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Kyralia ist eine Welt, in der Magie das Privileg einer dün- nen Oberschicht ist. Die Magiergilde führt Jahr für Jahr Straf- und Säuberungsaktionen durch. Da gelingt es eines Tages Sonea, einem Kind aus dem Elendsviertel der Hauptstadt Imardin, den Schutzschild der Magier mit ei- nem Steinwurf zu durchdringen, Sie kann den Magiern entkommen und sich mit Hilfe ihres Freundes Cery und der weit verzweigten Organisation der Diebe verstecken. Die Magier, die von der übrigen Bevölkerung gehasst und gefürchtet werden, setzen alles daran, Sonea aufzuspü- ren. Sie hat offensichtlich hohes magisches Pote...
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Kyralia ist eine Welt, in der Magie das Privileg einer dün- nen Oberschicht ist. Die Magiergilde führt Jahr für Jahr Straf- und Säuberungsaktionen durch. Da gelingt es eines Tages Sonea, einem Kind aus dem Elendsviertel der Hauptstadt Imardin, den Schutzschild der Magier mit ei- nem Steinwurf zu durchdringen, Sie kann den Magiern entkommen und sich mit Hilfe ihres Freundes Cery und der weit verzweigten Organisation der Diebe verstecken. Die Magier, die von der übrigen Bevölkerung gehasst und gefürchtet werden, setzen alles daran, Sonea aufzuspü- ren. Sie hat offensichtlich hohes magisches Potential, und unkontrollierte Magie kann furchtbaren Schaden anrich- ten. Sonea erlebt unterdessen selbst die Konsequenzen ihrer sich entwickelnden magischen Kräfte – immer wie- der entzünden sich Gegenstände in ihrer Nähe und schließlich gehen sogar ganze Gebäude um sie herum in Flammen auf, ohne dass sie etwas dagegen tun könnte… »Ein wahrhaft magisches Debüt – voller Charaktere, die man einfach lieben (oder auch hassen) muss, einer wun- derbar ausgearbeiteten Welt und einer packenden Hand- lung, die einen nicht wieder loslässt!« Jennifer Fallon, TRUDI CANAVAN Die Gilde der Schwarzen Magier 1,

Trudi Canavan

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Die Rebellin

Die Gilde der Schwarzen Magier Roman Ins Deutsche übertragen von Michaela Link, Die Originalausgabe erschien 2001 unter dem Titel «The Magicians’ Guild. The Black Magician Trilogy Book One« bei Voyager/HarperCollins Australia. Umwelthinweis: Alle bedruckten Materialien dieses Taschenbuches sind chlorfrei und umweltschonend. 1. Auflage Deutsche Erstveröffentlichung Mai 2006 bei Blanvalet, 24394 einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München. Copyright © by Trudi Canavan 2001 Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2006 by Verlagsgruppe Random House GmbH, München Scan by Brrazo 06/2006 Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagillustration: Steve Stone, vertreten durch Artist Partners Ltd. London Redaktion: Alexander Groß V. B. • Herstellung: Heidrun Nawrot Satz: Uhl + Massopust, Aalen Druck und Einband: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany ISBN-10: 3-442-24394-7 1SBN-13: 978-3-442-24394-5 www.blanvalet-verlag.de, Dieses Buch widme ich Denis Canavan, meinem Vater. Von ihm kam der Funke, der das Zwillingsfeuer der Neugier und Kreativität entflammt hat., ERSTER TEIL, 1. Die Säuberung In Imardin, so heißt es, habe der Wind eine Seele und pfei- fe heulend durch die schmalen Straßen der Stadt, weil das, was er dort finde, ihn mit Trauer erfülle. Am Tag der Säu- berung heulte der Wind durch die schwankenden Masten der Schiffe im Hafen, peitschte durch das Westtor und schrie die Gassen hinunter. Dann verstummte er plötzlich, bis nur noch ein Wimmern zu hören war, als seien ihm die zerfetzten Seelen, die ihm entlang des Weges begegneten, eine unerträgliche Qual. So zumindest empfand es Sonea. Als sie abermals von einem eisigen Windstoß erfasst wurde, schlang sie die Ar- me um sich und hüllte sich fester in ihren abgetragenen Mantel. Mit ärgerlich gerunzelter Stirn sah sie zu Boden. Schmutziger Schneematsch schwappte ihr bei jedem Schritt über die Füße. Die Lappen, die sie in ihre viel zu großen Stiefel gestopft hatte, hatten sich bereits mit Wasser voll gesogen, und ihre Zehen schmerzten vor Kälte. Dann nahm sie aus dem Augenwinkel eine plötzliche, Bewegung zu ihrer Rechten wahr und machte einen Schritt zur Seite, als ein Mann mit wirrem, grauem Haar aus einer kleinen Seitenstraße gestolpert kam und auf die Knie fiel. Sonea blieb stehen und hielt ihm die Hand hin, aber der Alte schien sie gar nicht zu bemerken. Mühsam rappelte er sich hoch und schloss sich den Menschen an, die die Straße entlangzogen. Seufzend hielt Sonea Ausschau, so gut es eben ging, oh- ne ihr von einer großen Kapuze verborgenes Gesicht den Blicken anderer zu enthüllen. An der Einmündung der Gasse war ein Wachsoldat postiert. Mit einem hämischen Grinsen beobachtete er die kleine Gruppe am unteren Ende der Straße. Sonea sah ihn mit schmalen Augen an, aber als er sich in ihre Richtung drehte, wandte sie hastig den Blick ab. Zur Hölle mit den Wachen, dachte sie. Mögen sie alle giftige Faren in ihren Stiefeln finden. Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen dachte sie an einige der freundli- cheren Wachen, aber sie war nicht in der Stimmung, Aus- nahmen zu machen. Inzwischen hatte sie die kleine Gruppe schlurfender, ge- beugter Gestalten erreicht und folgte ihnen auf eine breitere Durchgangsstraße. Die Straße war zu beiden Seiten von zwei– bis dreigeschossigen Gebäuden gesäumt. In den Fenstern der oberen Stockwerke reihte sich ein Gesicht an das andere. In einem Fenster entdeckte Sonea einen gut gekleideten Mann, der einen kleinen Jungen auf dem Arm hielt, damit er die Menschen unten auf der Straße sehen, konnte. Der Mann rümpfte angeekelt die Nase, und der Junge schnitt eine Grimasse, als hätte er in einen faulen Apfel gebissen. Sonea blickte wütend zu den beiden hinauf. Die würden nicht mehr so aufgeblasen dreinschauen, wenn ich ihnen einen Stein durchs Fenster werfen würde. Sie sah sich halbherzig um, aber falls irgendwo Steine herumlagen, wa- ren sie unter dem Schneematsch gut verborgen. Einige Schritte vor ihr standen zwei Wachen an der Mündung einer kleinen Gasse. Angetan mit steifen Män- teln aus gekochtem Leder und eisernen Helmen, sahen sie so aus, als wögen sie gut und gern doppelt so viel wie die Bettler, die sie beobachteten. Sie hielten Holzschilde in den Händen, und an ihrer Hüfte hingen Kebin – Eisenstangen, die als Schlagstöcke benutzt wurden. Allerdings war direkt über dem Griff zusätzlich noch ein Haken angebracht, um einem Angreifer damit das Messer zu entwinden. Sonea senkte den Blick und ging an den beiden Männern vorbei. »… sollen sie von den anderen abschneiden, bevor sie den Platz erreichen«, sagte einer der Wachmänner soeben. »Es sind ungefähr zwanzig. Der Anführer der Bande ist ein großer Kerl. Hat eine Narbe am Hals und…« Soneas Herz setzte einen Schlag aus. War es möglich…? Einige Meter hinter den Wachen schlüpfte Sonea in ei- nen Hauseingang und drehte den Kopf, um noch einmal verstohlen zu den beiden Männern hinüberzusehen. Dann zuckte sie heftig zusammen. Zwei dunkle Augen blickten ihr aus dem Flur entgegen., Eine Frau starrte sie mit vor Überraschung geweiteten Augen an. Sonea wich einen Schritt zurück. Auch die Fremde zog sich zurück, dann lächelte sie, als Sonea kurz auflachte. Nur ein Spiegelbild! Sonea streckte die Hand aus, und ihre Finger trafen auf ein blank poliertes Metallschild, das an der Wand befestigt war. In die Oberfläche waren Worte eingeritzt, aber sie wusste zu wenig über Buchstaben, um erkennen zu können, was dort geschrieben stand. Sie begutachtete ihr Spiegelbild. Ein mageres Gesicht mit hohlen Wangen. Kurzes, dunkles Haar. Niemand hatte sie jemals hübsch genannt. Sie konnte noch immer als Jun- ge durchgehen, wenn sie wollte. Ihre Tante meinte, sie kä- me mehr nach ihrer lange verstorbenen Mutter als nach ih- rem Vater, aber Sonea hatte den Verdacht, dass Jonna ein- fach keine Ähnlichkeit mit ihrem verschwundenen Ehebru- der erkennen wollte. Sonea trat näher an die Metallplatte heran. Ihre Mutter war sehr schön gewesen. Vielleicht, wenn ich mir die Haa- re wachsen ließe, überlegte sie, und wenn ich etwas weibli- chere Kleidung trüge… …oh, spar dir die Mühe. Mit einem selbstironischen Schnauben wandte sie sich ab, verärgert darüber, dass sie sich von solchen Fantasien hatte ablenken lassen. »… vor ungefähr zwanzig Minuten«, erklang in der Nä- he eine Stimme. Sie erstarrte, als ihr wieder einfiel, warum sie in den Hauseingang getreten war. »Und wo soll die Falle zuschnappen?«, »Keine Ahnung, Mol.« »Ah, da wäre ich gern dabei. Ich habe gesehen, was sie letztes Jahr mit Porlen gemacht haben, diese kleinen Bas- tarde. Es hat Wochen gedauert, bis der Ausschlag wieder weg war, und er konnte tagelang nicht richtig sehen. Ich frage mich, ob… He! Das ist die falsche Richtung, Junge!« Sonea ignorierte den Soldaten, denn sie wusste, dass er und sein Gefährte auf keinen Fall ihren Posten verlassen würden. Sie durften nicht riskieren, dass die Menschen auf der Straße sich ihre Unaufmerksamkeit zunutze machten und sich durch die Nebengasse davonstahlen. Sonea be- gann zu rennen und bahnte sich einen Weg durch die Men- ge, die jetzt immer dichter wurde. Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen, um nach vertrauten Gesichtern Ausschau zu hal- ten. Sie zweifelte keinen Augenblick daran, von welcher Bande die Wachen gesprochen hatten. Die Geschichten darüber, was Harrins Jungen während der letzten Säube- rung getan hatten, waren während des ganzen harten letz- ten Winters wieder und wieder erzählt worden. Es hatte sie sehr erheitert, dass ihre alten Freunde immer noch ihren Schabernack trieben, obwohl sie ihrer Tante Recht geben musste, dass sie besser beraten war, sich von ihnen fern zu halten, denn sie brachten sich allzu oft in Schwierigkeiten. Jetzt sah es so aus, als planten die Wachen, sich an ihnen zu rächen. Was nur beweist, dass Jonna Recht hat. Sonea lächelte grimmig. Sie würde mir eine schöne Tracht Prügel verpas-, sen, wenn sie wüsste, was ich hier treibe, aber ich muss Harrin warnen. Wieder ließ sie den Blick über die Menge wandern. Ich will mich der Bande ja nicht wieder anschlie- ßen. Ich brauche nur irgendwo einen Späher zu finden – da! In einem dunklen Hauseingang kauerte ein Junge, der seine Umgebung mit verdrossener Feindseligkeit musterte und ständig von einer Straßenkreuzung zur anderen sah. Als sein Blick den ihren traf, hob Sonea die Hand, um sich die Kapuze tiefer ins Gesicht zu ziehen, und machte eine Bewegung mit den Fingern, die die meisten Menschen für äußerst unhöflich gehalten hätten. Die Augen des Jungen wurden schmal, und er antwortete ihr mit dem gleichen Zeichen. Jetzt wusste sie, dass er tatsächlich ein Späher war, und ging weiter. Wenige Schritte von der Tür entfernt blieb sie stehen und tat so, als müsse sie sich ihren Stiefel neu bin- den. »Zu wem gehörst du?«, fragte er, ohne sie anzusehen. »Zu niemandem.« »Du hast ein altes Zeichen benutzt.« »Ich war schon einige Zeit nicht mehr hier«, erwiderte sie. »Ich möchte jemanden treffen.« Der Späher schnaubte abfällig. »Und warum sollte ich dir glauben?« »Ich habe früher mal Harrin gekannt«, antwortete sie und richtete sich auf. Der Junge dachte einen Moment lang nach, dann trat er, aus dem Hauseingang und packte sie am Arm. »Dann wol- len wir doch mal sehen, ob er sich an dich erinnert.« Soneas Herz setzte einen Schlag aus, als der Junge sie mitten in das Gedränge zerrte. Der Boden war rutschig, und sie wusste, dass sie der Länge nach hinschlagen würde, wenn sie versuchte, sich gegen den Späher zu wehren. Sie murmelte einen Fluch. »Du brauchst mich nicht zu ihm zu bringen«, erklärte sie. »Sag ihm einfach meinen Namen. Er wird wissen, dass ich ihm nichts Böses will.« Der Junge beachtete sie gar nicht. Die Wachsoldaten, an denen sie vorbeikamen, warfen ihnen argwöhnische Blicke zu. Sonea versuchte den Arm freizubekommen, aber der Junge war stärker als sie. Er zog sie in eine Nebenstraße. »Hör mir zu«, sagte sie. »Ich heiße Sonea. Er kennt mich. Und Cery kennt mich auch.« »Dann wirst du ja nichts dagegen haben, ihn wiederzu- sehen«, zischte der Junge ihr über die Schulter hinweg zu. In der Nebenstraße drängten sich die Menschen dicht an dicht, und sie schienen es alle sehr eilig zu haben. Sonea hielt sich an einem Laternenpfosten fest und zwang den Jungen so, stehen zu bleiben. »Ich kann nicht mit dir gehen. Meine Tante wartet auf mich. Lass mich los…« Die Menge hatte sich inzwischen auf das untere Ende der Straße zubewegt, und Sonea blickte stöhnend auf. »Jonna wird mich umbringen.« Eine lange Reihe von Wachmännern bildete, mit hoch-, gehaltenen Schilden, eine Kette quer über die Straße. Eini- ge Jugendliche liefen vor ihnen auf und ab und riefen Be- leidigungen und Schmähungen. Dann warf einer von ihnen einen kleinen Gegenstand nach den Soldaten. Das Wurfge- schoss prallte von einem Schild ab und explodierte zu einer Wolke roten Staubs. Als die Wachen einige Schritte zu- rückwichen, brachen die Jungen und Mädchen in lauten Jubel aus. Einige Schritte von ihnen entfernt entdeckte Sonea zwei vertraute Gestalten, beides Männer. Einer von ihnen hatte die Hände in die Hüften gestemmt und war größer und massiger, als Sonea es in Erinnerung gehabt hatte. In den vergangenen zwei Jahren hatte Harrin sein jungenhaftes Aussehen verloren, aber seine ganze Haltung sagte ihr, dass sich davon abgesehen wenig verändert hatte. Er war schon immer der unbestrittene Anführer der Bande gewe- sen und hatte sich, wenn nötig, schnell mit einem wohl- platzierten Fausthieb Respekt verschafft. Der Junge neben ihm schien kaum mehr als halb so groß zu sein. Sonea konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Cery war, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, kaum gewachsen, und sie wusste, wie sehr ihn diese Tatsache ärgern musste. Trotz seiner zierlichen Gestalt hatte Cery bei der Bande jedoch stets beträchtliches Ansehen genos- sen, weil sein Vater für die »Diebe« gearbeitet hatte. Als der Späher sie näher zu sich heranzog, sah sie, dass Cery einen Finger mit der Zunge befeuchtete, ihn in die Höhe hielt und dann nickte. Harrin rief einen Befehl. Seine, Gefolgsleute zogen kleine Bündel aus ihren Kleidern her- vor und warfen sie nach den Wachen. Eine rote Wolke er- hob sich über den Schilden, und Sonea grinste, während die Männer zu fluchen oder vor Schmerz zu schreien be- gannen. Dann trat aus einer Gasse hinter den Soldaten eine ein- zelne Gestalt auf die Straße hinaus. Sonea blickte auf, und das Blut gefror ihr in den Adern. »Ein Magier!«, keuchte sie. Der Junge neben ihr sog scharf die Luft ein. Auch er hat- te die in weite Roben gehüllte Gestalt gesehen. »He! Ma- gier!«, rief er. Sowohl die Jugendlichen als auch die Wa- chen wandten sich dem Neuankömmling zu. Ein heißer Windschwall schlug ihnen entgegen, und sie taumelten rückwärts. Ein unangenehmer Geruch drang an Soneas Nase, und ihre Augen begannen zu brennen, als ihr der rote Staub ins Gesicht wehte. Dann flaute der Wind abrupt ab, und Stille kehrte ein. Sonea rieb sich die Tränen aus den Augen und blickte blinzelnd zu Boden, weil sie hoffte, ein wenig sauberen Schnee zu finden, um das Brennen zu lindern. Der Boden um sie herum war von einer glatten Schlammschicht be- deckt, die keine Fußabdrücke aufwies. Aber das konnte nicht sein. Als ihr Blick sich klärte, sah sie, dass sich feine Linien durch den Schlamm zogen – Linien, die allesamt von den Füßen des Magiers ausgingen. »Lauft!«, brüllte Harrin. Im nächsten Moment sprangen die Jungen und Mädchen von den Wachen weg und rann-, ten an Sonea vorbei. Der Späher stieß einen kurzen, schril- len Schrei aus und lief ihnen nach, wobei er Sonea hinter sich herzerrte. Ihr Mund wurde trocken, als sie sah, dass sich am ande- ren Ende der Straße bereits eine weitere Reihe von Solda- ten formiert hatte. Es war eine Falle! Und ich habe es fertig gebracht, mich zusammen mit Harrins Bande schnappen zu lassen! Es blieb ihr nichts anderes übrig, als hinter dem Späher, der ihre Hand fest umklammert hielt, herzulaufen. Als sie sich den Wachen näherten, hoben die Männer in Erwartung eines Kampfes ihre Schilde. Wenige Schritte von den Sol- daten entfernt bogen die Jugendlichen in eine Gasse ein. Vor dem ersten der Häuser in dieser Gasse lagen zwei uni- formierte Männer am Boden. »In Deckung!«, erklang eine laute, vertraute Stimme. Eine Hand packte sie und riss sie so plötzlich zu Boden, dass sie sich die Knie auf den Pflastersteinen aufschlug. Hinter ihr herrschte wilder Aufruhr, und als sie sich um- drehte, sah sie rudernde Arme und erhobene Schilde, die die schmale Lücke zwischen den Gebäuden ausfüllten. Ei- ne Wolke roten Staubs umwogte die Kämpfenden. »Sonea?« Die Stimme klang vertraut und voller Erstaunen. Sie blickte auf und lächelte. Cery hockte neben ihr. »Sie hat mir erzählt, die Wachen würden einen Hinter- halt planen«, sagte der Späher. Cery nickte. »Das wussten wir bereits.« Langsam breite-, te sich ein Lächeln auf seinen Zügen aus, dann blickte er über sie hinweg zu den Soldaten hinüber, und das Lächeln verschwand. »Kommt. Es wird Zeit zu gehen!« Er griff nach ihrer Hand, zog sie auf die Füße und führte sie zwischen den Jugendlichen hindurch, die die Wachen abermals mit Wurfgeschossen bombardierten. Plötzlich zuckte ein Lichtblitz auf und tauchte die Gasse in blenden- des Weiß. »Was war das?«, stieß Sonea hervor. Sie blinzelte heftig, um das Bild von der schmalen Straße zu verscheuchen, das sich auf ihrer Netzhaut eingebrannt zu haben schien. »Der Magier«, zischte Cery. »Lauft!«, brüllte Harrin ganz in ihrer Nähe. Halb blind stolperte Sonea weiter. Sie stieß mit jemandem zusammen und fiel der Länge nach hin. Cery packte sie an den Armen, riss sie hoch und führte sie weiter. Wenige Augenblicke später fand Sonea sich auf der Hauptstraße wieder. Die Mitglieder von Harrins Bande zo- gen sich die Kapuzen tief ins Gesicht und mischten sich unter die Menge. Sonea folgte ihrem Beispiel, und eine Weile gingen sie und Cery schweigend nebeneinander her. Dann erschien ein hochgewachsener Mann neben Cery und sah Sonea von der Seite an. »He! Wen haben wir denn da!« Harrins Augen weiteten sich. »Sonea! Was machst du hier?« Sie lächelte. »Ich lasse mich mal wieder von dir in Schwierigkeiten bringen, Harrin.« »Sie hat gehört, dass die Wachen einen Hinterhalt plan-, ten, und wollte uns warnen«, erklärte Cery. Harrin machte eine abschätzige Handbewegung. »Wir haben mit so etwas gerechnet und uns vorher einen Fluchtweg zurechtgelegt.« Sonea dachte an die Wachen, die am Eingang der Gasse gelegen hatten, und nickte. »Ich hätte wissen müssen, dass ihr nicht ahnungslos in die Falle tappen würdet.« »Also, wo hast du gesteckt? Wie lange ist das jetzt her? Es müssen Jahre sein…« »Zwei Jahre. Wir haben im Nordviertel gelebt. Onkel Ranel hatte ein Zimmer in einem Bleibehaus bekommen.« »Die Miete in den Bleibehäusern soll himmelschreiend überhöht sein, wie ich gehört habe. Und alles kostet das Doppelte, nur weil man innerhalb der Stadtmauern lebt.« »Das stimmt, aber wir sind zurechtgekommen.« »Wie denn?«, fragte Cery. »Indem wir Schuhe und Kleider geflickt haben.« Harrin nickte. »Deshalb haben wir dich also so lange nicht mehr gesehen.« Sonea lächelte. Deshalb und weil Jonna verhindern wollte, dass ich mich mit eurer Bande einlasse. Ihre Tante missbilligte Harrin und seine Freunde. Sehr sogar… »Das klingt ja nicht besonders aufregend«, murmelte Cery. Sonea sah ihn an und stellte fest, dass er zwar in den letzten Jahren nicht viel gewachsen war, sein Gesicht je- doch das Jungenhafte verloren hatte. Er trug einen neuen Mantel, von dem lose Fäden herabbaumelten, wo er abge-, schnitten worden war. Und wahrscheinlich waren in den Taschen und Beuteln im Futter Dietriche, Messer, allerlei Kinkerlitzchen und Süßigkeiten versteckt. Sie hatte sich immer gefragt, was Cery wohl tun würde, wenn er seinen Diebereien entwachsen war. »Im Bleibehaus war ich jedenfalls sicherer als bei euch«, beschied sie ihm. Cerys Augen wurden schmal. »Jonnas Gerede.« Früher einmal hätten diese Worte ihr wehgetan. Jetzt lä- chelte sie nur. »Jonnas Gerede hat uns aus den Hüttensied- lungen rausgebracht.« »Also«, fiel Harrin ihr ins Wort. »Wenn du ein Zimmer in einem Bleibehaus hast, warum bist du dann hier?« Soneas Miene verdüsterte sich. »Der König vertreibt die Leute aus den Bleibehäusern«, antwortete sie. »Er möchte nicht, dass so viele Menschen in einem einzigen Gebäude leben – angeblich weil es unsauber sei. Heute Morgen wa- ren Soldaten da und haben uns rausgeworfen.« Harrin runzelte die Stirn und murmelte einen Fluch. Als sie sich zu Cery umdrehte, sah sie, dass der neckende Aus- druck in seinen Augen erloschen war. Sie wandte den Blick ab, dankbar für das Verständnis der beiden, aber nicht ge- tröstet. Mit einem einzigen Wort aus dem Palast war ihr binnen eines Morgens alles genommen worden, wofür sie, ihre Tante und ihr Onkel gearbeitet hatten. Sie hatten nicht einmal Zeit gehabt, über die Konsequenzen dieses Ereig- nisses nachzudenken, als sie in aller Eile ihre Habe zu-, sammengepackt hatten und im nächsten Moment schon auf die Straße hinausgezerrt worden waren. »Wo sind Jonna und Ranel jetzt?«, fragte Harrin. »Sie haben mich vorgeschickt, um festzustellen, ob wir vielleicht ein Zimmer in unserem alten Haus bekommen können.« Cery sah sie direkt an. »Wenn du nichts findest, komm zu mir.« Sie nickte. »Danke.« Die Menge wogte langsam auf einen großen, gepflaster- ten Bereich zu. Dies war der Nordplatz, auf dem jede Wo- che ein kleiner Markt abgehalten wurde. Sie und ihre Tante gingen regelmäßig dorthin – oder genauer gesagt, sie hat- ten es getan. Inzwischen hatten sich mehrere hundert Menschen auf dem Platz eingefunden. Viele von ihnen gingen weiter durch die Nordtore, andere warteten in der Hoffnung, Freunde und Verwandte zu finden, bevor sie sich dem Chaos der Hüttenviertel überließen. Manche weigerten sich auch, sich von der Stelle zu rühren, bis man sie dazu zwang. Cery und Harrin blieben am ummauerten Rand des klei- nen Teichs in der Mitte des Marktplatzes stehen. Aus dem Wasser erhob sich eine Statue von König Kalpol. Der lange verstorbene Monarch war fast vierzig Jahre alt gewesen, als er die Bergbanditen in die Flucht geschlagen hatte, aber trotzdem wurde er als junger Mann dargestellt. Mit der rechten Hand schwang er ein Abbild seines berühmten ju-, welenbesetzten Schwerts, und in der linken hielt er einen gleichermaßen kunstvollen Kelch. Früher einmal hatte eine andere Statue an dieser Stelle gestanden, aber die war vor dreißig Jahren abgerissen wor- den. Im Laufe der Jahre hatte man verschiedene Statuen von König Terrel errichtet, aber bis auf eine einzige waren sie alle zerstört worden, und es hieß, dass selbst die eine noch existierende Statue, die geschützt hinter den Mauern des Palastes stand, schwer verunstaltet worden war. Trotz all der anderen Dinge, die er getan hatte, würden die Bür- ger von Imardin König Terrel stets als den Mann in Erinne- rung behalten, der die alljährlichen Säuberungen begonnen hatte. Ihr Onkel hatte ihr die Geschichte viele Male erzählt. Vor dreißig Jahren hatten sich einflussreiche Mitglieder der Häuser darüber beschwert, dass die Straßen nicht sicher seien. Daraufhin hatte der König den Wachsoldaten den Befehl gegeben, alle Bettler aus der Stadt zu vertreiben, ebenso die Vagabunden und alle, die möglicherweise ge- gen das Gesetz verstoßen hatten. Voller Wut hatten die Stärksten der Verbannten sich zusammengetan und sich mit Waffen, die die wohlhabenderen Schmuggler und Die- be beigesteuert hatten, gegen die Obrigkeit gewehrt. Der König, der sich plötzlich mit Straßenkämpfen und Auf- ständen konfrontiert sah, hatte sich Hilfe suchend an die Magiergilde gewandt. Gegen Magie waren die Rebellen machtlos gewesen. Man hatte sie gefangen genommen oder aus der Stadt ver-, trieben, wo sie außerhalb der äußeren Mauern ihre Hütten errichteten, die dort bald ausgedehnte Siedlungen bildeten. Die Feste, mit denen die Häuser daraufhin die Austreibung der Habenichtse feierten, gefielen dem König so gut, dass er einen Entschluss traf: In Zukunft würde die Stadt jedes Jahr im Winter von Vagabunden gesäubert werden. Als der alte König vor fünf Jahren gestorben war, hatten viele Menschen gehofft, dass die Säuberungen damit ein Ende nehmen würden, aber Terrels Sohn, König Merin, hatte die Tradition fortgesetzt. Als Sonea sich auf dem Marktplatz umsah, konnte sie sich kaum vorstellen, dass die gebrechlichen, kränkelnden Menschen um sie herum jemals eine Bedrohung darstellen könnten. Dann fiel ihr auf, dass sich einige Jungen um Harrin geschart hatten, die ihren Anführer erwartungsvoll beobachteten. Plötzlich krampfte sich ihr Magen vor Angst zusammen. »Ich muss gehen«, sagte sie. »Nein, geh nicht«, protestierte Cery. »Wir haben einan- der doch gerade erst wiedergefunden.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich war schon viel zu lange weg. Jonna und Ranel sind vielleicht schon außerhalb der Stadtmauern.« »Dann steckst du ohnehin in Schwierigkeiten.« Cery zuckte die Achseln. »Du hast immer noch Angst vor Jon- nas Strafpredigten, wie?« Sie warf ihm einen tadelnden Blick zu. Cery, den das nicht im Mindesten aus dem Gleichgewicht brachte, ant- wortete ihr mit einem Lächeln., »Hier.« Er drückte ihr etwas in die Hand. Es war ein kleines, in Papier gewickeltes Päckchen. »Ist das das Zeug, mit dem ihr die Wachen bewerft?« Cery nickte. »Papea-Staub«, sagte er. »Brennt in den Augen und verursacht einen hübschen Ausschlag.« »Aber gegen Magier wird euch das nicht helfen.« Er grinste. »Einmal habe ich einen erwischt. Er hat mich nicht kommen sehen.« Sonea wollte Cery das Päckchen zurückgeben, aber die- ser wehrte ab. »Behalte es«, sagte er. »Hier kann ich ohnehin nichts damit anfangen. Die Magier errichten immer eine Mauer.« Sonea schüttelte den Kopf. »Also werft ihr stattdessen mit Steinen? Warum spart ihr euch die Mühe nicht?« »Es tut gut.« Cery sah wieder zu der Straße hinüber, und seine Augen nahmen einen stählernen Grauton an. »Wenn wir es nicht täten, könnten wir genauso gut erklären, dass uns die Säuberungen nichts ausmachen. Wir dürfen uns nicht aus der Stadt vertreiben lassen, ohne zumindest ir- gendwie darauf zu reagieren, findest du nicht auch?« Achselzuckend sah sie Harrins Jungen an. Ihre Augen leuchteten erwartungsvoll. Sonea war es immer sinnlos und töricht erschienen, die Magier mit irgendetwas zu bewer- fen. »Aber ihr beide, du und Harrin, ihr kommt doch kaum je einmal in die Stadt«, wandte sie ein. »Trotzdem sollten wir es tun können, wenn wir wollen.« Cery grinste. »Und die Säuberungen sind die einzige Gele-, genheit, bei der wir Ärger machen können, ohne dass die Diebe ihre Nase in unsere Angelegenheiten stecken.« Sonea verdrehte die Augen. »Das ist es also.« »He! Gehen wir!«, brüllte Harrin über das Lärmen der Menge hinweg. Als seine Jungen sich mit lautem Gejohle in Bewegung setzten, sah Cery Sonea fragend an. »Komm mit«, drängte er sie. »Das wird lustig.« Sonea schüttelte den Kopf. »Du brauchst ja nicht mitzumachen. Sieh einfach nur zu«, sagte er. »Danach komme ich mit dir und sorge dafür, dass du ein Quartier findest.« »Aber… « »Hier.« Er streckte die Hand aus und knotete ihr Hals- tuch auf. Dann faltete er es zu einem Dreieck, legte es ihr um den Kopf und band es unter ihrem Kinn fest. »So, jetzt siehst du mehr wie ein Mädchen aus. Selbst wenn die Wa- chen auf die Idee kommen sollten, uns zu jagen – was sie niemals tun –, würden sie dich nicht für einen Unruhestifter halten. Hm.« Er tätschelte ihre Wange. »Schon viel besser. Jetzt komm. Ich werde dich nicht noch einmal verschwin- den lassen.« Sie seufzte. »Na schön.« Die Menge war angewachsen, und Harrins Bande dräng- te sich zwischen den Menschen hindurch nach vorn. Zu Soneas Überraschung stießen sie auf keinerlei Protest; niemand schien ihnen ihr ungestümes Verhalten zu ver- übeln. Stattdessen drückten ihr die Männer und Frauen, an, denen sie vorbeikam, Steine und überreife Früchte in die Hand und flüsterten ihr Ermutigungen zu. Erregung stieg in ihr auf, als sie die erwartungsvollen Mienen der anderen sah. Vernünftige Leute wie ihre Tante und ihr Onkel hatten den Nordplatz bereits verlassen. Wer übrig geblieben war, wollte einen Kampf sehen – auch wenn er noch so sinnlos war. Zum Rand hin wurde die Menschenmenge dünner. Wenn Sonea zur einen Seite blickte, konnte sie sehen, dass aus einer Nebenstraße immer noch Menschen auf den Platz strömten. Auf der anderen Seite erhoben sich die fernen Tore über der Menge. Und vor ihr… Sonea hielt inne, und ihre Zuversicht löste sich in nichts auf. Cery ging weiter, aber sie trat einige Schritte zurück und blieb hinter einer älteren Frau stehen. Keine zwanzig Meter von ihnen entfernt hatten sich Magier zu einer Reihe aufgestellt. Sie holte tief Luft und atmete langsam aus. Sie wusste, dass die Magier sich nicht von der Stelle bewegen würden. Sie würden die Menge ignorieren, bis sie so weit waren, sie vom Marktplatz zu vertreiben. Es gab keinen Grund, Angst zu haben. Sonea schluckte und zwang sich, den Blick abzuwenden und nach ihren Gefährten Ausschau zu halten. Harrin, Cery und die anderen bewegten sich weiter vorwärts; inzwischen war ihre Gruppe deutlich kleiner geworden. Schließlich wandte Sonea sich schaudernd wieder zu den Magiern um. Sie war ihnen noch nie zuvor so nahe ge-, kommen, ebenso wenig wie sie je eine Gelegenheit gehabt hatte, sie gründlicher zu betrachten. Sie trugen eine Uniform: Roben mit weiten Ärmeln, die in der Taille mit einer Schärpe gegürtet wurden. Ihrem On- kel Ranel zufolge waren solche Kleider vor Jahrhunderten in Mode gewesen, aber heutzutage war es für gewöhnliche Menschen ein Verbrechen, sich zu kleiden wie ein Magier. Es waren ausnahmslos Männer. Von ihrem Platz aus konnte sie insgesamt neun von ihnen zählen, die allein oder paarweise dastanden und einen Teil der Linie bildeten, von der sie wusste, dass sie den ganzen Marktplatz umfasste. Einige der Magier waren nicht älter als zwanzig, während andere uralt aussahen. Einer der Magier, die ihr am nächs- ten standen, war ein blonder Mann von etwa dreißig Jah- ren, und er war auf eine glatte, gepflegte Art und Weise attraktiv. Die anderen sahen überraschend gewöhnlich aus. Aus den Augenwinkeln nahm sie eine abrupte Bewe- gung wahr und drehte sich gerade rechtzeitig um, um zu sehen, wie Harrin den Arm hochriss. Ein Stein flog durch die Luft auf die Magier zu. Obwohl sie wusste, was ge- schehen würde, hielt Sonea den Atem an. Der Stein prallte auf etwas Hartes, Unsichtbares und fiel zu Boden. Sonea stieß langsam die Luft aus, während im- mer mehr junge Leute Steine warfen. Einige der Magier blickten auf, um zu beobachten, wie die Wurfgeschosse gegen die Luft vor ihnen prasselten. Andere musterten ihre Angreifer nur kurz und wandten sich dann wieder ihren Gesprächen zu., Sonea starrte die Stelle an, wo die Barriere der Magier hing. Sie konnte nichts sehen. Schließlich machte sie einen Schritt nach vorn, nahm einen der Klumpen aus ihrer Ta- sche, riss den Arm hoch und schleuderte ihr Wurfgeschoss mit aller Kraft durch die Luft. Es zerfiel, als es auf die un- sichtbare Mauer traf, und einen Moment lang hing eine Staubwolke in der Luft. Sie hörte dicht hinter sich ein leises Kichern und drehte sich um. Die alte Frau grinste sie an. »Ein guter Wurf«, murmelte sie glucksend. »Zeig’s ih- nen. Mach weiter.« Sonea schob eine Hand in die Tasche und ertastete einen größeren Stein. Sie trat einige Schritte auf die Magier zu und lächelte. In ein paar Gesichtern spiegelte sich Ärger wider. Sie schätzten es offensichtlich nicht, wenn man ih- nen trotzte, aber irgendetwas hielt sie davon ab, den Kampf gegen die jungen Leute aufzunehmen. Stimmen durchdrangen den Dunstschleier. Der gut aus- sehende Magier blickte auf, dann wandte er sich wieder seinem Gefährten zu, einem alten Mann mit grau gesträhn- tem Haar. »Jämmerliches Ungeziefer«, höhnte er. »Wie lange müs- sen wir noch warten, bis wir sie verscheuchen können?« Etwas in Soneas Magen krampfte sich zusammen, und sie umklammerte den Stein fester. Dann zog sie ihn aus der Tasche und wog sein Gewicht in der Hand. Ein ziemlich schwerer Stein. Sie drehte sich zu den Magiern um, griff nach ihrer Wut darüber, aus ihrem Heim vertrieben worden, zu sein, griff nach ihrem tief verwurzelten Hass auf die Magier und warf den Stein nach dem Mann, der gespro- chen hatte. Sie verfolgte den Flug des Steins durch die Luft, und als er sich der Barriere der Magier näherte, legte sie ihre ganze Willenskraft in den einen Gedanken, dass der Stein den Schild durchdringen und sein Ziel treffen möge. Blaues Licht kräuselte sich auf dem Schild und lief wie Wasser daran entlang. Dann krachte der Stein mit einem dumpfen Aufprall gegen die Schläfe des Magiers. Der Mann erstarrte und blickte ins Leere. Dann gaben die Knie unter ihm nach, und sein Gefährte trat vor, um ihn aufzu- fangen. Sonea starrte den älteren Magier, der seinen Gefährten vorsichtig auf den Boden bettete, mit weit geöffnetem Mund an. Das Geschrei der Menschen erstarb. Stille breite- te sich wie Rauch in der Menge aus. Dann wurden Rufe laut, als zwei weitere Magier herbei sprangen, um neben ihrem am Boden liegenden Gefährten in die Hocke zu gehen. Harrins Freunde und viele andere brachen in Jubel aus. Plötzlich war die Stille durchbrochen, während die Menschen einander zuriefen, was soeben ge- schehen war. Sonea blickte auf ihre Hände hinab. Es hat funktioniert. Ich habe die Barriere durchbrochen, aber das ist unmög- lich, es sei denn… Es sei denn, ich hätte Magie benutzt. Kälte durchströmte sie, als sie daran dachte, wie sie all, ihren Zorn und ihren Hass in den Stein hineingegeben, wie sie seinen Flug verfolgt und versucht hatte, ihn mit purer Willenskraft dazu zu bringen, die Barriere zu durchbre- chen. Etwas regte sich in ihr, als wolle es sie dazu treiben, ihr Tun zu wiederholen. Als sie aufblickte, sah sie, dass sich mehrere Magier um ihren gefallenen Kameraden geschart hatten. Einige hock- ten neben ihm, aber die meisten starrten mit forschendem Blick in die Menge. Sie suchen nach mir, dachte Sonea plötzlich. Als hätte er ihren Gedanken gehört, drehte einer der Männer sich zu ihr um und sah sie an. Sie erstarrte vor Entsetzen, aber dann wanderte sein Blick weiter durch die Menge. Sie wissen nicht, wer es war. Sie seufzte erleichtert. Dann stellte sie plötzlich fest, dass die Menge mehrere Schritte zurückgewichen war. Auch Harrins Freunde zogen sich langsam zurück. Mit hämmerndem Herzen folgte sie ihrem Beispiel. Dann erhob sich der ältere Magier. Im Gegensatz zu den anderen fiel sein Blick ohne eine Spur des Zögerns auf So- nea. Er deutete mit dem Finger in ihre Richtung, und die übrigen Magier wandten sich wieder um. Als sie die Hände hoben, stieg heiße Panik in Sonea auf. Sie wirbelte herum und rannte auf die Menge zu. Jetzt ergriffen auch die übri- gen jungen Leute die Flucht. Einen Moment lang war So- nea fast blind, als mehrere Lichtblitze in schneller Folge die Gesichter um sie herum beleuchteten, dann gellten Schreie durch die Luft. Eine Woge heißer Luft überspülte, sie, und sie fiel keuchend auf die Knie. »HALT!« Sie verspürte keinen Schmerz. Als sie an sich hinab- blickte, stellte sie zu ihrer Erleichterung fest, dass sie un- verletzt war. Um sie herum rannten die Menschen immer noch in wilder Flucht davon, ohne auf den seltsam ver- stärkten Befehl zu achten, dessen Echo noch immer über dem Marktplatz hing. Brandgeruch drang an Soneas Nase. Als sie sich um- drehte, sah sie einige Schritte entfernt eine Gestalt mit dem Gesicht nach unten auf dem Pflaster liegen. Obwohl Flammen hungrig an den Kleidern züngelten, war die Ges- talt vollkommen reglos. Dann sah sie die geschwärzte Masse, die früher einmal ein Arm gewesen war, und Übel- keit krampfte ihr den Magen zusammen. »TUT IHR NICHTS!« Sie rappelte sich mühsam hoch und taumelte von dem Leichnam weg. Dann nahm sie all ihre Kraft zusammen und zwang sich, hinter den letzten von Harrins Freunden herzulaufen, die vom Marktplatz flohen. Am Nordtor holte sie die anderen ein und benutzte die Ellbogen, um sich in das Gedränge zu mischen. Sie konnte die schweren Steine in ihren Taschen spüren und riss sie in blinder Panik heraus. Ihre Beine prallten gegen ein Hinder- nis, und sie stolperte, aber sofort zog sie sich wieder auf die Füße und rannte weiter. Plötzlich wurde sie von groben Händen gepackt. Sie setzte sich zur Wehr und holte Atem, um zu schreien, aber, die Hände drehten sie um, und mit einem Mal blickte sie in Harrins vertraute blaue Augen., 2. Die Debatte der Magier Obwohl er die Gildehalle seit seinem Abschluss vor mehr als dreißig Jahren schon ungezählte Male betreten hatte, hatte Lord Rothen dort nur selten ein solches Stimmenge- wirr gehört. Er betrachtete das Meer von in Roben gekleideten Män- nern und Frauen vor sich. Die Magier hatten sich zu Grup- pen zusammengefunden, und wie immer waren es diesel- ben Zirkel, die beisammen standen. Andere Magier schlen- derten durch die Halle und wanderten von einer Gruppe zur nächsten. Sie unterhielten sich mit ausladenden Gesten, und ab und an erhob sich ein entrüsteter Ausruf über den Lärm. Gildeversammlungen waren im Allgemeinen würdevol- le, wohlgeordnete Angelegenheiten, aber bis zur Ankunft des Administrators, der für Ruhe sorgen würde, würde wei- ter Durcheinander herrschen. Als Rothen auf die Menge zuging, schnappte er Bruchstücke von Gesprächen auf, die vom Dach herunterzuwehen schienen. Die Gildehalle ver- stärkte Geräusche auf seltsame und unerwartete Art und Weise, besonders dann, wenn lauter als gewöhnlich ge- sprochen wurde., Dieses Phänomen hatte nichts mit Magie zu tun, wie un- begabte Besucher häufig annahmen, sondern war ein unbe- absichtigtes Resultat des Umbaus dieses alten Gebäudes zu einem großen Saal. Früher einmal hatte es in diesem ersten und ältesten Bau der Gilde zahlreiche Räume zur Unter- bringung von Magiern und ihren Lehrlingen gegeben sowie Säle für Lektionen und Zusammenkünfte. Vier Jahrhunder- te später hatte die Gilde angesichts einer schnell wachsen- den Mitgliederzahl mehrere neue Gebäude errichtet. Da sie jedoch ihr erstes nicht hatte zerstören wollen, war man auf die Idee gekommen, daraus einfach die Innenwände zu ent- fernen und für zusätzliche Sitzplätze zu sorgen, um dort die Gildeversammlungen, die Aufnahme– und Abschlusszere- monien sowie die Anhörungen stattfinden zu lassen. Jetzt löste sich ein hochgewachsener, in purpurne Roben gewandeter Mann aus der Menge und kam auf Rothen zu. Als Rothen den eifrigen Gesichtsausdruck des jüngeren Magiers sah, lächelte er – Dannyl hatte sich mehr als ein- mal darüber beklagt, dass in der Gilde niemals etwas be- sonders Aufregendes geschah. »Nun, mein alter Freund. Wie ist es gelaufen?«, fragte Dannyl. Rothen verschränkte die Arme vor der Brust. »Alter Freund, wahrhaftig!« »Dann eben alter Feind.« Dannyl machte eine abschätzi- ge Handbewegung. »Was hat der Administrator gesagt?« »Nichts. Er hat sich nur von mir beschreiben lassen, was vorgefallen ist. Wie es aussieht, bin ich der Einzige, der sie, gesehen hat.« »Dann kann sie sich glücklich schätzen«, erwiderte Dannyl. »Warum haben die anderen versucht, sie zu tö- ten?« Rothen schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass sie das beabsichtigt haben.« Ein Gong übertönte das Summen der Gespräche, und dann erfüllte die verstärkte Stimme des Gildeadministrators die Halle. »Würden bitte alle Magier ihre Plätze einnehmen!« Rothen sah, dass die großen Haupttüren im hinteren Teil der Halle sich geschlossen hatten. Das Meer der Roben teilte sich, während die Magier auf ihre Plätze zu beiden Seiten des Raums zustrebten. »Wir haben heute seltene Gesellschaft«, bemerkte Dan- nyl. Rothen folgte dem Blick seines Freundes. Die Höheren Magier setzten sich. Zum Zeichen ihrer Position und Auto- rität innerhalb der Gilde waren ihre Plätze in fünf Reihen an der Stirnseite der Halle untergebracht. Man erreichte die erhöhten Sitze über zwei schmale Treppen. In der Mitte der höchsten Reihe stand ein mit Gold beschlagener Thron, in dessen Polster das Signum des Königs eingestickt war: ein stilisierter Nachtvogel. Der Thron war leer, aber auf den beiden Plätzen links und rechts davon saßen Magier, die goldfarbene Schärpen um die Taille trugen. »Die Ratgeber des Königs«, murmelte Rothen. »Interes- sant.«, »Ja«, erwiderte Dannyl. »Ich hatte mich schon gefragt, ob König Merin diese Versammlung für wichtig genug hal- ten würde, um selbst daran teilzunehmen.« »Nicht wichtig genug, um persönlich zu erscheinen, nein.« »Natürlich nicht.« Dannyl lächelte. »Dann müssten wir uns ja benehmen.« Rothen zuckte die Achseln. »Es macht keinen Unter- schied, Dannyl. Selbst wenn die Ratgeber nicht hier wären, würde keiner von uns etwas sagen, was er nicht auch in Gegenwart des Königs gesagt hätte. Nein, die beiden sind hier, um dafür zu sorgen, dass wir mehr tun, als nur über das Mädchen zu reden.« Als sie ihre gewohnten Plätze erreicht hatten, setzten sie sich. Dannyl lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und ließ den Blick durch den Raum schweifen. »Und das alles für ein einziges schmutziges Straßenkind.« Rothen kicherte. »Sie hat einen hübschen Aufruhr verur- sacht, nicht wahr?« »Fergun ist noch nicht erschienen.« Dannyl betrachtete mit schmalen Augen die Stuhlreihen an der gegenüberlie- genden Wand. »Aber seine Gefolgsleute sind da.« Obwohl Rothen es nicht billigte, dass sein Freund sich in der Öffentlichkeit abfällig über einen anderen Magier äu- ßerte, konnte er sich eines Lächelns nicht erwehren. Fer- guns selbstgefälliges Gehabe trug ihm keine Sympathie bei anderen ein. »Dem Bericht des Heilers zufolge hat der Schlag beträchtliche Verwirrung und Erregung ausgelöst., Der Heiler hielt es für klug, Fergun ein Beruhigungsmittel zu verabreichen.« Dannyl stieß einen Laut puren Entzückens aus. »Fergun schläft! Wenn ihm klar wird, dass er diese Versammlung verpasst hat, wird er fuchsteufelswild sein!« Abermals erklang der Gong, und Stille senkte sich über den Raum. »Und wie du dir sicher vorstellen kannst, war Administ- rator Lorlen sehr enttäuscht darüber, dass Lord Fergun sei- ne Version der Ereignisse nicht wird vortragen können«, fügte Rothen leise hinzu. Dannyl hatte Mühe, nicht laut aufzulachen. Inzwischen hatten die Höheren Magier, wie Rothen feststellte, alle ihre Plätze eingenommen. Nur Administrator Lorlen stand noch, einen Gong in der einen Hand, einen Klöppel in der anderen. Lorlens Miene war ungewöhnlich ernst. Rothens Heiter- keit verflog im Nu, als ihm bewusst wurde, dass dies die erste Krise war, die der andere Magier seit seiner Wahl meistern musste. Lorlen hatte unter Beweis gestellt, dass er mit den alltäglichen Belangen der Gilde durchaus fertig zu werden wusste, aber gewiss stellten sich in diesem Augen- blick nicht wenige Magier die Frage, wie der Administrator an ein Problem wie dieses herangehen würde. »Ich habe diese Versammlung einberufen, damit wir über den Zwischenfall diskutieren können, der sich heute Morgen am Nordplatz ereignet hat«, begann Lorlen. »Da- bei müssen wir uns mit zwei äußerst ernsten Themen be-, fassen: dem Tod eines Unschuldigen und der Existenz ei- nes Magiers, der sich unserer Kontrolle entzieht. Zunächst wollen wir uns dem ersten und ernsteren dieser beiden Dinge zuwenden. Ich rufe Lord Rothen als Zeugen des Vorfalls auf.« Dannyl sah Rothen überrascht an, dann lächelte er. »Na- türlich. Es muss Jahre her sein, seit du das letzte Mal da unten gestanden hast. Viel Glück.« Rothen erhob sich, nicht ohne seinem Freund zuvor ei- nen vernichtenden Blick zuzuwerfen. »Vielen Dank, dass du mich daran erinnerst. Ich werde schon zurechtkom- men.« Die versammelten Magier drehten die Köpfe, um Rothen zu beobachten, wie er die Halle durchquerte, um vor die Höheren Magier zu treten. Er verneigte sich kurz vor dem Administrator, der ihm seinerseits zunickte. »Erzählt uns, was Ihr beobachtet habt, Lord Rothen.« Rothen hielt einen Moment lang inne, um seine Worte abzuwägen. Wenn ein Magier vor der Gilde zum Sprechen aufgefordert wurde, erwartete man von ihm, dass er sich präzise und ohne Umschweife ausdrückte. »Als ich heute Morgen auf dem Nordplatz ankam, war Lord Fergun bereits dort«, begann er. »Ich habe meine Po- sition neben ihm eingenommen und meine Energie dem Schild hinzugefügt. Einige der jüngeren Vagabunden be- warfen uns mit Steinen, aber wie immer haben wir sie ig- noriert.« Die Höheren Magier beobachteten ihn genau. Ro- then kämpfte seine aufsteigende Nervosität nieder. Es war, tatsächlich lange her, dass er das letzte Mal vor der Gilde gesprochen hatte. »Als Nächstes habe ich aus den Augenwinkeln ein blaues Licht aufblitzen sehen und eine Störung des Schildes wahr- genommen. Ein kleiner Gegenstand kam auf mich zugeflo- gen, aber bevor ich reagieren konnte, traf er Lord Fergun an der Schläfe, und dieser verlor das Bewusstsein. Ich habe ihn aufgefangen, ihn vorsichtig auf den Boden gelegt und mich davon überzeugt, dass seine Verletzung nicht ernst war. Als dann einige andere herbeikamen, um Lord Fergun beizuste- hen, habe ich nach dem Werfer Ausschau gehalten.« Rothen lächelte schief. »Während die meisten der Ju- gendlichen verwirrt und überrascht zu sein schienen, starrte eine junge Frau voller Staunen auf ihre Hände hinab. Ich habe sie dann kurz aus den Augen verloren, als meine Kol- legen herbeikamen. Da sie den Werfer nicht ausmachen konnten, baten sie mich, ihn ihnen zu zeigen.« Er schüttelte den Kopf. »Als ich ihrem Wunsch ent- sprach und in die Richtung des Mädchens deutete, glaubten sie irrigerweise, ich hätte auf einen Jungen gezeigt, der ne- ben ihr stand, und… und übten Vergeltung.« Lorlen bedeutete Rothen, zu schweigen. Er sah auf die Magier in den Sitzreihen unter ihm hinab, und sein Blick fiel auf Lord Balkan, den Dekan der Krieger. »Lord Balkan, Ihr habt mit denjenigen gesprochen, die den Jungen getötet haben. Was hat Eure Befragung er- bracht?« Der rotgewandete Magier erhob sich. »Es waren insge-, samt neunzehn Magier beteiligt, und sie alle gingen davon aus, dass einer der Jungen in der Menge der Angreifer ge- wesen sei, da sie es für unwahrscheinlich hielten, dass je- mand ein Mädchen widerrechtlich zu einem wilden Magier ausbilden würde. Jeder dieser Magier hatte die Absicht, den Jungen zu betäuben, nicht ihn zu verletzen. Nachdem ich mir die Berichte der Zeugen angehört hatte, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es sich tatsächlich so zuge- tragen hat. Darüber hinaus weisen die Berichte darauf hin, dass einige der Betäubungsschläge sich zu einer Art diffu- sem Feuerschlag zusammengeballt haben. Das war es, was den Jungen getötet hat.« Vor Rothens innerem Auge blitzte das Bild einer schwe- lenden Gestalt auf. Eine jähe Übelkeit befiel ihn, und er senkte den Blick. Selbst wenn die Schläge nicht miteinan- der verschmolzen wären, hätten neunzehn Betäubungs- schläge dem Körper des Jungen furchtbaren Schaden zuge- fügt. Rothen fühlte sich verantwortlich für das Geschehene. Wenn er doch nur selbst etwas unternommen hätte, bevor die anderen reagieren konnten… »Dieser Vorfall wirft schwierige Fragen auf«, erklärte Lorlen nun. »Es ist unwahrscheinlich, dass die Öffentlich- keit uns glauben wird, wenn wir sagen, wir hätten lediglich einen Fehler begangen. Eine Entschuldigung genügt nicht. Wir müssen versuchen, Wiedergutmachung zu leisten. Sol- len wir die Familie des Jungen entschädigen?« Mehrere der Höheren Magier nickten, und Rothen hörte zustimmendes Gemurmel hinter sich., »Falls man die Familie überhaupt finden kann«, bemerk- te einer der Höheren Magier. »Ich fürchte, eine Entschädigung wird den Makel, den wir unserem Ruf zugefügt haben, nicht aus der Welt schaf- fen.« Lorlen runzelte die Stirn. »Wie sollen wir den Re- spekt und das Vertrauen der Menschen zurückerlangen?« Weiteres Gemurmel folgte, dann wurde eine einzelne Stimme laut: »Eine Entschädigung genügt.« »Lasst einfach etwas Zeit verstreichen – die Leute wer- den schon vergessen«, sagte ein anderer Magier. »Wir haben alles getan, was wir können.« Und irgendjemand rechts von Rothen murmelte: »…nur ein Junge aus den Hüttenvierteln. Wen kümmert das schon?« Rothen seufzte. Obwohl die Worte ihn nicht überrasch- ten, weckten sie in ihm einen vertrauten Zorn. Dem Gesetz nach existierte die Gilde zum Schutz anderer – und dieses Gesetz machte keinen Unterschied zwischen Arm und Reich. Er hatte andere Magier sagen hören, dass die Hüt- tenleute allesamt Diebe seien und den Schutz der Gilde nicht verdient hätten. »Viel mehr können wir kaum tun«, warf Lord Balkan ein. »Die oberen Klassen werden akzeptieren, dass der Tod des Jungen ein Unfall war. Die Armen werden es nicht ak- zeptieren, und nichts, was wir tun oder sagen könnten, wird ihre Meinung ändern.« Administrator Lorlen sah die Höheren Magier einen nach dem anderen an. Alle nickten., »Also schön«, sagte er. »Wir werden diese Angelegen- heit bei der nächsten Versammlung noch einmal anspre- chen, wenn wir Zeit hatten, die Auswirkungen dieser Tra- gödie abzuschätzen.« Er holte tief Luft, straffte die Schul- tern und sah sich in der Halle um. »Nun zum zweiten Punkt: der wilden Magierin. Hat außer Lord Rothen noch jemand dieses Mädchen gesehen oder beobachtet, wie sie den Stein geworfen hat?« Schweigen folgte. Lorlen runzelte enttäuscht die Stirn. Die meisten Diskussionen bei den Gildeversammlungen wurden von den drei Dekanen der Disziplinen beherrscht: Lady Vinara, Lord Balkan und Lord Sarrin. Lady Vinara, das Oberhaupt der Heiler, war eine praktisch veranlagte, strenge Frau, die jedoch überraschend mitfühlend sein konnte. Der stämmige Lord Balkan besaß eine scharfe Be- obachtungsgabe und legte Wert darauf, stets alle Seiten eines Problems zu beleuchten. Andererseits war er in der Lage, in einer Krise schnelle oder schwierige Entscheidun- gen zu treffen, ohne auch nur einen Moment zu zögern. Der Älteste der drei, Lord Sarrin, konnte in seinem Urteil sehr hart sein, war jedoch stets geneigt, auch andere Mei- nungen gelten zu lassen. Diese Höheren Magier waren es, die Lorlen jetzt vor al- lem ansprach. »Wir müssen zunächst einmal die Tatsachen untersuchen, die offenkundig sind und von Zeugen bekräf- tigt wurden. Es besteht kein Zweifel daran, dass ein bloßer Stein einen magischen Schild durchdrungen hat. Lord Bal- kan, wie ist so etwas möglich?«, Der Krieger zuckte die Achseln. »Der Schild, der bei Säuberungen benutzt wird, um Steine abzuwehren, ist rela- tiv schwach: stark genug, um Wurfgeschosse aufzuhalten, aber nicht, um Magie abzuwehren. Es hat jedoch einen blauen Lichtblitz gegeben, und diejenigen, die den Schild aufrecht hielten, haben über eine deutliche Störung im Ge- samtgefüge berichtet. Diese Dinge weisen darauf hin, dass Magie benutzt wurde. Damit Magie jedoch einen Schild durchdringen kann, muss sie zu diesem speziellen Zweck geformt worden sein. Ich glaube, die Angreiferin hat zu- sammen mit dem Stein einen ›Schlag‹ ausgesandt – wenn auch einen sehr simplen.« »Aber warum sollte sie dann überhaupt einen Stein be- nutzen?«, hakte Lady Vinara nach. »Warum hat sie nicht einfach mit Magie geschlagen?« »Vielleicht um den Schlag zu verbergen?«, meinte Lord Sarrin. »Wenn die Magier den Schlag hätten kommen se- hen, hätten sie vielleicht Zeit gehabt, den Schild zu stüt- zen.« »Das ist möglich«, sagte Balkan, »aber die Wucht des Schlages wurde einzig dazu benutzt, die Barriere zu durch- dringen. Wenn die Angreiferin in böser Absicht gehandelt hätte, hätte Lord Fergun Schlimmeres davongetragen als eine Prellung an der Schläfe.« Vinara runzelte die Stirn. »Dann hat diese Angreiferin also nicht damit gerechnet, dass sie einen großen Schaden anrichten würde? Warum hat sie es dann überhaupt getan?« »Um ihre Macht zu demonstrieren. Und vielleicht, um, uns zu trotzen«, erwiderte Balkan. Sarrins Gesicht legte sich in missbilligende Falten. Ro- then schüttelte den Kopf. Balkan, der diese Bewegung be- obachtete, lächelte. »Ihr seid nicht unserer Meinung, Lord Rothen?« »Sie hat nicht damit gerechnet, dass sie überhaupt etwas bewirken würde«, erklärte Rothen. »Ihrem Gesichtsaus- druck nach war sie unzweifelhaft schockiert und überrascht über das, was sie getan hatte. Ich glaube, dass sie gar nicht ausgebildet ist.« »Unmöglich.« Sarrin hob abwehrend die Hand. »Irgend- jemand muss ihre Kräfte entfesselt haben.« »Und wir wollen hoffen, dass dieser Jemand ihr auch beigebracht hat, wie sie sie kontrollieren kann«, fügte Vi- nara hinzu. »Oder wir haben es mit einem ganz anderen und sehr ernsten Problem zu tun.« In der Halle erhob sich ein nervöses Raunen. Lorlen hob die Hand, und jäh wurde es wieder still. »Als Lord Rothen mir von seinen Beobachtungen er- zählte, habe ich Lord Solend zu mir gebeten. Er hat die Ge- schichte der Gilde gründlich studiert, und ich habe ihn ge- fragt, ob er jemals von Magiern gelesen habe, deren Kräfte sich ohne Hilfe entwickelt hätten.« Lorlens Miene war sehr ernst. »Wir sind bisher immer davon ausgegangen, dass nur ein anderer Magier die Kräfte eines Magiers entfesseln kann. Aber wie es aussieht, ist das ein Irrtum. In den Unter- lagen über die frühen Jahrhunderte der Existenz der Gilde finden sich Hinweise darauf, dass einzelne Personen, die, um Ausbildung baten, bereits zuvor Magie benutzt hatten. Ihre Kräfte hatten sich im Laufe des körperlichen Rei- fungsprozesses auf natürliche Weise entwickelt. Da wir Novizen schon in sehr jungen Jahren aufnehmen und initi- ieren, kommt es nicht länger zu einer solchen natürlichen Entwicklung magischen Potenzials.« Lorlen wandte sich zur Seite. »Lord Solend hat auf meinen Wunsch hin alle ihm vorliegenden Informationen über dieses Phänomen zusammengetragen. Ich möchte ihn jetzt bitten, uns die Er- gebnisse seiner Arbeit vorzutragen.« Ein älterer Mann erhob sich und stieg die Treppe hinun- ter. Alle anderen Magier warteten schweigend, bis der alte Historiker in der Mitte des Saales angekommen war und sich schlurfend zu Rothen gesellt hatte. Er verbeugte sich steif vor den Höheren Magiern, bevor er zu sprechen be- gann. »Bis vor fünfhundert Jahren«, erklärte der alte Mann mit mürrischer Stimme, »war es üblich, dass ein Mann oder eine Frau, wenn sie die Magie erlernen wollten, an einzelne Magier herantraten, um eine Lehre bei ihnen zu beginnen. Sie wurden geprüft und danach ausgewählt, wie stark sie waren und wie viel sie bezahlen konnten. Aufgrund dieser Tradition waren einige Lehrlinge schon in reiferem Alter, als sie ihre Ausbildung begannen, da es vieler Jahre Arbeit und eines großzügigen Erbes bedurfte, bevor sie in der La- ge waren, für ihre Ausbildung aufzukommen. Manchmal jedoch erschien ein junger Mann oder eine junge Frau, de- ren Kräfte bereits ›gelöst‹ waren, wie man es damals aus-, drückte. Diese Personen, die man ›Naturtalente‹ nannte, wurden niemals abgewiesen. Dafür gab es zwei Gründe. Zum einen waren ihre Kräfte immer sehr stark. Zum ande- ren musste man sie die Kontrolle ihrer Kräfte lehren.« Der alte Mann hielt inne, und seine Stimme klang jetzt ein we- nig schriller. »Wir wissen bereits, was geschieht, wenn Novizen außerstande sind, die Kontrolle zu meistern. Falls es sich bei dieser jungen Frau um ein magisches Naturta- lent handelt, müssen wir davon ausgehen, dass sie stärker ist als unsere durchschnittlichen Novizen, vielleicht sogar stärker als durchschnittliche Magier. Wenn man sie nicht findet und Kontrolle lehrt, wird sie zu einer großen Gefahr für die Stadt.« Kurzes Schweigen folgte, dann ging ein bestürztes Summen durch die Halle. »Falls ihre Kräfte sich tatsächlich von selbst entwickelt haben sollten«, bemerkte Balkan. Der alte Historiker nickte. »Es besteht natürlich die Möglichkeit, dass sie von irgendjemandem ausgebildet wurde.« »Dann müssen wir sie finden – und denjenigen, der sie unterwiesen hat«, rief einer der Magier. Abermals breitete sich Unruhe aus, bis Lorlen wieder das Wort ergriff. »Falls sie eine wilde Magierin ist, sind wir vom Gesetz dazu verpflichtet, sie und ihre Lehrer vor den König zu bringen. Wenn sie eine natürliche Magierin ist, müssen wir sie Kontrolle lehren. So oder so, wir müs- sen sie finden.«, »Wie?«, rief jemand. Lorlen blickte hinab. »Lord Balkan?« »Eine systematische Durchsuchung der Hüttensiedlun- gen«, erwiderte der Krieger. Dann wandte er sich an die Ratgeber des Königs. »Wir werden Hilfe benötigen.« Lorlen zog die Brauen in die Höhe und folgte dem Blick des Kriegers. »Die Gilde erbittet hiermit offiziell die Un- terstützung durch die Städtische Garde.« Die beiden Ratgeber sahen einander an und nickten. »Sie sei gewährt«, erwiderte einer von ihnen. »Wir sollten so schnell wie möglich beginnen«, erklärte Balkan. »Vorzugsweise noch heute Abend.« »Wenn wir die Hilfe der Garde wollen, wird das einige Zeit dauern. Ich schlage vor, dass wir morgen früh begin- nen«, erwiderte Lorlen. »Was ist mit dem Unterricht?«, rief jemand. Lorlen sah die Magier an, die neben ihm saßen. »Ich denke, ein zusätzlicher Tag für private Studien wird die Fortschritte der Novizen nicht beeinträchtigen.« »Ein Tag wird keinen großen Unterschied machen.« Der mürrische Rektor der Universität, Jerrik, zuckte die Ach- seln. »Aber werden wir sie binnen eines Tages finden?« Lorlen schürzte die Lippen. »Falls wir sie bis morgen Abend nicht gefunden haben, werden wir erneut zusam- menkommen, um darüber zu beraten, wer die Suche fort- setzen soll.« »Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte, Administra- tor Lorlen?«, Rothen drehte sich überrascht um, als er die Stimme hör- te. Dannyl trat vor. »Ja, Lord Dannyl?«, fragte Lorlen. »Die Hüttenleute werden unsere Suche sicher behindern, und das Mädchen wird sich wahrscheinlich vor uns verste- cken. Wir haben vielleicht bessere Erfolgschancen, wenn wir in Verkleidung in ihre Viertel gehen.« Lorlen runzelte die Stirn. »Welche Art von Verkleidung würdet Ihr denn vorschlagen?« Dannyl hob die Schultern. »Je unauffälliger wir sind, de- sto größer sind unsere Chancen auf Erfolg. Ich möchte vor- schlagen, dass zumindest einige von uns sich so kleiden, wie die Hüttenleute es tun. Wenn wir mit ihnen sprechen, werden sie wahrscheinlich wissen, wer wir sind, aber –« »Auf keinen Fall«, knurrte Balkan. »Was würde passie- ren, wenn einer von uns in der Verkleidung eines greinen- den Bettlers entdeckt würde? Wir würden uns überall in den Verbündeten Ländern zum Gespött machen.« Mehrere der Magier stimmten ihm lautstark zu. Lorlen nickte langsam. »Ich gebe Lord Balkan Recht. Als Magier haben wir die Befugnis, jedes Haus dieser Stadt zu betreten. Unsere Suche würde behindert werden, wenn wir keine Roben tragen.« »Woher werden wir wissen, wonach wir Ausschau hal- ten sollen?«, erkundigte sich Vinara. Lorlen blickte zu Rothen hinunter. »Erinnert Ihr Euch daran, wie Sie ausgesehen hat?« Rothen nickte. Er trat einige Schritte zurück, schloss die, Augen und beschwor die Erinnerung an ein kleines, mage- res Mädchen mit schmalem, kindlichem Gesicht herauf. Dann griff er nach dem Quell seiner Kraft, öffnete die Au- gen wieder und ließ in der Luft vor sich ein Leuchten er- scheinen, das sich schnell zu einem leicht durchsichtigen Gesicht formte. Als seine Erinnerung dem Bild die übrigen Einzelheiten beisteuerte, erschienen auch die groben Klei- der des Mädchens: ein ausgeblichenes Halstuch um ihren Kopf, ein dickes Kapuzenhemd, Hosen. Als die Illusion vollständig war, blickte er zu den Höheren Magiern auf. »Das ist das Mädchen, das uns angegriffen hat?«, knurr- te Balkan. »Sie ist kaum mehr als ein Kind.« »Ein kleines Paket mit einer großen Überraschung dar- in«, bemerkte Sarrin trocken. »Und wenn sie nicht die Angreiferin ist?«, wollte Jerrik wissen. »Was ist, wenn Lord Rothen sich irrt?« Lorlen sah Rothen an und lächelte schwach. »Für den Augenblick können wir nur davon ausgehen, dass seine Beobachtungen zutreffend sind. Wir werden schon bald mehr wissen, wenn die Klatschbasen der Stadt mitmachen und man weitere Zeugen findet.« Er deutete mit dem Kopf auf die Illusion. »Das genügt, Lord Rothen.« Rothen machte eine knappe Handbewegung, und die Il- lusion erlosch. Als er wieder aufsah, begegnete er dem ab- schätzenden Blick Lord Sarrins. »Was tun wir, wenn wir sie gefunden haben?«, fragte Vinara. »Wenn sie eine wilde Magierin ist, werden wir das Ge-, setz anwenden«, antwortete Lorlen. »Wenn nicht, werden wir sie lehren, ihre Kräfte zu kontrollieren.« »Ja, natürlich, aber danach? Was dann?« »Ich denke, die Frage, die Lady Vinara stellt, ist folgen- de: Sollen wir sie zu einer von uns machen?«, warf Balkan ein. Sofort war die Halle erfüllt von Stimmengewirr. »Nein! Sie ist wahrscheinlich eine Diebin!« »Sie hat einen der unseren angegriffen! Sie sollte be- straft und nicht belohnt werden!« Rothen schüttelte den Kopf und seufzte, während immer neue Proteste laut wurden. Obwohl kein Gesetz es unter- sagte, Kinder niederer Klassen zu prüfen, war die Gilde bestrebt, nur die Kinder der Häuser in Magie zu unterwei- sen. »Die Gilde hat seit Jahrhunderten keinen Novizen von außerhalb der Häuser angenommen«, sagte Balkan leise. »Aber wenn Solend Recht hat, könnte sie eine unge- wöhnlich starke Magierin sein«, rief Vinara ihm ins Ge- dächtnis. Rothen unterdrückte ein Lächeln. Die meisten weibli- chen Magier wurden Heilerinnen, und er wusste, dass Lady Vinara die Herkunft des Mädchens nur allzu gern überse- hen würde, wenn sie auf diese Weise eine weitere starke Helferin gewann. »›Stärke ist kein Segen, wenn ein Magier sich als ver- derbt erweist‹«, zitierte Sarrin. »Sie könnte eine Diebin sein oder sogar eine Hure. Welchen Einfluss würde jemand, wie sie auf unsere anderen Novizen haben? Woher sollen wir wissen, ob sie unserem Gelöbnis treu bleiben würde?« Vinara zog die Brauen in die Höhe. »Also wollt Ihr ihr zeigen, wozu sie in der Lage ist, und dann ihre Kräfte bin- den und sie in die Armut zurückschicken?« Sarrin nickte. Vinara sah Balkan an, der nur die Schul- tern hob. Rothen zwang sich, Stillschweigen zu bewahren. Lorlen betrachtete mit ausdrucksloser Miene die drei Ma- gier, die in der Reihe unter ihm saßen. »Wir sollten ihr zumindest eine Chance geben«, erklärte Vinara. »Wenn auch nur die geringste Möglichkeit besteht, dass sie sich an unsere Regeln halten und zu einer verant- wortungsbewussten jungen Frau heranwachsen wird, soll- ten wir ihr die Möglichkeit dazu geben.« »Je weiter sich ihre Kräfte entwickeln, umso schwieriger wird es sein, sie zu binden«, erinnerte Sarrin sie. »Ich weiß.« Vinara beugte sich vor. »Aber es ist nicht unmöglich. Bedenkt auch, wie sehr es unserem Ansehen zugute käme, wenn wir das Mädchen aufnehmen würden. Eine großzügige Geste wie diese würde den Schaden, den unser Ruf heute erlitten hat, wohl eher wieder gutmachen als der Versuch, ihre Kräfte zu binden, um sie dann wieder in die Vorstadt zurückzuschicken.« Balkan hob die Augenbrauen. »Das stimmt. Außerdem würde uns das vielleicht die Mühe ersparen, nach ihr su- chen zu müssen. Wenn sie erfährt, dass sie eine Magierin werden kann, mit all dem damit verbundenen Ansehen und Wohlstand, wird sie aus freien Stücken zu uns kommen.«, »Und sollte sie jemals in Erwägung ziehen, in ihre frü- heren schändlichen Gewohnheiten zurückzufallen, könnte sie der Verlust dieses Wohlstands durchaus dazu bewegen, unserem Schwur die Treue zu halten«, warf Sarrin ein. Lady Vinara nickte. Sie sah sich in der Halle um, dann wanderte ihr Blick zu Rothen, und ihre Augen wurden schmal. »Was sagt Ihr dazu, Lord Rothen?« Rothen schnitt eine Grimasse. »Ich frage mich, ob sie uns nach den Ereignissen von heute Morgen überhaupt Glauben schenken wird.« Balkans Miene verdüsterte sich. »Hm, das möchte ich bezweifeln. Wahrscheinlich werden wir sie zuerst gefangen nehmen müssen und ihr anschließend unsere guten Absich- ten erläutern.« »Dann hat es wenig Sinn, abzuwarten, ob sie freiwillig zu uns kommt«, stellte Lorlen fest. »Wir werden morgen wie geplant mit der Suche beginnen.« Er schürzte die Lip- pen, dann wandte er sich zu dem Platz über seinem um. Rothen blickte auf. Zwischen dem Stuhl des Administra- tors und dem Thron des Königs war ein einzelner Platz für den Führer der Gilde reserviert: den Hohen Lord Akkarin. Der schwarzgewandete Magier hatte während der ganzen Versammlung kein Wort gesagt, aber das war nichts Un- gewöhnliches. Obwohl Akkarin bisweilen den Verlauf ei- ner Debatte mit einigen wenigen milden Worten beein- flusst hatte, bewahrte er in den meisten Fällen Stillschwei- gen. »Hoher Lord, habt Ihr Grund zu der Vermutung, dass es, in den Hüttenvierteln wilde Magier gibt?«, fragte Lorlen. »Nein. Es gibt keine wilden Magier in den Hüttensied- lungen«, erwiderte Akkarin. Rothen stand nahe genug, um zu sehen, dass Balkan und Vinara einen schnellen Blick tauschten. Er unterdrückte ein Lächeln. Es hieß, der Hohe Lord habe besonders scharfe Sinne, und fast alle Magier begegneten ihm mit ein wenig Ehrfurcht. Lorlen nickte und wandte sich dann wieder der Halle zu. Er schlug den Gong, und sein sanftes Läuten strich durch den Raum. »Die Entscheidung, ob das Mädchen unterrichtet werden soll oder nicht, wird vertagt, bis man sie gefunden und sich ein Bild von ihrer Wesensart gemacht hat. Fürs Erste wer- den wir uns darauf konzentrieren, nach ihr zu suchen. Die Suche wird morgen zur vierten Stunde hier beginnen. Wer glaubt, einen triftigen Grund zu haben, in der Gilde zu- rückzubleiben, möge bitte einen Antrag formulieren und ihn heute Abend meinem Assistenten vorlegen. Hiermit erkläre ich die Versammlung für beendet.« Das Rascheln von Roben und das Klappern von Absät- zen erfüllte die Halle. Rothen trat einen Schritt zurück, als der erste aus der Reihe der Höheren Magier die Treppe he- runterkam und auf die Nebeneingänge der Halle zustrebte. »Hast du Lord Kerrin gehört?«, fragte Dannyl, der auf ihn zugeeilt war. »Er möchte, dass das Mädchen bestraft wird, weil sie seinen lieben Freund Fergun angegriffen hat. Ich persönlich finde ja, das Mädchen hätte keine bessere Wahl treffen können, wenn sie denn schon einen Magier, bewusstlos schlagen wollte.« »Also wirklich, Dannyl…«, begann Rothen. »…und jetzt verlangen sie von uns auch noch, im Müll der Hüttensiedlungen herumzuwühlen«, erklang eine Stimme hinter ihm. »Ich weiß nicht, was die größere Tragödie ist: dass sie den Jungen getötet haben oder dass sie das Mädchen ver- fehlt haben«, erwiderte ein anderer. Rothen drehte sich voller Abscheu zu dem Sprecher um, einem alten Alchemisten, der zu beschäftigt damit war, dü- ster zu Boden zu blicken, um Rothen irgendwelche Beach- tung zu schenken. Als der Magier davongeschlurft war, schüttelte Rothen den Kopf. »Ich wollte dir gerade einen Vortrag darüber halten, dass du keine so unfreundlichen Reden führen sollst, Dannyl, aber das dürfte wohl wenig Sinn haben, nicht wahr?« »Nein«, pflichtete Dannyl ihm bei und trat beiseite, um Administrator Lorlen und den Hohen Lord vorbeigehen zu lassen. »Was ist, wenn wir sie nicht finden?«, fragte der Admi- nistrator den anderen Mann. Der Hohe Lord lachte leise. »Oh, Ihr werdet sie finden, auf die eine oder andere Weise – obwohl ich wetten möch- te, dass sich die meisten bis morgen Abend zugunsten der spektakuläreren, aber weniger gut riechenden Alternative aussprechen werden.« Als die beiden Höheren Magier vorbeigegangen waren, schüttelte Rothen abermals den Kopf. »Bin ich eigentlich, der Einzige hier, der sich dafür interessiert, was aus diesem armen Mädchen wird?« Dannyl klopfte ihm auf die Schulter. »Natürlich nicht, aber ich hoffe, du hast nicht die Absicht, ihm einen Vortrag zu halten, alter Freund.«, 3. Alte Freunde Sie ist ein Petz.« Die Stimme klang männlich, jung und fremd. Wo bin ich?, dachte Sonea. Zunächst einmal lag sie auf etwas Weichem, so viel stand fest. Ein Bett? Ich kann mich nicht daran erinnern, mich in ein Bett gelegt zu haben… »Auf keinen Fall.« Das war Harrins Stimme, und er verteidigte sie. Erst nach und nach ging ihr die Bedeutung dessen auf, was der Fremde gesagt hatte, und mit einiger Verzögerung machte sich Erleichterung in ihr breit. Ein Petz war im Sprach- gebrauch der Hütten ein Spitzel. Wenn Harrin dem anderen Mann Recht gegeben hätte, wäre sie in Schwierigkeiten gewesen… Aber für wen sollte sie denn spionieren? »Was könnte sie anderes sein als ein Petz?«, gab die ers- te Stimme zurück. »Sie verfügt über Magie. Magier müs- sen über viele Jahre hinweg ausgebildet werden. Wer macht hier in der Gegend so etwas?« Magie? Plötzlich strömten die Erinnerungen zurück: der Marktplatz, die Magier…, »Magie hin oder her, ich kenne sie genauso lange, wie ich Cery kenne«, erklärte Harrin dem Jungen. »Sie hat im- mer auf der richtigen Seite gestanden.« Sonea achtete kaum auf seine Worte. Vor ihrem inneren Auge sah sie sich den Stein werfen, sah ihn durch die Bar- riere fliegen und den Magier treffen. Das war ich, dachte sie. Aber das ist nicht möglich… »Du hast doch selbst gesagt, dass sie für ein paar Jahre verschwunden war. Wer weiß, in welcher Gesellschaft sie sich seither herumgetrieben hat.« Dann fiel ihr wieder ein, dass sie aus irgendeinem Kraft- quell in ihrem Innern geschöpft hatte – etwas, das sie nicht hätte besitzen dürfen… »Sie war bei ihrer Familie, Burril«, erwiderte Harrin. »Ich glaube ihr, Cery glaubt ihr, und das genügt.« Und die Gilde weiß, dass ich es war! Der alte Magier hatte sie gesehen, hatte die anderen auf sie aufmerksam gemacht. Die Erinnerung an eine schwelende Leiche durchzuckte sie, und sie schauderte. »Ich habe dich gewarnt.« Burril war nicht überzeugt, klang jedoch so, als gebe er sich geschlagen. »Wenn sie dich verpfeift, vergiss nicht, wer dich gewarnt –« »Ich glaube, sie wacht auf«, murmelte eine andere ver- traute Stimme. Cery. Er musste ganz in der Nähe sein. Harrin seufzte. »Hinaus mit dir, Burril.« Sonea hörte sich entfernende Schritte und dann eine Tür, die ins Schloss fiel. »Du kannst jetzt aufhören, so zu tun, als schliefest du, noch, Sonea«, sagte Cery leise. Eine Hand berührte ihr Gesicht, und sie öffnete blin- zelnd die Augen. Cery beugte sich grinsend über sie. Sonea stützte sich auf die Ellbogen. Sie lag auf einem al- ten Bett in einem unvertrauten Zimmer. Als sie sich auf- setzte, musterte Cery sie prüfend. »Du siehst besser aus«, bemerkte er. »Ich fühle mich auch nicht schlecht«, stimmte sie ihm zu. »Was ist passiert?« Als Harrin vor sie hintrat, blickte sie auf. »Wo bin ich? Wie spät ist es?« Cery lachte. »Es geht ihr gut.« »Erinnerst du dich nicht mehr?« Harrin ging in die Ho- cke, so dass er ihr direkt in die Augen sehen konnte. Sonea schüttelte den Kopf. »Ich erinnere mich, dass wir durch die Hüttenviertel gegangen sind, aber… « Sie breite- te die Hände aus. »Ich habe keine Ahnung, wie ich hierher gekommen bin.« »Harrin hat dich getragen«, erklang jetzt eine Frauen- stimme. »Er hat gesagt, du seist im Gehen eingeschlafen.« Sonea drehte sich um. Auf einem Stuhl hinter ihr saß ein Mädchen, das ihr bekannt vorkam. »Donia?« Das Mädchen lächelte. »Stimmt.« Sie tippte mit dem Fuß auf den Boden. »Du bist im Bolhaus meines Vaters. Er hat uns erlaubt, dich hier unterzubringen. Du hast die ganze Nacht durchgeschlafen.« Sonea sah sich um, dann lächelte sie. Sie erinnerte sich wieder daran, wie Harrin und seine Freunde Donia früher bestochen hatten, damit sie ein wenig Bol für sie stahl. Das, Gebräu war stark, und wenn sie davon getrunken hatten, waren sie stets besonders ausgelassen gewesen. Gellins Bolhaus lag ganz in der Nähe der Äußeren Mau- er, inmitten der solideren Häuser in dem Teil der Hütten- siedlungen, der Nordseite genannt wurde. Die Bewohner dieses Viertels bezeichneten die Hüttensiedlungen als den Äußeren Ring, eine Geste des Trotzes und ihre Art, sich dagegen zu wehren, dass die Menschen im Innenbezirk so taten, als seien die Hütten der Vorstadtsiedlungen kein Teil der Stadt. Sonea vermutete, dass sie sich in einem der Räume be- fand, die Gellin an Gäste vermietete. Das Zimmer war klein und wurde zum größten Teil von dem Bett, dem alten Stuhl, auf dem Donia saß, und einem kleinen Tisch ausge- füllt. Alte, ausgeblichene Papierblenden bedeckten die Fenster. Sie ließen nur schwaches Licht ein, und Sonea vermutete, dass es früh am Morgen sein musste. Harrin winkte Donia zu sich. Als das Mädchen aufge- standen war, legte Harrin ihr einen Arm um die Taille und zog sie zu sich heran. Sie lächelte ihn voller Zuneigung an. »Meinst du, du könntest etwas zu essen für uns auftrei- ben?«, fragte er. »Mal sehen, was sich da machen lässt.« Sie schlenderte zur Tür hinüber und schlüpfte aus dem Raum. Sonea warf Cery einen fragenden Blick zu und bekam zur Antwort ein selbstgefälliges Grinsen. Harrin, der sich inzwischen auf den frei gewordenen Stuhl hatte fallen las- sen, runzelte die Stirn. »Bist du dir sicher, dass es dir wie-, der besser geht, Sonea?«, fragte er. »Gestern Abend warst du ziemlich übel dran.« Sie zuckte die Achseln. »Ich fühle mich wohl, wirklich. Als hätte ich besonders gut geschlafen.« »Das hast du auch. Fast einen ganzen Tag lang.« Er mu- sterte sie prüfend. »Was ist passiert, Sonea? Du warst es doch, die diesen Stein geworfen hat, nicht wahr?« Sonea, deren Kehle plötzlich sehr trocken geworden war, schluckte. Einen Moment lang fragte sie sich, ob er ihr wohl glauben würde, wenn sie es abstritt. Cery legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Mach dir keine Sorgen, Sonea. Wir werden niemandem irgendetwas erzählen, wenn du es nicht willst.« Sie nickte. »Ich war es tatsächlich, aber… ich weiß nicht, was passiert ist.« »Hast du Magie benutzt?«, fragte Cery eifrig. Sonea wandte den Blick ab. »Ich weiß es nicht. Ich habe mir nur gewünscht, dass der Stein die Barriere durchdrin- gen möge… und er hat es getan.« »Du hast den Schild der Magier durchbrochen«, warf Harrin ein. »Das kann man nur mit Hilfe von Magie, oder? Steine prallen normalerweise von der Barriere ab.« »Und dann war da dieser Lichtblitz«, fügte Cery hinzu. Harrin nickte. »Und die Magier haben es mit der Angst zu tun bekommen, so viel steht fest.« Cery beugte sich vor. »Meinst du, du könntest es noch einmal tun?« Sonea starrte ihn verständnislos an. »Noch einmal?«, »Nicht das Gleiche natürlich. Wir dürfen nicht zulassen, dass du Magier mit Steinen bewirfst – es gefällt ihnen of- fensichtlich nicht besonders. Ich meine etwas anderes. Wenn es funktioniert, würdest du wissen, dass du tatsäch- lich über Magie gebietest.« Sonea schauderte. »Ich glaube nicht, dass ich das über- haupt wissen will.« Cery lachte. »Warum denn nicht? Überleg doch nur, was du alles tun könntest! Es wäre fantastisch! »Niemand würde dir mehr Schwierigkeiten machen wol- len«, erklärte Harrin. Sie schüttelte den Kopf. »Da irrst du dich. Die Leute hätten umso mehr Grund dazu.« Nachdenklich zog sie die Brauen zusammen. »Alle hassen die Magier. Sie würden auch mich hassen.« »Alle hassen die Magier der Gilde«, widersprach Cery ihr. »Die kommen alle aus den Häusern und interessieren sich nur für sich selbst. Jeder weiß, dass du zum Hütten- volk gehörst, genau wie wir.« Zum Hüttenvolk. Nachdem sie zwei Jahre lang in der Stadt gelebt hatten, identifizierten ihre Tante und ihr Onkel sich nicht länger mit dem Ausdruck, den die Bewohner der wild gewachsenen Vorstadt sich gegeben hatten. Sie hatten den Sprung von der Vorstadt in die Stadt hinein geschafft. Stattdessen nannten sie sich heute Zünftler. »Das Hüttenvolk hätte bestimmt liebend gern seine ei- gene Magierin«, beharrte Cery, »vor allem, wenn du an- fängst, ihnen gute Dienste zu erweisen.«, Sonea schüttelte den Kopf. »Gute Dienste? Magier tun niemals etwas Gutes. Warum sollte das Hüttenvolk glau- ben, ich sei anders?« »Wie wäre es, wenn du heilen könntest?«, fragte er. »Hat Ranel nicht ein schlimmes Bein? Du könntest es wie- der in Ordnung bringen!« Sonea schnappte nach Luft. Sie dachte an den Schmerz, den ihr Onkel erleiden musste, und plötzlich verstand sie Cerys Begeisterung. Es wäre tatsächlich wunderbar, wenn sie ihren Onkel wieder gesund machen könnte. Und wenn sie ihm half, warum dann nicht auch anderen? Dann fiel ihr wieder ein, was Ranel von den »Kurierern« hielt, die sein Bein behandelt hatten. Abermals schüttelte sie den Kopf. »Die Leute haben kein Vertrauen in die Ku- rierer, warum sollten sie dann mir vertrauen?« »Das liegt doch nur daran, dass die Leute glauben, die Kurierer würden genauso viel Schaden wie Nutzen anrich- ten«, erklärte Cery. »Sie haben Angst, dass es ihnen an- schließend nur noch schlechter geht.« »Vor Magie haben sie noch mehr Angst. Sie würden denken, die Magier hätten mich geschickt, um sie loszu- werden.« Cery lachte. »Das ist doch absurd. Niemand wird das denken.« »Was ist mit Burril?« Er schnitt eine Grimasse. »Burril ist ein Torfkopf. Nie- mand denkt so wie er.« Sonea, die keineswegs überzeugt war, schnaubte., »Trotzdem, ich weiß nichts über Magie. Wenn die Men- schen denken, ich könnte sie heilen, werden sie es mir sehr verübeln, wenn ich ihnen doch nicht helfen kann.« Cery runzelte die Stirn. »Das ist wahr.« Er blickte zu Harrin auf. »Sie hat Recht. Das Ganze könnte ziemlich schlimm ausgehen. Selbst wenn Sonea bereit wäre, es noch einmal mit der Magie zu versuchen, müssten wir das trotz- dem eine Weile geheim halten.« Harrin schürzte die Lippen, dann nickte er. »Wenn ir- gendjemand uns fragt, ob du über Magie gebietest, Sonea, werden wir antworten, dass du gar nichts getan hast – dass die Magier in ihrer Konzentration nachgelassen haben müssen oder etwas in der Art. Wir werden sagen, der Stein habe die Barriere auf ganz natürliche Art und Weise durchbrochen.« Sonea sah ihn hoffnungsvoll an. »Vielleicht war es ja auch wirklich so. Vielleicht habe ich gar nichts getan.« »Wenn es dir nicht noch einmal gelingt, Magie zu be- nutzen, werden wir es endgültig wissen.« Cery klopfte ihr auf die Schulter. »Solltest du aber wirklich über Magie ge- bieten, werden wir dafür sorgen, dass niemand davon er- fährt. In einigen Wochen werden alle glauben, die Magier hätten einfach einen Fehler gemacht. Lass ein oder zwei Monate verstreichen, dann haben sie dich vergessen.« Es klopfte an der Tür, und Sonea zuckte heftig zusam- men. Harrin öffnete und ließ Donia herein. Das Mädchen trug ein Tablett mit mehreren schweren Bechern und einem großen Brotteller., »Hier«, sagte sie und stellte das Tablett auf den Tisch. »Ein Krug Bol für jeden von uns, um die Rückkehr einer alten Freundin zu feiern. Harrin, Vater möchte, dass du ei- ne Besorgung für ihn machst.« »Dann werde ich mir wohl besser gleich sagen lassen, was er von mir will.« Harrin griff nach einem der Becher und leerte ihn. »Bis später, Sonea«, sagte er. Dann legte er Donia einen Arm um die Taille und zog sie kichernd aus dem Raum. Als die Tür hinter ihnen zufiel, schüttelte So- nea den Kopf. »Wie lange geht das denn schon?« »Die Sache mit den beiden?«, fragte Cery, der den Mund voller Brot hatte. »Seit fast einem Jahr, glaube ich. Harrin sagt, er würde sie heiraten und das Gasthaus erben.« Sonea lachte. »Weiß Gellin es schon?« Cery lächelte. »Jedenfalls hat er Harrin noch nicht aus dem Haus geworfen.« Sie nahm sich ein Stück von dem dunklen Brot. Schon beim ersten Bissen gab ihr Magen ihr zu verstehen, dass sie ihn mehr als einen Tag lang vernachlässigt hatte, und sie fiel gierig über die spärliche Mahlzeit her. Das Bol war ihr – obwohl ziemlich sauer – nach dem salzigen Brot hoch- willkommen. Als sie alles verzehrt hatten, ließ Sonea sich auf den einzigen Stuhl in der Kammer sinken und seufzte. »Wenn Harrin alle Hände voll mit einem Gasthaus zu tun hat, was wirst du dann machen, Cery?« Er zuckte die Achseln. »Dies und das. Zum Beispiel Harrins Bol stehlen. Seinen Kindern beibringen, wie man, Schlösser öffnet. Zumindest werden wir es in diesem Win- ter warm haben. Und was hast du vor?« »Keine Ahnung. Jonna und Ranel haben gesagt… oh!« Sie sprang auf die Füße. »Wir wollten uns treffen. Die bei- den wissen nicht, wo ich bin!« Cery machte eine wegwerfende Handbewegung. »Sie werden hier schon irgendwo sein.« Sonea tastete nach ihrem Geldbeutel und stellte fest, dass er nach wie vor voll und schwer an ihrer Hüfte bau- melte. »Ein hübsches Sümmchen hast du da bei dir«, bemerkte Cery. »Ranel meinte, wir sollten jeder einen Teil des Geldes nehmen und auf getrennten Wegen die Stadt verlassen. Es wäre schreckliches Pech, wenn wir alle von den Stadtwa- chen durchsucht würden.« Sie sah ihn mit schmalen Augen an. »Ich weiß genau, wie viel da drin war.« Er lachte. »Ich auch, und es ist noch alles da. Komm, ich helfe dir, Ranel und Jonna zu finden.« Er erhob sich und trat durch die Tür in einen kurzen Korridor. Sonea folgte ihm durch das schmale Treppenhaus in die vertraute Schankstube. Wie immer lag der schwere Geruch von Bol in der Luft, und der Raum war erfüllt von fröhlichem Geplauder und gutmütigen Flüchen. Ein hoch- gewachsener Mann lümmelte sich auf der Bank, an der der Schnaps ausgeschenkt wurde. »Guten Morgen, Gellin«, rief Cery. Der Mann musterte Sonea mit schmalen, kurzsichtigen, Augen, dann grinste er. »Ha! Wenn das nicht die kleine Sonea ist!« Gellin kam gemächlich auf sie zu und schlug ihr auf die Schulter. »Und erwachsen bist du geworden. Ich erinnere mich noch gut daran, wie du mir früher das Bol stibitzt hast, Mädchen. Eine geschickte kleine Diebin warst du, jawohl.« Sonea warf Cery einen verschmitzten Blick zu. »Und das war natürlich ganz allein meine Idee, nicht wahr, Ce- ry?« Cery breitete die Hände aus und lächelte unschuldig. »Wie meinst du das, Sonea?« Gellin kicherte. »Das kommt davon, wenn man sich mit den Dieben gemein macht. Aber sag mir, wie geht es dei- nen Eltern?« »Du meinst Tante Jonna und Onkel Ranel?« Er hob die Hand. »Die meine ich.« Sonea zuckte die Achseln und erzählte von der Vertrei- bung ihrer Familie aus dem Bleibehaus. Gellin nickte mit- fühlend. »Die beiden fragen sich sicher schon, wo ich abgeblie- ben bin«, fügte sie hinzu. »Ich –« Die Tür des Gasthauses wurde krachend aufgestoßen, und Sonea zuckte zusammen. Sofort herrschte Ruhe im Schankraum, und alle blickten zum Eingang hinüber. Im Türrahmen lehnte Harrin, atemlos und mit Schweiß auf der Stirn. »Pass bloß mit meiner Tür auf!«, brüllte Gellin. Harrin blickte auf. Als er Sonea und Cery entdeckte,, wurde er bleich und lief auf sie zu. Im nächsten Moment hatte er Sonea auch schon am Arm gepackt und zog sie, Cery dicht hinter ihnen, in die Küche des Gasthauses. »Was ist passiert?«, flüsterte Cery. »Die Magier durchsuchen die Vorstadt«, keuchte Harrin. Sonea starrte ihn entsetzt an. »Sie sind hier?«, rief Cery. »Warum?« Harrin warf Sonea einen bedeutungsvollen Blick zu. »Sie suchen nach mir«, wisperte sie. Harrin nickte grimmig, dann wandte er sich an Cery. »Wohin sollen wir gehen?« »Wie nah sind sie?« »Sehr nah. Sie haben ihre Suche an der Äußeren Mauer begonnen und arbeiten sich von dort aus vor.« Cery stieß einen leisen Pfiff aus. »So nah.« Sonea presste sich eine Hand auf die Brust. Ihr Herz hämmerte viel zu schnell, und ihr war mit einem Mal übel. »Wir haben nur ein paar Minuten Zeit«, erklärte Harrin. »Wir müssen sofort von hier verschwinden. Sie durchsu- chen jedes Haus.« »Dann müssen wir sie irgendwo unterbringen, wo sie schon gewesen sind.« Sonea lehnte sich an die Wand, und die Knie drohten un- ter ihr nachzugeben, als die Erinnerung an einen ge- schwärzten Leichnam vor ihren Augen aufstieg. »Sie werden mich töten!«, stieß sie hervor. Cery sah sie an. »Nein, Sonea«, erklärte er entschieden. »Sie haben diesen Jungen getötet…« Sie schauderte., Er packte sie an den Schultern. »Das werden wir nicht zulassen, Sonea.« Sein Blick war viel härter, als sie es von ihm gewohnt war. Sie forschte in seinen Augen nach Zweifeln, konnte aber keine entdecken. »Vertraust du mir?«, fragte er. Sie nickte, und er lächelte ihr aufmunternd zu. »Dann komm.« Er zog sie hinter sich her durch die Küche, und Harrin folgte ihnen. Sie kamen durch eine weitere Tür und traten schließlich auf eine durchweichte Gasse hinaus. Sonea schauderte, als die kalte Winterluft durch ihre Kleider drang. Am Ende der Gasse angekommen, erklärte Cery ihnen, dass sie warten sollten, während er herausfinden wollte, ob die Luft rein war. Er blieb nur einen Moment lang am Ein- gang stehen, dann kam er kopfschüttelnd zurück. Und schon rannten sie zurück in die Richtung, aus der sie ge- kommen waren. Etwa in der Mitte des Hausblocks hielt Cery inne und hob ein kleines, in eine Mauer eingelassenes Gitter hoch. Harrin warf seinem Freund einen zweifelnden Blick zu, dann legte er sich auf den Boden und schob sich durch die Öffnung. Sonea folgte ihm, und fand sich kurz darauf in einem dunklen Gang wieder. Während Harrin ihr auf die Füße half, zwängte auch Cery sich durch das Loch in der Mauer. Dann schloss er das Gitter hinter sich, eine Proze- dur, die ohne jedes Geräusch verlief, was darauf hindeute-, te, dass die Scharniere regelmäßig geölt wurden. »Bist du dir wirklich sicher?«, flüsterte Harrin. »Die Diebe werden alle Hände voll zu tun haben, um zu verhindern, dass die Magier ihre Sachen finden. Sie haben gar keine Zeit, sich um uns Gedanken zu machen«, antwor- tete Cery. »Außerdem werden wir nicht lange hier unten sein. Leg mir eine Hand auf die Schulter und folge mir, Sonea.« Sie gehorchte und hielt sich an seinem Mantel fest. Har- rin legte ihr seinerseits eine Hand fest auf die Schulter. Mit hämmerndem Herzen starrte Sonea in die Dunkelheit, die vor ihnen lag. Harrins Frage entnahm sie, dass sie auf der »Straße der Diebe« waren. Es war verboten, das unterirdische Tunnelnetz zu benut- zen, ohne vorher die Erlaubnis einzuholen, und Sonea hatte schreckliche Geschichten darüber gehört, wie die Diebe jene bestraften, die gegen dieses Gesetz verstießen. Seit sie denken konnte, hatten die Menschen Cery scherzhaft einen Freund der Diebe genannt. In ihren Ne- ckereien hatte stets ein Anflug von Furcht und Respekt mitgeschwungen. Sein Vater war Schmuggler gewesen, das wusste Sonea, daher war es durchaus möglich, dass Cery seine Privilegien und Beziehungen geerbt hatte. Bisher hat- te sie jedoch nie einen Beweis dafür gesehen, und sie hatte immer vermutet, dass er die Spekulationen in Gang hielt, um seinen angesehenen Platz als Harrins Stellvertreter in der Bande zu behaupten. Soweit sie wusste, hatte Cery kei-, nerlei Verbindung zu den Dieben, was bedeutete, dass sie ihrem Tod entgegenlief. Allerdings war es besser, eine Begegnung mit den Die- ben zu riskieren, als oberhalb der Erde dem sicheren Tod ausgeliefert zu sein. Zumindest suchten die Diebe nicht nach ihr. Der Weg wurde noch dunkler, bis Sonea nichts mehr se- hen konnte als verschiedene Nuancen von Schwärze. Dann wurde es nach und nach wieder heller, als sie sich einem weiteren Gitter näherten. Cery bog um eine Ecke, und wie- der hüllte sie absolute Finsternis ein. Sie wechselten noch mehrmals die Richtung, bevor Cery stehen blieb. »Hier sollten sie längst vorbei sein«, flüsterte Cery Har- rin zu. »Wir werden lange genug bleiben, um etwas zu kau- fen, und dann weitergehen. Du solltest die anderen holen und dich davon überzeugen, dass niemand etwas über So- nea gesagt hat. Irgendjemand könnte auf den Gedanken kommen, uns mit der Drohung zu erpressen, uns an die Magier zu verraten.« »Ich trommle unsere Freunde zusammen«, versicherte Harrin ihm. »Und wenn ich sie gefunden habe, werde ich ihnen sagen, dass sie den Mund halten sollen.« »Gut«, erwiderte Cery. »Also, wir sind hier, um ein we- nig Iker-Pulver zu kaufen, das ist alles.« Leise Geräusche hallten in der Dunkelheit wider, dann wurde eine Tür geöffnet, und sie traten in helles Tageslicht hinaus – und in einen Käfig voller Rassooks. Beim Anblick der Eindringlinge begannen die Vögel mit, ihren winzigen, nutzlosen Flügeln zu schlagen und brachen in laute, kreischende Rufe aus. Der Lärm wurde von den vier Mauern des kleinen Innenhofs noch verstärkt. In einer Tür in der Nähe erschien eine Frau. Als sie Sonea und Har- rin in ihrem Käfig sah, verdüsterte sich ihre Miene. »Hai! Wer seid ihr?« Sonea drehte sich zu Cery um, der hinter ihr hockte und mit der Hand über den staubigen Boden strich. Jetzt erhob er sich und grinste die Frau an. »Wir wollten dich besu- chen, Laria«, sagte er. Die Frau sah ihn von oben herab an. Ihre finstere Miene verschwand, und ein runzliges Lächeln breitete sich auf ihren Zügen aus. »Ceryni! Ich freue mich immer, dich zu sehen. Sind das Freunde von dir? Willkommen! Willkom- men! Kommt in mein Haus und trinkt einen Becher Raka.« »Wie laufen die Geschäfte?«, fragte Cery, als sie aus dem Käfig traten und Laria durch die Tür in einen winzi- gen Raum folgten. Die eine Hälfte des Zimmers wurde von einem schmalen Bett eingenommen, und ein Herd und ein Tisch beanspruchten den anderen Teil. Sie legte die Stirn in Falten. »Viel zu tun heute. Vor weniger als einer Stunde hatte ich ein paar Besucher hier. Ziemlich neugierige Ban- de.« »Besucher in Roben?«, fragte Cery. Sie nickte. »Die haben mich fast zu Tode erschreckt. Haben überall gesucht, aber nichts gefunden, wenn du weißt, was ich meine. Bei den Wachen war es anders. Die kommen bestimmt zurück, aber bis dahin wird es nichts, mehr geben, was sie hier finden könnten.« Sie kicherte. »Dann ist es zu spät.« Sie stellte einen Kessel mit Wasser zum Kochen auf den Herd. »Also, was willst du hier?« »Das Übliche.« Ein boshaftes Funkeln trat in Larias Augen. »Du willst also ein paar Nächte ordentlich feiern, ja? Wie viel kannst du mir denn anbieten?« Er lächelte. »Du schuldest mir noch einen Gefallen, wenn ich mich recht erinnere.« Die Frau schürzte die Lippen, und ihre klugen Augen wurden schmal. »Warte hier.« Sie verschwand durch die Tür. Mit einem Seufzen ließ Cery sich auf das Bett fallen, das laut knarrte. »Ganz ruhig, Sonea«, sagte er. »Sie sind schon hier gewesen. Sie werden nicht noch einmal nachsehen.« Sie nickte. Ihr Herz raste noch immer, und ihre Übelkeit hatte sich keineswegs gelegt. Sie holte tief Luft und lehnte sich an die Wand. Als das Wasser kochte, nahm Cery sich einen Krug mit dunklem Pulver und löffelte etwas davon in die Becher, die Laria bereitgestellt hatte. Ein tröstlich ver- trauter, scharfer Duft durchzog den Raum. »Ich schätze, dann wissen wir jetzt wohl Bescheid, So- nea«, bemerkte Harrin, als Cery ihm einen Becher gab. Sonea runzelte die Stirn. »Was wissen wir?« »Was du getan hast, muss Magie gewesen sein.« Er grinste. »Wenn sie das nicht dächten, würden sie nicht nach dir suchen, nicht wahr?«, Mit einer ungeduldigen Geste verscheuchte Dannyl die Feuchtigkeit aus seinen Roben. Kleine Dampfwolken wog- ten aus dem Tuch auf. Die Wachen wichen zurück, als ein eisiger Windschwall den Nebel fortblies, dann kehrten die vier Männer an ihre Plätze zurück. Sie gingen in einer strengen Formation – zwei neben ihm, zwei hinter ihm. Eine lächerliche Vorsichtsmaßnah- me. Das Hüttenvolk war nicht dumm genug, um sie an- zugreifen. Und wenn es zu einem Übergriff käme, würden die Soldaten sich wohl eher um Schutz an Dannyl wenden als umgekehrt. Als er einen nachdenklichen Blick von einem der Män- ner auffing, durchzuckte Dannyl ein Anflug schlechten Gewissens. Am Morgen waren sie ängstlich und unterwür- fig gewesen. Da er gewusst hatte, dass er den ganzen Tag mit ihnen würde verbringen müssen, hatte Dannyl sich alle Mühe gegeben, zugänglich und freundlich zu erscheinen. Für die Soldaten war dies wie ein Festtag – unendlich unterhaltsamer als stundenlang an einem der Tore stehen oder durch die Straßen der Stadt patrouillieren zu müssen. Obwohl sie erpicht darauf waren, die Vorratslager der Schmuggler und die Hurenhäuser aufzuspüren, waren sie bei der Suche selbst keine große Hilfe gewesen. Er brauch- te niemanden, der mit Gewalt Türen oder Transportkisten öffnete, und das Hüttenvolk hatte sich, wenn auch wider- strebend, hilfsbereit gezeigt. Dannyl seufzte. Er hatte genug gesehen, um zu wissen, dass viele dieser Menschen sich nur allzu gut darauf ver-, standen, versteckt zu halten, was sie verstecken wollten. Außerdem hatte er auf den Gesichtern, die ihn beobachte- ten, immer wieder ein unterdrücktes Lächeln gesehen. Welche Chance hatten hundert Magier, inmitten Tausender Hüttenbewohner ein einziges, vollkommen alltäglich aus- sehendes Mädchen zu finden? Überhaupt keine. Dannyl biss die Zähne zusammen, als ihm Lord Balkans Worte vom Vorabend noch einmal durch den Kopf gingen. Was würde passieren, wenn einer von uns in der Ver- kleidung eines greinenden Bettlers entdeckt würde? Wir würden uns überall in den Verbündeten Ländern zum Ge- spött machen. Er schnaubte. Und jetzt machen wir uns nicht zum Nar- ren? Ein scharfer Gestank drang an Dannyls Nase. Angewi- dert betrachtete er eine überquellende Kloake. Die Men- schen, die auf den Gehsteigen standen, wichen hastig vor ihm zurück. Es kostete ihn einige Anstrengung, tief durch- zuatmen und seine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten. Es gefiel ihm nicht, Menschen zu erschrecken. Sie be- eindrucken? Ja. Ihren Respekt gewinnen? Noch besser. Aber sie erschrecken – nein. Es verstörte ihn, dass diese Menschen davonhuschten, sobald er näher kam, und ihm dann nachstarrten, wenn er an ihnen vorbeigegangen war. Die Kinder waren mutiger und folgten ihm, aber auch sie rannten davon, wenn er sie ansah. Männer und Frauen, Alt und Jung, beobachteten ihn voller Argwohn. Alle sahen, hart und gerissen aus. Er fragte sich, wie viele von ihnen für die Diebe arbeiteten. Dannyl hielt jäh inne. Die Diebe… Die Wachen blieben ebenfalls stehen und sahen ihn fragend an. Er beachtete sie nicht. Wenn die Geschichten der Wahrheit entsprachen, wuss- ten die Diebe mehr über die Hüttensiedlung als jeder ande- re. Wussten sie auch, wo sich dieses Mädchen befand? Und wenn nicht, konnten sie es finden? Wären sie bereit, der Gilde zu helfen? Vielleicht, wenn der Preis stimmte… Wie würden die anderen Magier reagieren, wenn er ih- nen vorschlug, einen Handel mit den Dieben zu machen? Sie würden entsetzt sein. Entrüstet. Dannyl betrachtete den flachen, stinkenden Graben, der als Gosse diente. Wenn die Magier erst einige Tage durch die Hüttenviertel gewandert waren, würden sie seiner Idee vielleicht nicht mehr ganz so ablehnend gegenüberstehen. Was bedeutete, dass er noch eine Weile warten sollte, be- vor er ihnen diesen Vorschlag unterbreitete. Die Chancen, ihre Zustimmung zu gewinnen, würden sich von Tag zu Tag verbessern. Andererseits gab jede Stunde, die verstrich, dem Mäd- chen mehr Zeit, sich zu verstecken. Dannyl schürzte die Lippen. Es würde nicht schaden, festzustellen, ob die Diebe ü- berhaupt zu einem Handel bereit waren, bevor er der Gilde seine Idee unterbreitete. Wenn er zuerst die Zustimmung der Gilde einholte und die Diebe ihr Angebot ablehnten,, hätte er nur Zeit und Kraft verschwendet. Er drehte sich zu dem ältesten der Wachsoldaten um. »Hauptmann Garrin. Wisst Ihr, wie man Kontakt zu den Dieben herstellen kann?« Die Brauen des Kapitäns wanderten so hoch, dass sie unter seinem Helm verschwanden. Er schüttelte den Kopf. »Nein, Herr.« »Ich weiß es, Herr.« Dannyl musterte den jüngsten der vier Soldaten, einen schlaksigen jungen Mann namens Ollin. »Ich habe früher einmal hier gelebt, Herr«, gestand Ol- lin, »bevor ich der Wache beigetreten bin. Es gibt immer irgendwo Leute, die den Dieben eine Nachricht überbrin- gen können, wenn man weiß, wo man nach ihnen suchen muss.« »Verstehe.« Dannyl kaute auf seiner Unterlippe und dachte nach. »Finde einen dieser Leute für mich. Frag ihn, ob die Diebe bereit wären, mit uns zusammenzuarbeiten. Und komm mit ihrer Antwort direkt zu mir – zu nieman- dem sonst.« Ollin nickte und sah dann den Hauptmann an. Die Lip- pen des älteren Mannes waren schmal vor Missbilligung, aber er nickte und deutete mit dem Kinn auf einen der an- deren Soldaten. »Nimm Keran mit.« Dannyl sah den beiden Männern nach, wie sie die Straße hinuntergingen. Dann drehte er sich um und setzte, in Ge- danken bei den möglichen Konsequenzen seiner Entschei- dung, seinen Weg fort. Ein wenig weiter unten an der Stra-, ße trat eine vertraute Gestalt aus einem Haus. Dannyl lä- chelte und beschleunigte seinen Schritt. – Rothen! Der Mann hielt inne, und der Wind fuhr ihm unter die Robe, so dass sie um seine Beine peitschte. – Dannyl? Rothens gedankliche Erwiderung klang schwach und unsicher. – Ich bin hier. Dannyl sandte dem anderen Magier ein schnelles Bild von der Straße und ein Gefühl der Nähe. Ro- then wandte sich zu ihm um und richtete sich auf, als er Dannyl entdeckte. Als Dannyl näher kam, sah er, dass ein gehetzter Ausdruck in den blauen Augen Rothens lag. »Irgendwelche Fortschritte?« »Nein.« Rothen schüttelte den Kopf. Er betrachtete die provisorischen Bauten auf der einen Straßenseite. »Ich hat- te ja keine Ahnung, wie es hier aussieht.« »Es ist wie in einem Harrel-Bau, nicht wahr?«, kicherte Dannyl. »Ein echtes Chaos.« »Oh ja, aber ich meinte eigentlich die Menschen.« Ro- then deutete auf eine kleine Gruppe von Männern und Frauen. »Die Lebensbedingungen sind so schlecht… Ich hätte das nie für möglich gehalten… « Dannyl zuckte die Achseln. »Wir haben keine Chance, das Mädchen zu finden, Rothen. Wir sind einfach zu weni- ge.« Rothen nickte. »Meinst du, den anderen ist es besser er- gangen?« »Wenn dem so wäre, hätte man sich bereits mit uns in, Verbindung gesetzt.« »Du hast Recht.« Rothen runzelte die Stirn. »Mir ist heute eine Frage in den Sinn gekommen, die wir uns noch gar nicht gestellt haben: Woher wissen wir, dass sie über- haupt noch in der Stadt ist? Sie hätte aufs Land fliehen können.« Er schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, du hast Recht. Ich mache hier jetzt Schluss. Lass uns in die Gilde zurückkehren.«, 4. Die Suche geht weiter Frühes Morgenlicht überzog die frostüberhauchten Fenster mit Gold. Die Luft im Raum war herrlich warm, beheizt von einer leuchtenden Kugel, die hinter einer in die Wand eingelassenen Milchglasscheibe schwebte. Rothen gürtete die Schärpe seiner Robe, dann trat er in den Gästeraum, um seine Freunde zu begrüßen. Eine zweite Scheibe ermöglichte es der Wärmekugel, gleichzeitig das Schlafzimmer und den Gästeraum zu be- heizen. Ein älterer Magier stand vor dieser zweiten Scheibe und hielt die Hände über das Glas. Obwohl er weit über achtzig war, war Yaldin noch immer robust und mit einem scharfen Verstand gesegnet; dies war einer der Vorteile, die magische Fähigkeiten mit sich brachten: hohes Alter und gute Gesundheit. Ein größerer und jüngerer Magier stand neben Yaldin. Dannyl hatte die Augen halb geschlos- sen, und er machte den Eindruck, als könne er jeden Mo- ment einschlafen. »Guten Morgen«, sagte Rothen. »Sieht so aus, als würde das Wetter heute aufklaren.«, Yaldin lächelte schief. »Lord Davin meint, wir würden noch ein paar warme Tage haben, bevor der Winter kommt.« Dannyl zog die Brauen zusammen. »Das sagt Davin schon seit Wochen.« »Er hat nicht gesagt, wann es passieren würde«, bemerk- te Yaldin mit einem vergnügten Kichern. »Er hat nur ge- sagt, dass es passieren würde.« Rothen lächelte. Es gab ein altes Sprichwort in Kyralia: »Die Sonne trachtet nicht danach, Königen zu gefallen, ja nicht einmal Magiern.« Lord Davin, ein exzentrischer Al- chemist, hatte vor drei Jahren mit Wetterstudien begonnen, fest entschlossen, das Gegenteil zu beweisen. In letzter Zeit hatte er die Gilde mit »Voraussagen« versorgt. Rothen vermutete allerdings, dass seine Erfolgsrate eher auf Zufall als auf Genie schließen ließ. Die Haupttür des Raums wurde geöffnet, und Rothens Dienerin, Tania, trat ein. Sie brachte ein Tablett zum Tisch und stellte es ab. Auf dem Tablett standen mehrere kleine, mit Gold verzierte Tassen und ein Teller, auf dem sich sü- ße, kunstvoll verzierte Kuchen türmten. »Sumi, die Herren?«, fragte sie. Dannyl und Yaldin nickten begeistert. Nachdem Rothen die beiden aufgefordert hatte, Platz zu nehmen, maß Tania einige Löffel getrockneter Blätter ab, gab sie in eine golde- ne Kanne und goss heißes Wasser darüber. Yaldin seufzte und schüttelte den Kopf. »Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, warum ich mich freiwillig erboten ha-, be, heute in die Hüttensiedlung zu gehen. Ich hätte es auch nicht getan, wenn Ezrille nicht darauf bestanden hätte. Ich habe zu ihr gesagt: ›Wenn nur die Hälfte von uns hingeht, welche Chancen haben wir dann?‹ Sie hat geantwortet: je- denfalls bessere, als wenn keiner von euch geht.‹« Rothen lächelte. »Eure Gattin ist sehr vernünftig.« »Ich hätte gedacht, dass unsere Kollegen stärker daran interessiert wären, bei der Suche zu helfen. Vor allem, nachdem die Ratgeber des Königs erklärt haben, dass er eine Ausbildung für das Mädchen wünscht, sollte sie keine wilde Magierin sein«, warf Dannyl ein. Yaldin schnitt eine Grimasse. »Ich nehme an, einige un- serer Freunde haben aus Protest gegen diese Entscheidung ihre Unterstützung zurückgezogen. Sie wollen kein Mäd- chen aus den Hütten in der Gilde.« »Nun, jetzt haben sie keine andere Wahl mehr. Und wir haben einen neuen Helfer hinzugewonnen«, rief Rothen ihm ins Gedächtnis, während er von Tania eine Tasse ent- gegennahm. »Fergun.« Dannyl stieß einen Laut aus, der äußerst un- höflich war. »Das Mädchen hätte wirklich fester werfen sollen.« »Dannyl!« Rothen drohte dem jüngeren Magier mit dem Finger. »Fergun ist der einzige Grund, warum die Gilde überhaupt noch nach ihr sucht. Bei der Versammlung ges- tern Abend war er sehr überzeugend.« Yaldin lächelte grimmig. »Ich bezweifle, dass seine Be- geisterung lange anhalten wird. Als ich gestern endlich, nach Hause kam, bin ich geradewegs ins Badehaus gegan- gen, aber Ezrille meinte, selbst dadurch sei ich den Gestank des Hüttenviertels nicht losgeworden.« »Ich hoffe, unsere flüchtige kleine Magierin wird nicht gar so schrecklich stinken«, sagte Dannyl und zeigte Ro- then ein schiefes Grinsen. »Sonst wird ihre erste Lektion wohl darin bestehen, dass man ihr beibringt, wie man sich wäscht.« Als Rothen an das halb verhungerte, schmutzige Gesicht und die vor Staunen geweiteten Augen des Mädchens dachte, überlief ihn ein Schauer. Die ganze Nacht hatte er von den Hüttensiedlungen geträumt. Er war durch Hütten mit dünnen Wänden gestrichen, hatte kränkelnde Men- schen beobachtet, alte Männer, die in ihren Lumpen zitter- ten, magere Kinder, die halb verfaultes Essen zu sich nah- men, grausam entstellte Krüppel… Ein höfliches Klopfen unterbrach seine Gedanken. Er wandte sich der Tür zu und gab ihr einen Gedankenbefehl. Die Tür schwang auf, und ein junger Mann in der Gewan- dung eines Boten trat ein. »Lord Dannyl.« Der Bote verneigte sich tief vor dem jüngeren Magier. »Sprich«, befahl Dannyl. »Hauptmann Garrin schickt Euch eine Nachricht, Herr. Ich soll Euch ausrichten, die Wachen Ollin und Keran sei- en ausgeraubt und schwer verprügelt worden. Der Mann, nach dem Ihr sie habt suchen lassen, wünsche nicht, mit Magiern zu sprechen.«, Dannyl starrte den Diener an, dann runzelte er die Stirn, als er die Neuigkeiten überdachte. Als die Stille sich in die Länge zog, begann der junge Mann beklommen von einem Fuß auf den anderen zu treten. »Sind sie schlimm verletzt?«, fragte Rothen. Der Bote schüttelte den Kopf. »Ein paar Prellungen, Herr. Keine gebrochenen Knochen.« Dannyl machte eine abschätzige Handbewegung. »Dankt dem Hauptmann für seine Nachricht. Und jetzt darfst du gehen.« Der Bote verneigte sich abermals und verließ den Raum. »Was hatte das zu bedeuten?«, fragte Yaldin, als die Tür sich schloss. Dannyl schürzte die Lippen. »Wie es aussieht, sind uns die Diebe nicht allzu wohl gesinnt.« Yaldin stieß ein leises Schnauben aus und griff nach ei- nem Stück Kuchen. »Das möchte ich meinen! Warum soll- ten sie…?« Der ältere Magier brach ab und musterte den jüngeren mit schmalen Augen. »Ihr habt doch nicht et- wa…?« Dannyl breitete die Hände aus. »Einen Versuch war es wert. Angeblich wissen sie über alles Bescheid, was sich im Hüttenviertel ereignet.« »Ihr habt versucht, Kontakt zu den Dieben aufzuneh- men!« »Soweit ich weiß, habe ich damit kein Gesetz gebro- chen.« Yaldin stöhnte und schüttelte den Kopf., »Nein, Dannyl«, sagte Rothen, »aber der König und die Häuser werden es gewiss nicht billigen, wenn die Gilde mit den Dieben Geschäfte macht.« »Wer hat hier von Geschäften gesprochen?« Dannyl lä- chelte und nahm einen Schluck aus seiner Tasse. »Denkt darüber nach. Die Diebe kennen die Hüttensiedlungen viel besser, als wir es uns jemals erhoffen könnten. Sie sind in einer viel besseren Position, das Mädchen zu finden, als wir – und ich bin davon überzeugt, dass sie lieber selbst nach ihr suchen, als das Risiko einzugehen, dass wir auf ihrem Territorium herumschnüffeln. Wir brauchen es vor dem König nur so darzustellen, dass wir die Diebe einge- schüchtert oder überredet hätten, uns das Mädchen auszu- liefern, und wir werden alle Zustimmung bekommen, die wir brauchen.« Rothen runzelte die Stirn. »Du wirst viel Zeit und Mühe brauchen, um die Höheren Magier für diese Idee zu gewin- nen.« »Sie müssen es ja nicht sofort erfahren.« Rothen verschränkte die Arme vor der Brust. »Oh doch, das müssen sie«, erwiderte er entschieden. Dannyl zuckte zusammen. »Ja, du hast wahrscheinlich Recht, aber wenn mein Plan funktioniert und ich ihnen ein Argument liefere, mit dem sie das Ganze beim König rechtfertigen können, werden sie mir sicher verzeihen.« Yaldin lachte trocken auf. »Vermutlich ist es gut, dass Euer Plan nicht funktioniert hat.« Rothen erhob sich und trat an ein Fenster. Er rieb an ei-, ner Stelle den Raureif weg und spähte hinaus in die säuber- lich angelegten und gepflegten Gärten. Unwillkürlich musste er an die zitternden, hungrigen Menschen denken, die er gesehen hatte. War das das Leben, das dieses Mäd- chen führte? Hatte ihre Suche sie aus der zweifelhaften Si- cherheit irgendeiner Hütte auf die Straßen hinausgetrieben? Der Winter nahte, und es war durchaus möglich, dass sie verhungerte oder erfror, lange bevor ihre Kräfte instabil und gefährlich wurden. Er trommelte mit den Fingern auf das Fenstersims. »Es gibt mehrere Gruppen unter den Dieben, nicht wahr?« »Ja«, antwortete Dannyl. »Spricht dieser Mann, den du zu kontaktieren versucht hast, für sie alle?« »Keine Ahnung«, gab Dannyl zu. »Vielleicht nicht.« Rothen drehte sich zu seinem Freund um. »Es könnte nicht schaden, das herauszufinden, nicht wahr?« Yaldin starrte Rothen entgeistert an, dann schlug er sich mit der Hand gegen die Stirn. »Ihr zwei werdet uns alle in Schwierigkeiten bringen«, stöhnte er. Dannyl legte dem älteren Mann die Hand auf die Schul- ter. »Macht Euch keine Sorgen, Yaldin. Es muss sich nur einer von uns um die Angelegenheit kümmern.« Er grinste Rothen an. »Überlasst die Sache mir. Und in der Zwi- schenzeit sollten wir den Dieben einen guten Grund liefern, uns zu helfen. Ich würde mir diese unterirdischen Gänge, die wir gestern entdeckt haben, gern einmal etwas näher, ansehen. Ich möchte wetten, dass es den Dieben lieber wä- re, wenn wir da unten nicht allzu gründlich herumschnüf- feln würden.« »Mir gefallen diese unterirdischen Räume nicht«, bemerkte Donia. »Sie haben keine Fenster. Ich finde es unheimlich hier unten.« Sonea kratzte sich die winzigen Stiche, die sie sich wäh- rend der Nacht eingefangen hatte. Ihre Tante wusch regel- mäßig ihre Betten und die Decken mit einem Kräutersud, um die Wanzen zu verscheuchen, und ausnahmsweise ein- mal sehnte Sonea sich nach der peniblen Ordnungsliebe ihrer Tante. Seufzend sah sie sich in dem staubigen Raum um. »Ich hoffe, Cery bekommt keinen Ärger, weil er mich hier versteckt.« Donia zuckte die Achseln. »Er erledigt schon seit Jahren kleinere Aufträge für Opia und die Mädchen aus dem Tan- zenden Pantoffel. Sie haben nichts dagegen, wenn du ein paar Tage in ihrem Lagerraum wohnst. Seine Ma hat mal hier gearbeitet, musst du wissen.« Donia stellte eine große Holzschale vor Sonea auf den Tisch. »Beug dich mal dar- über.« Sonea gehorchte und zuckte zusammen, als sie das eis- kalte Wasser auf ihrer Kopfhaut spürte. Nachdem Donia ihr Haar mehrmals durchgespült hatte, brachte sie die Schale weg, die jetzt mit trübem, grauem Wasser gefüllt war. Anschließend rubbelte sie Soneas Haar mit einem fa-, denscheinigen Handtuch trocken. Dann trat sie einen Schritt zurück und unterzog ihr Werk einer kritischen Mus- terung. »Das hat nichts genützt«, sagte Donia kopfschüttelnd. Sonea hob die Hand, um ihr Haar zu berühren. Es klebte noch von der Paste, die Donia aufgetragen hatte. »Gar nichts?« Donia beugte sich über sie und zupfte an Soneas Haar. »Nun, ein wenig heller ist es geworden, aber auf den ersten Blick fällt es praktisch nicht auf.« Sie seufzte. »Und viel kürzer können wir es auch nicht schneiden. Aber… « Sie zuckte die Achseln. »Wenn die Magier nach einem Mäd- chen suchen, wie die Leute sagen, werden sie dich viel- leicht gar nicht beachten. Mit dem kurzen Haar siehst du wirklich aus wie ein Junge, zumindest auf den ersten Blick.« Sie stemmte die Hände in die Hüften und neigte den Kopf zur Seite. »Warum trägst du es überhaupt so kurz?« Sonea lächelte. »Damit ich aussehe wie ein Junge. Auf diese Weise werde ich nicht ständig belästigt.« »In dem Bleibehaus?« »Nein. Ich habe die meisten Botengänge für Jonna und Ranel erledigt. Ranel ist wegen seines Beins zu langsam, und Jonna verstand sich besser auf die eigentliche Arbeit. Außerdem fand ich es grässlich, die ganze Zeit in dem Bleibehaus zu sitzen, also habe ich stattdessen die Wäsche abgeholt und wieder ausgeliefert.« Sonea schnitt eine Gri- masse. »Als ich das erste Mal Sachen zu einem Händler, bringen musste, habe ich gesehen, wie einige Zünftler und Stallburschen einem Bäckermädchen zugesetzt haben. Ich wollte vermeiden, dass es mir genauso ergeht, also habe ich angefangen, mich wie ein Junge zu kleiden und mich auch wie einer zu benehmen.« Donia zog die Brauen in die Höhe. »Und es hat funktio- niert?« »Meistens.« Sonea lächelte schief. »Aber manchmal kann es auch ziemlich unpraktisch sein, wie ein Junge aus- zusehen. Einmal hat sich eine Dienstmagd in mich verliebt! Ein anderes Mal war es ein Gärtner, der mich in die Enge trieb, und ich war mir sicher, dass er wusste, dass ich ein Mädchen bin. Bis er mich angefasst hat. Er wäre fast in Ohnmacht gefallen, dann wurde er plötzlich ganz rot im Gesicht und hat mir das Versprechen abgenommen, nie- mandem davon zu erzählen. Da draußen laufen alle mögli- chen Leute herum.« Donia kicherte. »Die Mädchen hier nennen diese Män- ner Goldminen. Opia verlangt einen höheren Preis für Jun- gen, denn wenn die Wachen dahinterkämen, würden sie sie hängen. Aber mit Mädchen ist es nicht verboten. Erinnerst du dich noch an Kalia?« Sonea nickte. Kalia war das dünne Mädchen gewesen, das in einem Bolhaus in der Nähe des Marktes bedient hat- te. »Es hat sich herausgestellt, dass ihr Vater sie jahrelang an Kunden verkauft hat«, erklärte Donia kopfschüttelnd. »Seine eigne Tochter! Letztes Jahr ist sie ihm davongelau-, fen und hat bei Opia angefangen. Sie meint, auf diese Wei- se würde sie wenigstens etwas von dem Geld zu sehen be- kommen. Das hat mir erst richtig klar gemacht, wie viel Glück ich habe. Vater sorgt dafür, dass mich niemand auf ungebührliche Weise belästigt. Das Schlimmste, was ich –« Sie hielt inne und sah zur Tür, dann lief sie durch den Raum und spähte durchs Schlüsselloch. Ein erleichtertes Lächeln trat auf ihre Züge, und sie öffnete die Tür. Cery schlüpfte hindurch und reichte Donia ein Bündel. »Du siehst nicht anders aus«, sagte er, nachdem er Sonea kritisch beäugt hatte. Donia seufzte. »Das Färbemittel hat nicht funktioniert. Kyralisches Haar lässt sich nicht so einfach verändern.« Er zuckte die Achseln, dann deutete er mit dem Kopf auf das Bündel. »Ich habe dir etwas zum Anziehen mitge- bracht, Sonea.« Er wandte sich wieder der Tür zu. »Wenn du fertig bist, klopf einfach.« Als die Tür hinter ihm zufiel, griff Donia nach dem Bündel und wickelte es aus. »Noch mehr Jungenkleider«, sagte sie naserümpfend und warf Sonea eine Hose und ein Hemd mit hohem Kra- gen zu. Anschließend förderte sie ein langes Gewand aus schwerem, schwarzem Tuch zutage. »Aber der Umhang ist in Ordnung.« Sonea wechselte die Kleidung. Als sie sich den Umhang über die Schultern legte, klopfte es an der Tür. »Wir brechen auf«, erklärte Cery, als er in den Raum trat. Harrin folgte ihm mit einer kleinen Lampe. Beide, Männer blickten grimmig drein, und Soneas Herz setzte einen Schlag aus. »Haben sie schon mit der Suche angefangen?« Cery nickte, dann ging er zu einem alten, hölzernen Schrank im hinteren Teil des Raums. Er öffnete seine Tü- ren und zog an den Regalbrettern. Sie ließen sich mühelos – die Tassen und Teller, die darauf standen, zitterten nur leicht – nach vorn aus dem Schrank schwenken und gaben auf dessen Rückseite eine rechteckige Öffnung frei. »Sie suchen schon seit einigen Stunden«, sagte Harrin, als Sonea durch die verborgene Tür in die Finsternis der Geheimgänge trat. »Wirklich?« »Hier unten verliert man leicht das Zeitgefühl«, erklärte er. »Draußen ist bereits heller Vormittag.« Cery scheuchte Harrin und Donia durch die Tür. Sonea hörte ein schwaches Quietschen, dann fiel der Schein von Harrins Lampe auf die feuchten Wände des Gangs. Cery zog von hinten die Schrankbretter wieder an ihren Platz und schloss die Schranktüren. Dann wandte er sich zu Har- rin um. »Kein Licht. Ich finde mich im Dunkeln besser zurecht.« Der Korridor verschwand, als Harrin die Blende über seine Lampe schob. »Und reden dürft ihr auch nicht«, fuhr Cery fort. »So- nea, halt dich an meinem Mantel fest und leg die andere Hand an die Mauer.« Sie griff nach dem groben Stoff seines langen Mantels., Eine Hand legte sich sachte auf ihre Schulter. Im nächsten Moment hallten auch schon ihre Schritte durch den Korri- dor. Kein Lichtstrahl erhellte ihren Weg, als sie sich an den Mauern entlangtasteten und mehrmals die Richtung wech- selten. Das schwache Echo von tropfendem Wasser kam und ging und kehrte wieder zurück. Opias Bordell lag in der Nähe des Flusses, wie Sonea sich erinnerte. Daher be- fanden sich die Gänge wahrscheinlich unterhalb des Was- serspiegels. Was nicht gerade ein tröstlicher Gedanke war. Cery blieb stehen, und sein Mantel entglitt Soneas Fin- gern, als er sich plötzlich nach oben bewegte. Sie streckte die Hand aus und traf nur auf grobe Holzbretter. Sie hatte Angst, Cery zu verlieren, wenn sie zu lange zögerte, daher eilte sie die Leiter hinauf, was ihr einen Tritt von Cerys Stiefel eintrug. Sie unterdrückte einen Fluch und setzte ih- ren Weg deutlich behutsamer fort. Hinter ihr war das leise Scharren von Schuhen auf Holz zu hören; Harrin und Do- nia folgten ihnen nach oben. Über ihnen wurde jetzt ein Quadrat aus bleicherem Schwarz sichtbar. Sonea trat hinter Cery durch eine Falltür in einen langen, schnurgeraden Gang. Schwaches Licht fiel hier und da durch Risse im Mauerwerk. Nach mehr als hundert Schritten erreichten sie eine Biegung des Gangs, und Cery blieb abrupt stehen. Der Weg vor ihnen wurde jetzt von einer Lichtquelle er- hellt, die sich irgendwo jenseits der Biegung befinden musste. Sonea konnte Cerys Silhouette ausmachen. Dann, drang eine ferne Stimme an ihre Ohren, männlich und sehr kultiviert. »Ah! Noch ein Geheimgang. Komm, lass uns nachsehen, wie weit der Gang reicht.« »Sie sind in den Korridoren!«, hauchte Donia. Cery fuhr herum und winkte Sonea verzweifelt zu. Als sie sich umdrehte, sah sie, dass Harrin und Donia bereits auf Zehenspitzen in dieselbe Richtung zurückkehrten, aus der sie gekommen waren. Obwohl sie sich so leise und so schnell bewegten wie nur möglich, schienen ihre Schritte in dem engen Raum laut widerzuhallen. Sonea spitzte die Ohren, weil sie jeden Augenblick damit rechnete, einen Ausruf hinter sich zu hören. Als sie hinabblickte, sah sie, dass ihr eigener Schat- ten immer deutlicher wurde. Das Licht hinter ihnen näherte sich der Biegung. Der Gang vor ihnen verlor sich in unendlicher Dunkel- heit. Sonea drehte sich noch einmal um. Das Licht hinter ihnen war jetzt so hell, dass es keinen Zweifel mehr für sie gab: Der Magier musste die Biegung im nächsten Moment erreichen. Und dann würde er sie sehen… Hände hielten sie plötzlich an den Schultern fest, und Sonea sog scharf die Luft ein. Cery drückte sie an die Wand. Das Mauerwerk schien hinter ihr nachzugeben, und sie taumelte einen Schritt rückwärts. Dann stieß sie gegen eine weitere Mauer. Cery schob sie zur Seite und trat dann neben sie in die winzige Nische im Mauerwerk. Er traf Sonea mit seinem knochigen Ellbogen in die Rippen, dann hörte sie ein trockenes Scharren: Die, Ziegelsteine rückten wieder an ihren ursprünglichen Platz. In dem engen Raum klang ihr Atem wie Donnern. Mit hämmerndem Herzen lauschte Sonea in die Dunkelheit, bis gedämpfte Stimmen das Mauerwerk durchdrangen. Licht fiel durch die Ritzen zwischen den Steinen. Sonea beugte sich vor und spähte durch eine der Öffnungen. In der Luft direkt vor ihr hing ein leuchtender Ball aus Licht. Fasziniert beobachtete sie, wie das Licht durch den Korridor wehte, bis es nicht mehr zu sehen war. Allerdings standen ihr jetzt rote Flecken vor den Augen. Dann er- schien eine bleiche Hand, gefolgt von einem weiten, pur- purfarbenen Ärmel und der Brust eines Mannes – eines Mannes, der Roben trug. Ein Magier! Ihr Puls raste. Er war so nah – nur eine Armlänge von ihr entfernt. Und zwischen ihnen stand nichts als eine dün- ne Mauer alter Ziegelsteine. Und er war stehen geblieben. »Einen Moment mal.« Der Magier klang verwirrt. Er hielt mitten in der Bewegung inne, dann drehte er sich langsam zu Sonea um. Sie erstarrte vor Entsetzen. Es war der Magier vom Nordplatz, der, der sie gesehen hatte. Der Mann, der mit der Hand auf sie gedeutet hatte, um seine Gefährten auf sie aufmerksam zu machen. Jetzt wirkte er seltsam geistesab- wesend, als horche er auf etwas, und er schien durch die Mauer hindurch direkt in Soneas Augen zu blicken. Ihr Mund wurde trocken, und sie schmeckte Staub auf der Zunge. Sie schluckte und kämpfte gegen die aufstei-, gende Panik an. Das Hämmern ihres Herzens musste laut genug sein, um sie zu verraten. Konnte der Mann das hö- ren? Oder konnte er sie atmen hören? Vielleicht kann er die Gedanken in meinem Kopf hören. Sonea spürte, wie die Beine unter ihr nachzugeben droh- ten. Es hieß, Magier könnten dergleichen. Sie presste die Augen fest zusammen. Er kann mich nicht sehen, dachte sie. Es gibt mich nicht, ich hin nicht hier. Ich hin nichts. Niemand kann mich sehen. Niemand kann mich hören… Ein eigentümliches Gefühl befiel sie, als hätte man ihr eine Decke um den Kopf geschlungen und ihre Sinne be- täubt. Sie begann zu zittern, denn sie wusste plötzlich, dass sie irgendetwas getan hatte – aber diesmal hatte sie es mit sich selbst getan. Oder vielleicht hat ja auch der Magier irgendeine Art von Magie in meine Richtung gesandt, ging es ihr plötzlich durch den Kopf. Erschrocken öffnete sie die Augen – und starrte in ungebrochene Dunkelheit. Der Magier und sein Licht waren verschwunden. Dannyl betrachtete das Gebäude vor sich voller Ab- scheu. Es war das jüngste Bauwerk der Gilde, und ihm fehlten die Pracht und die Schönheit, die er bei den anderen Gebäuden so sehr bewunderte. Während einige Magier ein Loblied auf die moderne Architektur sangen, fand Dannyl dieses Machwerk genauso lächerlich protzig wie dessen Namen. Bei den Sieben Bögen handelte es sich um ein flaches, rechteckiges Gebilde mit sieben schmucklosen Bögen an, der Frontseite. Der Bau beherbergte den Tagessaal, in dem wichtige Gäste empfangen wurden, den Bankettsaal und den Abendsaal, in dem die Magier an jedem Vierttag des Abends zwanglos zusammenfanden, um sich an teurem Wein und Tratsch gütlich zu tun. Dorthin waren er und Ro- then jetzt unterwegs. Es war ein kühler Abend, aber ein wenig kalte Luft hatte die regelmäßigen Gäste des Abend- saals noch nie von einem Besuch abgehalten. Dannyl lä- chelte, als er eintrat. Sobald er die Tür durchschritten hatte, konnte er die architektonischen Schnitzer der Fassade ver- gessen und sich an der geschmackvollen Inneneinrichtung ergötzen. Nachdem er den zweiten Tag in den feuchten, kalten Geheimgängen des Hüttenviertels verbracht hatte, wusste er den Luxus dieses Saals umso mehr zu schätzen. Bequem gepolsterte Sessel standen bereit, und an den Wänden hin- gen die Gemälde und Schnitzereien der besten Künstler der verbündeten Länder. An diesem Abend hatten sich mehr Magier hier einge- funden als sonst, stellte er fest. Sogar einige der Magier, die normalerweise wenig gesellig waren, hatten heute den Weg hierher gefunden. Dann erblickte Dannyl in einer Ecke eine schwarze Robe, und er hielt jäh inne. »Der Hohe Lord beehrt uns heute Abend mit seiner An- wesenheit«, murmelte er. »Akkarin? Wo?« Rothen sah sich im Raum um und zog die Augenbrauen in die Höhe, als er die schwarzgewandete Gestalt entdeckte. »Interessant. Wie lange ist er nicht mehr, hier gewesen? Seit zwei Monaten?« Dannyl ließ sich von einem Dienstboten ein Glas Wein geben und nickte. »Mindestens.« »Ist das Administrator Lorlen, der da neben ihm steht?« »Natürlich«, antwortete Dannyl und nahm einen Schluck von seinem Wein. »Lorlen unterhält sich mit irgendjeman- dem, aber ich kann nicht sehen, wer es ist.« Jetzt hob Lorlen den Kopf, und sein Blick fiel auf Dan- nyl und Rothen. Er hob die Hand. – Dannyl. Rothen. Ich würde gern mit Euch sprechen. Überrascht und ein wenig nervös folgte Dannyl Rothen durch den Raum. Hinter dem Sessel, der Dannyl den Blick auf Lorlens zweiten Begleiter versperrt hatte, blieben sie stehen. Eine kultivierte Stimme erklang. »Die Hüttensiedlungen sind ein hässlicher Schandfleck für diese Stadt. Sie sind eine Brutstätte für Verbrechen und Seuchen. Der König hätte niemals zulassen dürfen, dass sie so groß werden. Dies ist die perfekte Gelegenheit, um Imardin davon zu befreien.« Dannyl zwang sich zu einer ausdruckslosen Miene, be- vor er auf den Mann hinabblickte, der in dem Sessel saß. Das tadellos gekämmte, blonde Haar glänzte im Licht des Raums. Der Mann hatte die Augen halb geschlossen und die Beine übereinander geschlagen. Jetzt zeigte er auf den Hohen Lord. Auf seiner Schläfe klebte ein kleines, quadra- tisches Pflaster. »Und wie wollt Ihr das zuwege bringen, Lord Fergun?«, fragte Lorlen sanft., Fergun zuckte die Achseln. »Es wäre nicht allzu schwie- rig, den Bereich zu räumen. Die Häuser sind nicht beson- ders stabil gebaut, und es dürfte keine große Anstrengung kosten, die Tunnel darunter zum Einsturz zu bringen.« »Aber jede Stadt wächst und dehnt sich aus«, bemerkte Lorlen. »Wenn es innerhalb der Stadtmauern keinen Platz mehr gibt, ist es nur natürlich, dass die Menschen außer- halb der Mauern bauen. Es gibt in den Hüttensiedlungen Bereiche, die kaum anders aussehen als die Stadtviertel innerhalb der Mauern. Die Grundmauern dort sind stabil, und die Straßen verfügen über eine gut funktionierende Kanalisation. Die Bewohner dieser Stadtteile nennen die Hüttensiedlungen inzwischen den Äußeren Ring.« Fergun beugte sich vor. »Aber selbst unter diesen Häu- sern gibt es Geheimgänge. Ich versichere Euch, ihre Be- wohner sind ausgesprochen argwöhnische Menschen. Jedes Haus, das auf derartigen Tunneln erbaut ist, sollte als Teil einer kriminellen Verschwörung eingeschätzt und abgeris- sen werden.« Akkarin hob kaum merklich die Augenbrauen. Lorlen sah den Hohen Lord von der Seite an und lächelte. »Wenn sich das Problem der Diebe doch nur auch so leicht lösen ließe.« Dann wandte er sich Rothen zu und lächelte. »Gu- ten Abend, Lord Rothen und Lord Dannyl.« Fergun hob den Kopf. Sein Blick wanderte zwischen Dannyl und Rothen hin und her, und seine Lippen verzo- gen sich zu einem Lächeln. »Ah, Lord Rothen.« »Guten Abend, Hoher Lord, Administrator«, sagte Ro-, then und nickte den Höheren Magiern zu. »Und guten Abend, Lord Fergun. Geht es Euch wieder besser?« »Ja, ja«, erwiderte Fergun und legte eine Hand auf den kleinen Verband an seiner Schläfe. »Danke der Nachfra- ge.« Dannyl sah den anderen Mann ausdruckslos an. Es war unhöflich, aber nicht ungewöhnlich, dass Fergun »vergaß«, ihn zu begrüßen. Dass er es jedoch in Gegenwart des Ho- hen Lords tat, war überraschend. Lorlen verschränkte die Hände. »Mir ist aufgefallen, dass ihr beide heute länger als die meisten anderen in den Hüttensiedlungen geblieben seid. Habt Ihr irgendwelche Hinweise gefunden, die uns zu dem Mädchen führen könn- ten?« Rothen schüttelte den Kopf und berichtete dann über ih- re Versuche, den unterirdischen Gängen zu folgen. Dannyl selbst sagte nichts, sondern sah nur den Hohen Lord an. Eine vertraute Nervosität regte sich in ihm. Es ist zehn Jah- re her, dass ich meinen Abschluss gemacht habe, aber ich reagiere noch immer auf ihn, als sei ich ein Novize, über- legte er. Dannyls Pflichten und Interessen brachten ihn nur selten mit dem Führer der Gilde zusammen. Wie immer empfand er ein leichtes Staunen über die jugendliche Erscheinung Akkarins. Als Akkarin vor fünf Jahren in sein Amt erhoben worden war, hatten sich viele seiner Kollegen dagegen ge- wehrt, einen so jungen Magier zum Hohen Lord zu ma- chen. Die Führer der Gilde wurden zwar aus den Reihen, der stärksten Magier gewählt, aber dennoch bevorzugte man im Allgemeinen ältere Magier, weil sie den jüngeren an Erfahrung und Reife überlegen waren. Akkarin hatte Kräfte an den Tag gelegt, die weit stärker waren als die jedes anderen Magiers. Dennoch waren es das Wissen und die diplomatischen Fähigkeiten gewesen, die er bei seinen Auslandsreisen erworben hatte, die die Gilde schließlich dazu bewogen hatten, ihn zu wählen. Von einem Führer der Gilde erwartete man Stärke, Talent, Würde und Autorität, und all diese Dinge besaß Akkarin im Übermaß. Zur Zeit von Akkarins Wahl hatten viele Ma- gier argumentiert, dass Alter im Grunde keine Rolle für diese Position spiele. Wichtige Entscheidungen wurden stets durch Abstimmung getroffen, und die Alltagsgeschäf- te der Gilde lagen in den Händen des Administrators. Obwohl das alles sehr vernünftig klang, vermutete Dan- nyl, dass einige seiner Kollegen noch immer an der Jugend des Hohen Lords Anstoß nahmen. Ihm war aufgefallen, dass Akkarin inzwischen die altmodische, distinguierte Fri- sur trug, wie ältere Männer sie bevorzugten: lang und im Nacken säuberlich zusammengebunden. Auch Lorlen hatte diesen Stil übernommen. Dannyl wandte den Blick dem Administrator zu, der Ro- thens Schilderung voller Konzentration lauschte. Als engs- ter Freund des Hohen Lords war Lorlen seinerzeit auf Ak- karins Vorschlag hin zum Assistenten des damaligen Gil- deadministrators ernannt worden. Als der Administrator dann vor zwei Jahren in den Ruhestand getreten war, hatte, Lorlen seinen Platz eingenommen. Lorlen hatte sich als überaus geeignet für diese Position erwiesen. Er war tüchtig und besaß Autorität, vor allem aber war er ein zugänglicher Mensch. Es war keine einfa- che Rolle, und Dannyl beneidete Lorlen nicht um die lan- gen Arbeitsstunden, die sein Amt erforderte. Von den bei- den Positionen war die des Administrators die anstrengen- dere. Als Rothen mit seinem Bericht über den vergangenen Tag zum Ende kam, schüttelte Lorlen den Kopf. »Nach allem, was ich bisher über die Hüttenviertel gehört habe, kann ich mir nicht vorstellen, dass wir sie jemals finden werden.« Er seufzte. »Der König hat befohlen, den Hafen morgen wieder zu öffnen.« Fergun runzelte die Stirn. »So bald schon? Was ist, wenn sie auf einem Schiff entkommt?« »Ich bezweifle, dass das Embargo sie daran hindern würde, Imardin zu verlassen, wenn sie es wirklich wollte.« Lorlen blickte zu Rothen auf und lächelte schief. »Wie Lord Rothens ehemaliger Mentor zu sagen pflegte: ›Kyra- lia würde sich bestens selbst verwalten können, wenn man das Herrschen zum Verbrechen erklärte.‹« Rothen kicherte. »Ja, Lord Margen war ein wahrer Quell solcher Weisheiten. Ich glaube jedoch nicht, dass wir schon all unsere Möglichkeiten ausgeschöpft haben. Heute Mor- gen hat Dannyl mich darauf hingewiesen, dass die Men- schen, die die besten Aussichten haben, das Mädchen zu finden, die Hüttenleute selbst sind. Ich denke, er hat Recht.«, Dannyl starrte seinen Freund überrascht an. Rothen würde doch gewiss nicht ihre Absicht offenbaren, Kontakt zu den Dieben aufzunehmen! »Warum sollten sie uns helfen?«, fragte Lorlen. Rothen sah Dannyl an und lächelte. »Wir könnten eine Belohnung aussetzen.« Langsam stieß Dannyl den Atem aus, den er angehalten hatte. Du hättest mich vorwarnen sollen, alter Freund! »Eine Belohnung!«, rief Lorlen. »Ja, das könnte funkti- onieren.« »Eine glänzende Idee«, stimmte auch Fergun zu. »Und wir sollten gleichzeitig jenen, die unsere Suche behindern, eine Geldstrafe auferlegen.« Lorlen warf Fergun einen tadelnden Blick zu. »Eine Be- lohnung wird genügen. Eines möchte ich allerdings klar- stellen: Bis das Mädchen gefunden ist, soll nichts bezahlt werden, ansonsten wird die gesamte Bevölkerung der Hüt- tensiedlungen behaupten, sie gesehen zu haben.« Er legte die Stirn in Falten. »Hm, außerdem sollten wir die Men- schen nicht ermutigen, selbst Jagd auf das Mädchen zu ma- chen…« »Wir könnten an den Straßenecken eine Beschreibung von ihr veröffentlichen, zusammen mit den Bedingungen für die Belohnung. Und der Warnung, sich ihr nach Mög- lichkeit nicht zu nähern«, schlug Dannyl vor. »Außerdem sollten wir die Leute auch dazu ermutigen, uns Bericht zu erstatten, wenn sie sie irgendwo sehen. Das könnte uns ei- nen Hinweis darauf geben, in welchen Stadtteilen sie sich, regelmäßig aufhält.« »Wir könnten einen Plan der Siedlungen zeichnen lassen und die Stellen darin eintragen, an denen sie gesehen wur- de«, warf Fergun ein. »Hm, das wäre tatsächlich hilfreich«, sagte Dannyl und heuchelte widerstrebende Überraschung. Angesichts des Labyrinths von ungezählten Korridoren und Straßen in den Hüttenvierteln würde eine Aufgabe wie diese Fergun mo- natelang in Atem halten – und er würde ihm nicht in die Quere kommen. Rothen musterte Dannyl mit schmalen Augen, sagte jedoch nichts. »Ihr kümmert Euch darum, dass die Hüttenleute von der Belohnung erfahren?«, fragte Lorlen Dannyl. »Gleich morgen.« Dannyl neigte den Kopf. »Ich werde die übrigen Suchtrupps morgen früh davon in Kenntnis setzen«, erklärte Lorlen. Dann sah er mit ei- nem Lächeln zu Rothen und Dannyl. »Sonst noch irgend- welche Ideen?« »Dieses Mädchen muss eine Aura haben«, bemerkte der Hohe Lord leise. »Sie ist nicht ausgebildet und weiß des- halb nicht, wie sie ihre Aura verbergen kann – oder dass sie überhaupt eine solche besitzt. Hat irgendjemand schon einmal danach Ausschau gehalten?« Einen Moment lang schwiegen alle Männer, die an dem Gespräch beteiligt waren, dann lachte Lorlen kleinlaut auf. »Ich kann nicht fassen, dass ich daran nicht selbst gedacht habe. Niemand hat bisher erwähnt, dass er nach ihrer Aura gesucht hat.« Er schüttelte den Kopf. »Wie es aussieht, ha-, ben wir alle vergessen, was wir sind – und was sie ist.« »Eine Aura«, murmelte Rothen. »Ich denke, ich… « Als Rothen seinen Satz nicht beendete, runzelte Lorlen die Stirn. »Ja?« »Ich werde morgen eine mentale Suche organisieren«, bot Rothen an. Lorlen lächelte. »Da habt Ihr beide einen arbeitsreichen Tag vor Euch.« Rothen neigte den Kopf. »In diesem Falle sollten wir früh zu Bett gehen. Gute Nacht, Administrator. Hoher Lord, Lord Fergun.« Die drei Magier antworteten mit einem Nicken. Dannyl folgte Rothen zur Tür des Abendsaals. Als sie in die kühle Luft hinaustraten, stieß Rothen ein lautes Zischen aus. »Jetzt begreife ich!« Er schlug sich an die Stirn. »Was begreifst du?«, fragte Dannyl verwundert. »Als ich heute einem dieser Korridore gefolgt bin, habe ich etwas gespürt. Es war, als würde ich beobachtet.« »Eine Aura?« »Vielleicht.« »Bist du der Sache nachgegangen?« Rothen nickte. »Es schien keinen Sinn zu ergeben. Was ich wahrgenommen habe, hätte direkt vor mir sein müssen, aber da war nichts außer einer Ziegelsteinmauer.« »Hast du nach einer Geheimtür Ausschau gehalten?« »Nein, aber… « Rothen zögerte und runzelte die Stirn. »Es hat plötzlich aufgehört.« »Es hat aufgehört?« Dannyl schüttelte verständnislos, den Kopf. »Wie kann so etwas einfach aufhören? Eine Au- ra hört nicht einfach auf – es sei denn, sie ist verborgen worden. Aber dazu ist das Mädchen nicht ausgebildet.« »Oder vielleicht doch?« Rothen lächelte grimmig. »Wenn sie es war, dann ist sie entweder von jemandem unterrichtet worden, oder sie ist selbst darauf gekommen.« »Es ist nicht schwierig, das zu lernen«, bemerkte Dan- nyl. »Wir bringen es den Novizen bei, indem wir sie Ver- stecken spielen lassen.« Rothen nickte langsam. «Ich denke, morgen werden wir es wissen. Ich gehe am besten noch einmal zurück in den Abendsaal, um um Unterstützung zu bitten. Ich glaube, dass viele unserer Kollegen, die nicht noch einmal in die Siedlungen gehen wollen, uns mit Freude bei einer menta- len Suche helfen werden. Und ich möchte, dass du dich uns anschließt, Dannyl. Du hast besonders feine Sinne.« Dannyl hob die Schultern. »Wie könnte ich ablehnen, wenn du es so hübsch ausdrückst?« »Wir werden morgen schon früh beginnen, denke ich. Du solltest zusehen, dass du die Plakate so schnell wie möglich drucken und verschicken lässt.« »Ah.« Dannyl schnitt eine Grimasse. »Nicht schon wie- der ein Tag, der vor dem Morgengrauen beginnt.«, 5. Die Belohnung »Cery?« Cery hob den Kopf vom Tisch und blinzelte. Es musste Morgen sein, vermutete er, obwohl sich das immer schwer sagen ließ, wenn man sich unter der Erde befand. Er richtete sich auf und blickte zu dem Bett hinüber. Die Kerze war fast heruntergebrannt, und ihr Licht reichte nur so weit, dass er den Glanz in Soneas Augen gerade noch erkennen konnte. »Ich bin wach«, erklärte er und reckte sich, um seine verkrampften Schultern zu lockern. Dann nahm er die Ker- ze vom Tisch und ging damit zum Bett hinüber. Sonea hat- te sich die Arme unter den Kopf gelegt und starrte zu der niedrigen Decke empor. Bei ihrem Anblick durchzuckte ihn ein seltsames Unbehagen. Er konnte sich noch gut dar- an erinnern, dass er vor zwei Jahren dasselbe empfunden hatte, kurz bevor sie aufgehört hatte, sich mit der Bande zu treffen. Als sie verschwunden war, hatte er zu spät begrif- fen, was er im Grunde schon immer gewusst hatte: dass sie sie eines Tages verlassen würde., »Guten Morgen«, sagte er. Sie brachte ein Lächeln zustande, das der gehetzte Aus- druck in ihren Augen jedoch Lügen strafte. »Wer war die- ser Junge auf dem Marktplatz – der Junge, der gestorben ist?« Er setzte sich ans Fußende des Bettes und seufzte. »Ich glaube, er hieß Arrel. Ich habe ihn eigentlich nicht richtig gekannt. Er war der Sohn einer Frau, die im Tanzenden Pantoffel gearbeitet hat, wenn ich mich nicht sehr irre.« Sonea nickte langsam. Dann schwieg sie lange Zeit. »Hast du Jonna und Ranel seit gestern gesehen?«, fragte sie schließlich. Er schüttelte den Kopf. »Nein.« »Ich vermisse sie.« Plötzlich lachte sie laut auf. »Ich hät- te nie gedacht, dass ich sie so sehr vermissen würde. Weißt du… « Sie drehte sich auf die Seite und sah ihn direkt an. »Ich vermisse die beiden mehr als meine Mutter. Ist das nicht seltsam?« »Ranel und Jonna haben sich die größte Zeit deines Le- bens um dich gekümmert«, rief Cery ihr ins Gedächtnis. »Und deine Mutter ist schon lange tot.« Sonea nickte. »Ich sehe sie manchmal im Traum, aber wenn ich aufwache, kann ich mich nicht daran erinnern, wie sie aussah. Aber ich erinnere mich an das Haus, in dem wir gelebt haben. Es war wunderschön.« »Euer Haus?« Davon hatte er noch nie etwas gehört. Sie schüttelte den Kopf. »Mutter und Vater waren als Dienstboten bei einer der Familien beschäftigt, aber dann, hat jemand behauptet, Vater habe gestohlen, und wir wur- den hinausgeworfen.« Cery lächelte. »Hat er wirklich etwas gestohlen?« »Wahrscheinlich.« Sonea gähnte. »Jonna gibt ihm die Schuld an allem, was ich tue und was ihrer Meinung nach falsch oder schlecht ist. Sie missbilligt jede Art von Dieb- stahl, selbst wenn die Opfer reiche oder unangenehme Menschen sind.« »Wo ist dein Vater jetzt?« Sie hob die Schultern. »Er ist nach Mutters Tod fortge- gangen. Als ich sechs war, ist er einmal kurz aufgetaucht. Er hat Jonna ein wenig Geld gegeben und ist dann weiter- gezogen.« Cery brach ein wenig Wachs ab, das an der Kerze her- abgelaufen und hart geworden war. »Meinen Vater haben die Diebe getötet, als sie dahinterkamen, dass er sie betro- gen hatte.« Soneas Augen weiteten sich. »Wie schrecklich! Ich wusste, dass er tot war, aber das hast du mir nie erzählt.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Wer er- zählt schon gern, dass der eigene Vater ein Petz war. Er ist törichte Risiken eingegangen und erwischt worden. Das jedenfalls behauptet Ma. Aber er hat mir ‘ne Menge beige- bracht.« »Unter anderem hat er dir die Straße der Diebe gezeigt.« Er nickte. »Wir haben sie benutzt, nicht wahr?« Wieder nickte er nur., Sonea grinste. »Dann ist es also wahr? Du arbeitest wirklich für die Diebe.« »Nein«, antwortete er und wandte den Blick ab. »Mein Vater hat mir die Straße gezeigt.« »Dann hast du die Erlaubnis, sie zu benutzen?« Er zuckte die Achseln. »Ja und nein.« Sonea legte die Stirn in Falten, hakte jedoch nicht weiter nach. Während er auf die Kerze hinabblickte, dachte Cery an einen Tag vor drei Jahren zurück. Damals hatte er sich in den Geheimgängen vor einem Wachsoldaten versteckt, der es ihm übel genommen hatte, dass er sich den Inhalt seiner Taschen einmal näher hatte ansehen wollen. Ein Schatten war in der Dunkelheit aufgetaucht, hatte Cery am Kragen gepackt und ihn bis in einen Raum irgendwo außerhalb des Tunnels gezerrt und dort eingesperrt. So geschickt Cery auch war, wenn es darum ging, Schlösser zu öffnen, es war ihm nicht gelungen, sich zu befreien. Etliche Stunden spä- ter war die Tür wieder geöffnet worden, und eine Lampe hatte ihn geblendet. Das Licht war so grell gewesen, dass er nur die Silhouette des Mannes erkennen konnte, der so- eben eingetreten war. »Wer bist du?«, hatte der Fremde gefragt. »Wie heißt du?« »Ceryni«, hatte er mit piepsiger Stimme geantwortet. Nach einer längeren Pause war das Licht schließlich nä- her gekommen. »Das bist du allerdings«, hatte der Fremde erheitert be- merkt. »Und du erinnerst mich an ein anderes kleines Na-, getier. Ah, jetzt weiß ich, wer du bist. Torrins Sohn. Hm. Kennst du den Preis für die Benutzung der Straße ohne die Genehmigung der Diebe?« Cery hatte angstvoll genickt. »Nun denn, kleiner Ceryni. Du sitzt ganz schön tief in der Klemme. Aber ich kann dir ein wenig helfen. Benutze die Straße nicht regelmäßig – aber wenn es sein muss, darfst du sie benutzen. Falls jemand fragt, sag ihm, Ravi habe es dir erlaubt. Aber vergiss nicht, du stehst in meiner Schuld. Wenn ich dich um etwas bitte, wirst du es mir ge- ben. Wenn du mich hintergehst, wirst du nie wieder ir- gendeine Straße benutzen. Haben wir uns verstanden?« Zu verängstigt, um sprechen zu können, hatte Cery nur abermals genickt. Der Fremde hatte leise gelacht. »Gut. Und jetzt verzieh dich.« Das Licht war verschwunden, und unsichtbare Hän- de hatten Cery zum nächsten Ausgang der »Straße« gezo- gen und ihn hinausgeworfen. Seither hatte er kaum je wieder den Fuß auf die »Straße der Diebe« gesetzt. Bei den wenigen Malen, da er in das Labyrinth zurückgekehrt war, hatte es ihn ungemein über- rascht, dass seine Erinnerung an die unterirdischen Korri- dore nicht verblasst war. Gelegentlich war er anderen Wanderern dort begegnet, aber sie waren niemals stehen geblieben und hatten ihm auch niemals Fragen gestellt. In den letzten Tagen hatte er das Gesetz der Diebe je- doch viel zu häufig gebrochen, um sich keine Sorgen zu machen. Wenn jemand ihn zur Rede stellte, konnte er nur, darauf hoffen, dass Ravis Name noch immer etwas galt. Das allerdings würde er Sonea nicht erzählen. Es würde ihr zu große Angst machen. Als er nun auf sie hinabblickte, stieg wieder dieses selt- same Unbehagen in ihm auf. Er hatte immer gehofft, dass sie eines Tages zurückkommen würde, obwohl er es nie wirklich geglaubt hatte. Sie war anders. Etwas Besonderes. Er hatte immer gewusst, dass sie eines Tages aus den Hüt- ten herauskommen würde. Und sie war wirklich etwas Besonderes, aber auf eine Art und Weise, wie er es niemals vermutet hätte. Sie gebot über Magie! Allerdings hatte sie diese Gabe auch zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt entdeckt. Warum hatte sie nicht darauf stoßen können, während sie eine Tasse Raka zubereitete oder Schuhe putzte? Warum musste sie diese Entdeckung ausgerechnet vor den Augen der Magiergilde machen? Aber das ließ sich nicht mehr ändern, und jetzt musste er alles in seinen Kräften Stehende tun, um sie zu beschützen. Zumindest konnten sie auf diese Weise viel Zeit miteinan- der verbringen. Selbst wenn er deswegen seine Abmachung mit Ravi brach, war es das wert. Allerdings konnte er es kaum ertragen, sie so bedrückt zu sehen… »Mach dir keine Sorgen. Solange die Magier in den Tunneln herumschnüffeln, werden die Diebe sich nicht darum kümmern, dass –« »Seht!«, unterbrach sie ihn und hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen., Blinzelnd beobachtete er, wie sie aus dem Bett stieg und in die Mitte des Raumes trat. Dort drehte sie sich einmal um die eigene Achse und starrte dann konzentriert auf die Wände. Er spitzte die Ohren, konnte aber nichts Unge- wöhnliches hören. »Was ist los?«. Sie schüttelte den Kopf, dann wich sie plötzlich zurück. Ein Ausdruck von Angst und Überraschung breitete sich auf ihren Zügen aus. Cery sprang erschrocken auf. »Was ist los?«, wiederholte er. »Sie suchen nach mir«, zischte sie. »Ich kann nichts hören.« »Nein, natürlich nicht«, erwiderte sie mit zitternder Stimme. »Ich kann sie sehen, aber es ist kein normales Se- hen. Es ist mehr ein Hören, aber dann auch wieder nicht, weil ich nicht herausfinden kann, was sie sagen. Es ist mehr so, als würden sie…« Sie biss sich auf die Unterlippe und wirbelte herum, während sie mit ihrem Blick etwas verfolgte, das seinen Sinnen nicht zugänglich war. »Sie suchen mit ihren Gedanken.« Cery sah sie hilflos an. Wenn er noch irgendwelche Zweifel an ihren magischen Fähigkeiten gehabt hatte, wa- ren sie jetzt endgültig beseitigt. »Können sie dich sehen?« Sie warf ihm einen erschrockenen Blick zu. »Ich weiß es nicht.« Er ballte die Fäuste. Er war sich so sicher gewesen, dass er sie vor den Magiern würde beschützen können, aber es, gab keinen Ort, an dem er sie davor verstecken konnte. Er sog scharf die Luft ein, dann machte er einen Schritt auf Sonea zu und griff nach ihren Händen. »Kannst du sie daran hindern, dich zu sehen?« Sonea machte eine hilflose Geste. »Wie? Ich weiß nicht, wie man Magie benutzt.« »Versuch es!«, drängte er sie. »Versuch etwas. Irgend- etwas!« Sie schüttelte den Kopf, dann straffte sie sich plötzlich und atmete scharf ein. Cery beobachtete, wie jede Farbe aus ihrem Gesicht wich. »Dieser Magier schien mich direkt anzusehen…« Sie drehte sich zu Cery um. »Aber dann ist das Gefühl verstri- chen. Sie sehen immer wieder an mir vorbei.« Langsam breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. »Sie kön- nen mich nicht finden.« Er musterte sie forschend. »Bist du dir sicher?« Sie nickte. »Ja.« Dann löste sie sich aus seinem Griff und ließ sich mit nachdenklicher Miene aufs Bett sinken. »Ich glaube, ich habe gestern irgendetwas getan, als dieser Magier uns um ein Haar erwischt hätte. Ich habe mich sozusagen unsicht- bar gemacht. Wenn ich es nicht getan hätte, hätte er mich wahrscheinlich gefunden.« Plötzlich blickte sie auf, dann entspannte sich ihre Miene, und sie lächelte. »Es ist so, als wären sie blind.« Cery stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Er schüt- telte den Kopf. »Du hast mir wirklich Angst gemacht, So-, nea. Ich kann dich vor den Augen der Magier verstecken, aber ich fürchte, es wäre ein bisschen viel verlangt, dich auch vor ihren Gedanken zu verstecken. Meiner Meinung nach solltest du weiterziehen. Mir schwebt da ein Quartier vor, das nicht zum System der Geheimgänge gehört. Dort könntest du vielleicht für ein paar Tage unterkommen.« Das einzige Geräusch, das man in der Gildehalle verneh- men konnte, war das Wispern des Atems der dort versam- melten Magier. Rothen öffnete die Augen und ließ den Blick über die Gesichter seiner Kollegen gleiten. Wie immer, wenn er andere Magier bei höchster gedank- licher Anstrengung beobachtete, verspürte er eine vage Verlegenheit. Er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, ihnen nachzuspionieren, sie bei einem höchst privaten Tun zu stören. Gleichzeitig löste ihr Mienenspiel eine beinahe kindliche Erheiterung in ihm aus. Einige Magier runzelten die Stirn, andere wirkten verwirrt oder überrascht. Die meisten von ihnen hätten genauso gut schlafen können, so glatt und friedlich waren ihre Gesichter. Als Rothen ein leises Schnarchen hörte, musste er lä- cheln. Lord Sharrel hatte sich in seinem Stuhl zurückge- lehnt, und der kahle Kopf sackte ihm langsam auf die Brust. Offensichtlich hatte er seinen Geist allzu wirkungs- voll beruhigt. – Er ist nicht der Einzige, der nicht bei der Sache ist, wie, Rothen?, Dannyl öffnete ein Auge und grinste. Rothen schüttelte missbilligend den Kopf, dann ließ er den Blick über die Gesichter der Magier wandern, um festzustellen, ob sein Freund die anderen in ihrer Konzentration gestört hatte. Dannyl zuckte kaum merklich die Achseln und schloss das Auge wieder. Rothen seufzte. Mittlerweile hätten sie sie eigentlich fin- den müssen. Er runzelte die Stirn. Noch eine halbe Stunde, beschloss er. Dann holte er tief Luft und begann von Neu- em mit der Übung, die den Magiern half, ihren Geist zu beruhigen. Es war später Vormittag, und helles Sonnenlicht hatte den Nebel über der Stadt zerstreut. Dannyl, der am Fenster stand, nahm sich einen Moment Zeit, um die Stille zu ge- nießen. Die Druckmaschinen mochten zwar schneller sein als Schreiber, aber ihr Summen und Stampfen klingelte ihm jedes Mal noch stundenlang in den Ohren. Er schürzte die Lippen. Jetzt, da das letzte Bündel Plaka- te gedruckt und in die verschiedenen Stadtteile geschickt worden war, war er endlich frei. Die mentale Suche war gescheitert, und Rothen hatte sich bereits wieder zu den Hüttensiedlungen begeben. Dannyl war sich nicht sicher, ob er sich darüber freuen sollte, dass er bei dem schönen Wetter nach draußen kam, oder verärgert sein sollte, weil er einmal mehr zwischen den ärmlichen Hütten umherstrei- fen musste. »Lord Dannyl«, erklang eine Stimme, »vor den Toren, der Gilde hat sich eine große Menschenmenge versammelt, die Euch zu sprechen wünscht.« Erschrocken drehte Dannyl sich um. Administrator Lor- len stand in der Tür. »Jetzt schon?«, entfuhr es ihm. Lorlen nickte und verzog die Lippen zu einem erheiter- ten Lächeln. »Ich weiß nicht, wie sie dort hingekommen sind. Sie müssen sich an zwei Trupps der Stadtwache vor- beigeschlichen haben und in den Inneren Ring vorgedrun- gen sein, um es bis hierher zu schaffen – es sei denn, es handelt sich um Vagabunden, die uns bei der Säuberung entgangen sind.« »Wie viele?« »Ungefähr zweihundert«, erwiderte Lorlen. »Die Wa- chen sagen, sie behaupteten alle, zu wissen, wo sich das gesuchte Mädchen aufhält.« Dannyl sah vor seinem inneren Auge die vielen Diebe und Bettler, die vor den Toren auf ihn warteten, und griff sich stöhnend an die Stirn. »Genau«, sagte Lorlen. »Was wollt Ihr jetzt tun?« Dannyl lehnte sich an den Tisch und dachte nach. Es war kaum mehr als eine Stunde vergangen, seit er die ersten Boten mit Kopien seines Plakats ausgeschickt hatte. Die Menschen vor den Toren waren die Ersten von einer Horde von Informanten, die gewiss noch folgen würden. »Wir brauchen einen Raum, in dem wir sie befragen können«, überlegte er laut. »Nicht in der Gilde«, erwiderte Lorlen sofort, »sonst, werden die Leute Geschichten erfinden, nur um eine Gele- genheit zu bekommen, einen Blick auf uns zu werfen.« »Dann eben irgendwo in der Stadt.« Lorlen trommelte leise mit den Fingern auf den Türrah- men. »Die Garde hat mehrere Hallen in verschiedenen Tei- len der Stadt. Ich werde veranlassen, dass eine davon für unsere Zwecke hergerichtet wird.« Dannyl nickte. »Könntet Ihr auch dafür sorgen, dass ein paar Soldaten dort sein werden, um für Ordnung zu sor- gen?« Der Administrator nickte. »Ich bin davon überzeugt, dass die Leute die Gelegenheit, in der Stadt zu bleiben, nur allzu gern nutzen würden.« »Dann mache ich mich jetzt auf die Suche nach Freiwil- ligen, die mir bei der Befragung der Informanten helfen.« »Das klingt so, als hättet Ihr alles im Griff.« Lorlen trat einen Schritt von der Tür zurück. Dannyl lächelte. »Vielen Dank, Administrator.« »Wenn Ihr sonst noch irgendetwas benötigen solltet, schickt einfach einen Boten zu mir.« Lorlen nickte und wandte sich dann zum Gehen. Dannyl sammelte die Werkzeuge ein, die er für den Entwurf des Plakats benötigt hatte, und legte sie in eine kunstvoll gearbeitete Schreibschatulle. Dann verließ er den Raum und eilte zu seinem Quartier. Unterwegs sprach er einen Novizen an, der gerade aus einem nahen Klassen- zimmer getreten war. »Du da«, rief Dannyl. Der Junge erstarrte und fuhr zu, ihm herum. Nach einem raschen Blick senkte er den Kopf und verneigte sich. Dannyl drückte dem Jungen ohne viel Federlesens die Schatulle in die Hände. »Bring das hier in die Bibliothek der Magier und sag Lord Julien, dass ich die Sachen später wieder abholen werde.« »Jawohl, Lord Dannyl«, erwiderte der Novize und hätte in seinem Eifer um ein Haar die Schatulle fallen lassen, als er sich abermals verbeugte. Dann machte er kehrt und eilte davon. Dannyl setzte seinen Weg fort und stieg die Treppe hin- unter. In der Eingangshalle standen mehrere Magier, die alle durch die offenen Türen zu den Toren des Gildevier- tels hinüberstarrten. Als Dannyl die untersten Stufen der Treppe erreicht hatte, blickte einer der Magier auf. Es war Larkin, ein junger Alchemist, der erst vor kurzem seinen Abschluss gemacht hatte. »Sind das Eure Informanten, Lord Dannyl?«, fragte er grinsend. »Sie sind wohl eher scharf auf die Belohnung«, entgeg- nete Dannyl trocken. »Ihr werdet sie nicht in die Gilde bringen«, erklang eine schroffe Stimme. Dannyl, der sofort den säuerlichen Tonfall des Rektors der Universität erkannt hatte, drehte sich zu dem Magier um. »Wirklich nicht, Rektor Jerrik?«, fragte Dannyl. »Auf keinen Fall!«, Larkin, der den Wortwechsel verfolgt hatte, prustete lei- se, und Dannyl widerstand der Versuchung zu lächeln. Jer- rik schien sich niemals zu ändern. Er war noch immer der- selbe mürrische alte Mann wie damals, als Dannyl als No- vize an die Universität gekommen war. »Ich werde sie in eine der Hallen der Garde schicken«, erklärte Dannyl dem alten Magier. Dann wandte er sich ab, schlängelte sich zwischen den anderen Magiern hindurch und ging die nächste Treppe hinunter. »Viel Glück«, rief Larkin ihm nach. Dannyl hob zur Antwort nur die Hand. Vor ihm drängte sich eine dunkle Masse von Leibern gegen die kunstvoll geschmiedeten Gitter der Tore. Dannyl schnitt eine Gri- masse und suchte in Gedanken nach einem verwandten Geist. – Rothen! – Ja? – Sieh dir das an. Dannyl sandte seinem Freund ein mentales Bild der Szene vor ihm. Er spürte das Erschre- cken des anderen Magiers, das sich schnell in Erheiterung verwandelte, als Rothen begriff, wer diese Leute waren. – Da sind also schon die ersten Informanten! Was wirst du tun? – Ihnen sagen, dass sie später noch einmal herkommen sollen, antwortete Dannyl, und dass wir niemanden mit Geld überhäufen werden, bevor wir das Mädchen haben. So schnell und so deutlich die Gedankenübertragung es gestattete, erklärte er Rothen, dass Administrator Lorlen, ihnen einen Raum in der Stadt beschaffen würde, in dem sie die »Informanten« befragen konnten. – Soll ich zurückkommen, um dir zu helfen? – Selbst wenn ich es versuchte, könnte ich dich davon wohl kaum abhalten. Er spürte abermals ein Gefühl der Belustigung bei dem älteren Magier, bevor Rothens Aura in seiner Wahrneh- mung verblasste. Inzwischen hatte Dannyl sich dem Tor genähert und konnte die Menschen erkennen, die sich vor dem Gitter drängelten. Ein wildes Stimmengewirr scholl ihm entge- gen, als sie alle gleichzeitig begannen, ihm etwas zuzuru- fen. Die Wachsoldaten musterten Dannyl mit einer Mi- schung aus Erleichterung und Neugier. Etwa zehn Schritte vor den Toren blieb er stehen und drückte den Rücken durch, um seine Körpergröße besser zur Geltung zu bringen. Dann verschränkte er die Arme vor der Brust und wartete. Langsam verebbte der Lärm. Als es einigermaßen still geworden war, manipulierte Dannyl die Luft um ihn herum, um seine Stimme zu verstärken. »Wie viele von euch sind hier, weil sie Informationen über das Mädchen haben, nach dem wir suchen?« Sofort begannen die Menschen wieder, durcheinander zu schreien. Dannyl nickte und hob die Hand, um sie abermals zum Schweigen zu bringen. »Die Gilde weiß eure Mitarbeit in dieser Angelegenheit zu schätzen. Ihr werdet Gelegenheit haben, einzeln mit uns zu sprechen. Zur Zeit bemühen wir uns darum, eine Halle, der Garde zu diesem Zweck herrichten zu lassen. Binnen einer Stunde werden an diesem Tor und den Toren der Stadt Plakate ausgehängt, denen ihr den genauen Ort ent- nehmen könnt. In der Zwischenzeit bitten wir euch, in eure Häuser zurückzukehren.« Ein missbilligendes Raunen lief durch die hinteren Rei- hen der Menge. Dannyl reckte das Kinn und legte einen warnenden Unterton in seine Stimme. »Niemand wird eine Belohnung erhalten, bevor sich das Mädchen nicht sicher in unserer Obhut befindet. Erst dann wird die Belohnung ausgezahlt werden, und es werden nur diejenigen etwas bekommen, die uns nützliche Hinweise gegeben haben. Aber ich warne euch, tretet nicht selbst an das Mädchen heran. Sie könnte eine Ge-« »Sie ist hier!«, kreischte jemand. Obwohl er wusste, dass es unvernünftig war, regte sich Hoffnung in Dannyl. Die Menge teilte sich, und jemand drängelte sich nach vorn. »Lasst sie durch«, befahl Dannyl. Kurz darauf drückte sich eine verhutzelte alte Frau ge- gen das Tor. Eine knochige Hand schob sich durch die Git- terstangen und winkte Dannyl heran. Die andere Hand hielt den Arm eines dünnen, in schmutzige, fadenscheinige Kleider gehüllten Mädchens umklammert. »Das ist sie!«, erklärte die Frau und starrte ihn mit riesi- gen Augen an. Dannyl besah sich das Mädchen näher. Klein, mit un- gleichmäßig geschnittenem Haar und einem mageren,, hohlwangigen Gesicht. Das Mädchen war zum Erbarmen dünn, und die Kleider hingen an dem formlosen Körper herab. Als Dannyl die Kleine ansah, brach sie in Tränen aus. Zweifel befielen ihn, als ihm klar wurde, dass er sich nicht mehr an das Gesicht des Mädchens erinnerte, das Ro- then in der Gildehalle heraufbeschworen hatte. – Rothen? – Ja? Er sandte dem Magier ein Bild des Mädchens. – Das ist sie nicht. Dannyl seufzte vor Erleichterung. »Sie ist nicht die, die wir suchen«, erklärte er kopfschüttelnd und wandte sich ab. »Hehl«, protestierte die Frau. Als er sich noch einmal umdrehte, funkelte sie ihn wütend an. Er hielt ihrem Blick stand, und sie senkte hastig den Kopf. »Seid Ihr Euch si- cher, Herr?«, fragte sie mit schmeichelndem Tonfall. »Ihr habt sie Euch gar nicht aus der Nähe angesehen.« Das Meer der ihm zugewandten, erwartungsvollen Ge- sichter vor sich, begriff er, dass die Menschen einen sicht- baren Beweis haben wollten. Wenn er sie nicht davon überzeugte, dass man ihn nicht täuschen konnte, würden auch andere junge Mädchen herbringen, um sich auf diese Weise die Belohnung zu verdienen – und er konnte Rothen unmöglich bitten, jedes einzelne Mädchen zu identifizie- ren, das man zu ihm brachte. Langsam trat er auf das Tor zu. Das Mädchen hatte auf- gehört zu weinen, aber als Dannyl näher kam, wurde es, schneeweiß vor Angst. Dannyl streckte die Hand nach ihm aus und lächelte. Das Mädchen wich zurück, aber die Frau packte seinen Arm und stieß ihn durch die Gitter des Tores. Dannyl griff nach der Hand des Mädchens und sandte eine Gedankenfrage in ihren Geist. Sofort spürte er in ihr eine starke, verborgene Quelle der Kraft. Überrascht zöger- te er einen Moment, bevor er ihre Hand losließ und zurück- trat. »Sie ist nicht die, nach der wir suchen«, wiederholte er. Die Informanten begannen von Neuem durcheinander zu rufen, aber ohne die Entschlossenheit, die zuvor in ihren Stimmen gelegen hatte. Er entfernte sich einige Schritte vom Tor und hob die Arme. Die Menschen wichen zurück. »Geht jetzt!«, rief Dannyl. »Kommt am Nachmittag wieder.« Dann drehte er sich so schnell um, dass seine Roben ihn dramatisch umflatterten, und schritt davon. Ein ehrfürchti- ges Murmeln erhob sich hinter ihm, und er beschleunigte lächelnd seine Schritte. Aber sein Lächeln verschwand, als er an die magische Kraft dachte, die er bei dem Bettlermädchen wahrgenom- men hatte. Hätte es sich um eine Tochter aus einem der Häuser gehandelt, hätte man sie wohl kaum der Gilde zur Ausbildung geschickt. Als Braut, die die magischen Blutli- nien ihres Hauses stärkte, wäre sie für ihre Familie kostba- rer gewesen. Aber als zweiter oder dritter Sohn wäre sie jeder Familie hochwillkommen gewesen. Selbst ein schwa-, cher Magier trug dem Namen einer Familie Ansehen ein. Kopfschüttelnd näherte sich Dannyl der Universität. Es war nur ein Zufall, dass das einzige Mädchen aus dem Hüt- tenvolk, das er bisher geprüft hatte, magisches Potenzial besaß. Vielleicht war sie die Tochter einer Prostituierten, die das Kind eines Magiers empfangen hatte. Dannyl gab sich keinerlei Illusionen hin, was die Gewohnheiten seiner Kollegen betraf. Dann fielen ihm wieder Lord Solends Worte ein: »Falls es sich bei dieser jungen Frau um eine geborene Magierin handelt, müssen wir davon ausgehen, dass sie stärker ist als unsere durchschnittlichen Novizen, vielleicht sogar stärker als durchschnittliche Magier.« Das Mädchen, nach dem sie suchten, war möglicherweise mindestens so stark wie er selbst. Es könnte sogar stärker sein… Er schauderte. Plötzlich fiel es ihm nur allzu leicht, sich die Existenz von Dieben und Mördern vorzustellen, die insgeheim Kräfte benutzten, die zu besitzen einzig den Magiern der Gilde gestattet war. Es war ein beängstigender Gedanke, und Dannyl wusste, dass er sich, wenn er das nächste Mal durch die Straßen der Hüttensiedlungen wan- derte, nicht mehr ganz so unverletzbar fühlen würde. Die Luft auf dem Dachboden war herrlich warm. Das Licht des späten Nachmittags fiel durch zwei kleine Fenster und zeichnete helle Quadrate an die Wände. Die Gerüche von Reber-Wolle und Rauch kämpften um die Vorherrschaft im Raum. Hier und da saßen in Decken gehüllte Kinder bei-, einander, die sich leise unterhielten. Sonea beobachtete sie von ihrem Platz in der Ecke aus, den sie sich erobert hatte. Als die Falltür zum Dachboden geöffnet wurde, blickte sie eifrig auf, aber der Junge, der in den Raum kletterte, war nicht Cery. Die anderen begrüßten den Neuankömmling stürmisch. »Habt ihr schon gehört?«, fragte er, während er sich auf ein Bündel Decken fallen ließ. »Die Magier sagen, sie zah- len jedem eine Belohnung, der ihnen zeigt, wo das Mäd- chen sich aufhält.« »Eine Belohnung!« »Wirklich?« »Wie viel?« Die Augen des Jungen weiteten sich. »Hundert Gold- münzen.« Die Kinder begannen aufgeregt miteinander zu tuscheln. Sie hatten sich um den Neuankömmling geschart, und eini- ge von ihnen sahen nachdenklich in Soneas Richtung. Sonea zwang sich, die Kinder mit ausdrucksloser Miene zu beobachten. Seit ihrer Ankunft hatte sie zahlreiche neu- gierige Blicke auf sich gezogen. Der Dachboden war eine Zuflucht für heimatlose Kinder. Er lag in dem Gebiet, wo die Hütten an die Märkte grenzten, und aus den winzigen Fenstern konnte man den Hafen sehen. Sonea war eigent- lich zu alt, um hier Aufnahme zu finden, aber Cery kannte den Besitzer – einen freundlichen alten Mann namens No- rin – und hatte ihm als Gegenleistung eine Gefälligkeit ver- sprochen., »Die Magier wollen dieses Mädchen unbedingt haben, nicht wahr?«, bemerkte eins der Mädchen. »Sie sind der Meinung, dass niemand außer ihnen selbst über Magie gebieten darf«, erwiderte ein untersetzter Jun- ge. »Es wird inzwischen überall gesucht«, bemerkte der Neuankömmling mit einem weisen Nicken. »Es geht um eine Menge Geld.« »Es ist Blutgeld, Ral«, erwiderte das Mädchen und rümpfte die Nase. »Na und?«, entgegnete Ral. »Manchen Leuten wird das völlig egal sein. Sie wollen einfach nur das Geld.« »Also, ich würde sie nicht ausliefern«, erklärte das Mäd- chen. »Ich hasse die Magier. Sie haben vor einigen Jahren meinen Vetter verbrannt.« »Wirklich?«, fragte ein anderes Mädchen, aus dessen Augen jetzt helle Neugier leuchtete. »Es ist wahr.« Das erste Mädchen nickte. »Es ist bei ei- ner der Säuberungen passiert. Aber Gilen hat Unfug ge- macht. Wahrscheinlich hat er es geradezu herausgefordert. Einer dieser Magier hat ihn mit seiner Magie erwischt. Die eine Hälfte seines Gesichts war anschließend völlig ver- brannt. Er hat heute noch eine große, rote Narbe.« Sonea schauderte. Verbrannt. Die Erinnerung an einen verkohlten Leichnam blitzte in ihren Gedanken auf. Sie wandte sich von den Kindern ab. Der Dachboden hatte mit einem Mal seine Behaglichkeit verloren. Sie wäre am liebsten aufgestanden und gegangen, aber Cery hatte ihr, unmissverständlich klar gemacht, dass sie hier bleiben und nur ja keine Aufmerksamkeit auf sich lenken solle. »Mein Onkel hat einmal versucht, einen Magier zu be- rauben«, sagte jetzt ein Mädchen mit langem, verfilztem Haar. »Dein Onkel war ein Dummkopf«, murmelte ein Junge, der neben ihr stand. Sie funkelte ihn wütend an und ver- suchte, ihm gegen das Schienbein zu treten, ein Unterfan- gen, das er mühelos vereiteln konnte. »Er wusste doch nicht, dass es ein Magier war«, erklärte das Mädchen. »Der Mann trug einen weiten Mantel über seinen Roben.« Der Junge prustete ungläubig, und das Mädchen hob die Faust. »Was wolltest du sagen?«, fragte er unschuldig. »Er hat versucht, ihm die Börse vom Gürtel zu schnei- den«, fuhr das Mädchen fort, »aber der Magier hatte sie verzaubert, so dass er es bemerken würde, falls jemand sich an seiner Habe vergreifen sollte. Nun, der Magier hat sich blitzschnell zu ihm umgedreht, ihm seine Magie ent- gegengeschleudert und ihm beide Arme gebrochen.« »Beide Arme?«, fragte einer der kleineren Jungen. Sie nickte. »Ohne ihn auch nur zu berühren. Er hat ein- fach so die Hände ausgestreckt…« Sie hob die Hände, so dass die Innenflächen auf die Zuhörer zeigten, dann sprach sie weiter: »Und die Magie hat meinen Onkel getroffen, als hätte ihm jemand eine ganze Mauer entgegengeschleudert. So hat er es erzählt, mein Onkel.« »Hai!«, flüsterte der Junge ehrfürchtig. Anschließend, blieb es für ein paar Minuten still im Raum, dann durch- brach eine neue Stimme das Schweigen. »Meine Schwester ist gestorben wegen der Magier.« Alle Gesichter wandten sich jetzt einem dürren Jungen zu, der im Schneidersitz am Rand des Kreises hockte. »Es herrschte ein ziemliches Gedränge um uns herum«, erzählte er ihnen. »Die Magier haben in der Straße hinter uns ihre Lichter aufblitzen lassen, und alle sind plötzlich losgelaufen. Ma hat meine kleine Schwester fallen lassen, aber sie konnte nicht mehr stehen bleiben, weil so viele Menschen da waren, die alle voller Angst wegrannten. Mein Pa ist dann zurückgekehrt und hat sie gefunden. Ich habe gehört, wie er die Magier verfluchte. Er hat gesagt, es sei ihre Schuld, dass meine Schwester gestorben ist. Die Schuld der Magier.« Verdrossen starrte er zu Boden. »Ich hasse sie.« Mehrere Kinder in dem Kreis nickten. Nachdenkliches Schweigen folgte, dann stieß das erste Mädchen einen Laut der Befriedigung aus. »Da habt ihr’s«, sagte sie, »wollt ihr wirklich den Ma- giern helfen? Ich jedenfalls nicht. Das Mädchen hat ihnen die Stirn geboten, jawohl. Vielleicht erwischt sie beim nächsten Mal noch mehr von ihnen.« Die Kinder grinsten und nickten einander zu. Sonea stieß den Atem, den sie angehalten hatte, lautlos aus. Dann hörte sie das Knarren des Riegels, als die Falltür geöffnet wurde. Cery kam auf den Dachboden geklettert. Er trat auf sie zu, dann ließ er sich grinsend zu Boden sinken., »Wir sind verraten worden«, murmelte er. »Das Haus wird gleich durchsucht werden. Folg mir.« Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Als sie ihn jetzt ansah, stellte sie fest, dass das Grinsen seine Augen nicht erreicht hatte. Er rappelte sich wieder hoch, und sie sprang auf, um ihm zu folgen. Einige Kinder sahen ihr nach, aber sie wich ihren Blicken aus. Sie spürte das wachsende Interesse der anderen, als Cery stehen blieb und die Türen zu einem gro- ßen Schrank im hinteren Teil des Raumes öffnete. »Das ist eine Tür, die von hier aus in die Geheimgänge führt«, murmelte er und griff in das Innere des Schranks. Er zog sachte an einem Brett, dann runzelte er die Stirn und zog kräftiger. »Sie ist von der anderen Seite blockiert.« Er fluchte leise. »Sitzen wir in der Falle?« Er drehte sich um und sah, dass die meisten Kinder sie jetzt beobachteten. Cery schloss die Schranktür, dann ging er zu einem der Fenster hinüber. »Es hat keinen Sinn, uns jetzt etwas vorzumachen. Wie gut kannst du klettern?« »Es ist schon ein Weilchen her… « Sie blickte auf. Die Fenster waren in das Dach eingelassen, das fast bis zum Boden schräg abfiel. »Mach mir eine Räuberleiter.« Sonea faltete die Finger beider Hände ineinander und schnitt eine Grimasse, als Cery darauf trat. Cery stieg auf ihre Schultern, und Sonea taumelte. Dann bekam er einen Dachbalken zu fassen, gewann das Gleichgewicht zurück,, nahm ein Messer aus seinem Mantel und machte sich dar- an, das Fenster zu bearbeiten. Irgendwo unter ihnen krachte eine Tür gegen eine Wand, dann folgte das gedämpfte Geräusch erhobener Stimmen. Ein Stich der Angst durchzuckte Sonea, als die Falltür auf- gerissen wurde, aber das Gesicht, das dort erschien, gehör- te Norins Nichte, Yalia. Die Frau erfasste mit einem einzigen Blick die Kinder, Sonea und Cery, der auf Soneas Schultern balancierte. »Die Tür?«, fragte sie. »Blockiert«, erwiderte er. Sie runzelte die Stirn, dann sah sie die Kinder an. »Die Magier sind hier«, sagte sie zu ihnen. »Sie werden das Haus durchsuchen.« Die Kinder bombardierten sie mit Fragen. Über Sonea stieß Cery einen kräftigen Fluch aus, und als er plötzlich das Gewicht verlagerte, hätte Sonea ihn um ein Haar fallen lassen. »Hai! Du bist als Leiter keine große Hilfe, Sonea.« Plötzlich ließ der schmerzhafte Druck auf ihre Schultern nach. Cerys Fuß rutschte ab und traf sie an der Brust. So- nea unterdrückte jeden Kommentar und brachte sich mit einem Sprung vor seinen baumelnden Beinen in Sicherheit. »Sie werden uns nichts tun«, erklärte Yalia den Kindern auf dem Dachboden. »Sie werden es nicht wagen. Ganz bestimmt sehen sie sofort, dass ihr alle viel zu klein seid. Sie werden sich eher für jemanden interessieren, der –« »Hai! Sonea!«, flüsterte Cery rau., Cery hatte die Beine inzwischen durch das Fenster ge- schoben und beugte sich herab, um Sonea nach oben zu ziehen. »Komm schon!« Sie streckte ihm die Hände entgegen, und mit überra- schender Kraft hob Cery sie so weit hoch, dass sie selbst das Sims des Fensters zu fassen bekam. Einen Moment lang hing sie in der Luft, dann zwängte auch sie sich hin- durch. Auf der anderen Seite des Fensters angekommen, legte sie sich bäuchlings und atemlos vor Erschöpfung flach auf die kalten Ziegel. Die Luft war eisig und drang ihr sofort durch die Kleider. Sie blickte auf. Ein Meer von Dächern erhob sich vor ihr. Die Sonne hing tief am Him- mel. Cery wollte gerade das Fenster schließen, als er jäh er- starrte. Hinter ihnen wurde die Falltür knarrend wieder ge- öffnet, dann hörten sie die leisen Stimmen der Kinder, in denen jetzt Angst und Ehrfurcht mitschwangen. Sonea spähte durch das Fenster. Ein Mann in roten Roben stand neben der geöffneten Falltür und sah sich zornig im Raum um. Sein Haar war hell und lag dicht am Kopf an. An seiner Schläfe leuchtete eine kleine, rote Narbe. Mit hämmerndem Herzen drückte Sonea sich auf das Dach. Der Mann kam ihr irgendwie ver- traut vor, aber sie konnte keinen zweiten Blick riskieren. Seine Stimme drang an ihre Ohren. »Wo ist sie?«, fragte er scharf. »Wen meint Ihr?«, erwiderte Yalia., »Das Mädchen. Man hat mich informiert, dass ich es hier finden würde. Wo habt ihr es versteckt?« »Ich habe niemanden versteckt«, mischte sich eine ältere Stimme ein. Norin, vermutete Sonea. »Was hat es mit diesem Haus auf sich? Warum sind die- se Bettler hier?« »Ich lasse sie hier wohnen. Im Winter können sie sonst nirgendwohin. « »War das Mädchen hier?« »Ich frage nicht nach ihren Namen. Wenn das Mädchen, das Ihr sucht, bei den anderen war, dann weiß ich nichts darüber.« »Ich denke, du lügst, alter Mann.« Der Tonfall des Ma- giers klang jetzt noch um einiges düsterer. Einige der Kinder begannen zu weinen. Cery zupfte So- nea am Ärmel. »Ich sage die Wahrheit«, erklärte der alte Kaufmann. »Ich habe keine Ahnung, wer sie sind, aber es sind allesamt Kinder –« »Weißt du, welche Strafe demjenigen blüht, der Feinde der Gilde versteckt, alter Mann?«, zischte der Magier. »Wenn du mir nicht zeigst, wo du dieses Mädchen verbor- gen hältst, werde ich dein Haus abreißen lassen, Stein für Stein, und dann…« »Sonea«, flüsterte Cery. Sie drehte sich zu ihm um. Er bedeutete ihr, ihm zu fol- gen, bevor er sich langsam über das Dach schob. Sonea zwang sich dazu, Arme und Beine zu bewegen., Sie wagte es nicht, sich allzu schnell heruntergleiten zu lassen, weil sie befürchtete, der Magier könnte sie hören. Langsam näherte sie sich der Dachtraufe. Als sie sie er- reicht hatte, wandte Sonea den Kopf. Cery war verschwun- den. Aus den Augenwinkeln nahm sie eine flüchtige Be- wegung wahr, und dann sah sie seine Hände, die die Re- genrinne unter ihr umfassten. »Sonea«, zischte Cery. »Komm mir nach!« Langsam beugte sie die Knie und ließ sich weiter nach unten rutschen, bis sie der Länge nach neben der Regenrin- ne lag. Cery hing zwei Stockwerke über dem Boden. Jetzt deutete er mit dem Kopf auf ein eingeschossiges Gebäude gleich neben dem Haus des Kaufmanns. »Dort wollen wir hin«, sagte er zu ihr. »Beobachte mich und tu dann genau das, was ich tue.« Cery beugte sich vor und legte die Arme um ein Rohr, das an der Wand entlang von der Dachrinne bis zum Boden hinabführte. Das Rohr knarrte erschreckend, aber Cery kletterte flink hinunter und benutzte die Klammern, mit denen das Rohr an der Hauswand befestigt war. Mit einem einzigen großen Schritt ließ er sich im richtigen Augen- blick auf das andere Dach fallen und winkte Sonea von dort aus zu. Sonea holte tief Luft, klammerte sich an die Regenrinne und ließ sich vom Dach hinunterrollen. Einen Moment lang hing sie in der Luft. Ihre Hände protestierten gegen die un- gewohnte Anstrengung, aber dann bekam sie das Rohr zu fassen. So schnell sie konnte, kletterte sie daran bis auf das, Dach des anderen Hauses hinunter. Cery grinste. »Das war doch ganz einfach, nicht wahr?« Sie rieb sich die Finger, in die sich die scharfen Kanten der Regenrinne eingegraben hatten, und zuckte die Ach- seln. »Ja und nein.« »Komm weiter. Lass uns von hier verschwinden.« Vorsichtig bahnten sie sich einen Weg über das Dach, über das bitterkalter Wind strich. Auf dem Nachbarhaus angekommen, ließen sie sich an einem weiteren Abfluss- rohr in eine schmale Gasse zwischen den Häusern hinab. Cery legte einen Finger an die Lippen und setzte sich wieder in Bewegung. Auf halber Höhe der Gasse blieb er stehen, versicherte sich kurz, dass niemand ihnen gefolgt war, und zog ein kleines Gitter aus einer Mauer. Er ließ sich auf den Bauch fallen und zwängte sich geschickt durch die Öffnung. Sonea tat es ihm gleich. Dunkelheit umfing sie. Soneas Augen gewöhnten sich langsam an das Fehlen von Licht, bis sie die Wände eines engen, aus Ziegelsteinen gemauerten Ganges erkennen konnte. Cery starrte durch die Dunkelheit zu Norins Haus hinüber. »Armer Norin«, flüsterte Sonea. »Was wird jetzt mit ihm geschehen?« »Ich weiß es nicht, aber es schaut nicht gut aus.« Sonea schluckte. »Und das alles ist meine Schuld.« Er drehte sich zu ihr um. »Nein«, knurrte er. »Es ist die Schuld der Magier – und desjenigen, der uns verraten hat, wer immer es sein mag.« Stirnrunzelnd blickte er den Gang, entlang. »Ich würde ja umkehren und herausfinden, wer es war, aber zuerst einmal muss ich dich in Sicherheit brin- gen.« Sonea sah ihn an und bemerkte mit einem Mal eine Här- te in seinen Zügen, die sie dort noch nie gesehen hatte. Oh- ne ihn hätten die Magier sie schon vor Tagen gefunden. Ohne ihn wäre sie jetzt wahrscheinlich tot. Sie brauchte ihn, aber welchen Preis würde er dafür zah- len müssen, dass er ihr half? Er hatte um ihretwillen schon Gefälligkeiten für die Zukunft versprochen und Gefällig- keiten eingefordert, die andere ihm schuldeten. Außerdem riskierte er die Missbilligung der Diebe, indem er ihre Tunnel benutzte. Und was würde geschehen, wenn die Magier sie fanden? Wenn Norin schon sein Haus verlor, weil die Magier ihn in Verdacht hatten, sie zu verstecken, was würden sie dann erst Cery antun? »Weißt du, welche Strafe demjenigen blüht, der Feinde der Gilde versteckt, alter Mann?« Sie schauderte und griff nach Cerys Arm. »Du musst mir ein Versprechen geben, Cery.« Mit großen Augen starrte er sie an. »Ein Versprechen?« Sie nickte. »Falls sie uns jemals fangen sollten, musst du so tun, als würdest du mich nicht kennen. Versprich mir das.« Er öffnete den Mund, um zu protestieren, aber sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Falls sie dich dabei sehen sollten, dass du mir hilfst, dann lauf weg. Lass dich nicht auch noch von ihnen fangen.« Er schüttelte den Kopf. »Sonea, ich würde niemals –«, »Sag einfach, dass du es tun wirst. Ich… ich könnte es nicht ertragen, wenn die Magier dich meinetwegen töten würden.« Cerys Augen weiteten sich, dann legte er ihr lächelnd ei- ne Hand auf die Schulter. »Sie werden dich nicht fangen«, erklärte er. »Und selbst wenn sie es tun, hole ich dich zu- rück. Das verspreche ich dir.«, 6. Begegnungen unter der Erde Auf dem Schild des Bolhauses stand: Das Kühne Messer. Kein ermutigender Name, aber ein kurzer Blick ins Innere der Schankstube hatte einen ruhigen Raum gezeigt. Im Ge- gensatz zu den Gästen aller anderen Bolhäuser, die Dannyl betreten hatte, wirkten die Leute hier gesittet und unterhiel- ten sich in gedämpftem Tonfall. Also drückte er die Tür auf und trat ein. Einige der Ze- cher blickten in seine Richtung, aber die meisten beachte- ten ihn gar nicht. Auch dies war eine willkommene Ab- wechslung. Ein leichtes Unbehagen stieg in ihm auf. Wa- rum unterschied sich dieses Lokal so sehr von den anderen, die er besucht hatte? Er war zuvor nie in Bolhäusern gewesen und hatte auch nie den Wunsch danach verspürt, aber der Soldat, den er mit der Suche nach den Dieben betraut hatte, hatte ihm ge- naue Anweisungen gegeben: Geh in ein Bolhaus, sag dem Besitzer, mit wem du reden willst, und wenn dann ein Füh- rer auftaucht, bezahle die entsprechende Gebühr. So wur- den diese Dinge offensichtlich gehandhabt., Natürlich konnte er nicht in seiner Robe ein Bolhaus be- treten und die Art von Zusammenarbeit erwarten, die er sich erhoffte. Daher hatte er sich dem Gebot der anderen Magier widersetzt und war in die schlichte Gewandung eines Kaufmanns geschlüpft. Er hatte seine Verkleidung mit großer Sorgfalt ausge- wählt. Kein noch so schäbiges Gewand hätte seine unge- wöhnliche Körpergröße, seinen hervorragenden Gesund- heitszustand und seine kultivierte Stimme verbergen kön- nen. Die Geschichte, die er sich ausgedacht hatte, erzählte von unglücklichen Investitionen und üblen Schulden. Nie- mand wollte ihm Geld leihen. Die Diebe waren seine letzte Hoffnung. Ein Kaufmann in dieser Situation wäre genauso ratlos, wie Dannyl es war, auch wenn er erheblich größere Angst gehabt hätte. Dannyl holte noch einmal tief Luft und ging dann zur Theke hinüber. Der Wirt war ein dünner Mann mit hohen Wangenknochen und grimmiger Miene. Graue Strähnen zogen sich durch sein schwarzes Haar. Er musterte Dannyl mit harten Augen. »Was soll es sein?« »Etwas zu trinken.« Der Mann griff nach einem hölzernen Becher und füllte ihn aus einem der Fässer hinter der Theke. Dannyl nahm eine Kupfer– und eine Silbermünze aus seiner Börse. Das Silber versteckte er, während er dem Mann die Kupfer- münze in die ausgestreckte Hand legte. »Ihr sucht wohl nach einem Messer?«, fragte der Wirt leise., Dannyl sah den Mann überrascht an. Der Wirt lächelte grimmig. »Warum sonst solltet Ihr Das Kühne Messer aufsuchen? Habt Ihr so etwas schon mal gemacht?« Dannyl schüttelte den Kopf und überlegte hastig. Dem Tonfall des Mannes nach war die Suche nach diesem »Messer« offensichtlich etwas, das man in aller Heimlich- keit tat. Es gab kein Gesetz gegen den Besitz von Klingen, daher musste »Messer« ein Wort für einen verbotenen Ge- genstand sein – oder einen verbotenen Dienst. Er hatte kei- ne Ahnung, was das sein mochte, aber dieser Mann hatte ihm bereits zu verstehen gegeben, dass er zwielichtige Ge- schäfte erwartete, also konnte es nichts schaden, das Spiel mitzuspielen. »Ich will kein Messer.« Dannyl warf dem Mann ein ner- vöses Lächeln zu. »Ich möchte Kontakt zu den Dieben auf- nehmen.« Der Mann zog die Augenbrauen in die Höhe. »Tatsäch- lich?« Mit schmalen Augen musterte er Dannyl. »Es braucht ein wenig mehr Farbe, um ihr Interesse an einem Gespräch zu wecken. Ihr wisst schon, was ich meine.« Dannyl öffnete die Hand, um die Silbermünze vorzuzei- gen. Als der Wirt danach greifen wollte, schloss Dannyl die Finger wieder zur Faust. Der Mann schnaubte, dann drehte er sich zur Seite. »He, Kollin!« In einer Tür hinter der Theke erschien ein Junge. Er sah Dannyl an und musterte ihn mit verständigem Blick von, den Haarspitzen bis hinab zu den Stiefeln. »Bring diesen Mann ins Schlachthaus.« Kollin bedeutete Dannyl, ihm zu folgen. Als Dannyl hin- ter die Theke treten wollte, versperrte der Wirt ihm den Weg und hielt ihm die Hand hin. »Es gibt eine Gebühr. Silber.« Dannyl musterte die ausgestreckte Hand voller Zweifel. »Keine Sorge«, sagte der Wirt. »Wenn sie dahinter kä- men, dass ich jene betrüge, die um ihre Hilfe nachsuchen, würden sie mich bei lebendigem Leib häuten und meine Haut dann als Lektion für andere an der Dachtraufe trock- nen lassen.« Dannyl fragte sich kurz, ob er übertölpelt wurde, dann drückte er dem Wirt die Silbermünze in die Hand. Der Mann trat zur Seite, und Dannyl ging hinter Kollin durch die Tür. »Folgt mir, aber sprecht kein Wort«, sagte der Junge. Sie kamen in eine kleine Küche, wo Kollin eine weitere Tür öffnete und in die Gasse hinausspähte, bevor er das Haus verließ. Der Junge schlug ein schnelles Tempo an und führte Dannyl durch ein Labyrinth enger Straßen. Aus einigen Türen wehte ihnen der Geruch von frisch gebackenem Brot, gekochtem Fleisch oder geöltem Leder entgegen. Schließlich blieb der Junge stehen und zeigte auf den Ein- gang zu einer Gasse. Die schmale Straße war bedeckt von Schlamm und Unrat und mündete nach zwanzig Schritten in eine Sackgasse., »Das Schlachthaus. Dort geht Ihr hinein«, sagte der Jun- ge und zeigte die Gasse hinunter. Dann drehte er sich um und eilte davon. Dannyl sah sich zweifelnd um. Es gab keine Türen in dieser Gasse. Keine Fenster. Niemand kam heraus, um ihn zu begrüßen. Als er das Ende der Gasse erreichte, seufzte er. Man hatte ihn tatsächlich übertölpelt. Wenn er an den Namen des Lokals dachte, war ein Hinterhalt wohl das Ge- ringste, was er zu erwarten hatte. Achselzuckend drehte er sich um und sah sich jäh drei stämmigen Männern gegenüber, die am Eingang der Gasse standen. »He! Sucht Ihr nach jemandem?« »Ja.« Dannyl ging auf die Männer zu. Sie alle trugen schwere Langmäntel und Handschuhe. Den Mann in der Mitte zierte überdies eine Narbe auf einer Wange. Und alle musterten ihn mit kaltem Blick. Ganz gewöhnliche Räuber, überlegte Dannyl. Vielleicht war dies ja tatsächlich ein Hinterhalt. Einige Schritte vor den Männern blieb er stehen, dann blickte er die Gasse hinunter und lächelte. »Das also ist das Schlachthaus. Wie passend. Seid Ihr drei jetzt meine Es- korte?« Der Mann in der Mitte streckte die Hand aus. »Für einen gewissen Preis.« »Ich habe mein Geld schon dem Wirt vom Kühnen Mes- ser gegeben.« Sein Gegenüber runzelte die Stirn. »Ihr wollt ein Messer?«, »Nein.« Dannyl seufzte. »Ich will mit den Dieben re- den.« Der Mann sah seine Gefährten an, die beide übers ganze Gesicht grinsten. »Mit welchem von ihnen?« »Mit dem, der über den größten Einfluss verfügt.« Der mittlere der Männer kicherte leise. »Das wäre dann wohl Gorin.« Einer seiner Begleiter unterdrückte ein La- chen. Immer noch grinsend, bedeutete der Anführer Dan- nyl, ihm zu folgen. »Kommt mit mir.« Die beiden anderen traten beiseite. Dannyl folgte seinem neuen Führer bis zur Mündung einer breiteren Straße. Als er sich noch einmal umdrehte, sah er, dass die beiden ande- ren ihn, immer noch mit einem breiten Lächeln im Gesicht, beobachteten. Sie gingen eine Weile durch gewundene Straßen und en- ge Gassen. Dannyl fragte sich langsam, ob die Rückfronten sämtlicher Bäckereien, Lederwerkstätten, Schneidereien und Bolhäuser gleich aussahen. Dann erkannte er eins der Schilder wieder und blieb jäh stehen. »Hier sind wir schon einmal gewesen. Warum führt Ihr mich im Kreis herum?« Der Räuber drehte sich um, musterte Dannyl kurz und ging dann zu einer nahen Mauer hinüber. Dort bückte er sich, umfasste den Rand eines Belüftungsgitters und zog. Das Gitter schwang auf. Der Räuber zeigte auf das Loch. »Ihr zuerst.« Dannyl ging in die Hocke und blickte hinein. Er konnte nichts sehen. Bedauerlicherweise musste er der Versu-, chung widerstehen, eine Lichtkugel zu erschaffen. Also schob er seufzend ein Bein durch das Loch, trat aber ins Leere. Er blickte zu seinem Führer hinauf. »Der Gang liegt so, dass die Straße etwa auf Brusthöhe ist, wenn Ihr darin steht«, erklärte der Mann. »Geht nur.« Dannyl kletterte durch die Öffnung. Als er mit dem Fuß einen Vorsprung im Mauerwerk ertastet hatte, zog er das andere Bein nach. Als Nächstes stieß er mit der Schulter an eine Mauer. Der Räuber ließ sich mit einer Geschicklich- keit, die man nur durch lange Übung erwarb, ebenfalls durch die Öffnung gleiten. Da Dannyl in dem schwachen Licht nicht viel mehr erkennen konnte als die Umrisse des Mannes, hielt er Abstand. »Folgt meinen Schritten«, sagte der Mann. Als er sich den Gang entlang in Bewegung setzte, hielt Dannyl sich einige Schritte hinter ihm und ließ die Hände zu beiden Seiten über das Mauerwerk gleiten. Sie waren mehrere Mi- nuten gegangen und hatten viele Male die Richtung ge- wechselt, als die Schritte vor Dannyl jäh verstummten und er ganz in der Nähe ein Klopfen hörte. »Ihr habt noch einen weiten Weg vor Euch«, bemerkte der Räuber. »Seid Ihr Euch wirklich sicher, dass Ihr das wollt? Wenn Ihr Eure Meinung jetzt ändert, bringe ich Euch zurück.« »Warum sollte ich das tun?«, fragte Dannyl. »Ihr könntet es tun, das ist alles.« Ein Lichtstrahl wurde sichtbar, der die Silhouette eines anderen Mannes nachzeichnete. Das Licht war zu grell, als, dass Dannyl die Gesichtszüge des Mannes hätte erkennen können. »Der da ist für Gorin«, sagte der Räuber. Er sah Dannyl an, machte eine schnelle Handbewegung und drehte sich dann um, um in der Dunkelheit zu verschwinden. »Gorin, wie?«, fragte der Mann in der Tür. Die Stimme hätte einem Mann irgendwo zwischen zwanzig und sechzig Jahren gehören können. »Wie heißt Ihr?« »Larkin.« »Was ist Euer Gewerbe?« »Ich verkaufe Simba-Matten.« Während der letzten Jah- re waren überall in Imardin die Werkstätten von Matten- machern aus dem Boden geschossen. »Ein Markt, auf dem es reichlich Konkurrenz gibt.« »Wem sagt Ihr das!« Der Mann brummte etwas Unverständliches. »Warum wollt Ihr mit Gorin reden?«, fragte er nach kur- zem Schweigen. »Das geht nur Gorin etwas an.« »Natürlich.« Der Mann zuckte die Achseln. »Dreht Euch um«, befahl er. »Von hier an werdet Ihr mit verbundenen Augen weitergehen.« Dannyl zögerte kurz, bevor er sich widerstrebend um- drehte. Er hatte etwas in dieser Art erwartet. Im nächsten Moment wurde ihm ein Stück Tuch über die Augen gelegt, und er spürte, wie der Mann es ihm am Hinterkopf verkno- tete. Das schwache Licht der Lampe enthüllte nicht mehr als die grobe Webart des Stoffes., »Folgt meinen Schritten, bitte.« Einmal mehr orientierte sich Dannyl, indem er sich mit beiden Händen an den Mauern entlangtastete. Sein neuer Führer schlug ein schnelles Tempo an. Dannyl zählte seine Schritte. Sobald er die Gelegenheit dazu hatte, würde er abmessen, wie weit tausend Schritte ihn unter normalen Umständen bringen konnten. Plötzlich drückte etwas, wahrscheinlich eine Hand, ge- gen seine Brust, und er blieb stehen. Er hörte, wie eine Tür geöffnet wurde, dann schob ihn jemand vorwärts. Der Ge- ruch von Gewürzen und Blumen schlug ihm entgegen, und er fühlte etwas Weiches unter seinen Stiefeln, das auf einen Teppich schließen ließ. »Bleibt hier. Und nehmt auf keinen Fall die Augenbinde ab.« Die Tür wurde geschlossen. Über ihm erklangen Stimmen und Schritte, und er ver- mutete, dass er sich unter einem der weniger zivilisierten Bolhäuser befand. Er lauschte den Geräuschen, dann be- gann er, seine Atemzüge zu zählen. Als ihn dies schließlich langweilte, hob er die Hände, um seine Augenbinde abzu- nehmen. Er hörte ein leises Geräusch hinter sich, wie es nackte Füße auf einem mit Teppich belegten Fußboden verursachen. Er drehte sich um und berührte mit den Hän- den die Augenbinde, dann erstarrte er, als er hörte, wie der Türknauf heruntergedrückt wurde. Hastig ließ er den Stoff los. Die Tür wurde nicht geöffnet. Dannyl wartete ab und, konzentrierte sich auf die Stille im Raum. Irgendetwas er- regte seine Aufmerksamkeit. Etwas Feineres, Ungreifbare- res als das leise Geräusch, das er zuvor gehört hatte. Eine Aura. Sie schwebte hinter ihm. Mit einem tiefen Atemzug streckte er die Arme aus und tat so, als taste er nach den Mauern. Als er sich umdrehte, rückte die Aura beiseite. Irgendjemand war bei ihm im Raum. Jemand der nicht bemerkt werden wollte. Der Teppich dämpfte seine Schrit- te, und der Lärm aus dem Bolhaus übertönte alle anderen Geräusche. Das blumige Parfüm, das in der Luft hing, würde die schwächeren Gerüche eines Körpers überde- cken. Einzig mithilfe der Sinneswahrnehmungen, die nur ihm als Magier zu Gebote standen, hatte er den Fremden aufgespürt. Er wurde auf die Probe gestellt. Jemand wollte heraus- finden, ob er etwas wahrnehmen würde. Ob er ein Magier war. Dannyl sandte seine Sinne aus und entdeckte eine weite- re schwache Aura. Diese Aura bewegte sich nicht. Vorsich- tig streckte er die Arme aus und machte einen Schritt nach vorn. Die erste Aura wich ihm aus, aber er ignorierte sie. Nach zehn Schritten stieß er auf eine Wand. Er legte die Hände auf die raue Oberfläche und tastete sich durch den Raum in die Richtung, in der er die andere Aura wahrge- nommen hatte. Die erste Aura entfernte sich, dann näherte sie sich ihm plötzlich mit großer Eile. Er spürte einen schwachen Lufthauch im Nacken. Ohne darauf zu achten,, setzte er seinen Weg fort. Er ertastete den Türrahmen, dann einen Ärmel. Jemand nahm ihm die Augenbinde ab, und er sah sich plötzlich ei- nem alten Mann gegenüber. »Ich entschuldige mich dafür, dass ich Euch warten ließ«, erklärte der Mann. Dannyl erkannte die Stimme. Es war sein Führer. Hatte der Mann den Raum überhaupt ver- lassen? Sein Führer bot ihm keine weiteren Erklärungen an, sondern öffnete die Tür. »Wenn Ihr mir jetzt bitte folgen wollt.« Dannyl blickte sich in dem mittlerweile leeren Raum um, dann trat er in einen weiteren Gang hinein. Diesmal gingen sie langsamer, und die Lampe baumelte in der Hand des Alten hin und her. Die Mauern waren soli- de gebaut. An jeder Wegbiegung war ein kleines Paneel mit seltsamen Symbolen darauf in die Ziegelsteine einge- lassen. Es ließ sich unmöglich erraten, wie spät es war, aber Dannyl wusste, dass viele Stunden verstrichen sein mussten, seit er das erste Bolhaus betreten hatte. Er war sehr zufrieden mit sich, weil es ihm gelungen war, den Test des Mannes zu durchschauen. Hätten sie ihn auch zu den Dieben gebracht, wenn er sich als Magier zu erkennen ge- geben hätte? Er bezweifelte es. Es würde möglicherweise weitere Tests geben – er musste in jedem Fall vorsichtig sein. Er wusste nicht, wie nah er einem Gespräch mit Gorin bereits gekommen war. In der Zwischenzeit sollte er so viel wie möglich über die, Menschen in Erfahrung bringen, mit denen er verhandeln wollte. Nachdenklich betrachtete er seinen Begleiter. »Was ist ein ›Messer‹?« Der alte Mann knurrte. »Ein Auftragsmörder.« Dannyl blinzelte, dann unterdrückte er ein Lächeln. Das Kühne Messer war also ein wahrhaft passender Name. Wieso konnte der Besitzer damit durchkommen, dass er sein Gewerbe so offen zur Schau trug? Nun, über diese Frage würde er später nachdenken. Für den Augenblick gab es nützlichere Dinge, die es herauszu- finden galt. »Gibt es noch irgendwelche anderen erfundenen Aus- drücke, die ich kennen sollte?« Der alte Mann lächelte. »Wenn Euch jemand einen Bo- ten schickt, ist das entweder eine Drohung für Euch – oder aber bereits die Ausführung dieser Drohung.« »Ich verstehe.« »Und ein Petz ist jemand, der die Diebe verrät. Zu der Sorte wollt Ihr gewiss nicht gehören. Sie führen ein kurzes Leben.« »Ich werde es mir merken.« »Wenn alles gut geht, wird man Euch als Klienten be- zeichnen. Kommt ganz darauf an, weshalb Ihr hier seid.« Er blieb stehen und drehte sich zu Dannyl um. »Ich schät- ze, es wird langsam Zeit, das herauszufinden.« Er klopfte an die Wand. Stille folgte, dann gaben die Ziegelsteine an zwei Stellen nach. Der alte Mann deutete auf die Öffnung., Der Raum, den Dannyl nun betrat, war klein. Ein Tisch passte genau zwischen die Wände und versperrte den Weg zu dem hochgewachsenen Mann, der auf dem Stuhl dahin- ter saß. Außerdem bemerkte Dannyl noch zwei Türen, die einen Spaltbreit offen standen. »Larkin, der Matten-Händler«, sagte der Mann. Seine Stimme war überraschend tief. Dannyl neigte den Kopf. »Und Ihr seid?« Der Mann lächelte. »Gorin.« Für Besucher gab es keinen Stuhl. Dannyl trat näher an den Tisch heran. Gorin war kein gut aussehender Mann, aber sein massiger Körper bestand eher aus Muskeln denn aus Fett. Sein Haar war dicht und gewellt, und auf seinem Kinn spross wie dicke Wolle ein Bart. Er machte seinen Namensvettern, den gewaltigen Tieren, die die Kähne den Tarali-Fluss hinaufschleppten, alle Ehre. »Ihr führt die Diebe?«, fragte Dannyl. Gorins Mundwinkel zuckten. »Niemand führt die Die- be.« »Woher weiß ich dann, ob ich mit dem richtigen Mann spreche?« »Ihr wollt ein Abkommen treffen? Ihr trefft es mit mir.« Er breitete die Hände aus. »Wenn Ihr das Abkommen brecht, werde ich Euch bestrafen. Betrachtet mich als etwas zwischen einem Vater und einem König. Ich helfe Euch, aber wenn Ihr mich betrügt, werde ich Euch töten. Klingt das vernünftig?« Dannyl schürzte die Lippen. »Ich dachte eher an etwas, ausgewogeneres. Ein Handel von Vater zu Vater vielleicht? Den Titel eines Königs möchte ich mir nicht anmaßen, ob- wohl er verlockend klingt.« Wieder lächelte Gorin, aber das Lächeln reichte nicht bis zu seinen Augen. »Was wollt Ihr, Mattenhändler Larkin?« »Ich möchte, dass Ihr mir helft, jemanden zu finden.« »Ah.« Der Dieb nickte. Er zog einen kleinen Schreib- block, einen Füllfederhalter und ein Tintenfass zu sich her- an. »Wen?« »Ein Mädchen. Zwischen vierzehn und sechzehn. Klein, mager, dunkles Haar.« »Sie ist davongelaufen, wie?« »Ja.« »Warum?« »Ein Missverständnis.« Gorin nickte mitfühlend. »Was glaubt Ihr, wo sie sich versteckt haben könnte?« »In den Hütten.« »Wenn sie noch lebt, werde ich sie finden. Wenn sie tot ist oder wir sie innerhalb eines bestimmten Zeitraums – den wir noch miteinander vereinbaren werden – nicht fin- den können, enden damit Eure Verpflichtungen mir gegen- über. Wie heißt sie?« »Wir kennen ihren Namen noch nicht.« »Ihr kennt…« Gorin blickte mit schmalen Augen auf. »Wir?« Dannyl gestattete sich ein Lächeln. »Ihr müsst die Tests, denen Ihr Eure Besucher unterzieht, verfeinern.«, Gorins Augen weiteten sich kaum merklich. Dann schluckte er und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Ach ja?« »Was hattet Ihr mit mir vor, wenn ich Euren Test nicht bestanden hätte?« »Euch an einen weit entfernten Ort zu bringen.« Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, dann hob er die Schul- tern. »Aber Ihr seid hier. Was wollt Ihr?« »Wie ich schon sagte: Wir wollen, dass Ihr uns helft, das Mädchen zu finden.« »Und wenn wir es nicht tun?« Dannyl ließ das Lächeln auf seinem Gesicht erlöschen. »Dann wird sie sterben. Ihre eigenen Kräfte werden sie tö- ten, und sie werden auch einen Teil der Stadt zerstören – obwohl ich Euch nicht sagen kann, wie groß genau der Schaden sein wird, da ich ihre Stärke nicht kenne.« Er machte einen Schritt nach vorn, legte die Hände auf den Tisch und sah den Dieb fest an. »Wenn Ihr uns helft, kann das durchaus zu Eurem Nutzen sein – obwohl Euch klar sein muss, dass die Dinge, die wir offiziell tun können, ihre Grenzen haben.« Gorin musterte ihn schweigend. Schließlich legte er Fe- der und Papier fort und wandte den Kopf ganz leicht zur Seite. »He, Dagan! Hol einen Stuhl für unseren Besucher.« Der Raum war dunkel und muffig. An der einen Wand sta- pelten sich Versandkisten, von denen viele zerbrochen wa- ren. Wasserpfützen hatten sich in den Ecken gebildet, und, überall sonst lag eine dicke Staubschicht. »Hier hat dein Vater also seine Sachen versteckt?«, frag- te Harrin. Cery nickte. »Pas alter Lagerraum.« Er wischte den Staub von einer der Kisten und setzte sich. »Hier gibt’s kein Bett«, bemerkte Donia. »Wir werden irgendetwas zusammenbauen«, erwiderte Harrin. Er ging zu den Kisten hinüber und stöberte eine Weile herum. Sonea war in der Tür stehen geblieben, entsetzt über die Aussicht, die Nacht an einem so kalten und unfreundlichen Ort verbringen zu müssen. Seufzend ließ sie sich auf die unterste Treppenstufe sinken. Sie hatten während der Nacht dreimal das Versteck gewechselt, um den Leuten aus dem Weg zu gehen, die versessen darauf waren, die Belohnung der Magier einzustreichen. Sie hatte das Gefühl, als hätte sie tagelang nicht mehr geschlafen. Jetzt schloss sie die Augen und gestattete sich, ein wenig zu dösen. Harrins Ge- spräch mit Donia verblasste, ebenso wie der Klang von Schritten aus dem Gang hinter ihr. Schritte? Sonea schlug die Augen auf, drehte sich um und be- merkte ein Licht, das in einiger Entfernung in der Dunkel- heit hin und her schwankte. »He! Da kommt jemand.« »Was?« Harrin durchquerte hastig den Raum und blickte in den Korridor hinaus. Er lauschte einen Moment lang, dann zog er Sonea auf die Füße und zeigte in die gegenü-, berliegende Ecke des Lagerraums. »Da rüber mit dir. Und lass dich auf keinen Fall sehen.« Als Sonea seinen Befehl befolgt hatte, trat Cery neben Harrin. »Niemand kommt hierher«, sagte er. »Der Staub auf den Treppenstufen war unberührt.« »Dann müssen sie uns gefolgt sein.« Cery fluchte leise und wandte sich zu Sonea um. »Be- deck dein Gesicht. Vielleicht suchen sie etwas anderes.« »Wir bleiben hier?«, fragte Donia. Cery nickte. »Es bleibt uns nichts anderes übrig. Früher einmal gab es einen weiteren Gang, aber den haben die Diebe schon vor Jahren dicht gemacht. Deshalb habe ich es so lange vermieden, hierher zu kommen.« Inzwischen waren die Schritte deutlicher zu hören. Har- rin und Cery zogen sich von der Tür zurück und warteten. Sonea hüllte sich tiefer in ihren Kapuzenmantel und ging zu Donia hinüber, die an der gegenüberliegenden Wand stand. Stiefel erschienen im Korridor, dann Hosen, Oberkörper und Gesichter, während die Neuankömmlinge langsam die Treppe hinunterstiegen. Vier Jungen traten durch die Tür. Sie sahen Harrin und Cery an, und als sie Sonea ent- deckten, tauschten sie eifrige Blicke. »Burril«, sagte Harrin. »Was hast du hier zu suchen?« Ein stämmiger Junge mit muskulösen Armen ging breit- beinig auf Harrin zu. Sonea fröstelte. Dies war der Junge, der sie bezichtigt hatte, eine Spionin zu sein. Ein Stich durchzuckte sie, als sie einen seiner Begleiter, erkannte. Sie hatte Evin als einen der stilleren Jungen von Harrins Bande in Erinnerung. Er hatte ihr beigebracht, wie man beim Kästchenspiel mogeln konnte. Als er jetzt, eine schwere Eisenstange in der Hand, herumfuhr, lag keine Freundschaft mehr in seinem Blick. Sonea schauderte und wandte sich zur Seite. Die beiden anderen Jungen hatten schwere Holzprügel mitgebracht. Wahrscheinlich hatten sie diese behelfsmäßi- gen Knüppel irgendwo entlang des Weges aufgelesen. So- nea rechnete sich verzweifelt ihre Chancen im Falle eines Kampfes aus. Vier gegen vier. Sie bezweifelte, dass Donia jemals zu kämpfen gelernt hatte oder dass eine von ihnen es mit Burrils Verbündeten würde aufnehmen können. Aber wenn sie sich beide zusammen auf einen dieser Jun- gen stürzten, konnten sie vielleicht etwas ausrichten. Sie bückte sich und griff nach einem Holzbrett von einer der zerbrochenen Kisten. »Wir wollen nur das Mädchen«, erklärte Burril. »Wir sind unter die Petze gegangen, wie, Burril?« Har- rins Stimme troff vor Verachtung. »Das Gleiche wollte ich dich eigentlich fragen«, entgeg- nete Burril. »Wir haben dich seit Tagen nicht mehr gese- hen. Dann hören wir von der Belohnung, und plötzlich er- gibt alles einen Sinn. Du wolltest das Geld für dich behal- ten.« »Nein, Burril«, widersprach Harrin entschieden. »Sonea ist eine Freundin. Ich verkaufe meine Freunde nicht.« »Unsere Freundin ist sie nicht«, erwiderte Burril und sah, seine Gefährten an. Harrin verschränkte die Arme vor der Brust. »So ist das also. Du hast nicht lange gebraucht, um dich zum Anführer aufzuschwingen. Du kennst die Regeln, Burril. Entweder du stehst auf meiner Seite, oder du bist draußen.« Er blick- te zu Burrils Verbündeten hinüber. »Für euch drei gilt das Gleiche. Wollt ihr diesem Petz folgen?« Obwohl die drei nicht von der Stelle wichen, wirkten sie ein wenig verunsichert. Ihre Mienen waren verschlossen. »Hundert Goldstücke«, sagte Burril leise. »Ihr wollt auf so viel Geld verzichten, nur damit ihr diesem Narren weiter auf Schritt und Tritt folgen könnt? Wir könnten leben wie Könige.« Die Mienen der Jungen verhärteten sich. »Verschwinde, Burril«, knurrte Harrin. Plötzlich blitzte in Burrils Hand ein Messer auf, und er deutete damit auf Sonea. »Nicht ohne das Mädchen. Schick sie rüber.« »Nein.« »Dann müssen wir sie uns holen.« Burril trat einen Schritt auf Harrin zu. Als Burrils Kum- pane Anstalten machten, ihn zu umzingeln, sprang Cery mit einem Satz neben seinen Freund, die Hände in den Ta- schen vergraben und einen stählernen Ausdruck in den Au- gen. »Na komm schon, Harrin«, schmeichelte Burril. »Das ist doch gar nicht nötig. Überlass sie uns. Und anschließend teilen wir uns das Geld, ganz wie in alten Zeiten.«, Harrins Gesicht war verzerrt von Wut und Verachtung. Im nächsten Moment hatte auch er ein Messer in der Hand und sprang auf Burril zu. Burril wich ihm aus und hieb mit seiner eigenen Klinge auf den Älteren ein. Sonea stockte der Atem, als das Messer Harrins Ärmel aufschlitzte und eine rote Blutspur zurückließ. Evin versuchte, Harrin einen Hieb mit der Eisenstange zu versetzen, doch dieser wich mit einem geschickten Sprung aus. Donia packte sie am Arm. »Halt sie auf, Sonea«, flüster- te sie drängend. »Benutz deine Magie!« Sonea starrte das andere Mädchen an. »Aber… ich weiß nicht, wie!« »Versuch einfach etwas. Irgendetwas!« Als die beiden anderen Jungen auf ihn zukamen, zog Ce- ry zwei Dolche aus seinen Taschen. Als sie die Waffen sa- hen, zögerten die Jungen. Die Dolche waren mit Lederrie- men an seine Handgelenke gebunden, damit er im Notfall die Hände gebrauchen konnte, ohne die Waffen zu verlie- ren. Sonea konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Cery hatte sich wirklich nicht im Mindesten verändert. Als der kräftigere der Angreifer auf ihn zusprang, bekam Cery dessen Handgelenk zu fassen und zog ihn ruckartig zu sich heran, so dass der Junge das Gleichgewicht verlor. Er taumelte, und sein Holzknüppel fiel klappernd zu Bo- den. Im nächsten Moment hatte Cery ihm den Arm auf den Rücken gedreht und versetzte ihm mit dem Knauf eines Dolchs einen betäubenden Schlag auf den Kopf. Der Junge sackte auf die Knie. Als sein Gefährte seinen, Knüppel in Cerys Richtung schwang, brachte dieser sich mit einem schnellen Schritt in Sicherheit. Hinter ihm wich Harrin Burrils nächstem Hieb aus. Während ihre beiden Beschützer ganz auf den Kampf konzentriert waren, schob Evin sich an ihnen vorbei und kam auf Sonea zu. Seine Hände waren leer, wie Sonea erleichtert feststellte. Sie hatte keine Ahnung, wo die Eisenstange geblieben war. Vielleicht hatte er sie in seinen Mantel geschoben… »Tu etwas!«, kreischte Donia und umklammerte Soneas Arm noch fester. Sonea blickte auf das Brett in ihren Händen hinab. Es wäre sinnlos gewesen, in dieser Situation das Gleiche zu tun, was sie auf dem Nordplatz getan hatte. Hier gab es keinen magischen Schild, den sie durchdringen musste, und sie zweifelte daran, dass es Evin aufhalten würde, wenn sie ihm das Brett entgegenschleuderte. Sie musste etwas anderes versuchen. Vielleicht konnte sie das Brett mit purer Willenskraft dazu bringen, ihren Widersacher härter zu treffen, wenn sie ihn damit schlug? Kann ich das tun? Sie blickte zu Evin auf. Soll ich es tun? Was ist, wenn ich ihn schwer verletze? »Tu es!«, zischte Donia, während sie vor Evin zurück- wich. Sonea holte tief Luft, schleuderte Evin das Brett entge- gen und gab dem Holz den Befehl, den Jungen umzuwer- fen. Evin wehrte das Brett ab, ohne auch nur innezuhalten. Als er direkt vor Sonea stand, trat Donia zwischen die bei- den., »Wie kannst du das tun, Evin?«, fragte sie scharf. »Du warst einmal unser Freund. Ich erinnere mich daran, dass du und Sonea oft miteinander gespielt habt. Ist das –« Evin packte Donia an den Schultern und stieß sie beisei- te. Sonea machte einen Satz nach vorn und versetzte ihm mit aller Kraft, die sie besaß, einen Hieb in den Magen. Er schnappte nach Luft und taumelte einen Schritt zurück. Als sie wieder zuschlug – und diesmal zielte sie auf sein Ge- sicht –, wehrte er ihre Fäuste ab. Plötzlich erklang ein erstickter Aufschrei. Sonea sah, dass Cerys Gegner sich den Arm hielt und zurücktaumelte. Dann krachte etwas gegen ihre Brust, und sie stürzte zu Boden. Evin hatte sich auf sie geworfen, und sosehr sie sich auch gegen ihn zur Wehr setzte, er war schwerer als sie und hielt sie unerbittlich fest. »Geh runter von ihr!«, schrie Donia. Ein Holzbrett in Händen, stand das Mädchen vor Evin. Sie ließ das Brett auf seinen Kopf hinunterkrachen, und er heulte laut auf und rollte sich zur Seite. Donias zweiter Schlag traf ihn an der Schläfe. Erschlafft sackte er zu Boden. Donia zielte noch einmal mit ihrer Waffe auf den be- wusstlosen Jungen, dann entspannte sie sich und grinste Sonea an. Sie streckte die Hand aus und zog ihre Freundin auf die Füße. Als die beiden Mädchen sich umdrehten, sa- hen sie, dass Burril und Harrin noch immer kämpften. Cery hatte seine beiden Angreifer inzwischen einigermaßen un- ter Kontrolle: Einer hielt sich die Seite, und der andere sackte gerade, eine Hand gegen die Stirn gedrückt, an einer, Wand hinunter. »Hai!«, rief Donia. »Ich glaube, wir gewinnen!« Burril trat einen Schritt von Harrin zurück und sah sie an. Er griff in eine seiner Taschen, dann machte er eine ab- rupte Handbewegung. Roter Staub erfüllte die Luft um Harrins Kopf herum. Harrin fluchte laut, als der Papea-Staub ihm in den Au- gen zu brennen begann. Heftig blinzelnd wich er vor Burril zurück. Als Donia einen Schritt auf Harrin zumachen wollte, packte Sonea das Mädchen am Arm. Als Burril erneut zum Schlag ausholte, wich Harrin ihm abermals aus, allerdings nicht schnell genug. Ein Schmer- zensschrei folgte, dann fiel Harrins Messer klappernd zu Boden. Cery schoss auf Burril zu, der sich gerade rechtzei- tig umgedreht hatte, um seinen Angriff abzuwehren. Harrin ging in die Hocke und tastete nach seinem Messer. Er rieb sich immer noch die tränenden Augen. Burril stieß Cery von sich und holte abermals eine Hand voll roten Staubs aus seinem Mantel. Cery reagierte zu spät. Das Gesicht schmerzverzerrt, schwankte er unsicher, während Burril ihn von neuem angriff. »Er wird die beiden töten!«, schrie Donia. Sonea bückte sich und hob ein anderes Holzbrett vom Boden auf. Einen Moment lang schloss sie die Augen und versuchte sich daran zu erinnern, was sie auf dem Nord- platz getan hatte. Sie konzentrierte sich auf ihre Wut, auf ihre Angst und ließ ihr ganzes Wesen von diesen beiden, Gefühlen ergreifen. Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf das Brett und schlug mit aller Kraft zu. Das Brett traf Burril im Rücken, und er drehte sich mit einem Ächzen zu ihr um. Dann riss er die Arme hoch, als Donia ihn mit allem zu bewerfen begann, was sie finden konnte. »Benutz deine Magie«, bedrängte Donia Sonea erneut. »Ich habe es versucht. Es funktioniert nicht.« »Dann versuch es noch einmal«, stieß Donia atemlos hervor. Burril schob eine Hand in die Tasche und zog ein winzi- ges Päckchen hervor. Als Sonea es erkannte, wallte Ärger in ihr auf. Sie wollte Burril schon das Brett an den Kopf werfen, als sie plötzlich zögerte. Vielleicht konzentrierte sie sich zu sehr auf die Wucht des Wurfes. Magie war nichts Körperliches. Donia warf eine Kiste nach Burril. Sie selbst hatte es nicht nötig, ir- gendetwas zu werfen… Sie konzentrierte ihren Willen auf die Kiste, gab ihr ei- nen geistigen Stoß und wollte sie gerade heftig genug nach vorn schnellen lassen, um Burril bewusstlos zu schlagen. Sie spürte, wie sich etwas in ihrem Innern löste. Ein Lichtblitz durchzuckte den Raum, und die Kiste brach in Flammen aus. Burril heulte laut auf, als sie auf ihn zuflog, dann brachte er sich mit einem Sprung in Sicher- heit. Die Kiste krachte zu Boden und kam in einer Pfütze zu liegen. Das Wasser zischte, dann war es auch schon verdunstet., Das Päckchen mit Papea-Staub fiel zu Boden. Burril starrte Sonea an. Lächelnd bückte sie sich, um nach einem weiteren Brett zu greifen, dann richtete sie sich auf und musterte ihn kühl. Alle Farbe wich aus seinem Gesicht. Ohne einen Blick auf seine Verbündeten zu werfen, hechtete er zur Tür und rannte taumelnd davon. Ein leises Geräusch hinter ihr erregte ihre Aufmerksam- keit, und sie drehte sich um. Evin stand nur wenige Schritte entfernt. Er wich vor ihr zurück, dann stürzte auch er zur Tür hinüber. Als die beiden anderen Jungen ihre Gefährten verschwinden sahen, rappelten sie sich hoch und folgten ihnen. Während ihre Schritte verhallten, brach Harrin in lautes Gelächter aus. Er erhob sich, schwankte ein wenig und ging dann bedächtig zur Tür. »Wo liegt das Problem?«, rief er. »Habt ihr geglaubt, sie würde euch einfach erlauben, sie mitzunehmen?« Dann grinste er Sonea an. »Gut gemacht!« »Hübsches Finale«, stimmte Cery ihm zu. Er schnitt eine Grimasse und rieb sich das Gesicht. Dann griff er in seinen Mantel, zog ein kleines Fläschchen daraus hervor und be- gann, sich mit dem Inhalt die Augen zu spülen. Donia eilte an Harrins Seite und untersuchte seine Verletzungen. »Die müssen verbunden werden. Tut dir etwas weh, Ce- ry?« »Nein.« Cery reichte ihr das Fläschchen. Donia machte sich daran, auch Harrins Gesicht zu wa- schen. Seine Haut war rot und fleckig. »Das wird noch ta-, gelang brennen. Meinst du, du könntest ihn heilen, So- nea?« Sonea schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Dieses Holz hätte kein Feuer fangen sollen. Was ist, wenn ich Harrin zu heilen versuche und ihn stattdessen verbrenne?« Donia sah Sonea mit weit aufgerissenen Augen an. »Was für ein schrecklicher Gedanke.« »Du brauchst Übung«, erklärte Cery. Sonea drehte sich zu ihm um. »Ich brauche Zeit, um zu üben, und einen Ort, an dem ich keine Aufmerksamkeit auf mich lenke, wenn ich es tue.« Er zog einen Lappen aus seinem Mantel und wischte seine Dolche ab. »Sobald sich das hier herumspricht, wer- den die Leute zu große Angst haben, um noch länger Jagd auf dich zu machen. Das wird uns ein wenig Spielraum ge- ben.« »Nein, wird es nicht«, widersprach ihm Harrin. »Du kannst darauf wetten, dass Burril und die anderen nieman- dem von diesem Vorfall erzählen werden. Und selbst wenn sie reden, werden einige Leute denken, dass sie es besser machen können.« Cery runzelte die Stirn, dann fluchte er. »In diesem Fall sollten wir besser zusehen, dass wir von hier verschwinden«, sagte Donia. »Wohin gehen wir als Nächstes, Cery?« Er kratzte sich am Kopf und lächelte schließlich. »Wer hat Geld?« Harrin und Donia sahen Sonea an., »Das Geld gehört nicht mir«, protestierte sie. »Es gehört Jonna und Ranel.« »Sie hätten bestimmt nichts dagegen, wenn du ein wenig davon ausgibst, um dein Leben zu retten«, erwiderte Do- nia. »Und sie würden dich für ziemlich dumm halten, wenn du es nicht tätest«, fügte Cery hinzu. Seufzend griff Sonea in ihre Bluse und tastete nach der Schnalle des Geldbeutels. »Ich schätze, falls ich jemals aus diesem Schlamassel herauskomme, kann ich ihnen das Geld zurückzahlen.« Sie sah Cery an. »Ich hoffe, du findest sie bald.« »Keine Sorge«, beruhigte er sie. »Sobald du in Sicher- heit bist, mache ich mich auf die Suche nach deinem Onkel und deiner Tante. Für den Augenblick denke ich, dass wir uns trennen sollten. In einer Stunde treffen wir uns hier wieder. Ich habe einen Ort im Sinn, an dem bestimmt nie- mand nach dir Ausschau halten wird. Wir können nur ein paar Stunden dort bleiben, aber das wird uns eine Gelegen- heit geben, uns ein neues Versteck zu überlegen.«, 7. Gefährliche Verbündete Rothen verlangsamte seine Schritte, als er die Gärten er- reichte. Die Luft war kalt, aber nicht unangenehm, und nach dem hektischen Getriebe der Stadt war ihm die Stille hier hochwillkommen. Er holte tief Atem und seufzte. Obwohl er zahlreiche Informanten befragt hatte, hatten nur wenige ihm nützliche Hinweise geben können. Die meisten Informanten waren in der Hoffnung gekommen, dass irgendetwas von dem, was sie sagten – und sei es auch noch so geringfügig –, zu Soneas Gefangennahme führen und ihnen die Belohnung eintragen würde. Einige wenige waren nur gekommen, um sich über kleine Kümmernisse mit der Gilde zu beklagen. Andere jedoch hatten behauptet, junge Mädchen gesehen zu haben, die sich versteckt hielten. Nach einigen Streifzü- gen durch die Hüttensiedlungen wurde offenkundig, dass es jede Menge Straßenkinder gab, die sich in dunklen Win- keln verbargen. Gespräche mit den anderen Magiern, die die Informanten befragt hatten, enthüllten viele ähnliche Enttäuschungen., Es wäre so viel einfacher gewesen, wenn man auf den Plakaten ein Bild des Mädchens hätte abdrucken können. Rothen dachte wehmütig an seinen verstorbenen Mentor, Lord Margen, der erfolglos nach einer Möglichkeit gesucht hatte, mentale Bilder auf Papier zu überführen. Dannyl hat- te die Herausforderung angenommen, bisher jedoch kaum Fortschritte gemacht. Er fragte sich, wie es Dannyl ergangen sein mochte. Sie hatten sich kurz mithilfe von Gedankenrede verständigt, daher wusste er, dass sein Freund wohlauf war und bei Sonnenuntergang zurückkehren würde. Natürlich konnten sie nicht über Dannyls wahre Beweggründe für seinen Be- such im Hüttenviertel sprechen, da immer die Möglichkeit bestand, dass andere Magier ihr Gespräch mit anhörten. Trotzdem hatte Rothen eine vielversprechende Zufrieden- heit bei seinem Freund wahrgenommen. »… weiß… Rothen…« Als Rothen seinen eigenen Namen hörte, blickte er auf. Das dichte Blätterwerk der Gartenhecken verbarg den Sprecher, aber Rothen war sich sicher, dass er die Stimme erkannt hatte. »… diese Dinge darf man nicht überstürzen.« Die Stimme gehörte Administrator Lorlen. Die beiden Männer kamen jetzt auf Rothen zu. Dieser zog sich in ei- nen kleinen Innenhof zurück, setzte sich auf eine Bank und lauschte angestrengt, während die Unterredung deutlicher wurde. »Ich habe Eure Forderung zur Kenntnis genommen,, Fergun«, sagte Lorlen geduldig. »Mehr kann ich nicht tun. Wenn wir das Mädchen gefunden haben, wird die Angele- genheit auf die gewohnte Art und Weise abgewickelt wer- den. Für den Augenblick interessiert mich nur die Suche nach ihr.« »Aber sind all diese… diese Umstände wirklich nötig? Rothen war nicht der Erste, der von ihrem Potenzial erfah- ren hat. Das war ich! Wie kann er mir meine Ansprüche streitig machen?« Die Stimme des Administrators klang vollkommen un- bewegt, als er antwortete, aber sein Schritt verriet Eile. Ro- then schmunzelte, als die beiden Männer vorbeigingen. »Es sind keine Umstände, Fergun«, antwortete Lorlen streng. »Es ist das Gesetz der Gilde. Das Gesetz besagt –« ›»Der Magier, der als Erster magisches Potenzial bei ei- nem anderen erkennt, hat das Recht, diesen zu seinem Schüler zu machen‹«, zitierte Fergun hastig. »Ich war der Erste, der die Wirkung ihrer Kraft gespürt hat, nicht Ro- then.« »Trotzdem kann die Angelegenheit erst entschieden werden, wenn das Mädchen gefunden ist…« Die beiden hatten sich inzwischen ein gutes Stück von Rothen entfernt, und er konnte ihre Worte nicht länger ver- stehen. Er erhob sich von der Bank und schlenderte lang- sam auf die Magierquartiere zu. Also hatte Fergun die Absicht, sich zum Mentor des Mädchens machen zu lassen. Als Rothen angeboten hatte, die Verantwortung für ihre Ausbildung zu übernehmen,, hatte er geglaubt, dass kein anderer Magier ihm diese Auf- gabe streitig machen würde. Schon gar nicht Fergun, der die unteren Klassen stets mit Verachtung betrachtet hatte. Rothen lächelte vor sich hin. Das würde Dannyl gar nicht gefallen. Sein Freund hegte eine tiefe Abneigung ge- gen Fergun, seit sie beide Novizen gewesen waren. Wenn er die Neuigkeit erfuhr, würde Dannyl erst recht entschlos- sen sein, das Mädchen selbst zu finden. Es war Jahre her, seit Cery das letzte Mal ein Badehaus besucht hatte, und die teuren Privaträume hatte er nie zu Gesicht bekommen. Sauber geschrubbt und in ein dickes Handtuch gehüllt, war ihm zum ersten Mal seit Tagen warm genug, und er war bester Laune, als er dem Hand- tuchmädchen jetzt in einen luftigen Trockenraum folgte. Sonea saß auf einer Simba-Matte. Ihr magerer Körper ver- lor sich beinahe in dem schweren Handtuch, und ihr Ge- sicht glühte, so intensiv hatten die Badehausmädchen sie bearbeitet. Als er sie so entspannt sah, wurde Cerys ohne- hin gute Laune noch besser. Er grinste sie an. »Hai! Was für eine Wonne! Jonna wäre sicher hochzufrieden mit uns!« Sonea zuckte zusammen, und Cery bedauerte seine Wor- te sofort. »Tut mir leid, Sonea.« Er grinste entschuldigend. »Ich hätte dich nicht daran erinnern sollen.« Er ließ sich neben ihr auf die Matte sinken und lehnte sich an die Wand. »Wenn wir leise sprechen, dürfte eigentlich keine Gefahr, drohen«, fügte er flüsternd hinzu. Sie nickte. »Was jetzt? Hier können wir nicht bleiben.« »Ich weiß. Ich habe darüber nachgedacht.« Er seufzte. »Die Dinge stehen ziemlich schlimm, Sonea. Unter norma- len Umständen wäre es einfach gewesen, dich vor den Ma- giern zu verstecken, aber die Belohnung hat die Situation verändert. Ich kann niemandem mehr trauen. Ich kann kei- ne alten Schulden einfordern, und… und mir sind die Ver- stecke ausgegangen, wo ich dich unterbringen könnte.« Sie erbleichte. »Was sollen wir dann tun?« Er zögerte. Nach dem Kampf mit Burril und seinen Ge- fährten war ihm klar geworden, dass Sonea jetzt nur noch eine einzige Möglichkeit blieb. Die Idee würde ihr nicht gefallen – und ihm gefiel sie auch nicht. Wenn es nur ir- gendjemanden gegeben hätte, dem er trauen konnte. Er schüttelte den Kopf und wandte sich zu Sonea um. »Ich denke, wir sollten die Diebe bitten, uns zu helfen.« Soneas Augen weiteten sich. »Bist du wahnsinnig ge- worden?!« »Wahnsinnig wäre ich, wenn ich versuchte, dich weiter selbst zu verstecken. Früher oder später wird irgendjemand dich verraten.« »Und was ist mit den Dieben? Warum sollten sie mich nicht verraten?« »Du hast etwas, das sie haben wollen.« Sie runzelte die Stirn, dann verdüsterte sich ihre Miene. »Magie?« »Genau das. Ich wette, sie hätten liebend gern ihre eige-, ne Magierin.« Er strich mit den Fingerspitzen über die Matten. »Sobald du unter ihrem Schutz stehst, wird nie- mand dich anrühren. Niemand stellt sich den Dieben in den Weg. Nicht einmal für hundert Goldmünzen.« Sie schloss die Augen. »Jonna und Ranel haben immer gesagt, dass man von den Dieben nie wieder freikommt. Sie schlagen dir ihre Haken ins Fleisch und halten dich dein Leben lang fest. Selbst wenn ein Handel abgeschlos- sen und erledigt ist, kannst du deine Schulden ihnen ge- genüber niemals wirklich begleichen.« Cery schüttelte den Kopf. »Ich weiß, dass du schlimme Geschichten gehört hast. Jeder hat diese Geschichten ge- hört. Du brauchst dich lediglich an ihre Regeln zu halten, dann werden sie dich anständig behandeln. Das hat mein Pa immer gesagt.« »Sie haben deinen Pa getötet.« »Er war dumm. Er hat sie verraten.« »Was ist, wenn…?« Sie seufzte und schüttelte den Kopf. »Welche Wahl habe ich schon? Wenn ich nicht zu den Dieben gehe, wird die Gilde mich finden. Ich schätze, es ist immer noch besser, ein Sklave der Diebe zu sein, als zu sterben.« Cery schnitt eine Grimasse. »So wird es nicht sein. So- bald du gelernt hast, deine Kräfte zu benutzen, wirst du wichtig sein und beträchtliche Macht haben. Sie werden dir eine Menge Raum lassen. Es wird ihnen nichts anderes üb- rig bleiben. Schließlich werden sie dich zu nichts zwingen können, was du nicht tun willst, nicht wahr?«, Sie blickte ihm beinahe unerträglich lange forschend ins Gesicht. »Du bist dir da selbst nicht sicher, hab ich Recht?« Er zwang sich, ihr in die Augen zu sehen. »Ich bin mir sicher, dass es deine einzige Chance ist. Ich bin mir sicher, dass sie dich anständig behandeln werden.« »Aber?« Er seufzte. »Ich bin mir nicht sicher, was sie als Gegen- leistung von dir verlangen werden.« Sie nickte, dann lehnte sie sich zurück und starrte minu- tenlang an die Wand. »Wenn du glaubst, dass ich es tun sollte, dann werde ich es tun, Cery. Lieber gehe ich zu den Dieben, als mich der Gilde auszuliefern.« Als er ihr schneeweißes Gesicht betrachtete, kehrte das mittlerweile so vertraute Unbehagen zurück, nur dass es sich diesmal mehr wie Schuld anfühlte. Sie hatte Angst, aber sie würde den Dieben trotzdem mit ihrer gewohnten Entschlossenheit gegenübertreten. Was ihn keineswegs trö- stete, sondern seine Sorgen nur verschlimmerte. Obwohl er sich nichts vormachte, was seine Fähigkeit betraf, sie zu beschützen, kam es ihm doch wie Verrat vor, sie zu den Dieben zu bringen. Er wollte sie nicht noch einmal verlie- ren. Aber er hatte keine andere Wahl. Schließlich stand er auf und ging zur Tür. »Ich werde mich auf die Suche nach Harrin und Donia machen«, er- klärte er. »Kommst du allein zurecht?« Sie blickte nicht zu ihm auf, sondern nickte nur., Das Handtuchmädchen stand im Korridor. Er fragte sie nach Harrin und Donia, und das Mädchen deutete mit dem Kopf auf die Tür gleich nebenan. Cery biss sich auf die Unterlippe und klopfte. »Herein«, rief Harrin. Harrin und Donia saßen auf Simba-Matten. Donia rub- belte sich das Haar mit einem Handtuch trocken. »Ich habe es ihr gesagt, und sie ist einverstanden.« Harrin runzelte die Stirn. »Ich bin mir immer noch nicht sicher. Wie wäre es, wenn wir sie aus der Stadt hinaus- brächten?« Cery schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass wir weit kommen würden. Du kannst fest davon ausgehen, dass die Diebe inzwischen genau über sie Bescheid wissen. Sie haben mit Sicherheit herausgefunden, wo sie gewesen ist und wo sie gewohnt hat. Sie werden wissen, wie sie aus- sieht, wer ihre Eltern waren und wo ihr Onkel und ihre Tante sich jetzt aufhalten. Es wird nicht schwierig sein, von Burril und seinen Kumpanen zu erfahren, dass sie –« »Wenn sie so viel wissen«, unterbrach ihn Donia, »wa- rum sind sie dann nicht einfach aufgetaucht und haben sie in ihre Gewalt gebracht?« »So arbeiten die Diebe nicht«, antwortete Cery. »Sie machen lieber Geschäfte; so sind die meisten Leute, die für sie arbeiten, zufrieden und verursachen später keinen Är- ger. Sie könnten zu uns kommen und uns ihren Schutz an- bieten, aber das haben sie nicht getan. Deshalb glaube ich, dass sie sich nicht sicher sind, ob sie wirklich über Magie, gebietet. Wenn wir nicht zu ihnen gehen, werden sie einen von ihren Leuten ausschicken, der Sonea an die Magier ausliefert. Deshalb würden wir sie niemals aus der Stadt herausbekommen.« Donia und Harrin tauschten einen Blick. »Was sagt sie denn dazu?«, fragte Donia. Cery schnitt eine Grimasse. »Sie hat die Geschichten gehört. Sie hat Angst, aber sie weiß, dass ihr nichts anderes übrigbleibt.« Harrin stand auf. »Bist du dir wirklich sicher, dass das das Richtige ist, Cery?«, fragte er. »Ich dachte, du hättest ein Auge auf sie geworfen. Du wirst sie vielleicht nicht wiedersehen.« Cery blinzelte überrascht, und er spürte, wie sein Gesicht heiß wurde. »Glaubst du, ich würde sie wiedersehen, wenn die Magier sie bekämen?« Harrin seufzte leise. »Nein.« Cery begann, im Raum auf und ab zu gehen. »Ich werde sie begleiten. Sie sollte jemanden um sich haben, der ihr vertraut ist. So kann ich mich wenigstens nützlich ma- chen.« Harrin fasste Cery am Arm. Er blickte ihm forschend in die Augen, dann ließ er ihn wieder los. »Dann werden wir dich auch nicht mehr allzu häufig se- hen?« Cery schüttelte den Kopf. Gewissensbisse durchzuckten ihn. Harrin hatte vier Mitglieder seiner Bande verloren und war sich nicht mehr sicher, was die übrigen betraf. Jetzt, musste er sich auch noch von seinem engsten Freund ver- abschieden. »Ich komme vorbei, wann immer ich kann. Gellin denkt ohnehin schon, dass ich für die Diebe arbei- te.« Harrin lächelte. »Also gut. Wann wirst du sie zu ihnen bringen?« »Heute Nacht.« Donia legte Cery eine Hand auf den Arm. »Aber was ist, wenn sie sie nicht haben wollen?« Cery verzog grimmig das Gesicht. »Sie werden sie ha- ben wollen.« Der Flur im Wohntrakt der Magier lag still und verlassen da. Dannyls Schritte hallten laut wider, als er auf Yaldins Tür zuging. Er klopfte an und wartete. Leise Geräusche drangen aus dem Raum vor ihm. Dann erhob sich eine Frauenstimme über das Gemurmel. »Er hat was getan?« Einen Moment später wurde die Tür geöffnet. Ezrille, Yaldins Gemahlin, lächelte geistesabwesend und trat bei- seite, um Dannyl hereinzulassen. Mehrere gepolsterte Stüh- le standen um einen niedrigen Tisch herum, und auf zweien davon saßen Yaldin und Rothen. »Er hat der Garde befohlen, den Mann aus seinem Haus zu vertreiben«, sagte Yaldin. »Nur weil er Kindern erlaubt hat, auf seinem Dachboden zu schlafen? Das ist ja schrecklich!«, entfuhr es Ezrille. Dann bedeutete sie Dannyl, Platz zu nehmen., Yaldin nickte. »Guten Abend, Dannyl. Wollt Ihr eine Tasse Sumi?« »Guten Abend«, erwiderte Dannyl, während er sich auf einen Stuhl fallen ließ. »Für eine Tasse Sumi wäre ich dankbar, ja. Ich habe einen langen Tag hinter mir.« Rothen zog die Augenbrauen in die Höhe und sah seinen Freund fragend an. Dannyl zuckte die Achseln. Er wusste, dass Rothen darauf brennen würde, Näheres über seine Verhandlungen mit den Dieben zu erfahren, aber zuerst wollte Dannyl wissen, was Ezrille, die normalerweise so friedlich und versöhnlich war, derart in Wut versetzt hatte. »Was habe ich verpasst?« »Gestern ist einer unserer Sucher einem Informanten in ein Haus in dem besseren Teil der Hüttensiedlungen ge- folgt«, erklärte Rothen. »Der Besitzer hat obdachlose Kin- der auf seinem Dachboden schlafen lassen, und der Infor- mant hat behauptet, dass sich dort auch ein älteres Mäd- chen versteckt halte. Unser Kollege meint, das Mädchen und seine Begleiter seien kurz vor seiner Ankunft mithilfe des Hausbesitzers entkommen. Also hat er der Wache be- fohlen, den Mann und seine Familie auf die Straße zu set- zen.« Dannyls Miene verdüsterte sich. »Unser Kollege? Wer…?« Er spitzte die Lippen. »Könnte es sich dabei zu- fällig um einen gewissen Krieger namens Fergun han- deln?« »Es könnte.« Dannyl gab einen Knurrlaut von sich, dann lächelte er,, als Ezrille ihm eine dampfende Tasse Sumi reichte. »Vie- len Dank.« »Also, was ist passiert?«, hakte Ezrille nach. »Hat man den Mann tatsächlich aus seinem Heim vertrieben?« »Lorlen hat natürlich Widerspruch gegen diesen Befehl eingelegt«, erwiderte Yaldin, »aber Fergun hatte das Haus bereits zum großen Teil zerstört – angeblich, um nach Ver- stecken zu suchen.« Ezrille schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht glauben, dass Fergun so… so… « »Dass er so rachsüchtig sein könnte?«, schnaubte Dan- nyl. »Es überrascht mich, dass er nicht auf den Gedanken gekommen ist, den armen Mann zum Verhör abzuführen.« »Das würde er nicht wagen«, sagte Yaldin verächtlich. »Nicht jetzt«, pflichtete Dannyl ihm bei. Rothen lehnte sich seufzend auf seinem Stuhl zurück. »Es kommt noch mehr. Ich habe heute Abend ein interes- santes Gespräch mitangehört. Fergun verlangt, dass man ihn zu ihrem Mentor macht.« Dannyl erstarrte das Blut in den Adern. »Fergun?« Ezrille schnalzte mit der Zunge. »Er ist kein starker Magier. Ich dachte, die Gilde sähe es nicht gern, wenn schwächere Magier Novizen unter ihre Fittiche neh- men.« »Das ist richtig«, erwiderte Yaldin. »Aber es gibt kein Gesetz, das das verbietet.« »Welche Chancen hat er, mit seiner Forderung durchzu- kommen?«, »Er behauptet, er sei der Erste gewesen, der ihr Potenzial entdeckt habe, weil er als Erster dessen Auswirkungen zu spüren bekommen hat«, erklärte Rothen. »Ist das ein gutes Argument?« »Ich hoffe nicht«, murmelte Dannyl. Diese Neuigkeit beunruhigte ihn. Er kannte Fergun gut. Zu gut. Weshalb wollte Fergun, der nur Verachtung für die niederen Klassen hatte, ein Mädchen aus den Hütten? »Vielleicht will er sich dafür rächen, dass sie ihn auf dem Nordplatz gedemütigt hat?« Rothen runzelte die Stirn. »Also, Dannyl –« »Man muss diese Möglichkeit in Betracht ziehen«, un- terbrach ihn Dannyl. »Fergun würde sich wegen einer kleinen Schramme nicht solche Mühe machen, selbst wenn der Vorfall sein Ego verletzt hat«, sagte Rothen entschieden. »Er möchte einfach nur derjenige sein, der sie gefangen nimmt – und er will verhindern, dass seine Leistung anschließend in Ver- gessenheit gerät.« Dannyl wandte den Blick ab. Der ältere Magier hatte nie begriffen, dass seine Abneigung gegen Fergun weit mehr war als nur ein Groll aus Novizentagen. Dannyl hatte am eigenen Leib erfahren, wie entschlossen Fergun sein konn- te, wenn es um Rache ging. »Ich sehe da einen unangenehmen Streit auf uns zu- kommen.« Yaldin kicherte. »Die arme Kleine hat ja keine Ahnung, wie viel Aufruhr sie in der Gilde gestiftet hat. Es kommt nicht oft vor, dass zwei Magier gleichzeitig verlan-, gen, zum Mentor eines Novizen zu werden.« Rothen schnaubte leise. »Ich bin davon überzeugt, dass das die geringste ihrer Sorgen ist. Nach dem, was auf dem Nordplatz geschehen ist, ist sie wahrscheinlich davon über- zeugt, dass wir sie töten wollen.« Yaldins Lächeln verblasste. »Unglücklicherweise kön- nen wir sie nicht vom Gegenteil überzeugen, solange wir sie nicht gefunden haben.« »Oh, da bin ich mir nicht so sicher«, warf Dannyl leise ein. Rothen blickte auf. »Hast du einen Vorschlag, Dannyl?« »Ich nehme an, dass mein neuer Freund bei den Dieben seine eigene Methode hat, Informationen in den Hütten- vierteln zu verbreiten.« »Freund?« Yaldin stieß ein ungläubiges Lachen aus. »Jetzt nennt Ihr sie schon Freunde.« »Verbündete.« Dannyl verzog spitzbübisch die Lippen. »Ich darf also davon ausgehen, dass du einen gewissen Erfolg verzeichnen konntest?« Rothen zog eine Augen- braue in die Höhe. »Einen kleinen Erfolg. Einen Anfang.« Dannyl breitete die Hände aus. »Ich glaube, dass ich mit einem ihrer An- führer gesprochen habe.« Ezrilles Augen weiteten sich. »Wie ist er denn so?« »Er heißt Gorin.« »Gorin?« Yaldin wirkte ratlos. »Was für ein seltsamer Name.« »Anscheinend geben die Anführer sich Tiernamen. Ich, vermute, dass sie sich einen Titel aussuchen, der zu ihrer äußeren Erscheinung passt, denn der Mann hat eindeutig große Ähnlichkeit mit seinen Namensvettern. Er ist riesig und behaart. Ich habe fast damit gerechnet, Hörner zu se- hen.« »Also, was hat er gesagt?«, fragte Rothen interessiert. »Er hat keine Versprechen gegeben. Ich habe ihm er- klärt, wie gefährlich es ist, sich in der Nähe einer Magierin aufzuhalten, die noch nicht gelernt hat, ihre Kräfte zu kon- trollieren. Er schien sich mehr Gedanken darüber zu ma- chen, welche Gegenleistung die Gilde erbringen wird, wenn er das Mädchen findet.« Yaldin verzog den Mund. »Die Höheren Magier werden einem Handel mit den Dieben gewiss nicht zustimmen.« Dannyl machte eine wegwerfende Handbewegung. »Na- türlich nicht. Ich habe es ihm erklärt, und er hat es verstan- den. Ich denke, er würde sich mit Geld zufrieden geben.« »Geld?« Yaldin schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht…« »Da wir ohnehin schon eine Belohnung ausgesetzt ha- ben, dürfte es wohl kaum noch eine Rolle spielen, wenn sie an die Diebe geht.« Dannyl breitete die Arme aus. »Es ist ohnehin klar, dass das Geld an jemanden aus dem Hütten- ring gehen wird, deshalb wird sich niemand wundern, dass der Empfänger eine zweifelhafte Erscheinung ist.« Ezrille verdrehte die Augen. »Nur Ihr bringt es fertig, eine solche Bemerkung vollkommen vernünftig klingen zu lassen, Dannyl.« Dannyl grinste. »Oh, es kommt noch besser. Wenn wir, die Sache geschickt einfädeln, werden sich anschließend alle auf die Schulter klopfen, weil es ihnen gelungen ist, die Diebe dazu zu bewegen, der Stadt einen guten Dienst zu erweisen.« Ezrille lachte. »Ich hoffe, die Diebe wissen das nicht, sonst würden sie sich weigern, Euch zu helfen.« »Nun, für den Augenblick muss es ein Geheimnis blei- ben«, erwiderte Dannyl. »Ich möchte keinen Aufruhr in der Gilde, bevor ich weiß, ob Gorin uns helfen wird oder nicht. Kann ich mich auf Euer Stillschweigen verlassen?« Er sah die anderen an. Ezrille nickte begeistert. Rothen neigte den Kopf. Yaldin runzelte die Stirn, dann hob er die Schultern. »In Ordnung. Aber seid vorsichtig, Dannyl. Es ist nicht nur Eure Haut, die Ihr hier riskiert.« »Ich weiß.« Dannyl lächelte. »Ich weiß.« Wenn man im Licht einer Lampe über die »Straße der Die- be« ging, kam man erheblich schneller voran als jemand, der sich in der Dunkelheit durch das Labyrinth der unterir- dischen Gänge tastete. Und interessanter war es außerdem. Die Wände der Tunnel waren aus einer scheinbar endlosen Vielzahl von Ziegelsteinen erbaut. In das Mauerwerk wa- ren Symbole eingeritzt, und rätselhafte Zeichen markierten einige der größeren Wegkreuzungen. An einer solchen Kreuzung von Korridoren blieb der Führer stehen und stellte seine Lampe auf den Fußboden. Dann zog er ein schwarzes Tuch aus der Tasche., »Von hier an müsst ihr mit verbundenen Augen weiter- gehen.« Cery nickte und stand still, während der Mann ihm einen Stoffstreifen um die Augen band. Anschließend trat der Mann hinter Sonea, und sie spürte, wie grober Stoff fest um ihr Gesicht gebunden wurde. Dann legte ihr Führer ihr eine Hand auf die linke Schulter, und irgendjemand griff nach ihrem rechten Arm und zog sie hinter sich her durch den Gang. Obwohl sie versuchte, sich die verschiedenen Rich- tungswechsel einzuprägen, verlor sie schon bald die Orien- tierung. Sie schlurften langsam durch die Dunkelheit. Schwache Geräusche drangen an ihre Ohren: Stimmen, Schritte, tropfendes Wasser und einige Laute, die Sonea nicht identifizieren konnte. Die Haut unter der Augenbinde juckte, aber sie wagte es nicht, sich zu kratzen, damit der Führer nicht auf den Gedanken kam, dass sie unter dem Stoff hindurchzuspähen versuchte. Als der Mann wieder stehen blieb, stieß Sonea einen Seufzer der Erleichterung aus. Jemand nahm ihr die Au- genbinde ab. Sie blickte Cery an, und er antwortete ihr mit einem aufmunternden Lächeln. Der Führer zog einen polierten Stock unter seinem Man- tel hervor und stieß ihn in ein Loch in der Mauer. Nach ei- nem kurzen Augenblick schwang ein Teil der Wand nach innen, und ein großer, muskulöser Mann trat durch die Öffnung. »Ja?«, »Ceryni und Sonea für Faren«, erklärte der Führer. Der Mann nickte, öffnete die Tür ein wenig weiter und deutete mit dem Kopf auf Sonea und Cery. »Geht rüber.« Cery zögerte, dann drehte er sich zu dem Führer um. »Ich habe darum gebeten, dass man mich zu Ravi bringt.« Der Mann lächelte schief. »Dann muss Ravi wollen, dass du mit Faren sprichst.« Cery zuckte die Achseln, dann schob er sich durch die Tür. Sonea, die ihm folgte, fragte sich, ob ein Dieb, der nach einem giftigen, achtbeinigen Insekt benannt war, ge- fährlicher war als ein Dieb, der den Namen eines Nagetiers trug. Sie kamen in einen kleinen Raum. Zwei stämmige Män- ner, die zu beiden Seiten auf Stühlen saßen, musterten sie eingehend. Der Erste schloss die Tür hinter ihnen, öffnete dann eine Tür auf der gegenüberliegenden Seite und bedeu- tete ihnen, ihm zu folgen. An den Wänden des nächsten Raums hingen Laternen, die Kreise aus warmem, gelbem Licht an die Decke zeich- neten. Auf dem Boden lag ein dicker Teppich mit goldfar- benen Quasten. Auf der anderen Seite des Raums saß ein dunkelhäutiger Mann in schwarzer, eng anliegender Klei- dung an einem Tisch. Verblüffend helle, gelbe Augen leuchteten aus seinem Gesicht und unterzogen sie einer gründlichen Betrachtung. Sonea starrte den Mann an. Der Dieb war ein Lonmar, ein Vertreter der stolzen Wüstenrasse, deren Land weit, nördlich von Kyralia lag. In Imardin traf man nur selten auf Lonmar; es gab nicht viele von ihnen, die außerhalb ihrer eigenen starren Kultur lebten. Diebstahl galt in Lonmar als ein übles Vergehen; die Menschen dort glaubten, dass man einen Teil seiner Seele verlor, wenn man jemandem etwas stahl, auch wenn es nur eine Kleinigkeit war. Und trotzdem hatte sie hier einen lonmarischen Dieb vor sich. Die Augen des Mannes wurden schmal. Als Sonea be- wusst wurde, dass sie ihn angestarrt hatte, senkte sie hastig den Blick. Der Lonmar lehnte sich auf seinem Stuhl zu- rück, lächelte und deutete mit einem langen, braunen Fin- ger auf sie. »Komm näher, Mädchen.« Sonea trat vor, bis sie direkt vor dem Tisch stand. »Du bist also diejenige, nach der die Gilde sucht, wie?« »Ja.« »Du heißt Sonea?« »Ja.« Faren schürzte die Lippen. »Ich hatte eigentlich jeman- den erwartet, der ein wenig beeindruckender aussieht.« Er zuckte die Achseln, dann beugte er sich vor und stützte die Ellbogen auf den Tisch. »Woher soll ich wissen, dass du wirklich bist, was du zu sein behauptest?« Sonea warf einen Blick über die Schulter. »Cery hat ge- sagt, Ihr würdet wissen, dass ich die Richtige bin. Er mein- te, Ihr hättet mich gewiss beobachtet.« »Das meinte er, ja?« Faren kicherte und sah zu ihrem Freund hinüber. »Ein kluger Bursche, dieser kleine Ceryni,, ganz wie sein Vater. Ja, ich habe dich beobachtet – euch beide. Obwohl ich Cery schon ein wenig länger im Auge behalte. Komm her, Cery.« Cery trat neben Sonea. »Ich soll dich von Ravi grüßen.« »Von einem Nagetier zum anderen?« In Cerys Stimme schwang ein leichtes Zittern mit. Weiße Zähne blitzten auf, aber Farens Grinsen erlosch schnell wieder, und seine gelben Augen wanderten zu So- nea zurück. »Du kannst also Magie benutzen, ja?« Sonea schluckte, um sich die Kehle zu befeuchten. »Das ist richtig.« »Und hast du sie seit deiner kleinen Überraschung auf dem Nordplatz noch einmal benutzt?« »Ja.« Faren zog die Brauen in die Höhe. Dann fuhr er sich mit den Händen durch die Haare. An seinen Schläfen waren einige graue Strähnen zu sehen, aber seine Haut war glatt und ohne Falten. An den Fingern trug er mehrere Ringe, von denen einige mit großen Steinen besetzt waren. Noch nie zuvor hatte Sonea so große Steine an den Händen eines Hüttenbewohners gesehen, aber dieser Mann gehörte ja auch nicht zum gewöhnlichen Hüttenvolk. »Du hast einen ungünstigen Augenblick gewählt, um deine Fähigkeiten zu entdecken, Sonea«, erklärte Faren. »Jetzt brennen die Magier darauf, dich zu finden. Ihre Suche hat uns eine Menge Unannehmlichkeiten bereitet – und die Belohnung verursacht dir zweifellos eine Menge, Unannehmlichkeiten. Jetzt möchtest du, dass wir dich vor ihnen verstecken. Wäre es nicht weitaus besser für uns, dich auszuliefern und die Belohnung einzustreichen? Die Suche hört auf. Ich werde ein wenig reicher. Die lästigen Magier verschwinden … « Sonea sah wieder zu Cery hinüber. »Oder wir könnten einen Handel abschließen.« Faren spitzte die Lippen. »Das könnten wir. Was hättest du uns als Gegenleistung zu bieten?« »Mein Vater hat gesagt, Ihr wärt ihm etwas schuldig…«, begann Cery. Die gelben Augen nahmen Cery ins Visier. »Dein Vater hat alles verwirkt, was ihm zustand, als er uns betrogen hat«, fuhr Faren ihn an. Cery ließ den Kopf hängen, dann reckte er das Kinn vor und sah dem Dieb direkt ins Gesicht. »Mein Vater hat mir vieles beigebracht«, erklärte er. »Vielleicht kann ich –« Faren schnaubte und hob geringschätzig die Hand. »Du könntest uns eines Tages vielleicht von Nutzen sein, klei- ner Ceryni, aber im Augenblick hast du noch nicht die Freunde, die dein Vater hatte – und die Gefälligkeit, die du verlangst, ist eine große. Wusstest du, dass den, der einen wilden Magier vor der Gilde versteckt, die Todesstrafe er- wartet? Nichts behagt dem König weniger als der Gedanke an einen Magier, der umherschleicht und Dinge tut, die der König nicht angeordnet hat.« Sein Blick wanderte zu So- nea, und er lächelte verschlagen. »Aber es ist eine interes- sante Idee. Eine, die mir ungemein gut gefällt.« Er ver-, schränkte die Hände. »Wozu hast du deine Kräfte seit der Säuberung noch eingesetzt?« »Ich habe etwas in Brand gesteckt.« Farens Augen glänzten. »Wirklich? Hast du sonst noch etwas getan?« »Nein.« »Wie wär’s, wenn du mir deine Fähigkeiten demonstrie- ren würdest.« Sie sah ihn entgeistert an. »Jetzt?« Er zeigte auf eins der Bücher auf dem Tisch. »Versuche, das da zu bewegen.« Sonea blickte zu Cery hinüber. Ihr Freund nickte kaum merklich. Sie biss sich auf die Unterlippe und rief sich ins Gedächtnis, was sie getan hatte: In dem Moment, als sie sich bereit erklärt hatte, die Hilfe der Diebe zu suchen, hat- te sie sich damit abgefunden, Magie zu benutzen. Sie hatte diese Tatsache akzeptiert, ganz gleich, wie unwohl sie sich dabei fühlte. Faren lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Nur zu.« Sonea holte tief Luft, starrte das Buch an und befahl ihm, sich zu bewegen. Nichts geschah. Stirnrunzelnd dachte sie an die Ereignisse auf dem Nordplatz und den Kampf mit Burril zurück. Beide Male war sie wütend gewesen. Also schloss sie die Augen und dachte an die Magier. Sie hatten ihr Leben zerstört. Ihre Schuld war es, dass sie sich an die Diebe verkaufen musste. Als sie den Zorn in sich spüren konnte, schlug sie die Au-, gen wieder auf und richtete ihren Groll auf das Buch. Die Luft knisterte, und ein Lichtblitz erhellte den Raum. Faren sprang mit einem Fluch beiseite, als das Buch in Flammen ausbrach. Er griff nach einem Glas und kippte hastig den Inhalt über das Buch, um das Feuer zu löschen. »Tut mir Leid«, stieß Sonea hastig hervor. »Beim letzten Mal ist auch nicht das passiert, was ich wollte. Ich werde –« Faren hob die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen, und grinste. »Ich denke, du besitzt etwas, das es wert ist, geschützt zu werden, kleine Sonea.«, 8. Botschaften in der Dunkelheit Rothen sah sich in dem überfüllten Abendsaal um und beg- riff, dass es ein Fehler gewesen war, frühzeitig hier zu er- scheinen. Statt in der Menge unterzugehen, hatten ihn ein- zelne Magier oder kleine Gruppen angesprochen und ihn gezwungen, wieder und wieder die gleichen Fragen zu be- antworten. »Langsam höre ich mich an wie ein Novize, der Formeln aufsagt«, flüsterte er Dannyl gereizt zu. »Vielleicht solltest du jeden Abend einen Bericht über deine Fortschritte schreiben und ihn an deine Tür nageln.« »Ich glaube nicht, dass das helfen würde. Wahrschein- lich würden sie denken, sie hätten irgendeine winzige In- formation nicht mitbekommen, wenn sie mich nicht per- sönlich befragen.« Rothen schüttelte den Kopf und betrach- tete seine Kollegen, die im Raum verteilt standen und ihre Gedanken miteinander teilten. »Und aus irgendeinem Grund wollen sie diese Dinge immer von mir wissen. Wa- rum gehen sie dir nie auf die Nerven?« »Aus Respekt vor deinem offenkundig höheren Alter«,, erwiderte Dannyl. Rothen sah seinen Freund mit schmalen Augen an. »Of- fenkundig?« »Ah, da kommt eine Karaffe Wein, um deine armen, müden Stimmbänder zu befeuchten.« Dannyl winkte einen Diener herbei, der ein Tablett trug. Rothen nahm ein Glas von seinem Freund entgegen und nippte anerkennend. Irgendwie war er zum inoffiziellen Organisator der Suche nach dem Mädchen geworden. Mit Ausnahme von Fergun und seinen Freunden wurde allent- halben erwartet, dass er die Dinge in die Hand nahm. Diese Entwicklung hatte ihn dazu gezwungen, weniger Zeit mit der aktiven Suche nach dem Mädchen zu verbringen, und er wurde viele Male am Tag gestört, wenn seine Kollegen ihn mit Hilfe der Gedankenrede baten, ein Mädchen zu i- dentifizieren, das sie gefunden hatten. Plötzlich legte ihm jemand eine Hand auf die Schulter, und Rothen zuckte zusammen. Als er sich umwandte, stand Administrator Lorlen neben ihm. »Guten Abend, Lord Rothen, Lord Dannyl«, sagte Lor- len. »Der Hohe Lord wünscht, Euch zu sprechen.« Rothen sah sich im Raum um. Der Hohe Lord hatte so- eben in seinem bevorzugten Sessel Platz genommen. Als die anderen Magier Akkarins Anwesenheit bemerkten, ver- änderte sich die Atmosphäre im Saal, und ein neugieriges Raunen erklang. Dann werde ich mich also ein weiteres Mal wiederholen müssen, überlegte Rothen, während er und Dannyl auf den Führer der Gilde zugingen., Bei ihrem Näherkommen blickte der Hohe Lord auf und begrüßte sie mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken. Die langen Finger hatte er um ein Weinglas geschlungen. »Bitte, setzt Euch.« Lorlen deutete auf zwei leere Sessel. »Erzählt uns, welche Fortschritte Eure Suche macht.« Rothen ließ sich in einem der Sessel nieder. »Wir haben über zweihundert Informanten befragt, aber von den meis- ten haben wir nichts Nützliches erfahren. Einige hatten ganz gewöhnliche Bettlermädchen eingesperrt. Manche Informanten legten allerdings überzeugende Enttäuschung an den Tag, als sich herausstellte, dass der Ort, an dem sich das Mädchen angeblich versteckt hatte, mit einem Mal leer war. Und das ist leider das Einzige, was ich bisher berich- ten kann.« Lorlen nickte. »Lord Fergun vermutet, dass irgendje- mand sie beschützt.« Dannyls Lippen wurden zu einer schmalen Linie, aber er sagte nichts. »Die Diebe?«, fragte Rothen. Lorlen zuckte die Achseln. »Oder ein wilder Magier. Sie hat sehr schnell gelernt, ihre Aura zu verbergen.« »Ein wilder Magier?« Rothen sah zu Akkarin hinüber und dachte daran, dass der Hohe Lord beteuert hatte, dass es keinen wilden Magier in den Hütten gebe. »Habt Ihr Grund zu der Vermutung, dass wir es nun doch mit einem wilden Magier zu tun haben?« »Ich habe gespürt, dass jemand Magie benutzt«, erwi- derte Akkarin leise. »Nicht viel Magie und noch nicht lan-, ge. Ich glaube, sie experimentiert allein, da ein Lehrer ihr mittlerweile gewiss beigebracht hätte, ihre Aktivitäten zu verbergen.« Rothen sah den Hohen Lord forschend an. Dass Akkarin eine derart schwache Magie in der Stadt spüren konnte, war erstaunlich, ja sogar beunruhigend. Als der andere Mann seinem Blick begegnete, sah Rothen hastig auf seine Hände hinab. »Das sind… interessante Neuigkeiten«, bemerkte er. »Konntet Ihr… konntet Ihr erkennen, wo sie sich auf- hält?«, fragte Dannyl. Akkarin schürzte die Lippen. »Sie benutzt Magie immer nur stoßweise; manchmal ist es ein einzelnes Vorkommnis, manchmal mehrere im Laufe einer Stunde. Ihr würdet die Magie des Mädchens spüren, wenn Ihr wüsstet, worauf Ihr achten müsst, aber solange sie ihre Kräfte nicht über einen längeren Zeitraum hinweg benutzt, besteht kaum eine Chance, sie zu finden und gefangen zu nehmen.« »Aber wir könnten ihr jedes Mal, wenn sie Magie be- nutzt, ein klein wenig näher kommen«, sagte Dannyl lang- sam. »Wir könnten uns in der Stadt verteilen und warten. Sobald sie zu experimentieren beginnt, könnten wir den Kreis ein wenig enger ziehen, bis wir ihren Aufenthaltsort kennen.« Der Hohe Lord nickte. »Sie befindet sich im nördlichen Bereich des Äußeren Rings.« »Dann werden wir morgen dort mit der Suche begin- nen.« Dannyl legte die Fingerspitzen aneinander. »Aber, wir müssen darauf achten, dass wir unsere Strategie nicht verraten und sie auf diese Weise vorwarnen. Wer sie be- schützt, hat vielleicht Helfer, die nach Magiern Ausschau halten.« Er zog eine Augenbraue in die Höhe. »Unsere Er- folgsaussichten wären größer, wenn wir unsere Identität geheim halten könnten.« Akkarins Mundwinkel zuckten leicht. »Weite Umhänge dürften genügen, um Eure Roben zu verbergen.« Dannyl nickte hastig. »Natürlich.« »Ihr werdet nur eine einzige Chance haben«, warnte Lorlen. »Wenn das Mädchen erfährt, dass Ihr ihre Magie spüren könnt, wird sie Euch ausweichen, indem sie nach jedem Experiment den Aufenthaltsort wechselt.« »Dann müssen wir schnell sein – und je mehr Magier uns zur Verfügung stehen, desto eher können wir das Mäd- chen finden.« »Ich werde um weitere Freiwillige bitten.« »Vielen Dank, Administrator.« Dannyl neigte den Kopf. Lorlen lächelte und lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Ich muss sagen, ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so glücklich darüber sein würde, zu hören, dass unser klei- ner Flüchtling anfängt, seine Kräfte zu benutzen.« Rothen runzelte die Stirn. Ja, dachte er, aber wann im- mer sie das tut, kommt sie dem Punkt, an dem sie endgültig die Kontrolle über ihre Magie verliert, ein klein wenig nä- her. Das Päckchen war schwer, wenn auch klein. Cery ließ es, mit einem befriedigenden Krachen auf den Tisch fallen. Faren griff danach und riss das Einwickelpapier herunter. Eine kleine, hölzerne Schatulle kam zum Vorschein. Als er den Deckel öffnete, warfen winzige Scheiben ihr Licht über den Dieb und die Wand hinter ihm. Beim Anblick der polierten Münzen krampfte sich Cerys Brust zusammen. Faren zog einen kleinen Holzblock mit drei darin eingelassenen Stiften hervor. Dann machte sich der Dieb daran, die Münzen auf die Stifte zu schieben. Die Löcher in den Münzen schmiegten sich mühelos um die entsprechenden Stifte: Gold kam auf den runden Stift, Sil- ber auf den eckigen, und große Kupfermünzen wurden auf den dreieckigen geschoben. Der Stift, der für das Kupfer gedacht war, blieb leer. Als der Stapel mit Gold zehn Mün- zen hoch war, schob Faren ihn von dem Stift auf eine »Kappe«, einen kleinen Holzpflock mit Verschlussklam- mern an beiden Seiten. »Ich habe noch eine Aufgabe für dich, Ceryni.« Cery riss sich widerstrebend von dem Anblick des Reichtums vor ihm los, straffte die Schultern und runzelte dann die Stirn, als ihm die Bedeutung von Farens Worten dämmerte. Wie viele »Aufgaben« musste er noch erledi- gen, bevor er Sonea sehen durfte? Es war über eine Woche vergangen, seit Faren sie unter seine Fittiche genommen hatte. Cery schluckte seinen Ärger herunter und nickte dem Dieb zu. »Was soll ich tun?« Faren lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, und in seinen, gelben Augen leuchtete Erheiterung auf. »Die nächste Aufgabe dürfte deinen Talenten wohl ein wenig mehr ent- gegenkommen. Seit einiger Zeit haben es sich zwei Gauner zur Gewohnheit gemacht, Läden im Norden des Inneren Rings auszurauben – Läden, mit deren Besitzern ich ein Abkommen habe. Ich möchte, dass du herausfindest, wo diese beiden Narren leben. Dann wirst du ihnen eine Bot- schaft von mir überbringen – auf eine Art und Weise, die ihnen sehr deutlich macht, dass ich sie genau beobachte. Kannst du das für mich erledigen?« Cery nickte. »Wie sehen die Männer aus?« »Ich habe einen meiner Männer zu den Ladenbesitzern geschickt, um sie zu befragen. Er wird dir alles erzählen, was er weiß. Dies hier wirst du mitnehmen.« Er reichte Ce- ry ein kleines, zusammengefaltetes Blatt Papier. »Warte im Vorraum.« Cery wandte sich zum Gehen, dann zögerte er plötzlich. Er drehte sich noch einmal zu Faren um und überlegte, ob dies ein geeigneter Augenblick war, um nach Sonea zu fra- gen. »Bald«, sagte Faren. »Morgen, wenn alles gut geht.« Cery nickte, dann trat er durch die Tür in den Vorraum. Obwohl die stämmigen Wachen ihn argwöhnisch beobach- teten, schenkte Cery ihnen ein Lächeln. Man sollte sich niemals mit den Lakaien eines mächtigen Mannes anlegen, hatte sein Vater ihm beigebracht. Besser noch, man brachte sie dazu, einen zu mögen. Diese beiden sahen einander so ähnlich, dass sie wohl Brüder sein mussten, obwohl einer, der Männer eine lange Narbe an der Wange hatte, die ihn deutlich von dem anderen unterschied, so dass man die beiden mühelos auseinander halten konnte. »Ich soll hier warten«, erklärte er den beiden und deutete auf einen Stuhl. »Ist der noch frei?« Der Mann mit der Narbe zuckte die Achseln. Cery setzte sich und sah sich im Raum um. Sein Blick wurde von ei- nem leuchtend grünen Tuch angezogen, das an einer Wand hing. Am oberen Rand des Tuchs war ein goldenes Wap- pen eingestickt. »Hai! Ist es das, wofür ich es halte?«, fragte er und stand wieder auf. Der narbige Mann grinste. »Allerdings.« »Ein Satteltuch von Donnerwind?«, flüsterte Cery ehr- fürchtig. »Woher habt Ihr das?« »Mein Vetter ist Stallbursche im Haus Arran«, antworte- te der Mann. »Der hat es mir beschafft.« Er streckte die Hand aus und strich zärtlich über den Stoff. »Hat mir zwanzig Goldmünzen gewonnen, dieses Pferd.« »Es heißt, Donnerwind habe einige prächtige Rennpfer- de gezeugt.« »Aber einen Hengst wie ihn hat es nie wieder gegeben.« »Hast du das Rennen gesehen?« »Nein. Du?« Cery grinste. »Ich habe mich an den Zahlmeistern vor- beigeschlichen. War nicht einfach. Ich wusste nicht, dass Donnerwind an diesem Tag laufen würde. War einfach nur Glück.« Die Augen des Narbigen wurden glasig, während, er zuhörte, wie Cery von dem Rennen erzählte. Schließlich wurden sie von einem Klopfen an der Tür unterbrochen. Der zweite Wächter, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte, öffnete die Tür, und ein hochgewach- sener, drahtiger Mann mit einem schwarzen Langmantel trat ein. »Ceryni?«, fragte er mit verdrossener Miene. Cery trat vor. Der Mann musterte ihn mit hochgezoge- nen Brauen, dann bedeutete er Cery, ihm zu folgen. Cery nickte den Wachen zu und trat in den Korridor hinaus. »Ich soll dir Informationen geben«, erklärte der Mann. Cery nickte. »Wie sehen die beiden Kerle aus?« »Einer ist etwa so groß wie ich, aber schwerer. Der an- dere ist kleiner und nur eine halbe Portion. Sie haben beide kurzes, schwarzes Haar – wie man hört, schneiden sie es sich selbst. An den Augen des Größeren ist irgendetwas merkwürdig. Einer der Ladenbesitzer meinte, die Augen hätten eine komische Farbe, ein anderer sagte, sie würden in zwei verschiedene Richtungen blicken. Davon abgese- hen sind die beiden ganz gewöhnliche Hüttenleute.« »Waffen?« »Messer.« »Weißt du, wo sie wohnen?« »Nein, aber einer der Ladenbesitzer hat sie heute Abend in einem Bolhaus gesehen. Du wirst jetzt dorthin gehen, damit du ihnen anschließend folgen kannst. Sie werden mit Sicherheit einen Umweg nach Hause nehmen, also sei auf der Hut.«, »Natürlich. Was ist ihre Methode?« Der Mann sah ihn mit undeutbarer Miene an. »Nicht ge- rade raffiniert. Sie haben die Ladenbesitzer und einige ihrer Verwandten zusammengeschlagen. Aber sie haben sich nie länger aufgehalten als nötig. Sobald sie hatten, was sie wollten, sind sie wieder verschwunden.« »Was haben sie mitgenommen?« »Größtenteils Münzen. Wenn irgendwo eine Karaffe mit Wein herumstand, haben sie die auch mitgenommen. Wir sind gleich da.« Sie traten aus den Durchgängen auf eine dunkle Straße hinaus. Der Führer löschte die Lampe und begleitete Cery noch bis zu einer größeren Durchgangsstraße, dann blieb er in einem dunklen Türeingang stehen. Aus einem Bolhaus auf der anderen Straßenseite drang das Lärmen ausgelasse- ner Zecher. Cerys Begleiter machte eine schnelle Handbewegung. Cery folgte dem Blick des Mannes und nahm eine Bewe- gung in einer schmalen Gasse in ihrer Nähe wahr. »Sie sind noch da. Wir warten.« Cery lehnte sich an die Tür. Sein Begleiter sagte nichts mehr, sondern beobachtete konzentriert das Bolhaus. Es begann zu regnen, und die Tropfen prasselten auf die Dä- cher und bildeten Pfützen auf dem Boden. Während sie warteten, stieg der Mond über den Häusern auf und tauchte die Straße in sein Licht, bevor graue Wolken ihn verdeck- ten und zu einem geisterhaften Schimmer am Himmel machten., Kleine Gruppen von Männern und Frauen verließen das Bolhaus. Als schließlich eine größere Gruppe lachender, taumelnder Männer auf die Straße hinaustrat, straffte Cerys Begleiter plötzlich die Schultern. Als Cery genauer hinsah, entdeckte er zwei Gestalten, die sich an den anderen Ze- chern vorbeischoben. Der Beobachter in der Gasse machte abermals eine knappe Bewegung mit den Händen, und Ce- rys Begleiter nickte. »Das sind sie.« Cery trat in den Regen hinaus. Während er den beiden Männern die Straße hinunter folgte, hielt er sich vorsichtig im Schatten der Häuser. Einer der beiden war offensicht- lich betrunken; der andere dagegen wich den Pfützen auf dem Boden mit sicherem Schritt aus. Cery ließ sich ein klein wenig zurückfallen und lauschte, während der be- trunkene Mann seinen Gefährten beschimpfte, weil er dem Wein zu wenig zugesprochen habe. »Wird schon nichts passieren, Tullin«, nuschelte er. »Wir sind zu gerissen für diese Dummköpfe.« »Halt die Klappe, Nig.« Die beiden bewegten sich auf Umwegen durch das Vier- tel. Von Zeit zu Zeit blieb Tullin stehen und sah sich um. Cery, der sich immer noch im Schatten hielt, entdeckte er nicht. Nach einer Weile wurde ihm das Geplapper seines Freundes allzu lästig, und er legte auf geradem Weg einige hundert Schritte zurück, bis er vor einem leerstehenden Laden angelangt war., Sobald die beiden im Haus verschwunden waren, stahl Cery sich näher heran und unterzog das Gebäude einer ge- nauen Musterung. Auf dem Boden draußen lag ein Tür- schild. Er erkannte das Wort für Raka. Er legte die Hand auf seine Brust und dachte über die Botschaft nach, die in seiner Tasche wartete. Faren wünschte, dass er die Botschaft auf eine Art und Weise übermittelte, die den beiden Räubern Angst machte. Man musste ihnen zeigen, dass die Diebe alles wussten: wer sie waren, wo sie sich versteckten und was sie getan hatten. Und die beiden sollten erfahren, wie leicht die Die- be sie töten konnten. Cery biss sich auf die Unterlippe und überlegte. Er könnte ihnen das Papier unter der Tür hindurchschie- ben, aber das wäre zu einfach gewesen. Es würde die Räu- ber weniger erschrecken als die Entdeckung, dass jemand in ihr Versteck hineingelangt war. Er würde warten müs- sen, bis sie wieder herauskamen, und sich dann ins Haus stehlen. Oder vielleicht nicht? Natürlich würde es ihnen Angst machen, wenn sie heimkehrten und eine Botschaft vorfanden, aber es gab etwas, das sie noch viel mehr er- schrecken würde: zu begreifen, dass jemand in ihrem Haus gewesen war, während sie geschlafen hatten. Lächelnd besah sich Cery das Versteck ein wenig näher. Das Gebäude stand in einer Häuserreihe, und es teilte sich eine Wand mit beiden Nachbarhäusern. Das bedeutete, dass er entweder von vorn oder über die Rückseite eindrin- gen musste. Nach kurzem Überlegen ging Cery zum Ende, der Straße hinunter und trat in die Gasse, die hinter den Gebäuden verlief. An den Hauswänden stapelten sich leere Kisten, und überall häufte sich der Unrat. Cery zählte die Türen, und als er etliche stinkende Beutel mit verfaulenden Raka-Blättern an einer Hauswand entdeckte, wusste er, dass er den Laden der Räuber gefunden hatte. Im nächsten Moment hockte er bereits vor der Tür und spähte durchs Schlüsselloch. In dem Raum auf der anderen Seite brannte eine Lampe. Nig lag leise schnarchend in einem Bett. Tullin ging im Raum auf und ab und rieb sich das Gesicht. Als er in den Schein der Lampe trat, konnte Cery seine schief im Gesicht sitzenden Augen und die dunklen Schatten darunter erken- nen. Der hochgewachsene Mann hatte wohl nicht gut ge- schlafen – wahrscheinlich befürchtete er, die Diebe könn- ten auf einen Besuch vorbeikommen. Als hätte er Cerys Gedanken gelesen, eilte er plötzlich auf die Hintertür zu. Cery wollte sich schon lautlos zurückziehen, aber Tullin streckte nicht, wie erwartet, die Hand nach dem Türgriff aus. Stattdessen schlossen sich seine Finger um irgendet- was in der Luft und verfolgten seinen Weg zur Decke hin- auf, wo Cery sie nicht beobachten konnte. Eine Schnur, vermutete Cery. Er brauchte nicht zu sehen, was über der Tür hing, um zu erraten, dass Tullin eine Falle für uner- wünschte Besucher aufgebaut hatte. Nachdem Tullin sich davon überzeugt hatte, dass alles in Ordnung war, ging er zu einem zweiten Bett hinüber. Er, zog ein Messer aus dem Gürtel, legte es auf einen Tisch neben sich und füllte dann das Öl in der Lampe nach. Nachdem er sich ein letztes Mal im Raum umgesehen hat- te, streckte er sich auf dem Bett aus. Cery unterzog die Tür einer eingehenden Musterung. Raka wurde in großen Büscheln nach Imardin gebracht: Pflanzenstiele mit Blättern und Bohnen. Die Ladenbesitzer streiften die Bohnen von den Stängeln ab und rösteten sie. Die Blätter und die Stängel wurden im Allgemeinen in ei- nen Schacht geworfen, der zu einer Wanne vor dem Haus führte. Diese Wannen wurden später von Jungen abgeholt, die ihren Inhalt an die Bauern in der Nähe der Stadt ver- kauften. Cery schob sich vorsichtig an der Mauer entlang, bis er die äußere Klappe des Schachts gefunden hatte. Sie war von innen mit einem schlichten Riegel versperrt – leicht zu öffnen. Er zog eine winzige Flasche und einen schlanken, hohlen Grashalm aus dem Mantel. Dann saugte er ein we- nig Öl in den Halm und schmierte sorgfältig den Riegel und die Scharniere der Klappe damit ein. Schließlich ver- staute er die Flasche und den Halm wieder in seinen Ta- schen, zog einige Dorne und Hebel heraus und machte sich daran, den Riegel zu öffnen. Die Arbeit ging langsam voran, gab Tullin jedoch reich- lich Zeit, in einen tiefen Schlaf zu sinken. Als er den Rie- gel beiseite geschoben hatte, öffnete Cery vorsichtig die Klappe und besah sich den winzigen Hohlraum dahinter. Dann steckte er das Werkzeug, das er bisher benutzt hatte,, wieder ein und nahm ein kleines, in fein gewobenes Tuch gewickeltes Bündel heraus, das ein flaches, poliertes Me- tallstück enthielt. Schließlich schob er einen Arm durch den Schacht und benutzte diesen hilfreichen Gegenstand, um Tullins Falle näher in Augenschein zu nehmen. Er hätte beinahe laut aufgelacht: Ein Rechen hing quer über der Tür. Das Ende des Stiels war mit einer Schnur an einem Haken über dem Türrahmen befestigt. Die metallene Harke lag auf einem Dachsparren auf, vermutlich von ei- nem Nagel gehalten. Ein Tau war daran und am Türriegel festgebunden. Zu einfach, überlegte Cery. Er sah sich nach anderen Fallen um, konnte aber keine entdecken. Nach einer Weile zog er den Arm wieder aus dem Schacht, kehrte zur Hinter- tür zurück und packte abermals sein Werkzeug zum Ölen von Scharnieren aus. Eine schnelle Begutachtung des Schlosses zeigte ihm, dass es schon einmal aufgebrochen worden war, wahrscheinlich von den Dieben, als sie das erste Mal in den Laden eingedrungen waren. Cery zog eine kleine Schachtel aus seinem Mantel, öff- nete sie und wählte eine dünne Klinge aus. Aus einer ande- ren Tasche nahm er ein Werkzeug, einen Teil des Erbes, das sein Vater ihm hinterlassen hatte. Er befestigte dieses Werkzeug an der Klinge, schob es durch das Schlüsselloch und tastete nach dem Türdrücker. Als er ihn gefunden hat- te, arbeitete er sich langsam die Klinke entlang vor, bis er den leichten Widerstand des Taus spürte. Er drückte die Schneide der Klinge fest dagegen., Dann kehrte er zu dem Schacht zurück und vergewisser- te sich mit dem Spiegel, dass die Schnur jetzt ungefährlich von den Dachsparren herabbaumelte. Zufrieden packte er sein Arbeitsgerät weg, wickelte sich zwei Lappen um die Stiefel und holte tief Luft, um sich zu beruhigen. Vollkommen lautlos öffnete Cery die Tür, schlüpfte in den Raum und betrachtete die schlafenden Männer. Sein Vater hatte auch für diese Situation einen Rat ge- habt: Die beste Art, sich an jemanden heranzuschleichen, so hatte er gesagt, sei die, nicht zu versuchen, sich anzu- schleichen. Er betrachtete die beiden Räuber. Beide schlie- fen, und der betrunkene Mann schnarchte leise. Cery durchquerte den Raum und untersuchte die Vorder- tür. Ein Schlüssel ragte aus dem Schloss. Er drehte sich wieder um und besah sich noch einmal die beiden Männer. Tullins Messer glitzerte in der Dunkelheit. Cery nahm Farens Botschaft aus der Brusttasche und trat neben den Räuber. Dann griff er nach dessen Messer und benutzte es, um das Blatt Papier damit auf der Tischplatte zu befestigen. Das müsste eigentlich reichen. Mit einem grimmigen Lächeln kehrte er zur Tür zurück und griff nach dem Schlüssel. Als er ihn umdrehte, erklang ein leises Klicken. Tullins Lider flatterten, aber seine Augen blieben geschlos- sen. Cery verließ das Haus und schlug die Tür krachend hinter sich zu. Drinnen ertönte ein Schrei. Cery huschte zu dem dunk- len Hauseingang des Ladens nebenan und drehte sich um, um die Ereignisse aus sicherer Entfernung zu verfolgen. Im, nächsten Moment wurde die Tür des Nachbarhauses aufge- rissen, und Tullin starrte in die Nacht hinaus; sein Gesicht wirkte bleich in dem gedämpften Mondlicht. Dann erklang eine wütende Stimme im Haus, gefolgt von einem Entset- zensschrei. Tullin runzelte die Stirn und kehrte in den Raum zurück. Cery stahl sich lächelnd in die Nacht davon. Sonea verfluchte Faren. Auf der Herdstelle vor ihr lag ein kurzer Stock. Nach- dem sie mit verschiedenen Gegenständen experimentiert hatte, hatte sie sich für Holz entschieden, da dieses Materi- al, wenn man Magie benutzte, am wenigsten Gefahren bot. Es war nicht billig – Brennholz wurde in den nördlichen Bergen geschlagen und über den Tarali nach Imardin ver- schifft –, aber trotzdem war es entbehrlich, und in dem Raum, in dem sie sich befand, gab es einen reichlichen Vorrat davon. Zweifelnd beäugte sie den Stock, dann sah sie sich in ih- rem Quartier um und rief sich ins Gedächtnis, dass ihre Bemühungen durchaus sinnvoll waren. Polierte Tische und gepolsterte Sessel standen um sie herum. In den angren- zenden Räumen gab es weiche Betten, reichlich Nah- rungsmittel und einen großzügigen Vorrat an berauschen- den Getränken. Faren behandelte sie wie einen Ehrengast in einem der großen Häuser. Aber sie fühlte sich wie eine Gefangene. Das Versteck hatte keine Fenster, da es zur Gänze unter der Erde lag., Man erreichte es nur über die »Straße«, und es wurde Tag und Nacht bewacht. Lediglich Farens engste Vertraute, seine »Vettern«, kannten diesen Ort. Seufzend ließ Sonea die Schultern sinken. Jetzt, da sie sowohl vor Magiern als auch vor geldgierigen Hüttenleuten sicher war, hatte sie Mühe, der Langeweile Herr zu wer- den. Nachdem sie sechs Tage lang dieselben Wände gese- hen hatte, konnte sie nicht einmal mehr die behagliche Ein- richtung des Raums ablenken, und obwohl Faren von Zeit zu Zeit vorbeikam, hatte sie kaum mehr zu tun, als mit Magie zu experimentieren. Vielleicht war es genau das, was Faren beabsichtigte. Als sie auf den Stock hinabblickte, durchzuckte sie einmal mehr ein Stich der Enttäuschung. Obwohl sie, seit sie in das Versteck gekommen war, mehrmals am Tag ihre Kräf- te heraufbeschwor, funktionierten sie nie so, wie Sonea es wollte. Wenn sie etwas verbrennen wollte, bewegte es sich. Wenn sie einem Gegenstand befahl, sich zu bewegen, exp- lodierte er. Wenn sie etwas zerbrechen wollte, fing es Feuer. Wenn sie Faren von ihren Misserfolgen erzählte, lächelte dieser nur und erwiderte, sie solle weiter üben. Mit einer Grimasse richtete Sonea ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Stock. Sie holte tief Luft und starrte wie gebannt auf das Holzstück. Dann befahl sie ihm, über die Steine in der Herdstelle zu rollen. Nichts geschah. Geduld, ermahnte sie sich. Sie brauchte oft mehrere Ver-, suche, bis ihre Magie funktionierte. Also nahm sie alle Willenskraft zusammen und befahl dem Stock abermals, sich zu bewegen. Das Holz blieb vollkommen reglos liegen. Sonea seufzte und hockte sich auf den Boden. Wann immer die Magie bisher funktioniert hatte, war sie wütend gewesen, sei es aus Frustration oder aus Hass auf die Gilde. Sie konnte diese Gefühle zwar heraufbeschwören, indem sie sich auf etwas konzentrierte, das sie wütend machte, aber diese Strategie war anstrengend und deprimierend. Die Magier dagegen benutzten ihre Fähigkeiten ständig, rief sie sich ins Gedächtnis. Trugen sie einen Vorrat an Wut und Hass in sich, der ihren Kräften Nahrung gab? So- nea schauderte. Was waren das für Menschen? Als sie nun das Holzstück anstarrte, wurde ihr klar, dass sie genau das würde tun müssen. Sie würde ihren Zorn und ihren Hass horten müssen, würde sie aufbewahren müssen für die Gelegenheiten, bei denen sie diese Gefühle brauch- te, um Magie zu wirken. Wenn sie es nicht tat, würde sie scheitern, und Faren würde sie an die Gilde ausliefern. Sie schlang die Arme um sich, und Verzweiflung erfüllte sie. Ich sitze in der Falle, dachte sie. Mir bleiben zwei Möglichkeiten: Entweder, ich werde eine von ihnen, oder ich lasse mich von ihnen töten. Ein leises Knistern drang an ihre Ohren, ein Geräusch, wie man es hörte, wenn man ein Stück Stoff hochwarf und es hastig wieder zurückriss. Sonea sprang auf und drehte sich um., Leuchtend orangefarbene Flammen züngelten an einem kleinen Tisch zwischen zwei Stühlen. Sonea wich mit hämmerndem Herzen zurück. Habe ich das getan?, dachte sie. Aber ich war doch gar nicht wütend. Das Feuer knisterte und prasselte, während sich die Flammen vervielfachten. Unsicher, was sie tun sollte, ging Sonea langsam näher heran. Was würde Faren sagen, wenn er feststellen musste, dass sein Versteck zu Asche ver- brannt war? Sonea schnaubte leise. Er würde wütend sein und ein klein wenig enttäuscht, weil sein zauberkundiger Schoßhund den Tod gefunden hatte. Rauch stieg auf und kräuselte sich unter der Decke. So- nea kroch auf Händen und Füßen durch den Raum, packte den Tisch an einem seiner Beine und zog ihn zu sich heran. Die Bewegung ließ das Feuer noch weiter auflodern. Sonea prallte vor der Hitze zurück, dann hob sie den Tisch an und warf ihn in den Kamin. Seufzend sah sie zu, wie das Feuer den Tisch ver- schlang. Immerhin hatte sie soeben etwas hinzugelernt. Ti- sche brachen nicht aus eigenem Antrieb in Flammen aus. Wie es aussah, war auch Verzweiflung ein Gefühl, mit dem sich Magie heraufbeschwören ließ. Wut, Hass und Verzweiflung, überlegte Sonea. Was für ein Spaß es doch ist, Magierin zu sein. »Hast du das gespürt?«, fragte Rothen mit vor Erregung angespannter Stimme., Dannyl nickte. »Ja. Es ist allerdings nicht das, was ich erwartet hatte. Ich habe es mir vollkommen anders vorge- stellt, Magie zu spüren – ich dachte, es sei eher so, als kön- ne man Gesang fühlen. Dies hier fühlte sich mehr wie ein Husten an.« »Ein magisches Husten.« Rothen kicherte. »Was für eine interessante Art, dieses Phänomen zu beschreiben.« »Wenn du nicht wüsstest, wie man singt oder spricht, würdest du dann nicht auch stattdessen unkontrollierte Laute von dir geben? Vielleicht hört sich Magie so an, wenn man sie nicht beherrscht.« Dannyl blinzelte, dann trat er vom Fenster zurück und rieb sich die Augen. »Es ist schon spät, und ich kann mich nicht mehr richtig konzent- rieren. Wir sollten zusehen, dass wir ein wenig Schlaf be- kommen.« Rothen nickte, trat aber nicht vom Fenster weg. Er blick- te hinaus auf die wenigen Lichter, die die Stadt noch er- hellten. »Wir lauschen schon seit Stunden. Es wird nichts dabei herauskommen, wenn wir weitermachen«, bemerkte Dan- nyl. »Wir wissen jetzt, dass wir sie spüren können. Du soll- test auch ein wenig schlafen, Rothen. Wir müssen morgen hellwach sein.« »Es erscheint mir unglaublich, dass sie uns so nahe ist, wir sie aber trotzdem bisher nicht finden konnten«, erwi- derte Rothen leise. »Ich frage mich, was sie zu tun versucht haben mag.« »Rothen«, sagte Dannyl streng., Der alte Magier seufzte und wandte sich vom Fenster ab. Er lächelte matt. »Na gut. Ich werde versuchen, etwas zu schlafen.« »Schön.« Solchermaßen zufriedengestellt, ging Dannyl zur Tür hinüber. »Ich sehe dich dann morgen.« »Gute Nacht, Dannyl.« Nachdem sein Freund die Tür geschlossen hatte, drehte Dannyl sich noch einmal um und sah zu seiner Beruhigung, dass sein Freund tatsächlich ins Schlafzimmer ging. Ro- thens Interesse daran, das Mädchen zu finden, überstieg bloße Pflichterfüllung bei weitem. Während Dannyl den Korridor hinunterschlenderte, spielte ein leichtes Lächeln um seine Lippen. Vor etlichen Jahren, als Dannyl noch Novize gewesen war, hatte Fergun als Rache für einen Streich gewisse Ge- rüchte über ihn in Umlauf gebracht. Dannyl hatte nicht er- wartet, dass irgendjemand Fergun ernst nehmen würde, aber als die Lehrer und Novizen anfingen, ihn anders zu behandeln als die anderen, und er begriff, dass er nichts tun konnte, um ihre Wertschätzung wiederzugewinnen, hatte er jeden Respekt vor seinesgleichen verloren. Die Begeiste- rung, mit der er früher am Unterricht teilgenommen hatte, verebbte, und er fiel immer weiter hinter die anderen zu- rück. Irgendwann hatte Rothen ihn dann beiseite genommen, und mit scheinbar endloser Entschlossenheit war es ihm gelungen, Dannyls Interesse an der Magie neu zu entfa- chen. Anscheinend hatte er eine besondere Leidenschaft, dafür, jungen Menschen in Nöten beizustehen. Obwohl Dannyl davon überzeugt war, dass sein Freund so ent- schlossen war wie eh und je, konnte er sich der Frage nicht erwehren, ob Rothen wirklich darauf vorbereitet war, die Ausbildung dieses Mädchens in die Hand zu nehmen. Zwi- schen einem mürrischen Novizen und einem Mädchen aus den Hüttensiedlungen, das die Magier höchstwahrschein- lich hasste, bestand ein großer Unterschied. Eines jedoch war sicher: Wenn die Kleine erst gefunden war, würde das Leben ungemein interessant werden., 9. Ein unwillkommener Besucher Ein kühler Wind peitschte den Regen auf und schlug seine feuchten Finger in die Winterkleidung. Cery hüllte sich fester in seinen Langmantel und zog sich tiefer in die Fal- ten seines Schals zurück. Als der Regen ihm ins Gesicht klatschte, schnitt er eine Grimasse, dann bot er dem Wind entschlossen die Stirn. In dem Bolhaus bei Harrin hatte verführerische Wärme geherrscht. Donias Vater war in großzügiger Laune gewe- sen, aber nicht einmal der kostenlose Bol hatte Cery zum Bleiben verlocken können – nicht, nachdem Faren ihm endlich gestattet hatte, Sonea zu besuchen. Cery brummte verdrossen, als sich ein hochgewachsener Mann an ihm vorbeidrängte. Mit finsterem Blick sah er dem Fremden nach, als der Mann die Straße hinuntereilte. Ein Händler, vermutete Cery, denn der Regen glitzerte auf nagelneuen Stiefeln und einem ebenso neuen Mantel. Er murmelte eine Schmähung und trottete weiter. Als Cery von seinem Besuch bei den Räubern zurückge- kehrt war, hatte sich Faren über sein Vorgehen genau Be-, richt erstatten lassen. Der Dieb hatte nur zugehört und da- bei weder Lob noch Missbilligung geäußert, bevor er schließlich nickte. Er stellt mich auf die Probe, um herauszufinden, wie nützlich ich ihm sein kann, überlegte Cery. Er will wissen, wo meine Grenzen liegen. Ich frage mich, was er als Näch- stes von mir verlangen wird. Er sah sich auf der Straße um. Einige Hüttenleute haste- ten durch den Regen. Daran war nichts weiter ungewöhn- lich. Der Händler, der ihn angerempelt hatte, war einige Schritte entfernt ohne erkennbaren Grund vor einem Ge- bäude stehen geblieben. Langsam schlenderte Cery weiter und blickte kurz zu dem Händler auf, als er an ihm vorbeikam. Der Fremde hatte die Augen geschlossen und runzelte die Stirn, als konzentriere er sich angestrengt. Cery zog sich in die näch- ste Gasse zurück und drehte sich gerade rechtzeitig um, um zu sehen, dass der Mann den Kopf hochriss und den Blick auf die Straße heftete. Nein, dachte Cery, und ein Zittern überlief ihn. Er sieht nicht auf die Straße, sondern auf etwas, das darunter liegt. Jetzt betrachtete er die Kleidung des Kaufmanns eingehen- der. Die Schuhe des Mannes waren ebenso vertraut wie ungewöhnlich. In dem fahlen Licht glänzte ein kleines Symbol auf… Cerys Herz setzte einen Schlag aus. Dann drehte er sich um und begann zu rennen., Im Regen konnte Rothen nur die Umrisse eines hochge- wachsenen Mannes an der gegenüberliegenden Straßen- ecke erkennen. – Wir sind ganz in ihrer Nähe, sandte Dannyl. Sie ist ir- gendwo unter diesen Häusern. – Dann brauchen wir nur noch einen Weg hinein zu fin- den, antwortete Rothen. Es war ein quälend mühsamer Tag gewesen. Bisweilen hatte das Mädchen mehrmals hintereinander Magie be- nutzt, und sie hatten gute Fortschritte gemacht. Dann wie- der mussten sie stundenlang warten, bis sie einen einzigen Versuch unternahm und dann wieder aufhörte. Rothen hatte schnell gemerkt, dass sein Umhang zwar seine Roben verbarg, dass er darin aber für die Hütten im- mer noch zu gut gekleidet war. Nach einer Weile hatte er die meisten seiner Kollegen weggeschickt, weil sie zu viel Aufmerksamkeit erregten, wenn sie sich in größerer Zahl an ein und demselben Ort aufhielten. Ein Summen am Rande seiner Wahrnehmung riss ihn aus seinen Gedanken, und er konzentrierte sich wieder auf das Mädchen. Dannyl zog sich von seinem Posten zurück und trat in eine Gasse. Nachdem Rothen hastig Kontakt zu den anderen Suchern aufgenommen hatte, kam er zu dem Schluss, dass das Mädchen irgendwo unter dem Haus zu seiner Linken sein müsse. – Ich glaube, ich habe einen Eingang zu den Tunneln ge- funden, sagte Dannyl in Rothens Gedanken. Ein Belüf- tungsgitter in der Mauer, ähnlich denen, die wir schon frü-, her gesehen haben. – Näher werden wir nicht an sie herankommen, ohne uns zu verraten, ließ Rothen die anderen Sucher wissen. Wir sollten nicht länger warten. Makin und ich behalten den Vordereingang im Auge. Kiano und Yaldih, ihr beo- bachtet die Hintertür. Dannyl und Jolen werden in den Ge- heimgang eindringen. Als alle anderen ihre Positionen bezogen hatten, gab Ro- then Dannyl und Jolen das Zeichen, jetzt das ihre zu tun. Dannyl öffnete das Gitter und sandte seinen Kollegen die Bilder, die er sah. Dann stieg er durch die Öffnung und ließ sich auf den Boden des Tunnels fallen. Er schuf eine Lichtkugel und wartete, bis Lord Jolen ihm gefolgt war. Die beiden Män- ner trennten sich und verschwanden zu beiden Seiten des dunklen Korridors. Nach etwa hundert Schritten blieb Dannyl stehen und sandte sein Licht voraus. Es bewegte sich einige Meter durch den Gang, bevor es an eine Wegbiegung kam. – Ich glaube, dieser Tunnel verläuft unterhalb der Stra- ße. Ich kehre um. Einen Moment später sandte Lord Jolen das Bild einer schmalen, abwärts führenden Treppe. Er ging die Stufen hinunter und blieb jäh stehen, als ein Mann vor ihn hintrat. Der Neuankömmling starrte Jolens Lichtkugel an, dann drehte er sich um und flüchtete in einen Nebenkorridor. – Man hat uns entdeckt, warnte Jolen die anderen. – Geht weiter, antwortete Rothen., Dannyl schickte jetzt keine Bilder mehr, so dass Rothen Jolens Weg verfolgen konnte. Als er auf der untersten Treppenstufe angekommen war, schritt Jolen einen schma- len Gang entlang. Schließlich erreichte er eine Wegbie- gung, und Staub, Lärm und das Gefühl von Furcht überflu- teten Rothens Sinne. Dann war da nur noch Verwirrung, als alle Magier gleichzeitig Fragen schickten. – Sie haben den Korridor zum Einsturz gebracht. Jolen sandte das Bild einer Mauer aus Schutt und Trümmern. Dannyl war hinter mir. Ein Stich der Angst durchzuckte Rothen. Dannyl? Stille folgte, dann erklang eine schwache Gedanken- stimme. – Begraben. Warte… Ich bin frei. Nichts passiert. Geht weiter, Jolen. Sie wollten uns offensichtlich daran hindern, die Gänge von hier aus weiter zu erkunden. Geht weiter und findet sie. – Geht, wiederholte Rothen. Jolen wandte sich von den Trümmern ab und eilte weiter. Eine Glocke erklang. Sonea blickte von der Feuerstelle auf und erhob sich. Ein Paneel in der Mauer glitt zurück, und Faren trat hindurch. Er war ganz in Schwarz gekleidet, und seine verblüffenden Augen glänzten, so dass er Ähn- lichkeit mit einem gefährlichen Insekt hatte. Er lächelte sie an, dann reichte er ihr ein Päckchen, das in Stoff eingewi- ckelt war und von einer Schnur zusammengehalten wurde. »Das ist für dich.«, Sie drehte das Päckchen in den Händen. »Was ist das?« »Mach es auf«, drängte Faren sie und ließ sich auf einen der Sessel sinken. Sonea nahm ihm gegenüber Platz und zog das Band auf. Unter dem Stoff kam ein altes Buch mit ledernem Einband zum Vorschein. Etliche Blätter hatten sich aus der Bindung gelöst. Sonea sah Faren fragend an. »Ein altes Buch?« Er nickte. »Sieh dir den Titel an.« Sonea betrachtete den Einband, dann zuckte sie mit den Schultern. »Ich kann nicht lesen.« Faren blinzelte überrascht. »Natürlich.« Er schüttelte den Kopf. »Tut mir Leid, das hätte mir klar sein müssen. Es ist ein Buch über Magie. Ich habe meine Leute zu sämtlichen Pfandleihern und Hehlern geschickt, um nach etwas Derar- tigem zu suchen. Anscheinend verbrennen die Magier ihre alten Bücher, aber dem Ladenbesitzer zufolge ist dieses Buch von einem unternehmungslustigen, ungehorsamen Diener verkauft worden. Sieh hinein.« Sonea schlug den Einband auf und entdeckte ein zu- sammengefaltetes Stück Papier. Sie bemerkte sofort, dass es sich um dickes Pergament handelte. Pergament von sol- cher Qualität kostete im Allgemeinen mehr als eine Mahl- zeit für eine große Familie. Sie faltete das Blatt auseinan- der und besah sich die schwarzen Buchstaben, die sich in makellosen Reihen über die Seite zogen, dann sog sie plötzlich scharf die Luft ein. Sie hatte das Symbol ent- deckt, das in eine Ecke des Blattes gestempelt worden war. Ein Diamant mit einem »Y«, das ihn teilte – das Symbol, der Gilde. »Was ist das?«, flüsterte sie. »Eine Nachricht«, antwortete Faren. »Für dich.« »Für mich?« Sie blickte zu ihm auf. Er nickte. »Woher wussten sie, dass dieses Buch den Weg zu mir finden würde?« »Sie wussten es nicht, aber sie haben es jemandem ge- geben, von dem sie wussten, dass er in Verbindung zu den Dieben steht, und dieser Jemand hat das Schreiben weiter- geleitet.« Sie hielt ihm das Pergament hin. »Was steht dort?« Er nahm das Papier von ihr entgegen. »Hier steht: ›An die junge Lady mit magischen Kräften. Da wir nicht per- sönlich mit dir sprechen können, schicken wir dir diese Nachricht über die Diebe, in der Hoffnung, dass es ihnen möglich sein wird, dich zu erreichen. Wir möchten dir ver- sichern, dass wir nicht die Absicht haben, dir in irgendeiner Weise zu schaden. Außerdem möchten wir betonen, dass wir am Tag der Säuberung nicht die Absicht hatten, dich oder den jungen Mann zu verletzen. Sein Tod war ein tra- gischer Unfall. Wir haben einzig und allein den Wunsch, dich zu lehren, wie du deine Kräfte beherrschen kannst. Außerdem möchten wir dir die Möglichkeit anbieten, dich der Gilde anzuschließen. Wir würden dich gern in unserer Mitte willkommen heißen.‹ Dann kommt die Unterschrift: ›Lord Rothen von der Magiergilde‹.«, Sonea starrte die Botschaft ungläubig an. Die Gilde wollte sie, ein Mädchen aus den Hütten, aufnehmen? Es musste ein Trick sein, überlegte sie, ein Versuch, sie aus ihrem Versteck zu locken. Sie musste an den Magier denken, der die Zuflucht auf dem Dachboden überfallen hatte, und daran, dass er sie als Feindin der Gilde bezeich- net hatte. Er hatte nicht gewusst, dass sie zuhörte. Und sei- ne Worte entsprachen vermutlich eher der Wahrheit als das Schreiben dieses unbekannten Mannes. Faren faltete das Pergament zusammen und schob es in seine Tasche. Als Sonea sein gerissenes Lächeln sah, regte sich leichter Argwohn in ihr. Woher sollte sie wissen, ob auf dem Pergament wirklich das stand, was er ihr vorgele- sen hatte? Aber warum sollte er sich so etwas ausdenken? Er woll- te, dass sie für ihn arbeitete, nicht dass sie zu den Magiern überlief. Es sei denn, er stellte sie auf die Probe… Der Dieb zog eine Augenbraue in die Höhe. »Was hältst du davon, kleine Sonea?« »Ich glaube den Magiern nicht.« »Warum nicht?« »Sie würden niemals jemanden aus den Hütten bei sich aufnehmen.« Faren strich mit der Hand über die Armlehne seines Stuhls. »Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass sie dich tatsächlich in der Gilde aufnehmen wollen? Viele ge- wöhnliche Menschen träumen davon, Magier zu werden. Vielleicht hat die Gilde den Wunsch, sich in den Augen der, Öffentlichkeit reinzuwaschen.« Sonea schüttelte den Kopf. »Es ist ein Trick. Das Verse- hen war, dass sie den Falschen erwischt haben, nicht dass sie einen von uns getötet haben.« Faren nickte langsam. »Das sagen die meisten Zeugen. Nun, wir werden die Einladung der Gilde ausschlagen und uns jetzt wichtigeren Angelegenheiten zuwenden.« Er zeig- te auf das Buch in ihrem Schoß. »Ich weiß nicht, ob du et- was Nützliches daraus lernen kannst. Ich werde dir jeman- den schicken, der es dir vorliest. Allerdings wäre es viel- leicht sinnvoll, wenn du selbst lesen lernen würdest.« »Meine Tante hat mir ein paar Buchstaben beigebracht«, erklärte Sonea, während sie in den Seiten blätterte. »Aber das ist schon lange her.« Sie blickte auf. »Kann ich Jonna und Ranel bald sehen? Jonna könnte mir bestimmt das Le- sen beibringen.« Er schüttelte den Kopf. »Nicht bevor die Magier aufhö- ren –« Er legte die Stirn in Falten und lauschte. Ein leises Klingeln drang an ihre Ohren. »Was ist das?« Faren stand auf. »Warte hier«, sagte er und verschwand in der Dunkelheit hinter dem Paneel. Sonea legte das Buch beiseite und trat vor die Feuerstel- le. Wenige Augenblicke später stand Faren wieder im Raum. »Schnell«, zischte er, »folge mir – und sprich kein Wort.« Er ging an ihr vorbei, und einen Herzschlag lang starrte, Sonea ihn nur an, bevor sie ihm durch den Raum folgte. Faren zog einen kleinen Gegenstand aus einer Tasche und strich damit über die Wandvertäfelung. Als Sonea nä- her kam, sah sie, dass sich eine Verdickung im Holz vor- schob, bis sie um die Länge eines halben Fingers in den Raum hineinragte. Faren griff nach dem kleinen Holzknauf und zog daran. Ein Teil der Wand schwang nach innen. Faren griff nach Soneas Arm und zog sie in die Dunkelheit hinein. Nach- dem er den Knauf wieder in das Paneel gedrückt hatte, schloss er die Tür hinter sich. Vollkommene Finsternis umgab sie. Als Soneas Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah sie, dass die Tür in Schulterhöhe fünf winzige, nebeneinander liegende Löcher aufwies. Durch eines dieser Löcher spähte Faren jetzt. »Es gibt schnellere Methoden, den Raum zu verlassen«, erklärte er ihr, »aber da wir noch genug Zeit hatten, hielt ich es für besser, die Tür zu wählen, die zu öffnen fast un- möglich ist. Sieh es dir an.« Er rückte von dem Guckloch weg. Sonea blinzelte; eine Flamme erhellte plötzlich die Dunkelheit. Faren hob eine kleine Lampe und legte die Blende vor, bis nur noch ein winziger Lichtstrahl den Korridor erhellte. Im Schein der Lampe machte er sie auf mehrere metallene Riegel und ei- nige kompliziert aussehende Vorrichtungen auf der Rück- seite der Tür aufmerksam. »Also, was ist passiert?«, fragte sie., Farens gelbe Augen funkelten in dem fahlen Licht, als er die Riegel vorlegte. »Inzwischen sucht nur noch eine Hand voll Magier nach dir. Meine Spione wissen jetzt, wie sie aussehen, sie kennen ihre Namen und die Art, wie sie vor- gehen.« Faren kicherte. »Wir haben ihnen falsche Informa- tionen zugespielt, damit sie etwas zu tun hatten. Heute ha- ben sie sich dann plötzlich ziemlich seltsam benommen. Sie sind in größerer Zahl in den Siedlungen erschienen als normalerweise, und sie trugen Umhänge über ihren Roben. Sie haben überall Position bezogen, und es sah so aus, als warteten sie auf etwas. Ich weiß nicht, worauf, aber sie ha- ben immer wieder den Standort gewechselt. Und jedes Mal, wenn sie das taten, sind sie diesem Haus ein wenig näher gekommen. Und gerade eben hat Ceryni mir gesagt, er glaube, die Magier seien dir auf die Spur gekommen. Seiner Meinung nach sind sie offensichtlich in der Lage, zu spüren, dass du Magie benutzt. Ich habe ihm nicht ge- glaubt, bis –« Faren hielt inne, dann erlosch der dünne Lichtstrahl sei- ner Lampe plötzlich, und Dunkelheit erfüllte den Korridor. Sonea hörte, wie der Dieb sich zur Mauer hin zurückzog. Sie trat vorsichtig vor und drückte ein Auge auf eins der kleinen Löcher. Die Tür zum Raum stand offen. Zuerst glaubte Sonea, das Versteck sei leer, dann trat plötzlich eine Gestalt aus einem der Nebenzimmer, und sie sah eine wallende, grüne Robe. »Es ist meinen Leuten gelungen, die Magier aufzuhalten,, indem sie den Gang zum Einsturz gebracht haben«, flüster- te Faren, »aber einer von ihnen ist trotzdem durchgekom- men. Hab keine Angst. Niemand schafft es durch diese Tür. Sie ist… « Er sog leise die Luft ein. Sonea blickte abermals durch das Loch und spürte, wie ihr Herz aussetz- te. Der Magier schien ihr direkt ins Gesicht zu starren. »Kann er uns hören?«, murmelte Faren. »Ich habe die Mauer viele Male erprobt.« »Vielleicht kann er die Tür sehen«, sagte Sonea. »Nein, dazu müsste er sie sehr genau untersuchen. Selbst wenn er tatsächlich nach Türen Ausschau hielte, es gibt fünf Ausgänge aus dem Raum. Warum sollte er sich gerade für diesen hier entscheiden?« Der Magier kam auf sie zu und blieb dann stehen. Er starrte das Holz an und schloss die Augen. Sonea nahm ein allzu vertrautes Gefühl wahr, das über sie hinwegstrich. Als der Magier die Augen wieder öffnete, hatte seine Mie- ne sich entspannt, und er sah direkt zu Faren hinüber. »Woher weiß er es?«, zischte Faren. »Benutzt du gerade Magie?« »Nein«, antwortete Sonea, erstaunt über die Zuversicht in ihrer Stimme. »Ich kann mich vor ihm verstecken. Du bist es. Er spürt dich.« »Mich?« Faren wandte sich von dem Loch ab und sah Sonea forschend ins Gesicht. Sonea zuckte die Achseln. »Frag mich nicht, warum.« »Kannst du mich verstecken?« Farens Stimme klang be- unruhigt. »Kannst du uns beide verstecken?«, Sonea trat einen Schritt von der Tür zurück. Konnte sie das? Was immer der Magier wahrnahm, sie konnte es nicht verstecken, solange sie es nicht selbst gefunden hatte. Sie sah Faren an, dann sah sie Faren. Es war, als hätte sie ihre Sinne ausgestreckt – nein, sie benutzte irgendeinen Sinn, der weder von den Augen noch von den Ohren gesteuert wurde. Was es auch war, sie konnte plötzlich eine Person neben sich spüren. Faren stieß einen leisen Fluch aus. »Was immer du tust, hör auf damit!«, keuchte er. Etwas strich über die Mauer. Faren wich zurück. »Er versucht, die Tür zu öffnen«, erklärte er Sonea. »Ich hatte Angst, dass er auf die Idee kommen könnte, die Mauer zu sprengen. Das verschafft uns ein wenig Zeit.« Er öffnete die Blende der Lampe und bedeutete Sonea, ihm zu folgen. Sie waren nur wenige Schritte gegangen, als ein Ge- räusch sie jäh innehalten ließ: Ein Riegel wurde zurückge- schoben. Faren drehte sich um und fluchte. Dann hob er die Lampe, bis ihr Licht auf die Mauer fiel. Ein Riegel nach dem anderen glitt zurück, scheinbar aus eigenem Antrieb. Sonea sah, wie die Zahnräder des kom- plizierten Mechanismus sich drehten, dann herrschte plötz- lich tiefe Dunkelheit um sie herum. Faren hatte die Lampe fallen lassen. »Lauf!«, stieß er hervor. »Folg mir!« Sonea legte eine Hand auf die Mauer, um nicht die Ori- entierung zu verlieren, dann rannte sie hinter Faren her. Sie war nicht mehr als zwanzig Schritte weit gelaufen, als ein, Lichtkeil an ihr vorbeischoss und ihren Schatten auf den Boden warf. Der Klang von Stiefeln hallte durch den Kor- ridor hinter ihr. Plötzlich war der Tunnel von grellem Licht erfüllt, und Soneas Schatten schrumpfte zusammen. Hitze strich über ihr Ohr, und sie prallte zurück, als eine leuchtende Licht- kugel sie einholte. Das Licht schoss an Faren vorbei und formte eine glühende Barriere vor ihnen. Faren kam schlitternd zum Stehen und wirbelte zu ihrem Verfolger herum. Sein Gesicht wirkte sehr bleich in dem weißen Licht. Als sie ihn erreicht hatte, drehte Sonea sich ebenfalls um. Eine in Roben gewandete Gestalt kam mit langen Schritten auf sie zu. Mit hämmerndem Herzen zog Sonea sich zurück, bis sie die Vibrationen und die Hitze der Barriere hinter sich spüren konnte. Faren stieß ein Knurren aus, dann ballte er die Fäuste und rannte den Gang zurück, direkt auf den Magier zu. In ihrer Überraschung konnte Sonea ihm nur hinterherstarren. »Du da!« Faren zeigte mit dem Finger auf den Magier. »Wofür hältst du dich? Das hier ist mein Territorium. Du hast kein Recht, hier einzudringen!« Seine Stimme hallte durch den Gang. Der Magier ver- langsamte seinen Schritt und musterte den Dieb mit wach- samem Blick. »Das Gesetz gestattet uns, hinzugehen, wo immer wir hingehen müssen«, erklärte der Magier. »Das Gesetz besagt außerdem, dass Ihr weder Menschen noch deren Besitz Schaden zufügen dürft«, gab Faren zu-, rück. »Meiner Meinung nach habt Ihr während der letzten Wochen nur allzu oft gegen beide Gebote verstoßen.« Der Magier blieb stehen und hob beschwichtigend die Hände. »Es war nicht unsere Absicht, diesen Jungen zu töten. Es war ein Versehen.« Der Magier sah Sonea an, und ein kal- ter Schauer lief ihr den Rücken hinab. »Es gibt viele Dinge, die wir dir erklären müssen. Wir müssen dich lehren, wie du deine Kräfte kontrollieren kannst –« »Habt Ihr es immer noch nicht verstanden?«, zischte Fa- ren. »Sie möchte keine Magierin werden. Sie will nichts mit Euch zu tun haben. Lasst sie einfach in Ruhe.« »Das kann ich nicht.« Der Magier schüttelte den Kopf. »Sie muss mit uns kommen –« »Nein!«, schrie Faren. Die Augen des Magiers wurden plötzlich kalt, und So- nea begann zu zittern. »Nicht, Faren!«, rief sie. »Er wird dich töten.« Faren achtete jedoch nicht auf sie, sondern breitete die Arme aus, so dass seine Hände die beiden Mauern des Tunnels berührten. »Wenn Ihr sie haben wollt«, knurrte er, »dann werdet Ihr es zuerst mit mir aufnehmen müssen.« Der Magier zögerte kurz, bevor er einen Schritt nach vorn machte und die Hände hob, so dass die Innenflächen auf Faren gerichtet waren. Ein Klirren erfüllte den Korri- dor. Dann riss der Magier die Arme hoch und verschwand., Verwirrt starrte Sonea auf den Boden, wo der Magier noch einen Augenblick zuvor gestanden hatte. Ein dunkles Quadrat war dort erschienen. Faren ließ die Hände sinken, warf den Kopf in den Na- cken und begann zu lachen. Sonea, deren Herz immer noch hämmerte, schlich zu ihm hinüber. Sie senkte den Blick und sah, dass das schwarze Quadrat ein großes Loch im Fußboden war. »W-was ist passiert?« Farens Lachen verebbte zu einem Kichern. Er streckte die Hand aus und drehte einen Ziegelstein in der Mauer. Er griff nach irgendetwas in der dunklen Öffnung und zog es, vor Anstrengung keuchend, heraus. Eine Falltür stieg lang- sam aus der Tiefe empor und schob sich dann mit einem Klicken über das Loch. Faren scharrte mit dem Fuß ein wenig Staub über die Öffnung. »Das war wirklich zu einfach«, sagte er, während er sich die Hände an einem Nasentuch abwischte. Er grinste Sonea an, dann vollführte er eine kecke kleine Verbeugung. »Wie hat dir meine Vorstellung gefallen?« Ein Lächeln umspielte Soneas Lippen. »Ich schätze, ich bin immer noch wach, und dies ist kein Traum.« »Ha!« Faren zog die Augenbrauen hoch. »Du warst von seiner Darbietung ja offensichtlich überzeugt. ›Nicht, Fa- ren! Er wird dich töten!‹«, äffte er sie mit schriller Stimme nach. Er legte sich eine Hand aufs Herz und lächelte. »Dei- ne Sorge um meine Sicherheit rührt mich zutiefst.« »Freu dich nur daran«, erwiderte sie. »Es könnte durch-, aus sein, dass dieses Gefühl nicht lange anhält.« Sie strich mit dem Fuß über die Falltür. »Wohin führt diese Tür?« Faren zuckte die Achseln. »Oh, geradewegs hinunter in eine Grube voller eiserner Dornen.« Sonea starrte ihn entgeistert an. »Du meinst… er ist tot?« »Sehr tot.« Farens Augen blitzten. Sonea sah zu Boden. Das konnte unmöglich wahr sein… Aber wenn Faren sagte, dass… Obwohl es dem Magier vielleicht gelungen sein mochte… Ihr war plötzlich übel, und sie fror. Sie hatte nie darüber nachgedacht, dass einer der Magier bei der Suche nach ihr getötet werden könnte. Verletzt vielleicht, aber doch nicht getötet. Was würde die Gilde tun, wenn sie erfuhr, dass einer der ihren den Tod gefunden hatte? »Sonea.« Faren legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Er ist nicht tot. Die Falle führt in eine Kloake. Sie ist als Fluchtweg gedacht. Wenn er da unten rauskommt, wird er schlimmer stinken als der Tarali-Fluss, aber er wird noch leben.« Sonea nickte erleichtert. »Denk doch nur daran, was er dir angetan hätte, Sonea. Eines Tages könntest du gezwungen sein, selbst zu tö- ten, um deine Freiheit zu retten.« Faren betrachtete sie ein- dringlich. »Hast du jemals darüber nachgedacht?« Ohne auf eine Antwort zu warten, machte er kehrt und besah sich die Barriere aus Licht und Wärme, die immer noch den Durchgang versperrte. Dann schüttelte er den, Kopf und ging den Korridor hinunter, zurück zu ihrem Versteck. Sonea trat nervös über die Falltür und folgte ihm. »Wir können hier nicht länger bleiben«, überlegte er laut, während er weiterging, »falls auch andere Magier ei- nen Weg ins Haus gefunden haben. Wir müssen…« Er trat näher an die Mauer heran, um sie in Augenschein zu neh- men. »Ah, da ist es.« Er berührte etwas in der Mauer. Sonea keuchte, als der Boden plötzlich unter ihr hin- wegglitt. Irgendetwas schlug hart gegen ihren Rücken, dann rutschte sie über eine steile, glatte Fläche in die Tiefe. Die Luft erwärmte sich schnell, und ein unverkennbarer Gestank schlug ihr entgegen. Dann schien sie plötzlich zu fliegen, bevor sie in feuchte Dunkelheit getaucht wurde. Wasser drang ihr in die Ohren und die Nase, aber sie hielt den Mund fest geschlossen. Sie trat mit den Beinen um sich, fand schließlich festen Grund und stieß sich an die Oberfläche des Wassers empor. Dann schlug sie gerade rechtzeitig die Augen auf, um Faren da- bei zu beobachten, wie er aus einem Tunnel geflogen kam und mit einem Klatschen in dem Becken landete. Er fuch- telte mit den Armen und tauchte schließlich fluchend neben ihr auf. »Ah!«, brüllte er. Er wischte sich über die Augen und fluchte abermals. »Die falsche Falltür!« Sonea verschränkte die Arme vor der Brust. »Also, wo ist der Magier nun wirklich gelandet?« Faren blickte auf, und ein boshaftes Schimmern trat in seine gelben Augen., »In dem Müllschacht der Bolbrauerei einige Häuser wei- ter die Straße hinunter«, murmelte er. »Wenn er da raus- kommt, wird er eine Woche lang stinken wie fermentierter Tugor-Brei.« Sonea prustete und watete dann auf den Rand des Be- ckens zu. »Und das soll schlimmer sein als dies hier?« Faren zuckte die Achseln. »Für einen Magier vermutlich schon. Nach allem, was ich höre, hassen sie dieses Zeug.« Er folgte ihr aus dem Becken, dann musterte er sie verson- nen. »Ich denke, ich bin dir ein Bad und frische Kleidung schuldig, wie?« »Weil du es um ein Haar nicht geschafft hättest, mich zu beschützen?« Sonea hob die Schultern. »Für den Augen- blick werde ich mich mit einem Bad und frischer Kleidung zufrieden geben, aber wenn du mich das nächste Mal in eine Kloake wirfst, musst du dir schon etwas Besseres aus- denken.« Er grinste. »Ich werde mal sehen, was sich da machen lässt.«, 10. Entscheidungen Obwohl der nahe Winter der Luft schneidende Kälte ver- lieh und dichte, graue Wolken am Himmel hingen, besserte sich Rothens Stimmung sofort, als er aus dem Haus trat. Heute war Freitag, der Tag, an dem alle Arbeit ruhte. Für die meisten Magier war der fünfte und letzte Tag der Wo- che ein Tag des Müßiggangs. Von den Novizen erwartete man dagegen, dass sie sich zumindest für einige Stunden ihren Studien widmeten, und die Lehrer hatten an diesem Tag ein wenig Zeit, um Rückschau auf die Unterrichts- stunden zu halten und sich für die kommende Woche vor- zubereiten. Rothen ging am Mußetag im Allgemeinen für eine Stun- de in den Gärten spazieren, bevor er in sein Quartier zu- rückkehrte, um an den Lektionen zu arbeiten. In dieser Woche gab es jedoch nichts, worauf er sich hätte vorberei- ten müssen. Da er offiziell zum Organisator der Suche er- klärt worden war, hatte ein anderer Magier seine Pflichten als Lehrer übernommen. Den größten Teil seiner Zeit verbrachte er damit, die Su-, che der Freiwilligen zu koordinieren. Es war eine anstren- gende Arbeit – für ihn und die Freiwilligen. Die letzten drei Wochen hatten sie, einschließlich der Freitage, mit der Suche verbracht. Rothen wusste, dass einige seiner Helfer ihre Arbeit niederlegen würden, wenn er weiterhin so viel Einsatz von ihnen verlangte. Daher hatte er beschlossen, die Suche für einen Tag ruhen zu lassen. Als er um eine Ecke bog, kam die Arena der Gilde in Sicht. Acht Türme erhoben sich elegant rings um den run- den Kampfplatz und bildeten ein Netzwerk für den macht- vollen Schild, der alles außerhalb des Kampffeldes vor den Kräften schützte, die während der Kriegerlektionen benutzt wurden. Vier Novizen standen auf dem Feld, aber heute stellte niemand ein Aufsehen erregendes Spektakel zur Schau. Stattdessen standen die Novizen paarweise nebeneinan- der und schwangen mit kontrollierten, genau aufeinander abgestimmten Bewegungen Schwerter. Einige Schritte von ihnen entfernt stand Fergun, das Schwert in der Hand, und beobachtete die Novizen genau. Rothen hatte Mühe, eine Aufwallung von Missbilligung zu unterdrücken. Sollten die Novizen ihre Zeit nicht besser zum Lernen nutzen, statt sich in dieser überflüssig gewor- denen Kampfkunst zu üben? Der Schwertkampf gehörte nicht zu den Studienfächern der Universität. Novizen, die diese Kunst erlernen wollten, opferten dafür ihre Freizeit. Es war ein Hobby, und Rothen wusste, dass es nur gesund für junge Leute war, ein Inte-, resse zu entwickeln, das nichts mit Magie zu tun hatte und das sie aus ihren stickigen Zimmern herausholte. Allerdings war er immer schon der Auffassung gewesen, dass Roben und Schwerter nicht gut zusammenpassten. Es gab schon zu viele Möglichkeiten, wie ein Magier einem anderen Menschen Schaden zufügen konnte. Warum sollte man dieser Liste noch eine nichtmagische Fähigkeit hinzu- fügen? Auf den Stufen, die die Arena umgaben, standen zwei Magier, die das Geschehen aufmerksam verfolgten. Rothen erkannte Ferguns Freund, Lord Kerrin, und neben ihm Lord Elben, einen Lehrer der Alchemie. Beide stammten aus dem mächtigen Haus Maron, ebenso wie Fergun selbst. Rothen lächelte. Wenn jemand der Gilde beitrat, erwartete man, dass er sich von allen Bündnissen und Feindseligkei- ten zwischen den Häusern abwandte, aber nur wenige Ma- gier befolgten dieses Gebot. Jetzt rief Fergun einen der Novizen zu sich herüber. Leh- rer und Novize grüßten einander und ließen sich dann in die Hocke sinken. Als der Novize mit blitzendem Schwert zum Angriff ansetzte, hielt Rothen den Atem an. Fergun trat vor, und seine Waffe wurde praktisch unsichtbar, so schnell ließ er sie durch die Luft wirbeln. Der Novize er- starrte. Ferguns Schwert drückte sich auf seine Brust. »Verlangt es Euch etwa, an Lord Ferguns Unterricht teilzunehmen?«, erklang eine vertraute Stimme hinter ihm. Rothen drehte sich um. »In meinem Alter, Administra- tor?« Er schüttelte den Kopf. »Und selbst wenn ich dreißig, Jahre jünger wäre, könnte ich keinen Sinn darin entde- cken.« »Wie ich höre, schärft die Kampfkunst die Reflexe, und überdies soll sie recht nützlich sein, wenn es darum geht, jemandem Disziplin und Konzentration beizubringen«, er- widerte Lorlen. »Lord Fergun findet derzeit bei vielen Ma- giern Unterstützung für diese alte Kunst, und er hat uns darum gebeten, einmal darüber nachzudenken, ob wir den Schwertkampf nicht in die Studienpläne der Universität aufnehmen wollen.« »Diese Entscheidung läge doch bei Lord Balkan, nicht wahr?« »Zum Teil. Das Oberhaupt der Krieger müsste den Hö- heren Magiern eine solche Erweiterung der Studienpläne zur Abstimmung vorlegen. Ob er das tut, liegt allein bei ihm.« Lorlen breitete die Hände aus. »Wie ich höre, habt Ihr beschlossen, den Suchern für heute freizugeben.« Rothen nickte. »Sie haben alle hart gearbeitet, manchmal bis spät in die Nacht hinein.« »Es waren anstrengende vier Wochen für Euch alle«, pflichtete Lorlen ihm bei. »Habt Ihr Fortschritte gemacht?« »Eigentlich nicht«, gab Rothen zu. »Jedenfalls nicht mehr seit der vergangenen Woche. Wann immer wir sie wahrnehmen, wechselt sie ihren Standort, bevor wir sie finden.« »Wie Dannyl es vorausgesagt hat.« »Ja, aber wir haben Ausschau nach Mustern in ihren Bewegungen gehalten. Wenn sie irgendwann zu einem frü-, heren Versteck zurückkehrt, könnten wir sie schneller auf- spüren als beim ersten Mal.« »Und was ist mit diesem Mann, der ihr geholfen hat zu fliehen? Glaubt Ihr, er war einer der Diebe?« Rothen zuckte die Achseln. »Möglicherweise. Er hat Lord Jolen beschuldigt, in sein Territorium eingedrungen zu sein, was die Vermutung nahelegt, dass er ein Dieb war. Aber mir fällt es schwer zu glauben, dass einer der Diebe ein Lonmar sein soll. Vielleicht war der Mann lediglich ein Beschützer und seine Anklage dazu gedacht, Jolen auf die Falltür zu locken.« »Dann besteht also die Möglichkeit, dass sie nichts mit den Dieben zu tun hat?« »Die Möglichkeit, ja, aber es ist unwahrscheinlich. Ich bezweifle, dass sie das Geld hat, um Beschützer zu bezah- len. Der Mann, dem Jolen in dem Tunnel begegnet ist, und die behaglichen Räume, in denen das Mädchen unterge- bracht war, lassen darauf schließen, dass jemand sich um sie kümmert. Und zwar jemand, der sowohl über die finan- ziellen Mittel als auch über die Organisation dafür ver- fügt.« »So oder so – das sind keine guten Neuigkeiten.« Lorlen seufzte und betrachtete die Novizen in der Arena. »Der König ist gar nicht glücklich über die Entwicklung der Dinge, und daran wird sich auch nichts ändern, solange wir das Mädchen nicht unter Kontrolle haben.« »Das Gleiche gilt für mich.« Lorlen nickte. Er schürzte die Lippen, dann sah er Ro-, then wieder an. »Da ist noch etwas, über das ich mit Euch reden sollte.« »Ja?« Lorlen zögerte, als wolle er seine Worte sorgfältig ab- wägen. »Lord Fergun hat den Wunsch geäußert, zu ihrem Mentor bestellt zu werden.« »Ja, ich weiß.« Lorlen zog die Augenbrauen in die Höhe. »Ihr seid un- erwartet gut informiert, Lord Rothen.« Rothen lächelte. »Unerwartet, ja. Ich habe durch Zufall davon erfahren.« »Habt Ihr immer noch die Absicht, Eurerseits den An- trag zu stellen, als Mentor für das Mädchen eingesetzt zu werden?« »Ich habe mich noch nicht entschieden. Sollte ich?« Lorlen schüttelte den Kopf. »Ich halte es nicht für nötig, dieses Problem anzugehen, bevor wir sie finden. Aber Euch ist doch klar, dass ich eine Anhörung einberufen muss, sobald wir sie haben, falls Ihr beide zu ihrem Mentor bestellt werden wollt?« »Ja, natürlich.« Rothen zögerte. »Darf ich Euch eine Frage stellen?« »Selbstverständlich«, erwiderte Lorlen. »Hat Fergun gute Argumente, um seine Forderung zu stützen?« »Vielleicht. Da er die Konsequenzen ihrer Magie zu spü- ren bekommen hat, war er, wie er behauptet, der Erste, der ihre Kräfte entdeckt hat. Ihr habt berichtet, dass Ihr das, Mädchen gesehen habt, nachdem sie ihre Kräfte eingesetzt hatte. Ferner habt Ihr erklärt, Ihr hättet ihrem Gesichtsaus- druck entnommen, dass sie die Angreiferin war, was be- deutet, dass Ihr ihre Kräfte nicht selbst gespürt habt. Es ist unklar, wie man das Gesetz in einem solchen Fall zur An- wendung bringen muss, und wenn es darum geht, ein be- stimmtes Gesetz einer bestimmten Situation anzupassen, schließt sich die Mehrheit unserer Kollegen häufig der ein- fachsten Auslegung an.« Rothen runzelte die Stirn. »Ja, da könntet Ihr Recht ha- ben.« Lorlen bedeutete Rothen, ihm zu folgen, dann ging er mit langsamen Schritten zur Arena hinüber. »Fergun ist fest entschlossen«, sagte er leise, »und er hat viele Anhän- ger, aber es gibt auch viele unter den Magiern, die sich auf Eure Seite stellen würden.« Rothen nickte seufzend. »Es ist keine einfache Entschei- dung. Wäre es Euch lieber, wenn ich keine Unruhe in die Gilde brächte, indem ich Ferguns Ansprüche anfechte? Das würde Euch weniger Scherereien machen.« »Ihr fragt mich, was mir lieber wäre?« Lorlen kicherte und sah Rothen direkt in die Augen. »Wenn Ihr es nicht tut, wer- de ich ebenso viele Scherereien haben.« Er lächelte schief, dann neigte er den Kopf. »Auf Wiedersehen, Lord Rothen.« »Auf Wiedersehen«, erwiderte Rothen. Sie hatten inzwi- schen die Treppen erreicht, die die Arena umgaben. Die Novizen hatten sich wieder zu Paaren zusammengefunden und trainierten miteinander. Rothen blieb stehen und ver-, folgte gedankenverloren das Geschehen in der Arena, wäh- rend Lorlen zu den beiden Magiern hinunterging, die den Unterricht beobachteten. Etwas in dem Blick, den Lorlen ihm zugeworfen hatte, sagte ihm, dass sich hinter den Wor- ten des Administrators noch etwas anderes verbarg. Die beiden Beobachter zuckten zusammen, als Lorlen plötzlich neben ihnen erschien. »Seid mir gegrüßt, Lord Kerrin, Lord Elben.« »Administrator.« Die beiden Männer neigten die Köpfe, dann sahen sie hastig wieder zur Arena hinüber, wo einer der Novizen einen Schrei der Überraschung ausgestoßen hatte. »Ein hervorragender Lehrer«, bemerkte Lord Elben und deutete begeistert auf die Arena. »Wir haben gerade dar- über gesprochen, dass Lord Fergun einen würdigen Mentor für dieses Mädchen aus den Hütten abgäbe. Nach ein paar Monaten seiner strengen Führung wäre sie gewiss ebenso weltgewandt und diszipliniert wie die Besten von uns.« »Lord Fergun ist ein verantwortungsbewusster Mann«, erwiderte Lorlen. »Ich wüsste keinen guten Grund, der da- gegen spräche, dass er sich intensiv um die Ausbildung eines einzelnen Novizen bemüht.« Nur dass er bisher keinerlei Interesse an diesen Dingen gezeigt hat, dachte Rothen. Schließlich wandte er sich ab und setzte seinen Spaziergang durch die Gärten fort. Es war keineswegs die Regel, dass ein Magier sich be- sonders um die Ausbildung eines Schülers kümmerte. Nur wenige Novizen wurden derart ausgezeichnet, und wenn es geschah, handelte es sich stets um einen Schüler, der her-, ausragendes Talent bewiesen hatte. Wie stark oder begabt dieses Mädchen auch sein mochte, es würde in jedem Falle Hilfe und Unterstützung brauchen, während es sich an das Leben in der Gilde gewöhnte. Indem er sich zu ihrem Men- tor bestimmen ließ, konnte er dafür sorgen, dass ihr diese Hilfe zuteil wurde. Er bezweifelte jedoch stark, dass Ferguns Beweggründe für seinen Antrag sich aus der gleichen Quelle speisten. Nach Lord Elbens Worten zu schließen, hatte Fergun die Absicht, aus dem ungebärdigen Straßenkind mit Gewalt eine unterwürfige und gehorsame Novizin zu machen. Falls er Erfolg haben sollte, würde seine Leistung ihm ein ge- wisses Maß an Lob und Bewunderung eintragen. Wie Fergun sein Ziel erreichte, würde gewiss interessant sein, da die Kräfte des Mädchens scheinbar besonders stark waren und seine eher schwach. Wenn sie es sich in den Kopf setzte, sich gegen ihn aufzulehnen, würde er sie nicht daran hindern können. Aus diesem und anderen Gründen legte man den Ma- giern im Allgemeinen nahe, keinen Schützling unter die Fittiche zu nehmen, dessen Kräfte stärker waren als die eigenen. Schwache Magier wurden daher nur sehr selten zu Mentoren ernannt. Und wenn sie sich einem Novizen mit einem geringeren magischen Potenzial, als sie selbst es be- saßen, zuwandten, lenkten sie damit lediglich Aufmerk- samkeit auf ihre eigenen Mängel – und auf die Schwäche des betreffenden Novizen. Aber bei diesem Straßenmädchen lagen die Dinge an-, ders. Niemand würde sich dafür interessieren, wenn Fergun sie durch seine eigenen Grenzen bei ihren Studien behin- derte. Soweit es die meisten seiner Kollegen betraf, konnte sie von Glück sagen, überhaupt ausgebildet zu werden. Und wenn seine Bemühungen scheiterten, wer würde Fergun dann einen Vorwurf machen? Er konnte sich stets auf ihre Herkunft berufen… und wenn er ihre Ausbildung vernachlässigte, würde ihn deswegen niemand zur Rede stellen… Rothen schüttelte den Kopf. Langsam fing er an, genau- so zu denken wie Dannyl. Fergun war bereit, dem Mäd- chen zu helfen, was durchaus eine noble Geste war. Im Gegensatz zu Rothen, der bereits der Mentor zweier Novi- zen gewesen war, konnte Fergun sich auf diese Weise ein gewisses Maß an Ruhm verschaffen – und daran war nichts auszusetzen. Zumindest schien Lorlen so zu denken. Oder vielleicht doch nicht? Was hatte Lorlen genau ge- sagt? Wenn Ihr es nicht tut, werde ich ebenso viele Schere- reien haben. Rothen kicherte leise, als ihm endlich die wahre Bedeu- tung von Lorlens Worten aufging. Wenn er Recht hatte, glaubte Lorlen, dass ihm in jedem Fall Scherereien ins Haus standen. Es würde Ärger geben, wenn er Fergun zum Mentor des Mädchens bestimmte, und es würde Ärger ge- ben, wenn es in dieser Angelegenheit zum Streit käme. Was bedeutete, dass Lorlen Rothen indirekt seine Unter- stützung zu verstehen gegeben hatte, ein seltenes Ereignis., Wie immer sagten Soneas Beschützer kein Wort, wäh- rend sie sie durch die Tunnel führten. Abgesehen von den Wochen, die sie in ihrem ersten Versteck zugebracht hatte, war sie seit der Säuberung fast ständig in Bewegung gewe- sen. Der einzige erfreuliche Unterschied zu ihrer früheren Lage war der, dass sie jetzt keine Entdeckung zu befürch- ten brauchte. Der Anführer ihrer kleinen Gruppe blieb vor einer Tür stehen und klopfte. Im Eingang erschien ein vertrautes, dunkles Gesicht. »Bleibt hier und bewacht die Tür«, befahl Faren. »Komm herein, Sonea.« Als sie den Raum betrat, hüpfte ihr Herz vor Freude, denn hinter Faren stand eine kleinere Gestalt. »Cery!« Er grinste und zog sie hastig an sich. »Wie geht es dir?« »Gut«, antwortete sie. »Und dir?« »Ich freue mich, dich wiederzusehen.« Er blickte ihr for- schend ins Gesicht. »Du siehst besser aus.« »Ich bin seit – hm, seit mehreren Tagen keinem Magier mehr begegnet«, sagte sie und sah kurz zu Faren hinüber. Der Dieb kicherte. »Anscheinend haben wir sie überlis- tet.« Der Raum war klein, aber behaglich. An der einen Seite brannte ein üppiges Feuer. Faren führte sie zu drei Stühlen hinüber. »Hast du irgendwelche Fortschritte gemacht, So- nea?« Sie zuckte leicht zusammen. »Nein, bisher nicht. Ich, versuche es immer wieder, aber es passiert nie das, was ich will.« Sie runzelte die Stirn. »Obwohl inzwischen fast im- mer irgendetwas passiert. Früher habe ich stets einige An- läufe gebraucht, bis es so weit war.« Faren lehnte sich zurück und lächelte. »Nun, das ist ein Fortschritt. Haben die Bücher dir geholfen?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich verstehe sie nicht.« »Liest der Schreiber nicht deutlich genug?« »Nein, das ist es nicht. Er macht seine Arbeit gut. Es ist nur, nun ja, es kommen zu viele fremde Wörter in dem Text vor, und manche Dinge ergeben einfach keinen Sinn.« Faren nickte. »Wenn du ein wenig mehr Zeit hättest, sie zu studieren, würdest du ihre Bedeutung vielleicht verste- hen. Ich bin immer noch auf der Suche nach weiteren Bü- chern.« Er schürzte die Lippen und betrachtete seine bei- den Gäste nachdenklich. »Außerdem gehe ich einigen Ge- rüchten nach. Man erzählt sich seit Jahren, dass ein gewis- ser Dieb sich mit einem Mann angefreundet habe, der et- was von Magie verstehe. Ich dachte immer, er habe diese Geschichte nur erfunden, um dafür zu sorgen, dass wir an- deren uns ordentlich benehmen, aber ich gehe der Sache trotzdem nach.« »Ein Magier?«, fragte Cery. Faren zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Ich bezweif- le es. Es dürfte sich wohl eher um einen Mann handeln, der einige Tricks gelernt hat und sie als Magie ausgibt. Falls er jedoch irgendwelche Kenntnisse über echte Magie besitzen sollte, könnte er uns vielleicht von Nutzen sein. Sobald ich, mehr weiß, gebe ich dir Bescheid.« Er lächelte. »Darüber hinaus habe ich keine Neuigkeiten, aber ich glaube, Cery hat dir etwas zu erzählen.« Cery nickte. »Harrin und Donia haben deinen Onkel und deine Tante gefunden.« »Wirklich?« Sonea setzte sich auf die äußerste Kante ih- res Stuhls. »Wo sind sie? Geht es ihnen gut? Haben sie ein anständiges Quartier gefunden? Hat Harrin –« Cery hob die Hände. »He! Eine Frage nach der ande- ren!« Grinsend beugte sich Sonea zu ihm hinüber. »Entschul- dige. Erzähl mir, was du weißt.« »Nun«, begann er, »anscheinend konnten sie dort, wo sie früher gelebt haben, kein Zimmer mehr bekommen, haben aber einige Straßen entfernt ein noch besseres gefunden. Ranel hat jeden Tag nach dir gesucht. Die beiden hatten gehört, dass die Magier nach einem Mädchen Ausschau halten, sind aber nicht auf die Idee gekommen, dass es sich um dich handeln könnte.« Er lachte leise. »Als Harrin Jon- na erzählte, dass du dich bei der Säuberung seiner Bande angeschlossen hast, hatte deine Tante das eine oder andere zu sagen, aber dann hat er den beiden berichtet, was du ge- tan hast. Zuerst wollten sie ihm nicht glauben. Er hat ihnen erzählt, dass wir versucht haben, dich zu verstecken, und er hat von der Belohnung gesprochen und davon, dass die Diebe dich beschützen. Harrin meint, sie wären nicht so wütend darüber gewesen, wie er es erwartet hatte – nicht nachdem er alles erklärt hatte.«, »Haben sie ihm eine Nachricht für mich mitgegeben?« »Sie lassen dir ausrichten, dass du auf dich aufpassen sollst. Außerdem sollst du dir genau überlegen, wem du vertraust.« »Dieser letzte Rat kommt bestimmt von Jonna.« Sonea lächelte wehmütig. »Ich bin sehr froh, dass sie ein Quartier gefunden haben – und dass sie jetzt wissen, dass ich ihnen nicht einfach weggelaufen bin.« »Harrin hatte Angst, dass Jonna ihm womöglich die Haut vom Leib ziehen würde, weil er dich aufgefordert hat, dich während der Säuberung uns anzuschließen. Er sagt, dass die beiden in Zukunft täglich in das Gasthaus kommen würden, um sich nach dir zu erkundigen. Soll er ihnen et- was von dir ausrichten?« »Nur dass es mir gut geht und ich in Sicherheit bin.« Sie sah Faren an. »Dürfen die beiden mich besuchen?« Faren runzelte die Stirn. »Ja, aber erst, wenn ich mich davon überzeugt habe, dass es ungefährlich ist. Es ist mög- lich – wenn auch zweifelhaft –, dass die Magier wissen, wer die beiden sind, und dass sie versuchen werden, über deinen Onkel und deine Tante an dich heranzukommen.« Sonea sog scharf die Luft ein. »Was ist, wenn die Ma- gier wissen, wer sie sind, und damit drohen, ihnen etwas anzutun, wenn ich mich nicht stelle?« Der Dieb lächelte. »Ich glaube nicht, dass sie so etwas tun würden. Gewiss nicht in der Öffentlichkeit. Wenn sie versuchen sollten, es heimlich zu tun…?« Er deutete mit dem Kopf auf Cery. »Wir würden schon einen Ausweg, finden, Sonea. Mach dir um solche Dinge keine Gedan- ken.« Cery lächelte schwach. Es überraschte Sonea, dass Faren und Cery in dieser Angelegenheit Komplizen zu sein schienen, und sie unterzog ihren Freund einer eingehenden Musterung. Seine Schultern wirkten angespannt, und wann immer er zu Faren hinüberblickte, erschien eine Falte zwi- schen seinen Brauen. Sie hatte nicht erwartet, dass er sich in Gegenwart des Diebes unbefangen geben würde, aber dennoch kam er ihr allzu nervös vor. Sie drehte sich zu dem Dieb um. »Dürfen Cery und ich uns ein wenig unterhalten?«, fragte sie. »Ich meine, al- lein?« »Natürlich.« Faren erhob sich und ging zur Tür, sah sich dann aber noch einmal um. »Cery, wenn du hier fertig bist, hätte ich eine kleine Aufgabe für dich. Nichts Dringendes. Lass dir Zeit. Und wir sehen uns dann morgen, Sonea.« »Morgen«, erwiderte sie und nickte. Als sich die Tür hinter dem Dieb schloss, wandte Sonea sich zu Cery um. »Bin ich hier wirklich in Sicherheit?«, fragte sie mit lei- ser Stimme. »Für den Augenblick ja«, sagte er. »Und später?« Er hob die Schultern. »Das hängt von deiner Magie ab.« Ein Stich der Furcht durchzuckte sie. »Was ist, wenn ich es nie lerne?« Er beugte sich vor und griff nach ihrer Hand. »Du wirst, es lernen. Du brauchst nur Übung. Wenn es so einfach wä- re, gäbe es keine Gilde, nicht wahr? Nach allem, was ich gehört habe, brauchen Novizen fünf Jahre, bevor sie so gut sind, dass man sie ›Lord‹ Soundso nennt.« »Weiß Faren das auch?« Cery nickte. »Er wird dir Zeit geben.« »Dann kann mir nichts passieren.« Er lächelte. »So ist es.« Sonea seufzte. »Was ist mit dir?« »Ich mache mich nützlich.« Sie sah ihn direkt an. »Indem du dich zu Farens Sklaven machst?« Er wandte den Blick ab. »Du brauchst nicht hierher zu kommen«, erklärte sie. »Ich bin in Sicherheit. Das hast du selbst gesagt. Geh. Geh fort, bevor sie dich endgültig am Haken haben.« Kopfschüttelnd erhob er sich und ließ ihre Hand los. »Nein, Sonea. Du brauchst einen Freund. Jemanden, dem du vertrauen kannst. Ich werde dich nicht mit den Dieben allein lassen.« »Aber du darfst dich nicht zu Farens Sklaven machen, nur damit ich einen Freund zum Reden habe. Geh zurück zu Harrin und Donia. Faren wird dir gewiss gestatten, mich ab und zu zu besuchen.« Er wandte sich der Tür zu, dann drehte er sich wieder zu Sonea um. »Ich möchte das tun, Sonea.« Seine Augen leuchteten. »Seit ich denken kann, reden die Leute, als würde ich schon lange für die Diebe arbeiten. Jetzt habe, ich die Gelegenheit, ihrem Gerede einen echten Anlass zu geben.« Sonea starrte ihn an. War es wirklich das, was er wollte? Konnte ein so netter Kerl wie Cery aus freien Stücken zu einem Dieb werden? Zu einem unbarmherzigen, geldgieri- gen Mörder? Sie wandte den Blick ab. Das war es, was Jonna von den Dieben dachte. Cery selbst hatte immer be- teuert, die Diebe trachteten ebenso danach, anderen zu hel- fen und sie zu beschützen, statt nur zu schmuggeln und zu stehlen. Sie konnte – durfte – ihn nicht daran hindern, zu tun, was er immer hatte tun wollen. Falls sich herausstellte, dass diese Arbeit seinen Hoffnungen nicht entsprach, war er klug genug, um aus dem Netz der Diebe wieder zu ent- kommen. Sie schluckte und stellte fest, dass ihre Kehle plötzlich wie zugeschnürt war. »Wenn es das ist, was du willst«, sagte sie. »Gib nur auf dich Acht.« Er zuckte die Achseln. »Das tue ich immer.« Sie lächelte. »Es wäre wunderbar, wenn du jeden Tag vorbeikommen könntest.« Er grinste. »Nichts könnte mich davon abhalten.« Das Bordell lag im dunkelsten und schmutzigsten Teil der Hüttenviertel. Wie in den meisten Fällen war die untere Etage ein Bolhaus, in den oberen Räumen arbeiteten die hübscheren Mädchen, und alle anderen Geschäfte wurden in den Ställen im hinteren Teil des Gebäudes abgewickelt., Als Cery eintrat, gingen ihm noch einmal Farens Worte durch den Kopf. »Er kennt die meisten Gesichter. Aber dich wird er nicht erkennen. Tu so, als seist du neu in dem Gewerbe. Biete ihm einen guten Preis für das, was er hat. Und bring seine Waren dann zu mir.« Als er den Raum durchquerte, machten sich mehrere der Mädchen an ihn heran. Sie wirkten blass und müde. Auf einer Seite des Schankraums verströmte ein kränkliches Feuer nur wenig Wärme. Der Wirt lümmelte sich hinter der Theke und unterhielt sich mit zwei Kunden. Cery lächelte den Mädchen zu und besah sich beide, als zöge er sie in Erwägung. Dann näherte er sich, wie Faren ihm aufgetra- gen hatte, einer dicken jungen Frau aus Elyne mit einer eintätowierten Feder an der Schulter. »Möchtest du dich ein bisschen amüsieren?«, fragte sie. »Vielleicht später«, antwortete er. »Ich habe gehört, ihr habt hier einen Raum, in dem man Leute kennen lernen kann.« Ihre Augen weiteten sich, und sie nickte hastig. »Ja, das stimmt. Oben. Die letzte Tür rechts. Ich bringe dich hin.« Sie griff nach seiner Hand und begleitete ihn die Treppe hinauf. Ihre Finger zitterten leicht, wie er feststellte. Wäh- rend er die Stufen emporstieg, blickte er nach unten. Viele der Mädchen beobachteten ihn mit furchtsamen Augen. Beunruhigt sah er sich um, bevor er den Korridor auf der oberen Etage hinunterging. Das tätowierte Mädchen ließ seine Hand los und zeigte auf die Räume am Ende des Ganges., »Es ist die letzte Tür.« Er drückte ihr eine Münze in die Hand und setzte seinen Weg fort. Nachdem er die Tür vorsichtig geöffnet hatte, spähte er hinein. Der Raum war winzig und nur mit einem kleinen Tisch und zwei Stühlen möbliert. Cery trat ein und sah sich schnell um. In die Wände waren mehrere Gucklö- cher gebohrt worden. Er vermutete, dass sich unter den ab- getretenen Simba-Matten auf dem Fußboden eine Falltür befand. Ein kleines Fenster gab den Blick auf eine Mauer und wenig sonst frei. Er öffnete das Fenster und besah sich die Mauer gegen- über. Das Bordell war ungewöhnlich still für eine derartige Einrichtung. In der Nähe wurde eine Tür geöffnet, dann näherten sich Schritte. Cery kehrte an den Tisch zurück und setzte eine wachsame Miene auf. Ein Mann erschien in der Tür. »Bist du der Hehler?«, fragte der Mann mit kehliger Stimme. Cery hob die Schultern. »Das ist meine Aufgabe.« Die Augen des Mannes zuckten in ihren Höhlen hin und her. Sein Gesicht hätte hübsch sein können, wäre es nicht so dünn gewesen und das Licht in den Augen des Mannes nicht so wild und kalt. »Ich habe etwas zu verkaufen«, sagte der Mann nun. Seine Hände, die er tief in den Taschen verborgen gehalten hatte, kamen zum Vorschein. Eine Hand war leer, in der anderen lag eine glitzernde Halskette. Cery sog scharf die Luft ein; er brauchte seine Überraschung nicht zu heu-, cheln. Ein solches Stück konnte nur einem reichen Mann oder einer reichen Frau gehört haben – falls es echt war. Cery streckte die Hand nach der Kette aus, aber der Mann riss das Schmuckstück mit einer schnellen Bewe- gung an sich. »Ich muss mich davon überzeugen, dass es keine Fäl- schung ist«, erklärte Cery. Der Mann runzelte die Stirn, und seine Augen waren hart vor Misstrauen. Er schürzte die Lippen und legte die Kette dann widerstrebend auf den Tisch. »Ansehen darfst du sie«, sagte er. »Aber nicht berüh- ren.« Cery seufzte, dann beugte er sich vor, um die Steine zu untersuchen. Er hatte keine Ahnung, wie man den Unter- schied zwischen echten und gefälschten Juwelen ermittelte – ein Mangel, den er würde beheben müssen –, aber er hat- te bisweilen Pfandleiher bei der Untersuchung von Schmuckstücken beobachtet. »Dreh sie um«, befahl er. Der Mann gehorchte. Als Cery genauer hinsah, entdeck- te er eine Gravur in dem Verschluss. »Halt sie so, dass das Licht durch die Steine fällt.« Der Mann hob die Kette mit einer Hand hoch und beo- bachtete Cery, während dieser sie mit schmalen Augen be- trachtete. »Was sagst du dazu?« »Für zehn Silbermünzen nehme ich sie.« Der Mann ließ die Hand sinken. »Sie ist mindestens, fünfzig Goldmünzen wert!« Cery schnaubte. »Wer wird dir in den Hütten fünfzig Goldstücke geben?« Die Mundwinkel des Mannes zuckten. »Zwanzig Goldstücke«, sagte er. »Fünf«, konterte Cery. »Zehn.« Cery schnitt eine Grimasse. »Sieben.« »Leg das Geld auf den Tisch.« Cery griff in seine Manteltasche, zählte die Münzen mit den Fingerspitzen ab und nahm dann die Hälfte davon her- aus. Er holte weitere Münzen aus anderen Verstecken in seiner Kleidung hervor, legte sechs Stapel von Münzen übereinander, die jeweils einem Goldstück entsprachen, und stieß dann einen vernehmlichen Seufzer aus, bevor er aus seinem Stiefel eine glänzende Goldmünze zutage för- derte. »Leg den Schmuck hin«, sagte Cery. Der Mann ließ die Kette neben das Geld auf den Tisch fallen. Als er nach den Münzen griff, streckte Cery die Hand nach der Kette aus und ließ die Juwelen in seinen Mantel gleiten. Der Mann blickte auf das kleine Vermögen in seinen Händen und grinste. »Ein guter Handel, Junge. Du wirst es weit bringen in diesem Gewerbe.« Er zog sich rückwärts aus dem Raum zurück, dann drehte er sich um und eilte davon. Cery sah dem Mann nach, wie er durch eine der anderen Türen verschwand. Als er in den Korridor hinaustrat, hörte, er ein Mädchen einen spitzen Schrei der Überraschung aus- stoßen. »Jetzt werden wir uns niemals wieder trennen«, erklang die kehlige Stimme. Als Cery an dem Raum vorbeikam, blickte er hinein. Das tätowierte Mädchen saß an einem Ende des Bettes. Mit angstgeweiteten Augen sah sie Cery an. Der Mann stand hinter ihr und betrachtete noch immer die Münzen in sei- nen Händen. Cery setzte seinen Weg fort. Als er in das Bolhaus hinunterkam, gab er sich alle Mühe, missmutig dreinzublicken. Die Mädchen, die sein Gesicht sahen, lie- ßen ihn in Ruhe. Die männlichen Kunden beobachteten ihn, aber niemand sprach ihn an. Draußen war es nur geringfügig kälter, als es in dem Haus gewesen war. Während er die Straße überquerte und in die Dunkelheit der Gasse trat, überlegte er, wie wenig Kunden das Bordell gehabt hatte, und empfand Mitleid mit den Huren, die dort arbeiteten. »Du wirkst gelangweilt, kleiner Ceryni.« Cery fuhr herum. Es dauerte beunruhigend lange, bis er den dunkelhäutigen Mann in der Finsternis ausmachen konnte. Und selbst als er Faren bereits entdeckt hatte, ver- störte es ihn zutiefst, dass er nur zwei gelbe Augen und Zähne sehen konnte, die gelegentlich aufblitzten. »Hast du bekommen, was du mir bringen solltest?« »Ja.« Cery zog die Kette aus der Tasche und hielt sie in Farens Richtung. Behandschuhte Finger strichen über sei- ne, dann war die Kette aus seiner Hand verschwunden., »Ah, das ist die richtige.« Faren seufzte und drehte sich zu dem Bordell um. »Du bist noch nicht fertig für heute Nacht. Es gibt noch etwas, das du für mich tun sollst.« »Ja?« »Ich möchte, dass du in das Bordell zurückkehrst und ihn tötest.« Ein eisiges Frösteln durchströmte Cerys Körper; genau so, glaubte er, würde es sich anfühlen, wenn man ihm mit einem Messer die Eingeweide aufschlitzte. Einen Moment lang konnte er nicht denken, dann begann sein Verstand hastig zu arbeiten. Dies war eine weitere Prüfung. Faren wollte lediglich herausfinden, wie weit er seinen neuen Mann drängen konnte. Was sollte er tun? Cery hatte keine Ahnung, was ge- schehen würde, wenn er sich weigerte. Und er wollte sich weigern. Unbedingt. Die Erkenntnis war gleichermaßen eine Erleichterung wie eine Beunruhigung für ihn. Dass er nicht töten wollte, bedeutete nicht, dass er nicht dazu im- stande wäre… Aber als er sich vorstellte, er müsse die Straße überqueren und sein Messer in die lebenswichtigen Organe eines Menschen bohren, konnte er sich mit einem Mal nicht mehr bewegen. »Warum?« Noch während er sprach, wusste er, dass er in einer Prüfung bereits gescheitert war. »Weil ich ihn tot sehen möchte«, antwortete Faren. »W-warum willst du ihn tot sehen?« »Muss ich mich dafür rechtfertigen?«, Cery nahm seinen ganzen Mut zusammen. Mal sehen, wie weit ich gehen darf. »Ja.« Faren stieß einen Laut der Erheiterung aus. »Also schön. Der Mann, mit dem du das Geschäft gemacht hast, heißt Verran. Er arbeitet von Zeit zu Zeit für einen anderen Dieb, aber bisweilen benutzt er die Dinge, die er bei dieser Arbeit erfährt, um nebenbei ein wenig Geld zu machen. Bis vor einigen Tagen hat der Dieb dieses Verhalten geduldet – bis Verran unaufgefordert in ein bestimmtes Haus eingedrun- gen ist. In das Haus eines reichen Kaufmanns, mit dem der Dieb ein Abkommen hat. Als Verran in das Haus eindrang, hielten sich die Tochter des Kaufmanns und einige Dienst- boten dort auf.« Faren hielt inne, dann stieß er ein wüten- des Zischen aus. »Der Dieb hat mir das Recht gegeben, Verran zu bestrafen. Selbst wenn das Mädchen überlebt hätte, wäre Verran jetzt ein toter Mann.« Faren richtete seine gelben Augen auf Cery. »Du wirst dich natürlich fra- gen, ob ich mir diese Geschichte nicht nur ausgedacht ha- be. Du musst dich entscheiden, ob du mir vertrauen willst oder nicht.« Cery nickte, dann sah er zu dem Bordell hinüber. Wann immer er eine Entscheidung treffen musste, ohne sich si- cher zu sein, dass er die Wahrheit kannte, verließ er sich auf seinen Instinkt. Und was sagte dieser Instinkt ihm jetzt? Er dachte an den kalten, wilden Ausdruck in den Augen des Mannes und an die Furcht im Gesicht des dicken Mäd- chens. Ja, dieser Mann war fähig, Böses zu tun. Dann dach- te er an die anderen Huren, an die Anspannung, die in der, Luft gelegen hatte, an den Mangel an Kunden. Die beiden einzigen Männer in dem Lokal hatten mit dem Besitzer ge- redet. Waren die beiden Verrans Freunde? Irgendetwas ging in diesem Haus vor. Und Faren? Cery erwog noch einmal alles, was er über den Mann in Erfahrung gebracht hatte. Er ahnte, dass der Dieb, wenn man ihn dazu trieb, gnadenlos sein konnte, aber in allen anderen Dingen hatte Faren sich stets gerecht und ehrlich gezeigt. Und als er von Verrans Verbrechen berichtet hatte, hatte unverhohlener Zorn in seiner Stimme gelegen. »Ich habe noch nie zuvor einen Menschen getötet«, ge- stand Cery. »Ich weiß.« »Ich bin mir nicht sicher, ob ich es tun kann.« »Du würdest es tun, wenn jemand Sonea bedrohte. Hab ich Recht?« »Ja, aber dies hier ist etwas anderes.« »Wirklich?« Cery betrachtete den Dieb mit schmalen Augen. Faren seufzte. »Nein, das war nicht ehrlich. So arbeite ich nicht. Ich stelle dich auf die Probe. Aber das weißt du sicher. Du brauchst diesen Mann nicht zu töten. Es kommt mir mehr darauf an, dass du lernst, mir zu vertrauen, und dass ich herausfinde, wo deine Grenzen liegen.« Cerys Herz setzte einen Schlag aus. Er hatte mit Prüfun- gen gerechnet. Aber Faren hatte ihm so viele verschiedene Aufgaben gestellt, dass Cery sich zu fragen begann, wo-, nach der Dieb eigentlich suchte. Hatte er etwas Bestimmtes mit ihm im Sinn? Vielleicht war dies eine Prüfung, der er Cery später noch einmal unterziehen würde, wenn er älter war. Wenn er au- ßerstande oder nicht willens war, zu töten, würde er viel- leicht sich selbst oder andere in Gefahr bringen, falls er tatsächlich einmal zu etwas Derartigem gezwungen wäre. Und falls diese andere Sonea wäre… Plötzlich fiel alles Zögern und alle Unentschlossenheit von ihm ab. Faren blickte seufzend zu dem Bordell hinüber. »Ich möchte diesen Mann wirklich tot sehen. Ich würde es selbst tun, nur… Ah, es spielt keine Rolle. Wir werden ihn ir- gendwann wiederfinden.« Er drehte sich um und ging eini- ge Schritte die Gasse hinunter, blieb dann jedoch stehen, als ihm klar wurde, dass Cery ihm nicht gefolgt war. »Cery?« Cery griff in seinen Mantel und zog seine Dolche heraus. Farens Blick huschte zu den Klingen, die das schwache Licht aus den Fenstern des Bordells auffingen. Er machte einen Schritt zurück. Cery lächelte. »Ich bin gleich wieder da.«, 11. Sicheres Geleit Nach einer halben Stunde wurde der Gestank des Bol bei- nahe angenehm. Es lag eine behagliche Wärme darin, die Trost versprach. Dannyl beäugte den Becher vor sich auf dem Tisch. Da er sich nur allzu gut an die Geschichten über unsau- bere Brauhäuser und Bolfässer, in denen ertrunkene Ravi schwammen, erinnerte, hatte er sich bisher nicht dazu durchringen können, von dem sirupartigen Getränk zu kos- ten. Heute Abend jedoch hatten ihn düsterere Ahnungen gequält. Wenn die Hüttenleute tatsächlich herausgefunden hatten, was er war, was würde sie dann daran hindern, Gift in seinen Becher zu geben? Seine Befürchtungen waren wahrscheinlich unbegrün- det. Er hatte seine Roben einmal mehr gegen die Gewänder eines Kaufmanns vertauscht und sorgfältig darauf geachtet, sich ein leicht schäbiges Aussehen zu geben. Die anderen Kunden hatten ihm – oder vielmehr der Geldbörse an sei- ner Hüfte – nur einen abschätzenden Blick zugeworfen und ihn anschließend ignoriert., Dennoch konnte Dannyl das Gefühl nicht abschütteln, dass jeder Mann und jede Frau in dem überfüllten Raum wussten, wer und was er war. Es waren allesamt mürrische Gesellen, gelangweilt und teilnahmslos. Sie hatten vor dem Unwetter draußen in dem Lokal Zuflucht gesucht und lun- gerten in jeder Ecke des Raumes herum. Manchmal hörte er sie das Wetter verfluchen, dann wieder schimpften sie auf die Gilde. Zu Anfang hatte ihr Gerede ihn erheitert. Offensichtlich hielten sie es für ungefährlicher, die Gilde für ihre Probleme verantwortlich zu machen als den König. Einer der Gäste, ein Mann mit einem vernarbten Gesicht, starrte beständig zu Dannyl hinüber. Dannyl drückte die Schultern durch, dann sah er sich im Raum um. Als er sich wieder umdrehte, um dem Blick des aufdringlichen Man- nes zu begegnen, entwickelte dieser ein plötzliches Interes- se an der Machart seiner Handschuhe. Bevor Dannyl sich wieder seinem Trinkbecher zuwandte, fielen ihm noch die goldbraune Hautfarbe und das breite Gesicht des Mannes auf. Er hatte in den Bolhäusern Männer und Frauen aller Rassen gesehen. Die kleinwüchsigen Elyner waren am zahlreichsten vertreten, da ihre Heimat Kyralias nächster Nachbar war. Die braunhäutigen Vindo fand man eher in den Hütten als in den übrigen Teilen der Stadt, da viele von ihnen auf der Suche nach Arbeit nach Imardin kamen. Die athletischen Lan, die in Stammesverbänden lebten, und die würdevollen Lonmar waren seltener. Dies jedoch war der erste Sachakaner, den er seit Jahren, gesehen hatte. Obwohl Sachaka direkt an Kyralia grenzte, vergällten die hohe Gebirgskette und die Wüste, die zwi- schen den beiden Ländern lagen, den Menschen die Lust am Reisen. Die wenigen Kaufleute, die die Strapazen des Weges auf sich nahmen, hatten Geschichten von barbari- schen Völkern erzählt, die in der Wüste ums Überleben kämpften, und von einer verderbten Stadt, die einem Händ- ler wenig Reizvolles zu bieten hatte. Es war nicht immer so gewesen. Viele Jahrhunderte zu- vor war Sachaka ein großes, von kultivierten Magiern be- herrschtes Reich gewesen. Ein verlorener Krieg gegen Ky- ralia und die neu gebildete Gilde hatten dem ein Ende ge- macht. Plötzlich legte ihm jemand die Hand auf die Schulter. Als er sich umdrehte, stand ein dunkelhäutiger Mann hinter ihm. Der Mann schüttelte nur kurz den Kopf, dann ging er wieder. Seufzend erhob sich Dannyl und bahnte sich einen Weg durch die Menge zur Tür hinüber. Draußen vor dem Haus trottete er durch die Pfützen, die den größten Teil der Stra- ße bedeckten. Drei Wochen waren verstrichen, seit die Gil- de das Mädchen in ihrem unterirdischen Versteck aufge- spürt und der Lonmar Lord Jolen ausgetrickst hatte. Seit- dem hatte Gorin Dannyls bitte um ein Gespräch viermal abgelehnt. Administrator Lorlen mochte nicht recht glauben, dass die Diebe das Mädchen beschützten. Dannyl verstand seine Beweggründe durchaus. Nichts beunruhigte einen König, mehr als die Existenz eines wilden Magiers in seinem Reich. Die Diebe hingegen wurden geduldet. Sie hielten den kriminellen Untergrund in Schach, und die größte Ge- fahr, die von ihnen ausging, bestand im Verlust von Steu- ern durch ihre Schmuggelgeschäfte. Selbst wenn der König sie hätte finden und vertreiben können, wusste er doch, dass andere schnell ihren Platz einnehmen würden. Aber wenn der König jenseits aller Zweifel wüsste, dass es einen wilden Magier in der Stadt gab, könnte er durch- aus willens sein, die Hüttensiedlungen dem Erdboden gleichzumachen. Dannyl fragte sich, ob den Dieben das klar war. Er hatte diese Möglichkeit bei seinen Gesprächen mit Gorin nicht erwähnt, da er nicht drohend auftreten wollte. Stattdessen hatte er den Dieb nur immer wieder vor der Gefahr ge- warnt, die das Mädchen darstellte. Als er jetzt das Ende der Gasse erreichte, eilte er über eine breitere Straße auf den schmalen Durchgang zwischen zwei Gebäuden zu. Das Gebiet, das dahinter lag, war ein einziges Labyrinth. Der Wind fuhr durch jede schmale Gasse und wimmerte wie ein hungriges Kind. Gelegentlich erstarb er vollkommen, und in einer dieser Pausen hörte Dannyl den Klang von Schritten hinter sich. Er drehte sich um. Die Gasse war verlassen. Achselzuckend ging er weiter. Seine Fantasie gaukelte ihm immer wieder vor, dass er verfolgt wurde. In der Stille zwischen seinen eigenen Schritten konnte er das Knirschen anderer Schritte hören,, und wenn er sich umdrehte, bemerkte er hier und da eine Bewegung an einer Häuserecke. Während das Gefühl sich verstärkte, wuchs Dannyls Ärger auf sich selbst. Schließ- lich blieb er an einer Ecke stehen, öffnete geschickt das Schloss einer Tür und schlüpfte in das Gebäude hinein. Zu seiner Erleichterung hielt sich niemand in dem Raum auf. Er spähte durch das Schlüsselloch und schnaubte leise, als er sah, dass die Gasse draußen immer noch verlassen dalag. Dann kam plötzlich eine Gestalt in Sicht. Er runzelte die Stirn, als er die Narben in dem breiten Gesicht des Mannes wiedererkannte. Der Sachakaner blickte sich suchend um. Direkt vor ihm blitzte etwas auf, und im nächsten Moment begriff Dannyl, dass der Mann ein Furcht erregendes Messer in der Hand hielt. Dannyl kicherte leise vor sich hin. Dein Glück, dass ich dich gehört habe, dachte er. Er fragte sich, ob er den Stra- ßenräuber angreifen und auf die nächste Wache schleppen sollte, entschied sich aber dagegen. Die Nacht senkte sich bereits über die Stadt, und Dannyl verspürte ein heftiges Verlangen nach der Wärme seines Quartiers. Der Sachaka- ner suchte den Boden ab, dann machte er auf dem Absatz kehrt. Dannyl zählte bis hundert, bevor er wieder durch die Tür schlüpfte und seinen Weg fortsetzte. Seine Befürch- tung, die Hüttenleute könnten seine wahre Identität kennen, schien unbegründet zu sein. Vom Hüttenvolk wäre nie- mand töricht genug, einen Magier mit einem bloßen Mes- ser anzugreifen., Als Cery Soneas Versteck betrat, saß sie über ein großes Buch gebeugt an einem Tisch. Sie blickte auf und lächelte. »Was macht die Magie?«, erkundigte er sich. Ihr Lächeln verschwand. »Das Übliche.« »Das Buch hilft dir nicht?« Sie schüttelte den Kopf. »Es ist jetzt fünf Wochen her, dass ich angefangen habe zu üben, aber das Einzige, was ich wirklich lerne, ist das Lesen. Ich kann Faren keine Ge- genleistung für seinen Schutz anbieten.« »Das, was du tust, lässt sich nicht beschleunigen«, erwi- derte er. Jedenfalls nicht, wenn sie immer nur einmal am Tag üben kann, fügte er in Gedanken hinzu. Seitdem sie beinahe gefangen worden wäre, lungerten, wann immer sie Magie benutzte, vor jedem von Farens Verstecken einige Magier herum, die ihn dazu zwangen, immer neue Verstecke zu suchen. Cery wusste, dass Faren überall in den Siedlungen Gefälligkeiten einforderte, die die Menschen ihm schuldeten. Außerdem wusste er, dass der Dieb eine feste Überzeugung hatte: Sonea war jede Münze und jede Gefälligkeit wert, die er auf sie verwandte. »Was brauchst du deiner Meinung nach, um deine Ma- gie beherrschen zu lernen?«, fragte er. Sie stützte das Kinn auf die Hand. »Ich brauche jeman- den, der es mir zeigt.« Sie hob eine Augenbraue. »Hat Fa- ren etwas von diesem Mann gesagt, über den er Erkundi- gungen einziehen wollte?« Cery schüttelte den Kopf. »Mir gegenüber jedenfalls nicht. Allerdings habe ich ein Gespräch mitangehört, das, nicht allzu hoffnungsvoll klang.« Sie seufzte. »Du kennst nicht zufällig irgendeinen freundlichen Magier, der bereit wäre, die Geheimnisse der Gilde an die Diebe zu verraten? Vielleicht könntest du ja einen von ihnen für mich entführen.« Cery lachte, dann brach er jäh ab, als eine Idee Gestalt annahm. »Meinst du –« »Seht!«, zischte Sonea. »Horch!« Jetzt hörte auch Cery das leise Klopfen, das aus dem Fußboden kam, und sprang auf. »Das Signal!« Cery lief zu dem Fenster hinüber, von dem aus man ei- nen Blick auf die Straße hatte, und spähte in die Schatten unter ihm. Statt des Wächters entdeckte er dort eine unver- traute Gestalt. Er warf Sonea ihren Umhang zu, der über einer Stuhllehne gelegen hatte. »Steck ihn unter dein Hemd«, befahl er ihr. »Und dann folg mir.« Er griff sich einen Eimer voll Wasser, der neben ihrem Tisch stand, und kippte seinen Inhalt auf die spärliche Glut in der Feuerstelle. Das Holz zischte, und Dampf stieg im Schornstein auf. Dann zog Cery das Gitter aus der Wand, zwängte sich hindurch und kletterte den Schornstein hin- auf, wobei er die Spitzen seiner Stiefel in die Ritzen zwi- schen den groben, heißen Ziegelsteinen stellte. »Du machst Witze«, murmelte Sonea von unten. »Mir nach«, drängte er sie. »Wir gehen über die Dä- cher.«, Mit einem leisen Fluch machte sie sich an den Aufstieg. Als die Sonne hinter den Gewitterwolken hervorkam, tauchte sie die Dächer in goldenes Licht. Cery trat in den Schatten eines Schornsteins. »Es ist so hell«, erklärte er. »Man kann uns bestimmt sehen. Ich denke, wir sollten hier bleiben, bis es dunkel wird.« Sonea ließ sich neben ihm nieder. »Sind wir weit genug entfernt?« Er drehte sich zu dem Versteck um, aus dem sie ge- kommen waren. »Ich hoffe es.« Sie sah sich um. »Wir sind auf der Hohen Straße, nicht wahr? Diese Seile und Holzbrücken – die Haltegriffe.« Als Cery nickte, lächelte sie. »Das bringt alte Erinnerungen zurück.« Der sehnsüchtige Ausdruck in ihren Augen entlockte ihm ein Grinsen. »Es scheint alles so weit zurückzuliegen.« »Das tut es auch. Meistens kann ich nicht glauben, dass wir einige dieser Dinge wirklich getan haben.« Sie schüt- telte den Kopf. »Dazu habe ich heute gar nicht mehr den Mut.« Er zuckte die Achseln. »Wir waren Kinder.« »Kinder, die sich in Häuser geschlichen und gestohlen haben.« Sie lächelte. »Weißt du noch, wie wir einmal in dem Zimmer dieser Frau standen, die so viele Perücken hatte? Du hast dich auf den Boden gelegt, und wir haben dich mit den Dingern zugedeckt. Als sie dann reinkam, hast du furchtbar gestöhnt.«, Cery lachte auf. »Schreien konnte sie, wahrhaftig.« Soneas Augen leuchteten im Licht der untergehenden Sonne. »Und ich habe mächtig Ärger gekriegt, als Jonna dahinterkam, dass ich mich nachts aus dem Haus schlich, um mich dir anzuschließen.« »Was dich allerdings nicht aufgehalten hat«, rief er ihr ins Gedächtnis. »Nein. Damals hattest du mir schon beigebracht, wie man Schlösser öffnet.« Er musterte sie eingehend. »Warum bist du dann eines Tages nicht mehr gekommen?« Sie seufzte und zog die Knie an die Brust. »Die Dinge haben sich verändert. Harrins Bande hat plötzlich angefan- gen, mich anders zu behandeln. Es war so, als sei ihnen plötzlich eingefallen, dass ich ein Mädchen war, und ich hatte das Gefühl, dass sie glaubten, ich sei aus ganz ande- ren Gründen mit ihnen zusammen. Es machte einfach kei- nen Spaß mehr.« »Ich habe dich nicht anders behandelt…« Er zögerte, dann nahm er all seinen Mut zusammen. »Aber du hattest auch keine Lust mehr, mit mir zusammen zu sein.« Sie schüttelte den Kopf. »Es lag nicht an dir, Cery. Ich denke, ich bin dieser Dinge irgendwann einfach überdrüs- sig geworden. Ich musste erwachsen werden und aufhören, mir etwas vorzumachen. Jonna hat mir immer wieder ein- geschärft, dass Ehrlichkeit etwas Kostbares sei und Stehlen falsch. Ich dachte, es könne nicht falsch sein, zu stehlen, wenn einem keine andere Wahl blieb, aber das war es, nicht, was wir getan haben. Als wir dann in die Stadt zo- gen, war ich beinahe froh darüber, denn das bedeutete, dass ich über all das nicht länger nachzudenken brauchte.« Cery nickte. Vielleicht war es tatsächlich besser gewe- sen, dass sie fortgegangen war. Die Jungen in Harrins Ban- de benahmen sich nicht immer freundlich und anständig gegenüber den Mädchen, die ihnen begegneten. »War die Arbeit in der Stadt besser?« »Ein wenig. Man kann immer noch eine Menge Schere- reien kriegen, wenn man nicht aufpasst. Am schlimmsten waren die Wachen, denn es hindert sie niemand daran, ei- nen zu schikanieren.« Stirnrunzelnd versuchte er sich vorzustellen, wie Sonea übermäßig interessierte Wachsoldaten abwehrte. Gab es denn nirgendwo Sicherheit für sie? Er wünschte, er hätte sie irgendwo hinbringen können, wo keine Wachen und keine Magier ihnen etwas anhaben konnten. »Das Buch haben wir verloren, nicht wahr?«, sagte So- nea plötzlich. Als er an den dicken Band dachte, der auf dem Tisch in dem Versteck zurückgeblieben war, fluchte Cery laut. »Aber irgendwie war es ohnehin nicht von großem Nut- zen.« In ihrer Stimme schwang kein Bedauern mit. Cery dach- te angestrengt nach. Es musste doch eine andere Möglich- keit für sie geben, die Magie zu erlernen. Dann erinnerte er sich wieder an die Idee, auf die sie ihn kurz zuvor gebracht hatte, und biss sich auf die Unterlippe., »Ich würde dich gern aus den Hütten herausbringen«, sagte er. »Es wird hier heute Nacht von Magiern nur so wimmeln.« Sie runzelte die Stirn. »Du willst mich aus den Hütten- vierteln fortbringen?« »Ja«, erwiderte er. »In der Stadt wärst du sicherer.« »In der Stadt? Glaubst du wirklich?« »Warum nicht?« Er grinste. »Das ist der letzte Ort, an dem sie suchen würden.« Sonea dachte darüber nach, dann hob sie die Schultern. »Aber wie sollen wir hineinkommen?« »Über die Hohe Straße.« »Sie wird uns nicht weiter als bis zu den Toren bringen.« Cery lächelte. »Wir brauchen sie ja nicht zu benutzen. Komm mit.« Die Äußere Stadtmauer ragte hoch über die Hüttenvier- tel hinaus. Zehn Schritte tief, wurde sie von der städtischen Garde zu jeder Zeit gut instand gehalten, obwohl viele Jahrhunderte vergangen waren, seit Imardin das letzte Mal durch eine Invasion bedroht worden war. Eine Straße ver- lief an der Außenseite und hielt die Hütten auf Abstand. Nicht weit entfernt von dieser Straße stiegen Sonea und Cery von den Dächern hinunter in eine Gasse. Cery führte Sonea am Arm zwischen Stapeln von Kisten hindurch, die einen scharfen Geruch nach jungem Holz und alten Früch- ten verströmten. Dann trat er mitten in einen solchen Stapel hinein., Cery ging in die Hocke und klopfte auf den Boden. Zu Soneas Überraschung klang das Geräusch metallisch und hohl. Der Boden bewegte sich, und eine runde Metallplatte wurde aufgestemmt. Ein breites Gesicht erschien darunter, umrahmt von einem Ring aus Dunkelheit. Die Luft um den Kopf herum verströmte einen Übelkeit erregenden Ge- stank. »Hallo, Tul«, sagte Cery. Zitternd verzog sich das Gesicht des Mannes zu einem Grinsen. »Wie geht’s denn so, Cery?« Cery grinste ebenfalls. »Gut. Möchtest du eine Schuld abarbeiten?« »Klar.« Die Augen des Mannes glänzten. »Sicheres Ge- leit?« »Für zwei Personen«, sagte Cery. Der Mann nickte und stieg wieder in die abgestandene Luft hinunter. Cery lächelte Sonea zu und zeigte auf das Loch. »Nach dir.« Sie schob einen Fuß in das Loch und stieß auf die obers- te Sprosse einer Leiter. Dann sog sie ihre Lunge noch ein letztes Mal mit halbwegs frischer und sauberer Luft voll, bevor sie langsam in die schummrige Düsternis hinabstieg. Das Geräusch von fließendem Wasser hallte in der Dun- kelheit wider, und die Luft war schwer von Feuchtigkeit. Als ihre Augen sich an die Düsternis gewöhnt hatten, sah sie, dass sie auf einem schmalen Vorsprung neben einem, unterirdischen Abwasserkanal stand. Die Decke war so niedrig, dass sie sich bücken musste. Das dicke Gesicht des Mannes, mit dem sie gesprochen hatten, gehörte zu einem umfangreichen Körper. Cery be- dankte sich und reichte dem Mann etwas, das ihm ein brei- tes Lächeln ins Gesicht trieb. Während er Tul an seinem Posten zurückließ, begleitete Cery Sonea durch den Tunnel in Richtung Stadt. Nach mehreren hundert Schritten kamen eine weitere Gestalt und eine Leiter in Sicht. Der Mann mochte früher einmal hoch- gewachsen gewesen sein, aber sein Rücken war gebeugt, als habe er sich in seinem Wachstum der Krümmung des Tunnels angepasst. Er blickte auf und beobachtete mit gro- ßen Augen, die von schweren Lidern überschattet wurden, wie Cery und Sonea sich näherten. Dann drehte der Mann sich abrupt um, um hinter sich zu blicken. Irgendwo weiter entfernt im Tunnel erklang jetzt ein schwaches Klirren. »Schnell«, flüsterte er ihnen rau zu. Cery packte Sonea am Arm und zerrte sie im Laufschritt hinter sich her. Der Mann holte etwas unter seinem Mantel hervor und klopfte mit einem alten Löffel dagegen. Das Klirren klang in dem Tunnel ohrenbetäubend. Als sie die Leiter erreichten, blieb er stehen, und sie hör- ten abermals diese schrillen Geräusche hinter sich. Der Mann stieß einen dumpfen Laut aus, dann begann er, mit den Armen zu rudern. »Hinauf! Hinauf!«, schrie er., Cery kletterte die Leiter empor. Sonea hörte ein metalli- sches Scheppern, dann erschien ein Quadrat aus Licht. Ce- ry zwängte sich hindurch und verschwand. Als Sonea ihm folgte, erklang irgendwo im Tunnel hinter ihr abermals ein Geräusch, das sie nicht zu benennen wusste. Der Bucklige bildete das Schlusslicht und zog die Leiter nach oben. Sonea sah sich um. Sie standen in einer schmalen Gasse, verborgen durch die hereinbrechende Dunkelheit. Als sie noch einmal das gleiche Geräusch aus dem Tunnel hörte, drehte sie sich um. Der Lärm wurde jetzt rasch lauter und verwandelte sich in ein tiefes Dröhnen, das plötzlich ge- dämpft wurde, als der Bucklige vorsichtig den Deckel über dem Tunnel schloss. Einen Moment später spürte sie eine schwache Vibration unter den Füßen. Cery beugte sich zu ihr hinüber, bis sein Mund über ihr Ohr strich. »Die Diebe benutzen diese Tunnel seit Jahren, um die Äußere Stadtmauer zu überwinden«, murmelte er. »Als die Stadtwache dahinterkam, hat sie angefangen, die Rohre zu fluten. Keine schlechte Idee eigentlich – auf diese Weise bleiben die Tunnel sauber. Natürlich wussten die Diebe immer im Voraus, wann die Wache eingreifen würde, und alles ging so weiter wie bisher. Woraufhin die Soldaten sich angewöhnt haben, die Rohre in unregelmäßigen Ab- ständen zu fluten.« Er bedeutete ihr, neben dem Deckel in die Hocke zu ge- hen, dann hob er ihn vorsichtig an. Nur wenige Zoll von ihrem Gesicht entfernt strömte Wasser vorbei, und das To- sen wurde beinahe ohrenbetäubend. Im nächsten Moment, hatte Cery den Deckel bereits wieder geschlossen. »Deshalb läuten sie die Glocken«, flüsterte sie. Cery nickte. »Eine Warnung.« Er wandte sich ab und drückte dem Buckligen etwas in die Hand, bevor er Sonea die Gasse hinunter zu einer dunklen Ecke führte. Aus dem Mauerwerk eines Hauses ragten genau auf der Ecke jeweils abwechselnd zu beiden Seiten die Steine etwas heraus, so dass sie darauf wie auf einer Trittleiter aufs Dach klettern konnten. Die Luft wurde langsam kälter, daher zog Sonea ihren Umhang hervor und legte ihn sich um die Schultern. »Ich hatte gehofft, wir müssten nicht so weit gehen«, murmelte Cery, »aber… « Er zuckte die Achseln. »Schöne Aussicht von hier oben, wie?« Sie nickte. Obwohl die Sonne bereits am Horizont versunken war, verströmte der Himmel immer noch ein warmes Leuchten. Die letzten Sturmwolken hingen über dem Südviertel, wanderten jetzt aber langsam gen Osten. Die Stadt breitete sich vor Sonea aus, eingehüllt in ein orangefarbenes Licht. »Von hier aus kannst du sogar einen Teil des königli- chen Palastes sehen«, bemerkte Cery. Hinter der hohen inneren Mauer ragten die Türme des Palastes auf, und man konnte eine glitzernde Kuppel er- kennen. »Dort bin ich noch nie gewesen«, flüsterte Cery. »Aber eines Tages werde ich hineingelangen.« Sonea lachte laut auf. »Du? In den Palast des Königs?« »Das ist etwas, das ich mir selbst geschworen habe«, er-, klärte er ihr, »dass ich wenigstens einmal in jedes der gro- ßen Stadtschlösser hineinkommen werde.« »Wo bist du denn bisher schon gewesen?« Er zeigte auf die Tore zum Inneren Ring. Durch den Eingang konnte Sonea die Mauern und Dächer der Villen auf der anderen Seite erkennen, die von dem gelben Schein der Straßenlaternen beleuchtet wurden. »Ich war in einigen der großen Häuser dort.« Sie schnaubte ungläubig. Bei ihren Botengängen für Jonna und Ranel hatte sie bisweilen in den Inneren Ring gehen müssen. In den Straßen patrouillierten Wachsolda- ten, die jeden befragten, der nicht kostbar gewandet war oder die Dienstbotenuniform eines der Häuser trug. Ihre Kunden dort hatten ihr ein kleines Abzeichen mitgegeben, damit man sofort sah, dass sie erlaubten Geschäften nach- ging. Und jeder ihrer Besuche im Inneren Ring hatte neue Wunder enthüllt. Sie erinnerte sich nur allzu gut an unge- wöhnliche Häuser in fantastischen Formen und Farben, einige davon mit Terrassen und Türmen, die so zierlich aussahen, als müssten sie unter ihrem eigenen Gewicht ein- stürzen. Selbst die Dienstbotenquartiere waren luxuriös gewesen. Die schlichteren Häuser, die sie jetzt umgaben, waren ihr vertrauter. Im Nordviertel lebten Kaufleute und Familien von geringerem Rang. Sie hatten nur wenige Diener und nutzten für alle anderen Belange des Lebens die Dienste der Zünftler. Im Laufe der beiden Jahre, die Tonna und, Ranel dort gearbeitet hatten, hatten sie einen festen Kun- denstamm gewonnen. In die Fenster, die sie von ihrem Platz aus sehen konnte, waren bemalte Papierblenden eingesetzt. Durch einige er- kannte sie jetzt die Schatten von Menschen. Mit einem lei- sen Seufzer dachte sie an die Kunden, die ihre Tante und ihr Onkel verloren hatten, als die Wachen sie aus dem Bleibehaus vertrieben hatten. »Wohin jetzt?« Er lächelte. »Folg mir.« Sie setzten ihren Weg über die Dächer fort. Anders als die Bewohner der Hütten kamen die Städter den Dieben nicht immer entgegen, indem sie Brücken oder Haltegriffe dort beließen, wo die Diebe sie angebracht hatten. Immer wieder mussten Cery und Sonea auf den Boden hinunter, wenn sie eine Wegbiegung erreichten. Und da in den grö- ßeren Straßen Wachsoldaten patrouillierten, mussten sie häufig warten, bis die Männer vorbeimarschiert waren, be- vor sie die Straße überqueren konnten. Nach einer Stunde legten sie eine kurze Rast ein, und als schließlich eine dünne Mondsichel über dem Horizont er- schien, gingen sie weiter. Sonea folgte Cery ohne ein Wort, denn sie musste sich in dem schwachen Licht darauf kon- zentrieren, wohin sie ihre Füße setzte. Als er endlich stehen blieb, überwältigte sie die Erschöpfung beinahe, und sie ließ sich stöhnend zu Boden sinken. »Ich hoffe, wir sind bald da«, sagte sie. »Ich bin todmü- de.« »Es ist jetzt nicht mehr weit«, beruhigte Cery sie., Sie folgte ihm über eine Mauer in einen großen, gepfleg- ten Garten. Die Bäume dort waren hoch und regelmäßig gewachsen. Er führte sie an einer Mauer entlang, die über- haupt kein Ende zu nehmen schien. »Wo sind wir?« »Du wirst es gleich sehen«, antwortete Cery. Sonea stolperte plötzlich und prallte gegen einen Baum. Wie rau seine Borke war! Sie blickte auf. Ungezählte Bäume standen wie Wächter vor ihr. In der Dunkelheit wirkten sie fremdartig und finster, ein Wald krallenbewehr- ter Arme. Ein Wald? Sie runzelte die Stirn und erschauderte dann. Es gibt keine Gärten im Nordviertel, und es gibt überhaupt nur einen einzigen Wald in Imardin… Ihr Herz begann zu rasen. Sie rannte hinter Cery her und packte ihn am Arm. »He! Was tust du?«, stieß sie hervor. »Wir sind in der Gilde!« Seine Zähne blitzten auf. »Stimmt.« Sie starrte ihn an. Er war nur eine schwarze Silhouette in dem mondbeschienenen Wald, und sie konnte seinen Ge- sichtsausdruck nicht erkennen. Ein schrecklicher Verdacht beschlich sie. Es war doch unmöglich, dass er… Er würde nicht… nicht Cery. Nein, er würde sie niemals den Ma- giern ausliefern. Er legte seine Hand auf ihre Schulter. »Keine Angst, So- nea. Denk doch einmal darüber nach. Wo sind die Magier? In den Hüttenvierteln. Also wirst du hier sicherer sein als dort.«, »Aber… haben sie denn keine Wachen?« »Ein paar an den Toren, das ist alles.« »Patrouillen?« »Nein.« »Was ist mit einer magischen Mauer?« »Nein.« Er lachte leise. »Sie glauben wahrscheinlich, dass die Menschen zu große Angst vor ihnen haben, um hier einzudringen.« »Woher weißt du, ob es eine Mauer oder Wachen in der Gilde gibt?« Er kicherte. »Ich war schon mal hier.« Sie sog scharf die Luft ein. »Warum?« »Nachdem ich beschlossen hatte, dass ich jeden Ort in der Stadt besuchen würde, bin ich hergekommen und habe ein wenig herumgeschnüffelt. Damals konnte ich gar nicht fassen, wie einfach es war. Ich habe natürlich nicht ver- sucht, in eins der Gebäude einzudringen, sondern die Ma- gier nur durch die Fenster beobachtet.« Sonea sah sein umschattetes Gesicht ungläubig an. »Du hast die Gilde ausspioniert?« »Na klar. Und es war hochinteressant. Sie haben hier ei- nige Gebäude, in denen sie die neuen Magier unterrichten, und andere, in denen sie leben. Beim letzten Mal habe ich die Heiler bei der Arbeit gesehen. Das war ein echtes Er- lebnis. Sie haben sich um einen Jungen gekümmert, dessen Gesicht von Schnittwunden übersät war. Als der Heiler ihn berührte, haben die Wunden sich einfach geschlossen. Er- staunlich.« Er hielt inne und wandte ihr das Gesicht zu., »Weißt du noch, wie du einmal gesagt hast, du wünschtest dir, jemand würde dir zeigen, wie man Magie benutzt? Wenn du sie beobachtest, siehst du vielleicht etwas, das dir beim Lernen helfen kann.« »Aber… die Gilde, Cery.« Er zuckte die Achseln. »Ich würde dich nicht hierher bringen, wenn ich glaubte, es sei wirklich gefährlich, oder?« Sonea schüttelte den Kopf. Sie fühlte sich schrecklich, weil sie an ihm gezweifelt hatte. Wenn er die Absicht ge- habt hätte, sie auszuliefern, hätte er die Magier einfach nur in ihr Versteck führen müssen. Aber er würde sie niemals verraten. Obwohl seine Erklärung absolut unglaublich war. Wenn das hier eine Falle ist, ist es ohnehin bereits um mich geschehen. Sie drängte den Gedanken mit aller Macht beiseite und konzentrierte sich stattdessen auf Cerys Vorschlag. »Glaubst du wirklich, dass wir das tun können?« »Natürlich.« »Das ist Wahnsinn, Cery.« Er lachte. »Versuch es wenigstens. Wir werden bis zur Straße gehen, und dann kannst du dich selbst davon über- zeugen, wie einfach es ist. Wenn du es nicht versuchen möchtest, kehren wir um. Aber lass uns jetzt weitergehen.« Sonea schluckte ihre Angst herunter und folgte ihm durch die Bäume. Der Wald wurde ein wenig lichter, und durch die Zweige konnte sie Mauern erkennen. Cery, der sich vorsichtig im Schatten hielt, näherte sich bis auf, zwanzig Schritte einer Straße, dann trat er hinter den Stamm eines mächtigen Baumes. Sonea eilte ihm nach und drückte sich an einen anderen Baum. Ihre Beine schienen mit einem Mal alle Kraft verlo- ren zu haben, und sie fühlte sich benommen und schwind- lig. Cery grinste, dann zeigte er auf etwas hinter den Bäu- men. Sonea blickte zu dem Gebäude vor sich auf und schnappte nach Luft., 12. Der letzte Ort, an dem sie suchen würden Das Gebäude war so hoch, dass es beinahe die Sterne zu berühren schien. An jeder Ecke ragte ein Turm auf. Zwischen den Tür- men schimmerten weiße Mauern im Mondlicht. Auf der Vorderseite wölbten sich steinerne Bögen, die sich über die gesamte Breite des Bauwerks zogen, einer über dem ande- ren, und von jedem dieser Bögen hing ein Vorhang aus Stein herab. Eine breite Treppe führte zu zwei prächtigen Portalen hinauf, die beide offen standen. »Es ist wunderschön«, wisperte Sonea. Cery lachte leise. »Ja, nicht wahr? Siehst du diese Tü- ren? Sie sind ungefähr viermal so hoch wie ein ausgewach- sener Mann.« »Sie müssen furchtbar schwer sein. Wie schließt man sie?« »Mit Magie, vermute ich.« Als eine Gestalt in blauen Roben in der Tür erschien, verkrampfte Sonea sich jäh. Der Mann hielt inne, dann ging er mit langen Schritten die Treppe hinunter und näher-, te sich einem kleineren Gebäude auf der rechten Seite. »Keine Angst. Sie können uns nicht sehen«, versicherte ihr Cery. Sonea stieß den Atem, den sie angehalten hatte, aus und riss den Blick von der fernen Gestalt los. »Was befindet sich im Innern des Gebäudes?« »Unterrichtsräume. Das ist die Universität.« Drei Fensterreihen zogen sich an der Seitenmauer des Gebäudes entlang. Die beiden unteren Reihen verschwan- den beinahe hinter den Bäumen, aber Sonea konnte ein warmes, gelbes Licht ausmachen, das durch die Blätter schien. Links von der Universität befand sich ein großer Garten. Cery zeigte auf ein Gebäude auf der gegenüberlie- genden Seite. »Dort sind die Novizen untergebracht«, erklärte er. »Auf der anderen Seite der Universität befindet sich ein ganz ähnliches Gebäude, in dem die Magier leben. Da drü- ben…« Er zeigte auf einen Rundbau, der einige hundert Schritte links von ihnen lag. »Dort verrichten die Heiler ihre Arbeit.« »Und was ist das?«, fragte Sonea und deutete mit dem Kopf auf eine Reihe gebogener Masten, die aus dem Gar- ten aufragten. Cery zuckte die Achseln. »Das weiß ich nicht«, gab er zu. »Das konnte ich nicht herausfinden.« Er zeigte auf die Straße vor ihnen. »Wenn man dort hi- nuntergeht, kommt man zu den Dienstbotenquartieren.« Er zeigte nach links, dann drehte er sich um. »Und in der, Richtung liegen die Ställe. Hinter der Universität befinden sich noch einige andere Gebäude, und vor den Quartieren der Magier liegt ein weiterer Garten. Oh, außerdem kommst du, wenn du den Hügel hinaufgehst, zu einigen Häusern, in denen ebenfalls Magier leben.« »So viele Gebäude«, flüsterte sie. »Wie viele Magier gibt es eigentlich?« »Hier leben über hundert von ihnen«, antwortete er. »Es gibt noch weitere, die nicht hier wohnen. Einige leben in der Stadt, einige draußen auf dem Land, und in anderen Ländern gibt es natürlich noch mehr von ihnen. Außerdem sind in der Gilde ungefähr zweihundert Diener unterge- bracht. Die Magier haben Mägde, Stallburschen, Köche, Schreiber, Gärtner und sogar Bauern.« »Bauern?« »In der Nähe der Dienstbotenquartiere gibt es einige Felder.« Sonea runzelte die Stirn. »Warum kaufen sie ihr Getrei- de nicht einfach?« »Ich habe gehört, dass sie alle möglichen Pflanzen an- bauen, um daraus Medizin herzustellen.« »Oh.« Sonea sah Cery beeindruckt an. »Woher weißt du so viel über die Gilde?« Er grinste. »Ich habe eine Menge Fragen gestellt, vor al- lem nachdem ich mich das letzte Mal hier umgesehen hat- te.« »Warum?« »Ich war neugierig.«, »Neugierig?« Sonea schnaubte. »Einfach nur neugie- rig?« »Jeder fragt sich, was sie hier drin tun. Du nicht?« Sonea zögerte. »Nun ja… manchmal.« »Natürlich stellst du dir Fragen. Du hast mehr Grund da- zu als die meisten anderen. Also, möchtest du ein paar Ma- gier ausspionieren?« Sonea blickte zu den Gebäuden hinauf. »Wie können wir sie beobachten, ohne gesehen zu werden?« »Der Garten führt direkt bis zu den Mauern der Gebäu- de«, erklärte Cery. »Das ganze Grundstück ist von Wegen überzogen, die kreuz und quer verlaufen, und all diese We- ge werden von Hecken zu beiden Seiten gesäumt. Zwi- schen diesen Hecken kannst du umhergehen, ohne dass dich irgendjemand sieht.« Sonea schüttelte den Kopf. »Nur du kannst auf eine so verrückte Idee kommen.« Er lächelte. »Aber du weißt, dass ich keine törichten Ri- siken eingehe.« Sie biss sich auf die Unterlippe, immer noch beschämt darüber, dass sie auf den Gedanken gekommen war, er könne sie verraten haben. Er war schon immer der Klügste in Harrins Bande gewesen. Wenn es möglich war, die Gil- de auszuspionieren, dann würde Cery wissen, wie man es machte. Sie wusste, dass sie ihn eigentlich hätte bitten müssen, sie zu Faren zurückzubringen. Wenn irgendjemand sie ent- deckte… Es war zu furchtbar, auch nur darüber nachzu-, denken. Cery musterte sie erwartungsvoll. Es wäre eine Schande, es nicht wenigstens zu versuchen, flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf, und vielleicht bekomme ich ja wirk- lich etwas Nützliches zu sehen. »Also gut.« Sie seufzte. »Wohin zuerst?« Cery grinste und zeigte auf das Gebäude der Heiler. »Wir werden in die Gärten dort unten gehen, wo die Straße im Dunkeln liegt. Folge mir.« Er huschte zurück in den Wald und bahnte sich einen Weg zwischen den Bäumen hindurch. Nach einigen hun- dert Schritten wandte er sich wieder in Richtung Straße und blieb schließlich neben einem Baum stehen. »Die Magier sind im Augenblick beim Unterricht«, murmelte er. »Und einige andere sind in ihre Quartiere ge- gangen. Wir haben Zeit, bis die Abendkurse zu Ende sind, dann werden wir uns verstecken. Fürs Erste brauchen wir nur nach Dienstboten Ausschau zu halten. Stopf dir den Umhang in dein Hemd. Er würde dir nur im Weg sein.« Sie gehorchte. Cery griff nach ihrer Hand und ging auf die Straße zu. Sonea blickte zweifelnd zu den Fenstern der Universität empor. »Was ist, wenn sie nach draußen sehen? Sie würden uns entdecken.« »Keine Sorge«, antwortete er. »In all ihren Räumen brennt helles Licht, so dass sie draußen nichts sehen kön- nen, es sei denn, sie würden direkt ans Fenster treten. Und dazu sind sie viel zu beschäftigt.« Er zog sie hinter sich her auf die andere Straßenseite., Mit angehaltenem Atem suchte sie nach Beobachtern in den Fenstern, aber niemand tauchte auf. Als sie in die Dunkelheit des Gartens kamen, stieß sie einen Seufzer der Erleichterung aus. Im nächsten Moment ließ Cery sich auf den Bauch fallen und schlängelte sich durch eine Hecke. Sonea tat es ihm gleich, bis sie kurz darauf unter dichtem Blätterwerk hock- te. »Die Hecke ist ein wenig gewachsen, seit ich das letzte Mal hier war«, murmelte Cery. »Wir werden hindurchkrie- chen müssen.« Auf Händen und Knien bewegten sie sich vorwärts, durch einen dichten Tunnel aus Pflanzen. Etwa alle zwan- zig Schritte mussten sie sich an einem Baumstamm vorbei- zwängen. Nachdem sie auf diese Weise mehrere hundert Schritt zurückgelegt hatten, hielt Cery inne. »Wir befinden uns jetzt direkt vor dem Gebäude der Heiler«, erklärte er. »Wir überqueren einen Weg, dann ver- stecken wir uns zwischen den Bäumen vor einer der Mau- ern. Ich gehe vor. Du wirst dich zuerst davon überzeugen, dass die Luft rein ist, dann folgst du mir.« Wieder legte er sich bäuchlings auf den Boden, schob sich durch die Hecke und verschwand. Durch die Lücke, die er dabei geschaffen hatte, spähte Sonea auf die andere Seite hinüber. Entlang der Hecke verlief ein Fußweg. Es war niemand zu sehen, daher eilte sie Cery hinterher. Als sie ihn erreichte, saß er, mit dem Rücken an einen Baumstamm gelehnt, gegenüber einer hohen Mauer., »Glaubst du, du kannst da raufklettern?«, fragte Cery leise und klopfte auf die Mauer. »Du musst in den zweiten Stock hinauf. Dort findet der Unterricht statt.« Sonea besah sich die Mauer, die aus großen Ziegeln be- stand. Der Mörtel in den Fugen war bereits alt und krüme- lig. Zwei Mauervorsprünge verliefen rund um das Gebäude und bildeten die Simse der Fenster. Sobald sie eins der Fenster erreicht hätte, würde sie sich auf den Mauervor- sprung hocken können, während sie hineinspähte. »Kein Problem«, flüsterte sie. Cerys Augen wurden schmal, dann begann er, in seinen Taschen zu kramen. Schließlich förderte er einen kleinen Krug zutage, schraubte ihn auf und machte sich daran, So- nea eine dunkle Paste aufs Gesicht zu schmieren. »So. Jetzt siehst du genauso aus wie Faren.« Er grinste, dann wurde er wieder ernst. »Halt dich im Schutz der Bäume. Wenn ich jemanden kommen sehe, schreie ich wie ein Mullook. Dann bleibst du, wo du bist, und verhältst dich mucksmäuschenstill. « Sonea nickte, wandte sich der Mauer zu und schob vor- sichtig die Zehen in eine Ritze. Die Finger grub sie in den brüchigen Mörtel, dann tastete sie nach der nächsten Stelle, an der sie den Fuß aufsetzen konnte. Schon bald klammerte sie sich an die Mauer; ihre Füße befanden sich jetzt auf derselben Höhe wie Cerys Kopf. Als sie zu ihm hinunter- blickte, grinste er, und sie sah kurz das Aufblitzen seiner Zähne. Ihre Muskeln protestierten, als sie sich weiter hochzog,, aber sie hielt erst inne, nachdem sie den zweiten Mauervor- sprung erreicht hatte. Dort nahm sie sich ein wenig Zeit, um wieder zu Atem zu kommen, dann wandte sie sich dem Fenster in ihrer unmittelbaren Nähe zu. Es hatte die Höhe einer Tür und vier große Glasschei- ben. Vorsichtig schob sie sich weiter den Mauervorsprung hinunter, bis sie in den Raum dahinter sehen konnte. Eine große Gruppe in braune Roben gewandeter Magier saß dort, und alle betrachteten aufmerksam etwas in der gegenüberliegenden Ecke. Sonea zögerte, denn sie hatte Angst, dass einer aufblicken und sie sehen würde, aber niemand wandte sich in ihre Richtung. Mit hämmerndem Herzen stahl sie sich weiter vor, bis sie erkennen konnte, was die Aufmerksamkeit der Magier fesselte. Ein Mann in einer dunkelgrünen Robe stand dort. Er hielt einen geschnitzten Arm in Händen, in den farbige Li- nien und Wörter eingezeichnet waren. Mit einem kurzen Holzstock zeigte der Magier auf die verschiedenen Wörter. Eine Woge der Erregung überschwemmte Sonea. Die Stimme des Magiers wurde durch das Glas etwas ge- dämpft, aber wenn sie genau hinhörte, konnte sie ihn trotz- dem verstehen. Und dann stieg eine vertraute Frustration in ihr auf. Ein großer Teil des Vortrags bestand aus fremden Wörtern und Ausdrücken. Was sie hörte, ergab genauso viel Sinn, als würde sie einer unbekannten Sprache lauschen. Sie wollte gerade dem Brennen in ihren Fingern nachgeben und zu Cery zurückkehren, als der Sprecher sich umdrehte und, laut rief: »Bringt Jenia herein.« Die Novizen wandten sich der offenen Tür zu. Eine jun- ge Frau trat in den Raum, begleitet von einem alten Diener. Ihr Arm war bandagiert und hing in einer Schlinge, die am Hals verknotet war. Die Frau lächelte breit und lachte dann über etwas, das einer der Novizen sagte. Ein strenger Blick des Lehrers brachte die Klasse zum Schweigen. »Jenia hat sich heute Nachmittag bei einem Sturz vom Pferd den Arm gebrochen«, erklärte der Magier. Er bedeu- tete der jungen Frau, auf einem Stuhl Platz zu nehmen. Als er sich daranmachte, ihre Verbände abzuwickeln, ver- schwand das Lächeln aus ihrem Gesicht. Der Unterarm, der unter den Verbänden zum Vorschein kam, war geschwollen und voller blauer Flecken. Der Leh- rer wählte zwei Novizen aus der Klasse aus. Die beiden strichen vorsichtig mit den Fingern über den verletzten Arm, traten dann zurück und äußerten ihre Meinung zu den Verletzungen. Der Lehrer nickte zufrieden. »Also.« Er hob die Stimme und sprach nun wieder die ganze Klasse an. »Als Erstes müssen wir dafür sorgen, dass sie keine Schmerzen mehr hat.« Auf ein Zeichen des Lehrers griff einer der Novizen nach der Hand der Frau. Er schloss die Augen, und einen Moment lang senkte sich Stille über den Raum. Ein Aus- druck der Erleichterung zeigte sich auf dem Gesicht der Frau. Der Novize ließ sie los und nickte dem Lehrer zu. »Es ist immer besser, dem Körper die Möglichkeit zu, geben, sich selbst zu heilen«, fuhr der Magier fort, »aber wir können die Heilung bis zu dem Punkt beschleunigen, an dem die Knochen wieder zusammentreffen und die Schwellung abklingt.« Jetzt ließ der andere Novize langsam die Hand über den Arm der Frau gleiten. Unter seiner Berührung verblassten die Prellungen. Als der Junge sich abwandte, lächelte die Frau wieder und bewegte zaghaft die Finger. Der Lehrer untersuchte ihren Arm, dann legte er die Schlinge wieder an, was der Frau offenkundig missfiel. Schließlich ermahnte er sie mit strengen Worten, den Arm zwei Wochen lang nicht zu benutzen. Einer der Novizen machte eine Bemerkung, und die übrigen lachten. Sonea wandte sich von dem Fenster ab. Sie hatte soeben mitangesehen, wie die legendären Heilkräfte der Magier ihre Wirkung taten, etwas, das nur wenige Hüttenleute von sich behaupten konnten. Es war genauso beeindruckend, wie sie es sich vorgestellt hatte. Aber sie hatte nichts darüber erfahren, wie sie diese Wunder bewerkstelligten. Das muss eine Klasse für fortgeschrittene Novizen sein, überlegte sie. Anfänger hätten nicht gewusst, wie sie eine solche Verletzung behandeln mussten. Wenn sie eine An- fängerklasse fand, würde sie vielleicht größeren Nutzen daraus ziehen können. Sie kletterte wieder hinunter. Als sie die Füße auf den Boden setzte, griff Cery nach ihrem Arm. »Hast du eine Heilung gesehen?«, flüsterte er., Sie nickte. Cery grinste übers ganze Gesicht. »Ich hab dir doch ge- sagt, dass es einfach ist, stimmt’s?« »Für dich vielleicht«, erwiderte sie und massierte ihre Hände. »Ich bin aus der Übung.« Sie ging zum nächsten Baum weiter, zwang ihre müden Finger, einen Ziegelstein zu ergreifen, und zog sich wieder nach oben. Der Lehrer im nächsten Klassenzimmer war eine Frau, und auch sie trug grüne Roben. Sie sagte nichts, sondern beobachtete schweigend ihre Novizen, die sich über ihre Pulte beugten und hektisch auf große Bögen Papier schrie- ben oder in abgenutzten, in Leder gebundenen Büchern blätterten. Sonea, deren Arme immer heftiger schmerzten, kehrte zu Cery zurück. »Nun?«, fragte er. Sie schüttelte den Kopf. »Nichts Interessantes.« Der Blick durch das nächste Fenster gab eine Klasse von Novizen frei, die in kleinen Krügen Flüssigkeiten, getrock- nete Pulver und Pasten mischten. Durch das Fenster danach konnte sie nur einen einzigen jungen Mann in grünen Ro- ben sehen, dessen Kopf auf den aufgeschlagenen Seiten seines Buches lag, während er vor sich hin döste. »In den übrigen Räumen brennt kein Licht«, bemerkte Cery, als sie wieder auf dem Erdboden angekommen war. »Ich schätze, mehr wirst du hier nicht zu sehen bekom- men.« Er drehte sich um und zeigte auf die Universität. »Da drüben liegen noch mehr Klassenzimmer.« Sie nickte. »Dann lass uns gehen.« Wieder zwängten sie sich durch die Hecke, überquerten, eilig den Fußweg und verschwanden in dem Blätterwerk auf der anderen Seite. Als sie sich mitten in dem Garten befanden, blieb Cery stehen und deutete auf eine Lücke in der Hecke. Sonea stellte fest, dass sie bei den seltsamen Masten an- gelangt waren, die sie schon zuvor gesehen hatten. Die Masten bogen sich nach innen, als verneigten sie sich vor- einander, und nach oben hin liefen sie spitz zu. Sie waren gleichmäßig um einen großen, runden Steinbrocken ange- ordnet, der in den Boden eingelassen war. Sonea schauderte. Eine vage vertraute Vibration besu- delte die Luft um sie herum. Beunruhigt legte sie Cery eine Hand auf die Schulter. »Ich möchte hier nicht bleiben.« Cery nickte, warf noch einen letzten Blick auf die hohen Masten und setzte seinen Weg dann fort. Sie überquerten zwei weitere Pfade, bevor sie schließlich zu der Mauer der Universität kamen. Cery ließ die Hand über den Stein gleiten. »An dieser Mauer wirst du nicht hochklettern können«, flüsterte er ihr zu. »Aber es gibt auch im Erdgeschoss reichlich Fenster.« Sonea berührte die Mauer. Der Stein war fein gemasert, aber sie konnte nirgendwo Risse oder Fugen ausmachen. Es war, als sei das ganze Gebäude aus einem einzigen rie- sigen Steinquader gehauen worden. Cery war inzwischen hinter einen Baum getreten und verschränkte die Finger. Sonea erhob sich und stellte einen, Fuß in seine Hände. Dann zog sie sich hinauf und spähte über das Fenstersims in den Raum dahinter. Ein Mann in purpurfarbenen Roben schrieb mit einem Stück Kohle auf eine Tafel. Der Klang seiner Stimme weh- te zu ihr herüber, aber sie konnte nicht verstehen, was er sagte. Die Zeichnungen an der Tafel waren ebenso unbe- greiflich wie die Worte des Heilers. Ein Stich der Enttäu- schung durchzuckte Sonea, dann bedeutete sie Cery, sie hinunterzulassen. Sie schlichen an dem Gebäude entlang bis zum nächsten Fenster. Die Szene, die sich dort entfaltete, war ebenso rät- selhaft wie die erste. Die Novizen saßen stocksteif auf ih- ren Stühlen und hielten die Augen geschlossen. Hinter je- dem Novizen stand ein anderer, der die Hände auf die Schläfen seines Kameraden drückte. Der Lehrer, ein streng aussehender Mann in roten Roben, beobachtete sie schwei- gend. Sonea wollte sich gerade abwenden, als der Mann plötz- lich zu sprechen begann. »Löst euch jetzt.« Sein Tonfall war unerwartet sanft für einen Mann mit so harten Gesichtszügen. Die Novizen schlugen die Augen auf. Diejenigen, die gestanden hatten, rieben sich die Schläfen und schnitten eine Grimasse. »Wie ihr festgestellt habt, ist es unmöglich, in den Geist eines anderen zu sehen, wenn dieser euch nicht dazu auf- fordert«, erklärte der Lehrer ihnen. »Nun, es ist nicht wirk- lich unmöglich, wie unser Hoher Lord bewiesen hat, aber gewöhnliche Magier wie ihr oder ich sind dazu nicht ein-, mal ansatzweise in der Lage.« Sein Blick wanderte kurz zum Fenster hinüber, und So- nea zog sich hastig zurück. Cery ließ sie hinunter, und sie ging unter dem Fenstersims in die Hocke, presste sich mit dem Rücken an die Mauer und bedeutete Cery, es ihr gleichzutun. »Hat man dich gesehen?«, flüsterte Cery. Sonea legte sich eine Hand aufs Herz, das heftig häm- merte. »Ich bin mir nicht sicher.« Lief der Magier viel- leicht gerade eben durch die Universität, um in den Gärten nach ihnen zu suchen? Oder stand er am Fenster und warte- te darauf, dass sie unter dem Sims hervorkamen? Sie schluckte mit trockenem Mund. Dann drehte sie sich zu Cery um, um ihm nahezulegen, durch den Wald zurück- zulaufen, hielt jedoch plötzlich inne. In dem Raum hinter ihr war wieder die gedämpfte Stimme des Lehrers zu hö- ren. Sie schloss die Augen und seufzte vor Erleichterung. Cery beugte sich vor und spähte vorsichtig zu dem Fens- ter hinauf. Er sah sie an und zuckte die Achseln. »Wollen wir weiter?« Sonea holte tief Luft und nickte. Sie erhoben sich, gin- gen an dem Gebäude entlang und blieben unter dem nächs- ten Fenster stehen. Cery legte erneut die Hände zusammen und hob Sonea hoch. Als sie durch das Fenster spähte, konnte sie schnelle Bewegungen ausmachen. Voller Staunen betrachtete sie das Bild, das sich ihr bot. Mehrere Novizen rannten kreuz und quer durch den Raum und taten ihr Bestes, um einem, winzigen Lichtpunkt auszuweichen, der um sie herumflog. Auf einem Stuhl in einer Ecke stand ein rotgewandeter Magier und verfolgte mit ausgestreckter Hand die Bewe- gungen des Lichts. Plötzlich schrie er die Novizen an: »Bleibt stehen! Lasst euch nicht in die Enge treiben!« Vier der Novizen standen bereits reglos da. Wenn der leuchtende Funke sie fast erreicht hatte, wurde er wie von unsichtbarer Hand beiseite geschleudert. Nach und nach folgten auch andere Novizen dem Beispiel ihrer Mitschü- ler, aber der Funke war schnell. Einige der weniger begab- ten jungen Leute hatten winzige rote Flecken auf dem Ge- sicht und auf den Armen. Plötzlich erlosch der Funke. Der Lehrer sprang leichtfü- ßig vom Stuhl. Die Novizen entspannten sich und grinsten einander an. Sonea, die Angst hatte, sie könnten in ihre Richtung sehen, ließ sich zu Boden fallen. Am nächsten Fenster beobachtete sie einen rotgewande- ten Magier, der seiner Klasse ein seltsames Experiment mit farbigen Flüssigkeiten vorführte. In einem anderen Raum arbeitete eine Gruppe von Novizen mit schwebenden Ku- geln aus geschmolzenem Glas, die sie zu raffinierten, leuchtenden Skulpturen formten. In der nächsten Klasse hielt ein freundlich aussehender Mann in roten Roben ei- nen Vortrag darüber, wie man Feuer machte. Plötzlich hallte ein dunkler Glockenton durch die Gilde. Der Magier blickte überrascht auf, und die Novizen erho- ben sich von ihren Stühlen. Sonea zog sich hastig von dem Fenster zurück., Cery ließ sie auf den Boden nieder. »Diese Glocke be- endet die Unterrichtsstunden«, erklärte er ihr. »Wir werden uns jetzt ganz still verhalten. Die Magier verlassen gleich die Universität und gehen in ihre Quartiere.« Sie kauerten sich hinter einen Baumstamm. Minutenlang blieb alles still, dann hörte Sonea den Klang von Schritten auf der anderen Seite der Hecke. »… ein langer Tag«, bemerkte eine Frau. »Seit dieser Winterhusten grassiert, können wir uns vor Arbeit kaum retten. Ich hoffe, die Suche nimmt bald ein Ende.« »Ja«, stimmte eine zweite Frau ihr zu. »Aber der Admi- nistrator ist vernünftig. Er hat den größten Teil der Arbeit den Kriegern und Alchimisten übertragen.« »Das stimmt«, antwortete die erste Frau. »Aber jetzt er- zähl mal. Wie geht es Makins Frau? Sie muss inzwischen doch über den achten Monat hinaus sein… « Die Stimmen der Frauen entfernten sich, und an ihre Stelle trat jungenhaftes Gelächter. »… hat dich ganz schön überlistet. Er hat dich ja prak- tisch verprügelt, Kamo!« »Es war nur ein Trick, mehr nicht«, erwiderte ein Junge mit starkem vinischen Akzent. »Ein zweites Mal wird er damit nicht durchkommen.« »Ha!« rief ein dritter Junge. »Das war das zweite Mal!« Die Jungen brachen in Gelächter aus, aber im nächsten Moment konnte Sonea Schritte hören, die sich von links näherten. Sofort verfielen die Jungen in Schweigen. »Lord Sarrin«, murmelten sie respektvoll, als die Schrit-, te sie erreicht hatten. Als der Magier weitergegangen war, fuhren die Jungen fort, einander zu necken. Dann waren sie schließlich außer Hörweite. Mehrere weitere Gruppen von Magiern gingen an ihrem Versteck vorbei. Die meisten schwiegen. Allmählich ver- ebbte das Hin und Her. Als Cery den Kopf durch die Hecke schob, um auf den Fußweg zu blicken, hatten sie sich fast eine Stunde lang dort verborgen gehalten. »Wir machen uns jetzt wieder auf den Weg in Richtung Wald«, erklärte er. »Der Unterricht ist für heute beendet, und es gibt hier nichts mehr für dich zu sehen.« Sie folgte ihm über den Fußweg und in die nächste He- cke. Langsam bewegten sie sich durch den Garten und lie- fen dann quer über die Straße in den Wald hinein. Dort hockte Cery sich unter einen Baum und grinste So- nea mit vor Erregung glänzenden Augen an. »Das war ein- fach, wie?« Sonea drehte sich noch einmal nach der Gilde um, und ein Lächeln breitete sich auf ihren Zügen aus. »Ja!« »Siehst du. Überleg doch nur: Während die Magier rings um die Stadt Jagd auf dich machen, haben wir auf ihrem Territorium herumgeschnüffelt.« Sie kicherten leise, dann atmete Sonea tief durch und seufzte. »Ich bin froh, dass wir hier fertig sind«, gestand sie. »Können wir jetzt zurückgehen?« Cery schürzte die Lippen. »Wo wir schon mal hier sind, möchte ich noch etwas anderes ausprobieren.« Sonea beäugte ihn argwöhnisch. »Was?«, Ohne auf ihre Frage zu antworten, erhob er sich und bahnte sich abermals einen Weg zwischen den Bäumen hindurch. Sonea zögerte, dann lief sie hinter ihm her. Als sie tiefer in den Wald vordrangen, wurde es dunkler um sie herum, und mehrmals stolperte Sonea über verborgene Wurzeln und Zweige. Cery wandte sich nach rechts, und als sie plötzlich festeren Grund unter den Füßen spürte, wurde ihr klar, dass sie sich wieder auf der Straße befan- den. Von dort aus stieg der Boden langsam an. Nach mehre- ren hundert Schritten überquerten sie einen schmalen Fuß- weg, und der Hang wurde steiler. Cery blieb stehen. »Sieh nur.« Durch die Baumstämme konnte man jetzt ein langge- strecktes, zweigeschossiges Gebäude erkennen. »Die Quartiere der Novizen«, erklärte Cery. »Wir befin- den uns hinter dem Gebäude. Von hier aus kannst du hin- einschauen.« Durch eins der Fenster konnte sie einen Teil eines Rau- mes erkennen. An einer der Wände stand ein einfaches, stabiles Bett und gegenüber ein schmaler Tisch mit einem Stuhl davor. In der Nähe der Tür hingen an zwei Haken braune Roben. »Nicht gerade der Inbegriff von Luxus.« Cery nickte. »Die Quartiere sind alle so.« »Aber die Magier sind doch reich, oder?« »Ich vermute, dass sie sich erst nach dem Abschluss ih- rer Ausbildung ihre eigenen Sachen aussuchen dürfen.«, »Wie sind denn die Quartiere der Magier?« »Prächtig.« Seine Augen leuchteten. »Willst du sie se- hen?« Sonea nickte. »Dann komm mit.« Er ging tiefer in den Wald hinein und weiter hügelauf- wärts. Als sie sich einmal mehr dem Waldrand näherten, stellte Sonea fest, dass jenseits der Universität mehrere Gebäude und ein großer, gepflasterter Innenhof lagen. Eins der Bauwerke schmiegte sich wie eine lange Treppe an den Hügel, und es schimmerte, als bestünde es zur Gänze aus geschmolzenem Glas. Ein anderes sah aus wie eine riesige Schale, glatt und weiß. Der gesamte Bereich wurde erhellt von zwei Reihen großer, runder Lampen, die auf hohen Eisenpfosten ruhten. »Wozu dienen all diese Gebäude?«, wollte Sonea wis- sen. Cery blieb stehen. »Ich bin mir nicht sicher. Ich denke, in dem gläsernen befinden sich die Bäder. Die anderen…?« Er zuckte die Achseln. »Das konnte ich nicht in Erfahrung bringen.« Er lief weiter durch den Wald. Als wieder Gebäude in Sicht kamen, hatten sie den Innenhof hinter sich gelassen und befanden sich bereits in der Nähe der Magierquartiere. Cery verschränkte die Arme vor der Brust und runzelte die Stirn. »Sie haben alle Blenden vor den Fenstern«, sagte er. »Hm, vielleicht sehen wir ja mehr, wenn wir um das Ge-, bäude herumgehen.« Wieder kehrten sie in den Schutz der Bäume zurück, und Sonea taten bereits die Beine weh. Obwohl der Wald hier dichter an das Gebäude heranreichte, konnte sie durch das offene Fenster, auf das Cery sie aufmerksam gemacht hat- te, nur einen flüchtigen Blick auf einige Möbelstücke erha- schen. Inzwischen hatte ihre Müdigkeit die Oberhand über die Neugier gewonnen, und sie ließ sich zu Boden sinken. »Ich weiß nicht, wie ich es zurück in die Hüttenviertel schaffen soll«, stöhnte sie. »Meine Beine weigern sich, auch nur einen einzigen weiteren Schritt zu machen.« Cery hockte sich grinsend neben sie. »Du bist in den letzten Jahren wirklich ganz schön verweichlicht.« Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Er kicherte und drehte sich wieder zu den Gebäuden um. »Setz dich hin und ruh dich ein Weilchen aus«, sagte er, während er selbst wieder aufstand. »Ich möchte hier noch etwas erledigen. Es wird nicht lange dauern.« Sonea zog die Brauen hoch. »Wohin gehst du?« »Ich will näher heran. Mach dir keine Sorgen. Ich bin gleich wieder da.« Er wandte sich um und verschwand in der Dunkelheit. Zu müde, um sich über sein Verhalten zu ärgern, be- trachtete Sonea den Wald. Zwischen den Baumstämmen konnte sie etwas Flaches, Graues ausmachen. Als ihr mit einem Mal klar wurde, dass sie sich keine vierzig Schritte von einem kleinen, zweistöckigen Gebäude entfernt be- fand, blinzelte sie überrascht. Sie stand auf, um sich näher, an das Gebäude heranzuschleichen. Erstaunlich, dass Cery sie nicht darauf aufmerksam gemacht hatte, dachte sie. Vielleicht hatte er es nicht bemerkt. Es war aus einem an- deren, dunkleren Stein errichtet als die übrigen Gebäude der Gilde, und im Schatten der Bäume war es beinahe un- sichtbar. Wie die Universität lag auch dieses Haus hinter einer Hecke verborgen. Nach einigen Schritten spürte Sonea den harten Stein eines gepflasterten Wegs unter den Füßen. Dunkle Fenster verlockten sie zum Weitergehen. Sie drehte sich kurz um und überlegte, wie lange Cery wohl fort sein würde. Wenn sie nicht allzu viel Zeit vertrö- delte, konnte sie einen Blick durch die Fenster werfen und wieder an ihrem Treffpunkt sein, bevor Cery zurückkehrte. Also schlich sie sich weiter den Weg hinunter, trat hinter die Hecke und spähte durch das erste Fenster. Der Raum dahinter lag im Dunkeln, und sie konnte kaum etwas er- kennen. Sie ging zum nächsten Fenster weiter, dann zum übernächsten, aber das Bild, das sich ihr bot, war überall das gleiche. Enttäuscht wandte sie sich zum Gehen und erstarrte jäh, als sie Schritte hinter sich hörte. Mit einem Satz stand sie wieder hinter der Hecke und beobachtete einen Mann, der um das Gebäude herumging. Obwohl sie kaum mehr als eine Silhouette erkennen konn- te, sah sie doch, dass der Mann keine Roben trug. Ein Die- ner? Jetzt öffnete der Mann eine Tür. Als Sonea hörte, wie der Riegel hinter ihm ins Schloss fiel, atmete sie erleichtert, auf. Sie wollte sich gerade vom Boden hochstemmen, als sie ganz in der Nähe ein leises Klirren hörte. Sie sah sich um und entdeckte ein schmales Gitter, das direkt über dem Boden in die Mauer eingelassen war. Also ließ sie sich auf Hände und Knie fallen und beugte sich vor, um das Gitter in Augenschein zu nehmen. Der winzige Luftschacht war voller Dreck und Erde, aber dennoch konnte sie auf der anderen Seite eine Treppe ausmachen, die zu einer geöffneten Tür hinunterführte. Jenseits der Tür lag ein Raum, der von einer unsichtba- ren Lichtquelle in einen gelben Schein getaucht wurde. Dann erschien plötzlich ein Mann mit langen Haaren in einem schweren, schwarzen Umhang. Kräftige Schultern versperrten ihr für einen Moment die Sicht, als eine weitere Gestalt die Treppe hinunterging, die in den Raum mündete. Sonea bemerkte gerade noch, dass der Neuankömmling die Kleidung eines Dienstboten trug, bevor er sich ihrem Blick wieder entzog. Sie hörte eine Stimme, konnte aber die Worte nicht ver- stehen. Der Mann in dem Umhang nickte. »Es ist vollbracht«, sagte er, befingerte die Schließe und streifte sich den Um- hang von den Schultern. Sonea stockte der Atem, als sie sah, was darunter zum Vorschein kam. Der Mann trug die zerlumpten Kleider ei- nes Bettlers. Und sie waren voller Blutflecken. Der Mann blickte an sich hinab, und ein Ausdruck von, Ekel trat in seine Züge. »Hast du meine Roben mitge- bracht?« Der Diener murmelte eine Antwort. Sonea unterdrückte einen Aufschrei der Überraschung und des Entsetzens. Der Mann war ein Magier. Er zog sich das blutbespritzte Hemd über den Kopf und entblößte dabei einen ledernen Gürtel, den er um die Taille trug. An dem Gürtel hing eine große Dolchscheide. Im nächsten Moment nahm er den Gürtel ab und warf ihn mitsamt dem Hemd auf einen Tisch, dann zog er eine große Wasserschale und ein Handtuch zu sich heran. Der Magier tauchte das Handtuch ins Wasser und wusch sich mit geschickten Bewegungen die roten Flecken von seiner nackten Brust. Wann immer er das Handtuch ausspülte, färbte das Wasser sich ein wenig dunkler. Dann konnte Sonea einen Arm sehen; der Diener hielt dem anderen Mann ein Bündel schwarzen Stoffs hin. Der Magier nahm es entgegen und verschwand kurz aus Soneas Blickfeld. Sie lehnte sich ein wenig zurück. Schwarze Roben? Ein schwarzgewandeter Magier war ihr noch nie begegnet. Bei der Säuberung hatte keiner der Magier schwarz getragen. Die Position, die dieser Mann innerhalb der Gilde einnahm, musste einzigartig sein. Sie beugte sich wieder vor und be- trachtete einmal mehr die blutbefleckten Kleider. Vielleicht war der Mann einer der gefürchteten Assassinen, ein fana- tischer Mörder, der vor nichts zurückschreckte. Dann kam der Magier wieder in Sicht. Er trug jetzt die, schwarzen Roben und hatte sich das dunkle Haar gekämmt und zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Er griff nach dem Gürtel und öffnete den Verschluss der Dolch- scheide. Sonea sog scharf die Luft ein. Der Griff des Dolches, der jetzt zum Vorschein kam, glitzerte im Licht. Die Juwelen, die darin eingelassen waren, funkelten rot und grün. Der Magier untersuchte die lange, gebogene Klinge und wisch- te sie dann sorgfältig an dem Handtuch ab. Anschließend wandte er sich dem Diener zu, der irgendwo außerhalb von Soneas Blickfeld stand. »Der Kampf hat mich geschwächt«, sagte er. »Ich brau- che deine Kraft.« Sie hörte eine gemurmelte Erwiderung. Dann konnte sie die Beine des Dieners sehen und schließlich seinen ganzen Körper, bis auf den Kopf, als er sich auf ein Knie nieder- ließ und den Arm ausstreckte. Der Magier umfasste das Handgelenk des Mannes. Er drehte es nach oben und ließ den Dolch sachte über die Haut des Mannes gleiten. Blut quoll hervor, und der Magier drückte seine Hand auf die Wunde, als wolle er sie heilen. Und plötzlich begann etwas in Soneas Ohren zu flattern. Sie straffte sich kopfschüttelnd, weil sie glaubte, ein Insekt sei ihr ins Ohr gekrochen, aber das Summen ließ sich nicht vertreiben. Ein Frösteln überlief sie, als ihr klar wurde, dass das Geräusch von irgendwo innerhalb ihres Kopfes kam. Das Gefühl brach ebenso plötzlich ab, wie es begonnen, hatte. Als sie sich wieder über das Gitter beugte, sah So- nea, dass der Magier den Diener losgelassen hatte. Lang- sam drehte er sich um und ließ den Blick über die Mauern gleiten, als suche er nach etwas. »Seltsam«, sagte er. »Es ist beinahe so, als… « Er konzentriert sich nicht auf die Mauer, dachte Sonea plötzlich. Er sucht nach etwas hinter der Mauer. Angst stieg in ihr auf. Sie rappelte sich hoch, schlüpfte durch die Hecke und entfernte sich von dem Haus. Du darfst nicht rennen, ermahnte sie sich. Du darfst kein Geräusch machen. Mit Mühe widerstand sie dem Drang, auf die Bäume zuzustürzen, und zwang sich stattdessen, sich vorsichtig davonzuschleichen. Als sie den Fußweg erreicht hatte, beschleunigte sie ihre Schritte, und wann immer ein Zweig unter ihren Füßen knackte, zuckte sie heftig zusammen. Der Wald erschien ihr dunkler als zuvor, und mit wachsender Panik begriff sie, dass sie nicht mehr genau wusste, wo sie gesessen hatte, als Cery fortgegangen war. »Sonea?« Als eine Gestalt aus dem Schatten trat, fuhr sie jäh zu- sammen. Dann erkannte sie jedoch Cerys Gesicht und keuchte vor Erleichterung. Er hielt etwas Großes, Schweres in den Armen. »Schau dir das an«, sagte er und hielt ihr seine Last hin. »Was ist das?« Er grinste. »Bücher!« »Bücher?«, »Bücher über Magie.« Sein Grinsen erlosch. »Wo bist du gewesen? Ich bin gerade erst zurückgekommen und –« »Ich war dort drüben.« Sie zeigte auf das Haus und schauderte. Es kam ihr mit einem Mal wie eine lebendige Kreatur vor, die am Rand der Gärten lauerte. »Wir müssen gehen! Sofort!« »Da warst du!«, entfuhr es Cery. »Dort lebt ihr Anführer – der Hohe Lord.« Sie packte ihn am Arm. »Ich glaube, einer seiner Magier hat mich gehört!« Cerys Augen weiteten sich. Er blickte über ihre Schulter, dann drehte er sich um, und sie eilten zurück durch den Wald, nur fort von dem finsteren Gebäude., 13. Ein mächtiger Einfluss Nur etwa zwanzig Magier waren im Abendsaal versam- melt, als Rothen eintrat. Nachdem er festgestellt hatte, dass Dannyl noch nicht eingetroffen war, ging er auf eine Grup- pe von Sesseln zu. »Das Fenster war geöffnet. Wer immer es war, er ist durchs Fenster gekommen.« Als er die Sorge in der Stimme des anderen Mannes be- merkte, hielt Rothen inne und sah sich nach dem Sprecher um. Ganz in seiner Nähe stand Jerrik, der sich mit Yaldin unterhielt. Neugierig zu erfahren, was den Rektor der Uni- versität derart in Aufruhr versetzt haben mochte, ging er auf die beiden Männer zu. »Seid mir gegrüßt.« Rothen nickte höflich. »Ihr scheint über irgendetwas beunruhigt zu sein, Rektor.« »Einer unserer Novizen muss ein raffinierter Dieb sein«, erklärte Yaldin. »Jerrik hat einige wertvolle Bücher einge- büßt.« »Ein Dieb?«, wiederholte Rothen überrascht. »Was für Bücher?«, »Das Sagengut der Südlichen Magier, Künste des Min- ken-Archipels und das Handbuch des Feuermachens«, antwortete Jerrik. Rothen runzelte die Stirn. »Eine eigenartige Zusammen- stellung von Büchern.« »Es waren teure Bücher«, erklärte Jerrik bekümmert. »Ich habe zwanzig Goldstücke dafür gezahlt, sie kopieren zu lassen.« Rothen stieß einen leisen Pfiff aus. »Dann hat Euer Dieb ein gutes Auge für Werte.« Er runzelte die Stirn. »Es dürfte schwierig sein, derart seltene Bücher zu verstecken. Ich meine mich daran zu erinnern, dass es sich um sehr dicke Bände handelt. Ihr solltet eine Suche in den Quartieren der Novizen veranlassen.« Jerrik schnitt eine Grimasse. »Ich hatte gehofft, das ver- meiden zu können.« »Vielleicht hat sich jemand die Bücher ja nur ausgelie- hen«, sagte Yaldin. »Ich habe alle gefragt.« Jerrik seufzte und schüttelte den Kopf. »Niemand hat sie gesehen.« »Mich habt Ihr aber nicht gefragt«, bemerkte Rothen. Jerrik blickte scharf auf. »Nein, ich habe sie nicht genommen.« Rothen lachte. »Aber es wäre immerhin möglich, dass Ihr auch andere vergessen habt. Vielleicht solltet Ihr bei der nächsten Ver- sammlung noch einmal jeden fragen. Sie ist schon in zwei Tagen, und wer weiß, vielleicht sind die Bücher bis dahin ja wieder aufgetaucht.«, Jerrik hob die Schultern. »Ja… Das sollte ich wohl bes- ser zuerst tun.« Eine vertraute, hochgewachsene Gestalt hatte den Aben- dsaal betreten, und Rothen entschuldigte sich. Er ging mit schnellen Schritten zu Dannyl hinüber und zog den anderen Magier in eine stille Ecke des Raums. »Glück gehabt?«, fragte er leise. Dannyl schüttelte den Kopf. »Nein, kein Glück, aber zumindest haben mich diesmal keine messerschwingenden Ausländer verfolgt. Und bei dir?« Rothen öffnete den Mund, um zu antworten, schloss ihn aber gleich wieder, als ein Diener neben ihnen stehen blieb, um ihnen mit Wein gefüllte Gläser anzubieten. Er streckte die Hand aus, um nach einem zu greifen, und erstarrte mit- ten in der Bewegung, als ein schwarzer Ärmel hinter Dan- nyl auftauchte, um sich ebenfalls von dem Tablett zu be- dienen. Akkarin wählte ein Glas aus und trat auf Rothen zu. »Wie geht die Suche voran, Lord Rothen?« Dannyls Augen weiteten sich, als er plötzlich den hohen Lord neben sich stehen sah. »Vor zwei Wochen hätten wir sie um ein Haar gefangen, Hoher Lord«, antwortete Rothen. »Ihre Beschützer haben sich eine List zunutze gemacht. Als wir begriffen, dass wir das falsche Mädchen hatten, war sie bereits entkommen. Außerdem haben wir ein Buch über Magie in ihrem Ver- steck gefunden.« Die Miene des Hohen Lords verdüsterte sich. »Das sind, keine guten Neuigkeiten.« »Das Buch war alt und überholt«, warf Dannyl ein. »Trotzdem, wir dürfen nicht zulassen, dass man außer- halb der Gilde solche Bücher findet«, erwiderte Akkarin. »Wir sollten eine Durchsuchung sämtlicher Pfandleihen veranlassen, um festzustellen, ob viele solcher Bücher den Weg in die Stadt gefunden haben. Ich werde mit Lorlen darüber sprechen, aber in der Zwischenzeit…« Er wandte sich Dannyl zu. »Konntet Ihr Eure Kontakte zu den Dieben auffrischen?« Dannyl wurde zuerst blass, dann rot. »Nein«, antwortete er mit gepresster Stimme. »Sie haben seit vielen Wochen all meine Bitten um ein Zusammentreffen abgelehnt.« Ein schwaches Lächeln spielte um Akkarins Lippen. »Ihr habt gewiss bereits versucht, sie mit den Gefahren zu beeindrucken, die von einer unausgebildeten Magierin in ihrer Mitte ausgehen würden?« Dannyl nickte. »Ja, aber das schien sie nicht weiter zu beunruhigen.« »Das wird sich bald ändern. Setzt Eure Versuche fort, die Diebe zu einem Treffen zu bewegen. Wenn sie sich weigern, Euch persönlich zu empfangen, schickt ihnen Nachrichten. Beschreibt in allen Einzelheiten die Proble- me, auf die das Mädchen stoßen wird, während sie immer mehr die Kontrolle über ihre Magie verliert. Es wird nicht lange dauern, bis die Diebe begreifen, dass Ihr die Wahr- heit sprecht. Haltet mich über Eure Fortschritte auf dem Laufenden.«, Dannyl schluckte. »Selbstverständlich, Hoher Lord.« Akkarin nickte ihnen zu. »Dann wünsche ich Euch noch einen angenehmen Abend.« Er drehte sich um und ging davon, und die beiden Magier starrten ihm nach. Dann stieß Dannyl scharf die Luft aus. »Woher hat er das gewusst?«, flüsterte er. Rothen zuckte die Achseln. »Es heißt, er wisse mehr über die Angelegenheiten der Stadt als der König selbst. Andererseits könnte auch Yaldin ihm davon erzählt ha- ben.« Dannyl runzelte die Stirn und blickte quer durch den Raum zu dem alternden Magier hinüber. »Das sieht Yaldin nicht ähnlich.« »Nein«, pflichtete Rothen ihm bei. Er lächelte und klopfte Dannyl auf die Schulter. »Allerdings sieht es dir auch nicht ähnlich, dich in Schwierigkeiten zu bringen. Genau genommen sieht es so aus, als hättest du soeben ei- nen persönlichen Auftrag vom Hohen Lord bekommen.« Sonea knibbelte am Rand der Seite und seufzte. Warum konnten diese Magier keine normalen, vernünftigen Wörter benutzen! Der Verfasser dieses Buches schien es geradezu zu genießen, seine Sätze so anzuordnen, dass sie nicht mehr die geringste Ähnlichkeit mit einer normalen Aus- drucksweise hatten. Selbst Serin, der nicht mehr ganz junge Schreiber, der ihr das Lesen beibrachte, konnte sich auf viele der Redewendungen keinen Reim machen. Sie rieb sich die Augen und lehnte sich auf ihrem Stuhl, zurück. Serin bot ihr schon seit einigen Tagen Zuflucht in seinem Keller. Es war ein überraschend behaglicher Raum mit einem großen Kamin und einfachen Möbeln, und sie wusste, dass sie enttäuscht sein würde, wenn sie von hier fortgehen musste. Nachdem sie an dem Abend, an dem Cery sie in die Gil- de gebracht hatte, beinahe gefangen genommen worden wäre, hatte Faren sie in Serins Haus im Nordviertel unter- gebracht. Er war zu dem Schluss gekommen, dass sie auf- hören müsse, sich in ihrer Magie zu üben, bis er neue, bes- sere Verstecke für sie gefunden hatte. In der Zwischenzeit, sagte er, solle sie stattdessen die Bücher studieren, die Cery »gefunden« hatte. Wieder senkte sie den Blick auf die Seite und seufzte. Ein Wort lag vor ihr – ein fremdartiges, seltsames, ärgerli- ches Wort, das einfach keinen Sinn ergeben wollte. Sie starrte es an, wohlwissend, dass die Bedeutung des ganzen Satzes sich um dieses eine lästige Wort drehte. Einmal mehr rieb sie sich die Augen und zuckte dann jäh zusam- men, als es an der Tür klopfte. Vorsichtig erhob sie sich, spähte durch das Guckloch, lächelte und schloss die Tür auf. »Guten Abend«, sagte Faren, während er in den Raum schlüpfte. Er reichte ihr eine Flasche. »Ich habe dir eine kleine Ermutigung mitgebracht.« Sonea zog den Korken aus der Flasche und schnupperte. »Pachi-Wein!«, rief sie. »Stimmt.«, Sie ging zu einem Schrank hinüber und nahm zwei Be- cher heraus. »Ich glaube nicht, dass das die richtigen Glä- ser für Pachi-Wein sind«, bemerkte sie. »Aber das ist alles, was ich habe – es sei denn, du möchtest Serin bitten, dir etwas Besseres zu holen.« »Die Becher sind in Ordnung.« Faren zog sich einen Stuhl an den Tisch und ließ sich darauf nieder. Nachdem er einen Becher mit der klaren, grünen Flüssigkeit entgegen- genommen hatte, nippte er daran, stieß einen zufriedenen Seufzer aus und lehnte sich zurück. »Gewürzt und ange- wärmt schmeckt er natürlich besser.« »Das kann ich nicht beurteilen«, sagte Sonea. »Ich habe noch nie welchen getrunken.« Sie nahm ebenfalls einen Schluck und lächelte, als sich ein süßer, frischer Ge- schmack in ihrem Mund ausbreitete. Ihr Gesichtsausdruck entlockte Faren ein Kichern. »Ich dachte mir, dass er dir schmecken würde.« Er streckte die Beine aus. »Und ich habe Neuigkeiten für dich. Deine Tante und dein Onkel erwarten ein Kind.« Sonea starrte ihn an. »Wirklich?« »Du wirst schon bald einen kleinen Vetter oder eine Cousine haben«, erwiderte er. Dann nahm er noch einen Schluck und sah sie versonnen an. »Cery hat mir erzählt, dass deine Mutter gestorben sei, als du noch ein Kind warst, und dass dein Vater Kyralia kurz darauf verlassen habe.« Er hielt inne. »Gab es irgendwelche Anzeichen da- für, dass einer von ihnen Magie im Blut hatte?« Sie schüttelte den Kopf. »Nicht dass ich wüsste.«, Er schürzte die Lippen. »Ich habe Cery gebeten, deine Tante danach zu fragen. Sie sagt, sie habe weder bei deinen Eltern noch bei deinen Großeltern auch nur das geringste magische Talent beobachten können.« »Ist das wichtig?« »Magier sehen es gern, wenn sie ihre Blutlinien zu ihren Ahnen zurückverfolgen können«, erklärte er ihr. »Meine Mutter hatte Magie im Blut. Das weiß ich, weil ihr Bruder – mein Onkel – Magier ist, und der Bruder meines Großva- ters ist ebenfalls Magier – falls er noch lebt.« »Du hast Magier in deiner Familie?« »Ja, obwohl ich niemals einem von ihnen begegnet bin und ihnen wahrscheinlich auch nicht begegnen werde.« »Aber…« Sonea schüttelte den Kopf. »Wie kann das sein?« »Meine Mutter war die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns aus Lonmar«, erwiderte er. »Mein Vater war ein kyralischer Seemann und hat für einen Schiffskapitän gearbeitet, der regelmäßig Waren für den Vater meiner Mutter transportiert hat.« »Wie haben die beiden sich kennen gelernt?« »Durch Zufall, und später haben sie sich dann heimlich getroffen. Die Lonmar halten ihre Frauen, wie du sicher weißt, streng verborgen. Sie prüfen sie nicht auf Magie, da es nur einen Ort gibt, an dem sie lernen könnten, sie zu be- nutzen: die Gilde. Und die Lonmar sind der Meinung, es sei unziemlich für Frauen, sich allzu weit von zu Hause zu entfernen – oder auch nur mit Männern zu sprechen, die, nicht zu ihrer Familie gehören.« Faren hielt inne, um noch einen Schluck Wein zu trinken, und Sonea beobachtete ihn erwartungsvoll. Er lächelte schwach. »Als ihr Vater herausfand, dass meine Mutter sich mit einem Seemann getroffen hatte, wurde sie streng bestraft«, fuhr er fort. »Man hat sie ausgepeitscht und dann in einem der Türme ihrer Familie eingekerkert. Mein Vater hat sein Schiff verlassen und ist in Lonmar geblieben, um eine Möglichkeit zu finden, sie zu befreien. Er brauchte nicht lange zu warten, denn als ihre Familie erfuhr, dass sie ein Kind erwartete, hat sie sie in Schande verstoßen.« »Sie verstoßen? Man hätte doch gewiss einfach ein Zu- hause für das Kind finden können?« »Nein.« Farens Miene verdüsterte sich. »Man war der Meinung, sie sei besudelt und eine Schande für ihre Fami- lie. Die Traditionen der Lonmar verlangten, dass sie ge- zeichnet wurde, damit andere Männer von ihrem Verbre- chen erfuhren. Anschließend hat man sie auf einem Skla- venmarkt verkauft. Sie hatte zwei lange Narben auf jeder Wange und eine auf der Stirn.« »Wie schrecklich«, entfuhr es Sonea. Faren zuckte die Achseln. »Ja, uns erscheint es schreck- lich. Die Lonmar halten sich jedoch für das zivilisierteste aller Völker auf der Welt.« Wieder nippte er an seinem Wein. »Mein Vater hat sie gekauft und eine Überfahrt für sie beide zurück nach Imardin. Damit hatten ihre Schwie- rigkeiten jedoch noch kein Ende. Durch seine Schuld hatte der Schiffskapitän einen wichtigen Kunden verloren, da die, Familie meiner Mutter keine Geschäfte mehr mit ihm ma- chen wollte. Und kein anderer Schiffseigentümer wollte meinen Vater in seine Dienste nehmen, so dass meine El- tern schnell verarmten. Sie bauten sich ein Haus in der Hüttensiedlung, und mein Vater nahm eine Arbeit in einem Gorin-Schlachthaus an. Kurz danach bin ich dann zur Welt gekommen.« Er leerte seinen Becher. Dann sah er sie lä- chelnd an. »Verstehst du? Selbst ein erbärmlicher Dieb kann Magie im Blut haben.« »Ein erbärmlicher Dieb?« Sonea prustete. Sie hatte Faren noch nie so redselig erlebt. Was mochte er ihr noch alles erzählen? Sie schenkte ihm Wein nach und machte eine ungeduldige Handbewegung. »Also, wie ist der Sohn eines Schlachters zu einem Anführer der Diebe geworden?« Faren hob den Becher an die Lippen. »Mein Vater ist bei den Kämpfen nach der ersten Säuberung ums Leben ge- kommen. Um uns durchzubringen, hat meine Mutter sich als Tänzerin in einem Hurenhaus verdingt.« Er verzog das Gesicht. »Das Leben war hart. Einer ihrer Kunden war ein einflussreicher Dieb. Er mochte mich und hat mich als sei- nen Sohn bei sich aufgenommen. Als er sich später zurück- zog, bin ich an seine Stelle getreten und habe mich von dort aus weiter nach oben gearbeitet.« Sonea spitzte die Lippen. »Dann kann also jeder ein Dieb werden? Man braucht sich lediglich mit den richtigen Leuten zu befreunden.« »Es genügt keineswegs, nur ein netter Kerl zu sein.« Er, lächelte. »Hast du vielleicht Pläne für deinen Freund?« Sie runzelte mit gespielter Verwirrung die Stirn. »Mei- nen Freund? Nein, ich dachte eher an mich selbst.« Er warf den Kopf in den Nacken und lachte, dann pros- tete er ihr mit seinem Becher zu. »Auf Sonea – eine Frau von geringem Ehrgeiz. Zuerst Magierin, dann Diebin.« Gemeinsam leerten sie ihre Becher, dann senkte Faren den Blick auf den Tisch. Er streckte die Hand aus und zog das Buch zu sich heran. »Es ergibt immer noch keinen Sinn für dich?« Sie seufzte. »Manche dieser Dinge kann nicht einmal Serin verstehen. Das Buch ist für jemanden geschrieben, der mehr weiß als ich. Ich brauche etwas für Anfänger. Ist Cery irgendwie weitergekommen?« Er schüttelte den Kopf. »Es wäre vielleicht besser gewe- sen, wenn du deine Übungen fortgesetzt hättest. Auf diese Weise hätte die Gilde etwas zu tun gehabt. In den letzten Wochen haben sie jede Pfandleihe innerhalb und außerhalb der Mauern durchsucht. Falls es noch irgendwelche Bücher über Magie in der Stadt gab, sind sie inzwischen ver- schwunden.« Sonea seufzte und presste sich die Hände auf die Schlä- fen. »Was tun die Magier jetzt?« »Sie schnüffeln immer noch in den Hütten herum«, ant- wortete er. »Und warten wahrscheinlich darauf, dass du deine Magie benutzt.« Sonea dachte an ihre Tante und ihren Onkel und an das, Kind, das die beiden erwarteten. Solange die Magier ihre Suche fortsetzten, würde sie sie nicht besuchen können. Wie sehr sie sich danach sehnte, mit den beiden zu reden! Sie blickte auf das Buch hinab, und plötzlich stieg Ärger in ihr auf. »Werden sie denn niemals aufgeben?« Plötzlich hallte ein lautes Krachen durch den Raum, ge- folgt von einem leisen Aufschlag von etwas, das zu Boden fiel. Sonea sprang auf und sah die Splitter einer weißen Ke- ramikvase vor sich liegen. »Wirklich, Sonea«, sagte Faren und drohte ihr mit dem Finger, »ich finde nicht, dass das eine nette Art und Weise ist, Serin zu vergelten, dass –« Er brach abrupt ab, dann schlug er sich an die Stirn und stöhnte. »Jetzt werden sie wissen, dass du in der Stadt bist.« Er fluchte und sah sie missbilligend an. »Es gab mehr als einen Grund, warum ich dir geraten habe, keine Magie zu benutzen, solange du hier bist, Sonea.« Sonea errötete. »Entschuldige, Faren. Ich habe es nicht mit Absicht getan.« Sie bückte sich und hob einen der Splitter auf. »Am Anfang wollte es mir nicht gelingen, zu bewerkstelligen, was ich bewerkstelligen wollte, und jetzt geschehen solche Dinge, wenn ich nicht einmal daran den- ke.« Farens Miene wurde weicher. »Nun, wenn du es nicht verhindern kannst, dann ist es eben so.« Er hob die Hand, dann versteifte er sich plötzlich und starrte sie an. »Was ist?«, fragte sie. Er schluckte und wandte den Blick ab. »Nichts. Nur…, ein Gedanke. Die Magier werden nicht nahe genug gewe- sen sein, um deinen Standort ausmachen zu können, aber morgen werden sie wahrscheinlich überall im Nordviertel herumlaufen. Ich glaube nicht, dass es notwendig ist, dich jetzt schon in ein neues Versteck zu bringen – versuch nur, deine Magie nicht noch einmal zu benutzen.« Sonea nickte. »Ich werde es versuchen.« »Larkin, der Kaufmann?« Als Dannyl sich umwandte, stand ein Arbeiter aus dem Bolhaus neben ihm. Er nickte. Der Mann bedeutete ihm mit einer ruckartigen Kopfbewegung, ihm zu folgen. Einen Moment lang starrte Dannyl sein Gegenüber nur an, außerstande zu glauben, dass sich endlich ein Erfolg abzeichnete. Dann erhob er sich hastig von dem Hocker und drängte sich hinter dem Mann durch die Menge, wäh- rend er noch einmal über den Inhalt seines Briefes an Gorin nachdachte. Was hatte den Dieb bewogen, sich diesmal zu einem Treffen bereit zu erklären? Draußen schneite es. Der Führer zog die Schultern hoch und hüllte sich fester in seinen Mantel, dann eilte er die Straße hinunter. Als sie den Zugang zu einer nahen Gasse erreichten, trat eine in einen weiten Umhang gehüllte Ges- talt vor Dannyl hin und versperrte ihm den Weg. »Lord Dannyl. Was für eine Überraschung! Oder sollte ich lieber sagen, was für eine Verkleidung?« Fergun lächelte breit. Dannyl starrte den Magier an; sei- ne Ungläubigkeit verwandelte sich schnell in Ärger. Er, dachte an andere Gelegenheiten vor vielen Jahren, als ein jüngerer Fergun ihn verfolgt und gequält hatte, und Unbe- hagen stieg in ihm auf. Im nächsten Moment war er nur noch wütend auf sich selbst. Er drückte die Schultern durch und empfand eine kleine, schäbige Befriedigung darüber, dass er einen Kopf größer war als der andere Magier. »Was willst du, Fergun?« Ferguns fein gezeichnete Brauen hoben sich. »Wissen, warum du in einem solchen Aufzug durch die Hüttenviertel spazierst, Lord Dannyl.« »Und du glaubst, dass ich es dir erzählen werde?« Der Krieger hob die Schultern. »Nun, wenn du es nicht tust, werde ich gezwungen sein, mir meine eigenen Gedan- ken zu machen, nicht wahr? Meine Freunde würden mir sicher nur allzu gern helfen, deine Gründe zu erraten.« Er legte einen Finger an die Lippen. »Hm, offensichtlich möchtest du nicht, dass bekannt wird, warum du hier bist. Handelt es sich vielleicht um irgendeinen Skandal, den du verbergen willst? Bist du in etwas so Peinliches verwickelt, dass du dich wie ein Bettler kleiden musst, um einer Ent- deckung zu entgehen? Ah!« Ferguns Augen weiteten sich. »Besuchst du die Bordelle?« Dannyl blickte über Ferguns Schulter. Wie erwartet, war der Führer verschwunden. »Oh, war er derjenige welcher?«, fragte Fergun. »Ich fand ihn ja ziemlich primitiv. Nicht dass ich auch nur die geringste Ahnung hätte, welche speziellen Vorlieben du hast.«, Eine Woge des Zorns überschwemmte Dannyl wie Eis- wasser. Es war viele Jahre her, dass Fergun ihn das letzte Mal solchermaßen angegangen war, aber der Hass, den sein Seitenhieb in Dannyl weckte, war so stark wie eh und je. »Geh mir aus dem Weg, Fergun.« Ferguns Augen blitzten vor Vergnügen. »Oh nein«, sag- te er, und aller Hohn war aus seiner Stimme verschwunden. »Nicht bevor du mir verraten hast, was du im Schilde führst.« Es wäre nicht schwierig, Fergun von den Füßen zu rei- ßen, durchzuckte es Dannyl. Nur mit Mühe gelang es ihm, seine Wut unter Kontrolle zu halten. »Fergun, nicht einmal, wenn du es wirklich woll- test, würde es dir gelingen, andere nicht zu verleumden – jeder weiß das. Niemand wird dir auch nur ein einziges Wort glauben. Jetzt geh mir aus dem Weg, bevor ich mich gezwungen sehe, dich anzuzeigen.« Ein stählerner Ausdruck trat in die Augen des Kriegers. »Ich bin davon überzeugt, dass die Höheren Magier sich vielmehr für dein Verhalten interessieren werden. Soweit ich mich erinnere, gibt es ein ziemlich strenges Gesetz, das vorschreibt, an welchen Orten Magier Roben tragen müs- sen. Weiß man in der Gilde, dass du gegen dieses Gesetz verstößt?« Dannyl lächelte. »Es ist nicht völlig unbekannt.« Zweifel flackerte in Ferguns Blick auf. »Du hast die Ge- nehmigung der Gilde?« »Sie – oder sollte ich besser sagen, er – haben es mir be-, fohlen«, erwiderte Dannyl. Er setzte eine nachdenkliche Miene auf, dann schüttelte er den Kopf. »Ich war noch nie in der Lage, festzustellen, ob er mich gerade beobachtet oder nicht. Er wird von diesem Zwischenfall erfahren müs- sen. Ich werde es ihm erzählen, wenn ich zurückkehre.« Ferguns Gesicht war eine Spur weißer geworden. »Das ist nicht nötig! Ich werde selbst mit ihm reden.« Er trat bei- seite. »Geh. Beende deine Arbeit.« Er trat noch einen Schritt zurück, dann drehte er sich um und eilte davon. Lächelnd beobachtete Dannyl, wie der Krieger in dem dichter gewordenen Schneetreiben verschwand. Er bezwei- felte, dass Fergun dem Hohen Lord auch nur ein einziges Wort sagen würde. Seine Befriedigung erstarb, als er feststellen musste, dass er sich allein auf einer verlassenen Straße befand. Er suchte in der Dunkelheit, in der der Führer verschwunden war. Fergun musste natürlich genau in dem Moment auf- tauchen, als die Diebe sich endlich zu einem Treffen bereit gefunden hatten. Seufzend setzte sich Dannyl in Richtung Nordstraße und Gilde in Bewegung. Hastige Schritte knirschten hinter ihm im frisch gefalle- nen Schnee. Er drehte sich um und blinzelte überrascht, als er seinen Führer näher kommen sah. Er blieb stehen und gab dem Mann Zeit, zu ihm aufzuschließen. »He! Was war denn das gerade?«, fragte der Mann. »Einer unserer Sucher ist ein wenig zu neugierig gewor- den.« Er lächelte. »Ich nehme an, du würdest ihn als Spit- zel bezeichnen – einen ziemlich aufdringlichen Spitzel.«, Der Mann grinste und entblößte dabei eine Reihe flecki- ger Zähne. »Ich verstehe, was Ihr meint.« Er zuckte die Achseln, dann bedeutete er Dannyl mit einer knappen Kopfbewegung, ihm zu folgen. Dannyl überzeugte sich davon, dass Fergun nicht mehr in der Nähe war, um ihn zu beobachten, bevor er sich von neuem auf den Weg durch das Schneetreiben machte. »›Erhöhe allmählich die Menge an Kraft, bis die Hitze das Glas zum Schmelzen bringt‹«, las Serin vor. »Aber da steht nichts darüber, wie es funktioniert!«, rief Sonea. Sie erhob sich und ging im Raum auf und ab. »Es ist mehr wie ein… ein Wasserschlauch mit einem winzigen Loch darin. Wenn man den Schlauch zusammendrückt, sprudelt das Wasser heraus, aber man kann es nicht auf ein bestimmtes Ziel richten oder –« Es klopfte an der Tür, und sie brach mitten im Satz ab. Serin stand auf und blickte durch das Guckloch, bevor er die Tür öffnete. »Sonea«, sagte Faren und gab dem Schreiber ein Zei- chen, den Raum zu verlassen. »Ich habe Besuch für dich mitgebracht.« Grinsend trat er ein. Hinter ihm standen ein untersetzter Mann mit schläfrigen Augen und eine kleine Frau, die sich einen dicken Schal um den Kopf geschlungen hatte. »Ranel!«, rief Sonea. »Jonna!« Sie lief um den Tisch herum und zog ihre Tante an sich. »Sonea.« Jonna stieß einen leisen Seufzer aus. »Wir ha-, ben uns solche Sorgen um dich gemacht.« Dann hielt sie Sonea auf Armeslänge von sich weg und nickte zufrieden. »Du siehst recht gut aus.« Zu Soneas Erheiterung warf Jonna Faren einen abwei- senden Blick zu. Der Dieb lehnte lächelnd an der Wand. Sonea trat auf Ranel zu und umarmte auch ihn. Ihr Onkel musterte sie forschend. »Harrin hat uns er- zählt, dass du Magie gewirkt hast.« Sonea schnitt eine Grimasse. »Das ist wahr.« »Und die Magier suchen nach dir.« »Ja. Faren versteckt mich vor ihnen.« »Um welchen Preis? Deine Magie?« Sonea nickte. »So ist es. Nicht dass ihm das bisher viel genutzt hätte. Ich mache meine Sache nicht allzu gut.« Jonna schnaubte leise. »Ganz so schlecht kannst du aber auch nicht sein, sonst würde er dich nicht verstecken.« Sie sah sich in Soneas Versteck um und nickte. »Nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt habe.« Dann ließ sie sich auf einen Stuhl sinken, nahm ihren Schal ab und stieß hörbar die Luft aus. Sonea ging neben dem Stuhl in die Hocke. »Ich habe gehört, ihr betätigt euch in einem neuen Gewerbe.« Ihre Tante runzelte die Stirn. »Ein neues Gewerbe?« »Wenn ich mich nicht irre, produziert ihr jetzt Vettern und Cousinen für mich.« Die Miene ihrer Tante wurde weicher, und sie klopfte sich sachte auf den Bauch. »Ah, diese Neuigkeit hat dich also erreicht. Ja, im nächsten Sommer wird unsere kleine, Familie ein neues Mitglied bekommen.« Jonna blickte zu Ranel auf, in dessen Gesicht ein breites Lächeln erschien. Eine jähe Zuneigung für die beiden stieg in Sonea auf, gepaart mit einer starken Sehnsucht. Plötzlich durchzuckte sie ein vertrautes Gefühl, und sie sog scharf die Luft ein. Sie rappelte sich hoch und sah sich um, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken. »Was ist los?«, fragte Faren. »Ich habe irgendetwas gemacht.« Sie errötete, denn ihr war bewusst geworden, dass ihr Onkel und ihre Tante sie anstarrten. »Nun ja, es fühlte sich jedenfalls so an.« Der Dieb zuckte die Achseln. »Vielleicht hast du ein wenig Dreck jenseits der Mauern aufgewühlt.« Jonna wirkte verwirrt. »Was soll das heißen?« »Ich habe Magie benutzt«, erklärte Sonea. »Allerdings unbeabsichtigt. Das passiert gelegentlich.« »Und du weißt nicht, was du getan hast?« Jonna legte schützend die Hände auf ihren Leib. »Nein.« Sonea schluckte und wandte sich ab. Die Furcht in den Augen ihrer Tante machte sie traurig, aber sie verstand Jonnas Angst. Der Gedanke, dass sie ungewollt Schaden anrichten könnte… Nein, ging es ihr durch den Kopf. Denk nicht einmal daran. Sie holte tief Luft. »Faren, ich denke, du solltest die beiden wegbringen. Nur für den Fall des Falles.« Faren nickte. Jonna erhob sich, und Sorge spiegelte sich auf ihren Zügen wider. Sie drehte sich zu Sonea um und, öffnete den Mund, um etwas zu sagen, dann schüttelte sie jedoch nur stumm den Kopf und streckte die Arme nach ihrer Nichte aus. Sonea drückte ihre Tante fest an sich, be- vor sie einen Schritt zurücktrat. »Wir werden uns wiedersehen«, erklärte sie. »Sobald diese ganze Geschichte geregelt ist.« Ranel nickte. »Pass auf dich auf.« »Das tue ich«, versprach sie. Faren begleitete die beiden nach draußen. Sonea lauschte ihren Schritten, als sie die Treppe hinaufstiegen. Ein rotes Tuch auf dem Fußboden erregte ihre Aufmerksamkeit. Der Schal ihrer Tante. Sie hob ihn auf und eilte zur Tür und die Treppe hinauf. Auf halber Höhe der Treppe sah sie, dass ihr Onkel und ihre Tante mit Faren in Serins Küche standen. Alle drei starrten etwas an, das Sonea noch nicht erkennen konnte. Als sie näher kam, begriff sie, was ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Früher war der Fußboden von großen Fliesen bedeckt gewesen. Jetzt waren nur noch scharfkantige Trümmer aus Stein und Dreck zurückgeblieben. Noch am Morgen hatte ein schwerer Holztisch den Raum beherrscht, doch alles, was von ihm übrig geblieben war, war verbogenes, gesplit- tertes Holz. Soneas Mund wurde trocken, dann regte sich abermals et- was in ihrem Geist, und der Tisch brach plötzlich in Flammen aus. Faren drehte sich zu ihr um und schien einen Augenblick lang mit sich zu kämpfen, bevor er zu sprechen begann., »Wie ich schon sagte«, bemerkte er. »Sie macht wahr- scheinlich nur eine schwierige Phase durch. Sonea, geh wieder nach unten, und pack deine Tasche. Ich werde deine Besucher nach Hause bringen und jemanden herschicken, der das Feuer löscht. Es wird alles gut.« Nickend reichte Sonea ihrer Tante den Schal und floh zurück in den Keller., 14. Ein widerstrebender Verbündeter Rothen, der in einer Gasse stehen geblieben war, schloss die Augen und zog ein wenig Kraft aus seiner Magie, um seine Müdigkeit zu verscheuchen. Dann öffnete er die Augen wieder und betrachtete die Schneewälle, die sich an den Hauswänden gebildet hatten. Das milde Wetter der vergangenen Wochen war nur noch eine ferne Erinnerung, nachdem die winterlichen Schneestürme Imardin erreicht hatten. Er überzeugte sich davon, dass sein Umhang seine Roben verbarg, dann schickte er sich an, auf die Straße hinauszutreten. Als er ein vertrautes Summen in seinen Gedanken wahr- nahm, hielt er inne. Er schloss die Augen und fluchte leise vor sich hin, denn er spürte, dass er viel zu weit von der Quelle dieses Summens entfernt war. Kopfschüttelnd machte er den ersten Schritt hinaus auf die Straße. – Dannyl? – Ich habe sie gehört. Mich trennen nur wenige Straßen von ihrem Standort. – Hat sie sich bewegt? – Ja., Rothen runzelte die Stirn. Wenn sie geflohen war, wa- rum benutzte sie dann noch immer ihre Kräfte? – Wer ist sonst noch in der Nähe? – Wir dürften ihr am nächsten sein, erklang Lord Ker- rins Gedankenstimme. Sie kann nicht mehr als hundert Schritte von uns entfernt sein. – Sarle und ich sind ebenfalls in der Nähe, ließ Lord Kiano ihn wissen. – Dann bewegt euch weiter auf das Ziel zu, trug Rothen ihnen auf. Aber ihr dürft ihr nicht allein gegenübertreten. Rothen überquerte die Straße und eilte eine Gasse hinun- ter. Ein alter Bettler starrte ihn mit blinden Augen an, als er an ihm vorbeiging. – Rothen?, rief Dannyl. Sieh dir das an. Ein Bild blitzte in Rothens Gedanken auf. Ein Haus, das in orangefarbene Flammen eingehüllt war. Rauch wogte gen Himmel. Argwohn und Furcht begleiteten das Bild. – Glaubst du, dass sie…? – In dem Falle würden wir etwas Dramatischeres zu se- hen bekommen, antwortete Rothen. Am Ende der Gasse angekommen, trat Rothen auf eine breitere Straße hinaus. Als er das brennende Haus sah, ver- langsamte er seine Schritte. Es hatten sich bereits Men- schen dort eingefunden, die das Feuer beobachteten, und als er näher kam, sah er, dass die Bewohner der Nachbar- häuser, beladen mit Besitztümern, ihre Wohnungen verlie- ßen. Ein Schatten löste sich aus der Dunkelheit einer anderen, Gasse und trat auf ihn zu. »Sie muss ganz in der Nähe sein«, sagte Danny!. »Wenn wir –« Beide Männer versteiften sich, als mit einem Mal ein stärkerer, kürzerer Summton in ihre Sinne drang. »Hinter diesem Haus da«, erklärte Rothen und zeigte in die Richtung, die er meinte. Dannyl hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. »Ich kenne dieses Viertel. Hinter dem Gebäude verläuft eine Gasse, die zu zwei anderen Straßen führt.« Als er etwa hundert Schritte links von der ersten Vibra- tion eine weitere spürte, verlangsamte Rothen abermals das Tempo. »Sie bewegt sich ziemlich schnell«, murmelte Dannyl und verfiel in Laufschritt. Rothen eilte hinter ihm her. »Irgendetwas stimmt hier nicht«, keuchte er. »Wochenlang hat Schweigen ge- herrscht, und in dieser Woche spüren wir sie jeden Tag – und warum benutzt sie ihre Kräfte immer noch?« »Vielleicht kann sie es nicht verhindern.« »Dann hatte Akkarin Recht.« Rothen sandte einen Gedankenruf aus. – Kiano? – Sie bewegt sich auf uns zu. – Kerrin? – Sie hat gerade unseren Weg gekreuzt und ist in südli- cher Richtung weitergelaufen. – Wir haben sie umzingelt, teilte Rothen den anderen Ma-, giern mit. Seid vorsichtig. Es ist gut möglich, dass sie die Kontrolle über ihre Kräfte verliert. Kiano und Sarle, bewegt Euch langsam auf sie zu. Kerrin und Fergun, Ihr haltet Euch rechts von dem Mädchen. Wir nähern uns dann von – – Ich habe sie gefunden, teilte Fergun mit. Rothen runzelte die Stirn. – Fergun, wo seid Ihr? Stille folgte. – Sie ist in den Tunneln unter mir. Ich kann sie durch ein Gitter in der Mauer sehen. – Bleibt dort, befahl Rothen. Ihr dürft Euch dem Mäd- chen auf keinen Fall allein nähern. Einen Moment später fing Rothen eine weitere Vibration auf, der mehrere andere folgten. Er spürte die Furcht der übrigen Magier und beschleunigte seine Schritte. – Fergun? Was ist passiert? – Sie hat mich gesehen. – Haltet Euch von ihr fern!, warnte Rothen ihn. Dann war das Summen der Magie plötzlich erstorben. Dannyl und Rothen tauschten einen Blick, bevor sie wei- terliefen. Als sie an eine Kreuzung kamen, sahen sie Fer- gun in einer der Gassen stehen. Er spähte durch ein Gitter in der Mauer vor ihm. »Sie ist weg«, erklärte er. Dannyl entfernte das Gitter hastig und blickte in den Gang dahinter. »Was ist passiert?«, wollte Rothen wissen. Fergun antwortete. »Ich habe hier auf Kerrin gewartet, als plötzlich aus dem Gitter Geräusche drangen.«, Dannyl erhob sich. »Also seid Ihr allein hineingegangen und habt sie verschreckt.« Fergun musterte den hochgewachsenen Magier mit schmalen Augen. »Nein. Ich bin, wie befohlen, hier geblie- ben.« »Hat sie Euch gesehen und es mit der Angst bekom- men?«, fragte Rothen. »War das der Grund, warum sie an- gefangen hat, ihre Kräfte zu benutzen?« »Ja.« Fergun zuckte die Achseln. »Bis ihre Freunde sie bewusstlos geschlagen haben und weggerannt sind.« »Du bist ihnen nicht gefolgt?«, fragte Dannyl. Fergun zog die Augenbrauen hoch. »Nein. Ich bin hier geblieben, wie befohlen«, wiederholte er. Dannyl murmelte etwas Unverständliches und eilte dann die Gasse hinunter. Als die anderen Magier erschienen, ging Rothen ihnen entgegen. Er erklärte, was geschehen war, und schickte sie anschließend zusammen mit Fergun zur Gilde zurück. Er fand Dannyl in einem Hauseingang, wo er auf der Schwelle saß und aus einer Hand voll Schnee einen Ball formte. »Sie verliert die Kontrolle.« »Ja«, stimmte Rothen ihm zu. »Ich werde die Suche ab- blasen. Wenn wir sie weiter verfolgen, wird sie wahr- scheinlich auch noch den letzten Rest an Kontrolle verlie- ren.« »Und was machen wir jetzt?« Rothen sah seinen Freund vielsagend an. »Verhandeln.«, Der beißende Geruch von Rauch füllte Cerys Lunge. Er rannte durch den Geheimgang und wich dabei immer wie- der anderen Männern aus, die die »Straße« benutzten und nur als schwache Schemen in der Dunkelheit zu erkennen waren. Als er schließlich vor einer Tür stehen blieb, hielt er kurz inne, um Atem zu schöpfen. Der Wachposten, der die Tür öffnete, erkannte Cery und begrüßte ihn mit einem Nicken. Cery eilte eine schmale Holztreppe hinauf, drückte die Falltür am oberen Ende auf und kletterte in einen schwach beleuchteten Raum. Mit einem schnellen Blick erfasste er die drei stämmigen Wachen, die in der Dunkelheit herumlungerten, den dun- kelhäutigen Mann am Fenster und die kleine Gestalt, die schlafend in einem Sessel lag. »Was ist passiert?« Faren drehte sich zu ihm um. »Wir haben ihr eine Droge gegeben, damit sie einschläft. Sie hatte Angst, dass sie noch mehr Schaden anrichten würde.« Cery ging zu dem Sessel hinüber und beugte sich vor, um Soneas Gesicht zu betrachten. Sie hatte eine dunkle, geschwollene Prellung an der Schläfe. Ihre Haut war bleich und ihr Haar feucht von Schweiß. Außerdem war der Saum ihres Ärmels verkohlt, und sie trug einen Verband um die Hand. »Das Feuer breitet sich aus«, bemerkte Faren. Cery richtete sich auf und trat neben den Dieb ans Fens- ter. Drei der Häuser auf der anderen Straßenseite brannten., Die Flammen züngelten zu den Fenstern hinaus und erho- ben sich wie wirres, orangefarbenes Haar, wo früher ein- mal die Dächer gewesen waren. Aus den Fenstern eines anderen Hauses wogte schwarzer Rauch. »Sie hat gesagt, sie hätte geträumt – einen Alptraum«, erklärte Faren. »Als sie erwachte, brannten überall in ihrem Zimmer kleine Feuer. Zu viele, um sie zu löschen. Je grö- ßer ihre Angst wurde, umso mehr Feuer loderten auf.« Fa- ren seufzte. Lange Zeit sagte keiner von ihnen etwas, dann holte Cery tief Luft und wandte sich zu dem Dieb um. »Was wirst du jetzt tun?« Zu seiner Überraschung lächelte Faren. »Sie dem Freund eines alten Bekannten von uns vorstellen.« Er zeigte auf die Männer, die sich immer noch in dem Bereich des Rau- mes aufhielten, den das Licht nicht erreichte. »Jarin, du wirst sie tragen.« Ein großer, muskulöser Mann trat aus dem Schatten in das orangefarbene Licht der Feuer. Er beugte sich vor, um Sonea hochzuheben, aber als er sie berührte, öffnete sie flatternd die Lider. Jarin zog die Hände zurück und entfern- te sich hastig von ihr. »Cery?«, murmelte sie. Cery eilte an ihre Seite. Sie blinzelte langsam, als versu- che sie, ihn zu erkennen. »Hallo«, sagte er lächelnd. Sie hatte die Augen bereits wieder geschlossen. »Sie sind uns nicht gefolgt, Cery. Sie haben uns einfach gehen lassen. Ist das nicht eigenartig?«, Als sie die Augen wieder aufschlug, warf sie einen Blick über die Schulter. »Faren?« »Du bist wach«, bemerkte Faren. »Du hättest mindestens noch zwei Stunden schlafen sollen.« Sie gähnte. »Ich fühle mich aber nicht wach.« Cery kicherte. »Du siehst auch nicht wach aus. Schlaf einfach weiter. Du brauchst Ruhe. Wir werden dich ir- gendwo hinbringen, wo du in Sicherheit bist.« Sie nickte und schloss die Augen. Ihre Atmung nahm wieder den trägen Rhythmus des Schlafes an. Faren gab Jarin ein Zeichen und deutete dann auf das bewusstlose Mädchen. Der große Mann nahm sie widerstrebend auf die Arme. Soneas Lider flatterten kurz, aber sie wachte nicht noch einmal auf. Faren griff nach einer Lampe, ging zu der Fall- tür hinüber, öffnete sie mit einem Tritt und schob sich hin- durch. Schweigend gingen sie durch die Korridore. Als Cery einen Blick auf Soneas Gesicht warf, krampfte sich ihm das Herz zusammen. Das altvertraute Unbehagen war in- zwischen mächtiger geworden als alles, was er je zuvor empfunden hatte. Es hielt ihn nachts wach und quälte ihn bei Tag, und er konnte sich kaum noch an eine Zeit erin- nern, als er noch nicht an diesem Gefühl gekrankt hatte. Er hatte vor allem Angst um sie, aber seit einigen Wo- chen hatte er auch Angst, in ihrer Nähe zu sein. Die Magie, über die sie gebot, hatte sich endgültig ihrem Zugriff ent- zogen. Jeden Tag, manchmal jede Stunde, explodierte ir-, gendetwas in ihrer Nähe, brach in Flammen aus oder zer- fiel zu Trümmern. Am Morgen hatte sie noch darüber ge- lacht und gescherzt, dass sie inzwischen reichlich Übung darin habe, Feuer zu löschen und fliegenden Gegenständen auszuweichen. Wann immer ihre Magie die Oberhand gewann, kamen Magier aus allen Teilen der Stadt herbeigelaufen. Sonea war praktisch ständig in Bewegung gewesen und hatte mehr Zeit in den Tunneln verbracht als in Farens Verste- cken. Kein Wunder, dass sie zu Tode erschöpft und un- glücklich war. Gedankenverloren, achtete Cery kaum auf den Weg. An einer Stelle stiegen sie eine steile Treppe hinunter und ka- men kurz darauf unter einem riesigen Steinbrocken vorbei. Als er den Sockel des Äußeren Walls erkannte, wusste er, dass sie auf dem Weg ins Nordviertel waren, und er fragte sich, wer Farens rätselhafter Freund wohl sein mochte. Nicht lange danach blieb Faren stehen und befahl dem Wachposten, Sonea abzusetzen. Als sie diesmal erwachte, schien sie ein wenig mehr von ihrer Umgebung wahrzu- nehmen. Faren zog seinen Mantel aus, und mit Jarins Hilfe gelang es ihm, Soneas Arme in die Ärmel zu schieben und ihr die Kapuze über die Stirn zu ziehen. »Meinst du, du kannst gehen?«, fragte er sie. Sie zuckte die Achseln. »Ich werde es versuchen.« »Wenn wir jemandem begegnen, halt dich möglichst im Hintergrund«, sagte er. Zuerst brauchte sie Hilfe, aber nach einigen Minuten, hatte sie das Gleichgewicht wiedergefunden. Sie wanderten noch einmal eine halbe Stunde durch die Tunnel und be- gegneten, je weiter sie kamen, immer mehr Menschen, die ebenfalls in den Korridoren unterwegs waren. Schließlich blieb Faren vor einer Tür stehen und klopfte an. Ein Wach- posten öffnete ihnen und ließ sie in einen kleinen Raum eintreten, bevor er an eine zweite Tür klopfte. Ein kleiner, dunkelhäutiger Mann mit einer spitzen Nase öffnete die Tür und musterte den Dieb von Kopf bis Fuß. »Faren«, sagte er. »Was führt dich hierher?« »Geschäfte«, antwortete Faren. Cery runzelte die Stirn. Die Stimme kam ihm irgendwie vertraut vor. Dann wurden die runden Augen des Mannes mit einem Mal schmal. »Kommt herein.« Faren trat durch die Tür, hielt noch einmal inne und zeigte auf seine Wachposten. »Ihr bleibt hier«, erklärte er. Dann deutete er mit dem Kopf auf Cery und Sonea. »Ihr beide kommt mit mir.« Der Mann runzelte die Stirn. »Ich möchte nicht…« Er zögerte, besah sich Cery noch einmal genauer und lächelte schließlich. »Ah, das ist der kleine Ceryni. Du hast Torrins Waisenjungen also bei dir behalten, Faren. Ich hatte mich schon gefragt, ob du das tun würdest.« Cery lächelte, als ihm klar wurde, wer der Mann war. »Hallo, Ravi.« »Kommt herein.« Cery trat in den Raum, und Sonea folgte ihm. Als er sich, umsah, fiel Cerys Blick auf einen alten Mann, der in einem Sessel saß und sich über den langen weißen Bart strich. Cery nickte, aber der Mann ließ seinen höflichen Gruß un- beantwortet. »Und wer ist das da?«, fragte Ravi und nickte dabei in Soneas Richtung. Faren zog ihr die Kapuze aus dem Gesicht. Sonea sah Ravi an. Ihre Pupillen waren groß und schwarz, eine Folge der Droge. »Das ist Sonea«, sagte Faren, und seine Lippen verzogen sich zu einem freudlosen Lächeln. »Sonea, ich möchte dich mit Ravi bekannt machen.« »Hallo«, murmelte Sonea. Ravi wich einen Schritt zurück: Sein Gesicht war schneeweiß geworden. »Das ist… sie? Aber ich –« »Wie könnt ihr es wagen, sie hierher zu bringen!« Sie wandten sich alle gleichzeitig in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Der alte Mann hatte sich auf die Füße gezogen und funkelte Faren wütend an. Sonea unterdrückte einen Schrei und taumelte rückwärts. Faren legte ihr die Hände auf die Schultern, um ihr Halt zu geben. »Keine Angst, Sonea«, sagte er besänftigend. »Er würde es nicht wagen, dir etwas anzutun. Wenn er es täte, müssten wir der Gilde nämlich alles über ihn erzählen, und den Magiern wäre es gar nicht recht, wenn sie entde- cken müssten, dass er keineswegs tot ist, wie sie es vermu- ten.« Cery starrte den alten Mann an. Plötzlich begriff er, wa-, rum der Fremde sich nicht die Mühe gemacht hatte, seinen Gruß zu erwidern. »Verstehst du«, fuhr Faren jetzt in selbstgefälligem Ton- fall fort, »du und er, ihr habt eine Menge gemeinsam, So- nea. Ihr steht beide unter dem Schutz der Diebe, ihr verfügt beide über Magie, und ihr wollt beide nicht von der Gilde gefunden werden. Und jetzt, da du unseren Freund Senfel kennen gelernt hast, wird ihm nichts anderes übrig bleiben, als dir zu zeigen, wie du deine Magie kontrollieren kannst – denn wenn er es nicht tut, könnten die Magier dich viel- leicht finden, und du könntest ihnen vielleicht eine Menge Dinge über ihn erzählen.« »Er ist ein Magier?«, wisperte sie und starrte den alten Mann mit großen Augen an. »Ein ehemaliger Magier«, korrigierte Faren sie. Zu Cerys Erleichterung flackerte in Soneas Augen keine Furcht auf, sondern Hoffnung. »Ihr könnt mir helfen?«, fragte sie. Senfel verschränkte die Arme vor der Brust. »Nein.« »Nein?«, wiederholte sie leise. Der alte Mann runzelte die Stirn, dann verzog er verächt- lich die Lippen. »Wenn du sie unter Drogen setzt, machst du damit alles nur noch schlimmer, Dieb.« Sonea sog scharf die Luft ein. Als Cery sah, dass die Angst in ihren Blick zurückgekehrt war, trat er neben sie und griff nach ihren Händen. »Es ist alles in Ordnung«, flüsterte er ihr zu. »Es war nur eine Schlafdroge.«, »Nein, nichts ist in Ordnung«, widersprach Senfel. Dann wandte er sich mit wütendem Gesichtsausdruck wieder an Faren. »Ich kann ihr nicht helfen.« »Du hast keine andere Wahl«, entgegnete Faren. Senfel lächelte. »Ach ja? Dann geh doch zur Gilde. Er- zähl ihnen, dass ich hier bin. Es ist mir lieber, dass die Ma- gier mich finden, als zu sterben, wenn die Kleine die Kon- trolle über ihre Kräfte verliert.« Als er spürte, wie Sonea sich verkrampfte, trat Cery auf den alten Mann zu. »Hör auf, ihr Angst zu machen«, zisch- te er. Senfel musterte ihn, dann huschte sein Blick zu Sonea hinüber. Sie sah ihm herausfordernd in die Augen. Die Miene des alten Mannes wurde ein wenig weicher. »Geh zu ihnen«, drängte er sie. »Sie werden dich nicht töten. Schlimmstenfalls werden sie deine Kräfte binden, so dass du sie nicht benutzen kannst. Das wäre doch immerhin besser als der Tod, oder?« Sonea funkelte ihn immer noch trotzig an. Senfel straffte sich und bedachte Faren mit einem stählernen Blick. »Es sind mindestens drei Magier in der Nähe. Es würde mich nur wenig Mühe kosten, sie herzurufen, und ich könnte euch ohne Weiteres bis zu ihrem Eintreffen hier im Haus festhalten. Habt ihr immer noch den Wunsch, mich an die Gilde zu verraten?« Faren biss die Zähne zusammen und hielt dem Blick des Magiers stand. Schließlich schüttelte er den Kopf. »Nein.« »Dann geht jetzt, und wenn sie wieder nüchtern ist, wie-, derholt ihr, was ich soeben gesagt habe. Wenn sie nicht Hilfe bei der Gilde sucht, wird sie sterben.« »Dann könnt auch Ihr Sonea helfen«, warf Cery ein. Der alte Mann schüttelte den Kopf. »Nein, das kann ich nicht. Meine Kräfte sind zu schwach, und das Mädchen ist schon zu weit. Nur die Gilde kann ihr jetzt noch helfen.« Der Besitzer des Bolhauses zog ein Fass hervor, hievte es hoch und ließ es mit einem Ächzen auf die Theke fallen. Während er sich daranmachte, einige Becher zu füllen und sie am Tisch zu verteilen, bedachte er Dannyl mit einem vielsagenden Blick. Zu guter Letzt beugte er sich vor, stell- te mit einem vernehmlichen Krachen einen Becher vor Dannyl hin, verschränkte die Arme vor der Brust und war- tete. Dannyl sah den Mann nervös an und schob ihm eine Münze hin. Der Mann zuckte nicht mit der Wimper. Dan- nyl beäugte seinen Becher, bis ihm klar wurde, dass es sich nicht länger vermeiden ließ. Er würde das Zeug trinken müssen. Er hob den Becher, nahm einen zaghaften Schluck und blinzelte dann überrascht. Ein süßes, schweres Aroma brei- tete sich in seinem Mund aus. Der Geschmack war ver- traut, und nach dem zweiten Schluck erkannte er ihn. Che- bol-Sauce, aber ohne die Gewürze. Er trank weiter, und schon bald stieg eine wohlige Wär- me in ihm auf. Er prostete dem Besitzer des Lokals zu, der daraufhin zufrieden den Kopf neigte. Er hörte jedoch nicht, auf, ihn zu beobachten, und Dannyl war erleichtert, als ein junger Mann in den Schankraum trat und den Wirt in ein Gespräch verwickelte. »Was machen die Geschäfte, Kol?« Der Mann breitete die Hände aus. »Das Übliche.« »Wie viele Fässer willst du diesmal?« Die beiden begannen zu feilschen, und Dannyl lauschte interessiert. Nachdem sie sich auf einen Preis geeinigt hat- ten, ließ der Neuankömmling sich auf einem Stuhl nieder und seufzte. »Wo ist eigentlich dieser Fremde abgeblieben? Der mit dem protzigen Ring?« »Du meinst den Sachakaner?« Der Wirt zuckte die Ach- seln. »Den haben sie vor ein paar Wochen erledigt. Man hat ihn in der Gasse gefunden.« »Wirklich?« »Allerdings.« Dannyl schnaubte leise. Ein passendes Ende, ging es ihm durch den Kopf. »Hast du schon von dem Feuer letzte Nacht gehört?«, fragte der Wirt. »Ich wohne in der Nähe. Es hat die ganze Straße ausge- löscht. Nur gut, dass wir nicht Sommer haben. Sonst wäre womöglich das gesamte Hüttenviertel abgebrannt.« »Nicht dass die Städter sich darum scheren würden«, meinte der Wirt. »Das Feuer hat vor der Stadtmauer Halt gemacht.« Plötzlich legte jemand Dannyl eine Hand auf die Schul-, ter. Er blickte auf und erkannte den dünnen Mann, den die Diebe zu seinem Führer bestimmt hatten. Der Mann deute- te mit einer ruckartigen Kopfbewegung zur Tür. Dannyl trank seinen Bol aus und stellte den Becher bei- seite. Als er aufstand, nickte der Besitzer ihm freundlich zu. Dannyl erwiderte den Gruß mit einem Lächeln, dann folgte er seinem Führer zur Tür., 15. Auf die eine oder andere Weise… Sonea sah zu, wie das Wasser durch einen Riss hoch oben in einer der Mauern sickerte, sich zu einem Rinnsal zu- sammenfand, an dem verwaisten Lampenhaken hinunter- lief und dann auf den harten Fußboden spritzte. Ihr neuestes Versteck hatte Faren mit großer Umsicht ausgewählt. Es war ein leerstehender, unterirdischer Lager- raum mit Ziegelmauern und einem steinernen Sims als Bett. Es gab hier nichts, was von Wert war oder verbrennen konnte. Nichts, außer ihr selbst. Bei dem Gedanken daran überlief sie ein Angstschauer. Sie schloss die Augen und schob den Gedanken hastig bei- seite. Sie wusste nicht, wie lange sie schon in diesem Raum war. Es hätten Tage sein können oder auch nur Stunden. Sie hatte keine Möglichkeit, das Verstreichen der Zeit zu messen. Aber bisher hatte sie noch kein einziges Mal die vertrau- te Veränderung in ihrem Geist gespürt. Die Liste von Ge-, fühlen, die ihre Kräfte freizusetzen vermochten, war so lang geworden, dass Sonea inzwischen gar nicht mehr mit- zählte. Sie lag auf dem steinernen Bett und konzentrierte sich einzig darauf, ruhig zu bleiben. Wann immer irgendein Gedanke diese Ruhe zu stören drohte, holte sie tief Luft und schob ihn von sich. Inzwischen hatte sich ein tröstli- ches Gefühl der Leere in ihr ausgebreitet. Vielleicht war das die Wirkung des Getränks, das Faren ihr gegeben hatte. Wenn du sie unter Drogen setzt, machst du damit alles nur noch schlimmer. Bei der Erinnerung an den seltsamen Traum, den sie nach dem Brand gehabt hatte, fröstelte sie. In diesem Traum hatte sie in den Hütten einen Magier auf- gesucht. Obwohl ihre Fantasie einen Helfer erfunden hatte, waren seine Worte keineswegs beruhigend gewesen. Sonea atmete tief durch und verbannte die Erinnerung aus ihren Gedanken. Offensichtlich war es ein Trugschluss gewesen, anzu- nehmen, dass sie einen Vorrat an Zorn in sich tragen muss- te, den sie heraufbeschwören konnte, wenn sie Magie be- nutzen wollte. Inzwischen bewunderte sie die Magier, de- nen es gelang, ihre Kräfte derart zu kontrollieren, aber die Erkenntnis, dass sie gefühllose Wesen waren, gab ihr wahrhaftig keinen Grund, sie zu mögen. Sie vernahm ein leises Klopfen, dann wurde die Tür ge- öffnet. Sie kämpfte die aufkeimende Furcht nieder, stand von ihrem Bett auf und blickte zu dem nur langsam breiter werdenden Türspalt hinüber. Cery stand mit vor Anstren-, gung verzerrtem Gesicht auf der anderen Seite. Als es ihm schließlich gelang, die schwere Metalltür aufzudrücken, schlüpfte er hindurch und gab ihr ein Zeichen. »Du musst wieder umziehen.« »Aber ich habe doch gar nichts getan.« »Vielleicht war es dir nicht bewusst.« Während sie sich durch die Tür schob, fragte sie sich, was seine Worte bedeuten mochten. Hatte die Droge dazu geführt, dass sie es nicht einmal mehr bemerkte, wenn die Magie aus ihrem Geist strömte? Sie hatte nichts explodie- ren oder in Flammen aufgehen sehen. Hatten ihre Kräfte immer noch ein Eigenleben, auch wenn sie sich weniger zerstörerisch auswirkten? Diese Fragen brachten sie gefährlich nahe an den Rand starker Gefühle, daher unterdrückte sie sie mit aller Macht. Sie folgte Cery und konzentrierte sich darauf, weiterhin Ruhe zu bewahren. Schließlich blieb er stehen und stieg eine in die Mauer eingelassene, rostige Leiter hinauf. Nachdem er die Bodentür aufgedrückt hatte, schob er sich durch die Öffnung. Frischer Schnee rieselte in den Tunnel. Sonea, die dicht hinter ihm war, spürte einen kalten Lufthauch auf ihrem Gesicht, dann trat sie hinaus in helles Tageslicht. Sie standen in einer verlassenen Gasse. Wäh- rend sie sich den Schnee von den Kleidern klopfte, grinste Cery sie jungenhaft an. »Du hast Schneeflocken im Haar«, sagte er. Er beugte sich vor, um die weißen Kristalle wegzuwischen, keuchte jedoch auf und riss die Hand zurück., »Autsch! Was…?« Er versuchte es noch einmal und zuckte zusammen. »Du hast eine von diesen Barrieren er- schaffen, Sonea.« »Nein, habe ich nicht«, antwortete sie, immer noch fest davon überzeugt, dass sie keinerlei Magie benutzt hatte. Sie streckte ihrerseits die Hand aus und zuckte vor Schmerz zusammen, als sie auf eine unsichtbare Mauer traf. Im nächsten Moment nahm sie eine Bewegung hinter Cerys Schulter wahr und sah an ihm vorbei. Ein Mann war soeben in die Gasse getreten und kam auf sie zu. »Hinter dir«, warnte sie Cery, aber dessen ganze Auf- merksamkeit war auf etwas über ihrem Kopf gerichtet. »Ein Magier!«, stieß er hervor. Sonea blickte auf und keuchte. Auf dem Dach über ih- nen stand ein Mann, der sie aufmerksam beobachtete. Sie schnappte nach Luft. Der Mann trat über den Rand des Ge- bäudes hinaus, aber statt zu stürzen, schwebte er langsam zu Boden. Ein Zittern durchlief sie, als Cery gegen die Barriere hämmerte. »Lauf!«, schrie er. »Weg hier!« Sie wich vor dem Magier, der den Boden noch nicht ganz erreicht hatte, zurück, gab alle Bemühungen auf, Ru- he zu bewahren, und rannte die Gasse hinunter. Schnelle Schritte hinter ihr sagten ihr, dass der schwebende Magier die Straße erreicht hatte. Vor ihr lag eine Wegkreuzung. Und von dort kam eine weitere Gestalt auf sie zu. Ächzend und getrieben von der, ganzen Kraft ihrer Panik, machte sie einen Satz nach vorn. Ein Gefühl des Triumphs durchzuckte sie. Sie hatte die Kreuzung deutlich vor dem zweiten Magier erreicht. Schlitternd kam sie zum Stehen, rannte auf den Durch- gang zu ihrer Rechten zu… … und hielt sich an einer Hausecke fest, um ihren Schwung zu bremsen. Ein weiterer Mann stand dort, die Arme vor der Brust verschränkt. Keuchend stürzte sie zu- rück in die Richtung, aus der sie gekommen war. Inzwischen war nur noch eine Gasse übrig, in der sie es noch nicht versucht hatte, aber auch dort hatte sie keinen Erfolg. Einige Schritte entfernt stand ein vierter Mann, der ihr letztes Ausweichmanöver beobachtet hatte. Sie stieß einen Fluch aus und wirbelte herum. Der dritte Mann sah sie zwar an, bewegte sich jedoch nicht von der Stelle. Sie drehte sich noch einmal zu dem vierten Magier um. Er ging langsam in ihre Richtung. Ihr Herz hämmerte wie verrückt. Sie blickte auf und ü- berlegte, ob sie an der Mauer hinaufklettern konnte. Die Häuserfassade war aus dem üblichen, grob behauenen Stein erbaut, aber selbst wenn sie Zeit gehabt hätte, daran emporzuklettern, hätten die Magier sie mühelos wieder he- runterziehen können. Eine schreckliche, entmutigende Käl- te überlief sie. Ich sitze in der Falle. Es gibt keinen Ausweg. Ein Stich der Angst durchzuckte sie, als sie sah, dass die beiden ersten Männer inzwischen neben dem dritten an der Wegkreuzung standen, und sie nahm ein vertrautes Flattern, in ihren Gedanken wahr. Staub und Steinbrocken prassel- ten auf sie herab; ein Teil der Mauer über den Männern war eingestürzt. Der Schutt prallte in der Luft über ihnen ab, ohne dass sie dabei Schaden nahmen. Die Magier sahen zu der Mauer, dann richteten sie be- rechnende Blicke auf Sonea. Sie wollte ihnen keinen Grund liefern, sie anzugreifen, daher zog sie sich zurück. Wieder geschah etwas in ihrem Kopf. Sengende Hitze schlang sich um ihr Bein. Sie blickte zu Boden, wo der Schnee zu einer Wasserlache rund um ihre Füße geschmol- zen war. Dampf stieg auf und erfüllte die Gasse mit war- mem, undurchdringlichem Nebel. Sie können mich nicht sehen! Jähe Hoffnung wallte in ihr auf. Ich kann an ihnen vorbeischlüpfen. Sie drehte sich um und rannte die Gasse hinunter. Der dunkle Schatten des Mannes bewegte sich und versperrte ihr den Weg. Sie zögerte, dann schob sie eine Hand in ih- ren Mantel und ertastete den kalten Griff ihres Messers. Als der Magier sie packen wollte, tauchte sie unter seinen ausgestreckten Händen hindurch und warf sich mit aller Kraft gegen ihn. Er taumelte zurück, fiel jedoch nicht zu Boden. Bevor er das Gleichgewicht wiederfinden konnte, rammte sie ihm die dünne Klinge in den Oberschenkel. Ih- re Waffe bohrte sich tief in sein Fleisch, und einen Moment lang wurde ihr übel. Dennoch befriedigte es sie zu hören, wie er vor Überraschung und Schmerz aufschrie. Sie riss ihr Messer aus der Wunde und stieß den Mann von sich. Als er stöhnend gegen die Mauer prallte, drehte sie sich, um, um wegzulaufen. Finger umschlangen ihr Handgelenk. Mit einem wüten- den Knurren versuchte sie, sich zu befreien. Der Mann fasste jetzt so fest zu, dass es wehtat, und das Messer ent- glitt ihrem Griff. Ein Windstoß vertrieb den Nebel aus der Gasse, und die drei anderen Magier kamen auf sie zugestürzt. Panik stieg in ihr auf, während sie ihren sinnlosen Kampf fortsetzte, bis sie auf dem feuchten Boden ausglitt. Keuchend vor An- strengung stieß der am Boden liegende Magier sie auf sei- ne drei Gefährten zu. Sie versuchte noch einmal, sich loszureißen, aber inzwi- schen hatten die drei anderen Männer sie ebenfalls gepackt und drückten sie gegen die Mauer, so dass sie sich nicht mehr bewegen konnte. »Sie ist eine richtige Wildkatze«, sagte einer der Magier. Der verletzte Mann am Boden stieß ein klägliches Lachen aus. Als Sonea sich dem Magier zuwandte, der ihr am nächs- ten stand, stellte sie zu ihrem Entsetzen fest, dass sie sein Gesicht kannte. Er war es, der sie bei der Säuberung gese- hen hatte. Jetzt blickte er ihr eindringlich in die Augen. »Hab keine Angst vor uns, Sonea«, sagte er. »Wir wer- den dir nichts Böses antun.« Ein anderer Magier murmelte etwas. Der ältere Mann nickte, dann ließen die anderen langsam die Hände sinken. Eine unsichtbare Kraft drückte sie an die Mauer. Außer- stande, sich zu bewegen, schlug eine Woge der Verzweif-, lung über ihr zusammen, gefolgt von dem vertrauten Ge- fühl von Magie, die ihrem Zugriff entglitt. Plötzlich explo- dierte die Mauer hinter den drei anderen Magiern, und sie brachten sich hastig vor den durch die Luft fliegenden Zie- gelsteinen in Sicherheit. Ein Mann, der eine Bäckerschürze trug, trat durch die Öffnung, das Gesicht umwölkt vor Zorn. Als er die vier Magier sah, zögerte er, und seine Augen weiteten sich. Ei- ner der Magier drehte sich zu ihm und machte eine schroffe Handbewegung. »Bring dich in Sicherheit«, blaffte er den Bäcker an. »Dich und alle anderen in diesem Häuserblock.« Der Mann verschwand in der Dunkelheit des Hauses. »Sonea.« Der ältere Magier sah sie eindringlich an. »Hör mir zu. Wir werden dir nichts antun. Wir –« Sengende Hitze legte sich über ihr Gesicht. Als sie sich umwandte, stellte sie fest, dass die Ziegelsteine in ihrer Nähe rot glühten. Irgendetwas sickerte an der Mauer hin- unter. Sie hörte einen der Magier einen Fluch ausstoßen. »Sonea«, wiederholte der ältere Magier, und seine Stimme hatte jetzt einen strengeren Klang als zuvor. »Hör auf, gegen uns zu kämpfen. Du wirst dir nur selbst Schaden zufügen.« Die Mauer hinter ihr begann zu zittern. Als die Vibratio- nen sich weiter ausbreiteten, rissen die Magier die Arme hoch. Sonea keuchte auf. Im Boden unter ihren Füßen taten sich plötzlich Risse auf. »Du musst deinen Atem verlangsamen«, drängte der, Magier sie. »Versuche, dich zu beruhigen.« Sie schloss die Augen, dann schüttelte sie den Kopf. Es hatte keinen Sinn. Die Magie entströmte ihr wie Wasser einem gebrochenen Rohr. Als etwas sie an der Stirn be- rührte, schlug sie die Augen auf. Der Magier zog die Hand zurück. Sein Gesicht wirkte angespannt. Er gab seinen Gefährten einen knappen Be- fehl, dann wandte er sich wieder zu ihr um. »Ich kann dir helfen, Sonea«, sagte er. »Ich kann dir zei- gen, wie man solchen Dingen Einhalt gebietet, aber wenn du es mir nicht gestattest, kann ich nichts für dich tun. Ich weiß, dass du jeden Grund hast, uns zu fürchten und zu misstrauen, aber wenn du deine Gegenwehr jetzt nicht auf- gibst, wirst du dich und viele andere Menschen in diesem Viertel verletzen. Verstehst du mich?« Sie starrte ihn an. Ihr helfen? Warum sollte er ihr helfen wollen? Aber wenn er die Absicht gehabt hätte, mich zu töten, ging es ihr plötzlich durch den Kopf, hätte er das bereits tun können. Mit einem Mal begann sein Gesicht zu leuchten, und sie begriff, dass die Luft um sie herum sich unerträglich auf- geheizt hatte – sie hatte Mühe, einen Schmerzensschrei zu unterdrücken. Den Magiern konnte die Hitze anscheinend nichts anhaben, aber ihre Mienen waren dennoch grimmig. Obwohl ein Teil von ihr sich gegen die Idee auflehnte, wusste sie, dass etwas Furchtbares geschehen würde, wenn sie nicht tat, was diese Magier von ihr wollten., Der ältere Magier runzelte die Stirn. »Sonea«, sagte er mahnend. »Wir haben nicht genug Zeit, um dir alles zu er- klären. Ich werde versuchen, es dir zu zeigen, aber du darfst keinen Widerstand leisten.« Er hob die Hand und berührte ihre Stirn. Dann schloss er die Augen. Schon im nächsten Moment spürte sie eine Person tief in ihren Gedanken. Sie wusste sofort, dass der Mann Rothen hieß. Im Gegensatz zu den anderen Magiern, die mit ihren Gedanken nach ihr gesucht hatten, konnte dieser Mann sie sehen. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf seine Gegenwart in ihrem Geist. – Hör mir zu. Du hast die Kontrolle über deine Kräfte beinahe zur Gänze verloren. Obwohl sie keine Worte vernehmen konnte, war die Be- deutung dessen, was er sagte, absolut klar – und erschre- ckend. Sie begriff sofort, dass die Magie, über die sie ge- bot, sie töten würde, wenn sie sie nicht zu beherrschen lernte. – Das ist es, wonach du in deinem Geist suchen musst. Etwas – ein wortloser Gedanke – gab ihr den Befehl zu suchen. Sie wurde sich eines Ortes in ihrem Innern be- wusst, der gleichzeitig vertraut und fremd war. Als sie sich darauf konzentrierte, wurde er immer klarer. Eine große, blendende Kugel aus Licht, die in der Dunkelheit schweb- te… – Das ist deine Magie. Sie ist zu einer gewaltigen Ener- giequelle angewachsen, obwohl du einen Teil dieser Ener-, gie bereits abgezogen hast. Du musst sie freisetzen – aber auf eine kontrollierte Art und Weise. Das war ihre Magie? Sie versuchte, danach zu greifen. Unverzüglich blitzte weißes Licht aus der Kugel auf. Ein heftiger Schmerz durchfuhr sie, und irgendwo in weiter Ferne hörte sie einen Aufschrei. – Versuche nicht, sie zu erreichen – nicht bevor ich dir gezeigt habe, wie. Und jetzt beobachte mich… Er lenkte ihre Aufmerksamkeit in eine andere Richtung. Sie folgte ihm, auch wenn sie nicht wusste, wohin, und nahm schließlich eine andere Kugel aus Licht wahr. – Sieh genau hin. Sie beobachtete, wie er seine Willenskraft ausdehnte, Magie aus der Kugel heraussog, sie formte und schließlich losließ. – Und jetzt versuch du es. Sie konzentrierte sich auf ihr eigenes Licht und entlockte ihm ein klein wenig von seiner Energie. Magie überflutete ihren Geist. Sie brauchte nur daran zu denken, was sie da- mit tun wollte, und schon setzte dieser Strom wieder ein. – So ist es richtig, jetzt mach es noch einmal, aber hör nicht auf, bis du alles an Energie verbraucht hast, was du besitzt. – Alles? – Hab keine Angst. Du bist in der Lage, mit einer sol- chen Menge an Energie fertig zu werden, und die Übung, die ich dir gezeigt habe, wird deine Energie auf eine Art und Weise abschöpfen, die keinen Schaden anrichtet., Ihre Brust hob sich, als sie tief ein– und wieder ausatme- te. Abermals griff sie nach ihrer Magie, formte sie nach ihrem Willen und ließ sie frei, wieder und wieder. Nach- dem sie erst einmal damit begonnen hatte, erschien es ihr ganz einfach. Die Kugel begann zu schrumpfen und löste sich langsam auf, bis sie nicht mehr war als ein Funke, der in der Dunkelheit trieb. – So, es ist vorbei. Sie öffnete die Augen und besah sich blinzelnd das Bild der Zerstörung, das sich ihr darbot. Die Mauern waren fort, und in einem Umkreis von zwanzig Schritten war nichts zurückgeblieben als schwelender Schutt. Die Magier beo- bachteten sie argwöhnisch. Obwohl die Mauer hinter ihr nicht mehr existierte, hielt die unsichtbare Macht Sonea nach wie vor aufrecht. Dann wurde sie plötzlich freigelassen und taumelte. Ihre Beine zitterten vor Anstrengung und gaben schließlich unter ihr nach. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre kraftlos in sich zusammengesunken. Der ältere Magier lächelte ihr zu und legte ihr die Hand auf die Schulter. – Für den Augenblick bist du außer Gefahr, Sonea. Du hast deine gesamte Energie erschöpft. Ruh dich aus. Wir werden bald wieder miteinander reden. Als er sie vom Boden hochhob, überfiel sie ein jäher Schwindel, und tiefe Schwärze löschte alle Gedanken aus. Cery, der vor Anstrengung und Schmerz keuchte, lehnte sich an die zerstörte Mauer. Soneas Schrei hallte noch im-, mer in seinen Ohren wider. Er presste die Hände gegen die Schläfen und schloss die Augen. »Sonea…«, flüsterte er. Seufzend ließ er die Hände sinken und hörte zu spät die Schritte hinter sich. Er blickte auf. Der Mann, der ihm den Fluchtweg durch die Gasse versperrt hatte, war zurückge- kehrt und starrte ihn jetzt eindringlich an. Cery ignorierte ihn. Er hatte inmitten des Staubs und der Trümmer einen leuchtenden Fleck entdeckt. Langsam ging er in die Hocke und berührte die rote Flüssigkeit, die von einem zerbrochenen Ziegelstein heruntertropfte. Blut. Schritte näherten sich, und ein Stiefel kam neben dem Blut in Sicht – ein Stiefel mit Knöpfen in der Form des Symbols der Gilde. Eine Woge des Zorns schlug über ihm zusammen. Mit einer raschen Bewegung rappelte er sich hoch und zielte mit der Faust auf das Gesicht des Mannes. Der Mann packte Cerys Handgelenk und verdrehte ihm den Arm. Cery verlor das Gleichgewicht, stürzte und schlug mit dem Kopf gegen die Mauer. Bunte Lichter blitz- ten vor seinen Augen auf. Keuchend zog er sich wieder auf die Füße und drückte die Hände an die Schläfen, weil er hoffte, dass die Welt dann aufhören würde sich zu drehen. Der Mann kicherte. »Törichter Hüttentölpel«, sagte er. Dann fuhr der Magier mit den Fingern durch sein feines, blondes Haar, drehte sich auf dem Absatz um und stolzierte davon., ZWEITER TEIL, 16. Neue Bekanntschaften Während der Morgen sich unausweichlich dem Mittag nä- herte, wurden Rothens Lider vor Erschöpfung immer schwerer. Er schloss die Augen und beschwor ein wenig heilende Magie herauf, um sich zu erfrischen; dann griff er wieder nach seinem Buch und zwang sich, weiterzulesen. Noch bevor er mit der Seite fertig war, ertappte er sich dabei, dass er immer wieder zu dem schlafenden Mädchen hinüberschaute. Sie lag in einem kleinen Schlafzimmer in seiner Wohnung, in dem Bett, das früher einmal seinem Sohn gehört hatte. Einige seiner Kollegen hatten Einwände dagegen erhoben, dass er sie im Quartier der Magier unter- gebracht hatte. Obwohl er ihre Befürchtungen nicht teilte, hatte er sie dennoch im Auge behalten – nur für den Fall der Fälle. In der dunkelsten Stunde der Nacht hatte er Yaldin ges- tattet, über Sonea zu wachen, damit er ein wenig Ruhe fin- den konnte. Aber statt zu schlafen, hatte er wach dagelegen und über das Mädchen nachgedacht. Es gab so vieles zu erklären. Er wollte auf all die Fragen und Anklagen vorbe- reitet sein, mit denen sie ihn gewiss konfrontieren würde., In Gedanken hatte er mögliche Gespräche wieder und wie- der durchgespielt und schließlich den Versuch zu schlafen aufgegeben, um an ihre Seite zurückzukehren. Sie selbst hatte den größten Teil des Tages geschlafen. Magische Erschöpfung wirkte sich bei jungen Menschen häufig so aus. In den zwei Monaten seit der Säuberung war ihr Haar ein wenig länger geworden, aber ihre Haut war bleich und spannte sich straff über die Knochen ihres Ge- sichts. Bei der Erinnerung daran, wie leicht sie in seinen Armen gewesen war, schüttelte Rothen den Kopf. Die Zeit bei den Dieben war ihrem Gesundheitszustand eindeutig abträglich gewesen. Seufzend richtete er seine Aufmerk- samkeit wieder auf das Buch. Nachdem es ihm gelungen war, eine weitere Seite zu le- sen, blickte er auf. Dunkle Augen starrten ihn an. Dann wanderte der Blick des Mädchens über seine Ro- ben. Und im nächsten Moment versuchte sie auch schon, sich mit hektischen Bewegungen aus den Laken zu befrei- en. Als es ihr schließlich gelungen war, besah sie sich vol- ler Entsetzen das Nachtgewand aus schwerer Baumwolle, das sie trug. Rothen legte das Buch auf den Tisch neben dem Bett und stand auf, wobei er jede schnelle Bewegung vermied. Das Mädchen presste sich mit weit aufgerissenen Augen gegen die Wand. Rothen öffnete die Türen eines Schranks im hinteren Teil des Raums und nahm einen dicken Mor- genmantel heraus. »Hier«, sagte er und reichte ihr das Kleidungsstück., »Das ist für dich.« Sie starrte das Gewand an, als sei es ein wildes Tier. »Nimm nur«, drängte er sie und machte einen Schritt auf sie zu. »Du frierst bestimmt.« Stirnrunzelnd riss sie ihm den Morgenmantel aus der Hand. Ohne den Blick von ihm abzuwenden, schlüpfte sie in das Kleidungsstück und schlang es fest um ihren mage- ren Leib, bevor sie sich wieder an die Wand zurückzog. »Ich heiße Rothen«, sagte er. Keine Reaktion. »Wir wollen dir nichts Böses, Sonea«, fuhr er fort. »Du hast nichts von uns zu befürchten.« Ihre Augen wurden schmal, und ihr Mund verwandelte sich in eine dünne Linie. »Du glaubst mir nicht.« Er zuckte die Achseln. »Ich an deiner Stelle täte das auch nicht. Hast du unseren Brief be- kommen, Sonea?« Ein Ausdruck der Verachtung legte sich über ihre Züge. Er widerstand dem Drang zu lächeln. »Natürlich, das hast du uns auch nicht geglaubt, nicht wahr? Was hat die größten Zweifel in dir geweckt?« Sie verschränkte die Arme vor der Brust, schaute aus dem Fenster und gab ihm immer noch keine Antwort. Er unterdrückte einen Anflug von Ärger. Widerstand, ja, sogar diese lächerliche Weigerung, auf Fragen zu antworten, wa- ren zu erwarten gewesen. »Sonea, wir müssen miteinander reden«, sagte er sanft. »Ob du willst oder nicht, du besitzt eine Macht, die du zu, beherrschen lernen musst. Wenn du es nicht tust, wird die- se Macht dich töten. Ich weiß, dass dir das klar ist.« Sie zog die Brauen zusammen, blickte aber weiter nur aus dem Fenster. Rothen gestattete sich einen Seufzer. »Welche Gründe deine Abneigung gegen uns auch ha- ben mag, du musst begreifen, dass es töricht wäre, unsere Hilfe abzulehnen. Gestern haben wir nicht mehr getan, als die Kraft zu erschöpfen, die du in dir trägst. Es wird nicht lange dauern, bis diese Kräfte in dir abermals stark und ge- fährlich werden. Denk darüber nach.« Er hielt inne. »Aber lass dir nicht allzu viel Zeit dabei.« Er wandte sich zur Tür um und streckte die Hand nach dem Griff aus. »Was muss ich tun?« Ihre Stimme klang hoch und schwach. Trotz des jähen Triumphgefühls, das in ihm aufstieg, gelang es ihm, eine ausdruckslose Miene aufzusetzen. Er drehte sich wieder um, und sein Herz krampfte sich zusammen, als er die Angst in ihren Augen sah. »Du musst lernen, mir zu vertrauen«, antwortete er. Der Magier – Rothen – war zu seinem Stuhl zurückgekehrt. Soneas Herz hämmerte noch immer, wenn auch nicht mehr gar so schnell wie zuvor. In dem Morgenmantel fühlte sie sich jetzt ein klein wenig sicherer. Sie wusste, dass er kei- nen Schutz gegen Magie bot, aber immerhin verhüllte er das lächerliche Ding, das man ihr angezogen hatte. Der Raum, in dem sie sich befand, war nicht besonders, groß. An der einen Wand stand ein hoher Schrank, an einer anderen das Bett und in der Mitte ein kleiner Tisch. Die Möbel waren aus teurem, poliertem Holz gemacht. Auf dem Tisch lagen kleine Kämme und Schreibutensilien aus Silber. An der Wand darüber hing ein Spiegel, und die Wand hinter dem Magier zierte ein Gemälde. »Kontrolle ist etwas sehr schwer Fassbares«, erklärte Rothen. »Um es dir zu zeigen, muss ich in deinen Geist eindringen, aber das kann ich nicht tun, wenn du dich ge- gen mich wehrst.« Sonea musste an die Novizen denken, die in einem Klas- senzimmer gestanden hatten. Jeweils einer von ihnen hatte einem anderen die Hände auf die Schläfen gelegt. Die Er- klärungen des Lehrers stimmten mit dem überein, was Ro- then sagte. Sonea verspürte eine beklommene Befriedi- gung, weil sie wusste, dass dieser Magier die Wahrheit sagte. Kein Magier konnte unaufgefordert in ihren Geist ein- dringen. Dann runzelte sie die Stirn, denn sie erinnerte sich plötz- lich wieder an die Aura, die ihr die Quelle ihrer Magie ge- zeigt hatte und auch, wie sie sie benutzen musste. »Gestern habt Ihr das aber getan.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe dich zu deiner eigenen Magie geführt und dir dann an meiner eigenen Magie demonstriert, wie du sie benutzen musst. Das ist et- was gänzlich anderes. Um dich zu lehren, wie du deine Magie kontrollieren kannst, muss ich an den Ort in dir vor-, dringen, an dem deine Macht wohnt. Und um dorthin zu gelangen, muss ich in deinen Geist eindringen.« Sonea wandte den Blick ab. Einen Magier in ihren Geist einlassen? Was würde er sehen? Würde er alles sehen oder nur die Dinge, die zu sehen sie ihm gestattete? Hatte sie denn eine Wahl? »Rede mit mir«, drängte der Magier sie. »Stell mir alle Fragen, die dich bewegen. Wenn du mehr über mich er- fährst, wirst du feststellen, dass ich ein vertrauenswürdiger Mensch bin. Du brauchst nicht die ganze Gilde zu mögen, du brauchst nicht einmal mich zu mögen. Du musst mich nur gut genug kennen, um darauf zu vertrauen, dass ich dich lehren werde, was du wissen musst, und dir keinen Schaden zufügen will.« Sonea sah ihn sich ein wenig genauer an. Er war viel- leicht fünfzig Jahre alt oder älter. Obwohl sich graue Strähnen durch sein dunkles Haar zogen, waren seine Au- gen blau und lebendig. Die Falten um Mund und Augen verliehen ihm einen gutmütigen Gesichtsausdruck. Er wirkte wie ein freundlicher, väterlicher Mann – aber sie war keine Närrin. Betrüger sahen immer ehrlich und anzie- hend aus. Wenn es anders wäre, könnten sie sich nicht durchs Leben schlagen. Natürlich würde die Gilde dafür sorgen, dass sie zuerst ihren sympathischsten Magier ken- nen lernte. Sonea schaute tiefer. Als sie in seine Augen sah, erwi- derte er ihren Blick vollkommen ruhig. Seine gelassene Zuversicht verstörte sie. Entweder war er sich ganz sicher,, dass sie nichts entdecken konnte, woran sie Anstoß neh- men würde, oder aber er glaubte, sie mit einer List dahin bringen zu können, genau diesen Eindruck zu gewinnen. So oder so, vor ihm lag eine schwierige Aufgabe, soviel stand für Sonea fest. »Warum sollte ich Euch irgendetwas glauben, was Ihr mir erzählt?« Er hob die Schultern. »Warum sollte ich dich belügen?« »Um zu bekommen, was Ihr haben wollt. Warum sonst?« »Und was will ich haben?« Sie zögerte. »Das weiß ich noch nicht.« »Ich will dir lediglich helfen, Sonea.« Er klang aufrich- tig besorgt. »Ich glaube Euch nicht«, antwortete sie. »Warum nicht?« »Ihr seid ein Magier. Es heißt, Ihr hättet einen Schwur geleistet, die Menschen zu beschützen, aber ich habe euch töten sehen.« Die Falten zwischen seinen Brauen vertieften sich, dann nickte er langsam. »Das hast du allerdings. Wie wir schon in unserem Brief an dich geschrieben haben, hatten wir nicht die Absicht, an jenem Tag irgendjemanden zu verlet- zen – weder dich noch den Jungen.« Er seufzte. »Es war ein schreckliches Versehen. Wenn ich gewusst hätte, was geschehen würde, hätte ich die anderen niemals auf dich aufmerksam gemacht. Es gibt viele Methoden, um Magie auszusenden, und die gebräuchlichste davon ist der, ›Schlag‹. Der schwächste dieser Art ist der ›Betäubungs- schlag‹, der dazu gedacht ist, einen Menschen zu lähmen; die Muskeln des Betroffenen erstarren, so dass er sich nicht mehr bewegen kann. Die Magier, die den Jungen angegrif- fen haben, haben alle den ›Betäubungsschlag‹ benutzt. Er- innerst du dich an die Farbe der Schläge?« Sonea schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht hingesehen.« Weil ich zu beschäftigt damit war, wegzulaufen, dachte sie, aber sie hatte nicht die Absicht, das laut auszusprechen. Der Magier runzelte die Stirn. »Dann wirst du mir ein- fach glauben müssen, wenn ich sage, dass sie alle rot wa- ren. Ein ›Betäubungsschlag‹ ist rot. Aber da so viele Ma- gier gleichzeitig reagiert haben, haben sich einige der ›Schläge‹ zusammengefügt und sind zu einem stärkeren ›Feuerschlag‹ verschmolzen. Diese Magier hatten keinerlei Absicht, irgendjemandem Schaden zuzufügen, sie wollten den Jungen lediglich daran hindern, wegzulaufen. Ich ver- sichere dir, dass unser Fehler uns großen Kummer bereitet und eine Menge Tadel vom König und von den Häusern eingetragen hat.« Sonea rümpfte die Nase. »Als ob die sich für so etwas interessieren würden.« Er zog die Augenbrauen hoch. »Ah, sie interessieren sich sehr wohl dafür. Ich gebe zu, dass ihre Gründe eher mit dem Wunsch zusammenhängen, die Gilde unter Kon- trolle zu halten, als mit Mitgefühl für den Jungen oder sei- ne Familie, aber man hat uns sehr wohl für unseren Fehler zur Rechenschaft gezogen.«, »Wie?« Er lächelte schief. »Protestbriefe. Öffentliche Anspra- chen. Eine Verwarnung vom König. Das klingt nicht be- sonders beeindruckend, aber in der Welt der Politik sind Worte erheblich gefährlicher als Schlagstöcke oder Ma- gie.« Sonea schüttelte den Kopf. »Die Magie ist Euer Ge- schäft. Sie ist das, worauf Ihr Euch angeblich am besten ver- steht. Ein einzelner Magier mag einen Fehler machen, aber nicht so viele von Euch gleichzeitig.« Er breitete die Hände aus. »Glaubst du, wir verbrächten unsere Tage damit, uns darauf vorzubereiten, dass ein mit- telloses Mädchen uns mit von Magie geleiteten Steinen angreifen könnte? Unsere Krieger werden in den kompli- ziertesten Manövern und Kriegsstrategien ausgebildet, aber keine Situation, wie sie in der Arena vorkommt, hätte sie auf einen Angriff durch ihre eigenen Leute vorbereiten können – Menschen, die sie für harmlos hielten.« Sonea prustete laut. Harmlos. Sie sah, dass Rothen ange- sichts ihrer Reaktion die Lippen zusammenpresste. Wahr- scheinlich findet er mich abstoßend, überlegte sie. Für die Magier waren die Hüttenleute schmutzig, hässlich und läs- tig. Hatten sie überhaupt eine Ahnung, wie sehr die Vor- stadtbewohner sie hassten? »Aber Ihr habt früher schon Dinge getan, die fast genau- so schlimm waren«, entgegnete sie. »Ich habe Menschen mit Brandwunden gesehen, die Magier ihnen zugefügt hat-, ten. Dann sind da noch jene, die zertrampelt werden, wenn Ihr die Menge so sehr in Panik versetzt, dass die Menschen in blinder Flucht davonlaufen. Die meisten jedoch erfrieren später in der Kälte der Hüttensiedlungen.« Sie musterte ihn mit schmalen Augen. »Aber Ihr begreift natürlich nicht, dass die Gilde auch daran die Schuld trägt, nicht wahr?« »Es hat in der Vergangenheit Unfälle gegeben«, räumte er ein. »Magier, die unvorsichtig waren. Sofern es möglich war, hat man die Opfer später geheilt und entschädigt. Was die Säuberung selbst betrifft… « Er schüttelte den Kopf. »Viele von uns denken, dass diese Maßnahme nicht länger notwendig ist. Weißt du, wie und warum die Säuberungen eigentlich begonnen haben?« Sie öffnete den Mund, um eine spitze Antwort zu geben, zögerte dann jedoch. Es konnte nicht schaden, zu erfahren, warum die Säuberungen seiner Meinung nach begonnen hatten. »Dann erzählt es mir.« Ein geistesabwesender Ausdruck trat in Rothens Augen. »Vor über dreißig Jahren ist im hohen Norden ein Berg explodiert. Ruß erfüllte den Himmel und ließ das Licht der Sonne nicht mehr durchdringen. Der folgende Winter war so lang und kalt, dass wir keinen echten Sommer hatten, bevor der nächste Winter begann. Überall in Kyralia und Elyne verdarben die Ernten, und das Vieh starb. Hunderte, vielleicht Tausende von Bauern und ihre Familien strömten in die Stadt, aber es gab nicht genug Arbeit für sie alle und auch nicht genug Quartiere. Die Stadt war voll von hungernden Menschen. Der Kö-, nig verteilte Nahrungsmittel und veranlasste, dass Orte wie die Rennbahn geräumt wurden, um den Menschen ein Ob- dach zu bieten. Er schickte einige der Bauern zurück auf ihre Höfe, versehen mit genug Nahrungsmitteln, um bis zum nächsten Sommer durchzukommen. Es gab allerdings nicht für jeden genug. Wir erklärten den Menschen, dass der nächste Winter weniger hart werden würde, aber es gab viele, die uns nicht glaubten. Einige von ihnen dachten sogar, die Welt würde vollends zufrieren, und wir würden alle den Tod finden. Sie warfen jeden Anstand über Bord und überfielen andere, weil sie davon ausgingen, dass niemand am Leben bleiben würde, um sie zu bestrafen. Nach einer Weile waren die Straßen so unsicher, dass selbst bei hellem Tageslicht Ge- fahr drohte. Banden brachen in Häuser ein, und Menschen wurden in ihren Betten ermordet. Es war eine furchtbare Zeit.« Er schüttelte den Kopf. »Eine Zeit, die ich niemals vergessen werde. Der König schickte damals die Garde aus, um die Banden aus der Stadt zu vertreiben. Als klar wurde, dass dieses Unterfangen nicht ohne Blutvergießen abgehen würde, bat er die Gilde um Hilfe. Der nächste Winter war ebenfalls hart, und als der König Anzeichen dafür entdeckte, dass sich ähnliche Probleme abermals er- geben würden, beschloss er, für Ordnung zu sorgen, bevor die Situation sich aufs Neue zuspitzte. Und so ist es seither in jedem Jahr gewesen.« Rothen seufzte. »Viele sagen, die Säuberungen hätten schon vor Jahren eingestellt werden müssen, aber das Ge-, dächtnis der Menschen ist lang, und die Hüttenviertel ha- ben sich seit jenem Winter um ein Vielfaches vergrößert. Viele Menschen fürchten sich vor dem, was geschehen wird, wenn die Stadt nicht jeden Winter gesäubert wird, vor allem jetzt, da es die Diebe gibt. Sie befürchten, dass die Diebe eine solche Situation ausnützen würden, um die Kontrolle über die Stadt an sich zu reißen.« »Das ist doch lächerlich!«, rief Sonea. Rothens Version der Geschichte war, wie vorauszusehen, einseitig, aber ei- nige der Gründe, die er für die erste Säuberung genannt hatte, waren ihr neu. Explodierende Berge? Es hatte keinen Sinn, mit ihm zu diskutieren. Er würde sich einfach auf ihre Unwissenheit herausreden. Aber etwas wusste sie, das er nicht wusste. »Es war gerade die Säuberung, die dazu geführt hat, dass die Diebe sich zusammenschlossen«, erklärte sie ihm. »Glaubt Ihr, all die Menschen, die Ihr damals vertrieben habt, waren Räuber und Bandenmitglieder? Ihr habt die hungernden Bauern und ihre Familien vertrieben und die- jenigen, die wie die Bettler und Hausierer auf die Stadt an- gewiesen sind. Diese Menschen haben sich zusammenge- tan, um einander zu helfen. Sie haben überlebt, indem sie sich den Gesetzlosen anschlossen, denn sie sahen keinen Grund, sich noch länger nach den Gesetzen des Königs zu richten. Er hatte sie fortgejagt, als er ihnen eigentlich hätte helfen sollen.« »Er hat so vielen Menschen wir nur möglich geholfen.« »Aber nicht allen und nicht jetzt. Glaubt Ihr denn, dass, er die Straßen von Räubern und Banden säubert? Nein, es sind gute Menschen, die von dem leben, was die Reichen wegwerfen, oder ein Gewerbe in der Stadt betreiben, aber in den Hütten leben. Die Gesetzlosen sind die Diebe – und die Diebe kümmert die Säuberung nicht im Geringsten, denn sie können die Stadt betreten und wieder verlassen, wann immer ihnen der Sinn danach steht.« Rothen nickte langsam und mit nachdenklicher Miene. »Etwas Derartiges habe ich schon vermutet.« Er beugte sich vor. »Sonea, mir gefällt die Säuberung genauso wenig wie dir – und ich bin nicht der einzige Magier, der so denkt.« »Aber warum tut Ihr es dann?« »Weil wir, wenn der König etwas von uns verlangt, durch unseren Eid gebunden sind und ihm gehorchen müs- sen.« Sonea schnaubte. »Also könnt Ihr dem König an allem, was Ihr tut, die Schuld geben.« »Wir sind alle Untertanen des Königs«, rief er ihr ins Gedächtnis. »Die Gilde muss ihm gehorchen, damit die Menschen nicht glauben, wir wollten selbst die Herrschaft über Kyralia an uns reißen.« Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Wenn wir die skrupellosen Mörder sind, für die du uns hältst, warum haben wir das dann nicht schon vor langer Zeit getan, Sonea? Warum regieren dann nicht die Magier über das Land?« Sonea zuckte die Achseln. »Das weiß ich nicht, aber für die Hüttenleute würde es keinen Unterschied machen., Wann habt Ihr uns jemals etwas Gutes getan?« Rothens Augen wurden schmal. »Es gibt viele Dinge, von denen du nichts bemerkst.« »Zum Beispiel?« »Wir halten zum Beispiel den Hafen frei von Schlick. Ohne uns könnten keine Schiffe in Imardin vor Anker ge- hen, und der Handel mit anderen Ländern käme zum Erlie- gen.« »Welchen Nutzen haben die Hüttenleute davon?« »Der Handel gibt allen Ständen von Imardin Arbeit. Mit den Schiffen kommen Seeleute, die Geld für Unterkunft, Verpflegung und allerlei anderes ausgeben. Arbeiter verpa- cken und transportieren Waren. Die Zünftler stellen die Waren her.« Er musterte sie kurz, dann schüttelte er den Kopf. »Vielleicht ist unsere Arbeit zu weit von deinem ei- genen Leben entfernt, als dass du ihren Nutzen erkennen könntest. Du müsstest sehen, wie wir den Menschen direkt helfen, zum Beispiel durch die Bemühungen unserer Hei- ler. Sie arbeiten hart, um –« »Heiler!« Sonea verdrehte die Augen. »Wer hat denn das Geld, um einen Heiler zu bezahlen? Das Honorar be- trägt das Zehnfache von dem, was ein guter Dieb in seinem ganzen Leben verdienen kann!« Rothen stutzte. »Natürlich, du hast Recht«, sagte er lei- se. »Wir verfügen nur über eine begrenzte Anzahl an Hei- lern – kaum genug, um die vielen Kranken zu versorgen, die bei uns Hilfe suchen. Die hohen Honorare schrecken Menschen mit nur geringfügigen Leiden davon ab, die Zeit, der Heiler unnötig zu verschwenden. Dafür bilden wir auch nicht-magiekundige Heiler aus. Diese Bader behandeln die übrigen Bürger von Imardin.« »Aber nicht die Hüttenleute«, entgegnete Sonea. »Wir haben Kurierer, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Menschen töten, ist genauso groß wie die, dass sie jeman- den kurieren. Bader kenne ich nur vom Hörensagen aus der Zeit, als ich im Nordviertel lebte, und sie zu Rate zu ziehen kostet eine Stange Gold.« Rothen blickte aus dem Fenster und seufzte. »Sonea, wenn ich das Problem der Armut in der Stadt lösen könnte, würde ich es tun, ohne einen Moment lang zu zögern. Aber wir können nur wenig ausrichten, selbst wir Magier.« »Ach ja? Wenn Euch die Säuberung wirklich nicht ge- fällt, dann weigert Euch doch einfach, Euch daran zu betei- ligen. Sagt dem König, dass Ihr alles andere tun würdet, was er befiehlt, nur das nicht. So etwas hat es durchaus schon gegeben.« Es war offensichtlich, dass ihre Bemerkung ihn verwirr- te. »Damals, als König Palen sich weigerte, die Bündnisver- träge zu unterzeichnen.« Als sie die Überraschung in sei- nem Gesicht sah, musste sie ein Lächeln unterdrücken. »Und dann bringt den König dazu, in den Hüttenvierteln eine ordentliche Kanalisation und ähnliche Dinge bauen zu lassen. Sein Urgroßvater hat das für den Rest der Stadt ge- tan, warum sollte er es nicht für uns tun?« Rothen zog die Augenbrauen in die Höhe. »Du hättest, nicht den Wunsch, die Hüttenleute in die Stadt umzusie- deln?« Sonea schüttelte den Kopf. »Einige Viertel des Äußeren Rings sind gut. Die Stadt wird sowieso nicht aufhören zu wachsen. Vielleicht sollte der König noch eine weitere Mauer errichten lassen.« »Mauern sind überflüssig geworden. Wir haben keine Feinde. Aber deine anderen Vorschläge sind… interes- sant.« Er musterte sie anerkennend. »Und was sollten wir deiner Meinung nach sonst noch tun?« »Geht in die Hütten und heilt die Menschen dort.« Er verzog das Gesicht. »Dafür gibt es nicht genug Hei- ler.« »Ein paar Heiler wären besser als gar keine. Warum ist der gebrochene Arm des Sohns eines Hauses wichtiger als der gebrochene Arm eines Hüttensohns?« Jetzt lächelte er, und Sonea befiel der beunruhigende Verdacht, dass ihre Antworten ihn lediglich erheiterten. Was kümmerten diese Dinge ihn überhaupt? Er hatte nur das Ziel, sie glauben zu machen, er habe Verständnis für sie. Aber es gehörte schon mehr dazu, ihr Vertrauen zu gewinnen. »Ihr werdet all das niemals tun«, murmelte sie ungehal- ten. »Ihr behauptet immer wieder, einige von Euch würden helfen, wenn sie könnten, aber die Wahrheit sieht anders aus: Wenn den Magiern wirklich etwas an den Hüttenleu- ten liegen würde, wären sie dort draußen. Es gibt kein Ge- setz, das sie daran hindern könnte. Aber warum sieht man, sie niemals in den Hüttensiedlungen? Ich werde Euch sa- gen, warum. Die Hüttenviertel stinken, und die Verhältnis- se dort sind erbärmlich. Deshalb tut Ihr lieber so, als gäbe es sie gar nicht. Hier habt Ihr alle erdenklichen Annehm- lichkeiten.« Sie zeigte auf die prächtigen Möbel im Raum. »Jeder weiß, dass der König Euch eine Menge Gold für Eure Arbeit bezahlt. Nun, wenn Ihr alle so viel Mitleid für uns empfindet, dann solltet Ihr einen Teil des Geldes dazu benutzen, den Menschen zu helfen, aber genau das tut Ihr nicht. Ihr behaltet Euren Wohlstand lieber für Euch.« Er schürzte die Lippen und musterte sie nachdenklich. Sie war sich der Stille im Raum plötzlich eigenartig be- wusst. Als ihr klar wurde, dass sie sich von ihm hatte pro- vozieren lassen, knirschte sie mit den Zähnen. »Wenn man irgendeinem der Menschen in den Hütten, die du kennst, eine große Summe Geldes gäbe«, sagte er, »meinst du, er würde alles hergeben, um anderen zu hel- fen?« »Ja«, lautete ihre Antwort. Er zog eine Augenbraue in die Höhe. »Also würde nicht ein Einziger von ihnen sich versucht fühlen, das Geld für sich zu behalten?« Sonea hielt inne. Sie kannte einige Menschen, die sich so verhalten würden. Nun ja, mehr als nur einige. »Ein paar von ihnen würden das Geld wohl behalten«, gab sie zu. »Ah«, sagte er. »Aber du möchtest nicht, dass ich glau- be, alle Hüttenleute seien egoistisch, nicht wahr? Ebenso, wenig solltest du glauben, dass alle Magier nur an sich selbst denken. Zweifellos würdest du mir außerdem versi- chern, dass die Menschen, die du kennst, trotz ihrer Ver- stöße gegen das Gesetz oder ihrer rauen Art zum größten Teil anständige Leute sind. Dann ergibt es keinen Sinn, dass du alle Magier für die Fehler, die einige von ihnen machen, oder für ihre hohe Geburt verurteilst. Die meisten von uns, das kann ich dir versichern, bemühen sich darum, anständige Menschen zu sein.« Stirnrunzelnd wandte Sonea den Blick ab. Was er sagte, klang vernünftig, aber es tröstete sie keineswegs. »Viel- leicht«, erwiderte sie. »Trotzdem habe ich in den Hütten keinen einzigen Magier gesehen, der den Menschen dort hilft.« Rothen nickte. »Weil wir wissen, dass die Hüttenleute unsere Hilfe ablehnen würden.« Sonea zögerte. Er hatte natürlich Recht, aber wenn die Hüttenleute die Hilfe der Gilde ablehnten, dann nur des- halb, weil die Gilde ihnen allen Grund gegeben hatte, sie zu hassen. »Geld würden sie nicht ablehnen«, bemerkte sie. »Angenommen, du gehörst nicht zu den Menschen, die ihren Reichtum horten würden – was würdest du tun, wenn ich dir hundert Goldmünzen gäbe, die du nach eigenem Belieben verteilen könntest?« »Ich würde den Menschen zu essen geben«, antwortete sie. »Hundert Goldstücke würden ausreichen, um einige we-, nige Menschen für viele Wochen mit Nahrung zu versor- gen, oder viele für nur einige wenige Tage. Danach wären diese Menschen wieder genauso arm wie zuvor. Du hättest kaum etwas ausgerichtet.« Sonea öffnete den Mund, dann schloss sie ihn wieder. Darauf wusste sie nichts zu sagen. Er hatte Recht und auch wieder nicht. Es konnte nicht richtig sein, wenn man nicht einmal versuchte zu helfen. Seufzend blickte sie an sich hinunter und verzog das Ge- sicht angesichts der unförmigen Kleidungsstücke, die sie trug. Obwohl sie wusste, dass ein Themenwechsel bei ihm vielleicht den Eindruck erwecken würde, dass er die Aus- einandersetzung gewonnen hatte, zupfte sie an dem Mor- genmantel. »Wo sind meine Kleider?« »Weg. Ich werde dir neue geben.« »Ich will meine eigenen Sachen«, protestierte sie. »Ich habe sie verbrennen lassen.« Ungläubig starrte sie ihn an. Ihr Mantel war zwar schmutzig und an manchen Stellen verkohlt, aber von guter Qualität gewesen – und Cery hatte ihn ihr geschenkt. Es klopfte an der Tür. Rothen erhob sich. »Ich muss jetzt gehen, Sonea«, sagte er. »In einer Stunde bin ich zurück.« Er ging zur Tür hinüber, und dahinter konnte sie kurz ei- nen weiteren luxuriösen Raum erkennen. Als er die Tür schloss, horchte sie auf das Geräusch eines Schlüssels, der im Schloss gedreht wurde, und eine schwache Hoffnung, flackerte in ihr auf, als das Geräusch ausblieb. Stirnrunzelnd betrachtete sie die Tür. War sie durch Ma- gie verschlossen worden? Sie trat einen Schritt näher, dann hörte sie auf der anderen Seite der Tür gedämpfte Stim- men. Es hatte keinen Sinn, jetzt schon einen Fluchtversuch zu wagen, aber vielleicht später… Schmerz umklammerte seinen Kopf wie eine eiserne Zan- ge, aber er konnte etwas Kühles spüren, das ihm hinter den Ohren über den Schädel tropfte. Als er die Augen auf- schlug, sah Cery ein verschwommenes Gesicht in der Dun- kelheit. Das Gesicht einer Frau. »Sonea?« »Hallo.« Die Stimme war ihm fremd. »Es wurde aber auch Zeit, dass du wieder zu dir kommst.« Cery schloss die Augen noch einmal und öffnete sie dann wieder. Das Gesicht wurde klarer. Langes, dunkles Haar umrahmte auf exotische Weise schöne Züge. Die Haut der Frau war dunkel, aber nicht so tintenschwarz wie die Farens. Die vertraute, gerade kyralische Nase verlieh dem länglichen Gesicht Eleganz. Es war, als seien Sonea und Faren zu einer einzigen Person verschmolzen. Ich träume, dachte er. »Nein, das tust du nicht«, erwiderte die Frau. Sie blickte zu etwas über seinem Kopf empor. »Er muss einen ziem- lich üblen Schlag abbekommen haben. Möchtest du jetzt mit ihm reden?«, »Versuchen kann ich es ja.« Diese Stimme war ihm be- kannt. Als Faren in sein Gesichtsfeld trat, kehrte die Erin- nerung zurück, und Cery versuchte, sich aufrecht hinzuset- zen. Die Dunkelheit begann sich zu drehen, und sein Kopf hämmerte vor Schmerz. Dann legte ihm jemand eine Hand auf die Schulter, und widerstrebend ließ er sich wieder auf sein Lager hinunterdrücken. »Hallo, Cery. Das ist Kaira.« »Sie sieht aus wie du, nur hübsch«, murmelte Cery. Faren lachte. »Vielen Dank. Kaira ist meine Schwester.« Die Frau lächelte und verschwand. Cery hörte irgendwo zu seiner Rechten eine Tür zuschlagen. Er blickte zu Faren auf. »Wo ist Sonea?« Der Dieb wurde mit einem Schlag ernst. »Die Magier haben sie. Sie haben sie in die Gilde gebracht.« Die Worte hallten in Cerys Gedanken wider. Er hatte das Gefühl, als zerre ein schreckliches Ungeheuer an seinen Eingeweiden. Sie ist fort! Wie hatte er nur glauben können, er sei in der Lage, sie zu beschützen? Aber nein. Faren sollte auf sie aufpassen. Ärger blitzte in ihm auf. Er holte tief Luft, um zu sprechen… Nein. Ich muss sie finden. Ich muss sie zurückholen. Und vielleicht werde ich dazu Faxens Hilfe benötigen. Aller Zorn fiel von ihm ab. »Was ist passiert?«, fragte er kleinlaut. Faren seufzte. »Das Unvermeidliche. Sie haben uns ent- deckt.« Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was ich, hätte tun können, um sie aufzuhalten. Ich hatte bereits alles versucht.« Cery nickte. »Und jetzt?« Ein freudloses Lächeln umspielte die Lippen des Diebs. »Ich habe meine Seite unseres Handels nicht einhalten können. Sonea hatte ihrerseits nie eine Chance, ihre Magie für mich einzusetzen. Wir haben uns beide große Mühe gegeben und sind gescheitert. Was dich betrifft…« Farens Lächeln verschwand. »Ich würde dich gern bei mir behal- ten.« Cery starrte den Dieb an. Wie konnte er Sonea so ein- fach aufgeben? »Es steht dir frei, zu tun, was du möchtest«, fügte Faren hinzu. »Was ist mit Sonea?« Der Dieb runzelte die Stirn. »Sie ist in der Gilde.« »Es ist nicht weiter schwierig, dort einzubrechen. Ich habe es schon früher getan.« Farens Stirnrunzeln vertiefte sich. »Das wäre ausgespro- chen töricht. Man wird sie streng bewachen.« »Wir werden die Magier ablenken.« »Wir werden nichts dergleichen tun.« Farens Augen blitzten. Er entfernte sich einige Schritte, dann kehrte er zu Cery zurück. »Die Diebe haben sich niemals mit der Gilde angelegt und werden es auch niemals tun. Wir sind nicht so dumm zu glauben, wir könnten einen solchen Kampf ge- winnen.« »So klug sind die Magier gar nicht. Glaub mir, ich habe –«, »NEIN!«, schnitt Faren ihm das Wort ab. Er holte tief Luft, dann stieß er den Atem langsam wieder aus. »Es ist nicht so einfach, wie du denkst, Cery. Ruh dich ein wenig aus. Werde gesund. Denk noch einmal über meinen Vor- schlag nach. Wir werden bald wieder miteinander reden.« Faren verschwand aus seinem Gesichtsfeld. Cery hörte das Klicken, mit dem er die Tür öffnete und kurz darauf entschlossen hinter sich zuzog. Er versuchte aufzustehen, aber sein Kopf fühlte sich so an, als würde er vor Schmerz explodieren. Seufzend schloss er die Augen und legte sich schwer atmend flach auf den Rücken. Er konnte versuchen, Faren dazu zu überreden, Sonea zu retten, aber er wusste, dass er keinen Erfolg haben würde. Nein. Wenn sie gerettet werden sollte, würde er das selbst in die Hand nehmen müssen., 17. Soneas Entscheidung Sonea sah sich abermals in dem Raum um. Er war zwar nicht groß, aber luxuriös. Sie trat ans Fenster und schob die hübsch dekorierte Papierblende, die es bedeckte, beiseite. Vor ihr lagen die Gärten der Gilde. Auf der rechten Seite ragte das Universitätsgebäude empor, und auf der linken konnte sie, halb verborgen hinter den Bäumen, das Haus des Hohen Lords erkennen. Sie selbst befand sich im zwei- ten Stockwerk des Gebäudes, das Cery das »Haus der Ma- gier« genannt hatte. In der Gilde wimmelte es von Magiern. Wo sie auch hinsah, entdeckte sie in Roben gekleidete Gestalten: im Garten, in den Fenstern und auf dem schneegesäumten Fußweg direkt unter ihrem Fenster. Zitternd schob sie die Papierblende wieder an ihren Platz. Tiefe, trostlose Verzweiflung schlug über ihr zusammen. Ich sitze in der Falle. Ich werde nie wieder von hier fort- kommen. Ich werde Jonna und Ranel nicht wiedersehen und Cery auch nicht. Nie mehr. Blinzelnd kämpfte sie gegen die Tränen an, die ihr die, Sicht raubten. Als sie aus den Augenwinkeln eine Bewe- gung wahrnahm, drehte sie sich um und fand sich einem leuchtenden, ovalen Spiegel gegenüber. Sie betrachtete das Gesicht mit den roten Augen. Der Mund des Mädchens verzog sich voller Verachtung. Soll ich so leicht aufgeben?, fragte sie das Spiegelbild. Soll ich plärren wie ein Kind? Nein! Tagsüber mochten sich überall in der Gilde Magier aufhalten, aber sie hatte die Gilde bei Nacht gesehen und wusste, wie einfach es war, sich unbemerkt auf dem Grund- stück zu bewegen. Wenn sie wartete, bis es dunkel wurde, und es ihr gelang, aus dem Haus zu schlüpfen, würde sie nichts daran hindern, in die Hüttenviertel zurückzukehren. Das Schwierigste bei dem Unterfangen würde es natür- lich sein, hinauszukommen. Wahrscheinlich würden die Magier sie einschließen. Andererseits hatte Rothen selbst gesagt, dass die Magier durchaus bisweilen Fehler mach- ten. Also würde sie warten und ihre Umgebung genau beo- bachten. Sobald sich eine Gelegenheit bot, würde sie bereit sein, sie zu ergreifen. Das Gesicht im Spiegel hatte aufgehört zu weinen und war jetzt starr vor Entschlossenheit. Sie fühlte sich ein we- nig besser und ging zu dem kleinen Tisch hinüber. Nach kurzem Zögern griff sie nach einer Haarbürste und strich beinahe liebevoll über den silbernen Griff. Wenn sie etwas wie diese Bürste zum Pfandleiher brachte, konnte sie sich davon neue Kleider kaufen und genug zu essen für mehrere Wochen., Hatte Rothen auch nur darüber nachgedacht, dass sie ihn vielleicht bestehlen würde? Natürlich brauchte er sich kei- ne Gedanken über einen möglichen Diebstahl zu machen, wenn er darauf baute, dass sie nicht fliehen konnte. Solan- ge sie in der Gilde festsaß, würde es ihr nichts nutzen, wertvolle Gegenstände an sich zu bringen. Als sie sich abermals umsah, wurde ihr plötzlich be- wusst, dass dies ein sehr eigenartiges Gefängnis war. Sie hatte eine kalte Zelle erwartet und keinen Luxus. Vielleicht wollten die Magier sie ja wirklich auffordern, der Gilde beizutreten. Sie blickte zu dem Spiegel auf und versuchte sich vorzu- stellen, eine Robe zu tragen. Eine Gänsehaut überzog ihren Körper. Nein, dachte sie, ich könnte niemals eine von ihnen sein. Damit würde ich alle verraten – meine Freunde, die Hüt- tenleute, mich selbst… Aber sie musste lernen, ihre Kräfte zu kontrollieren. Die Gefahr war durchaus real, und Rothen hatte wahrscheinlich die Absicht, ihr einige Dinge beizubringen – selbst wenn er damit nur verhindern wollte, dass sie in der Stadt weiteren Schaden anrichtete. Sie bezweifelte jedoch, dass er ihr mehr als das beibringen würde. Bei der Erinnerung an die vielen Enttäuschungen und das Grauen der letzten sechs Wochen schauderte sie. Ihre Kräfte hatten ihr schon genug Schwierigkeiten eingetragen. Gewiss wäre sie nicht ent- täuscht, wenn sie sie nie wieder würde benutzen können. Was würde dann aus ihr werden? Würde die Gilde ihr, gestatten, zu den Hütten zurückzukehren? Unwahrschein- lich. Rothen behauptete, die Gilde wolle sie in ihre eigenen Reihen aufnehmen. Sie? Ein Mädchen aus den Hüttenvier- teln? Auch das war unwahrscheinlich. Aber warum machten sie ihr dann ein solches Angebot? Gab es noch irgendeinen anderen Grund dafür? Beste- chung? Vielleicht versprachen sie ihr, sie in Magie zu un- terweisen, wenn sie… was tat? Was könnte die Gilde von ihr wollen? Und plötzlich kannte sie die Antwort. Die Diebe. Wenn sie entkam, wäre Faren dann immer noch bereit, sie zu verstecken? Ja – vor allem, wenn ihre Kräfte nicht länger gefährlich waren. Sobald sie Farens Vertrauen ge- noss, wäre es nicht weiter schwierig, gegen die Diebe zu arbeiten. Sie könnte ihre magischen Kräfte benutzen, um der Gil- de Informationen über die kriminellen Gruppen in der Stadt zu schicken. Sie schnaubte. Selbst wenn sie bereit gewesen wäre, mit der Gilde zusammenzuarbeiten, würden die Diebe schnell dahinterkommen. Keiner vom Hüttenvolk war dumm ge- nug, die Diebe zu verpfeifen. Selbst wenn es ihr gelang, sich mit Magie zu schützen, würde sie die Diebe nicht dar- an hindern können, ihren Freunden und Verwandten etwas anzutun. Die Diebe waren gnadenlos, wenn man sich ihnen in den Weg stellte. Aber hatte sie denn eine Wahl? Was, wenn die Gilde be-, schloss, sie zu töten, falls sie den Magiern nicht half? Was, wenn die Magier drohten, ihren Freunden und ihrer Fami- lie Schaden zuzufügen? Mit wachsender Bestürzung über- legte sie, ob die Gilde wohl von Jonna und Ranel wusste. Sie schob den Gedanken beiseite, denn sie fürchtete sich noch immer vor starken Gefühlen, die ihre Magie entfes- seln könnten. Kopfschüttelnd wandte sie sich von dem Spiegel ab. Auf einem kleinen Tisch neben dem Bett lag ein Buch. Sie durchquerte den Raum und griff danach. Als sie die Seiten durchblätterte, stellte sie fest, dass sie in säuberlichen Reihen beschrieben waren. Sie schaute nä- her hin. Zu ihrer Überraschung konnte sie den größten Teil der Worte verstehen. Serins Lektionen hatten mehr be- wirkt, als sie geglaubt hatte. Bei dem Text schien es um Boote zu gehen. Nachdem sie einige Zeilen gelesen hatte, bemerkte Sonea, dass das letzte Wort in jeder zweiten Zeile mit dem gleichen Laut endete, genau wie in den gereimten Liedern, die die Stra- ßenkünstler auf Märkten und in Bolhäusern sangen. Ein leises Klopfen an der Tür ließ sie erstarren. Als die Tür geöffnet wurde, legte Sonea das Buch hastig wieder auf den Tisch. Rothen stand vor ihr, ein in Tuch gehülltes Bündel unter dem Arm. »Kannst du lesen?« Sie überlegte, was sie antworten sollte. Gab es irgend- welche Gründe, ihre Fähigkeit vor ihm zu verbergen? Es fiel ihr kein Grund ein, und sie fand die Vorstellung äu- ßerst befriedigend, ihn wissen zu lassen, dass nicht alle, Hüttenleute ungebildet waren. »Ein wenig«, erwiderte sie. Er schloss die Tür und deutete auf das Buch. »Zeig es mir«, sagte er. »Lies mir etwas vor.« Ein Hauch von Zweifel machte sich in ihr breit, aber dann überwand sie sich. Sie griff nach dem Buch, schlug es auf und begann zu lesen. Nur um prompt zu bedauern, dass sie sich in diese Situa- tion gebracht hatte. Unter dem Blick des Magiers fiel es ihr schwer, sich zu konzentrieren. Die Seite, die sie ausge- wählt hatte, war schwieriger als die erste, und ihre Wangen wurden heiß, während sie sich durch unvertraute Worte haspelte. Und dann verbesserte der Magier auch noch ihre Aus- sprache eines ihr unbekannten Wortes. Verärgert über die Unterbrechung, schlug sie das Buch zu und warf es auf das Bett. Mit einem entschuldigenden Lächeln legte Rothen das Bündel daneben. »Wie hast du lesen gelernt?«, wollte er wissen. »Meine Tante hat es mir beigebracht.« »Und du hast in letzter Zeit geübt.« Sie wandte sich ab. »Es gab immer irgendetwas zu lesen. Straßenschilder, Etiketten, Plakate, die Belohnungen ver- sprechen … « Er lächelte. »In einem der Räume, in denen du gewohnt hast, haben wir ein Buch über Magie gefunden. Hast du irgendetwas davon verstanden?« Ein Frösteln überlief sie, und sie hielt unwillkürlich den, Atem an. Er würde ihr nicht glauben, wenn sie abstritt, das Buch gelesen zu haben, aber wenn sie es zugab, würde er nur weitere Fragen stellen, und sie könnte versehentlich preisgeben, welche anderen Bücher sie noch gelesen hatte. Falls er wusste, dass die Bücher, die Cery gestohlen hatte, verschwunden waren, musste er die Möglichkeit in Be- tracht ziehen, dass sie sich heimlich bei Nacht in die Gilde geschlichen hatte, und dann würde er erst recht alles daran- setzen, sie hier einzusperren. Statt einer Antwort deutete sie nur mit dem Kopf auf das Stoffbündel auf dem Bett. »Was ist das?« Er sah sie kurz an, dann zuckte er die Achseln. »Klei- der.« Sonea beäugte das Bündel zweifelnd. »Ich werde dir Zeit geben, dich umzuziehen, und dann meine Dienerin mit etwas zu essen hereinschicken.« Er wandte sich zur Tür. Als er fort war, packte Sonea das Bündel aus. Zu ihrer Erleichterung hatte er ihr keine Magierroben mitgebracht. Stattdessen fand sie eine einfache Hose vor, Unterwäsche und ein Hemd mit hohem Kragen – ganz ähnliche Dinge, wie sie sie in den Hütten getragen hatte, aber aus weichen, teuren Stoffen gemacht. Sie zog sich den Morgenmantel und das Nachtgewand aus und schlüpfte in die neuen Kleider. Obwohl sie jetzt schicklich angezogen war, fühlte sich ihre Haut immer noch seltsam nackt an. Als sie auf ihre Hände blickte, stell-, te sie fest, dass man ihr die Fingernägel geschnitten und gesäubert hatte. Sie schnupperte daran und roch den Duft von Seife. Ein Schauer der Angst überfiel sie, gepaart mit Entrüs- tung. Irgendjemand hatte sie gewaschen, während sie ge- schlafen hatte. Sie starrte zur Tür hinüber. Rothen? Nein, befand sie, solche Arbeiten überließen die Magier gewiss den Dienstboten. Sie strich sich mit den Fingern über den Kopf und stellte fest, dass man ihr auch die Haare gewaschen hatte. Einige Minuten verstrichen, dann erklang abermals ein leises Klopfen an der Tür. Der Magier hatte ihr eine Diene- rin hereinschicken wollen, und nun wartete Sonea darauf, dass die Fremde eintrat. Wieder klopfte es. »Lady?«, rief eine Frau von der anderen Seite der Tür. »Darf ich eintreten?« Erheitert setzte sich Sonea auf das Bett. Noch niemals hatte jemand sie »Lady« genannt. »Wenn du willst«, antwortete sie. Eine Frau von etwa dreißig Jahren kam herein. Sie trug einen schlichten, grauen Kittel und eine passende Hose, und in den Händen hielt sie ein zugedecktes Tablett. »Hallo«, sagte die Frau mit einem nervösen Lächeln. Ihr Blick flackerte zu Sonea hinüber, dann sah sie hastig wie- der weg. Die Dienerin brachte das Tablett an den Tisch und stellte es ab. Als die Frau nach der Abdeckung griff, zitterten ihre Finger. Sonea runzelte die Stirn. Wovor fürchtete sich die, Dienerin? Doch gewiss nicht vor einem Hüttenkind. Die Frau ordnete einige Dinge auf dem Tablett, dann drehte sie sich um und machte eine tiefe Verbeugung vor Sonea, bevor sie sich hastig aus dem Raum zurückzog. Minutenlang konnte Sonea nur die Tür anstarren. Die Frau hatte sich vor ihr verneigt. Das war… eigenartig. Be- unruhigend. Sie konnte nicht begreifen, was das bedeutete. Dann lenkte der Geruch von warmem Brot und etwas, das nach köstlichen Gewürzen duftete, ihre Aufmerksam- keit auf das Tablett. Eine große Schale Suppe und ein Tel- ler mit kleinen, süßen Kuchen standen dort für sie bereit, und sie hörte, wie ihr Magen zu knurren begann. Sie lächelte. Die Magier würden schon noch herausfin- den, dass man sie nicht bestechen konnte, damit sie Faren verriet, aber sie brauchten es ja nicht sofort zu erfahren. Wenn sie ihr Spiel für eine Weile mitspielte, würden sie sie vielleicht noch sehr lange Zeit so behandeln. Und sie hatte keine Skrupel, ihre Gastfreundschaft aus- zunutzen. Mit der ganzen wachsamen Nervosität eines wilden Tieres, das aus einem Käfig trat, stahl Sonea sich in das Gäste- zimmer. Mit flackerndem Blick sah sie sich im Raum um, wobei sie vor allem die Türen ausgiebig betrachtete, bevor sie sich Rothen zuwandte. »Von dort aus kommst du in einen kleinen Waschraum«, erklärte ihr Rothen und zeigte auf die linke Seite des Raums. »Dort drüben liegt mein Schlafzimmer, und diese, Tür führt zum Hauptkorridor der Magierquartiere.« Sie betrachtete die letzte Tür, dann ging sie zu den Bü- cherregalen hinüber. Rothen lächelte. Es gefiel ihm offen- kundig, dass sie sich zu den Büchern hingezogen fühlte. »Nimm dir, was immer dich interessiert«, forderte er sie auf. »Ich werde dir helfen zu lesen, was du dir ausgesucht hast, und dir erklären, was du nicht verstehst.« Mit hochgezogenen Brauen blickte sie noch einmal zu ihm hinüber, dann beugte sie sich über die Bücher. Sie wollte gerade mit dem Finger über den Rücken eines der Bände streichen, als der Gong der Universität erklang, und sie erstarrte. »Das Läuten sagt den Novizen, dass es an der Zeit ist, in ihre Klassen zurückzukehren«, erklärte er. Er trat an eines der Fenster und bedeutete ihr, hinauszusehen. Sie folgte seiner Aufforderung. Während sie die Magier und Novizen draußen beobachtete, wie sie zur Universität hinübergingen, versteifte sie sich vor Anspannung. »Was haben die Farben zu bedeuten?« Rothen runzelte die Stirn. »Farben?« »Die Roben. Sie haben verschiedene Farben.« »Ah.« Er beugte sich über das Fenstersims und lächelte. »Zuerst sollte ich dir wohl etwas über die verschiedenen Disziplinen sagen. Es gibt drei wesentliche Bereiche, in denen Magie Anwendung findet: die Heilkunst, die Al- chemie und die Kriegskunst.« Er zeigte auf zwei Heiler, die langsam durch die Gärten schlenderten. »Die Heiler tragen Grün. Um die Heilkunst ausüben zu können, muss, man mehr lernen als nur die magischen Methoden, mit de- nen man Verletzungen und Krankheiten kuriert. Ein Heiler muss außerdem über genaue Kenntnisse sämtlicher Heil- mittel verfügen, was die Heilkunst zu einer Disziplin macht, der man sein ganzes Leben widmen muss.« Als er Sonea ansah, bemerkte er das Interesse, das in ih- ren Augen aufgeflackert war. »Die Krieger tragen Rot«, fuhr er fort, »und sie studieren Strategie und die verschiedenen Methoden, wie man in ei- ner Schlacht Magie einsetzen kann. Einige von ihnen üben sich außerdem in den traditionellen Formen des Kampfes und des Schwerterspiels.« Er deutete auf seine eigenen Roben. »Purpur steht für Alchemie, und darunter fällt so ziemlich alles andere, was man mit Magie tun kann. Die Alchemie schließt Chemie, Mathematik, Architektur und viele andere Bereiche ein.« Sonea nickte langsam. »Was ist mit den braunen Ro- ben?« »Die werden von Novizen getragen.« Er zeigte auf zwei Jungen draußen im Garten. »Siehst du, dass ihre Roben nur bis zum Oberschenkel reichen?« Sonea nickte. »Erst nach ihrem Abschluss bekommen sie volle Roben, und bis dahin haben sie sich entschieden, welcher Disziplin sie folgen wollen.« «Was ist, wenn sie mehr als eine Disziplin erlernen wol- len?« Rothen kicherte. »Dafür bleibt einfach nicht genug Zeit.«, »Wie lange dauert das Studium?« »Das kommt darauf an, wie lange sie brauchen, um die notwendigen Fähigkeiten zu erwerben. Im Allgemeinen sind es fünf Jahre.« »Und was ist mit dem da?«, fragte Sonea und zeigte auf einen Mann draußen. »Er trägt einen andersfarbigen Gür- tel.« Rothen folgte ihrem Blick und bemerkte Lord Balkan, der unter dem Fenster vorbeiging. Auf seinem kantigen Gesicht lag ein konzentrierter Ausdruck, als grüble er über ein schwieriges Problem nach. »Ah, du bist eine gute Beobachterin.« Rothen lächelte anerkennend. »Die Schärpe ist schwarz. Das bedeutet, dass der Mann, den du da siehst, der Dekan, das heißt das Ober- haupt, der von ihm erwählten Disziplin ist.« »Das Oberhaupt der Krieger.« Sonea betrachtete Ro- thens Robe, und ihre Augen wurden schmal. »Welche Art von Alchemie studiert Ihr?« »Die Chemie. Außerdem unterrichte ich dieses Fach.« »Was ist das?« Er dachte kurz darüber nach, wie er ihr sein Fach so er- klären konnte, dass sie es verstehen würde. »Wir arbeiten mit verschiedenen Substanzen: mit Flüssigkeiten, mit fes- ten Stoffen und mit Gasen. Diese Substanzen vermischen wir, oder wir erhitzen sie, oder wir setzen sie irgendwel- chen anderen Einflüssen aus und beobachten, was ge- schieht.« Sonea runzelte die Stirn. »Warum?«, Rothen breitete die Hände aus. »Um festzustellen, ob wir irgendetwas Nützliches dabei herausfinden können.« Sonea zog die Augenbrauen hoch. »Welche nützlichen Dinge habt Ihr denn bisher herausgefunden?« »Ich selbst oder die Chemiker der Gilde?« »Ihr selbst.« Er lachte. »Nicht viel! Man könnte mich wohl als einen gescheiterten Alchemisten bezeichnen, aber im Laufe der Zeit habe ich eine wichtige Entdeckung gemacht.« Sonea zog erneut die Brauen hoch. »Und die wäre?« »Dass ich ein sehr guter Lehrer bin.« Er wandte sich vom Fenster ab und blickte zum Bücherregal hinüber. »Wenn du es mir erlaubst, könnte ich dir helfen, deine Fä- higkeiten im Lesen zu verbessern. Hättest du Lust, heute Nachmittag daran zu arbeiten?« Sie sah ihn lange an, und ihr Gesichtsausdruck war zu- rückhaltend und nachdenklich. Schließlich nickte sie steif. »Was sollte ich Eurer Meinung nach als Erstes lesen?« Rothen trat vor das Bücherregal und ließ den Blick über die verschiedenen Bände wandern. Er brauchte etwas, das leicht zu lesen war, das aber dennoch das Interesse des Mädchens wach halten würde. Schließlich griff er nach ei- nem Buch und blätterte darin. Sie war williger, als er erwartet hatte. Ihre Neugier war stark ausgeprägt, und ihre Fähigkeit zu lesen sowie ihr In- teresse an seinen Büchern waren Vorteile, mit denen er nicht gerechnet hatte. Beides ließ darauf schließen, dass sie sich wahrscheinlich recht gut an ein Leben in der Universi-, tät würde gewöhnen können. Jetzt brauchte er sie also nur noch davon zu überzeugen, dass die Gilde nicht so schlecht war, wie sie glaubte. Dannyl lächelte seinen Freund an. Seit er an diesem Abend mit Yaldin und seiner Frau zusammensaß, hatte Ro- then ohne Unterlass geredet. Noch nie zuvor hatte Dannyl Rothen so lebhaft über einen potenziellen Novizen spre- chen hören – obwohl Dannyl insgeheim hoffte, dass sein Freund genauso begeistert darüber gewesen war, seine Ausbildung überwachen zu dürfen. »Du bist so ein Optimist, Rothen. Du hast sie kaum ken- nen gelernt, und schon redest du, als würde sie einmal die Zierde der Universität sein.« Er musste sich ein Grinsen verkneifen, als sein Freund sofort in Abwehrhaltung ging. »Tue ich das?«, erwiderte Rothen. »Wenn es mir an Be- geisterung für diese Dinge fehlte, hätte ich dann im Laufe der Jahre so viele Erfolge bei meinen Novizen erzielt? Wenn man sie aufgibt, haben sie keinen Grund, sich anzu- strengen.« Dannyl nickte. Er selbst war nicht gerade der willigste Novize gewesen, und als Rothen sich bemüht hatte, seinen Geist auf etwas anderes zu richten als auf die Streitereien mit Fergun und seinen Mitstudenten, hatte er sich zu An- fang mit großer Entschlossenheit dagegen gewehrt. Und obwohl Dannyl alles darangesetzt hatte, Rothen zu bewei- sen, dass er sich in ihm irrte, hatte sein Lehrer ihn niemals aufgegeben., »Hast du ihr erzählt, dass wir nicht die Absicht haben, ihr zu schaden?«, fragte Ezrille. »Ich habe mit ihr über den Tod des Jungen gesprochen und ihr erklärt, dass wir ihr beibringen wollen, wie sie ihre Kräfte kontrollieren kann. Ob sie mir glaubt oder nicht… « Er hob die Schultern. »Hast du ihr gesagt, dass sie der Gilde beitreten kann?« Rothen zog eine Grimasse. »Ich habe das Gespräch mit Absicht nicht in diese Bahnen gelenkt. Sie hat nicht allzu viel für uns übrig. Sie macht uns zwar nicht direkt für die Armut des Hüttenvolks verantwortlich, aber sie findet, dass wir etwas dagegen unternehmen sollten.« Er runzelte die Stirn. »Sie sagt, sie habe uns niemals etwas Gutes tun se- hen, was vermutlich der Wahrheit entspricht. Der größte Teil der Arbeit, die wir für die Stadt tun, ist weder für sie noch für den Rest der Hüttenleute von Nutzen. Und dann ist da noch die Säuberung.« »In dem Fall ist es keine große Überraschung, dass sie die Gilde nicht mag«, bemerkte Ezrille. Sie beugte sich vor. »Aber wie ist sie denn so?« Rothen überlegte. »Still, aber trotzig. Sie hat offensicht- lich Angst, aber ich glaube nicht, dass wir Tränen bei ihr sehen werden. Sie begreift, dass sie die Beherrschung ihrer Kräfte erlernen muss, dessen bin ich mir sicher. Und darum glaube ich auch nicht, dass wir zu diesem Zeitpunkt schon mit Fluchtversuchen ihrerseits rechnen müssen.« »Und wenn sie die Kontrolle ihrer Kräfte gelernt haben wird?«, fragte Yaldin., »Ich hoffe, dass wir sie bis dahin davon überzeugt ha- ben, wie sinnvoll es für sie wäre, der Gilde beizutreten.« »Was ist, wenn sie sich weigert?« Rothen holte tief Luft und seufzte. »Ich bin mir nicht si- cher, was dann geschehen wird. Wir können niemanden zwingen, sich uns anzuschließen, aber das Gesetz verbietet uns, Magier außerhalb der Gilde zuzulassen. Wenn sie sich weigert, wird uns nichts anderes übrig bleiben, als ihre Kräfte zu blockieren.« Ezrilles Augen weiteten sich. »Ihre Kräfte blockieren? Ist das schlecht?« »Nein. Es ist… nun, für die meisten Magier wäre es et- was sehr Unangenehmes, weil sie daran gewöhnt sind, ma- gische Kräfte zur Verfügung zu haben. In Soneas Fall ha- ben wir es mit jemandem zu tun, der bisher nie Magie be- nutzt hat – jedenfalls nicht in einer nützlichen Form.« Er zuckte die Achseln. »Sie wird sie nicht so sehr vermissen.« »Was glaubst du, wie lange es dauern wird, sie Kontrolle zu lehren?«, fragte Yaldin. »Mir ist ein wenig unbehaglich zumute bei dem Gedanken, dass nur wenige Türen weiter eine Magierin lebt, die ihre Kraft nicht kontrollieren kann.« »Es wird einige Zeit dauern, bis ich ihr Vertrauen ge- wonnen habe«, erwiderte Rothen. »Vielleicht mehrere Wo- chen.« »Unmöglich!«, entfuhr es Yaldin. »Es dauert niemals län- ger als zwei Wochen, selbst bei den schwierigsten Novizen.« »Sie ist kein verwöhntes oder nervöses Kind aus den Häusern.«, »Da hast du wahrscheinlich Recht.« Yaldin schüttelte den Kopf. »Am Ende der Woche werde ich vermutlich nur noch ein Nervenbündel sein.« Rothen lächelte und führte seinen Becher an die Lippen. »Ja, aber je länger sie braucht, umso mehr Zeit habe ich, sie zum Bleiben zu bewegen.« Sonea saß auf dem Bett, spähte durch eine schmale Lücke in der Fensterblende in die Gärten hinaus und spielte mit einer zierlichen Haarnadel. Draußen war es dunkel, und der Mond war bereits aufgegangen. Der Schnee, der die Wege säumte, verströmte einen sanften Schimmer im Licht der Nacht. Eine Stunde zuvor hatte abermals der Gong geläutet. Während Magier und Novizen zu ihren Quartieren zurück- geeilt waren, hatte Sonea nur dagesessen und abgewartet. Jetzt war alles still, abgesehen von dem einen oder anderen Dienstboten, der draußen vorbeilief. Schließlich erhob sie sich, schlich sich zur Tür hinüber und legte ein Ohr an das Holz. Obwohl sie lauschte, bis ihr der Hals wehtat, konnte sie keinerlei Geräusche aus dem Raum auf der anderen Seite hören. Sie betrachtete den Türknauf. Er war glatt und aus po- liertem Holz. In den Griff selbst waren Stücke aus dunkle- rem Holz eingelassen, die das Symbol der Gilde formten. Sonea zeichnete das Muster nach und staunte über die Mü- he und Geschicklichkeit, die irgendjemand auf einen blo- ßen Türknauf verwandt hatte., Langsam begann sie, den Knauf zu drehen. Er ließ sich nur wenig bewegen, bevor er sich verkeilte. Vorsichtig zog sie die Tür zu sich heran, aber der Riegel saß immer noch fest. Was sie nicht daran hindern konnte, ihre Bemühungen fortzusetzen. Sie drehte den Knauf in die andere Richtung. Und wieder ließ er sich nur ein klein wenig bewegen, be- vor er festklemmte. Sie zog an der Tür, aber ohne Erfolg. Schließlich bückte sie sich und hob die Hand, um die Haarnadel ins Schloss zu schieben, stutzte dann jedoch. Es gab kein Schlüsselloch. Seufzend ließ Sonea sich in die Hocke nieder. Wenn Ro- then den Raum verließ, hatte sie kein einziges Mal das Ge- räusch eines Schlüssels vernommen, der im Schloss ge- dreht wurde, und schon früher war ihr aufgefallen, dass auf der anderen Seite der Tür keine Riegel angebracht waren. Die Tür wurde durch Magie versperrt. Nicht dass sie irgendwo hätte hingehen können. Sie musste hier bleiben, bis sie gelernt hatte, ihre Magie zu kontrollieren. Aber sie musste ihre Grenzen erkunden. Wenn sie nicht nach möglichen Fluchtwegen Ausschau hielt, würde sie vielleicht niemals welche finden. Sie erhob sich und trat an den Tisch neben dem Bett. Das Buch der Lieder lag noch immer dort. Sie nahm es zur Hand und schlug es auf der ersten Seite auf. Darauf stand in schöner, gleichmäßiger Handschrift etwas geschrieben. Sonea ging zu dem Tisch hinüber und entzündete die Ker-, zen, die Rothen ihr dagelassen hatte. »Für meinen geliebten Rothen zur Geburt unseres Soh- nes. Yilara.« Sonea schürzte die Lippen. Also war er verheiratet und hatte mindestens ein Kind. Sie fragte sich, wo seine Fami- lie sein mochte. In Anbetracht von Rothens Alter war sein Sohn wahrscheinlich inzwischen ein erwachsener Mann. Er schien ein anständiger Kerl zu sein. Sie hatte sich immer für eine gute Menschenkennerin gehalten – etwas, das sie von ihrer Tante gelernt hatte. Ihr Instinkt sagte ihr, dass Rothen gütig und wohlmeinend war. Aber das bedeu- tete nicht, dass sie ihm vertrauen konnte, rief sie sich ins Gedächtnis. Er war trotzdem ein Magier und musste den Geboten der Gilde folgen, worin sie auch bestehen moch- ten. Plötzlich erklang von draußen ein schwaches, schrilles Lachen, das Soneas Aufmerksamkeit wieder auf das Fens- ter lenkte. Sie schob die Papierblende beiseite und beo- bachtete zwei Magier, die durch den Garten schritten. Die grünen Roben unter ihren Umhängen leuchteten im Schein des unsteten Lichts. Zwei Kinder liefen vor ihnen her und bewarfen einander mit Schnee. Vor allem die Frau war es, die Sonea interessierte. Bei den Säuberungen hatte sie niemals weibliche Magier gese- hen. War es ihr eigener Entschluss, nicht an dieser Maß- nahme teilzunehmen, oder gab es eine Regel, die es ihnen untersagte? Sie schürzte die Lippen. Jonna hatte ihr erzählt, dass die, Töchter reicher Familien genauestens beobachtet wurden, bis sie den Mann heirateten, den ihre Väter für sie ausge- wählt hatten. In den Häusern durften die Frauen keine wichtigen Entscheidungen treffen. In den Hütten dagegen gab es keine arrangierten Ehen. Obwohl die Frauen natürlich versuchten, einen Mann zu finden, der eine Familie ernähren konnte, heirateten sie im Allgemeinen aus Liebe. Während Jonna dieses Vorgehen für das bessere hielt, hatte Sonea sich eine eher zynische Sicht der Dinge zu Eigen gemacht. Ihr war aufgefallen, dass Frauen, wenn sie verliebt waren, vieles in Kauf nah- men. Aber die Liebe pflegte irgendwann zu verblassen. Besser, man heiratete jemanden, den man mochte und dem man vertraute. Wurden weibliche Magier in eine Art goldenen Käfig gesperrt? Legte man ihnen nahe, die Leitung der Gilde den Männern zu überlassen? Es musste frustrierend sein, über starke magische Kräfte zu verfügen und trotzdem ganz und gar von anderen beherrscht zu werden. Als die Familie außer Sicht war, wollte Sonea sich vom Fenster zurückziehen, aber dann bemerkte sie aus den Au- genwinkeln eine Bewegung in einem der Fenster der Uni- versität. Ein bleiches, ovales Gesicht war dort erschienen. Aufgrund des Zuschnitts der Kleidung des Fremden vermutete sie, dass es sich um einen Magier handelte. We- gen der Dunkelheit und der Entfernung konnte sie sich nicht sicher sein, aber sie hatte den starken Verdacht, dass der Mann sie beobachtete. Ein Frösteln überlief sie, und sie, schob hastig die Papierblende vors Fenster. Verstört durchquerte sie den Raum, blies die Kerze aus und legte sich dann auf das Bett, um die Decke bis zum Kinn hochzuziehen. Sie war erschöpft, und sie war es mü- de, zu denken, war es müde, Angst zu haben. War es müde, müde zu sein… Aber als sie zur Decke hinaufstarrte, wusste sie, dass der Schlaf auf sich warten lassen würde., 18. Abseits neugieriger Blicke Ein zartes Licht hatte sich über die Bäume und Bauten der Gilde gelegt. Cery runzelte die Stirn. Als er das letzte Mal hingesehen hatte, war alles in Dunkelheit getaucht gewe- sen. Er musste eingenickt sein, konnte sich aber nicht daran erinnern, die Augen geschlossen zu haben. Jetzt rieb er sich das Gesicht, sah sich um und ließ die lange Nacht, die so- eben verstrichen war, in Gedanken noch einmal an sich vorüberziehen. Begonnen hatte es mit Faren. Nachdem Cery sich ein wenig erholt und gegessen hatte, hatte er den Dieb gefragt, ob er ihm helfen werde, Sonea zurückzuholen. Farens Ab- lehnung war unmissverständlich gewesen. »Wenn die Garde sie gefangen hätte oder sie im Palast eingekerkert wäre, hätte ich sie bereits befreit – und es hät- te mir großen Spaß gemacht, zu beweisen, dass ich dazu imstande bin.« Faren lächelte kurz, dann verhärtete seine Miene sich wieder. »Aber hier geht es um die Gilde, Cery. Was du vorschlägst, übersteigt meine Möglichkeiten.« »Nein, das tut es nicht«, hatte Cery beharrt. »Sie stellen, keine Wachen auf, und es gibt auch keine magischen Bar- rieren. Sie –« »Nein, Cery.« Farens Augen blitzten. »Es geht nicht um Wachen oder Barrieren. Die Gilde hatte nie einen wirklich triftigen Grund, sich aufzuraffen und etwas gegen uns zu unternehmen. Wenn wir auf ihr ureigenstes Territorium vordringen und Sonea entführen würden, dann würden wir ihnen damit vielleicht einen Grund liefern, es doch einmal zu versuchen. Glaub mir, Cery, niemand möchte herausfin- den, ob wir in der Lage wären, es mit den Magiern aufzu- nehmen oder nicht.« »Die Diebe haben Angst vor der Gilde?« »Ja.« Farens Gesichtsausdruck war ungewöhnlich nüch- tern gewesen. »So ist es. Und wir haben einen guten Grund dafür.« »Wenn wir es so aussehen ließen, als hätte jemand an- ders sie gerettet…« »Dann würde die Gilde vielleicht trotzdem glauben, dass wir es waren. Hör mir zu, Cery. Ich kenne dich gut genug, um zu erraten, dass du versuchen wirst, sie ganz allein zu befreien. Aber denk einmal über Folgendes nach: Wenn die anderen glauben müssten, du seist eine Bedrohung für sie, werden sie dich töten. Sie werden uns genau beobachten.« Cery hatte mit Schweigen auf diese Warnung reagiert. »Möchtest du weiterhin für mich arbeiten?« Cery hatte genickt. »Gut. Ich habe einen neuen Auftrag für dich, wenn du willst.«, Farens Auftrag hatte Cery zum Hafen geführt, so weit weg von der Gilde wie nur möglich. Anschließend war er quer durch die Stadt gegangen, über die Mauer der Gilde geklettert und im Wald untergetaucht, um zu beobachten, was geschah. Als das Treiben auf dem Grundstück der Gilde langsam verebbt und die Nacht dunkler geworden war, hatte Cery in einem der Fenster der Universität eine Bewegung wahrge- nommen. Ein Gesicht. Es war das Gesicht eines Mannes gewesen, und er hatte konzentriert zum Gebäude der Ma- gier hinübergeblickt. Eine halbe Stunde lang war der Beobachter auf seinem Posten geblieben. Schließlich war in einem Fenster im Ma- gierquartier ein blasses Gesicht aufgetaucht, und Cerys Herz hatte einen Satz gemacht. Selbst aus dieser Entfer- nung hatte er Sonea erkannt. Sonea hatte minutenlang in die Gärten hinausgesehen, bis sie den Beobachter entdeckt und sich hastig zurückge- zogen hatte. Kurz darauf war der Mann dann ebenfalls verschwun- den. Cery hatte die ganze Nacht ausgeharrt, aber es hatte sich nichts mehr getan. Jetzt, da die Morgendämmerung nah war, wusste er, dass er zu Faren zurückkehren sollte. Der Dieb würde nicht gutheißen, was Cery getan hatte, aber er wusste bereits, wie er vorgehen wollte. Ein Einges- tändnis, dass Sonea zu gut bewacht wurde, würde genügen, um den Dieb zu beschwichtigen. Faren hatte ihm nicht ver- boten, einen Rettungsversuch zu wagen oder Informationen, zu sammeln, und er musste damit gerechnet haben, dass Cery sich davon würde überzeugen wollen, dass Sonea noch lebte. Cery stand auf und reckte sich. Er würde Faren aller- dings nicht erzählen, was er in dieser Nacht herausgefun- den hatte. Abgesehen von dem rätselhaften Beobachter, hatten die Magier keine Wachen vor den Gebäuden aufge- stellt. Falls Sonea allein in diesem Raum war, bestand noch Hoffnung für sie. Zum ersten Mal seit Tagen lächelte Cery, als er sich durch den Wald auf den Heimweg machte. Sonea schreckte jäh aus dem Schlaf hoch. Rothens Diene- rin blickte auf sie hinab. »Ich bitte um Vergebung, Lady«, sagte die Frau hastig. »Aber als ich sah, dass das Bett leer war, dachte ich… Wa- rum schlaft Ihr auf dem Boden?« Sonea rappelte sich auf und befreite sich aus den De- cken. »Das Bett«, erklärte sie. »Es sinkt so tief ein. Ich ha- be das Gefühl, als würde ich durch die Matratze hindurch- fallen.« »Es sinkt ein?« Die Frau blinzelte überrascht. »Ihr meint, es ist zu weich?« Sie lächelte strahlend. »Aber wahrscheinlich habt Ihr noch nie zuvor auf einer Matratze aus Reber-Wolle geschlafen. Hier.« Sie zog die Laken vom Bett, und darunter kamen mehre- re Schichten dicker, weicher Matratzen zum Vorschein. Die Dienerin nahm etwa die Hälfte des Stapels weg., »Meint Ihr, so wäre es bequemer für Euch?«, fragte sie. Sonea zögerte, dann prüfte sie mit der Hand die restli- chen Lagen der Matratze. Das Bett war immer noch weich, aber jetzt konnte sie das hölzerne Gerüst darunter spüren. Sie nickte. »Wunderbar«, gurrte die Dienerin. »Also, ich habe Euch Wasser zum Waschen mitgebracht und – oh! Ihr habt in Euren Kleidern geschlafen. Aber egal. Ich habe Euch fri- sche Sachen mitgebracht. Wenn Ihr fertig seid, kommt bitte ins Gästezimmer. Dort stehen Kuchen und Sumi bereit, um Euch für den vor Euch liegenden Tag zu stärken.« Belustigt beobachtete Sonea, wie die Frau die überflüs- sigen Matratzen zusammenraffte und damit aus dem Zim- mer huschte. Als die Tür hinter ihr zugefallen war, setzte sich Sonea aufs Bett und seufzte. Ich bin immer noch hier. In Gedanken ging sie noch einmal den vergangenen Tag durch: das Gespräch mit Rothen, ihre Entschlossenheit zu fliehen, die Menschen, die sie am Abend durch das Fenster beobachtet hatte. Schließlich erhob sie sich und begutach- tete die Schale mit Wasser, die Seife und das Handtuch, die die Dienerin mitgebracht hatte. Mit einem Achselzucken zog sie sich aus, wusch sich und schlüpfte in die frischen Sachen, bevor sie zur Tür ging. Als sie jedoch die Hand auf den Griff legte, zögerte sie plötzlich. Zweifellos würde Rothen auf der anderen Sei- te auf sie warten. Eine leichte Nervosität durchzuckte sie, aber sie hatte keine Angst., Er war ein Magier. Eigentlich hätte sie diese Tatsache mehr erschrecken müssen, aber der Mann hatte ihr ver- sprochen, dass er ihr nichts antun würde, und sie hatte den Entschluss gefasst, ihm zu glauben – für den Augenblick. Es würde ihr jedoch nicht leicht fallen, ihn in ihren Geist einzulassen. Sie hatte keine Ahnung, ob er ihr auf diese Weise Schaden zufügen konnte. Was, wenn er Einfluss auf ihre Gedanken nehmen und sie dazu bringen konnte, die Gilde zu lieben? Welche Wahl habe ich denn? Sie würde darauf vertrauen müssen, dass er ihren Geist nicht verbiegen konnte oder wollte. Es war ein Risiko, das sie eingehen musste, und das würde ihr nicht leichter fallen, wenn sie sich den Kopf dar- über zerbrach. Also straffte sie die Schultern und öffnete die Tür. Der Raum dahinter machte den Anschein, als verbrächte Ro- then den größten Teil seiner Zeit dort. Um einen niedrigen Tisch in der Mitte waren zusammenpassende Sessel ange- ordnet. An den Wänden standen Bücherregale und höhere Tische. Rothen saß in einem der gepolsterten Sessel, und seine blauen Augen waren auf die Seiten eines Buches ge- richtet. Jetzt blickte er auf und lächelte. »Guten Morgen, So- nea.« Die Dienerin trat an einen der Seitentische. Sonea ließ sich in dem Sessel Rothen gegenüber nieder. Sofort brachte die Dienerin ihnen ein Tablett an den Tisch und stellte eine Tasse vor Rothen und eine andere vor Sonea hin., Rothen legte das Buch beiseite. »Das ist Tania«, sagte er und deutete auf die junge Frau. »Meine Dienerin.« Sonea nickte. »Hallo, Tania.« »Ich fühle mich geehrt, Euch kennen zu lernen, Lady«, antwortete die Frau mit einer Verbeugung. Soneas Gesicht wurde heiß vor Verlegenheit, und sie wandte den Blick ab. Zu ihrer Erleichterung kehrte Tania zu dem Tisch zurück, auf dem das Essen stand. Während sie die Frau beobachtete, wie sie einige kleine Kuchen auf einem Tablett arrangierte, fragte sich Sonea, ob sie sich durch die Unterwürfigkeit der Dienerin geschmei- chelt fühlen sollte. Vielleicht hofften die Magier, dass sie Gefallen daran finden würde und dann eher bereit war, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Als die Frau Soneas Blick spürte, sah sie auf und lächel- te nervös. »Hast du gut geschlafen, Sonea?«, erkundigte sich Ro- then. Sonea zuckte die Achseln. »Ein wenig.« »Möchtest du heute mit dem Unterricht im Lesen fort- fahren?« Sie betrachtete das Buch, das neben Rothen auf dem Tisch lag, und runzelte die Stirn, als sie feststellte, dass sie es bereits kannte. Er folgte ihrem Blick. »Ah, Viens Notizen über den Um- gang mit Magie. Ich dachte, ich sollte mich darüber infor- mieren, was du gelesen hast. Dies ist ein altes Geschichts- buch, kein Lehrbuch, und das Wissen, das es vermittelt,, könnte ein wenig veraltet sein. Vielleicht wirst du –« Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn. Er erhob sich und öffnete die Tür einen Spaltbreit. Da Sonea wusste, dass er sie mühelos an einer Flucht hindern konnte, musste seine Vorsicht andere Gründe haben. Offensichtlich wollte er nicht, dass sie den Besucher sah – oder war es umgekehrt, und der Besucher sollte sie nicht sehen? »Ja? Lord Fergun. Was kann ich für Euch tun?« »Ich möchte mit dem Mädchen sprechen.« Die Stimme klang weich und kultiviert. Als Tania ihr ei- ne Serviette auf den Schoß legte, zuckte Sonea zusammen. Die Dienerin sah stirnrunzelnd zu Rothen hinüber, bevor sie sich wieder zurückzog. »Dafür ist es noch zu früh«, antwortete Rothen dem an- deren Mann. »Sie ist…« Er zögerte, dann trat er durch die Tür und zog sie hinter sich zu. Von der anderen Seite konn- te Sonea jetzt nur noch das leise Murmeln von Stimmen hören. Tania stellte ein Tablett mit süßem Kuchen vor sie hin. Sonea wählte einen davon aus und kostete versuchsweise von dem Getränk in ihrer Tasse. Es schmeckte bitter, und sie verzog das Gesicht. Tania hob die Augenbrauen und deutete mit dem Kopf auf das Getränk in Soneas Hand. »Ich schätze, das bedeutet, Ihr mögt keinen Sumi«, sagte sie. »Was kann ich Euch denn stattdessen anbieten?« »Raka«, antwortete Sonea. Die Dienerin sah sie bedauernd an. »Es tut mir Leid,, aber wir haben hier keinen Raka. Darf ich Euch vielleicht ein wenig Pachi-Saft bringen?« »Nein, danke.« »Dann vielleicht Wasser?« Sonea warf ihr einen ungläubigen Blick zu. Tania lächelte. »Das Wasser hier ist sauber. Ich hole Euch welches.« Sie kehrte an den Tisch im hinteren Teil des Raums zurück, füllte ein Glas aus einem Krug und brachte es Sonea. »Vielen Dank«, sagte Sonea. Sie hob das Glas und stell- te zu ihrem Erstaunen fest, dass die Flüssigkeit vollkom- men klar war. Sie konnte nicht einmal die winzigste Verun- reinigung darin entdecken. Sie nahm einen Schluck und schmeckte nichts anderes als eine schwache Süße. »Seht Ihr?«, sagte Tania. »Ich werde jetzt Euer Zimmer aufräumen. Wenn Ihr etwas brauchen solltet, zögert nicht, nach mir zu rufen.« Sonea nickte und lauschte den sich entfernenden Schrit- ten der Dienerin. Dann griff sie von neuem nach ihrem Glas, leerte es und wischte das Innere hastig mit der Ser- viette trocken. Anschließend ging sie leise zur Tür hinüber, drückte das Glas gegen das Holz und legte ihr Ohr daran. »… sie dort festzuhalten. Es ist gefährlich.« Die Stimme gehörte dem Fremden. »Nicht solange sie nicht wieder bei Kräften ist«, erwiderte Rothen. »Sobald das passiert, werde ich ihr zeigen, wie sie ihre Magie ohne Risiko verausgaben kann, so wie wir es gestern getan haben. Dem Gebäude droht keine Gefahr.«, Es folgte eine Pause. »Trotzdem gibt es keinen Grund, sie zu isolieren.« »Wie ich Euch bereits erklärt habe, ist sie leicht zu er- schrecken, und sie ist sehr verwirrt. Sie kann jetzt keine Horde von Magiern gebrauchen, die ihr ein Dutzend ver- schiedene Erklärungen für ein und dieselbe Sache gibt.« »Ich rede nicht von einer Horde, sondern nur von mir – und ich habe lediglich den Wunsch, ihre Bekanntschaft zu machen. Den Unterricht werde ich Euch überlassen. Daran ist doch gewiss nichts auszusetzen?« »Ich verstehe, aber dafür wird später noch genug Zeit sein, wenn sie ein wenig Zutrauen gewonnen hat.« »Es gibt kein Gesetz der Gilde, das Euch gestattet, sie von mir fern zu halten, Rothen«, entgegnete der Fremde, in dessen Stimme sich jetzt ein warnender Unterton einge- schlichen hatte. »Nein, aber ich denke, die meisten unserer Kollegen würden meine Beweggründe verstehen.« Der Fremde seufzte. »Mir liegt das Wohlergehen des Mädchens genauso am Herzen wie Euch, Rothen, und ich habe genauso lange und konzentriert nach ihr gesucht wie Ihr. Ich denke, viele unserer Kollegen würden mir zustim- men, wenn ich sage, dass ich mir in dieser Angelegenheit ein Mitspracherecht verdient habe.« »Ihr werdet Eure Chance haben, sie kennen zu lernen, Fergun«, erwiderte Rothen. »Wann?« »Wenn sie so weit ist.«, »Und Ihr seid der Einzige, der das entscheidet.« »Für den Augenblick, ja.« »Das werden wir ja sehen.« Stille folgte, dann wurde der Türgriff gedreht. Sonea lief zu ihrem Platz zurück und legte sich die Serviette wieder auf den Schoß. Als Rothen hereinkam, veränderte sich sein Gesichtsausdruck, und Freundlichkeit trat an die Stelle von Verärgerung. »Wer war das?«, erkundigte sich Sonea. Rothen zuckte die Achseln. »Nur jemand, der wissen wollte, wie es dir geht.« Sonea nickte, dann beugte sie sich vor, um sich noch ei- nen der süßen Kuchen zu nehmen. »Warum verbeugt Tania sich vor mir und nennt mich Lady?« »Oh.« Rothen ließ sich in seinen Sessel fallen und griff nach der Tasse mit der bitteren Flüssigkeit, die Tania ihm hingestellt hatte. »Alle Magier werden mit Lord oder Lady angesprochen.« Er machte eine wegwerfende Geste mit der freien Hand. »So ist es immer schon gewesen.« »Aber ich bin keine Magierin«, entgegnete Sonea. »Nun, Tania ist ein wenig voreilig.« Rothen kicherte. »Ich glaube…« Sonea runzelte die Stirn. »Ich glaube, sie hat Angst vor mir.« Er sah sie über den Rand seiner Tasse hinweg an. »Sie ist nur ein klein wenig nervös in deiner Gegenwart. Es kann gefährlich sein, sich in der Nähe eines Magiers auf- zuhalten, der seine Magie noch nicht zu beherrschen ge-, lernt hat.« Er lächelte schief. »Anscheinend ist sie nicht die Einzige, die sich deswegen Sorgen macht. Da du die Ge- fahren besser kennst als die meisten anderen Menschen, kannst du dir vorstellen, mit welchen Gefühlen einige der Magier deine Anwesenheit in unserem Wohnheim betrach- ten. Du bist nicht die Einzige, die gestern Nacht schlecht geschlafen hat.« Sonea dachte an die Umstände, unter denen sie gefangen genommen worden war, an die eingestürzten Mauern und die Trümmer, auf die sie nur einen kurzen Blick hatte wer- fen können, bevor sie ohnmächtig geworden war. Ein kal- ter Schauer lief ihr über den Rücken. »Wie lange wird es dauern, bis Ihr mich die Kontrolle meiner Magie lehren könnt?« Seine Miene wurde schlagartig ernst. »Das weiß ich nicht«, gestand er. »Aber zerbrich dir deswegen nicht den Kopf. Wenn deine Kräfte sich wieder zeigen, können wir sie auf die gleiche Art und Weise verbrauchen, wie wir es schon einmal getan haben.« Sie nickte und betrachtete den Kuchen in ihrer Hand. Ihr Magen krampfte sich zusammen, und ihr Mund erschien ihr plötzlich zu trocken für etwas so Süßes. Schluckend legte sie den Kuchen beiseite. Der Morgen war neblig und trüb gewesen, und jetzt, am Nachmittag, hingen schwere Wolken tief und bedrohlich über der Stadt. Alles war in Schatten gehüllt, als sei der Abend zu ungeduldig gewesen, um auf das Ende des Tages zu warten. An Tagen wie diesen war das schwache Leuch-, ten der inneren Mauern der Universität deutlicher wahr- nehmbar als sonst. Als sie in den Korridor der Universität einbogen, be- schleunigte Dannyl sein Tempo. Rothen versuchte, mit ihm Schritt zu halten, gab den Versuch dann aber auf. »Wie seltsam«, sagte er zu Dannyls Rücken. »Dein Hin- ken scheint verschwunden zu sein.« Dannyl drehte sich um und blinzelte überrascht, als er sah, wie weit Rothen zurückgefallen war. Als er – langsa- mer – weiterging, kehrte das leichte Humpeln in seinen Schritt zurück. »Ah, da ist es wieder.« Rothen nickte. »Warum die Eile, Dannyl?« »Ich möchte es einfach hinter mich bringen.« »Wir geben nur unsere Berichte ab«, erwiderte Rothen. »Wahrscheinlich werde ich den größten Teil des Redens übernehmen.« »Ich war derjenige, den der Hohe Lord mit der Suche nach den Dieben betraut hat«, murmelte Dannyl. »Ich wer- de all seine Fragen beantworten müssen.« »Er ist nur wenige Jahre älter als du, Dannyl. Dasselbe gilt für Lorlen, und er jagt dir keine panische Angst ein.« Dannyl öffnete den Mund, um zu protestieren, dann schloss er ihn wieder und schüttelte den Kopf. Sie hatten das Ende des Korridors erreicht. Als sie vor dem Büro des Administrators standen, lä- chelte Rothen, während Dannyl tief Luft holte. Auf Ro- thens Klopfen schwang die Tür nach innen, und ein großer,, spärlich möblierter Raum wurde sichtbar. Über einem Schreibtisch am gegenüberliegenden Ende schwebte eine Lichtkugel, die die dunkelblauen Roben des Administrators beleuchtete. Lorlen blickte auf und winkte die beiden Magier mit sei- ner Schreibfeder zu sich heran. »Kommt herein, Lord Rothen, Lord Dannyl. Nehmt Platz.« Rothen sah sich in dem Raum um. Keine schwarzge- wandete Gestalt saß in einem der Sessel oder lauerte in den dunklen Ecken. Dannyl stieß einen langen Seufzer der Er- leichterung aus. Sie setzten sich auf zwei Stühle vor Lorlens Schreib- tisch. Lorlen beugte sich vor und nahm die Papiere entge- gen, die Rothen ihm hinhielt. »Ich freue mich schon darauf, Eure Berichte zu lesen. Vor allem Lord Dannyls Aufzeich- nungen werden gewiss faszinierend sein.« Dannyl zuckte zusammen, sagte jedoch nichts. »Der Hohe Lord lässt Euch seinen Glückwunsch aus- richten.« Lorlen blickte zwischen Rothen und Dannyl hin und her. »Und auch ich möchte Euch gratulieren.« »Dann wollen wir unsererseits unseren Dank ausspre- chen«, erwiderte Rothen. Lorlen nickte, dann lächelte er schief. »Vor allem ist Akkarin sehr froh darüber, dass es in Zukunft keine unbe- holfenen, nächtlichen Experimente mit Magie mehr geben wird und er wieder ungestört schlafen kann.« Dannyls Augen weiteten sich, und Rothen musste sich, ein Grinsen verkneifen. »Ich schätze, es hat seine Nachtei- le, so scharfe Sinne zu besitzen.« Er versuchte sich vorzustellen, wie der Hohe Lord des Nachts in seinen Wohnräumen auf und ab ging und das Mädchen aus dem Hüttenviertel verfluchte. Das Bild passte jedoch nicht recht zu dem gelassenen Anführer der Gilde. Er runzelte die Stirn. Wie groß würde Akkarins Interesse an Sonea jetzt, da sie gefunden war, noch sein? »Administrator, glaubt Ihr, dass der Hohe Lord Sonea wird sehen wollen?« Lorlen schüttelte den Kopf. »Nein. Seine Hauptsorge be- stand darin, dass wir sie vielleicht nicht finden würden, be- vor ihre Kräfte zerstörerisch werden – und der König zwei- felte langsam, ob wir wirklich in der Lage sind, unseres- gleichen unter Kontrolle zu halten.« Er bedachte Rothen mit einem Lächeln. »Ich denke, ich verstehe, warum Ihr fragt. Akkarin kann ziemlich einschüchternd sein, vor al- lem für die jüngeren Novizen, und Sonea ist gewiss leicht zu erschrecken.« »Das bringt mich zu einem anderen Punkt«, sagte Ro- then und beugte sich vor. »Sie ist tatsächlich leicht zu er- schrecken, und sie begegnet uns mit großem Argwohn. Sie wird einige Zeit brauchen, um ihre Angst zu überwinden. Ich würde sie gern isoliert halten, bis sie ein wenig Zutrau- en gefasst hat, bevor ich sie nach und nach mit den Mit- gliedern der Gilde bekannt mache.« »Das klingt vernünftig.« »Fergun hat heute Morgen verlangt, sie zu sehen.«, »Ah.« Lorlen nickte und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. »Mmm. Ich kann mir all die Argumente gut vorstellen, die er ins Feld führen wird, um seinen Willen durchzusetzen. Ich könnte verfügen, dass niemand sie se- hen darf, bevor sie bereit ist, aber ich glaube nicht, dass Fergun Ruhe geben wird, bevor ich klar definiere, was der Ausdruck ›bereit‹ bedeutet, und ein Datum festgesetzt ha- be.« Er erhob sich und begann, hinter seinem Schreibtisch auf und ab zu gehen. »Auch die Tatsache, dass zwei Magier zu ihrem Mentor ernannt werden wollen, kompliziert die Din- ge. Die Kollegen akzeptieren, dass Ihr dem Mädchen Kon- trolle beibringt, da Ihr über große Erfahrung auf diesem Gebiet verfügt. Aber wenn ich Fergun von Soneas früher Ausbildung ausschließe, verbessern sich dadurch Ferguns Chancen, zu ihrem Mentor bestimmt zu werden, weil eine solche Benachteiligung ihm Sympathien eintragen würde.« Er hielt inne. »Könnte Fergun eine der Personen sein, die Ihr Sonea vorstellt?« Rothen schüttelte den Kopf. »Sie hat eine gute Beobach- tungsgabe und erfasst mühelos die Gefühle der Menschen. Fergun bringt mir wenig Zuneigung entgegen. Wenn ich sie davon überzeugen soll, dass wir alle freundlich und wohlmeinend sind, wird es meinen Bemühungen nicht die- nen, wenn sie irgendwelche Konflikte zwischen uns wahr- nimmt. Außerdem könnte sie in seiner Entschlossenheit, mit ihr zu sprechen, irrtümlich die Absicht sehen, ihr zu schaden.«, Lorlen betrachtete ihn einen Moment lang, dann ver- schränkte er die Arme vor der Brust. »Wir alle wollen, dass Sonea so schnell wie möglich lernt, ihre Kräfte zu beherr- schen«, erklärte er. »Ich glaube nicht, dass irgendjemand Protest erheben wird, wenn ich entscheide, dass sie durch nichts von dieser Arbeit abgelenkt werden darf. Was glaubt Ihr, wie lange sie brauchen wird?« »Das kann ich nicht sagen«, gestand Rothen. »Ich habe desinteressierte, unaufmerksame Novizen unterrichtet, aber ich habe noch nie versucht, jemandem die Kontrolle seiner Magie beizubringen, der Magiern mit solchem Misstrauen begegnet. Es könnte mehrere Wochen dauern.« Lorlen kehrte zu seinem Stuhl zurück. »So viel Zeit kann ich Euch nicht geben. Ich werde Euch zwei Wochen geben, und während dieser Zeit dürft Ihr selbst entschei- den, wer sie sehen darf und wer nicht. Danach werde ich selbst sie in Abständen von einigen Tagen aufsuchen, um ihre Fortschritte zu überprüfen.« Er hielt inne und klopfte mit einem Fingernagel auf die Tischfläche. »Wenn es Euch irgend möglich ist, macht sie bis dahin mit mindestens ei- nem weiteren Magier bekannt. Ich werde Fergun sagen, dass er sie besuchen darf, sobald sie ihre Kräfte unter Kon- trolle hat, aber denkt daran, je länger es dauert, umso mehr Sympathien wird meine Entscheidung Fergun eintragen.« Rothen nickte. »Ich verstehe.« »Die Leute werden erwarten, dass die Anhörung auf der ersten Versammlung stattfindet, nachdem sie die Beherr- schung ihrer Fähigkeiten erlernt hat.«, »Falls ich sie dazu überreden kann zu bleiben«, fügte Rothen hinzu. Lorlen runzelte die Stirn. »Glaubt Ihr, dass sie es ableh- nen wird, der Gilde beizutreten?« »Es ist noch zu früh, um das zu beurteilen«, antwortete Rothen. »Wir können sie jedenfalls nicht dazu zwingen, das Gelübde zu sprechen.« Lorlen lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und musterte Rothen mit sorgenvollem Gesichtsausdruck. »Ist sie sich über die Alternative im Klaren?« »Noch nicht. Da ich versuche, ihr Vertrauen zu gewin- nen, hielt ich es für besser, mir diese Dinge für später auf- zuheben.« »Ich verstehe. Wenn Ihr den richtigen Moment abpasst, könnt Ihr sie damit vielleicht zum Bleiben bewegen.« Er lächelte leicht gequält. »Falls sie fortgeht, wird Fergun da- von überzeugt sein, Ihr hättet sie dazu überredet, nur um ihm eins auszuwischen. So oder so stehen Euch einige har- te Kämpfe bevor, Rothen.« Dannyl runzelte die Stirn. »Dann hat er also gute Chan- cen, dass man ihn zu ihrem Mentor bestimmt?« »Das ist schwer zu sagen. Es könnte eine Menge davon abhängen, wie viel Unterstützung Ihr jeweils gewinnen könnt. Aber ich sollte vor der Anhörung nicht über dieses Thema sprechen.« Lorlen richtete sich auf und blickte zwi- schen Rothen und Dannyl hin und her. »Ich habe keine weiteren Fragen mehr. Hat einer von Euch noch irgendet- was, das er zu besprechen wünscht?«, »Nein.« Rothen erhob sich und neigte den Kopf. »Vielen Dank, Administrator.« Sobald sie draußen auf dem Korridor standen, wandte Rothen sich seinem Gefährten zu. »Das war doch gar nicht so schlimm, oder?« Dannyl hob die Schultern. »Er war nicht da.« »Nein.« Als ein anderer Magier in den Korridor hinaus- trat, hielt Dannyl kurz inne, dann wurden seine Schritte plötzlich zögerlicher. Rothen schüttelte den Kopf. »Dieses Hinken ist tatsächlich nur gespielt!« Dannyl blickte gekränkt drein. »Es war eine tiefe Wun- de, Rothen.« »Nicht so tief.« »Lady Vinara meinte, es würde einige Tage dauern, bis die Steifheit sich wieder löst.« »Das hat sie gesagt, ja?« Dannyl zog die Brauen hoch. »Und es würde dir nichts schaden, wenn ich die Leute gelegentlich daran erinnere, was wir durchgemacht haben, um das Mädchen zu fan- gen.« Rothen kicherte. »Ich bin dir zu tiefstem Dank verpflich- tet, dass du deine Würde für mich opferst.« Dannyl schnalzte angewidert mit der Zunge. »Nun, wenn Fergun eine geschlagene Woche mit einem Verband über diesem winzigen Schnitt an seiner Schläfe herumlau- fen kann, dann darf ich ja wohl ein wenig humpeln.« »Ich verstehe.« Rothen nickte langsam. »Dann ist das natürlich in Ordnung.«, Sie erreichten den Hinterausgang der Universität und blieben stehen. Draußen herrschte heftiges Schneetreiben. Die beiden Magier tauschten einen widerwilligen Blick, dann traten sie hinaus in die durcheinander wirbelnden weißen Flocken und entfernten sich hastig von dem Ge- bäude., 19. Der Unterricht beginnt Das immer schlechter werdende Wetter der vergangenen Woche hatte das Gelände der Gilde unter einer dicken Schneeschicht begraben. Rasen, Gärten und Dächer waren unter der leuchtend weißen Decke verschwunden. Dannyl, der sich im Schutz seines magischen Schildes recht behag- lich fühlte, konnte den Anblick genießen, ohne unter den Unbilden des Wetters leiden zu müssen. Am Eingang der Universität standen einige Novizen. Als er das Gebäude betrat, eilten drei junge Leute an ihm vor- bei, eingemummt in ihre dicken Umhänge. Wahrscheinlich gehörten sie zu den Studenten, die zur Wintersonnenwende aufgenommen worden waren, vermutete er. Es bedurfte mehrerer Wochen Ausbildung, bevor die Erstsemester lern- ten, wie man die Kälte abwehrte. Als er nun die Treppe hinaufging, fand er eine kleine Gruppe Novizen vor dem Alchemiesaal, in dem Rothen unterrichtete. Dannyl scheuchte sie durch die Tür und schickte sich an, ihnen zu folgen. »Lord Dannyl.«, Als Dannyl die Stimme erkannte, unterdrückte er ein Stöhnen. Fergun kam zusammen mit Lord Kerrin auf ihn zugeschlendert. Fergun blieb einige Schritte entfernt von Dannyl stehen und betrachtete die Tür des Klassenzimmers. »Ist das Ro- thens Klasse?« »Ja«, antwortete Dannyl. »Ihr gebt den Unterricht für ihn?« »Ja.« »Verstehe.« Fergun wandte sich ab, und Kerrin folgte ihm. Gerade laut genug, damit Dannyl es noch hören konn- te, fügte er hinzu: »Es überrascht mich, dass sie das erlau- ben.« »Wie meint Ihr das?«, fragte Kerrin, dessen Stimme lei- ser wurde, während die beiden Magier sich entfernten. »Erinnert Ihr Euch nicht mehr an all die Schwierigkei- ten, in die er als Novize geraten ist?« »Oh, das!« Kerrins Gelächter hallte im Korridor wider. »Du hast Recht, er könnte einen schlechten Einfluss auf die Novizen ausüben.« Zähneknirschend drehte Dannyl sich um. Rothen stand in der Tür. »Rothen!«, rief Dannyl. »Was machst du denn hier?« »Ich war gerade in der Bibliothek.« Rothen hatte den Blick nach wie vor auf Ferguns Rücken geheftet. »Es er- staunt mich, wie lange ihr beide eure Fehde schon aufrecht erhaltet. Wirst du denn niemals die Vergangenheit hinter dir lassen?«, »Für ihn ist es keine Fehde«, knurrte Dannyl. »Es ist ein Sport, und er findet viel zu viel Gefallen daran, um damit aufzuhören.« Rothen zog die Augenbrauen hoch. »Nun, wenn er sich aufführt wie ein gehässiger Novize, werden die Leute wis- sen, wie sie seine Worte zu verstehen haben.« Er lächelte, als drei Novizen den Flur hinuntergelaufen kamen und blitzartig im Klassenzimmer verschwanden. »Wie machen sich meine Novizen?« Dannyl schnitt eine Grimasse. »Ich weiß nicht, wie du das aushältst, Rothen. Du wirst mich ihnen nicht mehr lan- ge ausliefern, ja?« »Das kann ich nicht sagen. Einige Wochen. Vielleicht Monate.« Dannyl stöhnte. »Glaubst du, dass Sonea schon so weit ist, mit den Kontrolllektionen anzufangen?« Rothen schüttelte den Kopf. »Nein.« »Aber sie ist bereits eine Woche hier.« »Nur eine Woche.« Rothen seufzte. »Ich bezweifle, dass sie uns vertrauen würde, selbst wenn wir ihr sechs Monate Zeit gäben, sich hier einzuleben.« Er runzelte die Stirn. »Es ist nicht so, dass sie uns persönlich nicht mag, aber sie glaubt nicht, dass die Gilde es gut meint – und bevor sie keine Beweise für das Gegenteil sieht, wird sie ihre Mei- nung nicht ändern. Dafür haben wir keine Zeit. Wenn Lor- len sie besucht, wird er erwarten, dass wir mit dem Unter- richt bereits begonnen haben.« Dannyl umfasste den Arm seines Freundes. »Für den, Augenblick brauchst du ihr lediglich Kontrolle beizubrin- gen, und dafür muss sie nur dir vertrauen, Rothen. Du bist ein netter Kerl, und außerdem willst du wirklich nur ihr Bestes.« Er zögerte. »Wenn du es ihr nicht sagen kannst, dann zeig es ihr.« Rothen runzelte die Stirn, dann weiteten sich seine Au- gen, als er plötzlich begriff. »Ich soll sie in meinen Geist sehen lassen?« »Ja. Dann wird sie wissen, dass du ihr die Wahrheit sagst.« »Das… das ist normalerweise nicht notwendig, wenn man Kontrolle unterrichtet, aber die Umstände sind wohl auch kaum normal zu nennen.« Rothen schürzte die Lip- pen. »Aber einige Dinge sollte sie lieber nicht erfahren… « »Dann verbirg sie vor ihr.« Dannyl lächelte. »So, auf mich wartet ein Klassenzimmer voll von deinen Novizen, die alle darauf brennen, ihre neuesten Streiche und Ge- meinheiten an mir auszuprobieren. Von Lorlen hast du nichts zu befürchten. Aber ich erwarte heute Abend von dir zu hören, dass du beträchtliche Forschritte erzielt hast.« Rothen kicherte. »Geh vernünftig mit ihnen um, dann werden sie vernünftig mit dir umgehen, Dannyl.« Als sein Freund sich zum Gehen wandte, stieß Dannyl ein kurzes, freudloses Lachen aus. Irgendwo über ihnen erklang der Gong und kündete den Beginn der Unterrichts- stunde an. Seufzend straffte Dannyl die Schultern und betrat das Klassenzimmer., Auf das Fenstersims gestützt, beobachtete Sonea die letzten Magier und Novizen, die davoneilten. Aber nicht alle hat- ten auf den Gong der Universität reagiert. Auf der anderen Seite der Gärten waren zwei Magier zurückgeblieben. Bei dem einen handelte es sich um eine Frau in grünen Roben mit schwarzer Schärpe – das Oberhaupt der Heiler. Also hatten Frauen doch einen gewissen Einfluss in der Gilde, überlegte sie. Der andere Magier war ein Mann, der blaue Roben trug. Sonea rief sich Rothens Erklärungen, was die Farben der Roben betraf, noch einmal ins Gedächtnis, konnte sich aber nicht daran erinnern, dass er blaue Roben erwähnt hatte. Die Farbe war ungewöhnlich, also war dieser Mann ver- mutlich ein einflussreicher Magier. Rothen hatte ihr erklärt, dass Magier in hohen Positionen von den Mitgliedern der Gilde gewählt wurden. Diese Me- thode, Anführer durch eine Mehrheit bestimmen zu lassen, war faszinierend. Sonea hatte erwartet, dass die stärksten Magier über die anderen herrschen würden. Rothen zufolge verbrachten die übrigen Magier ihre Zeit damit, zu unterrichten, zu experimentieren oder an öffentli- chen Projekten zu arbeiten. Die Gebiete, auf denen sie sich betätigten, reichten von beeindruckenden bis hin zu schlicht lächerlichen Dingen. Zu ihrer Überraschung hatte sie erfah- ren, dass die Magier den Hafen gebaut hatten, und sie war einigermaßen belustigt gewesen, zu hören, dass einer der Magier einen großen Teil seines Lebens auf den Versuch verwandt hatte, immer stärkere Klebstoffe herzustellen., Sie trommelte mit den Fingern auf das Sims und sah sich dann noch einmal in dem Raum um. In der vergangenen Woche hatte sie mehrmals Gelegenheit gehabt, alles einer gründlichen Musterung zu unterziehen, selbst das Zimmer, in dem Rothen schlief. Eine bedächtige Suche in sämtli- chen Schränken, Truhen und Schubladen hatte Kleidungs- stücke und alltägliche Gegenstände zutage gefördert. Die wenigen Schlösser, auf die sie gestoßen war, hatte sie mü- helos öffnen können, aber der einzige Lohn für ihre An- strengungen waren einige alte Dokumente gewesen. Als sie eine Bewegung am Rand ihres Gesichtsfelds wahrnahm, drehte sie sich wieder zum Fenster um. Die beiden Magier hatten sich getrennt, und der Mann in Blau ging jetzt am Rand des Gartens entlang auf die zweistöcki- ge Residenz des Hohen Lords zu. Bei dem Gedanken an die Nacht, in der sie in dieses Ge- bäude gespäht hatte, überlief sie ein Frösteln. Rothen hatte nicht davon gesprochen, dass es unter den Magiern Assas- sinen gab, aber das war wohl kaum überraschend. Er ver- suchte schließlich, sie davon zu überzeugen, dass die Gilde wohlmeinend und nützlich war. Und wenn der schwarzge- wandete Magier kein Assassine war, was konnte er dann sein? Die Erinnerung an einen Mann in blutbefleckten Klei- dern zuckte in ihr auf. »Es ist vollbracht«, hatte der Mann gesagt. »Hast du meine Roben mitgebracht?« Als sie das Klicken der Haupttür hinter sich hörte, zuck-, te sie zusammen. Sie wandte sich um und stieß langsam den Atem aus. Rothen kam mit wallenden purpurnen Ro- ben auf sie zu. »Entschuldige, dass es so lange gedauert hat.« Er war ein Magier, und trotzdem entschuldigte er sich bei ihr. Erheitert zuckte sie nur die Achseln. »Ich habe einige Bücher aus der Bibliothek mitge- bracht.« Er straffte sich und betrachtete sie mit ernster Miene. »Aber ich dachte, wir fangen vielleicht mit einigen gedanklichen Übungen an. Was hältst du davon?« »Gedankliche Übungen?« Sie runzelte die Stirn, dann wurde ihr plötzlich eiskalt, als sie begriff, was er da vor- schlug. Glaubte er etwa, dass sie ihm nach nur einer Woche schon vertraute? Tue ich das? Er beobachtete sie genau. »Ich werde dich heute wahr- scheinlich noch nicht in Kontrolle magischer Kräfte unter- richten«, erklärte er. »Aber zur Vorbereitung auf die Lekti- onen solltest du dich mit der Gedankenrede vertraut ma- chen.« Sonea dachte noch einmal an die vergangene Woche zu- rück und an die Dinge, die sie von ihm gelernt hatte. Den größten Teil der Zeit hatte er darauf verwandt, ihr das Lesen beizubringen. Zuerst war sie argwöhnisch gewe- sen und hatte erwartet, im Inhalt der Bücher etwas zu fin- den, das er vielleicht als Bestechung verwenden würde. Sie war beinahe enttäuscht gewesen, dass er ihr lediglich ein- fache Abenteuergeschichten zu lesen gab, in denen von, Magie kaum die Rede war. Im Gegensatz zu Serin, der ängstlich darauf bedacht ge- wesen war, sie auf keinen Fall zu verärgern, zögerte Ro- then nicht, sie zu verbessern, wenn sie einen Fehler mach- te. Er konnte ziemlich streng sein, aber sie hatte zu ihrer Überraschung herausgefunden, dass er ihr keine Angst machte. Bisweilen hatte sie sogar den Drang verspürt, ihn ein wenig aufzuziehen, wenn er allzu ernst war. Wenn er sie nicht unterrichtete, versuchte er, mit ihr zu plaudern. Sie wusste, dass sie es ihm nicht leicht machte, da es so viele Themen gab, über die zu sprechen sie sich weigerte. Obwohl er immer bereit war, ihre Fragen zu be- antworten, hatte er nie versucht, sie mit Gewalt oder List dazu zu bringen, ihrerseits mehr zu enthüllen, als sie ent- hüllen wollte. Ob es sich mit der Gedankenrede genauso verhielt? Würde sie auch bei dieser Art der Kommunikation gewisse Dinge vor ihm verbergen können? Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Ich muss es versuchen, sagte sie sich. Schließlich schluckte sie und nickte hastig. »Wie fangen wir an?« Er bedachte sie mit einem forschenden Blick. »Wenn du es nicht tun willst, können wir durchaus noch ein paar Tage warten.« »Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin bereit.« Er nickte, dann deutete er auf die Stühle. »Setz dich. Und mach es dir bequem.« Sie ließ sich auf einen Stuhl sinken und beobachtete, wie, Rothen den niedrigen Tisch beiseite schob und einen Stuhl heranzog, so dass er ihr gegenüber Platz nehmen konnte. Mit Unbehagen stellte sie fest, dass er nur wenige Zentime- ter von ihr entfernt sitzen würde. »Ich werde dich bitten, die Augen zu schließen«, sagte er. »Dann werde ich deine Hände nehmen. Es ist zwar nicht notwendig, dass wir uns berühren, wenn wir mitein- ander sprechen, aber es hilft dabei, sich zu konzentrieren. Bist du so weit?« Sie nickte. »Schließ die Augen«, wies er sie an, »und entspann dich. Atme tief und gleichmäßig. Hör auf das Geräusch deines Atems.« Sie tat wie geheißen. Lange Zeit blieb er still. Nach einer Weile stellte sie fest, dass sie im gleichen Rhythmus atme- ten, und sie fragte sich, ob er seinen Atem dem ihren ange- passt hatte. »Stell dir vor, dass sich mit jedem Atemzug ein Teil dei- nes Körpers entspannt. Zuerst deine Zehen, dann die Füße, dann die Knöchel. Waden, Knie, Oberschenkel. Lass die Finger ganz locker, die Hände, die Handgelenke, die Arme, den Rücken. Lass die Schultern sinken. Beug den Kopf ein wenig vor.« Obwohl sie fand, dass seine Anweisungen etwas seltsam waren, tat sie, was er sagte. Als sie spürte, wie die Anspan- nung aus ihren Gliedern wich, nahm sie gleichzeitig ein eigenartiges Flattern im Magen wahr. »Ich werde jetzt deine Hände nehmen«, erklärte er., Die Hände, die sich um ihre schlossen, erschienen ihr ungewöhnlich groß. Sie widerstand dem Drang, die Augen zu öffnen und nachzusehen. »Hör mir zu. Und denk genau darüber nach, was du hö- ren kannst.« Plötzlich wurde Sonea bewusst, dass sie umringt von stetigen, leisen Geräuschen war. Jedes Geräusch sprang sie an und verlangte, identifiziert zu werden: der Klang von Schritten draußen, die fernen Stimmen von Magiern und Dienern, die sowohl von innerhalb des Gebäudes wie von außerhalb kamen… »Jetzt lass die Geräusche außerhalb des Raums verblas- sen. Konzentrier dich stattdessen auf die Geräusche hier im Raum.« Es wurde stiller in ihr. Das einzige Geräusch waren ihr Atem und seiner, die jetzt wieder verschiedenen Rhythmen folgten. »Und nun lass auch diese Geräusche verklingen. Lau- sche stattdessen auf die Geräusche in deinem eigenen Kör- per. Das langsame Schlagen deines Herzens… « Sie gab sich Mühe, aber abgesehen von ihrem Atem konnte sie keine Geräusche in ihrem Körper hören. »… das Strömen des Blutes, das in deinem Körper kreist.« Auch das konnte sie nicht hören… »… das Geräusch deines Magens… « … oder vielleicht doch? Irgendetwas war da… »… die Vibrationen in deinen Ohren… «, Dann begriff sie, dass sie die Geräusche, die er be- schrieb, weniger hörte als vielmehr fühlte. »Und nun horch auf das Geräusch deiner Gedanken.« Einen Moment lang war Sonea verwirrt über diese An- weisung, dann spürte sie mit einem Mal eine fremde Aura am Rande ihres Geistes. – Hallo, Sonea. – Rothen? – Stimmt. Die Aura wurde greifbarer. Die Persönlichkeit, die sie spüren konnte, war ihr überraschend vertraut. Es war, als erkenne man eine Stimme, eine so einzigartige Stimme, dass man sie nicht mit anderen verwechseln konnte. – Das also ist Gedankenrede, überlegte sie. – Ja. Mit ihrer Hilfe können wir selbst über große Ent- fernungen hinweg miteinander sprechen. Ihr wurde klar, dass sie keine Worte hörte, sondern die Bedeutung der Gedanken spürte, die er in ihre Richtung sandte. Die Gedanken blitzten in ihrem Kopf auf, und sie konnte sie so schnell und so vollständig verstehen, dass sie mit absoluter Sicherheit genau das erfuhr, was er sie wissen lassen wollte. – Es geht so viel schneller als reden! – Ja, und die Gefahr von Missverständnissen ist deutlich geringer. – Könnte ich mich auf diese Weise auch mit meiner Tan- te unterhalten? Ich könnte sie wissen lassen, dass ich noch am Leben bin., – Ja und nein. Nur Magier können ohne körperlichen Kontakt von Geist zu Geist miteinander kommunizieren. Du könntest zu deiner Tante sprechen, aber dazu müsstest du sie berühren. Es spricht jedoch nichts dagegen, dass du deiner Tante eine ganz gewöhnliche Nachricht schickst… Womit sie den Aufenthaltsort ihrer Tante und ihres On- kels preisgeben würde. Soneas Begeisterung für die Ge- dankenrede geriet ins Wanken. Sie musste vorsichtig sein. – Also… unterhalten Magier sich ständig auf diese Wei- se? – Nein, nicht allzu oft. – Warum nicht? – Diese Form der Kommunikation hat ihre Grenzen. Man spürt die Gefühle hinter den Gedanken, die andere einem schicken. So ist es zum Beispiel sehr leicht, festzu- stellen, wenn jemand lügt. – Ist das schlecht? – Nicht prinzipiell, aber stell dir vor, dir wäre aufgefal- len, dass dein Freund langsam kahl wird. Er würde die Er- heiterung hinter deinen Gedanken spüren, und obwohl er nicht wissen würde, was du so komisch findest, würde ihm klar sein, dass der Scherz auf seine Kosten geht. Und nun stell dir vor, es wäre nicht dein gutmütiger Freund, son- dern jemand, den du respektierst und den du zu beeindru- cken wünschst. – Ich verstehe, was Ihr meint. – Gut. Jetzt zum nächsten Teil deiner Lektion. Ich möch- te, dass du dir vorstellst, dein Geist sei ein Zimmer – ein, Raum mit Wänden, einem Fußboden und einer Decke. Mit einem Mal fand sie sich in der Mitte eines Raums wieder. Er wirkte vertraut, obwohl sie sich nicht daran er- innern konnte, so etwas schon einmal gesehen zu haben. Der Raum war leer und hatte keine Türen oder Fenster, und die Wände bestanden aus nacktem Holz. – Was siehst du? – Die Wände sind aus Holz, und das Zimmer ist leer, antwortete sie. – Ah, ich sehe den Raum. Er ist der bewusste Teil deines Geistes. – Also… also könnt Ihr in meinen Geist blicken? – Nein, du hast mir lediglich ein Bild davon geschickt. Ich schicke es dir zurück. Ein Bild des Raums blitzte durch ihre Gedanken. Es war undeutlich und verschwommen, und man konnte keine Einzelheiten mehr erkennen. – Es ist… anders und irgendwie nebelhaft, erwiderte sie. – Das liegt daran, dass ein wenig Zeit verstrichen und meine Erinnerung daran verblasst ist. Der Unterschied, den du wahrnimmst, hat seine Ursache darin, dass mein Geist die Einzelheiten ergänzt hat, die meinem Gedächtnis entfallen sind, Einzelheiten wie Farbe und Beschaffenheit. Also, als Nächstes braucht dein Zimmer eine Tür. Sofort entstand eine Tür vor ihr. – Geh zu der Tür hinüber. Erinnerst du dich noch, wie deine Magie ausgesehen hat? – Ja, wie ein leuchtender Ball aus Licht., – Das ist eine weit verbreitete Methode, sie zu visuali- sieren. Ich möchte, dass du darüber nachdenkst, wie deine Magie aussah, wenn sie stark und gefährlich war, und wie du sie gesehen hast, nachdem sie verblasst war. Erinnerst du dich daran? – Ja… – Jetzt öffne die Tür. Als die Tür aufschwang, fand Sonea sich an der Schwel- le von Dunkelheit wieder. Eine weiße Kugel hing vor ihr in der Luft und verströmte strahlendes Licht. Sie konnte un- möglich abschätzen, wie weit die Kugel entfernt war. Ei- nen Augenblick lang schien sie nur um eine Armeslänge entfernt zu schweben, dann wieder war Sonea davon über- zeugt, dass sie riesengroß war und unvorstellbar weit fort. – Wie groß ist die Kugel im Vergleich zu dem, was du in Erinnerung hast? – Nicht so groß, wie sie war, als Gefahr von ihr ausging. Sie schickte ihm ein Bild der Kugel. – Gut. Sie wächst schneller, als ich erwartet habe, aber uns bleibt noch ein wenig Zeit, bevor deine Magie unge- heißen wieder an die Oberfläche kommt. Schließ die Tür und kehr in das Zimmer zurück. Die Tür schloss sich und verschwand, und Sonea stellte fest, dass sie abermals in der Mitte des Raums stand. – Jetzt stell dir eine weitere Tür vor. Diesmal ist es die Tür, die nach draußen führt, also solltest du sie größer ma- chen. Doppeltüren erschienen in Soneas Zimmer, und sie er-, kannte sie wieder. Es waren die Haupttüren des Bleibehau- ses, in dem sie vor der Säuberung gelebt hatte. – Wenn du die Türen öffnest, wirst du ein Haus bemer- ken. Es sollte ungefähr so aussehen. In ihren Gedanken blitzte das Bild eines weißen Hauses auf, das den großen Kaufmannshäusern im Westviertel nicht unähnlich war. Als sie die Doppeltüren in ihrem Geist öffnete, stand sie mit einem Mal dem Gebäude gegenüber. Zwischen ihrem Zimmer und diesem Haus befand sich eine schmale Straße. – Geh zu dem Gebäude hinüber. Das Haus hatte nur eine einzige rote Tür. Das Bild ver- änderte sich, und Sonea stand jetzt direkt davor. Als sie den Knauf berührte, schwang die Tür nach innen auf, und sie trat in einen großen, weißen Raum. An den Wänden hingen Gemälde, und in den Ecken des Raums standen gepolsterte Sessel. Der Raum erinnerte sie ein wenig an Rothens Gästezimmer, obwohl er deutlich prachtvoller eingerichtet war. Das Gefühl von Rothens Per- sönlichkeit war stark, wie ein kräftiges Parfüm oder die Wärme von Sonnenlicht. – Willkommen, Sonea. Du bist jetzt in dem Raum, den man das erste Zimmer meines Geistes nennen könnte. Hier kann ich dir Bilder zeigen. Sieh dir die Gemälde an. Sie trat auf das Bild zu, das ihr am nächsten war. Auf dem Bild sah sie sich selbst, gekleidet in Magierroben, wie sie sich ernsthaft mit anderen Magiern unterhielt. Verstört trat sie einen Schritt zurück., – Warte, Sonea. Sieh dir erst das nächste Gemälde an. Widerstrebend ging sie an der Wand entlang. Das nächs- te Bild zeigte sie in grünen Roben, wie sie einen Mann mit einem verletzten Bein heilte. Sie wandte sich hastig ab. – Warum stößt diese Zukunft dich derart ab? – Weil ich das nicht bin. – Aber du könntest es sein, Sonea. Begreifst du jetzt, dass ich dir die Wahrheit gesagt habe? Als sie sich noch einmal zu den Gemälden umdrehte, wurde ihr plötzlich klar, dass er tatsächlich die Wahrheit sprach. Hier konnte er sie nicht belügen. Er zeigte ihr reale Möglichkeiten. Die Gilde wollte sie wirklich als Novizin aufnehmen… Dann entdeckte sie eine schwarze Tür, die ihr vorher nicht aufgefallen war. Als sie sie betrachtete, erkannte sie, dass sie verschlossen war, und ihr Argwohn kehrte zurück. Rothen mochte vielleicht nicht in der Lage sein, sie zu be- lügen, aber möglicherweise konnte er einige Wahrheiten vor ihr verborgen halten. – Ihr versteckt etwas vor mir!, beschuldigte sie ihn. – Ja, antwortete er. Wir alle haben die Fähigkeit, jene Dinge, die wir für uns behalten wollen, zu verbergen. Wenn es anders wäre, würde keiner von uns jemals einen ande- ren in seinen Geist einlassen. Ich werde dir beibringen, wie man das macht, denn du brauchst solche privaten Bereiche dringender als die meisten von uns. Beobachte mich, und ich werde dir erlauben, einen kurzen Blick auf das zu wer- fen, was hinter dieser Tür liegt., Die Tür schwang auf. Auf der anderen Seite sah Sonea eine Frau auf einem Bett liegen. Ihr Gesicht war toten- bleich. Ein Gefühl alles durchdringender Trauer strömte ihr aus diesem Raum entgegen. Ohne Vorwarnung fiel die Tür wieder ins Schloss. – Meine Frau. – Sie ist gestorben…? – Ja. Verstehst du jetzt, warum ich diesen Teil von mir verborgen halte? – Ja. Es… es tut mir Leid. – Es ist lange her, und mir ist klar, dass du dich davon überzeugen musst, dass ich die Wahrheit spreche. Sonea wandte sich von der schwarzen Tür ab. Ein Luft- schwall war in den Raum geweht und hatte einen starken Geruch mitgebracht: eine Mischung aus Blumen und et- was, das scharf und unangenehm war. Die Bilder, die sie selbst in Roben zeigten, hatten sich ausgedehnt, so dass sie die Wände jetzt zur Gänze ausfüllten, aber die Farben wirkten gedämpft. – Wir haben viel erreicht. Wollen wir jetzt in deinen Geist zurückkehren? Unverzüglich rutschte ihr der Raum unter den Füßen weg, und sie wurde durch die rote Tür befördert. Draußen angelangt, blickte sie auf. Vor ihr erhob sich die Fassade ihres Hauses. Es war ein schlichter Holzbau, ein wenig schäbig, aber immer noch stabil – und typisch für die bes- seren Teile der Hüttensiedlungen. Sie überquerte die Straße und kehrte in den ersten Raum ihres Geistes zurück. Die, Türen fielen hinter ihr zu. – Jetzt dreh dich noch einmal um und schau nach drau- ßen. Als sie die Türen wieder aufdrückte, stand zu ihrer Über- raschung Rothen vor ihr. Er wirkte ein wenig jünger und vielleicht auch ein wenig kleiner. »Wirst du mich hineinbitten?«, fragte er lächelnd. Sie trat einen Schritt zurück und bedeutete ihm einzutre- ten. Als er hereinkam, konnte sie seine Aura im Raum deutlich spüren. Er sah sich um, und plötzlich wurde ihr bewusst, dass das Zimmer nicht länger leer war. Gewissensbisse durchzuckten sie, als sie sah, dass auf einem Tisch in der Nähe eine Schatulle stand. Eine Scha- tulle, die sie aufgebrochen hatte. Der Deckel stand offen, und die Dokumente darin waren deutlich zu sehen. Dann bemerkte sie Cery, der im Schneidersitz auf dem Fußboden sah und drei vertraute Bücher in Händen hielt. Und in einer anderen Ecke standen Jonna und Ranel… »Sonea.« Als sie sich umdrehte, sah sie, dass Rothen sich die Au- gen zuhielt. »Versteck alles, was ich nicht sehen soll, hinter Türen.« Sonea sah sich im Raum um und konzentrierte sich dar- auf, alles beiseite zu schieben. Personen und Dinge glitten rückwärts durch die Wände und verschwanden. – Sonea? Als sie sich umdrehte, stellte sie fest, dass Rothen eben- falls verschwunden war., – Habe ich Euch auch hinausgeschoben? – Ja. Lass uns das noch einmal versuchen. Abermals öffnete sie die Tür und ließ Rothen in den Raum hinein. Als sie aus den Augenwinkeln eine Bewe- gung wahrnahm, wandte sie den Blick ab, aber was immer sie gesehen hatte, versank in den Wänden. Sie drehte sich wieder um und stellte fest, dass jenseits der Tür ein neuer Raum aufgetaucht war. An der gegenüberliegenden Seite dieses Raumes stand eine Tür offen, und im nächsten Mo- ment erschien dort Rothen. Er trat durch die Tür, und alles war jetzt in Veränderung begriffen. Zuerst waren zwei Räume zwischen ihnen, dann drei. – Genug! Sie spürte, wie er sie losließ. Abrupt nahm sie wieder die körperliche Welt um sich herum wahr und schlug die Au- gen auf. Rothen hatte sich auf seinem Stuhl zurückgelehnt und rieb sich die Schläfen. »Ist alles in Ordnung mit Euch?«, fragte sie besorgt. »Was ist passiert?« »Mir geht es gut.« Er ließ die Hände sinken und lächelte schief. »Du hast mich aus deinem Geist hinauskatapultiert. Es ist eine ganz natürliche Reaktion und eine, die du zu beherrschen lernen kannst. Keine Bange, ich bin daran ge- wöhnt. Ich habe schon viele Novizen unterrichtet.« Sie nickte langsam. »Wollt Ihr es noch einmal versu- chen?« Er schüttelte den Kopf. »Nicht jetzt. Wir werden uns ein, wenig ausruhen, und dann kannst du dich weiter im Lesen üben. Vielleicht werden wir es heute Nachmittag noch einmal versuchen.«, 20. Der Gefangene der Gilde Cery gähnte. Seit die Magier Sonea gefangen hatten, war der Schlaf ein launisches Ding. Er wich ihm aus, wenn er ihn brauchte, und schlich sich an ihn heran, wenn er ihn nicht brauchte. Im Augenblick war es für ihn wichtiger als je zuvor, hellwach zu sein. Ein eiskalter Wind peitschte durch Bäume und Hecken und erfüllte die Luft mit Lärm von Zweigen und Blättern, die er herumwirbelte. Die Kälte stahl sich in seine Mus- keln, bis sie sich verkrampften. Vorsichtig verlagerte er das Gewicht, streckte sich und massierte erst das eine Bein, dann das andere. Er blickte abermals zu dem Fenster hinauf und dachte, was er wohl schon hundertmal in dieser Nacht gedacht hat- te: »Sieh nach draußen«. Dann kam er zu der Erkenntnis, dass sein Kopf explodieren würde, wenn er sich noch stär- ker auf diesen einen Gedanken konzentrierte. Sonea mochte zwar in der Lage sein, den Geist anderer zu erspüren, aber offenkundig erstreckte sich dieses Talent nicht darauf, un- erwartete Besucher draußen vor ihrem Fenster zu entdecken., Er betrachtete die Schneebälle, die er geformt hatte, und wieder machten sich Zweifel in ihm breit. Wenn er einen davon nach ihrem Fenster warf, müsste er genug Lärm ma- chen, um sie zu wecken, durfte aber gleichzeitig nicht so laut sein, dass er auch die Aufmerksamkeit anderer auf sich zog. Und obendrein hatte er keine Ahnung, ob sie sich noch immer in diesem Raum befand oder ob sie allein war. Als er seinen Posten bezogen hatte, hatte Licht in dem Fenster gebrannt, das jedoch bald darauf gelöscht worden war. Die Fenster links von Soneas Zimmer lagen im Dun- keln, aber die auf der rechten Seite verströmten noch im- mer ihr sanftes Leuchten. Nervös blickte Cery zum Univer- sitätsgebäude hinüber, das zu seiner Linken aufragte. Die Fenster dort waren dunkel. Seit jener ersten Nacht, in der er einen kurzen Blick auf Sonea hatte werfen können, hatte Cery keine Spur mehr von dem rätselhaften Beobachter gesehen. Irgendwo am Rande seines Gesichtsfelds erlosch ein Licht. Er schaute zu dem Gebäude der Magier hinüber. Das Licht in den Räumen neben dem von Sonea war ver- schwunden. Cery lächelte grimmig und massierte sich die tauben Beine. Nur noch ein kleines Weilchen… Als ein blasses Gesicht in dem Fenster erschien, dachte er für einen Moment, er sei tatsächlich eingeschlafen und träume. Mit hämmerndem Herzen beobachtete er dann, wie Sonea in den Garten hinausspähte, bevor sie sich in die Richtung wandte, in der die Universität lag. Und dann verschwand sie vom Fenster., Alle Müdigkeit fiel von Cery ab. Er schloss die Finger um einen Schneeball. Seine Beine protestierten, als er sich durch die Hecke zwängte. Er zielte, und noch während der Schneeball durch die Luft flog, duckte er sich wieder hinter die Hecke. Ein schwacher Aufprall drang zu ihm hinüber. Der Schneeball hatte das Fenster getroffen. Jubel stieg in ihm auf, als Soneas Gesicht wieder auftauchte. Sie betrachtete die Schneekristalle auf der Glasscheibe und blickte schließ- lich in den Garten hinaus. Cery konnte in den übrigen Fenstern keine weiteren Be- obachter erkennen. Er schob sich ein klein wenig vor und sah, wie Soneas Augen sich weiteten, als sie ihn entdeckte. Der ersten Überraschung folgte ein breites Grinsen. Er winkte, dann benutzte er die Zeichensprache, um ihr eine Frage zu stellen. Sie antwortete mit einem »Ja«. Es war ihr nichts passiert. Er stieß einen leisen Seufzer der Erleichterung aus. Die Zeichensprache der Diebe beschränkte sich auf sim- ple Botschaften wie »Fertig?«, »Jetzt«, »Warte«, »Ver- schwinden wir von hier« und die üblichen Zeichen für »Ja« und »Nein«. Es gab kein Zeichen für: »Ich werde dich ret- ten. Ist das Fenster verschlossen?« Also deutete er auf sich selbst, tat so, als erklimme er ein Gebäude und öffne ein Fenster. Dann zeigte er auf Sonea und wieder auf sich selbst, bevor er das Zeichen für »Verschwinden wir von hier« machte. Sie antwortete mit »Warte«, dann deutete sie auf sich, selbst, machte das Zeichen für »Verschwinden wir von hier« und schüttelte den Kopf. Er runzelte die Stirn. Obwohl sie die Zeichensprache der Diebe besser beherrschte als die meisten anderen Hütten- bewohner, hatte sie sich nie so gut darauf verstanden wie er selbst. Vielleicht wollte sie ihm sagen, dass sie das Gebäu- de nicht verlassen durfte oder dass sie es jetzt noch nicht verlassen wollte oder dass er später in der Nacht noch ein- mal zurückkehren solle. Er kratzte sich am Kopf, dann machte er die Zeichen für »Verschwinden wir von hier« und »Jetzt«. Sie schüttelte den Kopf, als irgendetwas links von Cery ihre Aufmerksamkeit erregte und ihre Augen sich weiteten. Sie trat ein wenig von dem Fenster zurück und machte wieder und wieder das Zeichen für »Verschwinden wir von hier«. Cery duckte sich und zog sich in die Hecke zurück, wobei er hoffte, dass der Wind das Rascheln der Blätter übertönen würde. Keine Schritte drangen an seine Ohren, und er begann sich zu fragen, was Sonea erschreckt hatte. Und dann glitt warme Luft über seine Haut, und ihm sträubten sich die Nackenhaare. »Komm heraus«, sagte eine kultivierte Stimme, die un- behaglich nahe war. »Ich weiß, dass du da drin bist.« Als Cery durch die Hecke spähte, konnte er das weiche Tuch von Magierroben sehen, die nur eine Armeslänge von ihm entfernt waren. Eine Hand schob sich durch die Blät- ter. Cery zuckte zurück, sprang aus der Hecke und drückte, sich mit wild hämmerndem Herzen an die Mauer des Ge- bäudes. Der Magier richtete sich hastig auf. Da Cery wuss- te, dass der Mann ihn jetzt deutlich würde sehen können, rannte er um die Ecke des Gebäudes herum auf den Wald zu. Etwas krachte in seinen Rücken, und er fiel mit dem Ge- sicht nach unten in den Schnee. Etwas machte ihn bewe- gungsunfähig und presste ihn so fest auf den Boden, dass er kaum atmen konnte und die Kälte des Schnees ihm im Gesicht brannte. Er hörte Schritte näher kommen, und Pa- nik stieg in ihm auf. Ruhig. Bleib ganz ruhig, dachte er. Du hast noch nie da- von gehört, dass sie Eindringlinge töten… Allerdings hast du auch noch nie gehört, dass sie Eindringlinge entde- cken… Der unerträgliche Druck, der auf seinem Rücken lastete, ließ nach. Als Cery sich auf Hände und Knie hochrappelte, griff jemand nach seinem Arm. Er wurde auf die Füße ge- zogen und durch die Hecke auf den Fußweg hinübergesto- ßen. Er blickte auf, und das Blut gefror ihm in den Adern, als er den Magier erkannte. Die Augen des Mannes waren schmal geworden. »Du kommst mir bekannt vor… Ah, jetzt erinnere ich mich wieder. Du bist der schmutzige Hüttenjunge, der versucht hat, mich zu schlagen.« Er sah zu Soneas Fenster hinüber und feixte. »Sonea hat also einen Bewunderer. Wie nied- lich.«, Nachdenklich betrachtete er Cery, dann trat plötzlich ein unangenehmer Glanz in seine Augen. »Was soll ich mit dir machen? Ich glaube, Eindringlinge werden im Allgemei- nen befragt und anschließend aus der Gilde hinauseskor- tiert. Dann sollten wir uns wohl am besten auf den Weg machen.« Als der Magier ihn hinter sich herzuzerren begann, wehrte Cery sich nach Kräften. Aber die dünne Hand des Mannes war überraschend stark. »Lasst mich los!«, verlangte Cery. Der Magier seufzte. »Wenn du darauf bestehst, derart an meinem Arm zu reißen, werde ich gezwungen sein, andere Mittel einzusetzen. Bitte, hör auf dich zu wehren. Ich bren- ne genauso sehr wie du darauf, diese Angelegenheit zu En- de zu bringen.« »Wohin führt Ihr mich?« »Zunächst einmal aus diesem lärmenden Wind heraus.« Sie hatten das gegenüberliegende Ende der Magierquartiere erreicht und gingen auf die Universität zu. »Lord Fergun.« Der Magier blieb stehen und drehte sich um. Zwei in Roben gewandete Schatten näherten sich. Cery spürte, wie der Griff des Mannes sich plötzlich verkrampfte, und er war sich nicht sicher, ob er über das Auftauchen der Neu- ankömmlinge beunruhigt oder erleichtert sein sollte. Fer- gun kam ihr Erscheinen offenkundig ungelegen. »Administrator«, sagte Fergun. »Was für ein glücklicher Zufall. Ich war gerade auf dem Weg zu Euch. Ich habe ei-, nen Eindringling entdeckt. Anscheinend hat er versucht, das Mädchen aus den Hüttenvierteln zu erreichen.« »Das habe ich gehört«, erwiderte der größere der beiden Neuankömmlinge. »Wollt Ihr ihn befragen?« Ferguns Stimme klang hoff- nungsvoll, aber der Griff, mit dem er Cerys Arm festhielt, wurde stärker. »Ja«, antwortete der hochgewachsene Magier. Er machte eine träge Handbewegung, und direkt über ihnen flammte ein Ball aus Licht auf. Cery spürte, wie Wärme über seinen Körper strich und der Wind verschwand. Als er sich umsah, stellte er fest, dass die Bäume sich immer noch unter dem Sturm bogen, aber um die drei Magier herum war alles still. Die Roben der Magier waren leuchtend bunt in dem grellen Licht. Der hochgewachsene Mann trug Blau, sein Begleiter, der ein wenig älter war, trug Purpur, und Cerys Häscher war in Rot gekleidet. Der Mann in den blauen Ro- ben blickte auf Cery hinab und lächelte schwach. »Du wolltest mit Sonea reden, Cery?« Cery blinzelte überrascht, dann runzelte er die Stirn. Woher wusste dieser Magier seinen Namen? Sonea musste es ihm erzählt haben. Wenn sie Cery hätte warnen wollen, hätte sie ihnen einen anderen Namen ge- nannt… Es sei denn, sie hatten sie überlistet oder seinen Namen aus ihren Gedanken gelesen oder… Was spielte das für eine Rolle? Sie hatten ihn gefangen. Wenn sie ihm etwas antun wollten, war er ohnehin macht-, los. Dann konnte er ebenso gut Sonea besuchen. Er nickte. Der hochgewachsene Magier sah Fergun an. »Lasst ihn los.« Ferguns Griff spannte sich noch einmal, bevor seine Finger Cerys Arm freigaben. Der blaugewandete Magier bedeutete Cery, ihm zu folgen, dann machte er sich auf den Weg hinüber zum Quartier der Magier. Die Türen öffneten sich vor ihnen. Da er wusste, dass die beiden anderen Magier wie Wächter hinter ihm hergin- gen, folgte er dem Mann in Blau eine kurze Treppe hinauf in den oberen Stock. Sie gingen durch einen breiten Korri- dor und blieben vor einer der vielen schlichten Türen ste- hen. Der ältere Magier legte eine Hand auf den Knauf, und die Tür schwang auf. Auf der anderen Seite lag ein behaglich eingerichtetes Zimmer mit gepolsterten Sesseln und kostbaren Möbeln. In einem der Sessel saß Sonea. Als sie Cery sah, lächelte sie. »Geh nur hinein«, sagte der blaugewandete Magier. Mit immer noch wild hämmerndem Herzen trat Cery in den Raum. Als die Tür sich hinter ihm schloss, drehte er sich um und fragte sich, ob er soeben in eine Falle gegan- gen war. »Cery«, flüsterte Sonea. »Wie schön, dich zu sehen.« Er wandte sich zu ihr um, um sie zu betrachten. Sie lä- chelte abermals, aber das Lächeln verblasste sehr schnell. »Setz dich, Cery. Ich habe Rothen gebeten, mir zu erlau- ben, mit dir zu reden. Ich habe ihm versichert, dass du so lange weiter versuchen würdest, mich zu retten, bis ich dir, erklärt habe, warum ich nicht fortgehen kann.« Sie deutete auf einen Sessel. Widerstrebend nahm er Platz. »Warum kannst du nicht fort?« Sie seufzte. »Ich weiß nicht, ob ich es dir so erklären kann, dass es einen Sinn ergibt.« Sie lehnte sich in dem Sessel zurück. »Magier müssen lernen, ihre Magie zu kon- trollieren, und nur andere Magier können es ihnen beibrin- gen, denn Kontrolle ist etwas, das man von Geist zu Geist unterrichten muss. Wenn ein Magier nicht lernt, seine Kräfte zu kontrollieren, wird seine Magie aktiv, sobald er irgendetwas fühlt. Die Magie nimmt einfache, gefährliche Formen an und wird immer stärker. Bis man am Ende…« Sie schnitt eine Grimasse. »An dem Tag, an dem sie mich gefunden haben, wäre ich… Ich wäre um ein Haar gestor- ben, Cery. Sie haben mich gerettet.« Cery fröstelte. »Ich habe es gesehen, Sonea. Die Häuser – sie sind alle weg.« »Es wäre noch schlimmer geworden, wenn sie mich nicht gefunden hätten. Menschen wären gestorben. Viele Menschen.« Er blickte auf seine Hände hinab. »Das heißt, du kannst nicht nach Hause gehen.« Sie kicherte – ein so unerwartet fröhlicher Laut, dass er sie erstaunt anstarrte. »Es wird mir schon nichts zustoßen«, sagte sie. »Sobald ich die Kontrolle meiner Magie erlernt habe, wird keine Gefahr mehr von mir ausgehen. Außerdem erfahre ich, wie, die Dinge hier funktionieren.« Sie zwinkerte ihm zu. »Aber erzähl mir doch, wo hängst du denn jetzt so rum?« Er grinste. »Da, wo ich immer rumhänge. Im besten Bolhaus außerhalb der Stadtmauern.« Sie nickte. »Und dein… Freund? Gibt er dir immer noch Arbeit?« »Ja.« Cery schüttelte den Kopf. »Aber wenn er heraus- findet, was ich heute Abend getan habe, wird sich das viel- leicht ändern.« Während sie über diese Bemerkung nachdachte, erschie- nen die vertrauten Sorgenfalten zwischen ihren Brauen. Cery spürte, wie irgendetwas sein Herz so fest umklam- merte, dass es wehtat. Er ballte die Fäuste und wandte den Blick ab. Er hätte ihr gern von all den Schuldgefühlen und der Angst erzählt, die ihn quälten, seit man sie gefangen hatte, aber der Gedanke, dass sie vielleicht belauscht wur- den, machte ihm das Sprechen unmöglich. Er sah sich noch einmal in dem luxuriös eingerichteten Raum um und tröstete sich damit, dass man sie zumindest gut behandelte. Sie gähnte. Ihm fiel wieder ein, wie spät es war. »Dann gehe ich wohl besser mal.« Er stand auf, hielt je- doch noch einmal inne, denn er wollte sie nicht verlassen. Sie lächelte, und diesmal war es ein trauriges Lächeln. »Sag den anderen, dass es mir gut geht.« »Das tue ich.« Er konnte sich nicht von der Stelle rühren. Ihr Lächeln verblasste ein wenig, dann deutete sie auf die Tür. »Ich, komme schon zurecht, Cery. Vertrau mir. Und jetzt geh.« Irgendwie zwang er sich, zur Tür zu treten und zu klop- fen. Die Tür schwang nach innen auf. Die drei Magier musterten ihn forschend. »Soll ich unseren Besucher zum Tor begleiten?«, erbot sich Fergun. »Ja, danke«, antwortete der blaugewandete Magier. Eine Lichtkugel erschien über Ferguns Kopf. Er sah Ce- ry erwartungsvoll an. Cery drehte sich noch einmal nach dem Magier in Blau um und zögerte. »Vielen Dank.« Der Magier nickte zur Antwort. Cery wandte sich um und ging, gefolgt von dem blonden Magier, auf die Treppe zu. Auf dem Weg nach unten ließ er sich Soneas Worte noch einmal durch den Kopf gehen. Jetzt ergaben ihre Zei- chen einen Sinn. Sie musste warten, bis sie gelernt hatte, ihre Magie zu kontrollieren, aber sobald sie das geschafft hatte, würde sie zu fliehen versuchen. Er konnte nur wenig tun, um ihr zu helfen, außer dafür zu sorgen, dass sie einen sicheren Ort hatte, an den sie zurückkehren konnte. »Bist du Soneas Mann?« Cery blickte überrascht zu dem Magier auf. »Nein.« »Dann vielleicht ihr, äh… Geliebter?« Cerys Wangen wurden heiß, und er wandte sich ab. »Nein, nur ein Freund.« »Ich verstehe. Es war sehr heldenhaft von dir, hierher zu kommen.«, Da er fand, dass er auf diese Bemerkung nicht zu ant- worten brauchte, trat Cery aus dem Gebäude der Magier in den kalten Wind hinaus und wandte sich dem Garten zu. Fergun blieb stehen. »Warte. Ich führe dich durch die Universität hinaus. Dort ist es wärmer.« Sein Herz machte einen Satz. Die Universität. Er hatte sich schon immer gewünscht, einmal einen Blick in das prächtige Gebäude werfen zu können. Wenn Sonea erst aus der Gilde geflohen war, würde sich eine sol- che Gelegenheit vielleicht nie mehr bieten. Achselzuckend, als sei es ihm vollkommen gleichgültig, machte er sich auf den Weg zum Hintereingang des gewaltigen Gebäudes. Als sie die Treppen hinaufstiegen, begann sein Herz zu rasen. Sie kamen in ein großes Treppenhaus. Als der Ma- gier Cery durch eine Seitentür in einen breiten, scheinbar endlosen Korridor führte, erlosch die Lichtkugel. Zu beiden Seiten des Korridors zweigten Türen und wei- tere Korridore ab. Cery sah sich um, konnte aber die Quelle des Lichts nirgendwo ausmachen. Es war, als leuchteten die Wände selbst. »Sonea hat uns ziemlich überrascht«, bemerkte Fergun plötzlich, und seine Stimme hallte durch den Gang. »Wir haben noch nie zuvor Anzeichen von magischem Talent bei den unteren Klassen entdeckt. Normalerweise ist Magie einzig den Häusern vorbehalten.« Fergun sah Cery erwartungsvoll an; offensichtlich wollte er ihn in ein Gespräch verwickeln., »Sonea selbst war ebenfalls ziemlich überrascht«, erwi- derte Cery. »Hier entlang.« Der Magier führte Cery in einen der Ne- bengänge. »Hast du schon einmal von anderen Hüttenleu- ten gehört, die über magische Kräfte verfügen?« »Nein.« Sie bogen um eine Ecke, gingen durch eine Tür in einen kleinen Raum und traten dann durch eine weitere Tür in einen Korridor, der ein wenig breiter war. Im Gegensatz zu den ersten Korridoren waren die Wände hier mit Holz ver- täfelt, und in regelmäßigen Abständen hingen Bilder. »Dieser Teil des Gebäudes ist das reinste Labyrinth«, bemerkte Fergun mit einem leisen Seufzen. »Komm, wir nehmen eine Abkürzung.« Er blieb neben einem Gemälde stehen und griff dahinter. Ein Teil der Wand glitt beiseite, und ein dunkles Rechteck von der Größe einer schmalen Tür wurde sichtbar. Cery warf dem Magier einen fragenden Blick zu. »Ich habe Geheimnisse schon immer geliebt«, sagte Fergun mit leuchtenden Augen. »Überrascht es dich, dass auch wir unterirdische Gänge haben? Dieser hier führt in den Inneren Ring – ein Weg, auf dem man trockenen Fußes und unbehelligt vom Wind an sein Ziel gelangt. Wollen wir?« Cery betrachtete zuerst die Tür, dann den Magier. Unter- irdische Gänge unter der Gilde? Das war wirklich eigenar- tig. Er trat zurück und schüttelte den Kopf. »Ich habe schon viele Tunnel gesehen«, erklärte er, »und, die Kälte macht mir nichts aus. All die hübschen Dinge in diesem Gebäude sind viel interessanter.« Der Magier schloss die Augen und nickte. »Verstehe.« Dann straffte er sich und lächelte. »Nun, es ist gut zu wis- sen, dass dir die Kälte nichts ausmacht.« Irgendetwas übte plötzlich Druck auf Cerys Rücken aus und zwang ihn zu dem Rechteck hinüber. Er schrie auf und klammerte sich an der Türkante fest, aber der Druck war zu stark, und seine Finger glitten von dem polierten Holz ab. Er stürzte nach vorn und konnte gerade rechtzeitig die Hände hochreißen, um sein Gesicht zu schützen, bevor er gegen eine Wand krachte. Die Macht, die ihn festhielt, presste ihn gegen die Zie- gelsteine. Er konnte nicht einmal einen Finger rühren. Mit wild hämmerndem Herzen verfluchte er sich für die Dummheit, den Magiern zu vertrauen. Dann hörte er ein Klicken hinter sich. Die geheime Tür hatte sich geschlos- sen. »Jetzt kannst du brüllen, wenn du willst«, kicherte Fer- gun, ein leises, unangenehmes Geräusch. »Hier kommt niemals jemand herunter, daher wirst du auch niemanden stören.« Ein Stück Stoff wurde über Cerys Augen gelegt und an seinem Hinterkopf fest verknotet. Der Magier riss ihm grob die Hände auf den Rücken und fesselte sie mit einem wei- teren Stück Stoff. Als der Druck gegen seinen Rücken nachließ, packte ihn eine Hand am Kragen und stieß ihn vorwärts., Cery taumelte den Tunnel hinunter. Nach einigen Schrit- ten erreichte er eine steile Treppe. Er ertastete sich den Weg nach unten, dann schob der Magier ihn über einen gewundenen Weg weiter. Die Temperatur fiel rapide ab. Nach einigen hundert Schritten blieb Fergun stehen. Cerys Magen krampfte sich zusammen, als er das Geräusch eines Schlüssels hörte, der in einem Schloss gedreht wurde. Der Magier nahm ihm die Augenbinde ab. Cery stellte fest, dass er an der Tür zu einem großen, leeren Raum stand. Dann wurden seine Fesseln gelöst. »Rein mit dir.« Cery sah Fergun an. Ihm juckte es in den Fingern, seine Messer zu zücken, aber er wusste, dass er sie nur verlieren würde, wenn er versuchte, gegen den Magier zu kämpfen. Wenn er nicht freiwillig in den Raum ging, würde Fergun ihn hineinstoßen. Langsam und wie betäubt betrat er die Zelle. Die Tür fiel hinter ihm zu, und tiefe Dunkelheit hüllte ihn ein. Er hörte, wie der Schlüssel sich drehte, dann das gedämpfte Ge- räusch sich entfernender Schritte. Seufzend hockte er sich auf den Boden. Faren würde fuchsteufelswild sein., 21. Die Hoffnung auf Freiheit Als Rothen durch den Korridor des Magiertrakts eilte, fing er etliche neugierige Blicke von Kollegen auf. Einigen nickte er zu, und jenen, mit denen er besonders vertraut war, schenkte er ein Lächeln, aber nicht ein einziges Mal verlangsamte er seinen Schritt. An der Tür zu seinen Wohnräumen angekommen, legte er eine Hand auf den Knauf und befahl dem Schloss, sich zu öffnen. Als er über die Schwelle trat, hörte er zwei Stimmen aus dem Gästezimmer. »Mein Vater stand im Dienst von Lord Margen, Lord Rothens Mentor. Auch mein Großvater hat schon hier ge- arbeitet.« »Dann musst du viele Verwandte hier haben.« »Einige«, stimmte Tania zu. »Aber viele von ihnen sind fortgegangen, um eine Stellung in den Häusern anzuneh- men.« Die beiden Frauen saßen nebeneinander auf zwei Ses- seln. Als Tania ihn sah, sprang sie auf, und Röte schoss ihr ins Gesicht., »Lasst euch von mir nicht stören«, sagte Rothen mit ei- ner beschwichtigenden Handbewegung. Tania neigte den Kopf. »Ich bin noch nicht fertig mit meiner Arbeit, Mylord«, sagte sie. Ihr Gesicht glühte noch immer, und sie lief eilig in sein Schlafzimmer. Offenkun- dig erheitert, beobachtete Sonea sie. – Ich glaube, sie hat keine Angst mehr vor mir. Rothen sah seine Dienerin an, als sie mit einem Bündel Kleider und Bettzeug unter dem Arm wieder auftauchte. – Nein. Ihr zwei kommt gut miteinander aus. Tania blieb kurz stehen, warf Rothen einen durchdrin- genden Blick zu und musterte dann mit nachdenklicher Miene Sonea. – Kann sie erkennen, dass wir uns in Gedanken unter- halten?, fragte Sonea. – Sie sieht, dass unsere Gesichter einen anderen Aus- druck annehmen. Man braucht nicht lange in der Nähe von Magiern zu leben, um zu wissen, dass dies ein sicheres Zei- chen dafür ist, dass ein lautloses Gespräch stattfindet. »Verzeihung, Tania«, sagte Rothen laut. Tania zog die Brauen in die Höhe, aber dann zuckte sie nur die Achseln und ließ das Bündel Kleider in einen Korb fallen. »Ist das alles, Lord Rothen?« »Ja, danke, Tania.« Rothen wartete, bis sich die Tür hinter der Dienerin ge- schlossen hatte, dann setzte er sich neben Sonea. »Es wird wahrscheinlich langsam Zeit, dass ich dir etwas erkläre. Es gilt als unhöflich, sich in Gegenwart anderer mithilfe der, Gedankenrede zu unterhalten, vor allem wenn die betref- fenden Personen nicht die Möglichkeit haben, an dem Ge- spräch teilzunehmen. Es ist so, als tuschelte man hinter je- mandes Rücken.« Sonea runzelte die Stirn. »Habe ich Tania gekränkt?« »Nein.« Ihre erleichterte Miene entlockte Rothen ein Lä- cheln. »Außerdem sollte ich dich warnen, dass man bei der Gedankenrede keineswegs so ungestört ist, wie du viel- leicht vermutest. Andere Magier können solche Gespräche mithören, vor allem wenn sie mit Vorsatz lauschen.« »Dann wäre es also möglich, dass irgendjemand gerade eben unser Gespräch mitangehört hat?« Er schüttelte den Kopf. »Möglich wäre es zwar, aber ich bezweifle es. Es gilt als äußerst unhöflich und respektlos, zu lauschen – außerdem kostet es eine Menge Konzentrati- on und Anstrengung. Wenn es nicht so wäre, würden uns die Gespräche anderer Leute wahrscheinlich in den Wahn- sinn treiben.« Sonea blickte nachdenklich drein. »Wenn man nur dann etwas hört, wenn man gerade lauscht, woher weiß man dann, wenn ein anderer mit einem reden will?« »Je näher du, einem Magier bist, umso einfacher ist es, den Betreffenden zu hören«, erklärte er. »Wenn du dich mit ihm im selben Raum befindest, kannst du im Allge- meinen die Gedanken auffangen, die er dir sendet. Wenn die Entfernung größer ist, muss der Betreffende zuerst dei- ne Aufmerksamkeit erregen.« Er legte eine Hand auf seine Brust. »Wenn du zum Bei-, spiel mit mir reden wolltest, während ich mich in der Uni- versität aufhalte, würdest du meinen Namen projizieren. Andere Magier würden das zwar hören, aber sie würden nicht antworten oder ihren Geist öffnen, um das folgende Gespräch zu belauschen. Wenn ich zur Antwort deinen Namen rufe, wirst du wissen, dass ich dich gehört habe, und dann beginnen wir unser Gespräch. Wenn wir begabt und mit der Stimme des anderen vertraut sind, können wir es Dritten erschweren, uns zu belauschen, indem wir die Aussendung unserer Gedanken scharf bündeln, aber über größere Entfernungen hinweg ist das praktisch unmög- lich.« »Hat sich schon mal jemand über diese Regel hin- weggesetzt?« »Wahrscheinlich.« Rothen zuckte die Achseln. »Deshalb darfst du auch nie vergessen, dass man bei der Gedanken- rede niemals sicher sein kann, ob man nicht belauscht wird. Wir haben hier ein Sprichwort: Geheimnisse spricht man nicht, man sagt sie.« Sonea schnaubte leise. »Das ergibt keinen Sinn.« »Nicht, wenn man es wörtlich nimmt.« Er kicherte. »Aber die Worte ›sprechen‹ und ›hören‹ haben hier in der Gilde eine andere Bedeutung. Obwohl allgemein das Höf- lichkeitsgebot gilt, ist es erstaunlich, wie häufig die Leute die Entdeckung machen, dass ein streng gehütetes Ge- heimnis plötzlich zum Gegenstand von Klatsch und Tratsch geworden ist. Wir vergessen häufig, dass die Ma- gier nicht die einzigen sind, die uns hören.« Interesse leuchtete in ihren Augen. »Ach nein?«, »Nicht alle Kinder, bei denen wir magisches Potenzial entdecken, treten der Gilde bei«, erklärte er. »Wenn es sich bei dem Kind zum Beispiel um den ältesten Bruder han- delt, dann könnte er seiner Familie als Erbe vielleicht von größerem Nutzen sein. In den meisten Ländern gibt es Ge- setze, die es Magiern erschweren, sich in der Politik zu be- tätigen. Ein Magier darf zum Beispiel nicht König werden. Aus diesem Grund ist es unklug, einen Magier zum Ober- haupt einer Familie zu machen. Die Gedankenrede ist eine Fähigkeit, die mit dem magischen Potenzial eines Men- schen einhergeht. Manchmal, wenn auch nur sehr selten, entwickelt sich bei einem Menschen die Fähigkeit zur Ge- dankenrede auf natürliche Weise, auch wenn er nicht Ma- gier geworden ist. Diese Personen kann man in der Wahr- heitslesung unterweisen, was eine sehr nützliche Fähigkeit sein kann.« »Eine Wahrheitslesung?« Rothen nickte. »Natürlich kann man das nicht ohne das Einverständnis des Betreffenden tun, daher ist die Wahr- heitslesung nur dann von Nutzen, wenn jemand einem an- deren zeigen will, was er gesehen oder gehört hat. Es gibt bei uns in der Gilde ein Gesetz, das Anklagen betrifft. Wenn jemand einen Magier eines Verbrechens bezichtigt, muss der Betreffende sich mit einer Wahrheitslesung ein- verstanden erklären oder seine Anklage zurückziehen.« »Das scheint mir nicht fair zu sein«, erwiderte Sonea. »Es war doch der Magier, der etwas Unrechtes getan hat.« »Ja, aber diese Methode verhindert falsche Anklagen., Der Angeklagte, sei er nun ein Magier oder nicht, kann ei- ne Wahrheitslesung ohne Weiteres verhindern.« Er zögerte. »Eine Ausnahme gibt es allerdings.« Sonea runzelte die Stirn. »Ach?« Rothen lehnte sich in seinem Sessel zurück und ver- schränkte die Finger. »Vor einigen Jahren wurde ein Mann in die Gilde gebracht, der im Verdacht stand, einige beson- ders grausame Morde begangen zu haben. Der Hohe Lord –unser Anführer – hat seine Gedanken gelesen und seine Schuld bestätigt. Es bedarf großer Begabung, um an den Blockaden in einem widerstrebenden Geist vorbeizukom- men. Akkarin ist der Einzige von uns, dem das gelungen ist, obwohl es auch in der Vergangenheit schon Magier ge- geben haben soll, die dazu in der Lage waren. Akkarin ist jedenfalls ein ungewöhnlicher Mann.« Sonea nahm diese Worte in sich auf. »Aber hätte der Mörder seine Geheimnisse nicht einfach hinter Türen ver- bergen können, so wie Ihr es mir gezeigt habt?« Rothen zuckte die Achseln. »Im Grunde weiß niemand, wie Akkarin es gemacht hat, aber als er erst einmal in den Geist des Mannes eingedrungen war, dauerte es nicht lan- ge, bis dieser ihm seine Gedanken verriet.« Er hielt inne, dann sah er Sonea forschend an. »Du weißt selbst, dass man ein wenig Übung braucht, um Geheimnisse hinter Tü- ren zu verstecken. Je größer deine Furcht vor einer Entde- ckung ist, desto schwerer ist es, sie zu verbergen.« Soneas Augen weiteten sich, dann wandte sie sich ab. Ihre Miene hatte sich jäh verschlossen., Rothen, der sie beobachtete, ahnte, was sie dachte. Wann immer er in ihren Geist getreten war, waren Dinge und Menschen darin zum Vorschein gekommen, die sie vor ihm verbergen wollte. Sie geriet dann jedes Mal in Panik und verbannte ihn aus ihrem Geist. Alle Novizen reagierten ähnlich. Er sprach nie über die Geheimnisse, die sich ihm in den Gedanken seiner Schüler offenbarten. Die versteckten Sorgen der jungen Menschen, die er unterrichtet hatte, drehten sich um persönliche Laster oder bestimmte Angewohnheiten – bisweilen auch um ir- gendeinen politischen Skandal – und waren leicht zu igno- rieren. Indem er nicht darüber sprach, gab er den Novizen die Sicherheit, dass ihre Privatsphäre respektiert wurde. Aber mit Schweigen würde er Sonea keine Sicherheit geben, und die Zeit wurde langsam knapp. Am Ende der Woche würde Lorlen seinen ersten Besuch machen, und er erwartete, dass sie bis dahin mit dem Kontrollunterricht begonnen hatte. Wenn sie jemals die Kontrolle ihrer Fä- higkeiten erlernen sollte, dann musste sie diese Ängste überwinden. »Sonea.« Sie sah ihn widerstrebend an. »Ja?« »Ich denke, wir sollten über deine Lektionen reden.« Sie nickte. Er beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf die Knie. »Im Allgemeinen spreche ich nicht darüber, was ein Novi- ze mir in seinen Gedanken gezeigt hat. Auf diese Weise fällt es meinen Schülern leichter, mir zu vertrauen, aber in, unserem Fall wird das nicht gehen. Du weißt, dass ich Din- ge gesehen habe, die du für dich behalten wolltest, und es wird uns nicht im Mindesten weiterhelfen, wenn ich so tue, als wäre nichts dergleichen geschehen.« Sie starrte den Tisch an, und ihre Knöchel traten weiß hervor, so fest umklammerte sie die Lehnen ihres Stuhls. »Fürs Erste«, fuhr er fort, »hatte ich damit gerechnet, dass du meine Räume durchsuchen würdest. Ich an deiner Stelle hätte es getan. Es macht mir nichts aus. Zerbrich dir darüber nicht den Kopf.« Ihre Wangen röteten sich leicht, aber sie schwieg immer noch. »Zweitens. Deinen Freunden und Verwandten droht kei- ne Gefahr von uns.« Sie hob den Kopf und blickte ihm in die Augen. »Du hast Angst, dass wir dir, wenn du nicht mit uns zusammenarbeitest, damit drohen könnten, ihnen etwas anzutun.« Er hielt ihrem Blick gelassen stand. »Das werden wir nicht tun, Sonea. Wenn wir es täten, würden wir damit das Gesetz des Königs brechen.« Sie wandte sich wieder ab, und ihr Gesichtsausdruck verhärtete sich. »Ah, aber du machst dir trotzdem Sorgen. Du hast kei- nen Grund zu glauben, dass wir uns an das Gesetz des Kö- nigs halten«, erklärte Rothen. »Du hast keinen Grund, uns zu vertrauen. Was mich zu deiner dritten Sorge bringt, nämlich dass ich deine Fluchtpläne entdecken werde.« Langsam wich alle Farbe aus ihrem Gesicht. »Du brauchst keine solchen Pläne zu machen«, sprach er, weiter. »Wir werden dich nicht zwingen, hier zu bleiben, wenn du es nicht willst. Sobald du gelernt hast, deine Ma- gie zu beherrschen, kannst du gehen oder bleiben, ganz wie du willst. Um Magierin zu werden, musst du ein Gelübde ablegen, das wir alle ablegen müssen – ein Gelübde, das uns bis ans Ende unseres Lebens bindet. Es ist kein Schwur, der unwillig getan werden darf.« Sie sah ihn mit leicht geöffnetem Mund an. »Ihr werdet mich gehen lassen?« Er nickte, dann wählte er seine nächsten Worte mit gro- ßem Bedacht. Es war zu früh, um ihr zu sagen, dass die Gilde sie nicht gehen lassen würde, ohne vorher ihre Kräfte zu blockieren, aber sie musste wissen, dass sie in diesem Fall all ihre magischen Fähigkeiten verlieren würde. »Ja. Ich muss dich jedoch warnen: Ohne Ausbildung wirst du nicht in der Lage sein, deine Magie zu benutzen. Was du vorher tun konntest, wird dir dann nicht länger möglich sein. Du wirst über keinerlei Magie mehr gebieten können.« Er hielt inne. »In dem Fall wärst du auch den Dieben nicht mehr von Nutzen.« Zu seiner Überraschung wirkte sie erleichtert. Der An- flug eines Lächelns glitt über ihre Lippen. »Das wäre kein Problem.« Rothen musterte sie forschend. »Bist du dir sicher, dass du in die Hüttensiedlungen zurückkehren willst? Du hättest keinerlei Möglichkeit, dich zu verteidigen.« Sonea hob die Schultern. »Dann wird es nicht anders sein als zuvor. Und ich bin früher gut zurechtgekommen.«, Rothen runzelte die Stirn. Ihr Selbstbewusstsein beein- druckte ihn, aber gleichzeitig erschreckte ihn der Gedanke, sie in die Armut zurückzuschicken. »Ich weiß, dass du wieder zu deiner Familie willst. Wenn du der Gilde bei- trittst, heißt das nicht, dass du die Menschen, die dir teuer sind, verlieren würdest, Sonea. Sie können dich hier besu- chen, genauso wie du zu ihnen gehen kannst.« Sie schüttelte den Kopf. »Nein.« Er schürzte die Lippen. »Machst du dir Sorgen, dass sie dich fürchten werden, dass es Verrat an allen Hüttenleuten wäre, das zu werden, was sie hassen?« Der kurze, durchdringende Blick, den sie ihm zuwarf, sagte ihm, dass er dem wahren Problem näher gekommen war, als sie es für möglich gehalten hätte. »Was müsstest du tun, um dir die Achtung der Hütten- leute zu bewahren?« Sie schnaubte. »Als würde die Gilde – oder der König – mir erlauben, zu tun, was immer ich will, nur um vor dem Hüttenvolk gut dazustehen!« »Ich will dich nicht glauben machen, dass es einfach sein wird«, erwiderte Rothen. »Aber es ist eine Möglich- keit, über die du nachdenken solltest. Magie ist keine all- tägliche Gabe. Viele Menschen würden all ihren Reichtum dafür opfern. Denk darüber nach, was du hier lernen könn- test. Denk darüber nach, wie du deine Fähigkeiten nutzen könntest, um anderen zu helfen.« Einen Moment lang schien sie ins Wanken zu geraten, dann verhärtete sich ihre Miene wieder. »Die Kontrolle, meiner Magie ist alles, was ich hier lernen will.« Er nickte langsam. »Wenn das wirklich so ist, dann wird diese Kontrolle auch das Einzige sein, was wir dir geben können. Viele von uns werden sehr überrascht sein, wenn sie hören, dass du aus freien Stücken in die Hütten zurück- kehren willst. Viele Magier werden nicht verstehen, warum jemand, der sein ganzes Leben in Armut verbracht hat, ein solches Angebot ausschlägt. Ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass du keinen großen Wert auf Reichtum und Luxus legst.« Er zuckte die Achseln, dann lächelte er. »Und ich werde nicht der Einzige sein, der dich dafür be- wundert. Allerdings solltest du wissen, dass ich mir größte Mühe geben werde, dich zum Bleiben zu bewegen.« Zum ersten Mal, seit er ihre Bekanntschaft gemacht hat- te, lächelte sie. »Vielen Dank für die Warnung.« Rothen, der plötzlich sehr zufrieden mit sich war, rieb sich die Hände. »Nun, das wäre also geklärt. Wollen wir jetzt mit dem Unterricht anfangen?« Sie zögerte, dann schob sie ihren Stuhl ein wenig näher an seinen heran. Erheitert über ihren Eifer, griff er nach ihren ausgestreckten Händen. Er schloss die Augen, verlangsamte seine Atmung und suchte die Aura, die ihn in Soneas Geist führen würde. Sie beherrschte die Kunst des Visualisierens inzwischen recht gut, und er fand sich sofort vor einer offenen Tür wieder. Nachdem er hindurchgetreten war, kam er in einen vertrau- ten Raum. In der Mitte des Raums stand Sonea. Ein Gefühl von Entschlossenheit lag in der Luft. Er war-, tete auf die gewohnte Störung in der Szene, aber nichts Unerwünschtes erschien in dem Raum. Überrascht und ehr- lich erfreut, nickte er Soneas Abbild zu. – Zeig mir die Tür zu deiner Magie. Sie drehte sich um. Als Rothen ihrem Blick folgte, fand er sich vor einer weißen Tür wieder. – Jetzt öffne die Tür und hör mir genau zu. Ich werde dir zeigen, wie du deine Magie kontrollieren kannst. Cery ließ sich auf die Knie sinken und stieß ein wütendes Zischen aus. Er hatte sein Gefängnis gründlich untersucht, und wann immer er mit den Fingern auf die flink umherhuschenden, achtbeinigen Faren gestoßen war, hatte ihm der Atem ge- stockt. Seine Suche hatte ergeben, dass die Mauern aus großen Ziegelsteinen bestanden und der Boden aus festge- tretenem Lehm. Die Tür war eine massive Holzplatte mit schweren, eisernen Angeln. Sobald die Schritte des Magiers verklungen waren, hatte Cery einen Dietrich aus seinem Mantel gezogen und nach der Tür getastet. Nachdem er das Schlüsselloch gefunden hatte, hatte er sich an dem Schloss zu schaffen gemacht, bis der Mechanismus sich drehte, aber die Tür hatte sich trotz- dem nicht öffnen lassen. Er konnte sich daran erinnern, dass er zuerst laut aufge- lacht hatte, als ihm klar geworden war, dass der Magier die Tür überhaupt nicht verschlossen hatte. Er hatte das Schloss nicht aufgebrochen, sondern vielmehr einrasten lassen., Abermals hatte er sich mit dem Schloss beschäftigt und es wieder geöffnet – nur um feststellen zu müssen, dass er die Tür immer noch nicht öffnen konnte. Da er nach dem Verschwinden des Magiers jedoch gehört hatte, wie dieser einen Schlüssel umdrehte, musste es wohl ein zweites Schloss geben. Er hatte allerdings keines entdecken können, was bedeu- tete, dass das Schloss, das die Tür versperrte, nur auf der Außenseite ein Schlüsselloch hatte. Also hatte er seinen Dietrich in den Spalt zwischen Tür und Rahmen geschoben und tatsächlich den Eindruck gehabt, dass er auf einen Wi- derstand stieß. Als er sein Drahtwerkzeug jedoch wieder herausziehen wollte, klemmte es fest. Aus Angst, es zu beschädigen, ließ er es in dem Spalt stecken und nahm einen anderen Dietrich aus der Tasche. Diesen schob er ein klein wenig höher als den ersten in den Spalt. Aber noch bevor er herausfinden konnte, was sein erstes Werkzeug festhielt, verkeilte sich auch das zweite. Flu- chend hatte Cery mit aller Kraft daran gezogen – mit dem einzigen Erfolg, dass er den Dietrich dabei verbog. Mit einem dritten erging es ihm nicht besser. Ganz gleich, wie kräftig er daran zog, auch dieser Dietrich ließ sich nicht wieder herausnehmen, ebenso wenig wie die an- deren. Im Laufe vieler dunkler Stunden hatte er noch mehrmals versucht, seine Werkzeuge wieder zu befreien, ohne Er-, folg. Er konnte sich auch nicht vorstellen, was seine Dietri- che eigentlich in dem Spalt festhielt. Nichts außer Magie natürlich. Seine Beinmuskeln verkrampften sich in der Kälte, da- her stand er schließlich wieder auf. Der Raum um ihn her- um schien sich zu drehen, und er stützte sich mit einer Hand an der Mauer ab. Sein Magen knurrte und sagte ihm, dass seine letzte Mahlzeit viel zu lange zurücklag, aber sein Durst war noch schlimmer. Was hätte er nicht alles gege- ben für einen Becher Bol oder ein Glas Pachi-Saft oder auch nur ein wenig Wasser. Wieder fragte er sich, ob er in dieser Zelle den Tod fin- den sollte. Wenn die Gilde jedoch seinen Tod wollte, hätte sie das ohne Weiteres arrangieren können, bevor sie seinen Körper irgendwo versteckte. Das gab ihm ein wenig Hoff- nung, denn es konnte nur eines bedeuten: Die Pläne der Magier sahen vor, dass er am Leben blieb – für den Au- genblick. Er dachte noch einmal an den anderen Magier – den in den blauen Roben – und konnte sich nicht daran erinnern, in dem Verhalten des Mannes irgendwelche Anzeichen von Verrat bemerkt zu haben. Entweder verstand der Magier sich bestens darauf, Vertrauenswürdigkeit zu heucheln, oder er hatte nichts von Ferguns Plänen gewusst. Wenn Letzteres zutraf, dann war seine Gefangenschaft allein Fer- guns Idee gewesen. Ob der blonde Magier nun auf eigene Faust gehandelt hatte oder nicht, Cery konnte sich nur zwei Gründe für sei-, ne Gefangenschaft vorstellen: die Diebe oder Sonea. Falls die Magier Cery benutzen wollten, um Druck auf die Diebe auszuüben, würden sie enttäuscht werden. So dringend brauchte Faren Cery nun auch wieder nicht. Vielleicht würden sie versuchen, ihn zu foltern, um In- formationen aus ihm herauszubekommen. Obwohl er sich gern eingeredet hätte, dass er dieser Art von Überzeu- gungskraft widerstehen konnte, wollte er sich doch am En- de nichts vormachen. Er wusste nicht, ob er im Angesicht körperlicher Qualen Stillschweigen bewahren würde. Es war möglich, dass die Magier, auch ohne zu solchen Mitteln greifen zu müssen, seine Gedanken lesen konnten. In dem Fall würden sie herausfinden, dass er kaum etwas wusste, was sich gegen die Diebe verwenden ließ. Sobald die Magier das begriffen hatten, würden sie ihn wahr- scheinlich für alle Zeit der Dunkelheit überlassen. Aber er bezweifelte, dass es ihnen um die Diebe ging. Wenn es so wäre, hätten sie ihn schon längst danach ge- fragt. Nein, die einzigen Fragen, die man ihm gestellt hatte, betrafen Sonea. Auf dem Weg zur Universität hatte Fergun wissen wollen, welcher Art Cerys Beziehung zu Sonea war. Wenn die Magier erfahren wollten, ob Cery ihr etwas bedeutete, dann wollten sie ihn wahrscheinlich als Druck- mittel benutzen, um sie zu etwas zu zwingen, das sie nicht tun wollte. Der Gedanke, dass er ihre Situation noch verschlechtert haben könnte, quälte ihn ebenso sehr wie die Furcht, man, könne ihn zum Sterben in diese Zelle geführt haben. Wenn er doch nur nicht der Versuchung erlegen wäre, sich die Universität anzusehen! Je länger Cery darüber nachdachte, desto heftiger verfluchte er sich für seine Neugier. Zwischen einem Atemzug und dem nächsten hörte er plötzlich Schritte in der Ferne. Als sie lauter wurden, ver- ebbte sein Zorn, und sein Herz begann zu rasen. Vor der Tür hielten die Schritte inne. Er hörte ein stump- fes, metallischen Klicken, gefolgt von dem leiseren Klap- pern, mit dem seine Dietriche zu Boden fielen. Im nächsten Moment fiel ein schmaler Streifen gelben Lichts durch den Türspalt. »Nun schau sich das einer an«, murmelte Fergun. Er drehte sich zur Seite und ließ den Teller und die Flasche los, die er mitgebracht hatte. Statt jedoch zu Boden zu fal- len, schwebten beide Dinge langsam herab. Fergun breitete die Finger aus, und die Drähte sprangen ihm gehorsam in die Hand. Er unterzog sie einer genauen Musterung, dann hob er die Brauen. Lächelnd sah er Cery an. »Du hast doch nicht wirklich geglaubt, dass diese Dinger funktionieren würden, oder? Ich hatte mir schon gedacht, dass du ein wenig Erfahrung mit solchen Dingen besitzt, deshalb habe ich gewisse Vorsichtsmaßnahmen ergriffen.« Er betrachtete Cerys Kleidung. »Hast du irgendwo noch mehr von diesen Dingern versteckt?« Cery schluckte die verneinende Antwort, die ihm auf der Zunge lag, hastig herunter. Fergun würde ihm niemals, glauben. Der Magier lächelte und streckte die Hand aus. »Gib sie mir.« Cery zögerte. Wenn er einige der Gegenstände, die er in seiner Kleidung versteckt hielt, herausgab, würde er viel- leicht andere, noch wichtigere Werkzeuge behalten kön- nen. Fergun trat einen Schritt auf ihn zu. »Na komm, welchen Nutzen haben diese Sachen hier unten für dich?« Er mach- te eine knappe Bewegung mit dem Zeigefinger. «Gib sie mir.« Langsam griff Cery in seinen Mantel und zog eine Hand voll weniger wichtiger Werkzeuge heraus. Dann funkelte er den Magier wütend an und legte sie ihm auf die ausge- streckte Hand. Fergun besah sich die Drähte, dann blickte er wieder auf. Ein boshaftes Lächeln spielte um seine Lippen. »Erwartest du wirklich von mir, dass ich dir glaube, das hier wäre schon alles?« Er bog die Finger durch. Cery spürte, wie eine unsicht- bare Kraft gegen seine Brust drückte, und er taumelte bis zur Mauer zurück. Fergun kam näher und durchsuchte Cerys Mantel. Mit einem Ruck hatte er das Futter aufgerissen, um mehrere versteckte Taschen darin zu entblößen. Er pflückte den In- halt heraus, dann wandte er sich Cerys übrigen Kleidungs- stücken zu. Während er die Messer aus Cerys Stiefeln zog, stieß Fergun einen leisen Laut der Befriedigung aus, dann folgte, ein noch zufriedeneres »Ah«, als er Cerys Dolche fand. Schließlich richtete er sich auf und zog eine der Waffen aus der Scheide. Er untersuchte den breitesten Teil der Klinge, auf dem ein grobes Bild des kleinen Nagetiers eingeritzt war: Cerys Namensvetter. »Ceryni«, sagte der Magier und sah zu Cery hinüber. Cery erwiderte seinen Blick voller Trotz. Fergun kicher- te und wandte sich ab. Er nahm ein großes Stück Tuch aus seinen Roben, wickelte die Werkzeuge und Waffen darin ein und trat zur Tür hinüber. Als ihm klar wurde, dass der Magier gehen würde, ohne ihm irgendwelche Erklärungen zu geben, setzte Cerys Herz einen Schlag aus. »Wartet! Was wollt Ihr von mir? Warum bin ich hier?« Fergun beachtete ihn jedoch nicht. Als die Tür hinter ihm zufiel, löste sich die Umklammerung, mit der der Magier ihn belegt hatte, und Cery sackte auf die Knie. Keuchend vor Zorn tastete er nach seinem Mantel und fluchte dann, als er feststellte, dass tatsächlich die meisten seiner Werk- zeuge verschwunden waren. Am meisten bedauerte er den Verlust der Dolche, aber es war schwierig, Waffen von dieser Größe verborgen zu halten. Er hockte sich auf die Fersen und stieß einen langen Seufzer aus. Einige seiner Sachen waren ihm verblieben und würden ihm vielleicht von Nutzen sein. Er brauchte sich lediglich einen Plan zurechtzulegen., 22. Ein unerwartetes Angebot »Muss ich das wirklich tun?« »Ja.« Dannyl legte beide Hände auf Rothens Schultern, drehte ihn um und schob ihn aus dem Raum. »Wenn du dich versteckst, unterstützt du damit nur die Argumente von Ferguns Anhängern.« Rothen seufzte und folgte Dannyl in den Korridor hin- aus. »Du hast natürlich Recht. Während der vergangenen Wochen habe ich praktisch mit niemandem gesprochen – und ich sollte Lorlen bitten, seinen Besuch noch um einige Tage hinauszuzögern. Warte…« Rothen blickte auf und zog die Brauen zusammen. »Was sagen Ferguns Anhänger eigentlich?« Dannyl lächelte grimmig. »Dass sie binnen weniger Ta- ge die Kontrolle ihrer Kräfte erlernt hat und dass du sie un- ter Verschluss hältst, damit Fergun sie nicht sehen kann.« Rothen schnalzte wütend mit der Zunge. »Was für ein Unsinn. Ich wünschte, einige von denen müssten die Kopf- schmerzen ertragen, die ich während der vergangenen Wo- che gehabt habe.« Er schnitt eine Grimasse. »Das bedeutet wahrscheinlich, dass ich Lorlens Besuch nicht allzu lange, werde hinauszögern können.« »Richtig«, stimmte Dannyl ihm zu. Sie erreichten den Ausgang des Wohngebäudes der Ma- gier und traten ins Freie. Obwohl Novizen jeden Morgen und jeden Abend den Schnee auf den Gehsteigen und den Fußwegen schmolzen, war der Innenhof bereits wieder mit einer dünnen, weißen Pulverschicht bedeckt. Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln, als sie zu den Sieben Bögen hinübergingen. Kaum dass sie den gut geheizten Abendsaal betreten hat- ten, drehten sich auch schon etliche Köpfe in ihre Richtung. Dannyl hörte ein leises Stöhnen von seinem Begleiter; meh- rere Magier kamen bereits auf sie zu. Sarrin, das Oberhaupt der Alchemisten, war der Erste, der sie ansprach. »Guten Abend, Lord Rothen, Lord Dannyl. Wie geht es Euch beiden?« »Gut, Lord Sarrin«, antwortete Rothen. »Habt Ihr schon irgendwelche Fortschritte bei dem Mädchen erzielen können?« Inzwischen standen mehrere Magier um ihn herum, um sich seine Antwort nicht entgehen zu lassen. »Sonea kommt gut voran«, erklärte er ihnen. »Es hat ein wenig ge- dauert, bis sie in der Lage war, mich nicht bei jedem mei- ner Versuche unweigerlich aus ihrem Geist zu vertreiben. Wie Ihr Euch denken könnt, war sie uns gegenüber ziem- lich argwöhnisch. « »Sie kommt gut voran?«, murmelte einer der Magier. »Kaum ein Novize braucht jemals zwei Wochen dafür.«, Als sich Rothens Miene verdüsterte, konnte Dannyl sich ein Lächeln nicht verkneifen. Sein Freund wandte sich dem Sprecher zu. »Ihr dürft nicht vergessen, dass sie keine widerstrebende Novizin ist, die von ihren Eltern maßlos verwöhnt wurde, bevor sie sie zu uns schickten. Bis vor zwei Wochen glaubte sie, wir wollten sie töten. Ich habe einige Zeit gebraucht, um ihr Vertrauen zu gewinnen.« »Wann habt Ihr mit den Kontrollübungen begonnen?«, wollte ein anderer Magier wissen. Rothen zögerte. »Vor zwei Tagen.« Ein Raunen lief durch die Reihen der Magier. Mehrere von ihnen runzelten kopfschüttelnd die Stirn. »In diesem Fall möchte ich bemerken, dass Ihr beein- druckende Fortschritte gemacht habt«, erklang jetzt eine neue Stimme. Dannyl drehte sich um und sah Lady Vinara näher kommen. Die Magier machten dem Oberhaupt der Heiler respektvoll Platz. »Was habt Ihr bisher von ihrer Kraft zu sehen bekom- men?« Rothen lächelte. »Als mir zum ersten Mal klar wurde, über welch ein Potenzial sie verfügt, konnte ich es nicht glauben. Ihre Kräfte sind einfach erstaunlich!« Das Getuschel der anderen Magier wurde lauter. Dannyl nickte vor sich hin. Gut, dachte er. Wenn sie sehr stark ist, werden die Leute sich für Rothen als ihren Mentor aus- sprechen., Ein älterer Magier, der ziemlich weit vorn in der Gruppe stand, zuckte die Achseln. »Aber wir wussten vorher schon, dass sie stark sein musste, sonst hätten ihre Kräfte sich nicht aus sich heraus entwickelt.« Vinara lächelte. »Natürlich ist Stärke nicht der entschei- dende Test für einen Novizen. Welche Talente hat sie bis- her gezeigt?« Rothen schürzte die Lippen. »Ihre Fähigkeit, zu visuali- sieren, ist sehr gut. Das wird ihr bei den meisten Diszipli- nen helfen. Außerdem hat sie ein hervorragendes Gedächt- nis. Und sie ist eine intelligente und aufmerksame Schüle- rin.« »Hat sie ihre Kräfte denn überhaupt schon einmal er- probt?«, fragte ein rotgewandeter Magier. »Seit ihrer Ankunft hier nicht mehr. Sie begreift sehr wohl, welche Gefahren ihre Magie birgt.« Damit hatten die Fragen noch lange kein Ende genom- men. Dannyl erblickte in einer Gruppe sich nähernder Ma- gier einen blonden Haarschopf. Er rückte dichter an Rothen heran und wartete auf einen geeigneten Moment, um ihm eine Warnung zuzuflüstern. – Lord Dannyl. Einige Magier blinzelten und sahen zu Dannyl hinüber. Als Dannyl die Gedankenstimme erkannte, schaute er sich suchend im Raum um und entdeckte Administrator Lorlen in seinem gewohnten Sessel. Der Magier in den blauen Roben deutete auf Rothen und gab Dannyl dann ein Zei- chen., Dannyl nickte lächelnd und beugte sich zu Rothen vor. »Ich glaube, der Administrator will dich retten.« Inzwischen hatte Fergun die Gruppe erreicht. Eine ver- traute Stimme fügte sich in das Geplapper ein, und einige der Leute drehten sich zu dem Krieger um. »Entschuldigt mich bitte«, sagte Rothen. »Ich muss mit Administrator Lorlen sprechen.« Er neigte höflich den Kopf, dann schob er Dannyl sanft in Lorlens Richtung. Als Dannyl sich noch einmal umdrehte, begegnete sein Blick für einen Moment dem Ferguns. Die Lippen des Kriegers verzogen sich zu einem zufriedenen Lächeln. Als sie Lorlen erreicht hatten, bedeutete der Administra- tor ihnen, neben ihm Platz zu nehmen. »Guten Abend, Lord Rothen, Lord Dannyl. Setzt Euch und erzählt mir, welche Fortschritte Sonea macht.« Rothen blieb stehen. »Ich hatte gehofft, unter vier Augen mit Euch darüber reden zu können, Administrator.« Lorlen zog die Brauen in die Höhe. »Meinetwegen. Wol- len wir in den Bankettsaal gehen?« »Das wäre mir lieber, ja.« Der Administrator erhob sich und geleitete sie zu einer Tür in der Nähe. Als sie hindurchtraten, flackerte eine Lichtkugel über Lorlens Kopf auf und beleuchtete einen riesigen Tisch, der den größten Teil des Raumes einnahm. Lorlen zog sich einen der Stühle am Tisch heran und setzte sich. »Was macht Euer Bein, Lord Dannyl?« Dannyl blickte überrascht auf. »Es ist besser geworden.« »Eure Beschwerden scheinen heute Abend zurückge-, kehrt zu sein«, bemerkte Lorlen. »Ich habe gesehen, dass Ihr wieder humpelt.« »Das liegt an der Kälte«, erwiderte Dannyl. »Ah, verstehe.« Lorlen nickte, dann wandte er sich Ro- then zu. »Was wolltet Ihr mit mir besprechen?« »Ich habe vor zwei Tagen mit den Kontrollübungen be- gonnen«, antwortete Rothen. Lorlen runzelte die Stirn, ließ Rothen jedoch weitersprechen. »Ihr wolltet Euch nach zwei Wochen von ihren Fortschritten überzeugen und habt mich gebeten, sie zuvor mit einem anderen Magier bekannt zu machen. Da sie jedoch noch keine allzu großen Fortschritte gemacht hat, wollte ich sie bisher nicht mit Besuchern ab- lenken, denke aber, dass sie in Kürze so weit sein dürfte. Könntet Ihr Euren Besuch noch um einige Tage ver- schieben?« Lorlen musterte Rothen gelassen und nickte schließlich. »Um einige Tage, aber nicht länger.« »Vielen Dank. Da wäre jedoch noch etwas. Eine Mög- lichkeit, die wir besser von Anfang an in Betracht ziehen sollten.« Lorlen zog die Brauen in die Höhe. »Ja?« »Sonea möchte der Gilde nicht beitreten. Ich habe… « Er seufzte. »Um ihr Vertrauen zu gewinnen, habe ich ihr versichert, dass wir sie gehen lassen werden, falls sie den Wunsch haben sollte, in die Hütten zurückzukehren. Schließlich können wir sie nicht zwingen, das Gelübde ab- zulegen.« »Habt Ihr ihr auch erklärt, dass wir in diesem Fall ihre, Kräfte blockieren würden?« »Darüber habe ich noch nicht mit ihr gesprochen.« Ro- then runzelte die Stirn. »Obwohl ich nicht glaube, dass es ihr viel ausmachen würde. Ich habe sie gewarnt, dass sie in einem solchen Fall ihre Kräfte nicht mehr würde einsetzen können, aber das schien sie eher zu freuen. Ich glaube, sie wäre glücklich, ihre Magie loszuwerden.« Lorlen nickte. »Das überrascht mich nicht. Bisher hat sie Magie nur als unkontrollierbare, zerstörerische Kraft ken- nen gelernt.« Er spitzte die Lippen. »Vielleicht solltet Ihr ihr einige nützliche Tricks beibringen, damit sie ein wenig mehr Gefallen an der Sache findet.« Rothen legte die Stirn in Falten. »Sie sollte ihre Kraft nicht benutzen, bevor sie vollkommene Kontrolle darüber hat, und sobald sie diese Kontrolle erlangt hat, wird sie von uns erwarten, dass wir sie gehen lassen.« »Sie müsste den Unterschied zwischen einer Kontroll- übung und einer Lektion in Magie kennen lernen«, warf Dannyl ein. »Lass in deinem Unterricht einfach ein wenig Informationen über die Benutzung von Magie einfließen. Das wird dir außerdem zusätzliche Zeit verschaffen, um sie zum Bleiben zu bewegen.« »Aber nicht viel Zeit«, nahm Lorlen den Faden auf. »Auch wenn Fergun nicht genau weiß, wann Ihr mit ihr so weit seid, werdet Ihr ihm nichts vormachen können. Viel- leicht gewinnt Ihr dadurch eine zusätzliche Woche, mehr nicht.« Rothen sah Lorlen erwartungsvoll an. Der Administrator, seufzte und strich sich mit der Hand über die Stirn. »Also schön. Sorgt nur dafür, dass er nichts davon erfährt, sonst wird er mir deswegen ewig in den Ohren liegen.« »Wenn er doch dahinterkommen sollte, sagen wir ein- fach, wir hätten ihre Kontrolle geprüft«, erklärte Dannyl. »Sie ist schließlich ungewöhnlich stark. Wir wollen doch nicht, dass sie irgendwelche Fehler macht.« Lorlen warf Dannyl einen anerkennenden Blick zu. Dann schien er etwas sagen zu wollen, schüttelte aber stattdessen den Kopf und wandte sich wieder an Rothen. »Ist das alles, was Ihr mit mir besprechen wolltet?« »Ja. Vielen Dank, Administrator«, antwortete Rothen. »Dann werde ich Sonea in einigen Tagen besuchen. Habt Ihr schon einmal darüber nachgedacht, wen Ihr dem Mädchen als Erstes vorstellen wollt?« Als Rothen vielsagend zu Dannyl hinübersah, blinzelte dieser. »Mich?« Rothen lächelte. »Ja, dich. Morgen Nachmittag, wenn es nach mir geht.« Dannyl öffnete den Mund, um zu protestieren, aber als ihm bewusst wurde, dass Lorlen ihn eingehend beobachte- te, besann er sich eines Besseren. »Na schön«, sagte er widerstrebend. »Nur bring vorher das Besteck in Sicherheit.« Sonea langweilte sich. Es war noch zu früh, um schlafen zu gehen. Tania war kurz nach dem Abendessen mit den schmutzigen Tellern, fortgegangen, und Rothen war bald darauf ebenfalls ver- schwunden. Da sie schon am Morgen das letzte Buch, das Rothen ihr mitgebracht hatte, zu Ende gelesen hatte, lief Sonea jetzt unruhig in ihrem Zimmer auf und ab und betrachtete die Bücherregale und die Zierstücke, die im Raum standen. Da sie nichts fand, was sie interessierte, trat sie ans Fen- ster und schaute hinaus. Die Nacht war mondlos, und die Gärten lagen in Dunkelheit gehüllt. Nichts regte sich. Seufzend beschloss sie, früh zu Bett zu gehen. Sie schob die Papierblende wieder vor das Fenster und wandte sich zu ihrem Schlafzimmer um – nur um im nächsten Moment zu erstarren. Irgendjemand hatte an die Wohnungstür ge- klopft. Sie drehte sich um. Rothen klopfte niemals an, bevor er eintrat, und Tanias Klopfen war leise und höflich, nicht so beharrlich und durchdringend wie dieses. Es hatten schon vorher Besucher angeklopft, aber Rothen hatte sie nie he- reingebeten. Als der Besucher abermals klopfte, lief es Sonea einen Moment lang kalt über den Rücken. Vorsichtig stahl sie sich quer durch den Raum zur Tür hinüber. »Wer ist da?« »Ein Freund«, kam die gedämpfte Antwort. »Rothen ist nicht hier.« »Ich möchte auch nicht mit Rothen reden. Ich möchte mit dir reden, Sonea.« Sie starrte die Tür an, und ihr Herz begann zu rasen., »Warum?« Diesmal klang die Antwort noch leiser. »Ich muss dir etwas Wichtiges sagen, etwas, das er dir nicht sagen wird.« Rothen hielt etwas vor ihr verborgen? Die Mischung aus Furcht und Erregung ließ ihr Herz noch schneller schlagen. Wer immer dieser Fremde war, er war bereit, um ihretwil- len den Magiern zu trotzen. Sie wünschte, sie hätte durch die Tür sehen können, um festzustellen, wer der Besucher war. Aber war es wirklich eine gute Idee, gerade jetzt etwas Nachteiliges über Rothen in Erfahrung bringen zu wollen? Gerade jetzt, da sie ihm unbedingt vertrauen musste? »Sonea. Lass mich herein. Im Moment ist außer mir niemand im Korridor, aber das wird nicht lange so bleiben. Dies ist meine einzige Chance, mit dir zu reden.« »Ich kann nicht. Die Tür ist abgeschlossen.« »Versuche es noch einmal.« Sie beäugte den Türknauf. Obwohl sie während ihrer er- sten Tage hier mehrmals versucht hatte, die Tür zu öffnen, war es ihr nie gelungen. Jetzt streckte sie die Hand aus, drehte den Knauf und sog überrascht die Luft ein, als die Tür aufschwang. Ein roter Ärmel erschien, dann die vollen, roten Roben eines Magiers. Sonea trat hastig einen Schritt zurück und sah den Magier entsetzt an. Sie hatte einen Diener erwartet oder einen als Diener verkleideten Retter – es sei denn, dieser Mann hatte es gewagt, sich in Roben zu kleiden, um zu ihr vordringen zu können…, Der Mann zog die Tür sachte hinter sich zu, dann drehte er sich zu ihr um. »Hallo, Sonea. Endlich lernen wir uns kennen. Ich bin Lord Fergun.« »Ihr seid ein Magier?« »Ja, wenn auch kein Magier, wie Rothen einer ist.« Er legte eine Hand auf seine Brust. Sonea runzelte die Stirn. »Ihr seid ein Krieger?« Fergun lächelte. Er war viel jünger als Rothen, stellte sie fest, und recht attraktiv. Sein Haar war hell und säuberlich gekämmt, und seine Gesichtszüge wirkten gleichzeitig ele- gant und stark. Sie wusste, dass sie ihn schon einmal gese- hen hatte, konnte sich aber nicht daran erinnern, wo. »Das bin ich«, sagte er. »Aber das ist nicht der Unter- schied, von dem ich spreche.« Er legte eine Hand aufs Herz. »Ich bin auf deiner Seite.« »Und Rothen ist es nicht?« »Nein, obwohl er es durchaus gut meint«, antwortete er. »Rothen gehört zu der Art Menschen, die glauben zu wis- sen, was das Beste für andere ist, insbesondere für eine junge Frau wie dich. Ich dagegen betrachte dich als Er- wachsene, der man gestatten sollte, ihre eigenen Entschei- dungen zu treffen.« Er zog eine Augenbraue hoch. »Willst du mich anhören, oder soll ich dich in Ruhe lassen?« Obwohl ihr Herz immer noch raste, nickte sie und deute- te auf die Sessel. »Bleibt«, sagte sie. »Ich werde Euch an- hören.« Er neigte höflich den Kopf, dann ließ er sich in einen Sessel sinken. Sonea nahm in dem Sessel ihm gegenüber, Platz und sah ihn erwartungsvoll an. »Zunächst einmal: Hat Rothen dir erklärt, dass du der Gilde beitreten kannst?«, fragte er. »Ja.« »Und hat er dir auch erzählt, was du tun musst, um Ma- gierin zu werden?« Sie zuckte die Achseln. »Ein wenig. Man muss ein Ge- lübde ablegen, und die Ausbildung dauert mehrere Jahre.« »Und du weißt, was du in diesem Gelübde schwören musst?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, aber das spielt auch kei- ne Rolle. Ich habe nicht die Absicht, der Gilde beizutre- ten.« Er blinzelte. »Du willst der Gilde nicht beitreten?«, wie- derholte er. »Nein.« Er nickte langsam und lehnte sich in seinem Sessel zu- rück. Eine Weile schwieg er nachdenklich, dann blickte er wieder zu ihr hinüber. »Darf ich fragen, warum nicht?« Sonea musterte ihn eingehend. Rothen hatte ihr erklärt, dass viele der Magier überrascht sein würden, wenn sie das Angebot der Gilde ausschlug. »Ich will nach Hause zu- rück«, antwortete sie. Wieder nickte er. »Du weißt, dass die Gilde keinen Ma- gier duldet, der sich ihrem Einfluss entzieht?« »Ja«, erwiderte sie. »Das weiß jeder.« »Dann weißt du auch, dass man dir nicht einfach gestat- ten wird, von hier fortzugehen.«, »Ich werde meine Kräfte nicht benutzen können, daher werde ich keine Bedrohung darstellen.« Er zog die Augenbrauen in die Höhe. »Dann hat Rothen dir also erzählt, dass die Gilde deine Kräfte blockieren wird?« Sonea runzelte die Stirn. Ihre Kräfte blockieren? Fergun spitzte die Lippen. »Nein? Das hatte ich mir ge- dacht. Er sagt dir nur einen Teil der Wahrheit.« Er beugte sich vor. »Die Höheren Magier werden deine Kräfte in dir in einen Käfig stecken, so dass du keinen Zugriff mehr darauf hast. Das ist… keine angenehme Prozedur, ganz und gar nicht, und du wirst für den Rest deiner Tage mit diesem Käfig leben müssen. Verstehst du, auch wenn du nicht wis- sen wirst, wie du Magie wirken kannst, besteht doch immer die Möglichkeit, dass du von allein darauf kommst, wie du deine Kräfte benutzen kannst. Oder aber du findest einen wilden Magier, der bereit ist, dich zu unterrichten – obwohl Letzteres höchst unwahrscheinlich ist. Das Gesetz verlangt von der Gilde, dafür Sorge zu tragen, dass du keine Magie benutzen kannst, selbst wenn du alle Hilfe hättest, die du dazu brauchtest.« Während er sprach, hatte sich ein bohrendes Gefühl der Kälte in Sonea ausgebreitet. Sie dachte darüber nach, was Rothen ihr erzählt hatte. Hatte er die Wahrheit wirklich mit Absicht so formuliert, dass sie weniger erschreckend klang? Wahrscheinlich. Ihr Argwohn wuchs, als sie sich plötzlich an etwas erinnerte: Rothen hatte die Möglichkeit, dass die Gilde sie freigeben würde, lediglich laut ausge-, sprochen. Sie hatte es nicht in seinen Gedanken gelesen und wusste daher nicht, ob er tatsächlich die Wahrheit ge- sagt hatte… Sie blickte zu dem rotgewandeten Magier auf. Wie konnte sie irgendetwas von dem glauben, was er sagte? Andererseits fiel ihr kein Grund ein, warum er sie hätte be- lügen sollen, da sie die Wahrheit in jedem Fall selbst he- rausfinden würde, sobald sie Kontrolle gelernt hatte. »Warum erzählt Ihr mir das?« Er bedachte sie mit einem verzerrten Lächeln. »Wie ich schon sagte, ich bin auf deiner Seite. Du musst die Wahr- heit erfahren, und… ich kann dir eine Alternative anbie- ten.« Sie richtete sich auf. »Welche Alternative?« Er schürzte die Lippen. »Es wird nicht einfach sein. Hat Rothen dir bereits erklärt, was es bedeutet, wenn ein Ma- gier zum Mentor eines Novizen wird?« Sonea schüttelte den Kopf. Fergun verdrehte die Augen. »Er hat dir überhaupt nichts erklärt! Hör mir zu.« Er beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf die Knie. »Als Mentor hat ein Magier die Möglichkeit, die Ausbildung eines Novizen zu überwa- chen. Rothen hat gleich nach der Säuberung den Antrag gestellt, dass man ihn zu deinem Mentor bestimmen möge. Als ich davon erfuhr, habe ich beschlossen, seinen An- spruch anzufechten. Damit habe ich die Gilde gezwungen, eine Anhörung – eine Versammlung – einzuberufen, bei der darüber entschieden wird, wer von uns beiden zu dei-, nem Mentor bestimmt wird. Du wirst mir helfen, meine Forderung durchzusetzen, dann –« »Warum sollte man eine Anhörung abhalten, wenn ich der Gilde doch gar nicht beitreten will?«, warf Sonea ein. Er breitete versöhnlich die Hände aus. »Lass mich aus- reden, Sonea.« Er holte tief Luft, dann fuhr er fort: »Wenn du dich weigerst, der Gilde beizutreten, wird man deine Kräfte blockieren und dich zu den Hütten zurückschicken. Wenn du dich dagegen zum Bleiben bereit erklärst und man mich zu deinem Mentor bestimmt, kann ich dir helfen.« Sonea runzelte die Stirn. »Wie?« Er lächelte. »Du wirst einfach eines Tages verschwin- den. Wenn du willst, kannst du in die Hüttenviertel zu- rückkehren. Ich werde dir eine Methode zeigen, wie du deine Magie vor der Gilde verborgen halten kannst – was bedeutet, dass man deine Kräfte nicht blockieren wird. Am Anfang wird man Jagd auf dich machen, aber wenn du klug bist, wird man dich beim nächsten Mal nicht finden.« Sie starrte ihn ungläubig an. »Aber damit brecht Ihr die Gesetze der Gilde.« Er nickte langsam. »Das ist mir bewusst.« Verschiedene Gefühle spiegelten sich auf seinem Gesicht wider. Schließ- lich erhob er sich und trat ans Fenster. »Es gefällt mir nicht, wenn Menschen dazu gezwungen werden, etwas zu sein, was sie nicht sein wollen«, fuhr er fort. »Sieh dir das an.« Er durchquerte den Raum und streckte ihr die Hände hin. Die Haut auf den Innenflächen war schwielig und vol- ler Narben., »Schwertkampf. Ich bin ein Krieger, wie du so scharf- sinnig bemerkt hast. Diese Disziplin entspricht am ehesten dem, was ich mir einmal für mein Leben gewünscht habe. Als Junge habe ich davon geträumt, Schwertkämpfer zu werden. Ich habe jeden Tag viele Stunden geübt und davon geträumt, einmal von den größten Lehrern ausgebildet zu werden.« Er seufzte und schüttelte den Kopf. »Dann wurde mein magisches Potenzial entdeckt. Es war nicht besonders groß, aber meine Eltern wollten einen Magier in der Familie ha- ben. Ich würde ihrem Haus großes Ansehen einbringen, sagten sie. Also zwang man mich, der Gilde beizutreten. Ich war zu jung, um mich dagegen aufzulehnen, zu unsi- cher, um wirklich davon überzeugt zu sein, dass die Magie nicht meine wahre Berufung war. Meine Kräfte sind nicht stark, und obwohl ich gelernt habe, sie geschickt zu nutzen, finde ich keinen Gefallen daran. Ich habe mich weiter in den Kampfkünsten geübt, obwohl die meisten Magier nur Verachtung für einen ehrlichen Kampf Mann gegen Mann übrig haben. Aber ich halte daran fest, denn näher kann ich meinem Lebenstraum nicht kommen.« Er sah zu ihr auf, und seine Augen leuchteten. »Ich wer- de nicht zulassen, dass Rothen dir das Gleiche antut. Wenn du der Gilde nicht beitreten willst, dann werde ich dir bei der Flucht helfen. Aber du musst mir vertrauen. Die Geset- ze und die Politik der Gilde sind kompliziert und verwir- rend.« Er kehrte zu seinem Sessel zurück, nahm aber nicht wieder Platz. »Also, soll ich dir helfen?«, Sonea blickte auf den Tisch hinab. Ferguns Geschichte und die Leidenschaft, mit der er sie vorgetragen hatte, hat- ten sie beeindruckt, aber einige Teile davon bereiteten ihr Unbehagen. Sie würde abermals zum Flüchtling werden, um ihre Magie zu behalten. War es das wirklich wert? Dann überlegte sie, was Cery dazu sagen würde. Warum sollten die höheren Klassen allein ein Anrecht auf Magie haben? Wenn die Gilde keine Vertreter der unteren Klassen akzeptierte, warum sollten diese Menschen dann nicht ihre eigenen Magier haben? »Ja.« Sie sah ihm in die Augen. »Aber ich muss noch darüber nachdenken. Ich kenne Euch nicht. Bevor ich zu irgendetwas mein Einverständnis gebe, möchte ich über- prüfen, was Ihr mir über Mentoren erzählt habt.« Er nickte. »Das verstehe ich. Denk darüber nach, aber lass dir nicht zu lange Zeit. Es ist Rothen inzwischen ge- lungen, Administrator Lorlen davon zu überzeugen, dass er Recht daran tut, wenn er alle anderen Magier von dir fern hält, bis du Kontrolle gelernt hast. Zweifellos geht es ihm darum, die Wahrheit vor dir zu verbergen. Ich gehe ein ho- hes Risiko ein, indem ich mich über die Entscheidung des Administrators hinwegsetze. Ich werde versuchen, schon bald noch einmal herzukommen, aber bis dahin musst du eine Antwort für mich haben. Eine dritte Gelegenheit wird sich mir vielleicht nicht bieten.« »Wenn Ihr wiederkommt, werde ich mich entschieden haben.« Fergun blickte zur Tür hinüber und seufzte. »Ich sollte, besser gehen. Es wäre nicht gut, wenn er mich hier bei dir vorfände.« Er trat zur Tür, öffnete sie einen Spaltbreit und spähte hinaus. Er bedachte sie mit einem letzten, grimmigen Lä- cheln, dann war er verschwunden. Die Tür fiel mit einem Klicken hinter ihm zu. Wieder allein, starrte Sonea geistesabwesend auf den Tisch, während die Worte des Magiers in ihren Gedanken herumwirbelten. Sie konnte keinen Grund dafür entdecken, warum Fergun sie hätte belügen sollen, aber sie würde jede seiner Behauptungen überprüfen: Hatten die Magier wirk- lich die Möglichkeit, ihre Kräfte zu blockieren? Gab es in der Gilde Mentoren? Und traf es zu, was er ihr über zer- störte Träume erzählt hatte? Wenn sie Rothen vorsichtig ausfragte, konnte sie ihn vielleicht dazu bringen, ihr einen großen Teil dessen, was Fergun gesagt hatte, zu bestätigen. Aber nicht mehr heute Abend. Der Besuch des Magiers hatte sie zu sehr aus dem Gleichgewicht gebracht, um Ro- then mit der Gelassenheit gegenüberzutreten, mit der sie dieses Gespräch führen musste. Also stand sie auf, ging in ihr Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich., 23. Rothens Freund »Heute hat kein Unterricht stattgefunden.« Rothen blickte von dem Buch auf, in dem er gelesen hat- te. Sonea lehnte am Fenstersims, und ihr Atem hatte einen kleinen Kreis aus Dunst auf der Glasscheibe hinterlassen. »Nein«, erwiderte er. »Es ist Freitag. Am letzten Tag der Woche findet kein Unterricht statt.« »Was tut Ihr dann an diesem Tag?« Er zuckte die Achseln. »Das hängt ganz von dem einzel- nen Magier ab. Einige von uns besuchen die Rennen, trei- ben Sport oder gehen anderen Interessen nach. Andere nut- zen die Gelegenheit zu einem Besuch bei ihren Familien.« »Und was ist mit den Novizen?« »Sie tun das Gleiche, obwohl die älteren Novizen den Tag im Allgemeinen zum Lernen nutzen.« »Und sie müssen natürlich die Fußwege begehbar hal- ten.« Sie beobachtete etwas, das draußen vor dem Fenster ge- schah. Rothen erriet, was es war, und kicherte. »Die Auf- sicht über die Fußwege gehört zu den vielen Pflichten, die Novizen im ersten Jahr ihrer Ausbildung zu erfüllen haben., Danach verrichten sie solche Arbeiten nur noch zur Stra- fe.« Sie sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Zur Strafe?« »Für kindische Streiche oder Respektlosigkeit den Ma- giern gegenüber«, erklärte er. »Sie sind ein wenig zu alt, um sie übers Knie zu legen.« Ihre Mundwinkel zuckten, und sie wandte sich wieder zum Fenster um. »Deshalb macht er also ein so mürrisches Gesicht.« Rothen bemerkte, dass sie mit den Fingern leise gegen den Fensterrahmen trommelte, und seufzte. Zwei Tage lang hatte sie große Fortschritte gemacht, hatte die Kontroll- übungen schneller begriffen als jeder andere Novize, den er in der Vergangenheit unterrichtet hatte. Heute jedoch hatte ihre Konzentrationsfähigkeit sie mehrmals verlassen. Ob- wohl sie diesen Umstand gut zu verbergen wusste und da- mit bewies, dass ihre geistige Disziplin sich verbessert hat- te, war doch offenkundig, dass ihr irgendetwas im Kopf herumging. Zuerst hatte er die Schuld bei sich selbst gesucht. Er hat- te ihr nicht erzählt, dass Dannyl später vorbeikommen würde, weil er befürchtet hatte, die Aussicht auf den Be- such eines fremden Magiers könnte sie vom Unterricht ab- lenken. Sie hatte jedoch gespürt, dass er etwas vor ihr ver- borgen hielt. Als ihm sein Fehler zu Bewusstsein kam, hatte er ihr von dem Besuch erzählt., »Ich habe mich schon gefragt, wann ich weitere Magier kennen lernen würde«, hatte sie erwidert. »Wenn du heute Abend niemanden sehen willst, kann ich ihn bitten, ein andermal zu kommen«, hatte er ihr ange- boten. Sie hatte den Kopf geschüttelt. »Nein, ich würde mich sehr freuen, Euren Freund kennen zu lernen.« Angenehm überrascht von ihrer Reaktion, hatte er ver- sucht, den Unterricht fortzusetzen. Es war ihr immer noch schwer gefallen, sich auf die Übungen zu konzentrieren, und er hatte ihre wachsende Ungeduld gespürt. Jedes Mal, wenn sie eine Pause gemacht hatten, war Sonea zum Fens- ter zurückgekehrt, um hinauszublicken. Während er sie verstohlen beobachtete, überlegte er, wie lange sie nun schon in seinem Quartier eingesperrt war. Es war leicht, zu vergessen, dass diese Räume für Sonea ein Gefängnis waren. Sie musste ihrer Umgebung inzwischen müde sein, und wahrscheinlich langweilte sie sich auch. Was bedeutete, dass dies ein guter Zeitpunkt war, um ihr Dannyl vorzustellen. Auf jene, die ihn nicht kannten, wirk- te der hochgewachsene Magier einschüchternd, aber mit seiner freundlichen Art gelang es ihm im Allgemeinen sehr schnell, die Menschen für sich einzunehmen. Rothen hoff- te, dass Sonea sich an Dannyl gewöhnen würde, bevor Lor- len seinen ersten Besuch machte. Und danach? Rothen lächelte. Danach würde er mit ihr hinausgehen und ihr die Gilde zeigen. Ein Klopfen unterbrach seine Gedanken. Er erhob sich, und öffnete die Haupttür. Dannyl stand draußen, und er wirkte ein wenig angespannt. »Du bist früh dran«, bemerkte Rothen. Dannyls Augen leuchteten auf. »Soll ich wieder gehen?« Rothen schüttelte den Kopf. »Nein, komm herein.« Rothen drehte sich um und beobachtete Soneas Gesicht, während Dannyl in den Raum trat. Sie musterte den frem- den Magier von Kopf bis Fuß. »Dannyl, das ist Sonea«, sagte er. »Es ist mir eine Ehre, dich kennen zu lernen«, erwiderte Dannyl und neigte den Kopf. Sonea nickte. »Ganz meinerseits.« Ihre Augen wurden ein wenig schmaler, und ein Lächeln stahl sich auf ihre Züge. »Ich glaube, wir sind uns schon einmal begegnet.« Sie senkte den Blick. »Wie geht es Eurem Bein?« Dannyl blinzelte, dann begannen seine Mundwinkel zu zucken. »Besser, vielen Dank.« Rothen presste die Hand auf den Mund und versuchte er- folglos, ein Lachen zu ersticken. So gut es eben ging, machte er ein Husten daraus, bevor er auf die Sessel deute- te. »Setzt euch. Ich werde uns Sumi machen.« Sonea nahm in einem Sessel Dannyl gegenüber Platz. Die beiden beäugten einander wachsam. Rothen ging zu einem Beistelltisch hinüber und stellte alles, was man zur Zubereitung von Sumi benötigte, auf ein Tablett. »Wie geht der Unterricht voran?«, fragte Dannyl. »Gut, denke ich. Und was ist mit Euch?« »Mit mir?«, »Ihr vertretet doch Rothen in seiner Klasse, nicht wahr?« »Oh. Ja. Es ist… eine Herausforderung. Ich habe noch nie zuvor jemanden unterrichtet, deshalb kommt es mir so vor, als müsste ich mehr lernen als die Novizen.« »Womit beschäftigt Ihr Euch denn normalerweise?« »Mit Experimenten. Es sind vor allem kleinere Projekte. Manchmal helfe ich bei größeren Arbeiten.« Rothen brachte das Tablett an den Tisch und setzte sich. »Erzähl ihr von dem Gedankendrucker«, schlug er vor. »Oh, das ist lediglich ein Hobby.« Dannyl machte eine wegwerfende Handbewegung. »Dafür interessiert sich sonst niemand.« »Worum geht es denn dabei?«, wollte Sonea wissen. »Es ist eine Methode, um Bilder aus dem Geist eines Menschen auf Papier zu übertragen.« Soneas Augen leuchteten auf. »Kann man so etwas tun?« Dannyl nahm eine Tasse Sumi von Rothen entgegen. »Nein, noch nicht. Viele Magier haben es im Laufe der Jahrhunderte versucht, aber niemand konnte bisher eine Substanz finden, die geeignet ist, ein Bild dauerhaft festzu- halten.« Er nahm einen Schluck von dem heißen Getränk. »Ich habe ein spezielles Papier aus den Blättern der Anivo- pe-Rebe hergestellt, das ein Bild über einige Tage hinweg festhalten kann, aber bereits nach zwei Stunden ver- schwimmen die Konturen, und die Farben verlieren ihre Leuchtkraft. Im Idealfall müsste das Bild unbegrenzt halt- bar sein.«, »Zu welchem Zweck würdet Ihr das Verfahren denn ein- setzen wollen?« Dannyl zuckte die Achseln. »Zunächst einmal zur Identi- fikation. Ein solches Verfahren wäre zum Beispiel bei un- serer Suche nach dir äußerst vorteilhaft gewesen. Rothen war der Einzige von uns, der dich gesehen hatte. Wenn er in der Lage gewesen wäre, Bilder von dir anzufertigen, hät- ten wir sie mitnehmen und den Leuten zeigen können.« Sonea nickte langsam. »Wie sehen die Bilder denn aus, wenn sie ihre Farben verloren haben?« »Verblasst. Verschwommen. Aber in manchen Fällen kann man immer noch erkennen, worum es sich handelt.« »Kann… kann ich ein solches Bild mal sehen?« Dannyl lächelte. »Natürlich. Ich bringe beim nächsten Mal welche mit.« Echte Neugier leuchtete in Soneas Augen auf. Wenn Dannyl seine Versuchsaufbauten hierher brächte, überlegte Rothen, könnte sie seine Experimente aus nächster Nähe verfolgen. Dann dachte er an das Durcheinander von Phio- len und Pressen in Dannyls Gästezimmer, und einen Mo- ment lang stellte er sich das ganze Chaos in seinen Räumen vor… »Dannyl hätte gewiss nichts dagegen, wenn wir ihn in seiner Wohnung aufsuchen würden«, sagte er. Dannyl riss die Augen auf. »Jetzt sofort?« Rothen hatte schon den Mund geöffnet, um seinen Freund zu beruhigen, zögerte jedoch. Soneas Begeisterung war förmlich mit Händen zu greifen. Er betrachtete die, beiden jungen Leute kurz. Dannyl wirkte offensichtlich keineswegs beängstigend auf Sonea. Im Gegenteil, wenn einer der beiden sich in die- ser Situation unwohl fühlte, dann war es eher Dannyl. Dannyls Räume lagen im unteren Stockwerk des Gebäu- des, sie würden also nicht weit zu gehen haben. »Ich wüsste nicht, was dagegen spräche«, erwiderte Ro- then laut. – Bist du dir sicher, dass das klug ist?, sandte Dannyl. Soneas Blick flackerte zu ihm hinüber. Rothen ignorierte die Frage und sah Sonea eindringlich an. »Würde dir das gefallen?« »Ja«, antwortete sie und wandte sich dann an Dannyl. »Wenn es Euch nichts ausmacht.« »Absolut nichts.« Dannyl schaute unsicher zu Rothen hinüber. »Es ist nur… bei mir ist es immer etwas unordent- lich.« »Etwas?« Rothen griff nach seiner Tasse, um seinen Sumi auszutrinken. »Habt Ihr denn keinen Diener?«, fragte Sonea. »Doch«, erwiderte Dannyl. »Aber ich habe ihm aus- drücklich verboten, sich an meinen Versuchsaufbauten zu vergreifen.« Rothen lächelte. »Warum gehst du nicht einfach voraus und sorgst dafür, dass zumindest zwei Stühle frei sind, da- mit wir uns setzen können?« Seufzend erhob sich Dannyl. »Also schön.« Rothen begleitete seinen Freund an die Tür und trat mit, ihm auf den Korridor hinaus. Sofort stellte Dannyl ihn zur Rede. »Bist du verrückt geworden? Was ist, wenn jemand euch sieht?«, flüsterte Dannyl. »Wenn jemand mitbekommt, dass du sie aus deinem Quartier lässt, wird Fergun sagen, du hättest keinen Grund mehr, ihn von ihr fern zu halten.« »Dann erlaube ich ihm, sie zu besuchen.« Rothen zuckte die Achseln. »Ich habe sie nur deshalb isolieren wollen, damit er nicht zu einer Zeit auftauchte, als es ihr noch Angst gemacht hätte, einem fremden Magier zu begegnen. Aber wenn sie in deiner Gegenwart so ruhig und gelassen ist, glaube ich nicht, dass Fergun sie erschrecken wird.« »Vielen Dank«, erwiderte Dannyl trocken. »Weil du ehrfurchtgebietender aussiehst als er«, erklärte Rothen. »Tue ich das?« »Und er ist viel charmanter«, fügte Rothen mit einem Lächeln hinzu. Dann scheuchte er Dannyl zur Treppe hin- über. »Geh jetzt. Wenn du so weit bist – und sich niemand im Korridor aufhält –, gib mir Bescheid. Lass dir nur nicht zu viel Zeit mit dem Aufräumen, sonst werden wir beide denken, du hättest etwas zu verbergen.« Als sein Freund davoneilte, kehrte Rothen in sein Quar- tier zurück. Sonea stand mit leicht geröteten Wangen vor ihrem Sessel. Während er den Tisch abräumte, nahm sie wieder Platz. »Er klang nicht so, als hätte er gern Besuch«, sagte sie zweifelnd., »Oh doch«, versicherte Rothen ihr. »Er mag nur keine Überraschungen. « Er griff nach dem Tablett, trug es zu dem Seitentisch hinüber, nahm dann einen Stapel Papiere aus einer Schub- lade und schrieb eine kurze Notiz für Tania, in der er ihr mitteilte, wo sie waren. Als er fertig war, hörte er Dannyl seinen Namen rufen. – So, ich habe etwas Platz geschaffen. Ihr könnt jetzt runterkommen. Sonea stand auf und sah Rothen erwartungsvoll an. Lä- chelnd trat er an die Tür und öffnete sie. Sonea spähte ängstlich hinaus und betrachtete den breiten Korridor mit seinen zahlreichen Türen. »Wie viele Magier leben hier?«, fragte sie, als sie sich in Bewegung setzten. »Mehr als achtzig«, antwortete er, »zusammen mit ihren Familien.« »Dann wohnen also nicht nur Magier in der Gilde?« »Nein, die Partner und die Kinder von Magiern dürfen auch hier wohnen. Andere Verwandte nicht.« »Warum nicht?« Er kicherte. »Wenn wir sämtliche Verwandten eines je- den Magiers hier unterbringen wollten, müssten wir den ganzen Inneren Ring der Stadt der Gilde einverleiben.« »Natürlich«, bemerkte sie trocken. »Was passiert, wenn die Kinder erwachsen werden?« »Wenn sie magisches Potenzial haben, treten sie im All- gemeinen der Gilde bei. Wenn nicht, müssen sie die Gilde, verlassen.« »Wohin gehen sie dann?« »Zu Verwandten in der Stadt.« »In den Inneren Ring.« »Ja.« Sie dachte über seine Worte nach, dann blickte sie ihn an. »Leben auch Magier in der Stadt?« »Einige wenige. Man sieht es nicht gern.« »Warum nicht?« Er lächelte schief. »Vergiss nicht, dass wir einander im Auge behalten sollen, um sicherzustellen, dass keiner von uns sich zu intensiv mit Politik beschäftigt oder sich an ei- ner Verschwörung gegen den König beteiligt. Wenn zu viele von uns außerhalb der Gilde lebten, wäre das deutlich schwieriger.« »Warum gestattet man trotzdem einigen Magiern, es zu tun?« Sie hatten das Ende des Korridors erreicht und machten sich auf den Weg nach unten. »Dafür gibt es viele Gründe, die von Fall zu Fall ganz verschieden sind. Alter, Krankheit.« »Gibt es auch Magier, die sich dagegen entschieden ha- ben, der Gilde beizutreten – die zwar die Kontrolle ihrer Magie erlernt haben, aber nicht, wie man sie benutzt?« Er schüttelte den Kopf. »Nein. Die Kräfte der jungen Männer und Frauen, die sich uns anschließen wollen, sind anfangs nur latent vorhanden, sie sind noch nicht geweckt worden. Erst wenn klar ist, dass sie der Gilde beitreten, wollen, werden ihre Kräfte aktiviert, und dann müssen sie sofort deren Kontrolle erlernen. Denk daran, dass du ein Einzelfall bist. Deine Kräfte haben sich von allein entwi- ckelt, was normalerweise nie geschieht.« Sie runzelte die Stirn. »Hat schon jemals ein Magier die Gilde verlassen?« »Nein.« Bevor sich ihr Gespräch weiterentwickeln konnte, hörten sie von unten Dannyls Stimme – und die eines anderen Magiers. Rothen verlangsamte seine Schritte, um Sonea reichlieh Zeit zu geben, sich der Anwesenheit dieses ande- ren Magiers bewusst zu werden. Als der Mann die Treppe heraufgeschwebt kam, ohne mit den Füßen den Boden zu berühren, wich Sonea zurück. Rothen erkannte den Magier und begrüßte ihn mit einem Lächeln. »Guten Abend, Lord Garrel.« »Guten Abend«, erwiderte der Magier und zog dann die Augenbrauen in die Höhe, als er Sonea bemerkte. Sonea starrte den Magier mit weit aufgerissenen Augen an. Als Garrel das höhergelegene Stockwerk erreicht hatte, setzte er die Füße auf den festen Boden des Korridors. Er sah Sonea zwar nur kurz, aber mit deutlichem Interesse an, dann ging er seiner Wege. »Lévitation«, erklärte Rothen Sonea. »Beeindruckend, nicht wahr? Dazu gehört eine Menge Talent. Nur etwa die Hälfte von uns ist dazu in der Lage.« »Ihr auch?«, fragte sie., »Früher habe ich mich ständig der Lévitation bedient«, antwortete Rothen. »Aber inzwischen bin ich aus der Übung. Dannyl kann es.« »Ah, aber ich bin nicht so ein Angeber wie Garrel.« Dannyl stand am unteren Ende der Treppe. »Ich ziehe es vor, meine Beine zu benutzen«, erklärte Rothen Sonea. »Mein ehemaliger Mentor sagte immer, dass körperliche Ertüchtigung genauso notwendig sei wie geistige Übung. Vernachlässige den Körper, und…« »… und du vernachlässigst den Geist«, beendete Dannyl mit einem Stöhnen Rothens Satz. »Sein Mentor war ein weiser und aufrechter Mann«, sagte er dann zu Sonea. »Lord Margen hatte sogar etwas gegen Wein.« »Das muss wohl der Grund gewesen sein, warum du ihn nie besonders gemocht hast«, bemerkte Rothen lächelnd. »Ein Mentor?«, wiederholte Sonea. »Das ist eine Tradition der Gilde«, erklärte er. »Als ich Novize war, hat Lord Margen beschlossen, meine Ausbil- dung zu begleiten, so wie ich Dannyls Ausbildung begleitet habe.« Rothen schlug den Weg zu Dannyls Räumen ein, und Sonea ging neben ihm her. »Inwiefern habt Ihr ihn beglei- tet?« Rothen breitete die Hände aus. »In vielerlei Hinsicht. Vor allem habe ich ihm auf die Sprünge geholfen, wo er Wissenslücken aufwies. In einigen Fällen hatten seine Leh- rer sich Versäumnisse zu Schulden kommen lassen, und für manche Dinge war er einfach zu faul gewesen oder hatte zu, wenig Begeisterung aufgebracht.« Sonea sah zu Dannyl hinüber, der sichtlich erheitert nickte. »Außerdem hat Dannyl mir bei meiner Arbeit geholfen und mehr durch Erfahrung gelernt, als er im Unterricht hät- te lernen können. Der Grundgedanke dieses Systems be- steht darin, einem Novizen zu helfen, auf einem bestimm- ten Gebiet herausragende Leistungen zu erzielen.« »Haben alle Novizen Mentoren?« Rothen schüttelte den Kopf. »Nein. Das ist nicht üblich. Nicht alle Magier haben Zeit und Lust, die Verantwortung für die Ausbildung eines Novizen zu übernehmen. Nur sol- che Novizen, die besonders vielversprechend sind, haben Mentoren.« Sie zog die Augenbrauen in die Höhe. »Warum wollt Ihr dann…« Sie runzelte die Stirn und schüttelte dann den Kopf. Als sie sein Quartier erreicht hatten, legte Dannyl sachte die Hand auf die Tür. Sie schwang nach innen, und ein schwacher Duft von Chemikalien wehte ihnen entgegen. »Herzlich willkommen«, sagte er und ließ sie eintreten. Obwohl das Gästezimmer genauso groß war wie das von Rothen, wurde die Hälfte des Raums von langen Tischen vereinnahmt. Darauf standen eigenartige Gerätschaften, und darunter lagerten zahlreiche Kisten. Dannyls Arbeits- utensilien waren jedoch wohlgeordnet und makellos ge- pflegt. Sonea schaute sich mit unverhohlener Erheiterung in dem Raum um. Obwohl Rothen schon viele Male in Dan-, nyls Quartier gewesen war, fand er es immer wieder selt- sam, ein Alchemieexperiment in einem Wohnraum aufge- stellt zu sehen. In der Universität war der Platz begrenzt, daher benutzten die wenigen Magier, die ähnlichen Interes- sen wie Dannyl nachgingen, häufig ihre eigenen Räume. Rothen seufzte. »Man kann unschwer erkennen, warum Ezrille die Hoffnung aufgegeben hat, eine Frau für dich zu finden, Dannyl.« Wie immer schnitt sein Freund eine Grimasse. »Ich bin zu jung zum Heiraten.« »Unsinn«, entgegnete Rothen. »Du hast einfach keinen Platz für eine Frau, das ist alles.« Dannyl lächelte und winkte Sonea zu sich heran. Sie trat auf die Tische zu und ließ sich von ihm seine Experimente erklären. Schließlich holte er einige verblasste Bilder her- vor, die sie genauestens untersuchte. »Es ist möglich«, beendete er seinen kleinen Vortrag. »Die einzige Herausforderung besteht darin, dafür zu sor- gen, dass das Bild nicht wieder verblasst.« »Könntet Ihr nicht einen Maler beauftragen, Euch eine Kopie des Bildes anzufertigen, solange die Farben noch frisch sind?«, fragte sie. »Das könnte ich natürlich tun.« Dannyl runzelte die Stirn. »Wahrscheinlich ließe sich das Problem auf diese Weise umgehen. Der Maler müsste natürlich gut sein. Und schnell.« Sonea gab ihm die Proben seiner Arbeit zurück und ging zu einer gerahmten Landkarte an der Wand hinüber., »Ihr habt gar keine Bilder aufgehängt«, sagte sie. »Es sind alles Landkarten.« »Ja«, erwiderte Dannyl. »Ich sammle alte Landkarten und Pläne.« Sie ging weiter. »Das hier ist die Gilde.« Rothen trat neben sie. Der Plan war von dem berühmtes- ten Architekten der Gilde, Lord Corel, eigenhändig mit säuberlich geschriebenen Erklärungen versehen worden. »Wir befinden uns hier.« Dannyl zeigte auf eine Stelle der Karte. »Im Magierquartier.« Dann bewegte er den Fin- ger zu einem ähnlichen Rechteck hinüber. »Das ist das No- vizenquartier. Alle Novizen, die zur Ausbildung in die Gil- de kommen, werden hier untergebracht, selbst wenn sie Familie in der Stadt haben.« »Warum?« »Damit wir ihnen das Leben schwer machen können«, antwortete Dannyl prompt. Sonea warf ihm einen raschen Blick zu und schnaubte leise. »Man entzieht die Novizen dem Einfluss ihrer Familie, wenn sie hierher kommen«, schaltete sich Rothen ein. »Wir müssen sie von den kleinen Intrigen entwöhnen, mit denen die Häuser sich die Zeit vertreiben.« »Wir haben viele Novizen hier, die noch nie vor Mittag aus dem Bett gekommen sind«, fügte Dannyl hinzu. »Es ist immer ein ziemlicher Schock für sie, wenn sie erfahren, wie früh sie zum Unterricht erscheinen müssen. Wenn sie weiter zu Hause leben würden, hätten wir keine Chance, sie recht- zeitig zum Unterricht hier in Empfang nehmen zu können.«, Er zeigte auf das runde Gebäude auf dem Plan. »Das ist das Quartier der Heiler. Einige der Heiler leben dort, aber die meisten Räume dienen der Behandlung und dem Unter- richt.« Sein Finger bewegte sich zu einem kleineren Kreis innerhalb des Gartens. »Das hier ist die Arena. Dort trai- nieren die Krieger. Die Arena ist mit einem Schild umge- ben, der von den Masten gestützt wird. Diese Masten ab- sorbieren die Magie, die innerhalb des Schildes freigesetzt wird, und schützen gleichzeitig alles außerhalb des Schil- des. Ab und zu lassen wir ein wenig von unserer Kraft in den Schild einfließen, damit er mit der Zeit nicht schwä- cher wird.« Sonea besah sich den Plan, und Dannyl machte sie als Nächstes auf das gewölbte Gebäude neben dem Magier- quartier aufmerksam. »Das ist das Badehaus. Es steht praktisch in einem Flussbett. Wir haben das Wasser in das Gebäude geleitet, wo man es in Badezuber fließen lassen und erhitzen kann. Neben dem Badehaus siehst du die Sieben Bögen, unsere drei großen Säle, in denen wir uns treffen oder besondere Feste begehen.« »Was sind die Residenzen?«, fragte Sonea und zeigte auf den Rand der Karte, wo ein Pfeil über das Gelände hi- nauswies. »Das sind mehrere kleine Häuser, in denen unsere ältes- ten Magier leben«, erklärte Dannyl. »Ich habe noch eine ältere Karte, auf der die Häuser eingezeichnet sind.« Sie durchquerten den Raum und traten vor einen vergilb-, ten Stadtplan. Dannyl deutete auf eine Reihe winziger Quadrate. »Die Residenzen befinden sich neben dem alten Friedhof.« »Auf dieser Karte sind in der Gilde nur wenige Gebäude eingezeichnet«, bemerkte Sonea. Dannyl lächelte. »Die Karte ist über dreihundert Jahre alt. Wie viel weißt du über die kyralische Geschichte? Hast du schon einmal etwas von dem Sachakanischen Krieg ge- hört?« Sonea nickte. »Nach dem Sachakanischen Krieg war von Imardin nicht mehr viel übrig. Als die Stadt wieder aufgebaut wur- de, nutzten die größeren Häuser die Chance, die Stadt neu zu planen. Du kannst hier gut erkennen, dass man sie in konzentrischen Kreisen angelegt hat.« Er deutete auf die Mitte der Karte. »Zuerst erbaute man eine Mauer um die Überreste des alten Königspalastes herum, dann eine weite- re um die Stadt. Der Äußere Wall wurde einige Jahrzehnte später errichtet. Die alte Stadt nannte man von diesem Zeitpunkt an den Inneren Ring, und die neuen Gebiete teil- te man in die vier Viertel ein.« Er zeichnete mit dem Finger die Umrisse der Gilde nach. »Aus Dankbarkeit für die Vertreibung der sachakanischen Eindringlinge wurde den Magiern das gesamte Ostviertel zugesprochen. Das war keineswegs eine willkürliche Ent- scheidung«, fügte er hinzu. »In jenen Tagen bezogen der Palast und der Innere Ring Wasser aus den Quellen, und indem man die Gilde um diesen Wasservorrat herumbaute,, verringerte sich die Gefahr, dass ihn jemand vergiftete – wie es während des Krieges häufig geschehen war.« Er machte Sonea auf das kleine Rechteck innerhalb des Grundstücks aufmerksam. »Das erste Gebäude, das man damals errichtete, war die Gildehalle«, setzte Dannyl seine Erklärungen fort. »Man erbaute es aus dem harten, grauen Stein, den man hier in der Gegend findet. In der Gildehalle fanden die Magier und ihre Lehrlinge Unterkunft, und gleichzeitig hatten sie genug Platz für den Unterricht und für ihre Debatten. Den Geschichtsbüchern zufolge herrsch- te zu jener Zeit starke Einigkeit unter unseren Vorgängern. Dadurch, dass sie sich mit anderen zusammenschlossen, entdeckten sie neue Wege zur Benutzung und Formung von Magie. Es dauerte nicht lange, bis die Gilde zur größ- ten und mächtigsten Schule für Magier in der gesamten bekannten Welt geworden war.« Er lächelte. »Und sie ist weiter gewachsen. Als Lonmar, Elyne, Vin, Lan und Kyra- lia sich zu einer starken Allianz zusammenschlossen, ge- hörte zu ihrem Abkommen die Vereinbarung, dass Magier aller Länder hier unterrichtet werden würden. Plötzlich war die Gildehalle nicht mehr groß genug, und man musste mehrere neue Gebäude errichten.« Sonea runzelte die Stirn. »Was passiert mit den Magiern aus anderen Ländern, wenn sie mit der Ausbildung fertig sind?« »Im Allgemeinen kehren sie in ihre Heimat zurück«, er- widerte Rothen. »Manchmal bleiben sie auch hier.« »Wie schafft Ihr es dann, sie im Auge zu behalten?«, »Wir haben Botschafter in allen Ländern, die die Aktivi- täten ausländischer Magier beobachten«, erklärte Dannyl. »Genau, wie wir schwören, dem König zu dienen und Ky- ralia zu schützen, leisten die ausländischen Magier ihrem eigenen Herrscher einen Eid.« Sonea blickte zu einer Landkarte hinüber, die die Region um Imardin herum zeigte. »Es erscheint mir nicht beson- ders klug, Magier aus anderen Ländern zu unterrichten. Was ist, wenn sie Kyralia überfallen?« Rothen lächelte. »Wenn wir ihnen nicht gestatteten, der Gilde beizutreten, würden sie eigene Organisationen grün- den, wie sie es in der Vergangenheit getan haben. Ob wir sie unterrichten oder nicht, eine Invasion könnten wir in keinem Fall verhindern, aber auf diese Weise haben wir zumindest die Kontrolle darüber, was man sie lehrt. Wir unterrichten unsere eigenen Leute nicht anders als sie, so dass sie wissen, dass sie nicht ungerecht behandelt wer- den.« »Außerdem würden sie es ohnehin nicht wagen, uns an- zugreifen«, ergänzte Dannyl. »Kyralier haben starke magi- sehe Blutlinien. Wir bringen mehr Magier und stärkere Magier hervor als jede andere Rasse.« »Die Vindo und die Lan sind die schlechtesten Magier«, warf Rothen ein. »Deshalb gibt es nur wenige von ihnen bei uns. Wir bekommen mehr Novizen aus Lonmar und Elyne, aber auch deren Kräfte sind selten beeindruckend.« »Die Sachakaner waren früher einmal mächtige Ma- gier.« Dannyl blickte zu der Karte auf. »Aber dem hat der, Krieg ein Ende bereitet.« »Was bedeutet, dass wir die mächtigste Nation in der Region sind«, beendete Rothen ihre Erklärungen. Soneas Augen wurden schmal. »Warum fällt der König dann nicht in andere Länder ein?« »Die Allianz wurde eigens zu dem Zwecke geschaffen, so etwas zu verhindern«, antwortete Rothen. »Wie du mir bei unserem ersten Gespräch so scharfsinnig ins Gedächt- nis gerufen hast, hat König Palen sich anfangs geweigert, den Vertrag zu unterzeichnen. Die Gilde hat daraufhin laut darüber nachgedacht, dass sie ihre politische Neutralität eventuell aufgeben könnte, falls Palen an seinem Nein festhalten sollte.« Soneas Mundwinkel zuckten. »Was hindert die anderen Länder daran, gegeneinander zu kämpfen?« Rothen seufzte. »Viele diplomatische Bemühungen – die nicht immer funktionieren. Seit der Gründung der Allianz hat es mehrere geringfügige Konflikte gegeben. So etwas ist für die Gilde immer sehr unangenehm. Im Allgemeinen geht es bei diesen Streitigkeiten um Grenzen und –« Ein schüchternes Klopfen an der Tür unterbrach ihn. Er sah Dannyl an, und der Gesichtsausdruck seines Freundes sagte ihm, dass sie das Gleiche dachten. Hatte Fergun be- reits davon erfahren, dass Sonea Rothens Quartier verlas- sen hatte? »Erwartest du irgendjemanden?« Dannyl schüttelte den Kopf und ging zur Tür hinüber. Als er sie öffnete, hörte Rothen Tanias Stimme und atmete, erleichtert auf. »Ich habe Euch Euer Essen heruntergebracht«, sagte die Dienerin, als sie eintrat. Zwei andere Diener folgten ihr mit Tabletts. Nachdem sie ihre Last auf den einzigen freien Tisch gestellt hatten, verneigten sie sich und verschwanden wieder. Als der Duft von Gebratenem durch den Raum wehte, schnalzte Dannyl anerkennend mit der Zunge. »Mir war gar nicht klar, dass schon so viel Zeit verstrichen ist«, sagte er. Rothen sah Sonea an. »Hast du Hunger?« Sie nickte, und ihr Blick wanderte zu den Schüsseln und Platten hinunter. Er lächelte. »Dann denke ich, wir beenden den Ge- schichtsunterricht für heute. Lasst uns essen.«, 24. Unbeantwortete Fragen Am Ende des Korridors angekommen, blieb Dannyl ste- hen. Die Tür zum Büro des Administrators hatte sich ge- öffnet, und ein blaugekleideter Mann trat nach draußen. »Administrator«, rief Dannyl Lorlen nach, der sich be- reits auf den Weg in Richtung Eingangshalle gemacht hat- te. Lorlen drehte sich um. Als er Dannyl bemerkte, lächelte er. »Guten Morgen, Lord Dannyl.« »Ich wollte gerade zu Euch. Habt Ihr einen Moment Zeit für mich?« »Natürlich, aber wirklich nur einen Moment.« »Vielen Dank.« Dannyl verschränkte die Finger. »Ich habe gestern Nacht eine Nachricht von dem Dieb bekom- men. Er hat mich gefragt, ob wir etwas über den Verbleib eines jungen Mannes wüssten, der mit Sonea befreundet war. Ich dachte, es könnte sich vielleicht um den Jungen handeln, der versucht hat, sie zu retten.« Lorlen nickte. »Der Hohe Lord hat eine ähnliche Nach- frage erhalten.«, Dannyl blinzelte überrascht. »Der Dieb hat sich mit ihm direkt in Verbindung gesetzt?« »Ja. Akkarin hat Gorin zugesagt, dass er ihm Bescheid geben würde, falls er den jungen Mann findet.« »Dann werde ich ihm die gleiche Nachricht schicken.« Lorlen kniff die Augen zusammen. »Ist das das erste Mal, dass die Diebe Kontakt zu Euch aufgenommen haben, seit Ihr Sonea gefangen habt?« »Ja.« Dannyl lächelte kläglich. »Ich war davon über- zeugt, dass ich nie wieder von ihnen hören würde. Ihre Nachricht hat mich einigermaßen überrascht.« Lorlen zog die Augenbrauen hoch. »Es hat uns alle eini- germaßen überrascht, dass Ihr überhaupt mit den Dieben gesprochen habt.« Dannyl spürte, wie ihm Röte ins Gesicht stieg. »Nicht alle, nein. Der Hohe Lord wusste davon, obwohl ich keine Ahnung habe, wie er es erfahren hat.« Lorlen lächelte. »Nun, das wiederum überrascht mich nicht. Akkarin mag sich den Anschein geben, als interessie- re ihn das alles nicht, aber glaubt nicht, dass er deswegen unaufmerksamer wäre. Er weiß mehr über die Menschen, sowohl hier als auch in der Stadt, als irgendjemand sonst.« »Aber Ihr müsst, wenn es um die Gilde geht, doch sicher mehr wissen als er.« Lorlen schüttelte den Kopf. »Oh, Akkarin weiß mehr, als ich jemals in Erfahrung bringen könnte.« Er hielt inne. »Ich werde ihn gleich treffen. Möchtet Ihr, dass ich ihn nach irgendetwas frage?«, »Nein«, antwortete Dannyl hastig. »Ich mache mich dann wohl besser wieder auf den Weg. Vielen Dank, dass Ihr Euch Zeit für mich genommen habt, Administrator.« Lorlen neigte den Kopf, drehte sich um und ging davon. Dannyl eilte in die entgegengesetzte Richtung und kam schon bald an etlichen Magiern und Novizen vorbei. Jetzt, kurz vor Beginn der ersten Unterrichtsstunde des Tages, summte das Gebäude von Stimmen. Er dachte noch einmal über die Nachricht des Diebes nach. In dem Brief hatte ein anklagender Unterton mitge- schwungen, als argwöhne Gorin, die Gilde könne für das Verschwinden des Mannes verantwortlich sein. Dannyl glaubte nicht, dass der Dieb die Gilde ebenso leichtfertig zum Sündenbock für alle Unbilden des Lebens machte, wie die meisten anderen Hüttenleute es taten – oder dass er Kontakt zum Hohen Lord aufnahm, wenn er keinen guten Grund dafür hatte. Also musste Gorin glauben, die Gilde sei in der Lage, den Mann zu finden. Als Dannyl die Ironie der Situation be- wusst wurde, kicherte er leise. Die Diebe hatten der Gilde bei der Suche nach Sonea geholfen, und nun erwarteten sie, dass man diese Gefälligkeit mit gleicher Münze zurückzahl- te. Er fragte sich, ob die Diebe wohl eine ebenso große Be- lohnung aussetzen würden, wie die Magier es getan hatten. Aber warum dachte Gorin, die Gilde wüsste, wo der junge Mann war? Als ihm die Antwort dämmerte, blinzelte Dannyl. Sonea., Wenn Gorin glaubte, Sonea wüsste, wo ihr Freund war, warum hatte er sich dann nicht direkt an sie gewandt? Dachte er, sie würde es ihm nicht verraten? Immerhin hat- ten die Diebe sie an die Gilde verkauft. Und auch ihr Gefährte mochte gute Gründe für sein Ver- schwinden haben. Dannyl rieb sich die Schläfen. Er könnte Sonea fragen, ob sie wusste, was da vorging, aber wenn sie bisher keine Ahnung davon hatte, dass ihr Freund verschwunden war, würde diese Neuigkeit sie vielleicht aus dem Gleichge- wicht bringen. Möglicherweise würde auch sie die Gilde für das Verschwinden des Jungen verantwortlich machen. Das könnte alles ruinieren, was Rothen bisher erreicht hat- te. Inmitten der Novizen um ihn herum tauchte plötzlich ein vertrautes Gesicht auf. Eine leise Nervosität beschlich Dannyl, aber Fergun blickte nicht auf. Stattdessen eilte der Krieger an ihm vorbei und bog in einen Seitengang ein. Dannyl blieb überrascht stehen. Was konnte Fergun so sehr beschäftigen, dass er seinen alten Widersacher nicht einmal bemerkte? Nach kurzem Zögern kehrte Dannyl um und spähte den Seitengang hinunter. Er konnte gerade noch einen Blick auf rote Roben werfen, bevor der Krieger um die nächste Ecke bog. Fergun hatte etwas in Händen gehalten. Dannyl fühlte sich ernsthaft versucht, dem anderen Magier zu folgen. Als Novize hätte er sich keine Gelegenheit entgehen lassen, Ferguns kleinen Geheimnissen nachzuspionieren., Aber er war kein Novize mehr, und Fergun hatte diesen Kampf schon vor langer Zeit gewonnen. Achselzuckend machte er sich auf den Weg zu Rothens Klassenzimmer. In weniger als fünf Minuten würde der Unterricht beginnen, und Dannyl hatte keine Zeit zum Spionieren. Nach einer Woche Dunkelheit hatten Cerys Sinne sich geschärft. Seine Ohren fingen jetzt mühelos das leise Scharren von Insektenfüßen auf, und er konnte mit den Fingern jede noch so winzige Unebenheit ertasten, wo der Rost an dem Metalldorn nagte, den er aus dem Saum seines Mantels gezogen hatte. Als er den Daumen gegen die scharfe Spitze des Werk- zeugs drückte, stieg von neuem Wut in ihm auf. Der Ma- gier war inzwischen noch zweimal mit Essen und Wasser zurückgekehrt. Und jedes Mal hatte Cery versucht heraus- zufinden, warum er eingekerkert war. All seine Bemühungen, Fergun in ein Gespräch zu verstricken, waren gescheitert. Er hatte geschmeichelt, ge- fordert, ja sogar um eine Erklärung gebettelt, aber der Ma- gier hatte ihn nicht einmal beachtet. Das war nicht richtig, wütete Cery. Schurken mussten ihre Pläne immer offenba- ren, entweder versehentlich oder weil sie der Versuchung nicht widerstehen konnten, damit zu prahlen. Ein kaum wahrnehmbares Kratzen drang an Cerys Oh- ren. Er hob den Kopf und sprang auf. Schritte! Er griff nach dem Metalldorn, ging hinter der Tür in die Hocke und wartete. Die Schritte hielten vor der Tür inne. Cery hörte das Kli-, cken des Riegels und straffte sich, während die Tür lang- sam nach innen aufschwang. Licht ergoss sich in sein Ge- fängnis und beleuchtete den leeren Teller, den er direkt vor der Tür hatte stehen lassen. Der Magier machte einen Schritt darauf zu, dann besann er sich eines anderen und betrachtete stattdessen den Mantel und die Hose, die halb verborgen unter einer Decke in der Ecke des Raumes la- gen. Cery machte einen Satz nach vorn, riss den Dorn hoch und zielte auf das Herz des Mannes. Der Dorn traf auf etwas Hartes und glitt Cery durch die Finger. Als Fergun herumfuhr, stieß etwas gegen Cerys Brust und warf ihn nach hinten. Er hörte ein Knacken, als er gegen die Wand prallte, dann durchzuckte ein heißer Schmerz seinen Arm. Im nächsten Moment sank er in sich zusammen und konnte nur noch keuchend seinen Arm um- klammern. Hinter ihm ertönte ein langer, übertriebener Seufzer. »Das war dumm. Sieh nur, was du damit angerichtet hast.« Fergun stand, die Arme vor der Brust verschränkt, über ihm. Cery blickte zähneknirschend zu dem Magier auf. »Ist das der Dank dafür, dass ich die Mühe auf mich ge- nommen habe, dir Decken zu bringen?« Fergun schüttelte den Kopf, dann hockte er sich vor Cery hin. Cerys Versuch, vor dem Magier zurückzuweichen, trug ihm lediglich eine neuerliche Welle von Schmerz ein. Als Fergun nach seinem verletzten Arm griff, musste Cery ei- nen Aufschrei unterdrücken. Er versuchte sich loszureißen,, was seine Qualen wiederum nur verschlimmerte. »Gebrochen«, murmelte der Magier. Sein Blick schien auf etwas gerichtet zu sein, das weit unter dem staubbe- deckten Fußboden lag. Plötzlich wurde der Schmerz erträg- licher, dann breitete sich langsam ein Gefühl der Wärme in Cerys Arm aus. Als ihm bewusst wurde, dass sein Arm soeben geheilt worden war, zwang sich Cery, Ruhe zu bewahren. Er starr- te Fergun an, das scharfgeschnittene Kinn und die dünnen Lippen. Das blonde Haar des Mannes, das er normalerwei- se zurückgekämmt trug, fiel ihm jetzt in die Stirn. Cery wusste, dass er sich für den Rest seines Lebens an dieses Gesicht erinnern würde. Eines Tages werde ich mei- ne Rache bekommen, dachte er. Und wenn du Sonea etwas angetan hast, dann darfst du davon ausgehen, dass dein Tod langsam und qualvoll sein wird. Der Magier blinzelte und ließ Cerys Arm los. Dann stand er auf, schnitt eine Grimasse und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Der Bruch ist nicht vollkommen geheilt. Ich kann schließlich nicht all meine Kräfte für dich verschwenden. Sei vorsichtig mit dem Arm, sonst wird der Knochen abermals brechen.« Seine Augen wurden schmal. »Wenn du noch einmal etwas in der Art versuchst, werde ich dich fesseln müssen – um dich daran zu hindern, dich selbst zu verletzen.« Er senkte den Blick. Der Teller, den er mitgebracht hat- te, wer zersplittert, und das Essen hatte sich auf dem Fuß-, boden verteilt. In der Nähe lag eine Flasche, aus der lang- sam das Wasser heraussickerte. »Ich an deiner Stelle würde die Sachen nicht verschwen- den«, bemerkte Fergun. Dann bückte er sich, hob Cerys Dorn auf und verließ den Raum. Als die Tür hinter ihm zufiel, stöhnte Cery laut auf. Hat- te er wirklich geglaubt, er könnte einen Magier mit einem Dorn ermorden? Vorsichtig untersuchte er mit den Finger- spitzen seinen Arm. Die Haut reagierte ein wenig empfind- lich auf Berührung, aber mehr war von seiner Verletzung nicht übrig geblieben. In der Dunkelheit wurde der Geruch von frischem Brot jetzt immer stärker, und Cerys Magen begann zu knurren. Er seufzte bei dem Gedanken an das verschüttete Essen. Der Hunger war sein einziger Fingerzeig für das Verstrei- chen der Zeit, und er schätzte, dass zwischen den einzelnen Besuchen des Magiers jeweils zwei Tage oder mehr gele- gen hatten. Wenn er nicht aß, würden seine Kräfte bald er- lahmen. Schlimmer noch war der Gedanke an all die krie- chenden Geschöpfe, die das Essen aus den Ecken locken würde – den Ecken, die er normalerweise benutzte, um sich zu erleichtern. Mühsam zog er sich auf die Knie hoch und kroch durch den Raum, während er mit den Händen den staubigen Fuß- boden absuchte. Sonea schnappte nach Luft, als der blaugewandete Magier hereinkam. Hochgewachsen, schlank, das dunkle Haar im, Nacken zusammengebunden, hätte er durchaus der Meu- chelmörder sein können, den sie unter dem Haus des Ho- hen Lords gesehen hatte. Dann drehte der Mann sich zu ihr um, und sie sah, dass seine Züge nicht so schroff waren wie die des Mannes, an den sie sich erinnerte. »Das ist Administrator Lorlen«, erklärte Rothen. Sie nickte dem Magier zu. »Es ist mir eine Ehre, Euch kennen zu lernen.« »Die Ehre ist ganz meinerseits, Sonea«, erwiderte der Mann. »Bitte, setzt Euch«, sagte Rothen und deutete auf die Sessel. Als sie Platz genommen hatten, brachte Tania das bittere Getränk herbei, das die Magier anscheinend besonders gern mochten. Sonea ließ sich ein Glas Wasser geben und beo- bachtete den Administrator, während dieser an seiner Tasse nippte. Er lächelte anerkennend, aber als er sich wieder ihr zuwandte, wurde seine Miene schlagartig ernst. »Als man dich hierher brachte, befürchtete Rothen, du könntest dich ängstigen, wenn ich dich aufsuche«, sagte er. »Deshalb musst du mir verzeihen, dass ich mit meinem Besuch so lange gewartet habe. Als Administrator der Gil- de möchte ich mich in aller Form für das Ungemach ent- schuldigen, das wir dir bereitet haben. Begreifst du, warum wir dich finden mussten?« Soneas Wangen wurden heiß. »Ja.« »Das erleichtert mich sehr«, erwiderte er lächelnd. »Ich habe einige Fragen an dich, und wenn du mich deinerseits, etwas fragen möchtest, zögere bitte nicht, das zu tun. Kommst du mit deinen Kontrollübungen gut voran?« Sonea sah zu Rothen hinüber, der ihr aufmunternd zu- nickte. »Ich glaube, ich mache Fortschritte«, antwortete sie. »Die Tests werden immer einfacher.« Der Administrator dachte über ihre Worte nach, dann nickte er langsam. »Es ist ein wenig wie laufen lernen«, sagte er. »Zuerst musst du darüber nachdenken, aber wenn du es erst mal ein Weilchen getan hast, wird das Nachden- ken ganz von allein aufhören.« »Nun, so ausgedrückt klingt es kinderleicht«, erwiderte sie. Der Administrator lachte, dann trat ein Flackern in seine Augen. »Rothen hat mir erzählt, dass du nicht bei uns blei- ben möchtest. Ist das wahr?« Sonea nickte. »Darf ich fragen, warum nicht?« »Ich möchte zurück nach Hause«, antwortete sie. Er beugte sich vor. »Wir werden dich nicht daran hin- dern, deine Freunde und Verwandten zu besuchen. Du könntest an Freitagen zu ihnen gehen.« Sie schüttelte den Kopf. »Das weiß ich, aber ich möchte trotzdem nicht hier bleiben.« Er nickte und ließ sich in seinen Sessel zurücksinken. »Es wird uns Leid tun, jemanden mit einem solchen magi- schen Potenzial zu verlieren«, bemerkte er. »Bist du dir sicher, dass du deine Magie aufgeben willst?«, Sonea erinnerte sich an Ferguns Worte, und ihr Herz setzte einen Schlag aus. »Meine Magie aufgeben?«, wie- derholte sie langsam und blickte zu Rothen hinüber. »So hat Rothen es nicht bezeichnet.« Der Administrator zog die Augenbrauen in die Höhe. »Was hat er dir denn erzählt?« »Dass ich meine Magie nicht werde benutzen können, weil ich nicht wüsste, wie.« »Glaubst du, dass du es dir selbst beibringen könntest?« Sie zögerte. »Wäre das möglich?« »Nein.« Der Administrator lächelte. »Was Rothen dir erzählt hat, ist die Wahrheit«, sagte er. »Aber der Erfolg deines Unterrichts hängt davon ab, dass du ihm weiterhin vertraust. Deshalb hat er mich gebeten, dir die Gesetze be- züglich der Entlassung von Magiern aus der Gilde zu erläu- tern.« Sonea begriff, dass Lorlen ihr nun bestätigen würde, ob Fergun die Wahrheit gesagt hatte oder nicht, und ihr Herz- schlag beschleunigte sich. »Das Gesetz verfügt, dass jeder Mann und jede Frau, de- ren Kräfte aktiv sind, entweder der Gilde beitreten oder zulassen muss, dass man seine oder ihre Kräfte blockiert«, fuhr er fort. »Man kann die Kräfte eines Magiers erst dann blockieren, wenn er die volle Kontrolle darüber gewonnen hat. Danach jedoch wird eine solche Blockade ihn zuverläs- sig daran hindern, Magie in irgendeiner Form zu benutzen.« In der Stille, die nun folgte, beobachteten die beiden Magier sie eindringlich. Sonea wich ihrem Blick aus., Also hatte Rothen ihr tatsächlich etwas vorenthalten. Allerdings verstand sie, warum er das getan hatte. Das Wissen, dass Magier sich an ihrem Geist zu schaffen ma- chen würden, hätte es ihr sehr erschwert, Rothen zu ver- trauen. Aber Fergun hatte Recht gehabt… »Hast du irgendwelche Fragen, Sonea?«, erkundigte sich Lorlen. Sie zögerte, denn ihr war inzwischen etwas anderes wie- der eingefallen, das Fergun gesagt hatte. »Diese Blockade ist nicht… unangenehm?« Er schüttelte den Kopf. »Du wirst nichts spüren. Wenn du später versuchst, Magie zu wirken, wirst du einen inne- ren Widerstand wahrnehmen, der jedoch nicht schmerzhaft ist. Da du nicht daran gewöhnt bist, Magie zu benutzen, bezweifle ich, dass dir die Blockade überhaupt auffallen wird.« Sonea nickte. Der Administrator musterte sie schwei- gend, dann lächelte er. »Ich werde nicht versuchen, dich zum Bleiben zu überreden«, fuhr er fort. »Du sollst nur wissen, dass hier ein Platz für dich ist, wenn du willst. Hast du sonst noch Fragen?« Sonea schüttelte den Kopf. »Nein. Vielen Dank, Admi- nistrator.« Er stand auf, und seine Roben raschelten. »Mich rufen meine Pflichten. Ich werde dich später noch einmal besu- chen, Sonea. Vielleicht haben wir dann mehr Zeit zum Re- den.«, Sie nickte und sah zu, wie Rothen den Administrator aus dem Raum geleitete. Als sich die Tür hinter Lorlen ge- schlossen hatte, wandte Rothen sich wieder Sonea zu. »Nun, was hältst du von Lorlen?« Sie dachte nach. »Er wirkt nett, aber er ist sehr förm- lich.« Rothen kicherte. »Ja, bisweilen ist er das allerdings.« Er ging in sein Schlafzimmer hinüber, und als er zu- rückkam, trug er einen Umhang. Zu Soneas Überraschung hatte er einen zweiten Umhang über dem Arm. »Steh auf«, sagte er. »Ich möchte sehen, ob er dir passt.« Sonea ließ sich den Umhang um die Schultern legen. Er reichte fast bis zum Boden. »Ein wenig zu lang. Ich werde ihn kürzen lassen. Für den Augenblick musst du einfach aufpassen, dass du nicht darüber stolperst.« »Der Umhang ist für mich?« »Ja. Als Ersatz für deinen alten.« Er lächelte. »Du wirst ihn brauchen. Es ist ziemlich kalt draußen.« Sie sah ihn scharf an. »Draußen?« »Ja«, erwiderte er. »Ich dachte, wir machen einen Spa- ziergang. Würde dir das gefallen?« Sie nickte und wandte den Blick ab, weil sie nicht woll- te, dass er ihr Gesicht sah. Der Gedanke, nach draußen zu kommen, erfüllte sie mit einer tiefen Sehnsucht. Sie hatte noch keine drei Wochen in diesen Räumen zugebracht, aber es kam ihr so vor, als wären es Monate gewesen. »Unten werden wir Dannyl treffen«, erklärte er, während, er die Tür öffnete. »Jetzt?« Er winkte sie zu sich heran. Sonea holte tief Luft und ging auf die Tür zu. Anders als beim letzten Mal war der Korridor heute nicht verlassen. Einige Schritte rechts von ihnen standen zwei Magier, und eine Frau in gewöhnlicher Kleidung, die zwei kleine Kinder an der Hand hielt, kam ihnen entgegen. Und alle starrten Sonea voller Überraschung und Neugier an. Rothen nickte den Leuten zu und machte sich auf den Weg in Richtung Treppe. Sonea, die ihm folgte, widerstand der Versuchung, sich umzudrehen. Diesmal tauchten keine schwebenden Magier auf, als sie die Treppe hinuntergin- gen. Stattdessen wurden sie an der untersten Stufe von ei- nem vertrauten, hochgewachsenen Mann erwartet. »Guten Abend, Sonea«, sagte Dannyl lächelnd. »Guten Abend«, erwiderte sie. Dannyl deutete mit weit ausladender Geste auf zwei große Türen am Ende des Korridors. Die Türen schwangen langsam auf, und ein kalter Windstoß wehte durch den Gang. Den Innenhof, den sie jetzt betraten, hatte Sonea schon einmal gesehen, als sie mit Cery die Gilde erkundet hatte. Damals war es dunkel gewesen. Jetzt lag ein dämmriges Zwielicht über der Szenerie, so dass ihre Umgebung ihr seltsam gedämpft und unwirklich erschien. Draußen angelangt, drang die kalte Luft sofort durch, Soneas Kleidung. Obwohl sie sogleich zu zittern begann, war ihr die Kälte durchaus willkommen. Endlich wieder im Freien… Wärme strich über ihre Haut. Erstaunt sah sie sich um, konnte aber nichts entdecken, was die Veränderung erklärt hätte. Rothen beobachtete sie. »Ein simpler Trick«, erklärte er ihr. »Es ist ein magi- scher Schild, der die Wärme festhält. Man kann ihn betre- ten und auch wieder verlassen. Versuch es einmal.« Sie machte einige Schritte zurück in Richtung der Türen und spürte die Kälte auf ihrem Gesicht. Ihr Atem formte sich in der Luft vor ihr zu weißem Nebel. Dann streckte sie die Hand aus – hinein in wohlige Wärme. Rothen lächelte aufmunternd und winkte sie zu sich her- an. Sonea trat neben ihn. Zu ihrer Linken ragte der hintere Teil der Universität auf. Sie konnte jetzt die meisten der Gebäude identifizie- ren, die sie auf Dannyls Plan gesehen hatte. Ein seltsames Gebilde auf der anderen Seite des Innenhofs erregte ihre Aufmerksamkeit. »Was ist das?« Rothen folgte ihrem Blick. »Das ist der Dom«, antworte- te er. »Vor einigen Jahrhunderten, bevor wir die Arena er- richtet haben, fand dort der größte Teil der Ausbildung der Krieger statt. Unglücklicherweise konnte man die Vorgän- ge nur beobachten, wenn man sich im Innern des Doms aufhielt, daher mussten die Lehrer stark genug sein, um sich gegen die Magie zu schützen, die ihre Schüler viel-, leicht versehentlich entfesselten. Wir benutzen den Dom heute nicht mehr.« Sonea betrachtete das Gebäude. »Es sieht aus, als hätte man eine große Kugel im Boden versenkt.« »Genau das hat man auch getan.« »Wie kommt man hinein?« »Durch einen unterirdischen Korridor. Dort befindet sich eine Tür, die sich nur nach innen öffnen lässt. Die Mauern dort sind drei Schritte breit.« Die Tür zum Novizenquartier wurde geöffnet, und drei in dicke Umhänge gehüllte Jungen kamen heraus. Sie gin- gen um den Innenhof herum und klopften sachte gegen die Laternenpfosten, die dort standen. Bei ihrer Berührung be- gannen die Lampen zu leuchten. Sobald alle Lampen im Innenhof brannten, trennten sich die Jungen und liefen in verschiedene Richtungen davon. Einer eilte an der Vorderseite des Gebäudes entlang, der zweite verschwand im Garten auf der anderen Seite der Universität, und der dritte rannte auf dem Weg zwischen dem Badehaus und dem Magierquartier in Richtung Wald. Dannyl sah Rothen fragend an. Obwohl die beiden Ma- gier einander zu necken pflegten wie alte Freunde, war So- nea aufgefallen, dass Dannyl im Zweifelsfall stets seinen ehemaligen Mentor zu Rate zog. »Wohin?« Rothen deutete mit dem Kopf auf den Wald. »Hier ent- lang.« Als sie ihren Weg fortsetzten, hielt sich Sonea dicht ne-, ben Rothen. Der Novize, der die Lampen dort entzündet hatte, eilte zurück zum Novizenquartier. Als sie an der hinteren Mauer des Magierquartiers vor- beikamen, erregte eine Bewegung in einem der Fenster So- neas Aufmerksamkeit. Sie blickte auf und sah einen blon- den Magier, der sie beobachtete. Mit einem leisen Erschre- cken wurde ihr bewusst, dass sie den Mann kannte. Jetzt zog er sich hastig in die Dunkelheit zurück. Sonea runzelte die Stirn. Sie hatte keine Ahnung, wann Fergun sie wieder besuchen würde, aber wenn er es tat, würde er wissen wol- len, ob sie sein Angebot annahm. Sie hatte nicht mehr viel Zeit, um eine Entscheidung zu treffen. Vor ihrem Gespräch mit Lorlen hatte sie nicht heraus- finden können, ob Fergun in allen Punkten die Wahrheit gesagt hatte. Sie hatte auf eine Gelegenheit gewartet, ihre Unterhaltung mit Rothen auf Gelübde und Mentoren zu lenken oder auf Fergun selbst, aber solche Gelegenheiten hatten sich ihr nur selten geboten. Konnte sie ihn direkt nach diesen Dingen fragen, ohne seinen Argwohn zu we- cken? Rothen hatte ihr zwar erzählt, was ein Mentor tat, hatte aber mit keinem Wort erwähnt, dass er sie auf diese Weise betreuen wollte. Vielleicht wollte er über seine Pläne Schweigen bewahren, bis er wusste, ob sie bleiben würde oder nicht. Sobald sie die Kontrolle ihrer Kräfte erlernt hatte, stan- den ihr zwei Möglichkeiten offen: Sie konnte ihre Kräfte blockieren lassen und in die Hütten zurückkehren, oder sie, konnte Fergun helfen, die Gilde dazu zu bewegen, ihn zu ihrem Mentor zu bestimmen. In diesem Fall würde sie ihre Magie behalten können, wenn sie wieder nach Hause ging. Im Wald angekommen, besah Sonea sich das Labyrinth der Bäume. Ferguns Plan bereitete ihr Unbehagen. Er war gefährlich, und er bedeutete, dass sie andere würde täu- schen müssen. Sie würde so tun müssen, als wolle sie in der Gilde bleiben, und wahrscheinlich würde sie auch lü- gen müssen, damit man Fergun zu ihrem Mentor bestimm- te. Sie würde ein Gelübde ablegen müssen, das sie zu bre- chen gedachte, und wenn sie die Gilde verließ, würde sie nicht nur ihr Gelübde brechen, sondern auch das Gesetz des Königs. Hatte sie Rothen inzwischen so sehr ins Herz geschlos- sen, dass der Gedanke, ihn zu belügen, ihr zu schaffen machte? Er ist ein Magier, rief sie sich ins Gedächtnis. Seine Loyalität gehört der Gilde und dem König. Obwohl sie nicht glaubte, dass er sie würde einsperren wollen, zweifelte sie nicht daran, dass er es tun würde, wenn man es ihm befahl. Oder war es der Gedanke, ein Gelübde zu brechen, der ihr so sehr missfiel? Harrin und seine Freunde betrogen und stahlen ständig, aber den Bruch eines Schwurs betrach- teten sie als unverzeihliches Vergehen. Um ihr Ansehen bei den anderen nicht zu verlieren, taten sie alles in ihrer Macht Stehende, um zu verhindern, dass irgendjemand ein solches Gelübde von ihnen verlangte. Wenn sich ein Gelübde allerdings nicht vermeiden ließ,, konnte man nur hoffen, dass der Schwur nachlässig formu- liert war, um auf diese Weise peinlichen Situationen zu entgehen … »Du bist sehr still heute Abend«, bemerkte Rothen plötz- lich. »Keine Fragen?« Sonea sah Rothen an und stellte fest, dass er sie voller Zuneigung beobachtete. Sein Lächeln gab schließlich den Ausschlag für sie: Es wurde Zeit, das Risiko einzugehen, einige unerwartete Fragen zu stellen. »Ich habe über das Gelübde nachgedacht, das die Magier ablegen.« Zu ihrer Erleichterung deutete nichts in seiner Miene darauf hin, dass er Verdacht geschöpft hatte. Vielmehr schien er überrascht zu sein. »Genau genommen gibt es zwei Gelübde. Das Novizengelübde und das Magiergelüb- de. Eins legt man ab, wenn man als Novize der Gilde bei- tritt, das andere bei Abschluss der Ausbildung.« »Was muss man in seinem Schwur versprechen?« »Vier Dinge.« Rothen hob die Finger der linken Hand. »Die Novizen geloben, niemals vorsätzlich einem anderen Mann oder einer anderen Frau zu schaden, es sei denn, es dient der Verteidigung der Länder der Allianz. Außerdem schwören sie, den Regeln der Gilde und den Gesetzen des Königs zu gehorchen und den Befehlen der Magier Folge zu leisten, es sei denn, diese Befehle verlangen von ihnen, ein Gesetz zu brechen. Ferner geloben sie, niemals Magie zu benutzen, es sei denn, ein Magier fordert sie dazu auf.« Sonea runzelte die Stirn. »Warum dürfen Novizen Magie, nur dann benutzen, wenn ein Magier es ihnen sagt?« Rothen kicherte. »Viele Novizen haben sich in der Ver- gangenheit bei Experimenten ohne Anleitung verletzt. Aber trotz dieser Regel müssen die Magier immer noch genau aufpassen. Alle Lehrer wissen, was passiert, wenn sie einem Novizen sagen, er solle ›üben‹. Wenn sie nicht dazusagen, was genau er üben soll, wird der Novize ihren Befehl nach eigenem Gutdünken interpretieren: ›Übe, was immer du üben willst‹, lautet dann seine Deutung. Ich erin- nere mich gut daran, dass ich dieses Argument einmal be- nutzt habe, um angeln zu gehen.« Dannyl schnaubte. »Das ist doch gar nichts.« Während der Magier ihr von einigen seiner eigenen Streiche als Novize erzählte, dachte Sonea über das Gelüb- de nach, das die Novizen ablegten. Es enthielt nichts, was sie nicht erwartet hätte. Sie kannte noch immer nicht alle Regeln, die in der Gilde galten. Vielleicht wurde es Zeit, dass sie Rothen danach fragte. Die beiden letzten Verspre- chen hatte man, wie ihr schien, einzig deshalb hinzugefügt, damit die Novizen es nicht allzu bunt trieben. Wenn sie die Gilde verließ, ohne dass man zuvor ihre Kräfte blockiert hatte, würde sie den zweiten Teil des Ge- lübdes brechen. Seltsamerweise widerstrebte es ihr kei- neswegs, gegen ein Gesetz zu verstoßen, während der Bruch eines Gelübdes ihr unerträglich erschien. Als Dannyl mit seiner Anekdote zum Ende kam, setzte Rothen seine Erklärungen fort. »Die beiden ersten Punkte des Magiergelübdes entsprechen dem, was die Novizen, schwören müssen«, sagte er. »Aber mit dem dritten Punkt gelobt ein Magier, dem Herrscher seines eigenen Landes zu dienen, und der vierte Punkt ist ein Versprechen, nie- mals böse Formen von Magie zu benutzen.« Sonea nickte. Wenn er ihr die Flucht ermöglichte, würde Fergun ein Gesetz und das Magiergelübde brechen. »Welche Strafe erwartet einen Magier, wenn er das Ge- lübde bricht?« Rothen zuckte die Achseln. »Das hängt von der Art des Verstoßes ab, davon, in welchem Land der Magier lebt, und zu guter Letzt von dem Urteil seines Herrschers.« »Was passiert einem kyralischen Magier?« »Die schlimmste Strafe ist der Tod, die jedoch nur Mör- der zu erwarten haben. Die zweitschlimmste Strafe wäre die Verbannung.« »Ihr… blockiert die Kräfte des Magiers und schickt ihn fort.« »Ja. Keines der Verbündeten Länder würde den Betref- fenden aufnehmen. Das war ein Teil des Abkommens.« Sie nickte. Sie konnte ihn nicht fragen, welche Strafe Fergun erwartete, sollte die Gilde herausfinden, dass er ihr geholfen hatte, fortzugehen, ohne dass man zuvor ihre Kräfte blockiert hatte. Eine solche Frage würde Rothen gewiss argwöhnisch machen. Wenn sie Ferguns Plan zustimmte, würde sie ihre Ab- sichten gut verborgen halten müssen, oder ihr drohte eine ähnliche Strafe. Die Gilde würde ihr keine zweite Chance geben, Novizin zu werden. Sie hätte keine andere Wahl, als, sich abermals auf einen Dieb zu verlassen, der sie versteck- te – obwohl sie davon überzeugt war, dass Faren sie mit offenen Armen willkommen heißen würde, wenn sie über Magie gebieten – und sie kontrollieren – konnte. Was würde er als Gegenleistung von ihr verlangen? Sie schnitt eine Grimasse bei der Vorstellung, den Rest ihres Lebens im Verborgenen zubringen und nach der Pfeife ei- nes Diebs tanzen zu müssen. Im Grunde wollte sie nur eins: bei ihrer Familie sein. Als sie den Schnee betrachtete, der zu beiden Seiten des Gehwegs aufgeworfen war, durchzuckte sie ein Gefühl der Sorge. Ihre Tante und ihr Onkel hockten jetzt wahrschein- lich irgendwo in einem winzigen Zimmer und zitterten vor Kälte. Es musste eine harte Zeit für sie sein. Sie würden nur wenige Kunden haben, und wie sollten sie ihre Liefe- rungen bewältigen, jetzt, da Jonna ein Kind erwartete und Ranels krankes Bein steif von der Kälte war? Sie sollte zu- rückkehren, um ihnen zu helfen, statt für einen Dieb Magie zu wirken. Aber wenn sie mit Magie zurückkehrte, würde Faren da- für sorgen, dass ihre Tante und ihr Onkel ein gutes Aus- kommen hatten, und sie selbst wäre in der Lage zu hei- len… Aber wenn sie mit Rothen zusammenarbeitete, konnte sie schon in wenigen Wochen wieder bei ihrer Tante und ihrem Onkel sein. Ferguns Pläne würden sich vielleicht über Monate hinziehen… Es war so schwer, eine Entscheidung zu treffen., Wie schon so viele Male zuvor, wünschte sie, sie hätte ihre Kräfte niemals entdeckt. Sie hatten ihr Leben ruiniert. Sie hatten sie beinahe umgebracht. Sie hatten sie gezwun- gen, den verhassten Magiern dankbar zu sein, dass sie ihr das Leben gerettet hatten. Unterm Strich wollte sie ihre Magie einfach nur wieder loswerden. Rothen verlangsamte seine Schritte. Als Sonea aufblick- te, wurde ihr bewusst, dass der Weg zu einer breiten, ge- pflasterten Straße führte. Kurz darauf kamen mehrere gut gepflegte Häuser in Sicht. »Das sind die Residenzen«, erklärte Rothen ihr. Zwischen einigen der Gebäude ragten die geschwärzten Skelette von Häusern auf. Rothen bot ihr dafür keine Erklä- rung an. Er ging auf das Ende der Straße zu, die auf einen großen, runden Platz mündete, auf dem eine Kutsche wen- den konnte. Am Straßenrand lag ein Baumstamm, auf dem der Magier sich nun niederließ. Während Dannyl seine langen Beine einzog und sich ne- ben den älteren Magier setzte, sah Sonea sich im Wald um. Zwischen den Bäumen erkannte sie eine Reihe dunkler Umrisse im Schnee, die zu gleichmäßig waren, um natürli- chen Ursprungs zu sein. »Was ist das da?« Rothen folgte ihrem Blick. »Das ist der alte Friedhof. Wollen wir ihn uns ansehen?« Dannyl drehte sich abrupt zu seinem Freund um. »Jetzt?« »Wir sind nun schon einmal hier«, bemerkte Rothen und, erhob sich. »Da wird es nicht schaden, wenn wir noch ein wenig weitergehen.« »Könnte das nicht bis morgen früh warten?« Dannyl warf einen nervösen Blick auf den Friedhof. Rothen hob die Hand, und plötzlich flackerte unmittel- bar darüber ein winziger Lichtfunke auf. Im Nu war daraus eine runde Lichtkugel geworden, die kurz darauf über ihren Köpfen schwebte. »Anscheinend nicht.« Dannyl seufzte. Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln, als sie auf den Friedhof zugingen. Jetzt ließ auch Dannyl über seinem Kopf eine Lichtkugel entstehen. »Fürchtest du dich vor der Dunkelheit, Dannyl?«, fragte Rothen über die Schulter gewandt. Der hochgewachsene Magier antwortete nicht. Kichernd stieg Rothen über einen am Boden liegenden Ast und trat dann auf die Lichtung hinaus. Mehrere Reihen von Grab- steinen breiteten sich in der Finsternis vor ihnen aus. Als sie näher kamen, sandte Rothen sein Licht voraus, so dass es direkt über einem der Steine hing. Der Schnee schmolz fast sofort, und die Gravur wurde sichtbar. Als die Lichtkugel wieder höher stieg, bedeutete er Sonea, näher an den Stein heranzutreten. Ein ansprechendes Muster war in die Oberfläche einge- meißelt, und Sonea konnte einige Zeichen in der Mitte des Steins entdecken, die früher einmal vielleicht Worte ge- formt hatten. »Kannst du die Inschrift lesen?«, fragte Rothen., Sonea strich mit der Hand über die Gravur. »Lord Gamor«, las sie. »Und dann kommt ein Jahr… « Sie runzelte die Stirn. »Nein, ich muss mich irren.« »Ich glaube, da steht: ›Im fünfundzwanzigsten Jahr von Urdon‹.« »Dieser Stein ist siebenhundert Jahre alt?« »Allerdings. All die Gräber hier sind mindestens fünf- hundert Jahre alt. Sie stellen ein großes Rätsel dar.« Sonea ließ den Blick über die Reihen der Steine gleiten. »Warum sind diese Gräber ein Rätsel?« »Seit jener Zeit sind hier keine Magier mehr begraben worden, und auch außerhalb der Gilde wird keiner begra- ben.« »Wo begräbt man die Magier denn dann?« »Überhaupt nicht.« Sonea drehte sich zu ihm um. Ein leises Wispern fuhr durch die Bäume in der Nähe, und Dannyl riss die Augen auf und zuckte zusammen. Sonea spürte, wie sich die fei- nen Härchen in ihrem Nacken aufstellten. »Warum nicht?«, fragte sie. Rothen trat vor und betrachtete das Grab. »Vor vierhun- dert Jahren hat ein Magier seine Magie einmal als einen ständigen Begleiter beschrieben. Die Magie kann ein hilfs- bereiter Freund sein, sagte er, oder ein tödlicher Gegner.« Er wandte sich wieder zu Sonea um. Seine Augen wurden von den Brauen überschattet, so dass Sonea den Ausdruck darin nicht erkennen konnte. »Denk über all das nach, was du über Magie und Kon-, trolle gelernt hast. Deine Kräfte haben sich auf natürliche Weise entwickelt, aber die meisten von uns brauchen einen anderen Magier, der sie entfesselt. Sobald das geschehen ist, sind wir für den Rest unseres Lebens durch die Erfor- dernisse unserer Kräfte gebunden. Wir müssen lernen, sie zu kontrollieren, und wir müssen diese Kontrolle aufrecht- erhalten. Wenn wir das nicht tun, wird unsere Magie uns zu guter Letzt zerstören.« Er hielt inne. »Im Augenblick unse- res Todes verlieren wir alle den Zugriff auf unsere Kräfte, und die in uns verbliebene Magie wird freigesetzt. Wir werden buchstäblich von dieser Magie verzehrt.« Sonea blickte auf das Grab hinab. Trotz Rothens Wär- meschild drang ihr die Kälte jetzt bis auf die Knochen. Sie hatte geglaubt, sie würde ihre Magie loswerden, so- bald sie erst Kontrolle gelernt hatte, aber jetzt wusste sie, dass sie niemals frei davon sein würde. Was sie auch tat, die Magie würde immer da sein. Eines Tages würde sie, Sonea, in irgendeiner Hütte einfach verlöschen… »Wenn wir eines natürlichen Todes sterben, ist das nur selten ein Problem«, fügte Rothen hinzu. »Die Kraft unse- rer Magie verblasst im Allgemeinen während unserer letz- ten Lebensjahre. Wenn wir jedoch keines natürlichen To- des sterben… Es gibt ein altes Sprichwort: Es bedarf eines Narren, eines Märtyrers oder eines Genies, um einen Ma- gier zu ermorden.« Plötzlich verstand sie Dannyls Unbehagen. Es war nicht die Gegenwart der Toten, die ihm zusetzte, sondern die Er- innerung an das, was mit ihm geschehen würde, wenn er, starb. Aber er hatte dieses Leben aus freien Stücken ge- wählt, rief sie sich ins Gedächtnis. Im Gegensatz zu ihr. Und im Gegensatz zu Fergun. Nachdem seine Eltern ihn gezwungen hatten, Magier zu werden, stand auch ihm die- ses Ende bevor. Sie fragte sich, wie viele Magier der Gilde nur widerstrebend beitraten. Erstaunt über ihr neues Mitge- fühl, sah sie noch einmal auf den Grabstein hinab. »Also, warum gibt es dann diese Gräber hier?« Rothen zuckte die Achseln. »Das wissen wir nicht. Es dürfte sie eigentlich gar nicht geben. Viele unserer Histori- ker glauben, diese Magier hätten sich all ihrer Kräfte entle- digt, als sie begriffen, dass sie sterben würden. Sobald ihre Kräfte erloschen waren, so vermutet man, hätten sie sich erstochen oder Gift genommen. Wir wissen, dass sie ande- re Magier zu Zeugen ihres Todes bestellt haben. Vielleicht sollten diese Zeugen dafür sorgen, dass die alten Magier im richtigen Augenblick starben. Selbst ein winziger Rest von Magie kann genügen, um einen Körper zu zerstören, so dass die Wahl des richtigen Zeitpunkts von großer Bedeu- tung gewesen sein muss, vor allem weil die Magier dieser Zeit außergewöhnlich stark waren.« »Aber wir wissen nicht mit Sicherheit, ob das die Wahr- heit ist«, warf Dannyl ein. »Möglicherweise sind die Ge- schichten über ihre Kräfte übertrieben worden. Helden nei- gen dazu, immer riesenhafter zu werden, wenn die Nach- welt ihre Geschichte wieder und wieder neu erzählt.« »Wir besitzen Bücher, die zu Lebzeiten dieser Magier geschrieben wurden«, erinnerte Rothen ihn. »Es gibt sogar, Tagebücher von ihnen. Warum sollten sie ihre eigenen Fä- higkeiten übertreiben?« »Ja wirklich, warum?«, erwiderte Dannyl trocken. Schließlich drehte Rothen sich um und führte sie auf demselben Weg zurück, auf dem sie gekommen waren. »Ich glaube, dass jene ersten Magier wirklich mächtiger waren«, bemerkte Rothen. »Und dass wir seither schwä- cher geworden sind.« Dannyl schüttelte den Kopf, dann wandte er sich an So- nea. »Was meinst du dazu?« Sie blinzelte überrascht. »Ich weiß es nicht. Vielleicht hatten sie irgendeine Möglichkeit, ihre Magie zu verstär- ken.« Dannyl schüttelte den Kopf. »Es gibt keine Möglichkeit, die Stärke eines Magiers zu vergrößern. Was er bei seiner Geburt hatte, damit muss er zeitlebens zurechtkommen.« Sie erreichten die gepflasterte Straße und setzten ihren Weg fort. Inzwischen war es vollends dunkel geworden, und aus den Fenstern der Häuser entlang der Straße leuch- tete ihnen Licht entgegen. Als sie an einer niedergebrann- ten Ruine vorbeikamen, fröstelte Sonea plötzlich. War die- ses Haus vielleicht zerstört worden, als sein Bewohner starb? Schweigend gingen sie weiter die Straße hinunter. Als sie zu dem Fußweg kamen, schickte Rothen sein schwe- bendes Licht voraus, so dass sie besser sehen konnten. Als das Magierquartier in Sicht kam, dachte Sonea an all die Magier, die dort lebten und die alle, selbst im Schlaf,, ihre Kräfte unter Kontrolle hielten. Vielleicht hatten jene frühen Stadtplaner einen anderen Grund gehabt, warum sie den Magiern ein ganzes Stadtviertel zur Verfügung gestellt hatten. »Ich glaube, mehr Bewegung brauche ich für heute Abend nicht«, sagte Rothen plötzlich. »Und es ist auch gleich Zeit zum Essen. Möchtest du dich zu uns gesellen, Dannyl?« »Natürlich«, antwortete der hochgewachsene Magier. »Mit Freuden.«, 25. Neue Pläne Die Sonne hing über den fernen Türmen des Palastes wie eine riesige Magierkugel und tauchte die Gärten in orange- farbenes Licht. Sonea ging schweigend neben Rothen her. In sich ge- kehrt. Rothen wusste, dass sie die Absicht hinter diesem Ausflug erraten hatte und sich innerlich gegen die neuen Eindrücke sperrte, so dass nichts von alledem sie in Versu- chung führen konnte, in der Gilde zu bleiben. Er lächelte. Sie mochte fest entschlossen sein, nichts an sich heranzulassen, aber Rothen hatte die Absicht, ihr so viel wie möglich von der Gilde zu zeigen. Sie musste se- hen, was sie zurückwies. Rothen, den ihre unverrückbare Entschlossenheit, fort- zugehen, ehrlich überraschte, hatte in den vergangenen Ta- gen häufig über sein eigenes Leben nachgedacht. Wie alle Kinder der Häuser hatte man ihn, als er etwa zehn Jahre alt gewesen war, auf magische Fähigkeiten getestet. Man hatte ihm gesagt, er sei etwas Besonderes und könne sich glück- lich schätzen. Von jenem Tag an hatte er sich darauf ge-, freut, der Gilde beizutreten. Für Sonea war es niemals denkbar gewesen, Magierin zu werden. Man hatte sie gelehrt, die Magier als Feinde zu betrachten, denen man die Schuld an allem Unheil gab. Angesichts ihrer Erziehung war es klar, warum sie sich nicht der Gilde anschließen wollte: Für sie wäre es ein Ver- rat an den Menschen, mit denen sie aufgewachsen war. Aber so musste es nicht sein. Wenn es ihm gelang, sie davon zu überzeugen, dass sie am Ende ihre Kräfte würde nutzen können, um den Hüttenleuten zu helfen, würde sie sich vielleicht doch zum Bleiben bewegen lassen. Hinter dem Universitätsgebäude bog Rothen nach rechts ab. Als der Gong erklang, der das Ende der Unterrichts- stunden anzeigte, hatten sie bereits die Gärten erreicht. Ro- then wusste natürlich, dass die Novizen gleich darauf aus der Universität stürzen und in ihre Quartiere zurückeilen würden, und hatte daher einen längeren, aber stilleren Weg zum Heilerquartier gewählt. Er freute sich auf diesen Ausflug. Das Heilen war die nobelste der Magierkünste und die einzige Art von Magie, die Sonea anzuerkennen schien. Die Kriegerkünste würden sie wohl kaum beeindrucken, deshalb hatte Rothen ihr die- sen Teil der Ausbildung zuerst gezeigt. Die Demonstration hatte sie jedoch mehr beunruhigt, als er erwartet hatte. Obwohl der Lehrer die Regeln erklärt und verdeutlicht hat- te, auf welche Weise man sich in der Arena schützen konn- te, war Sonea sichtlich zurückgeprallt, als die Novizen mit ihrem Schaukampf begonnen hatten., Dannyls Experiment hatte dem Mädchen zwar eine mög- liche Verwendungsweise der Alchemie verdeutlicht, aber im Grunde war das nur ein Hobby. Wenn Rothen sie be- eindrucken wollte, musste er ihr etwas zeigen, das für die Stadt von größerem Nutzen wäre. Er hatte sich nur noch nicht entschieden, was das sein würde. Als sie sich jetzt dem Rundbau des Heilerquartiers nä- herten, sah Rothen noch einmal verstohlen zu Sonea hin- über. Obwohl ihre Miene verschlossen war, leuchteten aus ihren Augen Neugier und Interesse. Vor dem Eingang des Gebäudes blieb er stehen. »Dies ist das zweite Heilerquartier, das die Gilde errich- tet hat«, erklärte er Sonea. »Das erste war ziemlich luxuri- ös. Unglücklicherweise haben unsere Vorgänger Schwie- rigkeiten mit einigen wohlhabenden Patienten gehabt, die glaubten, sich dauerhaft bei ihnen niederlassen zu können. Zu der Zeit, als die Universität und die anderen Gebäude der Gilde errichtet wurden, hat man das alte Heilerquartier abgerissen und dieses hier an seine Stelle gesetzt.« Trotz des ansprechenden äußeren Erscheinungsbildes war das Gebäude der Heiler bei weitem nicht so beeindru- ckend wie die Universität. Rothen trat durch die offenen Türen und führte Sonea in eine kleine, schmucklose Halle. Ein frischer, medizinischer Geruch hing in der Luft. Zwei Heiler, ein Mann von etwa fünfzig Jahren und eine jüngere Frau, blickten auf. Der Mann musterte Sonea zwei- felnd und wandte sich ab, aber die junge Frau kam ihnen mit einem Lächeln entgegen., »Seid mir gegrüßt, Lord Rothen«, sagte sie. »Seid mir gegrüßt, Lady Indria«, erwiderte er. »Das ist Sonea.« Sonea nickte. »Es ist mir eine Ehre, Euch kennen zu ler- nen.« Indria neigte den Kopf. »Auch ich freue mich, deine Be- kanntschaft zu machen, Sonea.« »Indria wird uns durch das Heilerquartier führen«, er- klärte Rothen. Die Heilerin lächelte Sonea zu. »Ich hoffe, du findest meine Führung interessant.« Sie sah Rothen an. »Wollen wir anfangen?« Rothen bejahte. »Hier entlang, bitte.« Indria durchquerte die Halle, gab einer hohen Doppeltür den Befehl, sich zu öffnen, und führte Rothen und Sonea in einen breiten, gewölbten Korridor. Sie kamen an mehreren offenen Türen vorbei, und Sonea nutzte die Gelegenheit, einen Blick in die Räume dahinter zu werfen. »Im unteren Stockwerk des Gebäudes werden Patienten behandelt und untergebracht«, erklärte Indria ihnen. »Schließlich können wir den Kranken nicht zumuten, Treppen zu steigen, nicht wahr?« Sie hatte sich mit freund- licher Miene zu Sonea umgedreht, die zur Antwort nur ein verwundertes Achselzucken zustande brachte. »Im oberen Stockwerk findet der Unterricht statt, und dort haben auch die Heiler ihre Wohnungen. Die meisten von uns ziehen es vor, in diesem Gebäude zu leben, statt, im Magierquartier. Das ermöglicht es uns, in Notfällen schnell zu reagieren.« Sie deutete nach links. »Die Patien- tenzimmer liegen auf der Seite, von der aus man einen schönen Blick auf die Gärten oder den Wald hat.« Dann wandte sie sich nach rechts. »Die Räume im inneren Teil des Gebäudes sind unsere Behandlungszimmer. Komm, ich werde dir einen dieser Räume zeigen.« Rothen folgte der Heilerin durch eine der geöffneten Tü- ren und beobachtete Sonea, während sie sich in dem Raum umsah. Er war klein und nur mit einem Bett, einem Schrank und mehreren Holzstühlen eingerichtet. »Hier nehmen wir die weniger anspruchsvollen Heilun- gen und Behandlungen vor«, fuhr Indria fort. Sie öffnete den Schrank, in dem, säuberlich nebeneinander aufgereiht, Flaschen und Schachteln standen. »Alle Medikamente, die wir schnell zubereiten oder schon im Voraus zusammen- brauen können, werden hier aufbewahrt, wo wir jederzeit Zugriff darauf haben. Im oberen Stockwerk haben wir noch weitere Räume, in denen kompliziertere Heilmittel herge- stellt werden.« Indria trat wieder auf den Korridor hinaus und zeigte auf eine Tür am Ende des Ganges. »In der Mitte des Gebäudes befinden sich die Räume, in denen wir die schwierigeren Fälle heilen«, sagte sie. »Ich möchte mich nur schnell da- von überzeugen, dass dieser Raum leer ist.« Sie eilte voraus und spähte durch ein Glaspaneel in der Tür. Dann drehte sie sich wieder zu ihnen um und nickte. »Er ist frei«, erklärte sie. »Kommt mit.«, Der Raum, in den sie nun kamen, war größer als der ers- te. In der Mitte stand ein schmales Bett, und die Wände waren von Schränken gesäumt. »Hier wirken wir größere Heilungen und führen Opera- tionen durch«, sagte Indria. »Während der Behandlung darf niemand außer den Heilern – und dem Patienten natürlich – hier herein.« Sonea ließ den Blick aufmerksam durch den Raum wan- dern. Als sie zu einer Öffnung in der gegenüberliegenden Wand trat, folgte Indria ihr. »Direkt über uns befinden sich die Räume, in denen die Medikamente zubereitet werden«, erklärte die Heilerin und deutete auf die Nische. Sonea beugte sich vor und spähte in den Raum über ihr hinauf. »Wir haben Heiler, die eigens auf die Herstellung von Medikamenten spezialisiert sind. Wenn wir etwas brauchen, lassen sie die frisch zubereiteten Mixturen durch diese Schächte hinuntergleiten.« Nachdem Sonea ihre Neugier befriedigt hatte, kehrte sie zu Rothen zurück. Indria öffnete einen Schrank und nahm eine der Flaschen heraus. »Hier in der Gilde weiß man mehr über Medizin als ir- gendwo sonst auf der Welt«, sagte sie mit unverhohlenem Stolz. »Wir kurieren die Menschen nicht nur mit unseren Heilkräften. Wenn es so wäre, hätten wir keine Chance, alle Kranken zu versorgen, die unsere Hilfe brauchen.« Sie zuckte die Achseln. »Was wir natürlich ohnehin nicht tun können. Dafür gibt es einfach nicht genug Heiler.« Sie zog eine Schublade auf und nahm eine kleine, weiße, Flasche heraus. Dann wandte sie sich an Sonea, hielt je- doch plötzlich inne und sah Rothen fragend an. Rothen, der begriff, was sie vorhatte, schüttelte den Kopf. Indria biss sich auf die Unterlippe und blickte erst Sonea an, dann die Phiole in ihren Händen. »Ah, vielleicht werden wir diesen Teil der Führung aus- lassen.« Sonea betrachtete die Flasche, und ihre Augen funkelten vor Neugier. »Welchen Teil?« Indria drehte die Flasche so, dass Sonea die Aufschrift lesen konnte. »Es ist eine Narkosesalbe«, erklärte sie. »Normalerweise streiche ich ein wenig davon auf die Handflächen von Besuchern, um die Kraft unserer Medizin zu demonstrieren.« Sonea runzelte die Stirn. »Eine Narkosesalbe?« »Sie betäubt deine Haut, so dass du nichts mehr fühlen kannst. Nach einer Stunde verliert sich die Wirkung wie- der.« Sonea zog die Augenbrauen in die Höhe, dann streckte sie die Hand aus. »Ich möchte es ausprobieren.« Rothen sog scharf die Luft ein und musterte Sonea über- rascht. Das war wirklich bemerkenswert. Was war aus ih- rem Misstrauen Magiern gegenüber geworden? Hocher- freut beobachtete er, wie Indria die Flasche aufschraubte und ein wenig von der Salbe auf ein weißes Tuch strich. Indria warf Sonea einen nervösen Blick zu. »Zuerst wirst du gar nichts spüren. Nach einer Minute wird es sich dann so anfühlen, als sei deine Haut plötzlich viel dicker als, sonst. Möchtest du es trotzdem ausprobieren?« Sonea nickte, und Indria gab behutsam etwas von der Salbe auf Soneas Handfläche. »Pass auf, dass du nichts davon in die Augen bekommst. Du wirst nicht blind davon, aber glaub mir, es ist ein aus- gesprochen eigenartiges Gefühl, betäubte Augenlider zu haben.« Sonea betrachtete lächelnd ihre Hand. Indria legte die Phiole wieder in die Schublade, warf das Tuch in einen Eimer in einem der Schränke und rieb sich dann die Hände. »Jetzt lasst uns nach oben gehen und einen Blick in die Klassenzimmer werfen.« Sie gingen zurück durch den Hauptkorridor, wo sie an mehreren Heilern und einigen Novizen vorbeikamen. Man- che von ihnen betrachteten Sonea voller Neugier. Andere dagegen machten zu Rothens Entsetzen kein Hehl aus ihrer Abneigung. »Indria!« Die Heilerin drehte sich um, und ihre grünen Roben wirbelten bei der abrupten Bewegung um ihre Beine. »Dar- len?« »Hier drin.« Die Stimme kam aus einem der Behandlungszimmer in der Nähe. Indria ging auf die Tür zu. »Ja?« »Könntest du mir kurz zur Hand gehen?« Indria drehte sich um und grinste Rothen an. »Ich werde fragen, ob es dem Patienten etwas ausmacht, Publikum zu, haben«, sagte sie leise. Sie trat in den Raum, und Rothen hörte mehrere leise Stimmen. Sonea sah Rothen mit undeutbarer Miene an, dann wandte sie sich ab. Kurz darauf kehrte indria zurück und machte ihnen ein Zeichen. »Kommt herein.« Rothen nickte. »Gebt mir einen Moment Zeit.« Als die Heilerin wieder verschwunden war, holte Rothen tief Luft. »Ich weiß nicht, was du da drin sehen wirst, aber ich glaube nicht, dass Indria uns hereinbitten würde, wenn es etwas Beängstigendes wäre. Wenn du dich jedoch vor dem Anblick von Blut fürchtest, sollten wir besser nicht hineingehen.« Sonea wirkte erheitert. »Ich werde schon zurechtkom- men.« Achselzuckend deutete Rothen auf die Tür. Als sie hin- durchtrat, sah sie, dass der Raum genauso eingerichtet war wie das erste Behandlungszimmer. Auf dem Bett lag ein Junge von etwa acht Jahren. Sein Gesicht war weiß, und seine Augen waren gerötet vom Weinen. Der Heiler, der Indria um Hilfe gebeten hatte, war ein junger Mann in grü- nen Roben, Lord Darlen, der soeben behutsam einen blut- getränkten Verband von der Hand des Jungen abnahm. Ein junger Mann und eine junge Frau saßen auf zwei Holzstüh- len und verfolgten die Prozedur mit unverkennbarer Sorge. »Stellt euch bitte dorthin«, wies Indria sie an. Ihre Stimme wirkte plötzlich verändert und strenger als zuvor. Rothen trat in eine Ecke des Raums, und Sonea folgte ihm., Darlen sah sie nur kurz an, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder dem Jungen zuwandte. »Tut es noch weh?« Der Junge schüttelte Kopf. Rothen blickte zu den jungen Eltern hinüber. Obwohl sie sich offenkundig in aller Eile angezogen hatten, wirkten ihre Kleider luxuriös. Der Mann trug einen modischen lan- gen Mantel und die Frau einen schlichten, schwarzen Um- hang mit einer pelzbesetzten Kapuze. Sonea, die neben ihm stand, keuchte leise. Lord Darlen hatte soeben die letzten Verbände abgenommen. Zwei tiefe Schnitte durchzogen die Handfläche des Jungen, und Blut tropfte aus den Wunden. Darlen krempelte den Ärmel des Jungen hoch und um- fasste mit festem Griff den Arm. Der Blutstrom versiegte, und der Heiler sah zu den Eltern hinüber. »Wie ist das passiert?« Der Mann errötete und senkte den Blick zu Boden. »Er hat mit meinem Schwert gespielt. Ich habe es ihm verbo- ten, aber er…« Der junge Vater schüttelte mit grimmiger Miene den Kopf. »Hm.« Darlen drehte die Hand des Jungen ein wenig. »Die Wunden müssten eigentlich gut heilen, obwohl er für den Rest seines Lebens Narben als Andenken zurückbehal- ten wird.« Die Frau schluchzte leise auf, dann brach sie in Tränen aus. Ihr Mann legte ihr den Arm um die Schultern und sah den Heiler erwartungsvoll an., Darlen wandte sich zu Indria um. Sie nickte und ging zu den Regalen hinüber. Aus einer der Schubladen dort nahm sie einige weiße Tücher, eine Schale und eine große Fla- sche mit Wasser. Dann kehrte sie zu dem Bett des Jungen zurück und wusch ihm vorsichtig die Hand. Als die Wunde gesäubert war, legte der Heiler behutsam eine Hand auf die des Jungen und schloss die Augen. Stille folgte. Obwohl die Mutter weiter leise schluchzte, wirkten jetzt alle Geräusche gedämpft. Der Junge wurde unruhig, aber Indria beugte sich vor und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Pst. Du darfst ihn nicht in seiner Konzentration stören.« »Aber es juckt«, protestierte er. »Das hört gleich auf.« Rothen bemerkte eine Bewegung neben sich und sah, dass Sonea sich die Hand rieb. Darlen holte tief Luft und schlug die Augen auf. Dann strich er mit den Fingern über die Verletzungen des Jungen. Statt der tiefen Wunden durchzogen jetzt nur noch feine, rote Linien die Handflä- che des Jungen. Darlen blickte den Kleinen lächelnd an. »Deine Hand ist jetzt geheilt. Ich möchte, dass du sie je- den Tag neu verbindest. Und du darfst sie mindestens zwei Wochen lang nicht benutzen. Du möchtest doch nicht, dass meine ganze Arbeit umsonst war, oder?« Der Junge schüttelte den Kopf. Dann hob er die Hand und fuhr mit dem Finger die Narben nach. Darlen klopfte ihm auf die Schulter. »Nach zwei Wochen kannst du anfangen, sie vorsichtig, wieder zu bewegen.« Er wandte sich zu den Eltern um. »Es dürfte kein dauerhafter Schaden zurückbleiben. Er wird schon bald wieder alles tun können, was er zuvor getan hat, einschließlich des Spiels mit dem Schwert seines Vaters.« Er beugte sich vor und stieß dem Jungen sachte einen Fin- ger gegen die Brust. »Aber nicht bevor er erwachsen ist.« Der Junge grinste. Darlen half ihm beim Aufstehen und beobachtete lächelnd, wie der Junge zu seinen Eltern hin- überlief und sich in die Arme schließen ließ. Der Vater blickte mit feuchten Augen zu Darlen auf und öffnete den Mund, um zu sprechen. Der Heiler hob die Hand, um ihm Schweigen zu gebieten, dann nickte er In- dria zu. Indria bedeutete Rothen und Sonea, ihr zu folgen, und sie verließen den Raum. Als sie wieder im Korridor stan- den, konnte Rothen die Stimme des Vaters hören, der sich bei Darlen bedankte. »Sieht einfach aus, nicht wahr?« Indria verzog das Ge- sicht. »Aber in Wirklichkeit ist es ausgesprochen hart.« »Die Heilkunst ist die schwierigste aller Disziplinen«, ergänzte Rothen. »Sie verlangt eine genauere Kontrolle und viele Jahre Übung.« »Weshalb sie einigen jungen Leuten nicht besonders erstrebenwert erscheint«, erklärte Indria naserümpfend. »Sie sind einfach zu faul.« »Ich habe viele Novizen, die ganz und gar nicht faul sind«, entgegnete Rothen spitz. Indria grinste. »Aber Ihr seid auch so ein wunderbarer, Lehrer, Rothen. Selbstverständlich sind Eure Schüler die aufmerksamsten und strebsamsten in der Universität – wie könnte es auch anders sein?« Rothen lachte. »Ich sollte öfter hierher kommen. Eure Worte tun mir so gut.« »Hm«, sagte sie, »im Allgemeinen bekommen wir Euch nur dann zu Gesicht, wenn Ihr über Magenverstimmung klagt oder Euch bei Euren dummen Experimenten Brand- wunden zugezogen habt.« »Sagt das nicht.« Rothen legte einen Finger an die Lip- pen. »Als Nächstes werde ich Sonea nämlich die Alche- mieräume zeigen.« Indria warf Sonea einen mitfühlenden Blick zu. »Viel Glück. Und versuch, nicht einzuschlafen.« Rothen straffte sich und deutete auf die Treppe. »Setz deine Führung fort, du freches Mädchen«, befahl er. »Es ist erst ein Jahr vergangen seit deinem Abschluss, und schon jetzt glaubst du, du kannst so mit deinen ehemaligen Leh- rern umspringen.« »Sehr wohl, Mylord.« Sie vollführte eine spöttische Verbeugung, dann setzte sie ihren Weg durch den Korridor fort. Sonea schob eine von Rothens Fensterblenden zurück und betrachtete die hinter der Glasscheibe umherwirbelnden Schneeflocken. Geistesabwesend rieb sie sich die Hand. Obwohl das Gefühl schon vor Stunden zurückgekehrt war, stand ihr die Taubheit noch immer lebhaft im Gedächtnis., Sie hatte erwartet, dass Rothen ihr die Heiler bei der Ar- beit zeigen und sie die Versuchung verspüren würde, diese Kunst selbst zu erlernen. Trotz ihres festen Entschlusses, sich davon nicht beeinflussen zu lassen, waren uner- wünschte Gefühle in ihr aufgestiegen, als sie die Heilung des Kindes mit eigenen Augen gesehen hatte. Obwohl sie gewusst hatte, dass sie die Fähigkeit zu solchen Dingen besaß, hatte sie doch erst in diesem Moment begriffen, welche Chance ihre Magie darstellte. Und genau das war natürlich Rothens Absicht gewesen. Seufzend klopfte sie an den Rand des Fensters. Wie erwar- tet, versuchte er, sie zum Bleiben zu bewegen, indem er ihr all die wunderbaren Dinge zeigte, die sie mit ihrer Magie würde tun können. Aber gewiss hatte er nicht damit gerechnet, dass die Demonstrationen der Krieger, die sie am Vortag erlebt hat- te, sie auch nur im Mindesten beeindrucken würden. Die Novizen, die einander Magie entgegenschleuderten, wür- den Sonea nicht in Versuchung führen, sich der Gilde an- zuschließen. Vielleicht hatte Rothen ihr ja nur zeigen wol- len, dass die Kämpfe harmlos waren. Strengen Regeln un- terworfen, ähnelten sie eher Spielen als richtigen Kämpfen. Als Sonea darüber nachdachte, fiel es ihr leichter zu be- greifen, warum die Reaktion der Magier so heftig ausgefal- len war, als sie sie auf dem Nordplatz »angegriffen« hatte. Sie waren an »innere Schilde« gewöhnt und daran, »Treffer« aufzulisten. Es musste ein ziemlicher Schock für sie gewesen sein,, zu sehen, wie Magie sich auswirken konnte, wenn man ihr ohne schützenden Schild ausgesetzt war. Wieder seufzte sie. Wahrscheinlich würde ihr als Nächs- tes eine Führung durch die Labors der Alchemisten bevor- stehen. Gegen ihren Willen regte sich so etwas wie Neugier in ihr. Von allen Disziplinen war die Alchemie diejenige, von der sie am wenigsten wusste. Ein Klopfen an der Wohnungstür schreckte sie aus ihren Gedanken auf. Tania hatte ihr schon vor Stunden Gute Nacht gesagt, und auch Rothen hatte sich bereits verab- schiedet. Ein Name schoss ihr durch den Kopf, und ihr Herz setzte einen Schlag aus. Fergitn. Er würde eine Antwort wollen, und sie hatte sich noch nicht entschieden. Widerstrebend durchquerte sie den Raum und hoffte dabei, der Besucher könnte jemand an- ders sein. »Wer ist da?« »Fergun. Lass mich rein, Sonea.« Sonea holte tief Luft und legte eine Hand auf den Griff. Sofort schwang die Tür auf. Der rotgewandete Magier schlüpfte herein und zog die Tür hinter sich zu. »Wieso könnt Ihr die Tür öffnen?«, fragte sie und be- trachtete stirnrunzelnd den Griff. »Ich dachte, sie sei ver- schlossen.« Fergun lächelte. »Das war sie auch, aber sie lässt sich öffnen, wenn der Türknauf gleichzeitig von innen und von außen gedreht wird.«, »Ist das mit Absicht so eingerichtet?« Fergun nickte. »Es ist eine Vorsichtsmaßnahme. Rothen könnte gerade nicht zur Stelle sein, wenn ein Notfall ein- tritt. Wenn du zum Beispiel ein Feuer verursachen solltest, könnte auch jemand anders dir zu Hilfe kommen.« Sie schnitt eine Grimasse. »Ich hoffe, dass das nie wie- der ein Problem sein wird.« Sie deutete auf die Sessel. »Nehmt Platz, Fergun.« Er ging zu den Sesseln hinüber und setzte sich. Als sie ihm gegenüber Platz genommen hatte, beugte er sich ge- spannt vor. »Also, macht dein Kontrollunterricht gute Fortschritte?« »Ja… ich glaube schon.« »Hm, erzähl mir, was du heute getan hast.« Sie lächelte kläglich. »Ich musste eine Schachtel vom Boden hochheben. Das war nicht einfach.« Fergun sog scharf die Luft ein, und seine Augen weite- ten sich. »Was er dir beibringt, hat nichts mehr mit Kon- trollübungen zu tun. Er zeigt dir, wie du deine Magie be- nutzen kannst. Wenn er das tut, musst du die Kontrolle be- reits gemeistert haben.« Eine Mischung aus Erregung und Hoffnung stieg in So- nea auf. »Er hat gesagt, er wolle auf diese Weise meine Kontrolle testen.« Fergun schüttelte ernst den Kopf. »Jede Magie ist ein Test der eigenen Kontrolle. Er würde dir nicht beibringen, Gegenstände anzuheben, wenn du nicht schon hinreichend, Kontrolle über deine Magie besäßest. Du bist bereit, So- nea.« Sonea lehnte sich in ihrem Sessel zurück und spürte, wie ein Lächeln um ihre Mundwinkel zuckte. Endlich!, dachte sie. Ich kann wieder nach Hause gehen! Ein unerwarteter Stich des Bedauerns folgte dem Ge- danken. Wenn sie fortging, würde sie Rothen vielleicht nie wieder sehen… »Also, hast du dich davon überzeugt, dass ich dir die Wahrheit gesagt habe – dass Rothen dir Informationen vor- enthalten hat?« Sonea nickte. »Den größten Teil Eurer Worte konnte ich überprüfen. Administrator Lorlen hat mir erklärt, wie man die Kräfte eines Magiers blockiert.« Fergun wirkte überrascht. »Lorlen selbst hat es dir er- klärt? Gut.« »Er hat mir auch gesagt, dass die Prozedur nicht schmerzhaft sei und dass sie mir anschließend nie wieder Unannehmlichkeiten bereiten würde.« »Wenn es richtig gemacht wird. Es ist viele, viele Jahre her, seit die Gilde das letzte Mal die Kräfte eines Magiers blockieren musste.« Er verzog das Gesicht. »Beim letzten Mal haben sie die Sache ein wenig verpfuscht – aber du solltest dir deswegen keine Sorgen machen. Nimm meine Hilfe an, und du wirst dieses Risiko nicht eingehen müs- sen.« Er lächelte. »Also, werden wir zusammenarbeiten?« Sie zögerte. Ihre Zweifel waren keineswegs zerstreut. Als Fergun den Ausdruck in ihren Augen sah, fragte er:, »Hast du dich entschieden zu bleiben?« »Nein.« »Das heißt, du bist noch immer unentschlossen?« »Ich bin mir nicht sicher, ob ich Eurem Plan zustimmen soll«, gestand sie. »Zumindest einige Teile davon gefallen mir nicht.« »Welche Teile?« Sie holte tief Luft. »Wenn ich Novizin werde, muss ich ein Gelübde ablegen, von dem ich weiß, dass ich es bre- chen werde.« Er runzelte die Stirn. »Und?« »Ich bin nicht… glücklich darüber.« Seine Augen wurden schmal. »Du machst dir Sorgen, ein Gelübde zu brechen?« Er schüttelte den Kopf. »Ich bin bereit, um deinetwillen das Gesetz des Königs zu brechen, Sonea. Obwohl ich davon überzeugt bin, dass wir es so aussehen lassen können, als seist du aus eigenem Antrieb geflohen, besteht doch eine gewisse Gefahr, dass man mei- nen Anteil an der Sache entdecken könnte. Ich bin bereit, dieses Risiko um deinetwillen einzugehen.« Er beugte sich vor. »Du musst dich entscheiden, ob der König das Recht hat, dir deine Magie zu nehmen. Wenn du diese Frage für dich verneinen kannst, welchen Wert hat das Gelübde dann noch?« Sonea nickte langsam. Er hatte Recht. Faren würde ihm zustimmen und Cery ebenfalls. Die Häuser hatten die Ma- gie schon viel zu lange für sich behalten – und sie dann während der Säuberung gegen die Armen eingesetzt. Die, Hüttenleute würden sie nicht verachten, wenn sie das No- vizengelübde brach. Es war die Meinung dieser Menschen, die für sie zählte, nicht die Meinung des Königs oder der Magier. Wenn sie mit unversehrten Kräften in die Vorstadt zu- rückkehrte und sich dann selbst Magie beibrachte, könnte sie auch andere Magie lehren. Sie könnte ihre eigene ge- heime Gilde gründen. Das würde allerdings bedeuten, dass Faren sie abermals vor der Gilde würde verstecken müssen. Es würde bedeu- ten, dass sie nicht zu ihrer Familie zurückkehren konnte. Es würde bedeuten, dass sie zu guter Letzt ihre Kräfte würde benutzen können, um Menschen zu helfen und zu heilen – und diese Chance war das Risiko vielleicht wert. Sie sah den Magier an, der ihr gegenübersaß. Ob er sie immer noch so bereitwillig würde ziehen lassen, wenn er wüsste, was sie dachte? Sie runzelte die Stirn. Wenn sie seine Novizin wurde, könnte sich durchaus eine Situation ergeben, in der sie ihn in ihren Geist einlassen musste, um von ihm zu lernen. Er könnte ihre Pläne entdecken und sei- ne Meinung ändern, wenn ihm nicht gefiel, was er in ihren Gedanken las. Sein Vorschlag zwang sie, ihm in vielen Dingen voll- kommen zu vertrauen. Sie kannte ihn nicht, und sie hatte auch nicht in seinen Geist geblickt. Wenn sie doch nur ohne seine Hilfe fortgehen – fliehen – könnte! Plötzlich stieg ein Gefühl der Erregung in ihr auf. Viel-, leicht war das ja tatsächlich möglich. Sie hatte Kontrolle gelernt. Rothen wusste nicht, dass sie es wusste. Irgend- wann würde er es schließlich zugeben müssen, und wenn er das tat, würde er auf einen Fluchtversuch ihrerseits gefasst sein. Aber jetzt rechnete er noch nicht mit so etwas. Jetzt war der perfekte Zeitpunkt, um es zu versuchen. Und was war, wenn sie keine Chance zur Flucht bekam oder ihre Flucht misslang? Dann würde sie Ferguns Angebot annehmen müssen. Für den Augenblick jedoch musste sie ihn zunächst einmal vertrösten. Sie sah Fergun an und schüttelte seufzend den Kopf. »Ich weiß es nicht. Selbst wenn Euer Plan gelingen sollte – die Gilde würde später Jagd auf mich machen.« »Man würde dich nicht finden können«, versicherte er ihr. »Ich werde dir beibringen, wie du deine Kräfte verber- gen kannst. Die Gilde wird keine Ahnung haben, wo du dich aufhältst, und am Ende wird man die Suche aufgeben. Du bist nicht die Einzige, die beim letzten Mal der Jagd müde geworden ist, Sonea. Man wird nicht für alle Zeit nach dir suchen.« »Es gibt einige Dinge, die Ihr nicht wisst«, erklärte sie ihm. »Wenn ich mit Magie zu den Hütten zurückkehre, werden die Diebe wollen, dass ich für sie arbeite. Ich möchte nicht das Werkzeug der Diebe werden.« Er lächelte. »Du wirst über Magie gebieten, Sonea. Die Diebe können nichts tun, was du nicht willst.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe Familie, Fergun. Mir, würden die Diebe vielleicht nichts antun können, aber an- dere könnten unter ihnen leiden. Ich… « Sie rieb sich das Gesicht und sah ihn dann entschuldigend an. »Ich brauche mehr Zeit zum Nachdenken.« Sein Lächeln erlosch. »Wie viel Zeit?« Sie zuckte die Achseln. »Vielleicht ein paar Wochen?« »So lange kann ich nicht warten«, entgegnete er mit düs- terer Miene. »Du kannst nicht so lange warten.« Sonea war verwirrt. »Warum nicht?« Fergun stand abrupt auf, zog etwas aus seiner Robe und warf es vor ihr auf den Tisch. Sonea keuchte, als sie den Dolch erkannte. So viele Ma- le hatte sie zugesehen, wie die Klinge gewissenhaft und liebevoll geschärft wurde. Sie konnte sich sogar an den Tag vor vielen Jahren erinnern, an dem die groben Umrisse ei- nes vertrauten Nagetiers in das Metall eingeritzt worden waren. »Wie ich sehe, erkennst du den Dolch.« Jetzt stand Fergun hoch aufgerichtet vor ihr, und seine Augen glitzerten. »Ich habe den Besitzer dieses Messers in einen dunklen, kleinen Raum gesperrt, den niemand hier kennt.« Seine Lippen verzogen sich zu einem bösartigen Lächeln. »Und es ist ein Glück, dass meine Kollegen nichts von dem Raum wissen, sonst würden sie sich vielleicht ein wenig Sorgen machen, wenn sie sähen, wie groß einige dieser Nagetiere werden können.« Er ließ sich in die Hocke sin- ken und legte die Hände auf die Armlehnen ihres Sessels., Sonea wich zurück, entsetzt von seinem hasserfüllten Blick. »Tu, was ich dir sage, und ich werde deinen Freund frei- lassen. Mach mir Scherereien, und er wird für alle Zeit bleiben, wo er ist.« Seine Augen wurden schmal. »Hast du mich verstanden?« Unfähig zu antworten, konnte Sonea nur wie betäubt ni- cken. »Hör mir genau zu«, fuhr er fort. »Ich werde dir erklä- ren, was du tun musst. Zuerst wirst du Rothen mitteilen, dass du dich zum Bleiben entschlossen hast. Daraufhin wird er dir erzählen, dass du inzwischen so weit bist, deine Magie zu kontrollieren, denn es wird ihm daran gelegen sein, dich in die Gilde zu bringen, bevor du deine Meinung wieder ändern kannst. In einer Woche findet eine Ver- sammlung statt und anschließend eine Anhörung, die dar- über befindet, wer dein Mentor sein soll. Bei dieser Anhö- rung wirst du allen erzählen, dass ich dich bei der Säube- rung vor Rothen gesehen habe. Du wirst erklären, ich hätte dich angesehen, während der Stein die Barriere durch- drang. Den Höheren Magiern wird dann nichts anderes üb- rig bleiben, als mich zu deinem Mentor zu bestimmen. Du wirst der Gilde beitreten, aber ich versichere dir, es wird nicht für lange sein. Sobald du eine kleine Aufgabe für mich erledigt hast, wird man dich dorthin zurückschicken, wo du hingehörst. Auf diese Weise bekomme ich, was ich will – und du ebenfalls. Du hast nichts zu verlieren, wenn du mir hilfst, aber… « Er fuhr mit dem Finger über die, Klinge von Cerys Dolch. »Wenn du dich weigerst, wirst du deinen kleinen Freund verlieren.« Ohne sie aus den Augen zu lassen, schob er den Dolch wieder in seine Roben. »Sorg dafür, dass Rothen nichts von dieser Sache erfährt. Niemand außer mir weiß, wo das kleine Ceryni steckt, und wenn ich ihm nichts zu essen bringen kann, wird er schon bald sehr, sehr hungrig sein.« Fergun erhob sich, glitt zur Tür hinüber und öffnete sie einen Spaltbreit. Dann drehte er sich noch einmal um und grinste sie höhnisch an. Soneas Magen krampfte sich zu- sammen, als ihr plötzlich wieder einfiel, wo sie ihn schon einmal gesehen hatte. Er war der Magier, den sie bei der Säuberung mit ihrem Stein bewusstlos geschlagen hatte. »Ich erwarte zu hören, dass Rothen morgen seinen Er- folg bekannt gibt. Danach werden wir uns wiedersehen.« Er schlüpfte durch die Tür und zog sie hinter sich zu. Sonea lauschte seinen sich entfernenden Schritten, dann presste sie die Hände auf die Augen. Magier. Sie zischte einen Fluch. Ich werde ihnen nie wieder vertrauen, niemals mehr. Dann dachte sie an Rothen, und ihr Zorn verebbte. Er hatte sie zwar getäuscht und vorgegeben, sie sei noch nicht in der Lage, ihre Magie zu kontrollieren, aber sie bezwei- felte nicht, dass er gute Absichten hatte. Wahrscheinlich zögerte er die Dinge nur deshalb hinaus, um ihr Zeit zu ge- ben, zu entscheiden, ob sie wirklich fortgehen wollte oder nicht. Wenn das stimmte, hatte er nichts getan, was sie an seiner Stelle nicht auch getan hätte – und sie war davon, überzeugt, dass er ihr helfen würde, wenn sie ihn darum bat. Aber sie konnte ihn nicht darum bitten. Erdrückende Hilflosigkeit machte sich in ihr breit. Wenn sie nicht tat, was Fergun wollte, würde Cery sterben. Sie rollte sich in ihrem Sessel zusammen und schlang die Arme um den Oberkörper. Oh, Cery, dachte sie. Wo bist du? Habe ich dir nicht gesagt, du sollst aufpassen, dass man dich nicht erwischt? Sie seufzte. Warum tat Fergun das? Sie dachte an das er- ste Mal, als sie dieses hämische Grinsen gesehen hatte, und fröstelte. Rache. Simple, schäbige Rache für die Demütigung, dass ein rebellisches Hüttenmädchen ihn bewusstlos ge- schlagen hatte. Er musste außer sich vor Zorn darüber sein, dass man sie in die Gilde eingeladen hatte, statt sie zu be- strafen. Aber wozu die Mühe, wenn sie doch nicht bleiben wollte? Sie ließ sich seine Worte noch einmal durch den Kopf gehen. Der Gilde beizutreten, um dann wieder wegge- schickt zu werden… Und Fergun würde gewiss dafür Sorge tragen, dass man sie für ihren Angriff bestrafte. Er würde dafür Sorge tragen, dass sie niemals mehr ihre Meinung ändern und in die Gilde zurückkehren konnte., 26. Der Betrug beginnt In der Luft zwischen den beiden Händen – die eine groß und alt, die andere schmal und schwielig – tanzten zwei Funken farbigen Lichts wie winzige Insekten. Die Lichter wirbelten herum, umkreisten einander und wichen sich in einem komplizierten Spiel aus. Plötzlich schoss das blaue Licht auf das gelbe zu. Das gelbe verwandelte sich darauf- hin in einen Ring aus Licht, und als der blaue Funke hin- durchsprang, lachte Rothen laut auf. »Genug!«, rief er. Als die beiden Funken erloschen, hörten auch die Schat- ten um sie herum auf zu tanzen. Rothen sah sich in dem düsteren Raum um und staunte darüber, wie spät es schon war. Er streckte seinen Willen aus, schuf eine Lichtkugel und ließ die Blenden über die Fenster gleiten. »Du lernst schnell«, sagte er. »Die Kontrolle über deine Magie wächst.« »Ich habe schon seit etlichen Tagen die Kontrolle über meine Magie«, erwiderte sie. »Ihr habt es mir nur nicht er- zählt.«, Überrascht drehte Rothen sich zu ihr um. Sie begegnete seinem Blick ohne einen Wimpernschlag. In ihrer Stimme hatte nicht einmal ein Hauch von Zweifel gelegen. Irgend- wie hatte sie es selbst herausgefunden. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und dachte über die Situation nach. Wenn er ihre Worte bestritt, würde sie ihm nur umso mehr grollen, wenn sie die Wahrheit erfuhr. Es war besser, ihr seine Gründe für die Verzögerung darzu- legen. Was bedeutete, dass ihm die Zeit davongelaufen war. Er hatte keinen Grund mehr, sie noch länger hier festzuhalten. In ein oder zwei Tagen würde sie fort sein. Er konnte Lor- len bitten, die Blockade noch ein wenig aufzuschieben, aber er wusste, dass er Soneas Meinung nicht binnen weni- ger Tage würde ändern können. Er nickte. »In einer der letzten Unterrichtsstunden dachte ich, dass du einen Punkt erreicht hast, an dem ich norma- lerweise zu dem Schluss komme, dass ein Novize über eine ausreichende Kontrolle seiner Kräfte verfügt. In deinem Fall hielt ich es jedoch für besonders wichtig, deine Kon- trolle auf die Probe zu stellen, da wir nicht in der Nähe sein werden, falls etwas schief gehen sollte.« Statt Erleichte- rung sah er nur Furcht in ihrem Blick. »Nicht dass ich dächte, irgendetwas würde tatsächlich schief gehen«, beru- higte er sie. »Deine Kontrolle ist –« »Ich werde bleiben«, unterbrach sie ihn. Er starrte sie an, einen Moment lang zu überrascht, um etwas zu sagen. »Du bleibst?«, entfuhr es ihm dann. »Du, hast deine Meinung geändert?« Sie nickte. Er sprang auf. »Das ist ja wunderbar!« Sonea betrachtete ihn mit großen Augen. Er hätte sie am liebsten auf die Füße gezogen und umarmt, aber er wusste, dass er ihr damit nur Angst machen würde. Stattdessen ging er zu dem Schrank im hinteren Teil des Raums hin- über. »Das müssen wir feiern!«, erklärte er. Er nahm eine Fla- sche Pachi-Wein und zwei Gläser aus dem Schrank und kehrte damit zu seinem Sessel zurück. Sonea beobachtete schweigend, wie er den Stöpsel aus der Flasche zog und etwas von dem gelben Likör in die Gläser goss. Mit zitternden Fingern nahm sie ihr Glas entgegen. Ro- then wurde jäh wieder ernst, denn er begriff, dass Sonea sich vor all den unbekannten Dingen, die nun auf sie zu- kommen würden, fürchtete. »Was hat dich bewogen, deine Meinung zu ändern?«, fragte er, während er wieder Platz nahm. Sie biss sich auf die Unterlippe und wandte den Blick ab. »Ich möchte einem Menschen das Leben retten.« »Ah!« Er lächelte. »Dann waren es also die Heiler, die dich am meisten beeindruckt haben.« »Ja«, gab sie zu. Sie nahm einen Schluck von ihrem Ge- tränk, und ihr Gesicht leuchtete vor Freude auf. »Pachi- Wein!« »Du kennst diesen Wein?« Sie lächelte. »Ein Dieb hat mir einmal eine Flasche da-, von mitgebracht.« »Du hast mir nie viel über die Diebe erzählt. Ich wollte nicht danach fragen, damit du nicht auf die Idee kommst, ich würde versuchen, dir Informationen abzuschwatzen.« »Ich habe selbst nie viel über die Diebe erfahren«, erwi- derte sie achselzuckend. »Den größten Teil der Zeit war ich allein.« »Wenn ich das alles richtig verstanden habe, wollten sie, dass du als Gegenleistung für ihre Hilfe Magie wirkst?« Sie nickte. »Aber ich konnte dem Dieb niemals geben, was er wollte.« Eine Falte erschien zwischen ihren Brauen. »Ich frage mich… wenn ich hier bleibe, wird er dann den- ken, ich hätte unsere Abmachung gebrochen?« »Es ist ihm nicht gelungen, dir zu helfen«, bemerkte Ro- then. »Wie kann er dann erwarten, dass du deine Seite des Abkommens erfüllst?« »Er hat sich große Mühe gegeben, mich zu verstecken, und er hat eine Menge Gefälligkeiten dafür eingefordert.« Rothen schüttelte den Kopf. »Mach dir deswegen keine Sorgen. Die Diebe werden dich nicht belästigen. Sie waren es, die uns erzählt haben, wo wir dich finden würden.« Soneas Augen weiteten sich. »Sie haben mich verra- ten?«, wisperte sie. Er runzelte die Stirn, verblüfft über die Wut in ihren Au- gen. »Ich fürchte, das ist die Wahrheit. Ich glaube nicht, dass sie dich gern verraten haben, aber es war offenkundig, dass deine Kräfte langsam gefährlich wurden.« Sie blickte auf ihr Glas hinab und brütete eine Weile, schweigend vor sich hin. »Wie geht es jetzt weiter?«, fragte sie plötzlich. Rothen zögerte. Dies war der Moment, in dem er ihr er- zählen musste, dass zwei Magier der Gilde das Recht bean- spruchten, zu ihrem Mentor bestimmt zu werden. Der Ge- danke, in die Obhut eines Magiers gegeben zu werden, den sie nicht kannte oder dem sie nicht vertraute, war mögli- cherweise so erschreckend für sie, dass sie abermals ihre Meinung änderte, aber er musste trotzdem mit ihr darüber reden. »Es gibt verschiedene Dinge, die geklärt werden müs- sen, bevor du deinen Novizeneid ablegen kannst«, erwider- te er. »Du musst über gute Fähigkeiten im Lesen und Schrei- ben verfügen, und du musst die grundlegenden Rechenar- ten erlernen. Außerdem musst du dich mit den Regeln und Gebräuchen der Gilde vertraut machen. Und bevor das ge- schieht, muss entschieden werden, wen die Gilde zu dei- nem Mentor bestimmt.« »Ein Mentor?« Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück. »Ihr habt gesagt, nur sehr begabte Novizen hätten Mento- ren.« Rothen nickte. »Ich wusste von Anfang an, dass du die Unterstützung eines Mentors brauchen würdest. Als einzi- ge Novizin, die nicht aus den Häusern stammt, wirst du vielleicht ab und an mit kleinen Schwierigkeiten fertig werden müssen. Wenn ein Magier bereit ist, dich als Men- tor zu begleiten, wird dir das vielleicht manches erleich-, tern. Deshalb habe ich darum gebeten, deine Ausbildung auf diese Weise begleiten zu dürfen. Aber ich bin nicht der einzige Magier, der Anspruch auf diese Ehre erhebt. Auch ein zweiter, jüngerer Magier namens Fergun tut das. Wenn zwei Magier den Anspruch erheben, zum Mentor eines Novizen ernannt zu werden, muss die Gilde eine Anhörung abhalten, bei der darüber entschieden wird, welcher der beiden Bewerber zum Mentor ernannt werden soll. Das Gesetz der Gilde bei solchen Zweifelsfällen ist sehr klar: Derjenige Magier, der das magische Potenzial des Novizen zuerst erkannt hat, hat Anspruch auf die Ehre, zu seinem Mentor bestimmt zu werden. Im Allgemeinen ist die Ent- scheidung daher sehr einfach.« Er schnitt eine Grimasse. »Aber diesmal nicht. Wir haben deine Magie nicht durch die üblichen Tests entdeckt. Manche Magier glauben, dass ich deine Kräfte zuerst wahrgenommen habe, weil ich dich als Erster gesehen habe. Andere wiederum meinen, Fergun habe die Konsequenzen deiner Kräfte als Erster gespürt, weil er derjenige war, der von deinem Stein getroffen wur- de.« Rothen kicherte. »Anscheinend streitet sich die Gilde schon seit Monaten über dieses Thema.« Er hielt inne, um noch einen Schluck von seinem Wein zu nehmen. »Die Anhörung wird nach der nächsten Ver- sammlung stattfinden, also in einer Woche. Danach wirst du deinen Unterricht entweder mit mir oder mit Fergun fortsetzen.« Sonea runzelte die Stirn. »Der Novize hat also nicht das Recht, seinen Mentor selbst auszuwählen?«, Er schüttelte den Kopf. »Nein.« »Dann sollte ich diesen Fergun wohl besser kennen ler- nen«, sagte sie langsam. »Um herauszufinden, was für ein Mensch er ist.« Rothen sah sie forschend an, erstaunt über die Gelassen- heit, mit der sie der Situation begegnete. Er hätte sich dar- über freuen sollen, sagte er sich, aber er konnte sich einer leichten Enttäuschung nicht erwehren. Es wäre befriedi- gender gewesen, wenn sie gegen die Aussicht protestiert hätte, seiner Gesellschaft beraubt zu werden. »Wenn du es wünschst, kann ich ein Treffen mit ihm ar- rangieren«, erwiderte er. »Er wird dich kennen lernen wol- len, ebenso wie andere. Bevor das geschieht, sollte ich dich jedoch mit einigen der Regeln und Gebräuche der Gilde vertraut machen.« In ihren Augen leuchtete Interesse auf. Erleichtert dar- über, dass ihre Neugier zurückgekehrt war, lächelte Ro- then. »Zum Ersten wäre da die Sitte der Verbeugung.« Unwille zeichnete sich auf ihren Zügen ab. Rothen ki- cherte mitfühlend. »Ja. Verbeugungen. Alle Nichtmagier – natürlich mit Ausnahme der Mitglieder der königlichen Familie – müs- sen sich vor Magiern verbeugen.« Sonea verzog das Gesicht. »Warum?« »Es ist eine Geste des Respekts.« Rothen zuckte die Achseln. »So töricht es dir erscheinen mag, einige von uns betrachten es als eine nicht unerhebliche Kränkung, wenn, man sich nicht vor ihnen verneigt.« Ihre Augen wurden schmal. »Seht Ihr das auch so?« »Im Allgemeinen nicht«, antwortete er. »Aber manch- mal ist die Weigerung, sich zu verneigen, als bewusste Be- leidigung gedacht.« Sie sah ihn argwöhnisch an. »Erwartet Ihr, dass ich mich von jetzt an vor Euch verneige?« »Ja und nein. Wenn wir unter uns sind, erwarte ich es nicht, aber sobald wir diese Räume verlassen, solltest du dich vor mir verbeugen, und sei es auch nur, um dich daran zu gewöhnen. Außerdem solltest du den Ehrentitel benut- zen. Magier werden mit Lord oder Lady angesprochen. Die einzigen Ausnahmen bilden die Rektoren, die Administra- toren und der Hohe Lord, die du mit ihrem Titel anspre- chen musst.« Rothen lächelte über Soneas Gesichtsaus- druck. »Ich hatte mir schon gedacht, dass dir das nicht ge- fallen würde. Du magst zwar in der untersten Gesell- schaftsschicht aufgewachsen sein, aber du hast den Stolz eines Königs.« Er beugte sich vor. »Eines Tages wird sich jeder vor dir verneigen, Sonea. Das zu akzeptieren wird dir noch schwerer fallen.« Sie runzelte die Stirn, dann griff sie nach ihrem Glas und leerte es. »Also«, fuhr Rothen fort, »dann wollen wir uns jetzt den Regeln der Gilde zuwenden. Hier.« Er schenkte ihr noch einmal von dem Wein nach. »Mal sehen, ob du diese Re- geln weniger schwer verdaulich findest.«, Rothen ging gleich nach dem Abendessen fort, zweifel- los, um die Neuigkeit zu verbreiten. Als Tania den Tisch abräumte, trat Sonea ans Fenster. Sie hielt inne, um die Fensterblende zu betrachten, und zum ersten Mal bemerkte sie, dass das komplizierte Muster darauf winzige Symbole der Gilde darstellte. Ihre Tante hatte zwei alte, von Schimmelflecken übersä- te Fensterblenden besessen. Sie hatten die falsche Form für das Fenster ihres Zimmers in dem Bleibehaus gehabt, aber ihre Tante hatte sie trotzdem an die Scheibe gelehnt. Wenn die Sonne durch das Papier fiel, war es ihr leicht gefallen, über diese kleinen Mängel hinwegzusehen. Statt des gewohnten Heimwehs, das sie sonst bei solchen Erinnerungen befiel, verspürte sie eine vage Sehnsucht. Der Luxus, der sie umgab, die Bücher und die blankpolier- ten Möbel entlockten ihr einen Seufzer. Sie würde die Annehmlichkeiten und das gute Essen vermissen, aber damit hatte sie sich bereits abgefunden. Rothen zu verlassen, würde ihr jedoch nicht so leicht fal- len. Sie schätzte seine Gesellschaft – die Gespräche mit ihm, ihren Unterricht und die Gedankenrede. Ich wollte ohnehin fortgehen, rief sie sich zum hunderts- ten Mal ins Gedächtnis. Ich habe bisher nur nicht darüber nachgedacht, wie viel ich hier gewonnen habe. Das Wissen, dass man sie aus der Gilde vertreiben wür- de, hatte ihr erst zu Bewusstsein gebracht, was sie verlieren würde. Es würde ihr nur allzu leicht fallen, so zu tun, als wolle sie wirklich bleiben., Nur gut, dass Fergun das nicht weiß, ging es ihr durch den Kopf. Das würde seine Rache nur umso süßer machen. Fergun ging ein hohes Risiko ein, um ihr die Demüti- gung heimzuzahlen, die sie ihm zugefügt hatte. Er musste sehr wütend sein – oder sehr sicher, dass er damit durch- kommen konnte. So oder so, er war bereit, große Anstren- gungen zu unternehmen, um sie aus der Gilde verstoßen zu lassen. »Lady?« Als Sonea sich umdrehte, stand Tania vor ihr. Die Die- nerin lächelte. »Ich wollte Euch nur sagen, wie sehr ich mich freue, dass Ihr Euch zum Bleiben entschlossen habt«, bemerkte sie. »Es wäre eine Schande, wenn Ihr fortgehen würdet.« Sonea spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. »Ich danke dir, Tania.« Die Frau verschränkte die Hände. »Ihr seht so aus, als wärt Ihr voller Zweifel. Ihr tut das Richtige. Die Gilde hat noch nie arme Leute aufgenommen. Es wird ihnen nicht schaden, festzustellen, dass Ihr alles tun könnt, was sie können, und zwar genauso gut wie sie.« Ein kalter Schauer überlief Sonea. Hier ging es nicht nur um Rache! Die Gilde war nicht dazu verpflichtet, sie aufzunehmen. Die Magier hätten einfach ihre Kräfte blockieren und sie in die Hütten zurückschicken können. Aber genau das wollten sie nicht. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten hatten die Magier es in Erwägung gezogen, jemanden von außerhalb, der Häuser zu unterrichten. Ferguns Worte hallten in ihren Gedanken wider. Sobald du eine kleine Aufgabe für mich erledigt hast, wird man dich dorthin zurückschicken, wo du hingehörst. Zurück dorthin, wo sie hingehörte? Sie hatte die Verachtung in seiner Stimme gehört, aber sie hatte die Bedeutung seiner Worte nicht begriffen. Fer- gun wollte nicht nur dafür sorgen, dass sie der Gilde nicht beitreten konnte. Er wollte sicherstellen, dass man niemals wieder jemandem vom Hüttenvolk eine solche Chance ge- ben würde. Welche »Aufgabe« Fergun auch für sie vorge- sehen haben mochte, er würde damit beweisen, dass die Hüttenleute nicht vertrauenswürdig waren. Die Gilde wür- de es nie wieder in Erwägung ziehen, ein Mitglied dieser Gesellschaftsschicht in ihre Reihen aufzunehmen. Sonea hielt sich am Fenstersims fest, und ihr Herz häm- merte vor Wut. Sie öffnen mir, einem Mädchen aus den Hüttenvierteln, ihre Türen, aber ich werde fortgehen, als bedeutete das gar nichts! Ein vertrautes Gefühl der Hilflosigkeit überfiel sie. Sie konnte nicht bleiben. Cerys Leben hing davon ab. »Lady?« Sonea blinzelte. Die Dienerin legte ihr sachte eine Hand auf den Arm. »Ihr werdet Eure Sache gut machen«, versicherte Tania ihr. »Rothen sagt, Ihr wärt sehr stark und würdet schnell lernen.« »Das sagt er?«, »Oh ja.« Tania wandte sich um und griff nach ihrem Korb, in den sie das schmutzige Geschirr gepackt hatte. »Nun, wir sehen uns morgen früh wieder. Und macht Euch keine Sorgen. Es wird alles gut werden.« Sonea lächelte. »Danke, Tania.« Die Dienerin verbeugte sich. »Gute Nacht.« »Gute Nacht.« Als Sonea wieder allein war, blickte sie seufzend aus dem Fenster. Draußen hatte es erneut zu schneien begon- nen, und weiße Flocken tanzten in der Nacht. Wo bist du, Cery? Bei dem Gedanken an den Dolch, den Fergun ihr gezeigt hatte, runzelte sie die Stirn. Es war möglich, dass er das Messer gefunden hatte, dass er Cery gar nicht wirklich in seiner Gewalt hatte… Sie wandte sich vom Fenster ab und ließ sich in einen Sessel fallen. Es gab so vieles, worüber sie nachdenken musste: Cery, Fergun, die Anhörung. Trotz Tanias Beteue- rungen würde sie während der nächsten Wochen nicht viel Schlaf bekommen. An jedem Dritt-Tag ging Dannyl zum Abendessen zu Yal- din und dessen Frau. Ezrille hatte diese Tradition schon vor Jahren begründet, als sie anfing, sich darum zu sorgen, dass er sich einsam fühlen könnte, wenn er den Tag allein been- den musste. Als er Yaldins Diener seinen leeren Teller überließ, stieß Dannyl einen leisen Seufzer der Zufriedenheit aus. Obwohl, er bezweifelte, dass er jemals in Melancholie versinken würde, wie Ezrille befürchtete, war es auf jeden Fall ange- nehmer, in Gesellschaft zu essen statt allein. »Mir sind Gerüchte über Euch zu Ohren gekommen, Dannyl«, sagte Yaldin. Dannyl runzelte die Stirn; seine Zufriedenheit verpuffte jäh. Fergun konnte doch nicht schon wieder irgendwelche Lügengeschichten über ihn in Umlauf gebracht haben! »Oh, was erzählt man sich denn so?« »Dass der Administrator so beeindruckt von Euren Ver- handlungen mit den Dieben ist, dass er Euch für einen Bot- schafterposten in Erwägung zieht.« Dannyl starrte den alten Magier an. »Das tut er?« Yaldin nickte. »Was haltet Ihr von der Idee? Sagt Euch das Reisen zu?« »Ich…« Dannyl schüttelte den Kopf. »Ich habe noch nie darüber nachgedacht. Ich? Botschafter?« »Ja.« Yaldin kicherte. »Ihr seid nicht mehr gar so jung und dumm, wie Ihr es einmal wart.« »Danke«, erwiderte Dannyl trocken. »Diese neue Aufgabe könnte Euch gut tun«, warf Ezrille ein. Sie lächelte und zeigte mit dem Finger auf ihn. »Viel- leicht kommt Ihr sogar mit einer Ehefrau zurück.« Dannyl warf ihr einen vernichtenden Blick zu. »Fangt nicht wieder damit an, Ezrille.« Sie zuckte die Achseln. »Nun, da es offensichtlich keine Frau in Kyralia gibt, die gut genug für Euch wäre –« »Ezrille«, ermahnte Dannyl sie. »Die letzte junge Lady,, die ich kennen gelernt habe, ist mit einem Dolch auf mich losgegangen. Ihr wisst, dass in Bezug auf Frauen ein Fluch auf mir lastet.« »Das ist doch lächerlich. Ihr habt versucht sie einzufan- gen, statt sie zu bestricken. Aber jetzt erzählt mir lieber, wie es Sonea geht.« »Rothen sagt, dass sie im Unterricht gute Fortschritte macht, obwohl sie immer noch entschlossen ist fortzuge- hen. Und sie plaudert gern mit Tania.« »Wahrscheinlich fühlt sie sich im Umgang mit Dienern wohler als mit uns«, überlegte Yaldin laut. »Sie stehen nicht so hoch über ihr, wie wir es tun.« Dannyl zuckte zusammen. Früher einmal hätte er eine solche Bemerkung nicht infrage gestellt – er hätte Yaldins Worten sogar zugestimmt –, aber seit er Sonea kannte, er- schien ihm diese Denkweise ungerecht, ja sogar beleidi- gend. »Es würde Rothen nicht gefallen, so etwas zu hö- ren.« »Nein«, pflichtete Yaldin ihm bei. »Aber er steht mit seinen Ansichten allein. Der Rest der Gilde ist der Mei- nung, dass Klasse und Status sehr wichtig sind.« »Was redet man denn zur Zeit so?« Yaldin zuckte die Achseln. »Anfangs waren es nur freundschaftliche Wetten, welcher der beiden Männer zu Soneas Mentor bestimmt werden würde. Aber inzwischen gehen die Dinge weit darüber hinaus. Viele Leute glauben, dass es unklug wäre, jemanden mit ihrer zweifelhaften Vergangenheit in die Gilde aufzunehmen.«, »Fängt das schon wieder an? Wie begründen sie es denn diesmal?« »Wird sie ihr Gelübde halten? Wird sie einen schlechten Einfluss auf andere Novizen ausüben?« Yaldin beugte sich vor. »Ihr habt sie kennen gelernt. Was meint Ihr dazu?« Dannyl zuckte die Achseln. »Ich bin der Letzte, den Ihr danach fragen dürft. Sie ist mit einem Dolch auf mich los- gegangen, habt Ihr das bereits vergessen?« »Ihr werdet schon dafür sorgen, dass wir das niemals vergessen«, bemerkte Ezrille. »Aber Ihr müsst uns doch noch mehr über sie erzählen können.« »Ihre Ausdrucksweise ist ungehobelt, wenn auch nicht so schlimm, wie ich erwartet hatte. Ihre Manieren sind nicht das, woran wir gewöhnt sind. Keine Verbeugungen, kein ›Mylord‹.« »Das wird Rothen ihr alles beibringen, wenn sie so weit ist«, warf Ezrille ein. Yaldin schnaubte leise. »Er sollte besser dafür sorgen, dass sie vor der Anhörung darüber Bescheid weiß.« »Ihr vergesst beide nach wie vor, dass sie nicht bleiben will. Warum sollte er sich die Mühe machen, ihr die Etiket- te beizubringen?« »Vielleicht wäre es für alle Beteiligten einfacher, wenn sie tatsächlich ginge.« Ezrille warf ihrem Mann einen tadelnden Blick zu. »Y- aldin«, schalt sie ihn, »willst du das Mädchen wirklich in die Armut zurückschicken, nachdem man ihr all den Reich- tum hier gezeigt hat? Das wäre grausam.«, Der alte Mann breitete die Hände aus. »Natürlich nicht, aber sie will fortgehen, und es wird einfacher sein, wenn sie es tut. Es wird keine Anhörung geben, und all die Über- legungen, ob man Leute von außerhalb der Häuser auf- nehmen sollte, werden in Vergessenheit geraten.« »Diese ganzen Spekulationen sind doch müßig«, sagte Dannyl. »Wir alle wissen, dass der König sie in der Gilde sehen will, unter unserer Kontrolle.« »Dann wird er nicht allzu glücklich sein, wenn sie bei ihrem Entschluss bleibt, von hier fortzugehen.« »Das ist richtig«, stimmte Dannyl ihm zu. »Aber er kann sie nicht zwingen, das Gelübde abzulegen, wenn sie es nicht will.« Yaldin runzelte die Stirn, dann wurde er durch ein Klop- fen an der Tür abgelenkt. Er machte eine träge Handbewe- gung, und die Tür schwang auf. Rothen trat ein. Er strahlte übers ganze Gesicht. »Sie bleibt!« »Nun, dann wäre das Problem also gelöst«, sagte Ezrille. Yaldin schnaubte. »Nicht alle Probleme sind dadurch gelöst, Ezrille. Uns steht immer noch die Anhörung be- vor.« »Die Anhörung?« Rothen machte eine wegwerfende Ge- ste. »Darüber zerbrechen wir uns ein andermal den Kopf. Heute Abend möchte ich einfach nur feiern.«, 27. Irgendwo unter der Universität Sonea, die sich in einem Sessel zusammengerollt hatte, gähnte und ließ im Geiste noch einmal die Ereignisse des Tages an sich vorüberziehen. Am Morgen hatte Administrator Lorlen sie aufgesucht, um sie danach zu fragen, wie sie sich entschieden habe, und ihr zum wiederholten Mal zu erklären, was es mit der Anhörung und der Sache mit dem Mentor auf sich habe. Er war ehrlich erfreut darüber gewesen, dass sie bleiben woll- te, und Sonea hatte deswegen ein schlechtes Gewissen ge- habt –ein Gefühl, das ihr im Laufe des Tages immer ver- trauter geworden war. Es waren weitere Besucher gekommen: zuerst Dannyl, dann die strenge, einschüchternde Magierin, die den Hei- lern vorstand, und ein älteres Ehepaar, das mit Rothen be- freundet war. Wann immer es an ihrer Tür geklopft hatte, hatte sie sich verkrampft und sich innerlich auf das Er- scheinen Ferguns vorbereitet, aber der Krieger war nicht gekommen. Sie vermutete, dass er sie erst aufsuchen würde, wenn, sie allein war, daher war sie beinahe erleichtert, als Rothen sich nach dem Abendessen verabschiedete und erklärte, dass er erst sehr spät zurückkehren werde und sie nicht auf ihn warten solle. »Ich werde hier bleiben und mit Euch plaudern, wenn Ihr wollt«, erbot sich Tania. Sonea lächelte. »Vielen Dank, Tania, aber ich glaube, ich möchte heute Abend lieber allein sein.« Die Dienerin nickte. »Das verstehe ich.« Sie wandte sich wieder dem Tisch zu, hielt jedoch inne, als ein Klopfen von der Tür erklang. »Soll ich öffnen, Mylady?« Sonea nickte. Sie holte tief Luft, während die Dienerin die Tür einen Spaltbreit öffnete. »Ist Lady Sonea hier?« Als Sonea die Stimme hörte, krampfte sich ihr Magen vor Furcht zusammen. »Ja, Lord Fergun«, antwortete Tania. Sie drehte sich mit ängstlichem Blick zu Sonea um. »Ich werde mich erkundi- gen, ob sie Euch zu sehen wünscht.« »Lass ihn herein, Tania.« Obwohl ihr Herz wie wild zu hämmern begonnen hatte, gelang es Sonea, äußerlich ge- lassen zu wirken. Die Dienerin wich einen Schritt zurück, und der rotge- wandete Magier trat in den Raum. Er begrüßte Sonea mit einem Nicken und legte eine Hand auf die Brust. »Ich bin Fergun. Ich nehme an, Lord Rothen hat dir von mir erzählt?« Er warf einen kurzen Blick auf Tania. Sonea nickte., »Ja«, sagte sie. »Das hat er. Wollt Ihr Euch setzen?« »Vielen Dank«, erwiderte er, während er sich in einen Sessel sinken ließ. – Schick die Frau weg. Sonea schluckte und drehte sich zu Tania um. »Hast du sonst noch etwas zu erledigen, Tania?« Die Dienerin sah zum Tisch hinüber, schüttelte dann aber den Kopf. »Nein, Mylady. Ich werde später noch ein- mal zurückkommen, um das Geschirr abzuräumen.« Sie verneigte sich und schlüpfte aus dem Raum. Als sich die Tür hinter ihr schloss, fiel alle Freundlich- keit von Fergun ab. »Ich habe heute Morgen erfahren, dass Rothen deinen Entschluss zu bleiben verkündet hat. Du hast dir wahrhaftig Zeit gelassen, es ihm zu sagen.« »Ich musste auf den richtigen Augenblick warten«, er- widerte sie. »Sonst hätte es sehr seltsam gewirkt.« Fergun starrte sie an, dann machte er eine wegwerfende Handbewegung. »Wie dem auch sei, es ist also geschehen. Und nun hör mir zu. Damit ich auch sicher bin, dass du meine Befehle verstanden hast, möchte ich, dass du sie mir wiederholst.« Sie tat wie geheißen, und Fergun nickte. »Gut«, sagte er. »Hast du irgendwelche Fragen?« »Ja«, erwiderte sie. »Woher soll ich wissen, dass Cery sich tatsächlich in Eurer Gewalt befindet? Alles, was ich gesehen habe, ist ein Dolch.« Er lächelte. »Du wirst mir einfach vertrauen müssen.« »Euch vertrauen?« Sie schnaubte laut und zwang sich,, ihm direkt in die Augen zu blicken. »Ich will Cery sehen. Wenn Ihr mich nicht zu ihm bringt, könnte ich Administra- tor Lorlen vielleicht fragen, ob Erpressung in der Gilde als Verbrechen gilt.« Er verzog höhnisch die Lippen. »Du bist nicht in der Po- sition, solche Drohungen auszusprechen.« »Ach nein?« Sie erhob sich, schlenderte zu dem hohen Tisch hinüber und schenkte sich ein Glas Wasser ein. Ihre Hände zitterten, und sie war froh darüber, dass sie ihm den Rücken zuwandte. »Ich weiß bestens Bescheid über diese Art von Erpressung. Ich habe bei den Dieben gelebt, oder habt Ihr das vergessen? Ihr müsst beweisen, dass Ihr tat- sächlich in der Lage seid, Eure Drohung wahr zu machen. Bisher habe ich nur einen Dolch gesehen. Warum sollte ich Euch glauben, dass Ihr seinen Besitzer habt?« Sie drehte sich um und konnte mit Befriedigung beo- bachten, wie ein Ausdruck der Unsicherheit über seine Zü- ge huschte. Er ballte die Fäuste, dann nickte er langsam. »Also gut«, sagte er und stand auf. »Ich werde dich zu ihm bringen.« Ein Gefühl des Triumphs stieg in Sonea auf, das jedoch alsbald wieder verblasste. Fergun wäre nicht auf ihre Be- dingung eingegangen, wenn er Cery nicht tatsächlich in seiner Gewalt hätte. Außerdem wusste sie um die größte Gefahr in einer solchen Situation: Man musste den Entfüh- rer daran hindern, sein Opfer zu töten, sobald er bekommen hatte, was er wollte. Fergun trat zur Tür, öffnete sie und ließ Sonea vorange-, hen. Im Korridor kamen ihnen zwei Magier entgegen, die bei Soneas Anblick erschrocken stehen blieben, sich dann aber entspannten, als Fergun neben ihr erschien. »Hat Rothen dir von den verschiedenen Gebäuden der Gilde erzählt?«, fragte Fergun aufgeräumt, als sie auf die Treppe zugingen. »Ja«, antwortete sie. »Sie wurden vor über vierhundert Jahren erbaut«, fuhr er fort. »Die Gilde ist viel zu groß geworden… « Endlich Wochenende!, dachte Dannyl jubilierend, als er aus dem Klassenzimmer trat. Mehrere Novizen hatten den ganzen Tag über die Möglichkeit geredet, dass Sonea der Gilde beitreten könnte. Als zwei von ihnen die übrigen all- zu sehr abgelenkt hatten, war ihm nichts anderes übrig ge- blieben, als sie zur Strafe dazubehalten. Seufzend klemmte er sich Bücher, Papiere und Schreib- utensilien unter den Arm und ging den Korridor hinunter. Als er die Treppe erreichte, erstarrte er, außerstande zu glauben, was er in der Halle unter sich sah. Fergun und Sonea waren soeben eingetreten. Der Krie- ger sah sich in der Halle um und warf dann einen Blick auf die Treppe gegenüber von Dannyl. Dieser horchte auf die Schritte der beiden unter ihm, die langsam verklangen. So geräuschlos wie möglich ging Dannyl die Treppe hinunter. Er durchquerte die Halle bis zu der Abzweigung, in der Fergun und Sonea verschwunden waren, und spähte um die Ecke. Fergun und Sonea waren mehrere Schritte, von ihm entfernt, und sie hatten es offensichtlich eilig. Kurz darauf bogen sie in einen Seiteneingang ein. Dannyl, dessen Herz jetzt schneller schlug, folgte ihnen und verlangsamte seinen Schritt, als ihm klar wurde, dass dies derselbe Korridor war, in dem er Fergun vor einigen Tagen so hastig hatte verschwinden sehen. Er riskierte ei- nen schnellen Blick. Der Korridor war leer, und während Dannyl weiterging, spitzte er die Ohren. Mit Mühe konnte er in einiger Entfer- nung Ferguns Stimme wahrnehmen. Er folgte der Stimme durch einige weitere Korridore, bis plötzlich nichts mehr zu hören war. Die Stille jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Hatte Fergun bemerkt, dass er verfolgt wurde? Lauerte er ihm irgendwo auf? Als er eine Biegung des Korridors erreichte, fluchte Dannyl lautlos. Ohne Ferguns Stimme als Orientierung hat- te er keine Ahnung, ob er nicht vielleicht im nächsten Mo- ment über den Magier stolpern würde. Er blickte vorsichtig um die Ecke und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Der Korridor vor ihm war leer. Er bewegte sich vorsichtig weiter, hielt jedoch kurz dar- auf inne. Er war in eine Sackgasse geraten. Genau genom- men war es natürlich keine echte Sackgasse, da es so etwas in der Universität nicht gab. Eine der Türen musste zu ei- nem Nebengang führen, über den man zurück in den Hauptkorridor gelangte. Aber wenn Fergun in diese Rich- tung gegangen war, hätte Dannyl hören müssen, wie eine, Tür zufiel. Fergun hatte sich keine besondere Mühe gege- ben, Geräusche zu vermeiden. Aber wenn er bemerkt hatte, dass ihm jemand folgte…? Dannyl drehte den Knauf der Tür, durch die man in den Seitengang gelangte. Die Scharniere knarrten dramatisch, als die Tür sich öffnete, wie um Dannyl zu bestätigen, dass er es hätte hören müssen, falls Fergun durch die gleiche Tür gegangen war. Auf der anderen Seite fand Dannyl je- doch wieder niemanden vor. Auch der Hauptkorridor war verlassen. Verwirrt kehrte Dannyl zurück und versuchte es mit anderen Türen, aber nirgendwo war ein Zeichen von Sonea oder Fergun zu ent- decken. Kopfschüttelnd verließ er die Universität, während sich die Fragen in seinem Kopf überschlugen. Warum hatte Fergun Sonea aus Rothens Quartier geholt? Warum hatte er sie in die menschenleeren inneren Korridore der Universi- tät geführt? Wie war es möglich, dass die beiden hatten verschwinden können? – Rothen? – Dannyl. – Wo bist du? – Im Abendsaal. Dannyl zog die Brauen zusammen. Fergun hatte also gewartet, bis Rothen nicht mehr da war, bevor er an Sonea herantrat. Typisch. – Bleib, wo du bist. Ich muss mit dir reden., Cery zog sich die Decke fester um die Schultern und lauschte dem Klappern seiner Zähne. Die Temperatur im Raum war im Laufe der Tage langsam gesunken, und in- zwischen war es so kalt, dass die Feuchtigkeit auf den Mauern gefror. Irgendwo über ihm hatte der Winter die Stadt mit seinem Würgegriff umklammert. Der Magier brachte ihm jetzt mit jeder Mahlzeit eine Kerze, die jedoch nur wenige Stunden hielt. Wenn sich die Dunkelheit von neuem herabsenkte, schlief Cery oder ging im Raum auf und ab, um sein Blut warm zu halten, und er zählte die Schritte, damit er nicht gegen die Wände prallte. Die Wasserflasche drückte er sich an die Brust, um zu ver- hindern, dass das Wasser gefror. Ein leises Geräusch erregte seine Aufmerksamkeit, und er blieb jäh stehen, überzeugt davon, noch andere Schritte als seine eigenen gehört zu haben. Nur Stille folgte. Seuf- zend setzte er sich wieder in Bewegung. In Gedanken hatte er ungezählte Gespräche mit seinem Entführer geführt. Nach seinem erfolglosen Versuch, den Magier zu töten, hatte Cery viele Stunden lang über seine Situation nachgegrübelt. Es war unmöglich, aus der Zelle auszubrechen, und er stellte nicht die geringste Gefahr für Fergun dar. Sein Schicksal lag ganz in dessen Händen. Obwohl es ihm einen bitteren Geschmack in den Mund trieb, wusste er, dass seine einzige Chance auf Entkommen darin lag, sich den Magier gewogen zu machen. Was je- doch unmöglich schien – Fergun zeigte keinerlei Neigung, mit ihm zu reden. Und offensichtlich brachte er Cery nur, Verachtung entgegen. Um Soneas willen, dachte Cery. Um ihretwillen muss ich es versuchen. Sonea. Cery schüttelte den Kopf und seufzte. Mögli- cherweise war sie gezwungen worden, ihm zu sagen, dass sie die Hilfe der Gilde brauchte, um Kontrolle über ihre Kräfte zu gewinnen, aber Cery bezweifelte es. Sie hatte nicht ängstlich oder angespannt gewirkt, nur resigniert. Er hatte selbst mitangesehen, wie ihre Kräfte auf ihre Gefühle reagiert hatten, wie gefährlich sie geworden waren. Es war durchaus möglich, dass ihre Magie sie am Ende getötet hät- te. Was bedeutete, dass er nichts Schlimmeres hätte tun können, als Sonea zu den Dieben zu bringen. Dort hatte sie jeden Tag Magie benutzen müssen und versucht, ihre Kräf- te noch zu stärken, wodurch sie womöglich umso schneller die Kontrolle darüber verloren hatte. Aber irgendwann wäre sie ohnehin zu diesem Punkt ge- langt, ganz gleich, was er, Cery, getan hätte. Früher oder später hätte die Gilde sie gefunden, oder sie wäre gestor- ben. Cery schnitt in der Dunkelheit eine Grimasse und dachte an den Brief, den die Magier ihr geschickt und in dem sie behauptet hatten, sie wollten Sonea keinen Schaden zufü- gen. Stattdessen hatten sie ihr einen Platz in der Gilde an- geboten. Sonea hatte ihnen nicht geglaubt. Ebenso wenig wie Faren. Aber Cery hatte einen alten Bekannten unter den Die- nern der Gilde. Der Mann wäre vielleicht in der Lage ge-, wesen, den Wahrheitsgehalt dieses Briefes zu bestätigen, aber Cery hatte ihn nicht gefragt. Ich wollte es nicht wissen. Ich wollte, dass wir zusam- menblieben. Sonea und ich, im Dienst der Diebe… Oder ohne die Diebe, aber zusammen… Sie war nicht für die Diebe bestimmt – oder für ihn. Sie besaß Magie. Ob es ihr gefiel oder nicht, sie gehörte zu den Magiern. Eifersucht loderte in ihm auf, aber er schob sie beiseite. In der Dunkelheit waren ihm Zweifel an seinem Hass auf die Gilde gekommen. Ein Gedanke drängte sich ihm immer wieder auf: Wenn die Magier so viel Mühe darauf ver- wandt hatten, Sonea – und viele andere Hüttenleute – vor ihren unbeherrschten Kräften zu retten, dann konnten sie dem Hüttenvolk gegenüber nicht gar so gleichgültig sein, wie er es immer vermutet hatte. Und welche bessere Zukunft hätte er sich für Sonea vor- stellen können? Sie konnte Reichtum, Wissen und Macht haben. Wie konnte er ihr das verwehren? Er konnte es nicht. Er hatte keinen Anspruch auf sie. Diese Erkenntnis schmerzte ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Obwohl sein Herz in dem Moment, als sie in sein Leben zurückgekehrt war, zu singen begonnen hatte, hatte sie ihm gegenüber niemals mehr als Zuneigung oder Freundschaft zu erkennen gegeben. Wieder hörte er ein leises Geräusch und blieb stehen. Ir- gendwo in der Ferne konnte er das Klatschen von Schuh- sohlen auf dem Stein wahrnehmen. Als die Schritte näher, kamen, wich Cery von der Tür zurück, damit der Magier eintreten konnte. Die Schritte kamen jetzt schnell näher, was bedeutete, dass Fergun es eilig hatte. Aber dann blieb, wer immer draußen vorbeiging, nicht vor der Tür stehen, sondern setzte seinen Weg fort. Cery machte einen Schritt nach vorn. War das da drau- ßen wirklich Fergun, der nur in eine andere Richtung ging? Oder war es jemand anders? Er stürzte zur Tür hinüber und hob die Hand, um dage- gen zu hämmern, dann packten ihn plötzlich Zweifel, und er erstarrte. Wenn er Recht hatte und Fergun ihn benutzte, um Sonea zu erpressen, würde er sie dann in Gefahr brin- gen, indem er floh und Ferguns Pläne durchkreuzte? Wenn Fergun Sonea zu viel erzählt hatte, würde er sie vielleicht töten, um sein Verbrechen geheim zu halten. Ce- ry hatte viele Geschichten von fehlgeschlagenen Entfüh- rungen und Erpressungsversuchen gehört, und als er sich jetzt das unerfreuliche Ende einiger dieser Berichte ins Ge- dächtnis rief, schauderte er. Die Schritte draußen waren inzwischen verklungen. Ce- ry lehnte den Kopf an die Tür und fluchte. Es war zu spät. Der Fremde war fort. Seufzend beschloss er, weiterhin zu versuchen, Ferguns Freundschaft zu gewinnen, und sei es auch nur, um mehr über die Pläne des Magiers zu erfahren. Wieder einmal ging Cery im Geiste verschiedene Möglichkeiten eines Ge- sprächs mit dem Mann durch. Als kurz darauf abermals Schritte erklangen, glaubte er beinahe, er habe sie sich nur, eingebildet. Aber dann wurden die Schritte lauter, und er wusste, dass er sich nicht geirrt hatte. Sein Herz schlug plötzlich schneller – es waren zwei Personen, die sich seinem Ge- fängnis näherten. Sie blieben draußen vor der Tür stehen, und Cery hörte, durch die Tür gedämpft, Ferguns Stimme. »Halt, wir sind da.« Das Schloss klickte, und die Tür schwang auf. Eine Lichtkugel schwebte über Ferguns Kopf und blendete Cery für einen Moment. Doch trotz des grellen Lichts erkannte er die Silhouette des zweiten Besuchers. »Sonea!«, rief er überglücklich. »Cery?« Sonea hob die Hände und nahm ihre Augenbinde ab. Dann lächelte sie ihn blinzelnd an und trat in seine Zelle. »Geht es dir gut? Du bist nicht krank oder verletzt?« Sie musterte ihn forschend. Er schüttelte den Kopf. »Nein. Und was ist mit dir?« »Mir geht es gut.« Sie drehte sich zu Fergun um, der sie und Cery voller Interesse beobachtete. »Fergun hat dir nichts angetan?« Cery brachte ein schiefes Lächeln zustande. »Nur, wenn ich es herausgefordert habe.« Sie zog die Brauen hoch. Dann wandte sie sich um und sah Fergun mit schmalen Augen an. »Gebt mir etwas Zeit, um allein mit ihm zu reden.« Fergun zögerte, dann zuckte er die Achseln. »Meinetwe- gen. Ein paar Minuten, mehr nicht.«, Er machte eine Bewegung mit der rechten Hand, und die Tür fiel zu, so dass sie in tiefer Dunkelheit zurückblieben. Cery seufzte. »Nun, jetzt sitzen wir immerhin zusammen in der Falle.« »Er wird mich nicht hier zurücklassen. Er braucht mich.« »Wozu?« »Das ist ziemlich kompliziert. Er möchte, dass ich der Gilde beitrete, damit er mich dazu zwingen kann, ein Ge- setz zu brechen, so dass man mich wieder hinauswirft. Ich glaube, das ist seine Art, sich dafür zu rächen, dass ich ihn bei der Säuberung mit meinem Stein getroffen habe – aber ich vermute, dass es ihm außerdem darum geht, die Gilde davon zu überzeugen, wie wenig wünschenswert es ist, Hüttenleute aufzunehmen. Es spielt keine Rolle. Wenn ich tue, was er sagt, wird er dich freilassen. Glaubst du, dass er zu seinem Wort stehen wird?« Cery schüttelte den Kopf, obwohl er wusste, dass sie ihn nicht sehen konnte. »Diese Frage kann ich dir nicht beant- worten. Er war nicht grausam zu mir. Die Diebe wären schlimmer gewesen.« Er zögerte. »Ich glaube nicht, dass er weiß, was er tut. Zieh irgendjemanden ins Vertrauen.« »Nein«, erwiderte sie. »Wenn ich ihn verrate, wird Fer- gun sich weigern, dein Versteck preiszugeben. Du wirst verhungern.« »Es muss doch noch jemanden geben, der über dieses Verlies Bescheid weiß.« »Es könnte Tage dauern, bis man dich findet, Cery. Wir, sind weit gegangen, um hierher zu kommen. Möglicher- weise befindest du dich nicht einmal innerhalb der Gilde.« »Mir kam der Weg nicht so weit –« »Es spielt keine Rolle, Cery. Ich wollte ohnehin nicht bleiben, deshalb macht es keinen Sinn, dein Leben aufs Spiel zu setzen.« »Du wolltest der Gilde nicht beitreten?« »Nein.« Sein Herzschlag beschleunigte sich. »Warum nicht?« »Aus vielerlei Gründen. Zum einen hassen die Men- schen die Magier. Ich käme mir wie eine Verräterin vor, wenn ich mich ihnen anschlösse.« Er lächelte. Es sah ihr so ähnlich, die Dinge so zu be- trachten. Er holte tief Luft. »Sonea, du solltest bleiben. Du musst lernen, deine Magie zu benutzen.« »Aber dann werden mich alle hassen.« »Nein, das stimmt nicht. In Wahrheit würden sie alle liebend gern selbst Magier werden, wenn sie auch nur die leiseste Chance dazu hätten. Wenn du das Angebot der Magier ablehnst, werden dich alle für verrückt halten oder für dumm. Sie würden es verstehen, wenn du bleibst. Nie- mand würde verlangen, dass du all das aufgibst.« Er schluckte hörbar und zwang sich zu einer Lüge. »Ich möchte nicht, dass du all das aufgibst.« Sie zögerte. »Du würdest mich nicht hassen?« »Nein.« »Ich würde es tun.« »Die Menschen, die dich kennen, würden deine Ent-, scheidung nicht für falsch halten«, sagte Cery. »Aber… mir würde es trotzdem so vorkommen, als hätte ich die Seiten gewechselt.« Cery seufzte. »Sei nicht dumm, Sonea. Wenn du Magie- rin wärst, könntest du den Menschen helfen. Du könntest vielleicht sogar darauf hinwirken, dass man die Säuberun- gen einstellt. Die Leute würden auf dich hören.« »Aber… ich gehöre zu Jonna und Ranel. Die beiden brauchen mich.« »Nein, das tun sie nicht. Es geht ihnen gut. Denk nur, wie stolz sie wären. Ihre eigene Nichte in der Gilde.« Sonea stampfte mit dem Fuß auf. »Es spielt keine Rolle, Cery. Ich kann nicht bleiben. Fergun hat gesagt, er würde dich töten. Ich werde einen Freund nicht im Stich lassen, nur um ein paar Magiertricks zu lernen.« Einen Freund. Cery sackte in sich zusammen. Er schloss die Augen und stieß einen langen Seufzer aus. »Sonea. Er- innerst du dich an die Nacht, in der wir in der Gilde spio- niert haben?« »Natürlich.« Er konnte das Lächeln in ihrer Stimme hö- ren. »Ich habe dir damals erzählt, dass ich jemanden hier kenne, einen Diener der Gilde. Ich hätte diesen Mann bit- ten können, herauszufinden, welche Pläne die Gilde für dich hatte, aber ich habe es nicht getan. Weißt du, wa- rum?« »Nein.« Sie klang jetzt ziemlich verwirrt. »Ich wollte nicht herausfinden müssen, dass die Gilde, dir wirklich helfen wollte. Du warst gerade erst zurückge- kommen, und ich wollte dich nicht noch einmal verlieren.« Sie erwiderte nichts darauf. Ihr Schweigen sagte ihm mehr als alle Worte. Er schluckte, denn sein Mund war plötzlich trocken geworden. »Ich hatte hier jede Menge Zeit zum Nachdenken«, fuhr er fort. »Ich… nun ja, ich habe mich gezwungen, den Din- gen ins Auge zu sehen. Zwischen uns ist nichts außer Freundschaft, daher wäre es unfair –« Sie gab einen seltsamen kleinen Laut von sich. »Oh, Ce- ry«, flüsterte sie. »Du hast nie etwas gesagt!« Sein Gesicht brannte mit einem Mal, und er war dankbar für die Dunkelheit. Mit angehaltenem Atem wartete er dar- auf, dass sie weitersprach. Vielleicht würde sie ja irgend- etwas sagen, das ihm zeigte, dass sie seine Gefühle erwi- derte, vielleicht würde sie ihn berühren… Die Stille dehnte sich, bis er es nicht länger ertragen konnte. »Nun, das ist nicht wichtig«, murmelte er. »Wich- tig ist, dass du nicht in die Hütten gehörst. Nicht, seit du deine Magie entdeckt hast. In die Gilde passt du vielleicht auch nicht richtig, aber du musst es wenigstens versuchen.« »Nein«, erwiderte sie entschieden. »Ich muss dich hier rausholen. Ich weiß nicht, wie lange Fergun dich benutzen will, um mich zu erpressen, aber er kann dich nicht für immer hier unten festhalten. Ich werde ihn dazu zwingen, mir Nachrichten von dir zu überbringen, damit ich weiß, dass du noch lebst. Wenn er das nicht tut, werde ich nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten. Erinnerst du dich noch, an die Geschichte über Hurin, den Zimmermann?« »Natürlich.« »Wir werden das Gleiche tun, was er getan hat. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis er dich freilässt, aber ich…« Das Klicken der Tür ließ sie verstummen. Das Licht des Magiers fiel auf ihr Gesicht, und Cery hatte das Gefühl, als breche ihm das Herz. »Du warst jetzt lange genug hier drin«, blaffte Fergun sie an. Sonea wandte sich wieder zu Cery um, umarmte ihn schnell und ging zur Tür. Cery schluckte. Irgendwie hatte diese kurze Berührung mehr geschmerzt als ihr früheres Schweigen. »Halt dich warm«, sagte sie zu ihm. Dann drehte sie sich um und ging an Fergun vorbei in den Korridor hinaus. Als die Tür sich hinter ihr schloss, eilte Cery durch den Raum und drückte ein Ohr gegen das Holz. »Tu, was ich dir sage, dann wirst du ihn wiedersehen«, erklärte Fergun. »Ansonsten… « »Ich weiß, ich weiß«, erwiderte Sonea. »Aber vergesst niemals, was die Diebe mit denen machen, die ihre Ver- sprechen brechen…« Erzähl es ihm, dachte Cery mit einem grimmigen Lä- cheln. Sobald Dannyl den Abendsaal betreten hatte, war klar, dass ihn irgendetwas beunruhigte. Rothen löste sich aus dem, Kreis neugieriger Magier, die sich um ihn geschart hatten, und durchquerte den Raum, um seinen Freund zu begrü- ßen. »Was ist passiert?« »Ich kann hier nicht darüber sprechen«, antwortete Dan- nyl mit einem warnenden Blick. »Sollen wir nach draußen gehen?«, schlug Rothen vor. Sie traten in den fallenden Schnee hinaus. Weiße Flo- cken wirbelten um sie herum und zischten leise, als sie auf Rothens Schild trafen. Dannyl schlenderte zu dem Spring- brunnen hinüber und blieb stehen. »Rate mal, wen ich gerade in der Universität gesehen habe.« »Wen?« »Fergun und Sonea.« »Sonea?« Ein Anflug von Sorge regte sich in Rothen, aber er drängte das Gefühl beiseite. »Er hat jetzt das Recht, mit ihr zu reden, Dannyl.« »Mit ihr zu reden, ja, aber darf er sie auch aus deinem Quartier holen?« Rothen zuckte die Achseln. »Es gibt kein Gesetz dage- gen.« »Machst du dir keine Sorgen?« »Doch, aber es wird nichts nützen, dagegen zu protestie- ren, Dannyl. Wenn die anderen sehen, dass Fergun zu weit geht, ist meinen Zwecken damit eher gedient, als wenn ich bei allem, was er unternimmt, Protest erhebe. Ich bezweif- le, dass sie mit ihm gegangen wäre, wenn sie es nicht selbst, gewollt hätte.« Dannyl runzelte die Stirn. »Willst du nicht wissen, wo- hin er sie gebracht hat?« »Wohin?« Verärgerung zeichnete sich auf Dannyls Zügen ab. »Ich bin mir nicht ganz sicher. Ich bin ihnen in die Universität gefolgt. Fergun ist mit ihr in die inneren Korridore gegan- gen. Danach habe ich die beiden verloren. Sie sind einfach verschwunden. « »Sie haben sich vor deinen Augen in Luft aufgelöst?« »Nein. Zuerst konnte ich Fergun noch reden hören, dann war plötzlich alles still. Zu still. Ich hätte Schritte hören müssen oder eine Tür, die geschlossen wird. Irgendetwas.« Abermals drängte Rothen das aufkeimende Unbehagen beiseite. »Hm, ich würde tatsächlich gern wissen, wohin er sie gebracht hat. Was könnte er ihr in der Universität zei- gen wollen? Ich werde sie morgen danach fragen.« »Und wenn sie es dir nicht erzählt?« Rothen blickte auf den schneebedeckten Boden und dachte nach. Die inneren Korridore der Universität führten zu kleinen, privaten Räumen. Die meisten davon standen leer oder waren verschlossen. Es gab nichts Sehenswertes dort… außer… »Ich kann mir nicht vorstellen, dass er ihr die unterirdi- schen Tunnel gezeigt hat«, murmelte er. »Aber natürlich!« Dannyls Augen leuchteten auf, und Rothen bedauerte seine Worte sofort. »Das ist es!« »Das kommt mir höchst unwahrscheinlich vor, Dannyl., Niemand weiß, wo sich die Eingänge befinden, niemand außer –« Dannyl hörte ihm nicht mehr zu. »Jetzt ergibt alles einen Sinn! Warum bin ich nicht eher darauf gekommen?« Er drückte die Hände an die Schläfen. »Nun, ich würde dir ernsthaft nahe legen, den Tunneln fernzubleiben. Es gibt gute Gründe für das Verbot, sie zu benutzen. Sie sind alt und baufällig.« Dannyl zog die Augenbrauen in die Höhe. »Was ist dann mit den Gerüchten, dass ein gewisses Mitglied der Gilde sie regelmäßig benutzt?« Rothen verschränkte die Arme vor der Brust. »Er kann tun, was ihm gefällt, und ich bin davon überzeugt, dass er in der Lage wäre zu überleben, falls ein Tunnel einstürzen sollte. Außerdem bin ich mir sicher, dass es ihm nicht ge- fallen würde, wenn du dort herumschnüffelst. Was wird er sagen, wenn er dich in den Tunneln vorfindet?« Bei diesem Gedanken erlosch das Leuchten in Dannyls Augen. »Ich müsste den Zeitpunkt sorgfältig wählen. Wenn ich genau wüsste, dass er sich woanders aufhält –« »Du solltest nicht einmal im Traum daran denken«, warnte Rothen seinen Freund. »Du würdest dich dort nur verirren.« Dannyl schnaubte. »Schlimmer als die Gänge der Diebe können die Tunnel unter der Universität auch nicht sein, oder?« »Du wirst es nicht tun, Dannyl!« Aber wenn Dannyls Neugier erst einmal geweckt war,, das wusste Rothen, dann konnte ihn höchstens die Dro- hung, aus der Gilde ausgeschlossen zu werden, von seinen Plänen abbringen. Und wegen eines so geringfügigen Ver- stoßes würde man nicht zu einer derart drastischen Strafe greifen. »Überleg es dir genau, Dannyl. Du möchtest dir doch nicht die Chance verderben, Botschafter zu werden, oder?« Dannyl zuckte die Achseln. »Sie haben mir meine Ver- handlungen mit den Dieben durchgehen lassen, da werden sie es nicht allzu sehr missbilligen, wenn ich ein wenig un- ter der Universität herumschnüffle.« Rothen wandte sich resigniert ab und machte sich auf den Rückweg zum Abendsaal. »Das mag sein. Aber manchmal kommt es darauf an, wessen Missbilligung man sich zuzieht.«, 28. Die Anhörung beginnt Macht Euch keine Sorgen, Sonea«, flüsterte Tania, als sie das Universitätsgebäude erreichten. »Es wird schon alles gut gehen. Die Magier sind einfach nur eine Bande alter Männer, die lieber behaglich an ihrem Wein nippen, als in einer zugigen Halle zu sitzen. Bevor Ihr recht wisst, wie Euch geschieht, wird alles vorbei sein.« Tanias Beschreibung der Gilde entlockte Sonea ein Lä- cheln. Dann folgte sie der Dienerin über die Treppe und durch die riesigen Türen. Sie hielt den Atem an, als sie in einen Raum voller Treppen gelangten. Jede dieser Treppen bestand aus miteinander verschmolzenem Stein und Glas und wirkte zu zerbrechlich, um das Gewicht eines Men- schen zu tragen. Die Treppen zogen sich in gewundenen Spiralen durch den Raum und umschlangen einander wie ein kunstvolles Schmuckstück. »Der andere Teil der Universität sieht ganz anders aus!«, entfuhr es ihr. Tania schüttelte den Kopf. »Der Hintereingang ist für die Novizen und Magier gedacht. Aber durch diese Türen, kommen die Besucher, deshalb muss es beeindruckend sein.« Die Dienerin durchquerte die Vorhalle und ging einen kurzen Korridor hinunter. Sonea konnte vor sich die untere Hälfte einer weiteren gewaltigen Doppeltür erkennen. Am Ende des Korridors angelangt, blieb Sonea stehen und sah sich voller Ehrfurcht um. Sie standen an der Schwelle zu einem großen, hohen Raum. Weiße Wände erstreckten sich bis zu einer Decke aus Glaspaneelen, durch die das strahlende, goldene Licht der Nachmittagssonne fiel. Auf der Höhe des dritten Stockwerks durchzog ein Netz von Balkons den Raum – so zart, dass man den Eindruck gewann, als schwebten sie in der Luft. Vor ihr ragte ein Gebäude auf. Ein Gebäude innerhalb eines Gebäudes. Die groben, grauen Mauern stellten einen dramatischen Kontrast zu dem hellen Weiß der Halle dar. Über die gesamte Länge des Bauwerks zog sich eine Reihe schmaler Fenster. »Das ist die Große Halle«, erklärte Tania. »Und das«, sie zeigte auf das Gebäude, »ist die Gildehalle. Sie ist mehr als sieben Jahrhunderte alt.« »Das ist die Gildehalle?« Sonea schüttelte ungläubig den Kopf. »Ich dachte, man hätte sie durch ein anderes Ge- bäude ersetzt.« »Nein.« Tania lächelte. »Sie war solide gebaut und hat außerdem historischen Wert, deshalb wäre es eine Schande gewesen, sie abzureißen.«, Beeindruckt folgte Sonea der Dienerin. Tania machte sie auf eine Doppeltür an der Seite der Gildehalle aufmerksam. »Dort werdet Ihr hineingehen. Im Augenblick findet die Versammlung der Magier statt. Gleich danach wird die Anhörung beginnen.« Sonea verspürte einmal mehr ein unangenehmes Krib- beln im Magen. Hundert Magier saßen in diesem Raum und warteten darauf, über ihr Schicksal zu befinden. Und sie würde vor all diese Menschen hintreten… und sie täu- schen. Übelkeit erregende Angst befiel sie. Was würde gesche- hen, wenn Fergun nicht als Sieger aus der Anhörung her- vorging – obwohl sie getan hatte, was er von ihr verlangte? Würde er Cery dann trotzdem freilassen? Cery… Bei der Erinnerung an sein stockendes Geständnis in der dunklen Zelle schüttelte Sonea den Kopf. Er liebte sie. Die Überraschung hatte sie zuerst sprachlos gemacht, aber wenn sie jetzt zurückdachte, ergaben man- che Dinge plötzlich einen Sinn. Wie oft hatte sie ihn dabei ertappt, dass er sie beobachtete; wie oft war er so seltsam scheu geworden, wenn sie miteinander sprachen… Und jetzt fiel ihr auch wieder ein, dass Faren sich häufig so benommen hatte, als sei Cery mehr als nur ein treuer Freund für sie. Empfand sie genauso wie er? Seit ihrer Begegnung im Kerker hatte sie sich diese Frage ungezählte Male gestellt, aber sie konnte sie nicht mit Sicherheit beantworten. Sie, hatte nicht das Gefühl, verliebt zu sein, andererseits legte sich jedes Mal eisige Furcht um ihr Herz, wenn sie an die Gefahr dachte, in der er schwebte. Bedeutete das vielleicht, dass sie am Ende doch in ihn verliebt war? Oder hätte sie die gleiche Angst um jeden anderen gehabt, der ihr teuer war, ob nun als Freund oder als Geliebter? Wenn sie ihn liebte, hätte ihr Herz bei seinem Einges- tändnis dann nicht jubeln müssen? Wäre sie nicht glücklich darüber gewesen, dass er sie zu retten versucht hatte, statt sich schuldig zu fühlen, weil seine Zuneigung zu ihr zu seiner Gefangenschaft geführt hatte? Und wenn sie ihn liebte, müsste sie sich doch gewiss nicht all diese Fragen stellen. Entschlossen schob sie den Gedanken beiseite und atme- te tief durch. Tania klopfte ihr auf die Schulter. »Wahrscheinlich dau- ert die Versammlung nicht allzu lange, aber man kann nie wissen … « Ein lautes Klicken wehte durch die Halle, dann öffneten sich die Türen, auf die Tania Sonea kurz zuvor aufmerk- sam gemacht hatte. Der erste Magier kam aus dem Gebäu- de, und weitere folgten ihm. Sonea fragte sich unwillkür- lich, warum so viele von ihnen fortgingen. Hatte man die Anhörung abgesagt? »Wohin gehen sie?« »Es werden nur diejenigen bleiben, die sich für die An- hörung interessieren«, erklärte Tania. Während einige der Magier die Große Halle verließen,, bildeten andere kleine Gruppen. Einige der Männer und Frauen sahen Sonea mit unverhohlener Neugier an. Sonea wich ihrem Blick aus. – Sonea? Sie zuckte zusammen, dann wandte sie sich zu der Gil- dehalle um. – Rothen? – Es war eine kurze Versammlung. Man wird dich bald hereinrufen. Sonea schaute zu den Türen der Gildehalle hinüber und sah eine dunkle Gestalt hindurchtreten. Als sie den Mann erkannte, stockte ihr der Atem. Der Assassine! Sie war davon überzeugt, dass dies der Mann war, den sie in jener Nacht während ihres Erkundungszugs in der Gilde gesehen hatte. Sein Gesicht hatte denselben grimmi- gen, grüblerischen Ausdruck, den sie in Erinnerung hatte. Während er mit langen Schritten den Raum durchmaß, schlugen ihm seine schwarzen Roben um die Beine. Einige Magier drehten sich um und nickten ihm zu, und sie begegneten ihm mit dem gleichen wachsamen Respekt, den sie bei Faren erlebt hatte, wenn er mit einem Auf- tragsmörder der Diebe sprach. Der Mann grüßte mit einem knappen Nicken in die Runde, blieb jedoch nicht stehen. Obwohl Sonea wusste, dass sie seine Aufmerksamkeit auf sich lenken würde, wenn sie ihn weiter anstarrte, konnte sie sich einfach nicht abwenden. Für einen kurzen Moment begegnete sein Blick dem ihren, dann ging er weiter., Jemand legte ihr die Hand auf die Schulter, und sie fuhr herum. »Das da drüben ist Lord Ösen.« Tania zeigte zu den Tü- ren der Gildehalle hinüber. »Der Assistent des Administra- tors.« Ein junger Magier stand dort und beobachtete sie. Als er ihren Blick auffing, winkte er sie zu sich heran. »Geht nur«, flüsterte Tania und klopfte Sonea abermals auf die Schulter. »Ihr werdet schon zurechtkommen.« Sonea drückte die Schultern durch und zwang sich, die Halle zu durchqueren. Als sie den jungen Magier erreicht hatte, neigte dieser höflich den Kopf. »Sei mir gegrüßt, Sonea«, sagte er. »Willkommen in der Gildehalle.« »Ich danke Euch, Lord Ösen.« Hastig vollführte sie eine unbeholfene Verbeugung. Ösen bedeutete ihr lächelnd, ihm in die Gildehalle zu folgen. Der Geruch von Holz und Bohnerwachs schlug ihr aus dem Raum entgegen. Die Halle wirkte größer, als es von außen den Anschein hatte, und die Wände ragten zu einer dunklen Decke hoch über ihnen auf. Unter den Dachspar- ren schwebten mehrere Magierkugeln und tauchten den Raum in einen goldenen Schein. Zu beiden Seiten des Gebäudes erstreckten sich mehrere Reihen stufenförmig übereinander angeordneter Holzstüh- le. Als Sonea sah, dass die in Roben gewandeten Männer und Frauen sie beobachteten, wurde ihr Mund plötzlich trocken. Sie schluckte und wandte den Blick ab., Ösen blieb stehen, bedeutete ihr, dass sie zurückbleiben solle, und stieg dann zu den treppenförmig angeordneten Sitzen zu ihrer Rechten empor. Dort saßen, wie sie wusste, die Höheren Magier. Rothen hatte ein Schaubild der Sitz- verteilung in der Halle für sie gezeichnet, damit sie sich die Namen und Titel der Magier hatte einprägen können. Die oberste Reihe war leer, wie sie feststellte. Rothen hatte ihr versichert, dass der König höchst selten an den Zeremonien der Gilde teilnahm. Sein Stuhl in der Mitte der Reihe war größer als die anderen, und auf der gepolsterten Rückenlehne war das königliche Wappen eingestickt. Darunter stand ein einzelner Stuhl. Sonea verspürte eine vage Enttäuschung, als sie sah, dass er leer war. Sie hatte gehofft, einen Blick auf den Hohen Lord werfen zu kön- nen. Im Zentrum der mittleren Reihe saß Administrator Lor- len. Die beiden Stühle links und rechts von ihm waren ebenfalls verwaist. Er unterhielt sich mit Ösen und einem pferdegesichtigen Mann in der Reihe unter ihm, der eine schwarze Schärpe über seinen roten Roben trug. Dies musste also Lord Balkan sein, das Oberhaupt der Krieger. Links von Balkan saß die strenge Lady Vinara, das Oberhaupt der Heiler, die Rothen nach seiner Ankündi- gung, dass Sonea bleiben würde, aufgesucht hatte. Zu sei- ner Rechten entdeckte Sonea einen alten Mann mit einem kantigen Gesicht und einer großen Nase – Lord Sarrin, das Oberhaupt der Alchemisten. Beide beobachteten Lorlen mit großer Aufmerksamkeit., In der untersten Reihe saßen die Prinzipale – die Magier, die den Unterricht an der Universität organisierten. Von den drei Plätzen waren aber nur zwei besetzt. Angestrengt dachte Sonea über eine Erklärung dafür nach, bis ihr Blick erneut auf Lord Balkan fiel. Dann erinnerte sie sich wieder. Er bekleidete beide Positionen, sowohl die des Oberhaupts als auch die des Prinzipals seiner Disziplin. Ösen straffte sich und kam wieder nach unten. Die Hö- heren Magier wandten sich der Halle zu. Administrator Lorlen stand auf, reckte das Kinn und ließ den Blick durch den Raum gleiten. »Hiermit erkläre ich die Anhörung, die darüber befinden soll, welcher der beiden Bewerber zu Soneas Mentor be- stimmt wird, für eröffnet«, sagte er mit volltönender Stim- me. »Würden Lord Rothen und Lord Fergun jetzt bitte vor- treten?« Als Sonea das Scharren von Stiefeln auf dem Boden hör- te, blickte sie zu den Magiern auf. Eine vertraute Gestalt kam die Treppe herunter. Rothen blieb einige Schritte von Ösen entfernt stehen und lächelte Sonea zu. Zu ihrem eigenen Erstaunen war sie sich ihrer Zunei- gung zu dem älteren Magier bewusst und wollte gerade sein Lächeln erwidern, als ihr wieder einfiel, was sie in den nächsten Minuten tun musste, und hastig senkte sie den Blick. Rothen würde so enttäuscht von ihr sein… Abermals wurden Schritte laut. Fergun war ebenfalls vorgetreten. Auch er bedachte sie mit einem Lächeln. Sie unterdrückte ein Schaudern und sah stattdessen zu dem, Administrator hinauf. »Sowohl Lord Rothen als auch Lord Fergun haben den Antrag gestellt, zu Soneas Mentor ernannt zu werden«, er- klärte Lorlen dem Publikum. »Beide glauben, sie seien die ersten Magier gewesen, die ihr Potenzial erkannt haben. Wir müssen jetzt darüber befinden, welchem der beiden Männer wir Recht geben wollen. Die weitere Leitung der Anhörung möchte ich meinem Assistenten, Lord Ösen, überlassen.« Der junge Mann, der sie in den Raum begleitet hatte, trat vor. Sonea holte tief Luft, starrte zu Boden und versuchte, sich für das Kommende zu wappnen. »Lord Rothen.« Rothen wandte sich zu Lord Osen um. »Würdet Ihr uns bitte von den Ereignissen berichten, die dazu geführt haben, dass Ihr Sonea als potenzielle Magie- rin erkannt habt?« Rothen nickte und räusperte sich. »An dem Tag, an dem ich Soneas Kräfte erkannte – dem Tag der Säuberung –, war ich zusammen mit Lord Fergun zum Dienst eingeteilt. Wir waren auf dem Nordplatz angekommen und ließen un- sere Kräfte in den Schutzschild einfließen. Wie immer fin- gen einige junge Leute an, mit Steinen zu werfen. Ich stand Lord Fergun gegenüber. Der Schild war ungefähr drei Schritte von uns entfernt, zu meiner Linken. Am Rand meines Gesichtsfelds sah ich in der Nähe des Schildes ei- nen Lichtblitz, und im gleichen Moment geriet der Schild, ins Wanken. Ich sah einen Stein durch die Luft fliegen, unmittelbar bevor er Lord Fergun an der Schläfe traf und ihn bewusstlos schlug.« Rothen hielt inne und blickte zu Fergun hinüber. »Ich habe Lord Fergun aufgefangen, und als ich ihn auf den Bo- den gelegt hatte, habe ich Ausschau nach der Person gehal- ten, die den Stein geworfen hatte. Das war der Moment, in dem ich Sonea sah.« Ösen machte einen Schritt auf Rothen zu. »Das war also das erste Mal, dass Ihr Sonea gesehen habt?« »Ja.« Ösen verschränkte die Arme vor der Brust. »Habt Ihr zu irgendeiner Zeit beobachten können, wie Sonea Magie wirkte?« Rothen zögerte. »Nein, das habe ich nicht«, gestand er widerstrebend. Ein Raunen lief durch die Reihen der Ma- gier zu seiner Rechten, aber als Lord Ösen in diese Rich- tung blickte, kehrte sofort wieder Stille ein. »Woher wusstet Ihr, dass sie es war, die den Stein ge- worfen hatte?« »Ich habe die Richtung abgeschätzt, aus der der Stein gekommen war, und bin zu dem Schluss gekommen, dass nur zwei junge Leute als Werfer in Frage kamen«, erklärte Rothen. »Einer davon war ein Junge, aber er interessierte sich gar nicht für das Geschehen. Sonea dagegen starrte voller Überraschung auf ihre Hände. Dann sah sie mich an, und ich konnte an ihrem Gesichtsausdruck erkennen, dass sie den Stein geworfen hatte.«, »Und Ihr haltet es für ausgeschlossen, dass Lord Fergun Sonea vor Euch entdeckt haben könnte?« »Allerdings. Lord Fergun kann Sonea an diesem Tag überhaupt nicht gesehen haben«, erwiderte Rothen trocken, »und zwar aufgrund der unglücklichen Natur seiner Verlet- zung.« Einige Magier kicherten verstohlen, andere hüstelten. Lord Ösen nickte, dann wandte er sich ab und trat vor Fer- gun hin. »Lord Fergun«, sagte er, »würdet Ihr uns bitte von den Ereignissen des Tages berichten, wie Ihr sie erlebt habt.« Fergun neigte den Kopf. »Ich habe, wie Rothen es be- reits beschrieben hat, an der Aufrechterhaltung des Schilds auf dem Nordplatz mitgewirkt. Eine Gruppe junger Leute begann, uns mit Steinen zu bewerfen. Ich habe festgestellt, dass es etwa zehn Personen waren. Eine davon war ein junges Mädchen.« Fergun blickte zu Sonea hinüber. »Ich fand ihr Benehmen eigenartig, deshalb habe ich sie aus den Augenwinkeln weiterhin beobachtet. Als sie ihren Stein warf, dachte ich mir natürlich nichts dabei, bis ich einen Lichtblitz wahrnahm. In dem Moment wurde mir klar, dass sie etwas getan haben musste, um die Barriere zu durch- dringen.« Fergun lächelte. »Das überraschte mich so sehr, dass ich, statt zuerst den Stein abzuwehren, in ihre Rich- tung sah, um mich davon zu überzeugen, dass sie tatsäch- lich diejenige war, die die Störung verursacht hatte.« »Also habt Ihr Soneas magisches Potenzial bemerkt, nachdem der Stein den Schild durchbrochen hatte, und be-, vor Ihr getroffen wurdet.« »Ja«, antwortete Fergun. Lautes Stimmengewirr hallte daraufhin durch den Raum. Rothen knirschte mit den Zähnen und widerstand dem Drang, Fergun wütend anzustarren. Die Geschichte des Kriegers war eine Lüge. Fergun hatte zu keiner Zeit zu So- nea hinübergesehen. Rothen warf ihr einen verstohlenen Blick zu. Sie stand still und mit herabhängenden Schultern in der Dunkelheit. Er hoffte, dass ihr klar war, wie wichtig ihre Darstellung für die Bestätigung seiner Version sein würde. »Lord Fergun.« Als diese neue Stimme erklang, senkte sich abermals Schweigen über die Halle. Es war Lady Vinara, die sprach. Die Heilerin sah Fergun mit ihrem berühmten, unbewegten Blick an. »Wenn Ihr Sonea beobachtet habt, wie kommt es dann, dass Euch der Stein an der rechten Schläfe getroffen hat? Für mich würde das darauf schließen lassen, dass Ihr zu dieser Zeit Rothen angesehen habt.« Fergun nickte. »Es ist alles sehr schnell gegangen, La- dy«, sagte er. »Ich habe den Blitz gesehen und aus den Au- genwinkeln zu Sonea hinübergeschaut. Es war nur ein flüchtiger Blick – und ich erinnere mich daran, dass ich meinen Partner fragen wollte, ob er beobachtet habe, was dieses Mädchen getan hatte.« »Ihr habt nicht einmal versucht, dem Stein auszuwei- chen?«, fragte Lord Balkan mit ungläubigem Tonfall., Fergun lächelte kläglich. »Ich bin es nicht gewohnt, dass man mit Steinen nach mir wirft. Ich vermute, in dem Mo- ment war die Überraschung einfach stärker als der Instinkt, den Kopf einzuziehen.« Lord Balkan sah die Magier neben sich an, erhielt aber als Antwort nur ein Achselzucken. Als keine weiteren Fra- gen mehr kamen, nickte Ösen und wandte sich wieder Ro- then zu. »Lord Rothen, könnt Ihr bestätigen, dass Fergun zu So- nea hinübergesehen hat, nachdem der Stein die Barriere durchbrochen hatte und bevor er getroffen wurde?« »Nein«, erwiderte Rothen und gab sich alle Mühe, den Ärger aus seiner Stimme herauszuhalten. »Er hat mit mir gesprochen. Der Stein hat ihn mitten im Satz unterbro- chen.« Ösen zog die Augenbrauen in die Höhe. Er sah zu den Höheren Magiern hinüber, bevor er sich wieder an das Publikum wandte. »Kann irgendjemand eine Darstellung beisteuern, die dem Gehörten widerspricht oder es er- gänzt?« Stille antwortete ihm. Osen nickte langsam und drehte sich zu Sonea um. »Dann möchte ich Sonea als Zeugin des Vorfalls aufru- fen.« Sonea trat aus der Dunkelheit am Rand der Halle und blieb einige Schritte entfernt von Fergun stehen. Sie sah zu den Höheren Magiern auf, dann verbeugte sie sich hastig. Ein Stich des Mitleids durchzuckte Rothen. Noch vor, wenigen Wochen hatte Sonea furchtbare Angst vor ihm gehabt, und jetzt stand sie in einer Halle voller Magier, die sie alle eindringlich betrachteten. Ösen lächelte ihr aufmunternd zu. »Sonea«, sagte er. »Bitte erzähl uns deine Version der Ereignisse, über die wir hier sprechen.« Sie schluckte. »Ich war mit den anderen Jungen und Mädchen zusammen. Sie haben Steine geworfen. Ich betei- lige mich normalerweise nicht daran – im Allgemeinen bin ich bei solchen Gelegenheiten bei meiner Tante geblie- ben.« Sie errötete und sprach dann hastig weiter. »Irgend- wie bin ich in die Sache hineingeraten. Am Anfang habe ich selbst keine Steine geworfen. Ich habe die anderen be- obachtet und die Magier. Ich erinnere mich daran, dass ich… dass ich wütend war, und als ich dann doch einen Stein warf, habe ich all meine Wut in diesen Stein hinein- gelegt. Erst später wurde mir klar, dass ich irgendetwas getan hatte, aber in dem Moment war alles so… so verwir- rend.« Sie brach ab, als müsse sie um Fassung ringen. »Als ich den Stein warf, hat er die Barriere durchdrun- gen. Lord Fergun sah mich an, dann wurde er getroffen, und Ro… Lord Rothen fing ihn auf. Die übrigen Magier schauten in andere Richtungen, und dann sah ich, dass Lord Rothen mich beobachtete. Danach bin ich weggelau- fen.« Eine kalte Woge der Ungläubigkeit schlug über Rothen zusammen. Er starrte Sonea an, aber diese hielt den Blick fest auf den Boden gerichtet. Er wandte sich zu Fergun um,, um dessen Lippen ein hinterhältiges Lächeln spielte. Als der Krieger spürte, dass er beobachtet wurde, erlosch das Lächeln. Rothen konnte nur hilflos die Fäuste ballen, während die übrigen Mitglieder der Gilde ihrer Zustimmung Ausdruck verliehen. Das Bild von der Gildehalle, das Dannyl von Rothen auf- fing, verschwamm, als Wut, Ungläubigkeit und Kränkung in Dannyls Geist fluteten. Erschrocken blieb er stehen. – Was ist passiert, Rothen? – Sie hat gelogen! Sie hat Ferguns Lüge bekräftigt! – Vorsicht!, warnte Dannyl seinen Freund. Man wird dich hören. – Das ist mir egal. Ich weiß, dass er lügt! – Vielleicht hat sie die Dinge auf dem Nordplatz so er- lebt. – Nein. Fergun hat niemals in ihre Richtung gesehen. Ich habe mich mit ihm unterhalten, erinnerst du dich? Dannyl seufzte und schüttelte den Kopf. Endlich hatte Rothen Ferguns wahren Charakter durchschaut. Er hätte sich darüber freuen sollen, aber wie konnte er das in dieser Situation? Fergun hatte einmal mehr gewonnen. Oder vielleicht nicht? – Hast du schon irgendetwas gefunden? – Nein, aber ich setze meine Suche fort. – Wir brauchen mehr Zeit. Nachdem Sonea Fergun un- terstützt hat, werden sie wahrscheinlich bereits in den, nächsten Minuten eine Entscheidung treffen. – Du musst sie irgendwie aufhalten. – Wie? Dannyl trommelte mit den Fingern an eine Mauer. – Bitte darum, dass man dich mit ihr sprechen lässt. Rothens Aura verschwand, als er seine Aufmerksamkeit wieder der Anhörung zuwandte. Dannyl schnitt eine Gri- masse und besah sich die Mauern, die ihn umgaben. Jeder Magier wusste, dass es innerhalb der Universität Eingänge zu den unterirdischen Tunneln gab. Ihm war klar, dass die- se Eingänge gut versteckt sein mussten, denn anderenfalls hätten die Novizen ständig gegen die Vorschrift verstoßen. Wie erwartet, hatte eine einfache Durchsuchung der Flu- re und Gänge keinerlei Ergebnisse gezeitigt. Er war zwar davon überzeugt, dass er irgendwann etwas finden würde, wenn er die Mauern nur gründlich genug untersuchte, aber dafür blieb keine Zeit mehr. Er brauchte irgendeinen Fingerzeig. Fußspuren viel- leicht. Die unterirdischen Tunnel waren wahrscheinlich sehr staubig. Fergun musste irgendwelche Spuren hinter- lassen haben. Den Blick auf den Boden geheftet, ging Dannyl noch einmal durch den Korridor. Als er um eine Ecke bog, stieß er mit einer kleinen, rundlichen Frau zusammen. Die Frau keuchte überrascht auf, dann trat sie zurück, eine Hand aufs Herz gedrückt. »Verzeiht mir, Mylord!« Sie verbeugte sich, und das Wasser in ihrem Eimer schwappte über. »Ich habe Euch gar nicht kommen hören!«, Dannyl betrachtete den Eimer und unterdrückte ein Stöhnen. Falls Fergun irgendwelche Spuren hinterlassen hatte, hatten die Diener sie regelmäßig beseitigt. Die Frau schob sich an ihm vorbei und eilte den Gang hinunter. Als er ihr nachsah, kam ihm der Gedanke, dass sie wahrschein- lich mehr über die inneren Korridore der Universität wuss- te als jeder Magier. »Warte!«, rief Dannyl. Sie blieb stehen. »Ja, Mylord?« Dannyl ging auf sie zu. »Machst du immer in diesem Teil der Universität sauber?« Sie nickte. »Hast du hier in letzter Zeit etwas Ungewöhnliches be- merkt? Schmutzige Fußspuren zum Beispiel?« Die Lippen der Dienerin wurden schmal. »Irgendjemand hat Essen auf den Fußboden geworfen. Die Novizen dürfen nichts zu essen hier hereinbringen.« »Essen. Aha. Wo hast du es gefunden?« Die Dienerin warf ihm einen eigenartigen Blick zu, dann führte sie ihn zu einem Gemälde weiter unten im Korridor. »Das Gemälde war auch schmutzig«, sagte sie. »Als hät- te sich jemand daran zu schaffen gemacht.« »Ich verstehe.« Dannyl beäugte das Gemälde. Es zeigte einen Strand, und in den Rahmen waren winzige, spiral- förmige Muscheln eingeritzt. »Vielen Dank«, sagte er. »Du darfst jetzt gehen.« Die Frau zuckte die Achseln, verbeugte sich hastig und eilte davon. Dannyl unterzog das Gemälde einer genauen, Untersuchung, dann nahm er es von der Wand. Dahinter kam die Holzvertäfelung zum Vorschein, die man in den inneren Korridoren überall finden konnte. Er strich mit der Hand darüber, streckte seine Sinne nach dem Gemäuer aus und sog scharf die Luft ein, als er metallene Gebilde dahin- ter wahrnahm. Bei einer genaueren Untersuchung gab ein Teil der Vertäfelung unter seinen tastenden Fingern nach. Ein leisen Kratzen folgte, und ein Teil der Mauer glitt zur Seite. Dunkelheit und kalte Luft schlugen ihm entge- gen: Triumphierend schob er das Gemälde an seinen Platz zurück, schuf eine Lichtkugel und trat durch die Öffnung. Zu seiner Linken führte eine steile Treppe in die Tiefe. Nachdem er einen Hebel an der Innenseite der Tür gefun- den hatte, drückte Dannyl dagegen, und die Tür schloss sich. Lächelnd ging er die Treppe hinunter. Der Korridor war schmal, und Dannyl musste sich bü- cken, um sich nicht den Kopf an der Decke zu stoßen. In den Ecken hingen Faren-Netze. Als er die erste Abzwei- gung erreichte, griff er in eine Tasche und zog ein Fläsch- chen mit einer farbigen Paste heraus. Er entkorkte die klei- ne Flasche und rieb ein wenig von dem Inhalt auf die Mau- er neben sich. Die Paste würde sich während der nächsten Stunden in eine klare, harte Substanz verwandeln, ein Wegweiser, der schon bald beinahe unsichtbar sein würde. Selbst wenn er tatsächlich mehrere Stunden hier unten zubringen musste, würde er auf diese Weise wieder hinausfinden. Er senkte den Blick und lachte laut auf., Eine dicke Staubschicht überzog den Boden – durchbro- chen von deutlichen Fußspuren. Dannyl hockte sich hin und erkannte die vertrauten Abdrücke von Stiefeln, wie Magier sie zu tragen pflegten. Die Zahl der Spuren ließ keinen Zweifel daran, dass irgendjemand viele Male hier entlanggegangen sein musste. Er erhob sich und folgte den Fußspuren einige hundert Schritte weit. Als er zu einer weiteren Abzweigung kam, stellte er zu seinem Entsetzen fest, dass die Spuren sowohl den Hauptkorridor hinunterführten als auch durch einen der neueren Gänge. Wieder ging er in die Hocke und sah sich die Abdrücke genau an: Es waren nur vier zu erkennen, zwei von Magierstiefeln und zwei von kleineren Schuhen. Die Abdrücke im Hauptkorridor waren frischer und zahl- reicher. Plötzlich drang ein schwaches Geräusch an seine Ohren –ein sehr menschlich klingender Seufzer. Dannyl erstarrte, und ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Die Dun- kelheit jenseits seiner Lichtkugel schien jetzt voller unan- genehmer Möglichkeiten zu sein, und mit einem Mal war er davon überzeugt, dass irgendetwas ihn beobachtete. Lächerlich, sagte er sich. Hier unten ist nichts, absolut nichts. Dannyl holte tief Luft, richtete sich auf und zwang sich, sich ausschließlich auf die Spuren zu konzentrieren. Er folgte ihnen noch einmal etwa hundert Schritte weit und entdeckte weitere Nebenkorridore mit älteren Abdrücken. Wieder beschlich ihn die beklemmende Gewissheit, dass, er verfolgt wurde. Hinter seinen Schritten war das Echo weiterer, leiserer Schritte zu hören. Ein schwacher, kaum merklicher Lufthauch wehte ihm den Geruch von Fäulnis entgegen und von etwas, das lebendig war, aber sehr schmutzig… Er bog um eine Ecke. Etwa zwanzig Schritte vor ihm endeten die Fußspuren – vor einer Tür. Er machte einen Schritt nach vorn, dann wurde er plötzlich stocksteif vor Entsetzen. Eine Gestalt trat aus einem Seitengang. »Lord Dannyl. Dürfte ich nach den Gründen für Eure Anwesenheit hier unten fragen?« Dannyl starrte den Mann an, und sein Geist schien sich in zwei Teile aufzuspalten. Während der eine Teil wirre Entschuldigungen plapperte, musste der andere hilflos zu- sehen, wie der erste sich zum Narren machte. Und am Rande seines Geistes tauchte eine vertraute Au- ra auf, die gleichzeitig Mitgefühl und selbstgefällige Be- friedigung verströmte. – Ich habe dir doch gesagt, dass du da nicht hingehen sollst, sagte Rothen. In der lichtlosen Stille wirkte das Knurren seines Magens überlaut. Cery rieb sich den Bauch und setzte sein Auf und Ab durch den Raum fort. Er war inzwischen davon überzeugt, dass seit seiner letz- ten Mahlzeit mehr als ein Tag verstrichen sein musste, was bedeutete, dass Soneas Besuch jetzt eine Woche zurücklag. Er lehnte sich an die Tür und wünschte Fergun jedes, schmutzige Gebrechen an den Hals, das ihm einfiel. Zwi- schen zwei Flüchen hörte er Schritte von draußen und er- starrte. Sein Magen knurrte wild und hungrig. Die Schritte ver- langsamten sich, als wollten sie ihn verhöhnen. Sie kamen näher, dann blieben sie stehen. Das leise Geräusch von Stimmen drang zu ihm. Zwei Stimmen. Beide männlich. Er holte hastig Luft und presste das Ohr gegen die Tür. »…Tunnel sind sehr ausgedehnt. Man kann leicht die Orientierung verlieren. Es ist schon vorgekommen, dass Magier tagelang hier unten umherirrten und vollkommen ausgehungert wieder auftauchten. Ich schlage Euch vor, Ihr kehrt auf demselben Weg zurück, auf dem Ihr gekommen seid.« Die Stimme war streng und fremd. Eine andere Stimme antwortete. Cery schnappte nur we- nige Worte auf, begriff aber, dass der andere Magier sich entschuldigte. Auch diese Stimme kam ihm fremd vor, aber er konnte sich ohne weiteres vorstellen, dass Ferguns Stimme schwach und schrill klingen würde, wenn er derart ins Stottern geriet. Der strenge Magier schien Ferguns Anwesenheit in den Korridoren offensichtlich zu missbilligen. Daher war es unwahrscheinlich, dass es ihm gefallen würde, zu erfahren, dass Fergun hier unten Gefangene hielt. Cery brauchte also nur laut zu rufen oder gegen die Tür zu hämmern, und Fer- guns Falle würde sich öffnen. Er hob die Faust, hielt dann jedoch inne, als die Stim- men verstummten. Hastige Schritte entfernten sich, andere, kamen näher. Cery biss sich auf die Unterlippe und trat von der Tür zurück. Welcher der beiden Magier war es? Fergun oder der strenge Fremde? Das Schloss klickte. Cery zog sich hastig an die gegenü- berliegende Wand zurück. Als die Tür geöffnet wurde, fiel helles Licht in den Raum, und Cery schloss die Augen. »Wer bist du?«, erklang eine dröhnende, unvertraute Stimme. »Was machst du hier unten?« Als Cery die Augen öffnete, verdrängte Erstaunen seine anfängliche Erleichterung, als er den Mann erkannte, der in der Tür stand., 29. Leben unter Magiern Soneas Meinung nach tut er das, damit niemals mehr je- mand auf die Idee kommt, Hüttenleute könnten Magier sein«, beendete Cery seine Erklärungen. Der Magier kniff die Augen zusammen. »Das klingt al- lerdings ganz nach Fergun.« Er schwieg einen Moment, bevor er mit nachdenklicher Miene zu sprechen fortfuhr. »Gerade eben findet in der Gildehalle die Anhörung statt. Ich kann Ferguns Verbrechen offenbaren, aber nur wenn ich einen Beweis dafür habe, dass er der Mann ist, von dem du sprichst.« Cery seufzte und sah sich in dem Raum um. »Ich habe nichts außer den Dingen, die er mir gegeben hat, aber er hat mein Messer und meine Werkzeuge. Wäre es genug, wenn Ihr diese Dinge bei ihm finden würdet?« Der Mann schüttelte langsam den Kopf. »Nein. Was ich brauche, liegt in deiner Erinnerung. Wirst du mir gestatten, in deinen Gedanken zu lesen?« Cery starrte den Magier an. In seinen Gedanken lesen? Er hatte Geheimnisse. Dinge, die sein Vater ihm erzählt, hatte. Dinge, die Faren ihm erzählt hatte. Dinge, die selbst Faren nicht wusste. Was, wenn der Magier all das sah? Aber wenn ich ihn nicht in meinen Gedanken lesen lasse, kann ich Sonea nicht retten. Eine Hand voll schäbiger kleiner Geheimnisse durfte ihn nicht daran hindern, ihr beizustehen – außerdem würde der Magier diese Dinge vielleicht gar nicht finden. Also schluckte Cery seine Angst herunter und sah den Mann an. »Sicher. Tut es.« Der Magier warf Cery einen ernsten Blick zu. »Es wird dir weder Schaden zufügen noch dich verletzen. Schließ die Augen.« Cery holte tief Luft und gehorchte. Sogleich konnte er die Berührung von Fingern an seinen Schläfen spüren. Und dann wurde er sich eines anderen Geistes bewusst, der hin- ter seine eigenen Gedanken zu schlüpfen schien. Einen Moment später erklang eine Stimme von… von irgendwo- her. – Denk an den Tag zurück, an dem wir deine Freundin gefangen haben. Eine Erinnerung blitzte vor Cerys Augen auf. Der andere Geist schien sie aufzufangen und festzuhalten. Mit einem Mal stand Cery in einer verschneiten Gasse. Es war wie eine Vision, klar, aber nicht allzu detailliert. Er sah Sonea weglaufen und spürte ein Echo der Furcht und der Ver- zweiflung, die ihn übermannt hatten, als er gegen die un- sichtbare Barriere hämmerte, die sie beide trennte. Dann drehte er sich um und sah einen Mann in einem wallenden, Umhang hinter sich stehen. – Ist das der Mann, der dich gefangen hat? – Ja. – Zeig mir, wie. Wieder zuckte eine Erinnerung durch seine Gedanken, und wieder wurde diese Erinnerung festgehalten und noch einmal abgespult. Er stand vor dem Magierquartier und blickte zu Sonea auf. Fergun erschien. Er jagte ihn. Fing ihn ein. Der blaugewandete Magier und sein Begleiter er- schienen und brachten Cery zu Sonea. Seine Erinnerung eilte weiter. Er verabschiedete sich von Sonea und ging durch das Magierquartier. Fergun schlug ihm vor, den Weg durch die Universität zu nehmen. Sie betraten das Gebäude und wanderten durch die Korridore. Dann öffnete Fergun die Geheimtür und stieß ihn hin- durch. Er spürte die Augenbinde auf seinem Gesicht und hörte seine eigenen Schritte, als er durch den unterirdi- schen Tunnel ging. Er sah die Zelle, trat hinein, hörte die Tür ins Schloss fallen… – Wann hast du ihn das nächste Mal gesehen? Erinnerungen an die Besuche des Magiers folgten. Cery beobachtete, wie Fergun ihn durchsuchte und beraubte, dann durchlebte er noch einmal seinen gescheiterten An- griff auf den Mann und die anschließende Heilung. Er sah Sonea in den Raum treten und hörte noch einmal das Ge- spräch, das sie miteinander geführt hatten. Danach strich der andere Geist sanft über den seinen, bevor er zu verblassen schien. Cery spürte, dass der Magier, die Finger von seinen Schläfen nahm. Er schlug die Augen auf. Der Magier nickte. »Das ist mehr als genug«, sagte er. »Komm mit mir. Wir müssen uns beeilen, wenn wir noch an der Anhörung teilnehmen wollen.« Er machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum. Cery folgte ihm, und eine Woge der Erleichterung schlug über ihm zusammen, als er aus der Zelle trat. Er drehte sich noch einmal kurz um, dann eilte er hinter seinem Retter her. Der Mann bewegte sich so schnell, dass Cery Mühe hat- te, mit ihm Schritt zu halten. Sie bogen in einen anderen Gang ein und wechselten noch mehrmals die Richtung. Keiner der Tunnel kam Cery bekannt vor. Nach einer Weile erreichten sie eine Treppe. Der Magier stieg die Stufen hinauf und bückte sich dann, um die Mauer zu betrachten. Als Cery einen kleinen Lichtkreis um das Auge des Magiers herum sah, vermutete er, dass in der Wand ein Guckloch eingelassen sein musste. »Ich möchte mich für Eure Hilfe bedanken«, sagte er lei- se. »Ein kleiner Dieb wie ich kann Euch wahrscheinlich keine Gegenleistung anbieten, aber solltet Ihr jemals ir- gendetwas benötigen, braucht Ihr nur zu fragen.« Der Magier richtete sich auf und sah ihn gelassen an. »Weißt du, wer ich bin?« Cery errötete. »Natürlich. Es gibt nichts, was ich einem wie Euch zu bieten hätte. Trotzdem erschien es mir richtig, es Euch anzubieten.«, Ein geisterhaftes Lächeln spielte um die Lippen des Ma- giers. »Hast du wirklich ernst gemeint, was du gesagt hast?« Cery, dem plötzlich beklommen zumute war, trat von einem Fuß auf den anderen. »Natürlich«, antwortete er wi- derstrebend. Das Lächeln des Mannes wurde ein wenig deutlicher. »Ich werde dich nicht zwingen, einen Handel mit mir zu schließen. Ganz gleich, was du sagst, Ferguns Taten müs- sen offenbart und bestraft werden. Deine Freundin wird frei sein, zu gehen, wenn es das ist, was sie will.« Er hielt inne, und seine Augen wurden eine Spur schmaler. »Aber es ist möglich, dass ich irgendwann einmal Kontakt zu dir aufnehmen werde. Ich werde dich um nichts bitten, was deine Möglichkeiten übersteigt, und ich werde auch nichts verlangen, was deinen Platz bei den Dieben gefährdet. Du wirst selbst entscheiden können, ob das, worum ich bitte, annehmbar ist.« Er zog eine Augenbraue hoch. »Klingt das vernünftig?« Cery senkte den Blick. Was der Mann vorschlug, war mehr als vernünftig. Unwillkürlich nickte er. »Ich bin ein- verstanden.« Der Magier hielt ihm die Hand hin, und Cery schlug ein. Er sah den Mann an, der seinen Blick ohne einen Wim- pernschlag erwiderte. »Abgemacht«, sagte Cery. »Abgemacht«, wiederholte der Magier. Dann wandte er sich wieder der Mauer zu. Nachdem er noch einmal durch, das Guckloch gespäht hatte, griff er nach einem Hebel und zog daran. Das Paneel glitt zur Seite. Der Magier trat hin- durch, und sein Licht folgte ihm. Cery eilte ihm hinterher und fand sich in einem großen Raum wieder. An einem Ende des Raums standen ein Schreibpult und mehrere Stühle. »Wo bin ich?« »In der Universität«, antwortete der Mann und ließ das Paneel wieder an seinen Platz zurückgleiten. »Folge mir.« Der Magier durchquerte den Raum und öffnete eine Tür, durch die sie in einen breiten Korridor gelangten. Zwei grüngewandete Magier blieben stehen, um ihn anzustarren, bevor sie sich seinem Führer zuwandten. Mit einem über- raschten Blinzeln neigten sie respektvoll den Kopf. Der Magier beachtete sie nicht, sondern setzte seinen Weg bis zum Ende des Korridors fort. Cery ging dicht hin- ter ihm her. Als sie durch eine weitere Tür kamen, blickte Cery auf, und ihm stockte der Atem. Sie befanden sich in einem Raum voller fantastischer Wendeltreppen. Auf der einen Seite der Halle standen die Türen der Universität weit offen, und dahinter konnte man schneebedeckten Bo- den und einen Teil der Inneren Stadt erkennen. Cery drehte sich einmal im Kreis, bevor er feststellte, dass der Magier bereits weitergegangen war. »Das wird Harrin mir niemals glauben«, murmelte er, während er seinem Führer hinterhereilte. »So ist es nicht gewesen«, sagte Rothen zu Sonea. Sonea wandte den Blick ab. »Ich weiß, was ich gesehen, habe«, erwiderte sie. »Verlangt Ihr von mir zu lügen?« Die Worte hinterließen einen bitteren Nachgeschmack in ihrem Mund. Sie schluckte und versuchte, verwirrt dreinzuschau- en. Rothen starrte sie an, dann schüttelte er den Kopf. »Nein, das verlange ich nicht. Sollte sich herausstellen, dass du heute gelogen hast, würden sich vermutlich viele gegen den Gedanken sperren, dich in die Gilde aufzuneh- men.« »Genau deswegen musste ich sagen, was ich gesagt ha- be.« Rothen seufzte. »Dann hat es sich deiner Meinung nach tatsächlich so abgespielt?« »Das habe ich doch gesagt, oder?« Sonea warf ihm einen flehentlichen Blick zu. »Macht es mir nicht noch schwerer, als es ohnehin schon ist, Rothen.« Seine Miene wurde weicher. »Also gut. Vielleicht habe ich an diesem Tag etwas übersehen. Es ist eine Schande, aber es lässt sich nicht ändern.« Er schüttelte den Kopf. »Mir werden unsere Unterrichtsstunden fehlen, Sonea. Falls es –« »Lord Rothen.« Sie drehten sich um und sahen, dass Ösen auf sie zukam. Rothen seufzte abermals, dann kehrte er zu seinem Platz zurück. Als Fergun auf sie zutrat, musste sie ein Stöhnen unterdrücken. Nachdem Rothen darum gebeten hatte, sie allein spre- chen zu dürfen, hatte Fergun prompt das Gleiche getan., Was wollte er ihr sagen? Sie hatte jetzt nur noch den einen Wunsch, die Anhörung so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Fergun bedachte sie mit einem Übelkeit erregenden Lä- cheln. »Es läuft alles wie geplant?«, fragte er. »Ja.« Sie nickte. »Gut«, erwiderte er selbstzufrieden. »Sehr gut. Deine Geschichte war überzeugend, wenn auch ein wenig schlecht formuliert. Aber wie dem auch sei, sie hatte eine erfrischende Aufrichtigkeit.« »Freut mich, dass sie Euch gefallen hat«, entgegnete sie trocken. Er blickte zu den Höheren Magiern empor. »Ich glaube kaum, dass sie die Diskussion noch lange hinauszögern werden. Sie werden schon bald zu einer Entscheidung kommen. Danach werde ich veranlassen, dass man dir ein Zimmer im Novizenquartier gibt. Du solltest lächeln, So- nea. Die Leute sollen glauben, du wärst überglücklich bei der Aussicht, meine Novizin zu werden.« Seufzend zog sie die Mundwinkel hoch und hoffte, dass die Magier in den Sitzreihen über ihr ihre Grimasse für ein Lächeln halten würden. »Das reicht mir jetzt«, stieß sie mit zusammengebisse- nen Zähnen hervor. »Lasst es uns endlich hinter uns brin- gen.« Er zog die Augenbrauen in die Höhe. »O nein. Ich will meine vollen zehn Minuten.« Sonea presste die Lippen aufeinander und beschloss,, kein Wort mehr zu sagen. Auf seine nächste Frage antwor- tete sie einfach nicht. Als sie den Ärger in seinen Augen aufflackern sah, fiel ihr das Lächeln mit einem Mal sehr viel leichter. »Lord Fergun?« Lord Ösen winkte sie zu sich heran. Sonea atmete er- leichtert auf, dann folgte sie Fergun zurück in den vorderen Teil der Halle. Der Raum war noch immer vom Summen vieler Stimmen erfüllt. Ösen hob die Hände. »Ruhe, bitte.« Erwartungsvolle Stille legte sich über die Halle. Sonea konnte aus den Augenwinkeln Rothen sehen, der sie beobachtete. Abermals durchzuckten sie Gewissensbis- se. »Die Berichte, die wir heute gehört haben, zeigen deut- lich, dass Lord Fergun der Erste war, der Soneas Fähigkei- ten erkannt hat«, erklärte Lord Ösen. »Legt irgendjemand Widerspruch gegen diese Schlussfolgerung ein?« »Ich.« Die Stimme klang tief und seltsam vertraut, und sie kam von irgendwo hinter ihr. Jähe Unruhe breitete sich in der Halle aus. Sonea drehte sich um und sah, dass eine der rie- sigen Türen einen Spaltbreit offen stand. Zwei Gestalten kamen den Gang hinunter auf sie zu. Als sie den kleineren der beiden Männer erkannte, stieß sie einen Freudenschrei aus. »Cery!« Sie machte einen Schritt nach vorn – und erstarrte, als, sie Cerys Begleiter erkannte. Ein Raunen ging durch die Halle, und geflüsterte Fragen drangen an Soneas Ohren. Als der schwarzgewandete Magier näher trat, bedachte er sie mit einem prüfenden Blick. Verstört wandte Sonea sich Cery zu. Obwohl er blass und schmutzig war, lag auf Cerys Zü- gen ein glückliches Grinsen. »Er hat mich gefunden und freigelassen«, erklärte er ihr. »Es wird alles gut.« Sonea sah den schwarzgekleideten Magier fragend an. Seine Lippen verzogen sich zu einem schwachen Lächeln, aber er sagte nichts. Stattdessen schob er sich an ihr vorbei, begrüßte Ösen mit einem knappen Nicken und ging dann die Treppe zwischen den Höheren Magiern hinauf. Nie- mand erhob Protest, als er sich auf den Stuhl über dem Administrator setzte. »Aus welchem Grund fechtet Ihr diese Schlussfolgerung an, Hoher Lord?«, fragte Osen. Sonea hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Sie starrte den Magier in der schwarzen Robe an. Dieser Mann war kein Meuchelmörder. Er war der Anfüh- rer der Gilde. »Weil mir Beweise für einen Betrug vorliegen«, antwor- tete der Hohe Lord. »Das Mädchen wurde gezwungen zu lügen.« Sonea hörte ein ersticktes Geräusch zu ihrer Rechten. Sie drehte sich um und sah, dass Fergun schneeweiß ge- worden war. Triumph und Wut loderten in ihr auf, sie ver- gaß den schwarzgewandeten Magier und zeigte auf Fergun., »Er hat mich gezwungen zu lügen!«, rief sie anklagend. »Er hat gesagt, wenn ich ihm nicht gehorche, würde er Ce- ry töten.« Ein überraschtes Murmeln und Zischen wurde laut. So- nea spürte, dass Cery ihren Arm umklammerte. Sie drehte sich zu Rothen um, und als ihr Blick dem seinen begegne- te, wusste sie, dass er alles verstand. »Es ist eine Anklage erhoben worden«, bemerkte Lady Vinara. Sofort kehrte wieder Stille ein. Rothen öffnete den Mund, um etwas zu sagen, runzelte dann jedoch die Stirn und schüttelte den Kopf. »Sonea. Kennst du das Gesetz, das im Falle einer sol- chen Anklage zur Anwendung kommt?«, fragte Lord Ösen. Sonea sog scharf die Luft ein, als sie sich daran erinner- te. »Ja«, antwortete sie mit zitternder Stimme. »Eine Wahrheitslesung?« Ösen nickte, dann wandte er sich den Höheren Magiern zu. »Wer wird die Wahrheitslesung durchführen?« Stille folgte. Die Höheren Magier tauschten Blicke, dann sahen sie zu Lorlen hinüber. Der Administrator nickte und erhob sich von seinem Stuhl. »Ich werde die Wahrheitslesung durchführen.« Als er die Treppe herunterkam, zupfte Cery Sonea am Ärmel. »Was wird er tun?«, flüsterte er. »Er wird meine Gedanken lesen«, antwortete sie. »Oh«, erwiderte er merklich ruhiger. »Das ist alles?« Erheitert drehte sie sich zu ihm um. »Es ist nicht ganz so, einfach, wie du glaubst, Cery.« Er zuckte die Achseln. »Mir schien es nicht weiter schwierig zu sein.« »Sonea.« Lorlen hatte sie erreicht. »Siehst du Lord Rothen dort drüben, Cery?« Sie zeigte auf Rothen. »Er ist ein guter Mann. Stell dich neben ihn.« Cery nickte, drückte noch einmal ihren Arm und ging davon. Als er bei Rothen angelangt war, wandte sich Sonea zu Lorlen um. Der Administrator beobachtete sie mit erns- ter Miene. »Während deines Kontrollunterrichts hast du auch ein- mal eine Berührung von Geist zu Geist erlebt«, sagte er. »Dies hier wird ein wenig anders sein. Ich möchte deine Erinnerungen sehen. Du wirst dich sehr darauf konzentrie- ren müssen, die Dinge, die du mir zeigen willst, von allem anderen, was dich bewegt, zu trennen. Um dir zu helfen, werde ich dir konkrete Fragen stellen. Bist du bereit?« Sie nickte. »Schließ die Augen.« Sie tat wie geheißen und spürte im nächsten Moment seine Hände an ihren Schläfen. – Zeig mir den Raum, der dein Geist ist. Sonea zog die hölzernen Türen und Wände hoch und sandte Lorlen ein Bild des Raums. Sie nahm eine flüchtige Erheiterung bei dem Administrator wahr. – Ein wahrhaft bescheidenes Quartier. Jetzt öffne die Türen., Sie drehte sich zu den Doppeltüren um und gab ihnen den Befehl, sich zu öffnen. Statt Häusern und einer Straße lag dahinter nur Dunkelheit. In der Dunkelheit stand eine blaugewandete Gestalt. – Hallo, Sonea. Lorlens Bild lächelte. Er durchmaß die Dunkelheit und blieb an den Türen stehen. Dann streckte er die Hand aus und nickte Sonea zu. – Bring mich hinein. Sie ergriff seine Hand, und bei ihrer Berührung schien sich der Raum unter seinen Füßen zu verschieben. – Hab keine Angst, sagte er. Ich werde mir deine Erinne- rungen ansehen, und dann bin ich auch gleich wieder fort. Er trat zu einer Wand hinüber. Zeig mir Fergun. Sonea konzentrierte sich auf die Wand und schuf ein Gemälde, in dem sie ein Bild von Ferguns Gesicht platzier- te. – Gut. Jetzt zeig mir, was er getan hat, um dich zu zwin- gen, für ihn zu lügen. Es kostete sie keinerlei Willensanstrengung, Ferguns Bild zu beleben. Das Gemälde schwoll an, bis es die ganze Wand ausfüllte und Rothens Gästezimmer zeigte. Fergun kam auf sie zu und legte Cerys Messer auf den Tisch vor ihr. Ich habe den Besitzer dieses Messers in einen dunklen, kleinen Raum gesperrt, den niemand hier kennt… Die Szene verschwamm, dann hockte Fergun vor Sonea und Lorlen, weitaus größer, als er in Wirklichkeit war., Tu, was ich dir sage, und ich werde deinen Freund frei- lassen. Mach mir Scherereien, und er wird für alle Zeit bleiben, wo er ist… Den Höheren Magiern wird dann nichts anderes übrig bleiben, als mich zu deinem Mentor zu bestimmen. Du wirst der Gilde beitreten, aber ich versiche- re dir, es wird nicht für lange sein. Sobald du eine kleine Aufgabe für mich erledigt hast, wird man dich dorthin zu- rückschicken, wo du hingehörst. Auf diese Weise bekomme ich, was ich will – und du ebenfalls. Du hast nichts zu ver- lieren, wenn du mir hilfst, aber… Er fuhr mit dem Finger über die Klinge von Cerys Dolch. Wenn du dich weigerst, wirst du deinen kleinen Freund verlieren. Bei der Erinnerung daran schlug eine Woge des Zorns über Sonea zusammen. Einen Moment lang war sie abge- lenkt, und das Bild verblasste, bis es mit der Wand ver- schmolz. Sie riss sich zusammen und befahl ihm, abermals zu erscheinen. Als Nächstes beschwor sie ein Bild von Cery herauf, schmutzig und mager, und von dem Raum, in dem er ein- gekerkert gewesen war. Neben ihm stand, mit selbstgefäl- liger Miene, Fergun. Der Geruch von Essensresten und menschlichen Exkrementen floss von dem Gemälde in den Raum hinein. Bei dieser Szene schüttelte das Bild von Lorlen den Kopf und wandte sich zu Sonea um. – Das ist ungeheuerlich! Wir können wahrhaft von Glück sagen, dass der Hohe Lord deinen Freund heute ge- funden hat., Bei der Erwähnung des schwarzgewandeten Magiers spürte Sonea, wie das Bild sich veränderte. Als sie sich wieder zu der Wand umdrehte, folgte Lorlen ihrem Blick und sog scharf die Luft ein. – Was ist das? In dem Rahmen stand der Hohe Lord, angetan mit blut- durchtränkten Bettlerkleidern. Lorlen starrte Sonea fas- sungslos an. – Wann hast du diese Szene beobachtet? – Vor vielen Wochen. – Wie? Wo? Sonea zögerte. Wenn sie Lorlen diese Erinnerung zeigte, würde er wissen, dass sie die Gilde unbefugt betreten hatte. Er war nicht in ihren Geist eingedrungen, um das zu sehen, und sie war davon überzeugt, dass er sich nicht beschweren würde, wenn sie ihn aus dem Bild hinausschob. Aber ein Teil von ihr wollte, dass er es sah. Inzwischen drohte ihr keine Gefahr mehr, wenn die Magier von ihrem Erkundungszug durch die Gilde erfuhren, und sie wollte unbedingt eine Antwort auf das Rätsel des schwarzgeklei- deten Magiers. – Also schön. Angefangen hat es folgendermaßen… Das Bild veränderte sich und zeigte nun Cery, der Sonea durch die Gilde führte. Sie spürte Lorlens Überraschung und dann seine wachsende Erheiterung, als das Bild von Szene zu Szene sprang. Im einen Moment spähte sie durch ein Fenster, im nächsten rannte sie durch den Wald, und schließlich betrachtete sie die Bücher, die Cery gestohlen, hatte. Jetzt war Lorlens Belustigung unverkennbar. – Wer hätte gedacht, dass Jerriks Bücher einen Weg zu dir gefunden haben? Aber was ist nun mit Akkarin? Sie zögerte, diese Erinnerung zu enthüllen. – Bitte, Sonea. Er ist unser Anführer und mein Freund. Ich muss es wissen. War er verletzt? Sonea beschwor die Erinnerung an einen Wald herauf und ließ sie in das Gedankenbild einfließen. Wieder be- wegte sie sich zwischen den Bäumen hindurch auf das graue Haus zu. Der Diener erschien, und sie versteckte sich zwischen den Büschen und der Mauer. Abermals tauchte der Hohe Lord in dem Bild auf, dies- mal bekleidet mit einem schwarzen Umhang. Der Diener kam herbei, und Sonea spürte, dass Lorlen ihn erkannte. – Takan. Es ist vollbracht, sagte der Hohe Lord, dann legte er sei- nen Umhang ab, und darunter kamen die blutbefleckten Kleider zum Vorschein. Angewidert blickte er an sich hin- ab. Hast du meine Roben mitgebracht? Der Diener murmelte eine Antwort, und der Hohe Lord zog das Bettlerhemd aus. Der Ledergürtel, den er um die Taille trug, und die Dolchscheide kamen zum Vorschein. Er wusch sich, dann verschwand er kurz und kam in schwarzen Roben zurück. Als Nächstes griff er nach der Scheide, zog den glitzern- den Dolch heraus und wischte ihn an einem Tuch ab. Jetzt fing Sonea Überraschung und Verwirrung von Lorlen auf. Der Hohe Lord blickte seinen Diener an., – Der Kampf hat mich geschwächt, sagte er. Ich brauche deine Stärke. Der Diener ließ sich auf ein Knie nieder und hielt ihm den Arm hin. Der Hohe Lord fuhr mit der Klinge über die Haut des Mannes und legte dann eine Hand auf die Wunde. Sonea spürte das Echo eines seltsamen Flatterns in ihrem Kopf. – Nein! Eine Woge des Entsetzens schlug über ihr zusammen. Vor Schreck über die Wucht von Lorlens Gefühlen ließ Soneas Konzentration abrupt nach. Das Bild wurde schwarz, dann verschwand es zur Gänze. – Das kann nicht sein! Nicht Akkarin! – Was ist los? Ich verstehe das nicht. Was hat er getan? Lorlen schien sich mit Macht zusammenzureißen. Sein Bild erlosch, und Sonea begriff, dass er ihren Geist verlas- sen hatte. – Beweg dich nicht und öffne auch nicht die Augen. Ich muss nachdenken, bevor ich ihm wieder gegenübertrete. Einige Herzschläge lang schwieg er, dann kehrte seine Aura zurück. – Was du gesehen hast, ist verboten, erklärte er ihr. Es ist das, was wir schwarze Magie nennen. Mithilfe dieser Magie kann ein Magier von jedem lebenden Geschöpf, sei es Mensch oder Tier, Kraft beziehen. Dass Akkarin diese Magie benutzt hat, ist… ist unvorstellbar schrecklich. Er ist sehr mächtig – mächtiger als jeder andere von uns… Ah! Das muss der Grund für seine ungewöhnliche Kraft sein!, Wenn das so ist, dann muss er diese verderbten Künste be- reits praktiziert haben, bevor er aus dem Ausland zurück- gekehrt ist… Lorlen hielt inne, um diesem Gedanken nachzugehen. – Er hat sein Gelübde gebrochen. Man sollte ihn seines Amtes entkleiden und verstoßen. Wenn er diese Kräfte be- nutzt hat, um zu töten, würde ihm seinerseits der Tod als Strafe drohen… aber… Sonea spürte die Qual des Magiers. Erneut herrschte lange Zeit Stille in ihren Gedanken. – Lorlen? Er schien sich wieder gefasst zu haben. – Ah, es tut mir Leid, Sonea. Er war mein Freund, seit wir beide als Novizen der Gilde beigetreten sind. So viele Jahre… Und ausgerechnet ich musste das entdecken! Als er wieder zu sprechen begann, schwang in seinen Worten kalte Entschlossenheit mit. – Wir müssen ihn aus dem Amt entfernen, aber nicht jetzt. Er ist zu mächtig. Wenn wir ihn deswegen zur Rede stellen und er gegen uns kämpft, könnte er ohne Weiteres siegen – und jeder Mord, den er begeht, würde ihn stärker machen. Wenn sein Geheimnis offenbar wird und er keinen Grund mehr hat, sein Verbrechen zu verbergen, könnte er wahllos jeden töten, der sich ihm in den Weg stellt. Die ganze Stadt wäre in Gefahr. Entsetzt über das, was sie hörte, schauderte Sonea. – Hab keine Angst, Sonea, beschwichtigte Lorlen sie. Ich werde es nicht zulassen. Wir dürfen ihn nicht zur Rechen-, schaft ziehen, bevor wir wissen, dass wir ihn besiegen kön- nen. Bis dahin darf niemand etwas von der Sache erfahren. Wir müssen unsere Vorbereitungen im Geheimen treffen. Das bedeutet, dass du niemals mit irgendjemandem über diesen Vorfall reden darfst. Hast du mich verstanden? – Ja. Aber… müsst Ihr denn wirklich zulassen, dass er weiterhin der Anführer der Gilde bleibt? – Bedauerlicherweise ja. Sobald ich weiß, dass wir stark genug sind, werde ich alle Magier um mich scharen. Ich werde sehr schnell handeln müssen und ohne Vorwarnung. Bis dahin darf außer dir und mir niemand etwas davon er- fahren. – Ich verstehe. – Ich weiß, dass du zu den Hütten zurückkehren möch- test, Sonea, und es würde mich nicht überraschen, wenn diese Entdeckung dich in deinem Entschluss noch bestärk- te, aber ich muss dich bitten zu bleiben. Wenn es zum Kampf kommt, werden wir alle Unterstützung brauchen, die wir bekommen können. Und obwohl mir der Gedanke nicht gefällt, befürchte ich, dass du ein verlockendes Opfer für ihn sein könntest. Er weiß, dass du sehr stark bist. Du wärst eine mächtige magische Quelle. Wenn man deine Kräfte blockiert und du nicht mehr in der Nähe jener lebst, die den Tod durch schwarze Magie erkennen können, wärst du das perfekte Opfer. Ich bitte dich um deinetwillen und um unseretwillen, bei uns zu bleiben. – Ihr wollt, dass ich hier lebe, direkt unter seiner Nase? – Ja. Du wirst in der Gilde sicherer sein., – Wenn Ihr mich nicht ohne die Hilfe der Diebe finden konntet, wie sollte es dann ihm gelingen? – Akkarin hat feinere Sinne als wir Übrigen. Als du an- gefangen hast, deine Kräfte zu benutzen, war er der Erste, der es wusste. Ich fürchte, dass er dich nur allzu leicht fin- den würde. Sonea spürte, dass Lorlen ernsthafte Sorge um ihre Si- cherheit hatte. Wie konnte sie dem Administrator der Gilde widersprechen? Wenn er glaubte, dass sie in Gefahr war, dann hatte er vermutlich Recht damit. Sie hatte keine andere Wahl. Sie musste bleiben. Zu ih- rer Überraschung verspürte sie weder Zorn noch Enttäu- schung darüber, nur Erleichterung. Cery hatte gesagt, dass sie sich nicht als Verräterin fühlen müsse, wenn sie Magie- rin wurde. Sie würde lernen, ihre Magie zu benutzen, wür- de sich die Künste der Heiler aneignen, und eines Tages würde sie mit ihrem Wissen vielleicht den Menschen hel- fen können, die sie verlassen hatte. Außerdem stellte sie es sich ungemein befriedigend vor, die Pläne jener Magier zu vereiteln, die wie Fergun glaub- ten, dass Hüttenleute nicht in die Gilde aufgenommen wer- den sollten. – Ja, antwortete sie. Ich werde bleiben. – Ich danke dir, Sonea. Dann gibt es noch eine Person, die wir in unser Geheimnis einweihen müssen. Als dein Mentor könnte Rothen Grund haben, abermals in deinen Geist einzutreten, vor allem wenn die Zeit kommt, dich in der Heilkunst zu unterweisen. Er könnte dann ebenfalls, sehen, was du mir heute gezeigt hast. Du musst Rothen von Akkarin erzählen und von all dem, was ich heute zu dir ge- sagt habe. Ich weiß, dass man sich auf sein Stillschweigen verlassen kann. – Ich werde es tun. – Gut. Jetzt werde ich dich loslassen und Ferguns Verbrechen bestätigen. Versuche, Akkarin gegenüber keine Angst zu zeigen. Wenn es dir hilft, dann sieh einfach nicht in seine Richtung – und sorge dafür, dass deine Gedanken tief in dir verborgen bleiben. Lorlen nahm die Hände von Soneas Schläfen, und sie öffnete die Augen. Der Administrator warf ihr einen ein- dringlichen Blick zu, dann verschwand jeder Ausdruck aus seinen Zügen, und er wandte sich zu den Höheren Magiern um. »Sie sagt die Wahrheit«, erklärte er. Schockiertes Schweigen folgte Lorlens Worten, dann hallten plötzlich laute Rufe und Fragen durch den Raum. Lorlen hob die Hand, und die anderen Magier verstumm- ten. »Lord Fergun hat diesen jungen Mann«, er deutete auf Cery, »gefangen gehalten, nachdem er mir erzählt hatte, er wolle ihn zu den Toren begleiten. Er hat ihn in ein unterir- disches Verlies gesperrt und Sonea gedroht, dass er ihren Freund töten würde, wenn sie seine Geschichte bei dieser Anhörung nicht bestätigen würde. Später wollte er dann seinen Einfluss als ihr Mentor geltend machen, um sie dazu zu zwingen, eine unserer Regeln zu brechen, so dass man, sie öffentlich ausgestoßen hätte.« »Warum?«, zischte Lady Vinara. »Soweit Sonea es verstanden hat«, antwortete Lorlen, »wollte er auf diese Weise dafür sorgen, dass die Gilde niemals wieder einem Mitglied des einfachen Volkes einen Platz in ihren Reihen anbietet.« »Sie wollte ohnehin gehen.« Aller Augen richteten sich auf Fergun. Er starrte die Hö- heren Magier abweisend an. »Ich gebe zu, dass ich ein wenig übereifrig war«, sagte er, »aber ich wollte die Gilde lediglich vor ihrem eigenen Tun retten. Ihr hättet Diebe und Bettler in der Gilde will- kommen geheißen, ohne zu fragen, ob wir, die Häuser, und der König, dem wir dienen, damit einverstanden sind. Es mag so aussehen, als sei es nur eine Kleinigkeit, ein Bett- lermädchen in der Gilde aufzunehmen, aber wohin wird das führen?« Seine Stimme wurde lauter. »Werden wir mehr von diesen Leuten bei uns aufnehmen? Werden wir uns zu einer Gilde der Diebe entwickeln?« Ein leises Murmeln erhob sich im Raum, und Sonea sah, dass mehrere der Magier zu beiden Seiten der Sitzreihen den Kopf schüttelten. Fergun lächelte sie an. »Sie wollte, dass man ihre Kräfte blockiert, damit sie nach Hause zurückkehren konnte. Fragt Lord Rothen, er wird es nicht abstreiten. Fragt Administra- tor Lorlen. Ich habe nichts von ihr verlangt, was sie nicht ohnehin tun wollte.« Sonea ballte die Fäuste. »Nichts, was ich nicht ohnehin, wollte?«, stieß sie wütend hervor. »Ich wollte nicht das Novizengelübde ablegen, um es dann zu brechen. Ich woll- te nicht lügen. Ihr habt meinen Freund eingekerkert. Ihr habt gedroht, ihn zu töten. Ihr seid…« Sie brach ab, denn ihr war plötzlich bewusst geworden, dass sie im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit stand. Sie holte tief Luft und trat einen Schritt auf die Höheren Magier zu. »Als ich hierher kam, habe ich lange gebraucht, um zu begreifen, dass Ihr nicht… « Abermals brach sie ab, denn es wider- strebte ihr, hier in der Gildehalle zu stehen und die Magier zu beleidigen. Stattdessen zeigte sie mit dem Finger auf Fergun. »Aber er verkörpert alles, was man mich in den Hüttenvierteln über die Magier zu denken gelehrt hat.« Stille folgte ihren Worten. Lorlen sah sie ernst an, dann nickte er und wandte sich zu Fergun um. »Ihr habt Euch zahlreicher Verbrechen schuldig ge- macht, Lord Fergun«, sagte er. »Einige davon sind äußerst schwerwiegend. Ich werde in drei Tagen eine Anhörung einberufen, bei der über Eure Taten gesprochen und eine Strafe festgelegt werden wird. Bis dahin möchte ich Euch vorschlagen, bei unseren Nachforschungen mit uns zu- sammenzuarbeiten.« Er ging an Ösen vorbei und nahm seinen Platz zwischen den Höheren Magiern wieder ein. Der Hohe Lord beobach- tete ihn, und der Anflug eines Lächelns zuckte um seine Lippen. Sonea fröstelte, als sie sich die widersprüchlichen Gefühle ausmalte, die Lorlen unter seinem Blick empfin- den musste., »Die Frage, zu deren Erörterung wir uns heute zusam- mengefunden haben, ist damit hinfällig geworden«, ver- kündete Lorlen. »Hiermit bestimme ich Lord Rothen zu Soneas Mentor und erkläre diese Anhörung für beendet.« Stimmen und das Donnern schwerer Stiefel hallten durch den Raum, als sich die Magier von ihren Plätzen er- hoben. Sonea schloss die Augen und seufzte. Es ist vorbei! Dann fiel ihr Akkarin wieder ein. Nein, es ist noch nicht vorbei, rief sie sich ins Gedächtnis. Aber für den Augen- blick bin nicht ich diejenige, die sich darüber den Kopfzer- brechen muss. »Du hättest es mir erzählen sollen, Sonea.« Als sie die Augen öffnete, stand Rothen vor ihr, mit Ce- ry an seiner Seite. Sie senkte den Blick. »Es tut mir Leid.« Zu ihrer Überraschung zog Rothen sie kurz an sich. »Du brauchst dich nicht zu entschuldigen«, erwiderte er. »Du musstest einen Freund beschützen.« Er wandte sich an Ce- ry. »Ich möchte mich im Namen der Gilde bei dir ent- schuldigen.« Cery lächelte und machte eine wegwerfende Handbewe- gung. »Gebt mir meine Sachen zurück, und ich werde die ganze Angelegenheit vergessen.« Rothen runzelte die Stirn. »Was vermisst du denn?« »Zwei Dolche, einige Messer und meine Werkzeuge.« »Werkzeuge?«, wiederholte Rothen. »Dietriche.« Rothen sah Sonea mit hochgezogenen Augenbrauen an., »Er macht keinen Witz, oder?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich werde feststellen, was sich da tun lässt.« Rothen seufzte, dann blickte er über Soneas Schulter. »Ah! Hier kommt ein Mann, der sich besser mit den Gepflogenheiten der Diebe auskennt als ich – Lord Dannyl.« Als Sonea sich umdrehte, legte der hochgewachsene Magier ihr die Hand auf die Schulter und lächelte sie an. »Gut gemacht!«, sagte er. »Du hast mir und dem Rest der Gilde einen großen Dienst erwiesen.« Rothen grinste. »Du scheinst heute besonders gut ge- launt zu sein, Dannyl.« Dannyl sah seinen Freund herablassend an. »Wer hatte nun Recht, was Fergun betrifft?« Rothen nickte seufzend. »Du hattest Recht.« »Jetzt verstehst du endlich, warum ich ihn so verab- scheut habe?« Als Dannyls Blick auf Cery fiel, wurde seine Miene plötzlich nachdenklich. »Ich glaube, die Diebe su- chen nach dir. Sie haben mir eine Nachricht geschickt, in der sie sich danach erkundigt haben, ob ich wüsste, wo ein bestimmter Freund von Sonea abgeblieben sei. Sie klangen ziemlich besorgt.« »Wer hat die Nachricht geschickt?«, wollte Cery wissen. »Ein Mann namens Gorin.« Sonea legte die Stirn in Falten. »Also war Gorin derjeni- ge, der mich an die Gilde verraten hat, nicht Faren.« Cery starrte sie an. »Sie haben dich verraten?« Sie zuckte die Achseln. »Sie hatten keine andere Wahl., Genau genommen war es gut, dass sie das getan haben.« »Darum geht es nicht.« Ein Funkeln war in Cerys Augen getreten. Sonea, die erriet, was er dachte, lächelte. Und ich liebe ihn doch, ging es ihr plötzlich durch den Kopf. Aber fürs Erste ist es die Liebe, die man für einen Freund empfindet. Doch wenn sie ein wenig Zeit miteinan- der verbringen konnten, abseits all der Probleme der ver- gangenen Monate, würde aus diesem Gefühl vielleicht mehr werden. Aber sie machte sich nichts vor. Jetzt, da sie der Gilde beitrat und er höchstwahrscheinlich zu den Die- ben zurückkehren würde, war eine solche Möglichkeit aus- geschlossen. Ein Stich des Bedauerns durchzuckte sie bei diesem Gedanken, aber sie schob die Regung hastig beisei- te. Sie sah sich in der Halle um und stellte zu ihrer Überra- schung fest, dass sie sich inzwischen beinahe geleert hatte. Fergun stand immer noch in einiger Entfernung, umgeben von einer Gruppe von Magiern. Als sie in seine Richtung schaute, fing er ihren Blick auf und grinste höhnisch. »Was für ein Paar«, sagte er. »Der eine treibt sich mit Bettlern herum, der andere mit Dieben.« Seine Gefährten lachten. »Sollte man ihn nicht einsperren oder irgendetwas?«, überlegte sie laut. Rothen, Dannyl und Cery drehten sich zu dem Magier um. »Nein«, erwiderte Rothen. »Man wird ihn beobachten, aber er weiß, dass er eine gewisse Chance hat, nicht aus der, Gilde ausgestoßen zu werden, sofern er sich reuig zeigt. Höchstwahrscheinlich wird man ihm eine Aufgabe zuwei- sen, die niemand haben will und die ihn für mehrere Jahre an einen entlegenen Ort verschlagen wird.« Fergun machte ein finsteres Gesicht, dann drehte er sich auf dem Absatz um und ging, gefolgt von seinen Gefähr- ten, zur Tür hinüber. Dannyls Lächeln wurde breiter, aber Rothen schüttelte traurig den Kopf. Cery zuckte die Ach- seln und wandte sich wieder zu Sonea um. »Was ist mit dir?«, fragte er. »Sonea steht es frei zu gehen«, erwiderte Rothen. »Sie wird jedoch noch ein oder zwei Tage in der Gilde bleiben müssen. Das Gesetz verlangt, dass wir ihre Kräfte blockie- ren, bevor sie ins Hüttenviertel zurückkehrt.« Cery sah sie besorgt an. »Blockieren? Sie werden deine Magie blockieren?« Sonea schüttelte den Kopf. »Nein.« Rothen runzelte die Stirn, dann musterte er sie for- schend. »Nein?« »Natürlich nicht. Das würde es schwer machen, mich zu unterrichten, nicht wahr?« Er blinzelte. »Dann willst du also wirklich bleiben?« »Ja.« Sie lächelte. »Ich bleibe.«,

Epilog

In der Luft über dem Tisch schwebte ein Lichtfunke. Er dehnte sich langsam zu einer Kugel aus, die etwa so groß wie der Kopf eines Kindes war und gemächlich zur Decke emporstieg. »Das war’s«, erklärte Rothen. »Du hast eine Lichtkugel geschaffen.« Sonea lächelte. »Jetzt fühle ich mich wirklich wie eine Magierin.« Rothen sah sie an, und ihm wurde warm ums Herz. Er konnte kaum der Versuchung widerstehen, ihr noch weitere magische Fertigkeiten beizubringen, da ihr das offensicht- lich so viel Freude bereitete. »Bei der Geschwindigkeit, mit der du lernst, wirst du den anderen Novizen weit voraus sein, wenn du mit dem Unterricht in der Universität anfängst«, sagte er. »Zumin- dest was Magie betrifft. Aber…« Er beugte sich über einen Stapel Bücher neben seinem Stuhl und ging sie eins nach dem anderen durch. »Mit dem Rechnen liegst du weit zu- rück«, erklärte er entschieden. »Es wird Zeit, dass wir uns wieder der eigentlichen Arbeit zuwenden.« Sonea blickte auf die Bücher hinab und seufzte. »Hätte ich doch bloß gewusst, welcher Folter Ihr mich unterziehen würdet, bevor ich mich zum Bleiben entschlossen habe.« Leise kichernd schob Rothen ein Buch über den Tisch., Dann hielt er inne und sah sie mit schmalen Augen an. »Du hast meine Frage noch nicht beantwortet.« »Welche Frage?« »Wann hast du dich dazu entschieden zu bleiben?« Sonea, die bereits nach dem Buch hatte greifen wollen, hielt mitten in der Bewegung inne. Sie blickte zu Rothen auf. Das Lächeln, das sie ihm zuwarf, reichte nicht bis in ihre Augen. »Als mir klar wurde, dass es das Richtige wäre«, ant- wortete sie. »Also, Sonea.« Rothen drohte ihr mit dem Zeigefinger. »Untersteh dich, mir schon wieder auszuweichen.« Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. »Ich habe mich bei der Anhörung dafür entschieden«, sagte sie. »Fergun hat mir bewusst gemacht, was ich aufgeben würde, aber das war es nicht, was meine Meinung geändert hat. Cery meinte, es wäre eine Dummheit, wenn ich wieder nach Hause ginge, und das hat durchaus geholfen.« Rothen lachte. »Ich mag deinen Freund. Ich billige nicht, was er tut, aber ich mag ihn.« Sonea nickte, dann schürzte sie die Lippen. »Rothen, be- steht auch nur die geringste Möglichkeit, dass irgendje- mand uns hier hören könnte?«, fragte sie. »Diener? Andere Magier?« Er schüttelte den Kopf. »Nein.« Sie beugte sich vor. »Seid Ihr Euch absolut sicher?« »Ja«, sagte er. »Da ist etwas… « Sie hielt inne, dann glitt sie von ihrem, Stuhl, ließ sich neben Rothen auf die Knie nieder und senk- te die Stimme zu einem Flüstern. »Lord Lorlen hat gesagt, dass ich Euch etwas erzählen muss.«,

Glossar Tiere

Aga-Motten – Schädlinge, die sich von Textilfasern ernäh- ren Anyi – Meeressäuger mit kurzen Stacheln Ceryni – ein kleines Nagetier Enka – seines Fleisches wegen gehaltenes horntragendes Haustier Eyoma – ein Meeresegel Faren – allgemeine Bezeichnung für spinnenartige Tiere Gorin – ein großes Haustier, wird als Fleischlieferant und Zugtier für Boote und Wagen gehalten Harrel – ein kleines, zur Fleischerzeugung gehaltenes Haustier Limek – ein wilder räuberischer Hund Mullook – ein Nachtvogel Rassook – ein seines Fleisches und seiner Federn wegen gehaltener domestizierter Vogel Reber – ein zur Fleisch– und Wollerzeugung gehaltenes Haustier Saftfliege – ein Waldinsekt Sevli – eine giftige Eidechse Squimp – ein einem Eichhörnchen ähnliches Tier; stiehlt gern Nahrung Zill – ein kleines, sehr intelligentes Säugetier, manchmal als Schoßtier gehalten,

Pflanzen/Nahrungsmittel

Anivope – eine für Gedankenübertragung empfängliche Pflanze Bol – (wörtliche Bedeutung: »Flussschlamm«) ein starkes, aus Tugor gebrautes alkoholisches Getränk Brasi – grünes Blattgemüse mit kleinen Knospen Chebol-Soße – eine gehaltvolle Fleischsoße, die aus Bol hergestellt wird Crots – große, purpurfarbene Bohnen Curem – ein mildes Gewürz mit Nussgeschmack Curren – ein grobes Korn mit kräftigem Geschmack Dali – eine längliche Frucht mit säuerlichem, orangefarbe- nem, kerndurchsetztem Fleisch Gan-Gan – ein Blütenbusch aus Lan Iker – eine anregende Droge, der eine aphrodisische Wir- kung nachgesagt wird Jerras – längliche gelbe Bohnen Kreppa – ein nach Fäulnis riechendes Heilkraut Marin – eine rote Zitrusfrucht Monyo – eine Zwiebel Myk – ein Psychopharmakon Nalar – eine pikant schmeckende Wurzel Pachi – eine knackige, süße Frucht Papea – ein pfefferartiges Gewürz Piorres – eine kleine, glockenförmige Frucht Raka/Suka – ein anregendes Getränk aus gerösteten Boh- nen, das ursprünglich aus Sachaka stammt, Sumi – ein bitteres Getränk Telk – ein Samen, aus dem Öl hergestellt wird Tenn – ein Getreide, in geschroteter Form gekocht oder gemahlen als Mehl verwendbar Tugor – eine pastinakenähnliche Wurzel Vare – Beeren, aus denen Wein hergestellt wird

Kleidung und Waffen

Incal – ein quadratisches Abzeichen ähnlich einem Famili- enwappen, das auf Ärmel oder Kragen genäht wird Kebin – eine Eisenstange mit Haken, um einem Angreifer ein Messer zu entwinden, getragen von den Wachen Langmantel – ein knöchellanger Mantel

Öffentliche Häuser

Badehaus – Ort der Reinigung und der Entspannung Bolhaus – ein Gasthaus, in dem Bol ausgeschenkt und kurzfristig Räume vermietet werden Brauhaus – ein Bolhersteller Bleibehaus – Mietskaserne, in der eine Familie einen Raum belegen kann

Die Völker der Verbündeten Länder

Elyne – Kyralias nächster und kulturell ähnlichster Nach- bar; dort herrscht ein mildes Klima Kyralia – die Heimat der Gilde Lan – ein bergiges Land, das von kriegerischen Stämmen, bewohnt wird Lonmar – ein Wüstenland, die Heimat der strengen Mahga- Religion Vin – ein Inselvolk, das für seine Seefahrer berühmt ist,

Dank

Viele Menschen haben mich bei der Arbeit an dieser Trilo- gie wirksam ermutigt und unterstützt oder mir durch kon- struktive Kritik geholfen. Ein Dankeschön sage ich: Mum und Dad, die daran glaubten, dass ich sein konnte, was ich sein wollte; Yvonne Hardingham, die große Schwester, die ich mir immer gewünscht habe; Paul Mars- hall, der über die schier unerschöpfliche Fähigkeit verfügt, einen Text immer wieder zu lesen; Steven Pemberton für Gallonen von Tee und einige sehr alberne Vorschläge; An- thony Mauriks, der mit mir die Waffen besprach und mir eine Vorführung in Kampfkunst gab; Mike Hughes, der törichterweise danach strebt, ein Original zu sein; Shelley Muir für ihre Freundschaft und Ehrlichkeit; Julia Taylor für ihre Großzügigkeit; und Dirk Strasser, der die ganze Ge- schichte ins Rollen gebracht hat. Außerdem bedanke ich mich bei Jack Dann, der mich dazu gebracht hat, in meine Arbeit zu vertrauen, als ich es am bittersten nötig hatte; bei Jane Williams, Victoria Hammond und vor allem Gail Bell, die mir geholfen ha- ben, mich unter den Nicht-SF-Autoren des Schriftsteller- zentrums Varuna heimisch zu fühlen; und bei Carol Boothmann für ihre Weisheit. Und wie könnte ich es versäumen, Ann Jeff ree, Paul Potiki, Donna Johansen, Sarah Endacott, Anthony Oak-, man, David und Michelle Le Blanc sowie Les Petersen zu danken? Aufs Wärmste bedanke ich mich bei Peter Bishop und dem Team von Varuna. Ihr habt mir auf zu mannigfaltige Weise geholfen, als dass ich es im Einzelnen aufführen könnte. Und zum Schluss ein ganz besonderes Dankeschön an Fran Bryson, meine Agentin und Heldin, die meine Bücher den entscheidenden Schritt weitergebracht, und an Linda Funnell, die dann »Ja bitte« gesagt hat., Trudi Canavan wurde 1969 im australischen Melbourne geboren. Sie arbeitete als Grafikerin und Designerin für verschiedene Verlage und begann nebenbei zu schreiben. 1999 gewann sie den Aurealis Award für die beste Fantasy- Kurzgeschichte. Ihr Debütroman, der erste Band der »Gil- de der Schwarzen Magier«, wurde mit großer Begeisterung aufgenommen und ist inzwischen zu einem spektakulären internationalen Bestseller-Erfolg geworden. Mehr über die Autorin: www.trudicanavan.com Die Gilde der Schwarzen Magier bei Blanvalet: 1. Die Rebellin (24394) 2. Die Movizin (24395), erscheint im Juli 2006 3. Die Meisterin (24396), erscheint im September 2006 Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagmotiv: © Steve Stone, vertreten durch Artist Partner Ltd. London]
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Thomas Gifford Aquila
Thomas Gifford Aquila s&p 2006 Ein über zweihundert Jahre altes Dokument kommt überraschend ans Tageslicht. Der Student, der es entdeckt hat, wird ermordet aufgefunden. Eine junge, forsche Fernsehreporterin lässt nicht locker. Und ein harmloser Geschichtsprofessor aus Harvard, Massachusetts, findet
Tess Gerritsen In der Schwebe
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