Trudy?«, fragte Ringwald. »Was ist denn los? Riechst du die Schattenherren noch immer?« »Ja.« Sie drehte sich um und starrte zu dem Feuer em- por. »Und dort oben noch etwas anderes. Ich weiß nicht, was es ist.« Eine unbekannte Beschwörung ließ Vamky vermuten. »Du gehst voraus«, schlug Ringwald vor. »Ihr geht als Nächstes, Euer Gnaden.« Die uralten Stufen waren verwittert und gesprungen – an manchen Stellen halb abgebröckelt –, doch irgendje- mand hatte sie von Geröll befreit. Der unbekannte,, pflichtbewusste Hausmeister musste lange vor dieser Zeit gelebt haben, schloss Ringwald, denn auf zahlreichen Stufen hatte sich seither Laubmulch gebildet, aus dem Gras spross. Nach einem kurzen Aufstieg gelangten sie auf Baum- höhe und hielten inne, um einen ersten echten Blick auf das albtraumhafte Gelände zu werfen, dem sie soeben entronnen waren. Die Mitte der Festung war in ein Ge- wirr zerborstener Steine eingestürzt, in dem sich mittler- weile allerlei Pflanzenwuchs ausgebreitet hatte. Die gro- ße Außenmauer selbst präsentierte sich nahezu unver- sehrt. An manchen Stellen waren daran noch, gleich ver- einzelten Honigwaben, Überreste des inneren Aufbaus zu sehen – Teile von Böden, Wänden, sogar Räumen. Das Feuer brannte in einem jener puppenhausgroßen Halb- zimmer im einstigen obersten Stockwerk. Der Schein der Flammen warf einen matten Schimmer auf das Innere der Feste, und mittlerweile war Ringwald fast überzeugt, dass über dem schartigen oberen Rand der Mauer eine Spur Himmel zu erkennen war. Dennoch war es noch nicht hell genug, um Schattenherren aufzulösen. Der ein- zig sichere Ort war in der Nähe des Feuers. Die Laterne der Herzogin flackerte und erlosch. Be- stürzt sog sie hörbar die Luft ein. »Ich trage sie«, sagte Ringwald mit dem Hintergedan- ken, sie als Wurfgeschoss verwenden zu können. »Wei- ter?« »Folgt mir!«, forderte Trudy ihre Gefährten unnöti-, gerweise auf und setzte den Aufstieg fort. Der Untergrund war tückisch, und alsbald klaffte rech- ter Hand ein tiefer Abgrund. Einmal hörte Ringwald ei- nen Kiesel hinter sich rollen und wirbelte so jäh herum, dass er um ein Haar abgestürzt wäre. Doch unten war nichts zu sehen. »Schweineblut!«, fluchte Trudy und blieb stehen. Da es keinerlei Geländer gab, bot jede Stufe nur Platz für eine Person. Die Herzogin spähte an der ehemaligen Weißen Schwester vorbei, und Ringwald versuchte, an beiden Frauen vorbeizusehen. Sie waren am Ende der Treppe angelangt. Die oberste Stufe befand sich genau auf einer Ebene mit dem längst verschwundenen Holzboden. Nun erstreckte sich entlang der Außenmauer nur eine waagerechte Linie von Lö- chern, die einst Balken getragen hatten. Acht oder zehn Schritte entfernt – trotzdem so uner- reichbar wie der Mond – war eine Reihe von Schorn- steinschächten erhalten geblieben, die alles überdauert hatten. Reste von Böden und Wänden hingen noch an ihnen und erweckten den trügerischen Eindruck von kleinen Räumen. Die oberste jener Kammern enthielt einen großen Steinkamin, der zu den Beobachtern am Kopf der brüchigen Treppe wies und sich auf einer Höhe mit ihnen befand. Neben dem einladenden Feuer, das in dem Kamin kni- sterte, saßen zwei Männer auf Stühlen. Sie schienen es durchaus behaglich zu haben – zweifellos warm, außer-, dem wurden sie durch einen überhängenden Rest des Schieferdachs vor dem Nieselregen geschützt. Einer der beiden trug ein weißes Gewand mit dem blauen Vamky- V darauf. Sein Gesicht war unter einer Kapuze verbor- gen. Der andere war prunkvoll in Pelz, Brokat und Gold- tuch gekleidet und Großherzog Rubin von Krupina., Altgediente in Eisenburg fochten häufig ohne Polsterung oder Masken. Obwohl Übungswaffen stumpfe Schneiden hatten, konnten sie durchaus Verletzungen zufügen, und etwa jede Woche wurde jemand in aller Eile zu einer Heilung zum Oktogramm gebracht. Das Wagnis war durchaus zu rechtfertigen, denn ein gefährlicher Beruf bedingte eine strenge Ausbildung, und die drohende Aussicht plötzlichen Schmerzes war ein mächtiger An- reiz, eine starke Verteidigung zu entwickeln. Doch selbst das hatte Glockmann nicht auf einen echten Kampf ge- gen echte Feinde vorbereitet, die versuchten, ihn mit ech- ten Waffen zu verstümmeln. Ebenso wenig besaß er eine Bindung, die ihn anspornte. Glockmann war erstaunt darüber, wie sein Körper auf diese neue Erfahrung reagierte. Er zitterte so heftig, dass er sich an den Tisch lehnen musste, um aufrecht zu blei- ben, sein Atem rasselte in der Kehle, und vor seinen Au- gen tänzelten dunkle Flammen. Er war sehr nah an seine Grenzen getrieben worden. Es war vorbei! Und für einen Mann, dem die halbe Sehkraft eines Auges fehlte, war es eine würdige Schlacht gewesen. Sogar eine echte Klinge hätte sich dieses Gefechts nicht zu schämen brauchen, und er würde das Haupt vor Stolz gewiss höher tragen. Was in jedem Fall besser schien, als es unter dem Arm zu tragen., »Eine bemerkenswerte Vorführung der Schwertkunst, junger Mann«, meinte die Person in der Zelle. Glockmann nickte zum Dank. Er spürte in jener gelas- senen Bemerkung echte Befehlsgewalt, so als wüsste der Sprecher haargenau, was die Schlacht ihm – Glockmann – abverlangt hatte. Allmählich bekam er seinen Atem wieder in den Griff. »Wisst Ihr, Königliche Hoheit, ich kann mich nicht be- sinnen, einen Zwilling zu haben. Einer von uns muss wohl eine Fälschung sein.« »Findet Ihr, dass Ihr die Rolle überzeugend spielt?« »Ich wünschte, ich hätte einen besseren Sitzplatz für das Schauspiel«, meldete Radu sich zu Wort, um an seine missliche Lage zu erinnern. Mit dem Saum seiner bereits blutigen Kutte wischte Glockmann das erschreckend rote Blut von seinem Schwert und kniete sich nieder, um die Riemen durchzu- schneiden, mit denen Radu an die Gittertür gefesselt war. »Ihr solltet Euch von Verliesen fern halten, guter Mann. Sie sind schlecht für Eure Gesundheit.« »Ich will versuchen, es mir zu merken.« Der Ritter taumelte, als Glockmann ihm aufhalf. Sein Antlitz war aschfahl vor Schmerzen, und als er beide Hände um die seines Retters legte, waren sie als eiskalt. »Verzeih, wenn ich dich herablassend behandelt habe, Freund. Du bist heute und hier zu einer Legende geworden.« Glockmann stellte die Bank wieder aufrecht hin. »Setz dich. Wir bringen dich zu einem Oktogramm, sobald wir, einige andere Angelegenheiten geregelt haben.« Er ging zu seinem Spiegelbild hinter den Gitterstäben und baute sich davor auf. Eine Weile musterten die bei- den Männer einander, dann nahm Glockmann das Me- daillon ab und schlang es um den Gürtel, um es nicht zu verlieren. »Ich kenne Euch nicht«, stellte der Gefangene fest. »Ihr gehört nicht zur Bruderschaft.« »Nein, ich bin nur ein Schlosserlehrling. Radu hat mir erzählt, Ihr hättet hier einige Probleme mit Schlössern.« Törichter Humor konnte von drohender Überspanntheit zeugen. »Wer hat die Schlüssel?« »Samuil«, antwortete der Herzog. »Die meisten jeden- falls.« Glockmann löste einen Schlüsselbund vom Schwertgurt des Leichnams und kehrte zur Zellentür zurück. »Jakob Glockmann lautet mein Name, Herr.« Er wählte einen Schlüssel und hielt ihn nachdenklich hoch. Erschöpfung spülte in Wogen über ihn hinweg, doch er musste für die zäheste Verhandlung seines Lebens wachsam bleiben. »Er ist eine der Klingen des Königs von Chivial«, er- klärte Radu. »Aha! Dann ist ihr Ruf also doch nicht übertrieben.« »Beurteilt sie nicht nach mir, Herr. Ich habe bei der Ausbildung versagt.« Glockmann probierte den Schlüssel im Schloss aus. Er wusste, dass er nicht passen würde. »Also hat sie es tatsächlich bis nach Chivial ge- schafft?«, »Dorthin und wieder zurück, Herr.« Ein weiterer fal- scher Schlüssel? »Tss! Sie war es, die mich geschickt hat, also wisst Ihr nun, wem Ihr Eure Rettung zu verdan- ken habt. Wo sagtet Ihr noch, hält sich ihr Sohn auf?« Eine lange Pause. Glockmann versuchte und verwarf drei weitere Schlüssel. »Hm?« »In Sicherheit.« »Ihr könnt ihm vertrauen«, meinte Radu und fügte un- sicher hinzu: »Hoheit?« Mit gerunzelter Stirn betrachtete Glockmann den Schlüsselbund. »Es tut mir Leid, dass es so lange dauert, Herr. Ich scheine Schwierigkeiten zu haben, den richti- gen Schlüssel zu finden.« Ob es klug war, einen Tiger zu reizen, unmittelbar bevor man ihn befreite? »Der Knabe befindet sich in der Obhut der Grafen- witwe von Bad Nargstein.« Klick! »Da ist er ja!«, verkündete Glockmann unbeschwert und öffnete die Tür. »Und jetzt kümmern wir uns um den Kragen.« Vielleicht hätte er nun einen Eid verlangen sol- len, doch sein Gefühl verriet ihm, dass Vertrauen bei die- sem Mann besser wirken würde. Vorausgesetzt er war, wer er dem gesunden Menschenverstand nach sein muss- te. »Dafür hatte Samuil keinen Schlüssel«, erklärte der Gefangene. »Dann muss ich das Schloss knacken. Bitte seid so freundlich und setzt Euch auf das Bett, Herr. Verzeiht die, Vertraulichkeit, aber es ist einfacher, wenn ich neben Euch sitze. Ich mache, so schnell ich kann.« Damit brei- tete er die Überreste seiner Tasche neben sich aus. »Ich bin der Herzogin durchaus dankbar dafür, dass sie Euch geschickt hat, wenn dem tatsächlich so ist, den- noch stehe ich in Eurer Schuld. Welche Belohnung darf ich Euch anbieten?« »Ich bin sicher, mir wird etwas einfallen, Herr«, mur- melte Glockmann, der zu sehr mit dem Schloss beschäf- tigt war. Er fürchtete, die Werkzeuge aus Brikov könnten zu grob dafür sein. »Warum nennst du ihn so?«, wollte Radu wissen. »Du glaubst nicht, dass er der Herzog ist?« »O nein«, antwortete Glockmann. »Nie und nimmer. Er hat dich erkannt, als du ihn hier zum ersten Mal gese- hen hast, zumindest hast du uns das erzählt. Seiner Ge- mahlin zufolge besitzt Herzog Rubin ein schlechtes Na- mensgedächtnis, außerdem würde er dich gewiss nicht mit ›Bruder‹ anreden, oder? Viel eher würde er dich ›Rit- ter‹ oder ›Bruder Radu‹ nennen, nicht wahr? Ah! Jetzt.« Klick! Es war ein lachhaft einfaches Schloss. Der Messingkragen schwang auf, und Glockmann nahm ihn vom Hals des Gefangenen. Das Gesicht dar- über verschwamm und verwandelte sich. Radu verschlug es den Atem. »Fürst Volpe, vermute ich?«, meinte Glockmann ver- gnügt. Das harte, knochige Antlitz entsprach genau Johannas, Beschreibung, stark und einprägsam, nur dass auf dem Schädel und am mächtigen Kiefer nunmehr die grauen Stoppel mehrerer Wochen prangten. Dem wilden Blick der bohrend starrenden Augen hatte die Gefangenschaft keinen Abbruch getan. »Habt Ihr tatsächlich allein daraus geschlossen, wer ich bin?« »Daraus und aufgrund noch anderer Mutmaßungen, Herr. Der Bruch innerhalb Eures Ordens musste sich bis in die obersten Ränge ziehen, was die Möglichkeiten ein- schränkte. Radu hat uns erzählt, dass Ihr mit einem Kra- gen gefesselt wärt, aber trotzdem die Tür Eurer Zelle er- reichen könntet. Das schien mir eine recht unwirksame Vorgehensweise, einen Gefangenen zu sichern, eine Ver- schwendung der Kette sozusagen, daher hatte ich die Vermutung, der Kragen könnte einen anderen Zweck er- füllen. Der Zauber, mit dem man ein Medaillon wie jenes herstellt, das ich trug, muss schwierig und streng geheim sein, dennoch könnte es möglich sein, zwei Objekte gleichzeitig zu beschwören. Ich war nicht ganz sicher, weil mir kein Grund einfiel, weshalb die Verschwörer Euch wie den Herzog statt wie einen namenlosen Bauern aussehen lassen sollten. Warum haben sie es getan?« »Es ist gar nicht so verrückt, wie es scheint«, setzte der Probst an und rieb sich den Hals, als wäre er froh, ihn wieder ganz für sich zu haben, »wenn man die Bruder- schaft kennt. Zugegeben, unsere Herrschaft ist auf unein- geschränktem Gehorsam begründet. Es gibt kein Mitbe-, stimmungsrecht. Die Brüder wählen niemals. Trotzdem erstreckt die Macht des Abts sich nicht ganz so weit, dass er den Probst ohne Verfahren einkerkern darf. Hätte Ra- du mein Gesicht in jenem Verlies gesehen, wäre er los- geeilt, um es einem befehlshabenden Offizier oder seinen Freunden zu berichten. Die Neuigkeit hätte sich im Handumdrehen in ganz Vamky verbreitet.« Volpe stand auf und streckte sich in seinen schmutzi- gen Gewändern. Er war ein großer Mann. »Und was den Grund angeht, weshalb sie sich für das Gesicht des Her- zogs entschieden haben: Nun, einige der beteiligten Män- ner, darunter dieser Rohling Achim, glaubten tatsächlich, dass ich derjenige war, der ich zu sein schien, folglich dachten sie, Hochverrat zu begehen. Sie gehorchten zwar, aber sie waren sehr vorsichtig und haben es nicht herum- erzählt! Außerdem hatte Minhea noch diese Beschwörung zur Hand, die verbotene Zweitanfertigung des Zaubers, den er für den Herzog hergestellt hatte. Es hätte Zeit bean- sprucht, sich einen anderen zu beschaffen. Aber jetzt möchte ich erfahren, wie Euch all das gelungen ist. Wie hat Radu Euch überhaupt hereingeschleust? Kommt mit.« Glockmann folgte ihm aus der Zelle. »Wir haben mit höchst üblen Mitteln ein gültiges Losungswort in Erfah- rung gebracht. Aber egal, wie wir hereingelangt sind. Die wichtige Frage ist, Herr, ob Ihr uns wohlbehalten wieder hinausbringen könnt. Oder, was noch besser wä- re, könnt Ihr rechzeitig die Herrschaft über Eure Truppen zurückerlangen, um die Hochzeit zu verhindern?«, »Ist Abt Minhea zur Trauung gereist?« Der Probst schaute von Radu zu Glockmann und wieder zurück, doch beide schüttelten die Köpfe. »Herr. Wir wissen es nicht.« Volpe begutachtete Samuils Schwert und entschied sich stattdessen für jenes von Gerlach. »Dann lasst es uns herausfinden! Und ja, wir müssen diese Hochzeit verhin- dern, koste es, was es wolle.« Mit schraubstockartigem Griff erfasste er Glockmanns Hand. Sie blickten einander auf gleicher Höhe in die Augen. »Ich danke Euch, Herr Glockmann. Ich verdanke Euch mein Leben. Wenngleich es nicht Euer Beweggrund war, mir das Leben zu retten.« Glockmann konnte kaum scharf sehen, geschweige denn klar denken. Seine Zunge fühlte sich so bleiern an, dass selbst Reden einer Schwerstarbeit gleichkam. »Ich habe Freunde zu rächen. Und Ihr habt einen schwereren Verlust erlitten als ich. Könnt Ihr den Mörder jetzt zur Rechenschaft ziehen?« »Das muss ich«, antwortete Volpe. »Ich hätte es be- reits vor Jahren tun sollen.« Verblüfft taumelte Johanna zurück. Ringwald fing sie auf und stützte sie. Die Laterne, die er getragen hatte, zer- schellte tief unten auf den Steinen. Als er den Lärm hörte, drehte Rubin sich um und spähte über die Kluft. »Johanna, meine Süße! Du hast es also doch noch geschafft. Du bist es doch, oder? Das ist sie tatsächlich, nicht wahr, Kuri?«, Und dies war tatsächlich ihr Gemahl. Was war sie doch für eine Närrin gewesen! Der Ritter mit der Kapuze blickte auf etwas hinab, das er im Schoß hielt, und nickte. Er saß mit dem Rücken zum Feuer, sodass sein Gesicht von der Kapuze verdeckt wurde. »Du musst wissen, Kuri hat dich verfolgt, meine Lie- be. Als wir feststellten, dass du nicht im Haus warst, hat Kuri dein Gepäck gesucht, das voller Erinnerungsstücke an dich war. Er besitzt eine bemerkenswerte kleine Vor- richtung, um dich anhand solcher Dinge aufzuspüren. Als wir erkannten, dass du den Luitgard-Tunnel eingeschla- gen hattest, beschlossen wir vorauszueilen, um uns davon zu überzeugen, dass du wohlbehalten ankommst. Wie ich sehe, habt ihr János nicht mehr dabei. Kein großer Ver- lust. Und einer deiner knabenhaften Schwertkämpfer fehlt ebenfalls? Wohl auch nicht weiter schlimm, würde ich sagen.« Endlich fand sie die Stimme wieder. »Seid Ihr Ihr?« Dieser höchst wunderliche Sitzplatz in dieser gefährlich verwunschenen Ruine schien ein so unendlich unwahr- scheinlicher Aufenthaltsort für den Gemahl, an den sie sich erinnerte. »Der echte Rubin? Kein weiterer Schwindler?« Er lachte überzogen. Sie hatte ihn selten betrunken er- lebt, aber vielleicht war er lediglich übermüdet. Immer- hin hatte schon fast der Sonnenaufgang eingesetzt. Ent- lang der schartigen Krone der Feste waren bereits erste, Spuren von Licht am Himmel zu erkennen. Oder viel- leicht war sie diejenige, die wahnsinnig war. Jedenfalls war sie drauf und dran, vor Erschöpfung umzufallen. »Selbstverständlich bin ich ich, meine Süße! Wer sonst dachtest du, wäre ich? Du etwa? Kuri hat mir be- richtet, dass du dich den ganzen Sommer lang auf deinen Reisen durch Euranien als ich ausgegeben hast. Ich hof- fe, du hast meinen Ruf nicht allzu sehr geschädigt, Liebs- te, hm? Hattest du Spaß? Hatte sie Spaß, Kuri?« »Großen Spaß, Hoheit«, bestätigte der andere Mann. »Oh, das ist gut.« Der Großherzog seufzte. »Denn nun ist der Spaß vorüber, Liebste. Übrigens, das ist Kantor Kuritsin. Anlässlich der Thronbesteigung heute Abend wird er zum Probst der Bruderschaft ausgerufen. Meinem Neffen ist ein schwerer Unfall widerfahren. Es beküm- mert mich, dass du all die Feierlichkeiten versäumen wirst, Herzallerliebste! Du hättest sie bestimmt sehr ge- nossen.« »Aber Ihr werdet uns doch retten, oder?«, fragte Jo- hanna. »Uns hier herausholen? Deshalb seid Ihr doch hier, nicht wahr?« Abermals seufzte ihr Gemahl. »Nein, meine Teuerste. Ich fürchte nicht. Tatsächlich eher das Gegenteil. Meine Vermählung ist mir einfach zu wichtig. Du kannst dir unmöglich vorstellen, wie sehr ich all die Monate gelitten habe, in denen du dich auf dem Kontinent herumgetrie- ben und vergnügt hast. Das Warten! Das lodernde Ver- langen! Es ist höchst ungesund für ein Volk, wenn das, Staatsoberhaupt so zerstreut ist, dass es sich nicht ge- bührlich seiner Arbeit widmen kann. Ich habe mich vor Gram verzehrt, bis mir meine halbe Garderobe nicht mehr passte. Aber jetzt ist das alles vorüber. Heute Nacht wird sie mir gehören. Für die Entjungferung habe ich ei- ne Stunde zwischen der Thronbesteigung und dem Staatsbankett eingeplant.« »Er ist wahnsinnig«, murmelte Trudy. »Ein irrer, gei- fernder, sabbernder Wahnsinniger.« Johanna schenkte ihr keine Beachtung. »Was also habt Ihr mit mir vor?« »Ich? Gar nichts, meine Liebe. Hat János dich denn gar nicht über die Feste aufgeklärt? Vielleicht wusste er es gar nicht! Was meint Ihr, Kuri? Hat János es ge- wusst?« Der Mann mit der Kapuze schüttelte den Kopf und brummelte etwas, dessen einzig verständliches Wort »Luitgard« war. »Ja, muss er wohl«, pflichtete der Herzog ihm bei. »Es war praktisch Selbstmord. Siehst du, meine Liebe, die Feste in Donehof gehört mir. Seit Jahrhunderten dient sie als praktische Lösung für peinliche Probleme, als abge- schiedener Misthaufen, auf dem die Großherzoge sich ihres Unrats entledigen können. Ich selbst habe sie nie zuvor benötigt, mein Vater eher selten, so weit ich weiß. Mein Großvater hingegen war ein Spitzbube. Jeder, der ihn verärgerte, wurde hierher zur Feste gebracht. Den Rest erledigten die Schattenherren. Äußerst praktisch,, überaus wirtschaftlich und nie lästige Leichen, die man erklären musste. Man braucht die Schattenherren nicht einmal zu füttern.« Johanna hatte sich die ganze Zeit über geirrt. Das war Rubin, nicht Volpe. Letzterer spräche nie und nimmer auf jene gezierte, hämische Weise. Auch würde er seine Ehre nicht besudeln, indem er jemals vorgäbe, Rubin zu sein. Es hätte ihr bereits vor einem halben Jahr klar wer- den müssen. Die ganze Zeit war es Rubin gewesen, und sie hatte sich als blinde Närrin erwiesen, die sich gewei- gert hatte, das unerträglich Offensichtliche zu glauben. »Ihr wollt mich einfach hier zum Sterben zurücklas- sen?« »Ich habe keine andere Wahl, Teuerste. Schließlich kann ich nicht zulassen, dass du bei der Trauung für Auf- hebens sorgst und allen Beteiligten peinliche Augenbli- cke bescherst. Du musst wissen, bisher hattest du großes Glück. Der gute Kuri hier ist der erfolgreichste Meu- chelmörder seit Silbermantel, und du bist ihm nicht ein Mal, sondern gleich drei Mal entronnen!« Trudy schaute sie an … oder vielmehr an ihr vorbei. »Dreht Euch nicht um, Euer Gnaden«, bat sie leise. »Sorgt dafür, dass der Irre weiterredet, bis Ringwald dort eintrifft.« Erst jetzt erkannte Johanna, dass ihre überlebende Klinge nicht mehr hinter ihr war. Dort eintrifft? Wo ein- trifft? Vorbei an den Schattenherren? In der Feste war es immer noch dunkel. Er würde es niemals schaffen., »Sorgt dafür, dass er weiterschwafelt«, wiederholte Trudy mit einem eindringlichen Flüstern. »Das war kein Glück!«, brüllte Johanna. »Wenn dieser Mann Euer gedungener Mörder ist, dann ist er nicht ein- mal in der Lage, kriechende Würmer zu zerstampfen.« »Nein! Nein! Nein! Du hattest Glück, das ist alles. Hinterlistige Streiche des Zufalls! Sagt ihr; was für Glück sie hatte, Kuri.« Kantor Kuritsin erhob sich. »Wir sollten aufbrechen, Hoheit. Wir haben versprochen, vor Sonnenaufgang zu- rück zu sein, und wir wollen doch nicht, dass man sich auf die Suche nach Euch begibt, oder?« »Wir haben noch nicht annähernd Sonnenaufgang! Wo stecken die Schattenherren? Ihr habt gesagt, die Schat- tenherren würden ihr folgen.« »Das werden sie, keine Sorge.« »Seid Ihr da so sicher?«, gellte Johanna. »Ihr habt doch schon öfter versucht, mich durch Schattenherren zu töten, oder? Zwei Mal. Einmal in Blanburg, aber wir hat- ten Harald dabei, und er wusste, was zu tun war. Was für ein unfähiger, verstandloser Versuch, jemanden zu besei- tigen!« »Sie hätten es fast geschafft«, widersprach Kuritsin. Er hatte eine raue, unangenehme Stimme. »Und in Grandon waren sie noch näher dran.« »Niemals! Denkt Ihr etwa, ich war töricht genug, im Dunkeln zu schlafen? Sie haben einen Haufen unschul- diger Menschen getötet, das ist alles. Und hätte König, Athelgar zugehört, als der Baron und ich ihn warnten, hätten sie überhaupt keinen Schaden angerichtet.« Dann hätte Königin Tascha Athelgar nicht eingeredet, sie nach Eisenburg zu schicken, folglich wäre sie Glockmann nie begegnet. Wo mochte er nun sein? Tot oder in Vamky gefangen? Kein Glockmann und keine Klingen. Raunzer tot. Ringwald … Die Stille der Nacht wurde vom Klirren von Schwer- tern in der Finsternis tief unten durchbrochen. In dem Augenblick, als Ringwald zu dem Schluss kam, dass der fettleibige Mann dort drüben am Feuer der echte Großherzog Rubin war, zwang seine Bindung ihn, blind- lings die Treppe hinabzuhetzen. Oberflächlich betrachtet, ließ er dadurch sein Mündel im Angesicht der Gefahr zurück, doch wenn Rubin die Spinne im Netz, die Ursa- che all des Ärgers war, dann war er für all die Toten ein- schließlich jener der vergangenen Nacht verantwortlich und sollte die Strafe dafür bezahlen. Wichtiger noch, ein Schwert in Rubins Kehle schien der sicherste Weg, die Herzogin aus dieser Falle zu befreien. Zumindest vermu- tete Ringwald, dass dies so sein würde. Die Wirkweise von Bindungen ähnelte jener von Eingebungen und be- durfte somit keiner vernünftigen Erklärungen. Jeder mit langsameren Reflexen als eine Klinge wäre nach dem dritten oder vierten Schritt von jenen glitschi- gen, unebenmäßigen Stufen gestürzt, aber Ringwald preschte sie etwa zehn Mal schneller hinab, als er es bei, Tageslicht und trockenem Wetter gewagt hätte. Es ge- lang ihm sogar, das Schwert dabei zu ziehen, was ange- sichts der Außenmauer, die rechts an ihm vorbeiflog, kein einfaches Unterfangen war. Er hatte es noch kaum in der Hand, als er auf den ersten Schattenherrn stieß, der ihnen gefolgt war. Die Gestalt tauchte unheilverkündend aus der Nacht unter ihm auf, erklomm stetig die Treppe und umklam- merte mit beiden Händen eine Hellebarde. Selbst in der Finsternis erkannte Ringwald den kurzbeinigen Wat- schelgang von Graf János. Trudy hatte zwar noch sein Schwert, doch unter diesen unmöglichen Kampfbedin- gungen wäre eine Hellebarde genauso tödlich. Sir Tancred hatte gemeint, dass Schattenherren über- menschliche Kraft, aber träge Reflexe zu besitzen schienen. Darauf und auf seine Geschwindigkeit bauend, sprang Ringwald über die Hellebarde und rammte János’ Leich- nam beide Füße in den Leib. Ringwald stieß mit der Schul- ter an die Mauer, rutschte daran entlang und landete mit einer Wucht auf dem Steiß, der ihm den Schädel vom Hals zu schleudern drohte. Der Schattenherr kippte rücklings und in einen weiteren Schattenherrn hinter ihm. Zusam- men stürzten sie, rollten hinab und waren verschwunden. Die Leichen selbst verursachten beim Aufprall keinen Laut. Er hörte ihre Waffen auf den Steinen aufschlagen und konnte daran erkennen, dass es noch zu tief nach un- ten ging, um einen Sprung zu wagen. Außerdem wäre es ohnehin einem Sprung auf Eisenspieße gleichgekommen., Der jähe Schmerz, der ihn erfasste, als er sich aufrap- pelte, ließ ihn sich unwillkürlich fragen, ob er sich das Becken gebrochen hatte, doch noch mehr Kummer berei- tete ihm das Breitschwert, das nun geradewegs auf ihn herabgesaust kam. Mit aller Kraft wehrte er es nach au- ßen ab, indem er Schlechte Neuigkeiten mit beiden Hän- den umklammerte. Der Zusammenprall mit der mächti- gen Waffe gab ihm gleichzeitig die Möglichkeit, sich sicher gegen die Mauer zu drücken. Klirr! Doch die Kraft des Leichnams erschreckte ihn. Wieder und wieder drosch dieser auf ihn ein, und er konnte nur parieren. Klirr! Klirr! Klirr! Dann fand er endlich genug Hebel- wirkung, um das Breitschwert nach außen zu zwingen; der wandelnde Tote verlor das Gleichgewicht und kippte über den Rand. Der dritte Gegner erledigt, diesmal ge- folgt vom Bersten brüchigen Holzes. Sogleich setzte er sich wieder abwärts in Bewegung. Seit der Nacht, in der er gebunden worden war, hatte er gewusst, dass die Bindung seine Nachtsicht geschärft hatte. Eisenburg wartete mit mehreren Legenden auf, de- nen zufolge Klingen in pechschwarzer Finsternis ge- kämpft haben, wenngleich nur wenige dieser Geschich- ten handfest belegt waren. Ringwald war sich nicht be- wusst, in dieser Schlacht überhaupt etwas zu sehen. Er gebarte sich nur so, als könne er sehen. Er wusste ledig- lich, wo und was die Dinge um ihn herum waren. Wie jener vierte Schattenherr vor ihm, ein großer, massiger Leichnam, der unmöglich auf gewöhnlichem, Wege durch jenen schmalen Tunnel gelangt sein konnte. Wie viele dieser Ungeheuer mochten sich dort unten tummeln? Würde er die gesamte Leichenbevölkerung der Feste besiegen müssen, ehe er von dieser verfluchten Treppe gelangen konnte? Und was bewirkte er über- haupt? Die Scheusale konnten weiterkämpfen, nachdem ihnen der Kopf abgeschlagen worden war, hatte Tancred gesagt, also würden gebrochene Knochen sie erst recht nicht aufhalten. Nur der Sonnenaufgang. Bis dahin wür- den sie immer wiederkommen, um sich mehr zu holen. Der vierte Schattenherr griff ihn mit derselben Taktik an, die Ringwald erfolgreich gegen den dritten eingesetzt hatte. Das Ungetüm stieß auf seine rechte Seite zu, und Ringwald war gezwungen, in Richtung der Mauer zu pa- rieren. Der Schattenherr schleuderte ihn von sich wie ei- nen Pfannkuchen. Auf dem Weg nach unten vollführte er einen vollstän- digen Überschlag. Dabei fragte er sich, wie der Schatten- herrenzauber wirkte und ob der Sturz die Berührung auf irgendeine Weise aufhob oder ob er nun dazu verdammt war, bis in alle Ewigkeit durch die Feste zu spuken. Er hatte sogar Zeit zu hoffen, er möge auf dem Kopf landen und sein Gehirn über die Trümmer vergießen, statt zer- schmettert dort zu liegen und Stunden oder Tage zu lei- den, ehe er starb. Dann fing ihn jemand auf., Drei Männer in besudelten weißen Gewändern schritten durch den Irrgarten von Vamky. Glockmann stützte Ra- du, der in noch schlechterer Verfassung als er selbst war, und beide hatten Mühe, mit dem ungeduldigen Volpe Schritt zu halten. Der Probst wusste genau, wohin er wollte, doch dazu gehörte ein langer, umständlicher Fußmarsch. Er warf Zellentüren auf, ging hinein und knurrte Befehle. Erschrockene Brüder erwachten ruckar- tig und setzten sich eilends in Bewegung und ergriffen Schwert und Kutte, um zu gehorchen. Volpe musste zu- erst seine vertrauenswürdigsten Untergebenen wecken, und die Lage ihrer Zellen wies keine bestimmte Ordnung auf. Erst nachdem er seinen Gegenumsturz in Gang ge- setzt hatte, konnte er einen Augenblick für seine beiden Retter erübrigen. »Kantor Isidor!« Ein weißhaariger, hagerer Mann schlug verwirrt die Augen auf und blinzelte in den Schein der Laterne des Probstes empor. »Herr!« »Bruder, ich schlage gerade eine Meuterei nieder. Ruf nur Männer zusammen, denen du uneingeschränkt ver- trauen kannst, und sei vor Verrat auf der Hut. Das Lo- sungswort lautet ›Morgenröte‹, die Erwiderung ›Gerech- tigkeit und Vergeltung‹. Alles verstanden?« »Herr.« Der greise Mann setzte sich auf. »Morgenröte., Gerechtigkeit und Vergeltung.« »Du kannst jeden in Gewahrsam nehmen oder töten, der dies nicht weiß. Wir brauchen dringend eine Heilung. Oberritter Radu hier ist verletzt. Und dieser Mann ist ein wertvoller Verbündeter und der beste Schwertkämpfer, den ich je gesehen habe, Sir Glockmann aus Chivial. Bei- de Männer brauchen Fußriemen. Anschließend gibst du ihnen zu essen, kleidest sie in zwanglose Straßengewän- der, sodass sie beim ersten Tageslicht abreisebereit sind.« »Herr.« Geräuschvoll wurde die Tür geschlossen. Eine Weile saß Kantor Isidor nur da und starrte dem Probst hinter- her, dann schaute er zu seinen beiden Gästen. Sein schmaler Mund verzog sich zu einem Lächeln. »Ich hof- fe, ihr habt euch all das besser gemerkt als ich. Reich mir meine Kutte und mein Schwert, Bruder. Wiederhol, was der Probst soeben gesagt hat.« Binnen weniger Augenblicke war der alte Mann bereit zum Aufbruch. Der Gürtel eines Kantors erwies sich als grün. »Hast du je Fußriemen verwendet?« »Herr«, antwortete Radu. »Auf dem Regal dort drüben sind einige. Wartet hier, bis ich euch jemanden schicke.« »Herr.« Erneut wurde die Tür geschlossen. Radu versuchte, einen Arm zu heben, und zuckte zu- sammen, denn seine Kutte war mit den Wunden an sei- nem Rücken verklebt. »Gib mir einen und nimm dir, selbst einen. Trag ihn unmittelbar auf der Haut. Egal an welchem Fuß.« Die Fußriemen erwiesen sich als Lederstreifen mit Riemen an einem Ende. Glockmann schlang sich über der Sandale einen um den linken Knöchel und spürte sogleich, wie sich ein angenehmes Kribbeln sein Bein hinauf ausbreitete. Er kniete nieder, um Radu zu helfen. »Sie vertreiben Müdigkeit«, erklärte Radu. »Jeder Rie- men reicht für etwa einen Tag. Versuch, häufig zu essen, andernfalls könnte es Wochen dauern, bis du wieder zu voller Kraft gelangst. Sobald der Fußriemen zu schmer- zen beginnt, muss er entfernt werden. Anschließend soll- te er vernichtet werden, weil ihn die Macht verlassen hat. Und danach musst du schlafen. Du hast keine andere Wahl. Das kann plötzlich geschehen. Eine zweite An- wendung, bevor man sich von der ersten erholt hat, kann tödlich sein.« »Ich fühle mich schon besser!« Und hungrig. Seeehr hungrig. Nunmehr am ganzen Leib kribbelig, lief Glock- mann rastlos auf und ab. Er nieste. Die Tür wurde von einer Gestalt mit Kapuze und ei- nem blauen Schwertgurt geöffnet. »Morgenröte.« »Gerechtigkeit und Vergeltung«, gab Radu zurück. »Herr.« »Bruder, ich soll dich und deinen Gefährten zum Ok- togramm führen.« Mittlerweile ging es auf den dunklen Gängen von Vamky betriebsamer zu. Brüder liefen in Paaren und zu, viert umher. Irgendwo läuteten Glocken. Glockmann wartete ungeduldig am Rand des Geschehens, während acht Männer Beschwörungen sangen, um Radu zum zweiten Mal binnen weniger als zwei Tagen von den Verletzungen schlimmer Prügel zu heilen. Danach war es Radu, der die Geschwindigkeit vorgab. Im Trab führte er Glockmann zur Quartiermeisterei, wo sie mit frischen Reisegewändern aus weißem Leder aus- gestattet wurden, von schlichtem Stil und außergewöhn- licher Güte. Die Beinkleider waren geschmeidig, die Wämser hart wir Panzer. Glockmann erhielt einen ge- scheckten Schwertgurt in blau und weiß, einen blauen Umhang aus weicher Wolle und einen funkelnden Stahl- helm. Novizen und Knappen machten sich emsig an ihm zu schaffen, bürsteten, polierten, prüften den Sitz. Dann – endlich – führte Radu ihn zu einem riesigen Refektorium und ließ ihn essen. Glockmann stopfte sich voll, überwiegend mit Fleisch wie Rind, Gans und Schafsleber, das er mit mehreren Krügen Buttermilch hinunterspülte. Er hätte sogar Ringwald unter den Tisch zu essen vermocht. Radu hielt nicht nur mit ihm mit, er übertraf ihn noch. Andere Männer eilten herein und spei- sten hastig. Glockmann nieste mehrere Male. Radu musterte ihn mit gerunzelter Stirn. »Du hast dir eine Erkältung geholt!« »Das ist nach dem gestrigen Tag wohl kaum überra- schend.«, »Ja, aber der Fußriemen wird sie verstärken. Du hast die Wahl zwischen Müdigkeit oder einem argen Schnup- fen.« »Wiederhergestellt, wie ich sehe? Bleibt ruhig sitzen.« Volpe stand rasiert, geschoren und in einer Kluft recht ähnlich der ihren neben ihnen. Er war ein großer Mann, der sich seiner Macht und Befehlsgewalt durchaus be- wusst war, wenngleich seine einzigen Rangabzeichen ein silberner Schwertgurt und ein an einem Bandelier hän- gendes Horn darstellten. »Ihr habt nur wenige Minuten Zeit, und ihr werdet jeden Bissen Nahrung brauchen. Vergesst nicht, dass ihr euch Kraft von künftigen Tagen leiht. Ganz gleich, welchen Tatendrang ihr verspürt, ihr müsst versuchen, es nicht zu übertreiben.« »Herr«, ergriff Radu mit dem Mund voller Fasan das Wort, »meine Erfahrung hat gezeigt, dass man neben Glockmann keine andere Wahl hat, als es zu übertreiben, wenn man nicht vollends im Schatten stehen will.« »Blanker Unsinn!«, rief Glockmann aus. »Du warst es doch, der mich in Schwierigkeiten gebracht hat. Ich bin bereit, wenn Ihr es seid, Herr. Ist Vamky gesichert?« Ein Adlerblick warnte ihn vor Dreistigkeiten, aber Glockmann stand immer noch in seiner Gunst. »Ja«, ant- wortete der Probst. »Dank euch. Und der Gerechtigkeit wird demnächst Genüge getan. Der Knabe ist in Sicher- heit, bis wir ihn brauchen. Wo befindet sich Ihre Hoheit?« Also war Johanna nun Ihre Hoheit, oder? Der Titel hörte sich gut an aus seinem Munde., »Sie ist mit Graf János nach Donehof gereist, Herr.« Glockmanns Hochgefühl sank unter dem finsteren Blick des Probstes. »Nicht gut?« »Eher nicht. János ist ein abtrünniger Bruder.« Volpe lächelte matt über Glockmanns erschrockene Miene. »Er hat aus familiären Gründen ersucht, von seinen Pflichten entbunden zu werden. Hierzuorts wird das als ›Zeu- gungsfreigang‹ bezeichnet, aber es wird nur die Ver- pflichtung zur Ehelosigkeit aufgehoben, und er kann bis zur Stunde seines Todes jederzeit zum Dienst zurückbe- ordert werden. In und rings um Krupina gibt es tausende auf ähnliche Weise gebundene Männer. Als die Flücht- linge von Fadrenschloss in Brikov Zuflucht nahmen, ha- ben wir nach János’ Akte gesucht und konnten sie nicht finden. Ich habe Radu geschickt, um den Knaben zu ho- len. Falls Minheas Schergen János’ Aufzeichnungen seither aufgespürt haben, ist er ihr Mann.« Erneut fragte Glockmann sich, über wie viel freien Willen die Brüder eigentlich verfügten und ob ihre Eide so wie jene der Klingen durch Beschwörungen gefestigt wurden, doch er wagte nicht, sich danach zu erkundigen. »Herr?«, fragte Radu. »Sprich.« »Herr. János wusste, dass ich hinter dem Verschwin- den des Kindes steckte. Selbstverständlich hatte ich es ihm nicht gesagt. Er hat mich äußerst eingehend darüber verhört.« »Und ihn dabei fast getötet«, fügte Glockmann hinzu., »Aber er wollte auch wissen, weshalb ich nach Brikov gekommen bin, und ließ die Beerdigung meines Vaters nicht als Grund gelten. Letztlich sagte ich, dass ich we- gen dem, was ich gesehen hatte … oder zu sehen gedacht hatte …, vom Glauben abgefallen sei, Herr. Danach … danach verstärkte er seine Anstrengungen.« Volpe zuckte mit den Schultern. »Natürlich wird der Ausschuss sich danach erkundigen, was du unter Folter preisgegeben hast, aber du kannst in dieser Hinsicht mit Milde rechnen.« »Herr? Ausschuss?« Alle Farbe wich Radu aus dem Gesicht. »Du hättest deinen Verdacht des Hochverrats natürlich deinem befehlshabenden Offizier melden müssen. Der Umstand, dass du freiwillig zurückgekehrt bist, hebt alles auf, was du über den Abfall vom Glauben gesagt hast. Du kannst davon ausgehen, zurückgestuft zu werden und Gelegenheit zu erhalten, deinen Eid zu erneuern. Die Herzogin mag in ernster Gefahr schweben, dennoch könnte unser Unterfangen nicht dringender werden, als es bereits ist. Reitet Ihr gut, Herr Glockmann?« »Ja, Herr.« Nicht so gut wie Radu, aber er würde die Ehre Eisenburgs hochhalten, und wenn es ihn Kopf und Kragen kostete. Zudem hatte er triftigere Beweggründe als alle anderen. Fürst Volpes Lächeln zeugte von Ungläubigkeit und einer Herausforderung. »Ihr reitet zu meiner Linken. Ich möchte Eure Geschichte in allen Einzelheiten hören. Rit-, ter Radu, Bannerherr Dusburg wird dir deinen Platz zu- weisen. Der Sonnenaufgang naht!« Damit setzte der Probst das Horn an die Lippen und ließ es in der Halle erschallen. Raunzer atmete nicht. Beim Eintritt des Todes waren sei- ne Augen nach oben gerollt, und die Lider waren halb geschossen, sodass nur weiße Schlitze hervorlugten. Er stank nach Tod und all der Schmach und Schande des Todes. Und er war kalt. Er … es … nein, er ließ keine angriffslustige Regung erkennen. Er bewegte sich über- haupt nicht. Und atmete nicht. Ringwald hingegen sehr wohl. Er rang förmlich nach Luft, während sein Herz trommelte wie sämtliche Spech- te der Welt zusammen. Er war nicht tot, noch nicht, dafür hilflos wie ein Kleinkind in den Armen des Schatten- herrn. »Setzt du mich ab, Bruder?« Raunzer setzte ihn ab. Erst jetzt wurde deutlich, dass er halb in Stücke gestochen und geschnitten worden war. An seiner Brust prangten mehrere schwarz verkrustete Wunden, und die Kehle war ihm aufgeschlitzt worden. Klingen waren nie einfach umzubringen. Seine Hüften und Schultern waren bis auf die Knochen aufgeschunden; sowohl Kleider als auch Fleisch waren regelrecht abge- schabt worden, als er sich durch das Loch aus dem Tun- nel gewunden hatte, doch diese Verletzungen hatten nicht mehr geblutet. Unbezwingbar hing an seiner Seite., Ein Dutzend weiterer Leichname stand reglos in der Dunkelheit und beobachtete sie. War dieses unverhoffte Ausbleiben jeglicher Angriffslust ein Zeichen, dass der Sonnenaufgang nahte? Oder … war es so wie bei Sir Bernard und Sir Richey? Auch sie wurden Schattenher- ren, hatte Sir Tancred gesagt, und wir haben ihre Leich- name am Morgen bei den anderen gefunden. Aber sie griffen die Lebenden nicht so wie die toten Hoffreisassen an. Vielleicht erhielten sie keine Gelegenheit, aber Groß- zauberer meint, ihre Bindung könnte sie gefeit haben, zumindest eine Zeit lang. Ringwald sammelte mühsam etwas Speichel im Mund und deutete auf das Feuer. »Der Mann dort oben will un- ser Mündel töten, Bruder. Ich muss hinauf und ihn aus- schalten. Wirst du mir dabei helfen?« Raunzer wandte sich ab und trat ins Leere. Sein Fuß landete einen langen Schritt entfernt und etwas tiefer un- beirrt auf einem schartigen Stein. Der andere Fuß schwang nach und fand auf einem ähnlich zerklüfteten Steindorn Halt, während gleichzeitig Raunzers Hand vor- schnellte und nach etwas zum Festhalten suchte … all das tat er in Finsternis, und Ringwald konnte im Dunklen sehen. Sobald Raunzers Stiefel den ersten Trittstein ver- ließ, setzte Ringwald den eigenen mit einem langen Schwung darauf, bei dem er halb schritt, halb fiel. Es gab keine Möglichkeit, dies langsam zu tun. Er musste den Schwung beibehalten, um sich an die Bewegungen zu erinnern. So folgte er seinem toten Führer durch den töd-, lichen Irrgarten aufwärts und abwärts, über zwei Meter breite Klüfte und unter Überhängen hindurch. Ohne zu zögern, pflügte Raunzer durch schulterhohe Distelwu- cherungen und sprang bis zu zweieinhalb Meter tiefe Abgründe hinunter. Dennoch schien er zu wissen, was sein Gefährte tat, denn einmal baumelte Ringwald an ei- ner Hand und konnte sich weder hochziehen, noch mit der zweiten Halt finden. Eine eisige Faust schloss sich um sein Handgelenk und hievte ihn empor wie eine Fo- relle aus einem Netz. »Danke, Bruder«, japste er, doch Raunzer war bereits wieder unterwegs. Raunzer gab keinen Laut von sich. Schließlich war Raunzer die Kehle herausgerissen worden. Raunzer, dem musste man ins Auge sehen, war sehr tot. Vielleicht wür- de sein Leichnam es sich anders überlegen und sich ohne Vorwarnung gegen Ringwald wenden, doch bis dahin konnte Ringwald nicht auf seine Hilfe verzichten. Einige der anderen Schattenherren folgten ihnen und verursach- ten dabei gerade so viel Lärm, dass Ringwald wusste, wo sie waren. Der Gedanke Armbrust nagte ohne Unterlass an ihm. Selbst während er in tiefste Schwärze sprang, um einen winzigen Halt zu finden, von dem er nur durch eine Art geistigen Glauben wusste, dass er überhaupt vorhanden war, ging ihm fortwährend der Gedanke Armbrust durch den Kopf. Er hatte keine Armbrüste gesehen, keine Arm- brüste gehört, gerochen oder geschmeckt. Niemand hatte, Armbrüste erwähnt. Seine Bindung sandte ihm Einge- bungen. So wie Johanna ihren Gemahl beschrieben hatte, sollte Rubin nicht persönlich hier sein. Viel ähnlicher hätte ihm gesehen, zu Hause zu bleiben und am nächsten Morgen im wohligen Umfeld seines Arbeitszimmers dar- über zu lesen. Nein, er war gekommen, um sich mit eige- nen Augen davon zu überzeugen, dass sie dieses Mal tat- sächlich starb, und er würde sie dort auf der Treppe fest- halten, bis es hell genug war, damit Kantor Kuritsin eine Armbrust einsetzen konnte. Johanna befand sich in kür- zester Entfernung, und auf dem wackeligen Stand der Treppe konnte selbst ein Streifschuss todbringend sein. Als die albtraumhafte Reise endete, bestand kein Zweifel mehr daran, dass der Himmel heller wurde. Zwar regnete es nach wie vor, doch Wolken allein konnten die Welt nicht ewig verdunkeln. Stimmen trieben im Wind dahin. Die Worte waren nicht zu verstehen, doch es han- delte sich eindeutig um Johanna, die Rubin anflehte. Der halb verfallene Schornsteinschacht ragte von seinem Ge- röllbett aus himmelwärts. Berücksichtigte man die scharfkantigen Überreste einstiger Böden und Wände, die in allen Winkeln gleich Klingen vorragten, glich das Ganze einer riesigen, stachelbewehrten Keule. Gewiss erwarteten die Schattenherren nicht, dass Ringwald dar- an hinaufkletterte, oder? Aber irgendetwas erwarteten sie. Mittlerweile waren es viele, die wie Dürstende vor einer Schänke umherstanden. Raunzer erklomm eine schräge Steinplatte, drehte, dann den Rücken gegen eine Mauer und verschränkte die Hände zu einem Auftritt. Vor Abscheu schaudernd, er- griff Ringwald das Wams seines toten Freundes, stellte einen Stiefel auf die ihm angebotene Stufe und kletterte. Als er auf Raunzers Schultern stand, befand er sich im- mer noch etwas zu niedrig, um den Eingang über sich zu erreichen, also verwendete er widerwillig den Kopf sei- nes einstigen Freundes als weitere Stufe. Der Leichnam erhob keine Einwände. Ringwald griff nach der Schwelle und hievte sich em- por. Er befand sich auf einem Treppenabsatz, von dem aus eine Flucht nach oben, eine andere nach unten führte. Unmittelbar vor ihm klaffte das schwarze Loch eines Tunnels, doch er spürte Wind im Gesicht und entschied, dass es sich um einen Gang durch die dicke Außenmauer handeln musste. An dessen Ende stieß er auf eine schwe- re, mit einem Steinbrocken offen gehaltene Tür. Erspähte hinaus und sah Lagerfeuer, um die Männer Wache stan- den. Ringwald befand sich etwa ein Stockwerk über der Erde. Zu seinen Zehen erblickte er eine Leiter, und zum ersten Mal seit vielen Stunden vernahm er den Ruf der Hoffnung. Die Soldaten stellten ein Problem dar, den- noch mochte es noch einen Ausweg aus diesem Schla- massel geben. Er ging zurück zu den Treppen. Mehrere Schattenher- ren standen auf der abwärts führenden Flucht und ver- sperrten sie – womöglich, damit er nicht die falsche Richtung einschlug? Für wie dämlich hielten die Toten, die Lebenden eigentlich? Die andere Flucht musste der Weg sein, den der Herzog und sein Handlanger einge- schlagen hatten. Ringwald zog Schlechte Neuigkeiten. »Du wirst gleich sehr schlechte Neuigkeiten für je- manden verheißen, meine Süße«, flüsterte er. Er hatte noch keine zwei Schritte getan, als sich eine Hand gleich einem Eisenhandschuh um seine Schulter schloss. Er- schrocken schrie er auf, dann erkannte er, dass sie Raun- zer gehörte, der ihm nach oben gefolgt war. Viele weitere Schattenherren schwärmten hinter ihm herein. »Was ist denn, Bruder?« Seine Stimme ertönte schril- ler, als er erwartet hatte. »Hier geht es doch hinauf, oder?« Raunzers lebloses Antlitz zeigte keine Regung. Sein Griff um Ringwald Schulter wurde unerträglich. »Was? Was ist denn? Hör auf! Was versucht du, mir …« Unter dem unbarmherzigen Gewicht ging er in die Knie. Selbst lebendig hatte Raunzer gerne mit seinen Muskeln geprotzt, und nun faltete er Ringwald regelrecht zusammen, zwang ihn auf die Knie und weiter hinab, bis dessen Nase beinahe die erste Stufe berührte. Dort er- spähte Ringwald einen dünnen, goldenen Faden, der sich von Seite zu Seite spannte. »Aha! Ist das ein Problem?« War er nur hergebracht worden, um es zu beseitigen? »Ist es eine Art Schutzkor- del?« Er redete mit sich selbst. »Du kannst sie nicht überqueren?« Es waren nur tote Menschen zugegen, die ihm nicht antworten konnten, dennoch schien der Ge- danke vernünftig, zumal es irgendeine Beschwörung ge-, ben musste, die verhinderte, dass die wandelnden Toten durch die Tür, die er gefunden hatte, die Feste verließen. »Ich gehe als Erster, in Ordnung?« Die Hand rührte sich nicht. Er konnte sich nicht einmal umdrehen, um Raun- zers Züge zu sehen, doch die hätten ihm ohnehin nichts verraten. »Ich verspreche, dass du und deine Gefährten die Übeltäter noch vor dem ersten Tageslicht haben könnt.« Die frostige Hand löste sich von seiner Schulter. Ringwald stand auf. Er hob die Schnur mit der Spitze seines Schwertes an, und nichts Böses geschah. Dann ging er die Treppe hin- auf, trug den Zauber vor sich her, und Raunzer führte in seinem Gefolge die Armee der Untoten an. Nach zwei Treppenfluchten hinauf vernahm Ringwald Stimmen und ging vorsichtiger weiter, bis er auf den Hochstand des Herzogs hinausblickte; das Nest der Ratte. Es hatte sich nichts verändert. Das Feuer war kleiner ge- worden, aber immer noch kraftvoll; hell genug jedenfalls, um die Schattenherren aufzulösen. Die beiden Übeltäter kehrten dem Eingang den Rücken zu – der dickbäuchige Rubin kauerte auf seinem Stuhl, der weiß gewandete, schwerttragende Ritter stand neben ihm. Beide blickten in die regenschwangere Finsternis zu Johanna und Trudy hinüber, die sich noch immer dort auf der Treppe befan- den. Mittlerweile saßen sie jedoch und schmiegten sich aneinander, um sich zu wärmen. Die Armbrust und ein Köcher voll Pfeile lehnten in einer Ecke hinter dem Ka- min, wo sie von außen nicht zu sehen waren., Inzwischen war es hell genug, mit dem Schießen zu beginnen. »Ich versichere Euch, dass ich sogar mit Euch gespro- chen habe!«, sagte der Ritter. »Ich war als Inquisitor ver- kleidet, und niemand sieht Inquisitoren eingehender an oder spricht mit ihnen, wenn es nicht unbedingt sein muss. Nicht einmal andere Inquisitoren!« Sofern Johanna bemerkt hatte, dass ihre Klinge soeben zur Gesellschaft ihres Gemahls gestoßen war, ließ sie es in keiner Weise erkennen. Ihre nächste Frage mochte so- gar für Ringwald bestimmt gewesen sein. »Und das war, nachdem Ihr die Feuerfliege ins Qua- mast-Haus gebracht hattet?« »Das habe ich doch bereits gesagt.« Über die Schwelle spannte sich ein weiterer goldener Faden. Ringwald schob die Schwertspitze auch unter die- sen, dann trat er vor und schleuderte beide ins Feuer. Die anderen Männer spürten, dass der Boden schwankte, und hörten seine über das Geröll knirschenden Schritte. Sie drehten sich um. Der Schwertkämpfer zog – schnell, aber nicht schnell genug, um Ringwald Kummer zu bereiten. »Da ist er ja«, meinte der Herzog. »Oh, das arme Bürschchen ist verletzt. Erlöst ihn von seinem Elend, Kantor.« Die beiden Schwertkämpfer musterten einander wach- sam, und Kuri wich vom Herzog, um sich mehr Bewe- gungsfreiheit zu verschaffen. »Nein«, sagte Ringwald. »Ich bin eine Klinge, also, habe ich hier jetzt das Sagen. Er hat sechs meiner Brüder getötet, und ein weiterer starb heute Nacht wegen ihm – und wegen Euch, Herzog. Ihr seid genauso schuldig. Jetzt bin ich mit dem Töten an der Reihe.« Nach all den Stunden und der Schmach sollte er ob des Geruchs der Vergeltung von unbändiger Jubelstimmung erfasst sein, doch er gar nichts. Er glich einer Hinrich- tungsmaschine, einem geistlosen Werkzeug der Gerech- tigkeit. Abgestumpft und erbarmungslos wie ein Schat- tenherr. »Sei vorsichtig!«, rief Trudy von der Treppe herüber. »Kuritsin ist ein Beschwörer. Womöglich hat er eine Hinterlist im Ärmel.« Es war zu wenig Platz vorhanden, um eine Fechtvor- führung zu geben. Und da Ringwald diese beiden Scha- kale den Schattenherren versprochen hatte, käme es ei- nem Vertrauensbruch gleich, sie einfach über den Rand zu treiben. Herzog Rubin sprang auf die Beine und er- griff seinen Stuhl, um ihn als Waffe einzusetzen. »Macht Euch doch nicht lächerlich!«, raunte Ringwald ihm nur matt zu. Doch selbst ein Stuhl konnte gefährlich sein. Blitz- schnell stieß er auf Kuritsin vor, führte eine Finte aus, parierte die Riposte und wirbelte mit Schlechte Neuigkei- ten auf den Arm des Herzogs zu. Noch bevor der Stuhl auf dem Boden aufschlug oder der Schrei des Herzogs ertönte, hatte er sich zwei Schritte weit in Sicherheit ge- bracht. Die Plattform schwankte besorgniserregend., »Das erste königliche Blut gehört mir«, stellte er fest. Kuri stürzte sich auf ihn. Sein Säbel flackerte im Feuer- schein in einer Reihe ungestümer Hiebe. Seine Technik war großspurig und gewiss keine, die eine Klinge beein- druckte. Ringwald spielte ein paar Gänge mit ihm, dann setzte er zum Gegenangriff an und schlitzte ihm die Schulter auf. »Bernard!« Den nächsten armseligen Vor- stoß parierte er und zog eine Schnittwunde die Rippen seines Gegners entlang. »Richey!« Der Kantor schrie auf und wich gefährlich nah an den Rand zurück. Ringwald benötigte drei oder vier bedachte Ausfälle, um ihn davon wegzutreiben und zurück zur Tür zu drängen. Klirr! Klirr! Klirr! Zum ersten Mal erhaschte er einen Blick auf das Gesicht unter der Kapuze – um die vierzig Jahre alt, schmal, zu einer Fratze des Grauens verzerrt. Dann – »Kühn!« Damit war ein hässlicher Schnitt am Oberschenkel verbunden, aus dem eine schwarze Flut von Blut quoll. Der Ritter ließ das Schwert fallen und riss die Arme hoch. »Halt! Gnade!« »Gnade? Du hast keine Gnade gezeigt!« Ringwald setzte Schlechte Neuigkeiten an der Nase des Unholds an. Nun hätte er den Mann in Scheiben schneiden können, doch es verhieß keine Freude. »Zurück mit dir!« Furchterfüllt wich Kuritsin zurück, und Schlechte Neu- igkeiten folgte ihm Schritt für Schritt, bis er sich am Ein- gang befand., »Du bist hiermit für schuldig befunden und wirst zu dem verurteilt, was du meine Brüdern angetan hast«, ver- kündete Ringwald. »Raunzer! Du und deine Freunde könnt ihn jetzt haben.« Ein Dutzend toter Hände schoss hervor und zerrte den Ritter in die Finsternis. Mehrere Male brüllte dieser, und jeder Schrei klang schriller als der vorige. Yorick, Ost, Clovis … Raunzer. Es war fast unanständig einfach gewesen! Ringwald, der von dem Gefecht nicht einmal außer Atem war, schlenderte zur Armbrust hinüber, trug sie zum Rand und schleuderte sie hinab. Er hatte damit gerechnet, dass der Herzog sich einmischen, vielleicht in der Hoffnung auf ihn zustürzen würde, ihn durch sein wesentlich größeres Gewicht zu überwältigen; aber Rubin umklammerte nur seinen verwundeten Arm und versuchte, mit einem sei- denen Halstuch Druck auf die Verletzung auszuüben. »Nehmt Euren Umhang ab!«, forderte Ringwald ihn auf. »Was?« Voller Angst schaute der Herzog auf. »Es tut mir Leid, dass deine Freunde sterben mussten, junger Mann. Weißt du, es war alles die Schuld meiner Gemah- lin, aber Ehemänner sollten in der Lage sein, ihre Weiber besser zu beherrschen, daher bin ich bereit, eine Art Wie- dergutmachung zu bezahlen, falls das …« »Nehmt Euren Umhang ab!« Der Himmel wurde im- mer heller. Es blieb nur noch wenig Zeit. Während der schaudernde Herzog gehorchte, blickte Ringwald zur Zu-, seherschaft hinüber. Den Geschworenen, dachte er. »Euer Gnaden, Schwester Gertrude? Habt ihr noch weitere Fragen an den Angeklagten, oder kennt ihr einen guten Grund, weshalb ich nicht dazu übergehen sollte, das Urteil zu vollstrecken?« »Nein!« Es hörte sich an, als stammte die Antwort aus beiden Kehlen gleichzeitig. »NEIN!« Der Herzog sank auf die Knie. »Mich zu tö- ten, löst gar nichts.« »Aber die Welt wird dadurch ein besserer, saubererer Ort«, gab Ringwald zurück und hob den Umhang auf. Während er zum Kamin hinüberging, steckte er das Schwert in die Scheide, damit er beide Hände frei hatte. »Raunzer! Der hier gehört dir, Bruder.« Raunzer löste sich aus der Dunkelheit am Eingang. Seine Füße verursachten auf dem körnigen Untergrund kein Geräusch, und er warf im Schein der Flammen kei- nen Schatten. Der Herzog schrie und rappelte sich auf die Beine. Heulend wich er zurück, bis er von der Plattform hechten zu wollen schien. »Willst du es tun?«, fragte Ringwald nach. Die Geistergestalt nickte. Aus ihrer aufgeschlitzten Kehle drangen feuchte Laute. Ringwald verhing den Kaminbogen mit dem Umhang und hielt diesen fest, um das Licht auszusperren. Raunzer verfestigte sich. Er schlurfte zum Herzog hin- über, packte ihn am Kragen und zwang ihn zu Boden, zunächst auf die Knie, dann auf den Bauch. Er zerrte ihm, den Kopf zurück, bis das Genick brach. Dann ließ er ihn wieder los und richtete sich auf. Der Umhang hatte zu glimmen begonnen, also warf Ringwald ihn ins Feuer. Als das Licht wieder aufhellte, wurde die tote Klinge rauchig durchscheinend. Sie drehte sich um und hielt auf die Tür zu. Die leeren Augen und die erstarrten Züge verrieten keine Regung. »Bruder?« In Ringwalds Kehle steckte ein solcher Kloß, dass er kaum zu sprechen vermochte. »Das hast du hervorragend gemacht! Warte!« Er hielt den Leichnam am Arm fest. Dieser fühlte sich fadenscheinig, gestaltlos an, dennoch spürte er die Grabeskälte des Todes durch den triefnassen, zerlumpten Stoff. Raunzer bemerkte die Berührung und hielt inne. »Geh nicht, Bruder! Bleib hier. Du wirst beim ersten Tageslicht zwar sterben, aber du bist bereits tot. Bitte geh nicht hinunter in das Kellergewölbe! Sei kein Schatten- herr. Bring es hinter dich und stirb richtig. Ich bleibe bei dir, ich verspreche. Bis die Sonne aufgeht, halte ich dir die Hand, falls es dir hilft. Und danach überantworten wir dich bei einem anständigen Begräbnis den Elemen- ten.« Raunzer ging weiter, schob sich unmittelbar durch Ringwalds Finger. »Bruder! Unbezwingbar? Schick wenigstens sie nach Hause! Lass mich sie nehmen, damit sie am Himmel der Schwerter hängen kann.« Der Schattenherr ließ in keiner Weise erkennen, dass, er ihn gehört hatte. Ringwald beobachtete, wie er in der Dunkelheit der Treppe verschwand. Der tote Rubin schlurfte hinter seinem Mörder drein. Sein Kopf baumel- te in unmöglichem Winkel am Rumpf. Ringwald rang ein Schluchzen zurück. Nicht für Ru- bin. Überwiegend für Raunzer. Ein wenig auch für sich selbst. Er hatte gewonnen. Warum schmeckte der Sieg so schal? War der Kampf, als es endlich Zeit dafür war, zu einfach gewesen? Oder lag es daran, dass begangene Gräueltaten nicht rückgängig gemacht wurden, indem man die Übeltäter beseitigte? Als die Frauen nach ihm zu rufen begannen, ging er so nah zum Rand, wie er es wagte. Er schrie seine Worte in die Welt hinaus. »Die Schattenherren sind verschwun- den! Die Schurken sind tot!« Die Feste bescherte ihm einen beeindruckenden Widerhall. »Hier unter mir gibt es einen Weg nach draußen. Geht die Treppe zurück hin- unter und sucht einen Unterstand vor diesem verfluchten Regen. Ich komme euch holen.« »Ich liebe dich!«, rief Trudy. »Du bist auf ewig mein Held!« »Das gilt für uns beide!«, fügte Johanna hinzu. Er beobachtete, wie sie den Abstieg begannen, dann begab er sich verstohlen zum Kamin und versuchte, sich zu wärmen, doch seine Kleider waren so nass, dass die Hitze ihn nur umso heftiger schaudern ließ. Nach ein paar Minuten war er überzeugt davon, dass genug Tages- licht herrschte, um die Schattenherren zu bannen und er, besser aufbrechen sollte, ehe die Soldaten von draußen hereinkamen, um nach ihren abgängigen Anführern zu suchen. Am Fuß der Treppe stolperte er über ein in einer Scheide steckendes Schwert, das quer über dem Pfad lag. Am Heft der Waffe prangte ein Katzenauge., Wenn der Probst von Vamky ausritt, dann tat er es mit Stil. Glockmann saß auf einem schwarzen, siebzehn Hand hohen Hengst, bei dessen Anblick der König von Chivial vor Neid smaragdgrün angelaufen wäre, und je- der Mann seiner Gesellschaft war ebenso gut oder besser beritten. Dennoch war dies nach Vamkys Einschätzung kein aufwändiger Einsatz – nur ein Standartenträger in der Vorhut, Volpe mit seinem chivianischen Gast und fünfzig glutäugige junge Schwertkämpfer, die ohne Rücksicht auf sonstigen Verkehr gleich einer Flutwelle über die triefnassen Straßen brandeten. Zum Glück stie- ßen sie im kalten Morgengrauen auf niemanden. Platten- harnische wären eindrucksvoller gewesen, doch heute wollte Volpe Geschwindigkeit, und Geschwindigkeit be- kam er. Der Regen hatte aufgehört. Dem Herzog mochte doch noch ein prächtiger Tag für seine Vermählung beschie- den sein. Volpes Persönlichkeit war überwältigend wie ein Erd- rutsch. Der einzige Mann, dem Glockmann je begegnet war und der sich mit ihm vergleichen ließ, war Groß- meister. Doch Großmeister ähnelte einem Hiebschwert mit Spitze und Schneide; Volpe hingegen wirkte wie ein reines Breitschwert. Als sie durch das Tor des Klosters preschten, begann Volpe, Fragen abzufeuern, und als sie, die Altenbrücke überquerten, wusste er bereits alles, was Glockmann gesehen oder getan hatte, seit Johanna in Ei- senburg eingetroffen war. Danach verstummte er, überließ Glockmann den eige- nen nagenden Sorgen. Sofern Johanna noch nicht von János an ihren widerwärtigen Gemahl verraten und in der Nacht ermordet worden war, würde sie ihren Sohn zu- rückbekommen. Folglich konnte Glockmann sein Unter- fangen als erfolgreich betrachten. Es war ihr Glück, das ihm am Herzen lag. Doch Volpe war offensichtlich fest entschlossen, Rubin auf die eine oder andere Weise gänz- lich aus dem Spiel zu nehmen, wonach Volpe über das Land herrschen würde. Was also würde aus Frederik werden? In gewisser Weise würde seine Mutter ihn er- neut verlieren, denn er würde eine Art Staatseigentum. Und Glockmann selbst? Sogar wenn Volpe der Großher- zogin eine bedeutende Rolle bei der Erziehung des künf- tigen Großherzogs zugestünde, würde Krupina niemals dulden, dass sie einen mittellosen Abenteurer aus der Fremde heiratete, der noch dazu von niedriger Geburt war. Und müsste sie zwischen Glockmann und Frederik wählen, konnte Glockmann nur verlieren. Dabei waren das noch die geringsten seiner Sorgen, denn er kannte immer noch nicht die wahre Geschichte, wie Volpe in einem Verlies in seiner eigenen Festung gelandet war. Verrat war alles, was der Probst gesagt hat- te. Aber angenommen, er war der Verräter gewesen? Angenommen er hatte versucht, Rubin, Frederik, Johan-, na und sogar seinen eigenen nichtsnutzigen Sohn zu tö- ten, und Rubin hatte ihn deshalb einkerkern lassen? An- genommen, der oberschlaue Glockmann hatte sich auf die falsche Seite geschlagen und ein Ungeheuer entfes- selt? Rubin mochte durchaus wieder heiraten wollen, weil er seine Gemahlin und seinen Sohn aufrichtig für tot hielt. Gewiss, die kurze Zeit der Trauer mutete etwas ge- fühllos an, aber immerhin war er fünfzig und musste un- geduldig auf einen Erben warten. »Das ist Fadrenschloss«, erklärte Volpe und deutete in die Richtung. Glockmann sah zwar nur Hügel und Bäume, nickte je- doch. »Als Kind«, fuhr der Probst fort und wechselte damit ohne Ankündigung das Thema, »gebarte er sich immer als tadelloser kleiner Edelmann, solange Erwachsene in der Nähe waren. Aber die Küchenmägde hatten eine heil- lose Angst vor ihm.« War er im Begriff, seine Seite der Geschichte preiszugeben? Das wäre eine unverhoffte Höflichkeit, aber zweifellos hätte er auch eigene Gründe dafür. »Sobald es halbwegs schicklich war, verheiratete die Familie ihn und hoffte, damit wäre alles erledigt. Als sei- ne erste Gemahlin starb, konnten wir nicht sicher sein.« Das anbrechende Tageslicht offenbarte ein reumütiges Lächeln, dass allein für die Straße vor ihnen bestimmt schien. »Eine Lektion, die ich in meiner militärischen Laufbahn gelernt habe, Jakob Glockmann, ist, dass, Schwarzseher länger leben! Gute Neuigkeiten sind we- sentlich einfacher zu glauben als schlechte. Gibt man ei- nem Feind Grund zu der Annahme, man befände sich weit entfernt, wird er es in neun von zehn Fällen glauben, bis man ihm die Tür eintritt. Das gilt auch im gewöhnli- chen Leben. Wir alle finden Gründe, verlockende Mär- chen zu glauben und unwillkommene Kunde zu verwer- fen. Die Familie wollte einfach nicht glauben, dass der Tod des Mädchens etwas anderes als eine unglückliche Fügung gewesen war. Die zweite warf er aus einem Fenster. Diesmal bestan- den keine Zweifel. Eines der Weingläser roch so stark nach Schlafmohn, dass er sie quer durch die Kammer getragen haben musste. Er war Großherzog und ich sein vereidigter Vasall, dennoch musste offenkundig etwas getan werden. Ich erklärte ihm, dass es keine weiteren Ehen geben würde. Er war einverstanden. Auch ihm missfiel, was geschehen war, doch er hatte nicht anders gekonnt. Er versprach, sich an den Pöbel zu halten und seine Gespielinnen zu bezahlen, sobald er ihrer überdrüs- sig wurde. Die Rechnung ging über dreißig Jahre lang auf. Selbst wenn ich in der Fremde auf Feldzug war, hielt er sich an unsere Vereinbarung. Abgesehen von jener einen Schwäche war er ein guter Herzog – genügsam, umsichtig und zu faul, um sich Ärger einzuhandeln, wie es so viele Herrscher tun. Den Mädchen gereichte es nicht zum Nachteil. Gewiss, ein paar Wochen lang muss- ten sie erniedrigenden körperlichen Missbrauch erdulden,, doch danach standen sie mit genug Geld da, um sich ei- nen achtbaren Ehemann zu kaufen. Nach ein paar Tagen Erholung waren die meisten so gut wie neu und wieder glücklich. Dann funkte dieser Trottel von Fader dazwischen! Er kannte die Regeln, wollte jedoch nicht mitspielen. Wäre sie eine Blutsverwandte gewesen, hätte ich ihn vielleicht noch verstanden. Als ich davon erfuhr, wurde die Ver- mählung bereits verkündet. Ich habe versucht, das Mäd- chen einzuschüchtern, um es davon abzubringen, doch es war vergebens.« Der Probst richtete seinen furchteinflößenden Blick auf Glockmann, der annahm, dass eine Äußerung von ihm erwartet wurde. »Ihre Hoheit lässt sich nicht leicht einschüchtern, Herr.« »Offensichtlich. Ich habe sie unterschätzt.« Abermals kam und ging jenes grimmige Lächeln. »Frauen sind nicht unbedingt meine starke Seite. Ich habe Rubin davor gewarnt, dass ich keine weitere Gewalt dulden würde, doch wenn ihn der Taumel der Lust erfasst hat, kann man nicht vernünftig mit ihm reden. Ich habe dafür gesorgt, dass seine Gemahlin am Hof geschnitten wurde und hoff- te, er würde sie still und heimlich abschieben, sobald er zur Besinnung käme. Leider gebarte sie sich tadellos. Sie tat, wie ihr gehei- ßen, verursachte keinen Ärger, beschwerte sich nie, nicht einmal, als er wieder zum Schürzenjäger wurde. Gerade, rechtzeitig zur gesetzlichen Frist gebar sie einen Sohn, somit kam es nicht mehr in Frage, sie zu verstoßen. Das gemeine Volk vergötterte sie, weil sie eine der ihren war, außerdem fürchtete man, ich könnte das Erbe antreten. Und Karl wollte gewiss niemand. Offen gesagt, konnte auch ich mir Karl nicht als Herzog vorstellen. Rubin ließ sie nie aus dem Palast. Ihr gegenüber meinte er, dass er um ihre Sicherheit besorgt sei, in Wahrheit aber wollte er nicht hören, wie man ihr zujubelte, denn er wurde nie umjubelt. Er ist kein Herzog, der zu Beifallsstürmen hin- reißt. Diesen Frühling starb der Sohn des Markgrafen, und uns allen war klar, dass seine Tochter die Mark erben würde. Noch bevor ich Rubin die Kunde mitteilte, wusste ich, was geschehen würde. Daraufhin habe ich versucht, ein, zwei Brüche mit der … mit Ihrer Hoheit zu kitten, aber natürlich misstraute sie mir. Ich vermute, Rubin hatte bereits beschlossen, sich ih- rer zu entledigen. Vielleicht hatte er genug davon, sie um sich zu haben, oder vielleicht konnte er es einfach nicht ertragen, verheiratet zu sein. Mir ist schleierhaft, wie er eigentlich ist. Jedenfalls wusste er, dass es etwas Fein- sinnigeres als ein Fenstersturz sein musste, um mich zu- frieden zu stellen. Er begann, indem er Abt Minhea bestach, was sich als nicht allzu schwierig erwies. Der Abt und der Probst kommen nie gut miteinander aus. Das war seit jeher der Hintergedanke dieser gemeinsamen Herrschaft, und wir, beide bildeten keine Ausnahme. Rubin schwor, er würde Minhea dafür sorgen lassen, dass mein Amt verfügbar wurde und dass er einen Handlanger als meinen Nach- folger einsetzen könnte. Der alte Narr war einverstanden, und so bekam Rubin Zugriff auf die Beschwörungsküns- te Vamkys. Dadurch ist das Medaillon entstanden. Auch meinen nichtsnutzigen Sohn warb er an, was vermutlich noch einfacher war. Ich habe versucht, Karl zu zügeln, indem ich ihn an der kurzen Leine hielt, was Geld anging, aber er war sehr geschickt darin geworden, Frauen um Zuwendungen anzugehen. Rubin wickelte ihn mühelos um den Finger. ›Verführ Johanna.‹ forderte er ihn auf. ›Häng ihr ein Kind an, dann verstoße ich sie mit Schimpf und Schande mitsamt dem Balg, und du stehst wieder an zweiter Stelle der Thronfolge.‹ Natürlich nahm der junge Trottel die Herausforderung an. Er war zu dumm, um zu begreifen, dass die Beseitigung zweier Er- ben doppelt so gut war wie die Beseitigung eines Erben. Außerdem stellte er fest, dass er nicht der unwiderstehli- che Verführer war, für den er sich hielt, wenn es um Frauen seines Alters ging.« »Meint ihr nicht«, fiel Glockmann ihm wütend ins Wort, »dass Ihrer Hoheit Anerkennung dafür gebührt, nicht schwach geworden zu sein?« Volpe warf ihm einen mürrischen Blick zu. »Schon möglich. Jedenfalls wurde Rubin ungeduldig mit Karl. Auf dem Weg nach Trenko ließ er dafür sorgen, dass dem Baron mitgeteilt wurde, ich plante einen Umsturz., Er wusste, dass der alte Mann es Johanna sagen und sie zurück nach Krupa eilen würde, um ihr Kind zu beschüt- zen. Rubin selbst begab sich in jener Nacht nach Zolensa, damit er entlastet war. Dort verkündete er, seine Gemah- lin hielte sich in Fadrenschloss auf, und selbstverständ- lich glaubte ihm jeder. Den Rest erledigte Karl mit dem Medaillon. Allein die Geister wissen, wohin er sie brin- gen wollte.« »Johanna gegenüber meinte er, sie wären unterwegs nach Vamky.« Volpe verzog das Gesicht. »Dann bin ich froh, nicht zu wissen, was nach ihrer Ankunft dort geschehen wäre. Minhea sandte Kantor Kuritsin aus, um den Hinterhalt vorzubereiten. Der Mann ist ein begnadeter Meuchel- mörder. Es lief gut, aber nicht perfekt. Perfekt wäre es gewesen, wenn alle Leichen in Sicht und erkennbar ge- wesen wären. Rubin verdächtigte von Fader, das Mädchen … ich meine die Herzogin zu verstecken. Also steckte er Fa- drenschloss in Brand, um sie auszuräuchern.« Volpe stimmte ein freudloses, raues Lachen an. »Eigentlich gel- te ich als der Krieger in der Familie, dabei hat er weniger Gewissensbisse als ich. Minhea hatte Straßensperren er- richtet, um sie abzufangen, sollte sie zu flüchten versu- chen. Ich vermute, später hätte man ihre Leiche und jene des Knaben in den Trümmern der Kutsche gefunden.« An dieser Stelle wurde die Unterhaltung unterbrochen. Der Standartenträger zeigte eine Kurve an und führte die, Kolonne von der Landstraße auf eine baumgesäumte Al- lee. Volpe blies einen Warnruf auf seinem Horn. Kurz darauf erreichte die Schwadron eine Palisade, die sich in- nerhalb von Koppeln und umzäuntem Weideland befand, wo zu Glockmanns Erstaunen etwa sechzig frische Pferde bereits gesattelt und in Reihen angebunden warteten. Ei- nige Stallburschen zogen hastig Bauchgurte fest, während aus den Gebäuden andere strömten, um ihnen zur Hand zu gehen. So gut vorbereitet war die Königliche Garde nie. »Sucht Euch eines aus«, lud Volpe seinen Gast ein, als er abstieg. Das ließ Glockmann sich nicht zweimal sagen und steuerte auf einen vier oder fünf Jahre alten Braunen zu, der aussah, als könnte er den ganzen Weg nach Chivial laufen, ohne außer Atem zu geraten. Ein Jungritter mit braunem Gürtel hatte dieselbe Wahl getroffen. Sie stan- den einander auf beiden Seiten am Kopf des Hengstes gegenüber, und kurz lag Spannung in der Luft. Dann schaute der Ritter auf Glockmanns Schwertgurt, salutier- te, ohne die Miene zu verziehen, und stapfte davon. »Was meinst du dazu, Großer?«, fragte Glockmann, als er nach den Steigbügeln griff. Der Braune rollte mit den Augen und schwieg. Beim Aufbruch gab es eine geringfügige Verzögerung. Als bereits alle wartend im Sattel saßen, war der Probst noch tief im Gespräch mit zwei Männern. Einer der bei- den war Radu. Womöglich, um sich über Glockmann zu erkundigen?, Sobald die Kolonne wieder auf der Landstraße war, setzte Volpe seine Ausführungen fort. »Ich muss geste- hen, anfangs ließ ich mich wie jeder andere täuschen. Ich glaubte an den Unfall.« Der große Mann lachte. »Reines Wunschdenken! Ich nahm an, ich hätte doch Recht ge- habt, und die geltungssüchtige Bürgerliche wäre mit ei- nem Liebhaber ausgerissen. Mir kam sogar in den Sinn, es könnte sich dabei um meinen hohlköpfigen Sohn han- deln. Aber als Fadrenschloss brannte, ahnte ich, dass Rubin wieder seinen alten Lastern frönte. Ich schickte Harald Priboi aus, um Nachforschungen anzustellen, weil er ein Bursche aus Fadrenschloss war und den Baron kannte. Sofern er Johanna lebend anträfe, sollte er ihr Vertrauen gewinnen und sie vor Schaden bewahren, bis ich die Din- ge in Krupina richten konnte. Nachdem er in dieser An- gelegenheit anfangs ein Handlanger Rubins gewesen war, wurde er später einer der meinen, indem er tat, was ihm befohlen wurde. Er hat seine Sache wirklich gutge- macht, wenn er sie bis nach Chivial getrieben hat.« Bislang hatte Glockmann kaum etwas erfahren, was er sich nicht bereits selbst zusammengereimt hatte. Volpe fuhr fort. »Er sandte eine Nachricht, dass sie den Knaben irgendwo in Brikov zurückgelassen hatte. Minhea ließ seine Männer wie verrückt die Archive nach dem Losungswort durchforsten, mit dem sie über Ritter János verfügen konnten. Ich sandte Radu aus, um das Kind zu suchen, und wir brachten den Knaben in Sicher-, heit. Ich habe bereits eine Botschaft nach Bad Nargstein geschickt, und wir sorgen dafür, dass seine Mutter ihn noch heute wiedersieht.« »Das ist äußerst rücksichtsvoll von Euch, Herr. Ihre Hoheit wird überglücklich sein.« »Das hat sie sich redlich verdient.« Eine Weile schwieg der Probst. Hufe durchquerten in gleichmäßigem Tak den Schlamm. »Sagt«, meinte er schließlich. »Eines verwirrt mich noch immer. Laut Haralds Berichten war die Herzogin die ganze Zeit restlos davon überzeugt, dass ich versucht hätte, Rubin zu stürzen oder es mir bereits gelungen war, und mich als er ausgab. Mir ist schon klar, dass jenes Medaillon sie auf einen solch wirren Einfall gebracht haben könnte, aber sie muss doch gewiss mehr Grund zu der Annahme gehabt haben als das, oder?« »Sie sah Rubin, als er in Fadrenschloss eintraf«, er- klärte Glockmann, »und er hinkte.« »Die Sieben mögen uns beschützen! Das war alles? Ist ihm sein Pferd auf den Fuß getreten?« Glockmann wagte ein Lächeln. »Vielleicht war es bloß Zufall, vielleicht wollte er den Baron aber auch auf die Probe stellen. Er muss sich Sorgen darüber gemacht ha- ben, dass der falsche Herzog in den Trümmern gefunden worden sein könnte. Wenn dem so war und der Baron nicht gleich ›Wunder‹ gebrüllt hätte, musste er über das Medaillon Bescheid wissen, was einem schlagenden Be- weis gleichkam. Und tatsächlich ließ der alte Mann sich von dem Hinken in die Irre führen. Der Herzog erkannte, seinen Argwohn und wusste, dass er Bescheid wusste. Könnt Ihr mir folgen? Die Antwort bestand darin, den Ort in der Hoffnung niederzubrennen, die Herzogin, den Baron und das Medaillon auf einen Schlag zu beseiti- gen.« Volpe murmelte einen Fluch. »Euer Neffe, Herr, ist ein verschlagener Mann! Was Johanna angeht, so glaube ich, dass wieder Euere Auf- fassung über Schwarzseher mitspielte. Keine Frau würde glauben wollen, dass ihr eigener Gemahl versucht, so- wohl sie als auch den gemeinsamen Sohn zu töten. Zu- dem hattet Ihr Euch bereits längst als der Bösewicht gebrandmarkt, wenn Ihr mir die Bemerkung gestattet.« »Unter den gegebenen Umständen sei sie gewährt«, räumte Volpe ein. »Fähnrich! Zeig Trab an! Nachdem seine Gemahlin dem Feuer entronnen war, schickte er also Kuritsin hinter ihr her. In Blanburg misslang es ihm, sie zu ermorden, danach verlor er sie dank Harald aus den Augen. Wenn Rubin im Taumel der Wollust ist, kennt er keine Geduld. Er beschloss, sich mit der zweit- besten Lösung zufrieden zu geben, und enthüllte den Skandal, den er eingefädelt hatte. Ich muss gestehen, damit hat er ganze Arbeit geleistet – was beweist, dass er ein fähiger Mann sein kann, wenn ihn etwas aus seiner Trägheit zu reißen vermag. Bald war im ganzen Land verbreitet, dass die Herzogin mit einem unbekannten Mann Reißaus genommen hatte und sowohl sie als auch das Kind in einen Abgrund gestürzt waren., Die Rechnung ging auf. Der alte Markgraf brauchte einen Ehemann für seine Tochter und lechzte nach einem Enkel, der beide Reiche erben würde, folglich wurde die Vermählung durch Frederiks Tod noch verlockender. Er stimmte ihr zu, bestand jedoch auf einer sechsmonatigen Trauer für seinen Sohn. Nun ist die Zeit um.« Er schaute zu Glockmann. »Habe ich etwas ausgelassen?« Obwohl er sich bewusst war, dass die Frage unklug sein mochte, sagte Glockmann: »Markgraf Ladislas ist nicht zufällig ein weiterer abtrünniger Vamky-Ritter, oder, Herr?« Das Blick des Probstes schleuderte ihn fast vom Pferd. »Wollt Ihr damit andeuten, ich hätte einen vor fünfzig Jahren geschworenen Eid missbraucht, um einen Mann zu zwingen, die eigene Tochter an meinen mordlüsternen Neffen zu verschachern?« »Nein, Herr«, widersprach Glockmann hastig. »Warum fragt Ihr dann?« »Weil ich sonst nicht verstehen könnte, weshalb La- dislas einverstanden war. Ich vermute, Abt Minhea hatte weniger Gewissensbisse als Ihr.« Er wusste, dass es klü- ger gewesen wäre, an dieser Stelle aufzuhören, aber er musste erfahren, ob er sich auch den Rest richtig zusam- mengereimt hatte. »Ich denke, Euer Ansatz war taktvol- ler. Da Trenko sich unmittelbar an der Schwelle zu Vam- ky befindet, wäre es Vamky gewiss nur allzu recht, einen weiteren Mann aus Vamky als Ladislas’ Nachfolger zu sehen. Ich glaube, Ihr habt die Listen durchgesehen und, einen vielversprechenden jüngeren Sohn von edler Ge- burt ausgewählt, den Ihr mitgenommen habt, als Ihr zu der Beerdigung gereist seid. Vermutlich habt Ihr weder Zwang noch Drohungen eingesetzt. Aber Ihr hättet Hin- weise anbringen können, dass dieser junge Mann einen guten militärischen Berater oder Adjutanten oder der- gleichen abgeben könnte. Ritter Nikolaus, Herr?« Die Raubtieraugen musterten ihn, als wögen sie ihn für die Speisekammer ab. »Ihr seid ein gefährlich scharf- sinniger Mann, Herr Glockmann.« »Danke, Herr«, gab Glockmann unbehaglich zurück. Hatte er es am Ende übertrieben? Er wollte den Mann beeindrucken und nicht vor den Kopfstoßen. »Wie habt Ihr von Nikolaus erfahren?« »Aus Gesprächen mit Ihrer Hoheit und Radu. Ich weiß nur, dass er in Trenko blieb und von gehobener Geburt ist. Der Rest war, offen gesagt, reine Spekulation.« »Ursprünglich Prinz Nikolaus, dritter Sohn des Königs von Microsia. Mittlerweile persönlicher Kammerherr der Tochter des Markgrafen. Welche weiteren Geheimnisse habt Ihr Vamky in den vergangenen zwei Tagen sonst noch entlockt, Herr Glockmann?« »Keine, Herr. Eine Frage hätte ich allerdings noch. Wie kam es, dass Ihr in Eurer eigenen Festung in Gefan- genschaft geraten seid?« Die Züge des Söldners verfinsterten sich. »Ich habe zu lange gewartet. Ich konnte nicht sicher sein, dass Karl der vermeintliche Gemahl in der Kutsche gewesen war,, und ich fürchtete, er könnte quicklebendig auftauchen und mich als Narr dastehen lassen. Deshalb wartete ich Rubins Untersuchung in der Hoffnung ab, dadurch weite- re Beweise zu erhalten. Bevor ich zur Tat schreiten konn- te, wurde ich verraten. Rubin hält mich übrigens für tot. Ich freue mich bereits auf sein Gesicht, wenn ich bei der Trauung unverhofft wiederauferstehe. Minhea hat ihm gesagt, ich wäre tot, ließ mich aber gleichsam als Sicher- heit am Leben. Ich war seine Handhabe gegen Rubin, teils weil ich nun offiziell sein rechtmäßiger Erbe bin, teils weil ich weiß, wo der wahre Erbe steckt. Natürlich habe ich es nicht verraten. Sie haben mich zwar bearbei- tet, aber sie konnten es sich leisten, geduldig zu sein. Letzten Endes redet jeder.« Eine Weile hing jeder seinen Gedanken nach, während sie vor sich hinritten. Die Felder dampften im Sonnen- licht. Herbstliches Laub schimmerte wie Blattgold. Ir- gendwo vor ihnen lag Donehof, aber würde Johanna noch dort sein? Hatte János sie mit nach Krupa genom- men? Oder hatte er sie an Rubin ausgeliefert? War sie überhaupt noch am Leben? »Was werdet Ihr nun tun, Herr?«, erkundigte Glock- mann sich. Abermals musterte Volpe ihn und ließ sich Zeit, um sich die Worte zurechtzulegen. »Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall setze ich meinen Neffen ab. Höchstwahr- scheinlich lasse ich ihn für wahnsinnig erklären. Viel- leicht auch hinrichten. Möglicherweise rufe ich Frederik, zum Herzog und mich zum Regenten aus.« Wieder die- ses unheilverkündende Lächeln. »Und ganz bestimmt will ich herausfinden, was Ihr im Schilde führt, Herr Glockmann.« Johanna und Trudy hatten eine Nische nahe des Fußes der Treppe gefunden und kauerten darin eng umschlu- gen, um sich trotz ihrer nassen Kleider warm zu halten. Sie versuchten, sich nicht zu rühren und nicht zu zittern. Und warteten auf Ringwald. Licht kroch in die Feste, ein neuer Tag brach an. Es würde ein ungemein seltsamer Tag werden. Johanna war nun eine Witwe. Sie hatte mitangesehen, wie ihr Gemahl von einem der Schattenherren getötet worden war, die sein eigenes böses Treiben geschaffen hatte. Auch Volpe war tot. Frederik, so er noch lebte, war nunmehr Groß- herzog, aber wer sollte die nächsten fünfzehn Jahre über Krupina herrschen? Jedenfalls nicht die Tochter von E- rich von Schale – nicht, wenn der Adel dabei ein Wört- chen mitzureden hatte. Sie könnte sich schon glücklich wähnen, wenn man ihr überhaupt Zugang zu ihrem Sohn gewährte. Wo steckte Glockmann? Wer war der Gefan- gene, den zu retten er losgezogen war, wenn es sich of- fenkundig nicht um Rubin handelte? Unweigerlich schli- chen sich Zweifel ein. Rubin, wie er mitten in einer stür- mischen Nacht eine verwunschene Ruine besuchte, das schien eine den Verstand übersteigende Unwahrschein- lichkeit. Hatte er tatsächlich das zwanghafte Bedürfnis, verspürt, den Tod seiner Gemahlin zu bezeugen, um Ge- wissheit zu haben, dass sie endgültig aus dem Leben ge- schieden war? Mühevoll überwand sie sich zu glauben, dass es Rubin gewesen sein musste. Volpe hätte jeden- falls nicht versucht, mit einem Stuhl gegen eine Klinge zu kämpfen. Hatte Frederik noch Blutsverwandte? Jener Vetter in Blanburg? Er oder König Athelgar wären der neue Herzog, falls Frederik tot war. Irgendwann inmitten ihrer sorgenvollen Gedanken glitt sie in den Schlaf, ungeachtet der Kälte, des Hungers und der Schmerzen ihrer zahllosen Schnitte und Ab- schürfungen. Sir Ringwald hatte sich ja als schöner Be- schützer erwiesen … »Zeit, sich zu erheben und zu strahlen«, sagte Trudy. »Den Teil mit dem Strahlen möchte ich unbedingt se- hen.« Ruckartig und verwirrt erwachte Johanna. »Was?« »Sie sind da.« Der Himmel lugte blau zwischen den Wolkenfetzen hervor. Nur ein paar Schritte von ihr entfernt legten drei Männer eine Leiter über eine Kluft, während andere sie in der Ferne beobachteten – Vamky-Brüder und Ring- wald, der zerlumpt, blutig und vor Erschöpfung kalkweiß war. Bei Johannas ersten, mühevollen Bewegungen musste sie unwillkürlich heftig schaudern. Ringwald legte ein Brett auf die Leiter, trug ein weiteres zur Mitte, ließ sich von einem seiner Helfer ein drittes reichen und hatte so, binnen weniger Augenblicke eine Brücke gebaut. Er stieg darüber und verneigte sich kurz vor seinem Mündel. Dann zog er Trudy in etwas, das als leidenschaftliche Umarmung begann und sich alsbald in einen Sturm aus Aaah! und Autsch! und glückliches Gelächter verwandel- te – glücklich, weil Schmerz ein Zeichen von Leben ist. Die Toten spüren nichts. Einer der Ritter hielt das ferne Ende der knarrenden, stöhnenden Brücke fest, während die anderen Ringwald darüber folgten. Der Ritter salutierte vor Johanna. »Königliche Hoheit, ich bin Bannerherr Helmut Schwartz und wurde geschickt, Euch aus dieser Wildnis zu helfen. Mir wurde aufgetragen, Euch das tiefempfun- dene Mitgefühl des Ordens zu Eurem …« Sie nickte, ehe er den Satz beenden konnte. »Wer hat den Befehl?« Seine Augenbrauen hoben sich bis zur Helmkrempe. »Abt Minhea hat persönlich den Befehl übernommen.« Sein Blick wanderte über ihre zerrissenen, blutbefleckten Kleider. »Wenn Ihr mit uns kommt, sorgen wir dafür, dass man Euch anständig versorgt, Euer Gnaden. Wir können umgehend eine Feldbeschwörungsstelle errich- ten, um Eure Verletzungen zu behandeln. Ihr könnt schon einmal überlegen, was Ihr zum Frühstück haben möchtet.« Für einen Mann, dem es nur in Notfällen ges- tattet war, mit Frauen zu sprechen, wusste er sich ziem- lich gut auszudrücken. Sie ergriff die ihr dargebotene Hand, eine kräftige,, schwielige Soldatenhand, und ließ sich über die wackeli- ge Brücke führen. Ringwald folgte dicht hinter ihr. Er stützte Trudy, war jedoch allzeit bereit, nach seinem Mündel zu greifen, sollte Johanna ihn brauchen. Es dau- erte eine ganze Weile, die Leitern und Bretter zu verle- gen, um Klüfte über den Felshaufen zu überwinden und zu dem Turm zu gelangen, in dem Rubin gestorben war. Die Männer schlugen Disteln für sie um, hielten Leitern fest, wenn sie hinauf- oder hinunterklettern musste. Sie geleiteten sie zum Fuß des Schornsteinturms und eine weitere Treppe hinauf. Am fernen Ende eines Tunnels durch den der Wind pfiff, hielt sie neben einer dicken Holztür inne und schaute auf eine Wiese hinab, auf der noch die Glut von Lagerfeuern rauchte. Einige Dutzend Vamky-Ritter bil- deten gerade eine Ehrengarde, und mittlerweile befanden sich mindestens ebenso viele hinter ihr. Ihre Arbeit in der Feste war verrichtet. Rubins große, achtspännige Her- zogskutsche stand unbeachtet im Hintergrund. Dahinter lagen die Koppeln und Nebengebäude von Donehof vor herbstlichen Hügeln und schneegesäumten Berggipfeln. Das Haupthaus befand sich außer Sicht hinter dem Turm. Obwohl die letzte Brücke, die auf sie wartete, wie ein Fluchtweg aus einer Todesfalle aussehen sollte, konnte sie sich des Gefühls nicht erwehren, die Freiheit hinter sich zu lassen. Ein halbes Jahr lang hatte sie Entschei- dungen getroffen, ohne sie sich von einem Mann geneh- migen zu lassen; nun würde sie wieder Befehle empfan-, gen. All die Schönheit des Morgens vermochte nicht, dies aufzuwiegen. Ringwald murmelte »Mit Eurer Erlaubnis« und zwängte sich an ihr vorbei, um vorauszugehen, ganz so, als gehörte es zu den Pflichten einer Klinge, als Lande- kissen für abstürzende Mündel zu dienen. Er war doppelt bewaffnet, denn irgendwann und irgendwo in den letzten Minuten hatte er ein zweites Schwert ergattert. Beide hat- ten Katzenaugengriffe. Johanna drehte sich um und begann mit dem Abstieg. Ihre Klinge wartete am Fuß der Leiter mit sorgenvoller Miene. »Euer Gnaden«, murmelte Ringwald, dessen Au- gen in jede Richtung außer in die ihre zuckten. »Ich glau- be, da braut sich Ärger zusammen. Besteht auf Euren königlichen Ehren.« Die Ehrengarde sah ganz und gar nicht mehr wie eine Ehrengarde aus. Auf einer Seite stand ein Dutzend Män- ner, auf der anderen Seite ein weiteres, und in der Mitte wartete gelassen ein fünfundzwanzigster Mann. Sie hatte den Abt noch nie in militärischer Kluft gesehen und hätte das farblose, unscheinbare Gesicht unter dem Helm um ein Haar nicht erkannt. Er war keineswegs fett, besten- falls etwas mollig, und seine Züge präsentierten sich glatt wie die eines Knaben. Allein die grau gesprenkelten, bu- schigen Augenbrauen straften die vermeintliche Jugend seines Gesichts Lügen. Einem Antlitz ohne jede Sorgen- falte misstraute Johanna grundsätzlich. Er lächelte, als sie sich ihm mit Ringwald zur Rechten, und Trudy zur Linken näherte. Trudy trug noch immer das Breitschwert des Grafen, als betrachtete sie es als persönliches Andenken. Die letzten Überlebenden einer aufsehenerregenden Nacht, dachte Johanna. »Guten Tag, Frau Schale. Wie ich höre, hattet Ihr eine unerfreuliche Nacht.« »Minhea, nicht wahr?«, gab sie zurück. Fürst Volpe hatte Ernst von Fader in mancherlei Hinsicht bewundert, in anderer missbilligt. Mit dem Abt aber hatte er nie et- was anzufangen gewusst. »Wo ist Fürst Volpe? Wurde er vom Tod seines Neffen unterrichtet?« Das Lächeln des Abts verschwand nicht. »Ihr wart ja in der Fremde … Fürst Volpe ist einige Wochen vor sei- nem Neffen verschieden.« Trudy hüstelte eine Warnung. »Und sein Sohn, Fürst Karl?«, wollte Johanna wissen. »Ah ja. Über Fürst Karls Verschwinden wird man Euch einige Fragen stellen müssen.« »Also bestehen keinerlei Zweifel, dass mein Sohn nun Großherzog ist. Wo ist er?« Minheas Augen schienen aufzuleuchten. »Wenn Ihr es nicht wisst, spielt es keine Rolle, Frau Schale.« Zu spät erkannte sie ihren Fehler. Sie hätte ihre Ah- nungslosigkeit niemals zugeben dürfen. »Ich bin Groß- herzogswitwe Johanna und wäre Euch dankbar, wenn Ihr Euch daran erinnern könntet.« Minhea schüttelte den Kopf, wobei Strahlen der Mor- gensonne von seinem Helm widerspiegelten. Mit einem, Schlag wirkte sein Lächeln echt, als hätte er soeben letzte Zweifel über Bord geworfen und könnte die Lage nun in vollen Zügen genießen. »Wäre ein Großherzog Frederik von Krupina hier, um Euren Rang zu bestätigen, dann würde er es. Wir können Eure Verletzungen heilen, Euch mit Essen und sauberen Kleidern versorgen. Danach würde Euch unverzüglich eine Kutsche nach Krupa brin- gen, damit Ihr Euch um die Förmlichkeiten im Zusam- menhang mit dem Tod Eures bedauerlicherweise ver- storbenen Gemahls kümmern, eine landesweite Trauer ausrufen könnt und so weiter. Aber in Abwesenheit des Kindes oder eines Beweises dafür, dass der Knabe noch lebt, seid Ihr nicht mehr als eine Verdächtige in einem aufsehenerregenden Mordfall.« Zwölf Mann zu beiden Seiten und etwa zwanzig wei- tere, die von der Leiter aus der Feste kletterten und sich hinter ihr formierten – was für Aussichten hatten eine Klinge und zwei Frauen mit insgesamt drei Schwertern gegen eine solche Übermacht? Musste sie nach allem, was sie durchgemacht hatte, nun doch noch eine Nieder- lage hinnehmen? »Zumindest seid Ihr alle drei wichtige Zeugen«, fuhr der Abt fort. »Bannerherr! Entwaffnet die Gefangenen.« »Ich bin eine chivianische Klinge!«, widersprach Ringwald scharf, etwas zu scharf. »Ich kann mich nicht entwaffnen lassen. Und ich flehe Euch an, verschwendet keine Leben, indem Ihr es mit Gewalt versucht.« Minhea lachte leise. »Mir stehen fünfzig Leben zur, Seite, die ich gegen dich antreten lassen kann, Bürsch- chen. Dein Wagemut bringt diese Frauen ebenso in Ge- fahr wie dich selbst. Lass das Schwert ins Gras fallen.« »Niemals!« Die Erde erbebte. Ein Horn zerriss die Stille des Morgens. Um die Feste, die ihr Herannahen bis zu diesem Au- genblick verborgen hatte, donnerte eine Kolonne Vamky- Ritter. Sowohl sie als auch ihre Pferde mit schaumge- sprenkelten Nüstern waren grau vor Schlamm, doch ihre blauen Umhänge wehten im Wind, und das Sonnenlicht funkelte auf ihren Helmen. Als sie eine Kurve beschrie- ben und in einer Doppelreihe hinter dem Abt zum Stehen kamen, erkannte Johanna den Anführer, der das Horn noch in der Hand hielt. Sie hätte nie für möglich gehalten, sich je über Volpes Anblick zu freuen. Abermals erklang das Horn. Die Schwerter der Reiter fuhren aus den Scheiden. Der Widerhall verebbte. Dassel- be galt vermutlich für die Hoffnungen von Abt Minhea. »Ihr habt geflunkert, Herr«, bezichtigte ihn Trudy. Mittlerweile stand er mit dem Rücken zu ihnen, sodass Johanna sein Gesicht nicht sehen konnte, doch etwas an seiner Haltung verriet, dass unter der Helmkrempe kein Lächeln mehr stand. Als er einen Befehl brüllte, hörte seine Stimme sich selbst für sie misstönend an. »Soldaten, steckt die Schwerter in die Scheiden! Vor- bereiten zum Absteigen!«, »Haltet ein!«, widersprach der Probst. »Ignoriert die- sen Mann.« »Ich habe den Oberbefehl in der Bruderschaft, Vol- pe!«, gellte Minhea. »Sie werden meinen Befehlen ge- horchen. Du wirst vor Gericht gestellt.« »Du bist ein Mörder. Du hast mich ohne Ermächti- gung eingekerkert und gefoltert.« Fast gleichzeitig deuteten Abt und Probst aufeinander und brüllten: »Nehmt diesen Mann in Gewahrsam!« Die Bruderschaft stand geteilt da. Ringwalds Hand wanderte zu seinem Schwert, als wollte er jeden Augenblick einschreiten. Johanna ergriff sein Handgelenk. »Wartet!« Die Lager waren etwa aus- geglichen, doch ein Schwertkämpfer zu Fuß war kein Gegner für einen Schwertkämpfer hoch zu Ross. Und sollte es zu einem Gefecht kommen, wäre sie mitten dar- in gefangen. Hinter sich hörte sie das Schmatzen herannahender Stiefel, drehte sich jedoch nicht um. Bannerherr Schwanz stapfte an ihr vorbei zum Abt. Stumm nahm er Minhea das Schwert ab und trug es zu Volpe, dem er es darreich- te. Der Aufstand war zu Ende. Minheas Männer stimm- ten ungestümen Jubel an und strömten vorwärts, um ih- ren wiederauferstandenen Probst zu feiern. »Allmählich riecht mir das verdächtig nach einem glücklichen Ende«, meinte Trudy. »Noch nicht«, widersprach Ringwald. »Ein Mann fehlt noch.«, »Zwei Männer«, berichtigte ihn Johanna. Ein brauner und schlammfarbener Hengst drängte sich durch das Getümmel auf die vergessene Großherzogs- witwe zu. Der Reiter zügelte das Pferd, schwang ein Bein über den Sattel und landete auf dem Rasen vor ihr auf den Füßen. Durch Staub und Matsch war sein Gesicht unkenntlich, bis er den Kinnriemen löste und den Helm beiseite schleuderte. Darunter kam ein vertrauter Schopf gewellten braunen Haars zum Vorschein, das dringend eines Barbiers bedurfte. Der Mann ergriff ihre Hände. »Frederik ist in Sicherheit«, verkündete Glockmann, und die Welt verschwamm hinter Tränen., Ringwald fand die Feldheilstation der Bruderschaft höchst beeindruckend, nicht zuletzt, weil Bannerherr Schwartz einfach aufs Geradewohl die nächstbesten sie- ben Männer zusammenzurufen schien, ganz so, als wäre jeder Ritter ein fachkundiger Beschwörer. Binnen weni- ger Minuten errichteten sie ein Zelt und legten mit Segel- tuchstreifen ein kleines Oktogramm aus. Danach sangen die acht Männer die Beschwörung aus dem Gedächtnis. Das Vamky-Ritual musste für schwere Wunden gedacht sein, dennoch verbannte es auch Kratzer und Abschür- fungen ebenso gut wie jenes in Eisenburg. Außerdem verteilten die Brüder Fußriemen, die verzaubert waren, um Erschöpfung hinauszuzögern. Den beiden Frauen hauchten die Riemen sichtlich Leben ein. Ringwald hin- gegen bescherte der seine so heftige Krämpfe, dass er ihn abnehmen und ohne auskommen musste – anscheinend widerstrebte der Zauber seiner Bindung ebenso wie Schlaf und Wein. Ungeachtet dessen hielt ihn eine Woge der Erregung mühelos auf den Beinen. Ein weiterer Genuss waren frische, saubere Kleider. Als der Seneschall Gewänder hervorkramte, die seinem ältesten Sohn gehörten und sich als beinahe passend er- wiesen, ließen sich sogar die unweigerlich folgenden Witze über Bohnenstangen überhören. Dennoch konnte keine dieser Freuden einer ordentli-, chen Mahlzeit das Wasser reichen. Und als die Frauen des Zurechtzupfens und Herausputzens endlich überdrüs- sig wurden und sich in den Speisesaal begaben, stellten sie fest, dass Max Priboi ein ebenso erlesenes Festmahl wie jenes am Vorabend mit Graf János vorbereitet hatte, das mittlerweile ein langes Leben zurückzuliegen schien. Ringwald verdrückte ein Dutzend Schnitzel und sechs würzige Würste, bevor er daran ging, den Rest seines Mahls zu planen. Probst Volpe hatte ausrichten lassen, dass sie ohne ihn anfangen sollten, weshalb nur die Herzogin und die drei Überlebenden aus Chivial um den Tisch Platz nahmen. Johanna schickte die Diener hinaus, damit sie ungestört waren. Danach hielt sie eine kurze Gedenkrede für Raun- zer. Trudy fasste das Abenteuer mit den Schattenherren und den Tod des Herzogs für Glockmann zusammen, der seinerseits von den Erlebnissen bei der Befreiung Fürst Volpes berichtete. Offensichtlich ließ er einiges aus, doch man merkte ihm eine beginnende, schwere Erkäl- tung an, weshalb er so wenig wie möglich sprach. Ringwald war zu beschäftigt zum Reden, was nicht al- lein auf Gier zurückzuführen war. Zeit zum Essen und Frischmachen würde von nun an kostbar sein, denn eine einzelne Klinge war jeden Augenblick jeden Tages im Dienst. Ohne Raunzer, mit dem er die Bürde teilen konn- te, würde das Leben wesentlich härter sein. Niemand erging sich in Mutmaßungen darüber, was als Nächstes geschehen würde, abgesehen davon, dass, Glockmann Fürst Volpes Versprechen wiederholte, noch vor Einbruch der Dunkelheit für Johannas Wiedersehen mit ihrem Sohn zu sorgen. Nur Volpe selbst wusste, was sich sonst noch ereignen würde. Er verkörperte nunmehr den alleinigen Herrscher über die Vamky-Bruderschaft und außerdem das Oberhaupt der Herzogsfamilie, bis Frederik die Volljährigkeit erlangte. Er besaß alle Macht in Krupina. In dem Augenblick, in dem der Probst den Raum betrat, beherrschte er ihn, so wie er jeden Raum beherrschen würde, den er je betreten sollte. Er war ein großer, kraft- strotzender Mann mit einem überaus beunruhigenden, eindringlichen Blick. Erleichtert stellte Ringwald fest, dass der vormals gemeine Onkel sich von seiner besten Seite präsentierte, indem er sich vor Johanna verbeugte und um ihre Erlaubnis ersuchte, bevor er sich der Gesellschaft anschloss. Er versuchte sogar einen derben Witz über die Kerkerkost, doch er aß zurückhaltend und verdünnte sein Bier. Da er weitere Einzelheiten über die Schattenherren und die Todesfälle der Nacht zu erfahren wünschte, muss- te die gesamte Geschichte erneut erzählt werden. Nach- dem sie zu Ende war, steckte er sein Messer zurück in den Gürtel und schob den Stuhl vom Tisch zurück. Er bedachte Johanna mit einem Lächeln, dass sich Ringwald die Nackenhaare sträubten, obwohl es augen- scheinlich gut gemeint war. »Sind Eure Hoheit bereit, jetzt nach Krupa zu reisen, um unserem neuen, kleinen Großherzog die Gefolgstreue zu schwören?«, »Und wenn ich kriechen muss!« »Das wird nicht nötig sein. Ihr könnt nach Belieben reiten oder in der Kutsche fahren. So oder so solltet Ihr in Krupa sein, bevor Seine Königliche Hoheit aus Bad Nargstein eintreffen kann.« Er ließ den Blick um den Tisch wandern, als wollte er jemanden zum Kampf her- ausfordern, ehe er die Aufmerksamkeit wieder Johanna zuwandte. »Ich begebe mich nun nach Krupa, und meine erste Pflicht besteht darin, Fürstin Margarita darüber in Kenntnis zu setzen, dass ihre Vermählung abgesagt ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie vor Kummer ver- gehen wird.« »Ich habe das Kind nie kennen gelernt«, meinte Jo- hanna gallig, »aber mir ist zu Ohren gekommen, das Mädchen sei jung und flatterhaft, nicht wahnsinnig.« Der Probst schaute zu Glockmann und erwiderte nichts. »Danach«, fuhr Volpe fort, »müssen Rubins Tod und Frederiks Nachfolge öffentlich verkündet werden. So- wohl die Trauung als auch die Thronbesteigung werden abgesagt. Mir ist durchaus bewusst, dass Ihr den Thron nie formell bestiegen habt, Hoheit, und ich nehme die Schuld dafür auf mich. Aber da Ihr nun die Herzogswit- we seid, kommt eine Thronbesteigung nicht mehr in Fra- ge.« »Ich verstehe«, gab Johanna zurück. »Ich hege deshalb keinen Groll, Herr, solange Ihr weiterhin den Rang mei- nes Sohnes als Großherzog anerkennt und achtet.«, Diese Verhandlungen hörten sich sehr nach dem Ab- schluss eines Friedensbündnisses an, und Ringwald ent- spannte sich. Zur Feier des Anlasses nahm er sich einen zweiten Nachschlag von dem eingelegten Aal. Volpe nickte. »Ich werde Eurem Sohn in Eurer Ge- genwart die Treue schwören. Und ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen Eid gebrochen.« Kurz ver- harrte jener furchteinflößende Blick auf ihrer Klinge. »Ich bin dankbar dafür, dass die Geister des Zufalls es mir erspart haben, gegen einen Neffen vorgehen zu müs- sen, der gleichzeitig mein Lehnsherr war.« Was soviel hieß wie: Danke für den Mord. Ringwald hielt es für das Beste, einfach zu nicken. Er hatte ohne- dies den Mund voll. »Selbstverständlich muss eine Untersuchung über sei- nen Tod durchgeführt werden«, fügte der Probst hinzu. Ringwald verschluckte sich. Glockmann klopfte ihm auf den Rücken. »Keine Sor- ge, Bruder Ringwald. Er will gewiss keine öffentliche Zeugenaussage über das jüngste Treiben Seiner verstor- benen Hoheit. Manche Fische lässt man besser im Meer. Trink einen Schluck.« Volpe runzelte die Stirn. »Die wichtigste Frage ist nun, wer über Krupina herrschen soll, bis unser neuer Großherzog die Volljährigkeit erlangt. Bis dahin muss ich Wächter und Lehrer für ihn abstellen. Ich muss einen Regenten oder einen Regentschaftsrat einsetzen – für beides gibt es Musterbeispiele.«, Johannas Augen waren fast so groß wie Volpes ge- worden. »Ich darf doch als Mutter für meinen Sohn auf- treten, Herr, oder?« Volpe nickte. »Gewiss.« »Und werdet Ihr so freundlich sein, mich bei diesen anderen Belangen zu Rate zu ziehen?« »Das werde ich mit Sicherheit, ebenso, wie ich Euch als Frederiks Mutter anerkennen werde, aber offen gesagt – und bitte verzeiht mir angesichts der Dringlichkeit mei- ne Unverhohlenheit – sehe ich Euer Gnaden nicht als Regentin.« Was eine nette Umschreibung dafür war, dass sie eine Bürgerliche und eine Frau war. Zugleich war es eine Bürde weniger, die auf Ringwalds Schultern lastete. Johanna wirkte gleichermaßen überrascht und unbe- haglich. »Ich dachte, Ihr würdet dieses Amt selbst aus- üben, Herr.« Volpe seufzte. »Regierungsgeschäfte langweilen mich. Ich werde aus dem Hintergrund die Aufsicht führen, aber für den alltäglichen Trott möchte ich einen Stellvertreter finden.« Großherzog Rubin räusperte sich. »Darf ich mich da- für anbieten?«, fragte er. Trudy quiekte wie einen Katze, der jemand auf den Schwanz getreten war. Ringwald biss sich auf die Zunge. Niemand hatte bemerkt, wie Glockmann das Medaillon angelegt hatte. »Wie könnt Ihr es wagen?«, brüllte Volpe. »Wie, könnte Ihr es wagen, so etwas auch nur vorzuschlagen?« Er sprang auf die Beine, dass sein Stuhl umkippte. »Ein Fremder von niedriger Geburt, der sich als Staatsober- haupt ausgibt und königliche Ehren beansprucht?« Ringwalds Hand zuckte zum Schwertgriff. »Zugegeben, es wäre eine ungewöhnliche Lösung«, meinte der Hochstapler in besänftigendem Tonfall. Er breitete die Hände aus – kleine, weiche Hände, nicht jene Glockmanns. »Aber wäre es nicht auch die einfachste? Es würde eine Menge unangenehmer Fragen ersparen. Gewiss, der Markgraf wird vielleicht erzürnt darüber sein, dass seine Tochter verschmäht wurde. Zumindest würde er es in der Öffentlichkeit vortäuschen, aber ins- geheim …?« Vielsagend schaute er zu Volpe. »Unverschämtheit! Welche Ausbildung oder Fähigkei- ten habt Ihr denn vorzuweisen, die es Euch ermöglichen, Krupina zu lenken?« »Oh, keine. Aber Ihr selbst, Neffe, habt gesagt: Je we- niger ein Herrscher herrscht, desto besser. Zumindest sinngemäß. Offensichtlich würdet Ihr es vorziehen, in Vamky zu bleiben. Welchen Schaden könnte ich schon anrichten? Ihr könntet Euch meiner jederzeit entledigen, indem Ihr mir das Medaillon wegnehmt.« »Es ist gewissenlos! Das Kind und das gesamte Land täuschen?« »Die Menschen glauben, was sie glauben möchten, das habt Ihr mir selbst gesagt.« Volpe schleuderte einen zornigen Blick auf Johanna;, als fragte er sich, ob sie in diese Lästerlichkeit verstrickt war. »Und zweifellos würdet Ihr erwarten, im Bett der Großherzogin zu schlafen, wie?« »Ts!«, machte ihr verstorbener Gemahl. »Gewiss soll- te es Ihro Gnaden freistehen, selbst über ihre Schlafvor- kehrungen zu entscheiden. Natürlich müsste Ihre König- liche Hoheit letztlich in Kenntnis gesetzt werden. Oder vielleicht auch nicht? Das können wir zu gegebener Zeit ausführlicher besprechen. Hatte ich Euch nicht gewarnt, Herr, dass ich Euch noch um einen Gefallen ersuchen würde?« Aha! Wenn persönliche Dankbarkeit ins Spiel kam, hatte Glockmann die Oberhand. Volpe lehnte sich über den Tisch und brüllte Glock- mann darüber hinweg an. »Das ist Wahnsinn! Wie könn- tet Ihr auch nur diesen Nachmittag überstehen? Ihr müss- tet zum Hof zurückkehren und verkünden, dass Eure Trauung abgesagt ist. Ihr müsstet Euch bei hunderten Gästen entschuldigen, bei Menschen, die Ihr eigentlich kennen solltet.« Glockmanns Antwort bestand aus einem heftigen Hus- tenanfall. »Mein kümmerliches Namensgedächtnis ist berüchtigt«, krächzte er. »Und ich glaube, meine Kehl- kopfentzündung wird immer schlimmer.« Volpes Raserei verpuffte so jäh, wie sie aufgebrandet war. Er hob seinen Stuhl auf und setzte sich. »Ihr seid bemerkenswert überzeugend«, stellte er mit ruhiger Stimme fest. »Und Ihr beeindruckt mich nach wie vor., Nur wenige Männer bewahren die Fassung, wenn ich sie anschreie.« »Hattet Ihr denn nicht bereits selbst daran gedacht?«, erkundigte der Schwindler sich heiser. »Bestimmt nicht!« Trudy grinste von Ohr zu Ohr. Die anderen folgten ih- rem Beispiel. Volpe runzelte ob ihrer unerklärlichen Be- lustigung argwöhnisch die Stirn. »Die Kehlkopfentzündung ist ein Zufall. Was haltet Ihr von diesem Wahnsinn, Hoheit?« Johannas Miene war Antwort genug. »O Liebster!«, rief sie aus. »Würdest du es wirklich wagen?« »Für dich würde ich alles wagen«, erwiderte Glock- mann ritterlich. Volpe schnaubte. »Wie rührend! Ich brauche von je- dem einzelnen von euch ein Schweigegelübde. Und von Euch, Herr Glockmann, darüber hinaus einen Treueeid, wenn ich mein Land in Eure Hände legen soll.« »Ich will mit Freuden schwören, Großherzog Frederik mit ganzem Herzen und aller Kraft zu dienen, bis ich meinen letzten Atemzug tue.« Der Hochstapler lächelte Johanna an. »Und ebenso seiner fürstlichen Mutter.« »Noch rührender, aber lasst uns praktisch sein. Ihr ü- berseht ein wesentliches Problem. Ich schätze, die Thronbesteigung könnte mit der bisherigen Herzogin statt der neuen erfolgen, womit die übrigen Festlichkei- ten wie geplant stattfinden könnten, nicht aber die Trau- ung. Zumindest hoffe ich, dass Ihr nicht erwartet, Fürstin, Margarita zusätzlich zu heiraten. Was immer sie selbst von den Neuigkeiten halten mag, ihr Vater und ganz Trenko werden dies als schwere Beleidigung empfinden. Wie wollt Ihr die wundersame Auferstehung Eurer bishe- rigen Gemahlin von den Toten erklären?« Rings um den Tisch verblassten die lächelnden Züge. Ja wie? Ringwald kaute nachdenklich vor sich hin. Sie fiel aus der Kutsche, landete mit dem Markgrafen in den Armen im Fluss und wurde stromabwärts gespült? Sie brauchte ein halbes Jahr für den Rückweg. Aber warum war sie überhaupt mit einem anderen Mann in einer Kut- sche gewesen? Großherzog Rubin hatte sie heimtückisch als Ehebrecherin gebrandmarkt, um Verständnis für seine Verlobung mit der Tochter des Markgrafen zu erhalten. Selbst wenn Johanna überlebt hatte, weshalb sollte er sie nun zurückwollen? Nein, es war unmöglich. Der Traum zerplatzte wie eine Seifenblase. Abermals hustete der Herzog schmerzlich. Sofern Glockmann kein besserer Schauspieler war, als Ringwald je vermutet hatte, ließ ihn seine Stimme zusehends im Stich. »Für gewöhnlich ist es am besten, den Menschen die Wahrheit zu sagen«, flüsterte er. »Oder zumindest fast die Wahrheit. Warum begeben wir uns nicht alle in dieses Ungetüm von einer Kutsche und überlegen uns unsere Geschichte unterwegs? Sind wir zum Aufbruch bereit?« »Wohl erst morgen«, meinte Trudy liebevoll, »wenn Sir Ringwald aufgehört hat zu essen.«, Der Tag war geprägt von einem dichten, rollenden Nebel der Erschöpfung, aus dem einige Gipfel der Verwunde- rung aufragten. Sich in jener entsetzlich holpernden Kut- sche zu entspannen, war ein Ding der Unmöglichkeit – es war schwierig genug, nicht von den Bänken geschüttelt zu werden. Aber Ringwald drängte Trudy zwecks Si- cherheit und Behaglichkeit in eine Ecke und genoss ihre Nähe und die eigene Verdauung. Er glitt so nah an den Rand des Schlafes, wie es einer Klinge überhaupt mög- lich war, schenkte dem Ränkeschmieden der anderen kei- ne Beachtung und ruckte nur hoch, als Trudy ihn an- stupste. Er tauchte für ein paar Augenblicke in die Erinnerung zurück … »Mit Freunden, Herr«, hatte Trudy gesagt… als Antwort auf die Frage des Probstes: »Wollt ihr beide als Zeugen auftreten?« »Mit Freunden, Herr«, hatte auch er gesagt. Zeugen wofür? Eide: Volpe, Johanna und Glockmann schworen dem kindlichen Großherzog, der offiziell lediglich der Thron- erbe bleiben sollte, die Treue. Und danach nahm der Probst erstaunlicherweise Glockmann und Johanna ein kurzes Ehegelübde ab. Während Braut und Bräutigam sich küssten, wurde Ringwald klar, dass er somit doch keine ganz einsame Klinge mehr war. Glockmann band zwar keine Beschwö- rung, doch auch die Liebe war eine mächtige Bindung., »Nun, damit hätten wir die Förmlichkeiten wohl erle- digt«, meinte Johanna glücklich. »Bis auf eines.« Stirn- runzelnd wandte sie sich an Trudy. »Krupina ist nicht Chivial. Ebenso wenig die offene Straße. Krupa ist ein stickiger, altmodischer, anständiger Ort, in dem nur ver- heiratete Paare das Schlafgemach teilen. Sir Ringwald wird eine bedeutende Persönlichkeit am Hof darstellen. Ihr könnt nicht weiter das Lager mit ihm teilen, wenn ihr nicht verheiratet seid.« Trudy warf einen verstohlenen Seitenblick auf Ring- wald, dann schaute sie wieder trügerisch unschuldig zu Johanna. »Und wo liegt nun das Problem …?« Ringwald fuhr hoch wie ein aufgescheuchtes Huhn. Verheiratet? Schattenherren waren eine Sache – seine Bindung verlieh ihm Mut, sich solchen Gräueln zu stel- len – aber Ehe? In seinem Alter? Für den Rest seines Le- bens? »Ihr habt ihm Eure Neuigkeiten noch gar nicht mitge- teilt?«, sprach die Herzogin. Trudy zuckte mit den Schultern. »Ich dachte, er hätte auch so schon genug Sorgen.« Sie tätschelte Ringwalds Knie. »Keine Sorge, Schätzchen. Du musst nicht, wenn du nicht willst. Ich muss wohl einen Teil dieses Liebesge- flüsters falsch verstanden haben.« Welche Neuigkeiten? Ringwald gab es auf, sich zu fragen, weshalb ihn alle angrinsten, und zwang seinen Verstand, praktisch zu denken. Selbst wenn Glockmann, ihm bei den Nachtschichten aushelfen würde, ließe ihm sein Dasein als Einzelklinge keine Zeit, Mädchen den Hof zu machen. Außerdem würde er ohnehin nie eine zweite Trudy finden. Die Vorstellung, sie zu verlassen und allein in Krupina zu stranden, war undenkbar. Nein, wenn es denn die Ehe sein musste… »Ich hab doch nicht gesagt, dass ich nicht will!«, be- gehrte er auf. »Du hast mich nur zu plötzlich damit über- fallen. Heirat? Sicher doch. Kein Problem. Wenn du die Schlinge … ich meine den Knoten knüpfen willst … ist das großartig. Ah, hast du einen bestimmten Zeitpunkt dafür im Sinn, Liebling?« Trudy seufzte. »Gewiss, Liebster. Bitte noch einmal, Herr. Mit Gefühl.« Der Probst sprach: »Willst du, Ringwald, …« Kurz nach Mittag rollte die Herzogskutsche auf den Pa- lasthof und sorgte damit gleichermaßen für einen Aus- bruch emsigen Treibens und heftige Erleichterung, denn die Hochzeitsgäste würden in Kürze eintreffen. Lakaien preschten in alle Richtungen davon, um höfische Wür- denträger zu holen. Der Hof war bereits mit Lieferkarren überfüllt, und die Vamky-Ritter, die rein zufällig so oft wie möglich ihre Pferde in die falsche Richtung lenkten, waren den Bemühungen der Palastwachen, sich aufzu- stellen, nicht besonders zuträglich. Stallburschen und die herzogliche Musikkapelle trugen zusätzlich zu den Wir- ren bei., In der Kutsche fragte Fürst Volpe: »Seid Ihr ganz si- cher, dass Ihr das tun wollt?« Sogar erwirkte angespannt. Glockmann und Johanna lächelten einander an und antworteten wie mit einer Stimme: »Ja!« Wahrscheinlich konnten weder sie noch er glauben, dass dies tatsächlich geschah. Ein Wachmann öffnete den Verschlag. Der unbekann- te Schwertkämpfer, der als erstes ausstieg, sorgte für ei- nige Überraschung. Dann folgte Fürst Volpe, den man seit Wochen nicht mehr im Palast gesehen hatte. Er dreh- te sich um und reichte Seiner Königlichen Hoheit eine Hand. Der Kapellmeister hob den Taktstock an … und ließ ihn verdutzt fallen. Ein allgemeiner Aufschrei der Verblüffung ließ die Tauben von den Dächern aufflat- tern, als der Großherzog wiederum der verstorbenen Großherzogin aus der Kutsche half. Unsicher sah er sich auf dem Hof um, dann nickte er der Kapelle zu. Falscher war die krupinesische Nationalhymne nie gespielt wor- den. Die herzogliche Gesellschaft begab sich in den Palast and lächelte auf ihrem Weg den aschfahlen, sich vernei- genden oder knienden Umstehenden königlich zu. »Endlich ein wenig Bewunderung«, flüsterte Glock- mann auf chivialisch. »Daran könnte man sich gewöh- nen.« Johanna erwiderte nichts. Zitterte ihre Hand an sei- nem Arm oder sein Arm unter ihrer Hand? Wahrschein- lich beides. Hinter ihnen gingen Fürst Volpe und Sir Ringwald – und Trudy, die hoffnungslos verloren wäre,, sollte sie von der herzoglichen Gesellschaft getrennt wer- den. Dahinter wiederum folgte ein Sturm von allerlei Ge- tuschel. Die Neuigkeit von Johannas Wiederauferstehung würde sich in Windeseile überallhin verbreitet haben. Zum Glück musste der Schwindler sich weder nach der Richtung erkundigen, noch von Volpe angewiesen werden, denn jede mögliche falsche Abzweigung war von gaffenden Zuschauern versperrt, sodass nur der Weg zu den herzoglichen Gemächern frei blieb. Zwei Wachen an der Tür glotzten das herannahende Paar mit offenen Mündern an. »Ich m-m-muss los und m-m-mich vorbereiten, Liebs- ter«, sagte Johanna. »Du überbringst doch Fürstin Wie- auchimmer die Kunde, oder?« »So sanft ich kann«, antwortete Glockmann und hob ihre Hand an die Lippen. »Nicht allzu sanft!«, gab Ihre Hoheit frostig zurück. Überraschenderweise waren die Gemächer der Großher- zogin nicht einmal abgeschlossen – ein Sicherheitsman- gel, der Alarmglocken in Ringwalds Kopf schrillen ließ. Er befahl seinem Mündel, sich in eine Ecke zu stellen, während er die Räumlichkeiten nach Eindringlingen durchsuchte. Doch mittlerweile war Johanna viel zu auf- geregt, um auf ihn zu hören. Vergnügt riss sie Vorhänge, Schubladen und Schranktüren auf. »Was für ein Tag der Wunder!«, rief sie aus. »All mei- ne Kleider! Immer noch da! Trudy, Liebste, hilf mir beim, Aussuchen! Was soll ich zur Thronbesteigung tragen? Zieht an der Glockenschnur dort, Sir Ringwald, ich brau- che Hilfe.« Wie konnte man bloß wegen lächerlicher fünfzig Klei- der so aus dem Häuschen geraten? Ringwald läutete die Glocke und schritt davon, um den Rest der Zimmerflucht zu durchsuchen. Bei einer eilends einberufenen Audienz teilten Großher- zog Rubin und Probst Volpe dem Markgrafen Ladislas mit Bedauern mit, dass seine Tochter an diesem Abend doch nicht vermählt werden könnte. Wie Glockmann später berichtete, weinte der alte Mann vor Freude, wäh- rend seine Tochter höchst unschicklich aufschrie und sich in die Arme ihres atemberaubend gutaussehenden Kammerherrn, Prinz Nikolaus von Microsia, warf. Die Schwester und der Schwager der Großherzogin tra- fen zwischen ein und zwei Stunden später ein, und zwar in Begleitung einer älteren Dame und eines Kleinkinds mit lockigem Haar. Beim Anblick des Knaben wurde Johanna schneeweiß. Ringwald stand dicht neben ihr und war bereit, sie aufzufangen, sollte sie in Ohnmacht fallen. Dabei hätte er sie inzwischen wirklich besser kennen müssen. »Er wird vielleicht ein paar Tage brauchen«, warnte Voica. »Es war zu lange für ihn, um sich zu erinnern. Weißt du, wer das ist, Freddie?«, Der kleine, aber echte Großherzog überlegte kurz, dann antwortete er »Mami«, und alle Frauen brachen in Tränen der Rührung aus. Das verängstigte ihn, also wein- te auch er. Sogar der Hüne von einem Köhler stimmte darin mit ein. Der ehemalige Köhler – denn mittlerweile war er zum Forstaufseher befördert worden. Klingen war es nicht gestattet zu weinen, daher ließ Ringwald es blei- ben. Seine Gemahlin vergoss ohnehin genug Tränen für sie beide. Der Höhepunkt des Tages sollte die Thronbesteigung werden. Überstünde er das, dachte Glockmann, konnte er alles überleben. Die Menschen glaubten, was sie glauben wollten. Die erste große Prüfung jedoch war das Ankleiden, und dabei konnte er Volpe nicht als Unterstützung dabei- haben, ohne Verdacht zu erregen. Dennoch verlief alles wie reibungslos. Kammerdiener rasierten sein falsches Gesicht und kämmten schütter werdende, graue Locken, ohne zu bemerken, dass es sich tatsächlich um einen Schopf zu langes, braunes Haar handelte. Sie zogen Sei- denbeinkleider über Waden und Oberschenkel aus kräfti- gen Muskeln und hielten sie für schlaffes Fleisch. Kei- nem der etwa zwölf Diener, die sich an ihm zu schaffen machten, fiel außer einer schlimmen Halsentzündung etwas auf. Und niemand war so dreist vorzuschlagen, er sollte sich zwecks einer Heilung hinunter zum Palastok- togramm begeben, weil jeder wusste, dass keine Be-, schwörung eine gemeine Erkältung zu heilen vermochte. Er verweigerte den prunkvollen Brokat und die Juwe- len, die für seine Trauung vorbereitet worden waren. Dieser Abend gehörte seiner Gemahlin, erklärte er, und er wollte sie nicht überschatten. Damit verhielt er sich äußerst ungewöhnlich. Doch niemand widersprach dem Herrscher, und die Ungläubigkeit reichte nicht so weit, dass in Frage gestellt wurde, ob er tatsächlich der Groß- herzog war. Widerwillig holten die Ankleider ein schmuckloses Gewand und eine schlichte, dunkle Hose hervor. Selbstverständlich musste er seine Goldkrone tragen, und er ließ sich von den Herolden überreden, auch den juwelenbesetzten Stern vom Orden Gottfrieds des Ruhmreichen anzulegen. Während der gesamten Tor- tur kamen und gingen Lakaien, flüsterten Botschaften, stellten flugs eine neue Zeremonie zusammen, um die seit Monaten geplante zu ersetzen. Er hatte kaum Zeit, sich angewidert im Spiegel zu betrachten, als ihm auch schon mitgeteilt wurde, dass er unten im Vorraum erwar- tet wurde. »Geht voraus!«, krächzte er und trat hinaus, um sei- nem Schicksal zu begegnen. Er hatte Johanna noch nie zuvor in vollem Prunk ge- sehen, und sie sah in einem Kleid aus kobaltblauer und smaragdgrüner Seide mit geschlitzten und lockeren Är- meln und Hermelinbesatz schlichtweg atemberaubend aus. Staatsjuwelen funkelten und glitzerten an ihrem Oberteil und an ihrem Hals. Seine Gemahlin! Voll un-, gläubiger Verzückung betrachtete er sie. Johanna knicks- te vor ihm; er verneigte sich vor ihr und trat näher, um ihre Finger zu küssen. »Du siehst umwerfend aus, Geliebte«, flüsterte er. Glücklich leuchteten ihre Augen ihn an. »Ihr ebenfalls, Hoheit.« An ihrer Seite stand ein dünner, prächtig mit Tressen und goldenen Epauletten geschmückter Schwertkämpfer. Wie hatte man bloß in so kurzer Zeit etwas aufgetrieben, was ihm passte? »Herzlichen Glückwunsch, Bruder«, flüsterte Glock- mann. Oh, diese Kehlkopfentzündung kam wirklich ge- rade recht! Jäh schärfte sich Ringwalds trüber Blick. »Was?« Dann ein mattes Lächeln. »Wozu, äh … Hoheit?« Wenn selbst er es zu glauben begann, musste der Plan aufgehen. »Zu deiner Vermählung natürlich.« Ringwald nickte und lächelte unsicher. Glockmann widerstand der Versuchung, ihn mit seiner bevorstehen- den Vaterschaft zu überraschen. Wie Trudy gesagt hatte, er hatte im Augenblick auch so genug Sorgen. Volpe eilte herein und entschuldigte sich für die Ver- spätung. Sein Schwertgriff funkelte vor Edelsteinen, sei- ne Sporen waren aus Silber, und auf seinem Helm schwangen Straußenfedern. »Ist es Eurer Königlichen Hoheit genehm voranzu- schreiten?«, blökte der Oberherold in seinem prächtigen Wappenrock., Glockmann reichte seiner Großherzogin den Arm. »Wir sind bereit«, sagte sie. Der große Saal war riesig und wirkte bizarr: Gold, Mar- mor und Fresken mit vollbusigen Damen, die über die Decke schwebten, und fast nackten, jedoch bemerkens- wert schweißfreien Kriegern, die rings um die Wände Schlachten fochten. König Athelgars Palast Sorglos konnte mit nichts aufwarten, das dem an unverhohlener Geschmacklosigkeit nahe kam, und an jenem Abend strotzte der Raum vor Lampen und dem vereinten Adel des Reichs in allerlei Prunkgewändern. Auf dem Podium standen zwei Throne, für den Großherzog und dessen Gemahlin. Aber welche Gemahlin? Die Neuigkeiten wa- ren verkündet, und sofern einige der zahlreichen Gäste noch Zweifel daran hegten, ob die Trauung, die zu be- zeugen sie gekommen waren, tatsächlich abgesagt war, erhielten sie Gewissheit, als der Markgraf gemeinsam mit seiner Tochter und den anderen Würdenträgern aus Trenko den Saal betrat und neben ihnen in dem der Ge- sandtschaft Trenkos vorbehaltenen Bereich Platz nahm. Niemandem entging das freudestrahlende Antlitz der vormaligen Braut. Trompeten erschollen, und alle erhoben sich zu Ehren … ja, zu wessen Ehren? Die veröffentlichte Zeremonien- abfolge gab an, dass nun die Braut eintreten würde, doch die Braut war bereits zugegen. Stattdessen stolzierte der Großherzog selbst von der, Seite herein, um auf seinen Thron zu steigen, doch auch seine Begleiter entsprachen nicht der Auflistung. Eigent- lich sollte Abt Minhea von der Vamky-Bruderschaft mit dem Zeremonienstab voranschreiten, doch es war unbe- streitbar Fürst Volpe, der das hässliche Ding trug. Hinter ihm folgte ein unbekannter, schlaksiger Jüngling in der Uniform eines Obersts der Palastwache mit einem blan- ken Schwert. Und wer war die Frau, an dessen Hand der kindliche Markgraf Frederik hereintapste? Keiner dieser Leute war je erwähnt worden. Und die Großherzogin am herzoglichen Arm war die verstorbene Großherzogin, um die offiziell ein halbes Jahr getrauert worden war. Gnädigerweise verhallten die letzten Noten der Natio- nalhymne. Herzog und Herzogin nahmen auf dem jewei- ligen Thron Platz, und auch den übrigen Anwesenden stand es nun frei, sich zu setzen. Fast der einzige, der es nicht tat, war der Knabe mit dem Schwert, wer immer er sein mochte. Also saß letztlich doch diese Frau, dieses Bauernweib, in vollem Staat auf dem Thron der Herzogsgemahlin? Aber Fürst Volpe war da und erhob keinerlei Einwände – er wirkte nicht einmal unzufrieden. Wenn er bereit war, sie anzuerkennen, schien es politisch ratsam, es ihm gleichzutun. Auf den ersten Blick schien sie ihr Damen- zimmer halbbekleidet verlassen zu haben, denn sie trug im Gegensatz zu allen anderen Frauen im Saal keinen Hut. Zudem hing ihr aschblondes Haar lose herab, doch das war für die Zeremonie erforderlich. Die edlen Damen, von Krupina schürzten die Lippen. Großherzog Rubin begann zu sprechen und nieste drei Mal. Er versuchte es erneut, doch niemand konnte auch nur ein Wort verstehen. Er hustete. Dann winkte er sei- nen Neffen nach vorn. »Eure Gnaden, verehrte Fürsten und Fürstinnen«, ver- kündete Fürst Volpe in Tönen, die gleich Glockenschall durch den Saal hallten, »Seine Königliche Hoheit leidet an einer Halsentzündung und hat mich gebeten, an seiner statt zu sprechen. Er entschuldigt sich für diese Unhöf- lichkeit. Er heißt Euch alle herzlichst willkommen, ins- besondere seinen lieben Herrscherbruder, Markgraf La- dislas von Trenko und dessen allerliebste Tochter, Fürs- tin Margarita …« Es folgte eine schier unerträglich lange Liste von Namen und Titeln. Seine Hoheit nickte, um zu bestätigen, dass er diesen Tribut billigte. Den besten Platz im ganzen Haus hatte Ringwald, der neben dem Thron der Herzogin stand. Der Schimmer des Glücks, der von seinem Mündel ausging, erfüllte ihn mit Stolz. Wie Trudy gesagt hatte, roch dies verdächtig nach einem glücklichen Ende. Er konnte immer noch nicht recht glauben, dass der spitzbäuchige, aufgeblasene Mann mit dem grauen Ziegenbart und der Goldkrone in Wirklichkeit Glockmann war. Wie gelang es ihm nur, inmitten all dieser Ehrerweisungen und des Geschwafels eine ernste Miene zu bewahren? »Wie Ihr sehen könnt«, fuhr der Probst fort, dessen funkelnder Blick die Anwesenden warnte, es nicht zu, tun, »gab es eine Planänderung. Ihre Königliche Hoheit Großherzogin Johanna, meine liebe Nichte« – er verneig- te sich vor ihr – »starb vermeintlich bei einem Unfall vor einem halben Jahr. Obwohl man ihren Leichnam nie fand, wurde sie ebenso wie ihr Sohn, Ihro Gnaden Mark- graf Frederik von Krupa, für tot erklärt. Danach verkün- dete Seine Königliche Hoheit seine Verlobung mit Fürs- tin Marganta, der Tochter Seiner Gnaden Markgraf La- dislas von Trenko.« Abermals verneigte sich Volpe. Es war so still, dass man eine Schneeflocke fallen ge- hört hätte. Wenn König Athelgar seine Krone trug – bei- spielsweise bei der Eröffnung von Parlamentssitzungen oder bei Ordensverleihungen – stand Befehlshaber Flori- an mit seinem Schwert Dorn genau so neben ihm. Aber Florian war recht alt, wahrscheinlich schon über dreißig, Ringwald hingegen sollte eigentlich noch in Eisenburg sein – doch hier stand er nun in voller Pracht wie ein Staatsschatz. Er fragte sich, ob Florian auch bisweilen das Gefühl beschlich, sich unbedingt kratzen zu müssen. »Der Grund für diese Täuschung…« Volpe bedachte das bestürzte Gemurmel mit einem finsteren Blick. »Ja, es war eine vorsätzliche Täuschung! Der Grund, weshalb diese Täuschung erforderlich war, ist, dass der Unfall der Kutsche, in der Ihre Königliche Hoheit reiste, kein Unfall war. Er wurde vorsätzlich herbeigeführt und beabsichtig- te Mord!« Tumult., Um die Aufmerksamkeit von dem Jucken abzulenken, das ihn mittlerweile von den Knien bis zur Hüfte peinig- te, jedoch überwiegend in seinen Weichteilen tobte, dachte Ringwald darüber nach, was es bedeutete, bereits in seinem Alter ein Oberst zu sein. Sofern seine Berech- nungen stimmten, verdiente er von nun an jährlich mehr als Papa in einem ganzen Leben als Kesselflicker. Au- ßerdem war da noch, dass ihn eine Großherzogin auf den Mund geküsst und ihm gedankt hatte, als hätte er etwas Tapferes oder Bemerkenswertes vollbracht. Dabei hatten Raunzer und Glockmann es vollbracht, nicht er. Ihm wa- ren zu viele Fehler unterlaufen, genau, wie er es befürch- tet hatte, und letzten Endes hatte ihm allein Glück zum Sieg verholfen. Inzwischen hatte Volpe die Menge wieder beruhigt. »Offensichtlich verhieß der anfängliche Fehlschlag des Übeltäters, der dem Thronerben und dessen Mutter nach dem Leben trachtete, keineswegs, dass die beiden außer Gefahr waren! O nein! Weit gefehlt! Das Unge- heuer konnte jederzeit erneut zuschlagen! Daher wurde es für ratsam erachtet, Ihre Königliche Hoheit, die Groß- herzogin, und Ihre Hoheit, den Markgrafen, aus der Öf- fentlichkeit verschwinden zu lassen. Um den vermeintli- chen Mörder in dem Glauben zu wiegen, sein übler Plan sei aufgegangen, wurde ihr Tod verkündet. Dadurch konnte er in falscher Sicherheit gewogen werden!« Volpe hätte eine Laufbahn als epischer Dichter ein- schlagen können, fand Ringwald. Er brachte die Zuhörer-, schaft dazu, in ihren Korsetten regelrecht zu erschaudern. »Um die List zu unterstützen, haben der edle Markgraf Ladislas und seine Tochter freundlichst eingewilligt, an einem Täuschungsmanöver teilzunehmen …« Glockmann hatte sich all den Unsinn in der Kutsche ausgedacht. Nun saß er in voller Pracht da und sah aus, als kümmerte ihn nicht, was geschah, dabei wünschte er sich nur, fortkriechen und sterben zu können. Wahr- scheinlich würde er sich in einer Woche viel besser füh- len, und sein gesamtes Herzogtum würde mit demselben Fluch darniederliegen. »Und erst heute wurde der Mörder aufgedeckt!« Vol- pes Stimme hallte durch den Saal. »Der verräterische Abt Minhea …« Das missbilligende Gebrüll erschreckte den Markgra- fen, weshalb Voica den Knaben hinausführte. Ringwald erspähte Trudy oben auf dem Balkon und wünschte, er würde es wagen, ihr zuzuzwinkern. Verheiratet! Er war verheiratet! Sie war auf ewig sein! Das war das unglaub- lichste Ereignis dieses ganzen unglaublichen Tages. Was konnte das noch übertreffen? Nun konnte mit der Zeremonie fortgefahren werden. Volpe verlas die Ankündigungen, und Glockmann voll- führte das eigentliche Ritual nach geflüsterten Anwei- sungen von Johanna. Er setzte ihr die Silberkrone auf das Haupt, heftete ihr den Orden Gottfrieds des Ruhmreichen an und kniete schließlich nieder, um ihre Hand zu küs- sen. Nur Ringwald bemerkte, wie sie ihm einen Stups, unter das Kinn gab. Alle anderen brachen in so lauten Jubel aus, dass er die Trompeten übertönte. Nun mussten an die hundert Personen vortreten und vor ihr niederknien. Es würde eine lange Weile dauern, und zweifellos würde Johanna jeden Augenblick genie- ßen. Danach würde das Bankett folgen, bei dem Ring- wald danebenstehen und beobachten müsste, wie die an- deren aßen – was sich nicht wie ein glückliches Ende an- fühlte.,

EPILOG AUS WEITER, WEITER FERNE

Hochverehrter Großmeister, Ich grüße Euch und empfehle Euch den Überbringer dieses Schreibens, Sir Radu Priboi, den persönlichen Kammerherrn Ihrer Königlichen Hoheit, Großherzogin Johanna von Krupina. Der edle Ritter ist ein Mann unta- deligen Rufs und höchster Verschwiegenheit, von Ihro Gnaden damit beauftragt, Euch dieses und verschiedene andere Dokumente zu überbringen. Außerdem führt er Briefe an andere Personen mit sich, darunter Ihre Majes- täten sowie verschiedene Mitglieder des Ordens der Weißen Schwestern. Der Kern seiner Mission besteht jedoch darin, Euch Unbezwingbar nach Eisenburg zu bringen, Sir Raunzers Schwert, auf dass es für immerdar an seinem ordentli- chen Platz hängen kann. Sir Raunzer starb allein und sehr jung, doch durch die Umstände seines Todes ist sein Name würdig, in einem Atemzug mit den größten Helden in den Chroniken unseres Ordens genannt zu werden. Ich lege diesem Schreiben eine förmliche Erklärung seines Todes für die Aufnahme in die Litanei der Helden bei., Da diese sich traditionsgemäß auf die nackten Tatsachen beschränkt, bitte ich Eure Lordschaft inständig, darüber hinaus in der Halle und im gesamten Orden zu verkün- den, dass Sir Raunzer mit bloßen Händen den Übeltäter gemetzelt hat, der für die Tode von Sir Bernard, Sir Clo- vis, Sir Ost, Sir Richey, Sir Kühn und Sir Yorick verant- wortlich war. Dadurch sühnte er ihr Ableben ebenso wie jenes zahlreicher anderer, sogar sein eigenes. Mein Mündel war von Sir Raunzers Opfer so bewegt, dass Ihro Gnaden erwog, ihm zu Ehren eine Statue zu er- richten, jedoch nach Beratungen zu dem Entschluss ge- langte, dass nach seinem Ableben kein wahres Ebenbild geschaffen werden könnte und ein solches Denkmal in einem fernen Land, in dem unser Orden unbekannt ist, von geringem Wert wäre. Als mir die Ehre zuteil wurde, in dieser Angelegenheit um Rat gefragt zu werden, wagte ich vorzuschlagen, dass es eine passendere Würdigung wäre, in Gedenken an Sir Raunzer Mittel für die Instandsetzung und -haltung von Eisenburg zu stiften, dessen Gebäude und Einrichtung sehr unter dem Alter zu leiden haben, wie Eure Lordschaft nur allzu gut wissen. Mein Mündel hat diesem Vorschlag mit Freuden zugestimmt und sendet Euch durch die Hand Sir Radus eine höchst großzügige Zuwendung, die Ihro Gnaden Euch bitten, im Namen unseres Ordens anzunehmen. Die Stiftungsurkunde ermöglichen Eurer Lordschaft und sämtlichen nachfolgenden Großmeistern den Einsatz der Mittel nach eigenem Ermessen zugunsten aller Anwärter in den kommenden Jahren., Ferner überbringt Sir Radu Euch persönlich ein Paket von Meister Glockmann, das meines Wissens bestimmte geldliche Mittel enthält, die Eure Lordschaft ihm zur Verfügung gestellt haben, die er jedoch nun nicht mehr benötigt und Euch deshalb mit herzlichstem Dank zu- rückschickt, dem ich mich, nachdem ich nunmehr davon erfahren habe, anschließen möchte. Ich bedauere, dass es mir durch feierliche Eide unter- sagt ist, Euch alles preiszugeben, was ich Euch mitteilen möchte, und insbesondere weise ich Eure Lordschaft dar- aufhin, dass Sir Radu nicht mit Meister Glockmanns der- zeitigen Umständen vertraut ist. Ich kann Euch lediglich versichern, dass es Letzterem bestens geht, er eine höchst befriedigende, bedeutungsvolle und seinen Fähigkeiten entsprechende Beschäftigung gefunden hat und mit einer Dame angesehensten Ranges und großen persönlichen Liebreizes vermählt ist. Meine eigenen glücklichen Umstände kann Sir Radu Euch nach Belieben schildern. Obwohl die Pflichten ei- ner Einzelklinge durchaus belastend sein können, ernann- te mich Seine Königliche Hoheit großzügigerweise zum Befehlshaber der Palastwache und gewährte mir Mittel und die Befehlsgewalt, Helfer auszubilden, die bereits in der Lage sind, mir meine Bürde zu erleichtern. Es ist ein erhebliches Vorrecht, in einem königlichen Palast zu weilen! Womöglich überrascht es Euch, von meiner Ehe mit der einstigen Schwester Gertrude vom Orden der Weißen Schwestern zu erfahren, die uns auf unserer Rei-, se begleitet und bisweilen vor Gefahren gerettet hat. Doch unsere Vereinigung beschert uns beiden großes Glück und wird vermutlich, noch bevor Ihr diese Worte lest, mit Nachwuchs gesegnet sein. Abschließend kann ich Eurer Lordschaft stolz mittei- len, wenngleich meine Freude durch das vorzeitige Ab- leben Sir Raunzers getrübt ist, dass die Mission, mit der Ihr uns letzten Sommer betraut habt und auf die wir uns voll Beklommenheit und mit geringsten Erfolgsaussich- ten begaben, zu einem erfolgreichen Ende gebracht wur- de. Wenngleich wir gefahrvolle Augenblicke durchleben mussten, ist unser Mündel wohlbehalten in seiner Heimat eingetroffen. Und unsere Bemühungen haben dazu beige- tragen, Krupinas Probleme zu lösen, sodass sich das Reich mittlerweile wieder der Herrschaft eines umsichti- gen und wohlwollenden Großherzogs erfreut und die kö- nigliche Blutslinie rechtmäßig für künftige Generationen gesichert ist. Fürst Volpes Rolle in den aufwühlenden Ereignissen, die sich vor etwa einem Jahr zutrugen, er- wies sich nach eingehender Betrachtung durch Meister Glockmann als falsch verstanden, und es ist eine mir be- kannte Tatsache, dass Probst Volpe und Seine Königli- che Hoheit nunmehr besser miteinander auskommen als in vielen Jahren der Vergangenheit. Hochverehrter Fürst, ich hoffe, dieser kurze Bericht fin- det Eure Zustimmung., Verfasst durch meine Hand in Krupina an diesem ersten Tag des Drittmonds 406 (nach chivianischer Zeitrechnung) Ringwald, Gefährte]
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