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Andrea Camilleri Der zerbrochene Himmel Andrea Camilleris persönlichstes Buch – eine groteske Parabel, die absichtlich jedes Maß überschreitet. Was ist die Welt aus der Sicht eines sizilianischen Jungen, der 1935 sechs Jahre alt ist? Eine chaotische Gemeinschaft von sogenannten Erwachsenen, die nach der Pfeife eines Duce namens Mussolini tanzen, miteinander seltsame Dinge tun und Kindern auf ernstgemeinte Fragen unverständliche Antworten geben. ISBN: 3-492-04680-0 Original: La presa di Macallè Aus dem sizilianischen Italienisch von Moshe Kahn Verlag: Piper Erscheinungsjahr: 2005 Dieses E-Book ...
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Andrea Camilleri Der zerbrochene Himmel

Andrea Camilleris persönlichstes Buch – eine groteske Parabel, die absichtlich jedes Maß überschreitet. Was ist die Welt aus der Sicht eines sizilianischen Jungen, der 1935 sechs Jahre alt ist? Eine chaotische Gemeinschaft von sogenannten Erwachsenen, die nach der Pfeife eines Duce namens Mussolini tanzen, miteinander seltsame Dinge tun und Kindern auf ernstgemeinte Fragen unverständliche Antworten geben. ISBN: 3-492-04680-0 Original: La presa di Macallè Aus dem sizilianischen Italienisch von Moshe Kahn Verlag: Piper Erscheinungsjahr: 2005

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, Buch Vigàta, 1935. Mussolinis Stimme tönt aus dem Radio und verkündet den Krieg gegen Abessinien; auch in Sizilien verfehlt die faschistische Propaganda ihre Wirkung nicht – ein recht bizarrer Zeitpunkt, um als neugieriger Junge die Welt zu entdecken. Schon früh steht für den kleinen Michilino fest: Er soll nicht nur Streiter Christi, sondern auch Soldat des Duce werden. Mit sechs Jahren darf er als »Sohn der Wölfin« die erste faschistische Uniform tragen. Kommunion und Firmung lassen ihn in die Miliz des Herrn aufsteigen. Doch ruft die Logik der Erwachsenen bei Michilino so manche Frage hervor: Wie kann es völlig in Ordnung sein, Abessinier zu töten, wenn doch die Gebote des Herrn im Himmel das Töten verbieten? Und was ist überhaupt ein Abessinier? Ein explosives Gemisch aus Erziehung, Lügen und Verführung vermittelt Michilino ein völlig verzerrtes Weltbild. Als er schließlich ausgerechnet dort, wo er Geborgenheit zu finden meint, eine schreckliche Wahrheit über seine Familie erfährt, fällt seine selbstgebaute heile Welt in sich zusammen. Und sein kindlich glühender Fanatismus verwandelt sich in ausgewachsene Zerstörungswut., Autor Andrea Camilleri wurde 1925 im sizilianischen Porto Empedocle geboren und lebt seit langer Zeit in Rom. Bis vor ein paar Jahren hauptsächlich als Drehbuchautor und Regisseur bekannt, ist er heute Italiens erfolgreichster Schriftsteller. Mit unwiderstehlichem Sprachwitz, einfallsreichen Geschichten und skurrilen Charakteren vermittelt er wie kein anderer die sizilianische Lebensart. Im Piper Verlag sind von ihm bereits erschienen: »Die sizilianische Oper«, »Jagdsaison«, »Das launische Eiland«, »Hahn im Korb«, »Eine Sache der Ehre« sowie das biographische Werk »Andrea Camilleri – Mein Leben« des italienischen Journalisten Saverio Lodato.,

Eins

In tiefer Nacht wurde er durch großes Gezeter und Gejammer, das aus dem Eßzimmer drang, geweckt. Aber es war ganz komisch, denn sowohl das Gezeter als auch das Gejammer klangen erstickt, wie wenn die, die da herumlärmten, nicht wollten, daß man ihren Lärm hörte. Michilino, ein kleiner Junge von knapp sechs, allerdings schon erfahren, sah sofort von der Bettstelle, wo er lag, zum großen Bett seines Vaters und seiner Mutter hinüber. Aber sie waren nicht da, sie waren aufgestanden, daher mußten sie es sein, die den Lärm machten: Als er jetzt nämlich seine Ohren spitzte, hörte er deutlich, daß es seine Mamà war, die das unverständliche Gezeter und Geheul von sich gab, wohingegen sein Papà manchmal halblaut dazwischen sagte: »Basta, Ernestì! Basta, du weckst ja den ganzen Ort auf! Denk dran, Ernestì, wenn ich wütend werde, dann kracht’s!« Michilino hatte sich halb aufgerichtet, um zu sehen, wie spät es war. Der Wecker stand auf dem Nachtkasten seiner Mutter – das war der, der näher an seinem Bettplatz stand –, neben einer Statue der Jungfrau Maria, vor der aus Verehrung immer ein Lichtlein brannte. Zahlen konnte er schon lesen, denn das hatte ihm Cousine Marietta beigebracht, die sechzehn war und, obschon sie wie eine fertige Frau aussah, oft mit Michilino beisammen war, mit ihm redete und manchmal mit ihm spielte, ganz so, als wäre sie selber noch ein kleines Mädchen. Es war vier Uhr morgens. Er betrachtete das große Bett genauer, die Bettücher waren zerwühlt und verknüllt, die Kopfkissen auf der Seite der Mutter lagen schief, was ein sicheres Zeichen dafür war, daß Papà und Mamà sich zuerst hingelegt hatten, dann aber wieder aufgestanden waren. Was konnte also geschehen sein? Neugier überkam ihn, er kletterte aus seiner Bettstelle, schlich, den Korridor entlang und kam zur Eßzimmertür, die einen Spalt offenstand, und durch den fiel der Schein der Lampe. An diesen Spalt schob er das Gesicht, prallte aber auf der Stelle zurück. Ein Kind, das seinen Heiland liebet, nichts um Erwachsener Reden giebet. Und er, der den Herrn Jesus doch liebte, hatte immer befolgt, was Mamà ihm wieder und wieder eingebleut hatte, nein, er hatte nie die Gespräche der Erwachsenen belauscht. Und manchmal, nachts, wenn er von einem Geräusch im großen Bett und von Mamàs Stimme aufgeweckt wurde, die winselte und »ah, ah« sagte, hatte er sich nicht gemuckst und die Augen nicht aufgemacht, um hinüberzuschielen. Doch diesmal überlegte er sich die Sache genau und sagte sich: Jetzt ist tiefe Nacht, und wahrscheinlich schläft der Herr Jesus doch und wird nichts von dieser einmaligen Enttäuschung mitbekommen, die er, Michilino, ihm bereitete. Wieder schob er das Gesicht an den Spalt und spähte vorsichtig ins Zimmer. Papà saß in Unterhosen auf einem Stuhl, hatte einen Ellbogen auf dem Eßtisch, sein Gesicht war rot und finster in die Hand gestützt, während Mamà im Nachthemd auf und ab durchs ganze Zimmer ging, sich von Zeit zu Zeit verzweifelt die Haare raufte und fest auf ihre Brüste schlug. Aber da war auch noch eine dritte Person im Zimmer, an die Michilino gar nicht gedacht hatte. Das war die Magd Gersumina, eine Sechzehnjährige, die Mamà als Dienstmädchen zu sich genommen hatte und die in einer Kammer neben der Küche schlief. Gersumina hatte viel Ähnlichkeit mit Cousine Marietta, der Unterschied war nur: Die Magd hatte so große Brüste, daß man denken konnte, es wären zwei Wassermelonen, wie sie im Sommer feilgeboten wurden und die aufgespalten wie die italienische Flagge aussehen: grün, weiß und rot. Auch Gersumina war im Nachthemd und saß auf einem Stuhl in der Nähe des Herdes. Sie weinte mit gesenktem Kopf. Hin und, wieder befahl ihr Mamà, wenn sie an ihr vorbeiging: »Sieh mich an, du Flittchen!« Und kaum gehorchte die Arme, versetzte Mamà ihr auch schon eine gewaltige Backpfeife. Wenn Gersumina dann versuchte, sich mit einem Arm zu schützen, packte Mamà sie bei den Haaren und zerrte daran: »Ich will mich an dir austoben, du Schlampe, nachdem mein Mann sich bei dir auch ausgetobt hat!« Als Michilino eine Weile zugeschaut hatte, entfuhr ihm ein Niesen. Die Bodenfliesen waren kalt, und er war barfuß. Er versuchte, es zurückzuhalten, doch am Ende schaffte er es nicht. Das Niesen war wie ein magischer Zauber. Alle waren auf der Stelle wie gelähmt und erstarrten zu Statuen. Als erste faßte Mamà sich wieder und rief: »Michilino!« Und stürzte zur Tür, gefolgt von Papà, der vor sich hinknurrte: »Dieser Junge geht mir auf die Eier, aber ganz gewaltig!« Mamà packte ihn an einem Arm und verpaßte ihm zwei Backpfeifen von der Art, wie Gersumina sie gerade abbekommen hatte. Papà dagegen versetzte ihm einen deftigen Tritt in den Arsch. »Geh sofort wieder ins Bett und schlaf!« Doch es gelang ihm nicht einzuschlafen. Dann dachte er, das beste wäre, den Kopf unters Kissen zu stecken, die Ohren mit den Händen zuzuhalten und zu weinen. So tröstete ihn sein eigenes Weinen ganz allmählich, und er schlief ein. Am nächsten Morgen wurde er von seiner Mutter geweckt, die noch im Nachthemd war und gerötete Augen hatte. Michilino war zwar noch todmüde, aber er gehorchte. Mamà erklärte ihm, daß Papà für ein paar Tage verreist sei, daß die Magd Gersumina nicht mehr bei ihnen arbeite, daß sie selber eine Woche bei ihrem Vater und ihrer Mutter verbringen würde, also bei Nonno Aitano und Nonna Maddalena., Plötzlich sah sich Michilino allein im Haus und ganz verlassen. Und er bekam Angst. »Und ich?« fragte er mit bebender Stimme. »Während ich bei den Großeltern bin, gehst du zu Onkel Stefano und schläfst bei ihm zu Haus. Ich hab deinen Koffer schon gepackt. In Kürze kommt Marietta und holt dich ab.« Das gefiel ihm gut. Nach einer halben Stunde stellte sich Marietta ein. Sie sah ernst aus, sehr ernst. So hatte Michilino sie noch nie gesehen. Sie umarmte Mamà, die gleich anfing zu heulen, während die Cousine sie tröstete und ihr mit den Händen auf den Rücken klopfte. Kaum waren sie aus dem Haus, veränderte Marietta ihren Gesichtsausdruck und war wieder die von immer, schön und lachend. Sie ging und hielt in der einen Hand das Köfferchen und in der anderen die Hand Michilinos. Manchmal blieb sie stehen, weil sie einen Lachkrampf bekam und sich die Augen abtrocknen mußte. Auch die Leute blieben stehen und sahen sie beide an. Und Leute gab es viele auf der Straße, denn es war Sonntag. »Warum lachst du so, Mariè?« »Nichts, nichts, geh schon weiter.« Endlich kamen sie zu Hause bei Marietta an. Tante Ciccina und Onkel Stefano, der Vater und die Mutter von Marietta, umarmten und küßten ihn. »Armer Kleiner!« seufzte Tante Ciccina und drückte ihn fest an sich. Und dann blickte sie böse zu ihrem Mann: »Ihr Männer, ihr seid doch alle zum Kotzen!« Michilino war’s, als wäre er bei den Mamelucken, denn er verstand kein Wort. »Wir haben dir dein Zimmer gerichtet«, sagte Marietta. »Ich zeig’s dir.« Es war überhaupt kein Zimmer, sondern ein Loch, in dem, gerade mal eine Bettstelle, ein Nachttisch und ein Stuhl Platz hatten. »Muß ich alleine schlafen?« fragte Michilino erschreckt. »Ja«, sagte die Cousine. Michilino brach in verzweifeltes Weinen aus. »Nein! Nein!« »Was ist denn? Was ist los?« fragten Onkel Stefano und Tante Ciccina, während sie zu diesem Loch rannten. »Er will hier nicht schlafen«, erklärte Marietta. »Aber wo willst du dann schlafen?« fragte ihn Tante Ciccina. »Bei euch«, sagte Michilino und zog den Rotz hoch, der ihm aus der Nase lief. »Aber unser Zimmer ist doch klein«, erklärte Onkel Stefano. »Die Pritsche für dich geht da gar nicht rein«, setzte Tante Ciccina noch drauf. »Ich hab Angst, wenn ich alleine schlafe!« verkündete der Kleine unbeugsam. Onkel Stefano, Tante Cicinna und Marietta, also die gesamte Familie Ardigò, sahen sich an. »Dann schläfst du eben bei mir«, sagte Cousine Marietta abschließend. Die Familie Ardigò mit dem neu angekommenen Neffen Michilino ging, wie gewohnt, zur heiligen Messe um die Mittagsstunde. Bevor sie das Haus verließen, wandte sich Tante Ciccina mit einer inständigen Bitte an ihren Mann. »Stè, ganz sicher wird es da ein Arschloch geben, das uns wegen der Vorfälle heute nacht im Haus meiner Schwester Ernestina dumm kommen wird. Ich bitte dich inständig, tu so, als würdest du nichts, aber auch gar nichts sehen oder hören.« »Ich kann nicht so tun, als wäre ich taub oder blind«, erwiderte, Onkel Stefano, der ein Mann von Prinzipien war, »wenn mir jemand dumm kommt, reiß ich ihm den Arsch auf.« Sie hörten die heilige Messe, Onkel Stefano ging acht mit Ricotta gefüllte Cannoli kaufen, und nichts geschah. Der Tag verging, und es kam die Stunde, da alle zu Bett wollten. In Mariettas Zimmer schaute Michilino der Cousine zu, die sich die Bluse ausgezogen hatte und nun im Büstenhalter dastand. Danach, als sie den Rock herunterstreifte, redete sie mit ihm. »Ziehst du dich denn nicht aus?« »Mamà zieht mich immer aus.« »Soll ich dich ausziehen?« »Ja.« Sobald Marietta in Schlüpfer und Büstenhalter war, setzte sie sich auf den Bettrand und sagte: »Komm her.« Michilino kam zu ihr, und die Cousine begann, ihn auszuziehen. Nicht daß Mariettas Hände ganz anders gewesen wären als die seiner Mutter, sie hatten sogar ganz genau die gleiche Feinheit. Aber wie kam es, daß es viel schöner war, sich von der Cousine ausziehen zu lassen? Als Marietta ihm die Unterhosen auszog, warf sie unvermittelt und völlig verblüfft den Kopf nach hinten. »Oioioi!« rief sie aus. »Was ist denn?« »Nichts, gar nichts.« Wie konnte es sein, daß ein kleiner Junge von sechs Jahren eine Rute hatte wie ein ausgewachsener Mann? Genau ein Jahr zuvor hatte Marietta nämlich das Maß eines jungen Mannes kennengelernt, das war, als sie sich mit Balduzzo in einem Strohhaufen versteckt hatte und Balduzzo, der eine Woche später in den Krieg sollte, angefangen hatte, sie heftig auf den Mund, auf die Brüste, auf den Bauch zu küssen, und sich dann, aufgeknöpft und Mariettas Hand beigebracht hatte, was sie tun sollte. Das war dann noch einmal vorgekommen, bevor Balduzzo abreiste. Und dann hatte Marietta auch immer wieder kleine nackte Jungen auf den Feldern spielen gesehen, aber noch keinen, der diese Ausmaße hatte. Als sie Michilino das Nachthemd übergezogen hatte, sagte sie: »Ist besser, wenn du an der Wand schläfst.« »Wieso?« »Weil ich Angst habe, du fällst aus dem Bett, wenn du dich im Schlaf umdrehst.« Als sie nebeneinanderlagen, beteten sie. Dann machte Marietta das Licht aus, und sie wünschten sich eine gute Nacht. Aber es war gar nicht so leicht einzuschlafen, weder für Michilino noch für Marietta. Michilino spürte die Wärme von Mariettas Körper, die ganz anders war als die seiner Mutter, wenn sie zusammen schliefen: ganz anders, denn während Mamàs Wärme ihm den Schlaf brachte, vertrieb Mariettas Wärme seinen Schlaf. Und bei Marietta war es so, daß ihr, nachdem sie Michilino nackt gesehen hatte, Balduzzo im Strohhaufen wieder in Erinnerung kam, der ihre Hand nahm und ihr leise ins Ohr flüsterte, was sie tun sollte. Ihr entfuhr ein unendlich langer Seufzer. »Was hast du?« fragte der Kleine sofort. »Ich kann nicht schlafen.« »Ich auch nicht. Wollen wir miteinander reden?« »Ja«, sagte die Cousine, »aber reden wir ganz leise, sonst hören uns meine Eltern.« Sie legten sich auf die Seite, und zwar so dicht, daß Michilino den Atem des jungen Mädchens in seinem Gesicht spürte. »Warte, ich zieh mir den Büstenhalter aus, der drückt so.« Sie setzte sich halb auf, nestelte ein bißchen herum und legte sich dann wieder hin wie zuvor. »Worüber willst du reden?«, »Erzähl mir, was gestern nacht bei mir zu Hause passiert ist.« Marietta fing wieder an zu lachen, wie sie es schon am Vormittag getan hatte, als sie auf der Straße waren. Nur, daß sie jetzt nicht so offen lachen konnte, und so steckte sie ihr Gesicht ins Kissen, damit man nichts hören konnte. Nachdem sie sich ausgeschüttet hatte vor Lachen, fing sie an zu erzählen. »Vergangene Nacht wachte Tante Ernestina, deine Mutter, auf und sah, daß ihr Mann, Onkel Giugiù, dein Vater, nicht mehr im Bett lag. Sie dachte, er wäre mal austreten und wartete. Doch als er nicht zurückkam, stand sie nach einer Weile auf und ging ihn suchen. Sie suchte und suchte, konnte ihn aber nicht finden. Plötzlich hörte sie die Stimme ihres Mannes aus der Kammer der Magd. Sie öffnete die Tür und sah, was sie sah.« Und hier wurde Marietta wieder von einem Lachanfall gepackt, während Michilino sie an der Schulter schüttelte und flehte, sie möge doch weitererzählen. »Und was hatte sie gesehen? Was?« »Sie hatte gesehen, daß Onkel Giugiù und Gersumina unanständige Dinge taten.« »Was sagst du denn da?« »Du weißt doch wohl, was unanständig ist?« »Ja. Unanständig ist einer, wenn er schmutzige Wörter sagt, wenn er wie ein Karrenkutscher oder ein Hafenarbeiter flucht, solche Leute eben. Ich bin auch unanständig.« »Du?« »Jawohl, meine Dame. Mamà sagt das immer, wenn ich mit offenem Mund esse, wenn ich in der Nase bohre … Sind das nicht unanständige Dinge?« »Das wohl auch, aber …« Wieder ein Lachanfall und dann: »Ich glaube nicht, daß dein Vater mit seinem Finger in Gersuminas Nase herumgebohrt hat.« »Was haben sie denn dann gemacht?«, »Du bist noch klein, ich kann dir das nicht erklären. Schlafen wir jetzt.« »Darf ich meinen Kopf auf deine Brust legen?« »Ja.« Nachdem er seinen Kopf zwischen die Brüste der Cousine gelegt hatte, schlief er nach nicht einmal zehn Minuten ein. Als Marietta sicher war, daß der Kleine schlief, streckte sie ganz langsam die Hand aus. Beim Hinlegen hatte Michilinos Nachthemd sich nämlich bis zur Hüfte hochgeschoben. Die Hand des jungen Mädchens fand, wonach sie suchte, und legte sich leicht darauf wie ein Schmetterling. Und so konnte auch Marietta nach einer Stunde des Seufzens endlich einschlafen. Doch der Schlaf wurde oft unterbrochen, weil das junge Mädchen, gewohnt, alleine zu schlafen, durch die Anwesenheit eines anderen Körpers zu Haltungen gezwungen wurde, die ihr nicht entsprachen. Am Ende beschloß sie, Michilinos Kopf ganz vorsichtig von ihren Brüsten zu heben, sich auf die andere Seite zu drehen und dem Kleinen den Rücken zuzukehren. Und was sollte es schon, wenn sie dadurch nicht mehr die Hand an der Stelle lassen konnte, wo sie vorher gelegen hatte. Doch sie wurde entschädigt. Zu einer bestimmten Stunde, als der frühe Tag gerade anfing zu dämmern, schob Michilino sich dicht an sie heran und klebte mit seinem Körper an ihrem. Und im Schlaf umfaßte er ihre Hüfte. Sie schob den Rücken ein kleines bißchen nach hinten, bis sie fühlte, daß das Paket des Kleinen sich an ihre Nieren preßte. Und das war die Schlafstellung, die sie die ganzen vier Nächte einnahmen, in denen Michilino im Bett der Cousine schlief. Am Morgen des fünften Tags fand sich Mamà im Hause Ardigò ein, um den Kleinen wieder mitzunehmen. Ihre Augen glänzten vor Zufriedenheit. Tante Ciccina schleppte ihre Schwester Ernestina ins Schlafzimmer, und sie redeten äußerst angeregt miteinander. Während Cousine Marietta Michilinos Sachen in den Koffer packte, fragte er sie, was jetzt eigentlich, los sei. »Dein Vater und deine Mutter haben sich wieder vertragen. Und daher gehst du jetzt nach Hause zurück.« »Tut mir leid, daß ich nicht mehr bei dir schlafen kann«, sagte der Kleine. »Auch mir tut’s leid«, sagte Marietta. Und dann fügte sie mit einem ganz leichten Lächeln auf den Lippen hinzu: »Aber ich glaube nicht, daß es keine Gelegenheit mehr gibt.« Als Papà sah, daß Michilino nach Hause gekommen war, freute er sich unbändig, umarmte ihn, küßte ihn und drückte ihn fest an sich. Dann sagte er ihm ins Ohr: »Ich hab dir ein Geschenk mitgebracht.« Und während Mamà in der Küche Voglio vivere così I col sole in fronte sang, ein Lied von Carlo Buti, das sie besonders gern mochte, holte Papà eine bunte Schachtel von der Anrichte. Michilino erkannte die Figuren, die darauf gemalt waren und die er bereits in einer Reklame von Mickymaus gesehen hatte: Es war der berühmte Revolver Smitt und Wessen, mit dem Buffalo Bill Krieg gegen die Indianer geführt hatte. Der hier, und das wußte Michilino genau, war nur eine Attrappe, ein Spielzeug, er schoß nur Knallplättchen, die tschak-tschak machten, aber Papà hatte ihm versprochen, daß er ihn, sobald er ein junger Mann sein würde, mit langen Hosen und mit Bart, mit seinem echten Revolver schießen lassen würde, der eine Beretta war und den er immer geladen in der obersten Schublade der Siebentagekommode aufbewahrte. Nach dem Essen brachte Mamà eine Cassata siciliana zu Tisch, die Papà gekauft hatte, und eine Flasche Marsala. »Was für ein Fest ist denn heute?« fragte Michilino, der für Süßspeisen wie Cassata und Cannoli sein Leben hingegeben hätte., »Ein Fest, das nur uns angeht. Stimmt’s nicht, Giugiù?« antwortete Mamà und schaute Papà dabei an, der ihre Hand nahm und sie fest drückte. »Ich will noch ein Stück Cassata«, sagte Michilino, der seine Portion bereits verschlungen hatte und von der guten Stimmung profitieren wollte, die im Haus herrschte. »Nein«, sagte Mamà. »Hinterher hast du Bauchweh.« Michelino hatte den Revolver auf seine Knie gelegt, packte ihn, hob ihn hoch, zielte mitten zwischen Mamàs Augen und feuerte zwei Schüsse, tschack-tschack. Mamà blickte finster. »Michilì, das finde ich überhaupt nicht gut.« Papà fing an zu lachen. »Aber was denn, Ernestì! Du ärgerst dich, nur weil der Kleine spielt?« Mamà wollte ihm gerade antworten, als es an die Tür klopfte. Da stand sie auf und ging öffnen. Sie fand sich vor einem Mann, der auf seiner Schulter einen großen Karton trug, der sehr schwer sein mußte. »Was ist das?« fragte Mamà. »Wo stell ich den ab?« fragte seinerseits der Mann, der die Last so schnell wie möglich loswerden wollte. »Es ist das Radio, das du dir gewünscht hast«, sagte Papà, der aufgestanden war und auch den Teil der Tür öffnete, der immer zu war. Mamà stieß einen Freudenschrei aus. »Stellen Sie ihn hier hin«, sagte sie und deutete auf eine Ecke im Zimmer. »Hier ist eine Steckdose.« Der Mann stellte das Paket da ab, wo Mamà es wollte, aber er machte es nicht auf. »Später«, sagte er, »kommt Signor Contino vorbei, der es aufbaut und Ihnen erklärt, wie es funktioniert.«, Der Mann ging fort, und Mamà blieb vor dem Karton stehen, hatte ihre Hände wie zum Gebet gefaltet, wie sie es manchmal vor der Heiligen Jungfrau tat. Papà nahm sie am Arm. »Michilì, ich und Mamà gehen jetzt ein bißchen schlafen. Du bleibst hier und spielst und versuch bitte, keinen Schaden anzurichten.« Kaum hatte er gehört, daß sie den Schlüssel ins Schloß steckten und die Schlafzimmertür abschlossen, setzte er sich rittlings auf einen Stuhl, und mit dem Revolver in der Hand galoppierte er über die unendlichen Prärien des Wilden Westens auf der Jagd nach Indianern. Diese Indianer hatten nicht nur eine rote Haut, sondern waren auch angemalt und hinterhältig, und wenn sie den Feind mit Pfeilen niedergestreckt hatten, lösten sie die Schädelschwarte mit allen Haaren ab, und dieses Ding hieß Skalp. Er hatte ein paar Figuren aus einem der Groschenhefte herausgeschnitten, die sein Vater ihm jede Woche kaufte, daher wußte er, wie er es machen mußte: Dem ersten Indianer, den er tötete, nahm er den Skalp ab, auf diese Weise würde auch der Indianer spüren, was er seinen Feind spüren ließ. Doch so sehr er auch umherblickte, sogar mit der Hand als Visier über den Augen, um sich vor dem Sonnenschein zu schützen, konnte er in der Prärie auch nicht einen Indianermann ausmachen. Wie war das nur möglich? Sollten sie etwa flach auf der Erde liegen und wie Schlangen vorwärtskriechen? Es klopfte. Er stieg vom Stuhl und ging öffnen. Da stand jemand mit einem Paket. »Ich heiße Contino. Rufst du mal deinen Vater oder deine Mutter?« Und während er das sagte, trat Signor Contino ein und machte sich daran, das große Paket zu öffnen. Michilino blieb vor der Schlafzimmertür stehen, doch bevor er klopfte, lauschte er erst einmal, ob sein Vater noch wach war oder bereits schnarchte, wie er es immer im Schlaf tat. Sie schliefen nicht, weder Papà noch Mamà, sie machten die gleichen Geräusche, die er manchmal nachts hörte, Papà, der wie ein Blasebalg so schwer, atmete, Mamà, die »ah! ah!« winselte, und das Bett, das hüpfte. Er hob die geballte Hand und klopfte. Schlagartig hörten die Geräusche auf. »Papà.« »Was willst du, du Stinksack?« fragte Papà wütend. »Signor Contino ist da.« Er hörte, wie sein Vater sakramentierte. »Sag ihm, ich komme gleich.« Er ging zurück und sagte es und blieb verwundert stehen, um das Radio anzuschauen. Das war ein Möbelstück auf vier Beinen, groß und glänzend, mit etwas, das aussah wie eine viereckige Uhr, mit etwas draufgeschrieben, und unterhalb der Uhr waren vier große Knöpfe, die man drehen konnte. Signor Contino steckte den Stecker in die Steckdose, die viereckige Uhr fing an zu leuchten, und dann gab es eine Entladung, die wie ein Gewitterblitz aussah. Voller Angst sprang Michilino zurück. Dann kam Papà, der ein klein wenig verärgert war. »Buongiorno«, sagte er trocken. »Ich habe Sie später erwartet.« »Habe ich Sie gestört?« fragte Signor Contino. »Sie wissen ja, wie das ist«, sagte Papà. »Ich war gerade eingeschlafen.« Was war denn das? Erzählte sein Vater jetzt Lügenmärchen? Es stimmte doch gar nicht, daß er geschlafen hatte. Und Mamà sagte immer und immer wieder, daß der Herr Jesus auch für die Lügen leidet, die alle, Männer wie Frauen, auf der ganzen Welt erzählten. Aber er würde es niemals zulassen, daß der Herr Jesus um seines Vaters willen leiden mußte. Für diese Sünde sollte er bezahlen. Er hob den Revolver, zielte und schoß zweimal, tschack-tschak, mitten in die Stirn. Nachdem Signor Contini erklärt hatte, wie das Radio funktioniert, und gegangen war,, tauchte Mamà im Morgenmantel auf. »Du bist aufgestanden?« sagte Papà. »Ich bin noch müde. Jetzt gehen wir wieder rüber.« Er nahm eine Hand von Mamà und versuchte, sie mit sich zu ziehen. Doch Mamà befreite ihre Hand. »Giugiù, jetzt ist mir nicht mehr danach.« Und dann, mit Blick auf das Radio, rief sie: »Madonna Madunnuzza, ist das schön!« »Es ist das beste, das man bekommen kann«, sagte Papà stolz. »Es heißt His Master’s Voice, es hat acht Birnen und zusätzlich ein Grammophon.« Er hob den Deckel des Möbelstücks hoch. »Da ist es.« Mamà machte einen Luftsprung und klatschte in die Hände wie ein kleines Mädchen. »Und kaufst du mir Schallplatten?« »Schon gekauft!« sagte Papà und zeigte auf das Paket, das Signor Contino mitgebracht hatte. »Weißt du was?« sagte Mamà und nahm Papàs Hand. »Jetzt werde ich wieder ganz furchtbar müde.« Michilino hörte, wie die Tür ein anderes Mal verschlossen wurde. Wieder bestieg er sein Pferd und machte sich erneut auf die Suche nach den verdammten Indianern, die sich nicht blicken ließen. In den folgenden drei Monaten, nämlich Juli, August und September, ereigneten sich für Marietta und Michilino ein paar Dinge, die erzählt werden sollen. Für Marietta ereignete sich, daß Balduzzo einen sechstägigen Heimaturlaub bekam: Das junge Mädchen sah ihn unter ihrem Fenster hergehen, kaum daß er angekommen war und also noch, die Uniform trug, eingeklemmt zwischen seinem Vater und seiner Mutter, die zum Bahnhof gegangen waren, um ihn abzuholen. Sein Vater trug den Koffer, während seine Mutter ihn hin und wieder küßte und dann weinte. Santa Maria, wie schön Balduzzo war in seiner Soldatenuniform! Was für Schultern! Was für Schenkel! Marietta fühlte die Sinne schwinden. In Höhe des Fensters blickte Balduzzo nach oben, Marietta senkte den Blick. Sie sahen sich an, sie sprachen mit Blicken, sie verabredeten sich. Tags darauf, um drei Uhr nach dem Mittagessen (das bedeutete es nämlich, als Balduzzo dreimal mit den Augenlidern geschlagen hatte), ging Marietta in die Strohscheune. Balduzzo stürzte nicht ganz fünf Minuten später herein, außer Atem, denn er war gerannt. Mit einem Anflug von Enttäuschung bemerkte das junge Mädchen, daß der junge Mann sich verändert hatte, jetzt trug er normale Kleidung. Balduzzo war von Natur aus schweigsam, selten ein Wort und dann nur ein knappes. Ja, er grüßte sie nicht einmal, er blieb stehen und betrachtete sie, mit auseinandergestellten Beinen, die Fäuste in der Hüfte. Wie ein Stier sah er aus, fast stob Rauch aus seinen Nüstern. Und in diesem Augenblick wußte Marietta, daß Balduzzos Blick, einem Abbild gleich, haargenau der von Benito Mussolini war, wenn er in der Wochenschau im Kino auftrat, die vor dem Film gezeigt wurde. Dieser hypnotische Blick von Balduzzo war es, der ihr wortlos befahl, sich langsam das Bolerojäckchen auszuziehen, die Bluse, den Büstenhalter, den Rock, den Schlüpfer. Sie gehorchte umgehend, ohne Einwände, ohne Scham, verzaubert, von der Magie dieses gebieterischen Blicks erfüllt. Während sie sich auszog, tat Balduzzo das gleiche. Das Scheunentor hatte der junge Mann geschlossen, doch ließ es noch ein großes Bündel Licht im oberen Teil herein, wo ein halbes Brett fehlte. Als Marietta sich auf die Erde legte, war es, als schnitte diese Klinge aus Licht ihr den Kopf ab. Der junge Mann warf sich auf sie, und Marietta schloß die Augen., Sie erwartete, er würde sie streicheln und ihre Brüste küssen wie bei den anderen Malen, deshalb traf sie der plötzliche Schmerz zwischen den Schenkeln völlig unerwartet. »Au!« schrie sie. Balduzzo, der ganz in sie eingedrungen war, legte eine Hand auf ihren Mund. Marietta biß hinein. Darauf fing der junge Mann an sich zu bewegen. Er zog ihn heraus und stieß ihn hinein, er zog ihn heraus und stieß ihn hinein, er zog ihn heraus und stieß ihn hinein, heraus und hinein, heraus und hinein, hinein, hinein. Und kaum spürte Marietta drinnen eine eigentümlich flüssige Wärme, sagte Balduzzo: »Hab abgespritzt.« Und blieb verloren am Boden liegen wie eine atmende Leiche. Als er sich wieder gefangen hatte, stand er auf, wischte sich mit einem Taschentuch ab und zog sich wieder an. Marietta bemerkte, daß zwischen ihren Schenkeln Blut war. Sie rückte beiseite, fand ihr Bolerojäckchen, zog ein Taschentuch heraus, spuckte darauf und machte sich eilig sauber. »Morgen zur gleichen Zeit«, sagte Balduzzo, als er hinausging. Insgesamt gelang es ihnen, sich noch zweimal in der Strohscheune zu treffen. Und bei jedem Mal, wenn Balduzzo nach sechs oder sieben Stößen kam, wurde Mariettas Schmerz größer. Es war, als ob an einem heißen Sonnentag, an dem sogar die Eidechsen ohnmächtig werden, ein verdurstender Mann einen Krug mit frischem Wasser vor sich sähe, doch wenn er die Hand ausstreckte, um ihn zu fassen, der Krug zu Boden fallen, das Wasser sich auf die Erde ergießen und der Mann noch durstiger als vorher würde. Beim letzten Treffen betrachtete Marietta Balduzzo absichtlich, der nackt neben ihr lag, sie wollte ihn im Geist immer bei sich tragen für die lange Zeit, in der sie ihn nicht mehr sehen konnte. Während der junge Mann, sich wieder die Unterhosen anzog, dachte Marietta, daß Balduzzos Rute im Ruhezustand haargenau so war wie die von Michilino. »Baldù, und was, wenn du mich geschwängert hast?« Balduzzo küßte sie auf den Mund, und Marietta schossen Tränen in die Augen. »Mach dir keine Sorgen. Sobald ich den Militärdienst hinter mir habe und nach Hause komme, verloben wir uns, und dann heiraten wir.« Michilino widerfuhren dagegen sehr viele und sehr unterschiedliche Dinge. Am zweiten Sonntag im Juli kam in aller Frühe Nonno Aitano an, Mamàs Vater, in seinem Automobil, einem Lancia Astura, packte die ganze Familie hinein und brachte sie aufs Land, nach Cannateddru, wo er ein Haus besaß. Dort erwartete ihn seine Frau, Nonna Maddalena, die schon um sieben in der Frühe aufgestanden war, um ein großes Essen vorzubereiten: Pasta mit Ragout, Zicklein im Rohr mit Kartoffeln, gebratene Salsicce. Papà hatte eine Cassata gekauft. Die Großen aßen und tranken mit großem Appetit, Michilino ebenso. Und am Ende verputzte er noch zwei Scheiben Cassata mit zwei Limonaden. Nach dem Mittagessen legten sich die Erwachsenen auf die Betten, während Michilino wach blieb und sich selbst überlassen war. Er fühlte sein Blut blubbern wie die Limonade, die er getrunken hatte, leicht und spritzig. Daher beschloß er, daß mit aller Sicherheit dies der Ort war, wo er endlich einen Indianer töten und auch seinen Skalp nehmen würde. Den Revolver, um ihn zu erschießen, hatte er ja schon. Er ging in die Küche, nahm ein scharfes langes Messer mit einer Spitze und schlich sich aus dem Haus. Er war felsenfest der Überzeugung, daß dies genau der richtige Tag war. Als er sich vom Haus zum Gemüsegarten hin entfernte, bemerkte er eine Art Bewegung und Lebendigkeit zwischen den Blüten und Blättern des Jasminbuschs. Er erstarrte, sein Arm mit dem Revolver war ausgestreckt, sein Herz raste. Und aus dem, Busch trat ein Indianer hervor. Ein kleiner Indianer, der bellte und auf ihn zulief. Klein zwar, aber immerhin ein wilder, hinterhältiger Indianer. Michilino stand still, nahm das Ziel ins Visier und ballerte das gesamte Magazin auf ihn ab. Er mußte ihn wohl verletzt haben, denn das Indianerjunge kroch auf seine Füße. Michilino legte den Revolver auf die Erde, den er jetzt nicht mehr gebrauchen konnte, packte das Messer mit beiden Händen und stieß es mit aller Kraft in den Hals des Indianers, wobei er gleichzeitig einen Schritt zurück machte. Der Stoß hatte den Hals des Feindes durchbohrt und ihn an die Erde geheftet. Michilino sah ihn sterben, zuvor wand sich der Feind, fast schraubte er sich, um sich zu befreien, dann durchfuhr ihn ein unbändiges Zittern, das immer schwächer wurde, während weiter ein Winseln aus seinem kleinen weit aufgerissenen Maul kam, aus dem sich Blut und Speichel erbrachen. Als Michilino sicher war, daß sein Opfer nicht mehr lebte, setzte er sich, richtete den Kopf des Indianers sorgfältig aus und fing an, mit der Messerspitze zu hantieren. Er versuchte es immer wieder, irrtümlich bohrte er ihm ein Auge aus, irrtümlich schnitt er ihm ein halbes Ohr ab, aber es gelang ihm nicht, den Skalp abzuziehen. Augenscheinlich verlangte dies eine Erfahrung, die er noch nicht besaß. Schweren Herzens ließ er ab. Er packte den Kadaver beim Schwanz und versteckte ihn hinter dem Jasminbusch. In einem Eimer Wasser, der neben dem Brunnen stand, wusch er das Messer, goß das rötlich gewordene Wasser auf der Erde aus, nachdem auch er sich die Hände gereinigt hatte, brachte das Messer zurück in die Küche und atmete tief ein. Er war zufrieden. Das andere Erlebnis war am zehnten August, als er bei Nonno Filippo und Nonna Agatina auf dem Land war und seinen sechsten Geburtstag feierte. Nonno Aitano kam eigens herüber und schenkte ihm ein Tretmobil, Nonno Filippo einen Tretroller, Mamà hatte für ihn die fix und fertige Uniform eines »Sohnes der Wölfin« aufs Bett gelegt, die er am fünfzehnten September, anziehen sollte, wenn er zum ersten Mal in die Grundschule gehen würde. Madonna! Wie schön die Uniform mit dem schwarzen Hemd war, bei dem der Kragen am Hals offenblieb, mit dem blauen Tüchlein und der Klemmspange mit Mussolinis Kopf drauf, mit der grau-grünen Hose, dem breiten schwarzen Gürtel, den grau-grünen Socken und dem schwarzen Fez! Und dann war da noch ein weiteres Medaillon, auf dem die Wölfin dargestellt war, die Romulus und Remus säugte. »Mamà, darf ich die Uniform anziehen?« »Nein, du machst sie nur schmutzig.« Die Enttäuschung wich der Freude über das große Geschenk, das Papà aus einer schmalen langen Schachtel hervorzog. Ein Balillakarabiner! Er sah haargenau so aus wie der der Soldaten, nur daß er ein ganz winziges bißchen kleiner war und nicht großartig schießen konnte. Papà warf ihm das Gewehr zu, Michilino vermochte es aufzufangen, doch fast wäre es auf dem Boden gelandet. »Das ist aber schwer!« »Ein Kilo und siebenhundertachtzig Gramm«, sagte Papà, der von Waffen etwas verstand. »Nachher erkläre ich dir, wie es funktioniert.« »Aber wozu soll ich denn jetzt wissen, wie es funktioniert«, entgegnete der Kleine, der unvermittelt traurig geworden war. »Ich darf den Karabiner doch sowieso noch nicht tragen. Ich bin ja erst ›Sohn der Wölfin‹, dann muß ich Balilla- Entdeckerjunge werden, und dann, wenn ich zwölf bin, werde ich Karabinerträger.« »Ich spreche mit dem richtigen Mann an der richtigen Stelle«, sagte Papà, »und du trägst den Karabiner, auch wenn du erst ›Sohn der Wölfin‹ bist und auch wenn du nicht in Uniform zur Schule gehst.« Es war eine Zeit, in der Mamà nicht mehr die Lieder von Carlo, Buti sang. Jetzt sang sie, was sie im Radio hörte, aber ganz besonders eines konnte sie singen, von morgens bis abends, ein Lied, das so anfing: Faccetta nera / bell’abbissina, Schwarzes Gesichtchen, schöne Abessinierin. Mamà mochte es gar nicht, wenn sie in einer Tasche von Papàs Jackett eine Postkarte fand, auf der eine schwarze Frau oder ein Mädchen mit nackten Brüsten abgebildet war. Auch in dem Heftchen Der Baliila- Junge, das sein Papà ihm zusammen mit Mickymaus, Der Abenteurer und Der Kühne kaufte, tauchten diese schrecklichen wilden Bissinier auf, die einen Königskaiser mit Krone auf dem Kopf hatten, barfüßig und schuhlos, und zwar deshalb, weil er zwar ein König war, aber doch immer noch ein Wilder, der Halle Seelasse hieß. Michilino hatte beschlossen, daß der Augenblick gekommen war, die Indianer dranzugeben und Jagd auf Bissinier zu machen, und zwar mit dem Karabiner, den Papà ihm geschenkt hatte. Das Bajonett des Karabiners war, im Gegensatz zu den Gewehren der echten Soldaten, schon aufgepflanzt, und man konnte es hoch oder runter schieben, ganz wie man es brauchte. Die Klinge hatte eine Dreiecksform, und Michilino merkte sofort, daß die Spitze abgerundet und nicht scharf war. In den sechs Tagen, die er seine Ferien noch auf dem Land bei Nonno Filippo verbrachte, ging er in die Werkstatt, wo Nonno Filippo sein Werkzeug aufbewahrte, und mit einer Feile und einem Eisenstein schärfte er die Klinge und machte eine Spitze. Als sie nach Hause zurückkehrten, war die Waffe perfekt. Jetzt mußte er nur eine Möglichkeit finden zu üben. Er dachte hin und dachte her, und schließlich fiel ihm der Dachboden ein, wo lauter alter Krempel herumstand, der im Haus nicht mehr gebraucht wurde. Einmal, nach dem Mittagessen, als Papà und Mamà schliefen, nahm er den Schlüssel, kletterte eine Stiege hinauf, öffnete die Tür zum Dachboden und trat ein. Fast augenblicklich bemerkte er einen großen Bilderrahmen, in dem in natürlicher Größe das Foto von Onkel Pitrino stand, Papàs Bruder, der im Großen Krieg in der, Uniform eines Leutnants gestorben war. Besseres konnte er nicht erhoffen. Er hob das Bajonett an, befestigte es, ging ein paar Schritte zurück und stürmte dann los. Das Glas, das die Fotografie schützte, zerbrach mit einem Knall in hundert Stücke, das Bajonett drang in Onkel Pitrinos Bauch und durchbohrte ihn von einem Ende zum anderen. Die Glasscherben hatten ihn nicht verletzt. In dem Augenblick, als er mit seiner ganzen Kraft versuchte, das Bajonett herauszuziehen, sah er aus seinen Augenwinkeln eine Bewegung. Es war eine weiße Taube, die ganz sicher hinter der Fotografie gehockt hatte, und als sie versuchte davonzufliegen, hatte ihr ein Stück Glas einen Flügel abgetrennt. Jetzt wirbelte sie um sich selbst, spannte den heilen Flügel, hätte es aber nie geschafft zu fliegen. Als sie das merkte, schleppte sie sich zu einem alten Kleiderkoffer und barg sich an ihm. Endlich gelang es Michilino, das Bajonett aus der Fotografie zu ziehen, er sah die Taube an, näherte sich ihr langsam, hielt sie leicht über der Spitze der Waffe, dann senkte er die Spitze herab und ganz langsam ließ er das gesamte Bajonett sachte, sachte in den Körper des Bissiniers im weißen Mantel eindringen. Am nächsten Tag, gegen vier Uhr nach Mittag, wusch ihn Mamà, kämmte ihn und zog ihm die guten Sachen an. »Wo gehen wir hin, Mamà?« »In die Kirche.« »Darf ich meinen Karabiner mitnehmen?« »Man nimmt keine Waffen mit in die Kirche, auch keine Attrappen.« Attrappen? Wo er doch einen Bissinier im weißen Mantel getötet hatte! »Was sollen wir denn in der Kirche?« »Du mußt anfangen, Dinge über Gott zu lernen, du mußt dich, auf die erste heilige Kommunion vorbereiten.« »Wann ist die?« »Das sieht man schon noch.« »Und was machst du, wenn man mir Dinge über Gott beibringt?« »Ich geh spazieren. Nach einer Stunde komme ich dann und hole dich ab. Du mußt einmal in der Woche dahin.« »Bis wann?« »Das wird uns Padre Burruano sagen; wenn du soweit bist, die heilige Kommunion zu empfangen.« Padre Burruano war ein Mann um die Vierzig, elegant, die Kutte war fleckenlos sauber und hatte keine Falten, seine Schuhe waren auf Hochglanz geputzt, Kragen und Manschetten von einem Weiß, daß man fast geblendet worden wäre, Uhr und Brillengestell aus Gold. Immer, wenn er etwas gesagt hatte, fragte er die Kleinen, die da vor ihm saßen: »Wer hat verstanden, was ich gesagt habe?« Obwohl Michilino noch gar nicht in der Schule war, konnte er lesen und schreiben, er war den anderen zehn Jungs gegenüber im Vorteil, Kinder einfacher Leute, ungebildet und ungeschlacht, Kinder von Fischern, Karrenkutschern, Landvolk, Lastenträgern im Hafen. Immer war es Michilino, der aufzeigte, um zu sagen, daß er verstanden hatte. Eines Tages, nach dem Ende der Dinge über Gott, sagte Padre Burruano zu Michilino: »Du bleibst hier.« Der Junge und der Pfarrer befanden sich alleine in der Sakristei. Padre Burruano schlug die Beine übereinander und zündete sich eine Serraglio an, das waren die gleichen Zigaretten, die auch Papà rauchte, und die waren teuer. Er sagte nichts, er redete nichts. Nach einer Weile erschien Mamà mit besorgtem Gesichtsausdruck, weil sie vor der Kirche gewartet und ihn nicht rauskommen gesehen hatte. Doch sobald sie, Michilino dort ordentlich sitzen sah, beruhigte sie sich. Padre Burrunao stand auf. »Liebe Signora Sterlini! Es ist schon eine ganze Weile, daß man sich nicht mehr sieht!« Mamà wurde ganz rot, während sie ihm die Hand hinhielt. Der Pfarrer ergriff sie, drückte sie, ließ sie aber nicht los, sondern nahm sie zwischen seine Hände. »Ich möchte mit Ihnen über Ihren Sohn sprechen.« »Wieso? War er unartig?« »Nein, nein, im Gegenteil«, sagte der Pfarrer und streichelte Mamàs Handrücken. »Michilino, geh in die Kirche und warte auf mich.« Während Padre Burruano die Tür der Sakristei zuschloß, streifte Michilino durch alle Winkel der Kirche. Vor der Statue des heiligen Caloriu verweilte er lange. Alljährlich zog die Prozession des heiligen Caloriu unter dem großen Fenster seines Hauses vorbei, in einer Menschenmenge, einem Höllenlärm von Stimmen, Gebeten, Tamburinschlägen, Geklingel, Märschen des Blasorchesters der Gemeinde, während die Leute von den Balkonen kiloweise Brotscheiben auf die hinunterwarfen, die hinter dem Heiligen herzogen und sie im Flug auffingen. Wie kam es aber nun, daß Michilino vorher nie auf das Gesicht des Heiligen aufmerksam geworden war? Wieso hatte er nie bemerkt, daß der heilige Caloriu eine schwarze Hautfarbe hatte? Jetzt, im Lichterschein der zehn Kerzen vor der Statue, stellte er sich der Wahrheit: Dieser Heilige war ein Neger und fast sicher ein Bissinier. Aber wenn er ein wilder, ein verwilderter Bissinier war, wieso hatte man ihn dann zum Heiligen gemacht? Ganz sicher handelte es sich um einen Irrtum, und er mußte Abhilfe schaffen. Hätte er den Karabiner bei sich gehabt, hätte er ihn mit dem Bajonett traktiert, wie er es mit dem Foto von Onkel Pitrino gemacht hatte. Er mußte scharf überlegen. Dabei ging er weiter und blieb dann vor dem gekreuzigten Herrn Jesus stehen. Er, wußte, und Padre Burruano hatte es kurz vorher ja wiederholt, daß die Schuld für all das Blut, das ihm aus dem mit einer Lanze verletzten Brustkorb floß, für die Dornenkrone auf seinem Haupte, für das schmerzverzogene Gesicht, das man an ihm sah, nur seine, Michilinos, eigene Schuld war und daß jedesmal, wenn er nicht gehorchte, jedesmal, wenn er eine Lüge erzählte, jedesmal, wenn er eine Süßspeise klaute oder Marmelade oder einen Apfel, die Nägel, die den lieben Herrn Jesus angenagelt am Kreuz hielten, noch tiefer in dieses gequälte Fleisch eindrangen. Jede kleinste Sünde, die er beging, war wie ein Hammerschlag auf diese Nägel. Er kniete nieder, er fing an zu beten, und während er betete, flossen große Tränen über sein Gesicht. Dann dachte er, es müßte wohl eine halbe Stunde vergangen sein, aber von Mamà war noch nichts zu sehen. Da stand er auf und verweilte wieder vor der Statue des heiligen Caloriu. Er blickte sich um, in der Kirche war keine Christenseele. Er kletterte auf die Balustrade vor der Heiligenstatue, er stellte sich aufrecht hin und spuckte dem Heiligen ins Gesicht. Er stieg wieder herunter und kniete wieder vor dem lieben Herrn Jesus nieder. In dieser Haltung fand ihn Mamà. Sie umarmte ihn, sie verließen die Kirche. Mamà war ganz rot im Gesicht, es war, als wäre eine stärkere Hitze über sie gekommen als die, die hier draußen herrschte. Michilino merkte, daß zwei Knöpfe an Mamàs Bluse fehlten. Das sagte er ihr auch. Da wurde Mamà noch roter, ihr Gesicht wurde zu einer richtigen Feuerlohe. »Als ich sie angezogen habe, hab ich gar nicht bemerkt, daß zwei Knöpfe fehlen.« Doch als sie das Haus verlassen hatten, war es Michilino vorgekommen, als wäre die Bluse ganz in Ordnung. »Was hat dir der Pfarrer über mich erzählt?« »Über dich?« fragte Mamà, die in Gedanken versunken schien. »Er hat gesagt, daß du ein tüchtiger Junge bist, der beste, intelligent und feinfühlig.«, Als sie zu Hause angekommen waren, zog Mamà rasch eine andere Bluse an. Als er das zweite Mal zu den Dingen über Gott ging, zeigte Padre Burruano ein kleines Buch. »Das hier ist der Katechismus. Darin stehen die Gebote. Ich brauche es nicht jedem von euch zu geben, ihr seid ja alle so stumpfsinnig wie Schafe und könnt nicht lesen. Ich schenke es daher nur Michilino.« Und er fing an zu erklären, wer Gott war und daß jeder nur diesen Gott lieben und zu ihm beten dürfe, weil es keine anderen Götter gebe, auch wenn man sagte, daß es sie doch gebe. Am Ende schickte der Pfarrer alle weg, außer Michilino. Wie beim ersten Mal zündete Padre Burruano, auf dem Stuhl neben ihm sitzend, eine Serraglio an. Irgendwann fragte er: »Berührst du dich?« Michilino wurde verlegen. Was meinte Padre Burruano damit? Er dachte einen Augenblick nach und antwortete dann: »Ich berühre mich, wenn mir was weh tut. Wenn ich falle und das Knie blutet, dann berühre ich mich natürlich.« »Nein«, sagte der Pfarrer. »Ich wollte wissen, ob du dich da berührst.« Und mit dem Finger zeigte er zwischen die Beine. »Hier?« fragte Michilino und schaute auf die Stelle, die Mamà immer das »Vögelchen« nannte. »Genau.« »Warum soll ich mich da berühren, wenn mir da nichts weh tut?« »Nie und niemals?« »Nie und niemals.« Padre Burruano schien nicht überzeugt, streckte eine Hand aus und legte sie auf das Vögelchen. Dann verzog er das Gesicht., »Was hast du in der Tasche?« »Nichts.« »Steh auf und stell dich vor mich hin.« Michilino gehorchte, der Pfarrer betastete mit der Hand das Vögelchen und sah überrascht aus. »Setz dich.« In diesem Augenblick kam Mamà herein, der Pfarrer stand auf. »Teuerste …«, begann er. »Ich habe gar keine Zeit, entschuldigen Sie bitte«, sagte Mamà. »Michilino, wir gehen. Buongiorno.« »Meine Hochachtung«, sagte Padre Burruano verwirrt und verdüstert. Balduzzo kam am dritten September wieder in die Stadt zurück. Er hatte eine andere Uniform an, jetzt trug er eine, die Kolonialuniform hieß, und auf dem Kopf trug er einen Helm, daß er aussah wie ein Forscher. Weil er in ein Land reisen sollte, das Ritrea hieß, hatte er nur zwei Tage Zeit, um sich von seinen Eltern zu verabschieden. Dennoch verabredete er sich mit Marietta, als er unter ihrem Fenster herging. Am folgenden Tag, als das junge Mädchen zur Strohscheune kam, war Balduzzo bereits da und wartete auf sie. »Ich hab keine Zeit«, sagte Balduzzo. »Zieh den Schlüpfer aus und mach die Schäfchenstellung.« Marietta wußte zwar nicht, was die Schäfchenstellung war, erfaßte es aber dunkel. Balduzzo nahm hinter ihr Stellung, holte ihn raus, steckte ihn rein, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs und sieben. Er kam. Er stand auf und steckte ihn wieder in die Hose. Er umarmte Marietta, er küßte sie auf den Mund. »Wenn ich lebendig aus dem Krieg zurückkomme, heiraten wir.«, Er ging. Langsam, ganz langsam richtete Marietta sich auf. Und sie spürte, wie Balduzzos Saft an ihren Beinen herunterfloß. Mit zwei Fingern nahm sie ein wenig, betrachtete es, roch daran, brachte es an ihren Mund, steckte die Zunge heraus und leckte daran. Das genügte ihr nicht, sie wollte mehr. Wieder steckte sie die beiden Finger hinein, und als sie spürte, daß sie naß waren vom Sperma, führte sie sie wieder an den Mund. Danach stürzte sie, fiel mit dem Hintern auf die Erde und begann verzweifelt zu weinen. Die Zehn Gebote las Michilino in einer halben Woche, stieß aber auf einige Schwierigkeiten bei ihrem Verständnis, besonders bei zweien. Deshalb redete er beim Mittagessen darüber. »Ein Gebot sagt, daß man nicht töten darf, weil das Sünde ist.« »Richtig«, bestätigte Mamà. »Dann hat Buffalo Bill, als er die Indianer getötet hat, eine Sünde begangen?« Mamà antwortete nicht, sie sah erstaunt zu Papà hinüber. Der setzte ein Lächeln auf und sagte: »Buffalo Bill führte Krieg gegen die Indianer. Und wenn man Krieg führt, ist Töten keine Sünde. Auch wenn man Abessinier tötet, ist das keine Sünde.« »Und wenn man ein Tier tötet, was ist das dann? Sünde?« Dieses Mal lachten beide, Papà und Mamà. »Nein«, sagte Mamà, »ein Tier töten ist keine Sünde. Was meinst du, wenn Papà auf die Jagd geht und dir ein Kaninchen mitbringt, was du doch so gerne süß-sauer magst, begeht er dann etwa eine Sünde?« Abends, beim Essen, fragte er wieder. »Ist der heilige Caloriu wirklich schwarz?« »Ja«, sagte Mamà. »Dann ist er also ein schrecklicher, wilder Bissinier?«, »Aber woher!« lachte Mamà. »Was kommt dir denn in den Sinn?« »Wenn er doch schwarz ist!« »Nicht alle Schwarzen sind Abessinier«, sagte Mamà zum Schluß. Wie dem auch sei, er beschloß, daß er am folgenden Sonntag, an dem der Festtag des heiligen Caloriu war, kein Brot vom großen Fenster zu ihm hinunterwerfen würde. Er hatte nicht die Absicht, einen Schwarzen zu feiern, ob Bissinier oder nicht. Am Mittag des folgenden Tags kam Michilino mit einer anderen Frage an: »Was bedeutet unkeusch?« »Jeh, du gehst mir auf die Nerven«, sagte Papà. »Wie kommt es, daß der Kleine immer nur Kirchenzeug im Kopf hat?« »Gefällt dir wohl nicht, über so etwas zu reden, wie?« fragte Mamà eiskalt. Papà stand unvermittelt auf, schmiß die Serviette auf den kleinen Tisch und ging nörgelnd raus. »Da sollen einem nicht die Eier dampfen!« »Sprich nicht so!« rief Mamà ihm hinterher. Und dann, zu Michilino gewandt: »Unkeusch sind alle unanständigen Dinge.« Michilino erstarrte. Marietta hatte ihm nicht genauer erklären wollen, aber es war das, was Papà mit der Magd Gersumina gemacht hatte, weshalb es ja auch dieses Theater gegeben hatte. Unanständige Dinge, Unkeuschheiten, waren eine schwere Sünde, wer sie beging, fuhr direkt und unmittelbar in die Hölle, mit allen Schuhen, und brannte dort bei lebendigem Leib bis in alle Ewigkeit. Und sein Vater, der mit der Magd unanständige Dinge tat, hatte nicht nur seine Seele verdammt, sondern hatte auch die Nägel tiefer ins Fleisch des lieben Herrn Jesus geschlagen. Er fragte die Mutter nichts weiter mehr. Er war entsetzt., In den ersten Septembertagen brach eine Hitze herein, wie man sie nicht einmal im August erlebt hatte. In der Nacht war selbst ein einfaches Bettuch zuviel, und man schlief nur schwer ein. Naßgeschwitzt und verklebt wälzte man sich eine gute Stunde lang herum und war unruhig, bevor die Augenlider endlich zufielen. Aber das mußte nicht heißen, daß sie lange zublieben; nach einer Weile war es durchaus möglich, daß man wieder aufwachte, weil einem die Luft fehlte. Die in jeder Größe weit aufgerissenen Fenster brachten keine Abkühlung und keinen Durchzug. Eines Nachts, als es ihm endlich gelungen war einzuschlafen, hörte er, wie Mamà ihn ganz leise vom großen Bett aus rief: »Michilino!« Wer weiß warum, aber er antwortete nicht. Vielleicht wegen der großen Mühe, die er hatte, in Schlaf zu fallen. »Michilino, was ist? Schläfst du?« fragte Mamà wieder. Er hatte überhaupt keine Lust, den Mund aufzumachen. Damit seine Mutter ihn nicht weiter rief, stellte er auf lange, regelmäßige Atemzüge um, so als läge er in tiefstem Schlaf. »Siehst du denn nicht, daß er schläft?« sagte sein Vater nun ebenfalls mit leiser Stimme. Keine fünf Minuten waren vergangen, da begann das Bett sich zu bewegen und Geräusche zu machen. Mamà seufzte und sagte: »Langsam, Giugiù, langsam.« Was taten sie nur? Die Neugier war zu groß, er machte die Augen auf. Zuerst konnte er nichts sehen, das Lämpchen unterhalb der Jungfrau Maria war zu schwach. Da waren auf dem Bett zwei verschwommene Schatten, die sich bewegten. Ganz allmählich gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit. Papà und Mamà waren nackt, Papà oben und Mamà unten, und Papà gab der Mamà ganz feste Stöße aus dem, Bauch, und zwar so fest, daß Mamà anfing zu klagen und sagte: »Oh! Oh! Jesus! Jesus! Oh!« Dann hörte alles schlagartig auf. Papà streckte sich neben Mamà aus, drehte sich auf die Seite, kehrte ihr den Rücken zu und fing fast auf der Stelle an zu schnarchen. Zwei Nächte später fragte Mamà wieder: »Michilino, schläfst du?« Der Kleine antwortete nicht, entschlossen, die ganze Sache von Anfang an zu beobachten. Nur daß diesmal, als er die Augen aufmachte, sich die Szene anders darstellte. Mamà hatte ganz sicher versucht wegzulaufen, aber Papà war es gelungen, sie bei den Beinen zu packen und sie nach vorne fallen zu lassen, denn jetzt kniete Mamà und hatte ihr Gesicht im Kissen vergraben. Auch Papà kniete, aber hinter ihr. Er hielt sie mit den Händen an der Hüfte fest und versetzte ihr die schon bekannten gewaltigen Bauchstöße. Mamàs Klagen wurden im Kissen erstickt, aber sie mußte wohl sehr leiden, denn sie sagte nicht mehr »oh! oh!«, sondern, die Arme, »au! au!« Das Kopfende hämmerte ständig an die Wand. Die Angelegenheit dauerte so lange, daß Michilino schließlich nicht mehr in der Lage war zu sehen, wie sie zu Ende ging, ein bleierner Schlaf kam unerwartet über ihn. In der Nacht vom vierzehnten auf den fünfzehnten September konnte Michilino keinen Schlaf finden. Denn am nächsten Tag war sein erster Schultag. Mamà hatte ihm einen Tornister gekauft, in den sie das Tintenfaß, den Federhalter, das ABC- Buch, ein Heft mit Kästchen und ein Heft mit Linien gesteckt hatte. Das Salamibrötchen war bereits gemacht und lag im Eisschrank. Mamà hatte ihm ans Herz gelegt zu schlafen, er sollte frisch wie eine Rose sein, sie würde ihn um halb acht wecken. Doch kaum war er eingeschlafen, wurde er vom Gequietsche des großen Bettes geweckt. Er machte die Augen auf und wurde von unendlicher Zufriedenheit erfüllt. Mamà saß auf Papàs Bauch, und diesmal war sie es, die die Stöße austeilte,, sie erhob sich und setzte sich, erhob sich und setzte sich, und Papà, der die Hände auf ihre Brüste gelegt hatte, versuchte vergebens, sie nach hinten zu drücken. Doch seine Kraft reichte nicht aus, Mamà schien eine richtige Reiterin geworden zu sein, wie die, die er im Reitverein gesehen hatte, dem Pferd, seinem Papà, gelang es nicht, sie abzuwerfen. Endlich siegte Mamà! Ihr war es gelungen, Papà zu überwältigen und ihn für die Sünde zahlen zu lassen, daß er mit der Magd Gersumina unanständige Dinge getan hatte. Und wenn der Herr Jesus diese Szene gesehen hatte, würde er ganz sicher Freude darüber empfinden. Davon war Michilino auf der Stelle und felsenfest überzeugt, er hatte die Erklärung dafür bekommen, was in der Nacht vorgefallen war: Manchmal kämpften Papà und Mamà einfach miteinander. Ein gnadenloser Kampf, der ihre ganze Kraft abverlangte. Oft war Papà der Sieger, denn er war ein Mann und daher stärker. Doch manchmal gelang es Mamà, ihn zu überwältigen, mit dem Rücken auf dem Boden, und ihn für alle Sünden bezahlen zu lassen, und das nicht zu knapp.,

Zwei

Die Grundschule stand fast auf der Hafenmole. Michilino war gut angezogen, der Riemen des Tornisters lief über seine Brust, und Mamà begleitete ihn. Sie hatte ihm, als sie ihn kämmte, gesagt, daß der Lehrer Attilio Panseca heiße und ein guter Mensch sei. Die Klassenräume der Erstkläßler befanden sich im Erdgeschoß, Michilino war in der A, dem Klassenraum, der unmittelbar beim Portal war. Signor Panseca, der Lehrer, stand, im schwarzen Hemd und mit dem Faschistenabzeichen im Knopfloch, in der Tür zur Klasse und hielt ein Blatt Papier in der Hand. Er machte den römischen Gruß, und Mamà und Michilino grüßten auf die gleiche Weise. »Wie heißt du?« fragte der Lehrer. Aber das mußte er wohl schon gewußt haben, denn er lächelte Mamà zu. »Sterlini Michilino.« Der Lehrer blickte auf das Blatt. »Erste Bank am Fenster. Begleiten Sie ihn, Signora.« Die Bank hatte zwei Plätze, der Nachbar war noch nicht da. Mamà ließ Michilino direkt auf dem Platz neben dem Fenster niedersitzen, von wo aus man ein vor Anker liegendes Dampfflügelboot sehen konnte und die kräftigen Schultern, die die Holzplanken hinaufkletterten und aufgehalste Kisten trugen, die sie in den Laderaum brachten. Mamà küßte ihn auf die Stirn. »Wenn der Unterricht zu Ende ist, dann beweg dich ja nicht von hier weg, ich komme dich abholen. Und laß dich mit niemandem ein.« Der Banknachbar kam herein, als Mamà hinausging. Auch er wurde von seiner Mutter begleitet. Er hieß Scuderi Bittino, war spindeldürr und trug eine Brille. Michilino sah sich genau um., Es gab zehn Bänke, eine Tafel, ein Podest mit dem Katheder. An der Wand hinter dem Katheder befand sich ein Kruzifix zwischen zwei Fotos: das linke zeigte Seine Majestät Vittorio Emanuele, das rechte Seine Exzellenz Benito Mussolini. Innerhalb einer Viertelstunde füllte sich die Klasse, aber keiner machte Lärm, keiner redete, alle saßen still und blickten nach vorn. Irgendwann ertönte eine Klingel. Panseca, der Herr Lehrer, kam herein, schloß die Tür, setzte sich aufs Katheder und schlug das Klassenbuch auf. »Jetzt rufe ich euch auf. Wer aufgerufen wird, steht auf, macht den römischen Gruß, antwortet ›Hier‹ und setzt sich wieder hin. Fangen wir an. Abbate Filippo …« Abbate Filippo hatte kaum Zeit aufzustehen, als die Tür aufging und ein schlecht gekleideter Vierzigjähriger mit gelbem Gesicht erschien, der einen kleinen, völlig verängstigt wirkenden blonden Jungen an der Hand hielt. »Die Schulglocke hat bereits geläutet«, sagte der Lehrer kalt. »Sie sind verspätet, ich bräuchte Ihren Sohn auch nicht mehr in die Klasse zu lassen. Aber weil es der erste Schultag ist, kommen Sie. Wie heißt du?« »Maraventano Alfio«, antwortete der Kleine beinahe zitternd. »Letzte Bank. Du sitzt alleine.« Alfio Maraventano ging mit gesenktem Kopf durch die beiden Bankreihen. Sein Vater blieb an der Tür stehen. »Herr Lehrer, darf ich mir einen Rat erlauben?« sagte er. Panseca, der Lehrer, blickte ihn finster an. »Von Ihnen nehme ich keinen Rat entgegen. Aber sprechen Sie nur.« Maraventano senior zeigte auf die Wand hinter dem Katheder. »Das Kreuz muß an eine andere Stelle.« »Und wieso?«, »Weil es jetzt so aussieht, als würde Jesus zwischen den beiden Räubern hängen.« Der Lehrer lief rot an, erhob sich vom Katheder, bebte am ganzen Leibe, daß man dachte, er bekäme jetzt einen Schlaganfall, und deutete mit dem Arm auf die Tür. »Raus hier, du Kommunistenschwein! Raus!« Signor Maraventano ging ganz ruhig hinaus. Der Lehrer setzte sich, stand wieder auf, stieg vom Katheder hinunter und ging auf den Flur. »Noch heute zeige ich Sie an!« schrie er. Er kam wieder zurück, setzte sich, noch immer bebte er ein wenig, und wischte sich die Stirn mit einem Taschentuch ab. »Und hör du ja auf zu weinen! Sonst werf ich dich mit Fußtritten raus, kapiert?« Alle drehten sich zur letzten Bank um, wo Alfio Maraventano saß, alleine und untröstlich; er hatte angefangen zu weinen und dabei die Augen mit dem Arm verdeckt. Nach dem Aufrufen fragte der Lehrer: »Wißt ihr, warum die italienischen Knaben Baliila heißen?« Und er erzählte eine Geschichte, wie und wann in Genua, zu der Zeit, als die Östrischen die Stadt regierten und die Genueser unter der Schinderherrschaft dieser Stinksäcke zu leiden hatten, ein kleiner Junge mit Namen Giambattista Perasso, kurz Baliila, rebellierte und einen Stein auf die Östrischen warf. Das war der Beginn, woraufhin die Bevölkerung ihm folgte und den Feind in die Flucht schlug. Doch diese Geschichte kannte Michilino bereits, und daher drehte er sich hin und wieder zur letzten Bank um, in der Alfio Maraventano saß, der die Stirn auf die Bank gelegt hatte. »Papà, was bedeutet das Wort Kommunist?« Sie saßen beim Essen, und Michilinos Frage ließ Papà und, Mamà, die sich anblickten, zusammenfahren. »Wer hat dir dieses Wort beigebracht?« fragte Papà. »Niemand. Der Lehrer, Signor Panseca, sagte das zu Signor Malaventano.« »Ah!« sagte Papà. »Malaventanos Sohn ist in deiner Klasse?« »Ja, Papà.« »Erzähl mir, was passiert ist.« Michilino erzählte es ihm. »Unter gar keinen Umständen darfst du dich mit diesem Winzlingsgenossen Alfio Maraventano einlassen, du darfst nicht einmal mit ihm reden. Versprochen?« »Ja, Papà«, antwortete Michilino. »Aber was bedeutet denn nun Kommunist?« »Kommunisten sind ziemlich verkommene Menschen. Und ich versteh nicht, wieso man den Kindern von Kommunisten erlaubt, zusammen mit den Kindern anständiger Leute in die Schule zu gehen.« »Papà, sind die Kommunisten denn schlimmer als die Bessinier?« »Schlimmer, denn die Abessinier sind wenigstens Wilde und Schwarze, dagegen sind die Kommunisten Leute, die aussehen wie wir, in Wirklichkeit aber sind sie ganz anders. Sie glauben nicht an Gott, nicht an die Jungfrau Maria, nicht an Jesus, sie glauben nicht ans Vaterland, sie beleidigen den König und Mussolini, und sie würden uns Faschisten am liebsten alle tot sehen, aufgehängt an Laternenpfählen.« »Und sie wollen auch die freie Liebe«, sagte Mamà mit einem Seufzer. Papà ärgerte sich. »Wieso erzählst du dem Kleinen so was? Was fällt dir nur ein? Der versteht so was doch überhaupt nicht.«, »Wenn ihr’s mir erklärt, versteh ich’s«, sagte Michilino. »Laß es gut sein. Wenn du groß bist, erklär ich’s dir. Jedenfalls sollst du wissen, daß es bei uns im Ort vier oder fünf von diesen Kommunisten gibt und daß Totò Maraventano, der Schneider, der schlimmste von allen ist. Es vergeht kein Monat, wo man ihn nicht ins Gefängnis steckt. Der ist ein Saufbruder und Galgenvogel und ein Hungerleider, der keine Lust hat zu arbeiten, sondern immer nur über unseren geliebten Benito Mussolini herzuziehen.« Michilino sagte lange Zeit nichts. Erst später, als Papà seinen Mokka trank, machte er wieder den Mund auf. »Wieso bringt ihr ihn denn nicht um?« »Wen?« fragte Papà entsetzt. »Totò Maraventano. Wenn du sagst, daß er euch am liebsten an Laternenpfählen hängen sehen würde, ist es dann nicht besser, sich das vorher zu überlegen und lieber ihn umzubringen?« »Das hätte er allerdings verdient«, antwortete Papà. »Von Zeit zu Zeit wird er krankenhausreif geprügelt. Nach ein paar Wochen erholt er sich wieder und wird dann noch frecher als vorher. Unkraut vergeht eben nicht. Aber früher oder später trampelt er irgendwem gewaltig auf den Eiern rum und …« »Also, sag doch bitte nicht so etwas Unanständiges«, hielt Mamà ihm vor. »Was sind denn die Eier?« »Da hast du’s!« sagte Mamà verärgert zu Papà. »Die Eier, die ich meine, befinden sich in dem Säckchen, das du unter dem Vögelchen hast«, erklärte Papà. »Wie kann man denn auf denen rumtrampeln?« »Das verstehst du, wenn du größer bist.« Wieso war die Antwort immer die gleiche? Wenn du größer bist! Wie lange braucht ein Junge, bis er größer geworden ist?, Am zweiten Schultag sprach Signor Panseca, der Lehrer, über Benito Mussolini. Er erzählte, daß er in armen Verhältnissen geboren worden war, als Sohn eines Schmieds, daß er im Großen Krieg als Gefreiter mitgekämpft hatte und verwundet worden war. Er erklärte die Geschichte des Faschismus und den Marsch auf Rom. Er sagte, daß uns alle Länder der Erde um einen Mann wie Benito Mussolini beneideten und daß dieser von der Vorsehung gesandte Mann sehr bald schon Krieg gegen die Abessinier führen werde, daß er ihn gewinnen und Italien, das nun ein Königreich war, zu einem Kaiserreich machen werde. Danach brachte er ihnen die Hymne der Balillajungen bei, die alle im Chor mitsingen mußten: Fischia il sasso, il nome squilla Del ragazzo di Portoria E l’intrepido Balilla Sta gigante nella storia … Es pfeift der Stein, der Name gellt Des Jungen von Portoria Und furchtlos der Baliila steht Gigantengleich in der Geschichte … Am dritten Tag rief der Lehrer Michilino zur Tafel und sagte, er solle mit der Kreide einen Strich von oben nach unten zeichnen. Michilino versuchte es, doch der Strich neigte sich völlig nach links. »Zeichne ihn besser.« Michilino strengte sich an, damit der Strich nicht nach links fiel, und das Ergebnis war, daß er ganz nach rechts hing. Die Klassenkameraden fingen an zu lachen. Signor Panseca, der Lehrer, wurde zornig. »Ich will euch mal sehen, wenn ich euch zur Tafel rufe, wie dumm ihr dastehen würdet! Dann solltet ihr mal das Gelächter, hören! Versuch’s noch einmal!« Michilino gab sich Mühe, er strengte sich an, dem Strich weder eine Links- noch eine Rechtsneigung zu geben. Auf der Tafel erschien so etwas wie eine vorwärtskriechende Schlange. Mit einem flammenden Blick brachte der Lehrer die Klasse zu eisiger Ruhe. »Den ersten, der sich untersteht zu lachen, befördere ich mit Fußtritten hinaus!« Und dann fragte er mit düsterer Miene: »Kannst du keine Linien zeichnen?« »Nein«, antwortete Michilino beschämt. »Dann brauchst du ein ganzes Leben, um Lesen und Schreiben zu lernen!« kommentierte der Herr Lehrer bissig. »Aber ich kann doch schon lesen und schreiben«, sagte Michilino. »Ach ja? Erzählst du mir da auch keine Lügengeschichten?« »Ich erzähle keine Lügengeschichten. Lügengeschichten bringen unseren Herrn Jesus zum Weinen.« »Und auch Mussolini tut es weh, wenn jemand Lügen erzählt, aber er weint nicht, denn er ist ein starker Mann«, sagte Signor Panseca, der Lehrer. Er nahm eine Zeitung, die er gefaltet in der Tasche hielt, öffnete sie und legte sie Michilino vor. »Was steht hier?« »Il Popolo d’Italia.« »Und hier?« »Gegründet von Benito Mussolini.« »Und hier?« »17. September 1935.« Die Klasse klatschte in die Hände. Michilino fühlte sich mächtig stolz., »Ruhe!« sagte der Herr Lehrer. »Nimm jetzt die Kreide und schreib auf, was dir als erstes einfällt.« Michilino dachte einen Augenblick nach, und dann schrieb er: »Ich liebe Jesus, Mussolini, Papà und Mamà.« Die Klassenkameraden wußten nicht, was Michilino geschrieben hatte, sie verstanden aber, daß er das getan hatte, was der Lehrer wollte. Diesmal wurde das Klatschen von Tritten und Faustschlägen auf die Bänke begleitet. Plötzlich flog die Tür auf, und ein Sechzigjähriger kam herein, der aussah wie ein Zwerg mit schwarzem Hemd, dem Abzeichen am Knopfloch und einer Zigarre im Mund. »Was geht hier vor sich?« fragte er herrisch. Signor Panseca, der Lehrer, stand auf und grüßte römisch. »Signor Direttore!« Der andere blickte ihn an, erwiderte den Gruß aber nicht. »Ich habe gefragt, was in dieser Klasse vor sich geht.« »Schauen Sie sich den Satz an der Tafel an, Signor Direttore. Dieser Junge hier hat ihn geschrieben. Was soll der denn im ersten Schuljahr?« »Wie heißt du?« fragte der Rektor, den diese Sache durchaus nicht zu verwundern schien. »Ich heiße Sterlini Michelino.« Diesmal zeigte sich der Rektor interessiert, er nahm sogar die Zigarre aus dem Mund. »Bist du zufälligerweise der Sohn des Kameraden Giugiù Sterlini?« »Ja.« »Willst du deinem Vater sagen, daß er gegen fünf nach Mittag bei mir vorbeikommen möge?« Er drehte sich um und wollte gehen. Signor Panseca, der Lehrer, hatte gerade noch Zeit, zur Klasse zu sagen:, »Aufstehen!« Doch der Rektor war schon draußen. »Setzen!« sagte der Herr Lehrer. »Und dann soll Maraventano zur Tafel kommen.« Alle drehten sich zur letzten Bank um. Alfio Maraventano hatte gerötete Augen vom Weinen. Als er zur Tafel ging, taumelte er wie ein Betrunkener. »Was ist los?« fragte der Lehrer. »Ist dir nicht gut?« »Gestern auf’n Abend sind Polizistenleut kommen, die ham mein Vatter verhaft.« »Hier wird keine Mundart gesprochen! Hier sprechen wir die Hochsprache! Verstanden? Kannst du bis drei zählen?« Alfio, dem die Tränen in den Augen quollen, war nicht in der Lage zu sprechen. Er machte zur Bestätigung ein Zeichen mit dem Kopf. »Dann zeichne mir drei Striche.« Alfio nahm die Kreide, sein Arm zitterte. Seine Hand blieb auf halber Höhe stehen, regungslos. »Also? Wird’s bald?« fragte Panseca. Die Klassenkameraden sahen ganz weit oben, daß Alfios Arm aufhörte zu zittern, dann zeichnete seine Hand, inzwischen ganz fest und sicher, drei Striche, einen nach dem anderen, die so gerade waren, daß sie aussahen wie Segelmasten. Keiner wagte es, in die Hand zu klatschen, der Lehrer schickte ihn wieder auf seinen Platz zurück, ohne auch nur Heh! oder Beh! zu sagen, und rief einen anderen nach vorne. Abends kam Papà nach Hause, als der Tisch schon gedeckt war. Er wirkte fröhlich. Als sie bei Tisch saßen und Mamà mit der Minestra aus der Küche kam, sagte Papà zu ihr: »Heute bin ich zum Politischen Sekretär ernannt worden.«, Mamà fuhr zusammen, lief zu Papà und umarmte und küßte ihn. »Heilige Jungfrau! Wie froh mich das macht!« »Was bedeutet das, Politischer Sekretär?« fragte Michilino. »Das bedeutet, daß Papà der Chef, der Kommandeur aller Faschisten im Ort geworden ist, alle müssen tun, was er sagt.« »Gib mir einen Kuß«, sagte Papà zu Michilino. Der Kleine stand auf, gehorchte und kehrte wieder zu seiner Minestra zurück. Er fühlte sich glücklich, daß Papà so bedeutend geworden war. »Und es gibt noch eine weitere schöne Neuigkeit«, sagte Papà zu seiner Frau. »Ich bin zum Schulrektor gegangen. Er hat mir gesagt, daß unser Junge außerordentlich tüchtig ist, schon viel zu weit, um im ersten Schuljahr zu bleiben. Aber es würde noch nicht ausreichen, ihn ins zweite Schuljahr zu geben. Die Lösung, die er mir vorschlägt, kommt mir angemessen vor, nämlich Michilino aus der Schule zu nehmen und ihm Privatunterricht geben zu lassen, und dann kann er ihn für die erste Gymnasialklasse prüfen.« »Und wo soll er den Privatunterricht bekommen?« »Zu den Geistlichen schicke ich ihn nicht«, sagte Papà entschieden. »Und wo dann?« »Der Rektor selber hat mir den Rat gegeben, mit Olimpio Gorgerino zu sprechen.« »Warte mal, ich meine, ich hätte schon von ihm gehört. Ist er nicht Mathematiklehrer am Realgymnasium?« »Schon, aber der Rektor sagte, daß Gorgerino ein Quell allen Wissens ist. Aber er mag keinen Privatunterricht geben.« »Und jetzt?« »Siehst du, Ernestí, Gorgerino ist zum Chef des Nationalen, Balilla-Kinderwerks hier im Ort ernannt worden, deshalb kann er mir, weil ich höher stehe als er, nicht nein sagen. Eins ist sicher, Michilino: Du gehst morgen früh nicht zur Schule. Schlaf, solange du willst.« Und das war gut so, denn erst gegen Morgen konnte Michilino einschlafen. Während der Nacht waren die Kämpfe zwischen Papà und Mamà nämlich lang und heftig und flammten immer wieder auf. Vier Tage später, um fünf Uhr nach Mittag, begleitete ihn Mamà zu Professore Olimpio Gorgerino, der in der Via Roma wohnte, das heißt in derselben Straße wie Michilino, zu Fuß mehr oder weniger zehn Minuten. »Sieh dir die Umgebung genau an«, sagte Mamà, »denn von morgen an gehst du alleine hin und wieder zurück. Schließlich bist du jetzt groß. Aber ich leg’s dir ans Herz!« »Keine Angst, Mamà. Ich nehm meinen Karabiner mit. Aber wenn ich jeden Tag zu Professore Gorgerino muß, wie mach ich’s dann freitags mit den Dingen über Gott?« »Freitags gehst du in die Kirche und läßt den Unterricht bei Gorgerino aus, Papà hat das mit dem Professore schon abgesprochen, und er ist einverstanden.« An der Tür des Professore war ein ovales Schildchen aus Kupfer angebracht, auf dem stand »Prof. Olimpio Gorgerino«, und darunter waren mit Heftzwecken zwei bedruckte Blätter befestigt. Auf dem einen stand »Buch und Gewehr ist Faschistenehr« und auf dem anderen »Die Knaben Italiens sind alle Balillas«. Der Mann, der die Tür öffnete, trug einen Pyjama und Pantoffeln. Auf dem Kopf hatte er ein Haarnetz. Kaum hatte er Mamà erblickt, machte er einen Satz zurück und war verwirrt. »Entschuldigen Sie, Signora. Ich dachte, Giugiù würde den, Jungen begleiten. Bitte nehmen Sie doch hier Platz, ich bin gleich wieder da.« Er führte sie in sein Arbeitszimmer, einen großen Raum mit einem breiten Sofa, zwei Sesseln, vier Stühlen, einem mit Büchern und Papieren übersäten Schreibtisch, die Wände bestanden aus Bücherregalen, und die Bücher lagen kreuz und quer durcheinander. Hinter dem Schreibtisch hing eine Fotografie von Mussolini, der den römischen Gruß machte. Es gab weder ein Kruzifix noch ein Bildnis des Königs. Michilino sah, daß viel Staub auf dem Schreibtisch lag und auch auf dem Fußboden. Mamà bemerkte seinen Blick und sagte: »Professore Gorgerino ist nicht verheiratet, er hat niemanden, der sich um ihn kümmert, daher ist das Haus nicht so sauber und daher auch diese Unordnung. Aber du darfst diesen Dingen keine Beachtung schenken.« Gorgerino kam wieder zurück, in Krawatte und Jackett. Er war um die Fünfzig, ziemlich korpulent, von fuchsigem Haar. Unverzüglich fing er an zu reden. »Signora, ich sage auch Ihnen noch einmal das, was ich Giugiù bereits gesagt habe. Ich gebe nicht gerne Privatunterricht. Die wenigen Male, wo ich’s getan habe, wurden meine Schüler versetzt. Aber ich habe meine eigene Methode, die nicht zur Diskussion steht, vielen mag sie seltsam erscheinen. Ich ertrage keine Einmischungen seitens der Familien. Wenn Sie diese Bedingungen akzeptieren, habe ich nichts dagegen, Michilino Privatunterricht zu erteilen.« »Wenn Giugiù einverstanden ist, bin ich es auch.« Der Professore stand auf und Mamà ebenfalls. »Ich begleite Sie«, sagte Gorgerino. »Holen Sie Ihren Sohn in zwei Stunden wieder ab. Aber besser wäre es, wenn er von morgen an alleine kommen würde.« Als er wieder ins Arbeitszimmer zurückkam, blieb er stehen und sah Michilino an, der in einem Sessel saß. Dann sagte er:, »Steh auf.« Michilino gehorchte. Professore Gorgerino sah ihn schweigend an. Dann fragte er: »Was hast du da in der Hosentasche?« »Nichts.« Gorgerino beugte sich nach vorn, mit der Hand strich er ihm zweimal über das Vögelchen zwischen den Beinen, um genauer zu verstehen, was er da berührte. »Heiliger Schwanz!« sagte er mit halblauter Stimme. Doch Michilino hatte es gehört. Gorgerino hatte ein schlimmes Wort gesagt, das man auf gar keinen Fall aussprechen durfte, weil sonst der Herr Jesus neues Leid ertragen mußte. Ob der Professore auch fluchte wie ein Karrenkutscher oder ein Tagelöhner? Und dann: Warum nur wunderten sich alle über sein Vögelchen? »Setz dich, Michilino. Bei diesem ersten Unterricht und bei allen Unterrichtsstunden, die noch folgen werden, werde ich dir etwas über die Spartaner erzählen. Weißt du, wer sie waren? Du weißt es nicht? Sie waren die Faschisten im alten Griechenland. Aber zuerst machen wir zehn Liegestützen«, sagte Professore Gorgerino abschließend und zog das Jackett aus. »Gehen wir in die Diele, da ist mehr Platz. So beginne ich immer den Unterricht, mindestens zehn Liegestützen. Du weißt nicht, was das ist? Nicht wichtig. Mach’s mir einfach nach.« Am nächsten Tag verließ er die Wohnung mit geschultertem Karabiner, es war das erste Mal, daß Mamà ihn alleine fortließ, und Michilino, der sich nun dazu bestimmt fühlte, groß zu werden, ging mit stolzgeschwellter Brust. Als Gorgerino ihn mit dem Karabiner bei sich zu Hause auftauchen sah, umarmte er ihn: »Tüchtig, mein Balillajunge, Mussolini wird zufrieden mit dir sein!«, Dann sah er den Karabiner an, nahm das Bajonett hoch und strich mit dem Finger über die Schneide. »Hast du die Spitze gemacht und die Klinge geschliffen?« »Ja.« »Wenn du echte Waffen magst, dann komm mal mit. Aber, Achtung, das ist ein Geheimnis, darüber darfst du mit niemandem sprechen. Schwör’s auf römische Art.« Michilino streckte den rechten Arm vor und sagte: »Ich schwöre.« Sie gingen in ein mit einem Schlüssel abgesperrtes Zimmer. Michilino erstaunte. An den Wänden befanden sich Gewehre, Musketen, Karabiner aller Art, Herstellung und Epochen. Dann waren da noch zwei Vitrinenschränke mit vier Einlegeböden, und jeder war dicht voll mit Pistolen und Revolvern. »Und sie sind alle perfekt in Schuß«, sagte Gorgerino. Michilino konnte nicht mehr an sich halten. »Bringen Sie mir bei, wie man schießt?« Professore Gorgerino hockte sich vor Michilino hin und sah ihm in die Augen. »Und gibst du mir dafür hin und wieder deine Pistole?« »Ich hab’ keine Pistole. Ich hab’ den Revolver von Buffalo Bill.« Gorgerino lachte und sah ihn weiterhin fest mit seinen blauen Augen an. »Ich meinte die Pistole hier.« Und legte die Hand auf das Vögelchen. »Abgemacht?« fragte Gorgerino, ohne seinen Blick auch nur eine Sekunde abzuwenden. »Ja.« »Gehen wir in die Diele für die Liegestützen«, sagte Professore Gorgerino und stand wieder auf. »Und danach werde, ich dir weiter über die Spartaner erzählen.« Am dritten Unterrichtstag empfing Gorgerino ihn im Morgenmantel und in Pantoffeln. Er brachte ihn ins Waffenzimmer und nahm eine Pistole in die Hand. »Das ist eine Beretta«, sagte er. »Und jetzt zeige ich dir, wie sie funktioniert. Fangen wir beim Magazin an.« Innerhalb einer halben Stunde erklärte Gorgerino ihm alles, auch wie man auf etwas zielt. Danach kehrten sie ins Arbeitszimmer zurück. »Jetzt machen wir es wie die Spartaner«, sagte Gorgerino. »Erinnerst du dich an das, was ich dir gesagt habe? Die Spartaner waren immer nackt.« Er legte seinen Morgenmantel ab. Darunter hatte er nichts an, nicht einmal Unterhosen. Er war so behaart, daß er ein Bär hätte sein können. »Zieh auch du dich aus. Oder schämst du dich?« »Nein.« Gorgerino setzte sich aufs Sofa und betrachtete Michelino beim Ausziehen. Dann sagte er: »Komm zu mir auf den Schoß.« Er legte den linken Arm um ihn und hielt ihn fest, während er die rechte Hand auf das Vögelchen legte. Eine Weile blieb er in dieser Haltung, dann begann er, sonderbar zu reden. »Feugein dei ton Erota. Chenos ponos ou gar aluxo …« »Was sagen Sie da?« »Das ist Griechisch, Michilì. Es ist das Gedicht eines Mannes, der Archias von Antiocheia hieß. Und die Worte bedeuten: ›Fliehen muß man vor Eros. Das ist ein Wort!‹« »Und wer ist Eros?« »Eros war der Gott der Liebe.«, »Und warum muß man vor ihm fliehen?« »Michilì, ich fliehe ja nicht.« Er seufzte, er nahm in die zur Röhre geschlossene Hand das Vögelchen und fing an, die Haut vor- und zurückzuschieben. Michilino atmete nicht, das war so abgemacht, er hatte ja schon mit der Beretta gespielt. Nach einer kleinen Weile fragte Gorgerino: »Deiner wird noch nicht steif?« »Was heißt das?« »Geh mal runter. Schau.« Zwischen Gorgerinos Beinen kam eine Art Ast zum Vorschein. Michilino sah ihn verblüfft an. »Kann meiner auch so werden?« »Sicher. Aber jetzt tu mir einen Gefallen. Leg dich bäuchlings über den Sessel. Ja, genau so. Halt. Und schau nicht her, bis ich es dir sage.« Gorgerino blieb stehen, zwei Schritte vom Sessel entfernt, kurze Zeit darauf hörte Michilino, wie der Atem des Professore immer heftiger wurde, bis er sich schließlich in eine Art Klage verwandelte, ganz so wie bei Mamà in manchen Nächten. »Nun kannst du dich umdrehen.« Gorgerino, der wieder seinen Morgenmantel angezogen hatte, steckte ein durchnäßtes Tuch in seine Tasche. »Jetzt machen wir mit den Spartanern weiter.« Heilige Maria, wie Michilino die Spartaner mochte! Und er hatte das Glück, wie ein spartanischer Junge erzogen zu werden, der im Alter von sechs Jahren der Mutter genommen und einem Lehrer übergeben wurde, der ihn den Umgang mit Waffen lehrte, genau so, wie es ihm bei Gorgerino erging. Und dann, wenn er zwanzig wäre, würde er Soldat, und das bliebe er sein Leben lang, auch wenn er heiratete und Kinder hätte. Und dann gab es da noch den Gehorsam, den Gorgerino Disziplin nannte,, und die Hierarchie, wie auch Gorgerino sie nannte, was bedeutete, daß es einen Führer, mehrere Unterführer, mehrere Unterunterführer gab, die kommandierten, und alle anderen unterstanden ihrem Befehl. Und er würde einmal ganz sicher wenigstens ein Unterunterführer werden. Am selben Abend, als er mit dem geschulterten Karabiner nach Hause ging, sah er, daß Totò Maraventano, der Schneider, dieser große Drecksstinker von Kommunist, ihm entgegenkam. War der denn nicht im Gefängnis? Maraventano ging mit gesenktem Kopf, mit den Händen in den Taschen, doch vier Schritte vor Michilino blickte er auf, sah ihn, und ein Grinsen trat auf seine Lippen. »Bring das Ding da Mussolini, Balillakleiner.« Und furzte ihm mitten ins Gesicht. Michilino machte angesichts dieser Beleidigung einen Satz nach hinten und blickte sich um. Keiner merkte etwas von dem, was sich da abspielte, es war die Zeit des Abendessens, und die Leute hatten es eilig. »Wenn ich erwachsen bin, bring ich dich um«, sagte Michilino leise. »Du fängst ja gut an, Balillakleiner! Aber Mussolini wird schon dafür sorgen, daß du in irgendeinem Krieg umkommst, wenn du erst mal erwachsen bist.« Und er ging weiter. Michilino setzte seinen Weg nach Hause fort, aber er spürte, daß er ganz verschwitzt war, in seinem Körper war so etwas wie ein Zittern. Doch diesem Kommunistenschwein hatte er wie ein echter Faschist und ein echter Spartaner geantwortet. Beim Essen fragte er Papà: »Maraventano, der Schneider, ist wieder aus dem Gefängnis?« »Wieso fragst du mich das?« »Weil ich ihn auf der Straße getroffen habe.«, »Hat er irgendwas zu dir gesagt?« »Nein. Was hätte er mir schon sagen sollen?« Was zwischen ihm und dem Kommunisten vorgefallen war, war Männersache, und die mußte von Mann zu Mann geregelt werden. »Das heißt also, man hat ihn entlassen. Aber in zwei, drei Tagen ist er sowieso wieder drin.« Und dann fragte er, allerdings ohne bemerkenswertes Interesse: »Wie kommst du mit Gorgerino aus?« »Gut. Er erklärt mir gerade die Spartaner.« »Und wer sind die, diese Spartaner?« fragte Mamà. »Ein großes, mutiges, kriegerisches Volk«, sagte Papà. »Würde doch auch Mussolini uns alle zu Spartanern machen!« Was für ein tüchtiger Lehrer Gorgerino doch ist! dachte Michilino zufrieden. Inzwischen ging er auch alleine zur Kirche, um die Dinge mit Gott zu lernen. Als er an diesem Tag aus der Haustür trat, bemerkte er, daß man bunte Plakate an die Häuserwände geklebt hatte, und die waren alle gleich. Er blieb vor einem stehen und las. Unter einem großen Liktorenbündel stand geschrieben:, Heilige Jungfrau, Papà! Papà, der so etwas wie ein spartanischer Unterführer von Mussolini geworden war! Er, Michilino, würde zu dieser Veranstaltung gehen, selbst wenn er von zu Hause weglaufen mußte und sich eine gehörige Tracht Prügel von Mamà einhandeln würde. »Wieso ist morgen die Veranstaltung?« fragte er Padre Burruano, kaum daß er in die Sakristei getreten war. »Weil morgen Seine Exzellenz Benito Mussolini, der Chef der Regierung, den Abessiniern den Krieg erklärt.« »Evviva! Evviva!« riefen die anderen Jungs und klatschten in die Hände. »Und ich will euch heute erklären, warum es ungerechte, falsche Kriege gibt und warum gerechte und mit Gottes Segen geheiligte Kriege. Der, den wir morgen mit Abessinien anfangen, ist ein gerechter und mit Gottes Segen geheiligter Krieg. Ihr dürft niemals vergessen, daß unser Heiliger Vater, der Papst, gesagt hat, Mussolini sei der Mann der Vorsehung. Das wird er auch für die Abessinier sein, die dann endlich von Wilden zu zivilisierten Menschen werden.« »Stimmt es, daß die Bissinier auch Kannibalen sind?« fragte Tatazio, der Sohn eines Karrenkutschers, der viel Erfahrung hatte. »Was sind das denn, die Karriballer?« fragte ein kleiner Junge. »Ein Kannibale«, erklärte Padre Burruano, »ist ein Wilder, der Menschenfleisch frißt. Durchaus möglich, daß es unter den abessinischen Stämmen auch Kannibalen gibt.« »Dann werden die, wenn die einen unserer Soldaten gefangennehmen, den auffressen?« fragte ein anderer besorgt. Ein Junge fing verzweifelt an zu weinen. »Was ist denn?« wollte Padre Burruano wissen. »Mein Kusäng Gnaziu ist Soldat in Afrika. Und ich will nicht,, daß sie ihn auffressen«, sagte der Kleine und heulte weiter. Um drei Uhr am nächsten Tag zog Papà die faschistische Uniform mit dem schwarzen Hemd an, die Lederstiefel, das Barett mit dem Plömmel, auch Fez genannt. Er war groß, schön, elegant und stark. Mamà hörte gar nicht mehr auf, ihn zu umarmen und zu küssen. Dann ging Papà weg und Mamà zog ebenfalls eine Uniform an, mit weißer Bluse und schwarzem plissiertem Rock. Heilige Madonna, war Mamà schön! Manchmal, wenn sie gemeinsam durch die Straße gingen, sahen die Männer sie an, doch Mamà blickte immer zur Erde, und wenn jemand sie dann grüßte, erwiderte Mamà immer angemessen und neigte nur ganz wenig den Kopf. Auch Michilino wurde eine Uniform angezogen, und über der Schulter trug er den Karabiner. Dann sagte Mamà: »Die Rede von Mussolini hören wir uns hier an, an unserem Radio. Hinterher gehen wir zu Papà, wenn er spricht.« Michilino war ganz verzaubert von der Art, wie Mussolini redete. Was für eine Stimme der hatte! Was für eine Kraft! So hatten wohl auch die spartanischen Führer einst geredet! Irgendwann sagte Mussolini: »Auf militärische Sanktionen antworten wir mit militärischen Maßnahmen. Auf Kriegshandlungen antworten wir mit Kriegshandlungen.« In diesem Augenblick spürte Michilino eine Hitzewallung zwischen seinen Beinen. Er dachte, daß er aufgrund des Gefühlssturms in die Hose gepullert hätte, doch als er mit der Hand über die Hose fuhr, merkte er, daß sie trocken war. Auf dem Rathausplatz waren die Menschen dicht an dicht versammelt, Männer, Frauen, Alte und Kinder. Vor einer hölzernen Tribüne standen zwei Carabinieri in Uniform mit einem Federbusch am Zweispitz. Ein Polizist erkannte Mamà: »Macht den Weg frei für Signora Sterlini!«, Er begleitete sie beide zur ersten Reihe, genau vor die Blaskapelle, die gerade Faccetta nera spielte, Schwarzes Gesichtchen. Danach spielten sie Sole che sorgi, Sonne die aufgeht, und die Faschistenhymne Giovinezza, Jugend. Neben Mamà saß Padre Burruano. Als Giovinezza zu Ende war, tauchte Papà auf der Tribüne auf, hinter ihm standen drei weitere Personen in Uniform. Einer von ihnen war Professore Gorgerino. Papà salutierte mit dem römischen Gruß und sagte dann: »Kameraden, ich grüße den Duce!« »Wir auch!« antwortete die Menge. Und Papà fing an zu reden. Er hatte eine schöne Stimme, deutlich und kräftig. Sicher, mit Mussolini konnte er sich nicht messen, aber auch seine Stimme überzeugte und spornte an, die Stimme eines echten Führers, auch er ein Spartaner. Warum redete er so nicht zu Hause? Würde er immer so zu ihm reden, dessen war sich Michilino sicher, würde er ihm immer gehorchen. Disziplin und Hierarchie, wie Professore Gorgerino immer wieder sagte. Papà erklärte den Menschen, daß endlich Rache für unsere Toten von Adua genommen würde (aber wann waren die Ereignisse von Adua eigentlich geschehen? Michilino wußte es nicht), daß in den eroberten Gebieten alle Arbeit finden würden und daß, wenn die Feinde Italiens, in erster Linie die Engländer, Wirtschaftssanktionen beschließen würden, das italienische Volk darauf zu antworten wisse und sich von niemandem den Fuß auf den Kopf stellen lasse. Papàs Rede ging in einem Beifallsturm und Stimmenschwall unter. Genau in diesem Augenblick erinnerte Michilino sich wieder an Mussolinis Stimme, und er wurde, nachdem ihn noch einmal eine Hitzewallung erfaßt hatte, auf der Stelle steif und angespannt. Er spürte, daß das Vögelchen zwischen seinen Schenkeln kein Vögelchen mehr war, sondern eine Art mächtig fordernder Sperber. Mit ihm geschah genau das gleiche, das mit Gorgerino geschehen war. Er senkte den Kopf und schaute hin., Die Hose war von der Kraft des Sperberkopfes, der gegen den Stoff preßte, ganz verformt. Er war besorgt, er wollte nicht, daß die Leute ihn so sahen. Also steckte er die linke Hand in die Hosentasche, packte den Vogel und drückte ihn runter. Doch sobald er ihn losließ, stand er wieder aufrecht. Da sagte er sich, das beste wäre, wenn er ihn die ganze Zeit mit der Hand nach unten drückte. Als Papà von der Tribüne hinunterstieg, wurde er von einer Menge Menschen begrüßt, jeder wollte ihm gratulieren. Padre Burruano sagte zu Mamà, die ganz aufgeregt und ausgelassen war: »Können wir in die Kirche gehen?« »Wozu?« fragte Mamà kalt. »Bringen Sie Michilino mit. Wir wollen über ihn reden. Ich glaube, er ist jetzt soweit für die erste heilige Kommunion.« »Einverstanden«, sagte Mamà und blickte auf die Uhr an ihrem Handgelenk. »Ich kann allenfalls zehn Minuten bleiben.« »Ich erwarte Sie«, sagte Padre Burruano. Kaum hatte sich der geistliche Herr ein Stück entfernt, wurde Mamà von vier oder fünf Frauen umringt, die sie zu umarmen und zu küssen begannen. »Clementina!« rief Mamà zu einer Frau, die klein und dick und ganz in Schwarz gekleidet war. »Endlich gehst du wieder aus dem Haus! Wann kommst du mich besuchen?« »Ganz sicher an einem der nächsten Tage. Die vorgeschriebene Zeit meiner Trauer ist jetzt vorbei«, sagte die dicke Frau, für die Michilino gleich Zuneigung empfand. Auf dem Weg zur Kirche bemerkte Mamà, daß Michilino sich sonderbar bewegte. »Warum gehst du so merkwürdig?« »Weil mein Vögelchen so angespannt ist.« »Denk an Jesus, und du wirst sehen, dann geht’s vorbei. Das ist keine Krankheit, das kommt einfach vor. Nimm das nicht so, wichtig.« »Wer ist Signora Clementina?« »Erinnerst du dich nicht an sie? Manchmal ist sie mich besuchen gekommen. Die Arme ist die Witwe des Politischen Sekretärs Sucato, der am Herzinfarkt gestorben ist. Und an seiner Stelle hat man Papà ernannt.« Bis zur Kirche war es nicht mehr weit, als Mamà anfing zu lachen und sich ein Taschentuch vor den Mund hielt. »Hihihi! Hihihi!« »Warum lachst du, Mamà?« »Ach, das ist nur eine nervöse Reaktion.« »Und warum bist du nervös?« Mamà wartete einen Augenblick, bevor sie antwortete. »Ich bin eigentlich gar nicht nervös, ich freue mich nur so für Papà.« Das Portal war verschlossen, und es wurde auch schon dunkel. Sie nahmen die Seitenstraße, wo sich die Tür zur Sakristei befand, die ebenfalls verschlossen war. Mamà zog an einer Kordel, und man hörte in der Ferne eine Glocke läuten. Während sie warteten, lachte Mamà derart weiter, daß man denken konnte, sie würde jeden Augenblick in Tränen ausbrechen. Padre Burruano kam und öffnete, und als sie eingetreten waren, verschloß er die Tür gleich wieder. Sie gingen in die Sakristei, und Mamà sagte: »Michilino, geh in die Kirche.« Auch die Tür der Sakristei wurde verschlossen, und der Kleine befand sich nun im völligen Dunkel der Kirche, nur das Licht einiger noch nicht niedergebrannter Kerzen sah man vor den Heiligen flackern. Michilino hatte zwar keine Angst, aber gleich verging seine Anspannung, die er bis zu diesem Augenblick mit sich getragen hatte. Die Statue, vor der mehr Kerzen brannten als vor jeder anderen, war der heilige Caloriu, und niemand konnte Michilino den Gedanken aus dem Kopf vertreiben, daß, es sich bei ihm um einen als Heiligen verkleideten Bissinier handelte. Er ging auf die Statue zu und sah sie sich genau an. Dann kletterte er über das Geländer, achtete darauf, daß er sich an den Kerzen nicht verbrannte, zog den Karabiner von der Schulter, richtete das Bajonett auf und berührte mit dessen Spitze einen Fuß des Heiligen. Der war nicht aus Marmor, wie er gedacht hatte, sondern aus Pappmaché. Er drückte mit beiden Armen gegen den Karabiner, so lange, bis er spürte, daß das Pappmaché durchlöchert war. Dann verschnaufte er einen Augenblick und begann von neuem. Im Zeitraum von einer halben Stunde machte er ein Loch in den Fuß der großen Statue wie das, das die Nägel in die Füße des Heilands gemacht hatten. Dann zog er das Bajonett heraus, kletterte wieder über das Geländer und kniete vor dem Kruzifix nieder. Da befanden sich nur zwei Kerzen, die langsam erloschen. »Ich habe dich gerächt«, sagte er zum lieben Heiland. Und er fing an zu beten, mit gefalteten Händen, den Kopf nach oben gewandt, um in das Schmerzensgesicht Jesu zu blicken. So fand ihn auch Mamà vor, nachdem eine weitere halbe Stunde vergangen war. Im Schein der Lämpchen merkte Michilino, daß der hintere Teil von Mamàs Rock benäßt war. Und dann war es auch, als wäre Mamà gerannt, sie war rot im Gesicht und atmete heftig. Ihre Bluse war völlig zerknittert. »Hast du dich naß gemacht, Mamà?« »Nichts, das ist nichts weiter«, sagte Mamà. »Ich hatte Padre Burruano um ein Glas Wasser gebeten, und da ist mir ein bißchen auf den Rock geschwappt.« Zu Hause ging sie ins Badezimmer und schloß sich lange darin ein. Als sie wieder herauskam, hatte sie andere Kleider angezogen. Sie machte sich daran, den Tisch zu decken. »Was hat dir der Pfarrer denn nun über mich gesagt?« »Wie?« fragte Mamà., Jedesmal, wenn Mamà bei Padre Burruano war, war es, als hätte sie hinterher alles vergessen. Aber dann sagte sie: »Er hat mir gesagt, daß du sehr tüchtig bist und mit zur Kommunion gehen kannst. Das ist in zwei Wochen.« »Muß ich also nicht mehr hin und die Dinge mit Gott lernen?« »Am kommenden Freitag gehst du zum letzten Mal. Hinterher wartest du auf mich in der Sakristei, denn ich werde dich abholen kommen.« Sie sprach diese Worte und lief rot an. »Darf ich für dieses letzte Mal den Karabiner mitnehmen?« »Einverstanden, einverstanden«, sagte Mamà. Michilino war äußerst zufrieden. Auf diese Weise würde er auch den anderen Fuß des heiligen Caloriu durchbohren können. Am nächsten Tag brachte Papà eine Landkarte von Abessinien mit und befestigte sie mit Hertzwecken über der Eßzimmertür. Außerdem hatte er eine Dose Stecknadeln dabei, an denen italienische Fähnchen befestigt waren. Er erklärte Michilino, daß er die Stecknadeln auf die Dörfer und Städte setzen wollte, die unsere Truppen eine nach der anderen erobern würden. Die bissinischen Orte hatten eigentümliche Namen: Makallé, Takazzé, Adigrat, Amba Alagi, Amba Aradam, Axum; und die Namen der bissinischen Generäle erst, die im Radio genannt wurden, die waren noch viel eigentümlicher: Ras Sejum, Ras Destà, Ras Mangaschà … Am selben Abend hörten Papà und Mamà dann Radio, und die Dose mit den Stecknadeln war geöffnet. »Dieser De Bono ist ein großer General«, erklärte Papà Michilino. »Der ist ein Quatrumvierer vom Marsch auf Rom. Den Abessiniern reißt er den Arsch auf.« »Giugiù!« sagte Mamà vorwurfsvoll. Am sechsten Tag im Oktober, gleich nach dem Mittagessen,, sagte das Radio, daß unsere Truppen, die aus Rithräa kamen, Adua besetzt hätten. Papà sprang vom Stuhl auf und steckte ein Fähnchen auf die Landkarte. Als Michilino zu Professore Gorgerino kam, traf er ihn in Morgenmantel und Pantoffeln an. »Hast du von unserem großen Sieg gehört?« »Ja.« »Bist du auf spartanische und faschistische Weise stolz darauf?« »Gewiß.« »Dann feiern wir den Sieg heute auf spartanische Art«, sagte Gorgerino, zog den Morgenmantel aus und war nackt. Michilino, der inzwischen wußte, wie die Sache ablief, zog sich ebenfalls aus. Dann sagte er: »Professore, wissen Sie was? Er ist ganz steif geworden.« »Wann war das?« »Zuerst bewegte er sich ein bißchen, als ich Mussolini reden hörte, aber richtig steif wurde er, als Papà redete. Ich konnte nicht mal mehr gehen.« Gorgerino blieb nachdenklich stehen. Dann verließ er das Zimmer und kehrte mit einem Grammophon zurück, mit Kurbel und einer Schallplatte. Er zog das Grammophon auf, setzte eine Nadel ein und legte die Schallplatte auf den Teller. Michilino hörte Mussolinis Stimme: »Im Herzen Europas gibt es mit seiner Masse von fünfundsechzig Millionen Einwohnern …« Auf der Stelle wurde er steif und dann hart wie ein Pfahl. »… mit seiner Geschichte, seiner Kultur, seinen Bedürfnissen …« Gorgerino setzte sich hin und sperrte den Mund auf. »Du hast ja einen wie ein Mann.«, »… das demokratische, freimaurerische Frankreich hat den Augenblick ausgenutzt, als das noch wehrlose oder fast wehrlose Deutschland …« Danach sagte Professore Gorgerino, daß sie das spartanische Fest beschließen sollten. Er ging ins Badezimmer und kehrte mit einer runden Dose zurück. »Was ist das?« »Vaseline.« »Was macht man damit?« »Das zeig ich dir jetzt.« Bäuchlings über den Rand des niedrigen Tisches gebeugt, erinnerte Michilino sich, daß ein Spartaner Schmerzen ertragen können muß, ohne zu weinen, ohne zu klagen. Am nächsten Tag sagte das Radio, daß der Völkerbund Wirtschaftssanktionen gegen Italien verhängt hatte. Papà erklärte Michilino, was das Wort Sanktionen bedeutete, und sagte: »Wir haben zweiundfünfzig Nationen gegen uns, Michilì! Zweiundfünfzig Nationen von Klugscheißern und Schnüfflern! Aber ihnen allen reißen wir …« »Giugiù!« unterbrach ihn Mamà. »Nun laß mich schon sagen, was ich sagen will, liebste Frau! Heute abend fühle ich in mir die Kraft eines Löwen!« »Ganz ehrlich?« fragte Mamà mit einem schelmischen Lächeln. »Willst du etwa Krieg mit mir führen?« fragte Papà ebenfalls schelmisch. Krieg führten sie dann wirklich in der Nacht. Michilino konnte überhaupt kein Auge zumachen, sei es, weil das Kopfende des Bettes an die Wand schlug, sei es, weil Mamà klagte, sei es, weil seine spartanische Stelle brannte, obwohl er sie auf Gorgerinos Rat hin in frischem Wasser gekühlt hatte., Mamà und Papà sprachen darüber, wie sie das Fest für Michilinos Kommunion vorbereiten sollten. Papà sagte zu Mamà, er sei nicht der Meinung, das Fest nur den engen und fernen Verwandten vorzubehalten, er erinnerte sie daran, daß er, weil er doch Politischer Sekretär geworden war, jetzt auch Repräsentationspflichten habe. Sie kamen überein, daß sie den Festsaal des Café Castiglione mieten wollten. Mamà ließ die Einladungen in der Druckerei drucken und verschickte sie. Michilino wurde zum Schneider Cumella gebracht, der ein Faschist der »ersten Stunde« war, wie er allen erzählte, und nicht ein so elender Hund wie Maraventano. Cumella begann mit dem Maßnehmen, während Mamà den Stoff für den Anzug aussuchte. Plötzlich hielt der Schneider inne und blickte auf Michilinos untere Körperhälfte. »Das ist aber doch …!« Wie war es nur möglich, daß sich alle wunderten, sobald ihr Blick darauf fiel? »Signora, Sie wollen mich bitte entschuldigen, aber ich habe da ein kleines Problem«, sagte der Schneider. »Was ist denn?« »Schauen Sie doch bitte einmal her, Signora. Ich dachte, den Anzug so wie für alle Jungen zuzuschneiden, aber hier muß wie für einen Erwachsenen zugeschnitten werden.« »Und wieso?« »Was heißt wieso? Signora, ist Ihnen denn die … na, nennen wir es mal ›Ausstattung‹ Ihres Sohnes nicht bewußt? Soll er es rechts oder links tragen?« Mamà errötete ein bißchen. »Links«, entschied sie, denn sie dachte daran, wo alle Männer, die sie kennengelernt hatte, es trugen. Am Abend vor der Kommunion begleitete Mamà Michilino zur, Beichte. In der Kirche befanden sich an die zehn Kinder mit ihren Müttern. Padre Jacolino nahm die Beichte ab, der war siebzig Jahre alt und taub. Wollte man im Ort die Sünden einer Frau erfahren, mußte man sich nur in der Nähe des Beichtstuhls aufhalten, aus dem Padre Jacolino immer wieder sagte »Sprich lauter, ich versteh ja nichts« und damit die arme Weibsperson zwang, ihr Sündenregister so laut vorzutragen, daß alle es mit anhören konnten. Mamà hingegen beichtete immer bei Padre Burruano. Als die Reihe an Michilino war, kniete er sich hin und machte das Kreuzeszeichen. »Bist du ungehorsam gewesen?« »Nein.« »Hast du den Eltern ungehörig geantwortet?« »Nein.« »Hast du gestohlen?« »Nein.« »Hast du gelogen?« »Nein.« »Hast du schlimme Wörter gebraucht?« »Nein.« »Hast du unkeusche Dinge getan?« »Nein.« Was immer auch unkeusche Dinge waren, er hatte sie nie getan. Ihm war danach, stolz hinzuzufügen: »Ich tue keine unkeuschen Dinge. Ich wandle auf spartanischen Spuren.« Padre Jacolino fuhr zusammen und platzte heraus: »Was, du gehst zu satanischen Huren?« »Nein.« Er wußte zwar, daß Hure ein schlimmes Wort war. Aber er wußte ja nicht einmal, wie diese Huren beschaffen waren. »Fünf Avemarias und fünf Vaterunser. Weiter, der nächste!«, Am folgenden Tag ging er ganz in Weiß gekleidet aus dem Haus, und er sah aus wie eine weiße Friedenstaube. Die Großeltern väterlicherseits und mütterlicherseits waren da, die Tanten und Onkels, die Cousinen und Cousins. Cousine Marietta umarmte ihn ganz fest und küßte ihn, doch sie kam Michilino ein ganz kleines bißchen melancholisch vor. Die heilige Messe feierte Padre Burruano. Als der Augenblick der ersten heiligen Kommunion kam, knieten alle Kinder der Reihe nach nieder. Michilino befand sich in der Mitte. Der Pfarrer begann mit der Austeilung der Hostien. In diesem Augenblick wurde Michilino von einem Gedanken kalt erwischt. Wenn es stimmte, was Padre Burruano im Unterricht über die Dinge mit Gott erklärt hatte, würde er gleich den Leib und das Blut Jesu in Gestalt einer geweihten Hostie hinunterschlucken. Aber wenn er den Leib und das Blut eines Menschen verspeiste, war das nicht Kannibalismus wie bei den Bissiniern? Niemals, zum Beispiel, hatte Gorgerino ihm gesagt, daß die Spartaner Menschen gegessen hätten. Und war das hier dann nicht Todsünde und mehr? Wieso hatte er nur nicht vorher daran gedacht, verflixt? »Was ist?« Das war Padre Burruanos Stimme, leicht gereizt, weil Michilino seinen Mund verschlossen hielt. Auch die beiden weiß gekleideten Kameraden neben ihm sahen ihn an. Was tun? »Mach den Mund auf!« befahl der Pfarrer streng, aber mit leiser Stimme. Michilino gehorchte, und Padre Burruano steckte ihm die Hostie tief in den Mund, aus Angst, Michilino könnte sie noch einmal herausnehmen. Michilino kehrte auf seinen Platz zurück, kniete sich hin und legte den Kopf in die Hände. Es war, als würde er beten, in Wirklichkeit aber überlegte er verzweifelt. Die Hostie lag noch zwischen Zunge und Gaumen, und war noch nicht hinuntergeschluckt. Und je länger er nachdachte, desto überzeugter war er, daß diese Sache nicht richtig war, es gab da einen Fehler, die Hostie zu verspeisen war Gotteslästerung. Doch ganz plötzlich, ohne es überhaupt zu merken, war er drauf und dran, sie zu verschlucken. Das tat er auch, und die Hostie rutschte in den Magen. Daraufhin bekam er solche Angst, daß alles rings um ihn herum plötzlich schwarz wurde. Er verlor das Bewußtsein. In der Sakristei kam er wieder zu sich. Mamà, die große Angst hatte, gab ihm ein Glas Wasser zu trinken. »Ist nichts weiter, war nur die Aufregung«, sagte Papà zu den Großeltern, den Tanten und Onkels und zu den Cousinen und Cousins. Padre Jacolino kam und blickte den Jungen lange an: »Dieses Kind ist ein Engel«, meinte er. »Ich will zum Kruzifix gehen und vor ihm beten«, sagte Michilino. Er mußte Jesus unbedingt um Vergebung bitten, weil er ihn gegessen hatte, ohne es zu wollen. »Später, später«, entgegnete Padre Jacolino. »An Zeit wird es dir dafür nicht fehlen.« Die Feier im Café Castiglione war fabelhaft.,

Drei

Eines Vormittags, als Mamà weggegangen war und Michilino, am Eßzimmertisch sitzend, eine Rechenaufgabe machte, die Gorgerino ihm aufgegeben hatte, klopfte es an der Tür. Der Junge ging hin und öffnete, denn es war Mittwoch, einer der beiden Tage, an denen die Haushaltshilfe Lucia, eine dicke, humpelnde, knüselige, sechzigjährige und immer sauertöpfische Person, nicht da war. Freitags war der andere Tag, an dem sie nicht kam. An der Tür präsentierte sich die Witwe Clementina Sucato, die, welche die Frau des Politischen Sekretärs vor Papà war. Sie hatte ein rosiges, lächelndes Gesicht und streichelte ihm über den Kopf. »Ist deine Mamà da?« »Nein. Aber sie kommt bald wieder zurück.« »Dann würde ich wohl auf sie warten. Läßt du mich eintreten?« »Gewiß«, sagte Michilino wohlerzogen und ließ sie im Wohnzimmer Platz nehmen. Signora Clementina setzte sich in einen Sessel, holte aus ihrer Handtasche einen Fächer hervor, öffnete ihn und begann zu fächeln. »Heilige Jungfrau! Wie heiß es noch immer ist«, stöhnte sie. Es war zwar nicht sonderlich heiß, doch Signora Clementina war füllig und spürte die Hitze daher mehr als andere. »Ich gehe wieder an meine Hausaufgaben zurück«, sagte Michilino. »Geh nur, geh.« Nach einer Weile hörte er, daß sie ihn rief. »Michilino! Bringst du mir ein Glas Wasser?«, »Sofort.« Er stand auf, ging in die Küche, füllte ein Glas am Wasserhahn, ging ins Wohnzimmer und blieb wie angewurzelt stehen, und zwar so angewurzelt, daß das halbe Glas auf seine Hose schwappte und sie durchnäßte, genau wie es Mamà passiert war, als sie in der Sakristei bei Padre Burruano gewesen war. Der Grund war, daß die Witwe sich den Rock und den Unterrock bis zum Bauch hochgezogen hatte und die schneeweißen fetten Schenkel zeigte. Man konnte sogar den schwarzen Schlüpfer sehen. Kaum war er eingetreten, fuhr Signora Clementina zusammen und zog die Kleider hastig herunter. »Ich habe dich gar nicht kommen hören.« Und danach: »Du hast dich ja naß gemacht!« »Nichts weiter, ich ziehe mich gleich um.« Während Signora Clementina trank, fiel ihr Blick auf den nassen Fleck. Sie beugte sich vor, um besser zu sehen. »Was hast du denn in der Tasche?« »Nichts.« Ach, immer dieses Theater! Immer die gleiche Frage! »Komm mal her.« Signora Clementina betastete den Fleck. »Heilige Muttergottes«, sagte sie mit halb geöffnetem Mund. »Ich geh’ mich jetzt umziehen.« Er hatte gerade den Schrank geöffnet, in dem seine Sachen waren, als in der Schlafzimmertür die Witwe Sucato auftauchte. Sie war’s, die ihm die Hose und die Unterhose auszog. Stumm betrachtete sie ihn. »Ich trockne dich besser ab«, sagte sie dann. Mit einem Handtuch kehrte sie aus dem Badezimmer zurück und wischte damit über die nassen Stellen. Hin und wieder sagte, sie flüsternd: »Heilige Muttergottes! Heilige Muttergottes!« Und sie schwitzte, die Witwe Sucato. Immer wieder fuhr sie mit dem Handtuch über dieselbe Stelle. Endlich zog sie ihm die trockenen Sachen an. Als Mamà zurückkam, fand sie die Witwe im Wohnzimmer vor und Michilino, der an seinen Hausaufgaben saß. Zum Mittagessen brachte Mamà ein bestimmtes Thema Papà gegenüber zur Sprache. »Giugiù, ich bin überzeugt, daß Lucia, die Haushaltshilfe, stiehlt.« »Bist du dir da sicher?« »Todsicher. Schon seit einiger Zeit hatte ich bemerkt, daß mal ein Teil vom Besteck, mal ein Deckchen verschwindet, und da habe ich gestern, nach dem Mittagessen, zum Beweis fünfzig Lire auf der Anrichte liegen gelassen. Abends waren sie dann weg.« »Hast du sie genommen, Michilì?« fragte Papà. »Ich tu so was nicht.« »Heute morgen habe ich auch unter der Anrichte gesucht. Aber nichts. Was soll ich machen, Giugiù?« »Was willst du schon machen? Morgen, wenn sie kommt, sagst du ihr, du brauchst sie nicht mehr.« »Ist sie schon humpelnd geboren worden?« drängte sich Michilino dazwischen. »Ja«, sagte Mamà. »Das hat sie mir selbst erzählt.« »Wieso hat man sie dann nicht gleich von einem Felsen gestoßen, wie die Spartaner es mit hinkenden Kindern gemacht haben?« Papà und Mamà sahen sich sprachlos an. Als erster erholte Papà sich von dieser Frage., »Das hat man nicht getan, weil wir keine Spartaner sind.« »Aber wir sind doch Faschisten«, erwiderte Michilino. »Und die Faschisten sind genauso wie die Spartaner.« »Wer erzählt dir solche Dinge?« »Professore Gorgerino.« Papà sah ihn nachdenklich an. »Heute muß ich rasch weg, aber an einem dieser Tage unterhalten wir uns über das, was Gorgerino dir so beibringt.« »Der Professore sagt mir, daß ich über das, was er mir beibringt, mit niemandem reden darf.« Papà mußte nach Rom fahren, wo es eine Versammlung gab, denn Benito Mussolini wollte die Politischen Sekretäre aus ganz Italien sehen. Er würde mindestens vier Tage wegbleiben. Am zweiten Tag lud Mamà Signora Clementina zum Essen ein, die vormittags auf einen Besuch vorbeigekommen war. »Leistest du mir in diesen Tagen, wo mein Mann nicht da ist, ein bißchen Gesellschaft?« Mamà hatte noch keine neue Haushaltshilfe gefunden, daher bereitete sie das Essen gemeinsam mit der Freundin vor. Michilino deckte den Tisch. Nach dem Essen blieben Mamà und Clementina zu einem Schwatz am Tisch sitzen. Michilino spielte auf dem Boden mit einem Panzer, den ihm Papà geschenkt hatte. Auf diese Weise merkte er, daß die Witwe Sucato sich wie neulich im Wohnzimmer hingesetzt hatte, den Rock und den Unterrock so weit nach oben geschoben, daß man ihren Schlüpfer sehen konnte, der diesmal rosa war. Und wie er so spielte, fuhr der Panzer plötzlich zwischen die Füße der Witwe Sucato. Michilino kroch unter den Tisch, um ihn wieder zu holen, und stützte sich einen Augenblick lang auf das Knie von Signora Clementina, die, als sie die Hand des Jungen spürte, sofort die, Beine verschloß. Auf Michilino machte dieses verschwitzte Fleisch einen merkwürdigen Eindruck. Er versuchte, seine Hand zu befreien, aber es ging nicht, denn je mehr er zog, desto fester drückte Signora Clementina zu. Und das Tolle war, daß sie mit Mamà weiterredete, ruhig und ausgeglichen, als ob unter dem Tisch nicht stattfinden würde, was stattfand. Am Ende setzte Michilino die freie Hand ein, und es gelang ihm, die Knie zu öffnen. Doch wußte er nicht, ob es wegen seiner Kraft war oder weil die Witwe Sucato keine Lust mehr auf das Spiel hatte. Am nächsten Morgen, es war der neunte November, sagte das Radio, das Mamà von morgens bis abends laufen ließ, daß unsere Soldaten Makallé eingenommen hätten. Mamà, die ein Lied sang, das ging Vanno le carovane nel Tigrai, Es ziehen die Karawanen in den Tigrai, steckte die Nadel mit der italienischen Flagge an die Stelle der Landkarte, wo Makallé geschrieben stand, wie sie es Papà bei der Eroberung von Axum tun gesehen hatte. Dann öffnete sie das große Fenster und hängte die italienische Flagge hinaus. Sie schloß Michilino in die Arme: »Stell dir vor, wie glücklich Papà in Rom ist, wo er die Er- oberung von Makallé gemeinsam mit Benito Mussolini feiert!« Und dann fing sie an zu singen E per Benito e Mussolini / eja eja alalà. Um halb eins kam Clementina Sucato mit Cannoli und einer Flasche Marsala, um Makallé zu feiern. Nach dem Essen verschlang jede der beiden drei Cannoli mit einer halben Flasche, und sie wurden völlig ausgelassen. Michilino, der zwei Cannoli verdrückt hatte, begann, mit dem Panzer zu spielen. Mamà und Clementina redeten sehr angeregt und leise miteinander, ihre Köpfe steckten zusammen, ihre Augen glänzten und hin und wieder lachten sie. Es war deutlich, daß sie sich vertrauliche Dinge erzählten. Mamà stand auf, nahm von der Anrichte ein Päckchen, Serraglio, bot der Freundin eine Zigarette an und eine steckte sie zwischen ihre Lippen. Sie gossen sich ein weiteres Gläschen Marsala ein. Die Witwe Sucato saß so ausgestreckt auf dem Stuhl, daß sie jeden Augenblick unter den Tisch zu rutschen drohte. Als der Panzer zwischen ihre Füße fuhr, war das erste, was Michilino sah, als er unter den Tisch kroch, daß der Schlüpfer der Witwe Sucato schwarz war. Er verkroch sich unter dem Tisch, nahm den Panzer, und ihm kam der Gedanke auszuprobieren, ob Signora Clementina auch diesmal Lust hatte zu spielen. Er streckte die rechte Hand aus und legte sie ihr aufs Knie. Sie machte aber keine Anstalten wie tags zuvor. Statt die Beine zusammenzupressen, stellte sie sie diesmal auseinander. Und Michilino erkannte den Fehler, den er gemacht hatte: Er hatte nämlich für einen Schlüpfer gehalten, was in Wirklichkeit ein Buschwerk schwarzer gekräuselter Härchen war. Er blickte hin. War das merkwürdig! Die Witwe war ja so behaart wie Professore Gorgerino! Heilige Jungfrau Maria, die Witwe Sucato war sogar noch viel behaarter! Waren denn alle Frauen so? Vielleicht auch Mamà? Vielleicht auch die Cousine? Er erinnerte sich nicht. In der Mitte der Härchen war so etwas wie eine rosafarbene offene Wunde. Wie hat sie ausgerechnet an dieser Stelle eine Wunde bekommen können, arme Clementina? Wie war es möglich, daß kein Blut aus diesem frischen Schnitt trat? Er nahm seine Hand vom Knie und berührte ganz sachte die Wunde. Die Witwe redete und lachte weiter mit Mamà. Wie kam es, daß sie keine Schmerzen fühlte? Und warum trug sie keinen Verband? So wie sie war, konnte sie doch eine Infektion bekommen. Und die Wunde war nicht nur breit, sie mußte auch noch ziemlich tief sein. Mit Vorsicht und Feingefühl schob er zwei Finger hinein. Sie verschwanden. Er zog sie wieder heraus und sah nach, ob sie blutig waren. Aber nichts, sie waren lediglich ein bißchen naß. Da versuchte er, die geschlossene Faust hineinzuschieben, ganz langsam, immer ein bißchen mehr, und hatte Angst, er könnte ihr weh tun. In diesem, Augenblick fiel Mamà die Zigarettenschachtel zu Boden, und sie bückte sich, um sie aufzuheben. Die Witwe Sucato sprang auf. Von unter dem Tisch hörte Michilino den Krach zweier saftiger Ohrfeigen, die Witwe setzte sich wieder und sprang wieder auf, doch schaffte sie es nicht, rechtzeitig einer weiteren Ohrfeige auszuweichen. »Du Hure! Du Schlampe! Raus aus meinem Haus! Verführt mir da meinen Jungen, diese Dreckschlampe! Raus! Du Hurensau!« »Warte doch einen Augenblick, Ernestí!« sagte die Witwe Sucato und rannte immer um den Tisch, verfolgt von Mamà, die mit allem nach ihr warf, was ihr unter die Hand kam, einschließlich der Flasche Marsala. »Du Hurenschnepfe! Du Bordellamsel! Ohne Schlüpfer präsentiert sie sich in meinem Hause, um meinen unschuldigen Jungen zu verführen! Elende Schabracke, du!« Die Witwe konnte die Tür erreichen, sie öffnen und weglaufen. Mamà verschloß sie wieder, sie kam unter den Tisch, packte Michilino, der vor lauter Angst zitterte, und zog ihn hervor. »Geh dir sofort die Hände waschen! Mit Spiritus!« Als Michilino aus dem Bad zurückkam, fand er seine Mutter ausgehbereit vor. Sie atmete immer noch schwer, Tränen der Wut strömten ihr aus den Augen. »Was hast du denn, Mamà?« »Still. Du bleibst hier und stellst nichts an. Ich bin in fünf Minuten wieder zurück.« »Gehst du dich mit Signora Clementina zanken?« »Signora? Eine Schlampe!« sagte sie und ging hinaus. Michilino wurde ganz blaß. Wie viele Sünden beging Mamà nur, wenn sie all diese unanständigen Wörter sagte, die man, doch nicht sagen durfte! Er ging ins Schlafzimmer, kniete vor der Muttergottes nieder und betete für die Errettung von Mamàs Seele. Was war denn nur passiert? Wieso hatte das Spiel mit der Witwe Sucato Mamà so verärgert? Was war denn so Schlimmes dabei? Arme Witwe, mit dieser großen Wunde im frischen Fleisch! Statt ihr Ohrfeigen zu verpassen, hätte Mamà besser daran getan, einen Arzt zu rufen. Mamà kam mit Padre Burruano zurück. Sie setzten sich ins Wohnzimmer und redeten einen kurzen Augenblick miteinander. Danach rief Mamà Michelino herein, gab ihm zu verstehen, daß er sich aufs Sofa neben den Pfarrer setzen solle. »Jetzt werde ich dir ein paar Fragen stellen«, sagte Padre Burruano. »Aber versprichst du mir auch, die Wahrheit zu sagen?« »Das verspreche ich.« »Deine Mamà hat gesehen, daß du und die Witwe Sucato Dinge gemacht habt.« »Ein Spiel.« »Ah, es war ein Spiel?« »Jawohl. Was denn sonst?« Der Pfarrer blickte die Mamà an und machte eine Bewegung, als wolle er sagen: Siehst du, daß ich recht hatte? Mamà atmete tief ein. »Ist es das erste Mal gewesen, daß ihr dieses Spiel gespielt habt?« Und Michelino erzählte ihm alles, vom ersten Besuch von Signora Clementina an, als sie ihm geholfen hatte, Hose und Unterhose zu wechseln, bis zum ersten Spiel, als sie seine Hand zwischen ihren Beinen gefangenhielt. Mamà stand auf, Michelino hörte, wie sie sich im Badezimmer das Gesicht wusch. Unterdessen streichelte der Pfarrer ihm wortlos über den, Kopf. Mamà kam zurück und wirkte ruhiger. »Und was nun?« fragte sie. »Die Dinge sind, wie sie sind«, sagte Padre Burruano. »Weiteres Reden richtet nur mehr Schaden an. Die Unschuld ist Unschuld geblieben. Gott sei Dank. Einverstanden?« »Einverstanden«, erwiderte Mamà. »Allerdings«, sagte Michilino, »sollte Signora Clementina sich darum kümmern.« Sie sahen ihn verblüfft an. »Worum soll sie sich kümmern?« fragte Padre Burruano. »Um die Wunde zwischen ihren Beinen.« Der Pfarrer drückte den Jungen an sich und küßte ihn auf den Kopf. »Haben Sie ihm noch nichts erklärt?« fragte er Mamà. Mamà wurde rot. »Nein.« »Weißt du, Michelino«, sagte Padre Burruano. »Männer und Frauen sind unterschiedlich beschaffen. Frauen haben Brüste, damit sie säugen können, Männer haben die nicht. Männer sind stark, sie haben Muskeln, Frauen haben keine. Männer haben einen … den … Wie nennt ihr den bei euch?« »Vögelchen«, sagte Mamà und wurde puterrot. »… Männer haben das Vögelchen, und die Frauen haben statt dessen das, was dir wie eine Wunde vorgekommen ist, in Wirklichkeit aber keine Wunde ist.« »Und wie heißt das?« fragte Michilino. Es schien, als hätte der Pfarrer eine Schwierigkeit. »Das sagt dir deine Mamà später«, entschied er. Und fuhr fort: »Jetzt geh ins Eßzimmer, denn Mamà möchte beichten.« Mamà sah ihn finster an., »Vielleicht wär’s ein andermal besser.« »Jetzt.« »Geh rüber, Michelino. Nachher rufe ich dich wieder.« Michilino ging hinaus, die Wohnzimmertür wurde mit dem Schlüssel abgesperrt. Wie er noch so dastand, hörte er, wie Mamà sagte: »Nein! Nein! Christus, nein!« »Knie nieder!« gebot Padre Burruanos Stimme. »Nein! Nein!« »Knie nieder, hab ich dir gesagt!« Offensichtlich hatte Mamà keine Lust niederzuknien und zu beichten. Sicher schämte sie sich, vor dem Pfarrer all die unanständigen Wörter zu wiederholen, die ihr aus dem Mund gekommen waren! Aber Buße mußte sie tun, das war nur gerecht. Danach war es still. Mamà hatte es ganz sicher eingesehen und sprach jetzt die Devotionen. Drei Tage nach der Eroberung von Makallé sagte Mamà nach dem Essen zu Michilino: »Papà kommt mit dem Zug um Mitternacht zurück. Leg du dich schon schlafen.« »Weckst du mich, wenn er kommt? Ich will ihm Guten Abend sagen.« »Ganz sicher.« Michilino ging ins Bad, er zog sich aus, wusch sich, zog das Nachthemd an und legte sich hin. Eine Zeitlang hörte er die Musik der Canzonetten, die Mamà am Radio hörte. Dann schlief er ein. Wach wurde er wieder, als er Papà kräftig lachen hörte. Er war im großen Bett neben Mamà und lachte. »Pstt! Du weckst Michilino doch auf!« sagte Mamà. »Den wecken nicht mal Kanonenschüsse auf. Die Faust hatte er in der Witwe Sucato? Die ganze Faust?«, »Madonna, wie unanständig du bist, Giugiù!« »Ich habe einen Sohn, auf den ich wirklich stolz sein kann!« »Bist du denn nur auf derartige Sachen stolz, Giugiù?« »Wieso? Du denn nicht?« »Wie ist Mussolini? Hast du ihn aus der Nähe gesehen?« »Einen Schritt entfernt. Das ist ein Mann, der hat quadratische Eier. Weißt du was? Neben mir stand ein weiblicher Föderalsekretär aus einem Ort in der Nähe von Bologna. Als Mussolini dicht an uns vorbeiging, sagte sie zu mir, daß ihr Schlüpfer naß geworden sei.« »Madonna, was für eine Schlampe!« »Nein, Ernestí, die faschistischen Frauen vom Festland reden spartanisch.« Das war’s! Die faschistischen Frauen waren Spartanerinnen, wie Professore Gorgerino gesagt hatte, und auch wenn sie Pipì gemacht hatten, schämten sie sich nicht, es zu sagen. »Und du? Was hast du mit dieser Kameradin vom Festland gemacht?« »Ich? Nichts!« sagte Papà. »Du weißt doch, daß ich nur dich liebe.« »Wirklich?« fragte Mamà und umarmte ihn. Sie begannen mit ihrem Kampf und wälzten sich im Bett herum. Dann legte Mamà, die die Oberhand hatte, wohl weil Papà müde von der Reise war, ihn unter sich und erteilte ihm eine Strafe, indem er das Pferd sein mußte, während sie die Reiterin war. »Die Tatsache, daß unser Sohn nicht auf eine öffentliche Schule geht«, sagte Papà, während er an seinem Mokka schlürfte, »bedeutet nicht, daß er von den faschistischen Samstagsversammlungen befreit ist.« »Magst du das, mit den anderen Balillajungen zur, Samstagsversammlung gehen?« fragte Mamà Michilino. »Was machen sie denn bei den Versammlungen?« »Sie marschieren, machen Gymnastik, so was eben!« »Nackt?« »Wieso nackt?« fragte Mamà völlig verdattert. »Weil in Sparta die Leibesübungen nackt durchgeführt wurden, Jungen und Mädchen gemeinsam.« »Nein«, sagte Mamà, »hier macht man das in Uniform.« »Willst du Mannschaftsführer der Balillajungen werden?« fragte Papà. »Mannschaftsführer weiß ich nicht, aber Buagos ganz sicher.« »Was ist denn ein Buagos?« »Der Kommandeur einer Buai, einer Kompagnie spartanischer Soldaten. Aber wenn ich’s mir genau überlege, ist Mannschaftsführer oder Buagos wohl das gleiche.« Papà wurde nachdenklich. »Was macht ihr heute im Unterricht bei Gorgerino?« »Zuerst feiern wir die Eroberung von Makallé, was wir noch nicht haben tun können, und nachher …« »Einen Augenblick«, sagte Papà. »Wie ist diese Feier?« »Spartanisch.« »Und feiert ihr oft?« »Wir haben die Eroberung von Adua gefeiert, die von Axum und heute die von Makallé.« »Kommt mir vor, als würdet ihr mehr feiern als lernen«, meinte Mamà, als sie in die Küche ging. »Sag mir doch mal«, sagte Papà leise, »diese Feiern, feiert ihr die nackt, du und Gorgerino?« »Ja, Papà.« Papà fragte nicht weiter, er verabschiedete sich von seiner, Frau und ging zur Arbeit. An die Feier der Eroberung von Makallé erinnerte sich Professore Gorgerino noch sein ganzes Leben. Sie waren nackt, Michilino bereits in Position und er mit der Vaseline in der Hand, als es an der Tür klopfte. Gorgerino zog eilig den Morgenmantel und die Pantoffeln an, legte den Zeigefinger an den Mund, was bedeutete »Kein Wort!«, schloß die Tür des Arbeitszimmers und ging in die Diele. »Wer ist da?« »Mach auf, Gorgerino, ich bin Giugiù Sterlini.« »Wenn ich Unterricht gebe, will ich nicht, daß …« »Mach diese Tür auf, Gorgerì, bring meine Eier nicht zum Dampfen.« »Ich habe gesagt, daß …« Der Stoß mit der Schulter, den Papà der Tür versetzte, brachte die Wohnung zum Erzittern. »Ich mach ja schon auf.« »Wo ist Michilino?« »Im Arbeitszimmer. Stör ihn nicht.« »Aber wer stört ihn denn! Ich will ihn ja nur sehen.« Langsam öffnete er die Tür zum Arbeitszimmer, er sah den Jungen nackt, der ihm zulächelte. »Papà! Wie schön! Bist du gekommen, um mich mit Mamà abzuholen?« »Ich möchte dir erklären, Kamerad …«, fing Gorgerino an, der hinter Papà stand. Ohne Ah! noch Oh! zu sagen, drehte Papà sich um und pflanzte seine Faust in Gorgerinos Gesicht, der durch die gesamte Diele bis zur Wohnungstür flog. Er fiel mit dem Hintern auf den Boden, aus der gebrochenen Nase floß ziemlich, viel Blut. Michilino erstarrte vor Angst. Warum nur war Papà so wütend, daß er Gorgerino so verprügelte? Was hatte der Professore denn Schlimmes getan? »Zieh dich an«, sagte Papà zu Michilino. Papà ging zu Gorgerino, der versuchte, das Nasenbluten mit dem Morgenmantel zu stoppen, und versetzte ihm einen gewaltigen Tritt in die Schamteile, die aufgrund der Haltung des Professore freilagen. Gorgerino krümmte und wälzte sich auf dem Boden, nahm die blutverschmierten Hände von der Nase, um sie über den Vogel zu legen, und fing an zu weinen, wobei er sich mit Rotz, mit Spucke und Blut verschmierte. Sobald er Papà wieder vor den Schuß kam, versetzte Papà ihm noch einen Tritt, diesmal ins Gesicht. Der Professore verlor das Bewußtsein, er lag mit dem Bauch in der Luft und geöffneten Armen. In der Tür zum Arbeitszimmer tauchte Michilino auf, wachsgelb. »Hast du ihn umgebracht, Papà?« »Nein, aber verdient hätte er’s.« Gorgerino jammerte. Papà wandte sich ihm zu. »Hörst du mich?« »Fa, fa«, gelang es dem Professore zu sagen, dessen Zunge gespalten sein mußte. »Ich sag es dir auf sizilianisch: Tu, tra mezzura, apprisenti una littra di dimissioni dall’Opira Balilla. E dumani a matinu, entro mezzojornu, devi essere partuto da chisto paìsi e nun ci devi cchiù mettiri pedi. Chiaru? In einer halben Stunde erklärst du in einem Brief deinen Rücktritt vom Nationalen Baliila-Werk. Und morgen vormittag, bis zwölf Uhr, mußt du diesen Ort verlassen haben und darfst nie wieder deinen Fuß hier reinsetzen. Klar?« »Fa.« »Und wenn du nicht tust, was ich dir gesagt habe, zeige ich dich bei den Carabinieri an. Hast du verstanden?«, »Fa.« »Und jetzt red’ ich spartanisch mit dir, das magst du ja. Wenn ich dich morgen nach dem Mittagessen noch im Ort antreffe, pack’ ich dich vor allen Leuten und schiebe dir einen Besenstiel in den Arsch. Hast du mich verstanden, du Scheißkerl?« »Fa.« »Noch etwas: Wenn du dir die Verletzungen behandeln läßt, dann sagst du, du wärst die Treppe runtergefallen. Stockt dir das Blut in der Nase?« »Fa.« »Dann kümmere ich mich umgehend darum.« Papà hob einen Fuß und senkte ihn aufs Gesicht des Professore. Gorgerino krümmte sich, er sah aus wie eine dieser Schaben, die sich bei der geringsten Berührung zusammenrollen. »Was hat er denn Schlimmes getan?« fragte Michilino, als sie auf der Straße waren. »Er hat Dinge getan, von denen Mussolini nicht will, daß man sie tut.« »Und Jesus auch nicht?« »Jesus auch nicht.« »Und was hat er getan?« »Unanständige Dinge.« »Und mit wem?« Papà sah ihn an, er begriff, daß Michilino unschuldig war wie das Gras. »Mit unanständigen Menschen, wie er einer ist. Hör mir zu, Michilino, jetzt, wo du nach Hause gehst, erzähl Mamà nichts über das, was zwischen mir und Gorgerino vorgefallen ist.« »Ich erzähle keine Lügenmärchen.« »Genau das, wenn man nämlich nichts sagt, ist das nicht das, gleiche wie Lügenmärchen. Klar?« »Klar.« »Heute abend sage ich Mamà, daß du nicht mehr zu Gorgerino zum Unterricht gehst. Und basta. Du wirst mit Signora Pancucci, der Lehrerin, weiterlernen.« Drei Tage später kam Papà unerwartet nach dem Mittagessen nach Hause. »Ich muß mir die Uniform anziehen.« »Was ist denn los?« fragte Mamà. »Ich gehe zur Familie Cucurullo.« »Und was machst du da?« »Ich muß ihnen sagen, daß ihr Sohn gestorben ist. Ich habe ein Telegramm erhalten, gezeichnet von Mussolini. Willst du’s sehen?« Er zog es aus der Tasche, hielt es seiner Frau hin und ging ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen. Mamà öffnete es und las laut. an den politischen sekretaer gerlando sterlini stop unterrichten sie eltern von elite schwarzhemd cucurullo ubaldo dass ihr sohn in der schlacht von makalle heldenhaft gefallen ist stop faschistische gruesse Benito Mussolini. Sie seufzte. »Der Arme«, sagte sie. »Geben sie ihm jetzt eine Medaille?« fragte Michilino Papà, als er in Uniform herauskam. »Weiß ich nicht«, antwortete Papà. »Aber ich habe mir gedacht, ich lasse das Telegramm einrahmen und schenke es der Familie. Dann hängen sie’s auf, und wenn sie Mussolinis Unterschrift sehen, finden sie Trost.«, Und so war es, daß auch Marietta, als sie von Balduzzos Tod erfuhr, die Eroberung von Makallé nie mehr vergaß. Um vier Uhr nach dem Mittagessen am folgenden Samstag begleitete Mamà Michilino in Uniform zum Sportplatz. Papà hatte nicht gewollt, daß sein Sohn das Gewehr bei sich trug, das er ihm geschenkt hatte. »Das ist nicht vorschriftsmäßig, und du hast auch noch das Bajonett angespitzt. Man wird dir ein anderes geben, das hier behältst du zu Hause.« Sie kamen an, als der Sportplatz schon gepackt voll mit Balillajungen und Kleinen Italienerinnen war. Mamà brachte ihn nach vorne, zu einem in Uniform im Rang eines Tenente, der aufrecht, mit an den Schenkeln liegenden Händen, auf einem Doppelpodest stand und eine Trillerpfeife im Mund hielt. Mamà machte den römischen Gruß, der andere nahm Habtacht-Stellung ein und grüßte ebenfalls auf römische Art. »Ich bin gekommen, um …« »Ich weiß alles, Ihr Mann hat es mir bereits gesagt. Geht schon. Geht schon. Der Baliila bleibt hier.« Mamàs Blick verdüsterte sich ob der schlechten Erziehung dieses Mannes. Normalerweise waren die Männer bei ihr ganz Honig und Seim. Sie kehrte den Rücken und ging ohne Gruß. »Wie heißt du?« fragte der Mann. »Michelino Sterlini.« »Bist du der Sohn des Politischen Sekretärs?« Wieso mußte er beim Sprechen nur so schreien? Welchen Grund gab es dafür? »Ja.« »Das heißt Jawohl.« »Jawohl.«, »Du hattest dich wohl verirrt, was?« Michilino antwortete nichts, er hatte nicht verstanden. »Ich werde dich rannehmen, mehr als die anderen!« Er pfiff viermal hintereinander in die Trillerpfeife, und zwar so stark, daß Michilinos Ohren trinnnnnn machten. Einer im Rang eines Korporals kam angelaufen, grüßte und nahm Haltung an. »Unterscharführer Virduzzo Cosimo zu Befehl!« »Reih diesen Baliila hier ein. Und zwar flott! Wegtreten!« »Wegtreten!« wiederholte Virduzzo Michilino, und Michilino fing an, neben ihm herzulaufen. Es sah so aus, als wären diese Faschisten wütende Schreihälse. Bei den Spartanern lachte man wenigstens manchmal. Nachdem Virduzzo seine Schar zweimal um den Platz hatte laufen lassen, befahl er das Rührt-euch und das freie Herum- gehen. Dabei erfuhr Michilino von den anderen, daß er der vierten Schar zugeordnet worden war, daß Virduzzo ein Stinker und Spitzel war, daß der Mann auf dem Podest ein Sportlehrer vom Festland war, dessen Name Scarpin Altiero war und der die Stelle von Professore Gorgerino eingenommen hatte, der die Treppe hinuntergestürzt war und sich hatte versetzen lassen. Die Lehrerin, Signora Pancucci Romilda, war eine unverheiratete Sechzigerin, die mit einer älteren und halb erblindeten Schwester zusammenlebte, die Adilaida hieß. Sie bewohnten eine kleine Wohnung im zweiten Stock eines vierstöckigen Hauses, das ganz oben im Ort lag, die Straße hieß Via Giovanni Berta, der ein faschistischer Märtyrer und von den Kommunisten umgebracht worden war. Und um dorthin zu kommen, mußte man durch eine ganze Zahl enger, ansteigender Straßen gehen, die alle nach aufgewärmtem Kohl stanken. Man mußte aufpassen, denn oft flog aus den Fenstern irgend etwas auf die Straße, Schalen, Tomatendosen, Abfall, Scheiße und Pisse. Auch das Viertel der Lehrerin stank nach Kohl und, Ranzigem. Beim ersten Mal begleitete Mamà ihn. »Michilì, lern den Weg gut, denn ich mag nicht in diese Gegend kommen. Hier gibt es zu viele ordinäre Leute.« Michilino wußte, daß es hier viele ordinäre Leute gab. Mamà hatte Papà nämlich erzählt, daß, als sie hergekommen war, um mit der Lehrerin über Michilinos Unterricht zu reden, ihr ein Betrunkener hinterhergelaufen war und sie am Hinterteil zu berühren versucht hatte. Als Michilino das gehört hatte, dachte er daran, daß er, wenn er dabei gewesen wäre, den Mann mit seinem Bajonett umgebracht hätte. Sobald die Lehrerin Pancucci Michilino mit dem Gewehr sah, sagte sie entschlossen: »Keine Waffen in meinem Hause!« »Aber das ist doch nur eine Attrappe«, sagte Mamà. »Das ist einerlei. Heute lasse ich’s noch durchgehen, aber ab morgen keine Waffen.« Michilino lernte an diesem selben Tag Prestipino Salvatore kennen, kurz Totò genannt, der zusammen mit ihm Privat- unterricht erhielt. Totò Prestipino war zwar zwei Jahre älter als Michilino, doch weil er ein kleines bißchen zurückgeblieben war, wie die Lehrerin sagte, war er mit dem Unterrichtsstoff der Schule im Verzug. Er war fast so groß wie ein Mann, lachte immer und oft rann ihm Rotz aus der Nase. »Prestipino! Nimm dein Taschentuch!« sagte die Lehrerin und gab ihm einen Schlag mit dem Rohrstock auf den Kopf. Denn wenn Prestipino die Nase lief, nahm er sie zwischen zwei Finger und schneuzte fest. Der Rotz landete dann manchmal auf dem Boden, manchmal da, wo er eben hinflog, und einmal versaute er Michilinos Heft. Sobald er einen heftigen Schlag auf den Kopf bekam, der Michilino allein schon vom Geräusch her Schmerzen verursachte, weinte Totò nicht, sondern lachte., Abends, bei Tisch, als er vom ersten Unterricht zurück war, verkündete Michilino: »Zur Lehrerin Pancucci gehe ich nicht mehr.« »Wieso?« fragte Papà. »Weil sie nicht will, daß ich das Gewehr mitbringe. Aber ich will ohne Gewehr nicht gehen.« Mamà fing an zu lachen. »Michilì, ich hab sofort begriffen, daß du ohne Gewehr da nicht mehr hingehen würdest. Ich hab die Lösung gefunden. Wenn man durch das Eingangstor des Hauses geht, in dem die Lehrerin wohnt, befindet sich gleich links ein eisernes Türchen; das ist zu, hat aber kein Schloß. Du brauchst es nur etwas anzuziehen, dann ist es offen. Da stellst du das Gewehr hinein, bevor du zu ihr hochsteigst, und nimmst es wieder mit, wenn du weggehst.« »Und was, wenn sie’s mir stehlen, während ich Unterricht habe?« Mamà lachte schon wieder. »Auch daran hab ich gedacht. Weil hinter der kleinen Tür nichts ist, es ist völlig leer, keine Wasserhähne, keine Zähler, es dient also niemandem und nichts, hab’ ich für dich ein altes Vorhängeschloß gefunden, das nicht ins Auge fällt. Es hat Schlüssel. Daher kannst du es abschließen und aufschließen, wie du’s brauchst, und du brauchst keinem Rechenschaft zu geben.« Papà hatte still zugehört und machte jetzt ein verwundertes Gesicht. »Wie pfiffig du bist, Ernestí! Hätte ich dir gar nicht zugetraut. Jetzt, wo ich’s weiß, muß ich mich vor dir in acht nehmen!« Eines Tages, als die Lehrerin ins Schlafzimmer gegangen war, um ihre Schwester Adilaida zu versorgen, die mit Grippe im Bett lag, gab Prestipino Michilino einen Stoß mit dem Ellbogen,, während Michilino gerade den Unterrichtsstoff wiederholte. »Jetzt zeig ich dir was«, sagte er leise mit Verschwörermiene. Aus seiner Jackentasche zog er ein buntes, schön duftendes Büchlein, das in einem Umschlag aus getupftem Papier steckte. »Ist ’n Kalender«, sagte er. »Und für einen Kalender tust du so geheimnisvoll?« »Das hier ist ein besonderer Kalender.« »Und wo hast du ihn gefunden?« »Hab ich meinem Vater geklaut. Ist ’n Kalender, den verschenken die Barbiere.« Er öffnete ihn und begann ihn gemeinsam mit Michilino anzusehen. Linker Hand standen die Monate mit allen Tagen, rechter Hand war eine nackte Frau dargestellt. Für jeden Monat gab es eine andere Frau. Alle Frauen waren schwarze Bissinierinnen, zeigten mal ihre Brüste, mal ihren Hintern, eine dagegen hatte die Beine auseinandergestellt, und zwischen den Härchen sah man das, was Michilino für eine Wunde gehalten hatte. Bei diesem Foto verweilte Prestipino. »Die Bissinierin hier macht mich wahnsinnig, bei der kriege ich einen Ständer«, sagte er, während er sich mit der Zunge den Rotz ableckte, der ihm auf die Lippen lief. Er legte einen Finger zwischen die Beine der Schwarzen. »Weißt du, wie das hier heißt?« »Nein.« »Das hier heißt Schlitz.« Michilino überlegte, daß zwischen dem Schlitz der Schwarzen und dem der Witwe Sucato gar kein großer Unterschied bestand. Ein unangenehmer Gedanke schoß durch seinen Kopf: Hatte Mamà etwa auch einen Schlitz? Natürlich, wie könnte sie sonst Pipì machen?, »Jetzt hol ich mir einen runter. Mein Schwanz explodiert«, sagte Prestipino, knöpfte sich auf und holte ihn aus der Hose. Michilino bemerkte, daß der von Prestipino viel weniger lang war als seiner. Prestipino nahm ihn in die Hand, und immer fest auf die Schwarze starrend, fing er an, die Faust auf und ab zu bewegen. Das also nannte man sich einen runterholen. Und das bedeutete, weil Gorgerino doch das gleiche auch mit ihm gemacht hatte, daß auch die Spartaner sich gerne einen runterholten. Ganz plötzlich hielt Totò inne, der ein feines Gehör hatte, er horchte, steckte ihn wieder in die Hose und den Kalender wieder in die Jackentasche. Die Lehrerin kam herein. »Machen wir weiter mit dem Unterricht. Ihr seid artig gewesen, habt keinen Lärm gemacht. Gute Jungen.« An einem Montag sagte Mamà zu Michilino, daß er die ganze Woche lang nicht zum Unterricht gehen würde. Der Befehl war ergangen, daß sich sämtliche Baliilajungen und Kleine Italienerinnen jeden Tag um vier Uhr nach dem Mittagessen und bis zum kommenden faschistischen Samstag zum Sportplatz begeben müßten, wo Altiero Scarpin ihnen sagen würde, was sie zu tun hätten. Um halb fünf waren die Manipel und Zenturien gebildet, die Jungen auf der einen Seite, die Mädchen auf der anderen, geschart in Habt-acht-Stellung vor dem Doppelpodest, auf dem Scarpin stand, mit den Händen an den Schenkeln, und neben ihm eine Frau mittleren Alters im Sahara-Anzug. Hinter dem Podest befanden sich noch zwei junge Mädchen, ebenfalls in einem Sahara-Anzug. Eine hielt unter dem Arm ungefähr zehn große Zeichenblätter, die andere hatte vor sich eine Schachtel mit Kartons. In der Mitte des Spielfelds war aus Holz eine Art Kastell zusammengebaut worden, das für Michilino ganz genau wie eines der Forts aussah, die er in einem Groschenheftchen gesehen hatte und die im Wilden Westen den Soldaten des, Generals Custer als Schutz vor den Angriffen der Rothäute Sioux gedient hatten. Doch dieses Fort hier hatte keine Wände, es war wie ein Aufbau aus Balken und Brettern. Altiero Scarpin zeigte darauf und rühmte sich. »Das, was ihr da seht«, sagte er, »soll die von den Abessiniern errichtete Abwehr in der von uns erstürmten Stadt Makallé sein. Am nächsten Samstag werden wir in Anwesenheit von Kameraden und Bürgern, die teilnehmen wollen, die Schlacht zur Eroberung von Makallé nachstellen. Und diese Darstellung werden wir dem Elite-Schwarzhemd Kamerad Cucurullo Ubaldo widmen, der in genau dieser Schlacht heldenhaft gestorben ist. Ich werde unter euch zehn Balillas auswählen, die die Rolle der Abessinier übernehmen, und zwanzig Balillas, die unsere tapferen Kämpfer darstellen werden. Alle anderen, Balillas ebenso wie Kleine Italienerinnen, machen Klangeffekte. Die Kameradin an meiner Seite ist die Zeichenlehrerin Colapresto Ersilia, die viele von euch kennen.« Mit vorgewölbter Brust machte Lehrerin Colapresto den römischen Gruß. »Die Kameradin hat mit Geschicklichkeit und Können die Kostüme gezeichnet, die sie euch zeigen wird.« Die Lehrerin gab einem der beiden jungen Mädchen, die hinter dem Podest standen, ein Zeichen. Dieses trat nun vor und hielt ihr ein Zeichenblatt hin. Die Lehrerin zeigte es allen. Die Reihen lösten sich auf. Die, die am weitesten hinten standen, konnten die Zeichnung nicht sehen und machten ein paar Schritte nach vorn. Scarpin gab ein paar wütende Pfiffe, die Ordnung kehrte wieder ein. »Das hier«, sagte die Lehrerin Colapresto, »ist das Kostüm des abessinischen Ras.« Sie hatte einen barfüßigen Schwarzen gezeichnet, dessen Hose in der Hüfte weit und unten eng war, nach dem Ziehharmonika- prinzip. Über der nackten Brust trug er lediglich eine Kette aus, Leopardenzähnen, wie die Lehrerin erklärte, und eine Art kurzes weißes Bolerojäckchen. »Und das hier«, fuhr sie fort und zeigte andere Blätter, die ihr hingehalten wurden, »sind die Kostüme der abessinischen Soldaten« Offensichtlich war ein abessinischer Soldat ein Mittelding zwischen einem Wilden und einem Indianer. Alle waren sie barfüßig, alle mit einer Art Röckchen bekleidet, die verschiedene Farben hatten. Außerdem trugen sie Ketten aus Muscheln oder farbigen Steinen. In den Händen hielten sie entweder Wurfspieße oder Pfeil und Bogen. »Diejenigen, die für die Rolle der Abessinier ausgewählt werden«, sagte die Lehrerin, »bleiben nach Abschluß dieses Treffens da, damit bei ihnen Maß genommen werden kann.« Sie gab dem anderen Mädchen ein Zeichen. Dieses nahm die Schachtel und brachte sie zum Podest. Die Lehrerin bückte sich, öffnete die Schachtel und zog einen ganz kleinen Kolonialhelm heraus. »Die Balillas, die unsere Kämpfer darstellen, werden einen solchen Helm tragen, den ihr in perfektem Zustand halten müßt.« Scarpin ergriff wieder das Wort. »Ich werde jetzt die Namen der Balillas nennen, die ausgewählt wurden, das Fort von Makallé zu erstürmen. Die aufgerufenen Balillas stellen sich in Reih und Glied vor dem Podest auf. Die Manipelführer Palazzolo und Cachìa sind zu Unterweisern der Schlacht bestellt.« Palazzolo und Cachìa kamen im Laufschritt vor dem Podest an, salutierten und stellten sich in Habt-acht-Stellung auf. Scarpin fing mit dem Verlesen der Namen der italienischen Kämpfer an. Der fünfzehnte war Michilino. Danach wurde die gesamte Mannschaft hinter das Podest gebracht, wo sich jeder, den Kolonialhelm aussuchte, der ihm von der Größe her am besten stand. Unterdessen hatte Scarpin den Unterweiser der Bissinier gerufen, der alleine war, den Stellvertretenden Manipelführer Rizzopinna Carmelo, und er hatte die Namen der Schwarzen verlesen, die Makallé verteidigen sollten. Michilino sah, daß als Ras der Bissinier Totò Prestipino ernannt wurde, und unter den anderen befand sich auch Alfio Maraventano, der Sohn des kommunistischen Schneiders, der ihn angefurzt hatte. Die Lehrerin Colapresto fing an, bei den Bissiniern Maß zu nehmen. In der Zwischenzeit wählten die anderen Manipelführer unter Mithilfe ihrer Stellvertreter die Stimmen aus. Die mit den tiefsten Stimmen sollten den Lärm der Kanonen machen: »Bumm! Bumm! Bumm!« Die, deren Stimme so mittel war, sollten die Maschinen- gewehrsalven imitieren: »Ratatatatà! Ratatatatà!« Die Balillas mit den höchsten Stimmen sollten Gewehrschüsse nachmachen: »Päng! Päng! Päng!« Die Kleinen Italienerinnen wurden in zwei Gruppen geteilt. Die erste Gruppe mußte das Schwirren der Pfeile nachmachen: »Sguiiisch! Sguiiisch! Sguiiisch!« Die zweite Gruppe das der Wurfspieße: »Frrrsss! Frrrsss! Frrrsss!« Die Aufgabe, die Geräusche zusammenzuführen und zu dirigieren, übernahm Scarpin persönlich. Gegen Ende der Versammlung brachte man die Waffen für die Bissinier herbei: Besenstiele, das waren die Wurfspieße, und Bögen aus Schilfrohr, die mit Kordel gekrümmt wurden. Auch die Pfeile waren aus geschnittenem Rohr. Auf jede Spitze aber war ein Flaschenkorken geleimt worden, um zu verhindern, daß die Pfeile wirklich weh tun konnten. Am nächsten Tag um vier, als Scarpin gerade eben auf das Podest gestiegen war, präsentierte sich ein hochgewachsener, dicker Mann mit glattem Haar, der wie ein wütender Elefant, war. »Heh, Scarpin, komm von dem Podest runter, ich muß mit dir reden!« Ein Ballila erklärte Michilino, daß dieser Mann auch Sportlehrer sei und Tortorici Gaspano heiße. Sein Sohn Rorò sei ein Baliilajunge. »Ich steig’ nicht runter! Wir reden hinterher!« »Scarpin, komm runter, das ist besser für dich!« »Nein!« »Dann muß ich eben hochkommen!« Und er sprang aufs Podest. Als er Tortorici derart wütend vor sich sah, bekam Scarpin es mit der Angst zu tun und machte einen Schritt zurück. Alle schauten zu, als wären sie im Theater. »Was willst du eigentlich?« »Meinen Sohn mußt du da rausnehmen.« »Wo rausnehmen?« »Aus den Abessiniern! Ich will nicht, daß Rorò ein Abessinier wird.« »Das ist ein Befehl von mir!« »Mit deinen Befehlen wisch ich mir den Arsch ab! Willst du wissen, warum du meinen Sohn unter die Abessinier gesteckt hast? Weil du neidisch bist! Ich bin ein viel besserer Sportlehrer als du! Das wissen alle! Du bist doch nur ein aufgeblasener Furz.« Scarpin gab einen ohrenbetäubenden Pfiff. »Spallone!« rief er. Im Laufschritt kam ein hochgewachsener, stämmiger Manipelführer an, fast so wie Tortorici. »Vertreib dieses Subjekt hier mit Fußtritten!« Spallone sprang aufs Podest, und sofort lag er flach und halb bewußtlos auf dem Boden, weil Tortorici ihm die Faust unters, Kinn gepflanzt hatte. »Rorò«, sagte Tortorici. Sein Sohn kam im Laufschritt an und lachte, weil es nach der Meinung seines Vaters keinen Mann gab, der ihn niederstrecken konnte. »Gehen wir. Vorher verabschiedest du dich noch von Scarpin.« Rorò machte den römischen Gruß. »Und jetzt gehen wir beide zum Politischen Sekretär und erzählen ihm die Geschichte. Und dann sehen wir, wem er recht gibt. Und ich bitte euch alle um Verzeihung für die Störung.« Eine halbe Stunde verging, bevor die Übungen weitergehen konnten. Am nächsten Tag erschien der Balilla Rorò Tortorici nicht: Er war entsprechend der Entscheidung des Politischen Sekretärs Sterlini, Michilinos Vater, »freigestellt« worden, der weder Scarpin noch Tortorici recht geben wollte. Palazzolo und Cachìa nahmen sich jeder zehn Balillas, Michilino kam in die von Cachìa kommandierte Gruppe, der ein spindeldürrer Dreißiger mit Oberlippenbart war. Cachìa ließ sie auf dem Bauch robben, einen Pfahl hinaufklimmen und ein Seil, sich für gut eine halbe Stunde am Querbalken des Fußballtors herunterhängen, durch einen brennenden Holzreifen springen, wie Michilino es die Löwen eines Reitervereins hatte machen sehen, übers Seitpferd springen, die hundert Meter mit und ohne Hürden laufen, sich am Stufenbarren überschlagen und den Weitsprung wie den Hochsprung durchführen. Bei diesem Spaziergang landeten die Balillas Armosino Corrado und Giannifero Lauretano im Krankenhaus mit mehreren Knochenbrüchen. Scarpin wollte sie nicht ersetzen. Denen, die zu Palazzolo gekommen waren, erging es besser. Palazzolo war ein ruhigerer Typ, er lehrte seine Balillas bestimmte geheime Weisheiten. »Mehr als alle Kraft zählt die List.«, Und in der Tat war es so, daß, als die Stunde der Mann-gegen- Mann-Kämpfe mit den Bissiniern kam, die vom Stell- vertretenden Manipelführer Rizzopinna trainiert worden waren – und der verstand keinen Spaß: In den Ertüchtigungsstunden hielt er immer einen Dolch zwischen den Zähnen, wie ein Pirat –, die Sache so endete, daß Cachìas Mannschaft verlor. Sie fingen sich von den wild gewordenen Bissiniern Schläge auf Kopf und Steißbein ein, obwohl sie die Schäfte ihre Gewehre einsetzten und es ihnen zeigten, wohingegen die Bissinier, die es mit Palazzolos Balillas zu tun bekamen, durch Beinchenstellen, wuterfüllte Blicke und Tritte in die Eier das Nachsehen hatten. In dieser Mann-gegen-Mann-Übung entdeckte Michilino, daß der Baliila Buttiglione Amedeo, der der dümmste von allen war und zu seiner Mannschaft gehörte, vom Bissinier Alfio Maraventano überwältigt worden war, der nun auf ihm saß, wie Mamà es in manchen Nächten bei Papà tat, und ihm die Nase zuhielt, damit er ersticken sollte. Michilino packte Alfio bei den Haaren und zog mit allen seinen Kräften daran. Da ließ Maraventano den Buttiglione weinend auf der Erde zurück und sprang auf. Einen Augenblick hielt Michilino inne, denn er war angesichts Alfios wie bei einem Verrückten weit aufgerissenen Augen entsetzt. Und der nutzte die Gelegenheit, ihm ins Gesicht zu spucken und ihm einen so kräftigen Stoß zu geben, daß Michilino mit dem Hintern auf der Erde landete. Maraventano beugte sich über ihn. Michilino schützte sich instinktiv mit den Armen. »Du bist ein noch größeres Arschloch und noch gehörnter als dein Vater«, sagte Maraventano ihm Auge in Auge. Er wandte sich von ihm ab und kämpfte weiter. Am Freitag, zur Stunde der Eröffnung, kamen die zehn Bissinier aus den Umkleideräumen mit schwarz gefärbter Haut (die Lehrerin Colapresto hatte sie persönlich bemalt, wobei sie angerußte Flaschenkorken verwandte) und in ihren Kostümen. Sie gingen hinaus und machten Phantastisches, das heißt eine, Art von Ballett mit Sprüngen und Stimmenlärm, das sich der Stellvertretende Manipelführer Rizzopinna ausgedacht hatte. Sie hinterließen einen tiefen Eindruck, sie wirkten wie echte Wilde. Vor Beginn hielt Scarpin vor den Balillas eine Rede, sagte, er schätze die Hingabe bei den Kämpfen Mann gegen Mann, daß sie aber insgesamt darauf bedacht sein sollten, sich einander nicht übermäßig weh zu tun, weil er allein, Scarpin, sonst Scherereien bekäme. Während sie den Kampf Mann gegen Mann übten, standen sich Michilino und Alfio gegenüber, doch diesmal taten sie sich nichts, sie sahen sich böse an und sprangen dann zur Seite. Als der Samstag schließlich gekommen war, hatten alle ihre Häuser verlassen und waren am Sportplatz versammelt. Die Balillas und die Kleinen Italienerinnen, die für die Geräusche sorgten, waren schon auf dem Spielfeld. Zuerst kamen die achtzehn Kämpfer-Balillas mit Helm und Gewehr. Ein Beifallsturm brach los. Danach kamen die Bissinier, die ihren Platz in dem kleinen Fort einnahmen, das nicht von Holzwänden geschlossen war, damit jeder die Möglichkeit haben sollte zu sehen, was sich drinnen abspielte. Als das Publikum die Bissinier so bemalt und verkleidet sah, wurde es einen Augenblick lang still, dann brachen Stimmen los, die riefen »Tod den Abessiniern!«, Rülpser, Pruster und Gelächter. Scarpin, auf drei Podesten (eins war noch hinzugekommen), hob einen Arm, pfiff und befahl. »Annäherungsmanöver!« Die achtzehn Balillas fingen an, auf den Bäuchen zu robben. Der bissinische Ras stand auf einer Art erhöhtem Türmchen und blickte umher, mit der Hand an der Stirn. Da pfiff Scarpin und rief: »Artillerie!« »Bumm! Burummbummbumm! Bumm!« schossen die Balillas mit den tieferen Stimmen. Der Ras stieg hinunter, die Bissinier verließen das Fort, sie, stellten sich in eine Reihe auf, mit ihren Bögen und Wurfspießen bereit zur Verteidigung. »Maschinengewehre!« pfiff und lärmte Scarpin, während die Balillas weiter über die Erde robbten. »Ratatatatà! Ratatatatà! Burummbummbumm! Tatatà! Bumm! Bumm!« Das Feuer war heftig geworden. »Gewehreinheiten! Gewehreinheiten!« schrie Scarpin mit drei mächtigen Trillerpfiffen. Die robbenden Balillas standen auf, stellten ein Knie auf die Erde, zielten mit dem Gewehr und taten so, als würden sie schießen. Die Bissinier, die weiter vor dem Fort standen, machten Stimmenlärm und schwangen ihre Waffen in der Luft. »Uaah! Uaah! Uaah!« »Päng! Päng! Päng! Ratatatatà! Burummbummbumm! Päng! Bumm! Tatatà!« Ein langanhaltender Pfiff von Scarpin: »Angriff!« Die Balillas standen auf, richteten die Bajonette hoch und vollzogen den Angriff, während die Blaskapelle der Gemeinde den Marsch der Bersaglieri blies. Die Bissinier fingen an so zu tun, als würden sie ihre Wurfspieße und Pfeile losschicken. Scarpin gab der Artillerie Zeichen, nicht mehr zu schießen. »Päng! Päng! Päng! Ratatatatà! Päng!« »Sguiiisch! Sguiiisch! Frrrsss! Frrrsss!« antworteten die Pfeile und Wurfspieße. Scarpin hob einen Arm, pfiff einen zitternden Triller. Alle angreifenden Balillas setzten ihre Knie auf die Erde, aufrecht stehen blieb nur Gnazino Spanò, der ausgewählte Ballila, der Balduzzo Cucurullo darstellte. Die Blaskapelle begann gedämpft Tu che a Dio spiegasti l’ali, Du, der vor Gott die Flügel ausgebreitet. »Sguiiisch!«, Ins Herz getroffen, glitt Gnazino Spanò das Gewehr aus der Hand. »Ich sterbe! Ich schenke mein Leben Seiner Majestät König Vittorio Emanuele dem Dritten von Savoyen!« Er hatte noch nicht ausgesprochen, da wurde er noch einmal getroffen. Gnazino führte die Hand ans Herz. »Frrrsss!« »Ich sterbe! Ich schenke mein Leben Seiner Exzellenz Benito Mussolini.« »Sguiiisch! Frrrsss!« »Ich sterbe! Ich schenke mein Leben dem Vaterlande!« Und schließlich fiel er der Länge nach auf die Erde. Alle Balillas standen auf, sie verweilten regungslos in der Präsentiert – das-Gewehr-Stellung. »Kamerad Cucurullu Ubaldo!« rief Scarpin durch ein Megaphon. »Hier!« antworteten alle Menschen, die sich erhoben hatten. »Mann gegen Mann!« befahl Scarpin pfeifend. Die Schießerei war beendet, und jetzt begann ein richtiger Kampf zwischen Balillas und Bissiniern, während die Blaskapelle spielte Tutti mi chiamano, tutti mi vogliono, Figaro qua, Figaro là. Im Kampf mit bloßen Händen hörte man gelegentlich schreien: »Du hast mir weh getan, du Gehörnter!« »Und ich reiß’ dir den Arsch auf!« Am Ende blieben von den Bissiniern nur der Ras und Alfio Maraventano am Leben, die sich im Fort in Sicherheit brachten, das von Balillas umstellt war. An dieser Stelle betraten Michilino und Tanio Pizzicato das Fort. Michilino stellte sich dem Kampf mit Alfio, während Pizzicato mit dem Ras kämpfte. Die Leute feuerten die beiden Balillas an: »Bringt sie um!, Macht Hackfleisch aus ihnen!« Während Alfio mit Michilino zugange war, senkte er die rechte Hand, packte ihn an den Eiern und drückte so fest zu, wie es nur ging. Michilino fiel auf die Erde und krümmte sich, der Atem stockte ihm. Aber andere Balillas kamen zur Verstärkung, die beiden Bissinier ergaben sich, der Baliila Spampinato Benito kletterte auf das Türmchen und hißte die italienische Flagge. Die Blaskapelle spielte Salve o popolo d’eroi, Gegrüßet seist du, Volk von Helden, und die Vorstellung endete in einem rauschenden Beifall. Der Vater des Gefallenen Balduzzo Cucurullo (die Mutter hatte nicht herkommen wollen) wurde vor Scarpin geführt, der ihn stolz fragte: »Wie war Ihr Eindruck?« »Da habt ihr verdammt auf die Kacke gehauen«, sagte Signor Cucurullo. Während alle Scarpin beglückwünschten, näherte sich auch Signor Maraventano, der kommunistische Schneider. »Na ja«, sagte er zu Scarpin, »wäre es nicht besser gewesen, wenn es nur vier oder fünf Balillas gegeben hätte? Aber so, achtzehn Soldaten mit Kanonen, Maschinengewehren und Gewehren gegen zehn armselige mit Pfeilen und Wurfspießen Bewaffnete, das ist mir nicht besonders großartig vorgekommen. Auf mich hat’s eher den Eindruck eines feigen Unternehmens als eines Kampfes gemacht.« Noch am selben Abend wurde er verhaftet. Ebenfalls an diesem Abend dachte Michilino noch einmal über alles nach, was geschehen war, und traf eine genaue, klare und unerschütterliche Entscheidung: Er würde Alfio Maraventano töten.,

Vier

Die ganze Nacht über blieb er wach. Mamà kam auch und legte sich hin, nachdem sie am Radio Canzonetten gehört hatte. Etwa zwei Stunden später hörte er, daß Papà die Haustür aufschloß und sich im Bad zu schaffen machte. Er hatte eine lange Versammlung mit anderen Faschisten gehabt. Papà legte sich hin und versuchte dabei keinen Lärm zu machen. Nach einer Weile hörte Michilino, wie Mamà schläfrig sagte: »Nein, Giugiù, nein. Laß mich schlafen. Ich hab Kopfweh.« Es war deutlich, daß Mamà keine Lust hatte zu kämpfen. Nach fünf Minuten fing Papà an zu schnarchen. Besser so, denn er mußte in Ruhe nachdenken und ein großes Problem lösen, das darin bestand, daß eines der Zehn Gebote klar und deutlich sagte, du sollst nicht töten. Und wenn er Alfio Maraventano tötete, würde er eine Sünde begehen, und die Nägel im Fleische des lieben Herrn Jesus würden noch tiefer eindringen. Was war nun die richtige Wahl? Jesus leiden zu lassen oder Maraventano zu töten? Gab es keine Lösung, eine Möglichkeit, Maraventano auszulöschen, ohne Jesus weinen zu lassen? Ganz sicher gab es eine, nur war er zu klein, um sie zu finden. Das erforderte jemanden mit Erfahrung. Er stand ganz langsam auf und kniete sich am Fußende des Bettes hin. Er betete. »O heiliges Jesulein! O Jesulein, mein süßes Blut! Finde du den Weg, mich wissen zu lassen, wie ich den Maraventano töten kann, ohne dir Leiden zu verursachen! Erweise mir diese Gnade, vielanbetungswürdiges Jesulein!« Und das vielanbetungswürdige Jesulein fand eine Lösung für ihn. In jenen Tagen war Papà übelgelaunt. Tatsache war, daß auf die Landkarte von Abessinien schon seit langem keine Stecknadeln mit der italienischen Flagge mehr gesteckt worden waren. Nach der Eroberung von Makallé rückten unsere, ruhmreichen Truppen keinen Schritt mehr vorwärts. »Was für einen Scheiß veranstaltet dieser De Bono eigentlich?« fragte sich Papà. »Was soll das? Da warst du in der Lage, den Marsch auf Rom zu machen, aber nicht, den Marsch auf Addis Abeba hinzukriegen, gegen vier Stinksäcke von Negern!« Da gesellte sich ja eine Herrlichkeit zur anderen. Papàs schlechte Laune platzte sonntags heraus, während er, nach dem Mittagessen, seinen Mokka trank und Il Popolo d’Italia las. »Herr Christus von einem Christus!« fluchte er und knüllte die Zeitung zu einem Ball, den er weit weg auf den Boden warf. Michilino, der den Lehrstoff wiederholte, weil er den Unterricht bei der Lehrerin Pancucci wieder aufnahm, saß am Eßzimmertisch neben Papà und erstarrte wegen des schrecklichen Fluchs, der ja lebendiges Blut aus den Wunden des Herrn Jesus schießen ließ. Er bekreuzigte sich und betete den Schmerzensreichen für Papà. Mamà, die das Geschirr abwusch, stürzte besorgt aus der Küche, während sie sich noch die Hände an einem Geschirrtuch abtrocknete. »Giugiù, was ist denn los?« Inzwischen war Papà aufgestanden, hatte die Zeitung genommen und sie auf dem Tisch glattzustreichen begonnen, zuerst mit der Messerschneide, dann mit der Handfläche. Es schien ihm leid zu tun, daß er sie zerknüllt hatte. »Was los ist? Es ist los, daß Mussolini viel zu gut ist! Der Name Antonio Gramsci sagt dir was?« »Nein«, sagte Mamà. »Wer ist er denn?« »Der Chef der Kommunisten ist er! Ein großes Stinktier, den der Duce zuerst eingelocht hat, dann hat er aber Mitleid gehabt und ihn unter Hausarrest gestellt! Und weißt du, was die Zeitung schreibt? Weil dieser große Tunichtgut krank ist, hat der Duce keinen Geringeren als Frugoni zu ihm geschickt. Frugoni! Den, besten Arzt, den es in Italien gibt! So behandelt der Duce ihn! Er schickt ihm einen Arzt, statt ihn krepieren zu lassen wie einen Hund! Das nämlich hätte dieser Signor Gramsci verdient! Sie hätten ihn gleich umbringen sollen, von wegen Prozeß, von wegen Gefängnis, von wegen Hausarrest! Ein Schuß aus der Pistole und aus!« Mamà kehrte in die Küche zurück. Michilino sah Papà an. »Aber einen Menschen umbringen, ist das nicht Sünde?« fragte er. »Es gibt Menschen und Menschen, Michilì. Ein Kommunist ist kein Mensch, sondern ein Tier, und deshalb ist es keine Sünde, wenn man ihn umbringt.« Nach einer Weile fragte Michilino wieder: »Papà, ist der Sohn eines Kommunisten auch ein Kommunist?« Bevor er antwortete, dachte Papà darüber nach. Dann erwiderte er: »Michilì, bist du ein Faschist?« »Ja, Papà.« »Und wer hat dir beigebracht, ein Faschist zu sein?« »Du, Papà.« »Aber wenn ich kein Faschist, sondern ein Kommunist wäre, was würde ich dir dann beibringen?« »Ein Kommunist zu sein.« »Siehst du? Die Erziehung ist es, die zählt. Hundertprozentig wird der Sohn eines Kommunisten auch Kommunist wie sein Vater. Da besteht kein Zweifel. Eine schlechte Pflanze bringt immer neue schlechte Pflanzen hervor und vermehrt sich. Unkraut reißt man besser aus, bevor der gesamte Boden ein einziges Unkrautfeld wird, das kein gutes Kraut wachsen läßt. Ist das verständlich?« »Sehr verständlich«, sagte Michilino. Nun hatte er freie Bahn., Am Montag ging er wieder zum Unterricht. Er verstaute das Gewehr in dem leeren Raum, zog das Türchen zu, hängte ein Schloß ein und steckte den Schlüssel in die Tasche. Nach ihm kam Totò Prestipino an, der Ras der Bissiner, mit einem blauen Auge, was die Nachwirkung eines Schlags war, den er bei der Schlacht um die Eroberung von Makallé abbekommen hatte. »Was ist denn mit deinem Auge los?« fragte die Lehrerin. Prestipino fing an zu lachen. »Waren die Italiener«, antwortete er. Die Lehrerin begann, die Arithmetik zu erklären. Sie mußte drei- oder viermal das gleiche wiederholen, weil Totò nicht verstanden hatte. Am Ende sagte die Lehrerin, daß sie am nächsten Tag keinen Unterricht geben würde, weil ihre Schwester Adilaida ins Krankenhaus von Montelusa eingeliefert worden sei, und sie müsse sie besuchen gehen. Prestipino ging mit Michilino hinunter, und der hatte keine Lust, dem Gefährten zu enthüllen, wo er sein Gewehr versteckte. So gingen sie ein Stück Wegs gemeinsam, doch als sie sich verabschiedet hatten, kehrte Michilino zurück, um die Waffe an sich zu nehmen. Auf dem Weg nach Hause beschloß er, Mamà nicht zu sagen, daß die Lehrerin am nächsten Tag keinen Unterricht geben würde. Und das wäre keine Sünde, überlegte er. Sünde ist, wenn man eine Lügengeschichte erzählte, aber wenn man über eine Sache nicht redete, nichts über eine Sache sagte, die man erfahren hatte, dann wäre das keine Lügengeschichte und würde Jesus kein Leid zufügen. Am nächsten Tag, als Mittag schon vorbei war, sagte er zu Mamà, er müsse sich ein Rechenheft kaufen gehen. Mamà gab ihm das Geld, und er ging weg. Als erstes ging er zu Signor Ajena, dem Zigarettenhändler, und kaufte sich ein Heft, danach ging er zum Tabakwarenladen Aurora und kaufte sich eine Feder der Marke Lanciere. Dann eilte er zur Grundschule, vor, der, allerdings auf der anderen Straßenseite, ein kleiner Garten lag, in dessen Mitte ein Denkmal für die Gefallenen des Großen Krieges stand. Er stellte sich hinter dem Sockel auf und wartete, daß die Kinder aus der Schule kommen würden. Endlich sah er Alfio Maraventano. Alfio hatte den Tornister über der Schulter, er ging mit gesenktem Kopf, betrachtete einsam die großen Pflastersteine. Michilino folgte ihm. Glücklicherweise ging der stinkende Kommunist schnell, denn anderenfalls hätte er die Sache sausenlassen müssen, er hätte nicht gewußt, was er Mamà erzählen sollte, um ihr die Verspätung zu erklären. Nachdem Alfio den Corso hinter sich gelassen hatte, begann er, den Hügel der Stadt hochzusteigen, und nahm dafür dieselben engen Straßen wie Michilino, wenn er zum Unterricht ging. Irgendwann bog Alfio nach links ab, während man zum Haus der Lehrerin, das in der Via Giovanni Berta lag, nach rechts abbiegen mußte. Hier überlegte Michilino ein bißchen, dann entschloß er sich, nicht weiterzugehen, denn es war schon spät. »Wie kommt es, daß du so lange gebraucht hast? Ich hatte schon angefangen, mir Sorgen zu machen!« sagte Mamà, als sie ihn zurückkommen sah. »Ich hab’ mir auch eine Feder im Zigarettengeschäft Aurora kaufen müssen, das Heft allerdings hab’ ich bei Signor Ajena gekauft.« Er hatte kein Lügenmärchen erzählt, alles war die schlichte, reine Wahrheit. Michilino hatte zu verstehen begonnen, daß man im Leben überhaupt keine Lügenmärchen zu erzählen brauchte, um die Wahrheit zu verbergen. Es genügte, die richtigen Worte zu finden, die die Tatsachen zurechtzurücken verstanden und sie so darzustellen vermochten, wie es einem angenehm war. Nach dem Mittagessen nahm er das Gewehr und den Schulranzen. »Ich gehe zu Signorina Pancucci.«, Er ging bis zum Haus der Lehrerin, ließ das Gewehr dort stehen, kehrte zur Kreuzung zurück und bog in die Straße ein, die er mittags Alfio hatte nehmen sehen. Er ging sie ganz hinauf, zählte drei Gassen auf der rechten und zwei auf der linken Seite. Leute gingen vorbei, doch Michilino wollte nicht fragen, wo Maraventano der Schneider wohnte, das hielt er nicht für vorsichtig. Er fing mit den beiden Gassen auf der linken Seite an, ging ganz langsam, Schritt für Schritt, sah jede Haustür an, jeden Balkon, jedes Fenster. Nichts. Tatsache war, daß er selbst nicht wußte, was er eigentlich suchte, und der Zufall, daß er einen Maraventano treffen würde, sei’s der Vater, sei’s der Sohn, war mehr als unwahrscheinlich. Erst die letzte der drei Gassen auf der rechten Seite brachte ihm Glück. Es war eine nur aus Biegungen bestehende Straße, in der es nach Kohl und Scheiße roch, vor den Häusern flossen Rinnsale aus schmutzigem Wasser, aus Pisse und Scheiße. Mit einem Schauder im Rücken, der ihn so zum Beben brachte wie ein elektrischer Schlag, sah er über der Tür eines armseligen finsteren Raumes zu ebener Erde, der nur durch die offenstehende Fenstertür belüftet wurde, ein hölzernes Schild, ganz mit abgeplatztem und verschimmeltem Grün angestrichen. In Schwarz stand darauf: »S. Maraventano – Schneiderei«. Er hatte den verborgenen Schatz gefunden. Der liebe Herr Jesus hatte seine Schritte gelenkt. Er ging durch die Haustüröffnung eines halb zerfallenen kleinen Hauses, das keine Tür hatte und zu einem öffentlichen Scheißort geworden war. Der Gestank war derart, daß Michilino sich fast erbrechen mußte, aber er hielt durch, indem er das Taschentuch vor seine Nase hielt. Von dort aus konnte er mit vorgestrecktem Kopf die armselige Behausung sehen, ohne selbst gesehen zu werden. Auf beiden Seiten der Tür zur Schneiderei waren kleine Vitrinen ohne Glas, leer und vollgestaubt. In der erbärmlichen Hütte brannte eine Glühbirne, deren Licht so schwach war, daß man kaum etwas erkennen konnte. Es gab auch so eine Art Arbeitstisch, und, dahinter erkannte er genau Totò Maraventano, der eine Hose aufbügelte. Aber wo war Alfio? Vielleicht war er ja zu Hause und machte Schulaufgaben. Und das würde bedeuten, daß dieses armselige Loch nicht gleichzeitig auch Wohnung war, sondern nur Geschäft. Michilino sah sich schon verloren. Wie konnte er es anstellen, die Wohnung der Familie Maraventano zu entdecken? Wo sollte er anfangen? An diesem Tag war jedenfalls nichts mehr zu unternehmen, er mußte nach Hause, es wurde spät. Er trat aus der Haustür, ging mit schnellem Schritt die ganze Gasse hinunter, und kaum war er um die Ecke gebogen, stieß er auf jemanden, der in die umgekehrte Richtung ging. Das war Alfio. Sie sahen sich an. »Was suchst du hier?« fragte Alfio. »Und du?« fragte Michilino. »Ich wohn’ hier«, sagte der andere. »Und ich komme hier nur vorbei«, sagte Michilino und setzte seinen Weg fort. Am liebsten hätte er singen mögen, so sehr war er von Fröhlichkeit erfüllt. »Ich wohn’ hier«, hatte Alfio gesagt. Diese Worte hatten nur eine Bedeutung: daß das armselige Loch nicht nur Schneiderei war, sondern noch ein anderes Zimmer haben mußte, wo sie aßen und schliefen. Er brauchte nicht mehr weiterzusuchen. Die Sache war klar. Er fing an zu laufen, kam zur Via Berta, nahm das Gewehr und ging nach Hause. Er klopfte, aber niemand kam und öffnete. Sollte es sein, daß Mamà ausgegangen war? Nein, sie hätte ihn nicht vor dem Haus stehenlassen, wenn sie wußte, daß er vom Unterricht heimkam. Er klopfte noch einmal. Und endlich kam Mamà und öffnete. Sie war zerzaust, das Gesicht war gerötet, ihre Augen glänzten. »Habt ihr früher aufgehört?« Michilino blickte auf die Uhr im Eßzimmer. Es war sechs. Normalerweise kam er um halb sieben zurück. Vorsichtshalber antwortete er nicht, um keine Lügenmärchen zu erzählen. Er, hörte, wie die Badezimmertür aufging. »Ist Papà da?« fragte er überrascht und zufrieden. Aber es war Padre Burruano. »Liebe Signora«, sagte er. »Ich verabschiede mich von Ihnen und gehe. Und ich bin Ihnen dankbar für das lange und eindringliche Gespräch, das mir viel Freude bereitet hat.« Mamà wurde zu einer richtigen Waberlohe. Das kam öfter vor, wenn Padre Burruano da war. Der Pfarrer streichelte Michilino und ging. In dieser Nacht hatte Michilino einen Traum. Ohne das Wie und Warum zu wissen, befand er sich in der Hölle. Rings um ihn herum waren kleine gehörnte Teufel mit Schwänzen und Ziegenfüßen und Mistgabeln in den Händen. Sie lachten und stießen die Mistgabeln in arme beklagenswerte Nackte, die weinten und greinten und schrien, während haushohe Flammen emporschlugen und die Hitze unerträglich war. »Das ist ein Irrtum«, schrie Michilino. »Ich darf hier nicht sein!« Doch niemand hörte ihn, niemand beachtete ihn. Und er verzweifelte und weinte. Wenn er doch keine Sünde begangen hatte, wieso kam er dann in die Hölle? Plötzlich sah er mitten im Rauch und in den Flammen einen Teufel auftauchen, der das Gesicht von Alfio Maraventano hatte. Alfio lachte, und sein Gelächter dröhnte in Michilinos Ohren, während er die Forke nahm und sie geradewegs auf Michilinos Bauch richtete. »Jetzt spieße ich dich auf!« Und genau da erschien der liebe Herr Jesus, der über dem Feuer schwebte: »Nein! Halt ein, du kleiner Teufel! Michilino ist mein! Ist mein!« »Ich bin dein!« sagte Michilino aus tiefster Seele. Während der Teufel Alfio verdutzt innehielt, packte der liebe, Herr Jesus Michilino mit einer Hand bei den Haaren und zog ihn aus den Flammen. »Ich danke dir, vielanbetungswürdiger lieber Herr Jesus!« sagte Michilino anerkennend. Doch während er gezogen wurde, spürte der Junge, wie seine Kopfhaut sich vom Knochen löste. Der liebe Herr Jesus blieb mit dem Skalp in der Hand zurück, und Michilino stürzte wieder hinunter, ewig stürzte er hinunter, und als er endlich Boden berührte, befand er sich wieder inmitten der Flammen und vor Alfio, der ihm mit aller Kraft einen Stoß mit der Forke in den Bauch versetzte. Er spürte, wie der Bauch sich öffnete und seine Gedärme durch die von der Forke verursachten Löcher hervorzuquellen begannen und sich so ineinander verschlangen, daß sie wie nie endende Würmer aussahen. Er schrie voller Entsetzen. Und weckte Papà und Mamà auf, die beide schliefen. Papà machte Licht an. Sie sahen, daß Michilino mit weit aufgerissenen Augen aufrecht im Bett saß und zitterte, als hätte er Terzanfieber. »Was ist denn?« fragte Mamà besorgt. »Ich hatte einen schlimmen Traum«, antwortete Michilino. »Gib ihm ein bißchen Wasser«, sagte Papà und hielt Mamà ein Glas hin, das er immer auf dem Nachtkasten stehen hatte. Mamà stand auf, beugte sich über ihren Sohn und ließ ihn trinken. Und dann fragte sie mit gerümpfter Nase und in die Luft schnuppernd: »Was ist das für ein Gestank?« »Ich glaube, ich hab’ mich vollgeschissen«, sagte Michilino verschämt. Am faschistischen Samstag, der auf die Vorstellung der Eroberung von Makallé folgte, sprach Scarpin noch vor den Ertüchtigungsübungen zu den Balillas und Kleinen Italienerinnen und stand dabei wie gewöhnlich auf dem, Doppelpodest. Er sagte, er habe einen Bericht über die bewundernswerte Vorstellung an Seine Exzellenz Renato Ricci gesandt, der die gesamte faschistische Jugend in Italien befehlige, und auch die Namen derer aufgelistet, die daran teilgenommen hatten, damit Seine Exzellenz wisse, wie tüchtig, mutig und vom faschistischen Glauben beseelt die Balillas und Kleinen Italienerinnen von Vigàta seien. Dann sagte er, daß die achtzehn Balillas, die wie Löwen in Makallé gekämpft hatten, zu Elite-Balillas befördert würden, was bedeutete, daß diese achtzehn besser waren als alle anderen. Er gab einem Manipelführer ein Zeichen, der auf das Podest stieg und in der Hand ein Bündel roter Bänder hielt. Das waren die Rangabzeichen für die Elite-Balillas, die aus zwei v-förmigen Bändern bestanden und zu Hause auf dem linken Ärmel angenäht werden mußten. Doch das war noch nicht alles, denn Scarpin fügte hinzu, daß diesen achtzehn Elite-Balillas außerdem die Erlaubnis erteilt würde, das geschenkte Gewehr mit nach Hause zu nehmen, ohne es in der Waffenkammer zu lassen, wie es dagegen alle anderen tun mußten. Michilino kehrte überaus zufrieden nach Hause zurück, nicht so sehr wegen des Rangabzeichens als vielmehr wegen der Muskete, die ein Bajonett ohne Schneide und ohne Spitze hatte; im Gegenteil, auf der Spitze befand sich sogar ein Kügelchen aus Gummi, damit man sich während der Übungen nicht weh tun konnte. Er brauchte also wirklich zwei Gewehre für sich, eins, um keinen Schaden zu verursachen, und das andere, nämlich seins, das Schaden anrichten konnte, und zwar großen Schaden. In diesem Augenblick beschloß er, daß er immer das Bereitschaftsgewehr, die Muskete, bei sich tragen würde, seins dagegen würde er bei allen in Vergessenheit geraten lassen, indem er es in dem kleinen Raum hinter der Eingangstür der Lehrerin Pancucci unter Verschluß hielt. Sie waren im Begriff, den Unterricht zu beenden, als es an die, Tür klopfte. Signorina Pancucci ging hin und öffnete. Es war die Frau von Dottor Cusimano, die mit ihrem Gatten auf der ersten Etage wohnte. Sie hatten ein Telefon. »Signora, das Hospital bittet Sie anzurufen.« »Danke, ich komme sofort runter«, sagte die Lehrerin Pancucci, die ganz blaß wurde. Und dann, an die beiden Jungen gewandt: »Ich bitte euch, seid artig, ich bin gleich wieder da.« Kaum kehrte sie den Rücken, zog Totò den Kalender mit den nackten Bissinierinnen aus der Tasche, öffnete ihn und begann, die mit den auseinandergestellten Schenkeln anzustarren. »Ich werd noch wahnsinnig!« flüsterte er und berührte sich. Dann fragte er Michilino: »Sollen wir unanständige Dinge treiben?« »Wir beide?« »Ja.« Im ersten Moment wollte Michilino nein sagen. Unanständige Dinge waren Sünde, der liebe Herr Jesus würde darunter leiden, daran bestand kein Zweifel. Doch Michilino wollte unbedingt verstehen, was unanständige Dinge waren, wie man sie machte, worin sie bestanden und warum es den Leuten Spaß machte, unanständige Dinge zu treiben, wenn es doch Sünde war. Er konnte zunächst einfach ja sagen, und sich dann später zurückziehen und sich weigern, weiterzumachen. »Einverstanden.« »Steh auf und hol den Lümmel raus«, befahl Prestipino lachend und wischte sich den Rotz mit dem Ärmel ab. Michilino tat, was Totò wollte, während sein Herz tobte. Endlich würde er unanständige Dinge kennenlernen. »Heilige Muttergottes!« sagte Prestipino und riß die Augen weit auf. »Nein, nein!« War es denn möglich, daß alle, Große wie Kleine, genau die gleiche Reaktion zeigten, sobald sie sein Vögelchen sahen?, »Wieso nein?« »Wenn der schon so ist, wenn er noch schlaff ist, dann stell dir mal vor, wie er wird, wenn er steif ist! Nein, mit so einem Schwanz mach ich’s nicht.« Michilino steckte das Vögelchen enttäuscht wieder in die Hose. Die Lehrerin kam herein, und ihre Lippen zitterten. »Adilaidas Zustand hat sich verschlimmert«, sagte sie. »Morgen ist kein Unterricht, und jetzt geht ihr nach Hause, ich bin nicht imstande, weiterzumachen.« Er kam mindestens eine Viertelstunde früher nach Hause. Er klopfte, und auch diesmal kam Mamà nicht gleich, um zu öffnen. »Ich komme, ich komme«, hörte er Mamàs Stimme. Doch es vergingen noch ein paar Minuten, bevor sie öffnen kam. Sie war ungekämmt, ihr Gesicht war gerötet, die Augen glänzten. »Ist Padre Burruano da?« fragte Michilino. »Ja«, sagte Mamà verblüfft. »Woher weißt du das?« »Ooch«, sagte Michilino. Seine Mutter wirkte ein kleines bißchen besorgt. Tatsache war, daß Mamà jedesmal, wenn sie mit dem Pfarrer zusammen war, schöner wurde, Michilino hatte Lust, sie zu umarmen und sie ganz fest an sich zu drücken. »Padre Burruano will mit dir reden«, sagte Mamà. Sie gingen ins Wohnzimmer. Der Pfarrer trank ein Gläschen Mandarinenlikör, den Mamà mit eigener Hand herstellte. »Lieber Michilino«, sagte Padre Burruano, »ich habe mit deiner Mutter gesprochen und festgestellt, daß der Zeitpunkt für deine Firmung gekommen ist. Weißt du, was es bedeutet, gefirmt zu werden? Es bedeutet, daß man ein Soldat Jesu wird und der Miliz Christi angehört.«, »Aber ich gehöre doch schon der Miliz des Duce an«, sagte Michilino. »Das eine schließt das andere nicht aus. Man kann sowohl ein Soldat Jesu sein als auch ein Kämpfer des Duce. Wenn du auch unseren Katechismus gelernt hast, wirst du, der du ja schon den faschistischen kennst, sehen, daß die Unterschiede gering sind. Du wirst doppelte Ehre und doppelte Pflichten haben.« »Und wer sind die Feinde Jesu, gegen die man kämpfen muß?« »Ehhh, lieber Michilino, das sind viele. Es gibt Menschen, die nicht an Gott glauben, die heißen Atheisten, aber die muß man weniger bekämpfen als bekehren. Doch die Schlimmsten sind die, die gegen Gott, gegen die Muttergottes, gegen Jesus sind. Die, die Kirchen und Heiligenbilder zerstören, darauf spucken, Nonnen und Geistliche umbringen und sie entsetzlich leiden lassen.« Michilino erschrak. »Und wer sind die?« »Die Kommunisten, Michilì, die sind die wirklichen Feinde des Herrn Jesus, und die muß man bekämpfen und besiegen. Das ist die allererste Aufgabe eines Soldaten Jesu. Erinnere dich daran.« Michilino fühlte sich von einer brodelnden Lust auf eine Schlacht erfaßt. »Kann ich mich morgen firmen lassen?« Padre Burrunano lachte. »Das ist nicht so einfach. Der, der die Miliz Christi weiht, ist der Bischof von Montelusa persönlich. Doch vorher muß man sich vorbereiten. Jeden Mittwoch, angefangen mit der letzten Woche dieses Monats November, kommst du in die Kirche, nachmittags um vier. Monsignor Baldovino Miccichè, ein Militärkaplan, wird den Unterricht abhalten. Dann, um den, fünfzehnten Dezember, wird der Bischof euch firmen.« Ganz eindeutig wollte auch das liebe Jesulein, daß er, sein Soldat, Alfio Maraventano umbrachte. Alfios Tod würde sein Pfand der Treue zur Armee des Herrn sein. Und daher mußte das, was getan werden mußte, vor dem Tag der Firmung getan werden. Am nächsten Tag ging er mit dem Tornister und seiner Muskete, der mit dem angespitzten Bajonett, aus dem Haus. Er kam zum Haus der Lehrerin Pancucci und ließ das Gewehr in dem kleinen Raum. Danach ging er den Weg bis zur Schneiderei Maraventano. Er stellte sich in dem stinkenden Tor ohne Torflügel auf, mit dem Taschentuch vor der Nase, und sah um sich. Es war halb fünf nachmittags, und obwohl es ein schöner sonniger Tag war, war das elektrische Licht in dem dunklen Geschäft eingeschaltet. Er sah, wie ein Mann von ungefähr siebzig in Gegenwart des Schneiders einen Einreiher anprobierte. Er hörte nicht, was sie sagten, aber aus ihren Gesten konnte er schließen, daß sie diskutierten. Vielleicht war der Alte nicht zufrieden damit, wie die Jacke fiel. Michilino blickte um sich, in der Gasse war keine Menschenseele. Er stellte sich neben der Tür zur Schneiderei vor eine Vitrine. Doch auch dort konnte er das Gespräch nicht hören, das die beiden führten, lediglich das eine oder andere Wort. »Giftgase … Mussolini … die armen Bissinier«, sagte der Siebzigjährige. »Mussolini … verdammter Mörder«, sagte Maraventano. »Stinksau«, legte der Alte nach. So über den Duce reden zu hören versetzte Michilino derart in Schrecken, daß er sich auf einmal, ohne zu wissen wie, wieder in dem Toreingang befand. Auch der Siebzigjährige war also Kommunist! Es konnte ja auch nicht anders sein: Wer ging denn schon zu einem kommunistischen Schneider, um sich einen Anzug machen zu lassen, wenn nicht ein anderer Kommunist?, Wie viele gab’s eigentlich von denen? Er hatte kaum wieder mit dem Spähen begonnen, als er in dem armseligen Raum jetzt auch Alfio sah. Ganz sicher mußte in der Schneiderei eine Tür sein, die er von seinem Standort aus nicht sehen konnte und die in das andere Zimmer führte, wo die Maraventanos schliefen. Aber wieso waren keine Frauen zu sehen? Es war wichtig zu wissen, wie viele Menschen in der Wohnung waren, er wollte ja nicht von jemandem, der plötzlich auftauchte, überrascht werden. Er erinnerte sich, daß Alfio in Begleitung seines Vaters in die Schule gekommen war und nicht mit seiner Mutter, so wie alle anderen Kameraden. Wetten, daß er durch den Tod seiner Mutter eine Waise war und auch einziges Kind? Michilino stand über eine Stunde in dem Toreingang. Der Siebzigjährige ging fort, und nach einer Weile setzte auch der Schneider den Hut auf und ging, nachdem er Alfio einen Kuß gegeben hatte, ebenfalls weg. Alfio verschwand ins andere Zimmer und kam dann wieder zurück. Er hatte ein Heft und die Fibel in der Hand. Nachdem er auf dem Arbeitstisch ein Tintenfaß, den Federhalter und ein Löschblatt angeordnet hatte, öffnete er die Fibel und fing an, Schulaufgaben zu machen. Er saß auf einem Strohstuhl genau unterhalb der Lampe und hatte seinen Rücken der Eingangstür zugewandt. Das war wohl seine übliche Position, wenn er Schulaufgaben machte, und daher würde er, wenn jemand hinter ihm auf leisen Sohlen von der Straße hereinkam, überhaupt nichts bemerken. »Schade, daß es jetzt zu spät ist«, dachte Michilino. Es war an der Zeit, nach Hause zurückzukehren, es wurde schon dunkel. Er tröstete sich, indem er sich sagte, daß es an einer Gelegenheit nicht fehlen würde. Das Gewehr ging er nicht mehr holen. Mamà merkte nicht einmal, daß er es nicht bei sich hatte, und fragte ihn daher auch nichts. Genau das war es, was Michilino sich wünschte. Papà kam über und über zufrieden nach Hause., »Schalte das Radio ein«, sagte er zu Mamà. »Warum? Was ist passiert?« »Es scheint, Mussolini hat De Bono von seinem Posten abberufen und an seine Stelle Badoglio gesetzt. Ja! Der ist ein General mit quadratischen Eiern!« »Rede nicht so unanständig«, tadelte Mamà ihn. »Du redest so, und dann wird der Junge die Unanständigkeiten wiederholen!« »Aber sind die Eier denn nicht die kleinen Kugeln, die sich unter dem Vögelchen befinden?« fragte Michilino. »Siehst du’s? Was hab’ ich gesagt?« fuhr Mamà auf. »Michilì, das ist kein Wort, das zivilisierte Menschen aussprechen.« »Dann soll das wohl heißen, daß ich unzivilisiert bin?« sagte Papà. »Manchmal bist du schlimmer als ein Karrenkutscher!« »Und wenn ich schlimmer als ein Karrenkutscher bin, tut dir das in bestimmten Augenblicken nicht leid«, meinte Papà und sah ihr in die Augen. Mamà wurde rot und sagte nichts. »Also, erklärt ihr mir nun die Angelegenheit?« beharrte Michilino. »Das ist so eine Redeweise«, sagte Papà. »Man redet so, um damit auszudrücken, daß ein Mann ein richtiger Mann ist, stark und mutig.« »Und wie sind meine? Quadratisch?« Papà und Mamà lachten von Herzen. »Noch bist du ein kleiner Junge«, sagte Papà, »aber wenn du einmal groß bist, wirst du sicher welche haben wie Badoglio, quadratische.« Er hätte noch fragen wollen, ob die Eier, die er hatte und die noch rund waren, ausreichen würden, um einen Kommunisten umzubringen. Aber er zog es vor zu schweigen., Als er zum Unterricht ging, nahm er diesmal das geschenkte Gewehr mit, das mit dem Kügelchen an der Bajonettspitze. Er kam zum Haus der Lehrerin, öffnete das Türchen und stellte es neben das andere, das bereits dort war. Signorina Pancucci begann mit dem Erklären der Naturwissenschaften, aber es war offenkundig, daß sie mit den Gedanken nicht bei der Sache war. Sie wiederholte, was sie gerade eben schon erklärt hatte, sie vertat sich, gebrauchte die falschen Wörter. Plötzlich wurde sie von einem Heulkrampf gepackt und mußte ins Badezimmer gehen. Kaum waren sie alleine, fragte Prestipino: »Gehst du eigentlich nie ins Filmtheater?« »Zweimal bin ich dagewesen, mit Papà und Mamà.« »Schicken sie dich auch alleine?« »Weiß nicht, hab’ sie noch nie gefragt.« »Probier’s doch mal. Wenn sie ja sagen, können wir an einem der nächsten Tage zusammen hingehn.« Nach dem Ende des Unterrichts, überlegte sich Michilino auf der Treppe, wie er das Eisentürchen aufmachen könnte, ohne daß Prestipino sehen würde, daß da drinnen zwei Gewehre standen. Es gelang ihm, er nahm das Bereitschaftsgewehr und ging ein Stück mit seinem Gefährten. Am folgenden Freitag hatten sie gerade mit dem Unterricht begonnen, als die Gattin von Dottor Cusimano kam und der Lehrerin sagte, daß da ein Anruf für sie vom Hospital wäre. Signorina Pancucci wurde leichenblaß, stürzte hinunter und rief: »Maria Santa! Maria Santa!« »Adilaida muß wohl von uns gegangen sein«, kommentierte Prestipino und bewegte den Zeige- und den Mittelfinger der rechten Hand kreisförmig in der Luft. Er zog den Kalender heraus und begann, die übliche nackte Negerin anzustarren. Nach einer Weile fragte er: »Wie ist es,, hast du deine Leute gefragt, ob sie dich alleine ins Filmtheater gehen lassen?« »Nein, hab’ ich vergessen.« »Tu’s. Denn dann kann es nämlich sein, daß sich, während du dir den Film ansiehst, der Buchhalter Galluzzo neben dich setzt.« »Und wer ist der Buchhalter Galluzzo?« Prestipino fing an zu lachen, und der Rotz lief bis zum Kinn. Er schüttelte die rechte Hand in der Luft, was bedeutete: fabelhafte Dinge, die man gar nicht mit Worten sagen kann. »Erst lernst du ihn kennen, dann reden wir darüber.« Nun kam statt Signorina Pancucci die Gattin von Dottor Cusimano herein. »Adilaida, die arme, ist gestorben«, sagte sie. »Die Lehrerin fühlt sich im Augenblick nicht imstande, die Treppe hochzusteigen. Sie sagt, ihr sollt nach Hause gehen, der Unterricht wird nach der Beerdigung wieder aufgenommen.« »Und wann ist die Beerdigung?« fragte Prestipino. »Ich glaube übermorgen, Sonntag. Jedenfalls, wenn ihr euch morgen vormittag blicken laßt, werden die Lehrerin oder ich euch ganz sicher etwas sagen können.« Michilino nahm das Bereitschaftsgewehr wieder an sich. Auf der Straße fing Prestipino an zu fluchen und zu murren. »Was ist los mit dir?« »Jetzt sieh dir nur an, was für ein Unglück! Adilaida stirbt am Freitag nachmittag!« »Wieso ist das ein Unglück?« »Weil wir morgen, wo doch der faschistische Samstag ist, Scarpin haben, und Sonntag ist ein Ruhetag. Wenn Adilaida statt dessen, sagen wir, Dienstag gestorben wäre, hätten wir zwei Tage ohne Unterricht herausgeschlagen!«, Sobald er Prestipino losgeworden war, ging Michilino auf seinen Wachposten an dem gewohnten Hauseingang. Es war eine Gasse ohne irgendein Geschäft, ausgenommen dem von Maraventano. Der Schneider nähte, Alfio war nicht zu entdecken. Michilino sah in der einen Stunde, die er dort im Verborgenen stand, lediglich zwei Menschen vorbeigehen, eine alte Frau und einen etwa Sechzigjährigen, der so besoffen war, daß er sich an die Mauern lehnen mußte, um nicht auf die Erde zu fallen. Alfio tauchte erst auf der Straße auf, als Michilinos Zeit bereits um war. Aber Michilino wollte noch ein Weilchen warten. Alfio brachte die Sachen, die er eingekauft hatte, ins andere Zimmer, kehrte dann zurück und setzte sich vor den Vater mit Heft und Tintenfaß. Wie immer kehrte er den Rücken der Straße zu. »Darf ich alleine ins Filmtheater gehen?« fragte Michilino. »Was ist das denn für eine Neuheit?« fragte Mamà alarmiert zurück. »Werde doch nicht gleich nervös«, schaltete sich Papà ein. »Er fragt uns um Erlaubnis, ins Filmtheater zu dürfen und nicht ins Bordell!« »Was ist das Bordell?« fragte Michilino. Mamà wurde wütend, sie warf die Serviette ungehalten auf den Tisch und stand auf: »Vater und Sohn, ihr habt dafür gesorgt, daß mir der Appetit vergangen ist!« Und sie ging in die Küche. »Ernestí, du übertreibst! Verhalte dich nicht so, komm zurück an den Tisch.« »Nein!« antwortete Mamà und schlug die Küchentür zu. »Was ist ein Bordell?« »Michilì, lassen wir das mit dem Bordell. Ins Filmtheater darfst du alleine, ich überzeuge Mamà schon, aber vorher sagst, du uns, welchen Film du dir ansehen willst, und wir sagen dir, ob ja oder nein. Wann willst du gehen?« »Irgendwann dieser Tage.« Zuerst mußte er Alfio Maraventano umbringen, im Moment konnte er mit dem Filmtheater keine Zeit verlieren. Mamà kam aus der Küche zurück, ihr Gesicht war verdüstert, sie mußte das Gespräch zwischen ihrem Mann und ihrem Sohn mitangehört haben, obwohl die Tür geschlossen war. »Wer diese Angelegenheit entscheidet«, sagte sie kalt, »ist Padre Burruano. Und damit Schluß.« Gegen Mittag ging Michilino zur Wohnung von Signorina Pancucci, doch die Tür war zu und niemand antwortete. Michilino bemerkte, daß über dem linken Türflügel, dem, der immer zublieb, eine große Schleife aus schwarzem Stoff angebracht war, zum Zeichen der Trauer, da in dieser Wohnung jemand verstorben war. Er ging die Treppe hinunter und klopfte bei Dottor Cusimano. Die Frau des Dottore sagte ihm, daß die Trauerfeier für Adilaida in der Friedhofskapelle am nächsten Tag um zehn stattfinden und die Lehrerin den Unterricht am Dienstag wieder aufnehmen würde. Mamà wollte zum Friedhof gehen, sie meinte, es sei nur angemessen, daß er seiner Lehrerin sein Beileid ausspreche. Michilino hatte der Friedhof gut gefallen, als sie ihn am zweiten November dort hingebracht hatten, um den Toten zu danken, die ihm in der Nacht Geschenke gebracht hatten. Er ließ Papà und Mamà an dem Grab stehen – sie nahmen die verwelkten Blumen weg und wischten den Staub von den Porträts –, während er selbst sich daran machte, über alle Wege zu streifen. Immer wieder blieb er vor Gräbern stehen, in denen ein kürzlich Verstorbener lag, den die Verwandten ringsum noch beweinten und für dessen Seele sie Gebete sprachen. Einmal, da war er fünf Jahre alt, sah er, wie eine Frau vor einem Grabstein aus Marmor, in den das Foto, eines kleinen Jungen eingelassen war, ohnmächtig wurde. Dieser Junge war gerade erst gestorben. An diesem Sonntag morgen gingen sie, um zur Friedhofskapelle zu gelangen, durch eine menschenleere Allee, und plötzlich blieb Mamà stehen. »Wir nehmen die andere Allee«, sagte sie. Michilino sah, daß vor einem Grab Signora Clementina Sucato stand, die, die sich mit Mamà gezankt hatte. Die Witwe weinte und schlug sich an die Brust. Michilino ging, aufs äußerste gespannt, mit herumgedrehtem Kopf weiter, denn er wollte sie nicht aus den Augen verlieren. »Schau nicht zu ihr hin, dieser Stinkschlampe!« sagte Mamà nervös. »Jetzt spielt sie die verzweifelte Witwe, aber als ihr Mann noch lebte, da hat sie ihm so viele Hörner aufgesetzt, daß der arme Mann aussah wie ein kastrierter Hammel!« Es war nur ein Augenblick, und die Erinnerung an die feuchte Wärme der Wunde zwischen den Beinen der Witwe zusammen mit dem Anblick ihrer Tränen machten, daß er einen Ständer bekam, ganz genau wie wenn Mussolini redete. Vom Friedhof aus, beschloß Mamà, wollte sie zu Padre Burruano gehen, denn sie wollte dem Pfarrer von der Angele- genheit mit dem Filmtheater erzählen. Padre Burruano war beschäftigt, er hatte eine Hochzeit und eine Taufe. Er sagte, daß man die Frage des Filmtheaters in aller Ruhe überlegen müsse. Ob Mamà einverstanden wäre, wenn er am nächsten Tag gegen halb fünf nachmittags zu Hause vorbeikäme? Mamà sagte ja. Am Montag ging er wie gewohnt fort, mit dem Tornister und dem Bereitschaftsgewehr. Er hatte Mamà nicht gesagt, daß die Lehrerin keinen Unterricht erteilte. Er gelangte im Laufschritt in die Via Berta, tauschte das Gewehr aus, und wieder im Lauf- schritt eilte er, um vor der Schneiderei Stellung zu beziehen. Als er den Hauseingang durchschritt, sah er, daß da ein Mann mit heruntergelassener Hose hockte. »Erschieß mich nicht, Ballila!« sagte der Mann lachend., »Einmal kacken zieht ja nicht gleich die Todesstrafe nach sich.« Michilino ging hinaus und kam nach einer Weile wieder zurück. Niemand war mehr da, doch der Gestank hatte mumifizierende Wirkung. Da erst merkte er, daß die Schneiderei geschlossen war. Er staunte. Wieso war die Tür zu dieser Zeit verriegelt? Wohin waren Vater und Sohn gegangen? Zwei Stunden wartete er vergebens und mußte irgendwann Pipì machen, damit ein Mann, der hereingekommen war und sich die Hose aufknöpfte, keinen Verdacht schöpfte. Er kehrte wütend nach Hause zurück. Das war vielleicht der einzige freie Tag, den er hatte, und es war ihm nicht gelungen, das zu tun, was er tun mußte. Als er klopfte, öffnete Mamà ihm sofort. »Ist Padre Burruano gekommen?« »Er ist gekommen«, sagte Mamà, die einen finsteren Gesichts- ausdruck hatte, unfreundlich. »Er ist gekommen und wieder gegangen.« »Habt ihr denn über das Filmtheater gesprochen?« »Er hat gesagt, du kannst alleine da hingehen, wenn du es verdient hast. Er sagte, daß die Filme, die du dir ansehen kannst, Tarzan sind, Tom Mix, Krick und Krock und Mickymaus.« Sobald Papà zum Essen gekommen war, verflog Mamàs schlechte Laune. Gerade war der Tisch gedeckt, da klopfte es. Mamà ging öffnen und kam mit einem Strauß Blumen zurück. »Wer schickt sie dir?« fragte Papà. »Weiß nicht«, sagte Mamà. »Ein kleiner Junge hat sie gebracht und ist gleich wieder weggelaufen. Da ist nicht einmal ein Billett bei, nichts!« »Jetzt haben wir schon anonyme Verehrer?« sagte Papà finster. »Wirf den Strauß auf der Stelle in den Abfall.« »Nein«, sagte Mamà. »Ich esse draußen«, entgegnete Papà, setzte sich den Hut auf, und ging fort. Mamà sagte keinen Laut, mehr noch, sie wirkte zufriedener als vorher. Sie aßen. Michilino sah die Blumen an, die Mamà in die Mitte des Tisches gestellt hatte. Und als er sie so ansah, erinnerte er sich, daß er diesen Strauß mit gelben und grünen Bändern schon tags zuvor gesehen hatte, zu Füßen der Madonna, als sie in die Kirche gegangen waren, um mit Padre Burruano zu reden. Heilige Muttergottes, was für einen furchtbaren Kampf führten Papà und Mamà in dieser Nacht! Als er die Wohnung verließ, um zu Signorina Pancucci zu gehen, erzählte er Mamà die erste Lügengeschichte seines Lebens. »Die Lehrerin hat gesagt, sie würde eine Stunde anhängen, um aufzuholen.« Diese Lüge war notwendig, denn sonst wäre er nie in der Lage gewesen, seine Pflicht zu tun. Wenn man, um einen Kommunisten umzubringen, eine Lüge erzählen muß, ist diese Lüge zwar eine Sünde, aber ganz sicher eine läßliche. Das liebe Jesulein hätte zwar ein bißchen gelitten, würde aber überreichlich entschädigt durch den Tod eines seiner Feinde. Er beschloß, die Sünde am kommenden Sonntag zu beichten. Die Lehrerin war ganz in Schwarz gekleidet, in strengster Trauer, und hin und wieder wurden ihre Augen rot. Seit er bei Signorina Pancucci zum Unterricht ging, war er noch nie ermahnt worden; wer sich ständig Vorwürfe einhandelte, war Totò. Diesmal aber sagte die Lehrerin zu ihm: »Michilì, was ist mit dir heute los, du bist so unkonzentriert.« Die Stunde des Unterrichtsschlusses wollte einfach nicht näherrücken. Endlich sagte die Lehrerin, es würde reichen und sie würden sich dann am nächsten Tag wiedersehen. Michilino verschwand wie der Blitz, noch bevor Prestipino seine Hefte in den Tornister gesteckt hatte. Er übersprang jeweils eine Stufe,, öffnete die kleine Eisentür, nahm sein Gewehr, schloß wieder ab, und im Handumdrehen gelangte er vor die Schneiderei und brachte sich in Stellung. Alfio saß an seinem üblichen Platz und machte Schulaufgaben, sein Vater zog sich die Jacke an. Danach setzte er den Hut auf, nahm den Regenschirm, denn es regnete ganz leicht, küßte seinen Sohn auf den Kopf und ging fort. Michilino wartete, bis er um die Ecke war. Er hob das Bajonett hoch, steckte es auf und bekreuzigte sich. Doch er fühlte sich kraftlos, und gelegentlich fuhren ihm gewaltige Schauder über den Rücken, genau wie beim Auftreten von Malariafieber. Irgendwann gelangte er zu der Überzeugung, daß er es niemals schaffen würde, die Straße zu überqueren, die ihm nicht mehr wie eine Straße vorkam, sondern wie eine Mauer aus Steinquadern. Du mußt es tun, sagte er sich, sonst bist du nicht würdig, ein Soldat Christi und Mussolinis zu sein. Vielleicht gab es ja eine Lösung. Um sich nicht einmal vom Rauschen des Regens, der jetzt stärker geworden war, ablenken zu lassen, betete er nun mit geschlossenen Augen ein Vaterunser, ein Credo und ein Avemaria. Danach sagte er mit lauter Stimme den Punkt acht der Zehn Gebote für einen Baliila auf: »Mussolini hat immer recht!« Jetzt war er bereit, doch bevor er aus dem Hauseingang stürmte, steckte er den Kopf hinaus, um zu sehen, ob jemand auf der Straße war. Er schnellte zurück, denn ein humpelnder Mann war am Anfang der Gasse aufgetaucht. Er hatte keinen Regenschirm, aber der Regen machte ihm offensichtlich nichts aus, denn er ging langsam. Michilini fühlte sich im Herzen sterben und sah, daß Alfio aufstand und ins andere Zimmer ging. Wetten, daß er nun auch das Haus verließ! Michilino konnte Alfio immer noch töten, wenn er aus der Schneiderei kommen würde, etwa, wenn er die Tür abschloß, doch wenn er, Michilino, das so im Freien machte, war die Gefahr größer, gesehen zu werden. Der Humpelnde ging vorüber, und von Alfio war nicht mal ein Schatten zu sehen. Es blieb ihm nur, noch wenig Zeit, viel zu wenig. Und plötzlich kam Alfio zurück, setzte sich und machte weiter seine Schulaufgaben. Michilino bemerkte, daß er selbst ganz verschwitzt war. »Du Kommunistenstinker! Gehörnter hat er zu mir gesagt, Gehörnter zu mir und zu meinem Vater! Gehörnter hat er zu mir bei der Eroberung von Makallé gesagt! Und wenn er das schon zu mir sagt und zu meinem Vater, dann sagt er das auch zu Mussolini! Und jetzt zeig ich dir, wer der eigentliche Gehörnte ist, du Riesengehörnter, du Kommunistenkrätze!« Er überquerte die Straße wie ein geölter Blitz und ohne sich darum zu scheren, keinen Lärm zu machen. Von der Tür der Schneiderei bis zu Alfios Stuhl waren es zwei Schritte, doch Michilino machte nur einen und flog durch die Luft, das Gewehr wurde eins mit seiner Hand, die Spitze des Bajonetts bohrte sich in Alfios Nacken, die Klinge drang bis weit über die Hälfte ein, ein Stückchen von ihr trat unterhalb des Adamsapfels wieder aus. Der Stinkkommunist verharrte einen Augenblick reglos, dann sank er zuerst langsam vor, wie bei einem Anfall von Schläfrigkeit, danach fiel sein Kopf wie ein Stein auf den Arbeitstisch. Michilino stemmte einen Fuß in Alfios Rücken und zog mit beiden Händen das Gewehr nach hinten, doch das Bajonett bewegte sich nicht, es schien zu klemmen. Dann aber war es schlagartig draußen. Michilino wankte zwei Schritt zurück. Das Blut des Einstichlochs begann herauszuschießen wie bei einem Springbrunnen und verdreckte Heft und Fibel. Michilino sah unter dem Arbeitstisch eine Rolle Anzugsstoff und wischte damit das blutverschmierte Bajonett ab. Danach nahm er es ab, klappte es ein, schulterte das Gewehr, lud es, indem er das Schloß hin und her bewegte, wie man es ihm am faschistischen Samstag beigebracht hatte, zielte und feuerte in den Kopf des Kommunisten den sogenannten Gnadenschuß. »Pumm!« sagte er mit allem Atem, den er noch hatte. Er sah Alfio an, dem das Blut jetzt den ganzen Rücken, durchnäßt hatte, und ging fort. Auf der Gasse traf er niemanden. Er kam zum Haus der Lehrerin, ließ sein Gewehr dort und nahm das Bereitschaftsgewehr. Er machte sich auf den Weg nach Hause, ohne sich vor dem Regen zu schützen, ja, es machte ihm Freude, das Wasser auf seinem Gesicht zu spüren. Es war getan. Jetzt konnte er auch in die Miliz Jesu eintreten. Und seine Pflicht hatte er wesentlich besser erfüllt als ein erwachsener Mann. Abends, beim Essen, sagte er, daß er am nächsten Morgen zur Beichte gehen wollte. »Welche Sünden hast du denn begangen?« fragte Papà und lachte. Mamà dagegen machte es eindeutig Freude. Sie stand auf, ging zu ihrem Jungen, gab ihm einen Kuß und drückte ihn fest. »Mein lieber, guter Sohn! Weißt du, was ich gesehen habe, als ich am Filmtheater vorbeiging? Daß sie morgen einen Film zeigen, der Tom Mix kehrt zurück heißt. Ich gebe dir das Geld, wenn du dich zu deiner Lehrerin auf den Weg machst, und wenn der Unterricht dann zu Ende ist, gehst du schnurstracks ins Filmtheater. Nur sage ich dir mit aller Eindringlichkeit: Um halb neun mußt du wieder hier sein.« Er ging früh schlafen, er war müde. Und er schlief wirklich wie ein Stein. Mamà weckte ihn um halb acht. »Michilì, die Milch ist fertig, aber wenn du die Kommunion empfangen willst, mußt du nachher essen.« »Ich gehe zur Kommunion«, sagte Michilino. Im Beichtstuhl war Padre Jacolino. »Bist du ungehorsam gewesen?« »Nein.« Genau die gleichen Fragen wie beim letzten Mal. Als die Frage zu beantworten war, ob Michilino gelogen habe, sagte er: »Nur eine Lüge.«, »Große oder kleine Lüge?« »Kleine.« »Hast du unanständige Dinge getan?« »Nein.« »Fünf Avemaria und fünf Vaterunser.« Er hörte die heilige Messe, Padre Burruano gab ihm die Kommunion, und bevor er weiterging und eine andere Hostie austeilte, streichelte er Michilinos Gesicht. Danach kniete Michilino vor dem Kreuz nieder und begann, mit dem Herrn Jesus zu sprechen. »Du weißt ja schon, was ich gestern für dich getan habe«, sagte er. Da geschah das Wunder. Das leidende Gesicht des Heilands wurde ganz glatt, das Blut auf seiner Stirn verschwand, die zum Himmel gerichteten Augen senkten sich langsam auf ihn herab, der Mund öffnete sich zu einem kaum merklichen Lächeln. »Du bist mein«, sagte der Heiland. Und dann erschien das Leiden erneut wie ein wildes Tier auf seinem Antlitz, hetzte es, verbiß sich in ihm, wieder und wieder löste es sich in Tränen, in Blut und Schmerzen auf. »Gestern nachmittag ist im Ort etwas Ernstes passiert«, sagte Papà bei Tisch. Und dann, an Michilino gewandt: »Kennst du jemanden, der Alfio Maraventano heißt?« »Der Sohn des Kommunisten? Ja, er war in meiner Klasse, als ich in die Grundschule gegangen bin. Danach haben wir uns immer beim faschistischen Samstag gesehen. Bei der Eroberung von Makallé war er ein Bissinier.« »Was ist denn passiert?« fragte Mamà. »Gestern nachmittag, gegen sechs, ist Alfio, während er seine Schulaufgaben machte, von jemandem am Hals verletzt, worden.« »Und wieso?« fragte Mamà weiter. »Was weiß ich«, sagte Papà. »Ist er tot?« fragte Michilino. »Nein, aber er ist schwer verletzt. Allerdings sagen die Ärzte im Hospital von Montelusa, daß er es vielleicht schafft.« Michilino wurde ganz verzagt. Wenn Alfio nicht starb, mußte er wieder von vorne anfangen. Ein schöner Schlamassel. »Weiß man, wer es war?« »Nein, aber Commissario Zammuto, mit dem ich heute morgen gesprochen habe, hat mir zu verstehen gegeben, daß er einen Verdacht hat.« »Und das heißt?« »Das heißt, liebste Ernestina, vor allem muß man sich darüber im klaren sein, daß diese Kommunisten keine zivilisierten Menschen wie wir sind, sondern wilde Tiere.« »Was soll das heißen?« »Das soll heißen, daß Commissario Zammuto zu der Überzeugung gelangt ist, daß die Verletzung dem Alfio von seinem Vater selbst, dem Schneider, zugefügt worden ist.« »Heilige Muttergottes!« entsetzte sich Mamà. »Und wie ist der Commissario zu dieser Einsicht gelangt?« »Nach Ansicht des Arztes ist Alfio von einem großen Messer verletzt worden. Und der Commissario hat ein großes Messer in einer Schublade der Schneiderei des Maraventano gefunden. Wegen dieses Verdachts hat er ihm die Handschellen angelegt.« »Aber aus welchem Grund sollte ein Vater versuchen, seinen Sohn umzubringen?« fragte Mamà fassungslos. »Ernestí, das wirst du nie verstehen, weil du mit deinem Kopf denkst, der nicht der Kopf eines Kommunisten ist. Der Kopf eines Kommunisten ist noch verdrehter als ein, Schweineschwänzchen.« »Das stimmt«, sagte Mamà. »Ich hoffe nur, daß, wenn es denn wirklich der Schneider gewesen ist, man ihn vor ein Erschießungskommando führt.« »Ich möchte noch ein bißchen Huhn«, sagte Michilino, der einen starken Appetit bekommen hatte. Es war also möglich, daß der Herr Jesus in der Lage war, statt nur einen, gleich zwei Kommunisten sterben zu lassen, Vater und Sohn!,

Fünf

»Wollen wir was tauschen?« fragte Totò Prestipino, während sie die Treppe zum Unterricht hochstiegen. »Was wollen wir denn tauschen?« »Ich tausch’ das hier«, sagte Totò und zog ein Taschenmesser aus der Tasche, das wegen seiner Länge eher schon ein Klappmesser als ein Taschenmesser war. »Laß mich mal genauer sehen.« Totò hielt es ihm hin. Es hatte eine Spitze und war scharf wie eine Rasierklinge, der Handgriff war aus Knochen. Er mochte es sehr. Papàs Jagdmesser hatte er nur einmal berühren dürfen, die Klinge war so kalt gewesen, daß es ihm vorkam, als wäre sie aus Eis gemacht. Ihm war ein richtiger Schauer über den Rücken gelaufen. Wäre er weiterhin mit dem Finger darübergefahren, wäre er aufgrund der ständigen Schauer im Rücken am Ende wohl in Ohnmacht gefallen. Totòs Taschenmesser hatte nicht die gleiche Wirkung auf ihn. Trotzdem wäre es schön gewesen, es in der Tasche bei sich zu haben. »Und was willst du dafür haben?« Totò Prestipino war völlig auf Kreisel fixiert, er hatte sechs davon, ganz aus Holz, und er war geschickt, sie zu drehen, sie im Flug aufzunehmen und sie in seinem Handteller weiter drehen zu lassen, sie dann wieder auf die Erde zu werfen, wo sie sich noch immer drehten. Und so hatte Michilino ihm eines Tages den Kreisel gezeigt, den Papà ihm am Tag des Festes des heiligen Caloriu im Jahr zuvor gekauft hatte, einen Kreisel von denen, über die man sich erzählte, daß der Fabrikant bei seiner Herstellung eine Fliege hineinsetzte, um ihn leichter zu machen, luftiger. Und tatsächlich wirkte Michilinos Kreisel wie eine Ballerina, die auf den Zehenspitzen tanzte, sich bald zur einen,, bald zur anderen Seite neigte, wieder leicht in eine gerade Linie zurückkehrte, dann einen weiten Bogen machte und danach einen engeren … Ein Wunderding, aber auch das Taschenmesser war ein Wunderding. »Und wieso willst du auch noch ein Geldstück?« »Weil man ein Messer weder verschenkt noch eintauscht, man muß es immer bezahlen, weil sonst der, der es verschenkt oder eingetauscht hat, mit eben demselben Messer abgestochen wird.« »Einverstanden, morgen bringe ich dir den Kreisel und das Geldstück. Doch nur unter einer Bedingung.« »Welcher?« »Das Taschenmesser gibst du mir jetzt.« Prestipino sah ihn zweifelnd an. »Hältst du mich für blöd? Du steckst dir das Messer in die Tasche, und morgen bringst du mir einen Scheiß.« »Ich schwör’s«, sagte Michilino und küßte den Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand. Das Filmtheater Mezzano zeigte dreimal denselben Film. In die Vorstellung um halb fünf gingen Rentner und Alte, in die um halb sieben Kinder und Jugendliche, in die um halb neun Familien in ihrer Gesamtheit oder einfach auch nur Erwachsene. Weil man diesen Film von Tom Mix im Filmtheater Mezzana schon in der Woche zuvor gezeigt hatte, befanden sich im Saal höchstens an die zehn Zuschauer. Michilino setzte sich in eine der hintersten Reihen, wo er ganz alleine war. Er mochte sich nicht in die ersten Reihen setzen, das hatte er schon ausprobiert, als er mit Papà und Mamà ins Filmtheater gegangen war. Nachdem er nämlich eine Weile auf die Leinwand geschaut hatte, flirrten seine Augen. Je weiter er sich nach hinten setzte, desto besser war es. Vor dem Film wurde die Tönende Wochenschau gezeigt, in der man den Krieg in Bissinien sah,, unsere Soldaten, die die Caproni-Flugzeuge begrüßten, die über ihnen herflogen, um sie zu beschützen, und man sah auch Bissinier, die gefangengenommen worden waren. Am Ende der Wochenschau ging das Licht an. Ein Mann kam vorbei, der Limonaden, Schokoladenriegel und Bonbons verkaufte, aber auch Erdnüsse und Kürbiskerne. Michilino kaufte nichts, in der Tasche hatte er noch zwei Soldi, dachte aber, er sollte sie lieber sparen und zu den anderen in die Spardose geben, in der mindestens, allermindestens schon fünf Lire sein mußten. Das Licht ging aus, und der Film begann. In der ersten Reihe fingen zwei Jungen an sich zu streiten, erst mit Worten, dann wurden sie handgreiflich und schlugen sich mit Ohrfeigen und Püffen. Man verstand nichts vom Beginn des Films. Endlich kam Signor Mezzana hereingelaufen, der die beiden Jungen auseinanderbrachte und mit Tritten in den Hintern aus dem Saal beförderte. Nach einer Weile setzte sich neben Michilino ein Mann. Während der ganzen ersten Hälfte rauchte er eine Zigarette nach der anderen. Als die Pause kam, sah der Mann Michilino an, und ebenso sah Michilino ihn an. »Ich heiße Galluzzo«, sagte der Mann. Er war der, von dem Totò Prestipino gesprochen hatte, ein dicker Vierzigjähriger, der scheinbar keinen Bart hatte. »Der Buchhalter?« »Ja. Also, dann hat man dir schon von mir erzählt. Willst du, daß ich dir was kaufe?« fragte er und gab dem Verkäufer ein Zeichen. »Nein, danke«, sagte Michilino. Der Buchhalter nahm dagegen eine Limonade, steckte einen Finger in den Flaschenhals, drückte die gläserne Kugel runter, die als Verschluß diente, und kippte sie sich hinein, und als der Film fortgesetzt wurde, stellte er sie auf den Boden. Und sofort zündete er sich eine Zigarette an. Nach einer Weile beugte er sich zu Michilino und sagte ihm ins Ohr: »Tust du mir einen, Gefallen?« »Ja.« »Kannst du das Gewehr gegen den Platz neben dir lehnen?« »Ja«, sagte Michilino, und obwohl er nicht verstand, wieso das Gewehr den Buchhalter stören könnte, das er doch mit dem Kolben auf dem Boden und dem Lauf zwischen seinen Beinen stehen hatte. Als er es neben sich gestellt hatte, streckte Galluzzo ganz langsam die rechte Hand aus und legte sie auf das Vögelchen. Sofort zog er sie wieder zurück, so, als hätte er sich verbrannt. »Was hast du da in der Tasche?« »Nichts hab’ ich da«, sagte Michilino verletzt. Wieso stellten ihm alle immer die gleiche Frage? Der Buchhalter blickte ihn an, er wirkte überrascht. »Meinst du das wirklich?« »Ich habe gesagt, in der Tasche habe ich nichts!« sagte Michilino verwirrt. Die Hand des Buchhalters legte sich wieder an die Stelle, streichelte das Vögelchen in seiner ganzen Länge, streichelte es weiter und ging dabei langsam, ganz langsam vor und zurück. Hin und wieder hielt er inne und drückte fest zu, danach streichelte er weiter. Mal sehen, ob der Buchhalter tun wollte, was Totò Prestipino auch tun wollte, es sich dann aber anders überlegt hatte. »Wollen Sie denn unanständige Dinge mit mir machen?« fragte Michilino. Der Buchhalter sah ihn verblüfft an, während seine Hand innehielt. Unterdessen verfolgte Tom Mix zu Pferd in der Prärie einen Banditen, der ein schönes Mädchen geraubt hatte, das weinte und schrie, während der Bandit lachte und mit dem Revolver auf Tom Mix schoß. »Sicher«, sagte der Buchhalter. »Hast du das noch nicht, begriffen? Knöpf dir die Hose auf.« Und er hob seinen Arm und legte ihn auf die Lehne. Michilino wurde rot, er war wütend, und diese Wut brachte seine Hand zum Zittern. Ja, was denn? Konnte ein Junge denn nicht in aller Ruhe in einem Filmtheater sitzen? Mußte denn gleich einer kommen und unanständige Dinge machen? Und dieser elende Hund von Buchhalter dachte, er, Michilino, würde gehorchen? Wußte der Buchhalter denn nicht, daß er ein Baliila war, ein Soldat des Duce, und in einigen Tagen auch noch ein Soldat Christi werden würde? »Also? Entschließt du dich? Was ist denn, schämst du dich? Was ist denn, das erste Mal? Willst du ’ne halbe Lira, dann kaufst du dir, was du magst? Na? Knöpfst du dich auf? Bitte, knöpfst du dich auf? Holst du ihn raus? Na?« Galluzzo rauchte und redete, er schien von einer Hast besessen zu sein, von einer Erregung, die ihm keine Ruhe ließ. Michilino dachte daran, das Gewehr zu nehmen und ihm Bajonettstiche zu verpassen, dann erinnerte er sich, daß er ja nur das Dienstgewehr bei sich hatte, das weder eine Spitze noch eine Klinge hatte. Die einzige Möglichkeit war, den Platz zu wechseln. Gerade wollte er es tun, als er sich sagte, daß dann auch der Mann den Platz wechseln und sich wieder neben ihn setzen würde. Nein, nichts, die einzige Lösung war, das Filmtheater zu verlassen, nach Hause zu gehen und alles Papà zu erzählen, der dann schon daran denken würde, diesem Stinker, diesem verdammten, eine Lektion zu erteilen. Er streckte die Hand aus, ergriff das Gewehr und stand auf. Galluzzo packte ihn am Arm. »Was machst du denn? Du gehst? Um Himmels willen, nein! Setz dich.« Galluzzo ekelte ihn an, er redete mit trauriger Stimme, so wie ein armer Hund, der um eine milde Gabe bittet. Michilino riß den Arm weg, aber Galluzzo hielt ihn fest im Griff. Doch in der, Bewegung spürte Michilino in der rechten Tasche seiner Hose das Gewicht des Taschenmessers, das Totò Prestipino ihm gegeben hatte. Er hatte ganz vergessen, daß er es hatte, doch jetzt, da er sich erinnerte, änderte sich die Lage. Er setzte sich wieder und stellte das Gewehr gegen die Rückenlehne des Vordersitzes. »Alles gut und wunderbar, mein Engel!« sagte Galluzzo. »Du hast es dir anders überlegt, was? Jetzt machst du kein Theater mehr, nicht, mein Engel? Du knöpfst dich doch auf, ist doch so, daß du dich aufknöpfst und ihn rausholst, mein Engel mit dem schönen Schwanz?« Der fing ja an zu weinen, dieser Stinker. Mit der linken Hand fing Michilino an sich aufzuknöpfen, während er mit der rechten das Taschenmesser herauswühlte. Vor dem letzten Knopf nahm er die Linke zu Hilfe, um das Taschenmesser aufzuklappen. Der Buchhalter hatte überhaupt nichts bemerkt. »Ich bin ganz aufgeknöpft«, sagte Michilino. Galluzzo sah ihn an. »Raus mit ihm, hol ihn raus, hol ihn ganz raus, den großen Schwanz, den du drinnen hast, mein Engelchen! Ich will ihn überall streicheln, ich will ihn überall küssen!« Michilino schob die linke Hand in die Hose und holte ihn raus. Galluzzo war bei seinem Anblick ganz verblüfft. »Oh, Herr Jesus, Allmächtiger!« sagte er beinahe beängstigt. Als Michilino hörte, daß dieses Schwein den Namen Gottes leichtfertig aussprach, verwandelte sich seine Wut in so etwas wie einen kaltblütigen Gedanken, der ihm sagte, er solle darauf achten, was der andere tat, und dann sofort reagieren. Er packte das Taschenmesser, das er an seinem rechten Schenkel hielt, den Arm fühlte er frei und bereit. Der Mann kam aus seiner Verwunderung wieder zu sich, seine rechte offene Hand auf der Lehne näherte sich vorsichtig dieser ganzen Üppigkeit, diesem, Reichtum, diesem Schatz. Aber sie hielt auf halbem Wege an, denn der Buchhalter wollte sie vorher benutzen, um sich die Zigarette aus dem Mund zu nehmen und sie auf den Boden zu werfen. Als die Hand wieder den Weg zu den Schenkeln des Jungen aufnahm, und diesmal mit Eile, hob Michilino plötzlich den Arm, und mit der Wut, die ihn um so vieles stärker machte, bohrte er das Taschenmesser in den Teller von Galluzzos wandernder Hand. Das Taschenmesser drang zur Hälfte ein, es durchlöcherte beinahe das Fleisch von einer Seite zur anderen. »Iiiiiiihhh!« machte der Buchhalter, und es klang ganz genau wie ein abgestochenes Schwein. »Was ist los? Ist was passiert?« fragten Stimmen im Dunkeln. »Nichts, nichts«, sagte Galluzzo und versuchte, normal zu sprechen. »Hast du einen zu großen Schwanz gefunden? Tut dir jetzt der Arsch weh, Buchhalter?« fragte ironisch ein Junge. »Still jetzt! Schluß!« sagten andere. Unterdessen befreite Michilino unter Zuhilfenahme der linken Hand das Taschenmesser aus dem Fleisch. »Iiiiiiihhh! Iiiiiiihhh!« quiekte der Buchhalter, allerdings leise, während er aus der Hose ein Taschentuch zog und sich damit die Hand umwickelte. Danach stand er auf und stürzte auf die Toilette. Er hatte nichts gegen Michilino gesagt. Er hatte ihn nicht einmal mehr angesehen. Michilino nahm sein Taschentuch, wischte die Klinge ab und ließ es auf den Boden fallen. Mamà würde er erzählen, er hätte es verloren. Eine läßliche Lüge, ohne Bedeutung. Er sah, daß Gulluzzo aus der Toilette kam und das Taschentuch fest um die Hand gewickelt hatte. Er eilte zum Ausgang. Mit Sicherheit würde er niemandem erzählen, was ihm passiert war, und für eine bestimmte Zeit konnte er die Hand nicht mehr gebrauchen, um Sünden zu begehen und andere dazu zu bringen. Und das würde dem lieben Herrn Jesus weitere Leiden ersparen. Jetzt konnte er, sich den Film in aller Ruhe ansehen. Am letzten Mittwoch im Monat, pünktlich um vier Uhr nachmittags, stellte Michilino sich in der Kirche ein, weil Monsignore Baldovino Miccicchè, Militärkaplan, mit der Vorbereitung von ungefähr zwanzig Jungen und Mädchen für die heilige Firmung begann. Monsignore Miccicchè war ein großer, dicker Mann mit rötlichen Haaren und machtvoller Stimme. Um die Ärmel seiner Kutte hatte er die goldenen Rangabzeichen eines Tenente und über dem Herzen ein Liktorenbündel. Er zog das linke Bein nach. Und das war das erste, worüber er sprach. »Ich habe den Großen Krieg mitgemacht, ohne verwundet zu werden. Aber seht ihr, daß ich humple? Und wißt ihr, warum? Weil ich vor kurzem verwundet worden bin. Wodurch bin ich verwundet worden? Durch einen Wurfspieß? Und wer hat diesen Wurfspieß auf mich geschleudert? Ein Abessinier hat ihn auf mich geschleudert. Und wo ist das alles passiert? Das alles ist in der Schlacht bei der Eroberung von Makallé passiert, bei der ich die Ehre hatte, als Kaplan teilzunehmen, innerhalb der Ränge der Freiwilligen-Miliz Nationale Sicherheit!« Michilino sprang von seinem Stuhl hoch und fing an, in die Hände zu klatschen. Die anderen folgten ihm. Heilige Muttergottes, einen Helden hatte er da vor sich! Einen Helden, der bei der Eroberung von Makallé mitgekämpft hatte und auch noch von einem wilden Bissinier verwundet worden war! Fast kamen ihm die Tränen vor innerer Bewegung. Monsignor Miccichè verbeugte sich zum Dank, hob einen Arm, was »Ruhe!« bedeutete, und wollte gerade weiterreden, doch Michilino kam ihm zuvor. »Den Bissinier hat Euer Hochwürden getötet?« Der Geistliche war leicht verwirrt. »Ich weiß nicht, ich glaube, er ist getötet worden. Ich habe es, nicht genau sehen können, ich war ja auf die Erde gefallen.« »Und das Elite-Schwarzhemd Balduzzo Cucurullo, der bei der Eroberung von Makallé gestorben ist, haben Euer Hochwürden gekannt?« »Gewiß. Er ist christlich in meinen Armen verstorben.« »Und was tun Euer Hochwürden, werdet Ihr nach Bissinien zurückkehren?« Michilino konnte die Fragen nicht mehr zurückhalten. Monsignor wirkte ein kleines bißchen gereizt. »Bleib für den Augenblick sitzen, Junge. Wie heißt du?« »Sterlini Michelino.« »Wißt ihr denn auch, warum wir nach Abessinien in den Kampf gezogen sind?« fing der Geistliche wieder an. »In erster Linie, weil wir, dank Benito Mussolinis, eine starke, gerüstete Nation sind, in der Lage, ein Imperium zu erobern. Und wißt ihr auch, was wir in diesem Imperium tun werden? Wir werden es in ein Land verwandeln, in dem unsere Landbevölkerung den Boden bearbeitet, unsere Arbeiter Werkstätten, unsere Maurer ihre Baustellen haben. Doch vor allem betreiben wir eine Bekehrung der Seelen, alle müssen an unsere Heilige Mutter Kirche glauben! Und ihr, Jungen, meine Balillas, ihr müßt die künftigen Soldaten Christi und des Duce sein, rein an Körper und Seele, mutig und unerschrocken, damit sich die Herrschaft Seiner Majestät Vittorio Emanuele des Dritten und die des allmächtigen Gottes immer weiter ausbreite auf dieser Erde, bis sie insgesamt erobert ist!« So redete er, mit selbstgestellten Fragen und den dazugehörigen Antworten, über eine Stunde, ununterbrochen. Dann hielt er inne. »Diese unsere Begegnung sollte noch eine weitere Stunde dauern. Doch ich habe noch etwas beim Bischof in Montelusa zu erledigen. Betet zu Gott für den Duce und für den König!«, Von einem Zauber umsponnen, lauschte Michilino bis zum Ende den Worten von Monsignor Miccicchè. Als er die Kirche verließ, war er so erregt, daß er ein paar Grad Fieber spürte. An der Haustür angekommen, hob er den Arm, um zu klopfen, doch er merkte, daß das Türschloß nicht völlig eingeschnappt war, er brauchte nur ein bißchen zu drücken und die Tür würde aufgehen. Er beschloß, Mamà eine Überraschung zu bereiten. Er stieß mit beiden Händen, die Tür ging auf, er trat ein und verschloß sie leise wieder. Das Radio lief. Auf leisen Pfoten ging Michilino in der Küche nachsehen. Da war sie nicht. Bestimmt war sie weggegangen, weil sie meinte, er würde erst eine Stunde später wiederkommen? Was für eine Überraschung, wenn Mamà ihn nach ihrer Rückkehr schon zu Hause vorfände. Ja, er würde schon den Tisch decken. Doch weil er dringend Pipì machen mußte, ging er zum Bad. Eine Art Klagen ließ ihn innehalten. Es kam aus dem Wohnzimmer. Die Tür war nur angelehnt, er hielt sein Gesicht an den Spalt und schaute. Mamà wirkte halb bewußtlos, sie hielt den Kopf ganz nach hinten und lehnte ihn auf die Schulter von Padre Burruano, der neben ihr auf dem Sofa saß. Mamàs Brust war völlig nackt, ohne Unterhemd noch Büstenhalter, ihr Mund war geöffnet und sie lamentierte leise. Padre Burruano hielt sie mit dem linken Arm um die Hüfte gefaßt und strich ihr mit der rechten Hand über die Brüste. »Was ist passiert?« fragte Michilino erschrocken und öffnete die Tür. »Heilige Jungfrau!« rief Mamà und wollte aufstehen, doch fiel sie gleich zurück aufs Sofa, so als wären ihre Beine butterweich geworden. »Mamà hat sich nicht wohl gefühlt. Sie brauchte Luft«, sagte Padre Burruano. »Ich brauchte unbedingt Luft«, bestätigte Mamà. Sie war rot wie eine Peperonischote, ihre Brust hob und senkte, sich wegen des kurzen Atems. »Soll ich dir etwas Wasser holen?« fragte Michilino besorgt. »Ja«, antwortete Mamà. Als er mit dem Glas aus der Küche zurückkam, hatte Mamà sich den Büstenhalter wieder angezogen und hielt in der Hand das Unterhemd. Sie trank das Wasser. »Geht es Ihnen besser, Signora?« fragte der Geistliche. »Ja, besser. Ich weiß nicht, warum ich plötzlich keine Luft mehr bekommen habe. Ein Glück, daß Ihr da wart, Padre, und mir Ruhe verschafft habt, indem Ihr mir die Kleider aufgemacht habt. Fast wäre ich erstickt. Und Ihr müßt mich entschuldigen für den Schrecken, den ich Euch versetzt habe. Jetzt, mit Eurer Erlaubnis, gehe ich ins Bad und erfrische mich.« Sie stand auf und verließ das Zimmer. »Wie ist es mit Monsignor Miccicchè gelaufen?« fragte der Geistliche. Begeistert erzählte Michilino ihm alles. Der Geistliche hörte zu, ohne etwas zu sagen. In sein Gesicht war die ganze Zeit über ein unsympathisches Lächeln gestanzt. »Mit dem Fernglas«, sagte er schließlich. »Was heißt: mit dem Fernglas?« »Das heißt, daß Monsignor Miccicchè Abessinien mit dem Fernglas gesehen hat.« Mamà kam zurück, Padre Burruano stand auf. »Wann können wir unser Gespräch fortsetzen und es noch mehr vertiefen? Wir waren gezwungen, es auf halbem Wege abzubrechen, als Sie keine Luft mehr bekamen.« »Gern morgen nachmittag schon, sofern Ihr Zeit und Lust habt.« »Zeit finde ich durchaus. Und was die Lust angeht, mit Ihnen zusammenzusein, liebe Signora, die, das wissen Sie, ist immer, vorhanden.« Mamà begleitete ihn zur Tür und ging dann zu Michilino ins Bad, der Pipì machte. »Hör zu, Michilino …« »Entschuldige, Mamà, vorher will ich dich etwas fragen. Was bedeutet das, daß Monsignor Miccicchè Abessinien mit dem Fernglas gesehen hat?« »Wer hat das gesagt?« »Padre Burruano, während du dir das Gesicht gewaschen hast.« »Es bedeutet, daß dieser Monsignore das Laster hat, ein bißchen viel Wind um das zu machen, was er tut.« »Er erzählt Lügen?« fragte Michilino erstaunt. Ein Geistlicher, ein Held, ein Kämpfer von Makallé, ein Chef der Soldaten des Duce und Christi, der Lügen erzählt! Das war doch unmöglich! Padre Burruano dachte Böses. »Nicht genau Lügen, nein, das wäre ja eine Sünde, und ein Geistlicher begeht niemals Sünden«, erklärte Mamà ihm, »aber er stellt die Dinge etwas übertrieben dar, was keine Sünde ist. Jetzt hör mir zu, Michilì. Du mußt mir etwas versprechen, du mußt es mir schwören und dein Versprechen halten.« »Sicher, Mamà.« »Du darfst Papà nichts von dem erzählen, was mir passiert ist, als ich mich so elend fühlte. Denn dann würde sich der arme Papà ziemliche Sorgen machen. Und bei allem, was er um die Ohren hat, will ich seine Sorgen nicht noch verschlimmern.« »Das schwöre ich dir.« Ein paar Tage darauf, es war Sonntag und sie aßen Pasta mit einer Tomaten-Käse-Sauce, sagte Papà: »Gestern abend ist Alfio Maraventano gestorben, der Sohn des Kommunisten.«, Michilino blieb die Pasta im Hals stecken, er fing an zu husten, doch in seiner Brust hörte er statt des Hustens das Läuten von Glocken. Ding-dong-dang! Ding-dong-dang! Sie läuteten das Gloria! Sie läuteten, als wäre es das heilige Osterfest! Er mußte sich am Riemen reißen, daß er nicht noch anfing zu singen. »Der Arme«, sagte Mamà. »Er hat Tetanus bekommen«, erklärte Papà. »Was ist Tetanus?« fragte Michilino. »Tetanus ist eine tödliche Infektion, die kommt, wenn einer sich mit etwas Rostigem verwundet«, erklärte Papà. »Das heißt, daß der spitze Gegenstand, der ihn verwundet hat, rostig war.« Michilino dachte daran, daß das Bajonett in der Tat Rost angesetzt hatte, seit er es in der kleinen Kammer aufbewahrte, die ziemlich feucht war. Jedenfalls hatte der liebe Herr Jesus, wenn es ihm, Michilino, schon nicht gelungen war, Alfio auf Anhieb zu töten, ihm eine Hand gereicht und Alfio an einer Infektion sterben lassen. »Sein Vater, der Schneider, wird des vorsätzlichen Mordes beschuldigt«, fügte Papà hinzu. »Der wird dem Erschießungskommando jedenfalls nicht entgehen.« Heh, zwei! Er hatte es geschafft! Zwei Kommunisten in einem Streich! Welcher andere Soldat Jesu und des Duce wäre zu so einem Unternehmen in der Lage gewesen! »Heilige Jungfrau Maria, wie entsetzlich«, sagte Mamà. »Aber warum hat sein Vater ihn umgebracht?« »Ich hab’s dir ja schon gesagt, Ernestí, diese Kommunisten sind Wirrköpfe. Nach der Meinung von Commissario Zammuto hat der Schneider ihn umgebracht, weil er nicht wollte, daß sein Sohn zum faschistischen Samstag ging. Er ertrug ihn nicht zu Hause, wenn er wie ein Balilla angezogen war. Wohingegen es dem armen Alfio einigermaßen gefiel, er war ein echter, Faschist. So wenigstens erklärt Commissario Zammuto die Sache.« »Aber woher denn!« sagte Michilino. Bumm! Jetzt kam das Ritornell heraus, daß er einen Balilla getötet hatte! Commissario Zammuto war doch ein Trottel, der überhaupt nichts verstand. »Wieso sagst du so was?« fragte Papà. »Da braucht man doch nur den Kommandeur Scarpin zu fragen. Alfio erschien lediglich jeden zweiten Samstag und wollte nie die Leibesertüchtigung mitmachen. Fragt ihn doch. Der Kommandeur hat ihn getadelt, weil er lustlos war und niemals den römischen Gruß machte. Von wegen Faschist! Der war doch dabei, ein Kommunist zu werden wie sein Vater!« Papà sah ihn verwundert an. »Tüchtig, mein Söhnchen! Weißt du, daß wir daran gedacht haben, Alfio ein faschistisches Begräbnis zu bereiten? Da hätten wir einen großen Fehler gemacht. Noch heute spreche ich mit Scarpin. Aber ich bin überzeugt, daß du recht hast. Tüchtig!« »Aber weshalb hat er ihn dann umgebracht?« fragte Mamà nachdenklich. »Hat Alfio vor seinem Tod noch etwas sagen können?« »Ja, aber er sagte, er wäre alleine in der Schneiderei gewesen, er hätte gelernt, und weil er mit dem Rücken zur Tür gesessen hat, hätte er nicht sehen können, daß jemand reinkam. Er erinnerte sich auch nicht an den Stoß des Messers in den Hals. Ach, und wißt ihr was? Alfio starb lachend.« »Was heißt lachend«, fragte Mamà entgeistert und verblüfft. »Ja, ja, ja. Man hat mir gesagt, Tetanus würde die Gesichtsmuskeln anspannen, daher kommt es, daß einer, wenn er stirbt, aussieht, als würde er lachen.« Lach nur, lach nur, Alfio Maraventano. Schließlich bist du jetzt ein stinkender Kadaver., Am folgenden Donnerstag hatte Mamà Geburtstag, sie wurde sechsundzwanzig. Sie war zehn Jahre jünger als Papà. In der Nacht zuvor hatte Michilino sie aufgeregt miteinander reden hören, aber mit so leisen Stimmen, daß er gar nichts hatte verstehen können. Doch wachten sie beide zufrieden auf, Mamà tat im Badezimmer nichts anderes als singen. Um zehn Uhr kam Nonno Aitano und lud sie alle in seinen Lancia Astura, um sie mit aufs Land zu nehmen, wo Nonna Maddalena der Himmel weiß was vorbereitet hatte. Alle Verwandten waren da, die anderen Großeltern, die Tanten und Onkel, die Cousinen und Cousins, an die vierzig Personen. Mit dem gebratenen Zicklein im Rohr mit Kartoffeln, das bei solchen Gelegenheiten gewohnheitsmäßig immer der Hauptgang war, wurden diesmal zwei Seezungen für jeden serviert, und die waren so groß, daß sie über dem Tellerrand hingen. Als die Cassata gebracht wurde, stand Papà auf und sagte, er müsse der Verwandtschaft etwas Wichtiges mitteilen. Michilino sah seinen Vater sprachlos an, denn keiner, weder Papà noch Mamà, hatte ihm etwas über dieses Wichtige erzählt. Er fühlte sich ein bißchen übergangen und war beleidigt. »Liebe Verwandtschaft«, begann Papà. »Ich muß euch etwas sagen, das euch sicher freuen wird. Diese Nacht hat meine Frau Ernestina mir etwas enthüllt, worauf ich seit fünf Jahren gewartet habe.« Alle sahen Mamà an, die roter wurde als wenn sie mit Padre Burruano zusammen war, und ihr Gesicht mit der Hand verbarg. »Ernestina ist guter Hoffnung.« Ein Klatschen brach los, ein Lachen, der eine und andere stand auf, um Mamà zu umarmen, doch wurden sie von Papà aufgehalten. »Ich bitte euch, Küsse und Umarmungen hinterher. Ernestí hat sich, um sicher zu sein, noch einmal von der Hebamme untersuchen lassen, und die hat’s bestätigt. Meine Frau ist guter, Hoffnung. Das ist sicher. Und weil das kleine Geschöpf in den Tagen der Eroberung von Makallé empfangen worden ist …« Wieder loderte Mamà auf, einer der Verwandten rief: »Es lebe das italienische Abessinien!« Und ein anderer folgte ihm mit dem Ruf: »Es lebe der Duce!« »Sie leben hoch!« riefen alle im Chor. »Und ganz gleich, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, wir haben beschlossen, daß sein zweiter Name Makallé sein soll.« Während Nonna Maddalena mit Spumante ankam, stand Michilino vom Tisch auf und entfernte sich hinter das Haus. Er fühlte sich wegen der Überraschung, die er hatte erleben müssen, wirklich beleidigt. Papà und Mamà hätten die Nachricht ihm als erstem verkünden müssen und ihn rechtzeitig fragen sollen, ob er ein Brüderchen oder ein Schwesterchen haben wollte. Aber so, vor vollendete Tatsachen gestellt, blieb ihm ja nichts anderes, als zu akzeptieren und nichts über die erlittene Schmach zu sagen. Er merkte, wie er von einer Art Melancholie ergriffen wurde: Ganz sicher würde sich sein Leben, wenn das kleine Wesen erst einmal geboren war, notwendigerweise verändern. »Michilino«, sagte jemand in der Nähe halblaut. Wer rief ihn da? Er empfand es als unangenehm, weil er Lust hatte, alleine zu sein. Doch das Gefühl der Unannehmlichkeit verschwand auf der Stelle, als er sah, daß es seine Cousine Marietta war, die er sicher schon einige Monate nicht mehr gesehen hatte. Marietta stand an einen Baum gelehnt und hielt in der Hand ein paar Sauerampferblätter. Wie schön sie geworden war! Sie war schlanker geworden und größer, die Haare trug sie jetzt offen über der Schulter. Als sie vor ihm stand, umarmte sie ihn ganz fest. »Wieso bist du nicht bei den anderen?« fragte Michilino. »Und du?«, »Weil ich melancholisch geworden bin.« »Ich auch.« Sie setzten sich auf die Erde und umarmten sich noch einmal. »Tut’s dir leid, daß deine Mutter schwanger ist?« fragte die Cousine. »Ja. Ich will Einzelkind bleiben. Wenn Makallé nicht erobert worden wäre, hätte es sein können, daß ich Einzelkind geblieben wäre.« »Die Eroberung von Makallé hat auch mich ganz fertiggemacht«, sagte Marietta. Und sie begann zu weinen. Michilino drückte sie fester. »Wieso? Was haben dir die Bissinier getan?« »Michilì, es ist ein Geheimnis, das ich nur dir sage. Die Bissinier haben meinen Verlobten bei der Eroberung von Makallé getötet.« Michilino löste sich von seiner Cousine und sah sie voller Bewunderung an. »Du? Du warst mit dem Elite-Schwarzhemd Balduzzo Cucurullo verlobt?« »Ja. Aber das wußte keiner.« Und sie weinte wieder, diesmal ganz furchtbar. Michilino erschrak, nie hatte er sie so gesehen. Er umarmte sie wieder und begann, sie auf ihre Haare zu küssen. »Erzählst du mir, wie ihr euch verlobt habt?« Marietta nickte, sie konnte nicht sprechen. Michilino hielt sie eng umarmt und küßte sie. Was für einen guten Duft sie verströmte! Die Cousine schien sich ein bißchen zu beruhigen und fing an zu erzählen. »Du mußt wissen …« Und in diesem Augenblick sahen sie Onkel Gesuardo auftauchen, gemeinsam mit seinem Sohn Birtino, der fünfzehn, war, fade und unsympathisch. Sie mußten beide ein Bedürfnis verrichten. »Sobald sich die Gelegenheit bietet, erzähl’ ich’s dir«, sagte Marietta beim Aufstehen. »Jetzt ist nicht der richtige Augenblick.« Das kleine Fest dauerte den ganzen Tag. Nonno Aitano begleitete sie zurück nach Hause, als es neun war. Müde und mit schweren Bäuchen nahmen Papà und Mamà eine Messerspitze Natron ein, um besser verdauen zu können, und beschlossen, eine halbe Stunde lang Radio zu hören und dann zu Bett zu gehen. »Ich lege mich jetzt schon hin«, sagte Michilino. »Bist du müde?« fragte Mamà. »Nein.« »Du kommst mir verbiestert vor«, meinte Papà. »Nein.« »Aber eigentlich bist du’s«, sagte Mamà. »Und ich weiß auch den Grund dafür.« »Ach ja? Und welchen?« »Du bist beleidigt, weil wir dir nicht zuerst und alleine erzählt haben, daß ich guter Hoffnung bin, daß ich schwanger bin. Ist es nicht so?« »Ja.« Papà und Mamà sahen sich an. Diesmal redete Papà. »Ich war’s, der deiner Mutter gesagt hat, sie soll es dir nicht alleine sagen. Ich wollte wissen, wie du’s aufnimmst, wenn du’s erfährst wie alle anderen. Und du hast nicht richtig reagiert, du hast dich beleidigt gefühlt. Ich wollte dir beibringen zu verstehen, und zwar vom Glück der Eltern bis zur Mitteilung, wie wichtig heute, in der Zeit des Faschismus, eine Geburt ist. Hast du nicht gesehen, wie zufrieden alle waren? Ein Junge ist heutzutage keine private Angelegenheit mehr, sondern er gehört, allen, dem Vaterlande, Mussolini, dem König, allen, er ist in erster Linie ein Baliila Italiens und dann erst dein Bruder.« »Und wenn’s ein Mädchen wird?« »Ich hoffe, es wird ein Junge wie du. Wenn’s aber ein Mädchen wird, na, was soll’s, dann bedeutet das, daß sie eine Kleine Italienerin wird.« Michilino brauchte lange, bis er einschlief. Er dachte immer wieder über die Worte seines Vaters nach, und dann erinnerte er sich an das, was Gorgerino gesagt hatte, daß nämlich auch in Sparta Kinder das Gut aller waren. Und er beruhigte sich. Während der Nacht vollführten Papà und Mamà keinen Kampf, sondern einen richtigen Krieg. Immerhin fing Mamà irgendwann an zu lamentieren: »Nein, nein, so tust du mir weh! Heilige Maria, wie weh mir das tut!« In den ersten Dezembertagen fragte Signorina Pancucci, die Lehrerin, Michilino, ob er Mamà wohl sagen könnte, daß sie mit ihr sprechen wollte und sie daher gemeinsam, Mutter und Sohn, am nächsten Tag eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn zu ihr kommen möchten. Als Michilino es Mamà sagte, wurde sie unruhig. »Warum will sie mit mir reden?« »Das hat sie mir nicht gesagt.« »Hast du ihr Widerworte gegeben? Hast du etwas Unanständiges getan?« »Ich tue nichts Unanständiges.« »Hör zu, Michilino, wenn die Lehrerin unzufrieden mit dir ist, kannst du dir das Filmtheater aus dem Kopf schlagen. Verstanden?« Seit dem Mal mit dem Buchhalter Galluzzo war Michilino nur noch einmal ins Filmtheater zurückgekehrt, weil ein Film von Krick und Krock gezeigt wurde. Der Buchhalter, der ihn hatte, hereinkommen sehen, hatte sich aber nicht neben ihn gesetzt. An Stelle des Verbandes an der rechten Hand hatte er ein Leukoplastpflaster aufgeklebt. Am nächsten Tag erklärte die Lehrerin, Signorina Pancucci, in aller Deutlichkeit den Grund für den erbetenen Besuch. »Liebe Signora Sterlini«, sagte sie, »ich entschuldige mich, wenn ich Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet habe, doch ich fühle mich verpflichtet, Ihnen eine Gewissensangelegenheit zu unterbreiten, die Ihren Sohn betrifft.« Mamà erschrak. »Heilige Muttergottes! Was ist passiert?« Auch Michilino sorgte sich. Ob man das in dem kleinen Kabuff versteckte Gewehr gefunden hatte? Das mit dem zugeschliffenen Bajonett? »Also«, sagte die Lehrerin, »Michilino ist tüchtig, lernt eifrig, er ist diszipliniert und intelligent. Er begreift die Dinge schneller als andere.« »Aber warum wird das für Sie dann zu einer Gewissensangelegenheit?« »Erinnern Sie sich, daß ich Ihnen sagte, als Sie mich baten, Ihrem Sohn Unterricht zu erteilen, daß Michilino einen Mitschüler hätte, Totò Prestipino?« »Gewiß, ich erinnere mich.« »Nun müssen Sie wissen, daß Prestipino sehr langsam beim Lernen ist, ich muß ihm alles doppelt und dreifach erklären, bevor er etwas begreift, wenigstens bei manchen Dingen.« »Und was hat mein Sohn damit zu tun?« »Daß ich mit Ihrem Sohn wegen des Prestipino nicht das Programm durcharbeiten kann, das ich schaffen muß. Michilino könnte rennen, aber er ist gezwungen, im Schneckentempo vorwärtszugehen.« »Und nun?«, »Es gibt nur zwei Lösungen. Entweder bringen Sie Michilino zu einer anderen Lehrerin, oder Sie gestatten mir, Ihrem Sohn Einzelunterricht zu geben.« »Wieso wollen Sie dazu mein Einverständnis?« »Weil der Einzelunterricht teurer ist.« »Ah«, sagte Mamà. Michilino sah sich verloren. Wenn er die Lehrerin wechselte, wo sollte er dann sein Gewehr verstecken? »Ich mag Signorina Pancucci.« Mamà lächelte und die Lehrerin auch. »Einverstanden«, sagte Mamà. Am Mittwoch wollte Monsignor Miccicchè, statt über die Pflichten und Schuldigkeiten eines Soldaten Christi und des Duce zu reden, daß alle auf der Stelle bei ihm beichteten. »So lerne ich euch besser kennen und kann eure Berufung besser einschätzen lernen.« Er ging in die Kirche und verschwand in einem Beichtstuhl. »In alphabetischer Reihenfolge!« befahl er. Während Michilino wartete, daß er an die Reihe kam, kniete er sich vor dem Gekreuzigten nieder. Diesmal hatte er nichts zu erzählen, was den lieben Herrn Jesus zum Lachen hätte bringen können, um ihm ein ganz klein wenig den furchtbaren Schmerz zu lindern, der ihm ins Gesicht gezeichnet war. Was blieb, war zu beten. Und das tat er und versenkte sich ins Gebet wie in einen tiefen Brunnen voll dunklen Wassers. Dann legte ein Gefährte ihm die Hand auf die Schulter. »Du bist dran.« »Kennst du die Zehn Gebote?« »Sicher.« »Dann kommen wir gleich auf den Punkt. Wie viele hast du, übertreten?« »Kein einziges.« Hinter dem Gitter ließ Monsignor Miccicchè sein besonderes Lachen hören, ein Lachen, von dem er erzählte, daß es haargenau dem der bissinischen Hyäne glich, weshalb er den Schwarzhemden schreckliche Streiche gespielt hätte, wenn sie nachts Wache stehen mußten. »Sind wir da auch sicher?« »Ganz sicher.« »Dann schauen wir doch mal. Hast du falsch Zeugnis geredet?« »Nie.« »Hast du unkeusche Handlungen begangen, alleine oder mit anderen?« »Nein.« »Achtung, Balilla, bei der Beichte ist eine Lüge eine Todsünde. Unkeusche Handlungen bedeuten unanständige Dinge. Berührst du dich nachts nie, wenn du im Bett liegst oder wenn du auf der Toilette bist?« »Nein.« »Hast du gestohlen? Hör zu, auch wenn man nur einen Centesimo nimmt, ist das schon Sünde.« »Ich habe noch nie irgend etwas gestohlen.« »In Ordnung, das genügt, denn man kann dich in deinem Alter ja nicht fragen, ob du das Weib deines Nächsten begehrt oder ob du getötet hast. Bete zuerst den Schmerzensreichen und dann …« »Ich habe getötet. Aber das war keine Sünde«, sagte Michilino. Monsignor Miccicchè lachte sein Hyänenlachen. »Und wen hast du getötet? Laß mal hören.«, »Einen Kommunisten.« »Und wie hast du ihn getötet?« »Durch einen Bajonettstoß.« »Und wieso hast du deiner Meinung nach keine Sünde begangen?« »Weil es keine Sünde ist, wenn man einen Kommunisten tötet.« »Tüchtig, tüchtig«, sagte Monsignor Miccicchè. »Ich meine, ich hätte dich an der Stimme erkannt. Du bist Michilino Sterlini, stimmt’s?« »Jawohl.« »In Ordnung. Ego te absolvo et cetera et cetera. Bete den Schmerzensreichen, fünf Avemarias und fünf Vaterunser.« Michilino ging zum Kreuz, kniete sich hin und tat Buße. Er fühlte sich erleichtert, weil ihm insgeheim der Zweifel gekommen war, ob das Töten von jemandem, ob Kommunist oder nicht, eine Todsünde wäre. Doch wenn Monsignor Miccicchè ihm gesagt hatte »Tüchtig, tüchtig!«, bedeutete das ja wohl, daß das Töten eines Kommunisten nicht einmal eine läßliche Sünde war. Papà hatte Mamà zu ihrem Geburtstag eine Perlenkette und eine Sammlung Schallplatten von His Master’s Voice geschenkt, auf denen auch einige Reden Mussolinis waren. Am Morgen nach der Beichte, als Mamà fortgegangen war, um Einkäufe zu machen, schaltete Michilino das Radio ein, kletterte auf einen Hocker und legte eine Platte von Mussolini auf. Er kletterte wieder hinunter und stellte die volle Lautstärke ein. Die kraftvolle Stimme des Duce, die aus dem Lautsprecher drang, dröhnte ihm entgegen, durchlöcherte seine Ohren, drang in sein Gehirn ein und schüttete kalte Schauer über seinen Rücken. Er verstand die Worte nicht, denn die Lautstärke war zu groß, aber es war genau so, wie wenn man sich mitten in einem Sturm, voller Blitze befände, wie wenn man von einem rasenden Sturm erfaßt würde, der dich von der Erde hochhebt und hoch hinauf in den Himmel trägt. Von diesen Blitzen, von diesem Sturm gedrängt, streifte er von Zimmer zu Zimmer, benommen, berauscht, von rechts nach links taumelnd, die Knie butterweich, den Kopf an die Türen und an die Wände schlagend, hinstürzend und wieder aufstehend, das Vögelchen wurde so hart und so groß und dick und lang, daß er sich die Hose aufknöpfen und ihn heraus und frei lassen mußte, weil es ihm weh tat, ihn so in der Unterhose einzuzwängen. Als die Schallplatte zu Ende war, fand er sich auf dem Boden sitzend wieder, schweißgebadet, mit kurzem Atem wie nach einem langen Lauf. Er mußte ins Badezimmer gehen und das Vögelchen unter kaltes Wasser halten, damit es wieder erschlaffte und Michilino es in die Hose stecken konnte. »Ein Glück, daß wir in einem Haus wohnen«, dachte er, »denn mit Sicherheit hätten sich die Nachbarn wegen des großen Lärms beschwert.« Die Sache gefiel ihm ungeheuer. Bei der ersten Gelegenheit würde er es noch einmal tun. Als er am gleichen Abend vom Einzelunterricht bei der Lehrerin Pancucci zurückkam, fand er Mamà elegant gekleidet vor, hübsch zurechtgemacht und fröhlich. »Papà hat ein Telegramm erhalten und nach Palermo fahren müssen. Irgendwas mit seiner Arbeit, morgen kommt er zurück. Heute abend kommt Padre Burruano zum Essen her.« Der geistliche Herr kam mit einem Strauß Blumen und einem Tablett mit zehn Cannoli. Mamà hatte eine Suppe vorbereitet und Schwertfisch im Backrohr. In der Mitte des Tisches stand ein Teller mit Scheiben von Salami, von Mortadella, mit grünen und mit getrockneten schwarzen Oliven. Padre Burruano und Mamà leerten, während sie aßen und aßen, fast zwei Flaschen, Wein. Am Ende waren sie beide sehr angeheitert. »Trink du doch auch ein bißchen Wein«, sagte Padre Burruano zu Michilino. »Was fällt Ihnen denn ein?« wandte Mamà ein. »Er ist doch noch viel zu klein, er hat noch nie getrunken, das kann ihn doch krank machen.« »Wann haben drei Fingerbreit Wein jemals einen Menschen krank gemacht?« fragte Padre Burruano. Und er füllte Michilinos Glas. Mamà riß den Mund auf und wollte Einspruch erheben, doch Padre Burruano kam ihr zuvor und zwinkerte ihr zu. »So wird er heute nacht gut schlafen, ohne aufzuwachen.« Mamà antwortete nichts. »Iß einen Cannolo dazu, dann rutscht er besser«, riet ihm Padre Burruano. Michilino begann zu trinken, einen Biß in den Cannolo und einen Schluck Wein, der Pfarrer zündete Mamà eine Zigarette an und eine auch für sich selber. »Was ist das für eine Geschichte, daß du einen Kommunisten umgebracht hast?« fragte der Pfarrer unvermittelt. Mamà sah ihn so entgeistert an, als wäre sie unter die Türken gefallen. »Michilino hat einen Kommunisten umgebracht?« fragte sie fassungslos. »Wer hat Ihnen das gesagt?« fragte Michilino und spürte, wie Wut in ihm hochstieg. »Monsignor Miccicchè. Du hast es ihm beim Beichten gesagt.« »Und Monsignor Miccicchè verrät, was einer ihm beim Beichten sagt?« fuhr Mamà auf. »Was für ein Glück, daß ich nie zu ihm beichten gegangen bin!«, »Monsignor Miccicchè hat die Sache ja nicht wirklich ernst genommen, er hat sie für eine Kleinejungenphantasterei gehalten, was sie auch ist. Deshalb hat er’s mir gesagt. Doch ich will, Michilino, daß du dich nicht von diesen Phantastereien fortreißen läßt und, vor allem, daß du mit niemandem über sie redest, wenn sie dich überkommen. Einverstanden?« »Einverstanden.« Wenn sie wollten, daß die kleine Abmurkserei von Maraventano eine Erfindung war, hatte er nichts dagegen. Schließlich wußte der liebe Herr Jesus ja die Wahrheit. Eine halbe Stunde war vergangen, seit Michilino das Glas Wein hinuntergekippt hatte, da wurden seine Augen auf einmal ganz klein, seine Augenlider waren halb zugefallen. »Ich bin müde geworden.« »Leg dich schlafen«, sagte Mamà. Michilino stand auf und holte sich Mamàs Kuß auf die Stirn, dann stellte er sich neben Padre Burruano, der ihm die Hand hinhielt, Michilino küßte sie und machte eine halbe Kniebeuge. »Alles Gute und sei gesegnet, mein Sohn.« Der geistliche Mann war allerdings einem Irrtum erlegen. Er hatte gedacht, Michilino würde nach dem Wein durchschlafen, doch der Junge wachte gegen drei Uhr in der Frühe auf, weil er unbedingt Pipì machen mußte. Schlaftrunken ging er ins Bad, und erst als er ins Zimmer zurückkehrte, merkte er, daß Mamà noch nicht schlafen gekommen war. Das Bett war unberührt. Auf leisen Sohlen ging er in den Eingang: Der Hut des Pfarrers lag noch immer auf der Hutablage. Er machte Licht im Eßzimmer, doch da war niemand, auf dem Tisch standen allerdings schmutzige Teller und leere Flaschen. Dann bemerkte er, daß unter der Tür zum Wohnzimmer ein Lichtschein herkam, Zeichen dafür, daß der Pfarrer und Mamà sich in diesem Zimmer aufhielten. Regungslos hinter der Tür, hörte er, daß Padre Burruano und Mamà intensiv und leise miteinander, redeten, hin und wieder hörte man das Geräusch eines Kusses. Sicher beichtete Mamà gerade und küßte die Hand des Pfarrers zum Zeichen der Reue ihrer Sünden. Er wollte nicht stören und ging wieder schlafen. In der letzten Zusammenkunft vor der Firmung sprach Monsignor Miccicchè über eine Sünde, von der Michilino noch nie gehört hatte und die sich auch nicht in den Zehn Geboten fand. »Was bedeutet Unterlassung? Unterlassung bedeutet, wenn jemand etwas nicht sagt, was er aber verpflichtet ist zu sagen. Habe ich mich deutlich erklärt? Es ist nicht die Lüge, mit der man etwas anderes sagt als die Wahrheit, auch etwas völlig frei Erfundenes. Die Unterlassung ist, daß man einem bestimmten Menschen etwas nicht sagt, was aber hätte gesagt werden müssen. Und das ist eine schwere Sünde für einen Soldaten Christi und des Duce, wobei ebendieser Soldat die Pflicht hat, die Dinge so zu sagen, wie sie sind, und zwar ohne Rücksichtnahme. Und wieso hat er die Pflicht, die Dinge immer so zu sagen, wie sie sind? Weil die Unterlassung ein Mangel an Loyalität gegenüber den Kameraden ist und eigentlich auch gegenüber Jesus und dem Duce.« Michilino hörte ihm nicht mehr zu. Heilige Muttergottes! Bei Monsignor Miccicchè hatte er nicht die Unterlassungssünde gebeichtet, die er Mamà gegenüber begangen hatte, als er ihr nicht gesagt hatte, daß Signorina Pancucci, die Lehrerin, keinen Unterricht gab und er trotzdem das Haus verlassen hatte. Und daher hatte er sich auch der Gotteslästerung schuldig gemacht, indem er die Kommunion empfing, ohne seine Seele völlig befreit zu haben, die, bevor sie den Herrn Jesus empfängt, weißer sein muß als ein eben gewaschenes Bettuch! Doch gleich nach der ersten Angst spürte Michilino, wie er von einer Verwirrung erfaßt wurde. Wie konnte Monsignor Miccicchè nur von Loyalität reden, wo er doch selber nicht loyal gewesen ist und Padre Burruano erzählt hat, was er ihm bei der, Beichte gesagt hatte? Ein Anführer, ein Kommandeur, wie Monsignor Miccicchè einer war, mußte doch als erster ein Beispiel für Loyalität und selbst immer loyal sein, doch da sieh ihn sich einer an, wie es ihm Spaß macht, zu reden und zu reden. Lauter Gefasel! Ja, lauter Gefasel! Denn wenn einer eine Sache sagt und dann etwas anderes tut, bedeutet das, daß er herumfaselt. Er konnte sich nicht mehr länger zurückhalten, er stand auf und hob den Arm. Monsignor Miccicchè und die Kameraden sahen ihn verblüfft an. »Ich habe es nicht gerne, wenn man mich unterbricht. Was willst du?« »Ich melde mich zum Rapport.« »Bei mir? Warte, bis ich mit dieser …« »Nein, ich will mich zum Rapport bei einem Ihrer Vorgesetzten melden.« Monsignor Miccicchè stellte sein Hyänenlachen zur Schau. »Ich habe keine Vorgesetzten hier.« »Es gibt sie aber doch.« »Der Bischof ist in Montelusa.« »Ihr Vorgesetzter ist hier.« »Und der ist?« »Jesus.« Monsignor Miccicchè sah ihn mit einem Mameluckenblick an. »Du willst dich bei Jesus zum Rapport melden? Und wie machst du das?« »Indem ich bete.« Monsignor Miccicchè wirkte durcheinander, verwirrt. »Da hast du recht. Geh nur, geh.« Michilino ging in die Kirche und kniete vor dem Gekreuzigten nieder. Er erzählte ihm die Sache mit der Unterlassung. Kann es eine Sünde sein, wenn man etwas tut, von dem man nicht weiß,, daß es eine Sünde ist? Der liebe Herr Jesus senkte für den Bruchteil einer Sekunde seinen Blick zu ihm hernieder, und bebend spürte Michilino in seinem Gehirn eine Stimme widerhallen. »Nein.« Am Abend vor der Firmung fand die allgemeine Beichte statt. Als die Reihe an ihm war, blieb Michilino, statt zum Beichtstuhl zu gehen, wo Monsignor Miccicchè auf ihn wartete, sitzen. »Du bist dran«, rief ihm ein Kamerad zu. »Bei dem da beichte ich nicht.« Der, der ihn gerufen hatte, ging zum Beichtstuhl und erzählte die Sache dem Monsignore. Der stand auf, kam heraus und ging zu Michilino. Alle Kameraden blickten still hinüber. »Steh auf, wenn du mit einem Vorgesetzten redest!« Michilino erhob sich widerwillig und langsam. »Stimmt es, daß du nicht beichten willst?« »Ich will beichten, aber nicht bei Ihnen, Hochwürden.« »Warum nicht bei mir?« »Hochwürden weiß, warum.« Monsignor Miccicchè machte zuerst ein fragendes Gesicht, danach wurde er zur lachenden Hyäne. »Wegen dieser völlig haltlosen Geschichte von der Tötung des Kommunisten?« »Jawohl.« »Mach, was du willst.« Als er zum Beichtstuhl zurückging, sagte er zu einem Balilla: »Geh in die Sakristei und ruf Padre Burruano her.« Der Pfarrer kam nach einer kurzen Weile. »Michilino, was ist los? Warum willst du nicht bei, Monsignore beichten?« »Hochwürden, Sie wissen es. Sie waren es, Hochwürden, der mir erzählt hat, was Monsignor Miccicchè Ihnen gesagt hat wegen der Tötung des …« Padre Burruano unterbrach ihn, er hatte sich sogleich an die Sache erinnert. »Einverstanden, lassen wir Monsignore außen vor, und du beichtest bei mir.« »Nein, auch nicht bei Ihnen, Hochwürden.« »Kleiner, schau, ich gehe nicht hinaus und erzähle jedem Schwein und jedem Hund, was man mir im Beichtstuhl anvertraut«, sagte der Pfarrer verärgert. »Das weiß ich. Aber Hochwürden ist zu sehr unserem Haus verbunden.« Padre Burruano unterbrach ihn erneut rasch. »Bist du einverstanden, wenn ich Padre Jacolino für dich rufe? Bei ihm, glaube ich, hast du schon gebeichtet.« »Mit Padre Jacolino bin ich einverstanden.« Während er auf das Eintreffen von Padre Jacolino wartete, ließ er sich alles noch einmal genau durch den Kopf gehen. Nein, die Sache mit der Firmung überzeugte ihn nicht. Er wollte aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele ein Soldat Christi und des Duce werden, aber wenn einem dann so ein Kommandant wie Monsignor Miccicchè dazwischenkommt, was macht man dann? Wie löst du das Problem? An diesem Punkt fiel ihm die Geschichte mit der Kolonne Maletti ein, die er im Radio gehört und Papà ihm erklärt hatte. Dieser Capitano Maletti hatte in Bissinien eine große Patrouille aus bissinischen Soldaten gebildet, die nicht dem Befehl des Negus unterstanden, weil sie bissinische Faschisten waren. Sie wurden als »Irreguläre« bezeichnet, weil sie Befehle nur von Capitano Maletti entgegennahmen, der seinerseits Befehle von niemandem, entgegennahm. Sie agierten überraschend, sie mischten sich unter den Feind und hinter den Feind, sie bestürmten ihn, wenn er es am wenigsten vermutete, sie drängten von überall heran, keiner wußte, wo sie sich befanden und was sie tun würden. Also, wenn er die Firmung erhielt, würde er selbstverständlich ein Soldat Christi und des Duce werden, doch ein unregulärer, einer, der nach eigenem Gutdünken handelte. Die Rede, die der Bischof Vaccaluzzo hielt, der eigens aus Montelusa heruntergekommen war, um die Kinder von Vigàta zu firmen, versetzte Michilino in höchstes Erstaunen, zunächst wegen der Stimme, die er hatte, und es fehlte nur wenig, dann wäre sie identisch mit der von Mussolini gewesen, und zweitens wegen der Worte, die er sagte. Und als durch das Kirchenschiff der Satz hallte: »Bewahret eure Reinheit! Bewahret sie vor jeglicher Versuchung! Sie ist wie der Fels, auf dem euer Glaube als Soldaten Jesu fest verankert ist«, konnte Michilino nicht mehr länger an sich halten und weinte sehr.,

Sechs

Ein paar Tage nach der Firmung kam Papà zur Essenszeit düster und schweigsam nach Hause. Weder begrüßte er Mamà noch Michilino, wie er es sonst tat. Mamà sah ihn besorgt an. »Was hast du?« »Was soll ich schon haben? Nichts.« »Nein, du sagst mir nicht die Wahrheit. Was ist passiert?« »Wie zum Teufel soll ich’s dir denn noch sagen, daß nichts passiert ist? Mit Musik? Mit der Blaskapelle der Gemeinde?« »Sprich nicht so vor dem Jungen!« »Ich spreche, wie es mir paßt. Und wenn es einem nicht paßt, wie ich spreche, soll er seine Sachen packen und gehen.« Als sie gerade begonnen hatten, die Pasta zu essen, schob Papà den Teller angewidert von sich. »Die Pasta ist ja zusammengepappt, die kann man ja nicht mal runterwürgen!« Das gleiche machte er bei der Hauptspeise mit gebratenen Meerbarben. »Der Fisch stinkt.« Mamà sprang auf, lief ins Bad und schloß sich ein. Nach einer Weile stand Papà ebenfalls auf, ging zum Bad und klopfte an die Tür. »Ernestí, mach auf!« »Nein!« »Ernestí, mach auf, ich muß pinkeln!« »Pinkel von mir aus in die Hose!« Papà antwortete nicht, er ging in die Küche und pinkelte in den Topf, in dem Mamà die Pasta gekocht hatte. Dann nahm er, seinen Hut und seinen Regenmantel und sagte zu Michilino, bevor er ging: »Ich komm’ heute abend nicht zum Essen, weil ich mit dem Zug um sieben nach Palermo muß. Ich komm’ morgen nach Mitternacht zurück. Sag du’s Mamà.« Michilino war ernstlich verärgert, denn Papà hatte ihm keinen Kuß gegeben. Mamà hörte, wie die Tür zuschlug, und kam aus dem Bad. Ihre Augen waren rot vom Weinen. »Sieh mal, Mamà, Papà hat in den Kochtopf da gepinkelt«, teilte Michilino ihr unverzüglich mit und mußte sich sehr unter Kontrolle halten, denn die Sache brachte ihn zum Lachen. Mamà schien wahnsinnig zu werden und fing an herumzuschreien. »Das Schwein! Schwein und Dreckskerl und Sauerei! Schuft! Kommt nach Hause, um sich die Hörner abzustoßen, die er nach außen trägt! Ah, aber da ist er bei mir falsch, der gnädige Herr! Wer soll denn in diesem Topf noch kochen? Schau, Michilino, leer ihn in die Toilette, und wenn der Müllmann kommt, geb ich ihn ihm. Ich kaufe einen neuen. Was für ein Dreckskerl! Wie hab’ ich ihn bloß heiraten können?« Am nächsten Vormittag, als Michilino Hausaufgaben machte, ging Mamà fort, um Einkäufe zu erledigen und einen neuen Topf zu kaufen. Sie blieb lange weg, und als sie zurückkam, war die schlechte Laune über das, was Papà getan hatte, völlig verschwunden, ja, ihre Augen funkelten vor lauter Zufriedenheit. »Mamà, warum kommst du denn so spät zurück?« »Michilì, um meine Nerven zu beruhigen, bin ich ein bißchen in die Kirche gegangen, um mit Padre Burruano zu sprechen. Weißt du, im Vorübergehen habe ich gesehen, daß es im Filmtheater einen Film mit Tarzan gibt. Willst du nach dem Unterricht hingehen?« »Ja.«, Während Mamà in der Küche das Essen zubereitete, tat sie nichts als singen. Als er nach dem Unterricht die Treppe runterging, stieß Michilino auf Prestipino, der gerade heraufkam. Denn die Lehrerin gab Michilino Einzelunterricht von vier bis sechs und Prestipino von sechs bis acht. »Warte, ich will dir was zeigen«, sagte Totò und suchte in seiner Tasche. »Heute nicht, ich geh’ ins Filmtheater und hab’ keine Zeit. Zeig’s mir morgen!« »Hast du den Buchhalter kennengelernt?« fragte Prestipino lachend in all seinem Rotz, der ihm herunterlief. »Ja.« »Hat er dir ordentlich einen gewichst?« »Nein.« Als er die Eintrittskarte löste, sah er den Buchhalter ankommen. Sie betraten gemeinsam den Saal, doch der Buchhalter setzte sich weit weg von ihm hin, neben einen Sechzehnjährigen. Das Schlimme war nur, daß in der Tönenden Wochenschau Mussolini gezeigt wurde, der zu einer kleinen Gruppe von Menschen in faschistischer Uniform sprach. Sobald Mussolini redete, bekam Michilino einen Ständer. Zum Glück dauerte die Angelegenheit keine drei Minuten. Danach begann der Film, doch mehr als Tarzan und Dschän mochte Michilino den Affen Tschita, der ihn sehr amüsierte. Als der Film aus war, verließ Michilino den Saal, um nach Hause zu gehen, doch an der Kinokasse sah er Onkel Stefano, Mariettas Vater. Er hatte einen kleinen Koffer in der Hand. »Onkel Stè, siehst du dir Tarzan an?« »Nein, ich hab auf dich gewartet.« »Wieso denn das?«, »Weil du heute nacht zu uns schlafen kommst. In diesem Köfferchen sind deine Sachen.« »Und Mamà?« »Deine Mutter ist für ein paar Tage zu Nonno Aitano und Nonna Maddalena gefahren.« »Ohne mir etwas zu sagen?« fragte Michilino beleidigt. »Michilì, Tatsache ist, daß deine Mutter sich nicht wohl gefühlt hat, gleich nachdem du zum Unterricht gegangen bist. Nichts weiter Schlimmes. Aber weil sie doch, das weißt du, guter Hoffnung ist, hatte sie ein bißchen Angst bekommen. Dein Vater ist in Palermo, sie war alleine, sie hatte niemand, der sich um sie kümmern konnte. Da hat sie ihre Mutter und ihren Vater rufen lassen, die sie mit zu sich genommen haben. Das ist alles. Sobald sie sich wieder besser fühlt, kommt sie zurück.« »Aber wenn Papà heute nacht von Palermo zurückkommt und keinen von uns findet, wird er sich Sorgen machen!« »Wir haben ihn benachrichtigt, mach dir keine Gedanken.« Nach dem Essen nahmen es alle als selbstverständlich an, daß Michilino mit Marietta im selben Bett schlafen würde. Während die Cousine ihn auszog, sah Michilino sie an. Nein, es war nicht bloß ein Eindruck, als er sie auf Mamàs Geburtstagsfest gesehen hatte: Marietta war wirklich viel schöner geworden, es sah aus, als hätte sie längere Beine bekommen und als wäre die Taille enger geworden. Und auch ihr Blick hatte sich verändert: Ihre Augen waren wie ein Brunnen ohne Ende, und ihre Lippen waren größer und roter, so daß sie keinen Lippenstift brauchte. Ihre Haare waren ein Meer. Auch Marietta verharrte einen Augenblick, als er nackt vor ihr stand, betrachtete ihn und strich ihm mit der Hand über die Schenkel. »Du bist gewachsen«, sagte sie mit einem Seufzer. Ihr Gesicht war ernst und melancholisch. »Denkst du an Balduzzo?« fragte Michilino., »An Balduzzo und an vieles andere«, erwiderte Marietta und strich ihm dabei weiter über die Schenkel. Sie legten sich hin. Und wie es immer wieder in rutschigen Bettlaken vorkommt, schoben sich die beiden Nachthemden, das von Marietta und das von Michilino, fast bis zum Bauch hinauf. Michilino preßte seinen ganzen Körper an Mariettas Rücken, und Marietta machte eine Bewegung, als wollte sie Michilinos Haut fester an ihre eigene kleben. »Können wir miteinander reden?« fragte der Junge. »Nein, ich fühle mich müde. Gute Nacht.« Michilino suchte auf dem Boden des kleinen Koffers nach, fand aber weder den Tornister noch alles andere, was er für den Unterricht brauchte. Die Via Berta, wo die Lehrerin, Signorina Pancucci wohnte, war von Onkel Stefanos Wohnung genauso weit entfernt wie von seinem Haus. »Mamà hat vergessen, meine Schulsachen in den Koffer zu stecken.« »Das bedeutet, daß wir es Stefano sagen, wenn er vom Einkaufen wiederkommt, er geht sie dann für dich holen, denn er hat die Schlüssel«, sagte Tante Ciccina. »Kann ich mit ihm zu mir nach Hause gehen?« Die Tante wirkte verblüfft. »Was willst du denn da? Fehlt dir irgendwas? Dann sagst du es Stefano, der nimmt es und bringt es dir. Dein Gewehr und deine Uniform sind sowieso schon hier, daher bist du eigentlich komplett. Also, was fehlt dir sonst noch?« In Wirklichkeit hatte Michilino Sehnsucht nach seinem Zuhause. Es ist eine Sache, ein Haus nach und nach zu verlassen, weil du weißt, daß du es verlassen mußt, und etwas ganz anderes ist es, wenn du es urplötzlich verlassen mußt, ohne Zeit zu haben, dich in die Tatsache zu fügen., »Wißt ihr, ob Papà schon von Palermo zurück ist?« fragte er abends bei Tisch. »Natürlich ist er zurück«, sagte Onkel Stefano. »Und wieso kommt er dann den ganzen Tag über mich nicht besuchen?« Onkel Stefano, Tante Ciccina und auch Marietta wechselten einen Blick, der Michilino nicht entging. Da war etwas, das an dieser ganzen Sache nicht stimmte. Dann sagte Onkel Stefano: »Dein Vater hatte heute viel zu tun. Auch morgen muß er arbeiten. Er wird dich besuchen, sobald er kann.« »Habt ihr Nachrichten von Mamà?« Wieder ein Tausch von Blicken. »Heute morgen«, sagte Onkel Stefano, »habe ich deinen Nonno Aitano gesehen. Er hat mir gesagt, daß es Ernestina, deiner Mutter, besser geht und sie dir viele Küsse schickt. Sie hofft, daß die Familie bald wieder vereint sein wird.« »Gott auch!« sagte Tante Ciccina mit bebenden Lippen. Michilino erschrak. Warum hatte Tante Ciccina Lust bekommen zu weinen? Bedeutete das etwa, daß Mamà schwer krank war und sie es vor ihm verborgen halten wollten? Während Marietta ihn auszog, fragte sie ihn: »Erklärst du mir mal, warum du immer mit dem Gewehr rumläufst?« »Ich mag das. Und weißt du was? Ich hab zwei Gewehre.« »Nein«, sagte die Cousine lachend, »du hast drei.« »Drei? Und wo ist das dritte?« »Das hast du hier«, sagte Marietta, nahm das Vögelchen in die Hand und ließ es nach links und rechts klatschen. Jetzt mußte Michilino lachen. »Aber der schießt doch nicht!« »Und ob, und ob!« sagte Marietta. Aber auch diese Nacht wollte sie nicht mit Michilino reden., »Entschuldige, aber ich hab’ starke Kopfschmerzen«, sagte Signorina Pancucci. »Und ich hab’ wohl auch ein paar Grad Fieber. Geh nach Hause, morgen holen wir alles nach.« Heilige Madonna, was für ein Glück! Er sprang die Treppen hinunter und ließ dabei immer eine Stufe aus, und wie der Blitz schoß er nach Hause. Die Tür war zu. Er klopfte und klopfte, aber niemand kam, um aufzumachen. Geduld, er mußte unbedingt das tun, woran er morgens schon gedacht hatte. Er eilte in die Kirche. Ganz sicher würde Padre Burruano ihm die Wahrheit über Mamàs Krankheit sagen. Er betrat die Sakristei, dort war niemand. Vor einem Beichtstuhl warteten zwei alte Frauen, daß die Reihe an ihnen war. Eine dritte beichtete gerade. Er ging zu einer von ihnen. »Entschuldigen Sie mich, bitte, wer nimmt hier die Beichte ab?« »Padre Jacolino.« »Ist Padre Burruano nicht da?« »Nein, der ist ins Spital gebracht worden.« »Ins Spital? Wann denn das?« »Vorgestern abend.« »Und warum? Was für eine Krankheit hat er denn?« »Gar keine. Er scheint auf der Straße gestürzt zu sein und hat sich den Kopf verletzt, den rechten Arm und auch ein paar Rippen gebrochen.« »Dem haben sie richtig zugesetzt!« sagte die andere alte Frau. »Aber früher oder später mußte es ja so kommen.« »Was meint Ihr damit?« fragte die erste alte Frau empört. »Erklärt das genauer, sprecht deutlich!« »Oh ja, das erkläre ich Euch genauer, Gevatterin. Padre Burruano ist auf frischer Tat ertappt worden, während er neben, das Pinkelbecken pißte!« Die erste alte Frau schien wie von der Tarantel gestochen. »Padre Burruano ist ein heiliger Mann! Das sind Verleumdungen bösartiger Menschen, die uns hassen!« Michilino ging traurig weg, er hatte nichts von dem verstanden, was die beiden Frauen gesagt hatten. Abends, nachdem Marietta ihn ausgezogen hatte, legte er sich hin und drehte sich zur Wand. Er fühlte da, wo sein Bauch war, ein großes Loch, und er hatte eine Last, einen Stein auf der Brust, der ihn fast daran hinderte zu atmen. Er hatte Tränen in den Augen, dann löste sich die Last auf der Brust in wildes, schmerzhaftes Schluchzen auf. Marietta fuhr im Bett hoch, faßte ihn an einer Schulter und zwang ihn, sich zu ihr zu drehen. »Warum weinst du? Heh? Was ist los?« Sie war im Schlüpfer und hatte sich den Büstenhalter ausgezogen, aber nicht rechtzeitig das Nachthemd überziehen können. »Sag mir schon, Michilino. Was ist los?« Wie konnte er ihr erklären, daß er ganz plötzlich die Überzeugung gewonnen hatte, bei ihm zu Hause wäre irgend etwas passiert, und daß dieses Etwas sein früheres Leben verändern würde. Nichts mehr würde so sein, wie es war. »Ich will nicht mehr hierbleiben! Ich will zu Mamà! Ich will zu Papà! Morgen lauf ich weg und kehr zu mir nach Hause zurück!« »Lieber, guter Michilino, meine Seele, mein Herz.« Michilinos Weinen wurde stärker, da nahm die Cousine ihn in die Arme, legt ihn auf sich und besänftigte sein Schluchzen, indem sie seinen Kopf dicht zwischen ihre Brüste hielt. Ganz allmählich beruhigte Michilino sich. Um halb vier nach dem Mittagessen, als Michilino sich bereit, machte, zum Unterricht zu gehen, klopfte es. Marietta ging öffnen, und Papà erschien. Als Michilino ihn sah, wurde er so von Gefühlen überrannt, daß er, statt ihm entgegenzulaufen und ihn zu umarmen, in Mariettas Zimmer verschwand. Doch Papà lief ihm hinterher, packte ihn, drückte ihn fest und küßte ihn. »Hast du jetzt etwa vor mir Angst?« Michilino schämte sich und antwortete nicht. »Ich habe dir in Palermo ein Geschenk gekauft«, sagte Papà. »Ich hab’s dir nicht eher bringen können, ich hatte so viel zu tun.« Und er gab ihm ein Buch, dessen Titel Cuore war, Herz, über das der Junge schon reden gehört hatte und das er deshalb lesen wollte. Und auf der Stelle begriff er, als er sah, wie sein Vater Tante Ciccina und Marietta umarmte, daß die Fröhlichkeit, die er zeigte, nicht echt war. Er versuchte, irgend etwas zu verbergen. Und in diesem Augenblick sah er, daß Papàs rechte Hand verbunden war. »Papà, was ist mit deiner Hand passiert?« »Nichts, eine Lappalie. Ich bin gestürzt und hab’ mir weh getan. Nichts Schlimmes.« Nicht nur Padre Burruano, sondern auch Papà war also gestürzt. »Ich gehe heute nicht zum Unterricht«, verkündete Michilino. »Und ob du dahin gehst«, sagte Papà. »Morgen oder übermorgen kommst du sowieso nach Hause zurück. Ich spreche mich mit Stefano und Ciccina ab, und dann steht die Sache.« Michilino machte vor Zufriedenheit einen Luftsprung. »Wirklich? Und ist dann auch Mamà da?« Alle wurden still und blickten Papà an. »Michilì, deiner Mutter geht es nicht gut, und sie will daher lieber auf dem Land bei Nonno Aitano und Nonna Maddalena bleiben. Sobald sie wieder auf den Beinen ist, kommt sie nach, Hause. Und wir werden da sein und sie erwarten.« Auf dem Weg zum Haus der Lehrerin Pancucci dachte Michilino noch einmal über die Sache nach. Nein, sie erzählten ihm nicht die Wahrheit. Mamà mußte schwer krank sein. Denn wenn nicht, was sprach dagegen, einfach in den Lancia Astura von Nonno Aitano zu steigen und sie auch nur für eine halbe Stunde zu besuchen? Wenn es stimmte, daß er am nächsten Tag mit Papà nach Hause zurückkehrte, würde er sicher in der Lage sein, etwas aus ihm herauszubekommen. Abends, als sie bei Tisch saßen und Michilino sich schwertat, weil ihm die Lust am Essen vergangen war, was er aber nicht zeigen wollte, sagte Onkel Stefano: »Michilì, dein Vater, ich und Ciccina haben eine Entscheidung getroffen. Weil deine Mutter Ernestina noch eine Weile braucht, um wieder gesund zu werden, kehrst du zwar wieder nach Hause zurück, aber meine Tochter Marietta geht mit und wird bei euch wohnen, bis die Dinge wieder in Ordnung sind. So kann sich Marietta um dich kümmern. Meine Tochter ist einverstanden, ja, sie freut sich sogar, wenn sie bei dir sein kann. Was sagst du dazu?« »Ich freue mich auch.« Während Marietta ihn auszog, bemerkte Michilino, daß seine Cousine ein Gesicht zog, das nervös und ausdruckslos war. »Wenigstens das Nachthemd kannst du dir wohl selbst anziehen«, sagte sie und warf es ihm aufs Bett. Michilino versuchte es, vertat sich aber beim Ärmel, und mit zwei unfreundlichen Bewegungen brachte Marietta es in Ordnung. Kaum hatten sie sich hingelegt, umarmte Michilino sie von hinten. »Sagst du mir, was du hast?« Mit einem Stoß ihres Hinterteils drängte Marietta ihn von sich weg. Michilino umarmte sie fester, und diesmal rührte sich seine Cousine nicht., »Was ist, sagst du’s mir? Magst du denn nicht mit zu uns nach Hause kommen?« »Natürlich mag ich das. Aber dein Vater hätte mir nicht sagen dürfen, daß er mich für die Unannehmlichkeit bezahlt. Ich wäre auch umsonst gekommen. Und mein Vater, der immer Geld braucht, sagte daraufhin, einverstanden, und sie einigten sich auf den Preis.« »Warum tut dir das leid?« »Weil ich mich so wie ein Hausmädchen fühle, wie eine Magd.« »Was heißt denn hier Magd? Du bist doch weiterhin meine Cousine!« Und in diesem Augenblick dachte er: Wenn sein Vater und Onkel Stefano Verträge wegen Marietta geschlossen hatten, bedeutete das, daß Mamà ganz sicher nicht vor einem Monat zurückkommen würde. Im Haus fand er ein paar Dinge verändert vor. Im Eßzimmer fehlten die Scheiben in der Kredenz. Das bedeutete, daß sie zerbrochen waren und noch keine Zeit gewesen war, sie zu ersetzen. Das Radio stand zwar an seinem Platz, aber es fehlten alle Schallplatten mit den Canzonen, die Mamà so mochte. Und von den Schallplatten mit den Reden Mussolinis waren nur noch drei vorhanden und eine war zudem zerbrochen. Im Wohnzimmer waren das Sofa und die beiden Sessel ausgewechselt worden, die Möbel, die jetzt da standen, waren dunkelgrün und ganz neu, vielleicht sogar noch nie benutzt. Im Schlafzimmer war alles wie gewohnt. »Weil dein Vater wegen seiner Arbeit spät in der Nacht nach Hause kommt und, wenn er dann kommt, Angst hat, er könnte dich aufwecken, will er, daß wir beide gemeinsam in der Kammer schlafen, in der einmal das Hausmädchen geschlafen, hat.« Sie wurde still und sehr ernst und sagte dann: »Siehst du, ich hatte es geahnt. Dein Vater meint, ich wäre eine Magd.« »Dann würde das ja bedeuten, daß ich, wenn ich bei dir schlafe, ein Knecht bin.« Marietta fing an zu lachen, ihr langes Gesicht verschwand, sie ging in die Küche und bereitete das Essen vor. »Deck du inzwischen den Tisch, nur für uns beide, dein Vater kommt nicht zum Essen, er kommt heute abend.« Diese Nachricht bereitete Michilino sowohl Vergnügen als auch Mißvergnügen. Vergnügen, weil er mit der Cousine alleine war, und Mißvergnügen, weil, wenn Papà dagewesen wäre, er ganz sicher etwas über Mamà herausbekommen hätte. Sie waren bei der Hauptspeise, als Michilino sagte: »So mit dir zusammen zu sein ist, wie wenn wir miteinander verheiratet wären.« Als Antwort hatte er eigentlich ein Lachen erwartet, doch Marietta schob plötzlich den Teller von sich, streckte die Arme auf dem Tisch aus, stützte die Stirn auf und fing an zu weinen. »Bist du beleidigt? Was hab’ ich dir denn gesagt?« fragte Michilino besorgt und stand auf, ging zur Cousine und streichelte ihr übers Haar. »Was ist mit dir passiert, Mariè? Sag’s mir doch.« »Ich dachte an Balduzzo«, sagte Marietta zwischen ihren Schluchzern. »Ich dachte an meinen Balduzzo, ich dachte daran, daß, wenn wir hätten heiraten können, ich das Essen für ihn bereiten würde, wie ich’s für dich gemacht habe, und danach hätten wir uns zusammen hingelegt und uns eng umschlungen gehalten … Was für ein gehörnter Ochse, dieser Mussolini! Er hat meinen Verlobten in den Tod geschickt!« Michilinos erster Impuls war, einen Teller zu nehmen und ihn auf ihrem Kopf zu zertrümmern. Dann dachte er aber, daß der, Schmerz sie so reden ließ, streichelte sie weiter und überredete sie, wieder zu essen. So wie Mariettas schlechte Laune gekommen war, verschwand sie auch wieder, so daß sie schließlich sogar sagte: »Weißt du, wie das Radio funktioniert?« »Natürlich.« »Dann laß mich mal hören. Ich hätte große Lust auf ein Radio. Aber mein Vater sagt, er hätte das Geld nicht, eins zu kaufen.« Michilino schaltete es ein, und sie hörten sich Canzonetten an. Abends kam Papà zum Essen, aber er blickte so finster und düster vor sich hin, daß Michilino es nicht wagte, ihm etwas zu sagen. Das Hauptgericht aß er nicht einmal auf. »War es nicht gut?« fragte Marietta. »Nein, es war gut, entschuldige, Mariè, aber ich habe so viele Sorgen, so viele Probleme, daß ich nicht weiß, wo ich mit ihnen überhaupt anfangen soll.« Ohne ein Wort zu sagen, legte Marietta ihre rechte Hand auf Papàs linke Hand und hielt sie ein bißchen. Papà sah ihr in die Augen. »Danke.« Dann sagte er, er müsse noch einmal fort und würde spät wiederkommen, sie könnten schlafen gehen, ohne auf ihn zu warten. Er küßte Michilino und ging. Marietta ließ sich das Radio einschalten, Michilino griff zum Buch Cuore und fing an zu lesen. Er hatte so etwas wie eine Gewohnheit, wenn er ein neues Buch las: Er blätterte darin herum, las irgendwelche beliebigen Zeilen, übersprang Seiten, blätterte wieder zurück. Und so kam es, daß sein Blick auf den Anfang einer Erzählung fiel, die »Von den Apenninen zu den Anden« hieß: Vor vielen Jahren fuhr ein dreizehnjähriger Genueserjunge, Sohn eines Arbeiters, von Genua nach Amerika, ganz alleine, um seine Mutter zu suchen., Wie verzaubert las er die Geschichte dieses kleinen Jungen weiter, der Marco hieß. Er las hastig, denn er hatte Angst, Marietta könnte sagen, es sei Zeit, schlafen zu gehen. Glücklicherweise war die Cousine ganz im Radio verloren, drehte ständig an dem Knopf und war bereit, einem Menschen zuzuhören, der eine Viertelstunde lang eine unbekannte Sprache aus einem Land sprach, von dem man nicht einmal wußte, welches es war. »Wie redet der denn?« fragte sie sich und hörte ihm weiter zu. Als Michilino an die Stelle gekommen war, wo der Kapitän eines Dampfflügelbootes Marcos Vater eine kostenlose Fahrkarte zu seinem Sohn besorgte, schaltete Marietta das Radio aus. »Es ist spät geworden. Geh ins Bad und wasch dich.« »Kann ich noch bleiben und ein bißchen weiterlesen?« »Nein.« »Kann ich’s mit zu Bett nehmen?« »Um da weiterzulesen?« »Sicher.« »Nein, im Bett wird nicht gelesen, das ist nicht gut für die Augen.« Folgsam machte Michilino das Buch zu. Sie legten sich in der inzwischen zur Gewohnheit gewordenen Stellung hin, Michilino angeklebt an den nackten Rücken der Cousine. Diesmal hatte der Kleine Lust, etwas zu tun, was Mamà ihm manchmal erlaubte. Er hob die rechte Hand und legte sie auf eine Brust der Cousine. Das Mädchen versetzte ihm einen Schlag. »Nimm die Hand weg!« Michilino nahm sie weg., »Warum mußte ich sie wegnehmen? Mamà …« »Ich bin nicht deine Mutter. Solche Sachen tut man zwischen Mann und Frau oder zwischen einer Mutter und Kind, doch nur, wenn es so klein ist wie du.« »Auch zwischen Verlobten?« Marietta antwortete nicht. »Heh, Mariè? Auch zwischen Verlobten?« »Meine Güte, du läßt wirklich nicht locker! Aber laß mich jetzt in Ruh!« »Erst antwortest du, dann lass’ ich dich in Ruh.« »Einverstanden. Zwischen Verlobten tut man das manchmal, aber man sollte es nicht tun.« »Warum?« »Weil es Sünde ist.« »Todsünde?« Auch diesmal antwortete Marietta nicht. »Mariè, willst du endlich antworten? Du hast es mit Balduzzo getan? Wenn du das getan hast, wenn du dir die Brüste hast berühren lassen, dann muß ich wissen, ob das eine Todsünde ist oder nicht.« »Wenn zwei Verlobte sich wirklich mögen und wirklich heiraten wollen und dies tun und vielleicht auch noch anderes, dann ist es zwar eine Sünde, aber eine läßliche, keine Todsünde. Bist du jetzt zufrieden?« Michilino drängte sich noch fester an Marietta, er fing an, ihren Rücken zu küssen, der vom Nachthemd bedeckt war. »Ich mag dich wirklich«, sagte er mit erstickter Stimme. »Ich dich auch«, sagte die Cousine. »Warum verloben wir uns dann nicht? Und wenn ich groß werde, heirate ich dich.« Michilino wußte nicht, ob Marietta angefangen hatte zu lachen, oder zu weinen. Aber sie drückte ihren Körper so gegen Michilino, daß er sich mit dem Rücken an der Wand fand. Dann nahm die Cousine Michilinos Hand und legte sie auf eine Brust, die sie aus dem Nachthemd hervorgeholt hatte. »Ja«, sagte sie, »verloben wir uns, aber das dürfen wir niemandem sagen.« Die Spitze, die sich in der Mitte der Brust befand, war so spitz geworden, daß Michilino meinte, sie könnte stechen wie die Spitze des Bajonetts auf seinem Gewehr. Der Junge antwortete mit einem weiteren verzweifelten Schrei: »Meine Mutter ist tot!« Der Arzt erschien in der Tür und sagte: »Deine Mutter ist gerettet.« Der Junge sah ihn einen Augenblick lang an, dann warf er sich ihm schluchzend zu Füßen: »Danke, Dottore!« Doch der Arzt half ihm mit einer Bewegung hoch und sagte: »Steh auf! Du bist es, du heldenhafter Junge, der seine Mutter gerettet hat.« Mit diesen Worten endete das Buch Cuore, und diese letzte Seite wurde mit Michilinos Tränen durchtränkt. Ein Glück, daß Marietta einkaufen gegangen war, denn sonst hätte er sich geschämt, so vor ihr zu weinen. Er stand auf, ging ins Schlafzimmer, öffnete die Siebentagekommode und nahm eine Unterhose, zwei Paar Socken, einen Pullover und zwei Taschentücher und stopfte sie in einen Kopfkissenbezug, den er wie einen Beutel auf dem Rücken tragen wollte. In den Bezug stopfte er auch noch einen halben Laib Brot und ein bißchen Käse. Er zog den Mantel über und die Mütze auf. Das Bereitschaftsgewehr ließ er zu Hause, es hätte ihm nichts genutzt, und das mit der zugespitzten Klinge bei der Lehrerin Pancucci zu holen, hatte er keine Zeit. Es genügte ihm das, Taschenmesser, das er mit Totò getauscht hatte und immer bei sich in der Tasche trug. Bevor er wegging, sah er auf die Uhr im Eßzimmer, es war zehn Uhr vormittags. Er rechnete sich aus, daß er gegen sieben Uhr auf dem Land bei Nonno Aitano ankommen würde, wenn er zügig ging und eine Stunde Pause zum Essen und Ausruhen einlegte. Heilige Muttergottes, wie zufrieden Mamà sein würde, wenn sie ihn vor sich auftauchen sah! Und wenn sie krank war, würde er sich darum kümmern, sie wieder gesund werden zu lassen, durch seine Anwesenheit und seine Gebete zum lieben Herrn Jesus, der ihn als einen seiner besten Soldaten, die es in dieser Gegend gab, sicher bevorzugt hätte. Den Weg kannte er gut, er war ihn oft in Nonno Aitanos Lancia Astura gefahren. Die Gefahr, sich zu verirren, bestand nicht. Wichtig war, daß er, während er durch den Ort ging, nicht von jemandem erkannt wurde, der ihm Fragen stellen oder seinem Vater vielleicht sagen würde, daß er ihn gesehen hatte. Er brauchte gut eine halbe Stunde, um aus dem Ort zu kommen, doch glücklicherweise traf er niemand Bekannten. Als er auf der Straße nach Montelusa war, fing er an, sich Sorgen zu machen, denn es blitzte und Regen setzte ein. Und das war eine ernste Angelegenheit, denn er hatte keinen Regenschirm dabei, und wenn ein richtiger Regenschauer kam, konnte er nichts anderes tun, als Schutz zu suchen und abzuwarten, daß er vorüberzog. Doch damit würde er Zeit verlieren, und wenn es dunkel wurde, würde er nicht mehr in der Lage sein, sich zu orientieren. Das einzige war, so schnell wie möglich zu gehen. Er würde es keinem erlauben, weder einem Menschen noch dem Regen, ihn daran zu hindern, seine Mutter aufzusuchen. »Heh, du da, wo gehst du hin?« Die Stimme kam völlig unerwartet, denn weil er mit gesenktem Kopf ging, hatte er die beiden Dreizehnjährigen nicht gesehen, die am Straßenrand auf einem großen Felsblock saßen. Sie hatten völlig durchlöcherte Kleidung an, sie waren elendig verdreckt und barfuß. Einer trug einen Wollschall fest um den, Hals gewickelt, der andere eine alte Schiebermütze, die schwarz und breit war und ihm über die Ohren ging. Michilino wollte nicht antworten und ihnen ausweichen, aber die würden ihm sicher nachlaufen, es war deutlich, daß sie Streit suchten. Auch rennen war sinnlos, sie hätten ihn sofort eingeholt. Er blieb stehen, er blickte sie an und fühlte, daß er überhaupt keine Angst hatte, im Gegenteil. »Was geht das euch denn an, wo ich hingehe! Kümmert euch um euren Kram.« »Wir kümmern uns schon um unseren Kram.« Der mit dem Schal fing an zu lachen, der andere fiel ein. »Wieviel Geld hast du denn in der Tasche?« fragte ihn der Junge mit dem Schal, als er aufgehört hatte zu lachen. Michilino wurde blaß, nicht aus Angst, sondern weil ihm in diesem Augenblick klarwurde, daß er keinerlei Geld von Zuhause mitgenommen hatte, das ihm auf dem Weg und im Notfall vielleicht hätte nützlich sein können. »Nicht einen Soldo.« »Glaub ich dir nicht, zeig mir deine Taschen.« Michilino setzte das Bündel ab, steckte eine Hand in die Manteltasche, nahm das Taschenmesser und versteckte es hinter seinem Rücken. Auch die linke Hand führte er zum Rücken. »Nee, nee, nee!« sagte der Junge mit dem Schal. »Du willst uns für blöd verkaufen! Was hast du da aus der Tasche gezogen?« Er stieg von dem Felsblock hinunter und kam langsam näher, ein bedrohliches herausforderndes Lächeln im Gesicht, sicher, daß Michilino sich nicht bewegen und vor lauter Angst wie versteinert sein würde. Kaum war er in Reichweite, schoß Michilinos Arm vor wie eine gefährliche Schlange. Er hatte auf den Mund gezielt, auf dieses Lächeln, und wirklich drang die Klinge des Taschenmessers zwischen Lippen und Zähne und, bewegte sich unter Michilinos Hand nach rechts. Im Nu fand sich der Junge mit einem von einer Wunde gezeichneten Mund wieder, die das halbe Gesicht entstellte. Er hatte wohl nicht gleich begriffen, was da passiert war, denn er trat verblüfft zwei Schritte zurück. Dann sah er das Blut, das sein Hemd durchtränkte. Er führte ungläubig seine Hand an den Mund. »Heilige Madonna!« rief er, fiel mit dem Hintern auf die Erde und versuchte, das Blut zu stillen, das ihm aus der Wunde schoß. »Du hast mich vernichtet!« Und fing an zu weinen. Er hatte mit erstickter Stimme gesprochen, genau wie jemand, der im Schlaf flüstert. Der andere, der mit der Schiebermütze, kam von dem Stein herunter und rannte weg, ohne einen Laut zu sagen. Er rannte wie ein von einem Frettchen aus seinem Bau gescheuchter Hase. Michilino bückte sich über den gestürzten Jungen und nutzte den Augenblick, als dieser sich die vom Blut der Wunde verschmierte Hand betrachtete, um ihm ruhig und präzise noch einen Stich in die sich ihm bietende heile Gesichtshälfte zu versetzen. Der Junge streckte sich auf dem Rücken aus, trat in die Luft wie ein durchgedrehter Radrennfahrer und weinte und klagte. »Töte mich nicht, töte mich nicht!« »Wenn du auf der Stelle verschwindest, töte ich dich nicht. Ich zähl bis drei. Eins …« Er war noch nicht bis zwei gekommen, da war der andere, zuerst auf allen vieren, dann aufrecht, geflohen und schrie verzweifelt. Das Blöde mit dem Messer und auch mit dem Bajonett war nur, daß es, nachdem du es gebraucht hast, mit Blut verdreckt war und man es sofort sauber machen mußte, weil das Blut sonst trocknete und eine Kruste bildete, die die Klinge beeinträchtigte. Michilino sah am Straßenrand ein Büschel Gras, riß eine Handvoll davon aus und reinigte das Taschenmesser und auch seine Hand, die ebenfalls blutverdreckt war., Mit seinem Bündel auf dem Rücken machte er sich wieder auf den Weg. Es begann zu tröpfeln. Es nieselte, und dieser feine Regen drang durch die Kleider. Doch Michilino spürte den Regen gar nicht: Er war stolz auf das, was er gerade eben mit dem kleinen Jungen gemacht hatte, der ein Dieb war und sein Geld klauen wollte. Wie hieß es klar und unmißverständlich im Gebot? Du sollst nicht stehlen. Und daher mußte der Junge ihm dankbar sein, denn er hatte ihn daran gehindert, eine Todsünde zu begehen. Ganz sicher stand der liebe Herr Jesus an seiner Seite und führte mit Festigkeit und Genauigkeit seine Hand. Nach ungefähr zehn Minuten, die er im Regen gegangen war, hörte er hinter sich das Geräusch eines Karrens, der näher kam. Er drehte sich um und blieb stehen. »Heeehhhh!« sagte der Karrenkutscher und zog die Zügel an. Der Karrenkutscher redete unter einer Wachsplane, die ihn vor dem Regen schützte. »Mußt du weit?« »In den Ortsteil Cannateddru.« »Dann hast du noch ganz schön viel Weg vor dir! Ich kann dich bis zur Kreuzung von Spinasanta mitnehmen, das ist besser als nichts.« Michilino kletterte auf den Karren, und der Mann bedeckte auch ihn mit der Wachsplane, die für mindestens vier Personen reichte. Der Karrenkutscher war ein Vierzigjähriger mit Schnauzbart und dem Gesicht eines Mannes, der dem Wein zuspricht und von Natur aus ein Prasser ist. Und so fing er denn auch fast gleich an zu singen. Er sang völlig falsch, aber je falscher er sang, desto mehr lachte er. Affacciati, beddra, e pisciami ’nto ’n’occhiu, quannu ti viu lu pirripipacchiu …, Zeig dich, du Schöne, und pinkle mir ins Auge genau, wenn ich dir in den Pirripipacchiu schau … Auch Michilino mußte lachen. Er hatte noch nie ein Lied gehört, in dem einer eine junge Frau bittet, ihm Pipì in ein Auge zu machen. »Was ist denn der Pirripipacchiu?« fragte er. »Das weißt du nicht? Der Pirripipacchiu ist der Stecchiu.« »Und was ist der Stecchiu?« »Heilige Muttergottes, du bist ja wirklich unschuldig wie das liebe Jesuskind! Der Stecchiu ist die Natur einer Frau, das, was die Frauen zwischen den Beinen haben, so etwas wie eine mollig warme Grotte …« »Das weiß ich.« Der Karrenkutscher starrte ihn verblüfft an. »Hast du ihn gesehen? Zeigt man dir so was denn in deinem Alter?« »Ich hab’ meine Hand reingesteckt. Aber das tut man nicht, und ich hab’s nicht gewußt, daß man das nicht tut.« »Und wer war das, die sich die Hand hat reinstecken lassen?« »Eine Witwe.« »Sieh sich einer die kleine Schlampe an!« sagte der Karrenkutscher verwundert. »Einen so kleinen Jungen in Verlegenheit zu bringen!« Und er fing wieder an zu singen. La vidova che è sutta li linzola, sulu con la sò mano si consola … Die Witwe, die sich unter den Bettüchern fand, sie tröstet sich allein, mit ihrer eignen Hand …, Sie kamen zur Kreuzung von Spinasanta, es hatte aufgehört zu regnen, und der Himmel heiterte auf. Der Karrenkutscher nahm die Straße nach Montelusa, Michilino die, die zum Ortsteil Cannateddru führte. Er rechnete, daß es bis zu Nonnos Haus noch zwei Stunden waren. Ihm war kalt, und er bekam Appetit. Aber wenn er sich nun aufhalten würde, um zu essen, würde er zuviel Zeit verlieren. Er öffnete das Bündel, holte das Brot und den Käse heraus und machte sich mit dem Taschenmesser ein belegtes und zusammengeklapptes Brot, so konnte er essen und zugleich seinen Weg fortsetzen. Erst als er das Brot zum Mund führte, bemerkte er, daß es ein bißchen blutverdreckt war, was hieß, daß er das Taschenmesser nicht richtig saubergemacht hatte. Er blieb stehen, legte das Bündel auf die Erde, legte das Brot darauf, nahm das Taschenmesser, klappte es auf und machte es zuerst mit einem großen Blatt sauber, das er von einem Baum gerissen hatte. Nachdem er sicher war, daß die Klinge keinen Schaden davongetragen hatte, steckte er das Taschenmesser wieder ein, hob das Bündel auf den Rücken, setzte seinen Weg fort und aß. Er war eine halbe Stunde gegangen, als er ein Auto auf sich zukommen sah. Er erkannte es sofort, es war der Lancia Astura von Nonno Aitano. Als auch der Nonno ihn erkannte, bremste er scharf und war verblüfft. Er schaute zum Seitenfenster heraus. »Michilino!« Der Junge lief zu ihm, stieg ins Auto, der Nonno hatte ihm die Tür geöffnet. »Michilino, wohin bist du unterwegs?« »Zu euch, ich will Mamà sehen.« »Aber weiß dein Vater das?« »Nein, ich bin heute morgen weggelaufen.« »Heilige Madonna, inzwischen ist dein Vater Giugiù, wahnsinnig geworden! Machen wir’s doch so: Wir kehren in die Stadt zurück und …« »Nein«, sagte Michilino bestimmt. »Zuerst will ich Mamà sehen.« »Aber deine Mutter ist nicht mehr bei uns!« »Wo ist sie denn dann?« »Sie ist … sie ist nach Palermo gefahren, zur Behandlung.« »Das glaube ich nicht.« »Einverstanden, machen wir folgendes: Ich begleite dich zum Haus, du überzeugst dich, daß Ernestina nicht da ist, mehr noch, ich zeige dir eine Postkarte von ihr, die gestern ankam, und dann kehren wir in die Stadt zurück, damit dein Vater sich beruhigt.« Er wendete den Wagen und fuhr die Straße zurück, die er gekommen war. Er fuhr schnell, und Michilino mochte die hohe Geschwindigkeit, er hatte das Fenster heruntergekurbelt, so daß der Wind ihm ins Gesicht schlug. Als der Nonno im Hof des Hauses gebremst hatte, stieg Michilino aus dem Auto und rief laut: »Mamà! Mamà! Ich bin Michilino!« Mamà antwortete nicht. Statt dessen hörte man aus der Küche die Stimme von Nonna Maddalena und ein Scheppern von Töpfen, die zu Boden fielen. »Michilino!« Die Nonna kam aus der Küche, der Nonno trat durch die Tür, Michilino stieg eilig die Treppe hinauf, die zum ersten Stockwerk führte, wo die Schlafzimmer waren. »Mamà! Mamà!« Nonno und Nonna sahen sich untröstlich an, der Nonno öffnete hilflos die Arme. Oben auf dem Treppenabsatz erschien der Junge. Er fragte mit so leiser Stimme, daß die Großeltern ihn fast nicht verstehen konnten: »Ist Mamà gestorben?«, »Nein! Was sagst du denn da, Kind?« fragte die Nonna. Michilino hatte keine Kraft mehr in den Beinen, er spürte jetzt die ganze Müdigkeit vom Fußmarsch, er setzte sich auf die oberste Stufe und fing an zu weinen! Der Nonno, der das Zimmer verlassen hatte, kam mit einer Postkarte in der Hand zurück und wedelte mit ihr Michilino zu. »Schau her! Diese Postkarte ist gestern angekommen. Komm herunter und lies sie.« Michilino versuchte aufzustehen, schaffte es aber nicht. Der Nonno kam bis zu ihm hoch. Nonna Maddalena hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und ihr Gesicht in die Hände gestützt. Michilino las die Postkarte: »Es geht mir besser. Viele Küsse, Ernestina. Wenn Ihr Michilino seht, gebt ihm einen Kuß von mir.« Sie kam aus Palermo, die Postkarte. Nonno Aitano hatte ihm wirklich die Wahrheit gesagt. »Und wann kommt sie zurück?« »Sobald sie sich besser fühlt«, sagte der Nonno und fuhr fort: »Maddalè, ich fahre in die Stadt und sag Giugiù, daß sein Sohn bei uns ist. Unterdessen kümmerst du dich um den Jungen, sein Mantel ist völlig durchnäßt.« Nonna Maddalena überredete Michilino, mit ihr in die Küche zu gehen, sie zog ihm den Mantel aus, ließ ihn sich vor dem angezündeten Backofen niedersetzen, der Wärme ausstrahlte, und wärmte ihm eine Suppe auf. Nachdem er sie gegessen hatte, fragte Michilino: »Nonna, sag mir die Wahrheit: Ist Mamàs Krankheit so schwer?« »Nein, das schwöre ich dir bei Christus. Willst du wissen, was wirklich ist? Der Arzt hatte sich Sorgen gemacht wegen der … der Krankheit, deine Mutter hätte das Kind verlieren können, mit dem sie guter Hoffnung ist. Deswegen ist sie nach Palermo gefahren, in ein Krankenhaus, in dem sie die richtige Pflege, bekommt. Sobald sie der Meinung sind, daß keine Gefahr mehr besteht, lassen sie sie zurückkommen. Aber du mußt dir immer wieder sagen, daß es Zeit braucht.« Die Müdigkeit machte sich plötzlich bemerkbar wie ein Schlag ins Genick. Michilino schlief mit dem Kopf auf dem Küchentisch ein. Die Nonna hätte ihn am liebsten in ein Bett gelegt, aber sie hatte nicht die Kraft in den Armen, um ihn zu tragen. »Rasch, Michilino, wach auf!« Es war ihm, als hätte er nicht einmal eine Minute geschlafen. In Wirklichkeit hatte er eine ganze Stunde geschlafen. Der, der ihn geweckt hatte, war Nonno Aitano. »Verabschiede dich von Nonna, denn ich fahre dich nach Hause zurück.« In seiner Benommenheit fragte Michilino den Nonno nicht, wieso eine solche Eile geboten war. Er selbst war es, der Nonno, der ihm die Sache erklärte, während sie im Auto saßen. »Ich habe Marietta voller Verzweiflung vorgefunden, sie wußte nicht, was sie tun sollte, da ist sie zu Giugiù ins Büro und zum Quartier der Faschos gegangen, aber dort sagte man ihr nur, daß dein Vater nach Catello Nisetta hatte fahren müssen und abends wieder zurück sein würde.« »Und was weiter, Nonno?« »Da hab ich mir gedacht, wenn wir uns beeilen, findet dich Giugiù zu Hause vor, wenn er zurückkommt, und dann brauchen wir ihm nicht zu erzählen, daß du weggelaufen bist. Wenn er es erfährt, wird er sich mit Sicherheit beunruhigen, besser, wir behalten die Geschichte für uns.« »Ich erzähle aber keine Lügengeschichten.« »Einverstanden, das bedeutet, daß ich es ihm erzähle«, sagte der Nonno leicht beleidigt. »Es reicht, wenn du den Mund hältst und mich nicht in Verlegenheit bringst. Marietta ist, einverstanden.« »Aber wirst du nachher auch diese Sünde beichten?« »Was denn für eine Sünde, Michilì? Na, wie auch immer, einverstanden, ich gehe beichten.« »Nein, denn ich will nicht, daß du meinetwegen eine Sünde begehst.« »Heh, was ist denn das für ein verwichstes Theater! Ich sage dir doch, ich gehe beichten!« »Und du mußt auch beichten, daß du eben gerade ein unanständiges Wort gebraucht hast.« Das Auto kam ins Schleudern, Nonno Aitano brummelte etwas Unverständliches. Als sie ankamen, umarmte Marietta ihn und hörte gar nicht mehr auf, ihn abzuküssen. »Maria Santa, was du mir für eine Angst eingejagt hast! Ich war drauf und dran, wahnsinnig zu werden.« »Mariè«, sagte Nonno Aitano. »Beruhige dich und wasch dir das Gesicht, deine Augen sind rot wie zwei Peperoni. Wenn Giugiù das merkt, versteht er, daß etwas Unangenehmes vorgefallen ist.« »Ah«, sagte Marietta, »aber Onkel Giugiù kommt heute abend nicht zurück, er bleibt zum Schlafen in Catello Nisetta. Vor zehn Minuten ist jemand vom Quartier der Faschos gekommen, um mir das zu sagen.« »Besser so«, sagte der Nonno. »Ich fahre jetzt nach Hause zurück. Michilì, ich leg’ es dir eindringlich ans Herz: keine weiteren derartigen Geniestreiche.« Während er ihn umarmte, fragte der Nonno ihn ganz ernst mit leiser Stimme: »Michilì, muß ich denn auch die Absicht beichten, die ich hatte, deinem Vater eine Lüge aufzutischen?« »Ja, auch die Absicht muß man beichten.«, »Verflixt! Und ich dachte schon, ich könnte es mir ersparen.« Er küßte Marietta, zog den Mantel über, und gerade, als er fortgehen wollte, fiel ihm noch etwas ein. »Michilì, du mußt mir einen Gefallen tun. Sobald Papà zurückkommt, mußt du ihm sagen, daß er das Benzin für mich auftreiben soll, er weiß schon, welches. Es heißt Shell Dynamin und kommt in Zehn-Liter-Kanistern, auf denen eine Muschel aufgedruckt ist.« »Den Gefallen kann ich dir nicht tun, Nonno.« »Und warum nicht?« »Wie kann ich Papà erzählen, daß wir beide uns gesehen haben?« »Du sagst ihm, ich sei hierhergekommen, weil ich Lust gehabt hätte, dich zu sehen.« »Das wäre aber eine Lüge.« Nonno Aitano wirkte plötzlich, als wäre er wahnsinnig geworden, und fing an zu schreien. »Du hast dich wohl in diesen Kirchenkram verbissen, was? Willst du Pfaffe werden, oder was? Was für eine Wichserei ist das! Ja, Wichserei habe ich gesagt, verstanden? Und ich sage sogar noch Saftgurkenwichserei! So ein Theater, verdammt, man kann ja den Mund vor dir überhaupt nicht mehr aufmachen! Was willst du werden? Kardinal? Papst? Heiliger? Mariè, sag du Giugiù die Sache mit dem Benzin!« Er ging wütend fort und schlug die Tür zu. »Wenn du Papà aber eine Lüge erzählst, mußt du das nachher beichten.« »Ist ja in Ordnung, ist ja in Ordnung, wenn du wüßtest, wieviel ich zu beichten habe!« sagte Marietta unfreundlich. Sie öffnete die Kredenz, nahm eine Flasche Wein und füllte sich ein Glas ein., Michilino sah, daß die Flasche nur noch halb voll war. Marietta bemerkte den Blick des Jungen. »Ich hab’ sie aufgemacht, als ich sicher war, daß du weggelaufen warst. Ich habe getrunken, um mich auf den Beinen zu halten, meine Beine haben gezittert vor Angst, ich wäre der Länge nach auf den Boden gefallen! Michilì, laß mich nicht mehr an die schreckliche Angst denken, die du mir eingejagt hast!« Und sie trank das Glas in einem Zug leer. Da begriff Michilino, daß die Cousine einen kräftigen Rausch hatte, und war es ihr vor dem Nonno noch gelungen, sich unter Kontrolle zu halten, so ließ sie sich jetzt gehen. »Trink nicht mehr, Mariè!« »Ich trinke, solange es mir paßt!« Sie goß noch mal ein und leerte das Glas in einem Zug. »Ich gehe jetzt etwas zu essen machen«, sagte sie und begab sich in Richtung Küche. Um sich aufrecht zu halten, mußte sie sich mit der Hand an der Wand abstützen. Michilino nahm das Heft und die Fibel und machte Schularbeiten. Marietta kam aus der Küche zurück. »Ich habe keine Lust, auch nur irgendwas zu machen«, sagte sie angriffslustig. »Ich bin müde geworden und hab’ keinen Appetit. Du hast mir genug Angst eingejagt, Michilì!« Sie füllte sich noch ein Glas ein und trank es aus. »Davon wirst du völlig betrunken.« »Das ist mir scheißegal!« Jetzt sagte sie schon unanständige Wörter. Michilino kam zu dem Schluß, daß es besser war, nicht den Mund aufzumachen, die Cousine ganz alleine reden zu lassen, weil sie, wenn er ihr antwortete, sich vielleicht in eine Sache verbiß. »Mir ist heiß«, sagte Marietta., Sie stand wankend auf, zog den Rock herunter, zog die Bluse aus, schob die Träger des Unterrocks weg und ließ ihn auf die Füße gleiten. Dann beförderte sie mit einem Tritt, der sie fast dazu gebracht hätte hinzustürzen, Rock, Bluse und Unterrock in eine Zimmerecke. Sie setzte sich wieder, schlug das linke Bein über das rechte, zog den Schuh aus und mit einer Fußbewegung schleuderte sie ihn in die Luft. Das gleiche machte sie mit dem anderen Schuh. Wieder stand sie auf, und mit einer einzigen Bewegung zog sie Strumpfband und Strumpf des linken Beines und danach Strumpfband und Strumpf des rechten Beines aus, die sie auf den Tisch legte. »Aaahhh! Jetzt fühle ich mich wohler! Und vor dir schäme ich mich nicht, schließlich sind wir ja verlobt.« Sie lachte, in der Flasche war noch knapp ein Glas. Sie kippte es in sich hinein. Wie schön sie nur war in Schlüpfer und Büstenhalter, mit den auf die Schultern fallenden Haaren, mit den glänzenden Augen, die aussahen, als hätte sie darin eine Lampe angemacht! »Haben deine Großeltern dir gesagt, daß deine Mutter in Palermo ist?« »Ja, sie haben mir auch eine Postkarte gezeigt. Sie ist in einem Spital, damit die Krankheit …« Marietta bekam unvermittelt einen schrillen Lachkrampf, der tönte wie ein Bohrkopf. »Krankheit! Und was für eine Krankheit!« »Wieso, ist sie denn nicht krank?« fragte Michilino entsetzt. »Deine Mutter leidet an der gleichen Krankheit wie Padre Burruano.« Was sagte sie denn da? Sie mußte wirklich betrunken sein, die Cousine. »Padre Burruano ist gar nicht krank, er hat sich weh getan, als er zu Boden gestürzt ist.«, »Sie sind zusammen zu Boden gestürzt, deine Mutter und Padre Burruano.« Nun begriff Michilino überhaupt nichts mehr, aber er verstand, daß, wenn er wirklich etwas über Mamàs Krankheit erfahren wollte, dieser Augenblick von Mariettas Vollrausch der geeignete war. »Wie kam es denn, daß sie gemeinsam gestürzt sind?« »Weil sie zusammen waren, und dein Vater hat dafür gesorgt, daß sie stürzten, mit Ohrfeigen, mit Boxerfäusten, Watschen und Tritten.« Nein, es war doch nicht möglich, daß Papà Mamà verprügelt hatte. Und aus welchem Grund auch? Weil Mamà, sagen wir mal, bei Padre Burruano gebeichtet hatte? Was war denn so Schlimmes dabei? »Hör mal,Mariè …« »Nein, aus. Ich hab’ genug geredet. Ich lege mich jetzt hin. Iß du nur, wenn du Appetit bekommst, in der Kredenz sind Salami, Mortadella, Oliven und Brot. Wenn du müde wirst, kommst du auch schlafen.« Als er mit den Schulaufgaben fertig war, fühlte er, daß er ein bißchen Appetit bekommen hatte. Er schnitt eine Scheibe Weißbrot ab, und als Belag wählte er zehn schwarze Oliven, die er lieber mochte als die grünen. Er aß und legte neben den Teller das aufgeschlagene Buch Cuore. Plötzlich spitzte er die Ohren, ihm war, als hätte er ein Wimmern aus der Kammer gehört. Möglicherweise fühlte sich Marietta wegen des Weins, den sie getrunken hatte, elend. Noch einmal hörte er das Wimmern. »Mariè, geht’s dir gut?« Marietta antwortete nicht. »Mariè!« rief Michilino beunruhigt. »Michilino, komm her«, rief ihn die Cousine mit sonderbarer, Stimme. Marietta lag nackt auf dem Bett, die rechte Hand hielt sie zwischen den Beinen, die linke lag auf ihrer Brust. »Zieh dich aus.« Michilino gehorchte. »Nein, zieh das Nachthemd nicht an. Komm, leg dich nackt zu mir.« »Zuerst muß ich aber ins Bad.« »Da gehst du nachher hin.« Während Michilino über sie stieg, um seinen Platz zu erreichen, packte die Cousine ihn flugs und legte ihn auf sich. Sie öffnete die Beine gerade so viel, daß das Vögelchen zwischen ihre Schenkel kam, und dann schloß sie sie wieder. »Bleib so liegen, rühr dich nicht«, sagte sie und umarmte ihn dabei fest. Michilino spürte, wie Mariettas Bauch sich unter dem seinen bewegte. »Aaaahhhh, aaaahhhhh«, wimmerte sie wieder. »Marietta, was hast du?« fragte Michilino beängstigt. Der Bauch bewegte sich stärker, die Schenkel, die ihn umschlossen, wurden zu Zangen. »Jesusjesusjesusjesusje …«, sagte Marietta. Und Michilino begriff: Die Cousine betete, um Jesus im vorhinein um Vergebung für die Lüge zu bitten, von der Nonno wollte, daß sie sie Papà erzählte. Dann seufzte Marietta lange und anhaltend und schien schlagartig eingeschlafen zu sein. Michilino bewegte sich nicht. Nach einer Weile hörte er, daß die Cousine zu ihm sagte: »Jetzt kannst du ins Bad gehen.«,

Sieben

Den Heiligen Abend, beschloß Marietta, bei sich zu Hause zu verbringen. Michilino dagegen ging mit Papà zu Nonno Filippo und Nonna Agatina. Nonno Filippo hatte, wie er es alljährlich zu tun pflegte, die Krippe in einem ganzen Zimmer aufgebaut, und das war ein Schauspiel sondergleichen: Da gab es fließende Bäche, Wasserfälle, Springbrunnen, Berge, Häuschen, Eselchen, Zicklein, Schäfchen und eine unendliche Zahl von Gestalten, die ganz alltägliche Dinge taten. Jedes Jahr fügte Nonno Filippo etwas Neues in die Krippe ein. Diesmal standen neben dem Stall fünf Bissinier, die Farbe in die Landschaft brachten, im Himmel waren zwei dreimotorige Caproni, und mitten auf dem großen Kometenstern war das Gesicht von Benito Mussolini, das Glanz verbreitete. Nachdem sie Fisch im Backrohr und Cassata gegessen hatten, trafen die Nachbarn ein, um die Krippe zu bewundern. Nonno Filippo bot allen Cannoli und Marsala an, und er war stolz wie ein Pfau über die Komplimente, die ihm jeder machte. Als in dem Zimmer an die zehn Personen waren, fing Nonna Agatina, die eine schöne Stimme hatte, an zu singen: Tu scendi dalle stelle, o Re del Cieeeeelo, e vieni in una grotta al freddo e al geeeeelo … Du steigst herab von den Sternen, dir Himmelskönig sei Preis, und kommst in eieinen Staaall bei Käälte, Schnee und Eis … Plötzlich packte eine Hand Michilino an der Speiseröhre. Es war zwar keine richtige Hand, aber es war, als ob sie richtig wäre, sie drückte wie die Hand eines Mannes. Er stürmte aus dem Zimmer und schloß sich auf der Toilette ein, wo er dem Schmerz freien Lauf lassen konnte. Oh, liebes, Jesulein! Oh, liebes, vielmals angebetetes Jesulein, was weißt du, während du im Stall liegst, zwischen Ochs und Esel, was weißt du davon, was die Sünden der Menschen dir für Leiden bringen? Nein, nein, du weißt es, denn du bist Gottes Sohn, schon im Stall kennst du das Schicksal und fühlst du die Last des Kreuzes, das du tragen wirst, fühlst du das Eisen der Nägel, die mit Hammerschlägen in dein Fleisch eindringen, fühlst du das Stechen der Dornenkrone, und trotzdem willst du geboren werden und wachsen und leben und sterben, wie du gestorben bist, damit auch ich, Sterlini Michilino, von den Sünden errettet werde, die dich verletzen und dich quälen. Oh, lieber Jesus, oh, lieber Jesus! Der du in dem Stall liegst, mit dem heiligen Joseph und der Madonna, deiner Mutter … Mamà? Wo war sie, Mamà, zu dieser Stunde? Vielleicht war sie ganz allein in einem Zimmer des Spitals und verzweifelte bei dem Gedanken an ihren fernen Jungen, der verlassen auf einer Toilette weinte, die nach Pinkel roch … »Michilì, entschließt du dich endlich, da rauszukommen? Ich muß mal!« »Nur eine Minute.« Das war Papàs Stimme. Michilino wusch sich schnell das Gesicht. Doch als er die Tür öffnete, merkte Papà sofort, daß sein Sohn geweint hatte. Er sagte nichts, er sah ihn aber lange an und streichelte ihm dann über den Kopf. Später gingen alle in die Kirche, um die Mitternachtsmesse zu hören. Michilino blickte während der Mette nicht zum Haupt- altar, er betrachtete den Gekreuzigten und sprach zu ihm ohne Worte, nur mit dem Kopf. Hatte der liebe Herr Jesus gesehen, was für ein mutiger Soldat er gewesen war, als die beiden Jungen ihm Geld stehlen wollten? Er war nicht weggelaufen, im Gegenteil, er hatte sich ihnen gestellt und sie in die Flucht geschlagen. Ach, lieber Herr Jesus mein, in dieser feierlichen Nacht verspreche ich, Sterlini Michilino, dir, daß ich mich immer so verhalten werde gegenüber deinen Feinden., In dieser Nacht schlief Michilino im Haus der Nonni, in deren Zimmer, weil sie den Weihnachtstag noch miteinander verbringen wollten. Aber wie kam es nur, daß bei Tisch, als das große Weihnachtsessen stattfand, weder Nonno Filippo noch Nonna Agatina noch Papà selber auch nicht ein Sterbenswörtchen über Mamà verloren? Nichts, so als hätte sie nie gelebt. Marietta kam am Sankt Stephanstag zurück. Nach dem Mittagessen hatte Michilino nichts zu tun, er streifte durchs Haus. Signorina Pancucci, die Lehrerin, nahm den Unterricht erst am siebten Januar wieder auf. »Ich will ein Werk der Barmherzigkeit tun.« »Willst du Almosen geben?« fragte die Cousine, die keine von denen war, die in die Kirche rannten. »Kennst du die Werke der Barmherzigkeit nicht?« »Nein.« »Die Nackten kleiden, den Dürstenden zu trinken geben, die Kranken besuchen … Das sind Werke der Barmherzigkeit, aber es gibt auch noch andere.« »Und was willst du tun?« »Padre Burruano im Spital besuchen. Der Arme, vielleicht ist niemand ihn in diesen Tagen besuchen gegangen. Weißt du, wo er sich befindet?« »Nein. Aber heute morgen, als ich beim Einkaufen war, habe ich zwei Frauen gehört, die miteinander redeten. Eine sagte zur anderen, daß Padre Burruano aus dem Spital entlassen worden ist, aber nicht mehr in unsere Stadt zurückkäme.« »Wieso das?« »Weil seine Exzellenz Montichino, der Bischof von Montelusa, ihn nach Ribera versetzt hat.«, »Wieso das?« »Meine Güte, Michilì, immer dieses Wieso-das, Wieso-das! Ich weiß nicht, wieso-das, Tatsache ist, daß wir Padre Burruano, dem Himmel sei Dank, in dieser Gegend nicht mehr sehen werden.« »Wieso … entschuldige bitte, Mariè, werd’ nicht gleich verärgert, wieso hast du gesagt: Dem Himmel sei Dank? Was hat Padre Burruano dir denn getan?« »Mir? Mir hat er nichts getan. Ich mag eben nur keine Pfaffen. Aber es gibt Frauen, die mögen Pfaffen. Und dann passiert was.« »Sprichst du von Mamà?« »Von Mamà und von anderen Frauen.« »Und was ist mit denen passiert?« »Wenn du’s wirklich wissen willst, Michilino, dann frag doch deinen Vater.« Ach ja, das stell sich einer vor, Papà! Papà war in diesen Tagen gar nicht wiederzuerkennen, ständig nervös, immer mit finsterer Miene, immer still. Er hatte nicht einmal Lust, die Nadeln mit der italienischen Flagge an die Orte zu heften, die die Schwarzhemden in Bissinien eroberten. Vielleicht bedrückte ihn ja Mamàs Abwesenheit nach dem Streit, den sie hatten, er, Mamà und Padre Burruano. Denn inzwischen war klar, daß es eine Auseinandersetzung gegeben haben mußte. Das einzige, was man hoffen konnte, war, daß sie möglichst bald Frieden schlossen, und Michilino gab das Versprechen, jeden Tag zu dem lieben Herrn Jesus zu beten, wenn er ihm die Gnade erwies, Mamà nach Hause zurückkehren zu lassen. Am Abend, als sie sich hingelegt hatten, fragte Michilino seine Cousine: »Willst du, daß ich mich auf dich lege, wie neulich?« »Nein, heute abend nicht.« Michilino umarmte sie von hinten, in der Schlafposition. Doch nach einer Weile fragte er wieder: »Sind wir weiterhin verlobt?«, »Natürlich«, sagte Marietta und lachte. »Ja, dann …« »Hab’ schon verstanden, was du willst«, sagte Marietta und holte aus dem Nachthemd eine Brust hervor. Michilino legte eine Hand darauf und schlief ein. Am nächsten Morgen wachte er auf, als es sieben war. Ein schwaches Licht schimmerte durch die Fensterläden. Er wußte, daß er aufgewacht war, weil im Bett etwas vor sich ging, das ihm Verdruß bereitete. Er löste sich vom Rücken der Cousine und sah die Bettücher an. Da waren dunkle Flecken. Er legte eine Hand darauf, es waren Blutflecken. Er sah genauer hin. Das Blut kam aus der Mitte zwischen Mariettas Schenkeln. Heilige Muttergottes! Sie mußte verletzt sein, und jetzt verblutete sie möglicherweise! Voller Angst schüttelte er sie an einer Schulter. Marietta reagierte nicht. Hektisch und schweißgebadet stieg Michilino über ihren Körper und rief Papà im Schlafzimmer. Papà war nicht zurückgekommen, das Bett war unberührt. Es kam vor, daß er im Club blieb und bis in die vorgerückten Morgenstunden Karten spielte. Und was sollte Michilino jetzt machen? Wen konnte er um Hilfe bitten? Er eilte wieder in die Kammer zurück, gerade rechtzeitig, um sehen zu können, daß Marietta sich bewegte und eine Hand unters Kissen schob. Sie lebte also! »Mariè!« rief er aus voller Lunge. Marietta fuhr unvermittelt mit weit aufgerissenen Augen hoch. »Was ist los? Was ist passiert?« »Mariè, du verlierst Blut!« sagte Michilino mit einer Stimme, die nicht herauswollte, und als sie herauskam, zitterte sie. Marietta schob die Bettücher zur Seite und schaute zwischen ihre Beine. »Nichts, Michilì, das ist nichts. Das sind Frauensachen.« Sie stand auf und schloß sich ins Badezimmer ein. Michilino, trank in der Küche ein Glas Wasser, aber das Herz pochte weiterhin heftig. Nach einer Weile kam Marietta perfekt gekleidet zurück. »Hast du Angst gehabt?« »Sicher hab’ ich das!« »Da brauchst du keine Angst zu haben, Michilì. Ich hab’ nur den Marchese bekommen.« Wie denn, was denn, war da ein Marchese oder ein Baron mit Mariettas Blut ins Haus gekommen? Die Cousine begriff die Verwirrung des Jungen. »Wir nennen das so: den Marchese. Eigentlich nennt man das Menstruation. Das haben alle Frauen. Das ist etwas ganz Natürliches. Wenn eine Frau sie nicht hat, bedeutet das, sie ist guter Hoffnung, und wenn sie sie im Leben überhaupt nicht mehr hat, bedeutet das, sie ist zu alt, um noch Kinder zu bekommen.« »Das habe ich nicht gewußt. Und wann geht das vorbei?« »In ein paar Tagen.« »Und wie machst du’s, das Blut aufzuhalten?« »Dieses Blut kann man nicht aufhalten. Es hört von selber auf.« »Und wie machst du’s, daß du dich nicht beschmutzt?« »Ich tu da eine Binde hin.« »Auf den Pirripipacchiu?« Manetta fing an zu lachen. »Ja, auf den Pirripipacchiu. Wer hat dir denn dieses Wort beigebracht?« »Ein Karrenkutscher.« »Das ist wirklich ein Wort der Karrenkutscher. Das darfst du nicht sagen.« Marietta ging einkaufen., »Morgens früh kauft man Fisch frisch.« Michilino ging in die Kammer. Marietta hatte die blutverschmutzten Bettücher weggenommen und sie in eine Ecke geworfen. Michilino nahm sie in die Hand und steckte seine Nase hinein. Dieses Blut roch gut, eigentlich nach Oregano, Nelken und fauligem Obst. Er spürte, während er weiter daran roch, eine Hitzewallung zwischen den Beinen. Am Mittag des dreißigsten Dezembers verkündete Papà, daß er keine Lust hatte, die Silvesternacht in Gesellschaft der Verwandten zu verbringen. Marietta könne Michilino hinbringen, wohin sie wollte, er aber würde bis Mitternacht zu Hause bleiben und danach in den Club gehen und Karten spielen. Er würde morgens zurückkommen. Michilino sagte, ohne Papà würde er nirgendwo hingehen, was bedeutete, daß auch er zu Hause bleiben würde und sich nachher, wenn Papà in den Club ging, schlafen legte. »Ja, wie denn, willst du dann die ganze Nacht alleine schlafen?« Auf diese Frage von Papà antwortete Michilino nicht. Er hatte gar nicht daran gedacht. Und die bloße Vorstellung trieb ihm den kalten Schweiß über den Körper. »Ich bleibe bei Michilino«, sagte Marietta. Papà schien ein bißchen dagegen zu sein. »Und wer sagt deinem Vater und deiner Mutter, daß du hierbleibst, während sie dich vielleicht bei sich haben wollen?« »Ich sag’s ihnen, heute noch, gleich nach dem Mittagessen.« »Danke«, sagte Papà und sah Marietta in die Augen. Er legte eine Hand auf die Hand der Nichte und hielt sie da eine Weile. Dann seufzte er, nahm die Hand wieder weg und hielt sie vor seine Augen. Wieder seufzte er tief, legte die Hand wieder auf den Tisch und sagte: »Danke, Mariè. Du verstehst mich.«, Diesmal war es Mariettas Hand, die sich auf Papàs Hand legte und lange dort verweilte. Am Silvesterabend mußte Marietta nicht kochen, weil Papà das Essen im Restaurant bestellt hatte. Punkt neun Uhr klopfte es, und es präsentierten sich ein Kellner und ein Hilfsjunge mit der ganzen Herrlichkeit. Zwölf Arancini, sechs gebratene Seezungen, die so groß waren, daß sie über den Teller hinaushingen, Kartoffeln im Rohr, Salat, Cannoli und zwei Flaschen Spumante, die sie auf Eis stellten, um sie frisch zu halten. Beim Essen tranken Papà und Marietta eine halbe Flasche Wein. Als die Rathausuhr Mitternacht schlug, entkorkten sie die beiden Flaschen Spumante und füllten die Gläser. Sie küßten sich alle drei und tranken, wobei sie die Gläser erhoben und leicht miteinander anstießen. »Auf die Gesundheit!« Als Michilinos Glas halbleer war, hob er es wieder hoch: »Auf die Gesundheit!« wiederholte er. Auch Papà und Marietta hoben ihre Gläser. »Auf die Gesundheit von wem?« fragte Papà lachend. »Von Mamà«, sagte Michilino. Papà hörte auf der Stelle auf zu lachen und stellte das Glas auf den Tisch, ohne etwas zu sagen. Sein Gesicht hatte sich verdüstert. Marietta verharrte einen kurzen Augenblick noch mit erhobenem Glas und stellte es dann langsam auf den Tisch. Michilino trank den Spumante im Stehen, und erst, als er ausgetrunken hatte, setzte er sich hin. Marietta legte ihre Hand auf die von Papà. »Onkel Giugiù …« Später, nachdem Papà eine Flasche fast ganz alleine ausgetrunken hatte, kehrte die Fröhlichkeit wieder zurück. »Wünscht mir Glück, heute abend geht’s beim Spielen im, Club zur Sache!« Während Marietta ihm ungeschickt den Mantel hielt, weil sie beim Trinken auch kein Waisenkind war, sagte Papà: »Ah, Michilino, fast hätte ich vergessen, dir etwas zu sagen. Erinnerst du dich an den kommunistischen Schneider, den, der Maraventano heißt?« »Ja.« »Das Gericht hat ihn zum Tode verurteilt, weil er seinen Sohn ermordet hat. Er wird übermorgen erschossen, bei Tages- anbruch.« Er setzte den Hut auf, küßte Mairetta noch einmal und ging fort. Den Augenblick nutzend, da die Cousine ihm noch den Rücken zugekehrt hatte, eilte Michilino zurück und setzte sich hin. Die Worte, die Papà ihm gesagt hatte, hatten auf ihn die Wirkung eines elektrischen Schlags. Es kribbelte in seinem ganzen Rücken, er befand sich inmitten einer Feuerlohe. Das Vögelchen war steif geworden, hart und stählern, und er wollte sich in dieser Situation nicht vor Marietta sehen lassen. Er versuchte an Mamà zu denken, aber das hatte überhaupt keine Wirkung, ja, das Kribbeln und die Feuerlohe waren zwar vergangen, aber das Vögelchen blieb wie es war, genauer gesagt, nein, es war nämlich noch größer und noch härter geworden, der Kopf pochte heftig gegen die Unterhose, es war, als hätte er die Kraft, sie zu durchschlagen und herauszuschießen. Marietta hing einem Gedanken nach, hin und wieder lachte sie und führte das Glas an ihren Mund. Michilino begriff, daß sie sich nicht bewegen würde, bevor sie nicht die Flasche Spumante völlig leer getrunken hatte. Dann endlich stand Marietta wankend auf und schloß sich ins Badezimmer ein. Als Michilino alleine war, sprang er hoch, knöpfte sich auf, holte das Vögelchen heraus, öffnete die Fenstertür und ging hinaus in die kühle Nacht, in der Hoffnung, daß es erschlaffen würde. Nichts. Er kam wieder herein, schloß, die Fenstertür und setzte sich hin. »Hast du das Fenster aufgemacht?« »Ja, um frische Luft hereinzulassen. Du und Papà habt an die zehn Zigaretten geraucht!« »Ich habe nur eine geraucht. Und ich mag es nicht. Was machst du? Kommst du auch schlafen?« »Ich komme sofort.« Nackt, im Bad, hielt er ihn unter kaltes Wasser. Wetten, daß ihm der Ständer erst vergehen würde, wenn Maraventano erschossen worden war? Es wäre furchtbar, wenn er bis übermorgen in diesem Zustand aushalten müßte. Schon fing er an, ihm weh zu tun. Er hatte Schwierigkeiten, die Unterhose wieder anzuziehen. Er vertrödelte noch etwas Zeit in der Hoffnung, daß die Cousine, benommen von all dem Spumante, eingeschlafen wäre. Gerade putzte er sich zum dritten Mal die Zähne, als er sie rufen hörte. »Michilino! Du bist doch wohl nicht ins Klo gefallen?« »Ich komme.« Er ließ noch ein paar Minuten verstreichen, dann entschloß er sich, das Bad zu verlassen, denn sonst hätte die Cousine vielleicht Verdacht geschöpft. Er ging sachte zur Kammer, und sofort sah er, daß die Cousine das Licht ausgemacht hatte, um einzuschlafen. Er ging hinein, zog die Unterhose aus, zog das Nachthemd an, kletterte aufs Bett und wollte gerade über den Körper der Cousine steigen, als diese, schon halb im Schlaf, die Hand hob, um ihm zu helfen. Marietta wollte ihn an den Hüften fassen, doch ihre rechte Hand verfehlte das Ziel und packte das aufrecht stehende Vögelchen. So verharrten sie eine Weile, Michilino gewissermaßen rittlings auf ihr und sie, die herumtastete, um sich eine Vorstellung von dem zu machen, was sie da berührte. »Bleib so«, befahl Marietta., Sie setzte sich halb auf und machte das Licht an. Michilino rührte sich nicht. Die Cousine nahm den Saum des Nachthemds und hob ihn vorsichtig hoch. Was sie sah, ließ sie ihre Augen verwundert aufreißen. »Heilige Muttergottes!« sagte sie. Alle immer wieder so! Immer den gleichen Ausdruck! Was hatte denn sein Vögelchen nur so Besonderes? »Es will einfach nicht vorübergehen«, sagte Michilino stirnrunzelnd. »Ich hab’s schon unter kaltes Wasser gehalten, aber es geht nicht vorbei.« Marietta starrte weiter, ohne ein Wort zu sagen, ihr Atem war heftig geworden. Dann traf sie eine Entscheidung und machte das Licht aus. »Leg dich hin!« Michilino legte sich hin. Marietta drehte sich auf die Seite, Michilino drängte sich an ihren Rücken und suchte dann, weil es inzwischen so festgelegt war, mit der Hand die Brust der Cousine. »Ist dir das vorher noch nie passiert?« fragte Marietta im Dunkeln. »Doch.« »Und wann?« »Wenn ich Mussolini reden höre.« »Wirklich? Aber heute abend hat Mussolini doch gar nicht geredet.« »Nein, es war wegen etwas, das Papà gesagt hat.« »Tja, Michilì, du bist wirklich eigentümlich. So etwas passiert einem Mann, wenn er mit einer Frau zusammen ist, so wie wir beide jetzt. Aber wenn du mich umarmst, passiert dir das nicht.« »Ist das deinem Verlobten denn passiert?« »Immer, wenn er mit mir zusammen war.«, »Und wie ist es bei ihm weggegangen?« »Darum hab’ ich mich gekümmert.« »Und wie?« »Das kann ich dir jetzt nicht sagen. Hören wir auf zu reden. Versuchen wir zu schlafen.« Das war ein Wort: schlafen! Marietta konnte es nicht, denn ihr war, als würde der Kopfteil von Michilinos Stab, der genau am unteren Rücken lehnte (während das übrige glückselig in dem Nest lag, das durch die Vertiefung zwischen den beiden Pobacken gebildet wurde), als würde dieser Kopf hin und wieder einen Sprung machen und klopfen, es war, als würde er sagen: Öffne mir, öffne mir, um Himmels willen öffne mir, und jedes Klopfen hallte in ihrem ganzen Körper wider wie in einem leerstehenden Haus. Michilino tat das Vögelchen jetzt weh, gelegentlich nahm er es in eine Hand und versuchte, es in eine bessere Lage zu bringen, denn er hatte begriffen, daß es weniger schmerzte, wenn es an einer weicheren Stelle der Cousine lag. Und Marietta versuchte, durch einen Stoß mit ihrem Hinterteil den Stab zu entfernen, doch am Ende befand sie sich in einer schlimmeren Lage als zuvor. Nachdem beide eine halbe Stunde lang recht und schlecht ihre Position zu finden versucht hatten, fing Michilino an zu klagen: »Er tut mir weh! Maria Santa, wie weh er mir tut!« Inzwischen war Marietta am Ende. Sie konnte sich einfach nicht das Bild von der Scheune aus dem Sinn schlagen, als Balduzzo sie aufgefordert hatte, sich in die Schäfchenstellung zu bringen. Und Michilino, der seinen Arm um sie gelegt hatte, kam es vor, als würde er einen immer mehr auflodernden Holzscheit umarmen, so groß war die Hitze, die der Körper der Cousine aussandte. »Mach, daß es vergeht, Mariè! Mariè, hab Erbarmen, mach, daß es vergeht!« »Geh und halt ihn unter kaltes Wasser.«, »Das hilft nicht.« »Versuch’s noch mal und halt ihn länger drunter.« Michilino gehorchte. Er blieb an die zehn Minuten unter dem laufenden Wasserhahn. Er hatte sich auch das Nachthemd ausgezogen. Das Wasser war so kalt, daß die Hand, wenn er sie darunter hielt, gefühllos wurde. Doch das Vögelchen wurde nicht nur nicht gefühllos, sondern schien sogar noch kräftiger zu werden. Es war ganz blau geworden. Nichts. Als einziges blieb nur, die Cousine zu bitten, auch für ihn das zu tun, was sie für den gottseligen Balduzzo getan hatte, der bei der Eroberung von Makallé gefallen war. Er kehrte in die Kammer zurück. Doch bevor er über Marietta hinwegsteigen konnte, hörte er, daß sie wieder so klagte wie neulich. Er reckte den Hals, beugte sich vor, um zu sehen: Die Cousine hatte das Licht angemacht. Sie lag nackt auf der Bettdecke, eine Hand zwischen den Beinen, die andere auf ihren Brüsten. Ihre Augen waren geschlossen, aber sie schlief nicht, sie kratzte sich an der bestimmten Stelle, wo es sie wohl ein bißchen juckte. Sie hielt inne, als sie ihn kommen hörte. »Ist es weggegangen?« »Nein.« Marietta drehte den Kopf, um den Cousin zu betrachten: Er hatte das Nachthemd nicht angezogen, und an dem Vögelchen, dem Bauch, den Beinen lief Wasser herunter. Sie drehte sich auf die Seite, sah aber weiter den Jungen an. Auch Michilino sah sie an und erschrak fast, denn die Augen des Mädchens waren ganz dunkel und trüb geworden, den Mund hatte sie so verzogen, daß es aussah, als würde sie lachen, aber das tat sie nicht. Sie hob langsam die rechte Hand. »Komm her.« Michilino kam näher, bis er fast den Bettrand erreicht hatte. Marietta stieß ein Lachen aus, das dem Jungen bösartig vorkam., »Bei deinen Werken der Barmherzigkeit gibt es ja vielleicht auch das, das sagt: Wichs’ ihn dem, der einen Ständer hat?« »Nein«, sagte Michilino. »Und außerdem versteh’ ich auch gar nicht, was das bedeutet.« Marietta nahm den Mast in die Hand, schloß sie und fing an, die Haut des Vögelchens vor und zurück und vor und zurück zu schieben. Haargenau so wie Professore Gorgerino, als sie Spartanisches machten! Sieh nur, wie eigentümlich! Irgendwann sagte Marietta, die wie eine Mantis atmete: »Mein Arm ist müde geworden. Schluß jetzt.« Aus Michilinos Augen kullerten Tränen, die so groß wie Erbsen waren. »Ich sterbe vor Schmerzen, Mariè! Ich flehe dich an, hilf mir doch!« Marietta atmete tief ein. »Der Herr ist mein Zeuge«, sagte sie. »Für was?« »Daß ich versucht habe, diese Sache nicht zu tun.« »Was für eine Sache?« »Schluß mit der Fragerei. Komm, leg dich auf mich, wie neulich.« Michilino stieg behende zuerst aufs Bett und dann auf den kochenden Körper der Cousine. Marietta streckte die Hand aus, nahm vorsichtig den Mast und steckte ihn ganz langsam hinein. Dabei machte sie: »Ah! … Ah!« bei jedem Zentimeter, der in sie eindrang. Michilino spürte, wie das Vögelchen in Marietta hineinrutschte, die ganz feucht war, und dann war es, als würde der, wie hieß er noch gleich, der Pirripipacchiu ihn ganz von alleine aufnehmen, wie ein Mund, der ihn verschlang. »Heilige Muttergottes«, sagte Marietta halb laut, als das Vögelchen ganz eingedrungen war. Und sie blieb regungslos liegen wie eine Tote., »Und was mache ich jetzt?« fragte Michilino. »Heh?«, sagte Marietta, als wenn sie von einem fernen Ort zurückkehren würde, zu dem ihre Gedanken sie getragen hatten. Sie lächelte wie eine Katze, die aufgehört hatte zu fressen. »Was tue ich jetzt?« »Hör mir gut zu. Jetzt bewegst du dich zurück, aber achte darauf, daß du den Kopf des Vögelchens nicht herausläßt, und danach steckst du ihn mir wieder rein, und zwar mit aller Kraft, die du hast. Wiederhole dieses Rausziehen und Reinstecken sechs oder sieben Mal, dann geht es ganz sicher vorüber.« »Eins.« »Ah!« »Zwei.« »Ah. Ah!« »Drei.« »Ah. Ah. Ah!« »Vier.« »Ah. Ah. Ah. Ah!« »Fünf.« »Ah. Ah. Ah. Ah. Ah.« »Sechs.« »Ah. Ah. Ah. Ah. Ah. Ah.« »Sieben.« »Aaaaaaaahhhhhhh!« Marietta schien verrückt geworden zu sein, sie zog mit beiden Händen an Michilinos Haaren, begann ihren Kopf aufs Kissen zu schlagen, nach rechts, nach links. Ihr Körper lag nur auf dem Hals und auf den Fersen auf. Danach entspannte sie sich. »Acht«, sagte Michilino. »Ah!«, »Neun.« »Ah. Ah!« »Zehn.« »Ah. Ah. Ah!« »Elf, zwölf, dreizehn, vierzehn, fünfzehn, sechzehn, siebzehn, achtzehn, neunzehn, zwanzig, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig, fünfundzwanzig, sechsundzwanzig, siebenundzwanzig …« »Ah Gott! Ah Gott! Ah Goooooott!« »Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren.« »Warum hast du aufgehört? Ich spreche ihn nicht mehr aus, hör nicht auf, mach weiter, mach weiter …« »… achtundzwanzig, neunundzwanzig …« »… und hundert.« »Grrr … Asch … tot … noch mal … au, tot!« »Hundertzwanzig, hunderteinundzwanzig …« »So, ja, so, ja, so, ja …« »Hundertzweiundsiebzig, hundertdreiundsiebzig.« »Ah, mein süßer Verlobter! Oh Blut meines Blutes! Ah, mein Herz! Weiter, weiter, weiter, weiter, amore mio …« Irgendwann lagen sie quer. Mariettas Haare, ihr Kopf rückwärts aus dem Bett, streiften über den Boden. Irgendwann fanden sie sich in umgekehrter Richtung, mit den Füßen am Kopfende und den Köpfen da, wo die Füße hingehörten. Irgendwann fiel Marietta zu Boden und riß auch Michilino mit sich, der immer noch auf ihr ritt. Irgendwann rutschten sie über den Boden und befanden sich im Eßzimmer. Irgendwann rutschten sie immer noch und landeten unter dem, Tisch, der nicht abgeräumt worden war, und Marietta zog am Tischtuch und ließ Teller, Flaschen, Gläser und Besteck auf den Boden segeln. Irgendwann, als sie im Hausflur waren, sagte Marietta nichts mehr, sie wehklagte in gewisser Weise mit geschlossenem Mund, beständig, wie es manchmal Tauben machen. Irgendwann stieß Mariettas Kopf an die Badezimmertür, und der Stoß war so, als brächte er sie zum Erwachen, ihr Klagen hörte auf, sie sagte: »Schluß jetzt. Ich bin kaputt.« Michilino war es zwar noch nicht vergangen, nur daß es ihm nicht mehr so weh tat, seit er in Marietta war, und daher sagte er, ohne ihn herauszuziehen: »Können wir eine halbe Stunde ausruhen in der Stellung, die wir jetzt haben?« Marietta antwortete nicht, sie schlief halbtot vor Müdigkeit. Als Marietta aufwachte, begann es zu tagen. »Los, verschwinden wir von hier, Onkel Giugiù kann jeden Augenblick zurückkommen.« Michilino sah mit Zufriedenheit, daß er keinen Ständer mehr hatte. Marietta stand mit Mühe vom Boden auf und ging mit breit auseinandergestellten Beinen. »Tut mir das weh, ich bin ganz geschwollen.« Sie legten sich ins Bett und sanken in tiefen Schlaf. Bis sie durch Papàs Geschrei aufgeweckt wurden. »Was ist denn hier los gewesen in der Nacht?« Sie standen auf. Papà stand im Eßzimmer und betrachtete sich die Zerstörung von Tellern, Gläsern, Flaschen und Besteck auf dem Boden. »Entschuldige, Onkel Giugiù«, sagte Marietta. »Als ich ins Bad ging, ist ein Schwindel über mich gekommen, da hab’ ich, mich am Tischtuch festgehalten und …« Sie hielt inne, denn Onkel Giugiù hörte gar nicht mehr auf, sie anzusehen, sie, Marietta, im Nachthemd, war wirklich eine Augenweide. Verschämt bedeckte sie ihre Brüste mit der Hand. Papà lächelte sie an, sie lächelte ebenfalls. Papà ging zu ihr, führte eine Hand unter ihr Kinn und hob ihren Kopf. »Ist dir nicht wohl?« Marietta hatte unter ihren Augen zwei schwarze Ringe. »Doch, nur daß ich diese Nacht kein Auge zugetan habe, vielleicht, weil ich zuviel gegessen und getrunken habe und daher …« »Ich hab’ auch nicht gut geschlafen«, schaltete sich Michilino ein. Keiner kümmerte sich darum, weder Papà noch Marietta. »Nur deshalb?« fragte Papà maliziös. Marietta wurde ganz rot. »Aus welchem anderen Grund denn sonst, deiner Ansicht nach?« »Na ja«, sagte Papà immer noch maliziös. »Der eine oder andere Gedanke …« »An was?« »An den einen oder anderen Jungen.« »Ich habe keinen Jungen«, sagte Marietta hart. »Hast du heute nacht gewonnen oder verloren, Papà?« fragte Michilino. »Verloren.« »Viel oder wenig?« »Viel.« »O du Armer«, sagte Marietta. Sie ging zu ihrem Onkel und streichelte sein Gesicht. Papà, nahm ihre Hand und küßte ihre Handfläche. In diesem Augenblick spürte Michilino wegen der Bewegung, die Marietta gemacht hatte, den Duft. Er kam von Mariettas Körper, ein Schweißduft, ein Puderduft, Oreganoduft und noch ein anderer Duft, den er vorher noch nie wahrgenommen hatte. Auch Papà hatte ihn bemerkt, denn er stand mit weit geöffneten Nasenflügeln neben Marietta und genoß diesen herrlichen Duft einer Frau. Am Abend des vierten Tags im Januar sagte Papà, daß er am nächsten Morgen früh nach Palermo fahren müsse und erst am Epiphaniastag wieder komme, um die Essenszeit. Sie gingen bald schlafen. Es schlug fünf Uhr in der Frühe, als Michilino wach wurde, weil er spürte, daß Marietta aufstand. »Wohin gehst du?« »Ich geh’ deinen Vater verabschieden, der wegfährt, ich mache ihm einen Mokka.« Was war das denn? Fühlte sie sich jetzt plötzlich nicht mehr wie eine Magd? Michilino schlief wieder ein, zufrieden über die Wandlung der Cousine. »Begleitest du mich zum Einkaufen? Ich muß auch die Sachen für morgen einkaufen, da ist Feiertag«, fragte Marietta, nachdem sie die Betten gemacht und die Wohnung gesäubert hatte. Als sie im Geschäft von Don Pasquale Vesuviano waren, einem Neapolitaner, der Käse und Salami verkaufte, die Papà sehr mochte, wollte es das Unglück, daß die Witwe Sucato eintrat, Signora Clementina. Sie lächelte Michilino an und streichelte ihm über den Kopf. Dann, während der Neapolitaner in den hinteren Raum gegangen war, um Mortadella zu holen, fragte sie halblaut und lächelnd Marietta: »Bist du es jetzt, Mariè, die Giugiù Sterlini die Hörner abraspelt?« »Reden Sie nicht in dieser Weise vor dem Kleinen!«, »Kleinen? Michilino? Wenn du wüßtest, was er mir einmal unter dem Eßzimmertisch gemacht hat!« »Das ist nicht wahr! Sie sind es gewesen, die …« Michilino wollte erklären, doch Marietta gab ihm keine Zeit dafür. Sie ließ die Packung, die sie in der Hand hielt, auf den Boden fallen und verpaßte der Witwe einen kräftigen Schlag ins Gesicht, die mit diesem Überraschungsangriff nicht gerechnet hatte, daher nach hinten fiel und in einem Stapel Tomatendosen landete, die wie eine Pyramide aufgeschichtet waren. Die Dosen flogen überallhin, der Neapolitaner kam aus dem hinteren Raum zurück und ließ als erstes das Rollgitter herunter. Indessen war die Witwe wieder aufgestanden und es war ihr gelungen, Marietta bei den Haaren zu packen. Marietta schrie, aber dann versetzte sie der Witwe einen Tritt in den Bauch. Michilino hatte sich hinter dem Tresen in Sicherheit gebracht und hob gelegentlich den Kopf, um zu beobachten. Der Streit zwischen den Frauen hörte auf, weil der Neapolitaner, ein großer, kräftiger Mann, die Witwe packte, sie zur Tür schleifte, das Rollgitter ein wenig anhob und sie hinauswarf. »Geht ihr jetzt mit euren eigenen Füßen«, fragte der Neapolitaner dann Marietta und Michilino, »oder soll ich euch rauswerfen?« Sie gingen mit ihren eigenen Füßen. Irgendwann auf dem Markt bekam Marietta einen Lachkrampf. »Warum lachst du?« »Nichts weiter, es ist nur die nervliche Anspannung.« Auch Mamà hatte einmal so lachen müssen, als sie mit ihm zu Padre Burruano ging. Warum nur lachten Frauen, wenn sie nervlich angespannt waren? Auch die Witwe hatte gelacht, kurz bevor sie den Streit anfing. »Mariè, wenn wir wieder zu Hause sind, erinnere mich daran, daß ich dich etwas fragen muß, aber vergiß es nicht.«, Zu Mittag trank Marietta vier oder fünf Glas Wein. Diese Gewohnheit hatte sie seit einiger Zeit angenommen. Sie mochte es, angeheitert vom Tisch aufzustehen. Michilino erinnerte sich, daß er die Cousine etwas fragen wollte, aber ihm wollte nicht mehr einfallen, was es war. Plötzlich sagte Marietta leicht errötend: »Neulich nachts, als dir die Sache mit dem Vögelchen passiert war, hast du gesagt, daß das so gekommen wäre, weil Onkel Giugiù dir etwas gesagt hatte.« »Ja.« »Erinnerst du dich, was?« »Ja. Daß Maraventano erschossen würde, der Schneider, der seinen Sohn ermordet hat.« »Deswegen?« fragte Marietta verwundert. »Deswegen.« »Das bedeutet, daß, wenn du hörst, jemand muß sterben, dann wird …« »Nein, nur bei Maraventano.« »Wieso?« »Weil er Kommunist ist … ich meine: war.« Marietta fing an zu lachen. »Wenn es also wieder so werden soll wie neulich nachts, dann muß ich einen Kommunisten umbringen?« »Nein, es reicht, wenn du eine Schallplatte mit einer Rede von Mussolini auflegst.« »Ach ja, richtig, das hattest du mir ja schon gesagt. Aber das glaub’ ich nicht.« »Dann probier’s doch.« Marietta stand auf und ließ das Lachen hören, das Frauen bekommen, wenn sie nervlich angespannt sind. Sie öffnete das Radio, hob den Deckel hoch und legte eine der drei heilen, Schallplatten mit den Reden Mussolinis auf. Sobald Michilino die Stimme hörte, sagte er: »Mach’s ein klein bißchen lauter.« »Aber es ist doch schon so laut.« »Ich brauch’s ein bißchen lauter. Hab keine Angst, keiner kann uns hören.« Während Mussolinis Stimme im Zimmer dröhnte, stand Michilino auf. Und Marietta sah zuerst einen Höcker, der sich vorne bei dem Jungen bildete, dann löste sich der Höcker auf und wurde zu einer Art Schlange, die gegen den Stoff preßte und drohte, die Hosenknöpfe aufzusprengen. Wie unter einem Zauber, kam Marietta zu Michilino, hockte sich vor ihn hin und begann, ihn vorsichtig aufzuknöpfen. »… die demoplutojüdischen Kräfte, die verhindern wollen, daß unser Volk den Platz erobert, den …«, sagte Mussolini. Sie hatte den letzten Knopf noch nicht aufgemacht, da schoß die Schlange bedrohlich aus ihrem Versteck hervor, und Marietta mußte zur Seite springen, um nicht im Gesicht getroffen zu werden. Mussolinis Redeweise zeigte ihre Wirkung, soviel war gewiß, aber bei weitem nicht die, die die Mitteilung von der Erschießung Maraventanos hervorgerufen hatte. Und nachdem sie es in der gewohnten Stellung gemacht hatten, bat Marietta Michilino, sich rücklings hinzulegen, und sie bestieg ihn wie ein Pferd. Danach wollte sie es noch einmal so machen wie mit Balduzzo, und sie nahm, wie man das allgemein nennt, die Schäfchenstellung ein, doch so sehr sie auch auf dem Bett probierte, es gelang nicht, denn der Größenunterschied zwischen ihr und Michilino war beträchtlich. Da stieg sie herunter und machte die gleiche Stellung auf dem Boden. Und diesmal gelang es ihnen nach einigem Hin und Her, sich ineinander zu verhaken. Marietta tat, als würde sie abgestochen, irgendwann fing sie an mit der Stirn auf den Boden zu schlagen und gelegentlich den Boden abzulecken. In dieser Stellung reichten, ihre Pobacken noch höher, und Michilino mußte sich, um weiterzumachen, auf die Zehenspitzen stellen und sich an Mariettas Hüften festklammern. Da war es, daß Michilino eine Art Jucken in seinem Vögelchen verspürte, während er sich vor und zurück bewegte, ein Jucken, das immer stärker wurde, immer stärker, weshalb es notwendig war, das Vögelchen in Mariettas Innerem zu kratzen. Die Schallplatte war schon vor einer ganzen Weile abgelaufen, als Marietta mit verzweifelter Stimme sagte: »Beiß mich, Michilì, beiß mich! Um Himmels willen, beiß mich doch!« »Wo?« »Wo’s dir unter die Zähne kommt.« Michilino, der aufrecht stand, reckte sich über den ganzen Körper der Cousine, um nur ja nicht herauszurutschen. Sein Mund gelangte bis leicht oberhalb der Hüften, genau da, wo sich ein Fleischwulst befand. Er öffnete den Mund und biß. »Ahhhhhhhhh! Fester, fester!« sagte Marietta. »Beiß mich noch fester!« Michilino biß hinein wie ein Verhungernder, dann wollte er den Mund gerade wieder öffnen, um das Fleisch wieder loszulassen, als Marietta ihm sagte: »Beiß mich noch mal und noch mal und noch mal!« Michilino hatte den Geschmack von Mariettas Blut im Mund. Und dann legte er los. Er verbiß sich so fest wie ein wild gewordener Hund, und wie ein wild gewordener Hund riß er den Kopf nach rechts und links und versetzte Marietta so feste Stöße, daß es ihn selber überraschte, dazu fähig zu sein. In Marietta gab es Nasses, so viel Nasses, daß es ihr an den Beinen herunterlief. Michilino gab sich der Hoffnung hin, daß dieses Nasse Blut sein würde wie neulich, und der Gedanke daran vergrößerte die Wucht seiner Stöße. Und ganz plötzlich, als Marietta, die keine Stimme mehr hatte, nur noch grrrgrrrgrrr mit ihrer Kehle machte, daß man meinen konnte, sie würde gurgeln, spürte Michilino eine große, Hitzewallung aus dem Vögelchen aufsteigen, in seinen Bauch dringen, in seine Brust, in seinen Kopf, in sein Hirn und danach hinten wieder hinuntersteigen, entlang der Wirbelsäule bis hinab zu den Fersen. Diesmal war er es, der aus Leibeskräften schrie. Er verharrte eine Weile regungslos und zog es dann heraus. Marietta fiel bäuchlings auf den Boden, sie war wie tot. Das Vögelchen war nun nicht mehr hart. Michilino ging in die Küche, er brauchte ein Glas Wasser. Er hielt das Glas unter den Wasserhahn, den er aufgedreht hatte, das Glas füllte sich, doch Michilino nahm es nicht weg, er blieb mit ausgestrecktem Arm stehen, das Wasser floß über und weiter über. Michilino war zu einer Statue geworden. Es war kein Kampf. Das, was Papà und Mamà nachts taten, wenn einmal Papà über Mamà war, ein anderes Mal Mamà über Papà oder Mamà auf allen vieren und Papà hinter ihr, das war kein Kampf, bei dem der Stärkere den Schwächeren unter sich begrub, nein, nein, es war ganz haargenau das gleiche, was er und Marietta gerade eben gemacht hatten. Und das war was? Wie hieß das? Endlich rührte er sich, trank das Wasser und setzte sich auf einen Stuhl. Er wollte darüber nachdenken, wie die Dinge sich verhielten, doch in diesem Augenblick kam Marietta herein, die sich den Unterrock angezogen hatte. »Du bist ja ganz verschwitzt, Michilì! So, wie du bist, erkältest du dich! Und ich will nicht, daß mein Verlobter krank wird. Geh dich waschen, und zieh dich dann an.« Sie ging zu ihm, sie strich ihm mit der Hand über die Haare, und mit derselben Hand streichelte sie flüchtig das Vögelchen, das wieder normal war. Heilige Muttergottes, wie Marietta nach Frau duftete! Sie duftete so sehr, daß Michilino einen Brechreiz aus seinem Bauch bis in die Kehle aufsteigen fühlte. Besser, wenn er aus der Küche ging. »Ja, ich geh’ mich waschen.«, »Beeil dich, nach dir will ich auch noch hinein.« Nachdem auch Marietta gewaschen und angezogen war, bat Michilino sie, mit ihm ins Eßzimmer zu gehen, weil er sie etwas fragen wollte. Sie setzten sich, aber Michilino wußte nicht, wo er anfangen sollte. »Also?« sagte Marietta. »Denk dran, wir müssen noch weg und die Kniestrümpfe bei mir zu Hause und bei deinem Nonno Filippo anheften.« »Mariè, ich bitte dich, klar und offen mit mir zu reden. Versprichst du mir das?« »Das versprech’ ich dir.« »Mariè, manchmal, nachts, kommt es vor, daß ich aufwache und Papà und Mamà genau das gleiche machen sehe, was wir beide neulich und heute nach dem Mittagessen gemacht haben.« Marietta lachte ein bißchen und wurde rot. »Und was verwundert dich daran so?« »Ich dachte, sie würden miteinander kämpfen.« Diesmal mußte Marietta aus vollem Herzen lachen.»Aber warum hätten sie denn kämpfen sollen?« »Weil so jeder den anderen für die Sünden büßen ließ, die er während des Tages begangen hatte.« »Nein, Michilì, so büßt man keine Sünden. Und du, der du doch ein Junge der Kirche bist, solltest das eigentlich wissen. Was dein Vater und deine Mutter getan haben, ist etwas, wovon die Kirche will, daß sie es tun, das ist die Art, wie Kinder gemacht werden. Wußtest du das nicht?« »Nein.« »Doch wenn man das tun will, muß man verheiratet sein. Dann ist es keine Sünde.« »Und wie nennt man das?«, »Je nachdem.« »Je nachdem von was?« »Wenn man verheiratet ist, nennt man das Liebemachen.« »Und wenn man nicht verheiratet ist?« Marietta zögerte ein kleines bißchen. »Na, dann nennt man das Vögeln oder Ficken.« »Dann haben wir beide also gevögelt oder gefickt.« »Ach woher!« platzte Marietta heraus. »Wir beide haben weder gefickt noch gevögelt, noch unanständige Dinge getrieben.« »Halt!« schrie Michilino beinahe. »Was hab’ ich denn gesagt?« fragte Marietta verblüfft. »Erklär mir einfach nur, was unanständige Dinge sind.« »O heilige Muttergottes! Unanständige Dinge sind auch das, was wir getan haben oder dein Vater und deine Mutter, wenn man es mit einem oder einer tut, der nicht dein Ehemann oder die nicht deine Ehefrau ist.« »Wieso hast du ›auch‹ gesagt?« »Weil unanständige Dinge zwischen einem Mann und einem anderen Mann getan werden können, man kann sie alleine tun, indem man sich berührt, man kann es mit Tieren tun, man kann es mit …« »Warte«, sagte Michilino. Und er überlegte. Er und Gorgerino hatten keine unan- ständigen Dinge getan, auch wenn es so aussah, denn sie hatten ja spartanische Dinge getan, was etwas ganz anderes war und damit keine Sünde. Als er sich, was diesen Punkt betraf, vergewissert hatte, bohrte er weiter. »Dann sag mir, warum wir beide deiner Meinung nach keine unanständigen Dinge getan haben.« »Das hab’ ich dir schon neulich gesagt, und ich wiederhole es gerne. Wenn zwei sich verlobt haben wie ich mit dir oder sich, wirklich lieben, dann machen sie, wenn sie es machen, Liebe, so, wie wenn sie verheiratet wären. Und aus.« »Schon, aber weil sie eben noch nicht verheiratet sind, ist es Sünde.« »Aber eine leichte, eine läßliche Sünde.« »Aber es wäre jedenfalls besser, keine Sünde zu begehen, auch keine läßliche.« Marietta wußte nicht, was sie antworten sollte. »Und daher«, fuhr Michilino fort, »ist es besser, wenn wir nicht mehr tun, was wir heute getan haben, und wir tun es erst wieder, wenn wir verheiratet sind. Oder ich rede mit Padre Jacolino darüber und lasse mir Dispenz erteilen.« »Padre Jacolino gibt dir diese Dispenz nicht.« »Dann bedeutet es, daß wir beide nichts mehr machen.« »Wie du willst.« Marietta setzte eine eisige Miene auf. »Sind wir am Ende? Können wir gehen?« Und endlich fiel Michilino wieder die Frage ein, die er Marietta schon seit dem Vormittag stellen wollte. »Erinnerst du dich an das, was die Witwe Sucato dir in dem Geschäft des Neapolitaners gesagt hat?« »Ich erinnere mich nicht an das, was diese alte Sau mir gesagt hat.« »Sie hat dich gefragt, ob du jetzt meinem Vater die Hörner abraspelst.« »Ja, damit ging es los.« »Mariè, was bedeutet das, mein Vater hätte Hörner? Heißt das, daß er gehörnt ist?« »Ja.« »Was bedeutet das: Ein Mann ist gehörnt?« »Das bedeutet, daß seine Frau ihm Hörner aufgesetzt hat,, indem sie mit einem anderen Mann zusammen war.« »Dann bedeutet das nach Meinung der Witwe Sucato, daß meine Mutter meinem Vater Hörner aufgesetzt hat, indem sie mit einem anderen Mann ging?« »Ja.« »Und dieser Mann war Padre Burruano?« »Ja«, sagte Marietta entschlossen und blickte ihm in die Augen. Sie hatte die Entscheidung getroffen, daß es besser war, Michilino den ganzen Vorgang zu erzählen, auch wenn es im Streit enden sollte. Michilino aber war ruhig und sicher, er wollte alles über die Angelegenheit wissen und sich danach ein eigenes Bild machen. »Erzähl mir, was vorgefallen ist.« »Dein Vater hatte eine anonymen Brief erhalten.« »Was bedeutet das?« »Das bedeutet, daß der Brief nicht die Unterschrift des Briefschreibers trug. Darin stand, daß deine Mutter zu Hause Padre Burruano empfängt. Da stellte Onkel Giugiù eine Falle, er sagte, er müsse nach Palermo fahren, in Wahrheit aber blieb er hier. Zu einer bestimmten Zeit, als du zum Unterricht und hinterher im Filmtheater warst, tauchte er hier auf und fand vor, was er vorfand.« »Sag’s.« »Dann sag’ ich’s dir eben. Er fand deine Mutter nackt auf dem Sofa im Wohnzimmer vor, die mit dem Pfarrer unanständige Dinge trieb. Da wurde er wütend und schlug ihn krankenhausreif.« »Gab er Mamà auch Prügel?« »Deiner Mutter nicht. Deine Mutter versuchte, ins Schlafzimmer zu rennen, stürzte aber und tat sich weh. Sie zog sich an und lief fort, während dein Vater Padre Burruano weiter mit Schlägen und Tritten traktierte. Aus Wut schlug er das halbe, Haus zusammen.« Michilino dachte über das nach, was Marietta ihm gerade erzählt hatte. »Also, können wir jetzt gehen, wo du alles weißt, was du wissen mußtest?« »Nein. Du hast gesagt, Papà hätte Mamà vorgefunden, die unanständige Dinge mit dem Pfarrer tat. Stimmt’s?« »Ja.« »Aber wenn Mamà in den Pfarrer verliebt war, tat sie doch gar keine unanständigen Dinge, sondern machte Liebe. Und ich begreife, wo ich jetzt darüber nachdenke, daß sie in Padre Burruano verliebt war.« »Und wo bleibt da dein Vater? Deine Mutter ist mit deinem Vater verheiratet. Ihm mußte sie treu bleiben und sich nicht vom Pfarrer durchvögeln lassen!« »Sag nicht vögeln. Es ist ja möglich, daß sie sowohl in Papà als auch in den Pfarrer verliebt war, die Arme!« »Die Arme? Eine Hure war sie!« Michilino sah sie kalt an. Marietta hatte sich erhitzt und stank, sie stank nach einer Frau, die eine Sau war. »Du«, sagte Michilino, »du wirst nicht mehr mit mir sprechen. Und du wirst auch keinen Umgang mehr mit mir haben. Denn du bist ein stinkender, verkommener Mensch, deine Seele ist schwarz, schwarz wie Tinte.« Wachsgelb und steif stand Marietta auf, ging auf ihn zu und versetzte ihm eine schallende Backpfeife.,

Acht

Als sie fortgingen, sagte Marietta, daß sie schon vorausgehen und bei sich zu Hause auf ihn warten würde. Michilino ging alleine zu Nonno Filippo und Nonna Agatina, um den Knie- strumpf in der Küche anzubringen, der am nächsten Morgen voll mit Süßigkeiten sein würde, mit Schokoladenmünzen, Sandplätzchen, süßen Brezeln und ein paar Stückchen Kohle, um für die Male zu büßen, die er ungehorsam war. Dann ging er zum Haus von Onkel Stefano und Tante Ciccina. Marietta war nicht zu sehen, vielleicht war sie in ihrem Zimmer. Er hängte den zweiten Kniestrumpf in die Küche und sagte dann, sie müßten nach Hause zurückkehren. »Aber woher!« sagte Onkel Stefano. »Du und meine Tochter eßt und schlaft hier, schließlich kommt Giugiù erst morgen wieder, das hat mir Marietta gesagt. Morgen früh siehst du, was dir die Befana gebracht hat, dann gehst du bei Nonno Filippo vorbei, und danach kehrst du nach Hause zurück, wo du ganz sicher Giugiù vorfinden wirst.« Zur Essenszeit präsentierte sich Marietta mit langem Gesicht und mürrisch. Sie sagte nichts zu Michilino, der wiederum nichts zu ihr sagte. Onkel Stefano bemerkte das. »Habt ihr euch gezankt?« fragte er lächelnd. Eine Antwort bekam er nicht. »Los, macht schon, vertragt euch wieder«, beharrte er. »Wir vertragen uns wieder, wenn die Zeit gekommen ist«, sagte Marietta finster. »Und wann ist die Zeit gekommen?« fragte Michilino herausfordernd. »Wenn sie gekommen ist, wirst du’s schon merken.« »Und wenn ich’s nicht merke?«, »Ich werde schon dafür sorgen, daß du’s merkst.« »Dann ist die Sache also ernst«, rief Onkel Stefano und tat so, als wäre er furchtbar beängstigt. Aber er kam nicht mehr darauf zu sprechen. Als die Stunde gekommen war, schlafen zu gehen, zogen sie sich still aus und sahen sich nicht an. Michilino stieg als erster ins Bett und drehte sich mit dem Gesicht zur Wand. Sie wünschten sich nicht einmal eine gute Nacht. Michilino verbrachte dann auch keine gute Nacht, er war gezwungen, steif wie ein Brett zu liegen, um seine Cousine nur ja nicht zu berühren. Und nicht nur deswegen, sondern auch, weil Mariettas Haut in der Wärme des Bettes anfing, einen Duft von Frau auszusenden. Und dieser Duft löste bei Michilino inzwischen einen Brechreiz aus. Er mußte unbedingt den Mut finden, alleine zu schlafen. In dem Strumpf von Onkel Stefano fand er zwei Münzen von jeweils zwanzig Cents vor, in dem von Nonno Filippo fand er nur eine einzige, aber die war eine halbe Lira. Danach gingen Marietta und Michilino nach Hause, sprachen aber immer noch nicht. Sobald sie die Tür geöffnet hatten, sah der Junge, daß Papàs Mantel und Hut da hingen. Und Papà, der sie ins Haus kommen gehört hatte, rief ihn aus dem Schlafzimmer. Er lag angezogen auf dem Bett. »Ich habe mich ein bißchen hingelegt, weil ich so müde war. Zieh dir die Schuhe aus und klettere zu mir.« Als Michilino neben ihm lag, umarmte Papà ihn und gab ihm einen Kuß. »Wo ist Marietta?« »Wohl in ihrer Kammer.« »Marietta!« rief Papà. »Ich komme, ich komme, ich zieh mich nur um!«, Sie erschien in einer halb geöffneten Bluse, durch die man den Büstenhalter sehen konnte. »Warum hast du dich hingelegt, Onkel Giugiù? Bist du ermüdet?« »Ja.« Und während Marietta sich über ihn beugte, um ihm einen Kuß zu geben, packte Papà sie am Arm und zog so lange daran, bis das Mädchen neben ihm saß, genau auf dem Bettrand. Papà legte eine Hand auf ihren Schenkel. »Hat Michilino dich geärgert?« »Nein«, sagte Marietta, »wir sind ein Herz und eine Seele. Stimmt’s nicht, Michilino?« Nein, er konnte keine Lüge erzählen, das beste war, von etwas anderem zu reden. »Weißt du, was ich im Strumpf von …« Papà schlug sich an die Stirn. »Ich hab’s ja völlig vergessen!« Er stand auf, ging zum immer noch verschlossenen Koffer, öffnete ihn, suchte einen Augenblick, zog seinen Strumpf hervor und zeigte ihn Michilino. Er sah leer aus. Papà knüllte ihn zusammen und warf ihn zu seinem Sohn hinüber, der ihn im Flug auffing. Michilino packte ihn an einem Zipfel und ließ ihn hin und her baumeln. Er war nicht leer, eine Münze fiel heraus, die übers Bett rollte und zu Boden fiel. Michilino erkannte sie an ihrem Silberklang. »Fünf Lire!« sagte er, sprang vom Bett hinunter und bückte sich, um sie zu greifen. Jetzt war er reich, er besaß zehn Lire und neunzig Cents. Papà hatte wieder angefangen, im Koffer herumzusuchen. Er zog noch einen Strumpf heraus, der ebenfalls leer aussah. Den zeigte er Marietta., »Für mich?« »Ja, Mariè, für dich. Die Befana will dir danken für alles, was du für Michilino und für mich tust.« Und er warf den Strumpf zu ihr hinüber. Marietta, die aufgestanden war, um ihn zu fangen, ließ, was in dem Strumpf war, in ihre linke Hand fallen. Es war eine kleine schwarze Schachtel. Marietta warf den Strumpf auf die Erde und machte die Schachtel auf. Drinnen waren zwei kleine Ohrringe, in ihrer Mitte je ein funkelnder Stein. »Sie sind aus Gold«, sagte Papà. »Hüte sie sorgsam.« Marietta sah aus wie erstarrt. Dann aber warf sie die Schachtel einfach aufs Bett, und mit einem Schrei des Glücks sprang sie auf Papà, legte beide Arme eng um seinen Hals und hielt sich an ihm fest. Papà war groß, und um ihr zu helfen, sich festzuhalten, umfaßte er sie und hielt sie auf dem Rücken, im unteren Bereich, fest. Marietta begann mit der Abküsserei des Gesichts, des Mundes, des Halses, dem Papà zunächst vergebens auszuweichen versuchte, sich danach aber, als er merkte, daß es sinnlos war, ergab und der Nichte freien Lauf ließ, die das weidlich ausnutzte. Bei diesem Anblick fühlte Michilino, wie er in Rage kam. Papà konnte sich ja überhaupt nicht vorstellen, wie gemein die da über Mamà geredet hatte! Und unversehens kehrten ihm die Worte der Witwe Sucato wie die Schneide eines Dolchs ins Gedächtnis zurück: »Bist du es jetzt, Mariè, die Giugiù Sterlini die Hörner abraspelt?« Ja, jetzt war es Marietta, die ihm die Hörner abraspelte, die Witwe hatte das geahnt. Und der Gehörnte ließ sie sich glücklich und zufrieden abraspeln. Bei Tisch machte er den Mund nicht auf, aber Papà schien das gar nicht wahrzunehmen, beschäftigt wie er war mit Scherzen und Lachen Marietta gegenüber, bei der das wenig Anmutige, das Launische und das lange Gesicht verflogen waren. Am Ende des Essens steckte sie sich die Ohrringe an., »Wie stehen sie mir?« fragte sie Papà. »Wunderschön!« sagte Papà. Er sah sie lange an. Dann hob er eine Hand und streichelte ihr das Gesicht. »Was für eine schöne Nichte ich habe!« Er wollte absolut sicher sein wegen dem, was er dachte. Nach dem Mittagessen ging Papà in den Club, und Marietta sagte, sie würde sich ein bißchen hinlegen, weil sie müde geworden sei. Michilino antwortete, daß auch er weggehen würde, um ein paar Schritte zu gehen. »Geh doch, wohin du willst, mich interessiert das nicht die Bohne«, war die Antwort der Cousine. Die Kirche war menschenleer, nicht einmal die üblichen alten Frauen waren da. In der Sakristei saß Padre Jacolino auf einem Stuhl und schlief schnarchend. Michilino hatte keinerlei Absicht, ihn aufzuwecken und ihm zu sagen, daß er beichten wollte, denn dann hätte der Geistliche ihn erkannt. Besser war es zu warten. Er saß ganz hinten und kontrollierte, wer vorbeiging. Und wirklich kam nach einer halben Stunde eine alte Frau, die sich umschaute und, weil sie niemanden sah, Michilino fragte: »Nimmt Padre Jacolino die Beichte ab?« »Das weiß ich nicht. Jedenfalls ist Padre Jacolino in der Sakristei.« Nach einer Weile kamen der Geistliche und die alte Frau aus der Sakristei. Der Geistliche ging in den Beichtstuhl, die Alte kniete sich hin. Als sie nach der Beichte aufstand, nahm Michilino rasch ihren Platz ein. »Ich will beichten.« »Dann beichte doch, wer hindert dich daran?« sagte Padre Jacolino übelgelaunt. Die alte Frau hatte ihn mit Sicherheit geweckt, als er selig schlief. »Hast du dich bekreuzigt?«, »Habe ich.« »Welche Sünden hast du begangen?« »Zuerst will ich etwas fragen.« »Nachher. Erst mal beichtest du.« »Wenn Euer Hochwürden mir keine Antwort gibt, weiß ich nicht, ob das, was ich getan habe, Sünde ist oder nicht.« »Mein Sohn, Zweifel dieser Art darf man nicht haben. Der Gebote sind zehn, da irrt man nicht. Welches Gebot ist es, das dir Kopfzerbrechen bereitet?« »Du sollst nicht Unkeuschheit treiben.« »Ah, das ist ein Gebot, das allen Kopfzerbrechen bereitet. Also dann, stell mir deine Frage.« »Wenn ein Mann und eine Frau verheiratet sind und diese Sachen tun, begehen sie dann eine Sünde?« »Aber woher denn! In der Ehe ist das nicht nur erlaubt, sondern es ist sogar eine Pflicht! Ja, man spricht dabei sogar von der Erfüllung der ehelichen Pflichten. Und eine verheiratete Frau muß es tun, wenn ihr Mann es will, sie kann sich nicht verweigern.« »Und wenn diese verheiratete Frau sich in einen anderen Mann als den Ehemann verliebt und mit ihm eheliche Pflichten erfüllt, ist das dann Sünde? Und wenn es Sünde ist, welche Art von Sünde ist es dann?« »Was stellst du dir eigentlich vor? Was legst du dir da zurecht? Wenn eine verheiratete Frau mit einem Mann geht, ganz gleich, ob auch er verheiratet ist oder ledig, erfüllt sie mit ihm nicht die eheliche Pflicht, sondern begeht Ehebruch! Und das ist eine Todsünde! Eine ganz furchtbar schlimme Todsünde! Diese Frau geht schnurstracks in die Hölle, mitsamt ihren Schuhen! Aber bist du denn, klein wie du bist, wie ich an deiner Stimme erkennen kann, mit einer verheirateten Frau gegangen?« »Nein.«, »Na, zum Glück!« »Kann ich eine weitere Frage stellen?« »Die letzte. Danach beichtest du.« »Wenn ein Junge und ein Mädchen verlobt sind, dürfen sie dann Liebe machen?« »Was heißt das, Liebe machen?« »Daß sie das gleiche tun wie Verheiratete.« »Oh nein, das dürfen sie so lange nicht, wie sie nicht verheiratet sind.« »Und wenn sie’s trotzdem tun?« »Dann machen sie keine Liebe, sondern treiben unanständige Dinge. Und sie begehen eine Sünde.« »Eine läßliche?« »Eine läßliche? Die Reinheit verlieren, die Unschuld verlieren, ist das eine läßliche Sünde? Das ist eine furchtbare Todsünde! Los jetzt, beichte, es reicht jetzt mit der Fragerei. Was denn nun? Was denn nun? Redest du jetzt oder nicht?« Da er keinerlei Antwort erhielt, steckte Padre Jacolino den Kopf aus dem Beichtstuhl. Die Kirche kam ihm verlassen vor. Da stand er auf und ging zurück in die Sakristei, in der Hoffnung, noch eine Viertelstunde schlafen zu können. Hinter einer Säule hockend, weinte Michilino aus tiefer Verzweiflung. Er war betrogen worden! Marietta hatte ihm Lügen erzählt, nur um ihn dazu zu bringen, unanständige Dinge mit ihr zu tun. Sie hatte ihn dazu gebracht, daß er seine Unschuld verloren hatte, seinen Fels, wie der Bischof Vaccaluzzo gesagt hatte. Und jetzt war er ein großer Sünder. Wie Mamà. Denn auch wenn Mamà in Padre Burruano verliebt war, durfte sie mit ihm keine unanständigen Dinge treiben. Er mußte unbedingt die Vergebung des lieben Herrn Jesus erlangen. Unbedingt. Und er mußte es so tun, daß auch Mamà, Vergebung fände. Doch je länger er über dieses Problem nachdachte, desto mehr gelangte er zu der Überzeugung, daß der liebe Herr Jesus nie und nimmer zwei Menschen gleichzeitig retten könnte, zwei große Sünder auf einen Schlag. Allenfalls, allenallenfalls hätte er es bei einem einzigen geschafft. Er merkte, daß er zitterte und ein paar Grad Fieber in ihm aufstiegen. Er steckte die Hände in die Manteltaschen, um sie aufzuwärmen, und in der rechten berührte die Hand die metallische Kälte des Taschenmessers. Da fiel ihm plötzlich die Lösung des Problems ein. Sie war ganz leicht. Er stand auf, kam hinter der Säule hervor und blickte um sich. Die Kirche war noch leer. Er kniete vor dem Gekreuzigten nieder und betete den Schmerzensreichen. Es kam ihm vor, als hätte er ihn schlecht gebetet, mit wenig Überzeugung. Er wiederholte ihn und wägte jedes Wort ab. Dieses Mal war es ihm zwar besser gelungen, aber es war immer noch nicht so, wie er es haben wollte. »Mein Gott, in Demut bereue ich …« Ja, so war es richtig. Er sagte es dreimal hintereinander, und jedesmal stieg das Fieber an. Danach stand er auf und ging bis zum Eingangsportal der Kirche. Er wandte sich zum Altar mit dem Gekreuzigten um, legte sich bäuchlings auf den Boden, streckte die Arme vor sich aus, streckte die Zunge heraus und begann, den Fußboden abzulecken, bewegte sich mit der Kraft seiner Arme vorwärts, immer ganz unterwürfig. Gelegentlich wurde die Zunge trocken, dann steckte er sie wieder in den Mund, um sie mit Speichel zu nässen und weitermachen zu können. Schließlich gelangte er zum Betstuhl vor dem Gekreuzigten. Er knöpfte sich den Mantel und die Jacke auf, ergriff das Taschenmesser, öffnete es und hielt es fest in der rechten Hand. »Lieber Herr Jesus, ich biete dir mein Leben im Tausch für das ewige Leben meiner Mamà. Wenn du uns nicht beide gleichzeitig erretten kannst, so errette sie allein.« Und er stieß sich das Taschenmesser ins Herz. In diesem, Augenblick sah der liebe Herr Jesus ihn an, lächelte ihm zu und blickte wieder zum Himmel. Anders als Michilino es sich vorgestellt hatte, spürte er keinen Schmerz, und Blut lief auch nicht viel. Möglich, daß er in wenigen Minuten tot sein würde. Es gelang ihm, das Taschenmesser aus dem Fleisch zu ziehen, und augenblicklich schoß das Blut heraus und verdreckte sein Hemd, seine Jacke und seinen Mantel. Er stand auf, um die Kirche zu verlassen, doch bei jedem Schritt nahm seine Kraft ab. Gleich vor dem Portal befand sich rechter Hand ein Loch mit einem Gatter darüber, das Regenwasser auffing. Er warf das Taschenmesser dort hinein. Denn als Toter würde es ihm nichts mehr nützen. Er machte noch vier Schritte, dann stürzte er auf die Erde, mit dem Gesicht nach unten. Wieder versuchte er aufzustehen, konnte sich auch auf ein Knie stützen, doch alles um ihn her begann zu schwirren. Erneut stürzte er hin, und diesmal in ein tiefes Dunkel. Das Dunkel riß gelegentlich auf. Beim ersten Mal fand er sich auf einem goldenen Thron sitzend, mit zwei Engeln an seiner Seite, einer spielte Violine und der andere blies Trillerpfeife. Der Thron schwamm mitten in einem Wolkenmeer, und aus diesen Wolken tauchte Mamà auf, die auf ihn zulief. Sie war blaß, nachlässig gekleidet, mit Haaren bis zu den Schultern. Kaum war sie auf der Höhe des Thrones, kniete sie nieder und sagte: »Heilig! Heilig! Heilig, mein Sohn, der du mich errettet hast vor dem ewigen Höllenfeuer um den Preis deines Lebens! Ich bin gerettet, mein heiliger Sohn!« Und sie weinte, glücklich und doch verzweifelt. Beim zweiten Mal, als das Dunkel aufriß, befand er sich am Sportplatz der Stadt. Noch war da das Fort, das für die Eroberung von Makallé aufgebaut worden war. Auf den Podesten stand Benito Mussolini, haargenau so wie in der Tönenden Wochenschau, die Hände an den Schenkeln, und er, hatte auf der einen Seite neben sich Papà und auf der anderen Seite den Zenturio Kommandeur Scarpin. »Balilla-Elitemusketier Sterlini Michelino!« rief Mussolini. Und er stieg auf die Podeste mit seinem hart gewordenen Vögelchen, was ihm aber gar nichts ausmachte, ja, die Menschen klatschten sogar in die Hände. Er war in Uniform und hatte seine Muskete bei sich. Und Mussolini beugte sich zu ihm herab und heftete ihm eine Medaille an die Brust. Das dritte Mal lag er wieder vor der Kirche. Aus der Wunde in seinem Herzen schoß Blut. Und der liebe Herr Jesus erschien, er machte eine Bewegung. Und auf diese Bewegung hin stellten sich die Erde, die Häuser, die Straßenlaternen quer, derart, daß er sich gewissermaßen in einer Ebene mit ihnen sehen konnte. Der liebe Herr Jesus schwebte über ihm und sah ihn lächelnd an: »Du, mein großmütiger Soldat! Du, tapferer Kämpfer meines unendlichen Heeres! Du, mit deiner Tat, hast nicht nur Mamà gerettet, sondern auch dich selbst! Ego te absolvo, Michilino!« Danach herrschte kein dichtes Dunkel mehr, sondern eine Art Helle, die immer lichter wurde. Er öffnete die Augen. Neben ihm saß auf einem Stuhl Papà. »Michilino!« »Ja, Papà.« Und Papà fing an zu weinen, seinen Kopf hatte er auf den Bettrand des Krankhausbettes gestützt, in welchem er, Michilino, lag, seit Tagen, seit vielen Tagen, der sterbende Sohn, der die Augen nicht öffnete und niemandem antwortete. »O Herr, ich danke dir! O Herr, ich danke dir!« sagte Papà inmitten all seiner Tränen. Am dritten Tag, nachdem er das Bewußtsein wiedererlangt hatte, verspätete Papà sich ein kleines bißchen. Michilino sah an seiner Stelle Nonno Aitano und Nonna Maddalena herantreten, die vor lauter innerer Bewegung gar, nicht sprechen konnten. »Und Mamà kommt mich nicht besuchen?« war Michilinos erste Frage. »Ernestina haben wir nichts erzählt von dem, was dir zugestoßen ist«, sagte Nonno Aitano. »Wir haben Angst gehabt, die Nachricht könnte einen Rückfall bei ihr auslösen, jetzt, wo sie sich zu erholen beginnt«, erklärte Nonna Maddalena. »Doch sobald es ihr besser geht, sagen wir’s ihr.« »Du wirst schon sehen, früher oder später kommt sie wieder«, meinte Nonno Aitano tröstend. »Erst muß sie Frieden mit Papà schließen«, sagte Michilino. Die Großeltern waren sprachlos, sahen einander an, sahen Michilino an, sahen dann wieder einander an. »Woher weißt du denn, daß sie sich gestritten haben?« fragte Nonno. Darauf gab es keine Antwort, denn just in diesem Augenblick kam Papà herein, und sie wechselten das Thema. Papà umarmte sie und tauschte Küsse mit den Schwiegereltern, fragte aber nicht nach dem Gesundheitszustand seiner Frau. Als sie im Begriff waren zu gehen, sagte Papà zu Nonno Aitano: »Ich habe den Treibstoff noch nicht gefunden, den du willst, aber ich bin sicher, daß sie ihn mir bald beschaffen.« Noch eine Woche verging, bevor Michilino das Spital verlassen durfte. Der Bequemlichkeit halber beschloß Papà, daß er in der Kammer schlafen und das große Bett seinem Jungen und Marietta überlassen würde, die sich so auch nachts um ihn kümmern konnte. Als Michilino gesund war, stellten sich die Dinge wieder so ein wie vorher. Die Onkel und Tanten kamen ihn besuchen, die Cousinen und Cousins, die engsten Verwandten, die entfernten Verwandten und Papàs Freunde, die Freunde von Nonno Aitano und von Nonno Filippo. Kurz, gesagt, die halbe Stadt kam ins Haus. Marietta, die ihn im Krankenhaus nicht besucht hatte, spielte die Gastgeberin. »Erinnerst du dich, wie das gekommen ist?« fragte Papà eines Tages. Nach dem Besuch des Arztes an diesem Morgen hatte dieser bestimmt, daß Michilino noch nicht aufstehen dürfe, und als Trost hatte Papà ihm das Essen an Mariettas Stelle gebracht. Michilino erinnerte sich natürlich sehr klar an die Geschehnisse. Wenn er nun nein sagte, beging er eine Sünde, weil es eine Lüge war. Wenn er ja sagte, mußte er erklären, wieso er versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Er machte eine Bewegung mit der rechten Hand, die alles und nichts bedeutete. »Erinnerst du dich, daß es stark geregnet hat?« beharrte Papà. Regnete es? Regnete es stark? Daran konnte er sich wirklich nicht erinnern, obwohl er sich bemühte. Es mußte zu regnen angefangen haben, als er in der Kirche war. »Nein.« »Signor Palminteri, der sein Geschäft gleich gegenüber der Kirche hat, hat alles gesehen und mir berichtet.« »Ach, ja? Und was hat er dir berichtet, Signor Palminteri?« »Er hat dich ganz normal aus der Kirche herauskommen gesehen, und er hat gesehen, wie du zu dem Kanalgitter gegangen bist, und du hast etwas da hineingeworfen, dann hast du dich umgedreht, bist in der Nässe ausgerutscht und auf die Erde gefallen. Danach hast du versucht aufzustehen, bist aber wieder hingefallen. Da ist Signor Palminteri unter diesem sintflutartigen Regen herausgekommen aus seinem Geschäft und hat gesehen, daß du dich verletzt hattest.« »Mit was?« »Er sagte mir, daß genau neben dir das Stück einer Holzplatte mit einem hervorstehenden Nagel lag. Du bist auf diesen Nagel, gefallen. Unglückseligerweise war dein Mantel aufgeknöpft, sonst hättest du dir nicht so weh getan. Der Nagel hat das Hemd, das Unterhemd und dann die Brust durchbohrt.« »Und wie ist es gekommen, daß er nicht in mir steckengeblieben ist?« »Man sieht, daß das Stück Holz heruntergefallen ist, als du den Versuch gemacht hast, wieder aufzustehen. Als Signor Palminteri es mir erzählt hat, durchfuhr es mich. Ich dachte daran, daß der Nagel rostig gewesen sein könnte …« »Und wie war er?« »Weiß ich nicht, sobald Signor Palminteri es mir gesagt hatte, bin ich zu der Stelle gegangen, wo du hingefallen bist, doch das Stück Holz war nicht mehr da. Aber man sieht, daß der Nagel nicht rostig war, weil …« Und hier hielt er inne. Den Satz setzte Michilino fort, allerdings nur im Geist. »… du keinen Tetanus bekommen hast so wie Alfio Maraventano.« »Erinnerst du dich an das, was du in den Abwasserkanal geworfen hast?« fragte Papà, und man konnte sehen, daß ihm diese Sache keine Ruhe ließ. Was für eine blöde Frage war denn das? Wenn Papà doch jetzt wußte, daß er sich an nichts erinnerte, weshalb sollte er, Michilino, sich dann an das erinnern, was er in den Abfluß geworfen hatte? Er hätte die gleiche Bewegung wie vorher machen können, die alles und nichts bedeutete, oder er könnte die Wahrheit sagen. »Daran erinnere ich mich, weil das war, bevor ich hingefallen bin. Ich hab’ ein Taschenmesser weggeworfen.« »Du hattest ein Taschenmesser?« »Ja, ich hatte es von einem Freund eingetauscht.« »Und wieso hast du’s weggeworfen?«, »Weil man sich mit einem Taschenmesser Verletzungen zufügen kann.« Perfekte Antwort, es gab nichts Besseres als eine verlogene Wahrheit. »Gut so, Michilino!« sagte Papà denn auch. Bei seinem letzten Besuch sagte der Arzt, daß Michilino nun völlig geheilt sei und das Haus verlassen könne, wann er wolle, auch zum faschistischen Samstagstreffen. Die Narbe sei ganz klein, und im Laufe der Zeit würde man sie nicht einmal mehr sehen können. Natürlich mußte er diese Verletzung allen zeigen, denn alle wollten sie sehen, von der Lehrerin Pancucci bis zum Kommandanten Scarpin, von Prestipino bis zu seinen Balillakameraden. Scarpins Kommentar war: »Es wäre besser gewesen, du hättest dein Blut für die Eroberung von Makallé vergossen!« Und weil er gesund war, schlief er wieder mit Marietta in der Kammer, während Papà erneut das große Bett in Besitz nahm. Nun kam Papà nicht mehr spät nachts zurück nach Hause, im Gegenteil, es verging kein Abend, an dem er nicht mit Marietta und Michilino aß. Er wirkte wieder zufrieden und ausgeglichen. Vielleicht, dachte Michilino, entwickelten sich die Dinge mit Mamà besser; eines Tages würde Mamà nach Hause zurückkehren, und dann mußte Marietta wieder zurück zu sich. Denn Michilino ertrug sie nicht mehr, ihm gegenüber hatte sie sich als Lügnerin erwiesen. Und eines Abends, als sie sich gerade hingelegt hatten, wollte er es ihr auch sagen. »Du hast mich hinters Licht geführt.« »Ich?« »Ja, du. Du hast mir gesagt, daß diese Dinge zwischen Verlobten nur eine läßliche Sünde sind, in Wirklichkeit aber sind sie allerschwerste Todsünde.«, »Und wer hat dir das gesagt?« »Padre Jacolino.« »Wieso hast du Padre Burruano nicht gefragt, welche Art von Sünde er beging, wenn er mit deiner Mutter gefickt hat?« Die Gewalt in dieser Antwort brachte die Wunde, die er in der Brust hatte, fast wieder zum Schmerzen, so, als wäre sie ihm gerade erst zugefügt worden. »Du bist verdammt und wolltest, daß auch ich verdammt werde. Der Teufel ist in dich gefahren und läßt dich reden, wie du redest.« »Wenn du nicht hören willst, wie der Teufel redet, dann sei still und schlaf und geh mir nicht auf die Nerven.« »Und ich werde Papà erzählen, wozu du mich angestiftet hast.« »Sag’s ihm doch. Dann werden wir schon sehen, ob dein Vater dir mehr glaubt oder mir, denn ich werde alles abstreiten. Schlaf jetzt, du kleiner Scheißkerl.« Das Denkmal für die Gefallenen des Großen Krieges stellte einen Soldaten dar, der einen Arm mit einem Dolch in die Luft reckte und mit dem anderen eine Frau mit Kind an seiner Brust schützte. Auf dem vorderen Teil des Marmorsockels waren die Namen der vierzehn Kriegstoten in kupfernen Buchstaben eingelassen. Papà und der Podestà beschlossen, den Namen des Elite-Schwarzhemds Cucurullo Ubaldo auf den rückwärtigen Teil des Sockels zu setzen. Als die Kupferbuchstaben fertig und angebracht waren, wurden sie von einem Tuch verhüllt, das am folgenden Sonntag während einer Feierstunde abgenommen werden sollte, bei der Papà sprach, der ja Politischer Sekretär war. Am festgelegten Tag, morgens um zehn Uhr, war der gesamte Ort vor dem Denkmal versammelt, weil auf der Rückseite nur wenige Menschen Platz hatten. Daher ließen die Schutzmänner nur die Autoritäten nach hinten, und die Zeremonie der Enthüllung sah keiner sonst. Danach kamen der, Podestà, der Vater und die Mutter von Balduzzo und der Zenturio Scarpin von hinten nach vorne und stellten sich in die erste Reihe vor das Denkmal. Papà dagegen kam alleine nach vorne und stieg auf eine Tribüne, weil er die Rede halten mußte. Auch Michilino, in seiner Baliila-Uniform, stand in der ersten Reihe, neben sich Marietta. Beide standen aufrecht. »Kameraden! Männer und Frauen des faschistischen Italiens!« begann Papà seine Rede. Und Michilino bekam einen Ständer. Unverzüglich. Ihm passierte das gleiche, was ihm beim letzten Mal passiert war, doch wenigstens hatte er beim letzten Mal Mussolini gehört. Michilino steckte eine Hand in die Tasche, und es gelang ihm irgendwie, den Kopf des Vögelchens nach unten zu drücken. Um ihn erschlaffen zu lassen, fing er an, über den Schmerz nachzudenken, den er empfand, weil Mamà fort war. Aber nichts. Da dachte er an den lieben Herrn Jesus, der sich festgenagelt am Kreuze wand. Aber nichts. Und hatte Marietta etwas bemerkt? Er sah sie aus den Augenwinkeln an. An alles dachte Marietta, nur nicht an ihn, sie weinte sogar aus voller Verzweiflung, während Papà über Balduzzo sprach, über seine Jugend, die er großzügig dem Duce für die Größe des Vaterlandes hingegeben hatte. Und nicht nur Marietta weinte, sondern auch die Frauen, die in der Menge standen, während die Augen der Männer glänzten. Aber wieso hörte Papà, während er redete und redete, gar nicht auf, Marietta anzublicken? Papà wandte sich direkt an sie, es war, als wären die anderen überhaupt nicht da. Und auch Marietta war mit ihrem Blick an Papàs Augen gefesselt. Da begriff Michilino. Er begriff, daß Marietta, vielleicht als er im Spital gelegen hatte, Papà von der heimlichen Verlobung mit Balduzzo erzählt hatte. Wieso hatte sie ihn so gründlich eingeweiht? Wie hatte sie sich das erlauben können? In diese Fragen verloren, hob er die Hand. Das Vögelchen richtete erneut den Kopf auf. Und in diesem Augenblick senkte sich die linke Hand Mariettas, die immer, noch jammerte, unsichtbar auf den Vogel und gab ihm einen heftigen, bösartigen Schlag. Papà zog aus der Tasche einen Umschlag und hielt ihn Marietta hin. »Was ist das, Onkel Giugiù?« »Da drinnen ist das Geld, das wir für deine Hilfe mit deinem Vater vereinbart haben.« »Danke«, sagte Marietta und ließ den Umschlag auf dem Tisch. Michilinos Blick heftete sich auf Marietta und ließ nicht mehr von ihr, so daß die Cousine, die diesen Blick spürte, sich umdrehte. Er hat dich bezahlt, du Magd, sagten Michilinos Augen. Halt die Klappe, du Scheißkerl, antworteten Mariettas Augen. Papà zog einen weiteren Umschlag heraus und legte ihn neben den ersten. »Und was ist das?« »Das«, sagte Papà feierlich, »ist ein Geschenk für dich, über das du aber mit niemandem reden darfst. Es ist dein Geld, darüber brauchst du keine Rechenschaft abzulegen. Es ist ein kleines Dankeschön für alles, was du für meinen Sohn und für mich tust.« Sie saßen gerade bei Tisch. Marietta sprang auf, ihr Stuhl kippte nach hinten, sie lief zu Papà, stellte sich hinter ihn, umarmte ihn, begann die Küsserei auf die Backenknochen, die Ohren, den Hals. »Basta, basta!« sagte Papà lachend. »Heb dir ein paar Küsse auf für den Tag, an dem du dich verlobst.« »Ich bin keine Verlobte, und ich will auch keine werden, mir genügt dieser schöne Onkel Giugiù!«, Und sie sah Michilino an. Ihre schlangenkalten Augen sagten: Siehst du, wie sich die Dinge entwickeln, du kleiner Scheißkerl? Michilino spürte, wie sein Magen sich umstülpte. Wie schaffte es Papà nur, nicht zu begreifen, daß Marietta ein losgelassener Teufel war? Und war es denn nicht seine, Michilinos, Pflicht als Soldat des lieben Herrn Jesus, ihm die Augen zu öffnen und es ihm auf jede Art und Weise begreiflich zu machen? Der Arzt hatte ihm ein Medikament verschrieben, das eigens in der Apotheke hergestellt werden mußte. Es war ein Aufbau- und Beruhigungspräparat, denn Michilino schlief wegen der Verletzung nicht mehr so gut. Marietta brachte das Rezept in die Apotheke, und zwei Tage später ging sie wieder vorbei und holte die Flasche ab. Michilino mußte zehn Tropfen auf ein halbes Glas Wasser vor dem Schlafengehen nehmen. Die Cousine bereitete es vor und stellte es auf den Nachtkasten. Michilino trank die Arznei aus und ging dann in die Küche, wo er das gebrauchte Glas mit einem sauberen auswechselte, denn manchmal bekam er nachts Durst. Die Medizin war gallebitter, sie machte den Mund richtig giftig. Eines Nachts wachte Michilino wegen einer Bewegung auf, die die Matratze machte. Es war Marietta, die zurück- gekommen war und sich wieder hinlegte, sie mußte wohl ins Badezimmer gegangen und einem Bedürfnis nachgekommen sein. Und es mußte sich um ein großes Bedürfnis gehandelt haben, denn für die kleinen Bedürfnisse gab es Nachttöpfe hinter der Tür der Nachtkästen. Obwohl ihre Körper sich nicht berührten, war Michilino sicher, daß die Cousine schwitzte und versuchte, den schweren Atem zu kontrollieren, so als hätte sie gerade eben einen Lauf zurückgelegt. Die Rathausuhr schlug vier in der Frühe. Und in der Wärme der Bettdecke fing Marietta an, Frauengeruch auszuströmen, und dieser Geruch wurde von Minute zu Minute stärker, bis die Luft in der Kammer nicht mehr zu atmen war. Er legte sich auf den Bauch und steckte die Nase ins Kopfkissen, so daß er beinahe erstickte, aber besser, an, Luftmangel zu sterben, als daran, daß man diese verfaulte, infizierte Luft eingeatmet hatte. Sobald Marietta aus dem Haus gegangen war, um Besorgungen zu machen und sich von dem Geld, das Papà ihr gegeben hatte, ein neues Kleid zu kaufen, und daher lange wegbleiben würde, lief Michilino in Papàs Arbeitszimmer und nahm sich eine Ausgabe der Zeitung Il Popolo d’Italia, die er aus dem unteren Teil des Zeitungsstapels heraussuchte. Er blickte auf das Datum, die Zeitung war von vor zwei Jahren, unwahrscheinlich, daß Papà sie noch einmal lesen würde. Er legte sie auf den Eßzimmertisch; in der Küche füllte er eine Untertasse mit ein bißchen Wasser, fügte vier Prisen Mehl hinzu und verrührte die Masse mit dem Finger. Der Mehlkleister war fertig. Aus der Küche nahm er auch die Schere, die zum Säubern von Fischen diente, und kehrte ins Eßzimmer zurück. Tags zuvor nach dem Unterricht hatte er ein Blatt Papier gekauft, einen Briefumschlag und eine Briefmarke. Er brauchte ungefähr eine Dreiviertelstunde, um die Buchstaben des Alphabets zu finden und auszuschneiden, doch am Ende hatte er es geschafft. DU HAST DIR DEN TEUFEL INS HAUS GEHOLT Der anonyme Brief war fertig. Er legte die Zeitung wieder an ihren Platz zurück, wusch die Untertasse, legte die Schere wieder da hin, wo sie gewesen war, wartete eine Weile, bis der Mehlkleister trocken war, steckte das Blatt in den Umschlag, beleckte und verschloß ihn und klebte die Briefmarke darauf. Den Brief steckte er in den Tornister, denn darin schaute sowieso keiner nach, weder Papà noch Marietta. Als der Unterricht beendet war, wartete er auf der Treppe sitzend, daß Prestipino kommen würde, der immer verspätet war. »Prestipì, tu mir einen Gefallen.«, »Kann ich nicht, es ist schon spät.« »Ich bezahl’ dich.« »Wieviel?« »Eine halbe Lira.« Prestipino war sprachlos, er hatte keine so hohe Summe erwartet. »Wirklich?« Michilino kramte aus seiner Tasche die Münze hervor und legte sie auf die Stufe. »Was soll ich tun?« Michilino hielt ihm den Umschlag hin. »Du mußt eine Adresse auf den Umschlag schreiben. In Druckbuchstaben. Und fehlerfrei. Bei jedem Fehler, den du machst, zieh’ ich dir einen Soldo ab. Und dann mußt du das Maul über diese Sache halten, sonst bring’ ich dich um.« »Gib mir Feder und Tinte.« »Nein, nimm deine eigene.« Prestipino benutzte schwarze Tinte, Michilino dagegen blaue. Prestipino machte keinen Fehler, und Michilino warf den Brief ein, bevor er wieder nach Hause zurückkehrte. Als er ankam, fand er Papà im Wohnzimmer sitzend vor und Marietta vor ihm: Mal ging sie, mal drehte sie sich, daß sie in dem Kleid, das sie sich gekauft hatte, wie ein Kreisel aussah. »Was sagst du dazu, Giugiù?« »Es steht dir ausgezeichnet. Und du bist schön, sehr schön.« Wie denn? Was denn? Jetzt nannte sie ihn ganz einfach nur Giugiù? Wo war denn das »Onkel« geblieben? Und wo war mit dem »Onkel« der Respekt geblieben? Einen anonymen Brief senden, war das eine Sünde? Und wenn es so war, was für eine Art von Sünde war es dann? Das war der, erste Gedanke, der ihm am nächsten Morgen kam, als er von Mariettas Stimme geweckt wurde. Die Cousine stand um halb sieben auf, machte den Mokka und brachte ihn Papà, der noch im Bett lag. Gegen halb acht war Papà schon bereit, ins Büro zu gehen, er nahm noch einen Mokka und ging fort. Dann fing Marietta an mit aller Kraft zu singen. An einem Morgen war es die Canzone: Io ti saluto e vado in Abissinia, cara Virginia, ti scriverò. Ich nehm’ Abschied von dir und geh’ nach Abessinien, liebe Virginia, und schreibe dir. An einem anderen Morgen eine andere Musik: Mamma, ritorno ancor nella casetta sulla montagna che mi fu natale. Son pien di gloria, amata mia vecchietta, ho combattuto in Africa Orientale. Mamà, ich kehre zurück ins Häuschen auf den Bergen, wo ich geboren bin. Ruhmbedeckt komm ich, mein liebes Mütterlein, gekämpft habe ich im Osten Afrikas. Das tat sie absichtlich, sie wußte, daß Michilino gerne alleine im Bett schlief, bis es neun schlug, aber dadurch, daß sie ihm Verdruß bescherte, zwang sie ihn, früher aufzustehen. An diesem Morgen aber war das Aufwecken ganz in seinem Sinn. Er wusch sich, zog sich an und eilte in die Kirche. Er wartete am Beichtstuhl, bis die Reihe an ihm war, kniete nieder und bekreuzigte sich. »Ich will beichten.« »Wie alt bist du?« fragte eine unbekannte Stimme. Es war ein neuer Geistlicher, vielleicht an Stelle von Padre Burruano hierhergeschickt. Michilino antwortete mit Nein auf jede Frage, die dieser ihm stellte, und fragte dann: »Einen anonymen Brief absenden, ist das eine Sünde?«, »Wie?« Alles erwartete sich der Geistliche von einem siebenjährigen Jungen, nur nicht eine derartige Frage. Mit Engelsgeduld wiederholte Michilino diese daraufhin. »Warum willst du das wissen?« »Weil es mich interessiert.« Der Geistliche dachte eine Weile darüber nach. »Je nachdem«, sagte er. »Es ist immer besser, sich nicht hinter der Anonymität zu verstecken, doch wenn die Absicht des Schreibers die ist, eine Wirkung zu erzielen, ein erlaubtes, ehrliches, gutes Ergebnis zu erhalten, dann ist es keine Sünde.« Genau das wollte er wissen. Und welches Ergebnis wäre erlaubter, als den Dämon zu verjagen. Er betete die Bußgebete, und dann lief er und warf sich dem Gekreuzigten zu Füßen. »Danke, lieber Herr Jesus, danke, daß du mir den rechten Gedanken für den Brief eingegeben hast. Wenn du auch weiterhin meinen Kopf führst, verspreche ich dir, daß ich diesen Teufel Marietta von Papà aus dem Haus werfen lasse.« Auf dem Weg nach Hause traf er auf den Postboten, der ihn von Geburt an kannte. Er händigte ihm drei Briefe aus und die beiden Zeitungen, die Papà abonniert hatte, Il Popolo d’Italia und Il Giornale di Sicilia. Einer der drei Briefe war der anonyme. Er legte die Post auf Papàs Schreibtisch und machte sich dann an die Hausaufgaben, während Marietta einkaufen war. Zur Essenszeit kam Papà zufrieden wieder, ging in sein Arbeitszimmer und kam nach einer Weile mit finsterem Gesichtsausdruck wieder heraus. Er war dermaßen still beim Essen, daß Marietta ihn fragte: »Giugiù, was ist denn?« »Ich habe einen anonymen Brief erhalten.« »Schon wieder einen?« rutschte es Marietta heraus. Mit einem wütenden Blick brachte Papà sie zum Schweigen. »Was steht denn drin?« fragte Michilino., Papà zog ihn aus der Tasche und holte das Blatt aus dem Umschlag. »Tja! Wie merkwürdig der geschrieben ist!« wunderte sich Marietta. »Du hast dir den Teufel ins Haus geholt«, las Papà. Dann sagte er: »Aber was soll das verwichst noch mal bedeuten?« Papà nutzte Mamàs Abwesenheit aus, schlimme Wörter zu gebrauchen. Marietta öffnete ihren Mund nicht, Michilino genausowenig. Sie aßen schließlich stumm zu Ende. Im Augenblick, als Papà den Brief wieder in seine Jacke steckte, redete Marietta. »Die Adresse auf dem Umschlag überzeugt mich nicht.« »Wieso?« fragte Papà. »Es scheint, daß sie ein kleiner Junge geschrieben hat.« Wie doch der Kopf des Teufels arbeitete! Michilino dachte darüber nach, wie er den Schlag abfangen könnte, doch Papà setzte ein erfahrenes Lächeln auf. »Nein, Mariè, das will uns der anonyme Schreiber nur glauben machen. Den Brief hat mit Sicherheit ein erwachsener Mann geschrieben, der seine Handschrift verstellt hat.« »Warum sagst du ein Mann, Papà?« fragte Michilino. »Es könnte doch auch eine Frau gewesen sein.« »Alles ist möglich«, sagte Papà mehr verwirrt als überzeugt. Am Morgen darauf wurde er nicht von der singenden Marietta geweckt, im Gegenteil, es herrschte Grabesstille. Vielleicht war Marietta weggegangen, um mit Papà gemeinsam frischen Fisch zu kaufen, denn von Fisch verstand Papà viel. Was für eine herrliche Ruhe! Er drehte sich auf die Seite, schloß die Augen und schlief fast augenblicklich wieder ein. Dann plötzlich ein Schlag, ein langer rollender Donner. Die Fensterscheiben schepperten. Was war los? Noch bevor er es mit dem Kopf begriffen hatte, hatte es sein Vögelchen schon verstanden, das auf, der Stelle steif und hart wurde. Es war eine Rede Mussolinis in voller Lautstärke. Michilino stand auf, der Kopf des Vögelchens hielt das Nachthemd hoch, er stürzte ins Eßzimmer, um das Grammophon auszuschalten. Doch vor dem Apparat stand Marietta, mit wirrem Blick, mit einem zur Grimasse verzogenen Mund, mit einem Besen in der Hand, den sie vor Michilino hielt. »Wenn du näher kommst, zieh ich ihn dir über den Schädel!« Dann fing sie an zu lachen, ein Lachen, das sich anhörte wie das Geräusch eines Bohrers. Sie zeigte mit dem Finger auf den angehobenen Teil des Nachthemds. »Und was machst du jetzt mit deinem Mast da, du Scheißkerl? Brauchst du etwa meine Hilfe?« Michilino hielt sich die Ohren zu und lief zum Badezimmer, wo er sich einschloß. Er öffnete das Schränkchen, die Watte, die Mamà gebrauchte, wenn sie sich abschminkte, war noch da. Er stopfte sich zwei Kügelchen ins Ohr. Instinktiv packte die rechte Hand das Vögelchen, vielleicht gelang es ihm ja, sich selbst Ruhe zu verschaffen. Aber das war ja eine schlimme Todsünde! Was tat er denn da? Er konnte sich doch dem Teufel nicht geschlagen geben! Er fiel auf die Knie. »O lieber, heiliger Herr Jesus, errette mich aus diesem Augenblick des Übels. Eile herbei, barmherziger Herr Jesus, errette deinen Soldaten hier, der sich in großer Gefahr befindet!« Zuerst war es wie ein grauer feuchter Fleck an der Wand, dann erschienen verschwommene Farben, und nach und nach, langsam, ganz langsam bildete sich die Gestalt des Herrn Jesus am Kreuze heraus. »Blick auf mich, lieber Herr Jesus, und sag mir, was ich tun soll!« Der liebe Herr Jesus entschloß sich endlich, ihn anzublicken, sein Auge war wie nebelgetrübt. »Leiden«, sagte er., Und verschwand unversehens. Aber es war ausreichend, daß Michilino verstand. Das kleine Fenster des Badezimmers stand offen. Michilino legte die linke Hand auf den Holzrahmen und klemmte mit einem gewaltigen Schlag des Fensterflügels die Finger ein. Der Schlag war fürchterlich, der Schmerz stechend, und er spürte, wie er durch seinen ganzen Körper fuhr. Er zog den Fensterflügel wieder nach hinten und schlug noch einmal zu. Diesmal hielt er es nicht durch, er schrie, stürzte zu Boden und krümmte sich. Aber er spürte, daß er gewonnen hatte. Die Hand schwoll vor seinen Augen an. Sie sah aus wie ein eben aus dem Backofen gekommenes weiches Brot. Er hatte gewonnen! Jetzt hing das Nachthemd ganz normal an ihm herunter. Die Finger hielt er unter kaltes Wasser. Eines Nachts wachte er schweißgebadet auf, weil er einen schrecklichen Traum gehabt hatte. Er hatte geträumt, daß er schlief und aufwachte, ohne Marietta an seiner Seite zu finden. Er stand auf, während die Uhr halb vier schlug, und, ohne sich die Pantoffeln anzuziehen und auch ohne überhaupt zu wissen, wieso, fing er an, durch das ganze Haus zu streifen, in dem überall das Licht gelöscht war. Im Korridor bemerkte er, daß die Wohnzimmertür nicht gut verschlossen war, denn ein Lichtspalt fiel durch die Öffnung. Vorsichtig stellte er sich daneben, er wollte unbedingt entdecken, was Marietta um diese Uhrzeit im Wohnzimmer tat. Er näherte sich mit dem Gesicht der Tür und sah hinein. Da war Papà, der in einem Sessel saß. Die Rückenlehne stand zur Tür, weshalb er nicht sehen konnte, was davor war. Von Marietta sah man hingegen die untere Hälfte des Körpers, aber nicht den Kopf. Sie kniete zwischen Papàs Schenkeln. Der nahm irgendwann Mariettas Kopf in seine Hände und hob ihn hoch, um ihn anzuschauen. So konnte Michilino sie sehen. Ihre Haare waren zerwühlt, ihr Blick von bösartigem Irrsinn, wie in dem Moment, als sie ihn mit der Mussolini-Rede aufgeweckt hatte., »Sind wir auch ganz sicher, daß Michilino schläft?« fragte Papà. »Ich hab ihm dreißig Tropfen von der Arznei gegeben, statt zehn.« »Wird das auch keinen Schaden anrichten?« »Ach i wo! Der Apotheker hat mir erklärt, daß dreißig Tropfen ganz sicher schlafen lassen, aber diese Dosis nicht überschritten werden dürfte, weil das sonst schädlich wäre.« Ohne weiter noch etwas zu sagen, ließ Papà es geschehen, daß Mariettas Kopf zwischen seinen Beinen verschwand. Michilino erschrak und war wie gelähmt. Marietta hatte ihn in einen tiefen Schlaf versenkt! Marietta hatte ihm mehr Tropfen gegeben, um ihn im Schlaf zu halten, damit sie endlich mit Papà tun konnte, was ihr paßte! Dann gelang es ihm, sich zu bewegen und zu seiner Kammer zu laufen. An der Tür verhedderte sich der Ärmel des Nachthemds mit dem Türgriff, er zog, und der Ärmel zerriß. Er legte sich hin. Er steckte seinen Kopf unters Kissen und schlief auf der Stelle ein. Das war der Traum, den er gehabt hatte. Er stand auf und ging in die Küche. Marietta war nicht da, sie war früh weggegangen, hatte ihm aber Milch mit Kaffee bereitet, die noch warm war. Er setzte sich an den Tisch im Eßzimmer. Gerade wollte er die große Tasse an den Mund heben, da merkte er, daß der Ärmel seines Nachthemds zerrissen war. Er erstarrte. Er hatte gar nicht geträumt! Es entsprach alles der Wahrheit. Vielleicht hatte er ja einen Anfall von Schlafwandlertum. Und wenn Marietta ihn mit großen Mengen Schlafmitteln ruhigstellte, konnte es auch sein, daß die Kaffeemilch, die sie für ihn bereitet hatte, vergiftet war. Er kehrte in die Küche zurück, leerte die große Tasse ins Spül- becken und sättigte sich mit einem Stückchen trockenen Brotes., Sie beide setzten sich zu Tisch, denn Papà hatte gesagt, er würde zum Essen nicht nach Hause kommen. Gerade wollte Michilino die erste Gabel Pasta in den Mund führen, als er plötzlich innehielt. Die Hand blieb in der Luft stehen. Und was, wenn die da Tag für Tag das Essen vergiftete, die Pasta, das Fleisch, den Fisch? Marietta dagegen aß die Pasta mit Herzenslust. Aber das bedeutete gar nichts, die Cousine konnte das Gift, eben weil sie der Teufel war, im Blut haben, eine ganz natürliche Sache, weshalb jede Art von Gift für sie zu erfrischendem Wasser wurde. Nein, besser war’s, auf der Hut zu sein. Er legte die Gabel hin, schob den Teller von sich, schnitt sich eine Scheibe Brot aus dem Knetkasten ab. Marietta, die keinen Mucks von sich gab, griff, nachdem sie ihre Portion aufgegessen hatte, entschlossen nach Michilinos Teller und schaufelte die Pasta in sich hinein. Sie fraß wie ein Schwein. Und das war nur logisch, denn oft taten Teufel tierische Dinge. Er rührte auch das Hauptgericht nicht an, das verschlang ganz allein die Teufelin. Aber weil er einen so gewaltigen Hunger hatte, daß er kaum noch sehen konnte, ging er, bevor er sich zum Unterricht aufmachte, zu dem Neapolitaner, kaufte ein Brötchen, ließ es aufschneiden, zwei Scheiben Mortadella hineinlegen und aß es auf dem Weg. Am Ende des Unterrichts fiel ihm ein, daß er eine Waffe brauchte, weil er doch das Taschenmesser weggeworfen hatte, und der Teufel im Haus war ja zu allem fähig, weshalb er sich vor die Notwendigkeit gestellt sah, sich zu schützen. Er öffnete das Türchen, nahm die Muskete, die nicht das Bereitschafts- gewehr war, sondern die mit dem angefeilten Bajonett, und kehrte nach Hause zurück. Weil er täglich nur ein belegtes Brötchen aß, war Michilino am Ende von zehn Tagen dünner geworden als eine gesalzene Sardine. Als Papà am Abend nach Hause kam, war er viel zu sehr von Marietta in Anspruch genommen, um zu bemerken,, daß sein Sohn den Teller nicht anrührte, und Marietta wiederum stellte es so an, daß Papà nichts bemerkte. Schwindelgefühle stellten sich bei ihm ein, er begann, merkwürdige Dinge zu sehen. Eines Tages, auf dem Weg zum Unterricht, sah er vor sich Mussolini auf einem Schimmel vorüberreiten. Ein andermal wurde er von Balduzzo aufgehalten, der als Schwarzhemd angezogen war, aber er war ein sprechendes Skelett. »Du hast meine Verlobte Marietta durchgevögelt!« Und er gab ihm einen Schlag mit der Faust, der ihn bewußtlos zu Boden stürzen ließ. Als er die Augen wieder aufmachte, standen Menschen dicht um ihn herum, ein Mann kniete und hielt ihm den Kopf. »Junge, du bist ohnmächtig geworden!« »Das ist nichts weiter, danke, manchmal passiert mir das.« Der liebe Herr Jesus erschien ihm zu jeder Stunde des Tages, er gab ihm Ratschläge zu allem und jedem. Im Unterricht war er unaufmerksam und lustlos geworden, er konnte keine Aufgaben mehr machen, Buchstaben und Zahlen schwirrten nur so vor seinen Augen herum. Signorina Pancucci, die Lehrerin, sagte ihm, daß sie mit seinem Vater reden wollte, aber er überbrachte Papà nichts: Nichts zu sagen ist keine Sünde. Scarpin plazierte ihn bei der Samstagsversammlung in Habt-acht-Stellung vor sich und hielt ihm eine Standpauke vor allen anderen, weil er nicht in der Lage war, den Weitsprung zu machen, und in der Kurve fünfmal hingefallen war. Einmal, nach dem Essen, als er gerade vom Unterricht heimgekehrt war, fand er Nonno Filippo zu Hause vor, der, sobald er ihn erblickte, blaß wurde. »Was ist mit dir, mein Enkelsöhnchen?« »Nichts.« »Was heißt nichts? Mariè, merkst du denn nicht, wie dünn Michilino geworden ist? Was ist mit ihm, ist er krank?«, »Nein, er ist nicht krank«, sagte sie mit unbeweglicher Miene. »Mir kommt er auch nicht dünn vor.« »Ich warte auf Giugiù«, sagte der Nonno, »und rede mit ihm.« Als Papà kam, umarmte er Nonno Filippo und fragte ihn: »Ist was passiert?« »Ich hatte Lust, Michilino zu sehen. Und du, wo hast du deine Augen?« »Wieso?« »Siehst du denn nicht, wie dünn er ist?« Papà betrachtete Michilino lange, es war, als würde er ihn zum ersten Mal sehen. »Ja, wirklich, ein bißchen dünn ist er schon.« »Ein bißchen?« sagte Nonno Filippo wütend. »Gehen wir in dein Arbeitszimmer, ich muß mit dir reden.« »Was gibt’s denn?« »Es gibt die Tatsache, daß man im Ort schlecht redet.« Papà blickte Marietta und Michilino an. »Gehen wir da hinein.« Marietta schloß sich in der Küche ein, Michilino blieb im Eßzimmer. Hin und wieder wurde Papàs Stimme hörbar. »Meine Scheißangelegenheiten!« »Ich geb’ einen Scheißdreck auf das, was die Leute sagen!« »Ich kann tun und lassen, was ich will, ich brauche keinem Rechenschaft abzulegen, zum Teufel noch mal!« Michilino erschauderte und bekreuzigte sich. Der liebe Herr Jesus erschien in diesem Augenblick vor ihm und setzte sich auf einen Stuhl. Er war in ein Tuch gewandet, doch über dem Herzen trug er eine große offene Wunde, in der man das schlagende Herz sah., »Uns bleibt nur noch wenig Zeit, bevor dein Vater seine Seele für immer in die Hölle schickt«, sagte Jesus. »Wir müssen uns rasch darum kümmern.« »Was soll ich tun?« »Das erfährst du zu gegebener Zeit.« Er verschwand urplötzlich. Michilinos Zittern dagegen wurde immer heftiger. Während die Diskussion zwischen Papà und dem Nonno andauerte, ging er ins Schlafzimmer, öffnete die Schublade der Kommode, in der Mamà das Thermometer aufbewahrte, und maß sein Fieber. Achtunddreißigeinhalb. Dieses Fieber verließ ihn nicht mehr. Drei Tage darauf hatte Marietta Geburtstag, und zu Mittag aß sie bei sich zu Hause. Michilino ging statt dessen mit Papà ins Restaurant und verschlang Vorspeise, Hauptspeise, Obst und Kuchen, weil er sich sicher fühlte, niemand vergiftete ihm dort sein Essen. »Und da kommt man und erzählt mir, du würdest nicht essen!« sagte Papà erfreut. Später, als er die Rechung bezahlte, bestellte Papà das Essen für den Abend, das ein Kellner ihm um neun Uhr nach Hause bringen sollte. »So bereiten wir ein Fest für Marietta.« Michilino antwortete nichts. Als er vom Unterricht kam, war Marietta noch nicht zurück, hatte aber den Schlüssel, wie sie es oft machte, in einem Loch neben der Tür versteckt. Er öffnete, trat ein und ging gleich ins Badezimmer: Das große Essen im Restaurant hatte ihm Bauchschmerzen verursacht. Dann kam Marietta zurück, grüßte ihn aber nicht, gab nicht einen Laut. Sie deckte zwar den Tisch, machte sich aber nicht ans Kochen, ganz sicher hatte sie mit Papà gesprochen und wußte daher, daß das Essen aus dem Restaurant gebracht wurde. Papà kam um neun Uhr nach Hause,, mit zwei Flaschen: »Französischer Schampanjer!« Und legte sie in den Eiskasten. Sie aßen Pasta im Rohr, Schwertfisch, Cannoli und Cassata. Michilino schlang alles hinunter, die einzige Gefahr war ein noch größeres Bauchweh als das, was er hatte. Am Ende hatten Marietta und Papà einen Liter Wein getrunken. Marietta holte eine Flasche Schampanjer. Papà ließ den Korken knallen, füllte die Gläser, einschließlich das Michilinos, sie standen auf und stießen auf die Gesundheit an. Doch Papà sagte: »Einen Augenblick!« Und holte aus der Tasche eine Schachtel, die er Marietta hinhielt. »Mit herzlichen Glückwünschen.« Drinnen war ein Armband aus hochkarätigem Gold. Michilino erwartete die üblichen Szenen mit Dankesküssen, doch Marietta blieb unbeweglich an ihrem Platz und sah Papà in die Augen. »Ja«, sagte sie. Papà wurde auf der Stelle viel fröhlicher als vorher. »Auf die Gesundheit unserer geliebten Marietta!« Michilino machte den Mund nicht auf, er trank sein Glas Schampanjer leer, und auf der Stelle überkam ihn eine große Müdigkeit. »Ich geh’ schlafen. Buona notte.« »Warte, ich richte dir noch deine Arznei«, sagte Marietta ungestüm. Sie stand eilig auf, nahm ein Glas, füllte es mit ein bißchen Wasser und ging in die Kammer. Michilino wollte ihr nach, aber Papà hielt ihn fest. »Gib mir einen Kuß.« Das hatte er mit Gewißheit absichtlich getan, um Marietta Zeit zu geben, ihn in einen Tiefschlaf zu versetzen. Vor der Cousine, die ihn ansah, tat er so, als würde er die Arznei trinken, aber er, schluckte sie nicht hinunter, in der Hoffnung, daß Marietta den Trick nicht merken würde. Marietta sagte nichts. Er ging in die Küche und spuckte gerade ins Spülbecken, als ein Hustenanfall ihn zwang, die Hälfte hinunterzuschlucken. Der Teufel hatte es also geschafft! Er war verdammt, zu schlafen! Untröstlich zog er sich aus, wusch sich, zog das Nachthemd über und legte sich hin. »Lieber Herr Jesus, hilf mir!« war der letzte Gedanke, bevor er wie vom Blitz getroffen wegsank. »Soldat Sterlini Michilino!« rief ihn gebieterisch die Stimme, die er so gut kannte. »Die Stunde ist gekommen! Erhebe dich, und tu deine Pflicht!« Er öffnete die Augen, Mariettas Bettseite war leer. Er begriff, daß das Fieber ihn weichgekocht haben mußte, es mußte auf vierzig gestiegen sein. Er stand auf, stellte die Füße auf den Boden, merkte aber, ohne sich weiter darüber zu wundern, daß er ungefähr zehn Zentimeter über dem Boden in der Luft schwebte. Es war der liebe Herr Jesus, der ihm half, weniger Mühe zu haben. Er nahm die Muskete, die er neben der Tür stehen hatte, steckte das Bajonett auf und befestigte es. Er ging, ohne daß es notwendig war, Schritte zu tun, es war ganz genau wie bei einer Statue, die in der Prozession herumgetragen wird. Das Licht im Schlafzimmer war an. Er schaute. Wie lange hatte er darauf gewartet, das zu sehen, was er nun sah! Wie lange wußte er schon, daß er sie früher oder später so vorfinden würde! Marietta lag nackt auf dem Bett, mit dem Bauch nach oben, und schlief neben Papà, der, ebenfalls nackt, auf der Seite lag und schnarchte. Sie hatten unzüchtige Dinge getrieben, sie hatten gevögelt, ungezügelt gefickt wie Schweine, wie Tiere, die sie auch waren, und jetzt, müde und betrunken, waren sie in einen bleiernen Schlaf gesunken. Das Zimmer roch nach Weib., »Ans Werk«, sagte Michilino zu sich selbst. Er trat zu Marietta und stieß ihr das Bajonett in die Kehle. Die Wucht des Stoßes war derart, daß der Hals des Teufels auf die Matratze genagelt wurde. Und Michilino verstand, daß diese Wucht nicht von ihm kam, sie war ihm verliehen worden, um seine Pflicht zu erfüllen. Das einzige Zeichen, das Marietta von sich gab, war, daß sie auf der Stelle die Beine anzog, so daß die Knie fast ihre Brüste berührten, danach streckte sie sie wieder aus und bewegte sich nicht mehr. Michilino zog das Bajonett nach ungefähr zehn Minuten wieder heraus, das Blut färbte das Kissen und die Bettdecke rot. »Weiter.« Er begab sich zu Papàs Seite, immer noch in der Luft schwebend, und wurde vorwärtsgeschubst. Er bückte sich und gab ihm einen Kuß auf die Stirn. »Ich hab’ dich lieb, Papà, obwohl du eine Todsünde begangen hast.« Papà machte eine Bewegung, wie wenn er eine Fliege verjagen wollte, und drehte sich auch mit dem Bauch nach oben aufs Bett. Besser so, diese Stellung war sicherer. Michilino hob das Bajonett und stieß es ihm ins Herz. Es glitt hinein, als wäre es eingeölt worden. Papà öffnete die Augen, sah Michilino, versuchte aufzustehen. Doch Michilino war stärker. Er zog das Bajonett aus der Brust und stieß es ihm in die Kehle. Er wartete eine Weile, doch nichts geschah, Papà bewegte sich nicht mehr. Er hatte keine Mühe, das Bajonett aus ihm herauszuziehen. Er klappte es zusammen und verschmierte dabei seine Hände, aber er empfand kein Entsetzen. Er trat zurück, betätigte das Schloß, nahm die Muskete in den Arm und zielte. »Bumm!« rief er, so laut er konnte. Papà hatte den Gnadenschuß, der ihm Leid ersparte, verdient, der Teufel nicht, je mehr er litt, bevor er starb, desto besser war es., Er warf die Muskete zu Boden und ging in den Eingang. Tags zuvor waren zehn Kanister mit jeweils zehn Litern Spezial- benzin geliefert worden, die Nonno Aitano haben wollte. Würde er es schaffen, einen davon hochzuheben? Er schaffte es nicht nur, sondern der Kanister schien ihm sogar federleicht. Er goß ihn auf dem Bett aus und durchtränkte die beiden Toten damit. Dann holte er einen zweiten und goß auch ihn aus und durchtränkte die Matratzen. Schließlich machte er noch einen dritten auf und bemerkte etwas Eigenartiges: Statt sich müder zu fühlen, mit verspannten Armen wegen des Gewichts, das sie aushalten mußten, fühlte er sich bei jedem Gang stärker und erholter. Da beschloß er, alle Kanister zu nehmen, die da waren. Mit Blut vermischt, wurde das Benzin rosa. Aus der Küche kam er mit Schwefelhölzern zurück. Er zündete eines an und warf es zum Bett. Es gab einen gewaltigen Knall, und das Feuer loderte augenblicklich auf. Er kehrte in seine Kammer zurück, kniete nieder, bekreuzigte sich und betete. Danach stand er auf. Vom Korridor aus sah er, daß das Schlafzimmer zu einem Backofen geworden war. Er ging weiter, bis er hineinsehen konnte. Papà war zu etwas Schwarzem geworden, das im Bett aufrecht saß, und es sah aus, als wollte er fechten. Von Marietta konnte er zwei verkohlte Holzscheite sehen, die wohl die Beine gewesen sein mußten. Er spürte die Hitze nicht, im Gegenteil, er fühlte so etwas wie Kühle, so wie an einem Sommerabend, wenn die Brise vom Meer kommt. Er ging noch zwei Schritte weiter und sah ihn. Wie in dem Traum, den er gehabt hatte, schwebte der liebe Herr Jesus über den Flammen und lächelte ihm zu. »Du bist mein«, sagte er und streckte ihm seine Arme entgegen. Michilino streckte ihm seine Arme entgegen. »Ich bin dein«, sagte er. Und schritt in die wabernde Lohe.,

Anmerkung

Die Geschichte, die der Leser soeben zu Ende gelesen hat, ist frei erfunden: Die Personen, ihre Vor- und Nachnamen, die Ereignisse, deren Darsteller sie sind, die Situationen, in denen sie sich wiederfinden, haben keinerlei Entsprechungen in der Wirklichkeit. Die eine oder andere Namensgleichheit kann auftreten, doch dann soll der Leser wissen, daß dies reiner Zufall ist. Lediglich der »historische« Kontext entspricht der Wahrheit, das heißt der Äthiopisch-Italienische Krieg.]
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Stephen Coonts Nachteis Inhaltsangabe Fanatische japanische Nationalisten dringen in den Tokioter Kaiserpalast ein und enthaupten den Kaiser. Das Ziel dieser konspirativen Gruppe ist es, in das ge- schwächte Russland einzumarschieren, das an Öl reiche Sibirien zu besetzen und schließlich die Welther
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Arne Dahl Falsche Opfer Kriminalroman Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt Piper München Zürich Von Arne Dahl liegen auf deutsch außerdem vor: Misterioso (Serie Piper 3992) Böses Blut (Piper Original 7041) Deutsche Erstausgabe April 2004 © Arne Dahl 2000 Titel der schwedischen Originalausgabe: »Up
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