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Aus der Tiefe des Alls taucht ein neuer, bisher nicht be- obachteter Himmelskörper auf. Er wird von einer Aste- roidenbeobachtungsstation registriert und erhält die astronomische Kennziffer 31/439. Besondere Beachtung findet er zunächst nicht, da keine Gefahr besteht, daß er mit der Erde kollidiert. Doch bald rückt er ins Zen- trum wissenschaftlichen Interesses: Das etwa 40 km gro- ße Objekt zeigt so außergewöhnliche Eigenschaften, daß es unmöglich natürlichen Ursprungs sein kann. Kapi- tän Norton startet mit seinem Raumschiff Endeavour, um auf dem seltsamen Besucher, der unser Sonnensy- stem ...
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Aus der Tiefe des Alls taucht ein neuer, bisher nicht be- obachteter Himmelskörper auf. Er wird von einer Aste- roidenbeobachtungsstation registriert und erhält die astronomische Kennziffer 31/439. Besondere Beachtung findet er zunächst nicht, da keine Gefahr besteht, daß er mit der Erde kollidiert. Doch bald rückt er ins Zen- trum wissenschaftlichen Interesses: Das etwa 40 km gro- ße Objekt zeigt so außergewöhnliche Eigenschaften, daß es unmöglich natürlichen Ursprungs sein kann. Kapi- tän Norton startet mit seinem Raumschiff Endeavour, um auf dem seltsamen Besucher, der unser Sonnensy- stem durcheilt, zu landen. Bei dem Körper handelt es sich tatsächlich um ein fremdes Raumfahrzeug, das mit Sicherheit schon Jahrmillionen unterwegs ist. Kapitän Norton dringt mit einer Expeditionsgruppe in den 16 km weiten und 50 km langen Zylinder ein und findet im Innern eine künstlich geschaffene Welt vor, die bizarrer und staunenswerter ist als alles, was dem Menschen je begegnete ..., ARTHUR C. CLARKE

RENDEZVOUS MIT 31/439

Science-fiction-Roman h WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

, HEYNE-BUCH Nr. 5370 im Wilhelm Heyne Verlag, München Titel der englischen Originalausgabe RENDEZVOUS WITH RAMA Deutsche Übersetzung von Roland Fleissner Genehmigte, ungekürzte Taschenbuchausgabe Copyright © 1973 by Arthur C. Clarke Copyright © der deutschen Ausgabe bei Marion von Schröder Verlag GmbH, Düsseldorf Printed in Germany 1977 Umschlagfoto: Nasa-Foto Umschlaggestaltung: Atelier Heinrichs, München Gesamtherstellung: Mohndruck Reinhard Mohn OHG, Gütersloh ISBN 3-453-00747-6,

INHALT

1. Spaceguard .7 2. Der Eindringling .11 3. Rama und Sita .21 4. Das Rendezvous .26 5. Die erste EVA .36 6. Das Komitee .42 7. Die zwei Frauen .54 8. Durchgang durch die Nabe .59 9. Erkundung .66 10. Abstieg in die Finsternis .79 11. Männer, Frauen und Menschenaffen .98 12. Die Treppe der Götter .110 13. Die Ebene Ramas .120 14. Sturmwarnung .130 15. Am Rand der See .139 16. Kealakekua .150 17. Frühling .163 18. Dämmerung .173 19. Warnung vom Merkur .185 20. Die Offenbarung des Boris Rodrigo .200 21. Nach dem Sturm .207 22. Fahrt auf der Zylindrischen See .218 23. New York/Rama .231 24. Die Libelle .237 25. Der Jungfernflug der Libelle .243 26. Die Stimme Ramas .251 27. Elektrischer Wind .264 28. Ikarus .273 29. Der erste Kontakt .279, 30. Die Blüte .293 31. Endgeschwindigkeit .306 32. Die Flutwelle .320 33. Die Spinne .330 34. Seine Exzellenz bedauert .343 35. Expreß .352 36. Der Bioten-Wachtposten .356 37. Die Rakete .367 38. Die Generalversammlung .374 39. Entscheidungsschwierigkeiten .386 40. Der Saboteur .392 41. Der Held .409 42. Der gläserne Tempel .412 43. Der Rückzug .425 44. Space Drive .438 45. Der Phönix .446 46. Ein letztes Zwischenspiel .451, 1. KAPITEL

SPACEGUARD

Früher oder später mußte es passieren. Am 30. Juni 1908 war Moskau nur um drei Stunden und viertausend Kilometer der Vernichtung entgangen – eine winzige Spanne, gemessen an den Dimensionen des Universums. Am 12. Februar 1947 kam eine weitere russische Stadt noch knapper davon, als der zweite große Me- teorit des zwanzigsten Jahrhunderts knapp vierhundert Kilometer von Wladiwostok mit einer Detonation explodierte, die es mit der ge- rade erfundenen Uranbombe aufnehmen konn- te. In jenen Tagen konnten die Menschen nichts zu ihrem Schutz gegen die letzten Zufallstref- fer von jenem Bombardement aus dem Kosmos unternehmen, das einstmals die Mondoberflä- che zerklüftet hatte. Die Meteoriten von 1908 und 1947 waren in unbewohnter Wildnis auf- geschlagen; doch gegen Ende des einundzwan- zigsten Jahrhunderts gab es auf der Erde kein Gebiet mehr, das für die Schießübungen des Himmels hätte herhalten können. Die mensch- liche Rasse hatte sich von einem Pol zum an- deren ausgebreitet. Und so war es unvermeid- lich …, Um 9.46 Uhr MEZ, am 11. September in jenem außergewöhnlich schönen Sommer des Jah- res 2077, sahen die meisten Einwohner Euro- pas am östlichen Himmel einen leuchtenden Feuerball aufscheinen. In Sekundenschnelle strahlte er heller als die Sonne, und während er – zunächst völlig geräuschlos – über den Himmel schoß, ließ er hinter sich eine wir- belnde Staub- und Rauchwolke zurück. Irgendwo über Österreich begann der Ball sich aufzulösen, was eine Reihe so heftiger Er- schütterungen hervorrief, daß über eine Milli- on Menschen dauernde Gehörschäden davon- trugen. Sie hatten noch Glück gehabt. Mit fünfzig Kilometer pro Sekunde prallten einige tausend Tonnen Gestein und Metall auf die Ebenen Norditaliens und vernichteten in ein paar flammenerfüllten Augenblicken das Werk von Jahrhunderten. Die Städte Padua und Verona wurden vom Angesicht der Erde weg- gefegt die letzte Pracht Venedigs versank für immer im Meer, als die Fluten der Adria nach dem furchtbaren Einschlag aus dem All land- einwärts donnerten. Sechshunderttausend Menschen gingen zu- grunde, der Gesamtschaden betrug über eine Billion Dollar. Doch der Verlust für die Kunst, die Geschichte, die Wissenschaft- für die gan-, ze Menschheit bis ans Ende der Zeiten – über- stieg jede Berechnung. Es war, als sei an ei- nem einzigen Morgen ein großer Krieg geführt – und verloren worden. Und daß die Welt über Monate hin die prachtvollsten Morgendämme- rungen und Sonnenuntergänge seit dem Aus- bruch des Krakatau zu sehen bekam, während sich der Staub der Zerstörung langsam setzte, das vermochte nur wenige zu trösten. Nach dem anfänglichen Schock reagierte die Menschheit mit einer Entschlossenheit und Einigkeit, wie sie in keinem früheren Zeital- ter möglich gewesen wären. Man machte sich klar, daß eine derartige Katastrophe vielleicht erst wieder in tausend Jahren eintreten würde – daß sie sich aber auch schon morgen wieder ereignen könnte. Und beim nächstenmal wür- den die Folgen vielleicht sogar noch schlim- mer sein. Also gut: es würde kein nächstes Mal geben! Hundert Jahre früher hatte eine viel ärmere Welt, in der es viel weniger Hilfsmittel gab, ih- ren Reichtum bei dem Versuch vergeudet, Ver- nichtungswaffen zu bauen, die die Menschheit in selbstmörderischer Weise gegen sich selbst richtete. Sie war nie erfolgreich gewesen, doch die damals erworbenen Kenntnisse waren nicht in Vergessenheit geraten. Nun konnte man sie, für einen weit edleren Zweck und in unendlich größerem Rahmen nutzen. Keinem Meteoriten, der groß genug war, eine Katastrophe herauf- zubeschwören, sollte es je wieder gelingen, die Verteidigungsbasen der Erde zu durchbrechen. So nahm das Projekt SPACEGUARD (›Raumpa- trouille‹) seinen Anfang. Fünfzig Jahre später sollte SPACEGUARD auf eine Weise, die keiner der Planer je voraussehen konnte, seine Daseinsbe- rechtigung erweisen. *, 2. KAPITEL

DER EINDRINGLING

Um das Jahr 2130 entdeckten die Radarstatio- nen auf dem Mars pro Tag etwa ein Dutzend neue Asteroiden. Die Computer von SPACE- GUARD berechneten automatisch ihre Umlauf- bahnen und speicherten die Informationen in ihren Datenbanken, so daß ein interessierter Astronom alle paar Monate die neuesten Stati- stiken abrufen konnte. Das Datenmaterial war mittlerweile recht beeindruckend. Es hatte seit der Entdeckung der Ceres, der größten unter diesen winzigen Welten, am al- lerersten Tag des neunzehnten Jahrhunderts, mehr als hundertzwanzig Jahre gedauert, bis die ersten tausend Asteroiden verbucht waren. Hunderte entdeckte man, verlor sie und fand sie erneut; sie traten in solchen Schwärmen auf, daß ein verärgerter Astronom sie einmal ›Himmelsungeziefer‹ genannt hatte. Er wäre sehr erschrocken gewesen, hätte man ihm ge- sagt, daß SPACEGUARD nunmehr eine halbe Mil- lion im Auge behielt. Nur die fünf Giganten – Ceres, Pallas, Juno, Eunomia und Vesta –hatten Durchmesser von mehr als zweihundert Kilometern; die meisten aber waren bloß etwas zu groß geratene Fels-, brocken, die in einem kleinen Park Platz gehabt hätten. Nahezu alle wanderten auf Umlaufbah- nen jenseits des Mars; nur die paar, die weit genug sonnenwärts kamen, daß sie möglicher- weise für die Erde gefährlich werden konnten, erregten das besorgte Interesse von SPACEGUARD. Und nicht eins unter Tausenden solcher Ob- jekte würde während der ganzen zukünftigen Geschichte des Sonnensystems näher als eine Million Kilometer an die Erde herankommen. Das Objekt, das zunächst nach Jahr und Rang seiner Entdeckung als 31/439 katalogisiert wur- de, entdeckte man, als es sich noch außerhalb der Umlaufbahn des Jupiters bewegte. Diese Ortung war keineswegs ungewöhnlich, denn viele Asteroide wanderten bis über den Saturn hinaus und kehrten dann wieder in Richtung auf ihre ferne Herrin, die Sonne, zurück. Und Thule II, der am weitesten von allen hinaus- streunte, wanderte so dicht bei Uranus, daß er sehr leicht ein verlorengegangener Mond die- ses Planeten sein konnte. Ein Novum war allerdings ein erster Radar- kontakt über eine derartige Entfernung; es war klar, 31/439 mußte ungewöhnlich groß sein. Aus der Echostärke folgerten die Computer ei- nen Durchmesser von mindestens vierzig Kilo- metern, einen solchen Giganten hatte man seit, hundert Jahren nicht entdeckt. Daß man ihn so lange übersehen hatte, schien unglaublich. Dann berechnete man die Umlaufbahn und fand des Rätsels Lösung – nur um auf ein noch größeres Problem zu stoßen. 31/439 bewegte sich nicht auf einer normalen Asteroidenbahn, auf einer Ellipse, die mit der Präzision eines Uhrwerks alle paar Jahre umlaufen wird. Er war ein einsamer Wanderer zwischen den Ster- nen, der dem Sonnensystem seinen ersten und zugleich letzten Besuch abstattete, denn er be- wegte sich so schnell, daß das Gravitationsfeld der Sonne ihn nie würde einfangen können. 31/439 würde blitzschnell an den Umlaufbah- nen von Jupiter, Mars, Erde, Venus und Merkur vorbei mit wachsender Geschwindigkeit auf die Sonne zustoßen, sie umkreisen und wieder in unbekannte Fernen hinausschießen. In diesem Stadium der Überlegungen blink- ten die Computer ihr »He, hallo! Wir haben was Interessantes entdeckt«, und damit erreg- te 31/439 erstmalig das Interesse der Forscher. Im SPACEGUARD-Hauptquartier schlugen kurzfri- stig die Wellen der Erregung hoch, und man würdigte den Wanderer zwischen den Ster- nen rasch eines Namens statt der bloßen Num- mer. Schon seit langem hatten die Astronomen das Namenreservoir der griechischen und rö-, mischen Mythologie ausgeschöpft; jetzt arbei- teten sie sich durch den hinduistischen Göt- terhimmel hindurch. Und so wurde 31/439 ›Rama‹ getauft*). Ein paar Tage lang machten die Nachrich- tenmedien einen großen Wirbel um den Besu- cher, wurden allerdings durch die spärlichen Informationen darin stark behindert. Über Rama waren nur zwei Tatsachen bekannt: sei- ne merkwürdige Umlaufbahn und in etwa sei- ne Größe. Aber auch dies war eine bloße wis- senschaftliche Hypothese, die auf der Stärke der Radarechos basierte. Durch das Teleskop wirkte Rama noch immer wie ein blasser Stern der fünfzehnten Größenordnung – also viel zu klein, um als Scheibe sichtbar zu sein. Doch während er auf das Herz des Sonnensystems zustürzte, würde er Monat für Monat heller und größer erscheinen, und ehe er für immer verschwinden würde, hatten die Observatori- en im Orbit wohl Gelegenheit, präzisere Daten über seine Form und Größe zu sammeln. Man hatte Zeit genug, und es war ja durchaus mög- lich, daß irgendein Raumschiff bei Durchfüh- rung seiner normalen Aufgabe nahe genug an * Rama, eine der Verkörperungen (die 7.) des Hindugottes Wischnu. (Anm. d. Übers.), ihn herangeführt werden könnte, um gute Fo- tos zu machen. Ein Rendezvous zum gegenwär- tigen Zeitpunkt war höchst unwahrscheinlich: der Energieaufwand für den physischen Kon- takt mit einem Objekt, das mit mehr als hun- derttausend Stundenkilometern quer durch die Umlaufbahnen der Planeten raste, war viel zu groß. So vergaß die Welt Rama bald wieder. Nicht so die Astronomen. Ihre Erregung wuchs im Lauf der Monate, als der neue Asteroid ihnen immer neue Rätsel aufgab. Da war zunächst einmal das Problem mit Ra- mas Lichtkurve. Er hatte keine. Ausnahmslos alle Asteroiden wiesen eine langsame Veränderlichkeit in ihrer Helligkeit auf, sie wurden in einer Periodizität von we- nigen Stunden heller und dunkler. Seit mehr als zwei Jahrhunderten galt, daß dies eine un- vermeidliche Folge ihrer Umdrehung und ih- rer unregelmäßigen Gestalt sei. Während sie kopfüber ihre Bahnen entlangtorkelten, verän- derten sich die reflektierenden Flächen, die sie der Sonne zuwandten, andauernd und dem- entsprechend auch ihre Helligkeit. Rama wies keinerlei derartige Veränderungen auf. Entweder drehte er sich überhaupt nicht um seine Achse, oder er mußte vollkommen, symmetrisch sein. Beide Erklärungen schienen gleich unwahrscheinlich. Mehrere Monate lang lag das Problem auf Eis, weil alle großen Teleskope im Orbit für die reguläre Späharbeit in die fernen Tiefen des Universums benötigt wurden. Weltrauma- stronomie ist ein kostspieliges Unternehmen, und die Zeit an einem der großen Instrumen- te konnte leicht einige tausend Dollar pro Mi- nute kosten. Dr. William Stenton hätte niemals den Farside-Zweihundertmeterreflektor in die Finger bekommen, und das eine ganze Vier- telsrunde lang, wäre nicht ein wichtigeres Pro- gramm durch das Versagen eines Kondensa- tors, der fünfzig Cent kostete, fehlgelaufen. Das Pech eines Kollegen war sein Glück. Auf was er gestoßen war, erfuhr Bill Stenton erst am darauffolgenden Tag, als es ihm gelang, Computerzeit zu bekommen und seine Ergeb- nisse zu verwerten. Aber auch als sie vor ihm auf dem Monitor aufleuchteten, brauchte er doch noch ein paar Minuten, um ihre Tragwei- te zu begreifen. Das von Rama reflektierte Sonnenlicht besaß demzufolge keineswegs eine absolut konstante Intensität. Es zeigte sich eine sehr geringfügi- ge Variation: sie war schwer feststellbar, doch ganz eindeutig und extrem regelmäßig. Rama, drehte sich also effektiv um sich selbst wie alle anderen Asteroiden. Doch während bei den Asteroiden der normale ›Tag‹ mehrere Stunden betrug, dauerte Ramas ›Tag‹ nur vier Minuten. Dr. Stenton stellte rasch ein paar Berech- nungen an, und es kam ihn hart an zu glau- ben, was dabei herauskam. Die Umdrehungs- geschwindigkeit dieser Zwergwelt mußte am Äquator über eintausend Stundenkilometer betragen; es müßte also äußerst ungesund sein, an irgendeiner Stelle außer an den Polen lan- den zu wollen. Die Zentrifugalkraft am Äqua- tor Ramas müßte stark genug sein, alle nicht verankerten Objekte mit einer Beschleunigung von nahezu 1G fortzuschleudern. Rama war ein kosmischer Geröllkiesel, der niemals kos- misches Moos angesetzt haben konnte; es war erstaunlich, daß solch ein Körper es fertigge- bracht hatte fortzubestehen, daß er nicht schon längst in Millionen Trümmer zerborsten war. Ein Objekt mit einem Durchmesser von vier- zig Kilometern und einer Umdrehungsdau- er von nur vier Minuten? Wie paßte denn dies ins astronomische Schema? Doch Dr. Stenton war ein Mensch mit einer gewissen Fantasie, der ein wenig zu voreiligen Schlußfolgerungen neigte. Diese jetzt sollte ihm ein paar recht un- bequeme Augenblicke bereiten., Das einzige Exemplar im himmlischen Zoo, auf das diese Beschreibung zutraf, war ein zu- sammengebrochener Stern. Vielleicht handel- te es sich ja bei Rama um eine tote Sonne – eine wild herumwirbelnde Neutroniumkugel, bei der jeder Kubikzentimeter Milliarden Ton- nen wog … In diesem Moment schoß eine Erinnerung an jenen zeitlosen Klassiker von H. G. Wells The Star blitzartig durch Dr. Stentons schrek- kerfülltes Gehirn. Er hatte das Buch zum er- stenmal in sehr jungen Jahren gelesen, es hatte sein Interesse an der Astronomie ent- zündet. In über zweihundert Jahren hatte das Werk nichts von seinem Zauber und seiner Schrecklichkeit eingebüßt. Stenton würde nie die Bilder von Orkanen und Flutwellen vergessen, die Städte, die ins Meer stürzten, als jener andere Besucher mit Jupiter zusam- menstieß und dann an der Erde vorbei auf die Sonne zuraste. Sicher, der Stern, den der alte Wells beschrieben hatte, war keine erkal- tete Sonne gewesen, sondern eine flammen- de, und die Zerstörung, die sie anrichtete, entstand durch Hitze. Doch das spielte wohl kaum eine Rolle: selbst wenn Rama ein erkal- teter Himmelskörper sein sollte, der nur das Licht der Sonne reflektierte, er konnte eben-, so leicht durch Schwerkraft wie durch Hitze tödlich werden. Jede stellare Masse, die in das Sonnensy- stem eindrang, würde die Planetenbahnen völ- lig durcheinanderbringen. Die Erde brauch- te nur ein paar Millionen Kilometer auf die Sonne zuzutreiben – oder von der Sonne fort –, und ihr empfindliches klimatisches Gleich- gewicht würde zerstört sein. Die Eiskappe der Antarktis konnte schmelzen und alles tieflie- gende Land überfluten; oder die Ozeane konn- ten zufrieren, und die gesamte Erde konnte in einem ewigen Winter festsitzen. Ein unmerk- licher Anstoß in eine von beiden Richtungen wäre ausreichend … Dr. Stenton löste sich aus seiner Verkramp- fung und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Das war ja alles Unsinn. Eigentlich müßte er vor Scham über sich selbst erröten. Denn Rama konnte ja auf gar keinen Fall aus flüssiger Materie bestehen. Keine Masse von Sternengröße würde so tief in das Sonnensy- stem eindringen können, ohne Störungen her- vorzurufen, die ihre Anwesenheit längst hät- ten verraten müssen. Die Umlaufbahnen aller Planeten wären beeinflußt worden; schließlich hatte man gerade dadurch Neptun, Pluto und Persephone entdecken können. Nein, es war, völlig ausgeschlossen, daß ein Objekt von der Größe und Masse einer toten Sonne sich unbe- merkt einschleichen konnte. Einerseits war das ja schade. Eine Begegnung mit einem Dunkelstern wäre höchst aufregend gewesen. Solange sie gedauert hätte … *, 3. KAPITEL

RAMA UND SITA

Die außerordentliche Konferenz des Space Ad- visory Council verlief stürmisch und war sehr kurz. Selbst im zweiundzwanzigsten Jahrhun- dert hatte man bisher noch keinen Weg ge- funden, zu verhindern, daß vergreiste konser- vative Wissenschaftler in den entscheidenden Verwaltungspositionen saßen. Und es stand ef- fektiv zu bezweifeln, ob man das Problem je- mals lösen würde. Was die Sache noch schlimmer machte: Pro- fessor (Emeritus) Olaf Davidson, der renom- mierte Astrophysiker, hatte diesmal den Vor- sitz des Beratergremiums der Raumfahrt SAC inne. Und Professor Davidson interessierte sich nicht sonderlich für Objekte im Raum, die kleiner waren als Galaxien. Außerdem gab er sich nie die geringste Mühe, seine Voreinge- nommenheit zu verbergen. Und wenn er auch eingestehen mußte, daß sein Wissensgebiet nunmehr zu neunzig Prozent auf den Beob- achtungsergebnissen von Raumsonden beruh- te, so war er doch keineswegs glücklich über diese Tatsache. In seiner an Auszeichnungen so reichen Laufbahn war es nicht weniger als dreimal passiert, daß Satelliten, die man einzig, und allein ins All gefeuert hatte, um eine sei- ner Lieblingstheorien zu beweisen, haargenau das Gegenteil davon bewiesen hatten. Die dem Gremium vorliegende Frage war eindeutig genug. Es bestand kein Zweifel dar- an, daß es sich bei Rama um ein ungewöhn- liches Objekt handelte. Aber, war es auch ein wichtiges Objekt? In ein paar Monaten würde Rama für immer verschwunden sein. Es blieb also nur wenig Zeit zum Handeln. Gelegenhei- ten, die man jetzt verpaßte, würden nie wie- derkehren. Mit einem ziemlich gespenstischen Kosten- aufwand würde man eine Raumsonde, die in Kürze vom Mars über den Neptun hinaus ge- startet werden sollte, so weit umdirigieren können, daß sie auf eine hochbeschleunig- te Flugbahn gebracht werden konnte, um die von Rama zu kreuzen. Aussicht auf ein Ren- dezvous bestand nicht: es würde sich um das bisher schnellste Flugbegegnungsmanöver der Geschichte handeln, denn die zwei Flugkör- per würden mit einer Geschwindigkeit von zweihunderttausend Stundenkilometern an- einander vorbeirasen. Rama würde nur ein paar Minuten lang gründlich beobachtet wer- den können. Beim realen Close-up würde es weniger als eine Sekunde sein. Wenn man al-, lerdings das richtige Instrumentarium einsetz- te, könnte das zur Beantwortung vieler Fragen ausreichen. Professor Davidson stand dem Projekt der Neptunsonde sehr mißgünstig gegenüber: trotzdem, es war bereits gebilligt worden, und er hatte keine Lust, in eine für ihn sowieso ver- lorene Sache zu investieren. Er ließ sich beredt über den Unsinn der Jagd nach Asteroiden aus und plädierte für ein dringlichst benötigtes In- terferometer mit hoher Auflösungskraft auf dem Mond, damit die neuerdings wiederbeleb- te Theorie von der Schöpfung als einem gro- ßen Urknall ein für allemal bewiesen werden könne. Dies sollte sich als gravierender taktischer Fehler erweisen. Denn drei der glühendsten Verfechter der Theorie von einem modifizier- ten Ausgewogenheitszustand des Universums waren ebenfalls Ratsmitglieder. Insgeheim pflichteten sie zwar Professor Davidson bei, daß die Asteroidenjagd reine Geldverschwen- dung sei, aber immerhin und alles in allem … Professor Davidson unterlag mit einer Stim- me. Drei Monate darauf wurde die auf den Namen Sita umgetaufte Raumsonde von Phobos, dem, inneren Marsmond, aus gestartet. Die Flugzeit sollte sieben Wochen betragen, das Instrument erst fünf Minuten vor der Begegnung mit voller Kraft arbeiten. Gleichzeitig würden zahlreiche Kamerasonden abgeschossen, Rama umkreisen und ihn von allen Seiten fotografieren. Die ersten Bilder aus zehntausend Kilome- tern Entfernung ließen die gesamte Mensch- heit aufmerksam werden. Auf einer Milliarde Fernsehschirmen erschien ein winziger Zylin- der ohne bestimmte Merkmale, der rasch von Sekunde zu Sekunde wuchs. Als sich seine Größe verdoppelt hatte, konnte niemand mehr behaupten, daß Rama ein natürlicher Gegen- stand sei. Seine Form war ein geometrisch so perfekter Zylinder, als wäre er auf einer überdimensio- nal großen Töpferscheibe gedreht worden. Die beiden Enden waren völlig flach, nur an einem Ende im Mittelpunkt zeichneten sich einige kleine Gebilde ab. Sie waren zwanzig Kilome- ter voneinander entfernt. In dieser Entfernung und ohne Vergleichsmaßstab für die Größe sah Rama beinahe so lächerlich wie ein ganz ge- wöhnlicher Wasserboiler aus. Rama wuchs und füllte schließlich den gan- zen Bildschirm aus. Seine Oberfläche hatte ein stumpfes Graubraun, war so wenig farbig wie, der Mond und völlig ohne Konturen. Mit einer Ausnahme. In halber Höhe zeigte sich auf dem Zylinder ein kilometerlanger Fleck oder Krat- zer, als wäre dort vor langer Zeit etwas aufge- prallt und zerplatzt. Es gab kein Anzeichen dafür, daß der Auf- prall die kreisenden Zylinderwände im gering- sten beschädigt hatte; aber dieser Fleck hatte die leichte Helligkeitsschwankung hervorgeru- fen, die Stenton zu seiner Entdeckung führte. Die Übertragungen der anderen Kameras lie- ferten keine neuen Erkenntnisse. Doch aus den Durchlaufbahnen in dem minimalen Gravitati- onsfeld Ramas ergab sich eine weitere wichtige Information: die über die Maße des Zylinders. Er war viel zu leicht, als daß er ein fester Körper hätte sein können. Niemand war sehr überrascht, daß Rama sich eindeutig als hohl erwies. Das lange erhoffte und lange befürchtete Rendezvous war schließlich doch eingetroffen. Die Menschheit machte sich bereit, ihren er- sten Besucher von den Sternen zu empfangen. *, 4. KAPITEL

DAS RENDEZVOUS

Commander Norton erinnerte sich in den we- nigen Minuten der Begegnung an jene ersten Fernsehbilder, die er immer und immer wie- der durchgespielt hatte. Doch etwas hatte kein Elektronenbild wiederzugeben vermocht: die ungeheuren Ausmaße von Rama. Bei keiner Landung auf einem natürlichen Himmelskörper wie dem Mond oder dem Mars hatte Norton solch einen überwältigenden Ein- druck erfahren. Das waren Welten, und man er- wartete, daß sie groß waren. Doch er war auch auf Jupiter VIII gelandet, der ein wenig größer war als Rama – und dieser Mond war ihm als ein ziemlich kleines Objekt erschienen. Dieses Paradoxon war sehr einfach zu erklä- ren. Seine Meinung wurde vollkommen um- gestoßen durch die Tatsache, daß Rama ein künstliches Gebilde war, millionenmal schwe- rer als alles, was der Mensch je in den Raum geschickt hatte. Die Masse Ramas betrug min- destens zehn Milliarden Tonnen – für jeden Astronauten eine nicht nur ehrfurchtgebieten- de, sondern auch eine furchterregende Vor- stellung. Es war daher keineswegs verwunder- lich, daß Norton gelegentlich das Gefühl hatte,, ein Sandkorn zu sein, manchmal sogar depri- miert war, während dieser Zylinder aus alters- losem geformten Metall immer größer auf ihn zuwuchs. Es schlich sich auch eine Ahnung von Ge- fahr in seine Gedanken, was ihm bisher noch nie passiert war. Bei jeder früheren Landung hatte er gewußt, womit er zu rechnen hatte; es waren natürlich immer Unfälle möglich, doch war das Element der Überraschung ausgeklam- mert gewesen. Bei Rama indes war die einzi- ge Sicherheit die, daß man auf Überraschun- gen stoßen würde. Im Augenblick schwebte die Endeavour knapp tausend Meter über dem Nordpol des Zylinders, genau über dem Mittelpunkt der langsam rotie- renden Scheibe. Man hatte diese Seite gewählt, weil sie der Sonne zugewandt war. Die Schat- ten der kurzen rätselhaften Gebilde wander- ten gleichmäßig rund um die Achse, gemäß der Rotation Ramas, und strichen über die metallische Fläche. Die Nordansicht Ramas wirkte wie eine riesige Sonnenuhr, auf der der rasche Ablauf des Vierminutentags abzu- lesen war. Die Landung seines fünftausend Tonnen schwe- ren Raumschiffs im Zentrum einer rotierenden Scheibe war die geringste Sorge, mit der Com-, mander Norton sich herumschlug. Es war nicht komplizierter, als auf der Achse einer großen Raumstation anzudocken. Die Seitentriebwer- ke der Endeavour hatten sie bereits in die glei- che Rotation wie Rama versetzt, und er konnte sich völlig darauf verlassen, daß sein Leutnant Joe Calvert das Schiff so sanft wie eine Schnee- flocke aufsetzen würde. Mit oder ohne Naviga- tionscomputer. Joe ließ den Bildschirm nicht aus den Augen, als er sagte: »In drei Minuten werden wir wis- sen, ob das Ding aus Antimaterie gemacht ist.« Norton mußte grinsen. Er erinnerte sich an ein paar jener Gruseltheorien, die man über den Ursprung Ramas aufgestellt hatte. Wenn diese unwahrscheinlichen Spekulationen zu- träfen, dann würde es in ein paar Sekunden den größten Knall seit der Entstehung des Son- nensystems geben. Die völlige Vernichtung von zehntausend Tonnen würde, schlicht gesagt, den Planeten eine neue Sonne schenken. Doch im Computerprofil ihres Auftrags war auch diese ausgefallene Möglichkeit berück- sichtigt worden. Die Endeavour hatte aus siche- ren tausend Kilometern Entfernung aus einem der Triebwerke einen kurzen Strahl auf Rama losgelassen. Es geschah überhaupt nichts, als die quellende Dampfwolke ihr Ziel erreichte., Eine Materie-Antimaterie-Reaktion von auch nur ein paar Milligramm würde aber ein fürch- terliches Feuerwerk bewirkt haben. Norton war wie alle Kommandanten eines Raumschiffs ein vorsichtiger Mann. Er hat- te sich die Nordansicht Ramas lange und ein- gehend angesehen, um den Landepunkt zu wählen. Nach sorgfältigen Überlegungen hat- te er beschlossen, den naheliegenden Punkt zu vermeiden: das genaue Zentrum auf der Ach- se. Auf der Polachse lag nämlich ein klar ab- gegrenzter kreisförmiger Bezirk von hundert Metern Durchmesser, und Norton hatte den starken Verdacht, daß dies die äußere Klappe einer riesigen Ausstiegsluke sein müsse. Die Geschöpfe, die diese Hohlwelt gebaut hatten, mußten über Möglichkeiten verfügt haben, ihre Raumschiffe nach innen zu bringen. Und dies war logischerweise der beste Platz für ei- nen Hauptzugang. Darum hielt Norton es für unklug, mit seinem Raumschiff die Vordertür zu blockieren. Doch aus dieser Entscheidung ergaben sich andere Probleme. Wenn die Endeavour auch nur ein paar Meter von der Achse entfernt auf- setzte, würde die hohe Umdrehungsgeschwin- digkeit Ramas sie vom Pol nach außen rutschen lassen. Zunächst würde die Zentrifugalkraft, sehr schwach sein, doch sie würde stetig und unerbittlich zunehmen. Der Gedanke, daß sein Schiff über die Polebene schlittern könn- te und von Minute zu Minute schneller wer- den würde, bis es schließlich mit ein paar tau- send Stundenkilometern am Rand der Scheibe in den Raum hinausgeschleudert würde, gefiel Norton keineswegs. Es bestand die vage Möglichkeit, daß das win- zige Gravitationsfeld Ramas – etwa ein Tau- sendstel der Schwerkraft auf der Erde – dies verhindern würde. Dadurch würde die Endea- vour mit einer Kraft von mehreren Tonnen ge- gen die Fläche gepreßt werden, und bei einer relativ rauhen Oberflächenstruktur würde das Schiff in Polnähe bleiben. Aber Commander Norton beabsichtigte keineswegs, eine unbe- kannte Reibungskraft gegen eine vollkommen sichere Zentrifugalkraft in die Waagschalen zu werfen. Glücklicherweise hatten die Konstrukteure Ramas die Antwort bereits geliefert. In gleich- mäßigen Abständen um die Polachse waren drei niedrige bunkerförmige Gebilde von etwa zehn Metern Durchmesser angeordnet. Wenn die Endeavour zwischen zweien davon lande- te, würde sie durch die Zentrifugalkraft gegen sie getrieben und von ihnen abgeblockt wer-, den, wie ein Schiff, das von den andrängenden Wellen am Kai festgehalten wird. »Kontakt in fünfzehn Sekunden«, sagte Joe. Während Commander Norton sich auf die Kontrollsteuerung konzentrierte (die er, wie er hoffte, nicht würde bedienen müssen), kam ihm blitzartig zum Bewußtsein, welche Bedeu- tung dieser Augenblick hatte. Es handelte sich zweifellos um das wichtigste Landemanöver seit der Mondlandung vor anderthalb Jahrhun- derten. Die grauen bunkerähnlichen Gebilde glitten langsam das Bullauge hinauf. Es kam das letz- te Zischen einer Reaktionsdüse, dann ein kaum spürbarer Stoß. In den vergangenen Wochen hatte Comman- der Norton sich oftmals gefragt, was er in die- sem Moment sagen würde. Doch nun, da er eingetreten war, wählte die Geschichte die Worte für ihn, und er sagte halb automatisch (und ohne sich wirklich bewußt zu sein, daß er auf ein historisches Ergebnis der Vergangen- heit anspielte): »Rama-Basis. Endeavour ist gelandet.« Noch vor einem Monat hätte er es nicht für möglich gehalten. Das Raumschiff war mit ei- nem Routineauftrag unterwegs gewesen und, hatte Warnungsbaken für Asteroiden über- prüft und ausgewechselt, als der Befehl ge- kommen war. Die Endeavour war das einzige Raumschiff im Sonnensystem, das von der Po- sition her überhaupt dafür in Frage kam, den Eindringling abzufangen, ehe er um die Sonne herumflitzte und wieder zu den Sternen hin- ausschoß. Aber trotz der günstigen Position war es notwendig gewesen, drei anderen Schif- fen der solaren Wachpatrouille den Treibstoff abzunehmen. Sie trieben jetzt hilflos im Raum, bis sie von Tankern wieder Nachschub erhal- ten würden. Norton hatte den Verdacht, daß es lange dauern würde, bis die Käptn der Calyp- so, der Beagle und der Challenger wieder mit ihm reden würden. Trotz des zusätzlichen Treibstoffs war es eine lange und schwierige Verfolgungsjagd gewe- sen: Rama befand sich bereits in der Umlauf- bahn der Venus, als die Endeavour den Plane- ten einholte. Kein anderes Raumschiff hatte jemals etwas Derartiges unternommen. Es war ein außerordentliches Privileg, und in den kommenden Wochen durfte kein einziger Au- genblick verschwendet werden. Tausende von Wissenschaftlern auf der Erde hätten mit Freu- den ihre Seele verpfändet, wenn ihnen diese Möglichkeit geboten worden wäre. Jetzt blieb, ihnen nichts übrig, als die Sache am Fernseh- schirm zu verfolgen, mit den Zähnen zu knir- schen und sich einzubilden, daß sie für die- sen Job weit besser gewesen wären. Vielleicht hatten sie sogar recht, aber es blieb eben keine andere Wahl. Die unerbittlichen Gesetze der Himmelsmechanik hatten entschieden, daß die Endeavour das erste und letzte Raumschiff der Menschheit war, das je in Kontakt mit Rama kommen würde. Die Hilfe, die Norton unablässig von der Kontrollstation auf der Erde empfing, trug we- nig dazu bei, ihm die Bürde seiner Verant- wortung zu erleichtern. Wo es um Entschei- dungen in Bruchteilen von Sekunden ging, konnte ihm niemand helfen. Die Zeitdiffe- renz zwischen der Kontrollbasis und seinem Schiff betrug per Radio bereits zehn Minuten, und sie erhöhte sich von Relais zu Relais ent- sprechend. Oft beneidete er die großen Navi- gatoren der Vergangenheit, die in einer prä- elektronischen Zeit gelebt hatten und ihre versiegelten Befehle ohne die ständige Ein- mischung des Hauptquartiers interpretieren konnten. Wenn die einen Fehler gemacht hat- ten, erfuhr kein Mensch je davon. Gleichzeitig war er jedoch ganz froh darüber, daß manche Entscheidungen an die Kontroll-, station auf der Erde verwiesen werden konn- ten. Nun, nachdem die Endeavour dieselbe Bahn hatte wie Rama, flogen sie auf die Sonne zu, als wären sie eine einzige Masse. In vier- zig Tagen würden sie das Perihelion erreichen und weniger als zwanzig Millionen Kilometer entfernt um die Sonne herumfliegen. Das war bei weitem zu nahe, um angenehm zu sein. Die Endeavour würde längst vorher den noch vorhandenen Treibstoff einsetzen müssen, um sich auf eine weniger gefährliche Bahn zu ka- tapultieren. Es standen ihnen also etwa drei Wochen für die Exploration Ramas zur Verfü- gung, ehe sie sich von dem Objekt endgültig trennen mußten. Danach würde die Erde sich mit dem Pro- blem herumschlagen müssen. Die Endeavour raste dann praktisch hilflos auf einer Bahn da- hin, auf der sie als erstes Raumschiff der Erde die Sterne erreichen konnte – in zirka fünfzig- tausend Jahren. Es besteht kein Grund zur Be- sorgnis, hatte die Kontrollführung vom ›Projekt Rama‹ versichert. Irgendwie würde man die Endeavour ohne Rücksicht auf die Kosten wie- der auftanken – selbst wenn man Tanker hin- ter ihr herschicken und sie im Weltraum preis- geben müßte, nachdem sie ihr letztes Gramm Treibstoff abgegeben hätten. Rama rechtfertig-, te jegliches Risiko, außer einem Himmelfahrts- kommando. Und selbstverständlich lag sogar dies im Be- reich der Möglichkeiten. In dieser Hinsicht gab sich Commander Norton keinen Illusionen hin. Seit Hunderten von Jahren war nun zum erstenmal ein völlig unkalkulierbares Element in den menschlichen Bereich eingedrungen. Und Ungewißheit war etwas, das weder Wis- senschaftler noch Politiker ertragen konnten. Und natürlich würde man ohne Zögern die En- deavour und ihre Mannschaft opfern, falls dies nötig wäre, diese Ungewißheit zu beseitigen. *, 5. KAPITEL

DIE ERSTE EVA

Rama war so still wie ein Grab – und das war er vielleicht auch. Auf keiner Frequenz gab es Radiosignale. Keine Vibrationen, die die Seis- mographen auffangen konnten, außer Mikroer- schütterungen, die zweifellos durch die zuneh- mende Sonnenhitze verursacht wurden. Keine elektrischen Ströme, keinerlei Radioaktivität. Das Objekt war beinahe bedrohlich still; sogar ein Asteroid würde vermutlich lauter sein. Was haben wir erwartet? fragte sich Norton. Ein Begrüßungskomitee? Er war sich nicht ganz im klaren, ob er enttäuscht oder erleichtert sein sollte. Die Maßnahmen, die ergriffen werden sollten, waren ihm immerhin vorgeschrieben. Sein Befehl lautete, vierundzwanzig Stun- den zu warten und dann zu Erkundungen das Raumschiff zu verlassen. An diesem ersten Tag schlief keiner sehr viel; selbst die Männer der Besatzung, die keinen Dienst hatten, hockten die meiste Zeit vor den Monitoren der Test- instrumente oder starrten durch die Beobach- tungsluken auf die nackte geometrische Land- schaft hinaus. Lebt diese Welt? fragten sie sich immer und immer wieder. Ist sie tot? Oder schläft sie nur?, Auf die erste EVA nahm Norton nur einen Begleiter mit, Kapitänleutnant Karl Mercer, sei- nen abgebrühten und erfinderischen Offizier für Lebenserhaltung. Er beabsichtigte nicht, das Raumschiff aus den Augen zu verlieren, und wenn es Probleme geben sollte, so würde ein Trupp von mehreren Leuten kaum mehr Si- cherheit garantieren. Er traf jedoch Vorsichts- maßnahmen und ließ zwei weitere Mann der Besatzung in Raumanzügen an der Luftschleu- se aufstellen. Die paar Gramm, die sie durch die kombi- nierte Schwerkraft und Zentrifugalkraft Ramas gewannen, waren weder nützlich noch hinder- lich; sie mußten sich voll und ganz auf ihre Jets verlassen. Sobald wie möglich, beschloß Norton, würde er Leitseile kreuz und quer zwi- schen dem Schiff und den Bunkern spannen lassen, damit man sich bewegen konnte, ohne Treibstoff zu vergeuden. Die nächste bunkerähnliche Erhebung war nur zehn Meter von der Luftschleuse entfernt. Nortons erste Sorge galt der Überprüfung, ob das Schiff beim Aufsetzen keinen Schaden ge- litten hatte. Der Rumpf der Endeavour preßte sich mit ei- nem Gewicht von mehreren Tonnen gegen die gekrümmte Wand, doch war der Druck gleich-, mäßig verteilt. Beruhigt begann er um die kreis- förmige Struktur herumzugleiten, um ihren Zweck zu erkennen. Norton war erst ein paar Meter vorangekom- men, als er auf eine Unebenheit in der glatten, allem Anschein nach metallischen Wand stieß. Zunächst dachte er, es handle sich um irgen- deine seltsame Verzierung, sie schien keine praktische Funktion zu erfüllen. Sechs Rinnen oder Schlitze waren in radialer Anordnung tief in das Metall eingegraben. In ihnen lagen sechs Quersprossen wie die Speichen eines randlo- sen Rades mit einer kleinen Nabe im Mittel- punkt. Doch dieses Rad ließ sich nicht drehen, da es in die Wand eingebettet war. Dann bemerkte er mit wachsender Erregung, daß an den Speichenenden tiefere Nischen la- gen, deren Form es einer zupackenden Hand (einer Klaue, einem Tentakel?) leichtmachten zuzupacken. Wenn man sich so hinstellte, sich gegen die Wand preßte und so an der Speiche zog … Leicht und ohne Widerstand glitt das Rad aus der Wand hervor. Zu seinem größten Erstaunen – denn er war praktisch sicher gewesen, daß sämtliche beweglichen Teile vor ewigen Zeiten bereits vakuumversiegelt worden sein mußten – hielt Norton das Speichenrad fest., Er hätte der Kapitän eines alten Windjam- mers am Ruder seines Schiffes sein können. Er war froh darüber, daß die Sonnenblende sei- nes Helms seinen Gesichtsausdruck vor Mer- cer verbarg. Norton war überrascht, aber auch wütend über sich selbst; vielleicht hatte er hier bereits den ersten Fehler begangen. Schrillten schon die Alarmsirenen im Inneren Ramas, hatte sein unbedachtes Tun bereits einen unerbittlichen Mechanismus ausgelöst? Doch die Endeavour meldete keine Verän- derungen: ihre Detektoren fingen noch im- mer nichts außer einem schwachen thermi- schen Knistern und den eigenen Bewegungen auf. »Nun, Skipper, werden Sie dran drehen?« Norton dachte an seine Instruktionen. »Han- deln Sie nach Gutdünken, aber seien Sie vor- sichtig.« Wenn er jeden einzelnen Schritt mit der Kontrollstation absprechen müßte, würde er nie etwas erreichen. »Wie lautet Ihre Diagnose, Karl?« fragte er Mercer. »Handelt sich offenbar um die manuelle Kon- trolle einer Luftschleuse – vielleicht um ein Nothilfssystem für den Fall von Energieausfall. Ich kann mir keine Technologie vorstellen, wie, fortschrittlich sie auch ist, die nicht derartige Vorsichtsmaßregeln treffen würde.« Und es müßte gefahrlos funktionieren, dachte Norton. Es könnte nur bedient wer- den, wenn keinerlei Gefahr für das System bestand … Er packte zwei gegenüberliegende Speichen des Spills, stemmte die Füße gegen den Grund und probierte das Rad aus. Es bewegte sich nicht. »Helfen Sie mir«, bat er Mercer. Jeder ergriff eine Speiche. Aber auch unter Einsatz aller ih- rer Kräfte brachten sie nicht die kleinste Bewe- gung zustande. Es gab natürlich nicht den geringsten Grund, warum sich auf Rama die Uhren und Korken- zieher in der gleichen Richtung wie auf der Erde bewegen sollten … »Versuchen wir’s andersrum«, schlug Mercer vor. Diesmal stießen sie auf keinen Widerstand. Das Rad drehte sich nahezu mühelos einmal ganz herum. Dann nahm es sehr geschmeidig das Gewicht auf. Einen halben Meter entfernt begann die ge- krümmte Bunkerwand sich zu bewegen wie eine sich langsam öffnende Muschelschale. Ein paar Staubpartikel strömten mit der hervortre-, tenden Luft wie glitzernde Diamanten nach au- ßen in das helle Sonnenlicht. Der Zugang zu Rama lag offen vor ihnen. *, 6. KAPITEL

DAS KOMITEE

Dr. Bose dachte oftmals, daß es ein schwerer Fehler gewesen war, die United Planets Head- quarters auf den Mond zu verlegen. Es war ganz unvermeidlich, daß die Erde dazu neig- te, sich in den Verhandlungen eine Vorherr- schaft zu sichern, genau wie sie die Landschaft draußen vor der Kuppel beherrschte. Wenn man schon hier bauen mußte, dann hätte man vielleicht besser auf die erdabgewandte Sei- te gehen sollen, wohin diese hypnotisierende Scheibe niemals ihre Strahlen schickte … Aber nun war es dafür natürlich viel zu spät, und überhaupt gab es ja auch keine wirkliche Alternative. Ob den Kolonien das nun paß- te oder nicht, die Erde würde für die näch- sten paar Jahrhunderte die kulturelle und wirt- schaftliche Vorherrschaft im Sonnensystem ausüben. Dr. Bose war auf der Erde geboren und erst mit dreißig Jahren auf den Mars ausgewan- dert, deshalb glaubte er, die politische Situa- tion ziemlich unparteiisch beurteilen zu kön- nen. Er wußte mittlerweile, daß er nie wieder auf seinen Heimatplaneten zurückkehren wür- de, auch wenn dieser per Pendelverkehr nur, fünf Stunden entfernt lag. Er war zwar mit sei- nen hundertfünfzehn Jahren vollkommen ge- sund, doch konnte er das Rekonditionstrai- ning zur Anpassung an eine dreimal so hohe Schwerkraft, als er sie den größten Teil seines Lebens gewohnt war, nicht mehr auf sich neh- men. Er war für immer aus der Welt, in der er geboren war, verbannt; aber da er nicht gera- de zu Sentimentalitäten neigte, hatte ihn diese Vorstellung nie sonderlich deprimiert. Was ihn allerdings manchmal betroffen machte, war die Gewißheit, Jahr um Jahr die- selben vertrauten Gesichter um sich zu haben. Die wunderbaren Errungenschaften der Medi- zin waren ja schön und gut, und er wünsch- te sicherlich nicht, die Uhr zurückzudrehen – aber hier um diesen Konferenztisch saßen Männer, Männer, mit denen er seit mehr als ei- nem halben Jahrhundert zusammenarbeitete. Er wußte stets ganz genau, was sie sagen und wie sie in jedem Einzelfall abstimmen würden. Er wünschte sich, daß einmal einer etwas voll- kommen Unerwartetes, vielleicht sogar etwas ganz Verrücktes tun würde. Aber wahrscheinlich dachten sie genauso über ihn … Das Rama-Komitee war noch immer klein ge- nug, um gut zu funktionieren, obwohl da si-, cher bald mit Problemen zu rechnen war. Sei- ne sechs Kollegen – die Repräsentanten des Merkur, der Erde, des Mondes, Ganymeds, Ti- tans und Tritons im UP – waren alle leibhaftig anwesend. Diplomatie per Elektronik war bei den enormen Entfernungen im Sonnensystem nicht möglich. Manche altgediente Staatsmän- ner, an die sofortigen Kommunikationsmög- lichkeiten gewöhnt, die man auf der Erde seit langem für selbstverständlich hielt, hatten sich nie mit der Tatsache abfinden können, daß Ra- diowellen Minuten und sogar Stunden brauch- ten, die Abgründe zwischen den Planeten zu überwinden. »Könnt ihr Wissenschaftler denn da nicht was unternehmen?« hatten sie sich bitterlich beschwert, wenn man ihnen erklär- te, daß Video-Simultan-Gespräche zwischen der Erde und ihren ferneren Kindern unmög- lich seien. Nur der Mond hatte diese (kaum akzeptable) Verzögerung von nur anderthalb Sekunden – mit allen jenen politischen und psychologischen Konsequenzen, die das mit sich brachte. Wegen dieser astronomischen Le- benstatsache würde der Mond – und nur er – immer ein Vorort der Erde bleiben. Persönlich anwesend waren gleichfalls drei von den Spezialisten, die zusätzlich in das Ko- mitee gewählt worden waren. Professor Da-, vidson, der Astronom, war ein alter Bekannter von Bose; er schien heute nicht ganz so leicht erzürnbar wie gewöhnlich. Dr. Bose wußte nichts von den internen Kämpfen, die dem Ab- schuß der ersten Rama-Sonde vorangegangen waren, aber den Professor hatten seine Kolle- gen dies nicht vergessen lassen. Dr. Thelma Price war ihm vertraut durch ihre zahlreichen Auftritte im Fernsehen, ob- gleich ihr Ruf bereits vor fünfzig Jahren erst- malig glanzvoll erstrahlt war, in jener Zeit der archäologischen Explosion, die nach der Aus- trocknung des großen Meeresmuseums – des Mittelmeers – aufgetreten war. Dr. Bose erinnerte sich noch gut an diese aufregende Periode, in der die verlorengegan- genen Schätze der Griechen und Römer und eines Dutzends anderer Zivilisationen wie- der ans Tageslicht gebracht wurden. Bei die- ser Gelegenheit, einer der ganz wenigen, hat- te er wirklich bedauert, daß er auf dem Mars lebte. Außerdem gehört der Exobiologe Carlisle Perera logischerweise dazu, ebenso wie Dennis Solomons, der Wissenschaftshistoriker. Etwas weniger glücklich war Dr. Bose über die Anwe- senheit Conrad Taylors, des gefeierten Anthro- pologen, der seinen Ruf einzig und allein der geschickten Kombination von Wissenschaft-, lichkeit und Erotik in seiner Untersuchung über die Pubertätsriten in Beverly Hills im spä- ten zwanzigsten Jahrhundert verdankte. Niemand jedoch hätte Sir Lewis Sands das Recht bestreiten wollen, im Komitee zu sit- zen. Sir Lewis, dessen Wissen bestenfalls von seiner Höflichkeit übertroffen wurde, stand in dem Ruf, nur dann die Haltung zu verlieren, wenn man ihn den Arnold Toynbee seiner Zeit nannte. Der große Historiker war nicht persönlich anwesend. Er weigerte sich hartnäckig, die Erde zu verlassen, sogar angesichts einer der- art entscheidenden Sitzung wie der bevorste- henden. Sein Stereo-Abbild war allerdings von der wirklichen Person nicht zu unterscheiden. So saß also Sir Lewis scheinbar rechts von Dr. Bose, und, wie um die Illusion vollkommen zu machen, hatte jemand ein Glas Wasser vor ihn gestellt. Dr. Bose war der Ansicht, daß ein der- artiger technologischer Aufwand ein unnötiger Trick sei, doch war es erstaunlich, wie viele unbestreitbar große Männer ein beinahe kind- liches Vergnügen daran hatten, an zwei Orten zugleich sein zu können. Zuweilen führten diese elektronischen Wunder zu komischen Katastrophen: Bose hatte einmal an einem di- plomatischen Empfang teilgenommen, bei dem, jemand versucht hatte, durch ein Stereogramm hindurchzugehen – und dabei zu spät ent- deckt, daß es die wirkliche Person war. Noch komischer war es, wenn jemand einer Projekti- on die Hand schütteln wollte … Seine Exzellenz der Botschafter des Mars bei den United Planets rief Boses schweifende Ge- danken zur Ordnung. Der Botschafter räusper- te sich und begann: »Gentlemen, ich erkläre die Sitzung des Komitees für eröffnet. Ich glau- be, ich darf wohl zu Recht behaupten, daß es sich um eine Versammlung von einzigartigen Köpfen handelt, einberufen, eine einzigartige Situation zu diskutieren. Die Anweisung des Generalsekretärs an uns geht dahin, die Lage abzuwägen und Commander Norton gegebe- nenfalls zu beraten.« Dies war geradezu ein Meisterstück an Ver- einfachung, und alle wußten es. Denn außer im Fall einer echten Notlage würde sich wahr- scheinlich nie ein direkter Kontakt zwischen dem Komitee und Commander Norton ergeben – sofern dieser überhaupt jemals von seiner Existenz gehört hatte. Denn das Komitee war eine Interimseinrichtung der United Planets Science Organisation und berichtete durch sei- nen Direktor dem Generalsekretär. Sicher, die Raumüberwachung war eine Abteilung der UP, – aber auf dem operationalen, nicht auf dem wissenschaftlichen Sektor. Theoretisch soll- te dies eigentlich kaum einen Unterschied machen: es gab keinen Grund dafür, daß das Rama-Komitee – oder überhaupt jemand – Commander Norton nicht anrufen und ihm hilfreiche Ratschläge geben sollte. Aber Kommunikation im Weltraum ist teu- er. Die Endeavour war nur durch PLANETCOM zu erreichen, eine unabhängige Organisation, die berühmt war für die peinliche Genauigkeit und Effizienz ihrer Abrechnung. Es dauerte lange, bis man mit PLANETCOM auf Kreditbasis arbeiten konnte. Irgendwie bemühte sich je- mand darum, aber bislang hatten die unerbitt- lichen Computer von PLANETCOM die Existenz eines Rama-Komitees noch nicht zur Kenntnis genommen. »Dieser Commander Norton«, sagte Sir Robert Mackay, der Botschafter der Erde, »hat eine enorme Verantwortung. Was für ein Mensch ist er?« »Darauf kann ich Ihnen Antwort geben«, er- widerte Professor Davidson, während seine Finger über die Tastatur seines Gedächtnis- blocks flogen. Er runzelte angesichts der Un- menge an Info die Stirn und begann eine ex- tempore Zusammenfassung zu geben., »William Tsien Norton, geboren 2077 in Bris- bane, Ozeana. Erziehung Sydney, Bombay, Hou- ston. Dann fünf Jahre in Astrograd mit Spezial- ausbildung in Antriebstechnik. Offizierspatent 2102. Aufstieg durch die normalen Ränge: Leut- nant bei der Dritten Persephone-Expedition, zeichnete sich beim fünfzehnten Versuch, eine Station auf Venus zu errichten, aus … hm … hm … außergewöhnliche Leistungen … Doppel- staatsbürgerschaft, Erde und Mars … Frau und ein Kind in Brisbane, Frau und zwei in Port Lo- well, Option auf Nr. drei …« »Frau?« fragte Taylor mit Unschuldsmiene. »Nein, Kind natürlich«, schoß der Professor zurück, bevor er das Grinsen auf dem Gesicht des anderen bemerkte. Ein leichtes Kichern lief um den Tisch, wenn auch die Delegier- ten der überbevölkerten Erde eher neidvoll als amüsiert lächelten. Nach hundertjähriger harter Anstrengung war es der Erde noch im- mer nicht gelungen, ihre Bevölkerung unter die Zielmarge von einer Milliarde zu verrin- gern … »… zum Kommandierenden Offizier des So- lar-Survey-Research-Schiffs Endeavour ernannt. Erster Flug zu den rückläufigen Jupitersatelli- ten … hm, das war riskant … auf Asteroiden- mission, als Auftrag erging, sich auf dieses Un-, ternehmen vorzubereiten … schaffte es, den Termin einzuhalten …« Der Professor löschte das Monitorblatt und blickte seine Kollegen ringsum an. »Ich glaube, wir hatten enormes Glück, wenn man bedenkt, daß er der einzige war, der so kurzfristig zur Verfügung stand. Wir hätten ja auch einen typischen Durchschnittskomman- danten kriegen können.« Es klang, als meinte er die typische strammbeinige Plage der Raum- fahrt: Pistole in der einen, den Dienstdolch in der anderen Hand. »Der Bericht beweist nur, daß er kompetent ist«, warf der Botschafter vom Merkur ein (Be- völkerungsziffer: 112500, aber steigende Ten- denz). »Wie wird er sich in einer vollkommen neuen Situation wie dieser verhalten?« Sir Lewis Sands (auf der Erde) räusperte sich. Anderthalb Sekunden später räusperte er sich auch auf dem Mond. »Nicht eine total neue Situation«, korrigier- te er den Hermes-Merkurier. »Auch wenn es vor dreihundert Jahren zum letztenmal so war. Wenn Rama tot oder unbesetzt ist – und bis- her deuten alle Fakten darauf hin –, dann be- findet sich Norton in der Lage eines Archäolo- gen, der die Ruinen einer erloschenen Kultur entdeckt.« Er verneigte sich leicht vor Dr. Pri-, ce, die zustimmend nickte. »Schliemann in Troja oder Mouhot in Angkor Wat sind die na- heliegenden Beispiele. Die Gefahr ist minimal. Allerdings kann man Unfälle niemals vollkom- men ausschließen.« »Aber was ist es mit den Fallen und Fußan- geln, von denen die Pandora-Leute geredet ha- ben?« fragte Dr. Price. »Pandora?« fragte der Merkurbotschafter rasch. »Worum handelt es sich dabei?« »Eine Bewegung von Verrückten und Nar- ren«, erklärte Sir Robert, so peinlich berührt, wie ein Diplomat dies jemals zugeben wür- de. »Sie sind davon überzeugt, daß Rama eine mögliche ernste Gefahr darstellt. Eine Schach- tel oder Büchse, die man besser nicht öffnen sollte, wissen Sie.« Er bezweifelte, daß der Hermianer es wirklich wußte: auf Merkur wur- de das Studium der Klassik nicht gerade geför- dert. »Pandora – Paranoia«, knurrte Conrad Tay- lor. »Aber ja, natürlich, dergleichen ist durch- aus denkbar. Aber warum sollte irgendeine in- telligente Rasse kindische Tricks anzuwenden versuchen?« »Nun, auch wenn wir solche unangenehmen Vorstellungen ausklammern«, fuhr Sir Robert fort, »bleibt noch immer die bei weitem be-, drohlichere Möglichkeit, daß Rama aktiv und bewohnt ist. Dann handelt es sich um ein Auf- einandertreffen zweier Kulturen – von sehr un- terschiedlichem technologischen Niveau. Wie Pizarro und die Inkas. Peary und die Japaner. Europa und Afrika. Und nahezu ausnahmslos waren die Folgen katastrophal – für einen oder beide Teile. Ich gebe hier keine Empfehlungen, ich weise nur auf Präzedenzfälle hin.« »Danke, Sir Robert«, antwortete Dr. Bose. Es war ein bißchen unangenehm, dachte er, daß in solch einem kleinen Komitee gleich zwei ›Sirs‹ saßen; letzthin war das Adelsprädikat eine Ehrung, der nur wenige Engländer sich entziehen konnten. »Ich bin überzeugt, daß wir alle uns dieser alarmierenden Möglichkei- ten bewußt sind. Aber wenn die Geschöpfe in Rama wirklich – hm – bösartig sein sollten, ist es dann nicht völlig egal, was wir unterneh- men?« »Sie könnten uns nicht zur Kenntnis neh- men, wenn wir uns entfernten.« »Was? – Nachdem sie Milliarden Meilen und Tausende von Jahren unterwegs waren?« Die Diskussion war in Schwung gekommen und brauchte nun keine Anregung mehr, sie setzte sich von allein fort. Dr. Bose lehnte sich in seinem Sessel zurück, äußerte recht wenig, und wartete auf die sich herauskristallisieren- de Übereinstimmung. Es kam genauso, wie er vorausgesehen hatte. Alle hielten es schließlich für ganz undenkbar, daß Commander Norton, nachdem er einmal die erste Tür aufgestoßen hatte, nicht auch die zweite öffnen sollte. *, 7. KAPITEL

DIE ZWEI FRAUEN

Wenn meine zwei Frauen jemals meine Video- gramme austauschen, dachte Commander Nor- ton mehr amüsiert als besorgt, dann bekomme ich eine ganze Menge mehr zu tun. So, wie es jetzt war, konnte er ein langes Video entwerfen und einfach kopieren und nur kurze persönli- che Nachrichten und Nettigkeiten hinzufügen, ehe er die nahezu identischen Fassungen zur Erde und zum Mars abfeuerte. Es war natürlich höchst unwahrscheinlich, daß seine zwei Gattinnen jemals etwas Derar- tiges tun würden; selbst bei den Ermäßigungen für die Familien von Raumfahrern würde dies teuer zu stehen kommen. Und es wäre im Grun- de sinnlos, denn seine beiden Familien verstan- den sich ausgezeichnet, man schickte einander die üblichen Geburtstags- und Festgrüße. Doch aufs Ganze gesehen war es vielleicht schon gut, daß die beiden Mädchen einander nie getroffen hatten und dies auch künftig nicht tun würden. Myrna war auf dem Mars geboren und konnte also die hohe Schwerkraft der Erde nicht ver- tragen. Und Caroline verabscheute sogar schon die nur fünfundzwanzig Minuten dauernde ›längste‹ Reise auf der Erde., »Tut mir leid, daß ich mich um einen Tag verspätet habe mit der Sendung«, sagte Nor- ton, nachdem er mit den allgemeinen Vorreden zu Ende war, »aber ich war während der letz- ten dreißig Stunden nicht im Schiff, glaub es oder nicht … Mach dir keine Sorgen – alles ist unter Kon- trolle, alles klappt ausgezeichnet. Wir haben zwei Tage gebraucht, aber jetzt haben wir uns fast ganz durch den Komplex der Luftschleu- se durchgearbeitet. Wir hätten das in ein paar Stunden erledigen können, wenn wir gewußt hätten, was wir jetzt wissen. Aber wir sind kein Risiko eingegangen, haben ferngesteuer- te Kameras vorangeschickt und alle Schleusen ein dutzendmal durchprobiert, um sicherzuge- hen, daß sie sich nicht schließen, nachdem wir durch waren … Jede Schleuse ist ein einfacher Drehzylin- der mit Öffnungen an beiden Seiten. Man geht durch die eine, dreht den Zylinder um hunder- tachtzig Grad – die Öffnung paßt genau über eine weitere Tür, und man kann hinausgehen. Oder hinausfliegen, in diesem Fall. Die Rama-Leute haben wirklich nichts dem Zufall überlassen. Es gibt drei von diesen Zy- linderschleusen, eine hinter der anderen in- nerhalb der Außenwand und genau unter dem, Eingangsbunker. Ich kann mir nicht vorstellen, daß auch nur eine davon versagen könnte, es sei denn, man jagt sie mit Sprengstoff in die Luft, aber auch dann würde es eine zweite und eine dritte Sicherung geben … Und das ist erst der Anfang. Die letzte Schleu- se führt in einen geraden Korridor von fast fünf- hundert Metern Länge. Er wirkt sauber und or- dentlich, wie übrigens alles, was wir bisher gesehen haben. Alle paar Meter gibt es klei- ne Luken, die vermutlich Lampen enthielten, aber jetzt ist alles vollkommen schwarz und ich scheue mich nicht, dir zu gestehen, etwas be- ängstigend. Außerdem ziehen sich zwei paral- lele Schlitze von etwa einem Zentimeter in den Wänden über die ganze Länge des Tunnels hin. Wir vermuten, daß in ihnen eine Art Pendel- seilzug läuft und Material oder Personen hin- und zurückbefördert. Es würde uns ganz schön viele Mühe ersparen, wenn wir es zum Funk- tionieren bringen könnten … Ich erwähnte, daß der Tunnel einen halben Kilometer lang ist. Aus unseren seismischen Tests wissen wir, daß das etwa die Stärke der Außenhülle ist, also sind wir anscheinend fast durch. Und wir waren keineswegs erstaunt, als wir am anderen Ende des Tunnels wieder so eine Luftschleuse vorfanden., Richtig, und eine zweite und dritte. Die- se Leute haben anscheinend alles dreifach ge- macht. Jetzt sind wir in der letzten Schleusen- kammer und warten auf das Okay von der Erde, bevor wir weitergehen. Das Innere Ramas liegt nur ein paar kurze Meter von uns entfernt. Ich werde mich viel besser fühlen, wenn die Span- nung vorbei ist. Du kennst doch Jerry Kirchoff, meinen Nach- laßverwalter, der so viele richtige Bücher be- sitzt, daß er nicht von der Erde emigrieren kann? Jerry also hat mir von einer Situation erzählt, die genau wie die unsere war, damals Anfang des einundzwanzigsten – nein, falsch, des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Archäolo- ge entdeckte das Grab eines ägyptischen Kö- nigs, es war das einzige bisher, das nicht von Grabräubern geplündert worden war. Seine Ar- beiter brauchten Monate, sich hinunterzugra- ben, Kammer um Kammer, bis sie endlich an die letzte Mauer stießen. Dann durchbrachen sie das Mauerwerk, und der Mann steckte eine Laterne und seinen Kopf hindurch. Und er sah ein ganzes Zimmer voller Schätze – unglaubli- ches Zeug, Gold und Juwelen … Vielleicht ist unser Ding auch ein Grab. Das kommt mir immer wahrscheinlicher vor. Wir haben bisher noch nicht das geringste Ge-, räusch gehört, kein Anzeichen für irgendeine Bewegung. Nun, morgen dürften wir es genau- er wissen.« Commander Norton schaltet das Aufnah- megerät auf HALT. Was könnte ich denn noch über die Arbeiten sagen, fragte er sich, bevor ich die einzelnen persönlichen Sachen an mei- ne Familien diktiere? Gewöhnlich berichtete er nicht so detailliert, aber diesmal waren die Umstände wohl kaum als normal zu bezeich- nen. Es war möglicherweise das letzte Video- gramm, das er seinen Lieben schicken würde; er war ihnen einige Erklärungen schuldig, was er vorhatte. Wenn sie diese Bilder sehen und seine Worte hören würden, würde er im Innern von Rama sein – so oder so. *, 8. KAPITEL

DURCHGANG DURCH DIE NABE

Niemals zuvor war sich Norton so sehr bewußt gewesen, wie verwandt er sich jenem lange verstorbenen Ägyptologen fühlte. Seit Howard Carpenter den ersten Blick in das Grab des Tut- anch-amon warf, hatte wohl kaum ein Mensch etwas Gleichartiges erlebt. Und doch, der Ver- gleich war beinahe lächerlich. Tut-anch-amon war erst gestern begraben worden – noch nicht einmal viertausend Jahre früher; Rama dagegen konnte sehr wohl älter als die Menschheit sein. Dieses kleine Grab im Tal der Könige hätte in den Korridoren, die sie bereits durchschritten hatten, völlig übersehen werden können, und die Räume, die jenseits des letzten Verschlusses lagen, waren minde- stens millionenfach größer. Und was die mög- lichen Schätze anging – das lag jenseits aller Vorstellungen. Über die Radioverbindung war schon seit mindestens fünf Minuten kein Wort mehr ge- kommen; das guttrainierte Team hatte noch nicht einmal mündlich berichtet, als alle Über- prüfungen erledigt waren. Mercer hatte ihm nur einfach das Okay-Zeichen gegeben und ihn zu dem geöffneten Tunnel hingewinkt. Es war,, als seien sich alle darüber im klaren, daß dies ein historischer Augenblick sei, den man nicht durch unnötiges Gerede banalisieren sollte. Das paßte Commander Norton ganz gut, denn in diesem Moment hatte auch er nichts, was er hätte sagen wollen. Er knipste seine Stablam- pe an, drehte an den Knöpfen seiner Jets und trieb langsam, gehalten von einer Sicherheits- schnur, den kurzen Korridor hinunter. Wenige Sekunden danach war er im Inneren Ramas. Im Inneren wovon? Vor ihm lag schwärzeste Finsternis, nicht der geringste Lichtschimmer kam als Reflex seiner Lampe zurück. Er hat- te damit gerechnet, aber er hatte es eigentlich doch nicht geglaubt. Alle Berechnungen hatten ergeben, daß die gegenüberliegende Wand vie- le Kilometer entfernt sein müsse; jetzt sah er es mit eigenen Augen. Während er langsam in die Finsternis hineinschwebte, verspürte er plötz- lich ein starkes Bedürfnis, sich der Verläßlich- keit seiner Sicherheitsleine zu vergewissern; er hatte diesen Wunsch noch nie so stark emp- funden wie jetzt, selbst bei seiner allerersten EVA nicht. Und das war natürlich lächerlich: er hatte ohne Schwindelgefühl über Lichtjah- re und Megaparsecs hinausgeschaut – warum sollte er sich von ein paar Kubikkilometern Leere beunruhigen lassen?, Während er noch über sein Unbehagen nachgrübelte, bremste ihn der Anstriebsdämp- fer am anderen Ende des Seils sacht ab und stoppte ihn mit einem kaum spürbaren Ruck. Er streifte mit seinem Lampenstrahl von dem Nichts vor ihm zurück auf seinen Ausgangs- punkt. Er hätte über dem Mittelpunkt eines kleinen Kraters schweben können, der seinerseits ein Grübchen innerhalb eines weit größeren war. Zu beiden Seiten stieg ein Komplex von Ter- rassen und Rampen auf, die alle geometrisch äußerst präzise und also offenbar künstlich an- gelegt waren: sie erstreckten sich weiter, als sein Lichtstrahl reichte. Etwa hundert Meter entfernt sah er die Eingänge der beiden ande- ren Luftschleusensysteme, die haargenau dem seinen entsprachen. Und das war es. Die Szenerie war weder be- sonders exotisch noch irgendwie fremdartig: tatsächlich ähnelte sie in beträchtlichem Maße einem verlassenen Bergwerk. Norton empfand unbewußt eine gewisse Enttäuschung: nach al- len seinen Bemühungen hätte eigentlich eine dramatische, ja transzendentale Offenbarung erfolgen müssen. Dann erinnerte er sich, daß er nur ein paar hundert Meter weit sehen konnte. Die Dunkelheit jenseits seines Sichtbereichs, konnte ja immer noch Wunderbares bereithal- ten, mehr als ihm lieb sein mochte. Er stattete seinen besorgt und begierig war- tenden Begleitern Bericht ab. Dann sagte er: »Ich schicke die Leuchtboje raus – zwei Minu- ten Verzögerung. Jetzt.« Mit aller Kraft schleuderte er den kleinen Zylinder nach oben – oder nach außen – und zählte die Sekunden, während die Boje im Lichtstrahl kleiner wurde. Ehe er bei einer Vier- telminute angelangt war, war sie außer Sicht; bei hundert zog er den Schutzschirm über die Augen und zielte mit der Kamera. Er war schon immer recht gut im Abschätzen von Zeiteinhei- ten gewesen; diesmal war er nur um zwei Se- kunden zu schnell gewesen, als alles von plötz- licher Helligkeit erfüllt war. Und diesmal hatte er keinen Grund, enttäuscht zu sein. Selbst die Millionen Lichteinheiten der Leucht- kugel vermochten nicht die ganze riesige Höh- lung zu erhellen, aber er konnte jetzt immerhin genug sehen, um eine Ahnung von der Struktur zu bekommen, die gigantischen Ausmaße zu be- wundern. Er befand sich am Ende eines minde- stens zehn Kilometer weiten und unbestimmt langen Zylinders. Von seinem Standort auf der Mittelachse konnte er auf den gekrümmten Wänden um ihn herum eine solche Fülle von, Einzelheiten erkennen, daß sein Gehirn nur ei- nen winzigen Bruchteil von ihnen aufzuneh- men vermochte. Er sah im Licht eines einzigen Blitzes die Landschaft einer ganzen Welt vor sich und bemühte sich in bewußter Willensan- spannung, dieses Bild in seinem Gehirn festzu- halten. Rings um ihn erhoben sich die terrassenför- migen Hänge des ›Kraters‹ und verschmolzen schließlich mit der festen Wand, die den ›Him- mel‹ begrenzte. Nein – dieser Eindruck war un- richtig: er mußte sowohl seine irdischen als auch seine Raumvorstellungen fallenlassen und sich anhand eines völlig neuen Koordina- tensystems umorientieren. Er stand nicht am niedrigsten Punkt dieser fremdartigen verkehrten Welt, sondern an ih- rem höchsten. Von hier aus ging alles nach un- ten, nicht nach oben. Wenn er sich von der Mit- telachse auf die gekrümmte Wand zubewegte (die er nicht länger als ›Wand‹ ansehen durfte), würde die Schwerkraft gleichmäßig anwach- sen. Und wenn er die innere Seite der Zylinder- hülle erreicht haben würde, könnte er auf ihr an jedem beliebigen Punkt aufrecht stehen: die Füße den Sternen zugewandt, den Kopf ins In- nere der rotierenden Trommel. Es war ein nur zu bekanntes Prinzip: seit den Uranfängen der, Raumfahrt hatte man die Fliehkraft dazu be- nutzt, künstlich eine Schwerkraft herzustellen. Es war allein das Ausmaß, in dem das Prinzip hier angewendet wurde, was so überwältigend war, so bestürzend. Die größte Raumstation, Syncsat Fünf, maß weniger als zweihundert Meter im Durchmesser. Es würde eine ganze Weile dauern, bis man sich an die hundertfa- che Vergrößerung gewöhnt haben würde. Der Landschaftstubus um ihn herum be- stand aus Flecken von Licht und Schatten, die Wälder sein konnten, Felder, zugefrorene Seen oder Städte; die Entfernung und das schwin- dende Licht der Leuchtkugel machten eine eindeutige Bestimmung unmöglich. Schmale Linien konnten Autobahnen, Kanäle oder ge- nau begradigte Flüsse sein, sie bildeten einen schwach erkennbaren geometrischen Raster. Und weit hinten, am Ende seines Sichtbe- reichs, zeigte sich im Mittelpunkt des Zylin- ders ein Band von noch größerer Schwärze. Es bildete einen exakten Kreis, einen Ring um das Innere dieser Welt. Norton fühlte sich plötz- lich an den mythischen Okeanos erinnert, das Meer, das nach den Vorstellungen der Antike die Erde umgab. Hier handelte es sich möglicherweise um eine noch seltsamere See – nicht eine kreisför-, mige, sondern eine zylindrische. Gab es in ihr, ehe sie in der interstellaren Nacht gefror, Wel- len, Gezeiten, Strömungen – und Fische? Die Leuchtkugel zuckte und erlosch, der Au- genblick der Offenbarung war vorüber. Aber Norton wußte, daß diese Bilder bis an sein Le- bensende in sein Gehirn eingebrannt sein wür- den. Welche Entdeckungen die Zukunft auch bringen mochte, diesen ersten Eindruck wür- den sie niemals löschen können. Und das hi- storische Privileg, als erster Mensch einen Blick auf das Werk einer fremden Zivilisation geworfen zu haben, würde ihm niemand strei- tig machen können. *, 9. KAPITEL

ERKUNDUNG

»Wir haben jetzt fünf Leuchtkugeln mit Langzeit- zündung die Zylinderachse entlanggeschickt und haben daher gutes Fotomaterial über die gesam- te Länge. Alle wichtigen Merkmale sind kartogra- phiert. Allerdings können wir nur recht wenige Details identifizieren, also haben wir ihnen vor- läufige Namen zugeteilt. Die innere Höhlung ist fünfzig Kilometer lang und sechzehn Kilometer weit. Beide En- den laufen schüsselförmig aus und haben ziemlich komplizierte geometrische Werte. Un- sere Seite haben wir Nördliche Hemisphäre ge- tauft. Wir errichten unsere erste Basis hier, ge- nau auf der Achse. Radial gehen von der zentralen Nabe im Winkel von hundertzwanzig Grad drei fast ei- nen Kilometer lange Leitern aus. Sie enden jede an einer Terrasse oder einem ringförmi- gen Plateau, das um die ›Schüssel‹ herumläuft. Und von dort ausgehend führen drei riesige Treppenstrukturen in der gleichen Richtung wie die Leitern bis ganz in die Ebene hinun- ter. Wenn man sich einen Regenschirm mit nur drei Rippen vorstellt, bekommt man ein gutes Bild von diesem Ende von Rama., Jede dieser drei Rippen ist eine Treppe. An der Mittelachse ziemlich steil, dann flachen sie allmählich ab, je näher es auf die darun- terliegende Ebene zugeht. Die Treppen – wir haben sie Alpha, Beta und Gamma genannt – sind nicht durchgängig, sondern von fünf wei- teren kreisförmigen Terrassen unterbrochen. Wir schätzen, daß es zwischen zwanzig- und dreißigtausend Stufen sind … wir nehmen an, daß sie nur im Katastrophenfall benutzt wur- den, denn es ist undenkbar, daß die Ramaner – oder wie immer wir sie bezeichnen werden – über keine bessere Methode verfügt haben soll- ten, die Achse ihrer Welt zu erreichen. Die Südliche Hemisphäre sieht ganz anders aus. Einmal hat sie keine Treppen und kei- ne zentrale Nabe. Statt dessen gibt es dort ei- nen gigantischen Stachel – kilometerhoch – ge- nau auf der Achse und sechs kleinere Stachel im Umkreis. Die ganze Struktur sieht ziemlich merkwürdig aus, und wir wissen nicht, was sie bedeuten soll. Die fünfzig Kilometer lange Strecke zwi- schen den zwei Schüsseln haben wir Zentral- ebene genannt. Es mag ja verrückt erscheinen, wenn man das Wort Ebene auf etwas so ein- deutig Nichtflaches anwendet, aber wir glau- ben, daß dies hier gerechtfertigt ist. Uns wird, das nämlich flach erscheinen, wenn wir hin- untersteigen – genau wie das Innere einer Fla- sche einer Ameise als flach erscheinen muß, die in ihr herumkriecht. Das aufregendste Charakteristikum der Zen- tralebene ist das zehn Kilometer breite dunk- le Band, das genau auf halbem Weg rundum läuft. Es sieht wie Eis aus, darum haben wir es ›Zylindrisches Meer‹ getauft. Direkt geradeaus in der Mitte liegt eine große ovale Insel, etwa zehn Kilometer lang, drei breit, auf der hohe Gebäude emporragen. Da sie uns an das alte Manhattan erinnert, haben wir sie ›New York‹ getauft. Ich glaube aber nicht, daß es sich um eine Stadt handelt, es wirkt eher wie eine riesi- ge Fabrik oder chemische Produktionsanlagen. Aber es gibt ein paar Städte – oder doch we- nigstens Kleinstädte. Wenigstens sechs. Wenn sie für menschliche Wesen errichtet worden wären, könnte jede davon mindestens fünfzig- tausend Personen aufnehmen. Wir haben sie Rom, Peking, Paris, Moskau, London und To- kio genannt … Sie sind durch Fernstraßen und durch schienenähnliche Linien miteinander verbunden. In diesem erstarrten Weltleichnam liegt wohl Material für ein paar Jahrhunderte Forschungs- arbeit. Wir müssen viertausend Quadratkilo-, meter untersuchen und haben nur ein paar Wochen Zeit dafür. Ich frage mich, ob wir je- mals die Antwort auf die zwei Rätsel erhalten werden, die mich beunruhigen, seit wir ins In- nere vorgestoßen sind: wer waren diese Wesen – und was ist schiefgelaufen!« Hier endete der Bericht. Auf der Erde und dem Mond lehnten sich die Mitglieder des Rama-Komitees entspannt in ihren Sesseln zu- rück. Dann begannen sie die vor ihnen aus- gebreiteten Karten und Fotos zu untersuchen. Obwohl sie dies bereits seit ein paar Stunden taten, bot ihnen doch die Stimme von Com- mander Norton einen zusätzlichen Eindruck, den keift Foto zu geben vermochte. Er war wirk- lich dort gewesen, er hatte mit eigenen Augen über diese außerordentliche verkehrte Welt ge- schaut in jenen kurzen Augenblicken, da ihre äonenalte Nacht von den Leuchtsonden erhellt worden war. Und er war der Mann, der alle Ex- peditionen zur Erforschung dieser Welt leiten würde. »Dr. Perera, ich denke, Sie haben dazu ein paar kommentierende Anmerkungen zu ma- chen?« Botschafter Bose fragte sich einen Moment lang, ob er nicht zunächst Professor Davidson als dem Nestor unter den Wissenschaftlern und, dem einzigen Astronomen das Wort hätte ertei- len sollen. Doch dieser alte Kosmologe schien noch immer unter einem leichten Schock zu stehen und hatte sich offensichtlich noch nicht wieder gefangen. Während seiner ganzen wis- senschaftlichen Laufbahn hatte Professor David- son das Universum lediglich als Arena für die gigantischen unpersönlichen Kräfte der Schwer- kraft, des Magnetismus, der Strahlung betrach- tet. Niemals hatte er geglaubt, daß das Leben in der Anordnung der Dinge eine wesentliche Rol- le spielte, und er hatte das Auftreten von Le- ben auf der Erde, dem Mars und dem Jupiter als eine nur zufällige Verirrung angesehen. Doch nun gab es den Beweis, daß Leben nicht nur außerhalb des Sonnensystems exi- stiert, sondern sogar ein Niveau erreicht hatte, das weit über allem lag, was die Menschheit bislang erreicht hatte – oder in künftigen Jahr- hunderten zu erreichen hoffen durfte. Mehr noch, die Entdeckung Ramas brachte ein wei- teres Dogma Professor Olafs ins Wanken, ei- nes, das er seit Jahren verfocht. Wenn man ihn bedrängte, pflegte er wohl widerstrebend ein- zugestehen, daß es möglicherweise auch in anderen Stellarsystemen Leben geben könne – doch sei es absurd anzunehmen, hatte er stets behauptet, daß dieses Leben jemals die inter-, stellaren Abgründe zu überbrücken imstande sei … Vielleicht war ja genau dies den Ramanern mißlungen, wenn Commander Norton mit sei- ner Vermutung recht hatte, daß ihre Welt jetzt ein riesiges Grab sei. Aber sie hatten doch zu- mindest die Heldentat gewagt, und das mit einem Aufwand, der auf eine große Erfolgs- erwartung schließen ließ. Und wenn etwas Derartiges einmal geschehen war, dann mußte es ohne Zweifel in dieser Galaxie von hundert- tausend Millionen von Sonnen öfter gesche- hen sein … und irgend jemand würde irgend- wo einmal erfolgreich sein. Diese These hatte Dr. Carlisle Perera seit Jahren, ohne Beweismaterial zwar, aber mit einem beträchtlichen Aufwand an Gesti- kulation gepredigt. Jetzt war er sehr glück- lich, wenn auch zugleich ziemlich frustriert. Rama hatte auf spektakuläre Weise seine An- sichten bestätigt – aber er selbst würde diese Welt niemals betreten oder sie auch nur mit eigenen Augen sehen können. Wenn plötz- lich der Teufel aufgetaucht wäre und ihm die Fähigkeit der sofortigen Teleportation ange- boten hätte, Perera hätte den Vertrag unter- schrieben, ohne sich um das Kleingedruck- te zu kümmern., »Jawohl, Exzellenz, ich glaube, daß ich eini- ge interessante Informationen vorlegen könnte. Wir haben es hier zweifellos mit einer ›Raum- arche‹ zu tun. In der astronautischen Literatur ist dies eine uralte Vorstellung. Es ist mir ge- lungen, sie bis auf den britischen Physiker J. D. Bernal zurückzuverfolgen, der bereits 1929 in einem Buch diese Methode interstellarer Kolo- nisierung vorschlug. Ja, vor über zweihundert Jahren. Und der große russische Pionier Tsiol- kovski machte sogar noch früher fast die glei- chen Vorschläge. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, von ei- nem Sternsystem zu einem anderen zu kom- men. Angenommen, die Lichtgeschwindigkeit ist ein absolutes Limit, und diese Frage ist im- mer noch nicht definitiv geklärt, was immer Sie auch an Gegenteiligem gehört haben mö- gen« – von Professor Davidson kam ein entrü- stetes Schnauben, aber kein artikulierter Ein- wand –, »dann kann man eine schnelle Reise in einem kleinen Fahrzeug oder eine langsame in einem riesigen Schiff machen. Es gibt keinen technischen Grund, warum Raumschiffe nicht bis zu neunzig Prozent oder sogar noch höher sich der Lichtgeschwindig- keit annähern könnten. Das würde eine Reise- dauer von fünf bis zehn Jahren zwischen Nach-, barsternen bedeuten, was vielleicht lästig, aber nicht undurchführbar ist, besonders für Lebe- wesen mit einer Lebensdauer von Jahrhunder- ten. Man kann sich Flüge von solcher Dauer in Schiffen vorstellen, die nicht viel größer als die unseren sein müßten. Doch möglicherweise werden solche Ge- schwindigkeiten durch vernünftige Nutzlast unmöglich; bedenken Sie, daß man Treibstoff für die Abbremsung am Ende der Reise mit- führen muß, selbst wenn man nicht zurück- kehren will. Also dürfte es vernünftiger sein, sich Zeit zu lassen: zehntausend, hunderttau- send Jahre … Bernal und andere glaubten, dies werde durch mobile kleine Welten von einigen Kilo- metern Durchmesser ermöglicht, die Tausen- de von Passagieren auf einer Fahrt über einen Zeitraum von einigen Generationen befördern würden. Natürlich müßte es sich dabei um ein strikt geschlossenes System handeln, in dem alle Nahrung, Luft und andere Verbrauchsma- terie in den Kreislauf zurückgeführt würden. Aber auf genau die gleiche Weise funktioniert natürlich auch die Erde – in etwas größerer Di- mension. Manche Schriftsteller schlugen vor, die Raumarchen in Form von konzentrischen Ku-, geln zu bauen; andere regten rotierende Hohl- zylinder an, so daß die Fliehkraft als künstli- che Schwerkraft wirken könne – genau, was wir in Rama gefunden haben …« Professor Davidson konnte eine derartige Un- genauigkeit nicht durchgehen lassen. »Es gibt keine Fliehkraft. Das ist ein Techni- kerpopanz. Es gibt nur Trägheit der Masse.« »Sie haben natürlich vollkommen recht«, gab Perera zu, »obwohl es ziemlich schwierig sein dürfte, jemanden davon zu überzeugen, der ge- rade von einem Karussell geschleudert worden ist. Aber mathematische Strenge scheint hier unnötig …« »Hört, hört!« warf Dr. Bose etwas verärgert ein. »Wir alle wissen, was Sie meinen, oder wir glauben, es zu wissen. Bitte zerstören Sie uns nicht unsere Illusionen.« »Nun, ich wollte ja auch nur darauf hinwei- sen, daß theoretisch nichts an Rama neu ist. Die Ausmaße allerdings sind bestürzend. Aber die Menschheit hat sich dergleichen seit zwei- hundert Jahren ausgemalt. Nun jedoch möchte ich mich einer anderen Frage zuwenden, nämlich, wie lange genau Rama schon durch den Weltraum wandert? Wir besitzen jetzt eine sehr genaue Bestim- mung seiner Umlaufbahn und seiner Ge-, schwindigkeit. Angenommen, daß keine Navi- gationskorrekturen stattfanden, dann können wir seine Positionen Millionen Jahre zurückver- folgen. Wir rechneten damit, daß Rama aus der Richtung eines Sterns in unserer Nähe kommen müsse – doch ist das keineswegs der Fall. Es ist über zweihunderttausend Jahre her, seit Rama in der Nähe irgendeines Sterns vor- beikam, und der einzige, bei dem dies zutraf, entpuppte sich als irregulärer Variabler – so ziemlich die am wenigsten geeignete Sonne, die man sich für ein bewohntes Sonnensy- stem vorstellen könnte. Er hat eine Helligkeits- schwankung von mehr als fünfzig zu eins; Pla- neten würden in diesem System abwechselnd alle paar Jahre gekocht und eingefroren wer- den.« »Ein Vorschlag«, warf Dr. Price ein. »Viel- leicht erklärt das alles. Vielleicht war das einst eine normale Sonne und wurde dann insta- bil. Und darum mußten die Ramaner sich eine neue Sonne suchen.« Dr. Perera hegte große Bewunderung für die Archäologin, deshalb behandelte er sie glimpf- lich. Aber er fragte sich, was sie sagen würde, wenn er sich aufmachte und ihr absolut Selbst- verständliches auf ihrem Spezialgebiet zu er- läutern versuchte …, »Wir haben das erwogen«, sagte er freund- lich. »Doch wenn unsere derzeitigen Theori- en über die Stellarrevolution richtig sind, dann konnte dieser Stern niemals stabil gewesen sein – konnte niemals lebentragende Planeten gehabt haben. Also ist Rama seit mindestens zweihunderttausend Jahren unterwegs im All, vielleicht sogar länger als eine Million Jahre. Jetzt ist Rama kalt und dunkel und anschei- nend tot, und ich glaube, ich weiß, warum. Es ist möglich, daß den Ramanern keine Wahl blieb – vielleicht flohen sie wirklich vor irgen- deiner Katastrophe –, aber sie haben sich ver- kalkuliert. Kein geschlossenes ökologisches System kann hundertprozentig effizient sein; es gibt stets Verschwendung, Verluste – eine gewis- se Verschlechterung der Umwelt und das Ent- stehen von Schadstoffen. Es kann Milliarden Jahre dauern, bis ein Planet vergiftet und ab- genutzt ist – doch irgendwann wird es gesche- hen. Die Ozeane vertrocknen, die Atmosphäre sickert davon … Für unsere Begriffe ist Rama enorm groß – aber dennoch ist er nur ein sehr kleiner Planet. Nach meinen Berechnungen, die auf den Leck- verlusten durch die Hülle und einigen ver- nünftigen Hypothesen über die Geschwindig-, keit des biologischen Zyklus beruhen, ergibt sich, daß die Ökologie Ramas nur etwa einige tausend Jahre lang überdauern konnte. Äußer- stenfalls gestehe ich zehntausend zu … Das würde angesichts der Fluggeschwindig- keit von Rama ausreichen, um zwischen den dicht beieinanderliegenden Sonnensystemen im Herzen der Galaxie herumzufliegen. Doch nicht hier außen zwischen den dünngestreuten Sternenpopulationen der Spiralarme. Rama ist ein Schiff, das seine Vorräte erschöpfte, ehe es sein Ziel erreicht hatte. Es ist ein Wrack, das zwischen den Sternen dahintreibt. Es gibt nur einen einzigen ernstzunehmen- den Einwand gegen diese Theorie, und ich werfe ihn selbst in die Debatte, ehe es jemand anders tut. Ramas Flugbahn zielt so genau auf das Sonnensystem ab, daß ein Zufall ausge- schlossen erscheint. In der Tat möchte ich sa- gen, daß Rama jetzt viel genauer auf die Sonne zustürzt, als uns lieb sein kann; die Endeavour wird sich lange vor dem Perihelion abkoppeln müssen, um eine Überhitzung zu vermeiden. Ich behaupte nicht, daß ich verstehe, was da- hintersteckt. Vielleicht funktioniert noch irgen- deine Zielrichtungsautomatik und lenkt Rama zu dem nächsten brauchbaren Stern, Äonen nachdem seine Erbauer tot sind., Und sie sind tot; ich wette meinen Ruf dar- auf. Alle Proben, die wir aus dem Inneren ge- nommen haben, sind absolut steril – wir haben nicht einen einzigen Mikroorganismus gefun- den. Und was das Gerede vom künstlichen Scheintod betrifft, von dem Sie vielleicht ge- hört haben, so können Sie das getrost ignorie- ren. Es gibt fundamentale Gründe dafür, daß eine Hibernation nur über ein paar knappe Jahrhunderte funktioniert – und wir haben es hier mit tausendmal längeren Zeiträumen zu tun. Deshalb brauchen sich die Pandorianer und ihre Sympathisanten keinerlei Sorgen zu ma- chen. Ich, für mein Teil, bedauere dies. Es wäre wundervoll gewesen, einer anderen intelligen- ten Spezies zu begegnen. Doch wenigstens konnten wir eine uralte Fra- ge beantworten: wir sind nicht allein. Die Ster- ne werden für uns nie mehr dieselben sein.« *, 10. KAPITEL

ABSTIEG IN DIE FINSTERNIS

Commander Norton fühlte eine große Versu- chung in sich – doch als Kapitän hatte er zual- lererst für sein Schiff zu sorgen. Wenn bei die- ser ersten Sondierung irgend etwas Wichtiges schiefgehen sollte, würde er davonlaufen müs- sen. So blieb also sein Zweiter Offizier, Kom- mandeurleutnant Mercer, als Alternative üb- rig. Norton gab bereitwillig zu, daß Karl für die Mission auch geeigneter sei. Mercer war die Kapazität auf dem Gebiet der Lebenserhaltungssysteme und hatte darüber einige Standardwerke verfaßt. Er hatte persön- lich unzählige Ausrüstungstypen – oft unter gefährlichsten Bedingungen – erprobt, und sei- ne Bio-Rückkoppelungskontrolle war berühmt. Sekundenschnell konnte er seine Pulsfrequenz um fünfzig Prozent verringern und seine At- mung nahezu zehn Minuten lang auf fast Null reduzieren. Diese nützlichen kleinen Tricks hatten ihm mehr als einmal das Leben gerettet. Doch bei all seinen Fähigkeiten und seiner Intelligenz fehlte es ihm doch beinahe voll- kommen an Fantasie. Für ihn waren die gefähr-, lichsten Experimente oder Missionen einfach nur Jobs, die erledigt werden mußten. Er ging nie ein unnötiges Risiko ein, und von dem, was man gemeinhin als Tollkühnheit bezeich- net, hielt er überhaupt nichts. Zwei Motti auf seinem Schreibtisch demon- strierten die Quintessenz seiner Lebensphilo- sophie. Eine Notiz besagte: WAS HAST DU VER- GESSEN? Die andere: TRAGE ZUR AUSROTTUNG DER TOLLKÜHNHEIT BEI! Die Tatsache, daß man ihn vielfach als den tapfersten Mann der ganzen Raumflotte betrachtete, war das einzige, was ihn je in Zorn versetzt hatte. Mit der Entscheidung für Mercer stand au- tomatisch auch der nächste Mann fest: sein von ihm unzertrennlicher Gefährte Leutnant Joe Calvert. Man konnte nicht leicht begreifen, was die beiden verband: der zierliche, ziem- lich empfindliche und reizbare Navigationsof- fizier war zehn Jahre jünger als sein schwerfäl- liger, durch nichts aus der Ruhe zu bringender Freund, der Joes leidenschaftliches Interesse an der Kunst des primitiven Films durchaus nicht teilte. Aber keiner weiß, wo der Blitz einschlägt, und so hatten Mercer und Calvert vor Jahren eine allem Anschein nach dauerhafte Freund- schaftsbindung aufgebaut. Dies war keines-, wegs außergewöhnlich; bei weitem ungewöhn- licher war jedoch, daß beide auch zu Hause auf der Erde eine gemeinsame Frau hatten, die jedem von ihnen ein Kind geboren hatte. Com- mander Norton hoffte, sie eines Tages kennen- zulernen. Sie mußte eine sehr bemerkenswerte Frau sein. Das Dreiecksverhältnis dauerte nun schon mindestens fünf Jahre und schien im- mer noch störungsfrei zu funktionieren. Aber zwei Mann waren für einen Erkun- dungstrupp zuwenig; vor langer Zeit hatte man herausgefunden, daß drei Mann die optima- le Besetzung waren – denn wenn einer verlo- renging, dann konnten zwei Mann möglicher- weise immer noch durchkommen, während ein einzelner Überlebender zum Tode verur- teilt wäre. Nach sorgfältiger Überlegung wählte Norton den Technical Sergeant Willard Myron aus. Myron war ein mechanisches Genie. Er konnte alles zum Funktionieren bringen – oder auch etwas Besseres entwerfen, wenn das eine nicht funktionierte. Er war der ideale Mann, fremde Ausrüstungsgegenstände zu erkennen. Myron war für einen langen Forschungsurlaub von seiner normalen Aufgabe als außerordent- licher Professor am Astrotechnikum freigestellt worden, aber er hatte sich geweigert, ein Offi- zierspatent anzunehmen, weil er nicht die Be-, förderung verdienstvoller Berufsoffiziere blok- kieren wollte. Niemand nahm diese Erklärung sonderlich ernst; man war vielmehr allgemein der Ansicht, daß Will nicht den mindesten Ehrgeiz besitze. Er würde es bis zum Raum- sergeanten bringen, aber er würde niemals or- dentlicher Professor werden. Myron, wie zahl- lose Offiziere ohne Patent vor ihm, hatte den idealen Kompromiß zwischen Macht und Ver- antwortung gefunden. Während sie durch die letzte Luftschleuse und längs der gewichtslosen Achse von Rama schwebten, fühlte Leutnant Calvert sich wie so oft mitten in einer filmischen Rückblende. Er fragte sich zuweilen, ob er nicht versuchen sollte, sich das abzugewöhnen, aber anderer- seits sah er keine Nachteile an dieser Sache. Damit konnte man sogar die langweiligsten Situationen interessant machen, und – wer konnte es wissen – vielleicht würde ihm die- se Angewohnheit eines Tages das Leben retten. Er würde sich erinnern, was Fairbanks oder Connery oder Hiroshi in ähnlicher Lage getan hatten … Diesmal war er dabei, in einem der Kriege im frühen zwanzigsten Jahrhundert zum Sturm aus dem Schützengraben zu springen; Mercer war der Feldwebel, der eine Patrouille von drei, Mann auf einem Nachtangriff ins Niemands- land anführte. Es fiel ihm nicht allzu schwer, sich vorzustellen, daß sie auf dem Boden eines gigantischen Bombentrichters stünden, aller- dings eines Trichters, der irgendwie säuberlich zu einer Reihe ansteigender Terrassen zurecht- gestutzt worden war. Der Krater war vom Licht der drei weit auseinanderliegenden Plasmabö- gen erhellt, wodurch sich das ganze Innere na- hezu schattenlos ausleuchten ließ. Doch da- hinter – jenseits der fernsten Terrasse – lagen Dunkelheit und Geheimnis. In seiner Fantasie wußte Calvert ganz ge- nau, was dort lag. Zuerst kam die flache kreis- förmige Ebene von über einem Kilometer Aus- dehnung. Dann, wie breite Schienenstränge, die drei breiten Leitern, die die Ebene in drei gleich große Teile schnitten. Ihre Sprossen la- gen vertieft, so daß sie kein Hindernis bilde- ten für hinuntergleitende Gegenstände. Da die Anordnung vollkommen symmetrisch war, be- stand kein Grund, eine der Leitern zu bevorzu- gen; man hatte die der Luftschleuse Alpha am nächsten liegende nur der Bequemlichkeit hal- ber gewählt. Die Leitersprossen lagen zwar unangenehm weit auseinander, aber ein Problem war es nicht. Selbst hier am Rand der Nabe, einen, halben Kilometer von der Achse entfernt, be- trug die Schwerkraft kaum ein Dreißigstel von der der Erde. Und obgleich sie beinahe hun- dert Kilogramm an Ausrüstung und lebens- wichtigen Geräten mit sich trugen, würden sie sich trotzdem mühelos weiterhanteln können. Commander Norton und der Hilfstrupp be- gleiteten sie längs der Seilführungen, die man von der Luftschleuse Alpha bis zum Kraterrand gespannt hatte. Dann lag jenseits der Reich- weite der Flutlichtstrahler die Dunkelheit Ra- mas vor ihnen. Alles, was sie in den tanzenden Strahlen der Helmlampen sehen konnten, wa- ren die ersten paar hundert Meter der Leiter, die über die flache und sonst gestaltlose Ebene hin immer winziger wurde. Und jetzt, sagte Mercer zu sich, jetzt muß ich meine erste Entscheidung treffen. Steige ich die Leiter rauf oder runter? Dies war durchaus ein schwerwiegendes Pro- blem. Sie befanden sich praktisch noch unter Null-Schwerkraft, und so konnte sich das Ge- hirn jedes beliebige Bezugssystem aussuchen. Durch einfache Willensanspannung konnte Mercer sich zu der Überzeugung bringen, daß er auf eine horizontale Fläche oder eine ver- tikale Wand hinauf oder über den Kamm ei- ner steilen Klippe blicke. Nicht wenige Astro-, nauten machten ernste psychische Störungen durch, wenn sie vor einer schwierigen Aufgabe das falsche Koordinatensystem wählten. Mercer war entschlossen, mit dem Kopf vor- an loszugehen, da jede andere Fortbewegungs- weise umständlicher gewesen wäre; überdies konnte er so leichter sehen, was vor ihm lag. Auf den ersten paar hundert Metern würde er sich also vorstellen, daß er nach oben klettere; erst wenn der zunehmende Sog der Schwer- kraft diese Illusion zerstörte, würde er seine geistige Orientierung um hundertachzig Grad verschieben. Er packte die erste Sprosse und zog sich sacht die Leiter entlang. Die Bewegung war so mühelos wie das Schwimmen im Meer – noch leichter sogar, weil es hier nicht den Rücksog des Wassers gab. Es war so leicht, daß man in Versuchung geraten konnte, zu schnell voran- zugehen, doch Mercer hatte zuviel Erfahrung, als daß er in einer derartig neuen Situation et- was überstürzt hätte. Die Sprossen lagen gleichmäßig einen halben Meter auseinander, und während der ersten Phase seiner Kletteraktion übersprang Mercer jede zweite. Doch er zählte sie sorgfältig, und als er bei zweihundert angelangt war, begann er deutlich sein Gewicht zu spüren. Die Rota-, tion von Rama begann sich bemerkbar zu ma- chen. Bei Sprosse vierhundert schätzte er sein scheinbares Gewicht auf etwa fünf Kilo. Das war kein Problem, doch würde es jetzt ein biß- chen schwieriger, sich einzureden, daß er auf- wärts klettere, da er doch kräftig nach oben ge- zerrt wurde. Sprosse fünfhundert erschien ihm als ein geeigneter Platz für eine Ruhepause. Er spür- te, daß seine Armmuskeln auf die ungewohnte Anstrengung reagierten, auch wenn jetzt Rama die ganze Arbeit tat und er sich nur zu lenken brauchte. »Alles okay, Skipper«, berichtete er. »Haben gerade die Hälfte hinter uns. Joe, Will? Irgend- welche Probleme?« »Mir geht’s gut – warum hältst du an?« ant- wortete Joe Calbert. »Hier gleichfalls alles okay«, setzte Sergeant Myron hinzu. »Aber paßt auf die Corioliskraft auf. Sie wird bald stärker werden.« Das hatte Mercer auch schon bemerkt. Wenn er die Sprossen losließ, trieb er deutlich nach rechts ab. Er wußte selbstverständlich ganz ge- nau, daß dies nur eine Folge der Umdrehung Ra- mas war, doch es wirkte, als schubste ihn eine geheimnisvolle Kraft sanft von der Leiter fort., Möglicherweise war nun der Zeitpunkt ge- kommen, mit den Füßen voran weiterzugehen, jetzt, da ›unten‹ allmählich wieder eine physi- sche Bedeutung gewann. Er würde das Risiko einer kurzfristigen Desorientierung eingehen. »Achtung – ich dreh mich jetzt rum.« Er klammerte sich an der Sprosse fest und drehte sich mit Hilfe seiner Arme um hunder- tachzig Grad herum. Die Lampen seiner Gefähr- ten blendeten ihn einen Moment. Weit über ih- nen – und nun war das wirklich über ihnen – konnte er ein schwaches Glimmen längs des steilen Klippenkamms erkennen. Als Silhouet- ten hoben sich davor die Gestalten Comman- der Nortons und des Rettungstrupps ab, die ihm angespannt zusahen. Sie wirkten winzig und sehr weit entfernt. Er winkte ihnen zuver- sichtlich zu. Er löste seinen Griff und ließ die noch immer schwache Pseudoschwerkraft Ramas wirken. Der Fall von einer Sprosse zur nächsten dauer- te über zwei Sekunden; auf der Erde würde ein Mensch in der gleichen Zeit dreißig Meter ge- fallen sein. Die Fallgeschwindigkeit war so ärgerlich ge- ring, daß er die Geschichte ein wenig beschleu- nigte, indem er mit den Händen nachschob und über ein Dutzend Sprossen auf einmal hinweg-, glitt. Er bremste sich jeweils mit den Füßen ab, wenn er das Gefühl bekam, zu schnell abwärts zu gleiten. Bei Sprosse siebenhundert machte er erneut halt und richtete den Strahl seiner Helmlampe nach unten. Wie er vorausberechnet hatte, be- fand sich der Fuß der Leiter nur noch fünfzig Meter unter ihm. Einige Minuten später waren sie bei der er- sten Sprosse angelangt. Es war ein seltsa- mes Gefühl, nach monatelangem Aufenthalt im Weltraum nun wieder aufrecht auf festem Grund zu stehen und den Boden gegen die Füße drücken zu fühlen. Ihr Gewicht betrug noch immer weniger als zehn Kilo, doch dies reichte aus, ihnen ein Gefühl der Stabilität zu vermitteln. Wenn Mercer die Augen schloß, konnte er glauben, daß unter ihm wieder ein- mal eine wirkliche Welt lag. Der Sims oder die Plattform, von der aus die Treppe hinabführte, war etwa zehn Me- ter breit und auf beiden Seiten gekrümmt, bis sie schließlich im Dunkel verschwand. Mercer wußte, daß sie einen vollkommenen Kreis bil- dete und daß er, wenn er fünf Kilometer auf ihr entlanggehen würde, wieder genau an sei- nem Ausgangspunkt anlangen würde, nach- dem er Rama umkreist hatte., Angesichts der minimalen Schwerkraft an diesem Punkt war jedoch richtiges Gehen un- möglich; man konnte nur in riesigen Sätzen vorwärtskommen. Und dies barg Gefahren. Die Treppe, die sich in die Finsternis weit jenseits der Reichweite ihrer Lampen hinab- schwang, würde trügerisch leicht hinunter- zugehen sein. Aber es war lebenswichtig, daß man sich an den hohen Geländern zu beiden Seiten festhielt; ein zu kühner Schritt konnte einen unvorsichtigen Benutzer in weitem Bo- gen in den Raum hinausbefördern. Er wür- de einige hundert Meter weiter unten auf fe- sten Grund gelangen; der Aufprall würde zwar harmlos sein, aber seine Folgen vielleicht nicht: denn die Rotation Ramas müßte die Treppe nach links abgedreht haben. Und darum wür- de ein fallender Körper auf der sanften Krüm- mung auftreffen, die in einer ungebrochenen Kurve zu der fast sieben Kilometer weiter un- ten liegenden Ebene hinabführte. Das würde eine verdammt heiße Schlitten- fahrt sein, dachte Mercer; die Endgeschwindig- keit konnte selbst bei diesen Schwerkraftverhält- nissen gut mehrere hundert Stundenkilometer betragen. Vielleicht war es ja möglich, durch ge- nügend Reibung einen derartigen Absturz abzu- bremsen; wenn das möglich war, dann könnte, dies sogar der bequemste Weg sein, die innere Oberfläche Ramas zu erreichen. Doch zunächst würde man zwangsläufig ein paar sehr vorsich- tige Experimente anstellen müssen. »Skipper«, meldete sich Mercer, »keine Pro- bleme beim Abstieg auf der Leiter. Wenn Sie zustimmen, würde ich gern zur nächsten Platt- form weitergehen. Ich möchte unsere Abstiegs- zeit auf der Treppe messen.« Norton antwortete sofort. »Machen Sie weiter.« Aber es war nicht nö- tig, daß er hinzufügte: »Seid vorsichtig.« Es dauerte nicht lange, da machte Mercer eine fundamentale Entdeckung. Es war unmög- lich – zumindest bei dieser Schwerkraft von nur einem Zwanzigstel –, die Treppe auf nor- male Weise hinabzusteigen. Jeder diesbezügli- che Versuch führte zu einer traumhaften slow- motion-Bewegung, die unerträglich ermüdend war; das einzige praktikable Verfahren bestand darin, die Stufen zu ignorieren und sich an den Handgeländern nach unten zu ziehen. Calvert war zu dem gleichen Resultat gekom- men. »Diese Treppe ist gebaut, um nach oben, nicht nach unten zu kommen!« rief er aus. »Man kann die Stufen benutzen, wenn man sich gegen die Schwerkraft bewegt, aber in unserer Richtung, sind sie einfach eine Plage. Es sieht ja vielleicht nicht sehr würdevoll aus, aber ich glaube, das einfachste ist, auf dem Geländer runterzurut- schen.« »Das ist lächerlich«, protestierte Sergeant My- ron. »Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Ra- maner es so gemacht haben.« »Ich bezweifle, daß sie diese Treppen jemals benutzt haben. Es sind offensichtlich Notaus- stiege. Sie müssen über irgendein mechani- sches Transportmittel verfügt haben, hier her- aufzukommen. Vielleicht eine Seilbahn. Das wäre eine Erklärung für die langen Schlitze, die von der Nabe herunterführen.« »Ich habe immer gedacht, es handelt sich um Abflußgräben. Aber sie könnten ja beides sein. Ich möchte wissen, ob es hier je Regen gab?« »Wahrscheinlich«, sagte Mercer. »Aber ich denke, Joe hat recht. Zum Teufel mit der Wür- de. Auf geht’s.« Das Handgeländer – angenommen, es war für so etwas wie Hände geformt worden – war eine glatte flache Metallschiene auf weit auseinan- derliegenden meterhohen Pfeilern. Comman- der Mercer setzte sich rittlings darauf, über- prüfte vorsichtig, wieviel Bremskraft er mit den Händen ausüben konnte, und begann hin- abzurutschen., Sehr gleichmäßig mit langsam wachsender Geschwindigkeit glitt er in das Dunkel hinun- ter, nur sein Helmscheinwerfer verbreitete ei- nen Lichthof um ihn. Er war etwa fünfzig Me- ter vorangekommen, als er die beiden anderen aufforderte nachzukommen. Keiner gab es zu, aber sie fühlten sich alle drei wieder wie Lausejungs, die ein Treppen- geländer hinunterrutschen. In weniger als zwei Minuten waren sie sicher und bequem ei- nen ganzen Kilometer tief ›hinuntergestiegen‹. Wenn immer sie das Gefühl hatten, daß es zu schnell wurde, genügte ein fester Griff um das Geländer, und sie hatten genug Bremskraft. »Ich hoffe, es hat euch Spaß gemacht«, rief Commander Norton, als sie die zweite Platt- form betraten. »Die Kletterei zurück wird nicht ganz so leicht sein.« »Das möchte ich gern überprüfen«, antwor- tete Mercer, der gerade probehalber auf- und abging, um die erhöhte Schwerkraft zu testen. »Es ist hier bereits ein Zehntel G – man merkt wirklich den Unterschied.« Er ging – oder, genauer, er glitt – an den Rand der Plattform und richtete seine Helmstrah- ler auf die nächstniedere Sektion der Trep- pe. Soweit sein Lichtstrahl reichte, schien es sich um die genaue Wiederholung der bereits, über ihnen liegenden Treppe zu handeln – ob- gleich die sorgfältige Auswertung der Fotos ge- zeigt hatte, daß die Stufenhöhe mit wachsen- der Schwerkraft stetig abnahm. Die Treppe war offenbar so konstruiert, daß die zu ihrer Benut- zung nötige Anstrengung an jedem Punkt ih- rer langen geschwungenen Kurve in etwa kon- stant blieb. Mercer blinzelte zu der Nabe von Rama hin- auf. Sie lag nun fast zwei Kilometer über ihm. Der schwache Lichtschimmer und die winzi- gen Schattengestalten davor wirkten erschrek- kend weit entfernt. Zum erstenmal war er froh darüber, daß er diese gigantische Treppenkon- struktion nicht in ihrer gesamten Länge sehen konnte. Trotz seiner guten Nerven und seiner Fantasielosigkeit war er sich doch nicht sicher, wie er reagieren würde, wenn er sich wie ein Insekt vorkommen müßte, das auf der Oberflä- che eines vertikalen Tellers von über sechzehn Kilometern Höhe herumkroch – wobei die obe- re Tellerhälfte über ihn herüberhing. Bisher hatte er sich über die Dunkelheit geärgert; in diesem Augenblick jedoch begrüßte er sie fast. »Keine Temperaturveränderung«, berichte- te er Commander Norton. »Immer noch knapp unter Gefrierpunkt. Aber der Luftdruck ist ge- stiegen, wie wir erwartet haben: ungefähr drei-, hundert Millibar. Selbst bei diesem geringen Sauerstoffgehalt kann man fast darin atmen. Weiter unten wird es überhaupt keine Schwie- rigkeiten machen. Das wird uns die Explorati- on enorm erleichtern. Was für eine Entdeckung: die erste Welt, auf der wir uns ohne Sauerstoff- geräte bewegen können! Übrigens, ich werde da jetzt mal reinschnuppern.« Auf der Nabe machte Commander Norton eine leicht beunruhigte Bewegung. Aber wenn überhaupt einer seiner Männer, dann wuß- te Mercer ganz genau, was er tat. Er hatte be- stimmt genügend Tests vorgenommen, um si- cherzugehen. Mercer nahm den Druckausgleich vor, legte den Sicherheitshebel an seinem Helm herum und öffnete diesen einen Spalt weit. Er atme- te vorsichtig ein, dann nahm er einen tieferen Atemzug. Die Luft in Rama wirkte tot und muffig, als käme sie aus einem so uralten Grab, daß die letzten Spuren des körperlichen Zerfalls be- reits vor Äonen verschwunden waren. Selbst die überempfindliche Nase Mercers, die in jah- relanger Erprobung von Lebenserhaltungssyste- men bis zum Katastrophenpunkt und darüber hinaus geeicht war, konnte keinerlei feststell- bare Gerüche entdecken. Es gab einen schwa-, chen metallischen Beigeschmack, und Mercer erinnerte sich plötzlich daran, daß die ersten Menschen auf dem Mond von einem Hauch von verbranntem Schießpulver gesprochen hatten, als sie das Mondmodul wieder unter Druck gesetzt hatten. Mercer stellte sich vor, daß die von Mondstaub geschwängerte Raum- kapsel der Eagle in etwa so wie Rama gerochen haben müsse. Er schloß seinen Helm wieder und entließ die fremde Luft aus seinen Lungen. Sie hatte ihm keine lebenswichtige Hilfe bringen kön- nen: selbst ein Bergsteiger, der dem Gipfel des Mount Everest akklimatisiert gewesen wäre, hätte hier sehr schnell sterben müssen. Doch ein paar Kilometer weiter unten würde die Sa- che völlig anders aussehen. Was gab es hier sonst noch zu tun? Ihm fiel nichts ein. Er genoß einfach die leichte un- gewohnte Schwerkraft. Aber es hatte keinen Sinn, sich an sie zu gewöhnen, denn sie wür- den gleich in die Gewichtslosigkeit an der Nabe zurückkehren. »Wir kommen zurück, Skipper«, meldete er. »Kein Grund, noch weiter abzusteigen – bevor wir ganz runtergehen können.« »Einverstanden. Wir werden eure Zeit stop- pen, aber macht langsam.«, Während er die Stufen hinaufhüpfte, wobei er drei oder vier mit einem Satz nahm, muß- te Mercer Calvert recht geben: diese Treppe war gebaut worden, um hinauf-, nicht hinab- zusteigen. Solange man sich nicht umschau- te und die schwindelerregende Steilheit der Krümmung ignorierte, war der Anstieg eine er- frischende Erfahrung. Nach etwa zweihundert Stufen begann er allerdings ein leichtes Zuk- ken in seinen Wadenmuskeln zu verspüren und beschloß, langsamer weiterzumachen. Die anderen beiden taten es ihm nach. Als er einen raschen Blick über die Schulter zurückwarf, sah er, daß sie ein gutes Stück weiter unten am Hang waren. Der Aufstieg verlief gänzlich ereignislos – es war nur eine scheinbar endlose Abfolge von Stufen. Als sie erneut auf der obersten Platt- form standen, direkt unter der Leiter, waren sie kaum außer Atem, und sie hatten knapp zehn Minuten gebraucht. Sie machten noch einmal zehn Minuten Pause, dann nahmen sie den letzten senkrechten Kilometer des Aufstiegs in Angriff. Springen, eine Sprosse packen – Springen- Packen-Springen-Packen … es war leicht, aber auch so anödend gleichförmig, daß die Gefahr bestand, leichtsinnig zu werden. Auf halbem, Weg machten sie fünf Minuten Pause: inzwi- schen hatten außer den Beinen auch die Arme zu schmerzen begonnen. Wieder war Mercer froh darüber, daß sie so wenig von dieser senk- rechten Oberfläche erkennen konnten, an der sie sich hocharbeiteten; so konnte man sich leicht einreden, daß die Leiter nur ein paar Meter über den erleuchteten Bereich hinaus- ragte und bald zu Ende sein werde. Springen-Packen, Festhalten an der Spros- se, Springen – und dann war die Leiter ganz plötzlich wirklich zu Ende. Die ganze Exkursi- on hatte etwas weniger als eine Stunde gedau- ert, und jetzt waren sie wieder zurück in jener gewichtslosen Welt an der Rama-Achse und in- mitten ihrer besorgten Freunde. Sie verspürten durchaus einen gewissen Stolz. Doch war es bei weitem noch zu früh für eine bequeme Selbstzufriedenheit. Trotz all ih- rer Anstrengungen hatten sie erst weniger als ein Achtel des gesamten gigantischen Treppen- systems hinter sich gebracht. *, 11. KAPITEL

MÄNNER, FRAUEN UND MENSCHENAFFEN

Schon vor langer Zeit war Commander Norton zu der Überzeugung gelangt, daß bestimmte Frauen nicht an Bord eines Raumschiffs gedul- det werden dürften: die Schwerelosigkeit stell- te mit ihren Brüsten Sachen an, die eine zu verteufelt starke Ablenkung bedeuteten. Es war schon schlimm genug, wenn sie sich nicht be- wegten, aber wenn sie sich bewegten und die sympathischen Vibrationen begannen, dann war das mehr, als einem warmblütigen männli- chen Wesen zuzumuten war. Für Norton stand außer Frage, daß zumindest ein schwerer Un- fall im Raum durch akute Ablenkung der Be- satzung verursacht worden war, nachdem ein wohlgepolsterter weiblicher Offizier durch die Kontrollkanzel gegangen war. Er hatte diese These einmal gegenüber der Stabsärztin-Commander Laura Ernst vertreten, ohne hinzuzufügen, wer ihn zu diesen beson- deren Gedankengängen angeregt hatte. Das er- übrigte sich auch: sie kannten einander viel zu gut. Vor Jahren hatten sie einmal in einem Mo- ment beiderseitiger Einsamkeit und Depression miteinander geschlafen. Wahrscheinlich wür- den sie diese Erfahrung nie wiederholen (doch, konnte man in diesem Punkt je völlig sicher sein?), da sich für beide inzwischen sehr viel verändert hatte. Doch wann immer die wohl- geformte Doktorin sich in die Kabine des Com- manders schlängelte, verspürte er einen flüch- tigen Nachhall vergangener Leidenschaft, und da sie das ganz genau wußte, war jedermann zufrieden. »Bill«, begann sie, »ich habe unsere Klette- rer untersucht. Hier ist meine Beurteilung. Karl und John sind in guter Verfassung – alle Reak- tionen normal, angesichts der Leistung, die sie hinter sich haben. Aber Will weist Anzeichen von Erschöpfung und Gewichtsstörung auf – ich gehe nicht ins Detail. Ich glaube, er hat nicht ausreichend trainiert, und er ist nicht der einzige, bei dem ich das vermute. In der Zen- trifuge hat es Drückeberger gegeben; und wenn das so weitergeht, dann werden bald ein paar Köpfe rollen. Bitte veranlassen Sie das Nötige.« »Jawohl, M’am. Aber es gibt eine Entschuldi- gung. Die Männer haben äußerst hart gearbei- tet.« »Sicher, mit dem Gehirn und den Fingern. Aber nicht mit dem Körper – sie haben kei- ne echte Arbeitsleistung in Kilopond erbracht. Und damit werden wir es zu tun bekommen, wenn wir Rama erforschen.«, »Gut, können wir das?« »Ja, wenn wir behutsam vorgehen. Karl und ich haben zusammen eine sehr vorsichtige Prognose erarbeitet – die auf der Annahme ba- siert, daß wir unterhalb von Absatz Zwei kei- ne Atemgeräte mehr benötigen werden. Das ist natürlich ein unglaublicher Glücksfall und verändert das ganze logistische Bild. Ich kann mich noch immer nicht ganz an die Vorstel- lung gewöhnen, daß wir es hier mit einer Welt mit Sauerstoff zu tun haben … Also brauchen wir bei der Versorgung nur an Nahrung, Was- ser und Thermoanzüge zu denken und können losziehen. Der Abstieg wird einfach sein; es sieht so aus, als könnten wir auf diesem sehr praktischen Geländer fast bis ganz hinunter schlittern.« »Ich habe Chips beauftragt, einen Schlitten mit Fallschirmbremsung zu konstruieren. Selbst wenn wir ihn nicht mit der Mannschaft riskie- ren können, läßt er sich doch für Vorräte und Ausrüstung einsetzen.« »Prima; damit müßten wir den Trip in zehn Minuten schaffen, während es sonst etwa eine Stunde dauern würde. Die Aufstiegszeit ist schwieriger abzuschät- zen: ich würde gern sechs Stunden dafür an- setzen, einschließlich zwei Rastpausen von je, einer Stunde. Später, wenn wir mehr Erfah- rung haben – und ein paar Muskeln entwickelt haben –, können wir die Zeit möglicherweise beträchtlich verkürzen.« »Wie steht’s mit den psychologischen Fakto- ren?« »Schwer zu bestimmen bei einer so völlig neuen Umgebung. Die Dunkelheit ist vielleicht das größte Problem.« »Ich werde auf der Nabe Suchscheinwerfer anbringen lassen. Dann hat jeder Trupp dort unten neben den eigenen Lampen auch bestän- dig einen Strahl auf sich gerichtet.« »Gut. Das dürfte eine große Hilfe sein.« »Noch etwas: Sollten wir auf Nummer Si- cher gehen und einen Trupp nur die Hälfte der Treppe hinunterschicken und dann zurückkeh- ren lassen – oder sollten wir gleich beim ersten Versuch ganz runtergehen?« »Wenn wir massig Zeit hätten, würde ich zur Vorsicht raten. Aber wir sind knapp mit Zeit, und ich kann eigentlich nichts Gefährliches darin sehen, daß wir ganz runtergehen – und uns umsehen, wenn wir dort sind.« »Danke, Laura. Mehr brauche ich nicht zu wissen. Ich werde den Leitenden Offizier bit- ten, die Details auszuarbeiten. Und ich wer- de anordnen, daß alle Mann in die Zentrifuge, trainieren gehen: täglich zwanzig Minuten bei einem halben G. Sind Sie damit zufrieden?« »Nein. Unten in Rama herrschen 0,6 G, und ich möchte einen Sicherheitsspielraum haben. Setzen Sie dreiviertel an …« »Aua!« »… zehn Minuten lang …« »Einverstanden …« »… zweimal täglich.« »Laura, Sie sind eine hartherzige, grausame Person. Aber in Ordnung. Ich werde die Neu- igkeit direkt vor dem Abendessen verkünden. Das dürfte einigen den Appetit verderben.« Es war das erstemal, daß Commander Norton bei Karl Mercer eine leichte Verlegenheit er- lebte. Er hatte eine Viertelstunde in seiner ge- wohnten kompetenten Art die Versorgungs- probleme diskutiert. Irgend etwas schien ihn offensichtlich zu beunruhigen. Sein Kapitän hatte eine nicht unbegründete Vermutung, was dies sein könne, und wartete geduldig, bis Mer- cer mit der Sprache herausrückte. »Skipper«, begann Karl schließlich, »sind Sie sicher, daß es richtig ist, wenn Sie diesen Trupp anführen? Wenn irgendwas schiefgeht, dann bin ich doch bei weitem weniger wichtig. Und ich bin weiter nach Rama vorgedrungen, als sonstwer – wenn’s auch nur fünfzig Meter waren.« »Richtig. Aber es ist an der Zeit, daß der Kom- mandant seine Truppen anführt, und wir ha- ben die Überzeugung gewonnen, daß das Risiko bei diesem Trip nicht größer sein wird als beim ersten. Beim ersten Anzeichen von Problemen werde ich die Treppen so schnell wieder oben sein, daß ich mich für die Mondolympiade qua- lifizieren könnte.« Norton wartete auf weitere Einwände, doch es kamen keine, obwohl Karl noch immer un- glücklich dreinschaute. Also erbarmte er sich und fügte freundlich hinzu: »Und ich wet- te, daß Joe mich bis oben abgehängt haben wird.« Der schwere Mann entspannte sich, ein leichtes Grinsen breitete sich auf seinem Ge- sicht aus. »Trotzdem, Bill, ich wünschte, Sie hätten sich jemand anderen ausgesucht.« »Ich brauchte einen Mann, der schon mal unten war, und wir zwei können nicht beide gehen. Und was den Herrn Professor Doktor Sergeant Myron angeht, so sagt Laura, daß er noch immer zwei Kilo Übergewicht hat. Es hat nicht einmal was genützt, daß er sich seinen Schnurrbart abrasiert hat.« »Wer ist Nummer drei?«, »Darüber habe ich noch nicht entschieden. Es hängt ganz von Laura ab.« »Sie will selbst mitkommen.« »Wer will das nicht? Aber wenn ihr Name auf ihrer Fitneßliste an erster Stelle stehen sollte, werde ich sehr argwöhnisch werden.« Als Kapitänleutnant Mercer seine Papiere zu- sammenraffte und sich aus der Kabine kata- pultierte, verspürte Norton einen kurzen neid- vollen Stich. Beinahe seine ganze Besatzung – ungefähr fünfundachtzig Prozent, nach seiner niedrigsten Schätzung – hatte sich emotional irgendwie arrangiert. Er kannte Raumschiffe, auf denen der Kapitän das gleiche getan hatte, aber bei ihm war das anders. Obgleich die Dis- ziplin an Bord der Endeavour weitgehend von gegenseitigem Respekt hochqualifizierter und intelligenter Männer und Frauen getragen wur- de, brauchte der Kommandeur doch ein biß- chen mehr, um seine Position zu unterstrei- chen. Er trug eine einzigartige Verantwortung, die eine gewisse Distanz, selbst von seinen eng- sten Freunden, erforderte. Jede Liaison konnte schädlich für die Moral an Bord sein, denn es war nahezu unmöglich, den Verdacht der Be- günstigung zu vermeiden. Aus diesem Grund auch waren Affären zwischen Raumfahrern mit mehr als zwei Rangstufen Unterschied äu-, ßerst unerwünscht; aber abgesehen davon galt als einzige Regel über das Sexualverhalten an Bord: »Solange sie es nicht in den Korridoren treiben und die ›Simps‹ erschrecken …« An Bord der Endeavour befanden sich vier Superchimps, obgleich, wenn man es genau nahm, die Bezeichnung nicht ganz korrekt war, denn die nichtmenschliche Mannschaft des Schiffes entstammte nicht der Spezi- es der Schimpansen. Bei völliger Schwerelo- sigkeit hatte ein Greifschwanz enorme Vortei- le, und alle genetischen Versuche, Menschen mit einem solchen zu versehen, hatten sich als peinliche Reinfälle erwiesen. Und nach glei- chermaßen unbefriedigenden Ergebnissen bei den großen Menschenaffen hatte sich die Su- perchimpanzee Corporation dem Reich der ge- schwänzten Affen zugewendet. Blackie, Blondie, Goldie und Brownie verfüg- ten über einen Stammbaum, dessen verschie- dene Zweige die intelligentesten Affenspezies der Alten und der Neuen Welt umfaßten, nebst diversen synthetischen Genen, die in der Na- tur niemals aufgetreten waren. Ihre Aufzucht und Erziehung hatte wahrscheinlich ebenso- viel gekostet wie die eines normalen Raum- fahrers, aber sie waren es wert. Sie wogen alle nur dreißig Kilo, verbrauchten nur halb soviel, Nahrung und Sauerstoff wie ein Mensch, aber jeder von ihnen konnte 2,75 Menschen erset- zen, wenn es um Hausarbeiten, simple Koch- künste, Werkzeugbeförderung und Dutzende anderer Routineaufgaben ging. Diese Angabe von 2,75 war eine Behaup- tung der Firma und stützte sich auf zahllose Zeit-Bewegung-Tests. Die Ziffer, wenn sie auch merkwürdig klang und häufig bestritten wur- de, schien exakt zu sein, denn die Simps ar- beiteten sehr bereitwillig täglich ihre fünfzehn Stunden und langweilten sich nicht einmal bei den niedrigsten und monotonsten Aufgaben. Also schafften sie den Menschen Freiraum für Arbeiten, die nur Menschen ausführen konn- ten; und in einem Raumschiff war dies für das Überleben von fundamentaler Wichtigkeit. Im Gegensatz zu den geschwänzten Affen, ihren nächsten Verwandten, waren die Simps auf der Endeavour gelehrig, gehorsam, an- spruchslos und erfreulich wenig neugierig. Da sie aus einem Klon gezüchtet waren, waren sie auch geschlechtslos, wodurch peinliche Ver- haltensprobleme vermieden wurden. Sie wa- ren mit Sorgfalt zur Stubenreinheit erzogen worden, waren Vegetarier, äußerst sauber und ohne Körpergeruch: die vollkommenen Haus- tiere, falls sie erschwinglich gewesen wären., Trotz dieser Vorteile ergaben sich gewisse Probleme, wenn man Simps an Bord hatte. Sie benötigten ihr eigenes Quartier, das – unver- meidlich – ›der Affenstall‹ genannt wurde. Ihre kleine Messe war stets peinlich sauber; es gab dort einen guten Fernsehapparat, Spielgeräte und programmierte Lernmaschinen. Um Unfäl- len vorzubeugen, war es ihnen strikt verboten, die technischen Bereiche des Schiffs zu be- treten; zu diesen Teilen des Schiffs waren alle Zugänge mit roten Farbkodes gekennzeichnet, und die Simps waren so konditioniert worden, daß es ihnen psychologisch unmöglich war, diese Sichtsperren zu überschreiten. Es gab außerdem ein Kommunikationspro- blem. Obwohl die Simps in etwa einen Intel- ligenzquotienten von 60 besaßen und ein paar hundert englische Wörter verstehen konnten, waren sie sprechunfähig. Es hatte sich als un- möglich erwiesen, den anthropoiden wie den geschwänzten Affen funktionstüchtige Stimm- bänder zu geben, weshalb sich die Simps durch eine Zeichensprache verständlich ma- chen mußten. Die wichtigsten Zeichen waren offensicht- lich und konnten leicht gelernt werden, so daß jedermann an Bord Routinenachrichten verste- hen konnte. Doch der einzige Mensch, der ge-, läufig Simpisch sprach, war ihr Pfleger, Chef- steward McAndrews. Es war ein alter Kalauer, daß Sergeant Ravi McAndrews auch so ziemlich wie ein Simp aussah – und das war kaum eine Beleidigung, denn mit ihrem kurzen farbigen Pelz und ihren graziösen Bewegungen waren die Simps wirk- lich sehr hübsche Tiere. Außerdem waren sie auch sehr zärtlichkeitsbedürftig, an Bord hat- ten alle ihren Liebling. Der von Commander Norton war der mit Recht ›Goldie‹ genannte Simp. Aber die freundschaftlich-warmen Beziehun- gen zu den Simps, die sich so leicht ergaben, schufen ein weiteres Problem, und dieses wur- de häufig als Argument mit Nachdruck gegen ihren Einsatz im Weltraum verwendet. Da die Simps nur für Routineaufgaben trainiert wer- den konnten, waren sie im Notfall weniger als nutzlos; dann stellten sie sogar eine mögli- che Gefahrenquelle für sich selbst und für ihre menschlichen Gefährten dar. Insbesondere hat- te es sich als unmöglich herausgestellt, sie an Raumanzüge zu gewöhnen, die dabei mitspie- lenden Konzeptionen überstiegen bei weitem ihr Begriffsvermögen. Keiner redete gern darüber, aber alle wußten, was getan werden mußte, wenn die Bordwand, ein Leck bekommen sollte oder wenn die Eva- kuierung des Schiffes angeordnet würde. Bis- her war das nur einmal vorgekommen: damals hatte der Pfleger der Simps seine Order mehr als korrekt ausgeführt. Man fand ihn bei sei- nen Schützlingen, er hatte sich und sie mit dem gleichen Gift getötet. Daraufhin übertrug man dem Stabsarzt die Pflicht, die Euthanasie durchzuführen – der – wie man überzeugt war – weniger Gefühlsbindungen haben dürfte. Norton war wirklich dankbar, daß wenigstens diese Verantwortung nicht auf den Schultern des Kapitäns lastete. Er hatte in seinem Leben Menschen kennenlernen müssen, die zu töten ihm weit weniger Gewissensbisse bereitet hät- te, als Goldie umbringen zu lassen. *, 12. KAPITEL

DIE TREPPE DER GÖTTER

In der klaren kalten Atmosphäre Ramas war der Strahl des Suchscheinwerfers vollkom- men unsichtbar. Drei Kilometer unterhalb der Mittelnabe legte sich ein hundert Meter wei- tes Lichtoval über einen Teil des kolossalen Treppenbaus. Eine leuchtende Oase in der Fin- sternis ringsum, glitt der Lichtschein langsam auf die gekrümmte Ebene fünf Kilometer tiefer hinab: in seinem Mittelpunkt krabbelten drei ameisenähnliche Wesen, die lange Schatten vor sich her warfen. Es war, genau wie sie gehofft und erwartet hatten, ein vollkommen ereignisloser Abstieg gewesen. Sie hatten kurz an der ersten Platt- form haltgemacht, und Norton war den schma- len gekrümmten Sims ein paar hundert Meter weit entlanggegangen, ehe sie mit der Rutsch- partie zur zweiten Plattform begannen. Hier hatten sie ihre Atemgeräte abgelegt und sich dem ungewohnten Luxus hingegeben, ohne mechanisches Hilfsgerät zu atmen. Jetzt konn- ten sie ganz bequem ihre Erkundungen vor- nehmen, da sie nicht länger der größten Gefahr ausgesetzt waren, der ein Mensch im Welt- raum sich gegenübersehen konnte. Unbeküm-, mert und ohne Sorge um die Unversehrtheit ihrer Raumanzüge und die Sauerstoffreserven konnten sie vorgehen. Als sie die fünfte Plattform erreicht hatten und nur noch ein Treppenabschnitt vor ihnen lag, hatte die Schwerkraft fast die Hälfte der Erdschwerkraft erreicht. Endlich übte die Ro- tation Ramas ihre wirkliche Kraft aus. Nun wa- ren sie preisgegeben den unerbittlichen Kräf- ten, die alle Planeten beherrschen und die für das kleinste Mißgeschick einen erbarmungslo- sen Tribut fordern können. Noch immer war es sehr leicht abzusteigen, aber die erschrecken- de Vorstellung der Rückkehr über diese Tau- sende von Stufen hinauf begann allmählich in den Köpfen der drei Männer zu lauern. Die Treppenkonstruktion war schon lange nicht mehr steil und abschüssig, sondern wur- de immer flacher und verlief jetzt beinahe ho- rizontal. Das Gefälle betrug nun nur noch etwa eins zu fünf, während es anfangs fünf zu eins betragen hatte. Eine normale Gangart war jetzt sowohl physisch als auch psychisch vertret- bar, und nur die geringere Schwerkraft erin- nerte die Männer daran, daß sie nicht irgend- eine Riesentreppe auf der Erde hinabstiegen. Norton hatte einst die Ruinen eines Azteken- tempels besucht, und die Eindrücke, die er da-, mals gewonnen hatte, kehrten nun in seine Er- innerung zurück – nur waren die Dimensionen ins Riesenhafte vergrößert. Er hatte das gleiche ehrfürchtige Gefühl, vor einem Geheimnis zu stehen, vermischt mit der Trauer über eine un- widerruflich entschwundene Vergangenheit. Doch hier waren die Maßstäbe so viel größer, im Zeitlichen wie im Räumlichen, daß das Ge- hirn ihnen nicht gerecht werden konnte; nach einer Weile hörte es auf zu reagieren. Norton fragte sich, ob er irgendwann selbst Rama für selbstverständlich halten würde. In einem Punkt allerdings stimmte die Paral- lele zu den irdischen Ruinen überhaupt nicht. Rama war hundertmal älter als irgendein Bau- werk, das auf der Erde erhalten geblieben war – älter selbst als die Große Pyramide. Aber hier wirkte alles vollkommen neu; nichts deutete auf Abnutzung und Verfall hin. Norton hatte an dieser Tatsache ziemlich lange herumgerätselt und war schließlich auf eine halbwegs plausible Erklärung gestoßen. Alles, was sie bisher untersucht hatten, war Teil eines Katastrophen-Hilfssystems gewesen, und derartige Systeme werden nur sehr selten wirklich eingesetzt. Er konnte sich nicht vor- stellen, daß die Ramaner – es sei denn, sie wä- ren fanatische Verfechter der Körperertüchti-, gung gewesen, wie man sie auch auf der Erde nicht selten antraf – jemals diese unglaubliche Treppe oder die beiden anderen identischen hinauf- und hinabgestiegen waren, die das un- sichtbare Y über ihm bildeten. Vielleicht wur- den die Treppen nur während der Konstruk- tion Ramas benötigt und hatten seit jenem fernen Tag keinen Zweck mehr erfüllt. Diese Theorie mußte für den Augenblick genügen. Dennoch schien sie Norton irgendwie nicht richtig zu sein. Irgend etwas stimmte da offen- sichtlich nicht … Die letzten tausend Meter rutschten sie nicht mehr auf dem Geländer, sondern nahmen je zwei Stufen in langen gleitenden Sätzen; auf diese Weise wurden ihre Muskeln besser durchgearbeitet, so hatte Norton entschieden, und die Muskeln würden sie bald brauchen. Sie kamen fast überraschend am Ende der Treppe an; plötzlich waren da keine Stufen mehr – nur noch eine flache Ebene, die im jetzt schwächeren Licht des Suchscheinwerfers von der Nabe trübgrau wirkte, einem Licht, das ein paar hundert Meter vor ihnen von der Finster- nis verschluckt wurde. Norton blickte den Lichtstrahl entlang zu sei- nem Ausgangspunkt an der Achse oben. Über acht Kilometer weit weg war das. Er wußte,, daß Mercer sie durch ein Teleskop beobachte- te, darum winkte er ihm freundlich zu. »Hier der Käptn«, meldete er sich über Funk. »Fühlen uns alle prima – keine Probleme. Ge- hen vor wie geplant.« »Okay«, antwortete Mercer. »Wir werden euch zuschauen.« Es folgte ein kurzes Schweigen, dann mel- dete sich eine Stimme: »Hier der Diensthaben- de an Bord. Also wirklich, Skipper, das langt nicht. Sie wissen doch, wie uns die Nachrich- tendienste die ganze vergangene Woche bela- gert haben. Ich erwarte ja keine unsterbliche Prosa, aber können Sie nicht ein bißchen was Besseres liefern?« »Ich will’s versuchen«, sagte Norton kichernd. »Aber vergeßt nicht, es gibt einfach noch nichts zu sehen. Es ist – also, wie wenn man auf einer riesigen dunklen Bühne mit nur einem Schein- werfer steht. Die ersten paar hundert Stu- fen steigen aus dem Licht auf, bis sie oben im Dunkeln verschwinden. Was wir von der Ebe- ne sehen können, wirkt vollkommen flach – die Krümmung ist zu gering, als daß man sie in die- sem begrenzten Bereich erkennen könnte. Und das ist auch schon alles.« »Könnten Sie uns ein paar Eindrücke ge- ben?«, »Also, es ist immer noch ziemlich kalt – un- ter Null –, und wir sind dankbar für unsere Thermoanzüge. Und still ist es, natürlich. Stil- ler als alles, was mir jemals auf der Erde oder im Raum vorgekommen ist, denn da gibt es ja immer irgendwelche Hintergrundgeräusche. Hier wird jedes Geräusch aufgesogen, und der Raum um uns ist so riesig, daß es kein Echo gibt. Es ist unheimlich, aber ich hoffe, wir werden uns daran gewöhnen.« »Danke, Skipper. Möchte sonst wer was sa- gen – Joe, Boris?« Leutnant Joe Calvert war nie um Worte ver- legen, und er war glücklich, sich nützlich zu machen. »Ich muß immer daran denken, daß dies das erstemal überhaupt ist, daß wir auf einer an- deren Welt herumwandern und ihre natürliche Atmosphäre atmen können – allerdings glau- be ich, daß ›natürlich‹ kaum der richtige Aus- druck für diesen Ort hier ist. Aber Rama muß der Welt seiner Konstrukteure ähnlich sein, das ist sicher; alle unsere Raumschiffe sind ja auch Erden en miniature. Zwei Beispiele sind stati- stisch zwar äußerst armselig, aber läßt dies un- ter Umständen darauf schließen, daß alle intel- ligenten Lebensformen Sauerstoffarmer sind?, Was wir bisher von der Arbeit der Ramaner ge- sehen haben, weist darauf hin, daß sie huma- noid waren, wenn auch möglicherweise um die Hälfte größer als wir. Wie ist’s, Boris, ein- verstanden?« Nimmt Joe Boris auf den Arm? fragte Nor- ton sich. Ich bin neugierig, wie der darauf rea- giert … Boris Rodrigo war für alle seine Kameraden im Schiff ein kleines Rätsel. Der ruhige, wür- devolle Kommunikationsoffizier war zwar bei der übrigen Besatzung beliebt, doch beteiligte er sich nie voll an ihrem Tun und wirkte im- mer ein wenig abgesondert – als folgte er sei- nem eigenen, andersartigen Rhythmus. Was er auch wirklich tat, da er ein gläubiges Mitglied der Fünften Kirche Christi Des Kos- monauten war. Norton hatte nie herausgefun- den, was mit den früheren Vier Kirchen pas- siert war, und er tappte gleichfalls im dunkeln, was das Ritual und die Zeremonien dieser Kir- che anging. Der fundamentale Lehrsatz ihres Glaubens allerdings war wohlbekannt: danach war Jesus Christus ein Besucher aus dem Welt- raum, und auf dieser Annahme hatte man eine ganze Theologie aufgebaut. Es war deshalb auch kaum verwunderlich, daß ein ungewöhnlich hoher Prozentsatz der, Anhänger dieser Denomination Funktionen in der Raumfahrt erfüllt. Die Gläubigen waren ausnahmslos kompetent, gewissenhaft und ab- solut zuverlässig. Sie genossen allgemein gro- ßen Respekt und waren sogar beliebt, besonders da sie nicht versuchten, andere zu bekehren. Aber sie hatten auch irgendwas leicht Gespen- stisches an sich: Norton hatte nie verstanden, wie Menschen mit einer fortschrittlichen wis- senschaftlichen und technischen Ausbildung tatsächlich an verschiedene der Dogmen glau- ben konnten, die die Fünften Christen als un- umstößliche Tatsachen in seiner Gegenwart be- hauptet hatten. Während Norton auf die Antwort Leutnant Rodrigos auf die möglicherweise konfliktge- ladene Frage Joes wartete, wurden ihm plötz- lich seine eigenen verborgenen Motivationen klar. Er hatte Boris ausgewählt, weil er kör- perlich fit war, technisch qualifiziert und voll- kommen zuverlässig. Gleichzeitig aber fragte er sich, ob nicht irgendein Bereich in seinem Ver- stand den Leutnant aufgrund einer bösartigen Neugierde für diesen Job ausgewählt haben könnte. Wie würde ein Mann mit derartigen religiösen Überzeugungen auf die furchtbare Wirklichkeit Ramas reagieren? Angenommen, er stieß auf etwas, das sein theologisches Ge-, bäude über den Haufen warf … oder, natürlich auch, es untermauerte? Doch Boris Rodrigo wahrte seine übliche Zu- rückhaltung und ließ sich nicht provozieren. »Sie waren zweifellos Sauerstoffatmer, und sie sind möglicherweise humanoid gewesen. Aber warten wir doch ab und sehen wir’s uns an. Wenn wir ein bißchen Glück haben, müß- ten wir eigentlich rausfinden, wie sie waren. Vielleicht gibt es Bilder, Statuen – vielleicht so- gar Körper in diesen Städten da drüben. Wenn es Städte sind.« »Und die nächste ist bloß acht Kilometer weit weg«, sagte Joe Calvert hoffnungsvoll. Ja, dachte Norton, aber es sind auch acht Ki- lometer zurück – und dann kommt diese elen- de Treppe, die wir wieder hinaufklettern müs- sen. Können wir dieses Risiko eingehen? Ein kurzer Ausfall zu jener ›Stadt‹, die sie Pa- ris getauft hatten, gehörte zu seinen ersten Be- rührungsplänen, und nun mußte er die Ent- scheidung treffen. Sie hatten überreichlich Nahrung und Wasser für einen vierundzwan- zigstündigen Aufenthalt; sie würden außer- dem von dem Rettungstrupp an der Nabe stän- dig überwacht werden, und auf dieser glatten, leicht gekrümmten Metallfläche schien jede Art von Unfall praktisch ausgeschlossen. Die, einzige zu erwartende Gefahr war Erschöp- fung; wenn sie in Paris angelangt waren, und das schien ja keine Schwierigkeit, würden sie dann mehr unternehmen können, als nur ein paar Fotos zu schießen und ein paar kleine Ar- tefakte zu sammeln, bevor sie zurückkehren mußten? Doch selbst ein solch kurzer Beutezug würde sich lohnen. Die Zeit war so knapp, und Rama stürzte sonnenwärts auf ein Perihelion zu, das für die Endeavour viel zu gefährlich war. Wie auch immer, teilweise lag die Entschei- dung gar nicht bei ihm allein. Droben im Schiff würde Dr. Ernst die Aufzeichnungen der biote- lemetrischen Sensoren beobachten, die an sei- nem Körper angebracht waren. Und wenn sie negativ entschied, dann war die Sache eben gestorben. »Laura, was halten Sie davon?« »Machen Sie dreißig Minuten Pause, und je- der nimmt eine Fünfhundert-Kalorien-Energie- kapsel. Dann können Sie losgehen.« »Danke, Frau Doktor«, warf Joe Calvert ein. »Jetzt kann ich befriedigt sterben. Ich habe schon immer mal Paris sehen wollen. Achtung, Montmartre, wir kommen!« *, 13. KAPITEL

DIE EBENE RAMAS

Nach den endlosen Stufen war es ein merkwür- diges Vergnügen, wieder auf einer horizontalen Fläche zu gehen. Der Boden direkt vor ihnen war tatsächlich vollkommen flach; rechts und links konnte man die ansteigende Kurve im Flutlichtbereich gerade noch erkennen. Als ob sie auf dem Grund eines sehr breiten flachen Tales dahingingen; es war wirklich nahezu unmöglich zu glauben, daß sie an der Innen- wand eines riesigen Zylinders entlangkrochen und daß jenseits dieser kleinen Lichtoase die Landschaft sich hob und an den Himmel stieß – nein, der Himmel wurde. Obgleich die drei Männer Zuversicht und eine Art verhaltener Erregung verspürten, be- gann die fast greifbare Stille Ramas nach ei- ner Weile schwer auf ihnen zu lasten. Jeder Schritt, jedes Wort verschluckte die echolo- se Leere sofort. Sie waren kaum mehr als ei- nen halben Kilometer marschiert, als Leutnant Calvert es nicht länger ertragen konnte. Eine seiner wenigen hervorstechenden Fähigkeiten war es, daß er pfeifen konnte, eine inzwischen selten gewordene Fähigkeit (obwohl manche Leute sie für noch nicht selten genug hielten)., Gebeten oder ungebeten, war er in der Lage, die musikalischen Leitmotive der meisten Fil- me der letzten zweihundert Jahre wiederzuge- ben. Sinnigerweise begann er mit ›Heigh-ho, heigh-ho, ‘tis off to work we go‹, merkte je- doch bald, daß es ihm zu schwer fiel, die Baß- noten der Sieben Zwerge aus Disneys ›Schnee- wittchen‹ durchzuhalten, und wechselte rasch zum ›River-Kwai-Marsch‹. Dann ging er ein halbes Dutzend Filmepen mehr oder weniger chronologisch durch und setzte dem Ganzen schließlich mit dem Leitmotiv aus Sid Krass- mans berühmtem Filmwerk aus dem späten zwanzigsten Jahrhundert mit dem Titel ›Napo- leon‹ die Krone auf. Der Versuch war ehrenwert, blieb allerdings total erfolglos, sogar in dem Bemühen, die Mo- ral zu heben. Was Rama verlangte, war die Großartigkeit Bachs oder Beethovens oder so- gar eines Jean Sibelius oder Tuan Sun und nicht die Trivialität populärer Unterhaltungs- musik. Norton wollte Joe gerade vorschlagen, seine Lungen doch besser für die bevorstehen- den Anstrengungen zu schonen, als der junge Offizier von selbst bemerkte, wie unangemes- sen seine Bemühungen waren. Danach mar- schierten sie – abgesehen von gelegentlichen Rückchecks mit dem Raumschiff – schweigend, weiter. Rama war aus dieser Runde als Sieger hervorgegangen. Für diese erste Traverse hatte Norton einen Abstecher eingeplant. Paris lag direkt vor ih- nen, halbwegs zwischen dem Fuß der Treppen- konstruktion und der Küste der Zylindrischen See, aber nur einen Kilometer zu ihrer Rech- ten lag eine ziemlich auffällige und rätselhaf- te Struktur, die sie das Gerade Tal getauft hat- ten. Es handelte sich um eine langgestreckte Rinne oder um einen Graben von vierzig Me- tern Tiefe und hundert Metern Breite mit sacht abfallenden Hängen; provisorisch hatte man es als Wassergraben oder Kanal definiert. Und wie die Treppenkonstruktion besaß auch die- ser Kanal zwei identische Gegenstücke, die in gleichem Abstand die innere Krümmung von Rama entlangliefen. Die drei Täler waren jeweils fast zehn Ki- lometer lang und brachen kurz vor der Kü- ste der Zylindrischen See abrupt ab. Und dies war merkwürdig, falls sie tatsächlich dazu be- stimmt gewesen sein sollten, Wasser zu führen. Auf dem anderen Ufer der See wiederholte sich das gleiche Muster: drei weitere zehn Kilome- ter lange Gräben führten zu Ramas ›Südpol‹. Nach nur fünfzehn Minuten Marsch erreich- ten sie ohne Anstrengung das Gerade Tal, blie-, ben eine Weile an seinem Rand stehen und blickten nachdenklich hinunter. Die vollkom- men glatten Wände waren in einem Winkel von sechzig Grad geneigt; es gab weder Stu- fen noch Trittleitern. Der Grund des Kanals war von einem flachen Überzug eines weißen Stoffs bedeckt, der stark an Eis erinnerte. Eine Probe würde eine ganze Reihe von Streitfragen lösen, also entschloß Norton sich, eine zu be- kommen. Calvert und Rodrigo übernahmen die Siche- rung und reichten ihm das Sicherungsseil hin- unter, und langsam stemmte sich Norton den steilen Hang hinab. Als er den Grund erreich- te, rechnete er fest damit, das vertraute Gefühl von glattem Eis unter den Füßen zu verspüren, aber er hatte sich getäuscht. Die Reibung war groß, seine Füße fanden sicheren Halt. Dieses Material hier war eine Art Glas oder durch- sichtiger Kristall. Wenn er es mit den Finger- spitzen berührte, wirkte es kalt und hart. Norton wendete dem Suchscheinwerfer den Rücken zu, schirmte seine Augen ab gegen die Reflexion und versuchte in die kristallischen Tiefen wie in die Eisschicht eines gefrorenen Sees zu schauen. Doch er konnte nichts erken- nen: auch der gebündelte Strahl seiner Helm- lampe brachte nicht mehr. Das Material war, zwar lichtdurchlässig, aber nicht transparent. Wenn es sich um eine gefrorene Flüssigkeit handelte, dann mußte ihr Schmelzpunkt höher als der von Wasser sein. Er klopfte mit dem Hammer aus seinem Geo- logiepack sacht auf den Stoff: das Werkzeug prallte mit einem dumpfen klanglosen ›Klonk‹ zurück. Er klopfte stärker; ohne Ergebnis. Ge- rade wollte er mit aller Kraft zuschlagen, als ein undeutliches Gefühl ihn zurückhielt. Es schien äußerst unwahrscheinlich, daß er diesen Stoff zerbrechen konnte. Was aber, wenn es ihm gelang? Er würde ein Vandale sein, der ein riesiges Glasfenster zertrümmer- te. Später würden sich bessere Gelegenheiten bieten, und immerhin hatte er ja schon einige wertvolle Informationen gesammelt. Es war nach seinen Erfahrungen jetzt noch unwahr- scheinlicher als zuvor, daß es sich bei diesem Gebilde um einen Kanal handelte; es war ein- fach ein merkwürdiger Graben, der irgendwo abrupt anfing und aufhörte, der jedoch nir- gendwohin führte. Und wenn er zu irgendei- ner Zeit Flüssigkeit geführt hatte, wo waren dann die Spuren, die Verkrustungen der Aus- trocknungssedimente? Alles war hell und sau- ber, als hätten es die Konstrukteure gestern zurückgelassen …, Wieder einmal sah er sich direkt dem ent- scheidenden Geheimnis Ramas gegenüber, und diesmal gelang es ihm nicht, dem auszu- weichen. Commander Norton war ein verhält- nismäßig fantasievoller Mensch, aber er wäre niemals auf seinem derzeitigen Posten gelan- det, wenn er eine Neigung zu verrückten Ein- bildungen gehabt hätte. Doch jetzt machte er zum erstenmal in seinem Leben die Erfahrung – nicht eigentlich eines bedrohlichen Vorge- fühls, sondern der Vorwegnahme. Die Dinge waren nicht wirklich, was sie zu sein schie- nen; an diesem Ort, der gleichzeitig völlig neu und Millionen Jahre alt wirkte, war irgend et- was sehr, sehr merkwürdig. Tief in Gedanken begann er das kleine Tal hin- abzugehen, während seine Gefährten ihm oben auf der Böschung mit dem Seil, das um seinen Leib gelegt war, folgten. Er rechnete nicht mit weiteren Entdeckungen, doch er wollte seiner seltsamen Gefühlsaufwallung Zeit geben, sich von selbst zu legen. Denn da war noch etwas, das ihn beunruhigte, und das hatte nichts mit der unerklärlichen Neuheit Ramas zu tun. Er war kaum ein Dutzend Schritte gegangen, als es ihm blitzartig klarwurde. Er kannte diesen Ort. Er war früher schon einmal hier gewesen. Selbst auf der Erde oder, auf einem vertrauten Planeten ist ein Déjà-vu- Erlebnis beunruhigend, wenn es auch nicht gerade selten auftritt. Die meisten Menschen sind ihm irgendwann einmal begegnet, und ge- wöhnlich tun sie es als die Erinnerung an ein vergessenes Foto ab, als einen reinen Zufall oder – wenn sie zur Mystik neigen – als eine Art telepathischer Botschaft von einem ande- ren Gehirn oder sogar als eine Rückblende aus der eigenen Zukunft. Aber einen Fleck wiederzuerkennen, den zweifellos kein anderes menschliches Wesen je zuvor gesehen haben konnte – das war schon ziemlich beunruhigend. Mehrere Sekunden lang stand Commander Norton unbeweglich auf der Kristallfläche und versuchte, den Wust seiner Gefühle zu ordnen. Sein wohlgefügtes Weltbild hatte sich verkehrt, und er erhaschte einen schwindelerregenden Blick auf jene Ge- heimnisse am Rande der Existenz, die er wäh- rend eines Großteils seines Lebens so erfolg- reich ignoriert hatte. Dann kam ihm zu seiner enormen Erleich- terung der gesunde Menschenverstand zu Hil- fe … Das beunruhigende Déjà-vu-Gefühl wur- de schwächer und machte einer tatsächlichen und genau identifizierbaren Erinnerung aus seiner Jugend Platz., Ja, es stimmte: er hatte einstmals zwischen derartig steil herabfallenden Wänden gestan- den und war ihnen mit den Blicken gefolgt, wie sie in einer fast unendlich weiten Ferne in einem Punkt verschmolzen. Aber damals wa- ren sie mit sorgfältig geschnittenem Rasen be- wachsen, und zu seinen Füßen war Schotter, nicht glatter Kristall gewesen. Das war vor dreißig Jahren passiert, als er die Sommerferien in England verbrachte. Haupt- sächlich wegen einer Studienkollegin (er sah ihr Gesicht noch vor sich – doch ihren Namen hatte er vergessen) hatte er einen Kursus in In- dustrie-Archäologie belegt, wie sie damals bei den Studenten wissenschaftlicher und techno- logischer Fächer so beliebt waren. Sie hatten stillgelegte Kohlengruben und Baumwollspin- nereien erforscht, waren über verrottete Hoch- öfen und Dampfkessel geklettert, hatten voller Unglauben die primitiven (und immer noch gefährlichen) Atomreaktoren begafft und unbe- zahlbare antike Turbovehikel über restaurierte Autobahnen gefahren. Nicht alles, was sie zu sehen bekamen, war echt: im Lauf der Jahrhunderte war vieles ver- lorengegangen, da die Menschheit sich höchst selten bemüht, die Gebrauchsgegenstände des Alltagslebens zu erhalten. Aber wo es nötig ge-, wesen war, Kopien herzustellen, war die Re- konstruktion mit liebevoller Sorgfalt ausge- führt worden. Und so war damals der junge Bill Norton mit lächerlichen hundert Stundenkilometern da- hingerollt und hatte wie wild teure Kohle in das Feuerloch einer Lokomotive geschaufelt, die aussah, als wäre sie zweihundert Jahre alt, aber in Wirklichkeit jünger war als er selbst. Die Strecke von dreißig Kilometern auf den Schie- nen der Great Western Railway dagegen war vollkommen echt, auch wenn ziemlich harte ar- chäologische Arbeit nötig war, sie wieder funk- tionsfähig zu machen. Mit gellendem Pfeifsignal waren sie in ein Tal eingebogen und durch eine rauchige flam- menerhellte Finsternis ›gerast‹. Eine erstaun- lich lange Zeit später brachen sie aus dem Tunnel in einen tiefen, vollkommen geraden Taleinschnitt mit steilen grasbedeckten Flan- ken hinaus, und dieser langvergessene visuel- le Eindruck war nahezu völlig mit dem gegen- wärtigen identisch. »Was ist los, Skipper?« fragte Leutnant Rodri- go. »Haben Sie was gefunden?« Norton zwang sich in die Gegenwart und in die Wirklichkeit zurück, und die Bedrückung, die er empfunden hatte, wich teilweise von, ihm. Sicher – es gab hier Rätsel, aber vielleicht war das Geheimnis für menschliches Begriffs- vermögen doch nicht undurchdringlich. Er hatte wieder eine wichtige Erfahrung gemacht, aber leider war es eine, die er anderen nicht so leicht mitteilen konnte. Doch er mußte un- ter allen Umständen verhindern, daß Rama ihn unterkriegte. Denn auf diesem Weg lag das Risiko des Mißlingens – möglicherweise sogar des Wahnsinns. »Nein«, gab er zurück, »hier unten ist nichts. Zieht mich wieder rauf. Wir stoßen jetzt direkt nach Paris vor.« *, 14. KAPITEL

STURMWARNUNG

»Ich habe diese Sitzung des Komitees einberu- fen«, sagte Seine Exzellenz der Marsbotschaf- ter bei den Vereinigten Planeten, »weil Dr. Pe- rera uns etwas Wichtiges mitzuteilen hat. Er hat darauf bestanden, daß wir uns sofort mit Commander Norton in Verbindung setzen, und zwar über den Prioritätskanal, den wir, ich darf wohl sagen, nach Überwindung einer gan- zen Reihe von Schwierigkeiten endlich erhal- ten konnten. Dr. Pereras Ausführungen sind weitgehend technischer Natur, darum glaube ich, daß eine Zusammenfassung der gegenwär- tigen Lage angebracht sein dürfte, ehe wir uns ihnen zuwenden. Frau Dr. Price hat diese Zu- sammenfassung vorbereitet. Ach ja, einige Mit- glieder lassen sich entschuldigen. Sir Lewis Sands kann nicht unter uns weilen, da er den Vorsitz einer anderen Konferenz übernommen hat, und Dr. Taylor bittet, ihn zu entschuldi- gen.« Über das Fehlen des letzteren war er ziem- lich froh. Der Anthropologe hatte rasch jedes Interesse an Rama verloren, als sich heraus- stellte, daß es dort für ihn wenig zu tun ge- ben würde. Wie viele andere war er bitter ent-, täuscht, daß diese wandernde kleine Welt sich als tot herausgestellt hatte; es würde demnach also keine Gelegenheit für ihn geben, sensatio- nelle Bücher und Fernsehsendungen über die Rituale und Verhaltensweisen der Ramaner zu verfassen. Andere mochten Skelette und klas- sische Artefakte ausbuddeln, für Conrad Tay- lor war das uninteressant. Das einzige, was ihn blitzartig an den Konferenztisch zurückführen könnte, war die mögliche Entdeckung irgend- welcher sensationeller Kunstwerke, vergleich- bar jenen berüchtigten Fresken von Pompeji oder Thera. Die Archäologin Thelma Price vertrat genau den gegenteiligen Standpunkt. Sie bevorzug- te Ausgrabungen und Ruinen, die sie ungestört von herumwimmelnden Einwohnern leiden- schaftslos untersuchen konnte. Der Boden des Mittelmeeres war dafür ideal gewesen – zumin- dest ehe die Städteplaner und Landschaftsar- chitekten ihr in die Quere kamen. Und Rama wäre gleichfalls ideal gewesen, abgesehen von der höchst ärgerlichen Kleinigkeit, daß Rama eben hundert Millionen Kilometer entfernt war und sie niemals in der Lage sein würde, dort einen persönlichen Besuch abzustatten. »Wie Sie alle wissen«, begann sie, »hat Com- mander Norton eine Traverse von fast dreißig, Kilometern Strecke durchgeführt, ohne auf ir- gendwelche Probleme zu stoßen. Er untersuch- te den bizarren Graben, der auf Ihren Karten als Gerades Tal eingetragen ist. Seine Funkti- on ist uns noch unbekannt, doch muß er zwei- fellos von Wichtigkeit gewesen sein, da das Tal sich über die gesamte Länge von Rama er- streckt – mit Ausnahme einer Unterbrechung an der Zylindrischen See – und weil es zwei weitere identische Strukturen im Winkel von hundertzwanzig Grad auf der Peripherie dieser Welt gibt. Dann wendete sich der Explorationstrupp nach links – oder nach Osten, wenn wir die Nordpolkonzeption übernehmen –, bis sie Pa- ris erreichten. Wie Sie auf diesem Foto erken- nen können – es wurde von einer Telekame- ra an der Nabe gemacht –, handelt es sich um eine Ansammlung von mehreren hundert Häu- sern mit breiten Straßen dazwischen. Aber diese Fotos hier wurden vom Trupp Commander Nortons geschossen, als sie dort ankamen. Wenn Paris eine Stadt ist, dann zu- mindest eine sehr sonderbare. Beachten Sie, daß keines der Gebäude Fenster hat, ja nicht einmal Türen! Alle sind schmucklose, recht- winkelige Strukturen von einheitlich fünf- unddreißig Metern Höhe. Und es hat den An-, schein, als wären sie aus dem Boden getrieben – es gibt keine Naht – keine Verbindungsstellen … Sehen Sie sich diese Nahaufnahme der Ba- sis einer Wand an: sie geht glatt in den Grund über. Mein Eindruck ist, daß es sich bei diesem Ort nicht um ein Wohngebiet, sondern um ein La- ger- oder Vorratsdepot handelt. Sehen Sie sich zur Bekräftigung meiner Theorie dieses Foto hier an … Diese etwa fünf Zentimeter schmalen Schlit- ze oder Kerben finden sich längs aller Straßen, und zu jedem Haus führt eine davon – und verschwindet direkt in der Wand. Die Ähn- lichkeit mit den Trambahnschienen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts ist verblüffend; of- fensichtlich gehören sie zu irgendeinem Trans- portsystem. Wir haben nie in Erwägung gezogen, öffentli- che Transportwege direkt bis an jedes Haus zu führen. Das wäre eine wirtschaftliche Absurdi- tät – denn Menschen können immer ein paar hundert Meter weit laufen. Aber wenn die- se Gebäude zur Lagerung schwerer Stoffe ver- wendet wurden, wäre dies schon sinnvoll.« »Darf ich eine Zwischenfrage stellen?« fragte der Botschafter der Erde. »Gewiß doch, Sir Robert.«, »Commander Norton konnte in kein einziges Gebäude eindringen?« »Nein. Und wenn Sie seinen Bericht hö- ren, dann wissen Sie, wie frustriert er war. Zu- nächst war er überzeugt, daß die Bauten nur unterirdisch zu betreten waren; dann entdeck- te er die Gleise des Transportsystems und än- derte seine Meinung.« »Versuchte er mit Gewalt einzudringen?« »Ohne Sprengstoff und schweres Werkzeug gab es dafür keine Möglichkeit. Und er tut es nur ungern, solange nicht alle anderen Versu- che fehlgeschlagen sind.« »Ich hab’s!« Der Einwurf von Dennis Solo- mons kam plötzlich. »Kokons!« »Was bitte?« »Das ist eine Technik, die vor ein paar hun- dert Jahren entwickelt wurde«, fuhr der Wis- senschaftshistoriker fort. »Ein anderes Wort dafür ist ›einmotten‹. Wenn man etwas konser- vieren will, versiegelt man es in einem Über- zug aus Plastik und pumpt es dann mit nicht- explosivem Gas voll. Ursprünglich wurde diese Methode angewendet, um militärische Ausrü- stung von einem Krieg zum anderen zu schüt- zen; einmal wurde es für ganze Schiffe be- nutzt. Man bedient sich dieser Methode noch, häufig in Museen, die zuwenig Lagerraum ha- ben; kein Mensch weiß, was in einigen der hundertjährigen Kokons im Keller des Smith- sonian Museums steckt.« Geduld gehört nicht eben zu den Tugenden von Carlisle Perera; es drängt ihn förmlich, sei- ne Bombe zum Platzen zu bringen. Er konnte einfach nicht länger warten. »Bitte, Exzellenz! Das ist ja alles sehr inter- essant, doch ich glaube, daß meine Mitteilung von etwas größerer Dringlichkeit ist!« »Wenn keine weiteren Argumente vorge- bracht werden – also gut, Dr. Perera.« Für den Exobiologen war Rama, ganz im Gegensatz zu Conrad Taylor, keineswegs eine Enttäuschung. Sicher, er rechnete nicht mehr damit, dort auf Leben zu stoßen – doch er war ganz sicher gewesen, daß man früher oder später irgendwelche Relikte der Wesen ent- decken würde, die diese fantastische Welt er- baut hatten. Die Erforschung hatte ja gerade erst begonnen, wenn auch die zur Verfügung stehende Zeit entsetzlich knapp war, bis die Endeavour sich aus der momentanen Flug- bahn, die die Sonne streifen würde, freima- chen müßte. Doch wie die Dinge jetzt lagen, falls seine Be- rechnungen stimmten, würde das Rendezvous, der Menschheit mit Rama sogar noch kürzer sein müssen, als er befürchtet hatte. Denn eine Kleinigkeit war übersehen worden – weil sie so groß war, daß sie bisher niemandem aufgefal- len war. »Gemäß unseren jüngsten Informationen«, begann Perera, »befindet sich jetzt ein Erkun- dungstrupp auf dem Marsch zur Zylindrischen See, während Commander Norton durch einen weiteren Trupp am Fuß der Alpha-Treppe eine Versorgungsbasis errichten läßt. Sobald dies geschehen ist, beabsichtigt er, mindestens zwei Erkundungsteams rund um die Uhr gleichzei- tig einzusetzen. Auf diese Weise erhofft er sich eine maximale Effizienz seiner zahlenmäßig knappen Einsatzkräfte. Es ist ein guter Plan, aber möglicherweise wird nicht Zeit genug bleiben, ihn auszufüh- ren. Tatsächlich rate ich zu einem sofortigen Alarm und zur Vorbereitung auf einen totalen Rückzug binnen zwölf Stunden. Lassen Sie es mich erklären … Es ist erstaunlich, wie wenig Leute sich zu einer doch ziemlich deutlichen Anomalie Ra- mas geäußert haben. Rama befindet sich jetzt bereits recht weit innerhalb der Umlaufbahn der Venus – und doch ist sein Inneres immer noch gefroren. Dabei beträgt die Temperatur, eines Objekts in direkter Sonneneinstrahlung an diesem Punkt etwa fünfhundert Grad! Die Begründung ist einfach die, daß Rama noch nicht Zeit genug zur Erwärmung gehabt hat. Wahrscheinlich hat er sich fast bis zum absoluten Nullpunkt, zweihundertsiebzig Grad minus, abgekühlt, während er sich im inter- stellaren Raum befand. Aber jetzt, da er sich der Sonne nähert, ist die Außenhülle beina- he so heiß wie geschmolzenes Blei. Doch das Innere wird weiter kalt bleiben, bis die Hitze sich durch die kilometerdicke Wand hindurch- gearbeitet hat. Es gibt so eine luxuriöse fantasievolle Nach- speise mit einer heißen Hülle und einer Eis- kremfüllung – ich komme gerade nicht auf den Namen.« »Baked Alaska. Eine Meringue-Eisbombe, die bei Banketten der UP sehr beliebt ist. Unseli- gerweise!« »Danke, Sir Robert. Die gleiche Situation ha- ben wir momentan mit Rama, aber sie wird nicht so bleiben. Die ganzen letzten Wochen über hat sich die Hitze weiter nach innen ge- arbeitet, und wir rechnen damit, daß inner- halb weniger Stunden ein drastischer Tempe- raturanstieg einsetzt. Aber das ist gar nicht das Problem: zum Zeitpunkt, wo wir sowieso eva-, kuieren müßten, wird das Klima höchstens an- genehm tropisch sein.« »Also wo liegen dann die Schwierigkeiten?« »Das, Exzellenz, kann ich Ihnen mit einem Wort sagen: Orkane.« *, 15. KAPITEL

AM RANDE DER SEE

Es waren nun über zwanzig Männer und Frau- en im Inneren Ramas – sechs davon arbeite- ten unten in der Ebene, die übrigen transpor- tierten Ausrüstung und Nachschub durch das Luftschleusensystem die Treppe hinunter. Das Schiff selbst war fast unbemannt, nur eine Not- besatzung tat Dienst. Ein Witz machte die Run- de, daß die Endeavour in Wirklichkeit von den vier Simps in Betrieb gehalten werde und Gol- die in den Rang eines stellvertretenden Kom- mandeurs gehoben sei. Für diese ersten Explorationszüge hatte Nor- ton eine Reihe von Grundregeln aufgestellt; die wichtigste davon stammte aus den frühesten Tagen der bemannten Raumfahrt: Jeder Trupp, so hatte er entschieden, mußte eine Person da- beihaben, die bereits über frühere Erfahrungen verfügte. Aber nicht mehr als einen Mann. Auf diese Weise bekamen alle die Chance, so rasch wie möglich zu lernen. So bekam der erste Trupp, der sich zur Zy- lindrischen See aufmachte, obwohl Stabsärz- tin Commander Laura Ernst die Führung hat- te, den Leutnant Boris Rodrigo als ›Veteranen‹ einer Exkursion zugeteilt, die soeben aus Pa-, ris zurückgekehrt war. Das dritte Mitglied, Ser- geant Pieter Rousseau, war oben an der Nabe bei den Hilfstrupps eingesetzt gewesen; er war ein Experte für den Einsatz von Instrumenten in der Weltraumexploration, doch bei diesem Trip würde er sich auf seine Augen und ein kleines tragbares Teleskop verlassen müssen. Die Strecke vom Fuß der Alpha-Treppe bis zum Rand der See betrug knapp fünfzehn Kilo- meter – beziehungsweise angesichts der nied- rigen Schwerkraft Ramas vergleichbare acht Kilometer auf der Erde. Laura Ernst wollte be- weisen, daß sie sich selbst an das Leistungsni- veau hielt, das sie verlangte, und schlug eine forsche Gangart an. Auf halbem Weg machten sie dreißig Minuten Rast. Sie schafften die gan- ze Strecke in drei Stunden, in denen sich nicht das geringste ereignete. Außerdem war es ziemlich langweilig, im Strahl des Suchscheinwerfers durch die echo- lose Finsternis Ramas voranzumarschieren. Als die Lichtpfütze mit ihnen weiterrückte, streck- te sie sich langsam mehr und mehr zu einer langen schmalen Ellipse; diese Verengung des Strahls war das einzige sichtbare Anzeichen dafür, daß sie vorankamen. Ohne die ständigen Entfernungsangaben des Beobachters an der Nabe hätten die drei keine Möglichkeit gehabt, abzuschätzen, ob sie einen Kilometer oder fünf oder zehn weitergekommen waren. Sie stolper- ten einfach schwerfällig durch diese Millionen Jahre alte Nacht über eine scheinbar nahtlose Metallfläche dahin. Aber endlich zeichnete sich weit hinter der Begrenzung des schwächer werdenden Strahls etwas Neues ab. In einer normalen Welt wäre es ein Horizont gewesen; hier konnten sie beim Vorrücken feststellen, daß die flache Ebene, auf der sie marschierten, ein abruptes Ende nahm. Sie näherten sich dem Rand der See. »Nur noch hundert Meter«, verkündete die Kontrollstation an der Nabe. »Macht besser langsam.« Die Mahnung war kaum nötig, sie hatten das Tempo bereits gedrosselt. Von dem Niveau der Ebene zur See hin fiel eine glatte, steile Wand von fünfzig Metern Tiefe ab. Falls es sich über- haupt um ein Meer handelt und nicht wieder um einen Überzug aus jenem rätselhaften Kri- stallstoff. Norton hatte zwar alle nachdrück- lich davor gewarnt, wie gefährlich es sein könne, irgend etwas auf Rama für selbstver- ständlich zu halten, doch nur wenige zweifel- ten daran, daß die ›See‹ wirklich aus Eis be- stand. Aber gab es einen vernünftigen Grund dafür, daß die Steilküste am Südufer fünfhun-, dert Meter hoch war, die hier am Nordufer je- doch nur fünfzig? Es war, als näherten sie sich dem Rand der Welt: ihr Lichtoval wurde immer kürzer und brach vor ihnen plötzlich ab. Aber weit drau- ßen auf der Kimmung der See waren ihre riesi- gen verkürzten Schatten aufgetaucht, und jede Bewegung wirkte gigantisch vergrößert und verzerrt. Diese Schatten hatten sie auf jedem Schritt ihres Weges begleitet, während sie im Strahl des Scheinwerfers vordrangen; jetzt, da sie vom Kamm der Klippe abgeschnitten wur- den, schienen diese Schatten nicht mehr zu ihnen zu gehören. Es hätten Geschöpfe der Zy- lindrischen See sein können, die darauf lauer- ten, mit den Eindringlingen in ihr Reich abzu- rechnen. Da sie nun am Rand einer fünfzig Meter ho- hen Klippe standen, ergab sich erstmalig die Chance, die Krümmung Ramas abzuschätzen und zu bewundern. Aber kein Mensch hatte jemals zuvor einen zugefrorenen See gesehen, der sich nach oben zu einer zylindrischen Flä- che aufwölbt. Der Eindruck war einfach beun- ruhigend, und die Augennerven und das Seh- zentrum im Gehirn taten ihr Bestes, eine andere Erklärung zu finden. Dr. Ernst, die früher ein- mal eine Arbeit über optische Illusionen ge-, schrieben hatte, gewann den Eindruck, daß sie in Wirklichkeit mehr als die Hälfte der Zeit auf eine sich horizontal erstreckende Bucht blick- te und nicht auf eine Fläche, die sich steil in den Himmel emporreckte. Es war eine bewuß- te Willensanstrengung nötig, die unglaubliche Wahrheit zu akzeptieren. Nur direkt vor ihnen, auf der Linie, die mit der Achse Ramas parallel verlief, blieb die Normalität bestehen. Einzig in dieser Rich- tung stimmten optischer Eindruck und Logik miteinander überein. Hier wirkte Rama – zu- mindest über die nächsten paar Kilometer hin – flach und war auch flach … Und weit drau- ßen, jenseits ihrer verzerrten Schatten und der äußersten Grenze des Scheinwerferstrahls, lag die Insel, die die Zylindrische See beherrsch- te. »Kontrollpunkt Nabe«, meldete sich Dr. Ernst über Funk. »Bitte richten Sie den Scheinwerfer auf New York.« Plötzlich fiel die Rama-Nacht wieder über sie, als das Lichtoval auf die See hinausglitt. Und plötzlich wurde den drei Raumfahrern wieder bewußt, daß sie auf dem Kamm einer – jetzt unsichtbaren – Klippe standen, und sie wichen alle ein paar Schritte zurück. Dann tauchten wie bei einer zauberhaften Verwand-, lung auf einer Bühne die Turmbauten New Yorks aus der Dunkelheit. Die Ähnlichkeit mit dem Manhattan der al- ten Zeit war natürlich recht oberflächlich; die- ses in den Sternen geborene Echo der Erdver- gangenheit besaß eine durchaus einzigartige und eigenständige Erscheinungsweise. Und je länger Dr. Ernst das Gebilde anstarrte, desto größer wurde ihre Gewißheit, daß es sich über- haupt nicht um eine Stadt handelte. Das echte New York war wie alle menschli- chen Niederlassungen niemals vollendet wor- den; noch weniger war es planvoll gewesen. Dieser Ort dagegen besaß ein symmetrisches Gesamtmuster, wenn auch ein dermaßen kom- pliziertes, daß man es mit dem Verstand gar nicht erfassen konnte. Dies hier war von ei- ner wachen und übernatürlichen Intelligenz entworfen und geplant worden – und vollen- det worden – wie eine Maschine, die für einen bestimmten Zweck konstruiert ist. Wachstum oder nachträgliche Veränderungen waren aus- geschlossen. Der Kegel des Suchscheinwerfers glitt lang- sam über diese fernen Türme und Kuppeln, miteinander verbundenen Kugeln und einan- der überschneidenden Rohre. Zuweilen wur- de das Licht grell von einer flachen Struktur, zu ihnen zurückgeworfen. Das erstemal wa- ren alle drei verblüfft, es wirkte ganz so, als ob dort drüben auf jener seltsamen Insel jemand ihnen Signale sendete … Aber es gab hier nichts zu sehen, was nicht bereits viel detaillierter auf den Fotos festge- halten war, die von der Nabe aus gemacht wor- den waren. Nach ein paar Minuten baten sie, den Schein- werfer wieder auf ihren Trupp zu richten, und begannen den Klippenrand in östlicher Rich- tung entlangzugehen. Jemand hatte die ein- leuchtende Theorie aufgestellt, daß es irgend- wo eine Treppe oder eine Rampe geben müsse, die zur See hinabführte. Und ein Mitglied der Besatzung, ein begeisterter Segler, hatte eine interessante Vermutung angestellt. »Wo ein Meer ist«, hatte Sergeant Ruby Bar- nes prophezeit, »da muß es auch Docks und Häfen geben – und Schiffe. Über eine Kultur kann man alles lernen, wenn man ihre Schiffs- baukunst studiert.« Die Kollegen hielten dies zwar für einen ziemlich bornierten Stand- punkt, aber er wirkte zumindest anregend. Dr. Ernst wollte bereits die Suche aufgeben und den Abstieg per Seil anordnen, als Leut- nant Rodrigo die schmale Treppe entdeckte. Man hätte sie in der Schattendunkelheit unter-, halb der Klippe leicht übersehen können, denn es gab kein Leitgeländer oder sonst etwas, das auf ihr Vorhandensein hingedeutet hätte. Und sie schien kein bestimmtes Ziel zu ha- ben: sie führte die fünfzig Meter hohe senk- rechte Wand hinab und verschwand in steilem Winkel unter der Oberfläche der See. Sie ließen ihre Helmlampen über die Treppe streichen, und da sie nichts entdeckten, was möglicherweise Gefahr bedeutet hätte, erbat Dr. Ernst von Commander Norton die Erlaub- nis zum Abstieg. Eine Minute später tastete sie behutsam die Oberfläche der See ab. Ihr Fuß glitt nahezu reibungslos vor und zu- rück. Der Stoff fühlte sich genau an wie Eis. Und es war Eis. Als sie mit ihrem Hammer darauf einschlug, ergab sich das vertraute Muster von Sprün- gen, die radial von der Aufprallstelle ausgin- gen, und Dr. Ernst konnte so viele Bruchstücke sammeln, wie sie wünschte. Einige waren be- reits zerschmolzen, als sie den Probenbehälter dem Licht entgegenhielt; die Flüssigkeit wirk- te wie leicht getrübtes Wasser; vorsichtig roch sie daran. »Ist das ungefährlich?« rief Rodrigo mit einer Spur von Besorgnis in der Stimme zu ihr hin- ab., »Glauben Sie mir, Boris«, antwortete Dr. Ernst, »wenn es hier irgendwelche Pathogene gibt, die meinen Detektoren entgangen sind, dann sind unsere Versicherungspolicen be- reits seit einer Woche wertlos.« Doch Boris’ Warnung hatte etwas für sich. Trotz all der beruhigenden Teilergebnisse be- stand noch immer ein minimales Risiko, daß dieser Stoff giftig sein oder irgendeine unbe- kannte Krankheit übertragen konnte. Normaler- weise wäre Dr. Ernst noch nicht einmal dieses minimale Risiko eingegangen, aber jetzt dräng- te die Zeit, und Einsätze und Gewinne wa- ren enorm hoch. Falls es nötig sein sollte, die Endeavour unter Quarantäne zu setzen, dann würde dies ein ziemlich geringer Preis sein für die Fülle an neuen Erkenntnissen. »Es ist Wasser, aber ich habe keine Lust, es zu trinken – schmeckt wie eine schiefgelaufe- ne Algenkultur. Ich kann es kaum erwarten, bis ich es im Labor habe.« »Ist das Eis fest genug. Kann man darauf ge- hen?« »Ja, es ist steinhart.« »Dann können wir also nach New York gehen.« »Können wir das wirklich, Pieter? Haben Sie jemals versucht, vier Kilometer weit übers Eis zu laufen?«, »Oh – ich verstehe, was Sie meinen. Stellen Sie sich bloß mal vor, was das Magazin dazu sagen würde, wenn wir Schlittschuhe anfor- derten! Ganz abgesehen davon, daß kaum ei- ner von uns in der Lage sein dürfte, sich damit zu bewegen, auch wenn wir welche an Bord hätten.« »Und wir haben ein weiteres Problem«, warf Boris Rodrigo ein. »Habt ihr bemerkt, daß die Temperatur bereits über den Gefrierpunkt an- gestiegen ist? Es wird nicht lange dauern, und dieses Eis beginnt zu schmelzen. Wie vie- le Raumfahrer können vier Kilometer weit schwimmen? Ich jedenfalls bestimmt nicht …« Dr. Ernst war wieder oben auf dem Klippen- kamm zu ihnen gestoßen und hielt nun tri- umphierend die kleine Probenflasche in die Höhe. »Es ist ein langer Marsch für ein paar Kubik- zentimeter schmutziges Wasser, aber wir erfah- ren dadurch möglicherweise mehr über Rama als aus allem, was wir bisher gefunden haben. Kehren wir also in den Stall zurück.« Sie wendeten sich den fernen Lichtern der Nabe zu und zogen in den sanften weiten Sprüngen los, bei dieser verminderten Schwer- kraft die bequemste Fortbewegungsart. Aber sie schauten oft zurück, fasziniert von der ver-, borgenen Rätselhaftigkeit dieser Insel inmitten der gefrorenen See. Und einmal, ganz kurz, hatte Dr. Ernst das Gefühl, als habe eine ganz leichte Brise wie ein Hauch ihre Wange gestreift. Der Lufthauch wiederholte sich nicht, und so vergaß sie es vollkommen. *, 16. KAPITEL

KEALAKEKUA

»Sie sind sich selbstverständlich vollkommen darüber bewußt, Dr. Perera«, sagte Botschafter Bose im Ton geduldiger Resignation, »daß nur wenige unter uns sich mit Ihnen in Ihrem Spe- zialgebiet der mathematischen Meteorologie verständigen können. Haben Sie also bitte Mit- leid mit unserem Unverstand.« »Aber mit Vergnügen«, antwortete der Exo- biologe ganz ohne Verlegenheit. »Ich kann es Ihnen am besten erklären, wenn ich Ihnen sage, was in Rama geschehen wird – und zwar sehr bald. Die Temperatur steigt jetzt allmählich an, da die solaren Hitzewellen ins Innere vordringen. Nach der letzten mir zuge- gangenen Information ist sie bereits über den Gefrierpunkt gestiegen. Bald wird die Zylindri- sche See zu tauen beginnen, und im Gegensatz zu Gewässern auf der Erde wird sie von unten nach oben schmelzen. Das könnte einige un- angenehme Folgen haben. Aber ich mache mir viel größere Sorgen wegen der Atmosphäre. Bei ihrer Erwärmung wird sich die Luft in Rama ausdehnen – und sie wird versuchen, zur Zen- tralachse aufzusteigen. Hier liegt das Problem. Auf dem Boden folgt die Luft bereits der Rota-, tion Ramas, obwohl sie scheinbar stationär zu sein scheint: also mehr als achthundert Stun- denkilometer. Wenn sie zur Achse aufsteigt, wird sie versuchen, diese Geschwindigkeit bei- zubehalten – und es wird ihr natürlich nicht gelingen. Das Ergebnis werden heftige Stürme und Turbulenzen sein; ich schätze, mit zwei-, dreihundert Stundenkilometern. Übrigens passiert ja auf der Erde so ziemlich das gleiche. Die erhitzte Luft am Äquator – die die Erdrotation von sechzehnhundert Stunden- kilometern mitmacht – stößt auf die gleichen Probleme, wenn sie aufsteigt und nach Norden oder Süden abfließt.« »Aha, die Passatwinde! Ich erinnere mich daran aus dem Geographieunterricht.« »Richtig, Sir Robert. Rama wird Passatwinde erleben, und zwar ganz gewaltige. Ich bin über- zeugt, daß sie nur ein paar Stunden anhalten und sich dann wieder eine Art Gleichgewicht einstellen wird. In der Zwischenzeit jedoch möchte ich Commander Norton zur Evakuati- on raten. So rasch wie möglich. Hier die Nach- richt, die zu senden ich vorschlage.« Mit ein bißchen Fantasie, sagte sich Com- mander Norton, könnte man dies für ein impro- visiertes Nachtlager halten am Fuß eines Ber- ges in einer verlassenen Gegend Asiens oder, Amerikas. Das Durcheinander der Schlafsäcke, Faltstühle und Klapptische, der transportablen Elektrobatterie, der Beleuchtungseinrichtung, Elektrosan-Toiletten und der verschiedensten wissenschaftlichen Geräte hätte auf der Erde keineswegs fehl am Platze gewirkt – besonders da die Männer und Frauen hier ohne Sauer- stoffgeräte arbeiteten. Der Aufbau von Camp Alpha war eine sehr mühselige Angelegenheit gewesen, weil alles per Hand durch die Luftschleusen geschafft, den Hang von der Nabe hinunter per Schlitten transportiert und dann zusammengesucht und ausgepackt werden mußte. Manchmal hatten die Bremsschirme versagt, und die Lieferung war gut einen Kilometer tief in der Ebene ge- landet. Trotzdem hatten mehrere Besatzungs- mitglieder um die Erlaubnis gebeten, solch eine Schlittenfahrt unternehmen zu dürfen. Norton hatte dies strikt verboten. Im Notfall mußte er das wohl noch einmal überdenken. Nahezu die ganze Ausrüstung würde hier zurückbleiben, denn der anstrengende Rück- transport war einfach undenkbar – ja effektiv unmöglich. Manchmal überfiel den Comman- der fast etwas wie Schamgefühl, daß sie soviel menschlichen Müll an diesem seltsam flecken- losen Ort zurücklassen würden. Und wenn sie, endlich ganz weggehen würden, dann woll- te er einen Teil ihrer kostbaren Zeit dafür op- fern, daß alles ordentlich zurückgelassen wür- de. So unwahrscheinlich es sein mochte, aber vielleicht würde Rama Millionen Jahre später durch ein anderes Sonnensystem rasen und wieder Besucher bekommen. Dann sollten sie einen guten Eindruck von der Erde gewinnen. Jetzt allerdings sah er sich einem viel dring- licheren Problem gegenüber. In den letzten vierundzwanzig Stunden hatten ihn nahezu gleichlautende Botschaften von der Erde und vom Mars erreicht. Das schien ein merkwürdi- ger Zufall zu sein; möglicherweise hatten sich ja seine zwei Anvermählten beieinander aus- geweint, wie Frauen, die in sicherer Entfer- nung voneinander auf verschiedenen Planeten leben, mit ihrem Kummer gern tun. Ziemlich nachdrücklich hatten sie ihn daran erinnert, daß er – wenn er jetzt auch ein großer Held sei – immer noch Verantwortung seinen Familien gegenüber habe. Der Commander schnappte sich einen Falt- stuhl und wanderte über die Lichtpfütze in das Dunkel hinaus, das das Camp umgab. Dies war die einzige Möglichkeit, einmal ungestört zu sein, außerdem konnte er abseits von dem Tru- bel besser nachdenken. Er kehrte dem organi-, sierten Durcheinander bewußt den Rücken zu und begann in den Recorder zu sprechen, der ihm um den Hals hing. »Original für persönliche Akte, Duplex an Mars und Erde. Hallo, Liebste – ja, ich weiß, ich war stinkfaul mit meinen Nachrichten, aber ich bin eine ganze Woche lang nicht im Schiff gewesen. Abgesehen von einer Notbesatzung kampieren wir alle innerhalb Ramas, am Fuß der Treppe, die wir Alpha getauft haben. Zur Zeit habe ich drei Explorationstrupps draußen, die die Ebene absuchen, aber wir sind enttäuschend langsam vorangekommen, weil wir alles zu Fuß erledigen müssen. Wenn wir bloß irgendein Transportmittel hätten! Ich wäre schon selig über ein paar elektrische Fahrräder … die wären fantastisch für die Ar- beit hier. Du hast meinen Stabsoffizier, Commander Ernst, kennengelernt …« Er brach unsicher ab; Laura war einer seiner Frauen begegnet, aber welcher? Es war besser, das wegzulassen … Er löschte den Satz und begann erneut: »Mein Stabsarzt, Commander Ernst, hatte die Führung der ersten Gruppe zum Ufer der Zy- lindrischen See, fünfzehn Kilometer von hier entfernt. Sie entdeckte, daß es sich um gefro- renes Wasser handelt, wie wir erwartet hatten, – aber trinken würde man es wohl kaum. Dr. Ernst sagt, es sei eine wäßrige organische Sup- pe, die Spuren von nahezu allen Kohlenstoff- verbindungen enthält, die man sich nur vor- stellen kann, ebenso Phosphate, Nitrate und Dutzende von Metallsalzen. Es gibt nicht das geringste Anzeichen von Leben – nicht mal ir- gendwelche abgestorbenen Mikroorganismen. Also wissen wir noch immer nichts über die Biochemie der Ramaner … obwohl die viel- leicht von der unseren gar nicht so grundle- gend verschieden war.« Irgend etwas strich sacht über sein Haar (er war vor lauter Arbeit nicht dazu gekommen, es schneiden zu lassen, und würde etwas unter- nehmen müssen, bevor er wieder einen Raum- helm aufsetzte …). »Du hast die Teles von Paris und den ande- ren Städten gesehen, die wir auf diesem Ufer des Meeres untersucht haben: London, Rom, Moskau. Man kann unmöglich glauben, daß sie gebaut worden sind, damit irgendwas in ih- nen leben könnte. Paris wirkt wie ein Vorrats- lager für Riesen. London ist eine Ansammlung von Zylindern, die durch Rohre miteinander verbunden sind, die wiederum offenbar einer Art Pumpstation angeschlossen sind. Alles ist fest verschlossen, so daß sich nicht herausfin-, den läßt, was im Innern ist, wenn man nicht Sprengstoff oder Laserstrahlen einsetzt. Wir wollen dies nach Möglichkeit nicht tun, es sei denn, es geht gar nicht anders. Und Moskau und Rom …« »Verzeihung, Skipper. Blitzverbindung von der Erde.« Was ist denn nun schon wieder? fragte Nor- ton sich. Kann man denn nicht einmal ein paar Minuten in Ruhe mit seinen Familien spre- chen? Er nahm dem Sergeant die Nachricht aus der Hand und überflog sie rasch, eigentlich nur, um sicherzugehen, daß sie nichts wirklich Dringliches enthielt. Dann las er sie nochmals, langsamer diesmal. Was, zum Teufel, war das: ›Rama-Komitee‹? Und warum hatte er nie etwas davon gehört? Er wußte, daß alle möglichen Vereinigungen, Ge- sellschaften und Berufsgruppen – manche davon mit ernstzunehmenden, andere mit komplett verrückten Zielen – beständig versucht hatten, Kontakt zu ihm aufzunehmen; die Kontrollstati- on, die ihn stets sehr gut abschirmte, hätte diese Nachricht zweifellos nicht weitergeleitet, wenn sie sie nicht für wichtig gehalten hätte. »WINDE ZWEIHUNDERT KM SCHNELL – WAHRSCHEIN- LICH PLÖTZLICHES AUFTRETEN« – nun, das war si-, cher bedenkenswert. Aber es fiel schwer, die Warnung in dieser vollkommen ruhigen Nacht allzu ernst zu nehmen; außerdem wäre es lä- cherlich, wenn sie wie erschreckte Mäuse da- vonliefen, jetzt, wo ihre Forschungen gerade erst erfolgreich zu werden versprachen. Commander Norton strich sich das Haar aus der Stirn, das ihm schon wieder irgendwie über die Augen gefallen war. Dann hielt er wie erstarrt mitten in der Handbewegung inne. Er hatte während der letzten Stunde tatsäch- lich mehrmals einen Windhauch verspürt. Es war ein so leichter gewesen, daß er ihn voll- kommen unbeachtet gelassen hatte; schließlich war er Kapitän eines Raumschiffs, nicht eines Segelschiffs. Bis zu diesem Augenblick hatte die Luftbewegung für ihn keinerlei berufliches Interesse gehabt. Was würde jener seit langem tote Kapitän jener früheren Endeavour in einer solchen Lage wohl unternommen haben? Diese Frage hatte sich Norton während der letzten paar Jahre in jedem kritischen Augen- blick gestellt. Dies war sein ganz privates Ge- heimnis, er hatte es nie jemandem mitgeteilt. Und wie die meisten wirklich wichtigen Dinge im Leben hatte es sich ganz zufällig ergeben. Er war bereits mehrere Monate lang Kapitän der Endeavour gewesen, bevor ihm aufging,, daß sein Schiff nach einem der berühmtesten Schiffe der Geschichte benannt war. Sicher, es hatte während der vergangenen vierhundert Jahre ein Dutzend Endeavours gegeben, zur See und zwei sogar im Weltraum, aber ihrer al- ler Urahn war der 370-Tonnen-Whitby-Collier, den Kapitän James Cook von der Royal Navy zwischen 1768 und 1771 um die Welt gesegelt hatte. Sein anfängliches Interesse hatte sich rasch in regelrechte Neugierde, ja beinahe Besessen- heit verwandelt, und Norton hatte alles zu le- sen begonnen, was er über Cook auftreiben konnte. Inzwischen war er wahrscheinlich die führende Autorität der ganzen Welt bezüglich dieses größten Forschungsreisenden aller Zei- ten; er kannte ganze Kapitel seiner Tagebücher auswendig. Norton erschien es noch immer unglaub- lich, wie ein einzelner Mann mit einer derartig primitiven Ausrüstung so viel hatte erreichen können. Aber Cook war nicht bloß ein überra- gender Navigator gewesen, sondern auch ein Wissenschaftler und – in einem Zeitalter grau- samer Härte – ein Verfechter der Menschlich- keit. Er behandelte seine eigenen Leute freund- lich, das war schon außergewöhnlich genug; was jedoch völlig unerhört war, er verhielt sich, ebenso den oftmals feindlichen Wilden gegen- über in den neuen Ländern, die er entdeckte. Es war Nortons stiller Traum, aber er wuß- te, daß er ihn wohl nie verwirklichen könnte, wenigstens eine der Reisen Cooks um die Welt nachzuvollziehen. Er hatte einen etwas unzu- reichenden, wenn auch spektakulären Anlauf dazu unternommen, der den großen Käptn si- cherlich in Erstaunen versetzt hätte, als er ein- mal direkt über dem Großen-Barriere-Riff eine Polarbahn anflog. Es war frühmorgens an ei- nem klaren Tag gewesen, und aus vierhundert Kilometern Höhe hatte er eine hervorragende Sicht auf diese tödliche Korallenwand, die sich durch die weiße Gischtlinie längs der Küste von Queensland abzeichnete. Er hatte nur knapp fünf Minuten gebraucht, um die ganzen zweitausend Kilometer Länge des Riffs zu überfliegen. Mit einem einzigen Blick vermochte er Wochen der gefahrvollen Fahrt jener ersten Endeavour zusammenzuraf- fen. Und durch das Teleskop erhaschte er ei- nen Blick auf Cooktown und die Bucht, in der das Schiff nach dem fast katastrophalen Zu- sammenprall mit dem Riff zur Reparatur an Land geschleppt worden war. Ein Besuch in der Deep-Space-Tracking-Sta- tion auf Hawaii hatte ihm ein Jahr darauf ein, noch eindrucksvolleres Erlebnis beschert. Er hatte den Wasserjet zur Kealakekua-Bucht ge- nommen, und während sie rasch an den kah- len Vulkanklippen vorbeischossen, hatte ihn ein Gefühl überwältigt, dessen Tiefe ihn über- rascht, ja beunruhigt hatte. Der Führer hatte die Gruppe von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Astronauten an dem glitzernden Metall- pylon vorübergeführt, den man an der Stelle des früheren Monuments errichtet hatte, wel- ches von dem gewaltigen Tsunami im Jahre 68, einem der stärksten Orkane, zerstört worden war. Sie waren ein paar Meter weiter über die schwarze glatte Lava bis zu der kleinen Plaket- te am Rand des Wassers gegangen. Von kleinen Wellen überspült, war sie kaum zu sehen, aber als Norton sich niederbeugte, konnte er die In- schrift lesen: IN DER NÄHE DIESER STELLE WURDE KAPITÄN JAMES COOK AM 14. FEBRUAR 1779

ERMORDET

DIE ORIGINALPLAKETTE WURDE AM 28. AUGUST 1928 VON DER KOMMISSION ZUM 150-JÄHRIGEN JUBILÄUM COOKS AUFGESTELLT. ERSETZT VON DER DREIHUNDERT-JAHRFEIER-KOMMISSION 14. FEBRUAR 2079 Das war vor vielen Jahren und hundert Millio- nen Kilometer weit weg geschehen. Doch in, Augenblicken wie eben diesem hatte Norton oft das Gefühl, daß Käptn Cooks beruhigen- de Persönlichkeit sehr nahe bei ihm sei. Aus den geheimsten Tiefen seines Gehirns frag- te er dann wohl: »Nun, Käptn – was denken Sie darüber?« Es war so ein Spielchen, das er sich erlaubte, wenn gelegentlich die Fak- ten für eine vernünftige Beurteilung der Lage nicht ausreichten und man sich auf die Intui- tion verlassen mußte. Dies war ja eine Seite der Genialität Cooks gewesen: daß er immer die richtige Entscheidung getroffen hatte – bis ganz zum Schluß, in der Bucht von Kealake- kua. Der Sergeant wartete geduldig, während sein Kommandant schweigend in die Rama-Nacht hinausstarrte. Diese Nacht war nicht mehr vollkommen schwarz, denn in etwa vier Kilo- metern Entfernung konnte man deutlich die schwachen Lichtflecken zweier Explorations- trupps erkennen. Im Notfall kann ich sie innerhalb einer Stun- de zurückholen, sagte sich Norton. Und das müßte zeitlich hinhauen. Er wendete sich dem Sergeanten zu: »Neh- men Sie folgende Nachricht auf: ›Rama-Komi- tee, über Spacecom. Danken für Ihre Informa- tion und treffen Vorsichtsmaßregeln. Bitte um, Spezifizierung Text plötzliches Auftreten. Erge- benst Norton, Kommandant Endeavour.‹« Er wartete, bis der Sergeant in Richtung auf die blendenden Lichter des Lagers verschwun- den war, dann knipste er seinen Recorder wie- der an. Aber seine Gedankenkette war unter- brochen, und er konnte sich nicht mehr in die rechte Stimmung zurückversetzen. Der Brief an seine beiden Frauen würde auf einen besse- ren Zeitpunkt warten müssen. Es geschah nicht sehr oft, daß Käptn Cook zu Hilfe kam, wenn er seine Pflichten versäum- te. Aber Norton erinnerte sich plötzlich daran, wie selten und wie kurz die arme Elizabeth ih- ren Cook in ihrer zehnjährigen Ehe nur zu Ge- sicht bekommen hatte. Und dennoch hatte sie ihm sechs Kinder geschenkt. Und hatte sie alle und ihren Mann überlebt. Seine Frauen, mit denen die Verbindung niemals mehr als zehn Minuten per Lichtge- schwindigkeit betrug, hatten wirklich keinen Grund zur Klage … *, 17. KAPITEL

FRÜHLING

In den ersten ›Nächten‹ auf Rama war es nicht leicht gewesen, in den Schlaf zu finden. Die Dunkelheit und die Geheimnisse, die er barg, waren bedrückend, aber noch weit beunruhi- gender war die anhaltende Stille. Völlige Ge- räuschlosigkeit ist kein natürlicher Zustand; alle Sinne des Menschen brauchen eine gewis- se Menge an Reizen. Wenn man sie dessen be- raubt, produziert das Gehirn sich selbst Ersatz dafür. Deshalb hatten sich viele der Schlafenden über merkwürdige Geräusche – ja sogar über Stimmen – beklagt, ganz offenkundig Einbil- dungen, denn die wachenden Personen hatten nichts dergleichen vernommen. Stabsärztin Commander Ernst hatte eine sehr einfache und wirksame Therapie verschrieben: während der Schlafperiode wurde das Lager jetzt von leiser, unaufdringlicher Hintergrund- musik eingelullt. In dieser Nacht jedoch fand Commander Nor- ton auch diese Therapie noch unzureichend. Er lauschte angespannt in die Dunkelheit hin- ein, und er wußte genau, wonach er lauschte. Doch obwohl von Zeit zu Zeit eine sehr sanfte, Brise sein Gesicht streifte, war kein Laut zu hö- ren, den man für aufkommenden Wind in der Ferne hätte halten können. Auch die zwei Ex- plorationstrupps hatten nichts Außergewöhnli- ches zu berichten. Schließlich schlief Commander Norton ge- gen Mitternacht nach Schiffszeit endlich ein. Am Kommunikationsschaltpult hatte beständig ein Mann Wache und Bereitschaftsdienst für dringliche Nachrichten. Weitere Vorsichtsmaß- nahmen schienen nicht nötig zu sein. Kein Orkan hätte das Geräusch hervorbrin- gen können, das ihn und das gesamte Lager plötzlich aufweckte. Es war, als stürzte der Himmel ein oder als berste Rama auseinander und zerbräche in Trümmer. Zuerst erfolgte ein ungeheures Krachen, dann ein langanhalten- des kristallisches Klirren, wie wenn Millionen Glashäuser zertrümmert würden – es dauerte nur minutenlang, obwohl es ihnen wie Stun- den erschien; und es hielt weiter an, schien sich zu entfernen, als Norton die Nachrichten- zentrale erreichte. »Kontrolle Nabe! Was ist passiert?« »Eine Sekunde, Skipper. Es ist drüben bei der See. Wir setzen das Licht drauf.« Acht Kilometer über ihnen auf der Rama- Achse begann der Strahl des Suchscheinwer-, fers über die Ebene zu gleiten. Er erreichte das Ufer der See, wanderte dann dort entlang und bestrich den Äquator dieser Welt im Kreis. Bei etwa der Viertelmarke hielt der Strahl auf der zylindrischen Innenfläche plötzlich an. Dort oben im Himmel – beziehungsweise dessen, was das Gehirn noch immer hartnäk- kig als Himmel betrachtete – geschah etwas ganz Außerordentliches. Nortons erster Ein- druck war, daß die See zu kochen begonnen hatte. Sie wirkte nicht mehr statisch und ge- froren, als halte ein ewiger Winter sie gefan- gen; ein riesiges Gebiet von mehreren Kilome- tern Erstreckung war in wildem Aufruhr. Und die See veränderte ihre Färbung: ein breites weißes Band zog sich über das Eis. Plötzlich begann eine Scholle von etwa ei- nem Kilometer Länge sich nach oben zu schie- ben wie eine sich öffnende Falltür. Langsam und majestätisch stieg sie schimmernd und blitzend im Strahl des Scheinwerfers dem Him- mel entgegen. Dann sackte sie zurück und ver- schwand unter der Oberfläche, und eine Flut- welle schäumenden Wassers schoß von der Stelle, an der sie versunken war, in alle Rich- tungen auseinander. Erst jetzt wurde es Commander Norton ganz bewußt, was da geschah. Das Eis brach auf., Während all dieser Tage und Wochen war das Eis unten in der Tiefe geschmolzen. – Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren, denn das donnernde Getöse erfüllte noch immer den Raum und hallte vom Himmel in Kreisechos wider, doch er versuchte sich vorzustellen, was eine derartig dramatische Erschütterung her- vorgerufen haben könnte. Wenn auf der Erde ein zugefrorener See oder Fluß auftaute, dann keineswegs so wie hier … Aber, natürlich! Jetzt, da es geschehen war, war es ganz einleuchtend. Die See taute von unten her auf, weil die Sonnenhitze durch die Hülle Ramas vordrang. Und wenn Eis zu Wasser schmilzt, verringert sich das Volu- men … Also war die See unter die oberste Eisschicht abgesackt und hatte sie ohne Halt gelassen. Je- den Tag war die Spannung gewachsen, und jetzt brach das Eisband um den Äquator Ramas in sich zusammen wie eine Brücke, die ihren Mittelpfeiler verloren hatte. Das Eis zersplitter- te zu Hunderten treibender Schollen, die zu- sammenprallten und sich ineinanderschoben, bis auch sie geschmolzen sein würden. Nor- tons Blut erstarrte plötzlich, als er sich an den Plan erinnerte, New York per Schlitten zu er- reichen …, Der Tumult legte sich rasch wieder; im Rin- gen zwischen Eis und Wasser war ein Stillstand eingetreten. Ein paar Stunden später würde bei stetig ansteigender Temperatur das Wasser den Sieg davontragen, und die letzten Eisspuren würden verschwinden. Doch auf lange Sicht würde sich doch wieder das Eis durchsetzen, wenn Rama die Sonne umrundete und sich er- neut auf eine Bahn in die interstellare Nacht begab. Norton atmete plötzlich wieder bewußt; er rief per Funk den Trupp, der der See am näch- sten war. Zu seiner Erleichterung antwortete Leutnant Rodrigo sofort. Nein, das Wasser habe sie nicht erreicht. Keine Flutwelle sei über den Klippenkamm herübergedrungen. »Jetzt wissen wir also«, fügte er ganz ruhig hinzu, »warum da ein Steilufer ist.« Norton stimmte ihm wort- los zu; insgeheim aber sagte er sich: das erklärt aber wohl kaum, warum das Steilufer an der Südküste zehnmal so hoch ist … Der Suchscheinwerfer von der Nabe strich weiter im Kreis um diese Innenwelt. Das er- wachende Meer wurde zunehmend ruhiger, und die kochende weiße Gischt raste nicht mehr von kenternden Eisschollen fort. Nach fünfzehn Minuten war das Schlimmste vor- bei., Und Rama war nicht mehr stumm: er war aus dem Schlaf erwacht, immer wieder das Knirschen zu hören, wenn ein Eisberg mit ei- nem anderen zusammenprallte. Der Frühling war ein bißchen spät gekom- men, sagte Norton bei sich selbst, doch der Winter war zu Ende. Wieder strich diese Brise vorbei, doch stär- ker diesmal als je zuvor. Rama hatte ihn genü- gend gewarnt: es war Zeit, sich zu verabschie- den. Als er in der Mitte der Treppe angelangt war, empfand Commander Norton wieder einmal tiefe Dankbarkeit, daß die Finsternis gnädig verbarg, was vor ihm lag – und unter ihm. Ob- wohl er wußte, daß noch über zehntausend Stufen vor ihm waren, und er sich im Geiste die steil ansteigende Kurve durchaus vorstel- len konnte, wurde ihm diese Aussicht erträg- licher, weil er nur einen beschränkten Bereich dieser Treppe überblicken konnte. Es war dies sein zweiter Aufstieg, und er hat- te aus den Fehlern des ersten gelernt. Die Ver- suchung war groß, bei dieser geringen Schwer- kraft zu rasch hinaufzuklettern: jeder Schritt fiel so leicht, daß man sich bewußt zu einem langsamen, gleichmäßigen Rhythmus zwin-, gen mußte. Doch wenn man dies nicht tat, tra- ten nach den ersten paar tausend Stufen un- gewohnte Muskelschmerzen in Schenkeln und Waden auf. Muskelstränge, von deren Existenz man niemals etwas geahnt hatte, legten Pro- test ein, und man mußte immer längere Ruhe- pausen einschieben. Gegen Ende seines ersten Aufstiegs hatte er mehr Zeit mit Pausieren als mit dem Steigen verbracht, und selbst das war nicht ausreichend gewesen. Während der fol- genden zwei Tage hatte er unter schmerzhaf- ten Muskelkrämpfen gelitten und wäre wohl fast gelähmt gewesen, hätte er sich nicht in der Schwerelosigkeit des Raumschiffs befunden. Darum hatte er diesmal den Anstieg mit gera- dezu übertriebener Langsamkeit begonnen und sich wie ein alter Mann fortbewegt. Er hatte die Ebene als letzter verlassen, die anderen bil- deten eine Kette von einem halben Kilometer vor ihm auf der Treppe; er konnte sehen, wie sich ihre Helmlampen den unsichtbaren Hang vor ihm hinaufbewegten. Norton war zutiefst enttäuscht, daß seine Mission fehlgeschlagen war, aber selbst jetzt hoffte er noch, daß es sich nur um einen vor- läufigen Rückzug handeln werde. Wenn sie die Nabe erreicht hatten, dann konnten sie ja war- ten, bis die möglicherweise auftretenden atmo-, sphärischen Störungen sich gelegt hätten. Al- ler Wahrscheinlichkeit nach würde dort an der Nabe Totenstille herrschen wie im Zentrum ei- nes Wirbelsturms, und sie würden den bevor- stehenden Orkan in Ruhe und Sicherheit ab- warten können. Einmal mehr zog er voreilige Schlußfolgerun- gen und gefährliche Vergleiche zu der Situati- on auf der Erde. Die meteorologischen Zusam- menhänge einer ganzen Welt waren – selbst unter der Voraussetzung eines stabilen Gleich- gewichts – eine unerhört komplizierte Sache. Selbst nach jahrhundertelanger Forschung war die Wetterprognose auf der Erde noch immer nicht absolut zuverlässig. Und bei Rama han- delte es sich nicht nur um ein völlig neuarti- ges Ökosystem; Rama machte auch irrsinnig rasche Veränderungen durch, denn die Tempe- ratur war innerhalb der letzten paar Stunden um mehrere Grade angestiegen. Doch noch im- mer deutete nichts auf den angekündigten Or- kan hin. Allerdings waren ein paar schwa- che Windstöße aus anscheinend wechselnden Richtungen aufgetreten. Bisher waren sie fünf Kilometer hoch gestie- gen, und das bedeutete bei dieser niedrigen und kontinuierlich abnehmenden Schwerkraft we- niger als zwei Kilometer auf der Erde. Auf Platt-, form Drei, nur drei Kilometer von der Ach- se entfernt, machten sie eine Stunde lang Rast, nahmen leichte Erfrischungen zu sich und mas- sierten ihre Beinmuskeln. Hier war der letzte Punkt ihres Aufstieges, an dem sie frei und be- quem atmen konnten. Wie die Bergsteiger im Hi- malaja in der Vergangenheit hatten sie hier ihre Sauerstoffgeräte deponiert. Jetzt nahmen sie sie auf und rüsteten sich zum Endspurt. Eine Stunde später hatten sie das Ende der Treppe erreicht. – Jetzt kam die Leiter. Vor ih- nen lag dieser letzte senkrechte Kilometer. Glücklicherweise konnten sie ihn in einem Schwerkraftfeld überwinden, das nur ein paar Prozent der Erdschwerkraft ausmachte. Wieder eine halbstündige Rastpause, sorgfältige Über- prüfung der Sauerstoffgeräte, und sie waren bereit für die letzte Etappe. Wieder arrangierte Norton es so, daß alle sei- ne Leute gesichert vor ihm waren und im Ab- stand von zwanzig Metern die Leiter angingen. Von jetzt an würde es ein langsames, stetiges und äußerst langwieriges Hinaufhangeln wer- den. Als beste Technik hatte sich bewährt, wenn man den Kopf von Gedanken möglichst freihielt und die Sprossen zählte, während man sie hinter sich brachte: einhundert, zwei- hundert, dreihundert, vierhundert …, Norton hatte gerade Sprosse zwölfhundert- fünfzig erreicht, als er merkte, daß etwas nicht in Ordnung war. Das Licht, das von der ver- tikalen Fläche direkt vor seinen Augen reflek- tiert wurde, hatte eine veränderte, eine unrich- tige Farbe – und es war viel zu hell. Commander Norton blieb nicht einmal ge- nug Zeit, in seinem Aufstieg innezuhalten und seinen Leuten eine Warnung durchzugeben. Es passierte alles in Bruchteilen von Sekunden. In einer lautlosen Lichtexplosion brach über Rama die Dämmerung herein. *, 18. KAPITEL

DÄMMERUNG

Das Licht war so grell, daß Norton eine ganze Minute lang die Augen zukneifen mußte. Dann wagte er sie vorsichtig zu öffnen und blinzel- te durch die halb geschlossenen Lider auf die Wand, die nur ein paar Zentimeter von seinem Gesicht entfernt war. Er blinzelte mehrmals, wartete, bis die unfreiwilligen Tränen fortroll- ten, wandte sich dann langsam um und be- trachtete die anbrechende Dämmerung. Er konnte den Anblick nur ein paar Sekun- den lang aushalten, dann mußte er die Au- gen wieder schließen. Es war nicht so sehr das grelle, blendende Licht, das so unerträglich war – daran hätte er sich gewöhnen können – , sondern das ehrfurchtgebietende und grandi- ose Schauspiel von Rama, dieser Welt, die nun zum erstenmal als Ganzes sichtbar wurde. Norton hatte natürlich genau gewußt, wo- mit er rechnen mußte; trotzdem benahm ihm der Anblick die Sinne. Ein unkontrollierbares krampfartiges Zittern überfiel ihn, seine Fin- ger krallten sich um die Sprossen der Leiter mit der verzweifelnden Brutalität eines Ertrin- kenden, der einen Rettungsring umklammert. Die Muskeln seiner Unterarme verkrampften, sich, gleichzeitig schien es, als wollten sei- ne Beine – die durch das stundenlange Klet- tern bereits müde waren – den Halt verlieren. Ohne die geringe Schwerkraft wäre er wohl abgestürzt. Dann setzte blitzartig seine Erinnerung ein, was er in einem solchen Fall während sei- ner Ausbildung gelernt hatte, und er schalte- te vorsichtshalber die erste Hilfsstufe gegen Pa- nik ein. Er hielt die Augen weiter geschlossen und versuchte das überwältigende Schauspiel zu vergessen, das sich um ihn herum entfalte- te. Er begann lang und tief zu atmen und seine Lungen mit Sauerstoff zu füllen, der die Ermü- dungsgifte aus seinem Metabolismus vertrei- ben würde. Bald fühlte er sich besser. Allerdings öffne- te er die Augen erst, als er eine zweite, bis zur rituellen Routine geübte Aktion durchgeführt hatte: er kostete ihn eine ziemlich heftige Wil- lensanstrengung, seine rechte Hand zu ent- krampfen (er mußte auf sie einreden wie auf ein störrisches Kind) – doch dann gelang es ihm, sie zu seinem Gürtel hinunterzudirigie- ren, den Sicherungsgurt von seinem Anzug ab- zuhaken und an der nächsten Sprosse einzu- klinken. Was immer jetzt geschehen mochte, er konnte nicht fallen., Norton atmete noch ein paarmal sehr tief ein, dann schaltete er (immer noch mit geschlosse- nen Augen) sein Funkgerät ein. Er hoffte, sei- ne Stimme würde ruhig und sicher klingen, als er begann: »Hier der Befehlshaber, Sind alle okay?« Während er einen Namen nach dem andern nannte und in jedem Fall eine positive, wenn auch etwas zittrige Antwort erhielt, gewann er rasch wieder Zuversicht und Selbstkontrol- le zurück. Alle seine Leute waren in Sicherheit und erwarteten von ihm, daß er ihnen sage, was zu tun sei. Er war wieder der Mann, der die Anordnungen gab und die Verantwortung zu tragen hatte. »Laßt die Augen zu, bis ihr völlig sicher seid, daß ihr es aushalten könnt«, rief er. »Dieser Anblick ist – überwältigend. Wer glaubt, daß er es nicht mehr aushalten kann, soll, ohne zu- rückzuschauen, weiterklettern. Denkt daran, ihr seid bald in Null-Schwerkraft, also könnt ihr wohl kaum runterfallen.« Es war allerdings kaum nötig, perfekt ausge- bildeten Raumfahrern etwas so Grundsätzli- ches klarzumachen, aber Norton selbst muß- te sich alle paar Stunden daran erinnern. Der Gedanke an die Null-Schwerkraft war eine Art von Talisman und beschützte ihn vor Schaden., Was seine Augen auch immer sehen und ihm einreden mochten, Rama würde ihn nicht hin- unterziehen und auf der acht Kilometer wei- ter unten liegenden Fläche zerschmettern kön- nen. Plötzlich fühlte er sich von seinem Stolz und seiner Selbstachtung dazu gedrängt, die Augen zu öffnen und diese Welt hier neu zu sehen. Aber vorher mußte er unbedingt erst wieder die Kontrolle über seinen Körper zurückgewin- nen. Er nahm beide Hände von den Leiterspros- sen und hakte den linken Arm über eine der Sprossen. Abwechselnd ballte er die Fäuste und streckte die Hände wieder, bis der Muskel- krampf abflaute. Dann – als er sich ganz okay fühlte – öffnete er die Augen, wandte den Kopf und sah: Rama. Der erste Eindruck war der von einem unge- heuren Blau. Der Glanz, der den Himmel er- füllte, hätte niemals mit dem Licht der Son- ne verwechselt werden können; er wirkte eher wie das Licht einer elektrischen Bogenlampe. Also muß die Sonne Ramas heißer sein als un- sere, sagte sich Norton. Das dürfte die Astrono- men interessieren … Und jetzt begriff er auch, was der Zweck die- ser geheimnisvollen Gräben war, wozu das Ge-, rade Tal und seine fünf Gegenstücke dienten: sie waren nichts anderes als gigantische Licht- streifen. Rama besaß sechs lineare Sonnen, die symmetrisch in seinem Inneren angeordnet waren. Von jeder dieser Linearsonnen ström- te ein breiter Lichtfächer über die Mittelach- se und erleuchtete die andere Seite der Innen- welt. Norton fragte sich, ob diese Lichtbögen in bestimmtem Rhythmus ein- und ausgeschal- tet werden konnten, um einen Tag-Nacht-Zy- klus hervorzurufen, oder ob auf diesem Plane- ten beständig Tag herrschte. Er hatte diese blendenden Lichtstränge schon zu lange angestarrt, seine Augen schmerzten wieder; und er war froh darüber, sie für eine Weile schließen zu dürfen. Jetzt erst, als er den ersten optischen Schock nahezu überwunden hatte, konnte er sich dem sehr viel ernsteren Problem zuwenden. Wer – oder was – hatte in Rama das Licht aus- gelöst? Den empfindlichsten Tests, die die Menschen durchführen konnten, nach zu urteilen, war dies eine absolut sterile Welt. Doch jetzt war etwas geschehen und geschah, das sich durch das Wirken von Naturkräften nicht erklären ließ. Hier in Rama gab es vielleicht kein Leben, aber es gab möglicherweise ein Bewußtsein,, eine Wachsamkeit: vielleicht wachten Roboter nach einem äonenlangen Schlaf auf. Oder viel- leicht war diese Lichtexplosion eine nicht pro- grammierte zufällige Zuckung – ein letztes To- desröcheln von Maschinen, die hektisch auf die Wärme einer neuen Sonne reagierten und bald wieder in den Ruhezustand zurückfallen würden. Diesmal vielleicht für immer. Und doch, dachte sich Norton, scheint mir das eine zu einfache Erklärung zu sein. Wie bei einem Puzzle begannen die Einzelstücke sich zu einem Muster zusammenzufügen. Al- lerdings fehlten ihm noch zu viele Elemente. Daß zum Beispiel keinerlei Spuren von Ab- nutzung festzustellen waren – dieser Eindruck von Neuigkeit und Frische, als wäre Rama so- eben erst geschaffen worden … Solche Gedanken hätten Furcht, hätten Ent- setzen hervorrufen können. Aber merkwürdi- gerweise empfand Norton nichts dergleichen. Er fühlte sich im Gegenteil heiter, ja beinahe vergnügt. Denn hier gab es ja sehr viel mehr zu entdecken, als sie je zu hoffen gewagt hätten. Na, ich bin neugierig, was das Rama-Komitee sagt, wenn sie das hören! dachte Norton. Dann öffnete er ruhig und entschlossen die Augen und fing an, sorgfältig alles zu registrie- ren, was er sah., Zunächst mußte er eine Art Bezugssystem aufbauen. Er sah vor sich den größten um- schlossenen Raum, den jemals ein Mensch er- blickt hatte, und brauchte so etwas wie eine geistige Landkarte, um sich zurechtzufinden. Die geringe Schwerkraft half ihm dabei nicht, denn sein Bewußtsein konnte die Richtungen von oben und unten beliebig orientieren. Man- che Richtungen allerdings waren psycholo- gisch gefährlich, und wann immer sein Gehirn daran rührte, mußte er rasch sein Denken auf einem anderen Vektor davon fortlenken. Am sichersten war es, sich vorzustellen, daß er auf dem schüsselförmigen Grund eines rie- sigen Brunnens stehe, der sechzehn Kilometer weit und fünfzig Kilometer tief war. Diese Vor- stellung hatte zumindest den Vorteil, daß die Gefahr, tiefer zu stürzen, ausschied; trotzdem war sie keineswegs ideal. Er konnte sich einreden, daß die verstreuten Siedlungen und Städte und die unterschied- lich gefärbten und strukturierten Bezirke alle sicher mit den aufragenden Wandungen ver- bunden waren. Die verschiedenen komplexen Gebilde, die man von der Wölbung oben her- abhängen sah, waren wohl kaum beunruhigen- der als die herabhängenden Kronleuchter in einem Konzertsaal der Erde. Die Zylindrische, See allerdings widersetzte sich jedem Versuch der Einordnung … Dort rotierte sie, in halber Höhe des Brun- nenschachts: ein breites Band aus Wasser, das ohne sichtbaren Halt die innere Peripherie um- kreiste. Es war ohne Zweifel Wasser; die Farbe war ein leuchtendes Blau mit ein paar blitzen- den Flecken von den restlichen Eisschollen. Aber der Eindruck einer vertikalen See, die ei- nen zwanzig Kilometer hohen, vollkommen geformten Kreis in den Himmel hinauf bildete, war ein Phänomen, das seinen Verstand derart irritierte, daß er nach einer Weile nach ande- ren Erklärungen suchte. Und hier veränderte sein Gehirn den Vektor und drehte ihn um neunzig Grad. Sofort wur- de der tiefe Brunnen zu einem langen Tunnel, dessen beide Enden durch runde Kappen ver- schlossen waren. ›Unten‹ war demnach ganz klar die Richtung der Leiter und der Treppen, die er soeben heraufgestiegen war. Und jetzt, nachdem er sich diese Perspektive zu eigen ge- macht hatte, war Norton endlich in der Lage, die wahre Absicht der Architekten, die die- sen Ort geschaffen hatten, zu erkennen und zu schätzen. Er klammerte sich an die Oberfläche einer sechzehn Kilometer hohen Klippe, deren obe-, re Hälfte weit überragte, bis sie schließlich mit dem Rundbogendach verschmolz, das sie jetzt als Himmel zu bezeichnen gewohnt wa- ren. Unter ihm fiel die Leiter mehr als fünf- hundert Meter ab und endete auf dem ersten Sims oder der ersten Terrasse. Dort begann die Treppenkonstruktion, die sich zunächst nahe- zu vertikal in diesem Environment von so nie- derer Schwerkraft erstreckte und dann nach und nach flacher wurde, bis sie nach fünf wei- teren Plattformen die weit entfernte Ebene er- reichte. Über die ersten zwei bis drei Kilometer hin konnte er die einzelnen Stufen ausmachen, aber darüber hinaus verschmolzen sie optisch zu einem fortlaufenden Band. Die abstürzende Flucht dieses gigantischen Treppengebildes war so gewaltig, daß man unmöglich die wahren Ausmaße abschätzen konnte. Norton war einmal um den Gipfel des Mount Everest geflogen und von der majestäs- tischen Größe überwältigt gewesen. Er mach- te sich klar, daß diese Treppe so hoch war wie der Himalaja. Allerdings war ein Vergleich un- sinnig. Und angesichts der beiden anderen Treppen- konstruktionen, Beta und Gamma, wurde ein Vergleich vollends unmöglich. Sie ragten in den Himmel hinauf und reichten in einer Kur-, ve weit über Norton hinaus. Er hatte mittler- weile genügend Selbstvertrauen zurückgewon- nen, also wagte er es, sich zurückzulehnen und – kurz nur – zu ihnen aufzublicken. Dann versuchte er zu vergessen, daß sie da oben hin- gen … Denn wenn man zu lange in dieser Richtung dachte, tauchte ein drittes Bild von Rama vor einem auf. Norton bemühte sich, diesen Ein- druck mit allen Mitteln zu vermeiden. Die Ge- fahr lag darin, Rama erneut als vertikalen Zy- linder oder Brunnenschacht zu begreifen. Nur würde er diesmal oben an der Spitze oder am ›Brunnenrand‹ stehen, nicht auf dem Grund, und er würde wie eine Fliege kopfunter auf der Innenseite einer Kuppel kleben mit einem Ab- grund von fünfzig Kilometern unter ihm. Je- desmal wenn dieses Bild sich in seine Gedan- ken drängte, mußte Norton sich bewußt und gewaltsam zwingen, nicht in sinnloser Panik die Hände wieder um die Leitersprossen zu klammern. Er war sicher, daß mit der Zeit alle die- se Ängste weichen würden. Die wunderbare Fremdheit Ramas würde ihre Schrecklichkeit verlieren, jedenfalls für Männer, die dazu aus- gebildet waren, sich den Wirklichkeiten des Weltalls zu stellen. Wahrscheinlich würde ein, Mensch, der niemals die Erde verlassen hatte und nie das Sternenall um sich herum gesehen hatte, diesen Anblick überhaupt nicht ertragen können. Aber wenn ein menschliches Wesen befähigt war, diese Prospekte zu ertragen, dann – beschloß Norton bei sich – würde er es sein, der Kapitän der Endeavour. Er blickte auf seinen Zeitmesser. Die Unter- brechung und Ruhepause hatte nur zwei Mi- nuten gedauert, aber in gewisser Weise war sie ihm endlos wie ein ganzes Leben erschienen. Er setzte kaum genügend Kraft ein, um sei- ne physikalische Massenträgheit und das wei- chende Schwerkraftfeld zu überwinden, als er sich die letzten paar hundert Meter die Leiter hinaufarbeitete. Kurz bevor er die Luftschleuse betrat, wendete er sich noch einmal dem Inne- ren Ramas zu und überflog prüfend die gesam- te Szenerie dieses merkwürdigen Planeten. Selbst in den wenigen Minuten des Nach- denkens waren die Veränderungen inner- halb Ramas weitergegangen. Von der See stieg nun Dunst auf. Die ersten paar hundert Meter krümmten sich die geisterhaften weißen Wol- ken deutlich in der Umdrehungsrichtung von Rama, dann lösten sich die Kondensationen in turbulenten Wirbeln auf, wo die aufsteigende Luft ihre überschüssige Geschwindigkeit los-, zuwerden versuchte, und dann begannen die ›Passatwinde‹ in dieser zylindrischen Welt ihre Zeichen in den Himmel zu schreiben. Der er- ste tropische Orkan seit undenkbaren Zeiten war kurz vor seinem Ausbruch. *, 19. KAPITEL

WARNUNG VOM MERKUR

Seit Wochen war es das erstemal, daß alle Mit- glieder des Rama-Komitees sich einfanden. Pro- fessor Solomons war aus den Tiefen des Pazifik aufgetaucht, wo er Operationen des Erzabbaus in den mittelozeanischen Gräben untersucht hatte. Und keiner war überrascht, daß Dr. Tay- lor wieder dazugestoßen war, nun da Rama viel- leicht doch mit etwas aufzuwarten hatte, was einen größeren Neuigkeitswert für Presse und Fernsehen versprach als tote Artefakte. Der Präsident hatte fest damit gerechnet, daß Dr. Carlisle Perera nun noch dogmatischer und anmaßender sein werde, nachdem sich seine Prognose des Orkans in Rama bestätigt hatte. Doch zum Erstaunen Seiner Exzellenz war Pe- rera merkwürdig zurückhaltend und nahm die Glückwünsche seiner Kollegen mit einer Verle- genheit entgegen, die man ihm gar nicht zuge- traut hätte. Der Exobiologe schien zutiefst gedemütigt: denn der spektakuläre Eisbruch der Zylindri- schen See war ein sehr viel gravierenderes Phänomen – und er hatte es völlig außer acht gelassen. Daß er sich zwar daran erinnert hat- te, daß heiße Luft aufsteigt, jedoch vergessen, hatte, daß sich erwärmendes Eis zusammen- zieht, das war nicht gerade ein Ruhmesblatt für ihn. Aber sicher würde er den Schlag bald verwinden und zu seiner gewohnten olympi- schen Selbstsicherheit zurückfinden. Als der Vorsitzende ihm das Wort erteilte und ihn fragte, welche weiteren klimatischen Veränderungen er erwarte, hütete er sich vor allzu detaillierten Prognosen. »Sie müssen sich vorstellen«, sagte er, »daß die meteorologischen Zusammenhänge einer so fremdartigen Welt, wie es Rama ist, noch viele Überraschungen für uns bereithalten können. Doch wenn meine Berechnungen stimmen, wird es keine weiteren Stürme geben, und die Zustände werden bald stabil sein. Es wird einen leichten Temperaturanstieg geben, bis das Peri- helion erreicht ist – und natürlich auch danach –, doch das soll uns nicht beschäftigen, da die Endeavour längst vorher abdocken muß.« »Also wird man bald ohne Gefahr wieder ins Innere gehen können?« »Hm – möglicherweise. In achtundvierzig Stunden werden wir es definitiv wissen.« »Wir müssen unbedingt zurückkehren«, sagte der Gesandte des Merkur. »Wir müssen soviel wie möglich über Rama in Erfahrung bringen. Die Situation ist jetzt völlig verändert.«, »Ich glaube, wir alle wissen, was Sie damit meinen, doch könnten Sie vielleicht etwas deutlicher werden?« »Aber sicher. Bisher haben wir angenom- men, daß Rama ohne Leben sei – oder doch zumindest ein Körper ohne Kontrolle. Aber jetzt können wir nicht länger voraussetzen, daß es sich dabei um ein Wrack handelt. Selbst wenn es an Bord keine Formen von Le- ben gibt, wird doch das Schiff möglicherwei- se von Robotermechanismen gelenkt, die ei- gens dazu programmiert sind, eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen – vielleicht eine, die für uns äußerst nachträglich sein könnte. So bit- ter die Pille für uns auch sein mag, wir müs- sen die Frage unserer Verteidigung in Betracht ziehen.« Es erhob sich ein Gewirr protestierender Stimmen, und der Vorsitzende mußte die Hand heben, um die Ruhe wiederherzustellen. »Lassen Sie Seine Exzellenz zu Ende spre- chen!« gebot er. »Ob uns die Vorstellung paßt oder nicht, wir sollten sie zumindest ernsthaft bedenken.« »Bei allem gebührenden Respekt vor dem Botschafter«, warf Dr. Conrad Taylor in äußerst respektlosem Ton ein, »glaube ich doch, daß wir die Befürchtung einer bösartigen Interven-, tion als reichlich naive Vorstellung abtun kön- nen. Geschöpfe, die so weit fortgeschritten sind wie die Ramaner, müssen gleichzeitig auch moralisch hochentwickelt sein. Sonst hätten sie sich selbst vernichtet – wie die Menschheit das im zwanzigsten Jahrhundert beinahe getan hätte. Ich habe diesen Zusammenhang in mei- nem neuesten Buch Ethos und Kosmos ganz eindeutig klargestellt. Ich hoffe, Sie alle haben Ihr Exemplar erhalten.« »Doch, ja, vielen Dank. Allerdings muß ich leider sagen, daß die Last anderer Aufgaben mir nicht gestattete, mehr als die Einleitung zu lesen. Ich bin jedoch mit der Grundproblema- tik wohlvertraut. Wir haben ja kaum bösartige Absichten einem Ameisenhaufen gegenüber. Doch wenn wir an der gleichen Stelle ein Haus bauen wollen …« »Das ist ja so übel wie die Pandora-Partei! Es ist nichts anderes als interstellare Xenopho- bie!« »Meine Herren, ich bitte Sie! Exzellenz, Sie haben noch das Wort.« Der Vorsitzende blitzte über einen räumli- chen Abgrund von dreihundertachtzigtausend Kilometern Conrad Taylor zornig an, der wi- derwillig nachgab, wie ein Vulkan, der seine Zeit abwartet., »Danke«, sagte der Botschafter des Merkur. »Die Gefahr mag ja gering sein, doch wo es um die Zukunft der menschlichen Rasse geht, dür- fen wir kein Risiko eingehen. Und dann sind wir Hermianer, wenn ich mich einmal so aus- drücken darf, ganz besonders betroffen. Wir haben vielleicht mehr Grund als alle anderen, alarmiert zu sein.« Dr. Taylor schnaubte hörbar durch die Nase, wurde jedoch von einem weiteren Zornesblick vom Mond gebändigt. »Wieso der Merkur mehr als ein anderer Pla- net?« fragte der Präsident. »Betrachten Sie doch einmal das Kräftespiel der Situation. Rama bewegt sich bereits inner- halb unserer Umlaufbahn. Und bisher ist es nur eine Vermutung, daß er die Sonne umkrei- sen und dann wieder in den Weltraum hinaus- steuern wird. Nehmen wir doch an, daß er ein Bremsmanöver durchführt? Und wenn das ein- tritt, dann auf dem Perihelion, also in dreißig Tagen von heute an gerechnet. Meine Wissen- schaftler sagen mir, für den Fall, daß die gesam- te Geschwindigkeitsänderung dort stattfindet, wird Rama auf eine Kreisbahn von nur fünf- undzwanzig Millionen Kilometern Entfernung zur Sonne enden. Und von dort aus könnte er das gesamte Sonnensystem beherrschen.«, Lange Zeit sagte niemand ein Wort – nicht einmal Conrad Taylor. Alle Mitglieder des Ko- mitees dachten nach über diese schwierigen Leute, die Hermianer, die ihr Botschafter so be- merkenswert gut repräsentierte. Für die meisten Menschen kam der Merkur der Vorstellung von der Hölle ziemlich nahe; zumindest würde das so lange der Fall sein, bis man etwas noch Schlimmeres entdeckte. Doch die Hermianer selbst waren stolz auf ihren gro- tesken Planeten, auf dem die Tage länger dau- erten als Jahre, der doppelte Sonnenauf- und -untergänge hatte und Flüsse aus geschmolze- nem Metall … Im Vergleich dazu waren Mond und Mars fast banale Abenteuer gewesen. Und wenn erst die Menschen auf der Venus landen würden (falls das je der Fall sein sollte), wür- den sie auf eine noch feindlichere Welt stoßen als die des Merkur. Und doch hatte sich diese Welt in vielerlei Hinsicht als der Schlüssel zum Sonnensystem erwiesen. Nachträglich schien dies selbstverständ- lich, doch war das Raumzeitalter schon bei- nahe hundert Jahre alt, ehe diese Tatsache er- kannt wurde. Und nun sorgten die Hermianer dafür, daß sie nicht in Vergessenheit gerie- ten., Lange bevor Menschen den Planeten erreich- ten, wies die enorme Dichte des Merkur auf die schweren Elemente hin, die er besaß; aber noch heute war man allgemein über ihre Men- ge erstaunt und schlug die Befürchtung der Menschheit für weitere tausend Jahre in den Wind, die Schlüsselmetalle für die Zivilisation könnten eines Tages erschöpft sein. Und alle diese Reichtümer lagen am günstigsten Platz, dort, wo die Sonnenenergie zehnmal so stark wirkte wie auf der kalten Erde. Unbegrenzte Energie – unbegrenzte Metall- vorkommen: das war der Merkur. Seine großen Magnet-Raketenbasen konnten Industriepro- dukte an jeden beliebigen Punkt des Sonnen- systems katapultieren. Er konnte auch Energie in Form synthetischer Transuran-Isotope oder als reine Strahlung exportieren. Jemand hatte sogar den Vorschlag unterbreitet, daß mit La- ser vom Merkur eines Tages der gigantische Ju- piter aufgetaut werden könnte, aber dieser Vor- schlag stieß bei den anderen Planeten nicht auf Zustimmung. Eine Technologie, die den Ju- piter ›kochen‹ konnte, besaß zu viele verführe- rische Anreize zur interplanetaren Erpressung. Daß diese Besorgnis jemals in Worte gefaßt worden war, bewies recht deutlich die allge- meine Einstellung den Hermianern gegenüber., Man respektierte sie für ihre Härte und ihre Fä- higkeiten als Ingenieure, und man bewunderte sie, weil sie eine so furchteinflößende Welt er- obert hatten. Aber man mochte sie nicht, und noch weniger vertraute man ihnen ganz. Andererseits hatte man natürlich Verständ- nis für ihren Standpunkt. Die Hermianer, sagte man zuweilen im Scherz, betrugen sich gele- gentlich, als sei die Sonne ihr persönliches Ei- gentum. Sie waren an die Sonne in einer star- ken Haßliebe gebunden – wie die Wikinger seinerzeit an das Meer, die Nepalesen an den Himalaja, die Eskimos in der Tundra. Sie wür- den zutiefst unglücklich sein, wenn etwas sich zwischen sie und die Naturkraft drängte, die ihr Leben vollkommen beherrschte. Schließlich unterbrach der Vorsitzende das lange Schweigen. Er erinnerte sich noch sehr gut an die Sonne Indiens und zitterte bei dem Gedanken an die Sonne, die den Merkur be- schien. Deshalb nahm er die Hermianer äu- ßerst ernst, auch wenn er sie für ungehobelte technische Barbaren hielt. »Ich glaube, Ihre Argumentation verdient ei- nige Beachtung, Exzellenz«, sagte er langsam. »Haben Sie Vorschläge zu unterbreiten?« »Ja, Herr Präsident. Bevor wir wissen, was wir unternehmen müssen, müssen wir Tatsa-, chen haben. Wir kennen die Geographie von Rama – wenn man diesen Begriff darauf an- wenden kann –, doch wir haben keine Ah- nung, wozu dieser Körper imstande ist. Und der Schlüssel zu dem ganzen Problem ist: be- sitzt Rama ein Antriebssystem? Kann er seine Flugbahn verändern? Es würde mich sehr in- teressieren, die Ansicht von Dr. Perera zu hö- ren.« »Ich habe diesen Punkt hin und her über- legt«, antwortete der Exobiologe. »Natürlich hat Rama seine ursprüngliche Antriebsrich- tung von irgendeinem Raketenstartmechanis- mus erhalten, doch das konnte sehr wohl eine unabhängige Startrakete gewesen sein. Jeden- falls haben wir kein Anzeichen dafür entdeckt, daß Rama über einen eigenen Antrieb an Bord verfügt. Es gibt ganz sicher keine Raketendü- sen oder damit Vergleichbares auf der Außen- hülle.« »Sie könnten ja versteckt sein.« »Sicher, aber was für einen Zweck sollte das haben? Und wo sind die Treibstofftanks, die Energiequellen? Der Rumpf ist durchweg soli- de, wir haben das mit seismischen Tests über- prüft. Die Höhlungen an der nördlichen Kappe sind alle auf das Luftschleusensystem zurück- zuführen., Damit bleibt noch das Südende von Rama, das Commander Norton bisher wegen diesem zehn Kilometer breiten Wasserband nicht errei- chen konnte. Am Südpol gibt es eine ganze Rei- he von merkwürdigen Mechanismen und Struk- turen – aber Sie haben ja alle die Fotos gesehen. Worum es sich dabei handeln kann, das bleibt jedem einzelnen zur Entscheidung überlassen. Doch einer Sache bin ich mir relativ sicher. Wenn Rama über ein Antriebssystem verfügt, dann muß es etwas sein, das vollkommen au- ßerhalb unserer derzeitigen Erkenntnisse liegt. Es müßte sich effektiv um den berühmten ›Space Drive‹ handeln, von dem die Leute seit zweihundert Jahren reden.« »Aber Sie schließen diese Möglichkeit nicht aus?« »Natürlich nicht. Wenn wir beweisen kön- nen, daß Rama über einen Space Drive verfügt – selbst wenn wir nicht herausfinden, wie er funktioniert –, dann würde das eine hochwich- tige Entdeckung sein. Wir wüßten dann immer- hin, daß so etwas möglich ist.« »Was ist denn Space Drive?« fragte der Bot- schafter der Erde mit ziemlich weinerlicher Stimme. »Jede Art Antriebssystem, Sir Robert, das nicht nach dem Prinzip des Raketenantriebs, funktioniert. Anti-Schwerkraft – wenn sie mög- lich ist – wäre ganz gut dafür. Derzeit wissen wir nicht, wo wir eine solche Antriebsmög- lichkeit finden sollen, und die meisten Wissen- schaftler bezweifeln sowieso, daß es sie gibt.« »Es gibt sie nicht«, warf Professor Davidson ein. »Die Frage hat bereits Newton entschieden. Es gibt keine Aktion ohne Reaktion. Space Dri- ve ist ein Quatsch. Glauben Sie mir.« »Sie mögen recht haben«, antwortete Perera ungewöhnlich sanftmütig. »Aber wenn Rama keinen Space Drive hat, dann hat er überhaupt kein Antriebssystem. Es ist einfach nicht genü- gend Platz für ein konventionelles Antriebssy- stem mit den dazu nötigen riesigen Treibstoff- tanks.« »Man hat Schwierigkeiten, sich vorzustellen, daß eine ganze Welt losgeschossen wird«, sagte Dennis Solomons. »Was würde mit den Objek- ten im Inneren geschehen? Alles müßte doch verankert sein Äußerst unvorteilhaft.« »Nun, die Beschleunigung würde wahr- scheinlich ziemlich gering sein. Das schwierig- ste Problem wäre die Zylindrische See und das Wasser darin. Wie könnte man verhindern, daß dies …« Pereras Stimme versank plötzlich in einem Flüsterton, seine Augen blickten stumpf. Er, wirkte, als stehe er kurz vor einem epilepti- schen Anfall oder einem Herzinfarkt. Seine Kollegen beobachteten ihn voller Unruhe; dann erholte sich Dr. Perera plötzlich wieder, schlug mit der Faust auf den Tisch und rief: »Aber na- türlich! Das erklärt alles! Die Klippe am Südu- fer – jetzt hat sie einen Sinn!« »Also für mich nicht«, knurrte der Botschaf- ter vom Mond und sprach damit allen anwe- senden Diplomaten aus dem Herzen. »Betrachten Sie diesen Längsquerschnitt von Rama«, fuhr Perera aufgeregt fort, während er seine Karte aufklappte. »Haben Sie Ihre Exem- plare vor sich? Die Zylindrische See wird von zwei Uferklippen begrenzt, die ganz um das Innere von Rama herumreichen. Das Nordufer ist nur fünfzig Meter hoch. Die südliche Klippe dagegen ist fast einen halben Kilometer hoch. Wozu diese große Differenz? Keinem ist bisher eine vernünftige Erklärung dafür eingefallen. Aber nehmen wir einmal an, daß Rama in der Lage ist, sich vorwärts zu treiben – daß er sich mit dem Nordende nach vorn beschleu- nigt. Dann würde das Wasser in der Zylindri- schen See nach hinten drängen; der Wasser- spiegel im Süden würde ansteigen – vielleicht Hunderte von Metern hoch. Und dazu das Stei- lufer. Moment mal …«, Perera begann hastig zu kritzeln. Nach er- staunlich kurzer Zeit – es konnten kaum mehr als zwanzig Sekunden gewesen sein – blickte er triumphierend auf. »Da wir die Höhe dieses Steilufers kennen, können wir die Maximalbeschleunigung be- rechnen, die Rama aushalten kann. Wenn es sich um mehr als zwei Prozent der Schwer- kraft handelte, würde nämlich die See auf den südlichen Kontinent hinüberschwappen.« »Ein Fünfzigstel G? Das ist nicht sehr viel.« »Doch, das ist es. Für eine Masse von zehn Millionen Megatonnen. Und mehr braucht man nicht für astronomische Manöver.« »Besten Dank, Dr. Perera«, sagte der Bot- schafter des Merkur. »Sie haben uns eine gan- ze Menge zu denken gegeben. Herr Präsident, können wir Commander Norton klarmachen, wie wichtig es ist, das südpolare Gebiet zu un- tersuchen?« »Er tut sowieso sein Bestes. Die See bildet natürlich ein Hindernis. Sie versuchen gerade eine Art Floß zusammenzubauen – um wenig- stens bis New York zu kommen.« »Der Südpol ist wahrscheinlich sehr viel wichtiger. Unterdessen denke ich daran, diese Angelegenheit der Generalversammlung vorzu- legen. Ich habe doch Ihr Einverständnis?«, Es gab keine Einwände, nicht einmal von Dr. Taylor. Doch gerade als die Ratsmitglieder ihre Konferenzschaltungen ausknipsen wollten, hob Sir Lewis die Hand. Der alte Historiker meldete sich nur sehr sel- ten zu Wort, doch wenn er es tat, dann hörten ihm alle zu. »Angenommen, wir stellen wirklich fest, daß Rama – aktiv ist und diese Möglichkeiten be- sitzt. Im Militärbereich gibt es einen alten Lehrsatz, der besagt, daß die Fähigkeit nicht notwendig auch die Absicht bedeutet.« »Und wie lange sollten wir Ihrer Ansicht nach warten, um diese Absichten Ramas herauszu- finden?« fragte der Hermianer. »Wenn wir sie entdecken, kann es bereits viel zu spät sein.« »Es ist bereits zu spät. Wir können Rama durch nichts beeinflussen. Übrigens zweifle ich daran, daß wir das gekonnt hätten.« »Dem kann ich nicht zustimmen, Sir Lewis. Es gibt vieles, was wir unternehmen könnten – falls sich dies als notwendig erweisen soll- te. Aber die Zeit ist beängstigend knapp. Rama ist ein kosmisches Ei, das von der Sonnenwär- me ausgebrütet wird. Es kann in jedem Augen- blick ausschlüpfen.« Der Vorsitzende des Rama-Komitees blick- te den Botschafter des Merkur mit unverhoh-, lenem Erstaunen an. Selten in seiner diploma- tischen Laufbahn hatte ihn etwas dermaßen überrascht. Er hätte es sich nie träumen lassen, daß ein Hermianer sich zu solchen poetischen Höhen- flügen aufschwingen würde. *, 20. KAPITEL

DIE OFFENBARUNG DES BORIS RODRIGO

Wenn einer seiner Leute Norton mit ›Comman- der‹ anredete oder, noch schlimmer, mit ›Mi- ster Norton‹, dann wurde es immer ernst. Und da er sich nicht erinnern konnte, daß Boris Ro- drigo ihn je zuvor so angesprochen hatte, muß- te es sich diesmal um etwas besonders Ernstes handeln. Kapitänleutnant Rodrigo war auch unter normalen Umständen ein äußerst seri- öser und nüchterner Mensch. »Was gibt’s, Boris?« fragte Norton, als die Ka- binentür hinter ihnen zufiel. »Commander, ich möchte gern um Ihre Er- laubnis bitten, die Schiffsprioritätsverbindung für eine Direktnachricht zur Erde benutzen zu dürfen.« Das war wirklich außergewöhnlich, wenn auch kein Präzedenzfall. Routinesignale gingen zu der nächsten Planetenrelaisstation – zum ge- genwärtigen Zeitpunkt war dies für sie Merkur –, und trotz der nur Minuten dauernden Über- tragungszeit vergingen oft fünf bis sechs Stun- den, ehe eine Nachricht auf dem Schreibtisch des Adressaten landete. In neunundneunzig Prozent der Fälle reichte dies auch vollkom-, men aus; doch im Notfall konnte der Kapitän entscheiden, daß direktere und sehr viel kost- spieligere Verbindungswege benutzt würden. »Sie sind sich doch darüber im klaren, daß Sie mir triftige Gründe dafür angeben müssen. Die ganze Bandbreite, die wir zur Verfügung haben, wird für Datenübertragung benutzt und ist bereits überlastet. Handelt es sich um einen persönlichen Notfall?« »Nein, Commander. Es ist etwas viel Wichti- geres. Ich möchte der Mutterkirche eine Bot- schaft senden.« Aha, dachte Norton bei sich. Was fange ich jetzt damit an? »Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir die Sache ein wenig erläutern würden.« Hinter Nortons Forderung steckte nicht nur Neugierde, wenn sie zweifellos auch eine Rol- le spielte. Wenn er nämlich Boris die erbetene Priorität einräumte, würde er seine Entschei- dung später rechtfertigen müssen. Die sonst so ruhigen blauen Augen starrten ihn an. Norton hatte noch nie erlebt, daß Boris die Kontrolle über sich verloren hätte oder an- ders als völlig selbstbeherrscht gewesen wäre. Alle Kosmo-Christen waren so; dies gehör- te unbedingt zu den Vorzügen, die ihr Glau- be mit sich brachte, und es machte sie zu so, guten Astronauten. Manchmal allerdings war ihre blinde Überzeugtheit doch ein wenig är- gerlich für jene Unglückseligen, denen die ›Of- fenbarung‹ nicht zuteil geworden war. »Es handelt sich um den Zweck von Rama, Commander. Ich glaube nämlich, ich habe ihn herausgefunden.« »Fahren Sie fort.« »Betrachten Sie die Situation. Hier haben wir eine vollkommen leere Welt ohne Leben – und doch ist sie für menschliche Wesen be- wohnbar. Sie hat Wasser und eine Atmosphä- re, in der wir atmen können. Sie kommt aus den fernsten Weiten des Weltalls und zielt di- rekt auf das Sonnensystem – und es scheint völlig unglaublich, daß es sich dabei um pu- ren Zufall handeln soll. Außerdem scheint die- se Welt nicht nur neu zu sein: sie sieht aus, als wenn sie nie benutzt worden wäre.« Das haben wir doch alles schon ein gutes dutzendmal durchgekaut, sagte Norton bei sich. Was könnte Boris da Neues beibringen? »Unser Glaube sagt uns, daß wir mit einem derartigen Besuch rechnen sollen, auch wenn wir nicht genau wissen, in welcher Form dies vor sich gehen wird. Die Bibel gibt uns da nur Andeutungen. Wenn dies nicht das Zweite Er- scheinen ist, dann vielleicht das Zweite Ge-, richt; die Geschichte Noahs beschreibt das erste. Ich glaube, daß Rama eine kosmische Ar- che ist, die zu uns hergeschickt wurde, um die zu retten – die der Rettung und des Heils wür- dig sind.« Eine ganze Weile lang herrschte in der Ka- pitänskajüte völlige Stille. Nicht daß Norton etwa die Worte gefehlt hätten; im Gegenteil, es drängten sich ihm zu viele Fragen auf, und er war sich nicht sicher, welche er taktvollerwei- se stellen könnte. Schließlich sagte er so sanft und unverbind- lich, wie er nur konnte: »Das ist ein sehr in- teressantes Konzept, und obwohl ich nicht Ih- rem Glauben angehöre, scheint mir persönlich doch diese Vorstellung verführerisch und lo- gisch.« Er war keineswegs ein Heuchler oder ein Schmeichler, wenn er das sagte; denn wenn man die religiöse Einkleidung fallenließ, dann war Rodrigos Theorie zumindest ebenso überzeugend wie ein halbes Dutzend anderer, die er sich schon hatte anhören müssen. An- genommen, der menschlichen Rasse drohte ir- gendeine Katastrophe, und eine freundliche und wohlwollende höhere Intelligenz wußte dies? Das würde doch alles recht säuberlich er- klären. Dennoch, es gab da noch einige Proble- me zu lösen …, «Ein paar Fragen, Boris. Rama wird in drei Wochen das Perihelion erreichen; dann wird er die Sonne umkreisen und das Sonnensy- stem ebenso rasch wieder verlassen, wie er in es eingetreten ist. Es bleibt also nicht viel Zeit für einen Tag des Gerichts oder dafür, die Leu- te, die – hm – erwählt sind, zu Rama rüberzu- fliegen, wie immer man das anstellen würde.« »Sehr richtig. Rama wird also beim Erreichen des Perihelions abbremsen und eine Parkum- laufbahn beziehen müssen – vielleicht eine mit einem Aphelion auf der Erdbahn. Dort könn- te Rama dann erneut die Geschwindigkeit än- dern und eine Begegnung mit der Erde herbei- führen.« Dies war beunruhigend plausibel. Wenn Ra- ma im Sonnensystem verbleiben wollte, dann tat er genau das richtige. Die wirksamste Brems- methode bestand tatsächlich darin, der Sonne so nahe wie möglich zu kommen und dort das Bremsmanöver durchzuführen. Wenn Rodrigos Theorie – oder eine Variante davon – irgendei- nen wahren Kern enthielt, würde sich dies bald herausstellen. »Noch eins, Boris. Wer übt jetzt die Kontrol- le in Rama aus?« »Es gibt kein Dogma darüber, an das wir uns halten könnten. Es könnte einfach ein Roboter, sein. Oder es könnte sich um – einen Geist han- deln. Das würde erklären, warum es keine An- zeichen für biologische Lebensformen gibt.« Der Gespensterasteroid – wieso war dieses Wort aus den Tiefen seiner Erinnerung aufge- taucht? Dann erinnerte Norton sich an eine alberne Geschichte, die er vor Jahren gelesen hatte; er hielt es jedoch für besser, Boris nicht zu fragen, ob sie ihm je unter die Augen ge- kommen sei. Er hegte berechtigte Zweifel, daß Boris’ Geschmack in diese literarische Rich- tung ging. »Ich werde Ihnen sagen, was wir tun wer- den, Boris«, sagte Norton mit plötzlicher Ent- schlossenheit. Er wünschte diese Unterredung zu beenden, ehe sie zu schwierig wurde, und er dachte, er hätte einen guten Kompromiß ge- funden. »Können Sie Ihre Vorstellungen in weniger als – sagen wir – tausend Bits zusammenfas- sen?« »Ja, ich denke schon.« »Gut, wenn Sie es fertigbringen, daß das wie eine handfeste wissenschaftliche Theorie klingt, dann schicke ich es mit Spitzenpriorität an das Rama-Komitee. Dann kann Ihre Kirche gleichzeitig eine Kopie erhalten, und alle sind glücklich und zufrieden.«, »Danke, Commander, ich weiß das wirklich zu schätzen.« »Oh, ich tue dies nicht aus Gewissensgrün- den. Ich bin nur einfach ziemlich neugierig, was das Komitee damit anfängt. Auch wenn ich Ihren Gedankengängen nicht restlos folgen kann, Sie sind möglicherweise auf etwas Wich- tiges gestoßen.« »Nun, das werden wir beim Perihelion wis- sen, nicht?« »Ja. Am Perihelion werden wir’s wissen.« Nachdem Boris Rodrigo gegangen war, rief Norton die Brücke und erteilte die nötigen An- weisungen. Er hatte das Gefühl, mit dem Pro- blem ziemlich sauber fertig geworden zu sein. Im übrigen, was war, wenn Boris recht hatte? Er, Norton, würde dann eventuell seine Chancen vergrößert haben, unter den Gerette- ten zu sein. *, 21. KAPITEL

NACH DEM STURM

Während sie den inzwischen wohlvertrauten Korridor des Luftschleusenkomplexes Alpha entlangtrieben, fragte Norton sich, ob nicht ihre Ungeduld die Vorsicht über Gebühr in den Hintergrund gedrängt habe. Sie hatten acht- undvierzig Stunden an Bord der Endeavour ab- gewartet – zwei volle kostbare Tage – und wa- ren darauf vorbereitet gewesen, sich sofort abzudocken, falls die Umstände dies erforder- ten. Aber nichts war geschehen: die auf Rama zurückgelassenen Instrumente hatten keiner- lei außergewöhnliche Aktivität registriert. Zu ihrer Enttäuschung hatte ein Nebel die Sicht- weite ihrer Fernsehkamera, die sie an der Nabe zurückgelassen hatten, auf ein paar Meter re- duziert. Er begann sich erst jetzt aufzulösen. Als sie die letzte Luftschleuse bedient hat- ten und in das Gewebe der Gleitseile um die Nabe hinausschwebten, war Norton anfänglich von der Veränderung des Lichts betroffen. Es war kein scharfes Blau mehr, sondern sehr viel weicher und freundlicher und erinnerte an ei- nen hellen dunstigen Tag auf der Erde. Er blickte die Achse dieser Innenwelt ent- lang – aber er konnte nichts sehen außer einem, schimmernden strukturlosen Tunnel von Weiß, das sich bis hinüber zu jenen seltsamen Ber- gen am Südpol erstreckte. Ramas Inneres war völlig von Wolken bedeckt, und nirgendwo war in der Decke ein Loch zu sehen. Die obere Grenze der Dunstschicht war ziemlich klar ge- zeichnet: sie bildete innerhalb dieses größeren rotierenden Weltzylinders einen kleineren Zy- linder, der einen Mittelkern von etwa fünf bis sechs Kilometern Durchmesser hatte. Dort war die Luft bis auf ein paar zerfaserte Zirruswölk- chen sehr klar. Dieser riesige Wolkentubus wurde von unten her von den sechs künstlichen Sonnen Ramas beleuchtet. Wo die drei des nördlichen Konti- nents lagen, war klar aus den diffusen Licht- streifen ersichtlich, doch die anderen drei jen- seits der Zylindrischen See verschwammen zu einem ununterbrochenen schimmernden Band. Was tut sich dort unter diesen Wolken? frag- te sich Norton. Nun, wenigstens hatte sich der Sturm gelegt, der sie zentripetal zu einer der- artig perfekten Symmetrie um die Achse von Rama getrieben hatte. Und wenn es nicht wei- tere Überraschungen gab, würden sie gefahrlos absteigen können. Er hielt es für sinnvoll, bei diesem Wieder- holungsbesuch das gleiche Team einzusetzen,, das als erstes am weitesten nach Rama vorge- drungen war. Sergeant Myron erfüllte inzwi- schen – wie übrigens alle anderen Besatzungs- mitglieder der Endeavour auch – vollkommen die von Stabsärztin Ernst geforderten körper- lichen Ansprüche, ja er behauptete sogar mit großer Überzeugung, daß er seine alten Unifor- men nie wieder tragen werde. Als Norton zusah, wie Mercer, Calvert und Myron rasch und voller Selbstsicherheit die Leiter ›hinunterschwammen‹, erinnerte er sich daran, was alles sich unterdessen geändert hat- te. Beim erstenmal waren sie in Kälte und Fin- sternis abgestiegen; jetzt bewegten sie sich auf Licht und Wärme zu. Bei sämtlichen früheren Besuchen waren sie überzeugt gewesen, daß Rama tot sei. Das mochte ja auch jetzt noch im biologischen Sinn der Fall sein. Aber etwas war in Bewegung geraten, und so war die Be- zeichnung, die Boris Rodrigo gefunden hatte, ebensogut wie eine andere. Der ›Geist‹ Ramas war erwacht. Als sie die Plattform am Fuß der Leiter erreicht hatten und sich an den Abstieg über die Trep- pen machen wollten, führte Mercer die übli- chen Routinetests der Atmosphäre durch. Es gab ein paar Sachen, die er niemals für selbst-, verständlich hielt; selbst bei Gelegenheiten, wenn Leute um ihn herum vollkommen ohne Schwierigkeiten atmeten, hatte Mercer, der Le- gende zufolge, haltgemacht und den Sauerstoff- gehalt überprüft, ehe er seinen Helm öffnete. Als man ihn fragte, womit er seine übertriebe- ne Vorsicht rechtfertige, antwortete er: »Weil die menschlichen Sinne nicht zuverlässig ge- nug sind. Darum. Ihr denkt vielleicht, alles ist in Butter, dabei könnte es passieren, daß ihr beim nächsten tiefen Atemzug flach auf den Bauch fallt.« Er blickte auf sein Meßgerät und sagte: »Ver- dammt!« »Was ist los?« fragte Calvert. »Das Ding ist kaputt – es schlägt zu hoch an. Komisch. Das ist mir bisher noch nie passiert. Ich werde es mit meinem Sauerstoffkreislauf testen.« Er verband den kleinen kompakten Analysa- tor mit dem Kontrollpunkt seines Sauerstoffge- räts und stand eine ganze Weile gedankenvoll schweigend da. Seine Gefährten beobachte- ten ihn mit Besorgnis: alles, was Karl beunru- higte, war äußerst ernst zu nehmen. Er löste das Meßgerät, nahm erneut eine Messung der Rama-Atmosphäre vor und rief die Kontrollsta- tion an der Nabe an., »Skipper! Wollen Sie bitte einen O2-Test ma- chen lassen?« Die Pause dauerte sehr viel länger, als diese schlichte Bitte rechtfertigen konnte. Dann gab Norton Antwort: »Ich glaube, mit meinem Meßgerät ist etwas nicht in Ordnung.« Über Mercers Gesicht breitete sich langsam ein Lächeln aus. »Fünfzig Prozent überhöht, nicht wahr?« »Ja. Was hat das zu bedeuten?« »Das heißt, daß wir jetzt alle unsere Helme weglegen können. Ist das nicht angenehm?« »Ich weiß nicht«, antwortete Norton mit ei- ner Spur des gleichen Sarkasmus in der Stim- me wie Mercer. »Es wäre ja zu schön, um wahr zu sein.« Mehr brauchte er auch nicht zu sa- gen. Wie alle Raumfahrer war Commander Norton von einem tiefen Argwohn gegenüber allen Dingen erfüllt, die zu schön waren, um wahr zu sein. Mercer öffnete seinen Helm einen Spalt weit und sog vorsichtig prüfend die Luft ein. Zum erstenmal war auf diesem Höhenniveau die Luft zum Atmen absolut geeignet. Der tote muf- fige Geruch war verschwunden; desgleichen auch die hochgradige Trockenheit, die vorher zu mehreren Fällen von Atembeschwerden ge-, führt hatte. Die Luftfeuchtigkeit betrug jetzt er- staunlicherweise achtzig Prozent; zweifellos hatte das Auftauen der See das bewirkt. Die Luft wirkte irgendwie schwül, doch dies war nicht unangenehm. Es war wie an einem lauen Sommerabend an einer tropischen Küste, sag- te sich Mercer. Während der letzten paar Tage hatte sich das Klima innerhalb von Rama gera- dezu dramatisch verbessert … Und warum? Die Zunahme der Luftfeuch- tigkeit war kein Problem. Viel schwieriger war das überraschende Anwachsen des Sauerstoff- gehalts zu erklären. Während er sich an den Abstieg machte, begann Mercer im Geiste lan- ge Berechnungen anzustellen. Als sein Trupp die Wolkenschicht erreichte, war er noch im- mer nicht zu einem befriedigenden Ergebnis gelangt. Es war ein hochdramatisches Erlebnis, denn der Obergang erfolgte ganz abrupt. Eben glit- ten sie noch durch die klare Luft hinunter, von Zeit zu Zeit die glatten metallischen Handgriffe fester packend, um in diesem Bereich, der nur ein Viertel G besaß, nicht allzu große Geschwin- digkeiten zu bekommen. Und dann schossen sie plötzlich in einen blendenden weißen Ne- bel hinein, und ihre Sichtweite war auf wenige Meter reduziert. Mercer bremste sich so rasch, ab, daß Calvert fast in ihn hineingerast wäre – und Myron prallte tatsächlich auf Calvert auf und warf ihn beinahe von dem Geländer. »Immer mit der Ruhe, Jungs«, sagte Mer- cer. »Haltet so viel Abstand, daß wir uns ge- rade noch sehen können. Und saust nicht so schnell, falls ich plötzlich abstoppen muß, ja?« In unheimlicher Stille glitten sie weiter durch den Nebel abwärts. Calvert konnte Mercer gera- de noch als undeutlichen Schatten zehn Meter vor sich erkennen, und wenn er sich umblick- te, sah er Myron in gleicher Entfernung hinter sich. Irgendwie war dies sogar noch gespensti- scher als der Abstieg durch die vollkommene Finsternis der Rama-Nacht, denn damals hat- ten ihnen ja wenigstens die Suchscheinwerfer gezeigt, was vor ihnen lag. Aber dies hier – das war, als ob man bei Dunkelheit ins offene Meer tauchte. Es war unmöglich zu sagen, wie weit sie vorangekommen waren. Calvert vermutete, sie müßten nahezu auf der vierten Terrasse an- gelangt sein, als Mercer plötzlich erneut halt- machte. Als sie alle dicht beieinanderhockten, flüsterte er: »Horcht mal! Hört ihr nicht auch was?« »Ja, doch«, sagte Myron, nachdem er eine Mi- nute gelauscht hatte. »Es klingt wie Wind.«, Calvert war sich nicht so sicher. Er wende- te den Kopf in alle möglichen Richtungen, um festzustellen, aus welcher dieses sehr schwa- che Rauschen stamme, das durch den Nebel zu ihnen gedrungen war. Dann gab er den hoff- nungslosen Versuch auf. Sie glitten weiter abwärts, erreichten die vier- te Terrasse und machten sich auf zur fünften. Das merkwürdige Geräusch wurde immer lau- ter – und immer unheimlicher und vertrauter. Sie hatten die Hälfte der vierten Treppe hinter sich gebracht, als Myron plötzlich ausrief: »Er- kennt ihr es jetzt endlich?« Sie hätten es natürlich längst erkennen müs- sen, dieses Geräusch, doch es war eben eines, das sie höchstens mit der Erde in Verbindung bringen konnten. Aus dem Nebel, aus einer Entfernung, die man nicht einmal vermuten konnte, drang das beständige Donnern fallen- der Wasser. Ein paar Minuten später endete die Wolken- decke so plötzlich, wie sie begonnen hatte. Sie schossen in die leuchtende Helligkeit des Rama-Tages hinaus, der durch das von den tief- hängenden Wolken reflektierte Licht noch grel- ler leuchtete. Nun lag vor ihnen die vertrau- te gekrümmte Ebene – allerdings war sie nun für die Sinne und den Verstand leichter zu ak-, zeptieren, weil man sie nicht mehr als vollen Kreis sehen konnte. Es fiel nicht allzuschwer, sich vorzustellen, daß man in ein breites Tal hineinblicke und daß die Aufwärtskrümmung der ›See‹ ja eigentlich eine horizontale sei. Sie hielten auf der fünften und vorletzten Ter- rasse an, berichteten, daß sie die Wolkendecke hinter sich gelassen hatten, und stellten sorgfäl- tige Recherchen an. Soweit sie beurteilen konn- ten, hatte sich unter ihnen in der Ebene nichts verändert; aber droben an der nördlichen Kup- pel hatte Rama ein weiteres Wunder produziert. Das war also die Ursache des Geräuschs, das sie vernommen hatten – von einer verborgenen Quelle, einige drei oder vier Kilometer über ih- nen in den Wolken verborgen, stürzte ein Was- serfall herab: sie starrten minutenlang schwei- gend hinauf und konnten beinahe ihren Augen nicht trauen. Ihr logisches Verständnis sag- te ihnen, daß auf dieser rotierenden Welt sich unmöglich irgendein fallendes Objekt gerad- linig bewegen könne, und doch, die Erschei- nung eines seitwärts gebogenen Wasserfalls, der Kilometer von dem Punkt direkt unter sei- nem Ursprung endete, war irgendwie entsetz- lich unnatürlich für sie … »Wenn Galilei in diese Welt hineingeboren worden wäre – er wäre verrückt geworden,, falls er versucht hätte, die Gesetze der Dyna- mik zu erarbeiten«, sagte Mercer endlich. »Ich habe geglaubt, daß ich sie kenne«, ant- wortete Calvert, »und ich hab’ trotzdem das Gefühl, daß ich durchdrehe. Werden Sie ei- gentlich nicht nervös, Professor?« »Wieso denn?« sagte Sergeant Myron. »Es handelt sich um eine vollkommen normale De- monstration des Coriolis-Effekts. Ich wünschte wirklich, ich könnte das ein paar von meinen Studenten vorführen.« Mercer starrte gedankenverloren auf das kreisförmige Band der Zylindrischen See. »Habt ihr bemerkt, was mit dem Wasser los ist?« fragte er endlich. »Also ja – es ist nicht mehr so blau. Ich wür- de es erbsengrün nennen. Was hat das zu be- deuten?« »Vielleicht das gleiche wie auf der Erde. Lau- ra hat dieses Meer eine ›organische Suppe‹ ge- nannt, die nur darauf wartet, daß man sie wie- der ins Leben und zum Leben zurechtschüttelt. Vielleicht ist genau das passiert.« »In ein paar kurzen Tagen! Auf der Erde hat das Millionen Jahre gedauert!« »Ja, dreihundertfünfundsiebzig Millionen Jahre, nach den neuesten Schätzungen. Also daher kommt der Sauerstoff. Rama hat das an-, aerobische Stadium im Blitztempo hinter sich gebracht und ist zur Pflanzen-Photosynthe- se übergegangen – und das in achtundvierzig Stunden. Ich bin neugierig, was das Ding mor- gen ausbrütet!« *, 22. KAPITEL

FAHRT AUF DER ZYLINDRISCHEN SEE

Als sie den Fuß der Treppe erreichten, warte- te ein neuer Schock auf sie. Zuerst hatten sie den Eindruck, als sei etwas durch das Lager ge- zogen, habe die Ausrüstung durcheinanderge- worfen und sogar kleinere Gegenstände aufge- sammelt und weggeschleppt. Doch nach einer kurzen Untersuchung wich ihr Schreck einem ziemlich beschämenden Ärger. Der Übeltäter war lediglich der Wind ge- wesen; zwar hatten sie vor Verlassen des La- gers alle beweglichen Gegenstände festgezurrt, doch waren bei besonders starken Böen wohl ein paar Seile gerissen. Erst nach mehreren Stunden gelang es ihnen, ihr verstreutes Eigen- tum wieder einzusammeln. Sonst waren keine bemerkenswerten Ver- änderungen zu erkennen. Selbst das Schwei- gen war wieder nach Rama zurückgekehrt, nun, da die kurzen Frühlingsstürme vorbei waren. Und dort draußen am Rand der Ebe- ne lag eine ruhige See und wartete auf das er- ste Schiff, das in Millionen Jahren darüber- hinfahren würde. »Sollte nicht ein jungfräuliches Schiff mit ei- ner Flasche Champagner getauft werden?«, »Selbst wenn wir eine an Bord hätten, ich würde eine solche kriminelle Verschwendung nicht erlauben. Außerdem ist es sowieso zu spät. Wir haben das Ding ja schon vom Stapel gelassen.« »Immerhin, es schwimmt. Sie haben Ihre Wette gewonnen, Jimmy. Ich zahle, sobald wir wieder auf der Erde sind.« »Es muß einen Namen bekommen. Fällt Ih- nen einer ein?« Der Gegenstand, dem diese wenig schmei- chelhaften Bemerkungen galten, tanzte in die- sem Augenblick an den Stufen, die in die Zy- lindrische See hinabführten. Ein kleines Floß, aus sechs leeren Versorgungskanistern zusam- mengestückelt und von einem Leichtmetall- rahmen zusammemgehalten. Die Konstrukti- on, der Zusammenbau in Camp Alpha und der Transport mit Hilfe abnehmbarer Räder über mehr als zehn Kilometer Ebene hatten mehrere Tage lang die gesamte Mannschaft in Anspruch genommen. Es war ein Einsatz, der sich besser bezahlt machen sollte. Der Preis war natürlich das Risiko wert. Die rätselhaften Türme New Yorks, die dort fünf Kilometer vor ihnen im schattenlosen Licht glänzten, hatten sie angelockt, seit sie Rama zum erstenmal betreten hatten. Keiner zweifel-, te daran, daß diese Stadt – oder was immer es sein mochte – das Herzstück dieser Welt war. Sie mußten New York erreichen, wenn sie auch sonst weiter keinen Erfolg haben würden. »Wir haben noch immer keinen Namen da- für, Skipper. Was machen wir da?« Norton lachte, dann wurde er jedoch plötz- lich ernst. »Ich habe einen Namen. Nennt es Resoluti- on.« »Warum?« »So hieß eines von Kapitän Cooks Schiffen. Es ist ein guter Name. Möge sie sich seiner würdig erweisen.« Es trat ein gedankenschweres Schweigen ein; dann fragte Sergeant Barnes, die am mei- sten für das geplante Vorhaben verantwortlich war, nach drei Freiwilligen. Alle Anwesenden hoben die Hand. »Tut mir leid – aber wir haben nur vier Schwimmwesten. Boris, Jimmy, Pieter – ihr habt doch alle bereits ein bißchen Segelerfah- rung. Probieren wir sie also aus.« Niemand fand es im geringsten eigenartig, daß nun ein Executive Sergeant die Dinge in die Hand nahm. Ruby Barnes besaß als einzi- ge an Bord ein Magisterdiplom, und damit war die Sache erledigt. Sie hatte bei Regatten Tri-, maranboote über den Pazifik gesteuert, und es war ziemlich unwahrscheinlich, daß ein paar Kilometer ölglattes Wasser ihre Segelkünste überfordern würden. Von dem Augenblick an, als sie die See zum erstenmal erblickt hatte, war sie entschlos- sen gewesen, diese Fahrt zu unternehmen. In all den Tausenden von Jahren, in denen der Mensch die Gewässer seiner eigenen Welt be- fuhr, hatte kein Seemann sich je einer auch nur halbwegs vergleichbaren Situation gegen- übergestellt gesehen. Während der vergange- nen Tage war ihr ein dummer kleiner Melodie- fetzen durch den Kopf gegangen, den sie nicht loswerden konnte: »Wir fahren über die Zylin- drische See …« Nun, genau das würde sie tun. Ihre Passagiere nahmen ihre Plätze auf im- provisierten Klappsitzen ein, und Ruby gab Gas. Der Zwanzigkilowattmotor begann zu surren, die Kettentriebe der Untersetzung ver- schwammen vor den Augen, und unter den be- geisterten Rufen der Zuschauer rauschte die Resolution davon. Ruby hatte gehofft, es auf fünfzehn Kilome- ter pro Stunde zu bringen, in Anbetracht der Ladung, doch sie würde sich auch mit allem, was über zehn Kilometer pro Stunde lag, zu- friedengeben. Längs der Uferkliffs hatte man, einen Kurs von einem halben Kilometer be- stimmt, und sie brauchte fünfeinhalb Minuten für den Rundtrip. Wenn man die Zeit für das Wenden mitberechnete, kam man auf zwölf Stundenkilometer, und damit war sie völlig zufrieden. Ohne Motorantrieb, doch mit der Hilfe drei- er energiegeladener Ruderer, die ihren ge- schickteren Schlag unterstützten, konnte Ruby ein Viertel dieser Geschwindigkeit erreichen. Wenn also der Motor ausfallen würde, konn- ten sie immer noch in ein paar Stunden zur Küste zurückkehren. Aber die Hochleistungs- stromzellen konnten genug Energie liefern, um damit diese Welt zu umsegeln; außerdem hat- te Ruby zwei Ersatzbatterien mitgenommen, nur um ganz sicherzugehen. Und nachdem sich nun auch die letzten Nebelspuren aufge- löst hatten, war sogar eine so vorsichtige Seg- lerin wie sie dazu bereit, ohne Kompaß in See zu stechen. Sie grüßte zackig, als sie an Land stieg. »Jungfernfahrt der Resolution erfolgreich be- endet, Sir. Warten jetzt auf Ihre Befehle.« »Sehr gut … Admiral. Wann können Sie in See stechen?« »Sobald wir Proviant geladen und der Hafen- meister uns Starterlaubnis gegeben hat.«, »Dann segeln Sie also bei Tagesanbruch.« »Aye-aye, Sir.« Auf einer Seekarte wirken fünf Kilometer Wasser nicht allzu eindrucksvoll, doch ist es etwas ganz anderes, sich mitten darin zu be- finden. Sie waren erst zehn Minuten auf See, doch die fünfzig Meter hohe Klippenwand des Nordkontinents schien bereits erstaunlich weit entfernt. Seltsamerweise schien jedoch New York kaum näher gerückt … Doch schenkten sie dem Land nicht allzuviel Aufmerksamkeit; sie waren noch viel zu stark von der Wunderbarkeit dieses Meeres faszi- niert. Die nervösen Witze, die den Beginn ihrer Fahrt begleitet hatten, waren längst vergessen: dieses neue Erlebnis war einfach überwälti- gend. Norton dachte darüber nach, daß Rama je- desmal, wenn er bestimmt meinte, sich an die- se Innenwelt gewöhnt zu haben, irgendein neues Wunder produzierte. Wie die Resoluti- on so mit gleichmäßigem Brummen dahinglitt, wirkte es, als sei ihre Besatzung im Tal einer gigantischen Welle gefangen – einer Woge, die sich zu beiden Seiten emporkrümmte, bis sie senkrecht stand, dann überkragte, bis sich die beiden Flanken in einem flüssigen Bogen sech- zehn Kilometer über ihren Häuptern zusam-, menschlossen. Aller Logik und Einsicht zum Trotz vermochte keiner der Seefahrer sich für lange von dem Eindruck freizumachen, daß diese Millionen Tonnen Wasser jede Minute donnernd vom Himmel herabstürzen könnten. Dennoch fühlten sie im großen und gan- zen eigentlich Heiterkeit: eine abenteuerliche Spannung, ohne daß wirklich Gefahr drohte. Es sei denn, daß die See selbst mit neuen Überra- schungen aufwartete. Mit dieser Möglichkeit war unbedingt zu rechnen, denn wie Mercer richtig vermutet hat- te, lebte das Meer nun. Jeder Schwapp Wasser enthielt Tausende von kugelförmigen einzelli- gen Mikroorganismen, ähnlich den frühesten Planktonformen in den Ozeanen der Erde. Und doch gab es da sehr viele verwirrende Unterschiede: sie hatten keinen Zellkern, und es fehlten ihnen auch viele der anderen Mini- malvoraussetzungen, die selbst die allerprimi- tivsten Lebensformen der Erde aufwiesen. Und obwohl Laura Ernst – die sich neben ihrer Auf- gabe als Schiffsärztin nun auch noch als For- scherin betätigte – nachgewiesen hatte, daß diese Zellen tatsächlich Sauerstoff produzier- ten, gab es doch viel zuwenig davon, als daß durch sie der Zuwachs in der Atmosphäre Ra- mas erklärt werden konnte. Sie hätten milliar-, denfach vorhanden sein müssen, nicht bloß zu Tausenden. Dann stellte Laura fest, daß ihre Zahl rapide schrumpfte, daß sie also während der ersten Stunden der Morgendämmerung auf Rama sehr viel zahlreicher gewesen sein mußten. Es hatte den Anschein, als habe hier eine kurze Explosi- on von Leben stattgefunden, eine trillionenfach verkürzte Wiederholung der Erdfrühgeschich- te. Nun war dieser Ausbruch möglicherweise erschöpft; die dahintreibenden Mikroorganis- men lösten sich auf und gaben dem Meer ihre chemische Fracht wieder zurück. »Wenn ihr euch schwimmend retten müßt«, hatte Dr. Ernst die Seefahrer gewarnt, »dann laßt den Mund zu. Ein paar Tropfen würden ja nicht viel ausmachen – wenn ihr sie gleich wieder ausspuckt. Aber alle diese unheimli- chen organometallischen Salze summieren sich zu einem ziemlich giftigen Paket, und ich würde nicht gern ein Gegenmittel zusammen- brauen müssen.« Glücklicherweise schien diese Gefahr höchst unwahrscheinlich zu sein. Die Resolution wür- de auch dann noch schwimmfähig bleiben, wenn einige der Schwimmtanks leckschlagen würden. (Joe Calvert hatte, als man ihm davon erzählte, düster gemurmelt: »Denkt an die Tita-, nic!«) Aber selbst wenn sie sinken sollten, wür- den die primitiven, aber soliden Schwimmwe- sten ihre Köpfe über Wasser halten. Laura hatte sich zwar nicht eindeutig dazu äußern wol- len, doch vertrat sie den Standpunkt, ein paar Stunden Kontakt mit dem Wasser der See wä- ren wohl nicht lebensgefährlich; allerdings riet sie davon ab, es zu versuchen. Nach zwanzigminütigem steten Gleiten war New York nicht länger eine ferne Insel. Es ge- wann Realität, und Einzelheiten, die sie bis- her nur durch Teleskope und auf vergrößer- ten Fotos hatten erkennen können, enthüllten sich als massive, konkrete Gebilde. Es wur- de nun plötzlich deutlich, daß die ›City‹ wie so vieles auf Rama eine dreifältige Struktur be- saß: sie bestand aus drei identischen kreisför- migen Komplexen oder Hochbauten, die sich über einem langen ovalen Fundament erhoben. Fotos, die man von der Nabe aus gemacht hat- te, ließen darauf schließen, daß jeder Gebäu- dekomplex in sich wieder in drei gleiche Be- standteile unterteilt war, wie ein Kuchen, den man in Sektoren von 120 Grad aufgeteilt hat. Dies würde die Explorationsarbeit beträcht- lich erleichtern; aller Wahrscheinlichkeit nach würden sie nur ein Neuntel von New York un- tersuchen müssen, um das Ganze gesehen zu, haben. Selbst das war jedoch noch ein beacht- liches Unterfangen: es bedeutete, daß sie min- destens einen Quadratkilometer voller Gebäu- de und Maschinen zu untersuchen hatten, von denen einige sich Hunderte von Metern in die Luft erhoben. Die Ramaner hatten allem Anschein nach die Kunst des verdreifachten Überflusses in hohem Maße perfektioniert. Dies zeigte sich an dem Luftschleusensystem, der Treppenkonstruktion an der Nabe, an den künstlichen Sonnen. Und wo es wirklich wichtig wurde, waren sie sogar noch einen Schritt weitergegangen: New York war anscheinend ein Beispiel für ein dreimal dreifaches Übermaß. Ruby steuerte die Resolution auf das zentral gelegene Gebäude zu, vor dem vom Wasser aus eine Treppenflucht direkt bis zur Krone der Mauer oder des Kais führte, der die Insel um- gab. Es gab sogar einen bequem erreichbaren Vertäuungspoller, an dem Boote festmachen konnten. Ruby wurde ganz aufgeregt, als sie dies sah. Jetzt würde sie keine Ruhe mehr ha- ben, ehe sie nicht eines der Fahrzeuge gefun- den hatte, in denen die Ramaner über ihre so außergewöhnliche See fuhren. Norton setzte als erster den Fuß an Land. Er sah sich nach seinen drei Begleitern um und, sagte: »Wartet hier auf dem Floß, bis ich oben auf der Mauer angekommen bin. Wenn ich winke, folgen mir Pieter und Boris. Ruby, Sie bleiben am Ruder, damit wir sofort losziehen können, falls es nötig sein sollte. Wenn mir ir- gendetwas zustößt, gebt Karl Bericht und be- folgt seine Anordnungen. Geht mit Verstand vor – aber keine Heldentaten. Verstanden?« »Ja, Skipper. Viel Glück!« Commander Norton glaubte eigentlich nicht an das Glück; er begab sich niemals in eine schwierige Situation, ohne zuvor alle damit verbundenen Faktoren analysiert und sich die Rückzugslinie gesichert zu haben. Doch auch hier zwang ihn Rama einmal mehr, seine so hochgeschätzten Regeln zu durchbrechen. Hier war nahezu jeder Faktor eine Unbekannte – so unbekannt, wie es der Pazifik und das Große Barriereriff vor dreieinhalb Jahrhunderten für seinen Helden gewesen waren … Ja, er konnte wirklich verdammt viel Glück gebrauchen. Die Treppe war praktisch ein Gegenstück zu jener, die sie am andern Ufer der See herabge- stiegen waren; zweifellos beobachteten ihn die Freunde in direkter Linie durch ihre Telesko- pe von dort drüben. Und direkt oder ›gerade‹ war jetzt sogar der richtige Ausdruck, denn in dieser einen Richtung, parallel zur Achse von, Rama, war die See wirklich vollkommen flach. Es war leicht möglich, daß sie damit das einzi- ge Gewässer des Universums war, auf welches dies zutraf, denn auf allen anderen Welten müssen Meere oder Seen sich der Oberfläche einer Kugel anpassen und haben nach allen Richtungen gleiche Krümmung. »Fast an der Spitze«, berichtete er für das Logbuch und an seinen gespannt lauschenden Stellvertreter in fünf Kilometer Entfernung. »Alles noch immer völlig still – Strahlung nor- mal. Ich halte den Zähler über den Kopf, für den Fall, daß diese Mauer als Schutzschild für irgendwas dient. Und wenn es auf der anderen Seite feindselige Wilde gibt, dann werden sie zunächst darauf schießen.« Er scherzte natürlich. Und doch – warum ein Risiko eingehen, wenn es sich ebenso leicht vermeiden ließ? Als er die letzte Stufe erreicht hatte, sah er, daß der flache Damm etwa zehn Meter breit war; die Innenböschung hinab führten ab- wechselnd Rampen und Treppen zu dem zwanzig Meter tiefer liegenden Grund der City. Er stand wirklich auf der Krone einer ho- hen Mauer, die New York völlig umkreiste. So konnte er es sich wie von einer Tribüne aus betrachten., Der Anblick war so verwirrend und vielge- staltig, daß er als erstes einmal mit der Kamera langsam ein Panorama einfing. Dann erst wink- te er seinen Gefährten zu und funkte über die See zurück: »Keinerlei Anzeichen von Aktivi- tät – alles still. Kommt rauf – wir fangen mit der Untersuchung an.« *, 23. KAPITEL

NEW YORK/RAMA

Es war keine Stadt – es war eine Maschine. Norton war nach zehn Minuten zu diesem Schluß gelangt, und er sah auch jetzt, nachdem sie die ganze Insel durchquert hatten, keinen Grund, seine Meinung zu ändern. Eine Stadt – gleichgültig von welcher Art ihre Bewoh- ner sein mochten – mußte zweifellos irgendei- ne Art von Versorgung und Bequemlichkeiten aufweisen: hier war nichts dergleichen zu ent- decken, außer es befand sich unter der Erde. Und wenn dies der Fall war, wo waren dann die Zugänge, die Treppen, die Aufzüge? Er hat- te nichts finden können, das auch nur entfernt an eine schlichte Tür erinnert hätte … Am nächsten kam diesem Platz hier noch ein riesiger chemischer Produktionsbetrieb, den er einmal auf der Erde gesehen hatte. Es gab hier jedoch keine Stapel von Rohstoffen, kein Anzeichen für ein Transportsystem, um Material zu befördern. Auch konnte er sich nicht vorstellen, wo das Fertigprodukt heraus- kommen sollte – und noch weniger, was die- ses Produkt vielleicht sein könnte. Das Ganze war ziemlich verwirrend und mehr als fru- strierend., »Hat jemand Lust, eine Vermutung zu äußern?« sagte er zu jedem, der ihn hören mochte. »Wenn das da eine Fabrik ist, was wird dann produziert? Und woher bekommt sie ihre Rohstoffe?« »Ich habe einen Vorschlag, Skipper«, sagte Karl Mercer drüben am anderen Ufer. »Ange- nommen, der Rohstoff ist die See. Nach Mei- nung unserer Doktorin enthält die so ziemlich alles, was man sich nur vorstellen kann.« Die Antwort war plausibel, und auch Norton hatte sie sich bereits überlegt gehabt. Es konn- te leicht unterirdische Rohrsysteme zur See ge- ben – eigentlich mußte es sie sogar geben, weil jede nur vorstellbare chemische Fabrik große Wassermengen benötigen würde. Doch plau- sible Antworten waren ihm verdächtig; sie er- wiesen sich zu oft als falsch. »Ein guter Gedanke, Karl. Aber was macht New York mit seinem Seewasser?« Lange Zeit erfolgte keine Antwort, weder vom Floß noch von der Nabe, noch von der Nordebene. Dann meldete sich unerwartet eine Stimme. »Das ist leicht, Skipper. Aber ihr werdet mich alle auslachen.« »Sicher nicht, Ravi. Legen Sie los.« Sergeant Ravi McAndrews, Chefsteward und Pfleger der Simps, war die letzte Person im, Schiff, die normalerweise an einer Diskussion über technische Fragen teilnahm. Sein Intel- ligenzquotient war bescheiden, seine wissen- schaftlichen Kenntnisse minimal, doch er war kein Dummkopf und verfügte über einen na- türlichen Scharfsinn, den jedermann respek- tierte. »Also, sicher ist es eine Fabrik, Skipper, und vielleicht liefert ja auch die See die Rohstof- fe … immerhin war das ja auch auf der Erde so, wenn auch ein bißchen anders … Ich glau- be, New York ist eine Fabrik, in der – Ramaner hergestellt werden.« Irgendwo kicherte einer, verstummte jedoch bald und gab sich nicht zu erkennen. »Wissen Sie, Ravi«, sagte der Kommandant schließlich, »diese These ist so verrückt, daß sie richtig sein könnte. Und ich bin nicht si- cher, daß ich sie gern überprüfen möchte … Je- denfalls nicht, bevor wir wieder auf dem Fest- land sind.« Dieses stellare New York war in etwa so groß wie die Insel Manhattan, aber seine Geogra- phie war eine völlig andere. Es gab nur weni- ge gerade Traversen; statt dessen ein Labyrinth von kurzen konzentrisch angeordneten Bögen, durch radiale Speichen miteinander verbun- den. Glücklicherweise war es im Innern Ramas, unmöglich, die Orientierung zu verlieren: ein Blick zum Himmel genügte, um die Nord-Süd- Achse dieser Welt festzustellen. Sie hielten fast an jeder Kreuzung an und machten Pan- oramafotos. Nach systematischer Auswertung dieser Hunderte von Bildern würde es eine zwar mühselige, aber doch recht einfache Ar- beit sein, ein genaues Modell dieser Stadt im verkleinerten Maßstab zu konstruieren. Norton vermutete, daß das Puzzlespiel, das sich dar- aus entwickeln würde, den Wissenschaftlern mehrerer Generationen zu tun geben würde. Es fiel übrigens hier weit schwerer, sich an die Stille zu gewöhnen als draußen auf der Ebene von Rama. Eine Stadtmaschine muß- te eigentlich geräuschvoll sein; und doch hör- te man nicht das leiseste elektrische Summen, nicht das geringste Flüstern von mechanischer Bewegung. Mehrmals legte Norton das Ohr auf den Boden oder gegen die Wand eines Gebäu- des und lauschte angespannt. Er konnte nur das Dröhnen seines eigenen Blutes verneh- men. Die Maschinen schliefen: sie klickten noch nicht einmal im Leerlauf. Würden sie jemals wieder erwachen und, wenn ja, zu welchem Zweck? Alles war in hervorragendem Zustand, wie alles bisher. Man konnte sich leicht vor-, stellen, daß eine geschlossene Schaltung in ei- nem geduldig wartenden versteckten Compu- ter dieses ganze Labyrinth wieder zum Leben erwecken könnte. Als sie schließlich das andere Ende der City erreicht hatten, kletterten sie zum Kamm der Kaimauer hinauf und blickten über der südli- chen Teil der See hinaus. Lange starrte Norton die fünfhundert Meter hohe Klippe an, die ih- nen den Zugang zu fast der Hälfte von Rama verwehrte – der Hälfte, die nach ihren Erkun- dungen per Teleskop die abwechslungsreiche- re und vielgestaltigere war. Aus diesem Blick- winkel wirkte die Klippe wie eine bedrohliche schwarze Wand, wie eine riesige Gefängnis- mauer, die einen ganzen Kontinent umschloß. Auf ihrer gesamten Länge zeigte sich nirgends eine Treppe oder eine andere Aufstiegsmög- lichkeit. Er fragte sich, wie wohl die Ramaner von New York aus ihren Südkontinent erreicht hat- ten. Vielleicht gab es unter der See ein Trans- portsystem, aber Flugzeuge mußten sie auch gehabt haben; hier in der Stadt gab es zahlrei- che freie Flächen, die sich als Landeplätze eig- neten. Es würde sie sehr viel weiterbringen, wenn sie ein Fahrzeug der Ramaner entdeck- ten – besonders wenn sie noch herausfänden,, wie es benutzt wurde. (Aber würde irgendeine denkbare Energiequelle nach mehreren hun- derttausend Jahren noch funktionieren?) Es gab hier zahlreiche Gebäude, die ihrem funk- tionellen Aussehen nach Hangars oder Gara- gen sein konnten, doch waren sie alle glatt und fensterlos, als wären sie versiegelt worden. Früher oder später, hatte Norton sich finster gesagt, werden wir doch Sprengstoff und La- serstrahlen einsetzen müssen. Aber er war ent- schlossen, diese Entscheidung bis zum letzten Termin aufzuschieben. Daß er die Anwendung roher Gewalt nach Möglichkeit zu vermeiden suchte, war zum Teil auf Stolz, zum Teil auf Furcht zurückzuführen. Er wollte sich nicht wie ein technischer Barbar aufführen, der zertrümmerte, was er nicht be- griff. Immerhin war er ohne Einladung in diese Welt eingedrungen und mußte sich wohl dem- entsprechend benehmen. Und was die Furcht betraf – so war das viel- leicht ein zu starkes Wort; Befürchtung traf vielleicht eher. Die Ramaner schienen alles vorausgeplant zu haben, und es drängte ihn nicht danach zu entdecken, welche Vorsichts- maßregeln sie zum Schutz ihres Eigentums ge- troffen hatten. Wenn er zum Kontinent zurück- segelte, würde er dies mit leeren Händen tun., 24. KAPITEL

DIE LIBELLE

Leutnant James Pak war der rangniedrigste Of- fizier an Bord der Endeavour und erst zum viertenmal auf Mission im fernen Weltraum. Er war ehrgeizig und sollte auch bald befördert werden; aber er hatte sich eines ernsten Verge- hens gegen die Vorschriften schuldig gemacht. Es war also kein Wunder, daß er lange hin und her überlegte, ehe er sich entschloß. Es war ein Wagnis, und wenn er das Spiel verlor, konnte er in große Schwierigkeiten kommen. Er riskierte dabei möglicherwei- se nicht nur seine Karriere, sondern vielleicht auch Kopf und Kragen. Aber wenn es gelang, würde er ein Held sein. Was schließlich den Ausschlag gab, war keines dieser Argumen- te, sondern die Gewißheit, daß er sonst bis an sein Lebensende über diese verpaßte Gelegen- heit nachdenken würde. Trotzdem war er noch immer nicht ganz entschlossen, als er den Ka- pitän um eine Unterredung unter vier Augen bat. Was ist es denn diesmal? fragte sich Norton, während er den unsicheren Gesichtsausdruck des jungen Offiziers studierte. Er erinnerte sich an das heikle Gespräch mit Boris Rodri-, go; nein, so was würde es bestimmt nicht sein. Jimmy war zweifellos nicht religiös, die einzi- gen Interessen, die er je außerhalb seiner Ar- beit gezeigt hatte, waren Sport und Sex, wenn möglich miteinander kombiniert. Um Sport konnte es wohl kaum gehen, und Norton hoffte nur, daß es nicht das letztere war. Er hatte mit den meisten Problemen zu tun gehabt, die einem Kommandierenden Of- fizier in diesem Bereich unterkommen kön- nen – mit Ausnahme des klassischen Falls ei- ner unvorhergesehenen Geburt während einer Mission. Obwohl darüber unzählige Witze ge- rissen wurden, war diese Situation noch nie eingetreten; doch angesichts der allgemeinen Laxheit war das wahrscheinlich nur eine Fra- ge der Zeit. »Nun, Jimmy, was ist los?« »Ich habe eine Idee, Commander. Ich weiß, wie man den Südkontinent und sogar den Süd- pol erreichen kann.« »Ich höre. Wie wollen Sie das anstellen?« »Hm – ich fliege hin.« »Jimmy, mir sind mindestens fünf derar- tige Vorschläge unterbreitet worden – und mehr, wenn man die verrückten Anregungen von der Erde mitrechnet. Wir haben die Mög- lichkeit überprüft, ob wir unsere Antriebsdü-, sen an den Raumanzügen umbauen könnten, doch der Luftsog würde sie ganz hoffnungslos unwirksam machen. Sie würden keinen Treib- stoff mehr haben, ehe sie auch nur zehn Kilo- meter weit gekommen sind.« »Das weiß ich. Aber es gibt eine andere Lö- sung.« Leutnant Paks Haltung drückte eine Mischung von vollkommener Zuversicht und kaum unter- drückter Nervosität aus. Norton war einigerma- ßen verwirrt. Worüber machte sich der Junge bloß solche Sorgen? Er mußte seinen Komman- danten doch gut genug kennen und wissen, daß kein vernünftiger Vorschlag abgelehnt würde. »Nun, fahren Sie fort. Wenn es funktioniert, werde ich dafür sorgen, daß Ihre Beförderung rückwirkend durchgeht.« Dieses kleine halb scherzhafte Versprechen kam nicht so gut an, wie er gehofft hatte. Jim- my lächelte ihn ziemlich schief an, begann mit ein paar Fehlstarts und entschloß sich dann, das Thema auf indirektem Wege anzu- gehen. »Sie wissen doch, Commander, daß ich im vergangenen Jahr an der Lunar-Olympiade teil- genommen habe?« »Natürlich. Tut mir leid, daß Sie nicht ge- siegt haben.«, »Ich hatte eine schlechte Ausrüstung; ich weiß, was schiefgelaufen ist. Freunde von mir auf dem Mars haben heimlich daran weiterge- arbeitet. Wir wollen allen eine Überraschung bereiten.« »Mars? Aber ich wußte gar nicht …« »Es wissen auch nur wenige Leute davon – die Sportart ist dort noch ziemlich neu; man hat sie nur im Xante-Sportpalast ausprobiert. Doch auf dem Mars gibt es die besten Aerody- namiker. Wenn man in dieser Atmosphäre flie- gen kann, dann kann man überall fliegen. Meine Idee war also, wenn die Marsianer unter Einsatz ihres ganzen Know-how eine gute Maschine bauen könnten, dann würde die auf dem Mond wirklich was leisten, wo die Schwerkraft nur halb so groß ist.« »Das klingt vernünftig, aber was nützt das uns?« Norton begann etwas zu ahnen, doch er woll- te Jimmy genügend Zeit lassen. »Nun, ein paar Freunde von mir in Lowell City und ich haben ein Syndikat gebildet. Sie haben einen voll aerobatischen Flieger kon- struiert mit ein paar Verbesserungen, von de- nen niemand eine Ahnung hat. Bei Mond- schwerkraft müßte er unter der Olympischen Kuppel eine Sensation hervorrufen.«, »Und Sie gewinnen damit die Goldmedaille.« »Ich hoffe schon.« »Sehen wir mal, ob ich Ihren Gedankengän- gen richtig folge. Ein Flugrad, das bei der Lu- nar-Olympiade mitmachen könnte, wo ein Sechstel G herrscht, müßte in Rama an ei- ner Stelle, wo überhaupt keine Schwerkraft herrscht, noch weit sensationeller sein. Man könnte genau auf der Achse vom Nord- zum Südpol und wieder zurück fliegen.« »Jawohl – ganz leicht. Ohne Unterbrechung würde die erste Hälfte des Flugs drei Stunden dauern. Aber natürlich könnte man nach Be- lieben Ruhepausen einlegen, solange man sich in der Nähe der Achse hält.« »Es ist eine brillante Idee, und ich beglück- wünsche Sie dazu. Was für ein Jammer, daß Flugräder keine reguläre Ausrüstung bei Space Survey sind.« Jimmy schien nach Worten zu ringen. Er machte mehrmals den Mund auf, doch es kam kein Ton hervor. »All right, Jimmy. Nur aus krankhafter Neu- gier und strikt inoffiziell, sagen Sie mir, wie haben Sie das Ding an Bord geschmuggelt?« »Arrh – als ›Freizeitgerät‹.« »Nun, gelogen haben Sie nicht. Und wie steht’s mit dem Gewicht?«, »Nur zwanzig Kilo.« »Nur! Na ja, immerhin nicht so schlimm, wie ich befürchtet habe. Tatsächlich bin ich über- rascht, daß man ein so leichtes Rad bauen kann.« »Manche hatten sogar bloß fünfzehn, aber die waren zuwenig stabil und klappten mei- stens zusammen, wenn sie einen Turn flogen. Aber diese Gefahr besteht bei meiner Libelle nicht. Wie ich schon sagte, sie ist voll aeroba- tisch.« »Libelle – ein hübscher Name. Aber jetzt sa- gen Sie mir genau, wie Sie sie einsetzen wol- len. Dann kann ich entscheiden, ob eine Beför- derung oder ein Kriegsgericht angebracht ist. Oder beides.« *, 25. KAPITEL

DER JUNGFERNFLUG DER LIBELLE

Libelle war sicher ein passender Name. Die lan- gen spitz zulaufenden Flügel waren nahezu un- sichtbar, nur wenn das Licht aus bestimmtem Winkel auf sie traf, reflektierten sie es in Re- genbogenfarben. Es wirkte, als hätte man eine Seifenblase um ein feines Netzwerk von Aero- foliestücken gehüllt; die Hülle dieses kleinen Fliegers bestand aus einem organischen Film, der nur ein paar Moleküle dick, jedoch fest ge- nug war, um auf einem Flug von fünfzig Kilo- meter pro Stunde die Bewegung zu kontrollie- ren und zu lenken. Der Pilot – er war gleichzeitig Energiequel- le und Steuersystem – saß auf einem winzigen Stühlchen im Schwerkraftzentrum, halb zu- rückgelehnt, um den Luftwiderstand zu verrin- gern. Die Steuerung erfolgte mittels eines einzi- gen Knüppels, der vor und zurück, nach links und rechts bewegt werden konnte; das einzige ›Instrument‹ war ein beschwertes, an der Leit- kante befestigtes Stück Band zur Anzeige der relativen Windrichtungen. Sobald der Flieger an der Nabe zusammen- gebaut war, ließ Jimmy-Pak keinen mehr in die Nähe. Grobes Zugreifen würde eventuell eines, der einfibrigen Konstruktionsteile zerbrechen, und diese schimmernden Flügel lockten neu- gierige Finger geradezu unwiderstehlich an. Man konnte es kaum fassen, daß da wirklich etwas Stoffliches war … Während er zusah, wie Jimmy in das Wun- derwerk kletterte, kamen Commander Norton plötzlich Bedenken. Sollte nun eine von diesen hauchdünnen Verstrebungen brechen, wenn die Libelle jenseits der Zylindrischen See war, würde es für Jimmy keinen Weg zurück geben – selbst wenn er eine glatte Landung zustande brachte. Außerdem durchbrachen sie eine der heiligsten Regeln der Weltraumerkundung: ein Mann wür- de sich allein auf unbekanntes Gebiet begeben, wo keine Hilfe möglich war. Der einzige Trost war, daß er ständig unter Sicht- und Radarkon- trolle sein würde und man genau wüßte, was ihm passierte, falls ihm ein Unglück zustieß. Aber die Gelegenheit war einfach zu gün- stig, um sie ungenutzt verstreichen zu las- sen; es wäre geradezu eine Herausforderung an die Götter gewesen, wenn man diese viel- leicht einzige wirkliche Chance vernachlässi- gen würde, das andere Ende von Rama zu er- reichen und die Geheimnisse des Südpols aus der Nähe zu betrachten. Jimmy wußte, was er wagte, er wußte es weit besser, als irgendeiner, aus der Besatzung es ihm hätte sagen können. Es war eben genau das Risiko, das man einge- hen mußte; und wenn es schiefging, dann war das eben Pech im Spiel. Man konnte nicht im- mer gewinnen … »Hören Sie mir jetzt gut zu, Jimmy«, sagte Stabsärztin Kapitänleutnant Ernst. »Es ist äu- ßerst wichtig, daß Sie sich nicht übermäßig verausgaben. Denken Sie daran, daß die Sau- erstoffmenge hier an der Achse noch immer ziemlich gering ist. Wenn Sie irgendwann au- ßer Atem geraten, halten Sie an und hyperven- tilieren Sie dreißig Sekunden lang – aber nicht länger.« Jimmy nickte wie geistesabwesend und über- prüfte die Leitwerke. Das ganze Seitenleitwerk, das aus einem einzigen Stück am Ende eines Auslegers fünf Meter hinter dem rudimentären Cockpit bestand, begann sich zu drehen; dann bewegten sich die klappenförmigen Querruder auf der Mitte der Flügel abwechselnd auf und nieder. »Soll ich den Propeller anwerfen?« fragte Joe Calvert, unfähig, die Erinnerungen an zweihun- dert Jahre alte Kriegsfilme zu unterdrücken. »Zündung! Kontakt!« Wahrscheinlich wußte niemand außer Jimmy, wovon er sprach, doch es half, die Spannung zu mindern., Sehr langsam begann Jimmy die Pedale zu treten. Der breite dünne Fächer der Luftschrau- be – wie beim Flügel auch hier ein zartes Ske- lett, von einem schimmernden Film überzogen – fing an zu kreisen. Nach ein paar Umdrehun- gen war sie schon nicht mehr zu sehen – und dann war die Libelle gestartet. Sie flog in gerader Linie von der Nabe lang- sam die Achse Ramas entlang. Nach einigen hundert Metern hörte Jimmy auf zu treten; die- ses eindeutig aerodynamische Fahrzeug bewe- gungslos in der Luft hängen zu sehen, war ein äußerst seltsamer Anblick. Es mußte das er- stemal sein, daß so etwas überhaupt geschah, höchstens war es noch innerhalb einer der grö- ßeren Raumstationen möglich, und das auch nur sehr begrenzt. »Wie fühlt sie sich an?« rief Norton. »Reaktion gut, Stabilität gering. Aber ich weiß, woran das liegt: keine Schwerkraft. Ei- nen Kilometer weiter unten wird es besser klappen.« »He, Moment mal, ist das auch sicher?« Wenn Jimmy an Höhe verlor, würde er sei- nen Hauptvorteil aufgeben. Solange er genau auf der Achse blieb, waren er und die Libel- le völlig gewichtslos. Er konnte ohne Anstren- gung schweben und sogar ein Nickerchen ma-, chen, wenn er Lust dazu hatte. Doch sobald er sich von der Mittellinie fortbewegte, um die Rama rotierte, machte sich das Pseudogewicht der Fliehkraft wieder bemerkbar. Und damit würde er, wenn er sich nicht auf dieser Höhe halten konnte, immer mehr an Höhe verlieren und gleichzeitig an Gewicht zunehmen. Das würde ein Beschleunigungs- prozeß sein, der in einer Katastrophe enden konnte. Die Schwerkraft unten auf der Ebene Ramas war zweimal höher als die, in der die Libelle ihrem Konstruktionsplan gemäß operie- ren konnte. Jimmy würde vielleicht eine siche- re Landung zustande bringen, aber er würde ohne Zweifel nie mehr starten können. Doch Jimmy hatte sich das alles bereits ge- nau überlegt und antwortete ziemlich zuver- sichtlich: »Ich kann es bei einem Zehntel G ganz leicht schaffen. Und sie läßt sich in der dichteren Luft leichter steuern.« In einer langsamen, gemächlichen Spira- le glitt die Libelle über den Himmel; sie folg- te ungefähr der Linie der Treppe Alpha, die in die Ebene hinabstieg. Aus manchem Winkel war das kleine Flugrad nahezu unsichtbar: es sah dann aus, als ob Jimmy mitten in der lee- ren Luft säße und wild vor sich hin strampelte. Manchmal legte er einen Spurt von bis zu drei-, ßig Stundenkilometern ein, machte dann eine Pause, um die Steuerung in den Griff zu be- kommen, bevor er wieder beschleunigte. Und er achtete stets sehr sorgfältig darauf, sich dem gekrümmten Ende Ramas in sicherem Abstand fernzuhalten. Bald wurde deutlich, daß sich die Libelle in geringerer Höhe tatsächlich weit besser steuern ließ: sie rollte dort nicht mehr in die verschie- densten Neigungswinkel, sondern stabilisierte sich, so daß ihre Flügel parallel zu der sieben Kilometer tiefer liegenden Ebene standen. Jim- my führte mehrere weite Kreisbahnen durch, dann begann er wieder aufzusteigen. Schließ- lich hielt er ein paar Meter über seinen warten- den Kameraden an und stellte, ein wenig ver- spätet, fest, daß er nicht so recht wußte, wie er sein Spinngewebe-Vehikel landen sollte. »Sollen wir ein Seil werfen?« fragte Norton mit halb ernster Stimme. »Nein, Skipper, ich muß das schon selbst hinkriegen. Am andern Ende wird mir auch keiner helfen.« Er saß eine Weile nachdenklich da, dann be- gann er die Libelle mit kurzen Kraftanstößen vorsichtig auf die Nabe zuzubewegen. Sie verlor zwischen jedem Anstoß rasch an Schwung, der Luftwiderstand brachte sie immer wieder zum, Stillstand. Als er nur noch fünf Meter weit weg war und das Luftrad sich kaum mehr vorwärts- bewegte, ging Jimmy ›von Bord‹. Er ließ sich auf die nächstgelegene Sicherungslinie im Netz der Nabe zutreiben, packte sie und schwang sich rechtzeitig herum, um das herantreiben- de Flugzeug mit den Händen abzufangen. Das Manöver klappte so reibungslos, daß alle ap- plaudierten. Jimmy beeilte sich, alles Lob abzuwehren. »Das war schlampig«, sagte er. »Aber jetzt weiß ich wenigstens, wie ich es anstellen muß. Ich nehme eine Haftbombe an einer Zwanzig- meterleine mit. Dann kann ich mich überall heranziehen, wo es mir paßt.« »Ihren Puls, Jimmy«, befahl die Ärztin, »und pusten Sie in diese Tüte. Außerdem brauche ich eine Blutprobe. Hatten Sie irgendwelche Atembeschwerden?« »Nur in dieser Höhe. Hallo, wozu brauchen Sie denn eine Blutprobe?« »Blutzuckergehalt. Dann kann ich sagen, wie- viel Energie Sie verbraucht haben. Wir müssen sichergehen, daß Sie genug Treibstoff für die Mission mitnehmen können. Was ist übrigens der Rekord im Dauer-Radfliegen?« »Zwei Stunden und fünfundzwanzig Minu- ten, drei-Komma-sechs Sekunden. Auf dem, Mond natürlich – auf einer Strecke von zwei Kilometern in der Olympia-Kuppel.« »Und Sie glauben, Sie können es sechs Stun- den durchhalten?« »Aber leicht, weil ich ja jederzeit eine Pau- se einlegen kann. Radfliegen auf dem Mond ist mindestens doppelt so hart als hier.« »Okay, Jimmy, marsch zurück ins Labor. Ich werde Ihnen Starterlaubnis oder Startverbot geben, sobald ich die Proben untersucht habe. Ich will Ihnen zwar keine falschen Hoffnungen machen, aber ich glaube, Sie können es schaf- fen.« Ein breites, zufriedenes Lächeln breitete sich auf Jimmy Paks elfenbeinweißen Zähnen aus. Als er der Stabsärztin Kapitänleutnant Ernst zur Luftschleuse folgte, rief er zu seinen Ge- fährten zurück: »Laßt bitte die Finger davon! Ich will nicht, daß jemand seine Faust durch die Flügel steckt!« »Ich werde dafür sorgen, Jimmy«, versprach Commander Norton. »Die Libelle ist Sperrge- biet für alle – mich eingeschlossen.« *, 26. KAPITEL

DIE STIMME RAMAS

Wie groß sein Abenteuer wirklich war, das ging Jimmy Pak erst auf, als er die Küste der Zylin- drischen See erreichte. Bisher hatte er über ver- trautem Gelände geschwebt und hätte jederzeit sicher landen und in ein paar Stunden zur Ba- sis zurückgehen können. Diese Möglichkeit bestand nun nicht mehr. Wenn er ins Meer stürzte, würde er wahr- scheinlich in dem giftigen Wasser auf ziem- lich unangenehme Weise ertrinken. Und selbst wenn er auf dem Südkontinent sicher landete, wäre eine Rettung vielleicht unmög- lich, bevor die Endeavour sich von der auf die Sonne gerichteten Bahn Ramas absetzen mußte. Er war sich auch völlig darüber im klaren, daß die vorhersehbaren Katastrophen mit größ- ter Wahrscheinlichkeit nicht eintreffen würden. Die völlig unbekannte Region, die er überflie- gen würde, konnte indes mit allen möglichen Überraschungen aufwarten. Angenommen, es gab hier Flugwesen, die etwas gegen sein Ein- dringen hatten? Er würde sich nur ungern auf ein Gefecht mit einem Ding, das größer war als eine Taube, einlassen. Ein paar gezielte Schna-, belhiebe konnten die Aerodynamik der Libelle vernichten. Aber ohne Wagnis gab es eben auch keinen Erfolg – kein abenteuerliches Gefühl. Millio- nen Menschen hätten gern mit ihm getauscht in diesem Augenblick. Er betrat nicht nur Bo- den, der bisher von niemandem betreten wor- den war – sondern der auch von keinem mehr betreten werden würde. In der ganzen Mensch- heitsgeschichte sollte er das einzige menschli- che Wesen sein, das die Südregionen Ramas besuchte. Das mußte er sich immer klarma- chen, wenn er die Furcht durch seine Gedan- ken streifen fühlte. Er war mittlerweile daran gewöhnt, mitten in der Luft zu hocken und die Welt um sich herum zu betrachten. Da er auf eine Position zwei Kilometer unter der Mittelachse herab- gestiegen war, hatte er nun eine deutliche Ori- entierung nach ›unten‹ und ›oben‹. Der Boden lag nur sechs Kilometer unter ihm. Die ›City‹ von London hing dort oben nahe dem Zenit; New York dagegen stand aufrecht direkt vor ihm. »Libelle«, kam es von der Kontrollstation an der Nabe, »Sie geraten ein bißchen zu tief. Zweiundzwanzighundert Meter unter der Ach- se.«, »Danke«, antwortete er. »Ich steige wieder. Sagt mir Bescheid, wenn ich wieder auf zwan- zig bin.« Darauf würde er achten müssen. Es bestand der natürliche Trend, an Höhe zu verlieren – und er verfügte über keine Instrumente, von denen er hätte ablesen können, wo genau er sich befand. Wenn er sich von der Nullgravi- tät an der Achse zu weit entfernte, würde er es vielleicht nicht wieder fertigbringen, dort- hin zurückzusteigen. Glücklicherweise war der Spielraum für Irrtümer ziemlich groß, und au- ßerdem beobachtete immer jemand durch das Teleskop an der Nabe, wie er vorankam. Er befand sich nun weit draußen über dem Meer und strampelte gleichmäßig mit zwanzig Stundenkilometern vor sich hin. In fünf Minu- ten würde er über New York sein; schon jetzt wirkte die Insel mehr wie ein Schiff, das für immer und ewig rund um die Zylindrische See fuhr. Als er New York erreicht hatte, drehte er einen Kreis darüberhin, wobei er mehrere Male an- hielt, damit seine kleine Fernsehkamera ruhige, erschütterungsfreie Bilder rückübertragen kön- ne. Das Panorama der Gebäude, Türme, Fabrik- anlagen, Elektrizitätswerke oder was immer das war faszinierte ihn, wenn ihm der Sinn dieser, Monumente auch verschlossen blieb. Gleich- gültig, wie lange er darauf hinunterstarren wür- de, es bestand kaum Hoffnung, daß er etwas da- bei entdecken würde. Die Kamera würde weit mehr Einzelheiten aufzeichnen, als er selbst im besten Fall aufnehmen könnte; und eines Tages, vielleicht erst Jahre später, würde irgendein Ge- lehrter dann in ihnen den Schlüssel zu den Ge- heimnissen Ramas entdecken. Er ließ New York hinter sich und überquerte die zweite Hälfte der See in nur fünfzehn Mi- nuten. Obwohl es ihm nicht bewußt geworden war, hatte er über dem Wasser mehr Tempo zu- gelegt, doch sobald er die Südküste erreicht hatte, ließ seine innere Spannung nach, und seine Geschwindigkeit sank um mehrere Ki- lometerstunden. Er mochte sich ja über völlig fremdartigem Gebiet bewegen – aber zumin- dest war er über festem Boden. Sobald er das große Kliff überflogen hatte, das die südliche Grenze des Meeres bildete, ließ er die Kamera einen ganzen Kreisschwenk um die Welt machen. »Wunderschön!« staunte die Nabenkontrolle. »Da werden sich die Kartographen aber freuen. Wie geht’s?« »Prima – nur ein bißchen müde, aber nicht mehr als erwartet. Wie weit bin ich vom Pol?«, »Fünfzehn-Komma-sechs Kilometer.« »Sagt mir, wenn ich bei zehn bin. Dann mach ich Pause. Und paßt auf, daß ich nicht wieder Höhe verliere. Ich werde höhergehen, wenn ich bei fünf Kilometer angelangt bin.« Zwanzig Minuten später begann die Welt um ihn enger zu werden; er hatte das Ende des zy- lindrischen Teils erreicht und näherte sich nun der Südkuppel. Vom anderen Ende Ramas aus hatte er das Gebiet stundenlang durch ein Teleskop studiert und kannte inzwischen seine geographische Beschaffenheit im Schlaf. Doch selbst das hat- te ihn nicht ausreichend auf das Schauspiel, das sich ihm ringsum bot, vorbereiten können. Die nördliche und die südliche Kuppel Ra- mas waren in fast allem gänzlich verschie- den voneinander. Hier gab es keine dreifa- che Treppenkonstruktion, keine Gruppen von schmalen konzentrischen Terrassen, keine steile Krümmung von der Nabe zur Ebene hinab. Statt dessen ragte ihm hier in der Mitte ein riesiger Dorn von fünf Kilome- tern Länge genau auf der Achse entgegen. Sechs kleinere, von halber Länge, umgaben ihn in gleichen Abständen: das Ganze wirk- te wie eine Gruppierung von bemerkens- wert symmetrischen Stalaktiten, die von ei-, ner Höhlendecke herabhängen. Oder wenn man den Standpunkt umkehrte, wie die Stupas kambodschanischer Tempel auf dem Grund eines Kraters … Diese schlanken spindelförmigen Türme wa- ren durch Strebebögen miteinander verbunden, die sich nach unten krümmten und schließlich mit der zylindrischen Ebene verschmolzen. Sie wirkten stabil genug, das Gewicht einer ganzen Welt zu tragen. Und dies war möglicherweise auch ihre Funktion, wenn sie wirklich die Ele- mente irgendwelcher exotischer Triebsätze wa- ren, wie manche vermuteten. Leutnant Pak näherte sich vorsichtig dem Mit- telstachel, hielt mit dem Treten inne, solange er noch einige hundert Meter von ihm entfernt war, und ließ die Libelle ausschweben. Er über- prüfte die Strahlungshöhe, fand aber nur die sehr niedrigen Grundwerte von Rama. Es waren ja hier möglicherweise Kräfte am Werk, die mit keinem menschlichen Instrument erfaßt werden konnten, aber dies war eben ein weiteres unkal- kulierbares Risiko. »Was können Sie sehen?« fragte die Naben- kontrolle eifrig. »Nur das Große Horn – es ist vollkommen glatt – keine Markierungen – und die Spitze ist so scharf, daß man sie als Nadel verwen-, den könnte. Ich habe fast ein wenig Angst, ihr nahe zu kommen.« Er sagte dies nur halb im Scherz. Es schien unglaublich, daß ein dermaßen gewaltiges Ob- jekt sich zu einer geometrisch so vollkomme- nen Spitze verjüngen konnte. Jimmy hatte in Sammlungen Insekten auf Nadeln aufgespießt gesehen, und er trug kein Verlangen danach, seine eigene Libelle einem ähnlichen Schicksal auszusetzen. Er trat langsam weiter vorwärts, bis der Sta- chel sich auf einige Meter im Durchmesser ver- breitert hatte, dann hielt er erneut an. Er öff- nete einen kleinen Behälter und zog ziemlich behutsam eine Kugel von der Größe eines Base- balls hervor, die er gegen den Stachel schubste. Während sie davontrieb, ließ sie hinter sich ei- nen kaum sichtbaren Faden zurück. Die Haftbombe traf auf der glatten gekrümm- ten Fläche auf – und prallte nicht ab. Jimmy zupfte probehalber an der Leine, dann etwas fester. Wie ein Fischer, der seinen Fang ein- holt, zog er die Libelle langsam hinüber zu der Spitze dieses Stachels, den er passend ›Großes Horn‹ getauft hatte, bis er es mit seiner Hand berühren konnte. »Ich nehme an, man könnte das sozusagen als Landung bezeichnen«, meldete er an die Na-, benkontrolle. »Es fühlt sich wie Glas an – fast keine Reibung und leicht erwärmt. Die Haft- bombe hat prima funktioniert. Jetzt probier ich das Mikro aus … mal sehen, ob die Saugkap- pe genauso gut hält … ich stecke die Leitungen rein … kommt irgendwas durch?« Die Kontrollstation schwieg lange, dann mel- dete sich eine enttäuschte Stimme: »Kein ver- dammter Laut, außer den normalen thermi- schen Geräuschen. Klopfen Sie mal mit einem Metallgegenstand dagegen? Dann wissen wir wenigstens, ob es hohl ist.« »Okay. Und was jetzt?« »Wir möchten, daß Sie den ganzen Stachel entlangfliegen und alle fünfhundert Meter ganz umkreisen. Achten Sie auf alles Ungewöhn- liche. Dann, wenn Sie glauben, daß es unge- fährlich ist, könnten Sie zu einem der Kleinen Hörner rübergehen. Aber nur dann, wenn Sie sicher sind, daß Sie ohne Schwierigkeiten wie- der auf Null G zurückkehren können.« »Drei Kilometer von der Achse entfernt – das ist ein wenig über der Mondschwerkraft. Und für die ist die Libelle konstruiert. Ich werde nur ein bißchen heftiger strampeln müssen.« »Jimmy, hier spricht der Käptn. Ich habe da- bei Bedenken. Nach Ihren Bildern zu urteilen, sind die kleineren Stachel genauso wie der gro-, ße. Holen Sie sie so gut wie möglich mit der Gummilinse rein. Ich will nicht, daß Sie sich aus dem Gebiet niedriger Schwerkraft entfer- nen … außer Sie entdecken was sehr Wichti- ges. Dann reden wir noch mal drüber.« »Okay, Skipper«, sagte Jimmy, und in seiner Stimme schwang möglicherweise eine Spur Erleichterung mit. »Ich halte mich in der Nähe vom Großen Horn. Auf geht’s wieder.« Er hatte das Gefühl, senkrecht nach unten in ein enges Tal zwischen einer Gruppe unglaub- lich hoher und schlanker Berge hinabzustür- zen. Das Große Horn ragte nun einen Kilome- ter über ihm auf, die sechs Stachel der Kleinen Hörner tauchten drohend überall um ihn her- um auf. Der Komplex der Stützbögen und Stre- bepfeiler um die tieferen Bergflanken näherte sich rasch; er überlegte, ob er wohl irgendwo dort unten in dieser Zyklopenarchitektur sicher landen könnte. Er konnte nicht mehr auf dem Großen Horn selbst landen, da die Schwerkraft auf seinen breiter werdenden Flanken nun zu stark geworden war, als daß die schwache Kraft der Haftbombe sie hätte überwinden können. Je mehr er sich dem Südpol näherte, desto stärker fühlte er sich wie ein Spatz, der un- ter dem gewölbten Dach einer riesigen Kathe- drale dahinflog – allerdings besaß keine Ka-, thedrale, die je erbaut worden war, auch nur ein Hundertstel der Ausmaße dieses Ortes. Er überlegte, ob es sich nicht tatsächlich um ein religiöses Heiligtum oder irgend etwas Ähnli- ches handeln könne, gab den Gedanken dann jedoch rasch wieder auf. An keiner Stelle in Rama hatten sie irgendwelche Spuren künst- lerischen Ausdrucks entdeckt; alles war streng und funktional. Vielleicht hatten die Ramaner ja geglaubt, sie kennten bereits die tiefsten Ge- heimnisse des Universums, und waren nicht mehr von den Sehnsüchten und Erwartungen gehetzt gewesen, die die Menschheit vorantrie- ben. Dies war ein erschreckender Gedanke, und so etwas war in Jimmys normalerweise recht schlichter Weltanschauung äußerst ungewöhn- lich; er verspürte das dringende Bedürfnis nach Kontakt und meldete darum seinen weit entfernten Freunden seine Lage. »Wiederholen, Libelle«, antwortete die Na- benkontrolle. »Können Sie nicht verstehen – Ihre Übertragung ist Salat.« »Wiederhole – befinde mich nahe der Basis vom Kleinen Horn Nummer Sechs. Verwende Haftbombe, um mich ranzuziehen.« »Verstehe nur teilweise. Können Sie mich hö- ren?«, »Jawohl, ausgezeichnet. Wiederhole: ausge- zeichnet.« »Fangen Sie an zu zählen, bitte.« »Eins, zwei, drei, vier …« »Teilweise empfangen. Geben Sie uns fünf- zehn Sekunden den Leitstrahl, gehen Sie dann wieder auf Sprechfunk.« »Hier ist er.« Jimmy knipste den Niederfrequenzstrahl an, durch den man ihn überall innerhalb Ramas würde lokalisieren können, und zählte die Se- kunden ab. Als er wieder auf Sprechfunk schal- tete, fragte er klagend: »Was ist los? Könnt ihr mich jetzt hören?« Anscheinend hörte man ihn an der Nabe nicht, denn die Kontrolle verlangte, er solle fünfzehn Sekunden lang auf Fernsehen schal- ten. Erst als Jimmy die Frage zweimal wieder- holt hatte, drang seine Nachricht durch. »Sind froh, daß Sie uns gut hören können, Jimmy. Aber bei Ihnen ist irgendwas sehr Selt- sames im Gang. Horchen Sie.« Über den Sender hörte er das vertraute Pfei- fen seines Leitstrahls, das sie für ihn zurück- spielten. Einen Augenblick lang klang es voll- kommen normal, dann machte sich eine unheimliche Verzerrung breit. Das Pfeifsi- gnal von tausend Hertz wurde durch ein tiefes, dröhnendes Pulsieren moduliert, so tief, daß es fast unterhalb der Grenze des Hörbaren lag; es war eine Art Bassoprofundo-Vibration, bei der jede einzelne Vibration deutlich vernehm- bar war. Und die Modulation selbst veränder- te sich gleichfalls: Sie stieg in einem Rhyth- mus von ca. fünf Sekunden an und fiel dann ab. Auf und ab. Jimmy dachte keinen Augenblick, daß mit seinem Radiosender etwas nicht in Ordnung sein könnte. Dies kam von außerhalb; aber was es bedeutete und was es war, konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Die Nabenkontrolle war auch nicht klüger, aber sie brachten wenigstens eine Theorie vor. »Wir glauben, daß Sie in einem hochinten- siven Feld stecken – vielleicht einem Magnet- feld – mit einer Frequenz von etwa zehn Hertz. Es könnte stark genug sein, um Gefahr zu be- deuten. Schlagen vor, Sie verschwinden au- genblicklich von dort – vielleicht ist es nur ört- lich begrenzt. Schalten Sie die Richtfrequenz wieder ein, wir spielen sie Ihnen dann zurück. Dann können Sie feststellen, wann Sie aus der Interferenz rauskommen.« Jimmy machte rasch die Haftbombe los. Sei- nen Landeversuch gab er auf. Er nahm die Li- belle in einen weiten Kreisbogen und lausch-, te dabei auf das wabernde Geräusch in seinen Kopfhörern. Schon nach ein paar Metern stell- te er fest, daß die Intensität des Tons rasch ab- nahm; wie die Nabenkontrolle vermutet hatte, war die Sache sehr stark lokalisiert. An dem letzten Punkt, wo er das Geräusch nur noch wie ein schwaches Pulsieren tief im Gehirn hören konnte, hielt er inne. So hat- te vielleicht ein primitiver Wilder, von Ehr- furchtsschauern geschüttelt, in seiner Unwis- senheit auf das tiefe Summen eines riesigen Elektrotransformators gelauscht. Und sogar der Wilde hatte vielleicht geargwöhnt, daß das Geräusch, das er vernahm, nur die zufälligen Streuungsverluste vollkommen gebändigter ko- lossaler Energien seien, die allerdings nur dar- auf warteten … Was dieses Geräusch auch bedeuten moch- te, Jimmy war froh, als er von ihm befreit war. Hier, zwischen der überwältigenden Architek- tur des Südpols, war nicht der rechte Ort für einen einsamen Mann, der Stimme Ramas zu lauschen. *, 27. KAPITEL

ELEKTRISCHER WIND

Als Jimmy sich auf den Heimweg machte, schien ihm das Nordende Ramas unglaublich weit entfernt zu sein. Sogar die drei giganti- schen Treppenkonstruktionen waren kaum als ein undeutliches Y auszumachen, das in die Kuppel am anderen Ende der Welt geritzt war. Das Band der Zylindrischen See war eine brei- te, bedrohliche Barriere, die nur darauf zu war- ten schien, ihn zu verschlingen, falls wie bei Ikarus die zerbrechlichen Schwingen versagen sollten. Doch der ganze Herweg war problemlos ver- laufen, und wenn er sich nun auch ein wenig müde fühlte, war er doch überzeugt, daß er sich keine Sorgen zu machen brauchte. Er hat- te noch nicht einmal seine Nahrungs- und Was- serration angerührt und war viel zu aufgeregt gewesen, eine Ruhepause einzulegen. Auf dem Rückflug würde er es sich leichter und beque- mer machen. Auch munterte ihn der Gedan- ke auf, daß der Heimflug im Zweifelsfall um zwanzig Kilometer kürzer sein würde, denn so- lange er die See hinter sich brachte, konnte er überall auf der Nordebene notlanden. Das wäre zwar unangenehm, weil er damit einen langen, Fußmarsch auf sich nehmen und – viel schlim- mer noch – seine Libelle zurücklassen müßte, aber er gewann dadurch einen sehr beruhigen- den Sicherheitsfaktor hinzu. Er stieg jetzt immer weiter zum Mittelstachel empor; die sich verjüngende Nadel des Großen Horns erstreckte sich aber noch immer einen Kilometer hoch über ihm, und ab und zu kam ihm der Gedanke, daß dies die Achse sei, um die sich diese ganze Welt drehte. Er hatte die Spitze des Großen Horns nahe- zu erreicht, als er sich eines seltsamen Gefühls bewußt wurde: ein Gefühl wie eine böse Vor- ahnung, ja tatsächlich, ein körperliches und seelisches Unbehagen hatte ihn überkommen. Plötzlich erinnerte er sich an einen Satz, auf den er einmal gestoßen war, und das machte die Dinge auch nicht leichter: »Was rührt mich denn so an, als trät’ ich einem übers Grab?« Zunächst verwarf er das Gefühl mit einem Achselzucken und trat gleichmäßig weiter in die Pedale. Er hatte gewiß nicht die Absicht, der Nabenkontrolle etwas so Ungreifbares wie ein leichtes Gefühl des Unwohlseins zu berich- ten, doch als dieses Gefühl zunehmend schlim- mer wurde, war er doch versucht, es zu tun. Es konnte doch wohl nicht psychologisch bedingt sein; aber wenn es so war, hatte sein Gehirn, sehr viel mehr Einfluß, als er wußte. Denn er konnte jetzt ganz deutlich spüren, wie er eine Gänsehaut bekam … Plötzlich ernsthaft beunruhigt, hielt er mit- ten in der Luft an, um die Lage zu überdenken. Das Ganze wurde dadurch noch seltsamer, daß ihm dieses Gefühl schwerer Deprimiertheit nicht völlig fremd war: er hatte es früher be- reits erlebt, aber er konnte sich nicht erinnern, wann. Er blickte sich um. Nichts hatte sich verän- dert. Der gewaltige Stachel des Großen Horns lag ein paar hundert Meter über ihm, das an- dere Ende Ramas als eine Art Himmel weit darüber. Acht Kilometer unter ihm dehnte sich das verwirrende Flickwerk des Südkontinents, der voller Wunder sein mußte – niemals wie- der würde ein Mensch sie zu sehen bekom- men. Aber die Landschaft, so äußerst fremd- artig und doch inzwischen schon vertraut sie ihm erschien, bot keine Erklärung für sein Un- behagen. Etwas berührte kitzelnd seine Hand. Eine Se- kunde lang glaubte er, ein Insekt habe sich dort niedergelassen, und er wischte es, ohne hin- zusehen, mit der anderen Hand fort. Er hatte die instinktive Bewegung kaum halb beendet, als ihm bewußt wurde, was er da tat, und er, hielt inne. Er kam sich idiotisch vor. Schließ- lich hatte man noch nie ein Insekt auf Rama entdeckt … Er hob die Hand vor die Augen und unter- suchte sie. Er war verwirrt, weil das kitzeln- de Gefühl noch immer anhielt. Dann bemerkte er, daß jedes einzelne Härchen sich senkrecht aufgestellt hatte. Den ganzen Unterarm hinauf sah er das gleiche – und als er prüfend mit der Hand über den Kopf strich, machte er dort die- selbe Entdeckung. Das war also das Problem. Er befand sich in- nerhalb eines fürchterlich starken elektrischen Feldes, und dieses Gefühl der Schwere und Be- drückung war das gewesen, das manchmal auf der Erde einem Gewitter vorangeht. Die plötzliche Erkenntnis seiner gefährlichen Lage versetzte Jimmy in beinahe panische Angst. Nie zuvor in seinem ganzen Leben hatte er sich in echter körperlicher Gefahr befunden. Wie alle Astronauten hatte er bedrückende Au- genblicke mit schwerbeweglicher Ausrüstung erlebt, hatte erlebt, daß er sich aufgrund von Fehleinschätzungen oder Unerfahrenheit in ei- ner gefährlichen Lage geglaubt hatte. Aber in keinem Fall hatten diese Episoden länger als ein paar Minuten gedauert. Meistens war er so- gar fähig gewesen, sofort darüber zu lachen., Diesmal gab es offenbar kein rasches Entrin- nen. Er fühlte sich allein und verlassen mitten in einem plötzlich feindselig gewordenen Him- mel, umringt von titanischen Kräften, die je- den Moment ihre Wut entfesseln konnten. Und seine Libelle – die ja ohnehin schon zerbrech- lich genug war – kam ihm nun noch unstoffli- cher vor als Spinnwebfäden. Der erste Stoß des sich zusammenbrauenden Sturms würde sie in winzige Fetzen zerreißen. »Kontrolle Nabe«, meldete er sich beunru- higt. »Um mich herum baut sich eine statische Ladung auf. Ich fürchte, es kann jeden Moment ein Gewitter losbrechen.« Er hatte es kaum gesagt, als hinter ihm ein Lichtblitz aufzuckte. Als er bis zehn gezählt hatte, kam der erste knatternde Donner. Drei Kilometer – also damit war das hinten oder un- ten rund um die Kleinen Hörner. Er blickte zu- rück und sah, daß jede der sechs Nadeln zu flammen schien. Elektrische Strahlenbüschel von hundert Metern Länge tanzten über den Spitzen, als wären sie riesige Blitzableiter. Und was da hinten passierte, konnte ja auch in viel größerem Ausmaß an der steilen Spitze des Großen Horns geschehen. Das Beste, was er tun konnte, war wohl zu versuchen, so weit wie möglich von diesem gefährlichen Gebil-, de fortzukommen und die freie Luft zu errei- chen. Er begann erneut in die Pedale zu tre- ten. Er beschleunigte, so rasch er konnte, ohne die Libelle einer allzu großen Belastung aus- zusetzen. Gleichzeitig verringerte er die Höhe; selbst auf die Gefahr hin, daß er damit in ei- nen Bereich höherer Schwerkraft eintrat, war er nun bereit, ein derartiges Risiko einzuge- hen. Acht Kilometer waren viel zu weit vom Boden entfernt, als daß er sich ruhig hätte füh- len können. Die unheimliche schwarze Spitze des Gro- ßen Horns war noch immer frei von sichtbaren Entladungen, aber Jimmy zweifelte nicht dar- an, daß sich dort oben ein furchtbares Kraft- feld aufbaute. Ab und zu grollte hinter ihm noch der Donner und rollte widerhallend wei- ter rund um die Welt. Plötzlich fiel Jimmy ein, wie merkwürdig es doch sei, daß ein derarti- ger Sturm bei völlig klarem Himmel auftrat. Dann wurde ihm klar, daß es sich ja über- haupt nicht um ein meteorologisches Phäno- men handle. Tatsächlich konnte es ja einfach eine unbedeutende Energiestreuung von einer tief in der Südkappe Ramas versteckten Quel- le sein. Aber warum ausgerechnet jetzt? Aber was noch wichtiger war, was würde als näch- stes geschehen?, Er befand sich nun weit über der Spitze des Großen Horns und hoffte, bald außerhalb der Streuweite irgendwelcher blitzartiger Entla- dungen zu sein. Doch jetzt tauchte ein neues Problem auf: die Luftturbulenzen nahmen zu, es fiel ihm immer schwerer, die Libelle unter Kontrolle zu halten. Ein Wind schien aus dem Nichts entstanden zu sein, und wenn die Flug- bedingungen sich stark verschlechterten, war das zerbrechliche Rahmenwerk seines Luftra- des ernstlich in Gefahr. Er trampelte verbis- sen weiter und versuchte, das Leitwerkschüt- teln durch Anpassung der Antriebsstärke und Gewichtsverlagerung seines Körpers auszuglei- chen. Da die Libelle ja praktisch wie sein ver- größerter Körper war, hatte er damit bis zu ei- nem gewissen Grad Erfolg; aber die schwachen Protestgeräusche, die vom Haupt-Tragholm zu ihm drangen, gefielen ihm gar nicht, ebenso- wenig wie die Tatsache, daß die Flügel sich bei jedem Windstoß verbogen. Und noch etwas beunruhigte ihn: ein schwa- ches sausendes Geräusch, das allmählich stär- ker wurde und aus der Richtung des Großen Horns zu kommen schien. Es klang, als strö- me Gas unter hohem Druck aus einem Ventil. Jimmy überlegte, ob das eventuell irgendwie mit den Turbulenzen zusammenhing, mit de-, nen er zu kämpfen hatte. Was immer auch die Ursache sein mochte, er hatte jetzt noch mehr Grund zur Beunruhigung. In Abständen berichtete er – knapp und ziemlich außer Atem – über diese Phänomene an die Nabenkontrolle. Dort konnte ihm zwar bestimmt keiner Anweisungen geben oder etwa Hinweise darauf, was möglicherweise weiter- hin passieren würde, aber es war doch beru- higend, die Stimmen seiner Freunde zu hören, selbst wenn sich allmählich die Furcht in Jim- my festsetzte, daß er sie nie wiedersehen wür- de. Die Turbulenzen nahmen immer noch zu. Er hatte beinahe den Eindruck, als trete er in ei- nen Düsenstrom ein. Einmal hatte er das ge- tan, als er einen Rekord brechen wollte. Er war damals auf der Erde mit einem Hochflugglei- ter aufgestiegen. Doch was, zum Teufel, konnte denn innerhalb Ramas einen Düsenstrom be- wirken? Das war die richtige Frage, die er sich da ge- stellt hatte, denn sobald er sie in Worte gefaßt hatte, wußte er auch die Antwort. Das Geräusch, das er gehört hatte, kam von dem elektrischen Wind, der die hochgradi- ge Ionisierung forttrug, die sich rings um das Große Horn aufbauen mußte. Geladene Luft, strömte von dort längs der Achse Ramas nach außen, und weitere Luft strömte in das Nieder- druckgebiet dahinter. Er blickte auf diese riesi- ge und nun doppelt bedrohliche Nadel zurück und versuchte die Begrenzung der steifen Bri- se auszumachen, die von ihr ausging. Wahr- scheinlich war es taktisch am besten, wenn er nach Gehör flog und sich so weit wie möglich von diesem unheimlichen Zischen und Fau- chen entfernte. Rama nahm ihm die Wahl ab. Hinter ihm brach ein flammender Flächenblitz auf und füllte den ganzen Himmel. Er hatte gerade noch Zeit zu sehen, wie er sich zu sechs Feuer- bändern aufspaltete, die vom Großen Horn zu den sechs kleineren Hörnern reichten. Dann packte ihn die Explosion. *, 28. KAPITEL

IKARUS

Jimmy Pak hatte gerade noch Zeit durchzuge- ben: »Flügel knicken – ich stürze gleich ab – ich stürze ab!«, als sich die Libelle auch schon gra- ziös um ihn zusammenfaltete. Die linke Trag- fläche brach sauber in der Mitte auseinander, der äußere Teil trieb davon wie ein sanft schwe- bendes Blatt. Die rechte Tragfläche machte das Ganze ein wenig umständlicher. Sie drehte sich an der Verankerung herum, und zwar so schräg, daß ihre Spitze sich in das Heck verwickelte. Jimmy hatte das Gefühl, auf einem zerbroche- nen Drachen zu sitzen, der langsam vom Him- mel fiel. Aber noch war er nicht völlig hilflos; die Luftschraube funktionierte noch, und solange er einen Antrieb besaß, verfügte er noch im- mer über eine begrenzte Kontrolle und Steue- rung. Bestand die geringste Hoffnung, daß er die See erreichen konnte? Nein – sie war viel zu weit entfernt. Dann fiel ihm ein, daß er immer noch in Erdbegriffen dachte; obwohl er ein gu- ter Schwimmer war, würde es doch Stunden dauern, ehe man ihn retten könnte, und inzwi- schen hätte ihn das giftige Wasser längst umge-, bracht. Seine einzige Hoffnung war eine Lan- dung auf festem Boden. An das Problem des Steilkliffs der Südküste würde er später den- ken – falls es überhaupt ein ›Später‹ gab. Er sank sehr langsam in diese Zone von ei- nem Zehntel G, aber bald würde sein Sturz schneller werden, je weiter er sich von der Achse entfernte. Der Luftsog würde allerdings die Sache komplizieren und verhindern, daß er eine zu hohe Fallgeschwindigkeit erreichte. Die Libelle würde auch als hilfloses Fahrzeug wie ein primitiver Fallschirm wirken. Die paar Kilopond an Kraft, die er noch aufzubringen fähig war, konnten über Leben oder Tod ent- scheiden. Darin lag seine einzige Hoffnung. Der Sender an der Nabe hatte aufgehört zu sprechen; seine Freunde konnten ganz genau verfolgen, was mit ihm passierte, und wußten, daß Reden ihm in keiner Weise helfen konnte. Jimmy führte in diesen Sekunden die schwie- rigsten und geschicktesten Flugmanöver seines Lebens durch. Es ist doch ein verfluchter Mist, sagte er sich mit einem verkniffenen Grinsen, daß es so wenige Zuschauer sind und daß sie überhaupt nicht in der Lage sind, die raffinierte- ren Einzelheiten meiner Leistung zu schätzen. Er stieg in einer weitgespannten Spirale ab; solange ihr Neigungswinkel ziemlich flach, blieb, waren seine Oberlebenschancen relativ gut. Sein Pedaltreten trug dazu bei, die Libel- le in der Luft zu halten, allerdings scheute er sich davor, mit Höchstkraft zu strampeln, da- mit die zerbrochenen Tragflächen nicht völ- lig abfielen. Und jedesmal wenn er südwärts wendete, hatte er Gelegenheit, das fantastische Schauspiel zu bewundern, das Rama freundli- cherweise für ihn arrangiert hatte. Die Lichtströme liefen immer noch wie spie- lerisch von der Spitze des Großen Horns zu den kleineren Gipfeln unter ihm, doch jetzt rotierte das ganze Muster. Die sechszackige Feuerkrone bewegte sich in entgegengesetzter Richtung zu der Rotation Ramas. Sie brauch- te jeweils ein paar Sekunden für einen Umlauf. Jimmy hatte den Eindruck, der Arbeit eines gi- gantischen Elektromotors zuzusehen. Und wahrscheinlich war das noch nicht ein- mal so falsch. Er hatte die Hälfte des Weges bis zur Ebe- ne hinab erreicht und kreiste immer noch in flachen Spiralen weiter, als das Feuerwerk plötzlich abbrach. Er konnte fühlen, wie die Spannung im Himmel abnahm, und wußte, ohne hinsehen zu müssen, daß die Härchen auf seinen Armen nicht länger senkrecht emporstanden. Nun gab es nichts mehr, das, ihn behindern oder ablenken konnte, wäh- rend er die letzten paar Minuten um sein Le- ben kämpfte. Jetzt, da er sicher war, wo in etwa er landen mußte, begann er das Gebiet sehr intensiv zu studieren. Zum Großteil setzte sich diese Re- gion aus schachbrettartigen Flächen von völ- lig widersprüchlichen Mustern zusammen, als habe man einem wahnsinnigen Landschaftsar- chitekten plein pouvoir gegeben und ihm auf- getragen, seiner Fantasie völlig freien Lauf zu lassen. Die Quadrate des Schachbretts hat- ten eine Seitenlänge von fast einem Kilome- ter, und obgleich die meisten flach wirkten, konnte Jimmy nicht sicher sagen, ob es sich um festen Boden handelte, da ihre Farben und Oberflächen sich so stark voneinander unter- schieden. Er beschloß, bis zum letztmöglichen Augenblick abzuwarten. Falls ihm dann über- haupt noch eine Wahl blieb. Als er nur noch ein paar hundert Meter un- ter sich hatte, rief er zum letztenmal die Nabe an. »Ich kann immer noch ein bißchen steuern. In einer halben Minute bin ich unten. Rufe dann wieder.« Das war reiner Optimismus, sie wußten es alle. Aber er weigerte sich, adieu zu sagen; er, wollte, daß seine Kameraden wüßten, daß er kämpfend – und ohne Furcht – gefallen war. Tatsächlich verspürte er sehr wenig Furcht, und eigentlich überraschte ihn das selbst, denn er hatte sich nie für einen außergewöhnlich tapferen Mann gehalten. Fast kam es ihm so vor, als schaue er den verzweifelten Bemühun- gen eines ihm völlig Fremden zu und als sei er persönlich von der Sache überhaupt nicht be- troffen. Es war eher so, als untersuche er ein interessantes aerodynamisches Problem und verändere diverse mathematische Größen, um festzustellen, was passieren würde. Fast das einzige Gefühl in ihm war ein vages Bedauern über verpaßte Gelegenheiten – deren weitaus wichtigste die nächste Lunar-Olympiade war. Immerhin, eine Zukunftshoffnung war end- gültig zunichte: die Libelle würde niemals ihre Volten auf dem Mond präsentieren. Einige hundert Meter noch. Die Landungs- geschwindigkeit schien erträglich, aber wie schnell fiel er eigentlich? Und hier hatte er wirklich ein bißchen Glück: das Terrain war vollkommen flach. Er würde seine ganze Kraft für eine letzte gewaltige Anstrengung zusam- menraffen, und zwar – JETZT: Der rechte Flügel riß am Rumpf ab, jetzt, da er seinen Zweck erfüllt hatte. Die Libelle be-, gann zu trudeln, Jimmy versuchte auszuglei- chen, indem er seinen Körper in die entgegen- gesetzte Richtung zur Drehung warf. Er blickte direkt auf ein sechzehn Kilometer entferntes Rundpanorama von Landschaft, als er aufprall- te. Irgendwie erschien es ihm äußerst unfair und auch ganz unsinnig, daß der Himmel so hart sein sollte. *, 29. KAPITEL

DER ERSTE KONTAKT

Al Jimmy Pak das Bewußtsein wiedererlang- te, war sein erster Eindruck ein schneidender Kopfschmerz. Fast war er froh darüber, denn das bewies doch wenigstens, daß er noch am Leben war. Dann versuchte er sich zu bewegen, und so- fort machten sich die verschiedensten Schmer- zen bemerkbar. Doch soweit er feststellen konnte, schien nichts gebrochen zu sein. Danach wagte er, die Augen zu öffnen, schloß sie aber sofort wieder, als er merkte, daß er di- rekt in einen Lichtstrahl längs der Decke der Welt schaute. Als Medizin gegen Kopfschmer- zen war dieser Anblick nicht gerade zu emp- fehlen. Er lag noch immer so da, versuchte seine Kräfte zu sammeln und überlegte sich, wann er wohl ohne Gefahr die Augen öffnen könn- te, als er plötzlich ganz in seiner Nähe ein kra- chendes Geräusch hörte. Er wendete den Kopf ganz langsam in Richtung dieses Lautes, ris- kierte einen Blick – und verlor beinahe erneut das Bewußtsein. Knapp fünf Meter entfernt verspeiste ein of- fensichtlich krebsähnliches Geschöpf das Wrack, seiner armen Libelle. Als Jimmy sich gefaßt hat- te, rollte er sich langsam und ruhig von dem Ungeheuer fort. Er rechnete jeden Augenblick damit, daß ihn diese Scheren packen würden, wenn das Biest entdeckte, daß es da was Besse- res zu fressen gab. Das Ding nahm jedoch nicht die geringste Notiz von ihm, und so stemmte sich Jimmy hoch zum Sitzen, nachdem er den Abstand zwischen sich und dem Biest auf zehn Meter erweitert hatte. Aus dieser etwas größeren Entfernung wirk- te das Ding nicht mehr ganz so erschreckend. Es hatte einen flachen niederen Leib von etwa zwei Metern Länge und einem Meter Breite, der auf sechs Beinen mit dreigliedrigen Ge- lenken ruhte. Jimmy merkte, daß es ein Irrtum war zu glauben, das Ding fräße seine Libel- le auf; er konnte effektiv keine Spur von einer Mundöffnung feststellen. Das Geschöpf war im Augenblick dabei, säuberliche Zerstörungsar- beit zu leisten. Es setzte seine scherenähnli- chen Klauen ein und zerschnitt das Luftrad in kleine Stücke. Eine ganze Reihe von Manipu- latoren, die auf unheimliche Weise an winzi- ge menschliche Hände erinnerten, sammelten dann die Bruchstücke zu einem beständig grö- ßer werdenden Haufen auf dem Rücken des Dings., Aber war das wirklich ein Tier? Obgleich dies Jimmys erster Eindruck gewesen war, dachte er nun anders darüber. Das Ding legte ein Ver- halten an den Tag, das auf eine ziemlich hohe Intelligenz schließen ließ; und Jimmy konnte sich nicht erklären, warum ein reines Instinkt- wesen die Trümmer seines Luftrades sorgfäl- tig zusammenklauben sollte – es sei denn, es sammle Material für ein Nest. Jimmy behielt das krebsähnliche Gebilde vorsichtig im Auge, während er auf die Füße zu kommen versuchte, doch das Ding schien ihn überhaupt nicht zu beachten. Ein paar schwankende Schritte bewiesen ihm, daß er noch gehen konnte, allerdings war er nicht sicher, ob er es notfalls mit diesen sechs Bei- nen aufnehmen könnte. Dann knipste er sein Funkgerät an, ohne den geringsten Zweifel, daß es noch funktionieren würde. Ein Auf- prall, den er überleben konnte, würde von seiner exzellenten Solid-State-Elektronik wahrscheinlich nicht einmal bemerkt wor- den sein. »Nabenkontrolle«, sagte er leise. »Könnt ihr mich hören?« »Gott sei Dank! Sind Sie okay?« »Ja, nur ein bißchen angeschlagen. Schaut euch mal das da an.«, Er richtete seine Kamera auf den Krebs, gera- de noch rechtzeitig, um die endgültige Zerstö- rung des Flügels der Libelle aufzuzeichnen. »Was, zum Teufel, ist das denn – und warum verspeist es Ihr Flugrad?« »Wüßte ich auch gern. Mit der Libelle ist es jetzt fertig. Ich mach mich jetzt aus dem Staub, falls es die Absicht hat, sich an mich ranzuma- chen.« Jimmy zog sich langsam zurück, wobei er den Krebs nicht aus den Augen ließ. Das Ding bewegte sich nun in immer größer werdenden Kreisen, offenbar auf der Suche nach Bruch- stücken, die es zuvor vielleicht übersehen hät- te, und so gelang Jimmy zum erstenmal, das Geschöpf als Ganzes zu betrachten. Nun, da er den ersten Schrecken überwun- den hatte, fand er, daß es eigentlich ein recht hübsches Tierchen war. Die Bezeichnung Krebs, die er ihm automatisch gegeben hatte, war wohl ein wenig irreführend: wenn es nicht so unglaublich groß gewesen wäre, hätte er es wohl als Käfer bezeichnet. Sein Rückenpanzer hatte einen schönen metallischen Schimmer; tatsächlich hätte er schwören können, daß es Metall war. Das war ein interessanter Gedanke. Konn- te es ein Roboter sein, also kein Tier? Er starr-, te nachdenklich den Krebs an und versuchte alle Einzelheiten seiner Anatomie zu analysie- ren. Wo die Mundöffnung hätte sein müssen, befand sich eine Reihe von Manipulatoren, die Jimmy stark an die Vielzweckmesser, das Ent- zücken aller richtigen Jungs, erinnerten; da gab es Kneifzangen, Ahlen, Feilen und sogar so eine Art Bohrer. Doch in keinem Fall konn- te er daraus ableiten, was dieses Ding war. Auf der Erde hatte die Welt der Insekten alle diese Werkzeuge und viele mehr entwickelt. Die Fra- ge, ob Tier oder Roboter, blieb unentschieden. Die Augen, anhand derer er das Problem hätte klären können, machten die Sache nur noch komplizierter. Sie lagen so tief hinter Schutzkappen zurückgezogen, daß man un- möglich sagen konnte, ob ihre Linsen aus Kri- stall oder Gallerte bestanden. Sie waren völ- lig ausdruckslos und von einem erstaunlich dunklen Blau. Obwohl sich diese Augen meh- rere Male auf Jimmy gerichtet hatten, war in ihnen kein einziges Mal auch nur das gering- ste Interesse aufgeflackert. Nach Jimmys wohl etwas voreingenommener Meinung entschied dies über die Intelligenz des Geschöpfes. Ein Wesen – ob Roboter oder Tier –, das einen Menschen ignorierte, konnte nicht besonders intelligent sein., Es hatte jetzt seine Kreisbewegungen einge- stellt und blieb einige Sekunden lang still ste- hen, als lausche es auf irgendeine unhörbare Nachricht. Dann machte es sich in einer selt- samen rollenden Gangart in Richtung auf die See davon. Es bewegte sich mit etwa vier bis fünf Stundenkilometern auf einer völlig gera- den Strecke dahin und war bereits einige hun- dert Meter weit entfernt, als es dem immer noch leicht verwirrten Gehirn Jimmys klar- wurde, daß da die letzten traurigen Überreste seiner geliebten Libelle von ihm fortgeschleppt wurden. Zornig und empört machte er sich an die Verfolgung. Sein Verhalten war nicht völlig unlogisch. Der Krebs bewegte sich in Richtung See – und wenn es für Jimmy überhaupt eine Rettung gab, dann nur in dieser Richtung. Außerdem wollte er herausfinden, was das Geschöpf mit seiner Beute anfangen würde; das müßte we- nigstens eine gewisse Aufklärung über seine Motive und seine Intelligenz bringen. Da er noch immer unter den Prellungen sei- nes Sturzes litt und noch ziemlich steif war, dauerte es ein paar Minuten, bis Jimmy den zielbewußt vorwärtsrollenden Krebs eingeholt hatte. Dann folgte er ihm in respektvollem Ab- stand, bis er sicher sein konnte, daß das Ding, nichts gegen seine Anwesenheit einzuwenden hatte. Erst da bemerkte er, daß seine Wasser- flasche und die Notration mitten in den Trüm- mern der Libelle lagen, und empfand sofort Hunger und Durst. Dort vor ihm huschte mit gleichmäßigen fünf Stundenkilometern seine einzige Nahrung und das einzige Trinkwasser fort, das es in dieser Hälfte der Welt gab. Wie hoch auch das Risiko sein mochte, er mußte die Notration zurückbe- kommen. Er holte den Krebs vorsichtig ein, wobei er sich genau in seinem Rücken hielt. Während sie vorwärtskamen, beobachtete er genau den komplizierten Rhythmus der Beine des Tieres, bis er genau wußte, wo sie im nächsten Mo- ment sein würden. Als er soweit war, murmel- te er ein kurzes »Sie entschuldigen doch?« und packte sein Eigentum. Jimmy hätte es sich nie- mals träumen lassen, daß er eines Tages seine Fingerfertigkeit als Taschendieb unter Beweis stellen müßte, aber jetzt war er doch recht froh über seinen Erfolg. Er war in Sekundenbruch- teilen wieder in Sicherheit, und der Krebs ver- langsamte sein ständiges Vorwärtsrollen kei- nen Augenblick lang. Jimmy fiel ein paar Meter zurück, befeuchte- te sich die Lippen mit dem Wasser aus der Feld-, flasche und begann an einem Riegel Fleisch- konzentrat zu kauen. Sein kleiner Sieg machte ihn gleich viel zuversichtlicher; jetzt konnte er es sogar wagen, sich Gedanken über seine dü- steren Zukunftsaussichten zu machen. Wo Leben ist, ist Hoffnung. Aber er konnte sich einfach nicht vorstellen, wie man ihn ret- ten sollte. Selbst wenn seine Kameraden das Meer überqueren würden, wie sollte er zu ih- nen gelangen, wenn sie einen halben Kilome- ter unter ihm waren? »Wir werden einen Weg runter finden, irgendwie!« hatte ihm die Kon- trollstation an der Nabe versprochen. »Dieses Kliff kann nicht um die ganze Welt herumlau- fen, ohne daß irgendwo eine Unterbrechung ist.« Er war versucht gewesen zu antworten: »Wieso eigentlich nicht?«, aber er hatte es dann doch lieber bleiben lassen. Es war eine der besonderen Merkwürdig- keiten, daß man beim Marschieren auf Rama stets sah, in welche Richtung man ging. Hier versteckte die Krümmung der Welt nicht, was vor einem lag, sie enthüllte es. Seit einiger Zeit war es Jimmy bereits klargeworden, wohin der Krebs wollte. Dort vor ihnen, auf dem Ge- biet, das sich vor ihm zu erheben schien, war eine breite Grube von etwa einem halben Ki- lometer Durchmesser. Es war eine von dreien, auf dem Südkontinent, und man hatte von der Nabe aus nicht feststellen können, wie tief sie waren. Man hatte sie nach berühmten Mond- kratern benannt. Er näherte sich nun dem Kra- ter Kopernikus. Der Name paßte nicht so recht, denn hier gab es keine Hügel ringsum und kei- ne Bergspitzen in der Mitte. Dieser Kopernikus war nur ein tiefer Schacht oder Brunnen mit vollkommen senkrechten Wänden. Als Jimmy nahe genug war, um einen Blick in den Schacht zu werfen, sah er mindestens einen halben Kilometer tiefer einen Teich mit übel aussehendem bleigrünem Wasser. Das mußte etwa der gleiche Wasserstand sein wie der in der See, und Jimmy fragte sich, ob beide Gewässer wohl miteinander verbunden waren. Das Innere hinab zog sich eine spiralförmige Rampe, die völlig in der Wand verschwand, so daß fast der Eindruck von Zügen in einem rie- sigen Flintenlauf entstand. Die Spiralen schie- nen bemerkenswert zahlreich zu sein. Und erst als Jimmy ihnen mehrere Umläufe lang gefolgt war, wobei er sich immer häufiger verzähl- te, bemerkte er, daß da nicht eine Rampe, son- dern drei hinabführten, die voneinander völlig unabhängig und im Winkel von 120 Grad zu- einander angeordnet waren. In jeder anderen Umgebung als der Ramas wäre diese ganze An-, ordnung als beeindruckende architektonische tour de force erschienen. Die drei Rampen führten geradewegs zu dem Tümpel hinunter und verschwanden unter sei- ner undurchsichtigen Oberfläche. Etwas über der Wasserlinie konnte Jimmy mehrere dunk- le Tunneleingänge oder Höhlen entdecken; sie wirkten ziemlich unheimlich, und er frag- te sich, ob sie vielleicht bewohnt sein könnten. Vielleicht waren die Ramaner Amphibien … Als der Krebs den Rand des Brunnens er- reichte, glaubte Jimmy bestimmt, er werde eine der Rampen hinunterklettern – vielleicht, um die Wrackteile der Libelle irgendeinem We- sen vorzulegen, das sie bewerten konnte. Statt dessen ging die Kreatur genau bis zum Rand, schob fast die Hälfte ihres Körpers ohne das geringste Zögern über den Abgrund hinaus, obwohl ein paar Zentimeter mehr katastrophal gewesen wären, und schüttelte sich kurz. Die Bruchstücke der Libelle flatterten in die Tie- fe hinab; während sie vor seinen Blicken ver- schwanden, traten Jimmy Tränen in die Au- gen. Das ist jetzt die ganze Intelligenz dieses Geschöpfs, dachte er. Nachdem sie den Müll beseitigt hatte, wen- dete sich die Krebskrabbe um und begann auf Jimmy aus nur zehn Meter Entfernung zuzu-, laufen. Steht mir jetzt die gleiche Behandlung bevor? fragte er sich. Er hoffte nur, daß er die Kamera nicht verwackelte, während er der Na- benkontrolle das rasch herankrabbelnde Unge- heuer zeigte. »Was schlagt ihr vor?« flüsterte er hastig und ohne große Hoffnung, daß er eine brauchbare Antwort erhalten werde. Ein win- ziger Trost für ihn war allerdings das Bewußt- sein, daß er hier und jetzt Geschichte machte, und seine Gedanken durcheilten blitzschnell die für eine solche Begegnung vorgesehenen Verhaltensmuster. Bis zu diesem Augenblick war all das reine Theorie gewesen. Er würde der erste Mensch sein, der sie in der Praxis ausprobierte. »Laufen Sie nicht davon, bevor Sie nicht si- cher sind, daß das Ding wirklich feindselig ist«, flüsterte die Nabenkontrolle zu ihm zu- rück. Davonlaufen? Wohin? fragte sich Jim- my. Er glaubte zwar, daß er das Ding in einem Hundertmetersprint hinter sich lassen konnte, aber er war sich auch verdammt klar darüber, daß es ihn ohne Zweifel auf lange Sicht unter- kriegen würde. Langsam hob Jimmy seine ausgestreckten Hände. Seit zweihundert Jahren hatte sich die Menschheit mit dieser Geste herumgeplagt und -gestritten: würde jedes Geschöpf im gan-, zen Universum sie als ›Schau – keine Waffen!‹ interpretieren? Aber es war keinem etwas Bes- seres eingefallen. Der Krebs zeigte weder eine Reaktion, noch verlangsamte er sein Tempo. Er beachtete Jim- my überhaupt nicht, wanderte direkt neben ihm vorbei und eilte zielstrebig nach Süden. Er kam sich äußerst idiotisch vor, dieser erste Vertreter der Gattung Homo sapiens, als er zu- schaute, wie sein erster Kontakt, völlig unge- rührt von seiner Existenz, über die Rama-Ebe- ne entschwand. Selten in seinem Leben war Jimmy so gede- mütigt worden. Dann kam ihm sein Humor zu Hilfe. Alles in allem war es ja wirklich keine große Staatsangelegenheit, wenn ihn ein le- bendiges Müllauto nicht beachtete. Schlimmer wäre es gewesen, wenn es ihn als einen lang- vermißten Bruder begrüßt hätte … Er ging wieder zum Rand des Kopernikus zurück und starrte auf das undurchsichtige Wasser hinunter. Erst jetzt bemerkte er, daß sich unbestimmbare Gestalten – manche da- von wirkten ziemlich groß – langsam unter der Oberfläche hin- und herbewegten. Gerade steuerte eine davon die nächste Spiralrampe an, und dann begann etwas, das wie ein viel- beiniger Tank aussah, den langen Aufstieg. Bei, der Geschwindigkeit, die es anschlug, berech- nete Jimmy, würde es mindestens eine Stun- de brauchen, um heraufzukommen; wenn es also eine Bedrohung war, dann eine sehr lang- same. Dann nahm er eine viel raschere undeutli- che Bewegung nahe der höhlenartigen Ein- gänge über der Wasserlinie wahr. Irgend et- was glitt sehr schnell die Rampe entlang, aber er konnte es nicht genau erkennen, auch keine eindeutige Gestalt ausmachen. Es war, als blicke er auf einen kleinen Wirbelwind oder ›Staubteufel‹ etwa von der Größe eines Mannes … Er blinzelte und schüttelte den Kopf, dann hielt er die Augen ein paar Sekunden lang ge- schlossen. Als er sie wieder öffnete, war die Erscheinung verschwunden. Der Aufprall hatte ihn möglicherweise doch stärker durcheinandergeschüttelt, als er ge- glaubt hatte; dies war das erstemal gewesen, daß er unter visuellen Halluzinationen gelitten hatte. Er würde der Nabenkontrolle nichts da- von melden. Und er würde sich auch nicht die Mühe ma- chen, diese Rampen zu untersuchen, wie er sich das schon fast vorgenommen hatte. Das wäre eine ganz klare Energieverschwendung., Das wirbelnde Phantom, das zu sehen er sich bloß eingebildet hatte, spielte selbstverständ- lich bei seiner Entscheidung keine Rolle. Oberhaupt keine; denn Jimmy glaubte natür- lich nicht an Gespenster. *, 30. KAPITEL

DIE BLÜTE

Die Anstrengungen hatten Jimmy durstig ge- macht. Er wußte aber ganz genau, daß es in diesem Land kein Wasser gab, das Menschen trinken konnten. Mit dem Inhalt seiner Feld- flasche würde er vielleicht eine Woche lang überleben können – doch wozu? Auf der Erde würden sich bald die besten Gehirne auf sein Problem konzentrieren, und Commander Nor- ton würde zweifellos mit Vorschlägen bombar- diert werden. Er aber, Jimmy, er konnte sich nicht vorstellen, auf welche Weise er dieses Kliff von einem halben Kilometer Höhe hinun- tersteigen sollte. Auch wenn er ein langes Seil besessen hätte, es gab dort nichts, woran er es festmachen könnte. Trotzdem, es war dumm – und unmännlich, sich kampflos zu ergeben. Hilfe würde, wenn überhaupt, von der See kommen müssen, und während er auf sie zumarschierte, konnte er sehr gut auch weiterhin seine Arbeit erledi- gen, als wäre nichts geschehen. Kein anderer Mensch würde jemals wieder Gelegenheit ha- ben, die verschiedenartige Bodenstruktur zu beobachten und zu fotografieren, die er hinter sich bringen mußte; damit sicherte er sich eine, postume Unsterblichkeit. Und wenn er auch viele andere Ehrungen vorgezogen hätte, so war diese doch besser als gar keine. Er war nur drei Kilometer Luftlinie, wie sei- ne arme Libelle sie hätte fliegen können, von der See entfernt, doch schien es ihm jetzt ziemlich unwahrscheinlich, daß er in gerader Linie dorthin gelangen konnte; das vor ihm lie- gende Terrain mochte sich hier und da als ein zu großes Hindernis herausstellen. Allerdings standen ihm zahlreiche Routen zur Auswahl. Jimmy sah sie allesamt auf dieser großen ge- krümmten Landkarte vor sich ausgebreitet, die von ihm zu beiden Seiten emporragte. Er hatte reichlich Zeit; mit der interessante- sten Szenerie würde er beginnen, auch wenn ihn dies von der direkten Strecke wegführen sollte. Rechts von ihm, etwa einen Kilometer entfernt, lag ein Rechteck, das wie geschliffe- nes Glas blitzte – oder wie ein riesiges Tablett voller Juwelen. Möglicherweise war es dieser Gedanke, der Jimmys Schritte dahin lenkte. Selbst ein zum Tode Verurteilter durfte doch wohl angesichts ein paar tausend Quadratme- tern voller Edelsteine ein leichtes Interesse aufbringen. Er war jedoch nicht übermäßig enttäuscht, als es sich um Millionen von Quarzkristallen, in einem Sandbett handelte. Das nächstliegen- de Quadrat auf dem Schachbrett war da schon interessanter: es war von einem anscheinend zufälligen Muster von metallischen Hohlzy- lindern überzogen, die ziemlich dicht beiein- anderstanden und eine Höhe von knapp einem bis fünf Meter erreichten. Das Feld war völlig unpassierbar, nur ein Panzer hätte sich einen Pfad durch diesen Röhrenwald brechen kön- nen. Jimmy wanderte zwischen dem Kristall- und dem Säulenfeld bis zur ersten Kreuzung. Das Quadrat rechts war ein riesiger Teppich oder Gewebe aus verknüpften Drähten; er versuch- te einen Strang loszureißen, allerdings vergeb- lich. Links lag ein Mosaik aus sechseckigen Platten, die so glatt gelegt waren, daß zwi- schen ihnen keine Fugen sichtbar waren. Bei- nahe hätte es wie eine ungebrochene Fläche gewirkt, wenn die Platten nicht in allen Farben des Regenbogens geschimmert hätten. Jimmy versuchte viele Minuten lang zwei nebenein- anderliegende Platten von gleicher Färbung zu entdecken, um so vielleicht ihre Ränder fest- zustellen, doch fand er nicht ein einziges Bei- spiel. Während er einen langsamen Panorama- schwenk über die Kreuzung vornahm, jammer-, te er zur Nabenkontrolle: »Wofür haltet ihr das denn? Ich komme mir vor wie in einem riesi- gen Zusammensetzspiel gefangen. Oder ist das hier das Kunstmuseum von Rama?« »Wir sind genauso verwirrt wie Sie, Jimmy. Aber wir haben nirgendwo ein Anzeichen da- für entdeckt, daß die Ramaner sich was aus Kunst machen. Warten wir, bis wir noch ein paar Beispiele mehr haben, bevor wir voreilige Schlüsse ziehen.« Die zwei Beispiele, die er an der näch- sten Kreuzung fand, stellten keine große Hil- fe dar. Das eine Quadrat war vollkommen leer – ein neutrales Grau, hart, aber glitschig bei der Berührung. Das zweite war ein weicher Schwamm mit Milliarden winziger Löcher. Er trat prüfend mit dem Fuß dagegen, und die ganze Fläche begann unter ihm zu wogen wie kaum gefestigter Schwemmsand. Bei der nächsten Kreuzung stieß er auf etwas, das einem gepflügten Feld verblüffend ähnlich sah – nur daß hier die Furchen einheitlich ei- nen Meter tief waren und das Material, aus dem sie bestanden, wie eine Feile oder Raspel struk- turiert war. Doch Jimmy machte sich darüber nicht lange Gedanken, denn das danebenliegen- de Feld bereitete ihm mehr Kopfzerbrechen als alle, die er bisher gesehen hatte. Endlich war, er auf etwas gestoßen, das er begreifen konnte; und er fühlte sich mehr als beunruhigt. Das ganze Quadrat war von einem Zaun um- geben, und der wirkte so alltäglich, daß er kei- nen zweiten Blick darauf geworfen hätte, wenn er ihn auf der Erde gesehen hätte. Da standen Pfosten –augenscheinlich aus Metall – im Ab- stand von fünf Metern, und dazwischen waren sechs Drähte stramm gespannt. Hinter dieser Einzäunung lag eine zweite identische – und hinter dieser eine dritte. Wie- der ein Beispiel für die Übertriebenheit Ramas; was auch immer in diesem Pferch eingeschlos- sen sein mochte, es würde keine Möglichkeit haben auszubrechen. Es gab keinen Zugang – keine Gatter, die man öffnen könnte, um das Tier oder die Tiere hineinzutreiben, die hier allem Anschein nach gehalten wurden. Statt dessen lag im Mittelpunkt ein einziges Loch, in etwa eine verkleinerte Variante von Koper- nikus. Selbst unter anderen Umständen würde Jim- my wahrscheinlich nicht gezögert haben, aber jetzt hatte er ja ohnehin nichts mehr zu verlie- ren. Er überstieg rasch alle drei Zäune, ging zu dem Loch und blickte hinunter. Im Unterschied zu Kopernikus war dieser Schacht nur fünfzig Meter tief. Auf dem Grund, zeigten sich drei Tunnelöffnungen, groß genug, einen Elefanten durchzulassen. Und das war auch alles. Nachdem er eine Weile hinabgestarrt hatte, kam Jimmy zu dem Schluß, daß die ganze An- lage nur dann einen Sinn ergab, wenn es sich bei der Plattform dort unten um einen Lift han- delte. Doch was der beförderte, das würde er wohl kaum je erfahren; er konnte nur vermu- ten, daß es etwas ziemlich Großes, vielleicht Gefährliches sein mußte. In den nächsten Stunden wanderte er mehr als zehn Kilometer die Seeküste entlang. Die Schachbrettquadrate hatten vor seinen Augen bereits zu verschwimmen begonnen. Einige wa- ren dabei gewesen, die vollkommen von zeltar- tigen Gebilden aus Maschendraht bedeckt wa- ren, wie gewaltige Vogelbauer. Andere wirkten wie Teiche aus einer erstarrten Flüssigkeit vol- ler Wirbelmuster; wenn er sie jedoch vorsich- tig berührte, erwiesen sie sich als völlig fest. Und dann hatte es ein Quadrat gegeben, das absolut schwarz gewesen war, das er nicht ein- mal deutlich erkennen konnte; nur sein Tastge- fühl bewies ihm, daß da etwas war. Doch nun zeigte sich eine allmähliche Ver- änderung zu etwas, das er begreifen konnte. In Reihen hintereinander erstreckten sich süd-, wärts – nein, er konnte es nicht anders nennen – Felder. Es war, als marschiere er an einer Ver- suchsfarm auf der Erde vorbei; jedes Quadrat bildete eine Fläche sorgfältig geglätteter Erde – die erste, die ihm in den metallischen Land- schaften Ramas vorgekommen war. Die weiten Felder lagen jungfräulich, leb- los da und warteten auf Feldfrucht, die offen- bar niemals gepflanzt worden war. Jimmy frag- te sich, welchem Zweck sie dienen mochten, denn es schien unglaublich, daß so hochzivi- lisierte Geschöpfe wie die Ramaner irgendei- ne Form von Ackerbau betrieben haben soll- ten. Selbst auf der Erde war Agrikultur nichts weiter als ein populäres Hobby und zur Pro- duktion exotischer Luxusnahrungsmittel be- stimmt. Aber Jimmy hätte schwören können, daß es sich hier um potentielles, makellos vor- bereitetes Ackerland handelte. Nie hatte er so sauberen Boden gesehen; jedes Quadrat war von festem durchsichtigen Plastikmaterial be- deckt. Er versuchte eine Probe davon heraus- zuschneiden, aber sein Messer ritzte kaum die Oberfläche. Weiter landeinwärts lagen weitere Felder, und auf vielen sah er komplizierte Gebilde aus Stangen und Drähten, die allem Anschein nach dazu bestimmt waren, Kletterpflanzen zu, stützen. Sie sahen sehr kahl und verlassen aus – wie blattlose Bäume im tiefsten Winter. Und der Winter, den sie erlebt hatten, mußte wirk- lich lang und furchtbar gewesen sein, und die- se paar Wochen voll Licht und Wärme waren vielleicht nur ein kurzes Zwischenspiel, bis die Kälte wieder hereinbrach. Jimmy würde nie genau wissen, was ihn dazu veranlaßte, stehenzubleiben und sich das Metall-Labyrinth im Süden genauer anzuse- hen. Sein Gehirn mußte unbewußt jede Ein- zelheit seiner Umgebung überprüft haben: es hatte in dieser fantastisch fremdartigen Land- schaft etwas noch Anomaleres bemerkt. Mitten in einem Spalier von Stangen und Drähten, etwa zweihundertfünfzig Meter von ihm entfernt, strahlte ein einzelner Farbfleck. Er war so klein und unauffällig, fast an der Grenze des Sichtbaren; auf der Erde hätte kein Mensch zweimal hingeschaut. Doch zweifellos war einer der Gründe, warum Jimmy den Fleck jetzt bemerkt hatte, der, daß er ihn an die Erde erinnerte … Er berichtete der Nabenkontrolle erst, als er sicher war, daß ein Irrtum ausgeschlossen sei und er sich nicht von seinem Wunschdenken habe verleiten lassen. Erst als er nur noch ein paar Meter davon entfernt war, hatte er Gewiß-, heit: Leben, wie er es kannte, war in die steri- le aseptische Welt Ramas vorgedrungen. Denn am Rand des Südkontinents blühte in einsa- mer Pracht – eine Blume. Je näher er kam, desto klarer erkannte Jim- my, daß irgend etwas nicht stimmte. In dem Plastiküberzug, der wahrscheinlich diesen Mutterboden vor der Vergiftung durch uner- wünschte Lebensformen schützen sollte, war ein Loch. Durch diesen Riß wuchs eine grü- ne Ranke, etwa so dick wie ein Finger, in Win- dungen durch das Spalier herauf. Einen Meter über dem Boden brach die Ranke zu bläuli- chen Blättern auf, die mehr wie Federn als wie das Laub irgendeiner Jimmy bekannten Pflan- ze wirkten. Der Stamm endete in Augenhöhe in einer – wie Jimmy zunächst geglaubt hatte – einzelnen Blüte. Nun sah er und war wirklich nicht erstaunt, daß hier drei Blüten dicht zu- sammengepreßt standen. Die Blüten bestanden aus hell leuchtenden Tuben von etwa fünf Zentimetern Länge; jede Blüte hatte davon mindestens fünfzig, und sie schimmerten in so metallischem Blau, Violett und Grün, daß sie an Schmetterlingsflügel er- innerten. Jimmy hatte von Botanik fast über- haupt keine Ahnung, aber er war doch ver- wirrt darüber, daß er keine Spur irgendwelcher, Gebilde entdecken konnte, die Staubgefäßen oder Blütenblättern ähnelten. Er überlegte, ob die Ähnlichkeit mit irdischen Blumen reiner Zufall sein könne; vielleicht handelte es sich ja hier um etwas, das mehr mit einem Korallen- polypen zu tun hatte. In jedem Fall würde dies aber die Existenz kleiner fliegender Geschöp- fe implizieren, zur Befruchtung oder als Nah- rung. Es kam nicht wirklich darauf an. Wie die wissenschaftliche Bestimmung auch ausfallen mochte, für Jimmy war dies einfach eine Blu- me. Das bizarre Wunder, dieser unramanische Zufall der Existenz dieser Blume, gemahn- te ihn an alles, was er nie wieder sehen wür- de: und er war fest entschlossen, diese Blüte zu besitzen. Leicht würde das nicht werden. Die Pflanze stand mehr als zehn Meter von ihm entfernt, geschützt durch eine Lattenstruktur aus dün- nen Stäben. Sie bildeten ein würfelförmiges Muster von weniger als vierzig Zentimetern Seitenlänge, das sich andauernd wiederholte. Jimmy hätte kein Radflieger sein können, wäre er nicht schlank und drahtig gewesen, und er würde bestimmt durch die Zwischenräume des Gitters kriechen können. Doch der Rück- weg könnte sich als schwierig herausstellen; er, würde sich auf keinen Fall umwenden können, also mußte er rückwärts herauskriechen. Die Nabenkontrolle war entzückt über seine Entdeckung, als er die Blume beschrieben und aus jedem möglichen Winkel fotografiert hat- te. Sie hatten nichts einzuwenden, als er sag- te: »Ich gehe sie holen.« Er hatte auch gar nicht mit Einwänden gerechnet. Sein Leben gehörte jetzt ihm, und er konnte damit anfangen, was er wollte. Er legte sämtliche Kleidung ab, packte die glatten Metallstangen und begann sich durch das Rahmengeflecht hindurchzuwinden. Ein hartes Unterfangen. Er kam sich vor wie ein Häftling, der durch die Gitterstäbe seiner Zelle zu entkommen sucht. Als er ganz in dem Spa- lier drinsteckte, probierte er rückwärts wieder freizukommen, nur zur Probe, ob irgendwelche Probleme dabei auftauchten. Es erwies sich als außerordentlich schwierig, da er nun die aus- gestreckten Arme dazu benutzen mußte, sich zu schieben, statt sich vorwärts zu ziehen. Im- merhin deutete nichts darauf hin, daß er hilf- los in der Falle sitzen könnte. Jimmy war ein Mann der Tat und handelte impulsiv, er neigte nicht zum Analysieren sei- ner Motive. Während er sich mühevoll durch den schmalen Korridor von Stäben vorwärts, wand, verschwendete er keine Zeit auf die Fra- ge, warum er eine derartige Heldentat unter- nahm. Er hatte sich sein Leben lang nie für Blumen interessiert, aber jetzt setzte er seine letzten Kräfte ein, um eine zu pflücken. Sicher, dieses Exemplar war einzigartig und von ungeheurem Wert für die Wissenschaft. Aber er wollte sie eigentlich mehr aus dem Grund besitzen, weil sie sein letztes Band mit der lebendigen Welt und dem Planeten seiner Geburt darstellte. Doch als die Blume dann in Reichweite war, kamen ihm plötzlich Bedenken. Vielleicht war sie die einzige Blume in ganz Rama. Hatte er das Recht, sie zu pflücken? Falls es ihm auf einen Entschuldigungsgrund ankam, konnte er sich damit trösten, daß die Ramaner selbst sie ja nicht eingeplant hatten. Es handelte sich offensichtlich um einen Miß- wuchs, Äonen zu spät – oder zu früh. Doch er brauchte eigentlich gar keine Entschuldigung, und sein Zögern war nur momentan gewesen. Er griff nach vorn, packte den Stengel und riß kräftig daran. Die Blume brach ganz leicht ab; er sammelte noch zwei der Blätter ein, begann dann lang- sam rückwärts durch das Spalier zu kriechen. Da er jetzt bloß noch eine Hand frei hatte,, kam er nur unter Schwierigkeiten, ja Schmer- zen weiter, und er mußte bald einen Moment verschnaufen. In diesem Augenblick bemerkte er, daß die federartigen Blätter sich zu schlie- ßen begannen und der blütenlose Stengel sich langsam von seinen Stützen loswand. Mit ei- ner Mischung von Ergriffenheit und Bestür- zung sah er, wie die Pflanze sich gleichmäßig und ruhig in den Boden zurückzog wie eine tödlich verwundete Schlange, die in ihre Höh- le zurückkriecht. Ich habe etwas Schönes gemordet, sagte Jim- my zu sich selbst. Aber andererseits war ja Rama an seinem Tod schuld. Er hatte sich nur geholt, was ihm rechtens zustand. *, 31. KAPITEL

ENDGESCHWINDIGKEIT

Commander Norton hatte bisher noch keinen Mann seiner Besatzung verloren, und er ge- dachte dies auch diesmal nicht zu tun. Schon vor Jimmys Aufbruch zum Südpol hatte Nor- ton über Rettungsmöglichkeiten für den Fall ei- nes Unglücks nachgedacht; das Problem war allerdings dermaßen schwierig, daß er kei- ne Lösung gefunden hatte. Es war ihm nur ge- lungen, alle offensichtlichen Lösungen auszu- klammern. Wie erklettert man eine fünfhundert Meter hohe senkrechte Steilwand – selbst bei ver- ringerter Schwerkraft? Mit der richtigen Aus- rüstung – und mit entsprechendem Training – würde das leicht genug fallen. Aber auf der Endeavour gab es keine Bolzengewehre, und keiner fand eine andere praktische Methode, wie man die Hunderte von nötigen Haken in die harte spiegelglatte Fläche hätte treiben sol- len. Norton hatte sich kurz mit ausgefalleneren Lösungen beschäftigt, von denen manche aus- gesprochen verrückt waren. So zum Beispiel: Wenn ein Simp mit Saugnäpfen den Aufstieg machen würde … Doch selbst wenn dieser, Plan durchführbar wäre, wie lange würde es dauern, eine derartige Ausrüstung herzustel- len und zu erproben – und einem Simp beizu- bringen, wie man sie benutzt? Und er zweifelte daran, daß ein Mensch die erforderliche Kraft für eine solche Heldentat aufbrächte. Dann wendete er sich der fortschrittlicheren Technik zu. Die Triebsätze der EVA wirkten verführerisch, doch ihr Schub war zu gering, sie waren für Operationen unter Null-Schwer- kraft gebaut. Sie konnten keinesfalls das Ge- wicht eines Mannes heben, selbst unter der be- scheidenen Schwerkraft von Rama. Oder konnte man einen EVA-Treibsatz mit automatischer Steuerung und einer Rettungs- leine hochschicken? Norton hatte diese Idee an Sergeant Myron ausprobiert, der sie prompt und hitzig abgeschossen hatte. Es ergäben sich, erklärte der Ingenieur, schwerwiegende Stabili- tätsprobleme; sie könnten gelöst werden, doch das würde lange dauern – viel länger, als sie sich leisten könnten. Und Ballons? Hier schien sich eine vage Möglichkeit abzuzeichnen, falls es ihnen ge- lang, eine Hülle zu konstruieren und eine aus- reichend kompakte Hitzequelle. Diese Metho- de hatte Norton als einzige nicht abgelehnt, als das Problem plötzlich nicht mehr bloße Theo-, rie war, sondern sich zu einer Frage von Leben oder Tod, diskutiert in allen Nachrichtenmedi- en der bewohnten Welten, entwickelte. Während Jimmy sich auf seinem Treck längs der Küste befand, versuchte die Hälfte al- ler Sonderlinge und Wirrköpfe des Sonnensy- stems, ihn zu retten. Im Flottenhauptquartier wurden alle Vorschläge erwogen, und etwa je- der Tausendste wurde an die Endeavour weiter- geleitet. Der Vorschlag Dr. Carlisle Pereras kam gleich zweimal an: einmal über das Funknetz von SURVEY und einmal durch PLANETCOM; PRIO- RITÄT RAMA. Der Plan hatte den Wissenschaftler ungefähr fünf Minuten Nachdenken und eine Millisekunde Computerzeit gekostet. Zunächst hatte Commander Norton es für ei- nen äußerst geschmacklosen Scherz gehalten. Dann sah er den Namen des Absenders und die beigefügten Berechnungen und änderte schlag- artig seine Meinung. Er reichte Karl Mercer die Nachricht. »Was halten Sie davon?« fragte er, so beiläu- fig er konnte. Karl las rasch, dann sagte er: »Also, ver- dammt noch mal! Er hat natürlich recht.« »Sind Sie sicher?« »Er hat mit dem Orkan auch recht gehabt, oder? Wir hätten selbst auf das hier kom-, men müssen. Ich komme mir wie ein Trot- tel vor.« »Da sind Sie nicht der einzige. Aber das nächste Problem ist – wie sagen wir’s unserm Jimmy?« »Ich glaube, wir sollten es ihm gar nicht sagen … erst im allerletzten Moment. Ich würde es je- denfalls vorziehen, wenn ich an seiner Stelle wäre. Sagen Sie ihm einfach, wir ziehen los.« Er konnte zwar die ganze Weite der Zylindri- schen See überblicken, und er wußte auch un- gefähr, aus welcher Richtung das Rettungsfloß Resolution auftauchen würde, aber er entdeck- te das winzige Fahrzeug doch erst, als es be- reits New York hinter sich gelassen hatte. Jim- my konnte es fast nicht glauben, daß das Floß sechs Mann tragen sollte – und dazu noch, was immer sie an Ausrüstung zu seiner Ret- tung mitgeführt hatten. Als das Floß nur noch einen Kilometer weit weg war, erkannte er Commander Norton und begann zu winken. Kurz darauf hatte ihn auch der Käptn entdeckt und winkte zurück. »Freut mich, daß Sie in guter Verfassung sind, Jimmy«, funkte er. »Ich hatte doch ver- sprochen, daß wir Sie nicht allein hier hängen- lassen. Glauben Sie’s mir jetzt?«, Nicht so recht, dachte Jimmy. Bis zu diesem Augenblick hatte er sich noch gefragt, ob das Ganze nicht bloß ein freundschaftliches Kom- plott sei, um seine Moral ein wenig zu stützen. Doch der Kommandant hätte sicher nicht das Meer überquert, bloß um ihm adieu zu sagen; er mußte irgendwas ausgetüftelt haben. »Ich glaube Ihnen, Skipper«, sagte er, »wenn ich da unten bei euch an Deck bin. Wollen Sie mir jetzt sagen, wie ich es schaffen soll?« Die Resolution verlangsamte jetzt einige hun- dert Meter vom Fuß des Kliffs entfernt die Fahrt; soweit Jimmy sehen konnte, hatte sie keine außergewöhnlichen Geräte an Bord – al- lerdings wußte er nicht genau, womit er ge- rechnet hatte. »Tut uns leid, Jimmy, aber wir wollten nicht, daß Sie sich über zu viele Kleinigkeiten Ge- danken machen.« Also, das klang wirklich verdächtig; was zum Kuckuck sollte das heißen? Die Resolution lag nun fünfzig Meter von Land und fünfhundert Meter unter ihm still; Jimmy konnte den Kapitän beinahe aus der Vo- gelperspektive betrachten, während dieser in sein Mikrofon redete. »Die Sache ist so, Jimmy. Alles ist völlig si- cher, aber es gehören Nerven dazu. Und wir, wissen, daß Sie davon nicht zu knapp haben. Sie werden springen.« »Was? Fünfhundert Meter?!« »Ja, aber bei nur einem halben G.« »Na und? Sind Sie schon mal zweihundert- fünfzig Meter tief auf der Erde abgestürzt?« »Klappe! Oder ich streiche Ihren nächsten Urlaub. Sie hätten da ganz von selbst drauf- kommen müssen … Es ist einfach eine Frage der Endgeschwindigkeit. In dieser Atmosphäre können Sie gar nicht schneller fallen als neun- zig Kilometer pro Stunde – gleich, ob Sie zwei- hundert oder zweitausend Meter fallen. Neun- zig ist ein bißchen zu hoch, um angenehm zu sein, aber wir können da noch was wegneh- men. Hier ist, was Sie zu tun haben. Hören Sie also genau zu …« »Werde ich«, sagte Jimmy. »Und hoffentlich ist es was Vernünftiges.« Danach unterbrach er den Commander nicht mehr und lieferte auch keinen Kommentar, als Norton zu Ende gesprochen hatte. Ja, das war vernünftig, und es war so wahnsinnig einfach, daß es nur einem Genie einfallen konnte. Und vielleicht jemandem, der nicht damit rechnen mußte, es selbst durchzuführen … Jimmy hatte nie Turmspringen oder verzö- gerte Fallschirmabsprünge ausprobiert, was, ihn psychologisch ein wenig auf eine sol- che Bravourtat vorbereitet haben würde. Man konnte einem Menschen sagen, es sei voll- kommen sicher, auf einer Planke über einen Abgrund zu gehen – aber selbst wenn die Strukturberechnungen unanfechtbar waren, war es diesem Menschen vielleicht immer noch unmöglich, es zu tun. Jimmy begriff jetzt, warum der Commander so zurückhal- tend mit den Einzelheiten der Rettungsakti- on gewesen war. Man hatte ihm keine Zeit lassen wollen, zu brüten oder sich Einwände auszudenken. »Ich will Sie nicht drängeln«, klang die Stimme Nortons überredend einen halben Ki- lometer unter ihm. »Aber je früher, desto bes- ser.« Jimmy blickte auf sein kostbares Andenken: die einzige Blume in Rama. Er wickelte sie vor- sichtig in sein verschmiertes Taschentuch ein, knotete die Enden zusammen und warf es über den Klippenrand hinab. Es flatterte mit beruhigender Langsamkeit hinunter, doch es brauchte auch sehr lange, wurde kleiner und kleiner und kleiner, bis er es nicht mehr sehen konnte. Doch dann schoß die Resolution vorwärts, und er wußte, sie hat- ten es gesichtet., »Wunderschön!« rief der Commander be- geistert aus. »Ich bin sicher, man wird es nach Ihnen benennen. – Okay … wir war- ten …« Jimmy zog sich das Hemd über den Kopf – die einzige Kleidung, die sie alle in diesem nun tropisch gewordenen Klima auf dem Oberkör- per trugen – und dehnte es nachdenklich aus. Während seines Trips hätte er es mehrmals beinahe weggeworfen; jetzt half es vielleicht, ihm das Leben zu retten. Zum letztenmal blickte er auf diese Hohl- welt zurück, die er als einziger Mensch er- forscht hatte, auf die bedrohlichen Gipfel des Großen Horns und der Kleinen Hörner. Dann packte er mit der rechten Hand fest das Hemd und sprang nach kurzem Anlauf so weit über das Kliff weg, wie er konnte. Nun brauchte er sich nicht besonders zu be- eilen: er hatte ganze zwanzig Sekunden Zeit, das Erlebnis zu genießen. Aber er verschwen- dete keine Zeit, als der Fallwind um ihn herum stärker wurde und die Resolution in seinem Gesichtsfeld langsam größer wurde. Er hielt sein Hemd mit beiden Händen fest und streck- te die Arme über den Kopf, bis die rauschen- de Luft es füllte und zu einem bauchigen Fall- schirm aufblies., Nun, als Fallschirm war sein Hemd nicht ge- rade ein Erfolg; die paar Stundenkilometer, die sein Fall dadurch abgebremst wurde, kamen zwar gelegen, waren aber nicht lebenswichtig. Das Hemd erfüllte eine viel wichtigere Aufga- be – es hielt seinen Körper in der Senkrechten, so daß er gerade in die See schießen würde. Immer noch hatte er den Eindruck, sich selbst überhaupt nicht zu bewegen, daß dage- gen das Wasser unter ihm zu ihm heraufstür- ze. Jetzt, da er sich auf die Sache eingelassen hatte, empfand er keine Furcht mehr; tatsäch- lich war er sogar ein wenig auf den Skipper wütend, weil der ihn so lange im dunkeln ge- lassen hatte. Hatte der denn wirklich gedacht, daß er, Jimmy, zu feige sein würde zu sprin- gen, wenn er länger darüber nachgrübelte? Im allerletzten Moment ließ er das Hemd los, holte tief Luft und preßte die Hände über Nase und Mund. Wie man ihm befohlen hatte, ver- steifte er seinen Körper zu einem starken Block und preßte die Füße gegeneinander. Er würde so sauber wie ein stürzender Speer ins Wasser tauchen … »Es wird ganz genauso sein«, hatte der Com- mander ihm versprochen, »wie wenn Sie von einem Sprungbrett auf der Erde springen. Gar nix dabei – wenn man richtig eintaucht.«, »Und wenn ich das nicht tue?« hatte Jimmy gefragt. »Dann müssen Sie wieder rauf und es noch mal versuchen.« Etwas traf ihn auf die Fußsohlen – hart, aber nicht brutal. Eine Million schleimiger Hän- de rissen an seinem Körper; in seinen Ohren dröhnte es, ein wachsender Druck – und ob- wohl er die Augen fest geschlossen hielt, wuß- te er, daß die Dunkelheit um ihn herum wuchs, während er wie ein Pfeil in die Tiefen der Zy- lindrischen See hinabschoß. Mit aller Kraft begann er nach oben, dem schwindenden Licht entgegenzuschwimmen. Er vermochte die Augen nur zu einem ganz kurzen Blick zu öffnen; das Giftwasser brann- te wie Säure. Ihm schien, als kämpfe er seit Stunden, und mehr als einmal überfiel ihn eine alptraumhafte Furcht, daß er die Richtung verloren habe und in Wirklichkeit nach unten schwimme. Dann riskierte er immer wieder ei- nen kurzen raschen Blick, und jedesmal war das Licht kräftiger geworden. Er hatte die Augen noch immer fest zusam- mengekniffen, als er zur Oberfläche durch- brach. Er schluckte eine Lunge voll köstlicher Luft, rollte auf den Rücken und blickte sich um., Die Resolution eilte mit Höchstgeschwindig- keit auf ihn zu; Sekunden später packten ihn eifrige Hände und zogen ihn an Bord. »Haben Sie Wasser geschluckt?« fragte der Kapitän besorgt. »Ich glaube nicht.« »Spülen Sie trotzdem hiermit aus. So ist’s gut. Wie fühlen Sie sich?« »Ich weiß noch nicht so recht. Ich sag es Ih- nen gleich. Ach … übrigens, danke euch al- len.« Aber einen Augenblick später wußte Jim- my nur allzu genau, wie er sich fühlte. »Mir wird schlecht«, gestand er kläglich. Sei- ne Retter schauten ihn ungläubig an. »Bei völliger Flaute – auf einer vollkommen flachen See?« protestierte Sergeant Barnes, die Jimmys üblen Zustand als direkten Vorwurf gegen ihre nautischen Fähigkeiten aufzufassen schien. »Also flach würde ich es ja nicht gerade nen- nen«, sagte der Commander und schwang den Arm das Band entlang, das zum Kreis in den Himmel hinaufstieg. »Aber machen Sie sich nichts draus, Jimmy, vielleicht haben Sie doch was von dem Zeug geschluckt. Bringen Sie’s raus, so rasch es geht.« Jimmy quälte sich noch immer unheldisch und erfolglos ab, als am Himmel hinter ihnen, plötzlich ein Licht aufflackerte. Alle wandten den Blick zum Südpol, und Jimmy vergaß sei- ne Übelkeit sofort. Die Hörner hatten wieder mit ihrem Feuerwerk begonnen. Da waren sie erneut, diese kilometerlangen Feuerbänder, die von der Mittelnadel zu ihren kleineren Gefährten hinuntertanzten. Erneut begannen sie feierlich zu kreisen, als wänden unsichtbare Tänzer ihre Bänder um einen elek- trischen Maibaum. Doch nun drehten sie sich rascher und immer rascher, bis sie zu einem zuckenden Lichtkegel verschmolzen. Dieses Schauspiel war gewaltiger als alles, was sie hier bisher gesehen hatten, und es war begleitet von einem fernen knatternden Dröh- nen, das den Eindruck gigantischer Kraft noch verstärkte. Es dauerte etwa fünf Minuten, dann brach es so abrupt ab, als habe jemand einen Schalter bedient. »Ich möchte gern wissen, was das Rama-Ko- mitee dazu zu sagen hat«, murmelte Norton an keine bestimmte Adresse gerichtet. »Hat hier jemand irgend’ne Theorie?« Eine Weile antwortete keiner, denn in diesem Moment meldete sich aufgeregt die Nabenkon- trolle. »Resolution! Seid ihr okay? Habt ihr das ge- spürt?«, »Was gespürt?« »Wir glauben, es war ein Erdbeben – muß im gleichen Moment passiert sein, als dieses Feu- erwerk aufhörte.« »Irgendwelche Beschädigungen?« »Ich glaube nicht. Es war nicht sehr heftig – aber es hat uns ein bißchen geschüttelt.« »Wir haben überhaupt nichts gemerkt. Aber das ist ja klar, hier draußen auf See.« »Natürlich. Wie blöd von mir. Jedenfalls, jetzt scheint alles wieder ruhig zu sein … bis zum nächstenmal.« »Ja, bis zum nächstenmal«, kam Nortons Echo. Das Geheimnis Ramas wurde immer ge- waltiger; je mehr sie darüber herausfanden, de- sto weniger verstanden sie. Plötzlich drang vom Ruder ein Ruf herüber. »Skipper … sehen Sie … dort oben am Him- mel!« Norton blickte auf und ließ rasch die Au- gen über den Umkreis der See schweifen. Er sah nichts, bis sein Blick beinahe den Zenit er- reicht hatte und er das andere Ende der Welt anstarrte. »O mein Gott«, flüsterte er langsam, als ihm bewußt wurde, daß das ›nächstemal‹ bereits beinahe da war., Die ewige Krümmung der Zylindrischen See herab kam eine Flutwelle auf sie zugerast. *, 32. KAPITEL

DIE FLUTWELLE

Doch selbst in diesem Moment des Schocks galt Nortons erste Sorge seinem Raumschiff. »Endeavour!« rief er. »Lagebericht!« »Alles okay, Skipper«, kam die beruhigen- de Antwort seines Stellvertreters. »Wir haben ein leichtes Zittern gespürt, aber es war nichts, das irgendwie Schaden anrichten konnte. Ein kleiner Richtungswechsel ist eingetreten – die Brücke sagt, etwa Punkt zwei Grad. Sie glau- ben auch, daß sich die Rotationsgeschwindig- keit leicht verändert hat – in ein paar Minuten werden wir darüber genaue Messungen ha- ben.« Es fängt also an, sagte sich Norton, und ver- dammt viel früher als erwartet; wir sind noch ziemlich weit vom Perihelion entfernt, wo der logische Ort wäre, eine Flugbahnänderung durchzuführen. Aber irgendein Trimm fand jetzt zweifellos statt – und vielleicht standen ihnen ja noch weitere Überraschungen bevor. Die Folgen dieses ersten Schocks waren in- zwischen nur allzu deutlich sichtbar: dort oben auf dem gekrümmten Wasserband, das unablässig vom Himmel zu stürzen schien. Die Flutwelle war noch gute zehn Kilometer ent-, fernt. Sie reichte über die ganze Breite der Zy- lindrischen See, vom Nord- bis zum Südufer. In Küstennähe wirkte sie wie eine Wand aus weißem Schaum, doch weiter auf See bilde- te sie nur eine kaum sichtbare Linie, die viel schneller voranglitt als die Brecher zu bei- den Seiten. Der Sog der küstennahen Untiefen krümmte die Flutwelle bereits zu einem Bo- gen, dessen Mittelteil immer weiter und wei- ter vorausschoß. »Sergeant«, sagte Norton dringlich. »Das ist Ihr Job. Was können wir tun?« Sergeant Barnes hatte das Boot völlig ge- stoppt und sondierte rasch die Lage. Norton fühlte sich erleichtert, daß ihr Gesichtsaus- druck keine Spur von Panik verriet – eher eine gewisse gespannte Erregung wie bei einem er- fahrenen Sportler, der sich auf eine Herausfor- derung vorbereitet. »Ich wollte, wir hätten ein paar Lotungen«, sagte sie. »Wenn wir in tiefem Wasser stehen, brauchen wir uns keine Sorgen zu machen.« »Dann sind wir okay. Wir sind immer noch vier Kilometer von der Küste entfernt.« »Ich hoffe. Aber ich will mir die Lage mal anschauen.« Sie gab wieder Gas und schwang die Reso- lution herum, bis sie direkt auf die herannah-, ende Woge zusteuerte. Norton schätzte, daß die schnellere Mittelpartie sie in weniger als fünf Minuten erreichen würde, doch er konn- te auch sehen, daß sie keine ernsthafte Gefahr darstellte. Sie war nur eine dahinrasende Kräu- selung, Bruchteile eines Meters hoch, sie wür- de kaum das Boot zum Schwanken bringen. Die Schaumwände weit hinter ihr stellten die eigentliche Bedrohung dar. Plötzlich erschienen genau in der Mitte der See Brecher in einer Linie. Die Woge mußte auf eine Mauer unter Wasser gestoßen sein. Die mußte mehrere Kilometer lang sein und bis knapp un- ter die Oberfläche reichen. Gleichzeitig fielen die Brecher an den beiden Flanken in sich zu- sammen, als sie in tieferes Wasser kamen. Platten gegen das Überschwappen, sagte sich Norton. Genau wie in den Treibstofftanks der Endeavour – bloß tausendmal größer. Es mußte rings um die See eine komplizierte Anordnung dieser Dinger geben, um die Wellen so rasch wie möglich zu glätten. Das einzige, worauf es jetzt ankommt, ist: stehen wir genau über einer solchen Platte? Sergeant Barnes war ihm einen Schritt vor- aus. Sie stoppte die Resolution abrupt und warf den Anker aus. Er kam bei nur fünf Meter auf Grund., »Anker auf!« schrie sie den Mannschafts- kameraden zu. »Wir müssen unbedingt hier weg!« Norton pflichtete ihr aus vollem Herzen bei. Weg, ja, aber in welche Richtung? Sein Sergeant raste mit Höchstgeschwindigkeit direkt auf die Woge zu, die jetzt nur noch fünf Kilometer ent- fernt war. Jetzt hörte er auch zum erstenmal das Geräusch, das sie beim Heranrollen machte: ein fernes unmißverständliches Dröhnen, das er im Innern Ramas nie zu hören erwartet hätte. Dann veränderte sich die Richtungsintensität; das Mittelstück brach erneut in sich zusammen und die Flanken schwollen wieder an. Er versuchte die Entfernung zwischen den unterseeischen Wellenbrechern abzuschätzen, wobei er annahm, daß sie in gleichem Abstand angebracht waren. Wenn er recht hatte, dann müßte noch ein dritter da sein; wenn sie ihr Floß im tiefen Wasser zwischen ihnen statio- nieren konnten, würden sie in völliger Sicher- heit sein. Sergeant Barnes drosselte den Motor und leg- te erneut den Anker aus. Er ging dreißig Meter tief hinunter, ohne auf Grund zu stoßen. »Jetzt sind wir okay«, sagte sie mit einem Seufzer der Erleichterung. »Aber ich lasse den Motor laufen.«, Jetzt waren nur die hinterherschleppenden Gischtwände an den Küsten zu sehen; hier außen in der Mitte der See herrschte wieder Ruhe, abgesehen von der kleinen unscheinba- ren blauen Kräuselung, die immer noch auf sie zuraste. Sergeant Barnes hielt die Resolution einfach auf direktem Kurs auf den Tumult zu, in Bereitschaft, mit voller Kraft augenblicklich loszuziehen. Dann begann knapp zwei Kilometer vor ih- nen die See erneut zu schäumen. Sie bäumte sich in weißmähniger Wut auf, und nun schien ihr Dröhnen die ganze Welt zu erschüttern. Auf dieser sechzehn Kilometer hohen Woge der Zy- lindrischen See überlagerte sich eine kleine- re Welle, wie eine Lawine, die einen Berghang hinabdonnert. Und diese ›kleine‹ Welle war groß genug, sie alle umzubringen. Sergeant Barnes hatte wohl den Ausdruck auf den Gesichtern ihrer Schiffskameraden ge- sehen. Sie schrie gegen das Dröhnen an: »Was macht euch denn bange? Ich bin schon mit grö- ßeren fertig geworden als der da.« Das stimm- te nicht ganz; außerdem vergaß sie hinzuzufü- gen, daß ihre früheren Erfahrungen in einem gutgebauten Surfboot und nicht auf einem im- provisierten Floß stattgefunden hatten. »Aber wenn wir springen müssen, dann wartet, bis, ich euch sage, wann. Schwimmwesten über- prüfen.« Sie ist fabelhaft, dachte der Commander. Sie scheint jede Minute zu genießen, wie ein Wi- kingkrieger, der in die Schlacht zieht. Und sie hat wahrscheinlich recht – außer wir haben uns völlig verrechnet. Die Woge stieg weiterhin an, krümmte sich nach oben und brach. Die Krümmung über ih- nen ließ vielleicht ihre Höhe größer erschei- nen; dennoch, sie wirkte enorm: eine unwi- derstehliche Naturkraft, die alles auf ihrem Weg besiegen würde. Dann brach sie sekun- denschnell in sich zusammen, als wäre ihr von unten der Boden entzogen worden. Sie hatte die unterseeische Barriere hinter sich und zog nun wieder durch tiefe See. Als sie die Resolution erreichte, tanzte das Floß nur ein paarmal auf und ab; danach wendete Ser- geant Barnes und steuerte mit voller Kraft nach Norden. »Danke, Ruby – das war exzellent. Aber schaffen wir es bis nach Hause, bevor sie ein zweites Mal herumkommt?« »Wahrscheinlich nicht; sie kommt in etwa zwanzig Minuten wieder zurück. Aber bis da- hin hat sie ihre ganze Wucht verloren, und wir werden sie kaum spüren.«, Jetzt, da die Flutwelle vorbeigezogen war, konnten sie sich entspannen und die Fahrt ge- nießen. Allerdings würde sich keiner ganz wohl fühlen, ehe sie nicht wieder an Land waren. Hinter dem Tumult blieben im Wasser unregel- mäßige Wirbel und Strudel zurück, außerdem ein äußerst eigentümlicher, säureartiger Geruch – »wie zertretene Ameisen«, wie Jimmy treffend formulierte. Obwohl der Geruch unangenehm war, verursachte er doch nicht jene Anfälle von Seekrankheit, die man hätte erwarten können; er war etwas so Fremdartiges, daß der menschli- che Körper nicht darauf reagieren konnte. Eine Minute später prallte die Wogenfront gegen die nächste Unterwasserbarriere, stieg von ihnen fort in die Höhe und in den Himmel hinauf. Dieses Mal und von hinten gesehen war das Schauspiel weniger beeindruckend, und die Seefahrer schämten sich nachträglich ihrer Ängste. Sie begannen sich als die Herren der Zylindrischen See zu fühlen. Um so größer war ihr Entsetzen, als knapp hundert Meter von ihnen entfernt ein Et- was wie ein langsam kreisendes Rad aus dem Wasser aufzusteigen begann. Fünf Meter lan- ge schimmernde Speichen tauchten tropfend aus der See auf, drehten sich einen Augenblick lang im scharfen Licht Ramas und platschten, dann wieder zurück ins Wasser. Es war, als sei ein riesiger Seestern mit Röhrenarmen an die Oberfläche gestoßen. Auf den ersten Blick war es unmöglich zu sa- gen, ob es sich um ein Tier oder eine Maschi- ne handelte. Dann sackte das Ding zur Seite und trieb halb unter Wasser dahin. Die leich- ten Nachwirkungen der Woge schaukelten es auf und nieder. Jetzt konnten sie erkennen, daß es neun Arme hatte, allem Anschein nach mit Gelen- ken, die radial von einer Mittelscheibe ausgin- gen. Zwei der Arme waren versehrt, am äuße- ren Gelenk abgerissen. Die übrigen endeten in einer komplizierten Ansammlung von Mani- pulatoren, die Jimmy stark an den Krebs un- terwegs erinnerten. Beide Geschöpfe stamm- ten aus der gleichen Evolutionslinie – oder von dem gleichen Reißbrett. In der Mitte der Scheibe erhob sich ein klei- nes Türmchen mit drei großen Augen. Zwei da- von waren geschlossen, eines offen – aber auch dieses schien stumpf und blicklos zu sein. Kei- ner von ihnen zweifelte daran, daß sie den To- deszuckungen eines fremdartigen Ungeheu- ers zusahen, das durch den soeben abgeflauten Tumult aus den Tiefen an die Oberfläche der See geschleudert worden war., Dann sahen sie, daß es nicht das einzige war. Um das Tier – die Maschine herum schwam- men zwei kleinere Tiere, die zu groß gewach- senen Hummern ähnelten, und schnappten nach den nur noch schwach zuckenden Glie- dern. Sie zersäbelten geschickt das Ungeheu- er, und dieses setzte sich überhaupt nicht zur Wehr, obwohl seine Klauen durchaus imstan- de schienen, mit den Angreifern fertig zu wer- den. Wieder fühlte sich Jimmy an den Krebs er- innert, wie der seine Libelle zerstückelt hatte. Er schaute gespannt zu, während der einseiti- ge Kampf weiterging, und sein Eindruck bestä- tigte sich bald. »Schauen Sie, Skipper«, flüsterte er. »Sehen Sie das? Die fressen es nicht. Sie haben nicht einmal ein Maul. Sie sägen es einfach in Stük- ke. Genau das ist auch mit meiner Libelle pas- siert.« »Sie haben recht. Sie demontieren es – wie – wie eine kaputte Maschine.« Norton runzel- te die Nase. »Aber keine tote Maschine hat je so gestunken!« Dann kam ihm ein anderer Gedanke. »Meine Güte – stellt euch vor, die machen sich an uns ran! Ruby, bringen Sie uns so rasch Sie können zur Küste zurück!«, Die Resolution schoß ohne Rücksicht auf die Lebensdauer ihrer Stromzellen vorwärts. Hin- ter ihnen wurden die neun Speichen des gro- ßen Seesterns – es fiel ihnen kein besserer Name dafür ein – unablässig kürzer geschnit- ten, und dann versank das unheimliche Bild wieder zurück in die Tiefen der See. Sie wurden nicht verfolgt, aber sie atmeten erst erleichtert auf, als die Resolution an der Landebühne längsseits gegangen war und sie an Land gestiegen waren. Während er zurück- blickte auf dieses geheimnisvolle und plötzlich so unheilvolle Wasserband, beschloß Comman- der Norton voller Grimm, daß nie wieder je- mand über dieses Wasser fahren sollte. Es barg zuviel Unbekanntes, zu viele Gefahren … Er blickte auf die Türme und Wälle New Yorks zurück und auf die dunkle Steilküste des jenseitigen Kontinents. Dies alles war nun vor der Neugier der Menschen sicher. Er würde die Götter Ramas nicht noch ein- mal herausfordern. *, 33. KAPITEL

DIE SPINNE

Von jetzt an, so hatte Norton angeordnet, wür- den immer mindestens drei Mann in Camp Al- pha stationiert sein, und einer davon würde immer Wache halten. Außerdem würden sämt- liche Explorationstrupps die gleiche Routine einhalten. Potentiell gefährliche Wesen waren innerhalb Ramas unterwegs, und obgleich bis- her keines Feindseligkeit gezeigt hatte, durfte ein vorsichtiger Kapitän doch kein Risiko ein- gehen. Als zusätzliche Sicherheit stand oben an der Nabe beständig ein Beobachter an einem star- ken Teleskop Wache. Von diesem günstigen Punkt aus konnte das ganze Innere Ramas über- wacht werden, und selbst der Südpol wirk- te, als läge er nur ein paar hundert Meter weit entfernt. Das Gebiet rings um jeden Explorati- onstrupp mußte unter dauernder Beobachtung stehen; auf diese Weise hoffte man jede Mög- lichkeit einer Überraschung auszuschalten. Es war ein guter Plan – aber er schlug völlig fehl. Nach der letzten Mahlzeit des Tages und di- rekt vor der für 22.00 Uhr angesetzten Schlaf- periode sahen Norton, Rodrigo, Calvert und Laura Ernst die normalen Abendnachrichten,, die eigens für sie von dem Zwischensender in Inferno auf dem Merkur herübergestrahlt wurden. Sie waren ganz besonders an Jimmys Filmaufnahmen vom Südkontinent und seiner Rückfahrt über die Zylindrische See interes- siert – eine Episode, die alle Zuschauer stark erregt hatte. Wissenschaftler, Nachrichtenkom- mentatoren und Mitglieder des Rama-Komitees hatten dazu ihre meist widersprüchlichen Mei- nungen abgegeben. Sie konnten keine Überein- stimmung darüber erzielen, ob das krebsähn- liche Geschöpf, dem Jimmy begegnet war, ein Tier, eine Maschine oder ein echter Ramaner gewesen sei – oder etwas, das sich in keine die- ser Kategorien einfügen ließ. Gerade hatten sie zugesehen, wie der riesi- ge Seestern von seinen räuberischen Angrei- fern zerstückelt wurde, und es war ihnen ver- dammt unbehaglich dabei zumute gewesen, als sie plötzlich entdeckten, daß sie nicht länger allein waren. Ein Eindringling war im Lager. Laura Ernst bemerkte ihn als erste. Sie er- starrte in plötzlichem Schrecken, dann stieß sie hervor: »Keine Bewegung, Bill. Jetzt schau- en Sie langsam nach rechts.« Norton drehte den Kopf. Zehn Meter ent- fernt befand sich ein schlankbeiniger Dreifuß, auf dem ein Kugelkörper von der Größe etwa, eines Fußballs hockte. Auf dem Körper saßen drei große ausdruckslose Augen, anscheinend um eine Sichtweite von dreihundertsechzig Grad zu ermöglichen, und darunter hingen drei peitschenartige Tentakel herab. Das Ge- schöpf war nicht ganz mannsgroß und wirkte zu zerbrechlich, als daß man es für gefährlich gehalten hätte. Doch dies entschuldigte nicht ihre Nachlässigkeit, die das Ding sich unbe- merkt hatte heranschleichen lassen. Es erin- nerte Norton an nichts stärker als an eine drei- beinige Spinne oder an einen ›Weberknecht‹, und er fragte sich, wie es das Problem der drei- füßigen Fortbewegung – an das sich auch auf der Erde nie ein Geschöpf herangewagt hatte – gelöst haben mochte. »Was halten Sie davon, Doc?« flüsterte er und schaltete gleichzeitig den Ton des Fernse- hers aus. »Die gewohnte ramanische Dreifachsymme- trie. Ich wüßte nicht, wie es uns gefährlich werden könnte. Allerdings könnten die Peit- schen unangenehm werden – und sie sind viel- leicht giftig wie die eines Zölenteraten. Bleibt still sitzen und wartet, was es anfängt.« Nachdem die Kreatur sie minutenlang teil- nahmslos betrachtet hatte, bewegte sie sich plötzlich – und nun verstanden sie, warum, sie ihre Ankunft nicht bemerkt hatten. Sie war rasend schnell und schoß mit einer so außer- gewöhnlichen Drehbewegung über den Bo- den, daß es dem menschlichen Auge und dem menschlichen Gehirn wirklich schwerfiel, ihr zu folgen. Soweit Norton es beurteilen konn- te – und nur eine Zeitrafferkamera konnte das entscheiden –, wirkten die Beine nacheinander als Drehpunkt, um den herum das Geschöpf seinen Körper wirbelte. Und er war nicht si- cher, aber er hatte außerdem den Eindruck, daß es jeweils nach ein paar ›Schritten‹ die Drehrichtung wechselte, während die drei Peit- schen über den Boden zuckten wie bewegliche Blitze. Die Höchstgeschwindigkeit betrug min- destens dreißig Stundenkilometer – allerdings war auch dies sehr schwer abzuschätzen. Das Ding glitt rasch durch das Lager, un- tersuchte jeden einzelnen Ausrüstungsgegen- stand, berührte vorsichtig die improvisierten Betten, Stühle und Tische, die Kommunikati- onsgeräte, Nahrungsbehälter, Elektrosan-Toi- letten, Kameras, Wasserbehälter, Werkzeuge … Es schien nichts zu übersehen – außer seinen vier Zuschauern. Es war eindeutig intelligent genug, einen Unterschied zwischen mensch- lichen Wesen und ihrem leblosen Besitz zu machen; sein Verhalten erweckte den unmiß-, verständlichen Eindruck einer äußerst metho- dischen Neugier oder Wißbegierde. »Ich wollte, ich könnte es untersuchen!« rief Laura enttäuscht aus, während das Ding weiter seine raschen Pirouetten drehte. »Sollen wir es zu fangen versuchen?« »Wie denn?« fragte Calvert mit Recht. »Na, ihr wißt doch, wie die primitiven Jä- ger schnelle Tiere mit ein paar Gewichten am Ende eines Seiles zu Fall bringen. Und es tut ihnen nicht mal weh.« »Das bezweifle ich«, sagte Norton. »Aber selbst wenn es funktionierte, wir können es nicht ris- kieren. Wir wissen nicht, wie intelligent dieses Wesen ist – und solch ein Versuch könnte ihm leicht die Beine zerschmettern. Dann säßen wir wirklich in Schwierigkeiten – von Rama, von der Erde und von allen andern auch.« »Aber ich muß unbedingt ein Exemplar ha- ben!« »Sie werden sich wohl mit Jimmys Blume zufriedengeben müssen, es sei denn, eines die- ser Geschöpfe ist zur Zusammenarbeit mit Ih- nen bereit. Gewalt scheidet aus. Wie würde es Ihnen denn gefallen, wenn irgendwas auf der Erde landete und den Entschluß faßte, daß Sie ein hübsches Exemplar für eine Sektion abgä- ben?«, »Ich will es ja gar nicht sezieren«, sagte Lau- ra keineswegs völlig überzeugend. »Ich will es ja nur untersuchen.« »Nun, fremde Besucher könnten Ihnen ge- genüber die gleiche Einstellung haben, aber es wäre möglich, daß Sie einige ganz schöne Un- bequemlichkeiten durchmachen, bis Sie ihnen glauben würden. Wir dürfen nichts unterneh- men, was irgendwie als Bedrohung aufgefaßt werden könnte.« Er zitierte aus der Schiffsordnung, Laura kannte die natürlich. Die Ansprüche der Wis- senschaft genossen weniger Vorrang als die der Raumdiplomatie. Tatsächlich war es gar nicht nötig, solche hochgestochenen Erwägungen ins Spiel zu bringen, denn das Ganze war einfach eine Fra- ge der guten Manieren. Sie alle waren hier zu Besuch, und sie hatten noch nicht einmal um die Erlaubnis gebeten, eintreten zu dürfen … Das Geschöpf schien seine Inspektion been- det zu haben. Es raste noch einmal mit Höchst- geschwindigkeit um das Lager und schoß dann tangential davon – auf die Treppe zu. »Ich frage mich, wie es mit den Stufen zu- rechtkommen wird?« murmelte Laura. Ihre Fra- ge war rasch beantwortet: die Spinne beachtete die Treppe überhaupt nicht und glitt die sanft, ansteigende Kurve hinan, ohne die Geschwin- digkeit zu verringern. »Nabenkontrolle«, meldete sich Norton. »Ihr bekommt möglicherweise in Kürze Besuch. Werft mal einen Blick auf Treppe Alpha, Be- reich Sechs. Und übrigens, herzlichen Dank dafür, daß ihr so gut auf uns aufgepaßt habt.« Es dauerte eine Minute, bis Nortons Sarkas- mus ankam; dann begann der Beobachter an der Nabe entschuldigende Geräusche von sich zu geben. »Chem – Skipper, jetzt, wo Sie mir sagen, daß da was ist, kann ich irgendwas sehen. Aber was isses?« »Ihre Vermutung ist so gut wie meine«, ant- wortete Norton und drückte auf den Knopf Allgemeiner Alarm. »Camp Alpha an alle Sta- tionen. Wir hatten gerade den Besuch einer Kreatur, die wie eine dreibeinige Spinne aus- sieht. Hat sehr dünne Beine, ist etwa zwei Me- ter groß, kleiner kugeliger Leib, bewegt sich sehr rasch mit Kreiselbewegungen. Erscheint harmlos, aber wißbegierig. Schleicht sich mög- licherweise an euch ran, ohne daß ihr’s be- merkt. Bitte bestätigen.« »Hier nichts Ungewöhnliches, Skipper.« Von Westen in gleicher Entfernung meldete sich Rom mit verdächtig schläfriger Stimme., »Hier das gleiche, Skipper. Oh, einen Augen- blick …« »Was ist los?« »Ich habe vor einer Sekunde meinen Schrei- ber weggelegt – jetzt isser fort! Was zum – oh!« »Reden Sie vernünftig, Mann!« »Sie werden das nicht glauben, Skipper. Ich habe mir Notizen gemacht – Sie wissen doch, ich schreibe gern, und ich störe niemanden dabei –, und ich habe meinen Lieblingskugel- schreiber benutzt, er ist fast zweihundert Jah- re alt – also und jetzt liegt er auf dem Boden, etwa fünf Meter von mir entfernt! Ich hab’ ihn wieder. Gott sei Dank ist er nicht beschädigt.« »Und wie ist er dorthin gekommen? Was glauben Sie?« »Chm – ich bin vielleicht eine Minute einge- nickt. Es war ein harter Tag heute.« Norton seufzte, enthielt sich aber eines Kommentars. Sie waren viel zu wenige, und sie hatten so wenig Zeit, eine ganze Welt zu erforschen. Nicht immer konnte die Begeiste- rung die Erschöpfung überwinden, und Nor- ton fragte sich, ob sie vielleicht unnötige Ri- siken auf sich nähmen. Vielleicht sollte er seine Leute nicht in so kleine Gruppen auf- teilen, vielleicht sollte er nicht versuchen, ein so großes Terrain zu erforschen. Doch er ver-, gaß nie, wie rasch die Tage vorübereilten, und er dachte stets an die ungelösten Rätsel um sie herum. Die Gewißheit in ihm nahm im- mer mehr zu, daß bald etwas geschehen wür- de und daß sie dann Rama aufgeben müßten, noch bevor er das Perihelion erreicht hatte – jenen Augenblick der Wahrheit, in dem ohne Zweifel jeder Flugbahnwechsel würde statt- finden müssen. »Hört zu, Nabe, Rom, London – alle«, sagte er. »Ich will die ganze Nacht durch jede halbe Stunde Bericht haben. Wir müssen damit rech- nen, daß wir von jetzt an jeden Augenblick Be- such bekommen können. Manche dieser Be- sucher sind vielleicht gefährlich, aber wir müssen mit allen Mitteln Zwischenfälle ver- meiden. Sie alle kennen die Anweisungen in dieser Hinsicht.« Das stimmte nur allzusehr; es gehörte zu ih- rer Ausbildung – aber keiner der Männer und Frauen hatte jemals wirklich daran geglaubt, daß der so übermäßig theoretisch behandel- te ›Kontakt mit außerirdischen Intelligenzen‹ zu ihren Lebzeiten stattfinden werde – ganz zu schweigen, daß sie diese Erfahrung selbst ma- chen würden. Ausbildung war eine Sache, die Wirklichkeit war eine andere; und niemand konnte garan-, tieren, daß die uralten menschlichen Instink- te der Selbsterhaltung im Notfall nicht die Oberhand gewinnen würden. Dennoch, es war wesentlich, daß sie jedem Wesen, dem sie in Rama begegneten, im Zweifelsfall bis zur letz- ten Minute – und sogar noch darüber hinaus – einräumten, es hege gute Absichten. Commander Norton wollte nicht als der Mann in die Geschichte eingehen, der den er- sten interplanetaren Krieg ausgelöst hatte. Ein paar Stunden später waren Hunderte die- ser Spinnen aufgetaucht und wieselten über die ganze Ebene. Per Teleskop konnte man er- kennen, daß auch der Südkontinent von dieser Epidemie ergriffen war – anscheinend jedoch nicht die Insel New York. Die Spinnen kümmerten sich nicht weiter um die Forscher, und nach einer Weile beach- teten diese die Spinnen auch kaum mehr – ob- wohl Norton von Zeit zu Zeit in den Augen sei- ner Stabsärztin ein raubtierhaftes Flackern zu entdecken glaubte. Er war sicher, nichts wür- de ihr größere Freude bereiten, als wenn einer dieser Spinnen ein bedauerlicher Unfall zu- stieße, und er hielt sie für durchaus imstande, einen solchen sogar herbeizuführen, um dem Interesse der Wissenschaft zu dienen., Mit ziemlicher Sicherheit verfügten die Spin- nen nicht über Intelligenz; ihre Körper waren viel zu klein, als daß sie viel Gehirn enthalten konnten, ja es war sogar schwer vorstellbar, wo sie die Energie für ihre raschen Bewegungen speicherten. Und doch war ihr Verhalten merk- würdig zielstrebig und methodisch; sie schie- nen überall zu sein, doch sie untersuchten nie- mals den gleichen Ort zweimal. Wiederholt hatte Norton den Eindruck, daß sie nach etwas suchten. Was das auch immer sein mochte, sie hatten es anscheinend noch nicht gefunden. Verächtlich die drei großen Treppenkon- struktionen links liegenlassend, kletterten die Spinnen bis ganz zur Zentralnabe hinauf. Wie es ihnen gelang, die senkrechten Strecken zu erklimmen, selbst angesichts der Null-Schwer- kraft, das wurde nicht klar; Laura stellte die Theorie auf, daß sie mit Saugnäpfen ausgestat- tet sein müßten. Und dann bekam sie, zu ihrem offenkundi- gen Entzücken, ihr heißersehntes Exemplar. Die Nabenkontrolle meldete, daß eine Spinne die senkrechte Wand hinuntergestürzt sei und nun tot oder bewegungsunfähig auf der ersten Plattform liege. Die Zeit, die Laura bis dorthin benötigte, stellte einen Rekord dar, der wohl nie gebrochen werden würde., Als sie auf der Plattform eintraf, stellte sie fest, daß das Wesen trotz der geringen Auf- prallgeschwindigkeit alle drei Beine gebrochen hatte. Die Augen waren noch geöffnet, doch wies das Wesen keinerlei Reaktion auf die ver- schiedenen äußerlichen Tests auf. Selbst eine frische menschliche Leiche, entschied Lau- ra, würde lebendiger sein; und sobald sie ihre Beute zur Endeavour zurückgeschafft hatte, begann sie mit ihrem Sektionsbesteck zu ar- beiten. Die Spinne war so zerbrechlich, daß sie bei- nahe ohne Lauras Zutun in Stücke zerbrach. Sie löste die Beine vom Leib und zergliederte sie, dann begann sie mit dem empfindlichen Panzer um den Leib. Er spaltete sich in drei großen Kreisen und öffnete sich dann wie eine geschälte Orange. Nach ein paar Sekunden tiefster Ungläubig- keit – denn sie konnte nichts finden, was ihr bekannt vorgekommen wäre oder was sie hät- te identifizieren können – fertigte Laura eine Reihe sorgfältiger Fotos an. Dann griff sie zum Skalpell. Wo sollte sie mit der Sektion beginnen? Am liebsten hätte sie die Augen geschlossen und blindlings zugeschnitten, doch das wäre nicht sehr wissenschaftlich gewesen., Die Klinge drang fast ohne Widerstand ein. Eine Sekunde später hallte der äußerst unda- menhafte Schrei der Stabsärztin Kapitänleut- nant Ernst durch die ganze Endeavour. Der verärgerte Sergeant McAndrews brauch- te gute zwanzig Minuten, um seine verschreck- ten Simps wieder zu beruhigen. *, 34. KAPITEL

SEINE EXZELLENZ BEDAUERT …

»Wie Sie alle wissen, meine Herren«, sagte der Marsbotschafter, »hat sich seit unserer letzten Sitzung sehr viel Neues ereignet. Wir haben vieles zu diskutieren – und zu entscheiden. Aus diesem Grund bin ich besonders betrübt darüber, daß unser geschätzter Kollege vom Merkur heute nicht unter uns weilt.« Letzteres traf nicht ganz zu. Dr. Bose war nämlich keineswegs besonders betrübt dar- über, daß Seine Exzellenz der Botschafter des Merkur abwesend war. Es hätte die Sache, sehr viel genauer getroffen, wenn man ihn besorgt genannt hätte. Sein ganzer Diplomateninstinkt sagte ihm, daß irgend etwas im Gange sei, und obgleich er über hervorragende Informations- quellen verfügte, hatte er keinerlei Hinweis er- halten können, worum es sich handelte. Der Entschuldigungsbrief des Botschafters war höflich, aber vollkommen nichtssagend gewesen. Seine Exzellenz hatte bedauert, daß dringliche und unvermeidbare Geschäfte ihn daran hinderten, persönlich und per Video an der Sitzung teilzunehmen. Es fiel Dr. Bose schwer, sich etwas Dringenderes oder Wichti- geres vorzustellen als Rama., »Zwei Mitglieder haben eine Erklärung abzu- geben. Ich möchte zunächst Professor David- son bitten.« Erregtes Tuscheln ging durch die Reihen der übrigen Wissenschaftler. Die meisten von ihnen hatten das Gefühl gehabt, daß dieser Astronom mit seinem wohlbekannten kosmischen Stand- punkt nicht der rechte Mann für den Stuhl des Vorsitzenden des Space Advisory Council sei. Er erweckte zuweilen den Eindruck, daß die Aktivitäten des intelligenten Lebens eine be- dauerliche Belanglosigkeit im majestätischen Universum der Sterne und Galaxien darstellten und daß es von schlechtem Stil zeuge, wenn man dem zu große Aufmerksamkeit schenke. Damit hatte sich der Astronom bei Exobiologen wie Dr. Perera nicht gerade beliebt gemacht, denn dieser vertrat den genau entgegengesetz- ten Standpunkt. Für ihn und seine Kollegen be- stand der einzige Zweck des Universums darin, Intelligenz hervorzubringen, und deshalb neig- ten sie manchmal dazu, höhnisch über rein astronomische Erscheinungen zu sprechen. »Bloße tote Materie«, lautete einer ihrer Lieb- lingsausdrücke. »Eure Exzellenz, Herr Botschafter«, begann der Astronom. »Ich habe das merkwürdige Ver- halten Ramas während der letzten Tage analy-, siert und möchte Ihnen meine Schlußfolgerun- gen unterbreiten. Einige davon sind äußerst aufregend.« Dr. Perera blickte überrascht auf, setzte aber dann eine undurchsichtige Miene auf. Ihm war alles sehr recht, was Professor Davidson auf- regte. »Zunächst einmal war da diese bemerkens- werte Kette von Ereignissen, als dieser junge Leutnant zur südlichen Hemisphäre flog. Die elektrischen Entladungen als solche sind zwar spektakulär, aber ohne Bedeutung; man kann leicht beweisen, daß sie relativ wenig Energie enthielten. Doch sie trafen mit einer Rotations- veränderung Ramas zusammen und mit einer seiner Fluglagen – das heißt seiner Orientation im Raum. Und dies muß ein enormes Energie- quantum beansprucht haben; die Entladungen, die Mr. – hmpf – Mr. Pak beinahe das Leben gekostet hätten, waren lediglich ein Nebenef- fekt – vielleicht eine Störung, die durch diese gigantischen Blitzableiter am Südpol neutrali- siert werden mußte. Daraus ziehe ich folgende zwei Schlüsse. Wenn ein Raumschiff – und wir müssen Rama als solches bezeichnen, trotz der fantastischen Ausmaße – seine Fluglage ändert, dann bedeu- tet dies gewöhnlich, daß es seine Flugbahn zu, ändern vorhat. Wir müssen deshalb die An- sicht jener ernst nehmen, die überzeugt sind, daß Rama sich wahrscheinlich darauf vorbe- reitet, ein Planet unserer Sonne zu werden und nicht wieder zu den Sternen zurückzu- kehren. Wenn dies der Fall ist, dann muß die Endea- vour zwangsläufig bereit sein, augenblicklich abzulegen – heißt das bei Raumschiffen so? –, falls dies plötzlich nötig sein sollte. Sie könnte sich in schwerer Gefahr befinden, solange sie noch körperlich mit Rama in Verbindung steht. Ich nehme an, daß Commander Norton sich dessen bereits wohlbewußt ist, doch ich denke, wir sollten ihm eine zusätzliche Warnung sen- den.« »Vielen Dank, Professor Davidson. Ja, Dr. So- lomons?« »Ich möchte dazu einiges bemerken«, sag- te der Wissenschaftshistoriker. »Rama scheint eine Rotationsänderung durchgeführt zu ha- ben, ohne irgendwelche Düsen oder Reaktor- einrichtungen eingesetzt zu haben. Mir scheint dies nur zwei mögliche Erklärungen zuzulas- sen. Die erste wäre, daß Rama im Innern Gyro- skope oder etwas Entsprechendes besitzt. Sie müßten riesig sein. Wo sind sie?, Die zweite Möglichkeit – und das würde un- sere gesamte Physik über den Haufen werfen – wäre, daß Rama über ein reaktionsloses An- triebssystem verfügt: über den sogenannten Space Drive, den Professor Davidson so sehr in Zweifel zieht. Wenn dies der Fall ist, dann könnte Rama zu nahezu allem in der Lage sein. Wir würden sein Verhalten auf keinen Fall vor- herberechnen können, noch nicht einmal im groben physikalischen Bereich.« Die Diplomaten waren von diesem Gefecht offensichtlich ein wenig verwirrt, doch der Astronom ließ sich nicht darauf ein. Er hatte für einen Tag seine Fühler weit genug vorge- reckt. »Ich halte mich an die physikalischen Geset- ze, wenn Sie gestatten, und zwar so lange, bis ich gezwungen bin, sie aufzugeben. Wenn wir in Rama auf keine Gyroskope gestoßen sind, dann haben wir vielleicht nicht gut genug nachgesehen oder nicht am richtigen Ort.« Botschafter Bose merkte, daß Dr. Perera unge- duldig wurde. Normalerweise stürzte sich der Exobiologe so begeistert wie nur irgendeiner in Spekulationen; doch diesmal verfügte er zum erstenmal über ein paar feste Tatsachen. Sein Wissenschaftszweig, der so lange gedarbt hat- te, war über Nacht zu üppiger Blüte gelangt., »Gut, gut – wenn es sonst dazu keine Kom- mentare mehr gibt – mir ist bekannt, daß Dr. Perera einige wichtige Informationen hat.« »Danke, Euer Exzellenz. Wie Sie alle gese- hen haben, ist es uns endlich gelungen, ein Exemplar einer ramanischen Lebensform in die Hand zu bekommen, und wir haben wei- tere Formen aus der Nähe beobachten können. Stabsärztin Kapitänleutnant Ernst, die Ärztin der Endeavour, hat einen ausführlichen Bericht über das spinnenähnliche Geschöpf geschickt, das sie seziert hat. Ich muß gleich an dieser Stelle sagen, daß ei- nige ihrer Ergebnisse verwirrend sind und daß ich in jeder anderen Situation mich geweigert haben würde, sie ernst zu nehmen. Die Spinne ist definitiv organisch, allerdings unterscheidet sich ihre Chemostruktur von der unseren in vieler Hinsicht. Sie enthält be- trächtliche Mengen leichter Metalle. Trotzdem zögere ich, sie als ein Tier zu bezeichnen, und zwar aus mehreren wesentlichen Gründen. Erstens besitzt sie anscheinend weder Mund- öffnung noch Magen, noch Eingeweide – also kein System der Nahrungsaufnahme! Gleich- falls keine Vorrichtungen zur Aufnahme von Sauerstoff, keine Lungen, kein Blut, keine Fort- pflanzungsorgane …, Sie fragen sich vielleicht, was dieses We- sen denn nun eigentlich hat. Nun, einmal eine einfache Muskulatur, die die drei Bei- ne und die drei peitschenähnlichen Tentakel oder Fühler kontrolliert. Dann gibt es ein Ge- hirn – sogar ein ziemlich kompliziertes, das in der Hauptsache mit der bemerkenswert hochentwickelten triokularen Sehfähigkeit des Geschöpfes befaßt ist. Aber achtzig Pro- zent des Körpers bestehen aus einer Waben- struktur großer Zellen, und dies war es, was Frau Dr. Ernst eine so unangenehme Überra- schung bereitete, als sie mit ihrer Sektion be- gann. Unter glücklicheren Umständen hätte sie es wohl sofort erkannt, denn es handelt sich um die einzige ramanische Struktur, die tatsächlich auch auf der Erde vorkommt – wenn auch nur bei einer Handvoll von Mee- restieren. Der weitaus größte Teil der Spinne ist einfach eine Batterie, ziemlich ähnlich denen, die man in Elektrozellen und Rochen findet. Doch in unserem Fall dient diese Batterie anscheinend nicht der Verteidigung. Sie ist die Energiequelle dieses Geschöpfs. Und darum besitzt es keine Vorrichtungen zur Nahrungs- und Sauerstoff- aufnahme; es braucht derartige primitive Ein- richtungen nicht. Ganz nebenbei würde dies, bedeuten, daß sich dieses Wesen in einem Va- kuum vollkommen zu Hause fühlen würde … Wir haben also ein Geschöpf, das seinen Auf- gaben und Zielen nach nichts weiter ist als ein mobiles Auge. Es verfügt über keine Greiforga- ne, und diese Tentakeln sind viel zu schwäch- lich. Wenn man mir eine genaue Beschreibung gegeben hätte, würde ich es einfach als Erkun- dungsinstrument bezeichnet haben. Sein Verhalten trifft zweifellos auf diese Be- zeichnung zu. Diese Spinnen tun nämlich nichts anderes, als herumzulaufen und Dinge zu betrachten. Das ist alles, was sie tun kön- nen … Die anderen Tiere dagegen sind verschieden. Der Krebs, der Seestern, die Haie – alle in Er- mangelung besserer Bezeichnungen – vermö- gen offenbar ihre Umgebung zu manipulie- ren und scheinen auf die verschiedenartigsten Funktionen spezialisiert zu sein. Ich nehme an, daß auch sie mit Elektrobatterien arbeiten, da sie wie die Spinne anscheinend keine Mund- öffnungen besitzen. Ich bin sicher, daß Sie die biologischen Pro- bleme richtig erkennen, die sich aus alldem er- geben. Konnten sich derartige Geschöpfe auf natürlichem Wege entwickeln? Ich glaube dies wirklich nicht. Sie scheinen entworfen zu sein, wie Maschinen, die eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen haben. Wenn ich sie beschreiben müß- te, würde ich sagen, es sind Roboter – biologi- sche Roboter –, etwas, wofür es auf der Erde keine Entsprechung gibt. Wenn Rama ein Raumschiff ist, dann sind sie vielleicht Mitglieder der Besatzung. Aber wie sie geboren werden – oder geschaffen –, das kann ich Ihnen nicht sagen. Doch ich vermu- te, daß die Antwort drüben in New York liegt. Wenn Commander Norton und seine Leute lan- ge genug warten können, werden sie vielleicht in zunehmendem Maß auf immer komplizier- tere Wesen mit unvorhersehbarem Verhalten stoßen. Irgendwann dürften sie dann vielleicht auch auf die Ramaner selbst stoßen – die wirk- lichen Schöpfer jener Welt. Und, meine Her- ren, wenn das eintritt, dann wird es überhaupt keinen Zweifel mehr geben …« *, 35. KAPITEL

EXPRESS

Commander Norton schlief fest und selig, als ihn sein persönlicher Nachrichtenoffizier aus glücklichen Träumen riß: Er machte mit sei- ner Familie auf dem Mars Ferien, flog gerade an dem majestätischen schneebedeckten Gip- fel von Nyx Olympica vorbei, dem gewaltig- sten Vulkan des Sonnensystems. Sein kleiner Sohn Billy hatte ihm gerade etwas zu erzählen begonnen. Jetzt würde er nie mehr erfahren, was es gewesen war. Der Traum verblaßte; die Wirklichkeit dräng- te sich ihm in Form der Stimme seines OvD auf, dort oben in seinem Schiff. »Tut mir leid, Sie aufzuwecken, Skipper«, sagte Kapitänleutnant Kirchoff. »Tripel-A-Prio- rität vom Hauptquartier.« »Lesen Sie’s mir vor«, antwortete Norton ver- schlafen. »Kann ich nicht. Ist in Kode – nur für den Kommandanten.« Norton war sofort hellwach. Nur dreimal während seiner ganzen Laufbahn hatte er eine solche Nachricht erhalten, und jedesmal hat- te sie Ärger bedeutet. »Verflucht!« knirschte er. »Was machen wir jetzt?«, Sein OvD machte sich nicht die Mühe, ihm zu antworten. Sie erfaßten das Problem beide vollkommen; es war ein Problem, das in der Schiffsordnung nicht berücksichtigt war. Im Normalfall war der Kommandant eines Raum- schiffs nie mehr als ein paar Minuten von der Kommandozentrale entfernt, und dort lag das Buch mit den Kodeschlüsseln in einem nur ihm zugänglichen Safe. Wenn Norton jetzt los- zog, würde er vielleicht in vier bis fünf Stun- den – völlig erschöpft – sein Schiff erreichen. Aber so durfte man eine AAA-Priorität nicht erledigen. »Jerry«, sagte Norton schließlich. »Wer ist in der Kommunikationszentrale?« »Keiner außer mir. Ich hab’ Sie selbst ange- rufen.« »Ist der Aufzeichner ausgeschaltet?« »Ja. Merkwürdige Sache. Völlig gegen die Vorschriften.« Norton lächelte vor sich hin. Jerry war der beste Diensthabende Offizier, mit dem er je zu- sammengearbeitet hatte. Der Junge dachte im- mer an alles. »Okay. Sie wissen, wo mein Schlüssel ist. Rufen Sie zurück.« Während der nächsten zehn Minuten warte- te er so geduldig, wie es ihm nur möglich war,, und bemühte sich – ziemlich erfolglos –, an andere Probleme zu denken. Er verschwende- te nur höchst ungern geistige Energie, und es war ja ziemlich unwahrscheinlich, daß er er- raten könnte, was die eingetroffene Nachricht enthalten würde. Den Inhalt würde er sowie- so früh genug erfahren. Dann war der richtige Zeitpunkt gekommen, sich Sorgen zu machen. Als der OvD zurückrief, stand er offenbar un- ter beträchtlichem Streß. »Es ist gar nicht wirklich dringend, Skip- per, und eine Stunde mehr macht wirklich kei- nen Unterschied. Aber ich möchte lieber nicht über Funk gehen. Ich schicke Ihnen die Nach- richt durch Boten runter.« »Aber warum denn – oh, na gut –, ich ver- laß mich auf Ihr Urteilsvermögen. Wer bringt es durch die Luftschleusen?« »Ich komme selbst. Ich melde mich, wenn ich an der Nabe bin.« »Und damit ist Laura OvD.« »Nur für eine Stunde, äußerstenfalls. Ich gehe gleich danach wieder zum Schiff zurück.« Ein Stabsarzt verfügte nicht über die Spe- zialausbildung, die zur Führung eines Raum- schiffs nötig war, ebensowenig wie ein Kom- mandant in der Lage wäre, eine Operation durchzuführen. In Notfällen hatte man manch-, mal beide Aufgaben mit Erfolg vertauscht; aber es war nicht ratsam. Nun, eine Vorschrift war heute nacht ja bereits verletzt worden … »Für das Protokoll haben Sie das Schiff kei- nen Moment verlassen. Haben Sie Laura ge- weckt?« »Ja. Sie ist entzückt über die Gelegenheit.« »Was für ein Glück, daß Ärzte es gewohnt sind, Geheimnisse für sich zu behalten. Ach – übrigens –, haben Sie daran gedacht, die Bestä- tigung zu senden?« »Selbstverständlich. In Ihrem Name«.« »Gut. Ich warte also.« Aber jetzt war es Norton ganz unmöglich ge- worden, sich von ängstlichen Erwartungen freizuhalten. Nicht wirklich dringend – aber ich möchte lie- ber nicht über Funk gehen … Eins war klar: in dieser Nacht würde der Commander nicht mehr sehr viel Schlaf fin- den. *, 36. KAPITEL

DER BIOTEN-WACHTPOSTEN

Sergeant Pieter Rousseau wußte genau, warum er sich freiwillig für diese Aufgabe gemeldet hatte; er konnte hier auf verschiedene Weise einen Kindheitstraum verwirklichen. Telesko- pe hatten ihn bereits fasziniert, als er gerade erst sechs oder sieben Jahre alt war, und in sei- ner Jugend hatte er viel Zeit darauf verwen- det, Linsen aller möglichen Gestalt und Größe zu sammeln. Er hatte sie in Pappröhren befe- stigt und sich Instrumente von immer höherer Potenz gebaut, bis er mit dem Mond und den Planeten, den näher gelegenen Raumstationen und der gesamten Umgebung im Umkreis von dreißig Kilometern um sein Elternhaus ver- traut war. Seinen Geburtsort hatte er sich dafür gut ge- wählt: er lag in den Bergen Colorados, und die Aussicht war in fast alle Richtungen lohnend und unerschöpflich. Er hatte in völliger Sicher- heit stundenlang die Gipfel erforscht, die in je- dem Jahr ihren Zoll an unvorsichtigen Berg- steigern forderten. Und wenn er vieles gesehen hatte, so hatte er sich doch noch viel mehr in der Fantasie ausgemalt. Er hatte sich immer gern vorgestellt, daß hinter jedem Felskamm, jenseits der Reichweite seines Teleskops Zau- berkönigreiche voller wunderbarer Geschöpfe lägen. So hatte er es jahrelang vermieden, die Orte zu besuchen, die ihm seine Linsen nahe rückten, weil er wußte, die Wirklichkeit würde sich mit seinem Traum nicht messen können. Jetzt und hier auf der Mittelachse von Rama konnte er Wunder beobachten, die noch die wildesten Fantasien seiner Jugendjahre weit übertrafen. Vor ihm lag eine ganze Welt aus- gebreitet – sicher, es war nur eine kleine Welt, aber ein Mensch konnte sein ganzes Leben da- mit verbringen, viertausend Quadratkilometer zu erforschen, auch wenn sie tot waren. Doch nun war das Leben mit all seinen un- endlichen Möglichkeiten nach Rama gekom- men, und wenn die biologischen Roboter kei- ne Lebewesen sein sollten, so waren sie doch zumindest eine sehr gute Imitation von Lebe- wesen. Niemand wußte, wer den Begriff ›Biot‹ er- funden hatte; er schien plötzlich allgemein ge- bräuchlich geworden zu sein, in einer Art von gemeinsamer spontaner Wortschöpfung. Von seinem günstigen Aussichtspunkt an der Nabe begann der Chef-Bioten-Wachtposten Pieter – wie er glaubte – allmählich bestimmte Züge im Verhaltensmuster der Bioten zu begreifen., Die Spinnen waren freibewegliche Sensoren, die ihre Sehfähigkeit – möglicherweise auch die Tastfähigkeit – einsetzten, um den gesam- ten Innenraum Ramas zu untersuchen. Zuzei- ten waren Hunderte von ihnen mit hoher Ge- schwindigkeit herumgehuscht, doch kaum zwei Tage später waren sie verschwunden; und jetzt war es ganz außergewöhnlich, wenn man auch nur eine von ihnen sah. An ihre Stelle war eine ganze Menagerie weit eindrucksvollerer Wesen getreten – es war kei- ne leichte Aufgabe gewesen, sich Namen für sie auszudenken. Da gab es die Fensterputzer mit ihren großen Polsterfüßen, die offenbar die sechs künstlichen Sonnen Ramas der ganzen Länge nach polierten. Ihre riesigen Schatten, die genau auf dem Durchmesser dieser Welt auf die andere Seite fielen, verursachten dort manchmal kurzdauernde Eklipsen. Der Krebs, der die Libelle demontiert hat- te, schien ein Straßenkehrer zu sein. Eine Re- laiskette identischer Geschöpfe war in Camp Alpha erschienen und hatte alle Abfälle fort- gebracht, die man säuberlich am Lagerrand ge- stapelt hatte; sie hätten auch alles übrige weg- geschleppt, wenn ihnen nicht Norton und Mercer tapferen Widerstand geleistet hätten. Die Begegnung war beunruhigend, aber kurz, gewesen; danach hatte es den Anschein, als be- griffen die Straßenkehrer, was sie mitnehmen durften und was nicht, und kehrten in regel- mäßigen Abständen zurück, um zu sehen, ob ihre Dienste erwünscht waren. Ein äußerst be- quemes Arrangement, das auf einen hohen In- telligenzgrad schließen ließ – entweder bei den Straßenkehrern selbst oder in einer irgendwo gelegenen Kontrollzentrale. Die Müllabfuhr in Rama funktionierte nach einem sehr einfachen Prinzip: alles wurde ins Meer gekippt, wo es aller Wahrscheinlichkeit nach zu Strukturen aufgestapelt wurde, die er- neut Verwendung finden konnten. Die Müllab- fuhr wurde mit rapider Schnelligkeit abgewik- kelt; die Resolution war zum großen Ärger von Ruby Barnes über Nacht verschwunden. Nor- ton tröstete sie mit dem Hinweis, daß das Floß seine Aufgabe großartig erfüllt habe und daß er sowieso niemandem gestattet haben würde, es wieder zu benutzen. Die Haie konnten ja mög- licherweise weniger Unterscheidungsvermö- gen besitzen als die Straßenkehrer. Kein Astronom, der einen bisher unbekann- ten Planeten entdeckt, hätte glücklicher sein können als Pieter Rousseau, als er einen neu- en Biotentyp ausmachte und durch das Tele- skop ein gutes Foto von ihm schießen konnte., Unglücklicherweise schienen alle interessante- ren Spezies drüben am Südpol versammelt zu sein, wo sie geheimnisvolle Funktionen an den Hörnern erfüllten. Ein Wesen, das wie ein Tau- sendfüßler aussah, der Saugnäpfe an den Bei- nen hat, konnte hin und wieder am Großen Horn selbst gesichtet werden. An den niedri- geren Gipfeln hatte Pieter kurz einen Blick auf eine stämmige Kreatur erhaschen können, die man eventuell als eine Kreuzung zwischen ei- nem Flußpferd und einer Planierraupe hätte bezeichnen mögen. Und es gab sogar eine dop- pelhälsige Giraffe, die offenbar die Rolle eines mobilen Krans spielte. Allem Anschein nach erforderte Rama wie jedes Raumschiff nach seiner ungeheuerlich langen Reise Kontrollen, Tests und Reparatu- ren, und die Besatzung war bereits heftig am Werk. Wann würden die Passagiere in Erschei- nung treten? Aber die Klassifizierung von Bioten war nicht Pieters Hauptaufgabe. Er hatte die zwei oder drei Explorationstrupps zu überwachen, die ständig unterwegs waren. Er sollte darauf achten, daß sie nicht in Schwierigkeiten gerie- ten, er mußte sie warnen, wenn sich ihnen ir- gend etwas näherte. Alle sechs Stunden wur- de er von jemandem abgelöst, der gerade nicht, gebraucht wurde, aber mehr als einmal war er ununterbrochen zwölf Stunden lang auf sei- nem Posten gewesen. Das hatte dazu geführt, daß er nun die Geographie Ramas besser kann- te als irgendein anderer Mensch. Sie war ihm so vertraut wie die Colorado-Berge seiner Ju- gend. Als Jerry Kirchoff durch die Luftschleu- se Alpha kam, wußte Pieter sofort, daß et- was Außergewöhnliches im Gange sein muß- te. Personalaustausch wurde nie während der Schlafperiode durchgeführt, und jetzt war es nach Mitternacht (Schiffszeit). Dann fiel Pie- ter ein, wie knapp an Leuten sie waren, und eine viel bestürzendere Unregelmäßigkeit wur- de ihm schockartig bewußt. »Jerry – wer hat Befehl im Schiff?« »Ich«, antwortete der OvD kalt und klappte seinen Helm auf. »Sie denken doch nicht etwa, daß ich die Brücke verlasse, während ich Wache habe, oder?« Er langte in seine Allzwecktasche und hol- te eine kleine Dose hervor, die noch das Etikett trug: KONZENTRIERTER ORANGENSAFT: ERGIBT FÜNF LITER. »Sie können doch so was prima, Pieter. Der Skipper wartet darauf.«, Pieter nahm die Dose wiegend in die Hand und sagte: »Ich hoffe, Sie haben genügend Masse hineingesteckt. Manchmal bleiben sie auf der ersten Terrasse stecken.« »Nun, Sie sind doch der Fachmann.« Und das stimmte nur zu genau. Die Beobach- ter an der Nabe hatten ausreichend Gelegenheit gehabt zu üben, wie man kleinere Gegenstän- de hinunterschickte, die vergessen worden wa- ren oder dringend benötigt wurden. Der Trick bestand darin, sie sicher über den Bereich der Schwerelosigkeit hinauszubefördern und dar- auf zu achten, daß danach, während der acht Kilometer langen Rollstrecke abwärts, der Co- rioliseffekt sie nicht zu weit von dem Lager, für das sie bestimmt waren, abtrieb. Pieter suchte festen Halt, packte die Dose und schleuderte sie den Abhang hinunter. Er zielte nicht direkt auf Camp Alpha, sondern fast in einem Winkel von dreißig Grad dane- ben. Beinahe sofort nahm der Luftwiderstand der Dose die Anfangsgeschwindigkeit, doch dann begann die Pseudoschwerkraft Ramas zu wir- ken, und sie bewegte sich mit konstanter Ge- schwindigkeit abwärts. Einmal prallte sie am Fuß der Leiter auf und vollführte einen Zeitlu- pensprung über die erste Terrasse hinaus., »Jetzt isses okay«, sagte Pieter. »Wollen Sie wetten?« »Nein«, lautete die prompte Antwort. »Sie ken- nen sich zu gut aus.« »Das ist aber unsportlich von Ihnen. Aber ich sage Ihnen jetzt schon – die Büchse wird innerhalb von dreihundert Metern von Camp Alpha liegenbleiben.« »Das scheint mir nicht sehr nahe.« »Versuchen Sie’s doch gelegentlich mal. Ich hab’ mal gesehen, wie Joe ein paar Kilometer vorbeigeschossen hat.« Die Dose hüpfte jetzt nicht mehr; die Schwer- kraft hatte soweit zugenommen, daß sie nun an der gebogenen Innenfläche der Nordkap- pe zu kleben schien. Als sie die zweite Terras- se erreicht hatte, rollte sie mit etwa zwanzig bis dreißig Stundenkilometern dahin und hat- te damit die höchste Geschwindigkeit erreicht, die die Reibung zulassen würde. »Und jetzt müssen wir warten«, sagte Pie- ter und setzte sich wieder an sein Teleskop, um die ›Luftpostbombe‹ im Auge zu behal- ten. »In zehn Minuten wird sie dort sein. Ah, hier kommt der Skipper – ich habe mich daran gewöhnt und kann Leute sogar aus diesem Winkel erkennen –, jetzt schaut er zu uns rauf.«, »Ich habe den Eindruck, dieses Teleskop ver- mittelt Ihnen eine Art Machtgefühl!« »Aber ja doch. Ich bin der einzige, der alles weiß, was sich in Rama tut. Jedenfalls habe ich geglaubt, daß ich es weiß.« Pieters Stimme klang anklagend, er warf Kirchoff einen vor- wurfsvollen Blick zu. »Wenn es Sie glücklich macht, der Skip- per hat gemerkt, daß er keine Zahnpasta mehr hat.« Danach schlief das Gespräch ein. Schließlich aber sagte Pieter: »Ich wollte, Sie hätten die Wette angenommen … er braucht bloß fünf- zig Meter weit zu gehen … jetzt sieht er sie … Auftrag ausgeführt.« »Danke, Pieter. Sehr gute Leistung. Und jetzt können Sie sich wieder schlafen legen.« »Was heißt hier schlafen! Ich habe bis 4.00 Uhr Wache!« »Tut mir sehr leid – aber Sie müssen geschla- fen haben. Oder wie erklären Sie sich sonst, daß Sie all das geträumt haben?« SPACE SURVEY HAUPTQUARTIER AN COMMANDER SS EN- DEAVOUR. PRIORITÄT AAA. GEHEIMSTUFE NUR FÜR KAPI- TÄN. KEINE AUFZEICHNUNG PER DAUERRECORDER. SPACEGUARD BERICHTET ULTRASCHNELLES RAUMFAHR- ZEUG OFFENBAR VOR ZEHN ODER ZWÖLF TAGEN VON, MERKUR GESTARTET UM RAMA ABZUFANGEN. FALLS KEI- NE FLUGBAHNÄNDERUNG EINTREFFEN FÜR VOM DATUM 322 TAGE 15 STUNDEN BERECHNET. KANN NÖTIG WER- DEN DASS SIE VORHER EVAKUIEREN. WEITERE ANWEISUN- GEN FOLGEN. OBERKOMMANDO Norton las die Nachricht ein halbes dutzend- mal durch, um sich das Datum einzuprägen. Es fiel in Rama schwer, das Zeitgefühl nicht zu verlieren; er mußte auf seine Kalenderuhr sehen, um herauszufinden, daß heute der Tag 315 war. Damit blieb ihnen nur noch eine Wo- che … Die Nachricht war niederschmetternd, nicht nur wegen ihres Inhalts, sondern auch wegen der Implikationen. Die Hermianer hatten einen heimlichen Start vorgenommen – was an und für sich bereits ein Bruch der Weltraumgeset- ze war. Die Schlußfolgerung war eindeutig: ihr ›Raumfahrzeug‹ konnte nur eine Vernichtungs- rakete sein. Aber warum? Es war unvorstellbar – also bei- nahe unvorstellbar –, daß sie es riskieren wür- den, die Endeavour in Gefahr zu bringen, also würde er aller Wahrscheinlichkeit nach von den Hermianern gründlich gewarnt werden. Im Notfall konnte er innerhalb weniger Stun- den abdocken. Allerdings würde er dies nur, unter schärfstem Protest und auf direkten Be- fehl des Oberkommandierenden hin tun. Langsam und tief in Gedanken versunken ging er zu dem improvisierten Lebenserhal- tungsgerät hinüber und ließ die Nachricht in eine Elektrosan-Toilette fallen. Der leuchtende Laserblitz, den er durch den Spalt unter dem Sitzdeckel sehen konnte, verriet ihm, daß den Sicherheitsbestimmungen Genüge geschehen war. Es ist doch zu blöd, sagte er sich, daß man nicht alle Probleme so rasch und so hygienisch aus der Welt schaffen kann. *, 37. KAPITEL

DIE RAKETE

Die Rakete war noch fünf Millionen Kilome- ter weit entfernt, als der Schein ihrer Plasma- Bremsdüsen im Hauptteleskop der Endeavour deutlich sichtbar wurde. Inzwischen war das Geheimnis publik geworden, und Norton hat- te widerwillig die zweite und möglicherweise letzte Evakuierung aus Rama befohlen; doch er beabsichtigte nicht eher abzudocken, bis ihm die Ereignisse keine andere Wahl ließen. Als das Bremsmanöver beendet war, befand sich der unwillkommene Gast vom Merkur nur noch fünfzig Kilometer von Rama entfernt und führte offensichtlich mittels seiner Fern- sehkameras eine genaue Überprüfung durch. Man konnte diese Kameras genau erkennen – eine am Bug und eine am Heck, ebenso meh- rere kleine Rundstrahlantennen und eine gro- ße Richtantenne, die beständig auf den fernen Planeten Merkur gerichtet war. Norton fragte sich, was für Anordnungen wohl über diesen Leitstrahl ankommen und was für Informatio- nen zurücklaufen mochten. Aber eigentlich konnten die Hermianer ja gar nichts herausbringen, was sie nicht sowie- so schon wußten; sämtliche Entdeckungen, die, die Endeavour gemacht hatte, waren im gan- zen Sonnensystem verbreitet worden. Dieses Raumfahrzeug – es hatte sämtliche Geschwin- digkeitsrekorde gebrochen, um hierherzugelan- gen – konnte nur der verlängerte Arm sein für die Absichten und Pläne seiner Konstrukteure, ein Instrument, das ihren Zielen diente. Und diese Ziele würde man bald kennen, denn in drei Stunden beabsichtigte der Botschafter des Merkur, die Generalversammlung der United Planets zu informieren. Offiziell gab es die Rakete noch gar nicht. Sie hatte keine Erkennungszeichen und sen- dete nicht auf Standardfrequenz. Dies war ein schwerer Bruch der Vereinbarungen, aber noch nicht einmal SPACEGUARD hatte bisher formell Protest erhoben. Alle warteten nervös und un- geduldig darauf, was die Leute vom Merkur weiter tun würden. Drei Tage waren vergangen, seit die Existenz – und die Herkunft – der Rakete bekannt wa- ren; doch die ganze Zeit hatten sich die Her- mianer in ein hartnäckiges Schweigen gehüllt. Sie waren Meister darin, wenn es ihren Zielen diente. Einige Psychologen hatten die Behauptung aufgestellt, daß es nahezu unmöglich sei, die Mentalität von Menschen ganz zu verstehen,, die auf dem Merkur geboren wurden. Die Her- mianer waren für alle Zeit von der Erde durch deren dreimal höhere Schwerkraft verbannt; sie konnten vom Mond aus über diese schma- le Schlucht auf den Planeten ihrer Vorfahren (ja zum Teil sogar ihrer Eltern) schauen, doch sie konnten ihn niemals besuchen. Darum be- haupteten sie selbstverständlich, daß sie dies gar nicht wollten. Sie gaben vor, den sanften Regen zu verach- ten, die wogenden Felder, die Seen und Mee- re, den blauen Himmel – Dinge, die sie über- haupt nur aus Aufzeichnungen kannten. Da ihr Planet von so hoher Sonnenenergie über- flutet wurde, daß die Tagestemperatur oftmals sechshundert Grad erreichte, legten sie sich eine affektierte angeberische Hartgesottenheit zu, die ernsthafter Nachforschung keinen Au- genblick lang standhielt. Tatsächlich neigten sie zu körperlicher Schwächlichkeit, da sie ja nur überleben konnten, wenn sie völlig gegen ihre Umgebung abgeschirmt waren. Ein Her- mianer würde in einem Gebiet in Äquatornähe auf der Erde an einem heißen Tag sehr rasch außer Gefecht gesetzt werden, selbst wenn er die Schwerkraft vertragen könnte. Aber wo es wirklich darauf ankam, waren die Hermianer unglaublich zäh. Der psychologische, Druck, den dieser wild pulsierende Stern, die Sonne, in so großer Nähe auf sie ausübte, die technischen Probleme der Unterwerfung die- ses so abweisenden Planeten, dem man sämt- liche Lebensnotwendigkeiten entreißen mußte – all dies zusammen hatte zu einer spartani- schen und in vielerlei Hinsicht höchst bewun- dernswerten Kultur geführt. Auf die Hermianer konnte man sich verlassen: wenn sie etwas ver- sprachen, dann hielten sie das auch ein – die Rechnung, die sie dafür präsentierten, konnte allerdings beachtlich sein. Einer ihrer Lieblings- scherze sagte, daß sie die Sonne, falls diese sich je in eine Nova zu verwandeln drohte, gern un- ter Kontrolle bringen würden – vorausgesetzt, die vertraglichen Summen dafür wären garan- tiert. Ein anderer Witz, der seinen Ursprung nicht auf dem Merkur hatte, lautete, daß jedes Kind, das auch nur das kleinste Anzeichen von Interesse an Kunst, Philosophie oder theoreti- scher Mathematik erkennen ließ, sofort wieder in die hydroponischen Kulturen zurückgesteckt würde. Soweit es sich um Kriminelle und Psy- chopathen handelte, war dies leider kein Witz. Kriminalität war ein Luxus, den unter anderen sich der Merkur nicht erlauben konnte. Commander Norton hatte den Merkur einmal besucht, war ungeheuer beeindruckt gewesen –, wie die meisten Besucher – und hatte dort vie- le Freunde gewonnen. Er hatte sich in Port Lu- zifer in ein Mädchen verliebt und sogar daran gedacht, einen dreijährigen Ehevertrag zu un- terzeichnen, doch die Eltern mißbilligten eine Verbindung mit einem Mann, der von außer- halb der Venusbahn stammte. Nun, auch das hatte nichts weiter ausgemacht … »Tripel-A-Nachricht von der Erde, Skipper«, meldete sich die Brücke. »Vokal und Begleit- text. Sind Sie bereit?« »Bestätigen Sie und Computern Sie den Text. Geben Sie mir das Vokalband.« »Hier ist es.« Admiral Hendrix’ Stimme klang ruhig und sachlich, als erteile er einen routinemäßigen Flottenbefehl, und nicht, als habe er es mit ei- ner Situation zu tun, die in der Geschichte der Raumfahrt einzigartig war. Aber schließlich saß er ja auch nicht zehn Kilometer von der Bombe entfernt. »Oberkommandierender an Kommandanten der Endeavour. Hier eine kurze Zusammen- fassung der Lage, soweit wir sie jetzt überblik- ken können. Sie wissen, daß die Generalver- sammlung um 14.00 Uhr zusammentritt, und Sie werden den Verlauf der Sitzung verfolgen. Es ist möglich, daß Sie sofort darauf Aktionen, unternehmen müssen, ohne Rücksprache mit uns; deshalb vorsorglich diese Instruktionen. Wir haben die Fotos analysiert, die Sie uns gesendet haben; das Raumfahrzeug ist eine standardisierte Raumsonde, die hochgetrimmt wurde auf starken Antrieb und die möglicher- weise die Initialzündung per Laserstrahl er- hält. Größe und Masse entsprechen einer Wasserstoffbombe im 500- bis 1000-Megaton- nen-Bereich; die Hermianer verwenden bis zu 100 Megatonnen routinemäßig bei der Er- schließung von Bodenschätzen, also dürfte es ihnen keine Schwierigkeiten bereitet haben, eine derartige Sprengkraft zusammenzubau- en. Ferner versichern uns unsere Fachleute, daß dies in etwa die Minimalgröße darstellt, wenn man sichergehen will, daß Rama vernichtet wird. Wenn die Rakete an der dünnsten Stel- le – unter der Zylindrischen See – detonier- te, würde sie ein Leck in den Rumpf schlagen, und die Rotation des Raumkörpers würde dann das Zerstörungswerk vollenden. Wir nehmen an, daß die Hermianer, falls sie eine solche Aktion geplant haben, Ihnen recht- zeitig mitteilen werden, sich abzusetzen. Zu Ihrer Information: der Gammastrahlenblitz solch einer Bombe könnte für Sie innerhalb, eines Bereichs von bis zu tausend Kilometern gefährlich sein. Doch dies ist nicht die größte Gefahr. Die Wrackteile von Rama, die tonnenschwer sein würden und mit fast tausend Stundenkilome- tern wegtrudeln könnten, wären in der Lage, Sie noch in unbegrenzter Entfernung zu ver- nichten. Wir empfehlen deshalb, daß Sie sich längs der Rotationsachse bewegen, da in dieser Richtung keine Trümmerteile abgestoßen wer- den. Zehntausend Kilometer müßten ein aus- reichender Sicherheitsabstand sein. Diese Nachricht kann nicht abgefangen wer- den; sie geht über einen Mehrfach-Pseudo- Zufallskanal. Deshalb kann ich Klartext in Englisch mit Ihnen reden. Ihre Antwort ist möglicherweise nicht ganz so abgesichert, sprechen Sie also vorsichtig und verwenden Sie gegebenenfalls den Kode. Ich setze mich sofort nach der Generalversammlung wieder mit Ihnen in Verbindung. Ende der Nachricht. Oberkommando, Ende.« *, 38. KAPITEL

DIE GENERALVERSAMMLUNG

Den Geschichtsbüchern zufolge hatte es eine Zeit gegeben, in der die alten Vereinten Natio- nen 172 Mitglieder hatten. Allerdings konnte sich das kaum einer mehr vorstellen. Die Ver- einten Planeten (UP) hatten nur sieben, und selbst das war manchmal schon schlimm ge- nug. Entsprechend ihrer Nähe zur Sonne wa- ren dies: Merkur, Erde, Mond, Mars, Ganymed, Titan und Triton. Diese Liste enthielt zahlreiche Auslassun- gen und Zweideutigkeiten, die vermutlich ir- gendwann in der Zukunft bereinigt werden würden. Die Kritiker des Systems wurden nie- mals müde, darauf hinzuweisen, daß die mei- sten Mitglieder der Vereinten Planeten ja über- haupt keine Planeten seien, sondern Satelliten. Und es sei lächerlich, daß die vier Giganten Ju- piter, Saturn, Uranus und Neptun nicht vertre- ten seien … Aber auf diesen Gasgiganten lebte kein Mensch, und mit ziemlicher Sicherheit würde dort auch nie jemand leben. Das gleiche moch- te für jenen anderen großen, nicht repräsen- tierten Planeten gelten: für die Venus. Selbst die begeistertsten Planeteningenieure gaben, zu, daß es Jahrhunderte dauern würde, die Ve- nus zu zähmen. Aber inzwischen ließen die Hermianer sie nicht aus den Augen und brüte- ten zweifellos über langfristigen Plänen in die- ser Hinsicht nach. Auch die getrennte Repräsentanz von Erde und Luna war ein beständiger Zankapfel ge- wesen; die übrigen Mitglieder argumentier- ten, daß damit ein Teilbereich des Sonnensy- stems zu große Macht erhalte. Aber auf dem Mond lebten mehr Menschen als auf allen an- deren Welten, ausgenommen die Erde – und der Mond war nun einmal der einzig mögli- che Treffpunkt für Sitzungen der UP. Überdies stimmten Erde und Mond kaum jemals in ei- nem Punkt überein, darum war es unwahr- scheinlich, daß sie jemals einen gefährlichen Block bilden würden. Der Mars hatte die Treuhandschaft über die Asteroide – mit Ausnahme der Ikarischen Gruppe (die von Merkur verwaltet wurde) – und einer Handvoll anderer, deren Perihelion jenseits des Saturn lag und die deshalb von Ti- tan beansprucht wurden. Eines Tages würden die größeren Asteroiden wie Pallas, Vesta, Juno und Ceres selbst bedeutend genug sein, ihre eigenen Botschafter zu haben, und die Mitglie- derzahl der UP würde dann zweistellig sein., Ganymed vertrat nicht nur den Jupiter – und damit eine größere Masse als das ge- samte Sonnensystem zusammengenommen –, sondern auch die restlichen schätzungs- weise fünfzig Jupitersatelliten, falls man die vorübergehenden Prisen aus dem Astero- idengürtel mit einbezog (die Juristen stritten sich noch immer um diesen Punkt). In glei- cher Weise kümmerte sich Titan um den Sa- turn, seine Ringe und die übrigen etwa drei- ßig Satelliten. Die Lage Tritons war sogar noch kompli- zierter. Der große Neptunmond war der fern- ste Weltkörper des Sonnensystems, der be- ständig bewohnt war. Das hatte zur Folge, daß sein Botschafter eine beträchtliche Anzahl von Flaggen vertrat. Er war Repräsentant des Ura- nus und seiner acht Monde (von denen bislang noch keiner erobert worden war), des Nep- tun und seines einzigen Mondes und der ein- samen mondlosen Persephone. Und wenn es jenseits von Persephone Planeten geben soll- te, dann würden sie gleichfalls in den Verant- wortungsbereich Tritons fallen. Und als reich- te das nicht aus, hatte man den Botschafter der Äußeren Finsternis, wie er gelegentlich be- zeichnet wurde, zuweilen klagen hören: »Und was ist mit den Kometen?« Allgemein bestand, der Eindruck, daß man die Lösung dieses Pro- blems der Zukunft überlassen solle. Und doch war diese Zukunft bereits sehr konkret eingetreten. Manchen Definitionen zu- folge war Rama ein Komet, denn Kometen wa- ren die einzigen sonstigen Besucher aus den Tiefen des Alls, und viele von ihnen waren auf hyperbolischen Bahnen der Sonne sogar näher gekommen, als Ramas Bahn es erwarten ließ. Jeder Weltraumrecht-Jurist würde daraus ei- nen sehr guten Fall konstruieren können – und der Merkurbotschafter war einer der besten Ju- risten auf diesem Gebiet. »Wir erteilen das Wort Seiner Exzellenz dem Botschafter des Merkur.« Da die Delegierten entsprechend der Entfer- nung ihres Planeten im umgekehrten Uhrzeiger- sinn plaziert waren, saß der Hermianer zur äu- ßersten Rechten des Vorsitzenden. Bis zur letzten Minute hatte er die Verbindung mit seinem Com- puter gehalten; nun setzte er die Synchro-Brille ab, die verhinderte, daß irgend jemand sonst die Nachrichten auf seinem Bildschirm entziffern konnte. Er nahm den Stapel Notizen von seinem Tisch und erhob sich rasch. »Herr Vorsitzender, geehrte Mitabgeordnete, ich darf mit einer kurzen Zusammenfassung, der Situation, der wir uns jetzt konfrontiert se- hen, beginnen.« Hätte ein anderer Delegierter den Ausdruck ›kurze Zusammenfassung‹ gebraucht, dann hät- ten wohl alle Zuhörer heimlich gestöhnt, aber jedermann wußte, daß die Hermianer ganz ge- nau meinten, was sie sagten. »Das gigantische Raumschiff oder der künst- liche Asteroid, der Rama getauft wurde, wur- de vor einem Jahr in der Region außerhalb Ju- piters geortet. Zunächst hielt man es für einen natürlichen Himmelskörper, der auf einer Hy- perbelbahn lief, um die Sonne herum und wie- der zurück zu den Sternen. Als seine wahre Natur erkannt wurde, hat man den Beobachter Endeavour zur Kontakt- aufnahme abbeordert. Ich zweifle nicht daran, daß wir alle Commander Norton und seiner Besatzung zu der Effizienz gratulieren, mit der sie diesen ihren einzigartigen Auftrag durch- führen konnten. Anfangs glaubten wir, Rama sei tot – seit so vielen hunderttausend Jahren erstarrt, daß eine Wiederbelebung unmöglich erschien. In einem strikt biologischen Sinn mag das auch jetzt noch zutreffen. Es scheint unter den Wissenschaft- lern, die sich mit der Materie befaßt haben, all- gemeine Übereinstimmung zu herrschen, daß, kein lebender Organismus von einer gewis- sen komplexen Struktur in der Lage ist, einen künstlichen Scheintod mehr als nur ein paar Jahrhunderte zu überleben. Selbst bei absolu- ter Schwerelosigkeit dürften demnach die Rest- quantenwirkungen zu viele Zellinformationen auslöschen, als daß die Wiedererweckung mög- lich wäre. Demzufolge hatte es den Anschein, daß trotz der enormen Bedeutung Ramas für die Archäologie nicht mit größeren astropolitischen Problemen zu rechnen sein würde. Heute ist es klar, daß dies eine äußerst naive Einschätzung der Lage war. Allerdings haben manche Kritiker von Anfang an darauf hinge- wiesen, daß Ramas Flugbahn zu exakt auf die Sonne ziele, als daß dies reiner Zufall sein könnte. Aber selbst dann, so hätte man argumentie- ren können – und man argumentierte tatsäch- lich so –, konnte es sich um ein fehlgeschlage- nes Experiment handeln. Rama hatte zwar das geplante Ziel erreicht, doch die kontrollieren- de Intelligenz hatte nicht überleben können. Auch dieser Standpunkt erscheint jetzt sehr naiv, denn er unterschätzt die Wesen, mit de- nen wir es zu tun haben. Was wir vergessen haben in Erwägung zu ziehen, war die Möglichkeit eines nichtbiologi-, schen Überlebens. Wenn wir die äußerst plau- sible Theorie Dr. Pereras akzeptieren, und sie wird sicherlich allen Fakten gerecht, dann exi- stieren die innerhalb Ramas beobachteten Ge- schöpfe erst seit sehr kurzer Zeit. Ihre Pro- duktionsmuster oder Schablonen waren in irgendeiner zentralen Datenbank gespeichert, und als die Zeit reif war, wurden sie aus den vorhandenen Rohstoffen hergestellt. Mögli- cherweise waren diese in der metallo-organi- schen Suppe der Zylindrischen See enthalten. Derartige Unternehmungen liegen heute noch ein wenig außerhalb der menschlichen Mög- lichkeiten, doch sie stellen theoretisch kein Problem mehr dar. Wir wissen, daß feste Schal- tungen im Gegensatz zu lebendiger Materie In- formationen ohne Verluste über unbegrenzte Zeiträume aufzubewahren vermögen. Also ist Rama vollkommen operationsbereit und in der Lage, die Absichten seiner Erbau- er zu erfüllen – welche immer die sein mögen. Von unserem Standpunkt aus spielt es keine Rolle, ob die Ramaner selbst alle seit einer Mil- lion Jahren tot sind oder ob auch sie neu ge- schaffen werden und sich zu ihren Dienern gesellen, was jeden Augenblick möglich sein könnte. So oder so wird ihr Wille vollzogen und wird auch in Zukunft vollzogen werden., Rama hat uns inzwischen den Beweis ge- liefert, daß sein Antriebssystem noch funktio- niert. In wenigen Tagen wird er am Perihelion sein, wo er logischerweise eventuell wichtige Flugbahnänderungen vornehmen müßte. Wir müssen also damit rechnen, daß wir bald ei- nen neuen Planeten haben – und er würde sich durch die Bezirke des Sonnensystems bewe- gen, die der Jurisdiktion meiner Regierung un- terstehen. Es ist natürlich auch möglich, daß Rama weitere Richtungsänderungen vornimmt und sich auf eine definitive Umlaufbahn ir- gendwo um die Sonne begibt. Er könnte sogar zu einem Satelliten eines größeren Planeten werden. Zum Beispiel der Erde … Meine Herren Mitabgeordneten, wir sehen uns also einer ganzen Reihe von Möglichkeiten konfrontiert, von denen einige allerdings wirk- lich ernster Natur sind. Es wäre töricht zu be- haupten, daß jene Geschöpfe uns freundlich gesonnen sein müssen, daß sie sich in keiner Weise in unsere Angelegenheiten einmischen werden. Wenn sie in unser Sonnensystem kommen, dann deshalb, weil sie hier etwas ho- len wollen. Selbst wenn es nur wissenschaft- liche Kenntnisse sein sollten – überlegen Sie sich bitte, wie dieses Wissen Verwendung fin- den könnte …, Wir sehen uns jetzt einer Technologie gegen- über, die Hunderte, ja vielleicht Tausende von Jahren weiter fortgeschritten ist als die unse- re – und einer Kultur, zu der es möglicherweise überhaupt keine Berührungspunkte gibt. Wir haben das Verhalten der biologischen Robo- ter studiert – der sogenannten Bioten –, soweit dies aus den Filmen, die Commander Norton vom Inneren Ramas übermittelte, möglich war, und wir sind zu bestimmten Schlußfolgerun- gen gelangt, die wir Ihnen hier unterbreiten wollen. Wir auf dem Merkur haben wahrscheinlich Pech, daß wir keine lokalen Lebensformen zur Beobachtung haben. Doch verfügen wir natür- lich über vollkommen umfassende Aufzeich- nungen über die irdische Zoologie, und dort entdeckten wir eine frappierende Parallele zu Rama. Und zwar handelt es sich um die Termiten- kolonie. Wie bei Rama existiert auch dort eine künstliche Welt mit einer kontrollierten Um- welt. Wie bei Rama hängt die Funktionsfähig- keit von einer ganzen Reihe hochspezialisierter biologischer Maschinen ab – Arbeitern, Bau- meistern, Bauern und – Kriegern. Und wenn wir auch nicht wissen, ob Rama eine Köni- gin hat, so möchte ich doch die Vermutung äu-, ßern, daß die Insel, die als New York bekannt ist, eine ähnliche Funktion erfüllen dürfte. Es wäre selbstverständlich absurd, den Ver- gleich zu weit voranzutreiben; er ist in vie- len Punkten nicht stichhaltig. Aber ich erlau- be mir, ihn Ihnen aus folgenden Gründen zu unterbreiten: Bis zu welchem Grad würde jemals zwischen menschlichen Wesen und Termiten eine Zu- sammenarbeit oder eine Verständigung mög- lich sein? Wenn es keinerlei Interessenkon- flikte gibt, tolerieren sich die beiden Spezies. Doch wenn eine von beiden entweder das Ter- ritorium oder die Hilfsmittel der anderen Gat- tung benötigt, wird kein Pardon gegeben. Dank unserer Technologie und unserer In- telligenz sind wir stets in der Lage zu siegen, wenn wir dazu nur stark genug entschlossen sind. Doch manchmal fällt dies nicht leicht, und manch einer ist überzeugt, daß auf lange Sicht der Sieg doch noch den Termiten zufal- len wird … Bedenken Sie dies, und erwägen Sie nun die furchtbare Bedrohung, die Rama für die menschliche Zivilisation bedeuten könnte. Ich sage ›könnte‹ – nicht muß. Und welche Schritte haben wir unternommen, um dem Schlimmsten zu begegnen, falls es eintreffen sollte? Überhaupt, keine. Wir haben nur geredet und spekuliert und gescheite Abhandlungen verfaßt. Nun, meine Herren Mitabgeordneten, der Merkur hat mehr als dies getan. Gemäß den Be- stimmungen der Klausel 34 des Weltraumab- kommens von 2057, denen zufolge wir berech- tigt sind, alle nötigen Schritte zu unternehmen, um die Unversehrtheit unseres Solarraums zu erhalten, haben wir ein hochpotenziertes Nu- kleargeschoß in die Nähe Ramas gebracht. Ich muß sagen, daß wir äußerst glücklich wären, wenn wir es nicht einsetzen müßten. Doch jetzt sind wir wenigstens nicht mehr hilflos, wie dies zuvor der Fall war. Man könnte anführen, daß wir einseitig ge- handelt hätten, ohne vorherige Konsultatio- nen. Wir geben dies zu. Doch kann einer sich hier vorstellen – ich bitte um Vergebung, Herr Vorsitzender –, daß wir eine derartige Über- einkunft in der uns zur Verfügung stehenden Zeit hätten erreichen können? Wir halten da- für, daß wir nicht nur in unserem eigenen In- teresse handelten, sondern in dem der ganzen menschlichen Rasse. Alle kommenden Gene- rationen werden uns vielleicht eines Tages für unsere Vorsicht danken. Wir waren uns natürlich darüber im klaren, daß es eine Tragödie – ja sogar ein Verbrechen, – sein würde, ein so wunderbares Artefakt wie Rama zu zerstören. Und wenn es irgendeinen Weg gibt, dies ohne Risiken für die Mensch- heit zu vermeiden, würden wir uns glücklich schätzen, diesen Weg kennenzulernen. Wir je- denfalls haben keinen gefunden, und die Zeit wird knapp. Innerhalb der nächsten paar Tage – ehe Rama das Perihelion erreicht – müssen wir die Ent- scheidung fällen. Wir werden der Endeavour rechtzeitig und ausführlich Nachricht geben – doch wir würden Commander Norton anraten, sich ständig bereitzuhalten, innerhalb einer Sekunde abzudocken. Es ist durchaus denkbar, daß Rama jeden Moment weitere dramatischen Veränderungen durchmachen kann. Das ist alles, Herr Vorsitzender, meine Her- ren Kollegen. Ich danke Ihnen für Ihre Auf- merksamkeit, und ich rechne auf Ihre bereit- willige Unterstützung.« *, 39. KAPITEL

ENTSCHEIDUNGSSCHWIERIGKEITEN

»Nun, Rod, wie passen die Hermianer in ihr theologisches Weltbild?« »Nur allzu gut, Commander«, antwortete Leutnant Rodrigo mit humorlosem Lächeln. »Es ist der uralte Kampf zwischen den Kräften des Guten und des Bösen. Und zuweilen müs- sen die Menschen in diesem Kampf eine Seite wählen.« Habe ich doch gewußt, daß es irgend so was ist, dachte Norton. Diese Situation muß für Bo- ris ein Schock gewesen sein, aber ich glaube nicht, daß er resignieren und sie passiv hin- nehmen wird. Die Kosmo-Christen waren en- ergische und kompetente Leute. Tatsächlich ähnelten sie in mancherlei Hinsicht den Her- mianern beträchtlich. »Ich vermute, Sie haben einen Plan, Rod?« »Jawohl, Commander. Es ist wirklich ganz einfach. Wir brauchen nur die Bombe zu ent- schärfen.« »Aha. Und welchen Vorschlag zur Durchfüh- rung haben Sie?« »Ich nehme eine kleine Drahtschere mit.« Wenn jemand anderer ihm diesen Vorschlag unterbreitet hätte, Norton würde an einen, Scherz geglaubt haben. Nicht so bei Boris Ro- drigo. »Moment mal! Das Ding strotzt von Kameras. Glauben Sie denn, daß die Hermianer einfach auf ihrem Hintern sitzenbleiben und Ihnen zu- sehen werden?« »Aber sicher; mehr können sie nämlich gar nicht tun. Wenn das Funksignal bei ihnen an- kommt, ist es bereits viel zu spät. Ich kann die Sache leicht in zehn Minuten erledigen.« »Ich verstehe. Die werden aber wütend sein. Aber nehmen Sie mal an, die Bombe hat eine Sicherungsvorrichtung und Ihre Manipulation zündet sie?« »Das scheint mir höchst unwahrschein- lich, und wozu sollte es auch dienen? Die- se Bombe wurde für eine bestimmte Aufga- be im tiefen Weltraum gebaut, und sie ist sicherlich mit allen möglichen Sicherungs- vorkehrungen ausgestattet, um die Detonati- on zu verhindern, außer auf einen positiven Befehl hin. Aber dieses Risiko gehe ich gern ein – und es ist möglich, ohne unser Schiff dabei zu gefährden. Ich habe mir alles genau überlegt.« »Ich bin sicher, das haben Sie«, sagte Norton. Die Idee war verführerisch, und er war davon begeistert. Besonders behagte ihm die Vorstel-, lung, wie frustriert die Hermianer sein wür- den, und er würde viel darum gegeben haben, ihre Reaktionen sehen zu können, wenn ihnen – zu spät – klarwurde, was mit ihrem tödlichen Spielzeug passierte. Doch es gab Komplikationen in anderer Hin- sicht, und sie schienen sich zu vermehren, je länger Norton das Problem überdachte. Er sah sich vor die bei weitem schwierigste und kri- tischste Entscheidung seiner ganzen Laufbahn gestellt. Und das war sogar noch eine lächerliche Untertreibung. Er stand vor der schwierigsten Entscheidung, die jemals ein Kommandant zu treffen hatte: denn von ihr konnte sehr wohl die Zukunft der gesamten menschlichen Rasse abhängen. Denn was war, wenn die Hermianer recht hatten? Nachdem Rodrigo ihn verlassen hatte, knip- ste er das BITTE-NICHT-STÖREN-Schild an seiner Tür an; er konnte sich nicht mehr erinnern, wann er es zum letztenmal benutzt hatte, und war fast ein wenig überrascht, daß es funktio- nierte. Nun war er mitten im Herzen seines überfüllten, von geschäftigem Lärm erfüllten Schiffes ganz mit sich allein. Nur das Porträt des Kapitäns James Cook blickte aus den Fer- nen der Zeit auf ihn herab., Die Erde zu konsultieren war unmöglich; man hatte ihn ja bereits gewarnt, daß alle Nachrich- ten abgehört werden konnten – möglicherweise sogar durch Relais an der Bombe selbst. Damit lag die Verantwortung uneingeschränkt in sei- nen Händen. Irgendwo hatte er einmal eine Geschichte über einen Präsidenten der Vereinigten Staaten gehört – war es Roosevelt gewesen oder Tru- man? –, der auf seinem Schreibtisch ein Schild stehen hatte mit der Aufschrift: ›Der Schwar- ze Peter landet hier.‹ Norton war nicht ganz si- cher, was ein ›Schwarzer Peter‹ war, aber er wußte, wenn einer auf seinem Schreibtisch ge- landet war. Er konnte nichts tun und mußte abwarten, bis die Hermianer ihn aufforderten abzudok- ken. Wie würde man das in den Geschichtsbü- chern der Zukunft lesen? Norton machte sich keine übergroßen Sorgen über seinen Ruhm oder seine Schmach nach dem Tode, aber er legte auch keinen Wert darauf, für alle Zeiten als Mittäter in einem kosmischen Verbrechen in die Erinnerung der Menschen einzugehen, eines Verbrechens, das zu verhindern in seiner Macht gestanden hätte. Und Rodrigos Plan war einwandfrei. Wie er es nicht anders erwartet hatte, hatte dieser das, kleinste Detail ausgearbeitet, jede Möglichkeit vorweggenommen – selbst die unwahrschein- liche Gefahr, daß die Bombe gezündet wer- den könnte, wenn man an ihr herumhantierte. Aber falls dies eintreten sollte, würde die En- deavour immer noch hinter Rama als Schutz- schild sicher sein. Und was Leutnant Rodrigo selbst betraf, so schien er die Möglichkeit der sofortigen Auferstehung mit völligem Gleich- mut zu betrachten. Doch selbst wenn die Bombe erfolgreich entschärft wäre, so bedeutete dies noch lan- ge nicht, daß die Sache damit erledigt war. Die Hermianer könnten es ja erneut versuchen – es sei denn, man fand einen Weg, ihnen Einhalt zu gebieten. Aber wenigstens hätten sie ein paar Wochen Aufschub gewonnen; Rama wür- de weit jenseits des Perihelions sein, ehe es ei- nem zweiten Geschoß möglich wäre, ihn zu er- reichen. Und bis dahin würden hoffentlich die schlimmsten Befürchtungen der Panikmacher entkräftet sein. Oder aber auch umgekehrt … Tun oder Nichttun, das war hier die Frage. Nie zuvor in seinem Leben hatte Commander Norton sich dem Dänenprinzen so verwandt gefühlt. Wie immer er entschied, die Möglich- keiten eines guten oder bösen Ausgangs schie- nen sich vollkommen die Waage zu halten. Er, sah sich vor die schwierigste aller moralischen Entscheidungen gestellt. Wenn seine Wahl falsch war, dann würde er dies sehr rasch er- fahren. Aber wenn sie richtig war – würde er vielleicht nie in der Lage sein, dies zu bewei- sen … Es hatte keinen Sinn, sich noch weiter mit logischen Argumenten herumzuschlagen und die möglichen Zukunftsalternativen zu skiz- zieren. Auf diese Weise konnte man nur endlos im Kreis herumrennen. Es war an der Zeit, daß er auf seine inneren Stimmen hörte. Er erwiderte den ruhigen, stetigen Blick, der ihn über die Jahrhunderte hinweg traf. »Ich stimme Ihnen zu, Kapitän«, flüsterte er. »Die menschliche Rasse muß mit ihrem Gewis- sen leben können. Was immer auch die Hermi- aner behaupten mögen: Überleben ist nicht al- les.« Er drückte den Rufknopf der Brückensprech- anlage und sagte langsam: »Leutnant Rodrigo – ich würde Sie gern sprechen.« Dann schloß er die Augen, hakte die Dau- men in die Sicherheitsgurte seines Sessels und machte sich bereit, ein paar Augenblicke völli- ger Entspanntheit zu genießen. Es würde möglicherweise geraume Zeit ver- gehen, bis ihm dies wieder vergönnt wäre., 40. KAPITEL

DER SABOTEUR

Der Skooter war von allen unnötigen Gegen- ständen befreit worden; jetzt war er nur noch ein offenes Rahmenwerk, das die Antriebs-, Lenkungs- und Lebenserhaltungssysteme zu- sammenhielt. Selbst der Sitz für den Kopiloten war entfernt worden, da jedes Kilogramm an Extramasse mit Aktionszeit hätte bezahlt wer- den müssen. Dies war einer der Gründe dafür gewesen, wenn auch nicht der einzige, warum Rodrigo darauf bestanden hatte, allein zu gehen. Die Aufgabe war dermaßen einfach, daß kein zwei- tes Paar Hände eingesetzt werden mußte, und das Gewicht eines zweiten Passagiers würde mehrere Minuten Flugzeit gekostet haben. So wie es jetzt war, konnte der Skooter mit mehr als einem Drittel G beschleunigen; er konn- te die Strecke von der Endeavour zu der Rake- te in vier Minuten überwinden. Damit blieben sechs Minuten übrig, und das sollte eigentlich ausreichen. Rodrigo blickte nur einmal zurück, nachdem er das Raumschiff verlassen hatte. Er sah, daß es sich, wie geplant, von der Mittelachse abge- setzt hatte und nun sacht über der wirbelnden, Scheibe des Nordendes davonschwebte. Wenn er die Bombe erreichte, würde zwischen ihr und der Endeavour die Masse Ramas liegen. Er ließ sich Zeit mit dem Flug über die Nord- polebene. Hier brauchte er sich noch nicht zu beeilen, da ihn die Kameras der Bombe noch nicht ausmachen konnten. Also konnte er Treibstoff sparen. Dann trieb er über den gebo- genen Rand der Welt hinaus – und dort lag das Raketengeschoß vor ihm. Es blitzte hell in ei- nem Sonnenlicht, das sogar noch schärfer war als jenes auf seinem Ursprungsplaneten. Rodrigo hatte bereits die Lenkautomatikknöp- fe gedrückt. Er aktivierte die Sequenz: der Skoo- ter trudelte auf seinen Gyros und hatte inner- halb weniger Sekunden vollen Schub erreicht. Zuerst schien ihn das plötzliche Gewicht er- drücken zu wollen, dann gewöhnte Rodrigo sich daran. Immerhin hatte er innerhalb Ramas ein zweifach höheres Gewicht ertragen – und schließlich war er auf der Erde geboren, wo es dreimal höher war. Die gewaltige gekrümmte Außenwand des fünfzig Kilometer langen Zylinders fiel lang- sam unter ihm zurück, als der Skooter sich di- rekt auf die Rakete ausrichtete. Aber es war unmöglich, Ramas Größe abzuschätzen, da er so völlig glatt und strukturlos war – dermaßen, ohne bestimmte Züge, daß es schwerfiel zu sa- gen, ob er wirklich rotierte. Einhundert Sekunden Aktionszeit waren vergangen; Rodrigo näherte sich der Halbweg- marke. Die Rakete lag noch immer zu weit ent- fernt, als daß man Einzelheiten hätte erkennen können, doch wirkte sie nun viel leuchten- der vor dem jettschwarzen Himmel. Es war merkwürdig, daß keine Sterne zu sehen wa- ren – nicht einmal die schimmernde Erde oder die blendende Venus; die dunklen Filter zum Schutz seiner Augen vor dem tödlich grellen Glanz machten dies unmöglich. Rodrigo hat- te die Vermutung, daß er dabei war, einen Re- kord zu brechen; wahrscheinlich hatte nie zu- vor ein Mensch so nahe der Sonne außerhalb eines Raumschiffs gearbeitet. Er hatte Glück, daß die Sonnenaktivität gering war. Bei zwei Minuten und zehn Sekunden begann das Wendelämpchen zu blinken, der Schub fiel auf Null, der Skooter drehte sich um hunder- tachtzig Grad herum. Sofort kam wieder voller Schub, doch jetzt bremste er das Fahrzeug mit der gleichen irren Geschwindigkeit von drei Me- tern pro Sekunde rapide ab – ja eigentlich noch schneller, da er ja fast die Hälfte der Antriebs- masse verloren hatte. Die Rakete lag noch fünf- undzwanzig Kilometer weit weg; noch zwei Mi-, nuten, und er würde sie erreicht haben. Er hatte eine Höchstgeschwindigkeit von fünfzehnhun- dert Stundenkilometern geschafft – für einen Skooter war das absoluter Irrsinn, und wahr- scheinlich brach er damit einen weiteren Re- kord. Aber schließlich war sein Unternehmen kaum als eine Routine-EVA zu bezeichnen, und er wußte haargenau, was er tat. Die Rakete wuchs immer mehr; jetzt konnte er auch die Hauptantenne sehen, die unbeirr- bar auf den fernen Planeten Merkur gerichtet stand. Während der letzten drei Minuten wa- ren die Bilder seiner Annäherung mit Licht- geschwindigkeit über ihren Leitstrahl gesen- det worden. Nun würde es noch zwei Minuten dauern, bevor die Signale den Merkur erreicht hatten. Was würden die Hermianer tun, wenn sie ihn sahen? Es würde Bestürzung herrschen, ganz ohne Frage; sie würden natürlich sofort wissen, daß er mit der Bombe mehrere Minuten früher Kontakt aufgenommen hatte, ehe sie überhaupt wissen konnten, daß er unterwegs war. Wahr- scheinlich würde ein Wachtposten im Dienst seine Vorgesetzten informieren – das würde weitere Zeit in Anspruch nehmen. Doch selbst im denkbar schlimmsten Fall – selbst wenn der Diensthabende Offizier autorisiert sein sollte,, die Bombe zu zünden, und wenn er unmittel- bar auf den Auslöseknopf drückte – würde es noch weitere fünf Minuten dauern, bis das Si- gnal eintraf. Obgleich Rodrigo keine Wette darauf einge- hen mochte – die Kosmo-Christen waren alles andere als Spielernaturen –, war es doch ziem- lich sicher, daß eine solche sofortige Reaktion nicht erfolgen werde. Die Hermianer würden zögern, ein Aufklärungsfahrzeug von der En- deavour zu vernichten, auch wenn sie seinen Absichten mißtrauten. Sie würden ohne Zwei- fel zunächst einmal den Versuch unterneh- men, irgendwie Kontakt aufzunehmen. Und auch das würde eine Verzögerung bedeuten. Außerdem gab es einen noch plausibleren Grund: die Hermianer würden nicht eine Gi- gatonnenbombe für einen armseligen Skoo- ter verschwenden. Und es würde eine nutz- lose Verschwendung sein, wenn die Bombe zwanzig Kilometer von ihrem vorgesehenen Ziel detonierte. Sie würden das Ding erst be- wegen müssen. Also, er hatte wirklich massig Zeit … aber er würde vorsichtshalber mit dem Schlimmsten rechnen. Er würde vorgehen, als werde der Auslöseim- puls in der kürzestmöglichen Zeitspanne ein- treffen – also innerhalb von fünf Minuten., Während der Skooter sich die letzten paar hundert Meter heranschlich, verglich Rodrigo rasch die Einzelheiten, die er nun wahrnehmen konnte, mit dem, was er auf den Fotos aus wei- ter Entfernung gesehen hatte. Was zuvor nur ein Sortiment von Bildern gewesen war, ver- wandelte sich nun in hartes Metall und glatten Kunststoff. Es war nicht länger etwas Abstrak- tes, sondern eine tödliche Wirklichkeit. Die Rakete war ein Zylinder von etwa zehn Metern Länge und drei Metern Durchmesser – durch einen seltsamen Zufall waren dies bei- nahe die gleichen Proportionen wie die Ramas. Sie war an dem Rahmenwerk der Trägerrakete durch offene Verstrebungen von kurzen T-Stüt- zen befestigt. Aus irgendeinem Grund – wahr- scheinlich wegen dem Schwergewichtspunkt der Masse – stand die Bombe rechtwinkelig zur Achse der Trägerrakete, wodurch das angemes- sen bedrohliche Bild eines Hammers entstand. Und tatsächlich war es ja auch ein Hammer. Einer, der schwer genug war, eine ganze Welt zu zertrümmern. Von beiden Enden der Bombe gingen Kabel- stränge aus, liefen über den zylindrischen Teil und verschwanden durch das Rahmenwerk im Innern des Fahrzeugs. Hier waren die gesam- te Kommunikation und Kontrolle konzentriert., Die Bombe selbst besaß keinerlei antennenar- tiges Gebilde. Rodrigo brauchte nur diese zwei Kabelstränge zu unterbrechen, und nichts als harmloses unentzündbares Metall würde üb- rigbleiben. Obwohl er genau damit gerechnet hatte, er- schien es ihm nun doch ein wenig zu leicht. Er warf einen Blick auf seine Uhr: noch drei- ßig Sekunden, ehe die Hermianer Kenntnis von seiner Existenz erhalten konnten, selbst wenn sie gesehen hatten, wie er um die Nord- begrenzung Ramas herumgebogen war. Es stan- den ihm also mit absoluter Gewißheit fünf Mi- nuten Zeit zur Verfügung, in denen er ohne Störung arbeiten konnte, und eine neunund- neunzigprozentige Wahrscheinlichkeit, daß er länger Zeit hatte. Sobald der Skooter völlig zum Stillstand ge- kommen war, verankerte Rodrigo ihn an dem Gerippe des Geschosses, so daß beide wie eine einheitliche starre Konstruktion wirkten. Dies kostete ihn nur ein paar Sekunden. Sein Werk- zeug hatte er sich bereits vorher ausgesucht, und er kletterte sofort aus dem Pilotensitz. Der steife, starkisolierte Raumanzug hinderte ihn nur leicht in seinen Bewegungen. Als erstes untersuchte er eine kleine Me- tallplakette, die die Inschrift trug:, DEPARTMENT ENERGIETECHNIK ABTLG. D. 47, SUNSET BOULEVARD VULCANOPOLIS, 17464 AUSKÜNFTE ÜBER: MR. HENRY K. JONES Rodrigo erlaubte sich den Verdacht, daß in ein paar Minuten Mr. Henry Jones außerordentlich viel zu tun haben würde. Die kräftige Drahtschere wurde rasch mit den Kabelsträngen fertig. Als die ersten Kabel getrennt waren, hatte Rodrigo höchstens bei- läufig an das höllische Feuer gedacht, das da nur ein paar Zentimeter von ihm entfernt ge- fesselt lag. Wenn sein Eingreifen dieses Höl- lenfeuer zum Aufflammen brächte – er würde es nie merken. Er blickte wieder auf seine Uhr. Er hatte we- niger als eine Minute gebraucht, und das be- deutete, daß er genau nach Zeitplan arbeitete. Nun kam das zweite, das Sicherheitskabel, an die Reihe – und wenn das erledigt war, konnte er sich auf den Heimweg machen, direkt unter den Augen der empörten und frustrierten Her- mianer. Er hatte gerade begonnen, den zweiten Ka- belstrang anzugehen, als er in dem Metall, das er berührte, ein ganz schwaches Zittern ver- spürte. Erschreckt blickte er zurück auf die, Trägerrakete. Der charakteristische blauviolette Schein einer aktivierten Rückstoßdüse waberte um einen der Kontrolljets. Die Bombe machte sich zu einer Richtungsänderung bereit. Die Nachricht vom Merkur war kurz und ver- nichtend. Sie traf zwei Minuten später ein, nachdem Rodrigo um die Krümmung Ramas verschwunden war. AN COMMANDER ENDEAVOUR VON MERKUR SPACE CONTROL, INFER- NO WEST. SIE HABEN EINE STUNDE ZEIT NACH ERHALTEN DIESER NACHRICHT, SICH VON RAMA ZU ENTFERNEN. SCHLAGEN VOR, MAXI- MALBESCHLEUNIGUNG LÄNGS DER ROTATIONSACHSE, BESTÄTIGUNG DES EMPFANGS ERBETEN. ENDE. Norton las die Durchschrift mit völlig ungläu- bigem Erstaunen, dann packte ihn der Zorn. Er mußte sich gegen den kindischen Impuls weh- ren, den Hermianern einfach zurückzufunken, daß seine gesamte Mannschaft sich innerhalb von Rama aufhalte und daß es Stunden dau- ern werde, sie alle zu evakuieren. Doch damit würde nichts gewonnen sein – außer daß man vielleicht den guten Willen und die Nerven der Hermianer auf die Probe stellte. Und wa- rum hatten sie sich so wenige Tage vor dem Pe- rihelion zu handeln entschlossen? Norton frag- te sich, ob der ständig zunehmende Druck der, öffentlichen Meinung mittlerweile so stark ge- worden sein konnte, daß die Verantwortlichen auf dem Merkur sich entschließen mußten, den (weitaus größeren) Rest der menschlichen Rasse mit einem Fait accompli zu konfrontie- ren. Diese Erklärung schien nicht so recht plausibel, denn eine derartige sensible Bereit- schaft des Eingehens auf Massenbedürfnisse war durchaus untypisch für die Merkur-Büro- kratie. Norton hatte nicht die kleinste Möglichkeit, Rodrigo zurückzurufen, denn er und sein Skoo- ter lagen jetzt im Funkschatten Ramas und da- mit außer Kontakt, bis sie wieder auf Sichtli- nie waren. Und das würde erst der Fall sein, wenn die Mission Rodrigos erfolgreich beendet – oder fehlgeschlagen war. Norton blieb nichts weiter übrig, als abzu- warten. Er hatte immer noch reichlich Zeit: ganze fünfzig Minuten. Inzwischen war er sich über die wirkungsvollste Antwort an den Mer- kur klargeworden: Er würde die Nachricht völlig ignorieren und abwarten, welche Schritte die Hermianer als nächstes unternehmen würden. Als die Bombe sich zu bewegen begann, war Rodrigos erstes Gefühl nicht Furcht im körper- lichen Sinn gewesen; es war etwas viel Verhee-, renderes. Er glaubte felsenfest daran, daß das Universum strengen Gesetzen unterliege, die nicht einmal GOTT selbst durchbrechen konn- te – ganz zu schweigen von den Hermianern. Keine Nachricht konnte schneller als das Licht reisen; und er, Boris Rodrigo, hatte einen fünf- minütigen Vorsprung gegenüber allem, was die Hermianer möglicherweise unternehmen konnten. Das, was jetzt hier geschah, mußte ein Zufall sein – ein gespenstischer, vielleicht sogar ein tödlicher Zufall, aber nicht mehr. Irgendwie mußte zufällig ein Kontrollsignal an die Ra- kete abgegangen sein, während er die Endea- vour verlassen hatte, und während er fünfzig Kilometer weit vorangekommen war, hatte die Nachricht achtzig Millionen Kilometer Raum überwunden. Aber vielleicht handelte es sich ja auch nur um eine automatische Richtungsänderung, um einem Überhitzungsprozeß irgendwo in der Trägerrakete entgegenzuwirken. Es gab nämlich Stellen, an denen die Oberflächentemperatur nahezu fünfzehnhundert Grad betrug, und Rod- rigo hatte sich die größte Mühe gegeben, sich so weit als möglich im Schatten zu halten. Eine zweite Turbine stieß einen Feuerstrahl aus und korrigierte die Drehung der ersten., Nein – dies war nicht bloß thermale Berichti- gung. Die Bombe justierte sich und wies nun direkt auf Rama zu … Es war zwecklos zu fragen, warum. Beson- ders in diesem Augenblick war dies zweck- los. Aber es gab etwas, das zu seinen Gunsten sprach: das Geschoß war ein Mechanismus mit langsamer Beschleunigung. Ein Zehntel G war das Äußerste, was es erreichen konnte. Er konnte also weitermachen. Er überprüfte die Halterungen seines Skoo- ters an dem Halterungsgerüst der Bombe und überprüfte zum drittenmal die Sicherheits- leine, die seinen Raumanzug mit dem Skoo- ter verband. Langsam stieg in ihm kalter Zorn auf, und er bestärkte ihn eigentlich nur in sei- ner Entschlossenheit. Sollte dieses Manöver etwa bedeuten, daß die Hermianer die Bombe ohne vorherige Warnung zünden würden? Daß sie der Endeavour keine Chance geben wür- den zu entkommen? Dies schien einfach un- glaublich. Es wäre nicht nur ein Akt erstaun- licher Brutalität, sondern eine Wahnsinnstat, die den Rest der Bevölkerung des Sonnensy- stems gegen die Hermianer einnehmen wür- de. Und wieso hatten sie es für nötig befun- den, die Garantien ihres eigenen Gesandten nicht einzuhalten?, Wie immer auch die Pläne der Hermianer aussehen mochten, sie würden nicht verwirk- licht werden. Die zweite Nachricht vom Merkur stimmte mit der ersten haargenau überein. Sie traf zehn Mi- nuten nach dieser ein. Also hatten sie den Ter- min verlängert – und Norton hatte noch immer eine Stunde Zeit. Außerdem hatten sie offen- sichtlich abgewartet, bis eine Antwort von der Endeavour sie erreichen konnte, ehe sie ihre Warnung wiederholten. Allerdings kam nun ein weiterer Faktor ins Spiel: inzwischen mußten sie Leutnant Rodri- go gesehen haben und hatten ein paar Minuten Zeit gehabt, ihre Entscheidungen zu treffen. Inzwischen konnten die Befehle vom Merkur bereits auf dem Weg sein – sie konnten in jeder Sekunde eintreffen. Norton hatte das Gefühl, er sollte sich bes- ser bereitmachen, jeden Augenblick abzuset- zen, denn der Rumpf Ramas, der den Himmel füllte, konnte sekundenschnell zu glühen be- ginnen: in einer vergänglichen Pracht, die die Sonne bei weitem überstrahlen würde. Als der Hauptschub ansetzte, war Rodrigo be- reits sicher verankert. Kaum zwanzig Sekun-, den später erstarb der Jetstrahl wieder. Rod- rigo rechnete im Geiste rasch durch: Delta-V konnte nicht höher als fünfzehn Stundenkilo- meter gewesen sein. Die Bombe würde über eine Stunde brauchen, um Rama zu erreichen. Vielleicht wurde sie ja auch nur genauer aus- gerichtet, um ein rascheres Ergebnis zu garan- tieren. Wenn dies zutraf, dann war das eine kluge Vorsichtsmaßnahme. Allerdings hatten sich die Hermianer dafür zuviel Zeit gelas- sen. Rodrigo warf wieder einen Blick auf seine Uhr, obwohl er mittlerweile ein präzises Zeit- gefühl entwickelt hatte und sich eigentlich gar nicht mehr auf seiner Uhr vergewissern mußte. Auf dem Merkur würden sie jetzt sehen, wie er zielstrebig auf ihre Bombe zusteuerte. Jetzt war er weniger als zwei Kilometer von ihr entfernt, und es gab für die Hermianer sicher nicht den geringsten Zweifel, was Leutnant Rodrigo be- absichtigte. Und wahrscheinlich fragten sie sich beunruhigt, ob er seine Aufgabe bereits durchgeführt hatte. Rodrigo hatte mit dem zweiten Kabelstrang so wenig Schwierigkeiten wie mit dem ersten. Wie alle guten Handwerker hatte auch er sei- ne Werkzeuge gut ausgewählt. Die Bombe war jetzt entschärft. Oder – um präzise zu sein –, sie konnte nicht mehr durch Fernsteuerung ge- zündet werden … Allerdings gab es noch eine andere Möglich- keit, und Boris Rodrigo durfte sich nicht erlau- ben, sie zu übersehen. Es gab jetzt zwar kei- ne äußeren Kontaktzündungen mehr, doch es konnte eingebaute geben, die durch Aufprall aktiviert werden würden. Die Hermianer wa- ren noch immer in der Lage, die Flugbahn ih- rer Trägerrakete zu bestimmen, und sie konn- ten sie zu einem Zusammenstoß mit Rama manövrieren, wann immer sie wollten. Rodri- gos Aufgabe war noch immer nicht völlig be- endet. In fünf Minuten würde man ihn in einer Kontrollkabine irgendwo auf dem Merkur auf den Bildschirmen sehen, wie er an der Außen- seite ihrer Rakete entlangkroch, die schlichte Drahtschere in der Hand, die die gewaltigste Waffe, die die Menschheit jemals zum Ein- satz bringen wollte, wirkungslos gemacht hat- te. Fast fühlte Boris sich versucht, der oder den Kameras zuzuwinken, doch es schien ihm dann doch ein wenig würdelos: immerhin war er gerade dabei, Geschichte zu machen, und Millionen von Menschen würden künftig die- se Szene im Fernsehen verfolgen. Das hieß, so- fern es die Hermianer nicht vorzogen, in einem, Anfall von Pikiertheit die Bänder zu vernich- ten. Und er könnte es ihnen nicht einmal ver- denken. Er war jetzt an der Verankerung der Inter- space-Antenne angekommen und hantelte sich Meter für Meter bis zu ihrem Ende, der gro- ßen Rundstrahlantenne, vor. Seine zuverlässi- ge Drahtschere wurde auch mit dem multiplen Infosystem leicht fertig und kappte die Kabel ebenso leicht wie die Laser-Ortungsmechanis- men. Als er den letzten Draht durchgeschnit- ten hatte, begann die Antenne langsam zu krei- sen. Diese überraschende Bewegung verwirrte ihn einen Moment, doch dann wurde ihm klar, daß er die automatische Fixierung auf den Mer- kur unterbrochen haben mußte. Fünf Minuten später würden die Hermianer jeden Kontakt mit ihrem Sklaven verloren haben. Denn die- ser Sklave war jetzt nicht nur aktionsunfähig, er war auch blind und taub geworden. Rodrigo kletterte langsam wieder in seinen Skooter zurück. Er löste die Verankerung und wendete das Fahrzeug, bis die Vorderstoßstan- gen gegen die Rakete gepreßt waren, und zwar so dicht an ihrem Masseschwerpunkt wie mög- lich. Dann zog er den Schub auf volle Kraft, soviel die Zellen nur hergaben, und hielt ihn dort etwa zwanzig Sekunden lang., Da der Skooter es mit einer Masse zu tun hatte, die die seinige um ein Mehrfaches über- stieg, reagierte er sehr langsam. Als Rodrigo den Antrieb auf Null drosselte, nahm er zu- gleich eine sorgfältige Analyse des Geschwin- digkeitsvektors der Bombe vor. Jetzt würde das Geschoß weit an Rama vor- beizielen. – Außerdem könnte man es künftig nach Belieben wieder orten. Schließlich han- delte es sich um ein äußerst wertvolles Stück Ausrüstung. Und Leutnant Rodrigo war ein Mann von na- hezu pathologischer Ehrlichkeit. Er wollte den Hermianern keinesfalls die Chance bieten, ihn der Veruntreuung ihres Eigentums zu beschul- digen. *, 41. KAPITEL

DER HELD

»Liebling«, begann Norton, »dieser Quatsch hat uns über einen Tag gekostet, aber wenigstens bekomme ich so die Gelegenheit, mit dir zu re- den. Ich bin noch immer im Schiff, und wir gehen jetzt zurück zur Polarachse. Wir haben Rod vor einer Stunde aufgenommen. Er sah aus, als hätte er gerade eine ruhige Wache hinter sich gebracht und gehe jetzt in Freiwache. Ich ver- mute, keiner von uns beiden wird je wieder den Merkur besuchen können, und ich frage mich, ob man uns als Helden oder als Schur- ken behandeln wird, wenn wir auf die Erde zurückkommen. Aber mein Gewissen ist rein; ich bin sicher, wir haben das Richtige getan. Ich bin neugierig, ob die Ramaner jemals ›dan- ke schön‹ sagen werden. Wir können nur noch zwei Tage länger hier- bleiben; im Gegensatz zu Rama verfügen wir nicht über eine kilometerdicke Haut, um uns vor der Sonne zu schützen. Der Schiffsrumpf entwickelt bereits gefährliche Überhitzungs- stellen, und wir mußten an manchen Stellen bereits Abschirmungen anbringen. Tut mir leid, ich wollte dir nicht mit meinen Proble-, men auf die Nerven gehen … Wir haben also gerade noch Zeit für einen Trip nach Rama, und ich beabsichtige herauszuholen, was nur geht. Aber hab keine Angst – ich werde kein Risiko eingehen.« Er stoppte die Aufzeichnung. Der letzte Satz verschleierte, um es gelinde zu sagen, die Wahrheit. Denn jeder Augenblick innerhalb Ra- mas war voller Gefahren und Ungewißheiten; kein Mensch konnte sich dort jemals wirklich zu Hause fühlen angesichts dieser Kräfte, die das Begriffsvermögen überstiegen. Und Norton beabsichtigte auf diesem letzten Trip, jetzt, da er wußte, daß sie danach nie wieder zurück- kehren würden und daß also keine künftigen Aktionen aufs Spiel gesetzt werden könnten, sein Glück ein bißchen stärker auf die Probe zu stellen. »In achtundvierzig Stunden werden wir also diese Mission zu Ende gebracht haben. Was dann geschieht, ist noch nicht sicher; wie du ja weißt, haben wir praktisch unseren gesam- ten Treibstoffvorrat aufgebraucht, um auf diese Bahn zu gelangen. Ich warte immer noch dar- auf, daß man mir erklärt, ob und wo ein Tank- schiff zu uns stoßen kann, und zwar rechtzei- tig, so daß wir zur Erde zurückkehren können, oder ob wir beim Mars eine Schwerkraftlan-, dung machen müssen. Auf jeden Fall dürfte ich gegen Weihnachten wieder zu Hause sein. Sag dem Junior, es tut mir leid, daß ich ihm keinen Baby-Bioten mitbringen kann; so was gibt es nämlich nicht … Es geht uns allen gut, aber wir sind ziemlich ausgepumpt. Ich habe mir einen langen Ur- laub verdient, nach alledem, und wir werden die verlorene Zeit wettmachen. Was immer sie auch über mich sagen mögen, du kannst mit Recht behaupten, mit einem Helden verheira- tet zu sein. Wie viele Frauen haben schon ei- nen Mann, der eine Welt gerettet hat?« Wie gewohnt hörte er das Band sorgfältig ab, ehe er es kopierte, um sicherzugehen, daß es für seine beiden Familien paßte. Es war ein merkwürdiges Gefühl, nicht zu wissen, welche von beiden er zuerst wiedersehen würde; im Normalfall stand sein Terminplan mindestens ein Jahr im voraus fest, da er durch die uner- bittlichen Bewegungen der Planeten bestimmt wurde. Doch dies hatte für die Zeit vor Rama gegol- ten. Nun würde nichts mehr so sein wie frü- her. *, 42. KAPITEL

DER GLÄSERNE TEMPEL

»Wenn wir es versuchen«, sagte Karl Mercer, »glauben Sie, die Bioten werden uns daran hindern wollen?« »Vielleicht. Das gehört zu den Dingen, die ich herausfinden möchte. Warum sehen Sie mich so komisch an?« Mercer setzte sein träges verstecktes Grin- sen auf, das gewöhnlich sekundenschnell von irgendeinem privaten Witz ausgelöst werden konnte, den er mit seinen Schiffskameraden teilte oder auch nicht. »Es ist mir nur so durch den Kopf gegangen, Skipper, ob Sie vielleicht glauben, daß Rama Ihnen gehört. Bisher haben Sie jeden Versuch, in die Gebäude einzudringen, strikt verbo- ten. Wieso dieser Gesinnungswandel? Haben die Hermianer Ihnen einen Floh ins Ohr ge- setzt?« Norton lachte, brach aber gleich wieder ab. Es war eine gescheite Frage, und er war nicht sicher, ob die naheliegenden Antworten auch die richtigen waren. »Vielleicht war ich bloß zu vorsichtig – ich wollte Ärger vermeiden. Aber jetzt haben wir die letzte Chance. Wenn wir zum Rückzug ge-, zwungen werden sollten, haben wir nicht all- zu viel verpaßt.« »Vorausgesetzt, wir ziehen uns geordnet zu- rück.« »Selbstverständlich. Aber die Bioten haben sich bisher nie feindselig gezeigt; und außer den Spinnen gibt es da meiner Ansicht nach nichts, was uns einholen oder fangen könnte – falls wir abhauen müssen.« »Sie können ja rasch abhauen, Skipper, ich jedenfalls beabsichtige, mich mit Würde zu verabschieden. Übrigens, ich glaube, ich weiß, warum die Bioten uns so höflich behan- deln.« »Neue Theorien kommen ein bißchen spät, nicht wahr?« »Trotzdem, hier haben Sie sie: sie glauben, wir seien Ramaner. Sie können keinen Unter- schied machen zwischen einem Sauerstoffat- mer und einem anderen.« »Ich glaube nicht, daß sie so dumm sind.« »Es hat nichts mit Dummheit zu tun. Sie sind für ihre speziellen Aufgaben program- miert worden, und wir tauchen in ihrem Be- zugssystem eben überhaupt nicht auf.« »Vielleicht haben Sie recht. Und vielleicht werden wir das ja feststellen können – sobald wir mit der Arbeit in London beginnen.«, Joe Calvert hatte die alten Filme mit Ban- keinbrüchen immer gern gesehen, doch er hat- te nie damit gerechnet, selbst einmal an einem Einbruch beteiligt zu sein. Doch im Prinzip tat er jetzt genau das. Die verlassenen Straßen ›Londons‹ schienen voller Gefahr, auch wenn er wußte, daß nur sein schulderfülltes Gewissen ihm diesen Ein- druck aufzwang. Er glaubte nicht wirklich, daß die versiegelten, fensterlosen Gebäude rings um ihn voller wachsamer Bewohner steckten, die nur darauf lauerten, in Horden hervorzu- brechen, sobald die Eindringlinge sich an ih- rem Besitz vergreifen würden. Tatsächlich war er eigentlich ziemlich sicher, daß dieser gan- ze Gebäudekomplex – wie die übrigen Städte auch – einfach nur eine Art Vorratslager war. Eine zweite Befürchtung, die sich gleicher- maßen auf zahllose antike Krimifilme stützte, war dagegen besser begründet. Es mochte ja keine schrillen Alarmglocken und keine krei- schenden Sirenen geben, aber es war nur lo- gisch anzunehmen, daß Rama über irgendein Warnsystem verfügte. Wie konnten sonst die Bioten wissen, wann und an welcher Stelle ihre Dienste erforderlich waren? »Wer keine Schutzbrille aufhat, umdrehen«, befahl Sergeant Myron. Er roch plötzlich nach, Stickstoffoxyd, als die Luft im Strahl der La- ser zu verbrennen begann. Ein gleichmäßiges Zischen ertönte, als das glühende Messer sich zu Geheimnissen hindurchschnitt, die seit der Geburt des Menschen im verborgenen geruht hatten. Keine Materie konnte dieser konzentrierten Gewalt widerstehen, und so schnitten sie sich ohne Schwierigkeiten mehrere Meter pro Mi- nute weiter vorwärts. In bemerkenswert kurzer Zeit hatten sie einen Block herausgeschnitten, groß genug, einen Menschen durchzulassen. Als der herausgeschnittene Block nicht von selbst Platz machte, klopfte Myron sacht dage- gen – dann fester –, dann hämmerte er mit al- len ihm zur Verfügung stehenden Kräften da- gegen. Schließlich fiel der Block mit einem hohlklingenden widerhallenden Krach nach innen. Wieder mußte Norton an jenen Archäologen denken, der dieses alte ägyptische Grabmal aufgebrochen hatte. Es war wie beim allerer- stenmal, als er Rama betreten hatte. Er rechne- te nicht damit, schimmerndes Gold zu finden; tatsächlich hatte er überhaupt keine vorgefaß- te Meinung, als er durch die Öffnung kletterte. Seine Stablampe hielt er in der ausgestreckten Hand vor sich., Ein griechischer Tempel aus Glas – das war sein erster Eindruck. Das Gebäude war angefüllt von zahlreichen Reihen vertikaler kristallener Säulen. Sie wa- ren etwa einen Meter dick und reichten vom Boden bis zur Decke. Hunderte davon standen da, verloren sich in der Dunkelheit jenseits des Lichtkegels seiner Lampe. Norton ging auf die erste Säule zu und rich- tete seine Lampe auf ihr Inneres. Wie durch eine zylindrische Linse gebrochen fächerte das Licht auf der anderen Seite aus, wurde erneut gesammelt, gebrochen, fächerte aus und wurde in der Reihe von Säulen dahinter schwächer und schwächer. Er hatte das Gefühl, sich mit- ten in einer komplizierten optischen Demon- stration zu befinden. »Sehr hübsch«, bemerkte der Mercer, »aber was für einen Zweck hat es? Wer braucht ei- nen Wald von gläsernen Säulen?« Norton klopfte sacht gegen eine Säule. Es klang fest, wenn auch mehr metallisch als glä- sern. Er war völlig verwirrt und befolgte des- halb einen sehr nützlichen Rat, den er vor lan- ger Zeit gehört hatte: »Im Zweifelsfall halt den Mund und mach weiter.« »Ich hätte schwören mögen, daß diese Säule leer ist – und jetzt ist plötzlich jemand drin.«, Norton warf einen raschen Blick zurück. »Wo?« fragte er. »Ich kann nichts sehen.« Er folgte Mercers deutendem Finger. Er wies auf nichts. Die Säule war noch immer völlig trans- parent. »Können Sie’s nicht sehen?« fragte Mercer ungläubig. »Kommen Sie hier rüber. Verflixt – jetzt ist es weg!« »Was ist denn hier los?« fragte Calvert. Es dauerte mehrere Minuten, bis er auch nur an- deutungsweise eine Antwort erhielt. Die Säulen waren nicht aus jedem Blick- winkel und auch nicht unter jedem Lichtein- fall transparent. Wenn man um sie herumging, wurden plötzlich Objekte sichtbar, die offenbar in ihrem Inneren eingebettet lagen wie Flie- gen in Bernstein und die dann ebenso plötz- lich wieder verschwanden. Es gab Dutzende davon, und alle waren verschieden. Sie sahen vollkommen wirklich und fest aus, und doch schienen manche auf gleichem Raum zu sein. »Hologramme«, sagte Calvert. »Wie in einem Museum auf der Erde.« Ja, das war offensichtlich die Erklärung. Und aus eben diesem Grund kam sie Norton ver- dächtig vor. Seine Zweifel wuchsen, als er die anderen Säulen untersuchte und die Bildnisse heraufbeschwor, die sie enthielten., Werkzeuge (allerdings für riesige und seltsam geformte Hände bestimmt), Behältnisse, klei- ne Maschinen mit Schalttafeln, die für mehr als fünf Finger gemacht zu sein schienen, wis- senschaftliche Instrumente, verblüffend kon- ventionelle Haushaltsgeräte, darunter Messer und Teller, die, abgesehen von ihrer Größe, auf der Erde keinen zweiten Blick auf sich gezo- gen hätten – alles war da, und dazu noch Hun- derte weniger leicht zu identifizierender Ge- genstände, die oftmals alle zusammen in ein und derselben Säule zusammengedrängt wa- ren. Ein Museum muß doch sicherlich irgend- wie logisch angeordnet sein, mußte irgendeine Trennung nach Sachgebieten und zueinander gehörigen Themen aufweisen. Doch dies hier schien eine völlig zufällige Ansammlung von Eisenkurzwaren zu sein. Sie hatten die schwer fixierbaren Bilder in einer großen Zahl von Säulen fotografiert, als Norton plötzlich einfach aufgrund der Vielfäl- tigkeit der Gegenstände eine Idee hatte, wor- um es sich handeln könnte. Vielleicht war dies ja gar keine Sammlung, sondern ein Katalog, der nach einem willkürlichen, aber vollkom- men logischen System zusammengestellt war. Er dachte an die verrückten Zusammenstellun- gen, die jedes Wörterbuch oder jede alphabeti-, sche Liste darstellt, und er probierte diese Vor- stellung an seinen Gefährten aus. »Ja, ich verstehe, was Sie meinen«, sagte Mer- cer. »Andersrum würden die Ramaner wahr- scheinlich ebenso erstaunt sein, wenn sie fest- stellen müßten, daß wir – äh, Kamera neben Kameradschaftsehe oder Teller neben Teakholz stellen.« »Oder Buch neben Bucharateppich«, ergänz- te Calvert, nachdem er mehrere Sekunden lang tief nachgedacht hatte. Dieses Spielchen könn- te man stundenlang fortsetzen, entschied er, und mit wachsender Irrtumsmarge. »Genau das ist es«, antwortete Norton. »Viel- leicht ist das ja ein alphabetischer Katalog von 3-D-Bildern – Schablonen – körperliche Blau- pausen, falls man es so nennen will.« »Zu welchem Zweck?« »Nun, Sie wissen über die Biotentheorie Be- scheid … die Vorstellung, daß diese Bioten nicht existieren, bis sie benötigt werden, und daß sie erst dann erschaffen werden – daß sie synthetisiert werden – nach Mustern, die ir- gendwo aufbewahrt sind?« »Ich verstehe«, sagte Mercer langsam und nachdenklich. »Wenn also ein Ramaner einen linkshändigen Knüppel braucht, dann drückt er die entsprechende Kodenummer, und von, den Schablonen hier drin wird eine Kopie an- gefertigt.« »Ja, etwa in der Art. Aber fragt mich bitte nicht nach den praktischen Einzelheiten.« Die Säulenreihen, durch die sie vorgedrun- gen waren, hatten an Größe ständig zugenom- men. Jetzt waren sie fast zwei Meter dick. Und auch die eingeschlossenen Bildwerke waren gewachsen. Es war klar, daß die Ramaner aus zweifellos exzellenten Gründen sich auf Le- bensgröße in der Reproduktion festgelegt hat- ten. Norton fragte sich, wie sie etwas wirklich Großes aufbewahrten, wenn das überhaupt der Fall sein sollte. Um ein möglichst großes Terrain zu erfassen, hatten sich die vier Kundschafter nun getrennt und wanderten einzeln durch den kristallenen Säulenwald, wo sie versuchten, so viele Fotos von den flüchtigen Erscheinungen zu machen, wie es bei der Einstellungsgeschwindigkeit ih- rer Kameras nur möglich war. Es war wirk- lich ein erstaunlich glücklicher Zufall, dach- te Norton. Allerdings hatte er auch das Gefühl, es verdient zu haben, daß er jetzt Glück hatte. Zweifellos hätten sie bei ihrer letzten Exkursi- on gar nichts Besseres auswählen können als diesen »illustrierten Katalog Ramanischer Ar- tefakte«. Und doch, von einem anderen Stand-, punkt aus betrachtet, konnte es auch wieder nichts Enttäuschenderes geben. Denn hier war ja wirklich nichts außer ungreifbaren Mustern von Licht und Nichtlicht; alle diese scheinbar festen Gegenstände hatten keine Wirklichkeit. Selbst in der Erkenntnis dieser Tatsache fühl- te sich Norton mehr als einmal versucht, eine der Säulen mit seinem Laser zu öffnen, um et- was Stoffliches, Materielles, Handfestes mit zur Erde zurückzubringen. Es war genau der gleiche Trieb, sagte er sich mit einem schie- fen Grinsen, der einen Affen dazu veranlassen würde, nach dem Spiegelbild einer Banane in einem Spiegel zu grapschen. Er fotografierte gerade irgend etwas, das wie ein optischer Apparat aussah, als Calverts Schrei ihn erreichte. Er rannte sofort durch die Säulenreihen auf ihn zu. »Skipper – Karl – Will – schaut euch das an!« Joe Calvert neigte bekanntlich zu plötzlichen Begeisterungsausbrüchen, doch was er jetzt entdeckt hatte, rechtfertigte zweifellos jede Form der Aufgeregtheit. Im Inneren einer der zwei Meter dicken Säu- len befand sich ein Harnisch oder eine Uni- form, ganz offensichtlich für ein aufrecht ge- hendes Geschöpf von übermenschlicher Größe, gedacht. Ein sehr enges Metallband oder ein Metallgürtel umgab anscheinend die Taille oder den Thorax in der Mitte – oder wie immer man eine der irdischen Zoologie unbekannte Körpe- raufteilung sonst bezeichnen mochte. Davon gingen drei schlanke sich nach außen verjün- gende Schläuche aus, die in einem vollkom- men kreisförmigen Gürtel zusammenstießen, es waren, beachtlicherweise, zirka hundert Zentimeter Durchmesser in diesem Kreis. Die Öffnungen, die sich in gleichem Abstand auf diesem Gürtel fanden, konnten eigentlich nur für Gliedmaßen des Oberkörpers gedacht sein. Vielleicht für Arme. Jedenfalls waren es drei Öffnungen … Es gab zahllose Beutel, Schnal- len, Bänder, von denen Werkzeuge (oder Waf- fen!) hervorragten, Röhren und Elektroleiter, sogar kleine Schachteln, schwarze Kästchen, die in einem Elektroniklabor auf der Erde völ- lig am Platze gewesen wären. Die ganze Anord- nung wirkte fast so kompliziert wie die eines Raumanzugs, obwohl sie dem Geschöpf, das sie trug, offensichtlich nur begrenzten Schutz bieten konnte. Und war dieses Geschöpf wirklich ein oder der Ramaner? Norton hatte da echte Zweifel. Wahrscheinlich werden wir das niemals genau wissen, sagte er sich. Aber ›es‹ muß über Intel-, ligenz verfügt haben, denn kein Tier hätte mit einer dermaßen hochentwickelten Maschinerie umzugehen verstanden. »Etwa zweieinhalb Meter hoch«, bemerkte Mercer nachdenklich, »den Kopf nicht mitge- rechnet. Weiß der und jener, wie der ausgese- hen hat!« »Ja, und mit drei Armen, und wahrscheinlich drei Beinen. Der gleiche Konstruktionsplan wie bei den Spinnen – nur auf einer viel mas- siveren Stufe. Glauben Sie wirklich, es handelt sich um einen Zufall?« »Nein. Wahrscheinlich ist es kein Zufall. Wir bauen unsere Roboter ja auch nach unserem Bild. Man kann also annehmen, daß die Rama- ner genau das gleiche tun.« Joe Calvert blickte mit einer für ihn völlig außergewöhnlichen Scheu auf das vor ihm lie- gende Schauspiel. »Glauben Sie, die wissen, daß wir hier sind?« fragte er halb flüsternd. »Das bezweifle ich«, antwortete Mercer. »Wir sind noch nicht einmal bis zu ihrer Bewußt- seinsschwelle vorgedrungen, wenn auch die Hermianer sich recht große Mühe gegeben ha- ben.« Sie standen noch immer so da und waren nicht in der Lage, sich von dem Anblick zu, lösen, als Pieter von der Nabenkontrolle sich meldete. Seine Stimme klang dringlich und sehr besorgt. »Skipper – Sie kommen jetzt besser raus!« »Was ist los? Kommen Bioten hierher?« »Nein – es ist viel ernster. Die Lichter werden schwächer.« *, 43. KAPITEL

DER RÜCKZUG

Als er in großer Hast durch das Loch nach au- ßen kroch, das sie mit ihren Laserstrahlen ge- schnitten hatten, schien es Norton, daß die sechs Sonnen Ramas so brillant leuchteten wie immer. Pieter hatte sicher einen Bewertungs- fehler gemacht – ziemlich ungewöhnlich bei ihm … Doch Pieter hatte eben diese Reaktion vor- hergesehen. »Es ist so langsam passiert«, erklärte er ent- schuldigend, »daß es eine ganze Weile dauer- te, bevor ich einen Unterschied merkte. Aber es kann keinen Zweifel daran geben – ich habe es auf dem Fotometer verfolgt. Die Lichtstärke ist um vierzig Prozent gesunken.« Jetzt, während seine Augen sich nach der Düsternis des Glastempels wieder an das Licht Ramas gewöhnten, konnte Norton dieser Be- hauptung Glauben schenken. Der lange Rama- Tag neigte sich seinem Ende zu. Es war noch immer so warm wie zuvor, und dennoch bemerkte Norton, daß er fröstelte. Er hatte die gleiche Erfahrung bereits einmal ge- macht. Es war ein herrlicher Sommertag auf der Erde gewesen. Plötzlich war das Licht un-, erklärlicherweise schwächer geworden, als fie- le Düsternis aus dem Himmel herunter oder als habe die Sonne ihre Kraft verloren. Es stand aber kein Wölkchen am Himmel. Dann fiel es ihm wieder ein: eine partielle Sonnenfinster- nis hatte sich damals ausgebreitet. »Das ist es«, sagte er grimmig. »Wir kehren um. Laßt die ganze Ausrüstung zurück. – Wir werden sie nicht mehr benötigen.« Jetzt, so hoffte er, würde sich seine Voraus- planung auf diesem Sektor bewähren. Er hatte London für diesen Plünderungsausflug ausge- wählt, weil keine andere Stadt dem Treppensy- stem Beta so nahe lag. Der Fuß der Treppe war nur vier Kilometer weit entfernt. Sie machten sich mit gleichmäßigen langen Schritten auf den Weg. Diese Fortbewegungs- art hatte sich bei einem halben G als die be- quemste bewährt. Norton schlug ein Tempo ein, das sie seiner Schätzung nach ohne Er- schöpfung an den Rand der Ebene führen wür- de, und zwar ohne allzu große Zeitverschwen- dung. Norton war sich nur zu deutlich der acht Kilometer bewußt, die sie noch hinaufsteigen mußten, sobald sie den Fuß der Beta-Treppe erreicht hatten. Doch würde er sich sehr viel sicherer fühlen, sobald sie wirklich mit dem Aufstieg begonnen hätten., Eine erste Erschütterung trat ein, als sie bei- nahe am Fuß der Treppe waren. Es war nur eine leichte Störung. Norton wandte sich in- stinktiv um und erwartete bei den Berghörnern am Südpol ein weiteres Feuerwerk zu sehen. Aber Rama wiederholte sich anscheinend nie in genau der gleichen Weise. Wenn von diesen nadeldünnen Gipfeln elektrische Entladungen ausgingen, dann waren sie zu schwach, als daß man sie hätte sehen können. »Brücke«, rief er, »habt ihr das gesehen?« »Ja, Skipper. – War ein ganz kleiner Schock. Vielleicht eine weitere Positionsänderung. Wir beobachten den Gradgyro. – Bisher noch kein Ergebnis. Moment mal! Positives Ergeb- nis! Wir können es gerade noch messen: we- niger als ein Mikroradial pro Sekunde, aber beständig.« Also begann Rama sich umzuorientieren. Al- lerdings mit nahezu unmerklicher Langsam- keit. Diese vorhergehenden Erschütterungen konnten sehr wohl falscher Alarm gewesen sein – aber dies hier und jetzt, dies war echt. »Frequenz erhöht sich – fünf Mikrorad. He, habt ihr diesen Stoß mitgekriegt?« »Na sicher haben wir. Versetzen Sie alle Sy- steme an Bord in Operationsbereitschaft. Es kann sein, daß wir abrupt abziehen müssen.«, »Rechnen Sie denn jetzt bereits mit einer Än- derung der Flugbahn? Wir sind noch ziemlich weit vom Perihelion entfernt.« »Ich glaube nicht, daß Rama sich an unse- re Schulbücher halten wird. Sind fast bei Beta angekommen. Machen dort fünf Minuten Pau- se.« Fünf Minuten waren natürlich bei weitem nicht ausreichend. Trotzdem dehnten sie sich, als wären sie ein Jahrhundert. Es konnte jetzt nämlich wirklich keinen Zweifel mehr geben: das Licht wurde schwächer, und zwar sehr rasch. Obwohl sie alle ihre Stablampen bei sich hatten, war die Vorstellung von Finsternis in dieser Innenwelt unerträglich. Sie alle hatten sich psychologisch vollkommen an den endlo- sen Rama-Tag gewöhnt, und es fiel ihnen di- rekt schwer, sich an die Umstände bei ihren ersten Erkundungen in dieser Welt zu erin- nern. Sie verspürten alle den unwiderstehli- chen Drang zu fliehen, zu entkommen – sich in dieses Sonnenlicht zu retten, das da auf der anderen Seite der zylindrischen Wände, einen Kilometer weit von ihnen entfernt, leuchtete. »Nabenkontrolle!« rief Norton. »Funktioniert der Suchscheinwerfer? Wir werden ihn viel- leicht bald ganz rasch brauchen.«, »Sicher, Skipper, hier kommt er.« Ein Lichtfunke, der sie mit Sicherheit erfüll- te, erschien acht Kilometer über den Köpfen der Männer. Aber das Licht wirkte erstaunlich schwächlich. Doch es hatte ihnen zuvor nütz- liche Dienste geleistet, und es würde sie auch jetzt leiten, falls dies nötig sein sollte. Das würde der längste und nervenzerrüt- tendste Aufstieg werden, den seine Besatzung je unternommen hatte, dachte Norton grim- mig. Was auch geschehen mochte, man durf- te nichts übereilen. Wenn sie sich zu sehr er- schöpften, dann würden sie einfach irgendwo an diesem steilen Abhang zusammenbrechen und warten müssen, bis ihre Muskeln, die den Dienst versagten, wieder einsatzbereit sein würden. Inzwischen waren sie wohl ohnehin eine der meisttrainierten Mannschaften, die je eine Mission im Weltraum ausgeführt hatten. Aber schließlich waren den Möglichkeiten von Fleisch und Blut Grenzen gesetzt. Nach einstündigem unablässigen Vorwärts- stolpern hatten sie die vierte Abteilung des Treppensystems erreicht. Sie waren jetzt etwa drei Kilometer über der Nordebene. Von jetzt an würde es sehr viel leichter gehen: die Schwerkraft war bis auf nahezu ein Drittel der Erdschwerkraft gesunken. Und wenn auch ab, und zu kleinere Beben sich bemerkbar gemacht hatten, so waren doch keine weiteren außerge- wöhnlichen Erscheinungen aufgetreten, und es gab noch immer genügend Licht. Sie begannen sich besser zu fühlen, brachten mehr Optimis- mus auf, ja sie fragten sich sogar, ob sie nicht vielleicht zu früh fortgegangen seien. Immer- hin, eines stand fest: sie würden nicht zurück- kehren. Sie alle hatten zum letztenmal den Fuß auf den Boden Ramas gesetzt. Es war während ihrer zehnminütigen Pause auf der vierten Plattform, daß Joe Calvert plötz- lich ausrief: »Was hat dieser Lärm zu bedeuten, Skipper?« »Lärm? – Ich kann nichts hören.« »Ein Hochfrequenzpfeifen – die Frequenz sinkt. Sie müssen es doch hören!« »Ihre Ohren sind jünger als meine … Ach ja, jetzt höre ich es.« Das Pfeifen schien aus allen Richtungen zu kommen. Bald war es zu großer Lautstärke an- geschwollen, war fast durchdringend, verlor aber bald an Höhe. Dann brach es plötzlich völlig ab. Ein paar Sekunden später kam es erneut und wiederholte die gleiche Sequenz; das Signal enthielt alles, was man an melancholisch jau- lenden Sturmsirenen von einem Leuchtturm, auf der Erde gewohnt war, die ihre Warnungen in eine nebelverhangene Nacht hinaussenden. Es war eine Botschaft, und sie mußte drin- gend sein. Sie war nicht für ihre menschlichen Ohren bestimmt, aber sie konnten sie verste- hen. Und dann – wie um doppelt sicherzuge- hen – wurde die Warnung durch die Sonnen im Rama noch einmal visualisiert. Sie verdunkelten sich, verloschen nahezu völlig. Dann begannen sie zu pulsieren. Hell leuchtende Kugeln rasten wie Kugelblitze die sechs schmalen Täler entlang, die einst die Sonnen dieser Welt gewesen waren. Die Kugel- blitze wanderten von beiden Polen weg auf die See zu. Sie pulsierten in einem synchroniser- ten Rhythmus, der nur eines bedeuten konnte: »Zur See!« Und die Aufforderung war so stark, daß man sich ihr nur schwer entziehen konn- te. Keiner der Männer entging dem Zwang, sich umzuwenden und Vergessen in den Was- sern Ramas zu suchen. »Nabenkontrolle!« rief Norton dringlich. »Können Sie verfolgen, was los ist?« Pieters Stimme kam zu ihm zurück. Sie klang ehrfürchtig und mehr als nur etwas angstvoll. »Ja, Skipper. Ich habe gerade den Südkon- tinent in der Linse. Dort drüben wuseln im- mer noch zig Bioten herum. Ein paar davon, sind ziemlich groß. Kräne, Bulldozer – Mengen von Mülltypen. Und sie alle rasen auf die Zy- lindrische See zu, mit einer Geschwindigkeit, wie ich sie bei ihnen bisher noch nicht erlebt habe. Da verschwindet ein Kran – schwupps, über die Böschung! Genau wie Jimmy, bloß ein bißchen schneller, na, ziemlich viel schnel- ler! … Er ist in Trümmer zersplittert, als er auf- prallte … Und jetzt kommen die Haie – sie ma- chen sich über ihn her – brrr, kein schöner Anblick … Jetzt habe ich die Ebene im Visier. Da liegt ein Bulldozer, der anscheinend eine Panne hat... er dreht sich beständig im Kreis. Jetzt wird er von ein paar Krebsen attackiert, die ihn in Stücke zerlegen … Skipper, ich glau- be, Sie machen sich am besten sofort auf den Heimweg.« »Glauben Sie mir«, sagte Norton mit Nach- druck, »wir kommen so rasch, wie es nur geht.« Rama machte die Luken dicht wie ein Schiff, das sich auf einen Sturm vorbereitet. Dieser Eindruck drängte sich Norton zwingend auf: Allerdings hätte er keine logische Erklärung dafür finden können. Er empfand sich nicht mehr als ein rationales Wesen: in seinem In- neren lagen zwei widersprüchliche Kräfte mit- einander im Streit. Der Zwang zur Flucht und, der Wunsch, jenen Blitzentladungen zu folgen, die noch immer über den Himmel huschten und die ihn aufforderten, sich zu den Bioten zu gesellen und wie sie auf die See zuzumar- schieren. Noch eine Sektion der Treppenkonstruktion – wieder zehn Minuten Pause, damit die Gif- te Gelegenheit hatten, aus seinen Muskeln zu verschwinden –, noch zwei Kilometer vor ih- nen … Aber laßt uns bloß nicht daran den- ken … Die wahnsinnige Sequenz fallender Pfeiftöne hörte ganz plötzlich auf. Im gleichen Augen- blick stellten die Feuerbälle, die bisher durch die geraden Täler auf die See zu pulsiert wa- ren, ihre Bewegung ein. Wieder waren die sechs linearen Sonnen Ramas durchgehende Lichtbänder. Aber diese Lichtbänder nahmen rasch an Hel- ligkeit ab, zuckten zuweilen. Von Zeit zu Zeit wurden unterirdische Beben spürbar. Die Brük- ke berichtete, daß Rama noch immer mit un- merklicher Langsamkeit hin- und herschwinge – wie eine Kompaßnadel, die auf ein schwa- ches Magnetfeld reagiert. Das klang ja eigent- lich recht zuversichtlich. Wenn Rama seine Schwenkung beenden würde, dann würde Nor- ton wirklich beginnen, sich Sorgen zu machen., Alle Bioten waren jetzt verschwunden, wie Pieter von der Nabe berichtete. In der ganzen Innenwelt Ramas gab es nun nur noch eine Be- wegung, die der menschlichen Wesen, die mit schmerzlicher Langsamkeit die gekrümmten Hänge der Nordkuppel emporkletterten. Norton hatte die Schwindelgefühle längst überwunden, die er beim ersten Anstieg emp- funden hatte, nun nistete eine völlig neue Furcht in seinem Inneren. Sie alle waren hier außerordentlich verletzlich – auf dieser riesi- gen Kletterpartie von der Ebene bis zur Nabe; was würde passieren, wenn Rama, nachdem er seine Positionsänderung vollzogen hatte, plötz- lich beschleunigen würde? Aller Voraussicht nach würde der Schub sich längs der Achse auswirken. Wenn dies in nördlicher Richtung stattfand, wäre das kein Problem. Sie würden einfach nur ein bißchen stärker gegen den Hang gepreßt, den sie gera- de hinanstiegen. Doch wenn der Schub süd- wärts erfolgte, dann würden sie möglicherwei- se in den Raum hinausgeschleudert werden und eventuell irgendwann auf die unter ihnen liegende Ebene fallen. Norton versuchte sich mit dem Gedanken zu trösten, daß jede mögliche Beschleunigung ja nur sehr schwach sein konnte. Die Berechnun-, gen Dr. Pereras hatten höchst überzeugend ge- klungen: Rama konnte kaum mit mehr als ei- nem Fünfzigstel G beschleunigen, oder die Zylindrische See würde über die Südklippe hinüberschwappen und einen ganzen Konti- nent überfluten. Aber Perera hatte in seinem bequemen Studierzimmer drunten auf der Erde gesessen. Ihn bedrohten nicht kilometer- hohe Metallklippen, die allem Anschein nach jederzeit herunterstürzen konnten. Und viel- leicht war ja eine periodische Überflutung in Rama eingeplant … Nein, das war einfach lächerlich. Absurd, sich einzubilden, daß all diese Trillionen Tonnen von Masse sich plötzlich beschleuni- gen könnten, und zwar so stark, daß er, Nor- ton, den Halt verlor. Trotzdem ließ Norton für den Rest des Anstiegs das Geländer nie- mals los. Endlos viel später endete die Treppe; jetzt waren nur noch ein paar hundert Meter senk- rechter Leiter zu überwinden. Es war nicht mehr nötig, diese Leiter hinaufzuklettern, denn ein Mann an der Nabe konnte ganz leicht ei- nen anderen gegen die abnehmende Schwer- kraft emporziehen. Selbst am Fuß der Leiter wog ein Mann weniger als fünf Kilo und oben praktisch gar nichts., Norton entspannte sich in der Sitzschlin- ge, griff von Zeit zu Zeit nach den Handgrif- fen, um den schwachen Corioliseffekt auszu- gleichen, der ihn von der Leiter wegzudrängen suchte. Bei diesem letzten Blick auf Rama ver- gaß er beinahe seine verkrampften steifen Mus- keln. Das Licht war jetzt etwa so hell wie bei Voll- mond auf der Erde; die Szenerie war klar zu übersehen, doch kleinere Einzelheiten konnte er nicht mehr erkennen. Der Südpol war teil- weise hinter einem leuchtenden Nebel verbor- gen – nur das Große Horn drang durch ihn hin- durch: ein kleiner schwarzer Punkt genau ihm gegenüber. Der sorgfältig kartographierte und doch im- mer noch unbekannte Kontinent jenseits der See war wieder das anscheinend zufällige Flickmuster wie zuvor. Er war zu stark ver- kürzt und wies zu viele komplizierte Details auf, als daß die visuelle Prüfung ergiebig ge- wesen wäre, und Norton überflog den Bereich nur mit einem kurzen Blick. Seine Augen glitten rings um dies kreis- förmige Band der See, er bemerkte zum er- stenmal ein reguläres Muster von unruhigem Wasser. Es war, als ob die Wellen über Riffe brächen, die in geometrisch genauen Abstän-, den angeordnet waren. Ramas Manöver zeigte seine Auswirkungen, allerdings waren sie nur geringfügig. Er war sicher, daß Sergeant Bar- nes unter diesen Umständen mit Vergnügen über die Zylindrische See gesegelt wäre, hät- te er sie gebeten, mit ihrer verlorenen Resolu- tion loszufahren. New York, London, Paris, Moskau, Rom … er sagte all den Städten auf dem Nordkonti- nent Lebewohl und hoffte, die Ramaner wür- den ihm vergeben, wenn er irgendwo Schaden angerichtet hatte. Vielleicht würden sie ja Ver- ständnis dafür aufbringen, daß alles aus wis- senschaftlichem Interesse geschehen war. Dann war er plötzlich bei der Nabe angekom- men; Hände griffen eifrig nach ihm, um ihm zu helfen und ihn rasch durch die Luftschleuse zu befördern. Seine überanstrengten Arme und Beine zitterten so unkontrolliert, daß er beina- he hilflos war, und so ließ er es sich dankbar gefallen, wie ein halbgelähmter Invalide mani- puliert zu werden. Der Himmel Ramas zog sich über ihm zu- sammen, als er in den Zentralkrater der Nabe hinabstieg. Als die innere Schleusentür ihm den Anblick endgültig abschnitt, dachte er bei sich: Wie seltsam, daß jetzt die Nacht herein- bricht, wo Rama der Sonne am nächsten ist!, 44. KAPITEL

SPACE DRIVE

Hundert Kilometer Entfernung boten ausrei- chend Sicherheit, hatte Norton entschieden. Rama war nun ein großes schwarzes Recht- eck, daß ihnen genau die Breitseite bot und die Sonne verdeckte. Er hatte die Gelegen- heit wahrgenommen und die Endeavour ganz in den Rama-Schatten gebracht, um die Kühl- systeme des Schiffs zu entlasten und ein paar überfällige Reparaturen ausführen zu lassen. Ramas schützender Schattenkegel konnte je- den Augenblick verschwinden, und er wollte ihn so gut ausnutzen, wie es eben ging. Rama wendete immer noch; inzwischen hat- te er beinahe fünfzehn Grad durchlaufen, und nun konnte es überhaupt keinen Zweifel mehr geben, daß eine größere Flugbahnänderung bevorstand. Auf den Vereinten Planeten hat- te die Erregung einen hysterischen Höhepunkt erreicht, doch bis zur Endeavour drang davon nur ein schwaches Echo. Körperlich und see- lisch war die Besatzung erschöpft; nach dem Take-off von der Basis am Nordpol schliefen alle – bis auf eine kleine Wachmannschaft – zwölf Stunden lang. Auf Anordnung der Ärz- tin hatte Norton bei sich Elektroberuhigung, angewendet; doch er hatte trotzdem geträumt, daß er eine endlose Treppe hinaufklettern müsse. Am zweiten Tag nach der Rückkehr ins Schiff ging alles nahezu wieder seinen norma- len Gang; die Erforschung Ramas schien be- reits einem anderen Leben anzugehören. Nor- ton begann mit der Papierarbeit, die sich auf seinem Schreibtisch angesammelt hatte, und machte Zukunftspläne. Aber er wies die Ersu- chen um Interviews zurück, die sich irgend- wie in die Funkverbindung von Survey und sogar von SPACEGUARD eingeschlichen hatten. Vom Merkur lagen keine Nachrichten vor, und die Generalversammlung der UP hatte ihre Sit- zung vertagt, obwohl sie innerhalb einer Stun- de wieder zusammentreten konnte. Norton gönnte sich – dreißig Stunden, nach- dem sie Rama verlassen hatten – zum ersten- mal eine ganze Nacht lang Schlaf, als man ihn plötzlich roh wieder in die Wirklichkeit zu- rückschüttelte. Er fluchte schlaftrunken vor sich hin und blinzelte mit einem Auge: vor ihm stand Karl Mercer. Und wie jeder gute Ka- pitän war Norton sofort hellwach. »Er hat aufgehört, sich zu drehen?« »Ja. Liegt da wie ein Fels.« »Gehn wir zur Brücke.«, Das ganze Schiff war wach. Selbst die Simps wußten, daß etwas im Gang war, und stießen ängstliche Wimmerlaute aus, bis Ser- geant McAndrews sie mit einigen raschen Handsignalen beruhigte. Doch als Norton in seinen Stuhl glitt und die Halterungen um seine Taille festzog, fragte er sich, ob auch dies nicht nur wieder falscher Alarm sein werde. Rama wirkte nun wie zu einem dicken Zy- linder verkürzt; der brennende Rand der Son- ne waberte über die eine Kante. Norton plazier- te die Endeavour sacht wieder in den Schatten der künstlichen Sonnenfinsternis zurück und sah, wie die perlenhelle Pracht der Korona wieder vom Hintergrund der helleren Sterne auftauchte. Es zeigte sich eine riesige Protube- ranz, die mindestens eine halbe Million Kilo- meter hoch aufschoß und die sich so weit von der Sonne entfernt hatte, daß ihre äußersten Zacken wie ein Baum von karmesinrotem Feu- er wirkten. Jetzt können wir nur noch abwarten, sagte sich Norton. Und dabei ist es wichtig, nicht die Geduld zu verlieren, wichtig, bereit für eine Reaktion in Sekundenschnelle zu sein, alle In- strumente funktions- und aufnahmebereit zu halten, wie lange es auch dauern mag …, Aber das war seltsam: das Sternenfeld ver- schob sich, beinahe so, als habe er die Roll- triebwerke aktiviert. Dabei hatte er keinen der Kontrollschalter berührt, und wenn eine tat- sächliche Bewegung stattgefunden hätte, das wäre sofort zu spüren gewesen. »Skipper!« rief Calvert aufgeregt von der Na- vigationskabine. »Wir rollen – sehen Sie sich die Sterne an! Aber ich bekomme keine Reakti- on auf den Instrumenten!« »Funktionieren die Rollstabilisatoren?« »Völlig normal – Nadel zittert auf Null. Aber trotzdem rollen wir pro Sekunde um mehrere Grade!« »Das ist unmöglich!« »Sicher ist es unmöglich. Aber sehen Sie doch selbst …« Wenn alles andere versagte, mußte man sich eben auf die natürlichen Instrumente, die Au- gen, verlassen. Norton konnte nicht daran zweifeln: das Ster- nenfeld rotierte tatsächlich langsam. Dort ver- schwand der Sirius über den Rand der Back- bordseite. Entweder hatte das Universum sich sehr plötzlich entschlossen, gemäß einer vor- kopernikanischen Kosmologie um die Endea- vour zu kreisen, oder die Sterne standen still und das Schiff drehte sich., Die letzte Erklärung schien doch etwas plau- sibler, aber sie brachte unlösbare Paradoxa mit sich. Wenn das Schiff sich tatsächlich mit die- ser Geschwindigkeit drehte, dann würde Nor- ton es unbedingt gespürt haben müssen. Und die Stabilisatoren konnten nicht alle gleichzei- tig ausgefallen sein. Es blieb nur eine Antwort übrig. Jedes Atom der Endeavour mußte von irgendei- ner Kraft gepackt worden sein – und nur ein sehr starkes Schwerkraftfeld konnte dies be- wirken. Jedenfalls konnte kein anderes be- kanntes Feld … Plötzlich verschwanden die Sterne. Der lo- hende Diskus der Sonne war hinter dem Schat- tenschild Ramas aufgetaucht und hatte sie im Himmel ausgelöscht. »Haben Sie Radarangaben? Wie hoch ist der Dopplereffekt?« Norton rechnete fest damit, daß auch dies ausgefallen war, doch hier irrte er sich. Rama war endlich unterwegs und beschleu- nigte mit bescheidenen 0,015 G. Norton sagte sich: Dr. Perera müßte jetzt eigentlich mit sich zufrieden sein. Er hatte eine Maximalbeschleu- nigung von 0,02 prognostiziert. Und die En- deavour war irgendwie in die Heckwelle gera- ten und saß da fest wie ein Stück Treibgut, das, hinter einem davoneilenden Schiff herumwir- belt … Stunde um Stunde blieb die Beschleunigung Ramas konstant. Rama fiel mit ständig wach- sender Geschwindigkeit von der Endeavour fort. Je größer die Entfernung wurde, desto schwächer wurde das anomale Verhalten des Raumschiffs. Die normalen Gesetze der Träg- heit begannen wieder zu wirken. Man konnte nur Vermutungen anstellen über die Energien, in deren Rückstoß sie kurze Zeit gefangen ge- wesen waren, und Norton war dankbar für sei- ne Vorsicht, die ihn die Endeavour in eine si- chere Entfernung hatte bringen lassen, bevor Rama seine Triebwerke aktiviert hatte. Und was diesen Antrieb anging, so war eins jetzt jedenfalls klar, wenn auch alles ande- re ein Geheimnis blieb. Rama hatte keine Gas- düsen, keine Ionenstrahlen oder Plasmaschub- werke, die ihn auf seine Bahn hätten bringen können. Am besten drückte es der akademi- sche Sergeant Myron aus, als er voll erschrok- kener Ungläubigkeit sagte: »Und da verschwin- det Newtons Drittes Gesetz!« Aber auf eben dieses Dritte Newtonsche Ge- setz mußte sich die Endeavour am darauffol- genden Tag verlassen, als sie ihre allerletzten Treibstoffreserven einsetzte, um ihr Flugbahn, von der Sonne weg aufzunehmen. Die Verän- derung war nur geringfügig, aber sie würden die Entfernung zum Perihelion um zehn Mil- lionen Kilometer vergrößern. Und das bedeute- te einen Unterschied: man brauchte nun nicht mehr die Kühlsysteme mit fünfundneunzig Prozent ihrer Kapazität zu belasten und – den sicheren Tod riskieren. Als sie ihre Flugbahnmanöver beendet hat- ten, war Rama bereits zweihunderttausend Ki- lometer weit entfernt, und es war schwierig, ihn gegen den brutalen Glanz der Sonne aus- zumachen. Aber noch immer erhielten sie ex- akte Radarmessungen über seine Flugbahn. Und je länger sie diese verfolgten, desto ver- wirrter wurden sie. Sie überprüften die Zahlenangaben wieder und wieder, bis ihnen schließlich nichts an- deres übrigblieb, als die unglaubliche Schluß- folgerung zu akzeptieren. Es sah so aus, als ob alle Ängste der Hermianer, die Heldentaten Rodrigos und die ganzen rhetorischen Wasser- fälle der Generalversammlung der UP vollkom- men umsonst gewesen wären. Was für eine Ironie des Kosmos, sagte sich Norton, als er sich die endgültigen Berechnun- gen ansah, wenn die Computer in Rama nach Millionen Jahren sicherer Steuerung einen win-, zigen Fehler gemacht haben – wenn sie etwa in einer Gleichung ein Pluszeichen in ein Minus verwandelt haben. Sie waren alle so sicher gewesen, daß Rama an Geschwindigkeit verlieren und vom Schwer- kraftfeld der Sonne eingefangen werden wür- de und daß er so zu einem neuen Planeten im Sonnensystem werden müsse. Und Rama tat genau das Gegenteil. Es gewann an Schnelligkeit – und noch dazu in der denkbar schlechtesten Richtung. Rama fiel immer rascher auf die Sonne zu. *, 45. KAPITEL

DER PHÖNIX

Je eindeutiger die Einzelheiten der neuen Flug- bahn Ramas erfaßbar wurden, desto schwe- rer fiel es, nicht zu glauben, daß diese Welt in eine sichere Katastrophe stürzen müsse. Nur eine Handvoll Kometen waren je so nahe an der Sonne vorbeigezogen; und Rama würde am Perihelion weniger als eine halbe Million Kilo- meter von dieser Hölle aus brennendem Was- serstoff entfernt sein. Keine Materie war im- stande, diese Temperaturen auszuhalten; die harte Legierung, die Ramas Rumpf schütz- te, würde bereits in zehnfacher Entfernung zu schmelzen beginnen. Die Endeavour hatte nun ihr eigenes Perihe- lion hinter sich gebracht, und jeder fühlte sich erleichtert. Nun flog das Raumschiff auf einer Bahn, die es langsam immer weiter von der Sonne entfernte. Rama lag weit vor ihnen auf seinem engeren und schnelleren Orbit, und es sah jetzt schon aus, als befinde er sich in den äußersten Protuberanzen der Korona. Die En- deavour würde dem letzten Akt der Tragödie von einem Logenplatz aus beiwohnen können. Dann begann Rama plötzlich, knappe fünf Millionen Kilometer von der Sonne entfernt,, sich einen Kokon zu spinnen. Bislang war er in den schärfsten Teleskopen der Endeavour noch immer als ein winziger heller Stern sichtbar ge- wesen; nun begann er plötzlich zu flimmern wie ein Stern, den man im Dunst eines Hori- zontes sieht. Es hatte beinahe den Anschein, als löse sich Rama auf. Und Norton verspürte ei- nen scharfen Stich des Bedauerns, als er sah, wie das Bild zerfloß, wie da so viel Wunderbares verlorenging. Dann wurde ihm klar, daß Rama ja noch immer vorhanden war, daß er sich nur mit einem schimmernden Nebel umgeben hatte. Und dann war Rama verschwunden. Statt dessen sah Norton ein helles sternenähnliches Objekt, das keine sichtbare Scheibe aufwies – als hätte Rama sich plötzlich zu einem winzi- gen Ball zusammengezogen. Es dauerte eine Weile, bevor ihnen klarwur- de, was da geschah. Rama war tatsächlich ver- schwunden: er war nun von einer absolut re- flektierenden Kugel umgeben, die etwa hundert Kilometer im Durchmesser maß. Sie konnten jetzt nur noch die Widerspiegelung der Son- ne selbst sehen, die von der ihnen zugewand- ten Seite reflektiert wurde. Aller Wahrschein- lichkeit nach befand sich Rama hinter dieser schützenden Blase in Sicherheit vor den hölli- schen Kräften der Sonne., Die Stunden vergingen, und die Blase verän- derte ihre Gestalt. Das Spiegelbild der Sonne verzerrte sich, wurde länglich. Die Kugelform verwandelte sich in ein Ellipsoid, der lange Achsenpunkt wies in die Flugrichtung Ramas. Und dann begannen die ersten anomalen Be- richte von den Roboterbeobachtern einzutref- fen, die seit nahezu zweihundert Jahren die Sonne unablässig überwachten. Irgend etwas geschah mit dem Magnetfeld der Sonne, etwa dort, wo Rama sich aufhielt. Die millionenkilometerlangen Kraftlinien, die von der Korona ausgingen und die ihre Strah- lenbüschel hochionisierten Gases mit heftigen Geschwindigkeiten fortschleuderten, die zu- weilen sogar das gewaltige Schwerkraftfeld der Sonne mißachteten, formierten sich nunmehr um dieses schimmernde Ellipsoid. Noch konn- te das Auge nichts entdecken, aber die kreisen- den Instrumente zeichneten jede Veränderung im Magnetfluß und in der Ultraviolettstrah- lung auf. Und jetzt konnte man sogar mit bloßem Auge die Veränderung der Korona wahrnehmen: in der äußeren Atmosphäre der Sonne war ein schwachglühender Tunnel oder eine Röhre er- schienen. Die Länge betrug etwa hunderttau- send Kilometer, und sie reichte sehr weit nach, oben oder außen. Sie war leicht gekrümmt, etwa in der Flugbahnrichtung, die Rama ein- geschlagen hatte. Und Rama selbst – oder viel- mehr der Schutzmantel, den er sich umgelegt hatte – wurde als glitzernde Perle sichtbar, die mit wachsender Geschwindigkeit diese geister- hafte Röhre durch die Korona hindurch ent- langraste. Denn Ramas Geschwindigkeit nahm immer noch zu. Er raste jetzt mit über zweitausend Kilometersekunden dahin: es konnte jetzt kei- nen Zweifel mehr geben, daß Rama nicht im Bannkreis der Sonne gefangen bleiben würde. Jetzt war endlich klar, worin die Strategie Ra- mas bestand. Rama hatte sich der Sonne nur so stark angenähert, um ihre Energie an der Quelle anzuzapfen und um sich noch mehr Beschleunigung zu verschaffen, damit er noch rascher seinem endgültigen unbekannten Ziel zueilen könne … Und jetzt hatte es den Anschein, als würde da mehr als bloße Energie abgezapft. Niemand würde das je genau wissen, denn die näch- sten Beobachtungsinstrumente waren immer- hin noch dreißig Millionen Kilometer entfernt, doch es gab genügend eindeutige Anzeichen dafür, daß Materie von der Sonne selbst nach Rama hinüberfloß, als wolle diese Welt die Ver-, luste und Leckagen von Zehntausenden von Jahrhunderten im Raum wiedergutmachen. Rama wirbelte immer schneller um die Son- ne herum. Er bewegte sich nun rascher als ir- gendein Objekt, das jemals das Sonnensystem gekreuzt hatte. In weniger als zwei Stunden hatte sich seine Bewegungsrichtung um mehr als neunzig Grad verändert, und damit hatte Rama endgültig bewiesen, wie geradezu ver- ächtlich wenig ihm an all diesen Welten lag, deren Seelenfrieden er so grob gestört hatte. Rama fiel aus der Eklipse heraus gegen den Südhimmel zu, in eine Richtung, die weit un- ter den Bahnen aller Planeten des Sonnensy- stems lag. Und wenn dies auch nicht sein end- gültiges Ziel sein konnte – denn das war ganz eindeutig –, so strebte er doch mehr oder we- niger auf die Große Magellanwolke, diesen be- rühmten Nebel, zu, auf die einsamen Abgrün- de jenseits der Milchstraße. *, 46. KAPITEL

EIN LETZTES ZWISCHENSPIEL

»Kommen Sie rein«, sagte Commander Norton wie geistesabwesend, als er das sachte Klopfen an seiner Tür vernahm. »Hier sind ein paar Neuigkeiten, Bill. Ich wollte Sie direkt bringen, ehe die Besatzung sich was ausdenkt. Und außerdem fallen sie sowieso in meinen Verantwortungsbereich.« Norton schien immer noch weit weg zu sein. Er lag auf dem Bett, die Hände hinter dem Nacken verschränkt, die Augen halb geschlos- sen, die Beleuchtung in der Kabine war nur schummrig … Er döste nicht richtig vor sich hin, doch er hatte sich in den Luxus einer Fan- tasie, eines höchst privaten Traums verloren. Er blinzelte ein-, zweimal, dann war er so- fort wieder da. »Tut mir leid, Laura. Ich begrei- fe das gar nicht. Worum geht es denn?« »Sagen Sie bloß, Sie hätten es vergessen!« »Hören Sie auf, mich an der Nase oder sonst- wo rumzuführen, Sie ekelhaftes Weib! In letz- ter Zeit habe ich mich ja wirklich mit ein paar kleinen Problemchen rumschlagen müssen.« Stabsärztin Kapitänleutnant Ernst schob ei- nen Ankerstuhl die Rillen entlang und setzte sich neben Norton nieder., »Die interplanetarischen Krisen kommen und gehen, aber die Mühlen der Bürokratie auf dem Mars mahlen unablässig vor sich hin. Ich ver- mute, Rama hat da Hilfestellung geleistet. Und Gott sei Dank brauchten Sie nicht auch noch das Einverständnis der Hermianer dazu!« In Nortons Gehirn dämmerte etwas. »Oh – also hat Port Lowell die Erlaubnis ge- geben!« »Nein, noch besser – es klappt bereits …« Laura Ernst warf einen Blick auf den Papier- streifen in ihrer Hand. »Sofort«, las sie. »Mög- licherweise wird gerade jetzt Ihr neuer Sohn empfangen. Meine Glückwünsche.« »Danke. Ich hoffe nur, es hat ihm nichts aus- gemacht zu warten.« Wie alle Astronauten war Norton bei seiner Dienstverpflichtung sterilisiert worden. Denn wenn ein Mann Jahre seines Lebens im Welt- raum verbringen mußte, dann waren strah- lungsbedingte Mutationen des Samens nicht ein bloßes Risiko, sondern eine ziemliche Ge- wißheit. Also hatte das Spermatozoon, das auf dem Mars soeben seine Genfracht abgeladen hatte (zwei Millionen Kilometer von seinem Spender entfernt), dreißig Jahre lang tiefgefro- ren warten müssen, bis sich sein Schicksal er- füllte., Norton fragte sich, ob er wohl rechtzeitig zur Geburt seines Kindes nach Hause kom- men würde. Er hatte sich Erholung verdient – ein normales Familienleben, soweit dies einem Astronauten überhaupt möglich war. Jetzt, da seine Mission nahezu beendet war, begann er sich zu entspannen. Er dachte wieder an seine Zukunft und an die Zukunft seiner beiden Fa- milien. Ach, es würde gut sein, eine Zeitlang wieder zu Hause zu sein und die verlorene Zeit wieder gutzumachen. In jeder Hinsicht … »Mein Besuch«, protestierte Laura ziemlich wenig überzeugend, »hatte eigentlich einen rein beruflichen Charakter …« »Nach all den Jahren«, antwortete Norton, »dürften wir uns doch wohl ein bißchen bes- ser kennen. Im übrigen sind Sie ja ab sofort au- ßer Dienst.« Sehr viel später fragte Stabsärztin Kapitänleut- nant Ernst: »Und was denkst du jetzt?« – »Ich hoffe doch, daß Sie nicht sentimental werden, Skipper!« »Nein, nicht wegen uns beiden. Es ist Rama. Ich vermisse ihn.« »Innigsten Dank für dieses Kompliment.« Norton schloß sie fester in die Arme. Eine der nettesten Nebenerscheinungen der Schwe-, relosigkeit, pflegte er oft zu denken, war es, daß man einen Partner wirklich die ganze Nacht lang im Arm halten konnte, ohne daß einem dabei die Arme einschliefen. Und es gab sogar Leute, die behaupteten, daß Liebe bei einem G so schwerfällig sei, daß sie sie nicht mehr zu genießen vermöchten. »Laura, es ist eine wohlbekannte Tatsache, daß Männer im Gegensatz zu Frauen einen zweigleisigen Verstand haben. Aber jetzt mal im Ernst – also, jedenfalls ein bißchen ernster: ich habe wirklich das Gefühl, daß ich etwas verloren habe.« »Ja, das kann ich begreifen.« »Sei doch nicht so medi-zynisch. Das ist nur einer der Gründe. Ach, lassen wir’s doch.« Norton gab es auf. Es war so schwer zu erklä- ren. Es gelang ihm nicht einmal, es sich selbst klarzumachen. Er hatte über alle vernünftigen Erwartungen hinaus Erfolg gehabt. Die Entdeckungen, die seine Leute in Rama gemacht hatten, würden die Wissenschaftler Jahrzehnte beschäftigen. Und was noch mehr zählte, er, Norton, hatte das fertiggebracht, ohne einen einzigen Mann zu verlieren. Aber er hatte auch versagt. Man konnte end- lose Vermutungen darüber anstellen, doch das, Wesen und die Absichten der Ramaner waren noch immer völlig unbekannt. Sie hatten das Sonnensystem als Auftankstation benutzt, als neue Startbasis – man konnte es nennen, wie man wollte –, und hatten dieses Sternensy- stem danach vollkommen ignoriert, während sie sich zu wichtigeren Aufgaben aufmachten. Vielleicht würden sie nie auch nur wissen, daß es so etwas wie eine menschliche Rasse gab. Und eine derartig unerhörte Gleichgültigkeit war schlimmer, als es irgendeine absichtliche Beleidigung hätte sein können. Als Norton zum letztenmal einen Blick auf Rama warf, auf diesen winzigen Stern, der in einen Bereich jenseits der Venus hinausschoß, wußte er mit absoluter Sicherheit, daß wieder ein Teil seines Lebens vergangen war. Er war erst fünfundfünfzig Jahre alt, aber er hatte das Gefühl, als habe er seine ganze Jugendlichkeit dort unten auf dieser gekrümmten Ebene gelas- sen, mitten zwischen den Geheimnissen und Wundern, die sich jetzt auf Nimmerwiederse- hen dem Zugriff der Menschheit entzogen. Was immer die Zukunft ihm an Ehrungen und Be- förderungen bringen mochte, er, Norton, wür- de für den Rest seiner Tage unter einem Gefühl leiden, daß ein Höhepunkt vorüber war, und zwar endgültig, und daß er unwiderruflich die, wichtigsten Gelegenheiten seines Lebens ver- paßt hatte. Das war es, worüber er insgeheim nachdach- te. Aber eigentlich hätte er es besser wissen sollen. In seinem Schlummer auf der weit entfern- ten Erde, aus dem er plötzlich durch eine Bot- schaft aus seinem Unbewußten aufgeschreckt wurde, und es war ein ruheloser Schlummer gewesen, hatte Dr. Perera eine Botschaft erhal- ten, die noch immer sein ganzes Gehirn er- füllte und die er bisher noch keinem anderen Menschen mitgeteilt hatte: Die Ramaner tun alles dreifach … * * *,

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