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Bret Easton Ellis American Psycho Bret Easton Ellis American Psycho Deutsch von Clara Drechsler und Harald Hellmann Titel der Originalausgabe «American Psycho» Copyright © 1991 by Bret Easton Ellis © 1991, 1993 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln Dieses E-Book ist nicht Für den Verkauf bestimmt! Alle handelnden Personen, alle Begebenheiten und Dialoge sind, von den gelegentlich erwähnten Markenprodukten, Dienstleis- tungsunternehmen oder Personen des öffentlichen Lebens abge- sehen, frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder die Schmähung der Produkte oder Dienstleistungen der...
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Bret Easton Ellis

American Psycho,

Bret Easton Ellis American Psycho

Deutsch von Clara Drechsler und Harald Hellmann, Titel der Originalausgabe «American Psycho» Copyright © 1991 by Bret Easton Ellis © 1991, 1993 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln Dieses E-Book ist nicht Für den Verkauf bestimmt!, Alle handelnden Personen, alle Begebenheiten und Dialoge sind, von den gelegentlich erwähnten Markenprodukten, Dienstleis- tungsunternehmen oder Personen des öffentlichen Lebens abge- sehen, frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder die Schmähung der Produkte oder Dienstleistungen der genannten Firmen wären völlig unbeabsichtigt., Für Bruce Taylor, Sowohl der Autor dieser Aufzeichnungen als auch die Aufzeich- nungen selbst sind erdacht. Nichtsdestoweniger sind Menschen wie der Verfasser dieser Aufzeichnungen nicht nur denkbar, son- dern unausbleiblich, wenn man jene Verhältnisse in Betracht zieht, unter denen sich unsere Gesellschaft gebildet hat. Ich wollte dem Publikum deutlicher, als es sonst zu geschehen pflegt, einen Reprä- sentanten der jüngst verflossenen Vergangenheit vor Augen stellen. Er gehört zu der noch in unsere Tage ragenden Generation. In die- sem Fragment, «Das Kellerloch» betitelt, stellt er sich selbst vor, seine Anschauungen, und bemüht sich gewissermaßen, die Gründe zu klären, warum er aufgetaucht ist und warum er mit Notwendig- keit bei uns auftauchen mußte. In dem folgenden Fragment begin- nen die wirklichen Aufzeichnungen dieses Menschen über gewisse Ereignisse in seinem Leben. Fjodor Dostojewskij Aufzeichnungen aus dem Kellerloch Einer der Hauptfehler vieler Menschen liegt in der Annahme, gute Manieren seien dem Ausdruck heiterer Gefühle vorbehalten. Doch tatsächlich läßt sich die ganze Bandbreite menschlichen Verhaltens in zivilisierte Umgangsformen kleiden. Das macht unsere Kultur aus – sich zivilisiert zu verhalten, und nicht feindselig. Einer unse- rer Irrwege war die rousseauistisch-naturalistische Bewegung der sechziger Jahre, deren Credo lautete: «Warum nicht einfach aus-, sprechen, was einem durch den Kopf geht?» Zivilisation erfordert ein Mindestmaß an Beherrschung. Wenn wir alle unseren Impul- sen nachgeben würden, würden wir uns gegenseitig umbringen. Miss Manners (Judith Martin) And as things fell apart Nobody paid much attention Talking Heads,

Aprilscherze

«Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren» ist in blut- roten Lettern auf die Wand der Chemical Bank an der Ecke Ele- venth und First geschmiert, so groß, daß man es auch vom Rück- sitz des Taxis aus erkennen kann, das sich im Verkehr aus der Wall Street vorarbeitet, und eben als Timothy Price die Schrift bemerkt, schiebt sich ein Bus neben uns, und eine Seitenwerbung für Les Mi- sérables versperrt den Blick, aber Price, sechsundzwanzig und bei Pierce & Pierce, scheint das nicht zu kümmern, denn er verspricht dem Fahrer fünf Dollar, wenn er das Radio lauter stellt, «Be My Baby» auf WYNN, und der Fahrer, ein Schwarzer, kein Amerikaner, macht es. «Ich bin einfallsreich», sagt Price. «Ich bin kreativ, ich bin jung, skrupellos, hoch motiviert, hoch qualifiziert. Will sagen, die Ge- sellschaft kann es sich nicht leisten, mich zu verlieren. Ich bin ein echter Aktivposten.» Price regt sich wieder ab und starrt weiter aus dem schmutzigen Taxifenster, höchstwahrscheinlich auf das Wort FURCHT, das in Rot auf die Wand eines McDonald’s an der Fourth und Seventh gesprüht ist. «Ich meine, Tatsache ist doch, daß sich niemand einen Dreck um seine Arbeit schert, jeder seinen Job haßt; ich hasse meinen Job, und du haßt deinen, hast du mir er- zählt. Also, was soll ich machen? Zurück nach Los Angeles? Keine Alternative. Dafür bin ich nicht von der UCLA nach Stanford ge- wechselt. Ich meine, bin ich denn der einzige, der findet, daß wir unterbezahlt sind?» Wie in einem Film erscheint ein weiterer Bus, die nächste Seitenwerbung für Les Misérables verdeckt das Wort, – es ist nicht derselbe Bus, denn jemand hat LESBE auf Eponines Gesicht geschrieben. Tim platzt heraus: «Ich hab hier eine Eigen- tumswohnung. Ich hab ein Haus in den Hamptons, Herrgott noch mal.» «Nicht du, Junge. Deine Eltern.» «Ich kauf es ihnen gerade ab. Machen Sie das jetzt vielleicht bald lauter, verdammte Scheiße?» schnauzt er den Fahrer an, aber nur halbherzig, immer noch plärren die Crystals aus dem Radio. «Nicht lauter gehen», sagt der Fahrer möglicherweise. Timothy ignoriert ihn und fährt gereizt fort: «Ich könnte wei- ter in dieser Stadt leben, wenn sie bloß Blaupunkt in die Taxis ein- bauen würden. Vielleicht das ODM III oder das ORC II Dynamic Tuning System?» Hier senkt sich seine Stimme: «Egal welches. Hip, alter Knabe. Sehr hip.» Er nimmt den teuer aussehenden Walkman vom Hals, noch im- mer lamentierend: «Ich hasse es – wirklich, ich hasse es –, mich immer wieder über den Dreck zu beschweren, über den Müll, den Aussatz, darüber, wie zutiefst verkommen diese Stadt ist, und wir wissen beide, daß sie ein Scheißhaufen ist …» Er redet weiter und öffnet dabei seinen neuen Tumi-Diplomatenkoffer aus Kalbsleder, den er bei D.F. Sanders gekauft hat. Er legt den Walkman neben ein westentaschengroßes, kabelloses, zusammenklappbares Pana- sonic-Portable Easa-phone (früher hatte er das NEC 9000 Porta Portable) und zückt die heutige Tageszeitung. «In einer Ausgabe, in einer einzigen Ausgabe haben wir … mal sehen … erwürgte Mo- dels, Babies, die von Mietskasernendächern geworfen werden, in der U-Bahn getötete Kinder, Kommunisten, die sich zusammen- rotten, einen umgelegten Mafia-Boss, Nazis» – erregt überfliegt er, die Seiten – «Baseballspieler mit AIDS, noch mehr Mafia-Kram, Verkehrskollaps, die Obdachlosen, diverse Psychopathen, wie Flie- gen in den Straßen sterbende Homos, Leihmütter, die Absetzung einer Soap Opera, Kinder, die in einen Zoo eingebrochen sind und diverse Tiere bei lebendigem Leib gequält und verbrannt haben, noch mehr Nazis … und der Witz, die Pointe ist, all das passiert in dieser einen Stadt – nirgendwo sonst, nur hier, es ist zum Kot- zen, oh, warte, noch mehr Nazis, Verkehrskollaps, Verkehrskollaps, Baby-Händler, Schwarzmarkt-Babies, AIDS-Babies, Baby-Junkies, Haus über Baby eingestürzt, Psychopathen-Baby, Verkehrskollaps, Brücke eingestürzt –» Seine Stimme bricht ab, er holt Luft und sagt bedächtig, den Blick auf einen Bettler an der Ecke Second und Fifth geheftet: «Das ist die Nummer vierundzwanzig heute. Ich hab mitgezählt.» Fragt dann, ohne mich anzusehen: «Warum trägst du nicht den Blazer aus marineblauem Kammgarn zu der grauen Hose?» Price trägt einen Anzug aus Wolle und Seide mit sechs Knöpfen von Ermenegildo Zegna, ein Hemd aus reiner Baumwolle mit Doppelmanschetten von Ike Behar, eine Ralph-Lauren-Seiden- krawatte und Flügelkappen-Brogues von Fratelli Rossetti. Schwenk auf die Post. Da gibt es eine halbwegs interessante Geschichte über zwei Leute, die während einer Party auf der Yacht einer zweitran- gigen New Yorker Schickeriagröße spurlos verschwanden, während das Boot die Insel umschiffte. Blutspuren und drei zerbrochene Champagnergläser sind die einzigen Hinweise. Man vermutet ein Gewaltverbrechen, und die Polizei schließt aus gewissen Krat- zern und Kerben auf Deck, daß der Killer eine Machete benutzte. Leichen wurden nicht gefunden. Verdächtige gibt es nicht. Price hatte mit seinem Sermon heute beim Lunch angefangen, ihn beim, Squash-Spiel wieder aufgegriffen und während der Drinks bei Harry’s, drei J&B’s mit Soda, weiterpalavert, da allerdings wesent- lich Interessanteres, nämlich über den Fisher-Account, den Paul Owen betreut. Price ist nicht zu stoppen. «Krankheiten!» ruft er mit schmerzverzerrtem Gesicht aus. «Da gibt es jetzt diese Theorie, daß man, wenn man den AIDS-Virus durch Geschlechtsverkehr mit einem Infizierten bekommen kann, auch alles andere so bekommen kann, ob Virus oder nicht – Alz- heimer, Muskelschwund, Bluterkrankheit, Leukämie, Magersucht, Diabetes, Krebs, multiple Sklerose, Stoffwechselstörungen, Kinder- lähmung, Legasthenie, mein Gott, man kann durch Ficken Legas- theniker werden …» «Ich bin nicht ganz sicher, Mann, aber ich glaube kaum, daß Legasthenie ein Virus ist.» «Ach, wer weiß? Die wissen es nicht. Beweis das Gegenteil.» Draußen, auf den Bürgersteigen, kämpfen schmutzige und auf- gedunsene Tauben vor einem Gray’s Papaya um Hot-Dog-Reste, während Transvestiten müßig zusehen und ein Streifenwagen lautlos in falscher Richtung durch eine Einbahnstraße fährt, der Himmel ist grau und niedrig, und aus einem Taxi, das unserem ge- genüber im Verkehr steckengeblieben ist, winkt ein Typ, der ganz wie Luis Carruthers aussieht, zu Timothy herüber, und als Timo- thy den Gruß nicht erwidert, erkennt der Typ – zurückgekämmtes Haar, Hosenträger, Hornbrille –, daß wir nicht die sind, für die er uns gehalten hat, und blickt wieder in seine Ausgabe von USA To- day. Beim Schwenk auf den Bürgersteig sieht man eine häßliche alte Stadtstreicherin mit einer Gerte, und sie schlägt damit nach den Tauben, die unbeirrt weiterpicken und hungrig die Überreste, der Hot Dogs umkämpfen, und der Streifenwagen verschwindet in einer Tiefgarage. «Aber dann, gerade wenn du dich voll und ganz mit diesen Zeiten abgefunden hast, wenn sich dein Körper irgendwie auf diesen Irr- sinn eingestellt hat und du an den Punkt gelangst, wo der Groschen fällt und das alles Sinn macht, kommt plötzlich so eine beschis- sene, verrückte obdachlose Niggerfrau an, die allen Ernstes auf der Straße leben will – verstehst du, Bateman – auf eben diesen Straßen, schau, da draußen» – er zeigt drauf – «und wir haben einen Bürger- meister, der nicht auf sie hören will, einen Bürgermeister, der die- ser dämlichen Schlampe nicht ihren Willen lassen kann – Herr Je- sus –, der die dämliche Schlampe nicht erfrieren lassen kann, damit sie endlich aus ihrem beschissenen selbstgewählten Elend erlöst ist, und schon bist du wieder da, wo du angefangen hast, verwirrt und am Ende mit deinem Latein … Nummer vierundzwanzig, nee, fünfundzwanzig … Wer wird alles bei Evelyn sein? Warte, laß mich raten.» Er hebt eine tadellos manikürte Hand. «Ashley, Courtney, Muldwyn, Marina, Charles – so weit richtig? Vielleicht auch einer von Evelyns ‹Künstler›-Freunden aus dem – herrje – ‹East› Village. Du kennst die Sorte: der Typ, der Evelyn fragt, ob sie einen schön trockenen weißen Chardonnay hat …» Er schlägt sich die Hand vor die Stirn und schließt die Augen, dann preßt er mit zusammen- gebissenen Zähnen hervor: «Ich hau ab. Ich schicke Meredith in die Wüste. Sie legt es doch tatsächlich darauf an, daß ich sie gern habe. Mir reicht’s. Warum ist mir jetzt erst aufgegangen, daß sie die Persönlichkeit einer gottverdammten Quizmasterin hat? … Sechs- undzwanzig, siebenundzwanzig … Ich meine, ich sage ihr, wie ein- fühlsam ich bin. Ich hab ihr erzählt, daß mir die Challenger-Kata-, strophe fast das Herz gebrochen hat – was will sie mehr? Ich bin moralisch gefestigt, tolerant, also ich bin mit meinem Leben wirk- lich hochzufrieden, ich blicke optimistisch in die Zukunft … ich meine, du etwa nicht?» «Klar, aber …» «Und von ihr kommt nur Mist zurück … Achtundzwanzig, neunundzwanzig, heilige Scheiße, das ist ja ein verdammtes Nest von Pennern. Ich werd dir was sagen …» Er verstummt, als sei er plötzlich müde, wendet sich von einer weiteren Reklame für Les Misérables ab, erinnert sich an etwas Wichtiges und fragt: «Hast du das von diesem Quizmaster gelesen? Der zwei Jungs ermordet hat? Degenerierte Schwuchtel. Ulkig, wirklich ulkig.» Price wartet meine Reaktion ab. Es kommt keine. Plötzlich: Upper West Side. Er fordert den Fahrer auf, an der Ecke Eighty-first und Riverside zu halten, weil man in die Straße nicht rechts einbiegen kann. «Fahren Sie nicht extra um die …», beginnt Price. «Vielleicht ich nehme anderen Weg rum», meint der Taxifahrer. «Machen Sie sich keine Mühe.» Und dann, zwischen den Zäh- nen, ein kaltes, knappes: «Verdammter Volltrottel». Der Fahrer hält den Wagen an. Zwei Taxis hinter uns hupen und ziehen dann vorbei. «Sollten wir Blumen mitbringen?» «Ach was. Zum Teufel, du knallst sie, Bateman. Warum sollten wir Evelyn Blumen mitbringen? Ich hoffe, Sie können auf einen Fünfziger rausgeben», sagt er mit Blick auf die roten Zahlen des Taxameters drohend zum Fahrer. «Verdammt. Steroide. Tschuldi- gung, daß ich so reizbar bin.» «Ich dachte, du wärst davon runter.», «Ich habe Akne an Armen und Beinen gekriegt, und das UVA- Bad hat nichts ausgerichtet, also bin ich statt dessen in ein Bräu- nungsstudio gegangen, und das half. Mein Gott, Bateman, du soll- test sehen, wie stahlhart mein Bauch aussieht. Wunderbar model- liert …», sagt er in kühlem, eigentümlichem Tonfall, während er auf das Wechselgeld des Fahrers wartet. «Stahlhart.» Er bescheißt den Fahrer beim Trinkgeld, aber der ist trotzdem aufrichtig dank- bar. «Bis dann, Shlomo», verabschiedet sich Price. «Verdammt, verdammt, verdammt», flucht Price, während er die Tür öffnet. Beim Aussteigen entdeckt er auf der Straße – «Bingo: Dreißig» – einen Bettler in einem gammeligen, dreckig-grünen Overall, unrasiert, mit schmutzigem, zurückgeklatschtem fettigem Haar, und hält ihm zum Spaß die Taxitür auf. Der Penner, verstört und leise brabbelnd, den Blick beschämt aufs Pflaster gerichtet, hält uns mit unsicherer Hand einen leeren Styropor-Kaffeebecher hin. «Ich glaube, er will das Taxi nicht», kichert Price und knallt die Taxitür zu. «Frag ihn, ob er American Express nimmt.» «Nehmen Sie Am Ex?» Der Penner nickt und schlurft langsam davon. Es ist kalt für April, und Price marschiert forsch die Straße ent- lang auf Evelyns Wohnblock zu, schwingt «If I Were A Rich Man» pfeifend seinen Tumi-Diplomatenkoffer, sein Atem formt kleine Dampfwolken. Eine Gestalt mit zurückgekämmtem Haar und Hornbrille erscheint in der Ferne, bekleidet mit einem beigen, zweireihigen Anzug aus Wollgabardine von Cerruti 1881 und in der Hand den gleichen Tumi-Diplomatenkoffer von D.F. Sanders, den Price hat, und Timothy fragt sich laut: «Ist das Victor Powell? Das darf nicht wahr sein.», Der Mann geht mit verwirrtem Gesichtsausdruck unter dem schimmernden Lichtkegel einer Straßenlaterne hindurch, kräuselt die Lippen einen Moment lang zu einem schwachen Lächeln und blickt Price kurz an wie einen Bekannten, aber im gleichen Mo- ment wird ihm klar, daß er Price nicht kennt, und ebenso schnell erkennt Price, daß es nicht Victor Powell ist, und der Mann geht vorbei. «Gott sei Dank», murmelt Price, während er sich Evelyns Haus nähert. «Er sah ihm sehr ähnlich.» «Powell und Dinner bei Evelyn? Das paßt zusammen wie Paisley und Plaid.» Price überdenkt das noch mal. «Wie weiße Socken zu grauen Hosen.» Eine langsame Überblendung, und Price springt die Stufen zum Brownstone hoch, das Evelyns Vater ihr gekauft hat, und schimpft, weil er vergessen hat, die Videos zurückzubringen, die er gestern abend bei Video Haven ausgeliehen hat. Er klingelt. Aus Evelyns Nachbarhaus kommt eine Frau – Stöckelschuhe, klasse Arsch – und geht weg, ohne abzuschließen. Price blickt ihr nach, und als er hin- ter der Tür Schritte im Korridor hört, dreht er sich um und richtet seine Versace-Krawatte, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Courtney öffnet die Tür; sie trägt eine cremefarbene Seiden- bluse von Krizia, einen Rock von Krizia aus rostrotem Tweed und d’Orsay-Pumps aus Seidensatin von Manolo Blahnik. Ich schüttele mich und reiche ihr meinen schwarzen Mantel aus reiner Wolle von Giorgio Armani, sie nimmt ihn mir ab und haucht mir vorsichtig einen Kuß auf die rechte Wange, dann wie- derholt sie die Prozedur mit den gleichen exakten Bewegungen bei, Price, während sie seinen Armani-Mantel nimmt. Aus dem Wohn- zimmer erklingt dezent die neue CD der Talking Heads. «Ein bißchen spät dran, wie, Jungs?» fragt Courtney mit frechem Grinsen. «Unfähiger haitianischer Taxifahrer», murmelt Price und haucht Courtney einen Kuß auf. «Haben wir irgendwo reserviert, und jetzt sag bloß nicht, um neun bei Pastels.» Courtney lächelt und hängt beide Mäntel in den Korridor- schrank. «Abendessen zu Hause, ihr Süßen. Tut mir leid, ich weiß, ich weiß, ich hab versucht, es Evelyn auszureden, aber es gibt … Sushi.» Tim schiebt sich an ihr vorbei durchs Foyer Richtung Küche. «Evelyn? Wo bist du, Evelyn?» ruft er mit Singsang-Stimme. «Wir haben was zu besprechen.» «Schön dich zu sehen», sage ich Courtney. «Du siehst heute blendend aus. Dein Gesicht hat ein … jugendliches Strahlen.» «Du verstehst es wirklich, Komplimente zu machen, Bateman.» In Courtneys Stimme schwingt kein Sarkasmus mit. «Soll ich Evelyn verraten, daß du so empfindest?» fragt sie kokett. «Nein», antworte ich, «aber ich wette, das würdest du gern.» «Komm», sagt sie, löst meine Hände von ihrer Hüfte, legt mir ihre Hände auf die Schultern und schiebt mich durchs Foyer in Richtung Küche. «Wir müssen Evelyn retten. Seit einer Stunde ar- rangiert sie die Sushi um. Sie versucht, deine Initialen nachzubil- den – das P mit Yellowtail, das B mit Thunfisch – aber jetzt findet sie, der Thunfisch sähe zu blaß aus…» «Wie romantisch.» «… und fürs B reicht der Yellowtail nicht mehr» – Courtney, holt Luft – «und ich glaube, sie versucht’s darum statt dessen mit Tims Initialen. Macht dir das was aus?» fragt sie, nur leicht besorgt. Courtney ist Luis Carruthers’ Freundin. «Ich bin entsetzlich eifersüchtig und rede wohl besser mal mit Evelyn», antworte ich und lasse mich von Courtney sanft in die Küche schieben. Evelyn steht an einer hellen Holztheke und trägt eine cremefar- bene Seidenbluse von Krizia, einen Rock von Krizia aus rostrotem Tweed und die gleichen d’Orsay-Seidensatin-Pumps wie Courtney. Ihr langes blondes Haar ist zu einem recht strengen Knoten aufge- steckt, und sie erwidert meinen Gruß, ohne von der ovalen Wilton- Servierplatte aus rostfreiem Stahl aufzusehen, auf der sie kunstvoll die Sushi arrangiert hat. «Ach, Darling. Es tut mir leid. Ich wollte eigentlich in dieses reizende neue kleine salvadorianische Bistro auf der Lower East Side …» Price stöhnt vernehmlich. «… aber wir haben keinen Tisch mehr bekommen. Timothy, stöhn nicht so.» Sie nimmt ein Stück Yellowtail und legt es andäch- tig an den oberen Teil der Platte, um damit etwas zu vervollständi- gen, das wie ein großes «T» aussieht. Sie tritt einen Schritt zurück und inspiziert das Ergebnis. «Ich weiß nicht. Ach, ich bin so un- schlüssig.» «Ich hab dir doch gesagt, du sollst Finlandia parat haben», grummelt Price, als er die Flaschen an der Bar – hauptsächlich Ma- gnums – durchsieht. «Nie hat sie Finlandia», sagt er zu niemand Besonderem, zu uns allen. «Mein Gott, Timothy. Tut’s Absolut nicht auch?» fragt Evelyn, und dann gedankenverloren zu Courtney: «Die California Roll, sollte den Rand der Platte schmücken, oder?» «Bateman. Drink?» seufzt Price. «J&B mit Eis», ordere ich und finde es plötzlich merkwürdig, daß Meredith nicht eingeladen ist. «Oh, mein Gott, es ist eine Katastrophe», stöhnt Evelyn. «Gleich fang ich an zu heulen.» «Die Sushi sehen wunderbar aus», versichere ich ihr beruhi- gend. «Es ist eine Katastrophe», jammert sie weiter, «eine Katastro- phe.» «Nicht doch, die Sushi sehen herrlich aus», erkläre ich und nehme, um sie so weit wie möglich zu beruhigen, ein Stückchen Flunder, stecke es mit wohligem Seufzen in den Mund und um- arme Evelyn von hinten; noch mit vollem Mund gelingt es mir, «köstlich» zu sagen. Sie gibt mir, offensichtlich erfreut über meine Reaktion, einen spielerischen Klaps, haucht mir schließlich vorsichtig einen Kuß auf und wendet sich wieder Courtney zu. Price reicht mir einen Drink und geht Richtung Wohnzimmer, während er versucht, ir- gend etwas Unsichtbares von seinem Blazer zu entfernen. «Evelyn, hast du eine Kleiderbürste?» Lieber als hier zu essen, hätte ich mir das Baseballspiel angese- hen, wäre zum Training ins Fitneßstudio gegangen oder hätte das neue salvadorianische Bistro ausprobiert, das ein paar gute Kriti- ken bekommen hat, eine im New York Magazine, die andere in der Times, aber ein Gutes hat ein Dinner bei Evelyn: Es ist nah bei mei- ner Wohnung. «Ist es in Ordnung, wenn die Sojasoße nicht genau Zimmertem-, peratur hat?» fragt Courtney. «Ich glaube, da ist Eis in einer der Schalen.» Evelyn häuft gerade blaßrosafarbene Ingwerstreifen zierlich ne- ben eine Porzellanschale mit Sojasoße. «Nein, das ist keineswegs in Ordnung. Patrick, kannst du so freundlich sein und den Kirin aus dem Kühlschrank nehmen?» Dann geht ihr der Ingwer an- scheinend auf die Nerven, und sie wirft den ganzen Packen auf die Platte. «Ach, vergiß es. Ich mach’s selbst.» Ich schiebe mich trotzdem Richtung Kühlschrank. Price kommt mit düsterem Blick zurück in die Küche und fragt: «Wer zum Teu- fel ist da im Wohnzimmer?» Evelyn heuchelt Unwissenheit: «Ach, wer ist denn da?» Courtney fragt warnend: «Ev-el-yn. Du hast es ihnen doch hof- fentlich gesagt?» «Wer ist es?» frage ich verschreckt. «Victor Powell?» «Nein, es ist nicht Victor Powell, Patrick», meint Evelyn beiläu- fig. «Es ist ein befreundeter Künstler, Stash. Und Vanden, seine Freundin.» «Ach, das war also ein Mädchen da drinnen», sagt Price. «Das mußt du gesehen haben, Bateman», fordert er mich auf. «Laß mich raten. East Village?» «Oh, Price», flötet sie und öffnet die Bierflaschen. «Aber nein. Vanden geht nach Camden und Stash lebt in SoHo, zufrieden?» Ich gehe aus der Küche, vorbei am Speisezimmer, in dem der Tisch gedeckt ist und Bienenwachskerzen von Zona in silbernen Kerzenständern von Fortunoff strahlen, ins Wohnzimmer. Was Stash anhat, kann ich nicht erkennen, denn alles ist schwarz. Van- den hat grüne Strähnen in ihrem Haar. Sie raucht eine Zigarette, und glotzt auf ein Heavy-Metal-Video auf MTV. «Ähem», räuspere ich mich. Vanden blickt mißtrauisch herüber, bis zum Haaransatz voll mit Drogen. Stash rührt sich nicht. «Hi. Pat Bateman», stelle ich mich mit ausgestreckter Hand vor, registriere dabei mein Bild in einem Spiegel an der Wand – und lächle mir wohlgefällig zu. Sie nimmt meine Hand, ohne etwas zu sagen. Stash schnüffelt an seinen Fingern. Harter Schnitt, und ich bin wieder in der Küche. «Schmeiß sie bloß raus.» Price kocht vor Wut. «Sie glotzt total bedröhnt MTV, und ich will den verdammten MacNeil/Lehrer-Re- port sehen.» Evelyn öffnet immer noch mächtige Flaschen Importbier und bemerkt geistesabwesend: «Wir sollten dieses Zeug möglichst bald essen, sonst werden wir uns alle vergiften.» «Sie hat eine grüne Strähne im Haar», berichte ich. «Und sie raucht.» «Bateman», sagt Price, der immer noch zornig auf Evelyn starrt. «Ja?» antworte ich. «Timothy?» «Du bist ein Trottel.» «Oh, laß Patrick in Ruhe», schaltet sich Evelyn ein. «Er ist der nette Junge von nebenan. Das ist Patrick. Du bist kein Trottel, nicht wahr, Schätzchen?» Evelyn ist ganz woanders, und ich gehe zur Bar, um mir noch einen Drink zu machen. «Der nette Junge von nebenan», grinst Tim süffisant und nickt, dann ändert er seine Miene und fragt Evelyn erneut rüde nach ei- ner Kleiderbürste. Evelyn hört endlich auf, japanische Bierflaschen zu öffnen, und, bittet Courtney, Stash und Vanden zu holen. «Wir müssen das hier jetzt essen, sonst werden wir alle vergiftet», murmelt sie, dreht langsam den Kopf und läßt den Blick durch die Küche wandern, um sicherzugehen, daß sie nichts vergessen hat. «Falls ich sie vom neusten Megadeth-Video loseisen kann», meint Courtney, bevor sie geht. «Ich muß mit dir reden», sagt Evelyn. «Worüber?» Ich trete zu ihr. «Nein», sagt sie und zeigt auf Tim, «mit Price.» Tim starrt sie immer noch grimmig an. Ich sage nichts und sehe auf Tims Drink. «Sei ein Schatz», sagt sie zu mir, «und stell die Sushi auf den Tisch. Die Tempura ist in der Mikrowelle, und der Sake steht kurz vor dem Überkochen …» Ihre Stimme verklingt, während sie Price aus der Küche führt. Ich frage mich, woher Evelyn die Sushi hat – Thunfisch, Yel- lowtail, Makrelen, Shrimps, Aal, Bonito sogar, alles sieht so frisch aus, und es gibt Berge von Wasabi und Massen von Ingwer, strate- gisch auf der Wilton-Platte verteilt – aber mir gefällt auch die Vor- stellung, es nicht zu wissen, es niemals zu wissen und in den Sushi dort in der Mitte des Glastisches von Zona, den Evelyns Vater ihr gekauft hat, eine geheimnisvolle Erscheinung aus dem Orient zu sehen, und als ich die Platte abstelle, erhasche ich einen Blick auf mein Spiegelbild in der Tischplatte. Im Kerzenlicht wirkt meine Haut dunkler, und ich stelle fest, wie gut doch der Haarschnitt aus- sieht, den sie mir letzten Mittwoch bei Gio’s gemacht haben. Ich mache mir noch einen Drink. Ich bin besorgt über den Kochsalz- gehalt der Sojasoße., Zu viert sitzen wir am Tisch und warten darauf, daß Evelyn und Timothy von der Suche nach einer Kleiderbürste für Price zurück- kehren. Ich sitze am Kopf des Tisches und nehme große Schlucke J&B. Vanden sitzt am anderen Ende, blättert desinteressiert in ir- gendeinem East-Village-Blättchen namens Deception, die knallige Headline lautet: DOWNTOWN STIRBT. Stash hat ein Eßstäbchen in ein einsames Stückchen Yellowtail gesteckt, das mitten auf sei- nem Teller liegt wie ein schimmerndes aufgespießtes Insekt, und das Stäbchen steckt aufrecht fest. Hin und wieder schiebt Stash das Sushihäppchen mit dem Stäbchen auf dem Teller herum, aber er blickt weder zu mir noch zu Vanden oder Courtney auf, die neben mir sitzt und Pflaumenwein aus einem Champagnerglas nippt. Evelyn und Timothy kommen ungefähr zwanzig Minuten, nach- dem wir Platz genommen haben, zurück, und Evelyn ist nur leicht errötet. Tim starrt mich an, während er mit einem frischen Drink in der Hand neben mir Platz nimmt, und beugt sich zu mir, um et- was zu sagen, ein Geständnis loszuwerden, als Evelyn plötzlich un- terbricht: «Nicht dort, Timothy», dann, kaum ein Flüstern: «Junge Mädchen, junge Mädchen.» Sie zeigt auf den leeren Stuhl neben Vanden. Timothy richtet seinen stechenden Blick auf Evelyn und nimmt dann zögernd neben Vanden Platz, die gähnt und eine Seite ihres Magazins umblättert. «Also, Leute», sagt Evelyn lächelnd, zufrieden mit dem von ihr bereiteten Mahl, «haut rein.» Dann, als sie das von Stash aufge- spießte Stückchen Sushi bemerkt – er hat sich jetzt über den Teller gebeugt und flüstert ihm zu –, scheint sie ihre Fassung zu verlieren, lächelt aber tapfer und flötet: «Wer möchte Pflaumenwein?» Niemand sagt etwas, bis Courtney, die auf Stashs Teller starrt,, unsicher ihr Glas hebt und mit gequältem Lächeln sagt: «Es ist … köstlich, Evelyn.» Stash schweigt. Auch wenn er sich unbehaglich fühlen mag, weil er so ganz anders aussieht als die anderen Männer im Raum – sein Haar ist nicht zurückgekämmt, keine Hosenträger, keine Horn- brille, die Kleidung schwarz und formlos, kein Verlangen nach ei- ner guten Zigarre, vermutlich unfähig, sich einen Tisch im Camols zu sichern, sein Nettoeinkommen lachhaft –, ist sein Betragen doch äußerst unangemessen, er sitzt einfach da, wie hypnotisiert durch das glänzende Stückchen Sushi, und gerade als die Tischrunde sich damit abgefunden hat, ihn einfach zu ignorieren und mit dem Es- sen zu beginnen, richtet er sich auf, deutet anklagend auf seinen Teller und sagt laut: «Es hat sich bewegt!» Timothys Blick ist so unermeßlich abschätzig, daß ich kaum mithalten kann, aber ich gebe mir redlich Mühe, es ihm gleichzu- tun. Vanden scheint amüsiert und Courtney nun bedauerlicher- weise auch – ich muß fast annehmen, daß sie den Affen attraktiv findet –, aber ich schätze, als Luis Carruthers’ Freundin würde es mir auch so gehen. Evelyn lacht gutmütig und sagt: «Oh, Stash, du bist vielleicht eine Nummer», und fragt dann besorgt: «Tempura?» Evelyn ist leitende Angestellte in einer Finanzierungsgesellschaft, FYI. «Ich, bitte», sage ich und hebe ein Stück Aubergine von der Platte, das ich aber nicht essen werde, weil es in Fett gebraten ist. Am Tisch beginnt man zuzugreifen, Stash erfolgreich ignorie- rend. Ich starre Courtney an, sie kaut und schluckt. Nach einem langen, fast nachdenklich wirkenden Schweigen sagt Evelyn in dem Versuch, ein Gespräch in Gang zu bringen: «Vanden, studiert in Camden.» «Ach, tatsächlich?» fragt Timothy eisig. «Wo ist das?» «Vermont», antwortet Vanden, ohne von ihrer Zeitung auf- zusehen. Ich blicke hinüber zu Stash, um zu sehen, ob ihn Vandens unver- froren kaltschnäuzige Lüge freut, aber er benimmt sich, als höre er gar nicht zu, als sei er in einem anderen Raum oder irgendeinem Punkrock-Club im dunkelsten Viertel der Stadt, aber es ärgert mich, daß die übrigen am Tisch es genauso halten, denn ich bin ziemlich sicher, wir alle wissen, daß Camden in New Hampshire liegt. «Wo bist du gewesen?» seufzt Vanden, nachdem ihr endlich klar- geworden ist, daß sich niemand für Camden interessiert. «Tja, ich war in Le Rosay», beginnt Evelyn, «und dann in der Schweiz auf der Business School.» «Ich hab auch eine Business School in der Schweiz hinter mir», meint Courtney. «Aber ich war in Genf. Evelyn war in Lausanne.» Vanden schmeißt die Ausgabe von Deception neben Timothy hin und grinst auf lässige, abschätzige Art, und obwohl ich ein biß- chen genervt bin, daß Evelyn Vandens herablassender Haltung kein Kontra bietet, hat der J&B mich so weit entstreßt, daß es mir nichts ausmacht zu schweigen. Evelyn hält Vanden vermutlich für süß, verloren, verwirrt, eine Künstlerin halt. Weder Price noch Evelyn essen etwas; ich wittere Kokain, bin mir aber nicht sicher. Während er einen kräftigen Schluck von seinem Drink nimmt, hält Timo- thy die Nummer von Deception hoch und kichert in sich hinein. «Downtown stirbt», sagt er, und dann, auf die beiden Worte in der Headline deutend: «Scheiß-drauf.» Instinktiv erwarte ich, daß Stash sofort von seinem Teller auf-, blickt, aber er starrt immer noch auf das einsame Stückchen Sushi, lächelt vor sich hin und nickt mit dem Kopf. «Hey», sagt Vanden, als sei sie persönlich beleidigt. «Das betrifft uns.» «Oh ho ho», macht Tim warnend. «Das betrifft uns? Was ist mit den Massakern in Sri Lanka, Schätzchen? Betreffen uns die nicht auch? Was ist mit Sri Lanka?» «Na ja, das ist ein cooler Club im Village.» Vanden zuckt die Schultern. «Klar, das betrifft uns auch.» Plötzlich, ohne aufzusehen, spricht Stash. «Der heißt The Tonka.» Er klingt sauer, aber seine Stimme ist ruhig und leise, sein Blick haftet immer noch auf dem Sushi. «Er heißt The Tonka, nicht Sri Lanka. Kapiert? The Tonka.» Vanden schlägt die Augen nieder und sagt dann kleinlaut: «Oh.» «Ja, weißt du denn gar nichts über Sri Lanka? Daß die Sikhs da unzählige Israelis abschlachten?» stichelt Timothy weiter. «Geht uns das nichts an?» «Möchte jemand Kappamaki Roll?» unterbricht Evelyn fröhlich und hält einen Teller hoch. «Ach, komm schon, Price», sage ich. «Es gibt wichtigere Pro- bleme als Sri Lanka. Natürlich ist unsere Außenpolitik wichtig, aber es liegen dringlichere Probleme an.» «Was zum Beispiel?» fragt er, ohne den Blick von Vanden zu las- sen. «Übrigens, warum ist ein Eiswürfel in meiner Sojasoße?» «Nein», beginne ich zögerlich. «Also, zum einen müssen wir der Apartheid ein Ende setzen. Und das nukleare Wettrüsten stoppen, dem Terrorismus und dem Hunger auf der Welt Einhalt gebieten., Eine starke nationale Verteidigung sicherstellen, die Ausbreitung des Kommunismus in Mittelamerika verhindern, auf eine Nah- ost-Friedenskonferenz hinarbeiten, militärische Einsätze der USA in Übersee verhindern. Wir müssen dafür sorgen, daß Amerika eine angesehene Weltmacht bleibt. Dabei darf man allerdings nicht unsere Probleme im eigenen Lande aus den Augen verlieren, die genauso drängend sind, wenn nicht noch drängender. Bessere und erschwinglichere Pflegebetreuung für unsere älteren Mitbürger, Eindämmung der Aids-Epidemie und Forschung nach einem Heil- mittel, Kampf gegen die Umweltverschmutzung, entscheidende Verbesserung der Ausbildung an unseren Grundschulen und wei- terführenden Schulen, schärfere Gesetze, um gegen das organisierte Verbrechen und Drogenhändler durchgreifen zu können. Ferner müssen wir sicherstellen, daß eine solide College-Ausbildung auch für die Mittelschicht erschwinglich ist, die soziale Absicherung der älteren Mitbürger gewährleisten sowie unsere natürlichen Ressour- cen und Wildgebiete schützen und den Einfluß der Political Action Committees einschränken.» Die Tischrunde starrt mich unbehaglich an, sogar Stash, aber ich bin jetzt richtig in Fahrt. «Aber die Wirtschaftslage ist immer noch katastrophal. Es muß ein Weg gefunden werden, die Inflationsrate zu senken und die Staatsverschuldung abzubauen. Außerdem müssen wir für die Ar- beitslosen Stellen und Ausbildungsplätze schaffen und gleichzeitig amerikanische Arbeitsplätze sichern, die durch Importe aus Billi- glohnländern gefährdet sind. Amerika muß wieder marktführend auf dem Gebiet modernster Technologie sein. Zugleich müssen wir Wirtschaftswachstum und Unternehmensexpansionen fördern, und energisch gegen die überhöhte Einkommensteuer zu Felde zie- hen und die Zinsen niedrig halten, während wir mittelständische Unternehmen fördern und eine schärfere Kontrolle bei Fusionen und großen Firmenübernahmen ausüben.» Nach diesem Kommentar spuckt Price fast seinen Absolut aus, aber ich versuche, allen fest in die Augen zu blicken, besonders Vanden, die, ohne die grüne Strähne und das Leder und mit etwas gesunder Bräune – sie könnte einen Aerobic-Kurs belegen, eine Bluse anziehen, irgendwas von Laura Ashley –, durchaus hübsch sein könnte. Aber warum schläft sie mit Stash? Er ist pummelig und bleich, hat kurzgeschnittenes Haar und mindestens zehn Pfund Übergewicht; unter dem schwarzen T-Shirt zeichnet sich kein Muskel ab. «Aber wir dürfen auch nicht unsere sozialen Probleme vernach- lässigen. Wir müssen dem Mißbrauch des Sozialstaates ein Ende machen. Wir müssen den Obdachlosen Nahrung und Obdach gewähren, sowohl dem Rassenhaß entgegentreten und die Bür- gerrechte verteidigen als auch die Gleichberechtigung für Frauen durchsetzen, dabei jedoch die Abtreibungsgesetze ändern, um das Recht des ungeborenen Lebens zu schützen, aber dennoch irgend- wie die Entscheidungsfreiheit der Frau gewährleisten. Zudem müssen wir den Zustrom illegaler Einwanderer kontrol- lieren. Wir müssen eine Rückkehr zu den traditionellen morali- schen Werten propagieren und Sex und Gewalt in Fernsehen, Film und Popmusik, überall, aufs entschiedenste entgegentreten. Vor- dringlichstes Ziel aber ist, in den jungen Menschen gesellschaftli- ches Verantwortungsbewußtsein zu wecken, anstatt schnödes An- spruchsdenken zu fördern.», Ich trinke mein Glas aus. Die Tischrunde blickt mich immer noch in völligem Schweigen an. Courtney lächelt und wirkt ange- nehm überrascht. Timothy schüttelt einfach ungläubig den Kopf. Evelyn stellt die Wendung des Gesprächs vor ein völliges Rätsel, sie steht auf und fragt unsicher, ob jemand Nachtisch möchte. «Ich habe … Sorbet», sagt sie leicht benommen. «Kiwi, Caram- bola, Cherimoya, Kaktusfeige und, oh … was ist das …» Sie un- terbricht ihr zombiehaftes Geleier und überlegt, was die letzte Ge- schmackssorte war: «O ja, Japanische Birne.» Alles bleibt still. Tim blickt kurz zu mir herüber. Ich sehe zu Courtney, dann wieder zu Tim, dann zu Evelyn. Evelyns Blick begegnet meinem und schwenkt dann besorgt auf Tim. Auch ich schaue zu Tim herüber, dann zu Courtney und dann wieder zu Tim, der mich nochmals anblickt, bevor er langsam und unsicher antwortet: «Kaktusbirne.» «Kaktusfeige», korrigiert Evelyn. Ich sehe mißtrauisch zu Courtney herüber, und nachdem sie «Cherimoya» gesagt hat, sage ich «Kiwi», und dann sagt auch Van- den «Kiwi», und Stash sagt leise, aber jede Silbe ganz deutlich beto- nend: «Chocolate-Chip.» Die Verwirrung, die sich kurz auf Evelyns Gesicht abzeichnet, als sie dies hört, wird blitzschnell durch eine lächelnde, bemerkens- wert gutmütige Maske ersetzt, und sie sagt: «O Stash, du weißt, daß ich kein Chocolate-Chip-Eis habe, obwohl ich zugeben muß, daß das ein recht exotischer Vorschlag für ein Sorbet wäre. Wie gesagt, ich habe Cherimoya, Kaktusbirne, Carambola, ich meine Kaktus- feige …» «Ich weiß. Ich hab’s gehört, ich hab’s gehört», winkt er ab. «Ich, laß mich überraschen.» «Gut», meint Evelyn. «Courtney? Würdest du mir helfen?» «Natürlich.» Courtney steht auf, und ich schaue ihr nach, wie sie mit klackernden Absätzen in der Küche verschwindet. «Keine Zigarren, Jungs!», ruft Evelyn zurück. «Hätt ich im Traum nicht dran gedacht», sagt Price und stopft eine Zigarre zurück in seine Jackentasche. Stash starrt das Sushi immer noch mit einer Intensität an, die mich beunruhigt, und ich muß ihn einfach fragen, in der Hoff- nung, daß er den Sarkasmus registriert: «Hat es sich, äh, wieder bewegt oder so was?» Vanden hat aus all den Scheiben California Roll, die sie auf ih- rem Teller angehäuft hat, ein Smiley-Gesicht zusammengelegt und hält es Stash zur Begutachtung hin: «Rex?» «Cool», grunzt Stash. Evelyn kommt mit dem Sorbet in Margaritagläsern von Odeon und einer ungeöffneten Flasche Glenfiddich zurück, die auch ge- schlossen bleibt, während wir das Sorbet essen. Courtney muß früh gehen, weil sie Luis auf einer Firmenparty im Bedlam, einem neuen Club in Midtown Manhattan, treffen will. Stash und Van- den verschwinden kurz darauf, um irgendwo in SoHo irgendwas zu «checken». Ich beobachte als einziger, wie Stash das Stück Sushi von seinem Teller nimmt und in die Tasche seiner olivgrünen Le- der-Bomberjacke steckt. Als ich es Evelyn erzähle, während sie den Geschirrspüler vollpackt, wirft sie mir einen derart haßerfüllten Blick zu, daß die Aussicht auf späteren Sex eher unwahrscheinlich wird. Aber ich bleibe trotzdem. Price auch. Er liegt jetzt auf einem Aubusson-Teppich, ausgehendes 18. Jahrhundert, in Evelyns Zim-, mer und trinkt Espresso aus einer Ceralene-Kaffeetasse. Ich liege auf Evelyns Bett, knuddele ein Tapisseriekissen von Jenny B. Goode und nuckele an einem Absolut mit Preiselbeersaft. Evelyn sitzt an der Frisierkommode und bürstet sich die Haare, ein grün-weiß ge- streiftes Seidenhauskleid von Ralph Lauren um den ausgesprochen hübschen Körper drapiert, und starrt ihr Abbild im Schminkspie- gel an. «Bin ich der einzige, der bemerkt hat, daß Stash sein Stück Sushi für ein … äh …» Ich räuspere mich und fahre fort: «… ein Haus- tier zu halten schien?» «Bitte hör auf, deine ‹Künstler›-Freunde einzuladen», sagt Tim müde. «Ich bin es leid, der einzige beim Dinner zu sein, der noch nie mit einem Außerirdischen gesprochen hat.» «Das war nur das eine Mal», meint Evelyn und prüft ihre Lippe, traumverloren in ihrer friedlichen Schönheit. «Aber ausgerechnet im Odeon», murrt Price. Ich frage mich, warum ich nicht zum Künstler-Dinner ins Odeon eingeladen war. Hatte Evelyn die Rechnung übernom- men? Wahrscheinlich. Und plötzlich sehe ich eine lächelnde Evelyn vor mir, die insgeheim verstimmt in einer Tischrunde mit Stashs Freunden sitzt – die alle kleine Blockhäuser aus ihren Pommes fri- tes bauen oder so tun, als würde ihr gegrillter Lachs noch leben, sie schieben die Fischstückchen über den Tisch und lassen die Fische über die «Kunstszene» und neue Galerien plaudern; vielleicht ver- suchen sie sogar, die Fische in die kleinen Fritten-Blockhäuser ein- zuquartieren … «Wie du dich sicherlich erinnern kannst, habe ich auch noch nie einen Außerirdischen gesehen», meint Evelyn., «Gut, aber Bateman ist dein Freund, und das zählt auch», prus- tet Price, und ich schmeiße das Kissen nach ihm. Er fängt es auf und wirft es zurück. «Laß Patrick in Ruhe. Er ist der nette Junge von nebenan», sagt Evelyn, während sie sich irgendeine Creme ins Gesicht reibt. «Du bist doch kein Außerirdischer, stimmt’s, Schätzchen?» «Soll ich diese Frage einer Antwort für würdig erachten?» seufze ich. «Ach, Liebling.» Sie zieht im Spiegel einen Schmollmund, und ihr Spiegelbild sieht mich an. «Ich weiß, daß du kein Außerirdi- scher bist.» «Gott sei Dank», murmele ich still vor mich hin. «Gut, aber Stash war an dem Abend im Odeon.» Mit Blick zu mir fährt Price dann fort: «Im Odeon. Hörst du zu, Bateman?» «War er nicht», sagt Evelyn. «O doch, war er wohl, aber damals hieß er nicht Stash. Sein Name war Horseshoe, Magnet oder Lego oder irgendwas ähnlich Se- riöses», höhnt Price. «Ich hab’s vergessen.» «Timothy, wovon redest du eigentlich?» fragt Evelyn mit mü- der Stimme. «Ich höre ja nicht mal hin.» Sie feuchtet einen Watte- bausch an und wischt sich damit über die Stirn. «Also, wir waren im Odeon.» Price setzt sich mit einiger Mühe auf. «Und frag mich nicht, warum, aber ich erinnere mich genau, daß er Thunfisch- Cappuccino bestellte.» «Carpaccio», korrigiert Evelyn. «Nein, Evelyn, mein Schatz, Frau meines Lebens. Ich erinnere mich deutlich, daß er Thunfisch-Cappuccino bestellte», sagt Price und starrt an die Decke., «Er sagte ‹Carpaccio›», erwidert sie, während sie mit dem Watte- bausch über ihre Lider streicht. «Cappuccino», insistiert Price. «Bis du ihn verbessert hast.» «Du hast ihn heute abend ja nicht mal wiedererkannt», meint sie. «Oh, aber jetzt erinnere ich mich», sagt Price und wendet sich an mich. «Evelyn hat ihn mir als den ‹gutmütigen Bodybuilder› be- schrieben. Genauso hat sie ihn mir vorgestellt. Ich schwör’s.» «Ach, halt den Mund», sagt sie verärgert, aber schenkt Timothy im Spiegel ein kokettes Lächeln. «Ich möchte nur stark bezweifeln, ob Stash es in die Klatsch- spalte von W schafft, und ich dachte immer, das sei das Kriterium, nach dem du deine Bekannten aussuchst», kontert Price, der den Blick erwidert und sie auf seine wölfische, gemeine Art angrinst. Ich konzentriere mich auf das Glas Absolut und Preiselbeersaft in meiner Hand, und es sieht aus wie ein Glas dünnes, wässeriges Blut mit Eis und einem Zitronenstückchen drin. «Wie läuft es mit Courtney und Luis?» frage ich in der Hoff- nung, ihren Blickkontakt zu stören. «O Gott», stöhnt Evelyn und wendet sich wieder dem Spiegel zu. «Das wirklich Gräßliche an Courtney ist ja nicht, daß sie Luis nicht mehr mag. Sondern daß …» «Man ihr Konto bei Bergdorf ’s gestrichen hat?» fragt Price. Ich lache. Wir geben uns High Five. «Nein», fährt Evelyn fort, jetzt selbst amüsiert. «Sondern daß sie tatsächlich verliebt in ihren Immobilienmakler ist. Irgendein kleiner Gimpel bei The Feathered Nest.» «Mit Courtney mag’s manchmal nicht leicht sein», meint Tim,, seine letzte Maniküre prüfend, «aber Gott im Himmel, was ist eine … Vanden?» «Fang nicht wieder damit an», stöhnt Evelyn und beginnt ihr Haar zu bürsten. «Vanden ist eine Mischung aus … The Limited und … Second- Hand-Benetton», erklärt Price mit erhobenen Händen und ge- schlossenen Augen. «Nein.» Ich lächle, bemüht, mich ins Gespräch einzuschalten: «Second-Hand-Fiorucci.» «Gut», sagt Tim, «kann stimmen.» Seine Augen, jetzt wieder ge- öffnet, heften sich auf Evelyn. «Timothy, laß das», sagt Evelyn. «Sie ist ein Camden-Girl. Was erwartest du?» «Großer Gott», stöhnt Timothy. «Ich bin es dermaßen leid, Camden-Girl-Probleme zu hören. Oh, mein Boyfriend, ich liebe ihn, aber er liebt jemand anders, und oh, wie ich mich nach ihm sehne, und er ignoriert mich einfach und blablablablabla – Gott, wie langweilig. College Kids. Üble Sache. Traurig, wie, Bateman?» «Ja. Üble Sache. Traurig.» «Guck, Bateman ist ganz meiner Meinung», sagt Price süffisant. «O nein, das stimmt nicht.» Evelyn wischt mit einem Kleenex ab, was immer sie vorher aufgetragen hat. «Patrick ist kein Zyniker, Timothy. Er ist der nette Junge von nebenan, nicht wahr, Schätz- chen?» «Nein, bin ich nicht», flüstere ich vor mich hin. «Ich bin ein gottverdammter bösartiger Psychopath.» «Also, was soll’s», seufzt Evelyn. «Sie ist nicht gerade eine der Hellsten.», «Ha, Untertreibung des Jahrhunderts!» platzt Price heraus. «Aber Stash ist auch nicht gerade einer der Hellsten. Perfektes Paar. Haben sie sich bei Love Connection oder so was kennengelernt?» «Laß sie in Ruhe», sagt Evelyn. «Stash hat Talent, und ich bin si- cher, daß wir Vanden unterschätzen.» «Das ist ein Mädchen …» Price wendet sich an mich. «Hör zu, Bateman: das ist ein Mädchen – Evelyn hat mir das erzählt – das ist ein Mädchen, das sich High Noon ausleiht, weil sie es für einen Film über …», er schluckt, «Marihuana-Farmer hält.» «Das haut mich vom Hocker», sage ich. «Aber haben wir schon ergründet, wie Stash – ich nehme an, er hat einen Nachnamen, aber sag ihn mir nicht Evelyn, ich will’s nicht wissen – seinen Le- bensunterhalt bestreitet?» «Erst mal: er ist grundanständig und nett», sagt Evelyn zu seiner Verteidigung. «Der Typ hat Chocolate-Chip-Sorbet verlangt, Herrgott noch mal», zetert Tim ungläubig. «Was redest du bloß?» Evelyn überhört das und nimmt ihre Tina-Chow-Ohrringe ab. «Er ist Bildhauer», sagt sie knapp. «Ach, Scheiße», meint Tim. «Ich erinnere mich noch an ein Ge- spräch mit ihm im Odeon.» Er wendet sich wieder mir zu. «Das war da, wo er den Thunfisch-Cappuccino bestellt hat, und ich bin mir sicher, wäre er unbeaufsichtigt gewesen, hätte er den Lachs au lait bestellt, und da hat er mir gesagt, er mache Parties, also gen- augenommen wäre er dann – korrigier mich, falls ich mich irre, Evelyn – ein Mietkellner. Er ist Mietkellner!» schreit Price. «Kein verdammter Bildhauer!» «Ach, Quatsch. Reg dich ab», sagt Evelyn, während sie sich noch, mehr Creme in ihr Gesicht schmiert. «Das ist ja, als würde man dich als Dichterin verkaufen.» Timo- thy ist betrunken, und ich frage mich langsam, wann er die Platte putzen will. «Schön», fängt Evelyn an. «Bekanntlich bin ich …» «Du bist ein verdammtes Textprogramm!» platzt Tim heraus. Er geht zu Evelyn rüber, beugt sich neben ihr nieder und prüft sein Spiegelbild. «Hast du zugenommen, Tim?» fragt Evelyn nachdenklich. Sie studiert Tims Gesicht im Spiegel und sagt: «Dein Gesicht wirkt … voller.» Im Gegenzug schnuppert Timothy an Evelyns Nacken und sagt: «Was ist das für ein faszinierender … Geruch?» «Obsession.» Evelyn lächelt kokett und schiebt Tim sanft weg. «Es ist Obsession. Patrick, sorg dafür, daß mir dein Freund von der Pelle rückt.» «Nein, nein, warte», sagt Timothy, laut schnüffelnd. «Das ist nicht Obsession. Das ist … das ist …» Dann, das Gesicht in gespiel- tem Schrecken verzerrt: «Es ist … oh, mein Gott, es ist Q.T. Insta- tan!» Evelyn zögert und rechnet sich ihre Chancen aus. Sie inspiziert noch mal Price’ Kopf. «Hast du etwa Haarausfall?» «Evelyn», erwidert Tim. «Versuch nicht, das Thema zu wech- seln, aber …» Und dann, ernsthaft beunruhigt: «Jetzt, wo du es er- wähnst … zuviel Gel vielleicht?» Besorgt fährt er sich übers Haar. «Kann sein», meint Evelyn. «Nun mach dich nützlich, und setz dich bitte hin.» «Na ja, wenigstens ist mein Haar nicht grün, und ich habe auch, nicht versucht, es mit einem Brotmesser zu schneiden», sagt Tim, auf Vandens Färbeaktion und Stashs zugegebenermaßen billigen, schlechten Haarschnitt anspielend. «Hast du zugenommen?» fragt Evelyn, diesmal ernsthafter. «Mein Gott», sagt Tim beleidigt und will sich abwenden. «Nein, Evelyn.» «Dein Gesicht sieht wirklich … voller aus», sagt Evelyn. «Nicht mehr so … fein geschnitten.» «Das ist doch nicht zu fassen.» Tim wieder. Er schaut lange in den Spiegel. Sie kämmt weiter ihr Haar, aber mit weniger energischen Bewegungen, weil sie Tim dabei ansieht. Er bemerkt es und riecht an ihrem Nacken, ich glaube, er leckt kurz daran und grinst. «Ist das Q.T.?» fragt er. «Na los, mir kannst du’s sagen. Ich rieche es.» «Nein», sagt Evelyn eisig. «Du benutzt das.» «Nein, eben nicht. Ich gehe in ein Bräunungsstudio. Daraus mach ich kein Geheimnis», sagt er. «Du benutzt Q. T.» «Du schließt von dir auf andere», erwidert sie schwach. «Ich sagte es ja», sagt Tim. «Ich gehe in ein Bräunungsstudio. Ich meine, ich weiß, daß es teuer ist, aber …» Price erbleicht. «Trotz- dem, Q.T.?» «Oh, du gehst ins Bräunungsstudio, was für ein mutiges Einge- ständnis», sagt sie. «Q.T.» Er kichert. «Ich weiß nicht, wovon du sprichst», sagt Evelyn und bürstet wieder ihr Haar. «Patrick, begleite deinen Freund doch zur Tür.», Price liegt jetzt auf den Knien und riecht und schnüffelt an Evelyns nackten Beinen, und sie lacht. Die Wut steigt in mir hoch. «Mein Gott», stöhnt sie laut. «Mach daß du rauskommst.» «Du bist orange.» Er lacht, auf den Knien, seinen Kopf in ihrem Schoß. «Du siehst orange aus.» «Tu ich nicht», sagt sie, ein gedehntes Aufstöhnen zwischen Pein und Ekstase. «Wichser.» Ich liege auf dem Bett und beobachte die beiden. Timothy stützt sich auf ihren Schoß und will seinen Kopf unter ihr Ralph-Lau- ren-Hauskleid stecken. Evelyn hat den Kopf vor Lust zurückgewor- fen und versucht, Price wegzuschubsen, aber nur spielerisch, und schlägt ihm leicht mit ihrer Jan-Hové-Bürste auf den Rücken. Ich bin mir ziemlich sicher, daß Timothy und Evelyn ein Verhältnis ha- ben. Timothy ist der einzige interessante Mensch, den ich kenne. «Du solltest gehen», sagt sie schließlich schwer atmend. Sie wehrt sich nicht mehr gegen ihn. Er blickt zu ihr auf, zeigt ein breites, attraktives Lächeln und sagt: «Wie die Lady befiehlt.» «Danke», sagt sie in einem Ton, in dem für meine Ohren Bedau- ern mitschwingt. Er steht auf. «Dinner? Morgen?» «Da muß ich erst meinen Freund fragen», sagt sie und lächelt mich im Spiegel an. «Wirst du das sexy schwarze Anne-Klein-Kleid tragen?» fragt er, die Hände auf ihren Schultern, flüstert es in ihr Ohr, während er daran riecht. «Bateman ist nicht willkommen.» Ich lache gutmütig, während ich vom Bett aufstehe und ihn hi- nausbegleite., «Augenblick! Mein Espresso!» ruft er aus. Evelyn lacht und klatscht in die Hände, als sei sie erfreut über Ti- mothys widerstrebenden Abgang. «Komm schon, alter Knabe», sage ich, während ich ihn rüde aus dem Schlafzimmer schubse. «Das Sandmännchen wartet.» Er schafft es trotzdem noch, ihr einen Handkuß zuzuwerfen, be- vor ich ihn mir endlich vom Hals schaffen kann. Er sagt kein Wort, während ich ihn zur Haustür bringe. Nachdem er gegangen ist, gieße ich mir einen Brandy ein und trinke ihn aus einem gerippten italienischen Tumbler, und als ich ins Schlafzimmer zurückkomme, liegt Evelyn auf dem Bett und sieht sich den Home Shopping Club an. Ich lege mich neben sie und lockere meine Armani-Krawatte. Schließlich stelle ich eine Frage, ohne sie anzusehen. «Warum angelst du dir nicht einfach Price?» «Mein Gott, Patrick», sagt sie mit geschlossenen Augen. «Warum Price? Price?» Und aus der Art, wie sie es sagt, schließe ich, daß sie mit ihm geschlafen hat. «Er ist reich», sage ich. «Jeder ist reich», sagt sie und konzentriert sich auf den Fernse- her. «Er sieht gut aus», erkläre ich ihr. «Jeder sieht gut aus, Patrick», sagt sie abwesend. «Er hat eine tolle Figur», sage ich. «Jeder hat heutzutage eine tolle Figur», meint sie. Ich stelle den Tumbler aufs Nachttischchen und rolle mich über sie. Während ich ihren Nacken küsse und lecke, starrt sie unge- rührt auf den Panasonic-Großbild-Fernseher mit Fernbedienung, und stellt den Ton leiser. Ich ziehe mein Armani-Hemd hoch und lege ihre Hand auf meinen Körper, damit sie fühlt, wie stahlhart, wie durchtrainiert mein Bauch ist, ich spanne meine Muskeln an und bin dankbar, daß das Zimmer so hell erleuchtet ist, daß sie se- hen kann, wie tiefbraun und straff meine Bauchdecke geworden ist. «Weißt du», sagt sie betont, «Stashs AIDS-Test war positiv. Und …» Sie hält inne, irgend etwas im Fernsehen hat ihre Auf- merksamkeit erregt; die Lautstärke steigt leicht an und wird dann wieder gesenkt. «Und … ich glaube, er wird heute wohl mit Van- den ins Bett gehen.» «Schön», sage ich, beiße sie sanft in den Nacken, eine Hand auf einer festen, kühlen Brust. «Du bist scheußlich», sagt sie leicht erregt und fährt mit ihren Händen über meine breite, harte Schulter. «Nein», seufze ich. «Nur dein Verlobter.» Nachdem ich gut fünfzehn Minuten lang versucht habe, sie zu ficken, gebe ich es auf. Sie sagt: «Weißt du, man kann immer noch besser in Form sein.» Ich greife nach dem Glas Brandy. Ich trinke es aus. Evelyn ist abhängig von Parnate, einem Antidepressivum. Ich liege neben ihr und verfolge mit abgestelltem Ton den Home Shopping Club – Glaspuppen, bestickte Zierkissen, Lampen in Fußballform, Lady Zirconia. Evelyn döst langsam weg. «Nimmst du Minoxidil?» fragt sie nach langem Schweigen. «Nein, tu ich nicht», sage ich. «Warum sollte ich?» «Dein Haaransatz scheint zurückzugehen», murmelt sie. «Keine Spur», höre ich mich sagen. Schwer zu beurteilen. Mein, Haar ist sehr dicht, und ich weiß nicht, ob ich es verliere. Ich be- zweifele es stark. Ich gehe nach Hause, sage ‹gute Nacht› zu einem Portier, den ich nicht erkenne (es könnte irgend jemand sein), dann Überblendung auf mein Wohnzimmer hoch über der Stadt, aus der leuchtenden Wurlitzer 1015 Jukebox (die nicht so gut ist wie die rare Wurlit- zer 850) in der Ecke singen die Tokens «The Lion Sleeps Tonight». Ich masturbiere, denke erst an Evelyn, dann an Courtney, dann an Vanden und wieder an Courtney, aber kurz bevor ich komme – ein schlapper Orgasmus – an ein halbnacktes Model in einem Träger- top, das ich heute in einer Calvin-Klein-Anzeige gesehen habe.,

Morgen

Im Licht eines frühen Maimorgens sieht mein Wohnzimmer fol- gendermaßen aus: Über dem mit Gas betriebenen Kamin aus wei- ßem Marmor und Granit hängt ein echter David Onica. Es ist ein 1,80 × 1,20 großes, hauptsächlich in gedämpften Grau- und Oliv- tönen gehaltenes Portrait einer nackten Frau, die auf einer Chaise- longue sitzt und MTV sieht, der Hintergrund ist eine Marsland- schaft, eine glühende malvenfarbene Wüste, übersät mit toten, aus- genommenen Fischen; zerbrochene Teller steigen hinter dem gel- ben Kopf der Frau empor wie ein plötzlicher Sonnenaufgang, das Ganze ist in schwarzes Aluminium gerahmt. Das Gemälde blickt herab auf eine weiße daunengefüllte Couch und einen Digital- Fernseher von Toshiba mit 75-Zentimeter-Bildröhre; es ist ein hochauflösendes Modell mit Farbkonturschärferegelung und High-Tech-Tube-Combination von NEC mit digitaler Bild-in- Bild-Funktion (und digitalem Standbild); zum Audioteil gehört ein eingebautes MTS und ein Fünf-Watt-Pro-Kanal-Ausgangsver- stärker. Ein Toshiba-Videorecorder steht unter dem Fernseher in einer Glasvitrine; es ist ein Super-High-Band Betagerät mit einge- bauter Schnittfunktion, Acht-Seiten-Charaktergenerator, High- Band-Record und Playback sowie einem Drei-Wochen-Timer mit acht Programmplätzen. In jeder Ecke des Wohnzimmers steht eine Hurricane-Halogenlampe. Schmale weiße Jalousien bedecken alle acht raumhohen Fenster. Vor dem Sofa steht ein Couchtisch mit Glasplatte und Eichenbeinen von Turchin, darauf sind gläserne Steuben-Tierfiguren sorgfältig um kostbare Kristallaschenbecher, von Fortunoff arrangiert, obwohl ich nicht rauche. Neben der Wurlitzer-Jukebox steht ein Baldwin-Konzertflügel aus schwarzem Ebenholz. Ein polierter weißer Eichenholzboden zieht sich durchs ganze Apartment. Auf der anderen Seite des Zimmers, neben ei- nem Tisch und einem Zeitschriftenständer von Gio Ponti, steht eine komplette Stereoanlage (CD-Player, Tape-Deck, Tuner, Amp- lifier) von Sansui mit 1,80 Meter hohen Duntech-Sovereign 2001- Boxen aus brasilianischem Rosenholz. An der Wand steht ein Pana- sonic-Fernseher mit 78-Zentimeter-Bildschirm, Sofortbild und Stereoton, darunter ein Toshiba-Videorecorder in einer Glasvit- rine. Ich bin mir nicht sicher, ob die Zeit auf der Digital-Weckuhr von Sony stimmt, also muß ich mich aufsetzen und nachsehen, welche Uhrzeit auf dem Videorecorder blinkt, dann nehme ich das Ettore-Sottsass-Tastentelefon, das auf dem Nachttisch aus Glas und Stahl neben dem Bett steht, und wähle die Zeitansage. In einer Ecke des Zimmers steht ein cremefarbener Stuhl aus Leder, Stahl und Holz, Design von Eric Marcus, in einer anderen ein Stuhl aus formverleimtem Sperrholz. Ein schwarzgetupfter Maud-Sienna- Teppich in Beige und Weiß bedeckt den größten Teil des Bodens. Eine Wand wird von vier gigantischen Kommoden aus gebleichtem Mahagoni eingenommen. Im Bett trage ich Seidenpyjamas von Ralph Lauren, und wenn ich aufstehe, schlüpfe ich in einen Mor- genmantel aus Ancient-Madder-Seide mit Paisleymuster und gehe ins Badezimmer. Ich uriniere, während ich versuche, in dem Glas, das das Baseballposter über der Toilette schützt, mein verquollenes Spiegelbild zu erkennen. Nachdem ich in Boxershorts von Ralph Lauren mit Monogramm, einen Fair-Isle-Sweater und gepunktete Enrico-Hidolin-Seidenslipper geschlüpft bin, binde ich eine Eispa-, ckung aus Plastik um mein Gesicht und beginne mit dem mor- gendlichen Stretchingpensum. Anschließend stehe ich vor einem Reisewaschbecken aus Chrom und Acryl – mit Seifenschale, Zahn- glashaltern und Griffleisten, die als Handtuchhalter dienen, das ich bei Hastings Tile gekauft habe, um die Zeit zu überbrücken, in der das Marmorbecken geschliffen wird, das ich in Finnland bestellt habe – und schaue mit der Eispackung auf dem Gesicht in den Spiegel. Ich schütte etwas Plax-Antiplaque in einen Becher aus rostfreiem Stahl und spüle damit dreißig Sekunden meinen Mund. Dann drücke ich Rembrandt auf eine Zahnbürste aus Schildpatti- mitat und beginne mit dem Zähneputzen (ich bin zu verkatert, um Zahnseide zu benutzen, wie es sich gehört – aber vielleicht habe ich das ja noch vor dem Schlafengehen getan?) und spüle mit Listerine nach. Anschließend inspiziere ich meine Hände und mache Ge- brauch von der Nagelbürste. Ich nehme die Eispackung ab, benutze eine Reinigungslotion mit Tiefenwirkung, die die Poren öffnet, trage dann eine Kräuter-Minz-Gesichtsmaske auf, die ich zehn Mi- nuten einwirken lasse, während ich mich meinen Fußnägeln widme. Anschließend verwende ich die Probright-Munddusche und danach das Interplak-Zahncenter (dies ergänzend zur Zahn- bürste), das auf 4200 Umdrehungen in der Minute kommt und 46mal in der Sekunde die Drehrichtung ändert; die längeren Bors- ten säubern die Zahnzwischenräume und massieren das Zahn- fleisch, während die kürzeren die Zähne polieren. Ich spüle noch mal nach, diesmal mit Cepacol. Ich nehme die Gesichtsmaske mit einem Grüne-Minze-Gesichtswasser ab. Die Dusche hat eine mehrfach verstellbare Handbrause mit einem Sprühradius von 75 Zentimetern. Hergestellt aus schwarz-goldenem australischem, Messing mit weißem Emaille-Finish. Unter der Dusche benutze ich als erstes ein wasseraktives Waschgel, dann ein Honig-Mandel- Body-Scrub und fürs Gesicht eine Gel-Schälkur. Vidal Sassoon Shampoo ist unübertroffen, wenn es gilt, den Film aus eingetrock- netem Schweiß, Salzen, Fetten, Schadstoffen und Schmutz aus der Luft zu entfernen, der das Haar schwer machen und niederdrücken kann, was einen älter aussehen läßt. Die Pflegespülung ist auch gut – Silikon-Technik ermöglicht Pflegevorteile, ohne daß das Haar zusammenfällt, was einen auch älter aussehen lassen kann. Am Wochenende oder vor Verabredungen bevorzuge ich Greune Natu- ral Revitalizing Shampoo, die Pflegespülung und den Nährstoff- Complex. Das sind Mittel, die D-Panthenol enthalten, einen Faktor der Vitamin-B-Gruppe, Polysorbat 80, ein Reinigungsmittel für die Kopfhaut, und natürliche Kräuterauszüge. Ich habe vor, am Wo- chenende zu Bloomingdale’s oder Bergdorf ’s zu gehen, um auf Evelyns Rat hin Foltene European Supplement zu besorgen und Shampoo für dünnes Haar, das komplexe Kohlenhydrate enthält, die in die Haarwurzeln dringen und dem Haar mehr Kraft und Glanz verleihen. Außerdem Vivagen Hair Enrichment Treatment, ein neues Redken-Produkt, das Mineralablagerungen verhindert und die Lebensdauer des Haares verlängert. Luis Carruthers emp- fahl das Aramis Nutriplexx System, einen Nährstoffkomplex, der die Durchblutung verbessert. Raus aus der Dusche und abgetrock- net, ziehe ich wieder die Ralph-Lauren-Boxershorts an, und bevor ich Mousse A Raiser auftrage, eine Rasiercreme von Pour Hommes, presse ich für zwei Minuten ein feuchtheißes Handtuch auf mein Gesicht, um die störrischen Barthaare weicher zu machen. An- schließend trage ich stets reichlich Moisturizer auf (ich schätze Cli-, nique) und lasse ihn eine Minute einziehen. Man kann ihn abwa- schen oder drauflassen und die Rasiercreme darüber auftragen – am besten mit einem Rasierpinsel, da er durch das Anheben der Barthaare den Bart weicher macht –, was nach meiner Erfahrung die Rasur erleichtert. Durch dieses Vorgehen verdunstet das Wasser weniger schnell, und die Reibung zwischen Haut und der Klinge wird gemildert. Vor der Rasur ist das Rasiermesser stets mit hei- ßem Wasser anzufeuchten, und rasiert wird immer mit dem Strich, unter sanftem Druck auf die Haut. Mit Koteletten und Kinn wartet man bis zuletzt, denn dort sind die Barthaare kräftiger und brau- chen längere Einweichzeit. Vorher spült man das Rasiermesser gründlich und schüttelt Restwasser ab. Danach reichlich kaltes Wasser ins Gesicht, um alle Rasierschaumreste zu entfernen. Die After-Shave-Lotion sollte stets wenig oder gar keinen Alkohol ent- halten. Eau de Cologne sollte nie fürs Gesicht verwendet werden, da der hohe Alkoholanteil die Gesichtshaut austrocknet und sie äl- ter aussehen läßt. Dann trägt man mit einem befeuchteten Watte- bausch alkoholfreien, antibakteriellen Toner auf, um die Haut zu normalisieren. Zuletzt kommt die Feuchtigkeitscreme. Ehe man eine beruhigende Lotion aufträgt, die Feuchtigkeit bindet und die Haut geschmeidig macht, sollte man das Gesicht noch mal mit kla- rem Wasser reinigen. Anschließend noch Gel Appaisant, auch von Pour Hommes, eine hervorragende, milde Hautlotion. Sollte das Gesicht trocken sein und schuppen, wodurch es alt und grau aus- sieht, verwendet man eine Klärungslotion, die verbrauchte Haut- schichten abträgt und das Hautbild frischer wirken läßt (außerdem wird dadurch die Sonnenbräune verstärkt). Dann trägt man ein Anti-Age-Augengel (Baume Des Yeux) auf, anschließend eine letzte, Feuchtigkeitscreme mit Schutzfaktor gegen Umwelteinflüsse. Nach- dem ich mein Haar trockengerubbelt habe, benutze ich eine Lo- tion, die die Kopfhaut strafft. Außerdem föne ich das Haar etwas, um ihm Halt und Fülle zu geben (ohne zu verkleben), trage dann noch mehr Lotion auf, bringe es mit einer Kent-Naturborsten- Bürste in Form und käme es schließlich mit einem groben Kamm zurück. Ich ziehe den Fair-Isle-Sweater wieder an, schlüpfe erneut in die gepunkteten Seidenslipper, eile ins Wohnzimmer und lege die neue Talking Heads in den CD-Player, aber sie beginnt zu springen, also nehme ich sie wieder raus und lege den Laserlinsen- Reiniger ein. Die Laser-Linse ist hochempfindlich und anfällig ge- gen Staub, Schmutz, Rauch, Verunreinigungen oder Feuchtigkeit, und wenn sie verschmutzt ist, wird die CD nicht richtig abgetastet, was zu Fehlstarts, unhörbaren Zwischenstellen, Sprüngen, Leiern und allgemeiner Verzerrung führen kann; der Linsenreiniger hat ein Reinigungsbürstchen, das sich automatisch auf die Linse aus- richtet, wenn sich die Disk dreht, um Schlieren und Staubteilchen zu entfernen. Als ich die Talking Heads CD wieder einlege, läuft sie einwandfrei. Ich greife mir die USA Today, die vor meiner Tür im Flur liegt, und nehme sie mit in die Küche, wo ich zwei Advil, eine Multivitamin- und eine Kaliumtablette nehme, die ich mit einer großen Flasche Evian herunterspüle, weil mein Hausmädchen, eine ältliche Chinesin, vergessen hat, die Spülmaschine anzustellen, ehe sie gestern Feierabend machte, und dann muß ich den Grapefruit- Zitronensaft aus einem St.-Rémy-Weinglas von Baccarat trinken. Ich schaue auf die Neonuhr über dem Kühlschrank, um mich zu vergewissern, daß mir noch Zeit bleibt, in Ruhe zu frühstücken. Ich stehe an der Kücheninsel und esse eine Kiwi und eine zerteilte ja-, panische Apfelbirne (das Stück vier Dollar bei Gristede’s) aus Kühlschrankboxen aus Aluminium, die in Westdeutschland herge- stellt sind. Ich nehme ein Kleie-Muffin, einen koffeinfreien Kräu- tertee und eine Packung Frühstücksflocken mit Weizenkeimen aus einem der großen Glasfront-Schränke, die den Großteil der Küchen- wand einnehmen; die Einlegeböden sind aus rostfreiem Stahl, das Drahtglas ist mit Sandstrahlen poliert, der Rahmen in dunklem Metallic-Blauschwarz gehalten. Ich esse die Hälfte des Muffin, nachdem ich es in der Mikrowelle aufgewärmt und leicht mit Ap- felbutter bestrichen habe. Eine Schüssel mit Oat-Bran-Flocken und Sojamilch folgt; dann noch eine Flasche Evian und danach eine kleine Tasse koffeinfreier Tee. Neben dem Brotofen von Panasonic und der aufklappbaren Kaffeemaschine von Salton steht eine Cre- mina-Espressomaschine aus Sterlingsilber (seltsamerweise noch warm), die ich bei Hammacher Schlemmer gekauft habe (die wär- meisolierte Espressotasse aus rostfreiem Stahl und die Untertasse und der Löffel liegen noch schmutzig im Spülbecken) und die Sharp R-1810A Carousel 11 Mikrowelle mit Drehteller, in der ich die andere Hälfte meines Kleie-Muffins aufwärme. Neben dem Toaster von Salton Sonata, der Cuisinart Little Pro-Küchenma- schine, dem Acme Superior Juicerator und dem Cordially-Yours- Liqueur-Maker steht der Zweieinhalb-Liter-Teekessel aus extradi- ckem rostfreiem Stahl, der «Tea for Two» flötet, wenn das Wasser kocht, mit dem ich mir noch eine kleine Tasse koffeinfreien Apfel- Zimt-Tee mache. Ich starre lange – zumindest kommt es mir lange vor – auf das Elektromesser von Black & Dekker, das auf der An- richte neben der Spüle liegt, Stecker in der Wand: Es ist ein kombi- niertes Schneide- und Schälmesser mit diversen Extras, einer, Klinge mit Zackenschliff und einer mit Wellenschliff sowie einem Ladegerät. Heute trage ich einen Anzug von Alan Flusser. Er ist eine aktualisierte Version der Drape Suits der dreißiger Jahre. Die be- liebteste Form hat eine leicht verbreiterte, aber natürliche Schulter- linie, eine voluminöse Brustpartie und einen breiten Rücken. Die weich fallenden Revers sollten ungefähr zehn Zentimeter breit sein und bis dreiviertel Schulterlänge reichen. Im allgemeinen sind stei- gende Revers bei Zweireihern eleganter als fallende Revers. Tief an- gesetzte Pattentaschen im Double-besom-Design – über der Patte ist ein Schlitz an beiden Seiten mit einem schmalen Stoffrand abge- setzt. Vier Knöpfe bilden ein tieferliegendes Viereck, darüber, wo sich das Revers schließt, sind zwei weitere Knöpfe angebracht. Die Hose hat starke Bundfalten und ist weit geschnitten, um der Linie der weiten Jacke zu folgen. Der Hosenbund ist vorn etwas höher geschnitten. Hinten sorgen Knöpfe für besseren Sitz der Hosenträ- ger. Die Krawatte ist aus getupfter Seide, eine Creation von Valen- tino Couture. Schuhe: Krokoleder-Loafers von A. Testoni. Wäh- rend ich mich ankleide, läuft im Fernseher die Patty Winters Show. Zu Gast sind heute Frauen, die an Persönlichkeitsspaltung leiden. Eine unscheinbare übergewichtige Frau ist auf dem Bildschirm zu sehen, und man hört Pattys Stimme fragen: «Also, sind Sie nun schizophren, oder wie haben wir das zu verstehen? Erzählen Sie.» «Oh, nein, nein, nein. Menschen mit multipler Persönlichkeit sind nicht schizophren», sagt die Frau kopfschüttelnd. «Wir sind nicht gefährlich.» «Nun», beginnt Patty, inmitten des Publikums stehend, in der Hand das Mikrofon. «Wer waren Sie letzten Monat?» «Ich glaub, letzten Monat war’s hauptsächlich Polly», sagt die, Frau. Schnitt aufs Publikum – das besorgte Gesicht einer Hausfrau; ehe sie sich selbst auf dem Monitor entdeckt, wieder Schnitt auf die Frau mit Persönlichkeitsspaltung. «Also», sagt Patty. «Wer sind Sie denn jetzt?» «Nun ja …», hebt die Frau müde an, als könne sie diese Frage nicht mehr hören, als hätte sie sie wieder und wieder beantwortet, ohne jemals Glauben gefunden zu haben. «Nun, diesen Monat bin ich … Lammkotelett. Hauptsächlich … Lammkotelett.» Eine lange Pause. Kameraschnitt auf die Nahaufnahme einer verblüfften Hausfrau, die den Kopf schüttelt, während eine andere Hausfrau ihr etwas zuflüstert. Ich trage Krokoleder-Loafers von A. Testoni. Ich greife mir meinen Regenmantel aus dem Flurschrank und finde einen Burberry-Schal und einen dazu passenden Mantel mit eingesticktem Wal (wie sie ein kleines Kind tragen würde), ver- klebt mit etwas, das aussieht wie angetrockneter Schokoladensi- rup, der über die ganze Vorderseite gekleckert ist und die Revers verschmiert. Ich nehme den Aufzug nach unten in die Lobby und ziehe durch leichte Bewegungen meines Handgelenks die Rolex neu auf. Ich wünsche dem Portier einen guten Morgen, trete auf die Straße und rufe mir ein Taxi, downtown Richtung Wall Street.,

Harry’s

Price und ich gehen in der dunkelsten Phase der Dämmerung die Hannover Street herunter und steuern schweigend, wie von Radar gelenkt, Harry’s an. Seit wir P & P verlassen haben, hat Timothy kein Wort gesagt. Er würdigt nicht mal den häßlichen Penner eines Kommentars, der unter einem Müllcontainer nahe der Stone Street kauert, obwohl er es schafft, einer Frau – große Titten, blond, toller Arsch, Stöckelschuhe – die Richtung Water Street geht, einen be- wundernden Pfiff nachzuschicken. Price wirkt gereizt und nervös, und ich habe nicht das Bedürfnis, ihn zu fragen, was los ist. Er trägt einen Leinenanzug von Canali Milano, ein Baumwollhemd von Ike Behar, eine Seidenkrawatte von Bill Blass und Oxfords mit gerader Kappe von Brooks Brothers. Ich trage einen extraleichten Leinen- anzug mit Bundfaltenhose, ein Baumwollhemd, eine gepunktete Seidenkrawatte, alles von Valentino Couture, und Lederschuhe mit gerader, perforierter Kappe von Allen-Edmonds. Drinnen bei Harry’s entdecken wir David Van Patten und Craig McDermott an einem der vorderen Tische. Van Patten trägt ein zweireihiges Sakko aus Wolle und Seide, eine Mario-Valentino-Hose aus Wolle und Seide mit geknöpftem Hosenschlitz und nach innen gewen- deten Bundfalten, ein Baumwollhemd von Gitman Brothers, eine gepunktete Seidenkrawatte von Bill Blass und Lederschuhe von Brooks Brothers. McDermott trägt einen Anzug aus reiner Wolle mit Bundfaltenhose, ein Button-Down-Hemd aus Baumwolle und Leinen von Basile, eine Seidenkrawatte von Joseph Abboud und Loafers aus Straußenleder von Susan Bennis Warren Edwards., Die beiden haben sich über den Tisch gebeugt und schreiben etwas auf die Rückseiten der Papierservietten, einen Scotch bezie- hungsweise einen Martini vor sich. Sie winken uns zu sich. Price schmeißt seinen ledernen Tumi-Aktenkoffer auf einen freien Stuhl und marschiert Richtung Theke. Ich sage ihm, er solle mir einen J&B mit Eis mitbringen, und setze mich zu Van Patten und Mc- Dermott. «Hey Bateman», sagt Craig in einem Tonfall, der nahelegt, daß dies nicht sein erster Martini ist. «Ist es korrekt, Tassel-Loafers zum Business-Anzug zu tragen oder nicht? Schau mich nicht an, als sei ich verrückt.» «Ach, Mist, frag doch nicht Bateman», stöhnt Van Patten, der mit einem goldenen Cross-Füller vor seinem Gesicht herumwedelt und geistesabwesend an einem Martini-Glas nippt. «Van Patten?» sagt Craig. «Ja?» McDermott zögert und sagt dann mit müder Stimme: «Halt’s Maul.» «Was treibt ihr Spinner da?» Ich erspähe Luis Carruthers an der Bar neben Price, der ihn völlig ignoriert. Carruthers ist nicht gut gekleidet: ein Vierknopf-Zweireiher aus Schurwolle, von Chaps, glaube ich, ein gestreiftes Baumwollhemd, eine Seidenfliege nebst einer Hornbrille von Oliver Peoples. «Bateman, wir schicken diese Fragen an GQ», beginnt Van Pat- ten. Luis entdeckt mich, lächelt schwach, errötet dann, wenn ich mich nicht täusche, und wendet sich wieder zur Bar. Aus irgendei- nem Grund wird Luis von Barkeepern stets ignoriert., «Wir haben diese Wette laufen, wer von uns als erster in die Frage-und-Antwort-Kolumne kommt, und jetzt hätte ich gern eine Antwort. Was sagst du dazu?» drängt McDermott. «Wozu?» frage ich gereizt. «Zu Tassel-Loafers, du Pflaume», sagt er. «Also, Jungs …» Ich wähle meine Worte mit Bedacht. «Der Tas- sel-Loafer ist von jeher ein Freizeit-Schuh …» Ich schaue ’rüber zu Price, ich brauche meinen Drink. Er schiebt sich an Luis vorbei, der ihm die Hand reicht. Price lächelt, sagt etwas, geht weiter und kommt mit großen Schritten an unseren Tisch. Luis versucht er- neut, die Aufmerksamkeit des Bartenders auf sich zu lenken, und scheitert wieder. «Aber heute ist es zulässig, einfach weil es so beliebt ist, oder?» fragt Craig eifrig. «Ja», nicke ich. «Solange sie entweder schwarz oder aus Cordo- van sind, geht das in Ordnung.» «Was ist mit braun?» fragt Van Patten mißtrauisch. Ich denke darüber nach und sage: «Zu sportlich für einen Busi- ness-Anzug.» «Worüber redet ihr Homos?» fragt Price. Er reicht mir den Drink, setzt sich und schlägt die Beine übereinander. «Okay, okay, okay», meint Van Patten. «Hier ist meine Frage. Eine zweiteilige …» Er macht eine dramatische Pause. «Also, sind Club- oder Picadilly-Kragen zu ‹feingemacht› oder zu leger? Zwei- tens : welcher Krawattenknoten paßt dazu am besten?» Ein zerstreuter Price, die Stimme immer noch angespannt, ant- wortet blitzschnell, so klar und wohlartikuliert, daß man es durch den Lärm bei Harry’s hören kann: «Es ist ein vielseitiger Look und, paßt sowohl zum Anzug wie zum Sportsakko. Für elegantere An- lässe sollte er gestärkt sein und zu ganz besonders formellen Anläs- sen sollte man eine Kragennadel tragen.» Er unterbricht sich und seufzt; es scheint, als habe er jemanden entdeckt. Ich drehe mich neugierig um. Price fährt fort: «Trägt man ihn zu einem Blazer, dann sollte der Kragen weich aussehen und kann mit oder ohne Kragennadel getragen werden. Da es ein klassischer Preppy-Look ist, wird er am besten durch einen einfachen, schmalen Krawatten- knoten ergänzt.» Er nippt an seinem Martini und wechselt seine Beinstellung. «Nächste Frage?» «Bestellt dem Mann einen Drink», sagt McDermott, offensicht- lich beeindruckt. «Price?» sagt Van Patten. «Ja?» sagt Price, den Raum inspizierend. «Du bist unbezahlbar.» «Hört mal», frage ich, «wo essen wir zu Abend?» «Ich habe den treuen Mr. Zagat mitgebracht», meint Van Patten, holt den dunkelroten Restaurantführer aus seiner Tasche und we- delt damit vor Timothy herum. «Hurra», sagt Price trocken. «Was wollen wir essen?» Ich. «Was Blondes mit dicken Titten.» Price. «Wie wär es mit diesem salvadorianischen Bistro?» McDermott. «Hört mal, wir schauen nachher im Tunnel rein, also irgendwas da in der Nähe.» Van Patten. «Ach, Mist», fängt McDermott an. «Wir gehen in den Tunnel? Letzte Woche habe ich da so eine Vassar-Schnepfe aufgerissen …» «Oh Gott, nicht schon wieder», stöhnt Van Patten., «Hast du ein Problem?» schnauzt McDermott zurück. «Ich war dabei. Ich muß die Geschichte wirklich nicht noch mal hören», sagt Van Patten. «Aber ich hab dir nie erzählt, wie’s weitergeht», McDermott zieht die Augenbrauen hoch. «He, wann wart ihr Jungs da?» frage ich. «Wieso war ich nicht eingeladen?» «Du warst auf dieser dämlichen Schiffsrundfahrt. Jetzt halt den Rand und hör zu. Also, ich schleppe im Tunnel so eine Vassar- Schnepfe ab – scharfe Nummer, dicke Titten, klasse Beine, diese Schnepfe war ein echter Hardbody –, geb ihr ein paar Kir Royal aus, sie ist für die Sommerferien in der Stadt, geht mir im Chan- delier Room praktisch schon an die Eier, also nehm ich sie mit zu mir …» «Stop, halt», unterbreche ich. «Darf ich mal fragen, wo Pamela bei all dem bleibt?» Craig zuckt zusammen. «Ach, leck mich. Mir ist nach ’nem Blow-Job, Bateman. Ich will eine Braut, die mich in …» «Ich möchte das nicht hören», sagt Van Patten und hält sich die Ohren zu. «Er wird etwas Abstoßendes sagen.» «Du Spießer», höhnt McDermott. «Hör zu, wir wollen nicht zu- sammen in eine Eigentumswohnung investieren oder runter nach Saint Bart’s jetten. Ich will nur eine Braut, der ich mich für dreißig, vierzig Minuten aufs Gesicht setzen kann.» Ich werfe meinen Sektquirl nach ihm. «Egal, also wir sind bei mir zu Hause, und jetzt hört euch das an.» Er rückt näher an den Tisch. «Sie hatte mittlerweile genug Champagner intus, um ein verdammtes Nashorn blau zu machen,, und stellt euch vor …» «Sie hat sich ohne Kondom von dir ficken lassen?» fragt einer von uns. McDermott verdreht die Augen: «Das ist ein Vassar-Mädchen. Sie ist nicht aus Queens.» Price tippt mir auf die Schulter: «Was soll das nun bedeuten?» «Egal, hört zu», sagt McDermott. «Sie wollte … hört ihr auch zu?» Er legt eine dramatische Pause ein. «Sie wollte mir nur einen runterholen, und stellt euch vor … sie hat ihren Handschuh anbe- halten.» Er lehnt sich auf dem Stuhl zurück und nippt mit selbstge- fälliger, zufriedener Miene an seinem Drink. Wir alle nehmen dies mit gebührendem Ernst zur Kenntnis. Keiner erlaubt sich einen Scherz über McDermotts Enthüllung oder seine Unfähigkeit, die Kuh härter anzufassen. Niemand sagt etwas, aber wir alle denken dasselbe: Reiß niemals ein Vassar-Girl auf. «Was du brauchst, ist eine Braut aus Camden», meint Van Pat- ten, nachdem er sich von McDermotts Bekenntnis erholt hat. «Na, klasse», sage ich. «Eine Schnepfe, die es für okay hält, mit ihrem Bruder zu ficken.» «Klar, aber sie hält AIDS auch für eine neue Band aus England», fügt Price hinzu. «Wo gibt’s Essen?» fragt Van Patten, der geistesabwesend die auf seine Serviette gekritzelte Frage studiert. «Wo, zum Teufel, gehen wir hin?» «Es ist echt komisch, daß Mädchen glauben, Typen würden sich um so was sorgen, Krankheiten und so», meint Van Patten kopf- schüttelnd … «Ich werde kein verdammtes Kondom benutzen», verkündet, McDermott. «Ich hab da diesen Artikel gelesen und mir fotokopiert», erklärt Van Patten, «und da steht, unsere Chancen, es zu bekommen, lie- gen bei nullkommanichts, einem Zehntelprozent oder so, und das völlig unabhängig davon, mit welcher Schlampe, Schlammfotze oder Fickschleuder man auch immer im Bett landet.» «Typen können es einfach nicht kriegen.» «Naja, weiße Typen jedenfalls nicht.» «Dieses Mädchen hatte einen verdammten Handschuh an?» fragt Price immer noch geschockt. «Einen Handschuh? Mein Gott, warum hast du dir nicht lieber einen runtergeholt?» «Merke: ‹Und der Schwanz bewegt sich doch›», sagt Van Patten. «Newton.» «Wo hast du deinen Abschluß gemacht?» fragt Price. «Auf der Baumschule?» «Leute», verkünde ich, «schaut mal, wer da kommt.» «Wer?» Price hält es nicht für nötig, sich umzudrehen. «Ein Tip», sage ich. «Der größte Schleimer bei Drexel Burnham Lambert.» «Connolly?» tippt Price. «Hallo, Preston», sage ich und schüttele Prestons Hand. «Kollegen», grüßt Preston über den Tisch gebeugt und nickt je- dem zu. «Tut mir leid, daß ich heute nicht mit euch zum Essen kann.» Preston trägt einen Zweireiher aus reiner Wolle von Ale- xander Julian, ein Baumwollhemd und eine Perry-Ellis-Seidenkra- watte. Er geht in die Hocke und stützt sich mit einer Hand auf der Lehne meines Stuhls ab. «Ich sage nur ungern ab, aber ihr wißt ja, Verpflichtungen.», Price wirft mir einen anklagenden Blick zu und fragt mit den Lippen: «War der eingeladen?» Ich zucke mit den Schultern und trinke meinen J&B aus. «Was hast du gestern abend getrieben?» fragt McDermott, und dann: «Netter Zwirn.» «Mit wem hat er’s gestern abend getrieben», korrigiert Van Pat- ten. «Nicht doch», meint Preston. «Ganz gepflegter, anständiger Abend. Kein Wein, Weib und Gesang. War mit Alexandra und ih- ren Eltern im Russian Tea Room. Stellt euch vor, sie nennt ihren Vater ‹Billy›. Aber ich bin so verdammt müde, und das nach einem Stoli.» Er nimmt seine Brille ab (Oliver Peoples natürlich) und gähnt, während er sie mit einem Armani-Taschentuch sauberreibt. «Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, unser überkandidelter orthodoxer Kellner hat irgendwas in den Borschtsch getan. Ich bin so verdammt müde.» «Was machst du statt dessen?» fragt Price, offensichtlich ohne jedes Interesse. «Muß diese Videos zurückbringen, Vietnamesisch mit Ale- xandra, ein Musical, Broadway, irgendwas Englisches», antwortet Preston und läßt den Blick durch den Raum wandern. «He, Preston», sagt Van Patten. «Wir wollen die GQ-Fragen ein- schicken. Hast du eine?» «O ja, hab ich», meint Preston. «Also, wenn du einen Smoking trägst, wie vermeidest du, daß dein Hemd vorne hochrutscht?» Van Patten und McDermott verharren für eine Minute in Schweigen, bis Craig beunruhigt und mit nachdenklich verzogener Stirn sagt: «Die ist gut.», «He, Price», sagt Preston. «Hast du eine?» «Ja», seufzt Price. «Wenn all deine Freunde Volltrottel sind, ist es dann ein Verbrechen, ein leichtes Vergehen oder höhere Gewalt, wenn du ihre blöden Rüben mit einer 38er Magnum wegbläst?» «Kein Fall für GQ», wirft McDermott ein. «Versuch’s mal bei Sol- dier of Fortune.» «Oder bei Vanity Fair.» Van Patten. «Wer ist das?» fragt Price und blickt zur Bar. «Ist das Reed Ro- bison? Und übrigens, Preston, du brauchst nur eine vorn in dein Hemd eingenähte Patte mit Knopfloch, die dann mit einem Knopf an der Hose festgemacht werden kann; und vergewissere dich, daß die gefältelte Vorderseite deines Hemds nicht über den Hosenbund reicht, sonst bauscht es sich beim Hinsetzen, ist dieser Idiot jetzt Reed Robison? Er sieht verdammt danach aus.» Von Price’ Ausführungen noch ganz verstört, dreht sich Preston – immer noch in der Hocke – um und peilt, nachdem er sein Glas abgestellt hat, Richtung Bar. «Nein, das ist Nigel Morrison.» «Ah», ruft Price aus. «Einer von den jungen englischen Homos, wo macht er noch gleich sein Praktikum …?» «Woher weißt du, daß er ein Homo ist?» frage ich ihn. «Das sind alles Homos», winkt Price ab. «Die Engländer.» «Woher willst du das wissen?» Van Patten grinst. «Ich hab gesehen, wie er Bateman in der Herrentoilette bei Mor- gan Stanley in den Arsch gefickt hat», sagt Price. Ich seufze und frage Preston: «Wo arbeitet Morrison?» «Hab ich vergessen.» Preston kratzt sich am Kopf. «Lazard?» «Wo?» insistiert McDermott. «First Boston? Goldman?» «Ich bin mir nicht sicher», meint Preston. «Vielleicht Drexel?, Hör mal, er ist bloß zweiter Analyst und seine häßliche Freundin mit dem Pferdegebiß sitzt in irgendeiner Klitsche und macht in Le- veraged Buyouts.» «Wohin gehen wir essen?» frage ich, meine Geduld auf dem ab- soluten Tiefpunkt. «Wir müssen noch reservieren. Ich stell mich bestimmt nicht an irgendeine beschissene Bar.» «Was zum Henker hat Morrison an?» fragt sich Preston. «Ist das tatsächlich ein Glencheck-Anzug mit einem karierten Hemd?» «Das ist nicht Morrison», sagt Price. «Wer dann?» fragt Preston und nimmt seine Brille wieder ab. «Das ist Paul Owen», sagt Price. «Das ist nicht Paul Owen», sage ich. «Paul Owen steht am ande- ren Ende der Bar. Da drüben.» Owen steht in einem zweireihigem Wollanzug an der Bar. «Er handelt den Fisher-Account», sagt irgendwer. «Verdammter Glückspilz», murmelt irgend jemand anders. «Verdammter jüdischer Glückspilz», sagt Preston. «Mein Gott, Preston», meine ich. «Was tut das schon groß zur Sache?» «Paß auf, ich hab den Arsch gesehen, wie er in seinem Büro mit der Chefetage telefoniert und dabei eine beschissene Menora ge- dreht hat. Der Scheißkerl hat letzten Dezember einen Chanukka- Strauch mit ins Büro gebracht», erklärt Preston plötzlich, merk- würdig aufgeregt. «Man dreht ein Dreidel, Preston», sage ich ruhig, «nicht eine Menora. Man dreht ein Dreidel.» «Großer Gott, Bateman, möchtest du, daß ich rüber zur Bar gehe und Freddy bitte, uns ein paar Kartoffelpfannkuchen zu machen?», fragt Preston, ernsthaft beunruhigt. «Ein paar … Latkes?» «Nein», sage ich. «Halt dich nur mit deinen antisemitischen Kommentaren zurück.» «Die Stimme der Vernunft.» Price beugt sich vor, um mir auf den Rücken zu klopfen. «Der Junge von nebenan.» «Genau, ein netter Junge von nebenan, der sich dir zufolge von einem englischen zweiten Analysten in den Arsch ficken läßt», sage ich spitz. «Ich sagte, du bist die Stimme der Vernunft», sagt Price. «Ich hab nicht gesagt, daß du nicht homosexuell bist.» «Oder arbeitslos», fügt Preston hinzu. «Gut», sage ich und fixiere Price. «Frag Meredith, ob ich homo- sexuell bin. Falls sie sich die Zeit nimmt, meinen Schwanz aus ih- rem Mund zu nehmen.» «Meredith ist eine Schwulenbraut», erklärt Price unbeeindruckt, «deswegen gebe ich ihr auch den Laufpaß.» «Wartet, Leute, ich weiß einen Witz.» Preston reibt sich die Hände. «Preston», meint Price, «du bist ein Witz. Du weißt, daß du nicht zum Essen eingeladen warst. Übrigens, nettes Jackett; paßt zwar nicht, aber paßt zu dir.» «Price, du bist ein Mistkerl, du bist so abgrundtief gemein zu mir, daß ich es kaum ertragen kann», erwidert Preston lachend. «Egal, also JFK und Pearl Bailey treffen sich auf einer Party, und sie gehen ins Oval Office, ums miteinander zu treiben, und dann ficken sie, und dann geht JFK schlafen, und …» Preston bricht ab. «Herrje, wie ging’s weiter … ah, ja, dann sagt Pearl Bailey, Mr. Pre- sident, ich will noch mal ficken, und er sagt, ich geh jetzt schlafen, und in … dreißig – nein, wartet …» Preston bricht erneut verwirrt ab. «Also … nein, sechzig Minuten … nein … okay, in dreißig Mi- nuten wach ich wieder auf, und wir machen’s noch mal, aber du mußt eine Hand auf meinem Schwanz und die andere an meinen Eiern lassen, und sie sagt, okay, aber warum muß ich eine Hand an deinem Schwanz und die andere … die andere Hand an deinen Ei- ern lassen … und …» Er bemerkt, daß Van Patten etwas gedanken- verloren auf die Rückseite einer Serviette kritzelt. «He, Van Patten, hörst du mir zu?» «Ich bin ganz Ohr», sagt Van Patten gereizt. «Erzähl weiter. Er- zähl zu Ende. Eine Hand am Schwanz, eine Hand an den Eiern, mach weiter.» Luis Carruthers steht immer noch an der Bar und wartet auf ei- nen Drink. Jetzt scheint es mir, als sei seine Seidenfliege von Agnes B. Es ist alles so undeutlich. «Ich nicht», sagt Price. «Und er sagt, weil …» Preston stockt schon wieder. Eine lange Pause folgt. Preston blickt mich an. «Schau nicht mich an», sage ich. «Der stammt nicht von mir.» «Und er sagt … Ich hab ein Brett vorm Kopf.» «Ist das die Pointe: Ich habe ein Brett vorm Kopf?» fragt McDer- mott. «Er sagt, äh, weil …», Preston legt eine Hand auf die Augen und denkt nach. «Großer Gott, ich kann nicht glauben, daß ich das ver- gessen hab …» «Großartig, Preston», seufzt Price. «Du bist vielleicht ein dröger Arsch.» «Ich habe ein Brett vor dem Kopf?» fragt mich Craig. «Kapier ich, nicht.» «Na klar, na klar, na klar», meldet sich Preston. «Hört zu, ich hab’s. Weil, als ich das letzte Mal mit einer Niggerin gefickt habe, hat sie mir die Brieftasche geklaut.» Er fängt sofort an zu kichern. Und nach einem kurzen Moment des Schweigens prustet auch die Tischrunde los, abgesehen von mir. «Das war’s, das war die Pointe», erklärt Preston stolz, erleichtert. Van Patten gibt ihm High Five. Sogar Price lacht. «Mein Gott», sage ich. «Das ist ja scheußlich.» «Warum?» fragt Preston. «Das ist lustig. Das ist Humor.» «Genau, Bateman», fällt McDermott ein. «Lach doch mal.» «Oh, ich vergaß. Bateman geht mit einer von der Bürgerrechts- bewegung», sagt Price. «Was stört dich denn jetzt?» «Es ist nicht lustig», erkläre ich. «Es ist rassistisch.» «Bateman, du bist vielleicht ein Miesmacher», meint Preston. «Du solltest aufhören, ewig Ted-Bundy-Biographien zu lesen.» Preston steht auf und guckt auf seine Rolex. «Also, Leute, ich bin weg. Man sieht sich morgen.» «Klar. Selbe Bat-Zeit, selber Bat-Kanal», sagt Van Patten und stupst mich an. Preston beugt sich noch mal vor, bevor er geht. «Weil, als ich das letzte Mal eine Niggerin gefickt hab, hat sie mir die Brieftasche ge- klaut.» «Ich hab’s begriffen. Ich hab’s begriffen», sage ich und schubse ihn weg. «Und denkt daran, Leute: Wenige Dinge im Leben laufen so gut wie ein Kenwood.» Er macht den Abgang. «Jabba-dabba-duh», sagt Van Patten., «He, wußte einer von euch, daß Höhlenmenschen mehr Bal- laststoffe zu sich genommen haben als wir?» fragt McDermott.,

Pastels

Ich bin den Tränen nahe, als wir Pastels erreichen, denn ich bin überzeugt, daß wir keinen Platz bekommen werden, doch der Tisch geht in Ordnung, und die Erleichterung spült über mich hinweg wie eine mächtige Flutwelle. McDermott kennt bei Pastels den Maître d’, und obwohl wir unsere Platzreservierung erst vor ein paar Minuten aus dem Taxi durchgegeben haben, werden wir um- gehend durch die überfüllte Bar in den pinkfarbenen, hell erleuch- teten Speisesaal geführt und in einer erstklassigen Nische für vier Personen ganz vorn plaziert. Es ist absolut unmöglich, bei Pastels einen Tisch zu bekommen, und ich glaube, Van Patten, ich selbst und sogar Price sind von McDermotts Talent, sich einen Tisch zu sichern, beeindruckt, wenn nicht gar neidisch darauf. Nachdem wir uns in der Water Street in ein Taxi gezwängt hatten, war uns klargeworden, daß wir nirgendwo einen Tisch reserviert hatten, und während wir die Vorzüge eines neuen kalifornisch-siziliani- schen Bistros auf der Upper East Side diskutierten – ich war schon so panisch, daß ich fast den Zagat zerrissen hätte –, schienen wir zu einem Konsens zu gelangen. Nur Price war anderer Meinung, aber schließlich zuckte er mit den Schultern und sagte: «Mir scheiße- gal», und wir reservierten über sein Portaphone. Er setzte seinen Walkman auf und drehte den Ton so laut, daß man seinen Vivaldi trotz halboffener Fenster und hereinbrandenden Verkehrslärms hören konnte. Van Patten und McDermott rissen rüde Witze über die Größe von Tims Schwanz, und ich auch. Vor der Tür von Pas- tels schnappte Tim sich die Serviette mit Van Pattens letzter Ver-, sion seiner sorgfältig formulierten Frage an GQ und schmiß damit nach einem Penner, der vor dem Restaurant kauerte und mit jäm- merlicher Geste ein gammeliges Pappschild hochhielt: ICH BIN HUNGRIG UND OBDACHLOS. BITTE HELFEN SIE MIR. Alles scheint blendend zu laufen. Der Maître d’ hat uns vier Gra- tis-Bellinis zukommen lassen, aber wir ordern trotzdem Drinks. Die Ronettes singen «Then He Kissed Me», unsere Kellnerin ist ein kleiner Hardbody, und selbst Price wirkt entspannt, obwohl er den Laden haßt. Zudem sind da vier Frauen am Tisch uns gegenüber – alle höchst attraktiv, blond, vollbusig: eine trägt ein Schürzen- kleid aus doppelseitiger Wolle von Calvin Klein, eine andere ein Strickkleid und eine mit Seidenfaille abgefütterte Jacke von Ge- offrey Beene, die nächste einen Faltenrock aus Tüll mit passen- dem besticktem Samtbustier von Christian Lacroix, glaube ich, dazu Stöckelschuhe von Sidonie Larizzi, und die letzte ein träger- loses Pailetten-Abendkleid unter einem körperbetonten Jackett aus Wollcrêpe von Bill Blass. Jetzt tönen die Shirelles aus den Boxen, «Dancing in the Street», und Anlage und Akustik sind in den ho- hen Räumen so laut, daß wir unsere Bestellungen der Hardbody- Kellnerin praktisch zubrüllen müssen. Sie trägt ein zweifarbiges Grain-de-Poudre-Kostüm mit Posamentbesatz von Myrone de Prémonville und Samtstiefeletten, und ich bin mir ziemlich sicher, daß sie mit mir flirtet: Sie lacht sexy, als ich als Vorspeise Monkfish und Tintenfisch-Ceviche mit goldenem Kaviar bestelle; sie starrt mich so heiß, so durchdringend an, als ich Gravad-Lachs-Terrine an grüner Tomatillosauce bestelle, daß ich mit betretener, toderns- ter Miene auf meinen rosa Bellini in der hohen Champagnerflöte blicken muß, um keinen allzu interessierten Eindruck zu machen., Price bestellt die Tapas und dann Reh mit Joghurtsauce und Bren- nesselsalat mit Mango-Spalten. McDermott bestellt Sashimi mit Ziegenkäse und dann die geräucherte Ente mit Endiviensalat und Ahornsirup. Van Patten nimmt die Muschelwurst und gegrillten Salm mit Himbeeressig und Guacamole. Die Klimaanlage des Re- staurants läuft auf vollen Touren, und ich beginne mich zu ärgern, daß ich nicht den neuen Versace-Pullover angezogen habe, den ich letzte Woche bei Bergdorf ’s gekauft habe. Er würde gut zu dem An- zug passen, den ich trage. «Könnten Sie das hier bitte wegschaffen», weist Price, auf die Bellinis zeigend, den Hilfskellner an. «Warte, Tim», sagt Van Patten. «Reg dich ab. Ich werde sie trin- ken.» «Eurotrash, David», erklärt Price. «Eurotrash.» «Meinen kannst du haben, Van Patten», sage ich. «Augenblick», sagt McDermott und hält den Hilfskellner zu- rück. «Ich behalte meinen auch.» «Warum?» fragt Price. «Wollt ihr die armenische Schnepfe drü- ben an der Bar becircen?» «Welche armenische Schnepfe?» Van Patten verrenkt sich plötz- lich interessiert den Hals. «Nehmen Sie einfach alle», sagt Price, vor Wut fast kochend. Der Hilfskellner nimmt unterwürfig die Gläser und nickt unbe- stimmt, als er weggeht. «Wer hat dich zum Chef gemacht?» quengelt McDermott. «Schaut mal, Jungs. Schaut, wer gerade reingekommen ist.» Van Patten pfeift. «O Boy.» «Um Himmels willen, nicht der verdammte Preston», stöhnt, Price. «Nein. O nein», sagt Van Patten unheilschwanger. «Noch hat er uns nicht entdeckt.» «Victor Powell? Paul Owen?» frage ich, plötzlich alarmiert. «Er ist 24 und, na, sagen wir, geradezu unanständig reich», gibt Van Patten grinsend einen Tip. Offensichtlich ist er von der betref- fenden Person entdeckt worden und setzt ein breites, strahlendes Lächeln auf. «Ein echter Geldsack.» Ich verrenke mir den Hals, kann aber nicht ausmachen, um wen’s geht. «Es ist Scott Montgomery», sagt Price. «Nicht wahr? Es ist Scott Montgomery.» «Kann sein», neckt Van Patten. «Es ist dieser Zwerg Scott Montgomery», sagt Price. «Price», sagt Van Patten, «du bist unbezahlbar.» «Ihr seht mich freudig erregt», sagt Price und dreht sich um. «Naja, so freudig erregt man halt sein kann, einen aus Georgia zu treffen.» «Wow», sagt McDermott. «Und sein Stil beeindruckt.» «He», sagt Price. «Ich bin bedrückt, ich meine beeindruckt.» «Wow», sage ich, als ich Montgomery erspähe. «Elegantes Mari- neblau.» «Unaufdringliche Karos», flüstert Van Patten. «Viel beige», sagt Price. «Ihr wißt Bescheid.» «Da kommt er», sage ich und wappne mich. Scott Montgomery kommt zu unserer Nische herübergeschlen- dert, er trägt einen zweireihigen marineblauen Blazer mit Schild- pattknöpfen, ein gestreiftes Anzughemd aus vorgewaschener, Crinkle-Baumwolle mit roter Akzentsteppung, eine rot-weiß-blaue Seidenkrawatte mit Feuerwerksprint von Hugo Boss und eine au- berginefarbene Hose aus Waschwolle mit Vierbundfalten-Front und steil eingeschnittenen Taschen von Lazlo. Er hält ein Glas Champagner und reicht es seiner Begleiterin – eindeutig Model- Typ, dünn, Titten okay, kein Arsch, hohe Absätze –, und sie trägt einen Rock aus Wollcrêpe und ein Veloursjackett aus Wolle und Kaschmir und über dem Arm einen Veloursmantel aus Wolle und Kaschmir, alles von Louis Dell’Olio. Schuhe mit hohen Absätzen von Susan Bennis Warren Edwards. Sonnenbrille von Alain Mikli. Tasche aus geprägtem Leder von Hermès. «He, Kollegen. Wie geht’s, wie steht’s?» Montgomery spricht mit breitem Georgia-Akzent. «Das hier’s Nicki. Nicki, das ist McDo- nald, Van Buren, Bateman – schön braun – und Mr. Price.» Er gibt nur Timothy die Hand und nimmt Nicki dann das Champagner- glas ab. Nicki lächelt höflich, wie ein Roboter, höchstwahrschein- lich versteht sie kein Englisch. «Montgomery», sagt Price in freundlichem Konversationston, während er Nicki anstarrt. «Wie geht’s denn so?» «Na, Kollegen», sagt Montgomery. «Sehe, ihr habt den nobelsten Tisch gekriegt. Wie, wollt ihr schon gehen? War nur Spaß.» «Hör mal, Montgomery», sagt Price, immer noch Nicki anstar- rend, aber ungewöhnlich freundlich zu jemandem, den ich für ei- nen Fremden gehalten hatte. «Squash?» «Ruf mich an», sagt Montgomery abwesend und inspiziert das Lokal. «Ist das Tyson? Hier, meine Karte.» «Prima», sagt Price und steckt sie ein. «Donnerstag?» «Geht nich. Muß morgen nach Dallas, aber …» Montgomery, entfernt sich bereits vom Tisch, strebt auf jemand anders zu und schnippst nach Nicki. «Gut, nächste Woche.» Nicki lächelt mir zu und blickt dann zu Boden – pinkfarbene, blaue, lindgrüne Fliesen kreuzen sich in dreieckigen Mustern – als gäbe es dort eine Antwort, eine Art Hinweis, als böte er einen trifti- gen Grund für ihr Verhältnis mit Montgomery. Ich frage mich bei- läufig, ob sie wohl älter ist als er, und dann, ob sie mit mir flirtet. «Bis später», sagt Price. «Bis später, Kollegen …» Montgomery hat den Raum schon halb durchquert. Nicki schleicht hinter ihm her. Ich hab mich geirrt: Sie hat einen Arsch. «Achthundert Millionen.» McDermott pfeift kopfschüttelnd durch die Zähne. «College?» frage ich. «Ein Witz», verrät Price. «Rollins?» rate ich. «Stellt euch vor», sagt McDermott. «Hampden-Sydney.» «Er ist ein Parasit, ein Loser, ein linker Hund», stellt Van Patten fest. «Aber er ist achthundert Millionen schwer», wiederholt McDer- mott begeistert. «Geh rüber und blas dem Zwerg einen – reicht das, um dir das Maul zu stopfen?» sagt Price. «Ich meine, geht’s nicht noch ein bißchen schleimiger, McDer- mott?» «Egal», meine ich, «nette Braut.» «Die Frau ist heiß», stimmt McDermott zu. «Korrekt.» Price nickt, wenn auch widerwillig., «O Mann», sagt Van Patten bekümmert. «Ich kenne die Schnepfe.» «Ach, Scheiße», stöhnen wir alle. «Laß mich raten», sage ich. «Im Tunnel aufgerissen, oder?» «Nein», sagt er, und nachdem er an seinem Drink genippt hat: «Sie ist ein Model. Magersüchtige, versoffene, verklemmte Fotze. Absolut französisch.» «Du bist vielleicht ein Komiker», sage ich, unsicher, ob er lügt. «Wetten daß?» «Was soll’s?» McDermott zuckt die Schultern. «Ich würd sie fi- cken.» «Sie trinkt einen Liter Stoli am Tag, kotzt ihn wieder aus und trinkt ihn noch mal, McDermott», erklärt Van Patten. «Totaler Al- kie.» «Total billiger Alkie», murmelt Price. «Mir egal», sagt McDermott tapfer. «Sie ist wunderbar. Ich will mit ihr ficken. Ich will sie heiraten. Ich will Kinder mit ihr haben.» «O Gott», sagt Van Patten und übergibt sich fast. «Wer will eine Schnepfe heiraten, die einen Eimer Wodka mit Preiselbeersaft zur Welt bringen wird?» «Da ist was dran», sage ich. «Genau. Außerdem will er mit der armenischen Schnepfe an der Bar zusammenziehen», spottet Price. «Was wird die zur Welt brin- gen – eine Flasche Korbel und ein Glas Pfirsichsaft?» «Welche armenische Schnepfe?» fragt McDermott und verrenkt sich verzweifelt den Hals. «O Gott. Laßt es bleiben, ihr Schwuchteln», seufzt Van Patten., Der Maître d’ kommt vorbei, um McDermott hallo zu sagen, be- merkt, daß wir keine Begrüßungs-Bellinis haben, und läuft weg, ehe einer von uns ihn stoppen kann. Ich weiß nicht, woher McDer- mott Alain so gut kennt – vielleicht Cecelia? – und das nervt mich ein bißchen, deshalb zeige ich allen meine neue Visitenkarte, um einigermaßen gleichzuziehen. Ich hole sie aus meiner Brieftasche aus Gazellenleder (Barney’s, 850 Dollar), klatsche sie auf den Tisch und warte auf Reaktionen. «Was ist das, ein Gramm?» fragt Price nicht ausgesprochen unin- teressiert. «Neue Karte.» Ich versuche lässig zu sein, grinse aber stolz. «Was haltet ihr davon?» «Holla», sagt McDermott ehrlich beeindruckt, nimmt sie in die Hand und befühlt sie. «Sehr schön. Sieh mal.» Er reicht sie Van Pat- ten. «Gestern aus der Druckerei geholt», bemerke ich. «Coole Farbgebung», sagt Van Patten und betrachtet die Karte genau. «Das ist elfenbein», erkläre ich ihm. «Und die Schrift nennt man Silian Rail.» «Silian Rail?» fragt McDermott. «Ja. Nicht schlecht, was?» «Die ist sehr cool», sagt Van Patten zurückhaltend, der neidische Hund, «aber das ist noch gar nichts …» Er zückt seine Brieftasche und klatscht eine Karte neben einen Aschenbecher. «Sieh dir das an.» Wir beugen uns alle vor und inspizieren Davids Karte, und Price sagt leise: «Die ist wirklich nett.» Kurz durchzuckt mich Eifersucht,, als ich die Eleganz der Farbe und die noble Schrifttype sehe. Ich balle die Faust zusammen, als Van Patten selbstgefällig sagt: «Eier- schalenfarben, Romana …» Er wendet sich mir zu. «Was hältst du davon?» «Nett», krächze ich, aber ich schaffe es zu nicken, als der Hilfs- kellner uns vier neue Bellinis bringt. «Guter Gott», sagt Price, hält die Karte gegen das Licht und ig- noriert die neuen Drinks. «Die ist wirklich toll. Woher hat ein Trot- tel wie du soviel Geschmack?» Ich schaue auf Van Pattens Karte, dann auf meine und kann nicht glauben, daß Price tatsächlich Van Pattens besser gefällt. Be- nommen nippe ich an meinem Drink und hole dann tief Luft. «Aber wartet …», sagt Price. «Das ist überhaupt nichts …» Er holt seine Karte aus einer Jackettinnentasche, dreht sie lang- sam, dramatisch um, damit wir sie inspizieren können, und sagt: «Meine.» Selbst ich muß eingestehen, daß sie grandios ist. Plötzlich erscheint das Restaurant weit weg, gedämpft, der Lärm entfernt, ein bedeutungsloses Murmeln, im Vergleich zu dieser Karte, und wir alle hören Prices Worte: «Erhabene Schrift, blasses Nimbusweiß …» «Heilige Scheiße», ruft Van Patten aus. «Ich sehe zum ersten Mal …» «Schön, sehr schön», muß ich eingestehen. «Aber Moment noch. Sehen wir uns Montgomerys an.» Price zieht sie hervor, und obwohl er lässig tut, ist mir unver- ständlich, wie er ihr subtil abgetöntes Weiß, ihre üppige, griffige Papierqualität ignorieren kann. Plötzlich deprimiert mich das, Thema, das ich selbst aufgebracht habe. «Pizza. Laßt uns eine Pizza bestellen», sagt McDermott. «Will niemand eine Pizza teilen? Red Snapper? Mmmmmm. Bateman doch bestimmt», sagt er und reibt sich erwartungsfroh die Hände. Ich nehme Montgomerys Karte und betaste sie sogar, genieße das Gefühl der Karte zwischen meinen Fingerspitzen. «Klasse, was?» Prices Tonfall läßt erkennen, daß er sich über meinen Neid im klaren ist. «Klar», sage ich leichthin und schnippe die Karte zu Price zu- rück, als wäre sie mir schnuppe, aber der Brocken ist hart zu schlu- cken. «Red-Snapper-Pizza», erinnert mich McDermott. «Ich bin am Verhungern.» «Keine Pizza», murmele ich, erleichtert, als Montgomerys Karte wieder in Timothys Tasche und aus meinem Blickfeld verschwun- den ist. «Nu mach schon», jammert McDermott. «Laß uns Red-Snap- per-Pizza bestellen.» «Halt’s Maul, Craig», sagt Van Patten und starrt eine Kellnerin an, die an einem anderen Tisch die Bestellungen aufnimmt. «Aber ruf den Hardbody rüber.» «Aber das ist nicht unsere», sagt McDermott und spielt mit einer Speisekarte rum, die er einem vorbeilaufenden Hilfskellner wegge- schnappt hat. «Ruf sie trotzdem rüber», insistiert Van Patten. «Bitte sie um ein Mineralwasser oder ein Corona oder irgendwas.» «Warum gerade sie?» frage ich niemanden Bestimmten. Meine Karte liegt auf dem Tisch, unbeachtet neben einer Orchidee in ei-, ner blauen Glasvase. Behutsam hebe ich sie auf und stecke sie ge- faltet in die Brieftasche zurück. «Sie sieht genauso aus wie dieses Mädchen, das in der Georgette- Klinger-Abteilung bei Bloomingdale’s arbeitet», sagt Van Patten. «Ruf sie herüber.» «Will jetzt jemand die Pizza oder nicht?» McDermott wird lang- sam unwirsch. «Woher weißt du das denn?» frage ich Van Patten. «Ich kaufe dort Kates Parfüm», antwortet er. Price erheischt gestikulierend die Aufmerksamkeit der Tisch- runde: «Habe ich auch nicht vergessen, jedem zu sagen, daß Mont- gomery ein Zwerg ist?» «Wer ist Kate?» frage ich. «Kate ist die Braut, mit der Van Patten eine Affäre hat», erklärt Price, der wieder zu Montgomerys Tisch herüberschaut. «Was wurde eigentlich aus Miss Kittridge?» frage ich. «Ja», strahlt Price, «was ist mit Amanda?» «O Jungs, regt euch ab. Vertrauensbasis? Genau.» «Hast du keine Angst vor Krankheiten?» fragt Price. «Von wem, Amanda oder Kate?» frage ich. «Ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, daß wir es nicht kriegen können.» Van Pattens Stimme schwillt an. «Also-o-o-o … Schwachkopf. Halt’s Maul.» «Hab ich euch nicht erzählt …» Weitere vier Bellinis kommen. Acht Bellinis stehen jetzt auf dem Tisch. «Großer Gott», stöhnt Price und versucht den Hilfskellner zu, schnappen, bevor er verduftet. «Red-Snapper-Pizza … Red-Snapper-Pizza.» McDermott hat das Mantra des Abends gefunden. «Wir werden bald Opfer mannstoller iranischer Schnepfen wer- den», sagt Price mit monotoner Stimme. «Die Chance liegt bei nullkommanull-wasauchimmer, hört ihr?» fragt Van Patten. «… Snapper-Pizza … Red-Snapper-Pizza …» Dann schlägt Mc- Dermott die Hand auf den Tisch, daß er wackelt. «Zum Henker, hört mir niemand zu?» Ich bin wegen Montgomerys Karte immer noch ganz weggetre- ten – die noble Farbe, die Papierstärke, die Beschriftung, der Druck –, und plötzlich erhebe ich die Faust, als ob ich Craig eine langen wollte, und brülle mit dröhnender Stimme: «Kein Schwein will die Red-Snapper-Pizza! Eine Pizza sollte locker sein und leicht nach Brot schmecken und eine Käsekruste haben! Die Krusten hier sind beschissen dünn, weil der bescheuerte Küchenchef alles zu lange bäckt! Die Pizza ist völlig vertrocknet und brüchig!» Mit hochro- tem Gesicht knalle ich meinen Bellini auf den Tisch, und als ich aufblicke, sind unsere Vorspeisen gekommen. Eine Hardbody- Kellnerin blickt mit diesem merkwürdigen glasigen Ausdruck auf mich herab. Ich fahre mir mit der Hand übers Gesicht und lächele freundlich zu ihr hoch. Sie steht da und schaut mich an, als sei ich eine Art Monster – sie sieht tatsächlich verängstigt aus –, und ich werfe Price einen Blick zu – warum? Beistand heischend? – und der formt mit den Lippen: «Zigarren» und klopft auf seine Jacken- tasche. McDermott sagt betreten: «Ich finde sie nicht brüchig.», «Schätzchen», sage ich, ohne auf McDermott zu achten, nehme die Kellnerin am Arm und ziehe sie zu mir. Sie zuckt zurück, aber ich lächle, und sie läßt sich näher ziehen. «Also, wir alle werden hier jetzt ein üppiges Mahl zu uns nehmen …», beginne ich zu er- klären. «Aber das hier habe ich nicht bestellt», sagt Van Patten mit Blick auf seinen Teller. «Ich wollte die Muschelwurst.» «Schnauze.» Ich sehe ihn durchbohrend an und wende mich dann ruhig dem Hardbody zu, grinsend wie ein Idiot, aber wie ein spendabler Idiot. «Hören Sie, wir sind gute Kunden hier und werden höchstwahrscheinlich ein paar feine Brandys bestellen, Cognac, wer weiß, und wir wollen uns entspannen und uns in dieser …» – ich gestikuliere mit dem Arm – «Atmosphäre aalen. Also …» – mit der freien Hand zücke ich meine Gazellenleder- brieftasche – «nachher würden wir gerne ein paar gute kubanische Zigarren genießen, und wir möchten nicht belästigt werden von ir- gendwelchen rüpelhaften …» «Rüpelhaften.» McDermott nickt Van Patten und Price zu. «Rüpelhaften und rücksichtslosen Gästen oder Touristen, die sich unweigerlich über unsere harmlosen kleinen Eigenheiten be- schweren werden. Also …» – ich drücke ihr etwas, von dem ich hoffe, daß es ein Fünfziger ist, in eine feingliedrige Hand – «falls Sie es einrichten könnten, daß wir nicht belästigt werden, wären wir Ihnen äußerst verbunden.» Ich tätschele ihre Hand und drü- cke sie über dem Schein zu einer Faust zusammen. «Und sollte sich doch jemand beschweren, dann …» Ich unterbreche mich und sage dann drohend: «Schmeißen Sie ihn raus.» Sie nickt stumm und weicht mit benommener, verwirrter Miene, zurück. «Und», fügt Price grinsend hinzu, «sollte noch eine Runde Bel- linis nur in die Nähe dieses Tisches kommen, flambieren wir den Maître d’. Also, Sie wissen Bescheid, warnen Sie ihn.» Nach einer langen Pause, in der wir uns unseren Vorspeisen wid- men, meldet sich Van Patten zu Wort. «Bateman?» «Ja?» Ich spieße ein Stück Monkfish auf die Gabel, tunke es in den goldenen Kaviar und lege die Gabel wieder hin. «Du bist die Prep-Perfektion in Reinkultur», schmeichelt er. Price erspäht eine weitere Kellnerin, die sich mit einem Tablett mit vier Champagnerflöten voller blaß-pinkfarbener Flüssigkeit nähert, und stöhnt: «Um Himmels willen, jetzt wird’s langsam lä- cherlich …» Sie stellt sie aber schließlich doch am Nebentisch ab, für die vier Miezen. «Sie ist heiß», sagt Van Patten, seine Muschelwurst ignorierend. «Hardbody.» McDermott nickt zustimmend. «Schaut euch die Knie an.» Während der Hardbody dort steht, mustern wir sie, und obwohl ihre Knie lange, gebräunte Beine zieren, kann ich nicht umhin zu bemerken, daß ein Knie tatsächlich dicker als das andere ist. Das linke Knie ist klobiger, kaum wahrnehmbar dicker als das rechte, und dieser winzige Makel erscheint uns nun so schwerwiegend, daß wir alle das Interesse verlieren. Van Patten starrt benommen auf seine Vorspeise, blickt dann McDermott an und sagt: «Das ist auch nicht das, was du bestellt hast. Das ist Sushi, nicht Sashimi.» «Mein Gott», seufzt McDermott. «Man kommt ja ohnehin nicht wegen des Essens her.» Ein Typ, der genau wie Christopher Lauder aussieht, kommt rü-, ber an den Tisch, klopft mir auf die Schulter und sagt: «He Hamil- ton, schön braun», bevor er in der Herrentoilette verschwindet. «Schön braun, Hamilton», macht Price ihn nach und wirft Tapas auf meinen Brotteller. «O Mann», sage ich, «hoffentlich werd ich nicht rot.» «Im Ernst, wo gehst du hin, Bateman?» fragt Van Patten. «Zum Bräunen.» «Genau, Bateman. Wohin gehst du?» McDermott scheint auf- richtig interessiert. «Ein großes Geheimnis», sage ich, «in ein Bräunungsstudio», und dann gereizt: «Wie jeder andere auch.» «Ich habe», sagt Van Patten und legt eine Pause ein, um die größtmögliche Wirkung zu erzielen, «eine Sonnenbank … zu Hause.» Dann beißt er ein großes Stück von seiner Muschelwurst ab. «Ach Quatsch», sage ich zusammenzuckend. «Das stimmt», bestätigt McDermott mit vollem Mund. «Ich hab’s gesehen.» «Das ist absolut hanebüchen», sage ich. «Wieso zum Teufel ist das absolut hanebüchen?» fragt Price und schiebt mit der Gabel Tapas auf seinem Teller herum. «Weißt du überhaupt, wie verdammt teuer die Mitgliedschaft in einem Son- nenstudio ist?» fragt mich Van Patten. «Ein Jahresbeitrag?» «Du spinnst», murmele ich. «Seht, Leute», sagt Van Patten. «Bateman ist ungehalten.» Plötzlich taucht ein Hilfskellner an unserem Tisch auf und nimmt, ohne zu fragen, die zum größten Teil noch unberührten Vorspeisen weg. Keiner von uns beschwert sich, außer McDermott,, der fragt: «Hat er gerade unsere Vorspeisen weggenommen?» und dann verständnislos lacht. Doch als er merkt, daß niemand mit- lacht, hört er auf. «Er hat sie mitgenommen, weil die Portionen so klein waren, daß er dachte, wir seien fertig», sagt Price müde. «Ich denke bloß, das mit der Sonnenbank ist verrückt», erkläre ich Van Patten, obwohl ich insgeheim denke, es wäre schon ein hip- per Luxus, leider habe ich wirklich keinen Platz dafür. Man könnte noch andere Dinge damit anfangen, als sich zu bräunen. «Für wen arbeitet Paul Owen?» höre ich McDermott Price fra- gen. «Irgendeinen Stinker von Kicker Peabody», sagt Price fahrig. «Busenfreund von McCoy.» «Warum sitzt er dann bei diesen Gurken von Drexel?» fragt Mc- Dermott. «Ist das nicht Spencer Wynn?» «Bist du auf Droge oder was?» fragt Price. «Das ist nicht Spencer Wynn.» Ich sehe zu Paul Owen rüber, der mit drei anderen Typen in einer Nische sitzt – einer von ihnen könnte Jeff Duval sein, Hosenträger, zurückgekämmtes Haar, Hornbrille, sie alle trinken Champagner – und frage mich beiläufig, wie Owen an den Fisher-Account ge- kommen ist. Das macht mich nicht hungrig, aber unser Hauptge- richt kommt, kaum daß die Vorspeisen abgeräumt sind, und wir beginnen zu essen. McDermott löst seine Hosenträger. Price nennt ihn einen Schmierlappen. Ich fühle mich wie gelähmt, aber schaffe es, mich von Owen abzuwenden, und blicke auf meinen Teller (die Terrine ein gelbes Sechseck, eingerahmt von Räucherlachsstreifen, rund um den Tellerrand kunstvolle Schnörkel aus erbsengrüner, Tomatillosauce), und dann starre ich auf die Menschenmenge. Sie wirken feindselig, möglicherweise betrunken von Begrüßungs-Bel- linis, ermüdet vom stundenlangen Warten auf beschissene Plätze neben der offenen Küchentür, obwohl sie reserviert hatten. Van Patten unterbricht das Schweigen an unserem Tisch, indem er die Gabel hinknallt und den Stuhl zurückschiebt. «Was ist los?» frage ich und sehe von meinem Teller auf, über dem meine Gabel schwebt, aber meine Hand will sich nicht bewe- gen; es ist, als würde sie das Arrangement auf dem Teller zu sehr bewundern, als habe meine Hand einen eigenen Willen und würde sich weigern, das Design zu zerstören. Ich seufze und lege die Gabel hin, hoffnungslos. «Scheiße. Ich muß diesen Film auf Kabel für Mandy aufneh- men.» Er wischt sich mit einer Serviette den Mund und steht auf. «Ich komm wieder.» «Soll sie’s doch selber machen, du Idiot», sagt Price. «Was bist du, bescheuert?» «Sie ist in Boston, bei ihrem Zahnarzt.» Van Patten zuckt mit den Schultern, der Pantoffelheld. «Was zum Henker hast du vor?» Meine Stimme zittert. Ich denke immer noch an Van Pattens Karte. «HBO anrufen?» «Nein», sagt er. «Ich kann mit Tastentelefon den Videonics VCR- Programmierer einstellen, den ich bei Hammacher Schlemmer ge- kauft habe.» Er zieht seine Hosenträger hoch und geht. «Wie hip», sage ich tonlos. «He, was willst du als Nachspeise?» brüllt McDermott. «Etwas mit Schokolade und ohne Bindemittel», ruft er zurück. «Hat Van Patten sein Training aufgegeben?» frage ich. «Er sieht, aufgeschwemmt aus.» «Sieht so aus, oder?», sagt Price. «Ist er nicht Mitglied im Vertical Club?» frage ich. «Keine Ahnung», murmelt Price, betrachtet seinen Teller, richtet sich dann auf, schiebt ihn weg und gibt der Kellnerin ein Zeichen für einen weiteren Finlandia mit Eis. Eine neue Hardbody-Kellnerin nähert sich uns vorsichtig mit ei- ner Flasche Champagner, Perrier-Jouet, kein Jahrgang, und erklärt uns, sie käme mit Empfehlung von Scott Montgomery. «Kein Jahr- gang, der Stinker», faucht Price und reckt den Hals, um Montgo- merys Tisch zu finden. «Loser.» Er gibt ihm durch den Raum ein OK-Zeichen mit erhobenem Daumen. «Der Scheißer ist so klein, daß ich ihn kaum sehen kann. Ich glaube, ich hab Conrad ein Zei- chen gegeben. Ich weiß nicht genau.» «Wo ist Conrad?» frage ich. «Ich sollte ihm hallo sagen.» «Der Knabe, der Hamilton zu dir gesagt hat», meint Price. «Das war nicht Conrad.» «Bist du sicher? Er sah ihm verteufelt ähnlich», erwidert er, aber er hört gar nicht richtig zu; er starrt unverfroren die Hardbody- Kellnerin an, in ihr entblößtes Dekolleté, als sie sich vorbeugt, um den Flaschenkorken besser in den Griff zu kriegen. «Nein. Das war nicht Conrad», sage ich, überrascht von Prices Unfähigkeit, Arbeitskollegen zu erkennen. «Der Typ hatte einen besseren Haarschnitt.» Wir warten schweigend, während der Hardbody den Cham- pagner einschenkt. Als sie weg ist, fragt McDermott, wie es uns ge- schmeckt hat. Ich erkläre ihm, die Terrine sei in Ordnung gewesen, wenn auch mit viel zuviel Tomatillo-Soße. McDermott nickt und, sagt: «Das hatte ich auch gehört.» Van Patten kommt maulend zurück: «Sie haben keine vernünfti- gen Waschräume zum Koksen.» «Nachtisch?» schlägt McDermott vor. «Nur wenn ich das Bellini-Sorbet bestellen darf», gähnt Price. «Vielleicht doch nur die Rechnung», sagt Van Patten. «Zeit auf Schnepfenjagd zu gehen, Gentlemen», sage ich. Der Hardbody kommt mit der Rechnung. Zusammen sind es 475 Dollar, viel weniger, als wir erwartet haben. Wir teilen sie, aber weil ich Bares brauche, nehme ich meine Platin-AmEx und ste- cke ihr Geld ein, hauptsächlich nagelneue Fünfziger. McDermott verlangt zehn Dollar zurück, weil seine Muschelwurst zum Entree nur sechzehn Eier gekostet hat. Montgomerys Champagnerflasche bleibt auf dem Tisch, unberührt. Vor Pastels sitzt jetzt ein anderer Penner auf der Straße mit einem völlig unleserlichen Schild. Er bit- tet uns artig um etwas Kleingeld und dann, etwas optimistischer, um etwas zu essen. «Der Versager braucht dringend einen Gesichtschirurgen», sage ich. «Hey, McDermott», albert Price. «Schmeiß ihm deine Krawatte hin.» «Scheiße. Was soll ihm das einbringen?» frage ich, den Penner anstarrend. «Appetithäppchen bei Jams.» Van Patten lacht. Er gibt mir High Five. «Versager», sagt McDermott und mustert offensichtlich belei- digt seine Krawatte. «Oh, Entschuldigung … Taxi», Price winkt ein Taxi heran. «…, und ein Getränk.» «Zu Tunnel», erklärt McDermott dem Fahrer. «Klasse, McDermott», sagt Price und schnappt sich den Vorder- sitz. «Du klingst echt aufgeregt.» «Na und, kann ja nicht jeder so ein ausgelutschter, dekadenter Homo sein wie du», erwidert McDermott und steigt vor mir ein. «Ist es bekannt, daß Höhlenmenschen mehr Ballaststoffe zu sich nahmen als wir?» fragt Price den Taxifahrer. «He, das hab ich auch gehört», meint McDermott. «Van Patten», sage ich, «hast du die Champagnerflasche gesehen, die uns Montgomery spendiert hat?» «Tatsächlich?» fragt Van Patten, sich über McDermott beugend. «Laß mich raten. Perrier-Jouet?» «Bingo», sagt Price. «Kein Jahrgang.» «Verdammter Knicker», sagt Van Patten.,

Tunnel

Aus unerfindlichem Grund tragen alle Männer draußen vor Tun- nel heute abend Smoking, abgesehen von einem obdachlosen Pen- ner mittleren Alters, der nur ein paar Schritte von den Absperrsei- len entfernt unter einem Müllcontainer hockt und jedem, der ihm Aufmerksamkeit schenkt, bettelnd einen Styropor-Kaffeebecher hinhält, und als Price uns um die Menschenmenge herum zur Ab- sperrung führt und einem Türsteher ein Zeichen gibt, wedelt Van Patten mit einer druckfrischen Ein-Dollar-Note vor dem Gesicht des Penners herum, das sich einen Moment aufhellt, aber dann steckt Van Patten sie wieder ein, als wir in den Club gelotst werden und ein Dutzend Getränkebons und zwei VIP-Basement-Ausweise bekommen. Drinnen werden wir kurz von zwei weiteren Türste- hern belästigt – lange Wollmäntel, Zöpfe, wahrscheinlich Deut- sche –, die wissen wollen, warum wir nicht im Smoking sind. Price meistert all dies doch irgendwie weltmännisch, entweder indem er den Idioten ein Trinkgeld gibt oder auf wichtig macht (wahr- scheinlich ersteres). Ich halte mich da raus, stelle mich mit dem Rücken zu ihm und versuche zuzuhören, wie McDermott bei Van Patten über meine Blödheit lästert, die Pizzas bei Pastels schlecht- zumachen, aber es ist schwer, überhaupt etwas zu verstehen, weil Belinda Carlisles Version von «I Feel Free» aus den Boxen dröhnt. Ich trage ein Messer mit gezackter Klinge in der Tasche meines Valentino-Jacketts und habe gute Lust, McDermott direkt hier in der Eingangshalle abzustechen, vielleicht sein Gesicht aufzuschlit- zen oder die Wirbelsäule zu durchtrennen; aber Price winkt uns, schließlich rein, und die Versuchung, McDermott zu töten, wird durch jene seltsame frohe Erwartung abgelöst, sich zu amüsieren, Champagner zu trinken, mit einem Hardbody zu flirten, etwas Koks aufzutun, vielleicht sogar zu ein paar Oldies zu tanzen oder zu diesem neuen Janet-Jackson-Song, den ich so mag. Es wird etwas ruhiger, als wir in den vorderen Korridor zum eigentlichen Eingang gelangen und an drei Hardbodies vor- beikommen. Die eine trägt ein schwarzes Jäckchen aus Wolle mit fallendem Revers und seitlichen Knopfriegeln, Hosen aus Wollcrêpe und einen taillierten hochgeschlossenen Kaschmirpul- lover, alles von Oscar de la Renta; die andere trägt einen zweirei- higen Mantel aus Wolle, Mohair und Nylontweed, dazu eine pas- sende Hose im Jeans-Style und ein Herrenhemd aus Baumwolle, alles von Stephen Sprouse; die attraktivste trägt ein Wolljackett und einen hochgeschnittenen Wollrock mit Karomuster, beides von Barney’s, und eine Seidenbluse von Andra Gabrielle. Sie neh- men uns durchaus wahr, und wir geben das Kompliment zurück, indem wir uns nach ihnen umsehen – abgesehen von Price, der sie links liegen läßt und etwas Unflätiges sagt. «Mein Gott, Price, zieh nicht so ein Gesicht», jammert McDer- mott. «Was ist los mit dir? Diese Mädchen waren heiß.» «Ja, wenn man Farsi spricht», sagt Price und gibt McDermott ein paar Getränkebons, als wolle er ihn beschwichtigen. «Wieso?» fragt Van Patten. «Für mich sahen sie nicht spanisch aus.» «Weißt du, Price, du wirst deine Einstellung ändern müssen, wenn du was zum Ficken suchst», meint McDermott. «Ausgerechnet du willst mir was übers Ficken erzählen?» fragt, Price Craig. «Du, der letzte Nacht mit Handarbeit zufrieden sein mußte?» «Deine Einstellung nervt, Price», sagt McDermott. «Hör zu, meinst du, wenn ich was zum Ficken wollte, würde ich mich aufführen wie euch gegenüber?» sagt Price herausfordernd. «Genau das glaube ich», erklären McDermott und Van Patten wie aus einem Mund. «Wußtet ihr eigentlich», sage ich, «daß es durchaus möglich ist, sich anders zu geben, als man gerade drauf ist, wenn man auf Sex aus ist, Jungs? Ich hoffe, du fällst jetzt nicht vom Glauben ab, Mc- Dermott.» Ich gehe schneller, um auf einer Höhe mit Tim zu blei- ben. «Nein, aber das erklärt immer noch nicht, warum sich Tim wie ein Riesenarschloch aufführt», sagt McDermott, bemüht, mich ein- zuholen. «Als ob es solchen Mädchen drauf ankommen würde», schnaubt Tim. «Wenn ich denen mein Jahreseinkommen nenne, ist denen mein Verhalten völlig egal, das kannst du mir glauben.» «Und wie bringst du diese dezente Information an?» fragt Van Patten. «Sagst du: ‹Hier ist ein Corona, und übrigens, ich mache hundertachtzigtausend im Jahr, wie ist dein Sternzeichen?›» «Hundertneunzig», korrigiert ihn Price. «Genau das tue ich. Auf Subtilität sind diese Mädchen nicht scharf.» «Und worauf sind diese Mädchen scharf, o du Allwissender?» fragt McDermott, sich beim Gehen leicht verbeugend. Van Patten lacht, und sie geben sich High Five. «He», lache ich, «wenn ihr’s wüßtet, würdet ihr nicht fragen.» «Sie wollen einen Hardbody, der sie zweimal in der Woche ins, Le Cirque führt und ihnen regelmäßig Zutritt ins Nell’s verschafft. Oder vielleicht einen engen Bekannten von Donald Trump», sagt Price kategorisch. Wir reichen unsere Eintrittskarten einem ganz annehmbaren Mädchen, das einen Dufflecoat aus Woll-Melton und ein Seiden- halstuch von Hermès trägt. Als sie uns einläßt, zwinkert ihr Price zu, und McDermott sagt: «Schon wenn ich hier reingehe, mache ich mir Sorgen, daß ich mir was fangen könnte. Es sind ein paar Siffschleudern hier. Ich spüre sie förmlich.» «Ich habe es dir doch erklärt, du Niete», sagt Van Patten und wiederholt dann geduldig seine Erkenntnisse. «Wir können das nicht bekommen. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei nullkomma …» Glücklicherweise übertönt die lange Version von «New Sensa- tion» von INXS seine Stimme. Die Musik ist so laut, daß man sich nur durch Schreien verständlich machen kann. Der Club ist ziem- lich voll; das einzige vernünftige Licht blitzt von der Tanzfläche herüber. Alle tragen Smoking. Alle trinken Champagner. Da wir nur zwei Karten fürs VIP-Basement haben, drückt Price sie Mc- Dermott und Van Patten in die Hand, und sie winken damit eifrig dem Typen zu, der die Treppe bewacht. Der Typ, der sie vorbeiläßt, trägt einen zweireihigen Smoking aus reiner Wolle, ein Baumwoll- hemd mit Eckenkragen von Cerutti 1881 und eine schwarz-weiß karierte Seidenfliege von Martin Dingman Neckwear. «He», brülle ich Price zu. «Warum haben wir sie nicht benutzt?» «Weil wir», schreit er über die Musik hinweg und faßt mich am Kragen, «etwas Bolivianisches Marschierpulver brauchen …» Ich folge ihm, als er durch den engen Gang stürmt, der paral- lel zur Tanzfläche verläuft, dann in die Bar und schließlich in den, Chandelier Room, der gerammelt voll ist mit Leuten von Drexel, Lehmans, Kidder Peabody, First Boston, Morgan Stanley, Roth- schild, Goldman, sogar von der Citibank, mein Gott. Sie alle tragen Smoking, haben Champagnerflöten in der Hand, und nahtlos, fast als sei es dasselbe Stück, geht «New Sensation» in «The Devil In- side» über, und Price entdeckt Ted Madison, der im Hintergrund des Raumes am Geländer lehnt, in einem zweireihigen Smoking aus reiner Wolle, Baumwollhemd von Paul Smith mit Eckenkragen, Fliege und Kummerbund von Rainbow Neckwear, diamantenem Kragenknopf von Trianon, Stiefeletten aus Lackleder und Rips von Ferragamo und einer Hamilton-Uhr im Antik-Look von Saks. Hinter Madison, in der Dunkelheit verschwindend, sind die beiden Zuggleise, heute grell beleuchtet in schrillen Grün- und Pinktönen, und Price bleibt plötzlich stehen und starrt an Ted vorbei, der wis- send grinst, als er Timothy entdeckt. Price blickt sehnsüchtig auf die Gleise, als symbolisierten sie eine Art Freiheit, als verkörper- ten sie einen Ausweg, den Price schon lange sucht, aber ich brülle ihm zu: «He, da ist Teddy», und das löst den Bann, er schüttelt den Kopf, wie um wieder zu Verstand zu kommen, richtet seinen Blick auf Madison und brüllt entschieden: «Nein, Herrgott noch mal, das ist nicht Madison, das ist Turnball», und der Typ, den ich für Madison gehalten habe, wird von zwei anderen Typen im Smo- king begrüßt und wendet uns den Rücken zu, und plötzlich, hinter Price, schlingt Ebersol einen Arm um Timothys Hals und droht la- chend, ihn zu erwürgen, dann schubst Price den Arm weg, schüt- telt Ebersols Hand und sagt: «He, Madison.» Madison, den ich für Ebersol gehalten habe, trägt ein wunderba- res zweireihiges weißes Leinenjackett von Hackett of London, das, er bei Bergdorf Goodman gekauft hat. Er hält eine nicht angezün- dete Zigarre in der einen und ein halbvolles Champagnerglas in der anderen Hand. «Mr. Price», brüllt Madison. «Hocherfreut, Sie zu sehen, Sir.» «Madison», schreit Price zurück, «wir müssen Ihre Dienste in Anspruch nehmen.» «Suchen Sie Ärger?» grinst Madison. «Eher was auf die schnelle», brüllt Price zurück. «Selbstverständlich», brüllt Madison und dann, aus irgendei- nem Grund reserviert, nickt er mir zu und brüllt, ich glaube, «Ba- teman», und dann: «Schön braun.» Ein Typ hinter Madison, der aussieht wie Ted Dreyer, trägt einen zweireihigen Smoking mit Schalkragen, ein Baumwollhemd und eine karierte Seidenfliege, alles, da bin ich mir ziemlich sicher, von Polo von Ralph Lauren. Madison steht herum und nickt diversen Leuten zu, die sich im Gedränge vorbeischieben. Schließlich verliert Price die Geduld. «Hör zu. Wir brauchen Drogen», glaube ich, ihn rufen zu hören. «Immer mit der Ruhe, Price, immer mit der Ruhe», brüllt Madi- son. «Ich sprech mit Ricardo.» Aber er bleibt stehen und nickt weiter Leuten zu, die sich vor- beidrängen. «Wie wär’s mit sofort», schreit Price. «Wie, nicht im Smoking?» brüllt Madison. «Wieviel wollen wir?» fragt mich Price mit verzweifelter Miene. «Ein Gramm wär in Ordnung», rufe ich. «Ich muß morgen früh im Büro sein.» «Haben wir Bares?», Ich kann nicht lügen, nicke und gebe ihm vierzig. «Ein Gramm», brüllt Price Ted zu. «He», sagt Madison und stellt seinen Freund vor: «Das ist Hu.» «Ein Gramm.» Price drückt die Scheine in Madisons Hand. «Hu? Wie?» Der Typ und Madison grinsen, und Ted schüttelt den Kopf und brüllt einen Namen, den ich nicht verstehe. «Nein», brüllt Madison, «Hugh.» Glaube ich jedenfalls. «Ah. Freut mich, Sie kennenzulernen, Hugh.» Price hebt seinen Arm und tippt mit dem Zeigefinger auf seine goldene Rolex. «Bin gleich wieder da», brüllt Madison. «Leistet meinem Freund Gesellschaft. Macht Gebrauch von euren Getränkebons.» Er ver- schwindet. Hu, Hugh, Juhu, taucht in der Menge unter. Ich folge Price zum Geländer. Ich möchte meine Zigarre anzünden, habe aber keine Streich- hölzer; aber allein sie zu halten, etwas von ihrem Aroma zu erah- nen und die Aussicht, daß Drogen kommen werden, ist mir schon ein Trost, und ich nehme zwei Getränkebons von Price und versu- che, ihm einen Finlandia mit Eis zu besorgen, den sie aber nicht haben, wie mir der Hardbody hinter der Theke bissig erklärt, doch ihr Körper ist einfach radikal und sieht so scharf aus, daß ich ihr allein dafür ein dickes Trinkgeld dalassen werde. Ich entschließe mich für einen Absolut für Price und bestelle mir selbst einen J&B mit Eis. Aus Spaß hätte ich Tim beinahe einen Bellini mitgebracht, aber er wirkt heute abend viel zu nervös, um das zu würdigen, da- rum kämpfe ich mich durch die Menge zurück zu ihm und gebe ihm den Absolut, und er nimmt ihn, ohne danke zu sagen, kippt ihn auf einmal runter, schaut das Glas an, zieht eine Grimasse und, wirft mir einen anklagenden Blick zu. Ich zucke hilflos mit den Schultern. Er beginnt wieder, wie hypnotisiert auf die Gleise zu starren. Es sind ziemlich wenig Bräute im Tunnel heute nacht. «He, ich gehe morgen abend mit Courtney aus.» «Mit der?» brüllt er zurück, weiter auf die Gleise starrend. «Großartig.» Trotz des Lärms bemerke ich den Sarkasmus. «Na ja, warum nicht? Carruthers ist nicht in der Stadt.» «Solltest besser eine von der Begleitagentur bestellen», brüllt er erbittert, ohne groß nachzudenken. «Wieso?» «Weil es dich viel mehr kosten wird, wenn du sie flachlegen willst.» «Ach wo», brülle ich. «Hör mal, ich hab mich auch damit abgefunden», schreit Price und schwenkt leicht sein Glas. Zu meiner Überraschung klirren die Eiswürfel laut. «Mit Meredith ist es nicht anders. Sie erwartet, be- zahlt zu werden. Sie alle erwarten es.» «Price?» Ich nehme einen großen Schluck Scotch. «Du bist un- bezahlbar …» Er weist hinter sich. «Wohin führen diese Gleise?» Laserlicht be- ginnt zu flackern. «Ich weiß es nicht», sage ich nach langem Schweigen, ich weiß nicht mal, wie lange. Allmählich langweilt es mich, Price zuzusehen, der sich weder bewegt noch spricht. Er wendet sich nur noch gelegentlich von den Zuggleisen ab, um nach Madison oder Ricardo Ausschau zu halten. Nirgendwo Frauen, nur eine Heerschar von Wallstreet- Leuten im Smoking. Die einzige Frau, die man ausmachen kann,, tanzt allein in einer Ecke zu einem Stück, das – glaube ich – «Love Triangle» heißt. Sie trägt etwas, was wie ein Paillettentop von Ro- naldus Shamask aussieht, und ich konzentriere mich darauf, aber ich bin in einem fahrigen Vor-Koks-Stadium und kaue nervös an einem Getränkebon, und irgendein Wall-Street-Typ, der aussieht wie Boris Cunningham, versperrt mir die Sicht auf das Mädchen. Ich will mich gerade wieder auf zur Bar machen, als Madison zu- rückkommt – zwanzig Minuten sind vergangen – und laut snifft, ein breites, zugeknalltes, nervöses Grinsen auf dem Gesicht. Als er einem verschwitzten, grimmig aussehenden Price die Hand schüt- telt, tritt der so schnell zurück, daß Ted nur in die Luft schlägt, als er ihm freundschaftlich auf den Rücken klopfen will. Ich folge Price, vorbei an der Bar und der Tanzfläche, vorbei am Basement und die Treppe hoch, vorbei an der langen Schlange vor der Damentoilette, was merkwürdig ist, denn es scheinen ja über- haupt keine Frauen heute abend im Club zu sein, und dann sind wir in der Herrentoilette, die leer ist, und Price und ich schlüpfen zusammen in eine der Kabinen, und Price verriegelt die Tür. «Ich zittere», sagt Price und gibt mir das kleine Briefchen. «Mach du es auf.» Ich nehme das winzige weiße Päckchen entgegen, falte es vor- sichtig auseinander und bringe das angebliche Gramm – es sieht nach weniger aus – ans dämmrige Neonlicht der Herrentoilette. «Mann», flüstert Price in einem überraschend milden Tonfall. «Das sieht nicht gerade nach wahnsinnig viel aus, oder?» Er beugt sich vor, um es in Augenschein zu nehmen. «Vielleicht liegt es nur am Licht», werfe ich ein. «Was zum Henker ist mit Ricardo los?» fragt Price und starrt mit, offenem Mund das Kokain an. «Pst», flüstere ich und hole meine Platin-AmEx-Karte heraus. «Ziehen wir’s einfach rein.» «Verkauft er es jetzt milligrammweise?» Price taucht seine eigene Platin-AmEx-Karte in das Pulver und führt es zum Sniffen an die Nase. Einen Moment verharrt er schweigend, dann keucht er mit tiefer, kehliger Stimme: «Oh, mein Gott.» «Was ist?» frage ich. «Das ist ein verdammtes Milligramm … Süßstoff», sagt er mit erstickter Stimme. Ich probiere ein bißchen und komme zum selben Ergebnis. «Es ist schon recht schlapp, aber ich glaube, es geht in Ordnung, wenn wir nur genug davon nehmen.» Aber Price ist wütend, knallrot im Gesicht und schwitzt; er schreit mich an, als sei es meine Schuld, als sei es meine Idee gewesen, das Gramm von Madison zu kaufen. «Ich will davon draufkommen, Bateman», betont Price mit an- schwellender Stimme. «Ich will es nicht auf meine verdammten Frühstücksflocken streuen!» «Du kannst es immer noch in deinen Milchkaffee tun», tönt eine fiepsige Stimme aus der Kabine nebenan. Price starrt mich mit ungläubig aufgerissenen Augen an, be- kommt einen Wutanfall, wirbelt herum und hämmert mit der Faust gegen die Trennwand. «Reg dich ab. Laß es uns trotzdem nehmen.» Price wendet sich wieder mir zu, und nachdem er sich über sein kräftiges, zurückgekämmtes Haar gefahren ist, scheint er sich ab- zuregen. «Ich schätze, du hast recht.» Mit lauter Stimme fügt er hinzu: «Sofern die Schwuchtel in der Nachbarkabine auch einver-, standen ist.» Wir warten auf eine Reaktion, und schließlich lispelt die Stimme in der Kabine nebenan: «Ich bin einverstanden …» «Fick dich ins Knie!» brüllt Price. «Fick dich ins Knie», äfft die Stimme nach. «Nein, fick dich ins Knie», schreit Price zurück und versucht, über die Trennwand aus Aluminium zu klettern, aber ich ziehe ihn mit einer Hand wieder runter, und nebenan wird die Spülung be- tätigt, und der Unbekannte trippelt offensichtlich entnervt aus der Herrentoilette. Price lehnt sich gegen die Tür unserer Kabine und starrt mich mit hoffnungsloser Miene an. Er reibt sich über das immer noch knallrote Gesicht und kneift die Augen zu, die Lippen weiß, winzige Spuren von Kokain unter einem Nasenloch – und sagt schließlich leise und ohne die Augen zu öffnen: «Okay. Putzen wir’s weg.» «Das ist die richtige Einstellung», sage ich. Abwechselnd wüh- len wir mit unseren Karten in dem Briefchen, und das, was wir mit den Karten nicht erwischen können, stippen wir mit den Fingern auf und sniffen es oder lecken die Kuppen ab und reiben es uns schließlich ins Zahnfleisch. Ich bin nicht annähernd drauf, aber ein weiterer J&B könnte den Körper vielleicht übertölpeln und für ei- nen gewissen Kick – wie schwach auch immer – sorgen. Wir verlassen die Kabine, waschen uns die Hände, inspizieren unser Spiegelbild und gehen – nachdem alles in Ordnung ist – zu- rück zum Chandelier Room. Ich wünsche mir langsam, ich hätte meinen Mantel (Armani) abgegeben, aber egal was Price sagt, ich jedenfalls komme langsam drauf, und als ich Minuten später an der Bar stehe und versuche, die Aufmerksamkeit dieses Hardbodys, zu erregen, stört es mich kaum noch. Schließlich muß ich einen Zwanziger auf den Tresen legen, um ihre Aufmerksamkeit zu we- cken, obwohl ich noch massenhaft Getränkebons habe. Es funkti- oniert. Ich bestelle mir auf die Getränkebons zwei doppelte Stolis mit Eis. Sie schenkt die Drinks vor mir ein. Ich fange an, mich prima zu fühlen, und brülle ihr zu: «Hey, gehst du nicht auf die NYU?» Sie schüttelt, ohne zu lächeln, den Kopf. «Hunter?» Sie schüttelt wieder den Kopf. Also nicht Hunter. «Columbia?» rufe ich, aber nur aus Spaß. Sie konzentriert sich weiter auf die Stoli-Flasche. Ich beschließe, die Konversation abzubrechen, und klatsche einfach die Getränke- bons auf die Theke, als sie mir die Gläser hinstellt. Aber sie schüttelt den Kopf und brüllt: «Es ist nach elf. Die sind nicht mehr gültig. Hier gilt Barzahlung. Das macht fünfundzwan- zig Dollar», und ohne zu meckern, ganz lässig, zücke ich meine Gazellenlederbrieftasche und reiche ihr einen Fünfziger, den sie, ich schwör’s, verächtlich mustert. Seufzend geht sie zur Kasse und findet mein Wechselgeld, und während ich sie anstarre, sage ich ziemlich deutlich, obwohl etwas übertönt von «Pump Up the Vo- lume» und der Menge: «Du bist eine beschissene, häßliche Fotze. Ich würde dich liebend gern abstechen und mit deinem Blut her- umpantschen», aber dabei lächle ich. Ich gebe der Schlampe kein Trinkgeld und finde Price, der wieder mißmutig am Geländer steht, die Hände an den Metallstangen festgeklammert. Paul Owen, der Mann mit dem Fisher-Account, steht in einem zweireihigen Sechsknopf-Smoking aus reiner Wolle neben Price und brüllt et-, was wie: «Hab heute fünfhundert Barwertrechnungen durch einen ICM PC gejagt, bin mit dem Firmenwagen zu Smith und Wol- lensky gefahren.» Ich gebe Price seinen Drink, während ich Paul zunicke. Price sagt kein Wort, nicht mal danke. Er hält einfach sein Glas in der Hand und starrt traurig auf den Schienenstrang, dann blinzelt er, beugt seinen Kopf über das Glas, und als das Strobelight aufflackert, steht er wieder aufrecht und murmelt etwas vor sich hin. «Bist du nicht drauf?» frage ich ihn. «Wie geht’s?» brüllt Owen. «Ganz prima», antworte ich. Die Musik ist ein einziges, nicht enden wollendes Stück aus ver- schiedenen, nur durch den dumpf dröhnenden Beat miteinander verbundenen Songs und macht jede Unterhaltung unmöglich, was mir, wenn ich mit einem Stinker wie Owen rede, bestens paßt. Es scheinen jetzt mehr Mädchen im Chandelier Room zu sein, und ich versuche, mit einem von ihnen Blickkontakt herzustellen – Mo- deltyp mit dicken Titten. Price stupst mich an, und ich beuge mich vor, um zu fragen, ob wir noch ein Gramm kaufen sollen. «Warum tragt ihr keinen Smoking?» fragt Owen hinter mir. «Ich hau ab», brüllt Price. «Mir reicht’s.» «Was reicht dir?» brülle ich verwirrt zurück. «Das hier.» Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, er meint sei- nen doppelten Stoli. «Macht nichts. Ich trink ihn.» «Hör zu, Patrick», brüllt er. «Ich hau ab.» «Wohin?» Ich bin wirklich durcheinander. «Soll ich Ricardo su- chen?», «Ich hau ab», schreit er. «Ich … hau … ab!» Ich muß lachen, denn ich weiß nicht, was er meint. «Schön, was machst du dann?» «Weg!» brüllt er. «Laß mich raten», schrei ich zurück. «Emissionsgeschäfte?» «Nein, Bateman. Ich meine es ernst, du gottverdammtes Arsch- loch. Abhauen. Verschwinden.» «Wohin?» Ich lache immer noch, nach wie vor verwirrt und brüllend. «Zu Morgan Stanley? Auf Entzug? Was?» Er wendet den Blick ab, antwortet nicht, starrt einfach hinters Geländer und versucht, den Punkt zu finden, an dem die Schienen sich treffen, zu entdecken, was hinter der Finsternis liegt. Er wird langsam zur Plage, aber Owen ist schlimmer, und ich habe bereits versehentlich Blickkontakt mit dem Stinker hergestellt. «Sag ihm, er soll’s locker nehmen», tönt Owen. «Hast du immer noch den Fisher-Account?» Was kann ich ihn sonst schon fragen? «Was?» fragt Owen. «Augenblick. Ist das da Conrad?» Er zeigt auf einen Typ im einreihigen Smoking mit Schalkragen, Baumwollhemd und Fliege, alles von Pierre Cardin, der an der Bar steht, direkt unter dem Kronleuchter, ein Champagnerglas in der Hand hält und seine Fingernägel mustert. Owen holt eine Zigarre hervor und bittet um Feuer. Ich bin gelangweilt und gehe, ohne mich zu entschuldigen, zur Bar, um den Hardbody, den ich auf- schlitzen will, um Streichhölzer zu bitten. Der Chandelier Room ist gerammelt voll, und alle wirken vertraut, alle sehen gleich aus. Zigarrenrauch hängt schwer in der Luft, und die Musik, wieder INXS, ist lauter denn je, aber auf welchen Höhepunkt steuert sie, zu? Ich berühre versehentlich meine Stirn, und meine Finger wer- den naß. An der Theke nehme ich mir ein paar Streichhölzer. Auf dem Rückweg durch die Menge treffe ich McDermott und Van Pat- ten, die mich um Getränkebons anschnorren. Ich gebe ihnen die übriggebliebenen Bons im Wissen, daß sie nicht mehr gültig sind, aber wir sind in der Mitte des Raumes eingekeilt, und die Geträn- kebons sind ihnen nicht Anreiz genug, sich auf die Expedition zur Theke zu machen. «Verfilzte Schnepfen», meint Van Patten. «Nimm dich in acht. Keine Hardbodies.» «Das Basement ist Scheiße», brüllt McDermott. «Habt ihr Drogen aufgetrieben?» brüllt Van Patten. «Wir haben Ricardo gesehen.» «Nein», brülle ich. «Negativ. Madison konnte nichts auftrei- ben.» «Bedienung, verflucht noch mal, Bedienung», brüllt ein Typ hinter mir. «Hoffnungslos», brülle ich. «Ich versteh kein Wort.» «Wie?» schreit Van Patten. «Ich versteh kein Wort.» Plötzlich packt McDermott meinen Arm. «Was zum Teufel macht Price da? Schau.» Wie in einem Film drehe ich mich mit einiger Mühe um, stelle mich auf die Zehenspitzen und sehe, wie Price auf dem Geländer hockt, versucht, die Balance zu halten – jemand hat ihm ein Cham- pagnerglas gegeben –, und betrunken oder zugeknallt die Arme ausstreckt und die Augen schließt, als würde er die Menge segnen. Hinter ihm geht das Strobelight weiter an und aus, an und aus, und die Trockeneismaschine läuft wie verrückt, grauer Nebel steigt auf, und hüllt ihn ein. Er ruft irgend etwas, aber ich kann ihn nicht ver- stehen – der Raum ist bis zum Bersten überfüllt, der Lärm eine oh- renbetäubende Mischung aus Eddie Murphys «Party All the Time» und dem konstanten Gequassel der Geschäftsleute –, also dränge ich mich nach vorn, den Blick auf Price geheftet, und schaffe es, an Madison, Hugh, Turnball, Cunningham und ein paar anderen vorbeizukommen. Aber die Menge ist zu dicht, und es ist sinnlos, es überhaupt zu versuchen. Nur ein paar der Gesichter schauen Tim an, der immer noch auf dem Geländer balanciert, die Augen halb geschlossen, und etwas ruft. Peinlich berührt bin ich plötz- lich froh, daß ich in der Menge feststecke, ihn nicht erreichen und vor der ziemlich sicheren Erniedrigung retten kann, und während eines perfekt getimeten Bytes des Schweigens höre ich Price ‹Auf Wiedersehen!› rufen und dann, die Menge ist endlich aufmerksam geworden: «Arschgeigen!» Elegant schwingt er herum, hüpft über das Geländer, springt auf die Gleise und beginnt zu rennen, die Champagnerflöte wippt an seiner Seite auf und ab. Er stolpert ein- mal, zweimal, im flackernden Strobelight sieht es wie in Zeitlupe aus, findet aber sein Gleichgewicht wieder, bevor er in der Dunkel- heit verschwindet. Ein Sicherheitsmann sitzt müßig am Geländer, als Price im Tunnel verschwindet. Ich glaube, er schüttelt nur den Kopf. «Price! Komm zurück!» rufe ich, aber die Menge beklatscht seine Vorstellung auch noch. «Price!» rufe ich erneut über den Applaus. Aber er ist weg, und es ist zu bezweifeln, daß er, sollte er mich ge- hört haben, reagieren würde. Madison steht neben mir und streckt mir seine Hand hin, als wolle er mir zu irgend etwas gratulieren. «Dieser Typ ist ja spitze.», McDermott taucht hinter mir auf und zieht mich an der Schul- ter. «Weiß Price von einem VIP-Raum, von dem wir nichts wis- sen?» Er wirkt beunruhigt. Draußen vor Tunnel: Ich bin high, aber richtig müde, und mein Mund schmeckt erstaunlicherweise nach NutraSweet, obwohl ich noch zwei Stolis und einen halben J&B getrunken habe. Halb eins, und wir gucken zu, wie Limousinen versuchen, auf dem West Side Highway links abzubiegen. Wir drei, Van Patten, McDermott und ich, debattieren über die Wahrscheinlichkeit, diesen neuen Club namens Nekenieh zu finden. Ich bin nicht richtig high, eher be- trunken. «Lunch?» frage ich sie gähnend. «Morgen?» «Kann nicht», sagt McDermott. «Haareschneiden bei Pierre.» «Wie steht’s mit Frühstück?» schlage ich vor. «Nee», sagt Van Patten. «Gio’s. Maniküre.» «Da fällt mir ein», sage ich und inspiziere meine Hand, «ich bräuchte auch eine.» «Wie wär es mit Dinner?» fragt mich McDermott. «Ich bin verabredet. Mist.» «Und du?» wendet sich McDermott an Van Patten. «Nein, geht nicht. Ich muß zu Sunmakers. Anschließend privates Training.»,

Büro

Im Lift erzählt mir Frederick Dibble von einer Meldung auf Page Six oder in irgendeiner anderen Klatschspalte über Ivana Trump und dann von diesem neuen italienisch-thailändischen Laden auf der Upper East Side, in dem er gestern abend mit Emily Hamilton war, und beginnt von einem großartigen Fusilli-Shiitake-Gericht zu schwärmen. Ich habe meinen goldenen Cross-Füller gezückt, um den Namen des Restaurants in mein Adreßbuch einzutragen. Dibble trägt einen zweireihigen Anzug mit dezenten Streifen von Canali Milano, ein Baumwollhemd von Bill Blass, eine Seidenkra- watte mit kleinen Karos von Bill Blass Signature und hält einen Missoni-Uomo-Regenmantel über dem Arm. Er hat eine gutaus- sehende, teure Frisur, die ich bewundernd anstarre, während er zur Muzak vor sich hin summt – eine Version von «Sympathy for the Devil» möglicherweise –, die in allen Aufzügen unseres Büro- gebäudes säuselt. Ich will Dibble fragen, ob er heute morgen die Patty Winters Show gesehen hat – es ging um Autismus –, aber er muß ein Stockwerk vor meinem raus, wiederholt noch einmal den Namen des Restaurants, «Thaidialano», sagt: «Bis dann, Marcus» und verläßt den Aufzug. Die Tür schließt sich. Ich trage einen An- zug mit Hahnentrittmuster und Bundfaltenhosen von Hugo Boss, ein Broadcloth-Hemd von Joseph Abboud und Schuhe von Brooks Brothers. Heute früh habe ich es mit der Zahnseide übertrieben und spüre immer noch den Kupfergeschmack der Blutreste in meiner Kehle. Anschließend habe ich mit Listerine gegurgelt, und mein Mund brennt fürchterlich, aber ich schaffe es, unverbindlich, zu lächeln, als ich aus dem Aufzug trete, an einem verkaterten Wit- tenborn vorbeistreife und meinen neuen Aktenkoffer aus schwar- zem Leder von Bottega Veneta schwenke. Meine Sekretärin Jean, die in mich verliebt ist und die ich ver- mutlich irgendwann heiraten werde, sitzt an ihrem Schreibtisch und trägt, wie immer um meine Aufmerksamkeit zu erregen, heute etwas sündhaft Teures und absolut Unpassendes: eine Kaschmir- Strickjacke von Chanel, einen Kaschmirpulli mit rundem Halsaus- schnitt und ein Kaschmir-Halstuch, Ohrringe mit falschen Perlen und eine Hose aus Wollcrêpe von Barney’s. Ich nehme meinen Walkman ab, als ich an ihren Tisch trete. Sie blickt hoch und lächelt schüchtern. «So spät?» fragt sie. «Aerobic-Kurs.» Ich mache den Lässigen. «Tut mir leid. Irgend- welche Nachrichten?» «Ricky Hendricks mußte für heute absagen. Er hat weder gesagt, was er absagt, noch warum.» «Ich boxe gelegentlich mit Ricky im Harvard Club», erkläre ich ihr. «Sonst noch jemand?» «Und … Spencer möchte Sie auf einen Drink bei Fluties Pier 17 treffen», sagt sie lächelnd. «Wann?» «Nach sechs.» «Abgelehnt», erkläre ich und gehe in mein Büro. «Sagen Sie es ab.» Sie steht von ihrem Schreibtisch auf und kommt mir nach. «Oh, und was soll ich sagen?» fragt sie amüsiert. «Sag … einfach … nein.» Ich ziehe meinen Armani-Mantel, aus und hänge ihn an den Axel-Loeb-Kleiderständer, den ich bei Bloomingdale’s erstanden habe. «Sag … einfach … nein?» wiederholt sie. «Haben Sie heute morgen die Patty Winters Show gesehen?» frage ich. «Über Autismus?» «Nein.» Sie lächelt, als sei sie irgendwie angetan von meiner Be- geisterung für die Patty Winters Show. «Wie war es?» Ich nehme das neue Wall Street Journal und überfliege die Ti- telseite – alles ein sinnloser Buchstabensalat aus Druckerschwärze. «Ich muß geträumt haben, während ich das gesehen habe. Keine Ahnung. Ich weiß nicht genau. Ich kann mich nicht erinnern», murmele ich, lege das Journal hin und nehme die heutige Financial Times. «Ich weiß es wirklich nicht.» Sie steht einfach da und wartet auf Anweisungen. Ich seufze, lege meine Hände aufeinander und setze mich an den Palazzetti-Schreibtisch mit Glasplatte, die Halo- genlampen an beiden Seiten brennen bereits. «Gut, Jean», beginne ich. «Ich brauche eine Reservierung für drei Personen im Camols für halb eins, falls das nicht klappt, versuchen Sie es im Crayons. Alles klar?» «Ja, Sir», sagt sie neckisch und wendet sich zum Gehen. «Oh, warten Sie.» Mir ist etwas eingefallen. «Außerdem brauche ich einen Tisch für zwei im Arcadia für acht Uhr heute abend.» Sie dreht sich wieder um, mit leicht bestürzter Miene, aber im- mer noch lächelnd. «Oh, etwas … Romantisches?» «Nein, Dummerchen. Vergiß es. Ich mache es selbst. Danke.» «Ich mach das schon», sagt sie. «Nein. Nein.» Ich scheuche sie raus. «Seien Sie ein Schatz und holen Sie mir nur ein Perrier, okay?», «Sie sehen gut aus heute», sagt sie, bevor sie geht. Sie hat recht, aber ich sage kein Wort, sondern blicke einfach auf das George-Stubbs-Gemälde, das an der Wand hängt, und frage mich, ob ich es wohl umhängen sollte, vielleicht ist es zu nah an dem Aiwa AM/FM-Stereoreceiver, dem Kassettenrekorder mit zwei Laufwerken, dem halbautomatischen Plattenspieler mit Riemen- antrieb, dem Equalizer und den dazu passenden Regal-Boxen, al- les in gedämpftem Blau, um zur Farbgebung des Büros zu passen. Der Stubbs sollte vielleicht besser über dem lebensgroßen Dober- mann in der Ecke (700 Dollar bei Beauty and the Beast im Trump Tower) hängen oder vielleicht doch eher über dem antiken Pacriz- inni-Tisch, der neben dem Dobermann steht. Ich stehe auf und schiebe die mondänen Illustrierten aus den Vierzigern beiseite – sie haben mich dreißig Eier pro Stück gekostet –, die ich bei Funchies, Bunkers, Gaks & Gleeks gekauft habe, nehme den Stubbs von der Wand und lege ihn auf den Tisch, setze mich anschließend zurück an den Schreibtisch und spiele mit den Bleistiften herum, die ich in einem alten deutschen Maßkrug von Man-tiques aufbewahre. Der Stubbs macht sich an beiden Plätzen gut. Ein nachgebildeter Schwarzwald-Schirmständer (675 Dollar bei Hubert des Forges) steht in einer anderen Ecke ohne, fällt mir nur so auf, einen einzi- gen Regenschirm drin. Ich lege ein Paul-Butterfield-Tape in den Kassettenrekorder, setze mich zurück an den Tisch und blättere die Sports Illustrated der letzten Woche durch, kann mich aber nicht konzentrieren. Mir geht die verdammte Sonnenbank nicht aus dem Kopf, die Van Pat- ten hat, und ich nehme das Telefon und rufe Jean. «Ja?» antwortet sie., «Jean. Hören Sie zu. Halten Sie die Augen nach einer Sonnen- bank offen, okay?» «Wie?» fragt sie ungläubig, aber bestimmt lächelt sie immer noch. «Sie wissen schon. Eine Sonnenbank», wiederhole ich lässig. «Zum … Sonnenbaden.» «Gut …», sagt sie zögernd. «Sonst noch etwas?» «Und, ach ja, Scheiße. Erinnern Sie mich daran, daß ich die Vi- deos zurückbringe, die ich gestern abend ausgeliehen habe.» Ich fange an, den Zigarrenständer aus Sterling-Silber auf- und zuzu- machen, der neben dem Telefon steht. «Noch was?» fragt sie, und dann, kokett: «Wie wär’s mit dem Perrier?» «Ja. Das klingt gut. Und Jean?» «Ja?» sagt sie, und ihre Geduld beruhigt mich. «Sie glauben doch nicht, ich sei verrückt? Ich meine, wegen der Sonnenbank?» Schweigen, und dann gibt sie zu: «Naja, es ist ein wenig unge- wöhnlich», und ich spüre, sie wählt ihre Worte mit großem Be- dacht. «Aber nein, natürlich nicht. Ich meine, wie sollten Sie sonst diese verteufelt gutaussehende Bräune behalten?» «Braves Mädchen», sage ich, bevor ich aufhänge. Ich habe eine großartige Sekretärin. Fünf Minuten später kommt sie mit dem Perrier, einer Limo- nenspalte und der Ransom-Akte, die sie nicht hätte bringen müs- sen, ins Büro, und ich bin von ihrer völligen Ergebenheit mir ge- genüber flüchtig gerührt. Ich kann nicht anders, ich fühle mich geschmeichelt., «Sie haben einen Tisch im Camols um halb eins», verkündet sie, während sie das Perrier in einen Tumbler gießt. «Im Nichtraucher- Bereich.» «Das will ich nie wieder an Ihnen sehen», sage ich und mustere sie kurz. «Besten Dank für die Ransom-Akte.» «Äh …» Gerade im Begriff, mir das Perrier zu reichen, hält sie inne und fragt: «Wie bitte? Ich habe Sie nicht verstanden», bevor sie das Glas vor mir auf den Tisch stellt. «Ich sagte», wiederhole ich gelassen mit einem Grinsen, «das will ich nie wieder an Ihnen sehen. Tragen Sie ein Kleid. Einen Rock oder so etwas.» Sie steht leicht betreten da, und nachdem sie an sich herunterge- blickt hat, grinst sie wie ein Kretin: «Das gefällt Ihnen wohl nicht», sagt sie demütig. «Also wirklich», meine ich und nippe an meinem Perrier. «Sie sind hübscher als das.» «Danke, Patrick», sagt sie sarkastisch, obwohl ich wetten könnte, daß sie morgen etwas anderes tragen wird. Das Telefon auf ihrem Schreibtisch klingelt. Ich sage ihr, daß ich nicht da bin. Sie wendet sich zum Gehen. «Und Stöckelschuhe», füge ich hinzu. «Ich mag Stöckelschuhe.» Sie schüttelt gutmütig den Kopf, als sie geht, und schließt die Tür hinter sich. Ich ziehe einen Panasonic-Watchman mit 9-Zen- timeter-Bildröhre und AM/FM-Radio hervor und versuche, etwas Interessantes reinzukriegen, vielleicht Jeopardy!, ehe ich mich mei- nem Computer-Terminal zuwende.,

Fitneß-Center

Das private Fitneß-Center, in dem ich Mitglied bin, liegt vier Blocks von meinem Apartment entfernt auf der Upper West Side. In den zwei Jahren seit ich mich angemeldet habe, ist es dreimal umgebaut worden, und obwohl sie dort die neuesten Kraftmaschi- nen haben (Nautilus, Universal, Keiser), gibt es auch eine große Auswahl Free Weights, die ich ebenfalls ganz gerne benutze. Im Center gibt es zehn Plätze für Tennis und Racquettball, Aerobic- Kurse, vier Aerobic-Tanzstudios, zwei Swimmingpools, Lifecycles, eine Gravitron-Maschine, Rudergeräte, Laufbänder, Cross-Coun- try-Skiing-Maschinen, Einzeltraining, Herz-Kreislauf-Checks, in- dividuelle Programme, Massage, eine Sauna und ein Türkisches Bad, ein Solarium, Sonnenbänke und ein Café mit einer Safttheke, alles designt von J.J. Vogel, der auch die Ausstattung für Petty’s, den neuen Norman-Prager-Club, gemacht hat. Die Mitgliedschaft be- trägt fünftausend Dollar im Jahr. Heute morgen war es kühl, doch es scheint sich erwärmt zu ha- ben. Als ich das Büro verlasse trage ich einen zweireihigen Sechs- knopf-Anzug mit Kreidestreifen von Ralph Lauren, dazu ein Hemd aus nadelgestreiftem Sea-Island-Cotton mit Haifischkragen und Umschlagmanschetten, auch von Polo, die ich im klimatisierten Umkleideraum nur zu gerne ablege, um in ein Paar pechschwarze Baumwoll-Lycra-Shorts mit weißem Bund und Seitenstreifen und in einen Baumwoll-Lycra-Pullunder beide von Wilkes, zu schlüp- fen, die sich so klein zusammenfalten lassen, daß sie tatsächlich in meine Aktentasche passen. Nachdem ich mich umgezogen habe,, klemme ich meinen Walkman an die Lycra-Shorts und setze die Kopfhörer auf – ein Stephen-Bishop/Christopher-Cross-Tape –, das mir Todd Hunter aufgenommen hat, kontrolliere mich im Spiegel, bevor ich in die Halle gehe, bin mit mir unzufrieden und laufe noch mal zurück zu meiner Tasche, um mir mit ein bißchen Gel die Haare zurückzukämmen, dann trage ich etwas Feuchtig- keitscreme und einen Tupfer Clinique-Abdeckstift auf, weil ich ei- nen kleinen Fleck unter der Unterlippe entdecke. Zufrieden stelle ich den Walkman an und verlasse den Umkleideraum. Cheryl, diese pummelige Schnepfe, die in mich verliebt ist, sitzt vorne an ihrem Schreibtisch, nimmt Anmeldungen entgegen, liest eine der Klatschkolumnen in der Post und lebt sichtlich auf, als sie mich kommen sieht. Sie sagt hallo, aber ich eile an ihr vorbei, denn vor dem Stairmaster gibt es keine Schlange, während man sonst zwanzig Minuten anstehen muß. Mit dem Stairmaster trai- niert man die größten Muskelpartien des Körpers (zwischen Be- cken und Knie) und kann letztendlich mehr Kalorien pro Minute verbrennen als bei jeder anderen Aerobic-Übung, abgesehen vom Nordic Skiing vielleicht. Ich sollte eigentlich erst Stretching machen, aber wenn ich das täte, müßte ich mich wieder anstellen – hinter mir wartet schon irgendein Homo, stiert wahrscheinlich auf meinen Rücken, mei- nen Arsch und meine muskulösen Beine. Keine Hardbodies in der Halle heute. Nur Homos von der West Side, wahrscheinlich ar- beitslose Schauspieler, die abends kellnern, und Muldwyn Butner von Sachs, der mit mir in Exeter war, drüben am Bizeps-Curler. Butner trägt knielange Nylon-Lycra-Shorts mit Schachbrett-Appli- kationen, einen Baumwoll-Lycra-Pullunder und Leder-Reeboks., Nach zwanzig Minuten am Stairmaster lasse ich den blond- gebleichten, mittelalten Homo-Muskelprotz hinter mir dran und mache mit Stretching-Übungen weiter. Während des Stretchens denke ich wieder an die Patty Winters Show von heute morgen. Es ging um große Brüste, und da war eine Frau, die eine Brustverklei- nerung hatte machen lassen, weil sie dachte, ihre Titten seien zu groß – die blöde Schlampe. Ich habe sofort McDermott angerufen, der es auch gerade sah, und gemeinsam lästerten wir während des Rests der Sendung über die Frau. Ich mache fünfzehn Minuten Stretching, bevor ich den Nautilus-Geräten zustrebe. Eigentlich hatte ich einen persönlichen Trainer, den mir Luis Carruthers empfohlen hatte, aber der kam mir im letzten Herbst komisch, also habe ich mein eigenes Fitneß-Programm ausgearbei- tet, das sowohl Aerobic als auch Krafttraining umfaßt. Bei den Ge- wichten wechsele ich zwischen Free Weights und Kraftgeräten, die mit hydraulischem, pneumatischem oder elektromechanischem Widerstand arbeiten. Die meisten der Geräte sind sehr effektiv, da man über Tastenfelder die computergesteuerten Gewichte einstel- len kann, ohne aufzustehen. Zu den Vorteilen der Geräte zählt, daß sie kaum zu Muskelverspannungen führen und die Gefahr von Ver- letzungen reduzieren. Aber ich schätze genauso die Vielseitigkeit und Freiheit, die Free Weights bieten, und die zahlreichen Mög- lichkeiten des Stemmens, die man an Geräten nicht hat. An den Beinmaschinen mache ich fünf Serien mit je zehn Wie- derholungen. Für den Rücken ebenfalls fünf Serien je zehnmal. Am Bauchmuskeltrainer bringe ich es inzwischen auf sechs Serien, die ich fünfzehnmal wiederhole, und am Bizeps-Curler auf sieben Se-, rien je zehnmal. Bevor ich mich an die Free Weights mache, steige ich zwanzig Minuten aufs Trimmrad und lese währenddessen die neue Ausgabe von Money. Drüben bei den Free Weights mache ich für die Beine Streck-, Beuge- und Stemmübungen, drei Serien je fünfzehnmal. Dann drei Serien mit je zwanzig Wiederholungen Hantel-Curls, anschließend drei Serien mit zwanzig Wiederholun- gen umgekehrte Butterflys für die hinteren Deltamuskeln und drei Sets und zwanzig Wiederholungen Latissimus-Pulldowns, Rudern, Dead Lifts und Hantel-Rumpfbeugen. Für die Brust mache ich drei Sets und zwanzig Wiederholungen Drücken auf der Schiefbank. Für die vorderen Deltamuskeln mache ich auch drei Sets Butter- flys und Hanteldrücken im Sitzen. Zum Schluß mache ich für die Trizeps drei Sets und zwanzig Wiederholungen Pushdowns und enggegriffenes Bankdrücken an der Kraftmaschine. Nach weiteren Stretchingübungen zur Entspannung nehme ich schnell eine heiße Dusche, eile dann zur Videothek und gebe die zwei Kassetten, die ich am Montag ausgeliehen habe, zurück, She-Male Reformatory und Der Tod kommt zweimal, aber Der Tod kommt zweimal leihe ich erneut aus, denn ich will es mir heute abend noch mal ansehen, obwohl mir klar ist, daß ich nicht genügend Zeit haben werde, zu der Szene zu masturbieren, in der die Frau mit der Schlagbohrma- schine getötet wird, weil ich mit Courtney für halb acht im Café Luxembourg verabredet bin.,

Verabredung

Auf dem Heimweg nach dem Training im Xclusive und nach einer intensiven Shiatsu-Massage gehe ich bei einem Zeitschriftenstand nahe meiner Wohnung vorbei und sehe den «Nur für Erwach- sene»-Ständer durch, ohne den Walkman abzunehmen, die ent- spannenden Klänge von Pachelbels Kanon passen irgendwie zu den grell ausgeleuchteten Hochglanzphotos in den Magazinen, die ich überfliege. Ich kaufe Lesbische Vibrator-Nutten und Fotze auf Fotze, dazu die aktuelle Nummer von Sports Illustrated und die neue Aus- gabe von Esquire, obwohl ich die abonniert habe und beide bereits in der Post waren. Ich warte mit dem Kauf, bis der Stand leer ist. Der Zeitungsverkäufer sagt etwas und zeigt auf seine Hakennase, während er mir die Magazine und mein Wechselgeld reicht. Ich stelle leiser, hebe einen der Kopfhörer des Walkmans an und frage: «Was?» Er tippt sich wieder an die Nase und sagt in einem kaum verständlichen Akzent: «Doi Nase blotten.» Ich stelle meine Bot- tega-Veneta-Aktentasche ab und fasse mir mit einem Finger an die Nase. Als ich ihn mir ansehe, ist er ganz rot, naß von Blut. Ich greife in meinen Hugo-Boss-Mantel, hole ein Polo-Taschentuch hervor, wische das Blut ab, nicke dankend, setze meine Wayfarer-Piloten- brille wieder auf und gehe. Scheiß-Iraner. In der Lobby meines Hauses bleibe ich am Empfang stehen und versuche, die Aufmerksamkeit des schwarzen hispanischen Portiers auf mich zu lenken, der mir nicht bekannt vorkommt. Er telefo- niert gerade mit seiner Frau, seinem Dealer oder mit irgendeinem Cracksüchtigen und starrt mich nickend an, den Hörer in eine der, Falten seines zu früh gealterten Halses geklemmt. Als ihm däm- mert, daß ich ihn etwas fragen will, seufzt er, schlägt die Augen auf und bittet, wen immer er in der Leitung hat, dranzubleiben. «Jaa, waasnloos», brabbelt er. «Also», beginne ich, mein Ton so sanft und freundlich wie ir- gend möglich. «Könnten Sie bitte dem Hausmeister sagen, daß in meiner Decke ein Riß ist und …» Ich breche ab. Er blickt mich an, als hätte ich ein ungeschriebenes Gesetz über- treten, und ich frage mich, welches Wort ihn wohl verwirrt haben mag: Riß? Hausmeister? Decke? Vielleicht sogar bitte? «Wiewaadas?» Er seufzt tief, lehnt sich zurück, starrt mich im- mer noch an. Ich blicke auf den Marmorboden, seufze gleichfalls und erkläre ihm: «Sehen Sie. Keine Ahnung. Sagen Sie dem Hausmeister ein- fach, es sei Bateman auf 10/1.» Als ich meinen Kopf wieder hebe, um zu sehen, ob irgend etwas von dem angekommen ist, grüßt mich die ausdruckslose Miene des groben, blöden Portiersgesichts. Für den bin ich eine übersinnliche Erscheinung, denke ich. Ich bin etwas Unwirkliches, etwas kaum Greifbares, aber immer noch eine Art Hindernis, und er nickt, geht wieder ans Telefon und spricht in einer mir völlig unbekannten Sprache weiter. Ich hole meine Post – Polo-Katalog, American-Express-Rech- nung, der Juni-Playboy, Geschäftspartner laden mich zu einer Party in einem neuen Club namens Bedlam ein –, gehe dann zum Aufzug, betrete ihn, dabei die Ralph-Lauren-Broschüre durchblät- ternd, drücke den Knopf für mein Stockwerk, aber es kommt noch jemand herein, bevor die Tür schließt, und automatisch schaue ich auf, um hallo zu sagen. Es ist der Schauspieler Tom Cruise, der im, Penthouse wohnt, aus Höflichkeit drücke ich, ohne ihn zu fragen, den PH-Knopf, er nickt ein Dankeschön und blickt weiter auf die in rascher Folge aufleuchtenden Zahlen über der Tür. Er wirkt in natura viel kleiner und trägt die gleiche schwarze Wayfarer wie ich. Er trägt Blue Jeans, ein weißes T-Shirt und ein Armani-Jackett. Um das auffällig betretene Schweigen zu unterbrechen, räuspere ich mich und sage: «Ich fand Sie wirklich prima in Bartender. Ich fand, es war ein wirklich guter Film, und Top Gun auch. Fand ich wirklich gut.» Er wendet den Blick von den Ziffern und schaut mich direkt an. «Er hieß Cocktail», sagt er sanft. «Wie bitte?» frage ich verwirrt. Er räuspert sich und sagt: «Cocktail. Nicht Bartender. Der Film hieß Cocktail.» Eine lange Pause folgt; nur das Geräusch der Kabel, die den Auf- zug im Gebäude nach oben ziehen, kämpft gegen das zwischen uns lastende drückende Schweigen an. «Ach klar … genau», sage ich, als sei mir der Titel gerade wieder eingefallen. «Cocktail. Klar, das war’s. Na toll, Bateman, wo hast du deinen Kopf?» Ich schüttele den Kopf, wie um ihn wieder klar zu bekommen, und strecke meine Hand aus, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen: «Hi. Pat Bateman.» Cruise schüttelt sie zögernd. «Und», fahre ich fort, «leben Sie gerne in diesem Haus?» Er wartet lange mit der Antwort: «Glaub schon.» «Es ist großartig», meine ich. «Nicht wahr?» Er nickt, ohne mich anzublicken, und ich drücke erneut mecha- nisch, ohne nachzudenken, den Knopf für mein Stockwerk. Wir, stehen schweigend da. «Aha … Cocktail», sage ich nach einer Weile. «So hieß der also.» Er sagt kein Wort, nickt nicht mal, aber er sieht mich jetzt merkwürdig an, schiebt seine Sonnenbrille etwas runter und sagt: «Äh … ihre Nase blutet.» Einen Moment lang stehe ich völlig erstarrt da, bevor ich be- greife, daß ich etwas tun muß, also gebe ich mich angemessen verlegen, berühre prüfend meine Nase, hole mein bereits blutbe- flecktes Polo-Taschentuch hervor und wische mir das Blut von der Nase; alles in allem halte ich mich ganz gut. «Muß der Höhenun- terschied sein.» Ich lache. «Wir sind so hoch.» Er nickt, sagt nichts, blickt auf die Ziffern. Der Aufzug hält auf meiner Etage, und als sich die Türen öffnen, sage ich: «Ich bin wirklich ein großer Fan von Ihnen. Es war toll, Sie endlich mal zu treffen.» «Ah ja, prima.» Cruise zeigt dieses berühmte Grinsen und klatscht auf den Knopf zum Türschließen. Das Mädchen, mit dem ich heute ausgehe, Patricia Worrell – blond, Model, vor kurzem nach nur einem Semester von Sweet Briar abgegangen –, hat zwei Nachrichten auf dem Anrufbeant- worter hinterlassen, in denen sie mich wissen läßt, wie unglaublich wichtig es sei, daß ich sie zurückrufe. Während ich meine von Ma- tisse inspirierte blaue Seidenkrawatte von Bill Robinson lockere, wähle ich ihre Nummer und laufe durchs Apartment, das kabellose Telefon in der Hand, um die Klimaanlage einzuschalten. Beim dritten Läuten nimmt sie ab. «Hallo?» «Patricia. Hi. Pat Bateman hier.» «Oh, hi. Hör zu, ich hab ein Gespräch auf der anderen Leitung., Kann ich dich zurückrufen?» «Na ja …», sage ich. «Hör mal, es ist mein Fitneß-Center. Sie haben sich bei meiner Rechnung verhauen. Ich ruf dich in einer Sekunde wieder an.» «Gut», sage ich und hänge auf. Ich gehe ins Schlafzimmer und lege ab, was ich heute getragen habe: einen Wollanzug mit Bundfaltenhose im Fischgrätmuster von Giorgio Correggiari, ein Oxford-Shirt von Ralph Lauren, ei- nen Strick-Schlips von Paul Stuart und Wildlederschuhe von Cole- Haan. Ich schlüpfe in ein Paar 6o-Dollar-Boxer-Shorts, die ich bei Barney’s gekauft habe, und mache ein paar Stretching-Übungen, mit dem Telefon in der Hand auf Patricias Rückruf wartend. Nach zehn Minuten Stretching klingelt das Telefon, und ich lasse es sechsmal läuten, bevor ich abhebe. «Hi», sagt sie. «Ich bin’s, Patricia.» «Könntest du dranbleiben? Ich hab noch ein anderes Ge- spräch.» «Oh, klar.» Ich lasse sie zwei Minuten warten, dann bin ich wieder dran: «Hi. Tut mir leid.» «Geht schon in Ordnung.» «Also. Dinner», sage ich. «Holst du mich um acht ab?» «Na ja, das ist es, worüber ich mit dir reden wollte», sagt sie be- dächtig. «Oh, nein», stöhne ich. «Was gibt’s nun?» «Also, paß auf. Folgendes», beginnt sie. «Da gibt’s dieses Konzert in der Radio City und …» «Nein, nein, nein.» Ich bleibe unerbittlich. «Keine Musik.», «Aber mein Ex-Freund, dieser Keyboarder vom Sarah Lawrence College, er ist in der Begleitband und …» Sie bricht ab, als sei sie bereits fest entschlossen, meine Entscheidung nicht hinzunehmen. «Nein. Is nich», sage ich kategorisch und denke insgeheim: Ver- flucht, warum dieses Problem, warum heute abend? «Oh, Patrick», jammert sie durchs Telefon. «Es wird so toll werden.» Ich bin mir zwar ziemlich sicher, daß die Chancen auf Sex mit Patricia heute ziemlich gut stehen, aber wenn wir vorher auf ein Konzert gehen, bei dem ein Ex-Freund (was es für Patricia ohnehin nicht gibt) in der Begleitband spielt, kann ich das abhaken. «Ich mag Konzerte nicht», erkläre ich und gehe in die Küche. Ich öffne den Kühlschrank und nehme einen Liter Evian heraus. «Ich mag Konzerte nicht», wiederhole ich. «Ich mag keine ‹Live›- Musik.» «Aber dieses ist nicht so wie die anderen.» Lahm fügt sie an: «Wir haben gute Plätze.» «Hör zu. Wir müssen uns nicht streiten», sage ich. «Wenn du hingehen möchtest, dann geh hin.» «Aber ich dachte, wir wollten heute zusammensein», sagt sie rührselig. «Ich dachte, wir gehen zusammen essen», und dann, of- fensichtlich ein verspäteter Einfall: «Zusammensein. Wir zwei.» «Ich weiß, ich weiß. Hör zu, jeder von uns sollte machen dürfen, was er möchte. Ich möchte, daß du das machst, was du willst.» Sie zögert und versucht einen neuen Anlauf. «Diese Musik ist so wunderbar, so … ich weiß, es klingt blöd … phantastisch. Die Band ist eine der besten, die du je sehen wirst, und, ach Mann, ich will unbedingt, daß du sie siehst. Das wird klasse, ich versprech es», sagt sie mit triefender Ernsthaftigkeit., «Nein, nein, du gehst hin», entgegne ich. «Du wirst deinen Spaß haben.» «Patrick, ich habe zwei Tickets.» «Nein. Ich mag Konzerte nicht. Live-Musik geht mir auf die Nerven.» «Na gut», sagt sie, und aus ihrer Stimme klingt etwas, was echte Enttäuschung sein könnte. «Wenn du nicht dabei bist, macht mir das alles keinen Spaß.» «Ich sage dir, geh hin und amüsier dich.» Ich schraube den Ver- schluß der Evian-Flasche ab und führe meinen nächsten Schlag. «Mach dir keine Gedanken. Ich gehe dann einfach allein ins Dor- sia. Ist schon in Ordnung.» Ein sehr langes Schweigen folgt, mit dem ich ihr zu verstehen gebe: So so, mal sehen, ob du wirklich auf dieses miese beschissene Konzert willst. Ich nehme einen großen Schluck Evian und warte darauf, daß sie mir sagt, wann sie hier sein wird. «Dorsia?» fragt sie, und dann mißtrauisch: «Du hast dort reser- viert? Ich meine, für uns?» «Ja. Für halb neun.» «Also …» Sie lacht kurz auf und stammelt dann: «Es war … also, ich meine, äh, ich habe die Band schon mal gesehen. Ich wollte nur, daß du sie siehst.» «Hör zu. Was hast du nun vor?» sage ich. «Wenn du nicht kommst, muß ich jemand anderen anrufen. Hast du die Nummer von Emily Hamilton?» «Oh, halt, halt, Patrick, sei nicht so … voreilig.» Sie kichert ner- vös. «Sie spielen noch an zwei weiteren Abenden, also kann ich sie auch morgen sehen. Hör zu, beruhige dich, okay?», «Okay. Ich beruhige mich.» «Also, wann soll ich bei dir sein?» fragt die Restaurant-Hure. «Ich sagte um acht», erkläre ich ihr angewidert. «Das paßt prima», sagt sie, flüstert dann verführerisch: «Ich seh dich um acht.» Sie bleibt am Telefon, als würde sie erwarten, daß ich noch etwas sage, als sollte ich ihr vielleicht dazu gratulieren, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, aber dazu habe ich jetzt wirklich keine Zeit und lege abrupt auf. Sofort danach flitze ich durch die Wohnung, schnappe mir den Zagat-Führer und blättere ihn hastig durch, bis ich das Dorsia ge- funden habe. Mit zitternden Fingern wähle ich die Nummer. Be- setzt. In Panik stelle ich das Telefon auf ununterbrochene Wahlwie- derholung, und für die nächsten fünf Minuten ertönt nichts außer dem Besetztzeichen, beharrlich und unheilschwanger. Schließlich ein Klingeln, und in den Sekunden, bevor abgenommen wird, er- lebe ich eine der seltensten Erfahrungen überhaupt: einen Adrena- linstoß. «Dorsia», meldet sich eine Stimme, das Geschlecht ist kaum identifizierbar, androgyn durch den Lärmpegel im Hintergrund. «Bitte bleiben Sie dran.» Es klingt nur unwesentlich leiser als ein rappelvolles Football- Stadion, und ich benötige jede Unze Selbstbewußtsein, um dran- zubleiben und nicht aufzuhängen. Fünf Minuten warte ich, die Handflächen schweißnaß und schmerzend, weil ich das kabellose Telefon so fest umklammere, ein Teil von mir sieht die Fruchtlosig- keit meiner Bemühungen ein, ein anderer hofft noch, ein weiterer ist sauer, weil ich die Reservierung nicht eher gemacht oder Jean damit beauftragt habe. Die Stimme meldet sich wieder und sagt, barsch: «Dorsia.» Ich räuspere mich. «Ah, ja, ich weiß, es ist schon etwas spät, aber wäre es noch möglich, einen Tisch für zwei für halb neun oder viel- leicht neun zu reservieren?» Ich habe beide Augen fest geschlos- sen. Eine Pause folgt – die Menge im Hintergrund eine einzige wo- gende, ohrenbetäubende Masse –, und von echter Zuversicht durchflutet, öffne ich die Augen und stelle mir vor, daß der Maître d’, Gott segne ihn, in seiner Reservierungsliste nach einer Abbe- stellung sucht, aber er beginnt zu kichern, verhalten erst, dann zu einem hohen Crescendo anschwellend, das abrupt abbricht, als er den Hörer aufknallt. Verwirrt, erregt, von einem Gefühl der Leere übermannt, sammle ich mich, um meinen nächsten Schritt zu überlegen. Nur der hektische Wählton klingt aus dem Hörer. Ich reiße mich zu- sammen, zähle bis sechs, schlage erneut den Zagat auf, gewinne meine Fassung wieder und kämpfe gegen die fast übermächtige Panik an, eine Reservierung für halb neun zu bekommen, wenn schon nicht in einem Laden so trendy wie das Dorsia, dann doch wenigstens in der nächstbesten Liga. Schließlich bekomme ich ei- nen Tisch für zwei um neun im Barcadia, das aber nur dank einer Abbestellung, und obwohl Patricia wahrscheinlich enttäuscht sein wird, könnte es ihr doch gefallen – gut plazierte Tische, gedämpf- tes, schmeichelndes Licht, das Essen Nouvelle Southwestern – und wenn nicht, was will die Nutte schon machen, mich verklagen? Im Fitneß-Center hatte ich nach dem Büro intensiv trainiert, aber die Anspannung kehrt wieder, also mache ich neunzig Sit- Ups, hundertfünfzig Liegestütze und laufe anschließend zwanzig, Minuten auf der Stelle, während ich mir die neue Huey-Lewis- CD anhöre. Ich nehme eine heiße Dusche und benutze danach Waschlotion von Caswell-Massey für das Gesicht und eine Greune- Waschlotion für den Körper, anschließend eine Feuchtigkeits- creme von Lubriderm und eine Neutrogena-Gesichtscreme. Ich kann mich zwischen zwei Outfits nicht entscheiden. Das eine ist ein Wollcrêpe-Anzug von Bill Robinson, den ich bei Saks gekauft habe, mit einem Baumwoll-Jacquard-Hemd von Charivari und ei- ner Armani-Krawatte. Oder aber ein Sportmantel in blauem Plaid aus Wolle und Kaschmir, ein Baumwollhemd und eine Bundfalten- hose von Alexander Julian mit einer gepunkteten Seidenkrawatte von Bill Blass. Der Julian könnte ein bißchen zu warm für Mai sein, aber sollte Patricia dieses Outfit von Karl Lagerfeld tragen, was ich annehme, dann sollte ich vielleicht lieber den Julian nehmen, denn das würde gut zu ihrem Kostüm passen. Dazu Krokodilleder-Halb- schuhe von A. Testoni. Ein Flasche Scharffenberger steht gekühlt in einem Spiros-Kelch aus Schleudergußaluminium, der wiederum in einem Christine- Van-der-Hurd-Champagnerkühler aus geschliffenem Glas auf einem silbernen Tablett steht. Der Scharffenberger ist nicht übel – zwar nicht Cristal, aber warum Cristal an diesen Fickfrosch ver- geuden? Wahrscheinlich würde sie den Unterschied eh nicht mer- ken. Ich genehmige mir ein Glas, während ich auf sie warte, stelle hin und wieder die Steuben-Tiere auf dem Glas-Teetischchen von Turchin um und blättere in dem letzten gebundenen Buch, das ich mir gekauft habe, irgendwas von Garrison Keillor. Patricia ist un- pünktlich. Während ich auf der Couch im Wohnzimmer warte, die Wurlit-, zer-Musikbox spielt «Cherish» von Lovin’ Spoonful, gelange ich zu dem Entschluß, daß Patricia heute nacht sicher ist, daß ich nicht plötzlich ein Messer zücken und nur so an ihr ausprobieren werde, daß ich mich nicht daran vergnügen werde, zuzusehen, wie sie aus Wunden blutet, die ich ihr durch Kehleaufschlitzen, Halsdurch- schneiden oder Augenausstechen zugefügt habe. Sie hat Glück, obwohl es eigentlich keinen rechten Grund dafür gibt. Vielleicht ist sie sicher, weil ihr Geld, das Geld ihrer Familie sie heute nacht beschützt, oder weil mir einfach danach ist. Vielleicht hat das Glas Scharffenberger den Drang gedämpft, vielleicht will ich aber auch nur nicht diesen Alexander-Julian-Anzug dadurch ruinieren, daß mir diese Nutte ihn mit ihrem Blut vollspritzt. Was auch geschehen mag, schnöde Tatsache bleibt: Patricia wird am Leben bleiben, und dieser Triumph verlangt kein Geschick, keine Glanzleistungen der Vorstellungskraft, keinen Einfallsreichtum von irgend jemandem. Das ist der Lauf der Welt, meiner Welt. Sie kommt dreißig Minuten zu spät, und ich sage dem Portier, er solle sie rauflassen, obwohl ich sie dann schon vor meiner Woh- nungstür treffe, als ich gerade abschließe. Sie trägt nicht das Karl- Lagerfeld-Kostüm, das ich erwartet hatte, aber sie sieht trotzdem sehr adrett aus: eine Seidengaze-Bluse mit Straß-Manschetten- knöpfen von Louis Dell ’Olio und eine bestickte Samthose von Saks, Kristallohrringe von Wendy Gell für Anne Klein und gol- dene Slingpumps. Ich warte, bis wir im Taxi Richtung Midtown unterwegs sind, bevor ich ihr erkläre, daß wir nicht ins Dorsia gehen, und entschuldige mich dann vielmals, erwähne etwas von ununterbrochenen Telefonaten, einem Feuer, einem rachsüchti- gen Maître d’. Ich versuche, sie dadurch zu besänftigen, daß ich ihr, vorschwärme, wie trendy, wie luxuriös das Restaurant ist, zu dem wir fahren, ich beschreibe die Pasta mit Fenchel und Banane, die Sorbets, aber sie schüttelt nur den Kopf, und ich kann ihr nur noch erklären, großer Gott, wie viel teurer selbst im Vergleich zum Dor- sia das Barcadia doch geworden ist, aber sie bleibt unerbittlich. In regelmäßigen Abständen vergießt sie Tränen, ungelogen. Sie sagt kein Wort, bis wir an einem mittelmäßigen Tisch im hinteren Bereich des Hauptspeiseraums sitzen, und dann auch nur, um einen Bellini zu bestellen. Ich bestelle zum Dinner die Shad- rogen-Ravioli mit Apfelkompott als Vorspeise und den Fleisch- käse mit Chèvre und Wachteljus als Hauptgericht. Sie bestellt Red Snapper mit Veilchen und Pinienkernen und als Vorspeise eine Erdnußbuttersuppe mit geräucherter Ente und Kürbispüree, was sich merkwürdig anhört, tatsächlich aber ganz gut schmeckt. Das New York Magazine nannte es ein «verspieltes, aber geheimnisvolles kleines Gericht», und ich erzähle das Patricia, die sich eine Ziga- rette anzündet, dabei mein brennendes Streichholz ignoriert, belei- digt in ihrem Stuhl hängt, mir den Rauch direkt ins Gesicht bläst und mir gelegentlich wütende Blicke zuwirft, was ich aber, höflich wie ich sein kann, geflissentlich übersehe. Als unsere Teller kom- men, starre ich lange auf mein Essen – die dunkelroten Fleischkä- sedreiecke krönt Chèvre, der durch Granatapfelsaft pink eingetönt ist, Schnörkel von dickem hellbraunem Wachteljus umrahmen das Fleisch, und Mangostückchen schmücken den Rand des gro- ßen schwarzen Tellers –, ein bißchen verwirrt, bevor ich mich ent- schließe, es zu essen, und hastig die Gabel in die Hand nehme. Das Dinner dauert zwar nur neunzig Minuten, es kommt mir aber vor, als würden wir schon eine Woche im Barcadia sitzen, und, obwohl ich keine Lust habe, anschließend in den Tunnel zu gehen, erscheint das doch als eine angemessene Strafe für Patricias Verhal- ten. Die Rechnung beläuft sich auf 320 Dollar – weniger als ich ei- gentlich erwartet habe –, und ich bezahle mit meiner Platin-AmEx. Im Taxi Richtung Downtown – mein Blick ist aufs Taxameter ge- heftet – versucht unser Fahrer, ein Gespräch mit Patricia anzu- fangen, die ihn völlig ignoriert, während sie ihr Make-up in einer Gucci-Puderdose kontrolliert und noch mehr Lippenstift auf einen ohnehin schon kräftig geschminkten Mund aufträgt. Da war ein Baseballspiel heute abend, das ich wohl vergessen habe aufzuneh- men und mir deshalb auch nachher nicht zu Hause ansehen kann, aber dann fällt mir ein, daß ich heute nach der Arbeit zwei Maga- zine gekauft habe, mit denen ich mich ja ein Stündchen beschäfti- gen kann. Ich schaue auf meine Rolex und sehe, daß ich, wenn wir es bei einem oder zwei Drinks belassen, rechtzeitig zur Late Night with David Letterman zu Hause sein werde. Obwohl Patricia at- traktiv ist und nichts gegen Sex mit ihrem Körper einzuwenden wäre, geht mir die Vorstellung, behutsam mit ihr umzugehen, den charmanten Begleiter zu spielen, mich für diesen Abend zu ent- schuldigen, für meine Unfähigkeit, uns einen Tisch im Dorsia zu besorgen (auch wenn das Barcadia doppelt so teuer ist, Herrgott noch mal), doch gegen den Strich. Die Nutte ist wahrscheinlich sauer, weil wir nicht in einer Limousine fahren. Das Taxi hält vor dem Tunnel. Ich zahle den Fahrpreis, gebe dem Fahrer ein anständiges Trinkgeld und halte die Tür für Patricia auf, die meine Hand ignoriert, als ich ihr aus dem Taxi helfen will. Nie- mand wartet heute vor den Absperrkordeln. Tatsächlich ist die ein- zige Person auf der ganzen Twenty-fourth ein Penner, der schmerz-, gekrümmt vor einem Müllcontainer nach Essen oder Kleingeld jammert, und wir gehen schnell an ihm vorbei, als einer der drei Türsteher hinter der Absperrung uns reinläßt, während ein an- derer mir auf den Rücken klopft und fragt: «Wie geht es Ihnen, Mr. McCullogh?» Ich nicke, halte Patricia die Tür auf und sage, bevor ich ihr folge, «Prima, äh, Jim» und schüttele ihm die Hand. Einmal drinnen, nachdem ich für uns beide fünfzig Dollar be- zahlt habe, steuere ich sofort die Bar an, ohne mich groß darum zu kümmern, ob Patricia nachkommt. Ich bestelle einen J&B mit Eis. Sie will ein Perrier, ohne Limone, und bestellt selber. Nachdem ich das halbe Glas geleert habe, an der Bar lehne und die Hardbody- Kellnerin mustere, erscheint mir plötzlich irgend etwas merkwür- dig; es liegt weder an der Beleuchtung noch an dem Hardbody hinter der Theke, und auch nicht an INXS, die «New Sensation» singen. Als ich mich langsam umdrehe, um den Rest des Clubs zu überblicken, sehe ich mich einem gänzlich verwaisten Raum ge- genüber: Patricia und ich sind die einzigen Gäste im ganzen Club. Wir sind, abgesehen von dem einen oder anderen Hardbody, die sprichwörtlichen ganze zwei Leute im Tunnel. Aus «New Sensation» wird «The Devil Inside», die Musik läuft auf voller Lautstärke, aber es klingt nicht so laut, weil es keine Menschenmenge gibt, die dar- auf reagiert, und die Tanzfläche sieht leer riesengroß aus. Ich verlasse die Bar und beschließe, die anderen Räume des Clubs zu überprüfen, in der Annahme, daß Patricia mir folgt. Aber das tut sie nicht. Niemand bewacht die Treppe, die ins Basement führt, und als ich sie hinabsteige, wechselt oben die Musik, geht über in Belinda Carlisles «I Feel Free». Im Basement hält sich ein Paar auf, das wie Sam und Ilene Sanford aussieht, aber hier unten, ist es dunkler, wärmer, und ich könnte mich irren. Ich gehe an ih- nen vorbei, während sie champagnertrinkend an der Bar stehen, und steuere auf einen äußerst gutgekleideten, mexikanisch ausse- henden Typ zu, der auf einer Couch sitzt. Er trägt ein zweireihiges Wolljackett mit einer passenden Bundfaltenhose von Mario Valen- tino, ein Baumwoll-T-Shirt von Agnes B. und Lederslipper (ohne Socken) von Susan Bennis Warren Edwards, und ist in Begleitung einer gutaussehenden, muskulösen Eurotrash-Schnepfe – schmut- ziges Blond, dicke Titten, braun, kein Make-up, raucht Merit Ultra Lights –, die ein Baumwollkleid mit Zebramuster von Patrick Kelly und Seiden-Straß-Stiefeletten mit hohen Absätzen trägt. Ich frage den Typen, ob er Ricardo heißt. «Klar», nickt er. Ich frage nach einem Gramm, sage ihm, Madison habe mich ge- schickt. Ich zücke meine Brieftasche und gebe ihm einen Fünfzi- ger und zwei Zwanziger. Er bittet die Eurotrash-Schnepfe um ihre Handtasche. Sie reicht ihm eine Samttasche von Anne Moore. Ri- cardo greift hinein und reicht mir einen winzigen, zusammenge- falteten Umschlag. Bevor ich gehe, erklärt mir das Eurotrash-Girl, wie gut ihr meine Gazellenlederbrieftasche gefällt. Ich sage ihr, ich würde sie gerne zwischen die Titten ficken und ihr dann vielleicht die Arme abschneiden, aber die Musik, George Michael bringt «Faith», ist zu laut, und sie kann mich nicht verstehen. Oben finde ich Patricia, wie ich sie zurückgelassen habe, allein an der Bar, wo sie sich an ihrem Perrier festhält. «Hör zu, Patrick», beginnt sie, schon etwas versöhnlicher. «Ich möchte dir nur sagen, daß ich …» «Eine Nutte bin? Hör zu, willst du Koks?» unterbreche ich sie, laut. «Äh, ja … klar.» Sie ist völlig verwirrt. «Dann komm!» brülle ich und nehme sie an der Hand. Sie stellt ihren Drink ab und folgt mir durch den verwaisten Club die Treppe hoch zu den Toiletten. Eigentlich gibt es keinen Grund, warum wir es nicht unten tun könnten, aber das wäre doch etwas billig, also nehmen wir das meiste in einer der Kabinen der Herrentoilette. Wieder draußen setze ich mich auf eine Couch und rauche eine ihrer Zigaretten, während sie die Treppe runtergeht, um uns Drinks zu holen. Sie kommt zurück und entschuldigt sich für ihr Benehmen früher am Abend. «Ich mein, das Barcadia war toll, das Essen war hervorragend und das Mango-Sorbet, o mein Gott, ich war im siebten Himmel. Glaub mir, es geht völlig in Ord- nung, daß wir nicht im Dorsia waren. Wir können immer noch ein anderes Mal dahin gehen, und ich weiß, daß du sicherlich versucht hast, einen Tisch zu bekommen, aber es ist nun mal gerade so in. Aber, ja wirklich, das Essen im Barcadia war toll. Wie lang gibt es das schon? Ich glaube, drei, vier Monate. Ich hab eine großartige Kritik im New York Magazine gelesen oder im Gourmet vielleicht … Aber egal, willst du morgen abend mit mir zu Wallace’ Band gehen, vielleicht könnten wir erst ins Dorsia und uns dann die Band an- sehen oder hinterher ins Dorsia, aber vielleicht hat es so spät gar nicht auf. Patrick, im Ernst: du solltest sie wirklich sehen. Avatar ist so ein toller Leadsänger, und ich habe wirklich mal geglaubt, ich sei in ihn verliebt – na ja, ich empfand Lust, nicht Liebe. Damals habe ich Wallace wirklich gemocht, aber er machte in Emissionsgeschäf- ten, bis ihm das über den Kopf wuchs und er zusammenklappte, das Acid, nicht das Kokain war schuld. Also ich weiß ja, aber als das, alles in die Brüche ging, hielt ich es, na ja, für das Beste, sich einfach treiben zu lassen und sich nicht darum zu kümmern …» J&B, geht mir durch den Kopf. Glas J&B in meiner rechten Hand, denke ich. Hand, denke ich. Charivari. Hemd von Cha- rivari. Fusilli, denke ich. Jami Gertz, denke ich. Ich würde gerne Jami Gertz ficken, denke ich. Porsche 911. Ein Sharpei, denke ich. Ich hätte gerne einen Sharpei. Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt, denke ich. Nächstes Jahr werde ich siebenundzwanzig sein. Eine Valium. Ich hätte gerne eine Valium. Nein, zwei Valium, denke ich. Funktelephon, denke ich.,

Reinigung

Die chinesische Reinigung, zu der ich für gewöhnlich meine blu- tigen Sachen schicke, lieferte mir gestern ein Soprani-Jackett, zwei weiße Brooks-Brothers-Hemden und eine Agnes-B.-Krawatte, die immer noch Blutspuren trugen. Ich bin um zwölf zum Lunch ver- abredet – in vierzig Minuten – und beschließe, vorher bei der Rei- nigung vorbeizuschauen und mich zu beschweren. Zusätzlich zu dem Soprani-Jackett, den Hemden und der Krawatte bringe ich noch eine Tasche mit blutbefleckten Laken mit, die auch gereinigt werden müssen. Die chinesische chemische Reinigung liegt zwan- zig Blocks von meinem Apartment entfernt auf der West Side, fast bei der Columbia University, und da ich dort noch nie zuvor gewe- sen bin, schockt mich die Entfernung doch (vorher sind meine Sa- chen nach einem Anruf immer aus meiner Wohnung abgeholt und innerhalb von vierundzwanzig Stunden zurückgebracht worden). Wegen dieser Exkursion fehlt mir die Zeit zum Morgentraining, und da ich verschlafen habe, infolge eines Koksgelages bis zum Morgengrauen mit Charles Griffin und Hilton Ashbury, das völlig harmlos auf einer Presse-Party bei M.K., zu der niemand von uns eingeladen war, begonnen und irgendwann gegen fünf an meinem Bankautomaten geendet hatte, habe ich die Patty Winters Show ver- paßt, in der aber nur ein Interview mit dem Präsidenten wieder- holt wurde, also wohl nichts von Bedeutung. Ich bin nervös, mein Haar ist zurückgekämmt, mein Kopf tut weh, ich habe die Wayfarers auf, eine Zigarre – nicht angezündet – zwischen den Zähnen, trage einen schwarzen Armani-Anzug, ein, weißes Armani-Baumwollhemd und eine Seidenkrawatte, auch von Armani. Ich sehe toll aus, aber mein Magen revoltiert und mir schwirrt der Kopf. Beim Betreten der chinesischen Reinigung streife ich einen flennenden Penner, einen alten Mann, vierzig oder fünfzig, fett und grauhaarig, und just in dem Moment, in dem ich die Tür öffne, bemerke ich, daß er zu allem Überfluß auch noch blind ist, und trete ihm auf den Fuß, der eher ein Stumpen ist, was dazu führt, daß er seine Tasse fallen läßt und sein Kleingeld über den ganzen Bürgersteig verstreut. Habe ich das absichtlich ge- macht? Was meinen Sie? Oder war es ein Versehen? Danach zeige ich der winzigen alten Chinesin, die, wie ich an- nehme, die Reinigung betreibt, zehn Minuten lang jeden einzelnen Flecken; sie hat sogar ihren Mann von hinten geholt, weil ich kein Wort verstehe von dem, was sie sagt. Aber ihr Ehemann bleibt völ- lig stumm und macht sich nicht die Mühe zu übersetzen. Die alte Frau schnattert in einer Sprache, die ich für Chinesisch halte, und schließlich muß ich sie unterbrechen. «Hören Sie, Augenblick …» Ich hebe die Hand mit der Zigarre, über meinem anderen Arm hängt das Soprani-Jackett. «Sie nennen mir … pst, einen Moment … psst, Sie nennen mir keine triftigen Gründe.» Die Chinesin zetert ununterbrochen weiter und grabscht mit ei- ner winzigen Faust nach den Armen des Jacketts. Ich schubse ihre Hand weg, beuge mich vor und sage betont langsam: «Was wollen Sie mir sagen?» Sie quietscht mit aufgerissenen Augen weiter. Der Ehemann hält die beiden Laken, die er aus der Tasche genommen hat, vor sich hin, beide mit eingetrocknetem Blut besudelt, und glotzt sie dumpf, an. «Bleich-ii-?» frage ich sie. «Wollen Sie bleich-ii sagen?» Ich schüt- tele ungläubig den Kopf. «Bleich-ii? Großer Gott.» Sie zeigt immer noch auf die Ärmel des Soprani-Jacketts, und als sie sich den beiden Laken hinter ihr zuwendet, steigert sich ihr Quieken noch mal um eine Oktave. «Zwei Dinge», übertöne ich sie. «Erstens: man kann ein Soprani nicht bleichen. Kommt nicht in Frage. Zweitens: …» Dann lauter, sie immer noch übertönend: «Zweitens: ich kann diese Laken nur in Santa Fe bekommen. Das sind sehr teure Laken, und ich muß sie dringend gereinigt haben …» Aber sie redet immer noch, und ich nicke, als würde ich ihr Kauderwelsch verstehen, dann beginne ich zu lächeln und beuge mich dicht an ihr Gesicht. «Wenn-Sie- nicht-Ihr-blödes-Maul-halten-lege-ich-Sie-um-Haben-Sie-mich- verstanden?» Das panische Gebabbel der Chinesin steigert sich ins völlig Wirre, die Augen sind immer noch wild aufgerissen. Ihr Gesicht wirkt, vielleicht wegen der Falten, merkwürdig ausdruckslos. Kläg- lich zeige ich erneut auf die Flecken, aber dann sehe ich ein, daß es sinnlos ist, und senke die Hand, bemüht zu verstehen, was sie sagt. Dann unterbreche ich sie ungerührt und übertöne sie wieder. «Hören Sie jetzt mal zu, ich habe ein sehr wichtiges Geschäftses- sen» – ich blicke auf meine Rolex – «im Hubert’s in dreißig Minu- ten» – dann blicke ich wieder in das flache, schlitzäugige Gesicht der Frau – «und ich brauche diese … halt, falsch, zwanzig Minuten. Ich habe in zwanzig Minuten mit Ronald Harrison ein Geschäft- sessen im Hubert’s und muß diese Laken bis heute nachmittag ge- reinigt haben.», Aber sie hört nicht zu; sie plappert weiterhin irgend etwas in der gleichen schwachsinnigen fremden Sprache. Ich habe noch nie ei- nen Molotowcocktail geworfen und beginne mich zu fragen, wie man da vorgeht, welche Zutaten man braucht, Benzin, Streichhöl- zer … oder nimmt man Feuerzeugbenzin? «Hören Sie.» Ich reiße mich zusammen, beuge mich vor – ihr Mund bewegt sich chaotisch, sie wendet sich ihrem Mann zu, der in einer der seltenen, kurzen Pausen nickt – und sage ihr freimütig im Singsangton ins Gesicht: «Ich kann Sie nicht verstehen.» Ich lache, entsetzt von der Lächerlichkeit dieser Situation, knalle eine Hand auf die Theke, blicke mich im Laden nach einem ande- ren Gesprächspartner um, aber es ist niemand da, und murmele: «Das ist verrückt.» Ich seufze, fahre mir mit einer Hand übers Ge- sicht und höre dann, plötzlich wütend, abrupt auf zu lachen. «Sie sind debil. Ich halt das nicht aus.» Sie sabbelt eine Antwort. «Wie?» frage ich gehässig. «Sie haben mich nicht verstanden? Sie wollen etwas Schin-ken? Haben sie das gerade gesagt? Sie wollen … etwas Schin-ken?» Sie grabscht erneut nach dem Ärmel des Soprani-Jacketts. Ihr Mann steht düster und unbeteiligt hinter der Ladentheke. «Sie … sind … ja … debil!» brülle ich sie an. Sie sabbelt unerschrocken weiter und zeigt unermüdlich auf die befleckten Laken. «Bescheuerte Fotz..ii? Kapiert?» brülle ich mit rotem Gesicht und kurz vor dem Heulen. Ich bin mit den Nerven am Ende, reiße das Jackett von ihr weg und stöhne: «Herr Jesus.» Hinter mir geht die Tür auf, eine Glocke klingelt und ich fasse, mich wieder. Schließe die Augen, atme tief durch, denke daran, daß ich nach dem Essen ins Sonnenstudio gehe, Hermés vielleicht, oder … «Patrick?» Aufgeschreckt vom Geräusch einer richtigen Stimme fahre ich herum, und es ist jemand, den ich aus meinem Haus kenne, je- mand, den ich schon öfters in der Lobby gesehen habe, der mich immer bewundernd anblickt, wenn wir uns über den Weg laufen. Sie ist älter als ich, Ende Zwanzig, akzeptables Aussehen, etwas Übergewicht, trägt einen Jogging-Anzug – woher? Bloomingdale’s? Ich hab keine Ahnung – und … strahlt über das ganze Gesicht. Als sie ihre Sonnenbrille abnimmt, zeigt sie ein breites Lächeln. «Hi, Patrick. Dacht ich mir doch, daß Sie es sind.» Da ich keine Ahnung habe, wie sie heißt, seufze ich ein gedämpf- tes «Hallo», murmele ganz schnell etwas, was wie ein Frauenname klingt, und blicke sie dann einfach verlegen und erschlagen an, bemüht, meine Rage unter Kontrolle zu bekommen, denn die Chinesin hinter mir kreischt immer noch. Schließlich schlage ich die Hände zusammen und sage: «Tja.» Sie steht verwirrt herum und tritt schließlich mit dem Abholschein in der Hand an die La- dentheke. «Ist das nicht albern? Den ganzen Weg hierher zu ma- chen, aber sie sind nun mal wirklich die Besten.» «Und warum bekommen sie dann diese Flecken nicht raus?» frage ich geduldig, immer noch lächelnd und mit geschlosse- nen Augen, die ich erst öffne, als die Chinesin endlich die Klappe hält. «Also könnten Sie vielleicht mit diesen Menschen sprechen?» schlage ich vorsichtig vor. «Ich komme da nicht weiter.» Sie nähert sich dem Laken, das der alte Mann hochhält. «Herrje,, ich seh schon», murmelt sie. In dem Moment, als sie vorsichtig das Laken berührt, fängt die Alte wieder zu zetern an, aber ohne auf sie zu achten, fragt mich das Mädchen: «Was ist denn das?» Sie schaut wieder auf die Flecken und sagt: «Herrje.» «Äh, tja …» Ich schaue auf die Laken, um die es wirklich nicht gut bestellt ist. «Das ist, äh, Preiselbeersaft, Preiselbirnensaft.» Sie blickt mich an und nickt, anscheinend unsicher, dann wagt sie einen schüchternen Einwand: «Für mich sieht das nicht nach Preiselbeer aus, ich meine Preiselbirne.» Ich starre lange auf die Laken, bevor ich stottere: «Tja, ich meine, äh, eigentlich ist das … Bosco. Wissen Sie, so was wie …» Ich zö- gere. «Wie in Mars. Es ist wie die Füllung in Mars … Karamel?» «Ach so.» Sie nickt verständnisvoll, vielleicht mit einer Spur von Skepsis. «Herrje.» «Hören Sie, wenn Sie mit ihnen sprechen könnten …» Ich lange rüber und reiße dem alten Mann das Laken aus den Händen. «… würde ich das sehr zu schätzen wissen.» Ich falte das Laken zusam- men und lege es behutsam auf die Ladentheke, dann, nach einem erneuten Blick auf meine Rolex, erkläre ich: «Ich bin wirklich spät dran. Ich habe ein Geschäftsessen im Hubert’s in fünfzehn Minu- ten.» Ich bewege mich auf die Tür der Reinigung zu, und die Chi- nesin beginnt wieder verzweifelt zu zetern und droht mir mit dem Finger. Ich starre zornig zurück und muß mich zwingen, die Geste nicht zu erwidern. «Hubert’s? Tatsächlich?» fragt das Mädchen beeindruckt. «Das ist jetzt uptown, oder?» «Ja, o Mann, hören Sie, ich muß los.» Ich tu so, als hätte ich durch die Glastür ein nahendes Taxi erspäht, und sage mit geheu-, chelter Dankbarkeit: «Herzlichen Dank, äh … Samantha.» «Victoria.» «Ach ja, Victoria.» Ich zögere. «Sagte ich das nicht?» «Nein. Sie sagten Samantha.» «Naja, tut mir leid», lächle ich. «Ich bin überlastet.» «Vielleicht könnten wir irgendwann nächste Woche zusammen Mittag essen», schlägt sie hoffnungsvoll vor und kommt auf mich zu, während ich rückwärts aus dem Geschäft gehe. «Wissen Sie, ich bin ziemlich oft downtown in der Nähe der Wall Street.» «Oh, ich weiß nicht, Victoria.» Ich zwinge mich zu einem bedau- ernden Grinsen und wende den Blick von ihren Oberschenkeln. «Ich sitze ständig bei der Arbeit.» «Na gut, wie wäre es, oh, ach ja, vielleicht Samstag?» fragt Victo- ria voller Besorgnis, sie könnte mir lästig werden. «Nächsten Sams- tag?» Ich schaue wieder auf meine Rolex. «Ja.» Sie zuckt schüchtern mit den Schultern. «Oh. Geht nicht, fürchte ich. Les-Misérables-Matinee», lüge ich. «Hören Sie. Ich muß jetzt wirklich los. Ich werde …» Ich fahre mir mit einer Hand durchs Haar und murmele: «Oh Gott», bevor ich hinzufüge: «Ich werde Sie anrufen.» «Okay», lächelt sie erleichtert. «Tun Sie das.» Ich starre die Chinesin noch einmal böse an, verdrücke mich dann mit einem Affenzahn, rase hinter einem nicht existenten Taxi her und verlangsame erst ein, zwei Blocks weiter mein Tempo und … … plötzlich sehe ich mich einem sehr hübschen obdachlosen Mädchen gegenüber, das auf der Treppe eines Brownstonehauses hockt, auf der Stufe vor ihren Füßen steht ein Styropor-Kaffeebe-, cher, und wie ferngesteuert gehe ich auf sie zu, lächle, und suche in meiner Tasche nach Kleingeld. Ihr Gesicht sieht zu jung, frisch und braun für eine Obdachlose aus, das macht ihr Elend noch herzer- greifender. Ich sehe sie mir in den Sekunden, die ich benötige, um von der Bordsteinkante zur Haustreppe zu gehen, auf der sie sitzt, genau an: Ihr Kopf ist gesenkt, und sie starrt dumpf in ihren leeren Schoß. Als sie mich bemerkt, blickt sie, ohne zu lächeln, auf. Meine Gehässigkeit ist wie weggeblasen, und in der Absicht, etwas Freund- liches, etwas Schlichtes zu tun, beuge ich mich mit großen Augen vor, die Mitgefühl in ihr leeres, ernstes Gesicht strahlen, lasse einen Dollar in ihren Kaffeebecher fallen und sage: «Alles Gute.» Ihre Miene ändert sich, und daher bemerke ich das Buch – Sartre – in ihrem Schoß, dann die Columbia-Büchertasche an ih- rer Seite und schließlich den braunen Kaffee in dem Becher, meine Dollarnote treibt darin, und obwohl dies alles in Sekundenschnelle geschieht, wirkt es wie Zeitlupe – sie sieht erst zu mir, dann in den Kaffeebecher und brüllt: «He, geht’s Ihnen nicht gut?» Ich erstarre, krümme mich über den Becher, mir zieht sich alles zusammen, und ich stottere: «Ich wußte … ich wußte nicht, daß … da was drin ist», und gehe erschüttert weg, winke ein Taxi ran, und auf der Fahrt zu Hubert’s erscheinen mir die Gebäude wie Berge, wie Vulkane, die Straßen werden zum Dschungel, der Himmel erstarrt zu einer Kulisse, und bevor ich aus dem Taxi steige, muß ich erst schielen, um mein Sehvermögen wieder herzustellen. Das Essen bei Hubert’s wird eine einzige Halluzination, während der ich offenen Auges träume.,

Harry’s

«Du solltest die Socken auf die Hosen abstimmen», erklärt Todd Hamlin dem konzentriert zuhörenden Reeves, der seinen Beefeater mit einem Sektquirl umrührt. «Wer sagt das?» fragt George. «Nun hör mal», setzt ihm Hamlin geduldig auseinander, «wenn du graue Hosen trägst, ziehst du graue Socken an. So einfach ist das.» «Augenblick mal», unterbreche ich. «Was ist, wenn die Schuhe schwarz sind?» «Das geht in Ordnung», meint Hamlin und nippt an seinem Martini. «Aber dann muß der Gürtel zu den Schuhen passen.» «Also, willst du damit sagen, daß man zu einem grauen Anzug entweder graue oder schwarze Socken tragen kann?» frage ich. «Äh … ja», sagt Hamlin verwirrt. «Ich glaub schon. Habe ich das gesagt?» «Sieh mal, Hamlin», erkläre ich, «hinsichtlich des Gürtels bin ich anderer Meinung, da die Schuhe doch viel zu weit von der tatsäch- lichen Gürtellinie entfernt sind. Ich meine, du solltest lieber darauf achten, einen Gürtel zu tragen, der zu den Hosen paßt.» «Das ist ein Argument», meint Reeves. Wir drei, Todd Hamlin, George Reeves und ich, sitzen bei Harry’s, und es ist kurz nach sechs. Hamlin trägt einen Anzug von Lubiam, ein tolles gestreiftes Baumwollhemd mit Haifischkragen von Burberry, eine Seidenkrawatte von Resikeio und einen Gür- tel von Ralph Lauren. Reeves trägt einen zweireihigen Sechsknopf-, Anzug von Christian Dior, ein Baumwollhemd, eine gemusterte Seidenkrawatte von Claiborne, Oxfords mit gerader Kappe von Allen-Edmonds, ein Stofftaschentuch in der Brusttasche, höchst- wahrscheinlich von Brooks Brothers; eine Sonnenbrille von Lafont Paris liegt auf einer Serviette neben seinem Drink und eine ziem- lich schöne Aktentasche von T. Anthony steht auf einem leeren Stuhl an unserem Tisch. Ich trage einen einreihigen Zweiknopf- Anzug aus Wollflanell mit Kreidestreifen, ein mehrfarbiges bunt- gestreiftes Baumwollhemd und ein seidenes Taschentuch, alles von Patrick Aubert, eine gepunktete Seidenkrawatte von Bill Blass und eine Brille mit ungetönten Gläsern, Gestell von Lafont Paris. Einer unserer CD-Walkman-Kopfhörer liegt zwischen Drinks und einem Taschenrechner mitten auf dem Tisch. Reeves und Hamlin haben heute das Büro früher verlassen, um irgendwo zur Gesichtspflege zu gehen, und sehen beide gut aus, die Gesichter rosig, aber ge- bräunt, die Haare kurz und zurückgekämmt. In der Patty Winters Show heute morgen ging es um Möchtegern-Rambos. «Wie steht es mit … Westen?» fragt Reeves Todd. «Sind die nicht … out?» «Nein, George. Natürlich nicht.» «Nein», stimme ich zu. «Westen sind noch nie aus der Mode ge- wesen.» «Nun ja, die eigentliche Frage ist: Wie sollten sie getragen wer- den?» hakt Hamlin nach. «Sie sollten eng …» beginnen Reeves und ich gleichzeitig. «Oh, entschuldige», sagt Reeves. «Sprich weiter.» «Nein, geht in Ordnung. Sprich du weiter.» «Ich bestehe darauf», meint George., «Na gut, sie sollten eng am Körper anliegen und die Taille bede- cken», erkläre ich. «Sie sollten nur so eben über den Taillenknopf der Anzugjacke hervorschauen. Wenn zu viel von der Weste zu se- hen ist, macht der Anzug einen unvorteilhaft engen, einzwängen- den Eindruck.» «A-ha», macht Reeves, fast sprachlos mit verwirrter Miene. «Stimmt. Das wußte ich.» «Ich brauche noch einen J&B», sage ich und stehe auf. «Und ihr?» «Beefeater mit Eis und Zitronenschale.» Reeves visiert mich mit dem Finger an. Hamlin: «Martini.» «Alles klar.» Ich gehe rüber an die Bar, und während ich darauf warte, daß Freddy die Drinks einschenkt, höre ich, wie ein Typ, ich glaube, es ist dieser Grieche William Theodocropopolis von der First Boston, der so ein billiges Jackett mit Hahnentrittmus- ter und ein akzeptables Hemd trägt, aber auch eine phantastisch aussehende Kaschmirkrawatte von Paul Stuart, die den Anzug un- verdientermaßen aufwertet, zu einem anderen Typ sagt, der auch Grieche ist und eine Diet Coke trinkt: «Also, hör zu, Sting war im Chernoble – du weißt schon, dieser Laden, den die Jungs vom Tun- nel aufgemacht haben –, das stand so auf Page Six, da fährt einer in einem Porsche 911 vor, und in dem Wagen sitzt Whitney …» An unserem Tisch erzählt Reeves Hamlin gerade, wie er die Ob- dachlosen auf der Straße ärgert, indem er ihnen eine Dollarnote hinhält und sie genau in dem Moment, wenn er an den Pennern vorbeigeht, wieder einsteckt., «Ehrlich, das funktioniert», beteuert er. «Sie sind so geschockt, daß sie das Maul halten.» «Sag … einfach … nein», erkläre ich ihm und stelle die Drinks auf den Tisch. «Just say no. Mehr brauchst du nicht zu sagen.» «Einfach nein sagen?» grinst Hamlin. «Das funktioniert?» «Na ja, eigentlich nur bei obdachlosen schwangeren Frauen», gebe ich zu. «Ich nehme doch an, du hast die Sag-einfach-nein-Methode noch nicht bei dem 2-Meter-Gorilla in der Chambers Street aus- probiert?» fragt Reeves. «Dem mit der Crack-Pfeife?» «Hört mal, hat schon mal irgendwer von diesem Club namens Nekenieh gehört?» fragt Reeves. Bildausschnitt: mir gegenüber im Raum sitzt Paul Owen an ei- nem Tisch mit jemandem, der wie Trent Moore aussieht oder Ro- ger Daley, und noch einem Typen, der wie Frederick Connell aus- sieht. Moore arbeitet in einer Firma, die seinem Großvater gehört. Trent trägt einen Kammgarnanzug mit kleinem Hahnentrittmus- ter und mehrfarbigem Überkaro. «Nekenieh?» fragt Hamlin. «Was ist Nekenieh?» «Leute», sage ich, «wer sitzt da mit Paul Owen am Tisch? Ist das Trent Moore?» «Wo?» Reeves. «Sie stehen gerade auf. Der Tisch da. Diese Typen.» «Ist das nicht Madison? Nein, das ist Dibble», meint Reeves. Er setzt seine Brille mit ungetönten Gläsern auf, um sicherzugehen. «Nein», sagt Hamlin. «Das ist Trent Moore.» «Bist du sicher?» fragt Reeves., Auf dem Weg nach draußen tritt Paul Owen an unseren Tisch. Er trägt eine Sonnenbrille von Persol und eine Aktentasche von Coach Leatherware. «Hallo Leute», sagt Owen und stellt seine beiden Begleiter vor: Trent Moore und jemand namens Paul Denton. Reeves, Hamlin und ich geben ihnen die Hand, ohne aufzuste- hen. George und Todd fangen ein Gespräch mit Trent an, der aus Los Angeles kommt und weiß, wo das Nekenieh liegt. Owen wen- det seine Aufmerksamkeit mir zu, was mich etwas nervös macht. «Wie geht’s denn so?» fragt Owen. «Alles prima. Und bei dir?» «Sagenhaft», meint er. «Was macht der Hawkins-Account?» «Alles …» Ich zögere einen Moment und fahre dann stockend fort: «Alles in Ordnung.» «Tatsächlich?» fragt er kaum interessiert. «Ist ja interessant», meint er lächelnd, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. «Nicht toll?» «Ach ja», sage ich. «Du weißt ja.» «Und wie geht’s Marcia?» fragt er immer noch lächelnd und sieht sich im Raum um, ohne mir richtig zuzuhören. «Sie ist ein tolles Mädchen.» «O ja», meine ich betroffen. «Ich bin sehr … glücklich.» Owen verwechselt mich mit Marcus Halberstam (obwohl Mar- cus mit Cecilia Wagner geht), aber irgendwie ist das auch ziemlich egal und ein naheliegender Fauxpas, denn Marcus arbeitet auch bei P & P, sogar exakt das gleiche wie ich, hat ebenfalls eine Vor- liebe für Valentino-Anzüge und Brillen mit ungetönten Gläsern, und wir haben auch noch denselben Friseur, im Pierre Hotel, also, ist das verständlich; es wurmt mich nicht. Aber Paul Denton starrt mich unentwegt an oder versucht es zu vermeiden, als wisse er et- was, als sei er sich nicht ganz sicher, ob er mich kennt oder nicht, und ich frage mich, ob er vielleicht auf dieser Schiffsrundfahrt vor langer Zeit dabei war, in einer Nacht im letzten März. Falls ja, denke ich, sollte ich mir seine Telefonnummer oder besser noch seine Adresse notieren. «Schön, wir sollten mal zusammen einen trinken», erkläre ich Paul Owen. «Das wär ja toll. Machen wir. Hier ist meine Karte.» «Danke.» Ich schaue sie mir genau an, bevor ich sie einstecke, und bin erleichtert angesichts ihrer Plumpheit. «Vielleicht ruf ich an …» Ich zögere und frage dann bedächtig: «Marcia?» «Das wäre prima», meint er. «He, wart ihr schon mal in dem sal- vadorianischen Bistro auf der Eighty-third? Wir gehen heute abend da essen.» «Ja. Ich meine, nein. Aber ich habe gehört, es soll ziemlich gut sein.» Ich lächle bemüht und nippe an meinem Drink. «Ja, habe ich auch.» Er blickt auf seine Rolex. «Trent? Denton? Gehen wir. Reservierung in fünfzehn Minuten.» Man verabschiedet sich, und auf ihrem Weg nach draußen ma- chen sie noch mal halt an dem Tisch, an dem Dibble und Hamilton sitzen, wenigstens denke ich, daß es Dibble und Hamilton sind. Be- vor sie gehen, schaut Denton ein letztes Mal zu unserem Tisch rü- ber, zu mir, und er wirkt erregt, durch meine Gegenwart in irgend etwas bestärkt, als würde er mich von irgendwoher kennen, und das versetzt mich wiederum in Panik. «Der Fisher-Account», sagt Reeves., «Ach Scheiße», meine ich. «Erinner uns nicht daran.» «Verdammter Glückspilz», erklärt Hamlin. «Hat schon mal jemand seine Freundin gesehen?» fragt Reeves. «Laurie Kennedy? Absoluter Hardbody.» «Ich kenne sie, das heißt, ich kannte sie», verbessere ich mich. «Warum formulierst du das so?» fragt Hamlin verwirrt. «Warum formuliert er das so, Reeves?» «Weil er was mit ihr hatte», sagt Reeves lässig. «Woher weißt du das?» frage ich ihn grinsend. «Mädchen stehen auf Bateman.» Reeves klingt ein wenig be- trunken. «Er ist GQ. Du bist absolut GQ, Bateman.» «Danke, Kollege, aber …» Ich bin nicht sicher, ob er sarkastisch ist, aber irgendwie fühle ich mich geschmeichelt und versuche, meine Attraktivität herunterzuspielen, indem ich sage: «Sie hatte einen miesen Charakter.» «Mein Gott, Bateman», stöhnt Hamlin. «Was soll das denn be- deuten?» «Wieso? Hatte sie nun mal.» «Na und? Das Aussehen zählt. Laurie Kennedy ist ein Schmuck- stück», sagt Hamlin begeistert. «Erzähl mir bloß nicht, dich hätte je was anderes interessiert.» «Wenn sie einen guten Charakter haben, dann ist … irgendwas ganz und gar nicht in Ordnung», bemerkt Reeves, von seiner eige- nen Feststellung leicht verwirrt. «Wenn sie einen guten Charakter haben und nicht toll ausse- hen» – Reeves hebt eine Hand, irgend etwas andeutend – «wen zum Teufel interessiert’s?» «Na gut, mal rein hypothetisch, okay? Was, wenn sie einen guten, Charakter haben?» frage ich im Bewußtsein, daß es eine sinnlose, idiotische Frage ist. «Na schön, um so besser, rein hypothetisch, aber …», sagt Ham- lin. «Ich weiß, ich weiß», grinse ich. «Es gibt keine Mädchen mit gutem Charakter», sagen wir uni- sono, lachen und geben uns High-Five. «Ein guter Charakter», beginnt Reeves, «besteht aus einer Schnepfe, die einen kleinen Hardbody hat, alle sexuellen Ansprü- che befriedigt, ohne zu schlampig zu sein, und ansonsten ihr be- schissenes, dummes Maul hält.» «Folgendes», meint Hamlin und nickt zustimmend, «die einzi- gen Mädchen mit gutem Charakter, die auch noch clever oder mei- netwegen lustig, halbwegs intelligent oder sogar begabt sind – weiß der Henker, was das bedeutet – sind häßliche Schnepfen.» «Exakt.» Reeves nickt. «Und das alles sind sie nur, um davon abzulenken, wie ver- dammt häßlich sie sind», ergänzt Hamlin und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. «Also, wißt ihr, ich war schon immer der Überzeugung», be- ginne ich, «daß die einzige Aufgabe des Mannes ist, sich fortzu- pflanzen, die Art zu erhalten.» Beide nicken. «Und der einzige Weg, das zu schaffen …» Ich wähle meine Worte mit Bedacht: «… ist … von einem kleinen Hardbody aufge- geilt zu werden, aber manchmal können auch Geld oder Berühmt- heit …» «Kein Aber», unterbricht mich Hamlin. «Bateman, willst du mir, etwa erzählen, daß du es mit Oprah Winfrey treiben würdest – die ist ja wohl reich und mächtig – oder über Nell Carter rutschen möchtest – die hat eine Show am Broadway, eine tolle Stimme und streicht Traumgagen ein.» «Augenblick mal», meldet sich Reeves. «Wer ist Nell Carter?» «Keine Ahnung», sage ich von dem Namen verwirrt. «Ich ver- mute, die Besitzerin von Nell’s.» «Hör mal, Bateman», meint Hamlin. «Wie du bereits gesagt hast, gibt es Miezen nur, um uns aufzugeilen. Arterhaltung, nicht wahr? Das ist nicht komplizierter …» – er fischt eine Olive aus seinem Drink und steckt sie sich in den Mund – «… als das.» Nach einer Bedenkpause frage ich: «Wißt ihr, was Ed Gein über Frauen gesagt hat?» «Ed Gein?» fragt einer von Ihnen. «Der Maître d’ der Canal Bar?» «Nein, Serienmörder, Wisconsin in den Fünfzigern. Er war ein interessanter Typ.» «Du hast dich ja schon immer für solchen Kram interessiert, Ba- teman», sagt Reeves, und dann zu Hamlin: «Bateman liest ständig diese Biographien: Ted Bundy, Son of Sam, Fatal Vision und Char- lie Manson. Einfach alles.» «Also, was hat Ed gesagt?» fragt Hamlin interessiert. «Er sagte», fang ich an, «wenn ich ein hübsches Mädchen die Straße lang kommen sehe, denke ich zweierlei. Mein besseres Ich möchte mit ihr ausgehen, mit ihr reden, wirklich nett und lie- benswürdig sein und sie anständig behandeln.» Ich breche ab und trinke meinen J&B in einem Schluck aus. «Und was denkt sein anderes Ich?» fragt Hamlin vorsichtig., «Wie ihr Kopf wohl aufgespießt aussehen mag.» Hamlin und Reeves blicken sich an, dann mich, bis ich anfange zu lachen und die beiden beklommen einstimmen. «Hört mal, wie steht’s mit Essen?» wechsele ich zwanglos das Thema. «Wie wäre es mit dem indisch-kalifornischen Laden auf der Up- per West Side?» schlägt Hamlin vor. «Ich bin dabei», sage ich. «Klingt gut», meint Reeves. «Wer reserviert?» fragt Hamlin.,

Deck Chairs

Courtney Lawrence hat mich für Montagabend zum Essen einge- laden, und da die Einladung andeutungsweise Sex verspricht, habe ich angenommen, doch der Haken an der Sache ist, daß man wäh- rend des Essens zwei Camden-Absolventen, Scott und Anne Smi- ley, erdulden muß, in einem neuen Restaurant am Columbus Cir- cle namens Deck Chairs, das sie ausgesucht haben und das ich von meiner Sekretärin so gründlich habe prüfen lassen, daß sie mich, bevor ich heute das Büro verließ, mit drei verschiedenen Menüvor- schlägen präparieren konnte. Die Sachen, die mir Courtney auf der endlosen Taxifahrt uptown über Scott und Anne erzählt hat – er arbeitet in einer Werbeagentur, sie steckt das Geld ihres Vaters in Restaurants, zuletzt hat sie das 1968 auf der Upper East Side auf- gemacht –, waren kaum uninteressanter als Courtneys Erlebnisse heute: Gesichtspflege bei Elizabeth Arden, Einkauf von Küchenu- tensilien in der Pottery Barn (all das übrigens auf Lithium), bevor sie dann runterkam zu Harry’s, wo wir mit Charles Murphy und Rusty Webster ein paar Drinks nahmen und wo sie ihre Tasche mit den Pottery-Barn-Einkäufen unter dem Tisch vergaß. Das einzige Detail an Scott und Annes Leben, daß mir auch nur halbwegs inte- ressant erscheint, ist die Tatsache, daß sie im ersten Jahr nach ihrer Hochzeit einen dreizehnjährigen koreanischen Jungen adoptiert haben, ihn Scott Jr. nannten und nach Exeter schickten, wo Scott auch war, vier Jahre bevor ich dorthin kam. «Hoffentlich haben sie reserviert», warne ich Courtney im Taxi. «Rauch bloß keine Zigarre, Patrick», sagt sie langsam., «Ist das Donald Trumps Wagen?» frage ich und blicke zu der Li- mousine, die neben uns im Stau steckt. «Mein Gott, Patrick. Halt die Klappe», sagt sie mit träger, dro- genverschleierter Stimme. «Weißt du, Courtney, ich habe einen Walkman in meiner Bot- tega Veneta Aktentasche, den ich gerne aufsetzen kann. Du solltest noch mehr Lithium nehmen. Oder eine Diet Coke. Ein bißchen Koffein bringt dich vielleicht wieder auf die Beine.» «Ich möchte einfach nur ein Kind», sagt sie sanft und blickt leer aus dem Fenster. «Einfach … zwei … perfekte … Kinder.» «Sprichst du mit mir oder dem Shlomo da?» seufze ich, aber laut genug, daß mich auch der israelische Taxifahrer versteht, und wie vorauszusehen, antwortet Courtney nicht. In der Patty Winters Show heute morgen ging es um Parfüm, Lippenstift und Make-up. Luis Carruthers, Courtneys Freund, ist nicht in der Stadt, er mußte nach Phoenix und wird nicht vor Don- nerstagabend zurück in Manhatten sein. Courtney trägt ein Jackett und eine Weste aus Wolle, ein Wolljersey-T-Shirt und Wollgabar- dinehosen von Bill Blass, emaillierte und vergoldete Ohrringe von Gerard E. Yosca und d’Orsay-Seidensatin-Stiefeletten von Manolo Blahnik. Ich trage ein maßgeschneidertes Tweedjackett, eine Hose und ein Baumwollhemd aus dem Alan-Flusser-Shop und eine Sei- denkrawatte von Paul Stuart. Heute morgen mußte ich zwanzig Minuten vor dem Stairmaster in meinem Fitneß-Club warten. Ich winke einem Bettler an der Ecke Forty-ninth und Eighth zu und zeige ihm dann den Finger. Heute abend dreht sich das Gespräch um das neue Buch von Elmore Leonard, das ich nicht gelesen habe; gewisse Restaurant-Kritiker, die ich gelesen habe; um den engli-, schen Soundtrack zu Les Misérables im Vergleich zur amerikani- schen Aufnahme; um das neue salvadorianische Restaurant auf der Second und Eighty-third; darum, welche Klatschspalten bes- ser sind, die der Post oder die der News. Es scheint, als hätten Anne Smiley und ich eine gemeinsame Bekannte, eine Kellnerin aus dem Abetone’s in Aspen, die ich letzte Weihnachten mit einer Haar- spraydose vergewaltigt habe, als ich zum Skiurlaub dort war. Das Deck Chairs ist überfüllt, ohrenbetäubend, die Akustik wegen der hohen Decken unter aller Kanone, und wenn ich mich nicht irre, wird der Lärm noch von einer New-Age-Version von «White Rab- bit» unterstützt, die aus den in den Ecken unter die Decke mon- tierten Boxen plärrt. Jemand, der aussieht wie Forrest Atwater – zurückgekämmtes, blondes Haar, Fensterglas-Brille mit Redwood- Gestell, Armani-Anzug mit Hosenträgern –, sitzt mit Caroline Ba- ker, einer Investment-Bankerin von Drexel, glaube ich, zusammen, und sie sieht auch nicht besonders aus. Sie könnte mehr Make-up vertragen, das Tweedkostüm von Ralph Lauren ist zu streng. Sie haben einen mittelprächtigen Tisch vorne bei der Bar. «Es nennt sich klassische kalifornische Küche», erklärt mir Anne, nachdem wir bestellt haben, und beugt sich ganz weit zu mir. Ich nehme an, auf diese Feststellung hin muß jetzt etwas gesagt wer- den, und da Scott und Courtney gerade die Verdienste der Klatsch- spalte der Post diskutieren, ist es an mir zu antworten. «Du meinst, im Gegensatz zur kalifornischen Küche?» frage ich behutsam, jedes Wort abwägend, und füge lahm hinzu: «Oder der postkalifornischen Küche?» «Na ja, ich weiß, daß es ziemlich trendy klingt, aber es liegen Welten dazwischen. Der Unterschied ist subtil, aber vorhanden.», «Ich habe schon von postkalifornischer Küche gehört», sage ich und bin mir der Ausstattung des Restaurants überdeutlich bewußt: das offenliegende Abzugsrohr, die Säulen, die offene Pizza-Küche und die … Liegestühle. «Tatsächlich habe ich das sogar gegessen. Kein junges Gemüse? Muscheln in Burritos? Wasabi Crackers? Bin ich auf der richtigen Spur? Ach, übrigens, hat dir schon mal je- mand gesagt, daß du genau wie Garfield aussiehst, allerdings ein überfahrener und gehäuteter Garfield, über den noch jemand ei- nen häßlichen Ferragamo-Sweater geworfen hat, bevor es ab zum Tierarzt ging? Fusilli? Olivenöl auf Brie?» «Ganz genau», sagt Anne beeindruckt. «O Courtney, wo hast du bloß Patrick aufgetrieben? Er kennt sich in so vielen Dingen aus. Ich meine, Luis dagegen versteht unter kalifornischer Küche eine halbe Orange und gelati», sagt sie überschwenglich, beginnt zu la- chen und fordert mich auf, einzustimmen, was ich zögernd tue. Als Vorspeise habe ich Radicchio mit einer Art Tiefsee-Tinten- fisch bestellt. Anne und Scott hatten beide Monkfish-Ragout mit Veilchen. Courtney wäre beinahe eingeschlafen, als sie die Energie aufbringen mußte, die Speisekarte zu lesen, aber bevor sie aus dem Stuhl gleiten konnte, hatte ich sie an den Schultern gepackt und abgestützt, und Anne hatte für sie bestellt, irgend etwas Einfaches und Leichtes wie Cajun-Popcorn möglicherweise, was nicht auf der Speisekarte stand, aber da Anne Noj, den Küchenchef, kennt, hat der eine kleine Extra-Portion gemacht … nur für Courtney! Scott und Anne bestanden darauf, daß wir alle so etwas wie ge- schwärzten, halbblutigen Redfish bestellen, eine Spezialität von Deck Chairs, die – zum Glück für die beiden – ein Hauptgericht auf einer der Menüabfolgen war, die Jean für mich entworfen hatte., Wäre das nicht der Fall gewesen, und hätten sie trotzdem darauf bestanden, daß ich es bestelle, wären die Chancen verdammt gut gewesen, daß ich nach dem Essen heute nacht so gegen zwei – nach der Late Night with David Letterman – in ihr Studio eingebrochen wäre und die beiden mit einer Axt in Stücke gehackt hätte, zuerst hätte Anne zusehen müssen, wie Scott aus klaffenden Brustwun- den verblutet, und dann hätte ich einen Dreh gefunden, nach Exe- ter zu kommen, und dort eine Flasche Säure über das schlitzäugige Arschgesicht ihres Sohns gekippt. Unsere Bedienung ist ein kleiner Hardbody, der goldene Eidechsleder-Slingpumps mit Perlentrod- deln trägt. Ich habe vergessen, meine Videos heute abend zurück- zugeben, und verfluche mich stumm, während Scott zwei große Flaschen San Pellegrino bestellt. «Man nennt das klassische kalifornische Küche», erklärt mir Scott. «Warum gehen wir nicht alle zusammen nächste Woche in die Zeus Bar?» schlägt Anne Scott vor. «Meinst du, es ist schwierig, einen Tisch für Freitag zu bekommen?» Scott trägt einen rot-lila- schwarz gestreiften Kaschmirsweater von Paul Stuart, ausgebeulte Ralph-Lauren-Kordsamthosen und Cole-Haan-Ledermokassins. «Naja … kann sein», meint er. «Das ist eine prima Idee. Ich find sie phantastisch», sagt Anne und pickt ein kleines Veilchen von ihrem Teller, schnuppert an der Blume und legt sie behutsam auf ihre Zunge. Sie trägt einen hand- gewebten rot-lila-schwarzen Sweater aus Mohair und Wolle von Koos Van Den Akker Couture und eine Hose von Anne Klein, dazu Wildlederpumps mit freiem Zeh. Eine Kellnerin, aber nicht der Hardbody, kommt herüber, um, neue Drinkbestellungen entgegenzunehmen. «J&B. Pur», sage ich, bevor irgend jemand sonst bestellen kann. Courtney bestellt Champagner mit Eis, was mich insgeheim ent- setzt. «Oh», sagt sie, als wäre ihr noch etwas eingefallen, «könnte ich da einen Spritzer …» «Ein Spritzer was?» frage ich gereizt, unfähig, mich zu beherr- schen. «Laß mich raten. Melone?» Und ich denke: Oh, mein Gott, warum hast du nicht diese gottverfluchten Videos zurückgebracht, Bateman, du Arschgesicht. «Doch sicher Limone, Miss», sagt die Kellnerin und wirft mir ei- nen eisigen Blick zu. «Ja, natürlich. Limone.» Courtney nickt traumverloren, an- scheinend in irgendeiner Phantasiewelt – aber eine, die ihr gefällt. «Ich werde ein Glas … herrje, ich denke vom Acacia nehmen», sagt Scott und wendet sich dann an uns: «Nehme ich einen weißen? Soll ich wirklich einen Chardonnay nehmen? Zum Redfish können wir einen Cabernet nehmen.» «Mach ruhig», sagt Anne fröhlich. «Na gut, ich nehme … o Gott, den Sauvignon Blanc.» Die Kellnerin lächelt verwirrt. «Scottie», kreischt Anne auf. «Den Sauvignon Blanc?» «Mach nur Spaß», kichert er. «Ich nehme den Chardonay. Den Acacia.» «Du verdammter Idiot.» Anne grinst erleichtert. «Wie witzig.» «Ich nehme den Chardonay», erklärt Scott der Kellnerin. «So ist’s brav», sagt Courtney und tätschelt ihm die Hand. «Ich nehme nur …» Anne hält zögernd inne. «Oh, ich nehme eine Diet Coke.», Scott schaut von dem Stückchen Maisbrot hoch, das er gerade in ein Töpfchen Olivenöl getaucht hat: «Du trinkst heute abend nichts?» «Nein», sagt Anne mit schmutzigem Grinsen. Wer weiß, warum? Und wen zum Teufel interessiert’s? «Ich bin nicht in Stimmung.» «Nicht mal ein Glas von dem Chardonay?» fragt Scott. «Wie wär’s mit einem Sauvignon Blanc?» «Ich habe um neun Aerobic-Kurs», sagt sie, schon nicht mehr so überzeugt. «Ich sollte wirklich nicht.» «Na gut, dann will ich auch nichts», meint Scott enttäuscht. «Ich habe ja auch einen um acht im Xclusive.» «Möchte irgend jemand raten, wo ich morgen um neun be- stimmt nicht sein werde?» frage ich. «Nicht doch, Liebling. Ich weiß, wie sehr du den Acacia schätzt.» Anne ergreift Scotts Hand und drückt sie. «Nein, mein Schatz. Ich bleib beim Pellegrino.» Scott zeigt auf die Flaschen. Ich trommle mit den Fingern laut auf der Tischplatte und flüs- tere «Scheiße, Scheiße, Scheiße» vor mich hin. Courtney hat die Augen halb geschlossen und atmet schwer. «Paß auf. Ich bin mal ganz verwegen», sagt Anne schließlich. «Ich nehme eine Diet Coke mit Rum.» Scott seufzt erleichtert, lächelt dann, ja strahlt direkt. «Prima.» «Das ist doch koffeinfreie Diet Coke, oder?» fragt Anne die Kell- nerin. «Weißt du», unterbreche ich, «du solltest es mit Diet Pepsi ver- suchen. Die ist viel besser.» «Tatsächlich? Was meinst du damit?», «Du solltest Diet Pepsi statt Diet Coke nehmen», erkläre ich. «Die ist viel besser. Sie sprudelt stärker. Sie hat einen reineren Ge- schmack. Sie vermischt sich besser mit Rum und hat einen geringe- ren Natriumgehalt.» Die Kellnerin, Scott, Anne und sogar Courtney, sie alle blicken mich an, als hätte ich irgendeine diabolische, apokalyptische Fest- stellung getroffen, einen hehren Mythos in den Schmutz gezerrt oder einen heiligen Eid gebrochen, und plötzlich scheint es fast to- tenstill im Deck Chairs. Gestern abend hatte ich ein Video mit dem Titel Inside Lydia’s Ass ausgeliehen, und während ich auf zwei Hal- cion war und tatsächlich an einer Diet Pepsi nippte, sah ich zu, wie Lydia – ein rundum gebräunter blondgebleichter Hardbody mit perfektem Arsch und tollen ausgeprägten Titten – auf allen vieren hockend diesem Typen mit dem riesigen Schwanz einen blies, wäh- rend ein anderer toller, kleiner, blonder Hardbody mit perfekt ge- stutztem Schamhaar hinter Lydia kniete, ihr erst den Arsch und die Fotze ausleckte, dann einen langen, eingeölten silbernen Vibrator in Lydias Arsch steckte und sie damit fickte, während sie weiter ihre Pussy leckte, und dann spritzte der Typ mit dem riesigen Schwanz in Lydias Gesicht, als sie ihm gerade die Eier lutschte, und Lydia wurde von einem echt aussehenden, ziemlich heftigen Orgasmus geschüttelt, dann kroch das Mädchen hinter Lydia, leckte ihr das Sperma vom Gesicht und zwang Lydia schließlich, an dem Vibrator zu lutschen. Die neue Steven Bishop ist letzten Dienstag rausge- kommen, und ich habe mir bei Tower Records die CD, die Kassette und das Album gekauft, weil ich alle drei Formate besitzen will. «Na schön», sage ich mit vor Erregung zitternder Stimme, «be- stellt doch, was ihr wollt, aber ich habe die Diet Pepsi empfohlen.», Ich blicke hinab in meinen Schoß, auf die blaue Stoffserviette mit dem eingestickten Namen «Deck Chairs» am Rand, und für einen Moment habe ich das Gefühl, ich müßte heulen; mein Kinn zittert, und ich bin unfähig zu schlucken. Courtney streckt die Hand aus und berührt, an meine Rolex sto- ßend, sanft mein Handgelenk. «Ist ja alles gut, Patrick. Wirklich.» Ein stechender Schmerz in der Lebergegend verdrängt diese Ge- fühlsaufwallung, und ich setze mich in meinem Stuhl verwirrt und erschrocken aufrecht hin, die Kellnerin geht, und dann fragt Anne, ob wir kürzlich die David-Onica-Ausstellung gesehen haben, und ich beruhige mich. Es stellt sich heraus, daß wir sie nicht gesehen haben, aber da ich nicht kleingeistig darauf hinweisen möchte, daß ich einen David Onica besitze, stoße ich Courtney unter dem Tisch mit dem Fuß an. Das weckt sie aus ihrem Lithium-Tran, und mit mechanischer Stimme sagt sie: «Patrick besitzt einen Onica. Im Ernst.» Ich lächle zufrieden und nippe an meinem J&B. «Oh, das ist ja phantastisch, Patrick», sagt Anne. «Tatsächlich? Einen Onica?» fragt Scott. «Ist der nicht ziemlich teuer?» «Na ja, sagen wir …» Ich nippe, plötzlich verwirrt, an meinem Drink: sagen wir … sagen wir was? «Nichts.» Courtney seufzt in Erwartung eines neuen Tritts. «Patricks hat zwanzigtausend Dollar gekostet.» Sie wirkt zu Tode gelangweilt und stochert in einem flachen, warmen Stückchen Maisbrot he- rum. Ich werfe ihr einen bösen Blick zu und versuche nicht zu zi- schen: «Äh, nein, Courtney, tatsächlich waren es fünfzigtausend.», Sie blickt langsam von dem Maisbrot auf, das sie zwischen ihren Fingern zermanscht, und wirft mir einen trotz ihres Lithium-Rau- sches bitterbösen Blick zu, der mich augenblicklich am Boden zer- stört, wenn auch nicht so sehr, daß ich Scott und Anne die Wahr- heit gestehen würde: daß der Onica eigentlich nur zwölf Riesen gekostet hat. Aber Courtneys furchteinflößender Blick – vielleicht bin ich auch überempfindlich; vielleicht starrt sie ja nur mißbilli- gend auf die Muster der Säulen, auf die Rollos der Oberlichter oder die Montigo-Vasen voller Tulpen, die vor der Bar aufgereiht sind – schüchtert mich doch so weit ein, daß ich nicht detailliert auf den Erwerb eines Onica eingehe. Es ist ein Blick, den ich ziemlich leicht zu deuten vermag. Er warnt: Tritt mich noch mal, und keine Pussy, kapiert? «Das scheint …», beginnt Anne. Ich halte den Atem an, das Gesicht starr vor Anspannung. «… preiswert», murmelt sie. Ich atme aus. «Ist es auch. Aber ich habe auch ein extrem gutes Geschäft gemacht.» Ich nehme rasch einen Schluck. «Aber fünfzigtausend?» fragt Scott mißtrauisch. «Nun ja, ich denke, seine Arbeit … sie hat eine Art … wunder- bar proportionierte, gewollt vordergründige Qualität.» Ich halte inne und versuche, mich an einen Satz aus einer Besprechung im New York Magazine zu erinnern: «Gewollt vorder …» «Hat Luis nicht auch einen, Courtney?» fragt Anne und tätschelt dann Courtneys Arm: «Courtney?» «Luis … hat … was?» Courtney schüttelt den Kopf, wie um zur Besinnung zu kommen, und reißt die Augen auf, damit sie ihr nicht ganz zufallen., «Wer ist Luis?» fragt Scott und winkt nach der Kellnerin, damit die Butter, die der Hilfskellner vorhin erst auf den Tisch gestellt hat, weggenommen wird – der Junge läßt nichts anbrennen. Anne antwortet für Courtney. «Ihr Freund», erklärt sie verwirrt nach einem Blick auf Courtney und sieht mich tatsächlich hilfesu- chend an. «Wo ist er?» fragt Scott. «Texas», sage ich schnell. «Er ist rauf nach Phoenix, meine ich.» «Nein. Ich wollte wissen, bei welcher Firma.» «L.F. Rothschild», sagt Anne und will erst Courtney um Be- stätigung heischend anblicken, sieht dann aber mich an. «Nicht wahr?» «Nein. Er ist bei P & P. Wir arbeiten sozusagen zusammen.» «Ist er nicht mal mit Samantha Stevens gegangen?» fragt Anne. «Nein», meldet sich Courtney. «Da gab es nur mal ein Photo, das jemand von ihnen gemacht hat, in W.» Ich kippe meinen Drink herunter, kaum daß er da ist, winke sofort nach einem neuen und denke, Courtney ist definitiv Fick- fleisch, aber kein Sex kann für dieses Essen entschädigen. Während ich eine attraktive Frau – blond, dicke Titten, enges Kleid, Satins- tiefeletten mit Goldspitzen – gegenüber im Saal bewundere, ändert sich das Gesprächsthema drastisch, als Scott mir von seinem neuen CD-Player erzählt, während Anne ahnungslos einer völlig wegge- tretenen Courtney etwas über neue Sorten natriumarmen Voll- kornreis-Kuchens, frische Früchte und New-Age-Musik, insbeson- ders Manhatten Steamroller, vorquasselt. «Er ist von Aiwa», sagt Scott. «Du mußt das einfach hören. Der Klang …» – er hält inne, die Augen verzückt geschlossen, kaut sein, Maisbrot – «ist phantastisch.» «Nun ja, Scottie, der Aiwa ist ganz in Ordnung.» Heilige Scheiße, träum weiter, Scottie, denke ich. «Aber Sansui ist wirklich der beste.» Ich zögere und füge hinzu: «Ich muß es wissen. Ich habe einen.» «Aber ich dachte, Aiwa wäre der beste.» Scott sieht bekümmert aus, aber noch nicht so bestürzt, wie ich es gern hätte. «Ganz und gar nicht, Scott», sage ich. «Hat der Aiwa digitale Fernbedienung?» «Ja.» «Computersteuerung?» «Ja.» Was für ein Volltrottel. «Hat das Laufwerk einen Metacrylat-Messing-Plattenteller?» «Ja», lügt die Ratte! «Hat deine Anlage einen … Accophase T-106 Tuner?» «Klar», sagt er schulterzuckend. «Bist du sicher? Denk genau nach.» «Doch. Ich meine schon», sagt er, aber seine Hand zittert, als er sich noch Maisbrot nachnimmt. «Was für Boxen?» «Na ja, Duntech Wood», antwortet er zu schnell. «Tut mil leid, altel Knabe. Du solltest die Infinity IRS V-Laut- sprecher haben», sage ich. «Oder …» «Augenblick mal», unterbricht er. «V-Lautsprecher? Ich habe noch nie von V-Lautsprechern gehört.» «Hör zu, meiner Meinung nach kannst du genausogut einen be- schissenen Walkman aufsetzen, wenn du keine Vs hast.» «Wie ist die Baßwiedergabe bei solchen Lautsprechern?» fragt er mißtrauisch. «Tiefste Grenzfrequenz bei fünfzehn Hertz», säusele ich, jedes, Wort betonend. Das bringt ihn für eine Minute zum Schweigen. Anne labert weiter über extraleichte Frozen Joghurts und Chow Chows. Ich lehne mich zurück, zufrieden, daß ich Scott den Mund gestopft habe, aber leider gewinnt er zu schnell seine Fassung wieder und sagt bemüht fröhlich, obwohl er so eine billige, beschissene Anlage hat: «Wie dem auch sei, wir haben uns heute die neue Phil Collins gekauft. Du solltest hören, wie toll ‹Groovy Kind of Love› darauf klingt.» «Ja, für mich der beste Song, den er je geschrieben hat», sage ich, bla bla bla, und obwohl es immerhin doch etwas ist, zu dem Scott und ich mal einer Meinung sind, kommen jetzt die Teller mit dem geschwärzten Redfish, die ziemlich bizarr aussehen, und Court- ney entschuldigt sich und geht zur Damentoilette, und als sie nach dreißig Minuten immer noch nicht zurück ist, schlendere ich in den hinteren Teil des Restaurants und finde sie schlafend in der Garderobe. In ihrem Apartment liegt sie nackt auf dem Rücken, ihre Beine – gebräunt, muskulös und durchtrainiert – sind gespreizt, und ich knie dazwischen, lecke sie, während ich mir selber einen runter- hole, und seit ich angefangen habe, ihre Pussy zu lecken und zu saugen, ist sie schon zweimal gekommen, ihre Fotze ist eng und heiß und naß, und ich halte sie weit offen, massiere sie mit der ei- nen Hand und mich mit der anderen. Ich hebe ihren Arsch an, weil ich meine Zunge reinstecken will, aber sie will nicht, also hebe ich den Kopf und greife zu dem Nachttischchen nach dem Kondom, das in dem Aschenbecher von Palio neben der Tensor-Halogen- lampe und der D’Oro-Tonschale liegt, reiße die Packung mit zwei, glänzenden, glitschigen Fingern und den Zähnen auf und streife es problemlos über meinen Schwanz. «Ich will, daß du’s mir besorgst», stöhnt Courtney, zieht ihre Beine an, spreizt ihre Vagina noch weiter, steckt sich selbst die Fin- ger rein, läßt mich an ihren Fingern lutschen, die Fingernägel lang und rot, der Saft ihrer Fotze, glitzernd im Licht der Straßenlater- nen, das durch die Stuart-Hall-Jalousien dringt, schmeckt süß und rosig, und sie reibt ihn mir über Mund, Lippen und Zunge, bevor er abkühlen kann. «Ja», sage ich, lege mich auf sie drauf, lasse meinen Schwanz ele- gant in ihre Fotze gleiten, küsse sie heftig auf den Mund, dringe mit tiefen, schnellen Stößen in sie ein, Schwanz und Hüften au- ßer Kontrolle, ihrem eigenen Rhythmus folgend, schon baut sich mein Orgasmus hinten an meinen Eiern, an meinem Arsch auf und drängt durch meinen Schwanz, der so hart ist, daß es weh tut – aber da, mitten in einem Kuß, hebe ich den Kopf, lasse ihre Zunge raushängen, mit der sie sich über die roten geschwollenen Lippen leckt, und immer noch stoßend, wenn auch weniger heftig, wird mir klar, daß … irgend etwas … nicht … in Ordnung ist, doch mir will nicht einfallen, was … aber dann, als ich auf die halbleere Evian-Flasche auf dem Nachttisch blicke, geht mir ein Licht auf: Ich keuche «O Scheiße» und ziehe den Schwanz raus. «Was ist?» stöhnt Courtney. «Hast du was vergessen?» Ohne zu antworten, springe ich vom Futonbett, stolpere in ihr Badezimmer, versuche dabei, das Kondom abzuziehen, aber auf halbem Weg bleibt es kleben, und während ich es behutsam ab- streife und gleichzeitig den Lichtschalter suche, stolpere ich verse- hentlich über die Genold-Waage, stoße mir dabei den großen Zeh, und schaffe es dann endlich, fluchend ihre Hausapotheke zu öff- nen. «Patrick, was treibst du da?» ruft sie aus dem Schlafzimmer. «Ich suche das wasserlösliche Gleitmittel mit spermizider Wirkung», rufe ich zurück. «Was dachtest du denn? Daß ich ein Aspirin su- che?» «Oh, mein Gott», schreit sie auf. «Hattest du etwa keins drauf?» «Courtney», brülle ich zurück und bemerke einen kleinen Krat- zer vom Rasieren über meiner Lippe. «Wo ist das Zeug?» «Ich kann dich nicht verstehen, Patrick», ruft sie. «Luis hat einen grauenhaften Geschmack, was Eau de Cologne anbelangt», murmele ich und rieche prüfend an einer Flasche Paco Rabanne. «Was hast du gesagt?» schreit Courtney. «Das wasserlösliche Gleitmittel mit spermizider Wirkung», rufe ich zurück und suche auf ihrem Regal nach einem Clinique-Ab- deckstift für meinen Kratzer. «Was meinst du mit: wo ist es? Hast du es nicht mitgebracht?» «Wo ist das gottverdammte wasserlösliche Gleitmittel mit spermi- zider Wirkung?» schreie ich. «Wasser! Löslich! Spermizid! Gleitmit- tel!» Während ich das brülle, trage ich etwas Abdeckstift auf den Kratzer auf und kämme mein Haar zurück. «Oberstes Regal», sagt sie. «Glaube ich jedenfalls.» Während ich ihr Medizinschränkchen durchsuche, werfe ich ei- nen Blick auf ihre Badewanne und bemerke, wie schlicht sie ist, was mich veranlaßt zu sagen: «Hör mal, Courtney, du solltest dich wirklich mal aufraffen und deine Wanne durch Marmor verschö- nern oder vielleicht ein paar Jacuzzi-Düsen einbauen lassen. Hörst, du mich? Courtney?» Nach einer langen Pause antwortet sie: «Ja … Patrick. Ich höre dich.» Schließlich finde ich die Tube hinter einer großen Flasche – ei- nem Krug – Xanax auf dem obersten Bord des Medizinschränk- chens und drücke einen kleinen Klecks in die Spitze des Kon- doms, verschmiere ihn auf dem Latex, bevor mein Schwanz völlig schlappmacht, gehe zurück ins Schlafzimmer und springe aufs Fu- tonbett, worauf sie schimpft: «Patrick, das hier ist kein verdammtes Trampolin.» Ich überhöre das, knie mich über sie, schiebe meinen Schwanz in Courtney und sofort erwidert sie meine Stöße mit ih- ren Hüften, dann leckt sie an ihrem Daumen und beginnt, ihre Cli- toris zu reiben. Ich sehe zu, wie mein Schwanz mit tiefen, schnellen Stößen reinraus reinraus geht. «Warte», japst sie. «Wie?» stöhne ich verblüfft, aber kurz vor dem Kommen. «Luis ist ein dummer Barbar», keucht sie und versucht, mich rauszustoßen. «Ja», sage ich, über sie gebeugt und an ihrem Ohr knabbernd. «Luis ist ein dummer Barbar. Ich hasse ihn auch.» Und nun, ange- spornt von ihrer Verachtung für ihren mickrigen Freund, bewege ich mich schneller, mein Orgasmus steht kurz bevor. «Nein, du Idiot», stöhnt sie. «Ich sagte: ist es ein Gummi mit Re- servoir? Nicht: Luis ist ein dummer Barbar. Ein Kondom mit Reser- voir. Geh von mir runter.» «Wer ist was?» stöhne ich. «Zieh ihn raus», ächzt sie und windet sich. «Ich hör gar nicht hin», sage ich und presse meinen Mund auf, ihre perfekten, kleinen Nippel, beide steif und hart, auf festen, di- cken Titten. «Zieh ihn raus, verdammt noch mal!» schreit sie. «Was willst du, Courtney?» grunze ich und verlangsame meine Stöße, bis ich mich dann aufrichte, über ihr Knie, der Schwanz noch halb drinnen. Sie schiebt sich ans Kopfende des Bettes, und mein Schwanz rutscht raus. «Es hat eine normale Spitze. Glaube ich jedenfalls.» «Mach das Licht an», sagt sie und versucht, sich aufzusetzen. «Herrje. Ich geh nach Hause.» «Patrick», sagt sie warnend. «Mach das Licht an.» Ich strecke die Hand aus und knipse die Halogenlampe an. «Siehst du, eine normale Spitze», sage ich. «Also?» «Zieh es ab», meint sie knapp. «Warum?» «Weil du vorne einen Zentimeter überstehen lassen mußt», sagt sie und bedeckt ihre Brüste mit der Hermés-Steppdecke, sie spricht lauter, am Ende ihrer Geduld, «um die Wucht des Ejakulats aufzu- fangen!» «Ich verzieh mich hier», drohe ich, bewege mich aber nicht. «Wo ist dein Lithium?» Sie wirft sich ein Kissen übers Gesicht, murmelt etwas und rollt sich wie ein Baby zusammen. Ich glaube, sie fängt an zu weinen. «Wo ist dein Lithium, Courtney?» frage ich ruhig. «Du mußt et- was davon nehmen.» Sie murmelt erneut etwas Unverständliches und schüttelt unter dem Kissen den Kopf – nein, nein, nein. «Was? Was hast du gesagt?» frage ich mit bemühter Freundlich-, keit und rubbele mich wieder zu einer kläglichen Erektion hoch. «Wo?» Schluchzer unter dem Kissen, kaum wahrnehmbar. «Dein Heulen hör ich, aber ich versteh immer noch kein Wort von dem, was du sagst.» Ich versuche, ihr das Kissen vom Kopf zu ziehen. Wieder murmelt sie, wieder macht es keinen Sinn. «Courtney», warne ich sie und werde wütend, «solltest du ge- rade gesagt haben, was ich verstanden habe, daß dein Lithium im Kühlschrank steht, neben dem Frusen-Glädje-Eis, und ein Sorbet ist» – und jetzt schreie ich – «solltest du das wirklich gesagt haben, dann bringe ich dich um. Ist es ein Sorbet? Ist dein Lithium wirklich ein Sorbet?» Schließlich reiße ich ihr das Kissen vom Gesicht und gebe ihr eine saftige Ohrfeige. «Glaubst du, es macht mich an, wenn du Risiko-Sex mit mir ver- suchst?» schreit sie zurück. «Mein Gott, es lohnt den Aufstand nicht», murmele ich und ziehe das Kondom ein Stückchen runter, so daß vielleicht ein Zen- timeter vorne Platz drin ist – naja, eher weniger. «Nun guck, Court- ney, wofür ist das jetzt gut? He? Erklär’s uns.» Ich geb ihr noch eine Ohrfeige, diesmal sanfter. «Warum ist es zwei Zentimeter runterge- zogen? Damit es die Wucht des Ejakulats auffangen kann!» «So was macht mich nicht an.» Sie ist hysterisch und in Tränen aufgelöst. «Ich rechne mit einer Beförderung. Ich fliege im August nach Barbados, und das lasse ich mir nicht von einem Kaposi-Sar- kom versauen!» Sie räuspert sich tränenerstickt. «Ich will einen Bi- kini tragen», jammert sie. «Einen Norma Kamali, den ich mir ge- rade erst bei Bergdorf ’s gekauft habe.» Ich schnappe mir ihren Kopf und zwinge sie, das Kondom anzu-, sehen. «Siehst du? Zufrieden, du blöde Kuh? Bist du jetzt zufrieden, du blöde Kuh?» Ohne meinen Schwanz anzusehen, schluchzt sie: «Oh, Gott, bringen wir’s einfach hinter uns» und fällt zurück aufs Bett. Rüde stoße ich meinen Schwanz wieder in sie rein und bringe mich zu ei- nem Orgasmus, so schwach, daß er eigentlich gar nicht vorhanden ist, aber mein Stöhnen über diese schwere, wenn auch erwartete Enttäuschung wird von Courtney als Ausdruck der Befriedigung mißverstanden und spornt sie, die schluchzend und schniefend neben mir auf dem Bett liegt, augenblicklich dazu an, eine Hand zwischen ihre Beine zu stecken, aber ich schlaffe schon ab – eigent- lich schon während ich komme –, aber wenn ich ihn nicht raus- ziehe, solange er noch eregiert ist, wird sie ausflippen, also halte ich das Kondom unten fest und schrumpfe buchstäblich aus ihr raus. Nachdem wir vielleicht zwanzig Minuten lang jeder auf einer Seite des Bettes gelegen haben und Courtney über Luis und antike Holz- brettchen und die Käsereibe und die Keksdose aus Sterlingsilber gequengelt hat, die sie bei Harry’s vergessen hat, versucht sie, mir einen zu blasen. «Ich will dich schon noch mal ficken», erkläre ich ihr, «aber ohne Kondom, denn mit spüre ich überhaupt nichts», worauf sie ihren Mund von meinem schlappen, verschrumpelten Schwanz nimmt und ruhig sagt: «Wenn du keins benutzt, wirst du erst recht nichts zu spüren bekommen.»,

Business Meeting

Jean, meine in mich verliebte Sekretärin, kommt ohne Voranmel- dung in mein Büro und berichtet, daß ich um elf bei einem sehr wichtigen Meeting sein muß. Ich sitze an dem Palazzetti-Schreib- tisch mit Glasplatte, starre durch meine Ray-Ban auf den Mo- nitor, kaue Nuprin, bin noch verkatert von einer Koksparty, die gestern abend ganz unschuldig im Shout! mit Chris Hamilton, Andrew Spencer und Chris Stafford angefangen hatte, sich dann in den Princeton Club verlagerte, im Bacardia weiterging und ge- gen halb vier im Nell’s endete; und obwohl mir heute morgen, als ich in der Badewanne lag und an einer Stoli Bloody Mary nippte, nach höchstens vier Stunden schweißnassem, traumlosem Schlaf, noch eingefallen war, daß dieses Meeting anstand, scheine ich es auf der Taxifahrt downtown vergessen zu haben. Jean trägt eine rote Stretchseidenjacke, einen Häkellook-Rock aus Rayonbändern, rote Lederpumps mit Satinschleife von Susan Bennis Warren Ed- wards und vergoldete Ohrringe von Robert Lee Morris. Da steht sie vor mir, nimmt meinen Schmerz gar nicht wahr, eine Akte in der Hand. Nachdem ich ungefähr eine Minute so getan habe, als bemerkte ich sie nicht, schiebe ich schließlich meine Sonnenbrille etwas run- ter und räuspere mich. «Ja? Noch etwas? Jean?» «Schlecht geschlafen, der Herr?» Sie lächelt, legt die Akte scheu auf meinen Schreibtisch und steht da in Erwartung von … was ei- gentlich, amüsanten Anekdoten von letzter Nacht? «Ja, Dummchen. Der Herr hat heute schlecht geschlafen», zische, ich, schnappe mir die Akte und werfe sie in die oberste Schublade. Sie glotzt mich an, versteht nichts und sagt dann, plötzlich nie- dergeschlagen: «Ted Madison hat angerufen. Und James Baker. Sie wollen Sie um sechs im Fluties treffen.» Ich starre sie wütend an, seufze. «Aha, und was sollten Sie sa- gen?» Sie lacht nervös, steht mit aufgerissenen Augen da. «Ich weiß nicht so recht.» «Jean.» Ich stehe auf, um sie aus meinem Büro zu führen. «Was … sollten … Sie … sagen?» Es dauert eine Zeit, schließlich ahnt sie es, ängstlich. «Sag … ein- fach … nein?» «Just … say … no.» Ich nicke, schiebe sie hinaus und knalle die Tür zu. Bevor ich mein Büro für das Meeting verlasse, nehme ich zwei Valium, spüle sie mit Perrier runter, trage dann mit feuchten Wat- tebäuschen eine Peelingmaske für mein Gesicht auf und danach eine Feuchtigkeitscreme. Ich trage einen Wolltweedanzug und ein gestreiftes Baumwollhemd, beides von Yves Saint Laurent, eine Sei- denkrawatte von Armani und neue schwarze Schnürschuhe mit ge- rader Kappe von Ferragamo. Ich nehme Plax, dann putze ich mir die Zähne, und als ich mir die Nase schneuze, machen schnürsen- keldicke Blut- und Rotzfäden Flecken auf ein Fünfundvierzig-Dol- lar-Taschentuch, das unglücklicherweise kein Geschenk war. Aber ich trinke mittlerweile fast zwanzig Liter Evian am Tag und gehe regelmäßig ins Sonnenstudio, und eine Nacht koksen hat der Zart- heit meiner Haut oder ihrer Farbe nicht geschadet. Mein Teint ist immer noch exzellent. Drei Tropfen Visine klären die Augen. Ein, Eisbeutel strafft die Haut. Heißt alles in allem: Ich fühle mich wie Dreck, sehe aber toll aus. Außerdem schaffe ich es als erster in den Konferenzraum. Luis Carruthers folgt mir wie ein Schoßhündchen auf den Fersen, knapp Zweiter, und nimmt den Stuhl neben mir, was bedeutet, daß ich den Walkman abnehmen soll. Er trägt ein kariertes Sportsakko aus Wolle, eine Wollhose, ein Hugo-Boss- Baumwollhemd und eine Paisleykrawatte – die Hose ist vermutlich von Brooks Brothers. Er fängt an, über ein Restaurant in Phoenix zu rhabarbern, Propheteers, über das ich in der Tat etwas hören möchte, nur nicht von Luis Carruthers. Ich bin aber immer noch auf zehn Milligram Valium und komme deshalb damit klar. In der Patty Winters Show heute morgen ging es um Nachfahren von Überlebenden der Donner Party. «Die Gäste waren totale Bauern, wie zu erwarten», sagt Luis. «Sie wollten mich zu einer Provinzaufführung von Les Miz schleppen, obwohl ich schon die Londoner Inszenierung gesehen habe, aber –» «Gab es irgendwelche Schwierigkeiten, im Propheteers einen Tisch zu kriegen?» schneide ich ihm das Wort ab. «Nein. Überhaupt nicht», sagt er. «Wir haben spät gegessen.» «Was hast du bestellt?» frage ich. «Ich hatte die pochierten Austern, die Lotte und Walnuß- Tarte.» «Die Lotte soll gut sein, hab ich gehört», murmele ich gedanken- verloren. «Der Kunde hatte den Boudin Blanc, das Roast Chicken und den Käsekuchen», sagt er. «Käsekuchen?» sage ich, verwirrt von dieser einfachen, fremdar- tig klingenden Aufzählung. «Was für Soßen oder Früchte waren auf, dem Huhn? In was für eine Form war es geschnitten?» «In gar keine, Patrick», sagt er, ebenfalls verwirrt. «Es war … ge- grillt.» «Und der Käsekuchen, welche Sorte? War er warm?» frage ich. «Ricotta-Käsekuchen? Ziegenkäse? Waren Blumen oder Koriander drin?» «Er war ganz … normal», sagt er, und dann: «Patrick, du schwitzt.» «Was hatte sie?» frage ich, ohne ihn zu beachten. «Die Fickmaus vom Kunden.» «Tja, sie hatte den Country Salat, die Muscheln und die Zitro- nen-Tarte», sagt Luis. «Die Muscheln, waren sie gegrillt? Waren es Sashimi-Muscheln? In einer Art Ceviche?» frage ich. «Oder waren sie gratiniert?» «Nein, Patrick», sagt Luis. «Sie waren …, gekocht.» Es ist still im Konferenzraum, als ich darüber sinniere, es durch- denke, bevor ich schließlich frage: «Was ist ‹gekocht›, Luis?» «Ich bin mir nicht sicher», sagt er. «Ich vermute man braucht dazu einen … Topf.» «Wein?» frage ich. «Ein 85er Sauvignon Blanc», sagt er. «Jordan. Zwei Flaschen.» «Auto?» frage ich. «Hast du in Phoenix gemietet?» «BMW.» Er lächelt. «Der kleine schwarze Flitzer.» «Hip», murmele ich und erinnere mich an letzte Nacht, wie ich auf der Toilette im Nell’s total abdrehte – Schaum vor dem Mund, alles, woran ich denken konnte, waren Insekten, viele Insekten, und Tauben hinterherjagen, Schaum vor dem Mund und Tauben hin- terherjagen. «Phoenix. Janet Leigh kam aus Phoenix …» Ich halte, inne, fahre dann fort. «Sie wurde in der Dusche erstochen. Enttäu- schende Szene.» Pause. «Das Blut sah nicht echt aus.» «Hör mal, Patrick», sagt Luis und drückt sein Taschentuch in meine Hand; meine Finger sind zur Faust geballt und entspannen sich bei Luis’ Berührung. «Dibble und ich haben nächste Woche zusammen Lunch im Yale Club. Möchtest du mitkommen?» «Klar.» Ich denke an Courtneys Schenkel, gespreizt und um mein Gesicht geschlungen, und als ich für einen kurzen, blitzartigen Mo- ment zu Luis rübersehe, wirkt sein Kopf wie eine sprechende Va- gina, und das macht mir eine Höllenangst, es bringt mich dazu, einfach irgendwas zu sagen, während ich mir den Schweiß von den Brauen wische. «Das ist ein … netter Anzug, Luis.» Das denkbar Abwegigste. Er sieht an sich herunter, als ob er überrascht wäre. Und dann wird er rot, aufgeregt und berührt sein Revers. «Danke, Pat. Du siehst auch toll aus … wie immer.» Und als er die Hand ausstreckt, um meinen Schlips zu berühren, packe ich sie, bevor seine Finger so weit kommen, und sage ihm: «Das Kompliment genügt.» Reed Thompson kommt rein und trägt einen karierten Vier- knopf-Zweireiher aus reiner Wolle, ein gestreiftes Baumwollhemd und eine Seidenkrawatte, alles Armani, leicht affektierte blaue Baumwollsocken von Interwoven und schwarze Schnürschuhe mit gerader Kappe von Ferragamo, die genauso wie meine aussehen; in einer hübsch manikürten Hand hält er eine Ausgabe des Wall Street Journal, ein Bill-Kaisermann-Tweed-Balmacaan-Mantel hängt zwanglos über seinem anderen Arm. Er nickt und setzt sich uns gegenüber an den Tisch. Kurz danach kommt Todd Broderick in einem Sechsknopf-Zweireiher aus reiner Wolle mit Kreidestrei-, fen, einem gestreiften Hemd aus Pinpoint-Oxford und einem Sei- denschlips rein, alles von Polo, dazu ein affiges Leinen-Einsteck- tuch, das ziemlich sicher auch von Polo ist. Als nächstes kommt McDermott, er hat eine Ausgabe des New York Magazine von dieser Woche und die Financial Times von heute morgen dabei, er trägt eine neue Oliver-Peoples-Brille aus Fensterglas mit Redwood-Rah- men, einen schwarz-weißen Hahnentritt-Sakko mit fallendem Re- vers, ein gestreiftes Baumwoll-Frackhemd mit Haifischkragen und eine Paisley-Seidenkrawatte, alles maßgeschneiderte Entwürfe von John Reyle. Ich lächle und sehe mit hochgezogenen Augenbrauen McDer- mott an, der sich träge neben mich setzt. Er seufzt, schlägt die Zei- tung auf und liest schweigend. Da es von ihm weder ein ‹Hallo› noch ein ‹Guten Morgen› zu hören gab, gehe ich davon aus, daß er sauer ist, und ich vermute, daß es etwas mit mir zu tun hat. Als ich schließlich spüre, daß Luis gleich etwas sagen wird, drehe ich mich zu McDermott. «Also, McDermott, stimmt was nicht?» Ich lächle süffisant. «Lange Schlange am Stairmaster heute morgen?» «Wer sagt, daß irgendwas nicht stimmt?» fragt er, schnieft und blättert in der Financial Times. «Hör zu», sage ich zu ihm und beuge mich zu ihm rüber. «Ich habe mich bereits dafür entschuldigt, daß ich dich wegen der Pizza bei Pastels neulich abend angebrüllt habe.» «Wer sagt, daß es deswegen ist?» fragt er angespannt. «Ich dachte, wir hätten das schon geklärt», flüstere ich, packe seine Armlehne und lächle zu Thompson rüber. «Es tut mir leid, daß ich die Pizza bei Pastels geschmäht habe. Zufrieden?», «Wer sagt, daß es deswegen ist?» fragt er noch mal. «Was ist es dann, McDermott?» flüstere ich und spüre eine Be- wegung hinter mir. Ich zähle bis drei, wirble dann herum und er- wische Luis, der sich zum Lauschen zu mir rüberlehnt. Er weiß, daß er ertappt wurde, und sinkt langsam in seinen Stuhl zurück, schuldbewußt. «McDermott, das ist lächerlich», flüstere ich. «Du kannst nicht weiter auf mich böse sein, bloß weil ich die Pizza bei Pastels … tro- cken finde.» «Brüchig», sagt er. «Das Wort, das du benutzt hast, war brüchig.» «Ich entschuldige mich», sage ich. «Aber ich habe recht. Sie ist brüchig. Du hast die Kritik in der Times gelesen, stimmt’s?» «Hier.» Er langt in seine Tasche und gibt mir einen kopierten Ar- tikel. «Nur um dir zu beweisen, daß du unrecht hast. Lies das.» «Was ist das?» frage ich und falte das Blatt auf. «Ein Artikel über deinen Helden, Donald Trump.» McDermott grinst. «Klarer Fall», sage ich besorgt. «Ich frage mich, warum ich den nie gesehen habe.» «Und …» McDermott überfliegt den Artikel und richtet einen anklagenden Finger auf den Schlußabsatz, den er mit Rot markiert hat. «Wo gibt’s Donald Trumps Meinung nach in Manhattan die beste Pizza?» «Laß mich das lesen», seufze ich und winke ihn weg. «Du könn- test dich irren. Was für ein mieses Foto.» «Bateman, schau. Ich hab’s eingekreist», sagt er. Ich tue so, als würde ich den Scheißartikel lesen, aber dabei werde ich sehr wütend, muß McDermott den Artikel zurückgeben, und frage ihn völlig verärgert: «Was soll’s? Was heißt das schon? Was willst du, McDermott, mir zu verstehen geben?» «Wie denkst du jetzt über die Pizza bei Pastels, Bateman?» fragt er selbstgefällig. «Tja.» Ich wähle meine Worte sorgfältig. «Ich vermute, ich muß die Pizza da noch mal probieren …» Ich sage das mit zusammen- gebissenen Zähnen. «Ich möchte bloß noch mal darauf hinweisen, als ich das letzte Mal da war, war die Pizza …» «Mürbe?» bietet McDermott an. «Ja.» Ich zucke mit den Achseln. «Mürbe.» «Ah ja.» McDermott lächelt triumphierend. «Paß auf, wenn die Pizza mit Donny klargeht …» Ich hasse es, dies McDermott gegenüber zugeben zu müssen; dann seufze ich und sage fast unhörbar: «… geht sie auch mit mir klar.» McDermott gackert schadenfroh, ganz Sieger. Ich zähle drei Seidenkrepp-Krawatten, eine Seidensatin-Webkra- watte von Versace, zwei Seidenkrawatten mit Foulard-Print, eine Seidenkrawatte von Kenzo, zwei Seidenjacquard-Krawatten. Die Düfte von Xeryus, Tuscani, Armani, Obsession, Polo, Grey Flannel und sogar Antaeus vermischen sich, wehen ineinander, steigen aus den Anzügen in die Luft und bilden ihr eigenes Aroma: ein kaltes, widerwärtiges Parfüm. «Aber ich entschuldige mich nicht», warne ich McDermott. «Das hast du schon, Bateman», sagt er. Paul Owen kommt herein in einem Einknopf-Sportsakko aus Kaschmir, einer sommerlichen Wollflanell-Freizeithose, einem Button-Down-Hemd mit Tab-Kragen von Ronaldus Shamask, aber es ist vor allem die Krawatte – von Andrew Fezza für Zanzarra, mit blauen, schwarzen, roten und gelben Blockstreifen –, die mich beeindruckt. Auch Carruthers wirkt aufgeregt, er lehnt sich zu mir und fragt mich, wenn ich das richtig höre: «Glaubst du, daß er die auf die Unterhose abgestimmt hat?» Als ich nicht antworte, zieht er sich zurück, schlägt eine von den Sports Illustrated auf, die in der Mitte des Tischs liegen, und fängt an, während er vor sich hin- summt, einen Artikel über olympische Turmspringer zu lesen. «Hallo, Halberstam», sagt Owen, als er vorbeikommt. «Hallo Owen», sage ich und bewundere sein Styling und wie er sein Haar nach hinten gekämmt hat, mit einem so gleichmäßigen und scharfen Scheitel, daß es mich … umhaut und ich mir für spä- ter vornehme, ihn zu fragen, woher er seine Haarpflegeprodukte bezieht, welches Styling-Mousse er benutzt; nachdem ich eine Weile nachgegrübelt habe, komme ich zu dem Schluß, daß es Ten- X sein könnte. Greg McBride kommt herein und bleibt neben meinem Stuhl stehen. «Hast du die Winters Show heute morgen gesehen? Wahn- sinn. Totaler Wahnsinn», und wir geben uns High-Five, bevor er sich zwischen Dibble und Lloyd niederläßt. Gott weiß, wo die her- gekommen sind. Kevin Forrest, der mit Charles Murphy reinkommt, sagt: «Mein Call-waiting ist kaputt. Felicia hat irgendwas vermasselt.» Ich achte nicht mal darauf, was sie anhaben. Aber ich ertappe mich dabei, wie ich Murphys edle Manschettenknöpfe anstarre, Eulen mit blauen Kristallaugen.,

Videothek, danach D’Agostino’s

Ich laufe bei VideoVisions herum, der Videothek in der Nähe von meinem Apartment auf der Upper West Side, schlürfe Diet Pepsi, das neue Tape von Christopher Cross plärrt aus den Kopfhörern meines Sony Walkman. Nach dem Büro habe ich mit Montgomery Racquetball gespielt, dann eine Shiatsu-Massage, anschließend traf ich Jesse Lloyd, Jamie Conway und Kevin Forrest auf ein paar Drinks bei Rusty’s auf der Seventy-third. Heute abend habe ich ei- nen neuen Mantel von Ungaro Uomo Paris an und trage einen Bot- tega Veneta Aktenkoffer und einen Schirm von Georges Caspar. Der Videoladen ist voller als üblich. Es sind zu viele Pärchen vor mir in der Schlange, um She-Male Reformatory oder Ginger’s Cunt ohne ein Gefühl der Peinlichkeit oder des Unwohlseins auszulei- hen, außerdem bin ich in der Horrorabteilung gerade Robert Ailes von First Boston über den Weg gelaufen, jedenfalls glaube ich, daß es Robert Ailes war. Er murmelte «Hallo, McDonald», als er an mir vorbeikam, mit Freitag der 13., Teil 7 und einer Dokumentation über Abtreibungen in, wie ich feststellte, schön manikürten Hän- den, einzig verunstaltet durch etwas, das mir nach einer Duplak- Vollgold-Rolex aussah. Da Pornos nicht zur Debatte stehen, sehe ich mich bei Light Co- medy um; ich fühle mich übers Ohr gehauen, entscheide mich für einen Woody-Allen-Film, bin aber immer noch nicht befriedigt. Ich will etwas Besonderes. Ich durchstreife die Rock-Musical-Ab- teilung – nichts –, dann bin ich in der Horror-Comedy-Sektion – dito –, und plötzlich packt mich ein leichter Anfall von Panik., Man muß aus zu vielen verdammten Filmen auswählen. Ich ducke mich hinter ein Werbe-Display für die neue Dan-Aykroyd-Komö- die, nehme zwei Fünf-Milligramm-Valium, spüle sie mit Diet Pepsi runter. Dann, fast mechanisch, wie vorprogrammiert, greife ich nach Der Tod kommt zweimal – ein Film, den ich 37mal ausgelie- hen habe – und gehe zum Counter, wo ich zwanzig Minuten darauf warte, daß mich ein plumpes Mädchen (fünf Pfund Übergewicht, trockenes Kraushaar) bedient. Sie trägt allen Ernstes einen sackar- tigen, undefinierbaren Sweater – definitiv kein Designerteil –, ver- mutlich um zu kaschieren, daß sie keine Titten hat, und Scheiße, was nützt es, daß sie ganz hübsche Augen hat? Endlich bin ich dran. Ich gebe ihr die leeren Hüllen. «Ist das alles?» fragt sie und nimmt meine Mitgliedskarte. Ich trage persischschwarze Mario-Valentino-Handschuhe. Meine Mit- gliedschaft bei VideoVision kostet jährlich nur zweihundertfünfzig Dollar. «Haben Sie irgendwas mit Jami Gertz?» frage ich sie und versu- che dabei, direkten Augenkontakt mit ihr herzustellen. «Was?» fragt sie zerstreut. «Filme mit Jami Gertz drin?» «Wer?» Sie tippt etwas in den Computer und sagt dann, ohne mich anzusehen: «Wieviel Tage?» «Drei», sage ich. «Wissen Sie nicht, wer Jami Gertz ist?» «Ich glaube nicht.» Jetzt seufzt sie. «Jami Gertz», sage ich. «Sie ist Schauspielerin.» «Ich glaube, ich weiß nicht, wen Sie meinen», sagt sie in einem Ton, der mir bedeuten soll, daß ich sie belästige, aber hey, sie ar- beitet in einer Videothek, und wer will ihr bei einem so anspruchs-, vollen und aufreibenden Beruf zickiges Benehmen vorwerfen, wie? Was ich dem Körper dieses Mädchens mit einem Hammer alles antun, welche Worte ich ihr mit einem Eispickel einmeißeln könnte. Sie gibt dem Typen hinter ihr meine Hüllen – ich tue so, als bemerke ich seine entsetzte Reaktion nicht, als er mich nach ei- nem Blick auf die Der-Tod-kommt-zweimal-Hülle erkennt –, aber pflichtbewußt geht er in eine Art Tresor im Hinterraum des Ladens und holt die Filme. «Klar. Sie wissen schon», sage ich gutmütig. «Sie ist in dieser Diet-Coke-Reklame. Sie kennen sie.» «Wirklich, ich glaube nicht», sagt sie so monoton, daß es mir beinahe die Sprache verschlägt. Sie tippt die Namen der Filme und dann meine Mitgliedsnummer in den Computer. «Am liebsten mag ich die Stelle in Der Tod kommt zweimal, wo die Frau … von diesem Schlagbohrer im Film … durchbohrt wird», sage ich fast keuchend. Es scheint jetzt sehr heiß im Laden zu sein, und nach einem gemurmelten, atemlosen «O mein Gott», lege ich eine be- handschuhte Hand auf den Counter, um das Zittern abzustellen. «Und das Blut tropft von der Decke.» Ich atme tief ein, und wäh- rend ich das sage, fängt mein Kopf an, unkontrolliert zu nicken, und ich muß schlucken, dabei denke ich: Ich muß ihre Schuhe se- hen, und so unauffällig wie möglich versuche ich, über den Coun- ter zu spähen, um rauszufinden, was für eine Art Schuhe sie trägt, aber es ist zum Verrücktwerden, es sind nur Sneakers – nicht K- Swiss, nicht Tretorn, nicht Adidas, nicht Reebok, nur irgendwelche ganz billigen. «Hier unterschreiben.» Sie gibt mir die Kassetten, ohne mich an- zusehen, sie weigert sich, mich zu erkennen; nachdem sie einmal, tief durchgeatmet hat, winkt sie die nächsten in der Reihe zu sich, ein Pärchen mit Baby. Auf dem Rückweg zu meinem Apartment gehe ich bei D’Agostino’s vorbei, wo ich zum Dinner zwei große Flaschen Per- rier kaufe, ein Sixpack Coke Classic, einen Kopf Arugula, fünf mit- telgroße Kiwis, eine Flasche Estragon-Essig, einen Becher Crème Fraîche, eine Packung Mikrowellen-Tapas, eine Schachtel Tofu und einen weißen Schokoriegel, den ich an der Kasse mitnehme. Draußen ignoriere ich den Penner, der vor dem Les-Misérables- Poster lagert und ein Schild hält, auf dem steht: ICH HABE MEI- NEN JOB VERLOREN ICH BIN HUNGRIG ICH HABE KEIN GELD BITTE HELFEN SIE; er muß flennen, nachdem ich den Ver- arsch-den-Penner-mit-dem-Dollar-Trick bringe und ihm sage: «Je- sus, könntest du dich bitte rasieren.» Meine Augen richten sich wie von Radar geleitet auf einen roten Lamborghini Countach, der am Bürgersteig geparkt ist, glänzend unter den Straßenlampen, und ich muß anhalten, daß Valium knallt schlagartig, unerwartet rein, alles andere wird ausgelöscht, der heulende Penner, die schwarzen Kids, die zur plärrenden Beatbox rappen, die Scharen von Tauben, die auf der Suche nach einem Schlafplatz über uns hinwegfliegen, die Ambulanz-Sirenen, die hupenden Taxis, die gutaussehende Maus im Betsey-Johnson-Dress, alles verschwindet, und in einer Art Zeitrafferaufnahme – aber in Zeitlupe, wie im Film – geht die Sonne unter, die Stadt wird dunkler, und alles, was ich sehen kann, ist der rote Lamborghini, und alles, was ich hören kann, ist mein eigenes gleichmäßiges, stetes Schnaufen. Minuten später (ich weiß nicht, wie viele) stehe ich immer noch da vor dem Laden, sabbere und glotze.,

Gesichtskosmetik

Ich verlasse das Büro um halb fünf, gehe zu Xclusive, wo ich eine Stunde mit Free Weights trainiere, fahre dann mit dem Taxi durch den Park zu Gio’s im Pierre Hotel für eine Gesichtsbehandlung, eine Maniküre und, wenn die Zeit reicht, eine Pediküre. Ich liege auf dem hochgefahrenen Tisch in einem der Privaträume und warte darauf, daß Helga, meine Hauttechnikerin, sich um mein Gesicht kümmert. Mein Brooks-Brothers-Hemd und der Garric- Anderson-Anzug hängen im Schrank, meine A.-Testoni-Loafers stehen auf dem Boden, Dreißig-Dollar-Socken von Barney’s sind in ihnen aufgerollt, Sechzig-Dollar-Boxershorts von Comme des Garçons sind das einzige Kleidungsstück, das ich noch anhabe. Der Kittel, den ich eigentlich noch tragen sollte, liegt verkrum- pelt neben der Duschkabine, weil ich will, daß Helga meinen Kör- per sieht, meine Brust bemerkt, sieht, wie verdammt straff meine Bauchmuskeln geworden sind, seit ich das letzte Mal da war, ob- wohl sie viel älter ist als ich – dreißig, fünfunddreißig – und ich sie niemals ficken würde. Ich schlürfe Diet Pepsi, die mir Mario, der Laufbursche, gebracht hat, mit zerstoßenem Eis in einem Extraglas, das ich zwar verlangt habe, aber nicht will. Ich nehme mir die Post von heute von einem gläsernen Smit- hly-Watson-Zeitschriftenständer und überfliege die Klatschko- lumne, dann bleibt mein Auge an einer Story über die neuesten Enthüllungen von Kreaturen, halb Vogel, halb Nagetier hängen – im Grunde Tauben mit Rattenkopf und -schwanz –, die im tiefs- ten Harlem entdeckt wurden und jetzt langsam Richtung Midtown, vordringen. Ein grobkörniges Foto eines dieser Dinger begleitet den Artikel, aber Experten, so versichert uns die Post, sind sich ziemlich einig darüber, daß es sich bei dieser neuen Brut um ei- nen Schwindel handelt. Wie immer lindert dies nicht meine Angst, und es erfüllt mich mit namenloser Furcht, daß irgend jemand da draußen Energie und Zeit darauf verschwendet hat, sich das alles auszudenken: eine Fotografie zu fälschen (und das auch noch halb- herzig, das Ding sieht aus wie ein beschissener Big Mäc) und das Foto an die Post zu schicken, dann die Entscheidung bei der Post, die Story zu bringen (Konferenzen, Debatten, die Versuchung, das ganze Ding in letzter Minute zu kippen?), das Foto zu drucken, jemand darüber schreiben und Experten interviewen zu lassen, schließlich alles auf Seite drei in der heutigen Ausgabe zu bringen, so daß heute nachmittag in der Stadt hunderttausend Leute beim Lunch darüber reden. Ich schließe die Zeitung und lege mich er- schöpft zurück. Die Tür zum Privatraum öffnet sich, und ein Mädchen, das ich noch nie gesehen habe, kommt herein, und durch halbgeschlos- sene Augen kann ich sehen, daß sie jung, italienisch, attraktiv aus- sieht. Sie lächelt, setzt sich auf einen Stuhl zu meinen Füßen und beginnt mit der Pediküre. Sie löscht das Deckenlicht, und außer strategisch plazierten Halogenlampen, die meine Füße, Hände und mein Gesicht beleuchten, wird es dunkel im Raum, wodurch man unmöglich erkennen kann, was für einen Körper sie hat, nur daß sie graues Wildleder und schwarze geknöpfte Lederstiefeletten von Maud Frizon trägt. Die Patty Winters Show heute morgen war über Killer-UFOS. Helga kommt. «Ah, Mr. Bateman», sagt Helga. «Wie geht’s?», «Sehr gut, Helga», sage ich und spanne die Muskeln in Bauch und Brust an. Meine Augen sind geschlossen, damit es natürlich aussieht, als ob die Muskeln ein Eigenleben hätten und ich nichts dagegen machen kann. Aber Helga legt den Kittel sanft über meine bebende Brust, knöpft ihn zu und tut so, als bemerke sie das Wo- gen unter der gebräunten, sauberen Haut nicht. «Sie sind schon so bald zurück», sagt sie. «Ich war erst vor zwei Tagen hier», sage ich verwirrt. «Ich weiß, aber …» Sie hält inne, wäscht ihre Hände im Becken. «Egal.» «Helga?» frage ich. «Ja, Mr. Bateman?» «Als ich reinkam, fiel mir ein Paar Männer-Loafers mit Gold- quasten von Bergdorf Goodman auf, die vor der Tür nebenan stan- den und geputzt werden sollten. Wem gehören sie?» frage ich. «Das sind Mr. Erlangers», sagt sie. «Mr. Erlanger von Lehmann’s?» «Nein, Mr. Erlanger von Salomon Brothers», sagt sie. «Habe ich je erzählt, daß ich eine große gelbe Smiley-Maske tra- gen und die CD-Version von Bobby McFerrins ‹Don’t Worry, Be Happy› auflegen möchte, dann ein Mädchen und einen Hund neh- men – einen Collie, einen Chow, einen Sharpei, es kommt nicht so darauf an –, eine Transfusionspumpe, so einen Tropf anschließen und dann ihr Blut austauschen möchte, genau, das Hundeblut in den Hardbody pumpen und umgekehrt, hab ich das je erzählt?» Während ich rede, kann ich das Mädchen, das an meinen Füßen arbeitet, einen Song aus Les Misérables summen hören, und dann fährt Helga mit einem feuchten Wattebausch über meine Nase,, beugt sich dicht über mein Gesicht und überprüft die Poren. Ich lache wie ein Wahnsinniger, atme dann tief ein und berühre meine Brust – in Erwartung eines schnell, ungeduldig klopfenden Her- zens, aber da ist nichts, nicht ein einziger Schlag. «Shhh, Mr. Bateman», sagt Helga und fährt mit einem warmen Luffaschwamm, der erst brennt und dann die Haut kühlt, über mein Gesicht. «Relaxen Sie.» «Okay», sage ich. «Ich relaxe.» «O Mr. Bateman», säuselt Helga. «Sie haben so eine schöne Haut. Wie alt sind sie? Darf ich fragen?» «Ich bin 26.» «Ah, deshalb. Sie ist so sauber. So sanft.» Sie seufzt. «Relaxen Sie einfach.» Ich drifte weg, meine Augen rollen in meinen Kopf zurück, die Muzak-Version von «Don’t Worry, Baby» ertränkt alle schlechten Gedanken, und ich denke nur an positive Dinge – den Tisch, den ich für heute abend für mich und Marcus Halberstams Freundin, Cecilia Wagner, bestellt habe, die Kohlrabi im Union Square Café, Skifahren am Buttermilk Mountain letzte Weihnachten in Aspen, die neue Compact Disc von Huey Lewis and the News, Frackhem- den von Ike Behar, Joseph Abboud, Ralph Lauren, schöne, einge- ölte Hardbodies, die sich in greller Videoausleuchtung gegenseitig die Mösen und Arschlöcher lecken, Wagenladungen von Arugula und Cilantro, meine Bräunungsnaht, das Aussehen meiner Rü- ckenmuskeln, wenn das Licht in meinem Badezimmer im richtigen Winkel auf sie fällt, Helga und ihre Hände, wie sie meine geschmei-, dige Gesichtshaut liebkost, einseift und bewundernd Creme, Loti- ons und Tonics einreibt und dabei flüstert: «O Mr. Bateman, ihre Haut ist so sauber und geschmeidig, so sauber», die Tatsache, daß ich nicht in einem Trailerpark wohne, auf einer Kegelbahn arbeite, zum Hockey gehe oder gegrillte Rippchen esse, den Anblick des AT&T-Buildings um Mitternacht und nur um Mitternacht. Jean- nie kommt herein und beginnt mit der Maniküre, zuerst schnei- det und feilt sie die Nägel, dann poliert sie mit einer Sandpapier- scheibe nach, um die restlichen Kanten auszugleichen. «Nächstes Mal möchte ich sie ein bißchen länger, Jeannie», warne ich sie. Still taucht sie meine Hände in warme Lanolin-Creme, trock- net sie ab und trägt Nagelhaut-Moisturizer auf, entfernt dann die Nagelhaut, während sie die Unterseite der Nägel mit einem Watte- stäbchen säubert. Ein Massagegerät pflegt Hände und Unterarme mit sanfter Wärme. Die Nägel werden zuerst mit einem Leder po- liert und dann mit einer Polier-Lotion.,

Date mit Evelyn

Evelyn ruft auf Call-waiting meiner dritten Leitung an, und ei- gentlich wollte ich das Gespräch gar nicht annehmen, aber da ich gerade auf der zweiten Leitung warte, um herauszufinden, ob Bullock, der Maître d’ im neuen Davis François-Restaurant beim Central Park South, irgendwelche Abbestellungen für heute abend hat, damit ich für Courtney (die auf der ersten Leitung wartet) und mich einen Tisch reservieren kann, nehme ich in der Hoff- nung, daß es meine Reinigung ist, das Gespräch an. Aber nein, es ist Evelyn, und obwohl es Courtney gegenüber nicht fair ist, rede ich mit ihr. Ich erzähle Evelyn, daß mein Privattrainer auf der an- deren Leitung ist. Dann erzähle ich Courtney, daß ich einen Anruf von Paul Owen annehmen muß und sie um acht im Turtle’s treffe, und trenne das Gespräch mit Bullock, dem Maître d’. Evelyn wohnt im Carlyle, seit die Frau aus dem Brownstone-Haus nebenan letzte Nacht ermordet aufgefunden wurde, ohne Kopf, und aus diesem Grund ist Evelyn total aufgewühlt. Sie kam mit dem Büro heute nicht klar und hat deshalb den Nachmittag damit verbracht, sich mit Gesichtsbehandlungen bei Elizabeth Arden zu beruhigen. Sie besteht auf gemeinsamem Dinner, und bevor ich mir eine plausible Lüge ausdenken kann, irgendeine akzeptable Ausrede, sagt sie: «Wo warst du letzte Nacht, Patrick?» Pause. «Wieso? Wo warst du?» frage ich und kippe eine Literfla- sche Evian in mich rein, immer noch etwas verschwitzt vom Work- out heute nachmittag. «Ich mußte mich mit dem Portier vom Carlyle rumstreiten»,, sagt sie und klingt ziemlich verbiestert. «Jetzt sag schon, Patrick, wo warst du?» «Und wieso mußtest du dich mit ihm rumstreiten?» frage ich. «Patrick», sagt sie – das kündigt etwas an. «Ich bin hier», sage ich nach einer Minute. «Patrick, darum geht’s doch nicht. Das Telefon in meinem Zim- mer war den ganzen Tag nicht belegt», sagt sie. «Wo warst du?» «Ich … war ewig in der Videothek und habe mir ein paar Filme ausgeliehen», sage ich, mit mir zufrieden, gebe mir selbst High- Five, das schnurlose Telefon in die Halsbeuge geklemmt. «Ich wollte rüberkommen», sagt sie in einem weinerlichen Kleinmädchenton. «Ich hatte Angst, habe ich immer noch. Hörst du es meiner Stimme nicht an?» «Eigentlich klingst du gar nicht so.» «Nein Patrick, ehrlich. Ich bin ziemlich erschüttert», sagt sie. «Ich zittere. Wie Espenlaub zittere ich. Frag Mia, meine Gesichts- kosmetikerin. Sie hat gesagt, ich sei verkrampft.» «Tja», sage ich, «du hättest sowieso nicht rüberkommen kön- nen.» «Honey, warum nicht?» weint sie und wendet sich dann an je- manden, der gerade die Suite betritt. «Rollen Sie es nur da rüber ans Fenster … nein, nicht an das Fenster … und können Sie mir sagen, wo die verdammte Masseuse bleibt?» «Weil der Kopf von deiner Nachbarin in meinem Kühlschrank lag», sage ich gähnend und strecke mich. «Hör zu. Dinner? Wo? Kannst du mich hören?» Um halb neun sitzen wir uns im Bacardia gegenüber. Evelyn trägt eine Anne-Klein-Rayon-Jacke, einen Wollcrêpe-Rock, eine, Seidenbluse von Bonwit’s, antike Gold- und Achatohrringe von James Robinson, die grob geschätzt viertausend Dollar kosten, und ich trage einen Zweireiher, ein Seidenhemd mit eingewebten Streifen, einen gemusterten Seidenschlips und Lederslipper, alles von Gianni Versace. Ich habe weder den Tisch im Turtle’s abbe- stellt noch Courtney Bescheid gesagt, daß aus unserer Verabredung nichts wird, also taucht sie wahrscheinlich gegen Viertel nach acht völlig durcheinander dort auf, und wenn sie heute kein Elavil ge- nommen hat, wird sie sicher wütend sein, und darüber – nicht über die Flasche Cristal, auf der Evelyn besteht, um den Champag- ner dann mit Cassis zu mischen – lache ich laut. Ich habe den Großteil des Nachmittags damit verbracht, mir frühe Weihnachtsgeschenke zu kaufen – eine große Schere in ei- nem Drugstore in der Nähe der City Hall, einen Brieföffner von Hammacher Schlemmer, ein Käsemesser von Bloomingdale’s, pas- send zu dem Käsebrett, das Jean, meine Sekretärin, die in mich verliebt ist, auf meinem Schreibtisch vergessen hat, bevor sie zum Lunch ging, während ich in einem Meeting war. In der Patty Win- ters Show heute morgen ging es um die Möglichkeit eines Nuklear- kriegs, und der Expertengruppe zufolge sind die Aussichten ziem- lich gut, daß es irgendwann innerhalb des nächsten Monats soweit sein wird. Evelyns Gesicht sieht jetzt kreideweiß aus, ihr Mund ist mit einem purpurnen Lipliner umrandet, was einen verblüffenden Effekt hat, und ich stelle fest, daß sie mit Verspätung Tim Prices Rat befolgt hat und keine Bräunungslotion mehr nimmt. Anstatt das zu erwähnen und mich von ihr mit albernen Ausflüchten langwei- len zu lassen, frage ich nach Tims Freundin Meredith, die Evelyn verachtet, ohne daß sie mir je die Gründe dafür ganz klargemacht, hat. Und wegen der Gerüchte über Courtney und mich hat aus noch näherliegenden Gründen auch Courtney bei Evelyn verschis- sen. Ich halte meine Hand über den Rand meiner Champagner- flöte, als die beflissene Kellnerin auf Evelyns Wunsch hin versucht, in meinen Cristal einen Schuß Cassis zu geben. «Nein, danke», sage ich zu ihr. «Vielleicht später. In einem Ex- traglas.» «Spielverderber.» Evelyn kichert, dann atmet sie tief ein. «Aber du riechst gut. Was trägst du – Obsession? Du Spielverderber, ist es Obsession?» «Nein», sage ich grimmig. «Paul Sebastian.» «Natürlich.» Sie lächelt und leert ihr zweites Glas. Sie scheint viel besserer Stimmung zu sein, aufgedreht fast, ausgelassener, als man es von jemandem erwarten würde, dessen Nachbarin bei vol- lem Bewußtsein mit einer elektrischen Mini-Kettensäge in Sekun- denschnelle der Kopf abgeschnitten wurde. Evelyns Augen glitzern für einen Moment im Kerzenlicht, dann verblassen sie wieder zu ihrem normalen Grau. «Wie geht es Meredith?» frage ich und versuche, mein gähnen- des Desinteresse zu verbergen. «O Gott. Sie trifft sich mit Richard Cunningham.» Evelyn stöhnt. «Er ist bei First Boston. Wer’s glaubt?» «Weißt du», erwähne ich, «Tim wollte sich von ihr trennen. Schluß machen.» «Warum, um Himmels willen?» fragt Evelyn überrascht, ver- blüfft. «Sie hatten dieses herrliche Haus in den Hamptons.» «Ich weiß noch, daß er mir mal erzählt hat, er fände es zum Kot- zen, ihr zusehen zu müssen, wie sie das ganze Wochenende nichts, anderes macht außer ihre Nägel zu feilen.» «O mein Gott», sagt Evelyn, und dann, ernsthaft verwirrt: «Du meinst … Moment, sie hatte niemand, der das für sie tat?» «Tim sagte – und das hat er ziemlich oft wiederholt –, daß sie die Persönlichkeit einer Quizmasterin hat», sage ich trocken und nippe an der Flöte. Sie lächelt still vor sich hin. «Tim ist ein Schuft.» Müßig denke ich darüber nach, ob Evelyn mit einer Frau schla- fen und mich dabei zusehen lassen würde; vielleicht wenn ich die andere in ihr Brownstone-Haus bringen und darauf bestehen würde. Würden sie mich Regie führen lassen, sich von mir sagen lassen, was sie tun sollen, sich von mir ihre Plätze unter heißen Ha- logenlampen zuweisen lassen? Wahrscheinlich nicht; die Chancen stehen schlecht. Aber was, wenn ich sie mit vorgehaltener Waffe dazu zwingen würde? Vielleicht damit drohen würde, alle beide aufzuschlitzen, falls sie nicht mitspielen? Der Gedanke scheint mir nicht ganz reizlos zu sein, und ich kann das ganze Szenario ziem- lich klar vor mir sehen. Ich zähle die Sitznischen und dann die Leute in den Sitznischen. Sie fragt nach Tim. «Wo glaubst du steckt dieser Schuft? Angeb- lich soll er bei Sachs sein», sagt sie drohend. «Angeblich», sage ich, «ist er auf Therapie. Dieser Champagner ist nicht kalt genug.» Ich bin abgelenkt. «Schickt er dir keine Kar- ten?» «Ist er krank?» fragt sie ganz leicht beklommen. «Ja, ich glaube schon», sage ich. «So wird’s sein. Weißt du, wenn man eine Flasche Cristal bestellt, dann sollte sie wenigstens, nun ja,– kalt sein.», «O mein Gott», sagt Evelyn, «glaubst du, er ist krank?» «Ja. Er ist in einer Klinik. In Arizona», füge ich hinzu. Das Wort Arizona hat etwas Mysteriöses, und ich sage es noch mal. «Arizona. Glaube ich.» «O mein Gott», schreit Evelyn auf, jetzt ernsthaft beunruhigt, und stürzt den kleinen Rest Cristal in ihrem Glas runter. «Wer weiß?» Ich zucke ganz leicht die Schultern. «Es ist doch nicht …» Sie atmet ein und stellt ihr Glas ab. «Es ist doch nicht …» Jetzt sieht sie sich im Restaurant um, ehe sie sich vorbeugt und flüstert: «… AIDS?» «O nein, nicht so was», sage ich, obwohl ich sofort wünsche, ich hätte vor der Antwort eine längere Pause gelassen, um ihr angst zu machen. «Nur … allgemeine … Hirn …» Ich beiße die Spitze einer Kräuterbrotstange ab und zucke mit den Schultern. «… schäden.» Evelyn seufzt, erleichtert, und sagt dann: «Ist es warm hier drin?» «Alles, woran ich denken kann, ist dieses Plakat, das ich neu- lich nachts, bevor ich die beiden schwarzen Kids gekillt habe, in der U-Bahn-Station gesehen habe – das Foto eines Kälbchens, das mit weit aufgerissenen, vom Blitzlicht geblendeten Augen in die Kamera starrt, der Körper sah aus, als hätte man ihn in eine Kiste gezwängt, und in großen, schwarzen Buchstaben stand unter dem Foto: ‹Frage: Warum kann dieses Kalb nicht laufen?› Und darunter: Antwort: ‹Weil es nur zwei Beine hat.› Aber dann habe ich noch ein Plakat gesehen, dasselbe Foto, dasselbe Kalb, doch diesmal stand darunter: ‹Laß dich bloß nicht mit Verlegern ein.›» Ich mache eine Pause, spiele immer noch mit der Brotstange und frage dann: «Dringt irgendwas von dem, was ich sage, zu dir durch, oder hätte, ich von, äh, einem Eiskübel mehr Interesse zu erwarten?» Das alles sage ich, während ich Evelyn direkt anstarre, mit deutlicher Beto- nung und in dem Bemühen, mich ihr verständlich zu machen, und als sie den Mund öffnet, erwarte ich, daß sie endlich begreift, wen sie vor sich hat. Zum allerersten Mal, seit ich sie kenne, strengt sie sich an, etwas Interessantes zu sagen, sie hat meine ganze Aufmerk- samkeit, und sie fragt: «Ist das …» «Ja?» Dies ist der einzige Moment des Abends, in dem ich echtes Interesse dafür empfinde, was sie zu sagen hat, und ich bedränge sie, fortzufahren. «Ja? Ist das …?» «Ist das … Ivana Trump?» fragt sie und späht über meine Schul- ter. Ich fahre herum. «Wo? Wo ist Ivana?» «In der Nische beim Vorderraum, die zweite von …» Evelyn hält inne. «… Brooke Astor. Siehst du?» Ich blinzele, setze meine Fensterglas-Brille von Oliver Peoples auf und stelle fest, daß Evelyn, ihre Sicht getrübt durch mit Cassis vermischtem Cristal, nicht nur Norris Powell für Ivana Trump ge- halten hat, sondern auch noch Steve Rubell für Brooke Astor, und ich kann mir nicht helfen, ich explodiere fast. «Nein, o mein Gott, o mein Gott, Evelyn», ächze ich, enttäuscht und am Boden zerstört, den Kopf in die Hände gestützt, mein Ad- renalinspiegel sackt ab. «Wie konntest du die Schlampe für Ivana halten?» «Sorry», höre ich sie zirpen. «Kleiner Fehler?» «Unverzeihlich», zische ich, beide Augen zusammengekniffen. Unsere Hardbody-Kellnerin, die hochhackige Satin-Pumps trägt, stellt zwei neue Champagnerflöten auf den Tisch für die, zweite Flasche Cristal, die Evelyn ordert. Die Kellnerin macht mir eine Schnute, als ich nach einer weiteren Brotstange greife, und ich hebe den Kopf und ziehe auch eine Schnute, nehme dann den Kopf zwischen meine Hände, und das Ganze wiederholt sich, als sie unsere Vorspeisen bringt. Getrocknete Paprika in einer scharfen Kürbissuppe für mich, Pudding aus getrocknetem Mais und Jala- peño für Evelyn. Die ganze Zeit, seit sie Norris Powell mit Ivana Trump verwechselte bis hin zu dem Moment, wo unsere Vorspei- sen kamen, hielt ich mir die Hände über die Ohren und versuchte, Evelyns Geschwätz zu entgehen, aber jetzt bin ich hungrig und nehme versuchsweise die rechte Hand vom Ohr. Sofort droht mir ihr schrilles Gewäsch das Trommelfell zu zerreißen. «… Tandoori Chicken und Foie Gras, und jede Menge Jazz, und er bewunderte das Savoy, aber Shadrogen, die Farben waren prachtvoll, Aloe, Muschel, Zitrus, Morgan Stanley …» Ich lege die Hand wieder übers Ohr, drücke noch fester. Wie- der überwältigt mich Hunger, und laut summend greife ich noch mal nach dem Löffel, aber es ist hoffnungslos: Evelyns Stimme ist auf einer bestimmten Frequenz, die man einfach nicht ignorieren kann. «Gregory macht bald seinen Abschluß in Saint Paul und geht ab September auf die Columbia», sagt Evelyn und pustet vorsich- tig auf ihren Pudding, der übrigens kalt gereicht wird. «Und ich muß ihm einfach ein Geschenk besorgen, habe aber keinen blassen Schimmer. Vorschläge, Schatz?» «Ein Poster von Les Misérables?» sage ich seufzend und nur halb im Spaß. «Perfekt», sagt sie und pustet wieder auf ihren Pudding, dann,, nach einem Schluck Cristal, zieht sie ein Gesicht. «Ja, Schatz?» frage ich und spucke einen Kürbiskern aus, der in einem Bogen durch die Luft fliegt, bevor er anmutig in der Mitte des Aschenbechers landet statt auf Evelyns Kleid, meinem eigentli- chen Ziel. «Hmmm?» «Wir brauchen mehr Cassis», sagt sie. «Rufst du die Kellnerin?» «Klar brauchen wir das», sage ich gutmütig und immer noch lächelnd. «Ich habe keine Ahnung, wer Gregory ist. Das weißt du, stimmts?» Evelyn legt ihren Löffel zierlich neben ihren Puddingteller und sieht mir in die Augen. «Mr. Bateman, ich mag Sie wirklich. Ich bete Ihren Sinn für Humor an.» Sie drückt meine Hand leicht und lacht, oder genauer, macht ‹Ha-ha-ha …›, aber sie meint es ernst, es ist kein Witz. Evelyn macht mir tatsächlich ein Kompliment. Sie bewundert wirklich meinen Sinn für Humor. Unsere Vorspeisen werden entfernt und gleichzeitig kommen unsere Entrees, deshalb muß Evelyn ihre Hand wegnehmen, um Platz für die Teller zu ma- chen. Sie hat Tortillas aus blauem Mais mit Wachtelfüllung bestellt, garniert mit Austern im Kartoffelmantel. Ich habe das Freiland-Ka- ninchen mit Oregon-Morcheln und Kräuter-Pommes-frites. «… Er ging nach Deerfield und dann nach Harvard. Sie war in Hotchkiss und dann in Radcliffe …» Evelyn redet, aber ich höre nicht zu. Ihr Geplapper überschlägt sich. Ihr Mund bewegt sich, aber ich höre gar nichts, kann nicht zuhören, kann mich nicht konzentrieren, weil mein Kaninchen so geschnitten ist, daß es aussieht … wie … ein … Stern! Streich- holz-Pommes-frites umgeben es, und deftige rote Salsa ist über die Oberfläche des Tellers geschmiert – der weiß, aus Porzellan und, mindestens einen halben Meter groß ist –, um den Eindruck eines Sonnenaufgangs zu erzeugen, aber es sieht mir eher wie eine Schuß- wunde aus, und während ich langsam den Kopf schüttele, presse ich einen Finger in das Fleisch und hinterlasse einen deutlichen Abdruck, dann noch einen, und dann suche ich etwas, an dem ich meine Hand abwischen kann, weil ich dazu nicht meine Serviette nehmen möchte. Evelyn hat ihren Monolog nicht unterbrochen – sie verbindet aufs eleganteste Reden und Kauen –, und verfüh- rerisch lächelnd greife ich unter den Tisch nach ihrem Schenkel, wische meine Hand ab, und während sie immer noch redet, lächelt sie unanständig und schlürft Champagner. Ich studiere ihr Gesicht, gelangweilt von ihrer tatsächlich makellosen Schönheit, und ich wundere mich im stillen, wie lange Evelyn es mit mir ausgehal- ten hat; daß sie immer da war, wenn ich sie am meisten brauchte. Ohne Appetit schaue ich wieder auf den Teller, nehme meine Ga- bel, mustere den Teller ein oder zwei Minuten, still leidend, bevor ich seufze und die Gabel wieder hinlege. Statt dessen nehme ich mein Champagnerglas. «… Groton, Lawrenceville, Milton, Exeter, Kent, Saint Paul’s, Hotchkiss, Andover, Milton, Choate … Hoppla, Milton sagte ich schon.» «Wenn ich heute nichts zu Abend esse – und hiervon krieg ich keinen Bissen runter –, dann will ich Kokain», verkünde ich. Aber ich habe Evelyns Redefluß nicht unterbrochen – sie ist unaufhalt- sam, eine Maschine – und sie redet weiter. «Jayne Simpsons Hochzeit war so schön», seufzt sie. «Und der Empfang danach war heiß. Club Chernoble, Page Six hat darüber berichtet. Billy hat den Artikel geschrieben. Women’s Wear Daily, haben eine ganze Seite gebracht.» «Ich habe gehört, Mindestverzehr sind dort zwei Drinks», sage ich vorsichtig und gebe einem Hilfskellner in der Nähe ein Zei- chen, damit er meinen Teller entfernt. «Hochzeiten sind so romantisch. Zur Verlobung hatte sie einen Diamantring bekommen. Du weißt, Patrick, ich würde mich nicht mit weniger begnügen», sagt sie bescheiden. «Es muß ein Diamant sein.» Ihre Augen werden glasig, und sie versucht, zermürbend ge- nau die Hochzeit nachzuerzählen. «Festliche Tafel für 500 … nein entschuldige, 750 Personen, danach eine 5 Meter hohe Ben & Jerry- Eistorte. Das Hochzeitskleid war von Ralph, aus weißer Spitze, tief ausgeschnitten und ärmellos. Ein Traum. O Patrick, was würdest du tragen?» seufzt sie. «Ich würde darauf bestehen, eine Ray Ban zu tragen. Eine teure Ray Ban», sage ich bedächtig. «Genaugenommen würde ich darauf bestehen, daß jeder eine Ray Ban tragen muß.» «Ich will eine Zydeco-Band, Patrick. Das wär’s. Eine Zydeco- Band», schnattert sie atemlos. «Oder Mariachi. Oder Reggae. Irgendwas Ethnisches, um Daddy zu schockieren. Oh, ich kann mich einfach nicht entscheiden.» «Ich würde ein Harrison AK-47-Sturmgewehr zur Trauung mit- bringen», leiere ich gelangweilt runter. «Mit einem 30-Schuß-Ma- gazin, damit noch Munition für deinen Schwuchtel-Bruder übrig ist, wenn ich deiner fetten Mutter den Kopf weggeblasen habe. Und obwohl ich persönlich ungern auf sowjetische Produkte zurück- greife, ich weiß nicht, die Harrison erinnert mich irgendwie an …» Ich höre auf, verwirrt, inspiziere die Maniküre von gestern, sehe Evelyn wieder an. «Stoli?», «Oh, und massenweise Schokoladentrüffel. Godiva. Und Aus- tern. Austern in der Schale. Marzipan. Rosa Zelte. Hunderte, Tau- sende Rosen. Fotografen. Annie Leibovitz. Wir holen uns Annie Leibovitz», sagt sie aufgeregt. «Und wir lassen alles auf Video auf- nehmen!» «Oder eine AR-15. Die würde dir gefallen, Evelyn: das teuerste Gewehr überhaupt, aber jeden Penny wert.» Ich zwinkere ihr zu. Aber sie redet immer noch; sie hört kein Wort; nichts kommt an. Sie begreift kein Wort von dem, was ich sage. Der Sinn meiner Rede entgeht ihr. Sie unterbricht ihren Redeschwall, holt tief Luft und wirft mir einen Blick zu, den man nur seelenvoll nennen kann. Sie berührt meine Hand, meine Rolex, sie atmet noch mal durch, diesmal er- wartungsfroh, und sagt: «Wir sollten es tun.» Ich versuche, einen Blick auf unsere Hardbody-Kellnerin zu er- haschen, Evelyn beugt sich vor, um eine heruntergefallene Serviette aufzuheben. Ohne sie anzusehen, frage ich: «Was … tun?» «Heiraten», sagt sie und klimpert mit den Wimpern. «Hochzeit feiern.» «Evelyn?» «Ja, Liebling?» «Haben Sie dir … was in den Kir getan?» frage ich. «Wir sollten es tun», sagt sie sanft. «Patrick …» «Machst du mir einen Antrag?» lache ich und versuche, diesen Gedanken zu fassen. Ich nehme ihr das Champagnerglas weg und schnüffle am Rand. «Patrick?» fragt sie und wartet auf meine Antwort. «Oje, Evelyn», sage ich hilflos. «Ich weiß nicht.», «Warum nicht?» fragt sie gereizt. «Nenn mir einen guten Grund, warum wir es nicht tun sollen.» «Weil dich zu ficken wie ein Zungenkuß mit einem sehr … kleinen und … lebhaften Hamster ist?» sage ich zu ihr. «Ich weiß nicht.» «Ja?» sagt sie. «Und?» «Mit Zahnklammer?» Ich zucke mit den Schultern. «Was willst du tun?» fragt sie. «Drei Jahre warten, bis du 30 bist?» «Vier Jahre», sage ich mit eisigem Blick. «Es sind vier Jahre, bis ich 30 bin.» «Vier Jahre. Drei Jahre. Drei Monate. Mein Gott, was macht das für einen Unterschied? Du wirst trotzdem ein alter Mann sein.» Sie nimmt ihre Hand von meiner. «Weißt du, du würdest anders reden, wenn du bei Jayne Simpsons Hochzeit gewesen wärst. Ein Blick hätte genügt, und du hättest mich vom Fleck weg heiraten wollen.» «Aber ich war bei Jayne Simpsons Hochzeit, Evelyn, Herzaller- liebste», sage ich. «Ich habe neben Sukhreet Gabel gesessen. Glaub mir, ich war da.» «Du bist unmöglich», jammert sie. «Du bist ein Spielverderber.» «Oder etwa doch nicht?» frage ich mich laut. «Hab ich viel- leicht … Hat MTV darüber berichtet?» «Und ihre Flitterwochen waren so romantisch. Zwei Stunden später waren sie in der Concorde. Nach London. Oh, Claridge’s», seufzt Evelyn, die Hände unter dem Kinn verschränkt, Tränen in den Augen., Ich ignoriere sie, greife in meine Tasche nach einer Zigarre, ziehe sie raus und klopfe sie auf den Tisch. Evelyn bestellt drei Sorten Sorbet: Erdnuß, Lakritz und Doughnut. Ich bestelle einen koffein- freien Espresso. Evelyn schmollt. Ich zünde ein Streichholz an. «Patrick», warnt sie und starrt die Flamme an. «Was?» frage ich, meine Hand auf halbem Weg erstarrt, kurz be- vor ich die Zigarrenspitze anzünde. «Du hast nicht um Erlaubnis gefragt», sagt sie, ohne zu lächeln. «Habe ich dir gesagt, daß ich 60-Dollar-Boxershorts trage?» frage ich, um sie zu beschwichtigen.,

Dienstag

Heute abend ist ein Black-Tie-Empfang anläßlich der Präsen- tation einer computerisierten Hochleistungsrudermaschine im Puck Building, und nachdem ich mit Frederick Dibble Squash ge- spielt und mit Jamie Conway, Kevin Wynn und Jason Gladwin bei Harry’s einen trinken war, hüpften wir in die Limousine, die Kevin für den Abend gemietet hatte, und fuhren uptown. Ich trage eine Jacquard-Weste mit Eckkragen von Kilgour, French & Stanbury von Barney’s, eine Seidenfliege von Saks, Lackleder-Slipper von Baker-Benjes, antike Diamant-Manschettenknöpfe aus den Kents- hire Galleries und einen grauen Mantel aus Wolle und Seide mit tief angesetzten Ärmeln und Knöpfkragen von Luciano Soprani. In der Straußenleder-Brieftasche von Bosca, die in der Gesäßtasche meiner schwarzen wollenen Hose steckt, sind vierhundert Dollar Bargeld. Statt meiner Rolex trage ich eine Vierzehn-Karat-Golduhr von H. Stern. Ziellos wandere ich durch den Saal im ersten Stock des Puck Buildings, gelangweilt, schlürfe miesen Champagner (etwa ein Bollinger ohne Jahrgang?) aus Plastikflöten, kaue auf Kiwischei- ben herum, die mit einem Schlag Chèvre gekrönt sind, und ver- suche verzweifelt, irgendwo etwas Koks zu erspähen. Doch anstatt jemand zu finden, der einen Dealer kennt, stoße ich an der Treppe mit Courtney zusammen. Sie trägt einen Stretchwickelrock aus Seide und Baumwolltüll mit spitzenbesetzten Strumpfhosen, wirkt verspannt und warnt mich, von Luis wegzubleiben. Sie läßt durch- blicken, daß er etwas ahnt. Eine Partyband spielt laue Cover-Versi-, onen alter Motown-Hits aus den Sechzigern. «Und was?» frage ich und lasse den Blick durch den Saal schwei- fen. «Daß zwei plus zwei vier ist? Daß du in Wirklichkeit Nancy Reagan bist?» «Geh nächste Woche nicht mit ihm in den Yale Club essen», sagt sie und lächelt einen Fotografen an, dessen Blitz uns für einen Au- genblick blendet. «Du siehst … irgendwie geil aus heute abend», bemerke ich und berühre ihren Hals, streiche mit dem Finger über das Kinn nach oben bis zur Unterlippe. «Ich mache keine Witze, Patrick.» Mit einem Lächeln winkt sie Luis zu, der unbeholfen mit Jennifer Morgan tanzt … Er trägt ein cremefarbenes Dinnerjackett aus reiner Wolle, eine Hose aus reiner Wolle, ein Baumwollhemd und einen seidenen Glencheck-Kum- merbund, alles von Hugo Boss, eine Fliege von Saks und ein Ein- stecktuch von Paul Stuart. Er winkt zurück. ‹Alles Klar› signalisiere ich ihm. «Was für ein Arsch», murmelt Courtney traurig vor sich hin. «Also, ich geh jetzt», sage ich und kippe den Champagner. «Warum tanzt du nicht mit dem … Reservoir?» «Wohin gehst du?» fragt sie und hält meinen Arm. «Courtney, ich hab keine Lust, noch einmal einen deiner … Ausbrüche zu erleben», sage ich ihr. «Und übrigens: Die Kanapees sind grauenhaft.» «Ich will wissen, wo du hingehst», fragt sie noch einmal. «Raus mit der Sprache, Mr. Bateman.» «Was interessiert dich das?» «Ich will es eben wissen», sagt sie. «Du gehst doch nicht etwa zu, dieser Evelyn?» «Vielleicht», lüge ich. «Patrick», sagt sie. «Laß mich hier nicht allein. Ich will nicht, daß du gehst.» «Ich muß aber ein paar Videos abgeben», lüge ich wieder und reiche ihr mein leeres Champagner-Glas, als im gleichen Augen- blick wieder irgendwo eine Kamera blitzt. Ich gehe. Die Band gibt eine recht flotte Version von «Life in the Fast Lane» zum besten, und ich schaue mich nach Hardbodys um. Charles Simpson – oder irgend jemand, der ihm bemerkenswert ähnlich sieht, mit Gel zurückgekämmte Haare, Hosenträger, Oli- ver-Peoples-Brille – schüttelt mir die Hand, ruft «Hey Williams» und fordert mich auf, ein paar Leute von Alexandra Craig gegen Mitternacht im Nell’s zu treffen. Ich drücke ihm bestätigend die Schulter und sage ihm, daß er mit mir rechnen kann. Draußen stecke ich mir eine Zigarre an, betrachte nachdenk- lich den Himmel und erspähe Reed Thompson, der mit seinem Anhang – Jamie Conway, Kevin Wynn, Marcus Halberstam, keine Frauen – aus dem Puck Building kommt und mich zum Dinner einlädt, und obwohl ich vermute, daß sie Drogen haben, ist mir bei dem Gedanken, den Abend mit ihnen zu verbringen, nicht wohl, und ich beschließe, nicht in dieses salvadorianische Bistro mitzu- gehen. Schon allein deshalb, weil sie nicht reserviert haben und es somit nicht sicher ist, ob sie überhaupt einen Tisch bekommen. Ich winke ihnen nach, überquere die Houston, weiche anderen Li- mos aus, die von der Party kommen und gehe langsam uptown. Ich schlendere über den Broadway und bleibe vor einem Geldauto- maten stehen, an dem ich, weiß der Teufel warum, noch mal hun-, dert Dollar ziehe. Es ist einfach ein besseres Gefühl, 500 Dollar im Portemonnaie zu haben. Ich gehe durch das Viertel mit den Antiquitätenläden unterhalb der Fourteenth. Meine Uhr ist stehengeblieben, und ich weiß nicht genau, wie spät es ist, vermutlich halb elf oder so. Schwarze dealen Crack im Vorübergehen oder bieten Handzettel für eine Party im Paladium an. Ich gehe an einem Zeitungsstand, einer chemischen Reinigung, einer Kirche und einem Diner vorbei. Die Straßen sind leer, das einzige Geräusch, das ab und zu die Stille durchbricht, stammt von den zum Union Square durchbrausenden Taxis. Ein Schwulenpärchen, spindeldürre Typen, kommt vorbei und glotzt auf mein Spiegelbild im Fenster eines Buchladens, während ich in einer Telefonzelle die Nachrichten auf meinem Anrufbeant- worter abhöre. Einer von ihnen pfeift mir nach, der andere lacht: ein schrecklich hoher, überdrehter Laut. Ein abgerissenes Les-Mi- sérables-Plakat flattert über den rissigen, uringetränkten Bürger- steig. Eine Straßenlaterne gibt ihren Geist auf. Jemand in einem Gaultier-Mantel pinkelt in einer Seitengasse. Dampf steigt aus der Kanalisation, bläht sich zu Wolken und verschwindet. Beutel mit gefrorenem Müll säumen die Bordsteine. Der Mond, bleich und tiefstehend, hängt genau über der Spitze des Chrysler Building. Ir- gendwo drüben im West Village heult die Sirene eines Rettungswa- gens auf, wird vom Wind weitergetragen, hallt nach und verebbt. Der Penner, ein Schwarzer, liegt im Eingang eines verlassenen An- tiquitätenladens an der Twelfth auf einem Luftschacht, umringt von Müllsäcken und einem Einkaufswagen von Gristede’s, in dem er seine persönliche Habe aufzubewahren scheint: Zeitungen, Fla- schen, Blechdosen. Ein handgeschriebenes Pappschild vorne am, Einkaufswagen verkündet ICH BIN HUNGRIG UND OBDACH- LOS. BITTE HELFT MIR. Ein Hund, ein kleiner Köter, struppig und klapperdürr, liegt neben ihm, mit einer Kordel am Griff des Einkaufswagens angeleint. Ich bemerke den Hund nicht, als ich das erste Mal vorbeigehe. Erst als ich wieder um den Block komme, sehe ich ihn auf einem Stapel Zeitungen liegen, wie er sein Herr- chen bewacht und ein Halsband mit einem zu groß geratenen Na- mensschild trägt, auf dem GIZMO zu lesen ist. Der Hund schaut hoch zu mir, wackelt mit seinem Witz von einem Schwanz, und als ich meine behandschuhte Hand ausstrecke, leckt er sie hungrig. Der Mief von billigem Alkohol vermischt mit Exkrementen hängt hier wie eine schwere, unsichtbare Wolke, und ich muß den Atem anhalten, bis ich mich an den Gestank gewöhnt habe. Der Penner wacht auf, öffnet die Augen, gähnt, entblößt bemerkenswert dre- ckige Zähne zwischen aufgesprungenen violetten Lippen. Er ist um die Vierzig, massiver Typ, und als er versucht, sich aufzusetzen, er- kenne ich ihn besser im Schein der Straßenbeleuchtung: Mehrta- ges-Bart, Dreifachkinn, rote Nase durchzogen von dicken braunen Adern. Trägt einen unmöglichen, limonengrünen Polyesteranzug, und darüber noch verwaschene Sergio-Valente-Jeans (der gewag- teste Trend der diesjährigen Pennermode) zu einem durchlöcher- ten orange-braunen Sweater mit V-Ausschnitt. Massenweise Fle- cken, offensichtlich Burgunder. Scheint ziemlich betrunken – oder aber irre, oder verblödet. Selbst als ich mich über ihn beuge und, das Licht der Straßenlaterne im Rücken, meinen Schatten auf ihn werfe, verdreht er suchend die Augen. Ich knie nieder. «Hallo», sage ich, reiche ihm die Hand, die der Hund geleckt hat. «Pat Bateman.», Der Penner starrt mich an, japsend vor Anstrengung, die es ihn kostet, sich aufzurichten. Seine Hand bleibt regungslos. «Brauchen Sie Geld?» frage ich sanft. «Etwas … zu essen?» Der Penner nickt und weint dankbar. Ich greife in die Tasche und zücke einen Zehn-Dollar-Schein, besinne mich und reiche ihm lieber einen Fünfer. «Ist es das, was sie brauchen?» Der Penner nickt wieder und wendet sich ab, schamhaft, die Nase läuft, und sagt nach einem Räuspern leise: «Ich bin so hung- rig.» «Und kalt ist es auch hier», sage ich. «Nicht wahr?» «Ich bin so hungrig.» Es würgt ihn einmal, zweimal, ein drittes Mal, dann wendet er den Blick ab, gedemütigt. «Warum suchen Sie sich keinen Job?» frage ich, den Schein noch in der Hand, aber außer Griffweite des Penners. «Wenn Sie so hungrig sind, warum suchen Sie sich keinen Job?» Er atmet tief ein, zittert und gesteht unter Tränen: «Bin rausge- flogen …» «Warum?» frage ich mit echter Anteilnahme. «Trinker? War das der Grund? Insider-Geschäfte? Kleiner Scherz. Jetzt im Ernst – be- trunken im Dienst?» Er wiegt sich in den Armen, stößt schluchzend hervor: «Bin ge- feuert worden. Man hat mich rausgeschmissen –» Ich lasse es mir durch den Kopf gehen, nicke. «Je, tja, das ist bit- ter.» «Ich bin so hungrig», sagt er und bricht in Tränen aus, immer noch die Arme um den Körper geschlungen. Sein Hund, das Ding namens Gizmo, beginnt zu jaulen., «Warum suchen Sie sich nichts Neues?» frage ich. «Warum su- chen Sie sich keinen neuen Job?» «Ich bin nicht …» Er hustet, hält sich den Bauch, zittert jäm- merlich, unkontrolliert, kann den Satz nicht beenden. «Sie sind was nicht?» frage ich sanft. «Für irgendwas anderes zu gebrauchen?» «Ich bin hungrig», flüstert er. «Weiß ich, weiß ich ja», sage ich. «Mann, ihre Platte hat ’nen Sprung. Ich will ja nur helfen …» Meine Ungeduld wächst. «Ich bin hungrig», wiederholt er. «Hören Sie. Finden Sie es fair, Leuten Geld abzunehmen, die Jobs haben? Arbeitenden Menschen?» Sein Gesicht fällt zusammen, und er japst mit brechender Stimme: «Was soll ich machen?» «Hören Sie mir zu», sage ich. «Wie heißen Sie?» «Al», sagt er. «Sprechen Sie lauter», sage ich. «Los jetzt.» «Al», sagt er, ein wenig lauter. «Suchen Sie sich einen verdammten Job, Al», sage ich in ernstem Ton. «Sie haben eine negative Einstellung. Das bringt Sie nicht wei- ter. Sie müssen sich zusammenreißen. Ich werde ihnen helfen.» «Sie sind zu freundlich, Mister. Sie sind gut. Sie sind ein guter Mensch», brabbelt er. «Das spüre ich.» «Shhhht», flüstere ich. «Schon gut.» Ich tätschele den Hund. «Bitte», sagt er, grapscht nach meinem Handgelenk. «Ich weiß nicht weiter. Mir ist so kalt.» «Wissen Sie eigentlich, wie Sie riechen?» Das flüstere ich trös- tend, streiche ihm über den Kopf. «Der Gestank, mein Gott …», «Ich kann keine …» Er atmet schwer, schluckt dann. «Ich kann keine Unterkunft finden.» «Sie stinken», sage ich ihm. «Sie stinken nach … Scheiße.» Ich tätschele noch immer den Hund, seine Augen: groß und feucht und dankbar. «Wissen Sie das? Verdammt, Al – sehen Sie mich an, und hören Sie auf zu jammern wie eine verdammte Schwuchtel!» schreie ich. Mein Haß flammt auf, klingt ab, und ich schließe die Augen, hebe die Hand, um meine Nasenwurzel zu reiben, dann seufze ich. «Al … es tut mir leid. Es ist nur, daß … ich weiß nicht. Sie und ich haben nichts gemeinsam.» Der Penner hört nicht. Sein hemmungsloses Weinen erstickt jede passende Antwort. Ich stecke den Schein langsam zurück in die rechte Tasche meines Luciano- Soprani-Jacketts, die andere Hand hört auf, den Hund zu tätscheln und greift in die linke Tasche. Abrupt bricht der Penner sein Heu- len ab und setzt sich auf, sucht nach dem Fünfer oder, vermute ich, nach seiner Flasche Thunderbird. Ich strecke die Hand aus, be- rühre sein Gesicht wieder voll Mitleid und flüstere: «Weißt du, was für ein dreckiger Loser du bist?» Hilflos beginnt er zu nicken, und ich ziehe ein langes, schmales Messer mit gezackter Klinge, und darauf bedacht, ihn nicht zu töten, stoße ich die Klinge etwa einen Zentimeter tief in sein rechtes Auge, lasse den Griff hochschnellen, sofort platzt die Netzhaut auf. Der Penner ist zu überrumpelt, um etwas zu sagen. Im Schock öffnet er nur den Mund und hebt eine dreckige Pfote in einem abgeschnittenen Handschuh langsam vors Gesicht. Ich reiße ihm die Hose runter und erkenne im vorbeizie- henden Scheinwerferlicht eines Taxis seine schlaffen schwarzen Schenkel, wundgerieben vom ständigen In-die-Hose-Pissen. Der Gestank nach Scheiße steigt mir schnell ins Gesicht, ich gehe in, die Hocke, atme durch den Mund und steche ihm zunächst in den Bauch, ganz vorsichtig, oberhalb des dichten, verfilzten Fleckens Schamhaar. Das ernüchtert ihn etwas, und instinktiv versucht er, sich mit den Händen zu bedecken, und der Hund fängt an zu kläffen, richtig wütend jetzt, aber er greift nicht an, und ich steche weiter nach dem Penner, jetzt zwischen seine Finger, durchsteche seine Handrücken. Sein aufgeplatztes Auge hängt aus der Höhle und rinnt ihm übers Gesicht, er zwinkert noch und läßt das, was noch von seinem Auge da ist, herausquellen wie rotes, geädertes Ei- gelb. Ich fasse seinen Kopf mit einer Hand und stoße ihn zurück, halte dann mit Daumen und Zeigefinger das andere Auge offen, zücke das Messer und stoße die Spitze in die Augenhöhle, durch- steche erst die schützende Hülle, bis die Höhle voll Blut läuft, dann schlitze ich seitwärts den Augapfel auf, und schließlich beginnt er zu schreien, als ich seine Nase mitten durchschlitze, mich und den Hund leicht mit Blut bespritze; Gizmo zwinkert, um das Blut aus den Augen zu entfernen. Schnell ziehe ich die Klinge durch das Ge- sicht des Penners, lasse den Muskel über dem Wangenknochen auf- platzen. Noch in der Hocke werfe ich ihm einen Vierteldollar ins Gesicht, das glitschig und verschmiert ist, die beiden Augenhöhlen sind leer und blutverkrustet, die Reste seiner Augen triefen buch- stäblich, in dicken, zähflüssigen Fäden von seinen schreienden Lip- pen. Gelassen flüstere ich: «Hier ist ein Vierteldollar. Kauf dir ’nen Kaugummi, bekloppter Scheißnigger.» Dann drehe ich mich nach dem bellenden Hund um, trete ihm, als ich wieder stehe, auf die Vorderbeine, während er sich mit gebleckten Zähnen zum Sprung duckt, zerschmettere ihm mit einem Tritt beide Läufe, und er fällt jaulend vor Schmerz zur Seite, die Vorderpfoten in obszönem Win-, kel in die Luft gereckt, was mich freut. Ich kann nicht anders, ich muß lachen und verweile noch, amüsiert von dem Bild. Als ich ein näherkommendes Taxi sehe, gehe ich langsam davon. Nachher, zwei Blocks weiter westlich, fühle ich mich beschwingt, beschwipst, aufgeladen, als hätte ich eben trainiert und Endorphine durchfluteten mein Nervensystem, oder als hätte ich gerade jene erste Line Koks genommen, den ersten Zug an einer guten Zigarre getan, mein erstes Glas Cristal geschlürft. Ich sterbe vor Hunger und brauche etwas zu essen, doch ich will nicht zu Nell’s, obwohl es zu Fuß nicht weit wäre, und das Indochine scheint mir für eine kleine Siegesfeier etwas unpassend. So beschließe ich, dahin zu ge- hen, wohin Al gehen würde: Zu McDonald’s am Union Square. Ich warte in der Schlange, bestelle einen Vanille-Shake («Extradick», sage ich dem Kerl, der nur den Kopf schüttelt und eine Maschine anschnippt) und trage den Becher zu einem Tisch im vorderen Teil, wo Al sich wahrscheinlich hinsetzen würde, meine Jacke und die Ärmel leicht mit Blutflecken besudelt. Zwei Kellnerinnen aus dem Cat Club kommen hinter mir herein, setzen sich an den ge- genüberliegenden Tisch und lächeln beide keß. Ich spiele den Coo- len und ignoriere sie. Eine alte verrückte Frau sitzt kettenrauchend und gekrümmt neben uns und nickt ins Leere. Ein Streifenwagen fährt vorbei, und nach zwei weiteren Milchshakes weicht meine Aufregung langsam, und ihre Intensität schwächt sich ab. Ich be- ginne mich zu langweilen, werde müde, der Abend scheint schreck- lich ereignislos, und ich mache mir Vorwürfe, nicht mit Reed und den Jungs in dieses salvadorianische Bistro gegangen zu sein. Die beiden Mädchen sitzen noch an dem Tisch, immer noch interes- siert. Ich schaue auf die Uhr. Einer der Mexikaner hinter dem Tre-, sen, Zigarette im Mund, starrt mich an und beäugt die Flecken auf meinem Soprani-Jackett, als wollte er etwas dazu sagen, doch dann kommt ein Kunde herein, einer der schwarzen Crack-Dealer von vorhin, und er muß die Bestellung des Schwarzen aufnehmen. Der Mexikaner drückt seine Zigarette aus, und damit hat sich der Fall.,

Genesis

Seit der Veröffentlichung ihres Albums Duke im Jahre 1980 bin ich großer Genesis-Fan. Alles davor habe ich nie richtig verstanden, obwohl mir das hübsche «Follow You, Follow Me» auf ihrer letzten Siebziger-Platte, das konzeptelnde And Then There Were Three (ein Verweis auf den Abgang des Bandmitgliedes Peter Gabriel, der die Gruppe verließ, um eine halbgare Solo-Karriere zu beginnen) recht gut gefiel. Doch eigentlich wirkten all die LPs vor Duke einfach zu artsy, zu intellektuell. Auf Duke (Atlantic, 1980), wo Phil Collins in den Vordergrund rückte, die Musik moderner war und das Schlag- zeug stärker eingesetzt wurde, die Texte weniger mystisch, dafür präziser waren (vielleicht lag es an Peter Gabriels Ausstieg), wur- den aus komplexen, verquasten Weltuntergangsphantasien 1-A- Popsongs, die ich dankbar angenommen habe. Bei den Songs selbst steht Collins’ Drumset im Zentrum und weniger Mike Rutherfords Basslinien oder Tony Banks Keyboardschwaden. Ein klassisches Beispiel dafür ist «Misunderstanding». Es ist nicht nur der erste große Bandhit der Achtziger, sondern prägte auch den Sound für all die anderen LPs des Jahrzehnts. Der andere herausragende Song auf Duke ist «Turn It On Again», der von den negativen Einflüssen des Fernsehens handelt. Dagegen ist «Heathaze» ein Song, den ich nicht richtig verstehe, während «Please Don’t Ask» ein ergreifen- des Liebeslied ist, das sich an eine geschiedene Frau richtet, die das Sorgerecht für das gemeinsame Kind erstreitet. Sind die Schatten- seiten einer Scheidung jemals von einer Rock’n’Roll-Band einfühl- samer aufgezeigt worden? Soweit ich weiß, nicht. «Duke Travels», und «Dukes End» könnten etwas bedeuten, doch da die Texte nicht abgedruckt sind, läßt sich schwer sagen, über was Collins singt, da- für gibt es in letzterem Song komplexes, großartiges Pianospiel von Tony Banks. Der einzige Flop auf Duke ist «Alone Tonight», das viel zu sehr an «Tonight Tonight Tonight» aus dem späteren Meister- werk der Gruppe, Invisible Touch, erinnert und das einzige wirkli- che Beispiel ist, wo sich Collins selbst kopiert. Abacab (Atlantic, 1981) ist kurz nach Duke veröffentlicht wor- den und profitiert vom neuen Produzenten Hugh Padgham, der der Band mehr den Sound der Achtziger gibt, und obwohl die Songs ziemlich allgemeingehalten wirken, sind immer noch echte Perlen darunter: die ausgedehnte Improvisation in der Mitte des Titelstücks und die Blasinstrumente von einer Band namens Earth, Wind & Fire auf «No Reply at All» sind nur zwei Beispiele. Wie- derum spiegeln die Songs düstre Emotionen wider und handeln von einsamen oder in Schwierigkeiten geratenen Menschen, doch Produktion und Sound sind glänzend und treibend (selbst wenn sie nicht «No Reply at All», «Keep It Dark», «Who Dunnit?» oder «Like It or Not» hießen). Mike Rutherfords Bass geht ein wenig im Mix unter, doch andererseits klingt die Band packend und wird wieder einmal von Phil Collins’ wirklich ergreifendem Schlagzeug vorangetrieben. Selbst an den verzweifeltesten Stellen (wie dem Untergangs-Song «Dodo») ist Abacab sonnigster Pop pur. Mein Lieblingssong ist «Man on the Corner», der einzige, den Collins ganz allein geschrieben hat, eine hinreißende Ballade mit hübscher Synthie-Melodie und hämmerndem Schlagzeug im Hin- tergrund. Auch wenn es leicht von jedem Collins Soloalbum hätte stammen können, da Einsamkeit, Paranoia, Entfremdung et cetera, von Genesis nur allzu bekannt sind, zeigt es den hoffnungsvollen Humanismus der Band. «Man on the Corner» beschreibt höchst einfühlsam das Verhältnis zu einer einsamen Figur (ein Penner, vielleicht ein armer Obdachloser?), «that lonely man on the cor- ner», der einfach herumsteht. Bei «Who Dunnit?» wird die Wirr- nis im Text höchst eindrucksvoll gegen einen funkigen Groove ge- stellt. Was diesen Song letztlich so heraushebt, ist sein jähes Ende im Nichts. Sein Erzähler muß sich eingestehen, überhaupt nichts herausgefunden zu haben. Hugh Padgham produzierte danach ei- nen etwas weniger konzeptionellen Wurf mit dem schlichten Titel Genesis (Atlantic, 1983), und obwohl es insgesamt eine gute Platte ist, wirkt sie für meinen Geschmack etwas aufgekocht. «That’s All» klingt wie «Misunderstanding», «Taking It All Too Hard» erinnert mich an «Throwing It All Away». Auch wirkt sie weniger jazzig als die Vorläufer und mehr wie eine 80er-Pop-LP, mehr rock’n’rollig. Padgham legt eine brillante Arbeit als Produzent hin, doch das Material ist schwächer als sonst, und man spürt eine gewisse Überspannung. Es beginnt mit dem autobiographischen «Mama», was ebenso merkwürdig wie ergrei- fend ist, doch könnte ich nicht sagen, ob der Sänger von seiner wirklichen Mutter erzählt oder ob er Mädchen meint, die er gerne «Mama» nennt. «That’s All» beklagt die Ignoranz und die Bösar- tigkeit eines unempfänglichen Partners, und trotz des verzweifel- ten Tons hat es eine helle, eingängliche Melodie, die den Song we- niger depressiv wirken läßt als erwartet. «That’s All» hat die beste Melodie der Platte, doch Phils Stimme ist auf «House by the Sea» am besten, dessen Text jedoch zu sehr stream-of-consciousness ist, um einen wirklichen Sinn zu ergeben. Es könnte vom Älterwerden, handeln, vom Erwachsenwerden und wie man sich damit abfin- det, doch er bleibt in jeder Hinsicht verschwommen; seine zweite Instrumentalversion macht mir den Song klarer, und Mike Banks kann seine virtuosen Gitarrenkünste zeigen, während Tom Ruther- ford die Songs in traumhafte Synthiebänke taucht, und wenn Phil am Ende die dritte Strophe des Songs wiederholt, läuft es einem kalt über den Rücken. «Illegal Alien» ist der deutlichste politische Song, den die Band je aufgenommen hat, und gleichzeitig auch der lustigste. Das Thema sollte eigentlich von trauriger Natur sein – ein illegaler Mexikaner versucht über die Grenze in die Staaten zu kommen –, doch die Details sind hochgradig komisch: Die Flasche Tequila, die der Mexikaner bei sich hat, das neue Paar Schuhe, das er trägt (ver- mutlich gestohlen); und das alles wirkt völlig stimmig. Phil singt es in einer heiseren, jammernden pseudo-mexikanischen Stimme, die das Ganze noch spaßiger werden läßt, und das sich «fun» auf «il- legal alien» reimt, ist begnadet. «Just a Job to Do» ist der funkigste Song der Platte, mit einer Killerbass-Linie von Banks, und obwohl es offensichtlich um einen Bullen geht, der einen Gangster jagt, könnte es auch von einem eifersüchtigen Liebhaber handeln, der jemandem hinterherschnüffelt. Die Worte sind intensiv, komplex und wunderbar. Die LP endet mit einer positiven Upbeat-Note in «It’s Gonna Get Better». Selbst wenn die Lyrics ein klein wenig zu genialistisch geraten sind, so ist doch Phils Stimme so selbstsicher (wesentlich von Peter Gabriel beeinflußt, der nie eine derart po- lierte und herzergreifende Platte gemacht hat), daß er uns glauben macht, alles sei möglich. Invisible Touch (Atlantic, 1986) ist zweifellos das Meisterstück, der Band. Eine epische Meditation über das Ungreifbare, zur glei- chen Zeit vertieft und verstärkt es die Bedeutung der drei vorher- gehenden Alben. Es besitzt eine Resonanz, die immer wieder auf den Hörer einwirkt, und die Musik ist so schön, daß es fast unmög- lich ist, ihr zu entgehen, weil jeder Song Verbindungen über das Unbekannte oder die Räume zwischen den Menschen («Invisible Touch») zieht, autoritäre Kontrolle in Frage stellt, ob von seiten des dominanten Partners oder des Staates («Land of Confusion») oder durch bedeutungslose Wiederholung («Tonight Tonight Tonight») besticht. Alles in allem kann es mit den besten Errungenschaften des Rock’n’Roll-Jahrzehnts mithalten, und der Mastermind hinter der Platte, natürlich mit dem hervorragenden Zusammenspiel von Banks, Collins und Rutherford, ist Hugh Padgham, der nie so klar und knackig und modern im Sound war wie hier. Praktisch ist jede Nuance, jedes Instrument hörbar. Was die textliche Finesse anbetrifft und das reine Songwriting, ist diese LP der Gipfel der Professionalität. Die Lyrics von «Land of Confusion» zum Beispiel, in denen der Sänger das Problem der Verletzung von politischer Autorität anprangert. Das wird mit ei- nem Groove rübergebracht, der funkiger und schwärzer ist als al- les, was Prince oder Michael Jackson – oder jeder andere schwarze Musiker der letzten Jahre – gemacht haben. Doch so tanzbar diese Platte ist, besitzt sie doch eine Bodenständigkeit, mit der nicht mal der überbewertete Bruce Springsteen mithalten kann. Als Beobach- ter zerbrechender Liebe sticht Collins den Boss ein ums andere mal aus und erreicht mit «In Too Deep» neue Höhen der gefühlsmäßi- gen Ehrlichkeit; gleichzeitig stellt es die clowneske, burschenhafte, unprätentiöse Art von Collins heraus. Der bewegendste Popsong, der achtziger Jahre über Pflichten und Monogamie, «Anything She Does» (welches «Centerfold» der J. Geils Band aufgreift, doch be- seelter und energiereicher ist) eröffnet die zweite Seite, und nach- dem die LP ihren Höhepunkt mit «Domino» erreicht hat, folgt ein zweiteiliges Stück. Teil Eins, «In the Heat of the Night» ist voller scharfer, fein gezeichneter Schablonen der Verzweiflung und wird von «The Last Domino» ergänzt, das es mit dem Ausdruck der Hoffnung bekämpft. Dieser Song ist absolut aufbauend. Die Lyrics sind positiver und bejahender als alles, was ich im Rock bislang ge- hört habe. Phil Collins Solobestrebungen erscheinen kommerzieller und deshalb genaugenommen befriedigender, speziell No Jacket Re- quired und Songs wie «In the Air Tonight», «Against All Odds» (wobei dieser Song von dem großartigen Film, aus dem er stammt, überstrahlt wurde), «Take Me Home» und «Sussudio» (ein großer, großer Song, ein persönlicher Favorit) und sein Remake von «You Can’t Hurry Love», von dem nicht nur ich denke, daß er besser ist als das Original der Supremes. Doch ich denke auch, daß Phil Col- lins besser innerhalb der Grenzen der Band arbeitet und nicht als Solokünstler – und ich betone das Wort Künstler. Tatsächlich trifft es für sie alle drei zu, weil Genesis immer noch die beste, begeis- terndste Band ist, die das England der Achtziger zu bieten hat.,

Lunch

Ich sitze mit Christopher Armstrong, der auch bei P & P arbeitet, im DuPlex, dem neuen Restaurant von Tony McManus in Tribeca. Wir waren zusammen in Exeter, er ging dann zur University of Pennsylvania und nach Wharton, bevor er nach Manhattan zog. Unerklärlicherweise konnten wir keine Reservierung im Subjects bekommen, weswegen Armstrong diesen Laden hier vorschlug. Armstrong trägt einen Vierknopf-Zweireiher mit Kreidestreifen, ein Hemd aus reiner Baumwolle von Christian Dior und eine breite Seidenkrawatte mit Paisley-Muster von Givenchy Gentleman. Sein lederner Terminplaner und die lederne Mappe, beide von Bottega Veneta, liegen auf dem dritten Stuhl an unserem Tisch, ein guter, direkt vorne am Fenster. Ich trage einen Kammgarn-Anzug mit Nagelkopfmuster und Überkaro von DeRigueur von Schoeneman, ein Hemd aus Baumwoll-Broadcloth von Bill Blass, eine Maccles- field-Seidenkrawatte von Savoy und ein Baumwoll-Einstecktuch von Ashear Bros. Eine Muzak-Version der Filmmusik von Les Mi- sérables durchsäuselt leise das Restaurant. Armstrongs Freundin ist Jody Stafford, die früher mit Todd Hamlin zusammen war, und al- lein das erfüllt mich mit kaltem Grausen, dazu die von der Decke hängenden Bildschirme, auf denen man den Köchen in der Küche bei der Arbeit zusehen kann. Armstrong kommt gerade von den Inseln zurück und ist – genau wie ich selbst – tief, tief gebräunt. «Und wie war’s auf den Bahamas?» frage ich, nachdem wir be- stellt haben. «Bist gerade zurückgekommen, oder?» «Stimmt genau, Taylor», setzt Armstrong an und starrt auf ei-, nen Punkt irgendwo hinter mir knapp über meinem Kopf – auf die Säule im Terrakotta-Look oder vielleicht auf die unverkleideten Lüftungsrohre, die quer unter der Decke hängen. «Wer in diesem Sommer den perfekten Urlaub sucht, tut gut daran, sich nach Sü- den zu orientieren, wobei Süden die Bahamas oder die Karibischen Inseln meint. Es gibt mindestens fünf gute Gründe, in die Karibik zu fahren, darunter das Wetter, die Festivals und Veranstaltungen, die vergleichsweise weniger überfüllten Hotels und Sehenswürdig- keiten, die Preise und die einzigartige Lebensweise. Während viele Urlauber aus den Städten fliehen, um es in den Sommermonaten angenehm kühl zu haben, gibt es nur wenige, die wissen, daß in der Karibik übers ganze Jahr Temperaturen von 25 bis 30 Grad herr- schen und daß die Inseln ständig von Passatwinden gekühlt wer- den. Im Norden ist es oft heißer …» Das Thema der Patty Winters Show heute morgen waren Morde an Kleinkindern. Die Eltern der entführten, gefolterten und er- mordeten Kinder bildeten das Publikum im Studio, während auf der Bühne eine Schar Psychiater und Kinderärzte versuchte, ihnen dabei zu helfen, ihre Verwirrung und ihren Zorn aufzuarbeiten – ziemlich vergeblich, was mich sehr freute, muß ich hinzufügen. Doch was mich wirklich fertigmachte, waren die drei verurteilten Kindermörder vor der Hinrichtung, die wegen ziemlich kompli- zierter rechtlicher Schlupflöcher auf Haftverschonung plädierten und sie vermutlich auch bekommen werden. Aber irgend etwas lenkte mich ab, während ich beim Frühstück – Kiwischeiben und japanische Apfelbirnen, Evian-Wasser, Mehrkorn-Muffins, Soja- milch mit Zimtsplittern – auf den riesigen Sony-Fernseher schaute, störte mein Amüsement über die sich grämenden Mütter, und erst, als die Show fast zu Ende war, fand ich heraus, was: der Riß über meinem David Onica, den ich bereits dem Portier gemeldet hatte, damit der Hausmeister ihn repariert. Als ich an diesem Morgen beim Herausgehen in der Lobby stehenblieb, um mich beim Portier zu beschweren, wurde ich mit einem Neuen konfrontiert, der zwar in meinem Alter war, aber kahl, spießig und fett. Auf dem Tisch vor ihm neben der Post, die auf den Comic-Seiten aufgeschlagen war: drei glasierte Marmeladen-Donuts und zwei dampfende Tassen ex- tra-dunkler Kakao. Es verblüffte mich, daß ich soviel besser aussah, erfolgreicher und wohlhabender war, als es dieser arme Hund je- mals sein würde, und so lächelte ich ihn mit einem vorübergehen- den Anflug von Sympathie an und nickte ihm ein kurzes, aber nicht unhöfliches guten Morgen entgegen, ohne meine Beschwerde anzubringen. «Ach wirklich», höre ich mich – völlig uninteressiert – laut zu Armstrong sagen. «Genau wie in den Vereinigten Staaten feiert man die Sommer- monate mit Festivals und besonderen Veranstaltungen, darunter Konzerte, Kunstausstellungen, Straßenmärkte und Sportwett- kämpfe, und da die üblichen Menschenmassen woanders hinfah- ren, sind die Inseln weniger überfüllt, bieten einen besseren Ser- vice und es gibt keine Warteschlangen vor diesem Segelbootverleih oder jenem Restaurant. Wie ich meine, sind die meisten Leute da- ran interessiert, die Kultur, die einheimische Küche, die Landesge- schichte zu erleben …» Auf dem Weg zur Wall Street heute morgen blieb der Firmenwa- gen im Stau stecken, und ich mußte aussteigen, und als ich auf der Suche nach einer U-Bahn-Station über die Fifth Avenue ging, kam ich an einer Art Halloween-Parade vorbei, die mir etwas merkwür-, dig erschien, weil ich mir ziemlich sicher war, daß erst Mai ist. Als ich stehenblieb, stellte es sich heraus, daß sich das Ganze «Gay Pride Parade» nannte, und mir drehte sich der Magen um. Homosexuelle marschierten stolz über die Fifth Avenue, rosa Winkel schmück- ten pastellfarbene Windjacken, einige hielten sogar Händchen, die meisten sangen inbrünstig und schräg «Somewhere». Ich stand vor Paul Smith, sah mir das alles mit einer gewissen traumatisierten Faszination an und rang mit der Vorstellung, wie ein menschliches Wesen, ein Mann, stolz darauf sein kann, einen anderen in den Arsch zu ficken, doch als mir während des Refrains «There’s a place for us, Somewhere a place for us» ältliche Bademeister-Typen mit Walroßschnäuzern ausgelassene Pfiffe hinterherschickten, sprin- tete ich zur Sixth Avenue, entschloß ich mich, zu spät ins Büro zu kommen, und fuhr mit dem Taxi zurück in mein Apartment, wo ich einen frischen Anzug (von Cerrutti 1881) anzog, mir eine Pedi- küre verpaßte und den kleinen Hund zu Tode quälte, den ich An- fang der Woche in einer Tierhandlung auf der Lexington gekauft hatte. Armstrong brabbelte weiter. «Wassersport steht natürlich im Vordergrund. Doch auch die Golf- und Tennisplätze sind exzellent, und die Lehrer in vielen der Ferienzentren haben während des Sommers mehr Zeit für indivi- duelle Betreuung. Außerdem sind viele Plätze mit Flutlicht ausge- stattet, so daß man auch nachts spielen …» Schnauze … Armstrong, denke ich, während ich aus dem Fens- ter auf den Stau an der Kreuzung und die auf der Church Street vorbeiziehenden Penner schaue. Die Vorspeisen kommen: Brioche mit sonnengetrockneten Tomaten für Armstrong. Poblano-Chi- lies mit einem zwiebligen orange-purpurnen Chutney für mich., Ich hoffe, daß Armstrong nicht vor hat zu zahlen, weil ich diesem trüben Schwachkopf unbedingt zeigen muß, daß ich wirklich eine Platin-American-Express-Card habe. Aus unerfindlichen Gründen bin ich augenblicklich sehr niedergeschlagen, ich höre Armstrong zu, und mir steckt ein Kloß im Hals, doch ich schlucke, trinke et- was Corona und das Gefühl geht vorbei, und während einer Pause, in der er kaut, frage ich fast unwillkürlich, obwohl ich weiß Gott an anderes denke: «Und das Essen? Wie ist das Essen?» «Gute Frage. Zum Essengehen ist die Karibik noch reizvoller geworden, da sich die heimische Inselküche und europäische Eß- kultur aufs Angenehmste ergänzen. Zahlreiche Restaurants werden von amerikanischen, britischen, französischen, italienischen und sogar holländischen Auswanderern geführt …» Dankenswerter- weise legt er eine Pause ein, beißt ein Stück aus seinem Brioche, der aussieht wie ein in Blut getränkter Schwamm – sein Brioche sieht aus wie ein großer blutiger Schwamm –, und spült es mit einem Schluck Corona runter. Ich bin an der Reihe. «Wie steht’s mit Ausflügen?» frage ich desinteressiert und widme mich den dunklen Chilies, dem gelblichen Chutney, das den Teller in einem kunstvollen Achteck umrahmt; Koriander-Blätter umrah- men die Marmelade, wiederum umrahmt von Chilisprossen. «Ganz oben auf dem Besichtigungsprogramm stehen die Zeug- nisse europäischer Kultur, im 17. Jahrhundert wurden viele Inseln zu Festungen ausgebaut. Der Tourist kann die verschiedenen Stel- len besuchen, an denen Columbus gelandet ist, und da sich der vierhundertste Jahrestag seiner ersten Seereise von 1590 nähert, findet die Kultur und Geschichte, die ein integraler Bestandteil des Insellebens ist, gesteigerte Aufmerksamkeit …», Armstrong, du … Arschloch. «Ja, ja», nicke ich. «Äh …» Paisley- Schlipse, karierte Anzüge, meine Aerobic-Stunden, Videokassetten zurückgeben, Gewürze von Zabars abholen, Bettler, weiße Schoko- Trüffel … Der modrige Geruch von Drakkar Noir, das Christo- pher aufgelegt hat, weht mir ums Gesicht und vermischt sich mit dem Geruch des Chutney, des Korianders, der Zwiebeln und der schwarzen Bohnen. «Ja, ja», sage ich noch einmal. «Der Aktivurlauber kann bergsteigen, Höhlen erforschen, se- geln, reiten und auf einem Floß über reißende Flüsse fahren, und wer sein Glück beim Spiel auf die Probe stellen will, hat dazu in den vielen Kasinos auf den Inseln Gelegenheit …» Flüchtig stelle ich mir vor, mein Messer zu zücken, ein Handge- lenk aufzuschlitzen, meines, die sprudelnde Vene auf Armstrongs Kopf oder besser noch auf seinen Anzug spritzen zu lassen, und frage mich, ob er selbst dann noch weiterreden würde. Ich spiele mit dem Gedanken, ob ich kommentarlos aufstehen und mit ei- nem Taxi zu einem anderen Restaurant fahren soll, irgendwo in SoHo, vielleicht etwas weiter uptown, um dort etwas zu trinken, auf die Toilette zu gehen, vielleicht Evelyn anzurufen, um dann ins DuPlex zurückzukommen, und ich spüre mit jeder Faser meines Körpers, daß Armstrong dann immer noch von seinem Urlaub auf den verdammten Bahamas quasseln würde, wo offenbar nicht nur er, sondern die ganze Welt Ferien gemacht hat. Irgendwann zwi- schendurch räumt der Kellner die halbvollen Vorspeisenteller ab, serviert neue Coronas, Freilandhähnchen mit Johannisbeer-Essig und Guacamole, Kalbsleber mit Shadrogen und Lauch, und ich bin mir nicht sicher, wer was bestellt hatte, aber das spielt keine Rolle, da beide Teller ohnehin genau gleich aussehen. Ich erwische das, Freilandhähnchen mit einer Extraportion Tomatillosauce, glaube ich. «Besucher der Karibik brauchen keinen Paß – lediglich einen Nachweis ihrer U.S.-Staatsbürgerschaft –, und was noch viel besser ist, Taylor, die Sprache bedeutet überhaupt kein Hindernis. Eng- lisch wird überall gesprochen, selbst auf diesen Inseln, wo die Lan- dessprache Französisch oder Spanisch ist. Die meisten Inseln sind ehemalige britische …» «Mein Leben ist eine einzige Hölle», bemerke ich beiläufig, wäh- rend ich gleichgültig den Porree auf meinem Teller herumschiebe, der übrigens ein Porzellandreieck ist. «Und es gibt noch viel mehr Menschen, die ich, äh, … ja, umbringen will.» Ich sage das mit Be- tonung auf den letzten beiden Worten und schaue direkt in Arm- strongs Gesicht. «Die Verbindungen auf die Inseln haben sich verbessert, seit so- wohl American Airlines wie Eastern Airlines San Juan zum Dreh- kreuz gemacht haben und Anschlußflüge zu den Inseln anbieten, die sie nicht direkt anfliegen. Mit dem zusätzlichen Dienst von BWIA, Pan Am, ALM, Air Jamaica, Bahamas Air und Cayman Airways sind die meisten Inseln leicht zu erreichen. Es gibt von LIAT und BWIA zusätzliche Verbindungen innerhalb der Inseln, was eine Serie von planmäßigen Flügen von Insel zu Insel garan- tiert …» Ich glaube, es ist Charles Fletcher, der da herüberkommt, wäh- rend Armstrong weiterredet, und er klopft mir auf die Schulter und sagt «Hey Simpson» und «Bis dann im Fluties», und dann trifft er an der Tür eine gutaussehende Frau – dicke Titten, blond, enges Kleid, weder seine Sekretärin noch seine Frau –, und sie ver-, lassen das DuPlex zusammen und steigen in eine schwarze Limo- sine. Armstrong ißt immer noch, schneidet in den exakten Qua- draten seiner Kalbsleber herum, und er redet weiter, während ich immer trübsinniger werde. «Urlauber, denen eine ganze Woche zu lang ist, werden fest- stellen, daß die Karibik wie geschaffen für ein verlängertes Wo- chenende ist. Eastern Airlines bietet ihren Weekender Club an, der viele Zielorte in der Karibik umfaßt und dazu berechtigt, vielerlei Orte zu extrem reduzierten Preisen zu besuchen, was ja nichts hei- ßen mag, aber wie ich glaube, werden viele Urlauber das Angebot,

Konzert

Alle sind ziemlich gereizt wegen dieses Konzerts in New Jersey, zu dem uns Carruthers heute Abend schleppt. Es spielt eine irische Band namens U2, die letzte Woche auf dem Cover des Time Maga- zine war. Eigentlich waren die Karten für eine Gruppe japanischer Kunden gedacht, die ihre Reise nach New York in letzter Minute absagten, was es Carruthers praktisch unmöglich gemacht hat (so sagt er zumindest), diese Sperrsitz-Plätze zu verkaufen. Carruthers und Courtney, Paul Owen und Ashley Cromwell und Evelyn und ich sind dabei. Als ich vorhin herausbekommen habe, daß Paul Owen mitkommt, habe ich versucht, Cecilia Wagner anzurufen, die Freundin von Marcus Halberstam, da sich Paul Owen ziemlich si- cher ist, daß ich Marcus bin, und obwohl sie von meiner Einladung geschmeichelt war (ich habe immer schon vermutet, daß sie scharf auf mich ist), mußte sie auf einen Empfang zur Premiere des neuen britischen Musicals Maggie!. Aber sie hat etwas über Lunch nächste Woche gesagt, und ich bin so mit ihr verblieben, daß ich sie nächste Woche anrufen werde. Ich sollte eigentlich heute abend mit Evelyn essen gehen, doch der Gedanke daran, allein mit ihr an einem Tisch für zwei zu sitzen, erfüllt mich mit namenlosem Schrecken, deshalb rufe ich sie an und erkläre widerstrebend, daß sich meine Pläne ge- ändert haben; sie fragt, ob Tim Price mitkommt, und als ich ver- neine, willigt sie ohne das geringste Zögern ein, und daraufhin sage ich die Reservierung ab, die Jane für uns im H O, dem neuen Clive- Powell-Restaurant in Chelsea, gemacht hat, und gehe frühzeitig aus dem Büro für eine kurze Aerobicstunde vor dem Konzert., Keins der Mädchen schien sonderlich erpicht darauf zu sein, die Band zu sehen, alle haben sich bei mir beschwert, jede einzeln, daß sie eigentlich nicht hier sein wollen, und in der Limousine, die ir- gendwo in Richtung Meadowlands fährt, versucht Carruthers, alle zu beschwichtigen, indem er lang und breit erzählt, daß Donald Trump ein großer U2 Fan sei, und dann, mit noch größerer Ver- zweiflung, daß auch John Gutfreund ihre Platten kauft. Ein Flasche Cristal wird geköpft, dann noch eine. Der Fernseher überträgt eine Pressekonferenz, die Ronald Reagan gibt, doch außer mir achtet im allgemeinen Trubel niemand darauf. In der Patty Winters Show an diesem Morgen ging es um Opfer von Haiangriffen. Paul Owen hat mich zu meiner großen Beruhi- gung viermal Marcus und Evelyn zweimal Cecilia genannt, doch Evelyn achtet nicht darauf, weil sie Courtney in der Limousine die ganze Zeit wütend angestarrt hat. Egal, niemand hat Owen berich- tigt, und es ist unwahrscheinlich, daß es noch jemand tun wird. Selbst ich habe sie einige Male Cecilia genannt, als ich sicher war, daß sie nicht zuhörte, während sie haßerfüllt auf Courtney starrte. Carruthers erzählt mir, wie gut ich aussehe, und macht Kompli- mente über meinen Anzug. Evelyn und ich sind das bestgekleidete Paar. Ich trage einen Lammwoll-Mantel, eine Wolljacke und eine Flanellhose, ein Baum- wollhemd, einen Kaschmir-Pullover mit V-Ausschnitt und einen Seidenschlips, alles von Armani. Evelyn trägt eine Baumwollbluse von Dolce & Gabbana, Wildlederschuhe von Yves Saint Laurent, ei- nen bedruckten Wadenrock von Adrienne Landau mit Wildleder- gürtel von Jill Stuart, Calvin-Klein-Strümpfe, Muranoglas-Ohr- ringe von Frances Patiky Stein und hält eine einzelne weiße Rose, umklammert, die ich in einem koreanischen Deli gekauft habe, bevor Carruthers’ Limousine mich abgeholt hat. Carruthers trägt einen Lammwoll-Sportmantel, einen Kaschmir/Vicuna-Strickpul- lover, eine Hose aus Cavalry-Twill, ein Baumwollhemd und eine Seidenkrawatte, alles von Hermés. («Wie geschmacklos», flüsterte Evelyn mir zu, ich stimmte schweigend zu.) Courtney trägt ein Top aus dreilagigem Seidenorganza und einen langen Samtrock mit Fischschwanz-Saum, ein samtenes Haarband und Emailohr- ringe von José und Maria Barrera, Handschuhe von Portolano und Schuhe von Gucci. Paul und Ashley sind für meinen Geschmack ein wenig overdressed, und sie trägt eine Sonnenbrille, obwohl die Scheiben der Limo getönt sind und es längst dämmerig ist. In den Händen hält sie ein kleines Blumenbukett, Gänseblümchen, das Carruthers ihr gegeben hat, was Courtney jedoch nicht eifersüch- tig macht, da sie offenbar im Moment Evelyn die Augen auskratzen will, und obwohl Evelyns Gesicht das hübschere ist, finde ich die Idee gar nicht mal schlecht und hätte nichts dagegen, Courtney da- bei zuzusehen. Cortney hat den etwas besseren Körper, Evelyn die besseren Titten. Das Konzert läuft nun seit ungefähr zwanzig Minuten. Ich hasse Livekonzerte, doch um uns herum hält es niemand auf den Stüh- len, Begeisterungs-Schreie konkurrieren mit dem Radau aus den aufragenden Lautsprecher-Wänden, die sich über uns türmen. Das einzige, was mir hier wirklich Freude macht, ist, Scott und Anne Smiley zehn Reihen hinter uns zu sehen, auf mieseren, doch wahr- scheinlich nicht weniger teuren Plätzen. Carruthers tauscht seinen Sitz mit Evelyn, um mit mir übers Geschäft zu reden, doch ich ver- stehe kein Wort, und ich tausche meinen Platz mit Evelyn, um mit, Courtney zu sprechen. «Luis ist ne Flasche», schreie ich. «Er spannt nichts.» «The Edge trägt Armani», schreit sie und deutet auf den Bassis- ten. «Das ist kein Armani», schreie ich zurück. «Es ist Emporio.» «Nein», schreit sie. «Armani.» «Die Grautöne sind zu stumpf, genau wie das Braun und das Marineblau. Klare ausladende Revers, einfaches Plaid, Gepunktetes und Gestreiftes, das ist Armani. Nicht Emporio», schreie ich, wäh- rend ich mir mit beiden Händen die Ohren zuhalte, extrem wü- tend, daß sie das nicht weiß, es nicht auseinanderhalten kann. «Es gibt da Unterschiede. Welcher ist The Ledge?» «Der Drummer könnte The Ledge sein», schreit sie. «Glaube ich. Ich bin aber nicht sicher. Ich brauche eine Zigarette. Wo bist du gestern nacht gewesen? Sag bloß nicht bei Evelyn, sonst fängst du dir eine.» «Der Drummer trägt absolut nichts von Armani», brülle ich. «Oder Emporio in diesem Fall. Nirgendwo.» «Ich weiß nicht, welcher der Drummer ist», schreit sie. «Frag Ashley», schlage ich brüllend vor. «Ashley?» schreit sie, beugt sich über Paul hinüber und klopft auf Ashleys Bein. «Welcher ist The Ledge?» Ashley schreit irgend- was zu ihr rüber, das ich nicht verstehe, dann dreht sich Courtney zu mir und zuckt die Schultern. «Sie sagte, sie kann immer noch nicht fassen, daß sie in New Jersey ist.» Carruthers gibt Courtney ein Zeichen, sie soll mit ihm den Platz tauschen. Sie tut den Trottel mit einer Handbewegung ab und greift nach meinem Oberschenkel, den ich steinhart anspanne; ihre, Hand bleibt bewundernd liegen. Doch Luis läßt sich nicht abwim- meln, und sie steht auf und schreit mir zu: «Drogen wären nicht schlecht heute abend!» Ich nicke. Bono, der Leadsänger, kreischt et- was heraus, was sich anhört wie «Where the beat sounds the same». Evelyn und Ashley wollen Zigaretten kaufen, gehen auf die Toilette und suchen nach Erfrischungen. Luis sitzt neben mir. «Die Mädchen langweilen sich», schreit Luis mir zu. «Courtney will, daß wir heute abend für sie Kokain besorgen», schreie ich. «Wie großartig.» Luis scheint zu schmollen. «Haben wir irgendwo reserviert?» «Brussels», schreit er und blickt auf seine Rolex. «Ich bezweifle allerdings, daß wir das schaffen.» «Wenn wir es nicht schaffen», warne ich ihn, «gehe ich nirgendwo anders hin. Dann kannst du mich direkt zu Hause absetzen.» «Wir werden es schaffen», schreit er. «Wenn nicht, wie wärs mit einem Japaner?» schlage ich ein- lenkend vor. «Es gibt eine erstklassige Sushi Bar auf der Upper West Side. Blades. Der Koch war früher im Isoito. Sie ist im Zagat hervor- ragend weggekommen.» «Bateman, ich hasse Japaner», schreit Carruthers mir zu, eine Hand am Ohr. «Miese kleine Schlitzaugen.» «Was», schreie ich, «verdammt noch mal, redest du da?» «O ich weiß, ich weiß», schreit er und reißt die Augen auf. «Sie sparen mehr als wir und erfinden nicht viel, aber eins können sie, unsere Erfindungen stehlen, sie weiterentwickeln und uns dann da- mit zuscheißen!» Ich starre ihn einen Moment ungläubig an, dann schaue ich auf, die Bühne, und der Gitarrist läuft im Kreis, Bonos Arm ist ausge- streckt, als er am Bühnenrand hin und her läuft, und dann zurück auf Luis, dessen Gesicht immer noch puterrot vor Wut ist, und er starrt mich immer noch mit weit aufgerissenen Augen an, Schaum auf den Lippen, und bringt kein Wort heraus. «Was zum Teufel hat das mit Blades zu tun?» frage ich ihn schließlich völlig verwirrt. «Wisch dir mal den Mund ab.» «Das ist der Grund, warum ich japanisches Essen hasse», schreit er zurück. «Sashimi. California Roll. Mein Gott!» Er macht eine wegwerfende Bewegung und steckt einen Finger in den Hals. «Carruthers …» Ich halte inne, schaue ihn immer noch an, stu- diere genau sein Gesicht, leicht außer mir und unfähig, mich zu er- innern, was ich eigentlich sagen wollte. «Was, Bateman?» fragt Carruthers und beugt sich zu mir. «Paß auf, ich kann so einen Scheiß nicht ertragen», schreie ich. «Ich kann einfach nicht glauben, daß du nicht später reserviert hast. Wir werden warten müssen.» «Was?» schreit er und hält sich die Hand ans Ohr, als würde das was nützen. «Wir werden warten müssen!» schreie ich lauter. «Das ist kein Problem», schreit er. Der Leadsänger streckt die Hand nach uns aus, und ich winke ab. «Es ist okay? Das soll okay sein? Nein, Luis. Du liegst falsch. Es nicht okay.» Ich schaue zu Paul Owen rüber, der genauso gelang- weilt wirkt, sich mit beiden Händen die Ohren zuhält, doch er schafft es immer noch, mit Courtney über irgend etwas zu reden. «Wir werden nicht warten», schreit Luis. «Versprochen.» «Versprich nichts, Witzbold!» Dann: «Betreut Paul Owen immer, noch den Fisher-Account?» «Ich will nicht, daß du mir böse bist, Patrick», schreit Luis ver- zweifelt. «Es geht alles klar.» «Mein Gott, vergiß es», schreie ich. «Und jetzt hör mir zu: Be- treut Paul Owen immer noch den Fisher-Account?» Carruthers schaut zu ihm rüber und dann zurück zu mir. «Ich glaube schon. Ich habe gehört, Ashley hat Chlamydien?» «Ich rede mit ihm», schreie ich, stehe auf und setze mich auf den freien Platz neben Owen. Doch als ich mich setze, erblicke ich etwas Merkwürdiges auf der Bühne. Bono kommt über die Bühne, folgt mir zu meinem Platz, starrt in meine Augen, kniet an der Bühnenkante, er trägt schwarze Jeans (möglicherweise Gitano), Sandalen, eine Lederweste ohne Hemd darunter. Sein Körper ist weiß, schweißbedeckt und nicht genügend trainiert, keine Spur von Muskeln, und die wenigen Konturen sind bedeckt von armseligen Büscheln Brusthaar. Er trägt einen Cowboyhut, sein Haar ist zu einem Pferdeschwanz zu- rückgekämmt, er jammert irgendein Klagelied – ich schnappe die Zeile «A hero is an insect in this world» auf –, er hat ein schwa- ches, kaum merkliches, aber dennoch eindringliches Lächeln auf den Lippen, das breiter wird, sich aufs ganze Gesicht ausweitet, und während seine Augen blitzen, verfärbt sich der Rückraum der Bühne rot, und plötzlich übermannt mich eine gewaltige Woge von Gefühlen, ein Rausch der Erkenntnis, ich kann in Bonos Herz se- hen, mein eigenes Herz schlägt schneller, und ich spüre, daß mir der Sänger etwas mitteilt. Schlagartig wird mir klar, daß wir etwas gemein haben, daß uns etwas verbindet, und man könnte fast glau- ben, daß von Bono ein unsichtbares Band ausgeht und mich um-, schlingt, daß die Zuschauer verschwinden, die Musik langsamer wird, verhaltener, und nur noch Bono auf der Bühne steht – die Halle verwaist, die Band verschwunden – und die Botschaft, seine Botschaft, vorhin noch vage, wird jetzt immer deutlicher, er nickt mir zu, ich nicke zurück, alles wird klarer, mein Körper lebt und brennt zugleich, hat Feuer gefangen, urplötzlich hüllt mich ein Blitz aus weißem, blendendem Licht ein, und ich höre sie, spüre sie sogar, kann selbst die verschwommenen, orangefarbenen Lettern der Botschaft über Bonos Kopf entziffern: «Ich … bin … der … Teufel … und ich bin … genau … wie … du …» Und dann ist alles wieder da, das Publikum, die Band, die Mu- sik schwillt langsam wieder an, Bono, der fühlt, daß mich die Botschaft erreicht hat – ich weiß, daß er spürt wie ich reagiere –, wendet sich befriedigt ab, und ich bleibe bebend zurück, mit ge- rötetem Gesicht, eine schmerzende Erektion drückt gegen meinen Oberschenkel, meine Hände zu Fäusten geballt. Doch plötzlich ist alles vorbei, und als hätte jemand einen Schalter gedrückt, wird der Bühnenraum wieder weiß. Bono – der Teufel – ist für immer und ewig auf der anderen Seite der Bühne, das Gefühl in meinem Herzen, die Empfindung, die meinen Verstand geläutert hat, ist ver- schwunden, und mehr denn je will ich jetzt wissen, was es mit dem Fisher-Account auf sich hat, den Owen betreut, diese Information scheint lebenswichtig, von größerer Bedeutung als das Gefühl der Gemeinsamkeit, das mich mit Bono verbindet, nun aber langsam schwächer wird und schließlich vergeht. Ich wende mich zu Paul Owen. «Hallo», schreie ich. «Wie läuft’s?» «Diese Kerle da drüben …» Er deutet auf eine Gruppe Roadies,, die vor der ersten Reihe am Bühnenrand stehen, in die Menge star- ren und aufeinander einreden. «Sie zeigen dauernd hier rüber auf Evelyn, Courtney und Ashley.» «Woher sind die?» schreie ich. «Kommen die von Oppenhei- mer?» «Nein», schreit Owen zurück. «Ich glaube, es sind Roadies, die sich nach Groupies für die Band umschauen.» «Ach», brülle ich. «Und ich habe gedacht, daß sie vielleicht bei Barneys arbeiten.» «Nein», schreit Owen. «Sie nennen sich Fleischbeschauer.» «Woher weißt du das?» «Ich habe einen Cousin, der All We Need of Hell managt», schreit er. «Verblüffend, daß du so was weißt», sage ich. «Was?» schreit er. «Betreust du noch den Fisher-Account?» schreie ich zurück. «Ja», schreit er. «Schwein gehabt, was Marcus?» «Allerdings», kreische ich. «Wie bist du da rangekommen.» «Na ja, ich hatte den Ransom-Account, und so kam eins zum an- deren.» Er zuckt hilflos mit den Schultern, dieser aalglatte Scheiß- kerl. «Du verstehst.» «Wow.» «Klar», schreit er zurück, dann dreht er sich in seinem Stuhl um und brüllt zwei verblödet wirkende, fette New-Jersey-Mädchen an, zwischen denen ein überdimensionaler Joint kreist, eine dieser Kühe ist offenbar in eine irische Flagge eingehüllt. «Könntet ihr bitte euer Kraut wegtun – es stinkt.» «Ich will ihn», schreie ich und starre auf seinen perfekten, gera-, den Scheitel, selbst seine Kopfhaut ist gebräunt. «Du willst was?» schreit er zurück. «Den Joint?» «Nein. Nichts», schreie ich mit rauher Kehle und lasse mich in den Sitz zurückfallen, starre leer auf die Bühne, kaue auf meinem Daumennagel und ruiniere meine gestrige Maniküre. Wir gehen, nachdem Evelyn und Ashley zurück sind, und spä- ter, in der Limousine, die nach Manhattan zurückbraust, um die Reservierung im Brussels einhalten zu können, während noch eine Flasche Cristal aufgemacht wird und Reagan immer noch im Fern- sehen ist, erzählen uns Evelyn und Ashley, daß sie zwei Ordner ne- ben der Damentoilette abgefangen und hinter die Bühne bestellt hätten. Ich erkläre, wer sie waren und was es damit auf sich hat. «Mein Gott», japst Evelyn. «Willst du mir erzählen, daß ich … die Frischfleischkontrolle passiert habe?» «Ich wette, daß Bono einen kleinen Schwanz hat», sagt Owen und starrt aus dem Fenster. «Irisch eben.» «Glaubst du, daß sie da hinten einen Geldautomat haben?» fragt Luis. «Ashley», schreit Evelyn. «Hast du das gehört? Wir haben die Frischfleischkontrolle passiert!» «Wie sieht meine Frisur aus?» frage ich. «Noch etwas Cristal?» fragt Courtney Luis.,

Flüchtiger Blick auf einen Donnerstag-

nachmittag und es ist mitten am Nachmittag, und ich finde mich in einer Tele- fonzelle wieder, an einer Ecke irgendwo downtown, ich weiß nicht, wo, aber ich bin verschwitzt, und eine pochende Migräne stampft dumpf in meinem Kopf, und ich erlebe einen Angstanfall der geho- benen Klasse, durchsuche meine Taschen nach Valium, Xanax, ei- ner übriggebliebenen Halcion, irgendwas, und alles, was ich finde, sind drei verblichene Nuprin in einer Gucci-Pillenbox, also werfe ich alle drei ein und spüle sie mit einer Diet Pepsi runter, aber wo ich die herhabe, könnte ich nicht sagen, und wenn es um mein Le- ben ginge. Ich habe vergessen, mit wem und vor allem wo ich vor- hin Lunch hatte. War es mit Robert Ailes bei Beats? Oder mit Todd Hendricks bei Ursula’s, dem neuen Philip-Duncan-Holmes-Bistro in Tribeca? Oder mit Ricky Worrall im December’s? Könnte es mit Kevin Weber im Contra in NoHo gewesen sein? Hab ich das Bri- ochesandwich mit Rebhuhn und grünen Tomaten bestellt oder ei- nen großen Teller Endiviensalat mit Venusmuschelsauce? «O Gott, ich kann mich nicht erinnern», stöhne ich, meine Kleidung – ein Sportmantel aus Leinen und Seide, ein Baumwollhemd, eine kha- kifarbene Leinen-Bundfaltenhose, alles von Matsuda, eine Seiden- krawatte mit einem Matsuda-Signet, ein Gürtel von Coach Lea- therware – schweißdurchtränkt, und ich ziehe mein Jackett aus und wische mir das Gesicht damit ab. Das Telefon klingelt weiter, aber ich weiß nicht, wen ich angerufen habe, und ich stehe einfach, an der Ecke, die Ray Ban in einem etwas merkwürdigen Winkel in die Stirn geschoben, und dann höre ich ein schwaches, vertrautes Geräusch in der Leitung – Jeans sanfte Stimme, die mit dem endlo- sen Verkehrslärm auf dem Broadway konkurriert. In der Patty Winters Show ging es um Aspirin: Kann es dein Leben retten? «Jean?» schreie ich. «Hallo? Jean?» «Patrick? Sind Sie das?» ruft sie zurück. «Hallo?» «Jean, ich brauche Hilfe», schreie ich. «Patrick?» «Was?» «Jesse Forrest hat angerufen», sagt Jean. «Er hat im Melrose heute abend um acht reserviert, und Tad Madison und Jamie Con- way wollen dich im Harry’s auf ein paar Drinks treffen. Patrick?» fragt Jean. «Wo bist du?» «Jean?» seufze ich und wische mir die Nase. «Ich bin nicht –» «Oh, und Todd Lauder hat angerufen», sagt Jean, «nein, ich meine Chris – oder nein, es war Todd Lauder. Ja, Todd Lauder.» «O Gott», stöhne ich und lockere meine Krawatte, während die Augustsonne auf mich herunterknallt. «Was sagst du da, blödes Biest?» «Nicht im Bice, Patrick. Reserviert ist im Melrose. Nicht Bice.» «Was soll ich tun?» schreie ich. «Wo sind Sie?» Und dann: «Patrick, stimmt was nicht?» «Ich schaff ’s heute nicht», sage ich und stoße würgend hervor: «Ins Büro, Jean.» «Warum?» Sie klingt traurig, oder vielleicht ist es einfach nur Verwirrung. «Sag … einfach … nein …», schreie ich. «Was ist los, Patrick? Sind Sie in Ordnung?» fragt sie. «Red nicht so scheiß … mitleidig mit mir. Je- sus», schreie ich. «Patrick. Es tut mir leid. Ich meine, ich wollte ja einfach nein sagen, aber –» Ich hänge auf, taumele aus der Telefon- zelle, der Walkman hängt plötzlich wie ein Mühlstein um meinen Hals (und was herausplärrt – früher Dizzie Gillespie –, nervt ge- waltig), und ich muß den Walkman, einen billigen, in den nächst- besten Mülleimer werfen, und dann hänge ich am Rand des Ei-, mers, schwer atmend, das billige Matsuda-Jackett um meine Taille geschlungen, starre auf den immer noch laufenden Walkman, das Styling-Mousse in meinem Haar schmilzt in der Sonne, und es mischt sich mit dem Schweiß, der mein Gesicht herunterläuft, und ich kann es schmecken, wenn ich mir die Lippen lecke, es schmeckt gut, und plötzlich bin ich heißhungrig, fahre mir mit der Hand durchs Haar und lecke sie gierig ab, während ich den Broadway entlanggehe, ignoriere die alten Frauen, die Handzettel verteilen, an Jeansläden vorbei, aus denen Musik dröhnt, sich auf die Straße ergießt; die Bewegungen der Leute gleichen sich dem Beat des Songs an, einer Madonna-Single, Madonna jault: «Life is a mystery, everyone must stand alone …», Fahrradboten flitzen vorbei, und ich stehe an einer Ecke und sehe ihnen finster nach, aber die Leute gehen vorbei, blind, niemand bemerkt mich, sie müssen noch nicht mal so tun, als würden sie mich nicht bemerken, was mich soweit ernüchtert, daß ich in einen nahegelegenen Conran-Laden gehen kann, um eine Teekanne zu kaufen; aber gerade, als ich glaube, alles sei wieder im Lot und mein Kopf wieder klar, zieht sich mein Ma- gen zusammen, und die Krämpfe sind so stark, daß ich in den nächsten Hauseingang wanke und meinen Bauch umklammere, mich vor Schmerzen krümme, doch sie verschwinden so plötzlich, wie sie gekommen sind, und ich rappele mich auf und stürze in das nächstbeste Haushaltswarengeschäft, und wo ich schon einmal drin bin, kaufe ich ein Set Schlachtermesser, eine Axt, eine Flasche Salzsäure, und im Zoogeschäft eine Straße weiter, einen Habitrail- Spielkäfig und zwei weiße Ratten, die ich mit den Messern und der Säure quälen will, aber irgendwann später am Nachmittag vergesse ich die Ratten im Pottery Barn, wo ich Kerzen gekauft habe, oder, war’s doch die Teekanne? Jetzt stolpere ich die Lafayette entlang, schwitze, stöhne, stoße Leute aus dem Weg, Schaum tropft mir vom Mund, mein Magen zieht sich unter fürchterlichen Krämpfen zusammen – sie könnten von den Anabolika kommen, aber das be- zweifele ich; als ich mich wieder gefangen habe, gehe ich in einen Gristede-Laden, rase die Gänge hoch und runter, stehle eine Dose Schinken, stecke sie unter das Matsuda-Jackett und gehe ruhig aus dem Laden eine Straße weiter, wo ich mich in die Lobby des Ame- rican Feit Building verziehe, öffne die Dose mit meinen Schlüsseln, ignoriere den Pförtner, der mich erst zu kennen scheint und mir dann, als ich mir eine Handvoll Schinken in den Mund stopfe, aus der Dose das lauwarme rosa Fleisch schaufle, das mir unter den Nägeln hängenbleibt, mit der Polizei droht. Ich bin draußen vor der Tür, erbreche den ganzen Schinken an ein Poster von Les Misé- rables an einer Bushaltestelle, und ich küsse die Zeichnung von Eponines lieblichem Gesicht, ihre Lippen, verschmiere braune Gal- lestreifen über ihr sanftes, ahnungsloses Gesicht und das darunter- gekritzelte Wort LESBE. Ich lockere meine Hosenträger, ignoriere Bettler, die mich ignorieren, schweißgebadet, delirierend, finde ich mich downtown bei Tower Records wieder, reiße mich zusammen, murmele vor mich hin: «Ich muß die Videos zurückbringen, ich muß die Videos zurückbringen» und kaufe zwei Stück von meiner Lieblings-CD The Return Of Bruno von Bruce Willis, dann drehe ich fünf volle Runden in der Drehtür, stolpere auf die Straße, stoße mit Charles Murphy von Kidder Peabody zusammen, oder könnte es Bruce Barker von Morgan Stanley sein, wer auch immer, jeden- falls sagt er: «Hey, Kinsley», und ich rülpse ihm ins Gesicht, mit verdrehten Augen, grünliche Galle tropft in Fäden von meinem, entblößten Gebiß, und er schlägt unbeeindruckt vor: «Wir sehen uns im Fluties, okay? Severt auch?» Ich kreische, und als ich zu- rückweiche, falle ich in einen Obststand vor einem koreanischen Deli, Stapel von Äpfeln, Orangen und Zitronen brechen unter mir zusammen und rollen auf den Gehsteig über den Bordstein auf die Straße, wo sie von Taxis, Autos, Bussen und Lastern zermantscht werden, und ich stammele eine wirre Entschuldigung, halte einem schreienden Koreaner versehentlich meine Platin-AmEx hin, dann einen Zwanziger, den er sofort nimmt, aber trotzdem packt er mich am Kragen meines schmutzigen, zerknitterten Jacketts, in das ich mich wieder hineingezwängt habe, und als ich in sein rundes Schlitzaugengesicht sehe, intoniert er plötzlich den Refrain von Lou Christies «Lightning Strikes». Ich wende mich ab, entsetzt, stolpere uptown, nach Hause, aber Menschen, Plätze, Geschäfte halten mich auf, ein Dealer auf der Thirteenth, der mir Crack an- bietet, ich fuchtele blind mit einem Fünfziger, und er sagt dankbar «O Mann» und schüttelt mir die Hand, steckt mir dabei fünf Am- pullen zu, die ich im Weitergehen ganz runterschlinge, der Dealer starrt mich an, versucht seine tiefe Verwirrung hinter einem amü- sierten Blick zu verbergen, und ich packe ihn am Kragen und krächze mit stinkendem Atem: «Der 750er-iL-BMW hat den besten Motor», und dann schleppe ich mich weiter zu einer Telefonzelle, wo ich auf die Vermittlung einbrabble, ihr schließlich meine Kre- ditkartennummer hinrotze, und dann spreche ich mit dem Emp- fang bei Xclusive, wo ich einen Massagetermin absage, den ich gar nicht hatte. Ich kann mich zusammenreißen, indem ich einfach auf meine Füße starre, besser gesagt auf die A. Testoni-Loafers, scheu- che Tauben auf und betrete, ohne es zu merken, einen schäbigen, Deli auf der Second Avenue, bin immer noch durcheinander, kon- fus, verschwitzt und nähere mich einer kleinen fetten Jüdin, alt und scheußlich gekleidet. «Hören Sie», sage ich, «ich habe reserviert, Bateman. Wo ist der Maître d’? Ich kenne Jackie Mason», und sie seufzt: «Ich gebe Ihnen einen Platz. Sie brauchen keine Reservie- rung», während sie nach der Karte greift. Sie führt mich an einen schrecklichen Tisch hinten bei den Toiletten, und ich nehme ihr die Karte weg, laufe an einen Tisch ganz vorn und bin von der Billig- keit des Essens angewidert – «Ist das ein gottverdammter Witz?» –, und weil ich spüre, daß eine Kellnerin in der Nähe ist, bestelle ich, ohne aufzusehen: «Ein Cheeseburger. Ich möchte einen Cheese- burger, und zwar medium rare.» «Tut mir leid, Sir», sagt die Kellne- rin. «Kein Käse. Koscher», und ich habe keine Ahnung, wovon zum Teufel sie da redet, und sage: «Gut. Einen Koscherburger, aber mit Käse, vielleicht Monterey Jack, und – o Gott», stöhne ich, als ich spüre, daß die Krämpfe wieder losgehen. «Kein Käse, Sir», sagt sie. «Koscher …» «O Gott, ist das ein Alptraum, du Judenschlampe?» murmele ich und dann: «Hüttenkäse? Her damit.» «Ich hole den Manager», sagt sie. «Egal. Aber bring mir inzwischen ein Getränk», zische ich. «Ja?» fragt sie. «Einen … Milkshake … Vanille.» «Keine Milkshakes. Koscher», sagt sie, dann: «Ich hole den Manager.» «Nein, warte.» «Mister, ich hole den Manager.» «Was geht hier vor, verdammt?» frage ich wutschnaubend, habe meine Platin-AmEx schon auf den schmierigen Tisch geknallt. «Keine Milkshakes. Ko- scher», sagt sie maulfaul, irgendeiner von Milliarden Menschen, die über diesen Planeten wandeln. «Dann bring mir eine … Vanille … Malzmilch!» schnaube ich und sprühe die geöffnete Karte mit Spu- cke voll. Sie glotzt nur. «Extradick!» füge ich dazu. Sie geht weg, um, den Manager zu holen, und als ich ihn kommen sehe, eine Glatz- kopf-Kopie der Kellnerin, stehe ich auf, schreie: «Leckt mich, ihr zurückgebliebenen Schwanzlutscher-Itzigs» und renne aus dem Deli auf die Straße wo diese,

Yale Club

«Zu welchen Gelegenheiten sind Strickgilets angebracht?» fragt Van Patten die Tischrunde. «Wie meinst du das?» McDermott hebt eine Braue, nippt an sei- nem Absolut. «Ja», sage ich. «Drück dich deutlicher aus.» «Na ja, sind sie ausgesprochen leger …» «Oder können sie zum Anzug getragen werden?» unterbreche ich ihn und beende den Satz. «Genau.» Er lächelt. «Nun, Bruce Boyner zufolge …», hebe ich an. «Moment.» Van Patten bremst mich. «Ist er bei Morgan Stan- ley?» «Nein.» Ich lächle. «Er ist nicht bei Morgan Stanley.» «Er war doch kein Serial Killer?» fragt McDermott mißtrauisch und stöhnt dann. «Sag bloß nicht, er war wieder einer von deinen Serienmördern, Bateman. Nicht noch ein Serienmörder.» «Nein, McDoofi, er war kein Serienmörder», sage ich und wende mich wieder zu Van Patten, sage dann aber noch zu McDermott: «Das kotzt mich wirklich an.» «Aber du kommst immer mit denen», beschwert sich McDer- mott. «Und immer auf diese beiläufige, schulmeisterhafte Tour. Ich meine, ich will wirklich nichts über Son of Sam hören, den behäm- merten Hillside Strangler, Ted Bundy oder Featherhead, verdammt noch mal.» «Featherhead?» fragt Van Patten. «Wer ist Featherhead? Der, klingt ja überaus gefährlich.» «Er meint Leatherface», sage ich mit fest zusammengebissenen Zähnen. «Leatherface. Hatte mit dem Texas Chainsaw Massacre zu tun.» «Oh.» Van Patten lächelt höflich. «Natürlich.» «Und er war überaus gefährlich», sage ich. «Okay, weiter im Text. Bruce Boyner. Was hat er auf dem Kerb- holz?» will McDermott wissen, seufzt und verdreht die Augen. «Mal sehen – hat er ihnen bei lebendigem Leibe die Haut abgezo- gen? Sie verhungern lassen? Überfahren? An die Hunde verfüttert? Was nun?» «Ihr seid mir die richtigen», sage ich kopfschüttelnd, und dann aufreizend: «Etwas viel Schlimmeres.» «Was zum Beispiel? Hat er sie zum Dinner in McManus’ neues Restaurant eingeladen?» fragt McDermott. «Das würde reichen», stimmt Van Patten zu. «Warst du da? Ganz schön unappetitlich, was?» «Hast du den Hackbraten genommen?» fragt McDermott. «Den Hackbraten?» Van Patten ist erschüttert. «Nichts gegen das Interieur! Nichts gegen die Scheiß-Tischdecken!» «Aber hast du den Hackbraten probiert?» insistiert McDermott. «Natürlich hatte ich Hackbraten und das Stubenküken und den Marlin», sagt Van Patten. «O Gott, den Marlin hatte ich ganz vergessen», ächzt McDer- mott. «Das Marlin-Chili.» «Jeder, der seine fünf Sinne beisammen hat, hätte nach Mil- lers Kritik in der Times den Hackbraten bestellt. Oder den Marlin eben.», «Aber Miller lag wirklich daneben», sagt McDermott. «Es war einfach nur Pampe. Die Quesadilla mit Papaya? Sonst ein apartes Gericht, aber das, Jesus.» Er pfeift und schüttelt den Kopf. «Und billig», setzt Van Patten hinzu. «So was von billig.» McDermott ist ganz seiner Meinung. «Und die Krokant-Tarte mit Wassermelo …» «Gentlemen.» Ich hüstele. «Ich unterbreche nur ungern, aber … » «Okay, okay, mach weiter», sagt McDermott. «Erzähl uns mehr über Charles Moyer.» «Bruce Boyer», korrigiere ich ihn. «Er ist der Autor von Elegance: A Guide to Quality in Menswear.» Dann als Randbemerkung: «Und, nein Craig, er war in seiner Freizeit kein Serial Killer.» «Und was hatte Brucie Baby dazu zu sagen?» fragt McDermott und kaut auf seinem Eis. «Du bist ein Blödmann, McDermott. Das Buch ist hervorra- gend. Er hält an der Ansicht fest, man sollte sich nicht scheuen, eine Strickweste zum Anzug zu tragen», sage ich. «Hast du gehört, daß ich Blödmann zu dir gesagt habe?» «Ja.» «Aber weist er nicht auch darauf hin, daß die Weste den Anzug nicht erschlagen darf?» meldet sich Van Patten zaghaft. «Ja …» Ich bin leicht irritiert, daß Van Patten seine Haus- aufgaben gemacht hat und trotzdem um Rat bittet. Ich fahre un- beirrt fort. «Zu diskreten Nadelstreifen sollte man eine Weste in gedecktem Blau oder Anthrazitgrau tragen. Ein karierter Anzug würde nach einer kräftigeren Weste verlangen.» «Und nicht zu vergessen», setzt McDermott hinzu, «korrekter-, weise sollte der unterste Westenknopf geöffnet bleiben.» Ich werfe McDermott einen scharfen Blick zu. Er lächelt, schlürft seinen Drink und schnalzt dann befriedigt mit den Lippen. «Warum?» will Van Patten wissen. «Es hat sich eingebürgert», sage ich und funkele immer noch McDermott an. «Und außerdem ist es bequemer.» «Verbessert das Tragen von Hosenträgern den Sitz der Weste?» höre ich Van Patten fragen. «Warum?» frage ich und drehe mich zu ihm um. «Na, weil man dadurch …» Er unterbricht sich, sucht nach dem passenden Wort. «Die Behinderung durch die –?» beginne ich. «Die Gürtelschnalle vermeidet?» beendet McDermott. «Genau», sagt Van Patten. «Und außerdem ist darauf zu achten …» Und wieder werde ich von McDermott unterbrochen. «Darauf zu achten, daß die Weste, obwohl sie auf Farbe und Machart des Anzugs abgestimmt sein sollte, niemals mit gleichge- musterten Socken oder Krawatten kombiniert werden darf», sagt McDermott und lächelt mir und Van Patten zu. «Ich dachte, du hättest das … Buch nicht gelesen», stottere ich wütend. «Eben wolltest du mir noch erzählen, daß du den Un- terschied zwischen Bruce Boyner und John Wayne Gacy nicht kennst.» «Ist mir wieder eingefallen.» Er zuckt die Achseln. «Also.» Ich wende mich wieder an Van Patten, weil ich McDer- motts Besserwisserei billig finde. «Socken mit Schottenkaro zur ka- rierten Weste würden einen zu gewollten Eindruck machen.», «Findest du?» «Das sieht aus, als würdest du zu viele Gedanken an deine Gar- derobe verschwenden», sage ich und wende mich dann, plötzlich verärgert, an McDermott. «Featherhead? Wie zum Henker bringst du es fertig, aus Leatherface Featherhead zu machen?» «Hey, immer mit der Ruhe, Bateman», sagt er, schlägt mir auf die Schulter und massiert dann meinen Nacken. «Kein Shiatsu heute morgen?» «Faß mich noch mal so an», sage ich, die Augen fest geschlossen, mein Körper ist zum Sprung geduckt, begierig loszuschlagen, «und dir bleibt nur ein blutiger Armstumpf.» «He, he, langsam, Freundchen», sagt McDermott und zuckt in komischem Entsetzen zurück. Die zwei gackern wie Vollidioten und geben sich High-Five, in schöner Unkenntnis, daß ich ihm nur zu gerne die Hände und auch noch einiges andere abhacken würde. Wir drei, Van Patten, McDermott und ich, sitzen im Speisezim- mer des Yale Club beim Lunch. Van Patten trägt einen Woll-Crêpe- Anzug mit Glencheck-Muster von Krizia Uomo, ein Brooks-Brot- hers-Hemd, einen Schlips von Adirondack und Schuhe von Cole- Haan. McDermott trägt einen Lambwool-Kaschmir-Blazer, eine Kammgarnflanell-Hose von Ralph Lauren, ein Hemd und eine Krawatte, ebenfalls von Ralph Lauren, und Schuhe von Brooks Brothers. Ich trage einen Anzug aus festem Wollstoff mit Gitter- karo, ein Baumwollhemd von Luciano Berbera, Schuhe von Cole- Haan und eine Fensterglas-Brille von Bausch & Lomb. Heute morgen ging es in der Patty Winters Show um Nazis, und ich sah die Sendung unerklärlicherweise mit echtem Gewinn. Obwohl, ich nicht gerade angetan war von den Taten der Nazis, waren sie mir andererseits auch nicht unsympathisch ebenso wie, muß ich hinzufügen, dem Großteil des Publikums. Einer der Nazis bewies ungewöhnlichen Humor und jonglierte mit Grapefruits, und ich setzte mich amüsiert im Bett auf und klatschte. Luis Carruthers sitzt fünf Tische weiter und ist angezogen, als wäre er heute morgen mit schwerem Baguettefieber aufgewacht – er trägt einen unidentifizierbaren Anzug von irgendeinem fran- zösischen Schneider; und wenn ich nicht sehr irre, müßte der Bow- ler auf dem Boden unter seinem Stuhl auch ihm gehören – da steht unübersehbar Luis drauf. Er lächelt, aber ich tue so, als würde ich nichts bemerken. Heute morgen habe ich drei Stunden bei Xclusive trainiert, und da wir drei uns den Rest des Nachmittags freigenom- men haben, gehen wir alle zur Massage. Wir haben noch nicht be- stellt, tatsächlich haben wir noch nicht mal die Karte gesehen. Ur- sprünglich hatte Craig eine Flasche Champagner bestellen wollen, aber David hatte zu diesem Vorschlag vehement den Kopf geschüt- telt und «Out, out, out» gesagt, und so wurden statt dessen Drinks bestellt. Ich behalte Luis im Auge, und immer wenn er zu unserem Tisch schaut, werfe ich den Kopf zurück und lache, selbst wenn das, was Van Patten oder McDermott sagen, nicht im geringsten lustig ist, also eigentlich immer. Inzwischen heuchele ich das so ge- konnt natürlich, daß niemand etwas merkt. Luis steht auf, wischt sich den Mund mit einer Serviette ab und schaut wieder zu uns her, ehe er das Speisezimmer verläßt und, wie ich vermute, die Herren- toilette aufsucht. «Aber es gibt Grenzen», sagt Van Patten gerade. «Der Punkt ist doch, ich meine, man will schließlich nicht den Abend mit dem, Krümelmonster verbringen.» «Aber mit Meredith gehst du immer noch, äh, wo liegt da denn der Unterschied?» frage ich. Natürlich hört er nicht hin. «Aber Ditsy ist süß», sagt McDermott. «Ditsy ist wirklich süß.» «Bateman?» fragt Van Patten. «Irgendwelche Stilfragen bezüg- lich Ditsyologie?» «Was?» frage ich im Aufstehen. «Ditsy? Nein?» diesmal McDermott. «Ditsy ist begehrenswert, comprende?» «Hört zu», sage ich und schiebe meinen Stuhl an den Tisch. «Ich möchte nur kund und zu wissen tun, daß ich pro Familie und anti Drogen bin. Entschuldigt mich.» Als ich gehe, schnappt sich Van Patten einen vorbeikommenden Kellner und sagt mit leiser werdender Stimme: «Ist das Leitungs- wasser? Ich trinke kein Leitungswasser. Bringen Sie mir ein Evian oder so, ja?» Würde Courtney mich weniger mögen, wenn Luis tot wäre? Das ist die Frage, der ich mich stellen muß, die unterschwellig an mir nagt, ohne daß ich eine klare Antwort finden kann, während ich langsam durch den Speisesaal gehe und jemand zuwinke, der wie Vincent Morrison aussieht, und einem anderen, von dem ich mir ziemlich sicher bin, daß er aussieht wie Tom Newman. Würde Courtney mehr Zeit mit mir verbringen – die Zeit, die sie jetzt mit Luis verbringt –, wenn er von der Bildfläche verschwunden wäre, nicht mehr zur Verfügung stünde, wenn er vielleicht … tot wäre? Wäre Courtney wohl traurig, wenn Luis getötet würde? Könnte ich sie wirklich trösten, ohne daß mir meine Gehässigkeit einen Streich spielt und ich ihr laut ins Gesicht lachen und mit allem he-, rausplatzen muß? Erregt sie mein Körper, meine Schwanzgröße oder der Kitzel, daß sie sich hinter seinem Rücken mit mir trifft? Und warum, da wir schon dabei sind, möchte ich Courtney ge- fallen? Wenn sie an mir nur die Muskeln mag, oder den kräftigen Schwanz, ist sie ein mieses Stück. Aber ein köstlich gebautes, fast makellos schönes mieses Stück, und das entschuldigt vieles, von schlechtem Atem oder gelben Zähnen einmal abgesehen, beides echte Reklamationsgründe. Würde ich alles zerstören, wenn ich Luis erwürge? Würde mich Evelyn, wenn ich sie heirate, bis zur unausweichlichen Scheidung zwingen, ihr Lacroix-Modelle zu kaufen? Haben die südafrikanischen Streitkräfte und die von der Sowjetunion gesteuerten schwarzen Guerillas in Namibia schon Waffenstillstand geschlossen? Würde diese Welt schöner und siche- rer werden, wenn Luis in Stücke gehackt würde? Meine Welt schon, also warum nicht? Spricht eigentlich … nichts dagegen. Und im Grunde ist es längst zu spät, sich diese Fragen zu stellen, denn jetzt bin ich auf der Herrentoilette, starre mein Spiegelbild an – Haar und Gesichtsbräune tiptop – und begutachte meine Zähne, eben- mäßig, weiß und strahlend. Ich blinzele mein Spiegelbild an und atme tief durch, streife ein Paar Armani-Handschuhe über und nä- here mich dann der Kabine, in der Luis verschwunden ist. Die Her- rentoilette ist verlassen, alle Kabinen sind leer, bis auf eine am Ende des Raums, unverschlossen, einen Spalt geöffnet, und Luis’ Pfeifen – irgendwas aus Les Misérables – wird fast unerträglich schrill, als ich näher komme. Er steht in der Kabine mit dem Rücken zu mir, trägt einen Kaschmir-Blazer, eine Bundfaltenhose aus Wolle, ein weißes Hemd aus Baumwolle und Seide und pißt in die Kloschüssel. Ich merke,, daß er meine Anwesenheit spürt, weil sich sein Körper strafft und das Geräusch des Urinstrahls, der auf Wasser klatscht, abrupt ab- bricht. In Zeitlupe, jedes andere Geräusch gedämpft durch mein schweres Atmen, mein Blick an den Rändern leicht getrübt, glei- ten meine Hände über den Kragen seines Kaschmir-Blazers und des Hemds aus Baumwollflanell und legen sich um seinen Hals, bis meine Daumen sich im Nacken treffen und meine Zeigefinger sich genau über Luis Adamsapfel berühren. Ich presse sie langsam zusammen, mit festerem Griff, aber immer noch locker genug, um es Luis zu erlauben, sich umzudrehen – noch immer in Zeitlupe –, damit er mir ins Gesicht sehen kann, eine Hand über seinem Polo-Sweater aus Wolle und Seide, die andere erhoben. Seine Lider flattern einen Moment lang, dann weiten sich seine Augen, ganz wunschgemäß. Ich will sehen, wie sich Luis’ Gesicht verzerrt und rot anläuft, ich will, daß er weiß, wer ihn umbringt. Mein Gesicht soll das letzte sein, was Luis sieht, ehe er stirbt, und dann will ich schreien: «Ich ficke Courtney. Hörst du mich? Ich ficke Courtney. Ha-ha-ha», und das sollen die letzten Worte, die letzten Laute sein, die er hört, bis sein Röcheln, das Knirschen seines Kehlkopfs alles andere übertönen. Luis starrt mich an, und ich spanne meine Arm- muskeln, wappne mich für einen Kampf, der zu meiner Enttäu- schung niemals stattfindet. Statt dessen schaut er hinunter auf meine Handgelenke und schwankt einen Moment, als sei er unschlüssig, und dann senkt er den Kopf und … küßt mein linkes Handgelenk, und als er wieder zu mir aufschaut, scheu, ist sein Gesichtsausdruck so … liebevoll und kaum verlegen. Ich stehe da, erstarrt, die Arme immer noch ausgestreckt, die Finger noch um Luis Kehle geschlossen., «Gott, Patrick», flüstert er. «Warum hier?» Jetzt spielt seine rechte Hand mit meinem Haar. Ich schaue zur Seite an die Kabinenwand, in die jemand Edwin, du göttli- cher Schwanzlutscher eingeritzt hat, verharre gelähmt in meiner Position und starre auf die Worte, verstört, betrachte die Sprech- blase, die die Worte umgibt, als läge darin die Antwort, die tiefere Wahrheit. Edwin? Edwin wer? Ich schüttele den Kopf, um zu mir zu kommen, und schaue wieder zu Luis, auf dessen Gesicht dieses gräßliche, liebestrunkene Grinsen klebt, und versuche, fester zuzu- packen, mein Gesicht verzerrt vor Anstrengung, aber ich kann es nicht tun, meine Hände schließen sich nicht, und meine Arme wir- ken grotesk und nutzlos in ihrer immer noch gestreckten Position. «Ich habe gesehen, wie du mich angeschaut hast», sagt er schwer atmend. «Mir ist dein» – er schluckt – «heißer Körper aufgefal- len.» Er versucht, mich auf die Lippen zu küssen, aber ich zucke zu- rück, taumele gegen die Kabinentür und stoße sie versehentlich zu. Ich lasse meine Hände von Luis’ Hals sinken, und er nimmt sie und legt sie sofort zurück. Ich lasse sie sinken, stehe da und überlege mir meine nächsten Schritte, aber ich kann mich nicht rühren. «Sei doch … nicht so schüchtern», sagt er. Ich atme tief durch, schließe die Augen, zähle bis zehn, öffne sie und mache den hilflosen Versuch, wieder die Arme zu heben und Luis zu erwürgen, aber sie sind bleischwer, und die Aufgabe über- steigt meine Kräfte. «Du weißt nicht, wie lange ich mich danach gesehnt habe …» Er seufzt, reibt meine Schultern, zitternd. «Schon seit der Weihnachts- feier im Arizona 206. Du weißt schon, als du den rotgestreiften, Paisleyschlips von Armani getragen hast.» Zum ersten Mal fällt mir auf, daß seine Hose noch immer of- fen steht, ich drehe mich ruhig und ohne Schwierigkeiten um, schlüpfe aus der Kabine und gehe zu einem Waschbecken, um mir die Hände zu waschen, aber ich trage noch immer die Handschuhe und habe keine Lust, sie auszuziehen. Plötzlich scheint die Herren- toilette des Yale-Club der kälteste Ort des Universums zu sein, und ich schaudere unwillkürlich. Luis kommt mir nach, berührt meine Jacke, lehnt sich neben mich ans Waschbecken. «Ich will dich», sagt er in leisem Tuntenflüstern, und als ich kochend vor Wut langsam den Kopf wende, noch immer übers Waschbecken gebeugt, um ihn mit Ekel im Blick anzufunkeln, setzt er hinzu: «auch.» Ich stürme aus der Toilette und stoße mit (vermutlich) Brews- ter Whipple zusammen. Ich lächle dem Maître d’ zu und hechte, nachdem ich ihm die Hand geschüttelt habe, zu den sich schlie- ßenden Aufzugtüren, aber ich komme zu spät, schreie laut auf und bearbeite fluchend die Tür mit den Fäusten. Ich reiße mich zusam- men, bemerke, daß der Maître d’ mit einem Kellner tuschelt, die zwei schauen zweifelnd zu mir her, also richte ich mich auf, lächele schüchtern und winke ihnen zu. Luis schlendert gelassen auf mich zu, grinst errötend, und ich bleibe einfach stehen und lasse ihn nä- her kommen. Er sagt nichts. «Was … noch?» zische ich schließlich. «Wo gehst du hin?» flüstert er verwirrt. «Ich … ich muß noch …» Verdattert schaue ich durch den vollbesetzten Speisesaal, dann wieder in Luis bebendes, schmach- tendes Gesicht. «Ich muß noch Videos zurückbringen», sage ich, und hämmere auf den Aufzugknopf, verliere die Geduld, wende mich zum Gehen und will an meinen Tisch zurück. «Patrick», ruft er mir nach. Ich fahre herum. «Was?» Er formt mit den Lippen «Ich rufe dich an», und sein Gesichts- ausdruck gibt mir zu verstehen, versichert mir, daß mein «Geheim- nis» bei ihm gut aufgehoben ist. Ich würge ein «O mein Gott» her- vor und setze mich sichtbar zitternd wieder an unseren Tisch, ge- schlagen auf der ganzen Linie, immer noch mit Handschuhen, und stürze den Rest meines verwässerten J&B mit Eis herunter. Kaum habe ich mich hingesetzt, fragt Van Patten: «Hey, Bateman, wie trägt man eine Krawattennadel oder Krawattenklammer?» «Obwohl der Krawattenhalter keineswegs unabdingbarer Be- standteil des Tagesanzugs ist, unterstreicht er die adrette, gepflegte Erscheinung. Aber das Accessoire soll niemals die Krawatte domi- nieren. Man sollte einfachen Goldnadeln oder kleinen Clips den Vorzug geben, die schräg, in einem Winkel von fünfundvierzig Grad, am unteren Ende der Krawatte getragen werden.»,

Toter Hund

Courtney ruft an, zu benommen vom Elavil, um ein gemeinsames Dinner bei Cranes durchzustehen, Kitty Oates Sanders neuem Re- staurant in Gramercy Park, wo Jean, meine Sekretärin, letzte Wo- che für uns reserviert hat, und ich bin sprachlos. Obwohl es erst- klassige Kritiken bekommen hat (eine im New York Magazine; die andere in The Nation), beschwere ich mich weder, noch versuche ich, Courtney doch noch zu überreden, denn ich habe noch zwei Akten durchzuarbeiten, und die Patty Winters Show, die ich heute morgen aufgenommen habe, habe ich auch noch nicht gesehen. Um halb acht, beim Frühstück vor der Arbeit, hatte ich nicht die Kraft, sechzig Minuten lang Frauen, die eine Gebärmutteropera- tion hinter sich haben, über mich ergehen zu lassen, aber nach dem heutigen Tag – die Quälerei im Büro, in dem die Klimaanlage aus- gefallen war, ein öder Lunch mit Cunningham im Odeon, meine beschissene chinesische Reinigung, die es wieder nicht geschafft hat, Blutflecken aus einem Soprani-Jackett zu entfernen, vier zu spät zurückgebrachte Videos, die mich schließlich ein Vermögen kosteten, zwanzig Minuten Wartezeit am Stairmaster – bin ich reif dafür; diese Ereignisse haben mich gestählt, und ich bin bereit, mich diesem speziellen Thema zu stellen. Zweitausend Klappmesser und dreißig Minuten Seilspringen im Wohnzimmer, dazu aus der Wurlitzer-Jukebox immer wieder «The Lion Sleeps Tonight», und das, obwohl ich heute fast zwei Stun- den im Gym trainiert habe. Danach ziehe ich mich an, um ein paar Einkäufe bei D’Agostino’s zu machen: blaue Armani-Jeans, ein, weißes Hemd von Polo, ein Sportmantel von Armani, kein Schlips, das Haar mit Thompson-Mousse zurückgekämmt; und weil es reg- net, schwarze wasserfeste Schnürschuhe von Manolo Blahnik; drei Messer und zwei Pistolen in einem schwarzen, ledernen Epi-Di- plomatenkoffer ($ 3200) von Louis Vuitton; ein Paar Hirschleder- Handschuhe von Armani, weil ich mir in der Kälte nicht die Mani- küre ruinieren möchte. Und schließlich ein Trenchcoat mit Gürtel aus schwarzem Leder von Gianfranco Ferré, der viertausend Dol- lar gekostet hat. Obwohl es zu D’Agostino’s nur ein kurzer Fußweg ist, setze ich den CD-Walkman auf, in dem schon die lange Ver- sion von Bon Jovis «Wanted Dead or Alive» wartet. Ich schnappe mir einen Etro-Regenschirm mit Paisleymuster und Holzgriff von Bergdorf Goodman – dreihundert Dollar im Ausverkauf – aus dem neuerworbenen Schirmständer in der Nische neben der Diele und bin durch die Tür. Nach dem Büro habe ich bei Xclusive trainiert und glücklich da- heim, führte ich ein paar obszöne Anrufe mit jungen Dalton-Girls, deren Nummern ich aus einer Kopie des Registers pickte, die ich aus der Immatrikulationsstelle geklaut habe, als ich letzten Don- nerstag nachts eingestiegen bin. «Ich plündere Firmen aus», flüs- terte ich lasziv in mein tragbares Telefon. «Ich inszeniere feindliche Übernahmen. Wie findest du das?», machte dann nach einer klei- nen Pause saugende Geräusche und abartige schweinische Grunzer, um dann zu fragen: «Eh, Schlampe?» Meistens spürte ich, daß sie Angst hatten, was mich so aufgeilte, daß es mir gelang, eine harte, pochende Erektion für die ganze Dauer der Telefongespräche auf- rechtzuerhalten, bis eins der Mädchen, Hilary Wallace, unbeein- druckt fragte: «Dad, bist du das?» und der ganze mühsam erzielte, Enthusiasmus in sich zusammenfiel. Vage enttäuscht machte ich noch ein paar Anrufe, aber nur halbherzig, während ich nebenher die heutige Post öffnete, und legte schließlich mitten im Satz auf, als ich auf eine Einladung von Clifford, meinem ‹persönlichen› Ar- mani-Verkäufer, stieß, der mich in der Boutique auf der Madison zu einem Einzeltermin erwartete … vor zwei Wochen! und obwohl ich schnell darauf komme, daß wahrscheinlich einer der Türsteher meine Einladung unterschlagen hat, um mich zu ärgern, ändert das nichts an der Tatsache, daß ich den Scheiß-Privattermin ver- paßt habe, und als ich über dieses Versäumnis nachbrüte, während ich durch den Central Park West irgendwo Nähe Seventy-sixth, Seventy-fifth herumwandere, kommt mir der tiefschürfende Ge- danke, wie oft diese Welt doch ein böser und grausamer Ort ist. Jemand, der fast genau wie Jason Taylor aussieht – schwarzes, zu- rückgekämmtes Haar, navyblauer doppelreihiger Kaschmirmantel mit Biberpelzkragen, schwarze Lederstiefel, Morgan Stanley –, geht unter einer Straßenlampe vorbei und nickt, als ich den Walkman leiser drehe, um ihn «Hallo Kevin» sagen zu hören; ich schnuppere einen Hauch Grey Flannel und drehe mich im Gehen nach der Per- son um, die Taylor ähnlich sieht, die Taylor sein könnte, und frage mich, ob er noch immer mit Shelby Phillips geht, als ich fast über eine Bettlerin stolpere, die auf der Straße liegt, ausgestreckt im Ein- gang eines verlassenen Restaurants – ein Laden namens Amnesia, den Tony McManus vor zwei Sommern aufgemacht hatte –, und sie ist schwarz, völlig durchgedreht und wiederholt wie einen bud- dhistischen Chant ständig die Worte: «Geld bitte helfen Sie Mis- ter Geld bitte helfen Sie Mister.» Ich versuchte, sie zu überzeugen, daß es von Vorteil wäre, irgendwo einen Job anzunehmen – viel-, leicht im Cineplex Odeon, schlug ich nicht unfreundlich vor –, und fragte mich im stillen, ob ich die Aktentasche öffnen und die Pistole oder das Messer herausziehen sollte. Aber sie erscheint mir als zu leichte Beute, um wirklich zu befriedigen, also sage ich ihr, sie soll sich zum Teufel scheren, und stelle den Walkman lauter als Bon Jovi gerade «It’s all the same, only the names have changed …» schreit, und gehe weiter, bleibe am Geldautomaten stehen, um aus keinem besonderen Grund dreihundert Dollar abzuheben, alles in brandneuen, frischen Zwanziger-Scheinen, und ich bette sie vor- sichtig in meine Brieftasche aus Gazellenleder, um sie nicht zu zerknittern. Am Columbus Circle zeigt ein Jongleur in Regencape und Zylinder, der nachmittags immer hier ist und sich Stretch Man nennt, vor einer kleinen, uninteressierten Gruppe seine Künste; obwohl ich Beute wittere und er meinen Haß redlich verdient hat, gehe ich weiter auf der Suche nach einem weniger beknackten Op- fer. Wäre er Pantomime gewesen, hätte er beste Chancen gehabt, jetzt bereits tot zu sein. Verblaßte Poster von Donald Trump auf dem Cover des Time Magazine verdecken die Fenster eines anderen leerstehenden Re- staurants, des ehemaligen Palace, und das erfüllt mich mit neuer Zuversicht. Ich bin bei D’Agostino’s angekommen, stehe direkt da- vor, schaue hinein und spüre den fast unwiderstehlichen Drang, hineinzugehen und sämtliche Regale zu plündern, meinen Ein- kaufskorb mit Balsamessig und Meersalz zu füllen, die Stände mit Gemüse und Lebensmitteln zu durchstreifen und die Schattierun- gen von rotem Paprika, gelbem Paprika, grünem Paprika und lila Paprika zu betrachten, abzuwägen, welche Geschmacksrichtung, welche Form von Lebkuchen ich kaufen soll, aber es zieht mich, noch immer nach etwas Tieferem, Unbestimmtem, das ich vor- her tun könnte, und ich pirsche mich durch die dunklen, kalten Straßen um den Central Park West, sehe mein Spiegelbild in den getönten Fensterscheiben einer Limousine, die vor dem Café des Artistes parkt, und mein Mund zuckt unwillkürlich, meine Zunge ist feuchter als sonst, und meine Lider flattern unkontrolliert, als hätten sie einen eigenen Willen. Im Schein der Straßenbeleuch- tung fällt mein Schatten scharf umrissen aufs nasse Pflaster, und ich kann die Bewegung meiner behandschuhten Hände sehen, die sich abwechselnd zu Fäusten ballen, die Finger strecken, zappeln und um mich zu beruhigen, muß ich mitten auf der Sixty-seventh stehenbleiben und an was Schönes denken, mich auf D’Agostino’s freuen, auf eine Reservierung im Dorsia, auf die neue CD von Mike and the Mechanics, und es kostet mich sehr viel Kraft, mich zu be- herrschen und mir nicht selbst ins Gesicht zu schlagen. Auf der Straße nähert sich langsam ein alternder Schwuler in einem Kaschmir-Rolli, einem Paisley-Ascot aus Wolle und Filz- hut, der einen braun-weißen Sharpei spazierenführt, dessen zer- knautschte Schnauze am Boden schnüffelt. Die beiden kommen näher, gehen an einer Straßenlampe vorbei, dann an noch einer, und ich habe mich so weit beruhigt, daß ich langsam den Walkman absetzen und unauffällig die Aktentasche öffnen kann. Ich stehe in der Mitte des schmalen Gehwegstreifens neben einem weißen BMW 320i, der Schwule mit dem Sharpei ist nur noch wenige Zen- timeter entfernt, und ich kann ihn mir genauer ansehen: Ende fünf- zig, untersetzt, ein Bild obszöner Gesundheit mit rosigen Bäckchen, faltenlos, und zur Krönung des Ganzen ein lachhafter Schnurrbart, der seine femininen Züge unterstreicht. Er mustert mich beiläu-, fig mit unsicherem Lächeln, während der Sharpei an einem Baum schnüffelt, dann an einem Müllsack neben dem BMW. «Süßes Hündchen.» Ich lächle und beuge mich vor. Der Sharpei beäugt mich wachsam, dann knurrt er. «Richard.» Der Mann schaut den Hund warnend an, sieht dann entschuldigend zu mir, und ich merke, er fühlt sich geschmeichelt, daß ich nicht nur den Hund bemerkt habe, sondern mir auch noch die Zeit genommen habe, stehenzubleiben und ihn darauf anzusprechen, und ich könnte schwören, der alte Wichser errötet vor Freude, gleich geht ihm einer ab in seine zickige weite Kord- samthose von, na ja, Ralph Lauren wird’s wohl sein. «Schon gut», sage ich und tätschle den Hund freundlich, wäh- rend ich die Aktentasche auf den Boden lege. «Ein Sharpei, stimmt’s?» «Nein. Shar-pei», sagt er lispelnd, in einer Betonung, die ich nie vorher gehört habe. «Shar-pei?» Ich versuche es so auszusprechen wie er, während ich immer noch die samtigen Hügel zwischen Hundehals und Hundehintern streichele. «Nein.» Er lacht kokett. «Shar-pei. Die letzte Silbe wird betont.» Die letfhte Filbe wird betont. «Na ja, wie auch immer», sage ich mit einem jungenhaften Grin- sen und stehe auf. «Ein bezauberndes Tierchen.» «Oh, danke sehr», sagt er, dann, atemlos: «Er hat mich ein Ver- mögen gekostet.» «Wirklich? Warum?» frage ich, bücke mich wieder und streichle den Hund. «Eieiei Richard. Dududu, kleiner Kerl.» «Sie würden es nicht glauben», sagt er. «Sehen Sie, die Au-, genfalten müssen alle zwei Jahre operativ geliftet werden, also müs- sen wir den weiten Weg bis nach Key West fliegen – ich würde ihn keinem anderen Tierarzt der Welt anvertrauen – und dann macht es einmal schnipp, eine kleine Naht, und unser Richard sieht wie- der wie neu, stimmt’s, Schätzchen?» «Tja», sage ich. «Er sieht putzmunter aus.» Es entsteht eine Pause, in der ich den Hund betrachte. Der Be- sitzer glotzt mich an, dann hilft alles nichts, er muß das Schweigen brechen. «Entschuldigen Sie», sagt er. «Es ist mir wirklich peinlich, das zu fragen.» «Nur zu», dränge ich. «Oh, jeh, es ist so dumm», gesteht er kichernd. Ich lache. «Warum?» «Sind Sie ein Model?» fragt er, jetzt ohne zu lachen. «Ich könnte schwören, daß ich Sie schon mal in einem Magazin gesehen habe oder so.» «Nein, bin ich nicht», sage ich, diesmal wahrheitsgetreu. «Aber ich fühle mich geschmeichelt.» «Na ja – sie sehen aus wie ein Filmstar.» Er wedelt mit einem schlaffen Händchen, dann «Ich weiß nicht», und schließlich lispelt er doch tatsächlich – ich schwöre bei Gott – in seinen Schnäuzer: «Oh, laß das, du Dummer, du machst dich ja lächerlich.» Ich bücke mich, es sieht so aus, als wollte ich die Aktentasche aufheben, aber weil ich mich in den Schatten beuge, sieht er nicht, daß ich das Messer heraushole, das schärfste, das mit der gezackten Klinge, und ich frage ihn, was er für Richard bezahlt hat, ganz na- türlich, aber mit bösen Hintergedanken, ohne mich auch nur um-, zusehen, ob noch andere Leute auf der Straße sind. Mit einer ge- schickten Bewegung schnappe ich den Hund beim Hals und halte ihn mit meinem linken Arm, presse ihn gegen die Straßenlaterne, während er nach mir schnappt, in meinen Handschuh zu beißen versucht, die Zähne gefletscht, aber unter meinem festen Griff, der die Kehle umschließt, kann er nicht bellen, und ich kann hören, wie meine Hand seinen Kehlkopf zerquetscht. Ich stoße ihm die gezackte Klinge in den Bauch und schlitze in einem Schwall brau- nen Bluts blitzschnell den Unterleib auf, die Beinchen zucken und kratzen nach mir, dann quellen blau-rote Innereien hervor, und ich lasse den Köter auf den Gehweg fallen, während die Tunte hilflos dasteht, die Leine noch in der Hand, und alles ist so schnell gegan- gen, daß er, vom Schock gelähmt, nur fassungslos glotzt und «O mein Gott, o mein Gott» hervorstößt, während der Sharpei sich he- rumwälzt, mit dem Schwänzchen wackelt, jault und dann anfängt, an seinem eigenen Gedärm zu lecken und zu schnüffeln, das sich, noch teilweise mit dem Bauch verbunden, auf dem Gehweg krin- gelt, und als das Hündchen, immer noch angeleint, die letzten Zu- ckungen tut, wirbele ich herum zu seinem Herrchen und stoße ihn brutal zurück, mit einem blutigen Handschuh, steche blindlings auf sein Gesicht und seinen Kopf ein und schneide ihm schließlich mit zwei kurzen, gezielten Schnitten die Kehle durch; Blut schießt in vier sprudelnden Fontänen unter seinem Kinn hervor, klatscht in hohem Bogen auf den weißen BMW 320i am Straßenrand und löst die Alarmanlage aus. Das Blut nieselt leise. Er fällt auf den Gehweg, zuckt erbärmlich, blutet noch immer, während ich an sei- nem Jackett mein Messer abwische, es wieder in die Aktentasche werfe und mich schon zum Gehen wende, aber um sicherzugehen,, daß die alte Schwuchtel wirklich hin ist und sich nicht nur tot stellt (das tun sie manchmal), schieße ich ihr mit Schalldämpfer zwei- mal ins Gesicht, ehe ich gehe, fast in der Blutlache ausrutsche, die sich neben ihrem Kopf gebildet hat, und schon bin ich die Straße runter, zurück im Licht, erscheine wie im Film vor D’Agostino’s, werde von Verkäufern höflich begrüßt, dann kaufe ich mit einem abgelaufenen Probe-Coupon eine Schachtel Weizenkeim-Früh- stücksflocken, und das Mädel an der Kasse – schwarz, tumb, lahm – schnallt gar nichts, sieht auch nicht, daß das Verfallsdatum des Coupons längst abgelaufen ist, obwohl ich sonst nichts kaufe, und dann verlasse ich den Laden, öffne die Schachtel, schaufele mir händeweise Knusperflocken in den Mund, versuche gleichzeitig «Hip to Be Square» zu pfeifen – die kleinen Freuden des Lebens –, und dann habe ich meinen Regenschirm aufgespannt und renne den Broadway runter, und dann den Broadway rauf, und dann wie- der runter, kreische wie eine Gespenst, und mein offener Mantel flattert hinter mir wie ein Umhang.,

Girls

Abends ein steinerweichendes Dinner im Raw Space mit einer leicht dösigen Courtney, die mir ständig Fragen über Vollwertme- nüs und George Bush und Tofutti stellt, wie man sie sich in seinem schlimmsten Alptraum nicht vorgestellt hätte. Ich versuche, natür- lich erfolglos, sie mit Verachtung zu strafen, und mitten in einem ihrer Sermone – Page Six, Jackie O – winke ich verzweifelt unseren Kellner herüber und bestelle kalte Mais-Zitronen-Tomatencreme mit Erdnuß und Dill, Ceasar-Salat mit Senfkohl und Schwertfisch- Terrine mit Kiwisenf, obwohl ich es längst bestellt habe, worauf er mich natürlich hinweist. Ich schaue ihn an, ohne den geringsten Versuch, Überraschung zu heucheln, und lächle grimmig. «Stimmt, habe ich. So was aber auch, hm?» Florida-Küche macht optisch ziemlich was her, aber die Portionen sind klein und unbezahlbar, besonders in Läden, in denen Buntstifte auf dem Tisch stehen. (Courtney malt ein Laura-Ashley-Bild auf ihr Platzdeckchen aus Papier, ich auf meins das Innere von Monika Lustgardens Bauch und Brustkorb, und als Courtney, entzückt von meiner Zeichnung, wissen will, was sie darstellt, sage ich: «Äh … eine Wassermelone.») Die Rechnung, die ich mit meiner Platin-American-Express-Karte bezahle, beläuft sich auf über dreihundert Dollar. Courtney sieht ganz nett aus in einem Wolljackett von Donna Karan, Seidenbluse und Kaschmirrock. Ich trage aus keinem besonderen Anlaß einen Smoking. In der Patty Winters Show ging es heute morgen um den neuen Sport des Zwergenweitwurfs. Ehe ich sie bei Nell’s rausschmeiße, wo wir uns auf einen Drink, mit Meredith Taylor, Louise Samuelson und Pierce Towers verabre- det haben, sage ich Courtney im Wagen, daß ich noch Drogen be- sorgen muß, und verspreche, vor Mitternacht zurückzusein. «Oh, und sag Nell hallo von mir», füge ich lässig hinzu. «Du kannst doch einfach unten was kaufen, wenn’s unbedingt sein muß, mein Gott», winselt sie. «Aber ich habe mich schon woanders verabredet. Paranoia. Klar?» winsele ich zurück. «Wer hat Paranoia?» fragt sie mit zusammengekniffenen Augen. «Ich versteh das nicht.» «Honey, die Drogen unten liegen von der Wirkung her knapp unter NutraSweet», sage ich. «Solltest du doch wissen.» «Zieh bloß nicht mich mit da rein», sagt sie warnend. «Geh einfach rein und bestell mir ein Foster’s, okay?» «Und wo gehst du wirklich hin?» fragt sie nach einem Augen- blick, jetzt mißtrauisch geworden. «Ich gehe zu … Noj», sage ich. «Ich kaufe meinen Koks bei Noj.» «Aber Noj ist der chef im Deck Chairs», sagt sie, während ich sie aus der Limousine schiebe. «Noj ist doch kein Dealer. Er ist Koch!» «Courtney, mach keinen Aufstand», sage ich seufzend, meine Hände auf ihrem Hintern. «Aber lüg mir nichts über Noj vor», jault sie und will sich nicht aus dem Wagen schieben lassen. «Noj ist chef im Deck Chairs. Hast du mich verstanden?» Ich starre sie an, sprachlos, unschlüssig, unter den harten Lich- tern über den Absperrseilen vor Nell’s. «Fiddler meine ich», lenke ich schließlich leutselig ein. «Ich, kaufe bei Fiddler.» «Du bist unmöglich», murmelt sie, während sie vom Wagen zu- rücktritt. «Mit dir stimmt doch wirklich was nicht.» «Bin gleich wieder da», rufe ich ihr nach, knalle die Tür der Limo zu, dann kichere ich schadenfroh vor mich hin, während ich meine Zigarre wieder anzünde: «Aber verlaß dich nicht drauf.» Ich sage dem Fahrer er soll mich zum Fleischmarkt westlich von Nell’s bringen, neben dem Bistro Florent, wo ich mich nach Pro- stituierten umsehen will, und nachdem ich die Gegend zweimal durchforstet habe – tatsächlich suche ich in diesem Teil der Stadt schon seit Monaten nach einem geeigneten Mädel –, entdecke ich sie an der Ecke Washington und Thirteenth. Sie ist blond, schlank und jung, billig, aber keine Begleitservice-Schlampe, und was viel wichtiger ist, sie ist weiß, eine echte Rarität in diesen Kreisen. Sie trägt hautenge abgeschnittene Shorts, ein weißes T-Shirt und eine billige Lederjacke, und abgesehen von einem blauen Fleck über dem rechten Knie ist ihre Haut makellos weiß, wie ihr Gesicht, ob- wohl der Mund knallrosa angemalt ist. Hinter ihr steht in vier Fuß hohen Buchstaben FLEISCH an der Wand eines verlassenen Back- steinlagerhauses, die Art, wie sich die Buchstaben über die ganze Hauswand ziehen, läßt in mir etwas erwachen, und über dem Haus steht wie eine Kulisse der mondlose Himmel, der früher, am Nach- mittag, von Wolken verhangen war, heute nacht aber klar ist. Die Limousine hält neben dem Mädchen an. Durch die getönten Scheiben, aus nächster Nähe, ist sie blasser, das blonde Haar wirkt gebleicht, und ihre Gesichtszüge lassen sie noch jünger wirken, als ich zuerst geschätzt hatte, und weil sie das einzige weiße Mädchen ist, das ich heute nacht in dieser Gegend gesehen habe, wirkt sie, – zu Recht oder Unrecht –, besonders sauber; sie könnte fast als eins der NYU-Mäuschen auf dem Heimweg vom Mars durchge- hen, ein Mädchen, das den ganzen Abend Seabreezes getrunken und zu neuen Madonna-Songs auf der Tanzfläche gehüpft ist, ein Mädchen, das später vielleicht Streit mit ihrem Freund hatte, ei- nem Angus oder Nick oder … Pokey, ein Mädchen auf dem Weg zum Florent auf einen Schwatz mit Freunden, um vielleicht noch einen Seabreeze zu bestellen oder auch einen Cappuccino oder ein Glas Evian – und anders als die meisten Huren hier reagiert sie kaum auf die Limousine, die näher kommt und wartend neben ihr anhält. Statt dessen bleibt sie lässig stehen, anscheinend ohne die Bedeutung der wartenden Limousine zu erfassen. Als sich das Fenster öffnet, lächelt sie, sieht jedoch beiseite. Der folgende Wortwechsel dauert nicht länger als eine Minute. «Dich habe ich noch nie hier gesehen», sage ich. «Dann hätten Sie die Augen besser aufmachen sollen», sagt sie unbeeindruckt. «Möchtest du dir mein Apartment ansehen?» frage ich und schalte das Licht in der Limousine an, damit sie mein Gesicht und den Smoking erkennen kann. Sie mustert die Limousine, dann mich, dann wieder die Limousine. Ich zücke meine Brieftasche aus Gazellenleder. «Das sollte ich eigentlich nicht», sagt sie und schaut auf die an- dere Straßenseite in einen Streifen Dunkelheit zwischen zwei Häu- serwänden, aber als ihr Blick wieder zu mir wandert, sieht sie den Hundertdollar-Schein, den ich ihr hinhalte, und ohne zu fragen, was ich tue, ohne zu fragen, was genau ich von ihr will, selbst ohne zu fragen, ob ich ein Bulle bin, nimmt sie den Schein, und es ist mir, vergönnt, meine Frage erneut zu stellen. «Willst du jetzt mit zu mir kommen oder nicht?» Diesmal frage ich mit einem Grinsen. «Das sollte ich eigentlich nicht», sagt sie wieder, aber nach ei- nem weiteren Blick auf den langen schwarzen Wagen und auf den Geldschein, den sie jetzt langsam in ihre Hüfttasche schiebt, und auf den Penner, der, einen Becher voll Münzen in der schmierigen ausgestreckten Hand, auf die Limousine zuschlurft, antwortet sie endlich: «Aber für Sie kann ich eine Ausnahme machen.» «Nimmst du American Express?» frage ich und schalte das Licht aus. Sie starrt immer noch auf den Streifen Dunkelheit, als hoffe sie auf ein Zeichen eines Unsichtbaren. Sie läßt ihren Blick zu mir wandern, und als ich wiederhole: «Nimmst du American Ex- press?», sieht sie mich an, als sei ich verrückt, aber ich lächle trotz- dem blöd, während ich die Tür aufhalte und sage: «War nur Spaß. Komm, steig ein.» Sie nickt jemandem über die Straße zu, und ich packe sie auf den Rücksitz der Limousine, knalle die Tür zu und schließe ab. Während Christie im Apartment ein Bad nimmt (ihren richti- gen Namen kenne ich nicht, aber ich habe ihr eingeschärft, aus- schließlich auf Christie zu hören), wähle ich die Nummer des Ca- bana Bi Escort Service und bestelle auf meine goldene American- Express-Karte eine Frau, blond, die Paare betreut. Ich nenne ihnen zweimal die Adresse und bestehe danach ausdrücklich noch einmal auf blond. Der Typ am Apparat, ein komisches altes Ölauge, versi- chert mir, daß in weniger als einer Stunde irgendwas Blondes vor meiner Tür stehen wird., Nachdem ich mir mit Zahnseide die Zähne gereinigt habe und in seidene Boxer-Shorts von Polo und ein ärmelloses Baumwollhemd von Bill Blass geschlüpft bin, gehe ich ins Bad, wo Christie auf dem Rücken in der Wanne liegt und aus einem langstieligen Steuben- Weinglas Weißwein schlürft. Ich hocke mich auf den Marmorrand der Wanne und gieße Heublumen-Badeöl von Monique Van Frere ins Wasser, während ich den von milchigem Wasser umhüllten Körper begutachte. Lange schwirrt mir der Kopf, schmutzige Ge- danken brechen über mich herein – ihr Kopf in Reichweite, der nur darauf wartet, von mir zerschmettert zu werden; der Drang, zu- zuschlagen, sie zu beleidigen und zu quälen, steigt hoch und ebbt dann ab, und dann bin ich gelassen genug, zu sagen: «Das ist ein ziemlich teurer Chardonnay, den du da trinkst.» Nach einer langen Pause, in der meine Hand eine kleine, kind- liche Brust massiert, sage ich: «Ich will, daß du dir die Muschi wäschst.» Sie starrt mich an mit ihrem Kein-Tag-älter-als-Siebzehn-Blick, betrachtet dann ihren ausgestreckten Körper im Badewasser. Mit dem unmerklichsten Achselzucken stellt sie das Glas auf den Wan- nenrand und führt eine Hand hinunter an die spärlichen, ebenfalls blonden Schamhaare unter den flachen, porzellanschimmernden Hüften und spreizt dann leicht die Beine. «Nein», sage ich sanft. «Von hinten. Knie dich hin.» Sie zuckt wieder die Achseln. «Ich will zusehen», erkläre ich. «Du hast einen schönen Körper», sage ich drängend. Sie rollt sich herum, kniet sich auf alle viere, den Arsch über dem, Wasser hochgereckt, und ich rücke an die andere Seite der Wanne, um einen besseren Blick auf ihre Fotze zu haben, die sie mit der schaumigen Hand befingert. Ich gleite mit meiner Hand über ihr Handgelenk zu ihrem Arschloch, spreize es und reibe es sanft mit einem Tropfen Badeöl ein. Es zuckt, sie stöhnt. Ich nehme den Fin- ger weg, lasse ihn dann weiter unten in ihre Fotze gleiten, unsere beiden Finger stoßen vor und zurück und dann wieder rein. Innen ist sie naß, ich nutze die Feuchtigkeit und stecke meinen Zeigefin- ger wieder in ihr Arschloch, er gleitet mühlos bis zum Knöchel hi- nein. Sie japst zweimal und preßt sich dagegen, während sie weiter ihre Fotze reibt. Das geht so für einen Weile, bis der Portier an- ruft und Sabrinas Ankunft meldet. Ich sage Christie, sie soll aus der Wanne steigen, sich abtrocknen und sich was zum Überziehen – aber nicht den Bijan – aus dem Schrank holen, und dann mir und meinem Gast im Wohnzimmer bei einem Drink Gesellschaft leisten. Ich gehe in die Küche, um Sabrina ein Glas Wein einzu- schenken. Sabrina ist alles mögliche, nur nicht blond. Da sie einmal vor der Tür steht, lasse ich sie schließlich ein, nachdem mein erster Schock überwunden ist. Ihr Haar ist bestenfalls mittel-blond, nicht richtig blond, und obwohl ich deshalb ziemlich sauer bin, sage ich nichts, weil sie ziemlich hübsch ist; nicht so jung wie Christie, aber auch nicht allzu verbraucht. Kurz gesagt, sie sieht aus, als sei sie wert, was auch immer sie mich pro Stunde kostet. Ich beruhige mich, und mein letzter Ärger verfliegt auch, als sie ihren Mantel auszieht und einen totalen Hardbody in hautengen schwarzen Steghosen und geblümtem Trägertop zu schwarzen, extrem spitzen hochha- ckigen Schuhen enthüllt. Angenehm überrascht, führe ich sie ins, Wohnzimmer, pflanze sie auf das weiße, daunengefütterte Sofa und bringe ihr, ohne sie erst zu fragen, was sie möchte, ein Glas Weißwein und einen Untersetzer aus dem Mauna Kea Hotel auf Hawaii. Eine CD mit der Aufnahme der Broadway-Inszenierung von Les Misérables läuft auf der Stereoanlage. Als Christie aus dem Bad kommt und sich zu uns gesellt, in einem Frottee-Bademantel von Ralph Lauren, das Haar zurückgekämmt, noch weißer nach dem Bad, setze ich sie neben Sabrina auf die Couch – sie nicken sich zu – und mache es mir selbst in einem Nordian-Stuhl aus Chrom und Teak gegenüber der Couch bequem. Ich halte es für besser, wenn wir einander näher kennenlernen, ehe wir die Angele- genheit ins Schlafzimmer verlagern, also breche ich das lange, nicht unfreundliche Schweigen mit einem Räuspern und einigen harm- losen Fragen. «Na», sage ich, und schlage die Beine übereinander. «Wollt ihr denn gar nicht wissen, was ich so mache?» Die beiden starren mich erst mal lange an. Mit gezwungenem Lächeln tauschen sie einige Blicke, ehe Christie unschlüssig die Achseln zuckt und leise antwortet: «Nein.» Sabrina lächelt und schließt sich ihrem Beispiel an. «Nein, ei- gentlich nicht.» Ich starre die beiden eine Minute lang an, ehe ich die Beine in anderer Richtung übereinanderschlage und irritiert seufze. «Tja, ich arbeite auf der Wall Street. Bei Pierce & Pierce.» Lange Pause. «Schon mal davon gehört?» frage ich. Noch eine lange Pause. Schließlich bricht Sabrina das Schwei- gen. «Hat es irgendwie mit Mays … zu tun? Oder mit Macys?», Ich zögere, bevor ich frage: «Mays?» Sie grübelt einen Augenblick und sagt dann: «Ja. Der Schuhla- den. Ist P & P nicht ein Schuhladen?» Ich starre sie streng an. Christie steht auf und bewundert zu meiner Überraschung meine Anlage. «Du hast wirklich eine nette Wohnung … Paul», und dann, während sie die CDs durchsieht, Hunderte und Aber- hunderte, in einem großen Regal aus Weißeiche säuberlich aufge- reiht und alphabetisch geordnet: «Wieviel hast du dafür bezahlt?» Ich stehe auf, um mir ein neues Glas Acacia einzuschenken. «Ich weiß zwar nicht, was dich das angeht, Christie, aber ich kann dir versichern, ganz billig waren sie nicht.» Aus der Küche sehe ich, daß Sabrina eine Schachtel Zigaretten aus ihrer Handtasche ge- nommen hat, und ich gehe zurück ins Wohnzimmer und schüttele den Kopf, ehe sie sich eine anzünden kann. «Rauchen verboten», sage ich. «Nicht hier.» Sie lächelt, zögert kurz und steckt die Zigarette mit einem klei- nen Nicken zurück in die Schachtel. Ich trage ein Tablett Pralinen herein und biete sie Christie an. «Varda-Trüffel?» Sie glotzt ausdruckslos auf den Teller und schüttelt dann höf- lich den Kopf. Ich reiche ihn an Sabrina weiter, die lächelt und eine nimmt, und dann sehe ich besorgt auf ihr Weinglas, das noch voll ist. «Ich will dich ja nicht betrunken machen», sage ich. «Aber das ist ein recht anständiger Chardonnay, und du hast noch nichts da- von getrunken.» Ich stelle das Tablett mit den Trüffeln auf den gläsernen Para-, zetti-Couchtisch, lehne mich im Sessel zurück und winke Chris- tie wieder auf die Couch, wo sie folgsam Platz nimmt. Wir sitzen schweigend da und lauschen der Les-Misérables-CD. Sabrina kaut versonnen ihren Trüffel und nimmt einen zweiten. Wieder bleibt es mir überlassen, ein Gespräch anzufangen. «Wo seid ihr beiden denn schon rumgekommen?» Kaum ausgespro- chen, wird mir schon klar, wie dieser Satz ankommen muß, wie mißverständlich er klingt. «Ich meine, wart ihr mal in Europa oder so?» Sie tauschen einen Blick, wie in einer Art stillem Einverständnis, ehe Sabrina den Kopf schüttelt und Christie ihre Kopfbewegung wiederholt. Die nächste Frage, die mir nach einem weiteren langen Schwei- gen einfällt, ist: «War eine von euch auf dem College, und wenn, wo?» Die Reaktion auf diese Frage besteht in unverhohlenem Glotzen beiderseits, also nehme ich die Gelegenheit wahr, sie ins Schlafzim- mer zu führen, wo ich Sabrina ein wenig tanzen lasse, ehe sie sich im hellen Licht sämtlicher Halogenleuchten im Schlafzimmer vor Christie und mir auszieht. Ich lasse sie einen Dior-Teddy aus Char- meuse und Spitze anziehen, ziehe mich dann ganz aus – bis auf ein paar Nike All-Sports-Sneakers und schließlich zieht Christie den Ralph-Lauren-Morgenmantel aus, splitternackt bis auf einen An- gela-Cummings-Schal aus Seide und Latex, den ich ihr sorgfältig um den Hals schlinge, und Wildlederhandschuhe von Gloria Jose, die bei Bergdorf Goodman heruntergesetzt waren. Jetzt sind wir zu dritt auf dem Futon. Christie auf allen vieren, mit dem Gesicht zum Kopfteil, den Arsch hoch aufgereckt, und, ich sitze breitbeinig auf ihr, als würde ich auf einem Hund reiten oder so, aber rücklinks, die Knie auf der Matratze, mein Schwanz halbsteif, mit dem Gesicht zu Sabrina, die mit wild entschlosse- ner Miene in Christies weitgespreizte Arschbacken starrt. Ihr Lä- cheln wirkt gequält, und sie befeuchtet sich die Lippen, indem sie sich erst die Fotze reibt und dann mit dem tropfenden Zeigefinger über den Mund fährt, als würde sie Lipgloss auftragen. Ich spreize Christies Fotze und Arschloch mit beiden Händen und zwinge Sabrina, näher ranzugehen und zu riechen. Sabrinas Gesicht ist jetzt gleichauf mit Christies Arsch und Fotze, die ich beide sanft reibe. Ich deute Sabrina an, sie soll mit dem Gesicht noch näher kommen, bis sie meine Finger riechen kann, ich stecke sie ihr in den Mund, und sie saugt gierig daran. Mit der anderen Hand reibe ich weiter Christies enge, nasse Fotze, die triefend und schwer un- ter ihrem weit gespreizten Arschloch hängt. «Riech dran», sage ich zu Sabrina, und sie kommt näher, bis sie nur wenige Zentimeter von Christies Arschloch ist. Mein Schwanz ist jetzt steil aufgerichtet, und ich wichse, damit er so bleibt. «Leck erst ihre Fotze», sage ich zu Sabrina, und sie spreizt sie mit den Fingern, fängt an, sie wie ein Hund zu lecken, reibt dabei die Klitoris, hebt dann den Kopf zu Christies Arschloch und leckt es genauso. Christies Stöhnen ist jetzt wild und unkontrolliert, und sie preßt ihren Arsch härter gegen Sabrinas Gesicht, über Sabri- nas Zunge, die Sabrina immer wieder sanft in Christies Arschloch stößt. Ich sehe ihr gebannt zu und reibe ungeduldig Christies Kli- toris, bis sie gegen Sabrinas Gesicht zuckt, «Ich komme» stöhnt und in einem langen, wilden Orgasmus ihre Nippel massiert. Wahrscheinlich macht sie mir was vor, aber mir gefällt ihr Stil, also, verzichte ich darauf, ihr eine reinzuhauen oder so. Mein Balanceakt wird mir zu anstrengend, also lasse ich mich von Christies Rücken fallen und lege mich auf den Rücken, ziehe Sabrinas Gesicht über meinen steifen, schwellenden Schwanz, schiebe ihn ihr mit der Hand in den Mund und wichse weiter, wäh- rend sie meine Eichel lutscht. Ich ziehe Christie an mich, streife ihr die Handschuhe ab und küsse sie hart auf den Mund, lecke ihn aus, presse meine Zunge gegen ihre, tiefer, so tief wie möglich in ihre Kehle. Sie reibt ihre Fotze, die so naß ist, daß ihre Oberschenkel aussehen wie mit Sirup beschmiert. Ich schiebe Christie tiefer nach unten, damit sie Sabrina beim Schwanzlutschen hilft, und erst le- cken sie beide abwechselnd die Eichel und den Schaft, dann nimmt sich Christie meine Eier vor, die fast schmerzhaft angeschwollen sind, so groß wie zwei kleine Pflaumen, und leckt sie ab, ehe sie den ganzen Sack mit dem Mund umschließt und meine Eier abwech- selnd massiert und sanft leckt, mit ihrer Zunge zwischen meine Eier fährt. Dann ist Christies Mund wieder an meinem Schwanz, an dem Sabrina immer noch lutscht, und sie küssen sich wild auf den Mund, direkt über meiner Eichel, auf die ihr Speichel tropft, während sie mich wichsen. Die ganze Zeit wichst sich Christie, stößt sich drei Finger in die Vagina, reibt sich stöhnend den Saft über die Klitoris. Das geilt mich so auf, daß ich sie bei den Hüf- ten packe, umdrehe und ihre Fotze vor mein Gesicht ziehe, auf das sie sich willig setzt. Über mir hängt sauber und rosig und naß und klaffend ihre Fotze, die Klitoris geschwollen, prall voll Blut, und ich tunke mein Gesicht ein, schmatze, schwelge im Geschmack und reibe dabei ihr Arschloch. Sabrina bearbeitet noch immer meinen Schwanz, wichst den Schaft, der Rest füllt ihren Mund, und jetzt, kniet sie sich auf mich, ihre Knie neben meiner Brust gespreizt, Arsch und Fotze genau vor Christies Gesicht, und ich reiße Sabrina den Teddy vom Leib, stoße Christies Gesicht nach unten und herr- sche sie an: «Leck sie, lutsch ihr die geile Fotze», und sie tut es. Die Stellung ist für uns alle etwas unglücklich, also machen wir’s nur für zwei oder drei Minuten so, aber in dieser kurzen Zeit kommt Sabrina in Christies Gesicht, und Christie, die ihre Fotze hart gegen meinen Mund preßt, kommt in meins, und ich muß ihre Schenkel mit festem Griff ruhighalten, damit sie mir nicht in der Erregung das Nasenbein bricht. Mir ist es immer noch nicht gekommen, und Sabrina läßt sich bei meinem Schwanz auch nichts Besonderes mehr einfallen, also ziehe ich ihn aus ihrem Mund und lasse sie sich draufsetzen. Mein Schwanz gleitet fast zu leicht hin- ein – die Fotze ist zu naß, trieft vor ihrem eigenen Fotzensaft und Christies Spucke –, also löse ich den Schal von Christies Nacken, ziehe meinen Schwanz aus Sabrinas Fotze, spreize ihr die Beine, wische ihre Fotze und meinen Schwanz ab und versuche noch mal, sie zu ficken, während ich Christie lecke, die in wenigen Minuten zu einem weiteren Höhepunkt kommt. Die beiden Mädchen sehen sich an – Sabrina fickt meinen Schwanz, Christie sitzt auf meinem Gesicht –, und Sabrina beugt sich vor, um Christies kleine, feste pralle Titten zu lecken und zu kneten. Dann küßt Christie Sabrina leidenschaftlich auf den Mund, während ich sie weiter lecke, mein Mund, mein Kinn und mein Kiefer voll von ihrem Saft, der sofort antrocknet und dann durch neuen ersetzt wird. Ich schiebe Sabrina von meinem Schwanz und drehe sie auf den Rücken, mit dem Kopf zum Fußende des Futons. Dann lege ich Christie in 69-Stellung auf sie, Christies Arsch hochgereckt,, und nachdem ich ein Kondom übergezogen habe, reibe ich ihr festes Arschloch, bis es sich entspannt und weit genug wird, daß ich mit erstaunlich wenig Vaseline meinen Schwanz reinschieben kann, während Sabrina Christies Fotze reibt und leckt, an ihrer ge- schwollenen Klitoris saugt, manchmal meine Eier anfaßt, sie leicht massiert und dabei mein Arschloch mit einem nassen Finger be- arbeitet, und dann beugt sich Christie über Sabrinas Fotze, spreizt ungeduldig die Beine, so weit sie kann, und steckt ihre Zunge tief in Sabrinas Fotze, aber nicht lange, weil sie ein neuer Orgasmus schüttelt, sie den Kopf hochwirft und mich ansieht, das Gesicht glitschig vom Fotzensaft, und aufschreit: «Fick mich, ich komme, o Gott, leck mich, ich komme», und das spornt mich an, ihren Arsch noch härter zu ficken, während Sabrina die Fotze leckt, die über ihrem von Christies Pussysaft triefenden Gesicht hängt. Ich ziehe meinen Schwanz aus Christies Arsch und stoße ihn Sabrina in den Mund, ehe ich ihn wieder in Christies weit gespreizte Fotze schiebe, und nach ein paar Fickstößen spüre ich, daß es mir kommt, und im selben Moment hebt Sabrina ihren Mund von meinen Eiern, spreizt meine Arschbacken und stößt mir die Zunge in mein zu- ckendes Arschloch, kurz bevor ich in Christies Fotze explodiere, und dadurch spritze ich noch länger ab, und dann zieht Christie ihre Zunge raus, stöhnt, daß sie auch kommt; weil Christie, als sie gekommen ist, wieder Sabrinas Fotze leckt, sehe ich schwer atmend über Christie gebeugt zu, wie Sabrina ihre Hüften immer wieder in Christies Gesicht preßt, und dann muß ich mich hinlegen, fertig, aber immer noch hart, mein glitschiger Schwanz schmerzt noch von der Gewalt meiner Ejakulation, und ich schließe mit schwa- chen, zitternden Knien die Augen., Ich erwache erst, als eine von ihnen versehentlich mein Hand- gelenk berührt. Ich schlage die Augen auf und warne sie, die Fin- ger von meiner Rolex zu lassen, die ich die ganze Zeit nicht abge- nommen habe. Sie liegen still links und rechts neben mir, berüh- ren manchmal meine Brust oder gleiten mit der Hand über meine Bauchmuskeln. Eine halbe Stunde später steht er mir wieder. Ich stehe auf und gehe zum Schrank, in dem neben dem Bolzen- schußgerät ein geschärfter Kleiderhaken, ein rostiges Buttermesser, Streichhölzer aus dem Gotham Bar & Grill und eine halbgerauchte Zigarre liegen; und als ich mich umdrehe, nackt, mein Schwanz steif aufgerichtet, präsentiere ich diese Utensilien und erkläre mit heiserem Flüstern: «Wir sind noch nicht ganz fertig …» Eine Stunde später werde ich sie ungeduldig zur Tür expedieren, beide angezogen und schniefend, blutend, aber reich entlohnt. Sabrina wird morgen wohl humpeln. Christie wird wohl ein schlimmes blaues Auge zurückbehalten und tiefe Kratzer an den Arschbacken, die ihr der Kleiderbügel zugefügt hat. Blutverschmierte Kleenex werden zerknüllt neben dem Bett liegen, zusammen mit einer lee- ren Schachtel italienischem Gewürzsalz, das ich bei Dean & Deluca besorgt hatte.,

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Die Kollegen, für die ich Geschenke kaufen muß, sind unter an- derem Victor Powell, Paul Owen, David Van Patten, Craig McDer- mott, Luis Carruthers, Preston Nichols, Conolly O’Brien, Reed Robison, Scott Montgomery, Ted Madison, Jeff Duvall, Boris Cun- ningham, Jamie Conway, Hugh Turnball, Frederick Dibble, Todd Hamlin, Mulwyn Butner, Ricky Hendricks und George Carpenter, und ich hätte heute zwar Jean schicken können, meine Einkäufe zu erledigen, aber ich ließ sie statt dessen dreihundert Designer-Post- karten mit einem Mark-Kostabi-Druck unterschreiben, frankieren und abschicken und gab ihr dann noch die Anweisung, soviel wie möglich über den Fisher-Account ausfindig zu machen, den Paul Owen betreut. Jetzt gehe ich über die Madison Avenue, nachdem ich über eine Stunde lang unschlüssig im Ralph-Lauren-Geschäft an der Seventy-Second am Fuß der Treppe herumlungerte, hung- rig und verstört auf Strickgilets aus Kaschmir starrte, und als ich mich von der Abfuhr erholt hatte, die mir der blonde Hardbody erteilte, als ich nach ihrer Adresse fragte, verließ ich den Laden mit dem Ruf «Ihr Kinderlein kommet!» Jetzt strafe ich den Penner, der sich im Eingang eines Ladens namens Ear-Karma lümmelt, mit ei- nem gehässigen Blick; er trägt ein Pappschild mit der Aufschrift HUNGRIG UND OBDACHLOS … BITTE HELFT MIR GOTT VERGELT’S, und dann finde ich mich auf der Fifth wieder, gehe in Richtung Saks und kann mich nicht erinnern, ob ich die Kas- sette im Videorecorder ausgewechselt habe, und plötzlich fürchte ich, ich könnte Pamelas geiles Fickloch mit thirtysomething über-, spielen. Auch eine Xanax richtet gegen diese Panik nichts aus. Saks verstärkt sie noch. … Füller und Fotoalben, Bücherstützen und extra-leichte Rei- sekoffer, elektrische Schuhbürsten und heizbare Handtuchstän- der und versilberte Thermoskannen und handtellergroße tragbare Fernseher mit Kopfhörern, Vogelhäuschen und Kerzenständer, Platzdeckchen, Picknickkörbe und Eiskübel, extra große Taschen- tücher mit Spitzenbesatz und Regenschirme und Golfschläger aus Sterlingsilber mit Monogramm und Rauchvernichter mit Aktiv- kohle und Schreibtischlampen und Parfümflakons, Schmuckkäst- chen und Sweater und Korbständer für Zeitschriften und Ablage- kästen und Aktentaschen fürs Büro, Schreibtischsets, Schals, Hän- gemappen, Adreßbücher, Taschenkalender … Auf meinem Wunschzettel für Weihnachten steht: (1) eine Tischreservierung für Freitag abend acht Uhr für mich und Court- ney im Dorsia, (2) zur Weihnachtsfeier von Donald Trump auf seine Yacht eingeladen werden, (3) alles Menschenmögliche über Paul Owens mysteriösen Fisher-Account in Erfahrung bringen, (4) einem Hardbody den Kopf absägen und ihn Robin Barker – die- sem dämlichen Hund – per Federal Express zu Solomon Brothers schicken und (5) mich bei Evelyn entschuldigen, ohne daß es allzu- sehr nach Entschuldigung aussieht. In der Patty Winters Show ging es heute morgen um Frauen, die mit Homosexuellen verheiratet sind, und ich hätte fast Courtney angerufen, um sie – natürlich im Scherz – zu warnen, aber dann besann ich mich eines Besseren, weil mir die Vorstellung eines Luis Carruthers, der einen Antrag macht, einer Courtney, die verschämt annimmt, und der anschließenden Alptraum-Flitterwochen ein nicht unbeträchtliches Vergnügen be-, reitete. Der nächste Penner, der mein Mißfallen erregt, bibbert an der Ecke Fifty-seventh und Fifth im Nieselregen, und ich gehe hin, kneife ihn zärtlich in die Wange und lache laut auf. «Dreimal wer- den wir noch wach, heißa!, dann ist Weihnachtstag!» Der Chor der Heilsarmee intoniert disharmonisch «Joy to the World». Ich winke jemand zu, der genau wie Duncan McDonald aussieht, und suche dann bei Bergdorf ’s Unterschlupf. … Paisley-Schlipse und Wasserkaraffen aus Bleikristall, Tumb- ler-Sets und Schreibtischuhren, die Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftdruck messen, Notebooks für die Adressenkartei und Margarita-Gläser, Stumme Diener und Dessertschälchen, Briefkar- ten und Spiegel und wasserfeste Uhren für die Dusche und Schür- zen und Sweater und Matchbeutel und Champagnerflaschen und Tinnef-Döschen aus Porzellan und Badetücher mit Monogramm und Minitaschenrechner für die Reise zum Umrechnen von Wech- selkursen und silberbeschlagene Adreßbücher und Briefbeschwe- rer mit Fischen und Kassetten mit edlem Briefpapier und Korken- zieher und CDs und handgefertigte Tennisbälle und Pedometer und Kaffeebecher … Während ich, immer noch bei Bergdorf ’s, am Clinique-Stand Peeling-Lotion kaufe, schaue ich auf meine Rolex, um zu sehen, ob mir noch genug Zeit für Einkäufe bleibt, ehe ich mich mit Tim Severt um sieben im Princeton Club auf einen Drink treffen muß. Heute morgen habe ich zwei Stunden trainiert, bevor ich ins Büro ging, und obwohl mir jetzt auch eine Massage gutgetan hätte (denn meine Muskeln sind stark übersäuert von dem harten Trainings- programm, dem ich mich im Moment unterziehe), oder eine Ge- sichtsbehandlung (auch wenn ich gestern schon eine hatte), brin-, gen die kommenden Wochen so viele Cocktailparties, die ich auf keinen Fall versäumen darf, daß ich mit meinem Einkaufspensum in Rückstand geraten könnte, also wird es das beste sein, meine Einkäufe zügig hinter mich zu bringen. Vor F.A.O. Schwartz läuft mir Bradley Simpson von P & P über den Weg, und er trägt ei- nen Glencheck-Anzug aus Kammgarn mit fallendem Revers von Perry Ellis, ein Hemd aus Baumwolle von Gitman Brothers, eine Seidenkrawatte von Savoy, einen Chronographen mit Krokoleder- armband von Breil, einen Regenmantel aus Baumwolle von Paul Smith und einen Biberfilzhut von Paul Stuart. Nachdem er mich mit «Hey Davis» begrüßt hat, spule ich aus unerfindlichen Grün- den in alphabetischer Reihenfolge die Namen aller acht Rentiere ab, und als ich damit fertig bin, grinst er und sagt: «Hör mal, sehe ich dich am Zwanzigsten auf der Weihnachtsfeier bei Nekenieh?» Ich lächle und versichere ihm, nichts könne mich am Zwanzigsten von Nekenieh fernhalten, und im Gehen, während ich niemand Bestimmtem zunicke, rufe ich ihm hinterher: «Hey Arschloch, ich will dich verrecken sehen, verwichster Aaaarschfickaaaaaah», und dann heule ich auf wie ein Nachtgespenst, fege über die Fifty-Eigth und knalle meinen Bottega-Veneta-Aktenkoffer gegen eine Wand. Auf der Lexington singt der nächste Chor «Hark the Herald An- gels», und ich lege ihnen heulend einen Stepptanz hin, ehe ich wie ein Zombie auf Bloomingdale’s zuwanke, wo ich mich auf den erst- besten Krawattenständer stürze und dem kleinen Arschficker hin- ter der Theke zusäusele: «Wunderbar, ganz wunderbar», während ich einen seidenen Ascot befummele. Der Typ scheint einem Flirt nicht abgeneigt und fragt, ob ich ein Model bin. «Wir sehen uns in der Hölle», sage ich und ziehe weiter., … Vasen und Fedoras mit Federhutband und Kosmetikkoffer aus Krokoleder mit Flaschen aus vergoldetem Silber und Bürsten und Schuhanzieher, die zweihundert Dollar kosten, und Kerzen- ständer und Kissenbezüge und Handschuhe und Slipper und Pu- derquasten und handgestrickte Baumwollpullover mit Schneeflo- ckenmuster und lederne Schlittschuhe und Skibrillen im Porsche- Design und Apothekenflaschen und Diamantohrringe und seidene Krawatten und Stiefel und Parfümflakons und Diamantohrringe und Stiefel und Wodkagläser und Visitenkartenetuis und Kame- ras und Mahagonitabletts und Schals und Aftershaves und Fotoal- ben und Salz- und Pfefferstreuer und Keksdosen aus Keramik und Schuhanzieher für zweihundert Dollar und Rucksäcke und Lunch- boxen aus Aluminium und Kissenbezüge … Ein seelischer Abgrund tut sich vor mir auf, während ich bei Bloomingdale’s stöbere, und zwingt mich, zunächst ein Telefon zu finden und meinen Anrufbeantworter abzuhören, dann, nachdem ich drei Halcion genommen habe (da mein Körper inzwischen ge- gen das Medikament resistent geworden ist, schläfert es mich nicht mehr ein – es scheint mich nur noch vor dem totalen Wahnsinn zu bewahren), zieht es mich den Tränen nahe zum Clinique-Stand, wo ich mit meiner Platin-Am-Ex sechs Tuben Rasiercreme kaufe, während ich nervös versuche, mit den zwei Mädchen am Stand zu flirten, und ich komme zu dem Schluß, daß diese innere Leere zu- mindest teilweise damit zu tun hat, wie ich Evelyn gestern abend im Bacardia behandelt habe, obwohl andererseits auch die Mög- lichkeit besteht, daß es mit dem Tracking meines Videorecorders zusammenhängt, und während ich im Geiste einen Kurzauftritt bei Evelyns Weihnachtsfeier einplane – ich bin fast versucht, eins der, Clinique-Girls zu fragen, ob sie mich begleiten will –, merke ich mir gleichzeitig vor, unbedingt in der Bedienungsanleitung mei- nes Videorecorders nachzuschlagen und dem Tracking-Problem auf den Grund zu gehen. Ich sehe ein zehnjähriges Mädchen, das neben seiner Mutter steht, die einen Schal kauft und irgendwel- chen Schmuck, und denke: Nicht übel. Ich trage einen Übermantel aus Kaschmir, eine zweireihige Sportjacke aus karierter Wolle mit Alpaka, eine Bundfaltenhose aus reiner Wolle, einen gemusterten Seidenschlips, alles von Valentino Couture, und lederne Schnür- schuhe von Allen-Edmonds.,

Weihnachtsfeier

Ich nehme ein paar Drinks mit Charles Murphy bei Rusty’s, um mich zu stärken, bevor ich bei Evelyns Weihnachtsfeier aufkreuze. Ich trage einen Anzug aus Wolle und Seide mit doppelreihigem Vierknopf-Sakko, ein Baumwollhemd mit Button-Down-Kragen von Valentino Couture, eine gemusterte Seidenkrawatte von Ar- mani und Lederslipper mit gerader Kappe von Allen-Edmonds. Murphy trägt einen Anzug aus Wollgabardine von Courréges mit zweireihigem Sechsknopf-Sakko, ein gestreiftes Baumwollhemd mit Tab-Kragen und eine Seidencrêpe-Krawatte mit Foulard-Mus- ter, beides von Hugo Boss. Er ist gerade mitten in einer Schimpf- kanonade über die Japaner – «Sie haben das Empire State Building gekauft und Nell’s. Nell’s, ist das nicht unglaublich, Bateman?» wettert er bei seinem zweiten Absolut auf Eis –, und das bewegt etwas in mir, löst etwas in mir aus, und nachdem ich Rusty’s ver- lassen habe und auf der Upper West Side herumwandere, finde ich mich zusammengekauert im Eingang des früheren Carly Simon’s wieder, einem sehr angesagten J.-Akail-Restaurant, das letzten Herbst geschlossen hat, und ich springe einen vorbeifahrenden japanischen Fahrradboten an, stoße ihn vom Fahrrad und ziehe ihn in den Hauseingang; seine Beine sind immer noch in seinem Schwinn-Fahrrad verhakt, was sich als ein Vorteil herausstellt, als ich ihm die Kehle durchschneide – leicht, ohne Anstrengung –, weil das krampfhafte Zucken der Beine, das diese Prozedur nor- malerweise begleitet, durch das Fahrrad verhindert wird, das er trotzdem noch fünf-, sechsmal anzuheben schafft, während er an, seinem eigenen heißen Blut erstickt. Ich öffne die Kartons mit ja- panischem Essen und schütte ihren Inhalt über ihm aus, aber zu meiner Überraschung fällt statt Sushi, Teriyaki und Sojanudeln Huhn mit Cashewnüssen auf sein verzerrtes blutiges Gesicht, und Rindfleisch Chow Mein und gebratener Reis mit Krabben und Schweinefleisch Moo Shu spritzen auf seine bebende Brust, und dieser ärgerliche Rückschlag – aus Versehen die falsche Art von Asiaten zu töten – animiert mich, auf der Rechnung nachzusehen, an wen diese Bestellung ging – Sally Rubinstein – und mit meinem Montblanc-Füller Dich krieg ich auch noch … Nutte auf die Rück- seite zu schreiben; dann lege ich die Rechnung auf das Gesicht des toten Jungen, zucke entschuldigend mit den Schultern, murmele: «Äh, tut mir leid» und erinnere mich, daß es in der Patty Winters Show heute morgen um Teenager ging, die Sex gegen Crack ver- kaufen. Ich war heute morgen zwei Stunden im Fitneß-Center und schaffe jetzt zweihundert Bauchmuskelübungen in weniger als drei Minuten. In der Nähe von Evelyns Haus gebe ich einem frieren- den Bettler eins von den Glücksplätzchen, die ich dem Fahrradbo- ten abgenommen habe, er stopft es sich samt Orakelspruch in den Mund und nickt dankend. «Verdammte Drecksau», brumme ich laut genug, daß er es hören kann. Als ich um die Ecke biege und auf Evelyns Haus zugehe, fällt mir auf, daß die Polizei immer noch die Straße vor dem Haus abgesperrt hat, in dem ihre Nachbarin Victo- ria Bell enthauptet wurde. Vier Limousinen parken davor, eine mit laufendem Motor. Ich komme zu spät. Wohn- und Eßzimmer sind bereits voll mit Leuten, mit denen ich eigentlich nicht reden will. Große, kräf- tige Blautannen mit blinkenden weißen Lichtern stehen links, und rechts neben dem Kamin. Es läuft eine CD mit alten Weih- nachtsliedern aus den Sechzigern, gesungen von den Ronettes. Ein Barkeeper im Smoking gießt Champagner und Eggnog ein, mixt Manhattans und Martinis, öffnet etliche Flaschen Calera-Jen- sen-Pinot-Noir und Chappellet-Chardonnay. Zwanzig Jahre alte Portweine sind auf einer provisorischen Bar zwischen Vasen mit Weihnachtssternen aufgereiht. Ein langer Klapptisch ist mit einer roten Tischdecke bedeckt und vollgestellt mit Schalen, Tellern und Schüsseln mit gerösteten Haselnüssen und Hummer und Austern- cremesuppe und Selleriesuppe mit Äpfeln und Beluga-Kaviar auf Toastecken und Rahmzwiebeln und gerösteter Gans mit Maro- nen-Füllung und Kaviar in Blätterteig und Gemüsequiches mit Ta- penade, gerösteter Ente und gegrilltem Kalbsrücken mit Schalotten und Gnocchi-Gratin und Gemüsestrudel und Waldorf-Salat und Kammuscheln und Bruschette mit Mascarpone und weißen Trüf- feln und Soufflé von grünem Chili, und geröstetem Rebhuhn mit Salbei, Kartoffeln und Zwiebeln und Preiselbeersauce, Mincemeat Pies und Schokoladentrüffeln und Zitronensoufflétorten und Tarte Tatin mit Pekanüssen. Überall brennen Kerzen, alle in Tiffany-Ker- zenhaltern aus Sterlingsilber. Ich weiß wirklich nicht, ob ich hallu- ziniere, aber hier scheinen Liliputaner in rot-grüner Gartenzwerg- kluft mit Tabletts voll Häppchen herumzulaufen. Ich tue so, als hätte ich nichts bemerkt, und steuere direkt auf die Bar zu, wo ich ein Glas gar nicht mal schlechten Champagners kippe, und dann begebe ich mich zu Donald Petersen, dem man, wie den meisten Männern hier, ein Papiergeweih auf dem Kopf befestigt hat. Auf der anderen Seite des Raums trägt Cassandra, die fünfjährige Toch- ter von Maria und Darwin Hutton, ein 700-Dollar-Samtkleid mit, Petticoat von Nancy Halse. Nach einem zweiten Glas Champagner gehe ich zu Martinis über – doppelte mit Absolut –, und nachdem ich mich ausreichend beruhigt habe, inspiziere ich den Raum noch einmal genau, aber die Liliputaner sind noch da. «Zuviel rot», murmele ich wie in Trance vor mich hin. «Macht mich nervös.» «Hey, McCloy», sagt Petersen. «Wie findest du das?» Ich fange mich wieder und frage automatisch: «Ist das die Les- Misérables-Aufnahme mit der britischen Besetzung?» «Hey, ein super-duper Weihnachten wünsch ich dir.» Er zeigt betrunken mit dem Finger auf mich. «Was ist denn das für Musik?» frage ich, völlig verärgert. «Und außerdem, Sir, Apfel, Nuß und Mandelkern, haben alle Kinder gern.» «Bill Septor», sagt er und zuckt mit den Schultern. «Ich glaube Septor oder Skeptor.» «Warum legt sie um Gottes willen nicht Talking Heads auf», be- klage ich mich verbittert. Courtney steht am anderen Ende des Zimmers, hält ein Cham- pagnerglas und ignoriert mich völlig. «Oder Les Miz», schlägt er vor. «Die Aufnahme des amerikanischen oder des britischen En- sembles?» Meine Augen verengen sich, ich stelle ihn auf die Probe. «Äh, die britische», sagt er, während Zwergenhände jedem von uns einen Teller Waldorfsalat reichen. «Mit Sicherheit», murmele ich und starre dem davonwatscheln- den Zwerg nach. Plötzlich kommt Evelyn auf uns zu. Sie trägt eine sandfarbene, Jacke und eine Samthose von Ralph Lauren, und in einer Hand hält sie einen Mistelzweig, den sie über meinen Kopf hält, und in der anderen eine Zuckerstange. «Mistelzweig-Alarm!» juchzt sie und küßt mich trocken auf die Wange. «Fröhliche Weihnachten, Patrick. Fröhliche Weihnachten, Jimmy.» «Fröhliche … Weihnachten», sage ich und kann sie nicht weg- stoßen, weil ich einen Martini in der einen und einen Waldorfsalat in der anderen Hand habe. «Du bist zu spät gekommen, Liebling», sagt sie. «Ich bin nicht zu spät gekommen», sage ich, kaum protestie- rend. «Doch, bist du», sagt sie im Singsang. «Ich war die ganze Zeit hier», sage ich und schiebe sie weg. «Du hast mich nur nicht gesehen.» «Oh, hör auf, so finster zu gucken. Du bist ein richtiger Grem- lin.» Sie wendet sich zu Petersen. «Hast du gewußt, daß Patrick ein Gremlin ist?» «Ach, Humbug», seufze ich und starre rüber zu Courtney. «Teu- fel, wir alle wissen, daß McCloy ein Gremlin ist», schwadroniert Petersen betrunken. «Wie geht’s, Herr Gremlin?» «Und was wünscht sich mein Gremlin zu Weihnachten?» fragt Evelyn mit Kleinmädchenstimme. «War mein Gremlin dieses Jahr auch artig?» Ich seufze. «Der Gremlin wünscht sich einen Burberry-Regen- mantel, einen Kaschmir-Pullover von Ralph Lauren, eine neue Ro- lex, eine Auto-Anlage …» Evelyn hört auf, an ihrer Zuckerstange zu lutschen, um mich zu, unterbrechen. «Aber du hast kein Auto, Liebling.» «Ich will trotzdem eine.» Ich seufze noch mal. «Der Gremlin will trotzdem eine Auto-Anlage.» «Wie schmeckt der Waldorfsalat?» fragt Evelyn besorgt. «Meinst du, er ist in Ordnung?» «Köstlich», murmele ich, verrenke mir den Hals, entdecke je- manden, bin plötzlich beeindruckt. «Hey, du hast mir nicht gesagt, daß Laurence Tisch eingeladen ist.» Sie dreht sich um. «Wovon redest du?» «Warum», frage ich, «reicht Laurence Tisch ein Tablett mit Ka- napees herum?» «O Gott, Patrick, das ist nicht Laurence Tisch», sagt sie. «Das ist einer von den Weihnachts-Wichteln.» «Einer wovon? Du meinst die Liliputaner.» «Das sind Wichtelmänner», betont sie. «Die Helferlein des Weih- nachtsmanns. Mein Gott, so ein Miesepeter. Guck sie doch mal an. Sie sind reizend. Der da drüben ist Rudolph, der, der die Zucker- stangen verteilt, ist Blitzen. Der andere ist Donner …» «Moment mal, Evelyn, warte», sage ich, schließe meine Augen und halte die Hand mit dem Waldorfsalat hoch. Ich schwitze, déjà vu, aber warum? Habe ich diese Wichtelmänner schon mal gese- hen? Vergiß es. «Ich … das sind die Namen der Rentiere. Nicht der Wichtelmänner. Blitzen war ein Rentier.» «Das einzige jüdische», erinnert uns Petersen. «Oh …» Evelyn scheint bestürzt über diese Information, und sie sieht hinüber zu Petersen, um eine Bestätigung einzuholen. «Stimmt das?», Er zuckt mit den Schultern, denkt darüber nach und sieht verwirrt aus. «Hey, Baby, Rentiere, Wichtel, Gremlins, Börsenmakler … Teufel, was macht das schon für einen Unterschied, solange der Cristal fließt, he?» Er kichert und stubst mich in die Seite. «Stimmt das nicht, Mr. Gremlin?» «Findet ihr nicht, daß es weihnachtlich ist?» fragt sie hoffnung- voll. «O ja, Evelyn», sage ich. «Es ist weihnachtlich, Hand aufs Herz und nicht gelogen.» «Aber unser Miesepeter ist zu spät gekommen», schmollt sie und wedelt anklagend mit dem verdammten Mistelzweig in meine Richtung. «Und kein Wort über den Waldorfsalat.» «Weißt du, Evelyn, in dieser Weltstadt gab’s ’ne Menge anderer Weihnachtspartys, zu denen ich hätte gehen können, und trotzdem bin ich zu dir gekommen. Warum? magst du fragen. Warum? habe ich mich selbst gefragt. Ich habe keine passende Antwort gefunden, und doch bin ich hier, also sei … äh, dankbar, Babe», sage ich. «Oh, das ist also mein Weihnachtsgeschenk?» fragt sie sarkas- tisch. «Wie süß, Patrick, wie aufmerksam.» «Nein, das ist es.» Ich gebe ihr eine Nudel, die ich gerade an mei- ner Manschette entdeckt habe. «Bitte.» «O Patrick, mir kommen gleich die Tränen», sagt sie und läßt die Nudel im Kerzenlicht baumeln. «Sie ist wunderschön. Darf ich sie gleich anstecken?» «Nein. Verfütter sie an einen der Wichtel. Der da sieht ziemlich hungrig aus. Entschuldige mich, ich brauche noch einen Drink.» Ich reiche Evelyn den Teller Waldorfsalat, ziehe an Petersens Geweih und steuere auf die Bar zu, «Stille Nacht» summend und, leicht enttäuscht über das, was die meisten Frauen anhaben – weite Kaschmir-Pullover, Blazer, lange Wollröcke, Cordkleider, Rollkra- genpullover. Kaltes Wetter. Keine Hardbodies. Paul Owen steht mit einer Champagnerflöte in der Hand an der Bar und betrachtet seine antike Silbertaschenuhr (zweifelsohne von Hammacher Schlemmer), und ich will gerade zu ihm rüber- gehen und etwas über den verdammten Fisher-Account sagen, als Humphrey Rhinebeck bei dem Versuch, nicht auf einen der Wich- tel zu treten, gegen mich stößt; er trägt immer noch einen Chester- field-Mantel aus Kaschmir von Crombie, gekauft bei Lord & Tay- lor, einen zweireihigen Woll-Smoking mit steigendem Revers, ein Baumwollhemd von Perry Ellis, eine Fliege von Hugo Boss, und die Art, wie er sein Papiergeweih trägt, läßt darauf schließen, daß er gar nichts davon weiß. Und diese Niete leiert mechanisch: «Hey, Bateman, letzte Woche habe ich ein neues Tweedjackett mit Fisch- grätmuster zum Ändern zu meinem Schneider gebracht.» «Tja, hm, da scheint es mir angebracht zu gratulieren», sage ich und schüttele ihm die Hand. «Das ist … prima.» «Danke.» Er wird rot und sieht zu Boden. «Jedenfalls hat er be- merkt, daß der Händler das Originallabel entfernt und statt dessen eins von seinen eigenen eingenäht hat. Jetzt frage ich mich, kann so was legal sein?» «Ich weiß, es ist kompliziert», sage ich, während ich mich immer noch durch die Menge schiebe. «Hat ein Händler dem Hersteller eine Kollektion erst einmal abgekauft, ist es völlig legal, wenn er das ursprüngliche Label durch sein eigenes ersetzt. Es ist allerdings nicht legal, es durch das Label eines anderen Händlers zu erset- zen.», «Moment mal, wieso das?» fragt er und versucht, an seinem Martini-Glas zu nippen, während er bemüht ist, mir zu folgen. «Weil die Angaben über die Zusammensetzung der Fasern und das Herkunftsland und die Handelsregisternummer des Herstellers unangetastet bleiben müssen. Labelfälschungen sind schwer festzu- stellen und werden selten angezeigt», schreie ich über die Schulter. Courtney küßt Paul Owen auf die Wange, und schon halten beide Händchen. Ich erstarre und bleibe stehen. Rhinebeck rempelt mich an. Aber Courtney bewegt sich weiter und winkt jemandem am an- deren Ende des Raumes zu. «Und was ist jetzt die beste Lösung?» ruft Rhinebeck hinter mir. «Kauf dir bekannte Marken bei Händlern, die du kennst, und nimm dieses verdammte Geweih vom Kopf, Rhinebeck. Du siehst aus wie ein Trottel.» Ich gehe, aber erst, als Humphrey seinen Kopf- schmuck ertastet hat. «O mein Gott.» «Owen!» rufe ich und halte ihm fröhlich eine Hand entgegen, während die andere einen Martini vom Tablett eines vorbeigehen- den Wichtels greift. «Marcus! Frohe Weihnachten», sagt Owen und schüttelt mir die Hand. «Was hast du so gemacht? Workaholic, nehm’ ich an.» «Lange nicht gesehen», sage ich und blinzle. «Workaholic, was?» «Na ja, wir sind gerade vom Knickerbocker Club zurück», sagt er und grüßt jemanden, der gerade vorbeikommt – «Hey, Kinsley» –, ehe er sich wieder mir zuwendet. «Wir fahren zu Nell’s. Die Limos stehen vorm Haus.» «Wir sollten mal essen gehen», sage ich und überlege, wie ich am besten den Fisher-Account aufs Tapet bringen kann, ohne mich zu blamieren., «Ja, das wäre großartig», sagt er. «Vielleicht könntest du …» «Cecelia mitbringen?» rate ich. «Ja. Cecelia», sagt er. «Oh, Cecelia wäre … begeistert», sage ich. «Gut, machen wir.» Er lächelt. «Ja. Wir könnten ins … Le Bernardin gehen», sage ich, und nach einer Pause: «Und vielleicht … Seafood essen? Hmmm?» «Le Bernardin ist dieses Jahr in der Top Ten im Zagat.» Er nickt. «Weißt du das?» «Wir könnten da …» Ich zögere nochmals, starre ihn an, dann, entschlossener: «Fisch essen. Nein?» «Seeigel», sagt Owen, während er seine Augen durch den Raum schweifen läßt. «Meredith liebt die Seeigel dort.» «Wirklich?» frage ich und nicke. «Meredith», ruft er und gestikuliert zu jemandem hinter mir. «Komm her.» «Sie ist hier?» frage ich. «Sie unterhält sich da drüben mit Cecilia», sagt er. «Meredith», ruft er und winkt. Ich drehe mich um. Meredith und Evelyn kom- men zu uns rüber. Ich fahre zu Owen herum. Meredith kommt mit Evelyn zu uns. Meredith trägt ein perlenbe- sticktes Wollgabardinekleid mit Bolero von Geoffrey Beene, ge- kauft bei Barney’s, goldene Ohrringe mit Diamanten von James Savitt ($ 13.000), Handschuhe von Geoffrey Beene für Portolano Products, und sie sagt: «Ja, Jungs? Worum geht’s? Macht ihr gerade euren Wunschzettel?», «Die Seeigel im Le Bernardin, Liebling», sagt Owen. «Mein Lieblingsthema.» Meredith legt einen Arm um meine Schulter, während sie mir flüsternd anvertraut: «Sie sind phantas- tisch.» «Köstlich.» Ich huste nervös. «Wie findet ihr denn den Waldorfsalat?» fragt Evelyn. «Hat er euch geschmeckt?» «Cecelia, Liebling, ich habe ihn noch nicht probiert», sagt Owen und erkennt jemanden am anderen Ende des Raumes. «Aber ich möchte gern wissen, warum Laurence Tisch den Eggnog serviert.» «Das ist nicht Laurence Tisch», winselt Evelyn, jetzt ernstlich beunruhigt. «Das ist ein Weihnachts-Wichtel. Patrick, was hast du ihm erzählt?» «Nichts», sage ich. «Cecelia!» «Außerdem, Patrick, bist du ein Gremlin.» Bei der wiederholten Erwähnung meines Namens fange ich so- fort an zu quasseln, in der Hoffnung, daß Owen nichts gemerkt hat. «Na ja, Cecelia, ich hab ihm gesagt, daß ich der Meinung bin, daß es eine, ja weißt du, eine Mischung aus beiden ist, eine Art …» Ich höre auf zu reden und schaue sie kurz an, bevor ich lahm be- ende: «Weihnachts-Tisch.» Dann nehme ich nervös ein Sträußchen Petersilie von einer Scheibe Fasanen-Pate, die ein Wichtel vorbei- trägt, und halte es über Evelyns Kopf, bevor sie etwas sagen kann. «Mistelzweig-Alarm!» schreie ich, und um uns herum ducken sich die Leute plötzlich, und dann küsse ich sie auf den Mund, während ich Owen und Meredith ansehe, die mich beide seltsam angaffen, und aus dem Augenwinkel erhasche ich einen Blick auf Courtney, die sich mit Rhinebeck unterhält und mich dabei haßerfüllt und, außer sich anstarrt. «Oh, Patrick –», beginnt Evelyn. «Cecelia! Komm sofort her.» Ich zerre an ihrem Arm und sage dann zu Owen und Meredith: «Entschuldigt uns. Wir haben was mit diesem Wichtel zu besprechen.» «Es tut mir so leid», sagt sie zu den beiden und zuckt hilflos mit den Schultern, während ich sie wegschleife. «Patrick, was ist los?» Ich bugsiere sie in die Küche. «Patrick?» fragt sie. «Was machen wir in der Küche?» «Hör zu», sage ich, packe sie an den Schultern und sehe sie an. «Laß uns hier abhauen.» «Oh, Patrick», seufzt sie. «Ich kann nicht einfach abhauen. Amü- sierst du dich nicht?» «Warum kannst du nicht gehen?» frage ich. «Ist das zuviel ver- langt? Du warst doch lange genug hier.» «Patrick, das ist meine Weihnachtsfeier», sagt sie. «Außerdem müssen die Wichtel jeden Moment ‹O Tannenbaum› singen.» «Los, Evelyn. Laß uns einfach abhauen.» Ich bin am Rande eines hysterischen Anfalls, habe panische Angst, daß Paul Owen oder, noch schlimmer, Marcus Halberstam in die Küche kommen. «Ich möchte dich aus all dem hier rausholen.» «Aus was?» fragt sie, dann verengen sich ihre Augen. «Dir hat der Waldorfsalat nicht geschmeckt, oder?» «Ich möchte dich hier rausholen», sage ich und fuchtele in der Küche herum. «Weg von Sushi und Wichteln und … und so.» Ein Wichtel kommt in die Küche und setzt ein Tablett mit schmutzigen Tellern ab, und hinter ihm, über ihm, kann ich Paul Owen sehen, wie er sich zu Meredith beugt, die ihm über den Lärm, der Weihnachtsmusik hinweg etwas ins Ohr schreit, und er sucht den Raum nach jemandem ab, nickt, dann läuft Courtney ins Bild, und ich greife Evelyn und ziehe sie noch dichter an mich. «Sushi? Wichtel? Patrick, du bringst mich ganz durcheinander», sagt Evelyn. «Und das gefällt mir gar nicht.» «Laß uns gehen.» Ich drücke sie grob und zerre sie zur Hinter- tür. «Laß uns einmal verrückt sein. Nur einmal in deinem Leben, Evelyn, sei verrückt.» Sie bleibt stehen, läßt sich nicht weiterzerren, und dann beginnt sie zu lächeln, über mein Angebot nachdenkend, aber nur halb überzeugt. «Komm schon …» Ich fange an zu winseln. «Das wäre mein schönstes Weihnachtsgeschenk.» «O nein, ich war schon bei Brooks Brothers und –», beginnt sie. «Hör auf. Komm schon, ich wünsch es mir», sage ich, und dann, in einem letzten, verzweifelten Versuch, lächle ich kokett, küsse sie leicht auf den Mund und füge hinzu: «Mrs. Bateman?» «Oh, Patrick», seufzt sie, dahinschmelzend. «Aber wer soll auf- räumen?» «Das machen die Liliputaner», versichere ich ihr. «Aber das muß doch jemand beaufsichtigen, Liebling.» «Such dir einen Wichtel aus. Mach den da drüben zum Ober- wichtel», sage ich. «Aber laß uns gehen, sofort.» Ich ziehe sie zur Hintertür des Hauses, ihre Schuhe quietschen, als sie über die Mus- coli-Marmorfliesen schleifen. Und dann sind wir aus der Tür, rennen die Straße vor dem Haus entlang, und ich halte an und spähe um die Ecke, ob Gäste, die wir kennen, gerade kommen oder gehen. Wir spurten zu einer Li-, mousine, von der ich glaube, daß sie Owen gehört, aber ich will nicht, daß Evelyn Verdacht schöpft, deshalb gehe ich einfach zu der nächsten, öffne die Tür und schiebe sie rein. «Patrick», quietscht sie erfreut. «Das ist so ungezogen. Und dann noch eine Limo –» Ich mache ihr die Tür vor der Nase zu und gehe ums Auto herum und klopfe beim Fahrer ans Fenster. Der Fahrer läßt es runter. «Hi», sage ich und reiche ihm die Hand. «Pat Bateman.» Der Fahrer glotzt nur, eine unangezündete Zigarre zwischen den zusammengepreßten Lippen, zuerst auf meine ausgestreckte Hand, dann in mein Gesicht, dann nach oben auf meinen Kopf. «Pat Ba- teman», wiederhole ich. «Was, äh, was ist?» Er sieht mich weiter an. Zögernd fasse ich in mein Haar, um zu sehen, ob es durcheinandergeraten ist oder nicht mehr richtig sitzt, und zu meinem Schrecken und meiner Überraschung ertaste ich zwei Papiergeweihe. Zwei Geweihe sitzen auf meinem verdammten Kopf. Ich brumme: «Jesus, wah!» und reiße sie ab, starre sie entsetzt an, wie sie zerknittert in meiner Hand liegen. Ich werfe sie auf die Erde und wende mich wieder dem Fahrer zu. «Also. Pat Bateman», sage ich und streiche mir die Haare zu- rück. «Ach ja? Sid.» Er zuckt mit den Schultern. «Hören Sie zu, Sid. Mr. Owen sagt, wir können diesen Wagen nehmen, also …» Ich halte inne, mein Atem dampft in der kalten Luft. «Wer ist Mr. Owen?» fragt Sid. «Paul Owen. Sie wissen schon», sage ich. «Ihr Kunde.» «Nein. Dies ist Mr. Barkers Limo», sagt er. «Trotzdem: Schönes, Geweih.» «Scheiße», sage ich und renne um die Limo rum, um Evelyn her- auszuholen, bevor es zum Schlimmsten kommt, aber es ist zu spät. In der Sekunde, in der ich die Tür öffne, steckt Evelyn den Kopf heraus und zwitschert: «Patrick, Liebling, wunderbar. Champag- ner» – sie hält eine Flasche Cristal in der einen Hand und eine gol- dene Schachtel in der anderen – «und Trüffel.» Ich greife ihren Arm, reiße sie aus dem Wagen, murmele leise als Entschuldigung: «Falsche Limo, nimm die Trüffel», und wir steuern auf die nächste Limousine zu. Ich öffne die Tür und helfe Evelyn hinein, gehe dann nach vorn und klopfe beim Fahrer ans Fenster. Er läßt es runter. Er sieht genau wie der andere Fahrer aus. «Hi. Pat Bateman», sage ich und strecke die Hand aus. «Ja? Hi. Donald Trump. Meine Frau Ivana sitzt hinten», kontert er sarkastisch. «Hey, Vorsicht», warne ich. «Hören Sie, Mr. Owen sagt, wir kön- nen seinen Wagen nehmen. Ich bin … o verdammt. Ich meine, ich bin Marcus.» «Sie sagten gerade, ihr Name sei Pat.» «Nein, das war falsch», sage ich streng und starre ihn direkt an. «Das stimmt nicht, daß ich Pat heiße. Mein Name ist Marcus. Marcus Halberstam.» «Da sind Sie sich jetzt sicher, ja?» fragt er. «Hören Sie zu, Mr. Owen sagt, ich kann seinen Wagen heute abend haben, also …» Ich halte inne. «Wissen Sie, fahren Sie ein- fach los.» «Ich denke, ich sollte erst mit Mr. Owen sprechen», sagt der Fah- rer amüsiert, mit mir spielend., «Nein, warten Sie!» sage ich, dann etwas ruhiger: «Hören Sie zu, ich bin … das geht schon in Ordnung, wirklich.» Ich kichere in mich hinein. «Mr. Owen ist in sehr, sehr schlechter Stimmung.» «Ich darf das wirklich nicht», sagt der Fahrer, ohne mich anzuse- hen. «Es ist total illegal. Nichts zu machen. Vergessen Sie’s.» «Ach, kommen Sie schon, Mann», sage ich. «Es verstößt gegen meine Vorschriften.» «Scheiß auf die Vorschriften», belle ich ihn an. «Scheiß auf die Vorschriften?» fragt er, nickt und lächelt. «Mr. Owen sagt, es ist okay», sage ich. «Vielleicht haben Sie mir nicht zugehört.» «Nee. Geht nicht.» Er schüttelt den Kopf. Ich zögere, richte mich auf, fahre mir mit der Hand übers Ge- sicht, atme durch und beuge mich wieder hinunter. «Hören Sie …» Ich atme wieder ein. «Da drinnen sind Liliputaner.» Ich deute mit dem Daumen zurück zum Haus. «Liliputaner, die gleich ‹O Tan- nenbaum› singen werden …» Ich sehe ihn flehend an, mitleidhei- schend und angemessen verängstigt zugleich. «Kann man sich et- was Schaurigeres vorstellen? Einen» – ich schlucke – «Wichtelchor?» Ich zögere, bitte dann schnell: «Haben Sie ein Herz.» «Hören Sie, Mister –» «Marcus», erinnere ich ihn. «Marcus. Egal. Ich werde nicht gegen die Vorschriften verstoßen. Ich habe sie nicht gemacht. Das ist Vorschrift, daran halte ich mich.» Wir verfallen beide in Schweigen. Ich seufze, sehe mich um, überlege, ob ich Evelyn zu der dritten Limo schleifen soll oder viel- leicht zurück zu Barkers Wagen – aber nein, verdammt noch mal,, ich will Owens. Inzwischen seufzt der Fahrer und sagt: «Wenn die Zwerge singen wollen, sollen sie singen.» «Scheiße», fluche ich und hole meine Gazellenleder-Brieftasche heraus. «Hier sind hundert.» Ich gebe ihm zwei Fünfziger. «Zweihundert», sagt er. «Diese Stadt ist das Letzte», murmele ich und gebe ihm das Geld. «Wo wollen Sie hin?» fragt er, nimmt die Geldscheine mit einem Seufzer und startet den Wagen. «Club Chernoble», sage ich, laufe zum Fond und öffne die Tür. «Ja, Sir», ruft er. Ich springe hinein und kann gerade noch die Tür schließen, ehe der Fahrer aufs Gas tritt und Richtung Riverside Drive brettert. Evelyn sitzt neben mir, während ich nach Luft schnappe und mir mit einem Armani-Taschentuch kalten Schweiß von der Stirn wi- sche. Als ich zu ihr hinüberschaue, ist sie kurz davor, in Tränen aus- zubrechen, ihre Lippen zittern, und sie schweigt ausnahmsweise. «Du machst mir angst. Was ist los?» Ich bin alarmiert. «Was … was hab ich getan? Der Waldorfsalat war gut. Was noch?» «Oh, Patrick», seufzt sie. «Es ist … wunderschön. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.» «Tja …» Ich zögere vorsichtig. «Ich … auch nicht.» «Das hier», sagt sie und hält mir ein Diamantcollier von Tif- fany vor die Nase, Owens Geschenk für Meredith. «Hilf mir, es anzulegen, Liebling. Du bist kein Gremlin, Schatz.» «Äh, Evelyn», sage ich und fluche dann halblaut, als sie mir den Rücken zudreht, damit ich es hinten an ihrem Hals zuhaken kann. Die Limousine schießt vorwärts, und sie fällt gegen mich, lacht und küßt mich, auf die Wange. «Es ist so hübsch, oh, ich liebe dich … Ups, ich hab bestimmt eine Trüffel-Fahne. Tut mir leid, Schatz. Such mir den Champagner und gieß mir ein Glas ein.» «Aber …» Ich starre hilflos auf das glitzernde Collier. «Das ist es nicht.» «Was?» fragt Evelyn und schaut sich im Auto um. «Gibt es hier Gläser? Was ist was nicht, Schatz?» «Das ist es nicht.» Ich spreche mit monotoner Stimme. «Oh, Schatz.» Sie lächelt. «Du hast noch etwas für mich?» «Nein, ich meine –» «Na komm, du Teufel», sagt sie und greift spielerisch an meine Anzugtasche. «Na komm, was ist es?» «Was ist was?» frage ich ruhig, verärgert. «Du hast noch was. Laß mich raten. Einen passenden Ring?» rät sie. «Ein passendes Armband? Eine Brosche? Das ist es also!» Sie ringt die Hände. «Es ist eine passende Brosche.» Während ich versuche, sie mir vom Leib zu halten, indem ich ei- nen ihrer Arme nach hinten drücke, schlängelt sich der andere an meinem Rücken vorbei und zieht etwas aus meiner Tasche – noch ein Glücksplätzchen von dem toten chinesischen Jungen. Sie starrt es an, einen Moment lang verwirrt, und sagt: «Patrick, du bist so … romantisch», und dann, während sie das Glücksplätzchen betrach- tet, mit gedämpfter Begeisterung: «so … originell.» Auch ich starre das Glücksplätzchen an. Es ist voll mit Blut, und ich zucke mit den Schultern und sage, so jovial ich kann: «Du kennst mich doch.» «Aber was ist da drauf?» Sie hält es dicht vor ihr Gesicht und sieht es sich an. «Was ist das für ein … rotes Zeug?», «Das ist …» Auch ich sehe mir das Plätzchen an und tue so, als sei ich von den Flecken fasziniert, dann schneide ich eine Grimasse. «Das ist süßsaure Soße.» Sie bricht es aufgeregt auseinander und liest verwirrt den Ora- kelspruch. «Was steht drauf?» seufze ich, spiele am Radio herum und suche im Wagen nach Owens Aktentasche, frage mich, wo der Champag- ner wohl sein könnte, die offene Schachtel von Tiffany, leer, leer auf dem Fußboden, deprimiert mich zutiefst. «Da steht …» Sie zögert, kneift die Augen zusammen liest es noch mal. «Da steht: Die frisch gegrillte Foie gras bei Le Cirque ist exzellent, aber der Hummersalat ist nur so la-la.» «Das ist nett», murmle ich, während ich nach Champagner- gläsern, Kassetten, irgendwas suche. «Das steht da wirklich drauf, Patrick.» Sie reicht mir den Ora- kelspruch, ein mattes Lächeln, das ich sogar in der Dunkelheit der Limo ausmachen kann, schleicht sich auf ihr Gesicht. «Was soll das nur bedeuten?» Ich nehme ihr den Zettel ab, lese ihn, schaue erst Evelyn an, dann wieder den Zettel, schließlich aus dem getönten Fenster, auf Schneeflocken, die um Straßenlaternen schwirren und um Leute, die auf Busse warten, Bettler, die ziellos über die Straßen der Stadt wanken, und sage laut zu mir selbst: «Es hätte schlimmer kommen können. Wirklich.» «Oh, Schatz», sagt sie, wirft sich mir an den Hals und umarmt meinen Kopf, «Lunch im Le Cirque? Du bist der Beste. Du bist kein Gremlin. Ich nehm alles zurück. Donnerstag? Kannst du am Don- nerstag? O nein. Ich hab keine Zeit am Donnerstag. Kräutermaske., Aber was ist mit Freitag? Und wollen wir wirklich ins Le Cirque? Wie wär’s mit –» Ich stoße sie weg und klopfe an die Trennscheibe, hämmere mit den Knöcheln laut dagegen, bis der Fahrer sie herunterläßt. «Sid, ich meine Earle, egal, das ist nicht der Weg zum Chernoble.» «Doch, Mr. Bateman –» «Hey!» «Ich meine Mr. Halberstam. Avenue C, richtig?» Er hustet höf- lich. «Ich nehm’s an», sage ich und starre aus dem Fenster. «Mir kommt gar nichts bekannt vor.» «Avenue C?» Evelyn hört auf, das Collier, das Paul Owen Mere- dith gekauft hat, zu bewundern und schaut auf. «Was ist Avenue C? C wie in … Cartier, nehme ich an?» «Es ist hip», versichere ich ihr. «Es ist total hip.» «Warst du schon mal da?» fragt sie. «Millionenmal», murmele ich. «Chernoble? Nein, nicht Chernoble», wimmert sie. «Schatz, es ist Weihnachten.» «Was zum Teufel soll das heißen?» frage ich. «Fahrer, he, Fahrer …» Evelyn lehnt sich nach vorn und balan- ciert auf meinen Knien. «Fahrer, wir wollen ins Rainbow Room. Fahrer, ins Rainbow Room, bitte.» Ich stoße sie zurück und lehne mich nach vorn. «Hören Sie nicht auf sie. Chernoble. So schnell wie möglich.» Ich drücke auf den Knopf, und die Trennscheibe fährt wieder hoch. «O Patrick. Es ist Weihnachten», jammert sie., «Du sagst das andauernd so, als sei das von großer Bedeutung», sage ich und starre sie an. «Aber es ist Weihnachten», jammert sie noch mal. «Ich kann das Rainbow Room nicht ausstehen», sage ich uner- bittlich. «Oh, warum nicht, Patrick?» jault sie. «Im Rainbow Room gibt es den besten Waldorfsalat der Stadt. Hat dir meiner geschmeckt? Hat dir mein Waldorfsalat geschmeckt, Liebling?» «O mein Gott», flüstere ich und bedecke mein Gesicht mit bei- den Händen. «Sei ehrlich. Ja?» fragt sie. «Das einzige, was mir echte Sorgen ge- macht hat, waren der Waldorfsalat und die Maronenfüllung.» Sie zögert. «Nun ja, weil die Maronenfüllung … ja, üppig war, weißt du …» «Ich will nicht ins Rainbow Room», unterbreche ich, mein Ge- sicht immer noch in meinen Händen verborgen, «weil ich dort keine Drogen auftreiben kann.» «Oh …» Sie mustert mich tadelnd. «Tss, tss, tss. Drogen, Patrick? Über was für, ähem, Drogen reden wir?» «Drogen, Evelyn. Kokain. Drogen. Ich brauche heute abend Ko- kain. Verstehst du?» Ich setze mich auf und starre sie wütend an. «Patrick», sagt sie und schüttelt ihren Kopf, als habe sie ihren Glauben an mich verloren. «Ich sehe, daß du verwirrt bist», bemerke ich. «Ich will einfach nichts damit zu tun haben», sagt sie. «Brauchst du auch nicht», sage ich. «Vielleicht wirst du nicht mal dazu eingeladen.» «Ich verstehe einfach nicht, wieso du mir ausgerechnet diesen, Tag des Jahres verderben mußt», sagt sie. «Du mußt das wie einen … Frost sehen. Einen Weihnachtsfrost. Einen teuren Weihnachtsfrost», sage ich. «Tja …», sagt sie, und ihre Miene erhellt sich ein wenig. «Irgend- wie aufregend, sich mal unters gemeine Volk zu mischen, nicht?» «Dreißig Dollar Eintritt pro Nase nenne ich nicht gerade sich unters Volk mischen, Evelyn.» Dann frage ich mißtrauisch: «Wa- rum war Donald Trump nicht zu deiner Party eingeladen?» «Nicht schon wieder Donald Trump», mault Evelyn. «O Gott. Hast du dich deshalb so unmöglich benommen? Diese Obsession muß aufhören!» schreit sie fast. «Deshalb hast du dich also wie ein Arschloch benommen!» «Es war der Waldorfsalat, Evelyn», sage ich zwischen zusammen- gebissenen Zähnen. «Der Waldorfsalat war schuld, daß ich mich wie ein Arschloch benommen habe!» «O mein Gott. Das meinst du auch noch ernst!» Sie wirft ihren Kopf voll Verzweiflung zurück. «Ich wußte es, ich wußte es.» «Du hast ihn noch nicht mal selber gemacht!» schreie ich. «Er war vom Party-Service!» «O Gott», heult sie. «Ich kann’s nicht glauben.» Die Limousine hält vor dem Club Chernoble, wo eine zehn- reihige Menge außerhalb der Absperrungsseile im Schnee wartet. Evelyn und ich steigen aus, und ich schiebe mich durch die Menge, indem ich Evelyn zu ihrem großen Verdruß als Schutzschild be- nutze, und entdecke glücklicherweise jemanden, der genauso aus- sieht wie Jonathan Leatherdale und gleich reingelassen wird, und während ich Evelyn, die immer noch ihr Weihnachtsgeschenk fest- hält, richtig schiebe, rufe ich ihm zu: «Jonathan, hey, Leatherdale»,, und wie nicht anders zu erwarten, beginnt die ganze Meute plötz- lich zu schreien: «Jonathan, hey, Jonathan.» Er sieht mich, als er sich umdreht, und ruft: «Hey Baxter!», zwinkert und signalisiert mit dem Daumen ‹Alles-klar›, aber nicht mir, sondern jemand an- derem. Evelyn und ich tun trotzdem so, als würden wir zu seiner Clique gehören. Der Türsteher macht die Absperrung vor unserer Nase zu, fragt: «Sind Sie beide mit der Limo da gekommen?» Er deutet mit dem Kopf zum Straßenrand. «Ja.» Evelyn und ich nicken eifrig. «Kommen Sie rein», sagt er und hält das Seil hoch. Wir gehen hinein, und ich lege sechzig Dollar auf den Tisch, Ge- tränkebons gibt es nicht. Der Club ist, wie erwartet, dunkel bis auf die blitzenden Stroboskope, und selbst in deren Licht ist alles, was ich sehen kann, Nebel, der aus einer Trockeneismaschine gepumpt wird, und ein Hardbody, der zu «New Sensation» von INXS tanzt, das mit einer Lautstärke aus den Boxen dröhnt, die einem durch Mark und Bein geht. Ich sage Evelyn, sie soll uns an der Bar zwei Glas Champagner holen. «Oh, natürlich», schreit sie zurück und steuert zögernd auf den einzigen weißen Neonstreifen zu, das ein- zige Licht, daß vermutlich einen Ort erhellt, an dem Alkohol ser- viert wird. In der Zwischenzeit besorge ich ein Gramm von einem, der aussieht wie Mike Donaldson, und während ich zehn Minuten lang mit mir ringe, ob ich Evelyn abhängen soll oder nicht, wobei ich diesen Hardbody auschecke, kommt sie mit zwei halbvollen Champagnerflöten an, indigniert und mit traurigem Gesicht. «Es ist Korbel», schreit sie. «Laß uns gehen.» Ich schüttle verneinend den Kopf und schreie zurück: «Laß uns aufs Klo gehen.» Sie folgt mir., Die einzige Toilette im Chernoble ist für Männer und Frauen. Zwei andere Paare sind bereits da, eins davon in der einzigen Ka- bine. Das andere Paar wartet wie wir ungeduldig darauf, daß die Kabine frei wird. Das Girl trägt ein rückenfreies Top aus Seiden- jersey, einen Seidenchiffonrock und seidene Slingpumps, alles von Ralph Lauren. Ihr Freund trägt einen Anzug von, wie ich glaube, William Fioravanti, Vincent Nicolosi oder Scali – irgendeinem Spaghettischneider. Beide haben Champagnergläser in der Hand: seins voll, ihrs leer. Es ist still bis auf das Schnüffeln und unter- drückte Lachen aus der Kabine, und die Toilettentür ist so dick, daß außer dem tiefen, stampfenden Drumbeat von der Musik nichts herausdringt. Der Typ klopft erwartungsvoll mit dem Fuß. Das Mädchen seufzt noch mal und wirft ihr Haar mit einer selt- sam verführerischen ruckartigen Kopfbewegung über die Schulter; dann sieht sie zu mir und Evelyn und flüstert ihrem Freund etwas zu. Schließlich, nachdem sie ihm noch mal etwas zugeflüstert hat, nickt er, und sie gehen. «Ein Glück», flüstere ich und befummele das Gramm in meiner Tasche; dann, zu Evelyn: «Warum bist du so still?» «Der Waldorfsalat», murmelt sie, ohne mich anzusehen. «Ver- dammt.» Ein Klicken, die Tür zur Kabine geht auf, und ein junges Paar – der Typ in einem zweireihigen Anzug aus Cavalry-Twill, Baum- wollhemd und Seidenkrawatte, alles von Givenchy, das Mädchen in einem Seidentaft-Kleid mit Straußenfedernsaum von Geoffrey Beene, vergoldeten Ohrringen von Stephen Dweck Moderne und Rips-Tanzschuhen von Chanel – kommt heraus, beide wischen sich diskret die Nase, werfen einen Blick in den Spiegel, bevor sie, den Raum verlassen, und genau als Evelyn und ich in die Kabine wollen, die sie gerade verlassen haben, kommt das erste Paar hastig zurück und will sich dort breitmachen. «Entschuldigen Sie», sage ich und versperre ihnen mit aus- gestrecktem Arm den Weg. «Sie sind gegangen. Jetzt sind wir dran, klar?» «Tja, nein, ich glaube nicht», sagt der Typ milde. «Patrick», flüstert Evelyn hinter mir. «Laß sie … na weißt du.» «Warte. Nein. Wir sind dran», sage ich. «Ja, aber wir haben zuerst gewartet.» «Hör zu, ich will keinen Streit anfangen –» «Das tust du aber», sagt die Freundin, gelangweilt aber immer noch in der Lage, höhnisch zu grinsen. «O Mann», murmelt Evelyn hinter mir und sieht mir über die Schulter. «Hör mal, machen wir’s eben hier», schnappt das Mädchen, das ich ohne weiteres ficken würde. «So ein Drecksstück», murmele ich und schüttele den Kopf. «Hör zu», sagt der Typ einlenkend. «Während wir uns hier strei- ten, könnten zwei von uns längst drin sein.» «Genau», sage ich. «Wir.» «Himmel», sagt das Mädchen, stemmt die Hände in die Hüften, und dann, zu Evelyn und mir gewandt: «Unglaublich, wen sie heut- zutage hier alles reinlassen.» «So ein Miststück», murmele ich ungläubig. «Deine Einstellung ist Scheiße, weißt du das?» Evelyn schnappt nach Luft und drückt meine Schulter. «Pa- trick.», Der Typ hat schon angefangen, sich das Koks reinzuziehen, lehnt an der Tür, löffelt das Pulver aus einem braunen Fläschchen, snieft und lacht nach jeder Nase. «Deine Freundin ist das letzte Miststück», sage ich zu dem Typ. «Patrick», sagt Evelyn. «Hör auf.» «Sie ist ein Miststück», sage ich und zeige auf sie. «Patrick, entschuldige dich», sagt Evelyn. Der Typ wird hysterisch, hat den Kopf zurückgeworfen, zieht laut die Nase hoch, krümmt sich dann zusammen und versucht, Atem zu holen. «O mein Gott», sagt Evelyn angewidert. «Warum lachst du? Ver- teidige sie.» «Warum?» fragt der Typ, zuckt dann mit den Schultern, beide Nasenlöcher voll mit weißem Pulver. «Er hat recht.» «Ich hau ab, Daniel», sagt das Mädchen den Tränen nahe. «Da- mit komme ich nicht klar. Ich komme mit dir nicht klar. Und mit denen erst recht nicht. Ich habe dich im Bice gewarnt.» «Nur weiter so», sagt der Typ. «Geh. Tu’s doch. Abmarsch. Mir egal.» «Patrick, was hast du da angerichtet?» fragt Evelyn und weicht von mir zurück. «Das ist einfach unmöglich», und dann, mit einem Blick auf die fluoreszierenden Glühbirnen: «Wie diese Beleuch- tung. Ich gehe.» Aber sie bleibt abwartend stehen. «Ich gehe, Daniel», sagt das Mädchen. «Hörst du?» «Nur zu. Vergiß es», sagt Daniel, starrt seine Nase im Spiegel an und scheucht das Mädchen weg. «Ich sagte Abmarsch.» «Ich nehme die Kabine», verkünde ich. «Geht das klar? Jemand was dagegen?», «Willst du deine Freundin nicht verteidigen?» fragt Evelyn Da- niel. «Jesus, was verlangst du von mir?» Er sieht sie im Spiegel an, wischt sich die Nase, schnieft wieder. «Ich habe sie zum Essen ein- geladen. Ich habe ihr Richard Marx vorgestellt. Mein Gott, was will sie noch?» «Daß du ihm die Scheiße aus dem Leib prügelst?» schlägt das Mädchen vor und zeigt auf mich. «Oh, meine Kleine», sage ich den Kopf schüttelnd, «was ich dir mit einem Kleiderbügel alles antun könnte.» «Leb wohl, Daniel», sagt sie mit einer dramatischen Pause. «Ich bin weg.» «Gut», sagt Daniel und hält das Fläschchen hoch. «Mehr für moi.» «Und versuch nicht, mich anzurufen», schreit sie und öffnet die Tür. «Heute nacht ist mein Anrufbeantworter an, und ich warte ab, wer dran ist!» «Patrick», sagt Evelyn, immer noch gefaßt, steif. «Ich warte drau- ßen.» Ich warte eine Sekunde, glotze sie von der Kabine aus an, dann das Mädchen, das in der Tür steht. «Aha. Und?» «Patrick», sagt Evelyn, «sag nichts, was du bereuen könntest.» «Geh endlich», sage ich. «Hau einfach ab. Nimm die Limo.» «Patrick –» «Raus», brülle ich. «Der Gremlin sagt raus!» Ich knalle die Kabinentür zu und schaufele mir den Koks mit meiner Platin AmEx direkt aus dem Umschlag in die Nase. Zwi- schen meinem Schnaufen höre ich, wie Evelyn geht und sich bei, dem Mädchen ausweint. «Und wegen dem bin ich von meiner ei- genen Weihnachtsfeier abgehauen, kannst du dir das vorstellen? Meiner eigenen Weihnachtsfeier?» Und das Mädchen höhnt: «Werd erwachsen.» Ich lache heiser, ballere mit dem Kopf gegen die Ka- binenwand, und dann höre ich den Typ noch ein paar Nasen neh- men, ehe er sich verpißt, und nachdem ich den Großteil meines Gramms aufgebraucht habe, spähe ich über den Kabinenrand, ob Evelyn immer noch da ist, schmollt, sorgenvoll an ihrer Unterlippe kaut – buhuuhuuhuu, Baby –, aber sie ist nicht zurückgekommen, und dann habe ich eine Vision von Evelyn und Daniels Freundin, die irgendwo auf einem Bett liegen, das Mädchen spreizt Evelyns Beine, Evelyn auf allen vieren, sie leckt ihr Arschloch, befingert ihr die Fotze, und das macht mich benommen, und ich verschwinde aus dem Klo in den Club, geil und verzweifelt, lüstern nach Kon- takt. Aber es ist jetzt später, und das Publikum hat sich geändert – jetzt sind es mehr Punkrocker, Schwarze, weniger Wall Street Ty- pen, mehr gelangweilte Rich Girls von Avenue A, die hier abhän- gen, und die Musik hat sich geändert; anstatt daß Belinda Carlisle «I Feel Free» singt, rappt jetzt ein Schwarzer irgendwas mit dem Ti- tel, wenn ich richtig höre, «Her Shit On His Dick», und ich mache mich an ein Paar reicher Hardbodies, beide in gewagten Betsey- Johnson-artigen Kleidern, ich bin drauf jenseits jeder Vorstellungs- kraft, mit einem Spruch wie «Coole Musik – habe ich euch nicht bei Salomon Brothers gesehen?» ran, aber eine von ihnen, eins die- ser Mädchen, grinst mich höhnisch an und sagt: «Geh zurück zur Wall Street», und die mit dem Nasenring sagt: «Scheißyuppie.» Und sie sagen das sogar, obwohl mein Anzug schwarz aussieht im Dunkel des Clubs und mein Schlips – Paisley, Armani, Seide, – gelockert ist. «Hey», sage ich und knirsche mit den Zähnen. «Ihr denkt viel- leicht, ich bin ein echt ekelhafter Yuppie, aber ich bin’s nicht, wirk- lich», sage ich zu ihnen, schlucke hastig, vollkommen abgedreht. Zwei schwarze Typen sitzen mit ihnen an einem Tisch. Beide ha- ben verwaschene Jeans, T-Shirts und Lederjacken an. Einer hat eine verspiegelte Sonnenbrille auf, der Kopf des anderen ist kahlrasiert. Beide schauen mich an. Ich strecke den Arm aus, spreize meine Hand in unmöglichem Winkel, versuche einen Rapper nachzu- machen. «Hey», sage ich. «Ich bin fresh. Am freshsten, klar … Ich meine, äh, def … am deffsten.» Ich nehme einen Schluck Champa- gner. «Ihr wißt schon … def.» Um das zu beweisen, suche ich mir einen Schwarzen mit Dread- locks und lauf zu ihm rüber, rufe «Rastaman!» und halte meine Hand hin, in Erwartung eines High-Five. Aber der Nigger steht nur da. «Ich meine» – ich huste – «Mon», und dann, weniger enthusias- tisch: «We be, uh, jamming …» Er rauscht an mir vorbei, schüttelt den Kopf. Ich schaue zurück auf die Mädchen. Sie schütteln den Kopf – eine Warnung an mich, nicht zurückzukommen. Ich richte den Blick auf einen Hardbody, der für sich neben einer Säule tanzt, dann trink ich den Champag- ner aus und gehe zu ihm rüber, frage nach seiner Telefonnummer. Sie lächelt. Abgang.,

Nell’s

Mitternacht. Sitze in einer Nische bei Nell’s mit Craig McDermott, Alex Taylor – den es gerade umgeschmissen hat – und drei Models von Elite, Libby, Daisy und Caron. Es ist fast Sommer, Mitte Mai, aber der Club hat Klimaanlage und ist kühl, die Musik der leich- ten Jazz-Band schwebt durch den halbleeren Raum, Deckenventi- latoren schwirren, draußen wartet die Menge in Zwanzigerreihen, eine wogende Masse. Libby ist blond und trägt schwarze hochha- ckige Abendschuhe aus Rips mit übertriebenen Spitzen und roten Satinschleifen von Yves Saint Laurent. Daisy ist blonder und trägt schwarze Pumps mit Guckloch für die große Zehe, akzentuiert durch silbergesprenkelte hauchzarte schwarze Seidenstrümpfe von Betsey Johnson. Caron ist platinblond und trägt Stiefeletten aus überzogenem Kalbsleder mit Wolltweed, Keilabsatz und Lackleder- spitze von Karl Lagerfeld für Chanel. Alle drei tragen sie knappe schwarze Strickkleider von Giorgio di Sant’ Angelo und trinken Champagner mit Preiselbeersaft und Pfirsich-Schnaps und rau- chen deutsche Zigaretten – aber ich beschwere mich nicht, auch wenn ich glaube, daß die Einrichtung einer Nichtraucherzone in Nell’s eigenem Interesse wäre. Zwei der Models tragen Giorgio-Ar- mani-Sonnenbrillen. Libby hat Jet-Lag. Von den dreien ist Daisy die einzige, die ich auch nur entfernt Lust habe zu ficken. Heute vormittag, nach einem Termin bei meinem Anwalt, um über ei- nige lächerliche Anzeigen wegen Vergewaltigung zu sprechen, hatte ich bei Dean & Deluca einen Panikanfall, den ich bei Xclusive aus- schwitzte. Dann traf ich mich mit den Models im Trump Plaza auf, einen Drink. Dem folgte ein französischer Film, den ich absolut nicht begriffen habe, aber dennoch recht chic fand, dann Dinner in einem Sushi-Restaurant namens Vivids beim Lincoln Center und eine Party im Loft des Ex-Freunds eines der Models in Chelsea, wo schlechter, fruchtiger Sangria gereicht wurde. Letzte Nacht hatte ich Träume, die ausgeleuchtet waren wie Pornos und in denen ich Mädchen aus Pappe fickte. Die Patty Winters Show heute morgen war über Aerobic. Ich trage ein Zweiknopf-Anzug aus reiner Wolle mit Bundfalten- hose von Luciano Soprani, ein Baumwollhemd von Brooks Brot- hers und einen seidenen Schlips von Armani. McDermott hat sei- nen Schurwollanzug von Lubiam an, dazu ein Leineneinstecktuch von Ashear Bros., ein Baumwollhemd von Ralph Lauren und einen Seidenschlips von Christian Dior und will gerade eine Münze wer- fen, um zu entscheiden, wer von uns nach unten geht, um das Bo- livianische Marschierpulver zu besorgen, weil keiner von uns hier in der Nische bei den Mädchen sitzen bleiben will, denn wir wollen sie zwar vielleicht ficken, uns aber auf keinen Fall mit ihnen unter- halten, tatsächlich können wir das auch nicht, wie wir festgestellt haben, noch nicht mal herablassend – sie haben ganz einfach nichts zu sagen, und natürlich sollte uns das nicht überraschen, ich weiß, und doch ist es irgendwie irritierend. Taylor sitzt aufrecht, hat aber die Augen geschlossen und den Mund leicht geöffnet, und obwohl McDermott und ich angenommen haben, er stelle sich schlafend, um gegen das mangelnde Konversationstalent der Mädchen zu protestieren, dämmert uns nun, er könnte authentisch breit sein (seit den drei Sakes, die er bei Vivids gekippt hat, brabbelt er prak- tisch nur noch wirres Zeugs), aber keinem der Mädchen scheint, etwas aufzufallen, außer vielleicht Libby, weil sie gleich neben ihm sitzt, aber es steht zu bezweifeln, sehr zu bezweifeln. «Kopf, Kopf, Kopf», murmele ich mit unterdrückter Stimme. McDermott schnippt den Vierteldollar. «Zahl, Zahl, Zahl», chantet er, und klatscht dann mit der Hand auf die Münze, als sie auf seiner Serviette landet. «Kopf, Kopf, Kopf», zische ich, ein Stoßgebet. Er hebt seine Hand. «Zahl», sagt er und sieht mich an. Ich starre die Münze lange an, ehe ich ihn bitte: «Noch mal.» «Bis dann», sagt er mit einem Blick auf die Mädchen, ehe er auf- steht, sieht dann zu mir, verdreht die Augen und schüttelt kurz ein- mal den Kopf. «Denk dran», erinnert er mich. «Ich will noch einen Martini. Absolut. Doppelt. Keine Olive.» «Mach schnell», rufe ich ihm nach und murmele vor mich hin, als ich ihn fröhlich vom Treppenabsatz winken sehen: «Verblödetes Arschloch». Ich drehe mich wieder zur Nische. Hinter uns kreischt unisono ein Tisch Eurotrash-Hardbodies auf, die verdächtige Ähnlichkeit mit brasilianischen Transvestiten haben. Mal sehen … am Sams- tag abend gehe ich mit Jeff Harding und Leonard Davis zu einem Mets-Spiel. Rambo-Filme leihe ich am Sonntag aus. Am Montag kommt das neue Lifecycle … Ich starre quälend lange, minuten- lang, auf die drei Models, ehe ich etwas sage, bemerke, daß jemand eine Platte Papaya-Spalten bestellt hat, und jemand anders eine Platte Spargel, die beide unberührt bleiben. Daisy mustert mich sorgfältig, spitzt dann ihren Mund in meine Richtung, bläst im Ausatmen Rauch an meinen Kopf, und er wabert über mein Haar, verfehlt knapp meine Augen, die ohnehin durch die Oliver-Peop-, les-Fensterglas-Brille mit Redwood-Fassung geschützt sind, die ich schon den ganzen Abend trage. Eine andere, Libby, die Schnecke mit Jet-Lag, versucht zu ergründen, wie man eine Serviette entfal- tet. Mein Frustrationslevel ist erstaunlich niedrig, denn es könnte schlimmer sein. Immerhin könnten das englische Mädchen sein. Wir könnten … Tee trinken. «So!» rufe ich, klatsche in die Hände, versuche mich munter zu geben. «Heiß war’s heute. Oder?» «Wo ist Greg hin?» fragt Libby, die McDermotts Abwesenheit bemerkt. «Tja, Gorbatschow ist unten», informiere ich sie. «McDermott, Greg, unterzeichnet mit ihm einen Friedensvertrag zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland.» Ich halte inne, versuche ihre Reaktion abzuschätzen, ehe ich hinzusetze: «McDermott ist der Mann hinter Glasnost, weißt du.» «Na … ach so», sagt sie mit unglaublich farbloser Stimme und nickt. «Aber mir hat er gesagt, er macht in Mergers und … Aqua- sektion.» Ich linse rüber zu Taylor, der immer noch schläft. Ich schnippe an seinen Hosenträgern, aber er reagiert nicht, rührt sich nicht, dann wende ich mich wieder Libby zu. «Dich kann nichts erschüt- tern, wie?» «Nein», sagt sie achselzuckend. «Eigentlich nicht.» «Gorbatschow ist nicht unten», sagt Caron plötzlich. «Flunkerst du?» fragt Daisy lächelnd. Ich denke: O Mann. «Ja. Caron hat recht. Gorbatschow ist nicht unten. Er ist im Tunnel. Entschuldigung. Kellnerin?» Ich schnappe nach einem vorbeikommenden Hardbody, der ein Bill-Blass-, Abendkleid im Matrosenstil mit Seidenorganza-Rüschen trägt. «Ich nehme einen J&B mit Eis und ein Fleischermesser oder sonst- was Scharfes aus der Küche. Mädels?» Niemand sagt etwas. Die Kellnerin starrt Taylor an. Ich schaue zu ihm rüber, dann zurück zur Hardbody-Kellnerin, dann wieder zu Taylor. «Bringen Sie ihm, hm, Grapefruit-Sorbet, und oh, sagen wir Scotch, okay?» Die Kellnerin starrt ihn nur an. «Ahem, Schätzchen?» Ich schwenke meine Hand vor ihrem Ge- sicht. «J&B? Mit Eis?» artikuliere ich über die Jazz-Band, die gerade mitten in ihrer feinen Interpretation von «Take Five» steckt. End- lich nickt sie. «Und denen bringen Sie» – ich deute auf die Mädchen – «was immer sie da gerade trinken. Ginger Ale? Wein-Cooler?» «Nein», sagt Libby. «Es ist Champagner.» Sie zeigt drauf, dann zu Caron: «Stimmt’s?» «Ich glaub schon.» Caron zuckt die Achseln. «Mit Pfirsichlikör», erinnert Daisy sie. «Champagner», wiederhole ich für die Kellnerin. «Mit, äh, Pfir- sichlikör. Haben Sie’s?» Kellnerin nickt, schreibt was auf, geht, und ich checke ihren Arsch, während sie abschiebt, sehe mir dann wieder die drei an, studiere jede sehr sorgfältig auf kleinste Anzeichen, ein verräte- risches Flackern auf ihrem Gesicht, die eine Geste, die diese Ro- bot-Nummer schmeißt, aber bei Nell’s ist es ziemlich dunkel, und meine Hoffnung – daß es wirklich nur Verstellung sein könnte – ist nur Wunschdenken, und so klatsche ich wieder in die Hände und hole Luft. «So! Ziemlich heiß war’s ja heute. Stimmt’s?», «Ich brauche einen neuen Pelz», seufzt Libby, starrt in ihr Cham- pagnerglas. «Boden- oder knöchellang?» fragt Daisy ebenso tonlos. «Eine Stola?» schlägt Caron vor. «Entweder bodenlang oder …» Libby hält inne und denkt eine Minute scharf nach. «Ich hab so ein kurzes knuddeliges Cape ge- sehen …» «Aber Nerz, oder?» fragt Daisy. «Bestimmt Nerz?» «O ja. Nerz», sagt Libby. «Hey Taylor», wispere ich, knuffe ihn. «Aufwachen. Sie reden. Das mußt du gehört haben.» «Aber welchen?» Caron hat Feuer gefangen. «Findest du nicht, daß Nerz manchmal zu … flauschig ist?» fragt Daisy. «Manche Nerze sind zu flauschig.» Libby diesmal. «Silberfuchs ist sehr im Kommen», murmelt Daisy. «Beigetöne werden auch immer beliebter», sagt Libby. «Welche sind das?» fragt jemand. «Luchs. Chinchilla. Hermelin. Biber –» «Hallo?» Taylor wacht auf, blinzelt. «Hier bin ich.» «Schlaf weiter, Taylor», seufze ich. «Wo steckt McDermott?» fragt er und reckt sich. «Der spaziert unten herum. Sucht Koks.» Ich zucke die Achseln. «Silberfuchs ist sehr im Kommen», sagt eine von ihnen. «Waschbär. Marder. Eichhörnchen. Bisam. Mongolenlamm.» «Träume ich», fragt mich Taylor, «oder … höre ich wirklich ein echtes Gespräch?», «Tja, ich denke, wir lassen’s dafür durchgehen.» Ich zucke zu- sammen. «Scht! Hör hin! Das ist fesselnd!» Heute abend im Sushi-Restaurant hatte McDermott, im Zu- stand tiefster Frustration, die Mädels gefragt, ob sie einen der neun Planeten mit Namen nennen könnten. Libby und Caron kamen auf den Mond. Daisy war sich nicht sicher, tippte aber schließlich auf … Komet. Daisy glaubte, Komet sei ein Planet. Entwaffnet ver- sicherten McDermott, Taylor und ich ihr, daß dem so sei. «Im Moment ist es leicht, gute Pelze zu finden», sagt Daisy lang- sam. «Da immer mehr Prêt-à-porter-Designer sich jetzt mit Pelz beschäftigen, wird die Auswahl größer, weil jeder Designer mit an- deren Pelzen arbeitet, um seiner Kollektion individuellen Charak- ter zu geben.» «Das ist alles so unheimlich», sagt Caron zitternd. «Laß dich nicht so einschüchtern», sagt Daisy. «Pelz ist nur ein Accessoire. Nicht einschüchtern lassen!» «Aber ein luxuriöses Accessoire», hakt Libby nach. Ich frage den Tisch: «Hat jemals einer mit einer TEC Neun-Mil- limeter-Uzi rumgespielt? Eine Maschinenpistole. Nein? Sie ist be- sonders praktisch, weil dieses Modell einen Gewindelauf hat, auf dem sich Schalldämpfer und Laufverlängerungen befestigen las- sen.» Ich nicke, während ich das sage. «Von Pelzen soll man sich nicht einschüchtern lassen.» Taylor schaut zu mir hin und sagt platt: «Hier erschließen sich mir all- mählich verblüffende Erkenntnisse.» «Aber ein luxuriöses Accessoire», bekräftigt Libby wieder. Die Kellnerin kommt zurück, setzt die Drinks und eine Schale Grapefruitsorbet ab. Taylor schaut es an und sagt zwinkernd: «Das, hab ich nicht bestellt.» «Doch, hast du», sage ich ihm. «Im Schlaf hast du das bestellt.» «Nein, habe ich nicht», sagt er unsicher. «Dann esse ich es», sage ich. «Hör einfach zu.» Ich tappe laut mit den Fingern auf den Tisch. «Karl Lagerfeld schlägt durch», sagt Libby. «Warum?» Caron. «Natürlich hat er die Fendi-Kollektion entworfen», sagt Daisy und zündet eine Zigarette an. «Ich mag das Mongolilamm kombiniert mit Maulwurf oder» – Caron macht eine Gackerpause – «die schwarze Lederjacke mit dem Persianerbesatz.» «Was hältst du von Geoffrey Beene?» fragt Daisy sie. Caron wägt ab. «Die weißen Satinkragen … heikel!» «Aber phantastisch, was er mit Tibetlamm macht», sagt Libby. «Caroline Herrera?» fragt Caron. «Nein, nein, zu flauschig», sagt Daisy kopfschüttelnd. «Zu Schulmädchen», stimmt Libby zu. «James Galanos hat aber die himmlischsten russischen Luchs- felle», sagt Daisy. «Und nicht zu vergessen Arnold Scaasi. Der weiße Hermelin», sagt Libby. «Zum Sterben.» «Echt?» Ich lächle und verziehe meine Lippen zu einem be- hämmerten Grinsen. «Zum Sterben?» «Zum Sterben», sagt Libby wieder, zum ersten Mal am ganzen Abend einer Sache sicher. «Ich finde, ein, eh, ein Geoffrey Beene würde dir anbetungswür- dig stehen, Taylor», winsele ich mit hoher, tuntiger Stimme, flappe, eine kraftlose Hand auf seine Schulter, aber er schläft wieder, also was soll’s? Mit einem Seufzer ziehe ich die Hand zurück. «Da ist Miles …» Caron linst rüber zu einem alternden Gorilla eine Nische weiter mit ergrauendem Bürstenschnitt und elfjähri- gem Fickfrosch auf dem Schoß. Libby dreht sich um und überzeugt sich. «Und ich dachte, er dreht diesen Vietnam-Film in Philadel- phia.» «Nein. Die Philippinen», sagt Caron. «Es war nicht Philadel- phia.» «O ja», sagt Libby, schließlich: «Bist du sicher?» «Ja. Eigentlich sind sie schon fertig», sagt Caron in völlig unent- schlossenem Ton. Sie zwinkert. «Eigentlich ist der Film … raus.» Sie zwinkert wieder. «Eigentlich ist er schon seit … seit einem Jahr raus.» Beide schauen sie mäßig interessiert zur Nische nebenan, aber als sie sich wieder zu unserem Tisch wenden und ihr Blick auf den schlafenden Taylor fällt, dreht sich Caron zu Libby und seufzt: «Sollen wir rübergehen und hallo sagen?» Libby nickt langsam, ihr Gesicht fragend im Kerzenschein, und steht auf. «Entschuldigt uns.» Sie gehen. Daisy bleibt, nippt Carons Champagner. Ich denke sie mir nackt, hingeschlachtet, Maden wühlen und schmausen in ihrem Bauch, ihre Titten schwarz von Zigarettenbrandflecken, Libby, die den Kadaver leckt, dann räuspere ich mich. «Heiß war es heute, oder?» «Kann man sagen», bestätigt sie. «Stell mir eine Frage», sage ich aus einer plötzlichen – ja – spon- tanen Laune heraus., Sie zieht an der Zigarette, bläst dann den Rauch aus. «Also, was machst du so?» «Was glaubst du, was ich mache?» Verspielt auch noch. «Ein Model?» Sie zuckt die Achseln. «Schauspieler?» «Nein», sage ich. «Schmeichelhaft, aber – nein.» «Also?» «Ich mache in, eh, hauptsächlich Mord und Exekution. Kommt drauf an», sage ich beiläufig. «Macht es Spaß?» fragt sie, ungerührt. «Errm … kommt drauf an. Warum?» Ich nehme ein wenig Sor- bet. «Na ja, den meisten Jungs, die ich kenne, die in Mergers & Ac- quisition machen, macht’s nicht sonderlich Spaß», sagt sie. «Das war auch nicht das, was ich sagte», sage ich mit bemühtem Lächeln und kippe den Rest meines J&B. «Ach, vergiß es.» «Frag mich was», sagt sie. «Okay. Wo machst du …» Ich hänge einen Moment, dann, «Sommer?» «Maine», sagt sie. «Frag mich noch was.» «Wo trainierst du?» «Privater Trainer», sagt sie. «Und du?» «Xclusive», sage ich. «Auf der Upper West Side.» «Wirklich?» Sie lächelt, bemerkt dann jemanden hinter mir, aber ihre Miene verändert sich nicht, und ihre Stimme bleibt flach. «Francesca. O mein Gott. Es ist Francesca. Schau.» «Daisy! Und Patrick, du Teufel!» kreischt Francesca. «Daisy, was in Gottes Namen machst du mit einem Hengst wie Bateman?» Sie, entert die Nische, drängt sich rein mit diesem gelangweilten blon- den Girl, das ich nicht kenne. Francesca trägt ein Samtkleid von Saint Laurent Rive Gauche, und das Mädchen, das ich nicht kenne, trägt ein Wollkleid von Geoffrey Beene. Beide tragen Perlen. «Hallo Francesca», sage ich. «Daisy, mein Gott, Ben und Jerry sind hier. Ich liebe Ben und Jerry», glaube ich sie sagen zu hören, alles in einem atemlosen Zug, sie versucht, gegen das Gedudel der Jazz-Band anzuschreien – tat- sächlich übertönt sie das Gedudel spielend. «Bist du nicht auch verrückt nach Ben und Jerry?» fragt sie, die Augen weit aufgerissen, und schnarrt dann eine vorbeigehende Kellnerin an: «Orangensaft! Ich brauche Orangensaft! Jesus verfickter Christus, die Bedienung hier muß weg! Wo ist Nell? Ich muß mit ihr drüber reden», mur- melt sie und schaut durch den Raum, ehe sie sich an Daisy wendet. «Was macht mein Gesicht? Bateman, Ben und Jerry sind hier. Sitz nicht da wie ein Idiot. Oh, war nur Spaß. Ich vergöttere Patrick, aber zum Teufel, Bateman, mach ein fröhliches Gesicht, du Hengst, Ben und Jerry sind hier.» Sie zwinkert lasziv und befeuchtet beide Lippen mit der Zunge. Francesca schreibt für Vanity Fair. «Aber ich habe schon …» Ich halte inne und schaue beunruhigt auf mein Sorbet hinab. «Ich habe schon dieses Grapefruit-Sorbet bestellt.» Düster deute ich auf den Nachtisch, verstört. «Ich will kein Eis.» «Um Gottes willen, Bateman, Jagger ist hier. Mick, Jerry. Du weißt schon», sagt Francesca an uns alle gerichtet, aber ohne den Raum aus den Augen zu lassen. Daisys Miene hat sich verändert. «Was für ein Y-U-P-P-I-E», buchstabiert sie dem blonden Mäd- chen, dann fällt Francescas Blick auf mein Sorbet. Schützend ziehe, ich es an mich. «O ja», sage ich. «Just another night, just another night with you …» Ich versuche es mit Singen. «Ich weiß, wer er ist.» «Du siehst dünn aus, Daisy, du machst mich krank. Was soll’s, da ist Alison Poole, ist auch zu dünn und macht mich auch krank», sagt Francesca und tätschelt leicht meine Hand, die das Sorbet be- deckt, während sie die Schale wieder an sich zieht. «Und das sind Daisy Milton und Patrick …» «Wir kennen uns», sagt Alison und funkelt mich an. «Hi Alison. Pat Bateman», sage ich und strecke meine Hand aus. «Wir kennen uns», sagt sie und schaut noch grimmiger drein. «Ah – tun wir das?» frage ich. Francesca kreischt: «Gott, seht euch bloß Batemans Profil an. Total römisch! Und diese Wimpern!» quiekt sie. Daisy lächelt beifäl- lig. Ich mache auf cool und ignoriere sie. Ich erkenne in Alison ein Mädchen, das ich letztes Frühjahr in der Mache hatte, als ich mit Evelyn und ihren Eltern beim Kentu- cky Derby war. Ich erinnere mich, wie sie schrie, als ich versuchte, meinen ganzen Arm, behandschuht und beschmiert mit Vaseline, Zahnpasta und allem, was ich finden konnte, in ihre Vagina zu schieben. Sie war betrunken, weggetreten vom Koks, und ich hatte sie mit Draht verschnürt und Gafferband über ihren Mund, ihr Ge- sicht und ihre Brüste geklebt. Vorher hatte Francesca mir einen ge- blasen. Wo oder wann, weiß ich nicht mehr, aber sie hatte mir’s mit dem Mund gemacht, und es hatte mir gefallen. Und plötzlich erin- nere ich mich schmerzlich, wie gerne ich Alison an diesem Früh- lingsnachmittag hätte zu Tode bluten sehen, aber etwas hatte mich, zurückgehalten. Sie war so hinüber – «O mein Gott» war alles, was sie während dieser Stunden immer wieder stöhnte, und Blut quoll aus ihrer Nase –, daß sie nicht anfing zu weinen. Vielleicht war das das Problem; vielleicht war es das, was sie gerettet hat. Am selben Wochenende setzte ich auf ein Pferd namens «Indecent Exposure» und gewann eine Stange Geld. «Na dann … Hi.» Ich lächle schwach, fange mich aber schnell wieder. Die Story hätte Alison nie rumerzählt. Keine Seele konnte je von diesem reizend grausigen Nachmittag gehört haben. Ich grinse sie durch die Dunkelheit bei Nell’s an. «Ja, ich erinnere mich. Du weißt …» Ich halte inne, grunze dann, «was Männern Spaß macht.» Sie sagt nichts, sieht mich nur an, als sei ich der Untergang des Abendlands oder so was. «Jesus. Schläft Taylor, oder ist er nur tot?» fragt Francesca, wäh- rend sie den Rest meines Sorbets verschlingt. «O mein Gott, hat heute jemand Page Six gelesen? Ich war drin, Daisy auch. Und Taffy.» Alison steht auf, ohne mich anzusehen. «Ich sehe mal unten nach Skip und tanze.» Sie geht. McDermott kommt zurück und läßt den Blick kurz über Alison wandern, die sich an ihm vorbeidrängt, ehe er sich auf den Stuhl neben mich setzt. «Glück gehabt?» frage ich. «Nichts zu machen», sagt er und wischt sich die Nase. Er hebt meinen Drink vor’s Gesicht und schnuppert daran, probiert dann ein Schlückchen und nimmt sich eine von Daisys Zigaretten. Er schaut wieder zu mir, während er sie anzündet, und macht sich, selbst mit Francesca bekannt, ehe er sich wieder mir zuwendet. «Jetzt schau doch nicht so … du weißt schon … verdattert, Bate- man. Kommt vor.» Ich zögere, glotze ihn an und frage dann: «Sag mal, willst du mich verarschen, McDermott?» «Nein», sagt er. «War nichts zu machen.» Ich stocke, schaue dann runter auf meinen Schoß und seufze. «Schau, McDermott, das habe ich früher schon abgezogen. Ich weiß, was du treibst.» «Die habe ich gefickt.» Er zieht wieder die Nase hoch und zeigt auf ein Mädchen an einem der Tische vorn. McDermott schwitzt wie ein Schwein und stinkt nach Xeryus. «Tatsächlich? Wow. Jetzt hör mal zu», sage ich, bemerke dann et- was aus dem Augenwinkel. «Francesca …» «Was?» Sie schaut auf, einen Tropfen Sorbet am Kinn. «Du ißt mein Sorbet.» Ich deute auf die Schale. Sie schluckt, während sie mich anlinst. «Mach halblang, Bate- man. Was willst du von mir, du scharfer Stecher? Einen AIDS-Test? O mein Gott, da wir gerade davon sprechen, der Typ da drüben, Krafft? Yep. Kein großer Verlust.» Der Typ, auf den Francesca gezeigt hat, sitzt in einer Nische bei der Bühne, auf der die Jazzband spielt. Sein Haar ist über einem sehr kindlichen Gesicht zurückgeschmiert, und er trägt einen An- zug mit Bundfaltenhose und ein Seidenhemd mit hellgrauen Punk- ten von Comme des Garçons Homme, schlürft einen Martini, und es fällt nicht schwer, ihn sich heute nacht in einem fremden Schlaf- zimmer vorzustellen; vielleicht belügt er das Mädchen, das neben ihm sitzt: blond, Riesentitten, in einem nietenbesetzten Kleid von, Giorgio di Sant’ Angelo. «Sollen wir’s ihr sagen?» fragt jemand. «O nein», sagt Daisy. «Bloß nicht. Sie sieht aus wie die letzte Nutte.» «Hör mal, McDermott.» Ich beuge mich zu ihm. «Du hast Dro- gen. Ich seh’s dir an den Augen an. Von dem verdammten Schnie- fen gar nicht zu reden.» «Nix. Negativ. Nicht heute, Schätzchen.» Er wackelt mit dem Kopf. Applaus für die Jazz-Band – der ganze Tisch klatscht, selbst Tay- lor, den Francesca versehentlich aufgeweckt hat, und ich wende mich stinksauer von McDermott ab und schlage meine Hände zu- sammen wie alle anderen. Caron und Libby kommen zum Tisch, und Libby sagt: «Caron muß morgen nach Atlanta, Vogue-Shoo- ting. Wir müssen.» Irgendwer bekommt die Rechnung, und Mc- Dermott bezahlt sie mit seiner goldenen AmEx, ein weiterer Be- weis, daß er randvoll mit Koks ist, denn sonst ist er für seinen Geiz berühmt. Draußen ist es drückend, und es nieselt, fast wie ein Nebel, Blitze, aber kein Donner. Ich hefte mich an McDermott in der Hoffnung, ihn zu stellen, dabei krache ich fast in einen Rollstuhlfahrer; ich erinnere mich, daß er bis an die Sperrseile rollte, als wir ankamen, und da sitzt der Typ noch immer, Räder vor, dann wieder zurück, und wieder rauf auf den Bürgersteig, Luft für die Türsteher. «McDermott», rufe ich. «Was hast du vor? Gib mir deine Dro- gen.» Er dreht sich um, sieht mich an, verfällt in ein irres Tänzchen, wirbelt herum, hört dann genauso unvermittelt auf und geht hin-, über zu einer der schwarzen Frauen mit Kind, die im Eingang des geschlossenen Deli neben Nell’s sitzen und wie üblich um Essen betteln, vor ihren Füßen das obligatorische Pappschild. Schwer zu sagen, ob das Kind sechs oder sieben, schwarz ist oder nicht, selbst, ob es wirklich ihres ist, da das Licht vor Nell’s zu grell ist, sehr un- vorteilhaft, und jede Haut gleich gelblich und verwaschen aussehen läßt. «Was machen die da?» sagt Libby, gebannt glotzend. «Wissen sie nicht, daß sie näher an den Seilen stehen müssen?» «Libby, komm schon», sagt Caron und zieht sie zu zwei Taxis am Bordstein. «McDermott?» frage ich. «Was zur Hölle treibst du da?» McDermotts Augen sind glasig, er wedelt mit einem Dollar- schein vor der Nase der Frau, und sie fängt an zu heulen, während sie verzweifelt danach schnappt, aber natürlich – typisch – gibt er ihn ihr nicht. Statt dessen zündet er den Schein mit Streichhölzern aus der Canal Bar an und brennt damit die halbgeraucht zwischen seinen geraden weißen Zähnen – wahrscheinlich Jacketkronen – klemmende Zigarre an, das Arschloch. «Wie … weltmännisch von dir, McDermott», sage ich zu ihm. Daisy lehnt an einem weißen Mercedes, der am Bordstein ge- parkt ist. Ein anderer Mercedes, eine Limousine diesmal, parkt in zweiter Reihe neben dem weißen. Mehr Blitze. Ein Krankenwagen quietscht die Fourteenth hinunter. McDermott schlendert an Daisy vorbei und küßt ihre Hand, ehe er in das zweite Taxi springt. Ich bleibe vor der weinenden schwarzen Frau zurück, Daisy glotzt. «Jesus», murmele ich, dann: «Hier …» Ich reiche der schwarzen, Frau ein Streichholzbriefchen von Lutéce, ehe mir mein Versehen auffällt, finde dann ein Briefchen Streichhölzer von Tavern on the Green, werfe sie dem Kind zu und winde ihr das andere Briefchen aus den verdreckten, schorfigen Fingern. «Jesus», murmele ich wieder und gehe rüber zu Daisy. «Hier sind keine Taxis mehr», sagt sie, Hände auf den Hüften. Ein weiterer Blitz läßt sie herumfahren und zetern: «Wo sind die Fotografen? Wer macht hier Fotos?» «Taxi!» Ich pfeife und versuche, ein vorbeifahrendes Taxi ranzu- winken. Ein weiterer Blitz erhellt den Himmel über den Zeckendorf To- wers, und Daisy heult auf: «Wo ist dieser Fotograf? Patrick. Sag ih- nen, sie sollen aufhören.» Sie ist verwirrt, ihr Kopf ruckt nach links, rechts, vor, zurück, rechts. Sie senkt ihre Sonnenbrille. «O Gott», murmele ich und hole Atem für einen Aufschrei. «Das sind Blitze. Kein Fotograf. Blitze!» «O natürlich, dir soll ich gerade glauben. Du hast gesagt, Gor- batschow ist unten», sagt sie vorwurfsvoll. «Ich glaube dir gar nichts. Ich glaube, die Presse ist hier.» «Jesus, da ist ein Taxi. Hey, Taxi.» Ich pfeife nach einem näher- kommenden Taxi, das gerade aus der Eighth Avenue eingebogen ist, aber jemand klopft auf meine Schulter, und als ich mich um- wende, steht Bethany, ein Mädchen, mit dem ich in Harvard gegan- gen bin und die mich später abservierte, in einem spitzenbesetzten Sweater und einer Viskosecrêpe-Hose von Christian Lacroix vor mir, einen offenen weißen Schirm in einer Hand. Das Taxi, das ich anhalten wollte, zischt vorbei. «Bethany», sage ich hingerissen., «Patrick.» Sie lächelt. «Bethany», sage ich wieder. «Wie geht’s dir, Patrick?» fragt sie. «Ehm, ja, ehm, mir geht’s gut», stottere ich nach einem Moment linkischen Schweigens. «Und dir?» «Recht gut, wirklich, danke», sagt sie. «Weißt du … warst du da drin?» frage ich. «Ja, war ich.» Sie nickt, dann: «Nett, dich zu sehen.» «Wohnst du hier?» frage ich schluckend. «In Manhattan?» «Ja.» Sie lächelt. «Ich arbeite bei Milbank Tweed.» «Oh, na dann … toll.» Ich sehe mich wieder nach Daisy um und bin plötzlich wütend, in Erinnerung an den Lunch in Cambridge, bei Quarters, wo Bethany, den Arm in der Schlinge, eine verblas- sende Prellung über der Wange, alles beendete, dann, genauso plötzlich, denke ich: Mein Haar, o Gott, mein Haar, und ich kann spüren, wie mir der Nieselregen die Frisur zerstört. «Tja, ich muß los.» «Du bist bei P & P, stimmt’s?» fragt sie, dann: «Gut siehst du aus.» Ich sehe ein neues Taxi näher kommen und kneife aus. «Na ja … du weißt schon.» «Laß uns zusammen zum Lunch gehen», ruft sie mir zu. «Nichts täte ich lieber», sage ich unschlüssig. Das Taxi hat Daisy bemerkt und angehalten. «Ich ruf dich an», sagt sie. «Jederzeit», sage ich. Ein Schwarzer hat die Taxitür für Daisy geöffnet, sie steigt ge- ziert ein, und der Schwarze hält auch mir die Tür auf, während ich, in mein Taxi einsteige, Bethany zunicke und winke. «Ein Tip, Mis- ter», schnorrt der Schwarze, «von ihnen und der hübschen Lady?» «Gern», grunze ich, versuche mein Haar im Rückspiegel zu che- cken. «Hier ist ein Tip : Such dir einen richtigen Job, du dämlicher Scheißnigger.» Dann knalle ich eigenhändig die Tür zu und sage dem Taxifahrer, er soll uns zur Upper West Side bringen. «War’s nicht echt interessant, wie sie heute abend in dem Film Spione waren und dann doch keine Spione waren?» fragt Daisy. «Und die kannst du in Harlem absetzen», sage ich zum Taxifah- rer. Ich bin in meinem Badezimmer, hemdlos vor dem Orobwe- ner-Spiegel, und frage mich, ob ich duschen und mein Haar wa- schen soll, weil es nach dem Regen beschissen aussieht. Erst mal schmiere ich versuchsweise etwas Styling-Mousse rein und fahre mit dem Kamm durch das Mousse. Daisy sitzt in dem Louis Mon- toni Chrom-und-Messing-Sessel neben dem Futon und schaufelt sich Häägen-Dazs Macadamia-Krokant in den Mund. Sie trägt nur einen Spitzen-BH und Strapse von Bloomingdale’s. «Weißt du», ruft sie, «mein Ex-Freund Fiddler, auf der Party heute abend, der konnte gar nicht verstehen, daß ich mit einem Yuppie da aufkreuze.» Ich höre nicht richtig hin, aber während ich auf mein Haar starre, schaffe ich noch ein: «Ach wirklich?» «Er hat gesagt …» Sie lacht. «Er hat gesagt, du machst schlechte Vibes.» Ich seufze, spanne dann die Muskeln. «Das … ist ja zu schade.» Sie zuckt die Achseln und gesteht beiläufig: «Er hat immer viel Kokain genommen. Er hat mich geschlagen.», Ich werde plötzlich aufmerksam, bis sie sagt: «Aber mein Ge- sicht hat er nie angerührt.» Ich gehe ins Schlafzimmer und fange an, mich auszuziehen. «Du hältst mich für blöd, stimmt’s?» fragt sie und glotzt mich an, die Beine, gebräunt und aerobicgestählt, über eine der Sessel- lehnen gehängt. «Was?» Ich schlüpfe aus meinen Schuhen, bücke mich dann, um sie aufzuheben. «Du denkst, ich bin blöd», sagt sie. «Du hältst alle Models für blöd.» «Nein», sage ich und versuche, mir das Lachen zu verkneifen. «Nein, wirklich nicht.» «Doch, tust du», insistiert sie. «Das spüre ich.» «Ich finde, du bist …» Ich stehe da und meine Stimme verliert sich. «Ja?» Sie grinst, wartend. «Ich finde dich total brillant und unheimlich … brillant», sage ich mit tonloser Stimme. «Das ist nett.» Sie lächelt gelassen, während sie den Löffel ab- leckt. «Du hast … ja, so was Sanftes an dir.» «Danke.» Ich ziehe meine Hose aus und falte sie ordentlich, hänge sie zusammen mit Hemd und Krawatte über einen schwar- zen Stahlkleiderständer von Philippe Stark. «Weißt du was, neulich habe ich mein Mädchen erwischt, als sie ein Stück Kleietoast aus dem Mülleimer in der Küche gestohlen hat.» Daisy verdaut das, fragt dann: «Warum?» Ich halte inne, starre auf ihren flachen, wohlgeformten Bauch. Ihr Torso ist ganz Muskeln und Sonnenbräune. Wie meiner. «Sie, sagte, weil sie hungrig ist.» Daisy seufzt und leckt nachdenklich am Löffel. «Sieht mein Haar okay aus?» Ich stehe immer noch da, nur mit Calvin-Klein-Jockeyshorts, einem wachsenden Ständer und Fünf- zig-Dollar-Armani-Socken. «Ja.» Sie zuckt die Achseln. «Klar.» Ich sitze auf der Ecke des Futons und streife meine Socken ab. «Heute hab ich ein Mädchen zusammengeschlagen, das die Leute auf der Straße um Geld gebeten hat.» Ich mache eine Pause, wäge dann jedes der folgenden Worte sorgfältig ab. «Sie war jung, schien verängstigt zu sein und hatte ein Schild, auf dem stand, daß sie fremd in New York ist und ein Kind hat, obwohl ich keins gesehen habe. Und sie brauchte Geld, für Essen oder so. Für ein Busticket nach Iowa. Iowa. Ich glaube, es war Iowa. Und …» Ich halte für ei- nen Moment inne, knülle die Socken zu einem Knäuel zusammen, entrolle sie dann wieder. Daisy starrt mich eine Minute lang stumpf an, ehe sie fragt: «Und dann?» Ich zögere, unruhig, und stehe auf. Ehe ich ins Bad gehe, mur- mele ich: «Und dann? Dann hab ich ihr die Scheiße aus dem Leib geprügelt.» Ich suche im Medizinschrank nach einem Kondom und sage, als ich wieder ins Schlafzimmer komme: «Sie hatte behin- dert falsch geschrieben. Ich meine, das ist nicht der Grund, warum ich’s gemacht habe, aber … du weißt schon.» Ich zucke die Ach- seln. «Sie war zu häßlich, um sie zu vergewaltigen.» Daisy steht auf, legt den Teelöffel neben den Häägen-Dazs-Kar- ton auf den Gilbert-Rhode-Designernachttisch. Ich zeige mit dem Finger darauf. «Nein. Tu ihn in den Karton.», «Oh, tut mir leid», sagt sie. Sie bewundert eine Palazetti-Vase, während ich das Kondom überziehe. Ich lege mich auf sie, wir ficken, und wie sie da unter mir liegt, ist sie nur ein Umriß, obwohl alle Halogenlampen an sind. Später liegen wir auf verschiedenen Seiten des Bettes. Ich be- rühre ihre Schulter. «Ich glaube, du solltest jetzt gehen», sage ich. Sie öffnet die Augen, kratzt sich am Nacken. «Ich fürchte, ich könnte dir … weh tun», sage ich. «Ich glaube, ich kann mich nicht beherrschen.» Sie sieht zu mir rüber und zuckt die Achseln. «Okay. Klar», dann beginnt sie, sich anzuziehen. «Ich wollte sowieso nicht, daß es zu ernst wird», sagt sie. «Ich glaube, es wird was Schlimmes passieren», erkläre ich ihr. Sie zieht ihren Slip an, prüft ihre Frisur im Nabolwev-Spiegel und nickt. «Verstehe.» Nachdem sie angezogen ist und einige Minuten reinen, harten Schweigens verstrichen sind, sage ich, nicht ganz ohne Hoffnung: «Du willst doch nicht, daß ich dir weh tue, oder?» Sie knöpft das Oberteil ihres Kleids zu und seufzt, ohne zu mir aufzuschauen: «Darum gehe ich.» Ich sage: «Ich glaube, ich hab’s nicht mehr drauf.»,

Paul Owen

Den ganzen Morgen hörte ich mir in meinem Apartment an, wie Leute Nachrichten auf meinen Anrufbeantworter sprachen, glotzte müde auf das Funktelefon, ohne je ranzugehen, und schlürfte Tasse um Tasse entkoffeinierten Kräutertees. Anschließend ging ich ins Fitneßstudio, um zwei Stunden zu trainieren; dann nahm ich mei- nen Lunch in der Health Bar und konnte kaum die Hälfte des En- diviensalats mit Karottendressing essen, den ich mir bestellt hatte. Auf dem Rückweg von Hell’s Kitchen, wo ich in einem verlassenen Lagerhaus eine Etage gemietet habe, ging ich zu Barney’s. Ich ließ mir das Gesicht machen. Ich spielte mit Brewster Whipple Squash im Yale Club und reservierte von da aus unter dem Na- men Marcus Halberstam für acht im Texarkana, wo ich Paul Owen zum Dinner treffen werde. Ich habe das Texarkana gewählt, weil ich von etlichen Leuten, mit denen ich zu tun habe, weiß, daß sie heute abend nicht dort essen werden. Außerdem ist mir nach dem Schweinefleisch mit Chilikruste und ein oder zwei Dixie-Bieren. Es ist Juni, und ich trage einen Zweiknopf-Leinenanzug, ein Baum- wollhemd, eine Seidenkrawatte und lederne Brogues, alles von Armani. Vor dem Texarkana geht mich ein fröhlicher schwarzer Penner an und behauptet, Bob Hopes jüngerer Bruder zu sein, No Hope. Er hält mir einen Styropor-Kaffeebecher hin. Der Witz ist mir einen Vierteldollar wert. Ich bin zwanzig Minuten zu spät. Aus einem offenen Fenster in der Tenth Street höre ich den Aus- klang von «A Day in the Life» von den Beatles. Die Bar des Texar-, kana ist leer, und im Speiseraum sind nur vier oder fünf der Tische besetzt. Owen sitzt in einer Nische am hinteren Ende, beschwert sich bitterlich beim Kellner, macht ihm die Hölle heiß, verlangt ge- naue Angabe von Gründen, warum das Flußkrebs-Gumbo heute abend aus ist. Der Kellner, eine nicht übel aussehende Tunte, weiß nicht aus noch ein und lispelt hilflose Entschuldigungen. Owen ist nicht in Stimmung für Höflichkeiten, und ich schon gar nicht. Als ich Platz nehme, entschuldigt sich der Kellner ein letztes Mal und nimmt dann meine Getränkebestellung auf. «J&B straight», be- tone ich. «Und ein Dixie-Bier.» Er lächelt, während er notiert – der kleine Scheißer klimpert sogar mit den Wimpern –, und gerade als ich ihn warnen will, mich mit Small talk anzuöden, blökt Owen seine Bestellung dazwischen: «Doppelter Absolut-Martini», und die Schwuchtel verzieht sich. «Hier geht’s echt zu wie in einem … äh … Taubenschlag, Hal- berstam», sagt Owen und winkt in den halbleeren Raum. «Der La- den ist heiß, echt heiß.» «Hör mal, die Mud-soup und der geröstete Arugula sind hier wirklich unerreicht», erkläre ich ihm. «Ja, toll», grunzt er in sein Martiniglas. «Du bist spät dran.» «Hey, ich bin ein Scheidungskind. Laß Gnade walten», sage ich achselzuckend und denke: O Halberstam, du bist mir schon ein Arschloch. Nachdem ich die Karte studiert habe, sage ich: «Hmmmm, ich sehe, sie haben die Schweinelendchen mit Limo- nen-Gelee gestrichen.» Owen trägt einen zweireihigen Seide-Leinen-Anzug, ein Baum- wollhemd und eine Seidenkrawatte von Joseph Abboud, und seine Bräune ist untadelig. Aber er ist heute irgendwie daneben, überra-, schend schweigsam, und seine Drögheit nieselt auf meine joviale, erwartungsfrohe Stimmung und dämpft sie nicht unbeträchtlich, und plötzlich flüchte ich mich in Bemerkungen wie «Ist das Ivana Trump da drüben?», verbessere mich dann lachend: «Jessas, Pa- trick, ich meine Marcus, wo denkst du hin? Was hätte Ivana im Te- xarkana verloren?» Aber das macht das Dinner nicht weniger ein- tönig. Es hilft mir nicht über die Tatsache hinweg, daß Paul Owen genau so alt ist wie ich, siebenundzwanzig, und läßt mich die ganze Sache auch nicht gefaßter tragen. Was ich zunächst als Aufgeblasenheit mißdeutet habe, ist in Owens Fall simple Trunkenheit. Als ich nach Informationen über den Fisher-Account bohre, bietet er nutzloses Material, das ich be- reits kenne: daß Rothschild ursprünglich mit dem Account befaßt war und wie Owen drangekommen ist. Und obwohl ich Jean die Informationen schon vor Monaten für meine Akten habe zusam- mentragen lassen, nicke ich unausgesetzt, als hätten diese rudi- mentären Informationen Enthüllungscharakter, sage Dinge wie: «Das ist ja aufschlußreich» und lasse gleichzeitig «Ich bin ein ge- fährlicher Irrer» und «Ich liebe es, Mädchen zu zerstückeln» ein- fließen. Es ist zum Verrücktwerden, immer wenn ich versuche, die Konversation wieder auf den mysteriösen Fisher-Account zu len- ken, bringt er entweder Sonnenstudios ins Gespräch oder Zigar- renmarken, bestimmte Fitneßclubs oder die besten Joggingstre- cken von Manhattan und stößt dabei ständig auf, was ich unge- mein abstoßend finde. Beim ersten Teil der Mahlzeit – prä Entreé, post Aperitiv – trinke ich Dixie-Bier, wechsle dann mittendrin zu Diet Pepsi, da ich halbwegs nüchtern bleiben muß. Ich bin im Be- griff, Owen zu verzapfen, daß Cecelia, Marcus Halberstams Freun-, din, zwei Vaginas hat und daß wir im kommenden Frühjahr in East Hampton heiraten wollen, aber er unterbricht mich. «Ich fühle mich, äh, ein bißchen schlapp», gesteht er, drückt be- soffen eine Limone über dem Tisch aus, so weit neben dem Bier- glas wie möglich. «Hmhum.» Ich tunke eine Jicama-Sprosse vorsichtig in Rhabar- ber-Senf-Sauce und gebe vor, ihn nicht zu beachten. Am Ende des Dinners ist er so betrunken, daß ich ihn dazu bringe, (1) die Rech- nung zu zahlen, die sich auf zweihundertfünfzig Dollar beläuft, (2) zuzugeben, was für ein dämlicher Hurensohn er eigentlich ist, und (3) mit in mein Apartment zu kommen, wo er sich noch einen Drink macht – er öffnet doch tatsächlich eine Flasche Acacia, die ich versteckt zu haben glaubte, mit einem Korkenzieher aus Ster- lingsilber, den Peter Radloff mir zur Feier des Heatherberg-Deals gekauft hatte. In meinem Badezimmer hole ich die Axt heraus, die ich in der Dusche verstaut hatte, schmeiße zwei Fünf-Milligramm- Valium, die ich mit einem Zahnputzglas Plax runterspüle, gehe dann ins Foyer, wo ich den billigen Regenmantel überziehe, den ich am Mittwoch bei Brooks Brothers besorgt habe, und nähere mich Owen, der sich neben der Stereoanlage im Wohnzimmer ge- bückt hat, um meine CD-Sammlung durchzuforsten – das Apart- ment ist hell erleuchtet, die Jalousien sind geschlossen. Er richtet sich auf und geht langsam rückwärts, nippt an seinem Weinglas, läßt das Apartment auf sich wirken, bis er sich endlich auf einem weißen Aluminium-Klappstuhl niederläßt, den ich vor Wochen bei Conran’s Jubiläumsausverkauf erstanden habe, und schließlich be- merkt er die unter ihm ausgelegten Zeitungen – USA Today, W und die New York Times –, die den Boden bedecken, um den Parkett-, boden aus weißer Eiche vor Blutflecken zu schützen. Ich gehe mit der Axt in einer Hand auf ihn zu, mit der anderen schließe ich die Knöpfe meines Regenmantels. «Hey, Halberstam», fragt er und schafft es, beide Worte zu nu- scheln. «Ja, Owen», sage ich im Näherkommen. «Warum liegen da, ehm, die ganzen Zeitgeist-Blätter überall auf dem Boden?» fragt er schläfrig. «Hast du einen Hund? Einen Chow oder so?» «Nein, Owen.» Ich gehe langsam um den Stuhl herum, bis ich direkt vor ihm stehe, genau in seinem Sichtfeld, und er ist so be- trunken, daß er noch nicht mal die Axt richtig sieht, er bemerkt noch nicht mal, wie ich sie hoch über dem Kopf schwinge. Auch nicht, daß ich’s mir anders überlege und sie auf Taillenhöhe senke, sie fast wie einen Baseballschläger halte, als wartete ich auf den nächsten Ball, der zufälligerweise Owens Kopf ist. Owen hält inne, sagt dann: «Jedenfalls, Iggy Pop habe ich immer gehaßt, aber seit er so kommerziell geworden ist, gefällt er mir viel besser als –» Die Axt trifft mitten ins Gesicht, bevor er den Satz beenden kann, die dicke Klinge fährt seitwärts in seinen offenen Mund und bringt ihn zum Schweigen. Pauls Augen schauen zu mir auf, dre- hen sich unwillkürlich nach hinten, dann wieder zu mir, und plötz- lich versuchen seine Hände, nach dem Griff der Axt zu schnappen, aber der Schock des Schlags hat ihm alle Kraft genommen. Zuerst kommt kein Blut, auch kein Geräusch außer dem der Zeitungen, die unter Pauls strampelnden Füßen knistern und zerreißen. Kurz nach dem ersten Schlag beginnt langsam Blut aus den Mundwin-, keln zu sickern, und als ich die Axt herausziehe – Owen fast am Kopf aus dem Sessel reiße – und ihm wieder ins Gesicht hacke, daß es aufplatzt, während seine Arme im Nichts rudern, schießt Blut in zwei bräunlichen Fontänen heraus und befleckt meinen Regen- mantel. Das wird begleitet von einem gräßlichen kurzen Zischen, das aus den Wunden in Pauls Schädel kommt, dort, wo Fleisch und Knochen nicht länger zusammenhalten, und darauf folgt ein ob- szönes Furzen, hervorgerufen von Teilen des Gehirns, das durch den plötzlichen Unterdruck aus den Wunden im Gesicht quillt, rosa und feucht schimmernd. Im Todeskampf fällt er zu Boden, sein Gesicht grau und blutig, außer einem Auge, das unkontrolliert blinzelt; sein Mund ein verzerrter rosaroter Mischmasch aus Zäh- nen, Fleisch und Kieferknochen, die Zunge hängt aus einem offe- nen Riß an der Backe, nur noch gehalten von etwas, das wie ein di- cker roter Faden aussieht. Nur einmal schreie ich ihn an: «Scheiß- dämlicher Hund. Scheißarschloch.» Ich stehe wartend da, auf den Riß über dem Onica starrend, der Hausmeister war immer noch nicht da. Es dauert fünf Minuten, bis Paul endgültig tot ist. Weitere dreißig, ehe er aufhört zu bluten. Ich nehme ein Taxi zu Owens Apartment auf der Upper East Side, und während der Fahrt durch den Central Park, in der Stille dieser drückenden Juninacht auf dem Rücksitz des Taxis, fällt mir schlagartig auf, daß ich immer noch den blutigen Regenmantel trage. Ich schließe sein Apartment mit den Schlüsseln auf, die ich der Leiche aus der Tasche genommen habe, und als ich drin bin, tränke ich den Mantel mit Feuerzeugbenzin und verbrenne ihn im Kamin. Das Wohnzimmer ist sehr dürftig eingerichtet, minima- listisch. Die Wände sind aus weißgetünchtem Beton, außer einer, Wand, die eine großformatige technische Zeichnung bedeckt, ganz schön trendy, und die Wand zur Fifth Avenue hin ist mit einem langen Streifen Kunst-Kuhfell verkleidet. Darunter thront eine schwarze Ledercouch. Ich schalte auf dem Panasonic-Fernseher mit 8o-Zentimeter- Bildröhre Late Night with David Letterman ein, gehe dann zum Anrufbeantworter, um Owens Ansage zu ändern. Während ich die alte lösche (Owen gibt alle Nummern an, unter denen er zu errei- chen ist – einschließlich des Seaport, Herr im Himmel – während im Hintergrund geschmackvoll Vivaldis Vier Jahreszeiten läuft), frage ich mich laut, wohin ich Paul schicken soll, und nachdem ich einige Minuten hin und her überlegt habe, beschließe ich: London. «Ich schicke den Arsch nach England», gackere ich, während ich den Fernseher leiser stelle, und spreche dann die neue Ansage auf Band. Meine Stimme ist der von Owen sehr ähnlich, und für je- mand, der sie über Telefon hört, sind sie wahrscheinlich identisch. David Letterman hat’s heute mit dämlichen Tierkunststückchen. Ein Deutscher Schäferhund mit Mets-Kappe schält und ißt eine Orange. Das wird zweimal wiederholt, in Zeitlupe. Einen handgearbeiteten Sattlerleder-Koffer mit khakifarbenem Bezug, extraschweren Stoßecken und goldenen Schließen von Ralph Lauren packe ich mit einem doppelreihigen Sechsknopf-An- zug aus reiner Wolle mit steigenden Revers und Kreidestreifen und einem Navy-Suit aus Wollflanell, beide von Brooks Brothers, zu- sammen mit einem aufladbaren Mitsubishi-Elektrorasierer, einem silberbeschlagenen Schuhanzieher von Barney’s, einer Tag-Heuer- Sportuhr, einer schwarzen Ledergeldscheintasche von Prada, ei- nem Sharp Handy-Kopierer, einem Sharp Dialmaster, seinem Paß, in der schwarzen Lederhülle und einem Reisefön von Panasonic ein. Außerdem klaue ich für mich selbst einen tragbaren Toshiba- CD-Player, in dem noch eine der CDs mit der Originalaufnahme von Les Misérables steckt. Das Bad ist ganz in Weiß gehalten, bis auf die gesprenkelte Tapete an einer Wand. Ich schmeiße alles an Toi- lettenartikeln, was noch fehlen könnte, in eine Mülltüte. Zurück in meinem Apartment ist der Körper bereits in Leichen- starre, und nachdem ich ihn in vier billige Frotteetücher gewickelt habe, ebenfalls von Conran’s Jubiläumsausverkauf, stecke ich Owen kopfüber und vollständig bekleidet in einen Daunenschlafsack von Canalino, schließe den Reißverschluß und ziehe ihn mühelos in den Aufzug, dann durch die Lobby, vorbei am Nachtportier und um die Ecke, wo mir Arthur Crystal und Kitty Martin über den Weg laufen, die gerade vom Dinner im Café Luxembourg kommen. Glücklicherweise geht Kitty Martin eigentlich mit Craig McDer- mott, der über Nacht in Houston ist, also halten sie sich nicht auf, obwohl Crystal – der taktlose Arsch – mich fragt, wie man ein wei- ßes Dinnerjackett zu tragen hat. Nachdem ich ihn kurz abgefertigt habe, halte ich ein Taxi an, schaffe es, den Schlafsack lässig auf den Rücksitz zu werfen, springe rein und gebe dem Fahrer die Adresse in Hell’s Kitchen. In dem verlassenen Gebäude trage ich den Kör- per vier Stockwerke hoch durchs Treppenhaus bis auf meine Etage und lege Owens Körper in eine übergroße Porzellanwanne, ziehe ihm seinen Abboud-Anzug aus und übergieße den Körper, nach- dem ich ihn gründlich naß gemacht habe, mit zwei Beuteln Kalk. Später, so um zwei rum, im Bett, kann ich nicht einschlafen. Evelyn erwischt mich auf Call-waiting, während ich mir das Ge- quassel unter 976-TWAT anhöre und mir auf Video die Patty Win-, ters Show von heute morgen ansehe, bei der es um Mißgeburten geht. «Patrick?» fragt Evelyn. Ich warte, verkünde dann mit dumpfer Stimme: «Hier spricht Patrick Bateman. Es ist mir leider nicht möglich, Ihren Anruf an- zunehmen. Also hinterlassen Sie mir bitte eine Nachricht nach dem Pfeifton …» Ich warte, füge dann hinzu: «Schönen Tag noch.» Ich halte wieder inne, betend, daß sie’s geschluckt hat, ehe ich ein klägliches «Biep» hervorbringe. «Ach laß das, Patrick», sagt sie gereizt. «Ich weiß, daß du’s bist. Um Himmels willen, was soll der Blödsinn?» Ich halte das Telefon auf Armeslänge von mir, werfe es dann auf den Fußboden und knalle es gegen den Nachttisch. Ich presse ei- nige der Nummern in der Hoffnung, mit einem Freizeichen be- lohnt zu werden, wenn ich den Hörer wieder aufnehme. «Hallo? Hallo?» sage ich. «Ist da jemand? Ja?» «Hör um Gottes willen damit auf. Laß es bitte sein», jault Evelyn. «Hi Evelyn», sage ich munter, mein Gesicht zur Fratze verzerrt. «Wo warst du heute abend?» fragt sie. «Ich dachte, wir wollten zusammen essen. Ich dachte, wir hätten im Raw Space reserviert.» «Nein, Evelyn», seufze ich, plötzlich sehr müde. «Hatten wir nicht. Wie kommst du auf so was?» «Ich dachte, ich hätte es notiert», winselt sie. «Ich dachte, meine Sekretärin hätte es mir aufgeschrieben.» «Dann lag eine von euch beiden wohl falsch», sage ich und spule vom Bett aus mit der Fernbedienung das Band zurück. «Raw Space? Jesus. Du … bist … nicht … ganz … dicht.», «Süßer», schmollt sie. «Wo warst du heute abend? Ich hoffe, du bist nicht ohne mich ins Raw Space gegangen.» «O mein Gott», stöhne ich. «Ich mußte ein paar Videos aus- leihen. Ich meine, zurückbringen.» «Und was hast du sonst gemacht?» fragt sie, noch immer win- selnd. «Tja, ich hab Arthur Crystal und Kitty Martin getroffen», sage ich. «Sie kamen vom Dinner im Café Luxembourg.» «Ach wirklich?» Schaurig, wie das ihr Interesse weckt. «Was hat Kitty getragen?» «Ein schulterfreies Ballkleid mit Samtoberteil und einen Spit- zenrock mit Blumenmuster von Laura Marolakos, glaube ich.» «Und Arthur?» «Das gleiche.» «O Mr. Bateman.» Sie kichert. «Ich liebe Ihren Sinn für Hu- mor.» «Hör mal, es ist spät. Ich bin müde.» Ich täusche ein Gähnen vor. «Hab ich dich aufgeweckt?» fragt sie besorgt. «Ich hoffe, ich hab dich nicht aufgeweckt.» «Ja», sage ich. «Hast du. Aber ich hab den Anruf ja angenom- men, also kannst du nichts dafür.» «Dinner, Süßer? Morgen?» fragt sie, verschämt auf eine positive Erwiderung wartend. «Kann ich nicht. Arbeit.» «Der verdammte Laden gehört dir praktisch», mault sie. «Wel- che Arbeit? Was für Arbeit hast du da? Ich versteh das nicht.» «Evelyn», seufze ich. «Bitte.», «O Patrick, laß uns diesen Sommer wegfahren», sagt sie sehn- suchtsvoll. «Laß uns nach Edgartown fahren oder in die Hamp- tons.» «Mach ich», sage ich. «Vielleicht mache ich das.»,

Paul Smith

Ich stehe im Paul Smith rum im Gespräch mit Nancy und Charles Hamilton und ihrer zweijährigen Tochter Glenn. Charles trägt ei- nen doppelreihigen Leinenanzug mit vier Knöpfen von Redaelli, ein Hemd aus Broadcloth-Baumwolle von Ascot Chang, eine ge- musterte Seidenkrawatte von Eugenio Venazi und Loafers von Brooks Brothers. Nancy trägt eine Seidenbluse mit Perlmutt-Pai- letten und einen Seidenchiffon-Rock von Valentino und Silbe- rohrringe von Reena Pachochi. Ich trage einen doppelreihigen Sechsknopf-Wollanzug mit Kreidestreifen und einen gemuster- ten Seidenschal, beide von Louis, Boston, und ein Hemd aus Ox- ford-Baumwolle von Luciano Barbera. Glenn trägt einen silbernen Armani-Overall und eine winzige Mets-Kappe. Während die Ver- käuferin Charles’ Einkäufe ausruft, spiele ich mit dem Baby, das Nancy im Arm hält, biete Glenn meine American-Express-Karte an und quietsche, als sie begeistert danach greift, in schriller Ba- bysprache, wackle mit dem Kopf, kneife ihr ins Kinn, wedle mit der Karte vor ihrem Gesicht und gurre: «Ja, ich bin ein total psy- chopathischer Killer, oja das bin ich, ich mache gerne Leute tot, oja Schätzchen, mein kleines Zuckerstückchen, oja …» Heute nach dem Büro spielte ich Squash mit Ricky Hendricks, nahm dann bei Fluties einen Drink mit Stephen Jenkins, und um acht soll ich Bon- nie Abbot im Pooncakes, dem neuen Bishop-Sullivan-Restaurant in Gramercy Park, zum Dinner treffen. In der Patty Winters Show heute morgen ging es um überlebende KZ-Opfer. Ich zücke einen Sony Watchman (den FD-270) mit 6-Zentimeter-Bildschirm, der, nur 350 Gramm wiegt, und zeige ihn Glenn. Nancy fragt: «Wie ist der Shadrogen bei Rafaeli’s?» Im Moment ist es draußen vor dem Laden noch nicht ganz dunkel, aber fast. «Ganz umwerfend», murmele ich, Glenn verzückt anglotzend. Charles unterschreibt auf dem Beleg, und während er seine American-Express-Karte wieder in die Brieftasche schiebt, dreht er sich zu mir um und erkennt jemanden hinter meiner Schulter. «Hey Luis», sagt Charles lächelnd. Ich drehe mich um. «Hi Charles. Hi, Nancy.» Luis Carruthers küßt Nancys Wange, schüttelt dann dem Baby die Hand. «Huhu, duda, Glenn. Eiei … was siehst du groß aus.» «Luis, kennst du Robert Chanc –», fängt Charles an. «Pat Bateman», sage ich, während ich den Watchman zurück in die Tasche stecke. «Vergiß es. Wir kennen uns.» «Oh, tut mir leid. Stimmt ja. Pat Bateman», sagt Charles. Luis trägt einen Anzug aus Wollcrêpe, ein Hemd aus Broadcloth-Baum- wolle und eine Seidenkrawatte, alles von Ralph Lauren. Wie ich, wie Charles, trägt er das Haar zurückgekämmt und eine Oliver- Peoples-Brille mit Redwood-Gestell. Meine ist wenigstens aus Fensterglas. «Schön, schön», sage ich händeschüttelnd. Luis’ Griff ist über- trieben fest und abscheulich anzüglich zugleich. «Entschuldigt mich, ich bin auf der Suche nach einem Schlips.» Ich winke Baby Glenn noch einmal zum Abschied zu und verziehe mich in den an- grenzenden Raum, wo ich die Herren-Accessoires begutachte und mir die Hände an einem Zweihundert-Dollar-Badetuch abwische, das auf einem Marmorständer hängt., Prompt kommt auch Luis angeschlichen, lehnt sich gegen die Krawattenauslage und tut so, als würde er sich wie ich Krawatten ansehen. «Was tust du hier?» flüstert er. «Einen Schlips für meinen Bruder kaufen. Er hat bald Geburts- tag. Entschuldige bitte.» Ich gehe ein Stück weiter am Krawatten- ständer entlang, weg von ihm. «Er muß sehr glücklich sein, einen Bruder wie dich zu haben», sagt er, sich näher an mich schiebend, mit aufrichtigem Grinsen. «Vielleicht – ich jedenfalls finde ihn total widerlich», sage ich. «Dir könnte er natürlich gefallen.» «Patrick, warum siehst du mich nie an?» fragt Luis in gequältem Ton. «Sieh mich an.» «Bitte, bitte laß mich in Ruhe, Luis», sage ich, die Augen ge- schlossen, die Fäuste im Zorn geballt. «Komm schon, laß uns bei Sofi’s was trinken und über alles re- den», schlägt er vor, jetzt schon flehend. «Über was reden?» frage ich verständnislos und öffne die Au- gen. «Na, über … uns.» Er zuckt die Achseln. «Bist du mir hierhin gefolgt?» frage ich. «Wohin?» «Hierhin. Zu Paul Smith. Warum?» «Ich? Dir gefolgt? Jetzt komm aber.» Er versucht ein Lachen, tut meine Bemerkung ab. «Jesus.» «Luis», sage ich und zwinge mich, ihm in die Augen zu sehen. «Bitte laß mich in Ruhe. Zieh ab.» «Patrick», sagt er. «Ich liebe dich sehr. Ich hoffe, du weißt das.», Ich stöhne auf, gehe weiter zu den Schuhen und lächle einen Verkäufer matt an. Luis folgt. «Patrick, was tun wir hier?» «Tja, ich will meinem Bruder eine Krawatte kaufen und du –» Ich nehme einen Loafer, seufze dann, «und du willst mir einen bla- sen, das muß man sich mal vorstellen. Jesus, ich muß hier raus.» Ich gehe wieder rüber zu dem Ständer mit Krawatten, schnappe mir eine, ohne hinzusehen, und nehme sie mit zur Kasse. Luis folgt. Ohne ihn zu beachten, reiche ich der Verkäuferin meine Platin-Am-Ex-Karte und sage: «Vor der Tür sitzt ein Penner.» Ich zeige durchs Fenster auf den weinenden Obdachlosen mit einer Tüte Zeitungen, der auf der Bank neben dem Ladeneingang steht. «Sie sollten die Polizei rufen oder so.» Sie nickt dankend und zieht meine Karte durch den Computer. Luis steht einfach da, den Blick scheu zu Boden gerichtet. Ich unterschreibe den Beleg, nehme die Tüte und informiere die Verkäuferin, auf Luis deutend: «Der ge- hört nicht zu mir.» Draußen versuche ich, auf der Fifth Avenue ein Taxi ranzuwin- ken. Luis stürzt nach mir aus dem Laden. «Patrick, wir müssen uns unterhalten», brüllt er durch den Ver- kehrslärm. Er rennt mir nach, erwischt mich am Mantelärmel. Ich fahre herum, das Springmesser schon geöffnet, ich stoße es dro- hend nach Luis und warne ihn, mir vom Leib zu bleiben. Leute weichen uns aus, ohne stehenzubleiben. «Hey, hoppla, Patrick», sagt er und weicht mit erhobenen Hän- den zurück. «Patrick …» Ich zische ihn an, das Messer noch immer auf ihn gerichtet, bis ein Taxi, das ich heranwinke, schleudernd anhält. Luis versucht,, näher zu kommen, die Hände noch immer erhoben, und ich be- drohe ihn mit dem Messer, fahre damit durch die Luft, während ich die Taxitür öffne und rückwärts einsteige, noch immer fauchend, dann schließe ich die Tür und sage dem Fahrer, er soll mich nach Gramercy Park bringen, zu Pooncakes.,

Geburtstag, Brüder

Verbrachte den Tag damit, mir vorzustellen, welchen Tisch mein Bruder Sean und ich heute abend im Quilted Giraffe bekommen werden. Da er Geburtstag hat und zufällig in der Stadt ist, haben mich sowohl Charles Conroy, der Steuerberater meines Vaters, als auch Nicholas Leigh, sein Vermögensverwalter, letzte Woche ange- rufen und einmütig behauptet, es sei in unser aller eigenem Inter- esse, dieses Treffen als Vorwand zu benutzen, um herauszufinden, was Sean aus seinem Leben macht, und vielleicht die eine oder an- dere bohrende Frage zu stellen. Und obwohl diese beiden Männer wissen, daß ich Sean verabscheue und daß dieses Gefühl herzlich erwidert wird, hielten sie es für eine prima Idee, ihn zum Dinner zu überreden und als Lockmittel, als Köder, falls er sich weigert, nicht allzu dezent einfließen zu lassen, daß etwas Schlimmes passiert sei. Letzten Mittwoch hatte ich eine Konferenzschaltung mit Conroy und Leigh. «Was Schlimmes? Was zum Beispiel?» fragte ich, während ich gleichzeitig versuchte, mich auf die über meinen Bildschirm lau- fenden Zahlen zu konzentrieren und Jean zu verscheuchen, obwohl sie einen Stapel Papiere im Arm hatte, die ich unterzeichnen sollte. «Daß alle Michelob-Brauereien im Nordosten dichtmachen? Daß 976-BIMBO keine Hausbesuche mehr macht?» «Nein», sagte Charles und schlug dann leise vor: «Sag ihm, dei- ner Mutter … geht es schlechter.» Ich überdachte diesen Schachzug, sagte dann: «Und wenn’s ihm egal ist?», «Sag ihm …» Nicholas hielt inne, räusperte sich und gab dann behutsam zu bedenken: «Es hat was mit ihrem Nachlaß zu tun.» Ich schaute vom Bildschirm auf, meine Wayfarer-Pilotenbrille senkend, starrte Jean an und befingerte dann unschlüssig den Za- gat-Führer, der neben dem Monitor lag. Pastels kam nicht in Frage. Ebensowenig das Dorsia. Das letzte Mal, als ich im Dorsia angeru- fen hatte, war tatsächlich aufgelegt worden, ehe ich fragen konnte: «Na, wenn nicht nächsten Monat, was ist dann mit Januar?», und auch wenn ich mir geschworen habe, einst eine Reservierung im Dorsia zu bekommen (wenn nicht in diesem Kalenderjahr, dann wenigstens, ehe ich dreißig bin), ist die Energie, die ich in dieses hohe Ziel investiere, an Sean verschwendet. Außerdem ist das Dor- sia viel zu schick für ihn. Ich will ihn dieses Dinner durchleiden lassen; ihm nicht das Vergnügen gönnen, sich von Hardbodies ab- lenken zu lassen, die auf dem Weg zu Nell’s noch auf einen Sprung ins Dorsia kommen; ich will irgendwo mit ihm essen gehen, wo ein Wärter auf der Männertoilette sitzt, der ihn zwingt, dem, was ich seinen mittlerweile bestimmt chronischen Kokainmißbrauch nen- nen möchte, mit qualvoller Diskretion nachzugehen. Ich gab Jean den Zagat und bat sie, das teuerste Restaurant in Manhattan raus- zusuchen. Sie reservierte für neun Uhr im Quilted Giraffe. «In Sandstone sieht es schlecht aus», sage ich Sean später am Nachmittag, gegen vier Uhr. Er ist in der Suite unseres Vaters im Carlyle abgestiegen. MTV dröhnt im Hintergrund, andere Stim- men mischen sich in den Lärm. Ich kann die Dusche hören. «Wie schlimm? Hat Mom wieder ins Kissen gebissen? Was?» «Ich finde, wir sollten uns zum Dinner treffen», sage ich. «Dominique, laß das», sagt er, legt dann die Hand über den Hö-, rer und brummelt etwas, gedämpft. «Hallo Sean? Was ist los?» frage ich. «Ich rufe zurück», sagt er und hängt ein. Zufällig gefällt mir der Schlips, den ich Sean bei Paul Smith gekauft habe, und ich habe beschlossen, ihn ihm nicht zu geben (obwohl mir der Gedanke, das Arschloch könnte sich damit, na, aufhängen, kein geringes Vergnügen bereitet). Tatsächlich ent- schließe ich mich, ihn selbst heute abend im Quilted Giraffe zu tragen. Anstelle der Krawatte werde ich ihm eine Casio QD-150 Quick-Dialer-Armbanduhr mit Taschenrechner und Notizspeicher schenken. Sie wählt Touchtone-Telefone akustisch an, wenn man sie an die Sprechmuschel hält, und speichert bis zu fünfzig Namen und Nummern. Ich muß lachen, als ich dieses nutzlose Geschenk in den Karton zurücklege und daran denke, daß Sean noch nicht mal fünfzig Leute kennt. Er kennt noch nicht mal die Namen von fünfzig Leuten. In der Patty Winters Show heute morgen ging es um Salatbars. Um fünf Uhr ruft Sean aus dem Racquet Club an und bittet mich, ihn heute abend im Dorsia zu treffen. Er hat gerade mit Brin, dem Besitzer, gesprochen und einen Tisch für neun reserviert. Mir schwirrt der Kopf. Ich weiß nicht, was ich denken oder glauben soll. In der Patty Winters Show heute morgen ging es um Salatbars. Später, Dorsia, halb zehn: Sean ist eine halbe Stunde zu spät. Der Maître d’ weigert sich, mich an meinen Platz zu führen, ehe mein Bruder eintrifft. Mein schlimmster Alptraum – Wirklichkeit. Dort, der Bar gegenüber, wartet ein erstklassiger Tisch, jungfräu- lich, daß Sean ihn mit seiner Anwesenheit beehrt. Mein Haß wird, notdürftig, bezähmt von einer Xanax und einem Absolut auf Eis., Beim Pissen im Männerklo starre ich auf einen dünnen, hauch- feinen Riß über dem Abzug und denke bei mir, sollte ich in die- sem Riß verschwinden, irgendwie, na, zusammenschrumpfen und reinflutschen, stünden die Chancen gut, daß niemand Notiz davon nimmt. Kei … nen … kratzt … es. Im Gegenteil, manche könnten, falls sie meine Abwesenheit bemerken, ein unbestimmtes Gefühl der Erleichterung empfinden. Eins ist wahr: Es gibt Leute, ohne die die Welt besser dran ist. Unsere Leben sind nicht alle verknüpft. Diese Theorie ist ein alter Hut. Manche Menschen braucht man wirklich nicht. Tatsächlich sitzt einer von ihnen, mein Bruder Sean, am Tisch, den er reserviert hat, als ich vom Klo komme, nachdem ich im Apartment angerufen und den Anrufbeantworter abgefragt habe (Evelyn dem Selbstmord nahe, Courtney will einen Chow kaufen, Luis schlägt Dinner am Donnerstag vor). Sean raucht be- reits Kette, und ich frage mich, verdammt, warum habe ich nicht auf einem Tisch in der Nichtraucherzone bestanden? Er schüttelt dem Maître d’ die Hand, als ich dazukomme, macht sich aber noch nicht mal die Mühe, uns vorzustellen. Ich setze mich und nicke. Sean nickt auch, hat im Wissen, daß ich zahle, bereits eine Flasche Cristal bestellt; außerdem weiß er auch, daß ich weiß, daß er kei- nen Champagner trinkt. Sean, mittlerweile 23, war letzten Herbst in Europa, zumindest hat Sean das Charles Conroy zufolge gesagt, und obwohl Charles in der Tat eine nicht unbeträchtliche Rechnung des Plaza Athénée erhalten hatte, stimmte die Unterschrift auf den Quittungen nicht mit Seans überein, und niemand schien genau zu wissen, wie lange Sean in Frankreich gewesen war oder ob er tatsächlich da gewesen war. Danach trieb er sich rum, bereitete sich dann in Camden drei, Wochen auf den Wiedereintritt in die menschliche Gesellschaft vor. Jetzt ist er in Manhattan, vor dem Weiterflug nach Palm Beach oder New Orleans. Wie zu erwarten, ist er heute abend mal übellaunig, mal penetrant hochnäsig. Zudem hat er, wie mir jetzt auffällt, be- gonnen, seine Augenbrauen zu zupfen. Ja, er hat mittlerweile zwei. Das unbändige Verlangen, ihn darauf anzusprechen, kann nur be- zähmt werden, indem ich meine Hand so fest zur Faust balle, daß ich die Haut der Handfläche durchbohre und dadurch den Bizeps des linken Arms so anspanne, daß er den Stoff des Armani-Leinen- hemds sprengt, das ich trage. «Gefällt dir der Laden?» fragt er grinsend. «Mein … Stammlokal», witzele ich mit zusammengebissenen Zähnen. «Bestellen wir», sagt er, ohne mich anzusehen, winkt nach einem Hardbody, der zwei Karten und zwei Weinkarten bringt, während er Sean bewundernd anlächelt, der ihn zum Dank völlig ignoriert. Ich schlage die Karte auf und – verdammt – kein Einheitspreis, was bedeutet, daß Sean Hummer mit Kaviar und Pfirsichravioli als Ap- petizer bestellt und den geschwärzten Hummer mit Erdbeersauce als Entree – die beiden teuersten Gerichte auf der Karte. Ich bestelle Wachtel-Sashimi mit geröstetem Brioche und Babykrebse mit Traubengelee. Ein Hardbody öffnet die Flasche Cristal und kippt den Champagner in Kristall-Tumbler, was, wie ich vermute, cool sein soll. Als er weg ist, bemerkt Sean die vage Mißbilligung, mit der ich ihn anstarre. «Ja?» fragt er. «Nichts», sage ich. «Was … jetzt … wieder … Patrick?» Er dehnt die Worte, unaus-, stehlich. «Hummer zum Auftakt? Und als Entree?» «Was soll ich denn sonst bestellen? Pringle-Kartoffelchips- Dip?» «Zwei Hummer?» «Die Streichholzbriefchen da sind etwas größer als die Hummer, die sie hier servieren», sagt er. «Außerdem bin ich nicht so hung- rig.» «Erst recht ein Grund.» «Ich faxe dir die Entschuldigung.» «Trotzdem, Sean.» «Rock’n’Roll –» «Ich weiß, ich weiß, Rock’n’Roll, muß man mit leben, wie?» sage ich, eine Hand erhoben, während ich den Champagner schlürfe. Ich frage mich, ob nicht doch noch Zeit ist, eine der Kellnerinnen zu bitten, uns ein Stück Kuchen mit Kerze rüberzubringen – nur damit er im Boden versinkt, um den kleinen Scheißer an seinen Platz zu verweisen – aber statt dessen stelle ich das Glas ab und frage: «Hör mal, also, Jesus.» Ich atme ein, presse dann hervor: «Was hast du heute so gemacht?» «Mit Richard Lindquist Squash gespielt.» Er zuckt abfällig die Achseln. «Einen Smoking gekauft.» «Nicholas Leigh und Charles Conroy hätten gerne gewußt, ob du diesen Sommer in die Hamptons fährst.» «Nicht wenn es sich vermeiden läßt», sagt er achselzuckend. Ein blondes Mädchen von fast perfektem Zuschnitt, mit Riesentitten und einem Les-Misérables-Programm in einer Hand, bekleidet mit einem langen Abendkleid aus mattem Rayon-Jersey von Michael, Kors für Bergdorf Goodman, Schuhen von Manolo Blahnik und vergoldeten Ohrgehängen von Ricardo Siberno, bleibt stehen, um hallo zu sagen, und obwohl ich sie nicht verschmähen würde, ig- noriert Sean ihre einladende Haltung und lehnt es ab, mich vor- zustellen. Während der Begegnung ist Sean ausgesprochen rüpel- haft, trotzdem geht sie lächelnd weg und winkt mit einer behand- schuhten Hand. «Wir sind noch bei Mortimer. Später.» Er nickt, auf mein Wasserglas starrend, winkt dann einen Kellner heran und ordert einen Whisky pur. «Wer war das?» frage ich. «Ein Schätzchen, das in Stephens war.» «Wo hast du sie kennengelernt?» «Poolspielen bei M.K.» Er zuckt die Achseln. «Ist sie eine du Pont?» frage ich. «Warum? Willst du ihre Nummer?» «Nein, ich wollte nur wissen, ob sie ’ne du Pont ist.» «Schon möglich. Weiß nicht.» Mit etwas, das aussieht wie ein achtkarätiges Goldfeuerzeug von Tiffany, zündet er sich eine neue Zigarette an, eine Parliament. «Vielleicht ist sie eine Freundin von einer der du Ponts.» Ich versuche, vor mir zu rechtfertigen, daß ich hier sitze, heute, mit Sean, im Dorsia, aber mir fällt kein triftiger Grund ein. Nur diese immer wiederkehrende Null fließt ins Bild. Nach dem Din- ner – die Gerichte sind winzig, aber köstlich; Sean rührt nichts an – sage ich ihm, daß ich Andrea Rothmere bei Nell’s treffen will und er schnell bestellen soll, falls er noch Espresso oder Dessert haben will, weil ich Mitternacht downtown sein muß. «Warum so eilig? So hip ist Nell’s auch nicht mehr.», «Na ja.» Ich sinke zusammen, raffe mich aber schnell wieder auf. «Wir wollten uns da nur treffen. Eigentlich gehen wir ins» – mein Hirn arbeitet rasend, landet irgendwo – «Chernoble.» Ich nehme noch einen Schluck Champagner aus meinem Tumbler. «Großes Gähnen. Ganz großes Gähnen», sagt er und läßt den Blick durch den Raum schweifen. «Oder Contraclub East. Ich weiß nicht mehr.» «Out. Steinzeit. Prähistorisch.» Er lacht zynisch. Gespannte Pause. «Woher willst du das wissen?» «Rock’n’Roll.» Er zuckt die Achseln. «Muß man mit leben.» «Tja, Sean, wo gehst du denn hin?» Antwort wie aus der Pistole geschossen: «Petty’s.» «Ach ja», murmele ich, hatte ganz vergessen, daß es schon auf- hat. Er pfeift irgendwas, raucht eine Zigarette. «Wir gehen zu einer Party bei Donald Trump», lüge ich. «Irre aufregend. Wahnsinnig aufregend.» «Donald ist ein netter Kerl. Du solltest ihn kennenlernen», sage ich. «Ich … kann dich vorstellen.» «Ach nee?» fragt Sean, vielleicht hoffnungsvoll, vielleicht auch nicht. «Ja, klar.» Oh, schon gut. Also, wenn ich die Rechnung bekomme … mal sehen … zahlen, ein Taxi zurück zu meiner Wohnung nehmen, dann ist es fast Mit- ternacht, was mir nicht mehr genug Zeit läßt, die Videos von ges- tern zurückzugeben, wenn ich also nicht erst zurück zu mir fahre, kann ich einfach reingehen und ein neues Video ausleihen, obwohl, heißt es nicht auf meinem Mitgliedsausweis, daß man nur drei auf, einmal mitnehmen kann? Das bedeutet also, da ich gestern zwei ausgeliehen habe (Der Tod kommt zweimal und Blond, Hot, Dead), daß ich noch eins ausleihen könnte, aber ich hatte vergessen, daß ich außerdem unter die Gold-Circle-Mitgliedschaft falle, was be- deutet, daß ich, wenn ich in den letzten sechs Monaten (mindes- tens) tausend Dollar dagelassen habe, in jeder beliebigen Nacht so viele Videos ausleihen kann, wie ich will, andererseits habe ich zwei nicht zurückgegeben, was bedeuten könnte, daß ich gar keins mehr ausleihen kann, Gold-Circle-Mitglied oder nicht, ehe ich die beiden nicht zurückgegeben habe, aber – «Damien. Du bist Damien», glaube ich Sean murmeln zu hö- ren. «Was sagst du?» frage ich und schaue auf. «Ich hab nicht ver- standen.» «Schön braun», seufzt er. «Ich sagte: schön braun.» «Oh», sage ich, in Gedanken immer noch beim Video-Problem. Ich schaue runter – wohin, auf meinen Schoß? «Ehm, danke.» «Rock’n’Roll.» Er drückt die Zigarette aus. Rauch kräuselt sich aus dem Kristallaschenbecher, vergeht dann. Sean weiß, daß ich weiß, daß er uns wahrscheinlich bei Petty’s einschleusen kann, dem neuen Norman-Prager-Club auf der Fifty- ninth, aber ich werde ihn nicht fragen, und er wird’s mir nicht anbieten. Ich lege meine Platin-American-Express-Karte auf die Rechnung. Seans Augen kleben an einem Hardbody an der Bar in Thierry-Mugler-Wolljerseykleid und Claude-Montana-Schal, der an einem Champagner-Tumbler nippt. Als unsere Kellnerin vorbeikommt, um die Rechnung und die Karte mitzunehmen, schüttle ich den Kopf, nein. Endlich fällt Seans Blick auf die Karte,, sekundenlang, und ich winke die Kellnerin zurück und erlaube ihr, sie mitzunehmen.,

Lunch mit Bethany

Heute treffe ich mich mit Bethany zum Lunch bei Vanities, dem neuen Bistro von Evan Kiley in Tribeca, und obwohl ich heute morgen fast zwei Stunden trainiert und vor der Mittagspause sogar im Büro Gewichte gestemmt habe, bin ich immer noch extrem ner- vös. Der Anlaß ist schwer auszumachen, aber ich sehe zwei mögli- che Gründe. Entweder fürchte ich die Zurückweisung (obwohl ich nicht einsehen kann, warum: Sie hat mich angerufen, sie will mich sehen, Sie will mit mir essen, sie will wieder mit mir ficken), oder, die andere Möglichkeit, es hat was mit dem neuen italienischen Styling-Mousse zu tun, das ich trage, das mein Haar zwar voller wirken läßt und gut riecht, sich aber sehr pappig und unange- nehm anfühlt, und das kann sehr wohl ein Grund sein, nervös zu werden. Damit uns beim Lunch nicht der Gesprächsstoff ausgeht, versuchte ich, eine schicke neue Kurzgeschichtensammlung mit dem Titel Wok zu lesen, die ich gestern abend bei Barnes & Noble gekauft habe und deren junger Autor unlängst in der Fast-Track- Kolumne des New York Magazine lobend erwähnt wurde, aber jede Geschichte begann mit der Zeile «Wenn der Mond aufgeht wie eine große runde Pizza», und ich mußte das schmale Bändchen wieder zurück ins Bücherregal stellen und mir einen J&B mit Eis, gefolgt von zwei Xanax, genehmigen, um mich von der Strapaze zu erholen. Ersatzweise schrieb ich Bethany ein Gedicht, ehe ich einschlief, und brauchte lange dafür, was mich überraschte, da ich ihr in Harvard immer Gedichte geschrieben hatte, lange, düstere, ehe wir uns trennten. Gott, denke ich bei mir, als ich, nur fünfzehn, Minuten zu spät, bei Vanities eintrete, ich hoffe, sie ist nicht an Ro- bert Hall, diesem stumpfen Arschloch, hängengeblieben. Während ich zu unserem Tisch geführt werde, komme ich an einem Spiegel vorbei und prüfe mein Spiegelbild – das Mousse macht sich gut. Das Thema der Patty Winters Show heute morgen war «Ist Patrick Swayze zynisch geworden?» Als ich mich hinter dem Maître d’ dem Tisch nähere, muß ich einen Moment anhalten (das alles geschieht in Zeitlupe). Sie sieht nicht zu mir her, und ich kann nur die Rück- seite ihres Halses erkennen, ihr braunes Haar, das zu einem Kno- ten aufgesteckt ist, und als sie sich umdreht, um aus dem Fenster zu sehen, sehe ich kurz einen Teil ihres Profiles; sie sieht ganz wie ein Model aus. Bethany trägt eine Bluse aus Seidengaze und einen Seidensatin-Rock mit Krinoline. Eine jagdgrüne Handtasche aus Wildleder und Schmiedeeisen von Paloma Picasso steht vor ihr neben einer Flasche San Pellegrino auf dem Tisch. Sie schaut auf die Uhr. Das Pärchen am Nebentisch raucht, und nachdem ich mich hinter Bethany geschlichen habe, um sie mit einem Kuß auf die Wange zu überraschen, bitte ich den Maître d’ kühl, uns einen Tisch in der Nichtrauchersektion zu geben. Ich sage das umgäng- lich, aber doch so laut, daß die Nikotinsüchtigen mich hören kön- nen und hoffentlich leichte Beschämung über ihr abstoßendes Las- ter empfinden. «Nun?» frage ich, die Arme verschränkt, ungeduldig mit dem Fuß tappend. «Ich fürchte, wir haben keine Nichtrauchertische, Sir», in- formiert mich der Maître d’. Ich höre auf, mit dem Fuß zu tappen, und lasse langsam den Blick durchs Restaurant, durchs Bistro wandern, während ich mich, frage, wie mein Haar wohl wirklich aussieht, und plötzlich wün- sche ich, ich hätte das Mousse gewechselt, denn mein Haar fühlt sich anders an, seit ich es Sekunden vorher zuletzt gesehen habe, es fühlt sich anders an, als hätte es auf dem Weg von der Bar zum Tisch die Form geändert. Eine Welle der Übelkeit, die ich nicht un- terdrücken kann, überläuft mich warm, aber da ich all dies träume, kann ich fragen: «Sie sagen also, es gibt hier keine Nichtraucher- tische? Ist das korrekt?» «Ja, Sir.» Der Maître d’, jünger als ich, tuntig, unschuldig, ohne Zweifel Schauspieler, setzt hinzu: «Tut mir leid.» «Nun, das ist sehr … interessant. Das kann ich akzeptieren.» Ich greife in meine Gesäßtasche nach meiner Gazellenleder-Briefta- sche und drücke dem Maître d’ einen Zwanziger in die unsichere Faust. Er sieht sich den Schein an, verwirrt, murmelt dann «Danke schön» und geht weg wie in Trance. «Nein. Ich danke Ihnen», rufe ich ihm nach und nehme meinen Platz gegenüber Bethany ein, dem Pärchen neben uns höflich zu- nickend, und wenn ich auch versuche, sie so lange zu ignorieren, wie es die Etikette erlaubt, ich kann es nicht. Bethany sieht absolut atemberaubend aus, ganz wie ein Model. Alles ist unscharf. Ich bin nervös. Fiebrige, romantische Anwandlungen – «Hast du in Har- vard nicht geraucht?» ist das erste, was sie fragt. «Zigarren», sage ich. «Nur Zigarren.» «Oh», sagt sie. «Aber das habe ich mir abgewöhnt», lüge ich, atme scharf ein und presse meine Hände zusammen. «Gut so.» Sie nickt. «Hör mal, hattest du Probleme mit der Reservierung?» frage ich,, und ich zittere, verdammt noch mal. Ich lege meine Hände auf den Tisch wie ein Trottel, in der Hoffnung, daß sie unter Bethany wach- samem Blick zu zittern aufhören. «Hier muß man nicht reservieren, Patrick», sagt sie besänfti- gend, streckt eine Hand aus und legt sie auf meine. «Beruhige dich. Du siehst aus wie ein Wilder.» «Ich bin hurtig, ich meine ruhig», sage ich schwer atmend, ver- suche zu lächeln und frage dann unwillkürlich, unfähig, mich zu bremsen: «Wie ist mein Haar?» «Dein Haar ist wunderbar», sagt sie. «Schhh. Alles in Ord- nung.» «In Ordnung. Ich bin in Ordnung.» Ich versuche noch einmal zu lächeln, aber ich bin sicher, es sieht wie eine Grimasse aus. Nach einer kurzen Pause bemerkt sie: «Das ist ein hübscher An- zug. Henry Stuart?» «Nein», sage ich beleidigt und befingere das Revers. «Garrick Anderson.» «Er ist sehr hübsch», sagt sie, und dann, ernstlich beunruhigt: «Bist du okay, Patrick? Du hast … gezuckt.» «Hör zu. Ich bin am Boden zerstört. Bin eben erst aus Washing- ton zurück. Ich habe heute morgen das Trump-Shuttle genommen. Es war sehr angenehm. Der Service – wirklich erstklassig. Ich brau- che einen Drink.» Sie lächelt amüsiert und mustert mich auf ihre spröde Art. «War’s das?» fragt sie, wie ich bemerke, mit einer gewissen Süffi- sanz. «Ja.» Ich kann einfach nicht zu ihr hinsehen, und es kostet im- mense Kraft, die Serviette zu entfalten, über meinem Schoß auszu-, breiten und korrekt zurechtzurücken, mich mit dem Weinglas zu beschäftigen und einen Kellner herbeizuflehen, während das an- schließende Schweigen sich zu größtmöglicher Lautstärke steigert. «Und, hast du heute morgen die Patty Winters Show gesehen?» «Nein, ich war joggen», sagt sie und lehnt sich vor. «Es ging um Michael J. Fox, stimmt’s?» «Nein», korrigiere ich sie. «Es ging um Patrick Swayze.» «Ach wirklich?» fragt sie, dann: «Man kommt kaum noch mit. Bist du sicher?» «Ja. Patrick Swayze. Ganz sicher.» «Wie war’s?» «Tja, es war wirklich interessant», erzähle ich ihr und atme tief durch. «Es war fast eine Debatte, die um die Frage kreiste, ob er nun zynisch geworden ist oder nicht.» «Und was glaubst du?» fragt sie, immer noch lächelnd. «Tja, na ja, ich bin nicht sicher», beginne ich nervös. «Es ist eine interessante Frage. Da haben sie nicht genug nachgehakt. Ich meine, nach Dirty Dancing fand ich das eigentlich nicht, aber nach Tiger Warsaw bin ich mir nicht sicher. Vielleicht bin ich verrückt, aber mir war, als hätte ich eine gewisse Bitterkeit entdeckt. Ich weiß nicht.» Sie starrt mich mit unveränderter Miene an. «Oh, fast hätte ich’s vergessen», sage ich und greife in meine Ta- sche. «Ich habe dir ein Gedicht geschrieben.» Ich reiche ihr das Blatt Papier. «Hier.» Ich fühle mich elend und gebrochen, zermar- tert, am Rande des Nervenzusammenbruchs. «O Patrick.» Sie lächelt. «Wie süß.» «Na ja, du weißt ja», sage ich und blicke scheu zu Boden., Bethany nimmt das Blatt Papier und entfaltet es. «Lies es», dränge ich enthusiastisch. Sie überfliegt es zweifelnd, verwirrt, kneift die Augen zusam- men, dann dreht sie das Blatt um und sieht nach, ob etwas auf der Rückseite steht. Etwas in ihr begreift, daß es kurz ist, und sie schaut wieder auf die Worte, die in rotem Gekrakel auf der Vorderseite stehen. «Ist wie ein Haiku, verstehst du?» sage ich. «Lies es. Mach.» Sie räuspert sich und fängt langsam und mit vielen Pausen zu lesen an. «‹Armer Nigger an der Wand. Sieh ihn an.›» Sie hält inne, linst wieder aufs Papier, fährt dann widerstrebend fort: «‹Sieh den armen Nigger an. Sieh den armen Nigger … an … der … Wand.›» Stockend hört sie wieder auf, sieht mich unsicher an und dann wieder aufs Papier. «Weiter», sage ich und sehe mich nach dem Kellner um. «Lies zu Ende.» Sie räuspert sich, richtet den Blick starr aufs Papier und ver- sucht, den Rest zu lesen, ihre Stimme leiser als ein Flüstern: «‹Scheiß auf den Nigger … scheiß auf den Nigger an der Wand … ›» Ihre Stimme versagt wieder, dann liest sie seufzend den letzten Satz. «‹Schwarzer Mann ist … de … debil?›» Das Pärchen am anderen Tisch hat sich langsam zu uns um- gedreht und glotzt uns an. Der Mann guckt entgeistert, die Frau macht ein ähnlich entsetztes Gesicht. Ich starre sie wütend an, bis sie den Blick wieder auf ihren verdammten Salat richtet. «Tja, Patrick», sagt Bethany, räuspert sich, versucht zu lächeln, reicht mir das Blatt zurück. «Ja?» frage ich. «Und?», «Wie ich sehe» – sie bricht ab, sucht nach Worten – «ist dein Sinn für soziale Ungerechtigkeit» – wieder räuspert sie sich und schaut zu Boden – «noch ungebrochen.» Ich nehme ihr das Blatt aus der Hand, stecke es in die Tasche und lächle, immer noch bemüht, keine Miene zu verziehen, halte mich aufrecht, damit sie nicht merkt, wie sich in mir alles zusam- menzieht. Unser Kellner kommt an den Tisch, und ich frage ihn, welches Bier sie ausschenken. «Heineken, Budweiser, Amstel Light», betet er her. «Ja?» frage ich, ohne einen Blick von Bethany zu wenden, und deute ihm an weiterzumachen. «Das ist, eh, alles, Sir», sagt er. «Kein Corona? Kein Kirin? Kein Grolsch? Kein Moretti?» frage ich, verwirrt, gereizt. «Es tut mir leid, Sir, aber – nein», sagt er vorsichtig. «Nur Heine- ken, Budweiser, Amstel Light.» «Nicht zu fassen», seufze ich. «Ich nehme einen J&B mit Eis. Nein, einen Absolut Martini. Nein, doch einfach einen J&B.» «Und ich nehme noch ein San Pellegrino», sagt Bethany. «Ich nehme dasselbe», setze ich schnell hinzu, während mein Bein unterm Tisch unkontrollierbar auf und ab zuckt. «Okay. Wollen Sie die Tagesangebote hören?» fragt er. «Um jeden Preis», schnappe ich, dann, ruhiger, lächle ich Bethany ermutigend zu. «Sind Sie sicher?» Er lacht. «Bitte», sage ich unnachsichtig und studiere die Karte. «Als Appetizer habe ich sonnengetrocknete Tomaten und gol-, denen Kaviar mit Poblano-Chilies und außerdem habe ich frische Endiviensuppe …» «Einen Moment mal, einen Moment mal», sage ich und hebe eine Hand, um ihm Einhalt zu gebieten. «Warten Sie einen Mo- ment.» «Bitte, Sir?» fragt der Kellner verstört. «Sie haben? Sie meinen, das Restaurant hat», korrigiere ich ihn. «Nicht Sie haben sonnengetrocknete Tomaten. Das Restaurant hat sie. Nicht Sie haben Poblano-Chilies. Das Restaurant hat sie. Seien Sie einfach, na ja, präzise.» Der Kellner blickt verdutzt zu Bethany, die gewandt die Situa- tion entschärft, indem sie ihn fragt: «Wie wird die Endiviensuppe serviert?» «Ehm, kalt», sagt der Kellner, der sich nach meinem Ausbruch noch nicht ganz gefangen hat; er spürt, daß er es mit einem sehr, sehr heiklen Kunden zu tun hat. Er schweigt wieder, unsicher. «Weiter», dränge ich. «Bitte machen sie weiter.» «Sie wird kalt serviert», hebt er wieder an. «Und als Entree ha- ben wir Monkfish mit Mangoschnitten und Red Snapper, Brioche- Sandwich mit Ahornsirup und» – er zieht wieder den Block zu Rate – «Cotton.» «Mmmmm, klingt himmlisch. Cotton, mmmmmm», sage ich und reibe mir freudig die Hände. «Bethany?» «Ich nehme das Chevice mit Porree und Sauerampfer», sagt Bethany. «Und Endiviensalat mit … Walnußdressing.» «Sir?» fragt der Kellner zaghaft. «Ich nehme …» Ich überfliege schnell die Karte. «Ich nehme den Tintenfisch mit Pinienkernen, und könnte ich eine Scheibe Ziegen-, käse, bitte von Chèvre» – ich werfe Bethany einen Blick zu, um fest- zustellen, ob sie meine falsche Aussprache zusammenzucken läßt – «dazu haben und etwas … ah, Salsa.» Der Kellner nickt, geht, wir sind wieder allein. «Na.» Sie lächelt, bemerkt dann das leichte Beben des Tischs. «Was ist denn … mit deinem Bein?» «Mein Bein? Oh.» Ich sehe runter zu ihm, dann wieder zu ihr. «Es ist … die Musik. Mir gefällt die Musik so gut. Die Musik, die gerade läuft.» «Was ist es denn?» fragt sie, verrenkt den Hals beim Versuch, den Refrain der New-Age-Muzak zu erhaschen, die aus den an der De- cke über der Bar hängenden Boxen dringt. «Das ist … ich glaube, Belinda Carlisle», rate ich. «Ich weiß nicht genau.» «Aber …» hebt sie an, bricht dann ab. «Ach, vergiß es.» «Aber was?» «Aber ich höre keinen Gesang.» Sie lächelt und senkt geziert den Blick. Ich halte mein Bein still und tue so, als würde ich lauschen. «Aber es ist einer ihrer Songs», sage ich und füge dann lahm hinzu: «Ich glaube, er heißt ‹Heaven Is a Place on Earth›. Mußt du doch kennen.» «Hör mal», sagt sie, «warst du in letzter Zeit auf Konzerten?» «Nein», sage ich, wünsche, sie hätte von allen Themen nicht ausgerechnet das zur Sprache gebracht. «Ich mache mir nichts aus Livemusik.» «Livemusik?» fragt sie interessiert und nippt an ihrem San Pel- legrino-Wasser., «Ja. Du weißt schon. Eine Band zum Beispiel», erkläre ich und merke an ihrem Gesichtsausdruck, daß ich genau das Falsche sage. «Ach, hab ich ganz vergessen. U2 habe ich gesehen.» «Wie waren sie?» fragt sie. «Die neue CD hat mir sehr gefallen.» «Sie waren toll, absolut fantastisch. Irgendwie total …» Ich bre- che ab, weiß nicht, was ich noch sagen soll. Bethany hebt fragend eine Augenbraue, wartet auf mehr. «Irgendwie total … irisch.» «Ich habe gehört, daß sie live ganz gut sein sollen», sagt sie, und ihre eigene Stimme hat einen leicht musikalischen Tonfall ange- nommen. «Wen magst du sonst noch?» «Ach weißt du», sage ich, total festgefahren. «Die Kingsmen. ‹Louie, Louie›. Solches Zeug.» «Wow, Patrick», sagt sie und mustert mein Gesicht von oben bis unten. «Was ist?» Ich gerate in Panik und fasse mir sofort ans Haar. «Zuviel Mousse? Magst du die Kingsmen nicht?» «Nein.» Sie lacht. «Ich kann mich nicht erinnern, daß du auf dem College schon so braun warst.» «Aber Farbe hatte ich schon, oder? Ich bin nicht gerade wie eine Wasserleiche durch die Gegend gelaufen, oder?» Ich lege den Ellbo- gen auf den Tisch, spanne meinen Bizeps und fordere sie auf, den Muskel zu betasten. Nachdem sie ihn widerstrebend berührt hat, komme ich auf meine Fragen zurück. «War ich in Harvard wirklich nicht so braun?» frage ich, komisch-verzweifelt, aber verzweifelt. «Nein, nein.» Sie lacht. «Du warst eindeutig der George Ha- milton der Klasse von 84.» «Danke», sage ich geschmeichelt. Der Kellner bringt unsere Drinks – zwei Flaschen San Pel-, legrino-Wasser. Zweiter Aufzug. «Du bist also bei Mill … dings? Milltaft? Wie hieß es?» frage ich. Ihr Körper, ihr Teint, wirkt straff und rosig. «Milbank Tweed», sagt sie. «Da arbeite ich.» «Tja», sage ich und drücke eine Limone in mein Glas aus. «Das ist wundervoll. Einfach wundervoll. Macht sich das Jurastudium also doch noch bezahlt.» «Und du bist bei … P & P?» fragt sie. «Ja», sage ich. Sie nickt, hält inne, will etwas sagen, überlegt hin und her, ob sie soll oder nicht, all das in wenigen Sekunden, und fragt dann: «Aber gehört deiner Familie nicht …» «Darüber will ich nicht sprechen», falle ich ihr ins Wort. «Aber du hast recht, Bethany. Ja.» «Und du arbeitest noch immer bei P & P?» fragt sie. Jede Silbe dringt in langem Abstand an mein Ohr und explodiert wie ein Überschallknall in meinem Kopf. «Ja», sage ich und sehe mich verstohlen um. «Aber …» Sie ist verwirrt. «Hat dein Vater nicht –» «Ja, natürlich», unterbreche ich sie. «Hast du bei Pooncakes schon die Focaccia probiert?» «Patrick.» «Ja?» «Was ist los?» «Ich habe nur keine Lust über …» Ich breche ab. «Über die Ar- beit zu reden.» «Warum nicht?» «Weil ich sie hasse», sage ich. «Jetzt sag mal, hast du Pooncakes, schon ausprobiert? Ich finde, Miller hat es unterbewertet.» «Patrick», sagt sie langsam. «Wenn dich die Arbeit so anwidert, warum hörst du nicht einfach auf? Du mußt doch nicht arbeiten.» «Weil ich», sage ich und starre sie direkt an, «weil … ich … da- zugehören … will.» Nach einer langen Pause lächelt sie. «Ich verstehe.» Noch eine Pause. Diesmal breche ich das Schweigen. «Sieh es einfach als, na ja, eine neue Geschäftsauffassung», sage ich. «Wie …» Sie versucht, Zeit zu schinden. «… wie vernünftig.» Noch ein Ausweichmanöver. «Wie, ehm, sinnig.» Der Lunch ist mal eine Qual, mal ein Rätsel, das gelöst sein will, mal ein Hindernisrennen, und gleitet dann mühelos über ins Reich der Entspannung, was mir einen gelungenen Auftritt ermöglicht – mein unbezähmbarer Instinkt schaltet sich ein und teilt mir mit, daß er spüren kann, wie scharf Bethany auf mich ist, aber ich halte mich zurück, nicht engagiert, neutral, abwartend. Auch sie gibt sich abwartend, trotzdem flirtet sie. Mit der Einladung zum Lunch ist sie ein Versprechen eingegangen, und kaum ist der Tintenfisch serviert, gerate ich in Panik, überzeugt, mich nie wieder erholen zu können, ehe es nicht eingelöst ist. Sie fällt anderen Männern auf, wenn sie an unserem Tisch vorbeigehen. Manchmal senke ich kühl die Stimme zu einem Wispern. Ich höre etwas – Lärm, seltsame Töne, in meinem Kopf; ihr Mund öffnet und schließt sich, schluckt Flüssigkeit, lächelt, zieht mich an wie ein Magnet voller Lippen- stift, sagt irgendwas über Faxgeräte, zweimal. Schließlich bestelle ich einen J&B mit Eis, dann einen Cognac. Sie nimmt Minz-Kokos- Sorbet. Ich berühre, halte ihre Hand, mehr als ein Freund. Sonne, strömt ins Vanities, das Restaurant leert sich, es ist bald drei. Sie bestellt ein Glas Chardonnay, dann noch eins, dann die Rechnung. Sie hat sich entspannt, aber etwas geht vor sich. Mein Herzschlag steigt und fällt, stabilisiert sich kurzfristig. Ich höre aufmerksam hin. Einst erwogene Möglichkeiten zerschlagen sich. Sie senkt ih- ren Blick, und als sie mich ansieht, schaue auch ich zu Boden. «Und», fragt sie, «gibt’s da jemanden?» «Mein Leben ist im Grunde ganz unkompliziert», sage ich ge- dankenvoll, meine Wachsamkeit ist einen Moment eingeschläfert. «Was soll das heißen?» fragt sie. Ich nippe am Cognac und lächle verstohlen, halte sie hin, stachle ihre Hoffnung an, ihre Träume vom Neuanfang. «Gibt es jemanden, Patrick?» fragt sie. «Komm schon, sag’s mir.» Ich denke an Evelyn und murmele: «Ja.» «Wen?» höre ich sie fragen. «Eine sehr große Flasche Desyrel», sage ich in gedankenverlore- nem Ton, plötzlich sehr traurig. «Was?» fragt sie lächelnd, doch dann bemerkt sie etwas und schüttelt den Kopf. «Ich sollte nicht trinken.» «Nein, eigentlich nicht», sage ich, reiße mich zusammen und sage dann gegen meinen Willen: «Ich meine, gibt es überhaupt ir- gendwen? Gibt es überhaupt Leute, die es gibt? Hat es mich je gege- ben? Geben! Was heißt das? Ha! Geben? Ha! Ich weiß nicht, was das soll. Ha!» Ich lache. Nachdem sie das verdaut hat, nickt sie und sagt: «Dem liegt wohl eine gewisse verquere Logik zugrunde, denke ich.», Noch eine lange Pause, und furchtsam stelle ich die nächste Frage. «Und bei dir, gibt’s da jemanden?» Sie lächelt, zufrieden mit sich, und noch immer die Augen ge- senkt, gesteht sie mit unvergleichlicher Klarheit: «Na ja, ja, ich habe einen Freund und –» «Wer?» «Was?» Sie schaut hoch. «Wer ist er? Wie heißt er?» «Robert Hall. Warum?» «Von Salomon Brothers?» «Nein, er ist Koch.» «Von Salomon Brothers?» «Patrick, er ist Koch. Und Teilhaber eines Restaurants.» «Welches?» «Ist das so wichtig?» «Nein, wirklich, welches?» frage ich und füge dann leise hinzu: «Ich will es im Zagat ausstreichen.» «Es heißt Dorsia», sagt sie, dann: «Patrick, bist du okay?» Richtig, mein Kopf explodiert, und es zerreißt mir den Magen – eine krampfhafte gastritische Übersäuerung; Sterne und Plane- ten, ganze Galaxien kleiner weißer Kochmützen rasen vor meinem inneren Auge vorbei. Ich presse eine weitere Frage hervor. «Warum Robert Hall?» frage ich. «Warum er?» «Na ja, ich weiß nicht», sagt sie mit leicht beschwipstem Ton- fall. «Ich denke, es liegt einfach daran, siebenundzwanzig zu sein und …» «Ach ja? Bin ich auch. Und halb Manhattan. Und? Keine Ent- schuldigung, Robert Hall zu heiraten.», «Heiraten?» fragt sie mit großen Augen, abwehrend. «Habe ich das gesagt?» «Hast du nicht gesagt verheiratet?» «Nein, hab ich nicht, aber wer weiß.» Sie zuckt die Achseln. «Vielleicht tun wir’s.» «Na herr-lich.» «Wie ich schon sagte, Patrick» – sie funkelt mich an, aber so schelmisch, daß es mir hochkommt – «ich denke, du weißt, daß die Zeit knapp wird. Die biologische Uhr hört einfach nicht auf zu ti- cken», sagt sie, und ich denke: Mein Gott, zwei Gläser Chardonnay reichen, um ihr das Geständnis zu entlocken. Jesus, ein Fliegenge- wicht. «Ich will Kinder haben.» «Mit Robert Hall?» frage ich ungläubig. «Warum nicht gleich mit Captain Lou Albano, um Himmels willen. Ich versteh dich ein- fach nicht, Bethany.» Sie nimmt ihre Serviette, schaut zu Boden und dann hinaus auf den Bürgersteig, wo Kellner Tische fürs Dinner aufstellen. Auch ich sehe ihnen zu. «Warum spüre ich da eine gewisse Feindseligkeit bei dir, Patrick?» fragt sie sanft und nippt dann an ihrem Wein. «Vielleicht, weil ich feindselig bin», erwidere ich barsch. «Viel- leicht spürst du das.» «Jesus, Patrick», sagt sie, sieht mir forschend ins Gesicht und ist ernstlich verärgert. «Ich dachte, du und Robert wärt Freunde.» «Was?» frage ich. «Ich bin ganz durcheinander.» «Waren du und Robert nicht Freunde?» Ich zögere, zweifelnd. «Waren wir das?» «Ja, Patrick, wart ihr.» «Robert Hall, Robert Hall, Robert Hall», murmele ich vor mich, hin, als versuchte ich, mich zu erinnern. «Stipendiat? Sprecher im letzten Studienjahr?» Ich denke noch einen Moment darüber nach, setze dann hinzu: «Fliehendes Kinn?» «Nein Patrick», sagt sie. «Der andere Robert Hall.» «Ich verwechsle ihn mit dem anderen Robert Hall?» frage ich. «Ja, Patrick», sagt sie am Ende mit ihrer Geduld. Ich zucke innerlich zusammen, schließe die Augen und seufze. «Robert Hall. Doch nicht der, dessen Eltern, na ja, halb Washington gehört? Doch nicht der, der» – ich schlucke – «Kapitän der Aus- wahlmannschaft war? Einsfünfundachtzig groß?» «Ja», sagt sie. «Der Robert Hall.» «Aber …» Ich breche ab. «Ja? Aber was?» Sie scheint auf die Antwort warten zu wollen. «Aber er war schwul», stoße ich hervor. «Nein, war er nicht, Patrick», sagt sie, eindeutig gekränkt. «Ich weiß genau, daß er schwul war.» Ich nicke mit dem Kopf. «Und woher weißt du’s so genau?» fragt sie, ohne es komisch zu finden. «Weil er sich von den Jungs aus der Verbindung – nicht von de- nen in meinem Haus – also, von denen hat er sich auf Parties der Reihe nach durchficken lassen und fesseln und so. Jedenfalls habe ich das gehört», sage ich aufrichtig, und dann, peinlich berührt wie nie in meinem Leben, gestehe ich: «Hör mal, Bethany, er hat mir mal angeboten, na ja, mir einen zu blasen. In der, ehm, Soziologie- Abteilung der Bibliothek.» «O Gott», japst sie angewidert. «Wo bleibt die Rechnung?» «Ist Robert Hall nicht geflogen, weil er seine Dissertation über Babar geschrieben hat? Oder so was Ähnliches wie Babar?» frage, ich. «Babar den Elefanten? Den, oh Jesus, französischen Elefanten?» «Wovon sprichst du?» «Paß auf», sage ich. «War er nicht auf der Business School in Kel- log? Auf der Northwestern, richtig?» «Er hat abgebrochen», sagt sie, ohne mich anzusehen. «Hör mal.» Ich berühre ihre Hand. Sie zuckt und zieht sie weg. Ich versuche zu lächeln. «Robert Hall ist nicht schwul –» «Das kann ich nur bestätigen», sagt sie, einen Tick zu selbstge- fällig. Wie kann sich ein Mensch wegen Robert Hall aufregen? An- statt zu sagen: «Ach ja, du dämliche Fotze», sage ich begütigend: «Ich bin sicher, das kannst du», dann: «Erzähl mehr von ihm. Ich möchte wissen, wie es zwischen euch beiden steht», und schließlich entschuldige ich mich, lächelnd und innerlich kochend. «Tut mir leid.» Es dauert seine Zeit, aber endlich gibt sie nach und erwidert das Lächeln, und ich bitte sie noch mal: «Erzähl mir mehr», und dann, leise und lächelnd, als hätte ich Maulsperre: «Ich will dir den Bär aufschlitzen.» Leicht angesäuselt vom Chardonnay entspannt sie sich und plaudert ungehemmt. Ich denke an andere Zeiten, während sie über ihre jüngste Ver- gangenheit erzählt: Luft, Wasser, Zeit, einen Moment, einen Ort ir- gendwo, als ich ihr alles Schöne dieser Welt zeigen wollte. Ich habe keinen Sinn für Geständnisse, für neue Anfänge, für alles, was sich jenseits der Grenzen meines unmittelbaren Horizonts abspielt. Ein junges Mädchen, Erstsemester, das ich in einer Bar in Cambridge kennenlernte, als ich im vorletzten Jahr in Harvard studierte, er- zählte mir mal im Frühherbst, daß «das Leben voller unendli-, cher Möglichkeiten» steckt. Ich kämpfte eisern, um nicht an den Salznüssen zu ersticken, auf denen ich kaute, während ihr dieser Nierenstein der Weisen abging, spülte die Nüsse ganz ruhig mit einem Schluck Heineken runter, lächelte und konzentrierte mich aufs Dartspiel, das in der Ecke ablief. Muß ich betonen, daß sie ihr zweites Jahr nicht mehr erlebte? Im selben Winter fand man ihren Körper im Charles River treibend, enthauptet, ihr Kopf baumelte drei Meilen entfernt an den Haaren von einem tiefhängenden Ast. Meine Wut in Harvard war weniger grausam als jetzt, und zu hof- fen, daß mein Abscheu verfliegt, ist sinnlos – da ist einfach nichts zu machen. «Oh, Patrick», sagt Bethany. «Du bist noch ganz der alte. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist.» «Sag, daß es gut ist.» «Warum? Ist es das?» fragt sie, stirnrunzelnd. «War es das? Da- mals?» «Du kanntest nur eine Seite meiner Persönlichkeit», sage ich. «Den Studenten.» «Nicht den Liebhaber?» fragt sie, und die Stimme erinnert mich an einen Menschen. Mein Blick fällt kalt auf sie, ungerührt. Draußen auf der Straße blökt Musik, die wie Salsa klingt. Endlich bringt der Kellner unsere Rechnung. «Ich zahle», seufze ich. «Nein», sagt sie und öffnet ihre Handtasche. «Ich habe dich ein- geladen.» «Aber ich habe eine Platin-American-Express-Karte», sage ich zu ihr., «Die habe ich auch», sagt sie lächelnd. Ich schweige, beobachte dann, wie sie die Karte auf das Tablett mit der Rechnung legt. Ein Krampfanfall scheint unausweichlich, falls ich nicht aufstehe. «Die Frauenbewegung. Wow.» Ich lächle unbeeindruckt. Sie wartet draußen auf dem Gehsteig, während ich auf dem Männerklo bin, um meinen Lunch auszukotzen, der Tintenfisch kommt unverdaut und weniger rot als auf meinem Teller wieder hoch. Als ich aus dem Vanities auf die Straße trete und meine Way- farers aufsetze, ein Cert kauend, murmele ich etwas vor mich hin, küsse Bethany dann auf die Wange und erfinde irgendwas. «Tut mir leid, daß es so lange gedauert hat. Mußte meinen Anwalt an- rufen.» «Oh?» Macht auf betroffen – die dumme Schlampe. «Nur ein Freund von mir.» Ich zucke die Achseln. «Bobby Chambers. Er ist im Gefängnis. Ein paar Freunde von ihm, na ja, hauptsächlich ich, versuchen, den Fall wieder aufzurollen», sage ich mit einem weiteren Schulterzucken, dann, um das Thema zu wech- seln: «Hör mal.» «Ja?» fragt sie lächelnd. «Es ist schon spät. Ich will nicht zurück ins Büro», sage ich und sehe auf meine Rolex. Die Sonne läßt sie im Sinken aufblitzen und blendet Bethany für einen Moment. «Warum kommst du nicht mit zu mir?» «Was?» Sie lacht. «Warum kommst du nicht mit zu mir?» schlage ich noch einmal vor. «Patrick.» Sie lacht aufreizend. «Ist das dein Ernst?», «Ich habe noch eine Flasche Pouilly-Fuissé, eiskalt, hm?» sage ich und ziehe die Augenbrauen hoch. «Hör mal, die Nummer mag in Harvard gezogen haben, aber» – sie lacht, fährt dann fort – «hm, jetzt sind wir älter und …» Sie bricht ab. «Und … was?» frage ich. «Ich hätte keinen Wein zum Lunch trinken sollen», sagt sie wie- der. Wir gehen. Draußen sind vierzig Grad, Atmen ausgeschlossen. Es ist nicht Tag, es ist nicht Abend. Der Himmel wirkt gelb. An der Ecke Duane und Greenwich gebe ich einem Penner einen Dollar, nur um Eindruck auf sie zu machen. «Hey, komm mit», sage ich noch mal, fast winselnd. «Komm doch mit». «Ich kann nicht», sagt sie. «Die Klimaanlage in meinem Büro ist hin, aber ich kann nicht. Ich würde gerne, aber ich kann nicht.» «Oh, komm schon», sage ich, fasse sie an den Schultern und drü- cke sie gutmütig. «Patrick, ich muß zurück ins Büro», mault sie einen schwachen Protest. «Aber du wirst da eingehen», gebe ich zu bedenken. «Ich habe keine Wahl.» «Komm schon.» Dann, als letzten Lockversuch: «Ich habe ein vierteiliges Durgin Gorham Tee- und Kaffeeset aus Sterlingsilber, das ich dir gerne zeigen würde.» «Ich kann nicht.» Sie lacht und setzt ihre Sonnenbrille auf. «Bethany», sage ich warnend. «Hör mal», sagt sie einlenkend. «Ich kaufe dir einen Schokorie-, gel. Gib dich mit einem Schokoriegel zufrieden.» «Ich bin erschüttert. Weißt du, wieviel Gramm Fett, wieviel Na- trium allein der Schokoladenüberzug enthält?» japse ich in komi- schem Entsetzen. «Jetzt sei nicht so», sagt sie. «Das braucht dir doch keine Sorgen zu machen.» «Nein, sei du nicht so», sage ich und gehe ein Stück vor, damit sie meine Aggressivität nicht zu spüren bekommt. «Hör mal, komm auf einen Drink mit, und dann spazieren wir rüber zum Dorsia, und ich treffe mich mit Robert, okay?» Ich drehe mich um, gehe weiter, aber jetzt rückwärts. «Bitte?» «Patrick», sagt sie. «Du bettelst.» «Ich würde dir das Durgin Gorham Teeset wirklich gerne zei- gen.» Ich warte. «Bitte?» Ich zögere wieder. «Es hat mich dreiein- halbtausend Dollar gekostet.» Sie bleibt stehen, weil ich stehenbleibe, schaut zu Boden, und als sie wieder aufschaut, sind ihre Stirn und beide Wangen feucht von Schweiß, ein feiner Schimmer. Ihr ist heiß. Sie seufzt, lächelt ver- sonnen. Sie schaut auf die Uhr. «Na?» frage ich. «Wenn ich …», beginnt sie. «Jaaaa?» frage ich, das Wort dehnend. «Wenn ich mitkomme, muß ich mal telefonieren.» «Nein, nichts da», sage ich, ein Taxi heranwinkend. «Ruf von mir aus an.» «Patrick», protestiert sie. «Hier vorne ist doch ein Telefon.» «Wir gehen jetzt», sage ich. «Da ist ein Taxi.» Im Taxi, auf dem Weg zur Upper West Side, sagt sie: «Ich hätte, den Wein nicht trinken sollen.» «Bist du betrunken?» «Nein», sagt sie und fächelt sich mit einem auf dem Rücksitz des Taxis vergessenen Programm von Les Misérables Luft zu, und obwohl beide Fenster offen sind, fächelt sie weiter. «Nur ein biß- chen … beschwipst.» Wir lachen beide ohne Grund, und sie lehnt sich an mich, dann fällt ihr etwas ein, und sie macht einen Rückzieher. «Bei dir gibt’s einen Portier, stimmt’s?» fragt sie mißtrauisch. «Ja.» Ich lächle, es reizt mich, wie ahnungslos sie ins Verderben läuft. In meinem Apartment. Sie schlendert in den Wohnbereich, nickt anerkennend mit dem Kopf und murmelt: «Recht nett, Mr. Bateman, recht nett.» Unterdessen schließe ich die Tür ab, verge- wissere mich, daß sie verriegelt ist, dann gehe ich rüber zur Bar und schenke etwas J&B in ein Glas, während sie prüfend ihre Hand über die Wurlitzer-Jukebox gleiten läßt. Ich brummele vor mich hin, und meine Hände zittern so stark, daß ich beschließe, auf Eis zu verzichten, und dann bin ich im Wohnzimmer, stehe hinter ihr, während sie zu dem David Onica hochschaut, der über dem Ka- min hängt. Sie legt den Kopf zur Seite, während sie ihn begutach- tet, fängt an zu kichern, schaut erst verdutzt zu mir, dann wieder auf den Onica, noch immer lachend. Ich frage nicht, was los ist – nichts interessiert mich weniger. Ich kippe den Drink mit einem Zug runter, gehe zu dem Anaholian-Schrank aus weißer Eiche, in dem ich ein brandneues Bolzenschußgerät aufbewahre, das ich letzte Woche in einem Eisenwarenladen in der Nähe meines Büros in der Wall Street gekauft habe. Nachdem ich ein Paar schwarze Le-, derhandschuhe übergestreift habe, vergewissere ich mich, daß das Bolzenschußgerät geladen ist. «Patrick?» fragt Bethany immer noch kichernd. «Ja?» sage ich, dann: «Darling?» «Wer hat den Onica aufgehängt?» fragt sie. «Gefällt er dir?» frage ich. «Sehr gut, aber …» Sie zögert, sagt dann: «Ich bin ziemlich si- cher, daß er falsch rum hängt.» «Was?» «Wer hat den Onica aufgehängt?» «Das hab ich gemacht», sage ich immer noch mit dem Rücken zu ihr. «Du hast den Onica falsch rum aufgehängt.» Sie lacht. «Hmmmmm?» Ich stehe am Schrank, halte das Bolzenschuß- gerät umklammert, gewöhne mich an sein Gewicht in meiner be- handschuhten Hand. «Ich kann’s nicht fassen, daß er falsch rum hängt», sagt sie. «Wie lange hängt er schon so?» «Eine Ewigkeit», wispere ich, drehe mich um, nähere mich ihr. «Was?» fragt sie, noch immer in den Onica vertieft. «Ich sagte, was hast du Nutte mit Robert Hall?» flüstere ich. «Was hast du gesagt?» Wie in Zeitlupe, als wäre es ein Film, dreht sie sich um. Ich warte, bis sie das Bolzenschußgerät gesehen hat und die in Handschuhen steckenden Hände, ehe ich schreie: «Was hast du Nutte mit Robert Hall?» Vielleicht instinktiv, vielleicht aus Erfahrung, rennt sie laut schreiend zur Vordertür, vergeblich. Während der Chardon-, nay ihre Reflexe lähmt, hat der Scotch, den ich getrunken habe, meine geschärft, und mühelos springe ich vor sie, schneide ihr den Fluchtweg ab und schlage sie mit vier Hieben auf den Kopf mit dem Bolzenschußgerät nieder. Ich zerre sie zurück ins Wohnzim- mer, lege sie auf den Boden auf ein weißes Voilacutro-Baumwolla- ken, dann strecke ich ihre Arme aus, lege ihre Hände flach mit den Handflächen nach oben auf dicke Holzbretter und nagele wahllos drei Finger jeder Hand an den Spitzen aufs Holz. Das bringt sie wieder zu Bewußtsein, und sie fängt an zu schreien. Nachdem ich ihr Tränengas in die Augen, den Mund und in die Nasenlöcher ge- sprüht habe, lege ich einen Kamelhaarmantel von Ralph Lauren über ihren Kopf, der die Schreie einigermaßen dämpft. Ich schieße noch mehr Nägel in ihre Hand, bis beide ganz damit bedeckt sind – Nagel an Nagel, an manchen Stellen überlagern sie einander, was es ihr unmöglich macht, sich aufzusetzen. Ich muß ihre Schuhe entfernen, mit leichtem Bedauern, aber sie tritt wild um sich und hinterläßt auf dem Parkett aus weißer Eiche schwarze Schleifspu- ren. Während dieser Phase schreie ich immer wieder «Du Nutte», dann senkt sich meine Stimme zu einem heiseren Flüstern, und ich sabbere ihr ins Ohr: «Du Drecksfotze.» Endlich, im Todeskampf, nachdem ich ihr den Mantel vom Ge- sicht genommen habe, beginnt sie zu betteln, versucht es wenigs- tens, als das Adrenalin kurzzeitig die Oberhand über den Schmerz gewinnt. «Patrick, o Gott, hör auf, bitte, o Gott, nicht mehr weh tun …» Aber natürlich kehrt der Schmerz zurück – er ist zu allge- genwärtig –, und wieder wird sie ohnmächtig und erbricht, wäh- rend sie bewußtlos ist, ich muß ihren Kopf halten, damit sie nicht dran erstickt, und dann gebe ich ihr noch mal Tränengas. Die Fin-, ger, die nicht festgenagelt sind, versuche ich abzubeißen, was mir bei ihrem linken Daumen fast gelingt, immerhin kann ich alles Fleisch abnagen, bis der Knochen offen daliegt, und dann gebe ich ihr noch mal Tränengas, was gar nicht nötig gewesen wäre. Ich lege ihr wieder den Kamelhaarmantel über den Kopf, falls sie schreiend aufwacht, dann bringe ich die handtellergroße Sony-Handycam in Position, damit ich alles weitere filmen kann. Sobald die Kamera auf dem Stativ steht und auf Automatik läuft, beginne ich mit der Schere Bethanys Kleid aufzuschneiden, und als ich zum Brustkorb komme, piekse ich gelegentlich nach den Brüsten, wobei ich unab- sichtlich (na ja) einen ihrer Nippel durch den BH absäbele. Bethany fängt wieder an zu schreien, als ich ihr das Kleid vom Leib gerissen habe und ihr nur den BH, das rechte Körbchen dunkel von Blut, und den uringetränkten Slip lasse, die ich mir für später aufhebe. Ich beuge mich über sie und brülle über ihre Schreie hinweg: «Schrei doch, schrei, schrei weiter …» Ich habe alle Fenster und die Tür zu meiner Terrasse aufgerissen, und als ich über ihr stehe, öff- net sich der Mund, und nicht mal Schreie kommen noch raus, nur schreckliche, gutturale, tierische Laute, manchmal unterbrochen von würgenden Geräuschen. «Schrei, Schätzchen», dränge ich, «schrei weiter.» Ich beuge mich hinunter, noch tiefer, streiche ihr Haar zurück. «Keiner hat Mitleid. Keiner wird dir helfen …» Sie versucht, wieder aufzuschreien, verliert aber das Bewußtsein, und es reicht nur noch für ein schwaches Stöhnen. Ich nutze ihren hilf- losen Zustand, streife die Handschuhe ab, reiße ihr den Mund auf, schneide mit der Schere ihre Zunge heraus, die sich leicht aus dem Mund ziehen läßt, halte sie in der offenen Hand, warm und noch blutend und viel kleiner, als sie im Mund wirkte, und werfe sie an, die Wand, wo sie einen Moment festklebt und einen Fleck macht, ehe sie mit einem niedlichen feuchten Plitsch zu Boden fällt. Blut schießt aus Bethanys Mund, und ich muß ihren Kopf halten, damit sie nicht erstickt. Dann ficke ich sie in den Mund, und nachdem ich abgespritzt und meinen Schwanz rausgezogen habe, gebe ich ihr noch mehr Tränengas. Später, als sie kurz das Bewußtsein wiedererlangt, setze ich ein Porkpie-Hütchen auf, das mir eine meiner Freundinnen im ersten Harvard-Jahr geschenkt hat. «Kennst du den noch?» rufe ich, als ich über ihr stehe. «Und sieh dir das an!» schreie ich triumphierend und schwenke eine Zigarre. «Ich rauche immer noch Zigarren. Ha. Siehst du? Eine Zigarre.» Ich zünde sie mit ruhigen, blutbefleckten Fingern an, und ihr Ge- sicht, bleich, fast schon bläulich, hört nicht auf zu beben, zuckt vor Schmerz, die Augen, matt vor Entsetzen, schließen sich, öffnen sich dann halb, ihr Leben zum Alptraum verengt. «Und noch was», kreische ich, während ich auf und ab gehe. «Es ist auch nicht Garrick Anderson. Der Anzug ist von Armani! Gior- gio Armani.» Ich warte haßerfüllt, beuge mich über sie und spotte: «Und du hast ihn für Henry Stuart gehalten. Jesus.» Ich schlage ihr hart ins Gesicht, zische: «Dämliche Nutte» und besprühe ihr Ge- sicht mit Spucke, aber es ist so voller Tränengas, daß sie es vielleicht gar nicht spüren kann, also besprühe ich es wieder mit Tränengas und versuche dann, sie noch mal in den Mund zu ficken, aber ich kann nicht kommen, also laß ich’s.,

Donnerstag

Später, genauer gesagt am nächsten Abend, sitzen wir zu dritt, Craig McDermott, Courtney und ich, in einem Taxi auf dem Weg zu Nell’s und sprechen über Evian-Wasser. Courtney, in einem Ar- mani-Nerz, hat gerade kichernd gestanden, daß sie für Eiswürfel Evian verwendet, und damit ein Gespräch über die Unterschiede von Mineralwasser entfacht, und auf Courtneys Wunsch versuchen wir alle, so viele Marken wie möglich aufzuzählen. Courtney fängt an, zählt die Namen an ihren Fingern ab. «Also, da gibt’s Sparcal, Perrier, San Pellegrino, Poland Spring, Calis- toga …» Sie bricht ab und schaut hilfesuchend zu McDermott. Er seufzt, listet dann auf: «Canadian Spring, Canadian Calm, Montclair, das auch aus Kanada kommt, Vittel aus Frankreich, Crodo, ein italienisches …» Er hält inne und reibt sich nachdenk- lich das Kinn, versucht, auf noch eins zu kommen, verkündet dann wie überrascht: «Elan.» Und obwohl ihm ein weiteres auf der Zunge zu liegen scheint, verfällt Craig in wenig aufschlußreiches Schweigen. «Elan?» fragt Courtney. «Das ist aus der Schweiz», sagt er. «Oh», sagt sie, dann an mich gewandt: «Jetzt bist du dran, Pa- trick.» Ich starre gedankenverloren aus dem Fenster des Taxis, von der Stille, die ich auslöse, mit namenloser Furcht erfüllt, und zähle be- nommen mechanisch die folgenden Marken auf. «Vergessen hast du Alpenwasser, Down Under, Schat aus dem Libanon, Qubol und, Gold Springs –» «Das habe ich schon gesagt», wirft Courtney anklagend ein. «Nein», sage ich. «Du hast Poland Spring gesagt.» «Ist das wahr?» murmelt Courtney, dann, an McDermotts Man- tel zupfend: «Hat er recht, Craig?» «Wahrscheinlich.» McDermott zuckt die Achseln. «Glaub’ schon.» «Man sollte außerdem darauf achten, Mineralwasser immer in Glasflaschen zu kaufen. Man sollte es nicht in Plastikflaschen kau- fen», sage ich bedeutungsschwanger, in der Hoffnung, daß sie mich fragen, warum. «Warum?» In Courtneys Stimme schwingt echtes Interesse mit. «Weil es oxidiert», erläutere ich. «Und es soll schließlich spritzig sein, ohne Nachgeschmack.» Nach einer langen, verwirrten, für Courtney typischen Pause, räumt McDermott, der aus dem Fenster schaut, ein: «Da hat er recht.» «Ich verstehe wirklich nicht, was bei Wasser den Unterschied macht», murmelt Courtney. Sie sitzt auf dem Rücksitz des Taxis zwischen McDermott und mir, und unter dem Nerz trägt sie einen Hosenanzug aus Wollköper von Givenchy, Strumpfhosen von Cal- vin Klein und Schuhe von Warren Susan Allen Edmonds. Früher, im selben Taxi, als ich anzüglich den Nerz befühlt habe, wenn auch mit keiner anderen Absicht, als seine Qualität zu prüfen, und sie es spürte, hat mich Courtney leise gefragt, ob ich ein Pfefferminz habe. Ich sagte nichts. «Was meinst du?» fragt McDermott ernst. «Na ja», sagt sie, «Ich meine, was ist zum Beispiel der eigentliche, Unterschied zwischen Quellwasser und Mineralwasser, ich meine, gibt es überhaupt einen?» «Courtney. Mineralwasser ist jedes Wasser aus einer unterirdi- schen Quelle», seufzt Craig, immer noch aus dem Fenster starrend. «Der Mineralgehalt ist unverändert, obwohl das Wasser eventuell desinfiziert oder gefiltert ist.» McDermott trägt einen Smoking aus reiner Wolle mit fallendem Revers von Gianni Versace und stinkt nach Xeryus. Einen Moment überwinde ich meine selbstgewählte Trägheit, um erklärend hinzuzusetzen: «Und bei Quellwasser können Mine- ralstoffe zugefügt oder entzogen werden, und es ist meist gefiltert, nicht aufbereitet.» Ich halte inne. «Fünfundsiebzig Prozent aller in Amerika abgefüllten Wasser sind übrigens Quellwasser.» Ich halte wieder inne, frage dann alle im Taxi: «Hat das jemand gewußt?» Eine lange, leere Pause folgt, und dann stellt Courtney noch eine Frage, obwohl sie diese nur halb ausspricht. «Der Unterschied zwi- schen destilliertem und gereinigtem Wasser ist …» Ich höre eigentlich kaum etwas von dieser Unterhaltung, ein- schließlich meiner eigenen Beiträge, weil ich über Möglichkeiten nachdenke, Bethanys Leiche loszuwerden, oder mich zumindest frage, ob ich sie noch ein oder zwei Tage länger in meinem Apart- ment behalten soll oder nicht. Wenn ich beschließe, sie heute nacht noch loszuwerden, kann ich das, was von ihr übrig ist, problemlos in einen Müllsack packen und auf dem Treppenabsatz stehen las- sen; oder ich kann mir die besondere Mühe machen, ihn auf die Straße zu schleppen und mit dem Rest des Mülls an den Straßen- rand zu stellen. Ich könnte ihn sogar in das Apartment in Hell’s Kitchen bringen und Kalk drüberkippen, eine Zigarre rauchen und, zusehen, wie er sich auflöst, während ich der Musik in meinem Walkman zuhöre, aber ich will die Männerkörper getrennt von den Frauenkörpern halten, außerdem wollte ich mir Bloodhungry an- sehen, das Video, das ich mir heute nachmittag ausgeliehen habe – der Werbetext lautete: «Manche Clowns bringen dich zum Lachen, aber Bobo bringt dich um und ißt dann deinen Körper» – und ein mitternächtlicher Ausflug nach Hell’s Kitchen läßt mir nicht ge- nug Zeit, selbst ohne einen kurzen Stop im Bellevue’s, um einen Happen zu essen. Bethanys Knochen und der größte Teil ihrer In- nereien werden wohl durch den Müllschacht im Flur vor meinem Apartment wandern und in der Verbrennungsanlage landen. Courtney, McDermott und ich haben gerade eine Morgan Stan- ley-Party verlassen, die am Seaport an der Spitze Manhattans in einem neuen Club namens Goldcard stattfand, der selbst wie eine mittlere Großstadt wirkte und wo mir Walter Rhodes über den Weg lief, ein überzeugter Kanadier, den ich seit Exeter nicht gese- hen habe und der wie McDermott auch nach Xeryus stank, und ich sagte ihm tatsächlich: «Hör mal, ich versuche, mich von Menschen fernzuhalten. Ich vermeide sogar, mit ihnen zu sprechen», und bat ihn dann, mich zu entschuldigen. Nur leicht verblüfft sagte Wal- ter: «Ehm, sicher, ich, ehm, verstehe.» Ich trage einen doppelreihi- gen Sechsknopf-Smoking aus Wollcrepe mit Bundfaltenhose und einer Fliege aus Seidenrips, alles von Valentino. Luis Carruthers ist für eine Woche in Atlanta. Im Goldcard habe ich mit Herbert Gittes eine Line Koks gesnieft, und ehe McDermott dieses Taxi an- hielt, um zu Nell’s zu fahren, habe ich eine Halcion genommen, um die Koksnervosität zu dämpfen, aber bis jetzt wirkt sie noch nicht. Courtney scheint auf McDermott zu stehen, und da ihre, Chembanc-Karte heute nicht funktioniert hat, zumindest nicht an dem Geldautomaten, an dem wir es versuchten (der Grund ist, daß sie zu oft Koks damit schneidet, obwohl sie das niemals zugeben würde; Kokainrückstände haben mir auch schon mehr als einmal die Karte versaut), und McDermotts funktionierte, verschmähte sie meine zugunsten seiner, was, wenn man Courtney kennt, nur bedeuten kann, daß sie McDermott ficken will. Aber was macht das schon. Obwohl ich hübscher bin als Craig, sehen wir beide ziemlich ähnlich aus. Sprechende Tiere waren heute das Thema der morgendlichen Patty Winters Show. Ein Krake schwamm in ei- nem provisorischen Aquarium, hielt ein Mikrophon in einem sei- ner Fangarme und bat – so versicherte zumindest sein «Trainer», der fest überzeugt ist, daß Mollusken Stimmbänder haben – um «Käse». Ich glotzte, vage gefesselt, bis mir die Tränen kamen. Ein als Hawaiianer verkleideter Penner durchwühlt eine Mülltonne an der dunklen Ecke der Eigth und Tenth. «Destilliertem oder gereinigtem Wasser», sagt McDermott, «sind die meisten Mineralstoffe entzogen. Das Wasser wird erhitzt, und der Dampf zu gereinigtem Wasser kondensiert.» «Wohingegen destilliertes Wasser einen schalen Geschmack hat und normalerweise nicht zum Trinken gedacht ist.» Ich stelle fest, daß ich gähne. «Und Mineralwasser?» fragt Courtney. «Das richtet sich nicht nach –» beginnen McDermott und ich aus einem Mund. «Nur zu», sage ich, wieder gähnend, womit ich Courtney eben- falls zum Gähnen bringe. «Nein, sag du», sagt er apathisch., «Es fällt nicht unters Lebensmittelgesetz», sage ich ihr. «Es ent- hält keinerlei chemische Zusätze, Salze, Süßstoffe oder Koffein.» «Und Sprudelwasser sprudelt wegen der Kohlensäure, stimmt’s?» fragt sie. «Ja.» Sowohl McDermott wie ich nicken und starren stur vor uns hin. «Das wußte ich», sagt sie zögernd, und am Klang ihrer Stimme kann ich ahnen, ohne hinzusehen, daß sie wahrscheinlich lächelt, während sie es sagt. «Aber kaufen sollte man nur natürlich sprudelndes Mineralwas- ser», warne ich. «Denn das bedeutet, daß die natürliche Quellkoh- lensäure schon bei der Gewinnung im Wasser enthalten ist.» «Club Soda und Selterswasser zum Beispiel sind künstlich mit Kohlensäure versetzt», erklärt McDermott. «Die Ausnahme ist White Rock-Selters», merke ich an, verblüfft über McDermotts lächerliche unentwegte Rechthaberei. «Ramlösa Mineralsprudel ist auch sehr gut.» Das Taxi will in die Fourteenth einbiegen, aber etwa vier oder fünf Wagen versuchen ebenfalls, rechts abzubiegen, also verpas- sen wir die grüne Ampel. Ich verfluche den Fahrer, aber ein alter Motown-Song aus den Sechzigern, vielleicht die Supremes, läuft dumpf da vorne, der Sound ist blockiert von der Fiberglas-Trenn- scheibe. Ich versuche sie zu öffnen, aber sie ist geschlossen und läßt sich nicht zur Seite schieben. Courtney fragt: «Was sollte man nach der Gymnastik trinken?» «Nun», seufze ich. «Was immer es ist, es sollte sehr kalt sein.» «Warum?» fragt sie. «Weil es dann schneller vom Körper aufgenommen wird als bei, Zimmertemperatur.» Abwesend sehe ich auf meine Rolex. «Wasser ist vielleicht am besten. Evian. Aber nicht in Plastik.» «Mein Trainer meint, Gatorade wäre okay», kontert McDer- mott. «Aber meinst du nicht auch, daß Wasser verlorene Körperflüs- sigkeit am besten ersetzt, da keine andere Flüssigkeit vom Blut- kreislauf so schnell aufgenommen wird?» Ich kann nicht anders, als «Kumpel?» hinzuzufügen. Wieder sehe ich auf die Uhr. Wenn ich bei Nell’s einen J&B mit Eis nehme, kann ich rechtzeitig zu Hause sein, um bis zwei Blood- hungry noch ganz zu sehen. Wieder wird es still im Taxi, das sich zielstrebig auf die Menge vor dem Club zubewegt, die Limousinen setzen Passagiere ab und fahren dann weiter, jeder von uns kon- zentriert sich auf diesen Vorgang, und auch auf den Himmel über der Stadt, der schwer wirkt von drohenden dunklen Wolken. Die Limousinen hupen einander unablässig an, ohne Ergebnis. Mein Hals ist pelzig vom Koks, den ich mit Gittes genommen habe, und ich schlucke und versuche, ihn anzufeuchten. Plakate für einen Ausverkauf bei Crabtree & Evelyn säumen die brettervernagel- ten Fenster verlassener Betonklötze auf der anderen Straßenseite. Buchstabier «Mogul», Bateman. Wie schreibt man Mogul? M-o-g- u-l. Mo-gul. Mog-ul. Oger, Geister, Eis – «Ich mag Evian nicht», sagt McDermott irgendwie traurig. «Evian ist zu süß.» Er schaut so bedrückt bei diesem Geständnis, daß ich mitfühlend zustimme. Als ich durch die Dunkelheit des Taxis zu ihm hinüberschaue und mir bewußtmache, daß er heute abend wahrscheinlich mit Courtney ins Bett geht, empfinde ich urplötzlich eine mitleidige, Regung für ihn. «Ja, McDermott», sage ich langsam. «Evian ist zu süß.» Früher am Abend war soviel von Bethanys Blut auf dem Fuß- boden zusammengeflossen, daß ich mein Spiegelbild darin sehen konnte, während ich nach einem meiner drahtlosen Telefone griff, und ich sah mir selbst zu, wie ich einen Friseurtermin bei Gio’s ausmachte. Courtney reißt mich aus meiner Trance, als sie gesteht: «Beim ersten Mal hatte ich Angst, San Pellegrino zu trinken.» Sie sieht nervös zu mir herüber, als erwarte sie – was, meine Zustim- mung? – und dann zu McDermott, der ihr ein mattes, nervöses Lächeln schenkt. «Aber als ich es erst mal probiert hatte, war es … prima.» «Wie wagemutig», murmele ich und gähne wieder, während das Taxi in Zentimeterschritten auf Nell’s zuschleicht, dann, mit erho- bener Stimme: «Hört mal, kennt einer von euch irgendein Gerät, daß man ans Telefon hängen kann, um so ein Zeichen für Call-wai- ting zu simulieren?» Wieder bei mir zu Hause stehe ich über Bethanys Leiche, nippe sinnend an einem Drink und begutachte ihren Zustand. Beide Au- genlider sind halbgeöffnet, und ihre untere Zahnreihe sieht aus, als würde sie herausragen, weil ihre Lippen abgerissen – beziehungs- weise abgebissen – sind. Heute vormittag habe ich ihren linken Arm abgesägt, woran sie dann schließlich starb, und jetzt hebe ich ihn gerade auf, halte ihn an dem Knochen, der dort hervorragt, wo eigentlich ihre Hand sein müßte (keine Ahnung, wo sie jetzt steckt: im Kühlschrank? Im Schrank?), packe ihn mit der Faust wie ein Rohr, er hängt immer noch voll Fleisch und Muskeln, obwohl das meiste davon abgehackt oder abgekaut ist, und schlage ihr damit, über den Schädel. Es sind nur wenige Schläge nötig, höchstens fünf oder sechs, um ihren Kiefer völlig zu zertrümmern, und nur zwei weitere, bis ihr Gesicht in sich zusammenfällt.,

Whitney Houston

1985 eroberte Whitney Houston die Musikszene mit ihrem gleich- namigen Album, das vier Nummer-Eins-Hits enthielt, darunter «The Greatest Love of All», «You Give Good Love» und «Saving All My Love for You», und außerdem einen Grammy für die beste Popsängerin und zwei American Music Awards gewann, einen für die beste Rhythm & Blues-Single und einen weiteren für das beste Rhythm & Blues-Video. Daneben wurde sie von Billboard und Rol- ling Stone zum Newcomer des Jahres gekürt. Bei all diesem Hype hätte man erwarten können, daß sich das Album als enttäuschende, farblose Angelegenheit erweisen würde, aber die Überraschung ist, daß Whitney Houston (Arista) eine der wärmsten, komplexesten und rundum gelungensten Rhythm & Blues-Platten des Jahrzehnts ist und Whitney selbst eine Stimme hat, die jede Vorstellung über- steigt. An ihrem eleganten, wunderschönen Foto auf dem Album- cover (in einem Abendkleid von Giovanne De Maura) und seinem unerwartet sexy Gegenstück auf der Rückseite (in einem Badean- zug von Norma Kamali) erkennt man, daß dies nicht eine rein ge- schäftliche Beziehung bleiben wird; die Platte ist glatt und intensiv zugleich, und Whitneys Stimme sprengt so viele Grenzen und ist so vielseitig (obwohl sie in erster Linie Jazzsängerin bleibt), daß es schwerfällt, das Album beim ersten Hören ganz zu erfassen. Doch das wird auch niemand wünschen. Man will sich Zeit dafür lassen, viel Zeit. Es beginnt mit «You Give Good Love» und «Thinking About You», beide produziert und arrangiert von Kashif, und sie ver-, strömen warme, luxuriöse Jazzarrangements, aber mit einem zeit- genössischen Synthesizer-Beat und obwohl beides wirklich gute Songs sind, kommt das Album nicht richtig in Schwung bis zu «So- meone for Me» – produziert von Jermaine Jackson –, wo Whitney sehnsuchtsvoll gegen einen Disco-Jazz-Background ansingt, und der Kontrast zwischen ihrer Sehnsucht und der Spritzigkeit des Songs sehr anrührend ist. Die Ballade «Saving All My Love for You» ist der sexyste, romantischste Song des Albums. Dazu gehört ein mörderisches Saxophonsolo von Tom Scott, und man kann Ein- flüsse der Girl Groups der Sechziger heraushören (Gerry Goffin ist Co-Autor), wenn auch die Girl Groups der Sechziger nie so gefühl- voll und sexy waren (oder so gekonnt produziert) wie dieser Song. «Nobody Loves Me Like You Do» ist ein grandioses Duett mit Jer- maine Jackson (der es auch produziert hat), und nur ein Beispiel dafür, wieviel das Album auch textlich zu bieten hat. Das Letzte, woran dieses Album krankt, ist ein Mangel an anspruchsvollen Texten, wie es normalerweise der Fall ist, wenn Sänger ihr Material nicht selbst schreiben, sondern sich von ihren Produzenten beraten lassen. Aber Whitney und Co haben hier gut gewählt. Die Dance-Single «How Will I Know» (mein Tip für den besten Dance-Song der Achtziger) ist eine fröhliche Ode an die Liebes- qualen eines Mädchens, das nicht weiß, ob ein Junge sich für sie in- teressiert. Sie hat ein großartiges Keyboard-Riff und ist der einzige Track auf dem Album, der vom Produzenten-Wunderkind Narada Michael Walden produziert wurde. Meine persönliche Lieblings- ballade (neben «The Greatest Love of All» – ihre persönliche Best- leistung) ist «All at Once», die davon handelt, daß eine junge Frau ganz plötzlich feststellt, daß ihr der Geliebte entgleitet, und sie ist, von umwerfenden Streicherarrangements begleitet. Obwohl nichts auf dem Album wie Füllmaterial klingt, ist «Take Good Care of My Heart», ein weiteres Duett mit Jermaine Jackson, der einzige Track des Albums, der dem gefährlich nahe kommt. Das Problem ist, daß er von den Jazz-Roots des Albums abweicht und sich zu sehr an Dancemusic der Achtziger zu orientieren scheint. Aber Whitneys Talent erstrahlt um so heller bei dem überwäl- tigenden «The Greatest Love of All», einem der besten, stärksten Songs, die je über Selbsterhaltungstrieb und Seelengröße geschrie- ben wurden. Von der ersten Zeile (Michael Masser und Linda Creed zeichnen hier als Songschreiber) bis zur letzten eine maß- stabsetzende Ballade über den Glauben an sich selbst. Es ist ein aus- drucksstarkes Statement und eines, das Whitney mit einer Gran- dezza singt, die ans Sublime grenzt. Seine universelle Botschaft überschreitet alle Grenzen und erfüllt uns mit Hoffnung, daß es nicht zu spät für uns ist, uns zum Besseren zu wenden, sanftmüti- ger zu werden. Da es in einer Welt wie der unseren unmöglich ist, Mitgefühl mit anderen zu empfinden, haben wir immer noch uns zu bemitleiden. Es ist eine wichtige Botschaft, elementar sogar, und wunderschön ausgedrückt auf diesem Album. Ihr zweiter Wurf, Whitney (Arista, 1987), hatte vier Nummer- Eins-Singles, «I Wanna Dance with Somebody», «So Emotional», «Didn’t We Almost Have It All?» und «Where Do Broken Hearts Go?» und wurde von Narada Michael Walden produziert, und obwohl das Ergebnis nicht an das überragende Whitney Houston heranreicht, ist es alles andere als ein lauer Abklatsch. Es beginnt mit dem federnden, tanzbaren «I Wanna Dance with Somebody (Who Loves Me)», das der Linie des unwiderstehlichen «How Will, I Know» vom letzten Album folgt. Darauf folgt das sensible «Just the Lonely Talking Again», und es spiegelt die ernstzunehmenden Jazz-Einflüsse, die das erste Album durchzogen, und auch eine neuerworbene künstlerische Reife ist Whitneys Stimme anzumer- ken – alle Vokalarrangements des Albums hat sie selbst geschrieben –, ganz besonders deutlich wird das auf «Love Will Save the Day», Whitneys bisher ambitioniertestem Song. Jellybean Benitez hat ihn produziert, und er pulsiert vor Uptempo-Intensität und reflektiert, wie viele Songs dieses Albums, eine erwachsene Sicht auf die Welt, in der wir alle leben. Sie singt, und wir glauben ihr. Ein ziemlicher Schritt von dem sanfteren Kleinmädchenimage, das ihr erstes Al- bum so anziehend machte. Ein noch erwachseneres Image entfaltet sie auf dem von Michael Masser produzierten «Didn’t We Almost Have It All», einem Song über ein Treffen mit einem längst verflossenen Liebhaber, bei dem man ihm gründlich die Meinung über die vergangene Affäre sagt, und hier sehen wir Whitney auf dem Höhepunkt ihrer poetischen Kraft. Und wie die meisten Balladen hat auch diese ein herrliches Streicherarrangement. «So Emotional» liegt auf derselben Linie wie «How Will I Know» und «I Wanna Dance with Somebody», ist aber noch rockorientierter und, wie alle Songs auf Whitney, gespielt von einer phantastischen Studioband mit Narada an der Drummachine, Wolter Afanasieff an Synthesizer und Synth Bass, Corrado Rustici an der Synth Guitar und jemand, der sich Bongo Bob nennt und für Percussion-Programming und Drum-Samp- ling verantwortlich zeichnet. «Where You Are» ist der einzige von Kashif produzierte Song des Albums, und es trägt seinen unaus- löschlich professionellen Stempel – es hat einen sanften, funkeln-, den Sound und Schimmer mit einem funky Sax-Solo von Vincent Henry. Für mich klang es wie eine Hitsingle, und ich kann mich nur wundern, daß es nicht ausgekoppelt wurde. «Love Is a Contact Sport» ist die echte Überraschung des Al- bums – eine großformatige, kraftvolle, sexy Nummer die, was die Produktion angeht, das Kernstück des Albums ist, und neben dem guten Beat fantastische Lyrics hat. Einer meiner Favoriten. Auf «You’re Still My Man» kann man hören, wie selbstverständ- lich Whitney ihre Stimme als Instrument einsetzt – eine makellose, warme Maschine, die fast das Sentiment der Musik überrundet, aber die Texte und die Melodien sind zu eindringlich, zu stark, um gegen einen Sänger zu verblassen, selbst gegen eine Sängerin von Whitneys Kaliber. «For the Love of You» glänzt mit Naradas’ bril- lanten Fähigkeiten als Drum-Programmierer, und sein modernes Jazzfeeling geht nicht nur auf bewährte Kräfte des modernen Jazz wie Michael Jackson und Sade zurück, sondern auch auf andere Künstler wie Miles Davis, Paul Butterfield und Bobby McFerrin. «Where Do Broken Hearts Go» ist die kraftvollste Beschreibung verlorener Unschuld und des Versuchs, wieder in die Sicherheit der Kindheit zu finden. Ihre Stimme ist so lieblich und kontrolliert wie je und führt uns zu «I Know Him So Well», dem bewegendsten Mo- ment der Platte, weil es an erster und wichtigster Stelle ein Duett mit ihrer Mutter, Cissy, ist. Es ist eine Ballade über … wen? – einen gemeinsamen Lover? einen längst hingegangenen Vater? – mit ei- ner Mischung aus Sehnsucht, Bedauern, Zielstrebigkeit und Schön- heit, die das Album in einer anmutigen, perfekten Note ausklingen läßt. Von Whitney ist noch großes zu erwarten (mit «One Moment in Time» leistete sie einen unvergeßlichen Beitrag zu den Olympi-, schen Spielen 1988), doch selbst, wenn es nicht so wäre, bliebe sie jetzt schon die aufregendste und unverfälschteste schwarze Jazz- stimme ihrer Generation.,

Dinner mit Sekretärin

Montag abend acht Uhr. Ich bin in meinem Büro und versuche mich am New York Times-Kreuzworträtsel vom Sonntag, höre Rap- musik auf der Stereoanlage, versuche die Gründe für ihre Popula- rität zu ergründen, weil ein kleiner blonder Hardbody, den ich vor zwei Tagen im Au Bar kennengelernt habe, mir erzählt hat, daß er nichts anderes hört als Rap, und obwohl ich ihm später in irgend jemandes Apartment im Dakota die Scheiße aus dem Leib prügelte (ich hätte sie fast geköpft; kein besonders neuartiges Erlebnis für mich), war mir heute morgen sein Musikgeschmack wieder in den Sinn gekommen, und ich mußte bei Tower Records an der Upper West Side haltmachen und Rap-CDs im Wert von 90 Dollar kau- fen, aber wie erwartet, habe ich ein schlechtes Geschäft gemacht: Niggerstimmen, die häßliche Wörter wie digit, pudding, chunk her- vorstoßen. Jean sitzt an ihrem Schreibtisch, auf dem sich Akten sta- peln, die ich ihr zum Durcharbeiten gegeben habe. Der Tag heute war nicht schlecht: vor dem Büro habe ich zwei Stunden trainiert; das neue Restaurant von Robinson Hirsch, Finnia, hat in Chelsea aufgemacht; Evelyn hat zwei Nachrichten auf meinem Anrufbeant- worter hinterlassen und eine weitere bei Jean, um mich wissen zu lassen, daß sie fast die ganze Woche in Boston sein wird; und das beste von allem war die Patty Winters Show, die heute morgen zwei Teile hatte. Der erste war ein Exklusivinterview mit Donald Trump, der zweite ein Bericht über mißhandelte Frauen. Zum Dinner soll ich mich mit Madison Grey und David Campion im Café Lux- embourg treffen, aber um acht Uhr dreißig erfahre ich, daß Luis, Carruthers mit uns essen wird, also rufe ich Campion, das däm- liche Arschloch, an und sage ab, überlege dann minutenlang hin und her, was ich mit dem Rest des Abends anfangen soll. Als ich aus dem Fenster schaue, fällt mir auf, daß der Himmel über dieser Stadt in wenigen Minuten völlig dunkel sein wird. Jean linst in mein Büro und klopft vorsichtig an die halboffene Tür. Ich gebe vor, ihre Anwesenheit nicht zu bemerken, obwohl ich nicht weiß, warum, da ich doch irgendwie einsam bin. Sie kommt an den Schreibtisch. Mit den Wayfarers auf der Nase starre ich noch immer erstaunt auf mein Kreuzworträtsel, aber ohne beson- deren Grund. Sie legt eine Akte auf den Schreibtisch, ehe sie fragt: «Machen Sie’s Kreuzworträtsel?», dabei das «das» halb verschluckend – eine bemitleidenswerte Geste der Intimität, ein irritierender Versuch gezwungener Freundschaftlichkeit. Innerlich würgend nicke ich, ohne zu ihr aufzuschauen. «Brauchen Sie Hilfe?» fragt sie, arbeitet sich vorsichtig um den Schreibtisch herum zu meinem Stuhl und lehnt sich über meine Schulter, um ihre Mitarbeit anzubieten. Ich habe bereits sämtliche freien Felder mit Fleisch oder Knochen ausgefüllt, ihr entfährt nur ein unhörbares Japsen, als sie es bemerkt, und als sie den Haufen Nr.-2-Bleistifte auf meinem Schreibtisch herumliegen sieht, die ich mitten durchgebrochen habe, sammelt sie sie pflichtbewußt ein und verläßt den Raum. «Jean?» rufe ich. «Ja, Patrick?» Mit schlecht verhohlenem Eifer kommt sie wieder ins Zimmer. «Möchten Sie mir beim Dinner Gesellschaft leisten?» frage ich,, starre immer noch aufs Kreuzworträtsel und radiere behutsam das «F» in einem der vielen Fleischs aus, mit denen ich das Rätsel auf- gefüllt habe. «Das heißt, falls Sie nichts … anderes vorhaben.» «O nein», antwortet sie zu schnell, dann merkt sie wohl ihren Übereifer und sagt: «Ich habe keine Pläne.» «Na, wenn das kein Zufall ist», frage ich, schaue auf und senke meine Wayfarers. Sie lacht leichtfertig, aber es klingt etwas Flehendes mit, etwas Beklemmendes, und das trägt nicht gerade dazu bei, daß ich mich weniger schlecht fühle. «Denke schon», sagt sie unentschlossen. «Ich habe auch Karten für ein … ein Milla-Vanilla-Konzert, falls Sie da hingehen möchten», sage ich beiläufig. Verwirrt fragt sie: «Wirklich? Wer?» «Milla … Vanilla», wiederhole ich langsam. «Milla … Vanilla?» fragt sie unbehaglich. «Milla … Vanilla», sage ich. «Ich glaube, so heißen sie.» Sie sagt: «Ich bin mir nicht sicher.» «Ob Sie hingehen möchten?» «Nein … wegen des Namens.» Sie konzentriert sich, sagt dann: «Ich glaube, sie heißen … Milli Vanilli.» Ich zögere lange, ehe ich sage: «Oh.» Sie steht da, nickt einmal. «Macht auch nichts», sage ich – ich habe sowieso keine Karten dafür. «Es ist noch Monate hin.» «Oh», sagt sie und nickt wieder. «Okay.» «Und wo sollen wir hingehen?» Ich lehne mich zurück und ziehe den Zagat aus der obersten Schreibtischschublade., Sie zögert, unsicher, was sie sagen soll, fürchtet, meine Frage könnte ein Test sein, den sie bestehen muß, und unschlüssig, ob sie die richtige Antwort getroffen hat, versucht sie es schließlich mit: «Wo Sie hingehen wollen?» «Nein, nein, nein.» Ich lächle, während ich in dem Führer blät- tere. «Wie wär’s, wenn wir hingehen, wo Sie hinwollen?» «O Patrick», seufzt sie. «Ich kann das nicht entscheiden.» «Nein, kommen Sie schon», dränge ich. «Wo immer Sie hin- wollen.» «Nein, ich kann nicht.» Hilflos seufzt sie wieder. «Ich weiß nicht.» «Kommen Sie schon», dränge ich sie, «wo wollen Sie hin? Wir gehen überallhin, wo Sie wollen. Sie brauchen es nur zu sagen. Ich kann uns überall reinbringen.» Sie denkt lange darüber nach, und als sie merkt, daß ihre Zeit abläuft, fragt sie scheu, ein Versuch, Eindruck zu schinden: «Wie wär’s mit dem … Dorsia?» Ich höre auf, den Zagat zu durchblättern, und ohne aufzusehen, das Lächeln eingefroren, während mein Magen sich umdreht, frage ich mich still, will ich wirklich nein sagen? Will ich wirklich sagen, daß ich keine Möglichkeit sehe, uns da reinzubringen? Kann ich das wirklich? Will ich das wirklich? «Soooo», sage ich und lege das Buch beiseite, um es dann nervös wieder in die Hand zu nehmen und die Nummer zu suchen. «Jean will ins Dorsia …» «Oh, ich weiß nicht», sagt sie verstört. «Nein, wir gehen hin, wo Sie hinwollen.» «Das Dorsia ist … gerade richtig», sage ich beiläufig, nehme den, Telefonhörer in die Hand und wähle sehr schnell mit zitternden Fingern die sieben gefürchteten Nummern, während ich versuche, cool zu bleiben. Anstelle des Besetztzeichens, das ich erwarte, klin- gelt das Telefon tatsächlich im Dorsia, und nach zwei Klingelzei- chen meldet sich dieselbe entnervte Stimme, an die ich mich in den letzten drei Monaten gewöhnt habe, und brüllt «Dorsia, ja?», der Raum hinter der Stimme ist ein ohrenbetäubendes Gebrumm. «Ja, haben Sie noch Platz für zwei heute abend, in, sagen wir, zwanzig Minuten?» frage ich, sehe auf meine Rolex und zwinkere Jean zu. Sie scheint beeindruckt. «Wir sind völlig ausgebucht», brüllt der Maître d’ selbstgefällig. «Ach wirklich?» sage ich und versuche zufrieden auszusehen, obwohl ich mich fühle, als müßte ich kotzen. «Na wunderbar!» «Ich sagte, wir sind voll besetzt», schreit er. «Zwei um neun?» sage ich. «Perfekt.» «Es gibt heute abend keine Tische mehr», dröhnt der unerschüt- terliche Maître d’. «Die Warteliste ist auch randvoll.» Er legt auf. «Bis dann.» Ich lege ebenfalls auf, und während ich lächle, als sei ich hoch erfreut über ihre Wahl, merke ich, wie mir die Luft weg- bleibt und sich sämtliche Muskeln in meinem Körper verkramp- fen. Jean trägt ein Kleid aus Wolljersey und Flanell von Calvin Klein, einen Krokoleder-Gürtel mit silberner Schnalle von Barry Kieselstein Cord, silberne Ohrringe und farblose Strumpfhosen, ebenfalls von Calvin Klein. Unsicher steht sie da vor dem Schreib- tisch. «Ja?» sage ich auf dem Weg zum Kleiderständer. «Ihr Kleid ist … ganz annehmbar.» Sie zögert. «Sie haben ihnen keinen Namen genannt», sagt sie, sanft. Ich lasse mir das durch den Kopf gehen, während ich mein Ar- mani Jackett anziehe und meinen Armani-Schlips neu binde, und sage ihr, ohne zu stottern: «Sie … kennen mich.» Während der Maître d’ ein Paar an den Tisch führt, in dem ich mit ziemlicher Sicherheit Kate Spencer und Jason Lauder zu er- kennen glaube, nähern sich Jean und ich seinem Pult, auf dem das Reservierungsbuch offen daliegt, mit absurd leserlichen Namen, und ich lehne mich hinüber und finde im Überfliegen den einzigen Namen für zwei um neun, der nicht durchgestrichen ist und aus- gerechnet – Jesus – Schrawtz lautet. Ich seufze, tapse mit dem Fuß, und während mein Hirn rasend arbeitet, versuche ich, mir einen brauchbaren Plan zurechtzulegen. Ich drehe mich abrupt zu Jean um und sage: «Warum gehen Sie nicht in den Waschraum?» Sie sieht sich im Restaurant um, läßt es auf sich wirken. Chaos. Die Leute warten in Zehnerreihen vor der Bar. Der Ober führt das Paar zu einem Tisch in der Saalmitte. Sylvester Stallone mit Fick- fleisch sitzt in der vorderen Nische, in der Sean und ich vor nur wenigen Wochen gesessen hatten, sehr zu meinem angewiderten Erstaunen; seine Bodyguards sind in die Nische daneben gepfercht, und der Besitzer des Petty’s, Norman Prager, macht sich in der drit- ten breit. Jean dreht ihren Kopf zu mir und schreit «Was?» durch den Lärm. «Wollen Sie nicht in den Waschraum gehen?» frage ich. Der Maître d’ nähert sich, bahnt sich ohne ein Lächeln den Weg durchs überfüllte Restaurant. «Warum? Ich meine … will ich?» fragt sie, völlig verunsichert. «Gehen Sie einfach», zische ich und drücke verzweifelnd ihren, Arm. «Aber ich muß gar nicht, Patrick», protestiert sie. «Jesus Christus», murmele ich. Jetzt ist es sowieso zu spät. Der Maître d’ schreitet zum Podium und zieht das Buch zu Rate, nimmt einen Anruf entgegen, hängt nach wenigen Sekunden ein, mustert uns dann ohne übertriebenes Mißfallen. Der Maître d’ ist mindes- tens vierzig und hat einen Pferdeschwanz. Ich räuspere mich zwei- mal, um mir seine volle Aufmerksamkeit zu sichern, versuche eine Art halbherzigen Augenkontakt. «Ja?» fragt er wie unangenehm belästigt. Ich vermittle ihm einen gediegenen Eindruck, ehe ich innerlich aufseufze. «Ich habe einen Tisch für neun bestellt …» würge ich. «Für zwei.» «Jaaa?» fragt er mißtrauisch und dehnt das Wort. «Name?» sagt er, wendet sich dann an einen vorbeikommenden Kellner, acht- zehn und modelhaft gutaussehend, der gefragt hat: «Wo isses Eis?» Er starrt ihn an, bis der Kellner zu Boden schaut, und schreit: «Nicht … jetzt. Okay? Wie oft muß man dir das sagen?» Der Kell- ner zuckt ergeben die Achseln, und der Maître d’ zeigt mit dem Finger auf die Bar: «Es Eis is da drüben!» Er wendet sich wieder an uns, und ich bin zutiefst verängstigt. «Name», kommandiert er. Und ich denke: von allen Scheiß-Namen, warum der? «Ehm Schrawtz» – oh Gott – «Mr. und Mrs. Schrawtz.» Ich bin sicher, mein Gesicht ist aschfahl, und ich leiere tonlos den Namen, aber der Maître d’ ist zu beschäftigt, um es mir nicht abzukaufen, und ich mache mir nicht mal die Mühe, Jean anzusehen, die mein Auf- tritt sicher völlig verstört hat, während wir zum Tisch der Schrawt-, zes geführt werden, der wahrscheinlich unter aller Sau ist, obwohl ich trotzdem erleichtert bin. Auf dem Tisch liegen schon Speisekarten, aber ich bin so nervös, daß mir die Worte und selbst die Preise wie Hieroglyphen erschei- nen, und ich bin völlig hilflos. Ein Kellner nimmt unsere Geträn- kebestellung auf – derselbe, der das Eis nicht finden konnte –, und ich ertappe mich dabei, daß ich, ohne auf Jean zu hören, Dinge wie «Der Schutz der Ozonschicht ist wirklich eine Jahrhundertauf- gabe» sage und Häschenwitze erzähle. Ich lächle, das Lächeln klebt auf meinem Gesicht in einem fernen Land, und es dauert nicht lange – nur Minuten tatsächlich, dem Kellner bleibt nicht mal die Zeit, uns die Tagesgerichte zu empfehlen –, ehe ich das hochge- wachsene, gutaussehende Paar bemerke, das am Empfang mit dem Maître d’ konferiert, und nach einem tiefen Seufzer, benebelt, mit schwankender Stimme, bemerke ich zu Jean: «Jetzt wird’s bitter.» Sie schaut von der Karte auf und stellt den eislosen Drink ab, an dem sie genippt hat. «Warum? Was ist los?» Der Maître d’ fixiert uns, mich, drohend über den Raum hinweg, während er das Paar an unseren Tisch führt. Wäre das Paar kurz und pummelig gewesen und übertrieben jüdisch, hätte ich diesen Tisch verteidigen können, selbst ohne den Einsatz einen Fünfzi- gers, aber dieses Paar sieht aus wie einer Ralph-Lauren-Anzeige entsprungen, und obwohl Jean und ich genauso aussehen (und mit uns das ganze gottverdammte Restaurant), trägt der Mann einen Smoking und das Mädchen – total fickbare Braut – ist mit Juwelen behängt. Das ist die Wirklichkeit, und, wie mein verhaß- ter Bruder Sean sagen würde, damit muß man leben können. Der Maître d’ steht jetzt am Tisch, die Hände hinter dem Rücken ver-, schränkt, wenig amüsiert, und fragt nach einer langen Pause, «Mr. und Mrs. … Schrawtz?» «Ja?» Ich gebe mich gelassen. Er fixiert mich nur. Begleitet von abnormem Schweigen. Sein Pferdeschwanz, grau und ölig, hängt über seinen Kragen wie eine bösartige Wucherung. «Wissen Sie», sage ich einigermaßen weltmännisch, «ich kenne zufällig den Chefkoch.» Er starrt mich weiter an. Zweifellos auch das Paar hinter ihm. Nach einer langen Pause frage ich ohne bestimmten Grund: «Ist er … in Aspen?» Das führt zu nichts. Ich seufze und drehe mich zu Jean um, der alles ein einziges Rätsel ist. «Gehen wir, okay?» Sie nickt stumpf. Gedemütigt nehme ich Jeans Hand, und wir stehen auf – sie lang- samer als ich –, drängen uns am Maître d’ und dem Paar vorbei, bahnen uns einen Weg durch das überfüllte Restaurant, und dann sind wir draußen, und ich bin völlig am Boden zerstört und stam- mele mechanisch vor mich hin: «Ich hätte es wissen müssen, ich hätte es wissen müssen, ich hätte», aber Jean hüpft lachend die Straße hinunter, zieht mich hinter sich her, und als mir ihr uner- warteter Frohsinn schließlich auffällt, stößt sie unter Kichern her- vor: «Das war so lustig», drückt meine zur Faust geballte Hand und läßt mich wissen: «Ihr Humor ist so spontan.» Den Schock noch in den Knochen, steif an ihrer Seite marschierend, ohne ihr Be- achtung zu schenken, frage ich mich: «Wo … hin … jetzt?» und komme in Sekundenschnelle zu einem Entschluß – Arcadia –, in dessen Richtung ich uns unwillkürlich dirigiere. Nachdem mich jemand, den ich für Hamilton Conway halte,, mit jemand namens Ted Owen verwechselt hat und mich fragt, ob ich ihn heute abend bei Petty’s einschleusen kann – ich sage ihm: «Mal sehen, was sich machen läßt», und widme dann das, was von meiner Aufmerksamkeit noch übrig ist, Jean, die mir gegenüber im halbleeren Speisesaal des Arcadia sitzt – und wieder gegangen ist, sind nur noch fünf der Restauranttische besetzt. Jean nippt an einem Glas Weißwein und redet darüber, daß sie eigentlich da- von träumt, «ins Emissionsgeschäft einzusteigen», und ich denke: Träume kosten nichts. Jemand anderes, Frederick Dibble, bleibt bei uns stehen, gratuliert mir zum Larson-Account und hat dann die Stirn zu sagen: «Wir sprechen uns später, Saul.» Aber ich bin ganz benommen, Millionen Meilen weit weg, und Jean fällt nichts auf; sie redet von dem neuen Roman eines jungen Autors, den sie gele- sen hat – das Cover, wie ich gesehen habe, neonschreiend und das Thema hochtrabendes Leiden. Versehentlich denke ich, sie würde von etwas anderem sprechen, und ohne sie direkt anzusehen, höre ich mich sagen: «Man muß verdammt zäh sein, um in dieser Stadt zu überleben.» Sie wird rot, scheint verlegen und nimmt noch ei- nen Schluck vom Wein, einem schönen weißen Sauvignon. «Sie wirken abwesend», sagt sie. «Was?» frage ich blinzelnd. «Ich sagte, Sie wirken abwesend», sagt sie. «Nein», seufze ich. «Ich bin ganz mein altes sonniges Selbst.» «Das ist schön.» Sie lächelt – träume ich? – erleichtert. «Sagen Sie mal», sage ich, ein Versuch, auf sie einzugehen, «was möchten Sie wirklich aus Ihrem Leben machen?» Dann erinnere ich mich an ihr Gefasel über eine Karriere im Emissionsgeschäft und setze hinzu: «Nur eine kurze, na ja, Zusammenfassung.» Dann, füge ich noch an: «Und erzählen Sie mir nicht, daß Sie gerne mit Kindern arbeiten, okay?» «Tja, ich würde gerne reisen», sagt sie. «Und vielleicht wieder zur Schule gehen, aber ich weiß wirklich nicht …» Sie hält nach- denklich inne, verkündet dann ernsthaft: «Ich bin an einem Punkt im Leben, wo es so viele Möglichkeiten zu geben scheint, aber ich bin so … ich weiß nicht … unsicher.» «Ich finde es auch wichtig, sich seiner Grenzen bewußt zu sein.» Dann frage ich, aus heiterem Himmel: «Haben Sie einen Freund?» Sie lächelt scheu, errötet, und sagt dann: «Nein. Nicht richtig.» «Interessant», murmele ich. Ich habe die Karte aufgeschlagen und studiere das heutige Festpreis-Menü. «Gehen Sie mit irgendwem?» wagt sie sich zaghaft vor. «Ich meine, was Ernstes?» Ich entscheide mich für den Pilotfisch mit Tulpen und Zimt, weiche der Frage durch den Seufzer «Ich will nur eine ernsthafte Beziehung mit jemand ganz Besonderem» aus, und frage sie, was sie bestellen will, ehe sie zu einer Antwort kommt. «Ich glaube, Mahi-Mahi», sagt sie, und dann, auf die Karte lin- send, «mit Ingwer.» «Ich nehme den Pilotfisch», sage ich. «Ich finde langsam Ge- schmack dran. An … Pilotfisch», sage ich nickend. Später, nach einem mittelmäßigen Dinner, einer Flasche teurem kalifornischem Cabernet Sauvignon und einer Crème Brûlée, die wir uns teilen, bestelle ich ein Glas 50-Dollar-Portwein, und Jean schlürft einen koffeinfreien Espresso. Und als sie mich fragt, woher das Restaurant seinen Namen hat, sage ich es ihr, und ich denke mir nichts Haarsträubendes aus – obwohl die Versuchung groß ist,, nur um zu sehen, ob sie es schlucken würde. Wie ich Jean jetzt in der Dunkelheit des Arcadia gegenübersitze, fällt es nicht schwer zu glauben, daß sie jede Art Desinformation schlucken würde, die ich ihr vorwerfe – hoffnungslos verknallt in mich, wie sie ist –, und diese Schutzlosigkeit wirkt auf mich seltsam unerotisch. Selbst wenn ich mich für Apartheid aussprechen würde, würde sie noch gute Gründe finden, meinen Standpunkt anzunehmen und große Summen in rassistische Konzerne invest – «Arkadien war im Altertum eine Landschaft des Peloponnes in Griechenland, die 370 vor Christus gegründet wurde, und sie war ganz von Bergen umgeben. Die größte Stadt war … Megalopolis, die auch das politische Zentrum war und die Hauptstadt des ar- kadischen Koinon …» Ich nippe an meinem Port, der dick, stark, teuer ist. «Während des griechischen Unabhängigkeitskrieges wurde sie zerstört …» Ich mache wieder eine Pause. «Pan wurde ursprünglich in Arkadien verehrt. Wissen Sie, wer Pan war?» Ohne den Blick von mir zu wenden, nickt sie. «Seine Feiern waren denen des Bacchus sehr ähnlich», erzähle ich ihr. «Nachts tollte er mit den Nymphen rum, aber am Tag … erschreckte er auch gerne Reisende … Daher das Wort Pan-ik.» Bla bla bla. Es amüsiert mich, daß ich dieses Wissen noch ge- speichert habe, und ich schaue von dem Port auf, in den ich ge- dankenverloren gestarrt hatte, und lächle sie an. Sie schweigt lange, verwirrt, unsicher, was sie entgegnen soll, aber schließlich schaut sie mir tief in die Augen und sagt stockend, über den Tisch gelehnt: «Das ist so … interessant», und das ist alles, was aus ihrem Mund kommt, alles, was sie zu sagen hat. Dreiundzwanzig Uhr vierunddreißig. Wir stehen auf dem Bür-, gersteig vor Jeans Apartment auf der Upper East Side. Der Portier beäugt uns wachsam aus der Lobby und erfüllt mich mit namen- loser Furcht, sein Blick durchbohrt mich. Ein Vorhang von Ster- nen, meilenweit, liegt verstreut, glühend, über dem Himmel, und ihre Vielzahl demütigt mich, was für mich schwer erträglich ist. Sie zuckt die Achseln und nickt, nachdem ich eine Bemerkung über verschiedene Formen von Anspannung gemacht habe. Es scheint, als hätte ihr Hirn ernsthafte Kommunikationsschwierigkeiten mit ihrem Mund, als suche sie nach einer rationalen Erklärung für das, was ich bin, was natürlich ein Ding der Unmöglichkeit ist: Da … kommt … sie … nie drauf. «Das Dinner war wundervoll», sagt sie. «Vielen vielen Dank.» «Eigentlich war das Essen eher mittel, aber trotzdem danke.» Ich zucke die Achseln. «Möchten Sie auf einen Drink mit raufkommen?» fragt sie zu beiläufig, und obwohl ich ihre Art fragwürdig finde, muß das nicht unbedingt heißen, daß ich nicht mit hochgehen will – aber etwas hält mich zurück, etwas dämpft meinen Blutdurst: der Portier? die Art, wie die Lobby beleuchtet ist? ihr Lippenstift? Außerdem glaube ich allmählich, daß Pornographie so viel unkomplizierter ist als echter Sex, und durch diesen Mangel an Komplikationen so viel befriedigender. «Haben Sie Peyote?» frage ich. Sie zögert verwirrt. «Was?» «Nur ein Witz», sage ich, dann: «Also, ich will noch David Let- terman sehen, deshalb …» Ich zögere ohne wirklichen Grund. «Ich sollte jetzt los.» «Sie können es …» Sie bricht ab, schlägt dann vor: «bei mir se-, hen.» Ich zögere, ehe ich frage, «Haben Sie Kabel?» «Ja.» Sie nickt. «Ich habe Kabel.» Ratlos zögere ich wieder, tue dann so, als würde ich unschlüssig. «Nein, ist schon gut. Ich sehe es lieber … ohne Kabel.» Sie schenkt mir einen traurig verdutzten Blick. «Was?» «Ich muß noch ein paar Videos zurückbringen», erkläre ich has- tig. Sie zögert. «Jetzt? Es ist» – sie schaut auf die Uhr – «fast Mitter- nacht.» «Aha, ja», sage ich ziemlich kühl. «Tja, ich denke … dann heißt es gute Nacht», sagt sie. Was mag Jean für Bücher lesen? Titel jagen mir durch den Kopf: Der erste Schritt: so lerne ich Männer kennen. Liebe wie am ersten Tag. Geschäftsabschluß: Heirat. In einem Jahr vor dem Altar. Ver- liebt-Verlobt-Verheiratet. In meiner Manteltasche ertaste ich das Kondometui aus Straußenleder von Luc Benoit, das ich letzte Wo- che gekauft habe, aber, nein, danke. Nach betretenem Händeschütteln fragt sie, immer noch meine Hand haltend: «Wirklich? Sie haben kein Kabel?» Und obwohl es keineswegs ein romantischer Abend war, um- armt sie mich und verströmt diesmal eine Wärme, die mir unge- wohnt ist. Ich bin es so gewohnt, mir alles, was geschieht, so vorzu- stellen, wie es in Filmen vorkommt, erwarte, daß alles sich irgend- wie zu Leinwandgeschehen ordnet, daß ich das Anschwellen des Orchesters fast hören kann, fast den Kameraschwenk von unten vor mir sehe, über uns Feuerwerk in Zeitlupe, die Siebzig-Millime- ter-Großaufnahme ihrer sich öffnenden Lippen und das anschlie-, ßend gehauchte «Ich will dich» in Dolby-Stereo. Aber meine Um- armung ist erstarrt, und ich spüre, zuerst entfernt und dann mit größerer Klarheit, wie der Sturm, der in mir wütet, abflaut, und sie küßt mich auf die Lippen, und das stößt mich zurück in eine Art Wirklichkeit, und ich schiebe sie sanft von mir. Sie schaut furcht- sam zu mir auf. «Hören Sie, ich muß los», sage ich mit einem Blick auf meine Rolex. «Ich will … die dämlichen Tierkunststückchen nicht ver- passen.» «Okay», sagt sie und sammelt sich. «Tschüs.» «Nacht», sage ich. Wir beide gehen los in unsere verschiedenen Richtungen, aber plötzlich ruft sie etwas. Ich drehe mich um. «Vergessen Sie nicht, daß Sie ein Frühstücks-Meeting mit Frede- rick Bennet und Charles Rust im ‹21› haben», sagt sie von der Tür aus, die der Portier für sie aufhält. «Danke», rufe ich zurück und winke. «War mir total entfallen.» Sie winkt zurück und entschwindet in die Lobby. Auf meinem Weg zur Park Avenue, wo ich ein Taxi anhalten will, komme ich an einem häßlichen Penner vorbei – ein Vertreter der genetischen Unterklasse –, und als er leise um Kleingeld fleht, um «irgendwas», fällt mir die Barnes & Noble-Büchertüte auf, die ne- ben ihm auf den Stufen der Kirche steht, wo er bettelt, und ich kann mir nicht verkneifen, laut zu spotten: «Natürlich, als wenn du lesen würdest …», und dann, hinten im Taxi, auf dem Weg durch die Stadt zu meinem Apartment, sehe ich mich mit Jean an einem küh- len Frühlingsnachmittag durch den Central Park laufen, lachend,, händchenhaltend. Wir kaufen Ballons, wir lassen sie fliegen.,

Detective

Mai geht über in Juni, der in Juli übergeht, der langsam auf August zukriecht. Wegen der Hitze hatte ich in den letzten vier Nächten intensive Träume von Vivisektion, und jetzt tue ich gar nichts, ve- getiere im Büro vor mich hin, mit quälenden Kopfschmerzen und einem Walkman, in dem eine beruhigende Kenny-G-CD spielt, aber die gleißende Vormittagssonne durchflutet den Raum, schnei- det in meinen Kopf, läßt meinen Brummschädel pochen, und da- rum gibt es heute morgen kein Training. Während ich Musik höre, bemerke ich, daß das linke Lämpchen am Telefon aufblinkt, was bedeutet, daß Jean mich anklingelt. Ich seufze und setze vorsichtig den Walkman ab. «Was gibt’s?» frage ich tonlos. «Ehm, Patrick?» beginnt sie. «Jaaaa, Jean?» frage ich von oben herab, beide Worte dehnend. «Patrick, hier ist ein Mr. Donald Kimball, der Sie sprechen möchte», sagt sie nervös. «Wer?» schnappe ich entnervt. Ihr entfährt ein kleiner, besorgter Seufzer, dann senkt sie wie fra- gend die Stimme. «Detective Donald Kimball?» Ich zögere, starre aus dem Fenster auf den Himmel, dann auf meinen Bildschirm, dann auf die kopflose Frau, die ich auf die Rückseite der neuen Sports Illustrated gekritzelt habe, und ich fahre mit der Hand einmal, zweimal über das Hochglanzpapier des Magazins, ehe ich die Rückseite abreiße und zusammenknülle. Schließlich erkläre ich: «Sagen Sie ihm …» Dann breche ich ab,, durchdenke meine Chancen und fange neu an. «Sagen Sie ihm, ich bin zum Lunch.» Jean zögert, wispert dann. «Patrick … ich glaube, er weiß, daß Sie hier sind.» In mein gedehntes Schweigen setzt sie hinzu, noch gedämpft: «Es ist zehn Uhr dreißig.» Ich seufze, wieder um Zeit zu schinden, und sage Jean mit gefaß- ter Panik: «Dann schicken Sie ihn mal rein.» Ich stehe auf, gehe hinüber zum Jodi-Spiegel, der neben dem George-Stubbs-Bild hängt, und sehe nach meiner Frisur, fahre mir mit einem Hornkamm durchs Haar, dann, gefaßt, nehme ich eins meiner Funktelefone, wappne mich für eine heftige Szene, tue so, als würde ich mit John Akers reden und fange an, deutlich ins Tele- fon zu sprechen, bevor der Detektiv das Büro betritt. «Gut John …» Ich räuspere mich. «Zunächst muß die Kleidung auf den Träger abgestimmt sein», beginne ich, ins Leere sprechend. «Für das Tragen von breitgestreiften Hemden gibt es ganz klare Maßregeln, alter Junge. Ein breitgestreiftes Hemd verlangt nach kräftigen Farben oder zartgemusterten Anzügen und Krawatten … » Die Bürotür öffnet sich, und ich winke den Detektiv herein, der verblüffend jung ist, etwa in meinem Alter, und einen Leinenanzug von Armani trägt, meinem nicht unähnlich, aber auf eine hippe Art diskret zerknittert, was mich unruhig macht. Ich gönne ihm ein aufmunterndes Lächeln. «Und ein Hemd mit hoher Fadendichte bedeutet, daß es halt- barer ist als eins ohne … Ja, ich weiß … Aber um sicherzugehen, mußt du die Webart des Materials beachten …» Ich deute auf den Chrom-Teak-Stuhl von Mark Schrager auf der anderen Seite mei-, nes Schreibtischs und biete ihm wortlos Platz an. «Dichtgewebte Stoffe erhält man nicht nur durch hohe Faden- dichte, sondern auch durch Garn aus hochwertigen Fasern, sowohl langen wie dünnen, die … ja … die … die sich sehr fest verwe- ben lassen, im Gegensatz zu kurzen, störrischen Fasern wie zum Beispiel bei Tweed. Und locker gewebte Stoffe wie Strick sind ex- trem empfindlich und sollten sehr sorgsam behandelt werden …» Durch die Ankunft des Detektivs ist es sehr zweifelhaft geworden, ob dies ein guter Tag werden wird, und ich mustere ihn argwöh- nisch, während er Platz nimmt und die Beine in einer Weise über- einanderschlägt, die mich mit namenlosem Entsetzen erfüllt. Ich merke, daß ich zu lange geschwiegen habe, als er sich umdreht und nachsieht, ob ich mein Telefonat beendet habe. «Richtig, und … ja, John, richtig. Und … ja, immer 15 Prozent Tip für den Stylisten …» Ich warte. «Nein, der Besitzer des Salons erhält kein Trinkgeld …» Ich zucke die Achseln, werfe dem Detek- tiv einen verzweifelten Blick zu und verdrehe die Augen. Er nickt, lächelt verständnisvoll und schlägt die Beine in der anderen Rich- tung übereinander. Nette Socken. Jesus. «Das Mädchen, das die Haare wäscht? Kommt drauf an. Vielleicht einen Dollar oder so.» Ich lache. «Kommt drauf an, wie sie aussieht …» Ich lache lauter. «Und, ja, darauf, was sie sonst noch wäscht …» Ich schweige wie- der, sage dann, «Hör mal, John, ich muß Schluß machen. Eliott Ness ist gerade reingeschneit …» Ich schweige, grinse wie ein Idiot, lache dann. «Nur ein Witz …» Noch eine Pause. «Nein, nie ein Trinkgeld für den Salonbesitzer.» Ich lache ein letztes Mal, dann, endlich: «Okay, John … in Ordnung, hab ich.» Ich hänge das Tele- fon ein, drücke die Antenne runter und sage dann, um meine Nor-, malität zu betonen, was gar nicht nötig gewesen wäre: «Entschul- digen Sie.» «Nein, ich muß mich entschuldigen», sagt er mit aufrichtigem Bedauern. «Ich hätte mich anmelden sollen.» Er deutet auf das Funktelefon, das ich zurück in sein Ladegerät stelle, und fragt: «War das, ähm, was Wichtiges?» «Ach das?» frage ich, gehe zu meinem Schreibtisch und sinke in meinen Sessel. «Wir haben bloß paar geschäftliche Probleme ge- wälzt. Möglichkeiten durchgespielt … Gerüchte ausgetauscht … Klatsch verbreitet.» Wir lachen beide. Das Eis ist gebrochen. «Hi», sagt er, setzt sich auf und streckt die Hand aus. «Ich bin Donald Kimball.» «Hi. Pat Bateman.» Ich nehme sie und drücke sie fest. «Schön, Sie kennenzulernen.» «Es tut mir leid», sagt er, «so über Sie herzufallen, ich wollte mich eigentlich mit Luis Carruthers treffen, aber er war nicht da und … na ja, sie waren da, also …» Er lächelt, zuckt die Achseln. «Ich weiß, wieviel ihr Jungs um die Ohren habt.» Er reißt seine Augen von den drei Ausgaben von Sports Illustrated los, die aufge- schlagen neben dem Walkman auf dem Schreibtisch liegen und ihn ganz bedecken. Ich bemerke sie auch, schlage dann alle drei Num- mern zu und lasse sie in die oberste Schublade des Schreibtischs gleiten, zusammen mit dem noch laufenden Walkman. «So», beginne ich, versuche so freundlich und gesprächig wie möglich zu wirken. «Was steht zur Diskussion?» «Tja», fängt er an. «Meredith Powell hat mich engagiert, um das Verschwinden von Paul Owen zu untersuchen.» Ich nicke gedankenvoll, ehe ich frage: «Sie sind nicht vom FBI, oder so?» «Nein, nein», sagt er. «Nichts dergleichen. Ich bin nur Privatde- tektiv.» «Ich, ich verstehe … Ja.» Ich nicke wieder, noch immer nicht be- ruhigt. «Pauls Verschwinden … ja.» «Es ist also nichts ganz so Offizielles», räumt er ein. «Ich habe nur ein paar einfache Fragen. Über Paul Owen. Über Sie selbst –» «Kaffee?» frage ich unvermittelt. Wie unschlüssig sagt er: «Danke, nein.» «Perrier? San Pellegrino?» biete ich an. «Nein, danke, ich möchte nichts», sagt er wieder und öffnet ein kleines schwarzes Notizbuch, das er zusammen mit einem golde- nen Cross-Füller aus der Tasche gezogen hat. Ich rufe Jean. «Ja, Patrick?» «Jean, können Sie Mr …» Ich breche ab, schaue auf. Er schaut ebenfalls auf. «Kimball.» «… Mr. Kimball eine Flasche San Pelle –» «Oh, nein, nein, ich brauche nichts», protestiert er. «Macht gar keine Umstände», beruhige ich ihn. Ich habe das Gefühl, daß er versucht, mich nicht seltsam anzu- starren. Er kommt wieder auf sein Notizbuch zurück und schreibt etwas auf, streicht dann etwas durch. Jean tritt fast sofort ein und stellt die Flasche San Pellegrino zusammen mit einem geschliffe- nen Tumbler von Steuben vor Kimball auf meinen Schreibtisch. Sie wirft mir einen unruhigen, besorgten Blick zu, den ich unmutig er- widere. Kimball schaut auf, nickt und lächelt Jean zu, die, wie ich bemerke, heute einen BH trägt. Unschuldig warte ich, bis sie ge- gangen ist, richte meinen Blick wieder auf Kimball, lege die Finger, zusammen und setze mich auf. «Also, was steht zur Diskussion?» sage ich wieder. «Das Verschwinden von Paul Owen», erinnert er mich. «Ja, richtig. Tja, ich habe nichts über sein Verschwinden oder so gelesen …» Ich zögere, versuche dann zu lachen. «Nicht auf Page Six jedenfalls.» Kimball lächelt höflich. «Ich denke, seine Familie will das in aller Stille regeln.» «Verständlich.» Ich nicke dem unberührten Glas und der Fla- sche zu und schaue hoch zu ihm. «Limone?» «Nein, wirklich», sagt er. «Ich habe alles.» «Sind sie sicher?» frage ich. «Ich kann jederzeit mit Limonen dienen.» Er zögert kurz, sagt dann: «Zunächst ein paar Fragen vorweg, die ich für meine eigenen Aufzeichnungen brauche, okay?» «Schießen sie los», sage ich. «Wie alt sind Sie?» fragt er. «Siebenundzwanzig», sage ich. «Im Oktober werde ich achtund- zwanzig.» «Wo sind sie zur Schule gegangen?» Er kritzelt etwas in sein klei- nes Buch. «Harvard», informiere ich ihn. «Dann Harvard Business School.» «Ihre Adresse?» fragt er, unverwandt auf sein Buch schauend. «Fünfundfünfzig West Eighty-First Street», sage ich. «Im Ameri- can Gardens Haus.» «Hübsch.» Er schaut auf, beeindruckt. «Sehr hübsch.» «Danke.» Ich lächle geschmeichelt., «Wohnt Tom Cruise nicht auch da?» fragt er. «Yup.» Ich drücke mir mit zwei Fingern auf die Nasenwurzel. Plötzlich muß ich die Augen fest zupressen. Ich höre ihn sprechen. «Entschuldigen Sie, aber sind Sie okay?» Ich schlage die Augen auf, beide tränen, und sage: «Warum fra- gen Sie?» «Sie wirken … nervös.» Ich greife in die Schreibtischschublade und hole eine Flasche Kopfschmerztabletten heraus. «Nuprin?» biete ich an. Kimball sieht die Flasche seltsam an und dann wieder zu mir, ehe er den Kopf schüttelt. «Eh … nein danke.» Er hat eine Packung Marlboro ausgepackt und legt sie abwesend neben die San-Pel- legrino-Flasche, während er etwas in seinem Buch nachschaut. «Schlechte Angewohnheit», merke ich an. Er schaut auf und lächelt einfältig, als er meine Mißbilligung be- merkt. «Ich weiß. Tut mir leid.» Ich starre auf die Packung. «Wollen Sie … hätten Sie es lieber, daß ich nicht rauche?» fragt er unverbindlich. Ich starre weiter auf die Packung, unschlüssig. «Nein … ich denke, es ist okay.» «Sind Sie sicher?» fragt er. «Kein Problem.» Ich rufe Jean. «Ja, Patrick?» «Bringen Sie Mr. Kimball doch bitte einen Aschenbecher», sage ich. Er kommt in Sekundenschnelle., «Was können Sie mir über Paul Owen sagen?» fragt Kimball schließlich, nachdem Jean gegangen ist, die einen Fortunoff-Kris- tallaschenbecher auf den Schreibtisch neben das unberührte San Pellegrino gestellt hat. «Tja.» Ich huste und schlucke zwei Nuprin, trocken. «So gut kannte ich ihn nicht.» «Wie gut kannten Sie ihn denn?» fragt er. «Ich … kann mir nicht helfen», sage ich einigermaßen wahr- heitsgetreu. «Er gehörte zu diesem ganzen … Yale-Ding, wissen Sie.» «Yale-Ding?» fragt er verwirrt. Ich zögere, weil ich keine Ahnung habe, wovon ich eigentlich rede. «Ja … Yale-Ding.» «Was meinen sie mit … Yale-Ding?» Jetzt wird er mißtrauisch. Ich zögere wieder – was meine ich denn? «Na ja, ich glaube zu- nächst mal, daß er verkappter Homosexueller war.» Ich habe kei- nen Schimmer, möchte es auch bezweifeln, seinem Geschmack bei den Mädels nach zu urteilen. «Der ziemlich viel Kokain ver- brauchte …» Ich halte inne, füge dann ein wenig zittrig hinzu: «Die Art Yale-Ding.» Ich bin sicher, daß ich bizarr klinge, aber es läßt sich nicht anders sagen. Jetzt ist es sehr still im Büro. Plötzlich wirkt der Raum beengend und drückend heiß, und obwohl die Klimaanlage auf vollen Tou- ren läuft, scheint die Luft künstlich, aufbereitet. «So …» Kimball schaut hilflos in sein Buch. «Es gibt also nichts, was Sie mir über Paul Owen sagen können?» «Nun.» Ich seufze. «Er wird wohl das geführt haben, was man ei- nen soliden Lebenswandel nennt, nehme ich an.» Jetzt wirklich mit, meiner Weisheit am Ende, versuche ich es mit: «Er … aß Misch- kost.» Ich spüre, daß Kimball gar nicht zufrieden ist, und er fragt: «Was für ein Mann war er? Abgesehen» – er versucht ein klägliches Lä- cheln – «von den Informationen, die Sie mir schon gegeben ha- ben.» Wie soll ich diesem Typ Paul Owen beschreiben? Großspuri- ges, arrogantes, gutgelauntes Arschgesicht, das sich regelmäßig bei Nell’s um die Rechnung drückte? Daß ich im Besitz der betrübli- chen Information bin, daß sein Penis einen Namen hatte und daß dieser Name Michael war? Nein. Ruhiger, Bateman. Ich glaube zu lächeln. «Ich hoffe, ich bin hier nicht im Kreuzverhör», gelingt mir zu sagen. «Haben Sie diesen Eindruck?» fragt er. Die Frage klingt drohend, ist es aber nicht. «Nein», sage ich bedachtsam. «Eigentlich nicht.» Wieder schreibt er etwas auf, es ist zum Verrücktwerden, fragt dann, ohne aufzusehen, und während er am Füllerende kaut: «Wo ist Paul denn so hingegangen?» «Hin … gegangen?» frage ich. «Ja», sagt er. «Sie wissen schon … hingegangen.» «Lassen Sie mich nachdenken», sage ich und trommele mit den Fingern auf den Tisch. «Ins Newport. Harry’s. Fluties. Indochine. Nell’s. Cornell Club. New York Yacht Club. Die üblichen Läden.» Kimball schaut verwirrt. «Er hatte eine Yacht?» Kalt erwischt sage ich leichthin: «Nein. Er ist nur da hingegan- gen.», «Und welche Schule hat er besucht?» fragt er. Ich zögere. «Wissen Sie’s nicht?» «Ich wollte nur wissen, ob Sie es wissen», sagt er, ohne auf- zuschauen. «Ähm, Yale», sage ich langsam. «Stimmt’s?» «Stimmt.» «Und dann auf die Business School der Columbia», füge ich hinzu. «Glaube ich.» «Und davor?» fragt er. «Wenn ich mich recht erinnere, St. Paul’s … ich meine –» «Nein, ist schon gut. Das ist nicht weiter wichtig», entschuldigt er sich. «Ich glaube, ich habe einfach keine weiteren Fragen mehr. Ich habe wirklich nicht viel, mit dem man arbeiten kann.» «Hören Sie, ich …», beginne ich vorsichtig, taktvoll. «Ich will nur helfen.» «Ich verstehe», sagt er. Noch eine lange Pause. Er notiert sich etwas, aber es scheint nicht wichtig zu sein. «Sonst noch irgendwas, was sie mir über Owen erzählen kön- nen?» fragt er in fast verschüchtertem Ton. Ich krame in meinem Kopf und melde dann kläglich: «Wir wa- ren 1969 beide sieben.» Kimball lächelt. «War ich auch.» Interesse an dem Fall heuchelnd, frage ich: «Haben Sie irgend- welche Zeugen, Fingerabdrücke –» Er fällt mir müde ins Wort. «Na ja, da ist eine Ansage auf seinem Anrufbeantworter, er wäre nach London gereist.» «Tja», frage ich darauf hoffnungsvoll, «vielleicht ist er das,, hm?» «Seine Freundin glaubt das nicht», sagt Kimball tonlos. Ohne auch nur im mindesten zu begreifen, führe ich mir vor Augen, was für ein Fliegendreck in der unendlichen Weite allen Seins Paul Owen war. «Aber …» Ich unterbreche mich. «Hat ihn jemand in London gesehen?» Kimball schaut in sein Buch, blättert eine Seite weiter und sagt dann, wieder mit Blick zu mir: «Tatsächlich ja.» «Hmmmmm», sage ich. «Tja, wir hatten unsere Schwierigkeiten, die Aussage zu verifizie- ren» gesteht er. «Ein … Stephen Hughes behauptet, ihn dort in einem Restau- rant gesehen zu haben, aber das habe ich nachgeprüft, und es stellte sich heraus, daß er ihn mit einem gewissen Hubert Ains- worth verwechselt hatte, also …» «Oh», sage ich. «Erinnern Sie sich noch, wo Sie an dem Abend von Pauls Ver- schwinden waren?» Er zieht sein Buch zu Rate. «Nämlich am 24. Juni?» «Uff … ich glaube …» Ich denke darüber nach. «Vielleicht habe ich Videos zurückgebracht.» Ich öffne meine Schreibtischschublade, hole meinen Kalender heraus, überfliege den Dezember und verkünde: «Ich war mit ei- nem Mädchen namens Veronica verabredet …» Ich lüge wie gedruckt, sauge mir das aus den Fingern. «Warten Sie», sagt er verwirrt und schaut in sein Buch. «Das …, ist nicht das, was ich hier habe.» Meine Schenkel verkrampfen sich. «Was?» «Das ist nicht die Information, die man mir gegeben hat», sagt er. «Tja …» Ich bin plötzlich verwirrt und verängstigt, die Nuprin stoßen bitter auf. «Ich … warten Sie … Welche Informationen ha- ben Sie denn?» «Mal sehen …» Er blättert in seiner Kladde, findet etwas. «Daß Sie mit –» «Warten sie!» Ich lache. «Ich könnte mich irren …» Mein Rü- cken fühlt sich feucht an. «Also …» Er bricht ab. «Wann waren Sie das letzte Mal mit Paul Owen zusammen?» fragt er. «Wir hatten» – o mein Gott, Bateman, laß dir was einfallen – «uns dieses neue Musical angesehen, das gerade angelaufen war, es hieß … Oh Afrika, Brave Afrika.» Ich schlucke. «Es war … brüllend komisch … und das war’s auch schon. Ich glaube, wir waren zum Dinner bei Orso’s … nein, Petaluma. Nein, Orso’s.» Ich breche ab. «Das … letzte Mal, als ich ihn leibhaftig sah, war … an einem Geld- automaten. Ich weiß nicht mehr, an welchem … irgendeiner in der Nähe von Nell’s.» «Aber in der Nacht, als er verschwand?» fragt Kimball. «Da bin ich nicht sicher», sage ich. «Ich glaube, Sie haben vielleicht ihre Termine verwechselt», sagt er und schielt in sein Buch. «Aber wie?» frage ich. «Wo vermuten Sie Paul denn in dieser Nacht?» «Seinem Kalender zufolge, und seine Sekretärin hat das bestä-, tigt, war er zum Dinner mit … Marcus Halberstam», sagt er. «Und?» frage ich. «Ich habe ihn befragt.» «Marcus?» «Ja. Und er hat es abgestritten», sagt Kimball. «Obwohl er sich erst nicht ganz sicher war.» «Aber Marcus hat es bestritten?» «Ja.» «Hat Marcus denn ein Alibi?» Meine Empfänglichkeit für seine Antworten ist jetzt stark gestiegen. «Ja.» Pause. «Hat er?» frage ich. «Sind Sie sicher?» «Ich habe es überprüft», sagt er mit einem seltsamen Lächeln. «Er ist sauber.» Pause. «Oh.» «Und wo waren Sie nun?» Er lacht. Ich lache auch, obwohl ich nicht weiß, warum. «Wo war Mar- cus?» Ich fange fast an zu kichern. Kimball lächelt noch immer, während er mich mustert. «Er war nicht bei Paul Owen», sagt er vieldeutig. «Bei wem war er dann?» Ich lache noch immer, aber ich bin auch sehr benommen. Kimball schlägt sein Buch auf und wirft mir zum ersten mal ei- nen fast feindseligen Blick zu. «Er war im Atlantis – mit Craig Mc- Dermott, Frederick Dibble, Harry Newman, George Butner und» – Kimball macht eine Kunstpause, schaut dann zu mir – «Ihnen»., Hier und jetzt in diesem Büro frage ich mich, wie lange wohl eine Leiche brauchen würde, um just hier im Büro zu verwesen. Das sind die Dinge, über die ich nachgrübele, während ich im Büro vor mich hin träume: Rippchen essen im Red, Hot & Blue in Was- hington, D.C. Ob ich mein Shampoo wechseln soll. Was ist das wirklich beste Pils? Ist Bill Robinson als Designer überschätzt? Was ist faul bei IBM? Totaler Luxus. Ist der Ausdruck «Andere Saiten aufziehen» eine Adverbialkonstruktion? Der fragile Frieden von Assisi. Elektrisches Licht. Der Scheißkerl trägt den gleichen leine- nen Armani-Anzug wie ich. Wie einfach wäre es, diesem Scheißer seinen goldenen Humor auszutreiben. Kimball entgeht völlig, wie weggetreten ich eigentlich bin. Und obwohl sich in diesem Büro nicht das geringste Lebenszeichen regt, macht er sich immer noch Notizen. In der Zeit, die Sie brauchen, diesen Satz zu Ende zu lesen, landet oder startet irgendwo auf der Welt ein Boeing-Linienjet. Ich könnte ein Pilsener Urquell vertragen. «Ach richtig», sage ich. «Natürlich … Paul Owen hatte auch kommen wollen», sage ich nickend, als sei mir gerade etwas aufge- gangen. «Aber er sagte, er hätte schon was vor …» Dann, lahmer: «Das Dinner mit Victoria war wohl … am nächsten Abend.» «Ja, wie ich sagte, ich arbeite nur für Meredith.» Er seufzt, klappt sein Buch zu. Zögernd frage ich, «Wissen sie, daß Meredith Powell was mit Brock Thompson hat?» Er zuckt die Achseln, seufzt. «Davon weiß ich nichts. Ich weiß nur, daß Paul Owen ihr anscheinend eine Menge Geld schuldet.» «Ach», sage ich nickend. «Wirklich?» «Ich persönlich», sagt er, vertraulich, «glaube ja, daß der Typ ei-, nen leichten Ausraster hatte. Hat sich für ’ne Weile aus der Stadt verzogen. Vielleicht ist er nach London. Zum Sightseeing. Saufen. Was immer. Na ja, ich bin ziemlich sicher, daß er früher oder später von selbst wieder auftaucht.» Ich nicke langsam, in der Hoffnung, angemessen konsterniert auszusehen. «Hatte er eigentlich, was meinen Sie, na ja, mit Okkultismus oder mit Satanskult zu tun?» fragt Kimball allen Ernstes. «Eh, was?» «Ich weiß, die Frage klingt bescheuert, aber letzten Monat in New Jersey – ich weiß nicht, ob sie davon gehört haben, aber ein junger Börsenmakler ist kürzlich verhaftet und angeklagt worden, ein junges Chicano-Mädchen ermordet und Voodoo-Rituale mit ihren, na ja, diversen Körperteilen vollzogen zu –» «Igitt!» rufe ich aus. «Und ich meine …» Er grinst wieder einfältig. «Haben Sie mal so was gehört?» «Der Typ hat die Tat abgestritten?» frage ich, ein Kribbeln am ganzen Körper. «Stimmt.» Kimball nickt. «Das ist ja ein interessanter Fall», gelingt es mir zu sagen. «Aber obwohl der Typ behauptet, unschuldig zu sein, hält er sich trotzdem für Inca, den Vogelgott, oder so was», sagt Kimball und flattert mit den Armen. Darüber müssen wir beide laut lachen. «Nein», sage ich endlich. «Damit hat Paul nichts zu tun gehabt. Er hat auf Mischkost geschworen und –» «Ja, ich weiß, und er hatte es mit diesem ganzen Yale-Ding», führt Kimball den Satz müde zu Ende., Es folgt eine lange Pause, vielleicht die bisher längste, vermute ich. «Haben Sie einen Parapsychologen zu Rate gezogen?» frage ich. «Nein.» Er schüttelt den Kopf in einer Art, die nahelegt, daß er es erwogen hat. Oh, wen interessiert’s? «Ist sein Apartment ausgeraubt worden?» frage ich. «Nein, eben nicht», sagt er. «Toilettenartikel fehlten. Ein Anzug war weg. Außerdem ein paar Koffer. Das ist alles.» «Haben sie den Verdacht, daß da was faul ist?» «Weiß ich auch nicht», sagt er. «Aber wie ich schon sagte, ich wäre nicht überrascht, wenn er sich irgendwo verkrochen hat.» «Ich meine, bis jetzt hat niemand die Mordkommission ein- geschaltet oder so was, oder?» frage ich. «Nein, bis jetzt noch nicht. Wie gesagt, wir sind nicht si- cher. Aber …» Er bricht ab, sieht niedergeschlagen aus. «Genau- genommen hat kein Mensch etwas gesehen oder gehört.» «Das ist absolut bezeichnend, nicht?» frage ich. «Es ist einfach seltsam», stimmt er zu und starrt verloren aus dem Fenster … «Da spaziert ein Mensch an einem Tag munter he- rum, geht zur Arbeit, lebendig, und dann …» Kimball bricht ab, führt den Satz nicht zu Ende. «Nichts», seufze ich nickend. «Leute … verschwinden einfach», sagt er. «Wie vom Erdboden verschluckt», sage ich, seltsam traurig, und sehe auf meine Rolex. «Gruselig.» Kimball gähnt, reckt sich. «Wirklich gruselig.» «Ominös.» Ich nicke zustimmend. «Es ist einfach» – er seufzt, ausgebrannt – «sinnlos.», Ich zögere, unschlüssig, was ich sagen soll, dann gelingt mir ein: «Sinnlosigkeit ist … eine schlimme Sache.» Ich denke an nichts. Es ist still im Büro. Um das Schweigen zu brechen, deute ich auf ein Buch auf dem Schreibtisch, neben der San-Pellegrino-Flasche. Die Kunst des Erfolgs von Donald Trump. «Haben Sie’s gelesen?» frage ich Kimball. «Nein», seufzt er, fragt aber höflich: «Ist es zu empfehlen?» «Sehr zu empfehlen», sage ich nickend. «Hören Sie». Er seufzt erneut. «Ich habe Ihnen lange genug Ihre Zeit gestohlen.» Er steckt die Marlboros ein. «In zwanzig Minuten bin ich sowieso mit Cliff Huxtable im Four Seasons zum Lunch verabredet», lüge ich aufstehend. «Ich muß auch gehen.» «Ist das Four Seasons nicht ein bißchen weit uptown?» Er sieht besorgt aus, als er sich ebenfalls erhebt. «Ich meine, kommen sie nicht zu spät?» «Äh, nein», wimmele ich ihn ab. «Es gibt auch eins … hier in der Nähe.» «Ach wirklich?» fragt er. «Das wußte ich nicht.» «Ja», sage ich und begleite ihn zur Tür. «Es ist sehr gut.» «Hören Sie», sagt er und dreht sich zu mir um. «Falls Ihnen noch irgendwas einfällt, auch die kleinste Information kann …» Ich hebe eine Hand. «Absolut! Ich stehe hundertprozentig hinter Ihnen», sage ich feierlich. «Großartig», sagt der Unfähige erleichtert. «Und vielen Dank für Ihre, äh, Geduld, Mr. Bateman.» Als ich ihn zur Tür dirigiere, Pudding in den Knien, astronau- tenhaft, und aus dem Büro führe, spüre ich doch, obwohl ich leer, bin, jeden Gefühls beraubt – ohne mir selbst etwas vorzumachen –, daß ich etwas geleistet habe, und dann, als die Spannung abflaut, reden wir noch ein paar Minuten über Rasierbalsam und Hemden mit Tattersall-Muster. Die ganze Unterhaltung hatte etwas seltsam Beiläufiges, das besänftigend auf mich wirkte – es passierte eigent- lich gar nichts – aber als er lächelt, mir seine Karte reicht, geht, hört sich das Schließen der Tür für mich wie Milliarden surrender Insekten an, wie mehrere Pfund brutzelnden Bacons, eine giganti- sche Leere. Und nachdem er das Gebäude verlassen hat (ich lasse Jean bei Tom vom Sicherheitsdienst anrufen, um sicherzugehen), rufe ich jemand an, den mir mein Anwalt empfohlen hat, um über- prüfen zu lassen, daß ich keine Wanzen in einem meiner Telefone habe, und nach einer Xanax bin ich soweit, daß ich meinen Ernäh- rungsberater in einem teuren, besseren Vollwertrestaurant namens Cuisine de Soy in Tribeca treffen kann, und während wir unter dem ausgestopften, lackierten Delphin sitzen, der mit gebogenem Kör- per über der Tofu-Bar hängt, gelingt es mir sogar, meinem Ernäh- rungsberater Fragen zu stellen wie: «Okay, was gibt’s Neues an der Muffin-Front?», ohne daß sich mir der Magen umdreht. Wieder im Büro, zwei Stunden später, erwartet mich die Nachricht, daß keins meiner Telefone abgehört wird. Gegen Ende der Woche, am Freitagabend, laufe ich außerdem Meredith Powell über den Weg, die mit Brock Thompson bei Ereze sitzt, und obwohl wir uns zehn Minuten unterhalten, hauptsäch- lich darüber, warum wir beide nicht in den Hamptons sind, wäh- rend Brock mich die ganze Zeit mißgünstig anstarrt, erwähnt sie Paul Owen nicht einmal. Ich durchleide ein gräßlich langwieriges Dinner mit Jeanette, dem Mädchen, mit dem ich mich verabredet, habe. Das Restaurant ist totschick und neu, und das Essen schleppt sich dahin und will kein Ende nehmen. Die Portionen sind mager. Ich verliere zusehends die Fassung. Nachher will ich noch im M.K. vorbeischauen, obwohl Jeanette sich beschwert, weil sie tanzen ge- hen will. Ich bin müde und brauche Ruhe. In meinem Apartment liege ich im Bett, zu niedergeschlagen für Sex, also geht sie, und nachdem ich mir ein Tape der Patty Winters Show von heute mor- gen angesehen habe, in der es um die besten Restaurants im Nahen Osten ging, greife ich mir mein Funktelefon und rufe versuchs- weise, widerstrebend, bei Evelyn an.,

Sommer

Den größten Teil des Sommers verbrachte ich im Tran, saß entwe- der in meinem Büro oder neuen Restaurants, zu Hause vor dem Videorecorder oder auf dem Rücksitz von Taxis, in Nachtclubs, die gerade eröffneten, oder in Kinos, in dem Haus in Hell’s Kit- chen oder in neuen Restaurants. Vier schwere Flugkatastrophen gab es diesen Sommer, von den meisten gab es Videoaufnahmen, fast als seien die Ereignisse geplant gewesen, die endlos im Fernse- hen wiederholt wurden. Immer wieder zerschellende Flugzeuge in Zeitlupe, gefolgt von zahllosen Schwenks über verstreute Trümmer und den gleichen willkürlichen Ansichten der verkohlten, blutigen menschlichen Überreste und weinender Rettungsmannschaften, die Körperteile bergen. Ich begann Oscar de la Renta Männerdeo zu benutzen und zog mir eine leichte Hautreizung zu. Ein Film über einen kleinen sprechenden Käfer lief mit großem Trara an und spielte über zweihundert Millionen Dollar brutto ein. Für die Mets lief es nicht gut. Bettler und Obdachlose schienen sich im Au- gust rapide vermehrt zu haben, und die Reihen der Unglücklichen, Schwachen und Alten säumten überall die Straßen. Ich fand mich mit zu vielen Sommerbekanntschaften in zu vielen todschicken neuen Restaurants und fragte sie zu oft, ob irgendwer The Toolbox Murders auf HBQ gesehen hätte, ehe ich sie zu Les Misérables be- gleitete, worauf mich immer der ganze Tisch schweigend anstarrte, ehe ich höflich hüsteln und dem Kellner nach der Rechnung win- ken konnte, oder ein oder zwei Sorbets bestellen oder noch eine Flasche San Pellegrino, falls es früher während des Dinners war,, und dann fragte ich die Sommerbekanntschaft: «Nein?» und ver- sicherte ihr: «War ziemlich gut.» Meine Platin Am-Ex-Karte war so oft im Einsatz gewesen, daß sie mittendurch brach, Selbstzer- störung bei einem der Dinners, zu dem ich zwei Sommerbekannt- schaften zu Restless und Young, Pablo Lesters neuem Restaurant in Midtown, eingeladen hatte, aber ich hatte genug Bargeld in meiner Gazellenlederbörse, um das Essen zu bezahlen. Die Patty Winters Shows waren alle Wiederholungen. Das Leben blieb eine nackte Leinwand, ein Klischee, eine Soap Opera. Ich fühlte mich tödlich, am Rande der Raserei. Mein nächtlicher Blutdurst sickerte in meine Tage durch, und ich mußte die Stadt verlassen. Meine Maske geis- tiger Gesundheit bröckelte bedenklich. Das war meine tote Saison, und ich mußte raus aus der Stadt. Ich mußte in die Hamptons. Ich machte Evelyn den Vorschlag, und wie eine Spinne nahm sie an. Das Haus, in dem wir wohnten, war eigentlich das von Tim Price, zu dem Evelyn aus unerfindlichen Gründen die Schlüssel hatte, aber in meinem Tran widerstrebte es mir, Genaueres zu er- fahren. Tims Haus lag gleich am Wasser in East Hampton, war mit reichlich Giebelchen geschmückt und vierstöckig, eine Treppe aus galvanisiertem Stahl verband das alles, und zuerst dachte ich, das Haus sei im Southwestern-Stil gebaut, aber das war es doch nicht. Die Küche war tausend Quadratmeter purstes minimalistisches Design; alles an einer Wand: zwei Riesenherde, massive Geschirr- schränke, ein begehbarer Gefrierschrank, ein dreitüriger Kühl- schrank. Eine Insel aus maßgearbeitetem rostfreiem Stahl teilte die Küche in drei getrennte Bereiche. Vier der neun Badezimmer, enthielten Trompe-l’oeil-Gemälde, und fünf von ihnen hatten an- tike Widderköpfe aus Blei über dem Waschbecken, aus denen das Wasser floß. Alle Waschbecken, Wannen und Duschen waren aus Antikmarmor, und die Fußböden bestanden aus winzigen Mar- mormosaiken. Ein Fernseher war in eine Wandnische über der Ba- dewanne eingebaut. Jedes Zimmer hatte Stereoanlage. Außerdem verfügte das Haus über zwölf Frank-Lloyd-Stehlampen, vierzehn Josef-Heffermann-Clubsessel, zwei Wände mit deckenhohen Rega- len voller Videokassetten und eine weitere Wand, an der sich aus- schließlich Tausende von CDs in Glasvitrinen stapelten. Ein Kron- leuchter von Eric Schmidt hing in der vorderen Eingangshalle, und darunter stand ein Atomic-Ironworks-Hutständer in Gestalt eines Elchs von einem mir gänzlich unbekannten jungen Bildhauer. Ein runder russischer Eßtisch aus der Jahrhundertwende thronte in ei- nem an die Küche grenzenden Zimmer, hatte aber keine Stühle. Gespenstische Photografien von Cindy Sherman bedeckten alle Wände. Es gab einen Fitneßraum. Es gab acht begehbare Schränke, fünf Videorecorder, einen Noguchi-Eßtisch aus Glas und Walnuß- holz, eine Anrichte von Marc Schaffer und ein Faxgerät. Im großen Schlafzimmer stand ein kunstvoll beschnittener Baum neben einer Louis-XVI-Fensterbank. Ein Eric-Fischl-Bild hing über einem der marmornen Kamine. Es gab einen Tennisplatz. Es gab zwei Saunen und einen Heim-Jacuzzi in einem kleinen Gästehaus, das neben den Pool gepflanzt war, der einen schwarzen Grund hatte. An den unmöglichsten Stellen standen Steinsäulen. Ich versuchte wirklich, das Beste aus den Wochen zu machen, die wir dort verbrachten. Evelyn und ich fuhren Fahrrad und joggten und spielten Tennis. Wir redeten davon, nach Südfrankreich oder, nach Schottland zu reisen; wir redeten darüber, durch Deutschland zu fahren und unverfälschte Opernhäuser zu besuchen. Wir gingen windsurfen. Wir redeten über romantische Dinge: die Lichter im Osten von Long Island, den aufgehenden Mond im Oktober über den Hügeln im Jagdgebiet von Virginia. Wir badeten zusammen in den großen Marmorwannen. Wir frühstückten im Bett, un- ter Kaschmirdecken gekuschelt, nachdem ich importierten Kaffee aus einer Melior-Kanne in Hermes-Tassen eingeschenkt hatte. Ich weckte sie mit frischen Blumen auf. Ich legte ihr Zettelchen in ihre Louis-Vuitton-Tragetasche, ehe sie zu ihrem wöchentlichen Ter- min beim Kosmetiker nach New York abschwirrte. Ich kaufte ihr einen Welpen, einen kleinen schwarzen Chow, den sie NutraSweet nannte und mit Diät-Schokotrüffeln fütterte. Ich las lange Pas- sagen aus Doktor Schiwago und In einem andern Land (meinem Lieblings-Hemingway) laut vor. Ich lieh Videos aus, die Price nicht hatte, hauptsächlich Komödien aus den Dreißiger Jahren, und spielte sie auf einem der vielen Videorecorder, unser Favorit war Ein Herz und eine Krone, den wir zweimal sahen. Wir hörten Frank Sinatra (nur seine Sachen aus den 50ern) und Nat King Coles After Midnight, die Tim auf CD hatte. Ich kaufte kostspielige Dessous, die sie manchmal sogar anzog. Nach nächtlichem Planschen im Ozean kamen wir bibbernd ins Haus, in ein riesiges Ralph-Lauren-Laken gewickelt, und machten uns Omeletts und in Olivenöl geschwenkte Nudeln mit Trüffeln und Porcini-Pilze; wir machten Soufflés mit pochierten Birnen und Obstsalate mit Zimt, überbackene Polenta mit gepfeffertem Lachs, Apfel- und Beeren-Sorbet, Mascarpone, rote Bohnen mit Arrozo in römischen Salat gewickelt, schüsselweise Salsa und in, Balsamessig pochierten Rochen, geeiste Tomatensuppe und aro- matische Risottos mit Limone und Kohlrabi und Spargel und Minze, und wir tranken Limonade oder Champagner oder gute Jahrgänge Château Margaux. Aber bald hörten wir auf, zusammen Gewichte zu stemmen und Bahnen zu schwimmen, und Evelyn aß nur noch die Diät-Schokoladentrüffel, die NutraSweet verschmäht hatte, jammerte über Pfunde, die sie gar nicht zugenommen hatte. In manchen Nächten fand ich mich streunend am Strand, buddelte Babykrabben aus und fraß Händevoll Sand – das war mitten in der Nacht, wenn der Himmel so klar war, daß ich das ganze Sonnen- system sehen konnte, und der Sand in seinem Widerschein fast aussah wie der Mond. Ich schleppte sogar eine gestrandete Qualle ins Haus und briet sie in der Mikrowelle, früh an einem Morgen, noch vor der Dämmerung, als Evelyn noch schlief, und was ich selbst nicht aß, verfütterte ich dem Chow. Während wir Bourbon, dann Champagner, aus geschliffenen Highball-Gläsern schlürften, die Evelyn auf Adobe-Untersetzer stellte und in die sie mit jalapeñoförmigen Barlöffeln Himbeer- Cassis rührte, lag ich herum und schwelgte in der Vorstellung, je- mand mit einem Allsop-Racer-Skistock um zubringen, oder ich starrte auf die antike Wetterfahne, die über einem der Kamine hing, und fragte mich mit wildem Blick, ob ich damit jemand nie- derstechen könnte, und dann beschwerte ich mich lauthals, ob Evelyn im Zimmer war oder nicht, daß wir lieber in Dick Loudon’s Stratford Inn hätten buchen sollen. Bald sprach Evelyn nur noch von Trinkkuren und Schönheitsoperationen, und dann engagierte sie einen Masseur, eine schaurige Tunte, die in einem Haus etwas weiter unten auf der Straße bei einem berühmten Verleger wohnte, und unverblümt mit mir schäkerte. In unserer letzten Woche in den Hamptons mußte Evelyn dreimal zurück in die Stadt, einmal für Maniküre, Pediküre und Gesicht, das zweite Mal für ein Einzel- training bei Stephanie Herman, und schließlich, um ihren Astrolo- gen zu treffen. «Warum denn hinfliegen?» fragte ich im Flüsterton. «Was erwartest du denn von mir?» kreischte sie und warf sich noch einen Diättrüffel in den Mund. «Soll ich mir einen Volvo mie- ten?» Während sie fort war, kotzte ich – einfach nur so – in die rus- tikalen Terrakotta-Schalen, die den Patio säumten, oder ich fuhr mit dem schaurigen Masseur in die Stadt und holte Rasierklingen. Nachts stülpte ich Evelyn einen Lampenschirm aus Betonimitat und Aluminiumdraht von Jerry Kott auf den Kopf, und weil sie so mit Halcion zugeknallt war, schob sie ihn auch nicht weg, und ob- wohl ich darüber lachte, wenn der Lampenschirm sich mit jedem ihrer schweren Atemzüge hob und senkte, machte es mich bald traurig, und ich hörte auf, den Lampenschirm über Evelyns Kopf zu stülpen. Nichts verschaffte mir Erleichterung. Bald wurde alles schal: noch ein Sonnenaufgang, Heldenleben, große Liebe, Krieg, Ent- deckungen, die Menschen übereinander machen. Das einzige, was mich nicht langweilte, war natürlich, wieviel Tim Price verdiente, doch die Selbstverständlichkeit dessen langweilte mich auch wie- der. In mir war kein klares, greifbares Gefühl außer Gier und viel- leicht noch grenzenloser Abscheu. Ich hatte alle äußeren Kennzei- chen eines menschlichen Wesens – Fleisch, Blut, Haut, Haare –, aber meine Entmenschlichung war so gravierend, reichte so tief,, daß die Fähigkeit zur Anteilname abgetötet, einem schleichenden, zielstrebigen Verfall zum Opfer gefallen war. Ich imitierte einfach die Wirklichkeit, die grobe Karikatur eines menschlichen Wesens, und nur ein düsterer Winkel meines Hirns blieb in Betrieb. Etwas Schreckliches ging vor sich, doch ohne daß ich begreifen konnte, warum – ich konnte einfach nicht den Finger auf den entschei- denden Punkt legen. Das einzige, was mir Linderung brachte, war der angenehme Klang von Eiswürfeln, die in ein Glas J&B fallen. Schließlich ertränkte ich den Chow, den Evelyn nicht vermißte; es fiel ihr gar nicht auf, daß er nicht da war, noch nicht mal dann, als ich ihn in den Kühlschrank legte, in einen ihrer Bergdorf-Good- man-Sweater eingewickelt. Es wurde Zeit, die Hamptons zu verlas- sen, denn in den Stunden vor der Dämmerung fand ich mich über unser Bett gebeugt, einen Eispickel in der Hand, und wartete, daß Evelyn die Augen aufschlug. Auf meinen Vorschlag, eines Morgens beim Frühstück, willigte sie ein, und am letzten Sonntag vor dem Labor Day kehrten wir per Hubschrauber nach Manhattan zu- rück.,

Girls

«Ich fand die Pinto-Bohnen mit Lachs und Minze wirklich, wirk- lich … na ja», sagt Elizabeth, als sie ins Wohnzimmer meines Apartments geht, in einer einzigen anmutigen Bewegung beide Sa- tin-und-Wildleder-Pumps von Maud Frizon abschüttelt und auf die Couch plumpst, «gut, aber Patrick, mein Gott, es war unver- schämt teuer und …» In nörglerischem Ton keift sie: «Es war nur pseudo-nouvelle.» «Habe ich das geträumt, oder waren Goldfische auf den Ti- schen?» frage ich und streife meine Brooks-Brothers-Hosenträger ab, während ich im Kühlschrank nach einer Flasche Sauvignon Blanc suche. «Also ich fand es jedenfalls hip.» Christie hat sich einen Platz auf dem langen, ausladenden Sofa gesucht, möglichst weit weg von Elizabeth, die sich faul räkelt. «Hip, Patrick?» ruft sie. «Da ißt Donald Trump.» Ich finde die Flasche, stelle sie auf die Anrichte und werfe Chris- tie, ehe ich den Korkenzieher finde, durch den Raum einen aus- druckslosen Blick zu. «Ja? War das eine sarkastische Bemerkung?» «Rat mal», maunzt sie und läßt ein so lautes «Duh» folgen, daß Christie zusammenzuckt. «Wo arbeitest du im Moment, Elizabeth?» frage ich und knalle Schubladen zu. «Polo-Outlet, oder so was?» Darüber platzt Elizabeth fast vor Lachen und sagt fröhlich, wäh- rend ich den Acacia entkorke: «Ich hab’s nicht nötig zu arbeiten, Bateman», und einen Augenblick später fügt sie gelangweilt hinzu: «Gerade du solltest ja wissen, wie das ist, Mr. Wall Street.» Sie prüft, ihren Lippenstift in einem Gucci-Taschenspiegel; er ist wie erwar- tet makellos. Das Thema wechselnd, frage ich: «Wer hat den Laden überhaupt ausgesucht?» Ich schenke den Mädchen Wein ein und mache mir selbst einen kleinen J&B mit Eis und etwas Wasser. «Das Restau- rant, meine ich.» «Carson. Oder vielleicht auch Robert.» Elizabeth zuckt die Ach- seln und fragt, nachdem sie den Spiegel hat zuschnappen lassen, mit durchdringendem Starren auf Christie: «Du kommst mir so bekannt vor? Warst du in Dalton?» Christie schüttelt verneinend den Kopf. Es ist fast drei Uhr mor- gens. Ich zerdrücke eine Tablette Ecstasy und warte, bis sie sich im Weinglas aufgelöst hat, das ich Elizabeth geben will. Das Thema der Patty Winters Show heute morgen hieß: «700 Pfund auf der Waage – und wie man damit fertig wird». Ich schalte das Licht in der Küche an, finde im Kühlschrank zwei weitere Ecstasy-Tabletten und mache das Licht wieder aus. Elizabeth ist ein 22jähriger Hardbody, der gelegentlich für Geor- ges-Marciano-Anzeigen modelt und aus einer alten Bankiersfami- lie aus Virginia kommt. Früher am Abend waren wir mit zwei ihrer Freunde, Robert Farrell, siebenundzwanzig, ein Typ, der eine recht eindrucksvolle Karriere als Finanzier gemacht hat, und Carson Whitall, die mit ihm gekommen war, zum Dinner gewesen. Robert trug einen Anzug aus reiner Wolle von Belvet, ein Baumwollhemd mit Umschlagmanschetten von Charvet, einen abstrakt gemuster- ten Seidencrêpe-Schlips von Hugo Boss und eine Ray-Ban-Son- nenbrille, die er auch während des Essens nicht absetzte. Carson trug einen Anzug von Yves Saint Laurent Rive Gauche und ein, Perlenhalsband mit passenden Ohrringen aus Perlen und Diaman- ten von Harry Winston. Wir aßen im Free Spin, Albert Liomans neuem Restaurant im Flatiron District, nahmen dann ein Taxi zu Nell’s, wo ich mich entschuldigte, einer konsternierten Elizabeth beteuerte, daß ich gleich wieder zurückkäme, und den Chauffeur dann zum Fleischmarkt dirigierte, wo ich Christie aufgabelte. Ich ließ sie im Fonds der abgeschlossenen Limousine warten, wäh- rend ich wieder ins Nell’s ging, mit Elizabeth und Carson und Robert ein paar Drinks in einer der vorderen Nischen nahm, leer, da heute keine Prominenten im Laden waren – ein schlechtes Zei- chen. Schließlich, um halb drei, während Carson betrunken über ihre monatliche Blumenrechnung faselte, verzog ich mich mit Eliz- abeth. Sie war so sauer über etwas, das Carson ihr über die letzte Ausgabe von W erzählt hatte, daß sie sogar Christies Gegenwart ohne Fragen hinnahm. Auf der Fahrt zu Nell’s hatte Christie mir gesagt, daß sie sich immer noch nicht von unserem letzten Treffen erholt und schwere Bedenken gegenüber einer weiteren Nacht habe, aber das Geld, das ich ihr bot, war einfach zu gut, um wählerisch zu sein, und ich ver- sprach, daß sich so etwas wie beim letzten Mal nicht wiederholen würde. Obwohl sie immer noch Angst hatte, entspannten sie ein paar Schluck Wodka auf dem Rücksitz in Verbindung mit dem Geld, das ich ihr schon gegeben hatte, über sechzehnhundert Dol- lar, wie ein Tranquilizer. Ihre Launenhaftigkeit reizte mich, und sie wurde zum perfekten Sexkätzchen, als ich ihr das Bargeld in die Hand drückte – sechs Scheine in einer silbernen Geldklammer von Hughlans –, aber nachdem ich sie in den Wagen gedrängt hatte, sagte sie mir, daß sie sich nach der Sache vom letzten Mal viel-, leicht operieren lassen oder sich einen Anwalt nehmen müßte, also schrieb ich einen Barscheck über eintausend Dollar aus, aber da ich wußte, er würde nie eingelöst werden, brach mir deswegen nicht der Schweiß aus oder so was. Als ich jetzt, hier in meinem Apart- ment, zu Elizabeth hinüberschaue, bemerke ich, wie gut bestückt sie obenrum ist, und hoffe, daß ich die zwei Mädchen überreden kann, es vor mir zu treiben, wenn das Ecstasy zu wirken beginnt. Elizabeth fragt Christie gerade, ob sie dieses Arschloch Spicey kennt oder schon mal im Au Bar gewesen ist. Christie schüttelt den Kopf. Ich reiche Elizabeth einen mit Ecstasy versetzten Sauvignon Blanc, während sie Christie anstarrt, als sei sie vom Neptun, und nachdem sie Christies Eingeständnis verkraftet hat, gähnt sie. «Das Au Bar nervt sowieso mittlerweile. Grauenhaft. Ich war da bei einer Geburtstagsparty von Malcolm Forbes. O mein Gott, vielen Dank.» Sie kippt den Wein mit einer Grimasse runter. Ich setze mich in einen der Chrom-Eiche-Stühle von Sottsass, lange nach dem Eis- kübel, der auf dem verglasten Kaffeetisch steht, und drehe die Weinflasche, damit sie besser gekühlt wird. Sofort greift Elizabeth danach und schenkt sich selbst ein neues Glas ein. Ich löse noch zwei Ecstasy-Tabletten in der Flasche auf, ehe ich sie ins Wohn- zimmer bringe. Eine schweigsame Christie nippt behutsam ihren unversetzten Wein und versucht, nicht auf den Boden zu starren; sie wirkt immer noch verängstigt, und da sie das Schweigen uner- träglich oder sträflich findet, fragt sie Elizabeth, wo sie mich ken- nengelernt hat. «O Gott», fängt Elizabeth an und ächzt gekünstelt, als erinnerte sie sich an etwas Zweideutiges. «Ich lernte Patrick beim, oh, beim Kentucky Derby ’86 – nein, ’87, kennen und …» Sie dreht sich zu, mir. «Warst du nicht mit dieser Schlampe Alison Sowieso zusam- men … Stoole?» «Poole, Schätzchen», entgegne ich ruhig. «Alison Poole.» «Ja, so hieß sie», sagt sie und fügt dann mit unverholenem Sarkasmus hinzu: «Heiße Nummer.» «Was soll das heißen?» frage ich beleidigt. «Sie war eine heiße Nummer.» Elizabeth wendet sich an Christie und sagt etwas unglücklich: «Sie hat jedem mit ’ner American-Express-Karte einen geblasen», und ich bete zu Gott, daß Christie Elizabeth nicht groß anstarrt und sagt: «Aber Kreditkarten nehmen wir nicht.» Um zu verhin- dern, daß das passiert, belle ich: «Ach Schwachsinn», aber aufge- räumt. «Hör mal», sagt Elizabeth zu Christie und wedelt mit der Hand wie eine Tunte, die Klatschgeschichten verbreitet. «Dieses Weib hat in einem Sonnenstudio gearbeitet, und» – und im selben Atemzug, ohne den Tonfall zu ändern – «was machst du?» Nach einem langen Schweigen sage ich: «Sie ist … meine Ku- sine.» Elizabeth verdaut das und sagt: «Ah-ha?» Und nach weiterem langen Schweigen sage ich: «Aus … Frank- reich.» Elizabeth sieht mich skeptisch an – als sei ich komplett irre –, aber sie beschließt, dieses Thema nicht weiter zu verfolgen, und fragt statt dessen: «Wo ist dein Telefon? Ich muß Harley anrufen.» Ich gehe in die Küche, hole ihr das Funktelefon und ziehe die Antenne aus. Sie wählt eine Nummer und starrt Christie an, wäh- rend sie wartet, daß jemand abhebt. «Was machst du im Sommer?», fragt sie. «Southampton?» Christie sieht zu mir und dann wieder zurück zu Elizabeth und sagt kaum hörbar: «Nein.» «O Gott», mault Elizabeth, «sein Anrufbeantworter!» «Elizabeth.» Ich deute auf meine Rolex. «Es ist drei Uhr mor- gens.» «Er ist ein gottverdammter Drogenhändler», sagt sie außer sich. «Das ist seine Hauptgeschäftszeit.» «Sag ihm nicht, daß du hier bist», warne ich. «Warum sollte ich?» fragt sie. Entnervt greift sie nach ihrem Wein, kippt ein weiteres volles Glas runter und zieht ein Gesicht. «Das Zeug schmeckt komisch.» Sie begutachtet das Etikett, zuckt dann die Achseln. «Harley? Ich bin’s. Ich brauche deine Dienste. Versteh das, wie du willst. Ich bin bei –» Sie schaut zu mir. «Du bist bei Marcus Halberstam», flüstere ich. «Wer?» Sie beugt sich zu mir und grinst schelmisch. «Mar-cus Hal-ber-stam», flüstere ich wieder. «Ich will die Nummer, Idiot.» Sie verscheucht mich mit einer Handbewegung und fährt fort: «Ich bin jedenfalls bei Mark Ham- merstein, und ich versuche es später noch mal, und wenn ich dich morgen nicht in der Canal Bar treffe, hetze ich dir meinen Friseur auf den Hals. Gute Reise. Wie macht man das Ding aus?» fragt sie, obwohl sie schon fachmännisch die Antenne eingeschoben und den Aus-Knopf gedrückt hat, und das Telefon auf den Schrager- Sessel knallt, den ich neben die Jukebox geschoben habe. «Siehst du.» Ich lächle. «Du hast’s geschafft.» Zwanzig Minuten später windet sich Elizabeth auf der Couch, und ich versuche, sie rumzukriegen, daß sie es mit Christie treibt, und mich zuschauen läßt. Was zunächst nur ein beiläufiger Vor- schlag gewesen war, beherrscht jetzt mein ganzes Denken, und ich werde hartnäckig. Christie starrt teilnahmslos auf einen Fleck auf dem Parkett aus weißer Eiche, ihr Wein ist fast unberührt. «Aber ich bin keine Lesbe», protestiert Elizabeth wieder ki- chernd. «Ich stehe nicht auf Mädchen.» «Ist das ein endgültiges Nein?» frage ich, starre auf ihr Glas und dann auf die fast leere Weinflasche. «Warum glaubst du, daß ich auf so was stehen würde?» fragt sie. Dank des Ecstasy klingt die Frage neckisch, und sie wirkt jetzt wirklich interessiert. Ihr Fuß reibt sich an meinem Schenkel. Ich habe auf die Couch gewechselt, zwischen die beiden Mädchen, und massiere eine ihrer Waden. «Zumindest warst du auf dem Sarah Lawrence», sage ich zu ihr. «Man weiß ja nie.» «Das sind Sarah Lawrence-Jungs, Patrick», stellt sie klar, ki- chernd, streicht stärker über meinen Schenkel, verursacht Reibung, Hitze, alles. «Tut mir leid», lenke ich ein. «Ich habe normalerweise nicht viel mit Typen zu tun, die in Strapsen rumlaufen.» «Patrick, du warst in Patrick, ich meine Harvard, o Gott, bin ich betrunken. Jedenfalls, hör mal, warte –» Sie hält inne, atmet tief durch, murmelt eine unverständliche Bemerkung von wegen selt- sam fühlen, dann, nachdem sie die Augen geschlossen hat, schlägt sie sie wieder auf und fragt: «Hast du Koks?» Ich starre auf ihr Glas und stelle fest, daß das aufgelöste Ecstasy die Farbe des Weins leicht verändert hat. Sie folgt meinem Blick und nimmt einen durstigen Schluck, als sei es eine Art Wunder-, mittel gegen ihre wachsende Erregung. Sie lehnt den Kopf beduselt gegen eins der Sofakissen. «Oder Halcion. Ich könnte eine Halcion brauchen.» «Hör mal, ich würde gerne zusehen … wie ihr beide … es macht», sage ich unschuldig. «Was ist so schlimm daran? Völlig ohne Ansteckungsgefahr.» «Patrick.» Sie lacht. «Du bist ein Irrer.» «Komm schon», dränge ich. «Findest du Christie nicht attrak- tiv?» «Wir wollen doch nicht unanständig werden», sagt sie, aber die Droge beginnt zu wirken, und ich spüre, daß sie gegen ihren Willen erregt ist. «Mir ist jetzt nicht nach schmutzigen Geschichten.» «Komm schon», sage ich. «Ich wette, es ist geil.» «Ist er immer so?» fragt Elizabeth Christie. Ich sehe Christie an. Christie zuckt unverbindlich die Achseln und studiert die Rück- seite einer Compact Disc, ehe sie sie auf den Tisch neben der Ste- reoanlage legt. «Willst du mir erzählen, du hast es noch nie mit einem Mäd- chen gemacht?» frage ich, berühre einen schwarzen Seidenstrumpf, dann, darunter, ein Bein. «Aber ich bin keine Lesbe», betont sie. «Und, nein, habe ich nicht.» «Nie?» frage ich, meine Augenbrauen hochziehend. «Tja, es gibt immer ein erstes Mal …» «Du machst mich ganz verdreht», mault Elizabeth, und ihre Ge- sichtszüge entgleiten ihr. «Ich doch nicht», sage ich schockiert., Elizabeth treibt es mit Christie, beide nackt auf meinem Bett, das Zimmer hell erleuchtet, während ich in dem Louis-Montoni- Stuhl neben dem Futon sitze, ihnen sehr genau zusehe und ab und zu ihre Körper neu in Position bringe. Jetzt lasse ich Elizabeth auf dem Rücken liegen und beide Beine hochhalten, offen, so weit ge- spreizt wie möglich, und dann stoße ich Christies Kopf runter und lasse sie an ihrer Fotze lecken – nicht saugen, sondern schlabbern, wie ein durstiger Hund – und dabei die Klitoris befingern, dann steckt sie, mit der anderen Hand, zwei Finger in die offene, nasse Fotze, während ihre Zunge die Finger ablöst, und dann nimmt sie die tropfenden Finger, mit denen sie Elizabeths Fotze gefickt hat, stößt sie Elizabeth in den Mund und läßt sie daran saugen. Dann lasse ich Christie oben auf Elizabeth liegen und an Elizabe- ths vollen, angeschwollenen Titten knabbern und lutschen, auch Elizabeth knetet ihre Titten, und dann befehle ich beiden, sich zu küssen, gierig, und Elizabeth nimmt die Zunge, die in ihrer eige- nen kleinen rosa Fotze gesteckt hat, hungrig in den Mund, wie ein Tier, und dann reiben sie sich aneinander, pressen die Fotzen zu- sammen, Elizabeth laut stöhnend, die Beine um Christies Hüften geschlungen und sich gegen sie stemmend, Christies Beine so weit gespreizt, daß ich, von hinten, ihre Fotze sehen kann, naß und klaf- fend, und darüber ihr haarloses rosa Arschloch. Christie setzt sich auf und dreht sich um und preßt, immer noch auf ihr liegend, ihre Fotze in Elizabeths keuchendes Gesicht, und bald, wie im Film, wie Tiere, lecken und reiben sich beide fieberhaft gegenseitig die Fot- zen. Elizabeth versucht mit hochrotem Gesicht, ihre Nackenmus- keln treten hervor wie bei einer Irren, ihren Kopf in Christies Pussy zu vergraben, spreizt dann Christies Arschbacken und fängt an, das, Loch auszulecken, mit gutturalem Stöhnen. «Yeah», sage ich ton- los. «Steck der Nutte die Zunge in den Arsch.» Währenddessen schmiere ich mit Vaseline einen großen wei- ßen Dildo, der an einem Gurt befestigt ist. Ich stehe auf und zerre Christie von Elizabeth hoch, die sich wie von Sinnen auf dem Futon windet, gürte den Dildo um Christies Hüften, dann drehe ich Eliz- abeth um, bringe sie auf allen vieren in Stellung und lasse Christie sie damit ficken, Doggy-Style, während ich Christies Fotze reibe, dann ihre Klitoris, dann ihr Arschloch, das so naß und weit ist von Elizabeths Spucke, daß ich mühelos meinen Zeigefinger reinschie- ben kann; und ihr Schließmuskel zuckt zusammen, weitet sich, schließt sich dann wieder um meinen Finger. Ich lasse Christie den Dildo aus Elizabeths Fotze ziehen und Elizabeth auf dem Rücken liegen, während Christie sie in Missionarsstellung fickt. Elizabeth fingert an ihrer Fotze, während sie wilde Zungenküsse mit Christie tauscht, bis sie unwillkürlich überwältigt den Kopf zurückwirft, die Beine um Christies Hüften geschlungen, ihr Gesicht angespannt, ihr Mund geöffnet, der Lippenstift verschmiert von Christies Fot- zensaft, und schreit «o Gott ich komme ich komme fick mich ich komme», weil sie beide die Anweisung haben, mir zu sagen, wenn sie kommen, und dabei möglichst laut zu sein. Dann ist Christie an der Reihe, und Elizabeth streift ungeduldig den Dildo über und fickt Christies Fotze damit, während ich Eliz- abeths Arschloch spreize und lecke, und bald stößt sie mich weg und reibt sich wild. Dann zieht Christie wieder den Dildo an und fickt Elizabeth in den Arsch, während Elizabeth ihre Fotze reibt und ihren Arsch gegen den Dildo stößt, grunzend, bis sie wieder zum Orgasmus kommt. Nachdem ich ihr den Dildo aus dem Arsch, gezogen habe, lasse ich Elizabeth daran lutschen, ehe sie ihn wie- der anlegt und ihn Christie, die auf dem Rücken liegt, in die Fotze schiebt. Dabei lecke ich Christies Titten und sauge hart an jedem Nippel, bis beide rot und steif sind. Ich reibe sie weiter, damit sie so bleiben. Dabei trägt Christie die ganze Zeit schenkelhohe Stiefel von Henri Bendel, die ich sie habe anziehen lassen. Elizabeth läuft nackt aus dem Schlafzimmer, schon voll Blut, mühsam taumelnd, und kreischt irgend etwas Gurgelndes. Mein Orgasmus hat sich lange hinausgezögert, die Entladung war inten- siv, und meine Knie sind wacklig. Ich bin auch nackt und schreie ihr nach, «Du Nutte, du Stück Scheiße», und da das Blut haupt- sächlich aus ihren Füßen kommt, schlittert sie, fängt sich ge- rade noch, und ich versetze ihr einen ungezielten Hieb mit dem schon nassen Schlachtermesser, das ich mit der rechten Hand um- klammere, schlitze ihren Nacken hinten auf und durchtrenne ir- gendwas, irgendwelche Adern. Als ich zum zweiten Mal aushole, während sie zu entkommen versucht, zur Tür stürzt, spritzt das Blut bis ins Wohnzimmer, durchs ganze Apartment, klatscht gegen das Gitterglas und die Eichenpaneele in der Küche. Sie versucht, vorwärts zu laufen, aber ich habe ihre Pulsader getroffen, und es spritzt überallhin, nimmt uns beiden einen Moment lang die Sicht, und ich stürze mich ein letztes Mal auf sie, um ihr den Gnadenstoß zu geben. Sie dreht sich zu mir um, ihr Gesicht angstverzerrt, und ihre Beine geben nach, als ich sie in den Magen schlage, sie kippt zu Boden, und ich falle neben sie. Nachdem ich fünf- oder sechs- mal auf sie eingestochen habe – das Blut schießt in Fontänen hoch; ich beuge mich vor, um seinen Duft zu atmen –, werden ihre Mus- keln steif, starr, und sie fällt in Todeszuckungen; dunkelrotes Blut, überflutet ihre Kehle, und Elizabeth wirft sich herum, als sei sie am Boden gefesselt, aber das ist sie nicht, also muß ich sie zu Boden drücken. Ihr Mund füllt sich mit Blut, das in Kaskaden über ihre Wangen und ihr Kinn strömt. Die krampfhaften Zuckungen ih- res Körper erinnern an das, was ich mir unter einem epileptischen Anfall vorstelle, und ich halte ihren Kopf unten und reibe meinen Schwanz, steif und mit Blut bedeckt, an ihrem röchelnden Gesicht, bis sie regungslos daliegt. In meinem Schlafzimmer liegt Christie noch auf dem Futon, an die Bettpfosten gefesselt, mit Kordel verschnürt, die Arme über dem Kopf, ausgerissene Seiten aus dem Vanity Fair vom letzten Monat in den Mund gestopft. An eine Batterie angeschlossene Jumperkabel sind an ihre Brüste geklemmt, die langsam braun werden. Ich hatte brennende Streichhölzer von Les Relais auf ihren Bauch fallen lassen, und Elizabeth, taumelnd und wahrscheinlich mit einer Überdosis Ecstasy, hatte mir geholfen, ehe ich mich ihr zuwandte und an einem ihrer Nippel kaute, bis ich nicht mehr an mich halten konnte und ihn abbiß und verschlang. Zum ersten Mal fällt mir auf, wie klein und zart gebaut Christie ist, war. Ich knete ihre Brüste mit einer Kombizange durch, zermalme sie, und dann geht alles ganz schnell, ich mache zischende Laute, sie spuckt die Zeitungsseiten aus, versucht, in meine Hand zu beißen, ich lache, als sie stirbt, vorher fängt sie noch an zu weinen, dann rollen ihre Augen nach hinten in einen grauenvollen Traumzustand. Am Morgen sind Christies geschundene Hände aus irgendeinem Grund auf die Größe von Fußbällen angeschwollen, die Finger sind nicht mehr vom Rest der Hand zu unterscheiden, der Geruch ihrer verbrannten Leiche ist widerwärtig, und ich muß erst die Jalousien, öffnen, auf die verbranntes Fett gespritzt ist, als Christies Brüste explodierten, während ich sie grillte, und dann die Fenster, um den Raum durchzulüften. Christies Augen sind weit aufgerissen und glasig, und ihr Mund ist lippenlos schwarz, und auch wo ihre Vagina war, klafft ein schwarzes Loch (obwohl ich mich nicht erin- nern kann, irgendwas damit gemacht zu haben), und zwischen den entfleischten Rippen kann man ihre Lungen sehen. Was von Eliza- beths Körper noch übrig ist, liegt zermatscht in der Wohnzimme- recke. Ihr fehlen der rechte Arm und große Bissen aus dem rechten Bein. Ihre linke Hand, am Gelenk abgehackt, liegt fest verkrampft auf der Kücheninsel, in einer eigenen kleinen Blutpfütze. Ihr Kopf steht auf dem Küchentisch, und das blutverschmierte Gesicht zeigt – trotz ausgestochener Augen und einer Alain-Mikli-Sonnenbrille über den leeren Höhlen – noch immer einen mißbilligenden Aus- druck. Ich habe es bald leid, es anzusehen, und obwohl ich heute nacht keinen Schlaf bekommen habe und völlig erschöpft bin, habe ich um eins im Odeon noch immer eine Verabredung zum Lunch mit Jean Davies und Alana Burton. Sie ist sehr wichtig für mich, und ich ringe mit mir, ob ich sie absagen soll oder nicht.,

Angriff der Tunte

Herbst: ein Sonntag um vier Uhr nachmittags. Ich bin bei Barney’s, Manschettenknöpfe kaufen. Ich hatte den Laden um zwei Uhr dreißig betreten, nach einem kalten, verkrampften Brunch mit Christies Kadaver, die Vordertheke angesteuert, einem Verkäufer gesagt: «Ich brauche dringend eine Peitsche.» Neben den Man- schettenknöpfen kaufte ich ein Reisenecessaire aus Straußenleder mit Doppelreißverschluß und Vinylfutter, eine Pillendose aus An- tiksilber, Kroko und Glas, einen antiken Zahnbürstenbehälter, eine Dachshaar-Zahnbürste und eine Nagelbürste aus Schildpattimitat. Dinner letzte Nacht? Bei Splash. Nicht viel Bemerkenswertes: ein wässeriger Bellini, matschiger Arugula-Salat, pampige Kellnerin. Anschließend sah ich die Wiederholung einer alten Patty Winters Show, die ich auf einem Video fand, auf dem ich eigentlich Aufnah- men von zwei Mädchen vom Begleitservice vermutet hatte, die ich letztes Frühjahr gefoltert und ermordet hatte (das Thema war «Wie mache ich mein Schoßtier zum Filmstar»). Jetzt bin ich gerade da- bei, einen Gürtel zu kaufen – nicht für mich –, und außerdem drei Neunzig-Dollar-Krawatten, zehn Taschentücher, einen Morgen- mantel für vierhundert Dollar und zwei Paar Ralph-Lauren-Pyja- mas, und ich lasse mir alles zu meinem Apartment schicken, außer den Taschentüchern, in die ich Monogramme einsticken und sie dann zu P & P schicken lasse. In der Abteilung für Damenschuhe habe ich bereits einen Auftritt gehabt und mußte mich peinlicher- weise von einer entnervten Verkäuferin wegscheuchen lassen. Zu- nächst ist es nur ein Gefühl schleichenden Unbehagens, das ich, mir nicht erklären kann, aber dann ist mir ohne genauen Anhalts- punkt so, als würde ich verfolgt, als hätte sich im Barney’s jemand an mich gehängt. Luis Carruthers ist, wie mir scheint, incognito. Er trägt eine Art seidenes Abendjackett mit Leopardenmuster, Hirschleder- handschuhe, einen Filzhut, Pilotenbrille, versteckt sich hinter ei- ner Säule und tut, als würde er sich eine Reihe Krawatten ansehen, und wirft mir schamlos Seitenblicke zu. Vorgebeugt unterschreibe ich irgendwas, eine Rechnung wahrscheinlich, und flüchtig drängt mir Luis’ Anwesenheit den Gedanken auf, daß ein Leben mit dieser Stadt, mit Manhattan, mit meinem Job, doch keine so gute Idee ist, und plötzlich stelle ich mir Luis auf irgendeiner gräßlichen Party vor, einen schönen trockenen Rose trinkend, um einen Stutzflü- gel gescharte Tunten, Showmelodien, jetzt hält er eine Blume, jetzt trägt er eine Federboa um den Hals, jetzt hämmert der Pianist ir- gendwas aus Les Miz, Schätzchen. «Patrick? Bist du das?» höre ich eine zaghafte Stimme fragen. Wie ein Schockschnitt aus einem Horrorfilm – ein überraschen- der Zoom – taucht Luis, urplötzlich, ohne Warnung hinter einer Säule auf, gleichzeitig schleichend und springend, falls so was mög- lich ist. Ich lächle der Verkäuferin zu, rücke betreten von ihm ab zu einem Schaukasten mit Hosenträgern und brauche dringend eine Xanax, eine Valium, eine Halcion, ein Frozfruit, irgendwas. Ich sehe nicht zu ihm hin, ich kann’s nicht, aber ich spüre, daß er näher kommt. Seine Stimme bestätigt es. «Patrick? … Hallo?» Ich schließe die Augen, führe eine Hand vors Gesicht und mur- mele kaum hörbar: «Laß es mich nicht sagen, Luis.», «Patrick?» sagt er, Unschuld heuchelnd. «Was meinst du?» Eine scheußliche Pause, dann: «Patrick … warum siehst du mich nicht an?» «Ich ignoriere dich, Luis.» Ich ziehe die Luft ein und beruhige mich damit, das Preisschild an einem Armani-Button-Up-Sweater zu checken. «Merkst du das nicht? Ich ignoriere dich.» «Patrick, können wir nicht wenigstens miteinander reden?» fragt er fast wimmernd. «Patrick – sieh mich an.» Nach einem weiteren scharfen Atemzug lasse ich mich seufzend zu der Antwort herab: «Es gibt nichts, gar-nichts zu reden –» «Wir können so nicht weitermachen», fällt er mir ungeduldig ins Wort. «Ich kann nicht so weitermachen.» Ich brumme etwas. Ich versuche wegzugehen. Er folgt mir hart- näckig. «Jedenfalls», sagt er, nachdem wir die andere Seite des Ladens er- reicht haben, wo ich so tue, als würde ich mir eine Stange mit Sei- denkrawatten ansehen, obwohl um mich alles verschwimmt, «wird es dich freuen zu hören, daß ich versetzt werde … in einen anderen Bundesstaat.» Eine Last fällt von mir ab, und ich finde die Kraft zu fragen: «Wohin?» «Oh, in eine andere Niederlassung», sagt er in erstaunlich ent- spanntem Ton, vielleicht, weil ich tatsächlich Interesse an seinen Angelegenheiten gezeigt habe. «In Arizona.» «Herr-lich», murmele ich. «Willst du nicht wissen, warum?» fragt er. «Nein, eigentlich nicht», sage ich., «Deinetwegen», sagt er. «Sag das nicht», flehe ich. «Deinetwegen», sagt er wieder. «Du bist krank», sage ich zu ihm. «Wenn ich krank bin, dann deinetwegen», sagt er etwas zu bei- läufig und schaut prüfend auf seine Fingernägel. «Deinetwegen bin ich krank, und ich werde auch nicht wieder gesund.» «Diese Obsession von dir übersteigt mittlerweile jedes ver- nünftige Maß. Un-ver-hältnismäßig übersteigert», sage ich und gehe in die nächste Reihe. «Aber ich weiß, daß du dasselbe fühlst wie ich», sagt Luis und kommt mir nach. «Und ich weiß, daß nur …» Er senkt seine Stimme und zuckt die Achseln. «Nur weil du manche … Gefühle nicht eingestehen willst, heißt das noch nicht, daß du sie nicht hast.» «Was willst du damit sagen?» zische ich. «Daß ich weiß, daß du genauso empfindest wie ich.» Dabei nimmt er dramatisch die Sonnenbrille ab, als sei das der Beweis. «Du hast da … einen falschen Schluß gezogen», röchele ich. «Deine Recherche war offensichtlich ungenügend.» «Warum?» fragt er. «Ist es so falsch, dich zu lieben, Patrick?» «O … mein … Gott.» «Dich zu begehren? Bei dir sein zu wollen?» fragt er. «Ist das so falsch?» Ich spüre, daß er mich hilflos anstarrt, daß er dem totalen emo- tionalen Zusammenbruch nahe ist. Nachdem er fertig ist, habe ich keine andere Antwort als ein langes Schweigen. Schließlich bekämpfe ich es, indem ich zische: «Woher kommt nur deine un-, heilbare Unfähigkeit, diese Situation rational einzuschätzen?» Ich warte. «Hm?» Ich reiße meinen Blick von den Sweatern los, den Schlipsen, was auch immer, und fixiere Luis. Schon fängt er an zu grinsen, beglückt, daß ich seine Gegenwart zur Kenntnis nehme, aber bald wird das Lächeln brüchig, in den dunklen tiefsten Winkeln seines Tuntenhirns dämmert eine Erkenntnis, und er fängt an zu weinen. Als ich unauffällig zu einer Säule gehe, um mich dahinter zu verste- cken, folgt er mir, packt mich grob an der Schulter und reißt mich herum, damit ich ihn ansehe: Luis gegen die Wirklichkeit. Im selben Moment, als ich Luis bitte «Geh weg», schnieft er: «O Gott, Patrick, warum magst du mich nicht» und wirft sich dann unseligerweise auf den Boden mir zu Füßen. «Steh auf», murmele ich, stocksteif. «Steh auf.» «Warum können wir nicht zusammensein?» schluchzt er, die Faust auf den Boden hämmernd. «Weil ich … dich» – ich sehe mich schnell im Laden um, um mich zu vergewissern, daß niemand zuhört – «sexuell nicht … attraktiv finde», flüstere ich vernehmlich und starre auf ihn hin- unter. «Ich kann nicht glauben, daß ich das wirklich gesagt habe», murmele ich vor mich hin, zu niemandem, und schüttele dann den Kopf, versuche, meine Gedanken zu ordnen, die Verwirrung hat ein Ausmaß angenommen, das für mich nicht mehr überschaubar ist. Ich sage Luis: «Bitte, laß mich in Ruhe» und versuche wegzugehen. Unfähig, diesem Wunsch zu entsprechen, schnappt Luis nach dem Zipfel meines Armani-Trenchcoats aus Seidenstoff und heult, während er immer noch am Boden liegt: «Bitte Patrick, bitte verlaß mich nicht.», «Hör mir zu», sage ich zu ihm, knie nieder und versuche, Luis vom Boden hochzuwuchten. Darauf brabbelt er etwas Unverständ- liches, das sich zu einem Jaulen steigert und in einem Crescendo mündet, das die Aufmerksamkeit eines der Sicherheitsmänner von Barney’s erregt, der im Vordereingang des Ladens steht und sich jetzt auf den Weg zu uns macht. «Jetzt siehst du, was du angerichtet hast», flüstere ich verzweifelt. «Steh auf. Steh auf.» «Alles in Ordnung?» Der Wachmann, ein großer schwarzer Typ, schaut auf uns hinunter. «Ja, danke schön», sage ich, Luis anfunkelnd. «Alles bestens.» «Ne-e-e-ein», jault Luis unter Schluchzen. «Ja», wiederhole ich, den Wachmann ansehend. «Sind Sie sicher?» fragt der Wachmann. Mit geschäftsmäßigem Lächeln sage ich zu ihm: «Bitte geben Sie uns nur eine Minute. Wir regeln das privat.» Ich wende mich wieder an Luis. «Nun komm aber, Luis. Steh auf. Du sabberst.» Ich schaue wieder den Sicherheitsmann an und buchstabiere mit den Lippen, die Hand hebend, während ich ihm zunicke: «Eine Minute, bitte.» Der Wachmann nickt unschlüssig und geht zögernd zurück auf seinen Posten. Immer noch kniend, packe ich Luis bei den zuckenden Schul- tern und sage ihm mit gesenkter Stimme, so drohend wie möglich, als würde ich ein Kind bestrafen: «Hör mir zu, Luis. Wenn du nicht aufhörst zu heulen, du miese erbärmliche schwule Sau, schlitze ich dir die Scheißkehle auf. Hörst du mir zu?» Ich schlage ihm ein paarmal leicht ins Gesicht. «Mehr kann ich nicht für dich tun.», «Oh, töte mich einfach», heult er, die Augen geschlossen, wirft den Kopf vor und zurück und flüchtet sich immer tiefer in wirres Zeug; dann blubbert er: «Wenn ich dich nicht haben kann, will ich nicht leben. Ich will sterben.» Mein Verstand ist ernstlich in Gefahr, hier mitten bei Barney’s, und ich packe Luis am Kragen, knautsche den Stoff in meiner Faust zusammen, ziehe Luis’ Gesicht ganz nah zu meinem und flüstere leise: «Hör mir zu Luis. Hörst du mir zu? Normalerweise warne ich die Leute nicht vor, Luis. Also-sei-dankbar-daß-ich-dich-warne.» Jetzt völlig durchgedreht, unter gutturalen Lauten, den Kopf schamvoll gesenkt, versucht er eine kaum hörbare Erwiderung. Ich packe sein Haar – es ist steif von Mousse; ich erkenne es am Ge- ruch als Cactus, eine neue Marke –, reiße seinen Kopf hoch und scheiße ihn knurrend zusammen: «Hör mal, du willst sterben? Ich mach es, Luis. Ich hab’s schon mal gemacht, und ich werde dich verdammt noch mal ausweiden, dir den Scheiß-Bauch aufreißen und dir deine Eingeweide in den Scheiß-Schwulenhals rammen, bis du dran erstickst.» Er hört nicht zu. Immer noch in der Hocke, starre ich ihn nur ungläubig an. «Bitte Patrick, bitte. Hör mir zu, ich hab mir alles überlegt. Ich höre auf bei P & P, das kannst du auch, dann können wir in Ari- zona neu anfangen, und –» «Halt’s Maul, Luis.» Ich schüttle ihn. «O mein Gott, halt einfach das Maul.» Ich stehe schnell auf, klopfe mir den Staub ab, und gerade als ich denke, der Ausbruch sei vorüber und ich könnte fortgehen, um- klammert Luis meinen rechten Knöchel und versucht, sich an mich, zu hängen, während ich Barney’s verlasse, und schließlich muß ich ihn zwei Meter weit mitschleppen, ehe ich ihn zuletzt ins Gesicht trete, während ich hilflos einem Paar zulächle, das in der Socken- abteilung stöbert. Inständig flehend schaut Luis hoch zu mir, wäh- rend sich an der kleinen Schürfwunde auf seiner Wange erste Blut- tröpfchen zeigen. «Ich liebe dich», jault er mitleiderregend. «Ich liebe dich.» «Ich bin überzeugt, Luis», brülle ich ihn an. «Du hast mich über- zeugt. Also steh jetzt auf.» Glücklicherweise schaltet sich ein Verkäufer, alarmiert durch Luis’ Auftritt, ein und hilft ihm auf. Wenige Minuten später, nachdem er sich einigermaßen beruhigt hat, stehen wir beide im Haupteingang von Barney’s. Er hat ein Taschentuch in einer Hand und die Augen fest geschlossen, und eine Schwellung zeigt sich allmählich unter seinem linken Auge. Er wirkt gefaßt. «Du mußt einfach den … äh … Mut haben, der Realität ins Auge zu sehen», sage ich ihm. Gequält starrt er aus der Drehtür in den warm fallenden Regen und wendet sich dann, mit einem klagenden Seufzer, zu mir. Ich betrachte die Reihen, die endlosen Reihen von Schlipsen, und dann die Decke.,

Totes Kind im Zoo

Eine Reihe von Tagen vergeht. Während der Nächte schlafe ich in Zwanzig-Minuten-Abschnitten. Ich fühle mich ziellos, es sieht trüb aus, meine Mordlust, die aufwallt, verschwindet, aufwallt und wieder abklingt, schlummert unter der Oberfläche während eines ruhigen Lunchs bei Alex Goes to Camp, wo ich Lammsalami-Salat mit Hummer und weißen Bohnen an Limonen und Gänseleber- Essig nehme. Ich trage ausgebleichte Jeans, ein Armani-Jackett und ein Hundert-Dollar-T-Shirt von Comme des Garçons. Ich mache einen Telefonanruf, um meinen Anrufbeantworter abzuhören. Ich bringe ein paar Videokassetten zurück. Ich gehe noch am Geldau- tomaten vorbei. Gestern abend hat Jean mich gefragt: «Patrick, wa- rum haben Sie Rasierklingen in der Brieftasche?» In der Patty Win- ters Show heute morgen ging es um einen Jungen, der sich in eine Packung Seife verliebt hat. Unfähig, meine Alltagsrolle glaubwürdig aufrechtzuhalten, finde ich mich rastlos den Central-Park-Zoo durchstreifend. Drogen- händler lungern in Sichtweite der Tore herum, der Geruch von Pferdescheiße aus vorbeifahrenden Transportern weht über sie hinweg in den Zoo, und die Spitzen der Wolkenkratzer und Apart- menthäuser der Fifth Avenue, das Trump Plaza und das AT&T- Building umgeben den Park, der den Zoo umgibt und dessen Un- wirklichkeit erhöht. Ein schwarzer Aufseher, der den Boden des Männerklos wischt, bittet mich nachzuspülen, nachdem ich das Pissoir benutzt habe. «Mach’s selbst, Nigger», antworte ich ihm, und als er einen Schritt in meine Richtung macht, hält ihn das Blit-, zen der Messerklinge zurück. Alle Infostände scheinen geschlossen zu sein. Ein blinder Mann kaut, frißt an einer Bretzel. Zwei Betrun- kene, Schwule, trösten einander auf einer Bank. Nahebei gibt eine Mutter ihrem Baby die Brust, und der Anblick weckt etwas Gräß- liches in mir. Der Zoo scheint leer, leblos. Die Eisbären sehen verdreckt und betäubt aus. Ein Krokodil treibt verdrießlich in einem öligen Behelfstümpel. Die Papageientaucher starren traurig aus ihrem Glaskäfig. Tukane mit messerscharfen Schnäbeln. Dümmliche See- hunde tauchen von Felsen in wirbelnd schwarzes Wasser, sinnlos kläffend. Die Zoowärter füttern sie mit totem Fisch. Eine Menge drängt sich um das Becken, meist Erwachsene, wenige von Kin- dern begleitet. Am Seehundbecken warnt eine Plakette: MÜNZEN KÖNNEN TÖTEN – VERSCHLUCKTE MÜNZEN KÖNNEN SICH IM MAGEN DER TIERE FESTSETZEN UND MAGENGE- SCHWÜRE, INFEKTIONEN UND TOD ZUR FOLGE HABEN. WERFEN SIE KEINE MÜNZEN INS BECKEN. Was mache ich also? Schleudere eine Handvoll Kleingeld ins Becken, als keiner der Zoowärter hinschaut. Nicht die Seehunde hasse ich – es ist die Freude des Publikums an ihnen, die mich nervt. Die Schnee-Eule hat Augen genau wie ich, besonders, wenn sie sich weiten. Und während ich dastehe, sie ansehe und meine Sonnenbrille senke, geschieht etwas Unausgesprochenes zwischen mir und dem Vogel – eine seltsame Spannung, ein bizarrer Drang, der alles Folgende nährt, das beginnt, geschieht und endet, ganz schnell. In der Dunkelheit des Pinguingeheges – «Am Rande des Packei- ses», wie es der Zoo prätentiös nennt – ist es kalt, ein scharfer Kon- trast zur Schwüle draußen. Die Pinguine im Becken gleiten unter, Wasser faul an den Glaswänden entlang, vor denen sich glotzende Besucher drängen. Die Pinguine auf den Felsen, die nicht schwim- men, sehen benommen, erschöpft aus, müde und gelangweilt; sie gähnen meistens, plustern sich manchmal. Künstliche Pinguin- Schreie, wahrscheinlich vom Band, dringen aus den Lautsprechern, die jemand lauter gestellt hat, weil der Raum überfüllt ist. Die Pin- guine sind niedlich, nehme ich an. Ich entdecke einen, der aussieht wie Craig McDermott. Ein Kind, kaum fünf, ißt den Rest seines Schokoladenriegels. Die Mutter sagt ihm, es soll das Papier wegwerfen, und spricht dann wieder mit einer anderen Frau, die ein Kind im ungefähr gleichen Alter hat, alle drei starren ins schmutzige Blau des Pinguingeheges. Das erste Kind geht zur Mülltonne in einem schlecht beleuchte- ten Winkel des Raums, hinter der ich jetzt kauere. Es steht auf Ze- henspitzen und wirft das Papier sorgfältig in den Müll. Ich flüstere etwas. Das Kind sieht mich und steht da, fern der Menge, etwas ängstlich und doch stumm fasziniert. Ich starre zurück. «Möchtest du … ein Plätzchen?» frage ich und greife in meine Tasche. Der Junge nickt, bewegt seinen kleinen Kopf hoch, dann wie- der runter, ganz langsam, doch ehe er antworten kann, steigert sich meine plötzliche Sorglosigkeit zu unbändiger Raserei, und ich ziehe mein Messer aus der Tasche und stoße es ihm blitzschnell in den Nacken. Verblüfft stolpert er rückwärts in die Mülltonne, gurgelnd wie ein Baby, kann nicht laut schreien oder weinen, weil das Blut aus der Wunde in seinem Hals zu schießen beginnt. Obwohl ich gerne zusehen würde, wie dieses Kind stirbt, schiebe ich es hinter die, Mülltonne, mische mich dann unauffällig unter die anderen, be- rühre die Schulter eines hübschen Mädchens und zeige lächelnd auf einen Pinguin, der sich anschickt zu springen. Hinter mir könnte man, wenn man genau hinsehen würde, die Füße des Kin- des hinter der Mülltonne zappeln sehen. Ich behalte die Mutter des Kindes im Auge, die nach einer Weile das Verschwinden ihres Sohns bemerkt und die Menge mit den Augen absucht. Ich berühre wieder die Schulter des Mädchens, und sie lächelt mich an und zuckt bedauernd die Achseln, obwohl ich nicht weiß, warum. Als die Mutter ihn schließlich entdeckt, schreit sie nicht, weil sie nur seine Füße sehen kann und annimmt, daß er sich zum Spaß vor ihr versteckt. Zunächst wirkt sie erleichtert, daß sie ihn gefun- den hat, und gurrt, auf die Mülltonne zugehend: «Spielst du Ver- stecken, Liebling?» Aber von dort, wo ich stehe, hinter dem hüb- schen Mädchen, die Ausländerin ist, Touristin, wie ich bereits fest- gestellt habe, kann ich den genauen Moment beobachten, in dem der Ausdruck im Gesicht der Mutter sich zu Furcht wandelt und sie ihre Handtasche über die Schulter wirft, die Mülltonne zur Seite zerrt und ein Gesicht entdeckt, das völlig mit rotem Blut bedeckt ist; und deshalb kann das Kind kaum blinzeln und greift nach sei- ner Kehle, jetzt nur noch schwach strampelnd. Die Mutter macht ein Geräusch, das ich kaum beschreiben kann – einen hohen Ton, der in einen Schrei mündet. Als sie neben dem Körper zu Boden fällt und ein paar Leute sich umdrehen, höre ich mich laut ausrufen, die Stimme belegt von Mitgefühl: «Lassen Sie mich durch, zur Seite, ich bin Arzt», und ich knie neben der Mutter, ehe sich eine neugierige Menge um uns versammelt, und ziehe ihre Arme von dem Kind weg, das nun, auf dem Rücken vergeblich nach Luft schnappt, während das Blut gleichmäßig, aber schon schwächer aus seinem Hals auf das bereits durchnäßte Polohemd sprudelt. Und während ich den Kopf des Kindes halte, ehrfürchtig, sorgsam bedacht, mich nicht blutig zu machen, bin ich mir schwach bewußt, daß, falls jemand einen Te- lefonanruf macht oder ein richtiger Doktor zur Hand ist, eine gute Chance besteht, das Kind zu retten. Aber dazu kommt es nicht. Statt dessen halte ich es, gedankenlos, während die Mutter – häus- lich, jüdisch aussehend, übergewichtig, bemitleidenswert erfolglos in ihrem Bemühen, sich mit Designerjeans und einem unansehnli- chen schwarzen Wollsweater mit Rankenmuster schick zu machen – schreit tut doch etwas, tut doch etwas, tut doch etwas, wir beide blind und taub für das Chaos, die schreienden Leute um uns, nur auf das sterbende Kind konzentriert. Obwohl ich zuerst zufrieden mit mir bin, durchfährt mich plötz- lich klägliche Verzweiflung darüber, wie sinnlos, wie außerordent- lich schmerzlos es ist, ein Kind ums Leben zu bringen. Dieses Ding vor mir, klein und verkrümmt und blutig, hat keine eigene Ge- schichte, keine nennenswerte Vergangenheit, nichts Wichtiges geht verloren. Wieviel schlimmer (und erfreulicher) ist es, jemandem das Leben zu nehmen, der auf der Höhe des Lebens steht, der An- sätze einer echten Geschichte hat, Lebensgefährten, ein Netzwerk von Freunden, dessen Tod viel mehr Menschen mit unendlichem Leidenspotential unglücklich macht, als der Tod eines Kindes es könnte, wahrscheinlich sehr viel mehr Leben zerstört als der sinn- lose, mickrige Tod dieses Jungen. Automatisch überkommt mich das schier überwältigende Verlangen, auch die Mutter des Kindes zu erschlagen, die in Hysterie verfallen ist, aber ich kann nicht, mehr tun, als sie grob ins Gesicht zu schlagen und sie anzuschreien, sie soll still sein. Dafür ernte ich keinen mißbilligenden Blick. Un- bewußt registriere ich, daß Licht in den Raum fällt, daß irgendwo eine Tür geöffnet wird, die Anwesenheit von Zoowärtern, einem Aufseher, daß jemand – ein Tourist? – Blitzlichtaufnahmen macht, die hinter uns im Tank durchdrehenden Pinguine, die sich in Pa- nik gegen die Glasscheibe werfen. Ein Bulle schiebt mich beiseite, obwohl ich ihm sage, ich sei Arzt. Jemand schleift den Jungen nach draußen, legt ihn auf den Boden und reißt sein Hemd auf. Der Junge keucht, stirbt. Die Mutter muß zurückgehalten werden. Ich fühle mich leer, kaum richtig anwesend, aber selbst das Ein- treffen der Polizei scheint kein ausreichender Grund, sich zu ver- ziehen, und so stehe ich mit der Menge vor dem Pinguingehege, mit Dutzenden von anderen, lasse mir reichlich Zeit, mich gemäch- lich unter die Menge zu mischen und dann zu verkrümeln, bis ich schließlich die Fifth Avenue hinuntergehe, überrascht, wie wenig Blut meine Jacke abbekommen hat; ich halte bei einem Buchladen an und kaufe ein Buch, und dann kaufe ich ein Dove Bar – Kokos- nußgeschmack – an einem Dove-Bar-Stand an der Ecke Fifty-Sixth und stelle mir ein Loch vor, das in der Sonne aufreißt, und aus ir- gendeinem Grund löst das die Spannung, die ich gespürt hatte, als ich zum ersten Mal die Augen der Schnee-Eule sah, und noch ein- mal, nachdem sie den Jungen aus dem Pinguingehege gezerrt hat- ten und ich davonging, die Hände voller Blut, unentdeckt.,

Girls

Meine Besuche im Büro waren im letzten Monat sporadisch, vor- sichtig ausgedrückt. Alles, wozu ich im Moment Lust zu haben scheine, ist zu trainieren, hauptsächlich Gewichtheben, und in neuen Restaurants zu reservieren, in denen ich schon gewesen bin, um dann wieder abzusagen. Mein Apartment riecht nach ver- schimmeltem Obst, obwohl der Geruch eigentlich von dem her- rührt, was ich aus Christies Kopf gekratzt und in eine Marco-Glas- schale gekippt habe, die auf einem Bord neben der Eingangshalle steht. Der Kopf selbst liegt mit Hirnmasse beschmiert, hohl und augenlos, in der Ecke des Wohnzimmers unter dem Klavier, und ich habe vor, ihn zu Halloween als Laterne zu verwenden. Wegen des Gestanks beschließe ich, Paul Owens Apartment für ein kleines Stelldichein zu benutzen, das ich für heute abend geplant habe. Ich habe die Wohnung auf Abhörgeräte untersuchen lassen; enttäu- schenderweise erfolglos. Jemand, mit dem ich über meinen Anwalt Kontakt habe, erzählt mir, daß Donald Kimball, der Privatdetek- tiv, gehört hat, Owen sei tatsächlich in London, jemand habe ihn zweimal in der Lobby des Claridge gesehen und jeweils einmal bei einem Schneider in der Savile Row und einem angesagten neuen Restaurant in Chelsea. Kimball ist vor zwei Nächten rübergeflogen, das heißt, daß niemand mehr das Apartment überwacht, und die Schlüssel, die ich Owen abgenommen habe, passen immer noch, also konnte ich das Werkzeug (eine Bohrmaschine, eine Flasche Säure, das Bolzenschußgerät, Messer, ein Bic-Feuerzeug) nach dem Lunch dort hinbringen. Ich miete zwei Hostessen bei einem ange-, sehenen, wenn auch schmierigen Privatunternehmen, mit dem ich noch nie zu tun hatte, lasse sie auf Owens goldene American-Ex- press-Karte setzen, die, wahrscheinlich weil Owen in London ver- mutet wird, nicht überwacht wird, seine Platin-Am-Ex hingegen schon. Die Patty Winters Show heute morgen war – ironischer- weise, fand ich – über Lady Dis Schönheitstricks. Mitternacht. Meine Unterhaltung mit den beiden Mädchen, zwei jungen, blonden Hardbodies mit großen Titten, ist schleppend, da ich einige Mühe habe, mein derangiertes Ich im Zaum zu halten. «Sie leben in einem Palast, Mister», sagt eins der Mädchen, Torri, mit Babystimme, hingerissen von Owens lächerlich protziger Ei- gentumswohnung. «Ist echt ein Palast.» Verärgert werfe ich ihr einen Blick zu. «So schön ist es auch wie- der nicht.» Während ich Drinks aus Owens wohlsortierter Bar mache, er- wähne ich den beiden gegenüber, daß ich auf der Wall Street ar- beite, bei Pierce & Pierce. Keine von beiden scheint das besonders zu interessieren. Statt dessen muß ich wieder eine Stimme hören – eine von ihren –, die mich fragt, ob es ein Schuhgeschäft ist. Tif- fany blättert in einer drei Monate alten Ausgabe von GQ, sitzt auf der schwarzen Ledercouch unter der Wandverkleidung aus Kuh- fellimitat und sieht verwirrt aus, als würde sie etwas, alles, nicht verstehen. Ich denke, bete, du Hure, bete einfach, und dann muß ich mir eingestehen, wie es mich aufgeilt, daß sich diese Mädchen vor mir für ein Taschengeld erniedrigen. Außerdem lasse ich ein- fließen, daß ich in Harvard war, und frage dann: «Schon mal davon gehört?» Ich bin schockiert, als Torri sagt: «Ich hatte mal einen Geschäfts-, freund, der sagte, er wäre da gewesen.» Sie zuckt stumpf die Ach- seln. «Ein Kunde?» frage ich interessiert. «Tja», sagt sie nervös. «Sagen wir einfach, ein Geschäftsfreund.» «War das ein Zuhälter?» frage ich – dann kommt der irre Teil. «Na ja», sie druckst herum, ehe sie fortfährt, «sagen wir einfach, ein Geschäftsfreund.» Sie nimmt einen Schluck aus ihrem Glas. «Er sagte, er wäre da gewesen, aber … ich habe ihm nicht geglaubt.» Sie sieht zu Tiffany, dann zu mir. Unser beiderseitiges Schweigen er- mutigt sie, weiterzusprechen, und sie fährt stockend fort. «Er hatte, na ja, diesen Affen, irgendwie. Und ich mußte in … seinem Apart- ment auf den Affen … aufpassen.» Sie bricht ab, fängt wieder an, fährt mit monotoner Stimme fort, gelegentlich schluckend: «Ich wollte den ganzen Tag fernsehen, weil es sonst nicht viel zu tun gab, während der Typ weg war … und dabei ein Auge auf den Af- fen haben. Aber mit dem … mit dem Affen stimmte was nicht.» Sie bricht ab und holt tief Atem. «Der Affe wollte immer nur …» Sie seufzt, dann sprudelt es aus ihr heraus, «die Oprah Winfrey Show sehen, und sonst nichts. Der Typ hatte unzählige Bänder davon, und die hatte er alle für seinen Affen gemacht» – jetzt sieht sie fle- hend zu mir, als ob sie gleich hier und jetzt in Owens Apartment den Verstand verlieren würde und von mir, ja was, eine Bestätigung erwartet? – «und die Reklame rausgeschnitten. Einmal habe ich versucht … umzuschalten … oder das Tape auszustellen … weil ich statt dessen eine Soap-Opera sehen wollte … aber» – sie trinkt ihr Glas aus, rollt die Augen und fährt, eindeutig erschüttert von dieser Story, tapfer fort – «der Affe hat mich ang … gefaucht und hat sich erst beruhigt, als Oprah wieder lief.» Sie schluckt, räuspert, sich, sieht aus, als würde sie gleich zu weinen anfangen, tut es dann aber doch nicht. «Also weißt du, man schaltet den Fernseher um, und und d-der verdammte Affe kratzt einen», schließt sie bitter, wiegt sich in ihren Armen, zitternd, und versucht vergeblich, sich selbst zu wärmen. Stille. Arktische, frostige, totale Stille. Das Licht, das über uns im Apartment brennt, ist kalt und elektrisch. Ich stehe da, sehe Torri an und dann das andere Mädchen, Tiffany, die aussieht, als würde ihr gleich übel. Schließlich sage ich etwas, stolpere über meine eigenen Worte. «Es … ist mir egal … ob du ein … anständiges Leben führst … oder nicht.» Sex findet statt – eine Hard-Core-Montage. Erst rasiere ich Tor- ris Muschi, dann liegt sie auf dem Rücken auf Pauls Futon und spreizt ihre Beine, während ich sie reibe und lecke und manchmal ihr Arschloch lecke. Dann lutscht Tiffany an meinem Schwanz – ihre Zunge ist heiß und naß, und sie fährt damit immer wieder über meine Eichel, was mich ganz nervös macht –, während ich sie dreckige Hure, Nutte nenne. Ich ficke eine von ihnen mit Kondom, während die andere an meinen Eiern leckt und schlabbert, und starre dabei auf den Angelis-Siebdruck, der über dem Bett hängt, denke an Bäche von Blut, Fontänen von dem Zeug. Manchmal ist es sehr still im Raum, bis auf die nassen Geräusche, die mein Schwanz macht, wenn er in einer der Vaginas vor und zurück glei- tet. Tiffany und ich wechseln uns dabei ab, Torris haarlose Fotze und ihr Arschloch zu lecken. Beide kommen, aufschreiend, in 69- Position. Als ihre Fotzen naß genug sind, packe ich einen Dildo aus und lasse sie damit herumspielen. ’Torri spreizt ihre Beine und, reibt ihre eigene Klitoris, und während Tiffany sie mit dem riesi- gen, eingeschmierten Dildo fickt, bettelt Torri darum, daß Tiffany ihn härter in ihre Fotze stößt, bis sie schließlich keuchend kommt. Ich lasse sie sich wieder gegenseitig lecken, fange aber schon an, die Lust zu verlieren – ich kann an nichts anderes denken als an Blut und wie ihr Blut aussehen wird, und obwohl Torri weiß, was sie zu tun hat, weiß, wie man Pussies lecken muß, genügt es mir nicht, und ich schiebe sie von Tiffanys Fotze weg und fange an, die weiche, nasse rosa Fotzigkeit zu lecken und zu beknabbern, während Torri ihren Arsch spreizt und sich auf Tiffanys Gesicht setzt und dabei ihre eigene Klitoris reibt. Tiffany leckt hungrig Torris Pussy, naß und schimmernd, und Torri greift nach unten und knetet Tiffanys große feste Titten. Ich beiße fester, an Tiffa- nys Fotze kauend, und sie verkrampft sich. «Ganz locker», sage ich beruhigend. Sie fängt an zu jaulen, will wegrutschen und kreischt schließlich laut auf, als sich meine Zähne in ihr Fleisch graben. Torri denkt, Tiffany würde kommen, und preßt ihre eigene Fotze härter auf Tiffanys Mund, ihre Schreie erstickend, aber als ich zu Torri hochschaue, das Gesicht voller Blut, den Mund voller Fleisch und Schamhaare, und das Blut aus Tiffanys zerfetzter Fotze auf die Bettdecke schießt, spüre ich, wie eine Welle plötzlichen Horrors sie überläuft. Ich blende sie beide zunächst mit Tränengas und schlage sie dann mit dem Griff des Bolzenschußgeräts nieder. Torri erwacht gefesselt, hinterrücks über die Bettkante gezogen, das Gesicht voller Blut, weil ich ihr die Lippen mit einer Nagel- schere abgeschnitten habe. Tiffany ist mit sechs Paaren von Pauls Hosenträgern an die andere Seite des Betts gefesselt, stöhnt vor Angst, völlig erstarrt vor dem Monster Realität. Ich will, daß sie zu-, sieht, was ich mit Torri mache, und habe sie so hingesetzt, daß sie es nicht vermeiden kann. Wie immer im Bemühen, diese Mädchen begreifen zu lernen, filme ich ihren Tod. Für Torri und Tiffany be- nutze ich eine Minox LX Superminiaturkamera für 9.5-mm-Film und 15 mm f/3.5 Linse mit Belichtungsmesser und eingebautem Graufilter und Stativ. Im tragbaren CD-Player, der auf dem Bü- cherbord über dem Bett steht, läuft eine CD der Traveling Wilbu- rys, um eventuelle Schreie zu übertönen. Ich fange damit an, Torri ein wenig zu häuten, mache leichte Einschnitte mit einem Steakmesser und reiße kleine Fleischstücke aus Beinen und Bauch, während sie hilflos schreit, mit hoher, dün- ner Stimme um Gnade fleht, und ich hoffe, daß ihr bewußt ist, wie verhältnismäßig harmlos ihre Leiden gegen das sind, was ich mit der anderen vorhabe. Ich besprühe Torri immer wieder mit Trä- nengas, versuche dann, ihr die Finger mit der Nagelschere abzu- schneiden, und gieße schließlich Säure über ihren Unterleib und ihre Genitalien, aber das alles reicht noch lange nicht, um sie zu töten, also gehe ich dazu über, ihr in die Kehle zu stechen, aber dann bricht die Messerklinge ab, weil sie in dem, was von Torris Hals noch übrig ist, auf Knochen gestoßen ist, und ich höre auf. Während Tiffany zusieht, säge ich zum Schluß den ganzen Kopf ab – Sturzbäche von Blut schwappen gegen die Wände, spritzen bis an die Decke –, schwenke den Kopf wie eine Trophäe, halte ihn dann vor meinen Schwanz, purpurrot vor Geilheit, mit dem ich ihren blutigen Mund ficke, bis ich komme, darin explodiere. Danach bin ich so hart, daß ich den Kopf, der sich warm und fast schwerelos anfühlt, auf meinem Schwanz durch das blutüberströmte Zimmer tragen kann. Eine Zeitlang ist das amüsant, aber ich brauche eine, Pause, also entferne ich den Kopf, stelle ihn auf Pauls Eiche-und- Teak-Schrank und setze mich dann in einen Stuhl, nackt, mit Blut bedeckt, sehe HBO in Owens Fernseher, trinke ein Corona und be- schwere mich lauthals, daß Owen kein Cinemax hat. Später – jetzt – sage ich Tiffany: «Ich lasse dich gehen, shhhh …» und ich streichle ihr Gesicht, das schlüpfrig ist von Tränen und Trä- nengas, ganz sanft, und es schneidet mir ins Herz, daß tatsächlich einen Moment Hoffnung in ihrem Blick ist, ehe sie das brennende Streichholz in meiner Hand sieht, aus einem Streichholzbriefchen aus der Bar im Palio’s, das ich mitgenommen habe, als ich letz- ten Freitag mit Robert Farrell und Robert Prechter auf ein paar Drinks dort war, und ich senke es vor ihre Augen, die sie instinktiv schließt, versenge ihr beide Wimpern und Augenbrauen, und zum Schluß nehme ich dann ein Bic-Feuerzeug und halte es an beide Augenhöhlen, wobei ich die Lider mit meinen Fingern offenhalte und mir den Daumen und den kleinen Finger verbrenne, bis die Augäpfel aufplatzen. Während sie noch bei Bewußtsein ist, rolle ich sie herum, spreize ihre Arschbacken und nagele mit dem Bolzen- schußgerät einen Dildo, den ich auf ein Brett gebunden habe, tief in ihren Arsch. Dann drehe ich sie wieder um, ihr Körper schwach vor Angst, schneide alles Fleisch um ihren Mund ab und vertiefe das Loch mit der Bohrmaschine, auf die ich einen extra-dicken Bohrer geschraubt habe, während sie protestierend zuckt, und als ich mit der Größe des Lochs zufrieden bin, das ich gebohrt habe, ihr Mund ist so weit offen wie möglich, ein rötlich-schwarzer Tun- nel aus zerfetzter Zunge und ausfallenden Zähnen, stoße ich meine Hand hinein, so tief in ihren Rachen, daß sie bis zum Unterarm verschwindet – die ganze Zeit zuckt ihr Kopf unkontrolliert, aber, beißen kann sie nicht, da die Schlagbohrmaschine ihr die Zähne aus dem Zahnfleisch gerissen hat –, und taste nach den Adern, die dort hängen wie Schläuche, löse sie mit den Fingern und reiße sie, als ich sie gut im Griff habe, mit einem grausamen Ruck durch ihren offenen Mund heraus, zerre, bis der Hals sich nach innen wölbt, verschwindet, die Haut sich spannt und aufreißt, obwohl kaum Blut kommt. Der größte Teil ihres Rachenraums hängt ihr aus dem Mund, und ihr ganzer Körper beginnt zu zappeln, wie ein Käfer auf dem Rücken, von Krämpfen geschüttelt, ihre triefenden Augen rinnen über ihr Gesicht und mischen sich mit Tränen und Tränengas, und dann lösche ich schnell, um keine Zeit zu verlie- ren, das Licht und reiße ihr, ehe sie stirbt, mit bloßen Händen die Bauchdecke auf. Ich kann nicht sehen, was ich mit meinen Händen mache, höre aber nasse, reißende Geräusche, und meine Hände sind warm und mit irgendwas verschmiert. Danach. Keine Angst, keine Verwirrung. Ich kann nicht bleiben, da heute noch einiges ansteht: Videos zurückbringen, im Fitneß- center trainieren, ein neues englisches Musical, dessen Besuch ich Jeanette versprochen habe; fürs Dinner muß auch noch irgendwo reserviert werden. Die Reste der Körper zeigen erste Anzeichen der Leichenstarre. Ein Teil von Tiffanys Körper – zumindest glaube ich, daß es ihrer ist, auch wenn ich sie nur schwer auseinander- halten kann – ist eingefallen, und ihre zersplitterten Rippen ra- gen aus dem, was von ihrer Bauchdecke noch übrig ist, und haben auch beide Brüste durchstoßen. Ein Kopf ist an die Wand genagelt, Finger liegen verstreut oder in einer Art Kranz um den CD-Player angeordnet herum. Einer der Körper, der auf dem Boden, ist mit Exkrementen beschmiert und mit Bißspuren übersät, weil ich wild, hineingebissen habe. Mit dem Blut aus dem Magen einer der Lei- chen, in das ich meine Hand tauche, schmiere ich in tropfenden roten Lettern die Worte BIN WIEDER DA über die Wandverklei- dung aus Kuhfellimitat und darunter eine schaurige Zeichnung, die so aussieht,

Ratte

Mitte Oktober wird folgendes geliefert: Ein Audio-Receiver, der Pioneer VSX-9300S, mit integriertem Dolby Prologic Surround Sound Prozessor mit Digitaldelay, 125 Watt Lautsprecherleistung nach vorne und 30 Watt nach hinten und einer Infrarot-Fernbedienung, die bis zu 154 Programmfunk- tionen fremder Geräte anderer Marken speichern kann. Ein Analog-Kassettendeck von Akai, das GX-950B, das über ma- nuelle Bias-Einstellung verfügt, Dolby-Aufnahmeaussteuerung, eine eingebaute Kalibrierung sowie eine Spot-Erase-Funktion, die es ermöglicht, den Anfang und das Ende bestimmter Musiksequen- zen zu markieren, die dann durch einfachen Tastendruck gelöscht werden. Das Kassettendeck ist mit drei Tonköpfen ausgerüstet, ver- fügt über ein geschlossenes Kassettensystem, was Störgeräusche auf ein Minimum reduziert, und ein Dolby HX-Pro-Geräusch- unterdrückungssystem, während die vordere Bedienungseinheit durch eine Multifunktions-Fernbedienung angesteuert wird. Ein Multidisc-CD-Player von Sony, der MDP-700, der sowohl Ton- als auch Bild-CDs abspielt, alles von 3-Inch-Digital-Audio- Singles bis 12-Inch-Bildplatten. Der Player besitzt einen Standbild- Zeitlupe-Multispeed Visual/Audio-Laser für vierfaches Oversamp- ling und ein Zweimotorsystem für konstante Laufgeschwindigkeit, während das Disc-Protect-System ein Verrutschen der Disc verhin- dert. Ein automatischer Musiksuchlauf erlaubt die Auswahl unter bis zu 99 Musikstücken, während ein automatischer Szenenspei- cher bis zu 79 Filmsequenzen einer Bildplatte abrufen kann. Dazu, kommt eine Joy-Shuttle-Bedienungseinheit mit ferngesteuerter Standbildanwahl, Memorytaste sowie zwei Paar vergoldeter AV- Anschlüsse für erstklassige Empfangsqualität. Ein hochwertiges Tapedeck, das DX-5000 von NEC, das digitale Spezialeffekte mit exzellenter Hi-Fi-Qualität kombiniert und an eine VHS-HQ-Einheit mit vier Bildköpfen angeschlossen werden kann, die mit 21-Tage-8-Programme-Timer und MTS-Decoder ausgerüstet ist, kabeltauglich für bis zu 140 Kanäle. Ein weiteres Extra: eine 50-Kanal-Fernsteuerung, die es ermöglicht, Werbeblö- cke auszublenden. Der Sony CCD-V200 8-mm-Camcorder ist ausgerüstet mit Sie- ben-Farben-Blende, Charaktergenerator und Editing-Funktion, die auch Zeitraffer-Aufnahmen ermöglicht, um beispielsweise ei- nen verwesenden Körper in 15-Sekunden-Intervallen aufzuneh- men oder die letzten Zuckungen eines vergifteten kleinen Hun- des zu filmen. Die Audioeinheit verfügt über digitale Aufnahme/ Wiedergabe in Stereoqualität, während das Teleobjektiv durch sechs verschiedene Blenden ab 4 Lux Beleuchtungsstärke arbeiten kann. Ein neuer Monitor mit einer 68-Zentimeter-Bildröhre, der CX- 2788 von Toshiba, besitzt einen eingebauten MTS-Decoder, einen CCD-Suchfilter, automatischen Sendersuchlauf, Super-VHS-An- schlüsse und 7 Watt pro Kanal. Dazu kommen weitere 10 Watt, die dem Subwoofer mehr Wumm in den unteren Frequenzen bringen, und ein Carver Sonic Holographing Sound System für einzigarti- gen 3-D-Stereoklang. Mit dem LD-ST Disc Player von Pioneer mit Fernbedienung und dem Sony MDP-700 Multidisc-Player mit Digitaleffekten, und einer programmierbaren Mulitfunktionssteuerung (einer fürs Schlafzimmer, einer fürs Wohnzimmer) lassen sich in zwei Auto- load-Laufwerken CDs und Bildplatten aller Formate und Größen abspielen – 8-Inch- und 12-Inch-Laserdiscs, 5-Inch-CD-Video- discs und 3- oder 5-Inch-Compactdiscs. Der LD-W1 von Pioneer lädt zwei Discs gleichzeitig und spielt sie hintereinander ab, mit nur wenigen Sekunden Unterbrechung beim Wechsel. Außerdem hat er Digital-Stereo, Fernbedienung und einen Memoryspeicher. Der CDV-1600 Multidisc-Player von Yamaha eignet sich für alle Formate, besitzt einen RAM-Speicher für bis zu 15 Titel und eine Fernbedienung. Außerdem werden noch zwei Threshold Mono-Endstufen zum Stückpreis von etwa 15.000 Dollar geliefert. Und fürs Schlafzim- mer kommt am Montag eine neue Konsole aus weiß polierter Eiche, um einen der neuen Fernseher zu verstauen. Ein maßge- fertigtes Sofa mit Baumwollbezug umrahmt von italienischen Bronze- und Marmorbüsten aus dem achtzehnten Jahrhundert auf zeitgenössischen Podesten aus bemaltem Holz trifft am Dienstag ein. Ein neues Kopfteil fürs Bett (weiße Baumwolle mit Zierleis- ten aus beigen Messingstiften) kommt ebenfalls am Dienstag. Ein neuer Frank-Stella-Druck fürs Badezimmer kommt am Mittwoch zusammen mit einem neuen schwarzen Superdeluxe-Sessel. Der Onica, den ich verkaufe, wird durch einen neuen ersetzt: das über- dimensionale Portrait eines Frequenzgangreglers in Chrome und Pastell. Ich spreche mit den Lieferanten vom Park Avenue Sound Shop über HDTV, das noch nicht lieferbar ist, als eins der neuen schwar- zen Funktelefone von AT&T klingelt. Ich gebe ihnen ihr Trinkgeld, und nehme dann ab. Mein Anwalt, Ronald, ist in der Leitung. Ich höre ihm zu, nickend, und winke die Liefertypen aus dem Apart- ment. Dann sage ich: «Die Rechnung beläuft sich auf dreihundert Dollar, Ronald. Wir haben nur Kaffee getrunken.» Eine lange Pause, während der ich einen bizarren schlürfenden Ton aus dem Bade- zimmer höre. Während ich vorsichtig hinschleiche, das Funktele- fon noch in der Hand, sage ich zu Ronald: «Aber ja … Moment … Aber ich bin … Aber wir hatten nur einen Espresso.» Dann spähe ich ins Badezimmer. An den Toilettensitz klammert sich eine fette nasse Ratte, die – wie ich annehme – aus dem Klo gekommen ist. Sie sitzt auf dem Rand der Toilettenschüssel und versucht, die Feuchtigkeit abzu- schütteln, ehe sie zaghaft auf den Boden springt. Es ist eine riesige Ratte, sie schlittert erst und pirscht dann über die Fliesen durch den zweiten Badezimmereingang in die Küche, wo ich ihr zu der Tüte mit Pizzaresten von Le Madri folge, die aus irgendeinem Grund neben dem Mülleimer von Zona auf der gestrigen Ausgabe der New York Times auf dem Boden steht, und die Ratte packt, vom Geruch angelockt, die Tüte mit der Schnauze und schüttelt wie ein Hund den Kopf, um an die Lauch-Ziegenkäse-Trüffel-Pizza zu kommen, wild quiekend vor Hunger. Ich stehe so unter Halcion, daß die Ratte mir weniger Sorgen macht, als sie wahrscheinlich sollte. Um die Ratte zu fangen, kaufe ich eine extra-große Mausefalle in einem Haushaltswaren-Geschäft an der Amsterdam. Außerdem beschließe ich, die Nacht in unserer Familien-Suite im Carlyle zu- zubringen. Außer einer Ecke Brie im Kühlschrank habe ich nichts an Käse im Haus, und ehe ich das Apartment verlasse, lege ich das, ganze Stück – es ist eine wirklich fette Ratte – mit einer sonnen- getrockneten Tomate und einem Sträußchen Dill apart garniert auf die Falle und spanne sie. Aber als ich am nächsten Morgen zurück- komme, hat die Falle die Ratte wegen ihrer enormen Größe nicht getötet. Die Ratte liegt nur da, gefangen, quiekend, und peitscht mit ihrem scheußlich öligen, rosa durchscheinenden Schwanz den Boden; er ist so lang wie ein Bleistift und doppelt so dick und macht jedesmal ein klatschendes Geräusch, wenn er auf das Parkett aus weißer Eiche schlägt. Mit einer Kehrschaufel – nach der ich erst eine gottverdammte Stunde suchen muß – treibe ich die verletzte Ratte in die Enge, als sie sich gerade aus der Falle befreit hat, und hebe das Biest hoch, was sie in Panik versetzt und sie noch lauter quietschen läßt; sie zischt mich an und fletscht ihre kleinen gelben Rattenzähne, und ich kippe sie in eine Bergdorf-Goodman-Hut- schachtel. Aber dann bahnt sich das Biest seinen Weg nach drau- ßen, und ich muß es in der Spüle einquartieren, die ich mit einem durch nie benutzte Kochbücher beschwerten Brett abdecke, wäh- rend ich in der Küche sitze und über Möglichkeiten nachdenke, Mädchen mit diesem Tier zu quälen (daß mir jede Menge einfal- len, ist nicht weiter verwunderlich), und eine Liste mache, auf der, abgesehen von der Rattenfolter, das Aufschneiden und Aushöhlen beider Brüste und eng um den Kopf geschlungener Stacheldraht vermerkt sind.,

Noch ein Abend

McDermott und ich sind heute abend zum Dinner bei 1500 ver- abredet, und er ruft mich um halb sieben rum an, vierzig Minu- ten vor unserer verabredeten Zeit (er konnte zu keiner anderen Zeit für uns reservieren außer um zehn nach sechs oder um neun, wenn das Restaurant zumacht – es ist auf kalifornische Küche spe- zialisiert, und die Dinnerzeiten sind ein lieber Brauch, den sie aus diesem Staat importiert haben), und obwohl ich gerade dabei bin, mir mit Zahnseide die Zähne zu reinigen, liegen meine sämtlichen Funktelefone neben dem Waschbecken im Badezimmer, und ich kann das rechte beim zweiten Klingeln abheben. Bis jetzt trage ich eine schwarze Armani-Hose, ein weißes Armani-Hemd und einen rot-schwarzen Armani-Schlips. McDermott läßt mich wissen, daß Hamlin mitkommen will. Ich bin hungrig. Es entsteht eine Pause. «Und?» frage ich, meinen Schlips richtend. «Okay.» «Und?» McDermott seufzt. «Hamlin will nicht ins 1500.» «Warum nicht?» frage ich und drehe den Wasserhahn zu. «Er war gestern abend da.» «Also … was versuchst du, McDermott, mir mitzuteilen?» «Daß wir woanders hingehen», sagt er. «Wohin?» frage ich mißtrauisch. «Hamlin hat Alex Goes to Camp vorgeschlagen», sagt er. «Moment. Ich plaxe.» Nachdem ich die Antiplaque-Spülung in meinem Mund durchgespült und meinen Haaransatz im Spiegel überprüft habe, spucke ich das Plax aus. «Veto. Is nicht. Da war ich letzte Woche.», «Ich weiß. Ich auch», sagt McDermott. «Außerdem ist es billig. Wo sollen wir sonst hingehen?» «Hatte Hamlin keinen verdammten Alternativvorschlag?» knurre ich irritiert. «Ähm, nein.» «Dann ruf ihn an und laß dir einen machen», sage ich, während ich aus dem Badezimmer gehe. «Ich scheine meinen Zagat verlegt zu haben.» «Willst du dranbleiben, oder soll ich dich zurückrufen?» fragt er. «Ruf mich zurück, du Clown.» Wir hängen ein. Minuten vergehen. Das Telefon klingelt. Ich warte gar nicht erst ab, bis mein Anrufbeantworter abnimmt. Es ist wieder McDer- mott. «Also?» frage ich. «Hamlin fällt nichts anderes ein, und er will Luis Carruthers ein- laden, und was ich wissen möchte ist, heißt das, daß Courtney mit- kommt?» fragt McDermott. «Luis kann nicht mitkommen», sage ich. «Warum nicht?» «Er kann einfach nicht.» Ich frage: «Warum will er, daß Luis mit- kommt?» Es entsteht eine Pause. «Bleib dran», sagt McDermott. «Er ist auf der anderen Leitung. Ich frage ihn.» «Wer?» Ein Panikschub. «Luis?» «Hamlin.» Während ich warte, gehe ich in die Küche zum Kühlschrank und nehme eine Flasche Perrier heraus. Ich suche nach einem Glas,, als ich ein Klicken höre. «Hör mal», sage ich, als McDermott wieder in der Leitung ist. «Ich will weder Luis noch Courtney sehen, also, du weißt schon, red es ihnen aus oder so was. Laß deinen Charme spielen.» «Sei charmant.» «Hamlin muß mit einem Kunden aus Texas zu abend essen und –» Ich schneide ihm das Wort ab. «Warte, das hat nichts mit Luis zu tun. Laß Hamlin die Tunte gefälligst selbst ausführen.» «Hamlin will, daß Carruthers mitkommt, weil Hamlin sich um die Panasonic-Sache kümmern soll, aber Carruthers weiß da viel besser Bescheid, und darum will er, daß Carruthers mitkommt», erklärt McDermott. Ich schweige, während ich das schlucke. «Wenn Luis mitkommt, töte ich ihn. Ich schwöre bei Gott, ich töte ihn. Scheiße, ich töte ihn.» «Jesses, Bateman», murmelt McDermott betroffen. «Du bist ein echter Menschenfreund. Ein Weiser.» «Nein. Nur …», fange ich an, verwirrt, irritiert. «Nur … ver- nünftig.» «Was ich wissen will ist nur, wenn Luis kommt, heißt das, daß Courtney auch kommt?» fragt er sich wieder. «Sag Hamlin, er soll – ach, Scheiße, ich weiß nicht.» Ich unter- breche mich. «Sag Hamlin, er soll mit dem Texaner allein zu abend essen.» Ich unterbreche mich wieder, als mir etwas einfällt. «Mo- ment mal? Soll das heißen, daß Hamlin … uns einlädt? Ich meine, zahlt er, weil es ja ein Geschäftsessen ist?» «Weißt du Bateman, manchmal halte ich dich für verdammt, aufgeweckt», sagt McDermott. «Manchmal allerdings …» «Oh, Scheiße, was sage ich da, zum Teufel?» frage ich mich selbst laut, verärgert. «Du und ich können zusammen ein verdammtes Geschäftsessen machen. Jesus. Ich gehe nicht mit. Das war’s. Ich gehe nicht mit.» «Noch nicht mal, wenn Luis nicht kommt?» fragt er. «Nein. Niente.» «Warum nicht?» jault er. «Wir haben doch den Tisch im 1500.» «Ich muß … mir Bill Cosbys Familienbande ansehen.» «Oh, nimm sie doch auf, um Himmels willen, du Arsch.» «Warte.» Mir ist noch was eingefallen. «Glaubst du, Hamlin hat» – ich zögere verlegen – «Drogen dabei, vielleicht … für den Texa- ner?» «Und was meint Bateman?» fragt McDermott, das behämmerte Arschloch. «Hmmmmm. Das frage ich mich gerade. Genau das frage ich mich.» Nach einer längeren Pause sagt McDermott singend: «Tick-tack, tick-tack. So kommen wir nicht weiter. Natürlich wird Hamlin was dabeihaben.» «Ruf Hamlin an und laß ihn … hol ihn auf Konferenzschal- tung», sage ich hastig und schaue auf meine Rolex. «Schnell. Viel- leicht können wir ihn zum 1500 überreden.» «Okay», sagt McDermott. «Bleib dran.» Man hört vier klickende Geräusche, und dann höre ich Hamlin sagen: «Bateman, ist es in Ordnung, Socken mit Schottenkaro zum Business-Anzug zu tragen?» Scheint ein Witz zu sein, über den ich nicht lachen kann., Innerlich seufzend, die Augen geschlossen, antworte ich unge- duldig: «Eigentlich nicht, Hamlin. Sie sind zu sportlich. Sie ver- tragen sich nicht mit geschäftlichem Auftreten. Man kann sie zu sportlicher Kleidung tragen. Tweed, was auch immer. Also, Ham- lin?» «Bateman?» Und dann sagt er: «Danke schön.» «Luis kann unmöglich mitkommen», sage ich ihm. «Aber du na- türlich gerne.» «Kein Problem», sagt er. «Der Texaner kommt sowieso nicht.» «Wieso nicht?» frage ich. «Hey weil warum gehn wir nich alle ins Sie Bie Gie Bies, ich hör’, das ist echt New Wave. Andere Länder, andere Sitten», erklärt Hamlin. «Der Texaner ist abgemeldet bis Montag. Ich habe ganz schnell, und, wie ich hinzufügen möchte, recht elegant, meinen hektischen Terminplan umgestellt. Ein kranker Vater. Ein Wald- brand. Eine Entschuldigung.» «Und wo bleibt Luis dabei?» frage ich mißtrauisch. «Luis ißt heute abend mit dem Texaner, was mir eine Menge Är- ger erspart, Partner. Ich treffe ihn dann am Montag bei Smith & Wollenski», sagt Hamlin befriedigt. «Damit ist alles A-okay.» «Wartet», fragt McDermott tastend, «heißt das, daß Courtney nicht mitkommt?» «Es ist schon zu spät, beziehungsweise wird gleich zu spät sein für unseren Tisch im 1500», erinnere ich sie. «Übrigens, Hamlin, du warst gestern abend da, oder?» «Ja», sagt er. «Sie haben passables Carpaccio. Ganz ordentliche Perlhühnchen. Die Sorbets sind okay. Gehen wir doch einfach wo- anders hin, und, äh, machen uns dann auf die Suche nach dem,, ähm, Superkörper. Gentlemen?» «Klingt gut», sage ich, amüsiert, daß Hamlin ausnahmsweise einen vernünftigen Vorschlag hat. «Aber was wird Cindy dazu sa- gen?» «Cindy hat irgendein Wohltätigkeits-Ding im Plaza, irgendwas –» «Trump Plaza heißt das», merke ich zerstreut an, während ich endlich die Perrier-Flasche aufkriege. «Ja, im Trump Plaza», sagt er. «Irgendwas wegen Bäumen an der Stadtbücherei. Geld für ir- gendwelche Bäume oder Büsche», sagt er, unsicher. «Pflanzen? Zu hoch für mich.» «Also wohin?» fragt McDermott. «Wer sagt im 1500 ab?» frage ich. «Du», sagt McDermott. «O McDermott», ächze ich. «Mach du das gefälligst.» «Moment», sagt Hamlin. «Überlegen wir doch erst mal, wo wir hingehen.» «Angenommen.» McDermott, der Parlamentarier. «Ich bin strikt gegen alles, was nicht auf der Upper West Side oder Upper East Side dieser Stadt liegt», sage ich. «Bellini’s?» schlägt Hamlin vor. «Nix da. Da darf man keine Zigarren rauchen», sagen McDer- mott und ich wie aus einem Mund. «Streicht das», sagt Hamlin. «Gandango?» Nächster Vorschlag. «Ist eine Möglichkeit, eine Möglichkeit», brumme ich und lasse es mir durch den Kopf gehen. «Trump ißt da.» «Zeus Bar?» fragt einer von ihnen., «Mach die Reservierung», sagt der andere. «Wartet», sage ich zu ihnen. «Ich denke nach.» «Bateman …», sagt Hamlin warnend. «Ich spiele da mit einem Gedanken», sage ich. «Bateman …» «Wartet. Laßt mich eine Minute nachdenken.» «Ich bin wirklich zu genervt, um mich jetzt damit abzugeben», sagt McDermott. «Warum vergessen wir die Scheiße nicht einfach und mischen ein paar Japsen auf», schlägt Hamlin vor. «Und machen uns dann auf die Suche nach dem Superkörper.» «Eigentlich keine schlechte Idee.» Ich zucke die Achseln. «For- melle Kleidung.» «Was willst du denn machen, Bateman?» fragt McDermott. Ich erwäge es gründlich, tausend Meilen weit weg, und antworte dann: «Ich will …» «Ja …?» fragen beide erwartungsvoll. «Ich möchte … einer Frau das Gesicht mit einem großen, schwe- ren Ziegelstein zu Brei schlagen.» «Und außerdem?» stöhnt Hamlin ungeduldig. «Okay, prima», sage ich und reiße mich zusammen. «Zeus Bar.» «Bist du sicher? In Ordnung? Zeus Bar?» sagt Hamlin ab- schließend, schöpft Hoffnung. «Jungs. Ich sehe mich immer mehr außerstande, mich damit noch länger zu befassen», sagt McDermott. «Zeus Bar. Damit hat sich’s.» «Moment noch», sagt Hamlin. «Ich rufe an und reserviere.» Er schaltet sich aus, läßt McDermott und mich in der Leitung hängen., Es bleibt lange still, ehe einer von uns etwas sagt. «Weißt du», sage ich endlich. «Wahrscheinlich wird es nicht möglich sein, da noch zu reservieren.» «Vielleicht sollten wir ins M.K. gehen», sagt Craig. «Dem Texa- ner würde M.K. wahrscheinlich gefallen.» «Aber McDermott, der Texaner kommt doch gar nicht», gebe ich zu bedenken. «Aber zu M.K. kann ich sowieso nicht gehen», sagt er, ohne hin- zuhören, und sagt auch nicht, warum. «Ich will’s gar nicht wissen.» Wir warten noch zwei Minuten auf Hamlin. «Was zum Teufel macht der?» frage ich, dann höre ich, daß ein Anruf auf der anderen Leitung ist. McDermott hört es auch. «Willst du den annehmen?» fragt er. «Ich überlege noch.» Es piepst wieder. Ich stöhne und sage Mc- Dermott, er soll dran bleiben. Es ist Jeanette. Sie klingt müde und traurig. Ich will nicht wieder in die andere Leitung, also frage ich sie, was sie gestern abend gemacht hat. «Nachdem wir uns treffen wollten?» Ich zögere, verunsichert. «Äh, ja.» «Wir sind schließlich im völlig leeren Palladium gelandet. Sie ließen die Leute umsonst rein.» Sie seufzt. «Wir haben vielleicht vier oder fünf Leute gesehen.» «Die ihr kanntet?» frage ich hoffnungsvoll. «In … dem … Club», sagt sie, jedes Wort erbittert betonend. «Tut mir leid», sage ich schließlich. «Ich mußte … ein paar Vi- deos zurückbringen …» Und dann, als Reaktion auf ihr Schweigen: «Weißt du, ich wäre gekommen –», «Ich will nichts davon hören», fällt sie mir seufzend ins Wort. «Was machst du heute abend?» Ich zögere, unsicher, wie ich antworten soll, ehe ich rausrücke: «Zeus Bar um neun. McDermott. Hamlin.» Und dann, weniger hoffnungsvoll: «Willst du uns da treffen?» «Ich weiß nicht», seufzt sie. Ohne einen Schimmer von Nachgie- bigkeit fragt sie: «Willst du denn, daß ich komme?» «Mußt du unbedingt so dramatisch sein?» frage ich zurück. Sie knallt den Hörer auf. Ich gehe wieder auf die andere Leitung. «Bateman, Bateman, Bateman, Bateman», blökt Hamlin. «Ich bin da. Hör auf zu brüllen.» «Zaudern wir immer noch?» fragt McDermott … «Zaudere nicht.» «Ich glaube, ich gehe lieber Golf spielen», sage ich. «Ich war schon ewig nicht Golf spielen.» «Scheiß auf Golf, Bateman», sagt Hamlin. «Wir haben für neun eine Reservierung im Kaktus –» «Und eine Reservierung bei 1500 für, mal sehen … vor zwanzig Minuten, Bateman», sagt McDermott. «O Scheiße, Craig, dann sag sie endlich ab», sage ich müde. «Gott, ich hasse Golf», sagt Hamlin schaudernd. «Sag du sie ab», sagt McDermott lachend. «Unter welchem Namen ist reserviert?» frage ich, ohne zu lachen und mit lauterer Stimme. Nach einer Pause sagt McDermott sanft «Carruthers». Hamlin und ich prusten los. «Wirklich?» frage ich. «Wir konnten für die Zeus Bar nichts mehr kriegen», sagt Ham-, lin. «Also gehen wir ins Kaktus.» «Hip», sage ich niedergeschlagen. «Nehme ich an.» «Nimm’s leicht.» Hamlin kichert. Ich habe wieder einen Anruf auf der anderen Leitung, und ehe ich mich entscheiden kann, ob ich ihn annehmen soll oder nicht, entscheidet Hamlin die Sache für mich. «Also wenn ihr Typen nicht ins Kaktus wollt –» «Moment, ich hab ein Gespräch in der Leitung», sage ich. «Bleibt dran.» Jeanette ist in Tränen aufgelöst. «Wie weit willst du noch ge- hen?» fragt sie heulend. «Sag mir einfach, wie weit du noch gehen willst.» «Baby. Jeanette», sage ich begütigend. «Hör zu, bitte. Wir sind um zehn in der Zeus Bar. Okay?» «Patrick, bitte», bettelt sie. «Ich bin okay. Ich will nur reden –» «Ich sehe dich dann um neun oder zehn oder wann immer», sage ich. «Ich muß aufhören. Hamlin und McDermott sind auf der anderen Leitung.» «Okay.» Sie schnüffelt, versucht sich zu fassen, räuspert sich. «Ich sehe dich da. Tut mir wirklich lei –» Ich schalte um auf die andere Leitung. Nur McDermott ist noch da. «Wo ist Hamlin?» «Aufgelegt», sagt McDermott. «Wir sehen ihn um neun.» «Super», murmele ich. «Ich bin festgenagelt.» «Wer war das?» «Jeanette», sage ich. Ich höre ein leises Klicken, dann noch eins., «War das deins oder meins?» fragt McDermott. «Deins», sage ich. «Glaube ich.» «Moment.» Ich warte, gehe ungeduldig in der Küche auf und ab. McDer- mott schaltet sich wieder ein. «Es ist Van Patten», sagt er. «Ich lege ihn zu uns rüber.» Vier weitere Klicks. «Hey Bateman», brüllt Van Patten. «Kumpel.» «Mr. Manhattan», sage ich. «Ich bestätige den Empfang.» «Hey, wie ist ein Kummerbund korrekt zu tragen?» fragt er. «Das bin ich heute schon zweimal gefragt worden», sage ich war- nend. Die beiden fangen an zu debattieren, ob es Van Patten bis neun ins Kaktus schaffen kann oder nicht, und ich habe aufgehört, auf die Stimmen aus dem Funktelefon zu achten, und statt dessen angefangen, mit wachsendem Interesse die Ratte, die ich gekauft habe – die mutierte, die aus der Toilette gekrochen ist, habe ich auch noch –, in ihrem neuen Glaskäfig zu beobachten, und hieve dann ihren verseuchten Körper über das komplizierte Habitrail- System auf dem Küchentisch, und sie will gerade das Wasser aus dem Spender trinken, den ich heute morgen mit vergiftetem Evian gefüllt habe. Der Anblick erscheint mir zu mitleiderregend oder nicht mitleiderregend genug. Ein Callwaiting-Piepsen reißt mich aus meinem gedankenlosen Delirium, und ich sage Van Patten und McDermott, sie sollen dranbleiben. Ich hebe ab, warte kurz und sage dann: «Hier ist die Wohnung von Patrick Bateman. Bitte hinterlassen sie eine Nachricht nach dem –», «Oh, um Himmels willen, Patrick, werd’ endlich erwachsen», mault Evelyn. «Laß es einfach. Was soll das? Glaubst du wirklich, daß du damit durchkommst?» «Womit?» frage ich unschuldig. «Mein Privatleben zu schüt- zen?» «Mich auf die Folter zu spannen», schnappt sie. «Honey», sage ich. «Ja?» schluchzt sie. «Du weißt gar nicht, was Folter ist. Du weißt nicht, wovon du redest», sage ich zu ihr. «Du hast wirklich keine Ahnung, wovon du redest.» «Ich will auch nicht drüber reden», sagt sie. «Ist schon gut. Also, was machst du heute abend zum Dinner?» Ihre Stimme wird sanf- ter. «Ich dachte, wir könnten zum Dinner ins TDK gehen, so, oh, so um neun rum?» «Ich esse heute abend im Harvard-Club, allein», sage ich. «Oh, sei nicht blöd», sagt Evelyn. «Ich weiß, daß du im Kaktus mit Ham- lin und McDermott verabredet bist.» «Woher weißt du das denn?» frage ich, keineswegs verlegen, weil sie mich beim Lügen erwischt hat. «Außerdem ist es Zeus Bar, nicht Kaktus.» «Weil ich mit Cindy gesprochen habe», sagt sie. «Ich dachte, Cindy geht zu diesem Pflanzen- oder Baum-Dings – zum Busch-Benefiz», sage ich. «O nein, nein, nein», sagt Evelyn. «Das ist nächste Woche. Willst du hingehen?» «Bleib einen Moment dran», sage ich. Ich gehe wieder zu Van Patten und Craig in die Leitung., «Bateman?» fragt Van Patten. «Was zum Teufel machst du?» «Woher zum Teufel weiß Cindy, daß wir zum Dinner im Kaktus sind?» herrsche ich sie an. «Weil Hamlin es ihr gesagt hat?» rät McDermott. «Ich weiß nicht. Warum?» «Weil Evelyn es weiß», sage ich. «Wann zur Hölle wird Wolfgang Puck endlich ein Restaurant in dieser Stadt aufmachen?» fragt uns Van Patten. «Ist Van Patten bei seinem dritten Six-Pack Foster’s, oder kämpft er noch mit dem ersten?» frage ich McDermott. «Deine Frage läuft darauf hinaus, Patrick», beginnt McDermott, «ob wir Frauen ausschließen sollten oder nicht. Richtig?» «Hier geht irgendwas ganz schnell den Bach runter», warne ich. «Mehr will ich dazu nicht sagen.» «Ob du Evelyn einladen sollst?» fragt McDermott. «Ist es das, was du wissen willst?» «Nein, das sollten wir ganz bestimmt nicht», sage ich unmißver- ständlich. «Also, hey, ich wollte Elizabeth mitnehmen», sagt Van Patten verschüchtert (oder spielt er das nur?). «Nein», sage ich. «Keine Frauen.» «Was paßt dir nicht an Elizabeth?» fragt Van Patten. «Ja?» schließt sich McDermott an. «Sie ist ein Idiot. Nein, sie ist intelligent. Keine Ahnung. Lad sie nicht ein», sage ich. Nach einer Pause höre ich Van Patten sagen: «Jetzt wird es lang- sam komisch.» «Also, wenn nicht Elizabeth, was ist dann mit Sylvia Josephs?», schlägt McDermott vor. «Naah, zu alt zum Ficken», sagt Van Patten. «O Jesus», sagt McDermott. «Sie ist dreiundzwanzig.» «Achtundzwanzig», korrigiere ich. «Wirklich?» fragt ein konsternierter McDermott nach einer Pause. «Ja», sage ich. «Wirklich.» McDermott sagt nur noch «Oh.» «Scheiße, das habe ich ganz vergessen», sage ich und klatsche mir mit der Hand vor die Stirn. «Ich habe Jeanette eingeladen.» «Das ist mal eine, die ich auch einladen würde», sagt Van Patten schmierig. «Warum gibt sich ein süßes junges Ding wie Jeanette mit dir ab?» fragt McDermott. «Was findet sie nur an dir, Bateman?» «Ich hülle sie in Kaschmir. Jede Menge Kaschmir», murmele ich, und dann: «Ich muß sie anrufen und ihr sagen, sie soll nicht kom- men.» «Hast du nicht was vergessen?» fragt mich McDermott. «Was?» Ich bin ganz in Gedanken. «Ist Evelyn nicht irgendwie in der anderen Leitung?» «O Scheiße», rufe ich. «Bleib dran.» «Warum schlage ich mich eigentlich damit rum?» höre ich Mc- Dermott seufzend zu sich sagen. «Bring Evelyn mit», schreit Van Patten. «Die ist auch toll! Sag ihr, sie soll uns um halb zehn in der Zeus Bar treffen.» «Okay, okay», rufe ich, ehe ich wieder auf die andere Leitung gehe. «Ich finde das nicht mehr lustig, Patrick», sagt Evelyn., «Wie wär’s, wenn du uns um halb zehn in der Zeus Bar triffst?» schlage ich vor. «Kann ich Stash und Vanden mitbringen?» fragt sie kokett. «Ist das die mit dem Tattoo?» frage ich kokett zurück. «Nein», seufzt sie. «Keine Tätowierung.» «Wiedersehen, Wiedersehen.» «O Patrick», winselt sie. «Hör mal, du kannst froh sein, daß du überhaupt eingeladen bist, also …» Meine Stimme verhallt. Stille, die mir nicht unangenehm ist. «Komm schon, triff uns einfach da», sage ich. «Tut mir leid.» «Oh, schon gut», sagt sie resigniert. «Halb zehn?» Ich springe wieder in die andere Leitung und platze in Van Pat- tens und McDermotts Gespräch, das sich um die Frage dreht, ob es korrekt ist oder nicht, einen blauen Anzug wie einen Navy-Blazer zu tragen. «Hallo?» unterbreche ich. «Schnauze. Habe ich jedermanns un- geteilte Aufmerksamkeit?» «Ja, ja, ja», seufzt Van Patten gelangweilt. «Ich rufe jetzt Cindy an, damit sie Evelyn ausredet, mit uns zu kommen», verkünde ich. «Warum zur Hölle hast du Evelyn dann erst eingeladen?» fragt einer von ihnen. «Wir haben nur einen Witz gemacht, du Idiot», setzt der andere hinzu. «Ähm, gute Frage», sage ich stotternd. «Ähhh – b-bleibt dran.» Ich wähle Cindys Nummer, als ich sie in meinem Rolodex gefun- den habe. Sie nimmt ab, nachdem sie auf dem Anrufbeantworter, gehört hat, wer dran ist. «Hallo Patrick», sagt sie. «Cindy», sage ich. «Du mußt mir einen Gefallen tun.» «Hamlin geht nicht mit euch Jungs zum Essen», sagt sie. «Er hat versucht, euch zurückzurufen, aber ihr wart alle besetzt. Habt ihr Typen kein Call-waiting?» «Natürlich haben wir Call-waiting», sage ich. «Wofür hältst du uns, Barbaren?» «Hamlin kommt nicht mit», erklärt sie noch einmal kategorisch. «Was macht er statt dessen?» frage ich. «Seine Top-Siders ölen?» «Er geht mit mir aus, Mr. Bateman.» «Aber was ist mit deinem, ähm, Busch-Benefiz?» frage ich. «Hamlin hat es verwechselt», sagt sie. «Knuddel», hebe ich an. «Ja?» fragt sie. «Knuddel, dein Freund ist ein Pickel am Arsch», sage ich zucker- süß. «Danke, Patrick. Das ist lieb.» «Knuddel», sage ich warnend, «dein Freund ist die größte Arsch- krampe von New York.» «Du erzählst mir das, als wär’s was Neues.» Sie gähnt. «Knuddel, dein Freund ist der größte Stinkschwanz von ganz New York.» «Weißt du, daß Hamlin sechs Fernseher und sieben Videorecor- der hat?» «Benutzt er jemals die Ruderbank, die ich ihm geschenkt habe?» Das interessiert mich tatsächlich. «Unberührt», sagt sie. «Völlig unberührt.», «Knuddel, er ist ein Arschgesicht.» «Könntest du aufhören, mich Knuddel zu nennen», fragt sie ver- ärgert. «Hör mal Cindy, falls du die Wahl hättest, WWD zu lesen oder …» Ich unterbreche mich, weil ich den Faden verloren habe. «Hör mal, ist heute abend irgendwas los?» frage ich. «Irgendwas nicht allzu … Ausgelassenes?» «Was willst du, Patrick?» «Ich will nur Frieden, Liebe, Freundschaft, Verständnis», sage ich nüchtern. «Was-willst-du?» wiederholt sie. «Warum kommt ihr zwei nicht mit uns?» «Wir haben andere Pläne.» «Hamlin hat die Scheiß-Reservierung gemacht», schreie ich au- ßer mir. «Dann geht ihr Jungs eben hin.» «Warum kommst du nicht mit», frage ich lasziv. «Setz Stink- schwanz bei Juanita’s oder so ab.» «Ich denke, ich verzichte heute aufs Dinner», sagt sie. «Entschul- dige mich bei den Jungs.» «Aber wir gehen ins Kaktus, äh, in die Zeus Bar, meine ich», sage ich, dann, verwirrt: «Nein, Kaktus.» «Geht ihr Jungs wirklich da hin?» fragt sie. «Warum?» «Weil es allgemein heißt, daß Dinner dort nicht mehr ‹in› ist.» «Aber Hamlin hat die Scheiß-Reservierung gemacht!» schreie ich auf. «Hat er da reserviert?» fragt sie amüsiert., «Vor Jahrhunderten!» brülle ich. «Hör mal», sagt sie, «ich muß mich anziehen.» «Das paßt mir alles ganz und gar nicht», sage ich. «Keine Sorge», sagt sie und hängt dann ein. Ich gehe wieder in die andere Leitung. «Bateman, ich weiß, es klingt wie ein Ding der Unmöglichkeit», sagt McDermott. «Aber hier gibt es neue Schwierigkeiten.» «Ich hab keine Lust auf mexikanisch», erklärt Van Patten. «Moment mal, wir essen doch gar nicht mexikanisch, oder?» sage ich. «Spinne ich? Gehen wir nicht in die Zeus Bar?» «Nein, Penner», faucht McDermott. «Wir konnten nicht in die Zeus Bar. Kaktus. Kaktus um neun.» «Aber ich will nichts Mexikanisches», sagt Van Patten. «Aber du, Van Patten, hast da reserviert», poltert McDermott. «Ich auch nicht», sage ich unvermittelt. «Wieso mexikanisch?» «Es ist nicht mexikanisch mexikanisch», sagt McDermott er- schöpft. «Es ist irgendwas, was sich nouvelle Mexicana nennt, Ta- pas oder sonst so ein South-of-the-Border-Zeug. So was in der Art. Moment mal. Anruf auf der anderen Leitung.» Er klinkt sich aus und läßt mich und Van Patten allein in der Leitung. «Bateman», sagt Van Patten, «meine Begeisterung schwindet ra- pide.» «Wovon sprichst du?» Eigentlich versuche ich mich zu erinnern, wo ich Evelyn und Jeanette hinbestellt habe. «Laß uns woanders reservieren», schlägt er vor. Ich lasse es mir durch den Kopf gehen, frage dann argwöhnisch: «Wo?», «1969», sagt er lockend. «Hmmmm? 1969?» «Dazu würde ich mich überreden lassen», gebe ich zu. «Was sol- len wir tun?» fragt er. Ich denke schnell nach. «Mach ’ne Reservierung. Schnell.» «Okay. Für drei? Fünf? Wie viele?» «Fünf oder sechs, denke ich.» «Okay. Bleib dran.» Gerade als er umschaltet, ist McDermott zurück in der Leitung. «Wo ist Van Patten», fragt er. «Er … ist pissen gegangen», sage ich. «Warum willst du nicht ins Kaktus?» «Weil ich von existentieller Panik ergriffen bin», lüge ich. «Du hältst das vielleicht für einen angemessenen Grund», sagt McDermott. «Ich nicht.» «Hallo?» sagt Van Patten, als er sich wieder einschaltet. «Bate- man?» «Und?» frage ich. «McDermott ist auch hier.» «Nix. No way, José.» «Scheiße.» «Was ist los?» fragt McDermott. «Okay, Leute, wollen wir Margaritas?» fragt Van Patten. «Oder keine Margaritas». «Eine Margarita könnte ich vertragen», sagt McDermott. «Bateman?» fragt Van Patten. «Ich hätte gerne etliche Flaschen Bier, vorzugsweise un-mexika- nisches», sage ich. «O Scheiße», sagt McDermott. «Anruf in der Leitung. Bleibt dran.» Er klickt sich aus., Falls ich mich nicht irre, ist es jetzt acht Uhr dreißig. Eine Stunde später. Wir debattieren immer noch. Wir haben die Reservierung bei Kaktus abgesagt, und vielleicht hat sie jemand er- neuert. Verwirrt bestelle ich einen unbestellten Tisch in der Zeus Bar ab. Jeanette hat ihr Apartment verlassen und ist zu Hause nicht erreichbar, und ich habe weder eine Ahnung, in welches Restaurant sie geht, noch kann ich mich erinnern, wo ich Evelyn hinbestellt habe. Van Patten, der schon zwei große Absolut gehabt hat, fragt nach Kimball und worüber wir gesprochen haben, und alles, woran ich mich erinnern kann, ist irgendwas über Leute, die vom Erdbo- den verschluckt werden. «Hast du mit ihm gesprochen?» frage ich. «Ja, ja.» «Hat er gesagt, was mit Owen passiert ist?» «Verschwunden. Einfach verschwunden. Puff», sagt er. Ich kann hören, wie er den Kühlschrank aufmacht. «Die Behörden haben keine Anhaltspunkte. Nichts. Die Behörden haben nada.» «Ja», sage ich. «Ich raufe mir schon die Haare deswegen.» «Tja, Owen war … ich weiß nicht», sagt er. Ich höre, wie ein Bier geöffnet wird. «Was hast du ihm sonst noch erzählt, Van Patten?» frage ich. «Oh, das Übliche», seufzt er. «Daß er gelb-maronenfarbene Kra- watten getragen hat. Daß er zum Lunch ins ‹21› ging. Daß er in Wirklichkeit kein Arbitrageur war – wie Thimble ihn beschrieben hat –, sondern ein Merger-Maker. Nur das Übliche.» Ich kann ihn fast mit den Achseln zucken hören. «Was noch?» frage ich. «Mal sehen. Daß er keine Hosenträger getragen hat. Ein Gürtel-, Typ. Daß er Kokain aufgegeben hat, Bier ebenfalls. Du weißt schon, Bateman.» «Er war eine Null», sage ich. «Und jetzt ist er in London.» «Jesus», murmelt er. «Kriegen wir das heute nochmal auf die Reihe?» McDermott schaltet sich wieder ein. «Okay. Also wohin jetzt?» «Wie spät ist es?» fragt Van Patten. «Halb zehn», antworten wir beide. «Moment, was wurde aus dem 1969?» frage ich Van Patten. «Was habt ihr immer mit 1969?» McDermott ist völlig überfragt. «Ich kann mich nicht erinnern», sage ich. «Geschlossen, keine Reservierungen», erinnert mich Van Patten. «Können wir wieder ins 1500?» frage ich. «Das 1500 ist jetzt geschlossen», blökt McDermott. «Die Küche ist geschlossen. Das Restaurant ist geschlossen. Aus, vorbei. Wir müs- sen ins Kaktus.» Schweigen. «Hallo? Hallo? Seid ihr noch da Jungs?» schreit er, allmählich mit den Nerven runter. «Fit wie ein Turnschuh», sagt Van Patten. Ich lache. «Falls ihr Jungs glaubt, daß das komisch ist», warnt McDer- mott. «O ja, was dann? Was willst du machen?» frage ich. «Jungs, es ist nur so, daß ich ernste Befürchtungen habe, was die Reservierung eines Tischs vor, sagen wir, Mitternacht, betrifft.» «Bist du sicher wegen 1500?» frage ich. «Das kommt mir wirk- lich bizarr vor.», «Diese Frage stellt sich nicht!» kreischt McDermott. «Warum, möchtest du wissen? Weil-sie-zuhaben! Weil-sie-zuhaben-nehmen- sie-keine-Reservierungen-mehr-an! Geht-das-in-deinen-Kopf?» «Hey, keine Panik, Süßer», sagt Van Patten gelassen. «Wir gehen ins Kaktus.» «Wir haben vor zehn, nein, vor fünfzehn Minuten da reserviert», sagt McDermott. «Aber ich dächte, ich hätte abgesagt», sage ich und nehme noch eine Xanax. «Ich habe sie erneuert», sagt McDermott. «Du bist einfach unersetzlich», sage ich monoton. «Ich kann um zehn da sein», sagt McDermott. «Ich muß erst noch zum Geldautomaten und kann um Viertel nach zehn da sein», sagt Van Patten langsam, die Minuten zählend. «Ist sich irgendeiner von euch bewußt, daß Jeanette und Evelyn uns in der Zeus Bar treffen wollen und wir keine Reservierung ha- ben? Ist das irgendwem schon mal in den Sinn gekommen?» frage ich und bezweifle es. «Aber die Zeus Bar hat zu, und außerdem haben wir eine Reser- vierung abgesagt, die wir noch nicht mal hatten», sagt McDermott und versucht, ruhig zu bleiben. «Aber ich glaube, ich habe Jeanette und Evelyn gesagt, sie sollen uns da treffen», sage ich und lege meine Finger an den Mund, er- schaudernd angesichts der Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Nach einer Pause fragt McDermott: «Willst du dich in die Scheiße reiten? Ich meine, kannst du ohne so was nicht leben?» «Da ist ein Anruf in der Leitung», sage ich. «O mein Gott. Wie spät ist es? Ein Anruf in der Leitung.», «Wird wohl eins der Mädchen sein», sagt Van Patten hämisch. «Bleibt dran», krächze ich. «Viel Glück», höre ich Van Patten sagen, ehe ich umschalte. «Hallo?» frage ich scheinheilig. «Dies ist der –» «Ich bin’s», brüllt Evelyn, fast unhörbar vor dem Lärm im Hin- tergrund. «Oh, hi», sage ich lässig. «Wie geht’s?» «Patrick, was machst du zu Hause?» «Wo steckst du?» frage ich gutmütig. «Ich-bin-im-Kaktus», zischt sie. «Was machst du denn da?» frage ich. «Du hast mir gesagt, du wolltest mich da treffen, das-mache-ich- da», sagt sie. «Ich habe deine Reservierung bestätigt.» «O Gott, tut mir leid», sage ich. «Ich hab vergessen, dir Bescheid zu sagen.» «Vergessen-mir-was-zu-sagen?» «Dir zu sagen, daß wir nicht» – Ich schlucke – «da hingehen.» Ich schließe die Augen. «Wer-zum-Teufel-ist-Jeanette?» zischt sie kalt. «Und, amüsiert ihr euch gut?» frage ich, ihre Frage ignorierend. «Nein-tun-wir-nicht.» «Warum nicht?» frage ich. «Wir kommen … bald nach.» «Weil mir diese ganze Sache, verdammt, ich weiß nicht … unan- gemessen scheint?» kreischt sie. «Hör mal, ich rufe dich gleich zurück.» Ich will gerade so tun, als wollte ich mir die Nummer aufschreiben. «Dazu wirst du keine Möglichkeit haben», sagt Evelyn, ihre Stimme drohend gesenkt., «Warum nicht? Der Poststreik ist vorbei», witzele ich, so gut es geht. «Weil-Jeanette-hinter-mir-steht-und-ans-Telefon-will», sagt Evelyn. Ich schweige sehr lange. «Pat-rick?» «Evelyn. Laß es gut sein. Ich gehe sofort los. Wir sind alle gleich da. Ich verspreche es.» «O mein Gott –» Ich gehe zurück in die andere Leitung. «Verdammt, Jungs, irgendwer hat Scheiße gebaut. Ihr habt Scheiße gebaut. Ich hab Scheiße gebaut. Ich weiß nicht», sage ich panisch. «Was ist los?» fragt einer von ihnen. «Jeanette und Evelyn sind beide im Kaktus», sage ich. «O Mann.» Van Patten prustet los. «Ihr wißt, Jungs, daß ich durchaus dazu fähig bin, mehrmals ein Bleirohr in die Vagina einer Frau zu treiben», erkläre ich Van Patten und McDermott und füge – nach einer Schweigeminute, die ich als Entsetzen mißdeute, als ihre längst fällige schlagartige Erkenntnis meiner abgrundtiefen Grausamkeit – hinzu: «aber mit Gefühl.» «Über dein Bleirohr brauchst du uns nichts zu erzählen, Bate- man», sagt McDermott. «Gib nicht so an.» «Versucht er uns irgendwie mitzuteilen, daß er einen großen Schwanz hat?» fragt Van Patten Craig. «Tja, ich bin mir nicht sicher», sagt McDermott. «Ist es das, was du uns sagen wolltest, Bateman?» Ich zögere mit der Antwort. «Es … na ja, nicht ganz.» Meine an-, dere Leitung klingelt. «Prima, ich erkläre mich offiziell für blaß vor Neid», sagt Mc- Dermott vorlaut. «Wohin jetzt? Jesus, wie spät ist es?» «Spielt das noch eine Rolle? Ich bin schon völlig abgestumpft.» Ich bin mittlerweile so hungrig, daß ich Weizenkleie-Müsli aus der Schachtel esse. Meine andere Leitung klingelt schon wieder. «Vielleicht können wir Drogen besorgen.» «Ruf Hamlin an.» «Jesus, in dieser Stadt kann man auf kein Klo gehen, ohne mit einem Gramm wieder rauszukommen, keine Sorge.» «Habt ihr von Belle Souths’ Riesendeal gehört?» «Morgen ist Spuds McKenzie in der Patty Winters Show.»,

Girl

In einer Mittwochnacht noch ein Mädchen, das ich im M.K. treffe und vorhabe, zu foltern und zu filmen. Die hier bleibt namenlos für mich, und sie sitzt auf der Couch im Wohnzimmer meines Apart- ments. Eine Flasche Champagner, Cristal, halbleer, steht auf dem Glastisch. Ich drücke ein paar Platten durch, Nummern, die auf der Wurlitzer aufleuchten. Schließlich fragt sie: «Was ist das hier … für ein Geruch?», und ich antworte murmelnd: «Eine tote … Ratte» und öffne dann die Fenster, die gläserne Schiebetür, die auf die Terrasse führt, obwohl es ein kühler Abend ist, Spätherbst, und sie nur spärlich bekleidet, aber sie nimmt noch ein Glas Cristal, und das scheint sie genug aufzuwärmen, um mich fragen zu können, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Ich sage ihr, daß ich in Harvard war und dann, nach meinem Abschluß von der Busi- ness School dort, auf der Wall Street bei Pierce & Pierce angefangen habe, und als sie entweder scherzhaft oder verwirrt fragt: «Was ist das?», schlucke ich und finde die Kraft, während ich mit dem Rü- cken zu ihr den neuen Onica geraderücke, hervorzustoßen: «Ein … Schuhgeschäft.» Ich habe eine Line Koks genommen, die ich in meinem Medizinschrank gefunden habe, als wir in mein Apart- ment zurückkamen, und der Cristal dämpft die Wirkung etwas, aber nur allmählich. Heute morgen ging es in der Patty Winters Show um eine Maschine, mit der man mit Toten sprechen kann. Dieses Mädchen trägt ein wollenes Tuchkostüm, eine Bluse aus Seidengeorgette, Ohrringe aus Achat und Elfenbein von Stephen Dweck, eine körperbetonte Weste aus Seidenjaquard, alles von …, tja? Charivari, nehme ich an. Im Schlafzimmer ist sie nackt und ölig und lutscht meinen Schwanz, und ich stehe über ihr und schlage ihr dann damit ins Gesicht, packe ihr Haar mit meiner Hand und nenne sie «verhurte Drecksnutte», und das geilt sie noch mehr auf, und während sie lahm an meinem Schwanz lutscht, befingert sie ihre Klitoris, und als sie mich fragt, «Gefällt dir das», während sie meine Eier leckt, antworte ich «Ja klar» und atme schwer. Ihre Brüste sind hoch und voll und fest, beide Nippel sehr steif, und als sie röchelnd meinen Schwanz schluckt, den ich ihr hart in den Mund stoße, fasse ich runter und knete sie, und dann, als ich sie ficke, nachdem ich ihr den Dildo in den Arsch gerammt und mit einem Riemen festge- schnallt habe, kratze ich ihre Titten, bis sie mich bittet, vorsichti- ger zu sein. Früher am Abend war ich mit Jeanette zum Dinner in einem sehr teuren norditalienischen Restaurant in der Nähe des Central Park auf der Upper East Side. Früher am Abend habe ich einen Maßanzug von Edward Sexton getragen und trübselig über das Haus meiner Familie in Newport nachgedacht. Früher am Abend habe ich, nachdem ich Jeanette abgesetzt hatte, im M.K. bei einer Fundraising-Party vorbeigeschaut, die irgendwie mit Dan Quayle zu tun hatte, den selbst ich nicht ausstehen kann. Im M.K. hat mich das Mädchen, das ich ficke, ziemlich direkt auf der Couch angemacht, auf der ich saß und wartete, daß der Billardtisch frei wurde. «O Gott», sagt sie. Erregt schlage ich sie, boxe sie dann leicht in den Mund, küsse ihn, in ihre Lippen beißend. Furcht, Ent- setzen, Verwirrung überfluten sie. Der Gurt reißt, und der Dildo rutscht aus ihrem Arsch, während sie versucht, mich wegzustoßen. Ich wälze mich beiseite und tue so, als würde ich sie entkommen, lassen, um mich dann, während sie ihre Kleider aufsammelt, vor sich hin stammelnd, was für ein «irres verficktes Arschloch» ich bin, wie ein Schakal auf sie zu stürzen, buchstäblich Schaum vorm Mund. Sie weint, um Verzeihung bettelnd, hysterisch schluchzend, fleht mich an, ihr nichts zu tun, in Tränen, jetzt verstört ihre Brüste bedeckend. Aber selbst ihr Schluchzen erregt mich kaum. Ich fühle wenig, als ich ihr Tränengas ins Gesicht sprühe, und noch weni- ger, als ich ihren Kopf gegen die Wand schlage, vier-, fünfmal, bis sie bewußtlos ist; ein kleiner Fleck bleibt zurück, an dem Haare kleben. Nachdem sie zu Boden gefallen ist, gehe ich ins Badezim- mer und nehme noch eine Line von dem schäbigen Koks, den ich am Vorabend im Nell’s oder Au Bar abgestaubt habe. Ich kann ein Telefon klingeln hören, einen Anrufbeantworter, der sich einschal- tet. Ich bleibe über den Spiegel gebeugt, die Nachricht ignorierend, mache mir nicht mal die Mühe, zu hören, wer es ist. Später ist sie wie üblich auf den Boden gefesselt, nackt, auf dem Rücken, mit beiden Füßen und Händen an provisorische Pfosten gebunden, die ich auf metallbeschwerten Brettern befestigt habe. Die Hände sind gespickt mit Nägeln, und ihre Beine sind weit ge- spreizt. Ein Kissen hebt ihren Arsch an, und ihre klaffende Fotze ist verschmiert mit Käse, Brie, ein Teil davon bis tief in die Scheide gestopft. Sie ist kaum bei Bewußtsein, und als sie mich sieht, nackt über ihr stehend, male ich mir aus, daß die fast völlige Abwesenheit menschlicher Züge an mir sie mit namenlosem Entsetzen erfüllen muß. Ich habe den Körper vor dem neuen Toshiba-Fernseher in Stellung gebracht, im Videorecorder läuft eine alte Kassette, und auf dem Bildschirm erscheint das letzte Mädchen, das ich gefilmt habe. Ich trage einen Joseph-Abboud-Anzug, einen Schlips von, Paul Stuart, Schuhe von J. Crew, eine Weste von irgendeinem Ita- liener, und ich knie auf dem Boden neben einer Leiche, fresse das Hirn aus der Schale, schlinge es runter, streiche Grey-Poupon-Senf über Klumpen rosigen menschlichen Fleischs. «Siehst du gut?» frage ich das Mädchen, das nicht auf dem Bild- schirm ist. «Kannst du das sehen? Siehst du auch zu?» flüstere ich. Ich versuche die Schlagbohrmaschine an ihr, treibe ihr den Boh- rer in den Mund, doch sie hat noch die Kraft, die Geistesgegenwart, die Zähne zusammenzubeißen, preßt sie fest aufeinander, und ob- wohl der Bohrer wie Butter durch die Zähne geht, verliere ich das Interesse und halte deshalb ihren Kopf hoch, während ihr Blut aus dem Mund sickert, und lasse sie den Rest der Kassette sehen, und als sie dem Mädchen auf dem Bildschirm zusieht, das aus allen er- denklichen Körperöffnungen blutet, hoffe ich, daß ihr klar wird, wie unausweichlich das mit ihr geschehen mußte. Daß sie hier ge- endet wäre, auf dem Boden meiner Wohnung liegend, Hände an Pfosten genagelt, Käse und Glasscherben tief in die Fotze gescho- ben, ihr Schädel gespalten und dunkel blutend, ganz gleich, welche Entscheidung sie auch getroffen hätte; daß, wäre sie ins Nell’s, In- dochine, Mars oder Au Bar anstatt ins M.K. gegangen, all das trotz- dem geschehen wäre, auch wenn sie einfach nicht zu mir ins Taxi zur Upper West Side gestiegen wäre. Daß ich sie gefunden hätte. Das ist der Lauf der Welt. Ich beschließe, mir heute die Kamera zu spa- ren. Ich versuche, ihr eines der Rohre aus dem Habitrail-System in die Vagina zu schieben, und stülpe ihre Schamlippen über ein Ende des Rohrs, und obwohl ich es gründlich mit Olivenöl geschmiert habe, paßt es nicht richtig. Währenddessen spielt die Jukebox, Frankie Valli, der «The Worst That Could Happen» singt, und ich bewege unbarmherzig die Lippen zum Text, während ich der klei- nen Sau das Rohr in die Fotze schiebe. Schließlich muß ich mir da- mit behelfen, daß ich Säure um die Muschi gieße, damit das Fleisch dem eingeölten Rohrende nachgibt, und schon gleitet es mühelos hinein. «Ich hoffe, es tut dir weh», sage ich. Die Ratte wirft sich gegen den Glaskäfig, als ich ihn aus der Kü- che ins Wohnzimmer trage. Sie hat die Überreste der anderen Ratte verschmäht, die ich ihr letzte Woche zum Spielen gekauft hatte und die nun tot und verwesend in einer Käfigecke liegt. (In den letzten fünf Tagen habe ich sie systematisch hungern lassen.) Ich stelle den Glaskäfig neben dem Mädchen ab, und die Ratte scheint durchzu- drehen, vielleicht wegen des Käsegeruchs, rennt erst quiekend im Kreis und versucht dann, ihren von Hunger entkräfteten Körper über die Käfigwand zu hieven. Die Ratte braucht keinen weiteren Ansporn, der verbogene Kleiderbügel, den ich mir zurechtgelegt hatte, bleibt unbenutzt neben mir liegen, und während das Mäd- chen bei vollem Bewußtsein ist, schnuppert das Vieh mit neuer- wachter Energie los, huscht das Rohr hinauf, bis der halbe Körper darin verschwunden ist, und dann nach einer Minute – der Körper der Ratte zittert, während sie frißt – verschwindet sie ganz, bis auf den Schwanz, und ich reiße das Abflußrohr aus dem Mädchen, und der Nager sitzt fest. Bald ist auch der Schwanz verschwunden. Die Geräusche des Mädchens sind größtenteils unverständlich. Mir ist jetzt bereits klar, daß das einer der üblichen nutzlosen, sinnlosen Tode sein wird, aber ich bin nun mal den Horror ge- wöhnt. Es scheint weit weg, selbst jetzt kann es mich nicht küm- mern oder ärgern. Ich beklage mich nicht, und um es mir selbst zu, beweisen, nehme ich – nach ein oder zwei Minuten, in denen ich beobachte, wie die Ratte unter der Bauchdecke zuckt, mich ver- gewissere, daß das Mädchen noch bei Bewußtsein ist, den Kopf im Schmerz herumwirft, die Augen vor Unverständnis und Ent- setzen geweitet – eine Kettensäge und säge das Mädchen in zwei Teile, eine Sache von Sekunden. Die schnarrenden Zähne gehen so schnell durch Haut und Muskeln und Sehnen und Knochen, daß sie noch lange genug lebt, um mitanzusehen, wie ich ihre Beine von ihrem Körper wegziehe – ihre eigentlichen Schenkel, die Reste ihrer zerfetzten Vagina – und sie bluttriefend ausgestreckt vor mich halte, fast wie Trophäen. Ihre Augen bleiben noch eine Minute of- fen, verzweifelt und leer, dann schließen sie sich, und endlich, ehe sie stirbt, stoße ich sinnlos ein Messer in ihre Nase, bis es durch das Fleisch an der Stirn wieder austritt, und hacke ihr dann das Kinn ab. Sie hat nur noch einen halben Mund, und ich ficke ihn einmal, dann noch mal, dreimal insgesamt. Ohne mich darum zu kümmern, ob sie noch atmet oder nicht, reiße ich zuletzt mit den Fingern ihre Augen aus den Höhlen. Die Ratte erscheint mit dem Kopf zuerst – irgendwie hat sie es geschafft, sich in der Bauchhöhle umzudrehen – und blutüberströmt (außerdem fällt mir auf, daß die Kettensäge ihr fast den halben Schwanz abgesägt hat), und ich füttere sie mit einer Extraportion Brie, ehe ich das Gefühl habe, sie tottrampeln zu müssen, was ich tue. Später liegen der Ober- schenkelknochen des Mädchens und Reste des Kiefers schmorend im Ofen, Schamhaarbüschel füllen einen Kristallaschenbecher von Steuben, und als ich sie anzünde, verbrennen sie schnell.,

Und noch ein neues Restaurant

Für einen begrenzten Zeitraum gelingt es mir, halbwegs gut ge- launt und unternehmungslustig zu sein, also nehme ich in der ersten Novemberwoche Evelyns Einladung zum Dinner im Luke an, einem chinesischen Restaurant, das, seltsam genug, auch kre- olische Küche führt. Wir haben einen guten Tisch (ich habe auf Wintergreens Namen reserviert – der billigste aller Triumphe), und ich fühle mich gefestigt, ruhig, trotz Evelyn, die mir gegenüber von einem sehr großen Fabergé-Ei schnattert, das sie im Pierre wie von selbst durch die Lobby rollen gesehen zu haben glaubt oder so was. Die Halloween-Büroparty war letzte Woche im Royalton, und ich ging als Massenmörder, komplett mit einem Schild auf dem Rü- cken, das mich als MASSENMÖRDER auswies (eine absichtliche Mäßigung gegenüber den Sandwich-Tafeln mit der Aufschrift DRILLER KILLER, das ich zuerst gebastelt hatte), und darunter hatte ich in Blut geschrieben, HALLO, ICH BIN’S, und auch der Anzug war blutbesudelt, manches falsch, das meiste echt. Mit einer Faust hielt ich ein Büschel von Victoria Bells Haar umklammert, und neben meiner Knopflochblume (einer kleinen weißen Rose) hing ein Fingerknochen, von dem ich das Fleisch abgekocht hatte. Aber so auffällig mein Kostüm war, gelang es Craig McDermott trotzdem, den ersten Platz beim Wettbewerb zu machen. Er kam als Ivan Boesky, was ich etwas unfair fand, weil letztes Jahr so viele Leute gedacht hatten, ich sei als Michael Milken gegangen. Die Patty Winters Show heute morgen war über Heimabtreibungs-Sets. Die ersten fünf Minuten in unserer Nische sind wunderbar,, dann landet der Drink, den ich bestellt hatte, auf dem Tisch, und instinktiv greife ich danach, aber ich kann mir nicht helfen, jedes- mal, wenn Evelyn den Mund aufmacht, zucke ich zusammen. Ich bemerke, daß auch Saul Steinberg heute abend hier ißt, aber es wi- derstrebt mir, das Evelyn gegenüber zu erwähnen. «Ein Toast?» rege ich an. «Oh? Worauf?» murmelt sie uninteressiert, reckt den Hals und sieht sich in dem kargen, schwach beleuchteten, sehr weißen Raum um. «Auf die Freiheit?» frage ich müde. Aber sie hört nicht zu, weil ein englischer Typ in einem Dreiknopf-Anzug aus Wolle mit Hahnentrittmuster, einer Weste mit Tattersall-Muster aus Wolle, einem Hemd aus Oxfordcloth mit Haifischkragen, Wildlederschuhen und Seidenkrawatte, alles von Garrick Anderson, den Evelyn mir nach einem Streit im Au Bar einmal gezeigt und als «hinreißend» bezeichnet hatte und der von mir als «Gnom» tituliert worden war, an unseren Tisch geschlen- dert kommt und unverblümt mit ihr flirtet, und der Gedanke, sie könnte denken, ich sei eifersüchtig auf diesen Typ, kotzt mich an, aber am Ende bin ich doch derjenige, der zuletzt lacht, denn er fragt sie, ob sie immer noch diesen Job «bei der Kunstgalerie auf der First Avenue» habe, und nachdem Evelyn das sichtlich gestreßt mit hängender Kinnlade verneint und ihn korrigiert, zieht er nach ein paar verlegenen Worten wieder ab. Sie schnüffelt, schlägt die Karte auf und wechselt sofort das Thema, ohne mich anzusehen. «Was sind das für T-Shirts, die ich ständig sehe?» fragt sie. «In der ganzen Stadt? Hast du die gesehen? Silkience Equals Death? Haben die Leute Probleme mit ihrer Haarspülung, oder was? Hab’, ich irgendwas falsch verstanden? Wovon sprachen wir gerade?» «Nein, falsch, ganz falsch. Es heißt Science Equals Death.» Ich seufze, schließe die Augen. «Jesus, Evelyn, nur du kannst das mit Haarpflege verwechseln.» Ich habe keine Ahnung, was zum Teufel ich rede, aber ich nicke, winke jemand an der Bar zu, einem älteren Mann, dessen Gesicht im Schatten liegt, jemand, den ich eigentlich nur flüchtig kenne, aber er schafft es, sein Glas zu heben und zu- rückzulächeln, eine willkommene Abwechslung. «Wer ist das?» höre ich Evelyn fragen. «Ein Freund von mir», sage ich. «Ich erkenne ihn nicht wieder», sagt sie. «P & P?» «Vergiß es», seufze ich. «Wer ist das Patrick?» fragt sie, mehr an meinem Widerstreben interessiert als an einem tatsächlichen Namen. «Warum?» frage ich zurück? «Wer ist es?» fragt sie. «Sag’s mir.» «Ein Freund von mir», sage ich mit zusammengebissenen Zäh- nen. «Wer, Patrick?» fragt sie, dann, nach ihm schielend: «War er nicht bei meiner Weihnachtsparty?» «Nein, war er nicht», sage ich, mit den Händen auf die Tisch- platte trommelnd. «Ist das nicht … Michael J. Fox?» fragt sie, immer noch nach ihm schielend. «Der Schauspieler?» «Kaum», sage ich, dann, weil ich die Schnauze voll habe. «Oh, in Gottes Namen, sein Name ist George Levanter und, nein, er war nicht der Star von Das Geheimnis meines Erfolges.» «Oh, wie interessant.» Evelyn brütet schon wieder über der, Karte. «Also, wovon sprachen wir gerade?» Ich versuche, mich zu erinnern, und frage: «Haarspülungen? Oder eine bestimmte Haarspülung?» seufze ich. «Ich weiß nicht. Du hast mit dem Gnom geredet.» «Ian ist kein Liliputaner, Patrick», sagt sie. «Er ist außergewöhnlich kleingewachsen, Evelyn», kontere ich. «Bist du sicher, daß er nicht bei deiner Weihnachtsparty» – und dann, mit gesenkter Stimme –, «die Hors d’Œuvres verteilt hat?» «Du kannst von Ian nicht ständig als Gnom reden», sagt sie, eine Serviette in ihrem Schoß drapierend. «Das lasse ich mir nicht bie- ten», flüstert sie, ohne mich anzusehen. Ich kann ein meckerndes Lachen nicht zurückhalten. «Das ist nicht komisch, Patrick», sagt sie. «Du hast das Gespräch doch so abgekürzt», mache ich geltend. «Erwartest du, daß ich mich jetzt geschmeichelt fühle?» schnappt sie bitter. «Hör zu, Baby, ich versuche nur, diese Begegnung so harmlos wie möglich zu interpretieren, also versau dir, äh, naja, nicht selbst den Abend.» «Hör doch auf», sagt sie uninteressiert. «Oh, sieh mal, da ist Ro- bert Farrell.» Nachdem sie ihm zugewinkt hat, zeigt sie ihn mir dis- kret, und tatsächlich, wenn das nicht der allseits beliebte Robert Farrell ist, der dort an der Nordseite des Raums an einem Fenster- tisch sitzt, was mich innerlich zur Weißglut treibt. «Er sieht wirklich gut aus», vertraut mir Evelyn bewundernd an, nur weil sie merkt, daß mein Blick auf dem Hardbody ruht, der ne- ben ihm sitzt, und zirpt neckisch, um ganz sicherzugehen, daß der Groschen fällt: «Ich hoffe, ich mache dich nicht eifersüchtig.», «Er sieht ganz gut aus», räume ich ein. «Dämlich, aber gut aus- sehend.» «Sei nicht gehässig. Er sieht sehr gut aus», sagt sie und schlägt dann vor: «Warum trägst du dein Haar nicht auch so?» Vor dieser Bemerkung war ich ein Automat, der Evelyn nur vage Aufmerksamkeit schenkte, aber jetzt erfaßt mich Panik, und ich frage: «Was stimmt nicht mit meinem Haar?» In wenigen Sekun- den steigere ich mich in Wut. «Was zum Teufel stimmt nicht mit meinem Haar?» Ich berühre es leicht. «Nichts», sagt sie, als sie merkt, wie verärgert ich bin. «War nur ein Vorschlag», und dann, als ihr klar wird, daß ich fast außer mir bin: «Dein Haar sieht wirklich … wirklich toll aus.» Sie versucht zu lächeln, aber es gelingt ihr nur, noch besorgter auszusehen. Ein Schluck – ein halbes Glas – J&B beruhigt mich so weit, daß ich mit einem Blick auf Farrell sagen kann: «Mich entsetzt nur sein Bauchansatz.» Evelyn mustert Farrell ebenfalls. «Oh, er hat doch keinen Bauch.» «Und wie das ein Bauch ist», sage ich. «Sieh ihn dir an.» «Das liegt nur daran, wie er sitzt», sagt sie aufgebracht. «Oh, du bist –» «Das ist eine Wampe, Evelyn», beharre ich. «Oh, du bist verrückt.» Sie wedelt abfällig mit der Hand. «Ein Irrer.» «Evelyn, der Mann ist kaum dreißig.» «Na und? Es ist ja nicht jeder so verrückt auf Gewichtheben wie du», sagt sie verärgert und schaut wieder in die Karte. «Ich mache kein ‹Gewichtheben›», seufze ich., «Oh, dann geh rüber und hau ihm auf die Nase, du großer Schläger», läßt sie mich abfahren. «Mir ist es wirklich egal.» «Führe mich nicht in Versuchung», warne ich sie und murmele dann mit einem weiteren Blick auf Farrell: «Was für ein Pisser.» «O mein Gott, Patrick. Du hast kein Recht, den Verbitterten zu spielen», sagt Evelyn ärgerlich, noch immer auf die Karte starrend. «Deine Animositäten sind völlig grundlos. Mit dir kann doch ir- gendwas nicht stimmen.» «Sieh dir den Anzug an.» Ich kann es mir unmöglich verkneifen, auf ihn zu zeigen. «Sieh dir an, was er anhat.» «Oh, na und, Patrick?» Sie wendet eine Seite, stellt fest, daß sie leer ist, und blättert zurück zu der Seite, die sie vorher studiert hat. «Ist ihm nie der Gedanke gekommen, sein Anzug könnte Ekel erregen?» frage ich. «Patrick, du benimmst dich wie ein Irrer», sagt sie kopf- schüttelnd, mittlerweile bei der Weinkarte. «Gottverdammt, Evelyn, was meinst du mit ‹benimmst dich›?» sage ich. «Ich bin einer, Scheiße noch mal.» «Mußt du damit so hausieren gehen?» fragt sie. «Keine Ahnung.» Ich zucke die Achseln. «Jedenfalls, ich wollte gerade erzählen, was Melania und Taylor passiert ist und …» Sie bemerkt etwas und sagt in einem Atemzug, seufzend: «… starr nicht so auf meine Brust, Patrick. Schau mich an, nicht meine Brust. Also, jedenfalls, Taylor Grassgreen und Me- lania waren … Du kennst Melania, sie war in Sweet Briar. Ihrem Vater gehören diese ganzen Banken in Dallas? Und Taylor war in Cornell. Jedenfalls, sie wollten sich im Cornell Club treffen, und, dann hatten sie um sieben bei Mondrian reserviert, und er trug … » Sie hält inne, zurückdenkend. «Nein. Le Cygne. Sie wollten ins Le Cygne und Taylor trug …» Sie unterbricht sich wieder. «O Gott, es war Mondrian. Mondrian um sieben, und er trug einen Pietro-Di- mitri-Anzug. Melania war einkaufen gewesen. Ich glaube, sie war bei Bergdorf ’s, obwohl ich nicht sicher bin – aber jedenfalls, o ja … es war Bergdorf ’s, weil sie am nächsten Tag den Schal im Büro trug, also jedenfalls, sie war seit zwei Tagen oder so nicht in ihrer Aero- bic-Gruppe gewesen, und sie sind überfallen worden, als sie auf einem –» «Ober?» Ich rufe jemandem zu, der vorbeigeht. «Noch ein Drink? J&B?» Ich zeige auf das Glas, verärgert, daß ich das eher als Frage denn als Befehl formuliert habe. «Willst du denn nicht wissen, was passiert ist?» fragt Evelyn, un- angenehm berührt. «Mit atemloser Spannung», seufze ich völlig desinteressiert. «Ich kann es kaum erwarten.» «Jedenfalls, dann passierte was wirklich Lustiges», fängt sie an. Ich hänge an deinen Lippen, denke ich. Wieder einmal fällt mir ihre mangelnde Sinnlichkeit auf, erscheint mir zum ersten Mal wie blanker Hohn. Früher war es gerade das, was mich an Evelyn an- zog. Jetzt ekelt mich dieser Mangel an, scheint mir unheimlich, erfüllt mich mit namenloser Furcht. Bei unserer letzten Sitzung – gestern, um genau zu sein – fragte mich der Psychiater, zu dem ich seit zwei Monaten gehe: «Welche Verhütungsmethode wenden sie und Evelyn an?», und ich seufzte, ehe ich antwortete, meine Augen starr durch das Fenster auf einen Wolkenkratzer gerich- tet, dann auf das Gemälde über dem Turchin-Glasteetisch – die, riesige Reproduktion eines Frequenzgangreglers von einem an- deren Künstler, nicht Onica. «Ihren Job.» Als er mich nach ihrer bevorzugten Sexualpraktik fragte, informierte ich ihn bitterernst: «Zwangsvollstreckung». Im dumpfen Bewußtsein, daß ich, wären nicht die Leute im Restaurant, die auf dem Tisch stehenden Jade- Eßstäbchen nehmen, sie tief in Evelyns Augen stoßen und mitten durchbrechen würde, nicke ich Interesse heuchelnd, aber ich hab’s schon abgehakt und schenke mir die Eßstäbchen-Nummer. Statt dessen bestelle ich eine Flasche Chassagne Montrachet. «Ist das nicht amüsant?» fragt Evelyn. Beiläufig mitlachend, die Laute aus meinem Mund triefen vor Verachtung, stimme ich zu: «Zum Brüllen.» Ich sage es unvermit- telt, ausdruckslos. Mein suchender Blick gleitet über die Reihe Frauen an der Bar. Sind welche dabei, die ich ficken würde? Viel- leicht. Der langbeinige, Kir schlürfende Hardbody auf dem letzten Hocker? Warum nicht. Evelyn schwankt verzweifelt zwischen Mâ- ché Raisin und Gumbo salade oder dem Kohlrabigratin mit Hasel- nuß, Babygemüse und Endiviensalat, und plötzlich fühle ich mich, als wäre ich vollgepumpt mit Clonopin, einem Mittel gegen Reise- krankheit, das nicht wirkt. «Jesus, zwanzig Dollar für eine beschissene Frühlingsrolle?» brumme ich, die Karte studierend. «Es ist ein kurz gedämpftes Moo-Shu-Custard», sagt sie. «Es ist eine Scheiß-Frühlingsrolle», protestiere ich. Worauf Evelyn erwidert: «Du bist ja so kultiviert, Patrick.» «Nein.» Ich zucke die Achseln. «Ich kann nur rechnen.» «Ich lechze nach Beluga», sagt sie. «Schätzchen?» «Nein», sage ich., «Warum nicht», fragt sie und zieht eine Schnute. «Weil ich nichts aus der Dose und nichts aus dem Iran will», seufze ich. Sie schnüffelt überheblich und schaut wieder auf die Karte. «Das Moo-Foo Jambalaya ist wirklich erstklassig», höre ich sie sagen. Die Minuten verrinnen. Wir bestellen. Das Essen kommt. Ty- pisch, der Teller massives weißes Porzellan; in der Mitte zwei Stückchen geschwärzte Yellowtail-Sashimi mit Ingwer, umgeben von winzigen Klecksen Wasabi, umringt von einer mikroskopi- schen Menge Hijiki, und oben auf dem Teller thront eine einsame Babygarnele; eine andere, noch kleiner, krümmt sich am unteren Rand, was mich verwirrt, da ich dies für ein in erster Linie chinesi- sches Restaurant gehalten habe. Ich starre den Teller lange an, und als ich um etwas Wasser bitte, kehrt unser Kellner statt dessen mit einer Pfeffermühle zurück und läßt es sich nicht nehmen, an unse- rem Tisch herumzulungern, in Fünf-Minuten-Abständen unabläs- sig «etwas Pfeffer, vielleicht» oder «mehr Pfeffer?» anzubieten, und als der Spinner endlich in eine andere Nische gewechselt ist, de- ren Insassen, wie ich aus den Augenwinkeln erkennen kann, beide schützend die Hände über den Teller breiten, winke ich den Maître d’ heran und bitte ihn: «Könnten Sie den Kellner mit der Pfeffer- mühle bitten, nicht länger unseren Tisch zu belagern? Wir wollen keinen Pfeffer. Wir haben nichts bestellt, das irgendwelchen Pfeffer erfordert. Kein Pfeffer. Sagen Sie ihm, er soll abziehen.» «Natürlich. Entschuldigen Sie vielmals.» Der Maître d’ verbeugt sich untertänig. Pikiert fragt Evelyn: «Mußt du so überhöflich sein?» Ich lege meine Gabel hin und schließe die Augen. «Warum un-, tergräbst du ständig mein seelisches Gleichgewicht?» Sie atmet tief durch. «Wie wär’s mit einer einfachen Unterhal- tung? Kein Verhör. Okay?» «Über was?» schnarre ich. «Hör zu», sagt sie. «Das Bankett der Young Republicans im Pla …» Sie unterbricht sich, als sei ihr etwas eingefallen, und fährt dann fort: «… im Trump Plaza ist nächsten Donnerstag.» Ich will ihr sagen, daß ich es unmöglich schaffen kann, zu Gott betend, daß sie andere Pläne hat, obwohl ich sie vor zwei Wochen bei Mortimer oder im Au Bar, betrunken und bekokst, selbst eingeladen hatte, um Himmels willen. «Gehen wir hin?» Nach einer Pause sage ich bedrückt: «Denke schon.» Fürs Dessert habe ich mir etwas Besonderes ausgedacht. Heute morgen habe ich bei einem Powerfrühstück im 21 Club mit Craig McDermott, Alex Baxter und Charles Kennedy einen Duftstein aus dem Männerklo gestohlen, als der Wärter gerade nicht hinsah. Zu Hause umhüllte ich ihn mit billiger Schokoladencouvertüre, fror ihn ein und legte ihn dann in eine leere Godiva-Schachtel, die ich mit einem Seidenbändchen umwickelte, und jetzt, bei Luke, nach- dem ich mich einen Moment entschuldigt habe, gehe ich zur Kü- che, nach einem Zwischenstopp an der Garderobe, um das Päck- chen zu holen, und bitte unseren Kellner, es «mit der Schachtel» an unseren Tisch zu bringen und der dort sitzenden Dame auszurich- ten, Mr. Bateman habe es extra für sie bestellt. Ich bitte ihn sogar, während ich die Schachtel öffne, eine Blume oder so was dazuzule- gen, stecke ihm einen Fünfziger zu. Er bringt sie, nachdem er eine angemessene Frist hat verstreichen lassen und die Teller abgeräumt sind, und es beeindruckt mich, welch großen Auftritt er daraus, macht; er hat sogar eine Silberglocke über die Schachtel gestülpt, und Evelyn gurrt vor Vergnügen, als er sie mit einem «Voi-ra» ab- hebt, greift nach dem Löffel neben ihrem Wasserglas (ich habe mich vergewissert, daß es leer ist) und sagt zu mir gewandt: «O Pa- trick, wie süß von dir», und ich nicke lächelnd dem Kellner zu und winke ab, als er einen Löffel auf meine Seite des Tischs legen will. «Willst du nichts abhaben?» fragt Evelyn besorgt. Sie ist sprung- bereit, gierig über den schokoladenüberzogenen Duftstein gebeugt. «Ich liebe Godiva.» «Ich bin nicht hungrig», sage ich. «Das Dinner war … reich- lich.» Sie lehnt sich nach vorn, das braune Oval beschnuppernd, und fragt mich, ein Aroma von etwas (vielleicht Desinfektionsmittel) erahnend, nun bestürzter: «Bist du … sicher?» «Nein, Darling», sage ich. «Ich möchte, daß du es ißt. Es ist ja nicht so viel da.» Sie nimmt den ersten Bissen, folgsam kauend, sofort und un- übersehbar angewidert, und schluckt dann. Sie zuckt zusammen, zieht eine Grimasse und versucht zu lächeln, als sie den nächsten zaghaften Bissen nimmt. «Wie ist es?» frage ich, dann, drängend: «Iß auf. Es ist nicht ver- giftet oder so.» Ihr Gesicht, unglücklich verzogen, wird noch etwas bleicher, als müßte sie würgen. «Was?» frage ich grinsend? «Was ist los?» «Es ist so …» Ihr Gesicht ist jetzt eine einzige lange qualvoll gri- massierende Maske, und sich schüttelnd hustet sie: «… pfeffermin- zig.», Sie versucht, ein genießerisches Lächeln aufzusetzen, was sich als Unmöglichkeit erweist. Sie greift nach meinem Wasserglas und stürzt es hinunter, in dem verzweifelten Bemühen, den Geschmack aus dem Mund zu spülen. Dann bemerkt sie meinen besorgten Blick und versucht, diesmal entschuldigend, zu lächeln. «Es ist nur» – sie schaudert wieder – «es ist nur so … pfefferminzig.» Für mich sieht sie aus wie eine große schwarze Ameise – eine große schwarze Ameise im Christian-Lacroix-Modellkleid –, die ei- nen Duftstein ißt, und ich fange fast an zu lachen, aber ich will sie auch nicht beunruhigen. Ich will nicht, daß sie es sich anders über- legt, ehe sie den Duftstein aufgegessen hat. Aber sie kriegt nichts mehr davon runter und schiebt nach nur zwei Bissen den Teller von sich, als sei sie satt, und in dem Mo- ment fange ich an, mich seltsam zu fühlen. Obwohl ich mich daran ergötze, daß sie das Ding frißt, macht es mich auch traurig, und plötzlich werde ich daran erinnert, daß das Unbehagen, das ich ihr bereite, – wie befriedigend es auch sein mag, Evelyn etwas essen zu sehen, auf das ich und zahllose andere gepißt haben – letztendlich auf meine Kosten geht: es ist enttäuschend, ein schäbiger Ausgleich dafür, sie drei Stunden am Hals zu haben. Unwillkürlich begin- nen sich meine Kiefer zu verkrampfen, entspannen, verkrampfen, entspannen. Irgendwo läuft Musik, aber ich kann sie nicht hören. Evelyn fragt den Kellner heiser, ob er ihr vielleicht Life Savers aus dem koreanischen Deli um die Ecke besorgen kann. Zur Krönung des Abends sagt Evelyn dann auch noch: «Ich will eine feste Beziehung.» Da der Abend ohnehin schon ein Fiasko war, kann diese Be- merkung nichts mehr verderben oder mich überraschen, doch, das Unzumutbare unserer Situation schnürt mir den Hals zu, und ich stoße mein Wasserglas wieder in Evelyns Richtung und bitte den Kellner, den halbgegessenen Duftstein zu entfernen. In der Sekunde, in der das zerfließende Dessert entfernt wird, ist auch meine Geduld für diesen Abend erschöpft. Zum ersten Mal geht mir auf, daß ihr Blick in den letzten beiden Jahre weniger mit An- betung auf mir ruhte als mit etwas, das an Habgier grenzt. Endlich bringt jemand ein Wasserglas mit einer Flasche Evian, die ich sie nicht habe bestellen hören. «Evelyn, ich glaube, daß …», beginne ich, winde mich, beginne wieder. «… daß wir uns auseinandergelebt haben.» «Warum? Was ist los?» Sie winkt einem Pärchen zu – Lawrence Montgomery und Geena Webster, glaube ich –, und am ande- ren Ende des Raums hebt Geena (?) die Hand, die ein Armreif schmückt. Evelyn nickt bewundernd. «Mein … mein Drang, mich in großem Stil mörderischen In- stinkten hinzugeben, ist nicht mehr, ähm, zu bezähmen», sage ich zu ihr, jedes Wort sorgsam abwägend. «Aber ich … sehe keinen an- deren Weg, meinen unterdrückten … Bedürfnissen, äh, Ausdruck zu geben.» Es überrascht mich, wie mich dieses Eingeständnis rührt und zermürbt; ich fühle mich benommen. Evelyn entgeht, wie immer, der Kern meiner Ausführungen, und ich frage mich, wie lange ich noch brauchen werde, sie mir endlich vom Hals zu schaffen. «Wir müssen uns unterhalten», sage ich leise. Sie stellt ihr leeres Wasserglas ab und starrt mich an. «Patrick», sagt sie. «Wenn du wieder davon anfangen willst, daß ich mir die Brust vergrößern lassen soll, gehe ich», sagt sie warnend., Ich lasse mir das durch den Kopf gehen, sage dann: «Es ist aus, Evelyn. Es ist alles aus.» «Was sind wir empfindlich», sagt sie und winkt dem Kellner nach mehr Wasser. «Es ist mein Ernst», sage ich ruhig. «Es ist scheiß noch mal aus. Mit uns. Das ist kein Witz.» Sie erwidert meinen Blick, und gerade als ich denke, daß viel- leicht irgend jemand hier endlich erfaßt, was ich versuche zu er- klären, sagt sie: «Laß uns das Thema abschließen, in Ordnung? Tut mir leid, falls ich irgendwas gesagt habe. Also, nehmen wir noch Kaffee?» Und wieder winkt sie den Kellner her. «Ich nehme koffeinfreien Espresso», sagt Evelyn. «Patrick?» «Port», seufze ich. «Irgendeinen Port.» «Möchten Sie vielleicht unsere –» hebt der Ober an. «Einfach den teuersten Portwein», falle ich ihm ins Wort. «Und, ach ja, ein Dry-Bier.» «Mann o Mann», murmelt Evelyn, nachdem der Kellner gegan- gen ist. «Gehst du noch immer zu deinem Irrenarzt?» frage ich. «Patrick», warnt sie. «Wem?» «Tut mir leid», seufze ich. «Deinem Doktor.» «Nein.» Sie öffnet ihre Handtasche und kramt nach etwas. «Warum nicht?» frage ich betroffen. «Ich hab dir gesagt, warum», sagt sie kategorisch. «Aber ich kann mich nicht erinnern», äffe ich sie nach. «Nach einer Sitzung hat er mich gefragt, ob ich ihn abends mit drei Mann Begleitung zu Nell’s reinbringen könnte.» Sie prüft ih- ren Mund, die Lippen, im Spiegel der Puderdose. «Warum fragst, du?» «Weil ich glaube, daß du Hilfe brauchst», beginne ich zögernd, aufrichtig. «Ich glaube, du bist emotional labil.» «Du hast ein Poster von Oliver North in der Wohnung und nennst mich labil?» fragt sie, wieder etwas in der Handtasche su- chend. «Nein. Du bist es, Evelyn», sage ich. «Übertreibung. Du übertreibst», sagt sie und wühlt ihre Hand- tasche durch, während sie mich ansieht. Ich seufze und hebe dann gewichtig an. «Ich will ja die Sache nicht breittreten, aber –» «Wie uncharakteristisch für dich, Patrick», sagt sie. «Evelyn. Das muß ein Ende haben», seufze ich meine Serviette an. «Ich bin siebenundzwanzig. Ich will mich nicht mit einer festen Beziehung belasten.» «Süßer?» fragt sie. «Nenn mich nicht so», schnappe ich. «Wie? Süßer?» fragt sie. «Ja», schnappe ich wieder. «Wie soll ich dich denn nennen?» fragt sie indigniert. «B-O-S- S?» Sie unterdrückt ein Kichern. «O Jesus.» «Nein, wirklich, Patrick. Wie soll ich dich denn nennen?» King, denke ich. King, Evelyn. Ich will, daß du mich King nennst. Aber das sage ich nicht. «Evelyn. Ich will nicht, daß du mich irgendwie nennst. Ich finde, wir sollten uns nicht mehr sehen.» «Aber deine Freunde sind meine Freunde. Meine Freunde sind deine Freunde. Ich glaube nicht, daß es klappen würde», sagt sie,, und dann, auf einen Punkt über meinem Mund starrend: «Du hast einen kleinen Klecks auf der Oberlippe. Nimm deine Serviette.» Erbittert wische ich mir den Klecks ab. «Hör zu, ich weiß, daß deine Freunde meine Freunde sind und umgekehrt. Das habe ich schon berücksichtigt.» Nach einer Pause sage ich: «Du kannst sie haben.» Endlich sieht sie mich an, verstört, und murmelt: «Es ist wirklich dein Ernst, oder?» «Ja», sage ich. «Ist es.» «Aber … was ist mit uns? Was ist mit allem, was zwischen uns war?» fragt sie ausdruckslos. «Die Vergangenheit ist nicht real. Sie ist ein Traum», sage ich. «Sprich nicht über Vergangenes.» Ihre Augen verengen sich mißtrauisch. «Hast du was gegen mich, Patrick?» Und dann wandelt die Härte auf ihrem Gesicht sich blitzschnell zu Erwartung, vielleicht auch Hoffnung. «Evelyn», seufze ich, «es tut mir leid. Du bist mir nur … nicht besonders wichtig.» Ohne Zeit zu verlieren, schnauzt sie: «Okay, wer dann? Wer, glaubst du, könnte dir etwas bedeuten, Patrick? Wen willst du?» Und nach einer wütenden Pause fragt sie: «Cher?» «Cher?» frage ich verwirrt zurück. «Cher? Wovon sprichst du? Oh, vergiß es. Ich will, daß Schluß ist. Ich brauche Sex in regelmä- ßigen Abständen. Ich brauche Zerstreuung.» In wenigen Sekunden steigert sie sich in Wut, kaum fähig, die aufwallende Hysterie zu unterdrücken, die durch ihren Körper rast. «Aber was ist mit der Vergangenheit? Unserer Vergangenheit?» fragt sie wieder, verständnislos., «Sprich einfach nicht davon», sage ich zu ihr und beuge mich vor. «Warum nicht?» «Weil wir eigentlich gar keine haben», sage ich, ohne die Stimme zu heben. Sie faßt sich und murmelt, während sie, ohne mich zu beachten, wieder in ihrer Handtasche kramt: «Pathologisch. Dein Verhalten ist pathologisch.» «Was soll das wieder heißen?» frage ich empört. «Abscheulich. Du bist pathologisch.» Sie findet ein Laura-Ash- ley-Pillendöschen und läßt es aufschnappen. «Pathologisch was?» frage ich und versuche zu lächeln. «Vergiß es.» Sie nimmt eine Pille, die ich nicht erkenne, und schluckt sie mit meinem Wasser. «Ich bin pathologisch? Du willst mir erzählen, ich sei patholo- gisch?» frage ich. «Wir sehen die Welt eben verschieden, Patrick.» Sie schnieft. «Gott sei Dank», sage ich grausam. «Du bist unmenschlich», sagt sie und versucht, glaube ich, nicht zu weinen. «Ich bin» – ich zögere und bereite meine Verteidigung vor – «Ich stehe durchaus in Kontakt mit der … Menschheit.» «Nein, nein, nein», sie schüttelt den Kopf. «Ich weiß, mein Verhalten wirkt manchmal … unberechenbar.» Plötzlich greift sie verzweifelt über den Tisch nach meiner Hand, zieht sie näher zu sich. «Was kann ich denn tun? Was willst du von mir?» «O Evelyn», grunze ich und ziehe meine Hand zurück, geschockt,, daß ich schließlich doch noch zu ihr durchgedrungen bin. Sie weint. «Was willst du, daß ich tue, Patrick? Sag es mir. Bitte», fleht sie. «Du solltest … o Gott, ich weiß nicht. Erotische Wäsche tra- gen?» sage ich fragend. «O Jesus, Evelyn. Ich weiß nicht. Nichts. Du kannst gar nichts tun.» «Bitte, was kann ich tun?» weint sie leise. «Etwas weniger lächeln? Mehr von Autos verstehen? Meinen Namen etwas weniger regelmäßig aussprechen? Willst du so was hören?» frage ich. «Es würde nichts ändern. Du trinkst noch nicht mal Bier», murmele ich. «Aber du trinkst doch auch kein Bier.» «Das spielt keine Rolle. Übrigens, gerade habe ich eins bestellt. Also.» «O Patrick.» «Falls du wirklich etwas für mich tun willst, kannst du aufhören, mir hier eine Szene zu machen», sage ich und sehe mich unbehag- lich im Raum um. «Kellner?» fragt sie, kaum daß er den koffeeinfreien Espresso, den Portwein und das Dry-Bier abgestellt hat. «Ich nehme ein … ein was?» Sie schaut mich tränenfeucht an, verstört und verschreckt. «Ein Corona? Trinkst du das immer, Patrick? Ein Corona?» «O mein Gott. Gib’s auf. Bitte, entschuldigen Sie sie», sage ich zum Kellner, dann, als er gegangen ist: «Ja. Ein Corona. Aber wir sind in einem verfickten China-Kreolen-Bistro, also –» «O Gott, Patrick», heult sie und schneuzt sich die Nase in eine Serviette, die ich ihr zugeworfen habe. «Du bist so mies. Du bist … unmenschlich.», «Nein, ich bin …» Ich weiche wieder aus. «Du … bist nicht …» Sie bricht ab, wischt sich übers Gesicht, unfähig fortzufahren. «Ich bin nicht was?» frage ich abwartend, interessiert. «Du bist nicht» – sie schnüffelt, schaut zu Boden, und ihre Schul- tern beben – «ganz da. Du» – sie würgt – «bist so unberechenbar.» «Und ob ich das bin», verteidige ich mich indigniert. «Und ob ich berechenbar bin.» «Du bist ein Monster», schluchzt sie. «Nein, nein», sage ich, sie verwirrt betrachtend. «Du bist das Monster.» «O Gott», stöhnt sie auf, daß sich die Leute am Nebentisch zu uns umdrehen und dann wieder schnell wegschauen. «Ich kann das nicht glauben.» «Ich gehe jetzt», sage ich besänftigend. «Was mich angeht, ist jetzt alles klar, und ich gehe jetzt.» «Nicht», sagt sie und versucht, meine Hand zu fassen. «Geh nicht.» «Ich gehe, Evelyn.» «Wo gehst du hin?» Sie sieht plötzlich bemerkenswert gefaßt aus. Sie hat ihren Tränen – die, wie mir eben auffällt, recht sparsam ge- flossen sind – nicht gestattet, das Make-up zu beeinträchtigen. «Sag mir, Patrick, wo willst du hin?» Ich habe eine Zigarre auf den Tisch gelegt. Sie ist zu verstört, um eine Bemerkung zu machen. «Ich gehe einfach», sage ich schlicht. Jeder im Restaurant in einer gewissen Hörweite scheint in die andere Richtung zu sehen. «Wo gehst du hin?» fragt sie wieder., Ich gebe keine Antwort, verloren in meinem eigenen privaten Labyrinth, in Gedanken bei ganz anderen Dingen: Optionsanlei- hen, Aktienpakete, ESOPs, LBOs, IPOs, Finanzierung, Refinanzie- rung, Anleihen, Wandelanleihen, proxy statements, 8-Ks, 10-Qs, Nullcoupon-Anleihen, PiKs, das Bruttosozialprodukt, den Interna- tional Monetary Fund, tolle Sondervergünstigungen, Milliardäre, Kenchiki Nakajima, Unendlichkeit, Infinity, wie schnell ein Luxus- wagen sein sollte, Bailouts, Junk Bonds, ob ich mein Abonnement des Economist kündigen soll, den Weihnachtsabend, als ich vier- zehn war und eins unserer Mädchen vergewaltigt habe, Inclusivity, Sozialneid, ob jemand einen Schädelbruch überleben kann, Warten an Flughäfen, einen Schrei ersticken, Kreditkarten und ein frem- der Paß und ein Streichholzbriefchen von La Côte Basque, blutver- schmiert, Oberfläche, Oberfläche, Oberfläche, ein Rolls ist ein Rolls ist ein Rolls. Für Evelyn ist unser Verhältnis gelb und blau, für mich aber ist es ein grauer Ort, weithin verdunkelt, ausgebombt, Aus- schnitte aus dem Film in meinem Kopf zeigen endlose Schwenks auf Steinwüsten, und jede hörbare Sprache ist völlig fremdländisch, der Ton flackert unablässig über neue Bilder: Geldautomaten, aus denen Blut kommt, Frauen gebären durch ihre Arschlöcher, Em- bryos, gefroren oder zerschmettert (was von beidem?), Nuklear- sprengköpfe, Milliarden Dollar, die totale Zerstörung der Welt, jemand wird zusammengeschlagen, ein anderer stirbt, manchmal unblutig, meistens durch Gewehrschüsse, Meuchelmorde, Komas, das Leben durchgespielt als Sitcom, die blanke Leinwand, die sich selbst zur Soap Opera belebt. Es ist die Isolierstation, die zu nichts anderem dient, als meine schwer geschädigte Empfindungsfähig- keit zu offenbaren. Ich lebe in ihrer Mitte, Schonzeit, und niemand, bittet mich jemals, mich auszuweisen. Ich sehe plötzlich Evelyns Skelett vor mir, verdreht und zerschmettert, und das erfüllt mich mit Schadenfreude. Ich lasse mir Zeit, um ihre Frage – Wo gehst du hin? – zu beantworten, doch nach einem Schluck Port, dann einem Schluck Bier, raffe ich mich auf und sage es ihr, während ich mich zugleich frage: Und wenn ich wirklich ein Automat wäre, welchen Unterschied würde es machen? «Libyen», und dann, nach einer deutlichen Pause: «Pago Pago. Pago Pago wollte ich sagen», und setzte dann hinzu: «Nach deinem Auftritt eben zahle ich das Abendessen nicht.»,

Versuch, Girl zu kochen und zu essen

Dämmerung. Irgendwann im November. Unfähig zu schlafen krümme ich mich auf dem Futon, erbärmlich hilflos, noch immer im Anzug, mein Kopf fühlt sich an, als hätte jemand Feuerwerk darauf entzündet, drinnen auch, konstanter zuckender Schmerz, der beide Augen offenhält. Keine Droge, kein Essen, kein Alkohol, die die Wucht dieses gefräßigen Schmerzes dämpfen könnten; all meine Muskeln sind steif, all meine Nerven brennen wie Feuer. Ich nehme stündlich Sominex, seit mir Dalmane ausgegangen ist, aber nichts hilft richtig, und bald ist auch die Schachtel Sominex leer. Zeug liegt in der Ecke meines Schlafzimmers: ein Paar Damen- schuhe von Edward Susan Bennis Allen, eine Hand, an der Dau- men und Mittelfinger fehlen, die neue Ausgabe von Vanity Fair, mit irgend jemandens Blut bespritzt, ein Kummerbund, steif von geronnenem Blut, aus der Küche weht der Geruch von kochen- dem frischem Blut ins Schlafzimmer, und als ich aus dem Bett ins Wohnzimmer stolpere, atmen die Wände, der Verwesungsgestank hängt schwer im Zimmer. Ich zünde eine Zigarre an und hoffe, daß der Rauch wenigstens etwas davon überdeckt. Ihre Brüste sind abgehackt worden, und sie sehen blau und schlaff aus, die Nippel in unangenehmer Braunschattierung. Um- ringt von schwarz getrocknetem Blut liegen sie, geschmackvoll ar- rangiert auf einer Porzellanplatte, die ich im Pottery Barn gekauft habe, auf der Wurlitzer-Jukebox in der Ecke, obwohl ich mich nicht erinnern kann, wie sie dahin kommen. Außerdem habe ich die Haut und einen Großteil der Muskeln von ihrem Gesicht ge-, schält, das nun an einen Totenschädel, von einer langen, fließenden Mähne blonden Haars umspielt, erinnert, der auf einem vollen, kalten Körper steckt; die ursprünglichen Augäpfel hängen am Seh- nerv aus den Höhlen. Ihr Brustkorb ist vom Hals, der wie Hack- fleisch aussieht, fast nicht zu unterscheiden, der Bauch erinnert an die Auberginen-Ziegenkäse-Lasagne bei Il Marlibro oder ähnlichen Hundefraß, die vorherrschenden Farben rot und weiß und braun. Einige ihrer Eingeweide sind an eine Wand geschmiert, andere, zu Knäueln aufgewickelt, liegen verstreut auf der Glasplatte des Kaf- feetischs wie lange schwarze Schlangen, mutierte Würmer. Die ver- bliebenen Hautfetzen auf dem Körper sind blau-grau, der Farbe von Alufolie. Aus ihrer Vagina ist bräunliche dickliche Flüssigkeit ausgetreten, die riecht wie ein krankes Tier, als hätte ich diese Ratte wieder reingeschoben und sie wäre verdaut worden oder so. Die nächsten fünfzehn Minuten über bin ich außer mir, zerre an einem bläulichen Strang von Eingeweiden, der zum Großteil noch an ihrem Körper hängt, und schiebe ihn mir schnaufend in den Mund, er ist feucht in meinem Mund und voll von einer Paste, die schlecht riecht. Nach einer Stunde Wühlen lege ich die Wirbel- säule frei und beschließe, das Ding per Federal Express, ungerei- nigt in Papiertaschentücher gewickelt, unter falschem Namen an Leona Helmsley zu schicken. Ich will das Blut des Mädchens trin- ken, als wäre es Champagner, und grabe mein Gesicht tief in ihren zerfetzten Bauch, meine kauenden Kiefer an einer gebrochenen Rippe aufkratzend. Der riesige neue Fernseher läuft in einem der Zimmer, erst plärrt die Patty Winters Show, Thema heute: Humane Milchwirtschaft, dann eine Spielshow, Wheel Of Fortune, und der Applaus der Studiogäste braust auf wie statisches Knistern, wann, immer ein neuer Buchstabe erraten wird. Schwer atmend lockere ich mit der blutverschmierten Hand den Schlips, den ich immer noch trage. Das ist meine Wirklichkeit. Die ganze Außenwelt ist wie ein Film, den ich einmal sah. In der Küche versuche ich, aus dem Mädchen einen Hackbraten zu bereiten, aber es ist eine zu frustrierende Aufgabe, und so ver- treibe ich mir den Nachmittag statt dessen damit, ihr Fleisch über alle Wände zu schmieren, an Hautfetzen kauend, die ich in Streifen vom Körper reiße, und dann erhole ich mich bei einem Video mit der letzten Folge der neuen CBS-Sitcom Murphy Brown. Danach, und nach einem großen Glas J&B, bin ich wieder in der Küche. Der Kopf in der Mikrowelle ist jetzt völlig schwarz und haarlos, und ich setze ihn in einem Metalltopf auf dem Herd auf, um alles restliche Fleisch abzukochen, das ich abzuschälen vergessen habe. Als ich den Rest des Körpers in einen Müllsack wuchte – meine Muskeln, dick beschmiert mit Ben-Gay-Salbe, mühelos die Last des toten Körpers meisternd –, beschließe ich, den Rest von ihr zu irgendei- ner Wurst zu verarbeiten. Eine Richard-Marx-CD läuft auf der Stereoanlage, eine Zabar- Tüte randvoll mit Sauerteig-Zwiebel-Bagels und Gewürzen steht auf dem Küchentisch, während ich Knochen, Fett und Fleisch zu Pastetchen durchdrehe, und obwohl mir sporadisch der Gedanke kommt, wie unentschuldbar einiges von dem ist, was ich tue, rufe ich mir immer ins Gedächnis, daß dieses Ding, das Mädchen, das Fleisch, nichts ist, Scheiße ist, und zusammen mit einer Xanax (die ich jetzt halbstündlich nehme) beruhigt mich der Gedanke, und dann summe ich, summe die Titelmelodie einer Serie, die ich als Kind so oft gesehen habe – Die Jetsons? Die Banana Splits? Scooby, Doo? Sigmund und die Seemonster? Ich erinnere mich an den Song, die Melodie, sogar die Tonart, in der er gesungen wurde, aber nicht an die Serie. War es Lidsville? War es H.R. Pufnstuf? Unter diese Fragen mischen sich andere Fragen so unterschiedlicher Natur wie: «Ob ich je in den Knast muß?» und «Ob dieses Mädchen eine treue Seele war?» Der Geruch von Fleisch und Blut durchdringt die Ei- gentumswohnung, bis er mir kaum noch auffällt. Und später wer- den mir meine makabren Freuden sauer, und ich weine vor mich hin, unfähig, in all dem Trost zu finden, laut aufschluchzend: «Ich will doch nur, daß man mich liebt», die Erde verfluchend, und al- les, was man mich gelehrt hat: Prinzipien, Unterschiede, Entschei- dungsfreiheit, Moral, Kompromisse, Bildung, Einheit, Gebet – alles davon war falsch, ohne tieferen Sinn. Alles, worauf es hinauslief, war: friß oder stirb. Ich sehe mein eigenes leeres Gesicht, die kör- perlose Stimme dringt aus dem Mund: Wir leben in schrecklichen Zeiten. Maden wimmeln schon über die Menschenwurst, der Sab- ber, der von meinen Lippen tropft, läuft über sie, und immer noch weiß ich nicht, ob ich das irgendwie richtig koche, weil ich so wei- nen muß und weil ich ja auch eigentlich noch nie was Richtiges gekocht habe.,

Mit der Uzi im Gym

In einer mondlosen Nacht, im tristen Umkleideraum bei Xclu- sive, nach zwei Stunden Training, fühle ich mich wohl. Die Waffe in meinem Schließfach ist eine Uzi, die mich siebenhundert Dol- lar gekostet hat, und obwohl ich auch eine Ruger Mini ($ 469) in meinem Bottega-Veneta-Aktenkoffer bei mir trage, der die meisten Jäger den Vorzug geben, habe ich mich noch immer nicht mit ih- rem Aussehen anfreunden können; die Uzi hat etwas Männliche- res, Dramatisches, das mich erregt, und während ich hier sitze, den Walkman auf dem Kopf, in 200-Dollar-Radlershorts aus Lycra, und eine Valium langsam Wirkung zeigt, starre ich verlockt in die Dun- kelheit des Schließfachs. Die Vergewaltigung, der anschließende Mord an einer Studentin der NYU hinter dem Gristede’s am Uni- versity Place, unweit ihres Wohnheims, waren trotz des ungüns- tigen Timings und der untypischen Geschmacksverirrung hoch- befriedigend, und obwohl mich mein Sinneswandel überrascht, bin ich in besonnener Stimmung und lege die Waffe, die mir als Symbol der Ordnung erscheint, zurück ins Schließfach, um sie bei anderer Gelegenheit zu benutzen. Ich muß Videos zurückbringen, Geld aus dem Automaten ziehen und habe eine Dinnerreservie- rung bei 150 Wooster, die nicht ganz einfach zu bekommen war.,

Chase, Manhattan

Dienstag abend bei Bouley im No Man’s Land ein in jeder Hinsicht ereignisloses Marathondinner, selbst nachdem ich am Tisch erzählt habe: «Hört mal, Leute, mein Leben ist die Hölle auf Erden», be- achtet mich kein Schwein, die versammelte Mannschaft (Richard Perry, Edward Lampert, John Costable, Craig McDermott, Jim Kra- mer, Lucas Tanner) diskutiert weiter über intelligente Aktiva, wel- che Aktien vielversprechend fürs kommende Jahrzehnt aussehen, Hardbodies, Immobilien, Gold, warum Langläufer im Moment zu riskant sind, den Haifischkragen, Depots, wie man Macht sinnvoll einsetzt, neue Trainingsmethoden, Stolichnaya Cristall, wie man bei VIPs am besten Eindruck schindet, ständige Wachsamkeit, die Sonnenseiten des Lebens. Ich scheine mich hier im Bouley kaum zügeln zu können, hier in einem Raum, in dem es vor Opfern nur so wimmelt; ich kann mir nicht helfen, in letzter Zeit sehe ich sie überall – bei Meetings, in Nachtclubs, Restaurants, in vorbeifah- renden Taxis und in Aufzügen, aufgereiht vor Geldautomaten und auf Pornovideos, in David’s Cookies und auf CNN, überall, und alle haben sie eins gemeinsam: sie sind Beute, und während des Dinner gehe ich fast aus dem Leim, verfalle in einen Zustand, der an Höhenangst grenzt und mir keine andere Wahl läßt, als mich vor dem Dessert zu entschuldigen, und dann kommt der Moment, wo ich auf der Herrentoilette eine Line Kokain nehme, meinen Gi- orgio-Armani-Wollmantel und die schlecht verborgene 357er Ma- gnum darin von der Garderobe abhole, ein Schulterhalfter anlege, und dann bin ich draußen, aber heute morgen war in der Patty, Winters Show ein Interview mit einem Mann, der seine Tochter an- gezündet hatte, während sie in den Wehen lag, zum Dinner hatten wir alle Haifisch … … draußen in Tribeca ist es diesig, Himmel am Rande des Re- gens, die Restaurants hier unten leer, nach Mitternacht die Straßen entlegen, unwirklich, das einzige Zeichen menschlichen Lebens ei- ner, der an der Ecke Duane Street Saxophon spielt, im Eingang des ehemaligen DuPlex, jetzt ein verlassenes Bistro, das letzten Monat geschlossen hat, ein junger Typ, bärtig, weiße Baskenmütze, der ein sehr schönes und furchtbar abgelutschtes Saxophonsolo spielt, vor seinen Füßen ein offener Regenschirm mit einem feuchten Dol- lar und ein wenig Kleingeld, und unwiderstehlich angezogen nä- here ich mich, der Musik lauschend, irgendwas aus Les Misérables, er bemerkt meine Anwesenheit, nickt, und während er die Augen schließt – das Instrument angehoben, den Kopf zurückgeworfen in einer Anwandlung, die er für Extase halten mag –, ziehe’ ich mit einer flüssigen Bewegung die 357er Magnum aus dem Schulter- halfter und schraube, um unerwünschtes Aufsehen in der Nach- barschaft zu vermeiden, einen Schalldämpfer auf die Waffe, ein kalter Herbstwind fährt durch die Straße und umweht uns, und als das Opfer die Augen öffnet und auf die Waffe blickt, hört es zu spielen auf, das Mundstück des Saxophons noch zwischen den Lip- pen, und auch ich zögere, fordere ihn dann mit einem Nicken auf weiterzuspielen, und er tut es, zaghaft, und dann hebe ich die Waffe an sein Gesicht und ziehe den Abzug mitten in einem Akkord, aber der Schalldämpfer funktioniert nicht, und im selben Moment, als ein riesiger blutroter Ring hinter seinem Kopf erscheint, zerreißt mir der dröhnende Knall des Schusses das Trommelfell, und der, Typ fällt verblüfft, noch Leben in den Augen, auf die Knie, dann auf sein Saxophon, ich lasse das Magazin aufschnappen und er- setze es durch ein volles, dann passiert etwas Schlimmes … … denn während all dem habe ich den Streifenwagen über- sehen, der hinter mir zockelte – wozu? weiß Gott allein, um Falsch- parker aufzuspüren? –, und nachdem der Knall der Magnum weit- hin echot und verklingt, zerreißt die Sirene des Streifenwagens die Nacht, aus dem Nichts, und läßt mein Herz wild schlagen, langsam und zuerst ganz unauffällig, als wäre ich unschuldig, entferne ich mich von dem zitternden Körper, dann renne ich los in gestreck- tem Galopp, der Streifenwagen jagt mit quietschenden Reifen hin- ter mir her, ein Bulle brüllt über Lautsprecher sinnlos «halt, ste- henbleiben, halt, werfen Sie die Waffe weg»; ohne auf sie zu achten schlage ich einen Haken links zum Broadway runter zum City Hall Park, drücke mich in eine Gasse, der Streifenwagen folgt, kommt aber nur bis zur Hälfte der Gasse, die sich verengt, als er stecken- bleibt, sprüht ein blauer Funkenregen auf, und ich laufe, so schnell ich kann, durch die Gasse zur Church Street, wo ich ein Taxi he- ranwinke, auf den Vordersitz springe und den Fahrer, einen total verdutzten jungen Iraner, anschreie, mich zum Teufel schleunigst hier rauszubringen – ohne Uhr, ich fuchtele mit der Waffe vor seiner Nase, aber er dreht durch und schreit in gebrochenem Englisch, «nicht schießen mich bitte nicht totmache», die Hände hochge- reckt, ich murmele «O Scheiß» und schreie «fahr», aber er ist starr vor Angst «o nicht schießen, Mann, nicht schießen», ich knurre ungeduldig «fick dich» und hebe ihm die Waffe ans Gesicht, ziehe den Abzug, die Kugel reißt ihm den Kopf weg und klatscht ihn in zwei Hälften wie eine dunkelrote Wassermelone gegen die Wind-, schutzscheibe, und ich greife über ihn, öffne die Tür, werfe die Lei- che raus, knalle die Tür zu, fahre … … unter Adrenalinschock, der mir den Atem nimmt, komme ich nur wenige Häuserblocks weit, einerseits wegen der Panik, doch hauptsächlich wegen des Bluts, Hirns, der Kopffetzen, die an der Windschutzscheibe hängen, und ich kann gerade noch der Kol- lision mit einem anderen Taxi Ecke Franklin – oder? – und Green- wich ausweichen, reiße das Taxi scharf nach rechts, streife eine ge- parkte Limousine, dann schalte ich in den Rückwärtsgang, jage die Straße entlang, Scheibenwischer an, merke verspätet, daß das auf dem Glas verspritzte Blut ja an der Innenseite ist, versuche es mit der behandschuhten Hand abzuwischen, und blind die Greenwich runterrasend, verliere ich vollends die Kontrolle über den Wagen, und das Taxi schleudert in einen koreanischen Deli, neben einem Karaoke-Restaurant, das sich Lotus Blossom nennt und in dem ich schon mit japanischen Kunden gewesen bin, und als das Taxi Obst- stände niederwalzt, eine Glaswand durchbricht, der Körper eines Kassierers dumpf auf die Kühlerhaube prallt, versucht Patrick, den Wagen zurückzusetzen, aber nichts geschieht, er taumelt aus dem Taxi, lehnt sich dagegen, es folgt eine nervtötende Stille, er mur- melt «reife Leistung, Bateman», schleppt sich aus dem Laden, der Körper auf der Motorhaube stöhnt, Patrick ohne jeden Schimmer, woher der Bulle kommt, der von der anderen Straßenseite auf ihn zurennt, der brüllt etwas ins Walkie-Talkie, denkt, er hat Patrick kalt erwischt, doch Patrick überrascht ihn mit einem Ausfall, noch bevor der Bulle seine Waffe ziehen kann, und er schlägt ihn nieder auf den Bürgersteig … … wo jetzt die Leute aus dem Lotus Blossom stehen, dumm, auf die Zerstörung ringsum glotzen, und keiner kommt dem Cop zu Hilfe, als die zwei Männer kämpfend auf dem Gehweg liegen, der Bulle oben auf Patrick, vor Anstrengung keuchend, versucht ihm die Magnum aus der Hand zu winden, doch Patrick fühlt sich beflügelt, als ob Benzin in seinen Adern fließt, nicht Blut, Wind kommt auf, die Temperatur fällt, es beginnt zu regnen, doch lang- sam rollen sie zur Straße hin und Patrick denkt, daß hier Musik sein sollte, und setzt ein dämonisches Grinsen auf, das Herz häm- mernd, und schafft es fast zu leicht, die Waffe dem Bullen vors Gesicht zu heben, jetzt halten zwei Paar Hände die Waffe, doch Patricks Finger ist am Abzug, und die Kugel macht eine Kerbe in den Schädel des Officers, doch ohne ihn zu töten, aber da der Griff des Officers schwächer wird, kann Patrick tiefer zielen und schießt ihm ins Gesicht, die Kugel versprüht beim Austritt aus dem Schä- del schwebende rosa Gischt, während ein paar Leute auf dem Geh- steig schreien, nichts tun, Deckung suchen, zurück ins Restaurant laufen, als der Streifenwagen, den Patrick in der Gasse abgehängt zu haben glaubt, plötzlich vor dem Deli längsseits geht, mit blit- zendem Blaulicht quietschend stehenbleibt, als Patrick eben am Bordstein stolpert, auf den Gehweg kippt und im Fallen noch die Magnum lädt, sich um die Ecke flüchtet, wieder eingeholt von dem Terror, den er ausgestanden glaubte, und denkt: keine Ahnung, wo- mit ich meine Chancen, mich erwischen zu lassen, so enorm ge- steigert habe, einen Saxophonspieler erschossen? einen Saxophon- spieler habe ich erschossen? der wahrscheinlich auch noch Gaukler war? und dafür blüht mir das?, und er kann nicht weit entfernt andere Wagen kommen hören, verloren im Gewirr der Straßen, die Cops hier, jetzt, nehmen sich nicht die Zeit für Warnungen, sie, schießen gleich, und er erwidert ihr Feuer aus der Hüfte, erhascht einen Blick auf die zwei Bullen hinter den offenen Türen des Strei- fenwagens, Mündungsfeuer blitzt wie im Film, und da wird Pa- trick klar, daß er irgendwie in ein echtes Feuergefecht geraten ist, daß er versucht, den Kugeln auszuweichen, daß der Traum aufzu- reißen droht, verschwindet, daß er nicht sorgsam zielt, nur blind das Feuer erwidert, daliegt, als ein Querschläger, die sechste Kugel des neuen Magazins, den Benzintank eines Bullenwagens trifft, die Scheinwerfer flackern, ehe er in Fetzen fliegt und einen Feuerball hoch in den dunklen Himmel schleudert, der Scheinwerfer der Straßenbeleuchtung darüber unerwartet in gelb-grünem Funken- regen explodiert, Flammen rasen über die Körper der Polizisten, der Lebenden und Toten, alle Fenster im Lotus Blossom bersten, Patricks Ohren klingen … … zur Wall Street rennend, noch immer in Tribeca, hält er sich fern von den Stellen, wo die Straßenbeleuchtung am hellsten scheint, sieht, daß der ganze Block, den er entlangtaumelt, teuer sa- niert ist, dann schneidig an einer Reihe Porsches vorbei, rüttelt an jeder Tür und löst eine Reihe Alarmsirenen aus, am liebsten würde er einen schwarzen Range Rover mit Vierradantrieb, vollverzinkter Aluminiumkarosserie auf einem Gußstahl-Chassis mit V-8 Ein- spritzmotor klauen, aber er kann keinen finden, und trotz der Ent- täuschung ist er auch berauscht vom Wirbelwind der Ereignisse, von der Stadt selbst, vom Regen, der aus eiskaltem Himmel immer noch warm genug auf die Stadt fällt, auf den Boden, um Nebel zu bilden, der die Schluchten der Wolkenkratzer im Battery Park und auf der Wall Street durchzieht, die meisten ein verschwommenes Kaleidoskop, und jetzt springt er über eine Böschung, hechtet dar-, über, schlägt einen Salto, dann rennt er wie wild, rennt volle Kraft, sein Hirn verhakt in physischer Umsetzung unbändiger, blanker Panik, Hals über Kopf, jetzt glaubt er, ein Wagen folgt ihm auf ver- lassenen Highways, jetzt fühlt er, wie die Nacht ihn auffängt, von irgendwo ist ein Schuß zu hören, ohne daß er wirklich aufmerkt, denn Patricks Hirn läuft unsynchron, verliert sein Ziel, bis vor ihm wie eine Luftspiegelung das Bürohaus, in dem Pierce & Pierce ist, auftaucht, in dem Stockwerk um Stockwerk die Lichter verlöschen, als senke sich eine Dunkelheit darin herab, rennt noch hundert Meter, zweihundert Meter, duckt sich hinter die Stufen vor – ja, was? – zum ersten Mal die Sinne taub vor Furcht und Verwirrung, und stürzt konfus und außer sich in die Lobby seines Hauses, wie er glaubt, doch nein, etwas scheint falsch, was ist es? du bist umge- zogen (der Umzug selbst schon ein Alptraum, obwohl Patrick jetzt ein schönes Büro hat, die neuen Barney’s- und Godiva-Filialen in der Lobby die Sache versüßen), und er hat die Häuser verwechselt, erst an den Aufzug … … türen, beide verschlossen, sieht er den riesigen Julian Schna- bel in der Lobby und weiß Scheiß-falsches-Haus und wirbelt he- rum, in einer irren Attacke auf die Drehtür, aber jetzt winkt ihn der Nachtwächter herein, der vorher schon versucht hat, auf sich aufmerksam zu machen, gerade als er aus der Lobby stürzen will, «Noch so spät dran, Mr. Smith? Sie haben vergessen, sich einzu- tragen», und Patrick, frustriert, schießt auf ihn, dreht sich einmal, zweimal, mit der Glastür, die ihn zurück in die Lobby von weiß- der-Himmel befördert, als die Kugel den Wachmann im Hals er- wischt und ihn zurückschleudert, ein Blutnebel sekundenlang in der Luft schwebt, ehe er auf das verzerrte, verkrampfte Gesicht des, Wachmanns niederregnet, und der schwarze Hausmeister, der, wie Patrick gerade merkt, die ganze Szene aus der Ecke der Lobby beo- bachtet hat, Mop in der Hand, Eimer zu Füßen, läßt den Mop fal- len, hebt die Hände, und Patrick schießt ihm genau zwischen die Augen, ein Blutstrom bedeckt sein Gesicht, sein Hinterkopf explo- diert spritzend, hinter ihm schlägt die Kugel einen Splitter Marmor ab, und die Wucht des Schusses knallt ihn gegen die Wand, Patrick hetzt über die Straße auf die Lichter seines neuen Büros zu, als er eintritt … … Gus, unserem Nachtwächter zunickend, sich einträgt, im Auf- zug nach oben fährt, höher, in die Dunkelheit seines Stockwerks, kehrt vorübergehend die Gelassenheit zurück, sicher in der Anony- mität meines eigenen Büros, dazu fähig, mit zitternden Händen das Funktelefon abzuheben, mein Rolodex durchzusehen, erschöpft, der Blick fällt auf Harold Carnes’ Nummer, langsam wähle ich die sieben Ziffern, atme tief, gleichmäßig, beschließe, mit allem, was bisher geschehen ist, an die Öffentlichkeit zu gehen, mit meinem ganzen privaten Wahnsinn, aber Harold ist nicht da, Geschäfte, London, ich hinterlasse eine Nachricht, gestehe alles, lasse nichts aus, dreißig, vierzig, hundert Morde, und während ich mit Harolds Maschine telefoniere, taucht ein Hubschrauber mit Suchschein- werfer auf, überfliegt in niedriger Höhe den Fluß, der Himmel hin- ter ihm gespalten von zuckenden Blitzen, fliegt auf das Gebäude zu, in dem ich zuletzt war, senkt sich langsam auf das Hausdach gegenüber, das Gebäude unten ist schon umstellt von Streifenwa- gen, zwei Krankenwagen, und ein Sonderkommando springt aus dem Hubschrauber, ein halbes Dutzend Bewaffnete verschwinden in den Eingang auf dem Hausdach, überall flammen Scheinwerfer, auf, und all das sehe ich mit dem Telefon in der Hand, auf meine Couch gekrümmt, schluchze, ohne zu wissen, warum, auf Harolds Anrufbeantworter: «Ich hab sie auf einem Parkplatz gelassen … neben einem Dunkin’ Donuts … irgendwo in Midtown …» um schließlich, nach zehn Minuten, abschließend zusammenzufassen: «Uh, ich bin schon ein echt kranker Typ», hänge dann ein, aber ich rufe zurück und hinterlasse nach einem endlos langen Piep, das beweist, daß meine Nachricht wirklich aufgezeichnet wurde, noch eine: «Hör mal, es ist noch mal Bateman, und falls du morgen zu- rückkommst, kann sein, daß ich heute abend bei Da Umberto’s aufkreuze, also, halt die Augen auf, klar?» und die Sonne, ein Feu- erplanet, steigt nach und nach über Manhattan auf, ein neuer Mor- gen, und schon wird die Nacht so schnell zum Tag, daß es fast wie eine optische Täuschung wirkt …,

Huey Lewis and the News

Am Anfang des Jahrzehnts eroberten Huey Lewis and the News von San Francisco aus die landesweite Musikszene mit ihrem gleichna- migen Rock-Pop-Album, doch erst 1983 gelang ihnen mit dem Knüller Sports sowohl kommerziell wie künstlerisch der Durch- bruch. Obwohl ihre Roots (Blues, Memphis Soul, Country) schon auf Huey Lewis and the News deutlich wurden, biederten sie sich etwas zu offensichtlich dem Zeitgeschmack der ausgehenden Sieb- ziger/ frühen Achtziger für New Wave an, und das Album – wenn auch noch immer ein fulminantes Debüt – wirkt etwas zu kraß, zu punkig. Beispiele dafür sind das Drumming auf der ersten Sin- gle, «Some of My Lies Are True (Sooner or Later)», und das Fake- Händeklatschen auf «Don’t Make Me Do It» sowie die Orgel auf «Taking a Walk». Wenn auch etwas bemüht, waren die peppigen Junge-sucht-Mädchen-Lyrics und die Energie, mit der Lewis als Leadsänger alle Songs erfüllte, doch erfrischend. Auch einen gran- diosen Leadgitarristen wie Chris Hayes (der auch Vocals beisteu- ert) in den Reihen zu haben, ist sicher kein Fehler. Hayes Solos sind so rauh und ursprünglich wie Rock vom feinsten. Der Keyboarder, Sean Hopper, wirkt auf dem Keyboard allerdings zu mechanisch (obwohl seine Pianopassagen auf der zweiten Hälfte des Albums deutlich gewinnen), und Bill Gibsons Schlagzeug ist zu dumpf, um wirklich loszugehen. Auch das Songwriting war noch lange nicht ausgereift, obwohl in vielen der eingängigen Songs Sehnsucht und Reue und Angst anklangen («Stop Trying» ist ein Beispiel dafür). Obwohl die Jungs aus San Francisco stammen und einige Gemein-, samkeiten mit ihrem südkalifornischen Pendant, den Beach Boys, aufweisen (umwerfende Harmonien, raffinierte Gesangspassagen, wundervolle Melodien – auf dem Cover des Debütalbums posier- ten sie sogar mit einem Surfbrett), hatten sie damals auch einiges von der Trostlosigkeit und dem Nihilismus der (heute glücklicher- weise vergessenen) «Punkrock»-Szene von Los Angeles im Gepäck. Wo wir gerade von Zornigen Jungen Männern reden! – hört euch Huey auf «Who Cares», «Stop Trying», «Don’t Even Tell Me That You Love Me» oder «Trouble in Paradise» an (die Titel sagen al- les). Huey stürzt sich in seine Songs wie ein verbitterter überleben- der, und die Band klingt oft nicht weniger aggressiv als Acts wie the Clash, Billy Joel oder Blondie. Man sollte nicht vergessen, daß wir zuerst Elvis Costello für Hueys Entdeckung zu danken haben. Huey spielte Mundharmonika auf Costellos zweiter Platte, der ma- geren, kraftlosen My Aim Was You. Lewis weist einiges von Costel- los angeblicher Bitterkeit auf, wenn Huey auch eher einen bitteren, zynischen Sinn für Humor hat. Elvis mag glauben, daß intellek- tuelle Wortspielereien mindestens so wichtig sind, wie sich eine schöne Zeit zu machen und seinen Zynismus durch gute Laune zu mildern, aber ich frage mich, wie er darüber denkt, daß Lewis so viel mehr Platten verkauft als er. Aufwärts ging es für Huey und die Jungs mit dem zweiten Al- bum, Picture This von 1982, das zwei Semihits abwarf, «Workin’ for a Living» und «Do You Believe in Love», und die Tatsache, daß das mit dem Durchbruch des Videos zusammenfiel (für beide Songs wurde eins gedreht), wirkte sich unzweifelhaft positiv auf die Ver- käufe aus. Der Sound, obwohl immer noch durchsetzt von New- Wave-Elementen, war mehr Roots-Rock-orientiert als das vorher-, gehende Album, was auch damit zu tun haben könnte, daß Bob Clearmountain das Album abmischte oder daß Huey Lewis and the News bei der Produktion das letzte Wort hatten. Ihr Songwri- ting ist raffinierter geworden, und die Gruppe hatte den Mut, sich vorsichtig in andere Genres vorzuwagen – besonders Reggae («Tell Her a Little Lie») und Balladen («Hope You Love Me Like You Say» und «Is It Me?»). Aber in all seiner Power-Pop-Glorie wir- ken Sound und Band hier, dankenswerterweise, weniger rebellisch, weniger zornig (obwohl die Lohnsklaven-Bitterkeit von «Workin’ for a Living» noch wie ein Outtake des letzten Albums klingt). Sie zeigen mehr Interesse für persönliche Beziehungen – vier der zehn Songs auf dem Album haben das Wort «Love» im Titel – anstatt sich als junge Nihilisten aufzuspielen, und das lockere Good-Ti- mes-Feeling der Platte ist eine willkommene, mitreißende Über- raschung. Die Band spielt besser als bisher, und die Tower-of-Power-Bläser verleihen der Platte einen offeneren, wärmeren Sound. Das Album geht richtig ab mit dem Rücken-an-Rücken eins-zwei-Schwung von «Workin’ for a Living» und «Do You Believe in Love», letzte- res der beste Song auf dem Album, der sich hauptsächlich darum dreht, daß der Sänger ein Mädchen, das er während des «looking for someone to meet» kennengelernt hat, fragt ob sie «believes in love». Die Tatsache, daß der Song diese Frage nicht abschließend klärt (die Meinung des Mädchens sollen wir nie erfahren), verleiht ihm zusätzliche Komplexität, die man so vom Debüt der Gruppe nicht kannte. Außerdem gewinnt «Do You Believe in Love» durch ein fantastisches Saxophon-Solo von Johnny Colla (der Junge kann Clarence Clemmons durchaus das Wasser reichen), der mittler-, weile, neben Chris Hayes an der Leadgitarre und und Sean Hop- per an den Keyboards, zu einem der Aktivposten der Band gereift ist (das Sax-Solo auf der Ballade «Is It Me?» ist vielleicht sogar noch stärker). Hueys Stimme klingt suchender, weniger harsch und doch schwermütig, besonders bei «The Only One», einem er- greifenden Song über treue Freunde und was aus ihnen wird (Bill Gibsons Drumming ist für diesen Track besonders entscheidend). Obwohl das Album auf einem kraftvollen Akkord hätte enden sol- len, schließt es statt dessen mit «Buzz, Buzz, Buzz», einer mittelmä- ßigen Bluesnummer, die im Vergleich mit dem Vorhergegangenen wenig zwingend wirkt, in ihrer eigenen witzigen Art jedoch amü- siert, und die Tower-of-Power-Bläser sind in absoluter Hochform. Auf dem dritten Album der Band, dem makellosen Meisterwerk Sports (Chrysalis) finden sich keine solchen Ausrutscher. Jeder Song hat das Potential für einen Superhit, und die meisten wur- den es. Mit dem Album wurden sie zu Rock’n’Roll-Ikonen. Völlig verschwunden ist das Bad-Boy-Image, und ein neuer Studentenbu- den-Charme ist an seine Stelle getreten (einmal haben sie sogar die Chance, «Arsch» zu sagen, und lassen es freiwillig ausblenden). Das ganze Album hat einen klaren, knackigen Sound und den neuen Schliff eines vollendeten Professionalismus, der den Songs auf dem Album ungeheueren Nachdruck verleiht. Und die verschrobe- nen, originellen Videos, die den Plattenverkauf ankurbeln sollten («Heart and Soul», «The Heart of Rock’n’Roll», «If This Is It», «Bad Is Bad», «I Want a New Drug»), machten sie zu den Superstars von MTV. Produziert von der Band selbst, macht Sports auf mit dem Song, der mit Sicherheit ihr Markenzeichen werden wird, «The Heart of, Rock’n’Roll», eine Liebeserklärung an den Rock’n’Roll über Ame- rika. Gefolgt wird er von «Heart and Soul», ihrer ersten großen Sin- gle, ein unverkennbarer Lewis-Song (obwohl er von den Fremdar- beitern Michael Chapman und Nicky Chinn geschrieben wurde) und der Song, der sie nachdrücklich als die nationale Rockband der Achtziger etablierte. Wenn die Lyrics manchmal auch nicht ganz an einige andere Songs heranreichen, sind sie doch mehr als brauch- bar, und die ganze Angelegenheit wird zu einer unbeschwerten Be- trachtung über die Nachteile flüchtiger Bettgeschichten (eine Bot- schaft, die dem früheren, rauheren Huey Lewis nicht über die Lip- pen gekommen wäre). «Bad Is Bad», das Lewis allein geschrieben hat, ist der bisher bluesigste Song der Band und Mario Cipollina glänzt hier am Baß, doch erst Hueys Mundharmonika-Solo macht die besondere Klasse des Songs aus. «I Want a New Drug» mit sei- nem Killer-Riff (bravo, Chris Hayes) ist das Kernstück des Albums – es ist nicht nur einer der eindringlichsten Anti-Drogen-Songs, die je geschrieben wurden, es ist auch ein persönliches Statement einer Band, die erwachsen geworden ist, das Böse-Buben-Image abgeschüttelt und gelernt hat, sich der Verantwortung zu stellen. Hayes Solo ist unglaublich, und die Verwendung einer Drumma- chine (die auf dem Cover nicht vermerkt ist) verleiht nicht nur «I Want a New Drug», sondern dem ganzen Album mehr Nachdruck als allen vorangegangenen Alben – auch wenn Bill Gibson immer noch eine willkommene Bereicherung ist. Der Rest des Albums sprudelt vor Makellosigkeit – die zweite Seite beginnt mit ihrem bisher flammendsten Statement: «Wal- king on a Thin Line», und niemand, nicht einmal Bruce Springs- teen, hat je so schonungslos über die Leiden des Vietnamveteranen, in der modernen Gesellschaft geschrieben. Der Song, wenn auch von Außenstehenden geschrieben, zeigt ein soziales Bewußtsein, das neu für die Band ist und allen, die noch Zweifel hatten, ein- drucksvoll beweist, wofür das Herz der Band (neben ihrem Blues- Background) schlägt. Und in «Finally Found a Home» wiederum proklamiert die Band ihre neugewonnene Vielschichtigkeit durch dieses Loblied aufs Erwachsenwerden. Und wenn es auch davon handelt, ihr Rebellenimage abzuschütteln, so doch auch davon, wie sie durch die Hingabe und Energie des Rock’n’Roll «zu sich selbst gefunden haben». Tatsächlich wirkt der Song auf so vielen Ebe- nen, daß seine Komplexität fast droht, das Album zu erdrücken, obwohl er nie an Tempo verliert, und immer noch von Sean Hop- pers klangvollem Keyboard lebt, das die Sache tanzbar macht. «If This Is It» ist eine Ballade, aber keinesfalls weniger dramatisch. Es ist der Appell an einen Liebenden, einem anderen Liebenden zu sa- gen, ob die Beziehung noch eine Chance hat, und so wie Huey ihn singt (sicherlich die feinste Gesangsleistung auf diesem Album), schwingt dabei Hoffnung mit. Wieder ist es – wie alle anderen des Albums – kein Song über Mädchen, hinter denen man her ist, sondern eine Auseinanderset- zung mit menschlichen Beziehungen. «Crack Me Up» ist der einzige ansatzweise Rückfall in die New- Wave-Tage der Band auf dem Album, und daher bestenfalls kin- disch, wenn auch amüsant – was man von der Aussage des Songs, der eindeutig Stellung gegen Alkohol und Drogen und fürs Er- wachsenwerden bezieht, nicht sagen kann. Und als bezaubernden Abschluß eines rundum bemerkenswer- ten Albums bringt die Band eine Version von «Honky Tonk Blues», (ein weiterer Song, den die Band nicht selbst geschrieben hat, als Autor zeichnet ein gewisser Hank Williams), und obwohl es eine ganz andere Art Song ist, scheint sein Geist doch den ganzen Rest des Albums zu durchziehen. Trotz aller professioneller Glätte lebt das Album von der Integrität des Honky Tonk Blues. (Nebenbei: Während dieser Zeit nahm Huey auch zwei neue Songs für den Film Zurück in die Zukunft auf, die beide Nummer Eins wurden, «The Power of Love» und «Back in Time», keine Fuß- noten, sondern erfrischende Zugaben einer fast beispiellosen Kar- riere.) Was soll man Sports-Verächtern auf lange Sicht entgegnen? Neun Millionen Menschen können sich nicht irren. Fore! (Chrysalis; 1986) ist im wesentlichen eine Weiterführung des Sports-Albums mit noch professionellerem Touch. Das ist die Platte, mit der die Jungs nicht länger beweisen müssen, daß sie er- wachsen geworden sind, daß sie die Spielregeln des Rock’n’Roll begriffen haben, denn das haben sie in der dreijährigen Pause zwischen Sports und Fore! zur Genüge getan. (Tatsächlich tragen drei von ihnen auf dem Cover der Platte Anzüge.) Opener ist das Feuerwerk «Jacob’s Ladder», im wesentlichen ein Song über harte Lehrjahre und neugewonnene Kompromißfähigkeit, eine treffende Erinnerung daran, was Huey Lewis and the News repräsentieren, und mit Ausnahme von «Hip to Be Square» der beste Song des Albums (wenn auch von keinem der Bandmitglieder geschrie- ben). Darauf folgt das gutmütig-liebevolle «Stuck with You», ein sorgloses Loblied auf feste Beziehungen und die Ehe. Genauge- nommen handeln alle Lovesongs auf dem Album von dauerhaf- ten Beziehungen, anders als auf den frühen Alben, auf denen es meistens darum ging, entweder auf Mädchen scharf zu sein, die, man nicht bekommt, oder beim Versuch, sie zu bekommen, auf die Schnauze zu fallen. Auf Fore! geht es um Typen, die alles im Griff haben (die ihre Mädchen im Griff haben), und jetzt sehen müssen, wie sie damit klar kommen. Diese neue Dimension bei den News gibt der Platte ein zusätzliches Uffza, und sie wirken ausgegliche- ner und zufriedener, weniger angespannt, und das trägt wesentlich zum Gelingen ihrer bisher bestdurchdachten Platte bei. Trotzdem steht jedem «Doing It All for My Baby» (eine bezaubernde Ode an Monogamie und sexuelle Erfüllung) ein brandheißer Blues-Fetzer wie «Whole Lotta Lovin» gegenüber, und die erste Seite (oder, auf der CD, der fünfte Song) schließt mit dem Meisterwerk «Hip to Be Square» (zu dem ironischerweise das einzige schlechte Video der Band gedreht wurde), dem Schlüsselsong auf Fore!, einem ausge- lassenen Bekenntnis zur Konformität, so zwingend, daß den meis- ten Leuten wahrscheinlich der Text entgeht, aber bei Chris Hayes fetzender Gitarre und dem umwerfenden Keyboardspiel – wer will das verübeln? Und es geht dabei nicht nur um die Annehmlich- keiten der Konformität und die Wichtigkeit von Trends – es ist ein persönliches Statement der Band selbst, auch wenn ich mir nicht sicher bin, wozu. Auch wenn die zweite Seite von Fore! nicht die Intensität der ers- ten hat, so gibt es doch einige Perlen, die nicht leicht einzuordnen sind. «I Know What I Like» ist eine Nummer, die Huey noch vor sechs Jahren niemals gesungen hätte – eine unverblümte Unab- hängigkeitserklärung –, während das mit Bedacht plazierte «I Ne- ver Walk Alone», das anschließt, diesen Song ergänzt und erläutert (außerdem gibt es hier ein hervorragendes Klaviersolo und, abge- sehen von «Hip to Be Square», Hueys überzeugendsten Gesang)., «Forest for the Trees» ist eine schnelle Antiselbstmord-Nummer, und auch wenn der Titel wie ein Klischee klingen mag, so haben Huey und die Band doch die Potenz, aus Klischees etwas Eigenes und Originäres zu machen. Die flotte Acapella-Nummer «Natu- rally» beschwört eine Zeit der Unschuld herauf und stellt die Vo- kalharmonien der Band in den Vordergrund (wenn man es nicht besser wüßte, könnte man meinen, die Beach Boys klängen aus dem CD-Player), und auch wenn es im Grunde genommen eine Belanglosigkeit, eine Banalität ist, endet das Album mit einem ma- jestätischen Schlußsatz, mit «Simple as That», einer Malocherbal- lade, die nicht die Spur resigniert, sondern hoffnungsvoll ist, und die komplexe Botschaft vom Überleben (jedes Bandmitglied war beteiligt) verweist auf ihr nächstes Album, Small World, auf dem sie sich globalen Fragen zuwenden. Fore! mag nicht ein Meister- werk wie Sports sein (hätte sein können?), aber ist auf seine eigene Weise ebenso gelungen, und der sanftere, mildere Huey von ’86 ebenso happening. Small World (Chrysalis; 1988) ist die bislang ambitionierteste, künstlerisch gelungenste Platte von Huey Lewis and the News. Der Angry Young Man ist nun endgültig durch einen abgeklärten, pro- fessionellen Musiker ersetzt worden, und auch wenn Huey eigent- lich nur ein Instrument zu beherrschen gelernt hat (die Mundhar- monika), gibt der majestätische, dylaneske Sound Small World eine Größe, die nur wenige Künstler erreicht haben. Es markiert offen- sichtlich einen Kurswechsel und ist ihr erstes Album, das versucht, inhaltlich geschlossen zu sein – tatsächlich nimmt sich Huey eines der wichtigsten Themen überhaupt an: der Bedeutung globaler Verständigung. So nimmt es nicht wunder, daß vier der zehn Stü-, cke auf dem Album das Wort «Welt» im Titel führen, und das zum ersten Mal nicht eine, sondern drei Instrumentalnummern dabei sind. Die CD hebt furios mit dem von Lewis und Hayes verfaßten «Small World (Part One)» ab, in dessen Zentrum neben seiner Botschaft von Harmonie ein mörderisches Solo von Hayes steht. In «Old Antone’s» kann man die Zydeco-Einflüsse wiederfinden, die die Band auf ihren Touren durchs Land aufgegriffen hat, und das gibt dem Stück ein ganz einzigartiges Cajun-Feeling. Bruce Hornsby spielt das Akkordeon ganz wunderbar, und der Text ver- mittelt etwas vom wahren Geist des Bayou. Auf der Hit-Single «Perfect World» werden die Tower-of-Power-Bläser erneut unge- heuer wirksam eingesetzt. Gleichzeitig ist das auch die beste Num- mer des Albums (geschrieben von Alex Call, der kein Bandmitglied ist) und faßt alle Inhalte des Albums exemplarisch zusammen – wie man die Unzulänglichkeiten dieser Welt akzeptieren kann, ohne zu verlernen, vom «livin’ in a perfect world» zu träumen. Ob- wohl das Stück ein schneller Popsong ist, it’s still moving in terms of its intentions, und die Band spielt es ganz hervorragend. Merk- würdigerweise folgen dann zwei Instrumentals: die schaurige Reg- gae-Nummer «Bobo Tempo» mit afrikanischen Einflüssen und der zweite Teil von «Small World». Aber nur, weil die Stücke keinen Text haben, heißt das nicht, daß die globale Botschaft der Verstän- digung verloren ist, und dank der Bedeutungsvielfalt, die in den thematischen Wiederholungen anklingt, wirken sie keineswegs wie Lückenfüller; außerdem hat die Band die Gelegenheit, uns ihr Im- provisationstalent vorzuführen. Seite zwei eröffnet mitreißend mit «Walking with the Kid», der, erste Huey-Song, der die Vaterpflichten anerkennt. Seine Stimme klingt reif, und auch wenn wir, als Zuhörer, erst in der letzten Text- zeile erfahren, das «the kid» (von dem wir annehmen, es sei ein Kumpel) in Wirklichkeit sein Sohn ist, so gibt die Abgeklärtheit in Hueys Stimme uns doch schon einen Hinweis, und es ist kaum zu glauben, daß der Mann, der «Heart and Soul» und «Some of My Lies Are True» gesungen hat, dies singt. Die große Ballade des Al- bums, «World to Me», ist ein verträumtes Kleinod von Song, und obwohl sie davon handelt, in einer Beziehung zusammenzuhalten, spielt sie auch auf China, Alaska und Tennessee an, so dem «Small World»-Thema des Albums treubleibend, und die Band klingt wirklich prima. «Better Be True» ist auch so etwas wie eine Ballade, aber es ist kein verträumtes Kleinod, und der Text handelt eigent- lich weder davon, in einer Beziehung zusammenzuhalten, noch gibt es Anspielungen auf China oder Alaska, und die Band klingt wirklich prima. «Give Me the Keys (And I’ll Drive You Crazy)» ist ein boden- ständiger Bluesrocker übers Herumfahren (was sonst?), der das Thema des Albums weitaus spielerischer aufgreift, als es die vorhe- rigen Stücke getan haben, und obwohl der Text etwas dürftig wir- ken könnte, ist es doch ein Beleg dafür, daß der neue Lewis – Huey, der Künstler – nicht völlig seinen verspielten Sinn für Humor ver- loren hat. Das Album endet mit «Slammin’», das keinen Text hat und eigentlich nur aus Bläsersätzen besteht, die einem offen gesagt, wenn man es richtig laut aufdreht, verdammt große Kopfschmer- zen bereiten und vielleicht sogar auf den Magen schlagen können, doch vielleicht klingt es auf Platte oder Kassette ja anders, ist mir aber nicht bekannt. Egal, es hat etwas Bösartiges in mir geweckt,, das tagelang anhielt. Und tanzen dazu kann man auch nicht be- sonders. Um die hundert Leute waren nötig, um Small World fertig- zustellen (einschließlich aller Gastmusiker, Drum-Programmierer, Buchhalter, Rechtsanwälte – denen allen gedankt wird), aber das paßt zum Thema der CD, die Gemeinsamkeit, und überfrachtet die Platte keineswegs – es macht sie zu einem beglückenden Ge- meinschaftserlebnis. Mit dieser CD und den vier vorhergehenden beweisen Huey Lewis and the News, daß, sollte diese Welt wirk- lich eine kleine sein, diese Jungs die beste amerikanische Band der Achtziger auf diesem und jedem anderen Kontinent sind – und un- ter ihnen ist Huey Lewis, ein Sänger, Musiker und Autor, der nicht zu überbieten ist.,

Im Bett mit Courtney

Ich bin in Courtneys Bett. Luis ist in Atlanta. Courtney zittert, preßt sich gegen mich, entspannt sich. Ich rolle von ihr runter auf den Rücken, lande auf etwas Hartem, das mit Fell bedeckt ist. Ich greife unter mich, um eine schwarze Stoffkatze mit blauen Juwe- lenaugen zu entdecken, die ich schon bei F.A.O. Schwarz gesehen zu haben glaube, als ich verfrühte Weihnachtseinkäufe machte. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, also stammele ich: «Tiffany-Lam- pen … sind wieder im Kommen.» Ich kann kaum ihr Gesicht in der Dunkelheit sehen, aber ich höre das Seufzen, schmerzlich und tief, das Geräusch einer aufschnappenden Medizinflasche, ihren Körper, der sich im Bett umdreht. Ich lasse die Katze zu Boden fallen, stehe auf, nehme eine Dusche. Heute morgen ging es in der Patty Winters Show um schöne Teenager-Lesben, die ich so erotisch fand, daß ich zu Hause bleiben, ein Meeting verpassen, zweimal abspritzen mußte. Ziellos verbringe ich einen Großteil des Tages bei Sotheby’s, gelangweilt und verstört. Gestern abend Dinner mit Jeanette im Deck Chairs, sie wirkte müde und bestellte wenig. Wir teilten uns eine Pizza für neunzig Dollar. Nachdem ich mein Haar trockengerubbelt habe, ziehe ich einen Ralph-Lauren-Morgen- mantel über, gehe zurück ins Schlafzimmer, fange an mich anzu- ziehen. Courtney raucht eine Zigarette, sieht Late Night with David Letterman, leise gedreht. «Rufst du mich noch vor Thanksgiving an?» fragt sie. «Vielleicht.» Ich knöpfe mein Hemd zu und frage mich, wieso ich überhaupt gekommen bin., «Was machst du?» fragt sie langsam. Meine Antwort fällt erwartungsgemäß kühl aus. «Dinner im Ri- ver Café. Nachher vielleicht Au Bar.» «Wie nett», murmelt sie. «Du und … Luis?» frage ich. «Wir wollten uns zum Dinner bei Tad und Maura treffen», seufzt sie. «Aber ich glaube, wir gehen doch nicht hin.» «Warum nicht?» Ich schlüpfe in meine Weste, schwarzer Kasch- mir von Polo, und denke: Das interessiert mich wirklich. «Oh, du weißt ja, wie es Luis mit den Japanern hat», beginnt sie, die Augen bereits glasig. Als sie nicht weiterredet, sage ich verärgert: «Soweit hab ich ver- standen. Weiter.» «Luis hat sich geweigert, bei Tad und Maura Trivial Pursuit zu spielen, weil sie einen Akita haben.» Sie nimmt einen Zug an ihrer Zigarette. «Ja also …» Ich zögere. «Und was ist dann passiert?» «Wir haben bei mir gespielt.» «Ich wußte gar nicht, daß du rauchst», sage ich. Sie lächelt traurig in einer blöden Art. «Du hast nie drauf geach- tet.» «Okay, ich gebe zu, ich bin beschämt. Aber nur ein bißchen.» Ich gehe rüber zu dem Marlian-Spiegel, der über einem Sottsass-Teak- bord hängt, um mich zu vergewissern, daß der Knoten in meiner Armani-Paisleykrawatte richtig sitzt. «Hör mal, Patrick», sagt sie mit Mühe. «Können wir uns unter- halten?» «Du siehst phantastisch aus.» Ich seufze, wende den Kopf, werfe, ihr ein Küßchen zu. «Es gibt nichts zu reden. Du heiratest Luis. So- gar schon nächste Woche.» «Ist das nicht herrlich?» fragt sie sarkastisch, ohne dabei frust- riert zu wirken. «Lies es mir von den Lippen ab», sage ich, wieder zum Spiegel gewandt. «Du siehst phantastisch aus.» «Patrick?» «Ja, Courtney?» «Falls ich dich vor Thanksgiving nicht mehr sehe …» Sie bricht unschlüssig ab. «Viel Spaß?» Ich sehe sie einen Moment lang an, ehe ich tonlos antworte: «Dir auch.» Sie hebt die schwarze Stoffkatze auf, streichelt ihren Kopf. Ich trete durch die Tür in die Halle und gehe durch zur Küche. «Patrick?» ruft sie leise aus dem Schlafzimmer. Ich bleibe stehen, ohne mich umzudrehen. «Ja?» «Nichts.»,

Smith & Wollensky

Ich bin mit Craig McDermott bei Harry’s auf der Hanover. Er raucht eine Zigarre, trinkt Stoli-Cristall-Martini, fragt mich nach den genauen Regeln fürs Tragen eines Einstecktuchs. Ich trinke dasselbe und antworte ihm. Wir warten auf Harold Carnes, der gerade am Dienstag aus London zurückgekommen ist, und er ist schon eine halbe Stunde überfällig. Ich bin nervös, ungeduldig, und als ich McDermott sage, daß wir Todd oder wenigstens Ham- lin hätten einladen sollen, zuckt er die Achseln und sagt, daß wir Carnes vielleicht bei Delmonico’s treffen. Aber wir finden Carnes nicht bei Delmonico’s, also machen wir uns auf nach Uptown zu Smith & Wollensky, wo einer von uns für acht Uhr reserviert hat. McDermott trägt einen zweireihigen Wollanzug mit sechs Knöpfen von Cerrutti 1881, ein Baumwollhemd mit Tattersall-Muster von Louis, Boston, einen Seidenschlips von Dunhill. Ich trage einen Sechsknopf-Zweireiher aus reiner Wolle mit sechs Knöpfen von Ermenegildo Zegna, ein gestreiftes Baumwollhemd von Luciano Barbera, eine Seidenkrawatte von Armani, wildlederne Brogues von Ralph Lauren, Socken von E.G. Smith. Männer, die von Frauen vergewaltigt wurden, war heute morgen das Thema der Patty Win- ters Show. Wir sitzen in einer Nische bei Smith & Wollensky, wo es seltsam leer ist, ich bin auf Valium, trinke ein gutes Glas Rot- wein, denke abwesend an einen Cousin von mir aus St. Albans in Washington, der neulich ein Mädchen vergewaltigt hat und ihr die Ohrläppchen abbiß, mache mir ein perverses Vergnügen daraus, nicht die Bratkartoffeln zu bestellen – wie mein Bruder und ich, früher zusammen geritten sind, Tennis spielten, das brennt in mei- ner Erinnerung, aber McDermott verdunkelt diese Gedanken, als er merkt daß ich keine Bratkartoffeln bestellt habe, nachdem das Dinner gekommen ist. «Was soll das? Du kannst nicht bei Smith & Wollensky essen, ohne die Bratkartoffeln zu bestellen», beklagt er sich. Ich weiche seinem Blick aus und berühre die Zigarre, die ich in meiner Jacken- tasche trage. «Jesus, Bateman, du bist ein gefährlicher Irrer. Zu lange bei P & P gewesen», brummt er. «Keine verdammten Bratkartoffeln.» Ich sage nichts. Wie kann ich McDermott sagen, daß diese Phase meines Lebens völlig zusammenhanglos ist und daß ich feststelle, daß die Wände fast schmerzhaft weiß gestrichen sind und unter den fluoreszierenden Lichtern zu pulsieren und zu glühen schei- nen. Frank Sinatra singt irgendwo «Witchcraft». Ich starre auf die Wände, höre auf die Worte, plötzlich durstig, doch unser Kellner nimmt Bestellungen an einem sehr großen Tisch auf, der aus- schließlich mit japanischen Geschäftsleuten besetzt ist, und je- mand in der Nische hinter unserer, den ich für George MacGowan oder Taylor Preston halte, trägt irgendwas von Polo, beäugt mich mißtrauisch, und McDermott starrt noch immer mit diesem per- plexen Ausdruck im Gesicht auf mein Steak, und einer der japani- schen Geschäftsmänner hält einen Abakus, ein anderer versucht, das Wort «Teriyaki» auszusprechen, ein anderer formt die Worte des Songs mit den Lippen, singt schließlich, und der Tisch lacht, ein sonderbarer, nicht völlig fremdartiger Klang, als er ein Paar Eßstäbchen hebt und, zuversichtlich den Kopf schüttelnd, Sinatra imitiert. Sein Mund öffnet sich, heraus kommt: «that sry comehitle, stale … that clazy witchclaft …»,

Was im Fernsehen

Während ich mich anziehe, um Jeanette zu einem neuen engli- schen Musical, das letzte Woche am Broadway Premiere hatte, und anschließendem Dinner im Progress, dem neuen Restaurant von Malcolm Forbes, abzuholen, sehe ich ein Video der Patty Winters Show von heute morgen, die diesmal zwei Teile hat. Die erste Hälfte ist ein Bericht über den Sänger der Rockband Guns n’ Roses, Axl Rose, den Patty aus einem Interview zitierte: «Wenn ich im Streß bin, werde ich brutal und lasse es an mir selbst aus. Ich habe mich selbst mit Rasierklingen geschnitten, bis ich gemerkt habe, daß es sich mit Narbe weniger gut leben läßt als ohne Stereoanlage … Ich würde eher meinen Plattenspieler zusammentreten, als jemandem ins Gesicht zu schlagen. Wenn ich sauer, unzufrieden oder aufge- regt bin, gehe ich manchmal einfach ans Klavier und spiele.» Im zweiten Teil verlas Patty Briefe, die Ted Bundy, der Seri- enmörder, während einer seiner vielen Verhandlungen an seine Verlobte geschrieben hatte. «Liebe Carole», liest sie, während ein unvorteilhaft aufgedunsenes Brustbild von Bundy, wenige Wo- chen vor seiner Hinrichtung aufgenommen, über den Bildschirm flimmert. «Bitte setz dich im Gericht nicht in die selbe Reihe wie Janet. Wenn ich zu dir hinübersehe, sitzt sie da und läßt mich nicht aus ihren verrückten Augen, wie eine zerrupfte Möwe, die auf eine Muschel stiert … ich kann schon fühlen, wie sie scharfe Sauce auf mich gießt …» Ich warte, daß etwas geschieht. Ich sitze im Schlafzimmer für fast eine Stunde. Nichts tut sich. Ich stehe auf, nehme den Rest, von dem Koks – eine mikroskopische Prise –, der noch von einem langen Samstag im M.K. oder Au Bar in meinem Medizinschränk- chen liegt, schaue auf einen Drink bei Orso vorbei, ehe ich mich mit Jeanette treffe, die ich vorher angerufen hatte, um zu sagen, daß ich Karten für dieses spezielle Musical hatte, und sie hatte nichts gesagt außer: «Ich komm mit», und ich hatte ihr gesagt, sie soll mich um zehn vor acht vor dem Theater treffen, und sie hatte aufgehängt. Während ich allein an der Bar im Orso sitze, sage ich mir, daß ich eine der Nummern anrufen wollte, aber dann fiel mir nichts ein, was ich hätte sagen können, und ich erinnere mich an elf der Worte, die Patty vorgelesen hat: «Ich kann schon fühlen, wie sie scharfe Sauce auf mich gießt.» Aus irgendeinem Grund fallen mir diese Worte wieder ein, als Jeanette und ich nach dem Musical im Progress sitzen, und es ist spät und das Lokal vollbesetzt. Wir bestellen etwas, das sich Adler- Carpaccio nennt, auf Mesquite geröstete Mahi-Mahi, Endiviensalat mit Chèvre und Mandeln mit Schokoladenüberzug, diese seltsame Gazpacho mit rohem Hühnerfleisch, Dry-Bier. Momentan befindet sich allerdings nichts auch nur halbwegs Eßbares auf meinem Tel- ler, alles, was da ist, schmeckt nach Heftpflaster. Jeanette trägt eine Smokingjacke aus Schurwolle, eine Stola mit angesetztem Ärmel aus Seidenchiffon, eine passende Smokinghose, alles von Armani, antike Ohrringe aus Gold und Diamanten, Strümpfe von Givenchy, Ripsballerinas. Sie seufzt ständig und droht gar, eine Zigarette an- zuzünden, obwohl wir im Nichtraucherbereich des Restaurants sit- zen. Jeanettes Benehmen verstört mich zutiefst, läßt schwarze Ge- danken in meinem Kopf aufsteigen und sich verdichten. Sie hat Kir Royal getrunken, aber bereits einige zuviel, und als sie den sechsten, bestellt, deute ich an, daß sie eigentlich schon genug gehabt hat. Sie sieht mich an und sagt: «Mir ist kalt, und ich bin durstig, und ich bestelle scheißnochmal, was ich will.» Ich sage: «Dann nimm doch um Gottes willen ein Evian oder ein San Pellegrino.»,

Sandstone

Meine Mutter und ich sitzen in ihrem Privatzimmer in Sandstone, das nun ihr ständiger Wohnsitz ist. Sie steht unter starken Medika- menten, hat ihre Sonnenbrille auf, fingert ständig an ihrem Haar, und ich schaue ständig auf meine Hände, weil ich fürchte, daß sie zittern. Sie versucht zu lächeln, während sie fragt, was ich zu Weih- nachten möchte. Es überrascht mich, wie schwer es mir fällt, den Kopf zu heben und sie anzusehen. Ich trage einen Zweiknopf-An- zug aus Wollgabardine mit steigenden Revers von Gian Marco Ven- turi, Schnürschuhe mit gerader Kappe von Armani, Schlips von Polo, Socken von wasweißichwo. Es ist Mitte April. «Nichts», sage ich und lächele aufmunternd. Es entsteht eine Pause. Ich unterbreche sie mit der Frage: «Was willst du?» Sie sagt lange nichts, und ich schaue auf meine Hände, auf das getrocknete Blut, wahrscheinlich von einem Mädchen namens Suki, unter meinem Daumennagel. Meine Mutter leckt müde ihre Lippen und sagt: «Ich weiß nicht. Ich möchte nur, daß es schöne Weihnachten werden.» Ich sage nichts. Die letzte Stunde habe ich damit verbracht, mein Haar in dem Spiegel zu prüfen, den das Hospital auf mein Betrei- ben im Zimmer meiner Mutter angebracht hat. «Du siehst unglücklich aus», sagt sie plötzlich. «Bin ich nicht», sage ich mit einem kurzen Seufzer. «Du siehst unglücklich aus», sagt sie, stiller diesmal. Wieder be- rührt sie ihr Haar, ihr blendend weißes Haar., «Na, du aber auch», sage ich langsam und hoffe, sie wird nichts mehr sagen. Sie sagt nichts mehr. Ich sitze in einem Stuhl am Fenster, und zwischen den Gitterstäben verdunkelt sich der Rasen vorm Haus, eine Wolke zieht vor der Sonne vorbei, dann wird der Rasen wieder grün. Sie sitzt auf dem Bett, in einem Hausmantel von Bergdorfs und Slippern von Norma Karmali, die ich ihr letztes Jahr zu Weih- nachten gekauft habe. «Wie war die Party?» fragt sie. «Okay», sage ich auf gut Glück. «Wie viele Leute waren denn da?» «Vierzig. Fünfhundert.» Ich zucke die Achseln. «Ich weiß nicht genau.» Sie leckt sich wieder die Lippen, berührt schon wieder ihr Haar. «Wann bist du gegangen?» «Ich weiß nicht mehr», sage ich nach langer Pause. «Eins? Zwei?» fragt sie. «Muß so um eins rum gewesen sein», sage ich, schneide ihr fast das Wort ab. «Oh.» Sie zögert wieder, richtet ihre Sonnenbrille, eine schwarze Ray-Ban, die ich ihr für zweihundert Dollar bei Bloomingdale’s ge- kauft habe. «Es war nicht so besonders», sage ich unnützerweise und sehe sie an. «Warum?» fragt sie neugierig. «Einfach nur so», sage ich, schaue wieder auf meine Hand, auf die Blutränder unter meinem Daumennagel, das Foto meines Va- ters als junger Mann auf dem Nachttisch meiner Mutter, neben ei-, nem Foto von mir und Sean als Teenager, beide in Smokings, beide ohne zu lächeln. Mein Vater trägt auf dem Foto einen doppelrei- higen schwarzen Sechsknopf-Sportmantel, ein weißes Baumwoll- hemd mit Haifischkragen, einen Schlips, Einstecktuch, Schuhe von Brooks Brothers. Er steht neben einer der in Tierform gestutzten Hecken, die vor langer Zeit vor dem Haus seines Vaters in Connec- ticut standen, und irgendwas ist mit seinen Augen.,

Beste Stadt fürs Geschäft

Und an einem regnerischen Dienstagmorgen, nach dem Training bei Xclusive, schaue ich in Paul Owens Apartment auf der Upper East Side vorbei. Hundertsechzig Tage sind vergangen, seit ich dort die Nacht mit den Mädchen vom Begleitservice verbracht habe. In keiner der vier Tageszeitungen der Stadt stand ein Wort über Lei- chenfunde, auch nichts in den Lokalnachrichten; noch nicht mal das vageste Gerücht. Ich bin sogar so weit gegangen beim Dinner, in den Fluren von Pierce & Pierce, herumzufragen – unter Freun- dinnen, Geschäftsfreunden –, ob irgend jemand von zwei verstüm- melten Prostituierten gehört hat, die in Paul Owens Apartment gefunden wurden. Aber es ist wie im Film, niemand hat etwas ge- hört, hat die leiseste Ahnung, wovon ich rede. Schließlich hat man andere Sorgen: der erschütternd hohe Anteil an Abführmitteln und Speed, mit dem der Koks in Manhattan heutzutage verschnitten ist, Asien und die Neunziger, wie nahezu unmöglich es ist, für acht Uhr eine Reservierung bei PR zu landen, Tony McManus’ neues Restau- rant auf Liberty Island, Crack. Also muß ich davon ausgehen, daß irgendwie anscheinend gar keine Leichen gefunden wurden. Soweit ich weiß, ist Kimball ebenfalls nach London. Das Gebäude wirkt ungewohnt, als ich aus dem Taxi steige, ob- wohl mir nicht klar ist, warum. Ich habe immer noch die Schlüssel, die ich Owen in der Nacht, als ich ihn tötete, abgenommen habe, und jetzt nehme ich sie heraus, um die Vordertür zu öffnen, aber sie tun’s nicht, sie passen nicht richtig. Statt dessen öffnet mir ein uniformierter Türsteher, der vor sechs Monaten noch nicht da war,, und entschuldigt sich, daß er so lange gebraucht hat. Ich stehe da im Regen, verunsichert, bis er mich hereinschiebt und mich mit di- ckem irischen Akzent munter fragt: «Na was nun – rein oder raus? Sie werden ja ganz naß.» Ich trete in die Lobby, meinen Regen- schirm unter einem Arm, und stopfe die Operationsmaske, die ich gegen den Geruch mitgebracht habe, wieder in meine Mantelta- sche. Ich halte meinen Walkman und frage mich, was ich sagen soll, wie ich mich ausdrücken soll. «Nun, was kann ich für sie tun, Sir?» fragt er. Ich winde mich – eine lange, peinliche Pause –, ehe ich einfach sage: «Vierzehn A». Er mustert mich gründlich, ehe er in seinem Buch nachsieht, strahlt dann und streicht etwas an. «Ah, natürlich. Mrs. Wolfe ist schon oben.» «Mrs … Wolfe?» Ich lächle schwach. «Ja. Sie ist die Maklerin», sagt er und schaut zu mir auf. «Sie ha- ben einen Termin, oder nicht?» Der Fahrstuhlführer, ebenfalls eine Neuerwerbung, starrt zu Boden, während wir beide im Gebäude hochfahren. Ich versuche, meine Schritte dieser Nacht, dieser Woche nachzuvollziehen, im nutzlosen Wissen, daß ich nach dem Mord an den beiden Mädchen nie wieder im Apartment war. Wieviel Owens Apartment wohl wert sein mag? ist eine Frage, die sich mir immer wieder ins Bewußtsein drängt und sich dort schließlich nagend festsetzt. In der Patty Win- ters Show ging es heute morgen um Leute, denen man das halbe Hirn entfernt hat. Mein Brustkorb fühlt sich eisig an. Die Fahrstuhltür öffnet sich. Ich trete hinaus, wachsam, sehe mich um, als sie schließt, und gehe dann durch den Gang zu, Owens Apartment. Drinnen sind Stimmen zu hören. Ich lehne mich an die Wand, seufze, die Schlüssel in der Hand, und weiß jetzt schon, daß sie das Schloß ausgewechselt haben. Während ich mich frage, was ich tun soll, zitternd, und auf meine Loafers starre, die schwarzen von A. Testoni, öffnet sich die Tür des Apartments und reißt mich aus einem Moment des Selbstmitleids. Eine Maklerin in mittleren Jahren tritt heraus, lächelt mir zu, fragt, mit einem Blick auf ihr Buch: «Sind sie mein Elf-Uhr-Termin?» «Nein», sage ich. Sie sagt: «Dann entschuldigen Sie» und schaut sich auf dem Weg durch den Flur einmal nach mir um, mit seltsamem Gesichtsaus- druck, ehe sie um eine Ecke verschwindet. Ich starre in das Apart- ment. Ein Paar Ende Zwanzig steht in eine Diskussion vertieft in der Mitte des Wohnzimmers. Sie trägt eine Wolljacke, eine Seiden- bluse, eine Flanellhose, Armani, vergoldete Ohrringe, Handschuhe und hält eine Flasche Evian in der Hand. Er hat ein Sportjackett aus Tweed an, eine Kaschmir-Strickweste, ein Chambrai-Baumwoll- hemd, einen Schlips, Paul Stuart, einen Agnes B. Baumwolltrench über den Arm geworfen. Das Apartment hinter ihnen sieht aus wie geleckt. Neue Jalousien, die Wandverkleidung aus Kuhfell ist ver- schwunden; die Möbel, die Wandmalereien, der gläserne Kaffee- tisch, Thonet-Stühle, schwarze Ledercouch, scheinen unverändert; den Fernseher mit Panoramabildschirm hat man ins Wohnzimmer versetzt, und er läuft, ohne Ton, ein Werbespot, in dem ein Fleck von einer Jacke marschiert und sich persönlich an die Kamera wendet, aber das kann mich nicht vergessen lassen, was ich mit Christies Brüsten gemacht habe, mit einem der Mädchenköpfe, ohne Nase und Ohren, wie man ihre Zähne sehen konnte, wo ich, ihr das Fleisch aus dem Kiefer und beiden Wangen gebissen habe, das geronnene Blut, das Blut, das das Apartment überschwemmt, der Geruch des Todes, meine eigene diffuse Warnung, daß ich – «Kann ich ihnen helfen?» mischt sich die Maklerin, Mrs. Wolfe, wie ich vermute, ein. Sie hat ein sehr eckiges, dünnes Gesicht, die Nase ist groß, wirkt abstoßend echt, kräftig angemalter Mund, weiß-blaue Augen. Sie trägt eine wollene Bouclé-Jacke, Waschsei- denbluse, Schuhe, Ohrringe, ein Armband von? Weiß ich nicht. Vielleicht ist sie noch unter Vierzig. Ich lehne noch immer an der Wand, starre das Paar an, das wei- ter ins Schlafzimmer geht, den Hauptraum leer zurückläßt. Gerade fällt mir auf, daß Bouquets in Glasvasen, Dutzende von ihnen, alle Ecken des Apartments füllen, und ich kann sie von meinem Stand- punkt im Flur aus riechen. Mrs. Wolfe schaut kurz über die Schul- ter, um zu sehen, worauf ich starre, dann wieder zu mir. «Ich su- che … wohnt hier nicht Paul Owen?» Eine weitere lange Pause, ehe sie antwortet. «Nein. Tut er nicht.» Noch eine lange Pause. «Sind Sie … ich meine, sind Sie sicher?» frage ich, ehe ich kläglich hinzufüge: «Ich … das verstehe ich nicht.» Sie bemerkt etwas, das die Muskeln in ihrem Gesicht zucken läßt. Ihre Augen verengen sich, ohne sich zu schließen. Sie hat die Operationsmaske entdeckt, die ich mit einer feuchten Faust um- klammere, und sie atmet scharf ein, ohne den Blick abzuwenden. Das alles gefällt mir ganz und gar nicht. Im Fernseher, in einem Werbespot, hält ein Mann ein Stück Toast hoch und sagt zu seiner Frau: «Hey, du hast recht … die Margarine schmeckt wirklich bes-, ser als Scheiße.» Die Frau lächelt. «Sie haben die Anzeige in der Times gesehen?» fragt sie. «Nein … ich meine ja. Ja, habe ich. In der Times», sage ich stockend, nehme all meinen Mut zusammen, der Duft der Rosen ist schwer, über- deckt etwas Widerliches. «Aber … gehört die Wohnung nicht im- mer noch Paul Owen?» frage ich so forsch wie möglich. Es entsteht eine lange Pause, ehe sie gesteht: «Es gab keine An- zeige in der Times.» Wir starren einander unendlich lange an. Ich bin überzeugt, sie spürt, daß ich etwas sagen will. Den Ausdruck habe ich frü- her schon auf einem Gesicht gesehen. War es in einem Club? Der Ausdruck eines Opfers? Habe ich es kürzlich auf der Leinwand ge- sehen? Oder war’s im Spiegel gewesen? Es scheint eine Stunde zu vergehen, ehe ich wieder sprechen kann. «Aber das sind … seine» – ich breche ab, mein Herz flackert, schlägt weiter – «Möbel.» Ich lasse meinen Schirm fallen, beuge mich dann schnell vor, um ihn aufzuheben. «Ich glaube, Sie sollten jetzt gehen», sagt sie. «Ich glaube … ich möchte wissen, was passiert ist.» Mir ist schlecht, meine Brust und der Rücken sind schweißüberströmt, binnen Sekunden klatschnaß. «Bitte machen Sie hier keinen Ärger», sagt sie. Alle Grenzen, falls es je welche gab, scheinen plötzlich keinen Bestand mehr zu haben und werden aufgehoben, das Gefühl, daß andere mein Geschick bestimmen, wird mich den Tag über nicht wieder verlassen. Das … ist … kein … Spiel, will ich schreien, aber ich kann keinen Atem holen, obwohl ich nicht glaube, daß sie es merkt. Ich wende mich ab. Ich brauche Ruhe. Ich weiß nicht, was, ich sagen soll. Verstört greife ich einen Moment lang nach Mrs. Wolfes Arm, um mich zu sammeln, aber ich halte mitten in der Bewegung inne, führe statt dessen die Hand an die Brust, aber ich kann sie nicht fühlen, selbst dann nicht, als ich meinen Schlips lo- ckere; da liegt sie, zitternd, und ich kann nichts dagegen tun. Ich erröte, sprachlos. «Ich halte es für besser, wenn Sie jetzt gehen», sagt sie. Wir stehen da im Flur und sehen uns an. «Machen Sie hier keinen Ärger», sagt sie wieder leise. Ich stehe noch einige Sekunden da, ehe ich schließlich den Rück- zug antrete, die Hände in einer beruhigenden Geste erhoben. «Kommen Sie nicht wieder», sagt sie. «Tue ich nicht», sage ich. «Keine Sorge.» Das Paar erscheint im Türrahmen. Mrs. Wolfe behält mich im Auge, bis ich die Lifttür erreiche und auf den Knopf drücke, um den Aufzug zu rufen. Im Aufzug überwältigt mich der Duft der Ro- sen.,

Training

Free Weights und Nautilus-Equipment als Ausgleich gegen Streß. Mein Körper spricht sofort auf das Training an. Hemdlos unter- ziehe ich mein Bild im Spiegel über dem Waschbecken des Umklei- deraums einer gnadenlosen Prüfung. Meine Armmuskeln bren- nen, meine Bauchdecke könnte nicht straffer sein, mein Brustkorb ist Stahl, die Brustmuskeln Granit, meine Augen weiß wie Eis. In meiner Garderobe bei Xclusive liegen drei Vaginas, erst kürzlich aus verschiedenen Frauen geschnitten, die ich in der letzten Wo- che überfallen habe. Zwei sind abgewaschen, eine nicht. An einer klemmt eine Haarspange, die, die mir am liebsten ist, ziert ein blaues Band von Hermès.,

Ende der Achtziger

Der Blutgeruch dringt bis in meine Träume, die größtenteils schrecklich sind: brennende Ozeanriesen, Vulkanausbrüche auf Hawaii, das grausame Ende aller, die bei Salomon Insidergeschäfte machen, James Robinson, der irgendwas Gemeines mit mir macht, plötzlich muß ich wieder zur Schule gehen, dann nach Harvard, und Tote mischen sich unter die Lebenden. Die Träume sind ein endloser Reigen von Autowracks und Katastrophenbildern, elektri- schen Stühlen und schaurigen Selbstmorden, Spritzen und aufge- schlitzten Pin-up-Girls, fliegenden Untertassen, Marmor-Jacuzzis, rosa Pfeffer. Wenn ich in kalten Schweiß gebadet aufwache, muß ich den Panorama-Fernseher einschalten, um den Baustellenlärm zu übertönen, der den ganzen Tag über hämmert, von irgendwo- her. Vor einem Monat war Elvis Presleys Todestag. Footballspiele flackern dahin, ohne Ton. Ich kann den Anrufbeantworter klicken hören, einmal, zweimal, er ist leise gestellt. Den ganzen Sommer lang schreit uns Madonna entgegen: «Life is a mystery, everyone must stand alone …» Als ich den Broadway entlanggehe, um Jean, meine Sekretärin, zum Brunch zu treffen, fragt mich vor Tower Records ein College- student mit Clipboard nach dem traurigsten Song, den ich kenne. Ich nenne ihm, ohne zu zögern, «You Can’t Always Get What You Want» von den Beatles. Dann fragt er mich nach dem heitersten Song, den ich kenne, und ich sage «Brilliant Disguise» von Bruce Springsteen. Er nickt, macht sich Notizen, und ich gehe weiter, am Lincoln Center vorbei. Ein Unfall. Ein Krankenwagen parkt am, Bordstein. Ein Knäuel Innereien liegt auf dem Gehweg in einer Blutlache. In einem koreanischen Deli kaufe ich einen sehr harten Apfel, den ich auf dem Weg zu Jean esse, die gerade an einem küh- len, sonnigen Septembertag am Sixty-seventh-Street-Eingang zum Central Park steht. Als wir hoch in die Wolken schauen, sieht sie eine Insel, ein Hundebaby, Alaska, eine Tulpe. Ich sehe eine Gucci- Geldklammer, eine Axt, eine Frau, in zwei Teile gespalten, einen großen flauschig weißen Blutfleck, der sich am Himmel ausbreitet und auf die Stadt tropft, auf Manhattan. Ich sage ihr nichts davon. Wir machen Station in einem Straßencafé, Nowheres auf der Upper West Side, um uns zu einigen, welchen Film wir sehen sol- len, ob es irgendwelche Museumsausstellungen gibt, die man sich ansehen sollte, vielleicht einfach nur spazierengehen, sie ist für den Zoo, ich nicke stumpfsinnig. Jean sieht gut aus, sie trägt eine Goldlamé-Jacke und Samtshorts von Matsuda. Ich sehe mich selbst im Fernsehen, in einem Werbespot für ein neues Produkt – Wein- Cooler? Bräunungsmilch? Zuckerfreien Kaugummi? –, und ich be- wege mich in Jump-Cuts, gehe an einem Strand entlang, der Film ist schwarzweiß, absichtlich zerkratzt, unheimliche, vage Popmusik der Mittsechziger begleitet den ganzen Film, hallt, klingt wie Sire- nengesang. Jetzt schaue ich in die Kamera, jetzt halte ich das Pro- dukt hoch – ein neues Styling-Mousse? Tennisschuhe? – jetzt ist mein Haar windzerzaust, dann ist es Tag, dann Nacht, dann wieder Tag, und dann ist Nacht. «Ich nehme einen koffeinfreien Eiscafé», sagt Jean zum Kellner. «Ich nehme einen Kaffee, schwarz, ohne Kopf», sage ich zer- streut, ehe ich mich korrigiere. «Ohne Zucker, meine ich.» Ich werfe Jean einen besorgten Blick zu, aber sie lächelt mich nur leer, an. Eine Sunday Times liegt zwischen uns auf dem Tisch. Wir dis- kutieren eventuelle Dinnerpläne für heute abend. Jemand, der aus- sieht wie Taylor Preston winkt mir zu. Ich senke meine Ray-Bans, winke zurück. Jemand strampelt auf einem Fahrrad vorbei. Ich bestelle Wasser bei einem Hilfskellner. Statt dessen erscheint ein Kellner, und danach wird ein Tablett mit zwei Schalen Sorbet, Cil- antro-Zitrone und Wodka-Limone, an den Tisch gebracht, die ich Jean nicht habe bestellen hören. «Willst du was abhaben?» fragt sie. «Ich bin auf Diät», sage ich. «Trotzdem, danke.» «Du brauchst doch nicht abzunehmen», sagt sie äußerst über- rascht. «Du machst Spaß, oder? Du siehst toll aus. Echt fit.» «Man kann immer noch dünner sein», murmele ich, während ich auf den Straßenverkehr starre, etwas bedrückt mich – was? Ich weiß nicht. «Besser … aussehen.» «Tja, vielleicht sollten wir nicht essen gehen», sagt sie besorgt. «Ich möchte deine … Selbstbeherrschung nicht gefährden.» «Nein. Ist schon gut», sage ich. «Ich habe sie … damit ist es so- wieso nicht weit her.» «Patrick, im Ernst. Ich mache, was du willst», sagt sie. «Falls du nicht essen gehen willst, gehen wir eben nicht. Ich meine –» «Ist schon gut», sage ich nachdrücklich. Es knackst. «Du solltest nicht so vor ihm kuschen …» Ich zögere, ehe ich mich korrigiere. «Ich meine … vor mir. Okay?» «Ich wollte ja nur wissen, was du möchtest», sagt sie. «Heute noch leben, wenn ich nicht gestorben bin, oder?» sage ich sarkastisch. «Das möchte ich gerne.» Ich starre sie durchdrin- gend an, eine halbe Minute vielleicht, ehe ich mich abwende. Das, bringt sie zum Schweigen. Nach einer Weile bestellt sie ein Bier. Es ist heiß auf der Straße. «Komm schon, lach mal», drängt sie später irgendwann. «Du hast doch keinen Grund, so ein trauriges Gesicht zu machen.» «Ich weiß», seufze ich widerstrebend. «Aber … das Lächeln fällt mir schwer. In diesen Zeiten. Jedenfalls fällt es mir schwer. Wahr- scheinlich bin ich’s nicht gewöhnt. Ich weiß nicht.» «Darum … brauchen die Menschen einander», sagt sie sanft und versucht, meinen Blick einzufangen, während sie sich nicht ganz billiges Sorbet in den Mund löffelt. «Manche nicht.» Ich räuspere mich verlegen. «Oder, na ja, man kompensiert … Man richtet sich ein …» Nach einer langen Pause frage ich: «Der Mensch gewöhnt sich an alles, stimmt’s?» «Gewohnheiten ändern den Menschen.» Eine lange Pause. Verwirrt sagt sie: «Ich weiß nicht. Wahrschein- lich … aber man muß sich doch trotzdem … den Glauben be- wahren … daß die Welt nicht nur schlecht ist», sagt sie, und dann, «meine ich, oder?» Sie sieht verdutzt aus, als könne sie kaum glau- ben, daß dieser Satz aus ihrem Mund gekommen ist. Ein Musik- schwall aus einem vorbeifahrenden Taxi, schon wieder Madonna, «life is a mystery, everyone must stand alone …» Aufgeschreckt durch Gelächter am Nebentisch drehe ich den Kopf und höre, wie jemand verkündet: «Manchmal ist es wirklich ausschlaggebend, was man im Büro trägt», und dann sagt Jean etwas, und ich bitte sie, es zu wiederholen. «Hast du nie den Wunsch gehabt, einen anderen glücklich zu machen?» fragt sie. «Was?» frage ich, versuche, mich auf sie zu konzentrieren., «Jean?» Scheu wiederholt sie den Satz. «Hast du nie den Wunsch gehabt, einen anderen glücklich zu machen?» Ich starre sie an, eine kalte, unwirkliche Angstwelle überläuft mich, löscht etwas aus. Ich räuspere mich wieder, versuche größte Bestimmtheit in meine Stimme zu legen und sage: «Ich war gestern abend im Sugar Reef … diesem Karibik-Laden auf der Lower East Side … kennst du doch –» «Mit wem?» unterbricht sie. Jeanette. «Evan McGlinn.» «Oh.» Sie nickt, innerlich aufatmend, glaubt mir. «Jedenfalls …», seufze ich fortfahrend, «habe ich einen Typ im Männerklo gesehen … ein totaler … Wall-Street-Typ … in ei- nem Einknopf-Anzug aus Viscose und Nylon von … Luciano So- prani … Hemd von … Gitman Brothers … Seidenkrawatte von Ermenegildo Zegna und, ich meine, ich kenne den Typ, ein Broker namens Eldridge … ich hab ihn schon bei Harry’s und im Au Bar und DuPlex und bei Alex Goes to Camp getroffen … in den gan- zen Läden, aber … also ich kam gleich nach ihm rein, und dann … sah ich … er schrieb was auf die Wand über … über dem Pissoir an dem er stand.» Ich halte inne, nehme einen Schluck von ihrem Bier. «Als er mich reinkommen sah … hat er aufgehört zu schrei- ben … hat den Mont-Blanc-Kuli eingesteckt … hat sich die Hose zugemacht … hat ‹hallo, Henderson› zu mir gesagt … hat sein Haar im Spiegel geprüft, gehustet … als wäre er nervös oder so … und ist rausgegangen.» Ich unterbreche mich wieder, nehme noch einen Schluck. «Jedenfalls ich bin dann rübergegangen an das … Pissoir … und beugte mich vor … und hab gelesen, was er … ge-, schrieben hat.» Fröstelnd wische ich mir langsam mit der Serviette die Stirn ab. «Und das war?» fragt Jean behutsam. Ich schließe die Augen, drei Worte fallen aus meinem Mund, von diesen Lippen: «Tod … den … Yuppies.» Sie sagt nichts. Um das anschließende betretene Schweigen zu überbrücken, sage ich das einzige, was mir in den Sinn kommt, nämlich: «Wußtest du, daß Ted Bundys erster Hund, ein Collie, Lassie hieß?» Pause. «Wußtest du das schon?» Jean schaut auf ihr Gedeck, als würde es sie verwirren, dann wie- der zu mir. «Wer ist … Ted Bundy?» «Vergiß es», seufze ich. «Hör mal, Patrick. Wir müssen etwas besprechen», sagt sie. «Oder wenigstens möchte ich es besprechen.» … und wo Natur und die Erde, Leben und Wasser gewesen wa- ren, sah ich eine Wüste, die sich unendlich dehnte, eine Art Krater, so jenseits aller Vernunft und allen Lichts, so entseelt, daß keine Stufe des Bewußtseins sie erfassen konnte, und wenn man näher kam, lief daß Bewußtsein rückwärts, unfähig, sie zu verarbeiten. Für mich war die Vision so klar und wirklich und entscheidend, in ihrer Reinheit fast abstrakt. Das war das, was ich verstehen konnte, das war, wie ich mein Leben lebte, nach dem ich meine Schritte lenkte, wie ich das Faßbare ordnete. Das war die Landschaft, um die meine Wirklichkeit kreiste: Es ist mir nie in den Sinn gekom- men, niemals, Menschen könnten gut sein, oder ein Mann könne sich ändern, oder die Welt könnte schöner aussehen, wenn jemand sich an einem Gefühl, einer Geste, einem Blick erfreut, an der Liebe oder Zuneigung einer anderen Person. Nichts stand fest, der Aus-, druck «Herzensgüte» hatte keine Bedeutung, war ein Klischee, ir- gendein schlechter Witz. Sex ist Mathematik. Individualität ist kein Thema mehr. Was macht Intelligenz aus? Definiere Logik. Träume – bedeutungslos. Intellekt ist keine Hilfe. Gerechtigkeit ist tot. Furcht, Anklage, Unschuld, Mitleid, Schuld, Verschwendung, Nie- derlagen, Leid waren Dinge, Gefühle, die niemand mehr wirklich empfand. Nachdenken ist zwecklos, die Welt ist sinnlos. Das Böse ist alles, was bleibt. Gott gibt es nicht. Liebe ist Betrug. Oberfläche, Oberfläche, Oberfläche ist alles, dem jemand Bedeutung zumißt … das war die Zivilisation, wie ich sie sah, monströs und zerklüf- tet … «… und ich weiß nicht mehr, mit wem du geredet hast … ist ja auch egal. Es geht jedenfalls darum, daß du sehr bestimmt warst, und gleichzeitig … irgendwie lieb, und ich glaube, da wußte ich, daß …» Sie legt ihren Löffel hin, aber ich beachte sie nicht. Ich schaue nach draußen auf die Taxis, die zum Broadway rauf fahren, aber ich kann den Lauf der Dinge nicht aufhalten, denn Jean sagt folgendes: «Die meisten Menschen scheinen …» sie bricht ab, fährt dann zögernd fort, «den Kontakt zum Leben verloren zu haben, und ich möchte keiner von ihnen sein.» Nachdem der Kellner ihr Gedeck abgeräumt hat, setzt sie hinzu: «Ich will nicht … verletzt werden.» Ich glaube, ich nicke. «Ich habe gelernt, was es heißt, einsam zu sein und … ich glaube, ich liebe dich.» Den letzten Teil sagt sie hastig, stößt ihn hervor. Fast abergläubisch drehe ich mich zu ihr um, nippe mein Evian, sage dann lächelnd, ohne nachzudenken: «Ich liebe eine andere.» Als würde dieser Film plötzlich schneller laufen, sieht sie rasch, beiseite, nach unten, beschämt. «Ich … tut mir leid … ojeh.» «Aber …», setze ich ruhig hinzu, «du solltest dir keine … Sorgen machen.» Sie schaut wieder auf, platzt fast vor Hoffnung. «Dagegen läßt sich was tun», sage ich. Ich weiß nicht, wie ich dazu komme, das zu sagen, und ändere mein Statement in ein un- verblümtes: «Vielleicht aber auch nicht. Ich weiß nicht. Ich habe jede Menge Zeit mit dir verplempert, also ist es ja nicht so, als wäre es mir egal.» Sie nickt dumpf. «Du solltest nie Freundlichkeit mit … Leidenschaft ver- wechseln», warne ich sie. «Das kann … schlecht ausgehen. Das kann dir, na ja, Ärger einbringen.» Sie sagt nichts, und plötzlich kann ich ihre Traurigkeit spüren, flach und ruhig, wie einen Tagtraum. «Was versuchst du mir zu sa- gen?» fragt sie lahm und errötet. «Nichts. Ich will dir nur zu verstehen geben … daß … der Schein trügen kann.» Sie starrt auf die Times, die in dicken Falten auf dem Tisch ge- stapelt ist. Eine leichte Brise bringt sie kaum zum Flattern. «Wa- rum … erzählst du mir das?» Taktvoll – ich berühre fast ihre Hand, bremse mich aber – sage ich ihr: «Ich will nur zukünftige Mißverständnisse vermeiden.» Ein Hardbody geht vorbei. Ich registriere ihn, wende mich dann wie- der Jean zu. «Oh, komm schon, mach nicht so ein Gesicht. Es gibt nichts, wofür du dich schämen müßtest.» «Tue ich ja nicht», sagt sie, versucht, sich locker zu geben. «Ich wollte nur wissen, ob du jetzt schlechter von mir denkst, weil ich, das gesagt habe.» Wie sollte sie auch verstehen, daß ich unmöglich enttäuscht sein kann, weil es für mich schon lange nichts mehr gibt, auf das zu freuen sich lohnt? «Du weißt nicht besonders viel über mich, oder?» frage ich sti- chelnd. «Ich weiß genug», sagt sie, ihre erste Reaktion, aber dann schüt- telt sie den Kopf. «Oh, lassen wir das. Ich habe einen Fehler ge- macht. Es tut mir leid.» Im nächsten Moment hat sie es sich anders überlegt. «Ich möchte mehr wissen», sagt sie ernst. Ich überdenke das, ehe ich antworte: «Bist du sicher?» «Patrick», sagt sie atemlos, «ich weiß, daß mein Leben ohne dich … viel leerer wäre.» Auch das bedenke ich, nicke versonnen. «Und ich kann einfach nicht …» Sie bricht frustriert ab. «Ich kann nicht so tun, als würden diese Gefühle nicht existieren, oder?» «Schhhh …» … es gibt eine Idee Patrick Bateman, einen abstrakten Entwurf, aber kein wahres Ich, nur eine Erscheinung, etwas Schemenhaftes, und obwohl ich in der Lage bin, mein kaltes Starren zu verbergen, und du mir die Hand schütteln kannst und dabei Fleisch spürst, das dein Fleisch umschließt, und vielleicht sogar das Gefühl hast, unser Lebensstil sei vergleichbar: Ich bin einfach nicht da. Es fällt mir in jeder Beziehung schwer, Hand und Fuß zu haben. Mein Ich ist künstlich, eine Anomalie. Ich bin ein unkontingentes mensch- liches Wesen. Meine Persönlichkeit ist rudimentär und ungeformt, meine Herzlosigkeit geht tief und ist gefestigt. Mein Bewußtsein,, mein Mitgefühl, meine Hoffnungen, sind schon lange verschwun- den (vielleicht in Harvard), als hätten sie nie existiert. Es gibt keine Grenzen mehr zu überschreiten. Alles, was mich gemein macht mit den Unkontrollierten und Wahnsinnigen, den Grausamen und Bösen, all die Blutbäder, die ich verursacht habe, und meine völlige Gleichgültigkeit darüber, habe ich jetzt selbst übertroffen. Und trotzdem klammere ich mich an eine einzige platte Wahrheit: Niemand ist sicher, nichts ist gesühnt. Und doch bin ich schuldlos. Jedem Modell menschlicher Verhaltensmuster muß eine gewisse Berechtigung zugestanden werden. Ist das Böse etwas, was man ist? Oder ist es das, was man tut? Mein Schmerz ist konstant und schneidend, und ich hoffe für keinen auf eine bessere Welt. Tat- sächlich will ich, daß meinen Schmerz auch andere erleiden. Ich will, daß keiner davonkommt. Aber selbst nach diesem Eingeständ- nis – das ich zahllose Male gemacht habe, bei fast allen Taten, die ich begangen habe – und nachdem ich mich der Wahrheit gestellt habe, tritt keine Katharsis ein. Ich erfahre keine tiefere Wahrheit über mich selbst, keine neue Erkenntnis kann aus meiner Beichte gezogen werden. Ich hatte gar keinen Grund, Ihnen das zu erzäh- len. Dieses Geständnis hat nichts zu bedeuten … Ich frage Jean: «Wie viele Menschen auf der Welt sind wie ich?» Sie zögert, antwortet dann vorsichtig, «Ich glaube … niemand?» Sie schwimmt. «Laß mich die Frage ern … Moment, wie sitzt mein Haar?» frage ich, unterbreche mich selbst. «Äh, toll.» «Okay. Laß mich die Frage erneut stellen.» Ich nehme einen Schluck von ihrem Dry-Bier. «Okay. Warum magst du mich?» frage, ich. Sie fragt zurück: «Warum?» «Ja», sage ich. «Warum?» «Na ja …» Ein Tropfen Bier ist auf mein Polo-Hemd gefallen. Sie reicht mir ihre Serviette. Eine praktische Geste, die mich rührt. «Du … hast Mitgefühl», sagt sie zaghaft. «Das ist sehr selten in die- ser …» – sie zögert wieder – «einigermaßen … na ja, oberflächli- chen Welt. Das ist … Patrick, du machst mich verlegen.» Sie schüt- telt den Kopf, schließt die Augen. «Mach weiter», dränge ich. «Bitte. Ich möchte es wirklich wis- sen.» «Du bist süß.» Sie verdreht die Augen. «Und süß ist … sexy … ich weiß nicht. Und … ein Geheimnis natürlich auch.» Schweigen. «Und ich glaube … Geheimnisse … du bist geheimnisvoll.» Schweigen, gefolgt von einem Seufzer. «Und du bist … rücksichts- voll.» Dann fällt ihr etwas ein, sie hat keine Angst mehr und sieht mich direkt an. «Und ich finde schüchterne Männer romantisch.» «Wie viele Menschen auf der Welt sind wie ich?» frage ich wie- der. «Mache ich wirklich diesen Eindruck?» «Patrick», sagt sie. «Ich würde nicht lügen.» «Nein, natürlich würdest du das nicht … aber ich glaube …» Jetzt bin ich dran, gedankenverloren zu seufzen. «Ich finde … du weißt doch, was man über Schneeflocken sagt? Daß es nicht zwei gibt, die sich gleichen?» Sie nickt. «Also, ich glaube nicht, daß das stimmt. Ich glaube, es gibt viele Schneeflocken, die gleich sind … und ich glaube, die meisten Leute, gleichen sich auch.» Sie nickt wieder, trotzdem kann ich spüren, daß sie zutiefst ver- wirrt ist. «Der Schein kann trügen», sage ich vorsichtig. «Nein», sagt sie und schüttelt den Kopf, zum ersten Mal von sich überzeugt. «Ich glaube nicht, daß er trügt. Bestimmt nicht.» «Jean, manchmal», erkläre ich, «können die Grenzen zwischen Äußerlichkeiten – dem, was du siehst – und der Wirklichkeit – dem, was man nicht sieht – na ja … verschwimmen.» «Das ist nicht wahr», beharrt sie. «Das ist einfach nicht wahr.» «Wirklich?» frage ich lächelnd. «Ich habe es auch nicht geglaubt», sagt sie. «Vor zehn Jahren oder so habe ich es nicht geglaubt. Aber jetzt tue ich es.» «Was meinst du damit?» frage ich interessiert. «Du hast nicht?» … ein Strom von Wirklichkeit. Ich habe das seltsame Gefühl, daß dies ein entscheidender Moment meines Lebens ist, und ich bin überrumpelt von der Plötzlichkeit dieser größtmöglichen An- näherung an eine Offenbarung. Es gibt nichts von Wert, das ich ihr zu geben hätte. Zum ersten Mal habe ich Jean so ungehemmt gesehen; sie wirkt stärker, weniger lenkbar, entschlossen, mich in ein neues und unbekanntes Land zu entführen – die gefürchtete Ungewißheit einer völlig anderen Welt. Ich spüre, daß sie mein Le- ben grundlegend ändern will – das sagen mir ihre Augen, und auch wenn ich Aufrichtigkeit in ihnen sehe, weiß ich doch, daß Jean eines Tages, sehr bald schon, im Rhythmus meines Wahnsinns gefangen sein wird. Alles, was ich tun muß, ist, jetzt den Mund zu halten und nicht davon anzufangen – aber sie macht mich schwach, es ist fast, als würde sie die Entscheidung treffen, was ich bin, und in meiner, störrischen, eigensinnigen Art muß ich mir eingestehen, daß ich einen kleinen Stich fühle, etwas Beklemmendes im Inneren, und ehe ich mich bremsen kann, stelle ich fest, daß sie mich fast einge- wickelt hat, und bin gerührt über meine eigene Bereitschaft, ihre Liebe anzunehmen, wenn auch nicht zu erwidern. Ich frage mich, ob sie selbst jetzt, hier bei Nowheres, die dunklen Wolken hinter meinen Augen verfliegen sehen kann. Und obwohl die Kälte, die ich stets gespürt habe, mich verläßt, die Leere tut es nicht, und wird es vielleicht nie. Dieses Verhältnis wird wahrscheinlich zu nichts führen … das hat nichts geändert. Ich stelle mir vor, daß sie sauber riecht, nach Tee … «Patrick … sprich mit mir … sei nicht so verärgert», sagt sie. «Ich glaube, es wird … Zeit für mich … mir die Welt, die ich geschaffen habe, anzusehen», würge ich mit Tränen in den Augen hervor und höre mich plötzlich beichten: «Gestern habe ich … im Badezimmerschrank … ein halbes Gramm Kokain gefunden … abends.» Ich presse meine Hände zusammen, forme eine große Faust, die Knöchel treten weiß hervor. «Was hast du damit gemacht?» fragt sie. Ich lege eine Hand auf den Tisch. Sie nimmt sie. «Ich habe es weggeworfen. Ich habe alles weggeworfen. Ich wollte es nehmen», japse ich, «aber ich hab es weggeworfen.» Sie drückt fest meine Hand. «Patrick?» fragt sie und schiebt ihre Hand hoch, bis sie meinen Ellbogen berührt. Als ich die Kraft finde, sie anzusehen, verblüfft es mich, wie sinnlos, langweilig kör- perlich schön sie eigentlich ist, und die Frage Warum nicht mit ihr? erscheint vor meinem inneren Auge. Eine Antwort: Sie hat einen besseren Körper als die meisten Mädchen, die ich kenne. Eine an-, dere: Es ist sowieso jeder austauschbar. Und noch eine: Ist eh egal. Sie sitzt vor mir, mürrisch, aber hoffend, charakterlos, kurz davor, in Tränen auszubrechen. Ich erwidere ihren Händedruck, bewegt, nein, gerührt über ihre Blindheit für das Böse. Einen Test hat sie noch zu bestehen. «Hast du einen Aktenkoffer?» frage ich schluckend. «Nein», sagt sie. «Habe ich nicht.» «Evelyn schleppt immer einen Aktenkoffer mit», werfe ich ein. «Tut sie das …?» fragt Jean. «Und was ist mit einem Filofax?» «Einen kleinen», gesteht sie. «Designer?» frage ich mißtrauisch. «Nein.» Ich seufze, dann nehme ich ihre Hand, klein und hart, in meine. … und in den südlichen Wüsten des Sudan steigt die Hitze auf in luftlosen Wellen, Tausende und Abertausende Männer, Frauen, Kinder durchstreifen das endlose Buschland auf der Suche nach Nahrung. Gezeichnet und hungernd ziehen sie eine Strecke to- ter, ausgezehrter Körper nach sich, essen Unkraut, Blätter und … Seerosenblätter, taumeln von Dorf zu Dorf, sterben einen langsa- men Tod, unerbittlich, unaufhaltsam; ein grauer Morgen in elen- der Wüste, das Kind bedeckt mit Sand, fast tot, die Augen starr geöffnet, dankbar (halt inne und stell dir eine Welt vor, für einen Augenblick nur, in der jemand für etwas dankbar ist), und keiner aus dem Zug beachtet es, als sie vorbeiziehen, betäubt und leidend (nein – einer ist da, der hinschaut, der den Todeskampf des Jungen sieht und lächelt, wie in geheimem Wissen), der Junge öffnet und schließt lautlos den aufgesprungenen, ledrigen Mund, irgendwo, weit weg ein Schulbus, und irgendwo, darüber, im All, erhebt sich ein Geist, eine Tür öffnet sich, er fragt «Warum?» – eine Heim- statt für die Toten, eine Unendlichkeit, schwebt es im Nichts, Zeit kriecht, Liebe und Trauer durchströmen den Jungen … «Okay.» Verschwommen nehme ich wahr, daß irgendwo ein Telefon klin- gelt. Im Café am Columbus Circle sind zahllose Mengen, Hunderte von Menschen, Tausende vielleicht, an unserem Tisch vorbeige- gangen, während ich schwieg. «Patrick», sagt Jean. Jemand mit ei- nem Kinderwagen bleibt an der Ecke stehen und kauft ein Dove Bar. Das Baby starrt Jean und mich an. Wir starren zurück. Es ist wirklich seltsam, und ich erlebe eine spontane innere Empfindung, ich spüre, wie ich mich gleichzeitig nähere und entferne, und alles ist möglich.,

Aspen

Es ist vier Tage vor Weihnachten, zwei Uhr nachmittags. Ich sitze im Fonds einer pechschwarzen Limousine, die vor einem unschein- baren Brownstone-Haus an der Fifth Avenue parkt, und versuche einen Artikel über Donald Trump in der neuen Ausgabe von Fame zu lesen. Jeanette will, daß ich mit reinkomme, aber ich sage: «Ver- giß es.» Sie hat ein blaues Auge von gestern abend, weil ich ihr bei einem Dinner im Il Marlibro einbläuen mußte, das hier auch nur in Erwägung zu ziehen; dann, nach einer handgreiflicheren Diskus- sion in meinem Apartment, nahm sie endlich Vernunft an. Jeanet- tes Dilemma liegt außerhalb meiner Vorstellung von Schuld, und ich hatte ihr in aller Aufrichtigkeit während des Dinners gestanden, daß es mir sehr schwerfällt, ihr ein Mitgefühl vorzuspielen, das ich nicht empfinde. Während der ganzen Fahrt von meiner Wohnung auf der Upper West Side hat sie geheult. Die einzige klare, faßbare Emotion, die sie ausstrahlt, ist Verzweiflung, vielleicht noch Sehn- sucht, und obwohl ich sie für den größten Teil der Fahrt erfolg- reich ignoriere, sehe ich mich schließlich gezwungen, ihr zu sagen: «Hör mal, ich habe heute morgen schon zwei Xanax genommen, es ist also, äh, selbst dir nicht möglich, mir auf die Nerven zu ge- hen.» Jetzt, als sie aus der Limo auf das eisglatte Pflaster stolpert, murmele ich: «Es ist das beste so», und, als kleines Trostpflaster: «Nimm’s nicht so schwer.» Der Fahrer, dessen Namen ich verges- sen habe, führt sie in den Brownstone-Kasten, und sie wirft einen letzten, reuevollen Blick zurück. Ich seufze und winke sie rein. Sie trägt immer noch den wollgefütterten Balmacaan-Mantel mit Leo-, pardendruck über dem ärmellosen Wollcrêpe-Kleid von Bill Blass von letzter Nacht. Heute morgen wurde Bigfoot in der Patty Win- ters Show interviewt und war zu meiner Erschütterung äußerst wortgewandt und charmant. Das Glas, aus dem ich meinen Abso- lut-Wodka trinke, ist aus Finnland. Verglichen mit Jeanette bin ich gut gebräunt. Der Fahrer kommt aus dem Haus, zeigt mir den erhobenen Daumen, lenkt den Wagen umsichtig vom Bordstein weg und macht sich auf den Weg zum Flughafen JFK, wo in neunzig Minu- ten mein Flug nach Aspen geht. Wenn ich zurückkomme, im Ja- nuar, wird Jeanette das Land verlassen haben. Ich zünde die Zigarre wieder an, suche den Aschenbecher. An der Ecke der Straße ist eine Kirche. Wen kümmert’s? Das ist, glaube ich, das fünfte Kind, das ich habe abtreiben lassen, das dritte, das ich nicht selbst abge- trieben habe (eine unbrauchbare Statistik, muß ich zugeben). Der Wind draußen ist schneidend und kalt, und der Regen klatscht in rhythmischen Wellen gegen die getönten Scheiben, äfft Jeanettes voraussichtliche Tränen im Operationssaal nach, benommen von der Betäubung, versunken in eine Erinnerung aus der Vergangen- heit, einen Moment, in dem die Welt perfekt schien. Ich widerstehe dem Impuls, hysterisch loszugackern. Am Flughafen gebe ich dem Chauffeur die Anweisung, auf ei- nen Sprung bei F.A.O. Schwartz vorbeizuschauen, ehe er Jeanette abholt, und folgende Einkäufe zu machen: eine Puppe, eine Rassel, einen Beißring, einen weißen Eisbär von Gund, und sie ausgepackt auf dem Rücksitz für sie hinzulegen. Jeanette wird schon drüber wegkommen – sie hat ihr ganzes Leben noch vor sich (falls sie mir nicht über den Weg läuft, heißt das). Außerdem ist der Lieblings-, film dieses Mädels Pretty In Pink, und sie hält Sting für das Größte, also ist das, was ihr passiert, nicht ganz unverdient, und man sollte sich ihretwegen keine Gedanken machen. Schlechte Zeiten für Un- schuld.,

Valentinstag

Dienstag morgen, und ich stehe an meinem Schreibtisch im Wohn- zimmer und telefoniere mit meinem Anwalt, halte gleichzeitig abwechselnd die Patty Winters Show und das Mädchen im Auge, das den Boden bohnert, Blutschmieren von der Wand wischt und kommentarlos blutverklebte Zeitungen in den Müll wirft. Flüchtig kommt mir der Gedanke, daß auch sie in einer Welt voll Scheiße gestrandet ist, völlig darin einsinkt, und das erinnert mich irgend- wie wieder daran, daß der Klavierstimmer heute vorbeikommt und daß ich eine Notiz beim Portier hinterlassen sollte, damit er ihn reinläßt. Nicht, daß das Yamaha je gespielt worden ist; es ist nur, weil eins der Mädchen dagegen gefallen ist, und einige der Sai- ten (die ich später noch brauchte) fielen heraus, zersprangen oder so. «Ich brauche mehr Steuer …» Patty Winters ist auf dem Bild- schirm und fragt ein Kind, acht oder neun: «Aber ist das nicht nur ein anderer Ausdruck für eine Orgie?» Der Timer der Mikrowelle summt. Ich mache ein Soufflé warm. Es läßt sich nicht leugnen: es ist eine schlechte Woche gewesen. Ich habe angefangen, meinen eigenen Urin zu trinken. Ich lache unvermittelt über nichts. Manchmal schlafe ich unter meinem Futon. Ich bearbeite ständig meine Zähne mit Zahnseide, bis das Zahnfleisch schmerzt und mein Mund nach Blut schmeckt. Ges- tern abend vor dem Dinner im 1500 mit Reed Goodrich und Jason Rust hätten sie mich beim Federal Express am Times Square fast erwischt, als ich der Mutter von einem der Mädchen, das ich letzte Woche getötet habe, ein anscheinend vertrocknetes braunes Herz, schicken wollte. Und Evelyn schickte ich per Federal Express aus dem Büro eine kleine Schachtel Fliegen mit einer Notiz, von Jean getippt, daß ich ihr Gesicht nie wieder sehen will und, obwohl sie’s eigentlich nicht nötig hat, sie soll scheißnochmal auf Diät gehen. Aber es gab auch einiges, das der Durchschnittsmensch wohl als nett verbuchen würde, zur Feier des Tages, ein paar Sachen, die ich Jean gekauft habe und heute morgen an ihr Apartment liefern ließ: Castellini-Servietten von Bendel, einen Korbsessel von Jenny B. Goode, ein Tafttischtuch von Barney’s, eine echtes Kettentäschchen und ein Frisierset aus Sterlingsilber von Macy’s, ein Blumentrepp- chen aus weißem Kiefernholz von Conran’s, ein edwardianischer «geflochtener» Armreif aus neunkarätigem Gold von Bergdorf und Hunderte und Hunderte rosa und weiße Rosen. Das Büro. Lyrics von Madonna-Songs verfolgen mich, platzen ungebeten in meine Gedanken, kündigen sich auf ermüdend ver- traute Art an, und ich starre ins Nichts, die Augen trübe leuchtend, während ich versuche, den endlos vor mir liegenden Tag zu verges- sen, aber dann unterbricht eine Zeile, die mich mit namenlosem Grauen erfüllt, die Madonna-Songs – immer wieder kommt mir Häuschen im Grünen in den Sinn, wieder und wieder. Einer, dem ich das ganze letzte Jahr über erfolgreich ausgewichen bin, ein Pen- ner von Fortune, der einen Artikel über mich schreiben will, ruft heute morgen wieder an, und es endet damit, daß ich den Reporter zurückrufe und ein Interview vereinbare. Craig McDermott hat ir- gendeinen Fax-Fimmel, nimmt keinen meiner Anrufe an, sondern geruht nur per Fax zu kommunizieren. In der Post hieß es heute morgen, daß die Überreste der drei Körper, die letzten März von Bord einer Yacht verschwunden waren, im Eis eingefroren, zer-, hackt und aufgedunsen im East River gefunden wurden; daß ein Irrer in der Stadt rumläuft und Evian-Literflaschen vergiftet, schon siebzehn Tote; Geschwätz über Zombies, den Wählerwillen, stei- gende Beliebigkeit, riesige Mißverständnisse. Und, um der Form genüge zu tun, Tim Price taucht wieder auf, oder zumindest bin ich ziemlich sicher, daß er’s tut. Während ich an meinem Schreibtisch gleichzeitig die vergangenen Tage in mei- nem Kalender ausstreiche und einen neuen Bestseller über Office Management mit dem Titel Warum es sich auszahlt, ein Idiot zu sein lese, klingelt Jean mich an und verkündet, daß Tim Price mit mir sprechen will, und ich sage voller Angst: «Schick ihn … rein.» Price schneit ins Büro in einem Wollanzug von Canali Milano, einem Hemd von Ike Behar, einem Seidenschlips von Bill Blass, Schnür- schuhen mit gerader Kappe von Brooks Brothers. Ich tue so, als würde ich telefonieren. Er setzt sich hin, mir gegenüber, auf die andere Seite des verglasten Palazetti-Schreibtischs. Auf seiner Stirn ist ein Fleck, zumindest sieht es für mich so aus. Abgesehen davon wirkt er bemerkenswert fit. Unser Gespräch mag ungefähr dem fol- genden ähneln, ist jedoch eher kürzer. «Price», sage ich und schüttele ihm die Hand. «Wo hast du ge- steckt?» «Oh, hier und da.» Er lächelt. «Aber, hey, ich bin wieder da.» «Wahnsinn.» Ich zucke die Achseln, verwirrt. «Wie … war’s denn?» «Es war, … überraschend.» Er zuckt auch die Achseln. «Es war … deprimierend.» «Ich dachte, ich hätte dich in Aspen gesehen», murmele ich. «Hey, wie geht’s dir Bateman?» fragt er., «So lala», sage ich schluckend. «Muß ja.» «Und Evelyn?» fragt er. «Wie geht’s ihr?» «Tja, wir haben uns getrennt.» Ich lächle. «Ewig schade.» Er verdaut das, dann fällt ihm was ein. «Court- ney?» «Hat Luis geheiratet.» «Grassgreen?» «Nein, Carruthers.» Er verdaut auch das. «Hast du ihre Nummer?» Während ich sie ihm aufschreibe, sage ich beiläufig: «Du bist ja ewig weggewesen, Tim. Was war los?» frage ich, und wieder fällt mir der Fleck auf seiner Stirn auf, obwohl ich langsam das Gefühl habe, daß alle anderen, die ich fragen würde, ob er wirklich da ist, einfach nein sagen würden. Er steht auf, nimmt die Karte. «Ich bin schon länger wieder da. Du hast mich wohl einfach verpaßt. Anschluß verpaßt. Durch den Umzug.» Er zögert, spannt mich auf die Folter. «Ich arbeite für Ro- binson. Rechte Hand und so.» «Mandel?» frage ich und biete ihm eine an, ein kläglicher Ver- such meinerseits, meinen Ärger über seine Selbstgefälligkeit zu überspielen. Er tätschelt meine Schulter, sagt: «Du bist ein Irrer, Bateman. Ein Tier. Ein echtes Tier.» «Da kann ich nicht widersprechen.» Ich lache halbherzig, be- gleite ihn zur Tür. Als er geht, frage ich mich und frage mich auch wieder nicht, was in der Welt von Tim Price vor sich geht, die im großen und ganzen die Welt von uns allen ist: Große Rosinen im Kopf, Männerkram, Junge stellt sich der Welt, Junge erobert sie.,

Penner auf der Fifth

Ich komme vom Central Park, wo ich am Kinderzoo, ganz da in der Nähe, wo ich den McCaffrey-Jungen ermordet habe, Häppchen von Ursulas Hirn an streunende Hunde verfüttert habe. Wenn man um fünf Uhr nachmittags rum die Fifth Avenue entlanggeht, sieht jeder auf der Straße traurig aus, Verfall liegt in der Luft, Körper lie- gen auf kaltem Pflaster, meilenweit, manche regen sich, die meisten nicht. Geschichte verblaßt, und nur sehr wenigen scheint vage be- wußt, daß die Zeiten schlechter werden. Flugzeuge fliegen tief über die Stadt, kreuzen vor der Sonne. Windböen fegen über die Fifth, fädeln sich dann durch die Fiftyseventh Street. Taubenschwärme erheben sich in Zeitlupe und explodieren dann vor dem Himmel. Der Geruch von gerösteten Kastanien vermischt sich mit Abgasen. Mir fällt auf, wie die Skyline sich kürzlich verändert hat. Bewun- dernd schaue ich auf zum Trump Tower, hoch, stolz glänzend im Sonnenlicht des Spätnachmittags. Davor ziehen zwei aufgeweckte Niggerkids Touristen mit dem Hütchenspiel ab, und ich muß den Impuls bekämpfen, sie wegzublasen. Ein Penner, den ich irgendwann im Frühjahr geblendet habe, sitzt mit gekreuzten Beinen auf einer filzigen Decke an der Ecke Fifty-fifth. Im Näherkommen sehe ich das vernarbte Gesicht des Bettlers und dann das Schild darunter, auf dem steht VIETNAM- VETERAN HAT SEIN AUGENLICHT IN VIETNAM VERLOREN. BITTE HELFT MIR. WIR SIND HUNGRIG UND OBDACHLOS. Wir? Dann sehe ich den Hund, der mich schon mißtrauisch beäugt und, als ich näher komme, knurrend aufsteht und schließlich los-, kläfft, als ich mich über den Penner beuge, wild mit dem Schwanz wedelnd. Ich knie nieder und hebe drohend meine Hand. Der Hund weicht zurück, kneift den Schwanz ein. Ich habe meine Brieftasche gezückt, um so zu tun, als wollte ich einen Dollar in den leeren Kaffeebecher werfen, merke dann aber: warum so tun? Es sieht sowieso keiner hin, er schon gar nicht. Ich stecke den Dollar wieder ein, beuge mich vor. Er spürt meine Ge- genwart und hört auf, den Becher zu schwenken. Die Sonnenbrille, die er trägt, verdeckt noch nicht einmal ansatzweise die Wunden, die ich ihm zugefügt habe. Die Nase ist so zerfetzt, daß es mir un- begreiflich ist, wie ein Mensch dadurch atmen kann. «Sie waren nie in Vietnam», flüstere ich ihm ins Ohr. Nach einem Schweigen, während dem er sich in die Hose pißt, der Hund jault, krächzt er: «Bitte … tun sie mir nichts.» «Sehe ich aus, als hätte ich zuviel Zeit?» murmele ich angewi- dert. Ich lasse den Penner links liegen, statt dessen fällt mir ein klei- nes Mädchen mit Zigarette auf, das vor dem Trump Tower um Wechselgeld bettelt. «Shoo», sage ich. Sie sagt «Shoo» zurück. In der Patty Winters Show von heute morgen saß ein Cheerio in ei- nem sehr kleinen Stuhl und wurde für fast eine Stunde interviewt. Später am Nachmittag wurde einer Frau in einem Mantel aus Nerz und Silberfuchs vor dem Stanhope von einem aufgebrachten Pelz- gegner das Gesicht aufgeschlitzt. Aber jetzt, von der anderen Stra- ßenseite immer noch auf den blicklosen Penner starrend, kaufe ich mir ein Dove Bar, Kokosnuß, in dem ich ein Stück Knochen finde.,

Neuer Club

Donnerstag abend läuft mir auf einer Party in einem neuen Club, World’s End, der in einem Laden auf der Upper East Side aufge- macht hat, in dem früher Petty’s war, Harold Carnes über den Weg. Ich sitze mit Nina Goodrich und Jean in einer Nische, und Harold steht an der Bar und trinkt Champagner. Ich bin betrunken genug, um ihn endlich auf die Nachricht anzusprechen, die ich auf seinem Anrufbeantworter hinterlassen habe. Nachdem ich mich bei mei- ner Begleitung entschuldigt habe, gehe ich zur anderen Seite der Bar, wo mir klar wird, daß ich einen Martini brauche, um mich zu stärken, ehe ich das mit Carnes diskutiere (es war eine sehr unbe- ständige Woche für mich – am Montag fing ich bei einer Folge von Alf an zu weinen). Nervös schiebe ich mich neben ihn. Harold trägt einen Schurwollanzug von Gieves & Hawkes, einen Seidentwill- Schlips, Hemd, Schuhe von Paul Stuart; er wirkt stämmiger, als ich ihn in Erinnerung habe. «Mach dir eins klar», sagt er zu Truman Drake, «bis zum Ende der Neunziger gehört das halbe Land den Japanern.» Erleichtert, daß Harold immer noch, wie üblich, unter Beigabe eines leichten, aber unüberhörbaren, o Gott, englischen Akzents, unschätzbare neue Informationen unter die Leute bringt, fühle ich mich gewappnet genug «Oh, halt die Klappe, Carnes, wird es nicht» zu blöken. Ich kippe den Martini, Stoli, während Carnes, der recht verdutzt aussieht, fast schon erschüttert, sich umdreht, um mich anzusehen, und sein aufgeblasenes Gesicht zu einem un- sicheren Lächeln verzieht. Hinter uns sagt jemand: «Aber sieh dir, doch bloß an, was mit Gekko passiert ist …» Truman Drake klopft Harold auf die Schulter und fragt mich: «Gibt es eine Hosenträger-Breite, die, na ja, korrekter ist als an- dere?» Gereizt schubse ich ihn in die Menge, und er verschwindet. «Na, Harold», sage ich, «hast du meine Nachricht erhalten?» Carnes wirkt zunächst verwirrt und lacht schließlich, während er seine Zigarrette anzündet. «Jesus, Davis. Ja, das war umwerfend. Das konntest ja nur du gewesen sein, stimmt’s?» «Ja, natürlich.» Ich blinzele, murmele vor mich hin, wedele sei- nen Zigarrettenrauch aus meinem Gesicht. «Bateman killt Owen und die Hosteß?» Er hört gar nicht auf zu kichern. «Oh, das ist zu gut. Echt key, wie sie im Groucho Club sagen würden. Echt key.» Dann, mit einem pikierten Blick: «Eine recht lange Nachricht, wie?» Ich grinse idiotisch und sage dann: «Aber … was genau meinst du eigentlich, Harold?» Insgeheim denke ich, daß dieser fette Bas- tard es unmöglich in den beschissenen Groucho Club geschafft ha- ben kann, und selbst wenn, würde seine unmögliche Art, darauf anzuspielen, die Tatsache vergessen machen, daß man ihn dort auf- genommen hat. «Na, die Nachricht, die du hinterlassen hast.» Carnes läßt sei- nen Blick schon wieder durch den Club schweifen, winkt diversen Leuten und Fickmäusen zu. «Ach, übrigens, Davis, wie geht’s Cyn- thia?» Er nimmt ein Glas Champagner von einem vorbeikommen- den Kellner. «Ihr seht euch doch immer noch, oder?» «Warte mal, Harold. Wie-meinst-du-das?» wiederhole ich nach- drücklich. Er langweilt sich bereits, es kümmert ihn nicht, er hört gar nicht, hin und sagt entschuldigend: «Nichts. Schön, dich zu sehen. Hey, Mann, ist das da hinten Edward Towers?» Ich recke den Hals, um hinzusehen, und wende mich dann wie- der an Harold. «Nein», sage ich. «Carnes? Warte.» «Davis», seufzt er, als würde er geduldig versuchen, einem Kind Vernunft beizubringen. «Ich will ja nicht meckern, der Witz war gut, aber er hatte einen kleinen Schönheitsfehler: Bateman ist so ein beschissener Arschkriecher, so ein … Schleimscheißer, daß ich es nicht ganz schlucken konnte. Sonst war’s sehr amüsant. Warum treffen wir uns nicht zum Lunch, oder lieber zum Dinner bei 150 Wooster oder irgendwas mit McDermott und Preston. Ein echter Raver.» Er will sich verziehen. «Ray-vah? Ray-vah? Hast du Ray-vah gesagt, Carnes?» Ich habe die Augen weit aufgerissen, fühle mich aufgedreht, obwohl ich gar keine Drogen genommen habe. «Wovon redest du? Bateman ist was?» «Oh, lieber Himmel, Mann, warum sollte ihn Evelyn Richards sonst abservieren? Also wirklich. Er würde es kaum schaffen, eine Hosteß aufzureißen, geschweige denn, sie … was soll er angeblich mit ihr gemacht haben?» Harold sieht sich immer noch zerstreut im Club um und winkt einem anderen Paar zu, hebt sein Cham- pagnerglas. «Ach, ja, ‹zu zerhacken›.» Er lacht wieder, doch diesmal klingt es gezwungen. «Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest. Ich muß wirklich.» «Warte. Stopp», rufe ich und sehe Carnes ins Gesicht, vergewis- sere mich, daß er richtig zuhört. «Du scheinst nicht zu verstehen. Du erfaßt die Lage ganz und gar nicht. Ich habe ihn getötet. Ich, war’s, Carnes. Ich habe Owens verdammten Kopf abgesäbelt. Ich habe Dutzende Mädchen gefoltert. Die ganze Nachricht, die ich hinterlassen habe, war wahr.» Ich bin ausgelaugt, wirke unruhig und frage mich, warum ich so wenig Erleichterung verspüre. «Entschuldige mich», sagt er und versucht meinen Ausbruch zu ignorieren. «Ich muß wirklich los.» «Nein!» schreie ich. «Also, Carnes. Hör mir zu. Hör mir sehr genau zu. Ich-habe-Paul-Owen-getötet-und-es-hat-mir-Spaß-ge- macht. Klarer kann ich mich nicht ausdrücken.» Vor Anspannung bringe ich kaum die Worte heraus. «Aber das kann gar nicht sein», sagt er und will mich abschütteln. «Ich kann das nicht mehr komisch finden.» «Das ist es auch nie gewesen!» belle ich, und dann: «Warum kann es nicht sein?» «Darum nicht», sagt er und beäugt mich furchtsam. «Warum nicht?» brülle ich wieder über die Musik, obwohl es wirklich keinen Grund dazu gibt, und füge hinzu: «Du dämliches Arschloch.» Er starrt mich an, als seien wir beide unter Wasser, und ruft zurück, sehr klar durch das Lärmen des Clubs: «Weil … ich … zwei … Mal … mit Paul Owen … in London … zum … Dinner … war … vor knapp zehn Tagen.» Nachdem wir einander für etwa eine Minute angestarrt haben, habe ich endlich den Nerv, etwas zu erwidern, aber meiner Stimme fehlt die Entschiedenheit, und ich bin nicht sicher, ob ich es selbst glaube, als ich sage: «Nein, warst du … nicht.» Es klingt wie eine Frage, nicht wie eine Feststellung. «Schön, Donaldson», sagt Carnes und entfernt meine Hand von, seinem Arm. «Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest.» «Oh, aber immer», zische ich. Dann verziehe ich mich wieder zu unserer Nische, wo mittlerweile John Edmonton und Peter Bea- vers sitzen, und betäube mich mit einer Halcion, ehe ich Jean nach Hause bringe, zu mir. Jean trägt irgendwas von Oscar de la Renta. Nina Goodrich trug ein Pailettenkleid von Matsuda und weigerte sich, mir ihre Nummer zu geben, obwohl Jean unten in der Da- mentoilette war.,

Taxi Driver

Noch eine bruchstückhafte Szene aus dem, was ich so mein Leben nenne, begibt sich am Mittwoch, anscheinend ein Fingerzeig auf irgendeinen Fehler, aber ich bin nicht sicher, wessen. Stecke im Ver- kehrschaos in einem Taxi Richtung Wall Street nach einem Power- frühstück im Regency mit Peter Russell, der mein Dealer war, ehe er einen richtigen Job fand, und Eddie Lambert. Russell trug einen Zweiknopf-Sportanzug aus reiner Wolle von Redaelli, ein Hemd von Hackert, eine Seidenkrawatte von Richel, eine Schurwoll- Bundfaltenhose von Krizia Uomo und Schuhe von Cole-Haan. Heute morgen ging’s in der Patty Winters Show um Schulmäd- chen, die Sex gegen Crack verkaufen, und ich hätte fast Lambert und Russell abgesagt, um sie nicht zu verpassen. Russell bestellte für mich, während ich in der Lobby telefonierte. Unseligerweise war es ein fett- und natriumreiches Frühstück, und ehe ich mich versah, wurden Teller mit gekräuterten Waffeln mit Schinken in Madeiracreme, gegrillten Würstchen und Quarkküchlein an un- serem Tisch abgeladen, und ich mußte den Kellner um eine Kanne koffeinfreien Kräutertee, einen Teller Mangospalten mit Blaubee- ren und eine Flasche Evian bitten. Im Licht des frühen Morgens, das durch die Fenster des Regency fiel, sah ich den Kellner groß- zügig schwarze Trüffel über Lamberts dampfende Eier hobeln. Ich gab mich geschlagen und verlangte ebenfalls schwarze Trüffel auf meine Mangospalten. Während des Frühstücks tat sich nicht viel. Ich mußte noch einen Anruf erledigen, und als ich zurückkam, sah ich, daß eine Mangospalte auf meinem Teller fehlte, aber ich wollte, niemand beschuldigen. Ich hatte anderes im Kopf: Hilfe für Ame- rikas Schulen, Vertrauensdefizit, Schreibtischsets, die neue Ära der Möglichkeiten und was für mich dabei rausspringen könnte, wie man an Tickets kommt, um Sting in der Dreigroschenoper zu sehen, die gerade am Broadway Premiere hatte, wie man mehr aufnehmen und weniger erinnern kann … Im Taxi trage ich einen doppelreihigen Schurwoll-Kaschmir- Mantel von Studio 000.1 von Ferré, einen Schurwollanzug mit Bundfaltenhose von DeRigueur von Schoenemann, einen Sei- denschlips von Givenchy-Gentleman, Socken von Interwoven, Schuhe von Armani, lese das Wall Street Journal mit der Ray-Ban auf und höre im Walkman ein Bix-Beiderbecke-Tape. Ich lege das Journal weg und greife mir die Post, nur um Page Six zu überflie- gen. An der Ampel an der Seventh und Thirty-fourth, im Taxi ne- ben meinem, sitzt, wenn ich nicht irre, Kevin Gladwin, in einem Ralph-Lauren-Anzug. Kevin schaut von der neuen Ausgabe von Money auf und sieht, wie ich ihn neugierig anschaue, ehe sein Taxi sich weiterschiebt. Das Taxi, in dem ich sitze, löst sich plötz- lich aus dem Stau und fährt rechts in die Twenty-seventh, nimmt den West Side Highway zur Wall Street. Ich lege die Zeitung weg, konzentriere mich auf die Musik und das Wetter, darauf wie kalt es für diese Jahreszeit ist, und langsam fällt mir die Art auf, wie mich der Taxifahrer im Rückspiegel mustert. Ein mißtrauischer, hungri- ger Ausdruck verzerrt seine Gesichtszüge – eine Ansammlung ver- stopfter Poren, Nasenhärchen. Ich seufze, kann mir schon denken, was kommt, ignoriere ihn. Man muß nur die Kühlerhaube eines Wagens öffnen und weiß, was für Leute den Wagen gebaut haben, ist eine der vielen Phrasen, unter denen ich ständig zu leiden habe., Aber der Fahrer klopft gegen die Plexiglas-Trennscheibe, beugt sich zu mir. Während ich den Walkman abnehme, merke ich, daß er alle Türen verriegelt hat – ich sehe die Türschließer einschnap- pen, höre das hohle Klicken, im Moment, als ich den Ton abstelle. Das Taxi rast schneller als zulässig über den Highway, auf der rech- ten Außenspur. «Ja?» frage ich verwirrt. «Was?» «Hey, ich kenne Sie doch?» fragt er mit schwerem, kaum ver- ständlichem Akzent, der genausogut New Jersey wie südländisch sein könnte. «Nein.» Ich will den Walkman wieder aufsetzen. «Sie kommen mir bekannt vor», sagt er. «Wie heißen Sie?» «Nein, tue ich nicht. Sie mir auch nicht», sage ich, dann, beim zweiten Nachdenken: «Chris Hagen.» «Ach was.» Er grinst, als würde irgendwas nicht stimmen. «Ich weiß, wer Sie sind.» «Aus einem Film. Ich bin Schauspieler», sage ich. «Ein Model.» «Nee, das war’s nicht», sagt er grimmig. «Na ja» – ich beuge mich vor, schaue nach seinem Namen – «Ab- dullah, bist du vielleicht Mitglied bei M.K.?» Er antwortet nicht. Ich schlage die Post wieder auf, ein Foto des Bürgermeisters im Ananaskostüm, schließe sie wieder und spule das Tape im Walkman zurück. Ich zähle stumm vor mich hin – eins, zwei, drei, vier –, meine Augen hängen am Zähler. Wa- rum habe ich heute morgen die Pistole nicht eingesteckt? Weil ich es nicht für nötig gehalten habe. Die einzige Waffe, die ich bei mir habe, ist ein Messer, das ich letzte Nacht benutzt habe. «Nein», sagt er. «Ich hab Ihr Gesicht schon mal gesehen.» Schließlich frage ich entnervt und versuche gelassen zu klingen:, «Haben sie das? Wirklich? Interessant. Wie wär’s, wenn Sie mal auf die Straße schauen, Abdullah?» Eine lange, ungemütliche Pause, in der er mich im Rückspiegel anstarrt und das grimmige Lächeln verschwindet. Sein Gesicht ist ausdruckslos. Er sagt: «Ich weiß. Mann, ich weiß, wer du bist», und er nickt, die Lippen fest zusammengepreßt. Das Radio, in dem die Nachrichten liefen, wird ausgeschaltet. Häuser rasen in grau-roten Schlieren vorbei, das Taxi passiert andere Taxis, der Himmel wechselt die Farbe von Blau zu Purpur zu Schwarz und wieder zu Blau. An einer anderen Ampel – einer roten, die er einfach überfährt – auf der anderen Seite des West Side Highway ein neues D’ Agostino’s an der Ecke, wo früher Mars war, und es treibt mir fast die Tränen in die Augen, weil es doch ein vertrauter Anblick war und weil ich für den Markt (auch wenn es keiner ist, in dem ich jemals kaufen würde) ebenso sentimentale Gefühle hege, wie für fast alles mittlerweile, und ich unterbreche fast den Fahrer, um ihm zu sagen, er soll ranfahren, mich ausstei- gen lassen, das Wechselgeld von einem Zehner – nein, einem Zwan- ziger – behalten, aber ich kann mich nicht rühren, weil er so schnell fährt und weil etwas mich hindert, etwas Undenkbares, Haarsträu- bendes, und es kann sein, daß ich es ihn sagen höre. «Du bist der Typ, der Solly kaltgemacht hat.» Seine Fresse ist zu einer entschlos- senen Grimasse geronnen. Wie alles andere geschieht auch das, was folgt, sehr schnell, obwohl es wirkt wie ein Ausdauertest. Ich schlucke, senke meine Sonnenbrille und bitte ihn, langsamer zu fahren, ehe ich frage: «Und wer, wenn ich fragen darf, ist Sally?» «Mann, dein Gesicht ist auf ’m Fahndungsplakat downtown», sagt er ungerührt., «Ich glaube, ich möchte hier anhalten», gelingt es mir zu kräch- zen. «Du bist der Typ, stimmt’s?» Er sieht mich an, als wäre ich eine Art Viper. Ein anderes Taxi, das Licht an, leer, kurvt um unseres herum, macht mindestens achtzig. Ich sage kein Wort, schüttele nur den Kopf. «Ich werde mir Ihre» – ich schlucke, zitternd, öffne meinen ledernen Kalender, hole einen Mont-Blanc-Füller aus der Bottega- Veneta-Aktentasche – «Lizenznummer aufschreiben …» «Du has Solly kaltgemacht», sagt er, er kennt mich eindeutig von irgendwoher, schneidet jedes weitere Leugnen meinerseits ab und grunzt: «Du Hurensohn.» Bei den Docks downtown schert er aus dem Highway aus und rast mit dem Taxi über einen verlassenen Parkplatz, und irgend- wie geht mir auf, jetzt, gerade als der Fahrer in und dann über ei- nen verfallenen, rostigen Aluzaun fährt, daß ich nichts anderes zu tun hätte, als meinen Walkman aufzusetzen, den Taxifahrer auszu- blenden, aber meine Hände sind zu unbeweglichen Fäusten ver- krampft, die ich nicht öffnen kann, gefangen in einem Taxi, das auf ein Ziel zuholpert, das nur der Taxifahrer, offensichtlich ein Geistesverwirrter, kennt. Die Fenster sind halb heruntergelassen, und ich spüre, wie kalte Morgenluft das Mousse auf meiner Kopf- haut trocknet. Ich fühle mich nackt, plötzlich winzig. Mein Mund schmeckt metallisch, dann wird es schlimmer. Mein Ausblick: eine winterliche Straße. Aber mir bleibt ein tröstlicher Gedanke: Ich bin reich – Millionen sind es nicht. «Sie müssen mich … irgendwie … verwechselt haben», sage ich. Er hält das Taxi an und dreht sich zum Rücksitz um. Er richtet, eine Pistole auf mich, deren Typ ich nicht erkenne. Ich starre ihn an, mein verstörter Gesichtsausdruck verändert sich. «Die Uhr. Die Rolex», sagt er schlicht. Ich höre es schweigend, winde mich im Sitz. Er wiederholt: «Die Uhr.» «Was soll das? Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?» frage ich. «Raus», spuckt er. «Scheiße noch mal, raus aus dem Wagen.» Ich starre am Kopf des Fahrers vorbei durch die Windschutz- scheibe auf Möwen, die niedrig über dem dunklen, bewegten Wasser schweben, öffne die Tür und steige aus dem Taxi, vorsich- tig, ohne hastige Bewegungen. Ein kalter Tag. Mein Atem dampft, Wind nimmt ihn auf und wirbelt ihn hoch. «Die Uhr, du Drecksack», sagt er, aus dem Fenster gelehnt, die Pistole auf meinen Kopf gerichtet. «Hören Sie, ich weiß nicht genau, was Sie sich dabei denken, was Sie hier vorhaben oder wieso Sie glauben, daß Sie damit durch- kommen. Mir sind nie Fingerabdrücke abgenommen worden, ich habe Alibis –» «Schnauze», grunzt Abdullah und schneidet mir das Wort ab. «Halt einfach deine Drecksschnauze.» «Ich bin unschuldig», schreie ich in tiefster Aufrichtigkeit. «Die Uhr.» Er spannt die Pistole. Ich löse die Uhr, ziehe sie mir vom Handgelenk und reiche sie ihm. «Brieftasche.» Er wedelt mit der Pistole. «Nur Cash.» Hilflos packe ich meine neue Brieftasche aus Antilopenleder aus und reiche ihm mit klammen, tauben Fingern schnell das Geld,, zum Glück sind es nur dreihundert Dollar, weil ich vor dem Po- werfrühstück nicht mehr zum Geldautomaten gekommen bin. Solly war, wie ich vermute, der Taxifahrer, den ich bei der Verfol- gungsszene im Herbst getötet habe, obwohl der Typ Armenier war. Gut möglich, daß ich auch einen anderen getötet habe und mir dieser spezielle Anlaß entfallen ist. «Was wollen Sie tun?» frage ich. «Gibt es eine Belohnung oder so?» «Nein. Keine Belohnung», brummt er, zählt mit der einen Hand die Scheine, die andere, mit der Pistole, noch auf mich gerichtet. «Woher wollen Sie wissen, daß ich Sie nicht anzeige und Ihre Li- zenz einziehen lasse?» frage ich und reiche ihm ein Messer, das ich gerade in meiner Tasche gefunden habe – sieht aus, als wäre es in einen Eimer Blut und Haare gefallen. «Weil Sie schuldig sind», sagt er, und dann: «Bleib mir vom Leib», mit der Pistole auf das verschmierte Messer deutend. «Das wissen ausgerechnet Sie», murmele ich wütend. «Die Sonnenbrille.» Er wedelt wieder mit der Pistole. «Woher wollen Sie wissen, daß ich schuldig bin?» Ich kann kaum glauben, wie ruhig ich die Frage stelle. «Sieh dich doch an, Arschloch», sagt er. «Die Sonnenbrille.» «Die ist teuer», protestiere ich, seufze dann, als ich meinen Feh- ler bemerke. «Ich meine billig. Wirklich billig. Nur … reicht das Geld nicht auch?» «Sonnenbrille. Her damit, aber schnell», grunzt er. Ich nehme die Wayfarers ab und gebe sie ihm. Vielleicht habe ich wirklich einen Solly getötet, obwohl ich mir sicher bin, daß alle Ta- xifahrer, die ich in letzter Zeit getötet habe, keine Amerikaner wa-, ren. Vielleicht doch. Vielleicht hängt wirklich ein Fahndungsplakat von mir im … wo die Taxis – der Platz, wo die ganzen Taxis stehen? Wie heißt er denn noch? Der Fahrer setzt die Sonnenbrille auf, sieht sich im Rückspiegel an, und nimmt sie dann wieder ab. Er klappt die Brille zusammen und steckt sie in seine Jackentasche. «Du bist ein toter Mann.» Ich lächle ihn grimmig an. «Und du bist ein Yuppie-Drecksack», sagt er. «Du bist ein toter Mann, Abdullah», wiederhole ich. Mit mir ist nicht gut Kirschen essen. «Warte auf mich.» «Aja? Und du bist ein Yuppie-Drecksack. Was ist wohl schlim- mer?» Er startet das Taxi und fährt weg. Auf dem Rückweg zum Highway bleibe ich stehen, schlucke aufsteigende Tränen herunter, meine Kehle ist zugeschnürt. «Ich will doch …» Ich sehe die Skyline und murmele wie ein Kind vor mich hin: «… doch nur, daß es weiterläuft.» Während ich wie an- gewurzelt dastehe, erscheint eine alte Frau hinter einem Plakat der Dreigroschenoper an der verlassenen Bushaltestelle, sie ist obdach- los und bettelt, humpelt zu mir rüber, das Gesicht voller Narben, die aussehen wie Käfer, und hält mir eine zitternde rote Hand hin. «Oh, bitte, warum gehen Sie nicht einfach», seufze ich. Sie sagt mir, ich soll mir die Haare schneiden lassen.,

Bei Harry’s

Ein Freitagabend, ein paar von uns haben früh Schluß gemacht und sind bei Harry’s gelandet. Zur Gruppe gehören Tim Price, Craig McDermott, ich selbst, Preston Goodrich, der im Moment mit einem echten Hardbody namens Plum, glaube ich – kein Nach- name, einfach nur Plum –, geht, einer Schauspielerin/Model, die wir anscheinend alle ziemlich hip finden. Wir sind uns nicht einig, wo wir fürs Dinner reservieren sollen: Flamingo East, Oyster Bar, 220, Counterlife, Michael’s, SpagoEast, Le Cirque. Robert Farrell ist auch da, den Lotus Quotrek, ein tragbarer Börsenticker, vor sich auf dem Tisch, und er drückt irgendwelche Knöpfe, während die letzten Aktiennotierungen vorbeiflimmern. Was trägt man heute? McDermott hat einen Kaschmir-Sportmantel an, eine Schurwoll- hose, einen Seidenschlips, Hermès. Farrell trägt eine Kaschmir- Weste, Lederschuhe, eine wollene Hose aus Cavalry-Twill, Garrick Anderson. Ich trage einen Schurwollanzug von Armani, Schuhe von Allen-Edmonds, Einstecktuch von Brooks Brothers. Ein an- derer trägt einen Maßanzug von Anderson und Sheppard. Einer, der wie Todd Lauder aussieht, vielleicht ist er’s sogar, gibt mir quer durch den Raum das Daumen-hoch-Zeichen, etc., etc. Fragen werden mir beiläufig hingeworfen, unter anderem: Gel- ten fürs Tragen eines Einstecktuchs dieselben Regeln wie für weiße Dinnerjacketts? Besteht überhaupt ein Unterschied zwischen Deck- schuhen und Top-Siders? Mein Futon ist jetzt schon durchgelegen und unbequem – was läßt sich da machen? Wie beurteilt man die Qualität von CDs vor dem Kauf? Welcher Krawattenknoten ist, zierlicher als der Windsor? Wie bleibt ein Sweater elastisch? Irgend- welche Tips beim Kauf eines Lammfell-Mantels? Ich denke natür- lich an andere Dinge, stelle mir meine eigenen Fragen: Bin ich ein Fitness Junkie? Mensch gegen Anpassung? Würde Cindy Crawford mich ranlassen? Hat es irgendeine Bedeutung, Waage zu sein, und wenn, wie belegt man das? Heute war ich besessen von der Idee, Sarahs Blut, daß ich aus ihrer Vagina gepreßt habe, in ihr Büro in der Mergers-Abteilung von Chase Manhattan zu faxen, und heute morgen war ich nicht beim Training, weil ich aus den Rückenwir- beln irgendeines Mädchens eine Halskette gemacht habe und zu Hause bleiben und sie um den Hals tragen wollte, während ich mir in der weißen Marmorwanne im Bad einen runterholte, grunzend und stöhnend wie ein Tier. Dann sah ich einen Film über fünf Les- ben und zehn Vibratoren. Lieblingsband: Talking Heads. Drink: J&B oder Absolut auf Eis. Fernsehsendung: Late Night with David Letterman. Limo: Diet Pepsi. Wasser: Evian. Sport: Baseball. Die Konversation folgt ihren eigenen ungeschriebenen Gesetzen – ohne echte Struktur, ohne Thema oder innere Logik oder Herz- lichkeit; abgesehen von, natürlich, der eigenen, verborgenen, kon- spirativen. Nur Worte, und wie im Film, aber in einem, in dem die Tonspur falsch läuft und das meiste überhängt. Es fällt mir irgend- wie schwer, ihr zu folgen, weil mein Geldautomat angefangen hat, mit mir zu sprechen, mir doch glatt manchmal schräge Botschaften auf dem Bildschirm zeigt, in grüner Schrift, wie: «Mach einen Rie- senaufstand bei Sotheby’s», «Töte den Präsidenten» oder «Fütter mich mit einer streunenden Katze», und dann bin ich fast durchge- dreht, als mir die Parkbank letzten Montagabend sechs Blocks weit nachlief und auch zu mir sprach. Auflösung – ich bringe sie zügig, hinter mich. Doch die einzige Frage, die ich über die Lippen bringe und zur Konversation beisteuere, ist ein besorgtes: «Ich gehe nir- gendwohin, wenn wir nicht irgendwo reserviert haben, also haben wir irgendwo reserviert oder was?» Ich bemerke, daß alle Dry-Beer trinken, bin ich der einzige, dem das auffällt? Ich trage auch eine Fensterglas-Brille aus Schildpattimitat. Im Fernseher bei Harry’s läuft die Patty Winters Show, die jetzt nachmittags kommt und gegen Geraldo Rivera, Phil Donahue und Oprah Winfrey antreten muß. Thema heute: Macht Geschäftser- folg glücklich? Die Antwort ist heute nachmittag, bei Harry’s, ein dröhnendes «Unbedingt!», gefolgt von großem Hallo, die Jungs prosten sich gutmütig zu. Jetzt sind Ausschnitte von Präsident Bushs Vereidigung auf dem Bildschirm, dann eine Ansprache des Ex-Präsidenten Ronald Reagan, zu denen Patty schwer verständ- liche Kommentare abliefert. Bald entspinnt sich eine ermüdende Diskussion darüber, ob er lügt oder nicht, obwohl wir kein Wort hören können. Der erste und eigentlich einzige, der sich beschwert, ist Price, der, obwohl ich glaube, daß ihn etwas anderes juckt, die Gelegenheit nutzt, um seinen Ärger abzulassen, und mit übertrie- ben fassungslosem Gesichtsausdruck sagt: «Wie kann man so un- verschämt lügen? Wie kann er mit der Scheiße hausieren gehen?» «O Gott», maule ich. «Welche Scheiße? Also, wo haben wir jetzt reserviert? Ich meine, ich hab eigentlich keinen Hunger, aber ich wüßte doch gerne, ob irgendwo reserviert ist. Was ist mit dem 220?» Dann ein Nachgedanke: «McDermott, wie ist es im neuen Zagat weggekommen?» «Bloß nicht», meckert Farrell, ehe McDermott antworten kann. «Der Koks, den ich letztesmal da bekommen habe, war so mit, Abführmittel gestreckt, daß ich tatsächlich bei M.K. scheißen mußte.» «Ja, das Leben ist ’ne Klobrille. Man macht viel durch.» «Tiefpunkt des Abends», murmelt Farrell. «Hattest du nicht Kyria mit, als du letztesmal da warst?» fragt Goodrich. «Wenn das nicht der Tiefpunkt war.» «Sie hat mich auf Call-waiting erwischt. Was sollte ich machen?» Farrell zuckt die Achseln. «Bitte demütig um Vergebung.» «Hat ihn auf Call-waiting erwischt.» McDermott knufft mich zweideutig. «Halt die Klappe, McDermott», sagt Farrell und flitscht McDer- motts Hosenträger. «Such dir doch ’ne Pennerin.» «Du hast eins vergessen, Farrell», wirft Preston ein. «McDermott ist ein Penner.» «Wie geht’s Courtney?» fragt Farrell Craig geifernd. «Just Say No.» Jemand lacht. Price reißt sich vom Bildschirm los, sieht Craig an und versucht sein Mißvergnügen zu kaschieren, indem er mich mit einem Wink zum Fernseher fragt: «Ich kann’s nicht glauben. Er sieht so … nor- mal aus. So … ungefährlich.» «Bimbo, Bimbo», sagt einer. «Abgang, Abgang.» «Er ist komplett harmlos, du Null. War total harmlos. Genau wie du total harmlos bist. Aber er hat die ganze Scheiße abgezogen, und du hast uns nicht ins 150 reingebracht, also, verstehst du, was soll ich dazu sagen?» McDermott zuckt die Achseln. «Es will mir nur einfach nicht in den Kopf, wie jemand so auf- treten kann, wenn er sich so total in die Scheiße gesetzt hat», sagt Price, ohne auf Craig zu achten, und wendet den Blick von Far-, rell ab. Er holt eine Zigarre heraus und begutachtet sie trübsinnig. Für mich sieht es immer noch aus, als hätte er einen Fleck auf der Stirn. «Weil Nancy hinter ihm gestanden hat?» vermutet Farrell und schaut vom Quotrek auf. «Weil Nancy es getan hat?» «Wie kannst du das so verdammt, ich weiß nicht, cool nehmen?» Price, mit dem etwas wirklich Unheimliches vorgeht, schaut ver- blüfft. Gerüchten zufolge soll er auf Entzug gewesen sein. «Manche Leute werden eben cool geboren, nehme ich an.» Far- rell lacht und zuckt die Achseln. Diese Antwort bringt mich zum Lachen, weil Farrell so offen- sichtlich uncool ist, und Price wirft mir einen strafenden Blick zu und sagt: «Und du Bateman – was findest du so irrsinnig ko- misch?» Ich zucke auch die Achseln. «Ich bin bloß eine Frohnatur.» Und dann, als mir mein Bruder einfällt, zitiere ich ihn und füge hinzu: «Rocking and Rolling.» «Jeder nach seiner Fasson», sagt jemand. «Oh, Bruder.» Price kann’s einfach nicht lassen. «Also», fängt er an, um eine rationale Einschätzung der Sachlage ringend. «Er gibt sich als harmloser alter Dachs. Aber innerlich …» Er bricht ab. Mein Interesse erwacht, flackert kurz auf. «Aber innerlich …» Price bringt den Satz einfach nicht zu Ende, kommt einfach nicht auf die letzten zwei Worte, die ihm fehlen: auch egal. Ich bin zugleich ent- täuscht und erleichtert für ihn. «Innerlich? Ja, innerlich?» fragt Craig gelangweilt. «Ob du’s glaubst oder nicht, wir hören dir tatsächlich zu. Mach hin.» «Bateman», sagt Price etwas nachgiebiger. «Na los. Was meinst, du?» Ich schaue auf, lächle, sage kein Wort. Von irgendwoher – Fern- seher? – erklingt die Nationalhymne. Warum? Weiß ich auch nicht. Vielleicht vor einem Werbespot. Morgen in der Patty Winters Show: Türsteher von Nell’s – Woher sie kamen, wohin sie gingen. Ich seufze, zucke die Achseln, was soll’s. «Das ist eine, äh, verdammt gute Antwort», sagt Price, fügt dann hinzu: «Du bist ein echter Spinner.» «Das ist das Interessanteste, was ich höre, seit» – ich schaue auf die neue goldene Rolex, die die Versicherung mir bezahlt hat – «McDermott die Idee hatte, wir sollten alle Dry-Beer trinken. Je- sus, ich brauche einen Scotch.» McDermott schaut hoch, grinst übertrieben und schnurrt: «Bud. Schlanke Flasche. Wunderhübsch.» «Hochkultiviert.» Goodrich nickt. Englands Superdandy Nigel Morrisson kommt an unseren Tisch und trägt eine Blume im Revers seines Paul-Smith-Jacketts. Aber er kann nicht lange bleiben, da er andere britische Freunde, Ian und Lucy, bei Delmonico’s treffen soll. Sekunden nachdem er gegangen ist, höre ich jemand lästern: «Nigel. Ein Pâté-Tiger.» Ein anderer: «Habt ihr gewußt, daß Höhlenmenschen mehr Bal- laststoffe zu sich nahmen als wir?» «Wer handelt den Fisher-Account?» «Vergiß es. Was ist mit der Shepard-Sache? Dem Shepard-Ac- count?» «Ist das David Monrowe? Was für ein Absteiger.» «Oh, Bruder.». «Um Himmels willen.», «… aalglatt und gerissen …» «Was ist für mich dabei drin?» «Das Shepard-Stück oder der Shepard-Account?» «Reiche Leute mit billigen Anlagen.» «Nein, Mädchen, die Alkohol vertragen.» «… halbe Portion …» «Feuer? Nette Streichhölzer.» «Was ist für mich dabei drin?» «Klar klar klar klar klar klar …» Ich glaube, ich bin es, der sagt: «Ich muß noch Videos zurück- bringen.» Jemand hat schon ein Minolta-Funktelefon ausgepackt und ei- nen Wagen gerufen, und dann, als ich nicht richtig hinhöre, weil ich einem, der Marcus Halberstam bemerkenswert ähnlich sieht, zusehe, wie er die Rechnung bezahlt, fragt jemand ganz schlicht, ohne erkennbaren Zusammenhang: «Warum?», und obwohl ich stolz auf meine Kaltblütigkeit bin und daß ich die Nerven habe zu tun, was von mir erwartet wird, schnappe ich etwas auf, ver- stehe dann: Warum?, und automatisch kommt meine Antwort, aus heiterem Himmel, ganz ohne Grund, mein Mund geht auf, Worte kommen heraus, noch mal zum Mitschreiben für die Idioten: «Na ja, obwohl ich weiß, ich hätte das tun sollen, anstatt es nicht zu tun, ich bin siebenundzwanzig, du lieber Himmel, und so, äh, präsen- tiert sich in einer Bar oder in einem Club in New York, vielleicht überall, nun mal das Leben im ausgehenden Jahrhundert, und so benehmen sich Leute wie, na ja, ich eben, und das ist, was Patrick zu sein für mich ausmacht, denke ich, also, na ja, klar äh …», und darauf folgt ein Seufzer, dann ein schwaches Achselzucken und, wieder ein Seufzer, und über einer der mit roten Samtportieren verkleideten Türen bei Harry’s ist ein Schild, und auf dem Schild stehen in farblich auf die Portieren abgestimmten Lettern die Worte KEIN AUSGANG.]
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