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Aidan Chambers Nachricht aus dem Niemandsland Aidan Chambers, 1934 in Durham, England geboren, arbeitete zunächst als Lehrer, ging dann für sieben Jahre als Mönch des Anglikanischen Ordens ins Kloster und lebt seit 1968 als freier Schriftsteller in einem Dorf in der Grafschaft Gloucestershire. Seine Romane wurden in viele Sprachen übersetzt und mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. In Deutschland kam er zweimal auf die Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis. Für sein Gesamtwerk zeichnete ihn die IBBY-Jury 2002 mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis aus. Von Aidan Chamb...
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Aidan Chambers Nachricht aus dem Niemandsland, Aidan Chambers, 1934 in Durham, England geboren, arbeitete zunächst als Lehrer, ging dann für sieben Jahre als Mönch des Anglikanischen Ordens ins Kloster und lebt seit 1968 als freier Schriftsteller in einem Dorf in der Grafschaft Gloucestershire. Seine Romane wurden in viele Sprachen übersetzt und mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. In Deutschland kam er zweimal auf die Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis. Für sein Gesamtwerk zeichnete ihn die IBBY-Jury 2002 mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis aus. Von Aidan Chambers sind in den Ravensburger Taschenbüchern außerdem erschienen: RTB 52006 Wer stoppt Melanie Prosser? RTB 52212 Seehundbaby in Gefahr RTB 58055 Tanz auf meinem Grab RTB 58149 Fingerspitzengefühle RTB 58195 Die Brücke, Aidan Chambers

Nachricht aus dem Niemandsland

Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann Ravensburger Buchverlag, Als Ravensburger Taschenbuch Band 58218 erschienen 2006 Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel »Postcards from No Man’s Land« bei Bodley Head Children’s Books, London © 1999 Aidan Chambers Die deutsche Erstausgabe erschien 2001 in der Ravensburger Jungen Reihe © 2001 der deutschsprachigen Ausgabe Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH Umschlag: Init GmbH, Bielefeld Alle Rechte dieser Ausgabe vorbehalten durch Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH Printed in Germany123409 08 07 06 ISBN 3-473-58218-2 www.ravensburger.de, Alles Schreiben ist Erinnern , POSTKARTE  Amsterdam ist eine alte Stadt,  die von der Jugend okkupiert wurde.  Sarah Todd    Da er sich nicht auskannte, schlug er den Weg ein, den er  gekommen  war.  Nahm  dann  aber  doch  keine  Straßen‐ bahn zum Bahnhof, um von dort nach Haarlem zurück‐ zufahren, sondern marschierte einfach weiter die Prinsen‐ gracht  entlang,  noch  zu  aufgewühlt  von  dem,  was  er  gerade  gesehen  hatte,  um  seine Umgebung wahrzuneh‐ men, und zu gedankenverloren, um darauf zu achten, wo  er hinging.   Nach etwa zehn Minuten kam er zu sich, als eine Straßen‐ bahn  unmittelbar  vor  ihm  vorbeirumpelte.  Plötzlich  wollte  er  unter  Menschen  sein,  wollte  Lärm  und  Ablenkung, wollte aus sich selbst herausgeholt werden –  die  letzten  vierundzwanzig  Stunden  hatten  ihn  ganz  schön  gebeutelt  –,  wollte  etwas  trinken,  wollte  es  an  einem Tisch  in einem Touristen‐StraßenCafé  trinken und  dabei  das  Treiben  der  Passanten  beobachten.  Und  er  suchte,  auch wenn  er  sich das  in diesem Moment  nicht  eingestehen konnte, ein Abenteuer.   Er  hatte  ein Gänsehautgefühl und  zitterte,  ohne dass  er  wusste  warum,  denn  es  war  zwar  bewölkt  und  9 , regnerisch,  aber  ein  warmer  Mittseptembertag,  und  er  schwitzte ein bisschen in seinem Anorak und bereute, ihn  angezogen  zu  haben,  aber  die  großen  Taschen  waren  praktisch für Geld und Adressen, Sprachführer, Stadtplan  und was man sonst noch alles brauchte, wenn man einen  ganzen Tag lang allein in einer fremden Stadt war.  Als er sich entschieden hatte, nach rechts über die Brücke  zu  gehen,  fand  er  sich  gleich  darauf  auf  einem weiten,  offenen Platz, der von der mächtigen Front eines Theaters  dominiert  wurde  und  Treffpunkt  vieler  Straßen  und  Straßenbahnen war. Leidseplein.  Auf der einen Seite des Theaters  lag, dem Rest des Plein  zugewandt wie ein Zuschauerraum der Bühne, ein Mini‐ Platz,  voll  gepfropft mit  Tischen,  an  denen  Kellner  be‐ dienten, die aus den Cafeeingängen unter den Markisen  geflattert kamen wie Vögel aus ihren Nistkästen.  Er wählte  einen  Tisch  auf  der  Theaterseite,  dritte Reihe  vom Rand, setzte sich hin und wartete.   Und wartete. Aber niemand kam.  Was sollte er tun? Du bist der verflixte Gast, es ist ihr Job,  dich zu bedienen, also sei nicht so ein Waschlappen, setz  dich  durch.  Die  Stimme  seines  Vaters.  Schüchternheit,  diese  halsabschnürende  Schüchternheit,  hinderte  ihn  etwas  zu  sagen. Also  tat  er  gar nichts,  aber das machte  nichts, weil es eine Menge zu gucken gab. Und dazu die  Spontanmusik  eines  Trios  mitten  auf  dem  Plein,  zwei  Jungen, etwa in seinem Alter, der eine weiß und mit einer  Fiedel,  der  andere  afro‐schwarz  mit  einer  Blechflöte,  sowie  ein  dickliches Mädchen,  das  als  Blickfang  in  der  10 , Mitte auf  einer umgestülpten Mülltonne hockte und auf  seinen Bongos ausflippte, das  lange Blondhaar wild  flie‐ gend,  die  Augen  geschlossen,  die  sonnengebräunten  Arme  wunderbar  nackt,  die  trommelnden  Hände  eine  verschwommene Bewegung, die runden Brüste wippend  unter dem schwarzen Tanktop, die Schenkel kräftig und  weiß  bestretcht  und  in  ihrem  Klammergriff  die  rampo‐ nierte  kleine  Zwillingstrommel,  die  er  sich  plötzlich  als  jemandes  willige  Arschbacken  vorstellte.  Seine  eigenen  vielleicht. Hey, wo kam denn das her? Das war  ja etwas  völlig Neues, in ihm zumindest.  Er  lehnte sich zurück und  lächelte  leise. Die Freuden der  Selbstentdeckung.  Hey, hey, Bedienung, wenn du nicht bald kommst, bin ich  bedient,  improvisierte  er  stumm  zum  Rhythmus  der  Bongos.  Bis  ein  schlanker,  lederbekleideter  Arm  einen  lässigen Finger  in  sein Gesichtsfeld  schob. Ein Mädchen  lächelte auf ihn herab, fragend, noch umwerfender als die  Herrin der Arschbackentrommel.  In der Annahme, dass  sie den freien Platz neben ihm meinte, wand er sich in die  Senkrechte, um ihr zu ermöglichen, sich vorsichtig an ihm  vorbeizuquetschen, wobei sie den berückenden Duft von  getragenem Leder und warmen Jeans verströmte.  Sie  setzte  sich  und manövrierte  ihre  (da  sie  nicht  groß  war)  verhältnismäßig  langen  Beine  unter  den  kleinen  Tisch, wo  sie beim Versuch,  sich  irgendwie zu arrangie‐ ren,  seine  Beine  streiften.  Mehr,  mehr,  bettelte  seine  innere  Stimme. Zerzaustes,  schwarzes,  kurzes Haar  gab  ihr  etwas  Jungenhaftes;  blasser  Teint  ohne  Make‐up;  11 , offener  schwarzer  Lederblouson  über  weißem  T‐Shirt;  enge schwarze Jeans.   Sie lächelte dankend. »Engländer?«   Er nickte. »Schon bestellt?«   »Nein.«  Sie sah sich um, über die eine Schulter, über die andere.  Hob eine träge, langfingrige Hand, von einer Sinnlichkeit,  der ein Handfetischist wie er hilflos ausgeliefert war. Ihre  Lässigkeit  kratzte  an  seinem  ohnehin wackligen  Selbst‐ vertrauen, heizte aber sein Verlangen an. Außerdem war  da  an  ihr  so  etwas Mysteriöses,  etwas Ungewöhnliches,  was er nicht recht dingfest machen konnte.  »Tourist?«, fragte sie, und es klang wie Tourisch. Lispeln  oder niederländischer Akzent? Wie auch immer, es gefiel  ihm.   »Sozusagen«, log er, da er nicht in die ganze komplizierte  Geschichte  einsteigen wollte.  »Okay, wenn wir  ein  biss‐ chen reden?« Das tiefe Timbre ihrer Stimme trug noch zu  der Faszination bei.  »Klar. Gern.«  Ein Kellner kam und sie sprach niederländisch mit ihm.   Dann sagte der Kellner zu ihm: »Meneer?«   »Nur eine Cola, danke.«  »Kein Bier?«, sagte sie. »Probier mal ein gutes flämisches  Bier.«  Er mied Bier normalerweise, aber wenn du in Rom bist ...  »Okay, ein Bier.«  »Trappist?«, meinte er den Kellner  sagen zu hören, aber  das konnte ja wohl nicht sein.   12 , Sie nickte und der Kellner ging.  Plötzlich  fühlte  er  sich wie der  letzte Nerd,  so  in  seinen  Anorak gemummelt,  also  stand  er  auf,  zog  ihn  aus und  hängte ihn über seine Stuhllehne. Und jetzt stieß sein Bein  an  ihres, als er sich wieder hinsetzte. Würde er’s wagen?  Würde sie drauf eingehen?  Mädchen aufzureißen, war eigentlich nicht sein Stil. Nicht  weil  er’s  nicht  gewollt  hätte,  sondern  aus  Angst  vor  Zurückweisung. Und aus Abneigung gegen das, was ihm  als Sexjagd erschien, als ein brutaler Sport, von einer Roh‐ heit, die ihn, wenn er andere hechelnd am Werk sah, nur  abstieß. Eine Empfindlichkeit, die  ihm  sein Vater als ein  weiteres Zeichen seiner Waschlappigkeit ankreidete.  Er war so scharf darauf, sie anzugucken, und hatte gleich‐ zeitig solche Angst, etwas von dem, was  in  ihm vorging,  zu  verraten,  dass  er  sich  zwang,  über  den  Plein  –  das  Bongo‐Trio war  am Zusammenpacken  –  auf  die  andere  Seite  hinüberzugucken,  auf  die  modernen  Werbetafeln  und  vertrauten  internationalen  Ikonen,  Burger  King,  Pepsi,  Heineken,  die  die  spitzgiebligen  alten  Fassaden  zierten.   Sie  rettete  ihn  mit  der  Frage  »Zum  ersten  Mal  in  Holland?«, was ihm erlaubte, den Blick wieder auf sie zu  richten.   »Ja. Gestern angekommen.«  »Gefällt’s dir hier?  In Holland, meine  ich, nicht hier.« Sie  machte  eine  abfällige Kopfbewegung  in Richtung  Plein.  »Eine Touristenfalle, ehrlich gesagt.«   »Du gehörst nicht zu den Touristen.«  13 , Ein Mischung aus Zusammenzucken und Lächeln. »Nein.  Ich bin nur – wie sagt man auf Englisch? – hinübergegan‐ gen? –und hatte Durst.«  »Vorbeigekommen.  Hinübergehen  heißt,  dass  man  stirbt.«   Diesmal ein kehliges, ironisches Lachen. »Das hoffentlich  noch nicht.«  »Mir scheinst du ganz lebendig.«  Sie mimte  Erleichterung.  »Gott  sei Dank!« Und  streckte  ihm die Hand hin. »Ich bin übrigens Ton!«  »Jack«,  sagte  er  und  genoss  die  kurze  Berührung.  Gar  nicht  wie  ein  englischer  Händedruck:  flüchtiger,  ohne  Zufassen, eher ein Kuss als eine Umarmung der Hände.   »Jacques?«   »Wenn du willst.«   »Jacques gefällt mir.«  Der Kellner kam wieder und  lud zwei eutergroße Gläser  mit  kastanienbraunem  Bier  ab.  Jacob  verrenkte  sich  auf  seinem Stuhl, um Geld aus seiner Anoraktasche zu  fum‐ meln, aber bis es  ihm gelungen war, den Reiß verschluss  der Sicherheitstasche zu öffnen, seine Brieftasche heraus‐ zuziehen  und  einen  Schein  herauszufischen,  hatte  Ton  schon bezahlt, und der Kellner war wieder weg.  »Hey, das  kann  ich  nicht  zulassen«,  protestierte  er  eher  halbherzig, weil es  ihm eigentlich gefiel, dass sie bezahlt  hatte, und weil es hieß, dass er  jetzt gefordert war (wenn  nicht gar  aufgefordert) und die Begegnung noch hinzie‐ hen konnte, indem er zwei weitere Biere bestellte.   »Du bist das erste Mal hier. Da sollst du mein Gast sein.«   14 , »Aber ...«  »Nächstes Mal bist du dran.«  Also  würde  es  ein  nächstes  Mal  geben.  »Na  ja  ...«  Er  steckte  die  Brieftasche  in  die Anoraktasche  zurück  und  erhob sein Glas. »Danke.«   »Proost!«  »Prost«, ahmte er sie nach.   Sie tranken.   »Schmeckt’s?«  »Ganz schön stark! Heißt es wirklich Trappist?«   »Klar. Von Mönchen gebraut. Muss doch rein sein, oder?«  Sie lachten.  »Bist du mit jemandem hier?«   »Allein.«  »Und du wohnst im Hotel?«   »Nein. Bei Bekannten in der Nähe von Haarlem.«   »Schön für dich«, sagte Ton, »oder?«  »Ja«,  log  Jacob und nahm, da er auf dieses Thema nicht  weiter eingehen wollte, einen weiteren Schluck von dem  schweren Bier, das  ihm noch weniger  schmeckte  als die  Sorten, die er bisher probiert hatte. Er  fühlte es schon  in  seinem Magen säuern. Ton kippte ihres in langen Zügen.   Sie sagte: »Kennst du dich in Amsterdam aus?«   »Nein. Keine Ahnung, wo ich hier bin, ehrlich gesagt.«   »Hast du einen Stadtplan ?«   »Klar.«  »Ich zeig’s dir.«  Die  nächsten  paar Minuten  vergingen  damit,  dass  Ton  ihm  zeigte, wo  er war,  ihm  das  Straßenbahnsystem  zu  15 , erklären  versuchte  und  mit  Jacobs  Füller  die  sehens‐ werten Orte markierte.  »Denk  dir  die  Altstadt  als  ein  halbes  Spinnennetz, mit  dem Bahnhof  im Zentrum«,  sagte  sie,  »die Grachten  als  die Halbkreise, da, siehst du, und die kreuzenden Straßen  als die – Schnüre?«   »Fäden?«  »Fäden, die sie verbinden.«   »Für mich sieht’s eher wie ein Labyrinth aus.«   »Ja, vielleicht auch das.«  »Im  einen  kann  man  sich  leicht  verfangen  und  im  anderen verirren.«  Ton puffte ihn leicht in die Seite und sagte, das spöttische  Lächeln nur eine Faustbreit von seinem Gesicht: »Du bist  ein Pessimist, Jacques.«  Er lächelte zurück, gebannt von ihren grünen Augen, und  wollte nichts mehr als  ihren breiten Mund küssen, sagte  aber  nur:  »Typisch  weiblich,  an  ein  Spinnennetz  zu  denken,  und  typisch männlich,  das mit  dem  Labyrinth,  findest du nicht?«   »Oh! Du –« Sie neigte das Gesicht wieder über den Stadt‐ plan.   »Was?«   »Nichts.«  Er wartete, verdutzt von ihrer Reaktion.   »Muss jetzt gehen«, sagte sie und rückte von ihm weg.   »Echt? Schade.«  Sie  trank  den  letzten  Rest  von  ihrem  Bier  aus.  »Muss  wirklich.«  16 , Er  sagte  in  einem  einzigen  hektischen Rutsch:  »Können  wir uns wieder treffen? Ich meine – hättest du Lust?«   Sie sah ihn ausdruckslos an und sagte: »Bist du sicher?«   »Ganz sicher. Und du?«  Sie  lächelte  wieder,  aber  ihre Mundwinkel  zeigten  ab‐ wärts. »Ich geb dir meine Telefonnummer. Ruf an, wenn  dir  irgendwann  immer  noch  danach  ist.«  Sie  kramte  in  einer  Tasche,  förderte  ein  Streichholzbriefchen  zu  Tage  und nahm seinen Füller vom Tisch. Während sie schrieb,  faltete er den Stadtplan zusammen – warum ist es immer  so knifflig, einen neuen Stadtplan wieder  richtig zusam‐ menzufalten?  –  und  stopfte  ihn  in  die  kängurubeutel‐ artige Vordertasche des Anoraks.   Als er sich wieder umdrehte, nahm Ton seine Hand, hielt  sie  unterm  Tisch  fest  in  ihrer,  sah  ihm  offen  und  aus  nächster  Nähe  ins  Gesicht  und  sagte:  »Ich  würde  dich  gern wieder sehen. Dir ein paar Orte zeigen, wo Touristen  nie  hinkommen. Ganz  ehrlich. Aber weißt  du  –  so  eine  kurze Begegnung. Du könntest zu dem Schluss kommen,  dass du dich geirrt hast.«   »Nein, ich –«  Zwei  simultane Aktionen  brachten  ihn  zum  Schweigen.  Tons Lippen, die flüchtig den Geist eines Kusses auf seine  hauchten. Und  ihre Hand, die seine fest auf  ihren Schritt  presste, wo er deutlich ein kompaktes Set von Penis und  Hoden fühlte.  In  seinem  Schock  nahm  er  nebelhaft  wahr,  wie  Ton  aufstand  und  »Meine  Straßenbahn«  sagte, wie  er  selbst  ebenfalls  aufstand,  damit  sie  (er)  sich  an  ihm  vorbei‐ 17 , quetschen konnte, wie sie  (er) etwas sagte, was wie »Tot  sind’s« klang, wie ihre (seine) schmale Gestalt sich durch  die Menge  zwängte,  in  eine  Straßenbahn  stieg und  ihm  durchs Fenster zuwinkte, als sich die Tür schloss und die  Bahn  bimmelnd  anfuhr.  Da  erst  fand  er  seine  Stimme  wieder  und  während  er  hilflos  die  Hand  in  die  Luft  reckte, hörte  er  sich  rufen:  »Hey, du hast meinen Füller  mitgenommen!«  Du  hast meinen Füller mitgenommen  ? Er  schaute  auf den  Tisch und  stellte  fest, dass  sie  (er)  ihn  tatsächlich mitge‐ nommen  hatte. Doch  neben  ihrem  (seinem)  leeren Glas  lag  ein  Streichholzbriefchen.  Noch  immer  motorisch  schneller als mental, nahm er das Heftchen, drehte es hin  und her. Nichts. Wollte es gerade aufklappen, als ihm die  Stuhlkante in die Kniekehlen krachte und er auf den Sitz  sackte.  Er  drehte  sich  instinktiv  um  und  sah  seinen  Anorak an seinem Gesicht vorbeifliegen, umkrallt von der  Hand  eines mageren  Jungen,  dessen  knallrote,  verkehrt  herum aufgesetzte Baseballkappe wie ein Leuchtfeuer an‐ zeigte, wo er durch die Menschenmenge witschte.  Er  schrie:  »Hey,  das  ist meiner!  Bleib  stehen!«,  rappelte  sich  aus  dem  Stuhl  und  stolperte,  vom  Klirren  herab‐ fallender  Biergläser  verfolgt,  hinter  dem  Dieb  her.  Der  jetzt, mitten auf dem Plein, auf die umgestülpte Müllton‐ ne  der  Bongospielerin  von  vorhin  stieg  und  dort,  mit  einem  unverschämten  Grinsen,  das  Jacobs  Wut  noch  steigerte, so  lange stehen blieb, bis er sicher war, das  ihn  sein Opfer  erspäht  hatte.  Es war,  als wollte  er  verfolgt  werden. »Haltet  ihn!«, brüllte  Jacob und zeigte mit dem  18 , Finger  auf  den  Kerl,  während  er  durchs  Gedränge  stürmte,  aber die Leute guckten  ihn nur  erschrocken  an  und taten ihr Bestes, ihm aus dem Weg zu gehen.   Als  Jacob  noch  drei,  vier Meter  von  ihm  entfernt war,  rannte  der Dieb wieder  los,  diesmal  zu  einer  Ecke  des  Plein,  wo  eine  schmale  Straße  voller  Bars,  Cafes  und  Touristenshops abging. So flink war Rotkäppchen und so  offensichtlich  geübt,  dass  Jacob  keine  Chance  hatte,  obwohl  er  nur  noch  ein  paar  Schritt  zurücklag,  als  der  Typ plötzlich  links abschwenkte. An der Ecke angekom‐ men, sah  Jacob  ihn zwanzig Meter weiter am Ende eines  schmalen Durchgangs  stehen  und  den Anorak  schwen‐ ken, als wollte er klar demonstrieren, dass er wartete, bis  sein  Verfolger  aufgeholt  hatte,  ehe  er  wieder  losflitzte,  durch eine weitere enge Straße, parallel zu der von eben.   Und  so  ging  die  Jagd  weiter:  am  Ende  dieser  zweiten  Straße,  wo  sie  an  eine  Gracht  stieß,  den  Wasserlauf  entlang, dann  links  ab, über  eine Brücke und halb  links  weiter, durch eine schmale Wohnstraße, links und wieder  rechts und wieder links, in eine breite Geschäftsstraße mit  Straßenbahnen  in der Mitte. Und weiter  flitzte Rotkäpp‐ chen, so wendig wie ein Windhund, während  Jacob  jetzt  Seitenstechen hatte und  langsam außer Atem geriet. Auf  einer Brücke  über  eine  große Gracht  sprintete Rotkäpp‐ chen  über  die  Fahrbahn  und  einen weiteren  Block  ent‐ lang,  um  dann  rechts  abzuschwenken,  wieder  in  eine  schmale Straße mit Wohnhäusern und da und dort einem  kleinen  Laden  oder  einer Galerie,  ein  langes  Stück, wo  wenig Menschen oder Autos  Jacobs Fortkommen behin‐ 19 , derten. Aus dem Gefühl heraus, dass er nicht mehr lange  durchhalten würde, legte er einen letzten Verzweiflungs‐ sprint ein und hatte tatsächlich beinahe aufgeholt, als sie  am  Straßenende  ankamen.  Doch  Rotkäppchen  witschte  nach  rechts,  eine weitere Gracht  entlang, und  flitzte mit  demoralisierender Leichtigkeit davon.  Am  Ende  seiner  körperlichen  und  seelischen  Kräfte,  konnte  Jacob  nicht  anders,  als  sich  keuchend  an  einen  Grachtuferbaum zu klammern und mit Wuttränen in den  Augen  zuzugucken,  wie  Rotkäppchen  auf  einer  steil  zulaufenden  Brücke  hundert Meter weiter  stehen  blieb,  um  sich  umzugucken  und  noch  einmal  munter  zu  winken, ehe er abtauchte und verschwand und zwar, du  guter Gott,  tatsächlich entlang einer weiteren Gracht, die  die,  an der  Jacob  keuchend um Luft  rang, kreuzte. Rot‐ käppchen  hatte  ihn  die  ganze  Zeit  nur  an  der  Nase  herumgeführt. Aber warum? Das ergab doch keinen Sinn.  Saures Bier stieg seine Speiseröhre empor und ergoss sich  in die Gracht.  Er dankte dem Himmel, dass da niemand war, der Zeuge  seiner Demütigung hätte werden können. Die Gracht  lag  einsam und verlassen da. Aber da war auch niemand, den  er fragen konnte, wo er war.  Es  begann,  auf  eine  schlappe,  triste  Art  zu  regnen.  Er  nahm  es  als Gesichtswäsche  und Mundspülung.  Begriff  dann,  dass  er,  nur  in  Jeans  und  Sweat‐Shirt,  binnen  kurzem  klatschnass  sein  würde.  Und  er  sah  auch  nir‐ gends  einen  Zufluchtsort,  außer  einem  seltsamen Holz‐ bau  –  ein  Restaurant?  –  auf  einem  großen  freien  Platz  20 , jenseits der Gracht, und wie  er dort  empfangen werden  würde, ohne Geld und in seiner momentanen Verfassung,  konnte er sich vorstellen. Was  tun? Da er keine Ahnung  hatte,  wo  er  war,  wusste  er  nicht,  welche  Richtung  er  einschlagen sollte.   In  einem  Anfall  von  leiser  Panik  krampfte  sich  sein  Magen zusammen.  Da  es  nun  mal  seine  Natur  war,  im  Zweifel  lieber  irgendwas zu  tun als gar nichts und eher den Weg nach  vorn  zu  wählen  als  den  zurück,  holte  er  tief  Luft,  schluckte  resolut,  rülpste  und  trottete  in  Richtung  der  kreuzenden Gracht. Die  angesichts  ihrer  Breite  und  der  großen,  imposanten Häuser auf beiden Seiten wohl eine  der  Hauptwasserstraßen  sein musste.  Er  sah  sich  nach  einem  Schild  um  und  fand  eins  am  Eckhaus,  zwischen  Erdgeschoss und erstem Stock: Prinsengracht.   Ja!  In ganz Amsterdam, ach, in ganz Holland, gab es nur eine  Adresse, die er auswendig wusste: Prinsengracht 263. Das  Haus, wo sich Anne Frank und ihre Familie während des  Zweiten  Weltkriegs  in  dem  geheimen  Hinterhaus  ver‐ steckt  hatten,  das  Haus  wo  sie  das  berühmte  Tagebuch  geschrieben hatte, eins seiner Lieblingsbücher, das Haus,  das jetzt kein Haus mehr war, sondern ein Museum, und  das Haus,  aus  dem  er  heute  Vormittag  geflüchtet war,  weil ihn dieses Erlebnis so fix und fertig gemacht hatte.  Auch  in  seinem konfusen Zustand wusste  er noch, dass  er, wenn er der Gracht in die richtige Richtung folgte, bei  der  Nr.  263  ankommen  würde,  wo  ihm  vielleicht  die  21 , Angestellten  helfen würden. Oder  ein  Besucher. Vorhin  waren  dort  jede  Menge  Leute  gewesen,  hauptsächlich  Rucksackreisende  in seinem Alter, die englisch sprachen.  Er  hatte  lange  anstehen  müssen,  ehe  er  hineingedurft  hatte.   Sein Magen entkrampfte sich.  Das Eckhaus hatte  keine Nummer, das nächste war Nr.  1045, das danach Nr. 1043. Die Richtung stimmte. Er ging  zügig weiter. Aber es regnete jetzt richtig heftig, er würde  patschnass sein, ehe er Nr. 263 erreichte. Vielleicht würde  der  Regen  ja  nicht  lange  anhalten  und  er  konnte  eine  kleine Ruhepause gebrauchen. Wenn da nur irgendwo ein  Ort zum Unterstellen wäre. Er fand nichts Geeignetes, bis  er relativ bald zu einem Haus mit einer überdachten Ein‐ gangstreppe  kam,  sechs  steile  Steinstufen,  die  zu  einer  schweren Holztür hinaufführten. Hier konnte er wenigs‐ tens geschützt sitzen.   Nachdem  er  sich  auf  der  obersten  Stufe  ein  paarmal  umgeguckt  hatte  wie  ein  Murmeltier  auf  seinem  Bau,  setzte  er  sich,  trocknete  sich  das  Haar  mit  seinem  Taschentuch,  damit  ihm  nicht mehr  dauernd Wasser  in  den  Nacken  lief,  drapierte  das  Taschentuch  zum  Trocknen über die Türklinke und fragte sich dann, ob da  noch  irgendetwas Nützliches  in seinen Jeanstaschen war.  Kein Geld, das war  klar;  alles, was  er  besaß,  steckte  im  Anorak.  Ein  Kamm  in  der  Gesäßtasche  wie  immer.  Er  kämmte sich kurz die Haare durch, ehe er ihn wieder ein‐ steckte.  Suchte  weiter.  Nichts  rechts  vorn,  wo  das  Taschentuch  gesteckt hatte. Links  vorn: das  Streichholz‐ 22 , briefchen.  Völlig  vergessen.  Er  konnte  sich  nicht  mal  mehr erinnern, es eingesteckt zu haben.  Er inspizierte es noch einmal. Außen drauf nichts. Klapp‐ te es auf. Innen guckte hinter der erwarteten Parade von  Pappzündhölzchen ein rundes Etwas aus knittrigem rosa  Plastik  hervor.  Er  hatte  es  schon  herausgezogen,  ehe  er  kapierte, dass  es  ein Kondom war. Da  erst  bemerkte  er  auch,  was  Ton  in  krakliger  Handschrift  innen  auf  die  Klappe geschrieben hatte: eine Telefonnummer, unter der  stand:    SEI BEREIT  NITS IN  AMSTERDAM  IS WAT  HET LIJKT  23 , GEERTRUI    Fallschirme, die wie Konfetti von einem blauen Himmel  fallen. Meine lebhafteste Erinnerung an seine Ankunft.   Sonntag, 17. September 1944.  »Gutes Flugwetter«, hatte Vater gesagt. »Wir müssen auf  weitere Luftangriffe gefasst sein.«  Die ganze Woche hatten britische Flugzeuge in der Nähe  Bomben  abgeworfen.  In  Arnhem  hatte  der Widerstand  einen  Sabotageanschlag  auf  die  Eisenbahnlinie  verübt  und  am  Samstag  hatte  die  deutsche  Sicherheitspolizei  verkünden  lassen, wenn sich die Täter nicht bis Sonntag,  zwölf Uhr, gestellt hätten, würden  etliche unserer Leute  erschossen. Alles war äußerst angespannt, die Menschen  bald voller Hoffnung, bald verzagt. Wir wussten, dass die  Alliierten  die  holländische  Grenze  erreicht  hatten.  Be‐ stimmt,  sagten  die  Leute,  sind  sie  bald  hier.  Doch  es  waren  ständig  deutsche  Truppenbewegungen  im  Gang  und in unserem Dorf wurden mehr Soldaten denn je ein‐ quartiert.  »Seid  ihr bereit,  für eure Freiheit alles zu opfern?«, hatte  De  Zwarte  Omroep,  unsere  Untergrundzeitung,  gefragt  und uns gleichzeitig angewiesen: »Haltet eine Tasche mit  Unterwäsche,  Lebensmitteln  und  euren Wertsachen  be‐ reit.« Mutter  hatte  Geld  in  unsere  Kleidung  eingenäht.  25 , Vater hatte mich instruiert, was ich tun sollte, falls es zum  Schlimmsten  käme und wir  getrennt würden. Womit  er  natürlich meinte, wenn er getötet würde.  Ich war gerade neunzehn geworden und hätte an diesem  Sonntagmorgen  mit  meinen  Eltern  in  der  Kirche  sein  sollen.  Aber mein  Bruder  Henk  und  sein  Freund  Dirk  Wesseling hielten  sich auf dem Land versteckt, auf dem  Bauernhof  von Dirks  Eltern, weil  sie  nicht  in  die  deut‐ schen  Arbeitslager  wollten,  wo  so  viele  von  unseren  jungen  Männern  hingeschickt  worden  waren.  Ich  war  besorgt um Henk. Deshalb ging ich an diesem Morgen in  aller Frühe das Risiko ein und  radelte  trotz Vaters War‐ nung von unserem Haus in Oosterbeek zu Dirks Bauern‐ hof.  Ich war  auf  dem Rückweg,  als  ich  die  Flugzeuge  hörte  und die  Fallschirme  sah.  »Da!«,  rief  ich  aus,  obwohl da  keiner  war,  der  mich  hätte  hören  können.  »Da!  Wie  wunderschön!« Und dann raste ich nach Hause und sagte  dabei immer wieder vor mich hin: »Die Tommys sind da!  Die Tommys sind da! Die Befreiung! Die Befreiung!«  Vater hatte Recht gehabt.  In meiner Abwesenheit waren  weitere Bomben gefallen. Diesmal auf die Eisenbahnlinie  bei  uns  in  der  Nähe.  In  den  Häusern  am  Bahndamm  waren die Fenster zerborsten. Und eine Spitfire hatte die  deutschen Flakstellungen auf der Wiese beschossen, dabei  einige Soldaten getötet und andere verwundet. Als ich in  unsere  Straße  kam,  standen  dort  die Deutschen  in Reih  und Glied und warteten auf den Abtransport. Die Ersten  wurden bereits von Lastwagen weggebracht, als ich unser  26 , Haus erreichte. Vater war ganz außer sich, weil er dachte,  ich  sei  bestimmt  tot. Mama war  ruhig wie  immer  und  damit beschäftigt, Lebensmittel  in den Keller zu bringen.  Aber  ich wusste,  sie war  nicht  so  ruhig, wie  sie  schien,  weil  sie  jedes  Mal  am  oberen  Ende  der  Kellertreppe  stehen blieb und vehement  ihre Brille putzte. Das  tat sie  immer,  wenn  sie  aufgeregt  war.  Ich  blieb,  als  ich  mit  einem Arm voll Decken auf dem Weg nach unten war, bei  ihr stehen und gab ihr einen Kuss. »Vier Jahre«, sagte sie,  »vier Jahre habe ich auf diesen Tag gewartet.« Ich bewun‐ derte meine Mutter und  liebte sie sehr, vor allem aber  in  diesem  Moment,  der  unser  letzter  ruhiger  Augenblick  sein  sollte,  bis  dann,  viele Wochen  später,  alles  vorbei  war.   Zwei, drei Gänge  später, als  ich gerade wieder aus dem  Keller  heraufkam,  hörte  ich  einen  deutschen  Soldaten  vorbeirennen und »Die Engländer, die Engländer!« brüllen.  Ich  wollte  hinausgehen  und  gucken,  aber  Papa  sagte  Nein,  ängstliche  Soldaten  seien  die  allergefährlichsten,  wir müssten  drinnen warten. Wir  kauerten  zusammen‐ gedrängt  in der Diele, hinter der Haustür, Mama, Vater  und  ich,  brauchten  aber  nicht  lange  zu warten,  bis wir  Männer  in  Richtung  Arnhem  vorbeilaufen  hörten  und  Stimmen  vernahmen,  die  weder  Deutsch  noch  Nieder‐ ländisch sprachen. So oft hatten wir um das Radio herum‐ gesessen und heimlich die BBC‐Nachrichten gehört. Papa  und  ich hatten  sogar miteinander Englisch geübt, damit  wir auch  ja so viel wie möglich verstehen würden, wenn  die Befreier endlich kämen. Und doch war es  jetzt plötz‐ 27 , lich ein Schock, dort draußen, direkt vor unserer Haustür,  Englisch  zu  hören.  Nicht  dass  wir  die  Wörter  hätten  identifizieren können. Aber wir hörten es am Klang: ganz  anders  als  Deutsch  oder Niederländisch.  Papa  flüsterte  mir  auf  Englisch  zu:  »Music  to  my  ears!«  –  eine  der  »gängigen Redewendungen«, die wir anhand einer Liste  geübt hatten. Wir kicherten wie kleine Kinder vor einem  lang ersehnten Fest. »Ihr zwei!«, sagte Mutter. »Benehmt  euch!«  Mutter  war  Lehrerin  gewesen  und  hielt  immer  sehr auf Manieren, auch wenn wir unter uns waren. Aber  es war auch ein Spiel; sie tat gern so, als ob Papa und ich  ungezogene Kinder wären.   In dem Moment hörten wir eine Feuersalve, einen dump‐ fen  Schlag  gegen  unsere  Tür,  als  hätte  jemand  ein  paar  Kartoffelsäcke dagegengeworfen, dann nichts mehr. Wir  klammerten  uns  alle  drei  aneinander.  Eine  Ewigkeit  passierte gar nichts. Dann hörten wir eine Männerstimme.  Was sie sagte, war so ein Schock, dass ich die Worte noch  ganz  genau  weiß.  »Herrgott  noch  mal,  Jacko,  ich  hab  schon  keine  Spucke mehr  vor  lauter Durst.«  Er war  so  dicht vor unserer Tür, dass wir alle zusammenfuhren. Es  dauerte einen Moment, bis zu mir durchdrang, was ich da  gehört  hatte,  aber  dann  rannte  ich  in  die  Küche,  füllte  einen  Krug  mit  Wasser,  schnappte  mir  ein  Glas  und  rannte wieder  zur  Tür.  »Pass  auf,  pass  auf«, murmelte  Mutter.  Papa  hielt  mich  zurück,  öffnete  selbst  die  Tür  vorsichtig einen Spaltbreit und spähte hinaus. Als er sah,  dass da zwei englische Soldaten  standen,  riss er die Tür  ganz  auf  und  breitete  herzlich  die Arme  aus. Aber wir  28 , brachten alle drei kein Wort heraus. Die  jäh aufgehende  Tür erschreckte die Soldaten genauso, wie uns ihre plötz‐ liche Anwesenheit erschreckt hatte. Sie fuhren herum, die  Gewehre im Anschlag. Doch als sie Vater dastehen sahen,  mit  ausgebreiteten Armen, und Mutter mit  ihrem  stren‐ gen, aber lächelnden Gesicht und mich, mit einem dümm‐ lichen Grinsen und einem Krug Wasser in der einen Hand  und  einem  Glas  in  der  anderen,  sagte  der,  der  eben  gesprochen  hatte:  »Heiliger  Strohsack,  das  nenn  ich  Service!«   Worauf Vater  seine  Stimme wieder  fand und  in  seinem  besten  Englisch  sagte:  »Willkommen  in  Holland.  Will‐ kommen in Oosterbeek. Willkommen in unserem Haus.«   Wir  lachten  und  es  folgte  ein  allgemeines Händeschüt‐ teln, nur ich konnte nicht mitmachen, weil ich die Hände  voll hatte. Also  füllte  ich das Glas und reichte es, als die  Formalitäten  beendet  waren,  dem  Soldaten,  der  bisher  geschwiegen  hatte,  worauf  er  sagte:  »Danke, Miss,  Sie  sind  ein barmherziger Engel.« Er hatte Augen, die mich  dahinschmelzen ließen. Während sie tranken, stellten wir  uns  einander  vor.  Sie  hießen Max  Cordwell  und  Jacob  Todd.  Inzwischen hatten sich an der ganzen Straße Türen geöff‐ net und Leute waren herausgekommen, mit Blumen und  Sachen  zu  essen  und  zu  trinken  und  orangefarbenen  Bändern,  die  sie  schwenkten,  und  einige  sogar mit  der  niederländischen Fahne, die unter den Deutschen  streng  verboten  gewesen war.  Und  ich  sah  Küsse  und  Umar‐ mungen.   29 , Als sie getrunken hatten, fragten die Soldaten, wie weit es  bis Arnhem sei.  »Fünf  Kilometer«,  erklärte  Vater.  Während  er  noch  sprach, kam  ein  Jeep  angefahren und  ein Offizier  erhob  sich  vom  Sitz  und  rief  einen Befehl.  »Tut mir Leid, wir  müssen,  Sir«,  sagte Max.  »Veel  succes«,  sagte Vater,  sein  Englisch  vergessend.  Viel  Glück.  »Succes!«, wiederholte  Mutter. »Wiedersehen, Miss«, sagte Jacob. »Danke für das  Wasser.«  Als sie sich zum Gehen wandten, kam einer von unseren  Luftschutzhelfern  die  Straße  entlanggelaufen  und  rief:  »Alle  wieder  reingehen!  Reingehen!  Es  herrscht  immer  noch Gefahr.«  Die  Soldaten  zogen  weiter.  Vater  schloss  die  Haustür.  Mutter begann, ihre Brille vehementer denn je zu putzen.  Und da  erst wurde mir  klar, dass  ich  kein Wort  gesagt  hatte.  »Oh,  Papa«,  sagte  ich  und  wusste  nicht,  ob  ich  lachen  oder  weinen  sollte,  »ich  hab  nicht  mal  Hallo  gesagt!« Vater und Mutter sahen mich an, als sei ich ver‐ rückt geworden. Dann brach Vater in schallendes Geläch‐ ter aus und Mutter legte die Arme um uns und schwenkte  uns  im Kreis herum und  sagte:  »Vrij,  vrij,  vrij,  frei,  frei,  frei!«,  bis  uns  so  schwindlig war,  dass wir  nicht mehr  stehen  konnten.  Ich  glaube,  so  berauscht  war  ich  in  meinem Leben kein zweites Mal.  Am nächsten Tag, dem Montag, landeten noch mehr briti‐ sche Soldaten per Fallschirm oder Lastensegler. Wir beob‐ achteten die Flugzeuge, als sie Wolfheze überflogen. Und  wie  am  Vortag  füllten  rote,  weiße,  braune,  grüne  und  30 , blaue Fallschirme den Himmel. Ein erregender Anblick.   Aber inzwischen waren einige der Soldaten, die am Sonn‐ tag weitergezogen waren, müde und verdreckt zurückge‐ kehrt  und  hatten  auf  der Wiese  neben  der  Kirche  Ge‐ schütze postiert, die sie jetzt ständig in Richtung Arnhem  abfeuerten. Mutter machte Brote, die wir  ihnen brachten,  weil  sie  so wenig  zu  essen  hatten.  Sie waren  sehr  froh,  dass  die — wie  sie  sich  ausdrückten  –  »zweite Welle«  frische Kameraden und Versorgungsgüter brachte. »Jetzt  wird  alles  gut«,  sagten  sie,  »bald  werden  die  Hunnen  rennen!« Sie erklärten, dass sie Order hatten, die Brücke  von Arnhem  einzunehmen,  damit  die Hauptarmee,  die  von Nijmegen heranrückte, den Fluss überqueren und die  deutschen  Besatzungstruppen  in Holland  von  Deutsch‐ land abschneiden konnte. Das werde dazu beitragen, dass  der Krieg bald vorbei  sei,  sagten  sie. Sie waren  fröhlich,  machten Witze, frotzelten herum, neckten mich und flirte‐ ten um die Wette, um an die Brote zu kommen. So anders  als die Deutschen. Aber wir waren  ja auch  froh, dass sie  da waren, und das macht  einen  großen Unterschied. Es  war  so  eine  Erlösung,  da  machte  sich  niemand  etwas  daraus, dass wir keinen Strom und kein Gas mehr hatten  und unser hübsches altes Dorf von Bomben und Granaten  böse  zugerichtet wurde.  »Der  Preis  der  Freiheit«,  sagte  Papa.  Er  war  ruhelos,  wollte  helfen,  wusste  aber  nicht  wie. Die Luftschutzhelfer  ermahnten uns  immer wieder,  vorsichtig zu sein und drinnen zu bleiben. Noch seien wir  nicht endgültig sicher. Deutsche Soldaten lägen ein Stück  nördlich des Ortes, von wo ab und an geschossen werde.  31 , Und der Widerstand berichte von schweren Kämpfen um  die Brücke von Arnhem. Abends erzählte uns ein Nach‐ bar,  das  Hotel  Schoonoord  am  Utrechtseweg,  an  der  Hauptkreuzung  im Ort – eins unserer besten Hotels, bis  es die Deutschen beschlagnahmt hatten – werde als Laza‐ rett für verwundete britische Soldaten hergerichtet und es  würden  freiwillige Helferinnen  gesucht. Die  ersten Ver‐ wundeten träfen bereits ein.   Ich wollte mich melden,  aber Papa  sagte Nein. Heutzu‐ tage,  schätze  ich,  hätte  ich  gar  nicht  erst  gefragt,  aber  damals tat eine Neunzehnjährige noch, was ihr die Eltern  sagten, und so sehr ich auch bat und bettelte, Papa verbot  es mir rundweg. Seit der letzten Nacht war er nicht mehr  so optimistisch wie Mama und ich.  »Warum sind die Soldaten zurückgekommen?«, fragte er  jetzt. »Warum haben sie Geschütze auf der Wiese aufge‐ stellt? Warum feuern sie ständig? Und warum müssen sie  ein Hotel  in  ein  Lazarett  umwandeln, wenn  die Armee  morgen  von  Süden her  eintrifft, wie die Geschützbedie‐ nungen  sagen? Wozu  der  ganze  Aufwand,  wenn  alles  glatt läuft?«  »Eine Schlacht  ist nun mal kein nettes, geordnetes Spiel,  das  man  bis  ins  letzte  Detail  planen  kann«,  erklärte  Mama.  »Sie  ist  eine wüste, unvorhersagbare Angelegen‐ heit, sie wogt hin und her und dabei kommen Menschen  zu Schaden.«   »Das mag  ja  sein«,  sagte Vater,  »aber  solange wir  nicht  wissen, wer hin und wer her wogt und wo in dem ganzen  Gewoge wir uns befinden, bleibt unsere Tochter hier bei  32 , uns.«   Ob  es  nicht  schon  schlimm  genug  sei,  dass  der  eigene  Sohn irgendwo dort draußen sei und man nicht wisse, ob  lebend  oder  tot? Ob man  da  noch  der  einzigen  Tochter  erlauben müsse, ihr Leben ebenfalls aufs Spiel zu setzen?  Ob Mutter wolle, dass sie  im Alter kinderlos dastünden?  Wer sich dann um sie kümmern solle?  Wenn  Vater  so  stur  und  pessimistisch war,  hütete  sich  Mutter,  ihm zu widersprechen. Also blieb  ich zu Hause,  mit  Sooji,  meinem  alten  Teddy,  als  einzigem  Objekt  meiner Fürsorge, während  ich die Soldaten von meinem  Zimmerfenster  aus  beobachtete.  Jedes  Mal,  wenn  eins  ihrer Geschütze  losging,  ließ die Druckwelle unser Haus  erzittern, die Fensterscheiben vibrieren, Staubwolken auf‐ steigen.  In dieser Nacht schliefen wir schon zum zweiten Mal  in  unseren Kleidern – oder versuchten zumindest zu schla‐ fen.  Die  Kampfgeräusche  schienen  von  allen  Seiten  zu  kommen. Und nach einer Weile zogen weitere Marschko‐ lonnen und  Jeeps,  ja  sogar Kettenfahrzeuge, am unteren  Ende unserer Straße vorbei.  Am Dienstagmorgen um sechs hatte der Lärm noch zuge‐ nommen.  Soldaten  von  den  Geschützen  kamen Wasser  holen und warnten uns, dass die Deutschen wahrschein‐ lich zurückschießen würden. Wir  sollten vorsichtig  sein.  Sie hatten Recht. Bald darauf  explodierten Granaten auf  der  Wiese  und  sogar  ganz  in  unserer  Nähe.  Erstmals  flüchteten  wir  uns  in  den  Keller.  Der  Angriff  dauerte  nicht  lange,  dämpfte  aber  selbst Mamas  Zuversicht  ein  33 , wenig.  Uns blieb  jedoch keine Zeit für düstere Gedanken. Kaum  hatte das Granatfeuer aufgehört, vernahmen wir oben  ir‐ gendeine Art von Tumult. Als wir hinaufkamen,  fanden  wir  in  unserem  vorderen Wohnzimmer  zwei  Soldaten,  die einen dritten stützten, dem das Blut aus einer Wunde  über der Hüfte lief. Es war ein Schock: diese drei Männer  in ihren dreckverkrusteten Kampfanzügen und schweren,  schlammverklebten Stiefeln, mit  ihrem sperrigen Gepäck  und  ihren  klappernden  Waffen  hier  zwischen  unseren  besten Möbeln, und überall Blut.  Irgendwie war wohl  bis  zu  diesem Moment  der  Krieg,  das Kampfgeschehen, etwas gewesen, was draußen ablief,  anderswo.  Jetzt  passierte  es  plötzlich  hier,  in  unserem  Haus. Papa und ich starrten die drei von der Tür aus an,  als hätte uns  ihr Anblick  in Salzsäulen verwandelt. Aber  nicht  so  Mutter.  Sie  war  in  Krisensituationen  immer  großartig. Da  lief sie zu Hochform auf.  Ich hatte sie ein‐ mal  einen  deutschen Offizier,  der  unser Haus  auf  seine  Eignung als sein höchstpersönliches Quartier  inspizierte,  so lehrerinnenhaft herunterputzen sehen, weil er es wag‐ te, über unsere Schwelle zu  treten, ohne sich die Schuhe  abzutreten und die Mütze abzunehmen, dass er daraufhin  beschloss, uns nicht mit seiner Anwesenheit zu beehren,  sondern seinen Unteroffizier zu schicken, der bald darauf  in unseren Gartenschuppen zog, weil  es  ihm  lieber war,  dort  zu  wohnen,  als  jeden  Tag  Mutters  verächtlicher  Geringschätzung  ausgesetzt  zu  sein.  Jetzt  zögerte  sie  keine Sekunde.  34 , »Geertrui«,  sagte  sie, »bring warmes Wasser und Desin‐ fektionsmittel.«  Und  zu  Vater:  »Barend,  hol  den  Ver‐ bandskasten.« Noch  im Sprechen  legte sie die Kissen auf  dem Sofa zurecht. Dann  sagte  sie, da  sie kaum Englisch  konnte:  »Komen,  komen«,  komm,  komm,  und  bedeutete  den Soldaten mit einer Handbewegung, ihren Kameraden  hinzulegen.   Als  ich mit dem Wasser zurückkam, hatten sie den Ver‐ wundeten von seiner Ausrüstung und den äußeren Klei‐ dungsstücken  befreit  und  er  lag  jetzt  mit  schmerzver‐ zerrtem Gesicht  auf dem Sofa. Mutter kniete neben  ihm  und  inspizierte  die Wunde.  Vater  hatte  den  Verbands‐ kasten  gebracht  und war  damit  beschäftigt,  dem Mann  die Stiefel auszuziehen. Der arme Junge war nicht älter als  mein Bruder Henk. Sein Gesicht war mit einer Mischung  aus Dreck und Schweiß verschmiert, aber dennoch konnte  ich sehen, dass er totenbleich war. Seine Freunde redeten  leise auf ihn ein, versuchten Munterkeit zu verbreiten, ihn  davon zu überzeugen, dass jetzt alles gut würde. Der eine  zündete eine Zigarette an und hielt sie dem Verwundeten  so an den Mund, dass er rauchen konnte, ohne die Hände  zu heben. Der Junge versuchte zu  lächeln, aber  in seinen  Augen war Angst  und  er  zuckte  immer wieder  zusam‐ men, wenn Mutter ihn berührte. Die Wunde war schreck‐ lich.  In den  ganzen  vier Besatzungsjahren  hatte  ich Verwun‐ dete  nur  nach  den  jüngsten  Luftangriffen  gesehen  und  auch  da  nur  von  fern. Das war  das  erste Mal,  dass  ich  einen aus der Nähe sah. Aus der Nähe und noch dazu in  35 , unserem  eigenen Haus,  unserer  guten  Stube, wo  bisher  immer nur höflicher,  fein herausgeputzter Besuch geses‐ sen hatte oder Anlässe wie Nikolaus, unsere Geburtstage,  die  Hochzeitstage  unserer  Eltern  begangen  worden  waren. Fröhliche Situationen. Familiäre Situationen. Feste.  Jetzt war hier dieser herzzerreißend  junge Mann, dessen  Blut auf unser Sofa rann, dessen stumme Pein den Raum  füllte,  zusammen  mit  dem  Geruch  von  Schweiß  und  Dreck  und  dem  ungewohnten  süßlichen  Aroma  engli‐ scher  Zigaretten.  Er  tat  mir  so  Leid,  wie  er  so  hilflos  dalag,  und  ich  wollte  ihn  in  den  Armen  halten  und  irgendwie  seinen  Schmerz  wegzaubern  und  ihm  den  heilen,  lebendigen Körper wiedergeben, den er noch vor  einer  knappen  Stunde  gehabt  haben  musste.  Und  in  diesem  Moment  wurde  mir  die  Entsetzlichkeit  dessen,  was  geschah  und was  diese  ganzen  schrecklichen  Jahre  geschehen war, zum ersten Mal richtig bewusst.  Mutter stand auf und sagte zu mir: »Bitte einen von den  anderen, mit uns zu kommen.«  Ich wählte den, der älter  aussah, und erklärte ihm in meinem besten Englisch, dass  Mutter  gern  mit  ihm  reden  würde.  Er,  Vater  und  ich  folgten Mutter  in die Küche.  Ich  sollte  ihm erklären, die  Wunde sei so schlimm, dass sie nichts für seinen Kamera‐ den tun könne, und wenn sie auch keine Ärztin sei, stehe  für sie doch fest, dass der arme Kerl sterben werde, wenn  er  nicht  bald  angemessene  Hilfe  erhalte.  Als  ich  über‐ setzte, nickte der Soldat. Jetzt, wo er nicht mehr um seines  Kameraden willen munter tun musste, wirkte er erschöpft  und  mutlos.  Sein  verwundeter  Freund  heiße  Geordie,  36 , sagte  er,  der  andere  sei Norman  und  er  selbst Ron.  Sie  hätten Befehl erhalten hierher zu kommen und zu fragen,  ob sie unser Haus als Beobachtungsposten nutzen könn‐ ten, weil man  von  unseren  oberen  Zimmern  die Wiese  und die Straße überblicken könne. Sie fürchteten nämlich,  die Deutschen könnten hier entlangkommen. Aber dann  seien  sie  in  das Granatfeuer  geraten  und Geordie  habe  einen  Splitter  abgekriegt.  Sie müssten  auf  ihrem  Posten  bleiben. Alles, was  er  tun  könne,  sei,  ihrer  Einheit  eine  Nachricht  zu  übermitteln  und  zu  bitten,  einen  Sanitäter  zu schicken.   Die  Wunde  zu  verbinden,  würde  nicht  reichen,  sagte  Mutter.  Das  sei  eine  Sache  für  den  Chirurgen.  Vater  stimmte ihr zu. »Wir haben gehört, ein Hotel hier im Ort  ist  als  Lazarett  hergerichtet  worden«,  sagte  er.  »Sie  müssen  ihn dort hinbringen.« Ron wusste nicht, wo das  Hotel war,  also  erklärte  ich’s  ihm:  droben  im  Ortszen‐ trum, keinen Kilometer von hier.   »Wir müssten beide gehen, Norm und ich, um ihn so weit  zu  tragen«, sagte Ron. »Aber wir dürfen unseren Posten  nicht verlassen, nicht mal für einen Schwerverwundeten.«   »Dann  wird  der  Junge  sterben«,  sagte  Mutter,  als  ich  übersetzt hatte. »Irgendwas muss man doch tun können.«   »Wir könnten ihn doch hinbringen«, sagte ich. »Papa und  ich. Wir könnten die Schubkarre nehmen.«   »Nein«, sagte Papa sofort. »Das wäre zu gefährlich.«   Ich sagte: »Das Granatfeuer hat aufgehört. Und außerdem  zielen sie sowieso auf die Geschütze. Wir würden doch in  die andere Richtung gehen. Da passiert uns nichts, Papa.«   37 , »Nein«,  sagte  er.  »Ich  gehe  allein. Du musst  bei  deiner  Mutter bleiben.«  »Mama, red mit ihm, bitte.«  Mutter sah Vater  fest  in die Augen und sagte: »Geertrui  hat Recht. Es geht nur zu zweit. Wenn du sie nicht mit‐ nehmen willst, komme ich mit.«   »Nein,  nein«,  sagte  Vater,  jetzt  erregt.  »Wir  können  sie  nicht mit den Soldaten allein  lassen. Das geht nicht. Das  ist gefährlich. Das lasse ich nicht zu.«  Mutter nahm Vaters Hand und sagte sanft: »Überleg doch  mal, Schatz. Das sind wir diesen Leuten schuldig. Sie sind  uns zu Hilfe gekommen. Wir müssen  tun, was wir kön‐ nen,  um  ihnen  zu  helfen.  Und  denk  doch  an  deine  Tochter.  Ist  es  nicht  ganz  natürlich,  dass  sie  auch  ihren  Teil beitragen will? Wenn dieser Horror vorbei ist, soll sie  dann  sagen müssen, dass  sie dabeistehen und zugucken  musste, wie andere die Gefahr auf sich nahmen? Dass sie  im  entscheidenden Augenblick nicht helfen durfte? Und  es  ist  doch  nur  recht  und  billig,  oder?,  dass wir  diesen  armen Jungen  ins Lazarett bringen. Stell dir vor, es wäre  Henk.«  So wie Mutter Vater nicht widersprechen konnte, wenn er  grimmig und stur war, konnte Vater Mutter nicht wider‐ sprechen, wenn  sie  sanft  und  logisch  argumentierte.  Er  sagte  immer,  ohne  sie  wäre  er  nichts.  Sie  hingen  so  aneinander,  dass  ich  sie  mir  nicht  getrennt  vorstellen  konnte. Papas größte Angst war, dass er Mama irgendwie  verlieren  könnte. Während  der  ganzen  Besatzungsjahre  hatte ihn nie der Mut verlassen. Aber  jetzt, da die Befrei‐ 38 , ung in Sicht war (oder wir das zumindest in dem Moment  glaubten),  schien  er  plötzlich  die  Nerven  zu  verlieren.  Damals  erstaunte  mich  das,  ich  dachte  sogar,  wie  schwach er doch sei. Aber  jetzt, wo ich selbst alt bin und  so viel mehr hinter mir habe als damals, meine  ich es zu  verstehen. Wenn  der  Erfolg  schon  fast  greifbar  scheint,  werden  einem  plötzlich  die  Fragilität  des menschlichen  Lebens und die unausgesetzte Möglichkeit,  ja  fast  schon  Unausweichlichkeit des Scheiterns bewusst. Und das lässt  einen zaudern.  Vater  schwieg  einen  Moment,  seufzte  dann.  »Du  hast  Recht«,  sagte  er.  Er  nahm  Mutters  Gesicht  mit  beiden  Händen  und  küsste  sie  zärtlich  und  auf  eine  so  intime  Art, dass ich wegguckte. Ich hörte ihn leise sagen: »Diese  Jahre haben wir nur wegen dir überstanden. Ohne dich  könnte ich nicht leben.«   Und Mutter flüsterte: »So weit kommt es nicht, Schatz.«   Dann  setzte  Betriebsamkeit  ein.  Die  Schubkarre  wurde  mit Kissen  und Decken möglichst  bequem  hergerichtet.  Ron und Norman hoben Geordie hinein. Beim Abschied  tat  jeder  sein  Bestes,  munter  zu  klingen.  Und  dann  brachen Papa und ich auf, in Richtung Utrechtseweg und  Schoonoord.   Unterwegs  trafen wir Bekannte, die Taschen mit einigen  wenigen  Habseligkeiten  dabeihatten.  Sie  hatten  gehört,  dass es für die Briten an der Brücke nicht gut stand, also  verließen sie ihr Haus, weil sie sich sicher waren, dass im  Dorf  gekämpft werden würde,  und  ihnen  ihr Keller  als  Schutz nicht stabil genug schien. Etwas weiter stießen wir  39 , auf  eine Gruppe  schwer  bepackter Menschen.  Papa  sah  mich  beunruhigt  an. Wir  wussten  beide,  ohne  dass  es  ausgesprochen wurde, dass das Schlimmes verhieß, denn  es bedeutete, dass die Briten von der Stadt in unsere Rich‐ tung zurückgedrängt wurden.   Als  wir  uns  dem  Utrechtseweg  näherten,  war  der  Geschützlärm wesentlich  lauter. Er kam von  jenseits der  Bahnlinie,  die  etwa  einen Kilometer  nördlich  des Dorfs  verlief,  und  auch  aus  der  Richtung  von  Arnhem,  das  östlich  lag. Wir waren  beide  außer Atem  und  schweiß‐ gebadet,  ebenso  vor  Angst  und  Aufregung  wie  vom  Schieben der Karre. Geordie, der arme Kerl, wurde durch‐ gerüttelt,  als wir  übers Kopfsteinpflaster  liefen. Aber  er  war wohl bewusstlos, denn seine Augen waren geschlos‐ sen und er gab keinen Laut von sich.  Das  Schoonoord‐Hotel  bot  einen  schrecklichen Anblick.  Die  Veranda,  auf  der  wir  so  oft  gesessen  und  Kaffee  getrunken hatten, war voller Verwundeter, die auf Tragen  lagen  und warteten,  dass  sie  versorgt würden. Zu mei‐ nem  Erstaunen  sah  ich  unter  den  Briten  auch  ein  paar  deutsche Soldaten. Wie konnten die Briten so ruhig neben  ihnen liegen? Einer gab sogar einem Deutschen eine Ziga‐ rette.  Ich  war  entsetzt!  Drinnen  war  jeder  Raum  voll  gepackt  mit  Männern,  die  auf  Tragen  oder  Matratzen  oder  sogar  auf  dem  blanken  Fußboden  lagen. Da  es  so  viele  waren,  musste  auch  das  Hotel  auf  der  anderen  Straßenseite als Lazarett herhalten. Der Geruch von Blut  und  Dreck  und  Schweiß  war  schier  unerträglich.  Er  drehte mir den Magen um. Frauen und sogar Jungen aus  40 , dem Dorf  halfen,  so  gut  sie  konnten.  Ich  sah Meik und  Joti, zwei Freundinnen aus meiner Schulzeit, Verwundete  waschen, Meik hurtig wie  immer,  Joti bemüht,  ihr  fröh‐ lichstes Gesicht aufzusetzen. Die Soldaten waren erstaun‐ lich  ruhig  und  geduldig,  obwohl  einige  schreckliche  Schmerzen  haben mussten.  Ein  junger Mann,  bestimmt  nicht älter als ich, hatte fünf offene Schusswunden an den  Armen. Während Hendrika, die  Tochter des Hotelbesit‐ zers und  in normalen Zeiten Lehrerin, gerade dabei war,  den armen Jungen zu waschen, kamen sie, um ihn in den  Operationssaal zu bringen. Sie  trocknete  ihn ab und ver‐ suchte ihm Mut zu machen, ehe sie ihn wegtrugen.    Ich führte Hendrika nach draußen, wo Papa mit Geordie  wartete. Sie sah sofort, dass Geordie dringend behandelt  werden musste, und  rief zwei  Jungen heraus. Sie hoben  Geordie auf eine Trage und brachten ihn hinein. Das war  das  Letzte,  was  wir  von  ihm  sahen.  Nach  dem  Krieg  erfuhren wir, dass er noch am selben Tag gestorben war.   Ich wollte so gern bleiben und mithelfen, aber Vater sagte  Nein,  wir  hätten Mutter  versprochen,  sofort  zurückzu‐ kommen. Wie ich ihn in diesem Moment hasste! Und ich  glaube,  ich  hätte mich  ihm widersetzt, wenn Hendrika  nicht  gesagt  hätte,  sie  hätten  genug Helferinnen,  außer  gelernten  Krankenschwestern,  was  ich  ja  nicht  sei.  Ich  habe  immer  gedacht,  dass  sie  das  nur  sagte,  damit  ich  ohne schlechtes Gewissen mitgehen konnte. Also gingen  wir  los und karrten unsre  leere Schubkarre, so schnell es  ging,  die  Gefällestrecke  hinunter,  wo  der  Kampflärm  41 , bereits lauter war als auf dem Herweg. Ich erinnere mich  genau  an  den  bitter  schmeckenden,  heißen  Geruch  des  Geschützfeuers, der die Luft zu versengen schien.    Zu Hause  hatte Mutter  für Ron  und Norman,  die  oben  Wache hielten, Kartoffeln mit kaltem Schweinefleisch und  Apfelsoße  gemacht.  Vater  und  ich  aßen  etwas  davon,  während wir Mutter erzählten, was wir gesehen und ge‐ hört hatten. Den  ganzen Nachmittag  strömten  erschöpft  aussehende Soldaten aus der Arnhemer Richtung zurück.  Ein Offizier  kam  vorbei, um  nach Ron und Norman  zu  sehen. Sie sprachen ein paar Minuten im vorderen Schlaf‐ zimmer miteinander. Als der Offizier wieder ging, schien  Norman  bedrückt,  aber  er wollte  nicht  viel  sagen,  nur,  dass  es  nicht  so  gut  lief, wie  sie  gehofft  hatten. Andere  Soldaten kamen, um Wasser zu trinken und zu fragen, ob  sie sich waschen dürften. Natürlich gewährten wir  ihnen  jede Hilfe. Und später dann, in der kalten Abenddämme‐ rung, standen wir draußen und schauten nach Süden,  in  Richtung Nijmegen, wo am Himmel der Widerschein von  Feuer  zu  sehen war  und  schwere Geschütze donnerten.  Ron  sagte,  das  sei  die  Hauptarmee,  die  sich  zu  uns  durchkämpfe.  Er  und Norman waren  inzwischen,  nach  drei durchwachten Nächten, so müde, dass Vater erklärte,  er und  ich könnten doch Wache halten, während sie sich  ein bisschen hinlegten. Aber Ron sagte, sie wären »dran«,  wenn sie dabei erwischt würden, wie sie beide während  des Wachdiensts schliefen. Also schlug Vater vor, dass ich  mit Ron wachen sollte, während Norman schlief, und er  42 , und  Norman  uns  dann  ablösen  würden,  damit  Ron  schlafen  konnte.  Norman  überredete  Ron,  dass  das  in  Ordnung war. Also  saß  ich während  der  ersten Nacht‐ hälfte mit Mutter an den hinteren Fenstern, während Ron  vorn wachte.    Am Mittwoch  begann  die  schlimmste  Phase.  Bis  dahin  war es die Schlacht von Arnhem gewesen. Jetzt wurde es  zur Schlacht von Oosterbeek. Wir wussten das zu der Zeit  noch nicht, aber nur eine kleine Truppe von etwa tausend  Mann hatte die Brücke von Arnhem erreicht und hielt sie  gegen  eine  erdrückende Übermacht. Die Deutschen hat‐ ten  den  Rest  der  britischen  Truppen,  etwa  achttausend  Mann,  abgeschnitten  und  kesselten  ihn  jetzt  bei Ooster‐ beek ein,  innerhalb eines Rechtecks, das vom westlichen  Teil des Ortes einerseits und dem etwas weiter gelegenen  Wald  andererseits  sowie  der  Bahnlinie  im Norden  und  dem Fluss im Süden begrenzt wurde.  Am Morgen eröffneten die Deutschen ein massives Artil‐ leriefeuer, und diesmal  blieben wir  in unserem Teil des  Ortes nicht verschont. Unsere gesamten Fenster wurden  eingedrückt,  einer  von  unseren  Schornsteinen  bekam  einen direkten Treffer  ab, Granaten krachten und  schlu‐ gen  ringsum ein. Wir  flüchteten, sooft es  richtig  losging,  in den Keller, wo schon bald Soldaten zu uns stießen, die  den Befehl hatten,  eine Verteidigungslinie  entlang unse‐ res  Dorfteils  zu  errichten.  Zwischen  den  Granatfeuer‐ wellen hoben sie in unserem Garten Schützengräben aus,  aber sie baten um die Erlaubnis, zu uns  in den Keller zu  43 , kommen,  sobald  es  wieder  losging,  da  ihnen,  wie  sie  sagten,  unsere  Gesellschaft  lieber  war  als  ein  einsames  Erdloch, das keinen Schutz bot gegen einen direkten Tref‐ fer oder umherfliegende Splitter.   Am Abend wurden deutsche Panzer gesichtet, die auf uns  zukamen, und wir wurden alle angewiesen, in die Keller  zu gehen, mit Lebensmitteln und Wasser und allem, was  wir im Belagerungsfall sonst noch zu benötigen glaubten.  Ich  zählte  siebenundzwanzig  Personen,  die  sich  so  eng  zusammendrängten,  dass  sich  niemand  mehr  hinlegen  konnte, während es droben klang, als  fiele uns die Welt  auf  den Kopf. Wir  hatten  kein  Licht,  außer Kerzen,  die  aber  reichlich,  da  jeder  Soldat  eine  zugeteilt  bekommen  hatte. Aber das Schlimmste war, dass wir keine  richtige  Toilette  hatten,  nur  einen  Eimer  im  Kohlenabteil  des  Kellers. Es war mir schrecklich, ihn benutzen zu müssen,  und ich versuchte deshalb, nichts zu trinken. Aber Angst  und Anspannung sind enorm harntreibend. Am nächsten  Tag suchte Vater ein große Blechtonne mit Deckel heraus,  die er im Schuppen verstaut hatte. Er räumte im Kohlen‐ abteil  Platz  frei,  um  sie  aufzustellen,  und  nagelte  eine  Decke  so  fest, dass  sie  etwas Blickschutz bot. Wenn wir  den Eimer benutzt hatten, entleerten wir ihn in die Tonne,  und das machte das Leben etwas erträglicher.   Ernstlich verletzte Soldaten wurden zu einem Verbands‐ platz gebracht, der  inzwischen nicht weit von uns einge‐ richtet worden war. Die Leichtverletzten blieben bei uns  und Mutter und ich halfen, ihre Wunden zu säubern und  zu verbinden.  So wurde  ich doch noch Lazaretthelferin.  44 , Zuerst war  ich zimperlich, aber dann  entdeckte  ich, wie  schnell man mit  schrecklichen Dingen umzugehen  lernt,  wenn man keine andere Wahl hat. Und zum Glück habe  ich die praktische Ader meiner Mutter geerbt. Während  wir  unsere  Arbeit machten,  erzählten  uns  die  Soldaten  von  zu Hause, von  ihren Familien,  ihren Freunden und  Freundinnen,  und  sie  zeigten  uns  Fotos.  Sie  waren  größtenteils noch sehr jung, neunzehn oder zwanzig, und  ich glaube, sie wollten vor allem bemuttert werden.  Und  die  ganze  Zeit  herrschte  rings  um  uns  herum  ein  unablässiger, nervenzerrüttender Krach. Zuerst hatte  ich  Angst gehabt.  Jetzt hatte  ich keine mehr.  Ich glaube, das  lag daran, dass die Soldaten  so  lustig waren und guten‐ teils  in meinem Alter. Mit  diesen  ausländischen  jungen  Männern  so dicht gedrängt zusammenzusitzen, über  ihr  und mein Leben zu reden, zwischen  ihnen zu essen und  zu  schlafen und die  intimsten Dinge  in  ihrer Gegenwart  zu verrichten, war  für ein behütetes und wohlerzogenes  Mädchen wie mich als solches schon eine Befreiung. Eine  Hemmung  nach der  anderen  fiel  von mir  ab.  Trotz des  Gestanks und des Krachs und der Wolken von Staub und  rieselndem Verputz,  die  sich  bei  jedem Granateinschlag  wie eine  feine Schicht von rosa Puder auf uns absetzten,  hatte  ich das Gefühl, dass sich hier,  in unserem überfüll‐ ten, umkämpften Keller, meine Zukunft auftat.  Ab  und  zu  hörte  das Granatfeuer  eine Weile  auf.  »Die  Jerrys genehmigen sich einen Schnaps, um sich Mut anzu‐ trinken!«,  sagten  die  Männer,  und  Norman  imitierte  Hitler, was  sehr  lustig war, weil  er  es  sehr  gut  konnte.  45 , Dann  stolperten  wir  hinaus  in  den  Garten,  um  unsere  eingerosteten Gliedmaßen zu  strecken und etwas  frische  Luft  zu  schnappen,  obwohl  »frisch«  für  das,  was  wir  einatmeten,  vielleicht  nicht  das  richtige Wort  ist.  Einige  Häuser an unserer Straße brannten, und andere waren so  schwer  beschädigt,  dass  sie  aussahen,  als  würden  sie  gerade  abgerissen.  Dach  und  Wände  unseres  Hauses  waren  voller  Löcher,  die  Schornsteine  verschwunden,  und auf der Vorderseite war die eine obere Ecke wegge‐ schossen,  sodass  man  durch  das  klaffende Mauerwerk  genau  in  das  Schlafzimmer meiner  Eltern  sah,  auf  das  zusammengebrochene  Ehebett  mit  den  zerfetzten,  im  Wind  flatternden Betttüchern. Das war mir peinlich,  als  ob  meine  Eltern  plötzlich  in  nichts  als  zerschlissener  Unterwäsche in der Öffentlichkeit aufgetreten wären.  »Jetzt wissen wir, was Krieg heißt«, sagte Mutter.   Ich kämpfte dagegen an, aber beim Anblick unseres böse  zugerichteten Hauses  kamen mir doch  ein paar Tränen.  Ron, der dabei war, sagte nichts,  legte mir nur den Arm  um die Schulter und drückte mich tröstend.  46 , POSTKARTE  Mit Schreiben werde ich alles los.  Mein Kummer verschwindet,  mein Mut lebt wieder auf.  Anne Frank    Langsam begann er dieses Land zu hassen.   Seine Ankunft gestern in Haarlem war peinlich gewesen.  Die Besichtigung des Anne‐Frank‐Hauses, die Unterneh‐ mung, auf die er  sich am meisten gefreut hatte, war ein  Schock  gewesen. Die  Sache mit  Ton  hatte  ihn  total  irri‐ tiert. Der Anorakdieb hatte ihn zum Trottel gemacht. Die  Jagd auf den Dieb hatte nur dazu geführt, dass  er nicht  mehr  wusste,  wo  er  war.  Von  der  Rennerei  und  dem  immer noch anhaltenden Gepiesel war er dampfig feucht.  Und  jetzt auch noch das: ein Pseudostreichholzbriefchen,  ein Kondom und eine Botschaft.  Das Briefchen war kein Briefchen und das Kondom war  womöglich defekt und die Botschaft in einer Sprache, die  er nicht  verstand. Na  ja, größtenteils  jedenfalls. Die Zif‐ fern waren vermutlich eine Telefonnummer – aber war es  Tons Nummer oder wieder so ein Trick? Nits hieß wahr‐ scheinlich  »nichts«.  Bedeutete  in  im  Niederländischen  auch »in«? Amsterdam war klar, und nach seinen bisheri‐ gen Erfahrungen konnte es  ihm gestohlen bleiben. Ob  is  47 , wohl »ist« hieß? Sicher zu optimistisch gedacht. Wat het  lijkt ? Ach, zum Teufel damit! Was juckte es ihn!  Warum  reagierte  er  immer  erst, wenn  es  zu  spät war?  Warum wusste er nie, ob  ihm etwas gefiel, ehe es vorbei  war? Warum wusste er nie genau, was er von etwas hielt,  bevor es keine Rolle mehr spielte? Gestern zum Beispiel.  Als er gemerkt hatte, dass es Probleme gab, hätte er sofort  Nein‐danke  sagen  und  auf  dem  schnellsten Weg  heim‐ fahren  können.  Aber  erst  im  Bett  hatte  er  gemerkt  –  wirklich gefühlt – wie peinlich  ihm das Ganze war. Und  wie  um Himmels willen  hatte  er  nicht merken  können,  dass Ton ein  Junge war?  Jetzt, wo er drüber nachdachte,  war  ihm  klar,  dass  er’s  die  ganze  Zeit  gewusst  hatte.  Gespürt hatte. Aber er hatte gewollt, dass Ton ein Mäd‐ chen  sein  sollte,  hatte  es  so  sehr  gewollt,  dass  er  sich  selbst daran gehindert hatte zu  sehen, dass er keins war.  Die Wahrheit war, dass er sich selbst getäuscht hatte. Und  als er dann hatte sehen müssen, dass Ton nicht das war,  was  er  sich  wünschte,  da  hatte  er  nicht  gewusst,  was  sagen oder tun, sondern nur dagestanden wie ein Ochse.  Hatte  sein Vater Recht  und  er war wirklich  ein Wasch‐ lappen  ? Die  nächsten  paar Minuten  gab  er  sich  einem  Anfall  von  Selbsthass  hin, wobei  der Regen  diese  Stim‐ mung  noch  verstärkte. Hamlet  hatte  nur  zu Recht. Wie  ekel, schal und  flach und unersprießlich schien doch das  ganze  Treiben  dieser  Welt.  Was  war  er  doch  für  ein  niedrer  Sklav’.  Vielleicht  sollte  er  ja  den  Drang  des  Ird’schen  abschütteln.  Sich  selbst  in  Ruhstand  setzen,  wenn auch natürlich nicht mit einer Nadel bloß, sondern  48 , auf  zeitgemäßere Art. Durch  eine Überdosis E vielleicht  oder eine Ladung Autoabgase – vom Wagen seines Vaters  natürlich.  Nachdem er eine Weile solchen Gedanken nachgehangen  hatte, sagte er sich, was für ein degoutantes Konglomerat  genuiner  Faeces  (ersetzbar  durch  ähnlich  farbige  Syno‐ nyme aus seinem umfangreichen Thesaurus) er doch sei.  Doch  das  alles  fungierte  letztlich  nur  als  Beweis  dafür,  dass er wirklich ein Waschlappen, ein Idiot, ein Nerd war  und daher allen Grund hatte, in suizidalem Selbstekel zu  versacken. Und  so  schloss  sich der Kreis,  seine  Schwer‐ mut nährte sich selbst und wurde autark.  Wenn  ihn  diese  Stimmung  zu  Hause  überfiel,  gab  es  normalerweise  zwei  Personen,  die  ihm  halfen,  aus  dem  Teufelskreis auszubrechen. Die eine war Anne Frank. Ihr  Tagebuch  zu  lesen,  hatte  immer  einen Wiederbelebungs‐ effekt, aber jetzt hatte er sein Exemplar nicht mit, und das  war gut  so, denn  sonst wäre  es  ihm  ebenfalls gestohlen  worden  und  er war  sich  sicher,  dass  er  diesen  Verlust  nicht verkraftet hätte. Die andere Person war seine Groß‐ mutter.  Sarah  hatte  ihm  erklärt,  dass  diese  Attacken  dessen, was  sie  seine Mausstimmung  nannte,  nicht  sein  persönliches Versagen  seien,  keine  Schwäche,  für die  er  sich  schämen müsse, wie  er  es  jedes Mal  tat, wenn  der  Anfall  vorbei  war,  sondern  einfach  nur  Wachstums‐ schmerzen,  ein  Adoleszenzleiden,  etwas,  das man,  wie  Kurzsichtigkeit oder eine Hausstauballergie, einfach habe  und womit man  auf  die  eine  oder  andere Weise  leben  lerne. Er  saß da,  starrte aus  seinem Unterschlupf heraus  49 , und fühlte sich wie die Maus in jener Episode, von der er  wünschte,  er  könnte  sie  vergessen,  die Maus,  nach  der  Sarah  seine Anfälle  benannt  hatte. Das Aufleben  dieser  Erinnerung ging mit einem Wiederholungstraum einher,  den er auch  letzte Nacht wieder geträumt hatte, weshalb  er  heute  auf  einen Anfall  von Mausstimmung  hätte  ge‐ fasst sein müssen. Der Traum beunruhigte  ihn nicht nur,  weil  er düstere Phasen  ankündigte. Er  spürte, dass  ihm  dieser Traum  etwas  sagen wollte,  etwas Wichtiges über  ihn, Jacob, was er unbedingt wissen musste, aber einfach  nicht kapierte.  Selbst wenn er guter Laune war, unbeschwert und  fröh‐ lich,  passierte  es,  dass  sich  dieser  Traum  aus  unerfind‐ lichen Gründen in sein Denken drängte und es mit seiner  Rätselhaftigkeit absorbierte.  Und das passierte auch  jetzt, während er darauf wartete,  dass der Regen nachließ.    Eines Abends, kurz nachdem er zu seiner geliebten Groß‐ mutter  gezogen war,  sah  Jacob  eine Maus  die  Fußleiste  entlanghuschen.  Sarah  schrie  auf  und  zog  blitzartig  die  Beine auf den Stuhl. Obwohl ansonsten gar nicht zimper‐ lich, hatte sie eine schlimme Mäusephobie. Sie assoziierte  Mäuse von  ihrer Kindheit her mit Dreck und Krankheit,  fürchtete  ihre  schnellen,  unvorhersehbaren  Bewegungen  und konnte die Vorstellung nicht ertragen, eine Maus zu  berühren  oder,  schlimmer  noch,  von  ihr  berührt  zu  werden.  Letzteres  ging  Jacob  genauso,  da  er  in  dieser  Hinsicht wie in so vielem seiner Großmutter sehr ähnlich  50 , war.  Sein  Reflex  war  aufzuspringen  und  hinter  dem  rutschigen, verängstigt an den Boden geduckten kleinen  Biest  herzujagen, wobei  er  laute  Verwünschungen  aus‐ stieß  und mit  seinem  Buch  fuchtelte.  (Wie  klischeehaft,  hatte Sarah später gesagt, dass die Frau die Beine zusam‐ menpresst  und  sich  der  Gefahr  zu  entziehen  versucht,  während der Mann brüllend zur Gegenattacke übergeht,  um den Feind in die Flucht zu schlagen.)  Genauso  erschrocken  wie  sie  beide,  machte  die  Maus  kehrt  und  huschte  in  das  erstbeste  vermeintlich  sichere  Versteck,  nämlich  den  schmalen  Spalt  zwischen  einem  Bücherbord und der Wand daneben.  Stille.  »Was  macht  sie?«,  wollte  Sarah  wissen.  Aus  sicherer Entfernung linste Jacob gebückt in den Spalt. »Zu  dunkel. Hol eine Taschenlampe«, schlug Sarah vor.   Eine Wange auf den Boden gepresst, spähte Jacob mithilfe  der  Taschenlampe  in  den  Zwischenraum  und  sah  die  kleine graubraune Maus ganz hinten in der Ecke kauern,  mit  großen,  fast  durchsichtigen Ohren,  riesigen  schwar‐ zen  Babyaugen,  haarlosen  Pfötchen,  so  rosa  und  hand‐ artig  wie  die  eines  Miniäffchens.  Sah  sie  dort  hocken,  panisch atmen, ihre Schnurrhaare putzen und ihn anstar‐ ren.   »Nur eine Feldmaus«, sagte er. »Mir egal, was es für eine  ist«, sagte Sarah, »ich will sie hier nicht haben und wenn  es eine Feldmaus ist, ist sie sowieso am falschen Ort. Wir  müssen  sie  hier  rauskriegen,  sonst  kann  ich  nie wieder  schlafen.«   »Vielleicht«, sagte Jacob, »kann ich sie ja mit einem Stock  51 , rausscheuchen,  ein  Handtuch  über  sie  werfen  und  sie  dann rausbringen.«  Das  einzig  geeignete Gerät, das  er  fand, war  ein  Staub‐ wedel mit einem dünnen Bambusgriff, der flexibel genug  war,  um  sich  in  den  dämlichen  Spalt  manövrieren  zu  lassen. Doch  auch  das  nur  so,  dass  er  flach  am  Boden  damit stochern konnte.  An  das, was  dann  geschah, wollte  Jacob  nicht  denken.  Statt  die Maus  herauszubugsieren,  stieß  er  zu  fest  zu.  Noch  tagelang  spürte  er  die  tödliche  Stichbewegung  in  seiner Hand.   Ein paar Nächte darauf kam der Traum das erste Mal. Er  war zu der Zeit nicht schlecht drauf und es war auch kein  eigenständiger  Traum,  nur  das  Ende  eines  längeren,  an  den er sich nicht mal mehr erinnerte. Er wusste nur:   Er  redet,  keine  Ahnung,  mit  wem  oder  worüber,  aber  ganz  fröhlich.  Er  befindet  sich  in  einem  schummrigen,  engen  Raum,  vielleicht  einem  großen  Schrank: Da  sind  keine  Fenster.  Im Reden  sieht  er  aus dem Augenwinkel  rechts  von  sich,  auf  einem  breiten,  leeren  Holzbord  in  Brusthöhe, ein kleines, dunkelbraunes, klumpiges Etwas,  nicht größer als eine Männerfaust. Er dreht den Kopf, um  direkt  hinzugucken,  stupst  es  dann  mit  einer  kleinen,  dünnen Eisenrute mit  einem  ober‐lippenförmigen Wulst  am Ende, die er aus irgendeinem Grund in der Hand hält.  Sobald er es berührt, zerfällt das Etwas, verwandelt sich  in zwei kaninchengroße Mäuse. Die eine lässt sich auf den  Rücken  fallen,  die  Beine  nach  außen  gekippt. Wie  ein  Hund, der am Bauch gekrault werden will, bietet sie die  52 , rosa schimmernde, nur spärlich hellgrau behaarte Unter‐ seite  dar.  Sein Augenmerk  aber  gilt  der  anderen Maus,  die  auf  der  Seite  liegt,  in  Embryonalstellung,  den Kopf  zwischen den Pfötchen. Sie liegt ganz still da. Lebt sie? Er  stupst  sie  mit  seiner Metallrute.  Nichts.  Er  patscht  ihr  leicht auf die Kopfseite. Jetzt ist es auf einmal keine Maus  mehr, sondern ein Kind, mit einem großen, viel zu großen  Kopf  und  einem Gesicht,  das  ihn  irgendwie  irritiert.  Er  patscht noch  einmal,  fester und diesmal  auf die Schläfe.  Das Kind wimmert, macht aber die Augen nicht auf. Er  schlägt wieder und wieder zu, von Mal zu Mal fester, mit  einer absichtlich mobilisierten Kraft, die er in den Händen  spürt  und  bis  in  seine Oberarmmuskeln.  Zwischen  den  Schlägen  beobachtet  er  die  Reaktion  des  Kindes  ganz  genau.  Nach  jedem  Schlag  stöhnt  es  vor  Schmerz  und  Verzweiflung und es  ist  jetzt auch größer und näher. Es  ist,  als  ob  das Kind  immer  näher  käme,  ohne  dass  sich  einer  von  ihnen  bewegt. Wie  eine Zoom‐Einstellung  im  Film. Nach dem vierten oder fünften Schlag ist da auf der  Schläfe  des Kindes  eine Wunde  und  Blut  quillt  hervor,  dickflüssiges,  knallrotes  Blut,  aber  nicht  viel.  Es  fließt  nicht übers Gesicht des Kindes, gerinnt vielmehr zu einer  glänzenden  Raute  auf  seiner  Schläfe.  Vom  Anblick  des  Blutes  erregt,  schlägt  Jacob  noch  fester  zu. Und  immer  noch  fester. Doch  jetzt denkt  er nach  jedem Schlag: Was  tue ich? Ich sollte das nicht tun! Warum tue ich das? Ich will’s  nicht  tun! Aber er schlägt weiter zu, noch mal und noch  mal,  bis  das  Kind  so  nah  und  groß  ist,  dass  Jacob  nur  noch den verletzten, blutenden Kopf sehen kann. Und die  53 , wimmernden  Laute,  die  das  Kind  nach  jedem  Schlag  ausstößt,  werden  immer  schrecklicher,  schlimmer,  als  wenn  es  schreien würde. Und bei  all dem hat das Kind  die Augen zu, als ob es schliefe.   Dann macht es die Augen auf, und Jacob sieht: Das Kind  ist er.  54 , POSTKARTE  Alt und Jung,  wir sind alle auf unserer letzten Fahrt.  R. L. Stevenson    »Wat is er aan de hand? Kan ik je helpen?«   Eine  alte  Frau  am  Fuß  der  Treppe. Rundes Gesicht mit  freundlichen  Augen,  formloser  langer,  grüner  Mantel,  himmelblauer Schirm, der das krisslige, graue, zu einem  Knoten zurückgenommene Haar vor dem Regen schützt.  Leere Leinentragetasche in der einen Hand.   »Voel je niet good?«   »Sorry?«   »Engländer?«   Er nickte.  »Alles in Ordnung?«  Er nickte wieder, zuckte die Achseln, stand dann auf, weil  er dachte, die  Frau wolle, dass  er da wegging.  »Bin  ich  Ihnen im Weg?«  »Nein, nein.«  »Hab mich nur untergestellt.«   »Sie sehen aus, als ging’s Ihnen nicht gut.«   »Schon in Ordnung. Ich bin nur, na ja ... ich bin bestohlen  worden.«   »Owei! Ist Ihnen was passiert?«  55 , »Nein.  Ich bin nur ein bisschen daneben. Und vor allem  bin ich wütend.«  »Was ist Ihnen denn gestohlen worden?«   »Anorak. Geld. Alles, ehrlich gesagt.«   »Ach herrje!«  Er ging die Stufen hinunter, blieb aber auf der vorletzten  stehen, als die Frau sagte: »Kann ich Ihnen helfen?«   Er  dachte  daran,  worum  er  die  Leute  im  Anne‐Frank‐ Haus hatte bitten wollen, und sagte: »Wenn Sie vielleicht  ein Telefonbuch hätten ...?«   »Sicher.«  »Ich wohne bei Leuten in Haarlem, aber mein Bahnticket  war  in meinem Anorak,  also  –  na  ja,  sie  haben mir  die  Adresse und die Telefonnummer von  ihrem  Sohn gege‐ ben,  der  in  Amsterdam  lebt.  Das  war  auch  alles  in  meinem Anorak – aber der Name müsste im Telefonbuch  stehen ...«   »Ich schaue mal nach. Wie heißt er?«  »Van Riet. Daan van Riet. Ich glaube, er wohnt irgendwo  beim Bahnhof.«  »Van Riet. Beim Bahnhof. Ich gucke nach.«   »Danke.«  »Warten Sie bitte solange hier.«  Statt, wie  er  erwartet  hatte,  an  ihm  vorbei  zur Haustür  hinaufzusteigen, drehte sie sich um und schien die Straße  entlanggehen  zu  wollen.  Jacob  trat  auf  den  Gehweg  hinaus,  um  ihr  hinterherzugucken.  Er  sah  ihre  runde  Kehrseite zwischen den Efeuranken und Kletterrosen ver‐ schwinden, die, im Verein mit einer Menge rot und weiß  56 , blühender  Topfpflanzen,  die  Kellerfenster  umrahmten.  Sie  stieg  durch  eins  der  Flügelfenster,  das, wie  er  jetzt  merkte,  zugleich  eine  Tür  war,  mit  einem  nach  außen  aufgehenden Eisengitter davor. Es war, dachte er, wie der  Eingang  zu  einer  vergitterten Höhle  oder  einer Zauber‐ grotte.  Es dauerte nicht lange, bis der Kopf der alten Frau wieder  erschien, knapp über dem Niveau des Bürgersteigs.   »Hallo!«, rief sie. Und dann, als sie  Jacob durch das Blät‐ tergeranke  erblickte:  »Da  sind  Sie!«  Sie  hielt  das  offene  Telefonbuch hoch. »Jede Menge van Riets. Aber einer mit  einem D davor,  in der Nähe des Bahnhofs,  in Oudezijds  Kolk.« Für  Jacob klang dieser Name wie  ein Gemengsei  aus gequetschten Vokalen und verschliffenen Konsonan‐ ten. »Ich probier’s mal«, fuhr sie fort. »Warten Sie auf der  Treppe. Sie werden ja ganz nass.«  Was stimmte, obwohl der Regen  jetzt nachgelassen hatte  und der Himmel aufklarte.  Er hätte gern mehr von ihrer unterirdischen Wohnung ge‐ sehen, tat aber, wie ihm geheißen, und ging zum Vorder‐ eingang zurück.  Während er wartete, glitt ein elegantes, weißes, glasüber‐ dachtes  Rundfahrtboot  mit  der  Aufschrift  LOVERS  geisterhaft  leise die Gracht entlang, halb voll mit gaffen‐ den  Touristen  an  kleinen  Vierertischen.  Etliche  hatten  Kameras  oder Camcorder  vor  dem Gesicht, was  aussah  wie  schnüffelnde  Rüsselschnauzen.  Linsenschweine,  dachte  er,  auf  Futtersuche.  Hinten  am  Heck  saß  ganz  allein,  den  Kopf  in  die  Hand  gestützt,  ein  wunder‐ 57 , hübsches schwarzes Mädchen mit Dreadlocks, etwa so alt  wie er, und starrte ihn dumpf an, bis das Boot fast vorbei  war. Dann bedachte sie  ihn plötzlich mit einem strahlen‐ den  Lächeln  und  einem  kleinen  Winken.  Er  winkte  zurück und fühlte sich sofort heiterer.  Der Regen hörte auf.  Ein  langbeiniger  junger  Mann,  knallbraun,  in  engen  weißen Minishorts  und  einem  flatternden  rosa  T‐Shirt,  radelte vorbei, im Lenkerkorb einen Mops, der mit ange‐ legten Ohren in den Wind grinste.  Ein roter Alfa Romeo raste die andere Grachtseite entlang  und sein arrogantes Röhren dröhnte herüber.   Endlich  erschien  die  Frau  wieder  am  Fuß  der  Treppe,  immer  noch  mit  der  Leinentasche,  aber  diesmal  ohne  Schirm.   »Niemand da. Ich hab’s dreimal probiert.«   »Danke.«  »Ich  habe  die  Adresse  und  die  Nummer  notiert.«  Sie  reichte ihm einen Zettel.   »Danke, sehr nett von Ihnen.«  Er  sah weg, wusste nicht, was noch  sagen, weil  er gern  noch mehr Hilfe  gehabt  hätte,  aber  nicht  darum  bitten  wollte. Jetzt herrschte jenes verlegene Schweigen, das sich  zwischen Fremden einstellt, wenn der eine dem anderen  vergeblich  zu  helfen  versucht  hat  und  beide  Schuld‐ gefühle haben und ratlos sind.  Er beschloss, zum Anne‐Frank‐Haus zu gehen.   Aber ehe er  sich  rühren konnte,  sagte die alte Frau: »Ist  nicht gut, wenn Sie hier sitzen bleiben. Ich gehe vor dem  58 , Einkaufen  noch  Kaffee  trinken. Möchten  Sie  nicht mit‐ kommen? Wir können’s ja vom Café aus noch mal probie‐ ren.«   Er konnte nicht anders, als die Einladung anzunehmen.    »Wie heißen Sie?«  »Jacob. Jacob Todd.«  »Bitte nennen Sie mich Alma.«  Er nickte lächelnd.  Sie  saßen  sich gegenüber,  im Mezzanin des Café Panini,  an  einer  breiten  Straße mit  Straßenbahngeleisen  in  der  Mitte, die Jacob als die Straße wiedererkannte, durch die  er Rotkäppchen gejagt hatte. Kaffee und heiße Croissants  kamen,  gebracht  von  einer  kräftigen  jungen  Bedienung  mit ultrakurzem, hennarotem Haar, weiß geschminktem  Gesicht,  lila  Lippen,  eng  anliegendem  Trikothemdchen  über BH‐losen, kleinen Brüsten,  schwarzem Leder‐Mini‐ rock,  schwarzen Strümpfen und Doc Martens. An  ihrem  und  Almas  Verhalten  war  deutlich  abzulesen,  dass  sie  sich  kannten  und  dass  sie  über  ihn  redeten.  Im Gehen  schenkte sie Jacob ein verruchtes Lächeln, das noch stim‐ mungsaufhellender wirkte als das Winken des Mädchens  auf dem Boot.   »Eine  Studentin«,  sagte  Alma,  die  ihren  Spaß  an  dem  stummen Dialog hatte. »Sie arbeitet hier, um ihr Studium  zu  finanzieren. Also,  ich würde vorschlagen, wir  trinken  jetzt in Ruhe unseren Kaffee und probieren es dann noch  mal bei van Riet. Wenn er da ist, zeige ich Ihnen, wie Sie  hinkommen. Und wenn nicht  ... na  ja, das überlegen wir  59 , uns dann. Einverstanden?«  »Einverstanden«, nahm Jacob ihren heiteren Ton auf.   Er  lockerte  seine  Schultern  unter  dem  feuchten  T‐Shirt  und biss heißhungrig  in sein Croissant. Dann, als er sah,  wie Alma zierlich von  ihrem Kaffee  trank und  ihn dabei  genau beobachtete, setzte er sein dankbarstes Lächeln auf,  probierte höflich das wohltuend heiße Getränk und sagte:  »Danke. Er ist sehr gut.«  »Ich komme jeden Morgen hierher. Um Kaffee zu trinken,  Zeitung zu lesen und mit allen zu reden, die ich kenne. Es  ist  ein guter Ort, um  interessante Leute  zu  treffen.  Sehr  beliebt bei Schriftstellern, Schauspielern, Musikern. Wenn  man alt ist und allein lebt wie ich, ist es wichtig, Kontakt  zur Welt zu halten.«  Jacob  sah  sich um. Nur  zwei  schwabblige Männer mitt‐ leren Alters, die  für  sich  saßen, Zigaretten  rauchten und  Zeitung  lasen.  Resopaltische  in  geschmackvollen  Blau‐,  Grün‐,  Gelb‐  und Orangetönen. Dazu  schwarze Metall‐ stühle. An der Decke dicke, gelb gestrichene Balken. An  den  cremefarbenen Wänden Originalkunstwerke: Radie‐ rungen, Pinselzeichnungen von Pferden. Neben  ihm war  eine Spiegelwand, die  ihn, Alma und die Tische auf der  anderen Seite spiegelte. Die italienische Designer‐Version  eines  Arbeitercafes?  Betont  –oder  zumindest  bemüht  –  anti‐bürgerlich und anti‐schicki‐micki?  »Und Sie?«, fragte Alma. »Auf Ferienreise?«   »So ähnlich. Mein Großvater wurde  in der Schlacht von  Arnhem  verwundet.  Ein  paar  Einheimische  haben  sich  um ihn gekümmert. Aber dann starb er. Ich will sein Grab  60 , auf dem Soldatenfriedhof besuchen.«   »Waren Sie schon mal in Holland?«  »Nein. Na ja, einmal haben mich meine Eltern mitgenom‐ men, als ich noch ein Baby war, aber daran kann ich mich  nicht erinnern.«  »Und die Leute in Haarlem, bei denen Sie wohnen?«   »Die Familie der Frau, die sich um meinen Großvater ge‐ kümmert hat. Meine Großmutter und sie haben bis heute  Kontakt gehalten. Eigentlich sollte meine Großmutter her‐ kommen,  aber  sie  konnte nicht.  Sie  ist  gestürzt und hat  sich den Oberschenkelhals gebrochen.«  »Tut mir Leid. Gehen Sie zur Gedenkfeier  für die Opfer  der Schlacht, am nächsten Sonntag?«  »Meine  Großmutter  meint,  das  müsste  ich  sehen.«  Er  zuckte die Achseln. »Ich heiße Jacob nach meinem Groß‐ vater.«   Beim Gedanken an zu Hause zog er sich plötzlich in sich  zurück und wollte über dieses ganze Thema nicht mehr  reden.  Er  titschte  ein  paar  Croissantflöckchen mit  dem  Finger auf und leckte sie ab.  »Nehmen Sie meins«, sagte Alma und stellte  ihren Teller  vor ihn hin, »ich habe keinen Hunger.« Sie wartete, bis er  die gebührenden Höflichkeitslaute produziert hatte, und  fragte dann: »Und wie sind Sie bestohlen worden?«   »Ich habe etwas getrunken, auf dem ... Leidseplein.«   Sie  sagte  es  ihm  vor,  er  sprach  es  nach,  sie  gluckste.  »Schon besser!«  »Na  ja, dort  jedenfalls!« Sie  lachten gemeinsam über sein  Unvermögen.  »Ich hatte meinen Anorak über die  Stuhl‐ 61 , lehne gehängt. Auf einmal wutsch! Ich bin dem Typ nach‐ gerannt. Ein halbes Kind. Na  ja, so alt wie  ich vielleicht.  Er hatte eine rote Baseballkappe auf. Verkehrt rum natür‐ lich!«   »Versteht sich!«  »Er  rannte  rechts  rum  und  links  rum,  eine Gracht  rauf,  die nächste runter, hier um die Ecke, da geradeaus, bis ich  keine Ahnung mehr hatte, wo ich war. Durch diese Straße  hab  ich  ihn auch gejagt.  Ich erinnere mich an die Brücke  da draußen.«  »Vijzelgracht.«   »Wenn Sie’s sagen.«  Alma lächelte nachsichtig. »Sie müssen die Sprache versu‐ chen.«  »Mache ich, später. Versprochen!« Vielleicht war es ja der  Kaffee, der ihn keck machte, oder wohl eher die Erleichte‐ rung, die ihn allmählich überkam. Aber er sah, dass Alma  auch ihren Spaß daran hatte. »Hab ihn jedenfalls nicht ge‐ kriegt.  Ich  bin  kein  großer  Läufer  und  er  war  tierisch  schnell. Aber das Verrückte ist, ich bin mir sicher, er woll‐ te, dass ich ihn verfolge.«  »Wie kommen Sie darauf?«  »Er hat manchmal gewartet, bis ich ihn fast hatte, und ist  dann wieder losgerannt. Wieso ? Man sollte doch meinen,  er  hätte mich  so  schnell wie möglich  abhängen wollen,  damit ich ihn später nicht wiedererkenne.«   »Vielleicht aus Spaß.«   »Spaß?«  »Für  mich  klingt  das  alles  nach  einem  professionellen  62 , Dieb, nicht nach jemandem, der so was nur macht, weil er  unbedingt Geld  für Drogen braucht, was der Grund  für  die meisten Diebstähle und Überfälle hier  in Amsterdam  ist, und das  sind viele, wie  ich  leider  zugeben muss.  In  allen Großstädten heutzutage, hab ich gehört. Aber wenn  man berufsmäßig  stiehlt, wird  es vielleicht... vervelend  ...  langwierig?«   »Langweilig.«  »Genau. Langweilig.  Jeder  Job wird manchmal  langwei‐ lig. Das gilt auch für Diebe. Eine ordentliche Verfolgungs‐ jagd, die Möglichkeit, dass man  erwischt wird, das  gibt  der  Sache  ein  bisschen  Pep. Und  vielleicht war’s  ja  Ihr  Äußeres. Vielleicht hielt er sie ja für einen würdigen Geg‐ ner. Sie sollten es als Kompliment nehmen.«  »Oh,  vielen Dank!  Schönes Kompliment,  einem  alles  zu  klauen, was man besitzt.«  »Immerhin hat er Ihnen für Ihr Geld etwas geboten.«   Er lachte.  »Sie sprechen sehr gut Englisch.«  »Ihr Engländer!  Immer beeindruckt, wenn  jemand mehr  als nur die eigene Sprache spricht.«  »Alles, was  ich  zustande kriege,  ist  ein bisschen Touris‐ ten‐Französisch.«  »Man  lernt, was man  lernen muss. Ihr Engländer kommt  überall durch, weil eure Sprache überall gesprochen wird.  Wir Niederländer sprechen eine kleine Sprache und sind  umgeben  von  Ländern  mit  Weltsprachen.  Und  von  unserer Geschichte her sind wir Kaufleute. Da muss man  anderer Leute Sprache sprechen um zu überleben.«   63 , »Trotzdem, ich wollte ...«  »Das  ist nur  eine  Sache der Übung. Wenn  Sie  eine Zeit  lang hier im Land leben würden, ginge es leichter.«   »Vielleicht  tu  ich  das  ja.  Ich  will  irgendwas  machen,  zwischen  der  Schule  und  dem, was  dann  kommt, was  immer das sein wird.«  »Sie wissen es noch nicht?«   »Was ich machen will? Nein, bis jetzt noch nicht.«   Alma nahm  einen  Schluck von  ihrem Kaffee.  »Ich muss  immer noch an diesen Dieb denken. Vielleicht war’s ja in  seinem Kopf gar kein Diebstahl.«   »Was dann?«  »Ein Spiel, ein Wettkampf. Er hat  Ihnen eine Chance ge‐ geben.  Er  hat  gewonnen.  Also  hat  er  den  Preis  einge‐ sackt.«   »Hey, auf wessen Seite  sind Sie überhaupt?« Obwohl es  als Scherz gemeint war, hatte sein Ton etwas Scharfes.   »Auf Ihrer, würde ich meinen, Sie nicht?«  Er hörte einen leisen Rüffel heraus.   »Sorry. War nicht undankbar gemeint.«   »Ich versteh’s schon.  Ist ein Schock, so was.  Ich meine  ja  nur, Sie  sind nicht verletzt. Sie haben  ein bisschen Geld  verloren und noch ein paar unwichtige Dinge. Ihr Stolz ist  angeschlagen,  aber  ist  Stolz  etwas  so  Wertvolles?  Ich  werde dafür sorgen, dass Sie zu Ihren Bekannten zurück‐ kommen, dann wird alles wieder gut und das Ganze  ist  bald  nur  noch  eine  interessante  Anekdote.  Aber  der  Junge, der Sie bestohlen hat, was  ist mit dem? Wie sieht  sein Leben aus? Und wer kümmert sich um ihn?«  64 , »Klingt, als hätten Sie ihm genauso geholfen, wie Sie mir  helfen. Wenn Sie ihn auf Ihrer Treppe gefunden hätten.«   »Ich  nehme  an,  er  ist  ein  Straßenjunge,  der  sich  durch‐ schlagen muss.  Sie  hatten  etwas  Stehlenswertes,  er  hat  vermutlich gar nichts. Warum sollte ich Ihnen helfen und  ihm nicht?«   »Sie  sind wie meine Großmutter. Die  sieht  auch  immer  die andere Seite.«   »Ist das so schlimm?«  »Nein. Es macht einen nur ein bisschen sauer, wenn man  zufällig der Betroffene ist, das ist alles.«   »Ich wollte Sie nicht belehren. Eine Schwäche des Alters.«   »Schon gut. Ich wäre  ja völlig einverstanden, wenn’s um  was anderes ginge.«  »Als Außenstehender hat man immer gut reden. Möchten  Sie noch einen Kaffee?«  Als  er  zögerte,  setzte  sie  hinzu:  »Ich  trinke  meistens  zwei.«   Nachdem  sie bestellt hatte,  sagte  sie: »Ich erinnere mich  an den Krieg, wissen Sie, die Besatzung. Vor allem diesen  letzten  Winter  vor  der  Befreiung.  Wir  nennen  ihn  de  Hongerwinter. Es war schrecklich. Lebensmittel waren ent‐ setzlich  knapp.  Und  Brennstoff.  Die  Leute  verbrannten  ihre Möbel, selbst das Holz  in den Häusern – Türen, die  Täfelung,  ja sogar Dielen. Es gab nichts. Selbst die deut‐ schen  Soldaten  hatten  Hunger.  Deshalb  benahmen  sie  sich  manchmal  schlecht.  Das  hatten  sie  vorher  nicht  getan. In den ersten Besatzungsjahren war es, zumindest  hier in Amsterdam, so, dass ich allein herumlaufen konn‐ 65 , te, ohne etwas von  ihnen befürchten zu müssen. Ich war  eine  junge Frau,  achtzehn, neunzehn  erst,  aber  ich hatte  keine Angst. Ich mochte sie nicht. Hasste sie sogar. Aber  sie achteten streng darauf, sich uns gegenüber korrekt zu  benehmen. Das  vergessen  die  Leute. Natürlich  galt  das  nur für Nicht‐Juden. Für Juden war es immer schrecklich.  Was ihnen alles angetan wurde ...« Sie hob eine Hand und  ließ  sie  langsam wieder  auf  den  Tisch  sinken.  »Unver‐ zeihlich.«  Sie schwieg kurz, um sich zu sammeln.   »Aber was  ich  sagen wollte,  ist, auch wenn  es am Ende  schrecklich war,  haben wir  doch  alle  zusammengestan‐ den. Jetzt ist das nicht mehr so. Den meisten Menschen in  Ihrem Land und in meinem geht es verglichen mit damals  gut  und  doch  lassen wir  zu,  dass  so  viele  von  unseren  jungen Leuten obdachlos sind. Auf der Straße leben müs‐ sen. Selbst hier  in Holland, wo wir  so  stolz darauf  sind,  alles  für unsere Kinder zu  tun, passiert das  immer öfter.  Ich sehe diese  jungen Menschen betteln und  in Hausein‐ gängen hocken, dass man denkt, es sind Säcke mit alten  Lumpen. Es heißt, dass wir ihnen kein Geld geben sollen,  dass  sie gefährlich  sind, dass  es  sie nur noch  ermuntert  und dass sie’s für Drogen ausgeben. Aber mir ist das egal.  Wenn  ich kann, gebe  ich  ihnen etwas. Nicht allen, dafür  sind es zu viele. Denen, bei denen ich glaube, dass es was  nützt.«   »Aber welche sind das? Woher wissen Sie das?«   »Ich rate. Verlasse mich auf meine Intuition.«   Bewegt und auch ein bisschen beschämt von ihrer Leiden‐ 66 , schaftlichkeit, der Röte, die ihr blasses Gesicht überzogen  hatte,  dem  Tränenglanz  in  ihren  verwaschenblauen  Augen,  dem  leisen  Zornbeben  in  ihrer  Stimme,  dachte  Jacob, dass sie bestimmt noch mehr gesagt hätte, aber der  Kaffee kam. Alma  seufzte,  fasste  sich,  trank und wurde  wieder  die  ruhige,  optimistische  Person,  die  sie  vorher  gewesen  war.  Doch  er  wusste,  dass  er  etwas  von  der  temperamentvollen  jungen  Frau  gesehen  hatte,  die  sie  einmal gewesen war, und dachte, dass er sie damals sehr  gemocht hätte. Und auch jetzt mochte.  An  diesen  Gedankenstrang  anknüpfend,  sagte  er:  »Ich  weiß  ein  bisschen  was  über  Amsterdam  während  des  Krieges, aus dem Tagebuch der Anne Frank. Das ist nämlich  eins meiner Lieblingsbücher. Na ja – mein Lieblingsbuch,  genauer gesagt.«  »Dann möchten Sie doch sicher das Hinterhaus sehen, wo  sie sich versteckt und das Tagebuch geschrieben hat. Das  ist nicht weit von hier.«  »Ja,  ich weiß.«  Er wollte  ihr  nicht  von  heute Vormittag  erzählen.  »Im  Tagebuch  sagt  Anne,  dass  die  Jugend  einsamer ist als das Alter. Finden Sie, dass das stimmt?«   »Ich  habe  noch  nie  drüber  nachgedacht.  Was  meinen  Sie?«   »Woher soll ich das wissen? Ich bin noch nicht alt.«   »Das  war  Anne  auch  nicht,  woher  also  wollte  sie  es  wissen?«   Er lächelte. »Das hab ich mich auch gefragt. Aber sie sagt  alle möglichen  Sachen, bei denen  ich mich  frage, woher  sie sie wissen konnte.«   67 , »Fühlen Sie sich einsam?«  Er zögerte, weil ihm diese Wendung des Gesprächs nicht  geheuer war, riskierte es dann aber und sagte: »Ja.«   »Ich habe das Buch vor  langer Zeit gelesen und erinnere  mich  nicht mehr.  Sagt  sie,  warum  sie  glaubt,  dass  die  Jugend einsamer ist als das Alter?«  »Ich kann es auswendig. Das ist eine der orangefarbenen  Passagen. Möchten Sie’s hören?«   »Orangefarbene Passagen?«  »Immer wenn mir  eine  Passage  ganz  besonders  gefällt,  markiere  ich  sie mit  orangefarbenem  Leuchtstift. Klingt  vermutlich ziemlich albern.«  »Ganz  und  gar  nicht.  Ich  bin  weniger  farbenfreudig.  Wenn ich in meinen Büchern etwas markieren will, unter‐ streiche  ich  es  nur  mit  Bleistift.  Und  Sie  nehmen   Orange –?«   »Ja, das ist –«  »Die holländische Nationalfarbe.«   »Genau!«  Wieder lachten sie beide.   »Dann lesen Sie viel?«, sagte Alma.   »Jede Menge. Weil ich bei meiner Großmutter lebe.«   »Bei der, die jetzt hier sein sollte?«   »Ja. Sarah. Sie liest ständig. Hat mich angesteckt.«   »Da  haben  Sie Glück. Also,  dann  rezitieren  Sie mal  die  Passage über das Alter. Schließlich betrifft es mich ja.«   Jacob  schwieg kurz und befragte  sein Gedächtnis. Dann  sagte er: »Okay, also: ›Denn  im tiefsten Grund  ist die Ju‐ gend einsamer als das Alter.‹ Diesen Spruch habe ich aus  68 , einem Buch behalten und gefunden, dass es stimmt. Ist es  denn wahr, dass die Erwachsenen es hier schwerer haben  als  die  Jugend? Nein,  bestimmt  nicht. Ältere Menschen  haben  eine  Meinung  über  alles  und  schwanken  nicht  mehr, was  sie  tun  sollen  oder  nicht. Wir,  die  Jüngeren,  haben doppelt Mühe, unsere Meinungen  in einer Zeit zu  behaupten,  in  der  aller  Idealismus  zerstört  und  kaputt‐ gemacht wird,  in der  sich die Menschen von  ihrer häss‐ lichsten Seite zeigen, in der an Wahrheit, Recht und Gott  gezweifelt wird.«  Alma  hatte  mit  gebeugtem  Kopf  dagesessen,  fast  als  lauschte  sie  einem  Gebet,  und  schwieg  einen Moment,  ehe sie leise sagte:  »Sie hat  es während des Kriegs geschrieben,  als  alles  so  schrecklich war.«  »Ich weiß.« Jacob beugte sich vor, die Unterarme auf dem  Tisch,  und  sagte  so  leise,  dass  nur  sie  es  hören  konnte:  »Ich weiß, dass  es  jetzt  nicht  so  schrecklich  ist. Aber  in  manchem  ist es doch auch nicht besser, oder? Ich meine,  Bosnien,  Teile  von  Afrika,  Kambodscha  und  andere  Weltgegenden, nukleare Verseuchung, Drogen, Aids, die  Straßenkinder. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt.«   »Mich bedrückt das auch.«  »Und  es  gibt  immer  noch  Rassismus,  oder? Überall.  Es  gibt  immer noch  jede Menge Nazis auf der Welt, scheint  mir.  Menschen,  die  sich  von  ihrer  schlimmsten  Seite  zeigen.«   »Die Nachrichten sind täglich voll davon.«   »Ich meine, Anne  spricht von  Idealen. Aber was gibt  es  69 , noch für Ideale, an die man glauben kann? Und wer weiß  denn noch, was die Wahrheit ist?«   Alma  sah  auf  und  taxierte  ihn  kurz,  ehe  sie  in  hartem,  festem  Ton  sagte:  »Man  muss  seine  eigene  Wahrheit  kennen und an  ihr  festhalten. Darf nie verzweifeln. Nie‐ mals aufgeben. Es gibt  immer Hoffnung.« Dann – als sei  ihr  bewusst, wie  streng  das  geklungen  haben musste  –  lächelte sie und fügte achselzuckend hinzu: »Das habe ich  während des Krieges gelernt.«   Jacob nickte. »Also hat Anne Recht?«  »Ich weiß  nicht  genau.  Im Alter  hat man mehr, woran  man sich halten kann. Mehr Erfahrung. Das hilft.«   Ehe er es zurückhalten konnte, sagte Jacob: »Und weniger  Zeit vor sich.«  Ihr  Blick  wurde  hart.  »Stimmt.  Aber  glauben  Sie  bloß  keine  Sekunde,  das  würde  es  einfacher  machen.«  Sie  trank ihren Kaffee aus. »Trotzdem, meiner Meinung nach  sind die Menschen überwiegend gut.«  Sofort fiel ihm ein: »›Es ist ein Wunder, dass ich nicht alle  Erwartungen aufgegeben habe, denn sie scheinen absurd  und unausführbar. Trotzdem halte ich an ihnen fest, trotz  allem, weil  ich noch  immer an das  innere Gute  im Men‐ schen glaube. Ich fühle das Leid von Millionen Menschen  mit.  Und  doch  denke  ich,  dass  sich  alles  wieder  zum  Guten  wenden  wird,  dass  auch  diese  Härte  aufhören  wird.‹«   »Wieder Anne Frank?«   Er nickte.  »Sie lieben dieses Buch wirklich, was?«   70 , »Um ehrlich zu sein,  ich glaube,  ich bin verliebt  in Anne  selbst.«  Von  diesem  unbeabsichtigten  Geständnis  überrascht,  lehnte  er  sich  zurück,  leerte  seine  Tasse,  rieb  sich  die  Schenkel, merkte, wie seine Schuhspitzen einen Trommel‐ wirbel auf dem Fußboden schlugen und ihm die Röte ins  Gesicht  stieg. Er  lachte, um  seine Verlegenheit  zu über‐ spielen,  und  sagte:  »Ich  habe  das Gefühl,  sie  besser  zu  kennen als  irgendjemanden sonst.  Ich meine, aus meiner  Familie oder von meinen Freunden.«  »Und was mögen Sie an ihr so, wenn ich fragen darf?«   »Alles Mögliche. Erstens mal ist sie komisch. Sehr witzig.  Und sie ist ernst.«  »Aber was mögen Sie an ihr am allermeisten?«   Er überlegte, lehnte sich zurück, bis der Stuhl hintenüber‐ kippelte, und sagte schließlich: »Ihre Ehrlichkeit. In Bezug  auf  sich  selbst.  Auf  alle.  Sie will  alles wissen.  Und  sie  durchschaut alles. Sie ist eine Denkerin. Sie war erst fünf‐ zehn, als sie sie ... holten.« Er hatte immer Probleme, seine  Emotionen  zu  kontrollieren, wenn  er  daran  dachte, wie  sie sie weggeschleppt hatten. An ihr schreckliches Dasein  und ihren grässlichen Tod in der Hölle der Lager. Er ließ  den Stuhl wieder auf alle vier Beine hinunter, heftete den  Blick  auf  seine  Hände,  die  gefaltet  auf  der  Tischplatte  ruhten.  »Erst  fünfzehn,  aber  sie wusste mehr  über  sich  selbst und über andere und über das Leben als  ich, und  ich  bin  siebzehn.  Obwohl  sie  dort  eingesperrt  war,  in  diesen  ...«,  ihm  fiel kein angemessenes Wort  für das ein,  was er am Morgen gesehen hatte, »... diesen Räumen.« Er  71 , schlug mit den Handkanten auf den Tisch. »Sie hatte  so  viel  Mut.  Und  sie  wusste  genau,  was  sie  vom  Leben  wollte.  Ich wollte,  ich wäre  auch  so mutig. Und würde  mich selbst so gut kennen.«  Er  hielt  inne,  dachte  angestrengt  nach,  ehe  er  fortfuhr:  »Ich weiß nicht, wie  ich  es  ausdrücken  soll,  aber  –. Das  Wichtige  ist  nicht, worüber  sie  redet. Es  ist  ihre Art  zu  denken,  die  mir  gefällt.  Und  es  sind  nicht  nur  ihre  Gedanken. Es ist noch mehr. Ich habe immer das Gefühl,  mehr ich selbst zu sein, ich meine, mehr bei mir, wenn ich  mit  ihr  zusammen  bin  ... Wenn  ich  sie  lese  ...  Ich weiß,  dass ich nicht wirklich bei ihr bin. Ich weiß, dass sie nichts  ist als Wörter in einem Buch.«   Er sah Alma ängstlich an.   »Das hab ich noch nie jemandem erzählt.«   »Sie sind fern von zu Hause, in einem fremden Land. Sie  hatten gerade ein Schockerlebnis, und ich bin eine mitfüh‐ lende fremde Person. Das ist nicht ungewöhnlich.«   »Aber  Sie müssen mich doch  für  verrückt  halten, wenn  ich mich in ein Mädchen verliebe, das nichts ist als Wörter  in einem Buch.«  »Manche Leute behaupten, dass  es  immer  eine Art Ver‐ rücktheit ist, sich zu verlieben. Wenn dem so ist, kann ich  nur sagen, möchte ich lieber verrückt sein als normal.«   Sie lachten wie Freunde, die ein gemeinsames Geheimnis  haben.  »Meer koffie?«, fragte die Bedienung, als sie an ihrem Tisch  vorbeikam. Es war jetzt mehr los im Café.   »Nee,  dank  je«,  erwiderte Alma  und  erhob  sich. Und  zu  72 , Jacob sagte sie: »Ich sollte noch mal telefonieren.«    »Gelukt!«,  sagte  sie,  als  sie  zurückkam.  »Er war da  und  wartet auf Sie. Jetzt setze ich Sie in eine Straßenbahn zum  Bahnhof. Sie können meine Strippenkaart haben. Da  sind  nur noch zwei Fahrten drauf, Sie sehen also, so weit ist es  mit meiner Großzügigkeit  doch  nicht  her. Den  Bahnhof  kennen Sie  ja von  Ihrer Ankunft heute Morgen. Dort  ist  die  Endstation  der  Straßenbahn.  Wenn  Sie  aussteigen,  schauen Sie über den Plein vor dem Bahnhof nach  links.  Da sehen Sie eine große Kirche über den Dächern. Gehen  Sie drauf  zu, über die  Straße  am Wasser, und dann die  kleine Straße hinter der Kirche entlang. Da ist eine schma‐ le Gracht zwischen Straße und Kirche. Die Adresse haben  Sie  ja  auf dem Zettel, den  ich  Ihnen gegeben habe, und  hier  sind  fünf Gulden,  für  den  Fall,  dass  Sie  noch mal  telefonieren müssen. Aber ich glaube, jetzt wird alles glatt  gehen.«   »Sie waren sehr, sehr nett.«  »Ich  habe  unsere  Begegnung  genossen.  Sie  haben  sich  Ihren Unterhalt verdient!«  Er hielt die Münzen hoch. »Das Geld bringe ich Ihnen zu‐ rück.«  »Nein, nein. Betrachten Sie  sich als eins meiner Straßen‐ kinder.«  Als  er das Geld  einsteckte,  fand  er  in  seiner Tasche das  Streichholzbriefchen. Er zeigte es ihr.  »Das hat mir jemand gegeben, kurz, bevor mir mein Zeug  geklaut wurde. Gucken Sie mal rein.«  73 , Alma  lachte  laut  auf und  rief  aus:  »Typisch  voor Amster‐ dam.«   »Was da steht – was heißt das?«  »›Sei  bereit‹  verstehen  Sie  ja  wohl.  Vielleicht  wäre  ›sei  vorbereitet‹ besser. Niets in Amsterdam is wat het  lijkt. ›Sei  bereit. Nichts in Amsterdam ist, was es zu sein scheint.‹«   »Aha.« Jacob steckte das Briefchen wieder ein und dach‐ te, dass das in Tons Fall allerdings zutraf.   »Wir müssen jetzt los.«   »Kann ich noch eben auf die Toilette gehen?«   »Natürlich. Ich zahle inzwischen die rekening.«    Als  die  gelbe  Straßenbahn  auf  sie  zugerollt  kam,  eine  Raupe auf Rollerblades, sagte Alma: »Um mich nicht aus‐ stechen zu lassen, habe ich Ihnen auch etwas aufgeschrie‐ ben.«  Und  sie  gab  Jacob  eine  Papierserviette  aus  dem  Café, säuberlich zu einem kleinen Quadrat gefaltet. »Also,  dag hoor, auf Wiedersehen.  Ich hoffe, der Rest  Ihres Hol‐ landaufenthalts verläuft glücklich und diebstahlsfrei.«  Sie streckte die Hand aus und Jacob drückte sie, plötzlich  von  einem  solchen Dankbarkeits‐ und Zuneigungsanfall  übermannt, dass  er nicht anders konnte, als Alma  einen  Kuss  auf  die Wange  zu  geben.  Sie  gab  einen  erfreuten  Laut von sich, wischte sich die Wange mit der Hand und  strahlte. Verlegen  stolperte  Jacob  in die Bahn, die Türen  schlossen  sich  zischend,  die  Bahn  bimmelte  und  ruckte  an.  Bis  er  es  geschafft  hatte,  die  Karte  in  dem  kleinen  gelben  Kasten  zu  entwerten  und  einen  Platz  am  Rück‐ fenster zu  finden, war die Bahn  schon über die Prinsen‐ 74 , gracht‐Brücke und Alma nicht mehr zu sehen.  Während er sich wieder in den Griff zu kriegen versuchte,  starrte er, ohne wirklich viel zu sehen, auf die Prozession  von kleinen Läden und größeren Bürogebäuden und das  Menschengewimmel. Doch als die Bahn um eine scharfe,  geschäftige Ecke in eine breite Straße, den Rokin, bog und  sich rechterhand eine Gracht voller wartender Rundfahrt‐ boote  erstreckte,  begann  er  sich  zu  entspannen. Da  erst  fiel  ihm  die  Papierserviette  in  seiner  Hand  ein  und  er  faltete  sie  auseinander.  Darauf  stand  in  sorgfältiger  Schrift:  WAAR EEN WIL IS,  IS EEN WEG  75 , GEERTRUI    Am  späten  Mittwochabend  kam  Jacob  zu  uns  zurück.  Oder vielmehr, wurde er zu uns zurückgebracht. Es hatte  einen  weiteren  Bombenangriff  gegeben.  Danach  wurde  ein bewusstloser Mann in unserem Garten gefunden und  in  den  Keller  gebracht. Wir  betteten  ihn  auf Matratzen  und  inspizierten  seine Verletzungen. Niemand  von  uns  erkannte  ihn  wieder,  denn  sein  Gesicht  war  ganz  schwarz, überzogen mit  etwas, das wie  eine Kruste  aus  Ruß und Schlamm aussah, und ebenso seine Hände und  die Beine, da  seine Hosen weggefetzt worden waren. Er  blutete aus einer tiefen Schnittwunde an der Schläfe und  einer bösen Verletzung am rechten Unterschenkel.  Einer der Soldaten machte sich auf die Suche nach einem  Sanitäter. Während er unterwegs war, stellten Mutter und  ich eine Schüssel Wasser bereit, beschafften saubere Lap‐ pen,  nahmen  dem  Verwundeten  vorsichtig  die Ausrüs‐ tung  ab und  lockerten  seine Uniform. Mehr wagten wir  nicht  zu  tun,  aus Angst,  er  könnte  noch weitere Verlet‐ zungen haben und wir würden alles nur noch verschlim‐ mern.   Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis der Sanitäter kam.  Er schien selbst am Rand seiner Kräfte. Er sagte, er habe  so etwas schon oft gesehen und wisse, was da passiert sei.  77 , Eine Granatexplosion  in nächster Nähe. Der Mann habe  das  Bewusstsein  verloren  und  sei  von  aufspritzendem  Schlamm, verbranntem Sprengstoff und umherfliegenden  Splittern  getroffen  worden.  Er  untersuchte  ihn  kurz,  erklärte,  dass  er  keine  inneren  Verletzungen  feststellen  könne, und begann, das verletzte Bein zu säubern und zu  verbinden. »Er ist noch glimpflich davongekommen.«  Während er das Bein versorgte, erklärte er uns, dass die  schwarz verkrustete Haut mit desinfiziertem Wasser ge‐ reinigt  werden  müsse,  was  jedoch  sehr  vorsichtig  zu  geschehen  habe,  da  unter  dem  Dreck  vermutlich  noch  viele  schmerzhafte  Schrammen  und  Schnitte  seien,  die  von winzigen Splittern stammten. Außerdem könnten  in  dem Dreck auch noch scharfkantige Partikel stecken, die  nur weiteren  Schaden  anrichten würden, wenn man  zu  fest rubbelte oder zu hastig vorging. Das Säubern würde  viel  Zeit  brauchen.  In  diesem  Abschnitt  gebe  es  im  Moment viele Verwundete, weshalb er überall gebraucht  werde.  Ob  wir  meinten,  dass  wir  den  Verwundeten  säubern  und  die  Kopfwunde  verbinden  könnten?  Ich  übersetzte  und Mutter  sagte,  wir  würden  unser  Bestes  tun. Sie fragte, wie lange der Mann wohl noch bewusstlos  sein  werde  und  was  wir  tun  sollten,  wenn  er  zu  sich  komme. Der Sanitäter erklärte, das  sei  schwer zu  sagen.  Er habe Männer  in solcher Verfassung schon nach weni‐ gen  Minuten  zu  sich  kommen  sehen,  aber  es  könne  durchaus auch Tage dauern. Und man könne auch nicht  absehen, wie  sich die Leute verhalten würden, wenn  sie  erwachten; manche seien ganz normal, andere, wie er sich  78 , ausdrückte,  »ein  Fall  für  die  Klapsmühle«. Wir  sollten  einfach tun, was wir für richtig hielten, erklärte er. Ob es  nicht besser sei, ihn ins Lazarett zu bringen, fragte Mutter.  Aber  der  Sanitäter  erklärte,  der  Beschuss  zwischen  hier  und dem nächsten Verbandsplatz  sei  so heftig, dass der  arme  Kerl  vermutlich  nicht  lebend  dort  ankäme.  In  unserem  Keller  sei  er  wenigstens  einigermaßen  sicher  und  in  der Obhut  »zweier  aufopferungsvoller Kranken‐ schwestern«.  Er  gab  uns  etwas  Wundsalbe  und  ein  paar  Schmerz‐ tabletten  und  eilte  hinaus  ins  Dunkel.  So  ein  mutiger  Mensch. Wir haben ihn nie wieder gesehen. Ich habe mich  oft gefragt, ob er die Schlacht überlebt hat.  Inzwischen  waren  die meisten  Soldaten  oben,  um  sich  während  der  Feuerpause,  so  gut  es  ging,  auszuruhen.  Außer der Klotonne hatte Vater im Gartenschuppen auch  noch eine alte Petroleumlampe und etwas Petroleum auf‐ getrieben. Er zündete die Lampe an, und in ihrem Schein  begannen Mutter  und  ich, Gesicht  und Hände  des Ver‐ wundeten zu säubern. Vater machte es sich zur Aufgabe,  uns mit  frischem warmem Wasser zu versorgen  (was zu  der Zeit gar nicht einfach war) und die Lappen auszuwa‐ schen,  was  häufig  passieren  musste,  denn  sie  waren  immer gleich wieder schwarz von dem dicken Dreck, den  wir  langsam  von  der  Haut  des  armen  Kerls  lösten.  Zwischendurch zog er dem Mann die Stiefel aus, schnitt  ihm  den  Rest  der  Hose  vom  Leib  und  breitete  eine  Wolldecke über ihn.  Wir waren etwa eine halbe Stunde am Werk, als Mutter  79 , plötzlich  sagte:  »Geertrui,  schau mal!« Sie hatte  ihm die  Stirn, die geschlossenen Augen, Nase und Mund gesäu‐ bert und sein Gesicht war jetzt wie eine weiße Maske vor  dem  immer  noch  schwarzen  Kopf, mit  lauter winzigen  blutroten Kratzern.  »Ist  das  nicht  einer  von  denen  vom  Sonntag?«   Vater sagte: »Doch. Das ist der, der Jacob heißt.«  »Der, dem du ein Glas Wasser gegeben hast«, sagte Mut‐ ter, als ich nicht antwortete.  Aber ich hatte sofort gesehen, wen sie meinte. Ich dachte:  der mit den Schmelzaugen. Aber  ich sagte: »Er hat mich  einen barmherzigen Engel genannt.«   »Prophetischer, als er wusste«, sagte Mutter.   Nach dem Gesicht und den Händen nahmen wir uns die  Beine und den Unterleib vor. Alles war in einem schreck‐ lichen Zustand. Dann kamen wir zu  seinen Geschlechts‐ teilen. Das war ein Schock  für mich, das erste Mal, dass  ich den Penis eines erwachsenen Mannes sah. Und nicht  nur sah, sondern auch noch berühren sollte. Es war faszi‐ nierend, dieses Geheimnis der Männlichkeit  aus  solcher  Nähe zu sehen, und es machte mir auch Angst. Wie naiv  wir  jungen Leute damals doch waren. Wie uninformiert  in solchen Dingen. Verlegenheit überkam mich. Ich guck‐ te weg. Wenn  auch,  glaube  ich, mehr  aus  dem  Gefühl  heraus,  dass  es  von mir  erwartet wurde,  als  aus  echter  Scheu. Im Gegenteil, ich wollte immerfort hingucken.  Mutter berührte mich am Arm und sagte mit einem trau‐ rigen  Lächeln:  »Diese  Woche  lässt  du  wohl  endgültig  deine  Kindheit  hinter  dir.«  Und  damit wandte  sie  sich  80 , wieder unserer Aufgabe zu und ich ebenfalls.  Aus Angst,  ihm wehzutun, machten wir sicher viel  lang‐ samer,  als  nötig  gewesen  wäre.  Es  dauerte  fast  zwei  Stunden, bis wir fertig waren.    Am  nächsten  Tag wurden  die Kämpfe  noch  schlimmer.  Zeitweise  dachte  ich,  von  unserem  Haus  würde  kein  Backstein auf dem anderen bleiben. Immer mehr Verwun‐ dete  wurden  in  unseren  Keller  gebracht,  und  Mutter,  Vater und ich hatten alle Hände voll zu tun. Die Verwun‐ deten  ertrugen  ihre  Schmerzen  mit  großer  Tapferkeit.  Außer einem armen Jungen namens Sam, der an einer so  genannten Schützengrabenneurose  litt. Einer von denen,  die  »ein  Fall  für  die Klapsmühle« waren.  Er war  völlig  mit den Nerven herunter. Er kauerte  in einer Ecke, hatte  schreckliche  Zitteranfälle,  fing  manchmal  plötzlich  zu  schreien  an  oder  brach  in  Tränen  aus,  den Kopf  in  die  Hände gelegt. Aber er  sagte nichts und wollte sich auch  von niemandem trösten lassen.   »Du wolltest  doch  im  Schoonord Verwundete  pflegen«,  zog Vater mich  auf.  »Tja,  dein Wunsch  ist  in  Erfüllung  gegangen, nur hier zu Hause.« Und dann brachte er eins  der  englischen  Sprichwörter  an,  die wir  in  der Zeit  vor  der Landung der Fallschirmjäger geübt hatten, was  jetzt  schon hundert  Jahre her schien. »Wer warten kann, dem  kommt alles zur rechten Zeit.«  Der  Soldat,  um  den  ich  mich  in  dem Moment  gerade  kümmerte,  hörte  es  und  sagte:  »Wer  nicht  kommt  zur  rechten Zeit, der muss nehmen was übrig bleibt.«   81 , Worauf Vater  erwiderte:  »Denn die Zeit wartet  auf  nie‐ manden.«  Um auch mitzuhalten, sagte ich: »Was man tun muss, das  tue man beizeiten.«  Darauf  rief  ein  anderer  Soldat:  »Mit  der  Zeit  vergisst  man’s Leid.«  Und ein weiterer: »›Die Zeit ist reif‹, das Walross sprach,  ›von mancherlei zu reden –‹«  »›Von  Schuhen  –  Schiffen  –  Siegellack  –‹«, warf wieder  ein anderer ein.  Worauf mehrere Stimmen im Chor riefen: »›Von Königen  und von Zibeben !‹« Jetzt lachten alle.  »Man kann alle Leute einige Zeit zum Narren halten«, de‐ klamierte  jemand,  »man  kann  sogar  einige  Leute  die  ganze Zeit zum Narren halten –«, und der Chor ergänzte:  »Aber man kann nicht alle Leute die ganze Zeit zum Nar‐ ren halten.«   Wir erholten uns gerade von dem neuerlichen Gelächter,  das dies Zitat hervorgerufen hatte, als  jemand mit einem  Blatt  Papier  in  der  Luft  herumwedelte  und  mit  hoher  Piepsstimme  sagte:  »Friede  in  unserer  Zeit!«,  was  ein  solches Gewieher hervorrief, dass ein paar Soldaten oben  den  Lärm  hörten  und  herunterkamen  um  nachzusehen,  was  los war. Also musste der Scherz wiederholt werden,  was weitere Heiterkeitsstürme  zur  Folge  hatte. Obwohl  ich  nicht  verstand, warum  das  so  komisch war,  da  ich  nichts von Mr Chamberlain und seinem Münchener Ab‐ kommen mit Hitler wusste, steckte das Lachen auch Papa  und mich an und bald hielten wir uns ebenfalls die Seiten.  82 , »Was  ist,  was  ist?«,  fragte Mutter  in  einem  fort.  »Was  sagen sie?« Aber keiner von uns fand den Atem, es ihr zu  erklären. Dann,  als wir  uns  gerade  beruhigten  und  uns  die  Nase  schnäuzten  und  die  Tränen  aus  den  Augen  wischten,  sagte eine übertrieben muntere Stimme: »Ach,  Jungs, das Leben ist doch wahrhaftig eine Schüssel süßer  Kirschen.« Kurze Pause, ehe eine andere Stimme übertrie‐ ben  grämlich  brummte:  »Aber  irgendjemand  hat meine  aufgegessen.« Und wieder  lachten wir alle, dass es weh‐ tat.  Als wir uns allmählich wieder fassten, sah ich den armen  Sam mitlachen – jedenfalls dachte ich, dass er lachte. Erst  als  er mich plötzlich mit wilden, wunden Augen  ansah,  die Wangen tränenüberströmt, die Gesichtshaut weiß und  gespannt über den Knochen, da wurde mir klar, dass er  überhaupt nicht lachte, sondern – nun ja, wehklagte, wäre  vielleicht das richtige Wort. Alle anderen schienen es  im  selben Moment zu merken.  Ich wollte zu  ihm hingehen,  aber  der  Soldat  neben mir  legte mir  die Hand  auf  den  Arm und schüttelte den Kopf. Und dann sprach Sam zum  ersten Mal, seit man  ihn zu uns gebracht hatte. In einem  klaren hohen Singsang sagte er: »Mein Begehren war, zu  gehn dorthin, wo Lenze nicht schwinden, zu den Feldern,  wo kein scharfer und schräger Hagel  fliegt und ein paar  Lilien  blühn. Und mich  verlangte,  zu  sein, wohin  keine  Stürme kommen, wo grüne Dünung im Hafen stumm ist  und dem Wogen des Meeres entrückt.«    Wieso weiß  ich  etwas  so  genau, was  sich  vor  so  langer  83 , Zeit abspielte und  in  einer Sprache, die nicht meine  ist?  Die Alten sagen oft, dass sie sich an ihre Jugend genauer  erinnern  als  an  den  vorgestrigen  Tag.  Aber  das  ist  es  nicht. Ich weiß diese Dinge, weil  jene wenigen Tage und  die darauf folgenden Wochen so viel intensiver waren als  jede  andere Zeit meines  Lebens,  so  dicht  und  eindring‐ lich, dass sie mir unvergesslich blieben. Und ich habe sie  seither  immer wieder Revue passieren  lassen. Manchmal  konzentriert sich in einer Stunde mehr Leben als sonst in  einer  Woche  und  manchmal  erlebt  man  in  ein  paar  Wochen mehr als  im gesamten restlichen Leben. So geht  es mir mit  diesen  Tagen  des  Jahres  1944. Und  dass  ich  weiß, was  in dieser anderen und von mir damals  schon  geliebten  Sprache  gesagt wurde,  liegt  auch  daran,  dass  ich, wie  ich dir noch genauer erzählen werde, diese Ge‐ schehnisse  während  der  Schlacht  später  immer  und  immer wieder mit Jacob durchgesprochen habe.  Mein Problem  ist nicht, dass  ich Mühe hätte, mich daran  zu erinnern, sondern dass ich es nicht vergessen kann.    Ich dachte  im ersten Moment, der arme, gepeinigte Sam  spräche wunderschöne, wunderliche,  aus  seiner Verwir‐ rung geborene Worte. Aber Jacob wusste, dass es ein Ge‐ dicht war, eins, das er mir später beibrachte. Wie auch ein  anderes, von dem ich dir bald erzählen werde und das ich  mein Leben lang in meinem Herzen bewahrt habe.  In der Stille, die auf Sams Worte  folgte, hörten wir  eine  raue  Stimme  flüstern:  »Hopkins.« Wir wandten  alle  die  Köpfe und sahen, dass es von Jacob gekommen war, der  84 , uns,  auf  einen Ellbogen hochgestützt,  aus  tief  eingesun‐ kenen,  dunkel  umschatteten  Augen  ansah  und  grinste  wie ein halb verhungerter Hund. Er war während unseres  Gelächters zu  sich gekommen. Später erzählte er mir, er  habe uns gehört,  als  läge  er  tief  in der Erde, und unser  Lachen  habe  ihn  ausgegraben. Alles drehte  sich  zu  ihm  um.  »Gerard Manley Hopkins«,  sagte  Jacob. Hugh,  ein  Soldat, der in Jacobs Nähe saß, rückte zu ihm hin, um ihn  zu stützen, und sagte: »Sieh mal an, wer wieder unter den  Lebenden ist.« Ich ging sofort zu Jacob, half ihm, ein biss‐ chen Wasser  zu  trinken und  später  ein wenig Zwieback  zu essen. Wir hatten inzwischen kein Brot mehr und auch  sonst kaum noch etwas. Die Soldaten hatten unsere gan‐ zen Vorräte aufgegessen, bis auf ein paar Gläser mit ein‐ gemachtem Obst, die Mutter im Keller stehen hatte.   Sobald  er wieder  richtig  sprechen  konnte, wollte  Jacob  natürlich wissen, wo er sich befand und was passiert war.  Zuerst war  er  verwirrt  und  schwach, weil  er,  zu  allem  anderen,  ewig  nichts  gegessen  und  getrunken  hatte.  Er  konnte nicht glauben, dass er so  lange bewusstlos gewe‐ sen war, und war beunruhigt, weil er sich nicht erinnern  konnte, was er gemacht hatte, als die Granate explodiert  war. Seine Beinwunde schmerzte. Er wollte sie sehen. Wir  überredeten ihn zu warten, bis wir den Verband wechseln  mussten. Wir wussten, wie  schmerzhaft das sein würde.  Ich gab  ihm ein Schmerzmittel. Nach einer Weile ging es  ihm  besser und  er wurde  ruhiger. Aber  er  sagte  immer  wieder: »Inzwischen müssten  sie doch hier sein«, womit  er die Hauptarmee meinte. »Sie kommen schon«, erklärte  85 , Hugh.  »Sie  würden  uns  nie  im  Stich  lassen.«  Auch  in  diesem Moment beschossen ihre schweren Geschütze die  deutschen  Stellungen  nicht  weit  von  uns,  was  einen  Höllenlärm machte und den Boden, auf dem wir  saßen,  beben ließ.  Bei all dem  sah  Jacob mich  immer wieder  forschend an.  Ich erriet, dass er sich zu erinnern versuchte, wer ich war.  Schließlich dämmerte es ihm.  »Der barmherzige Engel!«, sagte er plötzlich, aber so leise,  dass nur ich es hören konnte.   »Und Sie sind Jacob Todd«, sagte ich.  Er lachte auf, und der herzzerschmelzende Blick kehrte in  seine Augen zurück. »Sie nennen mich Jacko«, sagte er.   »Mir gefällt Jacob besser«, sagte ich.   »Mir auch. Wie heißen Sie?«  Ich  sagte  es  ihm  und  er  versuchte  es  nachzusprechen,  kam  aber  mit  der  niederländischen  Aussprache  nicht  besser zurecht als die meisten seiner Kameraden, sodass  es jetzt an mir war zu lachen. »Ihre Freunde nennen mich  Gertie«, sagte ich.  »Ich nicht«, sagte er.   »Nein?«  »Das ist kein Name für einen Engel. Also, wie soll ich Sie  nennen? Haben  Sie  noch  einen  anderen Namen?  Einen,  den ich aussprechen kann ?«   »Ja. Aber so nenne ich mich nie.«   »Warum nicht?«  »Ich weiß nicht. Hab’s nie getan.«  »Wie  lautet  er?  Kommen  Sie  schon,  Sie  müssen’s  mir  86 , sagen.  Einem Verwundeten  können  Sie  doch  nichts  ab‐ schlagen. Das tut man nicht.«  »Maria.«  (Eigentlich  ist es Marije, aber  ich wollte es  ihm  leichter machen.)  »Maria«,  wiederholte  er.  »Ein  guter  Name  für  einen  Engel. Darf ich Sie Maria nennen, Maria?«  Natürlich erweichten mich seine Augen. Meine Jugend sei  meine Entschuldigung!   Ich sagte lachend: »Na gut! Aber nur Sie. Sonst niemand.«    Es war  sehr kalt geworden, und  in dieser Nacht  regende  het  pijpenstelen,  regnete  es  Pfeifenstiele,  wie  wir  im  Niederländischen sagen. Ich dachte, außer dem Haus fiele  uns auch noch der Himmel auf den Kopf. Wir fühlten uns  alle sehr elend.  Jacob begann zu  frösteln.  In einer Feuer‐ pause  barg Vater  aus dem Chaos  im Obergeschoss  eine  von seinen Hosen und einen Pullover für Jacob, denn was  von dessen Uniform noch übrig war, nützte nichts. »Lass  dich bloß von den Jerrys nicht so erwischen«, sagte Hugh,  »sonst  halten  sie  dich  für  einen  Spion  und  erschießen  dich.« Es war  sicher  als Witz gemeint,  aber  es  jagte mir  doch einen Schauer über den Rücken. Ich sah auch Jacob  kurz  überlegen,  aber  dann  ergriff  er  sein  pflaumenfar‐ benes Fallschirmjägerbarett, setzte es auf, nahm sein Fall‐ schirmjägerhalstuch,  band  es  mir  um  und  sagte:  »Das  wird  sie  verwirren!« Es war  kein  besonders  guter Witz,  aber wir  lachten dennoch, während wir uns  aneinander  drängten, um uns gegenseitig zu wärmen.    87 , Am  nächsten  Tag  kam  ein  Offizier  und  instruierte  die  Männer wegen des bevorstehenden Rückzugs. Da erst er‐ fuhren wir, dass die Soldaten an der Brücke von Arnhem  am Donnerstag  hatten  aufgeben müssen. Nicht, wie  ge‐ plant, achtundvierzig Stunden, sondern vier Tage hatten  sie  den  Panzern,  schweren Geschützen  und Granatwer‐ fern  und  der  erdrückenden  Übermacht  der  Deutschen  standgehalten. Erst  als  ihnen die Munition  ausgegangen  war und  fast  alle  in Gefangenschaft geraten, verwundet  oder  tot  waren,  hatten  die  wenigen  Übriggebliebenen  aufgegeben. Jetzt, acht Tage nach der Landung der ersten  Fallschirmjäger, sahen sich die in Oosterbeek eingeschlos‐ senen Briten von  immer mehr Deutschen umstellt. Nicht  mehr lange, höchstens noch einen Tag oder zwei, und sie  würden überrannt werden.  Ihre einzige Rettung war der  Rückzug über den Fluss, dorthin, wo die Hauptarmee lag.  Aber um  irgendeine Erfolgschance zu haben, musste der  Rückzug  in  dieser  Montagnacht  erfolgen,  gedeckt  von  schwerem  Artilleriefeuer  der  Hauptarmee  südlich  des  Flusses,  das  die  Deutschen  ablenken  und  ruhig  stellen  sollte.  Die Befehle  lauteten, dass das  Sperrfeuer um  20 Uhr  50  beginnen sollte und der Rückzug um 22 Uhr. Die Männer  der  nördlichsten  Verteidigungslinie,  die  am  weitesten  vom  Fluss  entfernt  war,  sollten  sich  als  Erste  zurück‐ ziehen, dann die nächsten und immer so weiter, wie eine  zurückebbende Welle, bis hin zur südlichsten Linie, drun‐ ten am Fluss  selbst. Da wir auf der Flussseite des Dorfs  wohnten,  ziemlich  am  Rand,  würden  die  Soldaten  in  88 , unserem Haus unter den Letzten sein, die sich absetzten.  Als  Vorbereitung  sollten  die  Männer  ihre  Gesichter  schwärzen,  ihre Stiefel zwecks Geräuschvermeidung mit  Wolldeckenstreifen  umwickeln  und  dafür  sorgen,  dass  ihre Waffen  am  Körper  nicht  klapperten.  Alle  übrigen  Ausrüstungsgegenstände waren zu vernichten.  Von den Verwundeten sollte alles, was gehen konnte, den  Rückzug mitmachen. Wer dagegen gehunfähig oder in zu  schlechter Verfassung war, sollte bleiben, zusammen mit  den Sanitätern und Sanitätsoffizieren. Sie alle sollten sich  ergeben  und  gefangen  nehmen  lassen, wenn  die  Deut‐ schen das Dorf wieder einnahmen.  Während  all  der  Kampftage  bis  zum  Ergehen  dieser  Befehle hatte sich jeder bemüht, fröhlich und optimistisch  zu sein. Jetzt kam eine seltsame Stimmung über uns.   An  diesem  Montag  wurde  das  Kampfgeschehen  noch  grimmiger,  schlimmer  als  je  zuvor.  Was  von  unserem  Haus  noch  stand,  wurde  öfter  getroffen  und  einmal  brannte es sogar  in den oberen Räumen, aber Vater und  ein paar leicht verwundete Männer konnten die Flammen  löschen, während die Unverletzten weiter auf den Feind  feuerten, der Häuser auf der anderen Straßenseite besetzt  hatte. Zweimal drangen deutsche Soldaten fast bis zu uns  vor,  wurden  dann  aber  doch  –  zum  Teil Mann  gegen  Mann  –  zurückgeschlagen, wenn  auch  nicht  ohne  einen  hohen Preis.  Ron, der während dieser ganzen schrecklichen Woche bei  uns gewesen war und uns so oft geholfen hatte, starb bei  der Verteidigung unseres Hauses. Sein Kamerad Norman  89 , kam mit der Nachricht zu uns  in den Keller. Mutter und  ich weinten um diesen  tapferen und gütigen Menschen,  der  so viel getan hatte, um uns das Leben während der  Schlacht erträglicher zu machen, der sich nie beklagt hatte  und  der  jetzt,  daheim  in  seinem  Land,  eine  junge  Frau  und  eine kleine Tochter hinterließ, die  er uns  so oft  auf  Fotos gezeigt hatte. Norman saß stumm bei uns, betäubt  vom Verlust seines Freundes, aber noch ehe er wieder zu  sich  fand, wurde er schon von oben gerufen und musste  eilig hinaufrennen, um sich dem Feind zu stellen.  Ich glaube, das war der Moment, in dem mir klar wurde,  dass wir doch nicht befreit waren, sondern bald wieder in  den Händen der deutschen  Invasoren sein würden. Und  zum ersten Mal in dieser Woche hatte ich wirklich Angst.  Solche Angst, dass meine Beine sich zu schwach anfühl‐ ten, um mich zu tragen, und meine Hände unkontrollier‐ bar zitterten. Ich wollte schreien, brachte aber keinen Ton  heraus. Mein Magen zog sich zu einem harten Klumpen  zusammen und ich wollte zur Toilette rennen.  Die Verwundeten im Keller verstummten und zogen sich  in  sich  selbst  zurück.  Es war,  als  schämten  sie  sich.  Sie  wollten  uns  nicht  anschauen  –  Papa, Mama  und mich.  Einige  sagten,  sie  empfänden  es  als Verrat,  uns  einfach  hier  zurückzulassen.  Und  natürlich  litten  sie  unter  schrecklichen Versagensgefühlen. Das war viel schlimmer  als all unsere Entbehrungen zusammen. Resigniert‐tapfer  halfen wir ihnen den Rest des Tages, so gut wir konnten,  sich auf die Gefahren dieser Nacht vorzubereiten. Selbst  der  arme  Sam wollte mit. Er  konnte  gehen, war wieder  90 , weit  genug  bei  Sinnen  um mitzukriegen,  was  los  war,  und  ruhig  genug,  dass  ihn  jemand  zum  Fluss  führen  konnte. Außerdem  bin  ich mir  sicher,  dass  die  Gefahr,  zurückgelassen  zu  werden  und  in  Gefangenschaft  zu  geraten, selbst in seinen umnebelten Verstand gedrungen  war  und  in  ihm  die  Entschlossenheit mobilisierte,  sich  irgendwie zusammenzureißen.  Schon damals kam mir der Gedanke, dass  seine Tapfer‐ keit angesichts seiner seelischen Qualen genauso bewun‐ dernswert  war  wie  die  der Männer,  die  immer  weiter  kämpften, um uns zu retten.  Alle  würden  also  unseren  Keller  verlassen.  Alle  außer  Jacob. Er war so schwach, dass er nicht ohne Hilfe stehen  konnte, von Gehen ganz zu schweigen, schon wegen der  Unterschenkelverletzung. Eine Zeit  lang versuchte er die  anderen zu überzeugen, dass er es schaffen würde, wenn  ihn  zwei Mann  stützten. Aber  der  verantwortliche  Ser‐ geant sagte Nein, er käme niemals durch.  Jacob brütete zunächst eine Weile vor sich hin. Dann ver‐ kündete  er  raubeinig munter, wenn  er  schon  dableiben  müsse, könne  er  sich doch wenigstens nützlich machen.  »Tragt mich nach oben, bevor  ihr geht«,  erklärte  er den  anderen,  »und  lasst mir  ein Gewehr  und  einen Haufen  Munition da.  Ich  sorge dafür, dass die  Jerrys die Köpfe  einziehen, während ihr euch hinten rausschleicht.«  Ich konnte nicht  fassen, dass die anderen darauf eingin‐ gen.   »Wie können sie zulassen, dass Sie so etwas tun ?«, sagte  ich. Er zuckte lächelnd die Achseln.  91 , »Das beschäftigt mich wenigstens. Lenkt mich von mei‐ nen Beinschmerzen ab.«  »Sie sind nicht kräftig genug«, sagte ich. »Sie werden be‐ stimmt getötet.«  »Besser  als Gefangenschaft«,  sagte  er.  »Ich  kann’s  nicht  ertragen, eingesperrt zu sein. Ich verabschiede mich lieber  kämpfend. Ehrlich.«  »Nein!«,  sagte  ich,  jetzt  völlig  außer mir.  »Das  ist  nicht  recht!«  »Hören  Sie«,  sagte  er  und  versuchte,  meine  Hand  zu  fassen, um mich stillzuhalten, aber  ich riss sie weg. »Das  verstehen Sie nicht. Es hilft meinen Kameraden, heil hier  wegzukommen.  Jeder  von  den  Jungs  würde  das  an  meiner  Stelle  auch  tun.  Das  gehört  zu  unserer  Ausbil‐ dung. Ehrlich. Mein verdammtes Pech.  Ich bin nun mal  der Klotz am Bein.«   »Pech!«, rief  ich. »Wie können Sie so was sagen? Das hat  nichts mit Pech zu  tun! Das hat mit dieser Kämpferei zu  tun. Mit dem Krieg. Diesem verdammten Krieg! Ich hasse  ihn!  Ich  hasse  das  alles!  Ich  hasse die,  die  das  gemacht  haben! Wie können sie so was tun! Wie können sie!«   Alle hörten es. Unterbrachen ihr Tun. Sahen mich sorgen‐ voll  an.  Ich  hatte diesen Ausbruch  nicht  gewollt. Angst  und Zorn, kombiniert mit Hunger und Erschöpfung, hat‐ ten ihn provoziert. Und etwas, was mit Jacob und mir zu  tun  hatte  und mir  zu  der Zeit  noch  nicht  bewusst war.  Vor allem Letzteres, glaube ich.  Mutter kam und nahm mich in die Arme. »Denk an deine  Manieren, Liebes«,  flüsterte sie, als sie mich an sich zog.  92 , »Mach  diesen  armen  Leuten  nicht  alles  noch  schwerer.  Überleg mal, wie  das  für  sie  sein muss.  So  bald  schon  müssen  sie  alles  riskieren  um  zu  entkommen. Manche  werden es nicht überleben. Das ist ihnen klar.«   »Wenn wir doch nur etwas tun könnten, um ihnen zu hel‐ fen«, sagte ich, als ich wieder ruhig sprechen konnte.   Mama sah mir  fest  in die Augen. »Wir haben getan, was  wir  konnten.  Ich wüsste  nicht, was wir  noch  tun  könn‐ ten.«   Wir sollten es schon bald herausfinden.  93 , POSTKARTE  Wie lange, bis ich sterbe?  Das ist die dringlichste Frage.  John Webster    Als  Jacobs  Straßenbahn  am  Bahnhof  ankam,  regnete  es  schon wieder, heftig und ohne dass ein Nachlassen abseh‐ bar gewesen wäre.  Er tauchte für ein paar Minuten im Gewimmel der Bahn‐ hofshalle unter, wurde dann aber nervös, weil er fürchte‐ te, Daan  van  Riet  könnte  das Warten  leid werden  und  wieder aus dem Haus gehen.  In einer Ecke der Halle war ein Blumenstand. Seine Groß‐ mutter hatte  ihm eingeschärft, dass es  in Holland üblich  sei, Blumen mitzubringen, wenn man  jemanden besuche.  Er  befingerte  Almas  Gulden  in  seiner  Tasche.  Aber  es  ging ihm nicht um Blumen.   »Hi«,  sagte  er zu dem Verkäufer.  »Lo«,  sagte der Mann,  ohne eine Miene zu verziehen.   Er hielt  ihm die Münzen hin und zeigte auf die Blumen.  »Was kriege ich für vier Gulden?«  Der Mann guckte  skeptisch,  lächelte  aber, musterte  sein  Sortiment  bemerkenswert  gründlich,  gemessen  am Um‐ fang  des  möglichen  Geschäfts,  und  wählte  dann  eine  bescheidene Sonnenblume.  95 , »Und die Tüte da«, sagte Jacob und zeigte auf eine große,  braune Plastiktüte, die neben ein paar Blumenkübeln lag.   »So geht mein Profit dahin«, sagte der Mann und wickelte  die Tüte sorgsam um die Sonnenblume, ehe er Jacob das  ungewöhnliche  Gebinde  mit  einer  spöttischen  Verbeu‐ gung überreichte. »Sie müssen sie wirklich  lieben, um so  viel zu investieren. Veel succes!«  Draußen  nahm  Jacob  den  Blumenstängel  zwischen  die  Zähne, während er die Tüte entlang der einen Seitennaht  aufriss  und  sie  sich  dann  kapuzenartig  über  Kopf  und  Schultern  stülpte.  Dergestalt  geschützt,  marschierte  er  zügig auf die Orientierungspunkte zu, die  ihm Alma ge‐ nannt hatte.    Van Riets Adresse war nicht schwer zu finden. Das Haus  sah aus wie ein altes Lagerhaus. Eine  improvisierte Stoep  aus abgetretenem, verwittertem Holz  führte zu einer ur‐ alten, schweren, schwarz gestrichenen Tür. Neben dieser  fand Jacob zwei unauffällige Klingelknöpfe mit verbliche‐ nen  Namensschildchen.  Er  drückte  auf  den,  an  dem  Wesseling van Riet stand.  Während  er  wartete, musterte  er  die  kurze  Straße,  die  aussah, als hätte sie einmal nur aus Lagerhäusern bestan‐ den. Jetzt  jedoch war auf der einen Seite neben van Riets  Haus ein neu wirkendes Hotel mit Restaurant und auf der  anderen  erhob  sich  eine  frisch  renovierte  Fassade  mit  großen,  in  Fenster  umgewandelten  Speichertoren  auf  allen  fünf Stockwerken. Neben der schmalen Straße ver‐ lief eine ebenso schmale, trübe Gracht, auf deren anderer  96 , Seite  die  Rückfront  einer Kirche  emporragte,  ein Unge‐ tüm  aus  schmutzigem Backstein, mit Bogenfenstern  aus  schmuddligem Maschendrahtglas. Links der Kirche dann,  als  provozierender  Kontrast,  die  Rückseite  eines  eher  neuen  Gebäudes  mit  vielen,  regelmäßig  angeordneten  modernen  Fenstern:  Hotelzimmer,  vermutete  Jacob.  Im  Nebelgrau  des  strömenden  Regens  erschienen  ihm  die  düstere Kirche und die hohen, glattwandigen Häuser, nur  durch den brackigen Kanal und die kopfsteingepflasterte  Straße getrennt, wie eine verbotene Schlucht. Er  fröstelte  in  seinen  feuchten Klamotten  und  zog  sich  die  Plastik‐ kapuze tief ins Gesicht.  Ein Riegel wurde weggeschoben, die schwere Tür öffnete  sich  überraschenderweise  nach  außen,  und  ein  junger  Mann mit dickem schwarzem Haar, hübschem, dreiecks‐ förmigem  Gesicht,  blasser  Haut,  intensiven  leuchtend  blauen Augen, langer gerader Nase, breitem schmallippi‐ gem Mund, schlanker Figur, grauem,  in schwarzen Jeans  steckendem  Sweatshirt  und  bloßen  Füßen  in  Zehensan‐ dalen, sagte: »Mijn God! Titus!«   »Jacob Todd.«  »Sorry, hoor. Daan. Komm rein.«  Ein schummriger Gang mit einer steilen, rostrot gestriche‐ nen  Holztreppe  am  Ende,  einer  rauen,  nackten,  alten  Backsteinmauer auf der einen Seite und einer weiß gestri‐ chenen Rigipswand mit einer blauen Tür auf der anderen.  Der Geruch von feuchtem Staub und neuem Papier.   »Schicke Kopfbedeckung.«   »Bisschen nass.«   97 , »Willst du sie abnehmen?«  »Danke.« Er hielt ihm die Sonnenblume hin. »Für dich.«   »Für  mich  geklaut.  Und  ohne  mich  zu  kennen!  Wie  galant!«   »Geklaut?«  »Die Frau, die vorhin hier angerufen hat, sagte, dein gan‐ zes Geld sei weg.«  »Oh ja, stimmt, aber sie hat mir fünf Gulden gegeben, für  alle  Fälle.  Ich hab das Ding  für dich  gekauft. Eigentlich  wollte  ich  ehrlich  gesagt  diese  Tüte  gegen  den  Regen,   und –«   »Ich war also nur ein Vorwand. Ich bin schon jetzt zutiefst  geknickt.«  Er streckte die Hand aus und  Jacob schüttelte sie,  fühlte  seine eigenen Finger kalt und glitschig in Daans warmen,  trockenen.  »Komm mit. Hast du schon Übung mit unserer holländi‐ schen Stolpertrap?«   »Treppe meinst du?«  »Ich meine  Treppe  und  ich meine  Stolperfalle.  Ich  seh  schon, dein Niederländisch ist brillant.«  »Und  ich«,  beschloss  Jacob  die  Herausforderung  anzu‐ nehmen, »seh schon, dein Englisch ist raffiniert.«   Daan  gab  etwas  von  sich,  was  ein  leises  Lachen  sein  mochte. »Ich wohne ganz oben.«    So eine Wohnung hatte Jacob noch nie gesehen. Ein kom‐ pliziertes  Muster  aus  glänzenden,  exotischen  Fliesen  (blumenartige Kreisgebilde und abgerundete Quadrate in  98 , Olivgrün,  in  Hell‐  und  Dunkelblau,  angeordnet  auf  weißem Grund) zog sich in steter Wiederholung diagonal  über den Fußboden, der sich in einer einzigen Fläche von  einer Seitenwand des Hauses zur anderen erstreckte und  ebenso von der Front‐ zur Rückseite, bis dann im hinteren  Teil  ein  Wandschirm  aus  dünnen,  schwarzen  Rahmen  und  Japanpapier  etwas abtrennte, was wie  ein Schlafbe‐ reich aussah.  Die gesamte Fußbodenfläche war  riesig,  so breit wie ein  Tennisplatz,  schätzte  er,  aber  länger. Die Wände waren  rohe, alte Backsteinmauern, an denen da und dort Bilder  hingen: mehrere alte Ölgemälde – ein Porträt von  jeman‐ dem, der aussah wie ein angejahrter Daan, eine althollän‐ dische Landschaft –, aber auch moderne Fotografien und  kolorierte Zeichnungen. Die Decke trugen dicke Holzbal‐ ken, ähnlich den Deckbalken eines Segelschiffs. Im vorde‐ ren  Teil  des  Raums  war  ein  Stück  der  Decke  entfernt  worden  und  man  sah  das  obere  Stockwerk,  das  mit  seinem  relingartigen  Geländer  wie  das  Oberdeck  eines  Schiffs  wirkte  und  über  eine  weiß  lackierte  Treppe  zu  erreichen war, die wie ein Schiffsaufgang aussah. Als er  dort  hinaufschaute,  fühlte  er  förmlich  den  Fußboden  unter sich rollen und stampfen.  Auf  der  Vorderseite  ging  ein  Fenster,  das  aus  einem  großen,  oben  gerundeten,  ehemaligen  Speichertor  be‐ stand,  auf die Rückfront der Kirche  hinaus. Rechts  und  links davon waren Pflanzen arrangiert.  In diesem vorde‐ ren Teil gab es kaum Mobiliar, nur ein großes schwarzes  Ledersofa und  zwei mächtige Ledersessel, die um  einen  99 , schweren  hölzernen  Couchtisch  standen.  Ein  antiker  Kredenztisch an der einen Wand trug eine teure TV‐ und  Stereoanlage, und ein Stück weiter stand eine große Glas‐ vitrine,  voll mit Nippes  und merkwürdigen Gegenstän‐ den. Zum hinteren Teil des Raumes hin war eine Küche in  einer Nische untergebracht, die sich durch das Treppen‐ haus  des Außenaufgangs  ergab. Hinter  der Küche  kam  dann der Schlafraumwandschirm.   Doch  was  ihn  vor  allem  fesselte,  war  ein  raumhohes  Bücherregal, das die gesamte Wand zwischen Frontseite  und Küchennische einnahm – etwa die halbe Raumlänge.  Er  starrte  darauf,  verblüfft  von  diesem  Riesensortiment  an Gedrucktem, aus dem ihm, wie bekannte Gesichter aus  einer  Menschenmenge,  zahlreiche  englischsprachige  Bücher ins Auge sprangen.  Die  ganze  Wohnung  war  eine  so  reizvolle,  seltsame  Mischung  aus Alt  und Neu,  dass  er  von  Bewunderung  und Neid überwältigt war. Was  für ein Ort zum Leben!  Aber wie konnte Daan sich das leisten?  Nachdem  Daan  die  Sonnenblume  in  eine  leere  Wein‐ flasche  gesteckt  und  auf  den  Couchtisch  gestellt  hatte,  war er nach oben verschwunden. Jetzt kam er wieder, mit  einem roten Sweatshirt und einer Jeans. Er streckte Jacob  beides hin und sagte: »Da ist ein Bad, gleich links von der  Treppe. Magst du was essen?«  »Danke. Ich bin wirklich ein bisschen nass. Und auch ein  bisschen hungrig, um ehrlich zu sein.«   »Geh dich umziehen. Ich mache uns was.«    100 , Sie saßen einander gegenüber, Jacob in frischer blau‐roter  Kleidung, Daan  in grau‐schwarzer mit  immer noch blas‐ sem Gesicht. Sie saßen auf hohen Hockern, beidseits der  Frühstückstheke, die die Küche vom Hauptraum trennte,  und  redeten,  während  sie  Dosengemüsesuppe  aus  der  Mikrowelle,  holländischen  Frischkäse,  Schinken,  Toma‐ ten,  angemacht mit Knoblauch,  frischem  Basilikum  und  Olivenöl, und dazu Baguette aßen.    Daan  wollte  wissen,  wie  das mit  dem  Diebstahl  zuge‐ gangen  war.  Jacob  erzählte  die  Geschichte,  jetzt,  beim  zweiten Mal, schon in hübsch aufbereiteter und unterhalt‐ samer Form, spielte jedoch die Begegnung mit Ton herun‐ ter und ließ das ihn noch immer beschämende Detail mit  den  intimen Körperteilen weg, sodass Ton eine Sie blieb.  Und wieder stellte er die Frage, was hinter Rotkäppchens  seltsamem Lockverhalten gesteckt haben mochte.  Daan sagte achselzuckend: »Stand auf dich, schätze ich.«   »Wie?«, sagte Jacob. »Du meinst, das war Anmache?«   »Klar.«  »Er? Mich? Nie und nimmer! Er wollte nur ein Spiel draus  machen. Sich ein bisschen amüsieren. Glaubst du nicht?«   Daan lächelte. »Wenn du meinst.«    »Weißt  du  noch,  wie  wir  dich  besucht  haben?«,  sagte  Daan. »Da warst du etwa fünf, glaube ich. Ich war zwölf.«   »Nein, daran kann ich mich nicht erinnern.«   »Ich habe mit dir in einer Sandgrube in eurem Garten ge‐ spielt.«  101 , »Das ist jetzt ein Goldfischteich.« Jacob grinste und zuckte  die Achseln. »Dad’s Midlife‐Crisis. Er hat den Garten völ‐ lig umgekrempelt.«  »Du hast dich mit deiner Schwester gestritten, als sie auch  mitmachen wollte. Du hast ihr Sand ins Gesicht geschmis‐ sen.«  »Klingt plausibel.«  »Dein Vater hat gesagt, ihr sollt aufhören.«   »Typisch.«  »Du hast ihn angeschrien. Fuck you, hast du gesagt.«   »Niemals!«   »Doch.«   »Glaub ich nicht.«  »Es gab eine Mordsaufregung.«   »Das glaub ich allerdings.«  »Ich  hatte  diesen  englischen Ausdruck  noch  nie  gehört.  Kapierte nicht, was das ganze Getue sollte. Deinen Eltern  war das  schrecklich  peinlich. Meine  fanden  es  komisch.  Sie haben es mir später erklärt, als sie irgendwann erneut  drüber lachen mussten.«  »Und was ist dann passiert?«  »Du wurdest  in  dein  Zimmer  verfrachtet,  heulend  und  schreiend. Aber  nach  einer Weile  hat  dich  deine Groß‐ mutter wieder runtergebracht. Und du hast gegrinst wie –  wie  sagt  ihr noch mal? – die Katze überm vollen Milch‐ topf.«   »Und mein Vater war stinksauer.«   »Er hat nicht viel gesagt.« »Nicht, solange ihr da wart.«  »Nur, dass deine Großmutter das nicht hätte  tun dürfen,  102 , dass  sie  dich  verziehen würde.  Ich weiß  noch, was  sie  gesagt hat, es war so ein komisches Wort.«   »Lass mich raten. Quack.«   »Genau.«  »So viel wie Blödsinn. Eins ihrer Lieblingswörter.«   »Du lebst jetzt bei deiner Großmutter.«   »Ja.«  »Das weiß  ich  von Geertrui.  Sie  und  deine Großmutter  schreiben sich ab und zu.«   »Ich weiß.«  »Mögt ihr euch, du und deine Großmutter?«   »Sehr. Immer schon.«    Als sie fertig gegessen hatten und die Hocker leid waren,  zogen sie mit  ihrem Kaffee um, Daan aufs Sofa,  Jacob  in  einen Sessel, mit dem Rücken zum Fenster, sodass er den  Raum im Blick hatte, während sie redeten.   »Die Häuser in dieser Straße«, sagte Jacob, »sehen aus, als  seien sie einmal Lagerhäuser gewesen.«   »Waren sie auch. Früher kamen die Schiffe bis hierher. Sie  machten fest und wurden entladen. Hier in diesem Haus  lagerte mal eine Zeit lang Tee und ein andermal Kölnisch‐ wasser. Hast  du  das  turmartige Gebäude  am  Ende  der  Straße gesehen?«  »Das runde, mit dem kleinen spitzen Turm obendrauf?«   »Das  heißt  der  Schreierstoren,  Schreierturm,  weil  früher  die  Frauen  von dort  zum Abschied winkten, wenn  ihre  Männer in See stachen.«  »Das hier ist eine irre Wohnung. Totaler Wahnsinn.«   103 , »Gehörte mal einem Mann, der ein großer Fan von Segel‐ schiffen war. Und von  spanischen Kacheln. Geertrui hat  alles von ihm gekauft. Ich wohne hier, seit sie im Verpleeg‐ huis ... wie heißt das bei euch?«  »Ich schätze, du meinst ›Pflegeheim‹. Deshalb.«   »Deshalb was?«  »Die komische Mischung von Möbeln und allem.«   »Komisch?«  »Nicht komisch komisch. Einfach nur ungewöhnlich, inte‐ ressant.«   »Inwiefern?«  Langsam wünschte  er,  er  hätte  nicht damit  angefangen.  »Na ja, die Kombination von alten und modernen Sachen.  Die Bilder an den Wänden zum Beispiel.« Er  lachte ner‐ vös.  »Das meiste  gehört Geertrui,  ein  paar  Sachen  sind  von  mir.  Ich  könnte  nicht  nur  zwischen  ihren  Sachen  leben.  Aber groß was verändern will ich nicht. Es ist schließlich  immer noch ihre Wohnung.«   »Die Bücher?«  »Geertruis natürlich. Meine sind  in meinem Zimmer.  Ich  bin nicht so lesebegeistert wie sie.«   »Du studierst, oder?«   »Ja.«  »Das  war,  ehrlich  gesagt,  noch  ein  Grund,  warum  ich  mich über die Wohnung gewundert habe.«   »Wie  sollte  ein  armer  Student  sich  so was  leisten  kön‐ nen?«   »Was studierst du?«  104 , »Molekularbiologie. Und nebenbei Kunstgeschichte.«   »Wow!«   »Wieso wow?«   »Stark.«  »Ach, hör doch auf! Sei nicht so ein Snob.« Jacob war, als  hätte  ihm  jemand mit  einem nassen Lappen  ins Gesicht  geschlagen. Gerade, als er geglaubt hatte, dass es ganz gut  lief.  Er hasste es, abgekanzelt zu werden, vor allem, wenn er  einfach nur  freundlich Konversation machte. Und wenn  es passierte, wusste er nie, was sagen. Die richtige Replik  fiel ihm immer erst später ein, zu spät, wenn er allein war  und  sich  beim  Gedanken  an  die  Demütigung  innerlich  wand.   »Noch Kaffee?«, fragte Daan.  Jacob brachte  ein Nicken und  ein verschüchtertes »Dan‐ ke« zustande.    Als Daan  aus  der  Küche  zurückkam,  sagte  er:  »Wegen  Geertrui. Was  hat  Tessel  – meine Mutter  –  dir  gestern  erzählt?«   Jacob nahm einen Schluck Kaffee, während er sich wieder  in den Griff  zu kriegen  suchte.  »Dass deine Großmutter  im  Pflegeheim  lebt,  weil  sie  sehr  krank  ist.  Dass  deine  Großmutter  meine  Großmutter  Sarah  eingeladen  hatte,  ohne  es mit  irgendwem  aus der  Familie  zu  besprechen,  und  dass  ihr  bis  vor  ein  paar  Tagen  gar  nicht wusstet,  dass  ich  komme.  Und  sie  hat  noch  gesagt,  dass  deine  Großmutter  ein  sehr  eigensinniger Mensch  ist  und dass  105 , ihre Krankheit zur Folge hat, dass sie sich manchmal sehr  merkwürdig verhält.«   »Das stimmt.«  »Für mich war es eine ganz schön peinliche Situation, als  sie mir das  gestern gesagt hat.  Ich hatte,  ehrlich gesagt,  das Gefühl, dass ich nicht hier sein sollte.«   »Mutter  ist gestresst und besorgt, was  jetzt mit dir wer‐ den soll.«  »Ich wusste  nicht, was  tun. Weiß  es  immer  noch  nicht.  Dein Vater hat dann vorgeschlagen,  ich solle doch heute  nach Amsterdam  fahren  und mir das Anne‐Frank‐Haus  angucken.  Ich mag nämlich  ihr Tagebuch  sehr. Er  sagte,  wir würden  dann  heute Abend  alles  klären.  Er  hat mir  deine  Adresse  gegeben.  Aber  er  hat  gesagt,  ich  soll’s  deiner Mutter nicht sagen.«  »Ich weiß. Er  hat mich  heute Morgen  von  seinem  Büro  aus angerufen.«  »Er  hat  nicht  gesagt, warum.  Das  scheint mir  alles  ein  bisschen  verrückt,  wenn  ich  das  mal  sagen  darf.«  Der  klagende Unterton  in  seiner Stimme war nicht beabsich‐ tigt gewesen. Aber der Schlag von eben brannte noch.  Daan sagte kühl und ruhig: »Geertrui ist unheilbar krank.  Sie hat die meiste Zeit schreckliche Schmerzen. Sie setzen  sie unter Drogen, und die provozieren manchmal wirk‐ lich,  na  ja,  sagen  wir  mal,  seltsame  Verhaltensweisen.  Aber das ist nicht alles.«  »Das wusste  ich nicht. Und Sarah auch nicht. Wir wuss‐ ten,  dass  es  deiner  Großmutter  nicht  so  gut  geht,  aber  nicht,  dass  sie  ernstlich  krank  ist.  Sonst wäre  ich  doch  106 , nicht  gekommen.  Ich  meine,  in  ihrem  Brief  hat  deine  Großmutter geschrieben, es würde eine Art Party geben.«  »Wird’s  auch,  aber  nicht  die  Art  Party,  die  du meinst,  schätze ich.«  »Was für eine dann?«  »Erkläre  ich  dir  später.  Da  sind  noch  ein  paar  andere  Dinge,  die  ich  dir  erklären  sollte.  Aber  ich  muss  mit  Tessel reden, bevor ich’s tue. Sie ist heute bei Geertrui.«   »Ich weiß. Deshalb  hat  dein Vater  ja  gemeint,  ich  solle  heute nach Amsterdam fahren.«  »Ich kann nicht mit ihr reden, solange sie bei Geertrui ist.  Sie wird so um fünf wieder zu Hause sein.«   Jacob wusste  nicht,  ob  er  vor  allem  ärgerlich war  oder  einfach nur müde. »Hör mal, tut mir Leid, aber das wird  mir  alles  ein bisschen viel.  Ich habe das Gefühl,  ich bin  allen  nur  ein  Problem. Wär’s  nicht  das  Beste, wenn  ich  wieder heimfahre?«   Daan  sah  ihm direkt  in die Augen und  sagte  ernst und  nachdrücklich: »Ich finde wirklich, du solltest warten, bis  ich dir alles sagen kann. Es ist sehr wichtig. Glaub mir. Da  sind Dinge, die du wissen solltest. Es geht nicht nur um  uns, um meine Familie. Es betrifft auch dich.«   Jetzt verdrängte Verblüffung den Ärger. »Mich! Wieso ?«  Daan hielt die Hände hoch, wie  jemand der einen Schlag  abwehrt. »Später. Wenn ich mit Tessel geredet habe. Ver‐ rau mir. Nur die paar Stunden. Danach beschließen wir  alles Weitere.«   »Ich weiß nicht.«  »Du kannst sowieso nicht sofort zurückfliegen nach Eng‐ 107 , land,  oder?  Eine Nacht mehr  oder weniger  spielt  doch  keine Rolle.«  »Ich weiß nicht recht.«  Daan stand auf und sammelte die Kaffeebecher ein.   »Hör zu, wir werden etwas unternehmen, um die Zeit he‐ rumzubringen. Da ist was, was ich dir zeigen möchte. Ich  glaube, das wird dich interessieren. Okay?«   »... na gut.«    Im Bad starrte Jacob sein Spiegelbild finster an. Er hasste  es, wenn  Leute  sagten,  sie wüssten  Dinge,  die  sie  ihm  nicht sagen wollten. Aber was sollte er machen? Gehen?  Und  wohin?  Zurück  nach  Haarlem,  wo  sein  Pass  und  seine Flugtickets waren? Aber wovon? Daan anpumpen?  »Ich habe die Nase voll und fahre zurück zu deiner Mut‐ ter, also könnte  ich bitte das Fahrgeld haben?« So unver‐ froren dann wohl doch nicht! Und außerdem, was dann,  da dort niemand zu Hause sein würde? Sich vor die Tür  setzen  und  warten,  wie  ein  streunender  Hund?  Schon  wieder! Was würde das bringen?   Dieser Besuch machte ihm wirklich keinen Spaß.   Aber Daan, wie es aussah, auch nicht.  Eigentlich,  dachte  Jacob,  während  er  das  Klo  benutzte  und seine inzwischen getrockneten Sachen wieder anzog,  mochte  er Daan.  Seinen  blassen Nachtschattengewächs‐ Look mit Sicherheit:  irgendwie  faszinierend. Sein Selbst‐ bewusstsein:  beneidenswert.  Seine  Ich‐sag’s‐dir‐ins‐Ge‐ sicht‐Direktheit:  Selbst  wenn  es  wehtat,  wusste  man  wenigstens,  woran  man  war,  kein  Getue.  Und  noch  108 , etwas. Etwas, was unter die Haut ging. Er konnte es nicht  genau  benennen.  Aber  er  hatte  auch  etwas  gegen  ihn.  Weil  er  so  hyper‐selbstsicher  tat,  so  wissend. Neunmal‐ klug, würde Sarah sagen. Er wollte, dass man seine Über‐ legenheit anerkannte. Er wollte das Sagen haben, der Boss  sein. Na ja, meinetwegen, dachte Jacob, was juckt’s mich?  Ich  muss  ja  nur  noch  ein  paar  Stunden  mit  ihm  zu‐ sammen sein.    Als er aus dem Bad kam, fand er Almas Papierserviette in  einer  seiner  Jeanstaschen  und  zeigte  sie  Daan,  der  lächelnd  sagte:  »Ein  altes  niederländisches  Sprichwort.  Das heißt, wenn man bereit ist, etwas einzusetzen, kommt  auch etwas dabei raus.«  Jacob  lachte  und  sagte:  »So  was  Ähnliches  kenne  ich  auch.« Und  schrieb unter Almas  säuberliche Blockbuch‐ staben:    WER NICHT WAGT,   DER NICHT GEWINNT  109 , GEERTRUI    Am Spätnachmittag des Rückzugstags kamen mein Bru‐ der Henk und  sein Freund Dirk die Kellertreppe herun‐ tergestolpert.  Sie waren  so verdreckt und  zerzaust, dass  wir  sie  in  dem  Schummerlicht  zuerst  kaum  erkannten.  Mutter hing sehr an Henk. Sobald sie merkte, dass er es  war,  verlor  sie  die  Fassung,  die  sie  bis  dahin  bewahrt  hatte, rannte zu ihm, wobei sie sogar auf Verwundete trat,  die  im  Weg  lagen,  flog  ihm  um  den  Hals  und  sagte:  »Henk! Henk! Was machst du hier? Weißt du denn nicht,  dass die Briten  abziehen?«  Sie küsste  ihn  immer wieder  und  streichelte  sein  Gesicht,  als  wollte  sie  sich  verge‐ wissern, dass er nicht nur ein Geist war. Vater begrüßte  unterdessen Dirk, den er sehr mochte und manchmal als  seinen  zweiten  Sohn bezeichnete.  »Was  ist  los  ?«,  fragte  er.  »Alles  in Ordnung mit  euch? Warum  seid  ihr hier?«  Dirk sagte: »Alles  in Ordnung. Uns geht’s gut. Wir woll‐ ten nur sehen, ob euch nichts passiert ist.«  Wie  immer bei  solchen  Szenen, hielt  ich mich  instinktiv  zurück, bis die erste Aufregung abgeklungen war. Dann  würde ich meinen Bruder für mich haben können. Er sah  mich  über Mutters  Schulter  an,  zwinkerte  und  grinste,  sodass  ich wusste,  es war  nichts passiert  und  er würde  alles erklären, wenn er so weit war, denn Henk  ließ sich  111 , immer Zeit  und war  einer der  gelassensten  und  in  sich  ruhendsten Menschen, die  ich  je gekannt habe. Ich  liebte  ihn  so  sehr,  dass  ich  ihm  einmal,  als  ich  noch  nicht  alt  genug war, um zu wissen, dass man so etwas nicht sagt,  erklärte, ich wollte, er wäre nicht mein Bruder, damit ich  ihn später heiraten könnte!   Als  Mutter  sich  schließlich  besann,  ließ  sie  Henk  los,  wandte  sich den Soldaten  zu, die das Ganze mit unver‐ hohlenem Amüsement beobachteten (und wohl auch mit  einigem Neid, da die meisten nicht älter waren als Henk  und einige sogar  jünger) und erklärte mit Tränen  in den  Augen: »Mijn zoon, mijn zoon.«  Verständnisvoll  räumten  die  Männer  neben  Jacob  die  Ecke, damit wir unter uns sein konnten, so gut das in dem  überfüllten  Keller  ging.  Ein  Soldat,  ein  junger  Bursche  namens Andrew, der den verletzten Arm in einer Schlin‐ ge trug, kam herüber, gab uns eine Tafel englische Scho‐ kolade  und  sagte:  »Die  habe  ich  für  etwas  Besonderes  aufgehoben. Sie sind etwas Besonderes, also sollen Sie sie  haben.«  Ich weiß  aus  eigener  Erfahrung  und  aus  dem,  was mir Freunde und Nachbarn nach dem Krieg erzähl‐ ten, dass solche Akte der Freundlichkeit  in  jenen schlim‐ men Tagen nicht ungewöhnlich waren, aber diesen habe  ich besonders deutlich in Erinnerung, weil er in einem für  uns  so  bewegenden Augenblick  erfolgte. Und  auch we‐ gen  der  Traurigkeit,  die  ich  in  den  Augen  des  jungen  Mannes sah, als er uns sein Geschenk überreichte. Es war  nicht schwer zu erraten, dass er an seine Familie daheim  in England dachte und sich nach dem Moment sehnte, da  112 , er mit  ihr wieder vereint  sein würde,  so wie Henk  jetzt  mit uns. Und  ich  frage mich  immer wieder, ob  ihm viel‐ leicht  eine Vorahnung  sagte, dass  er  sein Zuhause nicht  wiedersehen würde. Später erfuhren wir, dass er in  jener  Nacht des Rückzugs getötet wurde. Ich bin oft an seinem  Grab auf dem Soldatenfriedhof von Oosterbeek stehen ge‐ blieben und habe ihm noch nachträglich gedankt.  Während wir unser Festtagsgeschenk aßen – oh, mir läuft  jetzt noch das Wasser  im Mund zusammen, wenn  ich an  diesen köstlichen Geschmack denke; nie wieder hat eine  Schokolade  so  gut  geschmeckt,  nicht mal  die  beste,  die  man  heutzutage  im  Pompadour  in  Amsterdam  kaufen  kann –, erzählte uns Henk seine Geschichte.  Nachdem  ich  an  jenem  Sonntagnachmittag  von  Dirks  Bauernhof  abgefahren war,  sahen  er  und Dirk das  Fall‐ schirmkonfetti ebenfalls. Sie machten sich sofort auf den  Weg dorthin, wo sie landeten, begrüßten die ersten engli‐ schen Soldaten, die sie trafen, und boten ihnen ihre Hilfe  an. Den  Rest  der Woche  fungierten  sie,  zusammen mit  anderen  holländischen  Freiwilligen,  als  Dolmetscher,  Führer und Boten und  leisteten den britischen Offizieren  alle  möglichen  Hilfsdienste.  Sie  baten  um Waffen,  um  mitkämpfen  zu können,  aber das war nicht  erlaubt. Seit  Mittwoch hatten sie im britischen Hauptquartier gearbei‐ tet,  im Hotel Hartenstein  – wo  heute  das Museum  der  Schlacht ist.  Es gebe so viel zu erzählen, sagte Henk, aber das müsse  noch warten. Er und Dirk wussten  von dem Rückzugs‐ plan  und waren  gekommen,  solange  es  noch  ging,  um  113 , nach  uns  zu  sehen. Aber  sie  konnten  nicht  bleiben.  Sie  mussten sofort wieder untertauchen.  »Ihr wisst  ja, wie die Deutschen  sind«,  sagte  er.  »Wenn  die Briten weg sind, werden sie gnadenlos mit allen um‐ springen, die ihnen geholfen haben. Und sie werden noch  entschlossener  sein,  junge Männer  zur Zwangsarbeit  zu  schicken.«  »Er hat Recht«, sagte Papa.  »Aber nicht nur die Männer«, sagte Dirk. »Junge Frauen  werden jetzt auch nicht mehr sicher sein. Es wird Vergel‐ tungsmaßnahmen geben.«  »Wir  meinen,  Geertrui  sollte  mit  uns  kommen«,  sagte  Henk.  Es  erstaunte  mich  nicht,  dass  Vater  sich  über  diesen Vorschlag  aufregte.  »Geertrui? Nein, nein, Henk.  Ich mag die Deutschen genauso wenig wie du, aber bis‐ her  haben  sie  sich  den Mädchen  gegenüber  immer  an‐ ständig verhalten, das musst du  zugeben. Warum  sollte  das jetzt anders werden?«   »Weil  ihnen  gar  nicht  gefallen  wird,  was  inzwischen  passiert ist«, sagte Henk. »Die Briten haben hier zwar ver‐ loren, aber es ist nur eine Frage der Zeit, dass wir befreit  werden. Ein paar Wochen noch. Vielleicht  auch nur  ein  paar Tage. Die britische Hauptarmee ist nicht mehr weit,  und die Alliierten stoßen von Belgien aus vor. Die Deut‐ schen müssen doch wissen, dass für sie alles aus ist. Wer  kann  schon  sagen, wie  sie  sich  verhalten werden, wenn  sie in einer verzweifelten Lage sind?«  »Henk hat Recht«, sagte Dirk. »Und außerdem ist der Ort  zerstört.  Alle  Lebensmittel  sind  vernichtet  oder  ver‐ 114 , braucht. Es gibt hier kein bewohnbares Haus mehr. Wie  wollt  ihr  überleben?  Bitte  lasst Geertrui mit  uns  gehen.  Auf dem Land ist sie sicherer. Und dort findet man auch  eher etwas zu essen.«  »Vielleicht solltet  ihr auch mitkommen, Mutter und du«,  sagte Henk. »Hier ist doch nichts mehr übrig.«   Vater  nahm  Mutters  Hand  und  sie  sahen  sich  einen  Moment an, ehe Mutter sagte: »Es ist nicht viel übrig, ich  weiß. Aber  dein Vater  und  ich, wir  leben  hier,  seit wir  verheiratet  sind.  Ihr  wurdet  in  unserem  Schlafzimmer  geboren,  du  und  Geertrui.  Das  hier  ist  unser  Zuhause.  Der Ort, wo wir hingehören. Wie könnten wir das einfach  aufgeben?  Warum  sollten  wir?«  Vater  sagte:  »Du  und  Dirk, ihr müsst gehen. Ihr habt Recht. Junge Männer sind  hier nicht sicher. Aber deine Mutter und ich, wir müssen  hier bleiben. Wir schaffen es schon irgendwie. Wir haben  es  noch  immer  geschafft.  Und  Geertrui  muss  bei  uns  bleiben. Sie ist hier schon sicher genug. Warum sollten sie  uns etwas antun? Wir haben doch nichts getan.«   »Nichts  getan!«,  sagte Henk.  »Vater,  ihr  habt  britischen  Soldaten Unterschlupf gewährt. Für die Deutschen ist das  Kollaboration mit dem Feind.«  »Das haben all unsere Nachbarn auch getan«, sagte Mut‐ ter.   »Aber  das  macht  es  doch  nur  noch  schlimmer«,  sagte  Dirk. »Verstehen Sie denn nicht? Sie werden uns deswe‐ gen hassen.«  »Du  weißt,  dass  wir  Recht  haben,  Papa«,  sagte  Henk.  »Wenn  ihr  nicht  mitkommen  wollt,  lasst  wenigstens  115 , Geertrui mitgehen.«  »Recht hin, Recht her, Henk«, sagte Papa, »deine Mutter  und ich bleiben hier und Geertrui auch.«  Ich hatte mir all das schweigend angehört. Und mit wach‐ sendem Zorn. Es heißt, etwas ganz Typisches für die Hol‐ länder sei das Overleg, was so viel heißt wie »Beratschla‐ gen«.   Aber  hier  wurde  eine  Entscheidung  über  mich  gefällt,  über mein  Leben  –  und  vielleicht  sogar meinen  Tod  –,  ohne  dass  sich  irgendwer mit mir  beratschlagte. Meine  Eltern, mein Bruder und Dirk – der mir erst vor wenigen  Wochen  erklärt  hatte, wie  sehr  er mich  liebte  und wie  gern er mich heiraten würde, wenn ich ihn wollte: Sie alle  entschieden  in  dieser  gefährlichen  Situation  über mich,  und  keiner  fragte mich, was  ich dachte, was  ich wollte.  Noch  heute  spüre  ich  den Zorn,  der  dadurch  ausgelöst  wurde, dass meine Familie  so  tat, als wäre  ich gar nicht  da.  Da  Vater  und  Henk  uneins  waren,  ging  das  Gespräch  nicht weiter.  Einen richtigen Streit wollte keiner. Das wäre nicht recht!  Das gehört  sich nicht! Uns Holländern  sind  solche Aus‐ einandersetzungen  peinlich.  Ich  wartete,  ob mich  doch  noch  jemand ansprechen würde. Als das nicht passierte,  sagte ich so selbstgerecht und patzig, wie es nur ein Mäd‐ chen  kann,  das  noch  keine  Frau  ist:  »Möchte  vielleicht  jemand wissen, was  ich meine, oder hören, wie  ich über  mein  eigenes  Schicksal  entscheide? Oder  ist  das  zu  viel  verlangt?«   116 , Sofort  sagte Dirk:  »Du willst  doch  sicher mit  uns  kom‐ men?« Mutter sagte: »Wir wollten dich nicht übergehen.  Wir wollen doch nur dein Bestes.« Vater sagte: »Natürlich  musst du hier bei uns bleiben. Du weißt doch, wie  sehr  wir dich lieben.« Aber Henk sagte: »Wie gedankenlos von  mir. Tut mir Leid, kleine Schwester.«  Wie verquer wir Menschenwesen doch sind! Die Zuwen‐ dung, mit der sie mich alle überschütteten, erboste mich  nur noch mehr. Und mein  lieber Bruder Henk musste es  büßen, wie sich so häufig in solchen Situationen der Zorn  am  stärksten  gegen  den Menschen  kehrt,  den man  am  meisten liebt.   Ich  sagte: »Ich bin deine Schwester, Henk, aber  so klein  bin ich nicht mehr. Oder ist es dir noch nicht aufgefallen?  Ich  bin  durchaus  alt  genug,  eine  eigene  Meinung  zu  haben, und  ich bin ganz gut  in der Lage, selbst auf mich  aufzupassen, besten Dank.«  Natürlich  waren  jetzt  alle  schockiert,  vor  allem  meine  Mutter, die solche Szenen nicht ertragen konnte.   »Geertrui«, sagte sie in ihrem Lehrerinnen‐Ton. »Hör auf!  Benimm dich! Keine Widerworte, bitte.«   Es herrschte verlegenes Schweigen. Vater starrte auf seine  Stiefel, Mutter putzte langsam ihre Brille, Dirk inspizierte  die  granatengeschädigten  Wände  unseres  Kellers.  Nur  Henk konnte mir noch in die Augen gucken und er war es  schließlich, der das Eis brach.  »Na gut, große  Schwester«,  sagte  er mit  einem Lächeln,  dem  ich, wie  er wusste, nicht widerstehen konnte. »Teil  uns  deine  Entscheidung  mit.  Wir  wollen  sie  wirklich  117 , hören. Ehrlich!«   Es fiel mir immer noch schwer, meinen Zorn hinunterzu‐ schlucken und in freundlichem Ton zu sprechen, aber mit  einiger Anstrengung schaffte ich es. »Ich würde gern mit  euch gehen, Henk«,  sagte  ich, »weil  ich glaube, dass  ihr  Recht habt mit dem, was ihr sagt, wie sich die Deutschen  verhalten werden, und dass es auf dem Land besser  ist.«  Ich hielt – wie ich leider gestehen muss, aus Gründen der  Dramatik – einen Moment inne und fuhr dann fort: »Aber  ich werde  hier  bleiben.« Wieder  eine  gemeine  dramati‐ sche Pause. »Aber nicht, weil du es so willst, Papa.«   »Warum dann ?«, fragte Henk.   »Wegen Jacob.«  »Jacob?«, sagte Dirk. »Welcher Jacob?«   »Der  englische  Soldat,  der  hier  neben  uns  liegt«,  sagte  Vater.   »Wieso? Was  bedeutet  ihr  der?«,  fragte Dirk  im  selben  Moment,  als Mutter  sagte:  »Das  kann  nicht  dein  Ernst  sein.«   »Das verstehe ich nicht«, sagte Papa.   Ich sagte: »Ihn kämpfen lassen, wie er es vorhat, während  sich die anderen absetzen – das ist Unsinn. Er ist nicht bei  Kräften. Er wird  bestimmt  getötet. Wie  können wir das  zulassen?  Ich werde hier  bleiben und  ihm helfen. Es  ist  nicht richtig, ihn einfach in den Wald zu schicken.« (Habt  ihr  diesen Ausdruck  auch?  Ich weiß  es  nicht mehr.  Es  heißt,  jemanden verraten oder im Stich lassen.) Papa war  entsetzt.  »Was  redest du da?  Ihn  in den Wald schicken! Wir! Wir  118 , haben damit gar nichts zu  tun. Er  ist Soldat. Er hat  sich  freiwillig  angeboten.  Wenn  er  seinen  Kameraden  auf  diese Art  helfen will,  ist  es nicht  an uns, uns da  einzu‐ mischen. Das ist seine Sache.«  »Das ist mir egal, Papa. Ich werde tun, was ich kann, um  ihm zu helfen.«  »Geertrui, sei doch vernünftig.«  »Vernünftig!«,  sagte  ich.  »Vater,  ist  an  dem,  was  hier  passiert,  irgendwas  vernünftig?  Hat  Vernunft  diesen  Krieg verhindert? Hat uns Vernunft vor dieser  Invasion  bewahrt? Wird uns Vernunft befreien?«  »Du  gehst  zu weit«,  sagte Mutter.  »Du  solltest  nicht  so  mit deinem Vater reden.«  »Tut mir Leid, Mama. Ich dachte, du wenigstens würdest  das verstehen.«  »Was  verstehen?  Dich  verstehe  ich  jedenfalls  nicht.  Du  bist überspannt. Reiß dich zusammen!«  Aber ich war jetzt so wütend, dass mich nicht mal Mama  und  ihr strengster Tonfall zum Schweigen bringen konn‐ ten. »Mama«, sagte ich, so ruhig ich irgend konnte, »vor‐ letzten  Sonntag  haben wir  diesen Mann  als  Befreier  in  unserem  Haus  willkommen  geheißen.  Wir  haben  ihm  Wasser  gegeben.  Wir  haben  Freudentänze  aufgeführt.  Hast du das vergessen? Dann wurde  er halb  tot  zu uns  zurückgebracht.  Fünf Tage haben wir  ihn  jetzt  gepflegt.  Seine Wunden  verbunden.  Ihn  gewaschen.  Ihn  angezo‐ gen.  Ihn  gefüttert wie  ein  kleines Kind. Wir  haben  ihm  sogar geholfen, aufs Klo zu gehen. Während wir ihn ver‐ sorgt haben, habe ich männliche Körperteile gesehen und  119 , berührt, die  ich noch nie gesehen oder berührt habe. Er  und  ich,  wir  haben  uns  beim  Schlafen  gegenseitig  ge‐ wärmt, während der Feind unser Haus zerstört hat. Wir  haben ihn behandelt wie einen von uns, wie ein Familien‐ mitglied.  Gemeinsam  haben  wir  ihn  vor  dem  Tod  be‐ wahrt, Mama, du, Papa und  ich. Und wenn  er  jetzt um  seiner  Kameraden willen  –  und  auch  um  unsertwillen,  wenn  ich  euch  daran  erinnern  darf  –  beschlossen  hat,  etwas zu tun, wozu er nicht stark genug ist, wobei er mit  Sicherheit getötet würde, dann willst du, Papa, mir erzäh‐ len,  dass wir  damit  nichts  zu  tun  haben. Dass wir  uns  nicht  einmischen  sollen.  Dass  es  nicht  vernünftig  ist,  wenn  ich  ihm helfen will.  Ich  kann nur  sagen, wenn  er  Henk wäre, würden wir  nicht  lange  überlegen. Aber  in  den  letzten paar Tagen habe  ich  für diesen Mann mehr  getan, als  ich  je  für meinen Bruder getan habe.  Ist es da  nicht recht und billig, dass ich ihm jetzt auch helfe? Ist es  nicht das, was der Anstand erfordert? Das heißt für mich  Vernunft, Papa. Und das war’s, Mama, wovon ich dachte,  dass du es wenigstens verstehen würdest.«    Noch  nie  hatte  ich  so  eine Rede  gehalten.  Ich  hätte mir  auch gar nicht zugetraut, so etwas zu  tun. Und  ich habe  es auch nie wieder getan. Vielleicht, weil mich nie wieder  so ein Zorn gepackt hat wie damals.  Droben,  in  den  Ruinen  meines  Elternhauses,  kämpften  ausländische  Soldaten  für  mein  Land.  Hier  im  Keller  kämpfte ich für mich selbst.  Eine ganze Weile sagte niemand etwas, alle starrten mich  120 , nur  erstaunt  an.  Selbst  die  Soldaten,  die  dicht  gedrängt  um uns herumhockten, waren verstummt, weil  sie wohl  an unserem Verhalten merkten, dass wir Probleme hatten.  Jacob, der mit seinem Oberkörper halb an die Wand ge‐ lehnt neben mir auf dem Boden lag, hatte mich die ganze  Zeit aufmerksam beobachtet. Ich vermied es, ihn anzuse‐ hen, da ich sonst bestimmt in Tränen ausgebrochen wäre,  und dann wäre meine ganze Würde dahin gewesen und  damit auch die Wirkung meiner Rede.  Draußen  krachten  und  ratterten  die  Geschütze,  es  war  kalt  und  regnete  in  Strömen,  sodass  die  Luft  im Keller  eisig feucht war. Ich weiß noch, wie ich nach meiner Rede  vor  lauter Nervosität  schwitzte und wie klamm  sich die  Luft auf meiner Haut anfühlte.  Die Petroleumlampe, die uns die  letzten zwei Tage Licht  gespendet hatte, suchte sich  just diesen Moment aus, um  endgültig  zu  verlöschen  und  uns  im Dunkeln  sitzen  zu  lassen, sodass wir wieder zum unsteten Licht von Kerzen  zurückkehren mussten, die wir  rasch  in Einmachgläsern  festtropften  und  mit  Bindfaden  an  die  Deckenbalken  hängten. Das war zum Glück erst mal eine Ablenkung.   Als wir uns wieder hingesetzt hatten, sagte Dirk: »Ich ver‐ stehe nicht, warum dir das so viel bedeutet, Geertrui, aber  wenn du nun mal so wild entschlossen bist, fällt mir nur  eine Lösung ein. Wir müssen ihn auch mitnehmen.«   Wie man  sich  unschwer  vorstellen  kann,  heizte  das  die  Diskussion wieder  an. Vater  sagte,  das  sei  doch Wahn‐ sinn, wir würden  alle  umkommen. Nicht wahnsinniger,  erwiderte Dirk,  als  einen  Juden  zu  verstecken  oder  für  121 , den Widerstand zu arbeiten, wie es manche von unseren  Freunden oder Nachbarn täten. Mutter sagte, es sei nicht  machbar – wie sollten drei Leute, die einen Verwundeten  trugen,  ungesehen  an  den  deutschen  Stellungen  vorbei‐ kommen?   »Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg«, sagte Dirk.   »Du redest wie ein kopfloses Huhn«, sagte Vater. »Wenn  ihr  schon  entschlossen  seid,  dieses Wahnsinnsunterneh‐ men  zu  riskieren,  dann  plant  es wenigstens  ordentlich.  Und lasst um Himmels willen Geertrui aus dem Spiel.«   »Nein, Vater«,  sagte  ich.  »Ich  gehe mit. Henk und Dirk  werden einen Weg finden, stimmt’s, Henk?«   »Es wäre  immerhin ein Versuch«, sagte Henk. »Wenn er  mit uns kommt, hat er eine größere Überlebenschance, als  wenn  er  in  seinem Zustand dort  oben  liegt,  ganz  allein  mit einem Gewehr.«  »Es ist die einzige Möglichkeit«, sagte ich. »Er muss mit.«   Henk sah mich schmunzelnd an. »Hört euch an, wer hier  für andere  redet«,  sagte  er. »Woher weißt du, dass dein  Soldat überhaupt mit uns kommen will? Hast du  ihn ge‐ fragt? Oder entscheidest du über ihn?«  Natürlich hatte er Recht. Ich fühlte mich ertappt. Von der  selbst  gelegten  Bombe  zerrissen, wie  es  eine  der  engli‐ schen  »gängigen  Redensarten«  ausdrückte.  Wir  sagen:  Wie een kuil graaft voor een ander, valt er zelf in. Wer andern  eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.  »Manchmal hasse  ich dich!«, sagte  ich zu Henk, und die  anderen lachten, was die Spannung ein bisschen löste.  Ich  setzte  mich  so  hin,  dass  ich  leise  mit  Jacob  reden  122 , konnte. Ich erklärte ihm, wer Henk und Dirk waren, dass  sie sich auf Dirks Bauernhof vor den Deutschen versteckt  hielten  und  dass  sie mich  dorthin mitnehmen  wollten,  weil sie meinten, dass  ich dort sicherer sei als  in Ooster‐ beek, jetzt, nach der Schlacht, und weil es dort noch etwas  zu essen gebe. Jacob reichte  ihnen die Hand und sie sag‐ ten Hallo. Dann erklärte ich ihm, dass ich mich geweigert  hätte, mit  ihnen  zu gehen, weil  ich  entschlossen  sei, bei  ihm zu bleiben.   Er  versuchte  zuerst,  es mit  einem  Lachen  abzutun,  und  sagte: »Das geht nicht. Seien Sie nicht albern! Ich komme  schon zurecht. Aber trotzdem vielen Dank.« – »Tja«, sagte  ich, »ich bleibe bei Ihnen, ob Sie das für albern halten oder  nicht.  Aber«,  fuhr  ich  fort,  ehe  er  mich  unterbrechen  konnte,  »Dirk  hat  einen  anderen  Vorschlag  gemacht.«  Und  ich  erklärte,  dass  wir  ihn mitnehmen  könnten,  in  unserer Gartenschubkarre, und ihn dann auf dem Bauern‐ hof verstecken, bis uns seine Armee befreien würde, was  bestimmt  nicht  mehr  lange  dauern  könne.  »Auf  diese  Art«, sagte  ich, »sterben Sie nicht oben  in unserem Zim‐ mer,  was mir  eine  unerträgliche  Vorstellung  ist,  und  Sie  kommen  auch  nicht  in  Gefangenschaft, wenn  Sie  nicht  sterben, was  Ihnen, wie Sie sagen, eine unerträgliche Vor‐ stellung ist.«  An der Veränderung seines Gesichtsausdrucks konnte ich  ablesen, wie  sehr  ihm der Gedanke  gefiel.  Seine Augen  wurden so lebendig, wie ich sie seit unserer ersten Begeg‐ nung nicht mehr gesehen hatte. Aber er erhob  trotzdem  Einwände,  wenn  auch  sicherlich  nur,  weil  er  es  zu  123 , müssen  glaubte. Es  sei  sehr  riskant,  sagte  er. Wenn wir  uns auch noch um ihn kümmern müssten, erhöhe sich die  Wahrscheinlichkeit,  dass  wir  erwischt  oder  erschossen  würden. Mit der Schubkarre wären wir langsamer. Wenn  uns  die  Deutschen  erwischten,  würden  sie  Henk,  Dirk  und mich erschießen, weil wir einem britischen Soldaten  zur  Flucht  verholfen  hätten. Und  so weiter und  so  fort,  mehrere Minuten  lang. Wie  umständlich Männer  doch  argumentieren. Hin  und  her  und  rundherum!  Ich  hatte  bald genug.  »Jacob!«, sagte ich, so fest es mein damals noch wackliges  Englisch  erlaubte,  »wir  bauen  hier  keinen  Deich.  Wir  haben keine Zeit für diese lange Rederei. Sie müssen ent‐ scheiden, was Sie wollen. Aber mein Entschluss steht fest.  Ob Sie mitkommen oder nicht, ich bleibe bei Ihnen.«   »Sie tun so«, sagte er, »als läge es allein bei mir.«   »Tut es auch.«  »Nein. Da  sind noch Sie. Wenn Sie mich nicht verlassen  wollen, Engel Maria, dann wirkt sich meine Entscheidung  auch auf Sie aus, oder nicht?«  »Ach,  Sie  Jesuit!«,  sagte  ich  und  hätte  ihm  am  liebsten  einen freundlichen Klaps gegeben.   »Aber ich habe Recht. Ja?«   »Ja.«  »Also sollten Sie mir sagen, was Sie  für das Beste halten  und was Sie wollen.«  Nachdem  ich  darauf  bestanden  hatte,  dass  alle  berück‐ sichtigten, was ich dachte und wollte, war ich  jetzt, da es  an mir war,  die  letzte  Entscheidung  zu  treffen  und  die  124 , Verantwortung  zu  übernehmen,  nicht  dazu  bereit. Viel‐ mehr  sehnte  ich  mich  danach,  dass  mir  jemand  die  Entscheidung  abnähme.  Beides  zugleich,  Vorwurf  und  Forderung. Nach Jahren weiß ich jetzt, wie typisch das für  mich ist.  »Ich  tue, was Sie wollen«, brachte  ich mit Mühe heraus.  »Schließlich ist es Ihr Leben, das ich zu retten versuche.«   »Und  Ihrs, das Sie dafür aufs Spiel  setzen«,  sagte  Jacob.  »Also  sind  wir  beide  betroffen  und  sollten  gemeinsam  entscheiden.«  Ich wollte  immer  noch  nicht  antworten  und  senkte den  Kopf, um diesen gefährlichen Augen zu entgehen.   Jacob stützte sich so hoch, dass er mir genau  ins Gesicht  sehen konnte, und sagte  lächelnd: »Ganz hübsch zornig,  was ich da sehe!«  »Weil ich zornig bin«, sagte ich, da ich damals seine eng‐ lische Ironie noch nicht verstand.  Er  berührte meine Wange mit  einem  Finger  und  sagte:  »Sollen wir uns jetzt auch noch gegenseitig bekämpfen?«   Ich brachte ein ersticktes »Nein« heraus.   »Friede also?«  Wie  hätte  ich  sein  Lächeln  nicht  erwidern  können?  Ich  räusperte mich und sagte: »Ich denke, es wäre am besten,  mit Henk und Dirk zu gehen.«  »Gut. Ich denke es auch. Und wie unser Freund sagte: ›Es  wird bestimmt ein furchtbar großes Abenteuer.‹«   »Freund?  Welcher  Freund?«,  sagte  ich.  »Das  habe  ich  noch nie gehört. Meinen Sie das ernst? Das weiß ich nie.«   »Haben wir Zeit, das jetzt zu bereden?«, sagte er.   125 , »Nein«, sagte ich, denn plötzlich war ich mir der Situation  wieder bewusst: des Lärms draußen und der  anderen  – Henk,  Dirk  und meine  Eltern  –,  die  uns  beobachteten.  »Sie müssen mir’s später erklären. Ich sage den anderen,  was wir beschlossen haben.«    Ich  kann  nicht  behaupten,  dass Mutter  und  Vater  froh  waren, aber sie hatten resigniert. Das war, selbst nach hol‐ ländischen Maßstäben, mehr als genug Overleg gewesen.  Da es nichts mehr zu sagen gab, machten wir uns an die  Vorbereitungen.  Wie  erleichternd  es  doch  ist,  wenn  eine  Entscheidung  endlich getroffen wurde und man etwas tun kann! Als ob  eine Last von einem abfällt. Man  fühlt sich sofort so viel  besser, voller neuer Energie und Hoffnung. Nie habe  ich  das stärker empfunden als an jenem Tag, da draußen der  Tod umging und die einzige Perspektive, wenn  ich blieb  wo  ich  war  und  überlebte,  ein  Dasein  in  Elend  und  Erniedrigung schien. Was  immer  jetzt geschehen würde,  zumindest machte ich den Versuch, mein Leben selbst in  die Hand zu nehmen und nicht in die Hände des Feindes  zu geben.  Ich war nie so gläubig wie meine Eltern, aber  in solchen  Momenten fallen einem die alten Worte ein. Während ich  mein  kleines  Notköfferchen  aus  dem  Durcheinander  unseres Kellergefängnisses barg, hörte ich mich murmeln:   Meine Zeit steht in deinen Händen. Errette mich von der Hand  meiner Feinde und von denen, die mich verfolgen.   Der Herr Zebaoth ist mit uns; der Gott Jakobs ist unser Schutz.  126 , Was mich zum Lächeln brachte und an eine andere Passa‐ ge erinnerte:  Er  erwählt  uns  unser  Erbteil,  die Herrlichkeit  Jakobs,  den  er  liebt.  Da  musste  ich  laut  lachen,  und  ich  erklärte  dem  Gott  Jakobs, während  ich  in der unsicheren Abgeschiedenheit  unseres Kellerklos anzog, was ich noch an sauberen oder  zumindest  ungetragenen  Sachen  finden  konnte:  »Bitte  erwähle uns ein Erbteil, zu dem ein Bad gehört.« Ich stelle  mir ungern vor, wie  erg wir  inzwischen gestonken haben  müssen.   In der Zwischenzeit machten Henk und Dirk einen Aus‐ fall in den hinteren Garten, um die Schubkarre herzurich‐ ten.  Und  Jacob  redete  mit  zwei  anderen  Soldaten  und  erklärte ihnen, was wir vorhatten. Als ich aus der Toilette  kam, hatten sie Jacob eine von ihren Kampfjacken angezo‐ gen, damit er es so warm und trocken wie möglich hätte.  Außerdem war  er  damit,  falls  er  den Deutschen  in  die  Hände  fiel,  in  Uniform  und  würde  nicht  als  Spion  er‐ schossen werden. Und  sie  hatten  ihm  auch  ein Gewehr  gegeben  und  ihm  die  Jackentaschen mit Munition  voll  gestopft. »Musst du das mitnehmen?«, fragte  ich. »Rück‐ versicherung«,  sagte er und  tätschelte die Waffe wie ein  Schoßtier. Mir war das gar nicht recht, und ich versuchte  Henk zu überreden, das Gewehr dazulassen. Aber er war  nur neidisch, hätte selbst auch gern eins gehabt. Männer  und ihr tödliches Spielzeug. Das nimmt nie ein Ende.   Henk und Dirk waren sich einig, dass wir gleich losgehen  sollten, wenn um 20 Uhr 50 das Sperrfeuer der britischen  127 , Geschütze südlich des Flusses einsetzte. Henk sagte sich,  dass das der  sicherste Zeitpunkt wäre, um das von den  Briten  gehaltene  Gebiet  zu  durchqueren,  von  unserem  Haus  in der Nähe der östlichen Begrenzungslinie bis zur  westlichen Begrenzungslinie am Rand des Waldes, in den  wir gelangen mussten.    Die  Nacht  fiel  über  uns.  Und  mit  ihr  heftiger,  wind‐ gepeitschter Regen. Und durch den Wind und den Regen  brach  ein  Hagel  von  Granaten  auf  uns  herein,  als  das  Sperrfeuer  begann  und  wie  geplant  die  deutschen  Ge‐ schütze zum Verstummen brachte.   Zeit zum Aufbruch.  Ein  schrecklicher  Moment,  in  dem  es  um  unser  aller  willen ruhig und heiter zu wirken galt. Eine Fassade, die  ich  nicht  hätte  aufrechterhalten  können,  hätte  ich  ge‐ wusst, dass dies das letzte Mal war, dass ich meinen Vater  sah. Er starb  im Hungerwinter, der über uns kam, nach‐ dem die Briten  es nicht  geschafft hatten, mein unglück‐ liches Land zu befreien – was  erst  im Frühjahr 1945 ge‐ lang. Nur gut, dass die Zukunft immer ein verschlossenes  Buch ist, denn hätte ich gewusst, dass ich Papa nie wieder  sehen würde, hätte ich ihn nicht verlassen können. Solche  unseligen  Schicksalsfügungen,  die  einen  in  der  Jugend  treffen,  verfolgen  einen  im  Alter  in  Gestalt  irrationaler  Schuldgefühle.  Wenn  ich  doch  nur  da  gewesen  wäre,  hätte  ich  ihm  vielleicht  helfen  können. Wenn  ich  doch  nur. In dieser Münze ist man reich, wenn man alt ist.   Du  siehst, warum  ich  lieber nicht  zu  lange bei unserem  128 , Abschied verweilen will. Wir umarmten uns und küssten  uns und  schüttelten uns die Hände und  beteuerten uns  gegenseitig  unsere  Liebe  und  unseren  unverrückbaren  Glauben an eine gemeinsame Zukunft. Das alles mit jener  robusten  Gutgelauntheit  und  gezügelten  Emotionalität,  die für uns Holländer der Inbegriff dessen sind, was sich  gehört. Und nach dem Familienabschied waren die Solda‐ ten dran, die unseren Keller mit uns geteilt hatten. Diese  jungen  Männer  aus  einem  fremden  Land  waren  uns  innerhalb  weniger  schrecklicher  Tage  engere  Freunde  geworden als unsere holländischen Nachbarn über Jahre.  Vielleicht,  weil  sie  nicht  wussten,  wie  sie  ihre  Gefühle  sonst zeigen sollten, drängten sie mir, als ich mich einzeln  von  ihnen  verabschiedete,  etwas  von  den  wenigen  persönlichen Dingen, die sie noch besaßen, als Geschenk  auf. Zigaretten,  obwohl  ich nicht  rauchte,  ein paar Bon‐ bons, ein Mützenabzeichen, Schulterklappen, einen Füll‐ federhalter (»Vielleicht können Sie uns ja eines Tages mal  schreiben.«),  Streichhölzer,  ein  Fallschirmjägerhalstuch,  sogar  eine Armbanduhr  (»Sie müssen  doch wissen, wie  spät  es  ist, Gertie, wo  immer  Sie  sind.«). Und  von dem  armen  traumatisierten  Sam,  der  sich  mit  Mühe  selbst  zusammenhalten  konnte,  bekam  ich  einen Gedichtband,  den  ich  jetzt  beim  Schreiben  neben  mir  liegen  habe  (»Damit Sie  Ihr Englisch verbessern können!«). Norman,  der Älteste  und  der,  der  am  längsten  bei  uns  gewesen  war, wartete angemessenerweise bis zuletzt. Er überreich‐ te mir  eine  kleine  schwarze  Lederbrieftasche mit  einem  Foto  von  seiner  Familie  und  ihm  und  sagte:  »Cheerio,  129 , Gertie.  Sie  sind  ein  tapferes  und  hübsches  Mädel.  Ich  möchte Ihnen das hier schenken. Ich hoffe, wir sehen uns  wieder.«  Und dann  führten und bugsierten und geleiteten sie uns  witzelnd  und  frotzelnd  – was wohl  für  die  Briten  eine  ebenso  typische  Form  des  Umgangs  mit  schwierigen  Situationen  ist  wie  für  uns  Holländer  unsere  resolute  Nettigkeit – die Kellertreppe hinauf, durch die Trümmer  unseres  geliebten Heims  und  hinaus  in den Garten, wo  wir,  im Donnern  und  Beben  des  nächtlichen  Kampfge‐ schehens,  Jacob  in  die  Schubkarre  setzten,  das  Gewehr  schussbereit  in den bandagierten Händen, mein Notköf‐ ferchen  an  der  einen,  seinen  Rucksack  an  der  anderen  Seite, und uns  in dem eisigen Regen, der uns zu  lähmen  oder zu ersäufen drohte, noch ehe wir erschossen werden  oder unser Ziel erreichen konnten, auf den Weg machten,  Dirk  vorneweg, Henk mit  der  Schubkarre  vor  sich  und  ich  an  seiner  Seite,  schweren,  hämmernden  Herzens,  einen Klumpen in der trockenen Kehle und nur wirre Ge‐ dankenfetzen im Kopf.  Einen  solchen  Aufbruch  würde  ich  niemandem  wün‐ schen.   Und auch nicht das, was folgte.  130 , POSTKARTE  Wir werden, was wir schaun.  William Blake    »Augen auf«, sagte Daan.  Er  stand  hinter  Jacob,  in  einem  der  kleineren  Säle  des  Rijksmuseum,  und  hielt  ihn  an  den  Schultern.  Er  hatte  Jacob vor dem Betreten des Saals das Versprechen abge‐ nommen, nicht zu mogeln, und  ihn dann durch den Be‐ sucherstrom hierher geführt.  Vor sich an der Wand sah Jacob ein Porträt seiner selbst.  In  alter Ölmaltechnik.  Kopf  und Oberkörper. Halb  von  der Seite. In reichen Rostrot‐ und Brauntönen. Ausnahme:  das vertraute dreieckige Gesicht. Lebensgroß. Leuchtend  wie von Sonnenlicht, umrahmt von einer hochgeschlage‐ nen dunklen Kapuze.  Die Augen niedergeschlagen und schwerlidrig. Der breite  Mund mit der fleischigen, fast schon geschwollen wirken‐ den Unterlippe  im Moment eines scheuen, spröden, aber  selbstzufriedenen Lächelns  festgehalten. Und das Detail,  das  Jacob am  stärksten  ins Gesicht  sprang, weil er es  so  sehr  hasste,  die  lange,  dicke  Nase  mit  dem  stumpfen  Knubbel  am  Ende.  Die  Nase  seines  Vaters  und  seines  Großvaters. Die  toddsche Nase.  Seine  Schwester  Poppy  und  sein  Bruder  Harry  hatten  sie  nicht.  Sie  hatten  die  131 , hübsche Slimline‐Version ihrer Mutter.  Wie oft hatte er das Ding mithilfe von zwei Spiegeln aus  allen erdenklichen Winkeln angestarrt, diesen grässlichen  Riechkolben, dieses widerwärtige Wühlorgan, diesen ge‐ schwollenen  Rüssel,  diese  Nasalgeschwulst.  Manchmal  quetschte und bearbeitete  er das Ende dieses peinlichen  Zinkens mit Daumen und Zeigefinger wie ein Bildhauer  den Ton, in der Hoffnung, ihn doch noch in einen zumin‐ dest präsentablen, wenn  schon nicht hübschen Gesichts‐ erker umformen zu können.  Ihm  schwebte  so etwas vor  wie das reizende Naschen, das etwa Michelangelos David  zierte, oder wie das dieses ekelhaft gut aussehenden River  Phoenix, das er kürzlich erst genau  studiert hatte, als er  sich  zum  vierten Mal My  private  Idaho  angeguckt  hatte.  Vergebens. Sein abstoßendes Riechorgan war immer noch  so abscheulich wie eh und je.   Unfähig, den Blick von seinem Ebenbild zu wenden, sagte  er: »Wer ist das?«   »Titus. Titus van Rijn.«   »Nie gehört.«   »Aber von seinem Vater.«   »Nicht, dass ich wüsste.«   »Wer hat Rembrandts Selbstbildnisse gemalt?«   »Was?«  »Wer hat Rembrandts Selbstbildnisse gemalt?«   »Rembrandt natürlich!«  »Der mit vollem Namen Rembrandt van Rijn hieß.«   »Ach! Aber  das  hier  ist  ja wohl  keins  seiner  Selbstbild‐ nisse, denn es stellt  jemanden namens Titus dar. Also  ist  132 , es ein Rembrandt‐Bild von ... ?«  »Seinem  Sohn,  als Mönch  kostümiert.  Gemalt  1660,  als  Titus neunzehn war.«  Jacob,  der  erst  jetzt  auf  diese  Idee  kam,  guckte  auf  das  Schildchen neben dem Bild, sah, dass Daan sich das alles  nicht nur ausdachte,  trat dann so dicht an die Leinwand  heran, wie er sich traute, und inspizierte, gewissermaßen  Nase an Nase, das Porträt seiner selbst als Titus.  Eine wachsame Aufseherin  von  der  Statur  eines  Sumo‐ Ringers kam näher.  Titus  schien  so  präsent,  dass  Jacob war,  als  könnte  der  gemalte  Jüngling  jeden  Moment  den  Kopf  heben,  ihm  direkt  ins Gesicht  sehen  und  etwas  sagen.  Seine  Finger  gierten  danach,  dieses  nachdenkliche Gesicht  zu  berüh‐ ren. Automatisch hob er die Hände.  »Zurück«, sagte die Wächterin. »Treten Sie zurück.«   Jacob  trat ein, zwei Schritte zurück, vermochte aber den  Blick nicht von dem Bild  zu  lösen. Er war wie gebannt.  Was  ihn noch  in der Situation selbst wunderte, denn das  Bild war nicht  besonders  beeindruckend. Wäre  er  allein  durch diesen  Saal  spaziert,  hätte  er  es  vielleicht  einfach  links  liegen  lassen, wie  es  jetzt  andere  Leute  taten. Der  größte Teil des Bildes war so dunkel, dass man kaum sah,  was  darauf  war:  etwas  herbstlich  gefärbtes  Blattwerk  hinter Titus’ Rücken war klar zu erkennen und die braune  Mönchskutte,  die  aus  einem  dicken,  groben,  schwer  wirkenden  Material  bestand  und,  jedenfalls  dem  Kopf  nach zu urteilen, viel zu weit für den Jüngling war, sodass  dieser  eher  in  dem  tonnenartigen  Rumpfteil  und  den  133 , voluminösen  Ärmeln  wie  in  einer  Rüstung  zu  stecken  schien, als das Ding zu tragen.  Doch  mitten  aus  diesem  ganzen  erdrückenden  Dunkel  leuchtete Titus’ Gesicht, lebendig und strahlend, die Haut  blassgolden, die niedergeschlagenen Augen tief und viel‐ leicht ein bisschen traurig, die volle Unterlippe, die er sich  gerade mit der Zunge befeuchtet haben mochte, frischrot  und  sinnlich  und  dennoch  unschuldig  zart.  Unberührt  war das Wort, das Jacob in den Sinn kam.  »Gefällt’s dir?«, fragte Daan und trat an seine Seite.   Kein  Bild  hatte  ihn  je  so  gefesselt.  Das wollte  er  nicht  sagen, aber er rang sich ein Ja ab.  »Dann solltest du mal das Bild von Titus mit einer roten  Mütze sehen, auf dem er ein bisschen älter  ist. Auf dem  guckt er einem genau  in die Augen. Und man sieht sein  Haar, das auf dem hier nicht zu sehen ist. Im Unterschied  zu dir hat er  langes,  lockiges, braunes Haar. Sehr schön.  Du  solltest mal  versuchen,  deins  auch wachsen  zu  las‐ sen.«   »Nein, danke.«  »Würde  dir  stehen. Du  könntest  dir  das  andere  Porträt  leicht  angucken.  Es  hängt  in  der Wallace‐Sammlung  in  London.  Ich  mag  es  lieber  als  das  hier.  Es  ist  besser  gemalt und dieses hier  ist  ein  bisschen, wie  sagt  ihr?  ...  nuffig ... prüde. Die Madonnapose.«   »Madonna!«  »Nicht Madonna.  Ich meine  die Mutter Christi. Die Ma‐ donna.«   Sie lachten.  134 , »Und was hat Titus von ihr?«  »Die  Pose. Der  gesenkte Kopf,  unschuldig  ergeben. Die  gefalteten  Hände  im  Schoß.  Das  Mönchsgewand.  Sehr  heilig, sehr rein. Prüde eben. Genau wie die tausende von  Bildnissen der Heiligen  Jungfrau. Und bij God!  Jungfräu‐ lich sieht er allerdings aus, findest du nicht?«   Den Blick  immer noch auf das Bild geheftet, sagte Jacob:  »Das  weißt  du  vermutlich  alles  aus  deinem  Kunstge‐ schichtsstudium.«  »Nein, andersherum. Ich studiere Kunstgeschichte wegen  Rembrandt.«  »Wieso?« Er wollte es nicht wirklich wissen, aber solange  Daan redete, konnte er wenigstens weiter Titus anstarren.   »Für mich ist er der größte Maler aller Zeiten. Er steht am  Ende  der  alten Welt  und  am  Beginn  der modernen.  Er  fasziniert mich  schon,  seit  ich  das  erste Mal  die Nacht‐ wache gesehen habe. Das Riesengemälde, an dem wir auf  dem Weg hierher vorbeigekommen sind. Mein Vater war  mit mir hier, um  es mir zu zeigen, als  ich acht war.  Ich  fand  es  so  dramatisch,  so  aufregend.  Ich  wollte  in  die  Leinwand  reinklettern.  Echt!  In  das  Bild  steigen  –  und  Teil  der  Szene  sein.  Heute  weiß  ich  natürlich,  dass  es  reines Theater  ist, kein bisschen  realistisch. Das Licht  ist  künstlich,  die  Anordnung  der  Figuren  opernhaft,  ihre  Haltung gekünstelte Heldenpose. So bühnenmäßig. Eine  kitschige  Inszenierung! Aber  als  ich  acht war,  schien  es  mir  wirklicher  als  die  Leute,  die  sich  rings  um  mich  drängten,  um  es  zu  sehen.  Von  da  an  wollte  ich  über  Rembrandt wissen, was es zu wissen gab. Ich schaue mir  135 , seine Bilder an, so weit ich irgend kann. Ich studiere sein  Werk,  sein  Leben.  Alles.  Bis  ins  kleinste  Detail.  Und  meine Doktorarbeit werde ich über Titus schreiben. Titus’  Rolle  in  Rembrandts  Leben.  Das  hat  noch  nie  jemand  behandelt. Nicht als eigenständiges Thema.«  Jacob hatte nur halb zugehört und konnte sich nicht weit  genug von Titus  losreißen, um das Gespräch  in Gang zu  halten. Schweigen machte  sich  zwischen  ihnen breit, bis  er  fühlte, wie  Daans  Arm  seine  Taille  umfing  und  ihn  davonzog.  »Schau, da«,  sagte Daan und  führte  ihn zu einem etwas  größeren  Gemälde,  das  als  übernächstes  an  der Wand  hing.   Ein alter Mann mit verschwollenem Gesicht, einer weiß‐ gelben Kopfbedeckung, die wie ein Küchenpapierturban  aussah, mit wirr  abstehendem, welligem Haar,  hochge‐ zogenen  Augenbrauen,  faltiger  Stirn.  Seine  wässrigen  Augen  starrten  genau  auf  Daan,  der  links  neben  Jacob  stand,  und  in  den Händen  hielt  er  ein  aufgeschlagenes  Buch, als hätte er gerade von seiner Lektüre aufgeschaut.   Jacob kicherte. »Wirkt ein bisschen ga‐ga.«   »Rembrandt mit  fünfundfünfzig,  acht  Jahre  vor  seinem  Tod.«  »Sieht aus, als würde er schon auf dem letzten Loch pfei‐ fen.«   »Ein Selbstbildnis, er als Apostel Paulus. Entstanden ein  Jahr nach dem Bild von Titus als Mönch. Komm, geh mal  ein  bisschen  weiter  weg.«  Daans  Hand  fasste  Jacobs  Schulter  und  zog  ihn  zurück.  »Von  hier  aus  kannst  du  136 , beide  sehen. Fast nebeneinander. Wie  sie  sich angucken.  Siehst du? Vater und Sohn, ungefähr um dieselbe Zeit.«  Um sich nicht  lumpen zu  lassen, sagte Jacob: »Und  jeder  als jemand anders.«  »Aber was rüberkommt, was man sieht, ist nicht das Acte‐ ren –«  »Das Schauspielern? ... Der äußere Schein.«   »Ja, nicht der Schein ... het doen alsof...«   »Sondern die wahre Person?«   »Genau. Die wahre Person. Findest du nicht?«   Jacob betrachtete jedes der beiden Bilder. »Doch. Stimmt.«  Und  es  stimmte wirklich.  Er  sah  es.  »Das  liegt  an  den  Gesichtern, schätze ich.«  »Das ist einer der Gründe, warum ich Rembrandt so liebe.  Seine Wahrhaftigkeit. Immer ehrlich. Liebt die Menschen  und  liebt  sie,  wie  sie  sind.  Hat  keine  Angst  vor  dem  Leben, so wie es ist.«  Jacob dachte: Das ist kein Spiel mehr. Er redet auf einmal  anders. Er  ist ernst.  Ihm  ist es ernst. Unser Verhältnis  ist  nicht mehr dasselbe wie eben. Es hat sich geändert.   Wieder fühlte er etwas von Daan ausgehen, was er nicht  genau benennen konnte. Etwas, was  ihm gefiel, was  ihn  aber auch irritierte.  »Aber warum schreibst du über Titus? Was ist an dem so  interessant?  Rembrandt  ist  doch  derjenige,  den  du  be‐ wunderst.«  »Na ja, erstens mal: Als Rembrandt bankrott war –«   »Er ging bankrott?«  »Ja. Er verdiente einen Haufen Geld, war sehr erfolgreich,  137 , arbeitete sehr viel. Arbeit, Arbeit, Arbeit,  immerzu. Aber  er  gab  auch  eine Menge  Geld  aus. War  ein  besessener  Sammler.  Hatte  ein  regelrechtes  Museum  voller  Zeug.  Alle möglichen Dinge. Sein ganzes Haus war voll davon.  Am Ende war er verschuldet und zahlungsunfähig. Sein  ganzer Besitz wurde abgeholt und versteigert. Titus ging  zur  Versteigerung  und  kaufte  zurück,  was  er  konnte.  Dinge, die sein Vater brauchte. Unter anderem den schö‐ nen ebenholzgerahmten Spiegel, den Rembrandt benutz‐ te,  um  seine  Selbstbildnisse  zu  malen.  Aber  irgendwie  ging auf dem Heimweg der Spiegel kaputt.«   »Oh‐oh! Mist.«  »Allerdings.  Kannst  du  dir  vorstellen, wie  ihm  zumute  war? Und überleg mal, was es heißt, dass er alles tat, um  die  Sachen  seines  Vaters  zurückzukaufen.  Damit  Rem‐ brandt weiter das tun konnte, was ihm das einzig Wichti‐ ge war: Bilder malen. Viele Leute, Historiker, Kunstsach‐ verständige behaupten, Rembrandt hätte Titus bestohlen.  Hätte  seinen Sohn  ausgebeutet, das Geld, das Titus von  seiner Mutter Hendrickje geerbt hatte,  für  sich  ausgege‐ ben. Mit anderen Worten, Rembrandt sei ein egoistischer,  mieser Vater  gewesen, der  nur  an  seine  eigene Karriere  und  sein eigenes Wohl dachte.  Ich glaube das ganz und  gar nicht. Und die Geschichte, wie Titus zu der Auktion  ging und den Spiegel zurückkaufte, besagt für mich, dass  er  seinen  Vater  liebte  und  alles  tat,  um  ihn  zu  unter‐ stützen und ihm zu helfen. Ja, wenn Titus nicht gewesen  wäre, hätte Rembrandt gar nicht mehr weitermalen kön‐ nen, da damals  jemand, der Bankrott ging, sein Gewerbe  138 , nicht  mehr  ausüben  durfte.  Um  Rembrandt  davor  zu  bewahren, wurde Titus  sein Arbeitgeber  und  stellte  ihn  zum Bildermalen an.«  Jacob sah die beiden Bilder  jetzt mit anderen Augen. Der  Sohn,  der  den  Vater  anheuerte,  wurde  vom  Vater  als  Modell angeheuert.  »Eine  gute  Geschichte«,  sagte  er.  »Was  hat  Titus  ge‐ macht?«   »Beruflich, meinst du? Es heißt, er habe sich als Maler ver‐ sucht,  aber nichts  getaugt.  Ich  glaube nicht, dass  er das  wirklich wollte. Was er machte, war, seinem Vater Modell  zu stehen.  Ich glaube, das hat er wirklich gern getan. Er  liebte es, von seinem Vater genau angeguckt zu werden,  seine volle Aufmerksamkeit zu genießen, und er liebte es,  seinem Vater bei der Arbeit zuzuschauen.«  »Der Vater,  der  den  Sohn  betrachtet,  der  den Vater  be‐ trachtet.«   »Genau. Während der eine den anderen malte und wäh‐ rend der andere wusste, dass er gemalt wurde. Das ist das  Wichtige daran.«  »Wieso? Ich weiß nicht genau, was du meinst.«   »Sagen wir mal so. Neulich habe ich Geertrui gefragt, was  sie meint, was Liebe  ist  –  echte Liebe, wahre Liebe.  Sie  sagte,  für  sie  sei wahre  Liebe,  einen  anderen Menschen  mit  ganzer  Aufmerksamkeit  zu  betrachten  und  vom  anderen mit  ganzer Aufmerksamkeit  betrachtet  zu wer‐ den. Wenn sie Recht hat, brauchst du dir nur Rembrandts  Titus‐Bildnisse  anzugucken,  von  denen  es  eine  ganze  Menge gibt, um zu sehen, dass sie einander liebten. Denn  139 , genau das ist es, was man darin sieht. Vollkommene Auf‐ merksamkeit, wechselseitig.«   Jacob ließ seinen Blick zwischen Vater und Sohn hin‐ und  herwandern und sah, was Daan meinte.   »Aber  in dem Fall«,  sprach er aus, was  ihm  in den Sinn  kam, »ist doch alle Kunst Liebe, weil es in der Kunst doch  immer ums genaue Hingucken geht, oder? Ums genaue  Angucken dessen, was man malt.«  »Der Maler  guckt  genau  hin, während  er malt,  der  Be‐ trachter guckt sich genau an, was gemalt wurde. Stimmt.  Wahre Kunst  in  jeder Form,  ja. Malerei. Schriftstellerei –  Literatur  –  auch.  Ich  glaube  schon,  dass  es  so  ist. Und  schlechte Kunst  ist die Unfähigkeit, mit voller Aufmerk‐ samkeit  hinzugucken.  Du  siehst,  was  mir  an  Kunst‐ geschichte gefällt. Es  ist das  Studium der Fähigkeit, das  Leben mit  ganzer Aufmerksamkeit  zu  betrachten. Es  ist  die Geschichte der Liebe.«  »Was ist aus ihm geworden? Aus Titus, meine ich.«   »Er heiratete die Tochter eines Silberschmieds. Sie waren  gerade sieben Monate zusammen, als Titus starb, an der  Pest.«  »Dem schwarzen Tod.«  »Der  hat  damals  viele  dahingerafft.  Er  wurde  in  der  Westerkerk begraben.«  »In der Nähe vom Anne‐Frank‐Haus.«  »Ein Jahr darauf starb Rembrandt. Aber nicht an der Pest.  An gebrochenem Herzen, würde  ich  sagen. Wir wissen,  dass  er neben Titus  in der Westerkerk begraben wurde.  Aber sein Grab wurde nie gefunden.«  140 , Da Jacob nicht wusste, was er dazu noch sagen sollte, ent‐ wand  er  sich  Daans  Arm  und  ging  noch mal  dicht  an  Titus heran. Daan kam hinterher. Die Wächterin beäugte  sie von der Tür aus.  »Und?«,  sagte  Daan.  »Hab  ich  Recht?  Titus  sieht  doch  genau aus wie du.«  »Nur  dass  ich  nicht  in  Mönchsklamotten  herumlaufe,  wenn es nicht regnet.«  Daan ignorierte den lauen Witz. »Wie fühlt sich das an?«  »Komisch. Vor allem jetzt, wo ich weiß, wer er ist.«  Die Wächterin trat einen Schritt auf sie zu.  »Sie denkt wohl, wir wollen ihn klauen«, murmelte Jacob.  »Kürzlich gab es hier einen Vorfall.«  »Einen Vorfall?«  »Jemand hat Titus geküsst.«  »Du meinst,  jemand  ist tatsächlich an das Bild rangegan‐ gen und hat  ihm  einen  saftigen  Schmatz  auf den Mund  gedrückt?«  »Genau.«  »Hoijoi! Und dann?«  »Hat keiner gesehen.«  »Aber woher wissen sie’s dann?«  »Der Täter hat einen Lippenstiftabdruck hinterlassen.«   »Ich glaub’s nicht.«  »Das Problem war, dass sie den Lippenstift kaum wieder  abkriegen konnten, ohne das Bild zu beschädigen.«   »Und niemand weiß, wer es war?«   »Nicht mit Sicherheit.«  Jacob sah Daan an. »Aber du meinst, du weißt es ?«   141 , »Nee, nee!«  »Doch, du glaubst es zu wissen. Ich seh’s dir an!«   Daan grinste.  »Komm schon, gesteh. Wer war’s ?«   »Meine Lippen sind versiegelt. Sagt ihr nicht so ?«   »Wie’s die von Titus waren. Versiegelt mit einem innigen  Kuss. So heißt es bei uns in Kitschromanen.«   Daan grinste verächtlich, sagte aber nichts.   Sie standen schweigend da und studierten das Gemälde.  Andere Besucher strömten vorbei. Kaum einer hatte mehr  als nur einen flüchtigen Blick für Titus übrig.   Schließlich sagte  Jacob: »Ich habe die ganze Zeit das Ge‐ fühl, wenn wir nur noch ein bisschen warten, wird er auf‐ stehen  und  aus  dem  Bild  treten  und  uns  Guten  Tag  sagen.«   Daan sagte nichts, legte aber wieder die Hand auf Jacobs  Schulter und dirigierte ihn durch die Besuchermassen zu‐ rück.  Im Museumsshop  blieb  er  stehen  und  erstand  je  eine  Postkarte  von  Titus  als Mönch  und Rembrandt  als  Apostel Paulus.  »Da«, sagte er und gab sie Jacob. »Du als Jüngling und als  alter Mann.«  Auf der Marmortreppe, die zum Ausgang führte, begann  er mit rauchiger Stimme ein klagendes Lied zu singen:  »Mijn hele leven zocht ik jou,  om – eindelijk gevonden –  te weten wat eenzam is.«  »Und was ist das, was du da singst?«, fragte Jacob.  »Ein  Lied  von  einem  holländischen  Sänger,  Bram  Ver‐ 142 , meulen«, sagte Daan.  »Das da übersetzt lautet?«  Daan blieb am Fuß der Treppe  stehen, dachte nach und  sagte dann mit theatralischem Ernst:  »Mein ganzes Leben hab ich dich gesucht,  nur um jetzt, da ich dich endlich gefunden,  zu erfahren, was Einsamkeit heißt.«  143 , POSTKARTE  Wladimir:  Es genügt ihnen nicht, gelebt zu haben.   Estragon:  Sie müssen darüber sprechen.   Wladimir:  Es genügt ihnen nicht, tot zu sein.   Estragon:  Das genügt nicht.  Samuel Beckett, WARTEN AUF GODOT    »Das ging ja länger«, sagte Jacob.  Das  Telefongespräch  zwischen Daan  und  seiner Mutter  hatte über eine halbe Stunde gedauert. Dabei hatte  Jacob  unbehaglich oft seinen Namen gehört.  »Tessel ist mit den Nerven runter«, sagte Daan. »Geertrui  war den ganzen Tag schwierig. Sie hat immer wieder ge‐ fragt, wo du bist. Sie will dich sehen.«  »Freut mich, dass ich so begehrt bin.« Der Scherz ging ins  Leere. Wieder überkam  ihn  leise Panik. Der Ausflug  zu  Titus hatte  ihn  für  ein Weilchen  geerdet.  Jetzt holte  ihn  das Fremdheitsgefühl wieder ein.   »Ich hab ihr erklärt, was dir passiert ist.«   »Was die Situation sicher unendlich entspannt hat.«   »Ich hab’s dir doch gesagt. Sie fühlt sich für dich verant‐ wortlich. Aber  jetzt, wo Geertrui  sie wahnsinnig macht,  weiß sie nicht, was tun.«  »Ich sollte wieder nach Hause fliegen.«   »Nein, nein. Morgen musst du Geertrui besuchen.«  145 , »Ich muss...?«  »Wenn’s  dir  nichts  ausmacht. Am  Sonntag  fährt  Tessel  mit dir nach Oosterbeek,  zu der Gedenkfeier.  Ich bleibe  bei  Geertrui.  Heute  übernachtest  du  hier.  Ich  konnte  Tessel davon überzeugen, dass es so am besten ist.«   »Danke, dass du mich gefragt hast.«  »Ich  dachte,  es wäre  dir  lieber.  Ist  doch  netter  für  dich  hier, oder? Und es ist für alle einfacher.«   »Meine ganzen Sachen sind bei deinen Eltern.«   »Die eine Nacht kommst du doch  so zurecht. Wir holen  deine Sachen morgen, auf dem Rückweg von Geertrui.«   »Halt! Moment mal! Sorry, aber das geht mir ein bisschen  schnell. Bevor wir  irgendwas beschließen – du hast doch  gesagt, da  ist was, was du mir erklären willst, wenn du  mit deiner Mutter gesprochen hast.«   »Ia.«  »Das klang sehr ernst.«   »Ist es auch.«  »Na  ja,  ich will  ja nicht kompliziert sein, aber  ich würde  doch gern hören, was es ist, bevor wir irgendwas planen.«   »Alle sind  immer so – wie sagt man? – ongerust... ängst‐ lich, sagen wir mal.«   »Schon möglich, aber ...«  »Ich weiß, ich weiß, ich kriege oft zu hören, ich sei autori‐ tär. Aber wenn etwas getan werden muss, kann  ich Un‐ entschlossenheit nicht ausstehen. Wie mein Vater. Der ist  auch  so. Tessel macht  in  schwierigen Situationen  immer  so ein Hin und Her. Immer er om heen draaien  ... Christus!  Wie heißt das auf Englisch? So was wie  immer  im Kreis  146 , gehen –«   »... sich drehen und winden?«  »Drehen und winden? Echt?«  »Sich drehen und winden.«  »Okay. Dank je. Sie dreht und windet sich! Na, jedenfalls,  ich kann das nicht ausstehen.«  »Schon klar. Aber trotzdem ...«  »Ja. Okay. Du  hast  Recht. Das  Problem  ist,  dass  Tessel  meint,  sie  sollte  es  dir  erklären.  Sie  besteht  darauf. Hat  gerade eben am Telefon auch darauf bestanden.«  »Aber  wann?  Ich  werde  nicht...  ich  meine,  ich  möchte  nicht  zu  deiner  Großmutter  gehen,  bevor  ich  nicht   weiß ...«  »Genau. Also muss ich’s dir erklären. Nur musst du Tes‐ sel gegenüber so tun als ob.«  »Als ob was?«  »Als ob du’s nicht wüsstest.«  »Das kann ich nicht.«  »Wäre aber das Beste. Sie ist sowieso schon mit den Ner‐ ven am Ende.«  »Aber  ich  kann’s  nicht.  Das  wäre  gelogen.  Ich  hasse  Lügen.«  »Du brauchst  ja nichts zu  sagen. Wenn  sie’s dir  erzählt,  hör einfach nur zu. Das ist keine Lüge.«  »Ach, nein?«  »Willst du eine moralphilosophische Diskussion mit mir  führen ?«  »Nicht  jetzt, danke. Aber  trotzdem, das  ist nicht gut. Sie  wird’s  mir  am  Gesicht  ansehen. Mir  sieht  man  immer  147 , alles am Gesicht an. Das sagen alle.«  Daan lachte: »Ein offenes Buch!«  »Wo wunderbare Dinge geschrieben stehen.«  »Was?«  »Shakespeare. Sorry. Das Schottendrama.«  »Das was?«  »Das über den schottischen König. Du weißt schon.«   »Nein, weiß ich nicht. Woher sollte ich’s wissen?«   »Kann den Namen nicht sagen.«   »Warum nicht?«   »Bringt Unglück.«  »Du bist doch nicht etwa abergläubisch?«   »Nein, eigentlich nicht. Ist nur eine alte Theatertradition.«   »Macht das einen Unterschied?«  »Wenn man den Namen des Stücks sagt, muss man in die  Hände klatschen und sich dreimal um sich selbst drehen,  um das Unglück abzuwenden.«   »Klets!«  »Stimmt aber. Ich habe in dem Stück mitgespielt. Bei einer  Schulaufführung.  Ich  habe Malcolm  gespielt,  den  Sohn  des ermordeten Königs. Eine stinklangweilige Rolle. Das  meiste wurde gestrichen. Was nur gut war, weil ich näm‐ lich  kein  großer  Schauspieler  bin.  Aber,  jedenfalls  den  Leuten ist dauernd der Name rausgerutscht, und wir hat‐ ten fürchterliche Probleme.«   »Was für Probleme?«  »Am  einen  Abend  einen  Beinbruch,  ein  andermal  eine  Stichverletzung bei der Kampfszene. Solche Sachen.«   »Unfälle.«  148 , »Mag sein. Geht schon ziemlich gewalttätig zu in Macbeth,  aber trotzdem.«   »Aha – Macbeth.«   »Oh, Mist.«  »Jetzt sollen wir vermutlich dieses alberne Händeklatsch‐ und Im‐Kreis‐Drehding veranstalten?«  »Fürchte ja.«  Sie standen auf, einander zugewandt.   »Krankzinnig!«  »Vorsehen ist besser als Nachsehen.«  Sie klatschten in die Hände und drehten sich dreimal um  sich selbst, ehe sie kichernd auf ihre Plätze zurückfielen.   Daan  sagte:  »Ich  glaub’s  nicht,  was  ich  eben  gemacht  habe.«   »Ein  Rationalist  wie  du«,  sagte  Jacob.  »Musst  dich  ja  dafür schämen.«   »Lächerlich.«  »Pueril«, sagte Jacob, mehr, weil ihm der Klang des Wor‐ tes  gefiel,  als  aus Überzeugung. Und  in  der Hoffnung,  dass  Daan  nicht  merkte,  dass  sein  Lachen  eher  Panik‐ abwehr als Ausdruck von Erheiterung war.    Daan ging  in die Küche und öffnete eine Flasche  trocke‐ nen Weißwein. Es war kurz nach sechs, die Zeit, erklärte  er, zu der Geertrui das  immer getan habe, sodass es  ihm  zur Gewohnheit geworden  sei.  »Die  Stunde des Abend‐ gläschens« habe sie es genannt. »Aber das hier ist nur een  goedkoop wijntje‐ du weißt schon, billiges Zeug.«   »Fusel.«  149 , »Deshalb  trinke  ich  ihn mit  Tonic.  So  eine Art  Schorle.  Und du?«  »Dasselbe wie du.«   »Hast du keine eigene Meinung?«  »Nicht  in  Bezug  auf  Fusel. Auf Wein  überhaupt, wenn  du’s genau wissen willst.  Im Unterschied  zu dir bin  ich  das nicht gewöhnt.«   »Dann werde ich dich unterweisen.«  »Verderben, meinst du wohl.«   »Ist doch manchmal dasselbe, oder?«   »Ach, ja?«  »Wenn man etwas lernt, ist man nicht mehr unschuldig.«   »Wenn du’s so formulierst.«   »So oder so, kommt doch aufs selbe raus.«   »Will  ich  jetzt nicht diskutieren, wenn’s  recht  ist. Später  vielleicht.«  Sie machten es sich mit  ihren Drinks bequem. Der Raum  war jetzt im Abendlicht ziemlich schummrig. Daan knips‐ te eine Stehlampe beim Sofa an, die eine Lichtinsel um sie  herum  goss.  Die  schweren  Balken  hingen  dunkel  über  ihnen. Jacob fühlte sich mehr denn je im Bauch eines alten  Segelschiffs. Auf  hoher  See,  ohne  zu wissen, wohin  die  Reise ging.  Die Stimmung wurde wieder ernst. Daan musterte  Jacob  auf  eine  taxierende Art,  die  den Altersunterschied  zwi‐ schen ihnen herausstrich.  Obwohl  Jacob  merkte,  wie  er  wieder  ins  Schwimmen  geriet,  guckte  er  unverwandt  zurück,  wobei  der Wein  sicherlich half.   150 , Schließlich  begann  Daan:  »Also  erzähl  ich  dir’s  jetzt.  Okay?«   »Okay.«  »Du weißt, dass Geertrui krank ist.«   Jacob nickte.  »Aber nicht einfach nur krank. Sie hat Magenkrebs.«   Er  hielt  inne,  wartete  auf  eine  Reaktion.  Jacob  konnte  nichts  sagen,  nur  schlucken,  wobei  er  die  Bewegung  seines  Adamsapfels  spürte,  als  steckte  ihm  ein  scharf‐ kantiger Stein  in der Kehle, und sein Magen sich zusam‐ menkrampfte, als hätte ihn das bloße Wort infiziert.  »Unheilbar«,  fuhr Daan  fort. »Und sehr schmerzhaft. Oft  schmerzhafter,  als  ein  Mensch  ertragen  kann.  Immer  öfter.«   Jacob zwang sich zu einem »Wie schrecklich«.   »Sie  tun  ihr Bestes mit Drogen. Aber  inzwischen genügt  das  nicht  mehr.  Manchmal  habe  ich  das  Gefühl,  der  Schmerz  frisst  die  Drogen,  nährt  sich  davon  und wird  immer stärker.«   Jacob musste sein Glas abstellen, brachte aber heraus: »Ir‐ gendwas können sie doch bestimmt tun.«   Daan schüttelte den Kopf. »Sie ist im Endstadium.«   »Du meinst, sie hat nicht mehr lange?«   »Ein paar Wochen. Aber gegen Ende  ist der Schmerz  ...«  Daan  holte  tief  Luft,  als  spürte  er  selbst  ein  plötzliches  Stechen. »Ein Arzt hat mir gesagt, es ist schlimmer als die  schlimmste Folter.«  Jacob versuchte zu begreifen, was das hieß, konnte aber in  seinem Leben  keinen Maßstab  für  einen  solchen Horror  151 , finden. Er sagte, weil etwas gesagt werden musste: »Und  sie können wirklich gar nichts tun ?«  »Niets. Nicht viel.« Daan wandte den Kopf ab, ehe er fort‐ fuhr: »Nur eins.«  Jacob  war  sofort  klar,  was  jetzt  kommen  würde.  Sein  Körper versteifte sich, um sich dagegen zu wappnen, aber  gleichzeitig war es, als ob alle Kraft aus ihm entwich, und  übrig blieb das Gefühl schlaffer Schwäche  in einem star‐ ren Panzer. Daan hielt nicht inne, sondern sprach weiter,  mit der  unerbittlichen Konsequenz  eines Menschen, der  das Unausweichliche aussprechen muss.  »Sie können  ihr Sterbehilfe  leisten. Und Geertrui will es.  Sie werden es tun. Es ist beschlossen. Verstehst du?«   Jacob nickte. »Euthanasie.« Und setzte hinzu: »Wir haben  in  der  Schule  drüber  diskutiert.«  Und merkte  noch  im  Sprechen, wie banal es klang.   »Und was wurde da gesagt?«  »Die meisten Leute waren dagegen. Sie haben gesagt, es  sei eine Sünde wider das Leben. Und es würde dazu füh‐ ren, dass Leute, die Macht haben,  jeden  beseitigen  kön‐ nen, der ihnen nicht passt.«  »Wie Hitler und die Nazis in Deutschland.«   »Ja, und nicht nur die. Stalin war auf seine Art auch nicht  besser. Pol Pot. Heute leben wir länger und es gibt immer  mehr sehr alte Menschen. Wir kriegen ständig zu hören,  was  ihr Unterhalt  kostet. Und wenn  Euthanasie  erlaubt  wäre ...«   »Diese ganzen Argumente gab es bei uns hier in Holland  auch. Und du, warst du auch dieser Meinung?«   152 , »In dem Punkt ja. Aber ...«   »Aber?«  »Aber manche Leute haben gesagt, jeder müsse das Recht  haben,  in Würde  zu  sterben.  Selbst  über  seinen  Tod  zu  entscheiden. Wir hätten nicht drum gebeten, geboren zu  werden,  haben  sie  gesagt,  aber wir müssten wenigstens  bei  unserem  Tod  ein Wörtchen mitzureden  haben.  Vor  allem, wenn –na  ja, nichts mehr richtig  funktioniert. Das  sei Teil der persönlichen Freiheit.«   »Und du? Was meinst du?«  »Ich  bin  damit  einverstanden. Was  den  würdigen  Tod  und das Mitspracherecht angeht.« Er sah Daan emotions‐ los an. »Aber als Außenstehender hat man gut reden.«   Daan trank seinen Wein aus. »Hier ist es erlaubt, solange  es  nach  Vorschrift  läuft.  Die  Krankheit  muss  im  End‐ stadium sein und extreme Schmerzen verursachen. Ist bei  Geertrui der Fall. Zwei Ärzte müssen zustimmen. Haben  sie getan. Ein unabhängiger Arzt muss den Fall offiziell  prüfen und ebenfalls zustimmen.  Ist passiert. Die nächs‐ ten Angehörigen müssen gefragt werden und zustimmen.  Haben wir  getan. Aber  es war  nicht  leicht. Mein Vater  und ich können es akzeptieren. Aber Tessel war total da‐ gegen.  Nicht  auf  der  rationalen  Ebene.  Aber  gefühls‐ mäßig. Sie findet es einfach schrecklich. Sie und ich – wir  haben  uns  deswegen  böse  gestritten.  Wir  haben  uns  schreckliche Dinge  an den Kopf  geworfen.  Sie hat mich  beschuldigt,  ich wolle Geertrui nur aus dem Weg haben,  damit ich an das Geld aus dem Verkauf dieser Wohnung  käme, die mir Geertrui in ihrem Testament vermacht hat.  153 , Ich habe ihr vorgeworfen, sie wolle Geertrui leiden sehen,  weil... na ja, wegen Dingen in der Familiengeschichte. Ich  schätze,  in  solchen  Situationen  werfen  die  Leute  sich  unverzeihliche Dinge  an den Kopf. Wir haben versucht,  es wieder auszubügeln. Aber es tut immer noch weh. Ich  glaube, dass das der Grund ist, warum Tessel es dir selbst  sagen wollte. Sie will es dir auf ihre Weise erklären. Und  auch  der Grund, warum  sie  dir  gestern meine Adresse  nicht  gegeben  hat.«  Er  goss  sich Wein  nach  und  setzte  sich bequemer hin. »Na  ja,  jedenfalls, Tessel ist diejenige,  die am meisten mit Geertrui zusammen ist und ihr Leiden  mit  ansehen  muss,  was  sie  fix  und  fertig  macht.  Und  Geertrui hat auf sie eingeredet und gebettelt und gefleht  und nicht  lockergelassen, bis Tessel  schließlich akzeptie‐ ren musste, dass das zählt, was Geertrui will, egal wie sie  selbst dazu steht.«  Schweigen. Jacobs Mund war trocken. Als er nach seinem  Glas  griff, musste  er  es mit  beiden Händen  halten. Die  kalte,  sprudelige  Flüssigkeit  schockte  seine  Speiseröhre  und  löschte das Brennen  in  seinem Magen. Er  sah Daan  an,  der  ihn  vom  Sofa  aus  beobachtete. Durchdringende  blaue Augen, hübsch,  fragend,  forschend.  Immer wieder  hatte Jacob Daan dabei ertappt, wie er ihn auf diese Weise  musterte. Warum? Wonach forschte er? Wollte er irgend‐ was?   Jacob  rieb  sich  die  feuchte  Stirn mit  Fingern,  die  noch  kühl von seinem Glas waren.  »In neun Tagen«, sagte Daan. »Übernächsten Montag.«   Diese Ankündigung  traf  Jacob wie ein Schlag. Er konnte  154 , nichts sagen, nicht mal, dass er nicht wusste, was er sagen  sollte.  Stattdessen  stiegen  ihm,  unwillkürlich  und  unerwartet,  Tränen  in die Augen, bis  sie überquollen und  ihm über  die Wangen rannen und vom Kinn auf seine Brust tropf‐ ten. Er machte keinen Versuch, sie zu unterdrücken oder  wegzuwischen.  Er  schluchzte  nicht,  atmete  nicht  stoß‐ weise, schniefte nicht, machte gar kein Geräusch, sondern  saß einfach nur still auf seinem Stuhl und starrte gerade‐ aus,  in  das Dunkel,  das  das  andere  Ende  des  Zimmers  verschluckte. Das  vertraute,  verhasste Gefühl  –  ein  un‐ fähiger,  stoffeliger,  idiotischer  Trottel  zu  sein  –  flutete  durch  ihn  hindurch,  aber  ausnahmsweise  kümmerte  er  sich  gar  nicht  darum.  Der  Maustraum  flackerte  durch  seinen Kopf. Dann dachte er an Anne Frank und  seinen  Gang durch  ihr Haus  – nein, nicht Haus, Museum  –  an  diesem Vormittag. Und  jetzt das und diese Tränen. Und  all diese Dinge hingen irgendwie miteinander zusammen.  Nach einer Weile sagte Daan ruhig, aber mit einer gewis‐ sen Härte:  »Weine nicht wegen Geertrui. Das würde  sie  nicht wollen.«  »Tue  ich gar nicht«, sagte  Jacob und die Erkenntnis kam  ihm beim Sprechen.  »Warum dann?«  »Weil ich lebe«, sagte Jacob.  155 , GEERTRUI    Ich bedaure bis heute, dass Dirk den deutschen Soldaten  getötet hat. Während wir uns durch den Ort  arbeiteten,  von Haus zu Haus, von Straße zu Straße und von Baum  zu Baum  im Park hinter dem Hotel Hartenstein, betäubt  vom Donnern der britischen Geschütze, die die deutschen  Stellungen mit Granatfeuer belegten, und durchnässt vom  eisigen  Regen,  da  betete  ich  –  denn  damals  betete  ich   noch –, dass niemand umkäme. Nicht mein Bruder Henk,  nicht unser Freund Dirk, nicht unser britischer Verbünde‐ ter  Jacob, nicht  ich,  aber  auch  kein deutscher  Soldat. Es  hatte genug Tote gegeben.  Ich hasste diese ganze Grau‐ samkeit. Sie war wie ein Gift, das sich in uns ausgebreitet  hatte und unsere Seelen zerfraß.  Wir waren schon  fast entkommen, als es passierte. Henk  und Dirk waren von frühester Kindheit an Freunde gewe‐ sen. Sie hatten überall in dieser Gegend gespielt, waren so  oft  auf  so  vielen  verschiedenen Wegen  vom  Haus  des  einen  zu  dem  des  anderen  gelaufen  und  geradelt.  Sie  kannten  jeden  Millimeter  Boden  dazwischen.  Deshalb  waren wir so zuversichtlich, dass es uns auch im Dunkeln  und bei diesem schrecklichen Wetter gelingen würde, den  Weg zu  finden und die Deutschen zu umgehen, die nur  verstreut  in  dem  Waldstück  am  westlichen  Rand  des  157 , Kessels  lagen. Wir glaubten es  schon geschafft zu haben  und entspannten uns gerade ein bisschen, als sich plötz‐ lich vor uns etwas aus dem Erdboden erhob.   Ich  glaube  nicht,  dass  er  uns  gesehen  hatte.  Vielleicht  stand er einfach nur auf, um seine schmerzenden Glieder  zu strecken oder eine andere Position in seinem unbeque‐ men  Splittergraben  einzunehmen. Wie  auch  immer,  ich  glaube, er war überraschter als wir. Und das rettete uns.  Denn zum Glück zögerte er einen Moment. Jacob hielt das  Gewehr schussbereit wie schon die ganze Zeit seit unse‐ rem Aufbruch. Doch nach einer guten Stunde  in unserer  Gartenschubkarre war sein geschwächter Körper steif von  der Kälte und dem Regen. Er schaffte es anzulegen, aber  seine Finger waren so starr, dass er mit dem Abzug nicht  zurechtkam. Während er sich noch mühte, kam der Deut‐ sche  zur  Besinnung  und  riss  die  Waffe  hoch.  In  dem  Moment ließ Henk die Schubkarre los, warf sich auf mich  und begrub mich unter sich, um mich zu schützen. Des‐ halb  sah  ich  nicht,  was  dann  passierte,  hörte  nur  die  Schüsse aus Jacobs Gewehr. Als es vorbei war, erfuhr ich,  dass  in dem Moment,  als Henk  sich  auf mich geworfen  hatte,  Dirk  Jacob  die  Waffe  entrissen,  angelegt,  abge‐ drückt,  den  Deutschen  ins  Gesicht  getroffen  und  ihn  sofort  getötet  hatte. Als  Bauernsohn war Dirk  den Um‐ gang  mit  Schusswaffen  gewöhnt,  aber  so  etwas  wie  Jacobs halb automatisches englisches Sturmgewehr hatte  er noch nie in der Hand gehabt. Was er tat, tat er aus der  Not des Augenblicks, instinktiv. So wie es Henks Bruder‐ instinkt war, mich  zu  Boden  zu  reißen  und mit  seinem  158 , eigenen  Körper  zu  schützen.  Es war  unser Glück,  dass  uns der Deutsche nicht gesehen hatte, ehe er aufstand. Es  war unser Glück, dass Dirk  so  schnell  reagierte. Es war  unser Glück, dass Jacobs Waffe schußbereit war und dass  sie trotz der Bedingungen richtig funktionierte. Wie so oft  in  solchen  Situationen und vor  allem  im Krieg, war der  Ausgang  eine  Sache  des  Glücks.  Er  hatte  nichts  mit  Heroismus  zu  tun,  soweit Heroismus  rationales Denken  voraussetzt, denn  zum Denken war keine Zeit. Nur mit  der  irrationalen,  willkürlichen,  ungerechten  Natur  des  Glücks.   Mir war, als würde ich im selben Moment, da Henk mich  zu Boden  riss,  auch  schon wieder  auf die  Füße  gezerrt,  und  wir  rannten,  so  schnell  es  die  Schubkarre  zuließ,  durch den Wald, weg  von dem Geschützfeuer und den  Granatexplosionen und dem toten Soldaten und weg von  eventuellen anderen Deutschen, die sich womöglich ganz  in der Nähe auf den Grund ihrer Splittergräben pressten.  Da  es die Granaten unserer Verbündeten waren, die  sie  dazu zwangen, war es wohl eine weitere Portion Glück,  dass wir nicht durch das umkamen, was Militärs heutzu‐ tage so nett »freundliches Feuer« nennen. (Wird das denn  nie  ein  Ende  haben,  dieser  zynische  Sprachmissbrauch  durch die Mächtigen.)    Als wir gegen drei Uhr morgens endlich den Bauernhof  erreichten,  empfingen  uns  Herr  und  Frau  Wesseling  keineswegs  so herzlich, wie man vielleicht hätte denken  können. Natürlich waren  sie  froh,  ihren  Sohn  lebendig  159 , und  heil wiederzusehen. Aber  sie waren  strikt  dagegen  gewesen,  dass  er  loslief,  um  den  Briten  zu  helfen,  und  gaben Henk die  Schuld, weil  sie  glaubten, dass  er Dirk  dazu  überredet  hatte.  Gerechtigkeitshalber  muss  ich  sagen,  ich  kann  es  ihnen  nicht  verübeln.  Dirk  war  ihr  einziges Kind.  Seine Mutter war vor Angst völlig  außer  sich gewesen.  Jetzt kam er mitten  in der Nacht von dem  zurück, was sein Vater ein »idiotisches Heldenstückchen«  nannte, und brachte nicht nur den Freund, der bei  ihnen  so schlecht angeschrieben war, und dessen Schwester mit,  sondern auch noch einen verwundeten britischen Solda‐ ten, der  sich  nicht  selbst  versorgen  konnte  und der das  Todesurteil  für  uns  alle  bedeutete, wenn  ihn  die Deut‐ schen bei uns fanden. Unter diesen Umständen war wohl  nicht  zu  erwarten,  dass  sie  uns  überglücklich  begrüßen  würden.  Jacob  war  in  einer  erbärmlichen  Verfassung,  fast  ohn‐ mächtig  und  schmerzgepeinigt.  Wir  brachten  ihn  ins  Haus, säuberten ihn, zogen ihm statt seiner klatschnassen  Kleidung  Sachen  von  Dirk  an,  die  ihm  hervorragend  passten, da beide etwa gleich groß waren. Dann wuschen  wir  uns, Henk, Dirk  und  ich,  und  zogen  uns  ebenfalls  trockene  Sachen  an.  Bei  all  dem  wurde  nicht  viel  ge‐ sprochen. Die Wesselings waren brave, handfeste Bauers‐ leute, die  für Aufregung und Gefühlausbrüche nicht viel  übrig hatten und auf eine solche Krisensituation reagier‐ ten,  indem  sie  ruhig und effizient  taten, was getan wer‐ den musste, um möglichst  schnell  zu  einem  geordneten  Alltagsleben zurückzufinden, ganz egal, wie sie innerlich  160 , dazu standen, dass wir ihnen solche Schwierigkeiten ver‐ ursachten.  Sobald  wir  alle  so  weit  waren,  gingen  Herr  und  Frau  Wesseling  mit  Henk  und  Dirk  und  einem  Tablett  voll  Essen  in  die  gute  Stube,  um  die  Situation  zu  erörtern,  während es mir überlassen blieb, mich um Jacob zu küm‐ mern. Gemeinsam  saßen wir  am Küchenherd  und  aßen  wunderbar  frisches  Brot  und  Erbsensuppe,  die  ich  ihm  einflößen  musste,  weil  seine  Hände  noch  nicht  wieder  beweglich genug waren, um einen Löffel zu handhaben.  Nach den Entbehrungen der  letzten Tage schien das der  Himmel.  Wieder  im  Warmen  und  Trockenen  zu  sein,  wieder  etwas  Anständiges  zu  essen  zu  haben,  außer  Gefahr zu sein, weg vom Donner der Geschütze und vom  Krachen  der Granaten,  in  einem  sauberen,  ordentlichen  Haus mit all seinen beruhigenden Gegenständen, Geräu‐ schen  und Gerüchen  – das war der Himmel. Aber  kein  Himmel, den ich uneingeschränkt genießen konnte. Denn  ich musste an Mutter und Vater denken, die noch immer  in der Hölle gefangen saßen, der wir gerade entkommen  waren,  denen  noch  immer  unabsehbare Gefahren  droh‐ ten, sobald sie durch den Abzug der Briten dem Zorn der  Deutschen  preisgegeben waren.  Ich  betete  für  sie, wäh‐ rend ich mich zurücklehnte und ins Feuer starrte.  Was  das  Letzte  ist,  woran  ich  mich  erinnere,  bis  ich  Stunden  später  von Henk  geweckt wurde. Der Himmel  war  zu  viel  für mich  gewesen. Nach  all  den  Tagen  der  Angst  und  der  Erschöpfung,  der  nachzugeben  ich  mir  nicht erlaubt hatte,  ließen mich Essen, Wärme, Sicherheit  161 , und die beruhigende Stille in einen so tiefen Schlaf fallen,  dass  ich gar nicht mitgekriegt hatte, wie die Wesselings  und Henk  in die Küche zurückgekehrt waren, Jacob und  mich  dort  wie  tot  vorgefunden  hatten  und  zu  dem  Schluss  gekommen  waren,  dass  es  am  besten  sei,  uns  einfach  bis  zum Morgen  dort  zu  lassen. Herr  und  Frau  Wesseling waren  ins Bett gegangen. Den Rest der Nacht  hatte erst Dirk, dann Henk oben Wache gehalten und aus  den Fenstern nach nahenden Deutschen ausgespäht. Erst  als die Familie sich für ihr Tagwerk bereitmachte, weckte  mich Henk mit Kaffee und erzählte mir, was sie beschlos‐ sen hatten.  Du weißt wohl nicht, wie  ein holländisches Bauernhaus  damals  aussah,  also muss  ich  es  dir  erklären, wenn  du  verstehen sollst, wie wir die nächsten Wochen lebten und  was in dieser Zeit passierte.  Wie  auf  den meisten  Bauernhöfen  bei  uns, war  an  das  Wohnhaus der Wesselings ein großer Kuhstall angebaut.  Jedes  Gebäude  hatte  einen  eigenen  Eingang,  aber man  kam auch innen vom einen ins andere, durch eine Verbin‐ dungstür in der Milchkammer, die praktisch war, um die  Milch  ins  Wohnhaus  zu  bringen.  Im  Kuhstall  standen  mindestens  zwanzig  Kühe,  die  zu  beiden  Seiten  aufge‐ reiht waren,  jede  in einem eigenen Stand, mit dem Kopf  zum  Futtertrog  und  dem  Schwanz  über  einer Kotrinne,  und  dazu  noch  einen Mittelgang,  breit  genug  für  einen  Heuwagen,  der  durch  ein  großes  Tor  an  der  Stirnseite  hereinfahren  konnte.  Über  den  Kühen,  unter  dem  ge‐ wölbten  Dach,  lief  ein  galerieartiger  Heuboden  rings‐ 162 , herum, wo  das Heu  und  nicht  benötigte  Gerätschaften  lagerten. Dort hinauf kam man über  eine Leiter, die bei  den Wesselings mit der obersten Sprosse am Heuboden‐ rand  festgebunden  war,  während  von  der  untersten  Sprosse  ein Seil über  eine Laufrolle  an  einem der Dach‐ balken lief, damit man die Leiter, wenn sie nicht benötigt  wurde, unters Dach hochziehen konnte.  In der Zeit, ehe die Briten gekommen waren, hatten Dirk  und Henk auf dem Heuboden ein Versteck gebaut. Zuerst  hatten  sie Wände  aus  altem  Kistenholz  errichtet.  Dann  hatten  sie  Heuballen  an  diesen Wänden  aufgeschichtet  und  loses Heu darüber gehäuft.  In den übrigen Heubo‐ denecken  hatten  sie  ähnliche  Heuhaufen  aufgetürmt,  damit  es nicht  auffiel. Um  in das Versteck  zu gelangen,  musste man  loses Heu  beiseite  forken  und  dann  genau  wissen, welche Ballen  es wegzuziehen galt, um die Öff‐ nung  in  der  Holzwand  freizulegen.  Wenn  man  sich  auskannte,  kam  man  schnell  und  leicht  hinein  und  heraus.  Natürlich  rechneten  die  Deutschen  damit,  dass  sich Leute im Heu versteckten, aber wenn sie nicht gerade  besonders misstrauisch  waren  oder  einen  Tipp  bekom‐ men hatten,  stocherten  sie nur mit  einer Heugabel  oder  einem Bajonett  herum und  nahmen  sich  selten die Zeit,  einen  ganzen  Heuhaufen  auseinander  zu  nehmen.  Das  war zu viel Aufwand – und harte Arbeit.  Drinnen  im  Versteck  war  Platz  für  zwei  übereinander  angeordnete Pritschen, ein Tischchen mit zwei Melksche‐ meln als Sitzgelegenheiten und einem Regal aus aufeinan‐ der  gestellten Apfelsinenkisten,  bestückt mit Lebensmit‐ 163 , teln und etwas zu trinken, wichtigen Utensilien wie Mes‐ sern  und  Gabeln,  Tellern  und  Bechern,  Ersatzkleidern,  Büchern,  einem  Schachspiel  –  allem, was  sie  brauchten,  um  es  ein,  zwei Tage dort drinnen  auszuhalten. Es  gab  sogar ein Behelfsklo mit fest schließendem Deckel. In der  Dachschräge,  knapp  über  Kopfhöhe,  war  eine  Fenster‐ luke, die frische Luft hereinließ und durch die man, wenn  man sich auf einen der Melkschemel stellte, das Gelände  auf der Vorderseite des Hauses überblicken konnte. Eine  gemütliche kleine Höhle. Sie gefiel  ihnen so gut, dass sie  meiner  Meinung  nach  sogar  lieber  dort  waren  als  im  Haus. Werden Jungen jemals erwachsen?   Natürlich wurde  von  ihnen  erwartet,  dass  sie  für  ihren  Unterhalt  arbeiteten.  Die  Wesselings  hatten  alle  ihre  Arbeitskräfte verloren. Es gab viel mehr zu  tun, als Herr  Wesseling  allein  schaffen  konnte. Also  kümmerten  sich  Dirk und Henk um die Kühe, melkten und  fütterten  sie  und misteten  den  Stall  aus, was  alles  drinnen  geschah  und  sie  nicht  der  Gefahr  aussetzte,  von  irgendeinem  Vorbeikommenden entdeckt zu werden. Sie drehten auch  die  Schleudertrommel  in  der  Milchkammer,  die  den  Rahm von der Milch trennte, damit er zu Butter verarbei‐ tet  werden  konnte.  Sie  fütterten  die  Pferde,  Schweine,  Hühner  und  misteten  auch  deren  Ställe  aus. Wenn  es  ungefährlich schien, besserten sie kaputte Entwässerungs‐ rohre aus und machten, was immer Herr Wesseling ihnen  auftrug. Ein Teil des Wohnhauses und der Nebengebäude  war  von  einer  Baumhecke  geschützt,  die  die  Funktion  hatte, den über das freie Feld fegenden Wind zu brechen.  164 , Daher war  es  relativ  sicher  für  sie,  auf  dieser  Seite  der  Gebäude zu arbeiten, solange einer von  ihnen aufpasste.  Ein  langer  Fahrweg  führte  von  der  Straße  durch  die  Wiesen  und  Felder  zum  Haus.  Wenn  man  jemanden  kommen sah, blieb Henk und Dirk genügend Zeit, um in  den Kuhstall zu rennen und in ihr Versteck zu schlüpfen.  Doch für den Fall, dass uns jemand überraschte, hatten sie  sich Schlupflöcher in alle Nebengebäude geschaffen. »Wir  sind wie Ratten«,  sagte Henk  einmal zu mir, als  ich  sie,  noch  vor  der  Ankunft  der  Briten,  dort  besuchte.  »Und  genauso  schwer  zu  fangen!«,  sagte  Dirk.  Sie  grinsten  beide, als hätten  sie  ihren Spaß, was wohl auch der Fall  war. Wieder die Buben, die der Autorität trotzten.  Gefahr drohte nicht nur von Kommandos der Deutschen,  die mit einer offiziellen Durchsuchungserlaubnis kamen,  sondern  auch von  einzelnen  Soldaten und Zweier‐  oder  Dreiergrüppchen,  die  in  ihrer  Freizeit  herumzogen,  auf  der  Jagd nach Lebensmitteln oder nach Delikatessen, die  sie in den umliegenden Städten nicht kaufen konnten. Es  war  ihnen streng verboten, allein umherzuziehen. Daher  waren  sie  von  erlesener Höflichkeit  und  Freundlichkeit,  denn sie wussten, wenn sich der Bauer bei  ihren Offizie‐ ren  beschwerte,  säßen  sie  in  der  Tinte.  Sie wollten  vor  allem  Frau Wesselings  hausgemachte Wurst  und  ihren  jungen  Käse,  aber  auch  Eier  und  Butter  und  Obst.  Sie  zahlten  gut  oder  boten  im  Tausch  Uhren  und  andere  Gegenstände  an,  von  denen  sie meinten,  dass  sie  einen  Bauern oder eine Bäuerin reizen könnten. Diese ungebete‐ nen  Besucher  waren  leicht  zu  handhaben,  aber  es  war  165 , wichtig, dass sie nichts Verdächtiges sahen, was sie ihren  Vorgesetzten  melden  könnten,  die  dann  garantiert  mit  einem  Durchsuchungskommando  wiederkommen  wür‐ den. Oder was  sie,  schlimmer noch,  als Druckmittel  be‐ nutzen könnten, um den Bauern  zu  erpressen,  ihnen  zu  geben, was immer sie wollten, sooft sie vorbeizukommen  geruhten.  Denn wer wusste  schon,  ob  sie  nicht  nur  so  taten, als seien sie gewöhnliche Soldaten, die in ihrer Frei‐ zeit auf der Suche nach Essbarem waren,  in Wirklichkeit  aber  Jagd  auf  Widerständler  machten.  Und  besonders  verdächtig  wäre  es  natürlich  gewesen, wenn  sich  zwei  kräftige  junge Männer  auf dem Grundstück  zu  schaffen  machten  oder  irgendetwas  darauf  hindeutete,  dass  auf  diesem  Hof  mehr  Menschen  waren  als  offiziell  dort  lebten.  Es  kamen  nicht  nur  deutsche  Soldaten  vorbei.  Auch  Holländer  aus  den  Städten,  wo  Nahrungsmittel  und  Brennstoff knapp waren, kamen und flehten um Hilfe. In  den Monaten nach der Schlacht, im Hungerwinter, als die  Lage so verzweifelt wurde, dass selbst die Deutschen Pro‐ bleme hatten, kamen so viele Leute den Fahrweg entlang‐ getrottet,  dass wir  uns  schon  fast  gegen  sie  verteidigen  mussten. Und  obwohl das unsere  eigenen Leute waren,  wagten wir doch nicht,  ihnen zu trauen. Jeder von  ihnen  konnte  Mitglied  der  NSB  sein  –  Nationaal  Socialistische  Beweging, die holländische Nazipartei,  jener  Schandfleck  unserer  Geschichte,  den  wir  so  gern  vergessen  wollen  und doch nie  vergessen dürfen, weil  er uns daran  erin‐ nert, was, wenn wir nicht wachsam sind, aus  jedem von  166 , uns werden  kann. Diese Leute  hätten  uns  verraten,  aus  ideologischem  Fanatismus  –  diese  ewige  Geißel  der  Menschheit.  Doch  die  anderen,  die  Mehrheit  unseres  Volkes,  das  sich  so  gern  als  das  ehrlichste  der  Welt   sieht? – Wenn Menschen verzweifelt sind,  tun sie Dinge,  die  sie  in  besseren Zeiten  nie  tun würden. Es  ist  leicht,  solches  Verhalten  zu  verdammen,  aber  nur, wenn man  nie in einer solchen Situation war.    Das also war unsere Situation an jenem Dienstag, dem 26.  September 1944. Bei ihrem nächtlichen Overleg waren die  Wesselings zu dem Beschluss gelangt, dass  ich bei  ihnen  im  Haus  bleiben  könne.  Wenn  jemand  fragen  würde,  ließe sich  leicht erklären,  ich sei eine Freundin der Fami‐ lie, die gerade zu Besuch gewesen sei, als die Kämpfe mit  den  Briten  begonnen  hätten,  weshalb  ich  nicht  nach  Oosterbeek hätte zurückkehren können. Meine Ausweis‐ papiere waren  in Ordnung. Wir befanden  alle, dass das  eine  überzeugende  Geschichte  sei.  Dirk  und  Henk  würden es halten wie zuvor, auf dem Hof arbeiten und in  ihrem Versteck schlafen.   Das Problem war Jacob.  Er war schwach, krank, außerstande, sich auf den Beinen  zu  halten,  von  Gehen  ganz  zu  schweigen,  und  ihn  im  Versteck der  Jungen  zu pflegen, wäre  für  alle  schwierig  gewesen.  Das Wichtigste war,  ihn möglichst  schnell  so  weit hochzupäppeln, dass er sich aus eigener Kraft bewe‐ gen konnte. Das ging am besten, wenn er in einem richti‐ gen  Bett  im Haus  liegen  konnte, wo  er  es wärmer  und  167 , komfortabler  hatte.  Obwohl  Herr  und  Frau  Wesseling  wegen  des  Risikos  gar  nicht  glücklich  damit  waren,  erlaubten  sie  doch,  dass  er  für  ein  paar  Tage  in  einem  ihrer Zimmer blieb. Wir mussten einfach hoffen, dass die  Deutschen mit den Nachwehen der Schlacht zu beschäf‐ tigt  waren,  um  sich  die  Mühe  zu  machen,  einen  ver‐ gleichsweise  abgelegenen  Bauernhof  zu  durchforschen  oder auch nur aufzusuchen.  Aber Frau Wesseling machte uns – und vor allem mir –  klar,  dass  Jacob  meine  Sache war,  seine  gesamte  Pflege  und  Versorgung,  das  ganze  nötige  Treppauf,  Treppab,  zusätzlich  zur  Mithilfe  im  Haushalt,  die  sie  von  mir  erwartete. Sie habe genug damit zu tun, sagte sie, uns alle  zu versorgen, auch ohne gleichzeitig noch einen Verwun‐ deten  zu  betreuen. Und  außerdem,  erklärte  sie,  spreche  sie seine Sprache nicht.   Ich  protestierte  nicht  und  erhob  keine  Einwände.  Ich  hätte, erklärte ich, Jacob schon zu Hause übernommen, es  sei meine Entscheidung gewesen, ihn mit hierher zu brin‐ gen, ich wisse, dass ich für ihn verantwortlich sei.   Frau Wesseling war  eine  resolute,  ja, man  kann  sagen,  strenge  Frau,  und  sie war  fest  entschlossen,  den  Deut‐ schen keinen Anlass zu liefern, ihre Familie oder ihr Heim  anzutasten, wobei  ich  sagen muss, dass  sie  sich  beidem  mit ganzer Kraft widmete. Aber die Forderungen, die sie  an mich stellte, hatten noch andere Gründe.  Wir alle wussten um Dirks Gefühle für mich, er hatte sie  erst  vor  ein paar Wochen  seinen Eltern und mir  gegen‐ über klar genug geäußert. Er hatte  sich  in den Kopf ge‐ 168 , setzt, mich zu heiraten. Ich hatte ihn in dieser Hinsicht nie  ermutigt.  Nicht,  weil  ich  ihn  nicht  gemocht  hätte.  Oh  nein. Er war ein gut aussehender  junger Mann und einer  der gutherzigsten, rücksichtsvollsten Menschen, die ich je  gekannt habe. Aber ich liebte ihn nicht so, wie ich damals  dachte, dass man einen Menschen  lieben müsse, um  ihn  zu heiraten. Und außerdem wusste ich, dass Frau Wesse‐ ling in mir nicht die richtige Frau für ihren einzigen Sohn  sah.  Ich wusste  es, weil  sie  es mir  eines  Tages,  als wir  allein  waren,  ziemlich  unverblümt  gesagt  hatte.  Dirk,  sagte  sie,  sei  ein Bauernsohn. Er werde  eines Tages den  Hof übernehmen, der seit Generationen im Familienbesitz  sei.  Er  brauche  eine  Frau,  die  in  der  Landwirtschaft  aufgewachsen  sei. Sie habe nichts gegen mich,  ich  sei  ja  »ein ganz nettes Mädchen«, aber ich sei aus der Stadt und  ein  leichtes,  bequemes,  gutbürgerliches  Leben  gewöhnt.  Ich wisse nichts vom Landleben und von der harten Ar‐ beit einer Bauersfrau. »Wenn man ein Pferd nicht zurich‐ tet,  solange  es  jung  ist«,  sagte  sie,  »taugt  es  nicht  zur  Arbeit, wenn es älter  ist. Und«, setzte sie hinzu, »bei dir  ist  es  schon  zu  spät.«  Selbst  wenn  ich  mich  bemühen  würde, mich an dieses Leben anzupassen, würde ich doch  nie glücklich werden. Und wenn  ich als seine Frau nicht  glücklich wäre, wäre  es  ihr  Sohn  als mein Mann  auch  nicht. Er sei im Moment in mich verschossen, fuhr sie fort,  aber er sei noch so  jung, das werde sich legen, und dann  werde er zur Vernunft kommen. »Also, egal, wie du dazu  stehst,  Mädchen,  ich  wäre  dir  dankbar,  wenn  du  die  Finger davon lässt.«   169 , Ich widersprach nicht.  Ich hatte nicht die Absicht, Dirk zu heiraten. Und wie so  viele Menschen, die selbst, wie sie es nannte, »kein Blatt  vor  den  Mund  nehmen«,  hatte  es  Frau Wesseling  gar  nicht gern, wenn man den Spieß umdrehte. Deshalb ent‐ schloss  ich  mich,  obwohl  ich  ihr  gern  ein  paar  offene  Worte gesagt hätte,  lieber zu schweigen, als einen Bruch  zu provozieren, der nicht nur Henks und Dirks Freund‐ schaft  gefährdet  hätte,  sondern  auch  Dirks  und meine,  denn er war mir ein Freund, und zwar ein guter. Und ich  nahm es Frau Wesseling auch nicht übel, sie versuchte  ja  nur, ihren einzigen Sohn davor zu bewahren, einen Fehler  fürs Leben zu machen. Vielleicht, dachte ich, hätte ich das  an  ihrer  Stelle  auch  getan.  Und meine  geliebte Mutter  ebenso. Mütter und Söhne – gibt es eine kämpferischere  Liebe? Ich glaube nicht, es sei denn, die zwischen Vätern  und Töchtern. Der Unterschied, das  ist mir oft  aufgefal‐ len, liegt darin, dass eine Mutter für ihren Sohn gegen die  Welt  kämpft,  während  ein  Vater  darum  kämpft,  seine  Tochter für sich zu behalten.    In  den  ersten  ein,  zwei Wochen  nach  unserer  Ankunft  wurde  mir  allmählich  klar,  dass  Frau  Wesseling  wohl  noch etwas anderes im Sinn hatte als nur, mich von Dirk  fern  zu  halten.  Sie wusste,  so  genau  sie mich  auch  im  Auge behielt und so viel Hausarbeit sie mir auch aufbür‐ dete, gab es doch  für Dirk und mich  immer noch genü‐ gend Gelegenheiten zum Zusammensein und jede Menge  Plätzchen auf dem Hof, wo wir unsichtbar wären, wenn  170 , wir  es  wollten.  Vielleicht  hoffte  sie  ja,  mich  abzu‐ schrecken,  indem  sie mir  demonstrierte, wie  ein  Leben  mit  ihrem  Sohn  aussehen würde. Aber  auch  das  störte  mich nicht weiter.  Ich bin gern beschäftigt,  ich  fürchtete  mich nicht  vor  vuil werk  (Drecksarbeit) und hatte durch  meine Mutter eine gute Schulung in töchterlichem Gehor‐ sam genossen. Obwohl ich zugeben muss, dass mir diese  Schulung durch ein gerüttelt Maß an Humor und Lachen  versüßt  worden  war,  was  in  Frau  Wesselings  Rezept  leider  beides  fehlte.  Die  Ärmste,  bei  ihrer  Erschaffung  hatte  ihr Kalvinistengott offenbar den Humor vergessen.  Ein Missgeschick, das dieser speziellen Gottheit nur zu oft  passierte. Aber selbst das grämte mich nicht weiter.  Ich war  jung. Und wenn man  jung  ist,  ist man nicht  so  leicht zu erschüttern.  Am Abend  unseres  ersten Tages war  alles  so, wie  Frau  Wesseling  es  wollte.  Jacob  lag  auf  einem  Sofa,  warm  zugedeckt und fest schlafend, in einem Zimmer nahe der  Treppe, die in den hinteren Ausgangsflur führte, wo auch  die  Tür  zur Milchkammer  war,  durch  die man  in  den  Kuhstall kam. Wenn  jemand von uns deutsche Soldaten  den Fahrweg entlangkommen sah, würde uns, so hofften  wir,  immer noch genug Zeit bleiben,  ihn  ins Versteck zu  schaffen,  ehe  sie  da waren. Dirk  und Henk  hatten  sich  natürlich  wieder  in  ihrer  Höhle  einquartiert.  Sämtliche  Spuren unserer Ankunft und alles, was darauf hätte hin‐ deuten können, dass  sich  außer Herrn und Frau Wesse‐ ling und mir noch jemand auf dem Hof befand, hatten wir  sorgsam  beseitigt.  Als  alles  getan  und  die  Normalität,  171 , oder  zumindest  das,  was  die  Umstände  an  Normalität  zuließen, wiederhergestellt war, räumten Frau Wesseling  und ich den Abendbrottisch ab und spülten das Geschirr,  ehe wir die Wäsche des Tages wegbügelten, während die  Männer  in  einem der Nebengebäude verschwanden, wo  sich ein versteckter Rundfunkempfänger befand, und die  Nachrichten  auf  Radio  Oranje  hörten,  dem  Londoner  BBC‐Sender in niederländischer Sprache.  Ach,  die  Erinnerung.  Für mich  ist  jetzt  alles  nur  noch  Erinnerung. Erinnerung und  Schmerz. Das ganze Leben  ist Erinnern. Schmerz ist momentan, vergessen, sobald er  weg ist. Aber Erinnerungen leben weiter. Entwickeln sich.  Und verändern sich. Wie die Wolken, die ich durch mein  Fenster  sehen  kann.  Mal  hell  und  bauschig.  Mal  eine  dichte Decke. Mal sturmgejagt. Mal dünn, lang und hoch  am  Himmel.  Mal  tief  hängend,  grau  und  düster.  Und  manchmal sehe ich gar keine, nur das wolkenlose Blau, so  friedlich,  so  unendlich.  So  ersehnt.  Aber  sprechen  wir  nicht vom Tod. Nur von den Wolken.  Immer gleich und  doch nie gleich. Unstet. Unverlässlich. Unvorhersagbar.  Hätte  ich  doch  nur  all  die  Jahre  Tagebuch  geführt. Die  beste  Erinnerung  ist  das,  was  man  in  der  Zeit  selbst  schriftlich  festhält.  Hätte  ich  das  getan,  wie  viel  mehr  könnte  ich  dir  dann  heute  über meine  Tage mit  Jacob  erzählen.  Aber  jetzt  ziehen  die  Wolken  durch  meinen  Kopf, wie es ein unsichtbarer Wind will, und ich bin mir  nicht immer sicher, was in welcher Reihenfolge passierte.  Im  Gegensatz  zu  den  Tagen  der  Schlacht,  die  ich  der  Reihe  nach  vor mir  sehe,  ist  das, was während  unserer  172 , gemeinsamen Zeit auf dem Bauernhof passierte, bis zum  Ende,  eher  wie  eine  Montage,  bei  jedem  Durchlauf  anders.  Ein  paar  Szenen  sind  immer  dabei,  die mir  am  teuersten  sind. Andere  jahrelang  gar  nicht. Und wieder  andere  öfter,  aber  erratisch.  Aber  du,  für  den  dies  der  einzige Durchlauf  sein wird  –? Nun  ja,  ich werde mein  Bestes tun.    Jacob während seiner Genesungszeit  im Wohnhaus mor‐ gens  zu wecken, war  ein  kleines  Ritual,  das  am  ersten  Morgen  entstand.  Er  war  ein  großer  Schläfer  vor  dem  Herrn.  Er  schlafe  gern,  sagte  er,  weil  er  eine  Menge  träume und  seine Träume genieße.  Sie  seien oft wie  ein  wunderschöner Film. Und er schlief tief. Sein Leben lang,  sagte  er,  habe  er  das  Aufstehen  gehasst.  Und  er  war  wirklich schwer wachzukriegen.   Am ersten Morgen wusste  ich das nicht, war aber, nach  allem, was er hinter sich hatte, nicht weiter erstaunt, dass  er so fest schlief. Ich brachte ihm eine Schale Kaffee (eine  Brühe  aus  Ersatzkaffee,  das  Einzige,  was  es  in  dieser  Phase des Krieges noch gab, aber annehmbar, wenn heiß  und mit Honig von Herrn Wesselings Bienen gesüßt). Ich  stand mit dem Kaffee an seinem Bett und sprach ihn mit  seinem  Namen  an.  Nichts,  nur  schweres  Atmen.  Ich  rüttelte an seiner Schulter.  Immer noch kein Zeichen des  Erwachens. Auf  seiner  Stirn  glänzte  Schweiß.  Ich  stellte  die  Schale  auf  seinem Nachttisch  ab und  strich  ihm  ein  paarmal über die Stirn. Er rührte sich  immer noch nicht.  Nicht einmal meine kühle Hand brachte  ihn zu sich.  Ich  173 , setzte  mich  auf  die  Bettkante  und  sagte  leise  seinen  Namen. »Jacob.  Jacob.« Nichts.  Im Schlaf  sah er aus wie  ein  kleiner  Junge.  So  kwetsbaar  –  so  verletzlich  und  unschuldig.  Der  Instinkt,  dieser  biologische  Mechanis‐ mus, der so viel mehr von unserem Handeln steuert, als  wir  sehen wollen,  gab mir  ein,  ihm  etwas  vorzusingen,  wie eine Mutter einem kleinen Kind.   Vader Jakob, vader Jakob,   Slaapt gij nog? Slaapt gij nog?   Alle klokken luiden. Alle klokken luiden.   Bim Bam Bom. Bim Bam Bom.  Aber  auch  das wirkte  keine Wunder. Doch  dann, wäh‐ rend ich den Kanon ein ums andere Mal wiederholte und  ihm mit meiner kühlen Hand über die Stirn strich, gab er  endlich  Lebenszeichen  von  sich.  Seine  Lider  flackerten.  Sein Mund verzog sich zu einem zufriedenen Lächeln. Er  bewegte  sich  unter  der  Decke.  Und  schließlich  gingen  seine Augen auf und sahen direkt in meine.  Ich  sang das Liedchen  zu Ende, und  für  einen Moment  schwiegen wir beide. Bis Jacob sagte:   Kämm mich zart und streichle mich,   dann gibt es Zuckerbrot für dich.   »Was?«, sagte ich, da ich kein Wort verstanden hatte.   Aber er grinste nur und sagte: »Engel Maria, Sie erretten  mich schon wieder.«  »Diesmal nur aus dem Schlaf«, sagte ich. »Gott sei Dank.«   »Wenn  es Gott  zu  danken  gälte«,  sagte  er,  »wären wir  nicht hier.«  »Sie  sprechen  schon wieder  in Rätseln«,  sagte  ich. »Was  174 , meinen Sie?«   »Nichts«, sagte er.  »Hier«,  sagte  ich,  nahm die  Schale  vom Nachttisch und  hielt  sie  ihm an die Lippen. »Trinken Sie das. Wenn Sie  etwas davon kuriert, nichtige Dinge zu sagen, dann das.«   Er lachte. Ich auch.  Und  das wurde  unser Morgenritual.  Das  Aufwachlied‐ chen  und  meine  tröstende  Hand,  der  Austausch  von  Nichtigkeiten, ehe ich ihm half, seinen Kaffee zu trinken.  An manchen Morgen wusste  ich, dass er keineswegs  tief  und fest schlief, aber dennoch so tat, weil er wollte, dass  ich das Ritual vollzog. Es bereitete  ihm Vergnügen. Und  mir auch.   Bis zu dem Morgen, der dieser glücklichen Zeit ein Ende  setzte.  175 , POSTKARTE  Ich denk und vergleiche  Sehe mit fühlendem Aug, fühle mit sehender Hand.  J. W. von Goethe, Römische Elegien    »Hör zu«, sagte Daan, »das war ein harter Tag  für dich.  Du musst was essen. Ich auch. Gleich um die Ecke ist ein  Café, wo ich oft bin. Lass uns da hingehen.«   Daan wurde geschäftig, räumte die leere Flasche und die  Gläser weg.  Jacob  wollte  Nein  sagen,  wollte  allein  sein,  war  aber  plötzlich  so müde  und  ausgelaugt,  dass  er  sich  einfach  von dieser Welle zielgerichteter Energie mitziehen ließ. Es  war entlastend, ja, sogar angenehm, sich Daans Bestimmt‐ heit zu überlassen.   Das kleine Café, in einem schmalen Seitensträßchen voller  Bars und billiger Restaurants, quoll  schon  fast über von  jungen oder doch  relativ  jungen Menschen beiderlei Ge‐ schlechts,  von  denen  die meisten  zu  rauchen  schienen,  denn der Raum war vernebelt vom scharfen Qualm von  Tabak und Haschisch, der  Jacob  in die Nase  biss. Daan  ging voran, blieb zwei‐, dreimal stehen, um  jemanden zu  begrüßen, und  steuerte zu einem Ecktisch, an dem noch  zwei Stühle an einem Fenster zur Straße frei waren. Hier  ließ  er  Jacob  erst mal  sitzen  und  dieser  betrachtete  die  177 , Passanten  draußen,  um  den  Blicken  der  Leute  drinnen  auszuweichen.  Er  versuchte,  einfach  ganz  relaxed  dazusitzen,  inmitten  dieser  lärmenden Gemütlichkeit,  aber  ein  Blick  auf  sein  Spiegelbild  in der  Scheibe  zeigte  ihm  sein  angespanntes  Gesicht. Würde er es je lernen, einfach relaxed und natür‐ lich und er selbst zu sein, wenn er allein an einem öffent‐ lichen Ort war? Aber wer war denn  er  selbst? Und was  hieß »natürlich«? Er wünschte, er wüsste es. Manche Leu‐ te (die meisten?) schienen sich von Geburt an in der Welt  zu Hause zu  fühlen, zu wissen, wer und was  sie waren  und  wo  sie  hingehörten.  Daan  zum  Beispiel.  Aber  er,  dieses Ich, diese Person, die andere Leute Jacob nannten,  hatte  dieses Gefühl  nicht.  Jetzt weniger  denn  je. Als  ob  (wie lange war das jetzt?) dreißig Stunden –nur dreißig! –  in diesem  fremden Land genügt hätten, um  ihn,  so wie  man  eine  Schutzhaut  abpellt, der wenigen Gewissheiten  zu  entkleiden,  die  er  in  Bezug  auf  sich  selbst  zu  haben  geglaubt  hatte,  und  ihn  verwirrt  und  entwurzelt  zu‐ rückzulassen.  Wie die Orientierung wieder finden?  Oder war er einfach nur müde? Oder vielleicht ein biss‐ chen betrunken ?  Nach  einer  Ewigkeit  kam  Daan  zurück,  in  Begleitung  einer  fröhlich  gehetzten,  großbusigen  Bedienung.  Mit  vereinten Kräften transportierten sie Teller mit Pasta und  Salat, ein Brotkörbchen, Weingläser und Handwerkszeug  herbei.   Nachdem  das  Mädchen  alles  schnell  und  sachlich  auf  178 , dem Tisch verteilt hatte, wünschte es  Jacob auf Englisch  guten Appetit.  »Woher wusste sie, dass ich Engländer bin?«, fragte Jacob.   »Weil du so aussiehst«, sagte Daan.   »Bin ich so ein Klischee‐Engländer?«  »Nur, wenn du versuchst, keiner zu sein.«   »Hey, Daan!«  Ein  kräftiger  Typ,  ganz  in  schwarzem  Leder  und  mit  einem  roten Halstuch, arbeitete  sich mit Brustschwimm‐ bewegungen auf sie zu.  Daan  stand  auf.  »Koos!«  Sie  begrüßten  sich  mit  einer  Grisli‐umarmung  und  einem  schnellen  Drillingskuss  –  rechte Wange, linke Wange, wieder rechte Wange –, eine  landestypische  Begrüßungsweise  unter  Freunden,  die  Jacob zuerst mit Erstaunen beobachtet hatte, an die er sich  aber langsam gewöhnte. Der englische Einfach‐Judaskuss,  die Franzosen mit ihrer Doppelversion, die Holländer mit  ihrem Dreierpack. Und man konnte, wie er bemerkt hatte,  die Art der Beziehung daran ablesen, wie nahe die Küsse  dem  Mund  kamen.  Routinebegrüßung:  Die  Lippen  berührten das Gesicht kaum und zielten auf den oberen  Wangenbereich, Richtung Ohr. Freundschaft, platonisch,  aber auf Sympathie beruhend: Die Küsse wurden leicht in  Wangenmitte platziert. Gute Freunde, Familie: Die Küsse  wurden sachte in Mundnähe aufgebracht. Sehr, sehr gute  Freunde, Liebespartner: Die Küsse wurden  voll  auf den  Mundrand  gedrückt. Und wenn  eine  erotische  Kompo‐ nente dabei war, erfolgte der letzte Kuss Mund‐zu‐Mund:  das lebensrettende Siegel der Intimität.   179 , Bis jetzt, dachte Jacob, der schon mal mit seiner Pasta be‐ gann, während Daan und sein Wangemittenkumpel über  ihm auf Niederländisch plauderten, hatte ihm noch nicht  mal  jemand eine Dreiersequenz auf die entlegenste Wan‐ genzone gehaucht, von einem satten Kuss auf die Lippen  ganz zu schweigen.   Er  dachte  daran, wie Anne  in  ihrem  Tagebuch  schrieb,  dass  sie  sich  so  sehr danach  sehnte,  geküsst  zu werden  (wobei er immer gedacht hatte, was für ein Trottel dieser  Peter van Daan sein musste, um es nicht endlich zu  tun)  und  fühlte mit  ihr,  da Küssen  seiner Meinung  nach  zu  den  vergnüglichsten  Tätigkeiten  gehörte.  Aber  wieso,  dachte  er, während  das  Salatöl  seine Zunge  umschmei‐ chelte, war  ein  so  komischer Akt wie  das Aneinander‐ reihen  feuchter  Oralschleimhäute  etwas  so  Erstrebens‐ wertes? Woher kam ein solcher Impuls? Was in aller Welt  konnte das mit Evolution und dem Erfolg der menschli‐ chen  Spezies  im Darwin’schen Überlebenszirkus  zu  tun  haben, dass es so weit verbreitet und beliebt war? Warum  auch immer, er wusste nur, dass er den Mangel spürte. Er  hatte  seit  Monaten  keine  Küssbeziehung  mehr  gehabt.  Und  ehrlich  gesagt,  wäre  ihm  das  im  Moment  lieber  gewesen  als  diese  Pasta mit  Salat,  und  er wünschte,  es  gäbe jemanden, der ihn dessen für würdig befände. Dann  fiel  ihm plötzlich der einmalige,  flüchtige Lippenkontakt  mit Ton ein, und ein wohliger Schauer durchlief ihn.   Und an diesem Punkt verabschiedeten sich Daan und sein  Kumpel  mit  einem  Händedruck  und  Daan  setzte  sich  wieder hin.  180 , »Hab dich nicht vorgestellt«,  sagte Daan. »Koos hatte es  eilig. Wollte mir nur schnell ein paar Sachen erzählen und  wieder gehen.«  »Komischer Name.«   »Komisch?«   »Merkwürdig.«   »Nicht für uns.«  »Oh – klar. Sorry. War nicht böse gemeint.«   »Findest du deinen Namen komisch?«  »Nein.«  »Koos ist die Kurzform von Jacob.«   »Ach?«  »Ja. Und mir erscheint Todd komisch.«   »Warum?«  »Weil es bei uns, im Niederländischen, Lumpen heißt. Du  weißt schon – ein Stofffetzen. Was vermutlich der Grund  dafür ist, dass hier niemand so heißt.«   »Interessant. Aber  früher,  im Mittelalter oder  so, war  in  England ein Tod‐ mit einem d – eine Gewichtseinheit  für  Wolle. Etwa sechzehn Kilo, umgerechnet.«   »Was du alles weißt.«  »Ich ergründe gern Namen. Da hängen so viele Bedeutun‐ gen und Geschichten dran.«  »Dann kennst du ja sicher auch das deutsche Wort ›Tod‹.«   »Ja.«  »Wenn  man  Niederländisch  und  Deutsch  zusammen‐ nimmt, bist du Koos, der Todeslumpen. Und du  findest  unsere holländischen Namen seltsam?«   »Und was heißt van Riet?«   181 , »Vom Ried oder Reet.«   »Wie Schilf?«  »Genau.  Sehr passender Name  für  einen Holländer,  fin‐ dest du nicht?«  »Bei uns wurde Reet früher zum Dachdecken benutzt.«   »Bei uns auch. Aber Riet heißen auch die Schilf‐ und Bam‐ busgewächse,  aus  denen man Möbel  und Körbe macht.  Sehr nützliche Pflanzen.«   »Und Daan?«   »Wie Dan  im  Englischen. Kurzform  von Daniel. Daniel  auf Niederländisch. Was, wenn ich’s recht bedenke, wohl  aus dem Französischen kommt.«   »Der mit der Löwengrube.«   »Ach, ja?«   »Aus der Bibel.«  »Nicht gerade mein Lieblingsroman.«   Jacob  quittierte das mit dem  erwarteten Grinsen,  ehe  er  sagte: »Demnach bist du nicht religiös.«   Daan  schnaubte  verächtlich  und  schob  seinen  leeren  Teller weg. Er hatte  in halsbrecherischem Tempo geges‐ sen.  »Der  einzige  Gott,  vor  dem  ich meinen  rationalen  Kopf beuge, ist der nicht‐rationale Gott zwischen unseren  Beinen.« Jacob sah von den Resten seines Salats auf um zu  prüfen, ob das ein Scherz war. Nichts deutete darauf hin.  Wieder  hatte  Jacob  das Gefühl,  dass  er  getestet wurde,  dass Daan  irgendetwas aus  ihm herauskriegen wollte. Er  hat’s wieder  getan,  dachte  er, mich  überrumpelt,  genau  wie vor dem Titusbild und vorhin, als er mir von seiner  Großmutter  erzählt  hat.  Hat  einfach  auf  eine  andere  182 , Ebene  umgeschaltet.  Kommt  plötzlich  aus  einer  ganz  anderen Richtung.  »An wessen  nicht‐rationalen Gott  zwischen wessen  Bei‐ nen denkst du?«, fragte er so unbeeindruckt wie möglich.   »Momentan an keinen bestimmten«, sagte Daan. »Im Ge‐ gensatz zu dem Freund von mir da drüben, der schon seit  fünf Minuten den Blick nicht von dir wendet.«   Jacob drehte sich um und sah Ton an der Bar stehen und  ihn mit einem erwartungsfreien Lächeln betrachten. Jacob  brachte  ein  grüßendes  Nicken  zustande,  ehe  er  sich  wieder zurückdrehte, den Kopf gesenkt, in der Hoffnung,  dass Daan die Röte nicht bemerken würde, die er in sein  Gesicht  steigen  fühlte. Ton ein Freund von Daan? Guter  Gott, das war wirklich zu viel.  Und  natürlich  hatte  Daan  es  mitgekriegt.  »Du  kennst  ihn?«, fragte er.  Jacob brachte eine wenig überzeugende Papierservietten‐ nummer, wischte  sich Lippen und Finger  ab,  ehe  er die  zerknüllte Serviette auf den Tisch warf.   »Er ist ein Freund von dir, sagst du ?«   »Ja, ist er.«  Jacob rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her.  Bestimmt würde Daan Ton herüberwinken. Besser gleich  damit herausrücken. Er  zwang  sich, Daan  in die Augen  zu gucken.  »Weißt du noch«, sagte er, »wie ich dir erzählt habe, dass  ich da heute Morgen so ein Mädchen getroffen habe, das  mir  ein  Bier  spendiert  hat,  kurz  bevor mir mein  Zeug  geklaut wurde?«   183 , »Ja.«  »Na ja, um ehrlich zu sein, ich dachte es sei ein Mädchen,  aber  dann,  bevor  sie  ging,  war  was,  und  ich  habe  ge‐ merkt, dass sie gar kein Mädchen war, sondern ein Junge.  Und zwar er.«  »Ton?«  »Mit dem Namen hat er sich vorgestellt. Ton.«   »Du dachtest, Ton wäre ein Mädchenname?«   Jacob  sagte  achselzuckend:  »Gibt’s  auf  Englisch  nicht.  Hatte ich noch nie gehört.«  Daan sah  ihn einen Moment  lang mit unbewegter Miene  an,  bis  er  sich  nicht mehr  halten  konnte  und  in  etwas  ausbrach,  was  Jacob  ein  nachsichtiges  Lachen  zu  sein  schien. Er stand auf und ging zu Ton hinüber. Sie wech‐ selten den Drillingskuss, eindeutig von der sehr vertrau‐ ten  Sorte,  redeten  kurz miteinander, wobei  sie  reichlich  lachten, und kamen dann beide an den Tisch. Ton streckte  seine langfingrige Hand aus; Jacob drückte sie so zaghaft  flüchtig,  als  sei  sie  eine  verbotene  Frucht.  Er  sah  jetzt,  warum  er  Ton  für  ein Mädchen  gehalten  hatte:  kleine,  zierliche,  feingliedrige  Statur,  mädchenhaft  zarte  Züge  unter einer glatten Haut, die keinerlei Rasurspuren zeigte.  »So trifft man sich wieder«, sagte Ton.   »Ja«,  sagte  Jacob  und  hörte  sich  hinzufügen:  »Freut  mich.«   Sie  lächelten  sich komplizenhaft  an,  als  sie  sich hinsetz‐ ten, wobei Daan Ton seinen Platz abtrat,  indem er etwas  auf Niederländisch zu ihm sagte und sich dann zu einem  Grüppchen an der Bar gesellte. Das alles  tat er mit  jener  184 , Bestimmtheit,  die  Jacob  inzwischen  als  charakteristische  Eigenschaft von ihm erkannt hatte.  »Leute, die  er kennt«,  sagte Ton.  »Er dachte, wir hätten  gern die Chance, ungestört zu reden.«  Es  folgte  eine  Schweigepause,  bis  Jacob  sich  zwang  zu  sagen:  »Heute  Vormittag  ...  Ich  dachte  ...  Dein  Name.  Hatte ich vorher noch nie gehört.«  »Von Antonius. Antony. Auf Englisch würde ich vermut‐ lich Tony heißen.«  »Tony kann  ich nicht  leiden. Also  bin  ich  froh, dass du  nicht so heißt.«  Wie  immer, wenn  sein  Selbstbewusstsein  auf  dem  Tief‐ punkt angelangt war, hörte er sich reden, als  lauschte er  seinem eigenen Echo.   »Hast du nicht gesagt, du heißt Jack?«  »Doch.«  »Aber du heißt Jacob.«  »Zu Hause nennen sie mich Jack. Jedenfalls mein Vater.«   »Das erklärt’s.«   »Was?«  »Daan  hat  von  dir  gesprochen. Aber  als wir  uns  heute  Morgen getroffen haben – na ja, ich dachte nicht, dass du  das bist.«  »Nein. Wie hättest du auch sollen?«  Jacob hoffte, dass Ton weiterreden würde, damit er selbst  sich  nichts  einfallen  lassen musste. Heute war  schon  so  viel  geredet  worden  und  er  hatte  schon  so  viel  sagen  müssen, dass ihm langsam die Ideen ausgingen. Er war es  nicht  gewöhnt, mit  Fremden  zusammen  zu  sein,  schon  185 , gar  nicht mit  Ausländern  im  Ausland.  Er wollte  allein  sein,  um  (wie  Sarah  es  ausgedrückt  hätte)  seiner  Seele  Zeit  zu  geben,  seinen  Körper  einzuholen.  Aber  die  Chance schien vorerst gering.   Ton saß schweigend da, ohne auch nur einmal den Blick  von Jacobs Gesicht zu wenden. Es war das erste Mal, dass  Jacob  jemanden  seines Alters  traf, der  etwas  so Ruhiges  hatte. Nicht dass Ton betont lässig oder auch einfach nur  lethargisch  gewesen wäre,  nein,  es war  keine  Pose  und  auch sonst nichts Negatives. Man konnte nicht anders, als  sich  seiner  Person,  seiner  Gegenwart  bewusst  zu  sein.  Und doch  schien  er gleichzeitig  so dünn und  leicht wie  Luft. Wie  ein Geist.  Seltsam  schön. Ätherisch. Was, wie  Jacob aufging, auch ein Grund –neben seinem Äußeren –  gewesen war, warum  er  ihn  heute  Vormittag  sofort  so  anziehend  gefunden  hatte.  Und  warum  er  ihn  für  ein  Mädchen gehalten hatte. Oder war das nur eine Ausrede?  Aber eine Ausrede wofür? Für seine Verwirrung?  Um  sich  daran  zu  hindern,  diesem  Gedanken  weiter  nachzugehen, sagte er: »Danke für das kleine Geschenk.«   Ton lächelte. »Schon benutzt?«   »Keine Gelegenheit.«   »Dagegen sollten wir was tun.«   »Danke vielmals.«  »Und«,  sagte  Ton,  jetzt  nicht mehr  scherzend,  »hast  du  verstanden, was ich draufgeschrieben habe ?«   »Mit etwas freundlicher Hilfe.«   »Daan?«  »Nein. Eine alte Frau, die mir geholfen hat, nachdem  ich  186 , beklaut worden war.«  Ton  streckte  den Arm  herüber  und  legte  die Hand  auf  Jacobs Arm. »Du bist beklaut worden? Wann?«   »Gleich,  nachdem  du  weg  warst.  Ein  Junge  mit  einer  roten Baseballkappe. Ist mit meinem Anorak getürmt.«   »Ist dir viel geklaut worden?«  »Geld.  Bahnfahrkarte.  Eigentlich  alles.  Alles,  was  ich  dabeihatte, meine ich.«  »Nein!« Ton schlug sich die andere Hand vor den Mund.  »Mein Gott,  jetzt  fällt’s mir ein! Er  saß hinter dir. Dünn.  Schlimme – wie sagt ihr? – Pusteln?«   »Akne.«  »Akne. Jeugdpuistjes, sagen wir. Jugendpusteln. Ja, ich hab  ihn gesehen. Er war ganz schön hässlich. Wenn  ich nicht  weggegangen wäre, wäre das nicht passiert. Jetzt habe ich  ein schlechtes Gewissen.«  »Wieso?  War  doch  nichts  Wichtiges  dabei.  Ich  meine,  zum  Beispiel  mein  Pass  oder  meine  Kreditkarte  oder  irgendetwas. Hatte ich zum Glück alles nicht mit. Nur ein  bisschen Geld, der Stadtplan und solcher Kram. Hat Daan  dir das eben nicht erzählt?«  »Er hat nur gesagt, du wolltest mit mir reden.«   »Das hat er gesagt! Ich wollte mit dir reden? Das habe ich  nicht gesagt!«  »Dann wolltest du mich gar nicht wieder treffen?«   Ton wirkte so niedergeschlagen, dass Jacob schnell sagte:  »Doch, doch, ich wollte dich wieder treffen. Ich will ja mit  dir  reden.  Ich meinte  nur,  dass  ich  das  nicht  zu  Daan  gesagt habe. Er hat’s sich aus den Fingern gesogen.«   187 , »Oh,  Daan!«  Ton  stand  halb  auf  und  drehte  sich  nach  Daan  um,  aber  der  kehrte  ihnen  den  Rücken  zu.  »Typisch!«,  sagte  er,  rückte  seinen  Stuhl  näher  an  Jacob  heran und setzte sich wieder. Der Lärm im Café war jetzt  so  laut, dass man  sich  im normalen Gesprächston kaum  verständigen konnte. »Er denkt gern für andere.«   Jacob lachte.  »Das ist mir auch schon aufgefallen.«  Die  Bedienung  zwängte  sich  zwischen  sie,  nahm  die  leeren Teller und Gläser weg und sagte etwas auf Nieder‐ ländisch zu Ton.  Er fragte Jacob: »Möchtest du noch was?«   »Ich hab kein Geld.«  »Ein Drink  ist gratis. Zwei, und wir müssen uns wieder  treffen. Also bestehe ich drauf.«  Jacob  lächelte.  »Okay.  Kaffee,  danke.«  Die  Bedienung  ging.   Jacob sagte: »Ich bin’s nicht gewöhnt, so viel Wein zu trin‐ ken. Daan  ist ein großer Weinfan.« Er merkte, dass alles  ein bisschen schwankte und dass seine Haut feucht war.   »Ich dachte, du wohnst bei seinen Eltern.«  »Nachdem ich beklaut worden war, fiel mir ein, wo Daan  wohnt. Sein Vater hatte es mir gesagt. Zum Glück, sonst  wäre ich ziemlich aufgeschmissen gewesen. Daan hat be‐ schlossen, dass ich heute bei ihm übernachte. Mein Groß‐ vater  hat  bei Arnhem  gekämpft.  Er wurde  schwer  ver‐ wundet. Daans Großmutter und  ihre Familie haben  sich  damals um ihn gekümmert. Aber dann ist er doch gestor‐ ben.«   188 , »Ja, ich kenne die Geschichte.«   »Ach? Dann musst du Daan ja ziemlich gut kennen.«   Ton lachte. »Ja, ich kenne Daan ziemlich gut.«   Die Bedienung kam mit Tons Bier und Jacobs Kaffee.   Als sie wieder weg war, konnte Jacob seine Neugier nicht  länger zügeln. Er sagte: »Kann ich dich was fragen?«   »Ja.«  »Was Persönliches?«  »Geht’s nicht immer um was Persönliches, wenn einen je‐ mand fragt, ob er einen was fragen kann?«   »Bist du schwul?«  Ton  gluckste  vergnügt.  »Stockschwul.  Sieht  man  das  nicht?«  »Und noch was?«   »Nur zu.«  »Heute Vormittag  ... hast du da versucht, mich anzuma‐ chen?«  »Nicht versucht. Es ist mir gelungen.«   »Ach?«  »Aber dann hab ich’s sein lassen.«   »Warum?«  »Weil ich gemerkt habe, dass es ein Fehler war.«   »Ein Fehler? Inwiefern?«   »Du dachtest, ich wäre ein Mädchen.«  »Das weißt du von Daan.«   »Nein, nein. Du hast’s mir gesagt.«   »Ich! Wann?«  »Als wir auf den Stadtplan geguckt haben.«   »Was hab ich gesagt?«  189 , »Nicht viel. Aber genug. Du hast Daan davon erzählt?«   »Ja.«  »Dass du dachtest,  ich wäre ein Mädchen, und dann ge‐ merkt hast, dass ich keins bin?«   Jacob nickte.  »Das hat ihn bestimmt amüsiert.«  »Allerdings. Du  hast  ihn doch  gesehen,  bevor  er  zu dir  rübergegangen ist. Wie er sich schiefgelacht hat.«   »Du hast’s ihm da erst erzählt?«  »Ja. Na  ja,  er  sagte,  du  seist  ein  Freund  von  ihm,  also  dachte ich, ich rücke besser damit raus.«   »Jacques, du bist so naiv.«   »Ja, bin ich wohl. Sorry.«  »Nein,  das  ist  nett.  Gefällt  mir.  Ist  mal  was  anderes.   Aber –« Er wurde ernst. »Manchmal kann’s auch gefähr‐ lich  sein.  So  wie  heute  Vormittag.  Hängst  deine  Jacke  über die Stuhllehne. Zeigst dann noch, dass du Geld drin  hast. Und das auf dem Leidseplein. Der ist zwar nicht so  schlimm wie  andere  Tummelplätze  von  Taschendieben,  zum Beispiel der Dam oder die Gegend hinterm Haupt‐ bahnhof, aber schlimm genug, wenn man nicht aufpasst.«   »Schon gut. Ich hab meine Lektion gelernt.«   »Aber deshalb mache  ich mir Vorwürfe.  Ich hätte besser  auf dich Acht geben sollen. Dich wegen der Jacke warnen.  Dich irgendwohin mitnehmen, wo’s netter ist.«  »Wieso? Du kanntest mich doch gar nicht.«   »Aber  ich wollte  es.  Ich bin kein  Stricher, weißt du.  Ich  reiß keine Kerle auf der Straße auf. Würde ich nie tun, ist  nicht mein Ding.  Ich bin viel  zu  eigen. Wie  soll  ich das  190 , sagen? Schnell angewidert, wenn du verstehst.«   »Heikel?«  »Heißt  das  so? Na  ja,  jedenfalls,  als  du  dich  hingesetzt  hast,  saß  ich an einem Tisch ein paar Reihen weiter. Du  hast mir  so gefallen. Und der Kellner kam nicht  zu dir.  Und du hast so allein ausgesehen. Und ich dachte, du bist  vielleicht  auch  schwul.  Aber  unerfahren. Wie  gesagt  –  naiv. Du  hast dich  regelrecht  als Opfer  angeboten. Und  ich wollte dir helfen. Beschützerinstinkt, schätze ich. Was  nett war, weil es normalerweise andersrum ist. Normaler‐ weise bin  ich es, der bei den Leuten Beschützerinstinkte  weckt.  Bei  Daan  zum  Beispiel.  Aber  diesmal  war’s  so  rum,  und, wie  gesagt,  das Gefühl  hat mir  gefallen.  Ich  dachte, wir  könnten  vielleicht  Freunde werden  und  ich  könnte dir was von Amsterdam zeigen. Ich liebe Amster‐ dam  so, es  ist eine wunderbare Stadt.  Ich zeige  sie gern  anderen. Also hab  ich mich neben dich gesetzt und wir  haben angefangen zu  reden. Und du warst  so nett, hast  sogar  für  mich  diesen  hässlichen  Anorak  ausgezogen.  Nur  gut,  dass  er  weg  ist,  da  kannst  du  dir  jetzt  was  Besseres zulegen.«  »War das so offensichtlich? Wie hast du’s mitgekriegt?«   Ton dachte kurz nach. »Wenn man offen  schwul  ist wie  ich, dann überlebt man nur – selbst in Amsterdam, wo es  leichter ist als an den meisten anderen Orten –, wenn man  ziemlich  schnell  lernt,  die Menschen  zu  durchschauen.  Wenn man kapiert, warum sie tun, was sie tun. Man muss  ganz  Auge  sein.  Die  Gefahrenzeichen  erkennen  lernen.  Und um Trouble zu vermeiden, muss man – wie soll  ich  191 , sagen? – ihm voraus sein.«  »Ihn antizipieren?«  »Ja,  ihn  antizipieren.  Denn  sonst  kriegt  man  in  dieser  unserer  wunderbaren  Welt,  wo  doch  jeder  an  die  Individualität glaubt und daran, dass man man selbst sein  soll –«   »Sein soll, wer man sein will.«   »Wer man ist –«   »Sich selbst treu.«  »Und wo wir doch alle so  tolerant sind, nicht wahr, und  so weiter  und  so  fort und  ... Was wollte  ich  sagen?  Ich  verliere mich  in meinem Englisch! – Oh,  ja – Denn sonst  kriegt man, wenn ›man selbst‹ so jemand ist wie ich, sehr  bald eins über den Schädel. Oder Schlimmeres. Das woll‐ te ich sagen.«   »Ja«, sagte Jacob, »ich weiß.«  Überraschend  direkt  hob  Ton  die Hand,  strich mit  den  Fingerrücken  über  Jacobs  Wange  und  sagte  lächelnd:  »Nein, lieber Jacques, ich glaube nicht, dass du das weißt.  Du hast davon gehört. Du hast vermutlich Sachen drüber  gelesen.  Aber  du  weißt  es  nicht. Wenn  du’s  wüsstest,  würdest du nicht fragen.«  Jacob  senkte den Kopf, verlegen wegen der Liebkosung,  aber  auch  verärgert.  Um  seine  Gefühle  zu  verbergen,  trank  er  einen  Schluck  Kaffee.  Der  war  fast  kalt  und  schmeckte stark und bitter.  Aus  einem  jähen  Impuls  heraus  sagte  er:  »Dann  zeig’s  mir.«   »Ich soll’s dir zeigen!« Tons Gesicht war  jetzt so dicht an  192 , seinem  wie  heute  Vormittag,  als  sie  gemeinsam  den  Stadtplan studiert hatten. »Was soll ich dir zeigen ?« Sein  Atem streifte Jacobs Stirn. »Wie es ist, ich zu sein? Wie es  ist, eins über den Schädel zu kriegen? Oder wie es ist, mit  mir Sex zu haben?«   Jacob  zuckte  die  Achseln,  lehnte  sich  zurück  und  fuhr  sich  durchs  Haar.  Sein  Magen  rebellierte;  ihm  war  schlecht.   »Ich  weiß  nicht«,  sagte  er  mühsam.  »Ich  weiß  nicht,  warum ich das gesagt habe.«  »Ist  auch  egal.  Ein  andermal,  wenn  du’s  dann  noch  willst«, sagte Ton und sah  ihn dann mit einer neuen Art  von  Besorgnis  an:  »Alles  okay?  Du  siehst  nicht  so  gut  aus.«   »Alles bestens«, log Jacob.  »Vielleicht hast du  ja für heute genug. Ich hole Daan. Du  solltest nach Hause gehen.«  Er war  schon weg,  ehe  Jacob  ihn  aufhalten konnte. Das  laute  Reden  und  Lachen  schien  Jacob  jetzt  direkt  zu  attackieren,  als  wäre  Tons  Gegenwart  ein  Schutzschild  gewesen, und die verrauchte Luft verstopfte seine Lunge.  Er zog sich in sich selbst zurück.    Die Worte  »nach Hause«  hallten  in  seinem  Kopf  nach.  Daans Wohnung, »zu Hause«! Er wünschte, er wäre wirk‐ lich zu Hause, und  sah  sein Zimmer bei Sarah vor  sich.  Realisierte dann aber, zum ersten Mal und verbunden mit  einem Schock, der seine Nerven sirren ließ, dass auch das  nicht  sein Zuhause war,  sondern  ein Zimmer bei  Sarah.  193 , Und bei  seinen Eltern, wo  er  früher gewohnt hatte, war  das Zimmer, das seins gewesen war, bis er sich entschlos‐ sen  hatte,  zu  seiner Großmutter  zu  ziehen,  von  seinem  Bruder Harry übernommen worden, weil  es größer war  und weil  Jacob, wie Harry  erklärte,  ja  nicht mehr  dort  wohnte,  er,  Harry,  aber  wohl.  Wenn  er  für  ein,  zwei  Nächte käme, würde es Harrys Zimmer, das kleinste  im  Haus, doch  tun.  Jacob hatte nicht protestiert; wie könnte  er? Er war aus eigenem Entschluss weggegangen, hatte es  vorgezogen, woanders  zu  leben  –  oder  genauer  gesagt,  bei  jemand  anderem. Damals  hatte  ihm das mit  seinem  Zimmer nichts ausgemacht, weil er ja das getan hatte, was  er wollte.  Ja,  insgeheim war es  ihm sogar ganz recht ge‐ wesen. Er war in diesem Zimmer groß geworden, es war  Teil seiner Kindheit. Dort auszuziehen, hatte  für  ihn das  Ende seiner Kindheit markiert. Das Zimmer aufzugeben,  war  ein  weiterer  Schritt  zum  Erwachsensein  gewesen,  dahin, sein eigener Herr zu sein. Und das war etwas, was  er immer schon gewollt hatte, solange er denken konnte.   Er war  nie  gern  Kind  gewesen,  hatte  immer  groß  sein  wollen,  unabhängig,  selbst  verantwortlich.  Er  hatte  im‐ mer so frei wie möglich sein wollen, um sein Leben so zu  leben, wie er wollte. Obwohl er, wie er zugeben musste,  noch nicht genau wusste, wie er leben wollte.  Aber  erst  jetzt,  hier,  in  diesem  überfüllten,  rauchigen,  lauten  Café  in  einer  kleinen  Seitenstraße  einer  fremden  Stadt in einem fremden Land, weit weg von allem, was er  je  als  sein Zuhause  bezeichnet  hatte,  drang  die  Realität  des  Unabhängigseins,  des  Selbstverantwortlichseins,  zu  194 , seinen überreizten Nerven durch und bis in sein verwirr‐ tes Hirn.   Als hätte sein Gedächtnis nur auf diesen Moment gewar‐ tet, kam ihm die prägnante Melodie des Liedchens in den  Sinn,  das Daan  ihm  heute Nachmittag  nach  dem  Titus‐ Besuch vorgesungen hatte, und mit ihr Daans Stimme, die  den  Text  übersetzte.  Mein  Leben  lang  hab  ich  auf  dich  gewartet,  nur  um  jetzt,  da  ich  dich  endlich  gefunden,  zu  erkennen, was Einsamkeit heißt.  Oh, Herrgott, dachte er, ist es das? Der Kern des Ganzen,  die Quintessenz, das Fazit? Allein, allein, allein. Ist es das,  was Erwachsensein heißt? Einsamkeit?    Er  spürte  eine Hand  auf  seiner  Schulter  und  hörte  Ton  sagen: »Jacques ?«  Er riss sich aus seinen Gedanken, sah empor  in das  Jun‐ gen‐Mädchen‐Gesicht,  legte  seine Hand  auf  Tons Hand  und lächelte.  Ton sagte: »Er kommt. Bis bald dann, okay?«   Jacob nickte.  Ton  lächelte, beugte  sich zu  ihm herab, küsste  Jacob auf  den linken Mundwinkel, dann auf den rechten und dann  sanft und langsam auf die Lippen.  195 , POSTKARTE  »Mache den Anfang mit dem Anfang«,  sagte der König ernst,  »und lies weiter, bis du ans Ende kommst.«  Lewis Carroll    Jacob  starrte  aus  dem  Fenster  des Vormittagszugs Am‐ sterdam‐Bloemendaal, den er und Daan genommen hat‐ ten,  um Geertrui  zu  besuchen. Um  sich  von dem  abzu‐ lenken, was auf  ihn zukam, konzentrierte er sich auf die  Aussicht.   Die  Leute  hatten  ihm  gesagt,  Holland  sei  langweilig,  lauter nette, kleine, rotdachige Schachtelhäuschen in lego‐ stadtartiger Anordnung,  und  zwischen  den Ortschaften  nicht viel mehr als endlose platte Felder und Weiden und  Kanäle.  Aber  so  war  es  nicht,  nicht  für  ihn,  nicht  an  diesem  Morgen.  Die  flache  Landschaft  mit  dem  tief  hängenden Himmel, der  leicht dunstig war, sodass Land  und Himmel fast verschmolzen, fand er beruhigend. Das  adrette  Aussehen  der  Häuser  und  Gärten,  Bauernhöfe  und  Felder,  Kanäle  und  Deiche,  ja,  sogar  der  Fabriken  und modernen Bürogebäude, die sie  jetzt gerade passier‐ ten, kam seinem Sinn für Ordnung und Sauberkeit entge‐ gen. Aber außerdem: die Farben. Die matten Rottöne von  altem Backstein und Dachziegeln. Die  frischen,  leuchten‐ 197 , den Grüns  und  Brauns  der  Felder  und Wiesen,  jeweils  umrahmt  mit  den  dicken,  dunklen  Bleistiftstrichen  der  Gräben. Streifen von himmelspiegelndem Wasser, silbern  gekräuselt  von  dahingleitenden  Schleppkähnen. Und  in  der Ausstrahlung  der Menschen  etwas, was  ihm  gefiel,  etwas  Zielstrebiges,  eine  Art,  das  Leben  anzupacken,  ohne großes Getue. Das alles war ihm bisher nicht aufge‐ fallen.  Zum  ersten  Mal  seit  seiner  Ankunft  begann  er  dieses Land zu mögen. Und warum gerade jetzt, in einem  Zug,  auf  dem Weg  zu  einer  todkranken  alten  Frau?  Er  dachte: Wie schwer es doch manchmal ist, sich selbst sich  selbst zu erklären. Manchmal ist da nur Sein, kein Wissen.  Daan  saß  ihm  gegenüber  und  las  eine  Zeitung mit  der  Kopfzeile  de  Volkskrant  in  modern‐altmodischen,  spitz  und  streng  aussehenden Lettern. Er  hatte  ein Brille  auf,  die  Jacob  vorher  noch  nie  an  ihm  gesehen  hatte:  kleine  ovale  Gläser  in  einem  dünnen  schwarzen  Drahtgestell.  Damit sah er selbst ein bisschen spitz und streng aus. Er  hatte  seit  gestern  Abend  kaum  ein Wort mit  Jacob  ge‐ wechselt.  Ihm  gerade mal mitgeteilt, wo  er  etwas  zum  Frühstück  finden würde, wann sie aus dem Haus gehen  müssten  und  wie  sie  auf  dem  Rückweg  Jacobs  Sachen  holen würden. Und  erklärt:  »Bin morgens  nicht  zu  ge‐ brauchen. Nachtmensch. Hat  nichts  zu  sagen, wenn  ich  nichts sage.« Was Jacob nicht weiter störte, weil ihm auch  nicht nach Reden war.  Er hatte überraschend gut, ja, tief und fest geschlafen. Ein  Wunder, wenn man  die Umstände  bedachte  –  fremdes  Bett  in  fremdem Haus,  der  gestrige  Tag mit  all  seinen  198 , Schrecken,  Katastrophen  und  Schocks  und/aber,  wenn  er’s  recht bedachte, auch Freuden  (Ton, Titus, Alma).  In  der Nacht war  er nur  einmal kurz  emporgedriftet, nach  seiner Uhr um halb drei,  als  er  aus dem  großen Wohn‐ raum unten Stimmen und Lachen gehört hatte, Daan und  Ton. Aber dann war er sofort wieder abgetaucht.  Heute Morgen war er mit wattigem Kopf aufgewacht und  seine Gliedmaßen waren so träge gewesen, dass er sie nur  mit  Mühe  aus  dem  Bett  hatte  manövrieren  können.  Wieder belebt hatte ihn erst die Dusche, unter der er sich  alle Zeit der Welt hatte  lassen können, ohne sich Gedan‐ ken darüber machen zu müssen, ob jemand hereinwollte,  weil er sein eigenes Gästebad hatte, was bei Daans Eltern  nicht der Fall gewesen war. Daan hatte ihm frische Unter‐ wäsche  (blaue  Boxershorts,  rotes  T‐Shirt)  geliehen  und,  statt  seines  strapazierten Pullovers,  ein  altes,  schwarzes,  locker sitzendes  Jackett, das  Jacob, obwohl es einen Tick  zu groß war, ziemlich gut gefiel, weil er sich darin anders  fühlte, holländischer und ergo nicht mehr so offenkundig  englisch, was  ihn amüsierte, denn auf dem Etikett  innen  stand Vico Rinaldi.  Auf dem Bahnhof war mächtig Betrieb gewesen und der  Zug  war  voller  unternehmungslustiger  Samstagspassa‐ giere, Touristen mit Gepäck, Einheimische mit  ihren Ein‐ käufen, ein hoher Anteil von jungen Leuten mit sperrigen  Rucksäcken und  Sporttaschen, munter  schnatternd,  aber  nicht  laut. Sie hatten so etwas geradlinig Frisches, äußer‐ lich und  in  ihrer Art, gar nicht englisch, aber auch nicht  bedrohlich fremd. Nicht so, wie er war, dachte Jacob, aber  199 , so, wie er manchmal gern wäre. Er versuchte, es genauer  zu  fassen  zu  kriegen,  dieses  attraktive  Etwas, war  aber  immer  noch  bei  nichts  Besserem  als  »non‐aggressives  Selbstvertrauen«  gelandet,  als der Zug  in Haarlem  hielt  und die meisten Leute ausstiegen.  Daan faltete seine Zeitung zusammen und beugte sich zu  Jacob. »Noch eine Station. Tessel  ist dort  im Verpleeghuis.  Wir bleiben nicht  lange, das würde Geertrui zu viel. Die  Krankenschwestern wissen, dass du kommst, also hat der  Arzt Geertrui vermutlich eine Extradosis gegeben, um die  Schmerzen  in Schach zu halten, solange wir da sind.  Ich  lass  dich’s  wissen,  wenn  es  Zeit  zum  Gehen  ist.  Also  müsste es so weit okay sein, nicht zu viel für dich.«   Nicht  zu  viel  für  dich  klang  irgendwie  abschätzig,  als  wollte Daan sagen, dass Jacob der Situation nicht gewach‐ sen  sei, nicht  stark genug, den Schmerz der  todkranken,  alten Frau  auszuhalten, und dass man  es  ihm daher  er‐ sparen müsse. Und dass er ein Außenstehender war, kein  Familienmitglied, nur  ein Besucher, den man nach  allen  Regeln des Anstands nicht mit quälenden  internen Din‐ gen  belasten  durfte.  Ihn  ärgerte  beides,  diese  Einschät‐ zung und dass es so war. Aber, fragte er sich, als der Zug  anfuhr, war  es  angemessen,  so  auf  etwas  zu  reagieren,  was  doch  letztlich  nur  eine  hingeworfene  Bemerkung  war, nicht so gemeint, wie es bei  ihm ankam? Doch was  immer Daan  gemeint  oder  nicht  gemeint  hatte,  er  hatte  wieder einmal einen Nerv getroffen.   Entschlossenheit konzentrierte sich  in  ihm, fühlte sich an  wie ein Kraftfeld um sein Rückgrat. Was immer er vorfin‐ 200 , den würde, er würde dem nicht ausweichen und es nicht  von sich fern halten, sondern es akzeptieren. Sich hinein‐ begeben. Und  zwar  um  seiner  selbst willen. Um  seiner  Selbstachtung willen.  So  viel  wusste  er.  Es  überraschte  und  freute  ihn.  Also  doch nicht so ein Waschlappen. Vielleicht.  Er  hatte  sich  das  Pflegeheim  als  ein  heimeliges,  kleines  Gebäude  vorgestellt,  wo  eine  Hand  voll  alter  Leute  in  Frieden ihre letzten Tage verbrachten, getröstet durch die  Zuwendung  hingebungsvoller  Pflegerinnen.  Aber  das  Gebäude, zu dem Daan ihn führte, war riesig. Drei Stock‐ werke und mehrere Trakte, ausgehend von dem zentralen  Block in einem gepflegten Park mit einer Menge Bäumen  und  Blumenbeeten,  die  zweifellos  dazu  gedacht waren,  diesem Ort etwas von einem noblen Landsitz oder einem  Luxussanatorium  zu  geben.  Doch  das  alles  überspielte  weder  die  fabrikartigen  Ausmaße  des  Heims  noch  das  unablässige Kommen und Gehen von Pkws, Vans, Klein‐ bussen,  Fahrrädern,  Krankentransportfahrzeugen  und  Leuten – Patienten, Besucher, medizinisches Personal. Ja,  es war gar kein Heim  in  irgendeinem üblichen Sinn des  Wortes, sondern es war ein geschäftiges Krankenhaus zur  Behandlung  all  der  unzähligen  Leiden  und  Gebrechen,  der  Unfälle  und  Kalamitäten,  die  ältere  Mitbürger,  Senioren, Menschen  im  dritten  Lebensalter  nun  einmal  ereilten  –  einschließlich  der  letzten  Unausweichlichkeit  des Todes.  Und, dachte Jacob, wie die Menschen doch darauf behar‐ ren,  sich  durch  Euphemismen  selbst  zu  betrügen. Wie  201 , etwa:  heimgegangen,  hinübergegangen,  von  uns  gegan‐ gen, abberufen, vom Herrn zu sich genommen, verschie‐ den, entschlafen, heimgeholt. Ganz zu schweigen von den  eher  komischen  Prägungen,  die  man  besser  nicht  in  Gegenwart  frisch  gebackener  Hinterbliebener  benutzte:  abnibbeln, ins Gras beißen, die Hufe einklappen, abtreten,  den Geist aufgeben, die Radieschen von unten betrachten,  abkratzen,  den  Löffel  abgeben. Was  alles  nichts  weiter  hieß  als  tot und  sterben. Die  einzigen Worte, die  genau  das  sagten, was gemeint war. Weshalb die Leute  sie an‐ scheinend lieber nicht benutzten.   Jetzt waren sie in der Haupteingangshalle, die, wie Daan  sagte,  »der  Dorfplatz«  genannt  wurde  (wieder  so  ein  Euphemismus).  Jacob  fand, dass  sie Ähnlichkeit mit der  Abfertigungshalle  eines  kleineren  Flughafens  hatte.  Eigentlich  gar  nicht  unpassend,  wenn  man’s  recht  be‐ dachte. Nicht  nur Check‐in‐Schalter  (receptie,  informatie),  sondern  auch  kleine  Läden,  Bücherkiosk,  Blumenstand,  Café, Wartebereiche,  ja  sogar Besprechungsräume. Alles  gespickt mit  Zimmerbäumen  und  ‐büschen  in  klobigen  Plastikkübeln. Und genau wie unter Flugpassagieren und  ihrer Begleitung überspielte eine künstliche Gelassenheit  und Munterkeit nur unzulänglich die Langeweile, Nervo‐ sität,  Ungeduld,  Erleichterung  und  den  generellen  Wunsch, nicht hier zu sein, der wie emotionaler Schweiß  aus allen Poren drang, aus denen der Demnächst‐Patien‐ ten  und  ihrer  Begleiter,  aus  denen  der Verabschiedeten  und  der  Verabschiedenden,  aus  denen  der  Demnächst‐ Ex‐Patienten  und  ihrer  Abholer.  (Die  Leichen  der  Ver‐ 202 , storbenen, dachte er, wurden wohl durch einen diskreten  Hinterausgang  hinausgekarrt,  damit  die  Lebenden,  Patienten  wie  Besucher,  nicht  mit  dem  wahren  letzten  Grund ihres Hierseins konfrontiert würden.)  Jacob  war  froh,  dass  Daan  hier  nicht  länger  verweilte,  sondern  rasch  auf  einen  Lift  zustrebte,  der  sie  in  den  dritten  Stock  brachte.  Hier  führte  er  ihn  durch  einen  breiten  Korridor mit  Glaserkern,  in  denen  Leute  saßen  und auf den Park hinunterguckten. Sehr nett und zivili‐ siert,  dachte  Jacob,  aber  dennoch  ein Krankenhaus, mit  Krankenhausgeräuschen  und  ‐gerüchen.  Und  was  das  Schlimmste war, mit dieser lauwarmen, desinfektionsmit‐ telgeschwängerten  Luft,  die  einem  gleichzeitig  stickig  und  zu  trocken  erschien  und  so,  als  wäre  sie  immer  wieder  durch  fiebrige  Lungen  zirkuliert,  ohne  je  zur  Regeneration  ins  Freie  zu  gelangen.  Überall  Anzeichen  dafür, dass man sich Gedanken gemacht hatte, dass man  versucht hatte, diesen Ort zu etwas anderem zu machen,  als er war – wohltuende moderne Farben an den Wänden,  hübsch gerahmte Bilder, noch mehr echte Pflanzen, gesel‐ lig gruppiert, bequeme Sessel,  fröhliche Vorhänge – alles  besser als  in  irgendeinem Krankenhaus, das er zu Hause  gesehen  hatte,  einschließlich  des  relativ  neuen,  in  das  Sarah kürzlich für die Hüftoperation gekommen war, die  sie daran gehindert hatte, jetzt hier in Holland zu sein.    Geertrui  lag  in  einem Einzelzimmer,  als Einzige  auf der  Station. In allen anderen Zimmern waren sechs, vier oder  zwei Personen. Eine Konzession, hatte Daan  erklärt,  ein  203 , letztes Privileg.  Während Daan zu seiner Großmutter hinging, um sie zu  begrüßen, stand  Jacob  in der Tür, schwankend zwischen  Raus und Rein.  Geertruis weißhaariger  Kopf  ruhte  auf  einem Wall  aus  weißen  Kissen,  in  einem  weißen  Eisenbett  mit  weißen  Laken. Die Zimmerwände waren rosa. Auf einem weißen  Nachttisch ein Stillleben von Farben: eine Keramikschale  mit Orangen, Äpfeln, Birnen, Bananen;  eine  blaue Glas‐ vase,  übervoll  mit  roten  Rosen;  ein  bronzegerahmtes  Foto‐Tryptichon, das zwei Männer und eine Frau zeigte.  Die Frau, erkannte  Jacob, war Mrs van Riet, Daans Mut‐ ter,  jünger als  jetzt. Der eine Mann war Daan. Den ande‐ ren kannte er nicht. Keine Spur von irgendetwas Medizi‐ nischem, kein Hinweis auf Krankheit. Aber das war wohl  Absicht.  Wie  ein  extra  für  den  Besuch  aufgeräumtes  Wohn‐zimmer. In der Luft spürte er jedoch Spannung, ein  unbehagliches Schweigen.  Sie  ist,  dachte  Jacob,  wie  eine Motte,  die  sich  für  den  Winterschlaf eingesponnen hat. Aber ihre großen, tief ein‐ gesunkenen  Augen waren wach  und musterten  ihn  an  Daans  Kopf  vorbei,  als  dieser  sich  bückte,  um  seiner  Großmutter  langsam  und  behutsam  einen Drillingskuss  zu geben.   Mrs van Riet, Tessel, saß  in dem einzigen Sessel auf der  einen  Seite  des  Betts.  Sie  stand  auf  und  kam  zu  Jacob  herüber.   »Tut mir Leid, dass du solche Probleme hattest«, sagte sie  gedämpft. »Fühlst du dich bei Daan wohl?«   204 , »Ja, alles bestens, danke.«  »Morgen  bringe  ich  dich  zu  der Gedenkfeier  in Ooster‐ beek.  Ich  komme  dich  um  neun Uhr  fünfzehn  abholen.  Bitte, sei dann fertig, wir dürfen den Zug nicht verpassen.  Wir reden dann miteinander.«   »Neun Uhr fünfzehn. Okay.«  »Jetzt werde ich einen Kaffee trinken gehen, während du  bei Mutter bist. Sie besteht darauf, mit dir allein zu sein.«   Mrs van Riet ging und ließ ihr Unglücklichsein hinter sich  zurück wie einen Kondensstreifen.  Daan stand an Geertruis Bett, wartete, dass Jacob so weit  war.  Geertrui  lag  reglos  da,  die  ausgewaschen‐blauen  Augen auf ihn gerichtet.  »Geertrui«, sagte Daan, »dit is Jacob.«   Als  er  sich  nicht  rührte, weil  er  es  nicht  konnte,  sagte  Geertrui lächelnd: »Bitte. Komm her.«  Daan platzierte einen Stuhl so, dass Geertrui Jacob sehen  konnte, ohne den Kopf heben zu müssen.   Der  Ausdruck  »wie  auf  rohen  Eiern  gehen«  leuchtete  Jacob zum ersten Mal ein, als er  jetzt das Zimmer durch‐ querte  und  sich  auf  die  Stuhlkante  setzte.  Es  war  Geertruis musternder Blick, der ihn nervös machte. Keine  Frau,  mit  der  man  es  sich  verscherzen  wollte.  Besser  gerade  sitzen.  Und  doch  war  sie  kaum  vorhanden.  So  wenig  Anzeichen  von  einem  Körper  unter  der  Decke,  dass man  denken  konnte,  da  seien  nur  ein  körperloser  Kopf und  zwei  auf der Bettdecke  ruhende Arme, die  in  feinen  kleinen  Händchen  endeten,  fast  wie  die  Hände  eines kleinen Mädchens, nur dass sie mit braunen Alters‐ 205 , flecken gesprenkelt waren.  »Guten Tag, Mrs Wesseling«, sagte Jacob. »Ich soll Ihnen  Grüße von Sarah bestellen. Sie hat mir auch ein Geschenk  und einen Brief mitgegeben, aber das  ist beides bei mei‐ nen Sachen in ... Na ja, das wissen Sie ja vermutlich.«   »Ich hab’s  ihr erklärt«, sagte Daan. »Ich  lasse euch beide  jetzt  allein.  Ich  bin  nur  ein  Stück  den  Korridor  runter.  Geertrui schickt dich zu mir raus, wenn’s Zeit zum Gehen  ist. Okay?«   Jacob nickte. Daan warf  ihm einen Blick zu, der besagte:  »Bleib nicht zu  lange.« Dann  sagte er etwas auf Nieder‐ ländisch zu seiner Großmutter und küsste sie wieder. Er  sprach mit  ihr  in einem Ton, den  Jacob bei  ihm noch nie  gehört  hatte.  Ganz  sanft,  zärtlich,  intensiv.  Wie  ein  Liebender mit seiner Geliebten.  Bei  alldem wandte  Geertrui  den  Blick  nicht  von  Jacob.  Daan  ging  hinaus,  schloss  die  Tür  leise  hinter  sich.  Es  entstand  eine  lange  Schweigepause,  bis  sie  schließlich  etwas sagte.  »Du hast die Augen deines Großvaters.«  Jacob lächelte. »Das sagt meine Großmutter auch.«  »Und sein Lächeln.«  »Auch das.«  »Sein ... Naturell?«  »Teilweise. Ich bin anscheinend nicht so praktisch, wie er  war. So geschickt mit den Händen, meine ich. Mit Werk‐ zeug. Er hat gern Sachen fabriziert.«  »Ich weiß.«  »Sogar Möbel. Sarah hat immer noch welche in Gebrauch.  206 , Und gegärtnert, er hat Gartenarbeit geliebt, während  ich  sie hasse. Er war ein großer Leser, das haben wir gemein‐ sam. Aber ich bin sicher nicht so mutig wie er.«  »Hättest du je Grund dazu gehabt?«  »Mutig zu sein? Braucht Mutigsein einen Grund?«  »Ohne geht es nicht.«  Zum ersten Mal, seit er  im Zimmer war, wandte sie den  Blick von ihm. Er konnte seinen immer noch nicht von ihr  lösen.  Aber  jetzt,  wo  sie  ihn  nicht  mehr  direkt  ansah,  konnte  er  sich weit genug  entspannen, um  sich  zurück‐ zulehnen.  Nach  einer  Schweigepause  sagte  Geertrui:  »Du wohnst  bei deiner Großmutter?«  »Ja.«  »Nicht bei deinen Eltern.«  »Nein.«  Er wartete, wusste, dass sie gern eine Erklärung hätte, tat  aber  ganz  unschuldig.  Würde  sie  versuchen,  es  ihm  irgendwie  zu  entlocken,  oder  würde  sie  direkt  darauf  lossteuern? Ein Spiel, das er mit Sarah gern spielte.  »Würdest du mir erzählen, warum?«  Direkt. Nicht die Frau, die sich die Zeit mit Spielchen ver‐ trieb. Jedenfalls nicht jetzt, wo ihr nur noch so wenig Zeit  blieb.  »Wenn Sie möchten.«   »Ja.«  Auch  diese  Stimmung  kannte  er.  Erzähl  mir  eine  Ge‐ schichte, unterhalte mich. War das sein Job für heute, der  Grund, weshalb  er hier war? Kleine Kinder wollten Ge‐ 207 , schichten hören, um besser einschlafen zu können. Viel‐ leicht wollten  alte  Leute  Geschichten  hören,  um  besser  sterben  zu  können. Na  ja,  dachte  er, wenn  ich  deshalb  hier bin, soll es mir auch recht sein. Nicht der schlechteste  Job.  Und  es  ist  allemal  leichter  als  Konversation  zu  machen. Mache den Anfang mit dem Anfang.  »Sie wissen  ja,  ich habe  eine ältere Schwester, Penelope,  und  einen  jüngeren Bruder, Harry. Penny – unser Vater  nennt  sie  Poppy  –  ist  drei  Jahre  älter  als  ich, Harry  ist  achtzehn  Monate  jünger,  also  fünfzehneinhalb.  Mein  Vater vergöttert Penny. Na  ja, sie vergöttern sich gegen‐ seitig.  So, dass  es  in meinen Augen  schon  ans Obszöne  grenzt.« Er lachte, aber es kam keine Reaktion. »Ich weiß,  Freud hat gesagt, dass Söhne in ihre Mütter verliebt sind  und am  liebsten  ihre Väter umbringen würden, aber bei  uns zu Hause  ist das nicht so. Das Problem  ist die Liebe  Vater‐Tochter  und  umgekehrt.  Aber  wenigstens  wollen  sie meine Mutter  nicht  umbringen.«  Immer  noch  keine  Reaktion.  »Also,  das Mutter‐Sohn‐Ding  heißt  doch Ödi‐ pus‐Komplex. Ich wüsste gern, ob es für das Vater‐Toch‐ ter‐Ding auch einen Namen gibt.«   »Elektra«, sagte der Kopf im Bett.   »Elektra?«  »Elektra‐Komplex.  Tochter  von  Agamemnon  und  Kly‐ tämnestra. Kennst du sie nicht?«   »Nein.«  »Elektra hat ihren Bruder Orest dazu gebracht, die Ermor‐ dung des Vaters durch Ägisth, den Liebhaber  ihrer Mut‐ ter, zu rächen. Erzähl weiter.«  208 , »Okay. Danke. Na ja, Penny ist Substitutin in einer Bouti‐ quenkettenfiliale. Wir verstehen uns überhaupt nicht. Ich  finde, sie ist ein modebessener Zombie, und sie findet, ich  bin  ein  langweiliger,  aufgeblasener  Snob.  Jedenfalls  hat  sie mich das letzte Mal so tituliert. Harry ist der Liebling  unserer Mutter. Nicht nur, weil er der Jüngste ist, sondern  auch, weil es so schwierig war,  ihn überhaut zu kriegen.  Er ist gut in Sport, also mag Vater ihn auch, und er spielt  Oboe in unserem örtlichen Jugendorchester. Und er sieht  außerdem sehr gut aus.  Im Grund  ist er  in allem so gut,  dass  ich  ihn  hassen müsste,  aber  das  tue  ich  nicht.  Ich  habe  ihn  sehr gern und bin  sehr  stolz  auf  ihn. Wir ver‐ stehen uns prächtig. Er will mal Tontechniker werden.  Ich bin nicht gut  in  Sport,  spiele gerade  so viel Klavier,  dass  es  reicht,  um  jeden  zufälligen  Zuhörer  zu  nerven,  sehe  nicht  besonders  gut  aus  und  bin  eher  ein  Einzel‐ gänger. Sie sehen also, ich bin in unserer Familie der, der  in  der  Mitte  eingequetscht  ist,  und  gleichzeitig  das  schwarze  Schaf.  Aber  das  ist mir  egal, weil  ich  immer  schon  ein  besonderes Verhältnis  zu meiner Großmutter  hatte. Mutter sagt, Sarah hat mich von meiner Geburt an  unter  ihre  Fittiche  genommen.  Sie  war  es,  die  darauf  bestanden  hat,  dass  ich  nach  meinem  Großvater  Jacob  genannt werden sollte. Mutter war das  recht, aber Vater  war dagegen.«  »Warum?«  »Dad hat seinen Vater ja nie gekannt, weil Jacob schon tot  war,  als  er  zur Welt  kam. Aber  das wissen  Sie  ja  alles.  Sarah hat mir erzählt, Dad wurde an  Jacobs  letztem Ur‐ 209 , laubswochenende gezeugt, ein paar Tage, bevor er in die  Schlacht geschickt wurde. Und außerdem hat es Dad nie  gepasst,  dass  Sarah  ihren  Jacob  so  idealisiert  – wie  er’s  nennt – und  ihre drei Ehejahre – wieder seine Formulie‐ rung – so verklärt. Er sagt, das sei ungesund. Keine Bezie‐ hung, sagt er, sei so perfekt, wie Sarah ihre zu Großvater  darstellt,  egal, wie  sehr  sich die beiden  lieben.  Ich kann  das  nicht  beurteilen.  Ich weiß  nur,  dass  sie  nie wieder  geheiratet hat. Sie hatte eine Reihe Freunde, aber sie sagt,  keiner  konnte  Jacob das Wasser  reichen.  Ich  glaube,  für  sie ist es irgendwie so, dass sein Tod nicht das Ende ihrer  Liebe war,  sondern  sie  für  immer konserviert hat. Sarah  ist  sehr  entschieden. Wenn  sie mal was beschlossen hat,  dann bleibt’s  auch dabei, dann gibt’s kein Zurück.  Stur,  sagt Dad.  Aber Dad und Sarah  sind nie  so besonders miteinander  ausgekommen.  Sie  sind  wie  Feuer  und  Wasser,  sagt  Mum. Man  braucht  sie  nur  in  einem  Zimmer  allein  zu  lassen und nach fünf Minuten bricht der dritte Weltkrieg  aus. Und Dad hat wirklich ein Ding weg, weil er keinen  Vater hatte. Sobald  ich mich über etwas beschwert habe,  was irgendwie mit ihm zu tun hatte, hat er sofort gesagt:  ›Du solltest froh sein, dass du einen Vater hast, über den  du dich beschweren kannst.‹ Aber das hat mich nur noch  mehr geärgert. Einmal hat  es mich  so geärgert, dass  ich  ihn angebrüllt habe, wenn einer froh sein könne, dann er,  weil  ich wollte,  ich  hätte  keinen  Vater,  jedenfalls  nicht  ihn. Da war  ich ungefähr elf.  Ich glaube, das sollte mehr  so ein wütender Witz  sein, Sie wissen  ja, wie das  so  ist,  210 , wenn man  sich  in  der  Familie  streitet.  Aber  Dad  hat’s  nicht  so genommen. Das war das einzige Mal  in meiner  ganzen Kindheit, dass  ich dachte,  er würde mich  schla‐ gen. Er hat’s nicht getan, weil er strikt gegen Gewalt  ist.  Aber er war so außer sich, wie ich es sonst nie erlebt habe.  Er ist aus dem Zimmer gestürmt und in seiner Werkstatt  verschwunden  –  er  ist  ein  großer Heimwerker,  süchtig  danach – und ewig nicht wieder aufgetaucht. Mum war  stinksauer  auf  mich.  Hielt  mir  eine  Mordsstandpauke.  Sehr  zur  Zufriedenheit meiner  Schwester, wie  ich wohl  nicht extra zu sagen brauche.   Dad und ich, wir haben uns gut verstanden, als ich klein  war,  bis  ich  zehn war  etwa.  Ich weiß  nicht, was  dann  passiert ist. Na ja, Verschiedenes wohl. Dad hat sich end‐ gültig damit abgefunden, dass  für mich Fußball nicht zu  den wichtigen Dingen im Leben gehörte und dass ich nie  ein  Do‐it‐yourself‐Fan  werden  würde. Mir  hat  es  nicht  gepasst, wie er und Penny plötzlich miteinander umgin‐ gen, er war total vernarrt in sie, ist es bis heute. Jedenfalls  fingen wir ernsthaft an zu streiten.  Ich weiß,  es  klingt  sicher  albern,  aber  der Wendepunkt  kam eines Tages, als ich etwa dreizehn war und plötzlich  merkte,  dass  ich Dads Witze  nicht mehr  komisch  fand.  Und das war’s. Von da an war er nur noch dieser Mann,  der  zufällig mein  Vater war,  aber  ansonsten  vor  allem  peinlich,  so  eine Art Relikt  aus  den  Sixties. Mit  seinem  langen, strähnigen Haar, das oben immer dünner wurde.  Und seiner dämlichen Omabrille. Und immer mit diesem  Ausdruck um die Augen, als ob er gerade aufgestanden  211 , wäre,  nachdem  er  gar  nicht  erst  geschlafen  hatte.  Und  dann dieser fette Bauch über den Stone‐washed‐Jeans, die  seinen  schlaffen  Hintern  voll  zur  Geltung  bringen.  Er  sieht aus wie ein aus dem Leim gegangener John Lennon.  Wobei John Lennon – wer sonst! – sein großes Idol ist und  Beatles‐Songs  die  Krone  seines Musikgeschmacks  sind.  Sarah sagt, er ist bleibend infiziert worden, als diese hirn‐ erweichenden  Flower‐Power‐Toxine  aus  den  USA  über  den  Atlantik  geschwappt  sind,  damals,  Ende  der  sech‐ ziger Jahre, als Dad ein Twen war. Ach, übrigens, wissen  Sie,  wo  er  und  Mom  sich  kennen  gelernt  haben?  Auf  einem  so  genannten  Rolling‐Stones‐Konzert.  Verzeihung,  wenn ich kichere.«  Jacob  hielt  inne, weil  er merkte,  dass  er  sich  hatte  hin‐ reißen  lassen, dass das Erzählen die Oberhand über die  Geschichte gewonnen hatte. Hatte er’s übertrieben? Geer‐ truis Augen waren geschlossen, aber er wusste, sie hörte  zu, und  ein  belustigtes Lächeln  ermutigte  ihn weiterzu‐ machen.   »Jedenfalls, das war der Stand der Dinge, als ich vierzehn  war und Mom  ins Krankenhaus musste, zu einer großen  Operation, nach der es Wochen dauerte, bis sie wieder auf  dem Damm war. Vater und Penny kamen gemeinsam mit  dem  Haushalt  klar,  und  Harry,  na  ja,  Harry  war  kein  Problem. Aber ich. Ich war eins. In der ersten Woche, als  Mum  weg  war,  wurden  die  Streitereien  zwischen  Dad  und Penny und mir richtig schlimm. Also hat Sarah ange‐ boten,  ich  soll  doch  zu  ihr  ziehen,  bis Mom wieder  zu  Hause und gesund  ist. Um uns alle zu entlasten, hat sie  212 , gesagt. Und ausnahmsweise war Dad mal ihrer Meinung.  Sarah  wohnt  in  einem  Cottage,  etwa  vier  Meilen  von  meinen Eltern, also kann  ich  jederzeit heimradeln, wenn  ich will,  aber  gleichzeitig  bin  ich weit  genug weg,  dass  wir  uns  nicht  in  die  Haare  geraten.  Und,  wie  gesagt,  Sarah und ich, wir verstehen uns wirklich gut. Wir mögen  dieselben  Sachen  – Musik, Bücher, Theater und  so was.  Und jeder von uns ist gern ziemlich viel für sich.  Irgendwann war Mutter dann wieder gesund. Es hat etwa  vier Monate gedauert. Aber inzwischen war ich so glück‐ lich bei Sarah, dass  ich nicht wieder  zurückwollte. Was,  wie  ich wohl  kaum  sagen muss,  allen  recht war. Außer  Mum.  Ich  habe  noch  nicht  gesagt,  oder,  dass  ich Mum  sehr gern habe? Sie ist nicht in den Sixties stecken geblie‐ ben,  so wie Dad,  und  sie  ist  auch  nicht  aus  dem  Leim  gegangen. Nicht, dass  sie versucht,  sich ewig  jugendlich  zu geben, das meine  ich nicht.  Ich glaube,  ich meine, sie  ist so alt, wie sie  ist, aber  innerlich  jung geblieben. Mum  ist übrigens diejenige, von der Harry sein gutes Aussehen  hat. Und  er  ist überhaupt  in  vielem wie Mum, weshalb  ich mich  vermutlich  auch  so  gut mit  ihm  verstehe.  Ich  weiß, Harry  ist  ihr Kind der Liebe, wie Sarah das nennt,  aber das macht mir nichts aus, weil  ich auch weiß, dass  Mum und ich Freunde sind. Inzwischen denke ich, das ist  das Größte, was man über einen Elternteil sagen kann. Ich  konnte  ihr  immer  alles  erzählen  und mit  ihr  über  alles  reden.  Also  haben  Mum  und  ich  drüber  geredet  und  beschlossen, dass ich bei Sarah bleiben soll, aber jederzeit  willkommen bin,  sollte  ich wieder  in das  zurückwollen,  213 , was ich nicht mehr als mein Zuhause betrachte.   So kam es, dass ich bei meiner Großmutter wohne.«    Vom Korridor drangen Krankenhausgeräusche herein.  Geertruis Augen gingen auf.  Zum ersten Mal bewegte sich ihr Kopf.  Sie sahen einander an, Aug in Aug.  Schließlich sagte Geertrui: »Und hast du ihm verziehen?«  »Wem?«  »Deinem Vater.«  »Was?«  »Dass er dein Vater ist.«  Die Frage brachte ihn ins Stolpern. »Ob ich ...? Wie ...?«  Geertrui wartete  einen Moment,  ehe  sie  fragte:  »Bist du  froh, dass du am Leben bist?«  Jacob  holte  tief  Luft.  Sein Herz  schlug  schneller  und  er  merkte,  wie  er  rot  wurde.  Für  eine  dahinschwindende  Motte hatte diese Frau den Biss eines Rottweilers.  Er brachte heraus: »Ja. Na  ja, meistens. Manchmal nicht.  Ab und zu bin ich mal deprimiert und dann wünsche ich  mir ... Sarah nennt das meine Mausstimmungen und sagt,  da würde ich rauswachsen.«  Geertrui gab  ein kurzes,  trockenes Lachen von  sich, das  klang, als ginge jemand über Schotter.  »Alles nur Biologie!«, sagte sie.  Er war sich nicht sicher, ob das ironisch gemeint war oder  nicht. Aber  er war  froh über die Gelegenheit  zu  lächeln  und »Ja!« zusagen.  Geertruis Kopf wandte sich ab, und ihre Augen schlossen  214 , sich wieder.  Nach  einer  Schweigepause  sagte  sie:  »Daan  hat  dir  er‐ klärt, was mit mir passieren wird?«  Er konnte nur nicken, obwohl sie gar nicht herschaute.  »Verstehst du’s?«  Erneutes  tiefes  Lufthohlen,  ehe  er  sagte:  »Ich  glaube  schon.«  »Billigst du’s?«  »Ich –«  »Nein.«  Geertrui  unterbrach  ihn.  »Billigen  ist  nicht  das  richtige Wort. Es ist nicht an dir, es zu billigen oder nicht  zu billigen. Warte.«   Wieder Schweigen. Dann:   »Würdest du so was selbst tun?«  Jacob rang mit der Frage, dachte an seine Tränen gestern,  fürchtete, sie könnten wiederkommen. Das war nicht der  richtige Moment. Da war zu viel. Und zu wenig Zeit.   Zeit, Zeit! Plötzlich schien sich alles um die Zeit zu dre‐ hen. Alle Zeit der Welt. Alles zu seiner Zeit. Kommt Zeit,  kommt Rat. Zeit ist Leben und Leben ist Zeit. Kinder, wie  die Zeit vergeht. Zeit abgelaufen.  »Ich weiß  nicht«,  sagte  er  in  ernsthaft‐festem  Ton.  »Ich  weiß es wirklich nicht. Theoretisch ja. Aber ... faktisch. Es  scheint mir so ...«  Es kam nichts mehr heraus. Ein Kehlkopfverschluss tief in  seinem Inneren.  Geertrui räusperte sich den Schotter aus der Kehle, ehe sie  sagte: »Dann bist du doch froh, dass du lebst.«   Eine Feststellung, keine Frage.  215 , Jacob schwieg kurz, ehe er sagte: »Ja, ich glaube schon.«   »Selbst während deiner – wie hieß das noch mal?«   »Mausstimmungen.«  »Ja,  selbst während  deiner Mausstimmungen  spielst  du  nur mit dem Gedanken, nicht zu sein.« Sie räusperte sich  wieder.  »Biologie,  verstehst  du.  Es  ist  eine  Sache  der  Biologie, dass wir leben wollen und nicht sterben. Und es  ist eine Sache der Biologie, dass wir an einen Punkt kom‐ men, an dem wir sterben wollen und nicht leben. Wichtig  ist...«  Schmerz  zuckte  über  ihr Gesicht.  Sie  hielt  ein  paar  Se‐ kunden  den Atem  an.  Schweiß  glänzte  auf  ihrer Haut.  Ihre  Hände  auf  der  Bettdecke  waren  zu  Klauen  ge‐ krümmt.   Erschrocken  sagte  Jacob:  »Alles  in  Ordnung?  Soll  ich  jemanden rufen?«  Geertrui  hob  eine  zur  Faust  gekrümmte Hand,  signali‐ sierte ein Nein.  Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder entspannte.   »Du musst jetzt bald gehen.« Ihre Stimme klang gepresst.  »Aber vorher muss ich dich noch zwei Dinge fragen.« Sie  schürzte  die  trockenen  Lippen  und  rieb  sie  aneinander.  »Morgen  fährst  du  nach  Oosterbeek.  Kommst  du mich  Montag noch einmal besuchen? Da  ist etwas, was  ich dir  geben möchte.«   »Ja. Klar.«  »Jetzt die andere Frage. Würdest du mir etwas vorlesen.  Ein kurzes Gedicht.«  Wer  kann  einer  Todkranken  etwas  abschlagen?  »Wenn  216 , Sie’s möchten. Ich weiß nicht, wie gut ich ...«   »Dein Großvater hat es sehr gemocht. Er hat es mir vorge‐ lesen. Ich würde es gern von dir hören.«   Jacob brachte nur ein Nicken zustande.   »Meine Nachttischschublade. Das Buch, das da  liegt. Die  Seite, wo der Zettel steckt.«  Ein  ramponiertes,  eselsohriges  Buch,  der  rotbeige  Ein‐ band verschossen und schmuddlig.   »Der Ben Jonson?«, fragte er.  Geertruis Kopf drehte sich zu ihm und ihre Augen sahen  ihn wieder an, eindringlich, verschlingend.  Er hatte das Gedicht noch nie gesehen. Er ging die paar  Zeilen durch, probte sie einmal  im Stillen, weil er Angst  hatte, über das unvertraute Englisch des frühen siebzehn‐ ten Jahrhunderts zu stolpern.   Zeit. Zeit.  Er holte  tief Luft,  redete  sich zu, ganz  ruhig zu bleiben,  sich zu konzentrieren, nur auf die Worte zu sehen, sich an  die Zeilen zu halten, der Interpunktion zu trauen: so wie  man es ihm bei den Proben zu dem Schottendrama beige‐ bracht hatte.   Er atmete ein. Und begann.  »Nicht schierer Wuchs, dem Baume gleich,  Macht eines Menschen Leben reich,  Noch einer Eiche Zeit in Stolz zu stehn,  Um dann als morscher Stamm zu End zu gehn:  Der Lilie flücht’ges Blühn  Beglückt und ist dahin,  Sie sieht den nächsten Morgen nicht;  217 , Doch war sie Blum geword’nes Licht.  Die Schönheit achtet’s nicht, ob groß, ob klein;  Das Kurzbemessne kann vollkommen sein.«    Draußen hallten Klinikgeräusche.  Im Zimmer füllte Krankenhausduft die Stille.  218 , GEERTRUI    Diese  unschuldige,  glückliche  Zeit  endete  eines  frühen  Morgens. Bis dahin waren unsere Aufstehgewohnheiten  so  gewesen:  Herr  Wesseling  stand  um  halb  sechs  als  Erster  auf. Er  brachte das  Feuer  im Küchenherd wieder  zum Brennen, ehe er hinausging, um sich an seine Arbeit  zu machen und zu kontrollieren, ob Dirk und Henk wach  waren, denn die beiden standen als Nächste auf, um die  Kühe zu melken. Um sechs  folgte Frau Wesseling  ihrem  Mann  aus  dem  Bett  und  bereitete  das  Frühstück  für  sieben Uhr.  Ich erhob mich nach  ihr und verrichtete ein  paar Haushaltstätigkeiten,  bis  das  Frühstück  fertig war.  Wenn wir  gefrühstückt  hatten,  brachte  ich  Jacob  seinen  Kaffee und vollzog unser Weckritual.   Doch  an  diesem Morgen  lagen  Frau Wesseling  und  ich  noch  in  unseren  Betten  und Herr Wesseling  kümmerte  sich  gerade  um  das  Feuer,  als  Dirk  plötzlich  aus  dem  Kuhstall hereingestürzt kam und schrie: »Deutsche! Deut‐ sche!« Das war ein Wort, das uns wie eine Zauberformel  sofort  in heftigste Aktivität versetzte. Dirk hatte  sich  im  Versteck  angezogen und durch  einen  glücklichen Zufall  aus  der  Dachluke  einen  deutschen  Lastwagen  von  der  Hauptstraße in unseren Fahrweg einbiegen sehen. Sobald  wir  seinen Warnruf hörten,  rannte Herr Wesseling nach  219 , draußen, um die Soldaten abzufangen und  so  lange wie  möglich am Betreten des Hauses zu hindem. Frau Wesse‐ ling  lief aus  ihrem Zimmer an die Treppe und  rief Dirk  zu, er solle wieder ins Versteck gehen. Was mich betrifft,  so  galt mein  erster Gedanke  Jacob.  Ich  stürzte  aus dem  Bett und  rannte,  seinen Namen  rufend,  zu  seinem Zim‐ mer, weil mir klar war, dass  er  irgendwie aus dem Bett  kommen und weggebracht werden musste. Aber wohin?  Als  ich  bei  ihm  angelangt  war  und  ihn  wachgerüttelt  hatte, kam auch schon Frau Wesseling herein, genau wie  ich  im Nachthemd, das Haar  offen  und  schlafwirr,  und  Dirk kam, trotz der ängstlichen Zurufe seiner Mutter, bar‐ fuß die Hintertreppe heraufgerannt. »Wo  sind  sie?«,  rief  ihm  Frau Wesseling  zu.  »Auf  unserem Weg,  in  einem  Lastwagen«, rief Dirk zurück. »Vater  ist draußen, um sie  aufzuhalten.« Gleichzeitig erklärte ich Jacob, was los war,  und half ihm aus dem Bett. Doch sein verletztes Bein ver‐ mochte  immer noch nicht  sein Gewicht  zu  tragen,  ja,  er  konnte es nicht einmal bewegen, ohne große Schmerzen  zu haben. Er  saß  auf der Bettkante,  als Dirk hereinkam.  »Schnell,  schnell«,  sagte  Dirk.  »Ich  nehme  ihn  Hucke‐ pack.« »Nein, nein«, rief Frau Wesseling. »Keine Zeit. Das  schaffst  du  nie.  Sie werden  überall  sein. Geh,  geh! Uns  fällt  schon was  ein.«  So wie mein  erster Gedanke  Jacob  gegolten hatte, galt  ihrer Dirk. Egal, wen sie erwischten,  sie  selbst  eingeschlossen,  aber  nicht  ihr  einziges  Kind.  Dirk versuchte zu widersprechen, aber seine Mutter, völ‐ lig außer sich, packte ihn an den Armen, drängte ihn mit  ihrem ganzen Gewicht aus dem Zimmer und  rief: »Ver‐ 220 , steck dich, Dirk, los, versteck dich!«  Inzwischen hörten wir die Deutschen  schon  in den Hof  fahren.  Und  jetzt  packte  auch  mich  die  Angst.  »Was  sollen wir tun?«, hörte ich mich sagen. Diese entsetzliche  Panik. So etwas habe ich, glaube ich, in meinem Leben nie  wieder  erlebt. Und  das, während  ich  Jacob  aufzuhelfen  versuchte und  er  ebenfalls  erregte Worte  –  auf Englisch  natürlich – hervorstieß, die  ich  (damals!) nicht verstand.  Später erklärte er mir, er habe auf sich selbst geschimpft,  weil  er  sich  die  letzten  paar  Tage  einfach  hatte  gehen  lassen, während wir einen Plan für solche Notsituationen  hätten machen sollen. Aber es seien Tage gewesen, sagte  er,  in denen  er  sich  in  einem Schwebezustand befunden  habe, außerhalb von Zeit und Raum, ohne Vergangenheit  und  Zukunft,  einfach  nur  eine  unendliche,  losgelöste,  verzauberte, zeitlose Zeit. Aber jetzt war der Zauberbann  gebrochen.  Erst als wir deutsche Befehle durch den Hof hallen hörten  und das Klacken von Stiefeln, weil die Soldaten aus dem  Lastwagen  quollen,  da  begriff  Dirk  plötzlich,  dass  ihm  keine Zeit mehr blieb. Er gehorchte seiner Mutter, stolper‐ te  die  Treppe  hinunter  und  durch  die Milchkammer  in  den Kuhstall, wo Henk wartete, bereit die Leiter hochzu‐ schwenken, sobald Dirk oben war, und den Eingang zum  Versteck hinter ihnen zu schließen. Sie schafften es gerade  noch. Herrn Wesselings Versuche, die Soldaten aufzuhal‐ ten,  indem  er  sie  fragte, was  sie wollten,  und  sich  ihre  Durchsuchungsgenehmigung  zeigen  ließ,  wurden  von  dem verantwortlichen Offizier einfach beiseite gefegt. Die  221 , Soldaten  schwärmten  in  alle Gebäude  aus:  zwei  kamen  mit  dem Offizier  durch  den  Kücheneingang  ins Wohn‐ haus, zwei gingen durch das große Tor  in den Kuhstall.  Herrn Wesseling wurde befohlen, bei dem Lastwagen zu  bleiben, den der Fahrer bewachte.   Sobald  Dirk  weg  war,  fasste  sich  Frau  Wesseling  in  Sekundenschnelle und handelte mit  einer Sicherheit, die  mich verblüffte. Was  ich auch sonst über sie sagen mag,  eins muss  ich  ihr  lassen:  Sie  verfügte über  eine  bewun‐ dernswerte  Selbstbeherrschung  und  sehr  viel  Mut.  »Ruhig«, murmelte sie, ebenso an sich selbst gerichtet wie  an mich.  Und  dann  –  als  sei  alle  Emotion  aus  ihr  ge‐ wichen  –  betrachtete  sie  mich,  wie  ich  dastand,  Jacob  stützend, seinen Arm um meinen Hals, sah sich dann im  Zimmer um und nach einem kurzen Moment des Nach‐ denkens, der mir wie eine Ewigkeit erschien, breitete sich  ein fast schon belustigter Ausdruck über ihr Gesicht.  »Schnell«, sagte sie, ging zur Bedstee und öffnete die Tür.   Da ihr in England so etwas wie unsere Bedstee wohl nicht  habt, sollte ich dir erklären, dass das ein Bett in einer Art  Wandschrank ist.  Viele alte Häuser hatten das bei uns. Normalerweise war  die Bedstee  in der Wohnküche, neben dem Herd. Tags‐ über konnte man das Bett aus dem Blickfeld verschwin‐ den lassen, indem man die Tür oder den Vorhang schloss.  Nachts war es eine gemütliche Schlafstatt. Und so konnte  man  den  knappen  Platz  und  die  wenigen  Räume  der  alten Häuser maximal ausnutzen, ohne dass das Bett  im  Weg stand oder tagsüber das Auge störte.  222 , Wie  so  viele  reichere  Bauern  hatten  die Wesselings  ein  Obergeschoss  mit  mehreren  Schlafzimmern.  Aber  den‐ noch  hatte man  durch  die  Bedstee  im  Bedarfsfall  einen  zusätzlichen Schlafplatz. Zum Glück befand sich in Jacobs  Zimmer eine.  Ich hatte gar nicht daran gedacht, bis Frau  Wesseling jetzt die Tür öffnete.  »Rein mit ihm, los«, sagte sie und half mir, den auf einem  Fuß  hüpfenden  Jacob mehr  oder minder  zur  Bedstee  zu  tragen und hineinzuverfrachten, wobei  ich  ihm  erklärte,  was wir taten.  »Jetzt du«,  sagte Frau Wesseling,  sobald  Jacob  flach  auf  der Matratze lag.  »Was ? Wieso ?«, fragte ich, atemlos von der Anstrengung  und Aufregung.  »Mach schon. Auf ihn drauf. Schnell!«   In einem solchen Moment ist keine Zeit für lange Diskus‐ sionen oder auch nur Erklärungen. Wir hörten schon die  Stiefel eines Soldaten drunten über die Steinfliesen klirren  und dazu die scharfen Kommandos des Offiziers. Außer‐ dem  konnte  man  sich  Frau  Wesselings  Willen  nicht  widersetzen, wenn sie so entschlossen war.  Also kletterte  ich  in die Bedstee und  legte mich rücklings  auf  Jacob. Nur um mich  sofort mit dem Federbett zuge‐ deckt zu  finden, das Frau Wesseling von  Jacobs Bett ge‐ rissen und über uns geworfen hatte.  »Was wird das?«, flüsterte Jacob mir zu.   »Still«, flüsterte ich zurück. »Keinen Mucks!«   Jetzt hörten wir die Soldatenstiefel die Treppe heraufstap‐ fen.   223 , »Stell dich krank«, murmelte Frau Wesseling mir zu, ehe  sie  sich  zur  Tür wandte  und  hinaus  auf  den  Treppen‐ absatz eilte, wo sie sich dem Soldaten am oberen Ende der  Treppe in den Weg stellte.  »Was machen  Sie  hier? Was wollen  Sie?«,  hörte  ich  sie  zornig auf Deutsch fragen.  »Befehl. Aus dem Weg«, erwiderte der Soldat.   »Wie  kommen  Sie dazu! Was  für  ein Befehl! Zeigen  Sie  mir den Befehl!«   »Ist beim Offizier. Unten. Weg da.«  Die Nagelstiefel des Soldaten trampelten den Treppenab‐ satz entlang, zum entferntesten Zimmer. Frau Wesselings  bloße  Füße  tappten  hinterher  und  sie  zeterte  die  ganze  Zeit:  »Was  glauben  Sie, was wir  hier  tun?  Eine Armee  verstecken? Wir sind Bauern, wir  tun unser Bestes,  trotz  allem Nahrungsmittel zu produzieren, um Leute wie Sie  zu  ernähren. Wie  können  Sie  es wagen,  einfach  so  hier  hereinzuplatzen?« Und der Soldat knurrte  immer wieder  »Ruhe. Weg da«, während er die Zimmer durchsuchte.  Er war nicht sehr sorgfältig, oder vielleicht wollte er auch  nur Frau Wesseling möglichst schnell wieder entkommen,  denn er tat nicht viel mehr als unter die Betten und in die  Schränke  zu  gucken  (wobei  er mit  dem  Gewehrkolben  gegen  die  Schrankrückwand  hämmerte,  weil  wohl  be‐ kannt  war,  dass  Leute  sich  Verstecke  in  den  Wänden  hinter  Schränken  bauten)  und  die Wände  und  Decken  hier und da auf verdächtige Hohlräume abzuklopfen.  Schließlich kam er auf Jacobs Zimmer zu. Frau Wesseling  sorgte dafür, dass sie das Zimmer vor ihm betrat, blieb in  224 , der Nähe der Tür stehen und schaute zur Bedstee hinüber.  Als er hereinkam, sagte sie ruhig: »Besuch. Sie ist krank.«  Der  Soldat  blieb  jäh  stehen.  »Krank?«,  fragte  er  beun‐ ruhigt.  »Tuberkulose«, sagte Frau Wesseling mit einer resignier‐ ten Geste und setzte dann hinzu: »Sehr schlimm. Armes  Ding. Hoffnungslos.«  Über das Federbett hinweglinsend,  sah  ich die Nase des  Soldaten zucken, als röche er die gefürchtete Krankheit.   »Mein Gott!«, sagte er, machte auf dem Absatz kehrt und  stampfte hinaus und die Treppe hinunter.  »Bleib  da  liegen«,  befahl  mir  Frau  Wesseling,  als  er  draußen  war,  mit  stummen  Mundbewegungen.  Dann  ging sie hinter ihm her.  Ich  lag eine ganze Weile auf Jacob  in der Bedstee, ehe  ich  schließlich  die  Deutschen  davonfahren  hörte  und  Frau  Wesseling  keuchend  die  Treppe  heraufkam,  um mir  zu  sagen,  dass  sie meinen  Bruder  und Dirk  nicht  entdeckt  hätten. Wie  lange  das  war  –  zehn  Minuten,  fünfzehn,  zwanzig oder sogar mehr – konnte ich nicht sagen. Nicht  nur deshalb, weil das Leben damals nicht so von der Uhr  diktiert war wie heute und man nicht überall Uhren hatte.  Nein,  da war  noch  etwas  anderes, was mir  jedes  Zeit‐ gefühl nahm und sogar die Gedanken an die Soldaten aus  meinem Kopf verscheuchte.   Während der Soldat in den Schlafzimmern herumgestapft  war,  hatte  ich  angststarr  in  der  Bedstee  gelegen  und  meinen Atem  und mein  jagendes Herz  zu  kontrollieren  versucht. Doch als er es aufgab und nach unten ging, war  225 , ich  so  erleichtert,  dass  meine  Knochen  sich  in  Teig  verwandelten  und  ich  reglos  liegen  blieb,  in  meinem  schweißgetränkten Nachthemd, zu schwach, um mich zu  rühren. Da erst wurde ich mir Jacobs bewusst, seines Kör‐ pers,  auf  den  sich meiner mit  vollem  Gewicht  presste,  seines  zur  Seite  gedrehten Gesichts  unter meiner  linken  Schulter,  seines  atmenden  Brustkorbs  unter  meinem  Rücken,  seiner  eckigen  Hüften  unter  den  Rundungen  meines Hinterns, seiner Beine an den Außenseiten meiner  Beine.  Ich  fühlte  seine  Wärme  durch  die  klebenden  Schichten  unserer  schweißnassen Nachtwäsche  dringen,  spürte die Architektur seiner Knochen, die Polster seiner  Muskeln.   Und da  er,  als  ich  auf  ihn getaumelt war,  instinktiv die  Arme  um meine  Taille  gelegt  hatte  und mich  festhielt,  während  ich das Federbett unter mein Kinn raffte, damit  auch  bestimmt  nichts  von  uns  zu  sehen wäre  als mein  Gesicht,  lagen wir  in  dieser Umklammerung  da,  zuerst  nur erfüllt von der Gefahr  in den Nachbarräumen, dann  nur noch von der engen Berührung unserer Körper.  Noch nie hatte mich  jemand  so gehalten, noch nie hatte  ich die  intimen Formen eines Männerkörpers an meinem  gespürt. Das allein hätte schon ausgereicht, mich zu ver‐ wirren. Nicht, dass es mir missfallen hätte, nein, ganz und  gar nicht. Während mein Herz vorher vor Angst gepocht  hatte, pochte es  jetzt vor Erregung. Doch dann passierte  etwas,  was  noch  verwirrender  war.  Ich  fühlte  Jacobs  Geschlecht  zwischen  meinen  Schenkeln  schwellen.  Als  würde  es  jemand mit  einer  Fahrradluftpumpe  aufpum‐ 226 , pen.  Es wäre gelogen, wollte ich behaupten, ich hätte nicht ge‐ wusst, was da vor sich ging. Aber es wäre auch gelogen,  wollte  ich  behaupten,  ich  sei mir  ganz  sicher  gewesen,  was das  für mich hieß. Was sollte  ich  tun? Wie sollte  ich  reagieren?   Dir muss das unvorstellbar  sein. Da  ihr heute  als  junge  Leute,  ja sogar schon als Kinder, alles über die sexuellen  Funktionen des Körpers wisst,  ist mir klar, wie unglaub‐ lich  es  dir  vorkommen muss,  dass  eine  junge  Frau  von  neunzehn  Jahren, wenn  auch nicht völlig unwissend,  so  doch höchst unsicher sein konnte, was es mit dem schwel‐ lenden Penis eines Mannes auf sich hatte. Aber so war es,  und  ich muss dich  bitten  zu  akzeptieren, dass das, was  ich fühlte, eine so verwirrende Mischung war – aus Über‐ raschung, einer unbekannten Art von sinnlicher Erregung  und der Unsicherheit, was ich wollte und was ich sollte —  und mich eine so überwältigende Scheu und Schüchtern‐ heit  überkam,  dass  ich  wie  gelähmt  dalag,  unfähig  zu  reagieren, wie es ein Teil von mir wollte, ohne genau zu  wissen  wie,  aber  auch  unfähig  zu  fliehen,  wie  es  ein  anderer Teil von mir  zu müssen glaubte. Alles, was  ich  konnte, war  genauso  liegen  zu  bleiben, während  ich  in  jeder Zelle meines Körpers ein nie da gewesenes Prickeln  spürte  und  auf  eine  überwache Weise  jedes Detail  und  jede  kleinste  Bewegung  unserer  beiden  Körper  wahr‐ nahm.   Mehr passierte nicht. Wir  lagen  in  einem  zeitentrückten  Zustand des Verlangens da,  ich  zu  schockiert, um mich  227 , zu  rühren, und  Jacob dazu verurteilt  still  zu  liegen, um  sich  nicht  noch  mehr  zu  kompromittieren  und  meine  Gefühle nicht zu verletzen. Bis Frau Wesseling hereinkam  und den Bann brach, worauf  ich, noch während  sie mir  nachrief,  dass  den  anderen  nichts  passiert war,  in mein  Zimmer  floh,  weil  ich  fürchtete,  dass  mein  Gesicht  meinen  inneren Zustand verraten würde, und mich  erst  beruhigen musste, ehe ich wieder irgendjemandem in die  Augen zu gucken wagte.   Jacob,  der Ärmste,  hatte  das  alles  natürlich  nicht  beab‐ sichtigt.  Die  Natur  hatte  die  Absichten  des  Verstandes  überrollt,  es  war  alles  die  Schuld  der  Biologie.  Man  bedenke: ein geschlechtsreifer junger Mann, über Wochen  fern von zu Hause, über viele Tage der Anspannung und  Anstrengung, dem Hin und Her einer erbitterten Schlacht  ausgesetzt,  einer  Schlacht,  die  andere  in  den Wahnsinn  trieb,  dann  verletzt,  dem  Gemetzel  entronnen  und  schließlich  über  Tage  verwöhnt  und  gepflegt  von  einer  auf  ihre  bescheidene  Art  attraktiven  jungen  Frau.  Und  plötzlich dann,  in einem schmalen Bett, der Körper eben  dieser Frau auf seinem, während akute Gefahr und deren  Abwendung  seine  Nerven  aufs  Äußerste  spannen  und  wieder  lösen  und  Adrenalinstöße  durch  seine  Adern  jagen. Wie sollte der Körper dieses jungen Mannes anders  reagieren als der eines Löwen nach getaner Jagd auf den  einer Löwin oder als ein Keimling, der  sich  im Frühjahr  durch das Wintereis bohrt?    Wir waren um Haaresbreite davongekommen.  Ich brau‐ 228 , che  dir  wohl  nicht  zu  sagen,  was  für  ein  Schock  das  plötzliche Auftauchen  der Deutschen  gewesen war  und  wie  es  uns  in  den  Knochen  steckte,  dass  sie  so  schnell  über uns hereingebrochen waren und uns beinahe über‐ rumpelt hätten. Deshalb waren wir uns alle einig, dass es  zu gefährlich war,  Jacob weiter  im Haus zu behalten. Es  ging  ihm gut genug, um  ihn  in das Versteck  im Kuhstall  zu verlegen. Doch dort würde  es  zu dritt nachts  so  eng  werden, dass Dirk und Henk beschlossen, abwechselnd in  einem der Notverstecke  in den anderen Nebengebäuden  zu schlafen.  Diese Entscheidung wurde noch am Morgen der Durch‐ suchung in die Tat umgesetzt. Und während der nächsten  paar Tage merkte ich, was für eine unerwartete und uner‐ wünschte Veränderung das  in meinem Leben bedeutete.  Drei  Wochen  war  Jacob,  zuerst  im  Keller  bei  uns  zu  Hause, dann auf dem Hof, Hauptgegenstand meiner Auf‐ merksamkeit gewesen. Ja, er war zum Mittelpunkt meines  Lebens  geworden. Manche  von  uns  vergessen  im Alter,  wie total die hingebungsvollen Gefühle einer jungen Frau  sein können. Ich nicht. Vielleicht konnte ich es auf Grund  der Geschehnisse nicht vergessen. Wenn ich an diese Tage  denke,  fühle  ich  immer noch  alles genauso deutlich wie  damals.   Plötzlich, nur eine Stunde, nachdem die wenigen intensi‐ ven Momente  in der Bedstee Gedanken, Gefühle, Emotio‐ nen, sinnliche Empfindungen an die Oberfläche gebracht  hatten,  die  sich  bis  dahin, wenn  überhaupt,  nur  in  den  tiefsten  Tiefen  meiner  Selbst  geregt  hatten,  plötzlich  229 , wurde mir derjenige, der  all das  ins Leben gerufen,  ans  Licht gebracht hatte, weggenommen – erstmals, seit man  ihn mir ohnmächtig in den Keller gebracht hatte.  Was diese  jähe Trennung  für mich bedeutete, begriff  ich  nicht sofort, nicht  in den nächsten paar Stunden, als wir  das  Versteck  für  ihn  vorbereiteten  und  ihn  hintrugen,  nicht, während  ich  »sein«  Zimmer  im Haus  aufräumte  und seine Bettwäsche wusch, und auch noch nicht wäh‐ rend des restlichen Tages, da  ich meinen üblichen Arbei‐ ten nachging,  ihm seine Mahlzeiten  ins Versteck brachte  und bei  ihm saß, während er aß. In dieser Zeit gab es zu  viel zu tun, und die nachwirkende Angst, die die Durch‐ suchung  ausgelöst  hatte,  betäubte  alle  weiterführenden  Gedanken.  In  dieser  Zeit war  ich  vor  allem  erleichtert,  dass  sie  Jacob  nicht  gekriegt  hatten,  und  froh,  dass  er  noch da war.  Doch  am Abend und  vor  allem während der  folgenden  Nacht im Bett fühlte ich den Verlust. Fühlte die Leere, die  er  im  Haus,  in  seinem  Schlafzimmer  neben  meinem,  hinterlassen  hatte.  Er war  nicht  dort,  als  die  Zeit  kam,  mich nach getaner Arbeit zu  ihm zu setzen. Er war nicht  da, als ich in der Nacht nach ihm horchen wollte, für den  Fall, dass er etwas brauchte. Er würde nicht da sein, allein  in  seinem  Zimmer,  wenn  es  Zeit  für  unser  zärtliches  Weckritual wäre. Und erst  in dieser Nacht, nachdem  ich  ihn  im  Versteck  besucht  hatte,  um  ihm  gute Nacht  zu  sagen,  und  ihn mit Henk  und Dirk  dabei  vorgefunden  hatte,  wie  sie  selbst  gebrautes  Bier  tranken  und  übel  riechende  Kriegszigaretten  rauchten,  und  mir  eine  so  230 , fremde und mich – als Frau – ausschließende Stimmung  entgegengeschlagen  war  –  erst  da,  als  ich  im  Bett  lag,  kamen mir die Tränen. Und als  ich sie  trocknete, kamen  die  Fantasien  des  ersten  sexuellen  Sehnens.  Ich  fühlte  wieder seinen Körper in der Bedstee unter meinem, fühlte  seine Erektion an meinem Schenkel, erträumte mir, dass  seine Hände mich berührten und seine Stimme mir sanfte  Worte  ins Ohr  flüsterte,  so wie  die,  die  er mir  erst  am  Abend zuvor aus Sams Buch vorgelesen hatte.    Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?   Nein, du bist lieblicher und frischer weit –  Durch Maienblüten raue Winde streichen   Und kurz nur währt des Sommers Herrlichkeit.   Zu feurig oft lässt er sein Auge glühen,   Oft auch verhüllt sich seine goldne Spur,   Und seiner Schönheit Fülle muss verblühen   Im nimmer ruh’nden Wechsel der Natur.   Nie aber soll dein ewiger Sommer schwinden,   Die Zeit wird deiner Schönheit nicht verderblich,   Nie soll des neidischen Todes Blick dich finden,   Denn fort lebst du in meinem Lied unsterblich.   So lange Menschen atmen, Augen sehn,   Wirst du wie mein Gesang nicht untergehn.    Lange Minuten verbrachte  ich damit, all meine Wünsche  zu  ihm  ins  Versteck  hinüberzusenden,  um  ihn  durch  meine Willenskraft dazu zu bringen, still und heimlich zu  mir  zu  kommen,  in mein  Bett.  Ich wusste,  er war  noch  231 , nicht  einmal  imstande,  die  Leiter  herunterzusteigen,  geschweige  denn  den  ganzen  Weg  herüberzuhoppeln,  redete mir aber dennoch ein, dass er es  irgendwie schaf‐ fen würde, da ich mir in meinem Verlangensrausch sicher  war, dass er alles konnte, wenn er für mich fühlte, was ich  für ihn fühlte. Noch längere Minuten lag ich still auf dem  Rücken,  horchte  auf  jedes  Knacken  und  Ächzen  des  schlafenden Hauses,  hielt  beim  kleinsten Geräusch,  das  ihn hätte ankündigen können, den Atem an, nur um dann  mit  einem  Seufzer  schmerzlicher  Enttäuschung  in mich  zusammenzusinken, wenn sich die Hoffnung zerschlug.  Ich hatte keine besonders genauen Vorstellungen, was ich  mir von  ihm erhoffte, wenn er käme. Unwissenheit und  Unerfahrenheit  beschränkten meine Vorstellung  auf  das  Naheliegendste.  Ich  wusste  nur,  ich  wollte,  dass  er  an  meiner Seite läge, mich küsste und streichelte, mir intime‐ re Worte sagte, als ich sie gehört hatte, ich wollte von ihm  umschlungen und gehalten sein und mich an ihn schmie‐ gen. Ich hatte keine anderen Worte als diese verschwom‐ menen Figuren, die ich wohl aus der Lektüre von Liebes‐ romanen kannte, um mir zu erklären, was  ich da so ver‐ zweifelt begehrte.   Und so erlebte ich in dieser Nacht das Erwachen erwach‐ sener  Empfindungen,  das  eine  so  schmerzhafte  Lust  ist  und für mich dadurch erschwert wurde, dass ich nieman‐ den hatte, mit dem  ich darüber hätte reden können. Nur  Frau Wesseling, und  ich wusste,  ich konnte nicht darauf  vertrauen,  dass  sie  mich  verstehen  und  unterstützen  würde. Also musste ich meinen inneren Aufruhr für mich  232 , behalten. Und so lernte ich: Nichts brennt so heiß wie die  Leidenschaft, von der niemand weiß.  Dass mir  Jacob weggenommen worden war, war  schon  schlimm genug. Aber dazu kam noch die Veränderung,  die der Umzug  in das Versteck bei  Jacob selbst auslöste.  Durch das ständige Zusammensein mit Dirk und Henk –  drei  junge Männer, auf engem Raum zusammengesperrt  – wurde er bald, wie ihr sagt, »einer von den Jungs«. Ein  rauerer Kerl als jener Mann, den ich gekannt hatte.  Wenn  sie  ganze Abende  in  ihrer  engen Höhle  hockten,  animierten  sie  sich  gegenseitig  zu  Großsprecherei  und  Großtuerei. Angeheizt wurde  das  natürlich  noch  durch  die unausgesprochene Eifersucht und Rivalität zwischen  Dirk und Jacob, für die ich damals jedoch blind war. Und  es  wurde  sicher  auch  dadurch  nicht  besser,  dass  Dirk  kaum Englisch konnte und Jacob gar kein Niederländisch,  sodass Henk  für beide dolmetschen musste. Sooft  ich sie  besuchte, neckten  sie mich, ebenso  sehr, um  sich gegen‐ seitig zu beeindrucken, wie um mich zu amüsieren  (wo‐ bei ich tat, als gelänge es ihnen) oder zu ärgern (wobei ich  tat,  als  gelänge  es  ihnen  nicht).  Ach, wie  öde  ist  doch  dieses  Bubengetue  bei  erwachsenen  Männern!  Mein  geliebter  Bruder, mein Möchtegern‐Ehemann  und mein  betörender Soldat: In dieser grässlichen Stimmung hasste  ich sie alle drei.    Vier  Tage  vergingen,  fünf,  eine Woche,  zwei. Es wurde  immer schlimmer. Die Buben‐Männer wurden großmäu‐ lig, rowdyhaft, rebellierten gegen ihr Eingesperrtsein.   233 , Eines  Tages  gegen  Ende  der  zweiten Woche  herrschte  eine  gereizte  Stimmung  zwischen  Jacob und Dirk, wäh‐ rend Henk den Frieden zu wahren versuchte. Sie wollten  mir nicht sagen, was los war. Henk, den ich fragte, als wir  allein  waren,  sagte  nur,  es  werde  schon  vorbeigehen.  Heute  denke  ich,  dass  sie  sich  vielleicht  meinetwegen  gestritten hatten. Was auch  immer der Grund war, Jacob  begann  mit  einem  Ertüchtigungsprogramm,  um  sein  verletztes  Bein  zu  kräftigen  und  sich  nach  der  langen  Bettlägrigkeit  überhaupt  wieder  in  Form  zu  bringen.  Doch selbst das wurde zum Gegenstand von Konkurrenz,  und Dirk begann ebenfalls mit dem, was man heute »Fit‐ nesstrainig«  nennen  würde.  Was  du  kannst,  kann  ich  schon  lange,  nur  besser,  länger,  schneller.  Ich  versuchte  Jacob  davon  abzubringen,  weil  ich  Angst  hatte,  seine  Wunde  könnte  wieder  aufgehen,  aber  er  wollte  nicht  hören. Er könne nicht so weitermachen, sagte er; er müsse  es schaffen, zu seinen Leuten zurückzukommen.    Ich sollte dir erklären, dass der Vormarsch der Alliierten  nach  Holland  hinein  nicht  so  schnell  ging,  wie  wir  es  erwartet  und  gehofft  hatten.  Den  militärischen  Stand  erfuhren wir  aus  dem  Radio. Aber was  in  den  Städten  und Dörfern um uns herum passierte,  erfuhren wir von  Leuten,  die  auf  den  Hof  kamen  und  um  Lebensmittel  bettelten, und durch gelegentliche Briefe von Verwandten  und Freunden. So erführen wir auch, dass die Deutschen  Oosterbeek nach der Schlacht völlig geräumt hatten. Der  Ort war  größtenteils  zerstört. Das, was  noch übrig war,  234 , durfte  niemand  ohne  Sondergenehmigung  aufsuchen.  Anfang  Oktober  erreichte  mich  endlich  ein  Brief  von  Mutter.  Sie  und Vater  lebten  bei Vaters Verwandten  in  Apeldoorn.  Sie  schilderte,  wie  die  Deutschen mit  allen  Mitteln Jagd auf Männer zwischen sechzehn und fünfzig  machten, die für sie arbeiten sollten. Plakate versprachen  den Männern gute Bezahlung und ihren Familien zusätz‐ liche Lebensmittelrationen. Doch nur wenige stellten sich.  Bald  darauf  wurden  tote Männer  an  Straßenecken  zur  Schau  gestellt, mit  Folterspuren  am  Körper  und  einem  angehefteten Zettel, auf dem nur ein einziges Wort stand:  Terrorist. Das war natürlich als Einschüchterung gedacht,  und es funktionierte. Mutter, die uns schrieb, hatte Fuhr‐ werke  mit  Männern  daraufgesehen  und  dahinter  eine  lange  Schlange  zu  Fuß  gehender Männer,  bewacht  von  einigen Soldaten. Auf diese Weise hatten  sie auch Vater  verschleppt, aber das erzählte sie mir nicht. Er hatte sich  gestellt,  um  zu  verhindern,  dass Mutter  und  seine Ver‐ wandten  Repressalien  ausgesetzt  wären,  wenn  er  sich  versteckte und gefunden würde.   Von  anderen  hörten wir, dass dasselbe  auch  in Gronin‐ gen,  einer unserer nördlichsten  Städte,  in Amersford  im  Herzen des Landes, im Haag im Westen und in Deventer  bei uns  im Osten passiert war. Überall.  Jetzt verstanden  wir, was es hieß, wenn wir in den englischen Nachrichten  hörten, dass die Alliierten bei der Befreiung Maastrichts,  einer unserer südlichsten Städte, kaum Männer vorgefun‐ den hatten. Sie waren nicht nur als Zwangsarbeiter ver‐ schleppt  worden,  sondern  auch,  damit  sie  den  Briten  235 , nicht helfen konnten.   Als  uns  diese  Nachrichten  tröpfchenweise  erreichten,  wurden  die  beiden  Jungen  – Dirk  vor  allem,  aber  auch  Henk –  immer wütender und  frustrierter, weil sie »weg‐ gesperrt« waren und nichts tun konnten, um den verhass‐ ten Feind schlagen zu helfen, der unser Land besetzt hielt  und solches Leid über uns brachte. Es sei feige, sagten sie,  weiter  dazubleiben.  Ihre  Bubenprahlereien  schlugen  in  Kampfwut um. Tagsüber bei der Arbeit und nachts in der  Bruthöhle  ihres Verstecks heckten  sie Plan um Plan aus,  wie sie die Deutschen schwächen und  töten könnten. Sie  sprachen davon, mit selbst gebastelten Bomben deutsche  Gefechtsstände  in die Luft zu  jagen, Patrouillen aus dem  Hinterhalt  zu  erschießen  oder Drähte  über  Landstraßen  zu spannen, als Falle  für Soldaten auf Motorrädern oder  Fahrrädern. Es konnte gar nicht tollkühn genug sein. Herr  Wesseling mahnte sie zur Geduld. Die Alliierten würden  bald kommen,  sagte  er, und dann  sei  es wichtiger, dass  junge  Männer  da  seien,  um  nach  der  Befreiung  beim  Wiederaufbau unseres Landes zu helfen, als dass  sie  ihr  Leben bei gefährlichen Unternehmen  riskierten, die man  besser  den  Experten  vom Widerstand  überlassen  solle.  Frau Wesseling beschwor Dirk, auf seinen Vater zu hören,  und  ich  beschwor Henk, weil  ich wusste,  dass  er Dirk  beeinflussen  konnte, wenn  er  von  etwas  sehr überzeugt  war, dass er sich aber umgekehrt genauso von Dirk beein‐ flussen  lassen würde. Sie waren, von  ihrer ersten Begeg‐ nung  als  kleine  Jungen  an,  so  unzertrennliche  Freunde  gewesen,  dass  das,  was  der  eine  tat,  der  andere  aus  236 , Loyalität  ebenfalls  tun würde. Und Henk war  zwar der  intelligentere und gelassenere von beiden, aber auch der  bequemere,  sodass  er  gewöhnlich  eher  der  folgende  als  der  führende Teil war.  Jetzt, da Dirk  so vor Tatendrang  brannte,  fürchtete  ich  um Henk.  Jacob  schwieg  zu  alle‐ dem, was nur klug war, denn hätte er meine Partei ergrif‐ fen, hätte das Dirk erst recht aufgestachelt.    Vielleicht  wäre  ja  alles  gut  gegangen,  wären  wir  nicht  noch einmal durchsucht worden, diesmal  in der Abend‐ dämmerung. Es war eine halbherzige Sache. Wir sahen sie  so  rechtzeitig  kommen,  dass  die  Jungen  sich  in  ihrem  Versteck einigeln konnten. Die Soldaten hatten zwar ihre  Befehle,  aber  es war  deutlich  erkennbar,  dass  sie  nicht  damit rechneten, das zu finden, was sie suchten (Männer  im  arbeitsfähigen Alter,  nahmen wir  an). Vielmehr  gab  uns  der Offizier  zu  verstehen,  dass  sie  uns  keine  allzu  großen Unannehmlichkeiten bereiten würden, wenn wir  ein paar Lebensmittel der knapperen Sorte herausrücken  würden.  Sie  verschwanden  mit  einem  Sack  voll  Käse,  Eiern und Butter, begleitet von unserer stummen, aber tief  empfundenen Verachtung.  Als Dirk davon  erfuhr, war  er  außer  sich vor Zorn und  schrie seinen Vater an, damit sei garantiert, dass sie in ein  paar  Tagen wiederkommen  und mehr  fordern würden.  Und so weiter und so fort, mit jedem Mal schlimmer. Und  wenn  wir  uns  irgendwann  weigerten,  würden  sie  den  ganzen  Hof  auseinander  nehmen,  unter  Berufung  auf  irgendwelche  Versteckten  oder Waffen  oder  Rundfunk‐ 237 , empfänger oder was immer dem Offizier sonst gerade als  Vorwand einfallen würde. Und wenn das passierte, wür‐ den sie mit Sicherheit den Heuboden im Kuhstall räumen  und das Versteck  finden. »Ihr wisst doch, wie  sie  sind«,  sagte er. »Man muss sie zwingen, sich an die Vorschriften  zu  halten,  oder  sie  verachten  einen  und  machen  mit  einem,  was  sie  wollen.  Es  ist  gegen  ihre  Vorschriften,  ohne  offizielle  Ermächtigung  Lebensmittel  entgegenzu‐ nehmen. Das wissen  sie.  Jetzt haben wir die Regeln  ge‐ brochen und uns erpressen lassen und sie werden wieder‐ kommen  und  mehr  wollen.  Jetzt  sind  wir  nicht  mehr  sicher.«  An diesem Abend  gingen wir  ängstlich  und  verzagt  zu  Bett.   Am  nächsten Morgen  waren  Dirk  und  Henk  weg.  Sie  hatten Jacobs Gewehr und seine Munition mitgenommen.  Und  sie  hatten  jeder  einen  hastig  geschriebenen  Brief  hinterlassen,  Dirk  für  seine Eltern, Henk  für mich. Den  von meinem  Bruder habe ich immer noch.   Dirk hatte ein paar Worte darunter gekritzelt.   Ich habe Henk nie wieder gesehen.  238 , Geliebte Schwester,    wir  können  nicht  länger  warten. Wir müssen mithelfen,  die  Invasoren aus unserem Land zu vertreiben. Dirk hat Recht. Die  Deutschen  werden  jetzt  öfter  Durchsuchungstrupps  auf  den  Hof  schicken.  Später,  wenn  die  Alliierten  in  der  Nähe  sind,  werden  sie  ihn  als Gefechtsstand  oder Geschützstellung über‐ nehmen.  Falls  –  nein,  wenn  –  das  passiert,  würden  sie  uns  kriegen. Und dann würden die Deutschen uns übel behandeln  und dich und die anderen auch.  In die Ecke getriebene Ratten  sind die schlimmsten. Für Dirk und mich ist es besser, jetzt zu  gehen,  wo  noch  die  Möglichkeit  zum  Kämpfen  besteht,  als  darauf  zu warten,  dass  sie uns  holen und  töten  oder  für  sich  arbeiten  lassen. Das  ist  auch  für  euch  das  Beste.  Euch wird  weniger passieren, wenn wir nicht hier gefunden werden. Aus  diesem Grund musst  du  auch  Jacob  helfen,  vom Hof  zu  ver‐ schwinden, sobald er kräftig genug ist.   Zögere es nicht hinaus.  Wir haben beschlossen, Kontakt zum Widerstand aufzunehmen,  und wenn  die  uns  nicht  gebrauchen  können, wollen wir  uns  zur britischen Armee im Süden durchschlagen. Das hätten wir  schon  vor Monaten  tun  sollen. Auf  jeden  Fall  aber  nach  der  Schlacht, die unser Elternhaus zerstört hat.  Ich weiß, du wirst dich aufregen. Ich hätte dir  ja von unserem  Plan  erzählt,  aber  ich  wäre  deinen  Tränen  nicht  gewachsen  239 , gewesen. Was wir jetzt tun, muss ich tun. Um Dirk die Treue  zu  halten. Aber  auch  um meines  eigenen  Stolzes  willen.  Ich  hoffe, dass du das verstehst.  Sei gewiss, dass Dirk und ich bald wieder da sein werden, und  dann  werden  wir  die  Freiheit  mitbringen.  Bis  dahin,  liebste  Schwester, deren Leben mir kostbarer ist als mein eigenes, pass  vor allen Dingen gut auf dich auf.   Dein Bruder Henk.    Ich trage dich in meinem Herzen. Alles Liebe, Dirk.  240 , POSTKARTE  Mir scheint, Sir, es ist eine Brücke zu viel.  Lieutenant‐General F.A.M. Browning    Ich habe immer noch so heftige Albträume,  dass meine Frau im Bett blaue Flecken davonträgt.  Ich bin nicht verbittert; ich hatte schon fast fünfzig Jahre  mehr als diese armen Teufel,  die auf dem Oosterbeeker Friedhof liegen.  Damals schien es eine gute Idee.  Es war ein Glücksspiel;  bei so was gewinnt man manchmal,  und manchmal verliert man.  In diesem Fall haben wir verloren.  Staff Sergeant Joe Kitchener,  Lastenseglerregiment, Schlacht von Arnhem    Sonntag, 17. September 1995  08 Uhr 00. Frühdunstgefilterte Morgensonne, Vorbotin ei‐ nes  strahlenden, warmen  und, wie  sich  erweisen  sollte,  zur  Abwechslung  regenfreien  Spätsommertags,  weckte  Jakob  im  Gästezimmer  von  Geertruis  Wohnung  am  Oudezijds Kolk in Amsterdam.  Auf dem Weg hinunter  ins Bad  sah und hörte  er nichts  von Daan, der wohl noch  in seinem Bett hinterm Wand‐ 241 , schirm  schlief.  Nachdem  er  das  Klo  benutzt  und  sich  schnell  gewaschen  hatte,  zog  er  endlich  wieder  eigene  Sachen  an.  Schwarzes  Sweatshirt,  saubere  blaugrüne  Jeans,  rote  Socken  und  leichte  gelbbraune  Ecco‐Town‐ boots. Zum ersten Mal,  seit er  in Holland war,  fühlte  er  sich  wieder  richtig  als  er  selbst.  Er  machte  sich  ein  schnelles Frühstück, bestehend aus Toast, Honig und Tee,  wobei  er  sich  bemühte,  das  Geklapper  so  gering  zu  halten, wie das  in einer  ihm  immer noch fremden Küche  möglich war. Er wollte vermeiden, Daan zu wecken und  sich  dessen  morgendlicher  Brummigkeit  auszusetzen.  Ihm schwirrte sowieso schon so viel durch den Kopf, dass  er nicht gerade entspannt war. Das, was Geertrui gestern  in Bewegung gebracht hatte, vermischte sich mit Gedan‐ ken an das, was ihm heute bevorstand.  Nach dem Besuch bei Geertrui hatte Daan ihn zu den van  Riets  begleitet, wo  sie  Jacobs  Sachen  eingesammelt  und  mit Mr van Riet gegessen hatten. Dabei hatten Daan und  sein Vater die meiste Zeit auf Niederländisch  irgendwel‐ che  Familienangelegenheiten  besprochen, wofür  sie  sich  entschuldigten,  was  Jacob  aber  sehr  gelegen  kam,  weil  ihm nicht nach Geplauder war. Der Besuch bei Geertrui  hatte  ihn  in  einer Weise  aufgewühlt,  die  er  sich  selbst  nicht recht erklären konnte.  Wieder  in  Amsterdam,  hatte  Jacob  ein  ausgedehntes  heißes  Bad  genommen  und  dann  den  Rest  des Abends  allein verbracht,  froh, dass Daan eine Verabredung hatte  und  erst  spät wiederkommen würde. Nach dem  ständi‐ gen  Zusammensein  mit  fremden  Menschen  war  es  242 , erleichternd, allein zu sein und alle Annehmlichkeiten der  Wohnung  für sich zu haben. Er stöberte ein bisschen  im  Bücherregal  herum,  hörte  Musik  auf  der  Superanlage,  zappte sich durch die vielen Fernsehsender und spähte ab  und zu durch die Frontfenster  in die Zimmer des Hotels  auf der anderen Grachtseite. (Erstaunlich, wie viele Leute  die  Vorhänge  offen  ließen,  wenn  sie  sich,  in  ihrem  erleuchteten Zimmer wie auf einer kleinen Bühne, intims‐ ten  Verrichtungen  hingaben.  Auspackten,  einpackten,  Geld  sortierten, Make‐up  auflegten,  in der Unterwäsche  auf dem Bett lagen. Daan hatte ihm erzählt, was er schon  alles  beobachtet  hatte:  Leute  beim  Hetero‐  und  beim  Schwulensex,  eine  nackte  junge  Frau,  die  im  Zimmer  herumtanzte, und ähnliche unterhaltsame Dinge. Typisch,  dachte  Jacob, dass das einzig Ungewöhnliche, was er zu  sehen bekam, ein mittelalter, extrem  fettleibiger Mann  in  Unterhemd und Boxershorts war, der sich die Zehennägel  zu schneiden versuchte, dieses Projekt aber aufgab, als es  ihm trotz aller möglichen Verrenkungen nicht gelang, mit  dem Klipser an seine Zehen zu kommen.)  Doch die ganze Zeit, bis er irgendwann nach zwölf einge‐ schlafen war, hatte  Jacob über diese Stunde mit Geertrui  nachgegrübelt und seine aufgewühlten Gefühle zu sortie‐ ren versucht. Doch heute Morgen war das Durcheinander  noch genauso spürbar.  Nach dem Frühstück  tappte er  leise von der Küche über  die Fliesenfläche zu dem Schiffsaufgang, über den er aufs  Oberdeck  und  in  sein  Zimmer  gelangte. Hier  packte  er  seine  Olympia‐Kamera  und  einen  von  Daan  geborgten  243 , Plastikregenschutz  in  eine  Plastiktüte  mit  einem  Logo  und  dem  Aufdruck  Bijenkorf  (Bienenkorb:  er  hatte  es  gestern Abend nachgeguckt), die er  in der Küche gefun‐ den hatte.    Sonntag, 17. September 1944, Südengland   Um 09 Uhr 45 dieses anfangs noch nebligen, jedoch bald schon  schönen, sonnigen Tages standen 332 RAF‐Maschinen und 143  amerikanische  Flugzeuge  sowie  320  in  ihre  Landezonen  zu  schleppende Lastensegler mit einer Fracht von etwa 5700 Mann  nebst Ausrüstung, darunter  auch  Jeeps und  leichte Artillerie‐ geschütze, auf acht britischen und 14 amerikanischen Militär‐ flughäfen  bereit,  um  zur  größten  Luftlandeoperation  aller  Zeiten zu starten. Der Rest der insgesamt 11920 Mann, die für  den  Einsatz  in  der  Schlacht  bestimmt  waren,  sollten  am  nächsten Tag  in einer zweiten Welle zu  ihren Absprungzonen  in  der  Nähe  des  Dörfchens  Wolfheze  geflogen  werden,  drei  Meilen westlich von Oosterbeek und  sieben Meilen von  ihrem  Einsatzziel, der  inzwischen berühmten »Brücke von Arnhem«,  die  sich  im Zentrum dieser Stadt, 20 Kilometer von der deut‐ schen Grenze, über den Niederrhein spannte.    Private  James Sims, 19  Jahre, S‐Kompanie, 2. Bataillon, Fall‐ schirmjägerregiment,  1.  Britische  Luftlandedivision,  Schlacht  von Arnhem:  Am  Samstagabend machten  die meisten  von  uns  etwas  Entspannendes;  einige  spielten  Fußball,  andere  Darts.  Manche  lasen,  andere  schrieben  Briefe.  Ich  ging  in  die  Kantine hinüber und setzte mich auf einen Stuhl, die Füße  244 , auf dem kalten Ofen. Die Katze kroch mir auf den Schoß  und schnurrte zufrieden, als ich sie am Ohr kraulte. Einer  der Männer von der C‐Kompanie zeigte mir ein religiöses  Traktätchen, das er gerade  in einem Paket von zu Hause  gekriegt  hatte.  Vorne  drauf  waren  ein  Bild  von  einer  Windmühle  und  die Worte  »Verschollen  in  der  Zuider  Zee«. Er meinte, das sei ein schlechtes Omen, und es war  schon ein komischer Zufall (da die bevorstehende Opera‐ tion geheim war). Schließlich gingen wir in die Quartiere,  und ich schlief erstaunlich gut.   Der  Sonntag  begann wie  jeder  andere  Tag,  bis  auf  das  leise Kribbeln  im Bauch.  »Gut  frühstücken«, wurde uns  geraten, »ihr wisst ja nicht, wann ihr wieder was zu essen  kriegt...«   Geordie  und  ich  bekamen  Anweisung,  uns  fertig  zu  machen.  Da  wir  noch  nicht  lange  im  Bataillon  waren,  wurden  wir  zu  Bombenträgern  bestimmt  und  kriegten  das Geschirr mit  sechs  Viereinhalb‐Kilo‐Mörserbomben,  die wir  an  ihren Einsatzort  schleppen  sollten.  Jeder von  uns  bekam  niederländisches  Besatzungsgeld,  Karten,  Fluchtsäge,  vierzig  Schuss  303er Gewehrmunition,  zwei  36er Granaten, eine panzerbrechende Granate, eine Phos‐ phorbombe und  ein  Schanzwerkzeug,  zusätzlich  zu den  Gewehren, die wir schon hatten.   (Sims, S. 50‐51)    Major Geoffrey Powell, kommandierender Offizier der C‐Kom‐ panie, 156. Fallschirmjägerbataillon, 4. Fallschirmjägerbrigade,  bei der zweiten Welle.  245 , Jetzt  kam die  vertraute  Plackerei, die  ganze  Sprungaus‐ rüstung  anzulegen.  Über  Kampfanzug  und  Fallschirm‐ jägerjacke trug ich bereits die volle Ausrüstung: den Brot‐ beutel  mit  Karten,  Taschenlampe  und  diversem  Klein‐ kram; Gasmaske, Wasserflasche und Kompass; Pistolen‐ holster  und Munitionstasche;  die  beiden  großen  Brust‐ taschen  voll  gestopft  mit  Sten  (MG)‐Magazinen  und  Handgranaten. Vor den Bauch band  ich mir  jetzt meine  kleine Packtasche, prall von konzentrierten Rationen  für  zwei Tage, Feldgeschirr, Ersatzsocken, Waschzeug, Pull‐ over, Blechnapf, dazu, als krönender Abschluss, noch eine  Hawking‐Panzerabwehrgranate.  Um  meinen  Hals  hing  der  Feldstecher, während  in  den  kleineren  Taschen  ein  großes Verbandspäckchen, eine Morphiumspritze und ein  rotes Barett steckten. Als Nächstes hüllte ich mich in eine  Denim‐Sprungjacke, um das ganze Zeug an seinem Platz  zu halten und zu verhindern, dass sich die Schirmleinen  in  den  vielen  Auswüchsen  verfingen.  Über  das  Ganze  kamen  eine Mae‐West‐Schwimmweste  und  ein  um  den  Hals gebundenes Tarnnetz. Auf den Kopf schließlich der  Fallschirmjägerstahlhelm  mit  dem  gewebeüberzogenen  Netz.  Ans  rechte  Bein  band  ich  mir  dann  eine  große  Ausrüstungspacktasche  für  das  Sten‐MG,  ein  längliches  Funksprechgerät  und  ein  kleines  Schanzwerkzeug:  eine  Reißvorrichtung ermöglichte es, diesen Beutel in der Luft  zu  lösen,  sodass  er  an  einem  dünnen  Seil  unter  einem  baumelte und vor einem aufkam. Dann half mir Private  Harrison  in  meinen  Fallschirm  und  ich  ihm  in  seinen,  worauf wir wechselseitig unsere Reißklappen kontrollier‐ 246 , ten, um sicherzustellen, dass sie auch richtig funktionier‐ ten. Nach  langem Überlegen hatte  ich mich entschieden,  zwei  Luxusgegenstände  mitzunehmen,  ein  rotes  Barett  und dazu ein Oxford Book of English Verse.  (Powell, S. 19‐20)    Punkt  viertel  nach  neun  klingelte Mrs  van  Riet  an  der  Haustür.  Jacob nahm die Bijenkorf‐Tüte, stapfte  in seinen  Townboots  den  steilen  Schiffsaufgang  hinunter,  warf  noch einen prüfenden Blick  in einen Wandspiegel an der  Tür zum Treppenhaus und war schon fast draußen, als er  Daan aus seinem Bett hinterm Wandschirm rufen hörte.  »Schönen Tag!«, parodierte er das amerikanische Klischee  so übertrieben, dass  Jacob sich  fragte, ob Daan vielleicht  sauer war.  »Grüß Mutter«,  schickte  Daan  nicht minder  ironisch hinterher.  Und eine  Jacob unbekannte weibliche Stimme  fügte ver‐ schlafen hinzu: »Tot ziens, Engelsman.«   Automatisch  rief  Jacob zurück: »Bis  später.« Die ganzen  drei  Treppen  bis  zur  Straße  hinunter  kreisten  seine Ge‐ danken um Daans unbekannte Bettgenossin.  Mrs  van  Riet  wartete  auf  der  improvisierten  Stoep,  in  einem  grauen Dreiviertelmantel,  passend  zu  ihrem  kur‐ zen,  schon  recht  grauen Haar,  und  einem wadenlangen  Leinenkleid mit  einem  abstrakten Muster  in Grau‐  und  Blautönen.  Über  der  Schulter  trug  sie  eine  abgenutzte  Ledertasche  im  selben  Gelbbraunton  wie  Jacobs  Boots,  und ihre Füße steckten in robusten braunen Halbschuhen.  Sie  sah müde aus, empfing  ihn aber mit  einem Lächeln,  247 , machte gute Miene, wie er es von seiner Mutter aus der  Zeit  vor  ihrer Operation  kannte.  Es mit Anstand  hinter  sich  bringen,  nannte  Sarah  das.  Sofort  überkamen  ihn  Schuldgefühle und der Drang, sein Bestes zu  tun, um es  ihr recht zu machen und Abbitte dafür zu leisten, dass er  eine solche Last war.  Sie  gaben  sich die Hand,  begrüßten  sich  auf  eine  förm‐ liche Art, die Jacob zwar altmodisch, aber auch angenehm  fand. Er hatte wieder, wie bisher bei jeder Begegnung mit  Mrs  van Riet,  das Gefühl,  dass  sie  ihm  gegenüber  sehr  vorsichtig war. Aber vielleicht, befand er  jetzt, da sie die  Straße entlanggingen, war sie ja auch einfach nur schüch‐ tern. Ganz  im Gegensatz  zu Geertrui,  ihrer Mutter, und  ihrem Sohn und auch zu ihrem geschwätzigen Mann. Das  machte  sie  ihm  geradezu  sympathisch, wie  es  einem  so  oft  mit  Leuten  geht,  an  denen  man  eigene  peinliche  Schwächen wieder findet.   »Mein  Sohn«,  sagte Mrs  van  Riet,  »ist  sicher  nicht  der  Mensch, der  sich  anständig  um dich  kümmert. Es wäre  mir lieber, du würdest bei mir wohnen.«   Schüchtern vielleicht, aber ganz schön direkt.   »Ist schon in Ordnung, danke«, sagte Jacob. »Das ist eine  tolle Wohnung.«  »Ja, die Wohnung meiner Mutter ist, na, sagen wir, unge‐ wöhnlich.  Aber  die  Art,  wie  mein  Sohn  lebt  –.  Na  ja,  solange er dich nicht völlig vernachlässigt. Ich nehme an,  du als  junger Mensch verstehst das  eher als  ich.  Ich bin  sehr konservativ,  sagt mein Sohn.« Und nach  einer kur‐ zen  Pause:  »Du  bist  uns  in Haarlem  jederzeit willkom‐ 248 , men.«   »Danke,  aber  ich  fühle  mich  wirklich  wohl.  Daan  war  sehr nett zu mir. Ich kann ihn gut leiden.«   »Ich  fühle  mich  deiner  Familie  gegenüber  verantwort‐ lich.«   »Ich bin siebzehn, fast achtzehn, Mrs van Riet, ich komme  schon zurecht, ehrlich. Aber es ist nett von Ihnen, dass Sie  sich Gedanken um mich machen.«  »Es wäre einfacher für dich, mich Tessel zu nennen, wenn  du möchtest.«   »Ja. Danke.«  Sie  überquerten  die  Prins  Hendrikkade  am  Übergang  zum Bahnhof, so sehr damit beschäftigt, auf die Ampeln  zu  achten  und  dem  Verkehr  auszuweichen,  vor  allem  dem  Durcheinander  von  Straßenbahnen,  Bussen  und  Fahrrädern, aber auch den Fußgängerströmen, dass  jede  Unterhaltung unmöglich war. Der Bahnhofsvorplatz war  noch  voller  als  gestern. Mitten  im Gewühl  zog  sich  ein  dichter Zuschauerkreis um ein Straßenmusikantensextett  in  Folklorekostümen  (peruanisch?),  das  auf  hölzernen  Panflöten und großen Trommeln muntere Klänge produ‐ zierte. Drinnen  in der Halle herrschte ein Getümmel von  Sonntagsausflüglern.  Tessel  führte  Jacob  direkt  zum  Bahnsteig.  »Ich habe dir unterwegs schon eine Karte gekauft«, sagte  sie und streckte sie ihm hin. »Du solltest sie bei dir haben,  falls  wir  uns  verlieren.«  Sie  lächelte  kurz.  »Achtung,  Taschendiebe!« Und fasste bei dem Gedanken ihre Hand‐ tasche fester.  249 , Auf dem Bahnsteig, wo sie noch ein paar Minuten warten  mussten,  sagte  Tessel  plötzlich:  »Hast  du  vielleicht  von  den  Veteranen  gehört,  die  gestern  mit  dem  Fallschirm  abgesprungen sind?«   »Nein.«  »Mehrere  Männer,  die  die  Schlacht  damals  überlebt  haben.  Es  stand  in  der  Zeitung.  Sie  sind  gestern  über  demselben Gelände abgesprungen, wo sie neunzehnhun‐ dertvierundvierzig  gelandet  sind.  Sie  wollten  es  schon  letztes  Jahr  zum  fünfzigsten  Jahrestag  der  Schlacht  tun,  aber da war das Wetter zu schlecht. Also haben sie’s statt‐ dessen  gestern  getan.  Sicherheitshalber  war  jeder  von  ihnen an einem jungen Soldaten festgeschirrt.«   »Wahnsinn!«  »Das fand ich auch. Ich meine, da stand, dass einer sogar  schon achtzig war.« Sie lachte. »Und einer hat gefragt, ob  er  sein  Gebiss  herausnehmen  soll,  damit  er  es  bei  der  Landung nicht verschluckt.«  Jacob  lachte  ebenfalls.  »Und  sind  sie  heil  runtergekom‐ men? Samt Gebiss und allem?«  »So weit  ich weiß. Als  ich  es Mutter  heute Morgen  am  Telefon  erzählt  habe,  sagte  sie,  das  hätte  sie  gern  gesehen.«   »Vielleicht wäre sie auch gern gesprungen.«   »Oh ja. Du kennst meine Mutter schon ganz gut.«   »Sie erinnert mich an Sarah. Das hätte sie gesagt.«   »Meine Mutter  hat  sie damals  runterkommen  sehen,  an  dem Tag,  an dem die  Schlacht  begann. Hat  sie’s dir  er‐ zählt?«   250 , »Nein.«  »Das erstaunt mich.«   Ihr Zug fuhr ein.  Nachdem  sie  in  einem  vollen Wagen  noch  zwei  Plätze  nebeneinander  ergattert  hatten,  setzte  Tessel  das  Ge‐ spräch fort, als sei es nie unterbrochen worden.  »Diese  Geschichte  erzählt  sie  gern.  Ich  habe  sie  so  oft  gehört, seit ich klein war.«  »Wir haben eigentlich nicht über den Krieg gesprochen.«   »Ach, ich dachte, das würde das Hauptthema sein. Als du  wieder weg warst, hat Geertrui sehr wenig gesagt. Über  deinen  Besuch  gar  nichts.«  Diese  Bemerkung  war  eine  einzige Frage.   »Sie – Ihre Mutter –«   »Geertrui.«  »Okay, Geertrui. Sorry,  ich kann das nicht besonders gut  aussprechen.«  »Wie Gertrude in England.«  »Ja. Gertrude. Hamlets Mutter.« Er versuchte es noch mal  und  scheiterte wieder, diesmal  aber  schon  erfolgreicher.  Sie  lächelten beide ob seiner Probleme mit dem guttura‐ len niederländischen gee und dem verschliffenen rui. Der  Zug fuhr an.  Als  sie  aus  dem  Bahnhof  waren,  sagte  Jacob:  »Sie  hat  mich gefragt, warum  ich bei meiner Großmutter wohne.  Ich glaube, ich habe zu viel darüber geredet. Zu viel Zeit  damit verbraucht.  Ich war  ihr gegenüber, ehrlich gesagt,  ein bisschen nervös.«  »Diese Wirkung hat Mutter auf viele Menschen. Auf mich  251 , manchmal auch, muss ich gestehen. Sogar auf die Pflege‐ rinnen.  Sie mögen  sie,  aber  sie haben  auch  ein bisschen  Angst vor ihr.«  »Sie hat mich gebeten, morgen noch mal wiederzukom‐ men. Vielleicht erzählt sie mir dann ja von der Schlacht.«   Er  spürte, wie  sich Tessels Körper neben  ihm versteifte.  So  dicht  an  sie  gequetscht,  konnte  er  sich  nicht  zu  ihr  drehen und die Reaktion auf  ihrem Gesicht prüfen, ohne  dass es unhöflich wirkte.  »Das  ist  eine  sehr  schwierige  Zeit  für  uns«,  sagte  sie.  »Verstehst du?«   »Ja.«  »Geertrui ist eine sehr entschiedene Person.«   »Ja.«  »Wie ich schon sagte, hat sie dich eingeladen, ohne es mit  jemandem  von  uns  zu  besprechen.  Jedenfalls  nicht mit  mir und meinem Mann. Ob mit Daan, weiß ich nicht. Die  beiden haben ein sehr enges Verhältnis. Mir hat sie’s erst  ein paar Tage vor deiner Ankunft mitgeteilt.«   Jetzt drehte Jacob sich doch zu ihr.   »Das ist mir alles sehr peinlich.«  »Nein, nein. Du kannst  ja nichts dafür.  Ich hätte es nicht  noch mal ansprechen sollen. Ich wollte nur sagen, Mutter  war immer schon ein bisschen geheimniskrämerisch. Und  so  entschieden  ...  stur,  sollte  ich wohl  sagen,  von  ihrer  ganzen  Persönlichkeit  her.  Jetzt  ist  es  noch  schlimmer,  weil die Medikamente, die  sie  ihr  gegen die  Schmerzen  geben,  sie  noch  zusätzlich  verwirren.«  Sie  zuckte  die  Achseln. »So ist sie nun mal.«  252 , Jacob schaute an seinem Gegenüber – einer  jungen Frau,  deren Knie nicht mit seinen zu berühren ihm schwer fiel – vorbei  und  den Wagengang  entlang,  nahm  aber  nichts  wirklich wahr. Er dachte daran, wie Tessel ihn, gemäß der  telefonischen Absprache mit  Sarah,  am  Flughafen  abge‐ holt  hatte.  Sie  hatte  angespannt  und  kurz  angebunden  gewirkt, ja, sogar ungeduldig. Er hatte sich gefragt, ob das  typisch holländisch war oder einfach ihre Art. Außerdem  war  sie  nervös  gewesen,  hatte  die  Autoschlüssel  fallen  lassen, auf der Autobahn eine falsche Abfahrt genommen,  sich  für  ihr  schlechtes  Englisch  entschuldigt  (das  ihm,  ganz  im Gegenteil, beschämend gut vorgekommen war,  zumal  er  es nicht  für nötig gehalten hatte,  auch nur  ein  Wort Niederländisch zu lernen) – lauter solche Dinge. Zu  Hause hatte sie ihm »sein« Zimmer gezeigt (in Wahrheit,  den  Postern,  Klamotten  und  sonstigen Dingen  nach  zu  urteilen,  Daans  altes  Teenagerzimmer,  so  sauber  und  ordentlich wie ein Museum), ihm ein paar Minuten gelas‐ sen,  um  sich  einzurichten,  ihm dann  eine Tasse  starken  holländischen Kaffee vorgesetzt und  ihm  auf  eine  ziem‐ lich konfuse Art erklärt, dass sie während seines Aufent‐ halts  nicht  viel  für  seine  Unterhaltung  tun  könne.  Sie  werde Sonntag mit ihm nach Oosterbeek fahren. Aber bis  dahin werde  er  sich  allein  beschäftigen müssen. Natür‐ lich, hatte Jacob gesagt,  ja, klar, kein Problem. Und dann  war die Geschichte von Geertrui und der Einladung aus  ihr  herausgebrochen,  als  könnte  sie  sie  nicht  länger  für  sich behalten. Und  Jacob wäre am  liebsten  im Erdboden  versunken. Er hatte das Gefühl gehabt, nur eine Last zu  253 , sein, und bereut, dass er gekommen war.   Mr van Riet war es dann gewesen, der ihm vorgeschlagen  hatte, doch am nächsten Tag allein das Anne‐Frank‐Haus  zu  besichtigen,  und  der  dann  geschlagene  eineinhalb  Stunden auf ihn eingeredet hatte, indem er ihm zuerst die  Bahnverbindungen  erklärte,  ihn  dann  in  den  Stadtplan  von Amsterdam einwies, ihm zeigte, wo das Anne‐Frank‐ Haus lag und wie man mit der Straßenbahn dorthin kam,  woran  sich  nicht  nur  ein  längerer  Diskurs  über  das  Straßenbahnsystem anschloss,  sondern auch  eine Auflis‐ tung  verschiedener  Orte,  die  er,  Jacob,  vielleicht  gern  sehen wolle – das Rijksmuseum, wegen der Rembrandts  und Vermeers, das historische Museum, wo es eine faszi‐ nierende Ausstellung darüber gebe, wie sich Amsterdam  im  Lauf  der  Jahrhunderte  entwickelt  habe,  mit  einem  Modell,  das  zeige,  wie  die  alten  Amsterdamer  Häuser  gebaut worden  seien, nämlich mittels  solider  Fachwerk‐ gerüste, verankert auf Plattformen aus Holzstämmen, die  man  im  sandigen  Grund  versenkt  habe,  was  nämlich  immer  noch  das  Einzige  sei,  worauf  man  hier  bauen  könne, womit, wie er lachend erklärte, bewiesen sei, dass  die Bibel irre, wenn sie behaupte, ein Haus, das auf Sand  gebaut  sei, habe keinen Bestand.  In Amsterdam gebe  es  ganze Straßenzüge, die vor dreihundert  Jahren auf Sand  gebaut worden seien und noch  immer stünden, genauso  vornehm  und  schön  wie  damals.  Um  diese  Häuser  in  kurzer  Zeit  und  aus  einem  günstigen  Blickwinkel  zu  sehen,  hatte Mr  van  Riet  ihm  empfohlen,  solle  er  doch  eine Grachtenrundfahrt mit einem Touristenboot machen.  254 , Er hatte auf dem Stadtplan die Stellen markiert, wo man  die Boote besteigen konnte, und ihm aufgeschrieben, was  ein solche Rundfahrt kosten würde. Das hatte Mr van Riet  daran  erinnert,  Jacob  ein  Referat  über  das  holländische  Geld  zu  halten,  inklusive  einer  zehnminütigen  Erläute‐ rung der Bedeutung der Bilder  und  Inschriften  auf den  Münzen und Scheinen und natürlich eines Vergleichs mit  der britischen Währung sowie einer Abhandlung über die  Umrechnungsformeln, worauf ein Exkurs darüber folgte,  wie wichtig  es  sei, dass baldmöglichst  eine gemeinsame  europäische Währung  gelte, mit der  einen  bedauernden  Einschränkung, dass die vorliegenden Entwürfe alle nicht  so  hübsch  und  geschmackvoll  seien wie  das  derzeitige  holländische Geld. Aber natürlich seien die handels‐ und  wirtschaftspolitischen  Vorteile  wichtiger  als  das  Ausse‐ hen. Man müsse sich immer vor Augen halten, was Hitler  an  die Macht  gebracht  habe:  wirtschaftliche  Instabilität  und eine schwache Währung. Nun gut, auch ideologische  Verblendung und Rassenvorurteile. Aber wirtschaftliche  Stabilität  und  ein  florierender Handel  seien  die Grund‐ voraussetzungen für ein gesundes Staatswesen.  Nach diesem Tutorium  (bei dem  Jacob kaum  etwas von  sich  gegeben  hatte,  außer  den  unumgänglichen  Lauten  des Ver‐stehens  und der  einen  oder  anderen  Frage,  um  Interesse zu demonstrieren) hatte Mr van Riet  Jacob auf‐ gefordert,  ihn  und  den  Hund  des  Hauses  (ein  draller,  leicht sabbernder, angejahrter und nicht gerade geruchlo‐ ser Sealyham) auf  ihrem abendlichen Gang zu begleiten.  Draußen hatte er Jacob Daans Adresse gegeben und dazu  255 , gesagt,  er  solle  es  seiner  Frau  nicht  sagen.  Es  gebe  im  Moment  Probleme  zwischen  ihr  und  Daan,  die  mit  Geertrui  zu  tun  hätten. Mrs  van  Riet  sei  zurzeit  etwas  gestresst. Aber das brauche ihn, Jacob, nicht zu kümmern.  Er wisse  ja, wie Frauen  sein könnten, vor  allem  –  leises  Lachen  –  Frauen  in  einem  gewissen Alter. Daan werde  Jacob  jederzeit  gern helfen und wolle  ihn, das wisse  er,  sowieso  kennen  lernen. Worauf  sich  Jacob  erst  recht  in  einer peinlichen Position gefühlt und  sich mehr denn  je  gewünscht hatte, er wäre nicht hergekommen.    James Sims  Auf  den  Einsteigebefehl  hin  kletterten  wir  in  die  Maschine. Die beiden Motoren (der Douglas Dakota C‐47  »Skytrain«)  sprangen  sofort  mit  ohrenbetäubendem  Gedröhne  an,  die Maschine  erschauerte  und  rollte  das  Rollfeld entlang. Die amerikanischen Piloten rollten in V‐ Formation  an  den  Start.  Unsere  Maschine  ging  in  die  Knie,  als  sie  an  der  Startlinie  abrupt  stoppte.  Zwei  Maschinen  staffelten  sich  neben  uns,  und  hinter  uns  waren noch drei.  Das  Flugzeug  zitterte,  als  die Motoren  aufdrehten. Wir  rollten an, wurden schneller und donnerten gleich darauf  die  Startbahn  entlang.  Das Motorengeräusch  wurde  zu  einem Sturmgetöse, während wir dahinrumpelten und – holperten. Wir pressten die Nasen  an die kleinen  Schei‐ ben  und  winkten  unseren  Kameraden  in  den  anderen  Maschinen.  Es  schien,  als  würden  wir  immer  weiter‐ rattern,  bis  wir  schließlich  in  den  Begrenzungszaun  256 , krachen würden, aber eine kaum merkliche Veränderung  der  Bewegung  sagte  uns,  dass  wir  in  der  Luft  waren;  Lieutenant Woods  bestätigte  das,  indem  er  die  vorge‐ streckten Hände hob und lächelte. Es war  jetzt etwa halb  zwölf  und wir würden  –  ein  ernüchternder Gedanke  –  noch vor dem Ende der Mittagessenszeit in Holland sein.  Wir  sahen  den  freundlichen  Boden  Englands  unter  uns  wegsinken,  als  wir  gemächlich  aufstiegen.  Die  Dakota  war ein schwerfälliges Flugzeug und gänzlich unbewaff‐ net. Als unsere Luftflotte die Küste erreichte, stießen wir  zum  Jäger‐Geleitschutz,  hauptsächlich  RAF‐Hawker,  Tempests und Typhoons, bewehrt mit Bordkanonen und  Raketen. Man  hatte  uns  »maximale  Jägerunterstützung«  versprochen, was  eintausend Maschinen  bedeutete  und  sehr beruhigend war.   Die  imposante  fliegende  Armee  schwenkte  über  die  Nordsee  hinaus  und wir machten  es  uns  bequem. Wir  saßen,  zu  jeweils  acht Mann,  auf  bankartigen  Sitzen  zu  beiden Seiten des  rippenverstärkten Rumpfs. Wir waren  ein  echter  britischer  Cocktail:  Engländer,  Iren,  Schotten  und Waliser;  Geordies  aus  Northumbrien,  Scouses  aus  der  Liverpooler  Gegend,  Londoner  Cockneys,  Männer  wie  Brum  aus  den  Midlands,  Männer  aus  Cambridge,  Kent und Sussex. Drei Mann unserer Gruppe kamen aus  Brighton.  Manche  von  uns  waren  Verkäufer  gewesen,  andere Vertreter, Bauern oder Straßenhändler, einer sogar  Wilderer.  Lieutenant Woods als Nummer eins saß direkt neben der  offenen Luke. Ich war Nummer fünfzehn, und der Mann  257 , hinter mir, der  letzte Springer, war Maurice Kalikoff (ein  Sergeant  und  russischer  Jude  –  ein  erstklassiger  Soldat  und  einer  der  feinsten  Menschen,  die  mir  je  begegnet  sind) ...   Ich  versuchte mir  einzureden,  dass  das  genau  das war,  was  ich  immer  gewollt  hatte.  Das  gehörte  nun mal  zu  dem roten Barett, dem  Jägerabzeichen und dem Sprung‐ sold. Wir flogen in etwa viertausend Fuß (1220 m) Höhe,  über  einem Wolkenmeer, das die Sonne  reflektierte und  mir  das Gefühl  gab,  schon  im Himmel  zu  sein.  Es war  einer  dieser  Augenblicke  reiner  Schönheit.  Die  Dakota  dröhnte weiter über die Nordsee. Reden war unmöglich,  also dösten wir oder lasen ...   Wir  näherten  uns  der  niederländischen  Küste  und  wurden  angewiesen, uns  gut  abzustützen, während das  Flugzeug  durch  die Wolken  auf  etwa  zweitausend  Fuß  (610  m)  hinabstieß.  Wir  waren  immer  noch  über  der  Nordsee,  als plötzlich  ein deutsches Patrouillenboot das  Feuer auf uns eröffnete. Es war zum Glück nur ein kleines  Boot  und  hatte  nur  ein  MG.  Der  amerikanische  Pilot  unternahm sofort ein Ausweichmanöver und wir hielten  uns aneinander  fest und stützten uns mit den Füßen ab,  als  die Maschine  in  eine  alarmierende  Schräglage  ging.  Wir  sahen  fasziniert  zu, wie  ein  Strom von Leuchtspur‐ geschossen im Bogen auf uns zukam, erst langsam, dann  aber schließlich wie ein zorniger Hornissenschwarm, der  an unserer offenen Tür vorbeisauste.   Jetzt sagte man uns, dass die niederländische Küste direkt  vor  uns  liege,  und  mein  Magen  schlug  den  nächsten  258 , Purzelbaum. Das Einzige, was die Küstenlinie der über‐ schwemmten Niederlande markierte  (die Deutschen hat‐ ten das Küstengebiet geflutet, um eine alliierte Landung  zu  verhindern),  war  eine  Art  langer,  aus  dem Wasser  ragender  Erddamm,  ein  bisschen  wie  die  Wirbelsäule  eines ausgestorbenen prähistorischen Tiers. Als wir land‐ einwärts flogen, gab das Wasser allmählich breitere Land‐ streifen und schließlich ganze Felder frei.   (Sims, S. 52‐55)    Das Umsteigen  in Utrecht war nicht weiter kompliziert,  aber die Bahnsteige und Treppen waren überfüllt. Wieder  saßen sie nebeneinander, Jacob diesmal am Fenster, damit  er besser gucken konnte.  In dem Maß, wie sie nach Osten fuhren, wurde das Land  weniger  flach.  Hier  gab  es  bewaldete  Flächen,  kein  so  augenfälliges Netz von Kanälen mehr.   »Weißt du viel über die Schlacht?«, fragte Tessel.   »Viel würde  ich  nicht  sagen«,  sagt  Jacob.  »Ich  habe  ein  paar  Bücher  drüber  gelesen,  aus  Interesse,  wegen  Grandad.  Und  den  Film  habe  ich  natürlich  gesehen.  Anthony  Hopkins  als  schneidiger  Offizier.  Ziemlich  komisch.  Ich  glaube  nicht,  dass  es  die  Realität wieder‐ gibt.«  »Das  tun Filme doch nie, würde  ich meinen. Wie sollten  sie auch?«  »Eins  von  den  Büchern,  die  ich  gelesen  habe, war  eine  richtige  historische Abhandlung. Aber  das, was mir  am  besten  gefallen  hat,  ist  von  einem  kleinen  Soldaten, der  259 , dabei  war,  kein  Offizier,  nur  ein  Gemeiner.  Die  Sorte  Soldat, die  auch mein Großvater gewesen  sein muss. Es  ist  nicht  besonders  brillant  geschrieben,  aber mir  gefällt  es, weil  es  einem die Art Details  vermittelt, die man  in  den  Büchern  von  professionellen  Historikern,  die  die  ganze Schlacht darstellen wollen, nicht  findet. Er erzählt  Sachen, die man nur wissen kann, wenn man dabei war.  Und weil er ein ganz normaler Typ ist, kein Offizier, sieht  er auch alles anders als Historiker oder Offiziere. Und er  ist  kein  Hurrapatriot,  bestimmt  nicht.  Aber  er  ist  stolz  drauf, dass er dabei war und seinen Beitrag geleistet hat.  Deshalb ist es nicht nur dokumentarisch interessant, son‐ dern auch eine gute Geschichte.«  »Ich habe nie  etwas darüber gelesen«,  sagte Tessel. »Ich  habe  so viel von meiner Mutter darüber gehört, das hat  mir gereicht. Außerdem ist Krieg immer schrecklich, ent‐ setzlich,  ich  will  nichts  davon  hören.  Und  über  diesen  Krieg,  Hitlers  Krieg,  wird  hier  in  den  Niederlanden  immer noch so viel geredet,  immerzu und  immer weiter,  als  sei er erst gestern zu Ende gegangen.  Ich wollte, die  Leute würden damit aufhören. So viel Leid, warum müs‐ sen wir so viel daran denken? Es wäre besser, wir würden  es vergessen. Aber die Leute sagen, nein, wir müssen uns  immer  daran  erinnern,  damit  so  etwas  nie  wieder  passiert. Aber da kann ich nur fragen, wann die Mensch‐ heit  je  ihre Kriege vergessen hat und  inwiefern das neue  verhindert hat.«  »Ich weiß  nicht. Aber  ich  glaube,  ich  bin da  nicht  Ihrer  Meinung. Kennen Sie das Tagebuch der Anne Frank?«   260 , »Das kennt doch wohl jeder, oder?«  »Und  erinnern  Sie  sich,  dass  sie  eine  berühmte  Schrift‐ stellerin werden wollte? Na  ja, sie hat kurz vor der Ver‐ haftung  ihr Tagebuch noch mal überarbeitet, weil sie  im  Radio einen Aufruf von einem der holländischen Minister  gehört hat. Er sagte, alle Leute sollten Briefe, Tagebücher  und so was aufheben, Dinge, die sie während der Okku‐ pation  geschrieben  hatten,  und  nach  dem  Krieg würde  man das alles  sammeln und  in eine  staatliche Bibliothek  stellen,  damit  künftig  die  Leute  lesen  könnten,  wie  es  während  des  Krieges  für  ganz  normale  Leute  wirklich  war, und sich nicht nur mit den Werken von Historikern  begnügen müssten.«   »Das  ist auch geschehen.  In unserem Staatlichen  Institut  für Kriegsdokumentation in Amsterdam.«   »Finden  Sie nicht, dass das  eine  tolle  Idee war? Meinen  Sie nicht, es  ist gut zu wissen, was  in der Vergangenheit  war und wie die Menschen waren? Ich meine, es aus dem  zu wissen, was die Leute  selbst  in der betreffenden Zeit  geschrieben haben?«  »Doch,  das  ist  wohl  schon  gut.  Ich  kann  es  nur  nicht  leiden, wenn ewig über die Kriegszeiten geredet wird, als  sei das alles, was es an Vergangenheit gibt.«  »Ja, schon, aber ist es nicht immer langweilig, wenn Leute  ewig über irgendwas reden?« Er dachte an Mr van Riet.   Tessel lachte. »Doch, das stimmt.«  »Manchmal wünsche ich mir, es gäbe irgendwelche Briefe  von Grandad oder vielleicht ein Tagebuch. Nicht, weil ich  mehr über die Schlacht als Schlacht wissen will, sondern  261 , weil  ich gern wüsste, wie das  für  ihn war, was er getan  hat, was  ihm widerfahren  ist. Alles  so, wie  er’s gesehen  hat.  Das  würde  mir  gefallen.  Dann  wäre  er  für  mich  lebendiger.  Ich meine,  auf  die  Art  lebendig,  wie  Anne  Frank  für mich  lebendig  ist.  Ich  finde, wenn man  lesen  kann, was  jemand geschrieben hat,  so wie bei  ihr, dann  hat man das Gefühl, mit dieser Person zu leben. In ihrem  Kopf, wenn Sie verstehen, was ich meine.«  »Ja,  das  verstehe  ich.  Geertrui  kann  dir  natürlich  eine  Menge  erzählen,  aber  das  ist  nicht  das, was  du meinst,  und außerdem  ist es nur  ihre Erinnerung. Und die Erin‐ nerung – na  ja, der Erinnerung kann man meiner Erfah‐ rung nach nicht trauen. Die Erinnerung stellt die Dinge so  dar, wie man will, dass  sie gewesen  sein  sollen. Das  ist  jedenfalls meine Meinung.«  »Das  sagt mein Vater auch. Er wirft meiner Großmutter  immer vor, dass  sie meinen Großvater  erfindet. Er  sagt,  der Mann, von dem  sie  redet,  ist nicht der, der wirklich  gelebt hat, sondern der, als den sie ihn sehen möchte.«   »Und was sagt Sarah dazu?«   Jacob lachte. »Sie zieht ihm eins mit der Bratpfanne über.«  »Wie bitte?«  »Sorry. Metaphorisch gemeint... bildlich gesprochen?«   »Ach  so«,  sagte  sie  lachend.  »Verstehe!  Ja, das kann  ich  mir vorstellen. Oh,  jetzt musst du aber  rausgucken, weil  wir  gerade  an  dem  Gelände  vorbeikommen,  wo  die  Soldaten damals gelandet sind.«  Ein weites,  flaches Areal, gelblich nach der Ernte,  in der  Ferne Bäume, aber auch hier an der Bahn ein paar Birken.  262 , Fast  genauso,  wie  er  es  von  den  Fotos  kannte,  die  während  der  Landung  aus  der  Luft  und  unmittelbar  danach  vom  Boden  aus  gemacht worden waren.  Einen  verrückten Moment  lang kam das, was er gelesen hatte,  mit dem zusammen, was er sah, und ihm war, als wäre er  nicht  jetzt hier, sondern damals, nicht neunzehnhundert‐ fünfundneunzig,  sondern  neunzehnhundertvierundvier‐ zig. Mit seinem Großvater, einem Mann, der damals nicht  viel älter gewesen war als er jetzt. So alt wie Daan. Er sah  zum  aufklarenden Himmel  empor und dachte: Gemein‐ sam  in das Dort‐oben  springen, ohne zu wissen, welche  Gefahren im Hier‐unten lauern.    James Sims  Ein  amerikanisches Crewmitglied  kam  nach  hinten  und  sagte, wir würden jetzt für den Anflug auf siebenhundert  Fuß (214m) runtergehen. Wir setzten unsere engen Helme  auf  und  justierten  den Gummikinnschutz. Wir  hängten  uns ein, hievten dann die Packtaschen mit sechs Mörser‐ bomben,  Schanzwerkzeug,  Gewehr  und  persönlichem  Gepäck  in  Position  und  befestigten  sie  mit  speziellen  Gurten. Da  jeder von uns mindestens 100 Pfund  (46 kg)  Ausrüstung am Leib trug, war gesichert, dass wir schnell  und  ohne  großes  Gependel  runterkommen  und  ein  schwieriges  Ziel  für  die  feindlichen  MGs  darstellen  würden. Wir  stellten  uns  in  einer  Reihe  hintereinander  auf, die  rechte Hand  am Griff der Packtasche, die  linke  auf der  Schulter des Vordermanns  ... der Mann vor mir  beugte sich leicht vornüber, als er sprang. Sein Helm war  263 , noch  nicht  ganz  verschwunden,  als  ich  auch  schon  sprang,  aber  der  Propellerstrahl  erwischte  mich  und  wirbelte  mich  herum,  sodass  sich  meine  Schirmleinen  verdrehten.  Ich  musste  den  Packtaschengriff  loslassen,  um etwas dagegen zu unternehmen, denn wenn sich die  Leinen  bis  zum  Schirm  hinauf  verzwirbelten,  war  ich  geliefert.  Das  Dröhnen  der  Flugzeugmotoren  war  weg,  und zum ersten Mal  seit dem Abflug konnte  ich andere  Geräusche  ausmachen. Rings  um mich  herum  spuckten  Dakotas Fallschirmjäger aus und  ich fand mich mitten  in  einem  Schneegestöber  aus  Fallschirmseide. Die  Schirme  hatten  sämtliche Regenbogenfarben  und  es war  ein  un‐ vergesslicher  Anblick.  Mir  war  bewusst,  dass  ich  an  einem  der  größten  Luftlandeunternehmen  der  Militär‐ geschichte  teilnahm,  aber  die  Euphorie  wurde  durch  meine  akuten  Probleme  gedämpft.  Zum Glück war  die  Drehbewegung  jetzt  in die  andere Richtung  umgeschla‐ gen und ich kreiselte an meinen Leinen, während sie sich  entzwirbelten. Ich fühlte mich nicht gerade wie ein Adler  –  es war  eher,  als würde  ich  erhängt.  Zwar war mein  Schirm  jetzt voll entfaltet, aber ein anderes Problem kam  auf mich  zu. Mein  rechtes Bein mit der  schweren Pack‐ tasche dran hing senkrecht nach unten, und ich war abso‐ lut außer Stande, an den Griff zu kommen, um es wieder  hochzuziehen.   Drunten bot  sich der Anblick eines geordneten Durchei‐ nanders,  da Myriaden  ameisenähnlicher  Gestalten  über  die Absprungzone wieselten, um zu den verschiedenfar‐ bigen Rauchmarkierungen zu gelangen, die die Sammel‐ 264 , punkte der einzelnen Bataillone kennzeichneten. Gebrüll  und das Knallen von Schüssen driftete empor, interpunk‐ tiert von MG‐Salven.  Die  Amerikaner  hatten  uns  punktgenau  abgesetzt,  und  ich  fand ohne Probleme die gelbe Rauchmarkierung, die  anzeigte,  wo  sich  das  2.  Bataillon  formierte.  Überall  wurde scheinbares Chaos zu Ordnung, da die gelandeten  Soldaten sich organisierten. Der Boden, der mir eben noch  so  weit  weg  erschienen  war,  kreiselte  erschreckend  schnell  auf mich  zu.  Ich  sah  der  Landung  nicht  gerade  freudig entgegen, da mein Bein immer noch hilflos herab‐ hing, von der Packtasche gezogen. Man hatte uns gesagt,  dass  eine  Landung  in  dieser Haltung  so  gut wie  sicher  einen Beinbruch bedeutete und das würde ich  jetzt  jeden  Moment überprüfen können.   Wumm!  Ich  kam mit  einem  fürchterlichen  Schlag,  aber  heil  auf,  wurstelte mich  sofort  aus  dem  Gurtzeug  und  zerschnitt  die  Schnüre  meiner  Packtasche,  um  mein  Gewehr herauszunehmen. Das war das Allerwichtigste.   (Sims, S. 55‐57)    Kurz darauf erreichten sie Oosterbeek, nicht mehr als ein  Vororthalt  in  einem  tiefen  Gleisgraben,  der  Bahnsteig  relativ neu, keine Gebäude, nur ein Schutzdach. Mit ihnen  stiegen  ein  paar  Leute  aus,  einige mit  Blumen,  aber  es  waren nicht die Massen, mit denen Jacob gerechnet hatte.  Würde es bei der Feier denn nicht total voll sein? Letztes  Jahr  hatte  man  in  den  BBC‐Nachrichten  eine  dicht  gedrängte  Menschenmenge  auf  dem  Friedhof  gesehen,  265 , aber das war ja auch der fünfzigste Jahrestag gewesen.  Sie  stiegen  die  Treppe  zur  Straße  hinauf.  Hier  waren  mehr Menschen  unterwegs,  über  die  Bahnbrücke,  dann  nach rechts  in eine Straße mit dem dezenten Wegweiser:  »Soldatenfriedhof Arnhem‐Oosterbeek.« Gediegene,  ein‐ zeln stehende Häuser, gar nicht so anders als eine engli‐ sche  Mittelschicht‐Eigenheimgegend:  große,  gepflegte  Gärten,  manche  mit  hohen,  gestutzten  Hecken,  andere  mit Zäunen, Bollwerke bürgerlichen Fürsichseins, sauber  gemähte  Grasränder  neben  der  Straße,  Bäume  auf  der  Seite, wo  die  Bahnlinie  in  der  Versenkung  verlief. Die‐ selbe Bahnlinie, entlang derer die Fallschirmjäger damals  nach Arnhem vorzudringen versucht hatten, nur um von  den  Deutschen  aufgehalten  und  hier  eingekesselt  zu  werden. Aber diese Häuser hatten damals bestimmt noch  nicht gestanden; hier war wohl waldiges Gelände gewe‐ sen und der Ort hatte erst jenseits der Bahn begonnen.  Nach zwei‐, dreihundert Metern machte die Straße einen  scharfen Knick nach links. Ein Stück weiter standen Pkws  und  Reisebusse  auf  einem  Vorplatz  zwischen  Bäumen.  Zwei  quadratische  Backsteintürme  mit  Bogentüren  auf  allen  vier  Seiten  flankierten den Eingang  zum  Friedhof.  Linkerhand  konnte  Jacob,  über  einen  ihm  irgendwie  unangemessen  erscheinenden  Maschendrahtzaun  und  eine  niedrige  Buschreihe  hinweg,  das  weite  Friedhofs‐ areal sehen. Die militärisch exakten Reihen gleichförmiger  Grabsteine  waren  von  einer  dichten  Zuschauermenge  nahezu  verdeckt.  Erst  als  er  und  Tessel  drinnen waren  und  ein Plätzchen  am Rand  gefunden hatten, konnte  er  266 , erkennen,  dass  das  Zentrum  des  Friedhofs,  ein  großes  Rasenkreuz,  das  sich  durch  die  Anordnung  der  Grab‐ steine ergab, voll von alten Leuten war, die auf Stuhlrei‐ hen  saßen,  einem  überdachten  Podest  im  Schnittpunkt  des  Kreuzes  zugewandt.  Die  meisten  Männer  trugen  blaue Blazer und viele hatten rote oder blaue Barette auf.  Einen Moment lang wirkte es auf ihn, als seien sie gerade  den Gräbern entstiegen, um ein Konzert zu hören. Und in  gewisser Weise,  dachte  er, war  es  ja  auch  so,  denn  das  waren  ja wohl die Überlebenden,  ihre Frauen und zwei‐ fellos auch die Frauen einiger Männer, die nicht überlebt  hatten.  Er sah staunend auf die mehreren (sechs‐, zehn‐?) tausend  Menschen, die sich auf diesem Paradeplatz der Toten ver‐ sammelt  hatten.  1757 Gräber,  erfuhr  er,  davon  253  von  unbekannten  Soldaten,  deren  sterbliche  Überreste  nicht  hatten  identifiziert werden können. Und die Gesamtzahl  wuchs  noch,  denn  immer  noch  fand  man  Gebeine  in  vergessenen Gräberfeldern, wo man die Toten während  der Schlacht provisorisch begraben hatte.  Tessel  fasste  ihn  am Arm  und  bugsierte  ihn  durch  die  Reihen,  indem sie sich unter höflichen Entschuldigungen  an Leuten vorbeizwängte, die ihr im Weg standen.   »Wir sollten möglichst dicht ans Grab deines Großvaters  herankommen«, murmelte sie. Dann blieb sie stehen und  zeigte mit dem  Finger.  »Da,  siehst du, dritte Reihe, das  mit  dem  Rosenstrauch,  der  fast  so  hoch  ist  wie  der  Grabstein.«   »Ja. Ja, ich seh’s.«  267 , »Deine Großmutter und Geertrui haben den Rosenstrauch  gepflanzt,  als  sie  das  letzte Mal  zusammen  hier waren.  Daan kommt zweimal  im  Jahr her, um  ihn zu beschnei‐ den und zu düngen.«  Der Anblick ließ ihn verstummen. Er hatte Fotos gesehen.  (Das  ist dein Großvater  als  kleiner  Junge. Genauso  hast  du  in dem Alter  auch  immer dagestanden. Das  ist dein  Großvater als junger Mann, mit seinem Motorrad. Damals  war  er  eine Landplage. Das  ist dein Großvater kurz vor  unserer Hochzeit. Er  sah  ja  so gut aus. Hier  sind wir  in  unserem letzten gemeinsamen Urlaub, in Weston. Das ist  dein Großvater in Uniform.) Und es hatte ihm gefallen. Er  hatte  sinnierend  über  den  Fotos  gesessen  und  sich  ge‐ wünscht, er hätte diesen Mann gekannt, dessen Namen er  trug und dem er angeblich in so vielem ähnlich war. Aber  das hier –  in der Nähe dieses Grabes zu  stehen, das die  Gebeine eines Mannes enthielt, der nicht viel älter gewe‐ sen war als er jetzt –, das war etwas anderes. Fotos waren  nur  ein  konservierter  Schatten,  nicht  die  Sache  selbst,  nicht der Mensch selbst.  Dort  vor  ihm,  zwei  Körperlängen  entfernt  und  seine  eigene Größe  tief, war  etwas  Reales. Der  Körper. Oder  das, was  davon  übrig war.  Der  Körper,  aber  nicht  der  Mensch.  Auf  eine Art, wie  er  es vorher noch nie gefühlt, nie ge‐ dacht hatte, wusste er, und zwar sofort, dass das, was von  dem Menschen übrig war, was  ihn ausmachte, nicht mit  den physischen Überresten dort unter der Erde  lag. Was  von  seinem Großvater geblieben war,  stand hier,  in den  268 , Townboots  des  Enkels,  und  schaute  zu  dem  Grab  hinüber.   Der  Gedanke  war  beunruhigend,  so  als  hätte  sich  ein  Geist in ihm materialisiert. Er holte tief Luft und sah weg,  zum Himmel  empor. Die  Sonne war  jetzt  ganz  hervor‐ gekommen,  strahlte  von  einer Kuppel  aus wolkenlosem  Blau  auf  den  Teppich  aus  sitzenden Veteranen mit  der  Bordüre aus stehenden Menschen. Fünf, sechs Reihen,  in  denen  alles  vertreten  war,  von  Babys  bis  hin  zu  alten  Männern mit Krückstöcken. Gleich nebenan eine Gruppe  junger Fallschirmjäger mit  ihren  roten Baretts und Tarn‐ jacken,  zwei  Frauen  mittleren  Alters  im  leuchtenden  Sonntagsstaat,  eine  Horde  Jungen  in  Nikes,  eine  Schar  Mädchen  in weißen  T‐Shirts  und  Jeans,  drei Männer  in  grauen  Anzügen,  das  Jackett  über  dem  Arm  und  die  Hemdsärmel  aufgerollt.  Alle  leise.  Nicht  völlig  stumm.  Nicht  flüsterstill wie  in  der Kirche,  nicht  gedämpft wie  auf einer Beerdigung, nicht ehrfürchtig und nicht passiv,  noch nicht mal reglos, denn da und dort herrschte Bewe‐ gung,  Kommen  und  Gehen,  ständig  tröpfelten  Neuan‐ kömmlinge  hinzu. Aber  nirgendwo  geschäftige Ordner,  kein  Getue  und  Gemache.  Sie  warteten  und  warteten  gleichzeitig nicht. Eher so, als ob sie auf etwas warteten,  was  schon da war. Da und nicht da, dachte  er. Existent  und nichtexistent. Abwesend anwesend.    James Sims  »Marsch, Marsch!«, kam das Kommando und wir trabten  los,  truppweise  auf  beiden  Straßenseiten,  Mann  hinter  269 , Mann, die  so genannte  »Ack‐ack«‐Formation  (Flakfeuer‐ formation). Die holländische Landschaft war, dafür dass  Krieg herrschte, sehr ordentlich und gepflegt, die Straßen  von  Bäumen  gesäumt,  die Weiden  drahtumzäunt. Hier  und  da  standen Häuser,  und  die  Bewohner  kamen mit  ihren  Kindern  heraus,  um  uns  vorbeiziehen  zu  sehen.  Man  reichte  uns Krüge mit Milch, Äpfel,  Tomaten  und  Ringelblumen.  Sie  steckten die Blumen  in unsere Helm‐ netze und schmückten unsere Materialwagen damit. »Wir  haben über vier Jahre auf euch gewartet«, schien alles zu  sein, was sie auf Englisch sagen konnten, aber diesen Satz  hörten  wir  immer  wieder  von  den  lächelnden,  freund‐ lichen Menschen, die den Krieg  jetzt, wo wir da waren,  für so gut wie vorbei zu halten schienen.  Wir rückten aus der Gegend von Wolfheze, wo wir gelan‐ det waren,  südwärts vor, Richtung Heelsum. Das  adler‐ farnbewachsene Heideland  zu  beiden  Seiten  der  Straße  war wie gemacht  für Hinterhalte und  tatsächlich hörten  wir,  nicht  weit  vor  uns,  Kleingewehrfeuer,  das  uns  in  Deckung  stürzen  ließ. Die vordersten Bataillonsteile hat‐ ten  Feindberührung,  aber das  Feuer hörte  bald  auf und  wir rückten weiter vor. Als wir den Schauplatz des Schar‐ mützels  erreichten,  hing  der  Pulverqualm  noch  in  der  Luft. Am  Straßenrand  lag  ein  langer,  blonder  Schützen‐ sergeant; ich erkannte ihn wieder: ein Ex‐Gardegrenadier,  der mit mir zusammen in dem Panzerabwehrlehrgang in  Street  gewesen  war.  Jetzt  war  sein  Gesicht  weiß  vor  Schmerz  und  Schock.  Er  hatte  einen MG‐Feuerstoß  ins  Bein  gekriegt,  die  ganze  eine  Seite  hinunter,  und  seine  270 , Kameraden  hatten  ihn  verbunden,  ehe  sie  ihn  liegen  ließen.  Im  Vorbeiziehen  murmelten  wir  aufmunternde  Worte und warfen  ihm Bonbons und Zigaretten zu. Das  nächste Mal wieder gesehen habe  ich  ihn  im  Stalag XIB  (einem deutschen Kriegsgefangenenlager), nur  ohne das  Bein.   Erneutes Feuer ließ uns wieder in Deckung hechten, aber  diesmal waren es unsere  Jungs gewesen, die geschossen  hatten. Ein deutsches Stabsfahrzeug stand auf der Straße,  die Windschutzscheibe  zersplittert,  die Reifen  in  Fetzen  geschossen. Ein deutscher Offizier  lag  tot auf dem einen  Vordersitz. Neben  ihm  saß,  überm Lenkrad  zusammen‐ gesackt,  der  Fahrer.  Im  Fond  hing  der  Leichnam  eines  weiteren deutschen Offiziers,  vornübergebeugt, die  eine  Hand  noch  auf  der  Schulter  des  Fahrers.  Er war  offen‐ sichtlich gerade  im Begriff gewesen, den Fahrer zu war‐ nen,  als die britischen Fallschirmjäger vor  ihnen  auf die  Straße  herausgetreten  waren  und  das  Feuer  eröffnet  hatten. Der Offizier  auf dem Vordersitz  schien  eine Art  General zu sein, also musste das dem Feind einen schwe‐ ren  Schlag  zugefügt  haben.  Ich  näherte mich  neugierig  dem  Stabsfahrzeug,  da  ich  nicht  nur  noch  nie  einen  deutschen  Offizier  gesehen  hatte,  sondern  auch  noch  keinen Toten ...   Als  ich  klein  gewesen  war,  hatte  mir  meine  Mutter  erklärt, wenn man einem Toten mit dem Finger ein Kreuz  auf die Stirn machte, würde man nicht von ihm träumen.  Zaghaft  berührte  ich  die  steinernkalte  Stirn  des  einen  deutschen Offiziers.  »Was  zum Teufel machen  Sie da?«,  271 , brüllte  ein  Sergeant.  »Los,  Bewegung,  Sie werden  noch  jede Menge von der Sorte sehen, ehe Sie viel älter sind!«   (Sims, S. 60‐61)    Ein englischer und ein holländischer Geistlicher betraten  das  Podest.  Ein  Choral  wurde  gesungen,  begleitet  von  einer Kapelle, die  Jacob nicht  sehen konnte. Oh Gott, der  du uns hast gebracht durch Dunkel, Not und Leid, / O God, die  droeg ons voorgeslacht, in nacht en stormgebruis. Der Gesang  aus den tausenden von Kehlen verlor sich im leeren Him‐ mel.  Leer,  bis  auf  einen  einsamen  Jet  hoch  droben, mit  einem Kondensstreifen, so  fein und gerade, als hätte  ihn  jemand mit  dem  Lineal  über  das  Blau  gezogen.  Jacob,  dem das auf eine bizarre Weise passend erschien, hob die  Kamera und knipste die Szene. Am unteren Rand Rasen,  Gräber  und  Menschen  vor  einer  Reihe  zarter  Bäume,  darüber  der  hohe  blaue Himmel mit  einem  diagonalen  weißen Strich vom Blau in der linken oberen Ecke zu den  grünen Baumwipfeln unten rechts.  Ringsum hatten die Leute Heftchen mit der Gottesdienst‐ ordnung und den Liedtexten. Woher? Er hatte niemanden  welche  verteilen  sehen.  Er  sah  Tessel  an.  Sie  lächelte,  wandte  sich  an  zwei Männer, die  auf der  anderen  Seite  neben  ihr  standen,  sagte  etwas  auf  Niederländisch  zu  ihnen und bekam das Heftchen des einen. Die Liedtexte  standen links auf Englisch und rechts auf Niederländisch.  Gewähr uns Schutz in Sturm und Nacht und Zuflucht allezeit.  / Wees ons een gids in storm en nacht en eeuwig ons tehuis!  Ein  Colonel  trat  ans Mikrofon,  um  das  Schriftwort  zu  272 , verlesen. Psalm 121, Verse 1‐8. Ich hebe meine Augen auf  zu  den  Bergen. Woher  kommt  mir  Hilfe? Meine  Hilfe  kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.  Englische Worte, die, wie Jacob wusste, so alt waren wie  die von Shakespeare. Ihre schlichte Schönheit, die aus den  Füllhörnern der Lautsprecheranlage quoll, schmückte die  Bäume  und  funkelte  in  der  Luft.  Plötzlich  verspürte  er  einen  fast  schon peinlichen Stolz, auf diese Worte, diese  Sprache,  die  er  zum  ersten Mal  im  Leben  bewusst  als  seine reklamierte.   Gebete wurden gesprochen. Ein zweites Lied wurde ge‐ sungen.  Bleib  bei  mir,  Herr,  der  Abend  bricht  herein;  Es  kommt  die  Nacht,  die  Finsternis  fällt  ein.  /  Blijf  mij  nabij,  wanneer het duister daalt; De nacht valt  in, waarin geen  licht  meer  straalt. Ein Lied, das  Jacob noch nie gemocht hatte.  Die  schweren,  klagenden Worte  und  dazu  die  süßliche  Melodie,  das  irritierte  ihn. Wäre  es  etwas  Körperhaftes  gewesen,  hätte  er  danach  treten wollen.  Statt Hoffnung  oder Trost zu spenden, schien sich das Lied für ihn nur in  der Gewissheit des Todes zu suhlen, auf eine unerträglich  kitschige Weise. Und  doch war  es  eins  der  populärsten  Kirchenlieder. Wieder verschmolz der zweisprachige Ge‐ sang tausender von Kehlen in der Luft und verlor sich im  weiten  Blau,  wobei,  wie  immer  bei  solchen  Anlässen,  manche  Leute  aus  voller  Brust  sangen,  andere  dagegen  nahezu stumm die Worte formten.   Es  folgte die unvermeidliche Predigt,  auch wenn  sie  im  Programm Ansprache hieß. Dort waren sogar zwei Ans‐ prachen  angekündigt.  Schon  bei  dem  bloßen Gedanken  273 , wollte  Jacob  sich hinsetzen, aber das hätte die Kleinkin‐ derperspektive  aus  Füßen,  Knien  und  Hängehintern  bedeutet, weshalb er  stehen blieb. Vielleicht würden die  Kirchenleute  ja den Anstand haben,  sich kurz zu  fassen.  Der englische Reverend  sprach zuerst. Er hatte mit dem  110.  Bataillon  an  der  Schlacht  teilgenommen.  Immerhin  war er dabei gewesen, hatte es miterlebt. Was Jacob  jetzt  doch aufmerken ließ, war der seltsame Kontrast zwischen  diesem  alternden Geistlichen,  der  in  Rede  und  Erschei‐ nung so exakt der – viel verspottete – Prototyp des engli‐ schen Landpfarrers war, von sanfter Stimme, milder Art,  bemüht  bescheidenem  Auftreten,  und  dem  brutalen  Gemetzel,  das  er  vor  fünfzig  Jahren  miterlebt  haben  musste. Der Reverend  sprach von den Männern, die am  Vortag  ihren verspäteten Fünfzig‐Jahre‐Gedenkabsprung  nachgeholt hatten. Erzählte, wie sie dafür trainiert hatten,  jeweils  im Tandem mit einem  jungen Soldaten, und wie  sie angewiesen worden waren, sich einfach auf den Schoß  ihres  Begleiters  zu  setzen.  So  war  das  zu  meiner  Zeit  nicht,  scherzte  der  Reverend,  und  Jacob  dachte  an  Ton  und ihr Gespräch neulich Abend im Café. Selbst hier fuhr  die Homophobie ihre Ellbogen aus, wenn auch in Gestalt  eines  humorigen Rippenstoßes. Hier, wo die Gefallenen  Seite an Seite lagen, im Tod so kameradschaftlich vereint  wie  in  dem  Leben,  das  in  diesen  Tod  geführt  hatte.  Er  dachte  an  James  Sims  und  die  tausende  seinesgleichen,  von  denen  jetzt  etliche  hier  saßen. Männer,  deren  posi‐ tivste Erinnerung an  ihre Zeit  in der Hölle das war, was  sie  Kameradschaft  nannten.  Das  hatte  diese  Männer  274 , hierher  geführt. Und wer würde  schon  ein  halbes  Jahr‐ hundert  lang  Jahr  für  Jahr  hierher  zurückkehren,  um  derer  zu  gedenken,  die  umgekommen  waren,  ohne  es  Liebe  zu  nennen? Wie  es  bei  Predigten  nun  mal  war,  musste die Story von den tapferen alten Männern, die mit  dem  Fallschirm  abgesprungen waren,  natürlich  für  eine  moralische Lektion herhalten. Die magischen Worte, auf  denen diese Lektion  aufbaute,  stammten  von  einem der  jungen  Soldaten,  der  zu  seinem  Seniorpartner  gesagt  hatte: »Geben Sie sich einfach  in meine Hände, seien Sie  ganz entspannt, genießen Sie es und vertrauen Sie darauf,  dass  ich  Sie  heil  runterbringe.«  Genauso,  erklärte  der  Reverend, sei es auch mit dem Leben und mit Gott. Wir  müssten  lernen,  uns  in  Gottes Hand  zu  geben,  uns  zu  entspannen, das Leben  zu  genießen  und darauf  zu  ver‐ trauen,  dass  Gott  uns  schon  sicher  ans  Ziel  bringen  würde. Oder so ähnlich. Es war schwer zu verfolgen, da  die Worte  des  Reverend  genauso  im  weiten  Raum  zu  verschwinden  schienen  wie  vorhin  der  Gesang.  Doch  wenigstens hatte der Reverend seine Predigt barmherzig  kurz gehalten. Ihm folgte sofort ein holländischer Kollege,  ein  römisch‐katholischer  Priester,  der  in  seiner  Sprache  ablas, was er zu  sagen hatte. Wobei Tessel  sich  lächelnd  zu  Jacob  beugte und  leise  sagte:  »Das  ist  so  typisch  für  uns Holländer. Der  englische  Priester  hat wie  aus  dem  Stegreif gesprochen und war  amüsant. Der holländische  Priester  liest ab und  ist ganz ernst.« Aber auch er  fasste  sich rücksichtsvoll kurz.  Noch ein abschließender Choral. Lob, meine Seel, den Her‐ 275 , ren, preise  ihn durch deine Lieder  / Loof de Koning, heel mijn  wezen,  licht  in  het  duister, wijs  de weg  omhoog. Fröhlicher,  mitreißender.  Sie  sangen  sich  mit  Schwung  durch  die  kraftvollen Verse, dem nunmehr willkommenen Ende der  Formalitäten entgegen.  Doch  Jacobs Aufmerksamkeit galt etwas anderem. Wäh‐ rend  des  Liedes  zogen  Schulkinder,  Jungen  und Mäd‐ chen,  die  zwischen  elf  und  sechzehn  sein mochten  und  allesamt  Blumensträuße  trugen,  vom  Eingang  zu  den  Seitenrändern des Friedhofs. Von da ging  jedes zu einem  Grab,  vor  dem  es  abwartend  stehen  blieb.  Das  Ganze  hatte nichts Steifes, die Kinder waren bunt,  leger und  in  unterschiedlichem Maß modisch  gekleidet,  diszipliniert,  aber nicht gedrillt, konzentriert, aber nicht verbissen, und  nur ein, zwei zeigten Anzeichen von Schüchternheit. Als  das Lied zu Ende war, hatte jedes einen ihm offenbar vor‐ her  zugewiesenen  Platz  erreicht. Da  und  dort  half  eine  erwachsene  Person  denen,  die  unsicher  oder  verwirrt  wirkten, mit  lehrerhafter Autorität oder elterlich‐fürsorg‐ licher Freundlichkeit weiter. Während das Vaterunser ge‐ sprochen wurde, standen die Kinder vor »ihren« Gräbern  wie wachende  Engel, manche  hatten  die Hände  in  den  Taschen, manche die Köpfe gesenkt, manche guckten sich  um  und  lächelten  Zuschauern  am Rand  der Menge  zu,  aber alle waren sich  ihrer Rolle  in diesem Schauspiel des  Gedenkens bewusst.    James Sims  Der  mittlerweile  vertraute  Geruch  von  verschossener  276 , Munition lag in der Luft und ein Rauchschleier hing über  dem Schauplatz dessen, was offenbar ein kurzer, heftiger  Schusswechsel gewesen war. Die  Schützen waren  schon  zu ihrem nächsten Angriffsziel weitergeeilt ... hatten aber  einen der ihren zurückgelassen. Er lag, gegen eine hölzer‐ ne  Bank  gelehnt,  auf  einer  Lichtung mit  Blick  auf  den  Fluss. Es war  ein  lauschiges Plätzchen,  im  Schatten von  Bäumen  und mit  einer  wunderbaren  Aussicht  auf  den  Niederrhein, die Sorte Plätzchen, wo Liebende Zukunfts‐ pläne  schmieden  und  alte Männer  von  früher  träumen.  Doch heute waren hier weder Liebende noch alte Männer,  nur ein  junger Bursche aus einer Schützenkompanie, die  Beine  unter  dem  Körper  weggeknickt,  der  Helm  abge‐ nommen. Die Brust seines Kampfanzugs war blutgetränkt  und  jemand  hatte  ihm,  auf  raue Art wohlmeinend,  ein  weißes Handtuch  vorn  ins Hemd  gestopft,  ein  vergeb‐ licher Versuch, das Bluten zu  stillen. Aus dem wächser‐ nen  Gesicht  starrten  die  Augen  des  Jungen  durch  uns  hindurch  in die Ewigkeit und wir  schlichen  so  leise wie  möglich  vorbei,  als  hätten  wir  Angst,  ihn  aus  diesem  gefürchteten Schlaf zu wecken.  (Sims S. 65)    Lieutenant  Jack  Hellinghoe,  11.  Gruppe,  1.  Fallschirmjäger‐ bataillon.  ... Wir brachen einfach durch die Tür des nächstgelegenen  Hauses und gingen nach oben, direkt bis unters Dach. Die  Deutschen deckten die Häuser ein; Kugeln drangen durch  Dach und Fenster, pfiffen durch die Räume und schlugen  277 , hinter uns in die Wände. Sie spickten diese beiden Häuser  förmlich mit Blei.  Private  Terrett  schlug  ein  paar  Dachziegel  weg  und  brachte das MG auf den Dachbalken in Stellung, den Lauf  durch das Loch gerichtet. Wir sahen sofort, wo das Feuer  herkam,  von  den  Häusern  und  Gärten  auf  dem  höher  gelegenen Terrain, etwa 150 bis 200 Yards (137 bis 183 m)  entfernt. Man konnte die Deutschen, die sich dort beweg‐ ten, ohne weiteres erkennen. Die meisten Feuergefechte in  Arnhem erfolgten auf sehr kurze Distanz. Ich gab Terrett  Feuerbefehl und ich glaube, er schaffte es, zwei Magazine  zu  leeren,  ehe  ihn  die  Deutschen  ausmachten  und  ein  Feuerstoß das Maschinengewehr  traf. Die Kugeln  rissen  das Visier ab, rissen ihm die ganze Wange und das Auge  weg,  und  wir  fielen  beide  rücklings  durch  das  Dach‐ gebälk  und  krachten  in  das  Schlafzimmer  darunter.  Ich  hatte  nichts  abgekriegt,  aber  Terrett  rührte  sich  nicht.  Jemand klatschte ihm ein Verbandspäckchen aufs Gesicht  und er wurde weggeschleppt.  Ich dachte, er sei  tot, aber  viele  Jahre  nach  dem Krieg  fand  ich  zu meiner  großen  Überraschung  heraus,  dass  er  noch  lebte.  Er  hatte  ein  Auge verloren, aber sein Gesicht hatten sie prima hinge‐ kriegt.   (Middlebrook, S. 178‐179)    Jetzt nahte der Moment, da, wie Jacob wusste, weil Sarah  es ihm oft erzählt hatte, Kinder aus den örtlichen Schulen  Blumen auf den Gräbern niederlegten, ein Ritual, das seit  dem  ersten  Gedenkgottesdienst  ein  Jahr  nach  der  278 , Schlacht,  1945,  alljährlich  stattfand.  Seit  fünfzig  Jahren.  Die  Kinder,  die  die  ersten  Sträuße  niedergelegt  hatten,  rechnete Jacob aus, waren jetzt schon alt genug, um selbst  Großeltern zu sein, und ihre Kinder, die ebenfalls Blumen  niedergelegt hatten, alt genug, um die Eltern der Kinder  zu sein, die es jetzt taten. Ein Blumenstammbaum.   Er hatte genau verfolgt, wer zu Jacobs Grab gehen würde.  Ein schmaler Junge, vielleicht dreizehn, mit ganz kurzem  kastanienbraunen Haar, das einen wohlgeformten runden  Kopf und ein ovales, noch mädchenhaft‐jungenhaftes Ge‐ sicht  zur Geltung  brachte. Er  trug  eine  graugrüne Reiß‐ verschlussweste, ein rostrotes T‐Shirt, hellgraue Jeans und  Hush‐Puppy‐Boots. In den Armen hielt er, als handelte es  sich um ein Baby, einen großen Wildblumenstrauß. Jacob  erkannte blaue Glockenblumen, altrosa Malven, ein paar  leuchtend rosa Blumen, die Sarah Laveterea nannte, zart‐ lila Weidenröschen, sogar ein paar langstielige Butterblu‐ men  und  Schilf‐tängel  mit  braunen,  zigarrenförmigen  Kolben, das Ganze mit Efeu abgerundet. Niemand sonst  hatte  einen  so ungewöhnlichen  Strauß. An  seinem Platz  angekommen,  inspizierte  der  Junge  den  Boden  um  den  Grabstein herum, bückte sich, um ein paar herabgefallene  Blätter aufzusammeln, und steckte sie dann, weil er nicht  wusste, wohin  damit,  in  eine  seiner  Jeanstaschen. Dann  wartete er, reglos und mit gesenktem Kopf.  Ein  weiterer  holländischer  Geistlicher  sagte  ein  paar  Worte über die Kinder und dankte ihnen, dass sie gekom‐ men waren.  Jetzt  kam  der  Höhepunkt  der  Zeremonie.  Die  Kinder  279 , bückten  sich  und  legten  die  Blumen  an  den  Fuß  des  jeweiligen Grabsteins. Die Stille, während sie es taten, war  intensiver als alles Bisherige. Die Luft schien von Emotion  erfüllt.  Jacob  konnte  den  Blick  nicht  von  dem  Jungen  wenden,  der  jetzt  wie  alle  anderen  sein  Blütenbukett  niederlegte,  es  dann  aber  sorgsam  und  vorsichtig  zu  einem Fächer von Farben lockerte, als arrangierte er es in  einer Vase. Als  er damit  fertig war,  lehnte  er  sich, noch  immer in der Hocke, zurück und prüfte den Effekt, beug‐ te sich dann noch zwei‐, dreimal vor, um eine Kleinigkeit  zu korrigieren. Das tat er so hingebungsvoll konzentriert,  als wäre er ganz allein, und Jacob war, als ob er jemanden  bei  einem  sehr privaten Tun  beobachtete und  eigentlich  weggucken müsste.  Der  Junge hockte  immer noch da, als die andern Kinder  schon wieder  standen  und  der  englische  Reverend  das  traditionelle  Gedicht  auf  die  Kriegsgefallenen  von  Lau‐ rence Binyon vortrug. Nicht altern sollen sie wie wir, die  wir noch sind  ... Sie  leben  in uns  fort.  / Zij sullen niet out  worden, zoals wij, die het wel overleefd hebben ... wij sullen aan  hen  denken. Ein Hornist blies den Zapfenstreich und das  Signal zum Wecken und die Töne waren so greifbar, dass  sie  im  Geäst  der  Bäume  hängen  zu  bleiben  schienen.  Dann  spielte  die  Kapelle  die  britische  Nationalhymne.  Und es war vorbei. Eine kurze abwartende Pause, dieser  typisch englische Zwischenmoment, da sich niemand als  Erster  bewegen  will,  um  nur  ja  nicht  ungeduldig  und  drängelig zu wirken oder, schlimmer noch, etwas peinlich  Falsches  zu  tun.  Doch  dann  löste  sich  der  Stress  des  280 , allgemeinen  Bemühens  um  angemessenes  Verhalten  in  einem  kollektiven  Seufzer  und  die  Leute  begannen  zu  reden, zu  lachen, herumzuspazieren,  sich gegenseitig zu  begrüßen,  sich miteinander  bekannt  zu machen,  die  In‐ schriften  der  Grabsteine  zu  studieren,  bestimmten  Grä‐ bern besondere Aufmerksamkeit zu widmen, zu fotogra‐ fieren. Es entwickelte sich eine Art Party, die Jacob an die  Sommerfeste  in  Sarahs Dorf  erinnerte,  zu denen  sie  ihn  mitgenommen  hatte.  Obwohl  in  Anbetracht  des  Ortes  und des Anlasses die allgemeine Stimmung natürlich im‐ mer noch taktvoll‐verhalten war. Die Kinder, die die Blu‐ men niedergelegt hatten, waren rasch umringt von Eltern,  Verwandten,  Gleichaltrigen  und  britischen  Gästen.  Sie  standen  jetzt  im Zentrum der allgemeinen Aufmerksam‐ keit, als sei das  ihr Tag, so eine Art kollektives Geburts‐ tagsfest mit zusätzlichen ausländischen Großeltern. Aus‐ ländisch, aber nicht fremd.   Und  noch  etwas  sehr  Eigentümliches  bestimmte  die  Atmosphäre: Die Briten waren hier die Gäste, bewegten  sich aber an diesem Ort, als wäre es  ihr Vorgarten, wäh‐ rend  sich  die Holländer,  deren  Land  dies war, wie  die  eingeladenen  Nachbarn  auf  einem  Familienfest  benah‐ men.  Und  so  verhielten  sich  alle  wie  Gäste  und  Gast‐ geber, Hausherren und Besucher  zugleich, mit den Grä‐ bern als Kulisse und den Kindern als Zerstreuung.    Hendrika  van  der Vlist,  23,  Tochter  des  Besitzers  des Hotels  Schoonoord, Oosterbeek.  Jemand ruft: Da sind Engländer, die uns sprechen wollen.  281 , Ein  Jeep mit einem Arzt und einem Sanitätsunteroffizier  steht vor dem Haus.  Man bittet uns, das Hotel binnen einer Stunde als Lazarett  herzurichten.  »Das  würden  wir  herzlich  gern  tun,  aber  im  Haus  herrscht  schreckliche  Unordnung  und  wir  haben  kein  Personal.«   »Bitten Sie die Leute aus der Straße um Hilfe«,  sagt der  Arzt.   »Gut, wir tun unser Bestes.«  Dann  fällt uns plötzlich  ein, dass  es  im Haus kein  elek‐ trisches Licht mehr gibt. Letzte Nacht (Sonntag) haben die  Deutschen die Leitung zerstört.  Vielleicht fiel aus irgendwelchen Fenstern Licht. Vielleicht  schien es ihnen die wirksamste Möglichkeit, das abzustel‐ len.  Aber egal.  Der Pudding bleibt unberührt auf dem Tisch stehen. Wir  haben anderes zu tun.  Als Erstes laufe ich zu den Leuten gegenüber, um sie um  Hilfe  zu bitten, dann  zu den übrigen Nachbarn. Als  ich  den Utrechtseweg überquere, sehe ich vor dem Anwesen  der Dennenkamps englische Soldaten bäuchlings auf der  Straße  liegen.  Sie  zielen mit  ihren Gewehren  auf Deut‐ sche, die sich im Gutshaus verschanzt haben.  Auch  vom  Pietersbergseweg  kommen  Explosionen  (das  Hotel  lag  an  der  Ecke  Utrechtseweg/Pietersbergseweg).  Hier sind die Deutschen in dem Haus namens Overzicht.  Der Krieg ist ganz nah.  282 , Aber es bleibt keine Zeit zum Nachdenken.   Mit Besen, Eimer und Wischmopp bewehrt, kommen alle  bereitwillig  angelaufen,  froh,  etwas  helfen  zu  können.  Wenn die Deutschen, denen gegenüber wir uns vier Jahre  mit allen Mitteln vor der Arbeit gedrückt haben, uns  so  sehen könnten.  Männer und Frauen, Jung und Alt, alles arbeitet mit vol‐ lem Einsatz. Eine Stunde  ist  so kurz! Mutter übernimmt  unten  das Kommando,  ich  versuche  oben  die Dinge  zu  regeln.  »Würden  Sie  so  nett  sein  und  den  Fußboden  fegen. Danach könnten Sie ihn wischen.«  »Kaja, eine wichtige Aufgabe für dich. Dieser ganze Müll  muss raus in die Mülltonne. Was machen wir mit diesem  hübschen Hitlerbild? (Die Deutschen hatten in dem Hotel  Soldaten einquartiert.) Na ja, wenn du magst, kannst du’s  behalten – ist doch ein nettes Souvenir, oder? Andernfalls  kannst du’s zertrümmern.«  »Sollten wir diese dreckigen Teppiche nicht lieber zusam‐ menrollen und auf den Speicher bringen? Besser gar keine  Teppiche  als  dreckige  und  dann  können  wir  alles  wischen.«   »Würden Sie bitte Zimmer vierzehn fegen? Ich bitte gleich  jemanden, dort zu wischen.«   »Schau, Kaja, da ist noch mehr Müll.«   »Würden Sie so nett sein und sämtliche Waschbecken auf  diesem Stock sauber machen. Da ist eine Schrubbbürste.«   Als ich runterkomme, sehe ich, wie Mutter sich umschaut  und vor Zufriedenheit strahlt. Wie anders  jetzt alles aus‐ sieht! All  diese Hände  haben  es  geschafft,  in  so  kurzer  283 , Zeit Ordnung zu schaffen.  Stroh wird  hereingebracht  und  auf  dem  Fußboden  des  kleinen  Salons  verteilt.  In  der  großen Halle  sind  bereits  Bettenreihen aufgestellt. Veranda und Speiseraum haben  wir gelassen, wie sie waren. Dort sind Steinfußböden. Die  erscheinen uns zu kalt für die Patienten.  Und dann – wir  sind noch nicht  fertig –  setzt ein Strom  von Verwundeten  ein.  Sie werden  auf Tragen  hereinge‐ bracht. Andere können gehen. Manche nur unter Schwie‐ rigkeiten,  für einige  ist es kein Problem,  sie  sind an den  Armen  oder Händen  verwundet. Und  das  alles  geht  so  leise vor sich. Es wird nicht viel geredet. Die Helfer, die  bis eben sauber gemacht haben, geben es auf. Sie sind fast  fertig.   Rasch  schaffen wir Eimer und Besen  aus dem Weg, wir  wollen nicht, dass jemand drüber stolpert. Und die ganze  Zeit kommen immer noch mehr Patienten herein.   (Van der Vlist, S. 11—12)    »Ich möchte  ein  Foto  von  dem  Jungen machen,  der  die  Blumen  aufs Grab meines Großvaters  gelegt  hat«,  sagte  Jacob zu Tessel und machte sich auf den Weg durch die  Menge, um den Jungen zu erwischen, ehe er verschwand.  Der  Junge hatte  einen Fotoapparat  aus der Tasche  seine  Weste  gezogen  und  richtete  ihn  gerade  auf  die  Blumen  und den Grabstein, als Jacob bei ihm angelangte.  Als der  Junge das Foto gemacht hatte, sagte  Jacob: »Ent‐ schuldigung.«  Der Junge sah ihn aus klargrünen Augen an.   284 , »Kannst du Englisch?«   Der Junge nickte.   »Ein bisschen.«  »Kann ich dich neben diesem Grab fotografieren ?«   Tessel sagte etwas auf Niederländisch. Der Junge lächelte  und sagte zu Jacob: »Dieser Mann ist dein Großvater?«   »Genau.«  Der  Junge  sagte:  »Warte,  bitte«,  drehte  sich  um,  suchte  offensichtlich jemanden, schien dann die Person in einem  schwatzenden Häufchen  junger Leute drei Gräberreihen  weiter zu entdecken.  »Hille«, rief er und winkte einem Mädchen, das sich, als  es  herankam,  als  eine  Art  Spiegelbild  des  Jungen  ent‐ puppte. Der  gleich  runde Kopf mit  ganz  kurzem  kasta‐ nienbraunen Haar, weit  stehende Augen,  breiter Mund  mit  vollen  Lippen,  klares  ovales Gesicht,  so  jungenhaft  wie das des  Jungen noch mädchenhaft war. Sie  trug ein  loses,  weißes,  langärmliges  Polohemd,  in  die  Jeans  ge‐ steckt,  und  hatte  einen  lila  Pullover  um  die  Taille  geschlungen.   Der Junge sprach auf Niederländisch mit ihr. Sie lächelte  Jacob  ebenfalls  an.  »Mein  Bruder  sagt,  das  hier  ist  das  Grab von deinem Großvater.«  »Ja.« Sie wandten sich beide dem Grabstein zu wie einem  gemeinsamen Freund.  Jacob  hatte  Sarahs  Fotos  von  dem  Stein  gesehen,  aber  jetzt, da er real damit konfrontiert war, empfand er zum  ersten Mal, wie  seltsam es war, den eigenen Namen auf  einem Grabstein  verewigt  zu  sehen.  J.  TODD. Und  das  285 , Wissen, dass  er praktisch  auf dem  stand, was noch von  seinem  Großvater  übrig  war,  erzeugte  ein  Kribbeln  in  seinen  Füßen.  Ihm  kam  das  verrückte  Bild,  wie  sein  Großvater  durch  die  Erde  langte,  ihn  an  den Knöcheln  packte  und  ihn  zu  sich  in  sein  erdenes  Bett  zog.  Schon  mal  von  einem Leichnam  geküsst worden?  Ihn  gruselte  bei dem Bild und er hatte Schuldgefühle, dass er so etwas  überhaupt dachte.   »Was heißt J.?«, wollte der Junge wissen.   »Jacob. So heiße ich auch.«   Sie sahen sich wieder an.  »Ich bin Hille«, sagte das Mädchen. »Das ist mein Bruder  Wilfred.«  »Und ich bin Tessel«, sagte Mrs van Riet.   »Oh  ja, Entschuldigung«,  sagte  Jacob und  schaltete wie‐ der auf seine Erwachsenenmanieren um. »Das ist Mrs van  Riet.« Worauf sie sich alle, wie es sich gehörte, die Hand  gaben, Wilfred  ernst  und  förmlich, Hille  und  Jacob mit  einem leisen Grinsen wegen des Ebenenwechsels.  Jacob sagte: »Ich möchte ein Foto von deinem Bruder und  seinen Blumen machen. Ich weiß, dass meine Großmutter  gern eins hätte.«   »Ich habe auch mal Blumen da niedergelegt, als ich so alt  war wie Wilfred«, sagte Hille. »Vielleicht hättest du mich  auch gern auf dem Foto ?«  Auf  die  Gefahr  hin,  dass  sie  ihn  veralberte,  sagte  er:  »Okay.«   »Unsere Mutter  auch«,  sagte Wilfred.  »Sie hat  auch mal  Blumen auf dieses Grab gelegt.«  286 , »Als sie noch auf der Schule war. Ist natürlich viele Jahre  her!«,  sagte  Hille.  »Aber  sie  ist  heute  nicht  hier.  Wir  ziehen morgen um, deshalb hat sie zu tun.«  Hille und Wilfred stellten sich zu beiden Seiten des Grab‐ steins  auf,  je  eine  Hand  darauf.  Jacob  trat  ein  Stück  zurück, ging in die Hocke, damit er Stein, Blumen und die  beiden Personen  aufs Bild  kriegte, machte  ein Foto und  dann, wie immer, sicherheitshalber noch eins.  Sie bildeten jetzt wieder ein Quartett auf dem Rasen über  dem toten Jacob, guckten einander an,  lachten und über‐ legten, was sie jetzt sagen sollten.   »Warst du schon mal hier?«, fragte Hille Jacob.   »Nein.«  »Möchtest du ein bisschen rumlaufen?«   »Gern.«  Sie suchten sich einen Weg durch die Menge. Wilfred und  Tessel gingen hinterher und unterhielten sich auf Nieder‐ ländisch.  »Das  Schlimmste  ist  ihr Alter«,  sagte Hille.  »Neunzehn,  zweiundzwanzig, zwanzig.«  »Ich weiß,  es  klingt  sicher  blöd und  ich  versteh’s  selbst  auch nicht, aber ein Teil von mir wünscht sich,  ich wäre  dabei gewesen. Bei der Schlacht, meine ich.«   »Männer!«,  sagte Hille mit  einem  verächtlichen  Schnau‐ ben. »Deshalb gab es Kriege.«  »Ich hasse Krieg. Ich hasse sogar Gewalt überhaupt.«   »Es  ist  der Mann‐Teil  von  dir,  der  gern  dabei  gewesen  wäre.  Das  Testosteron.  Dagegen  kannst  du  gar  nichts  machen, du Armer.«  287 , »Na  ja, wenn  ich dabei gewesen wäre, bei der  Schlacht,  dann wäre ich jetzt bestimmt in einem dieser Gräber und  nicht unter den Überlebenden.  Ich bin kein Held, so viel  steht fest.«   »So was gibt’s nicht«, sagte Hille. »Niemand ist ein Held.«   »Glaubst du nicht, dass manche Menschen mehr Mut be‐ weisen als andere und tapferer sind und alles?«   »Glaubst du’s?«  »Na ja, schon. Wenn man zum Beispiel liest, was manche  Soldaten  in  der  Schlacht  getan  haben.  Nicht  nur  ge‐ kämpft,  sondern  auch  andere  Soldaten  gerettet,  unter  Einsatz  des  eigenen  Lebens.  Sie  haben  unglaubliche  Sachen gemacht, die sich andere nicht getraut haben.«  »Und was  haben  sie  gemacht,  als  sie wieder  zu Hause  waren ?«   »Wie bitte?«  »Was  haben  sie  zu Hause  gemacht? Wie  haben  sie  ihre  Frauen oder Freundinnen behandelt? Wie haben sie sich  ihren Arbeitskollegen gegenüber verhalten?«   »Keine Ahnung.«  »Ist das noch wichtig? Wenn sie doch Helden sind.«   Er ließ die Frage und Hille auf sich wirken.   »Ja, ich glaube schon. Mir wär’s wichtig. Worauf willst du  raus?«  »Du bist nicht dumm –«   »Vielen Dank!«  »– du weißt schon, worauf ich hinaus will. Ist  ja nicht so,  dass  ich  nicht  an  Mut  und  Tapferkeit  und  all  so  was  glaube.  Ich  denke  einfach  nur,  dass  die  meisten  Leute  288 , tapfer und mutig sind, aber auf unterschiedliche Art und  bei  verschiedenen  – wie  sagt  ihr? Gelegenheden — Gele‐ genheiten.«   »Aber niemand ist besonders mutig?«   »Frauen beim Kinderkriegen, sagt unsere berühmte Anne  Frank.«  Jacob blieb jäh stehen.  »Du kennst Anne Frank? Ich meine, das Buch?«   »Ja, warum ?«  »Ich auch! Mein Lieblingsbuch.«   »Ach?«  Sie beäugten sich mit gesteigertem Interesse. Und setzten  sich wieder in Bewegung.  Sie  erreichten  den  Blickpunkt  des  Friedhofs,  an  dem  Ende, das dem Eingang gegenüberlag. Ein hohes weißes  Kreuz  auf  einem  Sockel.  Drumherum  stand  eine Men‐ schenmenge. Viele Leute  legten Kränze und Blumen am  Fuß des Kreuzes nieder, so viele, dass sich dort schon eine  ganze Pyramide türmte. Gegenüber von Jacob und Hille,  auf der anderen Seite des Blumenhügels, standen drei alte  Männer  in  ihrer Uniform aus blauem Blazer und grauer  Hose,  einer  mit  einem  roten  Fallschirmjägerbarett,  die  beiden anderen mit blauen Baretten, und alle mit Reihen  von Orden auf der Brust. Der Mann in der Mitte hielt eine  zusammengerollte  Fahne  in  der  weiß  behandschuhten  Hand. Sie  standen  stumm und ernst  in Habachtstellung,  während  die  Leute  um  sie  herumwimmelten.  Einem  spontanen  Impuls  folgend,  hob  Jacob  den  Fotoapparat  und knipste sie.   289 , Und  hatte  sofort  ein mieses  Gefühl,  als  hätte  er  etwas  gestohlen.  »Für meine Großmutter«, sagte er zu Hille, als sei sie es,  bei der er sich entschuldigen müsste.  Aber sie hörte gar nicht zu. Sie schaute auf das schlanke  weiße  Kreuz,  das  vor  ihnen  emporragte.  In  den  Stein  eingelegt war ein riesiges bronzenes Schwert, wobei Griff,  Klinge und Blatt die Form des Kreuzes wiederholten.   »Das  Schwert Christi  und  das Kreuz  des Oorlog«,  sagte  sie. »Oorlog?«, wiederholte Jacob, so gut er konnte.   »Krieg. Traurig, findest du nicht?«   »Traurig?«  »Das  Kreuz.  Das  Schwert.  Zusammengeklatscht«,  sagte  sie. »Fertig. Erledigt.«   Und damit marschierte sie los.    Ein anonymer Offizier:  Ich bin  sehr verbittert wegen Arnhem;  ich habe zu viele  Freunde verloren. Als ich bei Kriegsende geheiratet habe,  ist mir aufgegangen, dass mein Trauzeuge der neunte auf  der  Liste  derjenigen war,  die  ich  gern  gehabt  hätte;  die  ersten acht waren alle tot oder versehrt. Ich konnte jahre‐ lang nicht über Arnhem reden und nichts darüber  lesen.  Als  ich schließlich anfing, Sachen darüber zu  lesen, kam  ich  zu dem  Schluss, dass  schuld  an dem Ganzen dieser  Fähnchen  schwenkende  Enthusiasmus  von  Leuten  wie  (Feldmarschall)  Montgomery  war,  die  zeigen  wollten,  dass sie so viel cleverer waren als die anderen.   (Middlebrook, S. 452)  290 ,   Lance‐Corporal Harry Smith, South Staffordshire Regiment:  Es  fällt  mir  bis  heute  schwer,  das  zu  erklären,  aber  manchmal  überkommt  mich  etwas.  Ich  ziehe  mich  in  mich  zurück, will  allein  sein  und  rede  tagelang  nichts.  Dann  sind  plötzlich meine  Gedanken  –  oder  sollte  ich  besser  sagen:  bin  ich  –  wieder  in  Arnhem.  Und  dann,  nachdem  ich drüber nachgegrübelt habe, was hätte pas‐ sieren  können  oder was  gewesen wäre, wenn dies  oder  das  passiert  wäre,  scheint  mich  für  einige  Zeit  etwas  Schreckliches umzutreiben, bis  ich schließlich ganz  lang‐ sam wieder zu mir komme.   (Middlebrook, S. 452)    Ms Ans Kremer, die im Stationsweg 8 in Oosterbeek wohnte:   Die Kämpfe haben bei mir  tiefe Spuren hinterlassen.  Ich  hatte keine Angst, aber ich hatte so ein Gefühl, wegen der  Verwundeten  und  Toten,  die  einfach  herumlagen,  und  wegen der Sterbenden – ein Gefühl, das  ich nicht benen‐ nen kann. So wie bei dem einen Soldaten, der vor unseren  Augen  getroffen wurde  und  dreimal  »Goodbye«  schrie,  bevor er starb. Deswegen benutze  ich kaum  je das Wort  »Goodbye«; es hat so etwas Endgültiges für mich.  Diese Geschehnisse  sind  für mich  immer noch da, nicht  ständig  und  nicht  bewusst,  aber  ab  und  zu  weckt  ein  Gesicht, ein Geruch, ein Geräusch oder eine Situation  in  mir  eine  vage Erinnerung  oder  ein  plastisches Bild  und  das traurige Gefühl, das damit verbunden ist. Diese Män‐ ner sind für mich Freunde. Irgendwie ist da so ein Band,  291 , und wenn ich sie treffe, will ich dafür sorgen, dass sie es  schön haben und sich wohl fühlen.  Sie sind gekommen, um uns wieder zur Freiheit zu ver‐ helfen,  und  ich  bin  ihnen  dankbar,  aber  ich  fühle mich  auch  in  ihrer  Schuld,  wegen  all  des  Leidens  und  des  Todes  so  vieler Menschen,  derer,  die  uns  bekannt  sind,  und derer, die uns unbekannt sind. »Dankbar«  ist ein zu  schwaches Wort. Es gibt Gefühle, die man nicht wirklich  in Worte fassen kann.  (Middlebrook, S. 452‐453)    Sie kamen am Ausgang an.  »Ich  möchte  echt  gern  mehr  über  deinen  Großvater  wissen«, sagte Hille. »Wir haben uns  immer gefragt, wer  er war, wie er war, dieser Mann, auf dessen Grab wir die  Blumen gelegt haben. Aber als meine Mutter es getan hat  und als ich es getan habe, ist nie  jemand gekommen und  hat gesagt, er sei ein Verwandter von  ihm. Also konnten  wir nie  jemanden fragen. Bis heute. Wie wär’s mit einem  Kaffee? Wir könnten doch in ein Café gehen und reden.«  Nichts  wollte  Jacob  lieber.  Alles  an  diesem  Mädchen  gefiel ihm. Ihr Aussehen. Das, was sie sagte. Die witzige,  leicht aggressive Art, wie sie manches davon sagte. Und  das mit Anne Frank.  Wie  immer,  wenn  er  jemanden  besonders  anziehend  fand, wollte  er  sie  berühren;  aber  bei  diesem Mädchen  wollte er noch mehr, als sie nur berühren.  Er verscheuchte diesen Gedanken  aus  seinem Kopf,  aus  Angst, sich zu verraten, und um sich Zeit für die Antwort  292 , zu  verschaffen,  drehte  er  sich  nach  Tessel  um,  die mit  Wilfred ein Stück hinterherging.  »Das würde  ich wirklich  sehr gern«,  sagte  er. »Aber  ich  bin  doch mit  ihr  hier, mit Mrs  van Riet,  ich meine mit  Tessel, und –«  »Ich habe nichts gegen sie«, sagte Hille auf ihre sachliche  Art.  »Sie  scheint  ja  sehr  nett,  aber  es  wäre  doch  nicht  dasselbe, oder?«  Er sah sie an, und sie grinste auf dieselbe komplizenhafte  Art wie vorhin, als sie sich alle die Hand gegeben hatten.   »Nein«, sagte er, »das wär’s nicht.«  »Wenn  ich sie  fragen würde, ob wir allein  ... Meinst du,  sie hätte was dagegen ?«  »Ich  schätze, du würdest  sie  rumkriegen.  Ich nehme an,  das schaffst du meistens.«   »Darin bin ich ganz gut, da hast du Recht.«   »Aber  ich weiß nicht. Es wäre ein bisschen unhöflich, sie  einfach  stehen  zu  lassen,  nachdem  sie  sich  um  mich  gekümmert  hat  und  mit  mir  hierher  gefahren  ist.«  Er  zuckte die Achseln. »Und da sind Komplikationen.«  »Du willst doch nicht plötzlich auf höflich machen oder,  Engelsman?«   Er lachte.  »Kann  nicht  anders.  Ist  nun mal meine Natur. Wie  der  Skorpion zum Frosch sagte.«   »Ach herrje, dagegen müssen wir was tun!«   »Müssen wir?«  »Warum  nicht?  Würde  doch  Spaß  machen,  meinst  du  nicht?«   293 , »Ich halte eigentlich ziemlich viel von Höflichkeit.«   »Das merke ich.«  »Macht  das  Leben  leichter.  Ölt  die  Maschinerie,  sagt  meine Großmutter.«  »Ich habe ja schon von Muttersöhnchen gehört. Aber noch  nie  von Großmuttersöhnchen. Du  bist  doch  kein Groß‐ muttersöhnchen, oder?«   Er lachte nervös.  »Ein bisschen. Kann nicht anders.  Ich  lebe bei  ihr, weißt  du.«   »Die Frau deines Soldatengroßvaters?«  »Eben diese.«  »Und du bist auch ein Jacob.«   »Inzestuös, was?«   »Mein Gott!«  Sie warf ihm einen wissenden Blick zu.   »Und  du?«,  fragte  Jacob.  »Bist  du  ein  Vatertöchterchen  wie meine Schwester?«  Jetzt lachte Hille, das Echo seines Lachens eben. »Ein biss‐ chen. Kann nicht anders. Ich lebe bei ihm, weißt du.«   Sie lachten.  Als  spielte  sie  eine  Trumpfkarte  aus,  sagte  sie:  »Anne  Frank war auch eins.«  »Ja«,  sagte  Jacob,  »stimmt.  Aber  nicht  so  wie  meine  Schwester.  Sie  ist  nicht  nur  ein  bisschen  ein Vatertöch‐ terchen,  sie  ist  es  in  obszönem Ausmaß, wenn du mich  fragst.«   »Du magst sie nicht?«   »Nicht besonders.«  294 , »Schade. Mein Bruder Wilfred und ich, wir verstehen uns  gut. Ich mag  ihn sehr, um ehrlich zu sein. Er  ist so ernst!  Es ist komisch, wie ernst er alles nimmt. Vielleicht würde  ihm ein bisschen mehr Leichtigkeit gut tun. Aber ich liebe  ihn so, wie er ist.«  »Ihr seht euch sehr ähnlich.«   »Das sagen alle, was ziemlich witzig ist.«   »Wieso?«  »Er  ist  adoptiert. Mutter  konnte  nach mir  keine Kinder  mehr kriegen und sie wollten einen Sohn, also haben sie  Wilfred adoptiert, und ich habe mich sehr gefreut. Ich hab  ihn ausgesucht.«   »Echt!«  »Echt!  Jedenfalls  sagt Mutter das.  Ich war erst vier, aber  sie  sagt,  ich  hätte  ihn  sofort  ins Herz  geschlossen. Also  haben sie beschlossen, dass es Wilfred sein musste.«   »Aber ihr seht euch wirklich sehr ähnlich.«   »Ja,  ich weiß.  Ich  seh’s auch. Und  ich habe nichts dage‐ gen, weil ich ihn hübsch finde.«  Jacob wollte sagen, dass das stimme, aber damit hätte er  zu viel von dem verraten, was er für sie empfand.   Noch ehe Tessel ganz bei ihnen war, redete Hille schon in  schnellem Niederländisch auf sie ein und Tessel  lächelte  und nickte und antwortete und  sah ab und zu zu  Jacob  herüber,  der  nicht  viel  mehr  heraushörte  als  seinen  Namen und die Worte Amsterdam und Koffie.  »Natürlich musst  du  noch  bleiben  und mit Hille  reden,  wenn du möchtest«,  sagte Tessel  zu  ihm,  als die Unter‐ redung beendet war. »Ich habe nichts dagegen. Für mich  295 , macht  es  das  einfacher.  Ich  kann  direkt  zu  Geertrui  fahren.  Aber  wirst  du  denn  allein  zu  Daan  zurückfin‐ den?«  »Kein Problem«,  sagte Hille. Sie grinste, wandte  sich  an  Jacob  und  zitierte  mit  verblüffendem  Imitationstalent:  »Gib  dich  einfach  in meine Hände.  Sei  ganz  entspannt.  Genieß  es.  Vertraue  darauf,  dass  ich  dich  sicher  nach  Amsterdam bringe.«  296 , GEERTRUI    Frau Wesseling war nach Dirks Verschwinden so verstört,  dass sie tagelang nicht aus ihrem Zimmer kam.   Es  war,  als  wäre  ihr  Sohn  tot. Wie  eine  Gebetsmühle  wiederholte  sie  die  ganze  Zeit,  dass  sie  ihn  nie wieder  sehen würde. In ihrem Schmerz gab sie Henk die Schuld,  behauptete,  er  habe  Dirk  dazu  überredet. Mir warf  sie  vor, dass ich überhaupt auf den Hof gekommen war, weil  ich  dadurch  ihren  Sohn  in  Verwirrung  gestürzt  hätte.  Und sie warf mir vor, dass ich Jacob mitgebracht und ihre  Familie  dadurch  noch  größerer Gefahr  ausgesetzt  hatte.  Ihrem Mann warf  sie vor, dass  er Dirk gegenüber nicht  energischer  gewesen  sei.  Aber  die  alier‐heftigsten  Vor‐ würfe machte sie sich selbst, weil sie das alles überhaupt  zugelassen  hatte.  Sie  hätte  Henk  gleich  wegschicken  sollen, als  er und Dirk beschlossen hatten,  sich auf dem  Hof  zu  verstecken;  sie  hätte  uns  alle  drei  noch  in  der  Nacht, als wir angekommen waren, wieder wegschicken  sollen;  sie  sagte  sogar,  sie  hätte  die  Deutschen  Jacob  finden  lassen  sollen,  das  hätte  wenigstens  ihren  Sohn  gerettet.   Ihre Qual war kaum mitanzusehen. Und Herr Wesseling  und  ich konnten nichts  tun, um  ihre Pein zu  lindern. Es  war ein Schock, eine erwachsene Frau, die ich immer nur  297 , als so stark, so beherrscht, so unbezwingbar erlebt hatte,  plötzlich  in  sich  zusammenfallen,  ja,  in  ihrer  Verzweif‐ lung  fast  infantil werden zu sehen. Eine weitere Lektion,  die  erschütterndste meines Lebens: wie  zerbrechlich das  Wesen des Menschen ist.   In den wenigen Minuten, die sie brauchte, um den Brief  ihres  Sohnes  zu  lesen,  löste  sich  diese  reife,  erfahrene,  dominante Frau auf, als hätte jemand an dem Faden gezo‐ gen, der das Gestrick  ihres Selbst bildete, und sie aufge‐ ribbelt,  bis nur noch  ein wirres Garnhäufchen übrig  ge‐ blieben war. Und obwohl Dirk  schließlich zurückkehrte,  fand sie nie wieder ganz zu ihrem früheren Selbst zurück,  wurde  sie  nie  wieder  die  selbstbewusste,  gebieterische  Person, die sie gewesen war,  sondern blieb  für den Rest  ihres Lebens eine nervöse, unsichere Frau, in sich zurück‐ gezogen, schwer zu erheitern, immer auf das Schlimmste  gefasst.  Ihr  einziges bleibendes Vergnügen und, wie  ich  glaube, ihr einziger Trost war es, auf dem Harmonium zu  spielen,  einem  Instrument,  das  sie  als  Kind  spielen  ge‐ lernt,  dann  aber  in  Jugendjahren  aufgegeben  hatte  und  dem sie sich  jetzt wieder zuwandte, als hätte es nie eine  Unterbrechung gegeben.  Sie spielte nur für sich allein, wollte nie, dass  ihr  jemand  zuhörte, und  investierte  in das Spiel  alles von  sich, was  sie vorher in ihren Sohn investiert hatte. Es war, als lebte  sie, wenn sie Harmonium spielte, ein anderes Leben, ein  Alternativleben,  das  sie  nicht  so  enttäuschte, wie  es  ihr  Alltagsleben getan hatte. Bis  schließlich, vor  ihrem Tod,  das  Harmoniumspiel  ihre  ganze  Welt  wurde  und  es  298 , nichts  anderes mehr  gab. Alles  andere war  verschwun‐ den, ihr Mann, ihr Sohn, ihr vorheriges Leben war verges‐ sen. Sie erinnerte sich nur noch an die Musik und an die  Logik der Tastatur. Sie starb mit Anfang sechzig an Krebs,  während  sie  auf  der  Bettdecke  die  Töne  eines  Musik‐ stücks spielte, das nur sie hören konnte.  Doch  ich  greife  vor.  Gehen wir wieder  zurück  zu  den  Tagen nach Dirks und Henks Verschwinden.   Herr Wesseling war natürlich bestürzt, aber er verkraftete  es besser als seine Frau und war optimistischer. Sie kom‐ men schon wieder, sagte er, vermutlich in ein paar Tagen,  wenn  sie  gemerkt  haben,  dass  der  Untergrundkampf  nicht so leicht ist, wie sie es sich vorgestellt haben.  Was  seine  Frau  anging,  so  nahm  er  ihren  Rückzug  zu‐ nächst mit derselben pragmatischen Gelassenheit hin. Er  war kein fantasiebegabter Mensch, sondern phlegmatisch  und fatalistisch. Für ihn waren die Dinge, wie sie nun mal  waren,  so war  das  Leben,  und man  tat  gut  daran,  das  Beste daraus zu machen. Es gab eine Formulierung, die er  oft  benutzte:  Es  ist  nun  mal  Gottes  Art,  dass  wir  nur  kriegen, was wir verdient haben. Außerdem waren  ihm  Frauen  ein  Rätsel,  ihre  Eigentümlichkeiten  unerklärlich.  Ihr  Bereich waren  das Haus  und  die Kleintiere  und  da  mischte  er  sich  nicht  ein.  Deshalb  tat  er  den  Rückzug  seiner  Frau  in  ihr  Zimmer  achselzuckend  als weibliche  Reaktion auf schlimme Nachrichten ab und überließ mir  nun,  neben  dem  Rest  der  »Frauenarbeit«,  auch  ihre  Betreuung. Er beachtete mich nicht weiter,  sagte nur  ab  und  zu mal:  »Sie machen  sich  sicher  Sorgen  um  Ihren  299 , Bruder. Er kommt schon durch. Den Burschen fällt schon  etwas ein.« Und das war alles. Zurück an die Arbeit. Die  unablässige Plackerei auf einem Bauernhof, wo Tiere und  Pflanzen nie Urlaub machen und auch denen, die sich um  sie kümmern, keinen  freien Tag  lassen. Das Land  ist ein  grausamer Herr und Meister. Und das Beste, was ich über  Herrn Wesseling  sagen  kann,  ist,  dass  er  sich  ihm mit  absoluter Hingabe widmete. Das war die Eigenschaft an  ihm, die alles wettmachte, und  ich muss sagen,  ich habe  ihn immer gemocht und mich gut mit ihm verstanden.  Aber  Frau Wesseling  hatte  Recht:  Ich war  nicht  in  das  Bauernleben hineingeboren und auch nicht der Typ dazu.  Ich weiß nicht, wie ich die nächsten Tage hätte überstehen  sollen, wäre  Jacob nicht gewesen. Ohne  ihn hätte  ich die  Wesselings  vermutlich  genauso  abrupt  verlassen  wie  mein Bruder und Dirk, ganz gleich, was  für Gewissens‐ bisse ich dabei gehabt hätte. Aber für Jacob war allein ich  verantwortlich. Ich hatte mich, entgegen  jedermanns Rat,  darauf  eingelassen  und  ihn  jetzt  zu  verraten,  hätte  ge‐ heißen, mich selbst zu verraten.  Ich hätte nie wieder mit  mir  leben können. Wegen Jacob musste  ich bei den Wes‐ selings bleiben, musste ich tun, was immer mir an Arbeit  zufiel,  egal, wie  erschöpft und verzweifelt  ich war. Und  ich  musste  alles  tun,  um  ihm  zu  helfen,  so  weit  zu  kommen, dass  er überleben konnte.  Ich  sage nicht  »flie‐ hen«, weil  ich damals  schon, wenn  ich  es mir  auch nur  halb  eingestand,  den  Tag  fürchtete,  an  dem  er  mich  verlassen würde.   Frau Wesseling zog sich also in ihr Zimmer zurück, Herr  300 , Wesseling vergrub sich in seiner Arbeit und ich floh, sooft  ich konnte, vor der Last der Hausarbeit zu Jacob.   Meistens war das abends, nach dem Essen. Herr Wesse‐ ling ging dann Radio Oranje hören und ich ging zu Jacob,  mit der zusätzlichen Ausrede, dass man durch die Dach‐ luke  des Verstecks  den  besten  Blick  auf  die  Straße  und  den Fahrweg zum Haus hatte, sodass ich nach ungebete‐ nen  Besuchern  Ausschau  halten  konnte,  während  Herr  Wesseling den englischen Sender hörte. Hinterher kam er  dann zu uns, um uns die neuesten Nachrichten über den  Krieg mitzuteilen, nach Jacobs Fortschritten zu sehen und  uns dann wieder allein zu lassen und sich zu seiner Frau  zu setzen. Sein Englisch war so schlecht, dass er nie lange  blieb.  Nachdem Jacob so lange von mir abhängig gewesen war,  was seine physischen Bedürfnisse anging, wurde ich jetzt  in meinen  emotionalen Bedürfnissen von  ihm  abhängig.  Er war mein einziger Vertrauter. Es gibt wenige Männer,  die  gute  Zuhörer  sind.  (Jedenfalls  war  das  in  meiner  Jugend  so.  Ist  es  heute  anders?)  Aber  Jacob war  einer.  Und die ersten ein, zwei Tage nach Henks Verschwinden  musste  er  sehr  viel  zuhören,  da  ich meine  ganze  Ver‐ zweiflung über den Verlust meines Bruders, meine Sorge  um  meine  Eltern,  meine  Klagen  über  Frau  Wesseling,  mein  Leiden  unter  der  einsamen  Schufterei  und meine  Ängste,  seine  und  meine  Zukunft  betreffend,  bei  ihm  ablud. Alles, was ich bisher so sorgsam für mich behalten  und vor ihm verborgen hatte, weil ich so fest entschlossen  gewesen war, gute Laune zu bewahren, um  ihn nicht zu  301 , belasten  und womöglich  seine Genesung  zu  behindern.  Ich schätze, ich hatte mich die ganze Zeit als seine Rette‐ rin gesehen,  seine Krankenschwester,  ja  sogar, wie  er  es  nannte,  seinen  Schutzengel.  Seine  Maria.  Jetzt  änderte  sich  das  alles  innerhalb  eines  Tages.  Der  Damm  war  gebrochen, meine Gefühle  strömten  sintflutartig aus mir  heraus  und  Jacob  wurde  jetzt  meine  Zuflucht,  mein  Beschützer, mein Gefährte.   Das war  ja  so eine Erlösung! Nicht mehr die ganze Zeit  stark sein, nicht fröhlich und optimistisch tun zu müssen,  nicht  immer entschieden und unverzagt sein zu müssen.  Nicht mehr so viel vorgeben zu müssen. Sondern bloß zu  sein.   Und Jacob hielt mich nicht davon ab. Was für eine Befrei‐ ung! Wie eine Gefangene, der man endlich die Kette abge‐ nommen hatte.  Eines Abends, als wir uns an dem  improvisierten Tisch‐ chen im Versteck gegenübersaßen und die Geräusche und  der Geruch  der  Kühe  drunten  im  Stall  durch  die Heu‐ wände drang, begann ich beim Reden zu weinen. Obwohl  wir  in dem  engen Versteck  eingesperrt waren,  fühlte  es  sich  an, wie  nach  einer  langen  staubigen Dürrezeit,  die  man drinnen verbracht hat, in den Regen hinauszulaufen.   Und  als wären wir  Freunde,  die  zusammen  durch  den  Regen liefen, streckte Jacob den Arm aus und wir hielten  über den Tisch hinweg Händchen. Das war das erste Mal,  dass wir uns auf diese Art nahe kamen. Wie gesagt,  ich  hatte  diesen  Mann  gewaschen,  einschließlich  seiner  intimsten Körperteile, etliche Male. Ich hatte ihn in seiner  302 , schlimmsten Leidenszeit in unserem Keller in den Armen  gewiegt, während er schlief.  Ich hatte  ihn  löffelweise ge‐ füttert wie ein Baby. Ich hatte seine Verbände gewechselt.  Ich hatte  ihm  sogar geholfen, aufs Klo zu gehen. Es gab  keinen  Teil  seines  Körpers,  den  ich  nicht  gesehen  und  berührt  hatte.  Aber  das  war  die  Berührung  seiner  aufopferungsvollen  Krankenschwester  gewesen,  seines  Engels Maria.  Natürlich waren da diese Momente in der Bedstee gewe‐ sen  und  die Wünsche  und  Sehnsüchte,  die  sie  geweckt  hatten. Aber  ich hatte versucht, das alles zu verdrängen,  nicht  daran  zu  denken. Um  es mit  jenem  altmodischen  Wort  zu  sagen,  das  heute  niemand mehr  ernsthaft  be‐ nutzt:  Ich war keusch geblieben. Was passiert war, hatte  ich  mir  gesagt,  war  ein  Versehen  gewesen,  das  es  zu  vergessen galt. Auch wenn ich es nachts nicht aus meinen  Gedanken  fern  halten  konnte  und  schon  gar  nicht  aus  meinen Träumen.   Aber jetzt war es nicht der Engel Maria, der ihn berührte.  Er berührte mich, Geertrui, indem er über den Tisch hin‐ weg meine Hand nahm, während  ich redete und weinte.  Ich sträubte mich nicht. In diesem Augenblick hätte mich  nichts mehr trösten, mehr freuen können, als meine Hand  in  seiner  zu  spüren. Und doch wühlte  es  einen  solchen  Wirrwarr von Gefühlen auf, da meine Verzweiflung und  meine  Angst  sich  mit  dem  Verlangen  und  den  Sehn‐ süchten mischte,  die mich  nachts wach  gehalten  hatten  und  die  jetzt  endlich  auf  eine Reaktion  stießen,  endlich  ein Ventil, eine Antwort, eine äußere Bestätigung  in der  303 , streichelnden Berührung seiner Finger fanden.  In der Sekunde,  in der er meine Hand nahm, sah  ich  ihn  nicht mehr als verwundeten Soldaten, als Flüchtling, als  Fremden.  Und,  wie  ich  ehrlichkeitshalber  hinzufügen  muss,  auch  nicht mehr  als  verheirateten Mann.  Ich  sah  ihn nur noch als mein und mich als sein. In dieser einen  kompromisslosen  Sekunde  gab  ich  mich  ihm  voll  und  ganz. Und ich tat es bewusst, willentlich (bitte nimm das  zur Kenntnis, nicht mutwillig, sondern willentlich). Und ich  habe  ihn und mich seit  jenem Tag nie mehr anders gese‐ hen.   Ich will es klar  sagen. Keine Sekunde habe  ich mich da‐ mals  zurückgehalten,  gesträubt,  verwahrt.  Ich  versuche  das  nicht  zu  erklären,  nicht  zu  entschuldigen.  Und  ich  äußere nicht das  leiseste bisschen Reue. Ganz  im Gegen‐ teil.  Ich  stehe  fest  zu  diesem Moment,  dieser  Entschei‐ dung. Und  trage  die  Folgen. Wenn  ich mir  in meinem  Leben  einer  Sache  sicher  war,  dann  meiner  Liebe  zu  Jacob. Wäre er am Leben geblieben, hätte  ich alles getan,  um ihn zu halten.  An  jenem Abend  redeten wir,  hielten Händchen,  sahen  uns  in die Augen, wie alle Liebenden  in dem köstlichen  Moment,  da  sie  einander  erstmals  ihre  Gefühle  zeigen.  Mehr  nicht.  Wir  küssten  uns  nicht  einmal.  Und  doch  schien es uns, als ob  sich unser ganzes Leben  in diesem  improvisierten, geheimen Raum konzentrierte. Wie es  in  diesem Gedicht heißt, das ich so liebe und von dem du ja  schon  weißt:  »Das  Kurzbemessne  kann  vollkommen  sein.«  Es  gibt  nichts  darüber  hinaus.  Es  kann  nichts  304 , Besseres geben. Diese zwei Stunden, die Jacob und ich an  jenem  Abend  zusammen  verbrachten,  waren  solch  ein  kurz bemessnes Stück Vollkommenheit. Es fand dadurch  sein  Ende,  dass Herr Wesseling  –  unter  dem Vorwand,  mich darauf hinweisen zu wollen, wie spät es schon sei —  von  unten  heraufrief  und  dann  am  Fuß  der  Leiter  auf  mich wartete, während ich Jacob hastig Gute Nacht sagte.   Ich nahm Herrn Wesseling diese Einmischung nicht übel,  im Gegenteil, ich war froh darüber. Er trug zum erregen‐ den Verlauf des Abends bei und gab mir ein Gefühl der  Sicherheit, die beruhigende Gewissheit, dass  ein väterli‐ ches Auge  über mich wachte. Und  inzwischen,  nach  so  vielen strapaziösen Tagen fern von meinen Eltern (die ich  zum  ersten Mal  so  lange  nicht  gesehen  hatte),  brauchte  ich diese Art beruhigender väterlicher Liebe genauso, wie  ich dazu bereit war und mich danach  sehnte, die beun‐ ruhigenden  Gefühle  der  ersten  leidenschaftlichen  Liebe  zu erfahren.  Du kannst dir sicher denken, dass ich in jener Nacht sehr  wenig  schlief. Und  dass  ich  voller  hoffnungsfroher Ge‐ danken war. Gedanken, wie die Zukunft mit  Jacob  aus‐ sehen würde, wo und wie wir leben würden.   Junge Liebe hat einen Tunnelblick, ihre Netzhaut ist eine  Filmleinwand, sie sieht die Welt als Projektion ihrer eige‐ nen Fantasien.  Doch am nächsten Tag war die Welt genau wie am Vor‐ tag, nur noch schlimmer. Kälter, trüber, staubiger, trister.  Und mein Los – als Frau Wesselings Dienstmädchen und  Herrn Wesselings Magd‐Haushälterin  –  härter  denn  je.  305 , Alles, was  ich wollte, wonach  ich mich  sehnte war, mit  Jacob allein zu sein. Doch  ich bin zum Glück eine aktive  Natur.  Je  tiefer mein Mut und meine  Stimmung  sinken,  desto stärker wird der Impuls, zuzupacken und etwas zu  tun. Ein Erbteil meiner Mutter. Also stürzte  ich mich mit  der ganzen Wut frustrierten Begehrens in meine Arbeit.  Doch die menschliche Natur  ist  so  verdreht, dass mich,  sooft ich Jacob an diesem Tag sah – als ich ihm Frühstück  brachte  und Mittagessen,  heißes Waschwasser,  saubere  Kleidung – eine solche Schüchternheit überkam, dass  ich  ihm kaum  in die Augen  sehen konnte.  Ich versuchte  so  sachlich wie möglich zu sein, versuchte, so geschäftig zu  wirken, als hätte  ich keine Zeit stehen zu bleiben und zu  reden,  versuchte  so  zu  tun,  als  hätte  sich  zwischen  uns  nichts geändert, als sei  ich weiterhin nur die  freundliche  Krankenschwester Maria. Aber das war natürlich sinnlos.  Alles  hatte  sich  geändert.  Schwerer  noch,  als  ihn  anzu‐ gucken, war es, ihn zu berühren, und am allerschwersten,  von ihm berührt zu werden. Normalerweise wechselte ich  nach  dem  Frühstück  Jacobs  Verband.  Aber  an  diesem  Morgen war  sein  Bein  nicht mehr  nur  ein  verwundeter  Körperteil, es war Teil des begehrten Körpers des Gelieb‐ ten, den  zu  küssen und  zu  streicheln mich  so  sehr  ver‐ langte. Also murmelte  ich  etwas  von  einem dringenden  Problem mit  Frau Wesseling,  um  den Verbandswechsel  auf später zu verschieben, wenn ich, wie ich hoffte, dafür  gewappnet wäre.  »Später«  kam  nach  dem  Mittagessen.  Um  diese  Zeit  hatten wir immer eine halbe Stunde zusammen verbracht,  306 , eine  Entspannungspause  vor  der  nachmittäglichen  Arbeit. An  diesem Vormittag  hatte Herr Wesseling  den  Kuhstall ausgemistet.  Jacob hatte geholfen,  indem er auf  dem  Heuboden  herumhumpelte  und  frisches  Heu  und  Stroh zu Herrn Wesseling hinunterforkte. Mittags war er  staub‐ und schweißverklebt, sein Verband war schmudd‐ lig  und  halb  locker  und  behinderte  ihn. Wenn  ich  ihn  nicht wechseln wolle, erklärte er gereizt, als  ich  ihm sein  Mittagessen  brachte,  werde  er’s  selbst  tun.  Aber  das  konnte  ich  nicht  zulassen.  Keine  anderen  Hände  als  meine durften meinen geliebten Patienten berühren, noch  nicht mal seine eigenen. Diese Eifersucht! So etwas hatte  ich  noch  nie  empfunden.  Bis  dahin  hatte  ich  Eifersucht  immer  für  eine  hässliche  Schwäche  gehalten,  für  etwas,  was  ich verachtete.  Jetzt überfiel  sie mich als  ein unver‐ kennbarer  seelischer  Krampf,  der mich  völlig  überrum‐ pelte und noch verlegener machte, als  ich sowieso schon  war.   Wortlos  ging  ich  davon,  um  einen  Krug  mit  heißem  Wasser und  frisches Verbandsmaterial  zu holen. Als  ich  zurückkam,  saß  Jacob  in der Unterwäsche auf dem Bett.  Er  hatte  sich  gewaschen,  so  gut  das mit  kaltem Wasser  ging. Ich hatte meinen Patienten oft so gesehen, aber nicht  seit  diesen  einschneidenden  Stunden  am Vorabend.  Ich  wollte mich  in  seine Arme  stürzen. Stattdessen bemühte  ich mich,  so  zu  sein wie  vorher. Aber  in meiner  über‐ triebenen Geschäftigkeit hantierte ich zu ungeschickt. Ich  goss Wasser aus dem Krug in die Schüssel, aber auch da‐ neben. Als  ich mich  vor  sein Bein  knien wollte,  krachte  307 , ich schmerzhaft auf das eine Knie. Mit zitternden Händen  fasste ich das gelockerte Ende der Binde über seinem Knie  und begann sie abzuwickeln. Da meine Finger jedoch nur  aus Daumen bestanden, flutschte mir die Binde beim Auf‐ rollen  aus  den  Händen  und  fiel  in  die Wasserschüssel  neben mir. Als wäre die Schüssel über Leitungen direkt  mit meinen  Augen  verbunden,  trieb  diese  Ungeschick‐ lichkeit  einen Tränenstrom hervor.  Ich  zwang mich,  ihn  zu ignorieren, senkte den Kopf, damit Jacob nichts merk‐ te,  griff  im  Zeitlupentempo  in  die  Schüssel,  fischte  die  klatschnasse  Binde  heraus,  wickelte  bemüht  bedächtig  den Rest von seinem Bein ab und legte dann die schmut‐ zige  Stoffstreifenrolle  beiseite.  Stand  auf.  Schüttete  das  verschmutzte Wasser  weg.  Scheuerte  die  Schüssel  aus.  Stellte  sie  wieder  auf  den  Boden.  Goss  aus  dem  Krug  neues,  jetzt  lauwarmes Wasser hinein. Beugte mich über  Jacobs Bein und wollte gerade die Salbenauflage von der  Wunde nehmen – immer der schlimmste Teil des Ganzen,  da sie an dem geronnenen Blut festklebte und es schmerz‐ haft  war,  sie  abzuziehen  –,  als  Jacobs  Hände  sich  auf  meine  Schultern  legten  und  er  sich  in  den  Stand  hoch‐ stützte und wartete, bis ich nicht mehr anders konnte als  aufzuschauen,  in  sein  Gesicht  und  schließlich  in  seine  Augen. Diese Augen, die mein Herz vom ersten Moment  an bezaubert hatten.  Ein  solcher Moment,  eine  solche  Stasis,  lässt  sich  nicht  lange  hinziehen.  Es  gibt  nur Vorwärts  oder  Rückwärts,  Annehmen  oder  Ablehnen,  Anerkennen  oder  Leugnen.  Was hätte es  für mich  in diesem Moment anderes geben  308 , können als Vorwärts, Annehmen, Anerkennen?   Mit  der  Sicherheit  schieren  Instinkts  hob  ich  die Hand  und  fuhr mit  den  Fingern  sein Gesicht  nach,  von  Stirn  und  Schläfe  bis  hin  zu  Lippen  und Kinn. Die  Stoppeln  seiner  unrasierten Wange  schickten  ein  Kribbeln meine  Schenkel hinunter. Als meine Finger sein Kinn umfassten,  beugte er sich zu mir und küsste mich zart und  langsam  auf die Lippen. Ich fasste seinen Kopf mit beiden Händen,  reckte mich  auf  die  Zehenspitzen  und  küsste  die  Lider  seiner  sich  schließenden Augen,  zuerst das  rechte, dann  das  linke.  Schlang die Arme um  seinen Nacken. Presste  mich, meinen ganzen Körper, fest an ihn. Und fühlte zum  zweiten Mal  sein Geschlecht  schwellen,  aber diesmal  an  meinem  Bauch,  und  es  erfüllte  mich  mit  vibrierender  Freude, dieses Zeichen  seines Verlangens nach mir, und  mit  dem  Wunsch,  die  Kräfte,  die  es  in  mir  wachrief,  kennen zu lernen.  Es  fiel  kein Wort,  da  waren  nur  das  Seufzen  und  die  leisen Laute der Lust, die die Glossolalie der Liebe sind.   Wir umklammerten einander und küssten uns innig, eine  ganze  lange  Zeit,  die  doch  so  schmerzlich  kurz  schien.  Und mir immer noch genauso schmerzlich kurz erscheint.  Und  lösten  uns  schließlich  widerstrebend  voneinander,  als wir Herrn Wesseling an seine Arbeit drunten im Kuh‐ stall zurückkehren hörten.  Nachdem  ich  Jacobs Wunde  rasch neu verbunden hatte,  stürzte  ich,  von  plötzlicher  Hast  getrieben,  an  meine  Arbeit  zurück,  in mir  das  Singen meines  Blutes,  wirre  Gedanken und das Sehnen, Sehnen, Sehnen nach mehr.   309 , Andere  Symptome meines Zustands will  ich  hier  lieber  nicht näher erörtern: die Röte meiner Haut, meine steifen  Brustwarzen, die immer noch den Druck von Jacobs Brust  spürten, das  fast  schon  schmerzhafte Ziehen  in meinem  Unterleib,  die  Feuchtigkeit  unter  meinen  Armen  und  zwischen meinen Beinen. Gott sei Dank war niemand im  Haus,  der meine Verwirrung  und meine  Seligkeit  hätte  bemerken  können.  Bis  zum Abendessen  hatte  ich mich  wieder gefasst, aber ich wusste, wenn ich Jacob das Essen  hinüberbrächte, würde  ich genauso aufgelöst zurückkeh‐ ren,  selbst  wenn  es mir  gelänge, mich  von  ihm  loszu‐ reißen. Also bat  ich Herrn Wesseling, es  ihm zu bringen  und ihm auszurichten, ich käme später.  Aber später ging  ich auch nicht zu  ihm.  Ich meine, nicht  im Lauf dieses Abends. Eine  große Nervosität  überkam  mich.  Ich konnte mir nicht  trauen. Wie würde  ich mich  verhalten? Wie sollte  ich mich verhalten? Wie würde sich  Jacob  verhalten?  Und  wie  sollte  ich  auf  ihn  reagieren?  Würde  ich wissen, wie? Da war  ebenso  viel Angst wie  Verlangen in meinem aufgewühlten Inneren.  Und außerdem  fühlte  ich mich plötzlich nicht gut genug  für  ihn. Mit meinem  schmutzigen Körper, meinen alten,  ausgeblichenen, formlosen und unansehnlichen Kleidern.  Wonach  roch  ich? Nach der Abendessenkocherei? Nach  dem  Staub  des Hauses? Nach  dem Hühnerstall, wo  ich  eben gewesen war, um die Hennen  für die Nacht einzu‐ schließen? Nach der käsigen Luft der Milchkammer, wo  ich eine halbe Stunde lang die Schleudertrommel gedreht  hatte, um den Rahm von der Milch des Tages  zu  schei‐ 310 , den?  Oder  nach meinem  eigenen  Schweiß  und meinen  Geschlechtsausdünstungen?  Dieser  Gedanke  entsetzte  mich. Ich konnte mich keinen Moment länger ertragen.  Es war,  als wäre mein Äußeres  ein  abstoßender Panzer,  eine erstarrte Hülle, alt und ausgewachsen, das Gefängnis  eines neuen Selbst, das daraus hervorzubrechen trachtete.  Ich wollte diese Hülle abstoßen, so wie eine Schlange ihre  Haut  abstreift  oder  ein  Schmetterling  die  Raupenform,  wenn er aus seinem Kokon schlüpft. Wollte? Nein, nein.  Musste! Keine Option. Kein Wunsch. Sondern ein Impera‐ tiv. Ein Erfordernis. Eine biologische Notwendigkeit.  Ich  hatte  seit  Tagen  nicht mehr  gebadet. Das war  nicht  außergewöhnlich.  Damals  badete man  nicht  so  oft  wie  heute. Und Duschen waren, zumindest dort, wo ich lebte,  unbekannt.  Die  Menschen  waren  nicht  so  penibel  mit  ihrem Körper. Doch unser Haus  in Oosterbeek hatte ein  Badezimmer gehabt, während der Bauernhof noch immer  keins  hatte. Das machte  einen  großen Unterschied. Vor  allem, was den Aufwand anging. Auf dem Hof hatte man  die  ganze Mühe,  genug Wasser  heiß  zu machen,  einen  Zuber herzurichten, der vor dem Küchenherd stand, zum  einen  der  Wärme  wegen,  aber  auch,  damit  man  das  Wasser möglichst leicht aus dem Kochkessel in den Zuber  schütten  konnte.  Hinterher  hatte  man  die  Mühe,  das  Wasser wegzuschütten und wieder Ordnung zu machen.  Und  dann war  da  das  Problem  von  Schicklichkeit  und  Anstand. Während  die  Frauen  badeten,  hielten  sich  die  Männer  fern  und  umgekehrt.  Im wesselingschen Haus‐ halt badeten die Männer am Freitagabend, die Frauen am  311 , Samstag.  Abweichungen  von  diesem  Ritual  gab  es  nur  ausnahmsweise. Nach einer Krankheit vielleicht oder aus  besonderem Anlass – an einem Geburtstag oder vor einer  Reise. Aber  nie  einfach  nur  so. Nur weil  einem  gerade  nach Baden war.   Dieser  Tag  war  ein  Donnerstag.  Welche  befriedigende  Erklärung konnte ich Herrn Wesseling geben, warum ich  an diesem Abend baden wollte? Mir fiel nur eine ein, die  er ohne Nachfragen schlucken würde, weil dieses Thema  ihm viel zu peinlich war. Es würde auch für mich peinlich  sein,  denn  damals  sprachen  Frauen  nicht mit Männern  über Frauenbeschwerden, selbst wenn die Männer schon  davon gehört hatten, was, auch wenn das heute unglaub‐ lich scheinen mag, bei vielen und selbst bei verheirateten  Männern  nicht  der  Fall war. Die  speziellen  Funktionen  des weiblichen Körpers wurden zwischen Männern und  Frauen  behandelt,  als  seien  sie  nicht  existent.  Offen  darüber  zu  reden galt,  zumindest  in  anständigen,  from‐ men  Familien,  im  besten  Fall  als  ungehörig  und  im  schlimmsten  als  eine  soziale  Sünde,  die  streng  bestraft  werden musste. Aber meine Ausrede hatte zugleich den  Vorteil, dass sie stimmte. Meine Periode hatte am Vortag  aufgehört. Die einzige Unwahrheit, die  ich äußern muss‐ te, war eine klitzekleine Andeutung, dass  sie diesmal  in  irgendeiner Weise unangenehm gewesen  sei, und  schon  würde  Herr  Wesseling  ohne  weitere  Nachfragen  das  Haus verlassen. Und das tat er auch prompt. Er erklärte,  er  werde  Radio  hören  gehen,  dann  bei  Jacob  vorbei‐ schauen und etwa  in einer Stunde wieder da sein, wenn  312 , mir das reiche. Ja, ja, sagte ich und weg war er.  Beim Baden wurde mir schließlich bewusst, dass  ich das  nicht  für mich  tat, sondern  für  Jacob. Um mich wie eine  Braut darauf vorzubereiten, ihn zu empfangen.   »Ich will zu  ihm gehen«,  sagte  ich  laut, »weil  ich  ihn  in  mir haben möchte.«  Meine Schamlosigkeit  schockierte mich. Nie hätte  ich  so  etwas von mir gedacht! Und doch begann ich auf eine fast  schon  kaltblütige  Art  zu  planen,  wie  ich  es  machen  würde.  Ich würde zu Ende baden, sauber machen, mein  Haar  am  Feuer  trocknen  und  dann  in  mein  Zimmer  gehen. Dort würde  ich mir  die Nägel  schneiden, meine  Hände  und  Beine  einölen,  jeden Winkel  und  jede Ritze  meines Körpers  genauestens  inspizieren und  herrichten,  mich mit Lavendelduft parfümieren, mein Haar  frisieren  und mich so schön anziehen, wie es die paar Kleidungs‐ stücke,  die  ich  für  besondere  Anlässe  aufbewahrte,  erlaubten.  Ich würde mir Zeit  lassen,  es  genießen, mein  Bewusstsein von der ganzen Anstrengung und Anspan‐ nung  der  letzten Wochen  reinigen,  nur  noch  an  Jacob  denken.  Ich würde warten,  bis Herr Wesseling  ins  Bett  gegangen war und  ich  sein  eruptionsartiges  Schnarchen  (eine  regelmäßige  Begleiterscheinung  seines  Schlafs)  hörte.   Erst als  ich  in meinem Zimmer war und die  feuchtkalte  Herbstnachtluft  meinen  badwarmen  Körper  rasch  ab‐ kühlte,  kam  mir,  verbunden  mit  einem  noch  kälteren  Schauer, der Gedanke, dass diese Liebesbegegnung, nach  der  mich  so  sehr  verlangte,  ungewollte  Folgen  haben  313 , könnte. Über  die  praktische  Seite  der  Sexualität wusste  ich  (muss  ich das  noch  extra  sagen?)  so  gut wie  nichts.  Selbst  darüber, was wohin  gehörte  und wie  es  dorthin  gelangte,  hatte  ich  nur  rudimentäre  Informationen  und  auch die nur aus unsicherer Quelle – von Freundinnen –,  nicht aus Büchern oder von Eltern oder Lehrern. Zu dem,  was mir  in  der  Schule  sozusagen  unterm  Tisch  erklärt  worden  war,  gehörte  die  so  genannte  »Sichere‐Tage‐ Methode« zur Verhütung einer ungewollten Schwanger‐ schaft. Sicher waren demnach die sieben Tage vor Einset‐ zen  der  Periode,  die  drei  oder  vier  Tage  der  Blutung  selbst  und  die  sechs  bis  sieben  darauf  folgenden  Tage.  Ansonsten  sorgte man  besser  dafür,  dass  der Mann  die  Kirche verließ, ehe das letzte Lied ertönte. (Wie hatten wir  Mädels gekichert, wenn wir diese  alberne Formulierung  benutzten, die uns  ein  so geheimer Kode  für den Coitus  interruptus schien.)  Tja, wie gesagt, meine Periode hatte am Vortag aufgehört.  Aber,  dachte  ich  jetzt, wer  gab mir  die  Sicherheit,  dass  meine Schulfreundinnen über diese »sicheren Tage« bes‐ ser Bescheid wussten als über andere Dinge ? Und selbst  wenn, wie sicher war »sicher«? Hundertprozentig? Zwei‐ fel  schlichen  sich  in meine  romantischen  Fantasien  und  ließen  mich  noch  grübeln,  als  Herr  Wesseling  bereits  seine Schnarcheruptionen von  sich  zu geben begann. So  lange, bis  ich  schließlich gelassen  entschied, dass wahre  Liebe immer gefährlich sei. Und für den Teil, der sie gibt,  noch gefährlicher als für den, der sie empfängt.  Schon  damals  hatte  ich  kaum  noch  Illusionen  über  das  314 , Verhalten  des menschlichen  Körpers,  so  wie  der  Krieg  mir kaum noch Illusionen über das Verhalten des ganzen  Menschen gelassen hatte. Der Körper konnte, da war  ich  mir sicher, genauso irren wie der ganze Mensch, genauso  unzuverlässig  sein,  denselben Abweichungen  von  einer  angeblichen Norm unterliegen.  Jede Regel,  jedes Gesetz,  egal,  ob  in  der  Natur  begründet  oder  von  Menschen  gemacht,  implizierte  Ausnahmen,  provozierte  Abwei‐ chung.  Ich  wusste,  dass  ich  im  Begriff  war,  mehrere  menschliche  Gesetze  zu  brechen  –  religiöse  (Unzucht,  Duldung  des  Ehebruchs,  Begehren  des  Mannes  einer  anderen  Frau),  juristische  (Beischlaf  vor  Erreichen  des  Mündigkeitsalters)  und  soziale  (Vertrauensbruch  gegen‐ über meinen  Eltern  und  den Menschen,  die mich  unter  Gefährdung  ihres  eigenen  Lebens  aufgenommen  hatten  und ernährten). Warum sollte mein Körper nicht genauso  eigenmächtig  sein  und  die Gesetze  der Natur  brechen?  Wenn  ich  erwischt  würde,  drohten  mir  für  alle  diese  Übertretungen schwere Strafen. War ich bereit, die Folgen  zu  tragen,  fragte  ich mich, während  ich  in  der  kerzen‐ erhellten Nachtkälte meinen Körper  im Spiegel musterte.  Und  ich antwortete mir  laut und mit dem überheblichen  Mut ungeprüfter Jugend: »Ja, ja, das bin ich.«  Und als mein Entschluss endgültig gefasst war, ging  ich  zu Jacob und gab mich ihm.  315 , POSTKARTE  Erwachsen werden ist schließlich  nur das Verstehen, dass die eigene  einzigartige und unglaubliche Erfahrung das ist,  was alle erfahren.  Doris Lessing, DAS GOLDENE NOTIZBUCH    »Nimm einen Pannenkoek«, sagte Hille.   »Was ist das ?«   »Ein Pfannkuchen.«  »Eier  und Mehl  und  so was,  zu  einem  Teig  geschlagen  und in der Bratpfanne gebraten?«  »Ich schätze ja. Kochen ist nicht gerade meine Stärke. Das,  was  die  Franzosen  Crêpes  nennen?  Sehr  beliebt  hier  in  Holland.«  Sie  lächelte  über  die  Speisekarte  hinweg  und  zuckte die Achseln. »Man kann sie mit was drauf haben.  Spek zum Beispiel, also Speck. Oder Apfel und – Kaneel?«   »Sorry, keine Ahnung.«   »Dich zu was einzuladen ist harte Arbeit.«   »Noch mal sorry.«  »Nein,  schon  gut.  Macht  mir  Spaß,  mein  Englisch  zu  trainieren.«  »Tust du das?«  »Ich rede doch Englisch, oder?«   »Mich einladen.«  317 , »War doch mein Vorschlag.«   »Wollte Wilfred nicht mitkommen?«   »Er musste seine Sachen noch fertig einpacken.«   »Speck ist okay, danke.«  »Ich nehme Apfel und Kaneel. Dann kannst du mal pro‐ bieren und mir sagen, was Kaneel ist. Was zu trinken?«   »Weißwein  ?«  Daan  hatte  ihn  auf  den  Geschmack  ge‐ bracht.   »Okay.«  »Wir können ja niederländisch ausgehen, wie man bei uns  sagt.«   »Was?«  »Niederländisch  ausgehen.  Kennst  du  den  Ausdruck  nicht?«   »Nein.«  »Das heißt,  jeder zahlt  sein Essen  selbst,  statt dass einer  für beide zahlt.«  »Wieso ist das niederländisch?«  Jacob lachte. »Keine Ahnung. Woher soll ich das wissen?«   »Ist doch deine Sprache.«  »Na und? Kannst du alle Ausdrücke erklären, die  ihr  im  Niederländischen habt?«   »Nein. Aber ich wollte, ich könnte es.«   »Wir  haben  jede  Menge  Redensarten  mit  ›niederlän‐ disch‹.«   »Zum Beispiel?«  »Zum Beispiel, niederländischer Onkel. Jemand, der zwar  kein Onkel von einem ist, einen aber onkelhaft behandelt.  Oder niederländischer Mut. Mut, den man sich antrinkt,  318 , um  etwas zu  tun, was man nicht  tun will  ... Was noch?  Warte mal  ... Niederländischer Ofen, für Mund. Von we‐ gen viel heiße Luft, schätze ich mal.«   »Reizend.«  »Niederländische  Versteigerung.  Wenn  man  bei  einer  Versteigerung  bei  einem  hohen  Preis  anfängt und dann  langsam runtergeht, bis jemand kauft, statt umgekehrt.«   »Den Ausdruck kenne ich. Und Doppelniederländisch.«   »Wenn man Stuss redet.«   »Aber wieso?«  »Wahrscheinlich, weil  für uns Niederländisch  so  schwer  verständlich  klingt,  deshalb muss Doppelniederländisch  totaler Blödsinn sein.«  »Danke  vielmals!  Es  ist  auch  nicht  schwerer  als  Schwe‐ disch. Und was ist mit Chinesisch? Warum nicht Doppel‐ chinesisch ? Gibt’s noch mehr?«  »Noch ein paar Sachen, aber ich kenne nicht alle.«   »Sind sie alle so abfällig?«  »Abfällig? Ich schätze, die meisten schon. Möchte wissen,  warum.«  »Historisch, würde ich sagen, meinst du nicht?«   »Du meinst, aus Zeiten, als wir uns bekämpft haben?«   »So  etwa.  So wie  die  Dänen  den  Schweden  gegenüber  abfällig sind.«   »Ach?«  »Die Leute machen doch  immer Witze und gemeine Be‐ merkungen über die Völker, mit denen  sie Krieg hatten,  oder?  So  wie  wir  mit  den  Deutschen.  Oder  jedenfalls  meine Großeltern.«  319 , »Hass hat ein langes Gedächtnis.«   »Ist das auch eine englische Redensart?«   »Jetzt  ja. Ich hab’s gerade erfunden. So weit  ich weiß zu‐ mindest.«   Dass Hille laut loslachte, war ein gutes Gefühl. Er mochte  sie immer mehr. Konnte den Blick nicht von ihr losreißen.  Am wenigsten von  ihrem breiten Mund mit der  leichten  Schmolllippe. Und von dem Perlschimmer ihrer Haut, der  in ihm den Wunsch weckte, sie zu streicheln.   Die Bedienung kam und sie bestellten.   Als  sie wieder weg war,  sagte Hille:  »Weißt du, wo du  bist? Ich meine dieses Restaurant hier.«  Das  Lokal  (für  seinen  englischen  Blick  eine  Kreuzung  zwischen  Pub, Café  und Restaurant) war  voller Vetera‐ nen, die (das rote oder blaue Barett noch immer auf dem  Kopf und die Orden noch  immer an der Brust) dicht ge‐ drängt um die Tische saßen, mit ihren Freunden aßen und  tranken und  fast  ausschließlich  englisch  sprachen.  Jacob  und Hille hatten die  letzten beiden Plätze an einem klei‐ nen,  in die Ecke gequetschten Tisch ergattert. Abgesehen  von den Bedienungen, waren sie bei weitem die Jüngsten  im Raum.  Jacob war  so  auf Hille  konzentriert  gewesen,  dass  er  gar  nichts  anderes  wahrgenommen  hatte.  Jetzt  schaute  er  sich  um  und  sah,  dass  hoch  oben  an  den  Wänden Bilder (ob echte Gemälde oder Reproduktionen,  konnte er nicht sagen) mit Szenen der Schlacht von Arn‐ hem  hingen.  Einige  von  den  Bildern  kannte  er  aus  den  Büchern, die er gelesen hatte.  »Ich  weiß  nicht  viel  über  die  Schlacht«,  sagte  Hille.  320 , »Schlachten  sind nun mal, wie  ihr Engländer  sagt, nicht  meine  Tasse  Tee.  Aber  dieses  Haus  hier  ist  ziemlich  berühmt.«   »Wie heißt es? Ich hab nicht drauf geachtet.«   »Hotel Schoonoord.«  »Da klingelt was. War das nicht ein Lazarett?«   »Das hier  ist nicht mehr das Originalgebäude. Was  von  dem noch übrig war, wurde abgerissen, weil es so schwer  beschädigt war. Dieses Haus hier wurde nach dem Krieg  an  derselben  Stelle  gebaut.  Ich  weiß  darüber  Bescheid,  weil die Tochter des Besitzers ein Tagebuch über die Er‐ eignisse  während  der  Schlacht  geführt  hat,  das  dann  veröffentlicht  wurde.  Hendrika  van  der  Vlist.  Sie  war  damals dreiundzwanzig. Es ist echt gut. Nicht so gut wie  Annes  Tagebuch.  Aber  es  würde  dir  gefallen.  Und  du  kannst  es  auf  Englisch  kriegen,  ich  hab’s  nämlich  im  Museum der  Schlacht  gesehen,  gleich die  Straße  runter.  Wir können es doch für dich kaufen.«   »Klar. Toll. Aber hör mal, wir können wirklich getrennt  zahlen. Du brauchst mich nicht einzuladen.«   Die Kellnerin kam mit  ihrem Essen und Hille sagte: »Du  hast mir  von deinem Großvater  erzählt.  Jetzt  kannst du  dir dein Essen verdienen, indem du mir von dir erzählst.«   »Ich wusste doch, da ist irgendwo ein Haken.«   »Klar!  Ich  bin Holländerin.  Von  uns  kriegt man  nichts  umsonst.«  »Okay, okay! Friede!«  Plötzlich ganz ernst, hob Hille  ihr Glas, sah  Jacob  tief  in  die Augen und sagte: »Vrede für immer.«   321 , Und genau  in diesem Moment  trat eine  jener unerklärli‐ chen  Schweigepausen  ein,  die  sich  manchmal  in  den  vollsten Räumen ergeben, wenn plötzlich alle Gespräche  gleichzeitig  zu  stocken  scheinen.  Hilles  kurzer  Trink‐ spruch  füllte  die  Stille,  als  sei  er  an  alle  Anwesenden  gerichtet. Kurzes Zögern, bis er überall angekommen war,  dann  hoben  alle wie  einstudiert  ihre Gläser  und  riefen:  »Vrede  für  immer.«  Dann  herrschte  Stille, während  der  Trinkspruch  noch  in  der  Luft  hing,  bis  ein Veteran  das  Schweigen brach, indem er ausrief: »Für euch haben wir’s  getan!« Worauf  die  Gläser  abgestellt wurden  und  alles  lachte und klatschte oder auf den Tisch klopfte und johlte.  Hille  sah  Jacob mit  einem Was‐hab‐ich‐gemacht‐Gesicht  an und  sie mussten beide  ein verlegenes Kichern unter‐ drücken.  Als  es  vorbei  war,  sagte  Hille:  »Gib mir mal  deinen Teller. Ich will dir was zeigen. Du kannst so lange  meinen nehmen und das Kaneel probieren und mir sagen,  was es ist. Magst du Stroop? So eine Art... Sirup nennt ihr  das, glaube ich.«   »Vermutlich«,  sagte  Jacob, während  er  ihr  seinen  Teller  reichte  und  ihren  entgegennahm.  »Hab’s  noch  nie  ver‐ sucht.«   »Schön  süß,  aber  nicht  zuckrig. Wir  tun das  auf  unsere  Pannenkoeken.«  Jacob  schnupperte an Hilles Pfannkuchen. »Ich kann dir  schon vom Geruch her sagen, was Kaneel ist. Zimt.«   »Ja, genau. Zimt. Probier mal.«   Er schnitt sich ein Stückchen ab. »Nicht schlecht.«   »Möchtest du  so was? Wir können  ja noch  einen bestel‐ 322 , len.«   »Nein, die Dinger sind riesig. Einer reicht mir.«   Hille  hatte  sich  eine  Plastikflasche  gegriffen,  drehte  sie  um und ließ einen Strom von zähflüssigem Sirup aus dem  Gießröhrchen  auf  Jacobs  Pfannkuchen  laufen, wobei  sie  die Hand mit  der  Flasche  bewegte,  als  schriebe  sie mit  einem dicken Füller. Was  sie, wie  Jacob  sah,  als  sie den  Teller zu ihm neigte, auch getan hatte. Auf seinem Pfann‐ kuchen stand in gekonnten Buchstaben, ohne  jedes Trop‐ fen  oder  Klecksen,  sein  Name,  nur  in  etwas  anderer  Schreibweise: JAKOB.   »Genial«, sagte er, »und lustig.«   »Versuch’s mal auf meinem.«  Sie reichte ihm die Flasche und Jacob versuchte, so damit  umzugehen wie sie. Aber natürlich lief das klebrige Zeug  viel  schneller heraus, als er erwartet hatte. Alles, was er  zustande  brachte,  war  ein  kaum  lesbares  Krikelkrakel,  eine wacklige Annäherung an das von ihm geplante Wort  HILLA.   »Du  brauchst  nur Übung«,  sagte Hille, während  sie die  Teller wieder  tauschten.  »Ich verordne  einen Pannenkoek  täglich. Und  falls das da ein A sein soll, müsste es ein E  sein.«   »Na  ja, so besehen«,  imitierte  Jacob  ihren gespielt‐pikier‐ ten Ton, »müsste das K, das du mir verpasst hast, ein C  sein.«   »Ich  weiß,  aber  K  gefällt mir  besser. Wenn’s  dir  nicht  passt, iss es, dann ist es weg.«  »Mach ich. Das Gleiche gilt für dein A. Ich werde mit dem  323 , anstößigen K beginnen, hier in der Mitte, und mich dann  langsam nach außen arbeiten.«  Hille  sagte, während  sie mit  einer Kreisbewegung  ihres  Messers das A  heraustrennte:  »Vielleicht  sollte man  im‐ mer  innen anfangen und sich dann nach außen arbeiten.  Vielleicht wäre die Welt dann besser. Was meinst du?«   »Sag  nicht,  du  bist  außer  Pfannkuchenfan  auch  noch  Philosophin.«  »Bin  ich aber.  Ich denke gern über den Sinn von Sachen  nach. Du nicht?«  »Doch, ich auch. Und das ist echt ein toller Pfannkuchen.«   »Ich glaube, dass alles einen Sinn hat. Vor allem das, was  keinen zu scheinen hat.«   »Zu haben scheint.«  »Zu  haben  scheint,  ja,  sorry.  Jakob  Todd  ist  ein  guter  Name  für  einen  Philosophen.  Ein  bisschen  –  ouderwets.  Was ist das auf Englisch? So was wie antik–?«  »Altmodisch?«   »Genau. Altmodisch.«  »Bin ich altmodisch? Ja, vielleicht bin ich’s.«   Hille  sah von  ihrem Pfannkuchen auf, der etwa dreimal  so schnell verschwand wie seiner, und musterte Jacob mit  nur halb gespieltem Ernst. »Ja, ich glaube schon. Doch, du  bist ouderwets. Nicht hinter der Zeit zurück, das meine ich  nicht. Einfach nur altmodisch.«  Jacob senkte den Kopf, da er sich nicht recht sicher war,  welches Spiel  jetzt gespielt wurde. Flachste  sie nur oder  sagte sie etwas, was sie ihm wirklich sagen wollte?   »Ist das schlecht?«, fragte er.  324 , »Gut«,  sagte  Hille  und  machte  sich  wieder  über  ihren  Pfannkuchen her. »Ich find’s langsam nervig, dass immer  alles nach der neuesten Mode sein muss. Immer der letzte  Schrei.  Ich meine,  was man  anzieht  zum  Beispiel  oder  welche Musik man  hört. All  so was.  Früher  dachte  ich,  das wäre wichtig. Inzwischen find ich’s nur ätzend.«   »Echt?«  »Ja, echt«, sagte sie.   Er lachte erleichtert auf.   »Ich mein’s ernst«, sagte Hille vehement.   »Ich weiß. Ich auch!«  »Aber«,  sagte  Hille  und  begann  ebenfalls  zu  lachen,  »warum lachst du dann ?«  »Darum! ... Warum lachst du denn?«   »Weiß nicht... Weil du lachst!«   »Dann lachen wir also, weil wir lachen!«   Ihrer beider Lachen mäßigte sich zu einem Lächeln.  Jacob zuckte die Achseln.  Plötzlich konnte er gar nichts mehr sagen, weil da so viel  zu sagen war. Und weil da diese irritierenden Gefühle in  ihm waren,  die  er  noch  nie  gehabt  hatte.  Er  traute  sich  nicht, sie zu benennen.  Hille  aß den Rest  ihres Pfannkuchens  auf,  saß dann da,  die Ellbogen auf den Tisch und das Kinn auf die Finger‐ knöchel gestützt, und sah ihn an.  Nach einer Weile sagte sie: »Ich weiß eigentlich gar nichts  über dich.«  Obwohl  er  keinen Hunger mehr  hatte, war  Jacob  froh,  dass  er  noch  etwas  auf  dem  Teller  hatte,  als Vorwand,  325 , ihrem Blick auszuweichen. Er überlegte erst mal, was er  sagen  wollte,  weil  er  spürte,  dass  er  die  Wahl  hatte,  zwischen ihnen alles so weiterlaufen zu lassen wie bisher  oder etwas anderes herbeizuführen. Aber er spürte auch,  dass dieses andere, das er nicht zu benennen wagte, sein  geheimstes  Inneres  einem  anderen  Menschen  öffnen  würde, auf eine Art, wie er es noch nie riskiert hatte. Und  auch noch nie gewollt hatte. All diese Teile von  ihm, die  seine Schüchternheit unter Verschluss gehalten hatte, die  er noch nicht einmal selbst  je richtig  inspiziert hatte. Das  sagte  ihm  seine  Intuition,  denn  er  dachte  es  eigentlich  nicht in Worten, und er merkte, dass sich dabei sein Herz‐ schlag beschleunigt hatte und seine Körpertemperatur ge‐ stiegen war.  Er  riss  sich  zusammen  und  beschloss,  dass  das, was  er  sagen würde – was immer es sein würde – auf  jeden Fall  wahr sein sollte. Oder zumindest so wahr, wie etwas sein  konnte, das  innere Vorgänge ausdrücken sollte, die man  selbst nicht verstand.  Nachdem  er  sich  gezwungen  hatte,  langsam  den  Rest  seines Pfannkuchens zu essen, langsam Messer und Gabel  wegzulegen, langsam den Kopf zu heben und schließlich  Hille  direkt  in  die Augen  zu  sehen,  sagte  er  ruhig  und  bedächtig: »Heute hatte  ich das Gefühl...  ich weiß nicht,  wie  ich es ausdrücken soll... dass  ich  jemanden getroffen  habe, auf den ich ... na ja, immer klingt so pompös, also ...  schon sehr lange gewartet habe.«  Hille zuckte mit keiner Wimper. Aber ihr blasses Gesicht  rötete  sich,  so  wie  auch  seins  garantiert  rot  geworden  326 , war.   »Keine  Ahnung, warum  ich  das  so  empfinde«,  fuhr  er  fort.  »Keine Ahnung, wie  so was  so  plötzlich  kommen  kann. Keine Ahnung, was ich dazu sagen soll.«   Hille nickte. Und gerade als die  Intensität des Moments  unerträglich zu werden drohte, löste Hille ihre Finger und  legte mit einer Bewegung, die man unmöglich  für Zufall  halten konnte, ihre rechte Hand, mit der Handfläche nach  oben, auf den Rand des Tischs, mitten zwischen sich und  Jacob.  Und  als  sei  diese  Hand  ein Magnet  und  er  aus  Metall, legte Jacob seine Hand darauf.  Erneutes Schweigen, während sie sich ganz auf den Strom  konzentrierten,  der  zwischen  ihnen  floss.  Dabei  umgab  sie weiter der fröhliche Lärm aus einer anderen Welt.   »Wo anfangen?«, sagte Jacob schließlich. »Da ist so viel.«   »Von innen nach außen?«, sagte Hille.   »Ich hab das Gefühl, mein Innerstes ist schon nach außen  gekehrt!«  Sie gluckste leise. »Ich auch!«   »Von außen nach innen? Als kleine Atempause?«   »Der Park? Hinterm Museum.«   »Ja.«  »Gibt ein paar nette Fleckchen dort.«   »Ja?«  »Zwischen den Bäumen.«  »Ja.«  »Und Sonne. Schön heute.«  »Ja.«  »Gehen wir.«  327 ,   Nach  einem  kurzen  Gang  durch  das  Hartenstein‐ Museum, wo sie die englische Ausgabe von Hendrika van  der Vlists Tagebuch Oosterbeek  1944 und  ein  Fallschirm‐ jägerregiments‐T‐Shirt  als Mitbringsel  für  Sarah  erstan‐ den, spazierten sie in den Park und fanden ein verstecktes  Plätzchen unter Bäumen.  »Erinnerst du dich an Anne Franks ersten Kuss, von Peter  van Daan?«, sagte Jacob.  »Durch die Haare«, sagte Hille, »halb aufs Ohr und halb  auf die Wange.«  »Da war sie fast fünfzehn.«  »Ich musste  lachen, als  ich’s das erste Mal gelesen habe.  Ich war da etwa dreizehn und wusste schon eine Menge  übers Küssen!«  »Wie  alt warst du,  als du den  ersten  richtigen Kuss ge‐ kriegt hast?«  »Elf. Ein gewisser Karel Rood. Er war vierzehn. Alle Mäd‐ chen wollten  ihn als Freund. Wir  fanden, dass er  so  toll  aussah.  Jetzt  ist  er  ein Domkop  und  so  verlockend  zum  Küssen wie eine Slak. Frag mich bitte nicht, was das auf  Englisch ist, weil ich’s nämlich nicht weiß. Es kriecht über  den Boden, ist klebrig und feucht?«  »Eine Nacktschnecke?«  »Egal,  jedenfalls nichts zum Küssen. Aber damals war er  gut darin. Und du?«  »Ach, zwei, drei Freundinnen. Aber  ich bin nicht  so gut  drin wie  du,  glaube  ich.  Schätze,  du  hast mehr Übung,  genau wie im Schreiben mit Sirup.«  328 , »So  schlecht  bist  du  gar  nicht.  Und  außerdem  hast  du  sehr kussfreundliche Lippen. Wir können doch  jetzt mal  ein bisschen üben, wenn du Lust hast.«   »Gute Idee.«  »Nach  ihrem  ersten Kuss  überlegt Anne  die  ganze Zeit  hin und her, ob  sie  ihrem Vater  sagen  soll, was  sie und  Peter treiben. Weißt du noch?«, sagte Jacob.  »Umarmt auf dem Dachboden sitzen«, sagte Hille. »Und  sich  gegenseitig den Kopf  an die  Schulter  legen,  immer  abwechselnd.«  »Und das ist noch, bevor sie sich das erste Mal richtig auf  den Mund  küssen. Was  nämlich  erst  nach  elf weiteren  Tagen passiert. Stell dir mal vor, so lange zu warten! Kein  Wunder, dass sie zittert, als es endlich so weit ist.«  »Ich  dachte  immer,  ich  kenne  das  Tagebuch,  aber  ich  kenn’s nicht so gut wie du.«  »Ich  erinnere mich genau an  ihren  ersten Kuss, weil  ich  eine Zeit lang auch viel über Annes Freund Peter nachge‐ dacht habe. Ich hab dir nicht erzählt, dass  ich  immer be‐ stimmte  Passagen  des  Tagebuchs  in  Orange  markiert  habe. Na  ja, und dann hab  ich alle Passagen, die  irgend‐ was mit Peter  zu  tun  hatten,  grün markiert. Dann habe  ich sie alle hintereinander weg gelesen, sämtliche grünen  Passagen,  damit  ich  mich  ganz  drauf  konzentrieren  konnte, was Anne mit ihm gemacht hat, was sie über ihn  gedacht hat und so.«   »Warum? Wozu?«  »Weil ich die ganze Zeit drüber nachdachte, was ich getan  hätte,  wenn  ich  er  gewesen  wäre.  Die  beiden  längsten  329 , grünen Passagen sind die über  ihren ersten und zweiten  Kuss. Ich habe immer gedacht: Warum stellt Peter sich so  an? Warum  legt  er  nicht  endlich  los?  Ich  hätte  es  be‐ stimmt getan.«   »Ich weiß nicht, ob du’s getan hättest, wenn du er gewe‐ sen wärst. Na ja, nicht er, sondern du, so wie du jetzt bist,  aber in seiner Situation. Man kann ja nur man selbst sein,  oder? Armer Peter. Neunzehnhundertvierundvierzig, als  alles noch anders war als heute und vor allem das mit der  Sexualität,  zwei  Jahre  lang  in  den  paar  Räumen  einge‐ sperrt zu sein, mit diesen ganzen Erwachsenen, die einen  ständig beobachten. Hättest du’s da besser gemacht?«  »Ich  weiß.  Du  hast  ja  Recht.  Aber  als  ich  das  gedacht  habe, war ich vierzehn, fünfzehn.«   »Dann verzeih ich dir.«  »Gott  sei Dank! Und wirst du deinem Vater  sagen, was  du mit einem Engländer im Park getrieben hast?«   »Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ist das wichtig?«   »Was würde er sagen, wenn du’s tätest?«   »Hoffentlich hat’s Spaß gemacht.«   »Und?«  »Um das sagen zu können, muss  ich’s noch ein bisschen  weiter austesten.«   »Gute Idee.«  »Hast du zurzeit einen Küssfreund?«, fragte Jacob.   »Nein«, sagte Hille. »Bis vor etwa drei Wochen hatte  ich  einen. Aber im Moment bin ich freundlos.«   »Warum habt ihr Schluss gemacht?«  »Oje! Na  ja,  er  sah  toll aus und  alles, verstehst du. War  330 , gut  beim  Sex. Und  lustig. Und  immer  sehr nett  zu mir.  Hat mir  Blumen mitgebracht. Mir  Geschenke  gemacht,  wenn er’s gar nicht musste. Mir Liebesbriefe geschrieben.  Viele. Die mir sehr gefallen haben  ... Mehr als er, glaube  ich  jetzt. Na,  jedenfalls,  ich war etwa  sechs Monate  lang  total  scharf  auf  ihn. Er war,  sagen wir mal, mein  erster  richtiger Freund.«   »Aber?«  »Das  klingt  bestimmt  grässlich,  aber  ehrlich  gesagt, mit  der Zeit war  ich  irgendwie  teleurgesteld  ... Wie heißt das  auf Englisch? ... Enttäuscht.«   »Enttäuscht?«  »Schwer,  das  in Worte  zu  fassen.  Auch  noch  in  engli‐ sche... Es war wie bei Anne, mit Peter. Sie sagt dasselbe.  Ich erinnere mich an den genauen Wortlaut, weil es kein  normales Niederländisch ist und weil es mir, als ich’s das  erste Mal  gelesen  habe,  so  gut  gefallen  hat,  dass  ich’s  immer wieder vor mich hinsagen musste. Sie sagt: Dat hij  geen  vriend  voor  mijn  begrip  kon  zijn. Was  so was  heißt  wie... kein Freund nach meinem Verständnis.  »Du meinst: kein Freund, der mich versteht.«   »Nein, nicht nur das. Eigentlich gar nicht das. Eher so was  wie: Niemand, der geistig und seelisch mit mir auf einer  Ebene  ist  ... Kein Freund dessen, was  ich bin  ... wer  ich  bin... Das ist schwer!«   »Kein Seelenverwandter.«  »Vielleicht. Sie drückt es irgendwie poetisch aus.«   »Niemand, auf den man sein Leben lang gewartet hat.«   »Ha! Genau! Und außerdem wurde es von seiner – Will‐ 331 , lems, meine  ich  jetzt – Seite aus  sehr  ernst. Zu  ernst. Er  fing sogar an, vom Heiraten zu reden. Also wirklich! Ich  weiß,  er  war  drei  Jahre  älter  als  ich,  aber  Heiraten!  In  meinem Alter? Ohne mich, danke. Also habe ich Tschüss  gesagt.«   »Und es gibt niemand anderen?«  »Oh, ich Ärmste! Wie soll ich nur über die Runden kom‐ men! Nein, niemanden.«   »Kann ich mich für die Stelle bewerben?«   »Bist du verfügbar?«   »Absolut frei.«  »Du wirst einen umfassenden Test absolvieren müssen.«   »Um meine Qualifikationen nachzuweisen?«   »Und wenn  du  den  Test  bestehst,  kommt  erst mal  eine  lange Probezeit, bevor du den Vertrag kriegst.«   »Das könnte ich umgekehrt auch sagen.«   »Ja.  Klar.  Anzunehmen.  Zu  einem  Vertrag  gehören  schließlich zwei.«  »Lass uns doch gleich noch ein bisschen in die praktische  Prüfung  einsteigen,  damit  ich weiß,  ob  sich  die  Bewer‐ bung lohnt.«  »Gute Idee.«  »Findest du nicht, dass das Leben ein ganz schöner Hau‐ fen Wenns ist?«, sagte Jacob.  »Wie meinst du das?«, sagte Hille.  »Na ja, guck mal: Wenn ich mich nicht mit meinem Vater  zerstritten hätte und meine Mutter damals nicht krank ge‐ worden  wäre  und  so  lange  ins  Krankenhaus  gemusst  hätte und wenn meine Schwester nicht so ein – wie hast  332 , du  noch mal  den  Jungen  genannt,  von  dem  du  deinen  ersten Kuss gekriegt hast? Dom irgendwas?«   »Domkop.«  »Klingt passend für meine Schwester, was immer es heißt.  Also, weiter: Wenn meine Mutter nicht so lange im Kran‐ kenhaus hätte bleiben müssen und meine Schwester nicht  so ein Domkop wäre, dann wäre ich nicht zu meiner Groß‐ mutter gezogen. Und wenn meine Großmutter mir nicht  das Tagebuch der Anne Frank gegeben und  ich mich nicht  in Anne verliebt hätte und wenn meine Großmutter sich  nicht den Oberschenkelhals gebrochen hätte, weshalb sie  nicht nach Holland kommen konnte, und wenn sie nicht  stattdessen mich diese Frau besuchen geschickt hätte, die  sich damals um meinen Großvater gekümmert hat, und  wenn  mein  Großvater  nicht  bei  den  Fallschirmjägern  gewesen  wäre  und  nicht  in  der  Schlacht  von  Arnhem  gekämpft  hätte  und  wenn  er  nicht  verwundet  worden  und nicht von dieser holländischen Familie gerettet wor‐ den wäre und wenn er dann nicht gestorben wäre, solan‐ ge  er  noch  bei  ihnen  war  –  wenn  nichts  von  alledem  passiert wäre,  dann  hätte  ich  dich  nicht  kennen  gelernt  und  wir  würden  jetzt  nicht  hier  sitzen  und  der  nah‐ mündlichen Kommunikation frönen –«   »Was?«  »Schnäbeln und gurren.«   »Noch mal!«  »Uns amourös verlustieren.«   »Sprich Englisch, Domkop!«  »Ich spreche  ja Englisch. Du meinst wohl, sprich Nieder‐ 333 , ländisch.«  »Na  ja, warum nicht? Wieso soll die ganze Arbeit an mir  hängen bleiben?«  »Na,  jedenfalls, wie  gesagt, wenn  all  das  nicht  passiert  wäre, wäre ich jetzt nicht hier bei dir. Und das würde ich  sehr bedauern.«  »Wie könntest du’s bedauern, wenn es nicht dazu gekom‐ men wäre? Wenn es nicht dazu gekommen wäre, würdest  du doch gar nichts davon wissen. Dann könntest du auch  nicht bedauern, dass es nicht dazu gekommen ist.«   »Ah, du Sophistin,  aber  auch dann wäre  es  trotzdem  in  einem meiner Alternativleben passiert. Du weißt doch –  diese  Leben,  von  denen  die Wissenschaftsgurus  sagen,  dass wir sie gleichzeitig mit diesem hier  leben, von dem  wir  wissen.  Und  woher  willst  du  wissen,  dass  nicht  manchmal  etwas,  was  in  einem  deiner  Alternativleben  passiert, sozusagen  in dein Bewusstsein  in diesem Leben  hinüberleckt  und  dich  traurig macht,  dass  du  nicht  das  betreffende Alternativleben  lebst  statt  diesem  hier?  Bist  du nicht manchmal deprimiert, ohne dass du dir’s erklä‐ ren kannst? Ich schon. Und vielleicht ist das ja der Grund.  Zu  uns  ist  etwas  aus  einem Alternativleben  herüberge‐ leckt und  jetzt wollen wir dieses andere Leben  leben. So  wie man als kleines Kind ein Eis will, von dem man weiß,  dass  es  im  Eisfach  ist,  das  einem  die Mutter  aber  nicht  geben will.«  »Wenn du mal loslegst, redest du ganz schön viel.«   »Nur mit der  richtigen Person. Mit der  richtigen Person  rede  ich  gern,  das  geb  ich  zu.  Stört’s  dich?  Soll  ich  die  334 , Klappe halten?«  »Nein, es gefällt mir. Sonst bin immer ich diejenige, die so  viel  redet. Und  ich  finde es  lustig, wie dieses Ding hier,  dein Adamsappel, immer hüpft, wenn du redest.«   »Aber was ich sagen wollte – wenn du bitte deine Finger  von  meinem  Adamsapfel  nehmen  könntest,  weil  mir  sonst  nämlich  mein  Pannenkoeken  gleich  wieder  hoch‐ kommt – ist, was für eine Reihe von Wenns das Leben ist.  Da fragt man sich doch, wie das Leben wäre, wenn diese  Wenns nicht wären.«   »Tot.«   »Was?«  »Tot.  Das  Leben  wäre  tot. Wenn  keine Wenns  wären,  wären wir nicht da. Niemand wäre da. Wir wären über‐ haupt nicht. Also wäre es so, als wären wir tot.«  »Du  meinst,  das  Leben  ist  überhaupt  nur  ein  einziges  Wenn?«  »Ist das nicht sonnenklar?«  »Jetzt schon, danke. Und, wo du’s sagst, ist dir schon mal  aufgefallen, dass Leben im Englischen schon das Wenn in  sich hat?  Ich meine das Wort  life. Und das Wort  if. Also  war  das  Leben  immer  schon  so wennig.  Ich  hab’s  nur  vorher nie gemerkt. Ich Domkop!«   »Im Niederländischen ist es nicht so.«   »Ach? Was heißt denn Leben auf Niederländisch?«   »Leven.«  »Wie geschrieben?«  »Ich  kann  nicht  gut  auf  Englisch  buchstabieren.  Ich  schreib dir’s mit dem Finger auf die Hand.«   335 , »L...e...v...e...n.«   »Genau. Leven.«   »Okay. Hm, das  hat  sich  toll  angefühlt. Und  es  ist  echt  aufschlussreich, oder? E, v, e in der Mitte. Wie Adam und  Eve.  Ihr Niederländer  habt  kein  If  in  eurem  Leben,  ihr  habt Eve. Für die Engländer dreht  sich alles ums Wenn,  für  euch  Niederländer  dreht  sich  alles  um  Adam  und  Eva.«   »Und  gefällt  dir  die  niederländische  Art  Leben  nicht  besser als die Engelse? Also lass uns jetzt deine englischen  Domkop‐Wenns  über  Bord werfen  und  uns wieder  dem  netten  niederländischen  Adam‐und‐Eva‐Leben  zuwen‐ den.«   »Gute Idee.«  »Wo wir’s gerade vom Tod haben«, sagte Jacob.  »Im Moment bin ich mehr fürs Küssen«, sagte Hille.  »Mal im Ernst.«  »Das ist mein Ernst.«  »Aber im Ernst im Ernst. Da ist was, was ich dich fragen  möchte.«  »Okay, frag.«  »Ich hab dir doch von der alten Frau erzählt, Geertrui, bei  der ich gestern im Krankenhaus war.«  »Und?«  »Was  ich dir nicht  erzählt habe,  ist, dass  sie  in  ein paar  Tagen Sterbehilfe erhält.«  »Ja ... Und?«  »Na  ja  ... ich wollte wissen, wie du darüber denkst. Über  Sterbehilfe überhaupt, meine ich, nicht in ihrem besonde‐ 336 , ren Fall.«  »Darüber  ist  hier  so  viel  geredet  worden,  dass  ich  es  kaum  noch  hören  kann.  Eine  Schulfreundin  von  mir,  Thea, deren Tante hat Sterbehilfe erhalten. Die Tante hatte  schlimme Schmerzen und konnte nichts mehr allein. Sie  wollte nur noch sterben. Und alle waren sich einig, dass  das  das  Beste  sei. Das Richtige. Auch  Thea,  obwohl  sie  ihre  Tante  sehr  lieb  hatte. Hinterher  ging  es  Thea  total  schlecht. Ich meine, so schlecht, dass sie krank war, tage‐ lang nicht  in die Schule konnte. Sie hatte  solche Schuld‐ gefühle und es  tat  ihr so Leid. Sie dachte die ganze Zeit,  dass  sie  irgendwas doch bestimmt noch hätten  tun kön‐ nen. Oder sie dachte, dass es Egoismus war, dass sie woll‐ ten, dass die Tante stirbt, damit sie ihr Leiden nicht mehr  mit ansehen und sich nicht mehr um sie kümmern muss‐ ten. Aber  trotzdem,  sagt Thea, hat  sie, auch während es  ihr  so  schlecht ging, gewusst, dass es wirklich das Beste  gewesen war. Aber davon gingen die Schuldgefühle nicht  weg. Sie hat sie immer noch manchmal, wenn sie schlecht  drauf  ist. Aber Thea sagt auch, sie weiß, dass sich Leute  oft  so mies  fühlen, wenn  jemand  stirbt, den  sie gekannt  haben, ganz egal, wie der Betreffende stirbt, dass sie trotz‐ dem Schuldgefühle haben. Und das stimmt. Das weiß ich  selbst. Als meine Großmutter  letztes  Jahr starb, hatte  ich  Schuldgefühle, obwohl sie ganz plötzlich an einem Herz‐ infarkt  starb.  Ich  habe  mich  gefühlt,  als  hätte  ich  sie  umgebracht. Oder  ich  dachte,  dass  ich  nicht  alles  getan  hätte,  um  sie  glücklicher  zu machen. Oder  dass  ich  ihr  nicht gesagt hätte, wie  lieb  ich sie hatte. Also  ist es viel‐ 337 , leicht  immer  schlimm  für die Freunde und Verwandten,  egal wie  jemand stirbt. Meiner Meinung nach sollte  jeder  das Recht  haben, waardig  zu  sterben. Wie  heißt  das  auf  Englisch? Angemessen? Anständig?«   »In Würde?«  »Genau. In Würde. Aber noch mehr. In Integriteit.«   »In  Integrität.«  »Ja,  in Würde  und  Integrität.  Ich denke,  dieses Recht sollte  jeder haben. Leute, die dagegen sind,  sagen,  schlechte Menschen,  Verbrecher  wie  Hitler  zum  Beispiel, könnten ein Euthanasiegesetz benutzen, um Leu‐ te umzubringen, die sie nicht mögen oder aus dem Weg  haben  wollen.  Aber mir  scheint,  dass  Verbrecher  dazu  kein Gesetz brauchen, sie tun es einfach. Hitler hat’s getan  und Stalin auch. Und, na du weißt schon – Serienmörder.  Deshalb  sind  sie  ja Verbrecher. Und  ich denke, wenn es  kein  richtiges  Euthanasiegesetz  gibt  und  richtige  Vor‐ schriften und wie sagt ihr ? – Sicherungen –?«  »Sicherheitsvorkehrungen.«  »‐ wie man  es machen  darf  und wann  und  all  so was,  wird es trotzdem Sterbehilfe geben, weil die Leute es wol‐ len. Aber ohne Gesetz müssen die Leute es auf  schreck‐ liche  Art machen  und  illegal  und  alle,  die  sie  kennen,  müssen sich als Verbrecher fühlen. Und so sollte es nicht  sein. Hier  in den Niederlanden gibt es  jetzt eine Verein‐ barung zwischen der Regierung und den Ärzten, das  ist  noch  kein  richtiges Gesetz,  aber  ich  hoffe,  es wird  bald  eins geben.  Der  Punkt  ist  aber  für mich,  dass die  Leute  selbst  über  ihren  Tod  mitentscheiden  sollten,  und  das  können  338 , manche nicht, weil sie nicht mehr dazu in der Lage sind.  Wenn sie zum Beispiel zu krank sind oder schwere Kopf‐ verletzungen haben.   Deshalb  sollten  wir  uns  eine  Meinung  dazu  bilden,  solange wir  jung und  im Vollbesitz unserer Kräfte  sind.  Und wir sollten ein offizielles Dokument unterschreiben,  wo  drin  steht, was wir  beschlossen  haben.  Ich  habe  so  eins.«   »Du meinst, du hast schon entschieden, wann du sterben  willst?«   »Nicht wann  ich  sterben will. Eher, unter welchen Um‐ ständen  ich nicht am Leben erhalten werden will. Wenn  ich zum Beispiel überfahren werde und klar  ist, dass  ich  das Bewusstsein nie wieder erlange, oder wenn  ich eine  Krankheit kriege, die mich unfähig macht zu denken oder  so was.  Ich habe  einen Euthanasiepas, den  ich  immer bei  mir habe. Und meine Familie und unser Arzt und unser  Anwalt wissen  alle, was  da  drin  steht,  und  haben  eine  Kopie.«   »Hast du ihn mit?«  »Klar. Für den Fall, dass mir  irgendwas passiert und die  Polizei oder die Ärzte  im Krankenhaus Bescheid wissen  müssen.«   »Kann ich mal sehen?«   »Klar.«  »Sieht genau aus wie ein Pass. Sogar mit einem Passfoto.«   »Nicht angucken. Darauf sehe ich blöd aus.«   »Okay, okay, ich gucke nicht. Was ist das da alles?«   »Adressen.  Naaste  relatie,  meine  nächsten  Angehörigen.  339 , Huisarts,  unser Hausarzt.  Gevolmachtigde,  unser Anwalt.  Damit die Polizei oder wer auch  immer sie schnell errei‐ chen kann.«  »Und das hier?«  »Die Liste meiner Verfügungen.«   »Zum Beispiel?«  »Oh  –  dass  ich  nicht  am  Leben  erhalten  werden  will,  wenn mein Gehirn  für  immer geschädigt  ist. Oder wenn  ich  nicht mehr  selbstständig  essen  oder  selbst  auf mich  aufpassen kann. So was.«  »Und das lassen deine Eltern zu?«  »Warum  nicht?  Bin  ich  nicht  alt  genug,  um  selbst  über  mein  Leben  und  meine  Zukunft  zu  entscheiden?  Wir  haben  natürlich  drüber  geredet,  weil  es  so  wichtig  ist.  Zuerst haben sie nicht sehr positiv reagiert. Aber ich hab  sie überzeugt.  Jetzt  sind sie voll und ganz damit einver‐ standen und haben sogar  jeder einen eigenen Euthanasie‐ pas. Da bin ich richtig stolz auf sie, weil sie für sich selbst  zuerst  dagegen  waren,  wenn  sie  mich  auch  nie  dran  gehindert hätten. Für  sie war  es  schwerer.  Sie  sind  eine  andere Generation, verstehst du? Sie sind nach dem Krieg  geboren, aber nicht  lange danach, und meine Großeltern  waren  immer  noch  sehr  davon  geprägt,  von  der  Besat‐ zungszeit und Hitler und den Todeslagern und dem, was  im Hungerwinter passiert  ist. Die Familie meines Vaters  hat damals  einen  Juden  versteckt wie  andere niederlän‐ dische Familien auch. Das alles hatten sie noch  im Kopf,  und der Gedanke,  irgendwie  an das menschliche Leben  zu rühren, war für sie etwas ganz Schreckliches. Und das  340 , hat meine Eltern beeinflusst. Ich kann das  ja alles verste‐ hen. Aber das darf uns doch nicht von der Entscheidung  abhalten,  oder?  Ja,  es  ist  ein  schwieriges  Problem,  aber  das heißt doch nicht, dass wir nicht versuchen sollten, es  zu  lösen,  oder? Meiner Meinung  nach  ist  das  eins  der  wichtigsten  Probleme,  mit  der  unsere  Generation  kon‐ frontiert sein wird, weil heute so viele Leute länger leben  und  die Wissenschaft  uns  so  lange  am  Leben  erhalten  kann, selbst wenn unser Körper nicht mehr richtig  funk‐ tioniert. Deshalb  denke  ich, wir  sollten  den  Leuten  das  Recht zugestehen,  selbst über  ihren Tod zu entscheiden.  Und  ich  bin  stolz  auf meine  Eltern,  weil  sie  sich  dem  gestellt haben und auf mich gehört haben und  ihre Mei‐ nung geändert haben. Ich finde das mutig von ihnen.«   »Die Art Mut, die du heute Vormittag gemeint hast?«   »Ja. Der Mut von ganz normalen Leuten. Für mich ist das  wahrer Mut.  Aber  dafür  kriegt  man  keine  Orden  und  keine  Denkmäler.  Und  jetzt,  Engelsman  Jakob,  habe  ich  vor  lauter  Reden  allmählich Durst. Hättest  du  Lust  auf  einen Kaffee oder  so was? Wir könnten noch einen  trin‐ ken, bevor wir zu deinem Zug gehen.«   »Gute Idee.«    Sie waren fünf Minuten vor Abfahrt des Zuges am Bahn‐ hof.  Jacob  zog  eine Fahrkarte  für Hille  aus  einem Auto‐ maten.   Der  Redefluss  war  versiegt.  Sie  standen  schweigend,  Hand  in Hand,  und  starrten  auf  das  leere Gleis. Außer  ihnen  wartete  niemand.  Eine  einsame  Amsel  sang  in  341 , einem Baum oben an der Straße. Ein Auto  fuhr über die  Brücke. Über ihnen hingen Wolken, leicht getönt von der  Spätnachmittagssonne.  In  der  letzten  Sommerluft  lag  schon ein Hauch von Herbstkälte. Plötzlich verließ  Jacob  alle Energie. Die ganze Seltsamkeit dieses Tages holte ihn  ein:  in  einem  fremden Land zu  sein, Hand  in Hand mit  einem ausländischen Mädchen, das er erst vor sechs Stun‐ den  kennen  gelernt  hatte,  auf  dem  Grab  seines  Groß‐ vaters, in einem Winkel eines ausländischen Friedhofs. Er  brauchte Zeit, das alles zu verdauen. Beim Gedanken, mit  Hille  nach Amsterdam  zurückzufahren,  fühlte  sich  sein  Kopf  ganz  schwer  an  und  sein  Körper  ganz  schwach.  Nicht, dass er sie verlassen wollte. Schon  lange hatte  ihn  niemand  mehr  so  glücklich  gemacht.  Jeder  Teil  seiner  Person  fühlte  sich  in  ihrer  Gegenwart  wohler.  Aber  er  fühlte  sich  auch  leer  geredet.  Und  was  sollten  sie  in  Amsterdam  tun?  Hille  konnte  doch  nicht  einfach  den  nächsten Zug zurücknehmen, oder? Sollte er sie mit in die  Wohnung nehmen? Was würde Daan sagen, wenn er mit  einem  Mädchen  aufkreuzte?  Er  wünschte,  sie  könnten  jetzt  auseinander  gehen, wo  alles  so  gut  lief. Aber was  dann? Würden sie sich noch mal treffen können? Würden  sie’s noch wollen,  in ein, zwei Tagen, wenn alles herun‐ tergekühlt  war  und  die  Erregung  sich  gelegt  hatte?  Würde Hille denken, dass sie einen Fehler gemacht hatte?  Würde er’s denken?  Seine Schüchternheit hatte sich keine Sekunde bemerkbar  gemacht,  seit er Hille das erste Mal gesehen hatte. Aber  jetzt  durchflutete  sie  ihn  plötzlich  wie  eine  Überdosis  342 , irgendeiner miesen Droge,  ein Downer,  der  sein  Selbst‐ vertrauen  lähmte  und  düstere  Zweifel  in  ihm  auslöste.  Den ganzen Nachmittag hatte er sich befreit gefühlt, frei,  auf  eine ganz neue Art  er  selbst zu  sein. Ein Selbst, das  unterdrückt und versteckt gewesen war, das nicht heraus‐ gedurft  hatte, war  freigesetzt worden. Er mochte dieses  neue  Selbst,  wollte  nicht,  dass  es  wieder  weggesperrt  wurde.  Mit  einiger Willensanstrengung  sagte  er:  »Ich  bin  sehr  froh, dass ich dich getroffen habe.«   »Ich auch«, sagte Hille, ohne sich ihm zuzuwenden.   »Es war schön.«   Hille nickte.  »Ich möchte auf keinen Fall, dass es durch irgendwas ver‐ dorben wird.«   »Warum sollte es?«  »Es ist so viel passiert. Zwischen uns, meine ich.«   »Ja.«  »Und  das mit  dem  Grab meines Großvaters  ...  das  hat  mich stärker mitgenommen, als ich gedacht hätte.«   Hille  wandte  sich  ihm  zu.  »Du  brauchst  ein  bisschen  Zeit.«   Er  sah  sie  an. Die  grünen Augen. Die  Lippen,  die  ihm  schon vertrauter waren als irgendwelche anderen. »Es ist,  als ob ein Teil von mir –  ich meine, der Teil, der denkt –  erst wieder hinter dem Teil herkommen muss, der Sachen  macht.«   Sie lächelte. »Ja, ich weiß, was du meinst.«   »Ich  könnte  auch  gut  allein  nach  Amsterdam  zurück‐ 343 , fahren.«   »Wäre dir das lieber?«   »Ich will dich nicht los sein. Echt nicht.«   »Soll  ich  vielleicht  bis Utrecht mitkommen? Aufpassen,  dass du richtig umsteigst? Hättest du das gern?«   »Was ich am liebsten hätte ...«   »Ja?«  »Wäre,  dass wir  uns  jetzt  verabschieden  und  uns  dem‐ nächst wieder  treffen. Wenn du kannst. Wenn du willst.  Wenn du gern möchtest, meine ich.«   »Ich möchte gern.«   »Ich möchte auch.«   »Und ich will!«   »Toll! Nur ... wann?«   Der Zug kam in Sicht.  »Ich habe die ganze Woche Schule. Und dann  ist da der  Umzug. Aber  ich könnte  einen Abend nach Amsterdam  kommen. Oder du kommst hierher. Holst mich von der  Schule ab.«  »Okay. Soll ich anrufen?«   Der Zug fuhr ein.   »Du hast meine Nummer nicht.«   »Mist! Nein, hab ich nicht.«  »Steig ein. Ich fahre bis Wolfheze mit. Das ist die nächste  Station. Nicht weit. Ich laufe dann nach Hause.«   Sie standen im Vorraum des Waggons. Der Zug fuhr an.   Hille fand einen Stift. »Wo soll ich sie hinschreiben?«  Jacob zog Oosterbeek 1944 aus der Hartenstein‐Tüte.  »Hier. Deine Adresse auch, sicherheitshalber.«  344 , Hille nahm das Buch und schrieb etwas auf die Innenseite  des hinteren Deckels. Während sie das tat, fand Jacob die  Karte,  auf  der  er  Daans  Adresse  und  Telefonnummer  notiert hatte.  »Da, nimm das. Ist im Moment alles ziemlich, na ja, sagen  wir mal,  im Fluss. Weiß nicht, wo  ich wie  lange wohnen  werde. Aber  die  nächsten  Tage wohl  auf  jeden  Fall  bei  Daan. Und falls ich nicht da bin, weiß er, wo ich bin. Ich  rufe  an.  Aber  ich würde mich  sehr  freuen,  von  dir  zu  hören. Wenn du willst.«  Hille lächelte. »Ja, Domkop, ich will. Okay?«  »Sorry! Ist die Zugfahrerei. Da bin ich immer ein bisschen  aufgedreht.«  »Bist du sicher, dass  ich nicht mitkommen soll? Wenigs‐ tens bis Utrecht?«  »Ich schaff s schon. Es ist nur ... du hast mich in so einen  Zustand versetzt –«  »Oh,  ich  hab  dich  in  so  einen Zustand  versetzt, was  du  nicht  sagst! Alles  Evas  Schuld, was, Meneer Adamsappell  Wieder mal!«  Sie  lachte.  »Wir  sind  gleich  in Wolfheze.  Meinst du, dein Zustand  ließe  es  zu, dass du mir  einen  letzten Kuss gibst?«  »Nicht den letzten, hoffe ich.«  »Nein«, sagte Hille und nahm sein Gesicht in beide Hän‐ de. »Nur den letzten für jetzt. Wie wär’s damit?«  »Gute Idee.«  345 , GEERTRUI    Ich will nicht sagen, dass es Tage – oder vielmehr Näch‐ te –  voller Glückseligkeit waren,  nur,  dass  dies  die Zeit  meines  Lebens  ist,  die mir  am meisten  bedeutet.  Sechs  Wochen. Im Nu verflogen. Und doch im Rückblick länger  und reicher an Erinnerungen als manches Jahr seither. An  diese Zeit werde  ich denken, wenn  ich  sterbe. An  Jacob  damals. An Jacob, meinen geliebten Jacob.    Nachdem sie zehn Tage nicht aus ihrem Zimmer gekom‐ men  war,  erschien  Frau Wesseling  am  Sonntagmorgen  plötzlich  in  ihrer Kirchgangskleidung. Ohne  ihren Mann  und mich, die wir beim Frühstück saßen, eines Wortes zu  würdigen,  radelte  sie davon. Als  sie wiederkam, zog  sie  ihre Hauskleider  an  und machte  sich  an  die Arbeit,  als  wäre nichts gewesen. Und an diesem Nachmittag begann  sie mit dem Harmoniumspiel. Über die Zeit  ihres Rück‐ zugs  fiel kein Wort,  ja nicht mal eine Andeutung, weder  an diesem Tag noch  später. Doch die Veränderung war  allumfassend. Die alte Frau Wesseling war verschwunden  und die neue war das Gegenteil der alten. Es war, als ob  sie gar nichts mehr interessierte. Sie kritisierte mich nicht  mehr und  trieb mich nicht mehr an. Sie  inspizierte nicht  mehr, was  ich gemacht hatte. Sagte mir nicht mehr, wie  347 , ich mich benehmen und wie  ich meine Arbeit  tun sollte.  Erteilte  mir  nicht  mehr  allmorgendlich  Anweisungen.  Statt dass  ich  froh darüber war,  tat es mir Leid. Die alte  Frau Wesseling mochte  ja  schwierig  gewesen  sein  und  mich  manchmal  geärgert  haben,  aber  sie  war  doch  wenigstens lebendig und vital gewesen.    In einem war das allerdings gut für mich. Frau Wesseling  kümmerte sich nicht mehr um meine Besuche bei Jacob – wann und wie  lange  ich  bei  ihm war und was  ich dort  machte. Falls sie mitbekam, wie ich abends mein Zimmer  verließ, um zu ihm zu gehen, und dann morgens kurz vor  der Aufstehzeit zurückkam, verlor sie kein Wort darüber.  Und  so machte  ich, was  ich wollte, wann  immer  ich  es  wollte, wenn auch stets diskret genug, um niemanden zu  brüskieren. Für mich ist das die Zeit, in der Jacob und ich  zusammenlebten  wie Mann  und  Frau,  nur  ohne  Trau‐ schein. Wir  redeten  nicht  viel  über die Zukunft. Es  gab  dazu nicht viel zu sagen, außer dass wir unser Leben zu‐ sammen verbringen wollten und  tun mussten, was nötig  war,  um  es  zu  können.  Unsere  erste  Sorge  war,  Jacob  wieder ganz gesund zu kriegen, die zweite, den Krieg zu  überleben.  Jacob dachte nicht mehr an Flucht. Wir beschlossen, dass  er im Versteck bleiben sollte, bis die Befreier kämen, und  dass wir dann  schauen würden, was  sich machen  ließe,  damit  wir  zusammenbleiben  könnten. Wenn  das  nicht  ging,  wenn  man  Jacob  befehlen  würde,  nach  England  zurückzukehren oder wieder zur kämpfenden Truppe zu  348 , stoßen,  dann  würden  wir  es  akzeptieren  müssen  und  darauf warten, dass der Krieg vorbei war und er wieder  zu mir kam. Wir hatten nicht den  leisesten Zweifel, dass  es so sein würde.  Frisch verliebt sein ist wie ein Stern, es strahlt Energie ab.  Junge Liebe zwischen zwei Menschen  ist wie ein Firma‐ ment. Da ist kein Platz für Zweifel. Und in der Abgeschie‐ denheit  des  Bauernhofs  lebten wir  in  einer  selbst  fabri‐ zierten  Paradiesblase.  Dank  jener  Fähigkeit,  die  allen  Liebenden  in  der Zeit der  ersten Leidenschaft  eigen  ist,  sperrten wir  alles  aus  unserem Denken  aus, was  unser  Zusammensein  hätte  trüben  oder  unsere Zukunftsfanta‐ sien  hätte  beeinträchtigen  können.  Liebe  ist  blind,  heißt  es, und niemand ist so blind wie der, der nicht sehen will.  Also war  die Welt  so, wie wir  sie  uns wünschten  und  wenn sie es versehentlich nicht war, nun ja, dann machten  wir sie eben dazu.  Aber Blasen platzen leicht. Wir hatten Glück, dass unsere  so lange hielt.  Obwohl wir es zu  ignorieren versuchten, kam der Krieg  mit  jedem Tag näher. Der Winter begann mit Kälte und  Nässe.  Immer mehr Menschen kamen den Fahrweg ent‐ lang und  flehten um Lebensmittel, boten dafür oft Wert‐ sachen  an,  deren  Anblick  einem  das  Herz  zusammen‐ presste: Erbstücke, goldene Medaillons für die Haarlocke  eines geliebten Menschen, Silberrähmchen, in denen einst  kostbare Familienfotos gesteckt hatten, Briefmarkenalben  mit  lebenslang  gehegten  Sammlungen,  ja  sogar  goldene  Eheringe.   349 , Bei  diesen  bedrückenden  Begegnungen  erfuhren  wir  Neues  aus den Städten. Dass die Deutschen  ständig  auf  der Jagd nach männlichen Arbeitskräften waren. Dass die  Faber‐Werke  in Apeldoorn  bombardiert worden waren.  Dass die  SS Arnhem  geräumt und  geplündert  hatte,  als  Vergeltung dafür, dass die Bewohner  in der Schlacht die  Engländer unterstützt hatten. Dass bei Bennekom alliierte  Fallschirmspringer  landeten  und  dort  gekämpft wurde.  Jemand hatte von Bekannten  im Haag gehört, dass dort  ein  Sack Kartoffeln  180 Gulden  kostete, was  ein  absurd  hoher  Preis war.  In  Rotterdam waren  40‐60000 Männer  von  den Deutschen  verschleppt worden. Überall waren  die Schulen geschlossen. Es fuhren keine Züge mehr, weil  das  Eisenbahnpersonal  gegen  die  Deutschen  in  Streik  getreten war. Niemand  konnte mehr  Schuhe  reparieren  lassen, weil es kein Reparaturmaterial mehr gab  (ob wir  nicht  irgendetwas  hätten,  woraus  man  Schuhsohlen  machen  könne?).  In Orten, wo  es  viele  Evakuierte  gab,  kam  es wegen der Lebensmittel‐ und Wohnraumknapp‐ heit zu Spannungen, Streitigkeiten,  ja, sogar Schlägereien  zwischen  den  Einquartierten  und  den  Einheimischen.  Und überall waren Menschen unterwegs, von einem Ort,  wo  das  Leben  zu  schwierig  geworden war,  zu  irgend‐ einem anderen, wo es angeblich  leichter, sicherer, besser  war.  Etwa  im Norden,  in  Friesland, Groningen, Drente,  hieß  es,  und  außerdem  gebe  es  dort  noch  reichlich  zu  essen. Und so zogen die Leute auf ein bloßes Gerücht hin  los.  Aber  dann  hieß  es,  Teile  des  Südens  seien  befreit  worden,  also  machten  die  Alliierten  doch  Fortschritte.  350 , »Aber wann werden sie hier bei uns  sein ?«,  fragten die  Leute. »Wann werden wir von diesen Barbaren frei sein?«  »Nimmt das denn nie  ein Ende?«  »Wie  lange, Herrgott,  wie lange noch?«  Und dann gingen  sie wieder davon, mit vorwurfsvollen  Blicken  in  unsere  Richtung, weil wir  ihnen  nicht mehr  von den Schätzen verkauft hatten, die wir ihrer Meinung  nach  horteten.  Das  Traurigste  waren  die  Frauen  mit  kleinen Kindern auf dem Arm: bereit, für ein wenig Essen  für ihre Kinder alles, aber auch alles zu tun.  Als der Hungerwinter voranschritt, kamen die Bauern  in  Verruf,  da  so  viele Menschen  bei  ihnen  erschienen  und  um Lebensmittel  flehten, dass sie nicht mehr allen etwas  geben konnten. Manche, die kamen, wurden in ihrer Ver‐ zweiflung gewalttätig. Am Ende wiesen viele Bauern aus  Angst um ihr eigenes Wohl, wenn nicht gar um ihr Leben,  jeden ab, mit einer Hartherzigkeit, die sie vor dem Krieg  selbst schockiert und beschämt hätte.  Oft und  im Lauf der Zeit  immer öfter, hörten wir  Jagd‐ flugzeuge – Spitfires und Hurricanes, sagte  Jacob – über  uns  hinwegdonnern. Wenn  sie  ein  deutsches  Fahrzeug  sahen oder überhaupt irgendetwas, was dem Feind gehö‐ ren konnte, beschossen sie es im Tiefflug mit ihren Bord‐ kanonen. Wir sahen drei‐, viermal, wie Fahrzeuge auf der  Hauptstraße  zerschossen  wurden  und  die  Insassen  tot  oder verwundet auf die Straße fielen. Wir liefen jedes Mal  hinaus und winkten und  jubelten, als sei das Blutbad ein  erzielter Punkt  in einem Spiel. Und  jedes Mal  ließen wir  das Autowrack und die toten oder verwundeten Insassen,  351 , wo  sie waren.  »Sollen  sie  doch  in  ihrem  eigenen Dreck  verrotten«, sagte Herr Wesseling und spuckte aus, ehe er  wieder an die Arbeit ging. Wenn bis Einbruch der Dun‐ kelheit die Deutschen nicht vorbeigekommen waren und  aufgeräumt hatten, kamen bei Nacht Widerstandskämp‐ fer und durchsuchten die Überreste nach Brauchbarem.  Es war die seltsamste aller seltsamen Zeiten. Tagsüber die  endlose Schufterei im Haus und auf dem Hof, die Sorgen  wegen des Krieges, das Bemühen, Herrn und Frau Wesse‐ ling bei Laune  zu halten. Abends und nachts dann, mit  Jacob  im  Versteck,  die  Glut  und  Zärtlichkeit  unserer  Liebesbegegnungen, das Vergnügen unserer  intimen Ge‐ spräche  und  Scherze,  der  Trost  unserer  Zukunftsfanta‐ sien,  die  Erfrischung,  die  es  bedeutete,  uns  Verse  aus  Sams  Buch  (dem  einzigen  englischsprachigen  Buch,  das  wir hatten) vorzulesen und vorzutragen.  Während  Jacob mir  vorlas  oder  wir  redeten,  nähte  ich  meistens. Diese Näherei! Was haben wir Frauen damals  genäht! Männersocken stopfen, Unterwäsche und Kleider  für  uns  herstellen,  Laken  in  Hälften  zerschneiden  und  anders herum zusammennähen, damit sie  länger hielten,  Kissen,  Vorhänge,  Tischtücher  und  Stuhlbezüge  nähen  und umändern, Risse in der Arbeitskleidung der Männer  flicken, neue Hemdkragen  aus den Hemdschößen  fabri‐ zieren.  Immerfort,  eine  Arbeit,  die  kein  Ende  nahm.  Heute macht das niemand mehr. Es war eine Last, aber an  jenen  langen Abenden,  ohne Zerstreuungen wie Fernse‐ hen, Videos, CD‐Musik, Computerspiele oder,  in Kriegs‐ zeiten,  auch nur Radio, war Nähen  eine  erholsame,  ent‐ 352 , spannende  Tätigkeit.  Während  Augen  und  Hände  mit  einer Routinearbeit beschäftigt waren, konnten sich Geist  und Zunge frei bewegen. Und außerdem, hieß es damals  immer, fand der Teufel Beschäftigung für müßige Hände  (noch  so  eine  gängige  Redensart). Nicht mit  solch  not‐ wendiger  Arbeit  beschäftigt  zu  sein,  galt  geradezu  als  Sünde  und  Nähen  war  immer  noch  die  am  wenigsten  mühsame Tätigkeit für die stillen Stunden. Zudem förder‐ te es die Gezelligheid.  Gezellig.  Ich weiß  nicht, wie  ich  das  auf  Englisch  sagen  soll.  Es  ist  so  etwas  typisch  Holländisches,  so  tief  in  unserer  Kultur  und  unserem  Bewusstsein  verwurzelt.  Mein Wörterbuch bietet Wörter wie »gemütlich, umgäng‐ lich, verträglich, sozial«. Aber gezellig heißt mehr als das.  Heute  vielleicht  nicht  mehr  so  wie  in  meiner  Jugend.  Damals war Gezelligheid fast schon etwas Heiliges. Sie zu  stören,  war  ein  schwerer  sozialer  Verstoß.  Für  mich  waren die Stunden mit  Jacob wahrhaftig eine besondere  Form von Gezelligheid.  Wenn  er mir  nicht  vorlas,  redeten wir  über Bücher, die  wir  liebten. Jacob erzählte mir von englischen Schriftstel‐ lern und Büchern, von denen  ich noch nie gehört hatte,  die  ich aber nach dem Krieg  fand und  für mich  las. Und  ich erzählte ihm von den niederländischen Schriftstellern,  die  ich  am meisten bewunderte. Wir  sangen uns gegen‐ seitig  die  populären  Lieder  vor,  die  wir  kannten.  Er  erzählte mir  von  seinem  Leben  in  England,  von  seiner  Arbeit als Elektriker und seiner Liebe zum Kricket, einem  Spiel, das er mir vergeblich zu erklären versuchte; es  ist  353 , mir bis heute  ein Rätsel. Und  ich  erzählte  ihm, dass  ich  daran dachte, Lehrerin zu werden wie meine Mutter. Und  von meinen  Freundinnen  und meiner Kindheit. Und  so  vergingen  die  Stunden.  Wobei  das  Schönste  für  mich  unsere gemeinsamen Stunden im Bett waren.   Anderswo  als  bei  ihm,  außerhalb  des Verstecks, war  es  schwer, der Realität  zu  entrinnen. Die  ewige Mühle der  Arbeit  im Haus  und  auf  dem Hof,  der  Stress, mit  den  bettelnden Menschen umzugehen, die Brutalität des Krie‐ ges  und  die  nagende  Angst,  dass  es  wieder  zu  einer  Durchsuchung kommen könnte und sie Jacob fänden und  wir alle verhaftet würden. Wie anstrengend das war! Die  widerstreitenden  Emotionen  in  mir.  Die  Ängste  und  Schuldgefühle,  die  ich  in  den  tiefsten  Winkel  meines  Inneren hinabgequetscht hatte, um  sie vor mir  selbst  zu  verbergen.   Die einzige Art, über die Runden zu kommen, die einzige  Art,  wie  ich  das  überstehen  konnte,  war,  von  einem  Moment  auf  den  anderen  zu  leben,  von  Sekunde  zu  Sekunde,  tags  und  nachts.  Es  gab  nur  das  Jetzt. Diesen  Augenblick.  Sonst war  nichts  zugelassen. Keine  Erinne‐ rungen. Keine Gedanken an morgen. Wenn  ich nicht bei  Jacob war, schloss ich mich in mir selbst ein, stürzte mich  in die  anstehende Arbeit, damit die Zeit ohne  ihn mög‐ lichst schnell verging und alles, was geschah, mich mög‐ lichst wenig tangierte. Dann, wenn ich wieder bei ihm im  Versteck war,  schloss  ich mich wieder  auf, öffnete mich  ihm, konzentrierte mich ganz auf ihn, ließ alles von mir in  ihn hineinfließen. Ich kann es nicht anders sagen als so: Er  354 , war meine ganze Welt.  Die seltsamste, die intensivste Zeit, die ich  je erlebt habe.  Wie hätte  je  irgendetwas diese Zeit mit Jacob übertreffen  sollen?  Ihr auch nur gleichkommen? Und, da das Leben  ist, wie es ist, wie hätte sie ewig dauern sollen?   Natürlich dauerte sie nicht ewig.  Das  Ende  kam  am  ersten  schönen  Sonnentag  seit  zwei  oder  drei Wochen.  Einer  jener wehmütigen Wintertage,  die  einen  an  den  vergangenen  Sommer  erinnern  und  einem  einen Vorgeschmack  auf  den  nächsten  geben.  Er  erinnerte mich  an  den  Sonntagvormittag  im  September,  da  ich auf der Fahrradfahrt vom Bauernhof nach Hause  den Himmel voller Fallschirme gesehen hatte. Wie  lange  schien das doch her, wie weit weg dieses Mädchen, das  da nach Hause gesaust war und  laut vor sich hingerufen  hatte: »Frei, frei!«   Es war so ein schöner Tag, so heiter und mild, dass ich am  Morgen ein paar Bettlaken im Garten zum Trocknen auf‐ hängte.  Es würde  so  angenehm  sein,  den Duft  von  fri‐ scher Luft zu riechen, wenn wir ins Bett gingen, statt des  schweren  Heugeruchs  der  Scheune,  wo  wir  die  Bett‐ wäsche  im Winter  normalerweise  trockneten.  Kurz  vor  Sonnenuntergang ging ich sie abnehmen. Frau Wesseling  spielte Harmonium,  in dem Zimmer, das auf den Garten  hinausging. Sie hatte das Fenster offen, wie wir an diesem  Tag  alle  Fenster  im  Haus  aufgemacht  hatten,  um  die  Räume zu lüften. Sie war noch in der Phase, in der sie sich  nach  der  langen Unterbrechung  im  Selbstunterricht  das  Spielen  wieder  beibrachte,  indem  sie  sich  die  alten  355 , Übungsstücke aus ihrer Kindheit vornahm. Nie werde ich  das kleine Musikstück vergessen, das sie an diesem Nach‐ mittag  übte,  einen  simplen  Walzer  von  Becucci.  Die  Musik  strömte  zu  mir  heraus,  während  ich  die  Laken  abnahm und zusammenfaltete. Ich war nach dem Mittag‐ essen mit  Jacob  zusammen  gewesen.  Er war  an  diesem  Tag drängend gewesen, voller Verlangen, und ich glühte  noch von der Lust, die  es mir bereitet hatte. Er hatte  so  hart  daran  gearbeitet,  sich wieder  in  Form  zu  bringen,  seine Wunde heilte gut, er konnte schon fast wieder nor‐ mal gehen und wurde immer kräftiger. Ich erinnere mich,  dass mir ganz schwach vor Glück war und  ich ungedul‐ dig darauf wartete, dass die Nacht käme und wir wieder  zusammen sein könnten.   Ganz mit mir  selbst  beschäftigt,  hörte  ich  ihn  gar  nicht  hinter mir herankommen. Wusste erst, dass er da war, als  er die Arme um meine Taille  schlang und mich  an  sich  zog. Ich stieß einen kleinen Überraschungsschrei aus und  ließ das halb gefaltete Laken fallen.  »Was machst du!«, sagte ich. »Du sollst nicht einfach hier  draußen herumlaufen. Das ist gefährlich.« Er küsste mich  auf  den  Nacken  und  lachte  leise.  »Wenn  uns  Frau  Wesseling sieht?«  Aber  das  nützte  nichts.  Ich  versuchte  nicht  mal,  mich  loszumachen.  »Die  sieht nichts«,  sagte  er mir  ins Ohr,  »die  ist viel  zu  sehr damit beschäftigt, in ihre Noten zu gucken.«   Er  drehte mich  zu  sich,  die Arme  um meine  Taille,  die  Hände auf meinem Hintern, und presste mich an sich. Ich  356 , ließ es geschehen, die Arme um  seinen Hals, die Hände  um seinen Hinterkopf, und fühlte ihn an mir schwellen.   »Du bist unersättlich!«, sagte ich lachend. Ein Wort, das er  mich  gelehrt hatte,  indem  er  es  scherzhaft  auf mich  an‐ wandte.  »Komm,  wir  tun  es«,  sagte  er,  »jetzt,  im  Freien,  hier,  mitten  im Garten, auf deinen  sauberen Laken. Wäre das  nicht sagenhaft?«  »Wundervoll«, sagte ich. »Eines Tages.«   Er sagte ein Weile gar nichts. Seine Augen sahen mich an,  diese  dunklen  Augen,  die  ich  an  ihm  als  Erstes wahr‐ genommen und in die ich mich sofort verliebt hatte. Jetzt  lachte und scherzte er nicht mehr.   Dann sagte er: »Tanzen wir.«   Und wir tanzten.  Mit kleinen Schritten  im  langsamen Takt der eingeroste‐ ten  Finger.  Eigentlich  fast  ohne  uns  zu  bewegen,  weil  unsere  Füße  so  verklumpt  von  der Wintererde  waren.  Aber da war der Rhythmus unserer liebenden Körper. So  drehten wir uns auf der Stelle.  Langsam. So langsam! Ich weiß noch, wie die Sonne zwei‐ mal  einen  blendenden  Strahlenkranz  um  seinen  Kopf  bildete.  Wir  waren  noch  nicht  wieder  ganz  im  Kreis  herum,  als  Jacob  plötzlich  innehielt  und  einen  Schritt  rückwärts  machte.  Einen  schrecklich  steifen  Roboter‐ schritt. Das spürte  ich. Was  ich sah, waren seine Augen.  Ich  hatte meine  nicht mehr  von  ihnen  gewandt,  seit  er  mich zu sich herumgedreht hatte. Jetzt, im Moment dieses  jähen  Innehaltens,  wich  alles  Leben  aus  ihnen.  Er  war  357 , nicht mehr in ihnen. Ich hörte mich »Jacob ?« sagen. Aber  er antwortete nicht. Und dann  sackte er zusammen. Fiel  zu Boden, wie von einem Schlag niedergestreckt.    Ich habe mich immer damit getröstet, dass er wenigstens  einen schnellen Tod hatte und, wenn überhaupt, nur  für  den Bruchteil  einer  Sekunde  leiden musste. Besser kann  man es niemandem wünschen.  Was mich angeht, kann ich nur sagen, dass an diesem Tag  auch ein Teil von mir starb. Mein Schreien ließ Frau Wes‐ seling  aus  dem  Haus  stürzen  und  gleich  darauf  auch  Herrn Wesseling.  Sie  versuchten,  Jacob wieder  zu  bele‐ ben,  aber  nur  aus  dem  menschlichen  Instinkt  heraus,  Leben um  jeden Preis zu erhalten, und um zu beweisen,  dass wir  taten, was wir konnten, ehe wir aufgaben. Uns  allen war klar, dass er tot war.  Danach bedeckten wir Jacob mit einem Laken und trugen  ihn  ins Haus. Drinnen  legten wir  ihn  auf  den Küchen‐ tisch. Uns mit ihm die Treppe hinaufzumühen, in eins der  Schlafzimmer, war ausgeschlossen.  Wir  standen um den Tisch und  starrten  auf  seinen  ver‐ hüllten Leichnam.  »Wie kann das passiert sein?«, sagte Frau Wesseling.   »Es muss ein Herzschlag gewesen sein«, sagte Herr Wes‐ seling. »Was machen wir jetzt?«  Ich konnte gar nichts sagen. Aber plötzlich begann ich zu  zittern, als wollte sich mein Körper in Stücke zerschütteln.  Frau Wesseling  führte mich  zu  einem  Stuhl  und  setzte  mich  ans  Feuer.  Dann  holte  sie  ein  Umschlagtuch  und  358 , legte es um mich.  »Heißen Kaffee«, sagte sie zu Herrn Wesseling, »mit viel  Honig. Für uns drei.«  Als  der  Kaffee  kam,  konnte  ich  die  Tasse  nicht  halten.  Frau Wesseling musste mir  den  Kaffee  löffelweise  ein‐ flößen.   »Wir sollten einen Arzt holen«, sagte Herr Wesseling.   »Wozu? Was soll der machen?«   »Dann einen Priester. Um ihn zu beerdigen.«   »Wir wissen  nicht, welchem Glauben  er  angehört  hat«,  sagte Frau Wesseling. »Und wem könnten wir trauen?«   »Aber was sollen wir dann tun?«   »Ihn begraben. Was können wir sonst tun ?«   »Wo?«  »Ich weiß nicht. In einer Ecke des Gartens.«   Ich hörte das alles, aber als bedeutungslose Laute, als ob  Leute in einer fremden Sprache sprächen. Und ich dachte  auch  nichts. Mein Denken war  abgeschaltet. Alles, was  ich wahrnahm, war Jacobs verhüllter Körper, von dem ich  den Blick nicht losreißen konnte.  Die Wesselings verstummten. Frau Wesseling  flößte mir  den  Kaffee  ein.  Ich  erinnere  mich  an  das  Ticken  der  staande Klok, so  laut, dass es den ganzen Raum zu  füllen  schien.   Nach einer Weile, als sich das Zittern gelegt hatte, sagte  Frau Wesseling  zu mir:  »Du  kannst  hier  nicht  so  sitzen  bleiben. Das  ist nicht  gut. Komm mit  auf dein Zimmer.  Wir kümmern uns um alles.«  Es war, als hätte sie mir ein Stärkungsmittel injiziert, denn  359 , plötzlich schien sich alles in mir wieder zurechtzurücken.   »Nein, nein«, sagte ich und setzte mich gerade auf. »Nein.  Wir  haben  alles  zusammen  durchgestanden.  Ich  habe  mich um ihn gekümmert, seit sie ihn zu uns in den Keller  gebracht haben.  Ich muss mich  auch  jetzt um  ihn  küm‐ mern.«   »Aber, Geertrui«, sagte Herr Wesseling, »Jacob ist tot.« Er  sagte es, als dächte er, es sei mir neu.  Ich weiß noch, wie ich ihn anlächelte und mit einer Ruhe,  die mir  gefiel,  sagte:  »Ja.  Ich weiß. Und  ich weiß  auch,  dass wir ihn begraben müssen. Und dass wir es selbst tun  müssen.  Ich  werde  ihn  herrichten. Würden  Sie  so  nett  sein,  ein  Grab  auszuheben? Wir  sollten  es  schnell  tun,  meinen Sie nicht?«   Jetzt, im Rückblick, erstaunt es mich, dass die Wesselings  ohne  jede Diskussion akzeptierten, was diese Neunzehn‐ jährige  vorschlug. Während  der  nächsten  paar  Stunden  baute Herr Wesseling einen Sarg. Es war nicht mehr als  eine  längliche  Kiste  aus  zusammengenagelten  Brettern,  die er mit einer Plane ausschlug.  Während  er  arbeitete,  half  mir  Frau Wesseling,  Jacobs  Leichnam herzurichten. Wir zogen  ihn aus und wuschen  ihn.  Kleideten  ihn  dann  wieder  an,  mit  Unterwäsche,  einem weißen Hemd,  einer  schwarzen Hose  und  einem  Paar  schwarzer  Socken,  alles  vom  Neuesten,  was  Frau  Wesseling auftreiben konnte. Als wir damit fertig waren,  räumten  wir  die  Küche  auf,  drapierten  den  Tisch,  auf  dem er lag, mit rotem Samt, steckten sechs weiße Kerzen  in  hohe,  frisch  polierte Messingständer  und  stellten  sie  360 , neben  Jacobs  Leichnam  auf,  drei  auf  jeder  Seite.  Wir  löschten  das  übrige  Licht  und  hielten  die  staande  Klok  Punkt Mitternacht an.  Danach  sammelte  ich  Jacobs wenige  persönliche  Dinge  und seine Erkennungsmarke ein und steckte alles in eine  Mehldose,  die  wir  ganz  unten  in  Frau  Wesselings  Wäscheschrank  versteckten,  in  der  Hoffnung,  dass  sie  eventuellen  Durchsuchungen  entgehen  würde  und  ich  Jacobs  Habseligkeiten  nach  Kriegsende  seiner  Familie  schicken  könnte. Was  ich  auch  tat.  Für mich  behielt  ich  nur  die  Fallschirmjägerabzeichen  von  seinem Kampfan‐ zug  und  noch  ein  Andenken,  von  dem  ich  dir  später  erzählen werde.  Als es nichts mehr zu tun gab, überredete ich die Wesse‐ lings, zu Bett zu gehen.  Ich hielt den Rest der Nacht bei  Jacob Totenwache. Las  laut unsere Lieblingsgedichte aus  Sams Buch. Und weinte.  Sobald das Licht  reichte, ging Herr Wesseling hinaus  in  den Gemüsegarten, wo  er  in  der  entferntesten  Ecke  ein  Grab auszuheben begann. Er brauchte drei Stunden, um  es  tief genug zu machen.  In der Zwischenzeit hielt Frau  Wesseling an den Fenstern Wache.  Als das Grab fertig war, brachte Herr Wesseling den Sarg  auf einer Schubkarre an die Tür. Er und ich trugen ihn in  die  Küche  und  stellten  ihn  neben  dem  Tisch  ab.  Frau  Wesseling  und  ihr Mann  hoben mein  Liebstes, meinen  Geliebten,  in den  Sarg.  Ich  legte  eine von Herrn Wesse‐ lings  luftdichten Tabakdosen neben  Jacob. Darin war ein  Stückchen Karton, auf das ich Jacobs Namen, sein Todes‐ 361 , datum  und  eine  kurze  Darstellung  der  Todesumstände  geschrieben hatte. Eine Vorsichtsmaßnahme für den Fall,  dass  uns  dreien  vor  der  Befreiung  noch  etwas  zustieße  und eines Tages  jemand das Grab fände. Herr Wesseling  hatte  darauf  geachtet,  dass  von  der  Plane  genug  über‐ stand, um Jacobs Leichnam einzuhüllen.  Dann  kam  der  schlimmste  Moment.  Herr  Wesseling  schloss den Sarg und nagelte den Deckel zu.  Danach  standen  wir  schweigend  da  und  ich  bin  mir  sicher,  dass  auch  die  anderen  das  Gefühl  hatten,  wir  müssten  doch  noch  irgendetwas  tun  oder  sagen.  Wie  konnte dieser trostlose Moment das Ende sein? Nachdem  er  die  Schlacht  und  seine Verwundung  und  den  Trans‐ port zum Bauernhof und die Durchsuchungskommandos  der Deutschen überlebt hatte, nachdem er  so hart daran  gearbeitet hatte, wieder in Form zu kommen, nach dieser  wunderbaren  Zeit  der  Liebe,  wie  konnte  da  alles  so  enden? Wie konnte das Leben so ungerecht sein?  »Wir müssen weitermachen«, sagte Herr Wesseling  leise.  »Wir haben keine Zeit.«  Wir trugen den Sarg zur Schubkarre, Herr Wesseling am  Kopfende,  Frau  Wesseling  und  ich  am  Fußende.  Und  dann  die  kurze  Prozession  vom  Haus  zur  Gartenecke,  wobei Herr Wesseling den Leichenkarren schob. Mir war  es egal, ob die Deutschen  jetzt kamen oder nicht. Sollten  sie doch kommen. Sollten sie mich doch holen. Sollten sie  doch  machen,  was  sie  wollten.  Sollten  sie  mich  doch  töten. Was  kümmerte mich mein Leben,  jetzt, wo  Jacob  nicht mehr da war. Tot. Ich zwang mich, das Wort inner‐ 362 , lich zu  sagen. Tot. Als wir zum Grab gingen, wollte  ich  auch tot sein.  Nach den Regenfällen der  jüngsten Zeit war der Boden  mit Wasser  voll  gesogen.  Schon  jetzt  stand Wasser  auf  dem  Grund  des  Grabs.  Ich  schob  den  Gedanken  weg,  sperrte aus meinem Denken aus, was wir taten. Ich weiß  nicht mal mehr, wie wir den Sarg  ins Grab  ließen. Nur,  dass  ich den Spaten nahm und darauf bestand, diejenige  zu sein, die den Sarg mit Erde bedeckte. Und ich schaufel‐ te  und  schaufelte,  immer  schneller  und  schneller,  mit  wachsendem Zorn, der mir Kraft verlieh, bis Herr Wesse‐ ling mich am Arm fasste und sagte: »Genug. Überanstren‐ gen Sie sich nicht. Ich mache den Rest.«   Worauf  mein  Zorn  zu  versiegen  schien  und  ich  auf  einmal so schwach war, dass ich kaum noch stehen konn‐ te.   Frau Wesseling  legte  mir  den  Arm  um  die  Taille  und  gemeinsam  sahen wir  zu, wie Herr Wesseling das Grab  vollends zuschaufelte und dann die übrige Erde verteilte.   »Ich  lege  später  ein  paar  Platten  drauf«,  sagte  Herr  Wesseling, als er fertig war.  »Er ruhe in Gott«, sagte Frau Wesseling. »So ein trauriges  Geschäft.«  »Nach der Befreiung werden wir dafür sorgen, dass er an‐ ständig beerdigt wird«, sagte Herr Wesseling. »Jetzt kön‐ nen wir nichts mehr  für  ihn  tun. Und die Tiere müssen  versorgt werden.«  Er wandte  sich  ab,  ging mit  der  Schubkarre  davon,  an  seine Arbeit. Und Frau Wesseling führte mich zum Haus  363 , zurück.    Den ganzen Tag machte es mir zu schaffen, dass wir am  Grab  nichts mehr  gesagt  hatten. Es mag  verrückt  schei‐ nen, dass einen so eine Kleinigkeit umtreibt, aber  in Zei‐ ten  des  Schmerzes  findet  das Denken mancherlei Mög‐ lichkeit sich zu schützen. Und so ging  ich  in der Abend‐ dämmerung  allein  hinaus,  stellte  mich  an  Jacobs  Grab  und  rezitierte  eins  seiner  Lieblingsgedichte  aus  Sams  Buch,  eine Ode  von Ben  Jonson. Er  hatte  besonders die  letzten  beiden  Zeilen  gemocht,  die,  wie  er  sagte,  das  Leben besser erfassten als alles, was ihm sonst an Worten  bekannt sei.    Nicht schierer Wuchs, dem Baume gleich,  Macht eines Menschen Leben reich,  Noch einer Eiche Zeit in Stolz zu stehn,  Um dann als morscher Stamm zu End zu gehn:  Der Lilie flücht’ges Blüh’n  Beglückt und ist dahin,  Sie sieht den nächsten Morgen nicht,  Doch war sie Blum geword’nes Licht.  Die Schönheit achtet’s nicht, ob groß ob klein,  Das Kurzbemessne kann vollkommen sein.  364 , POSTKARTE  Das große Bestreben im Leben ist doch Empfindung –  zu fühlen, dass wir existieren.  Lord Byron    Am nächsten Tag wachte er erst um halb elf auf, nachdem  er wie ein Toter geschlafen hatte. Nur ein dringendes Pin‐ kelbedürfnis  trieb  ihn  aus  dem  Bett.  Eigentlich  hatte  er  gleich wieder zurückschlüpfen wollen, aber auf dem Weg  ins Bad fiel ihm sein Parknachmittag mit Hille wieder ein,  und zwar in so lebhafter Form, dass, als er sich erleichtert  hatte,  die  erinnerten  Empfindungen  auf  seiner Haut  so  präsent waren, das Verlangen nach all dem so drängend  war, dass er nicht anders konnte, als auch diesem natür‐ lichen Drang von Hand genüge zu tun.  Was so befriedigend war wie lange nicht. Weil es, sagte er  sich, von jemand Realem inspiriert war – jemand Leibhaf‐ tigem, und was für ein Leib, aber nicht nur, sondern auch  Geist und Seele – nicht von einer Fantasie, einer virtuellen  Realität,  die  man  nicht  wirklich  anfassen  (geschweige  denn  sonst was)  konnte,  sondern  von  einer  absolut  real  existierenden  Realität,  die  er mit  diesen,  seinen  absolut  real existierenden Händen greifen konnte.  Als der Statt‐Akt‐Akt vollbracht war, betrachtete  er  sein  schlafzerzaustes,  handanlegeschwitziges  Selbst  im  Spie‐ 365 , gel,  lächelte,  zwinkerte und  sagte  laut:  »Haut, Haut,  ich  liiiiebe Haut.«  Zum  ersten Mal,  seit  er  in Holland war,  fühlte  er  sich  glücklich. Natürlich musste er gestern mit Hille glücklich  gewesen sein, aber da hatte er nicht drüber nachgedacht,  ob  er’s war  oder  nicht, weil  das Glücklichmachende  in  dem Moment passierte. Weiß man erst, dass man glück‐ lich ist, wenn das Glücklichmachende selbst vorbei ist? Ist  das Glücklichmachende ein aktiver Zustand, das Wissen  um das Glücklichsein ein reflexiver? Die Art Frage, über  die Sarah gern diskutieren würde. Und Hille? Er wusste,  was beglückend war, dass die Antwort ja hieß. Nach dem  Frühstück musste  er  ihr  schreiben. Nicht musste. Wollte.  Kurze  Schuldgefühlsattacke  bei  diesem Gedanken. Und  Sarah  auch, dies  allerdings weniger Wollen  als Müssen.  Sie würde gekränkt  sein und  sich vernachlässigt  fühlen,  wenn  er  ihr nicht bald  irgendwas  schickte und wenn  es  nur eine Postkarte war. Außer einem kurzen Anruf gleich  nach seiner Ankunft, um zu sagen, dass er heil gelandet  war, hatte er nichts von sich hören lassen. Sarah tat zwar  so, als sei ihr das nicht so wichtig, aber er wusste, es war  ihr wichtig. Und er wusste, sie hatte lieber Geschriebenes  als Anrufe.  Aber jedenfalls, sagte er sich, war er richtig glücklich und  fröhlich. Er putzte  sich  fröhlich die Zähne, ging  fröhlich  unter  die Dusche, wusch  sich  fröhlich  die Haare,  seifte  sich fröhlich von oben bis unten ein, duschte sich fröhlich  mit  der  Handdusche  von  vorn  und  hinten,  oben  und  unten  und  aus  allen  erdenklichen Winkeln  ab,  rubbelte  366 , sich fröhlich trocken, schnitt sich Finger‐ und Zehennägel  mit  dem  Mini‐Scherchen,  das  glücklicherweise  in  dem  Kompakt‐Reisewaschbeutel war, den er von seiner Mutter  als Abschiedsgeschenk gekriegt hatte, bürstete sich  fröh‐ lich die Haare, die er sich glücklicherweise  für die Reise  richtig kurz hatte schneiden lassen, und betrachtete fröh‐ lich sein blitzendes, blinkendes, glühendes Selbst im Spie‐ gel.  Spieglein, Spieglein an der Wand,  wer ist der Schönste im ganzen Land?  Und sag gefälligst, ich,  sonst zerschmeiß ich dich.   Ausnahmsweise war er ziemlich einverstanden mit dem,  was er sah. Vor allem mit seinem besten Stück, das, ein‐ mal  geweckt,  durchaus  noch mehr Aufmerksamkeit  ge‐ wollt hätte. Aber nein, befand er, das musste warten. Sein  Magen  bedurfte  der  Fürsorge  noch  dringender.  (Als  er  gestern  aus Oosterbeek  zurückgekommen war,  hatte  er  sich  so  durchgemangelt  gefühlt  und  so  viel  Stoff  zum  Nachdenken gehabt, dass er sofort ins Bett gegangen war,  ohne  Abendessen,  nicht  nur  aus  Müdigkeit,  sondern  auch, um allein zu sein und nicht mit Daan reden zu müs‐ sen. Er hatte später noch mal aufstehen und etwas essen  wollen, war aber,  sobald er  sich hingelegt hatte,  für den  Rest der Nacht weggeknackt.)   Beim Anziehen dachte er weiter an Hille. So hatte er noch  nie  für  ein Mädchen  empfunden. Auf manche Mädchen  war  er  scharf gewesen,  ja, und dann gab  es  andere, die  Freundinnen waren, ihn aber nicht anmachten. Aber kein  367 , Mädchen hatte ihn  je so aus der Ruhe gebracht – alles an  ihm, Körper und Kopf – wie Hille. Und schon gar nicht so  glücklich  gemacht, wie  er  sich  jetzt  fühlte. Ganz  schööön  unheimlich,  sagte er auf dem Weg  in die Küche  leise vor  sich  hin,  und  er  fragte  sich,  wie  es  wohl  Hille  heute  wegen gestern ging.  In der Küche  fand er eine Botschaft von Daan auf einem  großen  gelben  Blatt  Papier,  das wie  ein  Fähnchen  vom  Lampenschirm über der Küchentheke hing.  Jacob:  Planänderung:  Geertrui:  bittet dich, morgen  um 11 Uhr zu kommen,  nicht heute.  Ich:  bin bei ihr.  Ca. 18 Uhr zurück.  Dann will ich alles  über gestern hören.  Du:  machst es dir hier gemütlich.  Tust, was du möchtest.  Lust auf Gesellschaft?  Ton freut sich sicher,  wenn du ihn anrufst.  Schönen Tag.  Daan    368 , Er  jubelte kurz und wandte sich der Frühstücksfrage zu.  Im Kühlschrank fand er eine halbe Galia‐Melone in Klar‐ sichtfolie gewickelt. Er  aß  sie mit dem Löffel direkt  aus  der  Schale.  Ein  kühler,  erfrischender,  saftiger  Auftakt.  Nächster Punkt: Wenn  in Holländerland, halt es wie die  Holländer.  Zum  Frühstück  essen  die  Holländer  dünne  Käsescheiben  und dünne  Schinkenscheiben. Es  gab  jede  Menge  davon  im  Kühlschrank.  Und  Vollkornbrot  im  Brotkasten,  nicht  ganz  frisch,  aber  okay  zum  Toasten.  Und nach dem Käse und Schinken, weil es keine Marme‐ lade  gab  und  er  sowieso  unter  die Holländer  gegangen  war, diese Schokodingerchen, Hagelslag, die aussahen wie  Mäuseköttel und die er Mrs van Riet beim Frühstück am  ersten Morgen auf  ihr Brot hatte streuen sehen, was  ihm  bizarr vorgekommen war, weil er das Zeug nur als Deko‐ ration  für  Teeküchlein  kannte.  Tee  ?  Er  hatte  gestaunt,  dass die Holländer so viel Tee tranken, bis  ihm Hille, als  sie zufällig auf dieses Thema gekommen waren, die histo‐ rische Erklärung geliefert hatte: das  enge Verhältnis der  Niederländer zu  ihren Ex‐Kolonien, die  jetzt keine mehr  waren, sondern Indonesien, richtig und wo sie sich wohl  das Teetrinken  angewöhnt hatten,  so wie die Engländer  während ihrer (unserer, dachte er, aber er hatte nicht das  Gefühl, dass das irgendwas mit ihm zu tun hatte oder er  irgendwas damit  zu  tun haben wollte) Herrschaft  in  In‐ dien. Aber er fand nur Earl Grey, den er nicht mochte: zu  parfümiert.  Na  ja,  egal.  Nicht  verzagen.  Holländischer  Kaffee,  warum  nicht?  Douwe  Egberts,  in  einer  anspre‐ chend  ominösen  schwarzen  Tüte,  ho,  ho,  ho  und  ‘ne  369 , Buddel voll Rum. Aufgebrüht wird er in dieser niedlichen  silbernen Zwei‐Tassen‐Cafetiere, die da auf dem Ablauf‐ bord  steht. Aber warum benutzen diese Holländer, oder  zumindest dieser spezielle Holländer hier, keinen Elektro‐ Wasserkocher,  statt  das  Teewasser  jedes Mal  mühselig  auf dem Herd heiß zu machen? (Das wäre doch ein Dan‐ keschön‐Geschenk, nachdem Sarah  ihm eingeschärft hat‐ te, dass das unbedingt sein musste, ehe er wieder abreiste.  Aber war das nicht ein bisschen spießig? Eher was für ein  Hochzeitsgeschenk. Er war noch nie gut darin gewesen,  sich Geschenke  für Leute  auszudenken. Hey, hey, keine  Mausstimmung  heute:  husch,  raus  aus  meinem  Kopf.  Vielleicht  würde  Hille  ihm  ja  helfen,  was  Besseres  zu  finden.)    Zu Händen Ms Hille Babbe:  Unter Bezugnahme auf Ihre Stellenausschreibung für den Pos‐ ten  eines  Küssfreundes,  möchte  ich  der  Hoffnung  Ausdruck  verleihen, dass meine Resultate beim gestrigen Vorstellungsge‐ spräch und Test  zu  Ihrer Befriedigung  ausgefallen  sind. Falls  Ihnen  ein  zweites  Bewerbungsgespräch  und  weitere  Befähi‐ gungstests erforderlich erscheinen, gestatten Sie mir die Kühn‐ heit vorzuschlagen, dafür baldmöglichst einen Termin anzube‐ raumen, da mein Auf enthalt  in den Niederlanden  leider allzu  kurz bemessen ist. Seien Sie versichert, dass ich hoch motiviert  bin, mich dieser zurzeit vakanten Position würdig zu erweisen.    Liebe Ms Babbe,  Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie den ersten  370 , Test  für  den  gestern  erörterten  Posten  bestanden  haben  und  zwar mit  besseren  Resultaten,  als  sie  je  eine  Bewerberin  vor  Ihnen erzielt hat.  In der Tat war  Ihre Punktzahl so hoch, dass  sie die Skala sprengte. Aufgrund dieses Ergebnisses würde  ich  Ihnen gern sofort einen Vertrag anbieten. Sollten Sie allerdings  noch Vorbehalte  haben,  bin  ich nur  zu  gern  bereit,  Ihnen  für  eine weitere Exploration  der Gegenleistungen meinerseits  zur  Verfügung zu stehen.  Ich hoffe auf  einen Terminvorschlag  für  ein weiteres Meeting, sobald Sie es einrichten können.    Hille,  wenn du das hier  liest, haben wir wahrscheinlich schon  telefo‐ niert. Aber  es  gibt  da Dinge,  die  ich  jetzt  sagen will und  dir  nicht telefonisch sagen kann, weil du in der Schule bist. (Es ist  jetzt 11 Uhr und ich bin gerade aufgestanden.) Außerdem gibt  es sowieso Dinge, die ich am Telefon sagen kann, andere, die ich  gar nicht sagen kann, und wieder andere, die ich nur schriftlich  sagen kann. Wobei es in diesem Brief nicht um Dinge geht, die  ich nur schriftlich sagen kann. Ich schreibe nur, weil  ich nicht  bei  dir  sein  kann. Das wäre mir  am  liebsten. Vielleicht  auch  einfach gar nichts zu  sagen. Mit dir zusammen zu  sein, wäre  schon genug.  Seit  gestern  denke  ich  die  ganze Zeit  an  gestern. Na  ja,  das  stimmt nicht ganz. Kann’s  ja nicht, oder? Habe  ich zum Bei‐ spiel  im  Schlaf  dran  gedacht?  (Weiß  nicht,  kann mich  nicht  erinnern. Denken wir im Schlaf? Ist es das, was Träume sind?  Schlafdenken. Diese Nacht  habe  ich  geschlafen wie  ein Mur‐ meltier  –  du  auch? —  und  ich  kann  mich  nicht  erinnern,  irgendwas geträumt zu haben. Du? Wenn ja, was?) Außerdem  371 , habe  ich  auch  darüber  nachgedacht, was  ich  frühstücken  soll  (Was  hast  du  gefrühstückt  und  was  ist  dein  Lieblingsfrüh‐ stück?) und wie ich diesen Tag ohne dich zubringen soll. (Wie  war dein Tag ohne mich? Sag’s nicht, wenn die Antwort lautet:  »Schöner, als er mit dir gewesen wäre.«) Aber trotzdem: hinter  (unter, neben, parallel zu, wie auch  immer) dieser Art Gedan‐ ken,  diesen Alltagsgedanken,  habe  ich  auch  die  ganze Zeit  in  einem  Teil  meines  Hirns  an  gestern  gedacht.  Nein,  ich  will  genau sein, nicht an gestern. An dich. Das weiß  ich, weil  ich,  seit  ich wach bin, das bin, was die Leute wohl mit »glücklich«  meinen.  Du, gestern, hast gemacht, dass ich heute glücklich bin.   Apropos glücklich. Ich habe gerade in einem Englisch‐Lexi‐kon,  das ich in einem der Bücherregale hier in der Wohnung gefun‐ den  habe,  das Wort  happy  nachgeguckt  und  festgestellt,  es  kommt  von  dem  alten  norwegischen Wort  happ, was  so  viel  heißt wie Glück (im Gegensatz zu Pech) und verwandt ist mit  dem altenglischen Wort gehaeplic, das so viel wie günstig oder  geziemend  heißt,  und  dem  altslawonischen  kobû,  was  Schicksal  bedeutet. Da mich  schon  der  Gedanke  an  dich  so  happ‐y macht wie noch nie irgendwas — meinst du, es ist viel‐ leicht das mir geziemende Glück, dass du mein Schicksal bist?  Es gibt eine Trillion Dinge, die ich dich  fragen will, von  leich‐ teren Fragen wie: »Wie gedenkst du den Rest deines Lebens zu  verbringen?«, bis zu den wirklich wichtigen Sachen wie: »Ist es  besser, mit der Herde zu  laufen oder die Herde  laufen zu  las‐ sen?«, »Welche Filme sind am komischsten, die mit Laurel und  Hardy oder die mit Charlie Chaplin (oder weder noch)?«, und:  »Wird die Ewigkeit  lang genug sein, um alles mit dir machen  372 , zu können, was ich mit dir machen will?«  Ich höre jetzt besser auf, ehe dieser Brief noch schwachsinniger  wird.  Ich  könnte  ihn umschreiben,  damit  du nicht weißt, wie  schwachsinnig  ich sein kann. Aber  ich werd’s nicht  tun, denn  wenn wir uns richtig kennen lernen und Freunde werden wol‐ len, was  ich  hoffe, was wiederum,  um  ehrlich  zu  sein,  dieser  Brief eigentlich besagen soll, dann, sage ich mir, sollst du ruhig  von Anfang  an wissen, wie  schwachsinnig  ich  sein  kann.  Ich  stelle mal  eine Vermutung  an: Du magst Gedichte.  Ich  auch.  Deshalb habe ich eins speziell für dich geschrieben.    Hille:  Für dich  spielt die Erde   Himmelssongs   singt das Wasser   rocken die Steine  brennt die Zeit   vergeht das Feuer in mir  Jacob    »Ton? Hier ist Jacob.«  »Jacques! Hey, hallo!«  »Hab ich dich geweckt?«  »Nein, nein. Schon okay.«  »Ich dachte nur ...«  »Ja?«  »Ich bin heute ganz allein hier.«  »Du gehst nicht zu Geertrui?«  373 , »Nein. Kleine Planänderung. Und Daan  ist heute bei  ihr.  Das Problem ist, ich müsste einen Brief aufgeben und ich  hab das noch nie gemacht, in Holland, meine ich, und ich  dachte, du könntest vielleicht... na  ja, und wie du gesagt  hast... mir ein bisschen was von Amsterdam zeigen.«  »Wie spät ist es?«  »Etwa halb zwölf. Wenn es ein Problem ist –«  »Nein, nein, kein Problem. Ist eine tolle Idee. Ich überlege  nur  gerade.  Kannst  du  um  zwei  Uhr  unten  vor  Daans  Haus sein?«  »Zwei Uhr. Okay.«  »Wenn’s nicht  regnet. Wenn’s  regnet, warte oben  in der  Wohnung.«  »Um zwei vor Daans Haus, wenn’s nicht regnet. Im Mo‐ ment  regnet’s nicht.  Ist  sogar  schön draußen. Die Sonne  scheint.«   »Tatsache?  Gut.  Okay.  Ich  komme.  Mit  einer  Über‐ raschung.«   »Eine Überraschung? Was für eine Überraschung?«   »Eine ohne Beine. Und, Jacques ...«   »Ja?«   »Freut mich sehr, dass du angerufen hast. Tot ziens.«    Liebe Sarahgran,  Gottchen, wie die Zeit vergeht! Was macht die Hüfte? Wärst  du lieber hier? Ich bin sehr froh, dass ich hier bin. Wie Kilgore  Trout zu sagen pflegt: Das Leben geht weiter. Ich habe gesehen:  Anne  Franks  Haus  (gar  nicht,  wie  ich  erwartet  habe,  aber  davon, wie  überhaupt  von  allem,  später mehr),  bisschen was  374 , von  Haarlem,  bisschen  was  von  Amsterdam,  ein  paar  Rem‐ brandts (toll), die van Riets und diverses Holländerjongvolk.  Aber das Beste war der Tag gestern. Die Gedenkfeier war  toll.  Gab Momente,  in denen mir  fast die Tränen kamen. Tausende  von Menschen,  darunter  viele  einheimische  Jugendliche. Aber  das  weißt  du  ja,  du  warst  ja  schon  dort. Herrliches Wetter.  Nichts von dem peinlichen Gerede, das  ich erwartet habe. Nix  Hurrapatriotismus. Nix  Fähnchenschwenken. Nix Heldenver‐ ehrung. Und sogar das religiöse Zeug war okay. Und du weißt  ja, wie ich diese ganze heilige Schwafelei hasse. Habe sogar die  Choräle mitgesungen,  kannst  du  dir  das  vorstellen? Choräle!  Da überkommt mich sonst eher Übelkeit. Aber diesmal überkam  mich nur ein Lächeln. Auf so eine traurig fröhliche Art. Es war  mehr  so  etwas wie  ein großes Familienfest als  eine Totenfeier.  Da müssen auch Männer gewesen sein, die Grandad kannten.  Wollte,  ich wäre  so  schlau gewesen, mir  einen zu  suchen und  mit ihm zu reden. Warum kommen mir die besten Ideen immer  erst hinterher?   Habe auf Grandads Grab gestanden. Da war mir’s am meisten  nach Heulen. Habe zwei holländische Jugendliche getroffen, die  Blumen auf sein Grab gelegt haben, ein Mädchen und der Bru‐ der  dazu, Hille  und Wilfred  Babbe. Habe  Fotos  für  dich  ge‐ macht. Hinterher war  ich mit Hille  (17)  essen. Hoffe  sehr,  sie  noch mal zu treffen. Zieh keine voreiligen Schlüsse. Aber sie ist  ganz schön toll. Ja, ich passe auf. Ich weiß, ich weiß, sag’s nicht:  »Sei  nicht  so  impulsiv,  trag  dein Herz  nicht  auf  der Zunge.  Und dein Angesicht, mein Edler, ist wie ein Buch, wo wunder‐ bare Dinge geschrieben stehn«. Ja, ich bemühe mich zuzuhören,  wenn du mir gute Ratschläge gibst. Aber  in diesem Punkt bin  375 , ich mir nicht so sicher, ob du Recht hast. Oder vielleicht hast du  ja Recht, aber es ist nicht mehr mein Problem. Weiß nicht, wa‐ rum. Hat  irgendwas mit dieser Reise zu  tun. Mit dem Besuch  bei  Geertrui. Mit  der  Gedenkfeier  gestern.  Ich  will  ja  nicht  sagen,  ichfind’s okay, wenn man seine tiefsten Gefühle perma‐ nent jedem zeigt. Aber langsam glaube ich, man kann sie auch  zu oft und zu gut verbergen. Ist es nicht manchmal besser, das  Risiko einzugehen, zu zeigen, was man fühlt, wenn einem diese  Gefühle und  die  andere Person wichtig  sind? Die Gefühle  zu  verbergen, sie zurückzuhalten, so zu tun, als fühlte man etwas  anderes  als  das,  was  man  fühlt  –  das  kann  nicht  gut  sein.  Vielleicht  ist  da  alles  ein  bisschen wirr,  aber wenigstens,  das  musst du mir  lassen, probiere  ich Neues, was  ja auch zu dem  gehört, wovon du immer sagst, dass ich es muss! (Bisher übri‐ gens keine Megamausstimmungen. Nur  einmal ganz kurz  ein  davonhuschender Schwanz.)  Heute Nachmittag will mir ein schwuler Typ, den ich getroffen  habe und der Daan kennt, in dessen Wohnung (eigentlich Geer‐ truis Wohnung und ganz toll)  ich  im Moment wohne, warum  erkläre  ich  dir  später,  zu  interessant‐kompliziert  für  einen  Brief – also, jedenfalls will mir dieser Typ ein bisschen was von  Amsterdam zeigen. Du siehst, ich werde bestens betreut.  Heute Nachmittag schicke ich der Familie eine Karte. (Schickst  du mir meine wie  immer? Ich würde sie sonst sehr vermissen.  Nach so vielen Jahren kannst du den Kartenfluss nicht einfach  unterbrechen. Die von dieser Woche hast du vermutlich an die  van Riets geschickt.)  Muss  jetzt  los, mich wieder ein bisschen amüsieren. Du weißt  ja, wie  das  bei  uns  Touristen  ist,  alles  eine  einzige  Vergnü‐ 376 , gungsorgie. Wollte  dich  nur  wissen  lassen,  dass  es  mir  gut  geht,  dass  ich  blühe und  gedeihe und Spaß  habe.  Jede Menge  Reisestorys, wenn ich wieder daheim bin.   Dein dich liebender Enkel   Jacob    Als  die  Uhren  von Amsterdam mit  ihrem melodischen  Glockenspielklang  zwei  Uhr  schlugen,  stand  Jacob  auf  der Holztreppe vor dem Haus. Ein kühler, sonniger Tag  mit einem leichten Wind, der die schmale Straße entlang‐ wehte.  Seine  Sorte Wetter, warm  genug,  um  sich  ange‐ nehm  anzufühlen,  kühl  genug,  um  etwas  Erfrischendes  zu haben. Etliche Leute unterwegs, überwiegend Einhei‐ mische, dem Aussehen nach, aber auch ein paar Touris‐ ten, die wie verlorene Seelen durch die Straße wanderten,  in der  es keine  touristengerechten Läden oder  sonstigen  Attraktionen gab.  Er hörte Tons Stimme seinen Namen rufen. Sie schien von  unter ihm zu kommen. Was auch so war, denn jetzt sah er  Ton aus der Gracht klettern.  »Was machst du denn da?«, sagte Jacob, während Ton ihn  an den Schultern  fasste und  ihm den üblichen Drillings‐ kuss gab, wobei das letzte Drittel seine Lippe streifte, was  ihm einen kurzen Anfall freudiger Verwirrung bescherte.   »Dich  abholen,  Jacques«,  sagte  Ton  dann,  »mit  meiner  Überraschung ohne Beine.«  Ein  Boot  natürlich,  ein  geräumiges  Dinghy  mit  einem  schmucken abnehmbaren Außenbordmotor am Heck, ein  hübsches  kleines  Gefährt,  tadellos  gepflegt,  der  Holz‐ 377 , rumpf von der Farbe frischer Kastanien lackglänzend, die  Messingteile blitzblank, die Bank in der Mitte mit wasser‐ festen,  tiefblauen Polstern  zum  Sofa umfunktioniert,  am  Bug  ein  dreieckiger  Wimpel  mit  dem  Wappen  von  Amsterdam: blutrot mit  einem  schwarzen Balken  in der  Mitte und darauf drei weißen ›X‹, ein Kreuz für jedes der  Desaster, die die  Stadt  in  ferner Vergangenheit  heimge‐ sucht  hatten  –  Feuer,  Pest  und  Hochwasser.  Am  Bug  stand schwarz auf weiß der Name: Tedje.  »Wow!«, sagte Jacob. »Schick. Deins?«  »Schön wär’s. Gehört einem reichen Freund von mir. Die  beste Art, Mokum zu sehen.«   »Mokum?«  »So nennen die Amsterdamer die  Stadt mit Bijnam. Bei‐ name?«  »Spitzname?  So wie  die  Londoner  London  früher  ›The  Smoke‹ nannten.«  »Ah! Was mir gerade einfällt – du kannst doch schwim‐ men?«   »Durch die Gracht würde ich’s vermutlich schaffen.«   »Das reicht. Fahren wir.«    Ton hatte  einen Stadtplan mitgebracht, damit  Jacob  ihre  Route  verfolgen  konnte.  Zuerst  tuckerten  sie  aus  dem  schmalen  Oudezijds  Kolk  heraus,  vorbei  am  Schreier‐ storen  und  unter  der  Prins‐Hendrikkade‐Brücke  durch,  dann  linker Hand  in  die  breite Wasserstraße,  vorbei  an  der  Kathedralenfront  des  Hauptbahnhofs,  wo  es  von  Straßenbahnen, Bussen, Fahrrädern und Menschen wim‐ 378 , melte, und  (wobei  Jacob sich  in  ihrem exklusiven Privat‐ boot  mächtig  überlegen  vorkam)  an  den  Rundfahrt‐ booten, die auf Kundschaft warteten, dann wieder  links,  in  die  erste  der  Spinnennetzgrachten,  den  Singel,  aber  schon  gleich  unter  der  Brücke  nach  rechts,  in  die  Bouwersgracht, die, wie Jacob auf dem Stadtplan sah, die  oberen  Enden  sämtlicher Grachten  im Westteil  der Alt‐ stadt verband, über die Einmündungen der Herengracht  und der Keizersgracht hinaus und dann schließlich  links  in die Prinsengracht.  »Meine  Lieblingsgracht«,  sagte  Ton.  »Die  freundlichste.  Eher  für normale Menschen.  Jede Menge Hausboote hier  an diesem Ende und da, siehst du, rechts, die Straßen des  Jordaan, wo  früher die  arbeitende Bevölkerung wohnte,  Dienstboten  und  solche  Leute,  und wo  ich wohne.  Ich  habe  zwei  Zimmer  im  Haus  von  einem  Freund.  Und  siehst du den Kirchturm dort vorne links ?«   »Ja.«  »Die Westerkerk.«  »Bei Anne Franks Haus.«  »Daan hat mir gesagt, dass du so auf sie stehst. Ich dach‐ te, du würdest  ihr Haus vielleicht gern vom Wasser aus  sehen wollen.«  Als  sie  vorbeischipperten,  zog  sich die Warteschlange  –  an diesem nunmehr warmen Nachmittag – in Dreier‐ und  Viererreihen  etwa  hundertfünfzig Meter  die  Straße  ent‐ lang,  fast  noch  über  die Kirche  hinaus  und  bis  zu  dem  Platz an der Raadhuisstraat, der belebten großen Straße,  über  die  Jacob,  wie  er  sich  jetzt  erinnerte,  nach  seiner  379 , Flucht aus Annes Haus hinweggestolpert war.  Vor vier Tagen erst. Inzwischen schien ein ganzes, langes  Jahr vergangen.  »Und da gegenüber«, sagte Ton und zeigte mit dem Fin‐ ger,  »ist  ein kleiner Laden, wo man den besten  frischen  Kaffee kaufen kann. Gibt  eine Menge  tolle kleine Läden  hier in der Gegend. Nur für Käse oder nur für Wein oder  nur  für  sonst  was.  Das  ist  eins  der  Dinge,  die  ich  an  Amsterdam  so  liebe,  die  kleinen  Läden  überall,  wo  es  alles Mögliche gibt. In einem hier in der Nähe gibt’s zum  Beispiel  nur Olivenöl.  Sie  behandeln  es  so wie  Spitzen‐ weine,  die  man  vor  dem  Kauf  probieren  muss.  Und  außerdem  ist  alles  so  bunt  gemischt.  Die  teure  Kunst‐ galerie  neben  dem  Second‐Hand‐Klamotten‐Shop,  die  Fahrradwerkstatt  neben  dem  Pornobuchladen,  das  Ge‐ schäft  für  handgemachte  Schuhe  neben  einem  Laden,  wo’s  nur  spezielle  Sorten Metallgegenstände  gibt. Ganz  Amsterdam, ich meine, dieser Teil hier, das Spinnennetz,  ist wie  ein  großes Dorf, wo man  alles  kriegt, was man  will, und wo immer noch ganz normale Leute leben, nicht  nur  reiche  Leute  und  Touristen  in Hotels  oder  gar  nie‐ mand, wie im Zentrum vieler anderer Großstädte.  Eigentlich finde ich sogar, Amsterdam ist gar keine Groß‐ stadt. Es ist eine und es ist keine, wie’s mit so vielem hier  ist.  Und  es  ist  nicht  modern.  Ich  meine,  die  Gebäude  sind’s nicht. Guck sie dir an. Die meisten wurden schon  vor  Jahrhunderten  gebaut. Aber  andererseits  ist  es  eine  moderne Großstadt, daran gemessen, wie die Leute leben  und was man hier machen kann.«  380 , Jacob hatte es  sich  inzwischen auf der blau gepolsterten  Sofabank bequem gemacht, wo er freie Sicht voraus hatte  und  ihm der Motor nicht direkt  ins Ohr dröhnte. Rechts  neben  ihm  steuerte  Ton  das  Boot  mithilfe  glänzender  kleiner Messingbedienungshebel für den Motor und eines  Mini‐Messingschiffssteuerrads  für  das  Ruder,  das  am  Rumpf  befestigt  war.  Er  ließ  sich  so  genießerisch  und  relaxed treiben, wie man es nur in einem offenen, kleinen  Boot kann, das an einem sonnigen Tag gemächlich durch  ruhiges Wasser gleitet. Aber wenn  er das  sonst  je getan  hatte, dann immer in ländlicher Umgebung, bei Familien‐ ferienreisen  auf  den Norfolk  Broads  oder  in  einer  Bar‐ kasse auf irgendwelchen englischen Wasserstraßen. Noch  nie  hatte  er  sich  genießerisch  und  relaxed  durch  eine  Großstadt  schippern  lassen.  Auf  dem  Land  schien  es  irgendwie natürlich, in die Landschaft passend. Aber das  hier war, wie Ton gesagt hatte, weder noch. Nicht Land  und  nicht Großstadt. Wasser,  aber  kein  Fluss.  Ein Weg  durch  die  Stadt,  aber  keine  Straße.  Kein  Fluss,  keine  Straße,  und  doch  beides.  Er  schipperte  hier  gemächlich  dahin, während zu beiden Seiten Autos, Lastwagen, Fahr‐ räder und Fußgänger herumwieselten. Es war, als ob sich  zwei  Oberflächen  des  Lebens,  zwei  Arten  von  Leben,  aneinander  rieben:  Wasser  und  Backstein  (die  Gracht‐ mauern waren aus Backstein, die meisten Gebäude eben‐ falls  und  selbst  die  Straßen  neben  den Grachten waren  backsteingepflastert);  er  und  Ton  wassermäßig  müßig  und  rechts  und  links  von  ihnen  das  straßenmäßige  Gewimmel und Getümmel. Andere Boote zogen an ihnen  381 , vorbei:  Sightseeing‐Barkassen  mit  glotzenden  Passagie‐ ren, hässliche, kleine, weiße Plastiktretboote, gewöhnlich  bemannt  mit  touristischen  Jungmännergespannen,  die  immer Hallo  rufen  und  gackern mussten,  ein  patrouil‐ lierendes  Wasserpolizeiboot,  plumpe  Nutzkähne  der  einen oder anderen Art. Ihre Bugwellen brachten Tedje ins  Schaukeln.   Hier,  ein  gutes  Stück  die  Prinsengracht  hinunter,  auf  einem  geraden  Teil,  wo  nur  wenige  Hausboote  lagen,  schien  die  Wasserstraße  breiter  und  offener  und  die  Oberfläche glitzerte. Vielleicht  lag es  ja am Sonnenstand  und dem Knallblau des Himmels und dem leichten Wind,  der  in  den  leicht  herbstlichen  Blättern  spielte,  oder  an  seinem Blickwinkel, vom Wasser die Schluchtwände der  Häuser hinauf, aber zum ersten Mal sah Jacob die Bäume,  die  die  Gracht  säumten.  Sie  rahmten  das  Wasser  zu  beiden Seiten ein, manche groß und kräftig, andere klein  und  zart  und  jung,  wieder  andere  in  mittleren  Alters‐ stadien,  eine ganze Großfamilie  in verschiedenen Grüns  vor dem Rot, Braun und Grau der Häuser mit den hohen,  rechteckigen  Fenstern  und  den weiß  lackierten  Fenster‐ rahmen. Die Bäume  lockerten die  flächigen, nie mehr als  vier, fünf Stockwerke hohen Fassaden auf, die von deko‐ rativen, oft weißen oder  cremefarbenen Giebeln gekrönt  waren. Diese hatten für Jacob anfangs alle ziemlich gleich  ausgesehen,  bestanden  aber  in Wirklichkeit, wie  er  jetzt  merkte,  aus  einer  Vielfalt  von  Wellen‐,  Schnörkel‐,  Schnecken‐  und  Stufenformen  und  schlichten  Schrägen.  Sie zierten die Häuser wie Perücken, Hüte und Kapuzen  382 , die Köpfe georgianischer Gentlemen. Und diese Schulter  an  Schulter  stehenden  Häuser  waren,  dachte  er,  wie  Bücher auf einem voll gepackten Bord, verschieden dick  und  auch  in  der Höhe  nicht  ganz  gleich.  Eine Häuser‐ bücherei. Und so schön. Es war, wie wenn man plötzlich  jemanden  ansah,  den  man  bisher  nie  richtig  wahrge‐ nommen, nie auch nur als ganz nett registriert hatte, und  plötzlich sah, dass er/sie umwerfend attraktiv war.   (Er  oder  sie  –  was  von  beidem?  Trutzige,  senkrecht  emporragende,  backsteinige  Männlichkeit  und  sanft  geschwungene, fließende, wasserhafte Weiblichkeit. Tons  Wedernoch, Sowohlalsauch, Allesmiteinander und nichts  in Amsterdam is wat het lijkt.)  »Langsam verstehe  ich, was du an dieser Stadt  findest«,  sagte  Jacob. »Sie  ist  toll.« Er  lachte. »Ich könnte mich  in  sie verlieben. Vielleicht bin ich schon dabei, mich in sie zu  verlieben.«   »Freut mich. Willkommen im Klub! Ich hab dir  ja gesagt,  das ist die beste Art, Mokum zu sehen.«   »Wohnst du schon immer hier?«  »Nein,  nein.  Aber  ich  wollte  hier  wohnen,  seit  ich  die  Stadt zum ersten Mal gesehen habe, mit  fünf oder sechs.  Geboren bin ich in einer Kleinstadt im Süden.«   »Deine Eltern leben noch dort?«   »Samt meinen zwei Schwestern und fünf Brüdern.«   »Ihr seid acht?«   »Eine gut katholische Familie.«   »Der wie vielte bist du?«   »Der Jüngste.«  383 , »Was macht dein Vater?«  »Außer  Kinder  in  die  Welt  setzen,  meinst  du?  Er  ist  Tandarts, Zahnarzt. Und hauptberuflich homophob.« Ton  lachte leise und setzte dann hinzu: »Doe maar gewoon, dan  doe je al gek genoeg.«   »Heißt?«  »So was wie: Verhalt dich normal, das ist verrückt genug.  Sei nicht anders als die anderen. Alle Leute müssen gleich  sein. Die schlimmste Seite unsrer holländischen Mentali‐ tät. Das Lieblingsmotto meines Vaters.«   »Und du bist nicht normal?«  »Nicht in den Augen meines Vaters. Er wird sich nie ver‐ zeihen,  dass  er  einen  Schwulen  in  die Welt  gesetzt  hat.  Fragt meine Mutter andauernd, was sie bloß so verkehrt  gemacht haben, dass  ich dabei  rausgekommen bin. War  genauso glücklich, mich los zu sein, wie ich, endlich weg‐ zukommen.  Kann  den  Gedanken  nicht  ertragen,  dass  seine Bekannten mich  sehen könnten. So wie er  sich an‐ stellt, könnte man meinen, das wäre sein Ende. Er bezahlt  mich sogar dafür, dass ich wegbleibe.«  »Du meinst,  er bezahlt dich dafür, nicht nach Hause  zu  kommen?«  »Nach Hause? Wo  ist  denn  zu Hause? Das  hier  ist  der  einzige Ort, wo ich mich je daheim gefühlt habe. Amster‐ dam  ist mein Zuhause. Diese paar Straßen und Grachten  hier sind mein Zuhause. Und  jawohl, mein wunderbarer  Vater zahlt einen Haufen Geld dafür, dass ich hier bleibe.  Aber na  ja, er kann  sich’s  leisten. Alles hat  seinen Preis,  oder? Und der Preis dafür,  ein  Schwulenhasser  zu  sein,  384 , sollte so hoch wie möglich sein.«  »Und deine Mutter, was ist mit der?«  »Sie besucht mich. Alle drei, vier Wochen verbringen wir  das Wochenende  zusammen.  Haben  eine Menge  Spaß.  Einkaufen. Nachtklubs. Kino. Musik. Wir  verstehen uns  gut.  Immer  schon.  Sie war  auch der  erste Mensch, dem  ich gesagt habe, dass ich schwul bin.«   »Wie alt warst du da?«   »Vierzehn.«  »Und was hat sie gesagt?«   »Genieß es.«   »Das ist nicht wahr!«   »Wieso nicht?«  »Kann mir nicht vorstellen, dass das viele Mütter  sagen  würden. Nicht in Familien wie deiner jedenfalls.«   »Meine Mutter ist nicht wie die meisten Mütter.«   »Aber dein Vater –«   »Sie liebt ihn. Frag mich nicht warum.«   »Ist manchmal schwer zu verstehen, warum die Leute die  Leute heiraten, die sie heiraten.«   »Heiraten!«   »Was dagegen?«   »Du nicht?«  »Wieso? Wenn’s die richtige Person ist.«   »Findest du das nicht seltsam? Dass sich zwei Leute ver‐ sprechen,  für den Rest  ihres Lebens zusammenzubleiben  und niemand anderen zu lieben –«   »Nicht so.«   »Wie immer so ist.«   385 , »Frag mich nicht.«   »Ich  glaube  nicht,  dass  es  ein  so  gibt. Du?  Freunde,  ja.  Ohne die geht’s nicht. Lover. Aber klar, bitte doch. Jeman‐ den zum Zusammenleben,  solange es gut  ist,  solange es  funktioniert. Okay. Aber  für  immer? Niemals. Nichts  ist  für immer.«    In diesem Moment  fuhren  sie unter  einer Brücke durch,  die  Jacob  laut  Stadtplan  nicht  zum  ersten Mal  sah  und  hinter der sie an dem Haus vorbeikommen mussten, wo  er sich vor dem Regen verkrochen und Alma ihn gerettet  hatte.   »Kannst  du  mal  da  rüberfahren  und  kurz  anhalten?«,  sagte er und erklärte Ton die Sache mit Alma.   Das Haus  auf der  anderen Grachtseite war  leicht  zu  er‐ kennen. Seine Front und die daneben waren die einzigen  mit  Vordereingangsstufen.  Alle  anderen  Häuser  hatten  die  Treppen  außen  an  der  Seite. Und  dann  die  üppige  Blumenpracht um Almas ebenerdige Fenster‐Türen.  »Nett, an diesem Ende der Gracht zu wohnen«, sagte Ton.  »Und teuer.«  »Ich  schätze,  ich hätte Alma das Geld zurückgeben und  mich noch mal bei ihr bedanken sollen.«  »Und? Tu’s doch  jetzt. Und du  solltest  ihr was mitbrin‐ gen.«   »Ja.«  »Wie wär’s mit Pralinen?«   »Klingt gut.«   »Komm mit.«  386 , Sie vertäuten das Boot und gingen zu Fuß  in die Vijzel‐ gracht, vorbei an dem Café, in das Alma ihn geführt hatte.   »Panini«, sagte Ton. »Das kennt jeder.«   Und ein Schreibwarengeschäft mit einem Postkartenstän‐ der davor.   »Warte mal«, sagte Jacob. »Ich muss eine Karte für meine  Eltern kaufen und sie dann gleich mit den Briefen einwer‐ fen.«  Es war  leicht.  Die meisten  Karten  zeigten  die  üblichen  Stadtansichten. Aber eine stach Jacob ins Auge. Die Rück‐ ansicht zweier Amsterdamer Polizeibeamter, hemdsärm‐ lig bei schönem Wetter. Der eine Polizist war eine Polizis‐ tin, eine beleibte Frau, deren Körperfülle noch durch den  Gürtel betont wurde. Sie war behängt mit Pistolenholster,  Sprechfunkgerät und  sonstigem Polizeizubehör.  Ihr Kol‐ lege  zielte heimlich mit gestrecktem Mittelfinger  auf  ihr  Hinterteil.   Briefmarken  gab  es  hier  auch.  Er  schrieb  eine Kurzbot‐ schaft auf die Karte. Alles  klar. Amüsiere mich. Werde  bes‐ tens betreut. Hoffe, bei euch auch alles okay. Liebe Grüße, Jacob.  Ton hatte inzwischen gleich drüben an der Prinsengracht  einen Briefkasten entdeckt.  Dann ein Gebäck‐ und Pralinenladen, Holtkamp, die Art  Geschäft, die  Sarah begeistert hätte. Ein bisschen  altmo‐ disch, die Verkäuferinnen  in  schwarzen, weiß paspelier‐ ten Kleidern, sehr höflich. Kaum Platz  für mehr als vier,  fünf  Kunden.  Ton  erklärte  auf  Niederländisch,  was  er  wollte. Eine luxuriöse kleine Schachtel, mit Blumendekor  und Bändchen. Ein Sortiment erlesener Pralinen, manche  387 , ganz dunkelbraun, manche milchighell, manche weiß, die  einen  quadratisch, die  anderen dreieckig,  eine  kugelför‐ mig,  eine  mit  einem  Schnitzchen  von  einer  glasierten  Frucht  darauf,  eine  limonengrün,  eine  knallorange,  eine  leuchtend  gelb.  Insgesamt  fünfzehn.  Und  ein  Preis,  für  den man  locker  ein Essen  im  Panini  gekriegt  hätte  und  der, als er auf der Kasse aufleuchtete, Jacob erst mal den  Atem stocken ließ.   »Zu viel?«, fragte Ton grinsend.  Jacob  schüttelte  den  Kopf.  »Was  soll’s.  Sie  hat  es  ver‐ dient.«   Sie gingen zum Boot zurück und fuhren über die Gracht,  zu einer Anlegestelle gleich bei Almas Haus. Die Luft war  jetzt feucht, der Himmel dunstverhangen.  »Ich warte hier«,  sagte Ton.  »Holländer  besuchen Leute  nicht  unangemeldet. Na  ja,  jedenfalls  keine  alten  Leute.  Aber wenn du kommst, wird sie sich bestimmt freuen.«    Und  sie  freute  sich  tatsächlich.  Jacob  langte  durch  das  Schutzgitter  und  klopfte  an  die  Fenster‐Tür  ihrer Woh‐ nung. Als Alma  aufmachte,  zog  sich  ein breites Lächeln  über ihr Gesicht.  »Ach! Sie sind’s. Schon wieder bestohlen worden?«   Er lachte. Manche Leute schafften es, dass man sich wohl‐ fühlte, sobald man sie sah.  »Kam  nur  gerade  vorbei«,  sagte  er  und  streckte  ihr  die  Pralinenschachtel  hin,  »und wollte  Ihnen  das  hier  brin‐ gen, als Dank für Ihre Hilfe.«  »Das  war  doch  nicht  nötig«,  sagte  sie  und  nahm  die  388 , Pralinen  sichtlich  erfreut  entgegen.  »Sie waren bei Holt‐ kamp. Kommen Sie rein, kommen Sie rein.«  »Nein,  danke.  Ich  bin mit  einem  Freund  hier. Mit  dem  Boot. Er wartet auf mich. Er zeigt mir die Grachten.«   »Sie haben einen Freund gefunden? Gut. Und haben Sie  sich von Ihrem Schockerlebnis erholt?«  »Mir geht’s gut. Ich wohne bei Daan. Sie wissen doch? Sie  haben ihn für mich angerufen.«   »Ich weiß. Warten Sie noch einen Moment.«   Sie verschwand  in den Tiefen  ihrer Höhle.  Jacob bückte  sich, um etwas von ihrer Wohnung zu sehen. Ein kleiner  quadratischer Raum mit einem hellen, glänzenden Holz‐ fußboden, Bücherregale an den Wänden, eine große TV‐  und  Stereoanlage,  ein  antiker  runder  Esstisch  aus  schö‐ nem dunklem Holz, ein bequemer Sessel vor einem nach‐ gebauten bauchigen Gusseisenofen. Ein hübsches, ordent‐ liches, gemütliches Nest.  Als Alma wiederkam, reichte sie ihm eine Papiertüte, die  vier von den Pralinen enthielt.  »Für Sie und Ihren Freund, damit wir alle ein kleines biss‐ chen davon haben.«   »Aber die sind für Sie.«  »Ich könnte  sie nicht  alle  essen. Das wäre  zu gierig.  Ich  möchte, dass Sie auch ein paar versuchen.«   »Ach, fast hätte ich’s vergessen«, sagte Jacob und kramte  in  seiner  Jeanstasche.  »Das  Geld,  das  Sie  mir  geliehen  haben.«   »Nein. Das war doch nichts. Wenn Sie’s nicht brauchen,  geben  Sie’s  jemandem, der  es  braucht. Dem  Jungen mit  389 , der roten Mütze vielleicht.«   Sie lächelten sich an.  »Und«, sagte sie, »bevor Sie nach England zurückfliegen,  kommen Sie doch noch mal auf einen Kaffee vorbei.  Ich  möchte  gern  von  Ihren Abenteuern  hören.  Ich  schreibe  Ihnen meine Telefonnummer auf, dann können Sie vorher  anrufen.«  Er fühlte sich geehrt.   »Danke«, sagte er. »Jetzt gehe ich besser.«   »Wiedersehen. Viel Spaß.«  Einem  spontanen  Impuls  folgend,  beugte  er  sich  zu  ihr  hinunter und als sie ihm, fast ohne zu zögern, ihre Wange  darbot, gab er ihr den Standard‐Drillingskuss, so formell,  wie  er  es  in  dieser  seltsamen  Haltung  konnte,  tief  ge‐ bückt, die Hände am Fensterrahmen, um  sich  festzuhal‐ ten. Aber er schaffte es unfallfrei und war sehr zufrieden  mit sich.    Nachdem er zu Ton zurückgekehrt war,  tuckerten sie so  langsam  wie  möglich  dahin,  sinnierten  und  grübelten,  witzelten und  kokettierten und  fügten  ihrer  immer um‐ fangreicher werdenden Anthologie  von Geschichten  aus  ihrer  beider  Leben  neue  Beiträge  hinzu.  Und  saßen  ab  und zu auch einfach nur schweigend da, wobei Ton Jacob  ansah und Jacob das Panorama studierte.  Von der Prinsengracht drifteten sie in der warmen Nach‐ mittagsluft via Reguliersgracht  in die Keizersgracht, von  dort wieder über die Bouwersgracht  in die Herengracht,  diese hinunter und  in die Amstel und nach einer kleinen  390 , Tour auf dem Fluss wieder  in den Singel und zurück zu  Daans Haus.   »Wir haben durch das Labyrinth gefunden«, sagte  Jacob,  als sie wieder in den Oudezijds Kolk einfuhren.   »Das  Spinnennetz  bewältigt«,  sagte  Ton.  Sie  lachten  beide.   Gab es etwas Schöneres, dachte Jacob, als  jemanden ken‐ nen  zu  lernen,  bei  dem man  die  ganze Zeit  das Gefühl  hatte ihn schon zu kennen, so als verbände einen in einem  Alternativleben  immer  schon  die  beste  aller  besten  Freundschaften.  391 , GEERTRUI    Zwei Monate nach Jacobs Tod wusste ich sicher, dass ich  von  ihm  schwanger war.  Ich  sagte  es  niemandem. Das  hätte  unerträgliche  Folgen  gehabt.  Frau Wesseling  hätte  mich mit  Sicherheit  aus  dem Haus  gewiesen.  Und  das  Kind  wäre mir  gleich  nach  der  Geburt  weggenommen  worden.   Ihr  könnt  heute  nicht mehr wissen,  ja,  euch  vermutlich  nicht einmal mehr vorstellen, was für eine Schande es da‐ mals für eine Frau war, ein uneheliches Kind zu erwarten.  Das galt als eine Sünde schlimmster Art. Wenn die Frau  katholisch war, wurde sie normalerweise in ein von Non‐ nen geleitetes Heim geschickt. Dort musste sie  ihre Sün‐ den durch Leiden büßen und das Baby wurde  ihr sofort  nach der Geburt weggenommen. Die nächsten paar Tage  brachte man  es  ihr  zum  Stillen. Manchmal wurden  ihr  dabei  sogar  die  Augen  verbunden,  damit  sie  das  Kind  nicht sah, und man band ihr die Hände ans Bett, damit sie  es nicht berühren konnte. Dann hielt  ihr eine Nonne das  Kind  zum  Trinken  an  die  Brust. Nur  eine Mutter  kann  wirklich  ermessen,  wie  grausam  das  war.  Sobald  wie  möglich wurde das Kind zur Adoption freigegeben, oder  es  kam  in  ein Waisenhaus, wo  es  ein  armseliges  Leben  erwartete. Es würde  für den Rest seines Lebens mit dem  393 , Fluch,  dem  Stigma  der Unehelichkeit  behaftet  sein. Die  Männer, die Väter,  traf diese Schande natürlich nicht.  In  keinem anderen Fall galt so wörtlich, dass die Sünden der  Väter  an  den  Kindern  heimgesucht werden. Nur  sollte  man hinzufügen: und an deren Müttern.  Protestantische Frauen erwartete ein weniger rohes, aber  letztlich  nicht minder  grausames  Schicksal. Oft wurden  sie zu Verwandten oder Freunden geschickt, um aus dem  Blickfeld  klatschsüchtiger  Nachbarn  zu  sein.  Nach  der  Geburt wurde das Kind, wenn es nicht zur Adoption frei‐ gegeben wurde oder ins Waisenhaus kam, von einer Ver‐ wandten der Mutter als ihres aufgezogen.  Ich habe Leute gekannt, die erst als Erwachsene heraus‐ fanden, dass die Menschen, die sie  für  ihre Eltern gehal‐ ten  hatten,  in Wirklichkeit  ihre Großeltern waren,  oder  dass  eine  vermeintliche Tante  oder  ältere  Schwester  tat‐ sächlich die eigene Mutter war.  Die Alternative,  auf die  sich  sehr  viel mehr  Frauen  ein‐ ließen, als wir  jemals wissen werden, war entweder eine  selbst herbeigeführte Fehlgeburt oder eine illegale Abtrei‐ bung samt der damit verbundenen Lebensgefahr, Obszö‐ nität und Demütigung und dem physischen, emotionalen,  psychischen  und  selbst  spirituellen  Trauma,  das  sie  be‐ deutete. Diejenigen, die diese Qual überlebten, trugen für  den Rest  ihres Lebens wie eine unheilbare Krankheit die  Schuldgefühle  und  Selbstachtungsprobleme  in  sich,  die  ihnen  das  Schicksal  und  ihre Mitmenschen  aufgebürdet  hatten.  Für mich  steht nun  einmal  fest, dass  keine Gesellschaft,  394 , Nation  oder  Religion,  die  einen  solchen  Moralkodex  hochhält  und  ihren Mitgliedern  aufzwingt,  die  Bezeich‐ nung  »zivilisiert«  oder  –  sofern  sie  sich  nicht  ändert  –  irgendeine Form der Unterordnung verdient hat.  Selbst in normalen Friedenszeiten hätte ich mich einer sol‐ chen Behandlung nicht  ausgesetzt. Aber  in dieser  Situa‐ tion,  gefangen  im  Chaos  der  letzten  Wochen  vor  der  Befreiung,  ohne Möglichkeit, meine Eltern  zu  erreichen,  ohne  einen Arzt, dem  ich hätte vertrauen können,  ohne  Freunde  in der Nähe, die mir hätten helfen können, und  vor  Trauer  um  Jacob  selbst  ohne  rechten  Lebenswillen,  verfiel ich in die ganze Verzweiflung und Panik der Ver‐ lorenen, Verlassenen  und Hilflosen. Und weil  es  Jacobs  Baby war, war mir klar, dass ich es niemals anderen Men‐ schen überlassen oder dem vorgeburtlichen Tod preisge‐ ben würde. Es war alles, was mir jetzt noch von ihm blieb.  Und  in  den  Zeiten  tiefster  Verzweiflung war  es  dieses  Kind, dieses Stück von  ihm,  für das  ich weiterlebte, statt  mich zu ihm ins Grab zu flüchten.   In meinem  Schmerz brachte  ich  es nicht über mich, das  Versteck, wo wir unser »Eheleben« geführt hatten, auszu‐ räumen und ich flehte Herrn Wesseling an, nicht daran zu  rühren, bis ich stark genug wäre, es selbst anzugehen. Er  ließ sich darauf ein, vermutlich aus Angst, mein Unglück  sonst  noch  zu  verschlimmern.  Und  so  saß  ich  dort,  manchmal  stundenlang,  in  einer  Art  Wachkoma,  hielt  kleine Gegenstände in der Hand, die Jacob benutzt hatte,  seinen Trinkbecher,  sein Essbesteck,  seinen Rasierpinsel,  und  las  die  Gedichte,  die  wir  so  geliebt  hatten.  Und  395 , schrieb  ihm  lange Briefe,  als  ob  er  nur  auf Reisen wäre  und irgendwann wiederkommen und wissen wollen wür‐ de, was ich in der Zwischenzeit getan und gedacht hatte,  und ich ihm die Briefe dann geben könnte.   So war, als ich schließlich von der Schwangerschaft wuss‐ te, das Versteck  für mich bereits ein Zufluchtsort gewor‐ den. Ein sicherer Ort und tatsächlich eine Art heiliger Ort,  ein Schrein meiner verlorenen Liebe, wo ich den Gott, von  dem  ich  inzwischen  wusste,  dass  er  kein  Gott  war,  sondern der unbe‐nennbare, unerkennbare Quell unseres  gesamten fragilen Seins, um Hilfe und Trost anrief.  Jetzt  musste  ich  außer  meinem  Schmerz,  den  ich  von  meiner ganzen Natur her nur für mich allein ausdrücken  konnte  (ich hasse die öffentliche Zurschaustellung priva‐ ter Gefühle), auch noch meinen Zustand vor den beiden  Menschen  verstecken,  die  ich  Tag  für  Tag  sah,  die mir  Essen  und  Obdach  gaben  und  von  denen  ich  in  allem  abhängig war. Und das Versteck war der einzige Ort auf  dem Hof, wo  ich  ich  selbst  sein konnte. Hier konnte  ich  mich gehen lassen und meine Gefühle zeigen, konnte ich  weinen oder düsteren Gedanken nachhängen oder mich  auch einfach auf dem Bett – Jacobs Bett, in dem noch sein  Geruch  hing,  unserem  Bett  –  zusammenrollen,  in  dem  sicheren Wissen, dass mich niemand beobachtete und nie‐ mand unerwartet hereinplatzen würde. So kostbar wurde  mir dieser Ort damals, dass von all den Räumen, die  ich  in meinem Leben bewohnt habe, dies derjenige ist, an den  ich mit  den wärmsten  Gefühlen  zurückdenke,  und  der  einzige, von dem es mir Leid tut, dass ich ihn nicht noch  396 , einmal wiedersehen kann – dieses  roh zusammengezim‐ merte,  kalte,  kaum möblierte,  heuduftende Kuhstallver‐ steck.    Eine weitere englische Redensart, die mein Vater und ich  gelernt hatten: Die dunkelste Stunde ist die vor dem Hell‐ werden. So war es auch für mich.  An  einem  trübseligen Abend  im März  1945  saß  ich  im  Versteck und grübelte über die Auswegslosigkeit meiner  Lage nach,  als  ich plötzlich  jemanden die Leiter herauf‐ steigen hörte. Mein  erster Gedanke war:  Jacob. Aber  ich  wusste  noch  im  selben  Moment,  dass  das  nicht  sein  konnte, und  fragte mich, wer es war, da Frau Wesseling  jetzt nie mehr  in den Kuhstall kam und Herr Wesseling,  wenn er etwas von mir wollte, von unten nach mir  rief.  Noch  ehe  ich mich  aufgerafft  hatte  hinauszugehen  und  nachzusehen,  stand da  schon Dirk  im Eingang des Ver‐ stecks,  dürftig  erhellt  von  der  einen Kerze  in  dem  Ein‐ machglas auf dem Tisch, das Gesicht so lieb und vertraut  und  doch  so  fremd.  Geschehnisse  trennen  Menschen  ebenso wie Zeit und Raum. Was dem einen in Abwesen‐ heit des anderen widerfahren  ist und umgekehrt, macht  sie  zu  Fremden.  In  den  paar Wochen,  seit wir  uns  das  letzte Mal gesehen hatten, hatten wir beide Dinge erlebt,  die uns verändert hatten. Wir waren beide keine Jugend‐ lichen mehr. Wir waren in eine neue, erwachsene Lebens‐ phase eingetreten. Und wir merkten es beide, sobald wir  uns ansahen, noch ehe ein Wort  fiel. Und so war unsere  Begrüßung  stiller,  als  sie  es  vorher  gewesen  wäre,  ein  397 , bisschen vorsichtig, aber auch zärtlicher.  Ich weiß es noch ganz genau: Als wir uns umarmten, sag‐ te ich aufrichtig erleichtert, weil da plötzlich ein Freund in  der Not auftauchte: »Du bist wieder da!« Und Dirk sagte:  »Ja,  ich bin wieder da.«  (Was  sagt man doch  in  solchen  Momenten  für  Plattheiten!) Und  als  ich  ihn  losließ  und  einen  Schritt  zurücktrat  und  fragte:  »Ist  Henk  mit  dir  zurückgekommen?«, antwortete Dirk: »Nein.  Ich dachte,  er wäre hier.« Sie hatten zusammen etwas für den Wider‐ stand  gemacht.  Genaueres,  sagte  Dirk,  werde  er  mir  später erzählen. Es war schief gegangen. Sie waren um ihr  Leben gerannt, hatten beschlossen, sich getrennt zum Hof  durchzuschlagen. Erst Monate später sollten wir erfahren,  dass  Henk  verhaftet  und  erschossen  worden  war.  In  dieser Nacht jedoch und die ganze Zeit, bis wir die Wahr‐ heit  erfuhren, hielten wir die Hoffnung  aufrecht,  indem  wir einander versicherten, dass er sich bestimmt  irgend‐ wo versteckt halte, dass Henk ein Überlebenskünstler sei  und  dass  er  zurückkommen  werde,  sobald  der  Krieg  vorbei  sei.  Ich  habe  es  nie  wirklich  geglaubt.  Aber  in  solchen Zeiten tut man so, auch vor sich selbst, weil man  sonst  nicht  leben  könnte. Wie  einer  eurer Dichter  sagt:  »Der Mensch verträgt nicht sehr viel Wirklichkeit.«   Dann setzten wir uns an den Tisch, wie Jacob und ich so  oft dort gesessen hatten. Dirk erklärte, dass er seine Eltern  schon gesehen hatte. »Aber, Geertrui«, sagte er, »was  ist  denn mit Mama  los?«  Statt  ihn,  wie  er  erwartet  hatte,  freudig zu begrüßen, zu verhätscheln und zu behandeln,  als  sei  er  noch  ein  kleiner  Junge, war  sie  kühl,  ja,  fast  398 , schon  bitter  gewesen.  »Aha,  du  hast  also  beschlossen,  wieder  zurückzukommen?«,  hatte  sie  gesagt.  »Du  lässt  uns  im Stich, wenn wir dich am dringendsten brauchen,  und  jetzt kommst du wieder, weil du  in Schwierigkeiten  steckst  oder  etwas  brauchst,  nicht wahr?«  Er  hatte  ver‐ sucht, es ihr zu erklären, aber sie hatte gar nicht zugehört.  Während er noch geredet hatte, war sie ans Harmonium  gegangen  und  hatte  zu  spielen  begonnen.  Und  dann  benutzte Dirk die Worte, die  ich  so  oft  innerlich  gesagt  hatte, wenn ich sie hatte spielen sehen: »Es war, als ob sie  gar  nicht mehr  bei  uns wäre,  sondern  in  einer  anderen  Welt.«   Für mich war  immer  schon offensichtlich gewesen, dass  Dirk  ein Muttersöhnchen war.  Das war  auch  einer  der  Gründe,  weshalb  ich  ihn  als  Mann  nicht  recht  ernst  genommen  hatte.  Ich  glaube,  er  selbst  hatte  es  vorher  nicht  begriffen.  Aber  die  Verzweiflung,  in  die  ihn  das  Verhalten seiner Mutter  jetzt stürzte, machte es auch ihm  klar. Ich versuchte ihn zu trösten, indem ich sagte, meiner  Meinung nach habe  seine Mutter  einfach  einen Nerven‐ zusammenbruch.  Es  geschähen  so  schreckliche  Dinge.  Wenn  der  Krieg  erst  vorbei  sei,  werde  sie  sich wieder  erholen und dann werde er seine Mama wiederhaben.    Als Dirk  sich wieder gefasst hatte,  fragte  er nach  Jacob.  Sein Vater hatte  ihm erzählt, was passiert war, aber nur  ganz knapp. Er wollte von mir mehr wissen. Mir kamen  schon die Tränen, als Dirk nur  Jacobs Namen aussprach.  Ich hatte mit niemandem über uns oder über  Jacobs Tod  399 , gesprochen, weil da niemand  zum Reden gewesen war.  Es war alles in mir verkorkt und sobald der Korken gezo‐ gen war,  sprudelte  alles  aus mir heraus wie  Sekt, wenn  man die Flasche vor dem Öffnen geschüttelt hat.  Was  haben  wir Menschen  doch  für  ein  Bedürfnis,  Ge‐ ständnisse abzulegen. Vor einem Priester, einem Freund,  einem  Psychoanalytiker,  einem  Verwandten,  einem  Feind,  ja, sogar einem Folterer, wenn niemand anders da  ist; es kommt nicht drauf an, solange wir nur aussprechen  können, was uns  innerlich bewegt. Selbst die Verschwie‐ gensten unter uns tun es, auch wenn sie sich vielleicht nur  einem  Tagebuch  anvertrauen. Und  beim  Lesen  von Ge‐ schichten,  Romanen,  Gedichten,  vor  allem  Gedichten,  habe  ich  so  oft  gedacht,  dass  Literatur  eigentlich  nichts  weiter  ist  als  die Geständnisse  der Verfasser,  die  deren  Kunst  in  etwas  umgewandelt  hat,  das  für  uns  alle  Geständnis  ablegt.  Ja, wenn  ich meine  lebenslange  Lei‐ denschaft  für  das  Lesen  betrachte,  diese  eine  Beschäfti‐ gung, die mich immer über Wasser gehalten und mir das  größte und dauerhafteste Vergnügen  beschert hat, dann  denke  ich, dass das der Grund  ist, warum mir das Lesen  so viel bedeutet hat. Die wichtigsten Bücher und Schrift‐ steller  sind  für mich  die,  die  zu mir  sprechen  und  für  mich  sprechen,  die  all  das  aussprechen,  was  ich  am  dringlichsten als mein eigenes Geständnis hören muss.   Aber das nur nebenbei.  Ich wollte dir nur erklären, dass  ich Dirk  an  diesem Abend  alles  erzählte,  auch  dass  ich  von  Jacob  schwanger  war.  Er  hörte  zu,  ohne  mich  zu  unterbrechen,  ohne  sich  zu  rühren,  ohne  irgendwelche  400 , Gefühle  zu  zeigen.  Du  musst  bedenken,  dass  das  der  Mann war, der mir erst wenige Wochen zuvor seine Liebe  gestanden hatte und mich gebeten hatte, ihn zu heiraten.  Meine Geschichte muss ihm schrecklich wehgetan haben.  Ich werde  ihm  immer  dankbar  dafür  sein,  dass  er mir  zuhörte, dass er ein Mitgefühl bewies, wie man es selbst  bei  einem Freund, der keinen  solchen Grund hätte, ver‐ letzt zu sein, nur selten finden würde.   Als ich fertig war, herrschte Schweigen. Ich erinnere mich  an  das  Husten  einer  Kuh  unter  uns.  An  das  Donnern  eines  schweren Geschützes  in gar nicht  so weiter Ferne.  An das Flackern und Zischen, als ein Wasserbläschen aus  dem  unreinen  Kriegskerzenwachs  in  die  Flamme  der  Kerze  neben  uns  auf  dem  Tisch  quoll.  Es  wäre  ein  Klischee  zu  sagen,  dass  die  Welt  stillstand  oder  mein  Herz  stehen blieb. Es braucht  schon einen dieser großen  Schriftsteller,  von  denen  ich  eben  sprach,  um  für  einen  solchen Moment  neue,  unverbrauchte Worte  zu  finden.  Aber  nun  ja,  ich  bin  Leserin,  nicht  Schriftstellerin,  also  musst du dich mit dem begnügen, was ich in diesen mei‐ nen  letzten, müden  Tagen  noch  an Worten  aufbringen  kann. Vielleicht  ist das  richtige Wort  an dieser  Stelle  in  unserer  Sprache Gaping,  in  deiner  so  etwas wie  »Kluft«  oder »Lücke«. Alles, was  ich sagen kann,  ist, dass etwas  im Raum schwebte und dass Dirk und ich ebenfalls in der  Luft hingen und warteten und herauszukriegen versuch‐ ten, was es war, was es bedeutete, während wir im Leeren  baumelten.   Es war Dirk, mein  lieber,  guter,  verlässlicher Dirk,  der  401 , schließlich das Schweigen brach.   »Willst du mich heiraten?«, sagte er.   Ich starrte ihn fassungslos an.  »Bitte«,  sagte  ich,  »mach  keine Witze. Nicht  jetzt.  Und  darüber gar nie.«  Er streckte die Hand über den Tisch, wischte mir die Trä‐ nen vom Gesicht, nahm meine Hand von meinem Mund,  hielt  sie  in  seiner  und  sagte  noch mal:  »Willst  du mich  heiraten?«   Ich sagte: »Das kann nicht dein Ernst sein.«   »Doch«, sagte er.  »Warum?«, sagte ich. »Nach allem, was passiert ist.«   »Zwei Bedingungen«, sagte er auf seine  typische Art,  so  sachlich und geschäftsmäßig. »Erstens, du sagst nieman‐ dem, dass das Kind von Jacob ist. Und die zweite Bedin‐ gung  ist,  dass  unser  gemeinsames  Leben  heute  Nacht  beginnt.«   Ich  sah  ihm  in  die  Augen,  diesem Mann,  den  ich  seit  meiner Kindheit kannte, mit seiner aufrechten, geradlini‐ gen  holländischen  Art,  diesem  Mann,  der  der  engste  Freund meines geliebten Bruders war, und während  ich  ihn  ansah,  erfuhr  ich  etwas  über mich,  was  ich  bisher  nicht gewusst hatte und was mir gar nicht  lieb war.  Ich  konnte berechnend sein. Hinter meinen Emotionen – wel‐ cher Art und welcher  Intensität  auch  immer  – war  stets  ein  Teil  von  mir,  der  leidenschaftslos  und  unbeteiligt  blieb und wie ein Mathematiker auszurechnen versuchte,  was  in der  jeweiligen  Situation das Beste  für mich war.  Das war das erste Mal, dass ich mir dessen bewusst war.  402 , Ich  bezog  sogar  noch  etwas  anderes  in  das Kalkül  ein:  dass Dirk mich genauso brauchte wie ich ihn. Wegen der  Besitz  ergreifenden  Art  seiner Mutter.  Das  hatte  er  an  diesem Abend über  sich gelernt,  so wie mir klar gewor‐ den war, wie berechnend  ich sein konnte. Er musste sich  von ihr losmachen und dabei konnte ich ihm helfen. Also  sah das Ergebnis so aus: Ich mochte ihn, war gern mit ihm  zusammen,  er war  tüchtig und  stark und  er  liebte mich  sehr, viel mehr, als ich ihn je würde lieben können.   Dennoch hielt mich der Teil von mir, den ich in späteren  Jahren Mevrouwtje Uitgekookt zu nennen pflegte, davon ab,  sofort  Ja  zu  sagen.  (Uitgekookt  heißt  »ausgekocht«,  und  wenn wir an ein Wort die Nachsilbe tje anhängen, ist das  die  Verkleinerungsform,  was  heißt,  ich  nannte  mein  berechnendes  Selbst  »die  kleine  Frau  Ausgekocht«.  Mevrouwtje  Smartass  sagt  mein  Enkel  Daan,  der  mehr  amerikanische  Fernsehserien  gesehen  hat,  als  ihm  und  seinem Englisch  gut  tut.) Du musst  nach  außen  hin  ein  bisschen zögern, erklärte mir Mevrouwtje Uitgekookt. Es  ist  nicht  klug,  dich  so  schnell  und  leicht  darauf  einzu‐ lassen. Dieser Mann wird dich nur noch mehr zu schätzen  wissen, wenn du deine Würde wahrst und auch von ihm  verlangst, dass er’s  tut. Also dankte  ich Dirk, sagte  ihm,  dass  mich  sein  Antrag  sehr  überrasche  und  glücklich  mache  (was beides  stimmte und kein Theater war), dass  ich mich aber nicht auf der Stelle entscheiden könne (was  nicht stimmte, ich wusste, ich würde Ja sagen). Ob es ihm   recht wäre, wenn wir  es  uns  beide  noch mal  vierund‐ zwanzig  Stunden  überlegten?  Schließlich  sei  es  ein  sehr  403 , großer Schritt für uns beide. Besonders für  ihn, da er ein  Kind annehmen würde, das nicht seins sei, und eine Frau,  von der er wisse, dass er nicht  ihre erste Wahl gewesen  sei.   Dirk war einverstanden. Und  ich sah, dass  ihm das, was  ich gesagt hatte, gefiel. Erst als wir schon eine Weile ver‐ heiratet waren,  fand  ich heraus, dass Dirk  immer  schon  von Mevrouwtje  Uitgekookt  gewusst  hatte,  so  wie  ich  immer schon gewusst hatte, dass er ein großes, geschäfts‐ männisches Muttersöhnchen war. Er sagte, das gehöre zu  den Dingen,  die  ihm  an mir  am  besten  gefallen  hätten.  »Ich  hätte  nie  ein  Frau  geheiratet, die  nicht  scherpzinnig  ist.« (Das heißt scharfsinnig, schlau.) Für ihn war das das  größte Kompliment, das er mir machen konnte. Ich hoffe,  lieber  Jacob, du  verstehst  allmählich, warum wir  all die  Jahre unserer Ehe so gut miteinander ausgekommen sind.  Achtundvierzig Jahre haben wir stets versucht, aufrichtig  zueinander  zu  sein,  und  außerdem  durchschauten  wir  einander  sowieso  so  gründlich,  dass wir  uns  gar  nichts  hätten vormachen können.    Am  nächsten  Abend  trafen  wir  uns  im  Versteck.  Mevrouwtje Uitgekookt  hatte Überstunden  gemacht.  Ja,  erklärte  ich  Dirk,  ich  würde  ihn  heiraten, mit  Freuden  und voller Dankbarkeit. Aber auch  ich hätte da ein paar  Bedingungen.   Die erste war, dass er bis zum Ende des Kriegs auf dem  Hof  blieb  und  nicht  wieder  wegging,  um  zu  kämpfen  oder für den Widerstand zu arbeiten. Nach allem, was ich  404 , an Trennung und Verlust erlebt hätte, sei jetzt die Grenze  erreicht. Wenn er mein Ehemann werden wolle, müsse er  bei mir bleiben.  Meine  zweite  Bedingung  war,  dass  er  versprach,  was  immer  er nach Kriegsende  tun werde, nicht von mir  zu  verlangen,  hier  auf  dem Hof  zu  leben.  Ich wusste,  eine  Bäuerin würde ich nie sein können.  Die  dritte  Bedingung.  Ich  könne  verstehen,  sagte  ich,  warum er mit mir schlafen wolle. Dann würden wir auf‐ richtig sagen können, wir hätten miteinander geschlafen.  Wir bräuchten  ja nicht zu sagen, wann genau. Die Leute  würden davon ausgehen, dass das Kind von ihm sei. Wir  würden gar nichts dazu sagen müssen. Also, ja, ich würde  mit  ihm  ins  Bett  gehen, würde  im wortwörtlichen  Sinn  mit  ihm  schlafen. Aber mehr nicht. Mehr  sei nicht mög‐ lich, so  lange das Kind nicht geboren sei, es wäre Verrat  an  meinen  Gefühlen  Jacob  und  dem  Kind  gegenüber.  Und, wie mir  schien, auch an  ihm. Außerdem,  fügte  ich  hinzu, könne  ich nicht mit  ihm hier  im Versteck  ins Bett  gehen, weil das  für mich  immer der Ort sein werde, wo  ich mit  Jacob  gelebt  hätte. Also  sei meine  dritte  Bedin‐ gung, dass er mir  jetzt helfen müsse, alles, was mit Jacob  verbunden  sei,  zusammenzupacken  und  dann  das  Ver‐ steck ganz abzubauen. Diesen Teil meines Lebens müss‐ ten wir  beide  gemeinsam  auflösen,  ehe  ich mein  Leben  mit ihm beginnen könne.  Ich wisse, sagte ich, dass ich nicht in der Position sei, ihm  irgendwelche Bedingungen aufzuerlegen, aber nur wenn  er  diese  drei  akzeptiere,  könne  ich  ihn  heiraten,  denn  405 , wenn er  sie nicht akzeptiere,  sei  für mich klar, dass wir  einander nie  respektieren und nie miteinander glücklich  werden  könnten.  Danach  redeten wir  noch  lange,  drei,  vier  Stunden,  schätze  ich.  Nicht,  weil  Dirk  Einwände  erhoben oder meine Bedingungen nicht akzeptiert hätte.  Er akzeptierte sie sofort. Wir redeten so  lange, weil es so  viele  Zukunftsfragen  zu  erörtern  gab. Und  da wir  nun  mal beide gern  redeten, wie hätte  es  anders  sein  sollen!  Darüber will  ich  dir  nichts  erzählen,  das  hat  nichts mit  dem  zu  tun, was  du  über mich  und  deinen  Großvater  wissen musst.  Aber  du  kannst  es  dir  sicher  vorstellen.  Und wir  hätten  die  ganze Nacht  so weitermachen  kön‐ nen,  aber  wenn  wir  Dirks  Bedingung,  in  dieser  Nacht  noch zusammen zu schlafen, und meine Bedingung, das  Versteck aufzulösen, erfüllen wollten, dann mussten wir  aufhören und an die Arbeit gehen. Diese Aufgabe nahm  weitere zwei, drei Stunden in Anspruch. (Immer geht das  Zerstören  so  viel  schneller  als  das Aufbauen. Dirk  und  Henk hatten zwei volle Tage gebraucht, um das Versteck  zu bauen, ganz zu schweigen von der Zeit, die es gekostet  hatte, es so komfortabel wie möglich einzurichten.)  Als das getan war, gingen wir  ins Haus, um uns vorzu‐ bereiten. Frau Wesseling war schon im Bett. Herr Wesse‐ ling  saß  am  Feuer,  obwohl  seine  übliche  Zubettgehzeit  längst vorbei war. Er  tat, als döste er, aber mir war klar,  dass er  in Wirklichkeit darauf wartete, Dirk noch einmal  sehen  zu können.  Ich ging  in mein Zimmer. Die beiden  Männer saßen noch eine Stunde zusammen und redeten.  (Ich horchte ungeduldig auf das Schlagen der alten Stand‐ 406 , uhr.) Dann ihre Schritte auf der Treppe. Ihr letztes geflüs‐ tertes Gute Nacht.  Ihre Schlafzimmertüren. Und  erneute  Warterei, während die Uhr  zwei weitere Viertelstunden  schlug.  Ich lag die ganze Zeit im Bett, der Wärme wegen. Es war  eine schrecklich kalte Nacht. Und wenn man ungeduldig  auf jemanden wartet, ist man ja oft angespannt und ärger‐ lich,  bis  man  dann  irgendwann  denkt,  dass  derjenige  nicht  mehr  kommt,  und  schließlich  wegdöst.  Genauso  ging  es mir  an  jenem Abend.  Ich weiß  nur  noch,  dass  plötzlich Dirk  sanft an meiner Schulter  rüttelte.  Ich  fuhr  erschrocken  hoch. Das Bett  knarzte  laut  genug,  um  das  ganze  Haus  zu  wecken. Wir mussten  uns  das  Kichern  verkneifen. Wir begannen unser gemeinsames Leben  so,  wie wir es zum Glück auch fortführen konnten: lachend.    Dirk und  ich wurden zwei Wochen  später von unserem  Bürgermeister, auf den wir uns verlassen konnten, heim‐ lich  getraut.  Es  musste  heimlich  passieren,  denn  sonst  wäre Dirk  von  den Deutschen  geholt  und  zur Zwangs‐ arbeit  geschickt  worden.  Bald  darauf,  im  April,  wurde  unser  Teil  der  Niederlande  befreit.  Jacobs  Kind, meine  Tochter Tessel, wurde  im August geboren. Du kennst sie  als  Mevrouw  van  Riet,  Daans  Mutter.  Man  könnte  in  gewisser Weise sagen, dass sie deine holländische Mutter  ist. Und Daan  dein  holländischer  Bruder.  Jacobs  Leich‐ nam wurde später im selben Jahr exhumiert und auf dem  Soldatenfriedhof von Oosterbeek beigesetzt.   Ich  habe meinem Mann Dirk  gegenüber Wort  gehalten  407 , und, solange er  lebte, keiner Menschenseele erzählt, wer  Tessels wirklicher Vater war. Doch als er vor zwei Jahren  starb, fand ich, dass Tessel es wissen sollte. Das war nicht  leicht  für sie. Aber  ich habe  immer schon geglaubt, dass  es besser ist, die Wahrheit zu kennen, auch wenn sie noch  so hart und schmerzhaft ist. Ich wollte, dass meine Toch‐ ter  ihre wahre Geschichte kennt. Es  ist wichtig, wo man  herkommt, wo man seine Reise begonnen hat, auch wenn  man unterwegs von jemand anderem aufgezogen wurde.  So wie  es wichtig  ist, den  eigenen Platz  in der Welt  zu  kennen. Außerdem ist da, wie gesagt, dieser menschliche  Drang, Geständnisse abzulegen, der Wunsch, unsere ge‐ heimsten Geschichten zu erzählen. Und  eine Lüge, auch  wenn  es  nur  eine  Lüge  durch  Verschweigen  ist,  eine  Unterlassungslüge,  wie  unsere  katholischen  Nachbarn  sagen  würden,  kann  einem  die  Seele  zerfressen  wie  Krebs. Körperlichen Krebs zu haben,  reicht mir.  Ich will  die Krebsgeschwülste einer unausgesprochenen Wahrheit  von meinem Gewissen haben, ehe ich sterbe.   Da war  noch  jemand,  dem  ich  ein  Geständnis machen  musste. Deine Großmutter  Sarah. Natürlich wusste  ich,  dass  ich mich  ihr gegenüber unrecht verhalten hatte. Es  entschuldigt nichts zu sagen, dass wir jung waren, dass es  an den Strapazen und Wirren des Krieges  lag oder dass  wir vorhatten,  ihr gegenüber so offen und behutsam wie  irgend möglich zu sein, sobald der Krieg vorbei wäre. Das  alles war  so. Aber  das  spricht  uns  nicht  frei.  – Als  ich  deine Großmutter hierher einlud, hatte  ich vor, es  ihr zu  erzählen.  Ich  habe  ihr  nichts  von  dem  gesagt, was  du,  408 , Jacob,  jetzt  über  meine  Krankheit  und  meinen  bevor‐ stehenden Tod weißt. Dann  schrieb  sie  zurück, dass  sie  nicht  kommen  könne  und  ob  ich  nicht  stattdessen  dich  einladen könne. Jetzt, da du groß genug seist, fände sie es  gut, wenn du die Möglichkeit hättest, Jacobs Grab zu be‐ suchen und mich zu  treffen, um die Geschichte der  letz‐ ten Tage deines Großvaters direkt, wie sie es ausdrückte,  »aus  dem Maul  des  Pferdes«  zu  erfahren  (noch  so  eine  gängige Redensart, die mein Vater und  ich damals  lern‐ ten).   Ich war  sehr  betroffen,  als  ich  erfuhr, dass  ich  es  Sarah  nicht von Angesicht zu Angesicht sagen konnte. Ich hätte  es  ihr  natürlich  aufschreiben  können.  Aber  jemandem  etwas  schriftlich  gestehen  ist  nicht  dasselbe.  Es  von  Angesicht  zu Angesicht  zu  tun,  heißt,  ungeschützt  den  Emotionen  ausgesetzt  zu  sein. Dem  Schmerz,  den man  zufügt,  nicht  entgehen  zu  können.  Da  gibt  es  kein  Versteck. Der  schuldige Teil, der das Geständnis  ablegt,  muss den Zorn  oder die Trauer, die Verzweiflung  oder  die  Rachsucht,  die  Tränen  oder  die  Verachtung  des  zuhörenden Teils ertragen. Und gegebenenfalls auch das  Verstehen und Verzeihen. Das ist das Schwerste. Die Wut  des anderen akzeptiert  in gewisser Weise, dass wir sind,  wie wir sind. Wir brauchen uns nicht zu ändern. Sie be‐ wirkt, dass wir uns rein gewaschen fühlen, gerechtfertigt,  sie  beweist  uns,  dass  unser Verhalten  in Ordnung war.  Mildes  Verzeihen  und  tolerantes  Verstehen  hingegen  bestätigen uns unsere Missetat,  spiegeln uns unser Fehl‐ verhalten  zurück,  lassen  uns  keinen  Ausschlupf  und  409 , tragen die Erwartung der Wiedergutmachung in sich. Das  alles halten wir gewissermaßen auf Armeslänge, in siche‐ rer Entfernung, wenn wir unsere Geschichte aufschreiben  und wegschicken.   Daan war es, der mir vorschlug, mein Geständnis dir zu  machen. Du kannst es Sarah nicht erzählen, sagte er, also  erzähl  es  ihrem  Enkel.  Lass  die  Sünden  der  Väter  ihn  heimsuchen, das ist sein Erbe, so wie deine Sünden meins  sind. Lass  ihn damit machen, was er will. Er wird schon  damit klarkommen, so wie ich auch damit klargekommen  bin.  (Du  kennst  ja  wohl  inzwischen  Daans  Art  von  Humor.) – Und das wollte ich zunächst auch. Ich fing nur  an  aufzuschreiben, was  ich  sagen wollte,  um  es  besser  formulieren zu können, weil mein Englisch anfangs noch  ziemlich  eingerostet  war.  Ich  habe  zwar  immer  weiter  Englisch gelesen, es aber in den letzten Jahren kaum noch  gesprochen. Doch  dann  bekam  das  Erzählen  ein  Eigen‐ leben. Und irgendwann dachte ich schließlich, dass du die  Geschichte  deines  Großvaters  vielleicht  ganz  gern  in  ordentlich  aufgeschriebener  Form  hättest,  als  ein Doku‐ ment,  das  du  aufbewahren  und  vielleicht  eines  Tages  deinen Kindern geben kannst, damit sie diesen Teil  ihrer  Geschichte  auch  »aus  dem Maul  des  Pferdes«  erfahren.  (Was ihnen natürlich als ein sehr fernes Stück Geschichte  erscheinen wird!) Also gebe ich dir jetzt das hier.   Und außerdem noch drei Dinge, die du haben sollst. Zum  einen die Fallschirmjägerabzeichen, die ich in jenen ersten  Tagen in unserem Keller von der zerfetzten Uniform die‐ nes Großvaters  abgetrennt  habe  und  die  ich  behielt,  als  410 , ich seine übrigen Sachen nach dem Krieg Sarah schickte.  Als Andenken  an  ihn  und  an  den  Tag,  an  dem  ich  die  Fallschirme aus dem unendlichen blauen Himmel herab‐ schweben sah.   Zum  zweiten  den Gedichtband,  den mir  der  arme  Sam  schenkte,  das  einzige  englischsprachige  Buch,  das  wir  hatten. Das Buch, aus dem dein Großvater und ich uns in  der Zeit, die wir zusammen waren,  jeden Tag vorgelesen  haben.   Zum dritten das Andenken, von dem ich an anderer Stelle  sagte,  ich würde  dir  noch  davon  erzählen. Als wir  uns  unsere Liebe gestanden,  Jacob und  ich, wollten wir, wie  es  viele Menschen  in  dieser  Situation  tun,  symbolische  Liebespfänder  tauschen.  Jacob wollte, dass es Ringe sein  sollten. Aber  das  ließ  ich  nicht  zu. Wie  immer wir  uns  selbst sahen, wir waren nicht verheiratet. Jacob verfiel auf  die Lösung, zwei haargenau gleiche kleine Talismane her‐ zustellen. Die  Inspiration  dazu war  eine  bestimmte Art  von Schnitzwerk, die man damals auf vielen Bauernhöfen  fand, so etwas wie ein magisches Symbol aus Holz, Stroh  oder  manchmal  auch  Metall,  das  man  an  den  Giebel‐ balken von Scheunen oder auf Heuhaufen anbrachte, um  das  Böse  abzuwenden  und  das Gute  anzulocken.  Jacob  schnitt unsere Talismane mit  seinem Militärtaschenmes‐ ser aus einem Stückchen Blech, das er auf dem Heuboden  fand.  Er  glättete  die Kanten mit meiner Nagelfeile  und  polierte  das Ganze mit  der Creme,  die wir  zum  Silber‐ putzen nahmen. Und beim  Schneiden  achtete  er darauf,  dass  oben  eine  kleine Öse war,  sodass wir  die Glücks‐ 411 , bringer auf Halsketten ziehen konnten.   Diese Geveltekens, Giebelzeichen, gibt es in vielen Formen  und  jede hat  ihre eigene Bedeutung. Die Form, die  Jacob  für unser Liebeszeichen wählte, besteht aus einem Besen,  um den Donner wegzufegen, einem Lebensbaum, einem  Sonnenrad  und  einem  Kelch.  »Mögen  diese  Zeichen  unserer Liebe«,  sagte  er,  als wir mit  einer  kleinen Zere‐ monie  unsere  Anhänger  tauschten,  »den  Donnerzorn  abwenden, der dir droht, weil du mich  liebst, dich vom  herrlichen Baum des Lebens  speisen, die goldene  Sonne  stets auf dich scheinen lassen und dich bis zum Rand mit  Freude darüber erfüllen, dass du meine geliebte Geertrui  bist.«  (Und  zu der Zeit konnte  er meinen Namen  schon  fast richtig aussprechen.)   Den Talisman, den Jacob mir gab, habe ich Daan gegeben.   Den Talisman, den ich Jacob gab, gebe ich jetzt dir.   Hier  also die drei Dinge. Die Erinnerung  an die  Kriegszeit deines Großvaters. Die Worte, die wir  einander  vorsprachen. Und  das Zeichen  unserer  Liebe.  Sie  sind  mir  kostbarer,  als  ich  es  je  mit  Worten  ausdrücken  könnte,  egal,  ob  in  deiner  Sprache oder in meiner.   Für dich  von deiner holländischen Großmutter  Geertrui     412 , POSTKARTE  Was geschieht, das ist zuvor geschehen,  und was geschehen wird, ist auch zuvor geschehen,  und Gott sucht wieder auf, was vergangen ist.  Der Prediger Salomo    »Hat Daan dir erklärt, weshalb ich dich heute sehen woll‐ te?«, sagte Geertrui.  Jacob  saß  auf demselben Krankenhausstuhl wie neulich,  genauso  unsicher  und  verlegen,  und Geertrui  ruhte  auf  ihrem Kissenwall, die beunruhigenden Augen zur Decke  gerichtet,  genau wie  beim  letzten Mal.  Er  sagte:  »Nein.  Gar nichts.«   Schweigen. Die Luft würde sirren, wenn man daran zupf‐ te.   »Ich möchte dir  etwas  geben.« Geertrui  schnappte  nach  Luft. Wartete einen Moment. Wandte den Blick dann zu  ihm. »Dann müssen wir uns voneinander verabschieden.«   Jacobs Kehle war rau, er konnte nicht sprechen.   »Die Nachttischschublade.«  Er schaffte es, sie zu öffnen, obwohl seine Gelenke einge‐ rastet und seine Muskeln miteinander verschweißt waren.   »Das Päckchen.«  Ein Päckchen von der Größe eines Laptops,  in glänzend  blutrotem Papier, mit himmelblauem Band umschnürt.   413 , »Nimm es.«   Er legte es neben Geertrui aufs Bett.  »Für dich.«  Er konnte immer noch nichts sagen.  »Mach  es  in  der Wohnung  auf. Nicht  vorher.  Verspro‐ chen?«   Er nickte.  »Alles, was ich dir sagen kann, ist da drin.«   Er starrte auf das Päckchen, als könnte es  jeden Moment  anfangen zu reden.  Wieder Schweigen. Die Luft zum Splittern.   Geertrui sagte: »Lass uns den Schmerz nicht verlängern.«   Etwas bewegte sich auf dem Bett. Jacob sah hin.  Geertrui streckte ihm ihre Maushand hin.   Er stand auf.  Ihre Finger waren so fragil, dass er Angst hatte, sie zu zer‐ brechen, also nahm  er  ihre Hand zwischen  seine beiden  Hände.   »Vaarwel«, sagte sie. »Leb wohl.«   Er versuchte zu sprechen, aber es kam nichts heraus.   Stattdessen  folgte  er  seinem  Instinkt,  beugte  sich  zu  ihr  hinunter und gab ihr, ganz vorsichtig, damit sein Körper  ihn nicht verriet, einen sanften Kuss auf die Wange.   Ihre Hand flatterte in seinen Händen.   Entfiel ihm, als er sich aufrichtete.  Unfähig, sie anzusehen, nahm er das Päckchen vom Bett,  presste es an die Brust und schaffte es irgendwie zur Tür.   Dort angekommen, hörte er sie ganz leise sagen: »Jacob.«   In ihren Augen glänzten Tränen und sie lächelte.   414 , Er sah sie an, hätte gern etwas gesagt.  Aber alles, was er  fertig brachte, war zu nicken und zu‐ rückzulächeln.  415 , POSTKARTE  XXXXXXXXXXX   X   XXXXXXXXXXX  XXXXXXXXX   X   XXXXXXXXX  XXXXXX   X   XXXXXX    »Ja«, sagte Daan. »Ich hab ihr dabei geholfen.«   Sie  saßen  in  Geertruis  Wohnung  auf  ihren  üblichen  Plätzen, Daan auf dem Sofa, Jacob im Sessel, den Rücken  zum  Fenster,  das  auf  die  Gracht  hinausging.  Geertruis  Geschichte,  ganze  einhundertvierundzwanzig  DIN‐A4‐ Seiten  in  einem  orangefarbenen Ringbuch,  lag  zwischen  ihnen auf dem Couchtisch.   »Ihr geholfen ?«  »Es  für sie getippt.  Ihre Handschrift hättest du nie  lesen  können. Und außerdem ging es ihr einfach oft zu schlecht  zum  Schreiben,  also  hat  sie’s  diktiert.  Sie  hat  immer  weiter  Englisch  gelernt,  liest  dauernd  englische  Bücher,  guckt  jede  Menge  BBC.  Deshalb  kann  sie’s  gut.  Aber  manchmal  brauchte  sie  trotzdem Hilfe.  Formulierungen  finden. Wörter  nachschlagen.  Und  es  gab  Passagen,  na  ja ...  die  Medikamente.«  Er  zuckte  die  Achseln.  »Man  könnte wohl sagen, ich hab’s redigiert.«  »Aber es ist alles ihre Geschichte? Ich meine, das ist alles  wirklich passiert?«   »Dachtest du, sie hätte sich’s ausgedacht?«  417 , »Es ist einfach so irre. Deine Großmutter und mein Groß‐ vater.«  »Einen Teil hab ich für sie geschrieben. Das hat sie zu sehr  aufgewühlt. Sie konnte es nicht mal diktieren.«   »Welchen Teil?«   »Nach Jacobs Tod.«   »Dann hast du das erfunden?«  »Nein, nein. Geertrui hat mir auf Niederländisch erzählt,  was  war.  Ich  weiß  nicht  warum,  aber  über  Dinge,  die  einen  sehr  aufwühlen,  kann  man  immer  besser  in  der  eigenen Sprache reden.«  »Sie hat’s dir erzählt –?«  »Ja. Und  ich hab’s dann  auf Englisch hingeschrieben,  in  ihrem Stil, so gut ich konnte. Und ein paar Sachen hat sie  dann noch geändert.«   »Zum Beispiel?«  »Warte mal... Das mit der Uhr. Wie sie tickt. Und wie sie  sie um Mitternacht  anhalten. Das  hatte  sie  gar nicht  er‐ wähnt.  Ist  ihr erst wieder eingefallen, als  ich  ihr meinen  Text vorgelesen habe. Als  ob  sie beim Hören  alles noch  mal vor sich gesehen hätte. Man sollte es nicht  für mög‐ lich halten, aber sie  trauert  immer noch um  ihn, nach all  den Jahren.«    Gleich  nach  seiner Rückkehr  von Geertrui war  Jacob  in  sein Zimmer  gegangen,  hatte  das  Päckchen  ausgepackt,  den  Inhalt  inspiziert und die Geschichte  sofort  in einem  Rutsch gelesen. Stunden später war er, nach Luft schnap‐ pend, wieder aufgetaucht. Unfähig ruhig dazusitzen, ver‐ 418 , wirrt, was seine Gefühle und Gedanken anging, musste er  mit jemandem reden.  Jacob sagte: »Sie macht diesen Scherz, dass du so was wie  mein  holländischer Bruder  bist. Aber  in Wirklichkeit  ist  deine Mutter meine Tante. Womit wir beide Vettern er’s‐ ten Grades wären.«   »Macht’s dir was aus?«   Daan lächelte.   »Nein. Es gefällt mir.«   »Mir auch.«  Jacobs Magen krampfte sich zusammen.   »Oh Gott!«   »Was?«   »Sarah.«   »Wieso?«  »Sie weiß es nicht.«  »Niemand weiß  es,  außer  dir  und mir  und meinen  El‐ tern.«   »Aber –«   »Vergiss es.«   »Er ist ihr Gott.«   »Gott?«  »Na  ja,  fast. Mein Großvater  ist  alles  für  sie.  Ihr ganzes  Leben.  Sie hat  sogar meine Eltern dazu überredet, mich  nach  ihm  zu  nennen,  verflixt!  Sie  sieht  mich  als  seine  Reinkarnation.«  »Dann hast du allerdings ein Problem.«   »Du sagst, Geertrui trauert  immer noch. Na  ja, Sarah hat  nie wieder geheiratet. Kein anderer Mann konnte ihm das  419 , Wasser reichen. Sie glaubt, sie und Großvater haben eine  perfekte Ehe geführt.«   »So was gibt’s nicht.«   »Aber Sarah glaubt, dass es so war.«  »Okay. Gut. Vielleicht war’s  ja so, für – wie  lange waren  sie zusammen?«   »Drei Jahre.«  »Aber  dann  kommt  unser  Grootvader  hierher,  um  den  deutschen Drachen  zu  töten, und das  erste holländische  Mädchen, das er sieht, verliebt sich so heillos in ihn, dass  es  fünfzig  Jahre  später  immer noch ganz hingerissen  ist.  Muss  ja  ein  toller Hecht gewesen  sein, unser Großvater,  was? Hoffen wir mal, dass wir seine Gene geerbt haben.«   »Aber seine Gene bedeuten vielleicht auch einen Herzin‐ farkt in den Zwanzigern.«  Daan zuckte die Achseln. »Wenn’s vorbei ist, ist’s vorbei.«   »Sei nicht so locker‐flockig.«   »Bin ich locker‐flockig?«   »Ich mein’s ernst.«  »Das  seh  ich  allerdings!  Du  bist  ein  ernster  Mensch,  Vetter‐Bruder,  sehr  ernst!  Sei  doch  mal  ein  bisschen  lockerer.«   »Sag  nicht,  ich  soll  lockerer  sein.  Ich  hasse  diesen  Satz,  das  ist so platt.  Ich weiß nicht, was es bei Sarah auslöst,  wenn sie hört, wie das alles war.«  »Hey, hey! Moment mal! Du willst es  ihr doch nicht er‐ zählen?«  »Aber das muss ich doch.«   »Nein, nein. Das wäre nicht richtig.«   420 , »Nicht richtig! Es ihr nicht zu sagen, meinst du wohl.«   »Das kann nicht dein Ernst sein. Wozu denn? Würde das  irgendwas  bringen? Nein,  nur  schaden.  Sie  ist  eine  alte  Frau. Lass sie in Frieden.«  »Geertrui wollte  es  ihr doch  sagen.  Sie hielt  es  für  rich‐ tig.«   »Geertrui ist eine alte Frau. Wird im übrigen Zeit, dass du  ihren Namen  richtig aussprechen  lernst. Und sie  ist eine  sehr  kranke  alte  Frau,  die  bald  sterben  wird.  Sie  weiß  doch die Hälfte der Zeit kaum noch, wo sie  ist und was  sie sagt.«   »Aber als sie wusste, was sie sagte, wollte sie, dass Sarah  es wissen sollte.«  »Stimmt. Aber  sie wollte  es  ihr  selbst  sagen. Von Ange‐ sicht zu Angesicht. Richtig?«   »Richtig.«  »Schau,  das  ist  doch  alles  ihre  Sache.  Geertruis  und  Sarahs, meine ich. Eine Sache zwischen zwei alten Frauen.  Zwei Gleichen.  Zwei Menschen  aus  einer  anderen  Zeit.  Einem  anderen Zeitalter  sogar.  Jedenfalls  einer  anderen  Generation. Es hat sich doch alles geändert. Das  ist nicht  unsere Sache. Deine und meine. Und  es  ist nicht unsere  Sache,  ihnen  ihre  alten Tage  noch  schwerer  zu machen.  Alt sein ist so schon schwer genug, wenn du mich fragst.«  »Aber was Geertrui da gesagt hat, dass Lügen die Seele  vergiften?  Selbst wenn  es  nur Unterlassungslügen  sind.  Willst du, dass deine Seele vergiftet wird?«  »Seele! Wer weiß schon was über Seelen? Und außerdem  meinte sie eigene Lügen, nicht die von  jemand anderem.  421 , Sonst wären wir doch alle von Geburt an vergiftet. Für sie  ist  diese  Lüge  etwas  Innerliches.  Sie  hat  sie  gelebt. Die  Lüge  ist Teil  ihres Lebens. Also,  ja, wenn du so willst, es  könnte sie vergiften. Aber  für dich und mich  ist es doch  etwas Äußerliches. Wir haben doch nur davon gehört. Für  uns  ist es nichts als Information. Es kann uns nichts  tun.  Nicht, wenn wir’s nicht zulassen.«  »Kann es wohl. Wenn es mich quält.«   »Genau das meine  ich doch! Lass dich davon nicht quä‐ len.«  »Ich kann nichts dagegen machen.  Ich bin nun mal von  Natur aus selbstquälerisch.«  Von  der  Gracht  her  kamen  laute  Jungmännerrufe  und  Mädchengekreische. Jacob stand auf und trat ans Fenster.  Eine Horde  Touristen, mit  Juxhüten  und wilden Urlau‐ berklamotten, alberten auf Tretbooten herum. Als er auf  ihr  enthemmtes  Treiben  hinabsah,  flog  ein  Reiher  in  seiner Augenhöhe  vorbei,  der Gracht  nach,  in Richtung  Bahnhof  und  Fluss.  Träge  Schwingenschläge,  elegant  weggeklappte  Beine,  der  lange  Hals  gefaltet,  der  Con‐ corde‐Schnabel wie  eine  Speerspitze. Wie  schön  es  sein  musste,  dachte  er,  diese  alt‐neue,  jedem‐alles‐bietende  Stadt  aus  der Vogelperspektive  zu  sehen,  so wie  er  sie  gestern auf der Bootsfahrt aus der Fischperspektive gese‐ hen hatte. Was  ihn an Ton erinnerte. Er  fragte  sich, was  Ton  wohl  zu  der  Sache mit  Geertrui  und  Sarah  sagen  würde. Und  auch Hille.  Er wollte,  sie wären  jetzt  hier.  Nein, nicht beide gleichzeitig. Zu viel auf einmal.   Die Domkoppen  veranstalteten  jetzt  ein Rennen,  radelten  422 , wie ungezogene Kinder in Richtung des Sexviertels hinter  der nächsten Brücke. Schreiende Möwen kreisten. Früher  hätten jetzt dort draußen Segelschiffe gelegen, die Masten  höher  als das Haus. Ein  zweistrahliger KLM‐Jet war  im  Anflug auf Schiphol. Am Donnerstag ging  sein Flug zu‐ rück nach England. Noch zwei Tage.  Und plötzlich dachte  er  erstmals und  zu  seiner  eigenen  Überraschung: Ich will nicht zurück. Ich will hier bleiben.  Hier gibt es mehr  für mich. Und hier kann  ich mehr  ich  selbst sein. Er drehte sich zu Daan um, der entspannt auf  dem Sofa lümmelte.   »Meneer Smartass«, sagte er.  Daan  lachte. »Ja,  ja! Aber hör auf deinen großen Bruder,  mein selbstquälerischer englischer Vetter.«   »Ihr alten Männer  seid echt versessen drauf, uns  jungen  gute Ratschläge zu geben.«  »Hoijoi! Aber willst  du wirklich  deiner Großmutter  die  letzten Lebensjahre kaputtmachen? Dann mach nur, ver‐ rate ihr das schreckliche Geheimnis. Aber nein, das willst  du nicht. Du nicht. Du bist kein Kaputtmacher.«   »Ist das eine Schmähung oder ein Kompliment?«   »Wie du meinst.«   Er setzte sich wieder hin.   »Was sagt Tessel dazu?«  »Ihr passt das Ganze gar nicht. Sie wollte, Geertrui hätte  es für sich behalten. Es regt sie nur auf. Sie hat ihren Vater  geliebt  –  Dirk, meine  ich.  Sie  ist  eine Wesseling,  keine  Todd, sagt sie. Sie wusste gar nichts von  Jacob. Dirk hat  sie aufgezogen und er hat es gut gemacht. Ich mochte ihn  423 , auch  sehr  gern.  Sie  ist  seine  Tochter,  sagt  sie,  nicht  die  von  Jacob.  Sie  versucht,  das  alles wegzuschieben. Aber  das  geht  natürlich  nicht. Wenn Geertrui  nicht mehr  da  ist... dann vielleicht.«   »Dann meint sie also, ich hätte es auch nicht erfahren sol‐ len.«   »Sie meint,  es  sei  ein  Fehler. Und  sie will mit  all  dem  nichts zu tun haben. Es ist ihr eine grässliche Vorstellung,  dass wir drüber reden. Und sie hat Angst, was das bei dir  auslöst.  Sie wollte  nicht,  dass  du  herkommst. Aber  am  Sonntag hat  sie dich  ins Herz geschlossen.  Sie  redet die  ganze Zeit von dir.« Er  lächelte. »Vielleicht sieht sie  ja  in  dir den Sohn, der ich hätte sein sollen.«   »Red keinen Blödsinn.«   »Wie du meinst.«  Jetzt  wusste  er  nicht,  was  sagen.  Da  war  zu  viel  und  nichts  davon  gelangte  bis  in  seinen Vorderkopf,  den  er  immer als den Ort empfand, wo seine Gedanken in Worte  gefasst wurden. Sein Magen war ein einziger Knoten.   Nach  einer  langen  Schweigepause  sagte Daan:  »Ich will  mal telefonieren«, und ging ans Telefon in der Küche.   Jacob  rührte  sich  nicht.  Sein  Körper  hing  immer  noch  diesen  letzten Minuten mit  Geertrui  nach. Während  in  seinem Kopf Episoden ihrer Geschichte abliefen wie Film‐ szenen. Und was es noch verwirrender machte: Die junge  Geertrui war Hille, ihr Jacob war er selbst.  Er wusste, es bestand Mausstimmungsgefahr, wenn es so  weiterging, aber er wusste nicht, wie er es stoppen sollte.   Daan kam wieder.  424 , »Wir  könnten  die  ganze  Nacht  drüber  reden  und  es  würde  trotzdem nirgends hinführen. Was wir beide  jetzt  brauchen, ist Ablenkung.«  Daans Energie rüttelte Jacob wieder auf. Er wusste, Daan  hatte Recht.  »Tut mir Leid, dass ich so ein Langweiler bin.«   »Nein. Ist schon okay. Ich versteh’s  ja. Wir brauchen was  zwischen die Rippen. Ich habe Ton angerufen. Er kommt  zum Essen  rüber. Später könnten wir dann vielleicht  ins  Kino  gehen. Willst  du  nicht  ein  bisschen Musik  hören  oder was, während ich uns was mache?«  »Ich habe eine bessere Idee. Du und Ton, ihr habt mir die  ganze  Zeit  mein  Essen  und  Trinken  bezahlt  und  alles  Mögliche  für  mich  getan.  Jetzt  bin  ich  mal  dran.  Ich  mache das Essen.«   »Du kannst kochen?«  »Was ist daran so erstaunlich? Magst du Kalbfleisch?«   »Ob ein Holländer Kalbfleisch mag! Also wirklich!«   »Okay,  dann  brauche  ich Kalbsschnitzel,  Prosciutto,  die  Crudo‐Sorte,  frischen  Salbei,  Tomaten,  gutes  Olivenöl,  Weißweinessig,  Knoblauch,  jede  Menge  frisches  Basili‐ kum. Mal überlegen, was noch? Ah  ja, Zeug  für grünen  Salat, Spaghetti und frisches Baguette.«  »Italienisch.  Gut.  Einiges  habe  ich  da,  ein  paar  Sachen  müssen wir kaufen.«  »Nicht wir.  Ich muss  sie kaufen. Und wie wär’s mit Eis  zum Dessert?«  »Damit hättest du bei Ton einen Stein im Brett. Er liiiiebt  Eis.«  425 , »Bei Ton hab ich sowieso schon einen Stein im Brett, auch  ohne Eis. Also, helft mir fort, McDuff.«   »Mijn hele leven zocht ik you«, sang Daan in übertriebenem  Lacrimoso, während  sie  zusammen  ins Treppenhaus hin‐ ausgingen, »om – eindelijk gevonden – te weten wat eenzaam  is.«   »Okay, okay, du brauchst es nicht breitzutreten.«    Spaghetti, die dünne Capellini‐Sorte, mit  einer  Soße  aus  klein  geschnittenen  Tomaten,  viel  frischem  Basilikum,  Olivenöl,  einem  Schuss  Weinessig,  zerdrücktem  Knob‐ lauch, Salz, Pfeffer und einer Prise Zucker, alles noch ein‐ mal kurz erhitzt, sobald die Spaghetti gar waren.   Aufgekratzt, weil so weit alles geglückt war, und erhitzt  vom Wein, den er zu schnell trank, verspürte Jacob einen  Anfall von Spitzbübigkeit.  Gespielt unschuldig sagte er zu Ton: »Daan hat mir neu‐ lich das Titusbild gezeigt.«  Ton und Daan grinsten sich über den Tisch hinweg an.   »Hat Daan mir schon erzählt«, sagte Ton. »Hat’s dir gefal‐ len?«  »Ganz nett. Bisschen braun vielleicht.«   »Aber er ist so hübsch, findest du nicht?«   »Daan sagt, Titus sieht aus wie ich.«   »Findest du nicht?«  »Ich würde nicht sagen, dass ich hübsch bin.«   »Nein?«  »Und Daan hat mir erzählt, dass sie Lippenstiftspuren auf  Titus’ Mund  gefunden  haben,  als  hätte  ihn  jemand  ge‐ 426 , küsst.«   Daan  gluckste  leise  in  seine  Spaghetti.  Ton  erwiderte  Jacobs Unschuldsblick.   »Ja«, sagte er, »hab ich gehört.«   »Aber sie haben den Täter nicht erwischt?«   »Nein?«  »Sie  haben  keine  Ahnung,  wer’s  war.  Sagt  Daan.  Ko‐ misch, ich habe das Gefühl, dass er es weiß.«   »Daan!«,  sagte  Ton.  »Davon  hast  du mir  gar  nichts  ge‐ sagt.«   »Nein,  nein!«,  sagte  Daan  und  grinste  in  seinen Wein.  »Ich weiß nichts drüber.«  »Vandalen«, sagte Jacob. »Wieso tut jemand so was?«   »Ist wirklich mysteriös«, sagte Ton. »Vielleicht war sie –«   »Oder er, wer weiß«, sagte Ton.   »Oder er – echt?«   »Wieso nicht?«  »Okay. Also, vielleicht war er oder sie  ja verrückt. Plem‐ plem. Glaubst du nicht? Ich meine, ein Gemälde küssen!«   Daan  sagte:  »Katholiken  küssen  manchmal  Kruzifixe.  Orthodoxe küssen  ihre Ikonen. Ich hab schon Leute Fah‐ nen küssen  sehen – Patrioten, Fußballfans. Und Sportler  küssen ihre Trophäen, wenn sie sie überreicht kriegen.«   »Wie in Wimbledon«, sagte Ton.   »Sind die alle verrückt?«  »Ihr meint«, sagte Jacob, »jemand hat das Bild so bewun‐ dert oder wie man’s nennen  soll, dass  sie – oder er – es  geküsst hat wie eine Reliquie oder eine Trophäe oder so  was?«   427 , Ton sagte: »Na  ja, ist doch ein ganz schönes Kompliment  für ein Bild, wenn es geküsst wird, oder? Wenn jemand es  so sehr liebt, wieso nicht? Statt dass das arme Bild da nur  rumhängt, Tag und Nacht an der Museumswand, so fein  sauber und  firnisglänzend? Und niemand darf es berüh‐ ren. Und die Leute ... wie heißt das?« – (zu Daan) »schui‐ felen – du weißt schon, so.«  Er stand auf und machte es vor.   »Schlurfen?«, sagte Jacob.  »Schlurfen«,  sagte  Ton  und  setzte  sich  wieder  hin.  »Schlurfen vorbei und die meisten haben nicht mal einen  flüchtigen  Blick  für  den  armen  Titus.  Nicht  den  aller‐ kleinsten. Und der arme Junge hängt da an der Wand, mit  gesenktem  Kopf  und  diesem  hübschen,  traurigen  Lä‐ cheln, und tut, als ob’s ihm nichts ausmachen würde. Stell  dir doch mal vor, wie  einsam  er  sich  fühlen muss. Also  hat sich jemand erbarmt. Hat –«   »Oder sie«, sagte Jacob.   »Ach ja! Oder sie! sich was aus ihm macht.«   »Und«, äffte Daan Tons Ton nach, »hat sogar das Risiko  auf  sich  genommen,  erwischt  zu werden.  Stell  dir mal  vor, was das  für einen Aufruhr gegeben hätte. Mijn god,  het Rijksmuseum! Hoijoijoi! So was Mutiges!«  »Da  hast  du’s!«,  sagte  Ton  und  hob  beschwörend  die  Hände.  »Kein bisschen verrückt.«  »Verstehe«, sagte Jacob, »ein Protest aus Liebe.«  »Kann doch  sein«,  sagte Ton.  »Gegen die, wie  soll man  das  nennen?  –  die Mausoleumisierung  –  gibt  es  dieses  428 , Wort?«  »Jetzt schon«, sagte Jacob.  »Okay,  ein  Protest  gegen  die  Mausoleumisierung  der  Kunst.«  »Hoffentlich hat’s ihm Spaß gemacht«, sagte Jacob.  »Oder ihr«, sagte Ton.  »Klar«, sagte Jacob. »Ganz vergessen. Ihm oder –«  »Und«, sagte Ton.  »Und?«, sagte Jacob.  »Ihm und ihr«, sagte Ton. »Könnte doch sein ...?«  »Oh, verstehe«, sagte Jacob. »Du meinst, es waren zwei.«  Ton zuckte die Achseln.  Daan  sagte:  »Genug  jetzt,  es  reicht! Wo  ist der Küchen‐ chef? Ich will mein Kalbfleisch.«    Kalbsschnitzel, vorsichtig kurz gebraten, noch  in zartem  und  saftigem Zustand  aus der Pfanne genommen,  jedes  mit einer darauf gespießten Scheibe Prosciutto crudo und  ein, zwei Basilikumblättchen als Dekoration. Dazu grüner  Salat, den Daan angemacht hatte, während Jacob mit dem  Fleisch  beschäftigt  gewesen  war.  Und  natürlich  noch  mehr Wein, ein Orvieto, den Daan ausgesucht hatte.  »Von wem hast du  so kochen gelernt?«,  fragte Ton, der  genüsslich zulangte.  Daan sagte: »Lass mich raten. Von deiner Großmutter Sa‐ rah.«   »Stimmt«, sagte Jacob.  »Wie hab ich das nur erraten?«, frotzelte Daan.   »Da  fällt mir was ein«,  sagte  Jacob. »Als  ich gestern mit  429 , Ton weg war, kamen wir  irgendwie auf das Thema Ehe  und  er  hat  gesagt,  ich  soll  dich mal  fragen  nach  deiner  Meinung zu Liebe und Sex und allem.«  Daan sagte auf Niederländisch etwas zu Ton, der lachend  die Achseln zuckte.  »Los«, sagte Jacob, »raus damit.«   »Das ist zu langweilig«, sagte Daan.  »Langweilig!«,  sagte  Jacob.  »Liebe  und  Sex  langweilig!  Vielleicht  für  einen  alten Mann wie dich, der das  schon  fast hinter sich hat, aber für einen jungen Mann, der kaum  damit angefangen hat, ist es alles andere als langweilig.«   Ton sagte: »Für Daan ist die Ehe passée.«   »Passée?  Ich wusste gar nicht, dass er  je damit angefan‐ gen hat.«  »Bedeutungslos. Schon seit vielen Jahren«, sagte Daan.   »Nicht da, wo  ich herkomme«,  sagte  Jacob. »Dort  reden  alle dauernd drüber. Politiker und normale Leute. Über  die  Wichtigkeit  des  Familienlebens.  Die  schreckliche  Scheidungsrate. Tss‐tss.«   »Hier auch«, sagte Ton.   »Die letzten Zuckungen«, sagte Daan   »Also?«  Daan  legte  die Gabel weg.  »Du willst  den  Vortrag  hö‐ ren?«  Er  trank  von  seinem Wein.  »Okay,  du  sollst  ihn  hören. Aber  das  reicht  dann  vielleicht  auch?  Ja? Abge‐ macht?«   »Ich weiß doch noch gar nicht, was ich zu hören kriege.«   »Nein. Aber es wird reichen. Danach kommt das Eis. Das  ist die Bedingung.«  430 , »Was bist du doch für ein diktatorischer Typ. Ein Glück,  dass du kein Politiker bist.«   »Oder Ehemann«, sagte Ton.   »Willst du’s jetzt hören oder nicht?«, sagte Daan.   »Okay, ja«, sagte Jacob.  Daan  wischte  sich  den  Mund  mit  der  Serviette.  »Du  kennst  die  ganzen  Argumente.  Man  müsste  ja  hirntot  sein, um sie nicht zu kennen. Die Ehe ist Teil eines über‐ holten  Gesellschaftssystems,  einer  anderen  Lebensweise  als unserer. Nichts daran  ist absoluut. Die Ehe  ist nur ein  Mittel der Bevölkerungskontrolle. Da geht es um Vermö‐ gen und Eigentum, um (zu Ton) Overerving‐?«   »Erben«, sagte Ton.  »Ums Erben. Um die Reinhaltung des  ... Shit! –  (zu Ton)  Geslacht?«  »Warte mal... (zu Jacob) Geschlecht?«   »Linie«, sagte Jacob. »Abstammungslinie.«   »Ja«,  sagte  Daan,  »um  die  Reinhaltung  der  Abstam‐ mungslinie. Nur wenn  die  Frau  unberührt war,  als  der  Mann  sie  heiratete  und  zu  seinem  Eigentum  machte,  konnte  er  sicher  sein,  dass  seine  Kinder  auch  wirklich  seine waren. Und nur wenn  er der Einzige war, der  sie  bumste,  konnte  er  sie  weiterhin  als  sein  Eigentum  be‐ zeichnen. Die Ehe hat mit dem Schutz der eigenen Gene  und mit Eigentum zu tun. Das weißt du doch alles. Oder?  Tja,  und  das  spielt  jetzt  keine  Rolle mehr.  Es  ist  nicht  mehr wichtig. Außer für ein paar Dinosaurier wie Königs‐ familien  und monomane Multimillionäre  und  für  Leute  mit einem handfesten Interesse wie zum Beispiel Priester  431 , und Juristen und Politiker.«   »Und  nicht mal mehr  für  die,  ihrem Verhalten  nach  zu  urteilen«, sagte Ton. »Guck dir doch mal eure britischen  Royals an. Was für ein Chaos! Was für eine Heuchelei!«   Sie lachten.  Daan  fuhr  fort:  »Und die  ewige Liebe  –  auf  ewig  einen  Menschen  lieben, auf ewig mit ein und demselben Men‐ schen zusammenleben. Es gibt doch nichts, was so offen‐ kundig nicht hinhaut, oder? Das ist eine Illusion.«   »Sarah und Geertrui denken nicht so«, sagte Jacob.   »Ha!«, sagte Daan spöttisch. »Guck sie dir doch an. Was  lieben  sie denn, unsere beiden Grootmoeders?. Nicht wen.  Was. Glaubst du wirklich, unser englischer Großvater war  so umwerfend, wie sie beide sagen? Glaubst du, er war so  perfekt? Glaubst du, er war wirklich dieser tolle romanti‐ sche  Held,  als  den  Geertrui  ihn  hinstellt?  Nein,  nein.  Natürlich nicht. Sei doch mal real, Jakob.«  »Realistisch, meinst du. Wieder so ein platter Satz.«   »Platt?«  »Weiß nicht«, sagte Jacob gereizt. »Dumm, nichts sagend,  albern.«  »Real,  relistisch,  wen  juckt’s!«,  sagte  Daan.  »Geertruis  Jacob ist eine Illusion. Verbeelding. Fantasie.«   Jacob war  irritiert.  »Das  glaub  ich  nicht. Vielleicht  sieht  sie  ihn  ja  jetzt durch die  rosa Brille, nach all den  Jahren.  Und  Sarah  auch.  Aber  damals  war  doch  irgendwas  Großes und Mächtiges zwischen ihnen. Etwas Reales. Da  war was, was  keine  Einbildung war.  Sie  haben  es  sich  doch nicht aus den Fingern gesogen. Das musst du doch  432 , zugeben.«   »Ja.  Damals.  Und  wie  lange?  Ein  paar  Wochen?  Aber  wenn er am Leben geblieben wäre ...?«   »Das ist Spekulation. Das weiß niemand.«  »Okay! Meinetwegen!  So war’s. Die  große  Liebe  für  sie  beide. Und  Jacob war  ein  toller  Typ. Na  ja, muss  er  ja  gewesen  sein. Wir  sind  schließlich  seine  Enkel  und wir  sind beide tolle Typen, oder nicht?«   Sie lachten.  Daan  fuhr  fort: »Und du hast Recht, niemand weiß, was  jetzt zwischen  ihnen wäre. Genau das sage  ich doch. Da  sind wir uns völlig  einig. Niemand weiß  es, wir wissen  nur, dass  es wahrscheinlicher  ist, dass da  jetzt,  nach  all  den  Jahren,  nicht  mehr  so  was  Großes  und Mächtiges  zwischen ihnen wäre. Nichts ist absoluut. Nichts ist ewig.  Also  soll man  auch nicht  so  tun, als ob  es  so wäre. Soll  man keine Regeln dafür aufstellen. Keine Gesetze darauf  gründen.  Wenn  zwei  Leute  für  immer  Ja  zueinander  sagen  wollen,  okay,  meinetwegen.  Das  ist  ihre  Sache.  Aber  ich  –  nein,  danke.  Genau wie  es  keine  Regeln  in  Sachen  Liebe  gibt. Wen man  liebt. Wie  viele Menschen  man lieben kann. Als ob Liebe ... (zu Ton) eindig?«   »Endlich«, sagte Ton.  »Endlich?«, sagte Daan. »Okay, endlich  ... Was zum Teu‐ fel wollte ich sagen?«  Jacob sagte: »Liebe ist nichts Endliches.«   »Genau. Ja. Liebe ist nichts Endliches. Es ist nicht so, dass  wir  jeder einen begrenzten Vorrat davon hätten, den wir  jeweils  nur  einem Menschen  geben  könnten. Oder  dass  433 , wir nur eine Sorte Liebe hätten, die wir  in unserem gan‐ zen Leben nur einem einzigen Menschen geben könnten.  Es ist doch lächerlich, so was zu denken. Ich liebe Ton. Ich  schlafe mit  ihm, wenn wir’s  beide wollen. Oder wenn’s  einer  von  uns  braucht,  auch wenn’s  der  andere  in  dem  Moment vielleicht nicht will. Ich liebe Simone –«  »Simone?«, sagte Jacob.  »Sie war neulich Morgen hier,  als du gegangen bist. Sie  hat  dir  noch  hinterhergerufen.  Sie wohnt  zwei  Straßen  weiter. Ton und Simone kennen sich. Sie waren schon be‐ freundet, bevor  ich  sie kennen  lernte. Wir haben drüber  geredet.  Ton  schläft  nie mit  Frauen.  So  ist  er  nun mal.  Simone schläft nur mit mir. So ist sie nun mal. Ich schlafe  mit beiden. So bin  ich nun mal. Sie wollen beide mit mir  schlafen. So sind wir nun mal. So wollen wir’s nun mal.  Wenn wir’s  je nicht wollen sollten oder einer von uns es  nicht wollen  sollte,  okay,  dann war’s  das. Dieses  ganze  Geschlechterschubladenzeug.  Männlich,  weiblich,  schwul, bi,  feministisch, neuer Mann, was auch  immer –  das  ist doch  alles  bedeutungslos. Genauso  überholt wie  die Ehe auf ewig. Ich hab es satt, will nichts mehr davon  hören. Darüber sind wir doch raus.«  »Du  vielleicht«,  sagte  Jacob.  »Aber  nicht wir  alle. Nicht  mal die meisten, würde  ich meinen.  Jedenfalls nicht da,  wo ich herkomme.«  »Nein,  klar,  nichts  ändert  sich  sofort  von  Grund  auf,  oder? Deshalb schlagen Revolutionen ja auch immer fehl.  Man kann mit den Menschen nicht aus dem Stand alles  umkrempeln. Aber  das  heißt  nicht,  dass man  sich  nach  434 , denen richten muss, die an den alten Lebensformen  fest‐ halten, wenn man’s selbst nicht  tut. Wenn das alle  täten,  würde sich nie  irgendwas ändern. Und  ich bin’s, wie ge‐ sagt,  leid, darüber zu diskutieren. Sollen die Leute doch  auf  die  alte  Art  weitermachen,  wenn  sie’s  wollen  und  wenn  sie nicht auf die neue Art  leben können. Aber  ich  lasse mich  nicht  bremsen.  Ich  lasse mich  nicht  zurück‐ halten. Ich werde nicht die Sorte Lügen leben, die das alte  System aufrechterhalten.«  Jacob  sagte: »Weiß nicht. Scheint mir alles nicht ganz  so  klar und eindeutig zu sein, wie du’s hinstellst.«   »Ist  es  aber«,  sagte Daan.  »Ich  liebe, wen  ich  liebe.  Ich  schlafe mit den Menschen, die ich liebe, wenn sie’s wollen  und  ich’s will. Ohne  dass  das  irgendwas mit männlich  oder  weiblich  zu  tun  hat.  Es  gibt  keine  Geheimnisse.  Wenn es zwischen uns aus ist, ist es aus. So ist das Leben.  Der Schmerz gehört dazu. Ohne  ihn wären wir  tot. Das  Einzige, was  für mich  zählt,  sind die Menschen, die  ich  liebe.  Ist, wie wir miteinander  leben. Wie wir  einander  lebendig erhalten.«  Daan  lehnte  sich  zurück  und  klopfte  mit  den  Finger‐ knöcheln auf den Tisch.  »So«, sagte er. »Das war’s. Ende. Jetzt das Eis. Okay?«   Am  Tisch  herrschte  Schweigen,  bis  Jacob  sagte:  »Nur,  weil du’s sagst.«  Daan  stand  auf.  »Das war  abgemacht. Genug  für  heute  Abend.«  Jacob  rührte  sich  nicht.  Ton  hatte  ihn  während  Daans  Kampfrede die ganze Zeit genau beobachtet. Jetzt streckte  435 , er die Hand herüber und rieb tröstend Jacobs Oberarm.   Jacob  sagte:  »Jetzt  verstehe  ich  langsam, was  Tessel  am  Sonntag gemeint hat.«   Daan sagte: »Was hat sie gesagt?«  »So was  in  der Richtung,  dass  sie  hofft,  dass  ich  damit  klarkomme, hier bei dir zu wohnen. Irgendwas über die‐ nen Lebensstil, aber sie hat’s nicht genauer erklärt.«   Daan lachte leise. »Sie hat Angst, ich könnte dich verder‐ ben. Sie  ist, na, sagen wir mal, nicht besonders glücklich  über meine Art zu leben.«   Jacob sah Daan grinsend an. »Und wirst du’s tun?«  »Was?«  »Mich verderben?«  Daan zog eine Grimasse und sagte, schon auf dem Weg in  die Küche: »Ich hasse Missionare.«    Drei  Sorten  Eis:  Vanille,  Zitrone,  Schokolade. Und  eine  Schüssel Kirschen zum Naschen. Noch mehr Wein.   »Wenn du Ton so liebst«, sagte Jacob, der nicht so einfach  aufgeben wollte, »und wenn du Simone so  liebst und sie  beide dich so lieben, warum wohnt ihr dann nicht alle zu‐ sammen?«  Daan aß weiter von seinem Eis und warf Ton einen leicht  gequälten Blick zu.  »Weil wir gern unseren eigenen Rückzugsort haben«, sag‐ te Ton. »Wir sind gern unabhängig.«  »Und so«, sagte Daan strapaziert‐geduldig, »ist es, wenn  wir uns dann sehen, immer wieder neu. So wird es nicht  langweilig.«  436 , »Jeder ist immer wieder beim anderen zu Gast. Wenn wir  uns nicht sehen wollen, sehen wir uns nicht.«   »So  kommt  es  nie  dahin,  dass  wir  –  wie  sagt man?  –  vinden die ander vanzelfsprekend –?«  »Selbstverständlich«, sagte Ton, »den anderen  für selbst‐ verständlich nehmen.«  »Genau.  Wir  nehmen  einander  nie  für  selbstverständ‐ lich.«   »Wir sind füreinander da. Aber wir sehen uns nur, wenn  wir wollen. Außer in Notfällen.«  »Außerdem«, sagte Daan, »ist Tons Wohnung zu klein für  mehr als eine Person. Das hier  ist  immer noch Geertruis  Wohnung.  Simone  ist  eine  Einzelgängerin,  sie mag  nie  lange mit  jemandem  zusammen  sein.  Eines  Tages  kann  sich das vielleicht ändern.«   »Wieso nicht? Wir sind jung.«   »Aber im Moment gefällt es uns so, wie es ist.«   »Gut«, sagte Ton, »findest du nicht?«  »Genial«, sagte Jacob und meinte es auch. Er merkte, dass  er sie beneidete.  »Du solltest hierher kommen und mitmachen«, sagte Ton  lachend.  »Vielleicht  tu  ich’s«,  sagte  Jacob  und  spürte, wie  er  rot  wurde, weil  sein  Ton  verraten  hatte, wie  sehr  er  sich’s  wünschte.   Eine dieser  jähen Gesprächspausen  stellte  sich  ein  –  ein  Engel ging durchs Zimmer, wie es die Alten ausgedrückt  hätten.   Daan stand auf und ging ins Bad. Ton nahm sich den Rest  437 , Eis, seine dritte Portion. Jacob brütete vor sich hin.   Es war, als ob durch das, was er gehört hatte, sein Inneres  in Bewegung geraten wäre. Nicht seine Organe, nicht sein  Herz,  sein  Magen,  seine  Leber,  sein  Gedärm,  sondern  Teile des inneren Selbst, das in seinem Körper wohnte. Es  war,  als  wäre  sein  Selbst  eine  Art  dreidimensionales  Puzzle, bestehend  aus  flexiblen Teilen, die  sich  zu  einer  ganzen  Reihe  von Wesen  zusammensetzen  konnten,  zu  verschiedenen  Jacobs, nicht nur zu einem.  Jetzt verscho‐ ben sich diese Teile, formierten sich zu einem Selbst, das  ihn  beunruhigte.  Nicht,  weil  dieses  neu  entstehende  Selbst ein Fremder gewesen wäre. Ganz im Gegenteil. Seit  er fünfzehn war, hatte er immer öfter Teile dieses Selbsts  erblickt. Dieser Er,  Jacobs Alter Ego, war der Hauptdar‐ steller  in  seinen Tag‐ und Nachtträumen gewesen, hatte  in seinem Kopf geheime Wünsche und unausgesprochene  Begierden ausagiert. Das Beunruhigende im Moment war,  wie sich dieser andere  Jacob voll und ganz enthüllte, als  ob jemand aus dem Schattendunkel in helles Licht träte.   Aber wie üblich konnte er, der  Jacob, der hier am Tisch  saß,  nicht  in Gedanken  fassen, was das  bedeutete. Nur,  dass es sich ernst anfühlte. Er brauchte Zeit  für sich, um  es auf die Reihe zu kriegen. Was es auch sein mochte, es  war verquickt mit dem, was er aus Geertruis Geschichte  erfahren hatte und was  in  ihm  vorgegangen war,  als  er  sich das  letzte Mal von  ihr verabschiedet hatte. Und da  war Ton und da war Hille. Er hatte einfach nicht genug  Zeit gehabt, das alles zu verdauen. Und am Donnerstag  ging es schon wieder (es fiel ihm schwer, die Worte auch  438 , nur zu denken) nach Hause. Wenn er doch nur Zeit hätte,  es zu entwirren. Hier.   Daan  kam  wieder  an  den  Tisch  und  goss  ihnen Wein  nach.   »Ich  hab mir  überlegt«,  sagte  Jacob,  obwohl  er  es  erst  beim Reden dachte,  »ich würde  gern  noch  hier  bleiben,  bis nach, na  ja, Montag  ...« Er brachte es nicht über sich,  »Geertruis  Tod«  zu  sagen.  »Ich  wäre  gern  dabei.  Und  auch bei der Beerdigung.«  »Nein«, sagte Daan.  Ehe  er  es  zurückhalten  konnte,  sagte  Jacob:  »Warum  nicht?« Er hörte die Stimme eines quengeligen Kinds.   »Du wärst nicht willkommen.«   »Oh, danke!«   »Das geht dich nichts an.«  »Geht mich nichts –! Nach allem, was war? Wie kannst du  das sagen!«  »Es ist nicht erlaubt. Ist alles arrangiert. Das ist eine priva‐ te Sache.«   »Ach, und ich bin die Öffentlichkeit?«  »Wir wollen es nicht.«   »Wir? Wer ist wir?«   »Geertrui. Tessel. Ich.«   »Woher weißt du das? Hast du sie gefragt?«   »Ich weiß es.«  »Nein, du weißt es nicht. Ich werde sie selbst fragen. Ich  will dabei sein. Ich sollte dabei sein. Geertrui wird wollen,  dass ich dabei bin. Ich habe ein Recht –«   Daan stand auf. Der Tisch bebte.  439 , Ton schob seinen Stuhl zurück, sagte: »Daan!«, und rede‐ te dann in schnellem Niederländisch auf ihn ein.   Es  folgte  ein  scharfer Wortwechsel.  Der  damit  endete,  dass Daan aus dem Raum marschierte. Seine Schritte pol‐ terten die Treppe hinunter.  Jacob schwitzte und zitterte. War zu schockiert, um auf‐ stehen zu können. Und zu verlegen, um Ton ansehen zu  können.  Als  die  Luft  zu  knistern  aufgehört  hatte,  begann  Ton  abzuräumen und sich an den Abwasch zu machen.   Jacob  wusste,  er  sollte  helfen,  aber  ihn  überkam  eine  Schwere, als wäre sein Körper mit steinschwerer Luft auf‐ gepumpt.    »Komm mit spazieren«, sagte Ton.   Jacob konnte sich nicht rühren.  »Da  ist was, was  ich dir  zeigen will. Kein Touristenort.  Und nicht weit. Dort kann man schreien und keiner hört  einen. Oder in den Wind pfeifen. Du kannst doch hoffent‐ lich pfeifen, oder, Jacques? Du brauchst nur die Lippen zu  spitzen und pusten.«  Das  brachte  ihn  zum  Lächeln.  Er  wusste,  Ton  zitierte  irgendwas.  Er  konnte  sich  nicht  erinnern  oder  wusste  nicht, was, aber es war trotzdem komisch.  Er stand auf, fühlte sich wacklig, hielt sich einen Moment  am Tisch  fest, bis er das Gleichgewicht wieder gefunden  hatte, folgte dann Ton nach draußen.    Es war  fast  dunkel  und  ein  heller Dreiviertelmond  ent‐ 440 , schlüpfte verstreuten Wolken. Ein  leichter,  frischer Wind  schärfte die Sinne.  Ton  führte  Jacob  zum Bahnhof, durch die  lange Haupt‐ halle unter den Bahnsteigen, mit den ganzen Geschäften  und dem Menschengewimmel, und dann hinaus auf eine  Straße, die den Fluss entlangführte. Die kleine Fähre, die  Leute in die Wohngebiete gegenüber brachte, legte gerade  ab.   Ton wandte sich nach  links. Es ging vorbei an schmuck‐ losen  Eisenrumpfbooten,  kleine  Schleppkähne  vielleicht,  die an kurzen Piers lagen. Dann ein Stück, das unbenutzt  und verlassen wirkte, ein paar unattraktive, kastenförmi‐ ge Gebäude,  struppiges Gras,  das  durch  rissigen  Beton  wuchs.   Die  Straße  schwang  sich  von  der  Bahnlinie weg,  folgte  dem Lauf des Flusses. Ab und an huschten Autos vorbei.  Die Straßenlaternen schienen die Straße nur noch finsterer  zu machen. Niemand sonst war hier zu Fuß unterwegs.   Zwanzig  Minuten.  Der  Streifen  zwischen  Straße  und  Fluss  schwoll  in  die  Breite.  Gesäumt  von  einem  hohen  Drahtzaun,  an  dem  ein  zerdelltes  Schild  hing,  Verboden  toegang, was  keiner Übersetzung  bedurfte.  In  den Nähe  des Schilds war eine Art Klappe  in das verzinkte Draht‐ gitter geschnitten und nach hinten weggedrückt worden,  was ein Loch ergab, durch das man sich gebückt durch‐ zwängen konnte.  In dem Dunkel war es schwer, auf der  anderen Seite  irgendetwas anderes zu erkennen als hup‐ peliges  Gelände  und  wildes  Gesträuch.  Der  verbotene  Garten des Limbus.  441 , Ton schlüpfte ohne anzuhalten durch das Zaunloch. Die  Staubfahne eines vorbeifahrenden Autos wehte  Jacob  ins  Gesicht  und  in  den  Mund.  Des  Schlamms  durstige  Schwester.  Als  er  durch  das  Loch  schlüpfte,  blieb  sein  Ärmel an einem herausstehenden Drahtende hängen.  Ton  nahm  seine  Hand.  Sie  arbeiteten  sich  vorsichtig  durch  die  kleine Wildnis  und  eine  Böschung  hinunter.  Drunten  zogen  sich  die  Überreste  einer  Mauer,  etwa  einen Meter breit,  in den Fluss hinaus. Es war, wie Jacob  jetzt sehen konnte, die eine Seite eines Mauergevierts, das  etwa die Fläche von zwei Tennisplätzen umfasste. Es war  voll Wasser, wie eine Art Swimmingpool, und fünf, sechs  Betonstümpfe ragten daraus hervor.  »Wo sind wir?«  »Das nennt sich Stenenhoofd. So was wie Grundmauer.«   »Was war das mal? Irgendein Gebäude?«   »Ein Lagerhaus, schätze  ich. Früher, als hier noch Schiffe  entladen wurden.«  »Es ragt ja direkt in den Fluss.«  »Traust du dich,  bis  ans Ende  zu  gehen? Die Mauer  ist  nicht besonders breit.«   »Ich würd’s gern tun.«  Jacob betrat den steinernen Steg. Links von ihm, ein, zwei  Meter tiefer, war das Wasser. Je weiter sie sich vom Ufer  entfernten,  desto  stärker  wurde  der  Wind,  der  hier  draußen ungehindert blies.  Jacob sah einmal nach unten,  verlor beinahe das Gleichgewicht. Seine Füße kribbelten.  Das lehrte ihn, den Kopf hochzuhalten und geradeaus zu  schauen.  Jenseits  der  breiten,  dunklen  Wasserfläche  442 , waren  erleuchtete Häuser.  Sie  schienen Welten  entfernt,  aber es konnte nicht mehr als eine halbe Meile sein.  An der äußersten Ecke blieb er stehen. Vor ihm wurde der  Fluss so weit, dass er das Meer hätte sein können. Und er,  Jacob, auf einem Schiffsbug, der durch Wind und Wellen  schnitt.  Ton fasste nervös seinen Arm. »Allein hätte ich mich das  nie getraut!«  »Angst?«,  fragte  Jacob,  ohne  den  Blick  von  der weiten  Wasserfläche zu lösen.   »Bisschen. Du nicht?«  Jacob gab dem Impuls nach, den Arm um Tons Schultern  zu legen.  »Das ist toll. Wie ein Schiff auf hoher See.«   »Dachte mir, dass es dir gefallen würde.«   Nacht  jetzt. Aber der Mond, der  auf  sie  herableuchtete.  Sein Spiegelbild, das im Wasser flimmerte und waberte.   Tons Arm schob sich um  Jacobs Taille und hielt  ihn  fest.  Sie kuschelten sich aneinander, um sich zu wärmen.   »Erfrischend«, sagte Jacob.  Ein kompaktes kleines Kajütboot glitt  lautlos vorbei, da‐ hinziehende Positionslichter. Ein kleiner Rest von  rotem  Port auf dem Grund der Flasche.   »Wäre es nicht toll, so ein Boot zu haben?«   »Eines Tages werden wir eins haben. Und auf dem Ijssel‐ meer  segeln. Du und  ich, wir beide  zusammen. Warum  nicht?«   »Okay. Machen wir. Wie würden wir es nennen?«  »Titus«,  sagte  Ton  ohne  jedes  Zögern.  »Wie  findest  du  443 , das? Ein Boot namens Titus.«   Jacob lachte.  Als  hätte  jemand  eine  Tür  zugemacht,  hörte  der Wind  plötzlich auf. Es herrschte Stille.   »Setzen wir uns?«, fragte Ton.  Sie  ließen sich  los, setzten sich hin,  ließen die Beine über  dem  Fluss  baumeln  und  horchten  ein Weilchen  auf  die  neu  eingetretene  Stille,  ehe  Ton  schließlich  sagte:  »Nimm’s Daan nicht übel. Sie hatten so viel Stress wegen  Geertrui. Familienkrach. Es geht  ihm näher, als er zeigen  will. Er leidet sehr. Und es wird immer schwerer, je näher  der Tag kommt.«   Jacob sagte bedauernd, aber nicht klagend: »Ich hab doch  nur gesagt, dass ich noch bleiben möchte.«   »Es ging nicht bloß darum. Daan ist eifersüchtig. Ein biss‐ chen.«  »Eifersüchtig?«   »Auf dich.«   »Auf mich ? Wieso ?«  »Er und Geertrui stehen sich sehr nahe. Er vergöttert sie.  Ich  glaube,  er  würde  alles  für  sie  tun.  Und  plötzlich  kommst  du  daher.  Sie  hat  ihre  Erinnerungen  für  dich  aufgeschrieben. Daan hat Stunden damit zugebracht,  ihr  dabei  zu  helfen.  Sie  hatte  ihm  von  deinem  Großvater  erzählt. Aber für ihn hat sie’s nicht aufgeschrieben, so wie  für dich jetzt.«   »Deswegen ist er gegen mich?«  »Nicht gegen dich, nein. Er mag dich. Hätte dich nicht bei  sich wohnen  lassen, wenn  er  dich  nicht mögen würde.  444 , Aber das macht es noch schlimmer. Er ist so ein Konkur‐ renztyp. Tut immer so, als war er’s nicht. Ist es aber.«  »Na  ja,  ich bin kein Konkurrenztyp und  ich konkurriere  mit ihm um gar nichts.«  »Das weiß er. Er hätte eigentlich heute Abend bei Geer‐ trui sein sollen, aber er hat beschlossen,  lieber bei dir zu  bleiben. Das wusstest du doch, oder?«  »Nein.«  »Er hat sich Sorgen um dich gemacht.«  »Sorgen?«  »Nachdem  du  Geertruis  Geschichte  gelesen  hattest.  Er  dachte, das hätte dir zugesetzt.«  »Hat’s auch.«  »Er wollte nicht, dass du allein bist.«  »Das hat er dir gesagt?«  »Als  er  angerufen  hat.  Ich  hab  gesagt,  ich  könnte mich  doch um dich kümmern, aber er wollte es  selbst  tun. Er  hat  mich  gebeten  vorbeizukommen,  weil  er  dachte,  es  hilft was.« Ton puffte Jacob in die Rippen. »Er weiß näm‐ lich, dass ich auf dich stehe.«  »Aber warum  ist er dann so wütend geworden und ein‐ fach rausgestapft?«  »Daan  ist  ziemlich  jähzornig. Wenn  er  sich  aufregt  und  ihm die Pferde durchgehen, kann er gewalttätig werden.  Ich hab’s einmal miterlebt. Ganz  schön beängstigend. Er  kann das an sich selbst auch nicht leiden. Er hasst Gewalt.  Wenn er merkt, dass es kommt, geht er. Flüchtet aus der  Situation, bis er  sich beruhigt hat. Simone kann mit  ihm  umgehen, wenn er so ist. Er ist bestimmt bei ihr.«  445 , »Dann war er gar nicht wirklich sauer auf mich?«  »Nicht auf dich. Auf sich selbst. Daan ist der großzügigste  Mensch, den ich kenne.«  Jacob  holte  tief  Luft.  Ein  leichter  Motorölgeruch  vom  Wasser her brachte seine Nase zum Laufen.  Er  schniefte und  sagte: »Du willst mir  irgendwas  sagen,  oder?«  Ton hakte  Jacob unter und  sagte: »Ich will dich wieder‐ sehen.  Ich will dich  richtig kennen  lernen.  Ich will, dass  du mich kennen lernst. Auf welche Art auch immer – wie  du möchtest. Da  ist was  zwischen uns. Das brauche  ich  dir nicht zu sagen. Wäre doch nett, rauszufinden, was es  ist, oder? Aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt. In den  nächsten  paar Wochen  wird  Daan  alles  brauchen,  was  Simone und  ich  ihm geben können.  Ich kenne Leute, die  Verwandte oder Freunde hatten, denen Sterbehilfe geleis‐ tet wurde. Das ist sehr hart. Alle haben hinterher gelitten.  Manche  sogar mehr  als vorher. Da Daans Verhältnis  zu  Geertrui so eng ist, wird es sehr schlimm für ihn sein. Das  weiß ich einfach. Er wird total fertig sein. Ich weiß nicht,  wie das sein wird. Komm wieder, wenn es vorbei ist und  Daan Zeit gehabt hat sich zu erholen. Wenn du dann noch  willst. Das wäre  für uns alle gut. Es wäre ein neuer An‐ fang.«  Jacob  starrte  auf  den mondbeschienenen  Fluss.  Er  war  froh, dass das Dunkel sie umhüllte. Und dass er nicht  in  Tons Gesicht sah, sondern auf das gleitende, glimmernde  Wasser. Nach einer Weile sagte Ton: »Lass uns das hier in  Erinnerung  behalten.  So,  wie  es  jetzt  aussieht,  heute  446 , Nacht.  Und  dann  das  nächste Mal  wieder  herkommen  und  gucken  ...  Da  wieder  anfangen,  wo  wir  aufgehört  haben ...« Er ließ Jacobs Arm los und wandte sich ihm zu.  »Okay?«  »Okay«, sagte Jacob mühsam. Er war sich jetzt nicht mehr  so  sicher,  ob  seine Nase wirklich wegen  des Ölgeruchs  lief.  »Aber  ... da  ist  ... einfach  so viel.  Ich bin vielleicht –  ich  weiß nicht – nicht stark genug. Nicht mutig genug. Nicht  so wie du und Daan.«  Ton stieß ein kurzes, schnaubendes Lachen aus. »Das hat  nichts mit Mut zu tun! Das ist einfach nur unsere Vorstel‐ lung, wie das Leben sein sollte. Nicht für alle Leute. Aber  für uns. Und für Leute, die so denken wie wir. Wir lernen  dieses Leben zu leben, indem wir’s tun. Was könnte man  sonst Lohnendes tun ?«  »Nach den  letzten paar Tagen habe  ich das Gefühl, dass  ich  bisher  einfach nur  blind meiner Nase nach  gelaufen  bin.«   »Na ja, ist ja auch eine Nase, die’s wert ist, dass man hin‐ ter  ihr  herläuft«,  sagte  Ton.  Und  setzte  dann  ernsthaft  hinzu: »Einer der Gründe, weshalb ich Daan so liebe, ist,  dass wir gemeinsam Dinge denken, die wir allein nie ge‐ dacht hätten. Oder mit  irgendjemand  anderem. Und  für  uns ist Sex einfach ein Teil davon.«  »Ich weiß«, sagte Jacob. »Das mit dem Denken, meine ich.  Das  ging mir  auch  so,  als  er  neulich mit mir  im  Rijks‐ museum war.«  »Er ist besessen von Rembrandt. Ich glaube, er wäre gern  447 , der größte Rembrandtexperte der Welt.«   »Und Simone? Was macht sie?«   »Studiert Kunst. Sie ist auch besessen.«   »Wovon?«  »Von ihrer Kunst. Und von Daan. Sie hat ein Projekt lau‐ fen. Sie zeichnet und fotografiert ihn in jeder erdenklichen  Pose. Alles Aktstudien.  Sie  hat  vor,  eintausendachthun‐ dert Bilder zu machen.«   »Wieso gerade diese Zahl?«  »Das hat sie sich so ausgedacht.«   Jacob lachte.  »Was  für  eine  Idee!  Eintausendachthundert  Bilder. Hat  schon mal jemand so was gemacht?«   »Nicht, dass ich wüsste.«   »Das dauert doch Jahre.«  »Zwei,  sagte  sie.  Sie  ist  jetzt  im  zweiten. Wenn  sie  alle  Bilder  fertig hat, will  sie  sie  ausstellen und dann  anfan‐ gen,  sechsundzwanzig  Ölbilder  zu  malen,  nach  den  Zeichnungen, die ihr am besten gefallen.«   »Sechsundzwanzig ?«   »So alt ist Daan bis dahin.«   »Das ist allerdings totale Aufmerksamkeit.«   »Geertruis wahre Liebe?«   Jacob nickte.   Er stand auf.  »Ist es dir recht, wenn wir  jetzt wieder gehen? Mir wird  langsam kalt.«  Ton nahm  Jacobs Hand, um  ihm hochzuhelfen. Ließ  sie  aber nicht los, als Jacob stand.  448 , »Ich möchte, dass wir uns hier verabschieden. Dass wir  dabei noch mal auf den nächtlichen Fluss gucken. Damit  wir immer an ihn und uns denken.«   »Seh ich dich morgen nicht mehr?«  »Der monatliche Besuch meiner Mutter. Ich muss was mit  ihr unternehmen.«   »Verstehe. Okay. Tja, dann ...«  Ton hob den Arm,  legte  Jacob die Hand um den Hinter‐ kopf und küsste ihn einmal ausgiebig auf die Lippen.   »Wiedersehen, Jacques. Bis zum nächsten Mal.«  Jacob  legte die Hand  um Tons Kopf,  so wie Ton  es  bei  ihm gemacht hatte, und erwiderte den Kuss.  »Wiedersehen, Ton. Bis zum nächsten Mal.«  Ton umarmte  ihn  einen Moment  fest,  ehe  sie  losgingen,  über  den  Steinsteg  und  durch  die Wildnis  zurück  zur  Straße.  449 , POSTKARTE  Wer singt, ist nicht immer glücklich.  Pierre Bonnard    Geräusche von unten weckten  ihn. Acht Uhr dreißig, ein  grauer, wolkenverhangener Mittwoch.   Er stand auf, ging zum Bad und  fand Daan ausgehfertig  im unteren Raum.  »Wollte  dir  gerade  einen  Zettel  schreiben«,  sagte Daan.  »Muss heute den größten Teil des Tages mit Geertrui ver‐ bringen. Und mit Tessel. Gibt Dinge zu regeln. Rechtsan‐ walt.  Ärzte.  Bin  abends  wieder  zurück.  So  um  sieben.  Kommst du so lange klar?«   »Kein Problem.«   »Tut mir Leid, aber –«  »Versteh ich schon. Mach dir nichts draus. Und, hör mal,  wegen gestern Abend.«   »Vergiss es.«  »Ich hab nicht  richtig nachgedacht. Zu viel Wein.  Jeden‐ falls, ich wollte nicht, na ja, ich meine – alles noch schwe‐ rer machen. Tut mir Leid.«   »Braucht dir nicht Leid zu tun.«   »Ich wollte dir noch was sagen.«   »Schnell. In ein paar Minuten geht mein Zug.«   »Nur, dass  ... na  ja,  ich weiß, das  ist  jetzt hart  für dich.  451 , Und ich weiß auch, dass du dir große Mühe gegeben hast,  dich um mich zu kümmern und alles. Und, also, ich woll‐ te dir noch mal danken und dir sagen, dass  ihr, du und  Geertrui und Ton –«  »Wir reden später. Okay?«   »Ja. Klar.«  Sie musterten  sich.  Jacob  im weißen T‐Shirt und  blauen  Boxershorts,  muffig  und  schlafzerknittert.  Daan  sauber  und adrett  in  frischen schwarzen  Jeans und einer blauen  Jeansjacke über einem weißen Hemd. Aber  seine Augen  waren rot und müde.  »Muss  los«,  sagte  er,  fasste  Jacob  an den  Schultern und  gab  ihm die drei Küsse, den  letzten auf die Lippen. Der  raue männliche Wolldeckenkuss.  »Du weißt  ja, wo  alles  ist. Bedien dich. Dein letzter Tag. Amüsier dich.«   Als Daan  in  der  Tür war,  dachte  Jacob  noch  daran  zu  sagen:  »Sag  Geertrui,  ich  bin  ihr  sehr  dankbar  für  ihr  Geschenk, ja? Was milde ausgedrückt ist.«   Daans Füße trommelten durchs Treppenhaus.   »Sag ich ihr.«    Er  beendete  gerade  sein  Frühstück,  als  Tessel  kam.  Sie  müsse etwas holen, was Geertrui brauche,  sagte  sie und  ging nach oben, zu einer geschlossenen Tür ganz hinten –  ein Raum,  in dem  Jacob nie gewesen war, der aber wohl  Geertruis Schlafzimmer sein musste.  Sie blieb nur kurz drinnen, kam dann mit  einer kleinen  Ledertasche nach unten,  zurück  in die Küche, wo  Jacob  den Abwasch vom gestrigen Abendessen und vom heuti‐ 452 , gen Frühstück machte.  »Wäre es dir recht«, sagte Tessel, »wenn ich einen Kaffee  mit dir trinke? Aber ich kann nicht lange bleiben.«   »Das  fände  ich  schön«,  sagte  Jacob. »Nur  sollten Sie  ihn  lieber machen. Meiner ist eher Glückssache.«   Während Tessel Kaffee zu machen begann, sagte sie mit  einem  nervösen  Unterton:  »Ich  hoffe,  Geertruis  Erinne‐ rungen  haben  dich  nicht  zu  sehr  schockiert. Dich  nicht  unglücklich gemacht.«  War sie in Wirklichkeit deswegen hier?, fragte sich Jacob.   »Unglücklich nicht, nein. Ich weiß noch nicht genau, was  ich fühle. Aber das nicht.«  »Hat Daan dir gesagt, dass ich nicht wollte, dass Geertrui  dir  erzählt,  was  zwischen  ihr  und  deinem  Großvater  war?«   Jacob nickte, weil er Daan nicht in den Rücken fallen, aber  auch nicht lügen wollte.  »Es  stimmt,  ich wollte  es  nicht«,  sagte  Tessel  und  goss  heißes Wasser auf den Kaffee. »Nicht, weil ich nicht woll‐ te,  dass  du  es  erfährst.  Es  schien mir  nur,  nach  dieser  ganzen  langen  Zeit  —.  Was  hat  man  denn  davon,  so  etwas zu wissen?«   »Ich weiß nicht, ob man was davon hat. Aber ich bin froh,  dass  ich weiß, dass Daan mein Cousin  ist  und dass  Sie  meine Tante sind.«  Tessel drehte sich um und sah ihn zum ersten Mal, seit sie  da war, richtig an.  »Daan, dein Cousin?«, sagte sie. »Das freut mich.« Sie lä‐ chelte. »Und  ich muss zugeben, dass es mich auch  freut,  453 , deine Tante zu sein. Vielleicht solltest du mich ja duzen –  als  Tante.«  Sie wandte  sich  ab  und  setzte, während  sie  ihnen Kaffee  eingoss, hinzu:  »In diesen  letzten Monaten  gab  es  in  unserer  Familie  nicht  gerade  viel  Grund  zur  Freude.«  Sie  trug  ihre  Tassen  in  den  vorderen  Teil  des  Raums,  stellte sie auf den Tisch und setzte sich  in den Sessel mit  Blick  aufs  Fenster.  Jacob  folgte  ihr  und  setzte  sich  aufs  Sofa. Er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass  er Daans Platz eingenommen hatte.  »Dein letzter Tag hier bei uns«, sagte Tessel.   Er  trank  von  seinem Kaffee,  sagte dann:  »Ich weiß, das  klingt sicher komisch, nach allem, was war, aber ich fand  es wirklich schön, hier zu sein und Sie – euch alle kennen  zu lernen und, na ja –«  »Wir haben uns nicht so um dich gekümmert, wie es sich  gehört hätte.«  »Das kommt mir ehrlich nicht so vor.«   Tessel  sah  ihn an. »Du warst nicht der Einzige, um den  ich mir Sorgen gemacht habe, als ich wusste, was Geertrui  vorhatte.«   »Sarah?«  Tessel nickte. Er dachte, wie viel älter sie heute wirkte als  am  Sonntag.  Ihr  Gesicht  war  müde  und  zerfurcht.  Sie  trank von  ihrem Kaffee und stellte die Tasse wieder hin,  ehe sie sagte: »Wirst du’s ihr zu lesen geben?«   »Sie – du meinst, ich sollte es nicht tun?«   »Es  ist  deins. Du  kannst  damit machen, was  du möch‐ test.«   454 , »Daan meint auch, ich soll’s nicht tun.«   »Aber du meinst, das wird dir schwer fallen?«   »Nicht nur das. Ich will das tun, was richtig ist.«   Tessel schnaubte leise. »Ah,  ja!« Sie nahm einen weiteren  Schluck Kaffee. »Es ist nicht immer leicht herauszufinden,  was richtig ist.«   »Das Richtige zu tun, ist auch nicht immer leicht.«  Es war einfach nur als Bemerkung gemeint gewesen, kam  aber irgendwie vorwurfsvoll heraus.  Tessel sah ihn prüfend an. »Du denkst, ich will dem aus‐ weichen. Oder dir sagen, du sollst nicht  tun, was  richtig  wäre.«   Leicht  verlegen  sagte  Jacob:  »Nein,  nein.  Das  hab  ich  nicht gemeint. Ich freue mich nur nicht gerade darauf, es  Sarah zu sagen. Und ich habe Angst, wie sie’s aufnimmt.«   »Es ihr nicht zu sagen, wäre also feige.«   »Wär’s das?«  »Und um kein Feigling zu sein, willst du’s ihr sagen.«   »So hab ich’s noch gar nicht gesehen. Ist es so?«   »Oder ist es feiger, es ihr zu sagen?«   »Wieso?«  »Dann bist du die Last los.«   »Welche Last?«   »Die Verantwortung.«   »Welche Verantwortung?«  »Etwas  zu  wissen,  was  jemand  anderem  sehr  wehtun  könnte. Einer Person, die du liebst und die dir eine Menge  Liebe und Fürsorge gegeben hat. Einen beträchtlichen Teil  ihres Lebens sogar. Die Verantwortung, es zu wissen und  455 , es  ihr nicht zu sagen, um  ihr eine tiefe Verletzung zu er‐ sparen.«   »Du meinst,  es  ist  schwerer,  es  nicht  zu  sagen,  und  es  wäre vielleicht guter – sorry! – besser, es nicht zu tun?«  »Guter ist gar nicht so falsch. Das höhere Gut – es nicht zu  sagen, ja, ich muss zugeben, dass ich das meine.«   Jacob schwieg ein Weilchen, versuchte, die Frage für sich  zu entscheiden, konnte aber an nichts anderes denken als  an die beklemmende Situation.   Tessel machte  nervöse  kleine Handbewegungen,  zupfte  an der Armlehne des Sessels,  strich  sich den Rock glatt,  berührte  ihr Gesicht, hob  ihre Kaffeetasse und stellte sie,  ohne getrunken zu haben, wieder hin.  Schließlich  sagte er: »Ich weiß nicht.  Ich  schätze,  ich bin  einfach immer noch ein bisschen durcheinander. Muss die  Geschichte noch mal lesen. Ist irgendwie noch nicht rich‐ tig zu mir durchgedrungen. Ich bin ehrlich gesagt immer  ein bisschen langsam, wenn’s darum geht, zu wissen, was  ich fühle und was was für mich bedeutet.«  Tessel holte tief Luft. »In meinen Augen ist das kein Feh‐ ler. Was lange reut, ist schnell getan. Habt ihr nicht diese  Redensart?«  Jacob lächelte und nickte dankbar. »So was in der Art, ja.«   Tessel  trank  ihren Kaffee aus. Sie  saß ganz vorn auf der  Sesselkante,  sah  auf  ihre Hände,  die  aufeinander  gelegt  auf ihren Knien ruhten und sagte: »Eigentlich bin ich ge‐ kommen, um dir Auf Wiedersehen  zu  sagen.  Ich werde  dich morgen nicht zum Flughafen bringen können. Daan  sagt, du bist durchaus  in der Lage, allein hinzukommen,  456 , aber ...«   »Das schaffe  ich schon. Kein Problem.  Ist mir ehrlich ge‐ sagt sogar lieber.«  »Ich  finde  trotzdem,  jemand von uns sollte dich hinbrin‐ gen.«   »Ist nicht nötig. Wirklich nicht.«  »Und ich wollte dir noch sagen, dass ich mich sehr freuen  würde, wenn du uns noch mal besuchen kämst. Wenn  ...  nach ...«  »Mache ich. Gern. Sehr gern.«   »Daan würde sich auch freuen.«   »Versprochen. Sobald ich kann.«   Sie versuchte, ein heiteres Lächeln zustande zu bringen.  »Schließlich  sind  wir  ja  deine  holländische  Verwandt‐ schaft. Du bist einer von uns. Du gehörst zu uns.«   Er lachte aufrichtig erfreut.  »Du solltest dann aber  für  länger kommen. Und Nieder‐ ländisch lernen.«  »Das  sagt  Daan  auch.  Er  nennt  mich  schon  ›kleiner  Bruder‹, was  ich  so wenig  leiden  kann wie  jeder  echte  kleine Bruder.«   Tessel stand auf.   »Ich muss jetzt gehen.«  Sie nahm Mantel und Taschen an sich. Drehte sich dann  an der Tür noch mal zu Jacob um.  »Auf Wiedersehen«, sagte sie. »Lass dich nicht von einer  ängstlichen Tante durcheinander bringen. Wenn’s so weit  ist, wirst du wissen, was das Richtige ist. Dann tu’s, egal,  wer was sagt. So, darf deine holländische Tante dich jetzt  457 , küssen, wie es sich für eine Tante gehört?«  Sie beugte sich zu  ihm und hauchte  ihm ein kaum spür‐ bares Dreifachküsschen auf die Wangen.  »Grüß Sarah von mir. Und bitte, lass mich wissen, was du  tust. Wenn du’s ihr sagst, würde ich ihr gern etwas dazu  schreiben. Wirst du das tun?«   »Klar.«  »Danke.  Also  noch mal,  auf Wiedersehen.  Das  nächste  Mal werde ich eine richtige Tante sein. Wir werden etwas  zusammen unternehmen. Es gibt hier Orte auf dem Land,  im  Polder,  die  du  bestimmt  gern  sehen  würdest.  Das  wahre Holland. Nicht so wie Amsterdam.«   »Mir gefällt Amsterdam sehr. Mit jedem Tag besser.«   »Ach, ihr jungen Leute.«   Er  sah  Tessel  bedächtig  die  Treppe  hinuntergehen  und  war froh, dass sie gekommen war. Er erkannte etwas von  sich  in  ihr wieder.  Eine  bestimmte Art  von  Zurückhal‐ tung. Ein ängstliches Bemühen um den anderen. Und das  Streben nach dem, was Sarah gute Manieren nannte. Ihre  Jacob‐Gene oder Zufall, Erbe oder nicht? Spielte das eine  Rolle? So waren sie nun mal und er war froh drüber.    Nach Tessels Besuch war  er  ruhelos. Er konnte  sich  auf  nichts konzentrieren. Nicht lesen. Musik ging ihm auf die  Nerven, Schreiben war unmöglich, schon bei der Vorstel‐ lung würgte es ihn. Obwohl er Geertrui schreiben wollte,  weil er das Gefühl hatte, dass er’s sollte, dass er ihr sagen  sollte, was  er  konnte,  solange  noch Zeit war. Aber was  sagen? Da war  so  viel  zu  sagen. Und  so wenig, was  er  458 , sagen konnte. Was  sagte man  zu  einer Frau,  zu  irgend‐ einer  Person, die  in  fünf Tagen  aus  eigenem Entschluss  sterben würde?   Schließlich  ging  er,  um  seiner Nervosität  zu  entrinnen,  nach  draußen.  Zuerst  hatte  er  vor,  wieder  zu  diesem  Lagerhausfundament zu gehen, um zu gucken, wie es bei  Tag aussah, und weil dort keine Menschen waren. Doch  als er beim Bahnhof war, hatte er sich’s anders überlegt.  Ihm war nicht danach,  allein  auf  einer  schmalen Mauer  mitten im Fluss zu sitzen.  Eine Weile  beobachtete  er  die  Straßenkünstler  auf  dem  Bahnhofsvorplatz.  Die  Peruaner  oder  was  immer  sie  waren.  Ein  Paar,  das  mit  Flaschen  jonglierte.  Immer  wieder hörte er Straßenbahnen bimmeln, ehe sie zu ihrer  nächsten Tour aufbrachen. Ihm gefielen die Amsterdamer  Straßenbahnen,  ihr  Bleistiftkörper,  ihre  Stumpfnase,  ihr  Geklingel,  das  Zischen  der  pneumatischen  Türen  und  Bremsen, das  jaulende  Surren der Motoren, das metalli‐ sche Mahlgeräusch der Räder in den Schienen. Äußerlich  waren sie altmodisch und grundsolide, aber vom Gefühl  her  modern  und  witzig.  Wie  die  Stadt,  durch  die  sie  fuhren. Warum nicht, dachte er, einfach mit einer bis zur  Endhaltestelle  und  wieder  zurückfahren?  Eine  Stadt‐ durchquerung aus der Straßenbahnperspektive.   Er spazierte zu einer Schautafel mit einem Stadtplan, auf  dem die Straßenbahnlinien rot eingezeichnet waren. Ent‐ schied sich für die 25. Die endete in einer Gegend, wo er  die Namen aussprechen konnte, Martin Luther King Park  und President Kennedylaan, an einem scharfen Knick der  459 , Amstel.  Dort war  sicher  irgendwo  ein  Café, wo  er  ein  bisschen sitzen und dem Treiben auf dem Fluss zugucken  konnte, ehe er wieder zurückfuhr.  Ab ging’s, klingeling, vom Stationsplein, klingeling, übers  Wasser,  klingeling,  weiter  auf  den  Damrak  mit  seinen  halbseidenen  Touristenläden  und  ‐bars  –  Sexmuseum,  Foltermuseum – und vorbei an der Beurs van Berlage, die  einst die Börse gewesen war,  jetzt aber als Ausstellungs‐  und Veranstaltungszentrum diente, weiter zum Bijenkorf,  dem  Nobelkaufhaus  am  Dam,  und  dem  königlichen  Palast, der mit seinen grimmen, grauen, schweren Stein‐ mauern eher wie ein Gefängnis aussah (warum wurde er  nicht mal gereinigt und ein bisschen aufgepeppt?), überall  Leute,  klingeling,  eine  Schlange  vor Madame  Tussauds  Wachsfigurenkabinett,  klingeling, weiter  auf  den Rokin,  schickere Läden hier  – Antiquitäten, Klamotten, Restau‐ rants, ein Optiker, wo Daan seine Lesebrille gekauft hatte,  ein, wie er sagte, wunderschöner alter Laden, seit Genera‐ tionen im Familienbesitz – und auf der anderen Seite eine  Gracht mit wartenden Rundfahrtbooten,  dann  am  Ende  der  Straße,  klingeling,  um  eine  geschäftige  Ecke  in  die  Vijzelstraat.  Wo ihm einfiel, wie er diese Strecke in umgekehrter Rich‐ tung  gefahren war,  letzten Donnerstag,  nachdem Alma  ihn  gerettet  hatte,  an  seinem  ersten  Tag  in  dieser  Stadt  und dem  letzten Tag seines alten Lebens. Also würde er  jetzt gleich  an dem Café vorbeikommen, wo  sie geredet  hatten, und an dem Laden, wo Ton mit ihm Pralinen gek‐ auft hatte, am Montag, dem Tag, an dem er sich (Lächeln)  460 , in  diese  Stadt  verliebt  hatte.  Hab  ich  doch,  dachte  er,  oder?  Ist genauso, wie sich  in einen Menschen zu verlie‐ ben. Nicht mehr ohne diese Stadt sein wollen, alles über  sie wissen wollen,  sie mögen, wie  sie  ist, die  schlechten  wie  die  guten  Seiten,  das  nicht  so  Hübsche  wie  das  Schöne,  die  Geräusche,  Gerüche,  Farben,  Formen  und  Merk‐würdigkeiten. Das mögen, was sie anders macht als  andere Städte.  Ihre Geschichte wie  ihre Gegenwart. Und  ihre Rätselhaftigkeit, weil da  so vieles war, was er nicht  verstand. Und die Leute, die ihn diese Stadt sehen gelehrt  hatten,  Daan  und  Ton.  Und  natürlich  das  Lustige  an  dieser Stadt. Er hatte noch nie eine Stadt lustig gefunden.  Aber Amsterdam war lustig. Bis zu diesem Moment hatte  er noch gar nicht gemerkt, dass er  lächeln musste, wenn  er nur hinguckte. Ganz egal, was er auf den Straßen sah.  Diesen Mann dort zum Beispiel, der rasch durch die Men‐ ge schritt, wobei ihm alle Platz machten. Ein sehr großer,  schlanker, muskulöser  bronzefarbener Mann mit  endlos  langen Beinen, bekleidet nur mit einem schwarzledernen  Posing‐Slip, einem schwarzen Lederhalfter um die Schul‐ tern und  einer Art  schwarzer Kappe  aus Leder  streifen.  Und er ging nicht einfach nur, nein, er paradierte, stellte  sich zur Schau. Ein Kunstwerk. So schön wie  jedes Aus‐ stellungsstück  im  Museum.  Eine  lebende  kinetische  Skulptur.  Jetzt kam die Keizersgracht.  Dann  die  Prinsengracht.  Er  kannte  inzwischen  die  Rei‐ henfolge der Grachten und  freute  sich über  seine wach‐ sende Souveränität. Die Prinsengracht, wo Alma wohnte.  461 , Er  hatte  versprochen,  ihr  von  seinen  »Abenteuern«  zu  erzählen, ehe er abflog.  Über die Prinsengracht zu der Haltestelle in der Mitte der  Straße, vor dem Panini. Ein Versprechen. Und außerdem,  warum  nicht?  Spontan  stand  er  auf  und  konnte  gerade  noch hinausschlüpfen,  ehe die Tür zischend zuging. Als  er die Fahrbahn überquerte, sah er den Blumenstand auf  der Brücke. Er kaufte einen Strauß roter Teerosen, einer‐ seits in Gedanken an Sarahs Benimm‐Instruktionen, ande‐ rerseits aber auch aus schlechtem Gewissen, weil er nicht  vorher angerufen hatte. Und wenn sie nun nicht da war?  Die  Blumen  ins  Fenstergitter  stecken  und,  klingeling,  weiter wie gehabt.   Aber Alma war  da  und  begrüßte  ihn  so  herzlich,  dass  seine  Schuldgefühle  verflogen.  Das  Schutzgitter  wurde  geöffnet,  und  er  stieg  durch  die  blumenumkränzte  Fenster‐Tür, drei steile Stufen hinunter, wie die Stufen zu  einer  Bootskajüte,  und  in  die  viereckige  kleine  Höhle  ihres Wohnzimmers.  Bei  geschlossener  Fenster‐Tür war  es hier warm und gemütlich, das durchs Blattwerk gefil‐ terte  Tageslicht weich  und  leicht  grün  getönt, während  eine Kugellampe auf einem Bord in der Ecke einen gelben  Lichtkreis um den Sessel goss, wo Alma  ihr Buch aufge‐ schlagen zurückgelassen hatte, um ihm aufzumachen. Die  schlichte Schönheit des Raums war kaum zu übertreffen.  Kaffee und  kaneel‐gewürzte Kekse, deren Geruch  ihn  an  Hille erinnerte, erschienen aus einer Küche irgendwo hin‐ ter der Tür, durch die  Jacob ein Stück von einem Einzel‐ bett  mit  einer  narzissengelben  Daunendecke  in  einem  462 , deutlich kleineren Raum sehen konnte.  Alma  saß  in  ihrem  Sessel,  Jacob  auf  einem  weichen,  schwarzen Leinensofa an der Wand zur Straße, unter dem  Fenster, das das Pendant zum Eingang war.  Während der Kaffee  in Arbeit gewesen war, hatte  Jacob  sich dafür  entschuldigt, dass  er unangemeldet hereinge‐ platzt  war.  Die  Rosen  waren  mit  entzückten  Ausrufen  quittiert,  in eine Vase gestellt und auf dem antiken  run‐ den  Esstisch  platziert worden, wo  ihre  Blüten  vor  dem  altersdunklen Kastanienbraun des Holzes wie Blut leuch‐ teten. Seine morgige Abreise war erörtert worden – wann  sein Flugzeug ging, welchen Zug  er nach  Schiphol neh‐ men musste, um genug Zeit  zum Einchecken  zu haben,  wie  lange  der  Flug  dauerte  (eine  Stunde  und  zwanzig  Minuten), wer ihn abholen würde (seine Mutter) und wie  weit es dann noch vom Flughafen von Bristol bis zu ihm  nach Hause war (eine Stunde mit dem Auto).   Jetzt sagte Alma: »Und? Waren Sie im Anne‐Frank‐Haus?  Wie fanden Sie’s?«   Und nun erzähl mir eine Geschichte.  »Um ehrlich zu sein, ich war schon dort gewesen, als wir  uns neulich begegnet sind.«   »Ach? Das haben Sie mir nicht erzählt.«   »Nein.  Ich war nicht  in der  Stimmung.  Ich meine, nicht  wegen  der Diebstahlsgeschichte.  Schon  vorher.  Ich war  gerade erst hier angekommen, bei Daans Eltern, am Tag  vorher. Ich glaube, das habe ich Ihnen erzählt. Und Daans  Mutter, Tessel, sie ist eigentlich sehr nett und ich mag sie  wirklich,  aber  als  ich  ankam, na  ja, da  sagte  sie mir,  sie  463 , hätten Familienprobleme, sie sagte nicht, was genau, nur  dass  ihre  Mutter,  Geertrui,  sehr  viel  Aufmerksamkeit  brauche,  und,  na  ja,  jedenfalls,  ich  fühlte  mich  nicht  sonderlich willkommen, eher im Gegenteil.«  »Von all dem haben Sie letzte Woche nichts gesagt.«   »Nein. Sie hatten mich  für den Tag nach Amsterdam ge‐ schickt,  damit  ich  irgendwie  beschäftigt  und  aus  dem  Weg war,  jedenfalls fühlte es sich so an. Deshalb war ich  nicht gerade guter Laune.«   »Das kann ich verstehen.«  »Und  ich  fühle mich  nie  so  besonders wohl, wenn  ich  allein  in einer fremden Umgebung bin. Ich bin eigentlich  überhaupt kein Großstadtmensch. Wobei ich Amsterdam  inzwischen  wirklich  mag.  Aber  das  ist  eine  andere  Geschichte. Also,  jedenfalls war  ich  hier  und  schlechter  Laune und bin  ins Anne‐Frank‐Haus gegangen, weil das  der einzige Ort war, von dem ich wusste und wo ich hin  wollte.«   »Wegen des Tagebuchs natürlich.«   »Dort war eine Warteschlange.«   »Wie immer.«  »Und  zwar  eine  ziemlich  lange, was meine Laune  auch  nicht gerade gebessert hat. Ich bin nicht sonderlich gedul‐ dig, was Schlangestehen angeht. Aber  ich habe mich an‐ gestellt und es war, als ob wir drauf warten würden, den  Mann mit den zwei Köpfen oder die Dame mit dem Bart  oder sonst irgendeine Jahrmarktsattraktion zu sehen. Und  als  ich schließlich  reinkam, waren da Leute vor mir und  Leute hinter mir und wir trampelten alle die Treppe rauf  464 , und in die Räume. Ihre Räume. Wo schon ein totales Ge‐ dränge  war,  lauter  gaffende  Leute.  Sie  benahmen  sich  nicht daneben, ganz  im Gegenteil. Sie waren richtig ehr‐ fürchtig, ganz leise, redeten nicht mal, flüsterten nur und  zeigten mit dem Finger und guckten. Ich weiß nicht. Mich  überkam  einfach  das Gefühl,  dass wir  in Annes  Privat‐ sphäre  eindrangen.  Einfach  über  sie  hinwegtrampelten.  Aber  das  war  noch  nicht  alles,  das  albernste  Gefühl  war ...«   »Ja?«  »Klingt  echt  lächerlich. Aber  als  ich  all diese Leute  sah,  von denen die meisten ungefähr  in meinem Alter waren,  und wir uns alle dort durchschoben wie die Pilger durch  irgendein Heiligtum, na ja, da war es auf einmal gar nicht  mehr meine Anne.«  »Nicht mehr Ihre Anne?«  »Nein. Da waren  all  diese  anderen Menschen,  die  auch  dort  sein wollten, wo  sie  gelebt  hatte. Wo  sie  ihr Tage‐ buch  geschrieben  hatte.  Und  da  habe  ich mir  plötzlich  gesagt: ›Die glauben auch alle, sie gehört ihnen.‹«  »Aber,  Jacob,  Sie müssen  doch  gewusst  haben, wie  be‐ rühmt sie ist.«  »Klar wusste ich das. Aber das war trotzdem etwas ande‐ res. Ich meine, es gibt Wissen und Wissen, oder? Ich wuss‐ te  es  im Kopf, wie  eine  Statistik,  ein  Faktum. Aber  ich  wusste es nicht wirklich, nicht innerlich. Sie war berühmt  – na und? Ich hatte das Tagebuch  immer wieder gelesen.  Passagen mit  Leuchtstift markiert, wie  ich  schon  sagte.  Aber  ich  glaube,  darüber  hatte  ich  nie  nachgedacht.  Es  465 , war, als ob sie meine beste Freundin wäre, und  ich habe  einfach,  ich  weiß  nicht,  einfach  geglaubt,  bin  einfach  selbstverständlich davon ausgegangen, dass sie das Tage‐ buch für mich geschrieben hatte. Nur für mich.«  »Und dann sahen Sie diese Leute in dem Hinterhaus –«   »Vor  allem  in  dem  Raum,  wo  sie  geschlafen  hat.  Sie  wissen ja, wie klein der ist und wie da all diese Bilder, die  sie  an  die Wand  geklebt  hat,  die  Postkarten  und  Zeit‐ schriftenausschnitte –«   »Ich weiß.«  » –  immer noch hängen. Keine Möbel. Auch ganz  schön  blöd von mir, schätze ich, aber irgendwie hatte ich erwar‐ tet,  dass  die  Räume  noch  so wären wie  damals,  als  sie  dort gelebt hat. Sind sie aber nicht. Da ist nichts drin. Kein  Stück. Außer einem Modell  in einem Glaskasten, wie ein  Puppenhaus,  das  zeigt, wie  es  damals  aussah.  Das  hat  mich fertig gemacht. Ich meine, hinterher ist mir natürlich  aufgegangen, dass die Räume gar nicht mehr so sein kön‐ nen.  Ich wusste  ja, dass die Deutschen alles ausgeräumt  haben,  nachdem  sie  die  Leute  verhaftet  hatten.  Aber  irgendwie war  nicht  richtig  zu mir  durchgesickert, was  das hieß. Nur noch diese Bilder, die Anne an die Wand  neben  ihrem Bett geklebt hatte. Das war’s, was mich  so  geschafft hat, glaube ich. Als ich die gesehen habe, war es,  als ob sie noch da wäre. Oder nicht sie, sondern ihr Geist.  Das hat mich umgehauen. Da hatte  ich  so  oft  ihr Tage‐ buch gelesen. Und es bedeutete mir so viel. Vor allem die  Teile,  die  ich  markiert  hatte,  weil  sie  mir  so  wichtig  waren. Anne, die zu mir  sprach. Die ausdrückte, was  in  466 , meinem Kopf war. Meine eigenen Gedanken und Gefüh‐ le.  Und  dann  diese  kahlen  Räume  und  all  diese Men‐ schen, die sich plötzlich zwischen mich und Anne dräng‐ ten.  Und  die  genauso  über  sie  dachten  wie  ich.  Und  warum auch nicht? Das hat sie  ja schließlich gewollt. Sie  wollte  eine berühmte  Schriftstellerin  sein, das war  alles,  was  sie  wollte.  Und  das  ist  es  auch,  was  sie  war,  ich  meine, ist.«   »Und dann sind Sie rausgerannt?«  »Nein. Nicht  sofort.  Ich habe versucht mich  zusammen‐ zureißen.  Ich  wusste,  was  ich  da  gedacht  hatte,  war  lächerlich.  Ich wusste,  ich  sollte  froh  sein. Froh, dass  so  viele  Leute  sie  genauso  liebten  wie  ich.  Ich  habe  es  geschafft,  mich  zur  Ecke  am  Fenster  durchzuarbeiten,  und bin dort an der Wand stehen geblieben, um mich zu  erholen.  Ich habe gezittert wie Espenlaub und mir stand  der kalte Schweiß auf der Stirn. Ich weiß noch, dass da ein  Mann neben mir  stand und  aus dem Fenster guckte. Er  war Engländer, schon etwas älter, ein bisschen wie mein  Dad. Er war mit  einer Frau da, die  er  Joke nannte,  also  war  sie  vermutlich  Niederländerin.  Während  ich  dort  stand und mich  in den Griff zu kriegen versuchte, hörte  ich ihn sagen: ›Siehst du die Häuser da drüben?‹ Und die  Frau  sagte:  ›Die  stehen  an  der  Keizersgracht.‹  Und  er  sagte: Wusstest  du,  dass Descartes mal  in  einem  davon  gewohnt  hat?‹  ›Ich  denke,  also  bin  ich‹,  sagte  die  Frau.  Und der Mann sagte: ›Ich denke, also bin ich. Ich bin, also  werde ich observiert.‹ Und dann lachten sie, und sie küß‐ te ihn.«   467 , Er sah Alma an.  »Ich denke, also bin ich«, wiederholte sie. »Und dann?«   »Ich bin, also werde ich observiert.«   »Nie gehört«, sagte sie.   »Ich auch nicht«, sagte Jacob.   »Nicht von Descartes.«  »Und  finden Sie’s nicht  seltsam, dass  ich mich  so genau  dran erinnere – wortwörtlich?«  »Vielleicht. Und als Sie  sich wieder  im Griff hatten, was  haben Sie dann gemacht?«  »Ich bin einfach der Masse nachgelaufen. Und Sie wissen  doch, wie man dort  runterkommt, vom Versteck  in den  Museumsteil.«  »Wo ihre Geschichte in Bildern erzählt wird.«   »Und  wo  diese  Glasvitrinen  stehen,  mit  Sachen  von  Anne.«   »Dem Originaltagebuch.«  »Ja, dem Tagebuch selbst. Na ja, als ich das Tagebuch ge‐ sehen habe, konnte  ich einfach nicht mehr. Die Bilder  in  ihrem  Zimmer  waren  schon  schlimm  genug.  Aber  die  waren nicht sie. Nicht Anne selbst. Aber das Tagebuch –!  Wenn man sich’s überlegt, ist es doch eigentlich das, was  sie  war. Was  sie  ist!  Ihr  Tagebuch.  Das  Buch,  das  sie  geschrieben hat. Ihre Handschrift. Ihre Worte, die sie mit  ihrem  Füller  hingeschrieben  hat.  Ich  hab’s  angeschaut  und angeschaut. Konnte mich gar nicht davon  losreißen.  Ich hätte am liebsten das Glas eingeschlagen, um es in die  Hand zu nehmen. Ich wollte es halten. Wollte es riechen.  Wollte es küssen. Wollte es  stehlen! Das wollte  ich echt!  468 , Und um mich herum drängten sich die Leute, wollten alle  so dicht wie möglich  ran. Genau wie  ich.  Ich wollte  sie  anschreien:  ›Geht weg!  Lasst  sie  in Ruhe!  Ihr  habt  kein  Recht,  hier  zu  sein. Haut  ab!‹  Aber  ich  hab’s  natürlich  nicht  getan.  Bin  einfach  nur  selbst  abgehauen.  Ich weiß  nicht mehr, wie. Keine Ahnung. Ich weiß erst wieder, wie  ich zu mir kam, als  ich  fast von einer Straßenbahn über‐ fahren worden wäre. Da war  ich an der Leidsestraat, ob‐ wohl ich da noch nicht wusste, welche Straße es war. Und  so bin  ich an dem Plein gelandet, wo  ich dann bestohlen  wurde.«   »Und dann habe ich Sie gefunden«, sagte Alma und atme‐ te seufzend aus, wie es Zuhörer am Ende einer Geschichte  tun. »Kein Wunder, dass Sie so verstört waren. Vielleicht  mehr  von  Ihrem  Besuch  im  Anne‐Frank‐Haus  als  von  dem Diebstahl.«   »Stimmt.«  »Der Dieb hat nur Ihr Geld genommen. Was Sie im Anne‐ Frank‐Haus verloren haben, war etwas viel Kostbareres.«   »Ich weiß.  So  fühlt  es  sich  an. Aber  ich  kapiere  immer  noch nicht, was  es war, obwohl  ich viel drüber nachge‐ dacht habe.«   »Vielleicht  haben  Sie  ja  etwas  von  Ihrer  kindlichen Un‐ schuld verloren.  Jedes Mal, wenn man eine Lektion über  das Leben lernt, geht das mit einem Verlustgefühl einher.  Das  ist meine  Erfahrung. Wir  gewinnen  etwas. Aber  es  hat auch seinen Preis.«  Während Alma  sprach, wurde  Jacob  plötzlich  klar, wa‐ rum  er  zu  ihr  gekommen  war.  Ohne  Einleitung,  ohne  469 , vorher zu fragen, erzählte er ihr von Geertruis Erinnerun‐ gen. Sagte  ihr, dass er Angst habe, wie Sarah das Ganze  aufnehmen würde.  Sagte  aber  nichts  davon,  dass Daan  und Ton und Tessel meinten, dass er es für sich behalten  solle. Und schloss  im selben Atemzug die Frage an, was  Alma meinte, was er tun solle. Es Sarah sagen oder nicht?  Sie schwieg. Er fühlte die Frage schwer über ihren Köpfen  hängen.  Endlich, als er schon dachte, er hätte sie etwas so Unge‐ höriges  gefragt,  dass  sie  nicht  antworten  würde,  sagte  Alma:  »Sind  Sie  sicher,  dass  Ihre  Großmutter  das  alles  nicht schon weiß?«  Ihre  Frage  verschlug  ihm  den Atem. Diese Möglichkeit  war ihm noch gar nicht in den Sinn gekommen.  »Das hätte sie mir gesagt«, sagte er, als er’s konnte.   »Was macht Sie da so sicher?«  »Wir  reden  über  alles. Da  hätte  sie  es mir  doch  gesagt,  oder nicht?«  »Sie  reden über  alles.  Sie hat  Sie  zum Grab  Ihres Groß‐ vaters geschickt?«   »Ja.«  »Warum erst jetzt?«  »Sie sagte, jetzt sei ich alt genug, es zu verstehen.«   »Was zu verstehen?«   »Wie er gestorben ist, schätze ich.«   »Und wie ist er gestorben?«  »Na  ja, da war seine Verwundung. Aber gestorben  ist er  wohl an einem Herzinfarkt.«  »Ach,  an  einem Herzinfarkt. Also  hat  sie  Sie  zu  seinem  470 , Grab geschickt. Oder hat sie Sie  in Wirklichkeit zu Geer‐ trui geschickt?«  »Geetrui  hatte  Sarah  eingeladen,  aber  die  konnte  nicht  kommen.«  »Haben Sie den Brief gesehen?«   »Nein.«  »Woher wissen Sie dann, was Geertrui ihr gesagt hat?«   »Ich weiß es nicht. Nur das, was Sarah mir erzählt hat.«   Schweigen, bis Alma wieder sprach.  »Warum denken  junge Leute  so oft, dass alte Menschen  nicht  so  gut mit  dem  Leben  umgehen  können wie  sie?  Oder dass sie die Wahrheit nicht mehr verkraften ?«   Jacob sah sie an, versuchte abzuschätzen, was ihm da mit‐ geteilt wurde, was sie wirklich sagte. Aber  ihr Blick war  stet und ihr Gesicht verriet nichts.  »Sie meinen, wenn Sarah es nicht weiß, wird sie’s schon  verkraften?«  »Ich  kenne  Ihre Großmutter  nicht. Das müssen  Sie  ent‐ scheiden.«  »Und wenn sie’s weiß, wird sie warten, was ich sage?«   »Ganz schöne Zwickmühle«, sagte Alma lächelnd.   Sie umfasste  ihre Knie, stemmte sich  in die Höhe, wie es  an Arthritis  leidende alte Menschen tun, und brachte die  Kaffeetassen in die Küche.  Als sie wiederkam, sagte sie in ihrem munteren Plauder‐ ton: »Ihre Blumen sind wunderhübsch.«   Zeit zum Aufbruch. Jacob erhob sich.   »Dann geh ich jetzt mal.«  »Werden Sie noch mal nach Amsterdam kommen?«   471 , »Ja. Ich komme bestimmt noch mal wieder.«   »Dachte ich mir schon. Ich hoffe, Sie werden mich wieder  besuchen  und  mir  erzählen,  wie  Sie  sich  entschieden  haben.«   »Ja. Versprochen.«  Alma streckte  ihm die Hand hin. Er drückte sie und gab  Alma den zurückhaltendsten und höflichsten aller Obere‐ Wangenzone‐Drillingsküsse.  »Sie  lernen unsere Gebräuche  sehr  schnell«,  sagte Alma  lachend.  472 , Jacob.    Daan hat mir erzählt, dass du darum gebeten hast, bei meinem  Ende hier sein zu können.   Ich muss Nein sagen.  Es wird schwer sein, vor allem  für Tessel und Daan. Sie müs‐ sen hinterher weiterleben. Da darf nicht noch jemand sein, um  den sie sich Gedanken machen müssen.  Ich habe alles geplant.  Nur Tessel und Daan hier bei mir. Und der Arzt.   Aber du wirst an mich denken.   Es wird mittags geschehen, am Montag.   Tessel und Daan werden ab Freitag die ganze Zeit hier sein.   Wir werden uns verabschieden.  Der Arzt gibt mir eine Spritze. Wenn ich schlafe, gibt er mir die  Spritze, die mein Leben beendet.  Es wird nicht  schmerzhaft  sein. Es wird das Ende unerträgli‐ cher Schmerzen sein.  Vom  Moment  unseres  Abschieds  bis  zum  Ende  werden  sie  Worte  lesen, die  ich  liebe. Ein Gedicht wird auf Englisch sein.  Es wird kein Brimborium geben.  Nach  dem  Trauergottesdienst wird mein  Körper  eingeäschert  werden.  Tessel und Daan verstreuen meine Asche im Hartenstein‐Park  in Oosterbeek.  473 , Dirks Asche ist auch dort verstreut. Wo wir aufgewachsen sind  und unsere Kinderzeit mit Henk verbracht haben.  Das Grab deines Großvaters ist nicht weit.  Es ist schön dort.  Unsere Familie kann hinkommen und an uns denken.  Ich hoffe, du wirst auch hinkommen.  Möge Segen auf deinem Leben ruhen.  Liefs,  Geertrui  474 , »Hille?«  »Jacob.«  »Okay?«  »Okay. Du?«  »Muss dich sehen.«  »Aber du fliegst doch morgen, oder?«  »Am Nachmittag.«  »Ich wollte dir schreiben.«  »Hast du meinen Brief gekriegt?«  »Ja.«  »Ich brauche deine Hilfe.«  »Hilfe?«  »Da  ist was, was  ich  rausgefunden habe. Und  ich muss  dich sehen.«  »Hier herrscht das totale Chaos. Der Umzug und alles.«  »Ich muss dich echt sehen.«  »Aber wann?«  »Morgen. Ich komme nach Oosterbeek und  fahre von da  nach Schiphol.«  »Ich bin in der Schule.«  »Nur den Vormittag über.«  »Ich gucke mal, was wir haben.«  »Nachmittags kannst du ja hingehen.«  »Vielleicht ließe sich’s ja machen.«  »Ist wichtig.«  475 , »Okay. Aber ich komme zu dir.«  »Okay. Wann?«  »So um zehn. Plusminus.«  »Ich warte in der Wohnung. Weißt du, wo das ist?«  »Ja.«  »Danke. Bis dann.«  »Tot ziens.«  476 , POSTKARTE  Die Gabe der Lust  ist das erste Mysterium  John Berger    »Du wolltest was über meinen Großvater wissen«,  sagte  Jacob. »Jetzt weißt du’s.«  »Bin  froh, dass  ich  heute  lebe  und  nicht damals«,  sagte  sie.   »Aber was denkst du? Über meinen Großvater und  sie,  meine ich.«  »So  was  ist  damals  oft  vorgekommen.  Vor  allem  bei  Kriegsende. Dieses Jahr hatten wir sogar einen speziellen  Tag dafür.«   »Wofür?«  »Für Leute, deren Väter  Soldaten waren, die  für  unsere  Befreiung  kämpften.  Das  nannte  sich  Tag  der  Versöh‐ nung. Einige Leute, viele Leute, die solche Soldatenkinder  großgezogen  hatten,  ohne  es  ihnen  zu  sagen,  haben  an  diesem  Tag  zum  ersten Mal  mit  ihnen  drüber  gespro‐ chen.«   »Öffentlich?«  »Wenn  sie wollten,  ja. Und die Leute, die  immer  schon  offen  damit  umgegangen  waren,  haben  ihnen  dabei  geholfen.«   477 , »Irre.«  »Warum? Ich fand’s gut. Mir hat es gefallen.«   »Kann mir nicht vorstellen, dass es so einen Tag  in Eng‐ land geben könnte.«  »Ihr braucht keinen. Ihr wart nie besetzt und seid folglich  auch nie befreit worden.«   »Würde es aber auch sonst nicht geben.«   »Ist vielleicht schon ein bisschen typisch Niederlande.«   »Zu erfahren, dass mein Großvater eine holländische Ge‐ liebte  hatte  und  dass  es  eine  holländische  Tochter  und  einen holländischen Enkel von  ihm gibt, war schon ganz  schön heftig. Weiß der Himmel, wie sich’s anfühlt, wenn  man rausfindet, dass der Mann, den man  immer  für den  eigenen Vater gehalten hat, gar nicht der eigene Vater ist  und dass einem die eigene Mutter fünfzig Jahre lang was  vorgemacht hat.«   »Manche Leute waren  total  fertig. Andere  haben  es  gut  verkraftet. Manche schienen gar nicht weiter betroffen. Ist  doch immer so, meinst du nicht? Man weiß doch nie, wie  sich  Leute  verhalten werden, wenn  sie was  Schwerwie‐ gendes  erfahren. Man weiß  ja nicht mal von  sich  selbst,  wie man sich bei irgendwas verhalten wird, bis es einem  passiert. Ich jedenfalls nicht. Ich hab dir doch erzählt, wie  es war, als meine Großmutter gestorben  ist. Vorher hätte  ich nie gedacht, dass ich Schuldgefühle haben würde. Ich  meine, warum auch? Ich hatte ihr doch nichts angetan, sie  war alt und krank. Kranke alte Menschen sterben. Das ist  natürlich. War  ja  nicht meine  Schuld,  dass  sie  alt  und  krank war. Aber ich hatte trotzdem Schuldgefühle.«  478 , »Komisch, weil – darüber wollte  ich auch mit dir  reden.  Seit  gestern,  seit  ich  Zeit  hatte,  drüber  nachzudenken,  habe ich Schuldgefühle. Wegen Grandad.«  »Wieso? Weil  er  und Geertrui  ein  Liebesverhältnis  hat‐ ten?«   »Deshalb eigentlich nicht so sehr.«   »Weil Geertrui ein Kind gekriegt hat?«  »Ich  kann  verstehen,  wie’s  dazu  kam.  Warum’s  dazu  kam. Wie es  für sie war. Hätte mir vermutlich auch pas‐ sieren können.«  »Aber warum dann?«   »Weil ich es weiß.«  »Aber das ist doch so lange her. Und es ist doch nicht so  schrecklich  für  dich,  oder?  Dass  du  nette  holländische  Verwandtschaft dazugekriegt hast?«  »Nein, das ist okay. Das freut mich.«   »Was dann?«  »Ich  bin mir  nicht  so  sicher,  dass  es meine Großmutter  auch freuen wird.«  Hille schlug sich auf den Schenkel. »Sie weiß es  ja nicht!  Domkop! Ich hab nur an dich gedacht.«   »Danke. Aber deshalb habe ich Schuldgefühle. Weil  ich’s  weiß und sie nicht. Fast, als ob  ich mein Großvater wäre  und sie meine Frau. Blöd, was?«   Die Anspannung machte ihn unruhig.   Er stand auf, wobei er sich fragte, warum er sich immer in  diesen  Sessel  setzte,  und  ging  ans  Fenster.  Eine  Bläss‐ huhnfamilie paddelte die Gracht entlang. Die Jungen vom  Frühjahr  sahen  schon  ganz  schön  erwachsen  aus.  Im  479 , Hotel  drüben  niemand  in  Sicht,  außer  einem  Zimmer‐ mädchen, das ein Bett machte. Die schmutzigen Kirchen‐ fenster blind und drahtvergittert wie eh und je.  Er hörte Hille vom Sofa aufstehen, hörte ihre Schuhe über  die Fliesen klicken, als sie von hinten herankam und die  Arme um seine Taille schlang. Durch sein Hemd fühlte er  ihre weichen  Brüste  an  seinem Rücken  und  ihre  harten  Hüften an seinem Hintern.  »Wird es sie sehr treffen?«  Ihr Atem kitzelte  ihn  im Nacken. Er wartete kurz, ehe er  antwortete.  »Du meinst, ich soll’s ihr sagen?«   Jetzt schwieg sie erst mal einen Moment.   »Du nicht?«  »Daan  sagt,  ich  soll’s  nicht  tun.  Tessel  auch.« Von  Ton  und Alma sagte er nichts, um die Dinge nicht zu kompli‐ zieren und weil er hören wollte, was sie meinte, wenn sie  davon ausging, dass alle anderen Nein gesagt hatten.   Eine  längere Schweigepause  folgte. Das  störte  ihn nicht.  Er genoss es, so von ihr umarmt zu werden. Es war tröst‐ lich und sexy. Er hielt ganz still, wollte nicht, dass es auf‐ hörte.   »Wie gesagt, man weiß nie, wie sich die Leute verhalten  werden.  Schon  gar  nicht  bei  unangenehmen  Eröffnun‐ gen.«   »Ich hatte gehofft, du würdest mir bei der Entscheidung  helfen.«  Sie  trat  ein Stückchen zurück. Er drehte  sich zu  ihr um.  Sie nahm seine Hände, hielt sie zwischen ihren, schob die  480 , Lippen vor und zog die Augenbrauen zusammen.  »Wenn ich du wäre, würde ich es ihr sagen. Aber ich bin  nicht du und ich kenne deine Großmutter nicht.«   Er lächelte bitter und sagte: »Mit anderen Worten, das ist  dein Problem, Jacob.«  Sie  lächelte  und  nickte.  »Ich mein’s  nicht  so,  wie  du’s  gerade gesagt hast. Aber es ist nun mal dein Problem, das  musst du doch zugeben.«   Er seufzte.  »Mit sechs habe ich lesen gelernt. Um mir zu gratulieren,  hat mir meine Großmutter  –  Sarah  –  eine  Postkarte  ge‐ schickt. Vorne drauf war ein Kaninchen, das ein Buch las.  Hintendrauf  hatte  sie  geschrieben:  ›Gut  gemacht!  Jetzt  kannst du alle Geheimnisse der Welt aufdecken.‹ Als  ich  sie das nächste Mal sah, fragte sie mich, ob mir die Karte  gefallen habe. Ich sagte: ›Sie war so schön, Gran, am liebs‐ ten möchte  ich  jede Woche  so eine.‹ Und  seither  schickt  sie mir jede Woche eine Karte. Jede Woche eine Karte mit  einer Nachricht. Auch  jetzt noch, wo  ich bei  ihr wohne.  Mit  der  Post. Wenn  es  keine  Post  gibt, wie  einmal  bei  einem  Poststreik,  steckt  sie  die  Karte  selbst  durch  den  Briefschlitz.  Vorne  drauf  ist  immer  irgendwas,  was  sie  mir  nahe  bringen will,  zum  Beispiel  ein  berühmtes Ge‐ mälde  oder Gebäude  oder  eine  Person  oder  eine  Land‐ schaft. Irgendwas. Und hintendrauf schreibt sie, wenn sie  mir selbst gerade nichts mitteilen will, ein Zitat aus einem  Buch, das sie gerade liest, oder etwas, was sie im Fernse‐ hen  gehört  hat,  oder  sie  klebt  einen  Zeitungsausschnitt  oder  so was drauf. Nicht nur ernsthafte Sachen. Manch‐ 481 , mal  auch Witze  oder Cartoons.  Ich  hab  die Karten  alle  aufgehoben, von Anfang an. Es sind bis  jetzt siebenhun‐ dertelf Stück.«   Hille musterte  ihn ein Weilchen. Ließ dann seine Hände  los und ging wieder zum Sofa.  »Tolle  Sache.  Das  ist  wirklich  eine  Supergroßmutter«,  sagte sie, als sie sich hinsetzte.   Jacob folgte ihr und setzte sich neben sie.   »Und mein Großvater war die Liebe ihres Lebens. Sie hat  nie wieder  geheiratet. Und  jetzt  soll  ich  ihr  sagen,  dass  der Mann, der für sie so wunderbar war und den sie im‐ mer noch liebt. Das könnte sie umbringen.«   »Dann sag’s ihr nicht.«   »Dann würde  ich mich  für den Rest meines Lebens mies  fühlen. Das weiß  ich einfach. Außerdem  sagt  sie  immer,  dass man mir alles ansieht.«   »Da hat sie Recht. Das stimmt.«  »Vielen Dank. Das  stärkt meine  Zuversicht  ganz  unge‐ mein. Also, sie wird bestimmt wissen wollen, was ich hier  erlebt habe.  Ich habe  ihr  immer alles gesagt. Nie  irgend‐ was vor  ihr verborgen. Sie wird garantiert merken, dass  ich ihr was verschweige.«  »Dann hast du ein Problem.«  »Klar habe ich ein Problem! Danke, dass du mir das extra  noch mal sagst.«  Wieder machte ihn die Nervosität ganz zapplig.   »Ich  muss  mal  aufs  Klo«,  sagte  er.  »Der  viele  Kaffee,  während du Geertruis Geschichte gelesen hast.«    482 , Als  er wiederkam,  betrachtete Hille  gerade  die  Bücher‐ wand.  Von  hinten wirkte  das Mädchen  genauso  anzie‐ hend wie von vorn: die Linien  ihrer Schultern, die Run‐ dungen ihres Hinterns in der Jeans, die Proportionen von  Körper  und  Beinen.  Er  sah  auf  seine Armbanduhr. Der  Vormittag war  fast um. Er  ging  zu  ihr und  schlang die  Arme um ihre Taille, wie sie es vor wenigen Minuten mit  ihm gemacht hatte.   »Du  schaffst es nicht zum Nachmittagsunterricht«,  sagte  er, »wenn du nicht bald gehst.«   »Schon zu spät.«   »Du gehst nicht?«  Er versuchte, die Erregung aus seiner Stimme draußen zu  halten, was ihm jedoch nicht gelang. Sie würde sie sowie‐ so in seinem Körper spüren.   »Von wegen unangenehme Eröffnungen.«  »Lass uns das Thema vergessen und einfach nur die Zeit  genießen, bis ich gehen muss.«   »Wann musst du los?«   »Von hier so um vier.«   »Ich will dir was sagen. Komm, setz dich.«   Sie  löste  sich  aus  seinen  Armen  und  ging  zum  Sofa.  Irgendetwas in ihrem Verhalten riet ihm, sich in einen der  Sessel  zu  setzen.  Er  wählte  absichtlich  den,  in  dem  er  sonst nie saß, mit Blick aufs Fenster.  Hille saß vorgebeugt, die Ellbogen auf die Knie gestützt,  eine Faust am Mund.  »Wegen der Stelle als Küssfreund.«  »Ah!« Er  sah den  Schlag kommen.  »Du hast  sie  jemand  483 , anderem gegeben.«   »Nein.«   »Was dann?«  »Da  ist noch eine andere Qualifikation, die  ich vergessen  habe.«   »Nämlich?«  »Er muss  nah  genug  bei mir wohnen, um das mit dem  Küssen auch praktizieren zu können.«   »Und das tu ich nicht.«   »Nein.«  »Also krieg ich den Job nicht.«  »Ich  kann  nicht  die  Freundin  von  jemandem  sein,  der  weit weg ist. Das könnte ich nicht durchhalten.«  Er sagte nichts.   »Verstehst du das?«  »Klar. Du brauchst’s nicht zu erklären. War’s das, was du  mir schreiben wolltest?«  »Ja.  Und  dass  ich  möchte,  dass  wir  Freunde  bleiben.  Wenn du möchtest.«  »Ich möchte. Aber alles andere? Wenn wir nah genug bei‐ einander wohnen würden?«   »Würdest du den Job kriegen.«   »Echt?«   »Echt.«  »Kann ich als Beweis einen Kuss haben?«   Sie lachte. »Gute Idee.«    »Hör mal«,  sagte  er.  »Lass uns  irgendwohin gehen. Zu‐ sammen  noch was  von  der  Stadt  sehen. Hast  du Hun‐ 484 , ger?«   »Hab ich.«  »Wie wär’s mit einem Pfannkuchen?«   »Wenn du’s auf Niederländisch sagst.«   »Zal ... het zijn ... äh ... lijken ... een pannenkoek?«   Was einen Kicheranfall auslöste.   »Schön, dass ich dich wenigstens belustige.«   »Sorry! Du hast dich bemüht. Ich weiß ein gutes Lokal in  der Nähe vom Anne‐Frank‐Haus. Hat sogar einen engli‐ schen  Namen,  The  Pancake  Bakery,  also  kannst  du’s  wenigstens aussprechen.«  »Aber das schmälert meinen Unterhaltungswert.«   »Das nehme ich auf mich.«  »Ich würde gern vorher noch packen, damit  ich  abfahr‐ bereit bin.«  Er nahm Geertruis Geschichte vom Tisch.   Hille sagte: »Kann ich mal die anderen Sachen sehen, die  sie  dir  gegeben  hat? Das  Buch  und  den Anhänger,  den  dein Großvater gemacht hat.«  »Okay. Komm mit rauf. Du kannst sie dir angucken, wäh‐ rend ich packe.«  Sie  folgte  ihm  in  sein Zimmer. Alles, was  sich während  dieser  Reise  an Neuem  angesammelt  hatte, war  in  der  Bijenkorf‐Tüte.  Er nahm das Fallschirmjägerabzeichen seines Großvaters,  Sams Buch und den Anhänger heraus und legte alles aufs  Bett. Hille setzte sich daneben, nahm sofort den Anhänger  und  befühlte  ihn  auf  eine  so  sinnliche  Art,  dass  Jacob  ganz nervös wurde.  485 , Er wandte  sich ab und begann  seine Kleidungsstücke  in  seine Reisetasche  zu packen. Ging dann  runter  ins Bad,  um  seine  Toilettensachen  zu  holen.  Als  er  wieder  ins  Zimmer kam, blätterte Hille gerade in Sams Buch.  Er packte  fertig. Ging dann zum Bett, um noch die Tüte  mit seiner Reiseausbeute zu holen.  »Was ist da sonst noch drin?«, fragte Hille. »Kann ich mal  sehen?«  »Wenn du möchtest.«  Er kippte die Tüte aus. Hille ging den Inhalt durch.   »Was ist das? Niederländisch in drei Monaten.« Sie lachte.   »Hab  ich  gestern  Abend  von  Daan  gekriegt.  Sein  Ab‐ schiedsgeschenk. Eher ein Komm‐bald‐wieder‐Geschenk,  hat er gesagt.«  »Und tust du’s?«  »Worauf du dich verlassen kannst.«   »In drei Monaten Niederländisch lernen, meine ich.«   »Ich werde den Versuch wagen. Aber mal ganz im Ernst,  ich  hab  mir  überlegt,  es  kann  mich  doch  nichts  dran  hindern, hier zu studieren, oder? An der Uni. Daan sagt,  viele  Lehrveranstaltungen  sind  auf  Englisch. Müssen  es  sogar  sein, um ausländische Studenten anzulocken. Und  er  sagt,  ich kann bei  ihm wohnen. Unterkunft wäre also  kein Problem. Mein Alternativzuhause, sagt er.«  »Hab dir  ja gesagt, es geht nichts über nette holländische  Verwandte.«  Sie legte das Buch weg, schob den verknipsten Film vom  Oosterbeeker Friedhof und die Gottesdienstordnung bei‐ seite  und  entdeckte die  Postkarten  von Titus  und Rem‐ 486 , brandt.   »Wieso die Karten hier?«   »Daan findet, ich sehe aus wie Titus.«   Sie hielt die Titus‐Karte neben Jacobs Gesicht.   »Ein bisschen vielleicht.«   »Du musst das Gemälde selbst sehen.«   »Magst du Rembrandt?«   »Ich finde ihn toll, ja.«   »Ich finde Vermeer besser.«  »Besser?«  »Na ja, er ist nicht besser. Das ist blöd ausgedrückt. Aber  er ist mein Lieblingsmaler unter den alten Meistern. Viel‐ leicht  sollten wir  jetzt  noch  hingehen  und  ihn  uns  an‐ gucken.«   »Wenn du möchtest.«   Dann die Papierserviette von Alma.   »Was ist das?«   Er erklärte es.  »Aber warum hat sie das hingeschrieben?«   »Na  ja, bevor mir mein Anorak geklaut wurde, kam die‐ ser  Typ  und  setzte  sich  zu mir  und wir  kamen  ins Ge‐ spräch.  Später  stellte  sich  raus,  dass  er  ein  Freund  von  Daan ist, aber das wusste ich da natürlich noch nicht. Na  jedenfalls,  er  sagte,  er würde mir  seine  Telefonnummer  geben,  für den Fall, dass  ich Lust hätte,  ihn noch mal zu  treffen, und dann hat er sie da reingeschrieben.«  Er nahm Tons Streichholzheftchen vom Bett.   »Aber  er  hat  nicht  nur  seine  Nummer  hingeschrieben,  sondern  auch  noch  einen  Spruch.  Den  habe  ich  dann  487 , Alma gezeigt, weil  ich wollte, dass sie  ihn mir übersetzt,  und sie fand ihn komisch und beim Abschied hat sie mir  diese  Papierserviette  mit  dem  niederländischen  Sprich‐ wort gegeben.«   Hille  nahm  ihm  das  Streichholzheftchen  aus  der Hand  und klappte es auf.  Als sie kapiert hatte, was es war, sagte sie lachend: »Er ist  also schwul.«  »Ja, er ist schwul.«   »Und er steht auf dich.«   »Und er steht auf mich, ja.«  Sie ließ das Briefchen vor seiner Nase baumeln. »Aber du  hast’s nicht benutzt.«   Er schüttelte lächelnd den Kopf.   »Meinst du nicht, du solltest es noch tun?«   »Tun?«  »Du willst es doch nicht mit nach Hause nehmen, oder?«  »Aber mit wem?«   »Wie wär’s mit mir?«   »Falls das ein weiterer Job‐Test ist –«   »Ist es.«  »Weiß nicht, ob ich da so gut abschneiden werde.«   »Wird sich ja rausstellen.«  »Nicht mein Spezialgebiet. Könnte dich enttäuschen. Hab  nicht genug Erfahrung.«  Während  sie  seinen Gürtel  aufschnallte,  sagte  sie:    »Du  kannst es in der Praxis lernen.«   »Warum tust du das?«   »Weil du’s willst.«   488 , »Und was ist mit dir?«   »Ich will’s auch.«  »Weiß  nicht,  ob wir  genug  Zeit  haben. Möchte meinen  Flug nicht verpassen.«  Hille lachte leise und sagte in unverschämt genau getrof‐ fenem Ton: »Gib dich einfach  in meine Hände. Entspann  dich. Genieß es. Vertrau darauf, dass  ich dich rechtzeitig  zu deinem Flieger bringe.«  489 ]
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