Herunterladen: EIN TERRA-TASCHENBUCH

EIN TERRA-TASCHENBUCH GORDON R. DICKSON IM GALAKTISCHEN REICH Deutsche Erstveröffentlichung ERICH PABEL VERLAG KG • RASTATT/BADEN Titel des Originals: WOLFLING Aus dem Amerikanischen von Dr. Eva Sander TERRA-Taschenbuch Nr. 218 TERRA-Taschenbuch erscheint vierzehntäglich im Erich Pabel Verlag KG, 7550 Rastatt, Pabelhaus Copyright © 1968, 1969 by Gordon R. Dickson Scan by Brrazo 06/2006 Redaktion: G. M. Schelwokat Vertrieb: Erich Pabel Verlag KG Gesamtherstellung: Zettler, Schwabmünchen Einzelpreis: 2,80 DM (inkl. 5,5% MWST) Verantwortlich für die Herausgabe in Österreich: Waldbaur-Vertrieb, A-...
Autor Anonym
Downloads: 0 Abrufe 0

Dokumentinhalt

EIN TERRA-TASCHENBUCH, GORDON R. DICKSON

IM GALAKTISCHEN REICH

Deutsche Erstveröffentlichung ERICH PABEL VERLAG KG • RASTATT/BADEN, Titel des Originals:

WOLFLING

Aus dem Amerikanischen von Dr. Eva Sander TERRA-Taschenbuch Nr. 218 TERRA-Taschenbuch erscheint vierzehntäglich im Erich Pabel Verlag KG, 7550 Rastatt, Pabelhaus Copyright © 1968, 1969 by Gordon R. Dickson Scan by Brrazo 06/2006 Redaktion: G. M. Schelwokat Vertrieb: Erich Pabel Verlag KG Gesamtherstellung: Zettler, Schwabmünchen Einzelpreis: 2,80 DM (inkl. 5,5% MWST) Verantwortlich für die Herausgabe in Österreich: Waldbaur-Vertrieb, A-5020 Salzburg, Franz-Josef-Straße 21 Printed in Germany August 1973, 1. Der Stier wollte nicht angreifen. James Keil stampfte mit dem Fuß auf und schrie das Tier an, aber es wollte noch immer nicht angrei- fen. Und dabei war es doch dazu programmiert, an- zugreifen. Oder besser gesagt, es war dazu program- miert, an dieser Stelle des Stierkampfs angreifen zu wollen. Da war nichts zu machen. Nicht einmal die kom- pliziertesten physischen Tests konnten die wahr- scheinliche Tapferkeit oder Ausdauer eines Stiers messen. Dieser Stier hier war müde. Jim würde ihn töten müssen. Er bewegte sich auf den Stier zu, stampfte und schrie noch einmal. Und endlich konnte er das er- schöpfte Tier zu einer weiteren Attacke animieren. Als das eine Horn seine Hüfte streifte, zog er den Bauch ein, und eine Kältewelle floß durch die Stelle, wo seine Haut berührt worden war. Auch Jim war programmiert, genau wie der Stier. Und so lange sie sich beide an ihr Programm hielten, war er sicher. Aber er war nur aus Gefälligkeit Stierkämpfer ge- worden und hatte sechs Monate intensiv trainiert. Und er verfügte über einen freien Willen, während der Stier keinen besaß. Wenn man einen freien Wil- len hatte, so hatte man auch die Macht, das Pro-, gramm zu durchbrechen und Fehler zu machen. Aber wenn er einen Fehler machte, so konnte die- ser Stier ihn töten. Und deshalb war er sorgsam darauf bedacht, keine Fehler zu machen, auch jetzt nicht. Der Stier war beinahe am Ende seiner Kraft. Er führte das Tier vor- sichtig durch ein paar weitere Aktionen, dann zog er sein Schwert und stieß es zwischen die Hörner des Stiers. Der Stier grunzte, ging in die Knie und rollte sich auf die Seite, als Jim das Schwert herauszog. Wäh- rend er mit unbewegtem Gesicht den Todeskampf des Tieres beobachtete, näherte sich eine weibliche Gestalt lautlos auf dem sandigen Boden der Arena und blickte auf den Stier herab. Er wandte ihr das Gesicht zu. Es war die Prinzes- sin Afuan, die Tante des Allherrschers und Führers der Besucherdelegation der Hochgeborenen, die in der offiziellen Loge der Arena Platz genommen hat- ten, umgeben von den kleinen braunhäutigen Be- wohnern des Planeten Alpha Centauri III. Afuan war weder klein noch braunhäutig. In Gestalt und Haut- farbe unterschied sie sich völlig von den erdgebore- nen Kaukasiern, zu denen auch Jim gehörte. Sie war in ein weißes, duftiges wolkenartiges Ge- webe gekleidet, das die Arme freiließ, aber ihren Körper von den Achselhöhlen bis zu den Fußgelen- ken einhüllte., Afuans Haut besaß die Farbe von weißem Onyx, und Jim konnte die blauen Adern an ihrem marmor- nen Hals pulsieren sehen. Ihr Gesicht war schmal, und ihre Augen leuchteten zitronengelb. Wenn ihnen auch die sichelförmige Hautfalte im inneren Augen- winkel fehlte, so wirkten sie doch wie geschlitzte Katzenaugen unter den weißlichen Wimpern und Brauen, zwischen denen sich ihre lange, gerade Nase erstreckte. In einem abstrakten, bildhauerischen Sinn hätte man sie schön nennen können. Sie war so groß wie Jim, etwa sechseinhalb Fuß. »Sehr unterhaltsam«, sagte sie jetzt zu Jim in der Sprache des Reiches. Ein zischender Akzent klang in ihrer Stimme mit. »Ja, wir werden Sie bestimmt mit uns nehmen, ah – wie lautet Ihr Weltname, Wolf- ling?« »Erdenmann, Hochgeborene«, erwiderte Jim. »Ja nun – kommen Sie auf unser Schiff, Erden- mann. Die Thronwelt wird sich freuen, Sie zu se- hen.« Sie blickte über seine Schulter zu den anderen Mitgliedern der Cuadrilla. »Aber diese anderen, Ihre Assistenten, nehmen wir nicht mit. Es hat keinen Sinn, wenn wir das Schiff überladen. Sie werden al- les, was Sie brauchen, auf der Thronwelt vorfinden.« Sie wandte sich ab und wollte davongehen, aber Jims Stimme hielt sie zurück. »Verzeihen Sie, Hochgeborene. Sicher können Sie mich mit neuen Assistenten versorgen, aber nicht mit, Kampfstieren. Sie wurden durch Generationen hin- durch genetisch ausgewählt. Ich habe noch ein halbes Dutzend im kryogenischen Lagerraum. Ich würde diese Tiere gern mitnehmen.« Sie blickte ihn an. Ihr Gesicht war völlig aus- druckslos. Einen Augenblick lang glaubte Jim, er hätte sie so erzürnt, daß sie ihn nun nicht mehr auf die Thronwelt mitnehmen wollte, Dann wäre die Ar- beit von fünf Jahren umsonst gewesen. Aber dann sagte sie: »Gut. Sagen Sie den Leuten, die Sie auf unser Schiff bringen, daß Sie diese Tiere brauchen, und daß ich meine Zustimmung gegeben habe.« Wieder wandte sie sich ab und schien davongehen zu wollen, aber dann blieb sie noch einmal stehen und starrte interessiert auf den toten Stier herab. Als ob ihre Bewegung ein Zeichen gewesen wäre, verlie- ßen plötzlich etwa zwölf Mitglieder ihres Gefolges die Loge, näherten sich dem Stier und betrachteten ihn forschend. Auch die Ausrüstungsgegenstände, die Anzüge und die anderen Mitglieder der Mann- schaft wurden eingehender Prüfung unterzogen. Die anderen hochgeborenen Frauen waren kaum einen Zoll kleiner als Afuan, und die großen, schlanken, onyxhäutigen Männer ragten bis zu sieben Fuß hoch empor. Im Gegensatz zu den Frauen trugen die Män- ner kurze Röcke und Tuniken aus einem sehr stoff- ähnlichen Material. Aber auch ihre Kleidung war fast, ausschließlich weiß bis auf ein kleines farbiges Em- blem auf der Vorder- oder Rückenfront jeder einzel- nen Tunika. Niemand schickte sich an, auch Jim zu examinie- ren, und so wandte er sich ab. Er steckte sein Schwert in die Scheide und ging über den Sand der Arena zu einem schrägen Korridor aus Beton, der unter den Sitzen verlief. Er wurde von irgendeiner Lichtquelle erhellt, die sich in den Wänden zu ver- bergen schien – eine der Luxuseinrichtungen des Reiches, die die Bewohner von Alpha Centauri III benutzten, ohne sich den Kopf darüber zu zerbre- chen, wie sie funktionierten. Jim ging zu seinen Räumen, öffnete die Tür und trat ein. Im fensterlosen Hauptankleidezimrner stand Max Holland, der Mann vom UN Spezialkomitee. Die beiden Koffer, die Jim in der Hoffnung, auf die Thronwelt reisen zu können, bereits gepackt hatte, waren geöffnet. Ihr Inhalt lag über dem Boden ver- streut. »Was soll das?« Jim blickte auf den kleineren Mann herab. Hollands Gesicht war dunkel vor Zorn. »Glauben Sie ja nicht …«, begann er mit sich ü- berschlagender Stimme. Aber dann beherrschte er sich. »Glauben Sie ja nicht«, fuhr er etwas ruhiger fort, »daß Sie diese Dinge mit auf die Thronwelt nehmen können, nur weil Afuan ihre Zustimmung gegeben hat …«, »Sie wissen also schon, daß ich eingeladen wur- de?« »Ich kann gut Lippen lesen«, erwiderte Max. »Und ich habe Sie durch das Fernglas beobachtet. Vom Beginn Ihres Kampfes an bis zu dem Augen- blick, wo Sie die Arena verlassen haben.« »Und dann kamen Sie hierher und entschlossen sich, einen Blick in mein Gepäck zu werfen?« »Genau!« Max hob zwei Gegenstände vom Boden auf. Der eine war ein schottischer Kilt, an dem eine Scheide mit einem kleinen Messer befestigt war. Der andere war ein goldbraunes Hemd mit Schulterklap- pen, durch deren eine sich ein Sam-Browne- Schultergürtel zog. In der Halfter des Schultergürtels steckte ein .45er Revolver. Max fuchtelte mit den beiden Kleidungsstücken vor Jims Nase herum. »Sie gehen in die Thronwelt eines Menschenrei- ches, das über hunderttausend Jahre alt ist! In eine Welt, wo man primitive Waffen wie diese schon vor so langer Zeit ausrangiert hat, daß man sich gar nicht mehr daran erinnern kann.« »Gerade deshalb will ich sie mitnehmen«, sagte Jim. Er wand den Kilt und das Hemd mit dem Sam- Browne-Gürtel so geschmeidig aus Max’ Händen, daß es der andere im ersten Augenblick gar nicht zu merken schien. Jim trug beide Kleidungsstücke zu einem der offenen Koffer und legte sie daneben. Mit, ruhigen Bewegungen begann er seine übrigen Ge- päcksstücke wieder einzusammeln. »Was?« explodierte Max. »Jim, ich glaube, Sie bilden sich ein, daß Sie der einzige sind, der an die- sem Projekt beteiligt ist. Wenn ich Sie vielleicht er- innern darf – wir haben hundertzweiundsechzig Re- gierungen, einige Milliarden Dollar und die Arbeit von Tausenden von Menschen benötigt, um Sie zu trainieren und so weit zu bringen, daß Sie als Stier- kämpfer auf die Thronwelt eingeladen werden.« Jim faltete den Kilt zusammen und legte ihn in ei- nen der Koffer. »So hören Sie doch, verdammt!« rief Max und packte ihn am Arm. Jim drehte sich um. »Ich erkläre Ihnen hiermit, daß Sie dieses Zeug nicht mitnehmen werden«, sagte Max. »Doch, ich werde es mitnehmen«, erwiderte Jim. »Ich sage, nein!« schrie Max. »Wer glauben Sie denn, daß Sie sind? Sie sind nur der Mann, der dazu ausgewählt wurde, das Leben auf der Thronwelt zu beobachten. Haben Sie das begriffen? Zu beobach- ten. Und nicht, um Leute niederzustechen oder sie zu erschießen oder irgend etwas anderes zu tun, daß die Aufmerksamkeit der Herrscher noch mehr auf die Erde zieht, als das ohnehin schon der Fall ist. Sie sind ein Anthropologe, der einen Stierkämpfer spielt, nicht irgendein kleiner Mantel-und-Degen-Spion.« »Ich bin alles drei«, sagte Jim kühl., Langsam wich die Farbe aus Max’ Gesicht. »O Gott …« Seine Hand fiel von Jims Arm. »Vor zehn Jahren wußten wir noch gar nicht, daß Sie exi- stieren – ein ganzes Reich bewohnter Welten, das sich von Alpha Centauri bis zum Zentrum der Gala- xis erstreckt. Vor fünf Jahren waren Sie nichts weiter als ein Name auf einer Liste. Wenn ich Ihren Namen damals mit dem Bleistift durchgestrichen hätte, stün- den Sie jetzt nicht da, wo Sie heute stehen. Sogar vor einem Jahr fragte ich mich noch, ob wir den richtigen Mann trainieren. Aber damals zogen Sie eine so gute Show ab, daß niemand auf mich hörte. Aber jetzt stellt sich heraus, daß ich recht hatte. Ein Reich von tausend Welten – und eine kleine Erde. Sie haben uns schon einmal vergessen, und vielleicht vergessen sie uns wieder. Aber nicht, wenn Sie der Mann sind, der sie beobachtet. Ich habe recht behalten. Sie wol- len unbedingt auf Ihre eigene Art mit den Hochgebo- renen verfahren …« Seine Stimme erstickte. Er holte tief Luft und rich- tete sich kerzengerade auf. »Sie werden nicht gehen«, sagte er dann ruhig. »Ich blase das ganze Projekt ab – auf meine eigene Verantwortung. Die Erde kann mich zur Rechen- schaft ziehen, wenn das Schiff der Herrscher abge- flogen ist …« »Max«, sagte Jim beinahe sanft. »Es ist zu spät, mich zurückzuhalten. Prinzessin Afuan hat mich ein-, geladen. Weder Sie noch das Projekt noch die ganze Erde könnten sie dazu bringen, ihren Entschluß zu ändern. Glauben Sie etwa, sie würde sich von irgend- einem Erdenbewohner dazwischenreden lassen?« Max starrte ihn aus blutunterlaufenen Augen an. Er antwortete nicht. »Es tut mir leid, Max«, sagte Jim. »Aber früher oder später mußte es dazu kommen. Von jetzt an las- se ich mich nicht mehr von dem Projekt leiten. Jetzt folge ich nur mehr meinen eigenen Entscheidungen.« Er wandte sich wieder den beiden Koffern zu. »Ihre Entscheidungen!« Max’ feuchter Atem be- rührte Jims Nacken. »Sind Sie denn so sicher, daß Ihre Entscheidungen richtig sind? Im Vergleich zu den Hochgeborenen sind Sie ein Ignorant, ein Primi- tiver, ein Wilder wie alle übrigen Erdenbewohner auch! Sie wissen überhaupt nichts! Vielleicht ist die Erde nur eine ihrer Kolonien, die sie vergessen haben … Oder vielleicht ist es nur ein Zufall, daß wir zur selben Rasse wie sie und diese Leute gehören, die wir hier auf Alpha Centauri gefunden haben! Wer kann das wissen? Ich nicht. Kein Erdenmensch weiß es. Und Sie auch nicht! Reden Sie also nicht von Ih- ren Entscheidungen, Jim! Denken Sie lieber daran, daß die Zukunft der Erde davon abhängt, was Sie auf der Thronwelt tun!« Jim zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder seinem Gepäck zu. Als Max erneut seinen, Arm packte, schüttelte Jim ihn ab, drehte sich blitz- schnell um und legte seine Rechte auf die Schulter des anderen. Der Daumen drückte leicht gegen Max’ Adamsapfel. Max erbleichte und begann zu keuchen. Er wollte sich Jims Griff entziehen, aber da verstärkte sich der Druck der Finger und des Daumens. »Sie – Sie Narr!« stammelte Max. »Wollen Sie mich töten?« »Wenn es sein muß, ja«, erwiderte Jim ruhig. »Das ist auch einer der Gründe, warum ich der rich- tige Mann für den Besuch auf der Thronwelt bin.« Er ließ Max los, wandte sich ab und schloß den Koffer, in den er den Kilt und das Hemd mit dem Sam-Browne-Gürtel gelegt hatte. Dann packte er auch den zweiten Koffer, schloß ihn und trug die beiden schweren Gepäckstücke aus dem Zimmer. Auf dem Korridor wandte er sich nach links und schlug die Richtung zur Straße ein, wo ihn das Auto erwartete. Als er den Ausgang erreichte, hörte er Max hinter sich schreien, aber die Worte verloren sich undeutlich im langen Tunnel des Korridors. Ei blickte sich um und sah, wie Max ihm nachrannte. »Nur beobachten, Jim!« schrie Max. »Wenn Sie etwas anderes tun, gerät die Erde in Schwierigkeiten mit dem Hochgeborenen. Und dann werden wir Sie wie einen tollwütigen Hund abknallen, wenn Sie zu- rückkehren!«, Jim antwortete nicht. Er trat hinaus in das hellgel- be Sonnenlicht von Alpha Centauri III und stieg in das vierrädrige, offene jeepartige Vehikel, an dessen Lenkrad der Fahrer saß und auf ihn wartete. 2. Der Fahrer gehörte zur Mannschaft der terranischen Handelsdelegation, die sich mit den Handelsdelega- tionen von zwei anderen Sonnensystemen des Rei- ches zusammengeschlossen hatte, um den Alpha- Centaurianern bei dem kulturellen Programm anläß- lich des Besuchs der Hochgeborenen zu helfen. Man hoffte, mit den verschiedensten Veranstaltungen das Wohlwollen der Thronwelt zu erregen und dadurch in den Vorzug günstiger Zollbestimmungen zu ge- langen. Die Erde hatte die besten Chancen gehabt, das Interesse der Hochgeborenen zu erregen, war sie doch ein soeben wiederentdeckter Teil des Reiches. Und jetzt wurde ihre Stierkampf-Show sogar auf die Thronwelt importiert, um den Herrscher zu amüsie- ren. Der Fahrer brachte Jim durch die Vorstädte zum Flughafen, einer endlosen Reihe von Gebäuden aus braunem, zementartigem Material. In einem der wei- ten Höfe stand ein riesiges, eiförmiges Gebilde, das Schiff der Hochgeborenen. Das jeepartige Fahrzeug hielt vor dem Schiff an., »Soll ich warten?« fragte der Fahrer. Jim schüttelte den Kopf, stieg aus und holte seine beiden Koffer aus dem Wagen. Er sah zu, wie das Fahrzeug wendete und über den weiten Hof davon- glitt. Bald war es so winzig wie ein Spielzeugauto. Jim stellte die Koffer ab und blickte zu dem Schiff hoch. Von außen sah es gestaltlos aus. Es gab keine Türen, keine Schleusen, keine Öffnungen. Auch schien niemand an Bord des Schiffes Jims Ankunft bemerkt zu haben. Er setzte sich auf einen der Koffer und wartete. Eine Stunde lang passierte überhaupt nichts. Dann plötzlich, während er immer noch auf dem Koffer saß, befand er sich nicht mehr auf dem Beton des Flughafens, sondern in einem eiförmigen Raum mit grünen Wänden. Sein zweiter Koffer stand neben ihm. Der Boden des Raumes war mit einem Teppich von dunklerem Grün verkleidet. Kissen in allen Far- ben und Größen bildeten die Einrichtung. »Haben Sie lange gewartet, Wolfling?« fragte eine Mädchenstimme. »Das tut mir leid. Aber ich mußte mich auch um die anderen Haustiere kümmern.« Als er aufstand und sich umdrehte, sah er sie. Nach dem Maßstab der Hochgeborenen war sie klein. Sie war nicht größer als fünf Fuß und zehn Zoll. Auch hatte ihre Haut, obwohl sie der Onyxhaut der Prinzessin Afuan glich, einen bräunlichen Schimmer. Ihre Augen waren von dunklem Gold-, braun, in dem rote Lichter funkelten. Ihr Gesicht war gerundeter als das Afuans, und ihr Lächeln wirkte wärmer. Über ihre Nase und ihre Wangen breitete sich die Andeutung von Sommersprossen. Das Haar hing ihr glatt über den Rücken, wie Jim es bei den anderen hochgeborenen Frauen in der Arena gesehen hatte. Aber es war eher gelbblond als weiß, und es war etwas gewellter als das Haar Afuans. Plötzlich erstarb ihr Lächeln, und ihr Gesicht lief dunkelrot an. Jim hätte nie gedacht, daß Hochgebo- rene auch erröten konnten. »Starren Sie mich nur an!« stieß sie hervor. »Ich schäme mich nicht.« »Warum sollten Sie sich schämen?« »Weil …« Sie brach abrupt ab. Die Röte schwand aus ihren Wangen, und sie blickte ihn zerknirscht an. »Es tut mir leid. Sie sind ein Wolfling, natürlich – und da kennen Sie den Unterschied wohl nicht.« »Allerdings nicht«, sagte Jim. »Ich weiß gar nicht, wovon Sie reden.« Sie lachte, aber es klang ein wenig traurig. Uner- warteterweise strich sie mit einer tröstenden Geste über seinen Arm. »Sie werden es bald genug erfahren. In meinen Genen zeigt sich ein Atavismus. Oh, meine Mutter und mein Vater sind genauso hochgeboren wie alle anderen außerhalb der königlichen Linie. Afuan wird mich auch nicht aus ihren Diensten entlassen. Aber, andererseits kann sie mich nicht gut präsentieren. Und so ist es meine Aufgabe, für ihre Haustiere zu sorgen. Deshalb habe ich Sie auch auf das Schiff ge- bracht.« Sie blickte auf die beiden Koffer. »Ist das Ihre Ausrüstung? Ich werde Sie wegschaf- fen.« Sofort verschwanden die beiden Gepäckstücke. »Augenblick mal«, sagte Jim. Sie musterte ihn leicht verwirrt. »Wollen Sie denn nicht, daß das Gepäck wegge- bracht wird?« Augenblicklich standen die Koffer wieder zu sei- nen Füßen. »Nein«, erwiderte er. »Es müssen noch andere Dinge an Bord geschafft werden. Ich sagte Prinzessin Afuan, daß ich meine Stiere brauche, die Kreaturen, mit denen ich meine Show veranstalte. Es sind noch sechs davon im kryogenischen Lager in der Stadt. Sie sagte, ich könne sie mitnehmen und den Leuten an Bord des Schiffes sagen, daß sie damit einver- standen sei.« »Oh!« sagte das Mädchen nachdenklich. »Nein – sagen Sie es mir nicht. Denken Sie nur an den Ort, wo sich die Kreaturen befinden.« Jim malte sich im Geist das Bild des Gefrierhauses hinter den Gebäuden der Earth-Trade-Delegation aus, wo seine Stiere gelagert waren. Ein merkwürdi-, ges Licht zuckte durch seinen Kopf, ein Gefühl, als würden seine Gehirnzellen sanft von einer Feder ge- streift. Plötzlich standen er und das Mädchen im Ge- frierhaus, vor den sechs großen Boxen, in denen sich die eingefrorenen Stiere befanden. »… ja«, sagte das Mädchen gedankenvoll, und plötzlich waren sie irgendwo anders. Jim sah sich in dem großen Raum mit den Metall- wänden um. Kassetten und andere Gegenstände standen wohlgeordnet auf dem Boden. Auch die Bo- xen mit den Stieren befanden sich jetzt hier. Jim run- zelte die Stirn. Die Temperatur des Raumes betrug siebzig Grad. »Diese Tiere sind tiefgekühlt«, sagte er zu dem Mädchen. »Und das müssen sie auch bleiben …« »Oh, machen Sie sich deshalb keine Sorgen«, un- terbrach sie ihn. »An dem Zustand der Tiere wird sich nichts ändern. Ich werde an das Schiffskontroll- system Anweisung geben, daß dafür gesorgt wird.« Ihr Lächeln verstärkte sich. »Kommen Sie, strecken Sie die Hand aus und füh- len Sie selbst.« Seine Hand näherte sich der Box, die ihm am nächsten stand. Die Temperatur änderte sich zu- nächst nicht, aber als seine Fingerspitzen bis auf zwei Zoll an die Wand der Box herangekommen wa- ren, spürte er eine eisige Kälte, die ihm beinahe das Blut in den Adern gefrieren ließ. Er wußte, daß die, Kälte nicht von den Boxen selbst kommen konnte, da sie vorzüglich isoliert waren. »Ich verstehe«, sagte er und zog die Hand zurück. »Dann muß ich mir also um meine Stiere keine Sor- gen machen.« »Gut«, sagte sie. Im selben Augenblick waren sie schon wieder woanders, in einem langgestreckten Raum, dessen eine Glaswand auf eine Meeresbucht hinauszugehen schien. Der Ozean verlor sich in der Weite des Horizonts. Aber der Blick aufs Meer von Bord eines Raumschiffs war nicht so verwirrend wie die anderen Dinge, die es in diesem rechteckigen Glasraum gab. Die verschiedenartigsten Kreaturen, von einem kleinen Eichhörnchen mit purpurrotem Fell bis zu einem hochgewachsenen, affenartigen schwarzen Geschöpf hockten auf dem Boden. »Das sind meine anderen Haustiere«, hörte er das Mädchen an seiner Seite sagen. Er blickte in ihr lä- chelndes Gesicht. »Ich meine, das sind natürlich in Wirklichkeit Afuans Haustiere. Ich kümmere mich nur um sie. Dieses da …« Sie streichelte das kleine purpurne Eichhörnchen, das unter der Berührung ihrer Hand wie eine Katze zu schnurren begann. Keines der Wesen schien an- gekettet oder in irgendeiner Weise festgehalten zu sein. Jedes saß auf seinem Platz, in einiger Entfer- nung von den anderen., »Das ist Ifny«, erklärte das Mädchen. Plötzlich blickte sie erschrocken auf. »Oh, Wolfling, das tut mir aber leid. Ich habe ganz vergessen … Sie müssen doch auch einen Namen haben!« »James Keil«, erwiderte er. »Nennen Sie mich Jim.« »Jim«, echote sie. Ihr Akzent ließ das M langsam ausklingen, so daß der Name plötzlich viel melodi- scher klang, als es im gewöhnlichen Englisch der Fall war. »Und wie heißen Sie?« fragte Jim. Beinahe schockiert starrte sie ihn an. »Sie müssen mich Hochgeborene nennen«, sagte sie ein wenig steif, aber im nächsten Augenblick schmolz ihr Ärger dahin, als ob die natürliche Warne ihres Wesen keinen Mißton ertragen könnte. »Natür- lich habe ich auch einen Namen, sogar mehrere Dut- zend. Aber wir alle werden nur bei einem Namen genannt. Normalerweise werde ich Ro genannt.« Jim neigte den Kopf. »Vielen Dank, Hochgeborene.« »Oh, sagen Sie Ro zu mir …« Etwas erschrocken über ihre eigenen Worte brach sie ab. »Aber nur, wenn wir allein sind. Trotz allem sind Sie ein Mensch, wenn Sie auch nur ein Wolfling sind.« »Ich möchte Sie etwas fragen, Ro«, sagte Jim. »Was bedeutet dieses Wort ›Wolfling‹, das alle Hochgeborenen zu mir sagen?«, Aus großen Augen starrte sie ihn an. »Aber – wissen Sie das denn nicht?« Wieder errö- tete sie in der bemerkenswerten Weise, die Jim schon vorher an ihr gesehen hatte. »Das ist – keine sehr schöne Bezeichnung für Sie, fürchte ich«, fuhr sie fort. »Es bedeutet – es bedeutet so etwas wie … Sie sind ein Mensch, ja, aber ein Mensch, der im Walde von Tieren großgezogen wur- de, und so wissen Sie nicht, was wirkliches Menschsein heißt.« Das Rot wich wieder aus ihren Wangen. »Es tut mir leid«, sagte sie und senkte den Kopf. »Ich hätte Sie nicht so nennen dürfen. Von jetzt an werde ich nur mehr Jim zu Ihnen sagen.« »Es war ja nicht so schlimm«, erwiderte Jim lä- chelnd. »Doch!« sagte sie lebhaft und blickte ihm in die Augen. »Ich weiß, was es heißt, wenn man mit einem unschönen Namen bezeichnet wird. Ich lasse nie zu, daß irgend jemand eines der Haustiere beschimpft. Und ich werde auch verhindern, daß man Sie be- schimpft, wo ich nur kann.« »Vielen Dank«, sagte Jim sanft. Sie streichelte seinen Arm. »So, und jetzt müssen Sie meine anderen Haustie- re kennenlernen.« Sie führte ihn von einem Geschöpf zum anderen. Sie schienen sich frei in dem Raum bewegen zu können, waren aber doch durch eine un-, sichtbare Barriere voneinander abgeschirmt, so daß sie nicht näher als vier oder fünf Fuß aneinander he- rankommen konnten. Offensichtlich waren sie alle Tiere. Jedes einzelne glich merkwürdigerweise bis zu einem gewissen Grad einer Tiergattung, die in ir- gendeiner geologischen Periode auf der Erde vorge- kommen war. Diese Tatsache war sehr interessant. Sie schien auszudrücken, daß die Thronwelt annahm, die Menschen auf der Erde seien ein Teil der Erden- fauna, die man aus dem Gesichtskreis verloren und jetzt wiedergefunden hatte, nachdem sie kraft ihrer eigenen wissenschaftlichen Erfolge bis zu Alpha Centauri vorgedrungen waren. Die Alternative war, daß von Menschen bewohnte Planeten evolutionäre Parallelen bis zu einem bemerkenswerten Grad auf- wiesen. Aber ein Parallelismus in der Fauna verschiedener Welten bewies noch nicht mit absoluter Sicherheit, daß die dominierenden Gattungen gemeinsame Ah- nen hatten. Jim stellte auch etwas sehr Interessantes fest, das Ro selbst betraf. Die meisten Tiere schienen es zu mögen, wenn sie mit ihnen sprach oder sie streichel- te. Auch die weniger gutmütigen zeigten keine offe- ne Feindseligkeit, höchstens Gleichgültigkeit. Dies war zum Beispiel bei einer großen, katzenartigen Kreatur der Fall, die mit ihrem gefleckten Fell einem südamerikanischen Jaguar glich, wenn auch der, schwere, pferdeartige Kopf die Ähnlichkeit etwas verdarb. Das katzengleiche Wesen gähnte und ließ sich streicheln, unternahm aber keinerlei Anstren- gung, Ros Zärtlichkeiten zu erwidern. Hingegen griff das Affenwesen mit den schwarzen Haaren nach ih- rer Hand und starrte ihr traurig ins Gesicht, während sie mit ihm sprach und es streichelte. Sonst zeigte es aber keine Reaktion. Schließlich wandte Ro sich wieder Jim zu. »Jetzt haben Sie sie kennengelernt«, sagte sie. »Vielleicht können Sie mir manchmal helfen, für sie zu sorgen. Sie würden wirklich mehr Zuwendung benötigen, als ich allein sie ihnen geben kann. Afuan vergißt oft monatelang auf sie … Oh, Ihnen wird das natürlich nicht passieren. Sie kommen auf die Thronwelt, um sich vor dem Herrscher zu produzie- ren. Und Sie sind, wie gesagt, auch kein Tier.« »Vielen Dank«, erwiderte Jim ernst. Sie blickte ihn überrascht an, dann lachte sie. Sie strich wieder über seinen Arm, eine Geste, an die sich Jim inzwischen gewöhnt hatte. »So, und jetzt werde ich Ihnen Ihr Quartier zei- gen.« In der nächsten Sekunde waren sie in einem Raum, den Jim bisher noch nicht gesehen hatte. Wie der Raum, in dem die Haustiere untergebracht waren, besaß auch dieses Gemach eine Glaswand, die einen Blick auf das Meer bot. Die realen oder vorgetäusch-, ten Wogen rollten bis zu dreißig Fuß hoch an der Glasmauer empor. »Hier werden Sie wohnen«, erklärte Ro. Jim blick- te sich um. Er konnte nirgendwo eine Tür entdecken. »Würden Sie wohl so freundlich sein und Ihrem Wolfling erläutern, wie er von einem Raum in den nächsten kommt?« »In den nächsten?« wiederholte sie mit verwirrtem Stirnrunzeln. Er erkannte, daß sie seine Worte wört- lich aufgefaßt hatte. »Ich meine, wie kann ich in irgendeinen anderen Raum gelangen? Zum Beispiel, was befindet sich denn hinter dieser Wand?« Sie starrte auf die Wand, auf die er wies, runzelte erneut die Stirn und schüttelte schließlich den Kopf. »Nun – ich weiß nicht«, sagte sie. »Aber was macht das schon aus? Sie gehen in alle Räume auf die gleiche Weise. Es spielt keine Rolle, wo auf dem Schiff sie sich befinden.« Jim prägte sich diese Information für seinen künf- tigen Bericht genau ein. »Aber ich müßte doch wissen, wie ich von Raum zu Raum gelange, nicht wahr?« »Oh, natürlich«, sagte sie. »Das Kontrollsystem bewerkstelligt dies alles. Sie müssen es ihm signali- sieren, und Ihre Wünsche werden erfüllt.« Ihr Ge- sicht hellte sich auf. »Wollen Sie das Schiff besichti- gen? Ich kann Sie herumführen. Richten Sie sich hier, ein, und packen Sie Ihre Sachen aus. Dann hole ich Sie ab. Wann soll ich kommen?« Jim nannte eine Zeit im Maßstab der Thronwelt, die etwa fünfzehn Minuten entsprach. »Gut«, sagte Ro lächelnd. »Ich werde pünktlich wieder hier sein.« Mit diesen Worten entschwand sie. Jim blickte sich prüfend in seinem Zimmer um, das mit Kissen aller Art möbliert waren, wie der ei- förmige Raum, in dem er Ro zum erstenmal begeg- net war. Das riesige Kissen in der Ecke, vier Fuß hoch und acht Fuß im Durchmesser, sollte wohl ein Bett sein. Er konnte jedoch nirgendwo eine Einrich- tung entdecken, die in etwa einem Badezimmer glich. Aber im selben Augenblick, als ihm dieser Gedanke in den Sinn kam, glitt ein Teil der Wand gehorsam beiseite, und er blickte in einen kleineren Raum, der komplett mit deutlich erkennbaren Waschanlagen ausgestattet war. Unter anderem ent- hielt er einen Swimmingpool und verschiedene In- stallationen, deren Zweck Jim nicht klar war. Zum Beispiel gab es ein seichtes, trockenes Bassin, daß so lang war, daß er sich darin ausstrecken konnte. Er kehrte wieder in den Hauptraum zurück, und aus den Augenwinkeln sah er, wie sich die Bade- zimmertür hinter ihm schloß. Er stellte die beiden Koffer auf das bettähnliche Kissen und öffnete sie. Kaum hatte er das getan, als sich ein anderer Teil der, Wand öffnete und einen Gegenstand enthüllte, der einem Kleiderschrank glich, allerdings ohne irgend- welche Haken oder Bügel oder Fächer. Jim begann zu begreifen, wie das Leben auf die- sem Schiff funktionierte. Probeweise stellte er sich vor, wie seine Kleider in dem Schrank hingen. Und plötzlich hingen sie da, allerdings ohne sicht- bare Haken oder Bügel. Sie schwebten vertikal im Schrank, als wären sie von unsichtbarer Hand fest- gehalten. Jim nickte. Er wollte gerade daran denken, daß der Kleiderschrank sich nun schließen solle, aber dann nahm er den schottischen Kilt aus der Mitte der an- deren Kleidungsstücke, zog ihn an und beförderte den hellen Anzug, den er zuvor getragen hatte, zwi- schen seine anderen Sachen in den Schrank. Der Schrank schloß sich, und als Jim sich um- wandte, nahm ein Besucher inmitten des Raums Ge- stalt an. Es war nicht Ro, sondern ein männlicher Hochgeborener mit onyxweißer Haut. Er war minde- stens sieben Fuß groß. »Da sind Sie also, Wolfling«, sagte der Hochgebo- rene. »Kommen Sie mit. Mekon will Sie sehen.« Plötzlich befanden sie sich in einem Raum, in dem Jim bisher noch nicht gewesen war. Er hatte die Form eines langgestreckten Rechtecks, und sie stan- den ungefähr in der Mitte. Sonst waren keine Men- schen anwesend, aber in der Ecke, auf einer Art Po-, dium, das mit Kissen bedeckt war, lag zusammenge- rollt eine Katze. Sie glich der gefleckten Kreatur, die Jim inmitten von Ros Haustieren gesehen hatte. Als sie die beiden Männer sah, hob sie den Pferdekopf. Ihre Augen hefteten sich auf Jim. »Warten Sie hier«, sagte der Hochgeborene. »Me- kon wird sofort kommen.« Der hochgewachsene Mann verschwand. Jim war al- lein mit dem katzenartigen Biest, das sich langsam er- hob und quer durch den Raum zu ihm herüberstarrte. Jim blieb reglos stehen und starrte zurück. Das Tier stieß einen merkwürdigen, winselnden Laut aus, der angesichts der gewaltigen Körpergröße beinahe lächerlich leise klang. Sein kurzer, büschel- artiger Schwanzstummel begann sich auf- und ab- wärts zu bewegen. Der schwere Kopf senkte sich, bis der Unterkiefer beinahe die Platte des Podiums be- rührte, und der Mund öffnete sich langsam und ent- hüllte große, scharfe Zähne. Immer noch winselnd, begann sich das Tier lang- sam zu bewegen. Sanft, beinahe zierlich, setzte es die eine Vorderpfote vom Podium auf den Boden, dann die andere. Langsam und winselnd kroch es auf Jim zu. Seine Zähne waren jetzt in voller Größe sichtbar, und während das Biest sich näherte, schwoll das Winseln zu einer Art drohenden Gesanges an. Jim wartete, bewegte sich weder vor- noch rück- wärts., Ein Dutzend Yards von ihm entfernt blieb das Tier stehen und duckte sich. Der Schwanz bewegte sich jetzt mit der Präzision eines Metronoms, und das singende Winseln, das aus dem Schlund der Kreatur drang, füllte den ganzen Raum. Eine endlos scheinende Zeitlang blieb das Tier ge- duckt liegen, mit weit geöffnetem Rachen. Dann ver- stummte das Winseln plötzlich, und die Bestie warf sich auf Jim. 3. Das katzenartige Biest flog auf Jim zu – und ver- schwand. Jim hatte sich nicht gerührt. Sekundenlang war er allein in dem langgestreckten, rechteckigen Raum. Dann standen plötzlich drei männliche Hochgebore- ne um ihn herum. Der eine trug ein drachenähnliches Emblem auf der Vorderfront seiner Tunika. Es war der Mann, der Jim hierhergeholt hatte. Der zweite war nach den Maßstäben der Hochgeborenen beinahe klein. Er war um kaum drei Zoll größer als Jim. Der dritte war der größte von den dreien, ein schlanker Mann, auf dessen Gesicht Jim eine Art Lächeln sah. Das erste Lächeln, das ihm auf einem Gesicht von reinem Onyxweiß begegnete. Dieser Hochgeborene trug ein Emblem, das an ein Hirschgeweih erinnerte. »Ich sagte dir doch, daß diese Wolflinge tapfer, sind«, sagte er. »Dein Trick hat nicht funktioniert, Mekon.« »Tapferkeit!« stieß der als Mekon bezeichnete Hochgeborene ärgerlich hervor. »Das war zu gut, um echt zu sein. Er hat nicht einmal einen Muskel be- wegt. Man hätte glauben können, er …« Mekon biß sich auf die Lippen und warf dem hochgewachsenen Slothiel einen hastigen Seitenblick zu. »Sprich weiter, Mekon«, sagte Slothiel ruhig, aber seine Stimme klang ein wenig drohender als zuvor. »Du wolltest doch etwas sagen. Meintest du viel- leicht, er sei gewarnt worden?« »Natürlich wollte Mekon so etwas nicht sagen.« Trahey stellte sich zwischen die beiden Männer, de- ren Blicke ineinander tauchten. »Ich möchte, daß Mekon mir das sagt«, murmelte Slothiel. Mekon senkte den Blick. »Natürlich habe ich nichts dergleichen gemeint. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich sagen wollte.« »Dann habe ich also gewonnen«, stellte Slothiel fest. »Ein Lebenszeitpunkt für mich?« »Ein …« Die Zustimmung blieb Mekon deutlich sichtbar im Hals stecken. Sein Gesicht verdunkelte sich auf ähnliche Weise, wie Jim es schon bei Ro gesehen hatte. »Ein Lebenszeitpunkt für dich.« »Nimm es nicht so tragisch, Mann«, sagte Slothiel, lachend. »Du kannst den Punkt jederzeit zurückge- winnen, wenn du eine anständige Wette anzubieten hast.« In Mekon stieg erneut Wut hoch. »In Ordnung«, schnarrte er und fuhr zu Jim herum. »Ich habe den Punkt verloren, aber ich möchte trotz- dem wissen, warum dieser Wolfling nicht einmal zu- sammenzuckte, als diese Bestie sich auf ihn stürzte. Das ist doch unnatürlich.« »Warum fragst du ihn nicht?« fragte Slothiel ge- dehnt. »Ich werde ihn fragen!« versprach Mekon, seine brennenden Augen auf Jim gerichtet. »Reden Sie, Wolfling! Warum haben Sie keine Reaktion ge- zeigt?« »Prinzessin Afuan nimmt mich auf die Thronwelt mit, um mich dem Herrscher vorzuführen«, erwiderte Jim gelassen. »Ich kann aber kaum vorgeführt wer- den, wenn mich vorher eine Bestie zerfleischt. Des- halb muß derjenige, der sie auf mich losgelassen hat, wohl dafür gesorgt haben, daß sie mich nicht verlet- zen kann.« Slothiel warf den Kopf zurück und lachte laut auf. Mekons Gesicht färbte sich erneut zornrot. »So!« schnappte er. »Sie glauben also, daß Ihnen kein Haar gekrümmt werden kann, Wolfling? Ich werde Ihnen zeigen …« Er brach ab, denn Ro tauchte plötzlich neben ihm, auf. Sie schob sich zwischen Jim und den wütenden Hochgeborenen. »Was tut ihr mit ihm?« schrie sie. »Er ist mir an- vertraut, und ihr anderen dürft nicht euren Spaß mit ihm treiben …« »Was, du kleine dreckhäutige Atavistin!« Seine Hand zuckte nach dem kleinen schwarzen Stab, der in zwei Schlaufen des seilartigen Materials steckte, das ihr weißes Gewand wie ein Gürtel zusammen- hielt. »Gib mir die Rute!« Auch Ro griff danach, und sekundenlang rangen beide verbissen miteinander und versuchten sich ge- genseitig die Rute zu entreißen. »Laß los, du kleine …« Mekon hob die Faust, als wolle er Ro schlagen. In diesem Augenblick schnell- te sich Jim an seine Seite. Der Hochgeborene schrie auf, ließ die Rute los, taumelte zurück und umklammerte mit der Linken seinen rechten Arm. Über seinen Unterarm zog sich eine rote Linie, und Jim steckte das kleine Messer wieder in die Scheide. Plötzlich hing eisiges Schweigen im Raum, Tra- hey, der selbstsichere Slothiel und sogar Ro standen wie erstarrt und blickten aus geweiteten Augen auf das Blut, das von Mekons Unterarm tropfte. Wenn die Wände des Schiffes über ihnen zusammenge- stürzt wären, hätten sie nicht erschrockener sein kön- nen., »Er – der Wolfling hat mich verletzt!« stotterte Mekon und starrte entsetzt auf seinen blutenden Arm. »Habt ihr gesehen, was er getan hat?« Langsam hob er den Blick zu seinen beiden Gefährten. »Habt ihr gesehen, was er getan hat?« schrie Me- kon. »Holt mir eine Rute! Steht nicht so herum! Holt mir eine Rute!« Trahey machte eine Bewegung, als wolle er auf Ro zugehen, aber Slothiel packte seinen Arm. Die Augen des großen Hochgeborenen hatten sich ver- engt. »Nein«, murmelte er. »Unser kleines Spiel ist kein Spiel mehr. Wenn er eine Rute haben will, soll er sie sich selbst holen.« Trahey blieb unbeweglich stehen, und Ro ver- schwand von einem Augenblick zum anderen. »Verdammt, Trahey!« rief Mekon. »Dafür sollst du mir büßen. Hol mir eine Rute, sage ich!« Langsam schüttelte Trahey den Kopf, und aus sei- nen Lippen war alles Blut gewichen. »Eine Rute – nein. Nein, Mekon«, sagte er. »Slothiel hat recht. Du wirst sie dir selbst holen müs- sen.« »Dann werde ich es tun!« kreischte Mekon – und verschwand. »Ich bin noch immer der Meinung, daß Sie ein tapferer Mann sind, Wolfling«, sagte Slothiel zu Jim. »Aber lassen Sie mich Ihnen einen Rat geben. Wenn, Mekon Ihnen eine Rute anbietet, dann nehmen Sie sie nicht.« Trahey stieß einen merkwürdigen Laut aus, wie ein Mann, der etwas sagen will, es sich dann aber plötzlich anders überlegt. Slothiel blickte den ande- ren Hochgeborenen an. »Wolltest du etwas sagen, Trahey? Hast du etwas gegen den Rat einzuwenden, den ich dem Wolfling gegeben habe?« Trahey schüttelte den Kopf. Aber er warf Jim ei- nen unheilvollen Blick zu. Plötzlich erschien Mekon wieder. Sein Arm blute- te noch immer, aber seine Rechte hielt zwei kurze Ruten umklammert. Sie glichen der Rute, die Ro in ihrem Gürtel getragen hatte. Er hielt Jim eine der schwarzen Ruten hin. »Nehmen Sie das, Wolfling!« schnappte er. Jim schüttelte den Kopf und zog sein kleines Mes- ser aus der Scheide. »Nein, danke. Ich nehme lieber das hier.« Mekons Gesicht leuchtete in wütendem Rot. »Wie Sie wollen.« Er schleuderte die Rute, die er Jim angeboten hatte, in weitem Bogen durch den Raum. »Das macht mir nichts aus …« »Aber mir!« unterbrach ihn eine neue Stimme. Es war eine weibliche Stimme, die hinter Jim erklang. Rasch drehte Jim sich um und trat einen Schritt zu- rück, als wolle er alle Anwesenden vor Augen haben., Er sah, daß Ro wiedergekommen war. Und mit ihr eine hochgewachsene Hochgeborene, in der Jim A- fuan wiedererkannte. Hinter den beiden Frauen ragte ein schlanker Hochgeborener auf, der sogar noch zwei Zoll größer als Slothiel zu sein schien. »Nun?« fragte Afuan. »Hat sich irgend etwas in unserer Rangordnung geändert, so daß du glaubst, du könntest eines meiner Haustiere auspeitschen, Me- kon?« Mekon erstarrte. Eine Mischung von Wut und Staunen zeigte sich auf seinem Gesicht. Hinter den beiden Frauen begann der ungewöhn- lich große Hochgeborene zu lächeln. Es war ein Lä- cheln, das irgendwie dem gelassenen Schmunzeln Slothiels glich, aber es steckte ein stärkeres Macht- bewußtsein dahinter. Und vielleicht ein Zug von Grausamkeit. »Ich fürchte, du hast Ihre Majestät beleidigt, Me- kon«, sagte er. »Das wird dich mehr kosten als ein paar Lebenszeitpunkte. Es sind schon einige Männer wegen geringerer Vergehen auf Koloniewelten ver- bannt worden.« Überraschenderweise kam Slothiel dem vor Schreck starren Mekon zu Hilfe. »Der Wolfling hat Mekon zuerst angegriffen. Ein Mann wie Galyan wird verstehen, daß ein Hochgebo- rener in einem solchen Fall nicht anders handeln kann, als Mekon es getan hat.«, Die Augen des großen Hochgeborenen, der als Ga- lyan angesprochen worden war, tauchten in die Slothiels. Sie musterten einander mit belustigtem Blick, der am Rand der Feindschaft schwebte. Eines Tages, schien dieser Blick zu sagen, eines Tages werden wir aneinandergeraten. Aber heute nicht. Prinzessin Afuan bemerkte den stummen Gedanken- austausch der beiden Männer. »Unsinn!« sagte sie. »Er ist nur ein Wolfling. Macht es dir Freude, so ekelerregend herumzulau- fen?« Diese letzte Bemerkung war an Mekon gerich- tet. »Heile dich!« Mekon erwachte jäh aus seiner Starre und blickte auf seinen verwundeten Arm hinab. Auch Jim be- trachtete ihn. Und vor seinen Augen begann sich der lange Schnitt langsam zu schließen, ohne daß Mekon eines der üblichen Heilmittel anwandte. Innerhalb von zwei Sekunden war die Wunde verschwunden, und nichts als onyxfarbene Haut blieb zurück, die aussah, als wäre sie nie verletzt gewesen. Das ge- trocknete Blut auf dem Arm war noch zu sehen, aber nach einer weiteren Sekunde strich Mekon mit der linken Hand darüber, und auch das Blut verschwand völlig. Jim steckte sein Messer in die Scheide an sei- nem Gürtel zurück. »So ist es schon besser«, sagte Afuan und wandte sich dem großen Hochgeborenen zu. »Ich überlasse dir jetzt diese Angelegenheit, Galyan. Sieh zu, daß, Mekon eine gerechte Strafe erhält.« Sie verschwand. »Du kannst auch gehen, Mädchen«, sagte Galyan und blickte auf Ro herab. »Ich hatte keine Gelegen- heit, die Vorführung dieses Wolflings auf dem Plane- ten zu beobachten. Wenn ich mit Mekon fertig bin, werde ich diesen Mann einmal persönlich unter die Lupe nehmen.« Ro zögerte. Unglücklich blickte sie Jim an. »Geh!« sagte Galyan mit leiser, aber scharfer Stimme. »Ich werde deinen Wolfling nicht verletzen. Du wirst ihn unversehrt wiederhaben, schneller, als du glaubst.« Noch immer zögerte Ro. Dann warf sie Jim einen letzten flehenden Blick zu, als ob sie ihn warnen wollte, keine weiteren Schwierigkeiten mehr herauf- zubeschwören, und verschwand. »Kommen Sie mit mir, Wolfling«, sagte Galyan und wurde unsichtbar. Nach einer Sekunde tauchte er wieder auf und lächelte Jim fragend an. »Sie wissen also nicht, wie man sich auf diesem Schiff von einem Ort zum anderen bewegt? Gut, Wolfling. Dann werde ich für Ihre Fortbewegung sorgen.« Plötzlich fand sich Jim in einem großen, ovalen Raum mit niedriger Decke und gelben Wänden wie- der, der wie eine Art Arbeitszimmer aussah. Eine steinähnliche Platte schwebte in der Mitte. Drei Männer benutzten sie offensichtlich als Schreibtisch., Keiner von ihnen war ein Hochgeborener. Zwei waren braune, vierschrötige Männer. Ihre Hautfarbe glich der eines gebräunten Erdenmannes. Sie waren nicht größer als fünfeinhalb Fuß. Der drit- te Mann blätterte in einer Art Mappe. Er war viel- leicht sechs Zoll größer und hundert Pfund schwerer als die beiden anderen. Dieses größere Gewicht lag nicht an Körperfett, sondern an einem offenbar sehr kräftigen Knochenbau und einer massiven Muskel- struktur. Im Gegensatz zu den beiden kleineren Männern, deren braunes Haar nach der Art der hoch- geborenen Frauen glatt auf den Rücken fiel, war der dritte Mann völlig kahl. Sein runder Schädel mit der grauen Haut, die sich straff über die Schädeldecke spannte, war das hervorstechendste Merkmal an ihm und ließ Augen, Mund und Nase sowie die gut ge- formten Ohren vergleichsweise klein wirken. Dieser dritte Mann erhob sich, als Galyan und Jim auftauchten. »Es ist nichts, Reas«, sagte Galyan. »Geh nur an deine Arbeit zurück.« Der kräftige Mann setzte sich wortlos wieder hin und begann erneut seine Mappe zu studieren. Galyan deutete auf ihn und wandte sich Jim zu. »Reas ist so etwas wie mein Leibwächter – ob- wohl ich eigentlich keinen Leibwächter brauche, wie keiner der Hochgeborenen. Überrascht Sie das nicht.«, »Ich weiß zu wenig über das Leben der Hochgebo- renen, um überrascht oder nicht überrascht zu sein«, erwiderte Jim. Galyan nickte zustimmend. »Natürlich nicht.« Er setzte sich auf ein bequemes Kissen und streckte die Hand aus. »Zeigen Sie mir einmal das Werkzeug, mit dem Sie Mekon verletzt haben.« Jim zog das Messer und reichte es dem Hochgebo- renen, mit dem Griff voran. Galyan nahm es vorsich- tig in die Hand, hielt es in die Luft und strich mit dem langen Zeigefinger seiner linken Hand sanft über die Klinge. Dann gab er Jim das Messer zurück. »Ich nehme an, Sie können einen gewöhnlichen Menschen damit töten.« »Ja«, sagte Jim. »Sehr interessant.« Einen Augenblick lang schien Galyan in Gedanken verloren. Dann blickte er Jim wieder in die Augen. »Ich nehme an, Sie haben be- griffen, daß Sie nicht hier herumlaufen und Hochge- borene mit derlei Werkzeugen verletzen dürfen.« Jim sagte nichts, und Galyan lächelte. So ähnlich, wie er Sothiel angelächelt hatte. Ein wenig rätselhaft, ein wenig grausam. »Sie sind sehr interessant, Wolfling«, sagte er langsam. »Wirklich höchst interessant. Sie scheinen gar nicht zu erkennen, daß Sie ein Insekt sind im Vergleich zu uns Hochgeborenen. Ein Mann wie, Mekon müßte nur die Hand ballen, um Sie zwischen seinen Fingern zu zerquetschen. Und genau das woll- te er auch tun, als Afuan und ich dazwischentraten. Aber ich bin nicht ein Hochgeborener von der Art Mekons. Ich bin sogar anders als alle Hochgebore- nen, denen Sie begegnen werden, den Herrscher aus- genommen. Und das ist nicht überraschend, da ich sein Vetter ersten Grades bin. Ich werde Sie also nicht in meiner Hand zerquetschen, Wolfling. Ich werde vernünftig mit Ihnen reden – als ob Sie auch ein Hochgeborener wären.« »Vielen Dank«, sagte Jim. »Danken Sie mir nicht, Wolfling«, sagte Galyan sanft. »Tun Sie gar nichts, so lange es um mich geht. Hören Sie mir nur zu und antworten Sie, wenn Sie gefragt werden. Fangen wir also an. Wie sind Sie mit Mekon, Trahey und Sothiel in jenen Raum gekom- men?« Jim erzählte es ihm in kurzen Worten. Seine Stimme klang ausdruckslos. »Ich verstehe«, sagte Galyan. Er schlang die gro- ßen Hände um seine Knie, lehnte sich leicht in das Kissen zurück und hob leicht den Kopf, um Jim ins Gesicht blicken zu können. »Sie vertrauen also auf die Tatsache, daß die Prinzessin Sie mitgenommen hat, um Sie dem Herrscher zu zeigen, und deshalb nicht zulassen wird, daß Ihnen irgend jemand etwas zuleide tut. Auch wenn dieser Glaube gerechtfertigt, wäre, Wolfling, so zeigten Sie doch eine bemerkens- werte Selbstkontrolle, als die Bestie auf Sie zu- sprang.« Er machte eine Pause, wie um Jim Gelegenheit zum Sprechen zu geben. Als Jim schwieg, sagte er: »Sie haben meine Erlaubnis zu reden.« »Worüber soll ich reden?« Galyans zitronengelbe Augen glühten wie die ei- ner Katze im Dunkel. »Ja«, sagte er gedehnt. »Sie sind sehr ungewöhn- lich, auch für einen Wolfling. Wenn ich auch noch nicht vielen Wolflingen begegnet bin und mir also kein gültiges Urteil anmaßen darf. Sie sind für einen Nichthochgeborenen ziemlich gut gebaut. Die ande- ren Menschen Ihrer Gattung sind nicht so groß, nicht wahr?« »Was den Durchschnitt betrifft, nein«, erwiderte Jim. »Dann gibt es wohl noch größere Männer bei euch?« »Ja«, sagte Jim, ohne sich weiter über das Thema zu verbreiten. »Sind sie so groß wie die Hochgeborenen?« fragte Galyan. »Womöglich so groß wie ich?« »Ja«, erwiderte Jim. »Aber das sind sicher nicht viele.« Galyans Augen funkelten. »Sie kommen wohl ziemlich selten vor, nicht wahr?«, »Das stimmt«, sagt Jim. »Nun, ich dachte, daß wir bald an die Wahrheit herankommen würden. Verstehen Sie, Wolfling, wir Hochgeborenen sind keine Laune der Natur. Wir re- präsentieren eine echte Aristokratie, eine Aristo- kratie, die nicht nur darin besteht, daß wir eine über- legene Kraft ererbt haben. Eine Kraft, die machtvol- ler ist als alles, was die verschiedenen Menschen- rassen je zuwege gebracht haben. Wir sind nicht nur physisch allen anderen Rassen überlegen, sondern auch geistig und gefühlsmäßig. Das ist eine Tatsa- che, die Sie jetzt vielleicht noch nicht verstanden ha- ben, Wolfling. Und normalerweise hätten Sie es auf quälende Art an sich selbst erfahren. Aber wie dem auch sei, ich interessiere mich für Sie …« Er wandte sich zu Reas um. »Bring mir zwei Ruten«, befahl er. Der schwergewichtige Leibwächter stand vom Schreibtisch auf, durchquerte das Zimmer und kehrte mit zwei kurzen Schwitzen Ruten in der Hand zu- rück. Eine weitere Rute war an Reas’ Gürtel befe- stigt. »Danke, Reas«, sagte Galyan und ergriff die bei- den Ruten. Er wandte sich wieder Jim zu. »Ich sagte Ihnen bereits, daß Sie kaum einen Hochgeborenen finden werden, der es mit mir aufnehmen kann. Ich bin bemerkenswert vorurteilsfrei, was die minder- wertigen Menschenrassen betrifft, nicht aus Senti-, mentalität heraus, sondern aus einem Sinn für das Praktische. Aber jetzt werde ich Ihnen etwas zeigen.« Er winkte einem der kleinen braunen Männer mit den langen braunen Haaren zu. Der Mann erhob sich und trat neben Reas. Galyan reichte ihm eine der schwarzen Ruten, und der Mann steckte sie in seinen Gürtel. »Reas ist nicht nur als Leibwächter ausgebildet, er wurde auch zu diesem Zweck gezüchtet«, erklärte Galyan, zu Jim gewandt. »Jetzt beobachten Sie ein- mal, wie er im Vergleich zu seinem Gegner mit der Rute umgeht.« Die beiden Männer wandten einander das Gesicht zu und stellten sich vier Fuß voneinander entfernt auf. »Ich klatsche zweimal in die Hände«, sagte Galy- an. »Beim erstenmal zieht der kleinere Mann die Ru- te aus dem Gürtel, beim zweitenmal Reas. Passen Sie auf, Wolfling!« Galyan hob die Hände und klatschte zweimal lei- se. Das zweite Klatschen folgte etwa eine halbe Se- kunde auf das erste. Beim ersten Geräusch riß der kleinere Mann die Rute aus dem Gürtel, und als er sie gegen Reas erhob, hatte dieser die seine schon rasch und geschmeidig gezogen, kaum daß das zwei- te Klatschen erklungen war. Dann zuckte ein Licht aus der Rutenspitze des kleineren Mannes, das wie eine Kreuzung zwischen, der Flamme eines Schweißbrenners und einer elek- trostatischen Entladung aussah. Es schoß auf Reas’ Brust zu, erreichte sein Ziel aber nicht. Schon als der Blitz aus der Rute schoß, hatte Reas sich in Verteidi- gungsposition gebracht, und sein Licht wehrte das des kleinen Mannes ab. Beide Flammen stießen zu- sammen und zuckten nach oben. »Sehr gut«, sagte Galyan. Die Blitze verloschen, die beiden Männer senkten ihre Ruten und wandten sich dem Hochgeborenen zu. Galyan nahm dem klei- neren die Rute aus der Hand und bedeutete ihm, wie- der an seine Arbeit zurückzukehren. »Jetzt sehen Sie einmal genau zu, Wolfling.« Ga- lyan steckte die schwarze Rute, die er in der Hand hielt, zwischen zwei Schlaufen seines Gürtels. Und wie auf ein unsichtbares Zeichen hin tat der Leib- wächter mit einer Rute das gleiche. »Reas kann ziehen, wann er will«, sagte Galyan mit sanfter Stimme. Reas trat vor, bis er nur mehr eine Armeslänge von dem sitzenden Hochgeborenen entfernt war. Einen Augenblick lang stand er reglos da, dann blickte er in eine Ecke des Raums, und seine Hand zuckte zum Gürtel. Ein plötzliches scharfes Klicken klang auf. Galy- ans Arm war ausgestreckt, und die Rute in seiner Hand ließ die seines Gegners erstarren, die noch im- mer halb im Gürtel steckte. Galyan lachte leise und, milderte den Druck, den er auf Reas’ Rute ausübte. Er reichte seine Rute dem Leibwächter, der sich mit beiden Waffen entfernte. »Haben Sie es gesehen?« Galyan bückte wieder Jim an. »Jeder Hochgeborene hat schnellere Reflexe als irgendein anderes menschliche Wesen, egal, wel- cher Rasse. Als Mekon also die Ruten holte, wollte er Sie zu einem Duell zwingen, dem sie auf keinen Fall gewachsen gewesen wären, Wolfling. Wie ich bereits sagte, wir sind eine wahre Aristokratie. Nicht nur meine Reflexe sind schneller als die Reas’, auch mein Gedächtnis ist besser, meine Intelligenz ist grö- ßer, meine Urteilskraft und mein Vorstellungsver- mögen sind schärfer. Sogar in der Mitte der Hochge- borenen nehme ich in dieser Beziehung eine Aus- nahmestellung ein. Trotzdem beschäftige ich mehr Niedriggeborene als jeder andere Bewohner der Thronwelt. Ich betraue sie mit den verschiedensten Aufgaben. Warum, glauben Sie, tue ich das, da ich doch alle Arbeiten selbst schneller und besser ver- richten kann.« »Ich nehme an, weil Sie nicht an zwei Orten zu- gleich sein können«, erwiderte Jim. Galyans Augen glühten in neuer Intensität. »Was für ein brillanter Wolfling das doch ist!« rief er aus. »Ja, andere Menschen sind mir nützlich, ob- wohl sie mir unterlegen sind. Und ich habe so eine Idee, als ob Sie und Ihr kleines Werkzeug, mit dem, Sie Mekon verletzten, mir auch eines Tages von Nutzen sein könnten. Überrascht Sie das?« »Nicht, nachdem Sie so viel Zeit mit mir ver- schwendet haben.« Galyan beugte sich vor und legte die Arme um die Knie. »Es wird immer besser«, murmelte er. »Dieser Wolfling hat Verstand. Ich habe mich nicht geirrt. Ja Wolfling, ich kann Sie brauchen. Und wissen Sie auch, warum Sie mir nützlich sein werden, wenn die Zeit gekommen ist?« »Weil Sie mich auf irgendeine Art entlohnen wer- den.« »Genau. Wir Hochgeborenen verraten unser Alter nicht, und so sage ich Ihnen jetzt gleich, Wolfling, daß ich zwar noch nicht die Mitte meines Lebens er- reicht habe, aber trotzdem kein junger Mann mehr bin. Ich habe gelernt, wie ich Mitglieder minderwer- tiger menschlicher Rassen verwerten kann. Dafür gebe ich ihnen, was immer sie sich wünschen. Was wünschen Sie sich am meisten, Wolfling?« »Freiheit«, sagte Jim. Galyan lächelte. »Natürlich. Das wünschen sich alle wilden Tiere. Oder glauben zumindest, daß sie es sich wünschen. Und für Sie bedeutet Freiheit wohl das Recht, zu kommen und zu gehen, wann man will, nicht wahr?« »Das ist die Grundlage der Freiheit.«, »Vor allem das Recht zu gehen, denke ich«, mur- melte Galyan. »Sicher werden Sie nie aufhören, dar- an zu denken, Wolfling, aber es ist eine simple Tat- sache, daß Sie nie mehr an den Ort, wo wir Sie auf- gelesen haben, zurückkehren werden, sobald Sie einmal auf der Thronwelt sind. Haben Sie das nicht gewußt?« Jim starrte auf ihn nieder. »Nein«, sagte er. »Ich hatte nicht geplant, für im- mer von zu Hause wegzugehen.« »In Ihrer jetzigen Situation werden Sie aber nie- mals Ihren Planeten wiedersehen.« Galyan hob den schlanken Zeigefinger. »Außer Sie erweisen sich als nützlich für mich. Dann werde ich dafür sorgen, daß Sie wieder heimkehren können.« Langsam erhob er sich und überragte Jim. »Ich werde Sie jetzt zu Ro zurückschicken. Den- ken Sie darüber nach, was ich zu Ihnen gesagt habe. Die einzige Möglichkeit, Ihre Heimat je wiederzuse- hen, liegt für Sie darin, mich zufriedenzustellen.« Der Hochgeborene bewegte sich nicht mehr, aber Jim fand sich plötzlich im Glasraum inmitten der an- deren Haustiere wieder. Ro kauerte in der Ecke und weinte. Vor ihr lag ein katzenartiges Tier tot dahin- gestreckt., 4. Jim ging zu dem Mädchen hinüber. Sie bemerkte seine Anwesenheit erst, als er sich niederbeugte und die Arme um sie schlang. Verwirrt blickte sie auf, ihr Körper wurde starr, und als sie ihn erkannte, schmiegte sie sich an ihn. »Sie sind in Ordnung. Wenigstens ist Ihnen nichts geschehen«, brachte sie mühsam über die Lippen. »Wie ist das passiert?« fragte Jim und zeigte auf die tote Katze. Diese Frage rief einen neuen Tränenstrom Ros hervor, aber stückweise brach die Geschichte aus ihr hervor. Sie hatte diese Katze großgezogen, und vor einiger Zeit hatte Afuan das Tier Mekon geschenkt. Mekon hatte der Katze beigebracht, auf Befehl an- zugreifen. »Dann war es diese Katze, die sich auf mich ge- stürzt hat«, sagte Jim. »Als ich sie zuletzt sah, war sie noch sehr lebendig.« Sie wich ein wenig von ihm zurück und starrte ihn überrascht an. »Haben Sie es denn nicht gehört? Afuan überließ es Galyan, Mekon für seine Tat zu bestrafen. Und Galyan beschloß, daß es eine gerechte Strafe wäre, wenn …« Sie konnte nicht weitersprechen und wies auf die Tierleiche. »Eine seltsame Strafe«, sagte Jim langsam., »Seltsam? Galyan straft immer auf solche Art. Er ist ein Dämon, Jim. Während irgendein anderer Me- kon einen seiner Lieblingsdiener genommen hätte oder etwas anderes, das für Mekon wertvoll ist, ent- schied Galyan sich für dieses arme Tier. Denn wenn Mekon es verliert, so verliert er natürlich auch einen Punkt. Nicht einen Lebenszeitpunkt, nein. Galyan ist zu klug, um mit einem Mann wie Mekon derart hart zu verfahren. Aber seine Strafe bedeutet zumindest einen Jahrespunkt und andere. Er muß sich also ernstlich Sorgen machen, daß er mit der Zeit in den Verbannungsstatus kommt.« »Verbannung?« »Natürlich. Verbannung von der Thronwelt.« Ro stand auf, wischte sich die Tränen aus den Augen und blickte auf das tote Tier herab, das augenblick- lich verschwand. »Ich vergesse immer wieder, daß Sie diese Dinge ja nicht wissen können, Jim«, sagte sie. »Ich muß Ihnen noch viel beibringen. Alle Hochgeborenen spielen mit Punkten. Dieses Spiel kann sogar den Herrscher vernichten. Wenn man zu viele Punkte hat, muß man die Thronwelt verlassen. Aber das erkläre ich Ihnen später. Jetzt werde ich Sie erst einmal leh- ren, wie man sich von Raum zu Raum bewegt …« Aber Ros Worte hatten einen neuen Gedanken in Jim geweckt. »Warten Sie einen Augenblick, Ro. Ich muß Sie, etwas fragen. Wenn ich jetzt aufgrund eines Irrtums das Schiff verließe, bevor es abfliegt, um in die Stadt zurückzukehren … Wäre das möglich?« »Oh!« Sie schüttelte den Kopf und blickte ihn traurig an. »Wußten Sie das nicht? Das Schiff hat die Außenwelt, die wir besuchten, schon vor einer Weile verlassen. In drei Schiffstagen werden wir auf der Thronwelt eintreffen.« »Ich verstehe«, sagte Jim grimmig. Sie wurde blaß und hielt ihn an den Armen fest, als hätte sie Angst, er könnte vor ihr zurückweichen. »Machen Sie doch nicht ein solches Gesicht!« bat sie. »Was immer es auch ist …« Jim zwang sich, freundlicher dreinzublicken. Er unterdrückte den plötzlichen Zorn, der in ihm zu ex- plodieren drohte, und lächelte auf Ro herab. »Schon gut. Ich verspreche, nie mehr ein solches Gesicht zu machen.« Ro hielt noch immer seine Arme umklammert. »Ich mußte an etwas denken, das Galyan zu mir gesagt hat. Er meinte, ich könne nie mehr heimkeh- ren.« »Aber – wollen Sie denn heimkehren?« fragte Ro erstaunt. »Aber natürlich, Sie kennen die Thronwelt ja noch nicht. Da können Sie es auch nicht wissen. Niemand will sie verlassen. Und nur die Hochgebo- renen können auf der Thronwelt bleiben, die einen gleichmäßigen Punktestand, genug Diener und Besitz, haben. Nicht einmal die Regenten der Koloniewelten können lange auf der Thronwelt bleiben, wenn sie sie besuchen. Wenn ihre Zeit verstrichen ist, müssen sie uns verlassen. Aber die Hochgeborenen und Men- schen wie Sie und ich, die können bleiben.« »Ich verstehe«, sagte Jim. Stirnrunzelnd betrachtete sie seine Anne, die sie noch immer festhielt. »Sie sind so muskulös wie ein Starkianer«, stellte sie verblüfft fest. »Und Sie sind groß für einen Nicht- hochgeborenen. Ist es natürlich, daß man auf dieser wilden Welt, von der Sie stammen, so groß ist?« Jim lächelte. »Ich war schon so groß, als ich zehn Jahre alt war.« Als er ihr verständnisloses Gesicht sah, fügte er hinzu. »In diesem Alter hat man auf unserer Welt die Hälfte seiner Wachstumsperiode erreicht.« »Und danach hörten Sie auf zu wachsen?« fragte Ro. »Man hat mich daran gehindert«, sagte Jim. »Die Mediziner haben viele wissenschaftliche Versuche mit mir angestellt, weil ich für mein Alter so groß war. Sie konnten nichts Ungewöhnliches feststellen, aber sie gaben mir einen Hypophysenextrakt ein, um mein Wachstum zu hemmen. Das hat funktioniert. Ich hörte zu wachsen auf – im physischen Sinn. Aber in anderer Beziehung wuchs ich weiter.« Jim unterbrach sich., »Aber das ist ja jetzt nicht so wichtig. Sie wollten mir doch zeigen, wie man hier von einem Raum in den anderen gelangt.« »Das und noch einige andere Dinge.« Plötzlich schien Ro um einige Zoll zu wachsen, und etwas von dem gebieterisch kalten Wesen der Prinzessin Afuan strahlte von ihr aus. »Sie können mir meine Tiere wegnehmen und sie töten. Aber sie werden Sie nicht verletzen, Jim. Wenn ich Ihnen alles beigebracht ha- be, werden Sie genug wissen, um überleben zu kön- nen. Ich bin zwar atavistisch, aber ich bin genauso hochgeboren wie die anderen. Nicht einmal der Herr- scher selbst kann mich grundlos von der Thronwelt verbannen, und alle Rechte der Hochgeborenen sind auch die meinen. Kommen Sie! Ich werde Ihnen zei- gen, wie man inmitten der Hochgeborenen lebt und was es bedeutet, ein Mitglied der Gesellschaft auf der Thronwelt zu sein.« Sie führte ihn in einen Teil des Schiffes, in dem er bisher noch nicht gewesen war, in einen großen Raum mit hoher Decke und Metallwänden. An der einen Wand blinkten verschiedenfarbige Lichter. Ein kleiner brauner Mann mit langem Haar, das ihm auf den Rücken fiel, stand daneben. Wie Jim feststellte, war dieser Mann die einzige Besatzung, die es auf dem Schiff gab. Und nicht einmal das. Er war nur ein Ingenieur, der zur Stelle war. Für den unwahrschein- lichen Fall, daß im Schiffsmechanismus eine gering-, fügige Reparatur nötig werden sollte. Das Schiff bewegte sich nicht nur von selbst, es lieferte auch die Energien für die Fortbewegung der Passagiere von einem Raum zum anderen und auch für den Hin- und Hertransport aller Gegenstände an Bord. Wie ein Riesenroboter antwortete es sofort auf alle Launen der Prinzessin Afuan. Und zu einem ge- ringeren Grad erfüllte es auch die Wünsche der ande- ren Passagiere. »Jetzt stellen Sie sich ganz einfach hierher und entspannen Sie sich«, forderte Ro Jim auf. »Lassen Sie das Schiff Kontakt mit Ihnen aufnehmen.« »Kontakt mit mir aufnehmen?« echote Jim. Er nahm an, daß sie von einer Art Telepathie sprach und wollte ihr dies auch sagen, aber dann fiel ihm ein, daß er für diesen Begriff keine Thronweltvokabel kannte. Aber Ro verstand seine Überraschung und begann mit einer ausführlichen Erklärung über das Funktionieren des Schiffes. Kurz gesagt, das Schiff prägte die elektrischen Aktivitäten jedes einzelnen menschlichen Gehirns an Bord ein, und von diesen leitete es für jeden Passagier einen individuellen elek- trischen Kode ab. Auf diese Weise registrierte es, was jede Person dachte und tat. Die Gedanken, die klar genug ins Visuelle übertragen werden konnten, setzten eine Bewegungssubaktivität des Körpers in Gang, kurz gesagt, der Körper antwortete auf das Bild, das der Geist sich vorstellte. Das Schiff brachte, diese Vorstellungsbilder dann mit dem realen Schau- platz in Einklang, indem es den Körper zerlegte und ihn an der gewünschten Stelle wieder zusammensetz- te. Der Prozeß, in dem das Schiff Lichtjahre leeren Alls durchquerte, verlief nach derselben Methode wie dieses Zerlegen und Neuzusammensetzen, nur auf einer höheren Ebene. Das bedeutete, daß das Schiff mitsamt seines Inhalts sich während des gan- zen Fluges ständig zerlegte und wieder zusammen- setzte. Die Entfernung, nach der ein solcher Vorgang stattzufinden hatte, war genau festgelegt, und da der jeweilige Wechsel mit Oberlichtgeschwindigkeit ab- rollte, war er nicht zu spüren. »… in Wirklichkeit bewegt sich das Schiff gar nicht«, faßte Ro zusammen. »Es ändert nur die Ko- ordination seiner Position.« Dann verlor sie sich in technische Details, die für Jim zu kompliziert waren. Trotzdem spürte Jim nach einiger Übung das glei- che Gefühl, das er schon gespürt hatte, als er mit Ro ins Kühlhaus versetzt worden war – ein Gefühl, als würde eine Feder über die Oberfläche seines Gehirns streicheln. Gleichzeitig wurde er von der einen Ecke des Raumes in die andere bewegt. Nach wenigen Minuten war ihm der Trick geläufig, und er bewegte sich mit spielerischer Leichtigkeit von einem Raum zum anderen, wenn er sich dabei auch auf die Räume des Schiffes beschränken mußte, die er schon kannte., Ro führte ihn wieder in ihr Quartier, und jetzt be- gann der soziologische Teil des Unterrichts. Beide waren von Jims Fortschritten innerhalb weniger Tage überrascht. Und Jim war außerdem verblüfft, weil Ro über ein fundamentales Wissen verfügte, das alle Aspekte des Lebens der Hochgeborenen einschloß. Sie war darüber genauso umfassend orientiert wie über die Struktur des Schiffes. Sie würde zwar nie im Leben in die Lage kommen, die Wand mit den blin- kenden Lichtern bedienen zu müssen. Aber wenn es sein mußte und man ihr die geeigneten Werkzeuge und das richtige Material zur Verfügung stellte, wür- de sie das Schiff von Grund auf konstruieren können. Ro war ihrerseits erstaunt, weil sie Jim alles nur je- weils einmal erklären mußte. »… sind Sie auch sicher, daß Sie das alles behal- ten können?« unterbrach sie sich immer wieder. »Ich habe noch nie gehört, daß ein Nichthochgeborener sich nicht immer wieder alles vorsagen mußte, damit er es im Gedächtnis behält.« Jim pflegte dann mit der Wiederholung der letzten Sätze zu antworten, die sie vorgetragen hatte. Darauf- hin fuhr sie beruhigt, wenn auch nicht restlos über- zeugt, fort. Und Jim nahm immer neue Erkenntnisse über die Thronwelt und das Leben der Hochwohlge- borenen in sich auf. Und über das Reich, das die Hochgeborenen regierten. Allmählich fügte sich ein klar umrissenes Bild vor, seinem geistigen Auge zusammen. Merkwürdiger- weise waren die Hochgeborenen keine direkten Ab- kömmlinge der ursprünglichen Einwohner der Thronwelt, die mit der Kolonisation der anderen be- wohnten Welten des Reiches begonnen hatten. Die jetzigen Regenten des Reiches waren in ihre Füh- rungsposition gelangt, weil sie eher schwach als stark gewesen waren. Zu Beginn hatte die Thronwelt versucht, die Kon- trolle über alle kolonialisierten Welten zu behalten. Aber dieses Wollen wurde bald von der Zeit besiegt und von den immensen Weiten, die sich zwischen der Thronwelt und den anderen Welten erstreckten. Die neueren Welten wurden sehr rasch autonom. Und als das Reich sich so weit nach allen Richtungen ausgedehnt hatte, bis es in die Bereiche des Alls vor- gedrungen war, wo in meßbarer Entfernung keine bewohnten Welten mehr existierten, war die Thron- welt vergessen. Sie war nichts anderes mehr als der Ausgangsort der menschlichen Expansion zu den Sternen. Wie dem auch sei, schon bevor die Expansion ihre Grenzen erreicht hatte, waren die älteren kolonisier- ten Welten zu der Überzeugung gekommen, daß eine zentrale Organisation vorteilhaft wäre, eine Sammel- stelle aller wissenschaftlichen und anderen Entwick- lungen des ganzen Reiches. Deshalb wurde die Thronwelt zu neuem Leben erweckt, als weltenwei-, tes Sammel- und Informationszentrum. Das war der Ursprung der Hochgeborenen, obwohl das damals noch niemand absehen konnte. Es war unvermeidlich, daß alle hervorragenden wissenschaftlichen Geister von den Kolonien in die Thronwelt abwanderten. Hier war der intellektuelle Nabel der menschlichen Welten. Hier war es auch am erstrebenswertesten zu leben, nicht nur wegen der wirtschaftlichen Vorteile, sondern auch wegen der anregenden Gesellschaft und des schnellsten Zu- gangs, den man hier zu allen seinen Erkenntnissen und Errungenschaften gewann. Während der nächsten paar tausend Jahre stieg die Einwandererquote so hoch an, daß die Thronwelt schließlich einen Riegel vorschieben mußte. Mittler- weile war sie reicher und mächtiger als die Kolonie- welten geworden, da sie doch die Quelle jeden tech- nischen Fortschritts war. Die intellektuelle Bevölke- rung der Thronwelt hatte sich zu einer Elite entwik- kelt, die nur mehr den genialsten Geistern der Kolo- nien Zugang gewährte, zu einer Elite, der die anderen Weltenbewohner, die nicht für das ersehnte Leben inmitten der Mächtigen qualifiziert waren, eifrig dienten. Während der letzten zehntausend Jahre war das Reich ein wenig zusammengeschrumpft, und die Thronwelt-Elite hatte sich zu Hochgeborenen ent- wickelt, mit Hilfe spezieller Zuchtkontrollen, die ih-, nen die physischen Merkmale ihrer Aristokratie ver- lieh. Die onyxfarbene Haut, die zitronengelben Au- gen, das weiße Haar, die weißen Brauen und Wim- pern – all dies wurde gezüchtet, um den Bewohnern der Thronwelt den Stempel der Überlegenheit auch sichtbar aufzudrücken. An der Stelle von Rangabzei- chen als Ausdruck ihrer Aristokratie hatten sich die Hochgeborenen mit einem herausragenden Körper und einem superioren Geist ausgestattet. Zwar such- ten sie immer noch nach Fähigen in anderen Welten, aber das Auswahlprinzip wurde immer strenger, und der Auserkorene hatte keine Chance, selbst zu den Hochgeborenen zu zählen, sondern nur die, daß mit- tels komplizierter Zuchtvorgänge seine Enkel zu den onyxhäutigen, großen, weißhaarigen Herren des Rei- ches zählen würden. »… Sie sehen, es besteht also eine Chance, sogar für einen Wolfling wie Sie«, sagte Ro, als das Schiff endlich die Thronwelt erreicht hatte und man sich zum Aussteigen bereit machte. »Oh, sie werden ver- suchen, Sie zu unterdrücken, sobald sie den Verdacht hegen, daß Sie einer von ihnen werden wollen. Aber wenn Sie fertig ausgebildet sind, wird das den Hoch- geborenen nicht gelingen. Nicht, wenn ich Ihnen hel- fe, Jim!« Ihre Augen leuchteten vor Triumph. Jim lächelte sie an und fragte, was ihn nach dem Verlassen des Schiffes zunächst erwarte. Plötzlich wurde sie ernst., »Ich weiß es nicht«, sagte sie. »Afuan sagt es mir nicht. Sicher will sie Sie möglichst bald dem Herr- scher präsentieren.« Er war also wenigstens teilweise darauf vorberei- tet, daß eine Stunde nach der Landung auf der Thronwelt die Wände seines Zimmers an Bord des Schiffes plötzlich schwanden und er in einer Arena stand. Neben ihm stand sein Gepäck, und vor ihm hatte sich eine komplette Cuadrilla kostümierter Banderilleros und Pikaderos mit Pferden und Ausrü- stungsgegenständen postiert – ein genaues Duplikat der Cuadrilla, die er auf Alpha Centauri III benutzt hatte, mit der Ausnahme, daß die kostümierten Män- ner alle derselben kleinen Rasse mit der braunen Haut und den langen Haaren angehörten. »Diese Tiere sind künstlich«, sagte eine Stimme neben ihm. Er blickte zur Seite und sah Prinzessin Afuan ein paar Schritte entfernt stehen. »Auch der Stier, mit dem Sie üben werden, ist künstlich. Die Männer auf den Pferden werden alle Ihre Bewegun- gen wiederholen. Führen Sie die einzelnen Übungen so lange durch, bis alle Männer sie beherrschen.« Die Prinzessin verschwand. Offenbar war sie der Ansicht, daß sie alles gesagt hatte, was zu sagen war, und Jim blieb allein mit der Cuadrilla-Imitation und den künstlichen Pferden zurück. Er blickte sich um. Auch die Arena war eine genaue Nachbildung der Arena auf Alpha Centauri III., Die Sitzreihen der Arena, die auf Alpha Centauri III aus einer Art braunem, betonartigen Material be- standen hatten, schienen hier aus weißem Marmor zu sein. Alles war weiß – überall. Auch der Sand der Arena war weiß wie Schnee. Jim bückte sich, öffnete einen der Koffer und nahm das große Cape sowie das kleine und das Schwert heraus. Er machte sich nicht die Mühe, sein Kostüm auszupacken. Dann schloß er den Koffer und stellte ihn mitsamt dem zweiten auf die Barriere hin- ter sich. Plötzlich erklang von irgendwoher Musik. Es war die richtige Musik, und Jim bewegte sich im Takt quer über den Ring auf eine Reihe mit roter Farbe gekennzeichneter Sitze zu, die zweifellos die Herrscherloge darstellen sollten. Es war ein nahezu gespenstischer Anblick. Die kleinen, langhaarigen braunen Männer führten die Bewegungen nicht nur mit professioneller Sicherheit aus, sie schienen haargenau die Schritte und Gesten der Männer nachzuahmen, die er zurückgelassen hat- te. Sogar kleine, sinnlose individuelle Eigenheiten wurden imitiert. Offensichtlich hatte sich entweder Afuan oder ein anderer Hochgeborener exakt an all dies erinnert und damit die Männer programmiert, die jetzt ihre Rollen mit vollkommener Präzision spielten. Wenn zum Beispiel auf Alpha Centauri III sich ein Mann während einer kleinen Pause an die Barriere gelehnt hatte, so kopierte sein Duplikat auf, der Thronwelt die Pose bis ins kleinste Detail, lehnte auf der equivalenten Barriere, legte seinen Ellenbo- gen auf haargenau die gleiche Stelle. Aber das Groteske dieser genauen Kopie steigerte sich noch, als Jim das große Cape schwang und mit dem Stier selbst zu arbeiten begann. Die Hochgebo- renen hatten einen künstlichen Stier produziert, der dazu programmiert war, genau die Bewegungen des lebenden Stieres, den sie auf Alpha Centauri III beo- bachtet hatten, nachzuahmen. Sie wußten allerdings nicht, daß die lebenden Stiere von den Biologen auf der Erde ebenfalls dazu programmiert worden waren, ebendieselben Bewegungen zu vollführen. Der genaue Vorgang wurde bis zum Augenblick des Tötens durchexerziert. Als sich Jims Schwert in den Stier bohrte, brach die medianische Kreatur ge- horsam zusammen. Jim blickte sich im Kreis seiner Schüler um und fragte sich, ob es wohl an der Zeit sei, den Unterricht zu beenden. Aber die kleinen braunen Männer schienen zu erwarten, daß es sofort weiterging. Als er die Pantomime ein zweites Mal vorführte, wandte Jim seine Aufmerksamkeit von dem mecha- nischen Tier ab, mit dem er übte, und begann die kleinen Männer zu studieren. Er stellte fest, daß trotz aller Sicherheit, mit der sie sich bewegten, die ein- zelnen Schritte und Gesten plump wirkten. Es war weniger eine Plumpheit des Geistes als vielmehr der, Muskeln. Diese Männer taten, wozu man sie pro- grammiert oder instruiert hatte. Aber der instinktive Zusammenhang von Wollen und Körperaktion fehlte. Jim ging das Programm noch zweimal durch, be- vor er den Unterricht beendete. Inzwischen waren auch seine eigenen Bewegungen automatisch gewor- den, ohne innere Spannung, und er war ziemlich mü- de. Vier Tage lang wiederholte er immer denselben Stierkampf, wie er auf Alpha Centauri III stattgefun- den hatte, bis die Bewegungen der kleinen Männer mit den langen Haaren nicht mehr so mechanisch, sondern natürlicher wirkten. Im Verlauf dieser Tage hatte er die Entdeckung gemacht, daß er die Bewegungen des Stieres variie- ren konnte, und zwar auf dieselbe Art absichtlicher geistiger Vorstellungsbilder, die Ro ihm an Bord des Schiffes beigebracht hatte. Irgendwo auf der Thron- welt mußte sich eine Hauptenergiequelle befinden, die seine Gedanken genauso in Wirklichkeit umsetz- te, wie dies der Mechanismus des Schiffes bewirkt hatte. Am sechsten Tag führte er demzufolge seine Cuadrilla in eine neue Form des Stierkampfes ein. Er hatte sich deshalb dazu entschlossen, weil jeder der tiefgekühlten Stiere, die er mit auf die Thronwelt gebracht hatte, auf eine andere Kampfart program- miert war – für den Fall, daß die Hochgeborenen argwöhnten, die Stiere seien alle auf bestimmte Wei- se programmiert. Jetzt brachte Jim seinen neuen As-, sistenten, die Kampfart bei, die bei dem letzten Stier in den Kühlboxen anzuwenden war. Diesen letzten Stier durfte er nur sehr vorsichtig einsetzen. Er hoff- te, daß es entweder nie dazu kommen würde oder seine Behelfscuadrilla bis dahin die erforderlichen Bewegungen vergessen haben würde. Er bewohnte eine Art Suite in einem einstöckigen, endlos scheinenden Gebäude. Im Gegensatz zu den Räumen auf dem Schiff hatten die Räume auf der Thronwelt Türen und waren durch Korridore mitein- ander verbunden. Es schien ihm freizustehen, sich von einem Raum in den anderen zu bewegen, wie er Lust hatte, und das tat er auch eifrig. Aber obwohl er auch außerhalb seiner Suite andere Gebäudeteile, Höfe und Gärten durchforschte, begegnete ihm kein Hochgeborener, sondern nur Männer und Frauen ei- ner offensichtlich niedrigeren Rasse, die auf der Thronwelt als Dienstboten fungierten. Ro hatte er seit dem Verlassen des Schiffes nicht mehr gesehen. Dafür war Afuan mehrmals erschie- nen und hatte sich erkundigt, ob die Trainingsstun- den gute Fortschritte machten. Sie hatte weder Freu- de noch Ungeduld gezeigt. Aber als endlich der Tag kam, an dem er ihr vom Abschluß seines Unterrichts berichten konnte, zeigte sie sich sehr zufrieden. »Wunderbar! Dann werden Sie morgen oder über- morgen dem Herrscher vorgeführt.« Sie verschwand und kehrte am nächsten Morgen, wieder, um ihm mitzuteilen, daß der Stierkampf in etwa vierzig Minuten stattfinden würde – nach Er- denzeit gerechnet. »In so kurzer Zeit kann ich meine Stiere nicht auf- tauen und wiederbeleben«, wandte Jim ein. »Dafür wurde bereits gesorgt«, erwiderte Afuan und entschwand. Hastig begann Jim in seinen glän- zenden Anzug zu schlüpfen. Eigentlich hätte ihm ein Assistent beim Ankleiden helfen müssen, aber es war weit und breit keiner zu sehen. Als Jim sich zur Hälf- te in sein Kostüm hineingequält hatte, wurde ihm das Komische der Situation bewußt, und er lachte laut auf. »Ro, wo sind Sie?« fragte er die weißen Wände seines Zimmers. »Wenn ich Sie brauche, sind Sie nicht da.« Zu seiner Verblüffung tauchte plötzlich Ro vor ihm auf wie ein Geist aus der Flasche. »Was soll ich tun?« fragte sie. »Wollen Sie etwa behaupten, daß Sie mich gehört haben?« fragte er noch immer lachend. »Natürlich«, erwiderte sie erstaunt. »Ich habe An- weisung gegeben, daß ich sofort verständigt werde, wenn Sie mich rufen. Aber Sie haben es bisher nie getan.« »Ich hätte Sie schon vorher gerufen, wenn ich ge- wußt hätte, daß ich so schnell erhört würde«, erklärte er grinsend., Wieder einmal sah er sie auf ihre ganz besondere Art erröten. »Ich will Ihnen doch helfen!« sagte sie. »Nur – bisher schienen Sie meine Hilfe nicht zu brauchen.« Bei diesen Worten wurde er ernst. »Leider wußte ich nicht, wie ich Sie herbeirufen kann.« »Nun, jetzt wissen Sie es ja«, sagte sie energisch. »Wie kann ich Ihnen helfen?« »Helfen Sie mir bitte beim Ankleiden.« Sie fing plötzlich an zu kichern, und er starrte sie verwirrt an. »Nein, nein, es ist schon in Ordnung«, beruhigte sie ihn. »Nur – normalerweise leistet ein Diener, ein Mensch niederer Rasse, einem Hochgeborenen sol- che Dienste, nicht umgekehrt.« Sie hob seinen Hut auf. »Wo kommt das hin?« »Das kommt ganz zuletzt.« Gehorsam legte sie den Hut wieder beiseite, und unter seiner Anleitung half sie ihm alle Kleidungs- stücke anlegen. Als er fertig kostümiert war, muster- te sie ihn interessiert. »Sie sehen sonderbar aus – aber gut.« »Haben Sie mich denn nicht in der Arena auf Al- pha Centauri III gesehen?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich war auf dem Schiff beschäftigt. Außerdem hielt ich die Sache wirklich nicht für besonders se- henswert.« Neugierig sah sie zu, wie er seine beiden, Capes und das Schwert aus dem größeren der beiden Koffer nahm. »Wozu braucht man denn das?« »Mit diesen beiden Kleidungsstücken wird die Aufmerksamkeit des Stieres erregt. Und mit dem Schwert …« Er zog es ein Stück aus der Scheide, um ihr die Klinge zu zeigen. »… wird der Stier am Ende des Kampfes getötet.« Ihre Hand flog zum Mund. Sie war blaß geworden und trat einen Schritt zurück. Aus schreckgeweiteten Augen starrte sie ihn an. »Ist irgend etwas nicht in Ordnung?« fragte Jim mit gerunzelter Stirn. »Sie sagten mir nicht …« Klagend und zitternd kamen die Worte endlich über ihre Lippen. »Sie sag- ten mir nicht, daß Sie den Stier töten …« Ihre Stim- me erstarb. Sie wandte sich abrupt ab und ver- schwand. Er starrte auf die Stelle, wo sie soeben noch gestanden war. Hinter ihm erklang eine andere weibliche Stimme. »In der Tat«, sagte Prinzessin Afuan, und Jim fuhr herum. »Sogar ein begabter Wolfling wie Sie kann Fehler machen. Ich dachte, Sie hätten mittlerweile begriffen, daß Ro sehr tierlieb ist.« Er erwiderte kalt ihren Blick. »Sie haben recht«, sagte er. »Ich hätte daran den- ken sollen.« Sie musterte ihn eine Weile schweigend mit ihren zitronengelben Augen. Dann sagte sie: »Vielleicht, hatten Sie auch einen bestimmten Grund, Ro aufzu- regen. Für einen Wolfling haben Sie innerhalb kurzer Zeit bemerkenswertes Aufsehen erregt. Nicht nur, daß Sie die Freundschaft der kleinen Ro gewonnen haben, sie haben sich auch Mekon zum Feind ge- macht und das Interesse Slothiels und sogar Galyan s erregt.« Sie blickte ihn lauernd an. »Sehen Sie mich?« »Natürlich«, erwiderte er. Und dann fühlte er, wie sich all seine Muskeln anspannten. Er hatte Mühe, sein Erstaunen nicht zu zeigen. Eine Veränderung ging mit Afuan vor, eine selt- same Veränderung, denn er konnte nicht feststellen, daß sich irgend etwas an ihrem Äußeren wandelte. Sogar ihr Gesichtsausdruck blieb unverändert. Aber plötzlich wirkte die große, weißhaarige gelb- äugige Prinzessin mit der onyxfarbenen Haut unbe- schreiblich attraktiv. Sie übte mehr als nur gewöhnli- che sinnliche Anziehungskraft aus. Ihre Forderung an sein Verlangen wirkte fast hypnotisch. Nur die langen, einsamen Jahre der Isolierung, die er während seines Heranwachsens durchlebt hatte, befähigte ihn, der Faszination Afuans zu widerste- hen. Nur weil ihm bewußt war, daß er alles verlieren würde, was er auf langen Reisen des Geistes und der Seele gesucht und gefunden hatte, auf Reisen, die der menschliche Geist und die menschliche Seele nie zuvor zurückgelegt hatten – weil ihm dies bewußt, war, konnte er Afuans Lockung mit kühler Zurück- haltung begegnen. Dann sah Afuan wieder plötzlich genauso aus wie zuvor, ohne sichtbares Zeichen einer Veränderung. Kalt und unnahbar, interessant, aber nicht unbedingt anziehend für einen Erdenmann. »Erstaunlich«, sagte sie. »Wirklich erstaunlich für einen Wolfling. Aber ich glaube, ich habe Sie jetzt durchschaut, wilder Mann. Irgend etwas in Ihnen zwingt Sie, nach den Sternen zu greifen, ein Ehrgeiz, der größer ist als das Universum.« Danach wurde Jim in Sekundenschnelle in die Arena versetzt. Als er dort erschien, waren die Sitz- reihen bereits dicht mit weißgekleideten Hochgebo- renen besetzt. In der Herrscherloge hatten sechs Männer und vier Frauen Platz genommen. Afuan saß an der linken Seite eines Mannes, der wie Galyan aussah. Er nahm den Platz in der Mitte ein, und rechts von ihm saß ein älterer, vierschrötig wirkender Hochgeborener mit gelblichen Brauen. Als Jim näher trat, sah er, daß der Mann, der wie Galyan aussah, nicht Galyan war. Die Ähnlichkeit war aber verblüffend, und Jim erinnerte sich, daß Ga- lyan gesagt hatte, er sei ein Vetter des Herrschers. Dann war dieser Mann offenbar der Herrscher. Er war noch größer als Galyan , saß in viel unge- zwungenerer Haltung auf seinem Sitz als alle ande- ren Hochgeborenen, und sein Blick war für einen, Hochgeborenen ungewöhnlich frei und offenherzig. Er lächelte auf Jim herab, als wolle er damit das Zei- chen zum Beginn des Stierkampfes geben. Afuan betrachtete Jim indessen mit dem üblichen kühlen Blick. Jim wandte sich nun dem Stier zu, den Afuan oder ein anderer Hochgeborener aus den sechs tiefgefro- renen Tieren in den kyrogebischen Boxen ausge- wählt hatte. Jims Cuadrilla kam gut mit dem leben- den Stier zurecht. Jedes Tier reagierte etwas anders, und Jim kannte genau die Unterschiede. So hatte er sich auf den Stier einstellen können von dem Augen- blick an, da das Tier angriffslustig in den Ring stürmte. Trotzdem hatte er alle Hände voll zu tun und fand kaum Zeit, Afuans Bemerkung bezüglich seines Ehr- geizes zu überdenken. Nur soviel war sicher: Die Prinzessin besaß einen Spürsinn, der nahezu tödlich war. Der Stierkampf näherte sich seinem Ende. Im Ge- gensatz zu dem Stier auf Alpha Centauri III führte dieser Stier alle Bewegungen programmgetreu aus. Schließlich hob Jim sein Schwert, um es zwischen die Hörner zu stoßen, direkt vor der Herrscherloge. Dann zog er das Schwert aus dem Kopf des toten Stieres, wandte sich um und trat ein paar Schritte auf die Herrscherloge zu – sowohl aus eigenem Interes- se, um die Reaktion des Herrschers zu beobachten,, als auch, weil Ro ihm auf dem Schiff gesagt hatte, man würde dies von ihm erwarten. Er ging zur Bar- riere und blickte in das Gesicht des Herrschers auf. Dieser lächelte, und seine Augen schienen unge- wöhnlich hell zu strahlen. Jim bemerkte aber, daß sie seltsam leer blickten. Das Lächeln des Herrschers wurde noch breiter. Speichel träufelte aus einem Mundwinkel. Er öffnete die Lippen. »Äh«, sagte er lächelnd und blickte durch Jim hin- durch. »Äh …« 5. Jim stand reglos da und wußte nicht, wie er sich ver- halten sollte. Die anderen Hochgeborenen in der Herrscherloge, auch die auf den Rängen der Arena, schienen das seltsame Gebaren des Herrschers ab- sichtlich zu übersehen. Offensichtlich erwartete man von Jim, daß er es ebenfalls ignorierte. Afuan und die anderen Hochgeborenen in der Herrscherloge sa- ßen da, als führe ihr Oberhaupt ein privates Gespräch mit Jim. Dieser Anschein wurde mit solch starker Überzeugungskraft erweckt, daß Jim sich an die hypnotische Wirkung von Afuans sinnlichen Lok- kungen erinnert fühlte, die sie vorhin auf ihn hatte ausüben wollen. Nur schienen sie jetzt nicht nur Jim, sondern auch sich selbst davon überzeugen zu wol-, len, daß der Herrscher sich völlig normal benahm. Dann war plötzlich alles vorbei. Der Speichel verschwand vom Kinn des Herr- schers, als ob eine unsichtbare Hand ihn wegge- wischt hätte, sein Lächeln wurde fester, seine Augen suchten die Jims. »… außerdem sind wir sehr daran interessiert, Sie näher kennenzulernen«, sagte er, als würde er ein bereits begonnenes Gespräch fortsetzen. »Sie sind der erste Wolfling, der seit vielen Jahren unseren Hof besucht. Wenn Sie sich ausgeruht haben, kommen Sie zu uns, und wir werden uns miteinander unterhal- ten.« Das Lächeln des Herrschers war offen und gewin- nend, seine Augen blickten intelligent, seine Stimme klang freundlich. »Vielen Dank, Oran«, erwiderte Jim. Ro hatte ihm gesagt, daß man vom Herrscher immer nur als »Herrscher« sprach. Nur wenn man ihn direkt anre- dete, benützte man nur seinen Vornamen – Oran. »Sie sind uns sehr willkommen«, sagte der Herr- scher mit freundlichem Lächeln. Er verschwand, und eine Sekunde später waren alle Sitze der Arena leer. Jim stellte sich seine Suite bildlich vor und kehrte in seine Räume zurück. Nachdenklich begann er sein Kostüm abzustreifen. Er quälte sich gerade aus der engen Jacke, als er spürte, wie hinter ihm jemand helfend eingriff. Er blickte sich um und sah Roh hin-, ter sich stehen. »Danke«, sagte er lächelnd. Sie half ihm weiter beim Auskleiden. Ihre Augen blickten zu Boden, und dunkle Röte übergoß ihr Gesicht. »Es kommt mir noch immer schrecklich vor«, flü- sterte sie. »Aber ich wußte nicht …« Sie hob ihr plötzlich bleiches Gesicht zu ihm empor. »Ich wußte nicht, daß der Stier Sie töten wollte, Jim.« »Ja«, sagte Jim und verspürte wieder einmal das Schamgefühl, das ihn stets überkam, wenn ihm be- wußt wurde, wie unehrenhaft sein programmierter Stierkampf war. »So ist es.« »Wie dem auch sei«, sagte Ro entschlossen, »wenn wir Glück haben, dann müssen Sie das nie mehr tun. Es ist schon ein großes Glück, daß der Herrscher sich für Sie interessiert. Und – wissen Sie, was?« Sie hörte auf, ihm beim Auskleiden zu helfen. Er stand da, halb ausgezogen, und starrte sie fragend an. »Was ist denn?« »Ich habe einen Sponsor für Sie gefunden«, platzte sie aufgeregt heraus. »Slothiel! Sie haben ihm schon gefallen, als Sie so unerschrocken reagierten, damals, als die Katze Sie ansprang. Jetzt will er Sie in den Kreis seiner Bekannten aufnehmen. Wissen Sie, was das bedeutet?« Er schüttelte den Kopf. »Das bedeutet, daß Sie von jetzt an nicht mehr der, Dienerklasse angehören! Ich hatte zwar gehofft, ei- nen Sponsor für Sie zu finden, aber nicht schon so bald. Ich hatte es Ihnen nicht gesagt, weil ich keine falschen Hoffnungen in Ihnen erwecken wollte, Jim. Aber Slothiel ist tatsächlich mit diesem Vorschlag zu mir gekommen!« »Wirklich?« Jim runzelte die Stirn, obwohl er sich im allgemeinen bemühte, sein Gesicht in Anwesen- heit der Hochgeborenen glatt und ausdruckslos er- scheinen zu lassen. Er fragte sich, ob Slothiel etwas mit Afuans Besuch vor dem Stierkampf zu tun hatte – oder mit dem, was Galyan auf dem Schiff zu ihm gesagt hatte. Er war schon nahe daran, Ro danach zu fragen, aber dann besann er sich. Von Afuans Ver- such, seine Sinne zu reizen, wollte er Ro nicht erzäh- len – jetzt noch nicht. Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als er merkte, daß Ro wieder damit beschäftigt war, ihn auszukleiden, mit der größten Unbefangenheit. Jim war zwar normalerweise auch nicht befangen, aber Ros Haltung irritierte ihn doch ein wenig. Sie ging mit ihm um, als würde sie ihr Lieblingstier für eine Ausstellung herausputzen. Er brauchte Hilfe, aber einige Handgriffe konnte er sehr gut auch allein erle- digen. »Das genügt«, sagte er und entwand sich ihrem Griff. »Den Rest kann ich allein machen.« Er nahm den Kilt vom Koffer, zog ihn an und streifte dann ein, kurzärmeliges grünes Hemd über. Ro betrachtete ihn mit liebevollem Stolz. »Erzählen Sie mir mehr über diese Sache mit dem Sponsor«, sagte Jim. »Wofür will Slothiel sponsie- ren?« »Natürlich dafür, daß Sie in die Thronwelt aufge- nommen werden«, erwiderte Ro mit großen, erstaun- ten Augen. »Erinnern Sie sich denn nicht? Ich habe Ihnen doch erzählt, daß immer noch wenige, beson- ders begabte Bewohner der Koloniewelten in die Ge- sellschaft der Hochgeborenen eingegliedert werden. Dabei werden sie natürlich nicht selbst zu Hochgebo- renen. Aber sie können hoffen, daß ihre Enkel echte Hochgeborene werden. Nun, dieser ganze Prozeß wird auf der Thronwelt als Adoption bezeichnet und wird von einem Hochgeborenen in Gang gesetzt, der sich als Sponsor für einen Nichthochgeborenen zur Verfügung stellt, wenn dieser auf der Thronwelt Aufnahme finden will.« »Sie wollen also, daß ich als Hochgeborener auf- genommen werde?« fragte Jim mit leichtem Lächeln. »Das natürlich nicht!« sagte Ro strahlend. »Aber wenn Sie erst einmal sponsiert werden, hat der Pro- zeß der Adoption begonnen. Und Sie werden von der Autorität des Herrschers geschützt, weil sie ein pro- visorischer Hochgeborener sind, bis er sich ent- schließt, ob Sie angenommen oder abgewiesen wer- den. Und wenn jemand einmal sponsiert wird, wird, er nicht abgewiesen, außer er tut etwas so Schreckli- ches, daß er von der Thronwelt verstoßen werden muß. Wenn Slothiel Sie sponsiert, kann kein Hoch- geborener Sie mehr wie einen Diener behandeln. Ich meine, Ihr Leben ist geschützt. Kein Hochgeborener, nicht einmal Afuan oder Galyan, kann Ihnen etwas anhaben. Sie können sich höchstens beim Herrscher über Sie beklagen.« »Ich verstehe«, sagte Jim nachdenklich. »Soll ich Slothiels Absicht erwähnen, wenn ich mit dem Herr- scher spreche?« »Wenn Sie mit dem Herrscher sprechen?« Ro starrte ihn an und brach dann in Gelächter aus. Aber sie wurde sofort wieder ernst und legte ihm entschul- digend die Hand auf den Arm. »Es tut mir leid. Ich hätte nicht lachen sollen. Aber Sie werden sicher Ihr Leben lang nicht mit dem Herrscher sprechen.« »Da irren Sie sich«, erwiderte Jim. »Der Herrscher bat mich nämlich nach dem Stierkampf, zu ihm zu kommen, sobald ich mich ausgeruht hätte.« Ro starrte ihn entgeistert an. Dann schüttelte sie langsam den Kopf. »Das haben Sie falsch verstanden, Jim«, sagte sie mitfühlend. »Das hat er nur so gesagt. Niemand kann zum Herrscher kommen. Man kann ihn nur sehen, wenn man auf seinen Wunsch zu ihm gebracht wird. Sie können also nicht von sich aus zu ihm gehen, sondern müssen warten, bis er Sie rufen läßt.«, Jim runzelte die Stirn. »Es tut mir leid, Jim«, sagte Ro. »Der Herrscher sagt oft solche Dinge. Doch dann kommt etwas da- zwischen, und er vergißt es wieder. Oder er sagt so etwas, ohne es wirklich zu meinen, weil er eben ir- gend etwas sagen muß. Vielleicht wollte er Ihnen damit ein Kompliment machen.« Langsam breitete sich ein Lächeln auf Jims Ge- sicht aus, und Ro erbleichte. »Machen Sie nicht ein solches Gesicht!« Sie um- klammerte seinen Arm. »Sie sehen ja zum Fürchten aus!« »Machen Sie sich keine Sorgen!« sagte Jim grin- send. »Aber ich glaube, Sie irren sich. Ich werde nämlich jetzt zum Herrscher gehen. Wo kann ich ihn finden?« »Um diese Tageszeit in Vhotans Büro …« Sie brach ab und starrte ihn aus weit geöffneten Augen an. »Aber Jim! Haben Sie denn nicht verstanden? Sie können nicht zum Herrscher gehen…« »Zeigen Sie mir bitte den Weg.« »Nein! Er wird seinen Starkianern befehlen, Sie zu töten. Vielleicht töten sie Sie auch, ohne auf seinen Befehl zu warten.« »Oh! Warum sollten denn die Starkianer unseren wilden Mann töten wollen?« mischte sich unerwartet Slothiels Stimme ein. Ro und Jim wandten sich um. Der hochgewachsene Mann hatte soeben Gestalt an-, genommen. Ro eilte auf ihn zu, als sei er die Ursache ihres Streits mit Jim. »Nach dem Stierkampf sagte der Herrscher zu Jim, er möge sich ein Weilchen ausruhen und dann zu ihm kommen. Und jetzt will Jim, daß ich ihm sage, wie er zum Herrscher kommt! Aber ich denke nicht daran!« Slothiel lachte laut auf. »Er will zum Herrscher gehen! Und du willst ihm den Weg nicht zeigen? Dann werde ich es tun.« »Du!« stieß sie hervor. »Ich dachte, du willst sein Sponsor sein!« »Das will ich auch«, sagte Slothiel gedehnt. »Weil ich den Mann bewundere – und weil ich mich darauf freue, Galyans Gesicht zu sehen, wenn er es erfährt. Aber wenn Jim entschlossen ist, in den Tod zu ren- nen, bevor die Sponsorschaft in Kraft tritt, kann ich den Lauf des Schicksals nicht hemmen.« Er blickte über Ros Kopf hinweg Jim an. »Wollen Sie wirklich gehen?« »Ich bin ein Wolfling«, sagte Jim lächelnd. »Ich weiß es nicht besser.« »Richtig«, sagte Slothiel und wehrte Ros verzwei- felte Versuche ab, ihm den Mund zuzuhalten. »Ich werde Sie also zum Herrscher senden …« Plötzlich befand sich Jim in einem anderen Raum. Es war ein großer kreisrunder Raum mit einer Art transparenter Decke, durch die man einen wolkigen, Himmel sehen konnte – oder war der blaue Himmel mit seinen weißen Wolken nur eine Illusion? Jim hat- te keine Zeit, das zu erforschen, denn seine Auf- merksamkeit wurde von einem halben Dutzend Männer in Anspruch genommen, die seine Ankunft bereits bemerkt hatten. Einer davon war der Herrscher. Er hatte sich mit- ten im Satz unterbrochen, als er Jim sah. Und er stand halb abgewandt von dem älteren, kräftig ge- bauten Hochgeborenen, den Jim an der Seite des Herrschers in der Arena hatte sitzen sehen. Einige Schritte entfernt, mit dem Rücken zu Jim gewandt, stand ein Hochgeborener, der sich jetzt langsam um- drehte. Jim kannte ihn nicht. Die anderen drei Män- ner, die sich noch im Raum befanden, waren sehr muskulöse, grauhäutige, kahlköpfige Individuen. Sie sahen dem Mann ähnlich, den Galyan als seinen Leibwächter bezeichnet hatte. Sie trugen lederne Lendenschurze, und schwarze Ruten steckten in ih- ren Gürteln. Um ihren Oberkörper und die Beine wa- ren metallisch glänzende Bänder geschlungen. Bei Jims Anblick hatten sie sofort ihre Ruten aus den Gürteln gezogen und richteten sie auf ihn, als ein scharfes Wort des Herrschers sie zurückhielt. »Nein!« sagte der Herrscher. »Das ist …« Er starr- te Jim einen Augenblick an, als würde er ihn nicht wiedererkennen. Doch dann hellte sich sein Gesicht auf. »Ah, das ist ja der Wolfling!«, »Genau!« schnarrte der ältere Hochgeborene. »Und was tut er hier? Mein lieber Neffe, du solltest lieber …« »Aber warum denn?« Lächelnd schritt der Herr- scher auf Jim zu. »Wir haben ihn eingeladen. Erin- nerst du dich nicht, Vhotan? Nach dem Stierkampf sprachen wir die Einladung aus.« Die hohe Gestalt des Herrschers ragte zwischen Jim und den drei kräftigen, bewaffneten Leibwäch- tern auf. Einen Schritt vor Jim blieb er stehen und blickte freundlich lächelnd auf ihn herab. »Natürlich«, sagte er. »Sie kamen, sobald Sie konnten, nicht wahr, Wolfling? Sie wollten uns nicht beleidigen, indem Sie uns warten ließen?« »So ist es, Oran«, antwortete Jim. Der ältere Mann namens Vhotan, der offensicht- lich der Onkel des Herrschers war, trat an dessen Sei- te. Seine zitronengelben Augen unter den gelbweißen buschigen Brauen starrten auf Jim herab. »Mein Neffe, du kannst diesen wilden Mann nicht einfach ungeschoren davonkommen lassen. Wenn das Protokoll einmal gebrochen wird, ist das der Auftakt zu weiteren Verstößen.« »Aber, aber, Vhotan!« Der Herrscher schenkte seinem Onkel ein beschwichtigendes Lächeln. »Wie viele Wolflinge haben wir denn auf der Thronwelt, die noch immer nicht die Palastregeln kennen, ob- wohl sie schon so lange hier sind? Wir haben ihn, eingeladen. Wenn wir uns recht erinnern, so sagten wir sogar, daß wir es sehr interessant finden würden, uns mit ihm zu unterhalten. Und das werden wir jetzt tun.« Er trat ein paar Schritte zur Seite und ließ sich auf eines der riesigen Kissen sinken, die die Möbel der Hochgeborenen bildeten. »Setzen Sie sich, Wolfling. Ihr auch, Onkel – und du, Lorava.« Er blickte den dritten Hochgeborenen an, einen schlanken jungen Mann, der sich der Grup- pe näherte. »Setzen wir uns alle zusammen und un- terhalten wir uns mit dem Wolfling. Woher kommen Sie, Wolfling? Ihre Heimat liegt am Rande unseres Reiches, nahe am Ende der Galaxis, nicht wahr?« »Ja, Oran«, erwiderte Jim. Er hatte sich bereits ge- setzt, und Vhotan nahm widerstrebend auf einem Kissen neben dem Herrscher Platz. Der junge Hoch- geborene namens Lorava ging mit zwei hastigen Schritten zu einem Kissen in der Nähe und setzte sich ebenfalls. »Eine verlorene Kolonie, eine verlorene Welt«, sagte der Herrscher sinnend, wie zu sich selbst. »Voll wilder Menschen. Und zweifellos auch voll wilder Tiere?« Er blickte Jim fragend an. »Ja«, sagte Jim. »Wir haben immer noch viele wilde Tiere, obwohl ihre Zahl stark abgenommen hat, besonders während der letzten paar hundert Jah- re. Der Mensch verdrängt die wilden Tiere.«, »Der Mensch verdrängt sogar die Menschen – manchmal«, sagte der Herrscher. Ein kleiner Schat- ten schien sekundenlang über seine Stirn zu fliegen, als ob er sich irgendeines traurigen Erlebnisses erin- nerte. Jim beobachtete ihn mit vorsichtigem Interes- se. Es war schwer zu glauben, daß dieser Mann der- selbe war, der vorhin in der Arena Jene unzusam- menhängenden Laute ausgestoßen hatte. »Aber die Männer dort – und die Frauen … Sind sie wie Sie, Wolfling?« Der Herrscher blickte Jim in die Augen. »Jeder von uns sieht anders aus, Oran.« Der Herrscher lachte auf. »Natürlich. Und zweifellos freut ihr euch als ge- sunde wilde Menschen dieses Unterschieds, statt zu versuchen, eine einheitliche Gestalt heranzuzüchten. Wie wir überlegenen Wesen, wir, die Hochgebore- nen auf der Thronwelt!« Seine Heiterkeit ebbte lang- sam wieder ab. »Wie kam es, daß wir eure Welt wie- derfanden, nachdem wir sie Jahrhunderte hindurch aus den Augen verloren hatten?« »Das Reich hat uns nicht gefunden. Wir fanden eine Welt an den äußersten Grenzen des Reiches.« Sekundenlang lag Stille im Raum, die plötzlich vom brüchigen Gelächter des jungen Lorava zerris- sen wurde. »Er lügt!« stieß der junge Mann hervor. »Sie wol- len uns gefunden haben? Wenn sie uns gefunden ha-, ben, wie konnten sie dann jemals verlorengehen?« »Schweig!« fuhr Vhotan ihn an. Dann wandte er sich wieder Jim zu. Sein Gesicht war so ernst wie das des Herrschers. »Wollen Sie behaupten, daß Ihre Leute, nachdem sie das Reich vergessen hatten und in völlige Wildnis zurückgefallen waren, sich so weit entwickeln konnten, daß sie Raumflüge antreten konnten?« »Ja«, sagte Jim kurz. Vhotan starrte ihn an und wandte sich dann dem Herrscher zu. »Die Sache könnte eine genaue Untersuchung wert sein, mein Neffe.« »Ja …«, murmelte der Herrscher. Aber er schien mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein. Er blickte nicht mehr Jim an, sondern starrte ins Leere. Eine leise Melancholie hatte sich über seine Züge gelegt. Vhotan sah ihn an und erhob sich nach einer kleinen Weile. Er trat neben Jim, klopfte ihm mit seinem langen Zeigefinger auf die Schulter und be- deutete ihn, aufzustehen. Jim gehorchte, und hinter dem Herrscher, der im- mer noch blicklos und abwesend vor sich hinstarrte, stand auch Lorava auf. Vhotan führte die beiden rasch in eine Ecke des Raums. »Ich rufe dich später wieder, Lorava«, sagte er kurzangebunden. Lorava nickte und verschwand, und Vhotan wandte sich Jim zu. »Slothiel hat ein Gesuch, eingereicht. Er will Ihr Sponsor werden. Andererseits hat Prinzessin Afuan Sie auf die Thronwelt gebracht, und Sie hatten, wie ich hörte, auch schon Kontakte mit Galyan. Ist das richtig?« »Ja.« »Ich verstehe …« Vhotans Augen verengten sich nachdenklich. Dann blickte er Jim lauernd an. »Hat einer von den dreien vorgeschlagen, daß Sie hierher- kommen sollen?« »Nein«, erwiderte Jim. Er blickte lächelnd zu dem großen, breitschultrigen alten Mann auf. »Es war meine Idee, hierherzukommen. Ich wollte der Einla- dung des Herrschers Folge leisten. Ich habe nur zwei anderen Personen davon erzählt, Slothiel und Ro.« »Ro?« Vhotan runzelte die Stirn. »Ach, das kleine Mädchen, die Atavistische, die zu Afuans Diener- schaft gehört. Sind Sie sicher, daß nicht sie Ihnen den Vorschlag gemacht hat, hierherzukommen?« »Vollkommen sicher. Sie versuchte sogar, mich zurückzuhalten. Und was Slothiel betrifft – der lach- te, als er erfuhr, daß ich zum Herrscher gehen woll- te.« »Er lachte?« echote Vhotan und stieß dann einen knurrenden Laut aus. »Blicken Sie mir in die Augen, Wolfling!« Jim heftete seinen Blick auf die zitronengelben Augen unter den gelblichweißen Brauen. Unter sei- nem Blick schienen die Augen des Alten immer stär-, ker zu funkeln, schienen in Vhotans Gesicht zu ver- schwimmen, bis sie ineinanderflössen. »Wie viele Augen habe ich?« hörte Jim Vhotans Stimme. Zwei Augen schwammen ineinander, wie zwei gelbgrüne Sonnen, versuchten eins zu werden. Jim fühlte wieder einen ähnlichen Druck wie unter dem hypnotischen Einfluß der Prinzessin. Er nahm seinen Willen zusammen, und die Augen trennten sich wie- der. »Zwei«, sagte Jim. »Sie irren sich, Wolfling. Ich habe ein Auge, nur ein Auge!« »Nein«, sagte Jim, und die beiden Augen blieben getrennt »Ich sehe zwei.« Vhotan knurrte erneut, und der hypnotische Druck, der auf Jim lastete, verschwand. »Nun, auf diese Weise werde ich es nicht heraus- finden«, sagte Vhotan mehr zu sich selbst. Er blickte Jim scharf an, aber seine Augen wirkten jetzt nicht mehr hypnotisch. »Aber Sie wissen wohl, daß ich leicht herausfinden kann, ob Sie die Wahrheit gesagt haben oder nicht?« »Ich nehme es an.« »Ja …«, sagte Vhotan nachdenklich. »Da gibt es noch viel mehr, als die Oberfläche zeigt … Der Herr- scher kann natürlich Slothiels Sponsorschaft zu- stimmen. Aber ich glaube, das genügt nicht. Wir, werden sehen …« Plötzlich drehte Vhotan den Kopf zur Seite und rief in die Luft: »Lorava!« Der schlanke junge Hochgeborene erschien. »Der Herrscher hat den Wolfling zum Offizier der Palastwache ernannt«, erklärte Vhotan. »Kümmere dich um die Details, und sieh zu, daß ihm eine Abtei- lung der Palastwache übertragen wird … Und schick Melness zu mir.« Lorava verschwand, und drei Sekunden später trat ein dünner, sehniger Mann an seine Stelle, der in die typische weiße Tunika und den Rock gekleidet war. Seine roten Haare waren kurz geschnitten, und seine Haut hatte eine ähnliche Farbe wie die Jims, wies jedoch einen Hauch von Gelb auf. Sein Gesicht war klein und scharf geschnitten, und er hatte kohl- schwarze Augen. Offensichtlich war er kein Hochge- borener, schien aber eine Autorität zu besitzen, die sich über das dumpfe Dasein der bewaffneten Leib- wächter, der Starkianer, erhob. »Dieser Mann ist ein Wolfling, Melness«, sagte Vhotan. »Er ist derselbe, der vor ein paar Stunden den Stierkampf in der Arena durchgeführt hat.« Melness nickte. Seine schwarzen Augen flackerten von Vhotan zu Jim und blickten dann wieder zu dem großen Hochgeborenen auf. »Er soll eine Abteilung der Starkianer überneh- men, die die Palastwache bilden. Ich habe Lorava, bereits beauftragt, die Ernennung zum Offizier ak- tenkundig zu machen. Ich wünsche, daß du dafür sorgst, daß seine Pflichten möglichst genau festge- legt werden.« »Ja, Vhotan«, erwiderte Melness. Seine Stimme war ein harter, maskulin klingender Tenor. »Ich wer- de ihn in meine Obhut nehmen.« Er verschwand, und Vhotan wandte sich wieder Jim zu. »Melness ist der Palastverwalter«, erklärte der Hochgeborene. »Außerdem ist er das Oberhaupt aller Nichthochgeborenen, die sich auf der Thronwelt auf- halten. Sollten Sie irgendwelche Schwierigkeiten ha- ben, Wolfling, wenden Sie sich an ihn. Jetzt können Sie in Ihre Räume zurückkehren. Und kommen Sie nie wieder hierher, wenn Sie nicht gerufen werden!« Jim stellte sich den Raum vor, wo er Ro und Slothiel zurückgelassen hatte. Er fühlte das leichte Federstreicheln im Gehirn, und schon war er in sei- ner Suite. Die beiden waren noch da. Ro rannte sofort auf Jim zu, als sie ihn erblickte, und schlang die Arme um ihn. Slothiel lachte. »Sie sind also wieder zurückgekommen«, sagte er. »Ich habe es geahnt. Ich wollte sogar mit Ro wetten, aber sie wettet leider nie. Was ist passiert?« »Ich wurde zum Starkianer-Offizier ernannt«, be- richtete Jim gelassen. Seine Augen tauchten in die, Slothiels. »Und Vhotan sagte mir, daß der Herrscher Ihr Gesuch bezüglich der Sponsorschaft bewilligen wird.« Ro ließ ihn los, trat einen Schritt zurück und starr- te ihn verblüfft an. Slothiel hob überrascht die Brau- en. »Jim!« rief Ro. »Was ist denn geschehen?« Kurz berichtete Jim, was vorgefallen war. Slothiel stieß einen bewundernden Pfiff aus. »Entschuldigt mich jetzt bitte!« sagte er fröhlich. »Ich will rasch noch ein paar Wetten abschließen, bevor die übrige Thronwelt von Ihrer Beförderung erfährt, Jim.« Er verschwand. Ro stand reglos da, und Jim sah die sorgenvollen Falten auf ihrer Stirn. »Jim …«, begann sie zögernd. »Hat Vhotan Sie wirklich gefragt, ob ich Ihnen vorgeschlagen habe, zum Herrscher zu gehen? Und er fragte es, nachdem er sich erinnert hatte, daß ich in Afuans Diensten ste- he?« »Ja.« Jim lächelte scheinbar verständnislos. »Das ist interessant, nicht wahr?« Ein plötzlicher Schauer durchlief Ros Gestalt. »Nein!« sagte sie mit leiser, aber scharf klingender Stimme. »Es ist erschreckend. Ich wußte, daß ich Ihnen Verschiedenes beibringen und Ihnen helfen konnte, auf der Thronwelt zu überleben. Aber wenn sich die Dinge weiter so entwickeln, wenn einige, Hochgeborene Sie auf diese Weise verwenden wol- len …« Ihre Worte verloren sich, und ihre Augen wurden dunkel vor Trauer. Jim musterte sie eine Zeitlang schweigend. Dann fragte er langsam: »Ro – ist der Herrscher krank?« »Krank?« Sie begann plötzlich zu lachen. »Jim, kein Hochgeborener ist jemals krank – am allerwe- nigsten der Herrscher.« »Irgend etwas stimmt nicht mit ihm«, sagte Jim. »Und es kann kein großes Geheimnis sein, nach dem, was ich in der Arena gesehen habe. Haben Sie nicht bemerkt, wie er sich verändert hat, als er nach dem Tod des Stieres mit mir sprach?« »Verändert? Wie denn?« »Sahen Sie denn nicht, wie er mich ansah, hörten Sie denn nicht die seltsamen Laute, die er ausstieß? Aber natürlich – Sie saßen ja viel zu weit weg.« »Aber Jim!« Sie legte ihm die Hand auf den Arm. »Jeder Sitz der Arena ist mit einer speziellen Sicht- vorrichtung ausgestattet. Ich konnte Ihren Kampf mit dem Tier …« Sie schauderte ein wenig. »Ich konnte Ihren Kampf aus nächster Nähe beobachten, so als wenn ich direkt danebengestanden hätte. Und als Sie zur Herrscherloge gingen, war ich wiederum ganz nah bei Ihnen. Ich sah, wie der Herrscher mit Ihnen sprach, und wenn er sich irgendwie außergewöhnlich benommen hätte, so wäre mir das bestimmt aufgefal- len.«, Er starrte sie an. »Sie haben nicht gesehen, was ich sah?« Sie blickte ihm offen in die Augen. Aber ein inne- res Gefühl sagte Jim, daß sie sich zwingen mußte, seinem Blick zu begegnen – wenn ihr das auch viel- leicht gar nicht bewußt war. »Nein«, sagte sie. »Ich sah ihn sprechen und hörte, wie er Sie einlud. Das war alles.« Sie blickte ihm weiter vertrauensheischend in die Augen, merkte nicht, daß er die innere Gezwungenheit ihres Blicks spürte. Die Sekunden dehnten sich, und plötzlich er- kannte er, daß sie fixiert war. Sie war unfähig, die tranceartige Fessel dieses Augenblicks zu durch- schneiden. Er würde diesen Zustand beenden müs- sen. Er wandte sich von ihr ab, gerade rechtzeitig, um die glatzköpfige Gestalt eines Starkianers auftauchen zu sehen. Jim erstarrte und musterte den Mann aus zusammengekniffenen Augen. »Wer sind Sie?« »Ich heiße Adok I«, erwiderte der Neuankömm- ling. »Aber ich bin Sie.« 6. Jim runzelte die Stirn und musterte den Mann finster, der darauf aber in keiner Weise reagierte. »Sie sind ich? Ich verstehe nicht…«, »Er ist natürlich Ihr Ersatzmann, Jim«, mischte Ro sich ein. »Sie können nicht selbst ein Starkianer sein. Sehen Sie ihn an. Und dann blicken Sie in den Spie- gel.« »Die Hochgeborene hat recht«, sagte Adok I mit seltsam ausdrucksloser Stimme. »Es können für ge- wöhnlich nur Männer Offiziere werden, die nicht von Geburt und Ausbildung her Starkianer sind. Für sol- che Fälle wurden die Ersatzmänner herangezogen.« »Sie sind also ein Ersatzmann?« Jim starrte ihn ungläubig an. »Als was werden Sie denn offiziell in den Akten bezeichnet?« »Offiziell bin ich, wie gesagt, Sie«, erwiderte Adok I. »Mein offizieller Name lautet James Keil. Ich bin ein Wolfling und stamme von einer Welt, die sich …« Die Zunge des Starkianers stolperte ein we- nig über das fremde Wort. »… Erde nennt.« »Aber Sie haben mir doch erzählt, daß Sie Adok I sind«, sagte Jim. »Inoffiziell, für Sie, Jim, bin ich Adok I. Ihre Freunde, wie die hochgeborene Dame hier, können mich Adok I nennen oder Jim Keil – das ist mir egal.« »Ich werde dich Adok I nennen«, sagte Ro. »Und du kannst Ro zu mir sagen.« »Das werde ich tun, Ro«, sagte Adok I in einem Tonfall, als würde er einen Befehl wiederholen, der ihm soeben erteilt worden war., Jim schüttelte amüsiert den Kopf. Der Starkianer wies eine Reihe widersprechender Charakterzüge auf. Einerseits schien er humorlos, ja geradezu höl- zern zu sein, gehorsam bis zur Unterwürfigkeit, und andererseits hielt er es für angebracht, Jim mit der vertrauten Kurzform seines Namens anzusprechen. Außerdem schien Adok I Jim gegenüber eine merk- würdige Haltung einzunehmen, die sich sowohl aus Überlegenheit als auch Untertänigkeit zusammen- setzte. Es war klar, daß der Starkianer keinen Au- genblick lang überlegte, ob Jim seine Pflichten nicht auch ohne seine Hilfe erledigen könne. Auf der ande- ren Seite betrachtete er sich als ein völlig von Jims Willen abhängiges Wesen. Aber die Erforschung von Adoks Charakter konnte warten. Es gab ein viel dringlicheres Problem. »Gut«, sagte er. »Sie sind also mein Ersatzmann. Und was soll ich jetzt mit Ihnen anfangen?« »Wir sollten mit den Dingen beginnen, die ich mit Ihnen mache, Jim«, sagte Adok I und blickte Ro an. »Wenn Ro uns entschuldigen will, so möchte ich so- fort damit anfangen, Sie in die Pflichten eines Offi- ziers einzuweisen – außer in die, bei denen ich Sie vertreten werde.« »Ich werde wieder zu meinen Haustieren gehen. Bis später, Jim.« Sie berührte leicht seinen Arm und verschwand. »Also gut, Adok«, sagte Jim und wandte sich dem, Starkianer zu. »Womit wollen wir beginnen?« »Wir werden zuerst das Quartier Ihrer Einheit be- suchen. Wenn Sie erlauben, werde ich Ihnen den Weg zeigen, Jim …« »Gehen wir«, sagte Jim und augenblicklich wurde er mit Adok in einen riesigen, fensterlosen Raum mit hoher Decke versetzt. Trotz der Weitläufigkeit des Raumes fühlte Jim einen Druck, eine Einengung, als ob er in einem Gefängnis wäre. »Wo sind wir?« fragte er Adok und bückte in wei- te Ferne, wo sich am äußersten Ende des Raumes ein paar verschwommene Gestalten bewegten. »Das ist der Paradesaal.« Adok wandte den Kopf, und zum erstenmal sah Jim eine Gefühlsregung im bisher ausdruckslosen Gesicht des Starkianers. Nach einer Weile erkannte Jim, daß sich in Adoks Zügen Überraschung malte. »Wir befinden uns unter der Oberfläche der Thronwelt«, erklärte Adok und gab die Tiefe im Maßstab der Hochgeborenen an. Sie be- fanden sich demnach eine halbe Meile unter der O- berfläche des Planeten. »Stört Sie das nicht?« fragte Adok. »Die Hochge- borenen stört es alle, aber nur wenige Diener fühlen sich dadurch beunruhigt.« »Mich stört es nicht«, sagte Jim. »Aber ich hatte ein merkwürdiges Gefühl.« »Wenn es Sie stört, dann sollten Sie es zugeben. Immer, wenn Sie sich fürchten, sollen Sie es mir sa-, gen, auch wenn Sie es sonst keinem mitteilen. Nie- mand außer mir braucht es zu wissen. Aber es ist notwendig, daß ich es weiß, damit ich Maßnahmen ergreifen kann, die Sie vor einer solchen Schwäche schützen. Und damit ich verhindern kann, daß die anderen etwas davon merken.« Jim lachte, und der Klang seiner Stimme verlor sich in dunkel rollenden Echos in die Weiten des Raums. Es war weder der rechte Augenblick noch der geeignete Ort für einen Heiterkeitsausbruch, aber Jim fand Adok I auf merkwürdige Weise liebens- wert. »Machen Sie sich keine Sorgen«, beruhigte er den Starkianer. »Normalerweise werde ich nicht von Schwächegefühlen geplagt. Aber wenn es doch ein- mal der Fall sein sollte, so werde ich es Ihnen sa- gen.« »Gut«, sagte Adok mit ernster Miene. »Ich habe Sie zuerst in den Paradesaal geführt, weil es zu den Pflichten gehört, die ich Ihnen nicht abnehmen kann, daß Sie bei gewissen Paraden Ihrer Einheit anwesend sind. Bei manchen Paraden müssen wir beide zuge- gen sein. Merken Sie sich den Saal bitte, damit Sie ihn in Zukunft auch allein finden. So, und jetzt wer- den wir ins Arsenal gehen und Ihre Waffen und Ihre Ausrüstung holen. Merken Sie sich auch, wo sich das Arsenal befindet.« Der nächste Raum, den sie aufsuchten, war heller, erleuchtet und viel kleiner als der Paradesaal. Es war ein langgestreckter, schmaler Raum, dessen Wände in einzelne Fächer unterteilt waren. Sie enthielten Le- derstreifen und silbern glänzende Bänder von der Art, wie sie sowohl Adoks Arme und Beine und den Oberkörper umgaben als auch die Körper der Starkia- ner, die Jim im Raum des Herrschers gesehen hatte. Adok führte Jim zu einem der Fächer und suchte verschiedene Streifen und Bänder heraus. Anschlie- ßend zeigte er Jim die Wohnbaracken der Starkianer, die zu Jims Einheit gehörten, den Turnsaal, den Spei- sesaal und eine Art unterirdischen Garten, in dem Gras und Bäume unter einer künstlichen Sonne wuchsen. Schließlich wurde Jim noch in ein Vergnü- gungs- und Einkaufszentrum geführt, wo die Star- kianer und auch die anderen Diener von noch niedri- gerer Rasse ihre Freizeit verbrachten. Der Rundgang endete in einem Saal, der dem Raum des Herrschers glich. Er hatte eine hohe Decke und war gut eingerichtet. Jim fühlte, wie der Druck in seinem Kopf nachließ. Offenbar befand er sich wieder auf der Oberfläche des Planeten. Der Mann mit der olivfarbenen Haut, den Jim bereits als Mel- ness kennengelernt hatte, materialisierte in der Mitte des Raums und blickte Adok an. »Ich habe ihn herumgeführt«, berichtete Adok. »Und jetzt habe ich ihn zu dir gebracht, Melness, wie du befohlen hast.«, »Gut«, sagte Melness. Seine schwarzen Augen gingen über Jims Gesicht. »Das Sponsorschaftsge- such für Ihre Adoption wurde vom Herrscher bewil- ligt.« »Vielen Dank, daß Sie mir das mitteilen«, sagte Jim. »Ich teile Ihnen das nicht zu Ihrem Vergnügen mit, sondern weil ich Ihnen Ihre jetzige Situation klarmachen muß. Als Adoptionskandidat sind Sie theoretisch ein Hochgeborener auf Probe, der mir, wie allen anderen Dienern, überlegen ist. Anderer- seits unterstehen Sie als Starkianeroffizier unter dem Grad eines Zehn-Einheiten-Kommandeurs meinem Befehl, außerdem auch, weil Sie einer niederen Men- schenrasse entstammen.« »Ich verstehe«, sagte Jim. »Hoffentlich!« sagte Melness schneidend. »Um diese Wiedersprüchlichkeit zu lösen, verkörpern Sie zwei offizielle Persönlichkeiten in einem. Bei sämtli- chen Aktivitäten, Pflichten oder Beschäftigungen, denen Sie in Ihrer Eigenschaft als Adoptionskandidat nachzugehen haben, sind Sie mir keine Rechenschaft schuldig, weil Sie als probeweiser Hochgeborener mir übergeordnet sind. Aber als Starkianeroffizier unterstehen Sie mir. Wenn es um irgendwelche Le- bensbereiche geht, die nichts mit Ihren beiden offizi- ellen Stellungen zu tun haben, so können Sie wählen, welche Position Sie einnehmen wollen – die des Die-, ners oder die des Hochgeborenen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Sie sich sehr oft für den Diener ent- scheiden werden.« »Ich auch nicht«, sagte Jim und musterte den klei- neren Mann gelassen. »Ich habe keine physische Autorität über Sie«, fuhr Melness fort. »Aber wenn es nötig sein sollte, kann ich Sie vom Dienst bei Ihrer Starkianer-Einheit suspendieren und beim Herrscher eine formelle Kla- ge gegen Sie einreichen. Bilden Sie sich nur ja nicht ein, daß der Herrscher eine solche Klage ignorieren würde.« »Ich werde mich hüten«, erwiderte Jim sanft. Mel- ness warf ihm noch einen scharfen Bück zu und ver- schwand. »Wenn Sie wollen, können wir jetzt in Ihre Räume zurückkehren«, schlug Adok vor. »Dort kann ich Ih- nen zeigen, wie Sie die Waffen gebrauchen und die Ausrüstung anlegen müssen.« »Fein«, sagte Jim. Sie versetzten sich in Jims Sui- te, und Adok startete Jim mit den Riemen und Bän- dern aus, die er aus dem Arsenal mitgebracht hatte. »Es gibt zwei Arten von Waffen«, erklärte Adok. »Das hier …« Er zeigte auf die kleine schwarze Ru- te, die er in Jims Gürtel oberhalb des Lendenschurzes befestigt hatte. »… ist ein unabhängiger Energieer- zeuger und die einzige Waffe dieser Art, die norma- lerweise auf der Thronwelt gebraucht wird.«, Dann zeigte Adok auf die Silberstreifen, die Jims Bizeps umwanden. »Das ist eine Waffengattung zweiter Klasse. Diese Bänder sind jetzt völlig wirkungslos. Sie müssen erst von einer zentralen Stromquelle mit Energie versorgt werden. Jedes Band ist zugleich eine Waffe und ein Verstärker.« »Ein Verstärker?« »Ja. Sie verbessern Ihre Reflexe, indem Sie Ihre Reaktionen bis zu einer gewissen Geschwindigkeit beschleunigen, die jedem Nichthochgeborenen un- möglich wäre. Ich werde Ihnen später zeigen, wie das funktioniert. Vielleicht erhalten Sie auch die Er- laubnis, auf dem Übungsgelände unterhalb der Ober- fläche praktische Erfahrungen mit den Waffen zu sammeln.« »Ich verstehe«, sagte Jim und strich über die Sil- berbänder. »Diese Waffen sind also ziemlich gefähr- lich?« »Ein trainierter Starkianer, dessen Waffen zweiter Klasse mit Energie geladen sind, kann es mit sechs vollbewaffneten Truppeneinheiten der Koloniewelten aufnehmen.« »Die Koloniewelten haben keine Starkianer, nicht wahr?« Zum zweitenmal zeigte sich eine kaum wahr- nehmbare Gefühlsregung in Adoks Gesicht. Diesmal schien sie erschrockenes Staunen zu bedeuten., »Die Starkianer dienen dem Herrscher – und nur dem Herrscher!« sagte er. »Tatsächlich? Auf dem Schiff, das mich zur Thronwelt brachte, hatte ich eine Unterredung mit einem Hochgeborenen namens Galyan. Und Galyan hatte einen Starkianer oder zumindest einen Mann, der genau wie ein Starkianer aussah, als Leibwächter bei sich.« »Das ist nichts Ungewöhnliches, Jim. Der Herr- scher verleiht seine Starkianer an andere Hochgebo- rene, wenn diese sie brauchen. Sie bleiben aber trotzdem weiterhin Diener des Herrschers und dessen Befehlsempfänger.« Jim nickte. Adoks Worte brachten seine Gedanken wieder auf das, was Melness vorhin zu ihm gesagt hatte. »Die Räume unterhalb der Thronwelt-Oberfläche werden nur von Dienern bewohnt, nicht wahr?« »Das ist richtig, Jim.« »Da ich nun öfter meinen Dienst dort unten ver- richten muß, würde ich gern mehr von diesem unter- irdischen Gebiet sehen. Wie groß ist es?« »Es gibt unterhalb genausoviel Raum wie ober- halb«, sagte Adok. »Vielleicht sogar noch mehr. Ich kenne nicht das ganze Gebiet.« »Und wer kennt es?« Adok sah einen Augenblick lang so aus, als wolle er mit den Schultern zucken., »Ich weiß nicht, Jim. Vielleicht – Melness.« »Natürlich«, sagte Jim nachdenklich. »Wenn ir- gendwer dieses unterirdische Gebiet kennt, dann niemand anderer als Melness.« Während der nächsten Wochen nahm Jim an meh- reren Paraden im unterirdischen Saal teil. Dabei hatte er nichts weiter zu tun, als seine Ausrüstung anzule- gen und sich vor seiner Einheit zu postieren, die aus achtundsiebzig Starkianern, einem starkianischen Unteroffizier, Adok I und ihm selbst bestand. Als er das erstemal eine Parade miterlebte, war es beinahe ein Schock für ihn, den riesigen Raum von endlos scheinenden Reihen kahlköpfiger, kraftvoll gebauter Männer mit ausdruckslosen Gesichtern ge- füllt zu sehen. Jim hatte angenommen, daß die Thronwelt dicht bevölkert war und eine große An- zahl von Dienern beherbergte, unter denen zweifellos die Starkianer die wichtigste Rolle spielten. Aber er hätte nicht gedacht, daß es so viele Starkianer gab. Mit Hilfe von Adoks Angaben errechnete er, daß er mindestens zwanzigtausend bewaffnete Männer im Paradesaal gesehen hatte. Wenn es wirklich stimmte, daß ein Starkianer das Equivalent von sechs Truppeneinheiten der Kolo- niewelten bildete, dann mußte man fast eine Million Koloniesoldaten aufbieten, um den Starkianereinhei- ten, die Jim hier im Paradesaal sah, entgegentreten zu können., Es war also nicht überraschend, daß die Thronwelt sich über jede Bedrohung durch eine oder mehrere Koloniewelten erhaben fühlte. Außer der Teilnahme an den Paraden hatte Jim auch noch verschiedene Übungen in der Turnhalle zu absolvieren. Die Silberbänder wurden zwar noch nicht mit Strom versorgt, aber in der Turnhalle wur- den sie in ihrer Funktion als Verstärker aktiv. Unter Adoks Anleitung führte Jim verschiedene Turnübun- gen aus, rannte und sprang, kletterte über Hindernis- se, wobei der Verstärker seine Leistungen steigerte. Die ersten Übungen dieser Art dauerten nur zwölf Minuten, und danach beförderte Adok Jim vorsorg- lich in seine Suite, bettete ihn auf das übergroße Kis- sen, das als Liegestatt diente, und entfernte mit zarter Hand die Silberbänder von Jims Körper. »Jetzt müssen Sie sich mindestens drei Stunden ausruhen«, sagte er. »Warum?« Jimm starrte seinen Ersatzmann ver- wirrt an. »Weil der Körper auf die Effekte des Verstärkers beim erstenmal nicht sofort reagiert. Ihre Muskeln wurden gezwungen, sich schneller zu bewegen, als sie es von Natur aus gewohnt sind. Sie fühlen sich jetzt vielleicht ein wenig steif, Jim. Aber das ist noch gar nichts gegen die Muskelschmerzen, die Sie in drei Stunden spüren werden. Das beste Mittel, um diese Schmerzen in Grenzen zu halten, ist absolutes, Stilliegen bis drei Stunden nach Beendigung der Turnübungen. Wenn Sie sich an die Wirkung des Verstärkers gewöhnt haben, wird sich auch ihr Kör- per auf die größere Geschwindigkeit Ihrer Bewegun- gen umstellen. Sie werden sich dann nicht mehr steif fühlen, außer Sie übernehmen sich, und Sie werden dann auch nicht mehr nach den Übungen ruhen müs- sen.« Jim nickte mit ausdruckslosem Gesicht, und Adok verschwand, nachdem er vorsorglich die Lichter ge- löscht hatte. Nachdenklich starrte Jim durch die Dunkelheit zu der hellen Decke empor. Er fühlte we- der Steifheit noch Schmerzen in seinen Muskeln. Aber vielleicht zeigte sich der Effekt tatsächlich erst nach drei Stunden. Er blieb also still liegen und war- tete. Aber nach drei Stunden spürte er noch immer nichts. Nichts tat weh, nichts war steif. Auch diese Erfahrung speicherte er zusammen mit den anderen, die er bisher mit der Thronwelt und ihren Bewohnern gemacht hatte, in seinem Gedächtnis. Diese neue Erkenntnis paßte nicht sofort zu dem Puzzlespiel des Wissens, das sich allmählich in sei- nem Gehirn formte. Aber zu den hilfreichen Eigen- schaften, die er sich bereits als Kind erworben hatte, damals, als ihm bewußt geworden war, daß er ein einsames Leben schweigend zu ertragen haben wür- de, – zu diesen Eigenschaften gehörte unter anderem, grenzenlose Geduld. Das Bild, das sich in seinem Gehirn gestaltete, war noch nicht lesbar. Aber eines Tages würde er es verstehen. Und bis dahin… Adok hatte angedeutet, daß die Schmerzen nach dem Ablauf von drei Stunden Jim nahezu bewe- gungsunfähig machen würden. Da Jim bisher nicht herausgefunden hatte, ob er unter ständiger Aufsicht stand – und dazu kam noch, daß nicht nur die Hoch- geborenen aus bestimmten Gründen daran interes- siert sein mochten, ihn zu beobachten, sondern auch die Diener –, hielt er es für klüger, still liegen zu bleiben, wie man es von ihm erwartete. Er streckte sich bequem auf dem Kissenbett aus und sank in leichten Schlaf. Er erwachte, als Ro ihn sanft schüttelte. Im Däm- merlicht sah er sie neben seinem Bett stehen. »Galyan möchte, daß Sie mit dem Gouverneur der Koloniewelten von Alpha Centauri zusammentref- fen«, sagte sie. »Er ließ es durch Afuan mitteilen.« Jim blinzelte sie schläfrig an. Doch als ihm be- wußt wurde, was sie gesagt hatte, war er mit einem Schlag hellwach. »Warum soll ich den Gouverneur der Koloniewel- ten von Alpha Centauri treffen?« fragte er und schwang die Beine über den Rand des Kissenbetts. »Aber er ist doch Ihr Gouverneur! Hat Ihnen denn das niemand gesagt, Jim? Jede neue Koloniewelt wird vorerst einmal dem Gouverneur der ihr benach-, barten Welt zugeteilt.« »Nein, das hat mir niemand gesagt.« Jim stand auf. »Heißt das, daß ich diesem Gouverneur irgend- wie verpflichtet bin?« »Nun ja …« Ro zögerte. »Theoretisch könnte er Sie jetzt sofort von der Thronwelt wegholen, da Sie unter seiner Autorität stehen. Andererseits wurde die Sponsorschaft für Ihre Adoption bewilligt. Da wird er es sich natürlich überlegen, ob er in eine Sache eingreifen soll, die einen möglichen künftigen Hoch- geborenen betrifft. Sie müssen bedenken, Jim, daß es ein großer Prestigegewinn für seine Welten ist, wenn ein unter seiner Oberhoheit stehender Mann zumin- dest ein Hochgeborener auf Probe wird. Kurz gesagt, er kann Ihnen nicht viel anhaben. Aber Sie können natürlich aus Gründen der Höflichkeit nicht ableh- nen, mit ihm zusammenzutreffen.« »Ich verstehe«, sagte Jim grimmig. »Und Sie sol- len mich zu ihm bringen?« Ro nickte. Sie ergriff seine ausgestreckte Hand. Auf diese Weise beförderte man auf der Thronwelt jeden Menschen ohne Schwierigkeiten an einem ihm unbekannten Ort. Es bedeutete, wie Jim inzwischen wußte, eine gewaltige geistige Anstrengung, jeman- den ohne physischen Kontakt in einen anderen Raum zu versetzen. Adok tat dies natürlich auf die höfliche- re Art, wie sie auch Ro früher bevorzugt hatte. Aber inzwischen hatten sich Jim und sie daran gewöhnt,, sich einfach die Hände zu reichen, wenn sie ihn an einen ihm neuen Ort führen wollte. Sie gelangten in einen relativ kleinen Raum, der Jim mit seinen schwebenden Schreibtischen und spärlich verteilten Sitzkissen an Galyans Arbeits- zimmer an Bord des Schiffes erinnerte. Auch hier saßen die kleinen braunen Männer an den Tischen, und ein Starkianer stand neben ihnen, der offensicht- lich als Leibwächter fungierte. Galyan saß auf einem der Kissen, und neben ihm saß ein Mann, dessen Haut die Indianerfarbe der Al- pha-Centaurianer hatte. Er schien drei oder vier Zoll größer zu sein als die Menschen, denen Jim auf Al- pha Centauri III begegnet war. »Da seid Ihr ja!« sagte Galyan und wandte sich Ro und Jim zu, als sie inmitten des Raumes auftauchten. »Ich möchte, daß Sie Ihren regionalen Oberherrn kennenlernen, Jim – Wyk Ben von Alpha Centauri III. Wyk Ben, das ist Jim Keil, für den ein Hochge- borener bereits die Sponsorschaft übernommen hat.« »Ja«, sagte Wyk Ben und blickte Jim an. »Ich wollte Sie nur kurz sehen, um Ihnen Glück zu wün- schen, Jim. Es macht mich sehr stolz, daß Sie auf der Thronwelt Eingang gefunden haben und daß Ihre Welt jetzt unter unserer Oberherrschaft steht.« Im Gegensatz zu dem zischenden Akzent der Hochgebo- renen, an den Jim sich mittlerweile gewöhnt hatte, lispelte der Alpha-Centaurianer leicht., Wyk Ben strahlte Jim glücklich an und schien gar nicht zu merken, daß auch noch zwei andere Perso- nen am Gespräch zu beteiligen waren. Ein Stirnrun- zeln erschien auf Ros Stirn, als ob sie Böses ahne, und in Galyans zitronengelben Augen leuchtete ein Funken sardonischen Humors auf. Jim übte kühle Zurückhaltung. »Nun … Das wollte ich Ihnen nur sagen«, meinte Wyk Ben eifrig. »Ich will Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen.« Jim starrte ihn an. Der Mann spielte sich auf wie ein junger Hund, der stolz mit dem Schwanz wedelt. Von der Thronwelt schien er keine Ahnung zu ha- ben. Jim fragte sich, warum Galyan ihn unbedingt mit Wyk Ben hatte zusammenbringen wollen. Aber er notierte auch diese ihm jetzt noch unverständliche Tatsache in seinem Gehirn. »Vielen Dank«, sagte er. »Ja, ich muß tatsächlich jetzt meine täglichen Übungen mit meinem Ersatz- starkianer absolvieren.« Er blickte Ro an. »Gehen wir?« »Es hat mich gefreut, Sie wiederzusehen«, sagte Galyan in einem gedehnten Tonfall, der Jim an Slothiels Sprechweise erinnerte. Offenbar hatte er mit der Gegenüberstellung von Jim und Wyk Ben genau das erreicht, was er wollte. Jim reichte Ro die Hand, und sofort waren sie beide wieder in seinem Zimmer., »Was hat das zu bedeuten?« fragte Jim. Ro schüttelte verwirrt den Kopf. »Ich weiß es nicht. Und wenn irgend etwas auf der Thron weit passiert, das man nicht versteht, dann ist das ein Zeichen, daß Gefahr droht. Ich muß heraus- finden, was dahintersteckt. Bis später, Jim.« Hastig verschwand sie. Jim ließ noch einmal die Begegnung mit Wyk Ben vor seinem geistigen Auge ablaufen. Es beunruhigte ihn, wie rasch die Dinge passierten, so rasch, daß sie ihm beinahe davonliefen. »Adok!« rief er in den leeren Raum hinein. Nach drei Sekunden tauchte die kräftige Gestalt des Starkianers vor ihm auf. »Wie fühlen Sie sich?« fragte Adok. »Brauchen Sie …« »Ich brauche nichts«, sagte Jim brüsk. »Adok, gibt es in den unterirdischen Räumen der Dienerschaft eine Bibliothek?« »Eine Bibliothek …?« In Adoks Gesicht zuckte es leicht, was, wie Jim inzwischen wußte, der Ausdruck äußerster Verblüffung sein sollte. »Oh, Sie meinen sicher das Studienzentrum. Ich werde Sie hinführen, Jim. Ich selbst war zwar noch nie dort, aber ich weiß, wo es ist.« Er berührte Jim nur leicht am Arm, und sie wurden in den Untergrundpark versetzt. Adok blickte sich zögernd um, dann wandte er sich nach links und bog, in eine Seitenstraße ein. »Ich glaube, hier kommen wir ins Studienzen- trum«, sagte er. Jim folgte ihm, bis sie zu einer brei- ten Steintreppe kamen, die zu einem offenen Portal inmitten einer glatten braunen Steinwand führte. Ein paar Leute stiegen die Stufen hinauf oder her- ab. Sie alle waren Starkianer oder Diener niedrigerer Rasse. Jim beobachtete sie interessiert, und als er an Adoks Seite die Treppe emporstieg, wurde seine Aufmerksamkeit von einem olivhäutigen, schwarz- äugigen Mann gefesselt, der soeben aus dem Portal trat. Als der Mann die Stufen herabstieg, blickte er einen kleinen braunen Diener mit langen, glatten Haaren an, der ihm entgegenkam. Der braune Mann strich sich in einer unabsichtlich scheinenden Geste über den Gürtel. Daraufhin legte der Mann mit der olivfarbenen Haut wie beiläufig zwei Finger seiner rechten Hand auf den linken Bizeps, ohne im Schritt innezuhalten. Dann gingen die beiden ihres Weges, jeder in eine andere Richtung, ohne sich anzusehen. »Haben Sie das gesehen?« flüsterte Jim, als er ne- ben Adok durch das Portal trat. »Diese Gesten – was haben die bedeutet?« Adok ließ sich mit der Antwort ungewöhnlich lan- ge Zeit, und Jim warf ihm einen prüfenden Seiten- blick zu, während sie weitergingen. Adoks Gesicht war ernst, soweit Jim darin lesen konnte. »Es ist merkwürdig«, sagte der Starkianer mehr zu, sich selbst. »In letzter Zeit kommt es immer häufiger vor.« Er blickte Jim an. »Das war die stumme Spra- che der Diener.« »Was haben sie denn gesagt?« »Das weiß ich nicht«, erwiderte Adok. »Es ist eine sehr alte Sprache. Die Hochgeborenen erfuhren das erstemal bei der ersten Dienerrevolution vor tausend Jahren davon. Seither wird sie immer wieder von den Dienern benutzt. Aber wir Starkianer sind davon ausgeschlossen, weil wir uns dem Herrscher gegen- über immer loyal verhalten haben.« »Ich verstehe«, sagte Jim nachdenklich. Sie passierten eine weite Halle mit glatten braunen Steinwänden und gelangten in einen Saal, der mit Reihen sich drehender, glühender Kugeln gefüllt schien. Sie sahen wie kleine Sonnen aus und drehten sich zu schnell, als daß man mit dem Auge der Be- wegung folgen konnte. Aber sie schienen unaufhör- lich um ihre eigene Achse zu kreisen. Adok blieb stehen und zeigte auf die Miniaturson- nen. »Das ist eines der Archive. Welches, weiß ich nicht, denn die Archive wurden nicht für uns ange- legt, sondern für die Studienzentren der jungen Hochgeborenen oben auf der Thronwelt. Aber hier rechts finden Sie Register, in denen das Material al- ler Archive der Thronwelt verzeichnet ist.« Er führte Jim aus dem Raum mit den Miniaturson-, nen in einen langen, schmalen Korridor, aus dem mehrere offene Türen nach rechts gingen. Jim folgte Adok durch eine der Türen am Ende des Korridors in einen kleinen Raum, der nicht wie die anderen be- setzt war. Vor einem Schreibtisch mit leicht geneig- ter Platte stand ein Stuhl, auf dem Jim Platz nahm. Die geneigte Fläche war leer bis auf zwei schwarze Knöpfe am unteren Ende. Adok griff über Jims Schulter hinweg und drückte auf einen der Knöpfe. Sofort verwandelte sich die dunkle Oberfläche des Schreibtisches in einen hellen Bildschirm, auf dem in den Kurzschriftzeichen der Thronwelt das Wort Fer- tig erschien. »Sprechen Sie«, sagte Adok. »Ich möchte die Berichte über die Expeditionen des Reiches lesen, die über Alpha Centauri hinaus- gingen«, sagte Jim zu dem Bildschirm. Das Wort Fertig verschwand, und eine Schriftrei- he erschien, die sich langsam von links nach rechts bewegte. Jim begann zu lesen. Das System des Ar- chivs schien nicht darauf eingerichtet zu sein, seine Spezialfrage zu beantworten. Es konnte ihm nur mit einem umfangreichen Material über alle Expeditio- nen dienen, die in die allgemeine Richtung von Al- pha Centauri unternommen worden waren. Offen- sichtlich würde Jim viele Berichte lesen müssen, be- vor er zu der Schilderung der Expedition zur Erde gelangte – wenn sie überhaupt je stattgefunden hatte., Jim erkannte, daß es Tage oder Wochen dauern konnte, bis er am Ziel war. »Gibt es eine Möglichkeit, die Schriftreihe schnel- ler laufen zu lassen?« fragte er Adok. Dieser drückte auf den zweiten schwarzen Knopf, und die Schrift- zeichen begannen sich vor Jims Augen schneller zu bewegen. Adok ließ seine Hand sinken, und Jim drückte den Knopf noch tiefer herab, so tief es ging, bis die Schriftreihe ihre höchste Laufgeschwindigkeit erreicht hatte. Adok stieß einen überraschten Laut aus. »Was ist denn?« fragte Jim, ohne den Blick von den dahinrasenden Zeilen zu heben. »Sie lesen beinahe so schnell wie ein Hochgebo- rener.« Jim machte sich nicht die Mühe zu antworten. Er starrte wie gebannt auf den Bildschirm und merkte nicht, wie die Zeit verflog. Erst als zu Beginn eines neuen Berichts eine Unterbrechung eintrat, spürte er, daß er vom langen Stillsitzen steif geworden war. Er richtete sich auf, schaltete den Bildschirm ab und drehte sich um. Adok stand noch immer hinter ihm. Anscheinend hatte er sich die ganze Zeit über nicht von der Stelle gerührt. »Haben Sie hier gewartet?« fragte Jim. »Wie lange habe ich denn gelesen?« »Eine Zeitlang«, erwiderte Adok ohne sichtbare Emotion und nannte im Maßstab der Thronwelt eine, Zeitspanne, die etwa vier Stunden entsprach. Jim schüttelte den Kopf und erhob sich. Er streck- te sich, nahm dann erneut vor dem Bildschirm Platz und schaltete ihn wieder ein. Diesmal bat er um In- formationen über die stumme Sprache. Der Bildschirm antwortete und belehrte Jim, daß nicht nur eine, sondern zweiundfünfzig stumme Sprachen existierten. Offenbar hatte es zweiundfünf- zig Dienerrevolutionen auf der Thronwelt gegeben. Jim notierte in seinem Gehirn, daß er sich das näch- stemal genauer über diese Revolutionen informieren wollte. Anscheinend hatten die Hochgeborenen nach jeder Revolution die jeweilige stumme Sprache ent- schlüsselt. Aber als ein paar hundert oder tausend Jahre später die nächste Revolution entstand, hatten die Diener inzwischen eine neue stumme Sprache entwickelt. Es gab weniger Sprachen als Zeichen, und die Schwierigkeit lag nicht darin, diese Zeichen zu be- merken, sondern sie zu interpretieren. Es war nicht leicht, festzustellen, was es bedeutete, wenn eine Person zu einer bestimmten Zeit den Zeigefinger ge- gen den Daumen rieb und zu einer anderen Zeit sich am Kinn kratzte. Jim stellte die Maschine wieder ab und stand auf. An Adoks Seite verließ er das Studienzentrum, und dann schlenderten sie etwa eine Stunde lang durch die Straßen, Plätze und Geschäftszentren des Ver-, gnügungsparks. Jim hielt die Augen offen, um Zei- chen der gerade aktuellen stummen Sprache aufzu- schnappen. Er sah viele Zeichen, aber keines konnte er mit Hilfe irgendeines der entschlüsselten Zeichen der zweiundfünfzig früheren Sprachversionen, die er sich teilweise eingeprägt hatte, interpretieren. Trotzdem merkte er sich alle Zeichen, die er sah, und auch, un- ter welchen Bedingungen sie gemacht wurden. Da- nach verließ er Adok und kehrte in seine Suite zu- rück. Fünf Minuten später erschienen Ro und Slothiel. Jim notierte in seinem Gehirn, daß er Ro fragen woll- te, durch welche Art von Warnsystem sie erfuhr, daß er in seinen Räumen war, und wie man dieses Sy- stem an- und abstellen konnte. Als er den beiden entgegenging, sah er die leichten Sorgenfalten auf Ros Stirn und den Ausdruck beina- he grimmiger Heiterkeit auf Slothiels Zügen. »Ich nehme an, es ist irgend etwas passiert«, sagte Jim. »Sie haben es erfaßt«, antwortete Slothiel. »Ihre Adoption wurde soeben gebilligt, und Galyan machte mir den Vorschlag, eine große Party zu veranstalten, auf der Sie gefeiert werden. Ich wußte gar nicht, daß er Ihnen so freundschaftlich gesinnt ist. Warum soll ich wohl Ihrer Meinung nach diese Party geben?« »Wird der Herrscher die Party besuchen?«, »Der Herrscher und Vhotan. Ja, sie werden beide ziemlich sicher kommen. Warum fragen Sie?« »Weil Galyan Sie aus diesem Grund gebeten hat, die Party zu geben.« Slothiel runzelte die Stirn. »Warum sagen Sie das?« fragte er. »Weil Melness ein sehr kluger Mann ist.« 7. Slothiel hochgewachsene Gestalt schien zu erstarren. »Hören Sie, Wolfling!« schnarrte er. »Jetzt habe ich genug von diesem Frage- und Antwortspiel!« »Jim …«, begann Ro warnend. »Es tut mir leid«, sagte Jim und blickte dem gro- ßen Mann fest in die Augen. »Die Erklärung für meine Worte betrifft nicht mich, sondern den Herr- scher. Also kann ich sie Ihnen nicht sagen. Und Sie können mich auch nicht dazu zwingen. Außerdem wäre das unhöflich von Ihnen, da Sie doch die Spon- sorschaft für meine Adoption übernommen haben.« Slothiel preßte die Lippen zusammen. »Glauben Sie mir«, fuhr Jim mit eindringlicher Stimme fort, »wenn ich frei genug wäre, um Ihnen antworten zu können, so würde ich es tun. Und ich verspreche Ihnen, wenn Sie nach der Party nicht entweder vom Herrscher oder von Vhotan eine Ver- sicherung erhalten haben, daß ich guten Grund habe, zu schweigen, dann werde ich alle Ihre Fragen in dieser Angelegenheit beantworten. Einverstanden?« Für einen langen Augenblick starrte Slothiel aus brennenden Augen auf Jim herab. Doch dann ent- spannten sich seine Züge plötzlich, und das alte un- beteiligte Lächeln erschien auf seinem Gesicht. »Sie haben mich in die Enge getrieben, Jim. Sie wissen genau, daß ich kaum einen Menschen niedri- gerer Rasse, für den ich sponsiere, zum Antworten zwingen kann. Besonders, weil es unmöglich ist, die Sache geheim zu halten. Sie werden ein gutes Wett- objekt abgeben Jim, sollte Ihre Adoption aus irgend- welchen merkwürdigen Gründen tatsächlich erfol- gen. Nun gut – wahren Sie Ihr Geheimnis, vorläu- fig…« Er verschwand. »Ich mache mir Sorgen um Sie, Jim«, sagte Ro. Aus irgendeinem Grund klangen diese Worte sehr bedeutsam in seinen Ohren. Er betrachtete sie prü- fend und sah, warum. Ihr sorgenvoller Blick, der be- unruhigte Klang ihrer Stimme entsprachen einem ganz anderen Grad von Zuwendung, als sie sie für gewöhnlich ihren Haustieren und somit auch ihm schenkte. Plötzlich fühlte er sich auf unerwartet tiefe Art be- rührt. Niemand, weder Mann noch Frau, hatte sich seit langer Zeit um ihn Sorgen gemacht. »Können Sie nicht wenigstens mir sagen, aus wel- chem Grund Galyan die Party vorgeschlagen hat?«, fragte Ro. »Weil Melness ein kluger Mann ist? Sie sagten das so, als würden Sie annehmen, daß irgend- eine Verbindung zwischen Galyan und Melness be- steht. Aber eine solche Verbindung zwischen einem Hochgeborenen und einem Mann niederer Rasse ist unmöglich.« »Und wie ist das zwischen Ihnen und mir?« fragte Jim und dachte an den neuen Klang in Ros Stimme. Sie errötete, aber Jim wußte inzwischen, daß das bei ihr nicht viel zu bedeuten hatte. »Bei mir ist das etwas anderes«, sagte sie. »Aber Galyan gehört zu den höchsten Hochgeborenen. Nicht nur durch seine Geburt, sondern auch durch seine Stellung.« »Aber er pflegt Männer niederer Rassen für seine Zwecke zu benutzen, vielleicht in höherem Maße als andere Hochgeborene.« »Das stimmt …« Ro blickte nachdenklich zu Bo- den. Dann hob sie wieder den Kopf. »Aber Sie haben mir noch immer nicht erklärt …« »Es gibt nichts zu erklären«, sagte Jim. »Außer meiner Behauptung, daß die Angelegenheit mehr den Herrscher als mich angeht. Ich sagte, daß Melness ein kluger Mann ist, weil Männer manchmal auch aus Klugheit Fehler machen können, nicht nur aus Dummheit. Sie könnten zu offensichtlich versuchen, etwas zu verschleiern. Als Adok mich zum erstenmal mit Melness zusammenbrachte, bemühte sich Mel-, ness sehr, den Eindruck zu erwecken, als sei es ihm unangenehm, mich unter seiner Befehlsgewalt zu haben.« »Aber warum sollte er …« Ro runzelte die Stirn. »Dafür kann es viele Gründe geben. Der einfach- ste ist der, daß ein Wolfling wie ich einen Sponsor gewonnen hat, während ein Mann wie er nicht den Schatten einer solchen Chance hat, nur weil er in sei- ner Eigenschaft als Diener so nützlich ist. Aber ande- rerseits sollte Melness zu klug sein, mich seine ab- lehnende Haltung spüren zu lassen, besonders weil doch die Möglichkeit besteht, daß ich als Hochgebo- rener enden und mich an ihm rächen könnte.« »Warum hat er sich dann so benommen?« »Vielleicht, weil er glaubte, ich sei ein Spion der Hochgeborenen, der die Welt der Diener erforschen soll. Und vielleicht wollte er einen Grund haben, mich stets im Auge behalten zu können, während ich mich im Untergrund aufhalte, ohne daß ich sein Miß- trauen merke.« »Aber warum sollten Sie in der Dienerwelt spio- nieren?« »Das weiß ich jetzt noch nicht.« »Aber Sie glauben, daß es etwas mit dem Herr- scher und mit Galyan zu tun hat. Warum?« Jim blickte sie lächelnd an. »Sie wollen zuviel wissen, und zu rasch. Sie wol- len sogar mehr wissen, als ich vorläufig weiß. Ver-, stehen Sie jetzt, warum ich Slothiel nicht antworten konnte?« Langsam nickte sie. Dann trat sie einen Schritt nä- her zu ihm. »Jim … Was haben Sie auf Ihrer Welt getan? Ich meine, außer Stierkämpfen?« »Ich war Anthropologe. Mit dem Stierkampf habe ich mich erst später – und nur nebenberuflich be- schäftigt.« Verwirrt runzelte sie die Stirn. Er wußte, daß das Wort Anthropologe in der Sprache des Reiches nicht existierte, und so erklärte er es ihr von seinem grie- chischen Ursprung her. »Ich habe das Wesen und den Anfang der Menschheit studiert, besonders die Wurzeln der Kul- tur.« Er konnte beinahe sehen, wie sie rasch ihr profun- des Wissen durchforschte. »Oh, Sie meinen – Anthropologie!« Sie nannte ihm das betreffende Wort in der Sprache der Hoch- geborenen. Dann wurde ihr Gesicht weich, und sie streichelte seinen Arm. »Jim! Armer Jim! Kein Wunder …« Wieder einmal mußte er den Impuls unterdrücken, sie anzulächeln, wie schon so oft. Während seines ganzen Lebens hatte er sich immer wieder selbst be- obachtet und seine Eigenschaften und die auf ihn zu- treffenden Beschreibungen untersucht. Aber es wäre, ihm nie in den Sinn gekommen, sich selbst als arm zu bezeichnen. »Kein Wunder?« echote er. »Ich meine, dann ist es kein Wunder, daß Sie auf die Hochgeborenen einen so kühlen und distanzierten Eindruck machen. Oh, ich spreche nicht von mir, sondern von den anderen. Aber es ist jedenfalls kein Wunder, daß Sie so sind, Jim. Als Sie von der Exi- stenz der Hochgeborenen erfuhren, bedeutete das das Ende Ihrer Studien, nicht wahr? Sie mußten sich mit der Tatsache abfinden, daß Sie nicht von den Affen Ihrer eigenen Welt abstammen. Und das bedeutete, daß Ihre ganze bisherige Arbeit hinfällig war, nicht wahr?« »Nicht ganz«, erwiderte Jim. »Jim – dasselbe passierte auch uns, den Hochge- borenen. Vor ein paar tausend Jahren nahmen die Hochgeborenen an, daß sie von irgendwelchen Ur- menschen auf dieser Thronwelt abstammen. Aber schließlich sahen sie ein, daß das nicht sein kann. Die Tierformen auf allen Welten, auch der Ihren, sind einander zu ähnlich, als daß diese Theorie zu- treffen könnte. Und dann mußten wir auch der Tatsa- che ins Auge sehen, daß alle diese Welten offensicht- lich von einer intelligenten Rasse, die schon lange vor unserer Zeit existiert hatte, mit den Urformen ihrer Fauna und Flora ausgestattet worden war. Und es ist nahezu überwältigend einsichtig, daß unsere, Ahnen auf der Thronwelt ein Geschlecht hervor- brachten, das sich auch auf einer anderen Welt ansie- delte. Wir müssen uns also mit der Tatsache abfin- den, daß wir wahrscheinlich nicht die ersten denken- den Wesen des Universums waren.« Diesmal konnte Jim sein Lächeln nicht zurückhal- ten. »Machen Sie sich keine Sorgen. Wenn die Exi- stenz der Hochgeborenen mich je beunruhigt haben sollte, so habe ich diesen Schrecken inzwischen über- wunden.« Die Party zur Feier von Slothiels Sponsorschaft für Jim sollte in drei Wochen stattfinden. Jim ver- brachte die Zeit damit, von Adok den starkianischen Waffengebrauch zu erlernen, einige Paraden abzu- nehmen und sich seinen Studien im unterirdischen Archiv zu widmen. Oft schlenderte er in der Dienerwelt im Unter- grund herum, beobachtete viele Gesten und Signale und prägte sie sich ein. In seiner Freizeit versuchte er all diese Zeichen zu katalogisieren und sie miteinan- der in einen Zusammenhang zu bringen, der ihm die stumme Sprache entschlüsseln konnte. Dabei halfen ihm zwei Vorteile. Erstens war ihm als Anthropologe die Tatsache bekannt, daß sich jede Zeichensprache von einer primitiven, gemeinsamen Grundlage der menschlichen Natur ableitet. Wie ein früher Wissenschaftler über seine Erfahrungen mit, den nordamerikanischen Eskimos festgestellt hatte, ist es nicht nötig, die grundlegenden Zeichen der Kommunikation zu lernen. Man kennt sie von Natur aus. Die drohende Geste, die anlockende Geste, die Ich-bin-hungrig-Geste, zum Beispiel, wenn man auf den Mund zeigt und sich den Magen reibt – all diese Gesten führt der Mensch ganz instinktiv aus, wenn er sich mit anderen verständigen will. Zweitens ist eine Sprache, die sich auf Handzei- chen beschränkt, natürlicherweise in ihren Aus- drucksmitteln begrenzt. Die einzelnen Zeichen wech- seln also ihre Bedeutung, je nachdem, in welchem Zusammenhang oder unter welchen Umständen sie ausgeführt werden. Ein und dasselbe Zeichen mußte also immer wieder vor dem Beobachter auftauchen. Aus diesen Gründen konnte Jim schon in etwas mehr als zwei Wochen das Wiedererkennungszei- chen identifizieren, eine Handbewegung, die einem Gruß entsprach. Dabei klopfte man mit der rechten Daumenspitze gegen den angrenzenden Zeigefinger. Von jetzt an wurde ihm die Bedeutung der verschie- denen anderen Zeichen sehr schnell klar. Seinen Studien über die Expeditionen der Thron- welt in Richtung Erde war allerdings kein ähnlicher Erfolg beschieden. Vielleicht existierten Berichte über solche Expeditionen im Archiv, vielleicht auch nicht. Aber die Berichte, die Jim durchlesen mußte, um all die verschiedenen Möglichkeiten auszuson-, dern, waren zu zahlreich. Als Jim dieses Problem eines Tages Adok gegen- über erwähnte, meinte dieser: »Sie müssen auch dar- an denken, daß Ihnen nicht alle Forschungsberichte zugänglich sind. Es kann also durchaus eine solche Expedition stattgefunden haben, auch wenn Sie nichts darüber finden.« Sie spazierten gerade durch den Untergrundpark. Jim blieb stehen und blickte Adok verwundert an. »Was? Sie meinen, daß ich nur einen Teil der Be- richte durchsehen darf?« »Ich weiß natürlich nicht, ob einige Berichte ge- heimgehalten werden. Aber es wäre möglich, daß gerade der Bericht, nach dem Sie suchen, nicht zu- gänglich ist.« »Da haben Sie recht«, sagte Jim nachdenklich. »Irgend etwas in der Geschichte dieses Planeten wird geheimgehalten. Das ahne ich schon seit langem. Welche Personen dürfen denn die Geheimberichte einsehen?« »Nun, natürlich alle Hochgeborenen«, erwiderte Adok mit kaum merklicher Überraschung in der Stimme. »Aber da Sie sich ja sowohl oben auf der Thronwelt als auch im Untergrund frei bewegen können, brauchen Sie ja nur in eines der Studienzen- tren der hochgeborenen Kinder zu gehen, um …«Er brach plötzlich ab. »Nein«, fügte er mit leiserer Stimme hinzu. »Das, habe ich vergessen. Sie können natürlich ein Studi- enzentrum der Hochgeborenen aufsuchen, aber es würde Ihnen nichts nützen.« »Sie meinen, die Hochgeborenen würden mir den Zutritt verweigern?« Jim beobachtete Adok aufmerk- sam. Nichts auf der Thronwelt konnte für sicher gel- ten, nicht einmal die offensichtliche Ehrlichkeit Adoks. Wenn ein Gesetz existierte, das Jim die Be- nützung eines Lernzentrums der Hochgeborenen un- tersagte, so wäre das bereits das zweite Verbot, dem er auf diesem so einzigartig verbotslosen Planeten begegnete. Das erste Verbot hatte gelautet, man dürfe sich dem Herrscher nicht ohne ausdrückliche Vorla- dung nähern. Durfte er Adok trauen? Aber dieser schüttelte den Kopf. »Das nicht. Niemand würde Sie zurückhalten. Aber Sie können die Lesemaschinen auf der Ober- welt nicht lesen. Sie wurden für die jungen Hochge- borenen eingerichtet, und diese lesen so schnell, daß kein gewöhnlicher Mensch mithalten kann.« »Sie haben mich lesen gesehen. Lesen sie schnel- ler als ich?« »Viel schneller«, sagte Adok und schüttelte wieder den Kopf. »Viel, viel schneller.« »Führen Sie mich bitte in eines dieser Studienzen- tren.« Einen Augenblick später befanden sie sich auf der Oberwelt in einem großen Gebäude, das wie eine, riesige Säulenhalle aussah, wie einer jener griechi- schen Tempel, die nur aus Dach, Pfeilern und Boden zu bestehen schienen und keine sichtbaren Außen- wände hatten. Durch die Pfeiler blickte man auf blauen Himmel und grüne Wiesen. Auf den über den ganzen Boden verstreuten Kissen saßen hochgebore- ne Kinder aller Altersstufen. Jedes starrte auf einen Bildschirm, der vor seinem Kissen schwebte und sei- ne Position änderte, wenn das Kind sich vorbeugte, zurücklehnte oder sonst eine andere Stellung ein- nahm. Keines der Kinder schenkte den beiden Neuan- kömmlingen weitere Beachtung, nachdem sich die meisten mit einem kurzen Blick überzeugt hatten, daß Jim und Adok keine Hochgeborenen waren. Jim trat hinter eines der Kinder, einen Jungen, so groß wie Jim selbst, aber sehr feingliedrig. Er hatte das Gesicht eines Zehn- oder Zwölfjährigen. Vor dem Jungen lief eine ähnliche Schriftreihe vorbei, wie Jim sie von den Bildschirmen im unterirdischen Archiv kannte. Die Zeile raste mit enormer Geschwindigkeit da- hin. Jim starrte sie stirnrunzelnd an, versuchte seine Auffassungsgabe dem rasanten Tempo anzugleichen, den schwankenden schwarzen Streifen in eine lesba- re Buchstabenkette zu verwandeln. Erstaunlicherweise gelang ihm das nicht. Er fühlte, wie ein plötzlicher Schreck durch sein, Inneres fuhr. Bis jetzt war es noch nicht vorgekom- men, daß irgend jemand etwas konnte, was er nicht auch fertigbrachte, so lange es sich innerhalb der Grenzen seiner physischen Möglichkeiten hielt. Er war auch davon überzeugt, daß die Schwierigkeit nicht bei seiner Sehkraft lag. Seine Augen waren si- cher genauso wie die der Hochgeborenen imstande, die verschwommene Linie zu lesen. Nein, die Schwierigkeit lag bei seinem Gehirn, das unfähig war, so schnell zu lesen. Mit einer gewaltigen inneren Anstrengung gelang es ihm, alle ablenkenden Bilder aus seinem Bewußt- sein zu bannen. Die Sonnenstrahlen und die grünen Wiesen verschwanden, ebenso die Pfeiler, die Decke, der Boden … Sogar den Jungen, der unbeirrt weiter- las, sah er nicht mehr. Er konzentrierte sich aus- schließlich auf die dahinrasende Zeile. Die innere Anspannung, der Druck seiner Bemühung, die Buch- stabenreihe zu lesen, legte sich wie ein Strick um seine Schläfen, enger und enger … Und dann schaffte er es, eine Sekunde lang. Für eine Sekunde schien es, als würde sich die schwarze Linie in lesbare Buchstaben zerteilen, und er erkann- te, daß der Text von der Organisation der Starkianer handelte. Dann verschwammen die Buchstaben wie- der vor seinen Augen, weil er die enorme Anspan- nung physisch nicht länger ertrug. Er schwankte ein wenig, und Pfeiler, Wiesen und Himmel drangen, wieder auf ihn ein. Er merkte, daß der Junge auf dem Kissen zu lesen aufgehört hatte und ihn erstaunt anstarrte. »Wer sind Sie …«, begann er mit dünner Stimme, aber da berührte Jim Adoks Arm, und beide wurden in Jims Suite versetzt, bevor der hochgewachsene Junge seine Frage beendet hatte. Jim holte tief Atem und ließ sich auf einem Kissen nieder. Er bedeutete Adok, sich ebenfalls zu setzen, und der Starkianer gehorchte. Lächelnd blickte Jim ihn an. »Sie sagen gar nicht: ›Das habe ich Ihnen ja ge- sagt.‹« Adok schüttelte den Kopf, womit klar ausgedrückt wurde, daß es ihm nicht zukam, so etwas zu sagen. »Nun, jedenfalls hatten Sie recht«, stellte Jim nachdenklich fest. »Aber aus anderen Gründen, als Sie glauben. Ich konnte den Text deshalb nicht lesen, weil er nicht in meiner Muttersprache verfaßt ist. Wenn dies der Fall gewesen wäre, hätte ich die Zei- len lesen können.« Er wandte den Kopf und rief in den leeren Raum hinein: »Ro!« Die beiden Männer warteten schweigend, aber es kam keine Antwort. Ro erschien nicht. Das war nicht überraschend, denn Ro war eine Hochgeborene und hatte ihren eigenen Pflichten und Tätigkeiten nach- zugehen, während Adok nichts anderes zu tun hatte,, als für Jim dazusein. Jim versetzte sich in Ros Suite und fand die Räu- me leer. Er hinterließ eine Nachricht, daß Ro sich mit ihm in Verbindung setzen solle, sobald sie nach Hau- se käme. Etwa zweieinhalb Stunden später tauchte sie neben Jim und Adok im Hauptzimmer von Jims Suite auf. »Es wird eine große Party sein«, sagte sie ohne Einleitung. »Jedermann wird dabeisein. Sie werden den großen Versammlungssaal benutzen. Es muß sich schon herumgesprochen haben, daß diese festli- che Veranstaltung von besonderer Art sein wird …« Sie unterbrach sich. »Oh, ich vergesse ja ganz … Sie wollten mich sprechen, Jim?« »Könnten Sie einen Lesebildschirm von einem der Studienzentren in Ihre Suite kommen lassen?« »Aber sicher! Wollen Sie einen Bildschirm benut- zen, Jim? Warum wollen Sie ihn dann nicht hier in Ihrem eigenen Zimmer haben?« Jim schüttelte den Kopf. »Ich möchte nicht, daß es allgemein bekannt wird, wenn ich mit dem Bildschirm arbeite. Aber es wird wohl niemanden überraschen, wenn Sie einen Bild- schirm in Ihrem Zimmer haben wollen.« »Nein, wohl nicht … Und ich kann Ihren Wunsch gern erfüllen. Aber wozu brauchen Sie den Bild- schirm?« Jim erzählte ihr von seinem Versuch, genauso, schnell zu lesen wie der junge Hochgeborene im Studienzentrum. »Und Sie glauben, daß Sie Ihre Lesefähigkeit durch Übung verbessern können?« fragte Ro stirn- runzelnd. »Sie sollten ihre Hoffnungen nicht zu hoch schrauben …« »Das tue ich nicht«, sagte Jim. Nach wenigen Stunden schwebte der Bildschirm in der Ecke eines der weniger benutzten Räume in Ros Suite, und von nun an verbrachte Jim seine mei- ste Freizeit in diesem Zimmer. Während der nächsten Woche machte er nur geringe Fortschritte, und so gab er es bald wieder auf und beschäftigte sich die wenigen Tage, die noch bis zu der Party verblieben, mit dem Studium der stummen Sprache im Unter- grund. Zu seinem Bedauern merkte er bald, daß sich die Diener in ihrer Zeichensprache, die Jim mittler- weile fließend lesen konnte, hauptsächlich über all- täglichen Klatsch unterhielten. Aber auch Klatsch konnte wichtig sein, wenn man ihn richtig interpre- tierte. Etwa eine Stunde vor Beginn der Party kehrte Jim von einer dieser Expeditionen in den Untergrund zu- rück. Lorava erwartete ihn im Hauptraum seiner Sui- te. »Vhotan will Sie sprechen«, sagte er, als er Jim auftauchen sah. Und einen Augenblick später stand Jim an Loravas Seite in einem Raum, in dem er bis-, her noch nicht gewesen war. Adok stand an seiner anderen Seite. Die Einladung hatte also offensicht- lich auch dem Starkianer gegolten. Vhotan saß auf einem Kissen vor einer Fläche, die inmitten des Raums schwebte und die mit Stiften von verschiedener Farbe und Größe bedeckt war. Er mal- te mit diesen Stiften in einem sinnlos aussehenden Plan, aber die Ernsthaftigkeit, mit der er sich seiner Arbeit widmete, schien es auszuschließen, daß es sich um etwas Unwichtiges handelte. Trotzdem er- hob er sich bei Jims Ankunft sofort von seinem Kis- sen und trat auf ihn zu. »Ich rufe dich etwas später, Lorava.« Der schlanke junge Hochgeborene verschwand. »Wolfling«, begann Vhotan mit zusammengezo- genen Brauen, »der Herrscher wird Ihre Party besu- chen.« »Ich glaube nicht, daß das meine Party ist«, sagte Jim. »Es ist wohl eher die Slothiels.« Vhotan fegte diesen Einwand mit einer kurzen Handbewegung beiseite. »Sie sind die Ursache dieser Party. Und Sie sind der Grund, warum der Herrscher daran teilnimmt. Er will wieder mit Ihnen sprechen.« »Wenn der Herrscher es wünscht, kann ich jeder- zeit zu ihm kommen. Deshalb muß er nicht unbe- dingt die Party besuchen.« »In der Öffentlichkeit fühlt er sich am wohlsten!«, sagte Vhotan schneidend. »Aber darum haben Sie sich nicht zu kümmern. Es kommt darauf an, daß der Herrscher auf der Party mit Ihnen reden will. Er wird Sie in eine Ecke führen und Ihnen zweifellos eine Menge Fragen stellen …« Zögernd brach Vhotan ab. »Es wird mir eine Ehre sein, die Fragen des Herr- schers zu beantworten«, sagte Jim. »Ja«, sagte Vhotan barsch. »Beantworten Sie alle Fragen ganz genau. Verstehen Sie? Er ist der Herr- scher, und wenn er Ihnen auch nicht seine volle Aufmerksamkeit zu schenken scheint, so müssen Sie dennoch sprechen, bis er eine neue Frage stellt oder Ihnen bedeutet, Sie sollen zu reden aufhören. Haben Sie das verstanden?« »Völlig.« Jims Augen begegneten dem zitronen- gelben Blick des alten Hochgeborenen. »Gut.« Vhotan wandte sich abrupt ab und nahm wieder vor der Fläche mit den Stiften Platz. »Das ist alles. Sie können in Ihr Quartier zurückkehren.« Sei- ne Finger strichen über die Stifte, und Adok berührte Jims Arm. In seiner Suite angekommen, fragte Jim den Star- kianer: »Was halten Sie davon?« »Was ich davon halte?« wiederholte Adok lang- sam. »Ja.« Jim blickte den Starkianer forschend an. »Kam Ihnen manches von dem, was er sagte, nicht seltsam vor?«, Adoks Gesicht war völlig ausdruckslos. »Nichts, was den Herrscher betrifft, ist seltsam.« Seine Stimme klang fremd. »Der Hochgeborene Vhotan ersuchte Sie, die Fragen des Herrschers aus- führlich zu beantworten. Das ist alles.« »Sie wurden als mein Ersatzmann eingesetzt, Adok. Aber Sie gehören trotzdem immer noch dem Herrscher an, nicht wahr?« »Wie ich Ihnen bereits sagte, Jim«, sagte Adok mit derselben ausdruckslosen, seltsam abwesenden Stimme. »Alle Starkianer gehören immer dem Herr- scher an, gleichgültig, was sie gerade tun.« »Ich kann mich daran erinnern.« Jim wandte sich ab, streifte die silbernen Starkianerbänder vom Kör- per und legte ein weißes Kostüm an, das der Gewan- dung der männlichen Hochgeborenen glich, aber keine Insignien trug. Er wollte in dieser Kleidung auf der Party erscheinen. Kaum war er fertig, als auch schon Ro erschien. Sie kam so prompt, daß er sich wieder einmal fragte, ob er unter ständiger Bewachung stand und Ro gese- hen hatte, daß er fertig angekleidet war. Aber er hatte jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken. »Hier!« sagte sie ein wenig atemlos. »Legen Sie das an!« Sie hielt ihm ein schmales Band aus einer Art weißem Satin entgegen. Als er zögerte, nahm sie seinen linken Arm und wand das Band um sein Handgelenk, ohne seine Zustimmung abzuwarten., »Jetzt berühren Sie mein Band.« Sie hob ihr Handgelenk, das bereits mit einem ähnlichen weißen Stoff umwickelt war, der wie von innerem Leben erhellt zu leuchten schien. Dieses Band war das ein- zige Kleidungsstück aus stoffartigem Material, das sie trug. Ansonsten war sie von den Schultern bis zu den Fußgelenken in das wolkenartige Gebilde ge- hüllt, das er bereits an den hochgeborenen Frauen in der Arena auf Alpha Centauri III gesehen hatte. Sie berührte Jims Handgelenk mit dem ihren. »Was soll das?« fragte Jim. »Oh – das können Sie natürlich nicht wissen. Auf einer so großen Party sind normalerweise so viele Leute, daß es schwierig ist, jemanden zu finden. A- ber jetzt haben wir unsere Sensorien miteinander in Verbindung gebracht, und Sie werden automatisch in jeden Teil des großen Versammlungssaales kommen, in dem ich. mich gerade aufhalte.« Sie lachte leise. Zu seiner Überraschung war sie ziemlich aufgeregt, und ihre Augen glänzten. »Auf solchen Partys gibt es zumeist ein großes Durcheinander.« Als sie vierzig Minuten später mit Adok im großen Versammlungssaal erschien, verstand Jim sofort, was Ro gemeint hatte. Der Saal hatte keine Wände, son- dern nur Bogengänge und ähnelte dem Studienzen- trum, das Jim besucht hatte. Nur war er viel größer. Der schwarzglänzende Boden, aus dem die weißen Pfeiler emporzuschweben schienen, dehnte sich über, eine Fläche von mehreren Quadratmeilen aus. Männ- liche und weibliche Hochgeborene standen in Grup- pen beieinander und unterhielten sich, während Die- ner Tablette mit verschiedenen Speisen und Geträn- ken herumreichten. Auf den ersten Blick sah die Party wie jede andere auch aus. Aber als Jim näher hinsah, bemerkte er, daß nicht nur die Hochgeborenen, sondern auch die Diener ständig verschwanden und auftauchten. Und die unaufhörliche Bewegung der unübersehbaren Masse erzeugte in Jims Kopf ein leichtes Schwindel- gefühl. Dann tat er, was er immer tat, wenn er sich einer Situation gegenübersah, die seine geistige und emo- tionelle Fassungskraft für den Augenblick überstieg. Er notierte das, was er nicht sofort erklären konnte, im Hintergrund seines Gedächtnisses und konzen- trierte sich auf Dinge, die leichter zu bewältigen wa- ren. Er wandte sich dem Starkianer an seiner Seite zu. »Adok, bitte lokalisieren Sie für mich einen be- stimmten Diener. Ich weiß nicht, wie er aussieht, aber er wird sich von den anderen ein wenig unter- scheiden. Er wird irgendwo im Raum einen bestimm- ten Standort einnehmen, den nur ein einziger anderer Diener von allen Stellen des Saales aus jederzeit se- hen kann. Er wird vielleicht von mehreren Dienern hintereinander beobachtet, aber immer nur von einem, zu gleicher Zeit. Er steht also unter ständiger Auf- sicht. Könnten Sie herausfinden, wo dieser Diener sich befindet?« »Ja, Jim.« Adok verschwand. »Warum haben Sie ihn darum gebeten?« flüsterte Ro verwirrt. »Das erkläre ich Ihnen später.« Jim sah ihr an, daß sie gern noch weitere Fragen gestellt hätte, aber in diesem Augenblick tauchten der Herrscher und Vho- tan neben ihnen auf. »Ah, da ist ja mein Wolfling!« rief der Herrscher fröhlich. »Kommen Sie, unterhalten wir uns, Wolf- ling.« Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als Ro auch schon verschwand. Auch die anderen Hochge- borenen, die in der Nähe standen, begannen einer nach dem anderen zu verschwinden, bis Jim, der Herrscher und Vhotan in einem freien Raum vor et- wa fünfzig Fuß Durchmesser standen. Auf diese Weise konnten sie miteinander sprechen, ohne von anderen gehört zu werden. Der Herrscher wandte sich dem alten Hochgeborenen zu. »Unterhalten Sie sich gut, Vhotan. Ich brauche sie vorläufig nicht.« Vhotan zögerte kurz, dann löste er sich in Luft auf. Der Herrscher wandte sich wieder Jim zu. »Ich mag Sie. Wie lautet Ihr Name, Wolfling?« »Jim, Oran.«, »Ich mag Sie, Jim.« Der Herrscher beugte sich ein wenig aus seiner Höhe von sieben Fuß herab und legte Jim eine große Hand auf die Schulter. Er verla- gerte dabei einen Teil seines Gewichts auf Jim wie ein erschöpfter Mann, der sich stützen muß. Lang- sam begann er auf und ab zu schlendern, und Jim hielt mit ihm Schritt. »Ist es eine wilde Welt, von der Sie kommen, Jim?« fragte Oran. »Bis vor einem halben Jahrhundert war sie sehr wild.« Sie waren vielleicht ein halbes Dutzend Schritte in einer Richtung gegangen, als der Herrscher sich um- drehte und wieder zurückwanderte. Während des ganzen Gesprächs wiederholte er diesen Gang immer wieder, sechs Schritte in die eine Richtung, und dann sechs Schritte in die andere. »Sie meinen, Ihre Leute haben den Planeten inner- halb von fünfzig Jahren kultiviert?« Oran nickte und starrte zu Boden. »Ja, das fällt den Menschen immer am schwersten. Sich selbst zu kultivieren«, sagte er wie zu sich selbst. »Wissen Sie, mein Vetter Galyan würde bei Ihrem Anblick sofort denken, was für hervorragende Diener diese Rasse doch abgeben würde. Und viel- leicht hat auch er recht – aber …« Sie waren wieder am Ende der sechs Schritte angelangt, und der Herr- scher hob seinen Blick vom Boden und schenkte Jim, ein freundliches Lächeln. »Aber ich glaube es nicht. Wir hatten schon zu viele Diener.« Das Lächeln erlosch, und sie legten die nächsten paar Schritte schweigend zurück. »Haben Sie eine eigene Sprache?« flüsterte der Herrscher in Jims Ohr und starrte wieder zu Boden. »Eine eigene Kunst und Musik, eine eigene Ge- schichte und Religion?« »Ja, Oran.« »Dann sind Sie würdig, etwas Besseres zu sein als nur Diener.« Wieder einmal bedachte der Herrscher Jim mit einem kurzen, freundlichen Lächeln, bevor er seinen Blick wieder auf den Boden heftete. »Ich weiß, daß zumindest Sie verdienen, etwas Besseres zu sein. Sie müssen wissen, daß es mich nicht über- rascht, wenn ich eines Tages Ihre Adoption zu billi- gen hätte und Sie damit technisch gesehen einer der unseren würden.« Jim sagte nichts. Als sie wieder einmal die Schritt- richtung änderten, warf ihm der Herrscher einen Sei- tenblick zu und fragte: »Würde Ihnen das gefallen, Jim?« »Das weiß ich jetzt noch nicht, Oran.« »Eine ehrliche Antwort …«, murmelte der Herr- scher. »Eine ehrliche Antwort … Wissen Sie, Jim, daß in der Wahrscheinlichkeit alle Ereignisse früher oder später geschehen?« »In der Wahrscheinlichkeit?« fragte Jim. Aber der, Herrscher schien ihn nicht gehört zu haben und sprach weiter. »Irgendwo muß es eine Wahrscheinlichkeit geben, in der Sie, Jim, der Herrscher waren und all die Men- schen Ihrer Welt Hochgeborene. Und ich war ein Wolfling, der auf Ihren Hof gebracht wurde, um ir- gendein barbarisches Kunststück zu zeigen …« Der Druck auf Jims Schulter wurde härter. Als Jim den Kopf wandte, sah er, daß die Augen des Herr- schers seltsam leer geworden waren. Obwohl er Jim weiterhin mit sich schob, schien er wie ein Blinder dahinzuschreiten und seinem Begleiter die Führung zu überlassen. »Haben Sie schon einmal von der Blauen Bestie gehört, Jim?« flüsterte der Herrscher. »Nein, Oran.« »Nein … Ich auch nicht. Obzwar ich alle Berichte über alle Legenden der Menschheit auf allen Welten durchforscht habe, so habe ich nirgendwo etwas über eine Blaue Bestie gelesen. Wenn es aber niemals eine Blaue Bestie gegeben hat, Jim, warum sehe ich sie dann?« Der Griff um Jims Schulter war jetzt wie ein Schraubstock. Die Stimme des Herrschers klang leise und sanft, als ob er laut träumen würde. Für all die Hochgeborenen, die die beiden Männer vom Rand des freien Raums aus beobachteten, mußte es so aus- sehen, als seien Jim und der Herrscher in einer nor-, malen Unterhaltung begriffen. »Das weiß ich nicht, Oran«, antwortete Jim. »Ich auch nicht, Jim. Und das macht es so sonder- bar. Dreimal habe ich es jetzt schon gesehen, und immer stand es in einem Eingang vor mir, als wolle es mir den Weg versperren. Sie müssen wissen, Jim – manchmal bin ich wie alle anderen Hochgeborenen auch. Aber es gibt Zeiten, wo mein Sinn sehr klar wird. Dann sehe und verstehe ich die Dinge viel bes- ser als alle anderen. Deshalb weiß ich, daß Sie anders sind, Jim. Als ich Sie zum erstenmal nach dem Stier- kampf aus nächster Nähe sah – da war es plötzlich so, als befänden Sie sich am anderen Ende eines Fernrohrs. Sie waren sehr klein, aber scharf umris- sen. Und ich entdeckte viele sehr kleine, aber sehr scharfe Details an Ihnen, die keiner der anderen ge- sehen hat. Sie können ein Hochgeborener sein oder nicht, Jim. Ganz wie Sie wollen. Weil es nämlich bedeutungslos ist … Das habe ich in Ihnen gesehen. Es ist bedeutungslos.« Der Herrscher verstummte. Aber er fuhr fort, Jim mit sich zu schieben, blindlings an seiner Seite wei- terzugehen. »So ist das mit mir …«, sagte er nach einer klei- nen Pause. »Manchmal sehe ich die Dinge ganz klein und scharf. Dann erkenne ich, daß ich einen halben Schritt weiter bin als all die anderen Hochgeborenen. Das ist seltsam – diesen einen Schritt weiterzugehen,, darum bemühen wir uns schon seit Generationen. Aber diesen Schritt zu gehen, dafür sind wir nicht geschaffen, Jim. Verstehen Sie, was ich meine?« »Ich glaube, Oran.« »… aber zu anderen Zeiten«, fuhr der Herrscher fort, und Jim wußte nicht, ob er seine Antwort zur Kenntnis genommen hatte oder nicht, »zu anderen Zeiten beginnen die Dinge nur, klein und scharf zu werden, und wenn ich näher hinzusehen versuche, verschwimmen sie vor meinen Augen und werden riesengroß. Und ich verliere innere Scharfsicht, die ich soeben noch hatte. Dann habe ich eine Zeitlang böse Träume – im Schlaf und im Wachen. Und in solchen Träumen habe ich die Blaue Bestie gesehen, bis jetzt dreimal …« Wieder erstarb die Stimme des Herrschers, und Jim dachte, daß dies eine neue Gesprächspause sei. Aber da fiel Orans Hand plötzlich von seiner Schul- ter. Jim blieb stehen und wandte ihm das Gesicht zu. Oran blickte ihn aus klaren Augen an und lächelte freundlich. »Ich will Sie nicht zu lange festhalten, Jim«, sagte er in normalem Konversationston. »Das ist Ihre erste Party auf der Thronwelt, und Sie sind der Ehrengast. Unterhalten Sie sich gut. Ich werde nach Vhotan su- chen. Er macht sich immer solche Sorgen, wenn ich nicht in seiner Nähe bin.« Der Herrscher verschwand. Jim blieb reglos ste-, hen, und bald schloß sich das freie Feld wieder, das sich um ihn und Oran gebildet hatte. Neue Gäste tauchten auf. Er blickte sich suchend nach Ro um, konnte sie aber nirgends entdecken. »Adok!« rief er leise. Der Starkianer erschien an seiner Seite. »Ich habe den Diener gefunden, nach dem ich su- chen sollte«, berichtete er. »Führen Sie mich an eine Stelle, von der aus ich ihn beobachten kann, aber so, daß er mich nicht sieht.« Plötzlich befanden sie sich in einem schattigen, schmalen Durchgang zwischen zwei Pfeilern und blickten in einen Nebenraum, wo einige Pfeiler einen offenen Platz umschlossen. Mehrere Tablette mit Speisen und Getränken hingen ordentlich übereinan- der gestapelt in der Luft. Zwischen diesen Tablett- stapeln stand ein Diener, ein kleiner brauner Mann mit langen Haaren. Jim und Adok standen hinter ihm. Über seine Schulter konnten sie einen anderen Diener sehen, der im Gesichtskreis des kleinen brau- nen Mannes mit einem Tablett in Händen umherging. »Gut«, sagte Jim. Er prägte sich den Ort ein, und dann versetzte er sich mit Adok wieder an die Stelle, wo der Herrscher ihn verlassen hatte. »Adok, ich werde versuchen, ständig im Gesichts- kreis des Herrschers zu bleiben«, flüsterte er. »Ver- suchen Sie, immer in meinem Gesichtsfeld zu blei-, ben, aber nicht in meiner unmittelbaren Nähe. Behal- ten Sie mich im Auge, und wenn ich verschwinde, dann gehen Sie zu Vhotan. Dieser wird sich beim Herrscher aufhalten. Sagen Sie ihm, ich möchte, daß er einen bestimmten Vorgang beobachtet. Dann füh- ren Sie ihn zu dem Diener, den wir soeben in dem Raum mit den Tabletten gesehen haben. Haben Sie alles verstanden, Adok?« »Ja, Jim«, erwiderte der Starkianer ausdruckslos. »Wie soll ich jetzt den Herrscher finden?« »Ich kann Sie zu ihm bringen. Alle Starkianer können den Herrscher finden. Allerorts und zu jeder Zeit. Das wurde so eingerichtet für den Fall, daß der Herrscher plötzlich schnell die Dienste eines Starkia- ners benötigt.« Und schon befanden sie sich an einer anderen Stel- le des großen Versammlungssaals. In einer Entfer- nung von etwa zwölf Fuß sah Jim den Herrscher ste- hen. Er war von mehreren Hochgeborenen umgeben und unterhielt sich lachend mit ihnen. Vhotan stand dicht neben Oran, die gelblichen Brauen leicht zu- sammengezogen. Als Jim sich umblickte, entdeckte er Adok, der ungefähr zwanzig Fuß von ihm entfernt stand. Jim nickte ihm zu und begann sich durch die Menge zu bewegen, aber so, daß er immer die gleiche Entfer- nung zum Herrscher beibehielt. Zweimal verschwand der Herrscher an eine andere, Stelle des Saales, und zweimal fühlte sich Jim sofort wieder von Adok in Orans Nähe versetzt. Überra- schenderweise zollten die Hochgeborenen rund um Jim diesem keine besondere Aufmerksamkeit. Sie schienen sich überhaupt nicht für den Wolfling zu interessieren, zu dessen Ehre die Party gegeben wur- de. Und wenn ihre Blicke zufällig auf ihm ruhten, schienen sie ihn nur für einen der vielen Diener zu halten. Die Zeit dehnte sich. Beinahe eine Stunde ver- strich, und Jim begann schon an seiner anfänglichen Überzeugung zu zweifeln, als er plötzlich sah, wor- auf er gewartet hatte. Auf den ersten Blick schien sich gar nichts verän- dert zu haben. Der Herrscher stand halb abgewandt von Jim, und nur ein leichtes Erstarren seiner hoch- gewachsenen Gestalt verriet, daß mit ihm eine Wandlung vorgegangen war. Oran war seltsam un- beweglich und steif geworden. Jim trat hastig zwei Schritte nach links, damit er das Gesicht des Herrschers sehen konnte. Oran starr- te durch die Männer hindurch, mit denen er sich so- eben noch so angeregt unterhalten hatte. Sein Blick war fixiert, ebenso sein Lächeln. Und wie damals beim Stierkampf glänzte feuchter Speichel in einem Mundwinkel. Keiner der Hochgeborenen rings um ihn schien die Veränderungen bemerkt zu haben. Aber Jim ver-, schwendete seine Zeit nicht damit, sie zu beobach- ten. Statt dessen wandte er sich um und hielt nach den Dienern Ausschau. Schon nach einer halben Drehung entdeckte er den ersten, ein mageres schwarzhaariges Mitglied der niederen Rasse, das ein Tablett mit einer Art Kuchen trug. Der Mann rührte sich nicht. Er stand genauso er- starrt da wie der Herrscher. Jim blickte sich weiter um und sah noch drei wei- tere Diener, reglos wie Statuen. Endlich begannen sich auch die Hochgeborenen der merkwürdigen Starre der Dienerschaft bewußt zu werden. Aber Jim hielt sich nicht auf, ihre Reaktionen zu beobachten. Er versetzte sich in den dunklen Zwischenraum zwi- schen den beiden Pfeilern, zu dem Adok ihn vorhin geführt hatte. Der Mann stand inmitten der Tablette. Aber er war nicht erstarrt wie der Diener, den Jim ein paar Dut- zend Yards entfernt auf der anderen Seite des kleinen Nebenraums sehen konnte, umgeben von Hochgebo- renen. Lautlos rannte Jim auf den Diener neben den Tabletten zu, der ihm den Rücken zuwandte. Er packte blitzschnell zu, umspannte mit einer Hand den Hals des kleinen braunen Mannes, mit der anderen den linken Oberarm direkt unter der Achselhöhle. »Wenn Sie sich bewegen, breche ich Ihnen das Genick«, zischte er. Der Mann erstarrte und gab kei- nen Laut von sich., »Und jetzt werden Sie genau tun, was ich sage«, fuhr Jim fort. Er unterbrach sich und blickte sich um. Er sah die kräftige Gestalt Adoks in dem dunklen Zwischenraum der Pfeiler stehen, und hinter ihm ei- nen hochgewachsenen Hochgeborenen, offenbar Vhotan. Jim wandte sich wieder dem Diener zu. »Legen Sie die beiden ersten Finger Ihrer rechten Hand über den Bizeps Ihres linken Arms«, flüsterte er. Der andere rührte sich nicht. Jim drückte mit dem Daumen fester gegen das Genick des Mannes. Dieser widerstand lange. Doch dann schnellte er ruckartig, beinahe wie ein Roboter die rechte Hand hoch und legte Zeige- und Mittelfinger in V-Form über den linken Bizeps. Die erstarrten Diener ringsum begannen sich au- genblicklich wieder zu bewegen, als ob nichts pas- siert wäre. Jim verschloß mit einer Hand den Mund des Dieners, den er noch immer festhielt, und schleif- te ihn zu der dunklen Nische. Adok und Vhotan tra- ten vor und starrten auf den Mann herab. »Nun …«, begann Vhotan grimmig. Aber im sel- ben Augenblick gab der Diener einen merkwürdigen Laut von sich und sank unter Jims Griff schlaff in sich zusammen. Jim ließ ihn zu Boden gleiten. »Wer immer dies geplant hat, wird uns keine Chance lassen, den Mann zu verhören«, sagte Vho- tan. »Er ist tot, und ich vermute, daß sogar die Struk- tur des Gehirns zerstört wurde.« Er hob den Kopf, und musterte Jim über die Leiche hinweg. Sein Hochgeborenen-Verstand hatte zweifellos schon den Hintergrund der Geschehnisse erfaßt, die Jim ihm hier vor Augen geführt hatte. »Wissen Sie, wer dahinter steckt?« fragte er. Jim schüttelte den Kopf. »Aber offenbar haben Sie doch erwartet, daß das passiert. Sonst hätten Sie mich nicht von Ihrem Star- kianer hierher führen lassen. Warum übrigens gerade mich?« »Weil ich erkannte, daß Sie der einzige Hoch- wohlgeborene sind, der vor sich selbst zugeben muß, daß mit dem Verstand des Herrschers nicht alles in Ordnung ist«, erwiderte Jim ruhig. »Oder daß viel- leicht nicht alles in Ordnung ist«, fügte er hinzu, als er sich an sein Gespräch mit Oran erinnerte. »Sein Verstand ist jedenfalls anders als der der übrigen Hochgeborenen.« Ein schwaches Schluckgeräusch drang aus Vho- tans Kehle. Sekundenlang sagte er überhaupt nichts, und als er wieder sprach, griff er ein anderes Thema auf. »Wie haben Sie herausgefunden, daß die Diener irgend etwas planen?« »Ich habe die stumme Sprache erlernt, die Diener in der Unterwelt beobachtet und bemerkt, daß irgend etwas im Gange ist. Im Zusammenhang mit dieser Party und der gewiß allseits bekannten Schwäche des, Herrschers kam ich dann auf die Idee, wonach ich Ausschau halten müßte. Als ich hier eintraf, sandte ich Adok aus, nach einem bestimmten Diener zu su- chen. Und als er ihn gefunden hatte, trat ich in Akti- on, wie Sie selbst gesehen haben.« Vhotan war bei den Wörtern »Herrscher« und »Schwäche« kaum merklich zusammengezuckt. Aber als Jim zu Ende gesprochen hatte, nickte er zufrieden. »Sie haben gute Arbeit geleistet, Wolfling.« Die Worte waren deutlich, wenn die Stimme auch mür- risch klang. »Von jetzt an werde ich die Sache in die Hand nehmen. Aber Sie verschwinden besser für ei- nige Zeit von der Thronwelt, Adoption hin, Adoption her.« Nachdenklich wiegte er den Kopf. »Ich nehme an, daß der Herrscher Sie befördern und Ihnen einen Rang verleihen wird, der Ihrem neuen Status als Ad- optionsanwärter entspricht. Er wird Sie zu einem Starkianer-Kommandanten der Zehnereinheiten ma- chen und Sie mit irgendeinem militärischen Auftrag auf eine Koloniewelt schicken.« Er kehrte Jim, Adok und dem toten Diener den Rücken, als ob er verschwinden wollte. Dann drehte er sich noch einmal um und blickte Jim scharf an. »Wie heißen Sie?« »Jim.« »Nun, Sie haben sehr umsichtig gehandelt, Jim. Der Herrscher wird es zu würdigen wissen – und ich auch.« Mit diesen Worten verschwand er., 8. Der Planet Athiya, zu dem Jim mit seiner Starkianer- Zehnereinheit, Adok und Harn II, dem ehemaligen Kommandanten der Einheit und jetzigen Adjutanten Jims, gesandt wurde, war eine der vielen Welten, die von den kleinen braunen Menschen mit den langen Haaren bewohnt wurden. Der Gouverneur, ein bulli- ger Kerl mit kastanienbrauner Haut, verweigerte jede Auskunft über den Aufstand, für dessen Beilegung er die Hochgeborenen um starkianische Unterstützung gebeten hatte. Er beantwortete keine von Jims Fra- gen. Aber die Erklärung konnte nicht lange auf sich warten lassen. Der Gouverneur führte Jim, Adok und Harn II in sein Privatbüro in der Hauptstadt von Athiya, und als er sich angelegentlich damit beschäf- tigte, für seine Gäste Kissen und Erfrischungen brin- gen zu lassen, unterbrach Jim kurzerhand seine um- ständlichen Maßnahmen. »Bemühen Sie sich nicht. Wir wollen weder etwas zu essen noch zu trinken. Wir wollen erfahren, was es mit diesem Aufstand auf sich hat, wie viele Perso- nen darin verwickelt sind und welche Art von Waf- fen sie haben.« Der Gouverneur sank auf eines der Kissen und brach plötzlich in Tränen aus. Einen Augenblick lang, starrte Jim ihn verblüfft an. Aber dann erinnerte er sich, sowohl anhand seiner Erfahrungen auf der Thronwelt als auch seiner anthropologischen Studi- en, daß der Gouverneur einer Menschenrasse ange- hörte, die es nicht als ungewöhnlich betrachtete, wenn ein Mann weinte. Jim wartete also, bis der Gouverneur seine Emo- tionen wieder unter Kontrolle hatte, und wiederholte seine Fragen. Schnaufend wischte sich der Gouverneur die Trä- nen aus den Augen. »Ich dachte nie, daß sie mir keinen Hochgebore- nen als Starkianer-Kommandanten senden würden«, stieß er hervor. »Ich hätte mich ihm zu Füßen gewor- fen. Aber Sie sind kein Hochgeborener …« Bei dieser Feststellung stürzten erneut Tränen aus seinen Augen. »Stehen Sie auf!« fuhr Jim ihn an, um ihn endlich aus seiner trüben Stimmung herauszulocken. Instink- tiv gehorchte der Gouverneur. »Ich habe einen Spon- sor, der sich für meine Aufnahme bei den Hochgebo- renen einsetzt. Aber das nur nebenbei. Wen immer der Herrscher Ihnen auch geschickt hat, es ist genau der richtige Mann, um mit Ihrer Situation fertig zu werden.« »Das ist es ja!« würgte der Gouverneur hervor. »Ich – ich habe gelogen. Es handelt sich nicht nur um einen Aufstand, es ist eine Revolution! All die, anderen Familien des Planeten haben sich miteinan- der verbündet. Sogar mein Vetter Cluth hat sich ih- nen angeschlossen. Es ist sogar ihr Führer. Sie haben sich verschworen, mich zu töten und Cluth an meine Stelle zu setzen!« »Was?« Jim musterte den Mann überrascht. Es wurde ihm bewußt, daß die Koloniewelten ihre Mi- niaturhöfe nach dem Vorbild der Thronwelt hatten. Diese Höfe bestanden aus den Adelsfamilien des Landes, und die Familie des Gouverneurs gab den Ton an. Der Gouverneur war so etwas wie ein lokaler Kleinherrscher. »Warum haben Sie es so weit kommen lassen?« mischte sich Harn II ein. »Warum haben Sie ihre Ko- lonietruppen nicht früher eingesetzt und den Auf- stand im Keim erstickt?« »Ich – ich …« Der Gouverneur rang die Hände und war offensichtlich unfähig, weiterzusprechen. Während Jim ihn beobachtete, sah er immer klarer vor sich, was hier geschehen war. Seine Studien auf der Thronwelt, sowohl im Untergrund als auch vor dem Bildschirm in Ros Suite hatten ihm, sobald er einmal die Fähigkeit erworben hatte, genauso schnell zu lesen wie ein Hochgeborener, gute Einblicke nicht nur in die Gesellschaft der Thronwelt, sondern auch in die der Koloniewelten verschafft. Zweifellos hatte der Gouverneur die Dinge so weit aus dem Griff ver- loren, weil er seine eigenen Fähigkeiten über- und, die Entschlossenheit der Opposition unterschätzt hat- te. Als ihm die Angelegenheit immer mehr entglitten war, hatte er nicht gewagt, diese Tatsache der Thronwelt gegenüber zuzugeben, und hatte nur ganz einfach um eine Starkianertruppe gebeten, mit deren Hilfe er die Situation wieder unter Kontrolle bringen wollte. Wahrscheinlich hatte er geglaubt, er könne den Rebellen mit den Starkianern drohen und sich daraufhin doch noch mit ihnen einigen. Aber indem Jim dies alles begriff, konnte er Athiya noch nicht helfen. Auf der anderen Seite hatte sich die Thronwelt verpflichtet, den Gouverneuren, die die Herrschaft über die Koloniewelten ausüben durften, den Rücken zu stärken. Harn II berührte Jims Ellbogen und bedeutete ihm, mit ihm in eine Ecke zu gehen, wo sie ungestört mit- einander sprechen konnten. Adok folgte ihnen und ließ den Gouverneur stehen, eine einsame, kleine braune Gestalt, von Kissen und schwebenden Fi- schen umgeben. »Ich schlage vor, daß wir eine Nachricht zur Thronwelt schicken«, flüsterte Harn II. »Wir brau- chen noch mehr Starkianer. Wenn auch nur die Hälf- te von dem stimmt, was der Mann erzählt hat, so ha- ben seine Gegner schon die meisten kolonialen Truppen in ihrer Gewalt. Eine Zehnereinheit von Starkianern kann zwar viel zuwege bringen, aber, man kann nicht von ihr erwarten, daß sie ganze Ar- meen besiegt. Außerdem besteht kein Grund, daß wir wegen der Fehler dieses Tölpels das Leben unserer Männer aufs Spiel setzen.« »Nein, natürlich nicht«, erwiderte Jim. »Anderer- seits würde ich mir die Situation gern genauer anse- hen und mir selbst eine Meinung darüber bilden, be- vor wir um Hilfe rufen. Vorläufig stammen unsere einzigen Informationen vom Gouverneur. Vielleicht sieht die Sache ganz anders aus, als er glaubt.« »Sir, da muß ich protestieren«, sagte Harn II. »Je- der Starkianer ist ein kostbarer, teurer Mann, sowohl was seine lange Trainingszeit als auch seine Ausrü- stung betrifft. Man sollte sein Leben nicht in einer hoffnungslosen Situation riskieren. Und als ihr ehe- maliger Kommandant muß ich Ihnen sagen, daß ich es unfair finde, die Starkianer auf diese Weise zu verheizen.« »Sir«, sagte Adok – seit dem Verlassen der Thronwelt war er dazu übergegangen, Jim mit militä- rischer Ehrerbietung anzusprechen – »Sir, der Adju- tant hat recht.« Jim blickte von einem der Starkianer zum anderen. Sie erinnerten ihn sanft an die Tatsache, daß Jim zwar der nominelle Leiter der Expedition war, doch daß der einzige Kommandant, der wirklich aufgrund langer Erfahrung etwas von der Sache verstand, Harn II hieß., »Ich weiß Ihre Einwände zu würdigen, Adjutant«, sagte Jim zu Harn II. »Aber ich würde mir trotzdem gern die Situation genauer ansehen.« »Ja, Sir«, sagte Harn II. Er ließ sich nicht anmer- ken, ob er sich über die Abfuhr ärgerte. Wie weit dies an der üblichen starkianischen Selbstbeherr- schung lag oder wie weit Harn resignierte, konnte Jim nicht sagen. Er wandte sich ab und ging zum Gouverneur zurück, der mit hoffnungsloser Miene zu ihm aufblickte. »Da gibt es viele Dinge, die ich wissen muß,« sag- te Jim. »Am besten beginnen Sie damit, mir zu er- zählen, womit Ihr Vetter – oder wer immer hinter diesem Aufstand steht – die anderen auf seine Seite gebracht hat.« Der Gouverneur begann wieder seine Hände zu ringen, und seine Augen schwammen in Tränen. Sorgsam wich er Jims Blick aus. »Ich weiß nicht …«, stammelte er. »Ich weiß nicht. Da war ein Gerede, daß Ihnen eine Protektion versprochen wurde – eine Protektion …« Zitternd vor Angst verstummte er. »Weiter«, sagte Jim. »Was wollten Sie sagen?« » – Protektion von einem Hochgeborenen«, sagte der Gouverneur furchtsam. »Von einem Hochgeborenen?« »Ich – ich habe nichts Genaues erfahren!« schnat- terte der Gouverneur zähneklappernd und erbleichte., »Ich habe nichts Direktes gehört!« »Machen Sie sich deshalb keine Sorgen, und jetzt hören Sie mir zu. Ihr Vetter und seine Verbündeten haben zweifellos bewaffnete Truppen zur Verfügung. Wo sind sie, und wie zahlreich sind sie?« Als das Thema sich von den Hochgeborenen ent- fernte und sich wieder auf seine eigene Welt konzen- trierte, lebte der Gouverneur auf. Er wandte sich um, zeigte auf eine der Wände seines Büros und sagte mit gefestigter Stimme: »Nördlich von hier.« Er nannte die Entfernung im Maßstab des Reiches, was etwas weniger als sechzig Meilen entsprach. »Sie kampie- ren auf einer Ebene, die von einem Ring von Bergen umgeben ist. Sie haben Wachtposten auf den Bergen aufgestellt, und diese Posten sind mit den besten Leuten unserer bewaffneten kolonialen Streitmächte bemannt.« »Wie viele dieser Männer haben die Aufständi- schen?« »Drei – drei …« Wieder begann der Gouverneur ängstlich zu stottern. »… drei Viertel, vielleicht.« »Wahrscheinlich sind es eher achtundneunzig Pro- zent«, warf Harn II ein, der ebenfalls hinzugetreten war und den Gouverneur mißtrauisch anstarrte. »Warum haben sie bis jetzt nicht die Hauptstadt eingenommen?« »Ich – ich sagte ihnen, daß Sie kämen.« Der Gou- verneur senkte verzweifelt den Kopf. »Ich habe ih-, nen auch angeboten, daß ich Sie wieder wegschicken würde, wenn die Aufständischen auf meine Bedin- gungen eingingen.« »Wenn hier Bedingungen gestellt werden, dann von uns«, informierte Harn II den kleinen Mann. »Mit wie vielen Männern haben wir es zu tun, wenn es sich um achtundneunzig Prozent der gesamten Streitkräfte handelt?« »Drei Divisionen …«, stammelte der Gouverneur, »mit je vierzigtausend ausgebildeten, bewaffneten Männern.« »Also sechzig- bis siebzigtausend«, sagte Harn II und blickte Jim an. Jim nickte. »Sehr gut«, sagte er und blickte durch ein langge- strecktes, niederes Fenster. »Die Sonne ist schon beinahe untergegangen. Haben Sie einen Mond?« Er drehte sich zum Gouverneur um. »Zwei …« »Einer genügt, wenn er uns genug Licht spendet.« Jim wandte sich zu Harn und Adok um. »Sobald es dunkel ist, sehen wir uns ihr Lager an.« Er blickte wieder den Gouverneur an, der lächelnd mit dem Kopf wackelte. »Und Sie kommen mit«, sagte Jim. Das Lächeln des Gouverneurs erlosch abrupt. Vier Stunden später, als der erste der beiden Mon- de einen orangeroten Schein auf die Hügel warf, die, die Stadt umgaben, bestiegen Jim, Adok, Harn und der Gouverneur ein kleines Aufklärungsflugzeug und verließen die Stadt. Sie stiegen ins Dunkel der Nacht empor, tauchten in eine schwarze tief hängende Wolke und glitten lautlos in die Richtung, die der Gouverneur angezeigt hatte. Fünfzehn Minuten spä- ter gingen sie wieder tiefer herab und näherten sich den Bergen, die die Ebene, den Standort der Auf- ständischen, umgaben. Das Aufklärungsflugzeug streifte die Spitzen des drei Fuß hohen Grases, wäh- rend es zwischen Gruppen ulmenartiger Bäume hin- durchmanövrierte. Als das Terrain zu den Bergen rings um die Ebene anstieg, verbargen sie das Flugzeug in einer Busch- gruppe und setzten den Weg zu Fuß fort. Die zwei Starkianer bildeten die Vorhut, etwa fünfzehn Yards voneinander getrennt. Sie bewegten sich erstaunlich lautlos voran, und Jim stand ihnen nur deshalb nicht nach, weil er auf der Erde einige Jagderfahrungen gesammelt hatte. Die größte Überraschung aber be- reitete ihm der kleine Gouverneur, der sich wie ein stummer Schatten ohne das geringste Geräusch durch das mondhelle Land stahl. Als Jim sich davon über- zeugt hatte, daß der kleine Mann mithalten konnte und keinen Lärm verursachen würde, verließ er ihn und durchstreifte die nähere Umgebung. Sie hatten beinahe den Gipfel des Hügels erreicht, von wo sie die Ebene würden überblicken können,, als die beiden Starkianer sich plötzlich flach zu Bo- den warfen. Sofort taten Jim und der Gouverneur das gleiche. Einige Minuten verstrichen. Dann tauchte Adok plötzlich direkt vor Jim aus dem Gras empor. »Alles in Ordnung, Sir. Kommen Sie. Wir können weitergehen. Der Wachtposten schläft.« Jim und der Gouverneur erhoben sich und folgten dem Starkianer den Hang hinaus, bis sie zu einer kleinen Einzäunung kamen, die etwa ein Dutzend Fuß im Durchmesser maß und von einem Silber- drahtnetz umgeben war. In der Mitte der Einzäunung befand sich ein Gebilde, das wie ein Sonnenschirm aussah, von dessen Gestänge der Stoff entfernt wor- den war. Der Wachtposten, den Adok erwähnt hatte, war nirgendwo zu sehen. »Dort ist das Lager«, sagte Harn und zeigte jen- seits des Drahtzauns den Hang hinab. »Es ist alles in Ordnung. Innerhalb des Zauns können Sie sprechen. Niemand kann uns hören.« Jim kletterte über den ein Yard hohen Zaun und trat an Harns Seite. Das, was er sah, glich weniger einem bewaffneten Lager als einer kleinen, kreisför- migen Stadt voll kuppelartiger Gebäude, die durch Straßen in tortenförmige Sektionen zerteilt wurde. »Kommen Sie her«, sagte er und drehte sich zu dem Gouverneur um. »Sehen Sie sich das an. Kön- nen Sie irgend etwas Ungewöhnliches entdecken?«, Der Gouverneur starrte hinab und schüttelte nach einer Weile den Kopf. »Sir, das Lager ist entsprechend einem gebräuchli- chen militärischen Muster angelegt. Verschiedene Gruppen oder Einheiten befinden sich in jedem Sek- tor, und jeder Sektor stellt Wachen, die den Verteidi- gungsgürtel bilden.« »Aber sie haben auch noch ein Ratsgebäude er- richtet«, sagte der Gouverneur mit vor Selbstmitleid bebender Stimme. »Sehen Sie sich das an! Ein Rats- gebäude ohne mich!« »Wo?« fragte Jim. Der Gouverneur zeigte auf ein größeres Kuppel- gebäude rechts von der Kreismitte. »Nur der Gouverneur ist berechtigt, eine Ratsver- sammlung bei den Truppen einzuberufen«, erklärte er. »Aber sie tun, was sie wollen. Als ob ich schon abgesetzt wäre – oder tot.« Er schnüffelte vor sich hin. »Haben Sie einen bestimmten Verdacht, Sir?« fragte Harn. Adok war hinter die drei Männer getre- ten. Jim konnte ihn aus den Augenwinkeln sehen. »Ich bin mir nicht ganz sicher«, sagte Jim. »Adju- tant, welche Art von Waffen haben unsere Starkianer zur Verfügung, die diese Soldaten dort unten nicht haben?« »Wir haben viel bessere individuelle Verteidi- gungsabschirmungen«, antwortete Harn. »Auch be-, sitzt jeder unserer Männer eine Schußkraft, die einer ganzen Kompanie dieser Armee dort unten ent- spricht.« »Dann haben wir also die gleichen Waffen wie sie, nur bessere?« »Sir, die beste Waffe ist der trainierte Starkianer selbst. Er …« »Ja, ich weiß«, unterbrach Jim ihn ungeduldig. »Aber wie steht es mit …« Er suchte nach den pas- senden Thronwelt-Vokabeln. »Wie steht es mit fi- xierten Großwaffen, Explosivwaffen? Mit Kernwaf- fen auf der Basis von Atomspaltung- oder Vereini- gung?« »Die Kolonialwelten haben nicht die technischen Anlagen, um fixierte Großwaffen herzustellen. Es ist zwar möglich, daß sie heimlich eine Art Nuklearwaf- fe entwickelt haben, aber unwahrscheinlich. Und es ist völlig ausgeschlossen, daß sie antimaterielle Waf- fen besitzen …« »Einen Augenblick. Haben die Starkianer all diese Waffen daheim auf der Thronwelt zur Verfügung? Die – wie haben sie das genannt? Antimaterielle Waffen?« »Natürlich. Aber sie wurden seit mehreren tausend Jahren außerhalb der Thronwelt nicht mehr einge- setzt. Wissen Sie, was eine antimaterielle Waffe ist, Sir?« »Ich weiß nur so viel«, sagte Jim grimmig, »daß, ein bißchen Antimaterie, die mit ein bißchen Materie in Berührung kommt, eine riesengroße Verwüstung anrichten kann.« Sekundenlang schwieg er. Dann blickte er Harn in die Augen. »Nun, Adjutant, nach- dem Sie jetzt die Lage kennengelernt haben – wollen Sie immer noch die Thronwelt um Verstärkung bit- ten?« »Nein, Sir«, erwiderte Harn prompt. »Wenn der Wachtposten, den wir vorhin überwältigten, als re- präsentativ gilt, so sind die bewaffneten Streitkräfte hier armselig ausgerüstet. Auch das Lager kann be- quem eingenommen werden und kann sich kaum wirksam verteidigen. Soweit ich sehen kann, haben sie weder Straßenpatrouillen noch einen wirkungs- vollen Verteidigungsgürtel. Und was am erstaunlich- sten ist, sie verfügen über kein Warnsystem. Diese Leute da unten sind mehr als rückständig ausgerü- stet.« Er hielt inne, als wolle er Jim Gelegenheit zu einer Bemerkung geben. »Sprechen Sie weiter, Adjutant«, sagte Jim. »Sir, da wir außerdem soeben noch erfahren ha- ben, daß sich die militärischen Führer alle in dem sogenannten Ratsgebäude aufhalten, ist die Lösung unseres Problems extrem einfach. Ich schlage vor, wir schicken Adok zu unseren Männern zurück, und sobald sie hier eintreffen, so nehmen wir dieses eine Gebäude ein, indem wir direkt von oben herabstoßen und so den Verteidigungsgürtel umgehen. Wir neh-, men die Führer gefangen und überantworten sie der Gerichtsbarkeit der Stadt.« »Und wenn die Gerüchte stimmen, die der Gou- verneur gehört hat? Wenn diese Rebellen tatsächlich einen Freund auf der Thronwelt haben?« »Wie bitte, Sir?« Harn wirkte verwirrt. »Es ist unmöglich, daß ein Hochgeborener mit kolonialen Revolutionären in Verbindung steht. Aber ange- nommen, diese Leute da unten haben wirklich einen hochgeborenen Gönner, so kann dieser nichts unter- nehmen, um uns aufzuhalten. Und was noch wichti- ger ist, wir Starkianer haben uns allein vor dem Herr- scher zu verantworten.« »Nun, wie dem auch sei, ich habe nicht vor, Ihren Rat zu befolgen, Adjutant«, sagte Jim. Er wandte sich ab und richtete das Wort an den kleinen Gou- verneur. »Ihre Adelsfamilien stehen ständig miteinander auf Kriegsfuß, nicht wahr?« »Nun – jedenfalls intrigieren sie alle ständig gegen mich.« Völlig unerwartet begann der kleine Mann zu kichern. »Oh, ich verstehe, was Sie meinen, Kom- mandant. Ja, sie kämpfen oft gegeneinander. Wenn das nicht der Fall wäre, hätte ich große Schwierigkei- ten, sie unter Kontrolle zu halten. Ja, es ist tatsäch- lich ihr Lieblingssport, gegeneinander zu intrigieren und sich gegenseitig aller möglichen Vergehen zu beschuldigen.«, »Gibt es unter den Führern dort unten einen Mann, der im allgemeinen schlecht mit ihrem Vetter aus- kommt?« »Irgend jemand, mit dem Cluth nicht auskommt …« Der kleine Gouverneur dachte sekundenlang nach und starrte auf das im Mondlicht schimmernde Gras zu seinen Füßen. »Notral! Ja, wenn er sich mit irgend jemandem nicht versteht, dann ist es Notral.« Er zeigte zu dem Lager hinab. »Cluths Leute sind wahrscheinlich in diesem Teil des Camps und die Notrals dort drüben auf der anderen Seite. Je weiter sie voneinander entfernt sind, desto angenehmer ist es ihnen.« »Adjutant, Adok!« Jim drehte sich zu den beiden Starkianern um. »Ich habe einen Spezialauftrag für euch. Könntet ihr euch an das Lager anschleichen und mir einen Wachtposten vom Verteidigungsgürtel außerhalb von Notrals Lager bringen? Lebend und in guter Verfassung?« »Natürlich, Sir«, erwiderte Harn. »Fein. Verbindet ihm die Augen, wenn ihr ihn vom Verteidigungsgürtel wegholt, und auch, wenn ihr ihn wieder zurückbringt. Zeigen Sie ihnen noch einmal die genaue Position von Notrals Lagerplatz, Gouverneur!« Der kleine Mann gehorchte, und die beiden Star- kianer verließen die Umzäunung und verschwanden nach der Methode der Thronwelt. Es verging etwa, eine halbe Stunde nach Erdenmaßstäben, bis sie zu- rückkehrten. Jim sah, wie das Gatter des Drahtzauns aufschwang. Er saß mit gekreuzten Beinen auf dem Boden, den Gouverneur an der Seite. Jetzt erhob sich Jim, und auch der Gouverneur rappelte sich auf Jims Befehl hin auf und stellte sich neben ihn. Adok trat in die Umzäunung, gefolgt von einem kleinen, braunhäutigen jungen Mann, dessen Körper ähnlich wie die der Starkianer mit Streifen umwik- kelt war. Der junge Kolonialsoldat zitterte vor Furcht. Harn betrat hinter ihm das Wachtpostenge- hege und schloß das Gatter hinter sich. »Bringt ihn hierher!« befahl Jim und imitierte den zischenden Tonfall der Hochgeborenen. Er wandte dem aufsteigenden Mond, dem inzwischen sein klei- nerer Partner gefolgt war, den Rücken zu. Ihr verei- nigtes Licht floß über seine Schulter und beleuchtete hell das Gesicht des kleinen langhaarigen Soldaten, während sein eigenes Gesicht im Dunkeln blieb. »Wissen Sie, wen ich als Ihren endgültigen Ober- herrn bestimmt habe?« fragte Jim mit harter Stimme, als der Soldat von den beiden Starkianern zu ihm ge- schleift worden war. Die Zähne des kleinen Mannes klapperten so stark, daß er keinen zusammenhängenden Satz hervorbrin- gen konnte. Statt dessen schüttelte er heftig den Kopf. Jim produzierte tief in seiner Kehle einen Laut voll Zorn und Verachtung., »Das macht nichts«, sagte er rauh. »Aber wissen Sie wenigstens, wer das Gebiet hinter Ihrem Vertei- digungsabschnitt befehligt?« »Ja …« Der junge Soldat nickte eifrig. »Gehen Sie zu ihm und sagen Sie ihm, daß ich meine Pläne geändert habe. Er soll jetzt sofort das Kommando über euch alle übernehmen und nicht mehr länger warten.« Jim wartete. Der kleine Soldat schwieg zitternd. »Haben Sie verstanden?« fuhr Jim ihn an. Der Gefangene begann erneut heftig zu nicken. »Gut. Adok, führen Sie ihn hinaus. Ich möchte mich noch mit meinem Adjutanten besprechen, be- vor ihr den Soldaten ins Lager zurückbringt.« Adok ging mit dem kleinen Mann auf die andere Seite des Drahtzauns, und Jim winkte den Gouver- neur und Harn zu sich. Er zeigte zum Lager hinunter. »Zeigen Sie dem Adjutanten den Teil des Vertei- digungsgürtels, der an den Lagerplatz ihres Vetters Cluth anschließt«, befahl er dem Gouverneur. Dieser wich ein wenig von Jim zurück, offensichtlich von der Furcht des kleinen Soldaten angesteckt, und streckte einen bebenden Zeigefinger aus. Harn stellte noch ein paar Fragen, um die Stelle genauer zu loka- lisieren, und wandte sich dann Jim zu. »Soll ich den Gefangenen dorthin zurückbringen, Sir?« »Ja, Adjutant.«, »Ja, Sir.« Harn verließ die Einzäunung. Diesmal dauerte die Abwesenheit der beiden Star- kianer beinahe eine Stunde nach dem Erdenzeitmaß- stab. Als sie zurückkehrten, berichteten sie, sie hätten den Gefangenen allein losgeschickt und gehört, wie er von Guts Soldaten in Empfang genommen worden sei. Auf Jims Befehl verließen sie dann alle den Wachtposten und kehrten zu ihrem Aufklärungsflug- zeug zurück. Sie gingen rasch, und erst als das Flugzeug hoch in der Luft schwebte, entspannte sich Jim. Er befahl Adok, der den Schiffsmechanismus bediente, das Flugzeug an eine möglichst weit entfernte Stelle zu bringen, von der sie aber mittels ihrer Nachtbild- schirme das Lager beobachten konnten. Adok ge- horchte. Acht Minuten später begann das Schiff in tausend Fuß Höhe über eine Stelle zu kreisen, die zehn Meilen vom Lager entfernt war. Lautlos wie eine Wolke schwebte das Aufklärungsflugzeug am Ende eines unsichtbaren Senders, der es mit dem schlafenden Lager verband. Jim saß reglos neben Adok im Kontrollraum und starrte auf den Nachtbildschirm. Hinter ihm saßen Harn und der Gouverneur. Sie alle blickten gebannt auf den Bildschirm, aber außer Jim wußte niemand, was sie eigentlich beobachten sollten. Eine Zeitlang passierte überhaupt nichts. Ab und zu verstellte Jim die teleskopischen Kontrollen, und, eine Straße oder ein Gebäude erschien vergrößert auf dem Bildschirm. Die Nachtpatrouillen drehten ihre Runden, die meisten Gebäude lagen im Dunkel, nichts Außergewöhnliches war zu sehen … Dann blinkte plötzlich ein kleines Licht im Hauptquartier auf. »Ich glaube, das ist …«, begann Jim, aber im sel- ben Augenblick schob Harn ihn beiseite, riß Adok die Kontrollhebel aus den Händen, und das kleine Flugzeug floh in Höchstgeschwindigkeit von der Szene, die sie soeben noch beobachtet hatten. Adok überließ ohne Widerstreben dem ranghöheren Offi- zier seinen Platz. Jim beugte sich vor und flüsterte in Harns Ohr: »Eine antimaterielle Waffe?« Harn nickte. Einen Augenblick später traf die Schockwelle das kleine Schiff, das in wilden Dre- hungen durch den Nachthimmel zu wirbeln begann, wie ein winziges Insekt, das von der Riesenpranke eines Monstrums beiseitegewischt wird. Harn riß an den Hebeln und brachte das Flugzeug schließlich wieder auf gleichmäßigen Kurs. Die In- sassen waren alle ein wenig angeschlagen. Der kleine Gouverneur war halb bewußtlos und blutete aus der Nase. Mit Jims Hilfe setzte Adok den Mann wieder aufrecht in seinen Sitz und schnallte ihn fest. »Hat es einen Sinn, wenn wir zurückkehren?« fragte Jim seinen Adjutanten. Harn schüttelte den Kopf., »Da gibt es nicht mehr viel zu sehen, nur einen Krater.« »Wieviel antimaterielle Energie wurde Ihrer Mei- nung nach eingesetzt?« »Ich bin kein Experte in diesen Dingen, Sir. Die totale Einheit ist so klein, daß Sie sie bequem in ei- ner Hand halten können. Das wurde zum Zweck bes- serer Handlichkeit so eingerichtet. Das Wirkungs- element in dieser Einheit ist vielleicht nicht größer als ein Sandkorn … Sir?« »Ja?« »Wenn ich fragen darf«, sagte Harn mit gleichmü- tiger Stimme, »wie sind Sie eigentlich auf den Ge- danken gekommen, daß unten im Lager eine antima- terielle Waffe eingesetzt wurde?« »Ich habe es erraten, Adjutant«, sagte Jim ernst. »Aufgrund einiger Erfahrungen, die ich hier und auf der Thronwelt gemacht habe.« »Dann war es also eine Falle«, sagte Harn aus- druckslos. »Eine Falle für mich und meine – Verzei- hung, Sir – Ihre Starkianer. Wir sollten durch die Tür gehen, durch den unbewachten Eingang des Haupt- gebäudes. Die gesamte Zehnereinheit wäre getötet worden.« »Aber, Sir, diese Kolonialisten müssen doch ge- wußt haben, daß sie bei dieser Aktion selbst zugrun- de gehen«, warf Adok ein. »Warum müssen sie das denn gewußt haben?«, Harn warf ihm einen Seitenblick zu. »Wer immer die Rebellen mit antimateriellen Waffen versorgt hat, muß sie nicht unbedingt über die Wirkung dieser Waffen unterrichtet haben.« Adok schwieg, und Jim blickte nachdenklich zu Boden. »Ich kann mir vorstellen, wie sich alles abgespielt hat«, sagte er nach einer Weile. »Als Notrals Soldat von Cluths Soldaten aufgegriffen und verhört worden war, gelangte Cluth zu der Überzeugung, daß er von dem Hochgeborenen, der ihm die antimateriellen Waffen zur Verfügung gestellt hatte, verraten worden war. Er ließ die antimaterielle Energiekapsel entfer- nen, und dabei ging sie zufällig los. Ich hatte gehofft, das Lager würde sich in zwei Parteien spalten und wir bekämen dadurch eine Chance, die antimaterielle Waffe aus Cluths Quartier zu entfernen.« »Ich verstehe, Sir«, sagte Harn. Er schwieg sekun- denlang. Dann fügte er hinzu: »Und was haben Sie jetzt vor?« »Jetzt werden wir zur Thronwelt zurückkehren«, sagte Jim grimmig. »So schnell wie möglich.« »Ja, Sir.« Dann herrschte Schweigen im Flugzeug. Bis der kleine Gouverneur sein volles Bewußtsein wiedererlangte und schluchzend um seinen toten Vetter zu trauern begann., 9. Das Schiff, daß Jim und die Starkianer auf die Kolo- niewelt gebracht hatte, war eine kleinere Ausgabe des Modells, in dem Jim von Alpha Centauri III auf die Thronwelt gereist war. Es war gerade groß ge- nug, um die Zehnereinheit der Starkianer aufzuneh- men, und es wurde nur ein einziger Ingenieur benö- tigt, der den Schiffsmechanismus kontrollierte. Das Schiff bewegte sich nach derselben ökonomischen Methode wie auch alle anderen Transportmittel der Hochgeborenen. Der Kommandant stellte sich ganz einfach das Ziel vor, überließ es dem Schiffsmecha- nismus, dieses Vorstellungsbild zu erfassen, aufzulö- sen und mit dem realen Ziel in Verbindung zu brin- gen und so das Schiff an seinen Bestimmungsort zu befördern. Beim Abflug von der Thronwelt hatte Harn II das Schiff gelenkt, da Jim kein Vorstellungsbild vom Planeten Athiya hatte. Aber beim Rückflug brauchte er keine Hilfe mehr. Er mußte sich nur irgendeinen Fleck auf der Oberfläche der Thronwelt vorstellen, zum Beispiel seine eigene Suite, und von da an über- nahm alles weitere das Schiff. Kurz vor der Landung winkte er Harn II und Adok zu sich. »Adjutant, ich möchte, daß Sie die Männer nach der Landung noch eine Weile auf dem Schiff zu-, rückhalten. Sie sollen nicht sofort in ihre Quartiere gehen. Warten Sie hier, bis Sie von mir hören.« Harn schwieg lange. Schließlich sagte er: »Das verstößt gegen die üblichen Gepflogenheiten. Es ist ein Befehl, nehme ich an?« »Es ist ein Befehl.« »In diesem Fall kann Ihr Befehl nur von einer an- ders lautenden Anordnung des Herrschers aufgeho- ben werden. Oder wir Starkianer können uns dem Befehl widersetzen, wenn wir der Überzeugung sind, daß er nicht den Wünschen des Herrschers ent- spricht. Aber nach dem, was wir erlebt haben, neige ich nicht zu der Auffassung, daß Ihre Befehle dem Willen des Herrschers nicht entsprechen.« »Dessen können Sie sicher sein, Adjutant«, sagte Jim langsam. »Nur das Wohl des Herrschers diktiert meine Handlungen. Und diesem Wohl wird besser gedient, wenn Sie und die Zehnereinheit auf dem Schiff bleiben und vorderhand nicht gesehen wer- den.« »Ja, Sir. Kehren Sie jetzt in Ihre Räume zurück?« »Das werde ich tun. Und ich nehme Adok mit.« Er berührte Adoks Arm und gelangte mit ihm in seine Suite. Sie war leer. Sofort versetzte er sich in Ros Wohnung. Ro saß gerade im Aufenthaltsraum der Haustiere und war damit beschäftigt, der affenartigen Kreatur die Nägel zu schneiden. Als sie ihn erblickte, ließ sie, sofort die Schere fallen und stieß einen Freuden- schrei aus. Sie stürzte sich auf ihn und erwürgte ihn fast vor Begeisterung, ihn wiederzusehen. »Jim! Oh, Jim!« Er strich ihr sanft über den Kopf und löste dann ih- re Arme von seinem Hals. »Es tut mir leid, aber die Angelegenheit ist sehr dringend.« Sie kicherte und schien gar nicht zu spüren, daß er ihre Hände festhielt. Ihre Blicke glitten über ihn. »Ist das Ihre Starkianer-Uniform? Sie sehen groß- artig darin aus! Sind die Bänder noch energiegela- den?« »Ja.« Jim wußte nicht recht, wie er sich angesichts dieser ungewohnten, übermütigen Heiterkeit Ros verhalten sollte. »Wirklich?« stieß sie glucksend hervor. »Dann zeigen Sie es mir! Zerschmettern Sie diese Wand da …« Plötzlich unterbrach sie sich, und ihr Gesicht wurde ernst. »Nein, nein … Das will ich natürlich nicht. Ich weiß gar nicht, was in mich gefahren ist … Was ist los, Jim? Sie sehen besorgt aus.« »Besorgt?« er ließ ihre Hände los. »Nicht direkt – aber es könnte etwas passieren, daß uns Grund genug zur Sorge gäbe. Sagen Sie mir, Ro … Was auf der Thronwelt ist blau?« »Blau? Sie meinen die Farbe Blau?« Er nickte. »Nun, normalerweise benutzen wir die Farbe weiß«,, sagte sie nachdenklich. »Das wissen Sie. Gelegent- lich kommt etwas Rot dazu. Ich bezweifle, ob es heutzutage viele blaue Dinge auf der Thronwelt gibt, außer vielleicht ein paar Reiseandenken, die der eine oder der andere Hochgeborene von einem Ausflug auf eine Koloniewelt mitgebracht hat.« »Denken Sie scharf nach!« sagte Jim drängend. »Aber da gibt es wirklich nichts – oh!« Sie unter- brach sich. »Es sei denn, Sie wollen auch die ganz gewöhnlichen Dinge mitzählen. Der Himmel hier ist blau, auch das Wasser … Oh, und dann wäre viel- leicht noch die Blaue Bestie des Herrschers zu er- wähnen.« »Die Blaue Bestie?« Seine Stimme klang so scharf, daß sie blaß wurde. »Aber ja, Jim«, sagte sie und starrte ihn verwun- dert an. »Aber das ist nichts Besonderes. Es ist nur ein Spielzeug, mit dem er als Baby gespielt hat. Aber dann bekam er Alpträume davon, und man versteckte die Blaue Bestie. Ich weiß nicht, wo sie jetzt ist, und ich bezweifle, ob irgend jemand anderer das heutzu- tage noch weiß. Aber es wurde so schlimm mit dem Herrscher, daß ihn jeder blaue Gegenstand aufregte. Deshalb darf auch nichts Blaues herumliegen, wenn der Herrscher in der Nähe ist. Aber warum interes- siert Sie das, Jim?« Er hörte ihre Frage nicht. Seine Gedanken über- schlugen sich., »Ich muß sofort mit Vhotan sprechen«, stieß er hervor. »Wo kann ich ihn finden?« »Jim, was ist denn los?« fragte sie erschrocken. »Vhotan ist beim Herrscher. Aber Sie können jetzt nicht geradewegs zu ihm gehen. Ich weiß, Sie haben das schon einmal getan, und es ist Ihnen nichts pas- siert. Aber jetzt dürfen Sie es nicht tun! Gerade jetzt nicht!« »Warum gerade jetzt nicht?« Sie wich einen Schritt von ihm zurück. »Jim …«, stammelte sie unsicher. »Nicht …« Jim zwang sich, seinem Gesicht wieder einen ru- higeren Ausdruck zu geben. »Also gut. Und jetzt sagen Sie mir, warum ich ge- rade jetzt nicht zum Herrscher gehen kann.« »Weil gerade jetzt auf fast allen Koloniewelten Revolten ausgebrochen sind. Vhotan hat schon so viele Starkianereinheiten ausgesandt, die die be- drängten Gouverneure unterstützen sollen, daß sich kaum mehr Starkianer auf der Thronwelt befinden. Er hat nicht einmal eine Sekunde Zeit, um mit irgend jemandem zu sprechen …« Sie brach ab und starrte ihn entgeistert an. »Jim, sagen Sie mir, was los ist!« Aber wieder hörte er ihr nicht zu. Seine Gedanken rasten unter dem Anprall der neuen Information. Se- kundenlang starrte er blicklos durch das transparente Fenster auf die Meereswogen, die den Strand um-, spülten … Auch hier eine Meeresbucht? Der Gedan- ke, daß Ro überall ein Stück Sandstrand und ein biß- chen Meer mit sich schleppte, um Afuans Haustieren eine hübsche Aussicht zu bieten, war so grotesk, daß er Jim wieder in die Gegenwart zurückriß. »Ich möchte mit Slothiel in Verbindung treten. Und dann werden wir vier – Sie, ich, Slothiel und Adok – zu Vhotan gehen, egal, ob er beim Herrscher ist oder nicht.« »Sind Sie verrückt, Jim? Sie können dem Herr- scher nicht unter die Augen kommen, solange Sie noch diese Bänder tragen. Niemand darf in seiner Gegenwart bewaffnet sein, außer mit einer kleinen Rute. Seine Starkianer würden Sie aus einer reinen Reflexbewegung heraus sofort bei Ihrem Erscheinen töten. Wenn ich also schon bei diesem Wahnsinn mitmache, dann ziehen Sie wenigstens diese Bänder aus! Sie auch Adok!« Sie warf dem Starkianer über Jims Schulter hin- weg einen Blick zu, und ihre Finger hatten schon be- gonnen, die Bänder von Jims Armen zu streifen. Sie hatte unleugbar recht, und nach einer Weile half er ihr. Bald war er unbewaffnet, abgesehen von der Ru- te, die er im Gürtel trug. Auch Adok hatte seine E- nergiebänder inzwischen abgelegt. »Und jetzt gehen wir zu Slothiel«, sagte Jim zu Ro. »Zeigen Sie uns bitte den Weg.« Sie berührte seinen Arm, und einen Augenblick, später tauchten die drei in einer anderen Suite auf. »Slothiel!« rief Jim. Keine Antwort. »Er ist nicht da«, sagte Ro. »Und es ist sinnlos, wenn wir nach ihm suchen. Am besten warten wir hier auf ihn?« »Warten? Dazu haben wir keine Zeit. Können wir nicht…?« Er brach ab, denn in diesem Augenblick erschien Slothiel. »Willkommen daheim, Jim«, sagte er. »Sie sind der erste unserer Eroberer, der wieder zurückgekehrt ist. Ich hörte bereits, daß Sie gelandet sind, aber als ich Sie in Ihrer Suite besuchen wollte, waren Sie nicht da. Ich sah bei Ro nach, aber dort fand ich nur ein paar Energiebänder. Aber jetzt sind Sie ja hier.« Er lächelte und bedeutete Jim und Ro, auf den Kissen Platz zu nehmen. Adok ignorierte er. »Setzen Sie sich, bitte. Wollen Sie etwas essen o- der trinken? Ich werde …« »Nein, danke«, unterbrach ihn Jim. »Slothiel, sind Sie regierungstreu gesinnt?« Slothiel hob die Brauen. »Mein lieber Ex-Wolfling, alle Hochgeborenen sind regierungstreu«, sagte er gedehnt. »Wie könnten wir sonst loyal zu uns selbst sein?« »Es gibt verschiedene Arten von Loyalität. Ich fragte nicht, ob Sie loyal im akademischen Sinn sind, ich meinte, ob Sie loyal im – sagen wir – starkiani-, schen Sinn sind.« Slothiel zuckte zusammen und runzelte die Stirn. »Was für eine Art von Katechismus ist das, Jim?« Seine Stimme klang nicht mehr träge wie zuvor, sondern hatte einen angespannten Unterton. »Sie haben meine Frage nicht beantwortet, Slothiel«, sagte Jim. »Soll ich Sie denn beantworten?« murmelte Slothiel wie zu sich selbst. Sein Blick war starr auf Jim gerichtet. »Immerhin bin ich ein Hochgeborener, und Sie sind nur ein Ex-Wolfling, ein Wesen niede- rer Rasse … Doch, ich will Ihnen antworten. Ich bin loyal, Jim.« Seine Stimme klang immer schärfer. »Und jetzt möchte ich wissen, was das zu bedeuten hat. Ich verlange eine klare Antwort.« »Meine starkianische Zehnereinheit wurde auf Athiya in eine Falle gelockt«, erwiderte Jim gleich- mütig. »Und diese Falle war mit einer antimateriellen Waffe ausgerüstet.« »Antimaterielle Waffe?« Sekundenlang war Slothiels Gesicht starr vor Staunen, Doch dann durchlief sein Verstand blitzschnell alle Folgerungen, die diese unglaubliche Information mit sich brachte. »Wir sollten darüber mit Vhotan sprechen, Jim.« »Das hatte ich bereits vor. Ich wollte nur vorher mit Ihnen sprechen und Sie bitten, mich, Ro und Adok zu Vhotan zu begleiten.« »Ro und Adok? Es genügt, wenn wir beide …«, »Nein. Ich brauche Adok, weil er die Vorfälle be- zeugen kann. Und Ro soll uns begleiten, weil das für sie am sichersten ist.« »Am sichersten?« Jim warf Ro einen raschen Sei- tenblick zu. Das Mädchen starrte Jim verständnislos an. »Oh – jetzt weiß ich, was Sie meinen«, sagte Slothiel. »Sie könnte gefangengenommen und als Geisel benutzt werden. Also gut, gehen wir. Komm, Starkianer!« Er winkte Adok heran, und alle vier verschwanden. Sie erschienen in einem Raum, der größer war als der, in dem Jim dem Herrscher und Vhotan früher einmal begegnet war. Er sah wie ein Ballsaal aus, und an seinem einen Ende befand sich eine Vorhalle. Die anderen Wände waren bis zur hohen weißen De- cke hinauf mit grünen Tapeten bespannt. In der Mitte drehte sich ein merkwürdiges Instrument mit einem baseballförmigen Kopf, das verschiedene Muster in allen Farben außer Blau auf die weiße Decke proji- zierte. Der Herrscher ruhte auf einem Kissen und starrte verzückt auf die Muster. Hinter ihm standen drei Starkianer, mit Energie- bändern und Ruten bewaffnet. Vhotan stand etwa zwanzig Schritte vom Herrscher entfernt vor einer Tischplatte, die mit Stiften bedeckt war. Als Jim mit seinen Begleitern auftauchte, zogen die drei Starkianer automatisch die Ruten aus den, Gürteln. Vhotans Kopf ruckte empor, aber als er Slothiel sah, winkte er den Starkianern, worauf sie die Ruten wieder einsteckten. Langsam ging Vhotan auf die Neuankömmlinge zu und musterte Jim stirn- runzelnd. »Ich wurde noch nicht benachrichtigt, daß Ihre Zehnereinheit in die Quartiere zurückgekehrt ist. Ich kann die Männer gerade jetzt sehr gut brauchen.« »Genau deshalb habe ich ihnen befohlen, ihre Quartiere noch nicht aufzusuchen.« Vhotans Gesicht verdüsterte sich. »Was soll das heißen?« fragte er schneidend. »Wer hat Ihnen das Recht gegeben …« Das plötzliche Auftreten eines Dieners, der die gleiche olivgrüne Gesichtsfarbe wie Melness hatte, unterbrach ihn. Der Mann überreichte Vhotan eine weiße Schachtel. »Dies wurde soeben abgegeben, Vhotan. Der Gouverneur von Alpha Centauri ließ es durch Prin- zessin Afuan senden.« »In Ordnung«, sagte Vhotan mürrisch, und der Diener verschwand wieder. Vhotan stellte die Schachtel auf seine Tischplatte, strich darüber und nahm den Deckel ab. Sein Gesicht wurde noch fin- sterer. »Was ist denn das?« »Oh!« sagte der Herrscher. Er war aus seiner Ver- sunkenheit erwacht, hatte sich von den prächtigen, Bildern an der Decke losgerissen und trat neben Vhotan. Interessiert spähte er in die Schachtel und nahm einen Granitklumpen heraus, der etwa drei Zoll im Durchmesser maß. »Da liegt auch noch ein Schreiben bei.« Oran holte eine Karte aus der Schachtel. »Auf Ersuchen meines guten Freundes Jim Keil«, las er vor, »sende ich dem Hochgeborenen Vhotan dieses Felsmuster von seinem Heimatplaneten Erde.« Der Herrscher lächelte Vhotan erfreut an. »Ein Geschenk für dich, Vhotan. Von unserem Ex-Wolfling. Da, nimm!« Er warf Vhotan den Stein- klumpen zu, und der alte Hochgeborene hob automa- tisch die Hände, um ihn aufzufangen. Seine Rechte schloß sich um den Granit, und so- fort war er von glänzendem blauem Licht übergös- sen, das seine Umrisse verzerrte und seine menschli- che Gestalt in einen mächtigen Tierkörper verwan- delte. Der Herrscher schrie auf, taumelte zurück und schlug die langfingrigen Hände vors Gesicht. »Mein Neffe …« Das war Vhotans Stimme, doch sie klang seltsam verzerrt, war zu einem grollenden Baß verstümmelt worden. Er hob eine plumpe, blau- schimmernde Pfote und trat mit beschützender Geste auf den Herrscher zu. Wieder schrie der Herrscher auf, taumelte noch ein paar Schritte zurück und stolperte beinahe über ein, Kissen. Seine Absätze klapperten laut über den glat- ten Steinboden, bis der Teppich der Vorhalle seine Schritte verschluckte. »Die Blaue Bestie!« schrie er. »Tötet sie! Tötet sie!« Die drei Starkianer zögerten, aber nur den Bruch- teil einer Sekunde lang. Dann flogen die drei Ruten gleichzeitig aus den Gürteln. Die blauglänzende Ge- stalt Vhotans, der noch immer mit ausgestreckten Händen auf den Herrscher zuging, wurde von wei- ßem Feuer überflutet. Das blaue Licht erlosch, und ein kleiner rötlicher Felsklumpen rollte über den Teppich. Reglos lag Vhotan da, mit unversehrtem Gesicht. Aber sein Körper und seine Glieder waren von tiefen Brand- wunden bedeckt. Kein Laut durchdrang die drückende Stille. Aus geweiteten Augen starrte der Herrscher den Toten an. Nur langsam kam wieder Leben in ihn. »Onkel?« stieß er mit bebender Stimme hervor. »Onkel?« Mit schwankenden Schritten ging er auf Vhotan zu. Seine Schultern sanken nach vorn, und sein Ge- sicht verzerrte sich schmerzhaft, als er auf Vhotans unverletztes Gesicht herabsah. Nach diesem gewalt- samen Tod war Vhotans Gesicht seltsam heiter. Sei- ne Augen und sein Mund waren geschlossen, seine Gesichtsmuskeln entspannt., »Vhotan …«, flüsterte der Herrscher. Wie erstarrt stand er da, über Vhotan gebeugt, die Arme nach dem Toten ausgestreckt. Langsam ging Slothiel auf ihn zu. »Oran!« Plötzlich klang heiteres Gelächter am anderen En- de des Ballsaals auf. Aus den Augenwinkeln sah Jim, wie die Starkianer herumwirbelten und die Ruten hoben. Dann ertönten drei erstickte Schreie, und als Jim den Kopf wandte, sah er die drei Starkianer stolpern und fallen. Jim blickte zum Ende des Ballsaals, und im selben Augenblick trat Galyan hinter einem grü- nen Vorhang hervor, eine schwarze Rute in der Rechten und einen merkwürdigen Revolver mit lan- gem, gewundenen Lauf in der Linken. Hinter ihm tauchten Afuan und Melness auf. Mit einer verächtli- chen Handbewegung schleuderte Galyan den Revol- ver von sich. Die Waffe rutschte über den glatten Boden, bis sie vom Fuß eines toten Starkianers auf- gehalten wurde. Galyan ging auf die Vorhalle zu, gefolgt von Mel- ness und Afuan. Seine Schritte hallten laut durch die reglose Stille. Vor Jim blieb er stehen und lachte. »Sie sind wirklich ein Problem, Wolfling«, sagte er. »Nicht nur, daß sie lebend zurückkommen, Sie zwingen mich sogar entgegen meiner Absicht zum vorzeitigen Handeln. Aber jetzt ist alles in Ordnung.«, Er ging weiter, und als er die Vorhalle erreichte, blieb er erneut stehen und blickte Slothiel an. »Nein. Slothiel«, sagte er spöttisch. »Nicht ›Oran‹, sondern ›Galyan‹. Sieh zu, daß du das beizeiten lernst.« 10. Das Echo von Galyans Worten dröhnte noch in ihren Köpfen. Jim sah, wie Slothiel sich hoch aufrichtete. Galyan war der größte Hochgeborene, den Jim kann- te, mit Ausnahme des Herrschers. Aber Slothiel war beinahe ebenso groß. Und jetzt, als er seine gleich- mütige Haltung aufgegeben hatte, konnte man erst richtig sehen, wie groß er war. »Du wirst mich nie dazu bringen«, sagte er mit trockener, harter Stimme. »Slothiel, sei kein Idiot …«, begann Afuan, aber Galyan schnitt ihr das Wort ab. Seine zitronengelben Augen flackerten. »Slothiel hat ganz recht. Wer sind wir schon, daß wir Slothiel etwas befehlen könnten?« »Wir?« Slothiel lächelte bitter. »Sprichst du schon im Pluralis majestatis?« »Habe ich wir gesagt? Da muß ich mich verspro- chen haben.« »Du hast also nicht vor, ihn zu töten?« Mit einer leichten Kopfbewegung wies Slothiel auf die erstarr-, te Gestalt des Herrschers. »Ihn zu töten? Natürlich nicht. Ich werde für ihn sorgen. Vhotan hat nie besonders gut für ihn gesorgt. Wie du weißt, geht es ihm nicht gut.« »Und Sie wollen dem abhelfen?« mischte sich Jim ein. »Nur Geduld, kleiner Wolfling.« Galyans Blick flog zu Jim herüber. »Sie kommen auch noch dran. Im Augenblick aber amüsiere ich mich mit Slothiel.« »Du amüsierst dich?« stieß Slothiel mit grimmiger Ironie hervor. »Du solltest dir besser eine Erklärung für Vhotans Tod ausdenken.« »Wieso ich?« Galyan lachte auf. »Die Starkianer haben Vhotan auf den Befehl des Herrschers hin ge- tötet. Das hast du doch gesehen.« »Und wer hat die Starkianer getötet?« »Du natürlich. Du hast die Beherrschung verloren, als du sahst, wie Vhotan grundlos sterben mußte …« »Grundlos?« echote Slothiel. »Und was war mit dem blauen Licht? Und dem Gouverneur von Alpha Centauri? Jim hat ihn nicht darum gebeten, Vhotan ein Geschenk zu senden. Das war dein Werk.« Galyan schnippte mit den Fingern, und Melness lief zu dem kleinen Granitstückchen, hob es auf und steckte es in die Tasche. Dann versteckte er sich ha- stig wieder hinter Galyan. »Welches blaue Licht?« fragte Galyan. »Ich verstehe«, sagte Slothiel und holte tief Luft., »Aber ich habe die Starkianer selbstverständlich nicht getötet.« »An deiner Stelle würde ich nicht herumspazieren und das den anderen Hochgeborenen erzählen. Der Herrscher braucht jemanden, der sich um ihn küm- mert. Jetzt, da Vhotan tot ist, werde ich den Platz meines Onkels einnehmen. Wenn du also herum- läufst und wilde Geschichten erzählst, könnte der Herrscher beschließen, daß du zu deiner eigenen Si- cherheit eine Spezialbehandlung und Isolierung brauchst.« »So?« sagte Slothiel gedehnt. »Aber sogar wenn ich den Mund halte, wirst du es nicht einfach haben. Diese drei Starkianer wurden von einem schwerkali- brigen Streurevolver getötet. Wenn die anderen Star- kianer zurückkommen, werden sie sich fragen, war- um ihre Gefährten von Ruten getötet werden konn- ten, wo sie doch voll mit Energiebändern bewaffnet waren. Ich kann beweisen, daß ich schon seit Jahren nicht mehr in die Nähe des Arsenals schwerkalibri- ger Waffen gekommen bin.« »Zweifellos«, sagte Galyan. »Aber die anderen Starkianer werden nicht zurückkommen.« Slothiel warf Jim einen raschen Blick zu, und die- ser nickte. »Der Wolfling hat also von unseren kleinen Fallen auf den Koloniewelten erzählt?« Galyan lächelte spöttisch. »Dann weißt du es ja, Slothiel. Die Star-, kianer werden nicht zurückkommen. Ich habe vor, neue Starkianer zu kreieren, Starkianer, die nicht dem Herrscher, sondern mir verantwortlich sind. Du hast also gar keine andere Wahl, Slothiel. Entweder du schweigst, oder du wirst dich aus dem gesell- schaftlichen Leben zurückziehen.« Slothiel lachte und zog die Rute aus Adoks Gürtel. Galyan lachte ebenfalls, und in seiner Stimme klang ein verächtlicher Unterton mit. »Hast du den Verstand verloren, Slothiel? Wir ha- ben schon als Kinder miteinander gekämpft. Deine Reflexe sind wirklich sehr schnell, aber du weißt doch, daß niemand schneller ist als ich. Außer …« Er blickte zu dem immer noch schreckerstarrten Herr- scher hinüber. »Aber als Männer haben wir es noch nicht mitein- ander versucht«, sagte Slothiel. »Außerdem geht mir dein ganzes Getue auf die Nerven. Ich würde dich gern töten.« Er trat einen Schritt vor. Blitzschnell wich Galyan zurück und zog die Rute aus seinem Gürtel. »Sollen wir wetten, Slothiel? Wetten wir um eine Verbannungsanzahl von Lebenszeitpunkten. Wie wä- re es mit zwölf Punkten? Damit käme jeder von uns über die Höchstgrenze.« »Ich glaube, ich habe die Lust am Wetten verlo- ren«, sagte Slothiel und folgte Galyan, der Schritt für Schritt in die Mitte des Saals zurückwich. »Mir steht, der Sinn nach etwas viel Aufregenderem.« Endlich blieb Galyan stehen. Sie blickten sich an, ein Dutzend Schritte voneinander entfernt, die brei- ten Schultern vorgeneigt, die gesenkten Ruten in der Hand. Plötzlich spie die Rute in Slothiels Hand weißes Feuer, und im selben Augenblick warf er sich zur Seite, um Galyans Angriff auszuweichen. Galyan duckte sich unter dem weißen Blitz, der an der Stelle aufzuckte, wo vor einem Sekundenbruchteil noch seine Rutenspitze gewesen war. Er wirbelte herum und schoß Feuer aus seiner Rute. Wenn er ein klein wenig schneller reagiert hätte, wäre es ihm gelungen, sein Feuer unter die Feuerlinie von Slothiels Rute zu zielen. Aber der Augenblick, in dem Galyan sich zur Seite gedreht hatte, gab Slothiel genug Zeit, das Ziel seiner Waffe zu senken, und so traf Galyans Angriff genau auf Slothiels Gegenangriff. Die zwei Feuer- strahle zerstoben in einem harmlosen Funkenregen. Von diesem Augenblick an waren die beiden Feuer miteinander verschmolzen. Jim hatte bei seinen Waffenübungen mit Adok entdeckt, daß der Kampf mit den Ruten einem Sä- belgefecht glich, vorausgesetzt, man verwendete Sä- bel, die beliebig oft ihre Länge ändern konnten. Im Innern der Ruten befanden sich weiße Feuerstrahlen, die sich nach dem Willen des Kämpfers von drei Zoll bis zu zehn Fuß ausdehnen konnten. Die Spitze des, Feuerstrahls konnte nur von der Spitze eines anderen blockiert werden. Wenn die Spitze ihr Ziel verfehlte, konnte die Feuerspitze des Gegners den Strahl des Angreifers durchbrechen. Slothiel und Galyan bewegten sich über den schimmernden Boden, beide vorsichtig darauf be- dacht, sich nicht gegen die grünen Vorhänge drängen zu lassen. Funken sprühten aus ihren miteinander verbundenen Feuerspitzen. Ein grimmiges Lächeln lag auf Galyans Gesicht. Slothiel kämpfte mit träu- merischer Sicherheit, und sein Gesicht wirkte völlig entspannt, als ob es sich um einen sportlichen Wett- kampf und nicht um ein Duell auf Leben und Tod handeln würde. Aber Slothiels scheinbare Gleichgültigkeit wurde durch den weiteren Verlauf des Kampfes Lügen ge- straft. Vor wenigen Wochen hätte das Duell in Jims Augen noch wie ein geschmeidiger, kunstfertiger Tanz zweier großer Männer ausgesehen, die römi- sche Kerzen in der Hand halten. Jetzt wußte er es besser. Und er wußte auch, daß der Kampf nur einen Ausgang haben konnte. So geschickt und schnell Slothiel auch war, so hatte Galyan doch schon ein dutzendmal beinahe die Ineinanderkettung der beiden Feuerspitzen gebrochen. Früher oder später würden Slothiels Glück und seine Wendigkeit nicht mehr ausreichen, um ihn vor Galyans Angriffen zu bewah- ren., Galyan war tatsächlich der Schnellere. Und in ei- nem solchen Duell bedeutete das alles. Und dann kam das Ende. Galyan schnellte plötz- lich zur Seite, sein Feuerstrahl zuckte an Slothiels Gegenangriff vorbei und traf dessen linken Oberarm, den Arm, mit dem er die Rute hielt. Slothiel sank auf sein rechtes Knie, sein linker Arm baumelte herab, und seine Rute glitt ihm aus der Hand. Lachend blickte er zu Galyan auf. »Du findest das komisch, nicht wahr?« keuchte Galyan. »Ich werde dieses Lachen aus deinem Ge- sicht wischen!« Galyan schwang die Rute hoch, wollte sie in Slothiels Gesicht sausen lassen. »Galyan!« schrie Jim und rannte auf die beiden Männer zu. Jims Stimme unterbrach Galyans Schleuderbewe- gung nicht, aber beim Klang von Jims eiligen Schrit- ten wirbelte er herum. Jim hatte im Laufen seine Ru- te aus dem Gürtel gezogen. Er fand gerade noch Zeit, einen Feuerstrahl aus ihr zu schießen, bevor Galyans Feuerspitze die seine in einer Funkenfontäne traf. Hoch über seinem Kopf löste Jim seinen Feuer- strahl aus dem Galyans und trat zurück. Galyan schüttelte lachend den Kopf. »Wolfling, Wolfling … Sie haben immer noch nicht begriffen, was ein Hochgeborener ist. Soll ich Ihnen eine Lektion erteilen?«, »Jim!« rief Slothiel, der hinter Galyan kniete. »Tun Sie es nicht! Sie haben keine Chance! Laufen Sie davon!« »Sie irren sich beide.« Jetzt, da er Galyan direkt gegenübertrat, war er kalt wie Eis. Er griff den Hochgeborenen an, und nachdem ihre Feuerspitzen ein dutzendmal aufeinandergeprallt und sich wieder voneinander gelöst hatten, hob Galyan erstaunt die Brauen. »Nicht schlecht. Für einen Nichthochgeborenen sogar sehr gut, und für einen wilden Mann geradezu unglaublich. Es fällt mir wirklich schwer, Sie zu ver- nichten, Wolfling. Sie hätten mir nützlich sein kön- nen.« Jim antwortete nicht. Er kämpfte vorsichtig und konzentriert, stets darauf bedacht, Galyans Feuer- spitze nicht an seiner eigenen vorbeizulassen und sich nicht gegen die Wand drängen zu lassen. Wenn er auf der Erde nicht einige Erfahrung im Kampf mit Rapier, Schwert und Säbel gesammelt hätte, wäre er nie imstande gewesen, während der wenigen Wo- chen, die er mit Adok geübt hatte, die Technik des Rutenkampfes so gut zu erlernen. Und jetzt trug die- se Kenntnis, zu der noch seine angeborene Geschick- lichkeit kam, ihre Früchte. Im weiteren Verlauf des Duells wurden seine Bewegungen immer sicherer, immer gefährlicher. »Warum sollte ich Sie eigentlich wirklich ver-, schwenden, Wolfling?« keuchte Galyan, als sich ihre Gesichter während einer Kampfaktion einander nä- herten. Die weiße Haut des Hochgeborenen glänzte schweißnaß. »Seien Sie doch vernünftig! Zwingen Sie mich nicht, Sie zu töten. Slothiel muß jetzt so- wieso sterben – jetzt. Aber mit Ihnen habe ich andere Pläne. Sie sollen der Führer meiner neuen Starkianer werden.« Jim schwieg. Aber er erhöhte den Druck seiner Angriffe. Plötzlich hörte er schnelle Schritte hinter sich, hörte Ros Stimme. »Zurück!« Er wagte nicht, sich umzublicken. Aber ein paar Sekunden später stand er mit dem Gesicht zu der Vorhalle, und da sah er Ro neben Slothiel stehen. Sie hatte die Rute aufgehoben, die Slothiel fallen gelas- sen hatte, und hielt damit Afuan in Schach. Melness lag ausgestreckt zu Adoks Füßen, und es sah so aus, als sei dem Oberaufseher das Genick gebrochen worden. Nur die reglose Gestalt des Herrschers, der sich noch immer über Vhotan beugte, hatte ihre Stel- lung nicht geändert. »Wofür halten Sie sich eigentlich?« schrie Galyan. »Wenn ich mit Ihnen spreche, so haben Sie zu ant- worten, Wolfling!« Jim wehrte einen hoch emporgezogenen Angriff des Hochgeborenen ab und löste seine Feuerspitze wortlos wieder aus der Galyans., »Also gut«, sagte Galyan und zeigte seine Zähne in einem beinahe mechanischen Lächeln. »Ich habe jetzt genug. Bisher habe ich mit Ihnen nur gespielt, weil ich hoffte, Sie würden Vernunft annehmen. Aber jetzt ist meine Geduld zu Ende. Ich werde Sie töten.« Blitzschnell griff der Hochgeborene an, und Jim kämpfte um sein Leben. Galyan hatte eine viel grö- ßere Reichweite als Jim, und er nutzte sie genauso wie die größere Muskelkraft seiner Beine. Jim parier- te die Angriffe zwar rasch und geschickt, war aber dennoch gezwungen, Schritt für Schritt zurückzu- weichen. Immer näher kam Galyan an ihn heran. Als Jim nach rechts ausweichen wollte, wurde ihm der Weg von Galyans weißem Feuerblitz versperrt. Als er nach rechts ausbrechen versuchte, verwehrte ihm Galyan auch dies. Aus den Augenwinkeln sah er drei Wände des Saales, und aus ihrer Entfernung konnte er schließen, daß die vierte Wand dicht hinter seinem Rücken war. Wenn Galyan ihn an der Wand festna- geln konnte, würde Jims Bewegungsfreiheit so be- schränkt sein, daß das Duell zu einem raschen Ende kommen mußte. Galyan fletschte die Zähne, und Schweiß tropfte von seinem Kinn. Seine große Reichweite ließ Jim weder nach links noch nach rechts ausweichen. Und bald würde Jim auch nicht mehr zurückweichen kön- nen. Es gab nur einen Ausweg aus diesem Flammenge-, fängnis, mit dem Galyan ihn einkerkerte. Er mußte dem Hochgeborenen mit einem Angriff begegnen, der Galyan zum Anhalten und dann zum Zurückwei- chen zwingen würde. Und gegen Galyans Reichweite konnte Jim nur mit Schnelligkeit aufkommen. Jim mußte schneller als der Hochgeborene sein. Er durfte nicht länger zögern. Jim löste seine Feu- erspitze aus der Galyans und startete einen wilden Angriff. In der ersten Überraschung trat Galyan drei Schritte zurück. Aber dann hielt er seine Stellung. Heiser lachte er auf. Er schien etwas sagen zu wol- len, aber dann zog er es doch vor, nicht damit seinen Atem zu verschwenden. Zwölf Kampfaktionen lang standen sie wie festgefroren auf dem glänzenden Bo- den, und keiner wich auch nur einen Zoll zurück. Mit mörderischer Geschwindigkeit vereinten und trennten sich jetzt die Feuerspitzen, mit einer Schnel- ligkeit, die man kaum eine Minute durchstehen konn- te, ohne vor Erschöpfung und Atemnot zusammen- zubrechen. Aber Jim brach nicht zusammen. Lang- sam begannen sich Galyans Augen zu weiten. Er starrte Jim durch die beiden funkensprühenden Feu- erströme an. »Sie – können – nicht …«, ächzte er. »Ich kann …«, keuchte Jim. Plötzlich verzerrte sich Galyans Gesicht zu einer wütenden Fratze. Er löste sich aus Jims blitzschnellen Angriffen und ließ seine weiße Feuerspitze kreisen., Das war eine simple Methode, Jims Angriffe ab- zuwehren. Wenn Galyans Feuerspitze über die Jims hinwegflog, würde er einen Sekundenbruchteil lang Zeit haben, Jim zu vernichten. Galyans Flamme wir- belte auf und ab, und die Jims begleitete das wilde Kreisen. Minutenlang dauerte das verzweifelte Rasen an, ohne daß Galyan einen Vorteil gewann – und dann war es Jim, dessen Feuerspitze über die Galy- ans hinwegsauste. Die volle Kraft der weißen Flamme schlug in die ungeschützte Brust des Hochgeborenen. Galyan schwankte und stürzte zu Boden, seine Ru- te schwang empor, und die Flamme streifte Jims rechte Seite unterhalb der Rippen, bevor sie aus der Hand des Hochgeborenen glitt. Jim spürte eine plötz- liche innere Kälte und Leere. Und dann lag Galyan verkrümmt zu seinen Füßen. Langsam hob Jim den Kopf. Seine Lungen arbeite- ten heftig, um seinen erschöpften Körper neu mit Sauerstoff zu versorgen. Durch schweißblinde Augen sah er, daß Slothiel nun die Rute hielt, mit der Ro vorhin Afuan abgewehrt hatte. Erstaunlicherweise stand Slothiel wieder auf seinen Füßen, obwohl er sich schwer auf Ro stützen mußte. Als Jim wieder genug Atem hatte, um seine Beine bewegen zu kön- nen, entfernte er sich langsam von Galyans Leiche und ging auf Slothiel und Ro zu. »Jim …« Slothiel starrte ihn verwundert an und, steckte langsam die Rute in seinen Gürtel. Jetzt igno- rierte er Afuan. »Was sind Sie?« »Ein Wolfling«, sagte Jim. »Und wieso sind Sie schon wieder auf den Beinen?« Slothiel lachte, aber es klang nicht sehr freudig. »Mit Hilfe unserer Energiequellen genesen wir Hochwohlgeborenen sehr schnell. Und wie geht es Ihnen?« »Ganz gut.« Jim preßte den Ellbogen eng gegen seine rechte Seite. »Und jetzt ist es wohl an der Zeit, daß ich heimkehre.« »Sie wollen heimkehren?« Slothiel blickte ihn ver- ständnislos an. »Ich werde auf die Erde zurückkehren – zu der Welt, von der ich komme«, erklärte Jim. »Je sorgfäl- tiger diese Affäre vertuscht wird, desto besser für den Herrscher. Niemand wird mich vermissen, wenn ich verschwinde, und Sie können den anderen Hoch- geborenen sagen, Galyan hätte Vhotan und die Star- kianer in einem Anfall von Wahnsinn getötet, und Sie hätten ihn daraufhin töten müssen, um den Herr- scher zu schützen.« Er blickte zu Afuan hinüber, die wie eine hohe, weiße Statue dastand. »Das heißt, wenn Sie die Prinzessin zum Schwei- gen überreden können.« Slothiel schenkte ihr nur einen kurzen Blick. »Afuan wird einer Meinung mit mir sein. Galyan, sagte vorhin, der Herrscher könnte eine Spezialbe- handlung und Isolierung für mich beschließen, wenn ich nicht schweige. Dasselbe kann auch Afuan pas- sieren.« Er nahm die Hand von Ros Schulter und ging, noch ein wenig hinkend, aber Herr seiner Kräfte, zu der reglosen Gestalt des Herrschers. Jim und Ro folgten ihm. Slothiel berührte den Herrscher leicht am Arm. »Oran …«, sagte er sanft. Sekundenlang rührte sich der Herrscher nicht. Dann richtete er sich langsam auf, blickte sich um, und ein warmes Lächeln trat auf sein Gesicht. »Slothiel! Gut, daß du so schnell kommst. Ich kann Vhotan nirgends finden. Vor wenigen Minuten war er noch da, und ich könnte schwören, daß er den Raum nicht verlassen hat. Aber jetzt ist er völlig ver- schwunden.« Der Blick des Herrschers glitt suchend durch den ganzen Saal, wanderte die mit den grünen Vorhängen verkleideten Wände empor, über die Decke hinweg, auf der sich immer noch die bunten Bilder bewegten. Er blickte überall hin – nur nicht auf die reglose Ge- stalt zu seinen Füßen. »Ich hatte einen Traum, Slothiel«, sagte der Herr- scher nachdenklich. »Letzte Nacht – oder vielleicht war es auch schon die vorletzte… Ich träumte, daß Vhotan tot sei, daß Galyan tot sei. Und meine Star-, kianer. Und als ich im Palast und in der ganzen Thronwelt nach den anderen Hochgeborenen suchte, um es ihnen zu erzählen, fand ich sie nicht. Ich war ganz allein. Glaubst du, daß ich jemals wirklich so allein sein werde, Slothiel?« »Nicht, solange ich lebe, Oran«, erwiderte Slothiel. »Danke, Slothiel.« Wieder blickte sich der Herr- scher um, und seine Stimme klang jetzt leicht verär- gert. »Wenn ich nur wüßte, was mit Vhotan gesche- hen ist! Warum ist er nicht hier?« »Er mußte für kurze Zeit weggehen und bat mich, während seiner Abwesenheit bei dir zu bleiben, Oran«, sagte Slothiel. Wieder erhellte ein warmes Lächeln das Gesicht des Herrschers. »Nun, dann ist ja alles in Ordnung«, sagte er glücklich. Er legte einen Arm um Slothiels Schulter und ließ seinen Blick wieder durch den Saal wan- dern. »Ah, da ist ja auch Afuan – und da sind die kleine Ro und unser kleiner Wolfling – Verzeihung, Ex-Wolfling.« Er blickte Jim an, und langsam erlosch sein Lä- cheln. Ernst und Trauer trat in seine Augen. »Sie wollen uns verlassen, nicht wahr – Jim?« Sicht- lich mühsam holte er den Namen aus einer verborge- nen Ecke seiner Erinnerung. »Ich habe Sie doch etwas Ähnliches sagen hören – vor wenigen Minuten…«, »Ja, Oran. Ich muß gehen.« Der Herrscher nickte mit feierlichem Ernst. »Ja, ich habe es gehört«, sagte er mehr zu sich selbst. Sein Blick tauchte in den Jims. »Ich höre manchmal Dinge, auch wenn ich gar nicht richtig zuhöre. Und ich verstehe die Dinge auch. Ich verste- he sie besser als jeder andere Hochgeborene. Es ist gut, daß Sie auf ihre eigene Welt zurückkehren, Jim.« Die Hand des Herrschers glitt von Slothiels Schul- ter. Er trat einen Schritt vor und blickte auf Jim her- ab. »Ihr dort draußen, ihr seid voller frischer Energie. Und wir sind müde. Sehr müde manchmal, Jim. Für Sie und die anderen Wolflinge wird eine wunderbare Zeit kommen. Ich kann es sehen. Manchmal sehe ich die Dinge sehr klar, wissen Sie, Jim …« Seine zitronengelben Augen wurden leer, und er schien durch Jim hindurchzublicken. »Ich habe gesehen, daß es Ihnen gutgeht, Jim. Ih- nen und den anderen Wolflingen. Und was für Sie gut ist, ist auch für uns gut.« Sein Blick wurde wie- der klar, und er sah Jim in die Augen. »Sie haben mir einen wichtigen Dienst erwiesen, Jim. Sie haben mir ein Zeichen gegeben. Bevor Sie gehen, möchte ich Ihre Adoption vollenden. Ja, von nun an ernenne ich dich zum Hochgeborenen, Jim Keil.« Er lachte leise. »Aber ich kann dir nichts geben, was du nicht schon besitzt.«, Er wandte sich zu Slothiel um. »Was soll ich jetzt tun?« »Ich denke, du solltest jetzt Afuan in ihre Suite zu- rückschicken, Oran, und ihr befehlen, sie möge dort bleiben, bis sie wieder von dir hört.« »Ja.« Der Herrscher richtete seinen Blick auf Afu- an, die plötzlich wütend auf Jim und Ro zustürzte. »Verschwinde, du schmutziges Biest!« kreischte sie. »Verkriech dich in deine Büsche und paare dich mit deinesgleichen!« Jim preßte die Lippen zusammen und trat einen Schritt vor, aber Ro hielt ihn zurück. »Nicht, Jim. Sag nichts. Du hast es nicht nötig, denn du bist jetzt ein Hochgeborener. Siehst du denn nicht – sie ist eifersüchtig. Eifersüchtig auf mich!« Sie umklammerte seinen Arm und blickte zu ihm auf. »Ich gehe mit dir, Jim. Ich begleite dich auf dei- ne Welt.« »Ja«, sagte der Herrscher sinnend. »Das ist richtig. So habe ich es kommen sehen. Ja, die kleine Ro soll mit ihm gehen …« »Afuan!« sagte Slothiel mit scharfer Stimme. Die Prinzessin schleuderte ihm einen haßerfüllten Blick zu und verschwand. Vor Jims Augen drohte plötzlich alles zu ver- schwinden. Doch mit einer großen inneren Anstren- gung hatte er sich sofort wieder in der Gewalt, und die undeutlichen Dinge rings um ihn wurden wieder klar., »Wir müssen uns beeilen«, sagte er. »Ich sende dir meine Starkianer, Slothiel. Sie sind noch auf dem Schiff. Sie sollen alle in der Nähe des Herrschers bleiben. Und versuche, möglichst schnell die anderen Starkianereinheiten von den Koloniewelten zurück- zubeordern, bevor zu viele in Galyans antimaterielle Fallen gehen.« »Das werde ich tun«, erwiderte Slothiel. »Leb wohl, und ich danke dir.« »Leb wohl, Jim«, sagte der Herrscher. Er trat vor und streckte Jim die Hand entgegen. Ehrerbietig er- griff Jim die langen Finger. »Adok«, sagte der Herrscher, ohne Jims Hand los- zulassen, »hast du eine Familie?« »Nicht mehr, Oran«, erwiderte Adok mit seiner ausdruckslosen Stimme. »Mein Sohn ist erwachsen, und meine Gattin ist im Frauenreservat.« »Würdest du gern mit Jim gehen?« fragte der Herrscher. »Ich …« Zum erstenmal, seit Jim Adok kannte, schien es dem Starkianer die Sprache zu verschlagen. »Ich weiß nicht, was ich gern tue und was nicht. Ich habe keine Erfahrung darin, Oran.« »Wenn ich dir jetzt befehle, mit Jim und Ro zu gehen und dein Leben mit ihnen zu verbringen, wür- dest du es dann bereitwillig tun?« »Ja, Oran. Bereitwillig.« Der Herrscher ließ Jims Hand los., »Du wirst Adok brauchen, Jim.« »Danke, Oran.« Ros Griff um Jims Arm festigte sich. »Leb wohl, Oran. Leb wohl, Slothiel«, sagte sie. Und plötzlich waren sie nicht mehr im Palast, son- dern im Raumhafen, wo Jim das Schiff mit seiner Starkianer-Zehnereinheit zurückgelassen hatte. Als sie auftauchten, stand Harn als Wachtposten vor dem Eingang des Schiffes. Als er Jim erblickte, eilte er auf ihn zu. »Gut, daß Sie kommen, Sir.« Wieder fühlte Jim, wie sich rings um ihn alles um- nebelte. Er gewann gerade noch rechtzeitig seinen klaren Kopf wieder, um Adoks Bericht zu hören. »Der Hochgeborene Vhotan und Prinz Galyan sind tot. Und drei Starkianer wurden getötet. Der Hoch- geborene Slothiel nimmt jetzt Vhotans Platz ein. Du sollst jetzt mit deinen Leuten zum Herrscher gehen, Harn.« »Ja«, brachte Jim mühsam hervor. »Ja, Sir«, sagte Harn und verschwand. Plötzlich waren Jim, Ro und Adok im Innern des Schiffes. Eine neue Welle halber Bewußtlosigkeit durchflutete Jim, und er glaubte, in einen dunklen Schacht hinabzusinken. Er spürte, wie Ro ihn sanft auf ein Kissenlager bettete. »Was ist – Adok!« Er hörte ihre Stimme wie aus weiter Ferne. Nur mühsam konnte er sich den Flug-, hafen von Alpha Centauri III vorstellen und dann den Landeplatz daheim auf der Erde. Danach brauchte er sich um nichts mehr zu kümmern – von jetzt an wür- de das Schiff allein den Weg finden. Er überließ sich seiner Bewußtlosigkeit und schien tiefer in einen dunklen Schacht zu fallen. Aber vorher mußte er noch etwas erledigen … Er zwang sich, noch einmal aus der Ohnmacht zu erwachen, und sah Ro an. »Galyan hat meine rechte Seite verbrannt«, flüster- te er. »Ich werde sterben. Du mußt ihnen alles erzäh- len, Ro. Den Menschen auf der Erde … Alles …« »Du wirst nicht sterben!« schrie Ro aufschluch- zend und schlang die Arme um ihn. »Du wirst nicht sterben … Nein …« Aber ihre Stimme verhallte, und er glitt aus ihrer Umarmung, sank immer tiefer in den dunklen Schacht hinab, in tiefe Schwärze. 11. Als Jim endlich wieder aus dem schwarzen Schacht emportauchte und die Augen öffnete, brauchte er lange, bis er die Umrisse der Dinge rings um ihn er- kennen konnte. Es kam ihm vor, als sei er jahrelang tot gewesen. Allmählich schärfte sich seine Sehkraft, und es wurde ihm bewußt, daß er auf einer härteren Fläche lag und nicht mehr auf dem Kissenbett, auf, dem er in seinen todesähnlichen Schlaf gesunken war. Die Decke über ihm war weiß und merkwürdig fleckig. Mühsam gelang es ihm, den Kopf zu wenden, und die verschwommenen Gegenstände verschärften sich allmählich. Er sah einen kleinen Nachttisch, mehrere Stühle. Ein Einbettzimmer in einem Krankenhaus. Durch die Fenster flutete gelbes Sommersonnenlicht herein, ein Licht, das Jim lange nicht mehr gesehen hatte. Durch das Fenster sah er ein Stück blauen Himmel mit kleinen weißen Wölkchen. Reglos starr- te er in den Himmel und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Offensichtlich befand er sich auf der Erde. Das bedeutete, daß er mindestens fünf Tage lang bewußt- los gewesen sein mußte. Aber auf welchem Fleck der Erde war er? Wo waren Ro und Adok? Wo war das Schiff? Und warum war er überhaupt noch am Le- ben? Nachdenklich runzelte er die Stirn. Nach einer Weile strich er über die Körperstelle, die Galyans Flammenspitze verletzt hatte. Sie fühlte sich hell und glatt an. Er setzte sich auf, schlug die Decke zurück, zog die blaue Pyjamajacke hoch und betrachtete for- schend seine rechte Seite. Soweit er feststellen konn- te, sah seine Haut so aus, als sei sie nie verwundet worden. Er ließ sich wieder zurücksinken und deckte sich, zu. Abgesehen von einer gewissen Schwere, die nach dem langen Schlaf seine Glieder zu lähmen schien, fühlte er sich wohl. Er wandte den Kopf und blickte auf den kleinen Tisch neben seinem Bett. Ein Pla- stikkrug und ein gefülltes Wasserglas, in dem ein paar Eisstücke schwammen, standen darauf. Daneben lag eine Packung Papiertaschentücher. Die Anzei- chen dafür, daß er sich in einem Krankenhaus be- fand, mehrten sich. Das wäre nicht überraschend ge- wesen, wenn er immer noch die tiefe Wunde an der rechten Seite gehabt hätte. Aber da war keine Wun- de. Etwas unterhalb der Oberfläche des Nachttisch- chens klebte eine zweite Fläche, magnetisch fest- gehalten. Darauf stand ein Telefon. Er hob den Hörer ab und lauschte, aber er hörte kein Freizeichen. Pro- beweise wählte er eine Nummer, aber das Telefon blieb tot. Er legte den Hörer wieder auf, und dabei entdeckte er neben dem Telefon einen Knopf. Er drückte darauf. Nichts geschah. Er wartete etwa fünf Minuten, dann drückte er noch einmal. Diesmal dauerte es nur ein paar Sekunden, bis sich die Tür öffnete. Ein Mann trat ein, ein kräftiger jun- ger Mann, der nicht viel kleiner als Jim war und ei- nen weißen Anzug trug. Wortlos trat er ans Bett, er- griff Jims linkes Handgelenk und blickte auf seine Armbanduhr., »Ja, ich lebe«, teilte Jim ihm mit. »Was ist das für ein Krankenhaus?« Die männliche Krankenschwester räusperte sich nur kurz. Als der junge Mann mit dem Pulszählen fertig war, ließ er Jims Hand auf das Bett fallen und wandte sich zur Tür. »Halt!« rief Jim und setzte sich auf. »Bleiben Sie nur ruhig liegen«, sagte der Mann mit tiefer rauher Stimme. Dann öffnete er hastig die Tür und schloß sie hinter sich. Jim warf die Decke ab und sprang aus dem Bett. Mit drei Schritten war er an der Tür und faßte nach dem Griff. Aber seine Finger rutschten von dem glat- ten Metall ab, als er den Türgriff drehen wollte. Er war eingesperrt. Sein erster Impuls war, gegen die Tür zu häm- mern. Aber dann trat er zurück und starrte nachdenk- lich vor sich hin. Er befand sich anscheinend doch nicht in einem Krankenhaus, sondern in einem Irren- haus. Rasch ging Jim zum Fenster, und was er sah, festigte seinen Verdacht. Ein feines Drahtnetz, das er vom Bett aus nicht hatte sehen können, bedeckte die ganze Fensteröffnung und auch noch vier Zollbreit der angrenzenden Mauer. Der Draht sah sehr dünn aus, aber er war zweifellos stark genug, die Flucht eines Insassen, der keine geeigneten Werkzeuge zur Verfügung hatte, zu verhindern. Jim starrte aus dem Fenster, aber außer einer gro-, ßen Wiese, die an allen Seiten von hohen Fichten umgeben war, sah er nichts. Die Bäume waren so hoch, daß sie ihm den Blick auf das verwehrten, was jenseits von ihnen lag. Nachdenklich ging Jim zu seinem Bett und setzte sich. Nach einer Weile legte er sich wieder hin und deckte sich zu. Geduldig wartete er. Es mußten mindestens drei Stunden vergangen sein, bevor wieder etwas passierte. Die Tür öffnete sich wieder, ohne daß Jim vorher Schritte gehört hat- te, und die männliche Krankenschwester trat ein, ge- folgt von einem schlanken Mann um die Fünfzig. Er hatte eine beginnende Glatze, ein schmales Gesicht und trug einen weißen Arztmantel. Die beiden Män- ner traten an das Bett, und der Arzt blickte Jim in die Augen. »Ich brauche Sie nicht mehr«, sagte er zu seinem Begleiter. Die männliche Krankenschwester verließ das Zimmer und schloß die Tür hinter sich. Der Arzt griff nach Jims Handgelenk und zählte nun seiner- seits den Puls. »Ja«, sagte er nach einer Weile zu sich selbst, ließ Jims Hand fallen, schlug die Decke zurück, streifte Jims Pyjama hoch und untersuchte seine rechte Kör- perseite. Seine Finger drückten auf verschiedene Stellen, und plötzlich zuckte Jim zusammen. »Schmerzen?« fragte der Arzt. »Ja.«, »Nun, das ist interessant … Wenn es stimmt.« »Doktor, ist irgend etwas mit Ihnen nicht in Ord- nung?« fragte Jim sanft. »Oder mit mir?« »Mit Ihnen ist alles in Ordnung«, erwiderte der Arzt, zog Jims Pyjamajacke herunter und deckte ihn wieder zu. »Und was mich betrifft – ich glaube es einfach nicht. Ich glaube nur an das, was ich gesehen habe, nachdem Sie hierher gebracht wurden. Und da sah ich ein kleines Loch in Ihrer rechten Seite.« »Und was glauben Sie nicht?« fragte Jim. »Ich glaube nicht, daß sie eine Brandwunde an dieser Stelle hatten, mindestens zwei Zoll breit und sechs Zoll tief. Und daß Sie diese Wunde noch vor sechs Tagen hatten. Ja, ich habe die Bilder von Ihrem Schiff im Fernsehen gesehen, und ich weiß noch, was das große Mädchen mir erzählt hat. Aber ich glaube es nicht. Nach dem Grad Ihrer inneren Verlet- zungen müßten Sie schon gestorben sein, bevor Sie hier eingetroffen sind. Ich kann mir zwar vorstellen, daß eine kleine Wunde ohne Narben verheilt. Aber die Geschichte von der großen Wunde schlucke ich einfach nicht.« »Und warum nicht?« fragte Jim ruhig. »Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß Sie gesund und munter sind – und das werde ich ihnen sagen.« »Wem?« Der Arzt starrte ihn wortlos an. »Doktor, Sie scheinen aus irgendeinem Grund kei-, ne gute Meinung von mir zu haben. Das ist Ihr gutes Recht. Aber Sie haben bestimmt nicht das Recht da- zu, einen Patienten im dunkeln tappen zu lassen, nicht allein darüber, wo er sich befindet, sondern auch darüber, mit wem er es zu tun hat. Sie erwähn- ten ein großes Mädchen. Ist sie draußen vor dem Zimmer?« »Nein«, antwortete der Arzt. »Und um Ihre ande- ren Fragen zu beantworten – Sie werden es bald mit Mitgliedern der Weltregierung zu tun haben. Und meine Anweisung lautet, daß ich nichts mit Ihnen besprechen darf, was über die ärztliche Behandlung hinausgeht. Aber jetzt brauchen Sie keine Behand- lung mehr, und ich habe keine Ursache mehr, mit Ihnen zu sprechen.« Er ging zur Tür. Als seine Hand schon auf dem Türgriff lag, schien sich sein Gewissen zu regen, denn er drehte sich noch einmal zu Jim um. »Sie werden jemanden schicken, sobald ich ihnen gesagt habe, daß Sie gesund sind. Dann können Sie Fragen stellen, soviel sie wollen.« Er drehte am Griff, und als er merkte, daß die Tür verschlossen war, hämmerte er mit den Fäusten da- gegen und rief jemandem, der offensichtlich auf der anderen Seite der Tür stand, etwas zu. Vorsichtig wurde die Tür aufgesperrt, und der Arzt schlüpfte durch den schmalen Spalt. Lautlos schloß sich die Tür wieder., Diesmal mußte Jim wesentlich kürzer warten. Schon nach fünfzehn Minuten öffnete sich die Tür erneut und schloß sich hinter einem Mann, der etwa zehn Jahre jünger war als der Arzt. Er hatte ein ge- bräuntes Gesicht und trug einen grauen Anzug. Ohne zu lächeln nickte er Jim zu und zog einen Stuhl ans Bett. Jim setzte sich auf. »Ich bin Daniel Wylcoxin«, erklärte der Mann. »Nennen Sie mich Dan. Die Regierung hat eine Un- tersuchung Ihres Falles angeordnet, und ich wurde Ihnen als Anwalt zugewiesen.« »Und wenn ich Sie nicht als Anwalt haben will?« fragte Jim lächelnd. »Dann können Sie meinen Beistand natürlich ab- lehnen. Die Untersuchung wird vorläufig noch nicht vor Gericht stattfinden. Ein Gerichtsprozeß wird erst einsetzen, wenn der Verlauf der Untersuchung ihn erforderlich machen sollte. Gesetzlich sind Sie also noch nicht verpflichtet, sich einen Anwalt zu neh- men, und wenn Sie mich ablehnen, wird man Sie nicht zwingen, mich zu nehmen.« »Ich verstehe«, sagte Jim. »Ich würde gern ein paar Fragen an Sie stellen.« »Schießen Sie los«, sagte Wylcoxin und lehnte sich zurück. »Wo bin ich?« »Das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Dieses Krankenhaus gehört der Regierung, und es wird nur, für spezielle Personen benutzt und für Situationen, die strengste Geheimhaltung erfordern. Ich selbst wurde in einem geschlossenen Auto hierhergebracht. Auch ich weiß nicht, wo wir sind – außer daß dieser Ort zwanzig Autominuten vom Regierungszentrum entfernt ist, wo sich auch mein Büro befindet.« »Und wo ist mein Raumschiff? Wo sind die Frau und der Mann, die mich begleitet haben?« »Ihr Schiff steht im Raumhafen der Regierung und wird von der Sicherheitspolizei bewacht. Niemand darf sich ihm nähern. Ihre beiden Begleitpersonen befinden sich noch immer an Bord, und dafür können Sie dem Gouverneur von Alpha Centauri III dankbar sein. Er ist gerade auf der Erde. Als die Regierung Ihre Freunde vom Schiff holen und es mit ihren ei- genen Leuten besetzen wollte, hat der Gouverneur ihr das ausgeredet. Die Frau gehört anscheinend zu der Rasse der sogenannten Hochgeborenen, und der Gouverneur hat wohl vor diesen Leuten wahnsinnige Angst – was ich ihm nicht verdenken kann …« Der Anwalt unterbrach sich und starrte Jim neu- gierig an. »Stimmt es, daß die Hochgeborenen das Reich re- gieren?« »Das tun sie«, erwiderte Jim kurz. »Warum werde ich hier festgehalten?« »Diese Lady, diese Hochgeborene …« »Sie heißt Ro«, fiel ihm Jim grimmig ins Wort., »Also, diese Ro empfing die erste Regierungsde- legation, die nach Ihrer Landung an Bord des Schif- fes kam. Es waren ziemlich hohe Beamte dabei, weil der Gouverneur von Alpha Centauri erkannt hatte, daß das Schiff den Hochgeborenen gehört. Jedenfalls führte Ro die Leute von der Regierung an Bord und erzählte ihnen eine lange Geschichte, wie Sie in ei- nem Duell mit einem hochgeborenen Prinzen ver- wundet worden seien. Sie behauptete zwar, es ginge Ihnen schon sehr gut, aber sie weigerte sich nicht, als die Regierung anbot, Sie in eines ihrer Krankenhäu- ser zu bringen. Offensichtlich konnte man Ro davon überzeugen, daß die ärztlichen Methoden, an die Sie gewöhnt sind, für Ihre Gesundheit das Beste seien.« »Ja«, murmelte Jim. »Sie ist nicht sehr mißtrau- isch veranlagt.« »Offensichtlich nicht«, meinte Wylcoxin. »Jeden- falls wurden Sie hierhergebracht, und die Regierung ordnete an, daß die Untersuchung sofort einsetzen soll, wenn Ihr Zustand es zuläßt. Wie ich höre, hat Ihr Arzt nichts mehr dagegen, Sie zu entlassen, und so wird man morgen mit den Verhören beginnen.« »Was wollen Sie eigentlich untersuchen?« »Nun…« Wylcoxin beugte sich vor. »Wie ich schon sagte, hat diese Untersuchung nichts mit einem gerichtlichen Prozeß zu tun. Theoretisch wird sie nur durchgeführt, um die Regierung zu informieren, da- mit sie weiß, was Sie mit Ihnen, Ihren Freunden und, dem Schiff anfangen soll. Ich kann mir vorstellen, daß Sie so etwas Ähnliches erwartet haben. Die Un- tersuchung hat nur den Sinn, herauszufinden, ob ir- gendwelche Gründe bestehen, die es rechtfertigen, Sie wegen Hochverrats vor Gericht zu bringen.« Dieser letzte Satz Wykoxins hing schwer in der Luft. Jim starrte sein Gegenüber sekundenlang an. »Sie glauben, daß ich das erwartet habe?« fragte er schließlich ruhig. »Wie kommen Sie darauf?« »Nun ja, weil …« Wylcoxin machte eine kleine Pause und beobachtete Jim lauernd. »Als Max Hol- land von Alpha Centauri III zurückkehrte, nachdem Sie mit den Hochgeborenen zur Thronwelt aufgebro- chen waren, berichtete er, Sie seien nicht mehr ge- willt, sich an irgendwelche Anordnungen zu halten, sondern hätten vor, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen. Sicher wird Max Holland das morgen vor dem Komitee aussagen. Stimmt es etwa nicht, daß Sie das haben verlauten lassen?« »Nein, ich habe nur gesagt, daß ich von jetzt an meine eigenen Entscheidungen treffen werde.« »Für das Komitee wird das keinen großen Unter- schied machen.« »Das klingt ganz so, als hätte das Komitee bereits beschlossen, mich des Hochverrats für schuldig zu befinden.« »Mag sein. Aber ich stehe automatisch auf Ihrer Seite. Und die Sache sieht für Sie nicht besonders gut, aus, wie ich sie von Ihrer Seite aus sehe. Sie wurden sehr sorgfältig aus einer Reihe von Anwärtern aus- gewählt, als man einen Mann suchte, der auf die Thronwelt geschickt werden sollte. Ihre Ausbildung war mühevoll und kostspielig. Sie sollten die Hoch- geborenen auf der Thronwelt beobachten und der Erde Bericht erstatten. An Hand Ihrer Informationen wollte sich die Erde darüber klar werden, ob wir uns wirklich als Teil jenes Reiches zu betrachten haben oder ob die Möglichkeit besteht, daß wir uns hier auf der Erde unabhängig von der Thronwelt entwickelt haben – und tatsächlich eine ganz andere Rasse sind als die sogenannten menschlichen Wesen des Rei- ches. Stimmt das?« »Ja, das stimmt.« »Also gut«, fuhr Wylcoxin fort. »Aber nach den Erzählungen dieser Ro haben Sie sich nicht darauf beschränkt, die Hochgeborenen zu beobachten, son- dern kämpften bereits auf dem Hinflug mit einem Mann und verletzten ihn mit dem Messer. Dann schlossen Sie sich mit irgendwelchen Leibwächtern des Herrschers zusammen und setzten dem Ganzen noch die Krone auf, indem Sie sich in eine Intrige verwickeln ließen, in deren Verlauf der Onkel und der Vetter des Herrschers sowie ein paar Leibwächter getötet wurden. Stimmt das auch?« »Es entspricht dem tatsächlichen Hergang der Er- eignisse«, erwiderte Jim gelassen. »Aber ihre Worte, verdrehen die Vorgänge und vor allem die Situation, die zu ihnen geführt hat.« »Wollen Sie behaupten, daß Ro eine Lügnerin ist?« »Ich behaupte nur, daß sie das unmöglich so er- zählt haben kann. Haben Sie die Geschichte direkt von ihr oder durch einen Mittelsmann erfahren?« Wylcoxin sank nachdenklich in seinen Stuhl zu- rück und rieb sich das Kinn. »Ich habe das alles aus zweiter Hand gehört«, gab er zu. »Aber wenn für mich die Geschichte, wie der Mann sie mir erzählt hat, so geklungen hat wie jetzt für sie, dann wird sie morgen in den Ohren des Ko- mitees auch nicht anders klingen.« »Ich habe immer mehr das Gefühl, daß das Komi- tee mich am liebsten hängen sehen würde.« »Vielleicht …« Wieder rieb sich Wylcoxin gedan- kenverloren das Kinn. Plötzlich sprang er auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. »Ich muß Ihnen gestehen«, sagte er und blieb vor Jim stehen, »daß ich nicht allzu glücklich war, als man mich zu Ihrem Anwalt ernannt hat. Vielleicht war ich auch ein wenig voreingenommen …« Er un- terbrach sich. »Ich sage das nicht, weil irgend etwas von dem, was Sie sagten, meine Ansicht über Ihre Situation geändert hat«, fügte er hastig hinzu. »Ich sage das nur, weil mir soeben klar geworden ist, daß vielleicht – ich sage vielleicht – gewisse Vorurteile, gegen Sie bestehen!« Er setzte sich wieder auf den Stuhl neben Jims Bett. »Nun, dann lassen Sie mich die Geschichte einmal aus Ihrer Sicht hören. Was geschah während Ihres Aufenthalts auf der Thronwelt?« »Wie Sie sagten, wurde ich zu den Hochgeborenen gesandt, um herauszufinden, ob das Reich von Men- schen bevölkert wird, die mit uns verwandt sind, o- der ob wir einen völlig anderen Ursprung haben«, sagte Jim und sah seinem Gesprächspartner gerade in die Augen. »Alle weiteren Ereignisse entwickelten sich folgerichtig aus dieser meiner Aufgabe.« Wylcoxin saß sekundenlang schweigend da, nach- dem Jim zu sprechen aufgehört hatte. Er schien zu erwarten, daß Jim weiterreden würde. »Ist das alles, was Sie zu sagen haben?« fragte er schließlich. »Das ist vorläufig alles. Morgen werde ich dem Komitee eine etwas ausführlichere Geschichte erzäh- len, falls man mir überhaupt zuhören will.« »Sie wollen mir absichtlich nichts sagen, was Ih- nen vielleicht helfen könnte. Verstehen Sie das denn nicht? Ich kann Ihnen nicht von Nutzen sein, wenn 5ie nicht völlig offen mit mir sprechen.« »Das verstehe ich schon«, erwiderte Jim. »Aber frei herausgesagt, ich traue Ihnen nicht. Zwar be- zweifle ich nicht Ihren guten Willen und Ihre Auf-, richtigkeit mir gegenüber, aber ich traue Ihnen nicht die Fähigkeit zu, daß Sie das verstehen, was ich zu sagen habe. Genauso wenig wird es irgendein ande- rer Erdenbewohner verstehen können, der nicht selbst auf der Thronwelt war.« »Das soll also heißen, daß das kein Mensch auf der Erde verstehen kann?« »Genau. Also kann auch kein Mensch auf der gan- zen Erde mir helfen. Nicht, wenn Max Holland ent- schlossen ist, gegen mich auszusagen, und wenn das Komitee entschlossen ist, genügend Gründe zu finden, um mich wegen Hochverrats vor Gericht zu bringen.« »Dann kann ich Ihnen also nicht helfen!« Wylco- xin sprang auf und eilte zur Tür. »Warten Sie!« sagte Jim. »Vielleicht können Sie mir nicht helfen, indem Sie mich verteidigen. Aber Sie können mir auf andere Weise helfen.« »Wie?« Wylcoxin drehte sich beinahe kampfeslu- stig um, während seine Rechte schon den Türknauf umschloß. »Indem Sie mich als unschuldig betrachten, solan- ge meine Schuld noch nicht bewiesen ist.« Sekundenlang stand Wylcoxin reglos da, dann fiel seine Hand langsam vom Türgriff. Er kam zurück und ließ sich wieder auf dem Stuhl neben Jims Bett nieder. »Entschuldigen Sie, Sie haben recht«, sagte er. »Also, sagen Sie mir, was ich für Sie tun kann.«, »Gut. Erstens können Sie mich morgen als mein Anwalt zu dem Komitee begleiten. Zweitens können Sie mir ein paar Fragen beantworten. Warum sind das Komitee, die Regierung und verschiedene andere Leute so eifrig darauf bedacht, mich für schuldig zu erklären, wo ich doch nichts anderes getan habe, als sicher von der Thronwelt zurückzukehren, mit zwei Begleitern von eben dieser Welt und einem wertvol- len Raumschiff? Ich verstehe auch nicht, wie alle diese Fakten darauf hinweisen können, daß ich Hochverrat im Sinn gehabt hätte. Sicher, Max Hol- land will mich vernichten. Aber wenn er der einzige ist, der das vorhat, so sehe ich nicht ein, warum ich mir große Sorgen machen soll.« »Begreifen Sie das denn nicht?« Wylcoxin runzel- te die Stirn. »Sie sollen doch nur des Hochverrats angeklagt werden, weil man Angst hat, Sie hätten auf der Thronwelt irgendwelche schlimme Dinge getan und die Hochgeborenen würden sich nun an der Erde rächen.« »Warum?« fragte Jim. »Warum … Weil Sie wahrscheinlich schuld daran sind, daß ein Onkel und ein Vetter des Herrschers tot sind!« sprudelte Wylcoxin erregt hervor. »Es ist doch denkbar, daß der Herrscher die Erde dafür zur Ver- antwortung ziehen wird!« Jim grinste, und Wylcoxins Brauen hoben sich verwirrt., »Halten Sie das für komisch?« fragte er. »Nein. Aber jetzt verstehe ich endlich, woher all die Angst kommt, die mir die drohende Klage wegen Hochverrats eingebracht hat. Auf Hochverrat steht Todesstrafe, nicht wahr?« »Manchmal …«, sagte Wylcoxin widerwillig. »Aber worauf wollen Sie eigentlich hinaus?« »Ich fürchte, das kann ich Ihnen nicht erklären«, entgegnete Jim. »Sagen Sie, könnten Sie Ro auf dem Schiff besuchen?« Wylcoxin schüttelte den Kopf. »Ich habe es schon versucht. Aber ich bekam kei- ne Erlaubnis.« »Könnten Sie ihr wenigstens eine Nachricht zu- kommen lassen?« »Das denke ich schon. Aber ich bezweifle, ob ich Ihnen eine Antwort von Ro überbringen kann.« »Das ist auch nicht nötig. Ro hat mich den Erden- ärzten übergeben, ohne zu protestieren. Sie muß ih- nen also vertraut haben. Das veranlaßt mich zu der Überzeugung, daß sie nicht weiß, was das Komitee morgen mit mir vorhat. Könnten Sie Ihr das mitteilen lassen?« »Ich glaube schon …«, sagte Wylcoxin zögernd. Doch dann fügte er entschlossen hinzu: »Ja, ich weiß, wie ich das machen kann. Wenn ich es vorher nicht schaffe, so kann ich es ihr spätestens morgen früh sagen. Sie werden sie vor das Komitee rufen,, damit sie ihre Geschichte wiederholt.« »Wenn Sie sie schon heute abend benachrichtigen könnten, wäre mir das lieber«, sagte Jim. »Ich werde es versuchen.« Wylcoxin blickte ihn kühl an. »Was versprechen Sie sich eigentlich von ihr? Sie kann ihre Geschichte ja nicht plötzlich an- ders erzählen.« »Das erwarte ich auch nicht von ihr.« »Aber Sie sagten doch, kein Mensch auf der Erde könne Ihnen helfen. Also sind nur Ro und dieser an- dere Passagier von der Thronwelt dazu imstande. Aber ich warne Sie. Die beiden sind beinahe in der Position von Kronzeugen der Anklage. Sie haben also niemanden, der zu Ihren Gunsten aussagen kann.« »Vielleicht doch«, erwiderte Jim lächelnd. »Da ist ja noch der Gouverneur von Alpha Centauri III.« »Ach, der!« Wylcoxins Augen leuchteten auf. »An den habe ich gar nicht mehr gedacht! Das stimmt – er hat sich ja auch für Ihre Ro eingesetzt, als sie an Bord des Raumschiffes bleiben wollte. Vielleicht legt er auch morgen ein gutes Wort für Sie ein. Soll ich mit ihm in Verbindung treten?« Jim schüttelte den Kopf. »Nein, überlassen Sie das mir.« Wylcoxin zuckte hilflos mit den Schultern. »Ich weiß wirklich nicht … Kann ich sonst gar nichts mehr für Sie tun?«, »Nein. Versuchen Sie nur möglichst bald Ro zu benachrichtigen.« »Gut.« Wylcoxin erhob sich. »Ich werde eine hal- be Stunde, bevor Sie morgen früh abgeholt werden, hier sein und dann mit Ihnen ins Regierungszentrum fahren.« Er ging zur Tür, drehte vergeblich am Knauf und hämmerte dann gegen die Tür. »Hier ist Wylco- xin!« schrie er. »Lassen Sie mich ‘raus!« Nach einer Sekunde öffnete sich vorsichtig die Tür. »Gute Nacht«, sagte der Anwalt mit einem letzten Blick auf Jim. »Und alles Gute.« »Danke«, erwiderte Jim, und Wylcoxin trat durch die Tür, die sich sofort hinter ihm schloß. 12. Daniel Wylcoxin kam am folgenden Morgen um acht Uhr fünfzehn und fuhr mit Jim in einem geschlosse- nen Wagen zum Versammlungssaal des Komitees, der in einem Regierungsgebäude lag. Die Untersu- chung sollte um neun Uhr beginnen. Jim fragte den Anwalt, ob es ihm gelungen sei, Ro zu informieren. Wylcoxin nickte. »Ich durfte sie zwar nicht persönlich aufsuchen, aber ich konnte telefonisch mit ihr und dem anderen Passagier sprechen. Sie haben nämlich an der Bewa- chungslinie ein Telefon installiert, damit sie mit dem, Schiffsinnern in ständigem Kontakt sind. Ich stellte Ro eine ganze Menge Fragen, weil ich als Ihr Anwalt ja genau informiert sein muß. Und zwischendurch konnte ich unbemerkt die Nachricht einflechten, die Sie ihr übermitteln wollten.« »Danke«, sagte Jim. Dann versank er in Schwei- gen und ignorierte Wylcoxins Fragen. Schließlich schüttelte der Anwalt zornig Jims Arm. »So antworten Sie doch! In einer halben Stunde muß ich als Ihr Anwalt auftreten. Sie sind dazu ver- pflichtet, mir ein paar Fragen zu beantworten! Im- merhin habe ich auf Ihre Bitte hin mit Ro gespro- chen, und das war gar nicht so einfach.« »Das Regierungszentrum ist nicht ganz zehn Mei- len vom Raumhafen entfernt, nicht wahr?« »Warum, ja«, sagte Wylcoxin verwundert. »Wenn ich in einem Gebäude im Regierungszen- trum festgehalten wurde, hätte ich Sie gar nicht ge- braucht, um mit Ro in Verbindung zu treten. Über diese Entfernung hätte ich selbst direkt mit dem Schiff sprechen können.« Wylcoxin starrte ihn in einer Mischung von Un- glauben und Verblüffung an. »Ich will damit nur sagen, daß es keinen Sinn hat, wenn ich meine wertvolle Zeit mit Antworten ver- schwende, die Sie gar nicht verstehen können«, fuhr Jim ruhig fort. »Was die Komiteemitglieder, Max Holland und die anderen Zeugen betrifft, so spielt es, gar keine Rolle, was sie sagen oder was sie mich fra- gen. Und Sie bitte ich nur, daß Sie neben mir sitzen und den Dingen Ihren Lauf lassen.« Jim verlor sich wieder in seine Gedanken, und Wylcoxin störte ihn nicht mehr. Nach halbstündiger Fahrt betraten sie das Gebäu- de, wo die Untersuchung stattfinden sollte. Jim und Wylcoxin mußten in einem kleinen Zimmer warten, bis die Komiteemitglieder eingetroffen waren. Dann wurden sie in den bereits vollbesetzten Versamm- lungssaal geführt. Auf einer erhobenen Plattform stand ein langer Tisch, an dem die sechs Komiteemitglieder Platz nehmen sollten. Jim und Wylcoxin setzten sich an einen der kleineren Tische, die der Plattform direkt gegenüberstanden. Ein paar Reihen hinter diesen Ti- schen hatte Jim beim Eintreffen Max Holland und Styrk Jacobsen sitzen gesehen, die Leiter des Pro- gramms, das ihn auf die Thronwelt geschickt hatte. Ro saß neben ihnen, und hinter ihnen entdeckte Jim noch ein paar Männer, die er von seiner Trainingszeit her kannte. Ro blickte ihm besorgt entgegen, als er eintrat. Sie sah blaß und müde aus. Ihre Kleidung, eine weiße Tunika und ein Rock, unterschied sich kaum von den hellen, dünnen Sommerkleidern, die die im Saal an- wesenden Erdenfrauen trugen. Aber der Effekt ihrer Gesamterscheinung ließ sie aus der Menge herausra-, gen, als ob ein Scheinwerfer sie anleuchtete. Jims Augen hatten sich an die Würde und Klarheit ge- wöhnt, die Gesichtszüge und Gestalt der Hochgebo- renen ausstrahlten. Jetzt kamen ihm seine Mitmen- schen, die sich im Saal drängten, vergleichsweise unscheinbar vor. Ro hatte keine Augen für ihre Um- gebung und blickte nur ihn an. Jim lächelte ihr beru- higend zu, bevor er sich setzte und ihr notgedrungen den Rücken zuwandte. Die sechs Komiteemitglieder traten ein, die Reprä- sentanten der sechs verschiedenen Sektoren der Erde. Das Auditorium erhob sich und setzte sich erst wie- der, als die Komiteemitglieder Platz genommen hat- ten. Erregtes Gemurmel wurde laut, als mit den sechs Repräsentanten ein kleiner Mann mit rötlichbrauner Haut erschien, der zur Rechten von Alvin Heinman Platz nahm, dem Vertreter des mächtigen zentraleu- ropäischen Sektors. Jim blickte den kleinen Mann an und lächelte, aber der andere erwiderte den Blick mit feierlichem Ernst. Die Sitzung des Komitees wurde eröffnet. »Der Gouverneur von Alpha Centauri III hat zuge- stimmt«, sagte Alvin Heinman nasal in die Lautspre- cheranlage, »diesem Komitee inoffiziell beizusitzen, weil er mit seinen Erfahrungen und Kenntnissen über das Thema dieser Untersuchung wertvolle Hilfe lei- sten kann.« Heinman klopfte mit seinem Hammer auf den, Tisch und erteilte dem Leiter des Untersuchungsaus- schusses das Wort. Dieser legte in kurzen Worten das Thema der Untersuchung dar. Dabei wurde das Wort »Hochverrat« sorgfältig umgangen. Aber der Redner kreiste den Begriff so geschickt ein, bis schließlich keiner der Zuhörer mehr daran zweifeln konnte, daß das Komitee es sich zur Aufgabe ge- macht hatte, Jim deswegen einen Prozeß anzuhän- gen. Der Leiter des Untersuchungsausschusses setzte sich wieder, und Styrk Jacobsen erhob sich, um die Fragen des Komitees zu beantworten. Diese Fragen beschäftigten sich hauptsächlich mit Jims Vergan- genheit und mit den Vorgängen, die dazu geführt hatten, daß Jim aus der Mitte mehrerer hundert sorg- sam gesiebter Kandidaten als Beobachter der Thron- welt auserwählt worden war. »… James Keil war in vielerlei Hinsicht unge- wöhnlich qualifiziert. Seine physische Konstitution war hervorragend, wie sie es auch sein mußte, da wir doch geplant hatten, den Beobachter der Thronwelt als Stierkämpfer auszubilden. Auch hat er nicht nur in Geschichte, Chemie und Anthropologie promo- viert, sondern auch gesellschafts- und kulturwissen- schaftliche Studien betrieben.« »Würden Sie sagen, daß er sich charakterlich we- sentlich von den anderen Kandidaten unterschied?« unterbrach Heinman., »Er war ein großer Individualist, aber bis zu einem gewissen Grad waren sie das alle«, erwiderte Styrk trocken. Er war ein Mann Mitte der Sechzig mit sil- berweißem Haar, der nicht gern viel Worte machte. Er stammte aus Dänemark. Zwischen ihm und Jim hatte von Anfang eine instinktive Sympathie bestan- den, während man das von Jims Beziehung zu Max Holland absolut nicht behaupten konnte. Styrk Jacobsen zählte die weiteren Bedingungen auf, die Jim erfüllt hatte und damit als Beobachter der Hochgeborenen geeignet erschienen war. Dabei waren hauptsächlich herausragende körperliche und geistige Fähigkeiten gefordert worden, ein stabiles Gefühlsleben und eine umfassende Bildung. »Was die Stabilität des Gefühlslebens betrifft«, unterbrach Heinman erneut, »haben Sie festgestellt, ob er ungewöhnlich – sagen wir – unsozial einge- stellt war? Verhielt er sich seiner Umwelt gegenüber zurückhaltend und wenig mitteilsam? War er von Anbeginn an ein Einzelgänger?« »Ja, aber das war nur zu begrüßen. Denn unser Mann sollte in eine ihm völlig fremde Kultur mitten hineingestoßen werden, und da war es wichtig, daß er so selbständig wie möglich war und sich unabhän- gig von anderen behaupten konnte.« Jacobsen ließ sich von keiner Frage Heinmans be- irren. Er blieb dabei, daß Jim genau der richtige Man für das Projekt gewesen war. Max Holland, der nach, ihm befragt wurde, sagte etwas völlig anderes aus. »… unser Projekt brachte ein großes Risiko mit sich«, begann er und beugte sich über seinen Tisch vor, eine brennende Zigarette in der Hand. »Unsere Welt verhält sich zur Thronwelt wie etwa ein Küken zu einem Elefanten. Das Küken ist so klein, daß es am sichersten überleben kann, wenn es keine Auf- merksamkeit auf sich zieht. Sollte es aber durch Zu- fall unter den Fuß des Elefanten geraten, ist es hoff- nungslos verloren. Und es schien mir von Anfang an, daß unser Projekt eine große Gefahr für uns bedeuten konnte – die Gefahr nämlich, daß es uns unter den Elefantenfuß der Thronwelt stellte, entweder durch Zufall oder durch einen Irrrum des Mannes, den wir als Beobachter zu den Hochgeborenen senden woll- ten. Mein Unbehagen steigerte sich noch, als ich Ja- mes Keils Charakter kennenlernte …« Auch Holland mußte mehrere Fragen Heinmans sowie der anderen Komiteemitglieder beantworten. Im Gegensatz zu Jacobsen zeichnete er ein denkbar ungünstiges Bild von Jim. Seiner Meinung nach sei Jims Einzelgängertum nicht mehr normal gewesen, er sei arrogant und selbstbewußt bis zum Größen- wahn gewesen. Endlich berichtete er von der Unter- redung, die er mit Jim unterhalb der Sitzreihen der Arena von Alpha Centauri III geführt hatte, in deren Verlauf Jim ihm mitgeteilt hatte, er würde von nun an seinen eigenen Entschlüssen folgen., »Dann war dieser Mann also Ihrer Ansicht nach schon vor seinem Abflug zur Thronwelt ent- schlossen, alle Direktiven zu ignorieren und nur nach seinen eigenen Vorstellungen zu handeln, egal, wel- che Konsequenzen sich daraus für die übrige Menschheit auf der Erde ergeben würden«, resümier- te Heinman. »Ja, genau dieser Ansicht bin ich«, bestätigte Hol- land eifrig. Damit war seine Zeugenaussage beendet. Als nächste wurde Ro aufgerufen. Ihre Aussage beschränkte sich allerdings darauf, daß sie einem Tonband lauschte, daß von ihrem ersten Bericht auf- genommen worden war. Als das Band abgespielt war, räusperte sich Heinman und beugte sich vor, als ob er eine Frage an sie richten wolle. Aber der Gou- verneur von Alpha Centauri III flüsterte ihm hastig etwas ins Ohr, und Heinman lehnte sich wieder zu- rück. Ro wurde eines Verhörs enthoben. Wylcoxin war nervös auf seinem Sessel hin- und hergerutscht. Jetzt beugte er sich zu Jim hinüber und flüsterte mit drängender Stimme: »Machen Sie doch wenigstens von Ihrem Recht zu einem Kreuzverhör Gebrauch. Der Gouverneur hat einen Fehler ge- macht, als er Heinman davon abhielt, Ro weiter zu befragen. Das ist zwar ihr gegenüber höflich, aber für Sie keine Hilfe. Sie will doch zu Ihren Gunsten aus- sagen. Wenn ich sie in Ihrem Namen frage, können wir bestimmt einen guten Eindruck erwecken.«, Jim schüttelte den Kopf. Er hatte auch keine Zeit mehr, sich noch weiter mit seinem Anwalt zu strei- ten, denn jetzt wurde er selbst vom Komitee aufgeru- fen. Heinman begann, indem er noch einmal Jims Qualifikationen als Beobachter der Thronwelt er- wähnte. Doch dann stieß er ziemlich abrupt in ge- fährliches Terrain vor. »… hatten Sie jemals Zweifel an der Richtigkeit des Projekts?« »Nein.« »Aber irgendwann zwischen Ihrer Wahl und Ihrer Ankunft auf der Thronwelt scheinen Sie solche Ideen entwickelt zu haben.« Heinman blätterte in den Ak- ten, die vor ihm auf dem Tisch lagen, und fand, was er suchte. »Mr. Holland berichtet, daß Sie vor Ihrem Abflug gesagt hätten: ›Max, es ist zu spät, mich zu- rückzuhalten. Prinzessin Afuan hat mich eingeladen. Jetzt folge ich nur mehr meinen eigenen Entschei- dungen.‹ Ist das korrekt?« »Nein.« »Nein?« Heinman runzelte die Stirn und blickte von den Akten auf. »Der Wortlaut stimmt nicht ganz. Ich sagte: ›Es tut mir leid, Max. Aber früher oder später mußte es dazu kommen. Von jetzt an lasse ich mich nicht mehr von dem Projekt leiten. Jetzt folge ich nur mehr meinen eigenen Entscheidungen.« Heinmans Stirnrunzeln vertiefte sich., »Ich sehe da keinen wesentlichen Unterschied.« »Max Holland offensichtlich auch nicht. Aber ich – sonst hätte ich es nicht in diese Worte gekleidet.« Jim spürte, wie heftig an seinem Ärmel gezerrt wur- de. »Vorsicht!« hörte er Wylcoxin zischen. »Um Got- tes willen, Vorsicht!« »Tatsächlich?« Leiser Triumph klang in Heinmans Stimme mit. Er lehnte sich zurück und blickte die anderen Komiteemitglieder beifallheischend an. »Und leugnen Sie, daß Sie ein Messer und einen Re- volver mit auf die Thronwelt nahmen, entgegen Hol- lands Befehl?« »Nein.« Heinman hustete, zog ein Taschenruch aus der Ta- sche und wischte sich über die Lippen. »Nun, das stimmt mit Hollands Aussage überein.« Er griff nach einem leeren Blatt Papier und machte sich Notizen. Dann blickte er wieder Jim an. »Sie haben den Bericht gehört, den uns Miß – die Hoch- geborene Ro gegeben hat. Haben Sie irgendwelche Einwände oder Hinzufügungen zu machen?« »Nein.« Wieder spürte Jim, wie Wylcoxin an sei- nem Ärmel zerrte, aber er schenkte ihm keine Beach- tung. »Dann haben Sie also keine Erklärung für Ihre merkwürdige Handlungsweise auf der Thronwelt, die in völligem Widerspruch zu Ihrer Aufgabe stand?«, »Ich kann Ihnen nur sagen, daß der Bericht der Hochgeborenen Ro stimmt, daß Sie ihn aber falsch interpretieren. Ebenso falsch ist Ihre Annahme, mei- ne Absichten und Handlungen auf der Thronwelt stünden in Widerspruch zu den Gründen, wegen de- rer ich auf die Thronwelt geschickt wurde.« »Glauben Sie nicht, daß Sie uns diese Absichten erklären sollten, Mr. Keil?« »Genau das habe ich vor.« Diese Antwort ließ Heinmans graue Wangen rot anlaufen, aber dann entschied sich der Vorsitzende doch, die Herausforderung zu ignorieren. Er bedeute- te Jim, weiterzusprechen. »Die Erklärung ist simpel genug«, sagte Jim. »Die Hochgeborenen auf der Thronwelt des Reiches …« Er warf dem Gouverneur einen raschen Seitenblick zu. »Ich bin sicher, daß der Gouverneur von Alpha Centauri III mir zustimmen wird. Diese Hochgebo- renen sind tatsächlich überlegene Wesen, nicht nur was die minderwertigen Rassen ihrer eigenen Kolo- nie weiten betrifft wie zum Beispiel der Welt des Gouverneurs …« Wieder blickte er den Gouverneur an, der jedoch diesmal seinem Blick auswich. »… sondern auch, was uns Erdenmenschen betrifft. Demzufolge konnte ich mich an keine Vorplanungen meiner Aktionen halten, wenn diese auf der Erde auch noch so sorgfältig durchdacht worden waren. Denn ich mußte mich in einer Gesellschaft zurecht-, finden, deren geringstes Mitglied dem begabtesten Menschen auf der Erde noch weit überlegen ist. So mußte ich mich schon vom Anfang meines Trainings an mit der Tatsache vertraut machen, daß ich auf der Thronwelt auf Situationen zu reagieren haben würde, die ich nur dann meistern konnte, wenn ich mich auf mein eigenes Urteil und meine eigenen Entscheidun- gen verließ. Ich durfte keine Rücksicht darauf neh- men, wie die Erdenbewohner in diesem oder jenem Fall gehandelt haben würden.« »Ich. nehme an, daß Sie Ihren Vorgesetzten wäh- rend der Trainingszeit nichts von diesem Gedanken erzählt haben«, sagte Heinman. »Nein, denn sonst hätten sie zweifellos nicht mich, sondern einen anderen auf die Thronwelt geschickt.« Jim hörte, wie Wylcoxin verzweifelt die Luft aus- stieß. »Natürlich, natürlich«, sagte Heinman freundlich. »Sprechen Sie weiter, Mr. Keil.« »Als ich also auf der Thronwelt eintraf, stellte ich fest, daß ich den Interessen der Erde am besten die- nen konnte, wenn ich nicht nur beobachtete, sondern mich selbst in die Geschehnisse rund um den Herr- scher einmischte. Der Herrscher war geisteskrank, und sein Vetter Galyan hatte schon seit langer Zeit eine Verschwörung gegen ihn angezettelt. Er wollte den Mann eliminieren, der wirklich herrschte, Vho- tan, den Onkel des Herrschers und auch Galyans., Ebenso mußte Galyan auch die Starkianer ausschal- ten, die dem Herrscher unwandelbar treu sind. Da- nach wollte Galyan Vhotans Stelle einnehmen, die Macht über die Thronwelt und das Reich an sich rei- ßen und neue Starkianer heranzüchten, die nicht mehr dem Herrscher, sondern ihm, Galyan, ergeben sein würden. Die Starkianer sind eine spezielle Men- schengattung, die über mehrere Generationen hinweg mittels strenger Kontrolle von Erbanlagen gezüchtet wurde. Aber Galyan wußte, daß er in nur zwei oder drei Generationen eine neue Starkianergattung haben würde, wenn er sich das geeignete Rohmaterial ver- schaffen würde. Und dieses Rohmaterial sollten wir sein, die Erdenmenschen.« 13. Es dauerte mehrere Sekunden, bis Jims Worte in ihrer ganzen Bedeutung dem erdengebundenen Verstand seiner Zuhörerschaft klargeworden waren. Doch dann war der Effekt beinahe dramatisch. Heinman richtete sich kerzengerade auf, und auch die anderen Komi- teemitglieder reagierten äußerst alarmiert. »Was sagten Sie da, Mr. Keil?« stieß Heinman her- vor. »Sie beschuldigen diesen Prinzen Galyan, daß er uns genetisch verändern wollte, um uns zu einer Art Leibwächter heranzuziehen, die seinen Machtbestre- bungen dienen sollten?«, »Ich beschuldige ihn nicht«, sagte Jim gleichmü- tig, »ich konstatiere nur eine Tatsache. Galyan hat seine Absichten mir gegenüber sogar zugegeben. Sie verstehen vielleicht nicht …« Zum erstenmal klang leise Ironie in Jims Stimme mit. »… daß seine Inten- tionen den anderen Hochgeborenen gar nicht so schlimm vorgekommen wären. Für sie sind die min- deren Rassen der Koloniewelten nichts anderes als mehr oder weniger nützliches Material, das ihren Zwecken dient. Und wir waren in ihren Augen noch weniger wert als diese Koloniemenschen. Wir waren Wolflinge – wilde Männer und Frauen, die irgendwo jenseits der Grenze des zivilisierten Reiches leben.« Heinman lehnte sich zurück und begann mit dem Gouverneur an seiner Seite zu flüstern. Dann wandte er sich wieder Jim zu. Sein Gesicht war leicht gerö- tet. »Vorhin erzählten Sie uns doch, daß die Hochge- borenen überlegene Wesen seien. Wie kann ein über- legenes Wesen einen so unmenschlichen Plan ersin- nen wie dieser Prinz Galyan? Wie kann es morden und sich gegen seinen Herrscher erheben? Wenn die Hochgeborenen wirklich so sind, wie Sie behaupten – und der Gouverneur von Alpha Centauri III bestä- tigt Ihre Worte –, so ist es unmöglich, daß Prinz Ga- lyan so niedrig gehandelt hat.« »Wie ich sehe, verstehen Sie immer noch nicht den kulturellen Unterschied zwischen uns und den, Hochgeborenen«, sagte Jim lächelnd. »Galyans Ab- sicht, die Macht an sich zu reißen, war allerdings auch in den Augen der anderen loyalen Hochgebore- nen ein Verbrechen. Aber die Pläne, die er mit uns Erdenmenschen hatte, würden auf der Thronwelt keineswegs als unmenschlich gegolten haben. Im Gegenteil, jeder Hochgeborene hätte es als Glück für uns angesehen, daß wir Galyans Aufmerksamkeit errungen haben. Wenn sie uns zu Starkianern ge- macht hätten, wären wir zu einer gesunden, zufriede- nen Einheitsrasse herangewachsen. So wie die Star- kianer des Herrschers eine glückliche, gesunde Ein- heitsrasse sind.« Wieder hielt Heinman eine geflüsterte Beratung mit dem Gouverneur ab. Als sie beendet war, sahen beide Männer leicht verärgert aus. »Wollen Sie damit sagen, Mr. Keil«, begann Heinman, dessen Stimme einiges an Selbstsicherheit verloren hatte, »daß alle Ihre Aktionen auf der Thronwelt nicht nur dem Wohl des Herrschers, son- dern auch dem Wohl der Erde gedient haben?« »Ja«, erwiderte Jim. »Ich würde Ihnen gern glauben«, sagte Heinman, und es klang so, als ob er es ernst meinte. »Aber es fällt mir doch ein wenig schwer. Zum Beispiel ver- stehe ich nicht, wie Sie von Galyans Plänen erfahren haben, da er diese doch sicher geheimgehalten hat.« »Sie waren auch geheim. Aber gewisse Gouver-, neure und Adelsfamilien der Koloniewelten …« Wieder wanderte Jims Blick kurz zum Gouverneur von Alpha Centauri hinüber. »… müssen von Galy- ans Absichten, die Starkianer loszuwerden, gewußt haben. Auch Prinzessin Afuan und Melness, der Dieneraufseher, haben einiges gewußt. Aber Galyan hielt natürlich den Großteil seiner Pläne vor seiner Umwelt geheim.« »Und wie haben Sie dann davon Kenntnis erhal- ten?« fragte ein anderes Komiteemitglied, ein klei- ner, dicker Mann in mittleren Jahren. »Ich bin Anthropologe«, erwiderte er trocken. »Ich habe mich viel mit menschlichen Kulturen aller Ar- ten beschäftigt. Die Verschiedenheit dieser Kulturen hat gewisse Grenzen, und auch ihr Fortschritt, wenn die Bevölkerung nicht mehr nennenswert anwächst. Die Gesellschaftsordnung der Hochgeborenen und die Gesellschaftsordnungen der Koloniewelten, die die der Thronwelt widerspiegelten, standen im Wi- derspruch zu dem Kulturgrad, den die Hochgebore- nen erreicht zu haben glaubten. Die Hochgeborenen und ihre Nachahmer, die Bewohner der Koloniewel- ten, waren in kleine künstliche Cliquen zersplittert, die wie Noyaux lebten.« Jim machte eine Pause und wartete, daß Heinman nach der Bedeutung des Begriffs Noyaux fragte, was dieser auch prompt tat. »Der französische Ethnologe Jean-Jacques Fetter, verwendete den Terminus Noyau als Klassifizierung für eine Gesellschaft mit einem inneren Antagonis- mus«, erklärte Jim. »Der Callicebus-Affe ist ein Bei- spiel in der Natur. Jede Callicebus-Familie verbringt ihre Zeit außer beim Essen und Schlafen innerhalb der Grenzen des Territoriums, das sie sich sozusagen abgesteckt hat, und verteidigt diese Grenzen erbittert gegen die Nachbarfamilie. Bei den Menschen wird dieses gegenständliche Territorium durch eine ge- wisse Position ersetzt, die weniger durch offene Feindschaft als durch Intrige verteidigt wird, damit der benachbarte Klassenstand nicht in diese Position eindringt. Dies ist die Noyaux-Situation bei den Hochgeborenen. Die einzigen Hochgeborenen, die hier eine Ausnahme bilden, sind die Atavistischen, diejenigen, die irgendwelche Merkmale einer frühe- ren, noch rückständigeren Entwicklung an sich tra- gen wie beispielsweise die Hochgeborene Ro. Die anderen betrachteten diese Atavistischen als nicht fähig, im Wettbewerb mitzuhalten, was bei Ro aber keineswegs der Fall war.« »Vorhin sagten Sie noch, die Hochgeborenen sei- en überlegene Wesen«, warf Heinman ein. »Und jetzt vergleichen Sie sie mit Affen. Ist das denn kein Wi- derspruch?« »Keineswegs. Robert Ardrey, der sich ebenfalls mit diesem Thema befaßte, schrieb, daß Nationen Helden hervorbringen, Noyaux aber Genies. Im Fall, der Thronwelt war es umgekehrt. Die Genies brach- ten Noyaux hervor. Der Callicebus-Affe lebt eigent- lich in einer Utopie. Essen und Trinken findet er gleich auf den Bäumen. Auch die Hochgeborenen leben in einer Utopie, da ihre technische Entwick- lung für all ihre Bedürfnisse sorgt. Normalerweise hätten sie unter diesen utopischen Bedingungen ganz sanft und zufrieden und eine leichte Beute für die Bewohner der Koloniewelten werden müssen, die diesen Standard nicht erreicht haben. Das ist der Lauf der Geschichte, daß eine Aristokratie im Wohl- leben schwach wird, daß die nächstfolgende Klasse sie verdrängt.« »Und warum geschah das nicht bei den Hochgebo- renen?« fragte Heinman. »Weil sie etwas Einzigartiges erreichten – eine sich selbst verewigende Aristokratie. Das Reich ent- stand, indem man die größten Geister auf einem Pla- neten versammelte, der später zur Thronwelt wurde. Auch später versorgte sich die Thronwelt immer wieder mit den Begabtesten aus den Koloniewelten, mit einer ständigen Zufuhr frischen Blutes. Inzwi- schen hatte sich die Aristokratie auf der Thronwelt zu den Hochgeborenen entwickelt. Damit gelang ih- nen etwas, was keiner früheren Aristokratie gelungen war. Jedes Mitglied dieser Aristokratie der Hochge- borenen weiß alles über die technische Entwicklung, mit deren Hilfe das Reich funktioniert. Die Hochge-, borenen sind, mit anderen Worten nicht nur pan- genial, sie sind auch pan-authoritär. Die Hochgebo- rene Ro könnte zum Beispiel die Erde in eine in jeder technologischen Beziehung vollkommene Kopie des Reiches verwandeln, wenn sie die nötige Zeit, das Material und die Laboratorien dazu hätte.« Heinman runzelte die Stirn. »Ich verstehe noch immer nicht den Zusammen- hang zwischen Ihren letzten Ausführungen und Ihre Behauptung, die Hochgeborenen seien Noyaux.« »Eine sich ständig selbst verewigende Aristokratie bewegt sich gegen den instinktiven Prozeß der menschlichen Entwicklung. Sie kreiert eine künstli- che Situation, in der keine soziale und zuvor indivi- duelle Evolution stattfinden kann. Solch eine Aristo- kratie muß, weil sie von außen nicht zerstört werden kann, sich selbst zerstören. Die Hochgeborenen hat- ten nach einer gewissen Zeit also gar keine andere Wahl als dekadent zu werden. Und sie sind deka- dent.« Der Gouverneur beugte sich vor und flüsterte Heinman eifrig etwas ins Ohr. Aber der Vorsitzende schüttelte ihn beinahe ärgerlich ab. »… und sobald ich erkannte, daß sie dekadent sind«, fuhr Jim fort und beobachtete dabei nicht nur Heinman, sondern auch den Gouverneur, »erkannte ich, daß die Saat, die zum Untergang Ihres Reiches führen mußte, bereits gesät war. In wenigen Jahr-, hunderten wird das Reich zusammenbrechen, und dann wird niemand mehr auf der Thronwelt Zeit ha- ben, sich mit uns Terranern zu beschäftigen. Zur sel- ben Zeit erkannte ich auch, daß Galyan die Macht an sich reißen wollte. Nicht alle Hochgeborenen sind mit dem Leben, das ihnen ihre Noyaux-Situation zu- gesteht, zufrieden. Ein paar Individuelle – wie Galy- an, Slothiel und Vhotan – suchten das Reale in die- sem Zusammenspiel von Konflikt und Sieg und nicht nur den Schatten einer Substanz, wie es zum Beispiel das Spiel um die Lebenszeitpunkte war. Und Galyan war auch noch gefährlich. Wie der Herrscher war auch er wahnsinnig, aber effektiv wahnsinnig, das heißt, er setzte seinen Wahnsinn in praktischen Nut- zen um, im Gegensatz zu seinem Vetter. Und Galyan hatte Pläne mit der Erde. Er hätte uns in die Deka- denz des Reiches aufgesaugt, bevor das Reich unter seinem eigenen Gewicht zusammengebrochen wäre.« Jim machte eine Pause. Er verspürte eine plötzli- che Sehnsucht, sich nach Ro umzublicken, zu sehen, wie sie seine Enthüllungen aufnahm. Aber er wagte es nicht. »So beschloß ich also, Galyan zu vernichten, und das tat ich«, schloß Jim seine Ausführungen. Die Komiteemitglieder, der Gouverneur, die Men- schen hinter ihm im Saal blieben sekundenlang reg- los sitzen, als erwarteten sie, daß er noch weiterspre- chen würde. Endlich beugte sich Heinman vor., »Deshalb haben Sie das alles getan. Sie wollten die Erde vor einem dekadenten Wahnsinnigen schüt- zen. Aber wieso wissen Sie überhaupt, daß Ihre Be- obachtungen stimmen?« »Das werde ich Ihnen sagen.« Jim lächelte dünn. »Weil ich in den Archiven der Thronwelt genug Ma- terial gefunden habe, das darauf hinweist, daß die Erde ursprünglich vom Reich kolonisiert worden war, von einer Gruppe, die auch verschiedene Hochgebo- rene einschloß. Das war damals, als sie gerade begon- nen hatten, sich Hochgeborene zu nennen. Und …« Er zögerte, aber dann sprach er ganz langsam und deutlich weiter. »… weil ich selbst ein Atavismus jener Hochgeborenen bin, genau wie Ro. Ich bin ein Hochgeborener. Sonst wäre es mir nicht möglich gewesen, Galyan zu besiegen. Ich bin der Atavismus einer früheren, gesünderen Version der Aristokratie. Und ich wäre schon früher daraufgekommen, wenn nicht mein Wachstum hier auf der Erde gestoppt worden wäre, als ich zehn fahre alt war.« Atemlose Stille folgte diesen Worten. Jim wandte sich dem Gouverneur zu, der ihn mit offenem Mund und weitaufgerissenen braunen Augen anstarrte. Und plötzlich spürte Jim, wie die Sympathie des Audito- riums, die ihm während seiner Ausführungen immer wärmer entgegengeflutet war – sogar von Seiten des Vorsitzenden und der anderen Komiteemitglieder – sich in Mißtrauen, in Ablehnung und Unglauben, verwandelte. »Sie? Ein Hochgeborener?« flüsterte Heinman. Es war beinahe, als würde der Vorsitzende sich selbst fragen. Lange starrte er Jim an, dann schüttelte er das lähmende Staunen ab, erinnerte sich daran, wer er war und wozu er hier saß. »Das ist kaum zu glauben«, sagte er mit leicht sar- kastischem Unterton. »Haben Sie Beweise für Ihre Behauptung?« Jim heftete den Blick auf den Gouverneur von Al- pha Centauri III. »Der Gouverneur kennt die Hochgeborenen, und er sah mich auch auf der Thronwelt inmitten ihrer Bewohner. Er ist sicher imstande, Ihnen zu sagen, ob ich ein Hochgeborener bin oder nicht – vorausge- setzt, Sie akzeptieren seine Meinung?« »Oh, warum nicht?« Heinman wandte sich dem Gouverneur zu und sagte laut und deutlich, so daß jeder im Saal es hören konnte: »Mr. Keil behauptet, ein Hochgeborener zu sein. Was halten Sie davon, Gouverneur?« Der Gouverneur starrte Jim noch immer an. Er öffnete den Mund, zögerte und dann sagte er mit plumpem Akzent: »Nein, nein. Er ist kein Hochgebo- rener. Er kann keiner sein. Nein … Nein!« Erregtes Gemurmel durchzitterte die Zuhörer- schaft hinter Jim. Dieser stand langsam auf und ver- schränkte die Arme., »Setzen Sie sich, Mr. Keil!« schnarrte Heinman. Aber Jim ignorierte ihn. »Adok!« rief er in die leere Luft. Und plötzlich stand Adok vor Jims Tisch. Sein kraftvoller Körper schimmerte im Licht, das die sil- bernen Energiebänder reflektierten. Atemlose Stille breitete sich im Saal aus. Jim zeig- te auf eine der Wände. »Adok, ich will, daß diese Wand sich öffnet. Sie soll nicht durch die Einwirkung von übermäßiger Hitze in Trümmer fallen. Sie soll sich nur öffnen.« Adok drehte sich zu der Wand um, auf die Jim ge- deutet hatte. Der Starkianer schien sich nicht zu be- wegen, aber ein Lichtblitz zuckte aus seinem Körper hervor, grell genug, um alle Anwesenden zu blenden, wenn er nicht schon im nächsten Sekundenbruchteil wieder erloschen wäre. Und ebenso kurz klang ein unerträglich lautes Geräusch auf. Wo gerade noch die Wand gewesen war, öffnete sich ein Loch von zehn Fuß Höhe und fünfzig Fuß Länge. Seine Ränder waren so geschmeidig rund, als seien die Steine der Mauer dahingeschmolzen. Durch die Öffnung konnte man über die Dächer der Nach- bargebäude hinweg den blauen, von ein paar Wolken bedeckten Himmel sehen. Jim wies auf die Wolken. »Laß die Wolken verschwinden, Adok«, sagte er. Fünf oder sechs pfeifende Töne erklangen – aber wieder nur so kurz, daß das menschliche Ohr nicht, darunter leiden mußte. Der Himmel klärte sich auf. Jim wandte sich wieder dem Tisch auf der erhöh- ten Plattform zu. Langsam hob er die Hand und zeig- te auf den Gouverneur von Alpha Centauri III. »Adok …« Aber da kroch die vierschrötige, kleine braune Gestalt über den Tisch, sprang von der Platt- form und streckte Jim flehend die Hände entgegen. »Nein, nein, Hochgeborener!« schrie der Gouver- neur verzweifelt in der Sprache des Reiches. Dann besann er sich und sprach englisch weiter. »Ich habe mich geirrt! Er ist ein Hochgeborener! Ich sage es Ihnen, er ist einer!« Immer schriller erhob sich die Stimme des Gou- verneurs. Heinman und die anderen Mitglieder des Komitees starrten ihn halb erschrocken, halb ungläu- big an. Er wirbelte zu ihnen herum. »Nein, nein!« schrie er. »Ich sage das nicht nur, weil er auf mich gezeigt hat! Nein, es ist wegen des Starkia- ners. Sie verstehen das nicht! Die Starkianer gehorchen nur dem Herrscher und den Hochgeborenen, denen sie auf Befehl des Herrschers zu gehorchen haben. Kei- nem anderen würde ein Starkianer so gehorchen, wie wir es eben erlebt haben, wenn nicht einem Hochgebo- renen! Es ist wahr! Er ist ein Hochgeborener! Und ich habe mich getäuscht. Sie müssen ihn wie einen Hochgeborenen behandeln, weil er einer ist!« Hysterisch schluchzend brach der Gouverneur zu-, sammen. Jim fühlte, wie eine Hand in die seine glitt. Er wandte den Kopf und sah Ro an seiner Seite stehen. »Ja«, sagte Ro in ungeübtem, aber gewähltem Englisch zu Heinman. »Ich bin hochgeboren, und ich sage Ihnen, daß Jim es auch ist. Der Herrscher hat ihn adoptiert. Aber sogar der Herrscher sagte, daß er Jim nichts geben könne, was er nicht schon besitzt. Jim hat für Sie alle sein Leben aufs Spiel gesetzt, und er ist mit mir und Adok hierher zurückgekommen, um Ihre Welt darauf vorzubereiten, dereinst das Erbe des Reiches anzutreten.« Sie wies auf den weinenden Gouverneur. »Dieser Mann war an Galyans Verschwörung be- teiligt. Er sandte in Jims Namen einen Stein von der Erde. Aber es war kein Stein, sondern eine techni- sche Vorrichtung, die Vhotans Körper in blaues Licht tauchte. Und da sah der arme Herrscher in Vhotan die Blaue Bestie seiner Alpträume und fürch- tete sich so, daß er befahl, Vhotan zu töten, genau, wie Galyan es geplant hatte. War es nicht dieser Mann, der vorschlug, man solle Jim wegen Hochver- rats vor Gericht stellen?« »Ich habe gelogen. Ich sagte, Prinzessin Afuan würde bald den Hochgeborenen Slothiel seines Am- tes entheben, und daß sie sich dann an der Erde rä- chen würde – für das, was Jim getan hatte.« Stöh- nend vergrub der Gouverneur das Gesicht in den, Händen. »Aber ich habe mich geirrt! Er ist ein Hochgeborener, nicht nur durch die Adoption, son- dern von Geburt an. Ich habe mich geirrt …« Die widerstreitendsten Gefühle spiegelten sich in Heinmans Gesicht, aber dann trat ein Ausdruck in seine Augen, als sei er soeben aus meilentiefen schwarzen Schächten ins Tageslicht emporgetaucht, ins Tageslicht, daß so hell schien, daß es nur schmerzlich zu ertragen war. Jim blickte auf den schluchzenden Gouverneur herab, dann hob er die Augen zu Heinman. »Ja, – jetzt verstehen Sie alles … Und Sie verste- hen auch, warum das Reich von der Erde ferngehal- ten werden mußte – um jeden Preis.« – ENDE –]
15

Similar documents

Was würden Sie tun, wenn Sie sich plötzlich ins an-
Was würden Sie tun, wenn Sie sich plötzlich ins an- tike Rom versetzt fänden – sagen wir ins Rom des Jahres 535? Man könnte das Schießpulver »erfin- den« und die Macht im Reich an sich reißen … Oder man könnte sich dank besserer Geschichtskennt- nisse als Wahrsager betätigen und viel Geld verdie- ne
DERC VlaRE reR ClaomManE rk S SER
DERC VlaRE reR ClaomManE rk S SER Rita SAeuuKsßo d luleenmkdt iEB vne Dgrnlisch ruhcakr- edRn Je ev i nfo dnr icke, I Hoffmann u nd Campe I Diei mOr VidginalauDie Arbeit deeermrla ÜTgb iVte sigabe erschien 2005 unter wurde vom Deuetrk ls »ienTtgzh/eePr Great Stink« sgcehföerndÜeabnmegr uvsioenrt,z l
Aidan Chambers Nachricht aus dem Niemandsland
Aidan Chambers Nachricht aus dem Niemandsland Aidan Chambers, 1934 in Durham, England geboren, arbeitete zunächst als Lehrer, ging dann für sieben Jahre als Mönch des Anglikanischen Ordens ins Kloster und lebt seit 1968 als freier Schriftsteller in einem Dorf in der Grafschaft Gloucestershire. Seine
An der Universität der Magier beginnt die Aus-
An der Universität der Magier beginnt die Aus- bildung der neuen Zauberschüler. Während fast alle Novizen aus den vornehmen Familien von Kyralia stammen, kommt Sonea aus den ver- achteten Elendsvierteln der Hauptstadt Imardin. Immer wieder wird sie von ihren Mitschülern brutal schikaniert, und nur i
Aus der Tiefe des Alls taucht ein neuer, bisher nicht be-
Aus der Tiefe des Alls taucht ein neuer, bisher nicht be- obachteter Himmelskörper auf. Er wird von einer Aste- roidenbeobachtungsstation registriert und erhält die astronomische Kennziffer 31/439. Besondere Beachtung findet er zunächst nicht, da keine Gefahr besteht, daß er mit der Erde kollidiert.
John F. Case Das erste der sieben Siegel
John F. Case Das erste der sieben Siegel Inhaltsangabe In New York wird ein Ehepaar brutal ermordet. – In Nordkorea wird ein Dorf von der Erdoberfläche gebombt. – Auf einer norwegischen Insel wollen Wissenschaftler die Leichen von fünf Bergleuten exhumieren. Sie finden die Gräber bereits geöffnet vo
Kyralia ist eine Welt, in der Magie das Privileg einer dün-
Kyralia ist eine Welt, in der Magie das Privileg einer dün- nen Oberschicht ist. Die Magiergilde führt Jahr für Jahr Straf- und Säuberungsaktionen durch. Da gelingt es eines Tages Sonea, einem Kind aus dem Elendsviertel der Hauptstadt Imardin, den Schutzschild der Magier mit ei- nem Steinwurf zu dur
ARTHUR C. CLARKE GREGORY BENFORD JENSEITS DER DÄMMERUNG
ARTHUR C. CLARKE GREGORY BENFORD JENSEITS DER DÄMMERUNG Roman Aus dem Englischen von Walter Brumm Deutsche Erstausgabe WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN HEYNE ALLGEMEINE REIHE Nr. 01/8835 Titel der Originalausgabe BEYOND THE FALL OF NIGHT Redaktion: Inge Schneider-Obeltshauser Copyright © 1990 by Arthur
Andrea Camilleri Der zerbrochene Himmel
Andrea Camilleri Der zerbrochene Himmel Andrea Camilleris persönlichstes Buch – eine groteske Parabel, die absichtlich jedes Maß überschreitet. Was ist die Welt aus der Sicht eines sizilianischen Jungen, der 1935 sechs Jahre alt ist? Eine chaotische Gemeinschaft von sogenannten Erwachsenen, die nach
Bret Easton Ellis American Psycho
Bret Easton Ellis American Psycho Bret Easton Ellis American Psycho Deutsch von Clara Drechsler und Harald Hellmann Titel der Originalausgabe «American Psycho» Copyright © 1991 by Bret Easton Ellis © 1991, 1993 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln Dieses E-Book ist nicht Für den Verkauf bestimmt! Al
Ins Deutsche übertragen von
Ins Deutsche übertragen von Michael Krug BASTEI LUBBE TASCHENBUCH Band 20 541 1. Auflage: Juli 2006 Vollständige Taschenbuchausgabe Bastei Lübbe Taschenbücher in der Verlagsgruppe Lübbe Deutsche Erstveröffentlichung Originaltitel: Impossible Odds © 2003 by Dave Duncan © für die deutschsprachige Ausg
Über das Buch: Auf dem Planeten Jombuur, in den Tiefen der Milchstraße, ist
Über das Buch: Auf dem Planeten Jombuur, in den Tiefen der Milchstraße, ist es üblich, jedem Neugeborenen einen Stern zu schenken. Später dann besucht der junge Jomburaaner seinen Stern, um dort wie von einem Orakel zu erfahren, was das Leben für ihn bereithält. Eines Tages wird auch die Erde versch
Über das Buch: Ist die Individualität des Menschen ausschließlich
Über das Buch: Ist die Individualität des Menschen ausschließlich abhängig von seinen Erbanlagen? In Wolfgangs Klasse grassiert seit Wochen das Klon-Fieber. Ein kubanischer Wissenschaftler hat zugegeben, vor 16 Jahren zusammen mit einem deutschen Mediziner einen Menschen geklont zu haben. Nun sucht
Zum Buch Es scheint, als seien die letzten Tage der Menschheit gezählt, die
Zum Buch Es scheint, als seien die letzten Tage der Menschheit gezählt, die vor Jahrhunderten voller Hoffnung den Weg zu den Sternen antrat. In diesen Jahrhunderten splitterte sich die menschliche Rasse auf in drei große Kulturen – die Dorsai als Kriegerkaste; die Friendlies, Männer und Frauen von t
Philip K. Dick Der dunkle Schirm Science Fiction-Roman
Philip K. Dick Der dunkle Schirm Science Fiction-Roman BASTEI-LÜBBE-TASCHENBUCH Science Fiction Bestseller Band 22 018 © Copyright 1977 by Philip K. Dick All rights reserved Deutsche Lizenzausgabe 1980 Scan by Brrazo 07/2006 Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe, Bergisch Gladbach Originaltiel: A Scanner Da
ALBERT EINSTEIN AUSGEWÄHLTE TEXTE
ALBERT EINSTEIN AUSGEWÄHLTE TEXTE AUSGEWÄHLTE TEXTE Herausgegeben von Hans Christian Meiser ALBERT EINSTEIN GOLDMANN VERLAG Made in Germany • 9/86 • 1. Aufl age © der Originalausgabe 1986 beim Wilhelm Goldmann Verlag, München Umschlaggestaltung: Design Team München Satz: Filmsatz Schröter GmbH, Münc
Die Menschen haben die Sterne erreicht – aber als Bitt-
Die Menschen haben die Sterne erreicht – aber als Bitt- steller, als Nutznießer der Technologie extraterrestrischer Rassen. Wenig ist geblieben vom Bild der glorreichen Er- denmenschen, die das All erobern. Sie leben in kleinen En- klaven auf anderen Planeten und versuchen ihre Minder- wertigkeitsko
Helga Dudman Chaplins Katze, Clintons Kater
Helga Dudman Chaplins Katze, Clintons Kater und viele andere verkannte Miezen Aus dem Englischen von Ulrike Seeberger Deutscher Taschenbuch Verlag Deutsche Erstausgabe November 2000 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München www.dtv.de © 2000 Carta, Jerusalem Titel der israelischen Original
Stephen Coonts Nachteis
Stephen Coonts Nachteis Inhaltsangabe Fanatische japanische Nationalisten dringen in den Tokioter Kaiserpalast ein und enthaupten den Kaiser. Das Ziel dieser konspirativen Gruppe ist es, in das ge- schwächte Russland einzumarschieren, das an Öl reiche Sibirien zu besetzen und schließlich die Welther
Arne Dahl Falsche Opfer
Arne Dahl Falsche Opfer Kriminalroman Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt Piper München Zürich Von Arne Dahl liegen auf deutsch außerdem vor: Misterioso (Serie Piper 3992) Böses Blut (Piper Original 7041) Deutsche Erstausgabe April 2004 © Arne Dahl 2000 Titel der schwedischen Originalausgabe: »Up
BIBLIOTHEK DER SCIENCE FICTION LITERATUR H Philip K. Dick EINE ANDERE WELT Roman
BIBLIOTHEK DER SCIENCE FICTION LITERATUR H Philip K. Dick EINE ANDERE WELT Roman H EINE ANDERE WELT Die BIBLIOTHEK DER SCIENCE FICTION LITERATUR um- faßt herausragende Werke dieser Literaturga ung, die als Mei- lensteine ihrer Geschichte gelten und als beispielha e Versu- che, Möglichkeiten denkbare
Satlik war einst ein öder Planet ohne Leben – bis die Menschen
Satlik war einst ein öder Planet ohne Leben – bis die Menschen kamen und eine neue phantastische Welt formten. Im Laufe der Zeit müssen sie allerdings feststellen, daß sie nicht nur ihre Umwelt, sondern auch sich selbst stark verändern … Unter dem Mondstern, inmitten eines wilden Sturms, wird Jobe g
Allan Folsom Stunde der Vergeltung
Allan Folsom Stunde der Vergeltung scanned by unknown corrected by himself Wahnwitzige Machtspiele, skrupellose Rache, geheimnisvolle Frauen, gnadenlose Killer: Der letzte Spross der Zarenfamilie Romanow will mit allen Mitteln die Macht an sich reißen – und schreckt vor keinem noch so teuflischen Pl
Der Autor Klappentext
Der Autor Gunter Gerlach wurde 1941 in Leipzig geboren, studierte an der Hochschu- le für bildende Künste in Hamburg und wandte sich später dem Schreiben zu. Er verfaßte Hörspiele, Funkserien, Kurzprosa sowie Romane und ist Mitbegründer und Mitglied der Autorengruppe PENG. 1992 erhielt Gerlach den H
Michael Forster Pancho Villa Der Rebell von Mexico
Michael Forster Pancho Villa Der Rebell von Mexico Inhaltsangabe Tollkühn, grausam-gerecht, todesverachtend, so führt Pancho Villa seinen gnaden- losen Kampf gegen die Hacienderos Nordmexikos. In wilden Ritten durch die tie- fen Schluchten der Sierra Madre, durch die brühheiße Ödnis Chihuahuas erbeu
Der Autor Klappentext
Der Autor Allan Folsom ist 1944 geboren und lebt in Kalifornien. Er arbeitete als Kamera- mann, Filmredakteur und Drehbuchautor. Seitdem ihm mit "Übermorgen" ein inter- nationaler Durchbruch gelang, widmet er sich ausschließlich dem Schreiben. Klappentext Ein schöner Junitag in Rom: Auf offener Stra
Timothy Findley Die letzte Flut
Timothy Findley Die letzte Flut Roman Aus dem Englischen von Eleanor Pawlik Claassen Die Originalausgabe erschien 1984 unter dem Titel Not Wanted on the Voyage bei Penguin Books Canada Limited, Toronto. Der Claassen Verlag ist ein Unternehmen der Econ Ullstein List Verlag GmbH & Co. KG ISBN 3-546-00
MICHTAIhL eBoAKdUoNrI NF ontane PHILOSOPHIE DER TAT L’Adultera
MICHTAIhL eBoAKdUoNrI NF ontane PHILOSOPHIE DER TAT L’Adultera Theodor Fontane L'Adultera Roman (1882) Kommerzienrat van der Straaten Der Kommerzienrat van der Straaten, Große Petri- straße 4, war einer der vollgiltigsten Finanziers der Hauptstadt, eine Tatsache, die dadurch wenig alte- riert wurde,
Hans Graf von der Goltz ANDERLAND
Hans Graf von der Goltz ANDERLAND Roman BERLIN VERLAG © 2004 Berlin Verlag GmbH, Berlin Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Nina Rothfos und Patrick Gabler, Hamburg Typografie: Renate Stefan, Berlin Druck & Bindung: Ebner & Spiegel, Ulm Printed in Germany 2004 ISBN 3-8270-0542-6 Kurt Anderla
Sergius Golowin Das Geheimnis der Tiermenschen Von Vampiren, Nixen, Werwölfen und ähnlichen Geschöpfen
Sergius Golowin Das Geheimnis der Tiermenschen Von Vampiren, Nixen, Werwölfen und ähnlichen Geschöpfen Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Golowin, Sergius: Das Geheimnis der Tiermenschen : von Vampiren, Nixen, Werwölfen und ähnlichen Geschöpfen / Sergius Golowin. - Basel : Sphinx, 1993 I