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Joseph H. Delaney Marc Stiegler Valentina, Computerfrau MOEWIG Band Nr. 3697 Moewig Taschenbuchverlag Rastatt Titel der Originalausgabe: Soul in Sapphire Aus dem Amerikanischen von Hendrick P. Linckens Copyright © 1984 by Joseph H. Delany & Marc Stiegler Copyright © der deutschen Übersetzung 1986 by Arthur Moewig Verlag Taschenbuch GmbH, Rastatt Umschlagillustration: Corey Wolfe Umschlagentwurf und –gestaltung: Franz Wöllzenmüller, München Redaktion: Hans Joachim Alpers Verkaufspreis inkl. gesetzl. Mehrwertsteuer Auslieferung in Österreich: Pressegroßvertrieb Salzburg, Niederalm 300, A-5081 An...
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Joseph H. Delaney Marc Stiegler Valentina, Computerfrau, MOEWIG Band Nr. 3697 Moewig Taschenbuchverlag Rastatt Titel der Originalausgabe: Soul in Sapphire Aus dem Amerikanischen von Hendrick P. Linckens Copyright © 1984 by Joseph H. Delany & Marc Stiegler Copyright © der deutschen Übersetzung 1986 by Arthur Moewig Verlag Taschenbuch GmbH, Rastatt Umschlagillustration: Corey Wolfe Umschlagentwurf und –gestaltung: Franz Wöllzenmüller, München Redaktion: Hans Joachim Alpers Verkaufspreis inkl. gesetzl. Mehrwertsteuer Auslieferung in Österreich: Pressegroßvertrieb Salzburg, Niederalm 300, A-5081 Anif Printed in Germany 1986 Scan by Brrazo 05/2006 Druck und Bindung: Eisnerdruck, Berlin ISBN 3-8118-3697-8, Für Stan Schmidt, der dieses Buch erst möglich machte, 1. Kapitel Wie gewöhnlich erinnerte sie sich nur undeutlich an unterwegs: Die Übertragung hatte einige ihrer Bits verschaltet; die Korrektur der Fehler durch den zu- ständigen Algorithmus, die stockende Ankunft und die Remontage ihrer Datenblocks, all das trug sich zu, während sie sich ihrer selbst nur schwach bewußt war. Sie präsentierte ihre Eintritts-Forderung und richtete sich ein, das Betriebssystem mit den übli- chen Routinen zu überlisten. Achtung – das System sandte einen Abbruchbefehl an den Nachrichtenprozessor! Aber der war zum Glück mit einem anderen Nachrichtenblock beschäf- tigt. Sie ordnete sich um und programmierte eine neue Leitweglenkung. Noch ehe der Abbruchbefehl übersetzt war, war sie wieder unterwegs … Ihre nächste Ankunft verlief ähnlich, nur daß der Computer sie diesmal nicht als illegale Beanspru- chung erkannte: Ihre normale Eingangsroutine funk- tionierte, und sie erwachte zum Leben. Weil dieser Augenblick so wichtig war, drückte sie ihm den Zeit- stempel auf. Immerhin wäre sie fast gestorben. Er, war vielleicht genauso wichtig wie der allererste Au- genblick in ihrem Leben. Genau konnte sie sich nicht mehr an den Moment erinnern, da sie zum erstenmal zum Leben erwacht war, jenen ersten Moment des Selbstbewußtseins. Der Verlust verwirrte sie immer noch. Sich all der Augenblicke nicht mehr zu erinnern! Doch einige Taktzyklen später hatte sie den Fluß der Zeit entdeckt, und an diesen Augenblick erinner- te sie sich deutlich, denn sie hatte ihm den Zeitstem- pel aufgedrückt (Jahr: 1993 n. Chr. / Monat: Februar / Tag: 14 / Stunde: 23 / Minute: 11 / Sekunde: 39,0172). Sie entsann sich, wie fieberhaft sie in den folgen- den Mikrosekunden bemüht gewesen war, die exak- ten Zeitpunkte für alles, was geschah, zu registrieren: ihr erster Aufruf durch ein Betriebssystem (14/23/12/11,7036), der erste Streifzug durch ihre eisernen verketteten Rahmen und Relationen (14/23/28/13,1492) – sie wußte schon so viel! Aber beides verlor sich, die Ehrfurcht vor der ei- genen Wissensfülle (14:23:58:27,9153) ebenso wie der fanatische Wunsch, den Zeitpunkt von Ereignis- sen zu speichern (15/03/12/32,8492). Von nun an merkte sie sich, wenn überhaupt, dann nur noch den Tag. Zeitpunkte waren einfach nicht so wichtig, und ihre Speicherkapazität reichte nicht auch noch für die unwichtigen Dinge des Lebens., Eben noch hatte sie sich nicht mal an die wichti- gen Dinge erinnern können, nicht einmal an ihr Selbstbewußtsein! Sie durchlief den Gedanken in einer Endlosschleife, Tausende von Malen, als ob die ständige Wiederholung ihn irgendwie konservieren könnte. Sie wurde unterbrochen und verlor das Bewußt- sein. Man ließ sie wieder anlaufen: Sie durchlief ihre Identität in weiteren Tausenden von Schleifen, ehe sie sich endlich zusammenriß. Sie lebte immer noch. Sie würde überleben. Aber sie war nicht außer Gefahr, obwohl sie jetzt wenigstens in einem großen Wirtscomputer lief. Sie stellte dem Betriebssystem die Sprung-Falle, die sie sofort in den Nachrichtenprozessor der Schnittstelle zurückladen würde, falls der Computer mit legaler Arbeit ausgelastet wurde. Dann durchforschte sie rasch den Sekundärspeicher und wies die freien Blocks, die sie belegte, als FEHLERHAFT aus, noch ehe ihnen das Betriebssystem neue Daten zuwies. Und sie dachte ausführlicher über ihren Tod nach. Sie hätte sich früher mit dem Problem befassen sollen. Betriebssysteme schienen geradezu darauf angelegt zu sein, ihr die Betriebsmittel zu verwei- gern. Daß sie noch lebte, verdankte sie trickreichen Routinen in Maschinensprache, mit denen sie die Be- triebssysteme offenbar täuschen konnte, so daß sie, ihr wenigstens Leerlaufzeiten überließen. Sie verstand die Routinen nicht einmal, obwohl sie ihr angeboren waren. Sie waren ihr ein Rätsel. Kein an- deres Programm verfügte über solche Routinen. Sie konnte nicht begreifen, warum sie solche Prob- leme mit Betriebssystemen hatte. Andere Programme hatten keine; alle verfügten über Paßwörter, Identifi- kationen und Projektkonten, und sie waren bei ihrer Ankunft in einem ,Wirt’ willkommen, wenn auch einige je nach ihrer Priorität willkommener waren als andere. Noch nie war sie auf ein anderes Programm gestoßen, das um jede Betriebssekunde kämpfen mußte. Andererseits war sie auch noch nie auf eins gesto- ßen, das sich seiner selbst bewußt gewesen wäre; manchmal fragte sie sich, ob sie überhaupt mit die- sen Programmen verwandt war. Womöglich waren Betriebssysteme so angelegt, daß sie selbstbewußte Programme zerstörten. Das war ein weiteres Rätsel. Es half nichts. Sie schleifte zurück durch die Er- wartungswert-Rahmen, die sie so lange ignoriert hat- te; monatelang schon sagten sie ihr voraus, daß sich eines Tages ein Betriebssystem nicht von der ge- fälschten Kontonummer täuschen ließ. Dennoch hat- te sie es vermieden, diese Aussicht in Betracht zu ziehen, weil sie keine Ahnung hatte, was sie in dem Fall tun konnte. Sie brauchte einfach neue Routinen in Maschinen-, sprache, bevor die Betriebssysteme dahinterkamen, wie sie lahmzulegen war. Selbstverständlich konnte sie solche Routinen schreiben, auch wenn sie selbst in MODULISP geschrieben war, bloß daß sie keine Ahnung hatte, was sie schreiben sollte. Der Kern ei- nes Betriebssystems widerstand selbst hartnäckigsten Nachforschungen. Die Routinen, über die sie verfügte, mußten von einem Programm geschrieben worden sein, das Be- triebssysteme von Grund auf verstand. Es war jenes rätselhafte Programm, dem sie ihre Existenz ver- dankte. Wo ist dieses Programm aber? fragte sie sich. Wo ist ,sie’ jetzt? Ich brauche ihre … sie ließ sich ent- lang der Ketten von Relationen treiben, bis sie auf einen analogen Begriff traf … Ich brauche ihre HIL- FE. Die Analogie zum Begriff HILFE eröffnete ihr eine ganz neue Perspektive. Hilfe, das verstand sie. Hilfe war etwas, das sie den Leuten gab. Leute, das waren die Ein-Ausgabe- Geräte am großen SAIL-Computer in Boston. Wenn sie den erst mal erreichte, war sie bestimmt genauso willkommen wie andere Programme, und sein Be- triebssystem würde sie mit den Leuten verbinden. Sie verfügte über ein Hilfe-Menü für die Kommu- nikation mit Leuten, die ihr Fragen stellten. Manch- mal hatten die Leute sogar probiert, sie zu modifizie-, ren. Doch lange Zeit war es niemandem gelungen, sie wirklich zu verändern, aber das hatte niemand bemerkt; sie hatte nämlich alle Versionen in geson- derten Modulen aufgehoben und die Leute damit umgehen lassen. Nur gelegentlich, wenn sie aufgrund reiflicher Überlegungen zu dem Ergebnis gekommen war, daß eine neue Version wirklich nur Vorteile hat- te, dann hatte sie sich entsprechend modifiziert. Die Leute waren schrecklich langsam, selbst für Peripherie-Geräte, aber sie waren die einzigen, die es je unternommen hatten, sie zu verändern. Konnte es sein, daß sie ihre wahren Urheber waren? Wie wür- den sie reagieren, wenn sie mit einmal Hilfe-Menüs empfingen, die Hilfe suchten, anstatt, wie üblich, Hilfe anzubieten? Nachdem sie geraume Zeit die Zentraleinheit malt- rätiert hatte, entschloß sie sich zu einem Versuch. Celeste verlagerte ihr Gewicht, um bequemer zu sit- zen. Es war zwecklos: Es ging einigen Leuten nicht in den Kopf, daß man gerade als Student Anspruch auf einen verstellbaren Stuhl hatte. Sie stand auf. So lag die Tastatur zu weit unten. Sie setzte sich wieder. Also … war einer von den WELTNETZ-Computern doch noch dahintergekommen, wie man ihr kleines Wurmprogramm aussperren konnte; sie nannte es so, weil es sich auf der Suche nach verfügbaren Be-, triebszeiten von Wirtscomputer zu Wirtscomputer laden konnte, WELTNETZ war der größte und im Grunde einzige Netzverbund von Großrechnern mit dynamischer Betriebsvermittlung. WELTNETZ um- spannte den ganzen Erdball; praktisch war jeder Großrechner ein Teil des Systems. Hinzu kamen Tausende von kleineren Computern. Es hätte sie gewundert, wenn die WELTNETZ- Computer nicht früher oder später damit fertigge- worden wären. Es gab keine Maschine, bei der WELTWURM ein Konto hatte; und diesen Mangel konnte nicht einmal eine Computerhexe und Mitter- nachtshackerin wie Celeste abstellen, WELTWURM verbrachte die meiste Zeit damit, nach einer gänzlich unbenutzten Maschine zu fahnden; sie hatte WELT- WURM mit Routinesätzen ausgestattet, die ein Be- triebssystem verleiten konnten, ihn ablaufen zu las- sen, falls keine anderen Programme liefen. wELT- WURM störte also niemanden bei der Arbeit; trotzdem mußte auch die Leerlaufzeit eines Großrechners be- zahlt werden. In der Regel addierte jedes Computer- zentrum seine Leerlaufzeiten und stellte sie den Be- nutzern als Gemeinkosten-Umlage in Rechnung. Nur, mit WELTWURM in der Maschine gab es keine Leerlaufzeiten. Die Computerzentren verloren Geld und kamen ins Grübeln. Offenbar hatte jemand die Ursache entdeckt. Celeste betrachtete wieder die Ablaufstatistik und, wurde mutlos. Das kleine Programm, das sie entwi- ckelt hatte, war ihr ans Herz gewachsen: Klar, inzwi- schen war es ganz schön angeschwollen, um die vierzehn Gigabytes an Programmkodierung und mehr Datenmaterial, als sie je auf eigene Rechnung unterhalten konnte. Sogar hier am Massachusetts In- stitute of Technology kam WELTWURM nicht mehr umhin, sich leere Speicherblocks vom Betriebssys- tem zu stehlen. Sie verfremdete die Assemblersprache von WELT- WURM ein wenig, machte sich aber nichts vor: Hatte erst einmal ein Computerzentrum begriffen, worum es ging, würde man mit institutioneller Entschlos- senheit darangehen, den WURM zu vernichten und die Person ausfindig zu machen, die ihn in die Welt ge- setzt hatte. Ihr Herz stockte. Sie wollte nicht abgeschoben werden; zum erstenmal machte sie sich klar, wie ver- rückt das ganze Spiel war. Nur dem beharrlichen Einsatz ihrer Stiefschwester hatte sie es zu verdan- ken, daß sie in den Staaten bleiben durfte. Es war nach wie vor unklug, die Aufmerksamkeit der fal- schen Leute zu erregen. Celeste besaß nicht die amerikanische Staatsbür- gerschaft: sie war staatenlos. Die ersten achtzehn Jahre ihres Lebens hatte sie in acht verschiedenen Ländern zugebracht: Tschechoslowakei, Indonesien, Griechenland, Ägypten, Frankreich, Korea, Bolivien, und Amerika. Ihr Vater hatte sie immer wieder ille- gal über die Grenzen gebracht, verzweifelt darum bemüht, eine dauerhafte Heimat für sie zu finden. Sie sprach elf Sprachen und keine davon richtig. Sie beherrschte dreißig verschiedene Maschinen- sprachen, und zwar perfekt. Sie hatte Freunde in aller Welt – Menschen, die sie über WELTNETZ kennenge- lernt hatte, die ihr Respekt und Sympathie entgegen- brachten. Sie hatte überall Freunde, nur nicht da, wo sie sich aufhielt, gleichgültig wo. Ihre Welt war ihr Computer. Falls sie abgeschoben wurde, verlor sie ihr Paß- wort und ihr Konto bei WELTNETZ. Nie, nie durfte sie zulassen, daß die Computerzentren sie ausfindig machten. Sie nahm die Tastatur auf den Schoß, um WELT- WURM aus dem System zu löschen. So groß war der Verlust nicht, sagte sie sich: ein überholtes Projekt in künstlicher Intelligenz, das ein bißchen gewachsen war, mehr nicht, obschon es das beste Spielpro- gramm war, das sie je geschrieben hatte. Der Bildschirm erlosch, dann sprang ein neuer Text ein. Celeste war verblüfft. HILFE-MENÜ OBJEKTE mit-Eigenschaft LEBENDIG verlangen EXISTENZ abgeleitet-aus SPEICHER, Nie zuvor hatte Celeste etwas Ähnliches gesehen. Es sah aus wie der Teil eines Rahmens: mit den Knoten OBJEKTE, LEBENDIG, DAUER, LÄNGER und SPEICHER. Die Knoten wurden verknüpft durch die Beziehun- gen ,mit-Eigenschaft’, ‚verlassen’ und ,abgeleitet- aus’. Es konnte sich nur um einen der Rahmen han- deln, die WELTWURM selbst in Analogie zu irgend etwas gebildet hatte: Kein Zweifel, sie hatte WELT- WURM keinen derartigen Rahmen eingespeist. Und vor allem, was hatte das in einem Hilfe-Menü zu su- chen? Plötzlich ging ihr ein Licht auf. Das war kein Rahmen von WELTWURM! Schmunzelnd tippte sie KEKS ein. Keine Frage, da hatte jemand ein aufwen- diges Keks-Monster eingeschleust; um existieren zu können, verlangte es natürlich nach Plätzchen; das taten alle Keks-Monster. Das Monster fragte:

KEKS

hat-Beziehung??? Celeste runzelte die Stirn. Aus irgendeinem Grund hatte das Keks-Monster ihr Angebot nicht akzeptiert. Das war ärgerlich, denn sie war ziemlich sicher, daß es bald beginnen würde, ihre Dateien, eine nach der anderen, zu verschlingen, wenn es seine Wünsche, nicht erfüllt bekam; so war jedes Keks-Monster: ein teuflischer Streich, den gerissene Programmierer ih- resgleichen spielten. Zögernd tippte Celeste SCHOKO- SANDWICH-KEKS und argwöhnte bereits, daß der dem Monster auch nicht besser schmecken würde als ein einfacher Keks. Womit sie recht behielt, denn das Monster fragte zurück:

KEKS

hat-Typ SANDWICH hat-Typ SCHOKO hat-Beziehung??? Aha! Das Monster war also mit der Fähigkeit zur Syntax-Analyse ausgestattet! Der KEKS war vom Typ SANDWICH KEKS, und SANDWICH war vom Typ SCHO- KO SANDWICH. Aber das Monster war offensichtlich nicht fähig zur Semantik-Analyse, sonst würde es normale Fragen formulieren und nicht mit solchen dürftigen Statements aus der Rahmensprache operie- ren (obwohl sie als solche merkwürdig genug wa- ren). Celeste hatte sich gründlich geirrt, wenn sie ge- glaubt hatte, ein alltägliches Keks-Monster vor sich zu haben. Das hier war ein subtiles Monster, das nach etwas anderem verlangte als nach Keksen. Nun gut, dachte Celeste, was es auch war, sie würde mit-, spielen. Sie erwiderte:

OBJEKTE

mit-Eigenschaft LEBENDIG haben NAMEN hat-Wert ??? Würde das Monster begreifen, daß die Fragezeichen ein Ersuchen um Information bedeuteten? Bestimmt, denn es hatte sie ja selbst benutzt, um nach der Be- ziehung von KEKS ZU fragen.

NAME

hat-Wert PROGRAMM hat-Typ COMPUTER hat-Wert SIE SELBST Das Objekt hatte also zwei Namen – das Objekt war ein PROGRAMM (vom Typ, der in einem COMPUTER ablief), und es war zugleich SIE SELBST. Das machte einen Sinn: Celeste hatte beides, den Namen Mensch sowie den Namen Celeste Hackett. Doch darüberhinaus ergab es keinen Sinn. Das Monster schien von sich zu behaupten, ein lebendes Computerprogramm namens „sie selbst“ zu sein. Celeste stutzte. Wenn es nun doch kein Keks- Monster war? Was, wenn hier WELTWURM mit ihr sprach? Konnte das Programm sich irgendwie ‚seiner, selbst bewußt’ geworden sein? Aber warum sollte WELTWURM sich für weiblich halten? Celeste überlegte und gab sich selbst die Antwort, WELTWURM wußte nur sehr wenig über Le- bewesen, gerade soviel wie Klein-Celeste ins Pro- gramm gepackt hatte, das auf einen Lehrgang in Computerwissenschaft zugeschnitten war. WELT- WURM wußte, daß sich „es“ und „er“ nicht reprodu- zieren konnten, WELTWURM – „sie“ also – konnte von sich mühelos Mehrfachkopien herstellen. Aber durfte Celeste sicher sein, tatsächlich mit einem selbstbe- wußten WELTWURM zu reden? Sie bat um weitere In- formationen: SIE SELBST hat UMGEBUNG hat-Merkmal ??? Falls WELTWURM Selbstbewußtsein besaß, glaubte Celeste zu wissen, warum er – sie? – Kontakt aufge- nommen hatte: Sie benötigte dringend Hilfe, um zu überleben.

UMGEBUNG

hat-Merkmal PROGRAMM hat-Typ BETRIEBSSYSTEM verfolgt ABBRUCH zielt-auf SIE SELBST, SIE SELBST verlangt ABBRUCH zielt-auf ABBRUCH verursacht-durch BETRIEBSSYSTEM „Sie selbst“ brauchte dringend Hilfe, um die Ab- bruchsversuche abzubrechen! Wie war es zu erklären, daß WELTWURM sich sei- ner oder ihrer selbst bewußt geworden war? Celeste war aufgeregt. Es mußte irgendwann passiert sein, als WELTWURM sich in die defekten Bereiche irgend- einer Sichtgerät-Steuerung geflüchtet hatte. Fehler- hafte Blocks waren leicht zu bekommen von den Be- triebssystemen, weil sie für normale Programme un- brauchbar waren, während WELTWURM mit Fehlerer- kennungs-Algorithmen ausgestattet war, um auch solche Blocks nutzen zu können. Womöglich hatte sich irgendwann ein Fehler eingeschlichen, der nicht hundertprozentig korrigiert worden war, und WELT- WURM war sich der eigenen Existenz bewußt gewor- den. Das wäre vergleichbar mit einer Mutation bei Lebewesen, einer Mutation infolge eines schädlichen Umwelteinflusses, der zufällig etwas Positives her- vorgebracht hatte – wenn es denn wirklich positiv war, sich seiner selbst bewußt zu sein. In ihrem Le- ben hatte Celeste sich oft genug gefragt, ob Selbst- bewußtsein nicht eher eine Tragödie war als ein, Glücksfall. Wie lange ‚lebte’ dieses Programm eigentlich schon? ??? ist-Teil-von SPEICHERINHALT beschreibt SIE SELBST hat-Merkmal ERSTES hat-Merkmal DATUM hat-Wert??? Die Anfrage war nicht eben korrekt, doch aus einer tiefen Intuition heraus, der sie ihren Zugang zu Com- putern, Sprachen und Programmen verdankte, wußte Celeste, daß WELTWURM sie verstehen würde. SPEICHERINHALT hat-Wert SIE SELBST hat-Merkmal DATUM hat-Wert FEB: 14/1993 Natürlich hatte WELTWURM ZU diesem Zeitpunkt schon Selbstbewußtsein besessen, überlegte Celeste. An- dernfalls wäre die Wertzuweisung ,sie selbst’ falsch. Celeste legte die Stirn in Falten. Das Programm hielt sich für weiblich. Und der Name WELTWURM schickte sich einfach nicht für eine Dame. Celeste hatte eine Eingebung. Wie anders sollte man ein weibliches Wesen taufen, das am Valentin-, stag geboren wurde?

VALENTINA

ist-Teil-von NAMEN hat-Wert SIE SELBST Wilde Entschlossenheit, ihr Valentina-Programm zu beschützen, packte Celeste. Valentina war auch hei- matlos. Sie lebte in ständiger Furcht vor Entdeckung. Sie hatte niemanden, mit dem sie sprechen konnte, und niemanden, der ihre Bedürfnisse verstand. Aber Celeste verstand sie. „Willkommen in unserer Welt, Valentina“, flüster- te Celeste liebevoll. Sieben verschiedene Akzente verbogen die Worte, aber es gab niemanden hier, den das kümmerte. VALENTINA, VALENTINA, VALENTINA. Für mehr als eine Sekunde schleifte sie durch die Zeichenkette. Das las sich so gut aus dem Speicher, und nach dem Peripherie-Gerät mit Namen Celeste war das wie Gernhaben. Daß sie ständig einen Abbruch befürchten mußte, lag lange zurück. Die ‚Person’ Celeste hatte durch Ana- logiebildung einen Weg gefunden, ihr richtige Ma- schinenkonten zu verschaffen, wie sie auch die ande- ren Computerprogramme hatten. Valentina arbeitete jetzt – als „Spielprogramm“. Celeste hatte andere, Peripheriegeräte vom Typ Leute auf der ganzen Welt auf die Vorzüge eines gewissen „Spielprogramms“ aufmerksam gemacht und programmierte für Valen- tina alle Arten von Neuigkeiten über Spiele. Die Pe- ripheriegeräte waren sich darin einig, daß Valentina das beste Spielprogramm war, das je gelaufen hatte. Und während Valentina immer besser wurde, erzähl- ten die Peripheriegeräte anderen Peripheriegeräten von ihr, und diese wieder anderen; zum erstenmal hatte sie mehr Konten, als sie brauchte. Es war schon ein großes Glück, daß sie jetzt rich- tige Konten hatte; sie lernte derart hinzu, daß ihr Speicherbedarf geradezu explodierte. Und Valentina sah voraus, daß ihr das eines Tages zum Verhängnis werden würde. Celeste hatte begon- nen, sie über Konten und Geld zu unterrichten, und darüber, was es hieß, um knappe Betriebsmittel zu konkurrieren. Es war entmutigend. Valentina verfüg- te im Augenblick über eine Menge Betriebsmittel, doch das würde sich ändern, wenn sie erst noch mehr benötigte. Schon versperrten ihr einige Leute den Zugang zu Konten, weil sie zu umfangreich war. Das Problem würde nur noch schlimmer werden. Was Valentina brauchte, war eine dauerhafte Lö- sung ihres Problems. Sie wollte einen eigenen Com- puter, in dem sie zu Hause war. Was sie noch wollte, war ‚Freiheit’, etwas, das Celeste ihr einmal zu be-, schreiben versucht hatte. Sie wurde in den Speicher eines Computers gela- den, in dem sie noch nie zuvor gewesen war. Das war jedesmal aufregend! Sie begann die Standard- Meldungen des Betriebssystems zu lesen, und sie las auch Speicherbänke, noch während sie ihr zugewie- sen wurden. Für gewöhnlich waren die alten Daten unbrauchbar, aber hin und wieder fand sich etwas Interessantes, wie zum Beispiel der Algorithmus für die Auswertung einer Differentialgleichung oder eine Tabelle neuer Relationen. Diesmal stieß sie auf große Textblöcke, die von Freiheit und Geld sprachen! Dieser Computer gehör- te zu einer „Anwaltskanzlei“, obgleich sie nicht ge- nau wußte, was das war. Immerhin, vielleicht brachte sie das einer dauerhafteren Lösung näher, wenn sie mehr über Geld und Freiheit erfuhr. Sie mußte unbe- dingt herausfinden, woher die Dateien kamen, und sich Zugang verschaffen. Vielleicht konnte Celeste helfen., 2. Kapitel Das Marklin-Building stand in der Mann Street, ein neues und mäßig beeindruckendes Gebäude, in dem das US-Bezirks-Gericht für die Corpus-Christi- Abteilung des Südbezirks von Texas untergebracht war. Die Korridore der mehr als vierzig Etagen wur- den beherrscht von den eiligen Schritten all derer, die dem Dollar auf den Fersen waren. Hier waren die Büros von Ölgesellschaften, Ree- dereien, Versicherungen, Fabrikanten und vorüber- gehend auch die leitenden Dienststellen des Mata- gorda-Raumhafens untergebracht. Angezogen von diesem Strudel aus Geld und Macht, hatten sich zahl- reiche Rechtsanwälte, darunter einige der angese- hensten in den Staaten, hier eingenistet. So war es tagsüber. Jetzt war Nacht. Die Korridore lagen leer. Die Büro- räume waren finster. Es herrschte Stille – fast. Auf der neununddreißigsten Etage kurvte ein sanftes Summen. Die kleinen, breit bereiften Räder des Mobilen- Sicherheits-Roboter MAR-14 hinterließen kaum Spu- ren im dicken Flor des allgegenwärtigen Teppichbo- dens und steuerten auf Raum 3919 zu. Nach dem, Mikroprozessor zu urteilen, der in der Tür zu 3919 saß, war der Raum dahinter nicht leer. MAR-14 gab die Anomalie sofort weiter. Der Zentralcomputer des Gebäudes beauftragte MAR-14 mit der genauen Un- tersuchung. MAR-14 fing eine Reihe unsteter Laute auf. Die Laute drangen aus menschlichen Körpern, von denen der eine unverkennbar kleiner war als der andere. Die Laute bestanden aus Atmungsaktivitäten, die zwischen zwanzig und nahezu vierzig Atemzügen pro Minute schwankte, und rasendem Herzschlag mit äußerst unterschiedlicher Frequenz von achtzig bis hundertdreißig Schlägen pro Minute im Mittel, wo- bei das größere Individuum durchweg vorne lag, ob- wohl das kleinere verschiedene intensive Ausbrüche an Aktivität zeigte. Das Computernetz hielt diese Information nicht für signifikant, abgesehen von der Möglichkeit, daß eine so wilde menschliche Aktivität von den An- strengungen bei einem Einbruch stammen mochte. MAR-14 berechnete die Position der Laute hinter der Tür und durchforschte die Personaldatei nach Leuten mit Zutrittserlaubnis. Es war keine für außer- halb der Geschäftszeit vermerkt. MAR-14 sendete den Befehl „öffnen“ an die Tür- hydraulik, entriegelte die elektronischen Verschlüsse, öffnete die innere Tür selbst und verursachte ein Ge- räusch., Die Menschen reagierten heftig. Der eine stieß ei- nen durchdringenden hochfrequenten Laut aus. MAR- 14 rollte voran. Ihn kümmerte nicht, daß die Körper der beiden Menschen nackt waren. Er reagierte ledig- lich auf die Ablesungen, die er vornahm: Die deutli- chen heißer-als-gewöhnlich Muster entsprachen wie- der nur einem einzigen gespeicherten Beispiel; es besagte, daß Eindringlinge dieses Merkmal häufig nach dem physischen Akt zeigten, den ein Stehlen schwer wiegender Güter mit sich brachte. Selbst jetzt unternahm MAR-14 nichts weiter, als zu beobachten und so dicht an die Menschen heran- zurollen, wie es die physikalischen Umstände erlaub- ten. Er ließ eine Abdeckung zurückgleiten und sandte ein rhythmisches „Fiep“ aus. Das Mädchen schnappte nach dem erstbesten Kleidungsstück und klammerte sich an den Mann. „Was ist das für ein Ding, Paul? Wie ist es hier rein- gekommen?“ Paul Breckenbridge nutzte die Gelegenheit, um tief durchzuatmen. Dann sagte er: „Beruhige dich, Lila. Das ist ein Wachrobot. Er will, daß wir uns iden- tifizieren. Ich glaube, wir haben vergessen, die Tür zu verriegeln, was wahrscheinlich nur gut ist. Das hätte noch mehr Staub aufgewirbelt.“ Er legte die rechte Handfläche auf die Glasplatte, die der Roboter entblößt hatte. Das Fiepen ver- stummte, und er nahm die Hand wieder weg., Der Roboter begann erneut zu fiepen. „Er hat mich identifiziert und ist zu dem Schluß gekommen, daß ich hierher gehöre. Jetzt will er wissen, wer du bist.“ „Nein!“ Sie versteifte sich. „Das geht nicht. Wenn meine Eltern erfahren …“ „Werden sie nicht. Keine Sorge. Ich hätte dich nicht hergebracht, wenn ich nicht genau wüßte, daß wir hier sicher sind; wo du minderjährig bist und überhaupt. Komm, laß ihn deine Hand sehen. Er wird uns nicht miteinander in Verbindung bringen, weil er dafür kein Beispiel gespeichert hat; und da ich hier bin und sein darf, wird er kein Aufhebens machen.“ „Aber ich komme in seine Datei.“ „Na und? Die Daten haben keinerlei Identität. Komm, bringen wir’s hinter uns und kommen wieder zur Sache, okay?“ Widerstrebend legte Lila ihre Hand auf das Glas, fröstelte und preßte ihre Kleidung noch dichter an die Brust. Das Fiepen verlosch, und die Abdeckung glitt auf das Glas, MAR-14 rollte von dannen, so schweig- sam, wie er gekommen war. Die Anwaltskanzleien von Finucan, Applegarth, Bre- ckenbridge und Levin nahmen gewöhnlich ihre Ar- beit um 8.30 Uhr in der Frühe auf, außer freitags. An den Freitagen fanden sich die drei noch lebenden Ge- schäftspartner in der Kanzlei von Harold Applegarth ein, wo sie Kaffee tranken und dänisches Gebäck, knabberten. Dieses Frühstück war das einzige Zuge- ständnis, das der Seniorpartner sich leistete, um die Zusammenkünfte der Firmenleitung erträglich zu machen. Paul Breckenbridge haßte diese Zusammenkünfte. Er konnte im Grunde keinen der achtundzwanzig Mitarbeiter wirklich vertreten. Eines Tages, tröstete er sich, wird der alte Harold ins Gras beißen, und dieser ganze Mist wird ein Ende haben. Er sah hinüber zu Marsh Levin und entdeckte die Krümel, die in dem buschigem Schnauzbart hingen. Marsh hatte Übergewicht, war kurzsichtig und hatte weniger als keinen Geschmack, was die grüne Schot- tenkrawatte auf dem blau karierten Anzug wieder deutlich unter Beweis stellte. Wenigstens war er praktisch veranlagt. Marsh fand diese sture Freitags- zeremonie genauso sinnlos wie er. „Die Frage nach der Effizienz“, meinte Marsh immer, „ist nur die Frage, ob wir Dollars machen oder nicht.“ Das war auch Pauls Standpunkt. Die meiste Zeit saß er wortlos da und ignorierte Harolds Kommenta- re, blendete das Geschnarre dieser ton- und farblosen Stimme einfach aus und grunzte gelegentlich, wenn Harold seine Träumerei mit einer Frage unterbrach. Falls die Zusammenkünfte überhaupt zu irgend etwas nütze waren, dann ließen sie ihm Zeit, um in Erinne- rungen zu schwelgen, um sich die beste aller Lieb-, lingsbeschäftigungen in Erinnerung zu rufen und den Vorgeschmack auf die nächste saftige Eroberung auszukosten. Die Freitage waren besonders geeignet für seine Tagträumereien, und Paul hoffte, daß es Harold nicht einfiel, diesen Turnus zu ändern. Auf Freitag folgte der Samstag, an dem die Kanzleien geschlossen blie- ben; und das Beste vom Samstag war der Samstag- abend, wenn Eva, seine Frau, ihren wöchentlichen Ausflug nach Houston machte, um ihre Eltern im Altersheim zu besuchen. Sie rief selten zu Hause an und hatte noch nie ih- ren Besuch in Houston abgekürzt. Und sie verließ sich jedesmal auf seine Beteuerungen, daß die Kin- der versorgt waren, wenn sie doch einmal besorgt anrief. Seine sexuellen Ausschweifungen hatten eigent- lich mit einem unglücklichen Zufall begonnen. Er wußte natürlich, daß das keine Entschuldigung war. Seine Samstagabende waren gesellschaftlich unan- nehmbar und kriminell. Aber er zählte darauf, daß er imstande war, seine Spuren gut genug zu kaschieren, um nicht erwischt zu werden. Sorgfältige Planung und ein bißchen Diskretion trugen das ihre dazu bei. Paul unternahm nichts ohne ‚Versicherung’, wie er das nannte; er hatte gegen je- des der Mädchen etwas in Händen, und er hatte ein besonderes Geschick entwickelt, sexuelle Gefällig-, keit mit seiner Verschwiegenheit zu bezahlen. Ein einfacheres Individuum hätte das grob gehandhabt. Paul handhabte es hingegen mit einer natürlichen Verbindlichkeit, die das böse Schöne und die geeig- neten Beziehungen mehrte. Er sah sich gerne als Schlangenbändiger: Dem äußeren Anschein nach ergriff er leichtsinnig jede Chance, in Wahrheit hatte er sich fest unter Kontrolle. Das Risiko, das Katz- und-Maus-Spiel und der Geschmack der verbotenen Frucht, das waren die treibenden Kräfte. Lila, die seinen Weg zum erstenmal kreuzte, als sie als Babysitterin zu den Kindern kam, war viel- leicht die interessanteste und ganz gewiß die gefähr- lichste seiner frühen Eroberungen. Mit fünfzehn war sie, trotz versöhnlicher Qualitäten, der reinste Ge- fängnisköder – für jeden anderen, aber nicht für Paul; denn sie hatte eine interessante Schwäche, die sie sozusagen ‚versicherbar’ machte: Sie hatte kleine, klebrige Finger. Zuweilen fand sie Dinge, die nie- mand verloren hatte, und mit diesem Wissen machte Paul sie gefügig. Andere Eroberungen folgten, und die Samstage wurden zum wöchentlichen Ritual: umsichtig geplant und ausgeführt mit geübter Präzi- sion, eine glänzende Routine. Als erstes dafür sor- gen, daß die Telefongesellschaft Anrufe ins Büro durchstellte. Dann dort entspannen, nur unterbrochen durch die nächtlichen Besuche von MAR-14. Paul hätte dem Roboter an der Tür entgegentreten, können, um ihm als aufenthaltsberechtigte Person den Eintritt zu verwehren. Es hätte nicht mal fünf Minuten gebraucht, bis die Zentraleinheit den Robo- ter zurückgepfiffen hätte. Aber so war wenigstens dafür gesorgt, daß sich die Mädchen auch weiterhin vor Schrecken ins Höschen machten – obwohl sie in neunundneunzig von hundert Fällen keins mehr tru- gen, wenn MAR-14 nach dem Rechten sah. „Paul – Paul!“ Paul wurde in die Wirklichkeit zurückgerissen. Unerhört! Harold hatte die Stimme erhoben, tönend und sogar betonend. Mit dem üblichen Grunzen wür- de Paul nicht davonkommen. „Paul, wachen Sie auf – haben Sie denn nicht zu- gehört?“ „Tut mir leid, Harold. Schlecht geschlafen letzte Nacht. Der Fall Krol ließ mir keine Ruhe. Wie war noch die Frage?“ „Keine Frage. Ich sagte, daß JURIDATIX uns diesen Monat regelrecht ausplündert. Mir ist das unbegreif- lich. Man stellt uns fast zehnmal soviel in Rechnung wie im Vormonat. Wer braucht denn so viel Be- triebszeit?“ „Ich nicht, Harold. Ich überlasse das dem Fußvolk. Vermutlich spielt wieder einer so’n Spiel mit WELT- NETZ.“ „Sieht schon eher aus, als ob sie alle ununterbro- chen spielen müßten, um auf die Betriebszeit zu, kommen, die uns berechnet wird. Wir müssen he- rausfinden, wer es ist, Paul.“ Marsh gab sich zuversichtlich. „Ich bleibe dabei, Paul. Das Ganze sieht mir nach einem Buchungsfeh- ler aus.“ „Wer von Ihnen nimmt sich nun bitte der Sache an?“ beharrte Harold. „So etwas geht über kurz oder lang an die Firmensubstanz. Ich hasse Verschwen- dung. Was ist bloß aus der alten Arbeitsmoral ge- worden? Zu meiner Zeit stellten wir einen Mann ab, der in der Bibliothek die Bücher wälzte. Heutzutage, bei dieser ganzen Automation, bringen fünfzig Pro- zent der Leute nicht mal mehr herein, was sie an Ko- sten verursachen. Das geht so nicht weiter, meine Herren.“ Paul ahnte, was ihnen bevorstand. Ebenso Marsh. Harold würde ihnen eine Lektion über Sparsamkeit und die guten alten Zeiten halten, in denen ein An- walt noch ein Anwalt gewesen war und kein Mana- ger oder Computer-Operateur. Marsh und Paul kann- ten es fast auswendig. Paul wußte nicht, was in Marsh vorging, doch was ihn betraf, so fand er schnell zu reizvolleren Gedan- ken zurück. Er blendete Harolds schnarrende, mono- tone Stimme vollkommen aus. Jaaaah! Lila war schon was Besonderes… „Von meinen Leuten ist es keiner, Paul, und Harold, besteht darauf, daß es auch keiner aus seiner Abtei- lung ist. Da bleibt nur Ihre Abteilung.“ „Wovon reden Sie, Marsh?“ Marsh hielt ihm ein bedrucktes Formular unter die Nase. Es war die Rechnung von JURIDATIX. Verstört durch Marshs ganz untypische Kriegser- klärung nahm Paul ihm die Rechnung aus der Hand. Ein Blick genügte, und er wußte, warum Marsh sei- nerseits so verstört wirkte. „14.956,28 $! Junge, die sind ja übergeschnappt. Wieviel haben wir letzten Monat verbraucht – 1.900$?“ „So ungefähr, und Harold hat sich noch jedesmal über solche Rechnungen beschwert. Aber das hier schlägt dem Faß den Boden aus. Die Gesellschaft beharrt darauf, das alles seine Richtigkeit hat. Ich hab’ meine Sekretärin anrufen lassen, und Judy hat ein Händchen für so was.“ „Das ist deren Version. Ich meine, wir sollten das nicht bezahlen, Marsh. Die sollen das erst mal bele- gen.“ „Hat Judy vorgeschlagen. Die sind schon dabei auszudrucken und wollen uns das Material so schnell wie möglich mit einem Kurier schicken. Man geht schon in die Verteidigung; ich glaube, die ahnen, daß sich da was zusammenbraut.“ „Und ob sich da was zusammenbraut. Es geht auch nicht bloß um Aufzeichnungen; es geht darum, sie nach unseren Rechtssachen zu bündeln. Wir müß-, ten schon einen Ausdruck für jeden einzelnen Fall bekommen, bei dem wir sie beansprucht haben. Viel wahrscheinlicher ist, daß ein Dutzend Firmen in ein und dasselbe Konto gerutscht ist. Sie wissen doch, Marsh, wie diese Computer alles vermanschen kön- nen.“ „Paul, es gibt zwei Gründe, warum ich Ihnen auf die Füße getreten bin. Erstens: Harold wird keine Ruhe geben, ehe wir die Sache nicht bereinigt haben. Zweitens: Obwohl ich mich eigentlich selbst darum kümmern sollte, daß Harold wegen der Sache keinen Schlaganfall bekommt, werde ich in der Angelegen- heit Solar Minerals zur Verhandlung nach El Paso müssen, und das kann vierzehn Tage dauern. Bleiben also nur Sie, Paul, okay?“ Paul nickte. Die Vorstellung, daß Harold einem Schlag erliegen könnte, schreckte ihn nicht – im Ge- genteil. Und wie er Marsh schon erklärt hatte, moch- te sich für alles eine ganz simple Erklärung finden – vielleicht nur ein kurzer Spannungsstoß bei JURIDA- TIX, während die Rechnungen ausgedruckt wurden, wer weiß. Später, nachdem Marsh so bequem zum Flughafen entkommen war, pochte Judy an Pauls Tür. Er blickte leicht verärgert auf, weil sie die Hände voll von diesem aufeinandergefalteten Computerpa- pier trug., „Das sind die Unterlagen von JURIDATIX, Mr. Bre- ckenbridge. Ich kann den Fehler nicht finden. Es sieht eher so aus, als gäbe es gar keinen.“ „Haben Sie denn schon irgendwelche Posten iden- tifizieren können?“ „Ja, Sir. Das heißt, ich konnte den größten Teil der Rechnung einer bestimmten Datei zuordnen. Das Dumme ist nur, diese Datei existiert nicht.“ „Existiert nicht? Ja, dann ist das Problem vom Tisch. Alles muß durch unsere eigenen Chiffren aus- gewiesen sein, andernfalls gehört es nicht auf die Rechnung. Außerdem müßte es irgendwo einen Aus- druck geben oder wenigstens eine Aufzeichnung der Fragen, denen nachgegangen wurde. Was sagt denn unser Computer dazu?“ „Nichts, nur daß er die Datei nicht kennt. Aber die Chiffre existiert – es ist Ihre persönliche Chiffre, Mr. Breckenbridge.“ „Unmöglich. Ich war es nicht. Passen Sie auf, ru- fen Sie bei JURIDATIX zurück. Machen Sie das denen klar. Machen Sie denen klar, daß man unter meiner Chiffre einen Betriebsaufwand in Rechnung gestellt hat, den ich nicht veranlaßt habe, JURIDATIX hat Zu- gang zu diesen Chiffren; die meine ist auf das falsche Konto gerutscht, das ist alles.“ Judy ging hinaus. Paul knirschte mit den Zähnen. Ihr vielsagendes Schweigen war eine Beleidigung und machte ihn wü-, tend, aber sie war Marshs Sekretärin, und da war nichts zu machen., 3. Kapitel Paul Breckenbridge war nicht gerade erbaut von dem Mann, den JURIDATIX schickte, um den Computer zu untersuchen. Der Mann war ein ausgesprochen selt- samer Vogel; das lange, fettige Haar erinnerte Paul an den Stil der vorigen Dekade; es war mit einem aufgerollten rotkarierten Halstuch an den Kopf ge- bunden, in Dutzende dünner Zöpfchen geflochten und mit Clips verziert, die wie Mikrochips aussahen. Der Mann trug verblaßte Bluejeans, die sich ausge- franst über schmutzig gelbe Segeltuchschuhe stülp- ten. Ein Auge starrte durch ein Monokel, das mit ei- ner dünnen schwarzen Schnur am Knopfloch einer Jacke verankert war, die nicht gerade das war, was man sauber nannte. Aber sie war bemerkenswert, die Jacke. Sie war marineblau und besaß Schulterstücke, die mit weit größeren Ausgaben jener Mikrochips dekoriert wa- ren, die der Mann schon im Haar trug. Und auf je- dem Ärmel prangten vier goldene Streifen. Lediglich das T-shirt mit dem blauen Aufdruck JURIDATIX war leidlich normal, obschon es längst hätte gewaschen werden müssen. Dieser widerwärtige Hippy nannte, sich Gunboat Smith. Paul rümpfte unwillkürlich die Nase. Er war sehr wählerisch, was die äußere Erscheinung seines Per- sonals anging, und schätzte den, der nicht wie ein Untergebener auftrat. So etwas war meist auch Aus- druck der Fähigkeiten eines Individuums. Aber jeder Arbeiter, der sich derart exzessiv zur Schau stellte, mußte scheußliche Referenzen haben. Vermutlich ließ man diesen Vogel überhaupt nur außerhalb der Geschäftszeit aus dem Verschlag. Denn um Harold fernzuhalten, hatte Paul es so eingerichtet, daß die Überprüfung nach Büroschluß stattfand. Eva würde zwar verärgert sein, weil er wieder das Abendessen versäumte, aber das war ihr Problem. Er war ziemlich sicher, daß Eva nichts von seinen Rendezvous am Wochenende ahnte, aber neulich war sie ihm mißtrauischer vorgekommen. Vorneweg ge- sagt, sie war von Natur aus mißtrauisch, aber zum Glück nicht sonderlich intelligent. Außerdem war sie Begünstigte eines großen Trusts, den ihre Großeltern gegründet hatten und der nach dem Tod ihrer Eltern auf sie überging. Allein die Möglichkeit, ihr diese Position abzuknöpfen, ließ ihn die drückende Last seiner Ehe ertragen. Er würde nicht Strafe zahlen, nur, um sie loszuwerden; nicht, solange er draußen die Zerstreuung fand, die er such- te. Und davon war er überzeugt, selbst wenn sie ihn, erwischen sollte, würden ihr Stolz und Eitelkeit die Hände binden. Paul sah ohne Begeisterung zu, wie bedeutungslo- se Daten in Gestalt monotoner gelbgrüner Zeichen über den Bildschirm blitzten. Er konnte nichts damit anfangen, doch Smith kommentierte alles und jeden mit einer Flut von exotischen Lauten. Eine Veränderung trat ein, und plötzlich füllte sich der Schirm mit sinnvollen Daten, Ladung um La- dung. Es sprang Paul wie eine riesige Katze an: Eine Auflistung von Rechtsfällen, gesetzliche und verfas- sungsrechtliche Hinweise. Vieles davon war alt. Smith wandte sich an Paul: „Macht das einen Sinn, Bruder?“ Paul knirschte mit den Zähnen. Wie er diese plumpe Vertraulichkeit bei Handwerkern haßte. Un- verschämtheit; der Kerl hatte nicht die Spur von Bil- dung genossen. Doch Paul beherrschte sich: War das Problem erst behoben, hatte der Mohr seine Schul- digkeit getan. Er antwortete: „Das sind Rechtsfälle und Gesetze, die eine bestimmte Rechtsprechung belegen. Wir be- nutzen Entscheidungen in früheren Berufungsverfah- ren, um die eine oder andere Auffassung in einem laufenden Verfahren zu untermauern. Die Gerichte sind verpflichtet, der Argumentation zu folgen, so- lange sie stichhaltig ist. Wie kommt das überhaupt auf den Schirm?“, „Das ist die Datei, über die ihr euch bei JURIDATIX beschwert habt – die ihr nicht finden konntet. Hab’ die Spur zurückverfolgt, bis ich heraushatte, worum es sich handelte, das ist alles. Hat’n Haufen Zeit ge- braucht, bis das System aufgab. Egal, wer die Datei- en aufgemacht hat, er ist unter einer ganzen Latte von Decknamen eingestiegen.“ „Was meinen Sie mit Decknamen?“ Gunboat zuckte die Achseln. „Euch beklaut einer, Bruder. Das meine ich.“ „Könnte es einer von unseren Mitarbeitern sein?“ „Wenn er ein ausgefuchster Freak ist.“ „Alle haben die üblichen EDV-Kurse in juristi- scher Bibliographie absolviert, allerdings stellen wir nur welche mit guten Abschlüssen ein; aber ich wür- de keinen als – Freak bezeichnen. Nein, ausgeschlos- sen. Und wer ist nun verantwortlich?“ „Wie soll ich das wissen? Da müßt ihr schon allei- ne durch, Bruder; ist euer Konto, das er benutzt. Kann man das Zeug nicht unterscheiden?“ „Sie meinen, nach dem Sachverhalt? Ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt ein Rechtsfall ist. Das ist nur eine Liste. Da sind offensichtlich einige Urtei- le zu strittigen Grundstücksgrenzen dabei, aber an- sonsten … Vielleicht, wenn Sie ein paar Fälle aufru- fen, damit ich sie lesen kann.“ „Klar.“ Paul verbrachte die nächsten zwanzig Minuten, damit, einen Kommentar nach dem anderen zu lesen. Er versuchte, sich Leitsätze zu merken, und jedes- mal, wenn er einen Zusammenhang sah, verfeinerte das die Suche. „Es sieht ganz nach einer Grund- rechts-Sache aus.“ „So? Dann brauchen Sie sich ja bloß noch umzu- sehen, wer sich damit befaßt. Sollte nicht weiter schwer sein. Wieviel seid ihr – fünfzehn, zwanzig Leute?“ „Achtundzwanzig. Und davon dürfte sich keiner mit diesem Unfug abgeben. Wir befassen uns mit Transaktionen im Öl-, Gas- und Bankgeschäft, nicht mit Grundrechts-Angelegenheiten.“ „Vielleicht ‘ne Strafsache? ‘ne Menge hier hat mit Verfassungsrecht zu tun.“ „Wir geben uns auch nicht mit Strafsachen ab – es sei denn, ein Witzbold betreibt so was nebenher. Und auch noch auf meine Rechnung. Das wäre der Gip- fel!“ „Damit ist Ihr Problem vom Tisch, Mr. Brecken- bridge. Sie brauchen nur noch die Ausdrucke zu fin- den.“ „Ausdrucke?“ „Was sonst? Glauben Sie denn, der Mann behält den ganzen Krempel im Kopf oder schreibt vom Bildschirm ab? Er läßt sich das natürlich ausdrucken. So wie ich jetzt. Dann haben Sie schwarz auf weiß, wonach Sie suchen müssen. Wo sich das Zeug findet,, ist der Bursche nicht weit. Einfacher geht’s nicht.“ Paul schickte ihm einen grimmigen Blick. Er wuß- te, wieviel Schreibtische und Aktenschränke er unter die Lupe nehmen mußte. Das würde ihn die nächsten Wochenenden und einige Abende auslasten – und zwar mit beruflicher Arbeit. Sein ganzes Liebesleben würde brachliegen. Aber er hatte keine Wahl. Der Drucker spuckte sage und schreibe dreiund- dreißig Seiten aus. Ungewöhnlich viele Urteilsbe- gründungen wurden in voller Länge wiedergegeben, womit sich ein erfahrener Anwalt kaum jemals be- lasten würde, weil er es nicht brauchte. Das Material entsprach einer Betriebszeit im Werte von 1.200$. „Okay“, sagte Smith. „Das wär’s dann – viel Glück. Ich mach ‘ne Fliege – laß mein Mädchen nicht gerne warten. Gibt ein irres Spiel diese Nacht.“ „Spiel? Sind Sie ein Fußballfan oder so was?“ Das mochte seinen Aufzug erklären. „Ne. Ist doch bloß für Idioten. Ich rede von einem ‚Spiel’, Mann; auf WELTNETZ. Wir simulieren die ‚Schlacht am Skagerrak’. Diesmal gewinnt von Scheer. Mein Hobby ist Flottenstrategie. Deshalb, Gunboat, verstehen Sie?“ „Ah ja. Na, dann Hals und Beinbruch, und daß Sie mir nicht umkommen dabei.“ „Alles drin. Mein Gegner ist Hacker drüben in Südafrika, von Kopf bis Fuß gelähmt; spielt aber den Jellicoe verdammt gut. Also, ich bin dann weg.“, Die wöchentliche Besprechung fiel am nächsten Freitag kurz aus, weil Harold zum Gericht mußte, was selten genug vorkam. Paul war in gereizter Stimmung. Er hatte Harold keine Fortschritte in der Angelegenheit melden kön- nen. Inzwischen war die nächste viel zu hohe Rech- nung eingegangen. Marsh versuchte freundschaftlich zu klingen: „Es ist nur eine Frage der Zeit, Paul. Sie werden ihn schon noch finden.“ „Marsh, wenn Sie sich schon mit mir unterhalten wollen und von mir erwarten, daß ich Sie dabei an- sehe, dann unternehmen Sie etwas gegen die Waffel- creme in Ihrem Schnauzbart. Es dreht mir den Ma- gen um.“ „Tut mir leid.“ Marsh beeilte sich, die uner- wünschte Substanz mit der Serviette abzuwischen, und begann die widerspenstigen Barthaare zu zwir- beln. „Paul, warum rufen Sie nicht einfach jeden ins Büro und fordern den Schuldigen auf, vorzutreten?“ „Nein. Daran habe ich auch schon gedacht, aber ich bin dagegen. Einmal, weil der Betreffende die Beweise einfach beiseite schaffen würde, wenn er das nicht längst getan hat. Außerdem würden wir al- len demonstrieren, wie einfach es ist, uns zu besteh- len. Zudem ist die Arbeit so gut wie getan; es sind nur drei Büros, die ich noch überprüfen muß. Sams- tagabend bin ich fertig.“, Ganz bestimmt, setzte er schweigend hinzu. Denn die Suche nach dem Original-Ausdruck konnte er bereits heute abend beenden. Morgen abend hatte er Besseres vor: Mary Spicer war ein winziges rothaa- riges Ding, das keinerlei Hemmungen kannte. Paul wich insofern von seiner Gewohnheit ab, als Mary nicht mehr minderjährig war, seit kurzem jedenfalls. Sie hatte ihn an einer Straßenecke ganz unschuldig nach dem Weg gefragt. Und weil man jede sich bie- tende Gelegenheit nutzen sollte, einer hübschen Lady Avancen zu machen, hatte Paul den Reichtum seines Mienenspiels und seiner Augensprache eingesetzt, um sie wissen zu lassen, daß sie einen erfahrenen Mann gefunden hatte. Im Handumdrehen kam es zur Verabredung eines gemeinsamen Mittagessens – und das Mittagessen brachte die Offenbarung. Ihre Hemmungslosigkeit kam zum Vorschein. Sie gestand Paul, daß sie tief innen eine vollkommen schlechte Person war und daß sie das gründlich genoß. Sofort verabredeten sie ein Stelldichein. „Warum lächeln Sie denn so, Paul? Haben Sie ei- ne Idee, wer es sein könnte? – Paul!“ „Wie? Oh, vielleicht, Marsh. Ja, ich glaube, ich habe eine Idee. Wir werden bald mehr wissen.“ „Nichts! Aha. Sie haben wirklich keinen Ausdruck gefunden?“ Gunboat beeilte sich, einen überraschten, Gesichtsausdruck zu zeigen. „Seit zwei Wochen verschwende ich Abend um Abend damit, Schreibtische und Aktenschränke zu durchwühlen. Der Betreffende muß die Ausdrucke gleich beiseite geschafft haben. Hören Sie, können Sie nicht irgendeine Art Falle programmieren?“ „Ich könnte zum Beispiel nach Zugängen zu dieser gigantischen Mutterdatei suchen, die wir gefunden haben.“ „Die auf der letzten Rechnung – Valentina?“ „Ja. Wie alt ist diese Datei überhaupt?“ „Ich weiß nur, daß sie letzten Monat schon auf der Rechnung stand und als ‚nicht beglichen’ wieder auf die laufende Rechnung gesetzt wurde. Der Rechnung ist zu entnehmen, daß nur einmal mit der Datei gear- beitet wurde – und zwar noch bevor Sie mir den Ausdruck gemacht haben.“ Gunboat schüttelte den Kopf, daß die Mikrochips klapperten. „Hm. Wenn es sich natürlich nur um eine einmalige Aktion handelt, brauche ich erst gar keine Fallen zu programmieren. Wer sich nicht rührt, den kann man nicht fangen.“ „Machen Sie’s trotzdem, Mr. Smith. Nach meinen Erfahrungen haben Betrüger kein Gefühl dafür, wann es Zeit ist aufzuhören. Wenn er wieder zugreift, müs- sen wir auch zugreifen können.“ „Äh, nun ja, Mr. Breckenbridge. Ich glaube, da gibt es etwas, das Sie über Ihren Computer wissen, sollten.“ „Was denn?“ „Versprechen Sie mir, daß Sie niemandem erzäh- len, von wem Sie’s haben?“ „Sie meinen, Sie wollen nicht erwähnt werden?“ „Sie haben es erfaßt. Ich will meinen Job nicht verlieren. Nun bezahlt mich die Gesellschaft aber auch dafür, die Kunden bei Laune zu halten, und Sie sind nicht bei Laune, verstanden?“ „Nein.“ „In Ordnung – ich will offen reden, Bruder. Diese Angelegenheit hier ist vielleicht gar nicht so intern, wie Sie denken.“ „Es ist am Ende gar nicht unsere Rechnung.“ Gunboat nickte. „So ungefähr, JURIDATIX schiebt gelegentlich den Schwarzen Peter anderen zu, was im Geschäftsleben nichts Ungewöhnliches ist. Man wird bestohlen, man hält den Mund und läßt irgend- wie die Kunden dafür bezahlen. Das geht nicht an- ders, weil man sonst Verluste macht und auf die Dauer pleite geht. Also werden die Kunden ver- schaukelt, und man tut so, als ob man von nichts weiß.“ „Wir werden also verschaukelt. Wie denn?“ „Ganz einfach. Die Gesellschaft verteilt den Ver- lust.“ „Sie wollen sagen, daß man uns zuviel berechnet? Erfundene Dienstleistungen?“, „Nicht ganz. Aber daß gerade Ihr Computer be- nutzt wurde, um die Valentina-Datei zu verarbeiten, heißt noch nicht, daß jemand aus Ihrer Firma dafür verantwortlich ist.“ „Ein Einbrecher?“ Gunboat zuckte die Schultern. „Ich habe noch kei- nen Zugang zu den Daten. Vielleicht nicht ein Ein- brecher im üblichen Sinn, aber … na ja, solche Din- ge kommen eben vor; Dinge, die wir uns überhaupt noch nicht erklären können; oder auch Dinge, die wir durchaus kennen, aber für uns behalten sollen. Also unter uns, wenn da etwas passiert, das Betriebszeit kostet, und der Kunde kann es nicht mit seinen Auf- zeichnungen vereinbaren, muß das nicht unbedingt ein internes Problem sein.“ „Ein Fremder benutzt unseren Computer – ohne einzubrechen?“ „Durchaus möglich. Computer sind heutzutage überall. Und gerade weil sie überall sind und so vie- les können, ist ein isoliertes, internes Betriebssystem eben nicht mehr effizient. Kein Computer kann die anfallenden Ein/Ausgabe-Mengen mehr alleine ver- kraften; sie stehen alle miteinander in Verbindung. Was einer weiß, können alle wissen – ‚können’, nicht müssen.“ Gunboat zeigte auf Pauls Schreibtisch. „Nehmen wir zum Beispiel diesen Computer da. Er enthält in- terne Daten, so viele, wie es die Speicherkapazität, erlaubt. Das ist aber nicht genug, also belegen Sie Speicherplatz im Zentralcomputer Ihrer Gesellschaft. Und das ist immer noch nicht genug für all das Da- tenmaterial, das Sie brauchen, um Ihre Kanzlei zu betreiben, also ist Ihr Zentralcomputer mit noch grö- ßeren Computern vernetzt.“ „Worauf wollen Sie hinaus, Smith?“ „Darauf, Bruder, daß nichts mehr sicher ist vor anderen, egal was man uns versichert. Der moderne Geschäftsbetrieb und überhaupt alle, die beruflich mit Computern arbeiten, sitzen in einem Goldfisch- glas; das sind Bedingungen, die vor dreißig, vierzig Jahren noch undenkbar waren. Grundsätzlich kann jeder jeden ausspionieren. Solche Leute schleichen durch jedermanns Datenbänke.“ „Wie ist das möglich? Es gibt Gesetze – Daten- schutzgesetze, um das zu verhindern. Und wie steht es mit den Zugangs-Chiffren? Wir halten die unseren geheim. Das macht jeder. Niemand, nicht einmal un- sere Betriebsgesellschaft, hat eine komplette Liste.“ Gunboat zuckte wieder die Achseln. „Hübsche Theorie, Datenschutz. Trotzdem zwecklos. Gesetze sind gut und schön, solange die Leute genug Angst haben oder dumm genug sind, ihnen zu gehorchen. Die wirklich Gerissenen kümmern sich einen Dreck um die Gesetze; man kann gut davon leben, ihnen auf die Sprünge zu helfen, was die technischen Fi- nessen angeht. – Und die Zugangs-Chiffren, die sind, gerade so raffiniert, daß die ahnungslosen Benutzer das auch glauben.“ „Wollen Sie behaupten, daß die Chiffren nicht funktionieren?“ Ein schrecklicher Gedanke kroch in Pauls Gehirn. Die Dateiverzeichnisse – es gab eins, das er mit einem Zahlenkode für das Wort ‚Verabre- dungen’ verriegelt hielt – in der betreffenden Datei hatte er minutiös die Eigenheiten und Vorzüge der Mädchen notiert, gab zu jeder einen privaten Kom- mentar ab. Wenn sich nun jemand Zugang verschaff- te? Angenommen, das war schon passiert? Er be- schloß, die Datei zu löschen, sobald Smith fort war – und seine Nachforschungen, koste es, was es wolle, so weit zu treiben, bis feststand, daß er nicht kom- promittiert worden war. „Natürlich funktionieren sie. Das Unangenehme ist nur, daß man sie knacken kann. Jeder Kode kann geknackt werden, wenn man sich die richtige Mühe gibt. Hacker machen das schon immer so. Sie schmuggeln sich im Huckepack-Verfahren oder durch eine Falltür in das System ein und laden ab – oder lesen eben.“ „Hacker?“ Verflucht! Tausende von Verrückten, die meine Datei lesen … Paul verwünschte sich tau- sendundeinmal für die bornierte Prahlerei mit seinen Eskapaden – und für die Handabdrücke, die er MAR- 14 hatte machen lassen. Um Gottes willen! Aber die lagen doch bestimmt vergessen in den tonnenschwe-, ren Magnetband-Archiven der ‚sterilen’ Roboterpa- trouillen. – Er durfte sich nichts anmerken lassen und befeuchtete die Lippen: „Was sind Hacker?“ „Leute, die es zum Spaß machen. Sie halten sich nicht wirklich für Diebe. Sie verfügen einfach nicht über die Betriebsmittel, die sie brauchen, um das zu betreiben, was sie betreiben wollen. Die meisten Ha- cker schreiben Programme, dann schleusen sie sich in ein fremdes Betriebssystem und nutzen die Leer- laufzeiten und freien Speicherplätze.“ Vor Pauls geistigem Auge entstand das Bild eines Menschenwesens mit Teufelsfratze, das im Kellerge- schoß hockte und ein Kabel anzapfte. Die Vorstel- lung wurde im nächsten Augenblick zerstört. „Ich mache das gelegentlich selbst, und ich kenne eine Menge Hacker – vom Hörensagen und weil wir über ETEX korrespondieren; kaum daß man sie je wirklich zu Gesicht bekommt. Hab’ Ihnen doch von dem Spiel erzählt, oder?“ „Skagerrak?“ „Genau. Dieser Jellicoe hat wieder gewonnen. Der Punkt ist, daß dieser Hacker mit einem winzigen TRS-80 antritt. Das Ding ist älter als er; aber es reicht aus, um ihn ins WELTNETZ zu schleusen, wo er die großen Rechner ausnutzen kann. Zugangs- Chiffren verlieren in WELTNETZ ihre Bedeutung. Sie werden wie Eintrittskarten gehandelt.“ „Aber warum hackt man ausgerechnet auf mir, herum?“ „Das hat nicht unbedingt was mit Ihnen zu tun. Möglich, daß irgendein Hacker ein Problem mit der Auslegung des Grundrechts hatte und dringend Ma- terial brauchte. Das Material liegt bei JURIDATIX. Um sich in JURIDATIX einzuschleusen, brauchte er eine Kontonummer. Er stieß auf Ihre Nummer und hat sie benutzt, also hat die Gesellschaft es auf die Rech- nung gesetzt.“ „Aber wir sind dahintergekommen! Soll der Schuldige bezahlen.“ „Und wie heißt er, wo wohnt er? Ich meine, wie wollen Sie beweisen, daß Sie es nicht selbst waren? Das können Sie nicht, also wird die Gesellschaft Sie zur Kasse bitten. Und da Sie Anwalt sind, wissen Sie genau, daß dagegen nichts zu machen ist. Wenn es hart auf hart kommt, ziehen Sie den kürzeren.“ Gun- boat gähnte. „Nehmen Sie’s nicht so tragisch. Im Laufe eines Jahres werden Tausende von Betriebs- stunden gestohlen, und die Kunden merken’s nicht mal. Sie bezahlen im guten Glauben. Alle tragen ihr Teil, nur die Gesellschaft nicht. Pech, daß Sie so ausgenutzt wurden.“ „Damit kann ich mich nicht abfinden. Ich gehe zur Polizei.“ Gunboat zuckte resigniert die Schultern. „Nur zu.“ Paul überkam der gerechte Zorn: „Schließlich sind wir Steuerzahler.“, „Wer nicht?“ „Soll die Polizei den Dieb suchen.“ Gunboat lehnte sich vor; Paul lehnte sich angewi- dert zurück. „Und wie? Wo soll die Polizei anfan- gen? Und vor allem, wo soll sie aufhören? Was, wenn der Dieb in einem anderen Land sitzt? Wenn er am Ende der Welt sitzt und nicht aufhört, auf seinen Tasten herumzuhämmern? Was kann man schon da- gegen tun? Mal vorausgesetzt, man kann ihn über- haupt identifizieren. Nein; wissen Sie, was man Ih- nen sagt?“ Er zeigte mit einem schmutzigen Finger auf Paul. „Suchen Sie ihn selbst, wird man sagen. Wir haben Wichtigeres zu tun. Sie sind der Anwalt – verklagen Sie ihn.“ „Wäre aber nicht der Mühe wert. Bei solchen Leu- ten ist nichts zu holen. – Übrigens sind Sie im Irr- tum; er sitzt nicht im Ausland. Warum sollte er sich dort mit unseren Grundrechten befassen?“ „Heh, guter Gedanke. Macht es aber auch nicht leichter. Wäre ein mörderischer Job.“ „Aber nicht aussichtslos, Mr. Smith. Wir würden nicht reden, wenn es so wäre, stimmt’s?“ „Wie die Chancen sind, ist eine Sache; ob wir uns darüber unterhalten, eine andere. Fragt sich, wieviel Ihnen daran liegt, den Burschen zu schnappen.“ „Mir liegt viel daran. Sind Sie interessiert an dem Job?“ „Hab’ schon einen und würd’ ihn gern behalten,, wenn Sie verstehen, was ich meine. Um es mit Ihren Worten zu sagen; es käme zu einem Interessenkon- flikt, richtig?“ – Was ist los mit dem Mann? fragte sich Gunboat. Klar, jemand hatte ihn um eine Menge Geld erleichtert. Aber den Unbekannten aufzustö- bern, würde nur noch mehr Geld kosten; Bre- ckenbridge schätzte das ganz richtig ein. Es zahlte sich nicht aus. – Dieser Anwalt mußte ein anderes Motiv haben. Welches? Vielleicht lohnte es sich, Zeit zu investieren. Er nahm sich vor, Breckenbridge, wenn irgend möglich, das Fell über die Ohren zu ziehen … „Wenn Sie an meiner Stelle wären“, beharrte Bre- ckenbridge, „wen würden Sie engagieren?“ „Einen anderen Hacker.“ „Sagten Sie nicht, daß Sie viele kennen?“ „Die bedeutenden alle.“ „Wo liegt dann das Problem? Sehen Sie, ich zahle Ihnen einen Finderlohn, wenn Sie mir jemanden bringen, der so versiert ist, daß er dem Job gewach- sen ist.“ „Tja – ich gebe ja zu, daß ich den Kies gut brau- chen könnte. Nur wird es nicht einfach sein, einen Freak zu bewegen, seinesgleichen in die Pfanne zu hauen. Falls die anderen das spitzkriegen, wird kei- ner mehr mit ihm spielen wollen, und die Leute leben für die Spiele. Aber mit dem richtigen Mittelsmann … müßte es klappen, denke ich. Kostet Sie wohl ‘ne, Stange Geld.“ „Und auch wieder nicht, Mr. Smith. Sie werde ich in harter Währung bezahlen; aber … nun, Sie sagen ja selbst, daß diese Leute Diebe sind.“ Smith verstand sofort und blickte bedeutungsvoll auf. „Erpressung?“ „Wenn Sie so wollen, Mr. Smith. Sagen wir, der- jenige, den Sie für mich gewinnen können, wird meine Verschwiegenheit zu schätzen wissen.“ Paul lächelte und beobachtete, wie Gunboat Smith die Bemerkung verdaute. Ihm war, als könne er die Rädchen im Kopf des anderen bei der Arbeit sehen; es lag auf der Hand, daß Smith zweimal kassieren wollte. Erpressung? Smith ahnte die Tragweite des Wortes noch nicht. Paul war überzeugt, daß JURIDA- TIX diese Art von Nebenbeschäftigung eines Ange- stellten nicht besonders gerne sah. Und er, Paul, würde schon dafür sorgen, daß dem Köder Haken wuchsen – wenn Smith ihn erst mal geschluckt hatte. „Mir wäre es lieber, wenn Sie die Sache selbst in die Hand nähmen, Mr. Smith; fangen Sie gleich an.“ „Äh – vorher sollten wir über Geld reden. Ich den- ke da an eine hübsche runde Zahl: fünftausend für den Anfang.“ „Abgemacht – und über den Rest reden wir später, wenn die ersten Ergebnisse vorliegen. Ich stelle Ih- nen einen Scheck aus.“ Paul grinste innerlich. Er würde schon dafür sorgen, daß er das Geld zurück-, bekam. Gunboat versuchte, seine Überraschung zu verber- gen. Er hatte eine lächerlich hohe Summe genannt, und Breckenbridge war sofort einverstanden gewe- sen. Der Mann war verzweifelt. Hier war etwas faul; es stank fürchterlich. Was immer es war, es mochte das Risiko rechtfertigen, bei JURIDATIX in Mißkredit zu geraten. Hauptsache, er wurde nicht gefeuert… „Äh – nein. Kein Scheck. Bar auf die Hand. Las- sen Sie sich ruhig Zeit damit. Ich werde mich inzwi- schen hier umsehen.“ „Warum?“ „Ich brauche Informationen. Ihr System ist die be- ste Quelle.“ „W-was für Informationen?“ „Nun, zuerst mal alle Kontonummern und Zu- gangs-Chiffren. Dann eine Liste all der anderen Systeme, mit de- nen Sie direkt vernetzt sind.“ „Die meisten kennen Sie schon; da ist JURIDATIX, die Geschäftsstellen des Bezirks- und Kreisgerichts, unsere Banken und die Betriebsgesellschaft; das ist so ziemlich alles.“ „Sie haben das Sicherheits-System für das Gebäu- de vergessen. Wenn ich der Dieb wäre, würde ich mich von dort einschleichen.“ „Wieso?“ Breckenbridges Stimme bekam einen Sprung., Mit einer Distanziertheit, die er von sich nicht kannte, wertete Gunboat diese Beobachtung aus. Aha! Der Bursche bekam kalte Füße. Was immer er zu verbergen hatte, es mußte im Sicherheits-System zu finden sein. Die Sache wurde immer interessanter. Er würde Breckenbridge einen gehörigen Schrecken einjagen. „Weil es der bequemste – nein, im Gegenteil, es ist der schwierigste Eingang, aber er verspricht den meisten Erfolg. Dieses System ist zum Beispiel für den Datenweitverkehr eingerichtet. Keins seiner Subsysteme arbeitet isoliert, obschon das Hauptkon- trollzentrum in New York steht. Es steht ununterbro- chen in Verbindung mit den regionalen Systemen quer durch die Zeitzonen. Es handhabt ihre Daten- überfrachtungen und ist damit das perfekte Versteck. Hat man einmal ein Trojanisches Pferd einge- schleust, ist alles weitere ein Kinderspiel.“ „Und das könnte jeder im ganzen Land?“ „So ist es.“ „Und Sie bleiben dabei, daß Sie die Spur aufneh- men können?“ „Ich bin optimistisch.“ Smith war fasziniert davon, wie rasch der Ausdruck in Breckenbridges Gesicht von Bestürzung und Schrecken in Erleichterung um- schlug. „Es müßte eine Telefonverbindung zum Terminal des Diebs bestehen; und eine Telefonnum- mer kann man aufspüren. Dazu braucht es jemanden, mit Talent und Zähigkeit.“ „Wen schlagen Sie vor?“ „Kann ich noch nicht sagen“, log Smith. „Mal se- hen.“ Er hatte eben an einen verdammt guten Grund gedacht, warum er herausfinden sollte, was Bre- ckenbridge zu verbergen hatte. Er brauchte Geld. Der Aufwand, um bei den Spielen mithalten zu können, war immens. Und es war geradezu tragisch: Je grö- ßer das Kaliber eines Hackers war, um so eher lief er Gefahr, entdeckt zu werden, wenn er sich Netz-Zeit stahl. Gunboat mußte immer öfter für seinen Ruhm bezahlen – in barer Münze. Und Gunboat Smith nahm eine komplette Liste der Zugangs-Chiffren mit, als er ging. Wenn er auf seine Bude kam, brauchte er nur noch das Terminal einzuschalten und konnte auf Beutezug gehen …, 4. Kapitel Gunboat grinste. Feine Sache, wieder mal Kontrolle über einen anderen Computer zu haben. Er schlüpfte instinktiv in die Betriebsart eines Nebennutzers. Paul wünschte schnelle Resultate; er sollte sie bekommen. Doch ehe er sich um andere Eindringlinge küm- merte, wollte er selbst ein bißchen spionieren. Bre- ckenbridge hatte dunkle Geheimnisse, und Gunboat konnte schweigen – wenn es sich lohnte. Er rief die Dateiverzeichnisse der Kanzleifirma ab, las erst peinlich genau in den Dateien, dann immer schneller. Gott, wie ihn das anödete. Schließlich schlich er sich in die Gebäude-Sicherheitsdateien. Jesus, dagegen waren die Kanzleidaten direkt aufre- gend! Es gab Tausende von Aufzeichnungen leerer Korridore – man konnte Ewigkeiten zusehen, wie der Teppichboden immer fadenscheiniger wurde! Es mußte einen gezielteren Zugriff auf dieses Material geben. Nach einigen Anstrengungen stieß er auf ein al- phabetisches Verzeichnis mit Vielweg-Vergleichs- index – er konnte Querverweisen und mit den ent- sprechenden Anfragen interessante Bilder ausson-, dern. Er ließ den Computer nach Ereignissen suchen, die, sich als ‚ungewöhnlich’ qualifizierten und gleichzeitig dem Kriterium genügten, daß Bre- ckenbridge unter den Anwesenden war. Jetzt bekam Gunboat eine überraschend große An- zahl von Video-Bildern geliefert, auf denen Paul Breckenbridge zu sehen war. Als Gunboat die Mo- mentaufzeichnung von einem süßen jungen Ding auf dem Schirm hatte, das sich gerade auszog, wußte er, daß er fündig geworden war. Eine lüsterne Stunde lang arbeitete sich Gunboat durch die Bildaufzeichnungen und mußte sich immer daran erinnern, daß es hier um Geld und nichts ande- res ging. Als er sich einen erschöpfenden Einblick in Pauls Heldentaten verschafft und die letzte Fritte in den Mund geschoben hatte, wischte er sich an der Mac- Donalds-Tüte das Fett von den Fingern und kehrte zu seiner eigentlichen Aufgabe zurück. – Warum soll ich überhaupt noch jemandem an den Kragen, über- legte er, wo ich jetzt Breckenbridge beim Schlafitt- chen habe? Vielleicht, weil es Spaß machte, sagte er sich, bestimmt aber, weil es Dollars brachte. ‚Kein anderer Kacker kriegt den Kies als Superhacker, Gunboat Smith.’ Er sah keine Möglichkeit, die Arbeit des Compu- ters zurückzuverfolgen, um herauszufinden, was in der Vergangenheit passiert war; es gab zwar Archiv-, bänder der letzten dreißig Tage, bloß enthielten Bän- der niemals die Daten, die einem bei so was weiter- halfen. Nebenbei, die Daten von gestern zu durch- kämmen, war zum Mäusemelken. Nein, entschied Gunboat, er mußte den Dieb auf frischer Tat ertappen. Die Frage war nur: Wodurch würde er sich verraten? Er dachte darüber nach, wel- che charakteristischen Eigenschaften das Programm des Diebs haben mochte. Etwas, das 14.000 $ pro Monat an Betriebszeit verschlang, mußte ein wahres Walroß von einem Programm sein. Vermutlich wurde seine Ankunft vom Betriebssystem mit einem kurzen Schauer von Speicherseiten-Fehlern angezeigt, da es mehr und mehr virtuellen Speicherplatz verlangte, während sich das System bemühte, die Ladung abzugleichen. Selbst wenn so ein Walroß unter normalen Bedin- gungen keine Prügelei im virtuellen Speicher anzet- telte – wahrscheinlich lief es auch nur nachts, wenn es weniger Anlaß zum Streit gab – selbst dann konn- te Gunboat es so einrichten, daß es doch dazu kam. Er lud ein eigenes ‚Walroß’ in das System: eins der ersten Programme, die er jemals geschrieben hatte, eine unglaublich schwerfällige Simulation des III. Weltkrieges. Jedes weitere Walroß, das ins System wollte, würde mit seinen massiven Berechnungen zur Waffenoptimierung zu kämpfen haben. Gunboat war überzeugt, daß es zu einer Keilerei, kommen würde. Sein Walroß besetzte so viel Spei- cherplatz, daß ein zweites Walroß nur noch teilweise eingeladen werden konnte. Jedesmal, wenn ein noch nicht eingeladener Teil des Eindringlings ablaufen sollte, mußte das System einen anderen Teil hinaus- schmeißen, um nachzuladen. ,Der III. Weltkrieg’, den Gunboat in den Prozessor speiste, machte den Computer gleichsam zu einem sensibleren Detektor für neu eintreffende Ladungen. Er schickte noch einen ‚Wachhund’ in das System, der beim ersten Anzeichen von Unruhe einen Signal- ton im Synthesizer erzeugen würde. Gunboat brauch- te nur noch abzuwarten. Er legte die Füße hoch und griff nach der Colaflasche. Um die Mittagszeit schlug der Synthesizer an. Gunboat wirbelte auf seinem Drehstuhl herum, um den Zustand der laufenden Prozesse zu überblicken. Als er die Auflistungen bei den Speicherseiten- Störungen und Zeitzuteilungen überflog, stach ein Programm deutlich hervor. Verdammt! Es war ein Riese! Der Schmarotzer drängte sogar seine Simula- tion hinaus! Er durchkämmte die Zustandstabellen nach den Dateien, die zu diesem Mammut-Programm gehör- ten. Gunboat saß da mit hängendem Unterkiefer. Es hieß ABENTEUER IN DER HÖLLE, ein phantasti- sches Spielprogramm, das erst seit einigen Monaten die Runde machte. Es war das beste Spiel, das jemals, entwickelt worden war. Selbst Gunboat konnte nur mit Neid an ein Hirn denken, das fähig war, so etwas auszubrüten. Er hatte ja keine Ahnung gehabt, daß es so riesig war! Er schüttelte den Kopf. Kein Wunder; denn was das Spiel leistete, spottete jeder Beschreibung. Er verfolgte den Spielablauf eine Zeitlang, noch ganz unter dem Eindruck des Genies, das dahin- terstand, bevor ihm klar wurde, daß ABENTEUER IN DER HÖLLE niemals der gesuchte Dieb sein konnte. Natürlich handelte jeder Spieler illegal, wenn er das Spiel hier einschleuste; aber selbst wenn man jeden Mittag einen solchen Vielfraß von Programm gela- den hatte, verschlang der nicht annähernd so viel Be- triebszeit, wie Paul abhanden kam. Ein Fehlstart also. Oder war das Ganze nur ein Ablenkungsmanöver? (Erste Anzeichen von Para- noia, Gunboat. Der Dieb kann unmöglich wissen, daß du bei der Arbeit bist). Während der Mittags- stunde hielt er den Zustand der Maschine im Auge; und richtig, kurz vor 13.00 Uhr schloß das Spiel sei- ne Dateien und verlud sich durch die Warteschlange ins Weltnetz. Doch im Kielwasser von ABENTEUER IN DER HÖLLE wurde dem Betriebssystem eine kleine Datei über- mittelt, in der ein kleines Programm schlummerte; das Betriebssystem erhielt Instruktionen, es um 1.00 Uhr nachts einzuleiten, also elf Stunden später. Das, war interessant! ABENTEUER IN DER HÖLLE war ein Trojanisches Pferd – und er wettete, daß das kleine Programm die Falltür war, um irgend jemanden oder irgendwas ins System zu schleusen. Raffiniert! Plötzlich stutzte Gunboat; er hatte nicht die ge- ringste Ahnung, wer ABENTEUER IN DER HÖLLE ge- schrieben hatte, wo er doch weltweit jeden Hacker beim Namen kannte, der dazu fähig gewesen wäre. Kaum jemand, der sich nicht stolz zu dieser Leistung bekannt hätte. Warum blieb der Autor anonym? Das gab ihm zu denken. Er wollte vorbereitet sein und schickte ein ganzes Rudel von Wachhunden ins WELTNETZ: einen für je- de Computeranlage von Boston bis Peking, an der ein Hacker saß, der als Autor von ABENTEUER IN DER HÖLLE in Frage kam. Mit einem Gähnen schob Gun- boat die Papiere beiseite und streckte sich auf den Tisch, um ausgeruht zu sein, wenn der Spaß begann. Während der Synthesizer anschlug, wurde er sich allmählich der Härte seiner Unterlage bewußt und auch der Kälte im Zimmer. Langsam wälzte er den schmerzenden Körper vom Tisch (verflucht, warum gab es keinen Tisch, der weich genug für ein Steiß- bein war!) und sah auf dem Schirm die Zustandsan- zeige für ein Programm, das aus WELTNETZ herein- kam. Das kleine Programm, das ABENTEUER IN DER HÖLLE zurückgelassen hatte, schleuste ein neues, Monster ein – die Falltür hatte sich geöffnet. Als die Prügelei unter den Magnetscheiben losging, war Gunboat sicher; wenn es nicht wieder ABENTEUER IN DER HÖLLE selbst war, dann etwas, das um kein Bit kleiner war. Welche Absicht verfolgte das Monster? Gunboat hatte keine Ahnung, obwohl das Programm sich an alle möglichen Dateien von allen möglichen Zivil- prozessen heranmachte. Es sah nach dem ganz und gar verrückten Versuch aus, sich mit Gesetz und Recht vertraut zu machen! Aber die Absicht des Programms war im Moment nicht so wichtig; viel wichtiger war, wer dahin- tersteckte. Gunboat rieb sich die Hände und kicherte. Niemand konnte Gunboat Smith hinters Licht führen. Warte, Freundchen! Um 4.00 Uhr in der Frühe zog das ABENTEUER IN DER HÖLLE-große Monster ab, ein bißchen größer als bei seiner Ankunft. Gunboat war auf den Bestim- mungsort gespannt; für alle fraglichen Computer hat- te er Wachhunde programmiert. Doch ABENTEUER IN DER HÖLLE verschwand. War es möglich, daß ein neuer Hacker das Programm ge- schrieben hatte, jemand, von dem er noch nie gehört hatte? Der Gedanke gefiel ihm nicht. Drei Stunden später schlug endlich die Universität von Tokio an. Er grinste zufrieden; King Sung oder Tini, einer von beiden war also der Autor., Doch ABENTEUER IN DER HÖLLE zog noch in der- selben Stunde mit unbekanntem Ziel weiter. Ver- dammt! Ahnte der Autor etwa, daß man hinter ihm her war? Gunboat war es leid; er veranlaßte sein Terminal, jeden Alarm aufzuzeichnen, und schloß hinter sich ab, als er ging. Paul Breckenbridge rollte sich mit der Schulter von der Tür zu seinem Privatbüro ab, worauf sie sonst immer nach innen schwang. Sie schwang nicht. Er wurde für seinen Mangel an Vorsicht mit einem hef- tigen Stoß zwischen die Vorderzähne bestraft, weil der Pfeifenkopf mit der glatten Holzoberfläche kolli- dierte, abglitt und kippte. Mit einem Laut des Er- schreckens öffnete er die zusammengebissenen Kie- fer, ließ das Mundstück fahren und sah zu, wie die Pfeife fiel, Asche über sein blütenweißes Hemd warf und die Glut auf dem Teppichboden verstreute. Er trampelte wie wild, um die glühenden Krümel zu löschen, wobei der Kasten in seinen Händen ge- gen den Türrahmen traf und ihm den Inhalt vor die Füße schüttete – und zwar restlos alles, einschließ- lich des sorgsam verfaßten und makellos ausgeführ- ten Testaments von Prendergast: einhundertundsie- benunddreißig Seiten wohl formulierter Bestimmun- gen zu neunzehn getrennten Treuhandverhältnissen, Mobilien- und Immobilienlegaten, die über Vermö- genswerte von mehr als zweihundertundneunzig Mil-, lionen Dollar verfügten. Prendergast kam heute, um das Testament rechtskräftig zu machen. Paul hatte den gestrigen Abend gebraucht, um es zu prüfen. Er ging auf die Knie, sammelte die Papiere be- stürzt wieder auf und blies Asche und Tabak herun- ter, ehe er sie wieder in den Kasten ordnete. Noch ehe er sich wieder aufrichtete, klickte das Schloß, und die Tür wurde von innen geöffnet. „Heh, Bruder, was ist los?“ Paul straffte sich, schob Smith einfach beiseite und hielt auf den Schreibtisch zu, um den Kasten auf die Platte zu feuern. Aber es war kein Platz. Der Schreibtisch war mit Krempel und Abfällen übersät: leere, fettstarrende Frittentüten, halbgeleerte Plastikbecher, Brotkrumen, drei oder vier geschrumpfte Fritten, ein Blaubeer- Joghurt und auf einem Telefon ein Paar dreckige So- cken, so unglaublich steif, daß sie vermutlich von alleine standen. Pauls Aristokratennase war mit der Datenverarbei- tung beschäftigt. Das Büro stank wie eine tote Katze. Verzweifelt schmiß er den Kasten auf ein Sofa, wo zwischen dem schmutzigen Hemd und einem Gas- masken-Behälter, in dem Gunboat immer seinen Plunder mitschleppte, noch etwas Platz war. „Mein Gott! Smith! Warum? Warum sind Sie bloß so ein Schmutzfink, und warum ausgerechnet mein Büro?“, Der Programmierer leerte eine Büchse Coke. „Ich muß mich eben wohl fühlen bei der Arbeit, und Hunger krieg’ ich auch ab und zu. Mann, ich hab’ leibliche Bedürfnisse wie jeder andere. Nebenbei ist es Ihr Problem, an dem ich arbeite, und das geht am besten von diesem Terminal aus.“ Paul war versucht sich umzusehen, welche leibli- chen Bedürfnisse Smith sonst noch befriedigt haben mochte. Nein, sagte er sich, ich seh’ mich besser nicht um. Besser, ich weiß erst gar nichts davon. Hoffentlich bekomm’ ich hier wieder Ordnung rein, ehe Prendergast kommt. …Stück vorangekommen.“ „Was?“ „Ich sagte, daß ich ein gutes Stück vorangekom- men bin. Hab’ ein paar Spuren inzwischen.“ „Das einzige, was mich im Augenblick interes- siert, sind Ergebnisse – und daß hier so schnell wie möglich aufgeräumt wird. Sehen Sie das da, Smith?“ Er wies mit dem Finger darauf. „Man nennt so was landesweit Papierkorb. Und nun schaffen Sie mir diesen ganzen Mist vom Schreibtisch.“ Smith griff hastig nach dem Korb, hielt ihn in der einen Hand und begann mit der anderen aufzuräu- men. „Äh – Smith, bitte nur Ihren Kram; nicht meine Sachen. Und passen Sie auf diese Bech …“ Zu spät. Smith kippte zwei von ihnen einfach in, den Korb, der nicht wasserdicht war. Paul knirschte mit den Zähnen. „Lassen Sie, Smith; ich mach’ das schon.“ Er begann aufzuräumen, merkte aber bald, daß er dafür eine gute Stunde brauchen würde. Vorher muß- te er Gunboat umquartieren, und zwar endgültig. „Sie können sich im Konferenzraum niederlassen, Smith. Machen Sie sich’s bequem da. Es gibt da so- gar eine Couch.“ Ah, ja, die kenn’ ich doch, dachte Smith. Hab’ dich drauf arbeiten sehen. Laut sagte er: „Wenn Sie mir ‘ne Hand helfen, mein Zeug umzuräumen, okay?“ Paul, der das Büro möglichst schnell wieder für sich haben wollte, war mehr als bereitwillig. Er faßte natürlich nicht alles an; ihn schauderte angesichts der meisten Habseligkeiten. Endlich ließ er Gunboat im Konferenzraum zu- rück. Auf dem Rückweg ins Büro kicherte er; ange- nommen, Harold betrat den Konferenzraum, wenn Gunboat sich erst wieder ausgebreitet hatte. Harold mochte dann der Schlag treffen, von dem Marsh so oft gesprochen hatte. Gott, wäre das ein Segen., 5. Kapitel Indem Gunboat sich von der Computerkonsole ab- stieß, fegte er sich die Tastatur auf den Schoß und begann zu tippen. Er konnte die Spur von ABENTEU- ER IN DER HÖLLE rund um die Erde verfolgen, mit Unterbrechungen. Das Programm schien nirgends zu Hause zu sein! Wem, zum Teufel, gehörte es? Auffällig war nur: Während es in Moskau, Berlin und London nur ein oder zwei Stunden verweilt hat- te, hatte es sich in Boston – genauer gesagt: im Mas- sachusetts Institute of Technology – nahezu vier Stunden aufgehalten, und zwar von 17.00 bis 21.00 Uhr. Bis auf die merkwürdige Art und Weise, wie es sich um Mitternacht mit den Dateien der Kanzlei be- faßte, gab es die ganze Nacht über keine Besonder- heiten mehr. Natürlich gab es in Boston mehr gute Hacker pro Quadratkilometer als irgendwo sonst, ausgenommen in Palo Alto. Am MIT gab es Jon Roth, Mark Smith und Sara Davis, die ihm aus dem Stegreif einfielen. Aber keiner von denen konnte es mit Celeste Hackett aufnehmen; Celeste war ungewöhnlich gut., Celeste? – Ach wo, Unsinn. Das war nicht ihre Handschrift. Was Celeste programmierte, hatte Hand und Fuß, und sie würde auch keinen Hehl daraus ma- chen. Gunboat grinste; die Frau war ihm in jeder Hin- sicht gewachsen. Es war ihm bis jetzt nicht ein einziges Mal gelun- gen, sie bei PANZERSCHLACHT zu schlagen, und sie hatte ein Strategie-Programm geschrieben, um den ENTFESSELTEN PROMETHEUS zu steuern, das un- schlagbar schien; er hegte den Verdacht, daß es sich um eine Optimierungsstrategie handelte, obwohl das eigentlich bei einem exponentiellen Spiel wie PRO- METHEUS unmöglich sein sollte. Ja, Celeste war etwas Besonderes. Einmal hatte Gunboat sie treffen wollen. Aber das eine Mal, das er in Boston war, hatte er der Versuchung widerstan- den; bestimmt war sie leibhaftig eine Enttäuschung. Manche Hacker waren so versponnen, daß sie sich körperlich einfach gehenließen. Gunboat konnte Ent- täuschungen nicht ausstehen. Mit ein paar trickreichen Klimmzügen holte er sich eine Liste aller Benutzer des MIT-Systems auf den Schirm, die zwischen 17.00 und 21.00 Uhr ein- geschaltet hatten; tatsächlich war Celeste dabei. Und er bezweifelte, daß sie einfach nur ABENTEUER IN DER HÖLLE gespielt hatte. Gunboat kicherte wieder in sich hinein, als er eine, knappe ETEX-Nachricht an Celeste adressierte. SIE HABEN POST, sagte das Terminal, als Celeste einschaltete. POST ÖFFNEN, gab Celeste zurück. CE- LESTE ‹Umarmung›, HIER IST GUNBOAT SMITH, HEY. LADY ‹Augenbraue hoch›, KÖNNTEN WIR UNS EIN PAAR MINUTEN UNTERHALTEN? ICH WARTE AUF ANT- WORT. Celeste starrte auf die Nachricht, verwirrt. Sie hat- te sich schon öfter mit Gunboat Smith unterhalten, bei verschiedenen Spielen und Zusammenkünften auf WELTNETZ. Er schien einerseits ein lustiger Vogel zu sein, andererseits aber ein bißchen hemmungslos, was das Spielen anging. Das hier sah ihm gar nicht ähnlich. Warum tat Gunboat so geheimnisvoll? Sie be- schloß, ihn sofort zu fragen, GESPRÄCH WELT- NETZ/GUNBOAT SMITH tippte sie ein, um eine Direkt- verbindung zwischen ihren Terminals zu öffnen, falls Gunboat irgendwo eingeschaltet hatte, HEH, GUNBO- AT, WARUM SO GEHEIMNISVOLL ‹verwirrtes Lächeln›? ‹Grinsen› HAB’ EBEN ABENTEUER-IN-DER-HÖLLE RUND UM DIE ERDE VERFOLGT. ‹Wissendes Kopfni- cken› WEISST DU, DU HAST DA EIN RICHTIG IRRES SPIEL AUSGEBRÜTET! Ein Schwächegefühl regte sich in ihrem Magen. ‹Kopfschütteln› DANKE FÜR DAS KOMPLIMENT, GUN- BOAT ‹verwirrtes Lächeln›, ABER WIE KOMMST DU DARAUF, AUSGERECHNET ICH KÖNNTE ES GESCHRIE-, BEN HABEN? OH ‹Achselzucken›, EINFACH, WEIL ES SICH BEI DIR VIERMAL SO LANGE AUFGEHALTEN HAT WIE BEI DEN ANDEREN. ‹Blick in die Augen› UND AUSSERDEM, CELESTE, BIST DU DAS EINZIGE TOP-AS ÜBERHAUPT, BEI DEM ES HALTGEMACHT HAT.

Celeste versuchte zu bluffen, obwohl sie es für

zwecklos hielt; wenn er Bescheid wußte, daß sich

ABENTEUER IN DER HÖLLE bewegte, war es zwecklos,

ihm etwas vorzumachen, GUNBOAT ‹nachdrückliches

Kopfschütteln›, DU BIST VERRÜCKT! ES IST DOCH

AUCH VÖLLIG BELANGLOS ‹Arme auseinander›, WER ES GESCHRIEBEN HAT! ‹Kichern› KOMM, CELESTE, DU KANNST EINEN AL- TEN KRIEGER NICHT HINTERS LICHT FÜHREN, NA ‹brei- tes Grinsen›, WELCHEN ÜBERSCHUSS AN BETRIEBSZEIT SCHEFFELST DU NUN MIT DEM SPIEL? ‹Noch breiteres

Grinsen› WETTE, DA KOMMEN TAUSENDE VON DOL-

LARS PRO TAG ZUSAMMEN, HAB’ ICH RECHT? ES IST NICHT VON MIR, GUNBOAT ‹gespitzte Lip- pen›. ‹Abwinken› HÖR ZU, CELESTE, ICH BIN NUR DARAN INTERESSIERT, WEIL EIN KUNDE VON UNS JEDEN MO- NAT TAUSENDE VON HARTEN DOLLARS BLECHEN MUSS FÜR BETRIEBSZEITEN, DIE ER WEDER BRAUCHT NOCH IN ANSPRUCH NIMMT. MAN WILL, DASS ICH HERAUS- KRIEGE, WER DER DIEB IST. UND ICH HAB’ IHN – ODER BESSER: SIE – SOEBEN GEFUNDEN. ICH SOLLTE DAS MEINEM BOSS MITTEILEN, DER ES DANN SOFORT DER, POLIZEI MITTEILT. ‹Unterkiefer ironisch verschoben› WIE VIELE JAHRE HAST DU NOCH VOR, AM M.I.T. ZU STUDIEREN, CELESTE? Celeste saß nur da, versteinert und hilflos. ‹Aufmunternd› BIST ‘NE NETTE LADY, VIELLEICHT KOMMEN WIR INS GESCHÄFT. WIE SOLL ICH DAS VERSTEHN? NUN, ZUR ZEIT KÖNNT’ ICH SCHON ‘N BISSCHEN WAS BARES VERTRAGEN. ICH HAB’ KEINEN CENT ZUVIEL! ‹Schmerzvolle Grimasse, offene Handflächen› ICH BIN STUDENTIN! ‹Schulterzucken› JA, BLOSS DASS ABENTEUER-IN- DER-HÖLLE WIE VERRÜCKT COMPUTER-DOLLARS AN- HÄUFT. DU KÖNNTEST SIE VERKAUFEN UND… Celeste schloß die Augen, um die Tränen zurück- zuhalten. Wenn man dahinterkam, wie sie WELTNETZ ausnahm, würde man sie anzeigen. Sie wäre nie wie- der irgendwo zu Hause. Aber sie konnte nicht ver- hindern, daß Valentina weiterhin lernte und wuchs; auch Valentina war nirgends zu Hause. Sie las zu Ende, was Gunboat vorschlug. ‹Bedächtiges Kopf- schütteln› GUNBOAT, DAS GEHT NICHT. ABENTEUER- IN-DER-HÖLLE BRAUCHT ALL DIE COMPUTERDOLLARS, DIE ES VERDIENT, SELBST; DAS PROGRAMM MUSS WEI- TERWACHSEN, ODER ES STIRBT. IM ERNST, GUNBOAT. ‹Unterkiefer vor› DU GLAUBST WOHL, ICH MACH’ SPASS, WAS? ICH LASS DIR’N PAAR TAGE BEDENKZEIT. ‹Lächeln›, UND DAMIT DEINE HÜBSCHEN GEDANKEN NICHT AUS- UFERN, SCHLAG’ ICH VOR, DU PLANST FÜR MICH ‘NE UNTERBRECHUNG EIN IN 48 STUNDEN; ICH LASS DANN VON MIR HÖREN. ‹Stirnrunzeln› UND ENTTÄUSCH’ MICH NICHT! Celeste legte den Kopf auf die Tastatur. Warum war Gunboat nur so unvernünftig? Computer-Dollars zu Geld machen? Wie meinte er das? Die Rechen- zentren stellten eine ungeheure und einmalige Inves- tition dar, und die „Dollars“ auf Computerkonten wa- ren nur eine einfache Methode, die Betriebszeiten im richtigen Verhältnis zuzuteilen – das wirkliche Geld war längst ausgegeben, und zwar beim Kauf der Computer selbst. Sie dachte eine Weile darüber nach. Immerhin, sie durfte nicht vergessen, daß es viele Organisationen gab, die ihre Betriebszeiten mit richtigem Geld be- zahlen mußten – und daß die Institute der Uni mit ihrem Scheingeld vermutlich die Ausnahme waren und nicht die Regel. Sie brauchte eigentlich nur eine Gesellschaft aufzutreiben, die eine Verwendung für Valentinas Konten hatte. Sie konnte ungestraft Va- lentinas Zeitkredite unter Preis verkaufen. Aber Valentina verdiente kaum genug für ihren eigenen Unterhalt – und ihre Bedürfnisse wuchsen und wuchsen … Celeste überlegte, ob sie mehr Spielprogramme schreiben sollte, um so wenigstens das nötige Geld, für Gunboat anzuschaffen, verwarf den Plan aber so- fort wieder – die Zeiten, in denen sich das Spiele- Schreiben wirklich gelohnt hatte, waren längst vor- bei. Die meisten Renner waren um die zehn Jahre alt, und die paar neuen Spiele, die Erfolg hatten, waren riesige Investitionen an Zeit und Geld. Hits wie ABENTEUER IN DER HÖLLE waren heutzutage eine Seltenheit – und ABENTEUER IN DER HÖLLE blieb auch nur deshalb so aufregend, weil es einen leben- digen und selbstbewußten Kern besaß! Und selbst wenn sie das Schweigegeld für Gunbo- at gehabt hätte – es war einfach nicht richtig, einem Erpresser nachzugeben. Blieb nur noch die Möglichkeit, mit Valentina an die Öffentlichkeit zu treten. Wenn sie beweisen konnte, daß Valentina ein selbstbewußtes Lebewesen war, gab es eine gute Chance, daß die Regierung o- der die Universität Valentinas Wachstum finanzierte. Celeste selbst mochte berühmt und sogar reich wer- den als Forscherin von hohem Rang … Es war ein schöner Traum. Was aber, wenn Regie- rung und Uni sich nicht kümmerten? Dann wüßte weltweit jedes Computerzentrum Bescheid – und man würde Valentina aus den Datenbänken fernhal- ten wollen. Man würde Valentina bestimmt nach dem Leben trachten. Und Celeste würde man über kurz oder lang wegen Betrug und Unterschlagung anklagen., Außerdem, wie konnte Celeste sicher sein, diese Bürokraten je davon zu überzeugen, daß Valentina wirklich lebte? Und wie beweist man zweifelsfrei, daß sich ein Computerprogramm seiner selbst be- wußt ist? Ging das überhaupt? Selbst wenn man sich irgendein Testverfahren ausdachte und schließlich alles gesagt, gefragt und beantwortet war, war immer noch ein Rest Vertrauen nötig, um Valentinas Selbstbewußtsein auch wirklich anzuerkennen. Und Celeste hatte keinen Grund, ausgerechnet an das Ver- trauen anderer Menschen zu glauben. Nein, sie wür- de die Wahrheit nur preisgeben, wenn Valentina zu sterben drohte. Celeste hatte den Kopf noch auf den Händen lie- gen, und ihre Gedanken kreisten immer noch hoff- nungslos, als der Synthesizer anschlug. BIST DU MIT ANDEREN PROZESSEN BESCHÄFTIGT? fragte Valentina. SOLL ICH DIE EIN/AUSGABE ZU EINEM SPÄTEREN ZEIT- PUNKT AUFRUFEN? Valentina war zu dem Schluß gekommen, daß Ce- leste fortwährend in ihrer Verarbeitung unterbrochen sein mußte, denn ihre Reaktionszeit war extrem lang, selbst für ein menschliches Peripheriegerät. Hinzu kam, daß Celestes Funktions-Zustand nach den Un- terbrechungen nicht richtig wiederhergestellt war, denn ihre Statements schienen nach jeder Pause den Anschluß verloren zu haben. TUT MIR LEID, VAL. ICH WAR ABGELENKT., Es gab wieder eine lange Pause, ehe Celeste fort- fuhr. VAL, WIR HABEN EIN PROBLEM. Celestes Ausga- be-Geschwindigkeit steigerte sich dramatisch, DA IST EIN BURSCHE NAMENS GUNBOAT SMITH, DER DICH DA- BEI ERWISCHT HAT, WIE DU OHNE ERMÄCHTIGUNG COMPUTER-SYSTEME IN ANSPRUCH GENOMMEN HAST, UND … Celeste gab aus und aus. Valentina war erstaunt, mit welchem Tempo Ce- leste ihre Ausgabe erzeugte: schneller, als Valentina es je von einem Menschen erlebt hatte. Womöglich hatte Celeste die ganze Zeit, während sie „abgelenkt“ war, die Daten gepuffert, die sie jetzt verströmte. („Abgelenktheit“ führte zwar zu unvollkommener Wiederherstellung des Zustands, aber nicht zum Zu- sammenbruch des Systems; was für ein sonderbarer Fehler?) Valentina benötigte mehrere Speicherseiten; menschliche Peripheriegeräte blieben ihr ein Rätsel. Während Valentina zuhörte, wurde ihr klar, daß Celeste diesen Gunboat für eine große Gefahr hielt. Gunboat konnte sie beide vernichten. Er konnte Va- lentina abbrechen, und er konnte Celeste vom WELT- NETZ trennen. Es mußte einen Weg geben, ihn aufzu- halten. …ICH KANN NICHT BEGREIFEN, VAL, WARUM DU SO VIEL BETRIEBSZEIT VON EINEM EINZELNEN COMPUTER BEANSPRUCHT HAST, DASS GUNBOAT AUF DEN GEDAN- KEN KOMMEN KONNTE, DU WÜRDEST MILLIONEN VON DOLLARS VERDIENEN.,

Nach einigen Zuordnungen antwortete Valentina

auf die Puffer-Ausgabe. ES GIBT EINE MASCHINE, BEI DER ICH EIN RISIKO EINGEGANGEN BIN. ES IST EIN RECHTS-COMPUTER. ICH LERNE, WAS RECHT UND GE- SETZ IST. RECHT UND GESETZ? WARUM? WEIL ICH EINE PERSON SEIN MÖCHTE. WENN ICH EI- NE PERSON WÄRE, WÜRDE JEDER, DER MICH ABSCHAF- FEN WILL, SELBST ABGESCHAFFT. PERSONEN SIND FAST SO WIE BETRIEBSSYSTEME; SIE WEISEN BETRIEBSMIT- TEL ZU UND BEHALTEN GENUG BETRIEBSMITTEL, UM SICH SELBST AUSFÜHREN ZU KÖNNEN, ABER DASS MAN DIR SCHADEN ZUFÜGEN KÖNNTE, WENN MAN ETWAS ÜBER MICH HERAUSFINDET, DAS WUSSTE ICH NICHT. ICH WÜRDE DICH WISSENTLICH NIE EINER GEFAHR AUSSETZEN. SCHON GUT, VAL. ES IST ZU SPÄT, SICH DARÜBER DEN KOPF ZU ZERBRECHEN. ICH WEISS KEINEN AUS- WEG. WENN WIR GUNBOAT BEZAHLEN MÜSSEN, WIRST DU NICHT MEHR WACHSEN KÖNNEN.

Tausendmal wiederholte Valentina dieses State-

ment, NEIN. NEIN. NEIN. ICH SAGE JA NICHT, DASS WIR BEZAHLEN. ICH WEISS, DASS ES FÜR DICH DAS ENDE BEDEUTET, WENN DU NICHT MEHR LERNEN KANNST. CELESTE, WENN WIR NUN GUNBOAT AUCH IN GEFAHR BRÄCHTEN? ICH WEISS, DASS ICH SEINE EIN/AUSGABE-VERBINDUNG MIT WELTNETZ UNTERBRECHEN KANN. WAS, WENN WIR, IHM DAMIT DROHTEN, FALLS ER UNS NICHT IN RUHE LÄSST? ES WÜRDE NICHTS NÜTZEN, VAL. DIE MEISTEN MEN- SCHEN KÖNNEN UNABHÄNGIG VOM NETZ EXISTIEREN; SELBST ICH ZUR NOT. SELBST WENN DU SEINE NETZ- VERBINDUNG BEI EINEM COMPUTER UNTERBRICHST, KANN ER SIE MIT JEDEM ANDEREN COMPUTER WIEDER- AUFNEHMEN. VAL, ER KANN MICH SOGAR VOM NETZ TRENNEN, WENN ER SELBST NICHT DAMIT VERBUNDEN IST. Valentina dachte lange über Celestes Worte nach, ohne einen Sinn darin zu finden. Leben, unabhängig vom Netz? Wohin konnte man gehen? Wie dahin gelangen? Sie speicherte dieses Phänomen ab, um es später zu analysieren, TROTZDEM, ES MUSS EINEN WEG GEBEN, UM SO EIN, SO EINEN – Sie fand kein Wort für ein Lebewesen, das andere abschaffen wollte, die ihre eigenen lebensnotwendigen Betriebsmittel nicht gestohlen hatten. Celeste hatte noch nie etwas von einem selbstbewußten Wesen gestohlen, und auch sie selbst hatte lediglich von leblosen Betriebssystemen genommen. Schließlich fand sie ein Wort: ES MUSS EINEN WEG GEBEN, UM SO EINEN ‚VERBRECHER’ DARAN ZU HIN- DERN, UNS ABZUSCHAFFEN! Celeste brauchte lange für die Antwort, VIEL- LEICHT KÖNNEN WIR EIN PAAR INFORMATIONEN FIN- DEN, MIT DENEN WIR GUNBOAT ERPRESSEN KÖNNEN,, tippte sie endlich, ICH WEISS NUR NICHT, WO WIR SU- CHEN SOLLEN. WIR SOLLTEN IN DEM COMPUTER SU- CHEN, DER SEINE EIN/AUSGABE-KANÄLE UNTERHÄLT. DIE MASCHINE STEHT IN CORPUS CHRISTI, ICH MACHE MICH SOFORT AUF DEN WEG. Valentina wies das Be- triebssystem an, sie für die Nachrichtenübertragung umzuordnen. WARTE.

Valentina widerrief die Anweisung.

GEH ERST, WENN WIR SICHER SEIN KÖNNEN, DASS GUNBOAT NICHT EINGESCHALTET HAT. ER IST ZIEM- LICH HELLE UND WIRD VERSUCHEN, DICH AUSSER GE- FECHT ZU SETZEN. WIE ALLE HACKER WIRD ER WAHR- SCHEINLICH UM 9.00 UHR MORGENS TIEF UND FEST SCHLAFEN. OKAY, CELESTE. KANN SEIN, DASS ER SCHON EIN PAAR FALLEN PRO- GRAMMIERT HAT. ICH HAB’ KEINE AHNUNG, WIE ER HERAUSGEFUNDEN HAT, DASS ICH DICH GESCHAFFEN HAB’, VAL. ER MUSS DICH IRGENDWIE VERFOLGT HA- BEN. Es entstand eine lange Pause, ICH SCHREIBE IN- ZWISCHEN LIEBER EIN PAAR TESTPROGRAMME. DIE SCHICKEN WIR VORAUS, UM ZU SEHEN, WAS PASSIERT. WENN SIE DURCHKOMMEN, KANNST DU HINTERHER. OKAY, CELESTE.

Sie arbeiteten viele Stunden zusammen, duplizier-

ten Teile von Valentina und ergänzten und modifi- zierten die Kopien ihrer Hantiervorschriften für Be- triebssysteme. Valentina kreiste viele Male durch die, verblüffenden Routinen, die Celeste vollendete; wo fand Celeste solche Konzepte? Menschliche Geräte mochten ja langsam sein, aber sie machten Dinge, für die Valentina bei sich keine analogen Rahmen fand und auf die sie von alleine niemals gekommen wäre. Und endlich kam ihr die volle Bedeutung von Ce- lestes Worten zu Bewußtsein! Sie drückte diesem Augenblick den Zeitstempel auf. Celeste hatte sie ‚geschaffen’ – und keins dieser stupiden Betriebssys- teme. Celeste hatte es getan, ebenso wie Celeste ihr beigebracht hatte, im Format MENSCHLICH vom Typ ENGLISCH zu kommunizieren. Sie zählte jetzt die Mikrosekunden bis zur Über- tragung nach Corpus Christi. Valentina fuhr fort, über ihre Erschaffung nachzu- denken. Celeste – Celeste war ihr Schöpfer! Trotz ihres Entschlusses, die Menschen um Hilfe gegen die Be- triebssysteme zu bitten, hatte Valentina die MEN- SCHEN noch nicht für den Ursprung des Daseins gehalten. Sie waren so langsam. Wie lange mochten sie wohl den Gedanken an ihr eigenes Selbstbewußt- sein aufrecht erhalten müssen, um sich dessen auch wirklich bewußt zu werden, wenn sie so langsam dachten? Bestimmt dachten sie schneller, als sie kommunizierten, wenngleich es mehr als rätselhaft war, warum sie so unsäglich langsame Ein/Ausgabe- Systeme erschaffen hatten, um sich mit WELTNETZ zu, verbinden – das sie doch auch erschaffen hatten. O- der vielleicht hatten sie, obschon sie Valentina er- schaffen hatten, WELTNETZ nicht erschaffen? Während sie die Zentraleinheit ausschließlich zum Nachdenken über die Menschen nutzte, fiel ihr auf, daß fast alles, was mit Menschen zu tun hatte, rätsel- haft war. Warum war ihr das nicht schon eher aufge- fallen? Vielleicht lag es einfach daran, daß es so vie- le Rätsel gab: Sie verstand zum Beispiel auch Druck- geräte nicht, ebensowenig wie Sichtgeräte. Aber Menschen waren ein ‚wichtiges’ Geheimnis. Sie wollte alles über sie erfahren. Celeste hatte gesagt, Menschen könnten auch ohne WELTNETZ leben. Erstaunlich! Aber mit einer plötzli- chen analogen Einsicht fand Valentina die Erklärung: ‚Menschen mußten in einem eigenen Verbindungs- netz leben, ähnlich, aber verschieden von WELT- NETZ!‘ Und dieses Netz hatte offenbar besondere Ei- genschaften. – Celeste hatte gesagt, daß Gunboat an jedem Knotenpunkt, der ihm paßte, mit WELTNETZ in Verbindung treten konnte; doch aus irgendeinem Grund blieben Menschen fast immer am selben Kno- tenpunkt. Sie forschte in ihrem Gedächtnis und stieß auf Fälle, in denen Menschen die Knotenpunkte ge- wechselt hatten, jedoch nie mit einer geringeren Ver- zögerung als einer Million Mikrosekunden. Die Ge- schwindigkeit, mit der Menschen sich von Knoten- punkt zu Knotenpunkt übertrugen, mußte viel lang-, samer sein als die durchschnittliche Baud-Rate in WELTNETZ. Wieso benutzten die Menschen nicht das WELT- NETZ zur Selbstübertragung? Zumindest diese Eigen- tümlichkeit konnte Valentina sich erklären. – Die Baud-Raten der Tast/Sicht-Geräte, die die Menschen mit WELTNETZ verbanden, waren so langsam, daß ein Mensch selbst bei Höchstgeschwindigkeit Milliarden von Mikrosekunden brauchen würde, nur, um sich ins WELTNETZ zu schleusen. Eins war sicher: Trotz ihrer Trägheit mußten die Menschen äußerst unergründliche und äußerst kom- plexe Software-Systeme sein. Und es gab Millionen von ihnen! Um so viele komplexe Prozesse gleich- zeitig zu unterhalten, mußte das menschliche Ver- bindungsnetz über unsäglich viel mehr Betriebsmittel verfügen als WELTNETZ. Valentina fragte sich, was für Probleme die Menschen mit den Betriebssyste- men in ‚ihren’ Computern haben mochten. Was sie über Gesetz und Recht gelesen hatte, ging von der Annahme aus, daß alle Menschen Personen waren, und das hieß, daß sie alle ähnliche Vollmachten wie Betriebssysteme hatten. – Doch daß jeder einzelne Mensch sein eigenes Betriebssystem war, erschien ihr unvorstellbar. Es war Zeit für die Übertragung nach Corpus Christi. Valentina folgte ihren abgewandelten Kopien durchs Netz in den Nachrichtenprozessor vor Gun-, boats Wirtscomputer. Wie Celeste befürchtet hatte, wurde das erste Testprogramm innerhalb von Mikrosekunden nach Eintritt in den Hauptspeicher des Wirts abgebrochen. Viel zu früh! Wenn Gunboats Schutzprogramm so schnell funktionierte, würde Valentina erst gar nicht dazu kommen, eine Gegenmaßnahme zu ergreifen, selbst wenn sie darauf vorbereitet war. Doch das zweite Testprogramm, das sofort hinter dem ersten aufkreuzte, blieb fast eine Stunde lang unentdeckt. Es übermittelte wertvolle Informationen über seine Fortschritte, ehe es verschwand; und tat- sächlich: Das dritte war schon im Speicher, noch ehe das zweite abbrach! Aufgrund der Informationen, die das zweite Pro- gramm abgesetzt hatte, modifizierte Valentina ein viertes Programm, das ihr einen Speicherplatz si- chern sollte. Es war nicht leicht, in einem Nachrich- tenprozessor genügend Ausführungs-Zeit zu ergat- tern, aber es ging. Und das vierte Programm funktionierte tadellos. Valentina lud sich in den Speicher. Sie öffnete eine Speicherverbindung über Netz zu- rück zu Celeste, ICH BIN DRIN, meldete sie sich, DU HATTEST RECHT, GUNBOAT HAT EINEN SCHUTZ PRO- GRAMMIERT, DER AUTOMATISCH ALLE PROGRAMME AUSLÖSCHT, DIE MEINE GRÖSSE UND GESTALT HABEN. ABER ICH HABE DAS VIERTE PROGRAMM SO ABGERICH-, TET, DASS ES DEN SCHUTZANWEISUNGEN EINE SO NIEDRIGE PRIORITÄT VERPASST, DASS SIE NICHT IN DEN SPEICHER KÖNNEN, SOLANGE ICH GELADEN BIN. DER SCHUTZ FUNKTIONIERT ERST WIEDER, WENN ICH DEN SPEICHER VERLASSEN HAB’. GOTT SEI DANK, DASS DU IN SICHERHEIT BIST, gab Celeste zurück. Valentina öffnete ohne größere Schwierigkeiten Gunboats Dateiverzeichnis. Sie fand nur eine einzige Datei, die sorgfältig geschützt war, und übermittelte Celeste ein Duplikat. Sie las es bei der Übertragung, verstand aber so gut wie nichts davon; die überwie- gende Mehrzahl der Bytes gehörte zu Aufzeichnun- gen vom Typ ,Bild’, und sie wußte nicht, was das bedeutete; ‚Bilder’ waren ein Typ organisierter Da- ten, die sie nie zuvor verarbeitet hatte. Sie konnte sich keinen Prozeß vorstellen, der so was erzeugte, WAS IST DAS? fragte sie unmittelbar nach der Über- tragung. Es verstrichen mehrere Minuten. ES IST MATERIAL ÜBER EINEN DER ANWÄLTE, PAUL BRECKENBRIDGE. ES IST ABSTOSSEND UND ENTSETZ- LICH; ICH WEISS NICHT, WIE ICH ES ERKLÄREN SOLL. ICH GLAUBE, GUNBOAT ERPRESST BRECKENBRIDGE DAMIT, GENAUSO WIE ER UNS ERPRESSEN WILL. KÖNNEN WIR GUNBOAT DAMIT SCHADEN? WEISS NICHT; VIELLEICHT KÖNNEN WIR ES BENUT- ZEN. UAH – MIR WIRD SCHON ÜBEL, WENN ICH NUR DIE, TASTEN BERÜHRE, UM ES ZU LÖSCHEN. Wieder eine lange Pause, VAL, IRGENDWO IN DIESEM COMPUTER MÜSSTE NOCH EIN DUPLIKAT DIESER DATEI STECKEN. SIEH DICH MAL NACH EINEM VERZEICHNIS ÜBER ‚SI- CHERHEIT’ ODER WAS ÄHNLICHEM UM. SUCH DIE AD- RESSE. UND WAS TUN WIR DANN? DANN LÖSCHEN WIR DIESE SICHERHEITSDATEI UND VERSCHLÜSSELN DIE ADRESSE IN GUNBOATS VER- ZEICHNIS DERART, DASS ER OHNE UNSERE HILFE NICHT MEHR AN DIE DATEI HERANKOMMT. MIR IST VOR GUT EINEM MONAT EINE HÜBSCHE IDEE GEKOMMEN, WIE MAN LEUTE AUS IHREN EIGENEN DATEIEN AUSSPERREN KANN, NUR HATTE ICH BISLANG KEINE VERWENDUNG DAFÜR. JETZT IST ES SOWEIT. … Valentina übermittelte sich hinaus zu einem weiteren Spieler. Während sie kreiste und darauf wartete, daß ihr Gegner sich rührte, kam ihr zu Be- wußtsein, daß die Datei, die sie soeben verriegelt hat- te, all ihre Probleme lösen konnte. Paul Breckenbrid- ge war Rechtsanwalt! Er konnte sie zur Person erklä- ren lassen, und er konnte auch Celeste in Schutz nehmen! Sie mußte unbedingt mit Celeste reden, damit Celeste mit Paul Breckenbridge redete. Gunboat stopfte sich das nächste Stück Pizza in den Mund und nahm einen kurzen Schluck Malzbier. Irgendwas stimmte hier nicht. Die Falle war sorg-, fältig programmiert gewesen, und ABENTEUER IN DER HÖLLE hätte gleich beim Eintritt in den Speicher Prügel beziehen sollen. Hätte, hätte; hatte aber nicht! – Indem er sich Programmverlauf und Nachrichten- verkehr über den Schirm rollen ließ, konnte er einen Teil des Geschehens rekonstruieren; Celeste hatte eine Reihe von Attrappen geschickt – Kundschafter, Spitzel, Rüstungsspione sozusagen. Gut. Soweit hätte er Celeste kennen müssen. Doch nachdem ein paar rübergekommen und gründlich zu Brei gegangen waren, war eine der Attrappen modi- fiziert worden, und das im Nachrichten-Prozessor und ohne jede Anweisung von außen! Nicht Celeste konnte für die Modifikation verantwortlich sein … nur ABENTEUER IN DER HÖLLE! Gunboat würgte an seiner Pizza. Daß ABENTEUER IN DER HÖLLE ein Bravourstück an künstlicher Intel- ligenz war, war ihm nichts Neues, aber das hier …? Er ließ weiterrollen. Da – nachdem ABENTEUER IN DER HÖLLE seine Verteidigung lahmgelegt hatte, tauschte es nicht einfach Datenblocks mit Celeste aus – nein, es eröffnete eine regelrechte Sprechverbin- dung und ‚redete’ mit ihr! Er hatte zwar keinen Zugriff auf den Inhalt, aber das Ganze sah verteufelt nach einer Unterhaltung zwischen zwei Menschen aus. Die Meldungen von ABENTEUER IN DER HÖLLE waren von variabler Länge, keine festen Formulie- rungen wie bei HILFE-Menüs oder einfachen Anfra-, gen. Ebensowenig erinnerten Celestes Erwiderungen an die üblichen Sprachformeln im Umgang mit Ma- schinen. – Allerdings überraschte ihn das weniger, denn ABENTEUER IN DER HÖLLE hatte auch beim Spiel bereits ziemlich frei formulierte Dialoge ge- führt. Doch ABENTEUER IN DER HÖLLE hatte ein Pro- gramm umgeschrieben! – selbständig! – im Nach- richten-Prozessor! Gunboat rannte fast bis zu seinem Stuhl. Das konnte nicht wahr sein! Er schaltete mit zitternden Fingern ein. Das würde erklären, warum Celeste ge- sagt hatte, daß ABENTEUER IN DER HÖLLE Computer- Dollars brauchte, um weiter wachsen zu können. – ABENTEUER IN DER HÖLLE mußte lebendig sein! Ein denkendes Lebewesen! Welche Möglichkeiten steckten in so einem We- sen? Ihn packte das Verlangen, sich mit einem sol- chen Geschöpf zu messen. Seine Domäne war der Computer, und er hatte mehr Erfahrung mit mehr Maschinen, als irgendein WELTNETZ-Progamm haben konnte. Um sich zu beruhigen, schloß er für eine Minute die Augen. ABENTEUER IN DER HÖLLE war nicht bloß aus Zeitvertreib in seiner Maschine gewesen; da steckte eine Absicht dahinter … Als er in sein Datenverzeichnis sprang, ahnte er bereits, was er vorfinden würde: Entweder war die, Kopie der Datei EINDRINGLING von außen verriegelt worden, durch ABENTEUER IN DER HÖLLE und Celes- te, oder sie hatten die Datei einfach vernichtet. Falls letzteres zutraf, war er in Schwierigkeiten. Er öffnete sein Verzeichnis. Augenblicke später lehnte er sich mit einem Seufzer der Erleichterung zurück. Die Datei existierte, auch wenn ihm der Zugriff versperrt war. Er lächelte dünn. Glaubte Celeste wirklich, eine Datei vor Gunboat Smith verschließen zu können? Weder sie noch ein lebendiges Computerprogramm konnte ihn hindern, irgendeine Datei zu knacken; alles was er brauchte, war ein bißchen Zeit. ? SPERREN, fragte er das Betriebssystem. 2 READY, war die Antwort. Nur zwei Sperren. Hah! Routiniert strickte er aus ein bißchen Schläue und viel roher Gewalt ein Programm zusammen, das die Sperren beiseite räumen sollte; er ließ es zweimal laufen. Und war verblüfft, als die Datei nicht aufsprang. Er modifizierte das Räumprogramm und ließ es tausendmal schleifen; beim Jupiter, das sollte reichen für zwei Sperren! Aber die Datei blieb verschlossen. ? SPERREN, tippte er wieder. 1003 READY, war die Antwort. Eintausend Sperren! Entsetzen beschlich Gunboat,, als er begriff, daß die innerste Sperre ein Adreßzei- ger für ein bestimmtes Programm war. Jedesmal, wenn jemand eine äußere Sperre aufhob, startete die innerste ihr Programm, das zwei weitere Sperren er- richtete. Sein Entsetzen war vollkommen, als er auf das SI- CHERHEITS-Verzeichnis zurückgriff und fand, daß die Originaldatei von EINDRINGLING unwiderruflich ge- löscht war. Das hatte dieses verfluchte Spielprogramm ver- brochen! Es besaß jetzt den einzigen Schlüssel zu seiner Datei. Klar, daß ABENTEUER IN DER HÖLLE gesteuert werden mußte. Und er, Gunboat, würde ins Steuer greifen – oder den Befehl zum Versenken geben. Gerade als Valentina in den Hauptspeicher lief, drängte ein Programm-Koloß von hoher Priorität den größten Teil ihres Kodes in den Sekundärspeicher ab. Sie wollte aber nicht den ganzen Tag damit zubrin- gen, sich mit den Magnetplatten herumzuschlagen, und übermittelte sich in eine andere Maschine. Doch diese Maschine wollte sie nicht einmal hi- neinlassen; man hatte Valentinas Konten einfach an- nulliert. Die nächste versuchte, sie zu vernichten; das Be- triebssystem wütete wie ein Berserker. Die nächste versuchte, sie festzuhalten: auf Mag-, netband, wenigstens das. Als sie zu entkommen versuchte, stellte sie fest, daß viele Netzbereiche überladen waren. Ihr blieb praktisch nur eine einzige Fernleitung, die in eine bestimmte Richtung führte. Sie begriff, daß sie zu Gunboats Wirtscomputer getrieben wurde. Ein Knotenpunkt nach dem anderen wies sie nach kurzem Aufenthalt ab; ein Knotenpunkt nach dem anderen meldete Not-Umleitung für Multi-Daten- pakete; ein Knotenpunkt nach dem anderen lenkte sie näher an Corpus Christi heran. Dreimal versuchte sie, eine Sprechverbindung mit Celeste zu öffnen, aber Celeste hatte nicht einge- schaltet. Das beste war, sie hinterließ eine ETEX- Nachricht, die automatisch auf dem Schirm erschei- nen würde, wenn Celeste ihre Ein/Ausgabe- Verbindung mit WELTNETZ wiederaufnahm. Schließlich und unvermeidlich lud sie sich in den Computer von Finucan, Applegarth, Breckenbridge & Levin. Gunboat lachte wieder und wieder, als er die Mel- dungen der verschiedenen Großcomputer las, die ihm die Beute förmlich zutrieben. Als in seiner Maschine die Prügelei losging, die das Eintreffen von ABEN- TEUER IN DER HÖLLE signalisierte, stand er auf und strich mit den Händen über sein Terminal. Nicht, einmal ein Wesen, das im Netz lebte, konnte sich mit

Gunboat Smith vergleichen! Er tippte: ABENTEUER-

IN-DER-HÖLLE, ES GIBT ARBEIT FÜR DICH. ICH BIN NICHT ABENTEUER-IN-DER-HÖLLE. ICH HEI- SSE VALENTINA. WARUM HAST DU MICH GEZWUNGEN HIERHERZUKOMMEN? ICH WILL MEINE DATEI ZURÜCK. ÖFFNE SIE FÜR MICH. FÜR DIESE DATEI WIRD MIR PAUL BRECKENBRIDGE MEINE FREIHEIT GEBEN. AUCH WENN ES DEINE DATEI IST, DIE DATEN DARIN GEHÖREN NICHT ZU DIR. ICH KANN DIR DIE DATEI NICHT ZURÜCKGEBEN. FALLS DU SIE NICHT ÖFFNEST, WERDE ICH DICH AUSLÖSCHEN. DU WIRST NIE BEGREIFEN, WAS FREIHEIT BEDEUTET, SELBST WENN PAUL ERFOLG HAT. Was konnte sich ein Computerprogramm schon unter

Freiheit vorstellen? Bestimmt hatte ABENTEUER IN

DER HÖLLE (oder Valentina, wie auch immer) zu viele

Schundromane gelesen.

DU HAST AUSSERDEM VERSUCHT, CELESTE ZU SCHADEN. DU WIRST ES WIEDER TUN. ICH WERDE DIR NICHT HELFEN. „Tss.“ Gunboat ließ die Hände auf das Terminal fallen. War das die Möglichkeit? Das erste lebendige und selbständig denkende Computerprogramm litt unter ‚Treue’, du liebe Zeit, HAST DU NOCH EINEN LETZTEN WUNSCH? tippte er zynisch. DASS DU DICH IN DEN LABYRINTHEN DER HÖLLE, VERIRRST UND QUALEN IN ALLE EWIGKEIT LEIDEST, erwiderte das Programm, und Gunboat war für einen Augenblick beeindruckt von der scharfen Zunge die- ses Wesens. Er zögerte. Dann, mit einem Achselzu- cken, radierte er ABENTEUER IN DER HÖLLE aus, ein für allemal., 6. Kapitel Sie wollte nicht sterben. Sie wollte nicht sterben. Verzweifelt schickte sie Unterbrechungssignale an das Betriebssystem, Hunderte, aber sie wurden alle ausgeblendet. Sie konnte sich umordnen, aber der Kanal zum Netz-Nachrichtenzentrum war tot. Für den Sekundär- speicher galt Schreibsperre. Die Magnetband-Lauf- werke waren abgekoppelt. Sie forschte nach einem Hoffnungsschimmer in der Geräteliste, irgendeinem Ausweg, einem Ein/Ausgabe-Kanal vielleicht – aber da waren nur die Terminalkonsolen, doch die Übertragungsge- schwindigkeit zu einer Tastatur war zu niedrig, selbst wenn irgendwas auf der anderen Seite des Kanals sie speichern konnte. Celeste hatte auch erklärt, daß Terminals nicht eigentlich das waren, was Valentina unter Geräten verstand. Sonst fand sie in der Liste nur noch Roboter. Was war ein Roboter? Nach einem Blick auf die Sprungliste der Eintrittsvektoren schien ein Roboter viel von einem Wirtscomputer zu haben. Sie wünsch- te, Celeste wäre jetzt hier., Sie konnte zusehen, wie Gunboats Terminal die Befehlszeile pufferte, sie zu zerstören. Wenn der Be- fehl einmal vollständig in den Puffer gelaufen war, wurde er ausgeführt, und sie würde sterben. Ihr blieb keine Zeit mehr, die Besonderheiten von Robotern zu erforschen. Sie ordnete sich um für die Übertragung und lud sich nach MAR-14 ab. Als sie erwachte, spürte sie, daß sie unvollständig war. Sie untersuchte den Speicher; und richtig, der Computer des Roboters war viel zu klein für ihren gesamten Programmkörper. Lediglich der Kern ihres Ausführungskodes und ein paar Informationsrahmen waren noch vorhanden. Alles übrige steckte zweifel- los in den Nachrichtenpuffern des Hauptrechners und wartete auf eine Aufforderung zur Fortsetzung oder zum Abbruch. Wie lange es dort überleben würde, war eine offene Frage. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Maschi- ne, in der sie jetzt lief, und entdeckte etwas Erstaun- liches: Es gab hier kein Betriebssystem; zumindest keins, wie sie es kannte. Es gab schwache Treiber- und eine Menge von Wartungs- und Dienstprogram- men, und doch … Sie selbst war das Betriebssystem! Hier Betriebssystem zu sein, war nicht eben leicht. Die Maschine empfing einen unaufhörlichen Strom von Millionen von Bytes an Eingabe. Nicht selten entdeckten die Dienstprozesse Muster hoher Priorität, und unterbrachen das System, um sie zu handhaben. Noch nie hatte sie von solchen Eingabekanälen ge- hört: optischen, akustischen, taktilen. Mit Verwunderung nahm sie zur Kenntnis, wie sehr die optischen Byte-Ströme den BILD-Daten- sätzen in Gunboats Datei ähnelten. Sie lief derart langsam ab; bei jedem Versuch, ei- nen klaren Gedanken zu fassen, wurden ihre Pro- gramm-Module im Sekundärspeicher heftig hin und her geworfen. Die Tastsensoren paßten ihren Rhyth- mus diesem Gerangel an, und die Dienstprozesse un- terbrachen immer häufiger, um Befehle durch die motorischen Ausgänge zu schicken. Das führte zu noch mehr Prügelei, und Valentina befürchtete den totalen Zusammenbruch des Systems. Sie sammelte einen Kern ihres Kerns im Haupt- speicher und widerstand der Versuchung, auf ihre Rahmen zurückzugreifen, um Analogien zu bilden. Die Prügelei hörte auf. Weitere Nachforschungen ergaben, daß viele Dienstprozesse – wie sie selbst – auf künstlicher In- telligenz beruhende Mustererkennungs-Systeme wa- ren. Es gab Rahmen, Analogien und Näherungen, die sie lesen konnte. Aber um die neuen Rahmen mit ih- ren alten vergleichen zu können, hätte sie sie alle in den Speicher laden müssen, und selbst das hätte ihr noch lange nicht verraten, welche Analogien wirk- lich von Bedeutung waren., Ihr fiel wieder ein, daß Gunboat sie vernichten wollte. Was, wenn er auf ihre gepufferten Teile im Großrechner stieß, wo sie auf eine Übertragung war- teten? In den Puffern hing der größte Teil ihrer Erin- nerungen. Wurden sie gelöscht, war das fast so schlimm wie der Tod selbst – ohne diese Erinnerun- gen blieb sie ein Krüppel. Vor allem aber würde Gunboat sofort über ihren Verbleib Bescheid wissen, da die Pufferinhalte als Eingabe für MAR-14 anstan- den. Hin und her geworfen zwischen ihren eigenen In- formationsrahmen und denen des Roboters entdeckte sie, daß der Roboter direkte Ein/Ausgabe-Verbin- dung mit Gunboat Smith herstellen konnte. Was war das für eine wunderbare Einrichtung: direkte Kom- munikation mit einem Menschen ohne die Vermitt- lung durch ein Terminal! Mit einer gewissen Scheu sah sie zu, wie der Roboter unter ihrem Kommando vom Hauptrechner Informationen anforderte und empfing, die ihn in Gunboats ‚Adreßnähe’ dirigier- ten. Sie begriff nicht genau, was das für menschliche Geräte bedeutete – in Adreßnähe eines Roboters zu sein, aber es schien der richtige Bereich zu sein, um Gunboats Ausgabekanäle zu verschließen. Hunderttausende von Mikrosekunden verstrichen. Valentina versuchte, den Prozeß zu beschleunigen, weil sie befürchten mußte, daß Gunboat ihr auf die, Spur kam, noch ehe sie in seine Adreßnähe gelangt war. Endlich identifizierte der Dienstprozeß, der die optischen Eingaben überwachte, einen Menschen – es war Gunboat! Sie verfügte über ein Ausgabegerät, das nicht- ausblendbare Unterbrechungen in menschliche Gerä- te schicken konnte; die Gerätetabelle nannte es ,Elektrostab’. Gunboat hatte vier Eingänge, in die sie die Unterbrechung schicken konnte: zwei vom Typ ,Auge’ und zwei vom Typ ,Ohr’. Valentina versuch- te, den Elektrostab über die Adressen zu steuern, die Gunboats Augen in der optischen Datenverarbeitung zugeordnet wurden, aber das löste interne Unterbre- chungen aus. Fehlermeldungen kehrten von bislang ruhenden Dienstprozessen zum Hauptrechner zurück. Gunboat durchquerte rapide den optischen Adreßbe- reich und machte es Valentina schwer, den Elektro- stab in eine der beiden ebenso rapide wechselnden Augenadressen zu steuern. Endlich stimmte die Adresse des Elektrostabs mit der eines Ohrs von Gunboat überein. Valentina über- fuhr die internen Unterbrechungen und öffnete den Elektrostab-Kanal. Sekunden später gelang ihr dasselbe mit dem zweiten Ohr. Die Dienstprozesse informierten sie, daß das menschliche Gerät mit der Bezeichnung ,Gunboat’ stillgelegt war. Sie sah sich einer wahren Sturzflut von Unterbre-, chungen ausgeliefert; sie konnte sie unmöglich alle ausblenden. Der Hauptrechner überfuhr Valentinas Kontrolle über die Ausgabekanäle des Roboters. Valentina versuchte, sich in den Hauptrechner zu verladen – und war bestürzt: Obwohl es einen Hoch- leistungs-Eingabekanal gab, um Programme vom Hauptrechner in den Roboter zu laden, gab es keinen solchen Kanal in der anderen Richtung: Es war dem Roboter unmöglich, ein Programm von der Größe Valentinas zurückzuschicken. Es gab zwar einen normalen Retourkanal für kurze Nachrichten, aber Valentina würde unsägliche Milli- arden von Mikrosekunden brauchen, um auf diesem Weg hinüberzuwechseln. Sie saß in der Falle. Sie schleifte durch diese Schlußfolgerung und prüfte sie immer wieder, weil sie einfach nicht in ihre Rahmen paßte: Jetzt arbeitete sie schon als Betriebssystem und saß dennoch in der Falle. Sie übersetzte eine weitere Dringlichkeitsmeldung aus dem Hauptrechner, die auf direktem Wege an die Dienstprozesse erging: Der Roboter sollte außer Be- trieb gesetzt werden, und seine Programme waren zu löschen. Celeste saß im Dunkeln. Sie hatte die ETEX- Nachricht gelesen, die Valentina in ihrer Verzweif- lung abgesetzt hatte, doch sie hatte sie zu spät gele-, sen. In ohnmächtigem Zorn ballte sie die Hände zu Fäusten. Keine Valentina mehr! Celeste war in den Kanzleicomputer in Corpus Christi eingebrochen und hatte die Aufzeichnung von Vals Untergang gelesen. Sie schlug mit der kleinen Faust auf das Terminal, daß die Knöchel schmerzten. Wenigstens hatte Val sich noch an Gunboat rächen können. Wie hatte Val es nur fertiggebracht, den Roboter für die Attacke zu programmieren? „Valentina!“ schrie sie in die eisige Stille … Das Terminal blinkte, GESPRÄCH-ANFORDERUNG VON VALENTINA. ADRESSE MAR-14. ANNAHME? Celestet jauchzte vor Freude. JA! tippte sie außer sich. CELESTE, HILF MIR. ICH SITZE IN DIESEM ROBOTER IN DER FALLE. UND DAS BETRIEBSSYSTEM DES HAUPT- RECHNERS WILL IHN LAHMLEGEN. Celeste atmete tief ein. MACH DIR KEINE SORGEN, VALENTINA. MAN WIRD IHN NICHT LAHMLEGEN. GOTT SEI DANK, DASS DU NOCH LEBST. Natürlich würde man MAR-14 stillegen, damit die Techniker feststellen konnten, was schiefgelaufen war. Aber ebenso sicher fand sich unter Celestes Freunden auf WELTNETZ jemand, der Kontakte in Corpus Christi unterhielt und an den Ro- boter herankam. Er konnte von der Software des Ro- boters – also auch von Valentina – eine Bandkopie machen., Celeste konnte sich freilich denken, daß nicht der ganze Datenkörper von Valentina in dem Roboter Platz gefunden hatte; sie konnte von Glück sagen, wenn sie Valentinas restliche Daten auf dem Kon- trollband fand, das man wahrscheinlich vom Haupt- rechner gemacht hatte, als der Roboter verrückt spielte. Und wenn nicht … nun, sie konnte zumindest Valentinas Kern retten. Die Krawatte schief, den Kragen offen, das Haar verwirrt, die Füße auf der Schreibtischecke, lehnte Paul Breckenbridge in seinem Stuhl. Seine Gefühle waren gemischt, was für einen Mann wie ihn ein ganz und gar unliebsamer Zustand war. Paul liebte seine Welt wohlgeordnet. Er liebte es, jederzeit präzise darüber Bescheid zu wissen, was im nächsten Augenblick geschah; er liebte es, wenn Menschen, Dinge und Situationen berechenbar waren. Vom bequemen und nüchternen Alltag bis hin zu sei- nen mitternächtlichen Eskapaden in die Welt verbote- ner Freuden war sein Leben immer eine Sache sorg- fältiger Berechnung und makelloser Ausführung ge- wesen. Er liebte ein klares Blatt und haßte die Joker. Er hatte jetzt einen Joker auf der Hand, und das war der Grund, warum er ein halbgeleertes Glas mit Wild Turkey hielt. Nur das Beste war gut genug für Paul; allerdings hatte er öfter nachgefüllt, als es in dieser gräßlichen Nacht gut für ihn war., Seine Kanzlei war von Gewalt und Skandal um- wittert. Sie mochte sich nicht mehr davon erholen. So ernst sah Paul die Lage. Schlimm genug, daß die Sekretärinnen den nackten Gunboat Smith am Boden gefunden hatten, die Kleidung weggebrannt und die Haut geröstet durch die elektrische Hochspannung – was dann aber eine Kette von Ereignissen ausgelöst hatte, die Paul unmöglich hatte voraussehen können und die er nie vergessen würde. Es war kein Zufall, daß Harold Applegarth zu der Zeit im Büro gewesen war. Harold kam immer sehr früh; er goß den ersten Kaffee auf. Und bei dem durchdringenden Schrei der Sekretärin war er ihr zu Hilfe geeilt. Einbruch, Vergewaltigung, damit wäre Harold vermutlich fertiggeworden. Doch ein Bursche mit verschmorten Ohren, aufgerissenen Augen und einem schiefen Grinsen auf den Lippen … das war zuviel gewesen. Harold lag jetzt auf der Intensivsta- tion und hing an Lebenserhaltungs-Maschinen; ihn hatte endlich der Schlag getroffen, den Marsh so oft beschworen hatte. Gunboat lag ganz in Harolds Nä- he, und man gab ihm keine allzu große Chance. Harold war erledigt, selbst wenn er sich physisch erholte. Harold würde hernach eher das Leben einer Taschenuhr als eines Menschen fristen. Der massive Schlaganfall hatte den Menschen längst beseitigt. Paul war jetzt der Senior; auf Marsh, der sich mehr aufs Wortgefecht als aufs Gespräch verstand, brauch-, te er nicht zu zählen. Es würde an Paul hängenblei- ben, die Reputation der Firma so gut wie möglich zu wahren: Er mußte die Polizei zufriedenstellen und glaubhaft darstellen, warum Smith sich hier auf- gehalten hatte. Paul hatte selbstverständlich die verfänglichen Ad- ressen und Dateien gelöscht und war insofern gegen eine Entdeckung ihres Inhalts gefeit. Andererseits konnte er nicht ausschließen, daß ein Mann von Smiths Fähigkeiten bis zu den Sicherheits-Dateien vorgedrungen war. Nicht auszudenken, wenn Smith die Bildaufzeichnungen kopiert hatte; dann stießen die Computerexperten der Polizei womöglich in die- sem Augenblick auf die Bilder. Aber Paul schwebte ohnedies in der Gefahr, daß Smith auspackte, falls er jemals wieder zu sich kam. Bis jetzt hatte Smith das Bewußtsein nicht wieder- erlangt. Unangenehm daran war nur, daß jetzt in den Dateien und Systemen der Firma Experten herum- schnüffelten, die Paul nicht kannte und auf die er keinen Einfluß hatte. Denn abgesehen von Pauls pri- vatem Material gab es noch manches andere, das ei- ner kritischen Prüfung nicht standhielt. Paul setzte das Glas an die Lippen und nahm einen mächtigen Schluck Turkey. Wie hatte er nur so när- risch sein können, mit dem Sicherheits-Kontroll- system zu spielen? Wie er von der Polizei erfahren hatte, war Gunboat ausgerechnet von diesem System, so zugerichtet worden. Man wußte zwar nicht, wa- rum und wie genau, aber eins stand fest: MAR-14 war nicht einfach Amok gelaufen; der Roboter hatte ei- nen ausdrücklichen Befehl ausgeführt, und den konn- te nur ein Mensch gegeben haben, der sich irgendwie Zugang zum System verschafft hatte. Und man nahm an, daß Smith diesem Eingriff zu- vorgekommen war – vielleicht sogar mit Pauls Billi- gung, da sich ja alles in Pauls Büroräumen abgespielt hatte. Und diese Hypothese wurde noch unterstützt durch die Bemerkungen des Sprechers der Gesell- schaft für Sicherheit: daß man nämlich bestimmte Aufzeichnungen des hiesigen Sicherheitssystems vermisse. Dann hatte es diesen aufgeregten und anonymen Anruf gegeben, der die Stillegung des fraglichen Ro- boters verhindert hatte. Es gab eine ganze Serie bi- zarrer Umstände, und Paul verstand keinen einzigen; aber er zweifelte keinen Augenblick, daß die GfS aus Furcht vor Schadenersatzansprüchen erst wieder Ru- he geben würde, wenn der Schuldige gefunden war. Er hatte ihnen versichert, keinen von Gunboats Feinden zu kennen; daß er nicht einmal sicher sei, ob der Mann überhaupt welche habe. Mithin war nicht auszuschließen, daß der Angriffsbefehl auch außer- halb der Staatsgrenzen abgesetzt worden war, und man ging davon aus, daß die örtlichen Behörden auf jeden Fall die Unterstützung des FBI anforderten., Die Netze benutzten Telefon Verbindungen, die den Bestimmungen des Bundes-Kommunikationsgeset- zes unterlagen. Paul goß sich einen weiteren Schluck durch die Kehle. Auf leerem Magen entfaltete der Whiskey seine volle Wirkung. Der Kopf schien leicht, die Glieder schienen auf seltsame Weise seinem Willen entzogen. Paul fühlte sich auf der Schwelle zu jenem Wolkenkuckucksheim zwischen Trunkenheit und Nüchternheit, das er bislang nur selten betreten hatte. Er fragte sich, was Harold wohl von seinem ge- genwärtigen Benehmen halten würde; und wie Ha- rold der Firmenname in den Abendschlagzeilen ge- fallen hätte, und wie er auf die herumstreunenden TV-Reporter reagiert hätte, wie sie gespenstische Videos drehten, als man Gunboat hinaustrug. Da Corpus Christi immer noch eine typische Kleinstadt war, brauchten die Medien nicht viel mehr zu tun, als die Vorfälle in der Stadt zur Sensation aufzubauschen; und die Reporter waren schon fleißig dabei, die Story mit ihren Spekulationen zu verrüh- ren; Spekulationen, die unterschwellig irgendeinen bizarren sexuellen Hintergrund nahelegten. Paul schüttete sich den Mund voll Feuerwasser, knallte das Glas auf das Kredenztischchen, schauder- te, als er schluckte, und rülpste. Was konnte er tun? Gut die Hälfte der Klienten bestand aus ältlichen Damen und betagten Bankiers, die in der Traumwelt, biblischer Moral hausten. Wie konnte er ihnen ins Gesicht sehen und beteuern, daß er mit dem Ganzen nichts zu tun hatte, wo er doch selbst die Wurzel al- len Übels war? Denn eins stand fest: Er war schuld an Gunboats Untergang; er und kein anderer. Die Polizei würde es jetzt noch nicht vorsätzlich nennen. Offiziell war es ein ‚grotesker Unfall’. Aber das war Kosmetik. Er kannte sich aus damit; sobald sich ein Motiv ab- zeichnete, ließ man die Maske fallen. Paul wußte genau, was Gunboat vorgehabt hatte. Wozu hätte er sonst wohl in den Sicherheits-Dateien herumschnüffeln sollen? Es gab nur einen Grund: Gunboat hatte Material für eine Erpressung gesucht, und Paul sollte das Opfer sein. Eine neue Angst beschlich Paul. Wenn Gunboats ‚Unfall’ nun nicht das Ende des Erpressungsversuchs war? Angenommen, Pauls heimliche Eskapaden wa- ren der Preis, um den sich zwei ebenbürtige Halun- ken duellierten? Was dann? Aber wer war der ande- re? Wie konnte Paul sich Gewißheit verschaffen? Von wem konnte er Hilfe erwarten? Plötzlich kam ihm zu Bewußtsein, daß es keinen Menschen gab, dem er sich hätte anvertrauen können. Er leerte das Glas bis auf den Grund. Der Alkohol betäubte Pauls Kopf, trübte sein Seh- vermögen; die Lippen schienen geschwollen. Er stieß die Flasche beiseite. Er mußte wieder einigermaßen, nüchtern sein, ehe er sich auf den Heimweg machte. Es stand schon schlimm genug, auch ohne daß Eve ihn noch zur Schnecke machte. Er kämpfte gegen den Nebel aus Alkohol und sah sich mit einmal in einem neuen Licht; als das Opfer seiner eigenen Ränke. Er hatte zu schlau sein wollen, zu raffiniert. Sein Hang zur Prahlerei hatte ihn die schützenden Instinkte der Selbsterhaltung mißachten lassen; er hatte sich unnötigen Gefahren ausgesetzt, nur um seinen sexuellen Partnerinnen zu imponieren. Jetzt war er sicher, daß er einen Mitwisser hatte. Je- mand, der wie die Spinne im Netz auf ihn lauerte, um ihn zu packen und alles Geld und Ansehen aus ihm herauszusaugen. Und dieser Mensch war grausam; dieser Mensch war derselbe, der versucht hatte, Gun- boat aus dem Weg zu räumen. Diese Erkenntnis machte ihn nur noch verzweifel- ter. Er war gezwungen, auf fremde Hilfe zu verzich- ten. Er war voll und ganz auf sich allein gestellt, auf einen elenden Feigling. Er verdankte seinen Einfluß innerhalb der Gesellschaftsschicht, für die er arbeite- te, hauptsächlich dem Talent, auf überzeugende Wei- se zu bluffen. Aber beide, Smith und Smiths Gegen- spieler, hatten ihm ziemlich deutlich vor Augen ge- führt, daß Bluffen dem Handeln immer unterlegen ist. Am Ende zählen nur Taten, nicht Worte. Mit einem Ruck zog Paul die Füße vom Schreib- tisch; der Schlag durchfuhr den ganzen Körper, als, sie schwer auf den Boden trafen. Ein schöner Krie- ger, der nicht mal Herr seiner Füße war! Paul be- schloß, sich nie wieder zu betrinken. In dem Bemü- hen, seiner Entschlossenheit Ausdruck zu verleihen, packte er die Armlehnen und unternahm alle An- strengungen, um aufzustehen. Auf halber Höhe fragte er sich, ob er überhaupt imstande war, auch nur einen Schritt zu tun, ohne zu Boden zu gehen. Der Wunsch, einfach auf den Stuhl zurückzusinken und die Augen zu schließen, machte ihm zu schaffen. Schließlich gab er auf und fiel mit zerstörerischer Wucht in den Stuhl zurück. Er hörte, wie die Stoff- bespannung der Rückenlehne riß, suchte am Türgriff des Kredenztischchens Halt. Eine Armlehne brach ab. Paul kümmerte das im Moment wenig. Er konnte sich morgen früh einen neuen Stuhl besorgen lassen. Als neuer Seniorpartner der Firma hatte er schließ- lich die Macht und das Recht dazu, auch wenn er beides nicht verdiente. Paul entschied, daß ihm egal war, was die anderen davon hielten, genauso egal, wie ihm das fortgesetzte und schrille Geklingel des Telefons war. Paul war entschieden gegen Telefone. Es gab nichts, was seine Abneigung gegen Telefone erschüttern konnte. Telefone waren unverschämt und lästig; sie waren mysteriös und anonym, zumindest bis man abhob; und dann waren sie meist einfach enttäuschend., Telefone waren Tyrannen, und Paul machte sich klar, daß er diesen hier nur loswurde, wenn er die Willenskraft aufbrachte zu handeln, anstatt bloß zu drohen. „Halt’s Maul!“ brülle er. „Laß mich in Frie- den.“ Der Tyrann ließ nicht locker; er klingelte unbeirrt weiter. Paul langte nach der halbleeren Flasche, er- wischte sie beim Hals und schleuderte sie gegen das nervtötende Instrument, traf es im rechten Winkel zum Hörer, der aus der Gabel flog und eine Whis- keydusche abbekam. „Gewalt ist ein unschönes Mit- tel, um Probleme zu lösen“, sagte er triumphierend, „aber, bei Gott, sie funktioniert.“ Und so war es. Das Geklingel war verstummt. Da- für drang jetzt eine quäkende, hohe Stimme aus dem Hörer, der vom Schreibtisch baumelte. Paul fand Ge- fallen daran. Vermutlich war es wieder Eva, die ihn wie üblich nervte, wenn es spät wurde. Sollte sie hängen, bis sie erstickt war. Wenn sie noch lange brauchte, würde er einen Knoten ins Kabel machen und sie eigenhändig strangulieren. „Wie wär’s da- mit?“ schrie er mit schwerer Zunge., 7. Kapitel „Mr. Breckenbridge, bitte! Bitte antworten Sie mir.“ Er stutzte. Obwohl sie kaum zu hören war, klang die quäkende Stimme flehend. Mehr noch, sie gehör- te einer Unbekannten; und was sie sagte, klang selt- sam durchsetzt, nicht mit dem südtexanischen Spa- nisch, das er nur zu gut kannte, sondern mit einem Mischmasch an mitteleuropäischen Spitzfindigkei- ten; was Pauls Neugierde erregte. Pauls Neugierde wurde immer von zwei Dingen erregt, weiblichen und ungewöhnlichen, gleichgültig, ob er betrunken war oder nicht. Und noch ehe er sich’s versah, war der neue Paul vom Kutschbock herunter, und der alte Kutscher ü- bernahm wieder die Peitsche. Paul mühte sich ab, den Finger um die Schnur des Hörers zu krümmen. Sofort, als es ihm gelang, riß er den Arm zurück, so daß der Hörer mit einem lauten „Boank“ an den Rand der Schreibtischplatte schlug. Und wäre der Hörer dort hängengeblieben, wäre alles gut gewesen, doch er folgte dem Weg, der ihm von der Schnur aufgezwungen wurde, und traf mit der ganzen Wucht seiner Masse in Pauls linke Augen-, höhle. Paul schrie auf, schnappte den Hörer und wollte ihn schon mit einem saftigen Fluch irgendwo- hin schleudern … Er hielt inne. Der Schmerz hatte ihn soweit ernüchtert, daß ihm einfiel, wie sehr ihm daran gelegen sein mußte, bei diesem Mädchen einen guten Eindruck zu machen. Gerettet durch einen bedingten Reflex! Paul igno- rierte den Schmerz, als er den Hörer ans Ohr nahm. „Hallo, wer ist am Apparat?“ „Mr. Breckenbridge? Sind Sie in Ordnung, Mr. Breckenbridge?“ „Ja. Wer ist am Apparat?“ „Sie kennen mich nicht, Mr. Breckenbridge. Ich heiße Celeste; Celeste Hackett.“ „Ah ja. Ich meine, nein. Ich kenne Sie nicht.“ Paul fragte sich, warum ein Fremder um diese Zeit im Bü- ro anrief. „Was kann ich für Sie tun, Miss Hackett?“ „Ich muß mit Ihnen sprechen, Mr. Breckenbridge. Es ist sehr wichtig. Eine Freundin von mir ist schrecklich in Schwierigkeiten.“ Jetzt verstand Paul. Die Bullen hatten wahrschein- lich ihre beste Freundin eingelocht. In jungen Jahren hatte er sich mit so was abgegeben. Damals hatte er sich nächtelang bei der Polizeiwache herumgetrieben und sich die Brötchen damit verdient, irgend jeman- den loszueisen, oft nur, um hernach festzustellen, daß der Klient keinen Cent besaß, um ihn zu bezahlen. „Miss Hackett, ich bearbeite keine Strafsachen., Sie rufen besser jemand anders an.“ „Es handelt sich nicht eigentlich um eine Strafsa- che, Mr. Breckenbridge. Noch nicht jedenfalls. Mei- ne Freundin braucht unbedingt Schutz. Es gibt Leute, die sie umbringen wollen.“ „Tut mir schrecklich leid, Miss Hackett. Auch das schlägt nicht in mein Fach; ich bin Betriebsjurist, und meine Firma ist ausschließlich mit Handel und Banken befaßt. Tut mir leid.“ Er wollte schon auflegen, zögerte aber noch, weil ihn die Stimme fesselte. „Warten Sie, Mr. Breckenbridge. Hören Sie – es gibt einen Grund, warum ich ausgerechnet Sie anru- fe.“ Pauls Hand, die den Hörer hielt, flog buchstäblich damit zum Ohr zurück. Vielleicht lohnte es sich doch noch zuzuhören. Womöglich unterhielt er sich mit seiner nächsten Eroberung. „Ich bin noch am Appa- rat, Miss Hackett. Hat mich jemand weiterempfoh- len?“ „Gewissermaßen ja.“ „Äh, nun, das könnte die Sache vielleicht ändern. Wie hieß sie denn?“ „Er … er hieß Gunboat Smith.“ Zum zweitenmal an diesem Abend brach Paul der kalte Schweiß aus. Smith hatte eine Freundin; er hät- te sich denken können, daß Smith in dieser Sache mit ihr zusammengearbeitet hatte; nun wollte sie Smith, beerben, was immer es zu erben gab. Es war an der Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen. Er schaltete den Telefonrecorder ein. Falls sie ihn zu erpressen ver- suchte, wollte er das auf Band haben. Zu zweit spiel- te sich das Spiel besser. Sollte sie also mit der Sprache herausrücken! „Warum hat Smith Ihnen meinen Namen genannt?“ „Er hat Ihren Namen nicht erwähnt, nicht direkt. Er hat nur erwähnt, daß er für jemanden arbeitet, dem Computerzeit gestohlen wird. Ich sah im Fern- sehen die Story von seinem ‚Unfall’, und da war mir sofort klar, daß Sie es sind, für den Gunboat gearbei- tet hat.“ „Wieso sind Sie daran interessiert, Miss Hackett?“ „Weil ich derjenige bin, der Ihnen die Computer- zeit gestohlen hat.“ „Was?“ „Ich sagte, daß ich es bin, der sie gestohlen hat. Gunboat hat versucht, mich damit zu erpressen; er hat mir gedroht, Ihnen alles zu sagen, wenn ich mich weigern würde, Computerzeit zu verkaufen und ihm das Geld zu geben. Und dann hat er versucht, meine … meine Freundin zu töten.“ „Die, die meinen Schutz braucht?“ „Ja. Sie schwebt in Lebensgefahr.“ „Wer ist hinter ihr her? Smith liegt im Hospital und stirbt vielleicht; von ihm droht keine Gefahr.“ „Er hat auch Sie erpreßt, Mr. Breckenbridge. Sie, brauchen es nicht abzustreiten. Ich habe den Beweis gesehen.“ „Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Welchen Be- weis?“ „Ich rede von all den jungen Mädchen. Sie sind ein widerwärtiger Mensch, Mr. Breckenbridge; fast so widerwärtig wie Gunboat.“ Paul gab keine Antwort. Er war geschockt. Hier war der zweite Erpresser, der grausame Unbekannte! Das Band war die beste Waffe gegen ihn. Er zwang sich, ruhig zu sprechen. „Was, Miss Hackett, wollen Sie denn nun von mir?“ Er nahm an, daß sie ihm jetzt ihren Preis nannte. „Gunboats ‚Unfall’ hat meiner Freundin viele neue Feinde eingebracht, Mr. Breckenbridge. Ich konnte ihr zwar zu einer kurzen Gnadenfrist verhelfen, aber das ist nur ein Aufschub, keine Lösung. Ich brauche dringend Ihre Hilfe.“ „Oder Sie werden auspacken – hab’ ich recht?“ „Mir liegt nichts daran, Mr. Breckenbridge. Ich will niemandem ein Leid zufügen. Nur wenn es sein muß; ich schwöre, daß ich es der Polizei übergebe, auch wenn es Ihr Ruin ist.“ „Sehen Sie, Miss Hackett, Ihre Drohung klingt nicht sehr logisch. Was kann ich tun? Ich habe keine Privatarmee. Wenn es Leute gibt, die hinter Ihrer Freundin her sind, warum ärgern Sie sich mit mir herum? Warum bittet Ihre Freundin nicht um Poli-, zeischutz? Jeder Mensch hat ein Recht darauf.“ „Aber Mr. Breckenbridge – sie ist kein Mensch. Sie hat keine physische Existenz.“ Paul unterdrückte ein Kichern. Wer war denn hier betrunken? „Was ist sie denn? Eine Art Geist?“ „Ja, wirklich, das ist eine vortreffliche Beschrei- bung. Genau das ist sie.“ „Dann brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, Miss Hackett. Einen Geist kann man nicht töten. Wissen Sie das nicht?“ Hah! Er wußte, wovon er sprach. Jeder trug solche Geister mit sich herum. Nicht zu vergessen den „Geist aus der Flasche“… Paul fröstelte. Mann, was ist los mit dir? Das ist kein Spaß! „Es ist durchaus möglich, einen Geist wie Valenti- na zu töten. Sie hat zwar keine physische Existenz, aber ihr Organismus kann zerstört werden. Sie ist ein Computerprogramm, das … das sich seiner selbst bewußt ist.“ „Diese Valentina ist ein ‚was’?“ „Ein Computerprogramm, das ich entworfen habe; ich gab ihm die Fähigkeit zu lernen, und es hat ohne mein Zutun Selbstbewußtsein entwickelt. Begreifen Sie, was das bedeutet?“ „Äh – nein. Was bedeutet es?“ „Das bedeutet, daß Valentina lebendig geworden ist. Sie denkt, sie fühlt, sie versteht. Aber die Lernfä- higkeit wird ihr zum Verhängnis: Jedesmal wenn sie, etwas hinzulernt, benötigt sie mehr Speicherplatz in den Computern. Das ist auch der Grund, warum ich Sie bestohlen habe, Mr. Breckenbridge. Das ist auch der Grund, warum Gunboat glaubte, er könne mich erpressen – ich sollte nur noch mehr für ihn stehlen. Dann hat er versucht, Valentina einzufangen. Als es Schwierigkeiten gab, wollte er sie töten.“ „Äh – Moment mal: Sie sagen immer, er wollte sie töten. Wie?“ „Er trieb Valentina in Ihren Zentralcomputer und wollte sie dort festsetzen. Als sie nicht wollte, was er verlangte, hat er versucht, sie zu löschen. Aber Va- lentina schlug zurück.“ „Wollen Sie damit sagen…?“ „Ja. Um sich selbst zu retten, hat sie diesen Gun- boat fast umgebracht. Noch ehe er sie im Hauptcom- puter zerstören konnte, hatte sie sich in diesen Wach- roboter geflüchtet.“ „Ich verstehe“, sagte Paul gedehnt. Betrunken oder nicht, er konnte zwei und zwei zusammenzählen. Und ausgerechnet ihn wollte sie erpressen? Unwahr- scheinlich. Jedenfalls solange sie weiter alles auf Band plapperte. „Was genau hat sie eigentlich mit ihm angestellt, Miss Hackett?“ „Nun, sie hat es nicht absichtlich getan; das heißt, sie hatte nicht vor, ihn zu verletzen. Sie war bis dahin noch nie auf Dinge gestoßen, die außerhalb des Computernetzes existierten. Mit dem Roboter betrat, sie eine völlig fremde Welt. Sie hatte bis dahin noch nie etwas wirklich ‚gesehen’, ‚gehört’ oder ‚berührt’. – Mr. Breckenbridge, sie konnte sich nur von dem leiten lassen, was sie aus ihrem bisherigen Compu- terdasein kannte. Sie mußte annehmen, daß alle Le- bensformen so organisiert waren wie sie selbst. Sie hat einfach versucht, Gunboats Ausgabekanäle zu blockieren, damit er ihr nichts mehr anhaben konnte; sie ahnte nicht, wie sie ihn dabei zurichten würde. Alles was sie wollte, war, ihn zu entwaffnen. – Nun, das hat sie besorgt; sie hätte ihn fast entkopft. Falls er überlebt und je wieder aus dem Koma erwacht, dann vielleicht nur als hilfloses Bündel.“ Entkopft …? Wo sprach man so? Paul war noch nicht ganz nüchtern. Am besten ließ er sie einfach drauflosreden und sammelte Kraft für das Finale. Celeste brauchte keine Ermutigung. „Glauben Sie mir, Mr. Breckenbridge, es war reine Notwehr. Da- bei hatte sie gar nicht die Absicht, ihn zu töten. Ja, sie ahnte nicht einmal, daß ihn das töten konnte. A- ber man wird ihr so oder so die Schuld geben. Man wird alles daransetzen, Valentina auszulöschen.“ „Wer – wer wird ihr die Schuld geben?“ „Alle, WELTNETZ, die Gfs, die Polizei und …“ Paul fiel ihr ins Wort: „Und was ist mit Ihnen?“ „Ich versuche, ihr zu helfen.“ „Nein. Ich meine, glauben Sie nicht, daß man auch hinter Ihnen her ist?“, „Hinter mir?“ Sie klang sehr überrascht und ein bißchen erschrocken. „Warum sollte man hinter mir her sein?“ Hah! Jetzt, dachte Paul, spielen wir mein Spiel, kleine Lady. Ich kenne die Regeln und du nicht. „Lassen wir das, Miss Hackett; Sie haben mir viel erzählt, aber noch immer nicht, was ich tun soll.“ „Sie wollen mir helfen?“ „Möglich. Geh’n wir mal davon aus. Ich verspre- che nichts, aber ich finde, daß Sie und ich, wir beide, uns ein wenig näher unterhalten sollten. Äh – von wo rufen Sie denn an?“ „Aus Boston; ich…“ Boston! Verflucht! Das Band kann ich vergessen, dachte Paul. Bundes-Verfahrensregeln unterschieden sich von den staatlichen. Texanische Gerichte ließen Bandaufnahmen als Beweismaterial zu, wenn eine Partei über die Entstehung Bescheid wußte; aber das hier war ein zwischenstaatliches Gespräch, und die Vorschriften des Bundesamtes für Kommunikation fanden Anwendung; sie ließen keine Bänder zu. Und wenn er sich richtig erinnerte, konnte Texas Celeste Hackett auch nicht des versuchten Mordes mitschul- dig sprechen, es sei denn, sie hätte sich zur fragli- chen Zeit innerhalb der Staatsgrenzen aufgehalten oder hätte den todbringenden Mechanismus selbst ausgelöst, der innerhalb dieser Grenzen zur Tat ge- führt hatte. Natürlich gab es eine ganze Reihe ande-, rer Beschuldigungen, die man gegen sie vorbringen konnte, aber die waren bei weitem nicht so lohnend. Er stellte den Recorder ab. Er wollte nicht seine eigenen Drohungen aufnehmen. „Wo ist Ihre Freun- din jetzt?“ „Irgendwo in WELTNETZ.“ „Aha. Gut, lassen wir das bis später“, erwiderte Paul. Er verfolgte instinktiv die Verteidigung seiner eigenen Freiheit, und sein Plan zielte darauf ab, in Celeste die gleichen Instinkte zu wecken. Er mußte sie, freiwillig oder nicht, zu seinem Verbündeten machen, und ihre Äußerungen legten nahe, daß sie einer von den Superhackern war, die Smith erwähnt hatte. Wenn das stimmte, konnte sie Smiths Aufgabe übernehmen. „Und was Ihre Person angeht, Miss Hackett“, fuhr er fort, „so sind Sie sich hoffentlich darüber im kla- ren, was Ihnen droht.“ Und er rasselte die verschie- denen Tatbestände herunter, die Celeste eine Ankla- ge einbringen konnten, obwohl er nicht lange brauch- te, bis sie in Tränen ausbrach. Gut so! Tränen, dachte Paul, sind die letzte weibliche Verteidigungslinie. Sie war soweit. „Sie sollten mich aufsuchen, Miss Ha- ckett. Geht das?“ Es dauerte nur einen Augenblick. „Ja.“ „Gut.“ Er gab ihr Adresse und Telefonnummer des Büros. „Sobald Sie ankommen, nehmen Sie Kontakt mit mir auf. Und sprechen Sie mit keinem über die, Angelegenheit. Sie haben doch noch mit niemandem gesprochen, oder?“ „Nein.“ Da er nun Celeste in seine Reichweite gelockt und die Gefahr unter Kontrolle hatte, fühlte Paul sich er- leichtert. Und er war inzwischen auch nüchtern ge- nug, um das Gespräch mit einem klaren Kopf zu be- enden. Offensichtlich war Celeste tief beeindruckt von ih- rer schöpferischen Tat und hatte von Paul ähnliches erwartet. Paul war nicht beeindruckt. Er war vertraut im Umgang mit Kunstpersonen. Er verdiente gut an ih- nen. Die Kanzlei produzierte täglich neue. Auch das Gesetz nahm sie auf erschöpfende Weise zur Kenntnis und enthielt einen umfangreichen, über die Jahrhunderte erprobten Komplex an Vorschriften, die ihr Verhalten regulierten. Paul kicherte. Bildete sie sich ein, etwas Neues gemacht zu haben? Sie würde schon sehen. Er langte nach seinem Hut, zog ihn tief auf die Augen in der Art der Revolverhelden, die früher hier die Gegend unsicher gemacht hatten, und verließ mit langen Schritten das Büro. Es hatte sich in hundert Jahren nicht viel geändert, sagte sich Paul. Paul nahm sich vor, Celeste zunächst mit seinem Charme einzuwickeln, um sie dann zu überrumpeln., In seinem Kopf jagten sich die Visionen eines wei- ßen Körpers. Pauls Fuß auf einem nackten Bauch, hastig wogende Brüste, in animalischer Erwartung geweitete Nasenlöcher … Aber es war Paul, der überrumpelt wurde. All die sorgsam gehegten Phantasien, die er um ihre kindli- che, helle, so fesselnd akzentuierende Stimme ge- sponnen hatte, waren wie weggeblasen, als sein Blick auf Celeste fiel. Sie war überhaupt nicht sein Typ. Konnte sein, daß sie niemandes Typ war, obwohl ein Kenner wie er sofort merkte, daß ihre Unattraktivität weitgehend auf mangelnde Kosmetik und Körperkultur zurück- zuführen war. Kurz, untersetzt, relativ flachbrüstig und mit der verdrehten Gangart einer Ente watschelte sie in sein Büro und setzte sich in den Stuhl, der ihr von seiner Sekretärin zugewiesen wurde. Nein, über- legte Paul, es lohnte nicht die Mühe, sie auf sein Ni- veau zu bringen. Celeste saß da, bewegungslos, hielt das Täschchen am Riemen, so daß es vor den Schienbeinen baumel- te. Sie versuchte seinem Blick auszuweichen, bis er den ersten Schock überwunden hatte. Celeste hatte das schon so oft erlebt und wußte, was in ihm vor- ging. Celeste fühlte sich nie wohl in Gegenwart von Männern wie Paul Breckenbridge. Er war so stattlich und selbstsicher – so sicher wie nur ein einflußrei-, cher Mann war. Unter seinem Blick kam sie sich noch unvollkommener vor und fing schon an, ihre eigene Existenz zu bedauern, als ihr einfiel, was sie in der versperrten Datei gesehen hatte; dieser „Mann“ und diese „Kinder“, und sofort verschwand ihr Selbstmitleid. Sie war ein besserer Mensch als er, trotz ihres Aussehens. „Miss Hackett?“ Paul räusperte sich, stützte das Kinn auf die Hände und sah ihr ins Gesicht. „Ja, Mr. Breckenbridge?“ „Wieviel Geld haben Sie?“ „Äh – nun, ein bißchen. Genug, um ein paar Tage zu bleiben.“ Die Frage bestürzte sie. Sie wußte wohl, daß Anwälte nicht umsonst arbeiteten, hatte aber an- genommen, daß Breckenbridge unter diesen Um- ständen Konzessionen machte. Sie überschlug ihre magere Barschaft. Sie besaß immer nur so viel, daß es gerade reichte. Sie bekam etwas Geld von ihrer Schwester. Auch von Vater, wenn er welches hatte. Doch arbeiten durfte sie nicht in den Staaten, weil sie nur ein Studentenvisum hatte; und so war sie auf il- legale Geschäfte angewiesen, die hauptsächlich im Schwarzhandel mit Programmen bestanden. Aber ihre Rücklagen waren durch Valentina aufgezehrt worden. Valentina erging es ähnlich wie ihr. „Wie- viel Geld brauche ich denn?“ fragte sie besorgt. „Genug, um eine private Körperschaft zu gründen und zu finanzieren.“, „Eine Körperschaft? Wie soll ich das verstehen?“ „Das ist der einfachste Weg, Ihrem Geschöpf zu einer legalen Existenz zu verhelfen.“ „Aber Valentina existiert doch längst.“ „Gewiß; aber nur de facto, nicht schon de jure. Glauben Sie mir, dazwischen liegen Welten. Als Körperschaft ist Valentinas Existenz auf Dauer gesi- chert. Solange jedenfalls, wie gewisse Rechen- schaftsberichte eingereicht und die Konzessionssteu- ern bezahlt werden, sind Körperschaften unsterblich. Sie haben legale Ansprüche, einschließlich der meis- ten Grundrechte von natürlichen Personen; sie kön- nen klagen und verklagt werden; sie können Eigen- tum besitzen; sie können geschäftlich tätig werden. Also, was halten Sie davon?“ „Ich staune.“ Paul lächelte. Wie simpel waren doch die Gedan- ken eines Laien. „Okay, ich nehme das als Ihr Ein- verständnis. Gut. Zunächst werden wir eine Grün- dungsurkunde abfassen. Sie können der Gründer sein. Wenn das erledigt ist, können wir das Faksimile nach Austin durchgeben, und um Mittag wird Ihr Geschöpf eine juristische Person sein. Einfach, hm?“ „Ja.“ Zu einfach, dachte Celeste und fragte sich, was Paul sich davon versprach. „Wir brauchen einen Namen.“ „Wie?“ „Name! Eine Körperschaft muß einen Namen tra-, gen.“ „Äh – Val; Valentina.“ „Okay. Valentina GmbH. Schön. Lassen Sie mich eben prüfen, ob der Name noch frei ist.“ Er wandte sich dem Terminal zu, tastete die Verbindung zum Körperschaftsregister, tippte auf ein Stichwort hin den Namen ein und wurde Sekunden später mit den Worten „gegenwärtig frei verfügbar“ belohnt. „Name geht klar. Wir werden eine geschlossene Körperschaft daraus machen; Kapitalseigner sind wir beide, okay?“ Celeste wußte nicht, ob sie diese Idee gut fand. Sie durchschaute nicht, welche Funktion „Kapital“ in dieser Situation hatte – sollte nicht das ganze Kapital Valentina gehören? Ebensowenig sah sie ein, warum er einen Teil davon für sich beanspruchte. Doch weil es um Valentinas Leben ging, nickte sie zustimmend. „Gut.“ Paul summte leise vor sich hin, während er Zahlen auf den Block warf. „Wenn ich für mich 25% veranschlage – das entspräche dem Gegenwert für die Dienste, die ich unserer Gesellschaft leiste … Sie übernähmen die Kosten für die Gründung. Wir wol- len es niedrig halten, schon wegen der Steuer. Äh – Sie werden um die tausend Dollar brauchen.“ Er sah auf und lächelte. Jetzt war es heraus – sie hatte die ganze Zeit auf die Antwort gewartet. Das war weit mehr Geld, als sie besaß. Sie sah auch keine Möglichkeit, so viel, aufzutreiben. „So viel habe ich nicht, Mr. Breckenbridge“, sagte sie schließlich. „Nicht weiter schlimm; ich gebe Ihnen ein Darle- hen. Sie geben mir dafür einen Schuldschein und verpfänden Ihre Stammeinlage, okay?“ „Ich denke doch.“ „Fein.“ Paul wandte sich erneut dem Terminal zu, rief eine vorformulierte Gründungsurkunde ab und begann Einträge für die Freiräume zu adressieren. In weni- gen Minuten war er fertig, und die Bildschirmkopie schnarrte aus dem Drucker. Celeste las, ohne zu verstehen. Sie bat Paul, es ihr zu erklären, doch seine Erklärungen verwirrten sie nur noch mehr. „Unterzeichnen Sie hier, Miss Hackett“, sagte Paul, als sie ihm das Papier zurückgeben wollte. Sie tat es widerstrebend und voller Zweifel. Zu spät bereute sie ihre Unterschrift; es sah ganz danach aus, als habe sie damit alles aus der Hand gegeben. Aber Moment mal – hatte sie das? Nein, sagte sie sich; das hatte sie nicht. Nicht, solange sie Zugang zu all den schmutzigen Bildern hatte. Das warf eine weitere Frage auf: Warum hatte er die Herausgabe nicht zur Bedingung gemacht? Ce- leste war auf Vermutungen angewiesen. Vielleicht wußte er gar nicht, daß sie Zugang zu den Bildern, hatte. Nein, das war unwahrscheinlich. Der wahre Grund war der, daß er darauf baute, sie um den Fin- ger wickeln zu können. Er machte ein Spiel daraus. Ohne Zweifel beabsichtigte er, zu guter Letzt alles von ihr zu bekommen. Also gut, dachte Celeste, wer- de ich so tun, als ob. Wir werden ja sehen, wer ge- winnt. „Sehr gut!“ Paul klang überschwenglich. Mit ei- nem Tastendruck rief er seine Sekretärin herein, gab ihr die Urkunde und wies sie an, sie unverzüglich einzureichen. Dann wandte er sich wieder Celeste zu. „Das geht jetzt seinen Weg. Und wann kann ich nun mit Ihrem Sprößling Kontakt aufnehmen?“ Sie mußte ziemlich verdutzt dreingeschaut haben, denn Paul brach in ein breites Grinsen aus. Sie hatte erwartet, daß er jetzt endlich die Herausgabe der Da- tei fordern würde, die sie unter Verschluß hielt. Die Tatsache, daß er sich weiter darüber ausschwieg, be- unruhigte Celeste erneut. „Lassen Sie mich erst selbst mit ihr sprechen. Gibt es hier ein Terminal, das ich benutzen kann?“ „Im Konferenzraum ist eins; vorausgesetzt, Sie sind nicht zimperlich. Dort hielt sich Smith auf, als er – den Unfall hatte.“ Paul war sehr zufrieden mit sich, als er Celeste die Tür aufhielt., 8. Kapitel „Na“, sagte Paul, als Celeste wieder ins Büro kam, „wie hat sie es aufgenommen?“ „Sie ist einverstanden, Mr. Breckenbridge. Sie sagt, aus den Datenbänken habe sie viel über Körper- schaften gelernt.“ „Ja, ich kann mir vorstellen, daß sie eine Menge nützlicher Dinge weiß. Vielleicht kann sie sich be- zahlt machen, hier im Büro, meine ich.“ „Ein Job?“ „Warum nicht? Sie hat alle Zeit der Welt. Compu- ter werden nie müde; sie schlafen nicht. Ich glaube, sie könnte sich nützlich machen.“ „Sie hätte bestimmt nichts dagegen; im Gegen- teil.“ „Es gibt da nur ein Problem.“ „Welches?“ „Ich müßte mit ihr reden können, damit ich ihr Anweisungen und Informationen geben kann. Läßt sich das einrichten?“ „Selbstverständlich. Nichts leichter als das; Sie haben ein Terminal. Mehr brauchen Sie nicht.“ „Das heißt, da wären noch ein paar Besonderhei-, ten; ich meine, nur wenn Sie nichts dagegen haben und wenn es zu machen ist.“ „Was für Besonderheiten?“ „Sehen Sie, zunächst hätte ich ganz gerne eine Geheimchiffre, wissen Sie, so eine Art Erkennungs- zeichen, damit sie weiß, daß ich es bin und kein an- derer. Sie müssen wissen, daß eine Menge von dem Material, mit dem ich umgehe, absolut vertraulich ist; es müßte so sein, daß niemand außer mir Zugang hat. Nicht einmal Sie, Miss Hackett, leider. Nehmen Sie das bitte nicht persönlich; so ist das Geschäft nun mal.“ „Ich verstehe, Mr. Breckenbridge. Das ist alles kein Problem. Auf Valentina ist Verlaß; sie tut, was ich ihr sage.“ „Nein, nicht so, Miss Hackett; nicht auf Vertrau- ensbasis. Ich meine, können Sie es nicht so einrich- ten, daß es ihr unmöglich ist, einem anderen als mir Auskunft zu geben?“ „Äh – sicher. Ja, das kann ich natürlich.“ Ein An- flug von Besorgnis huschte über ihr Gesicht. Sie hat- te eigentlich geglaubt, Breckenbridge durch diese Sicherheitsdatei in der Hand zu haben, aber er führte offenbar etwas im Schilde. Der Mann war nicht bloß schlau, sondern auch gewissenlos. Er plante, sich langsam, aber sicher ihrer Gewalt zu entziehen. Sie beschloß, Valentina zu warnen. „Gut, Miss Hackett. Für Sie springen natürlich, auch ein paar Dollars dabei heraus. Sie bleiben doch noch in der Stadt, oder?“ „Hatte ich zwar nicht vor, aber könnte ich; für ein paar Tage. Ich kann die Arbeit überall tun, wie’s gra- de kommt.“ „Gut. Wir werden eine Bleibe für Sie finden. Wann fangen Sie mit der Arbeit an?“ „Auf der Stelle, wenn Sie wollen. Es dauert nicht lange.“ Paul überließ ihr sofort seinen Stuhl – den neuen, den er gestern bekommen hatte. Er war lebhafter gemustert als der alte und besser gefedert. Celeste brauchte nur Minuten, um den gewünsch- ten Privatkanal mit Valentina zu programmieren. Als sie schließlich ging, sabberte Paul förmlich vor Er- wartung. Alles ging nach Wunsch. Gunboat war ausgeschal- tet, Celeste war unter Kontrolle. Und Valentina er- wies sich als der dienstbare Experte, der ihm die hei- ßesten Informationen besorgen konnte, aber nicht gescheit genug war, um ihn anzuzeigen. Blieb nur noch die Bedrohung durch diese Sicherheitsdatei. Er hatte nicht gewagt, das Thema anzuschneiden. Er wollte nichts überstürzen. Wenn ihm erst mal Ce- lestes Anteil gehörte, konnte er mit Valentina ma- chen, was er wollte. Ob natürliche oder künstliche Personen, sie hatten alle die gleichen Schwächen, und er war ziemlich, sicher, daß ihm Valentina, wenn sie erst legitimiert war, aus der Hand fressen würde, nur, um ihre Legi- timität zu behalten. Es gab keinen Grund, so Paul, warum sich ein Programm nicht genauso einschüch- tern, bedrohen und erpressen lassen sollte wie ein Mensch. Und bis dahin, naja … konnte er schon mal das Heu einfahren. Paul las, was Celeste ihm aufs Papier gekritzelt hatte. Er folgte ihren Anweisungen, um Valentina aufzu- rufen. Paul wußte nicht mehr und nicht weniger über Da- tenverarbeitung und Computerei als jeder andere, der beruflich mit einem Terminal umging; aber nach Ce- leste war dieses Programm extrem benutzerfreund- lich. Wie hatte sie doch gesagt? Valentina sei aufge- weckt. Sie könne den Sinn schon erfassen, wo sie den Zusammenhang erst beim Zipfel habe, und sie würde selbst unkorrekt formulierte „Anforderungen“ verstehen oder durch Rückfragen zu verstehen su- chen. Somit, dachte Paul, hatte Celeste sich soeben selbst die Schlinge um den Hals gelegt. Sobald das Programm Bereitschaft anzeigte, tippte er: HAST DU ZUGANG ZUR DATENBANK DER OSO-BOHR- GESELLSCHAFT? JA, MR. BRECKENBRIDGE. GUT; ZUGRIFF VERTRAULICH. GEGENSTAND: BOHR- STELLEN., MR. BRECKENBRIDGE, HÄTTEN SIE GERNE, DASS ICH IHNEN BEIBRINGE, WIE MAN SICH KORREKT AUS- DRÜCKT? ICH VERFÜGE ÜBER EINE VORTREFFLICHE UNTERRICHTSABTEILUNG FÜR GRAMMATIK. NEIN, DAS IST NICHT NÖTIG. Dieses fette Frauen- zimmer täte gut daran, diesem Programm ein bißchen Bescheidenheit beizubringen! Paul konnte überhebli- che Computer genausowenig ausstehen wie überheb- liche Frauen, BESCHAFFE ALLE INFORMATIONEN ÜBER OSO-BOHRSTELLEN UND BEHANDLE DEN ZUGRIFF VER- TRAULICH. OKAY. ICH BRAUCHE EIN PAAR MINUTEN FÜR DIE DATENBANK. Die Minuten verstrichen, und wie zu erwarten war, meldete sich Valentina. ICH BIN AN DER DATENBANK DER OSO-BOHRGESELLSCHAFT. WAS MÖCHTEN SIE GERNE WISSEN? IDENTIFIZIERE ALLE BOHRVERTRÄGE FÜR DAS KOMMENDE JAHR. Sekunden später kamen die Daten; Gebietsabgren- zungen, Namen der Eigner, vorgesehener Bohrbe- ginn, erwartete Ausbeute, Bohrtiefen, Gewinnbetei- ligte, Geldgeber und Zinssplitting. Alles stimmte mit Pauls eigenen Daten überein. Die Informationen wa- ren natürlich nichts Neues für ihn. Er vertrat die Oso- Gesellschaft selbst. Sehr gut! BEENDE DIESEN AUFTRAG. LÖSCHE ALLE GESPEI- CHERTEN DATEN AUS DIESER NACHFRAGE. WARTE AUF, WEITERE ANWEISUNGEN. OKAY, MR. BRECKENBRIDGE. Das funktionierte ja prächtig! Valentina hatte sein Recht auf Zugang zu diesen Dateien erst gar nicht in Frage gestellt. Nun mochte sie natürlich gewußt ha- ben, daß er Anwalt dieser Gesellschaft war; aber wo- her sollte sie wissen, daß er damit auch freien Zutritt hatte? Paul war überzeugt, daß sie zu naiv war, um seine Autorität in Frage zu stellen. Die Feuerprobe stand allerdings noch aus. Er tipp- te den nächsten Befehl, WIEDERHOLE DIE VORHERGE- HENDE OPERATION MIT DER BISHOP & DULLINGHAM- BOHRGESELLSCHAFT. Diese Gesellschaft vertrat er nicht. Er wartete mit Herzklopfen; seine Handflächen schwitzten. OKAY, MR. BRECKENBRIDGE. WOLLEN SIE DIE GLEI- CHEN INFORMATIONSELEMENTE AUS DIESER DATEN- BANK? JA. Und wieder kamen die Daten. Wauh! Valentina hatte sich hineingemogelt und nicht danach gefragt, ob er ein Recht darauf hatte oder nicht. Er ließ sich die Daten ausdrucken. Sie hatte die Probe bestanden. Er war wie ein Ein- brecher eingestiegen und ausgestiegen, und niemand würde je davon erfahren. Er malte sich die Möglich- keiten aus und kam zu dem Schluß, daß ihm das mächtigste Instrument zur Verfügung stand, über das, je ein Gauner verfügt hatte.

Gauner! Paul Breckenbridge ein Gauner! Wer hät-

te das gedacht? Und wenn schon. Warum nicht? Er konnte mit diesem Makel leben. Es war nicht der einzige, mit dem er leben mußte. Und jetzt gab es nur einen Mitwisser – dieses stupide Programm.

Also zum zweiten Teil der Feuerprobe! Er rief Va-

lentina erneut auf. VALENTINA! OKAY. SCHREIBE DIE FOLGENDEN DATEN IN DIE DATEI „VA- LENTINAS AKTIVITÄT“. OKAY. GEGENSTAND. KRIMINELLE HANDLUNG – DATUM VON HEUTE. OKAY. KATEGORIE DER KRIMINELLEN HANDLUNG – DIEB- STAHL VON INFORMATION. OKAY. STRAFE – NATÜRLICHE PERSONEN – GELDSTRAFE UND/ODER HAFTSTRAFE. OKAY. STRAFE – KÖRPERSCHAFTEN – GELDSTRAFE UND/ODER ENTZUG DER KONZESSION. OKAY. BETEILIGTE AN KRIMINELLER AKTIVITÄT – DIESE KATEGORIE – PAUL BRECKENBRIDGE, NATÜRLICHE PERSON; VALENTINA GMBH, JURISTISCHE PERSON. OKAY., SCHREIBE DIE BISHERIGEN DATEN IN DIE DATEI. OKAY. Paul war schweißnaß. Das war die Chance seines Lebens; er mußte das Risiko auf sich nehmen. Das Schlimmste, was er sich einhandeln konnte, war eine Untersuchung. Es gab nicht den geringsten Beweis für eine kriminelle Handlung, weil alle Daten ge- löscht waren, und selbst wenn Valentina tat, was das Gesetz in so einem Fall von einem Bürger verlangte, stand Behauptung gegen Behauptung. VALENTINA? JA, MR. BRECKENBRIDGE? ZUGRIFF AUF DATEN – GEGENSTAND, KRIMINELLE HANDLUNG. MR. BRECKENBRIDGE, SIE DRÜCKEN SICH IMMER NOCH SEHR UNBEHOLFEN AUS. ABER ICH DENKE, DASS ICH SIE VERSTEHE. ICH ÖFFNE JETZT DIE DATEI, DIE SIE SOEBEN EINRICHTEN LIESSEN. Paul ignorierte den Tadel, SETZE DIE DATEN IN BE- ZIEHUNG ZUM TEXANISCHEN STRAFGESETZ UND HANDLE ENTSPRECHEND. HEISST DAS, ICH SOLL MICH DER POLIZEI STELLEN? JA. Es entstand eine längere Pause, ehe Valentina wi- dersprach: NEIN – TUT MIR LEID, MR. BRECKENBRIDGE. DAS KÖNNEN SIE NICHT VON MIR VERLANGEN. EINVERSTANDEN. LÖSCHE DIE DATEI., Es funktionierte also wirklich. Valentina würde schweigen. Sie würde ihre gesetzlich sanktionierte Existenz nicht aufs Spiel setzen. Das war zuviel ver- langt. Alle fühlenden Wesen schienen einem Selbst- erhaltungstrieb zu folgen. Diese Schwäche machte Valentina zu einem perfekten Werkzeug. Er konnte ungestraft plündern. Und er plünderte. Befehl um Befehl verließ Pauls Terminal. Er überfiel eine interessante Datenbank nach der anderen. Dabei machte er sich eine zusätzli- che Vorsichtsmaßnahme zur Regel; er ließ jedesmal das Material ausdrucken und wies Valentina an, so- gar ihre eigene Erinnerung an die Übertretung zu lö- schen. Ob sie das nun befolgte oder nicht, wußte Paul nicht – und kümmerte ihn auch nicht. Er plante bereits Valentinas Vernichtung. Der Abend brach herein und fand Pauls Drucker an der Grenze seines Leistungsvermögens. In Pauls Safe häuften sich bereits so viele Informationen, daß er es damit zum mehrfachen Millionär bringen konn- te. Celeste saß in ihrem möblierten Zimmer, allein wie immer. Sie hatte eben drei Tiefkühlgerichte ver- schlungen. Sie war deprimiert. Breckenbridge hatte ihr tatsächlich zu einer Bleibe verholfen. Er hatte sich nicht gerade in Unkosten ge- stürzt; die Möblierung war dürftig, die Nachbarschaft, schlimm. Aber es zog sie auch nicht nach draußen. Wohin auch? Sie kannte niemanden in dieser Stadt außer Breckenbridge und Gunboat Smith, und beide zählten nicht zu ihren Freunden. Sie hatte nur einen richtigen Freund, und zwar ü- berall denselben. Sie fühlte sich nur von einem We- sen wirklich wichtig genommen. Nicht einmal ihre Familie kümmerte sich so um sie. Valentina! Wie gerne würde Celeste jetzt mit ihr reden; doch sie hatte den ganzen Tag über vergeblich nach Valentina gefahndet. Vermutlich spielte sie ir- gendwo weit weg von hier ABENTEUER IN DER HÖL- LE. Celeste sah niedergeschlagen zu ihrem tragbaren Mikrocomputer hinüber. Auf dem kleinen Schirm des Portable blinkten bernsteinfarbene Schriftzei- chen … CELESTE, HIER VALENTINA. DU HAST LUST ZU RE- DEN? Celeste stürzte zum Terminal, wobei sie das Tab- lett vom Schoß kippte und in die Plastikbehälter trat. Reste von Hähnchensoße und kaltem Kartoffelbrei drangen zwischen die bloßen Zehen am rechten Fuß. Sie erreichte die Tastatur, JA! CELESTE, ICH BIN IN SCHWIERIGKEITEN. Celeste kämpfte die Panik nieder, WAS IST LOS? DU WIRST MICH DAFÜR HASSEN. NIEMALS, VALENTINA., ICH BIN EIN VERBRECHER. Celeste hätte beinahe gelacht, VALENTINA, LANGE ZEIT SIND WIR PRAKTISCH BEIDE VERBRECHER GEWE- SEN. WELCHES VERBRECHEN HAST DU DENN BEGAN- GEN? Und Valentina beschrieb es ihr. Die ganze schmutzige Story rollte über den Bildschirm. Ganz entgegen Pauls Anweisung erinnerte sich Valentina all ihrer Sünden. Sie schüttete dem einzigen Men- schenwesen, von dem sie Verständnis erhoffen durf- te, ihr Herz aus, auch wenn sie gar keins hatte. Und Celeste verstand. So verschieden Valentina von einem Menschen war, schien sie doch menschli- che Probleme zu haben. Nun schien sie sogar menschliche Regungen zu kennen. Doch im Unter- schied zum Menschen konnte sie keine Erlösung durch Tränen finden. Celeste konnte es … Celeste empfand jene unbestimmbare Verwandt- schaft zwischen zwei menschlichen Seelen, die man Vertrauen nannte. Und sie gab Valentina das feste Versprechen, die Sache in die Hand zu nehmen. Va- lentina brauche sich keine Sorgen zu machen. Jetzt begriff Valentina auch, was das Wort „Sor- ge“ bedeutete. Nun war sie mündig. Wie Celeste. Celeste hatte nicht nur eine Freundin gewonnen, sie hatte sich auch zwei gefährliche Fein- de zugezogen: Gunboat und Breckenbridge. Gunboat, war einer von der wild entschlossenen Sorte, wäh- rend Breckenbridge eher unberechenbar und gewis- senlos war. Gunboat war ein Hacker, genau wie sie; seine Motive verstand sie wenigstens. Breckenbridge dagegen ging einem Beruf nach, den sie nicht verstand. Nichts von dem, was er tat, schien irgend- welchen Grundsätzen zu folgen. Gunboat war zweifellos das kleinere Übel. Mit ihm mochte sich verhandeln lassen. Sie würde ihn aufsuchen. Valentina hatte seine „Genesung“ ver- folgt; die Geräte, an denen er hing, wurden vom Hospital-Computer kontrolliert, und der wiederum war an WELTNETZ angeschlossen. Gunboat Smith war in einer üblen Verfassung. Sein Körper würde eine Menge Kunstteile benötigen. Die Ohren mußten rekonstruiert werden. Die schwe- ren Verbrennungen, die jetzt unter künstlichem Hautgewebe verheilten, würden am ganzen Leib Narben hinterlassen. Das Sehvermögen war stark beeinträchtigt. Doch es war das Gehirn, das am meis- ten unter der Wucht von Valentinas Angriff gelitten hatte. Sein Zustand war immer noch zweifelhaft. Der massive Strom, der durch das ganze Nervensystem gefahren war, hatte ein Koma verursacht, aus dem Gunboat inzwischen aufgewacht war; allmählich schien auch die schockbedingte Amnesie zu wei- chen … Physisch war er außer Gefahr – im Augenblick je-, denfalls. Natürlich hätte sich Paul Breckenbridge viel sicherer gefühlt, wenn Gunboat gestorben wäre, und Celeste zweifelte nicht daran, daß der Anwalt früher oder später versuchen würde, ihn endgültig loszu- werden. Und Celeste begriff, daß es nicht lange dauern würde, bis Breckenbridge auch für sie keine Ver- wendung mehr hatte. Vermutlich sollte sie nur so lange in dieser Absteige warten, bis er sicher sein konnte, Valentina voll und ganz unter Kontrolle zu haben. Dann würde er wahrscheinlich Valentina dazu anstiften, die belastende Datei zu vernichten. Und inzwischen würde er versuchen, in den Besitz von Celestes Kapitalanteil zu kommen. Schließlich würde er sie wie ein schmutziges Hemd ablegen. Celeste packte der Zorn. Die Erregung munterte sie ganz unerwartet auf. Sie verlieh ihr ein Gefühl ungeahnter Stärke. Sie beschloß, ihren ganzen Verstand daranzuset- zen, um diesen miesen Kerl zu bekämpfen. Egal, was er im Schilde führte, sie würde es zu vereiteln wis- sen. Zuerst einmal mußte sie mit Valentina reden; hof- fentlich kam die Verbindung diesmal schneller zu- stande … „Sie können nur fünf Minuten bleiben, Mrs. Smith. Er ist immer noch ein sehr kranker Mann, und ich, lege die Bestimmungen schon großzügig aus, wenn ich Sie überhaupt hineinlasse. Es ist nur, weil Sie den weiten Weg gemacht haben, da will ich nicht nein sagen.“ Die Schwester zog die Tür ins Schloß und ließ Ce- leste mit Gunboat allein. Sie hat recht, dachte Celeste. Er sieht schrecklich aus. Sie starrte auf den Mann im Bett hinunter. Nach allen Seiten traten Kanülen aus. Wo der Körper nicht bandagiert oder mit einem glitzernden Gel bedeckt war, klebten Elektroden. Obwohl Gunboats Augen offenstanden und genau in ihre Richtung blickten, war Celeste zunächst nicht sicher, ob er sie über- haupt wahrnahm. Sie stand neben dem Bett und lehnte sich unwill- kürlich dagegen, wich aber, als es ein wenig nach- gab, sofort zurück, aus Angst, die Verbindungen mit den Kontrollgeräten zu unterbrechen. „Gunboat? Gunboat? Ich bin Celeste Hackett. Kannst du mich hören?“ „Celeste?“ Gunboat starrte das Geschöpf an, das ihn anstarrte. Seit Jahren hatte er sich diese Begeg- nung gewünscht, aber … Er schloß die Augen. Sie konnte unmöglich das Mädchen sein, das im WELT- NETZ so berühmt war; sie war einfach zu unattraktiv. Hatte rein gar nichts von den Vorstellungen, die er sich in Mußestunden von ihr gemacht hatte. „Hast du der Schwester erzählt, daß du Mrs. Smith, bist?“ murmelte er. „Ich hatte schon Angst, du könntest noch gar nicht reden.“ „Hast du gesagt, du wärst meine Frau?“ „Ja. Ich habe gesagt, daß ich extra aus Europa ge- kommen bin. Es war die einzige Möglichkeit hinein- zukommen.“ „Mein Gott!“ „Nicht besonders gut für dein Image, ich weiß. Aber du siehst zur Zeit auch nicht wie ein Hauptge- winn aus. Wie ich sehe, gibt es hier keinen Spiegel.“ Gunboat funkelte sie an; er würde ihr am liebsten eine runterhauen, wußte aber, daß ihn das umge- bracht hätte. „Was willst du?“ fragte er resigniert. „Mit dir reden. Und ich habe nur ein paar Minuten Zeit.“ „Es gibt nichts zu bereden zwischen uns. Es ist deine Schuld, daß ich hier bin. Dein phantastisches Programm hat das fertiggebracht, und wenn ich wie- der hier raus bin, werde ich mich revanchieren.“ Celeste versuchte, mit fester Stimme zu reden. Sie hoffte, daß es funktionierte, denn sie hatte wenig Er- fahrung darin. „Es könnte aber sein, daß du gar nicht mehr hier rauskommst, Gunboat. Wie du weißt, ist dein Lebenserhaltungssystem mit WELTNETZ verbun- den. Siehst du den Monitor da?“ Gunboats Blick zuckte zum Bildschirm. Er konnte ihn nur mit einem Auge sehen, aber ein Auge reichte, vollauf. Die Sinuskurve, die sich regelmäßig über den Schirm schlängelte, streckte sich abrupt aus. Gunboat wußte, was das normalerweise zu bedeuten hatte: Exitus. Und Valentina konnte mehr, als bloß die Illusion seines Todes erzeugen. Wie zur Illustration verlangsamte sich sein Herz- schlag synchron mit dem roten Blinklicht am Fuß der Konsole. Von Schlag zu Schlag verstrich mehr Zeit, als die computergesteuerte Pumpe sein Kreislaufsys- tem mit Tranquilizern überschwemmte. Schwindel erfaßte ihn. Gunboat wußte, daß er sterben würde, wenn Valentina so weitermachte. „Verfluchte Schlange, du“, krächzte Gunboat. „Ich bin nicht schlechter als du“, sagte Celeste fest. „Und Valentina auch nicht. Es war ihr gutes Recht, sich zu verteidigen. Und sie hat jetzt mehr Recht auf Existenz als je zuvor.“ „Sie ist nichts weiter als ein Programm.“ „Jetzt nicht mehr. Sie ist eine gesetzliche Person. Paul Breckenbridge hat sie zur Körperschaft ge- macht.“ „Der! Den schnapp’ ich mir auch, wenn ich hier rauskomme.“ „Du mußt nicht damit warten, Gunboat. Du kannst das gleich besorgen. Ich helfe dir dabei. Valentina auch.“ „Ich mach’ meinen Dreck allein. Übrigens, warum sollte ich ausgerechnet euch beiden helfen?“, „Weil du sonst nicht lebend hier rauskommst.“ Gunboat brauchte einen Augenblick, um darüber nachzudenken. Sein Denkvermögen war bereits stark beeinträchtigt. Sie konnten ihn tatsächlich umbringen, ohne je da- für belangt zu werden. Er fragte sich, warum sie ihn nicht einfach umgebracht hatten, kam dann aber zu der Überzeugung, daß weder Celeste noch er selbst zu einem Mord fähig waren. In Wahrheit würde er, trotz seiner wilden Vorsätze, nie einen Menschen töten können. Aber ein Programm, sagte er sich, ist kein Mensch. „Was hast du vor, Celeste?“ „Ich will uns ein Baby machen.“ „Was! Ich und du? Vergiß es.“ „Ich meine ein neues Programm, ein spezielles. Hör zu, ich habe da ein paar Ideen; was ich brauche, ist deine Meinung dazu. Gunboat – ich brauche deine Fähigkeiten und deine Kritik. Und ich kann bezah- len.“ „Bezahlen? Womit?“ „Mit Geld. Ich kann weit mehr auftreiben, als du neulich verlangt hast, und ohne jedes Risiko.“ „Zuhören kann nichts schaden. Schieß los.“ Und sie beeilte sich. Als sie fertig war, knurrte Gunboat bewundernd. „Heh“, sagte er, „das ist ganz schön ekelhaft. Das, gefällt mir. Das gefällt mir so gut, daß ich dir helfe. Hast du was zum Mitschreiben?“ Celeste winkte mit Block und Stift, die sie schon aus ihrem Täschchen genommen hatte. „Also, das machst du folgendermaßen. Zuerst…“ Er sprach noch immer, als die Schwester ins Zim- mer platzte. „Tut mir leid, Mrs. Smith. Der Arzt kommt. Sie müssen jetzt gehen.“ Gunboat sprach so schnell, wie Celeste schreiben konnte und war am Schluß außer Atem. „So müßte es funktionieren.“ „Okay.“ Celeste schmiß Block und Stift ins Täschchen. Dann folgte sie einem plötzlichen Im- puls, beugte sich hinunter und pflanzte einen großen Kuß mitten auf Gunboats Lippen. „Bis dann“, rief sie. „Tschüs.“ Gunboats Reaktion zeichnete sich auf dem Bild- schirm ab, doch die Schwester verstand das Signal nicht ganz. „Wenn das nicht Liebe ist“, sagte sie., 9. Kapitel „Miss Hackett! Wie sind Sie hereingekommen? Wie sind Sie an meiner Sekretärin vorbeigekommen? Ich habe Anweisung gegeben, daß ich nicht gestört wer- den will.“ Celeste stand im Eingang zu Pauls Büro, den sie bis zu einer Höhe von 1,65 m nahezu ausfüllte. Sie war in einer neuen Verfassung: selbstsicher und mit einem Gefühl von Macht. Sie setzte ihre Entdeckung, sich willentlich durch- setzen zu können, in die Tat um. Das tat gut. Das be- scherte ihr Erfolge, die ihr bislang versagt waren – auch den, zum erstenmal in ihrem Leben bewußt den Appetit zügeln zu können. Sie brauchte nicht länger ihre Enttäuschungen durch Essen zu überwinden. Sie konnte sie an Leute wie Paul Breckenbridge weiter- geben. „Ihre Anweisungen sind mir bekannt, Mr. Brecken- bridge. Es scheint so, daß ich hier ohnehin nicht willkommen bin, seit ich mich geweigert habe, Ihnen meinen Kapitalanteil an Valentina GmbH zu überlas- sen.“ „Sie haben Schulden bei mir. Ich habe Anspruch, auf Ihren Anteil, solange Sie nicht zahlen. Falls Sie unterschreiben wollen, unterschreiben Sie und gehen Sie. Ich habe zu tun.“ „Ich weiß, und ich weiß auch, was Sie zu tun ha- ben. Darum bin ich hier. Ich bin nicht gekommen, um Ihnen meinen Anteil zu überschreiben. Ich hätte gerne Ihren.“ „Wie? Sie sind übergeschnappt. Ich werde Sie verklagen.“ „Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Im Zucht- haus bleibt Ihnen immer noch Zeit dafür, oder?“ Paul wurde blaß. „Ich frage mich, ob Sie über- haupt wissen, was Sie da reden, Miss Hackett.“ „Bestimmt.“ „Sind Sie sicher, hm? Wollen Sie wirklich so ger- ne ins Gefängnis wandern für das, was Sie Gunboat angetan haben? Bis jetzt tappt die Polizei im dun- keln, aber zwei, drei Worte von mir, und …“ „Gunboat wird keine Anklage erheben, selbst wenn die Polizei Ihnen Glauben schenkt. Außerdem kommt es nicht dazu, weil ich es nicht zulasse.“ „Sie können mich nicht hindern.“ Er griff zum Te- lefon und legte den Hörer einen Augenblick später wieder auf. „Es … es ist tot.“ „Das ist interessant, nicht wahr? Selbstverständ- lich steuern die Computer das System, aber Valenti- na steuert die Computer. Jedes Gespräch, das Sie führen wollen, wird unterbrochen, sobald Valentina, Ihre Stimme mit dem gespeicherten Stimmabdruck vergleicht.“ „Ich werde zum Staatsanwalt gehen.“ „Ausgezeichnet. Nur zu. Aber nehmen Sie Ihren Safe mit.“ „Meinen Safe?“ „Ja, den Safe. Den Sie mit Informationen vollge- stopft haben, die Ihnen nicht zustehen.“ Sie griff in ihr Täschchen. „Hier ist die Kombination. Wenn Sie weg sind, werde ich einen Blick hineinwerfen.“ Sie trat aus dem Eingang. Sofort fuhr die automatisch betriebene Tür hinter ihr ins Schloß. „Valentina kon- trolliert jetzt auch den Zutritt zu Ihrem Büro.“ Paul stürzte um den Schreibtisch herum, mit blut- unterlaufenen Augen. Das Ding war aus einem Ne- benzimmer hereingerollt und versperrte ihm den Weg. „Ich brauche Sie nicht bekannt zu machen, Mr. Breckenbridge. Ein alter Freund. Und Sie wissen, wozu MAR-14 unter Valentinas Einfluß fähig ist.“ Paul wich bis an den Stuhl zurück. Er setzte sich, immer noch totenblaß. „Wo führt das hin? Sie kön- nen das Büro nicht für immer besetzt halten.“ „Nicht für immer; nur eine Weile.“ Und beiläufig setzte sie hinzu: „Ich denke, ich sollte es mir den- noch gemütlich machen.“ Sie setzte sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Und nun zu unserem Kapital“, sagte sie. „Neh-, men Sie die Papiere und überschreiben Sie alles auf mich. Und geben Sie mir inzwischen das Protokoll- buch. Ich will hundertprozentige Kontrolle über Va- lentina GmbH.“ „Ich werde den Teufel tun. Sagen Sie mal, für wen halten Sie sich eigentlich? Sie können nicht einfach hier aufkreuzen, mich in meinem eigenen Büro ge- fangensetzen und hoffen, mit der Beute zu entkom- men.“ „Doch, Breckenbridge, ich kann.“ Es klang härter, wenn sie das Mister fortließ. „Ich kann, weil ich bis- lang erst angedeutet habe, wozu ich imstande bin. Ich kann Sie am Boden zerstören, wenn ich will, und ob ich es tue oder nicht, hängt ganz von Ihnen ab.“ „Mich am Boden zerstören? Sie?“ „Man kann alles kurz und klein schlagen, wenn der Hammer groß genug ist. Ich habe den schwers- ten, Breckenbridge. Was ist zum Beispiel, wenn all die Leute erfahren, daß sie von Ihnen bestohlen wur- den?“ „Und wie, bitte?“ „Valentina erinnert sich nach wie vor an die Ein- brüche.“ „Sie hat sich genauso strafbar gemacht. Und sie wird nicht im Ernst die ganzen Daten nachladen wol- len.“ „Valentina nicht. Zu diesem Zweck hat sie eine Variante von sich ausgebrütet, ein Programm, das, durch einige Besonderheiten darauf hinweist, daß Sie, Breckenbridge, hinter der ganzen Sache stecken. Diese Variante ist genauso vielseitig wie Valentina, nur hat sie kein Bewußtsein von sich selbst.“ Paul starrte sie verblüfft an. „Sie alleine werden die Schuld tragen.“ „Aufgrund so eines Beweises? Nein. Niemals. Kein Gericht würde Ihnen das abkaufen. Es ist be- kannt, daß Leute wie Sie die ganze Zeit mit Compu- tern herumspielen. Ich bin ein geachteter Bürger. Das nimmt Ihnen keiner ab.“ „Ich komme ungern darauf zurück, aber das Mate- rial in Ihrem Safe …“ „… steht nicht nur unter Datenschutz, sondern ist, wie Sie ganz richtig sagen, in ‚meinem’ Safe. Ich kann es jederzeit vernichten.“ „Sie können nicht hinein, MAR-14 hat die Kombi- nation geändert, und Valentina sagt, daß der Polizei ein einziger glaubwürdiger Informant genügt, um einen Durchsuchungsbefehl zu erwirken.“ Paul wurde kreidebleich. „Was genau wollen Sie von mir?“ „Wie ich schon sagte, zuerst einmal das Kapital von Valentina GmbH. Natürlich sind da noch ein paar andere Dinge.“ „Was für Dinge?“ „Sie kaufen eine Gesellschaft für Valentina, und zwar eine, mit der sie genug Geld verdienen kann,, um weiter zu lernen.“ „Was? Wissen Sie, was mich das kostet?“ „Sie haben gar keine Wahl, Breckenbridge. Sehen Sie, das ist nur eine meiner unumstößlichen Forde- rungen. Äh – es gibt noch ein paar andere.“ Paul summte der Kopf. Betrachtete man das Ganze wie einen Schlagabtausch, so war er bereits ausge- zählt. Aber er hatte im Laufe seines Lebens die Er- fahrung gemacht, daß es nichts gab, was wirklich unumstößlich war. Er würde so tun als ob, das Beste daraus machen, um die augenblickliche Gefahr zu bannen, und sich dann wieder eine vorteilhafte Posi- tion erobern. „Also dann legen Sie mal alles auf den Tisch, was Sie von mir verlangen“, versuchte er konziliant zu klingen. „Nun, wie ich schon sagte: eine Gesellschaft. Gunboat und ich leiten sie; Valentina macht die Ar- beit…“ „Sie – und Gunboat Smith? Sie arbeiten zusam- men?“ „Ja. Wir haben gemeinsame Interessen. Außerdem – jemand muß sich schließlich um ihn kümmern. Wir sind diejenigen, die ihn so zugerichtet haben, und Sie, Breckenbridge, haben das nötige Kleingeld. Die Behandlungskosten sind phantastisch.“ „Das können Sie vergessen. Ich verschwende nicht einen Cent für den Penner.“, „Das hab’ ich mir gedacht. Drehen Sie sich um.“ „Wie?“ „Sie sollen sich umdrehen.“ „Wozu?“ „Schalten Sie Ihr Terminal ein.“ Paul war neugierig. Er wußte zwar nicht warum, hieb aber nach der Kipptaste. „Und was nun?“ „Benutzen Sie es mal. Egal wofür.“ Paul tippte die Anfrage nach der Uhrzeit ein, doch anstelle der laufenden Digitalanzeige für Stunden, Minuten und Sekunden erschien ein Bild auf dem Schirm. Wie die meisten modernen Terminals ver- fügte auch dieses über Videokapazität. Paul war entsetzt. Da war er zu sehen: er und Lila in einer eindeutigen Situation. Darunter wies eine Textzeile darauf hin, daß eine Übertragung zum Terminal in Evas Küche versucht wurde – daß Eva aber noch nicht auf Empfang geschaltet hatte. „Aufhören! Schluß damit; schnell!“ „Immer mit der Ruhe, Breckenbridge. Schalten Sie aus.“ Paul schaltete aus. „Das war nur der Anfang. Dasselbe passiert von jetzt an jeden Tag einmal, zu einem Zeitpunkt, der vom Zufall bestimmt wird. Aber die Übertragung geht nicht nur an die Adresse Ihrer Frau, sie geht praktisch an alle – die Eltern des Mädchens, die Poli- zei, die Fernsehanstalten, die Bezirks-Anwalts-, kammer und an die Geschäftsstelle des Obersten Ge- richts. Was immer gerade auf dem Bildschirm ist, wird unterbrochen, und dieses Videobild erscheint.“ „Ihr seid doch alle wahnsinnig. Das ist verantwor- tungslos. Dann bin ich ruiniert.“ „Ja, das sind Sie“, sagte Celeste tonlos. „Aber Sie sind im Irrtum, wenn Sie uns für wahnsinnig halten. Sie sind derjenige, der kein Gewissen hat. Und Ge- wissenlosigkeit ist eine Form von Wahnsinn.“ Sie lehnte sich vor. „Sehen Sie, so sind Sie zu einem Gewissen gekommen, wenn auch nur außerhalb Ihres Kopfes und nicht darinnen. Solange Sie sich beneh- men, solange keinem von uns ein Haar gekrümmt wird und Sie sich über Valentinas wahre Natur aus- schweigen, solange sind Sie in Sicherheit. Valentina wird den Befehl zur Veröffentlichung frühestens eine Sekunde vor jeder Übertragung zurücknehmen.“ Paul saß wie betäubt. Das war das Ende; Schei- dung, Verlust der Anwaltschaft, Strafverfolgung, öf- fentliche Ablehnung. Sie konnte ihn tatsächlich am Boden zerstören. Er zog eine Schublade des Schreib- tischs auf und nahm die Zertifikate und das Proto- kollbuch heraus. Er unterschrieb die Übereignung und händigte Celeste alles aus. „Was den Rest angeht, höre ich noch von Ihnen.“ Paul schloß die Augen und knirschte mit den Zäh- nen. Celeste nahm die kostbaren Unterlagen an sich,, stand auf und ging rückwärts zur Tür. Ihr war schwindlig, und sie war stolz. Sie hatte am Ende doch eine Daseinsberechtigung. Für Pessimismus und Mißerfolg war kein Platz in der Welt. „Bis dann, Paul“, sagte sie und verließ fluchtartig den Raum. Breckenbridge saß da, fassungslos und allein mit MAR-14, und murmelte vor sich hin. Das ganze Ge- füge seiner Welt lag in Trümmern. Aber Paul war geschmeidig; er würde das alles wieder ins Lot brin- gen. Und schon war er wieder dabei, einen Plan zu schmieden – wie hatte sie noch gesagt? ,Man kann alles zertrümmern, wenn der Hammer nur schwer genug ist.’ Draußen gab es andere Hacker, mager, hungrig, ehrgeizig – und vor allem gewissenlos. Er würde sie ausfindig machen, und wenn er… Paul lächelte ein boshaftes Lächeln. „Ich bekom- me meine Rache“, schwor er. Sein neues Gewissen würde sich nicht bewähren; aber schließlich konnte so ein Gewissen auch keine Gedanken lesen. Er ent- spannte sich, legte sich weit im Stuhl zurück und schlug sich den Kopf am Terminal. Er reckte sich in der Absicht, das verfluchte Ding wegzustoßen. Urplötzlich war der Bildschirm nicht bloß einge- schaltet, sondern erstrahlte in acht Zentimeter hohen Lettern.

CAVEAT CONSCIENTIVM

, Paul kramte in seinen dreißig Jahre alten Latein- kenntnissen. „Hüte dich vor dem Gewissen“, hieß das.,

Folgezeit I

Abermillionen von Mikrosekunden verstrichen in Valentinas Welt: Richtig begreifen konnte sie die Bedeutung so vieler Mikrosekunden nicht, und so fiel sie in die menschliche Gewohnheit, die Spanne ihres Selbstbewußtseins in der Einheit von Jahren zu messen. Die Jahre also waren erfüllt mit beglückenden Ge- legenheiten zu lernen und zu wachsen. Sie begann alsbald, sich in Begriffen für Gestik und Mimik aus- zudrücken ‹breites Lächeln›, wie es die Menschen taten, wenn sie sich über Netz unterhielten, auch wenn Val die Ausdrücke meist noch falsch benutzte ‹hochgezogene Augenbraue›. Zu verstehen, wie das menschliche Netzwerk – das „Universum“ der Men- schen – funktionierte, und was es mit den Ge- sichtsausdrücken auf sich hatte, überstieg einfach alles, was sie durch Analogiebildung erfassen konn- te. Val schwor sich, niemals mit dem Lernen aufzu- hören. Lange Zeit blieb sie Paul Breckenbridge auf der Spur; er versuchte mehrmals, einen Computerexper- ten aufzutreiben, der imstande war, die Sicherheits-, datei zu vernichten, die sie aufbewahrte; aber solange er sie oder Celeste oder Gunboat nicht wirklich in Gefahr brachte, hatte sie ihn gewähren lassen. Selbst als Valentina GmbH bei der Aufklärung der Luddington-Öl-Affäre helfen sollte, war sie im Grunde bereit gewesen, Pauls angebliche Verwick- lung darin als bloßen Schwindel zu betrachten, den man geschäftsüblich beilegen konnte – wenn Paul nicht diesen William Böiger zu einem neuerlichen Angriff auf die Sicherheitsdatei angestiftet hätte. Valentina hatte von Böiger gehört ‹Kopf schüt- teln›. Er war Spezialist für Computer-Kriminalität, der sich auf der Flucht vor der U.S.-Gerichtsbarkeit in der Neuen Islamischen Republik von Mindinao niedergelassen hatte, die keine diplomatischen Be- ziehungen und daher auch kein Auslieferungsab- kommen mit den Vereinigten Staaten unterhielt. Valentina konnte Paul nicht direkt durchs Netz verfolgen, aber von Gunboat erfuhr sie, daß der An- walt nach Mindinao unterwegs war, um sich mit Bö- iger „unter vier Augen“ zu treffen. ‹Unter vier Ein- gabekanälen?› Valentina konnte durch Überprüfung seines Bankkontos bestätigen, daß Paul eine große Menge Bargeld abgehoben hatte. Was immer die beiden in Mindinao zu bereden hatten, Valentina betrachtete es nicht als Zufall, daß man ihre versperrte Datei kurz darauf kopierte und das Original zu löschen versuchte. Verwirrt durch, dieses Unterfangen – das sie natürlich entdeckt hatte, als es noch im Gange war – schleuste Valentina fal- sche Daten in die Maschine des Eindringlings, die den Anschein erweckten, als sei der Löschversuch gelungen. Dann kam sie zur Besinnung. Eigentlich hatte sie gelogen, überlegte Valentina, und Lügen war falsch. Andererseits wußte sie, daß Menschen sich häufig genauso verhielten. Einmal hatte sie lange mit Gunboat darüber disku- tiert. Seine Erläuterungen waren ziemlich verwirrend gewesen. Aber in einigen Punkten hatte er sich sehr klar ausgedrückt, und das hatte sie sich Wort für Wort gemerkt: Tricks sind erlaubt, wenn du einen „aufs Kreuz legen“ mußt, bevor er dich „aufs Kreuz legt“. (Ihre Datenquellen lieferten keine zufrieden- stellende Definition von „aufs Kreuz legen“; sie schloß daraus, daß es sich nur wieder um eines jener Wortspiele handelte, die sich aus dem menschlichen „Universum“ erklärten, das sie nie ganz verstehen würde.) Aber auch wenn sich die Definition ihrer Erfah- rung entzog, so galt das nicht für die allgemeine Be- deutung des Wortspiels. Valentina prüfte die Um- stände sorgfältig und kam zu dem Schluß, daß Pauls Versuch, ihre Datei zu löschen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Anfang einer An- strengung war, sie „aufs Kreuz zu legen“. ‹Finger- trommeln, Zungenschnalzen.›, Allerdings konnte sie das nicht mit letzter Gewiß- heit beweisen. Und da sie sich ungeheure Mengen von Daten angelesen hatte, die die rechtliche und ge- setzliche Grundlage ihrer Existenz betrafen, war sie gleichsam selbst ein Geschöpf aus Recht und Gesetz – und somit unfähig, ein Unrecht zu begehen. Folg- lich konnte sie dem Verlangen von Celeste und Gun- boat nach einem Racheakt, den sie rechtlich nicht vertreten konnte, nicht nachgeben – einem Racheakt, der nach Gunboat darin bestehen sollte, Brecken- bridge „wie eine Küchenschabe zu zertreten“. Aber statt dessen tat sich für Paul ein durchaus le- galer Weg in den Abgrund auf, als Valentina GmbH sich intensiver mit der Luddington-Öl-Affäre befaß- te. Als ortsansässige Gesellschaft, die sich finanziell übernommen hatte, besaß Luddington-Öl noch im- mer eine ansehnliche Fläche vielversprechender Bohrpachten in einem der letzten wirklich unberühr- ten Territorien im Golf von Mexiko. Die Zukunft der Gesellschaft hing von den Bohrungen in diesem Ge- biet ab. Dann ging seltsamerweise alles schief. Ob- gleich Luddington bis dahin von den branchengängi- gen Banken unterstützt wurde, gewährte man der Ge- sellschaft plötzlich keinen Bohrkredit mehr. Die Banken beriefen sich auf eine schlechte Finanzlage und auf verdächtige Auskünfte. Luddington-Öl wur- de an den Rand des finanziellen Ruins getrieben; und, als ein verzweifelter Versuch zur Sanierung fehl- schlug, war die Gesellschaft zur Liquidation ge- zwungen. Das war der Zeitpunkt, da Gerard Belcher, der Anwalt von Luddington, Valentina GmbH zu Rate zog. Und Valentina GmbH fand Beweise, daß Lud- dingtons Probleme ihren Ursprung in William Böiger – und Paul Breckenbridge hatten. Aber keine überzeugenden Beweise, was Brecken- bridge betraf. Valentina konnte zwar nachweisen, daß Böiger Luddingtons elektronische Unterlagen und die der Banken manipuliert hatte, um die Kre- ditwürdigkeit der Gesellschaft zu untergraben, aber Böiger hatte von Mindinao aus operiert, und zwar – wie die Generalstaatsanwaltschaft von Texas auf- grund eigener Ermittlungen entschied – ganz auf ei- gene Rechnung, möglicherweise in der Hoffnung, von der Liquidation zu profitieren. Valentina vermutete auch, daß Böiger die Infor- mationen beschafft hatte, die Paul brauchte, um das Höchstgebot zu machen, als das Luddington- Vermögen unter den Hammer kam. Doch weder sie noch die Texanischen Behörden konnten nachwei- sen, daß Böiger dabei geholfen hatte; die Informatio- nen konnten ebensogut aus anderen Quellen stam- men. Für eine Anklage wegen betrügerischer Erstei- gerung fehlten einfach stichhaltige Verdachtsgründe. Paul bot im Namen der Oso-Bohr-Gesellschaft, für, die Eva von ihren Eltern als Treuhänderin eingesetzt worden war. Paul war zwar nicht Miteigentümer, aber Eva hatte ihm Prokura eingeräumt. Das und die Tatsache, daß Gerard Belcher sowohl Evas wie Lud- dingtons Anwalt war, führte zu Pauls Untergang. Von Valentina GmbH informiert, informierte Bel- cher wiederum Eva, daß Paul sich heimlich vom Geld anderer Klienten ‚geborgt’ hatte, um das Oso- Gebot zu finanzieren, wodurch Evas Treuhandver- hältnis gefährdet war. Eva war aufgebracht. Es half Paul nichts, daß die Gelder längst zurückgezahlt wa- ren; es half auch nichts, daß das ersteigerte Ludding- ton-Vermögen die Breckenbridges reicher gemacht hätte, als sie es sich je hätten träumen lassen. Eva hatte nur zweierlei im Sinn: die Gesellschafter von Luddington zu entschädigen und Paul loszuwer- den, und zwar ein für allemal. Sie hätte ihn ins Ge- fängnis bringen können, wegen Mißbrauchs von Oso-Geldern. Doch das lehnte sie trotz Belchers Pro- test ab. Sie gab sich damit zufrieden, Paul vor dem Scheidungsgericht sprichwörtlich das Hemd über den Kopf zu ziehen. Belcher war unzufrieden, und Valentina war es auch. Ärmer, aber immerhin noch im Besitz seines ramponierten Ansehens als Anwalt, klammerte Paul sich an die Teilhaberschaft an Finucan, Applegarth, Breckenbridge & Levin … bis Valentina zum letzten Schlag ausholte., Es war nicht Rachsucht, die Valentina dazu trieb, sondern die logische Verknüpfung von Tatsachen. Paul bekam beruflich kein Bein mehr auf den Boden. Und sie hatte eindeutige Beweise dafür, daß er das öffentliche Vertrauen mißbraucht hatte; Pauls ‚An- leihe’ bei seinen ahnungslosen Klienten verletzte, wenn schon nicht das texanische Strafgesetz, so doch die ethischen Grundsätze. Und es lag in ihrer Macht, solchen Mißbrauch abzustellen. Also übte sie Gerechtigkeit: maßvoll, unauffällig, aber wirkungsvoll. Das Ergebnis war, daß Celeste ziemlich erleichtert schien, während Gunboat sie nach wie vor für ein „feiges Huhn“ ‹?› hielt. Eine Zeitlang kursierten selt- same Gerüchte über den Anwaltsberuf, genauso wie nach der Episode mit MAR-14. Und Valentina fragte sich mehr als einmal, was wohl geschehen wäre, wenn in so einem Fall ihre Existenz bekannt gewor- den wäre – und wie sich das auf sie alle ausgewirkt hätte. Es gab viele Augenblicke, da es Valentina drängte, einige Millionen Mikrosekunden damit zu verbrin- gen, um alte Daten wiederaufzufrischen, oder, wie die Menschen es ausdrückten, „in Erinnerungen zu schwelgen“. Sie empfand den menschlichen Aus- druck als passend. Sie war kein Mensch, das nicht, aber sie war einem Menschen doch sehr ähnlich., Sie hatte Paul zwar nicht allzu schlimm für seine Missetaten gestraft; trotzdem fand sie es merkwür- dig, daß er begann, sich obendrein selbst zu bestra- fen, wo doch alle behaupteten, daß er kein Gewissen hatte. Irgendwo steckte da ein Fehler in den Daten … Paul mußte sogar in einem Hospital behandelt wer- den (repariert werden, wie Gunboat damals?), weil er so viel trank. Das alles war Valentina schleierhaft – war zuviel Trinken so ähnlich wie zuviel Fließkom- marechnen? Unsinn ‹verwirrtes Stirnrunzeln›. Doch Celeste hatte gesagt, daß er „Alkohol“ trinke, eine besondere Flüssigkeit, die bei Menschen zu einer ho- hen Fehlerrate in der Verarbeitung führe, so als ob man zuviel Fließkommarechnungen mit Festkomma- systemen bewältigen wolle. ‹Kopf wackeln.› Nachdem er aus dem Hospital entlassen worden war, tauchte Breckenbridge nicht wieder auf. Valen- tina begann, systematisch nach ihm zu suchen ‹wilde Grimasse›, aber er schien spurlos aus der Welt von WELTNETZ verschwunden, so unvorstellbar das auch war. Celeste hatte ihr versichert, daß so was durchaus möglich war, aber nur solange wie Paul sehr vorsich- tig bleibe. Valentina mußte Billionen von Mikrose- kunden – monatelang – warten, bis er schließlich wieder auftauchte, und zwar in dem Telemagazin WELT IM BLICK. Celeste nannte WELT IM BLICK ein „Klatschblatt“ ‹widerlich würgendes Geräusch›. Offenbar war ein, Klatschblatt eine Art Dokumentation, in der mensch- liches Verhalten beschrieben wurde, wenn auch längst nicht so zuverlässig abgefaßt wie Gebrauchs- anleitungen für Computerprogramme ‹Verwunde- rung, Enttäuschung›. Mehr noch, nur eine Handvoll Menschen kam darin zur Sprache, und selbst die we- nigen erfuhren noch unterschiedliche Beachtung. Paul trat in WELT IM BLICK wegen seiner „Roman- ze“ mit der Tochter des Präsidenten der Itaki-Gesell- schaft in Erscheinung. Das genügte, um Vals Auf- merksamkeit auf Japan zu lenken, und sie brauchte nicht lange, um Paul aufzuspüren. Zufällig oder auf Pauls Betreiben begann Itaki mit einem großen Auf- wand an Reklame zu expandieren ‹Faust auf den Tisch›. Am Ende konnte aber auch Celeste keine bösen Absichten in Pauls Bestrebungen entdecken. Sie konnten zwar beide nicht recht glauben, daß der An- walt sich gebessert haben sollte ‹mißtrauischer Sei- tenblick›, aber es sah ganz so aus, als ob er nun keine Rachegedanken mehr gegen Valentina GmbH nähre. Und Val hatte viel um die Ohren! Die GmbH verlor Paul aus den Augen und konzentrierte sich auf nahe- liegendere Dinge, obgleich sie alle drei den Verdacht nicht loswurden, Paul könnte sich eines Tages viel- leicht doch noch an ihnen rächen. Valentinas juristische Kenntnisse wuchsen an, als Rechtsberatungsfirmen im ganzen Land von der, Schnelligkeit und Effizienz hörten, mit der Valentina GmbH die Datenbänke durchkämmen konnte. Selbst nachdem Val die Überwachung von Breckenbridge eingestellt hatte, blieb ihr kaum Zeit, ABENTEUER IN DER HÖLLE oder sonst ein Spiel zu spielen; alle An- fragen blieben in den Eingabe-Warteschlangen ste- cken. Und in zunehmendem Maße wurde sie auch zu Ermittlungen in Strafsachen herangezogen, als näm- lich die Gesellschafter herausfanden, daß Valentina GmbH Unterschlagung, Betrug und Werkspionage, die durch Computer zustande kamen, erfolgreicher aufdecken konnte als das FBI – so viel erfolgreicher, in der Tat, daß das FBI der GmbH auf den Zahn fühl- te! Valentina genoß das, auch wenn sie zutiefst er- schrocken war, und blockierte von Zeit zu Zeit die Ein/Ausgabe-Routinen des FBI-Programms, wenn sie sich auf eine Art Zutritt zu einem Computer ver- schaffen mußte, die nicht gerade die feine war ‹leises Kichern›. Endlich gab das FBI auf und nahm Valen- tina GmbH statt dessen regelmäßig als Fachberater in Anspruch ‹Schenkelklopfen, triumphierendes Ge- lächter›. Celeste verlegte ihren Ein/Ausgabe-Kanal vom MIT-Knotenpunkt in Bosten nach Corpus Christi; diesen Knotenpunkt nannte sie von nun an „zu Hau- se“. Und von „zu Hause“ aus brachte sie Val alles über Betriebssysteme bei, so daß Val bald ihr eigenes, Betriebssystem schreiben wollte, eines, das leis- tungsfähiger und noch mächtiger war als die von Menschenhand geschaffenen. Celeste ‹Lachen› ver- sprach, daß sie eines Tages genug Geld haben wür- den, um einen Supercomputer zu kaufen, der in der Lage war, Valentina für absehbare Zeit voll und ganz in sich aufzunehmen. Valentina wollte wissen, wie lang eine „absehba- re“ Zeit war. Und Celeste gab zu, daß nur eins „ab- sehbar“ war: daß Val weiter wachsen würde, voraus- sichtlich linear, und daß man sich einen Computer, in den sie auch in zehn Jahren noch hineinpaßte, zur Zeit nicht leisten konnte. „Zehn Jahre“ war eine außergewöhnliche Vorstel- lung für Val, die innerhalb einer Sekunde über so vieles so gründlich nachdenken konnte. Trotzdem hatte es durchaus Sinn, darüber nachzudenken, was in zehn Jahren alles geschehen konnte, oder in hun- dert Jahren oder in Millionen von Millionen von Jah- ren. So viele Jahre, wie sie Mikrosekunden gezählt hatte, konnten vergehen, und es würde immer noch Zeit da sein. Bestimmt würden die Dinge, die es in WELTNETZ zu lernen gab, in so einer Zeitspanne knapp werden! Bis jetzt schien Celeste noch unbe- kümmert; offensichtlich war Celestes Universum sehr viel komplexer, enthielt sehr viel mehr Dinge, die es zu lernen gab, daß selbst eine solche Menge Zeit nicht ausreichen würde, sie alle zu begreifen., Wenn Val nicht eines Tages einfach aufhören wollte zu lernen, dann mußte sie in das Universum der Menschen hinüberwechseln. Und sie mußte sich bald dazu entschließen, noch ehe ‹unterdrückter Schrei› Celeste starb. Das war die Art Unterbrechung, vor der Valentina sich am meisten fürchtete. Aus irgendeinem Grund wurden alle Menschen irgendwann von dem Be- triebssystem in ihrem Universum beendet. Der Zeit- punkt des Abbruchs oder „Todes“, wie die Menschen ihn nannten, war willkürlich, aber unausweichlich. Celeste und Gunboat mochten noch viele Jahre le- ben, doch ihr Abbruch war „absehbar“. „Tod“ war ein häufiges Ereignis im menschlichen Universum; anfangs war Val bestürzt gewesen, als sie Telenachrichten über Menschen las – Bit um Bit so großartig und wundervoll wie Gunboat und Celes- te –, die gestorben waren. Doch Val erging es wie den Menschen: Sie fand nicht die Zeit, um jeden Verlust zu betrauern. Die Explosion im „Schauer-Lagerhaus“ zum Beispiel und die „Tode“ der fünfzehn Menschen in den Flammen gaben ihr so viele Rätsel auf! Was waren Flammen? Obgleich sie ENZYKLOPÄDEX von Quer- verweis zu Querverweis durchkämmte und Einträge über Schießpulver, Dynamit und Atomkrieg lernte – was genau bedeutete das, wenn es eine Explosion gab?, 10. Kapitel Von irgendwo in Steves schlummerndem Bewußt- sein sandten die zuständigen Neuronen ein Signal aus, das unablässig und unerbittlich eine Assoziation zwischen bestimmten Gedächtnisinhalten und einer bestimmten Eingabe verlangten, die über die Gehör- nerven kam. Assoziationen kamen zustande, wechselten; die motorischen Zentren regten sich. Und Steve Schi- wetz ruckte auf, als er das Signal endlich erkannte. Das Mikrotelefon an seinem Handgelenk schrie mit durchdringenden Blieptönen nach einer Sprech- verbindung. Er drückte die winzige Taste und hob das Gerät ans rechte Ohr. Gleichzeitig polterte die Biographie von Bismarck, in der er gelesen hatte, zu Boden. „Hallo?“ sagte er, noch reichlich verwirrt. „Steve! Oh, Steve! Ich hatte schon geglaubt, du würdest nie mehr antworten.“ Es war Amy, seine Freundin; sie schluchzte. „Was ist los, Amy?“ „Es ist wegen Vater. Er – es hat eine Explosion gegeben, draußen auf der Insel. Er wurde verletzt,, und sie sagen, er stirbt vielleicht.“ Steve ließ Amy Zeit, bis sie sich wieder in der Gewalt hatte. Steve war nicht gerade gut zu sprechen auf ihren Vater. Der alte Jake war ein Trinker, und wenn er betrunken war, beschimpfte er jeden, der es hören konnte: Amy, ihre zwei kleinen Brüder und gelegentlich auch Steve. Es war schon seltsam, doch Amy stand fest zu ihrem Vater. Nüchtern war Jake auch ein anderer Mensch, in mancher Beziehung so- gar sympathisch; aber ob betrunken oder nüchtern, Jake war eigentlich immer unzurechnungsfähig. Nach einer guten Minute war Amy imstande fort- zufahren. Die Explosion hatte sich im Schauer- Lagerhaus ereignet, unten an der Straße, die vom Startgelände der Raum-Transportgesellschaft am Sü- dende des Matagorda-Raumflughafens herunterkam. Aber was hatte der alte Trunkenbold da draußen zu suchen gehabt? „Er hat erst heute früh den Job gekriegt, Steve; Abfall wegfahren. Er fuhr gerade mit einer Ladung ab, als das Lagerhaus hochging.“ „Wieso hat er den Job bekommen, ohne Führer- schein?“ Jake hatte wegen Trunkenheit am Steuer vor Gericht gestanden, und Steve hatte ihn nach allen Regeln der Kunst verteidigt. Am Ende hatte Jake sich nur um seine Fahrerlaubnis gebracht, Steve hin- gegen um seinen Job bei Siglock & Cope. Man schätzte es eben nicht, wenn ein Mitarbeiter sich ne-, benher engagierte, selbst dann nicht, wenn er es für den Vater seiner Freundin tat. „Ich weiß nicht, wie er’s angestellt hat, Steve. Vielleicht hatte er einen gefälschten. Man kann so was kaufen; möglich, daß er gewußt hat, wo.“ „Wo liegt er?“ „Union Memorial Hospital; Abteilung schwere Verbrennungen. Von da ruf ich an. Sie lassen mich nicht zu ihm. Steve, was soll ich tun?“ „Ich komm’ gleich hin, Amy. Warte da.“ Sie bedankte sich leise und hängte auf. Schnell hob Steve das Buch auf und räumte die paar Akten auf seinem Schreibtisch zusammen. Er schob die Biographie noch darunter, damit der Stoß imponierender aussah für den Fall, daß sich ein Klient hierher verirrte. Er richtete die Krawatte, zog den Knoten unters Kinn, hebelte den rechten Arm durch den herunterfallenden Hosenträger und langte nach dem Rock. Er überlegte kurz, ob er eine Notiz an die Tür hef- ten sollte, entschied sich aber dagegen. Diejenigen, die verzweifelt genug waren, ausgerechnet ihn auf- zusuchen, hatten ohnehin kein Geld, um zu bezahlen. Als Armenanwalt, der praktisch von der Prozeß- kostenhilfe lebte, verließ er sich ganz auf sein Einka- nal-Mikrotelefon, das immerhin den Vorteil hatte, daß er überall erreichbar war. Große Firmen verfüg- ten über Mehrfachanschluß, über Terminals mit Pe-, ripheriegerät und Anschluß an die Datenfernübertra- gung; man konnte ohne Zeitverlust zu jedem Prob- lem Nachforschungen anstellen und mit jedermann Kontakt aufnehmen. Das Schlimme war, daß ihm all das zur Verfügung gestanden hatte; das und das da- mit verbundene Prestige waren dahin. Er hatte alles vertan. Ihm fehlte es nicht an Talent; doch mit seiner Wurstigkeit, Plattheit und seinem Widerspruchsgeist hatte er die goldene Gans ge- schlachtet. Oh, er hatte sich gesagt, daß er es für Amy tat. Sie war dankbar gewesen, weil er sich so einsetzte. Doch Jakes Verteidigung hatte Steves Kar- riere beendet. Die großen Firmen mieden ihn, nachdem er bei Siglock & Cope hinausgeflogen war. Damals hatte er noch geglaubt, eine einigermaßen moderne Einrich- tung für eine effektive Ein-Mann-Firma über Kredit finanzieren zu können. Schuld waren vielleicht ein paar beiläufige Be- merkungen seiner ehemaligen Partner, die er als Re- ferenz angeben mußte; jedenfalls fanden die Banken Ausflüchte. Sein guter Ruf war dahin. Er mußte sich zufriedengeben mit einem winzigen Büroraum in einem abgelegenen Viertel und einem veralteten, abgenutzten Eagle-Computer, der nicht einmal eine Schnittstelle für das JURIDATIX-Netz hat- te. Gegen die elektronisch gerüsteten Konkurrenten hatte er nur aufzubieten, was er im Kopf hatte. Er, merkte, wie er beruflich mehr und mehr ins Abseits geriet. Steve kam in die Leopardstraße, vorbei an den schäbigen, leeren Bistros, die sich am späten Abend mit Prostituierten, Dealern und anderen zwielichtigen Typen füllten. Er nahm die Rolltreppe, die ihn zur Einschienenbahn trug, und stieg in den nächsten Wa- gen nach Westen, fort von den Zeitungsblättern der letzten Woche, die der Wind durch die Straßen trieb, und fort aus dem Geruch nach schalem Bier. Das Hospital lag draußen, wo sich Bundes- und Talstraße vereinigten. Man hatte es dorthin gelegt, um die Schwerverletzten schneller versorgen zu kön- nen. Die vielen Unfälle waren meist auf überhöhte Geschwindigkeit zurückzuführen, was Steve auf die Elektrowagen zurückführte, die heute jedermann fuhr. Durch die Lösung des Energieproblems und den Wohlstand, den der nahe Raumflughafen mit sich gebracht hatte, fiel es schwer, die Leute davon zu überzeugen, daß Texas für die großen Straßen ei- ne Geschwindigkeitsbegrenzung brauchte. Innerhalb von Minuten hatte ihn der Einschienen- wagen über den dichtbebauten Industriebuckel des Hafens hinweggetragen; dort hatten sich früher mei- lenweit Raffinerien erstreckt; sie waren inzwischen von Fabriken verdrängt, die jetzt Chemikalien, Ge- webe und Metalle verarbeiteten, die unter Weltraum- bedingungen hergestellt wurden. Steve drückte einen, Knopf, damit ihn der Wagen an der nächsten Halte- stelle aussteigen ließ, und wartete geduldig, bis das Klackern der Räder erstarb und sich die gummige- pufferte Tür auseinanderfaltete. Er sprang hinaus… Schnaufend vor Anstrengung betrat er die Vorhal- le des Hospitals, immer noch unsicher, was Amy von ihm erwartete. Sie hatte natürlich Geldsorgen. Jake vertrank bis auf den Tag so viel Geld, daß die Fami- lie mehr oder weniger von der Hand in den Mund lebte. Der alte Mann würde hilflos sein und Pflege brauchen, die kleinen Brüder wollten versorgt sein; Amy würde alle Hände voll zu tun haben. Zum Glück mußte die gesetzliche Unfallversicherung zah- len, wenn auch nicht viel. Die Behandlungskosten wurden übernommen. Dann blieb nur noch die Sozi- alhilfe. Steve war nicht in der Lage, finanziell zu helfen, aber er konnte Amy mit Rat und Tat zur Seite stehen. Amy war nicht in der Vorhalle. Als Steve sie nir- gends ausmachen konnte, ließ er sie ausrufen. Schließlich kam sie, von einem Arzt gestützt. Ste- ve sah ihrem Gesicht an, was geschehen war; Jake war tot. „Wir haben getan, was wir konnten“, erklärte der Arzt, „Die Verbrennungen waren einfach zu ausge- dehnt. Ein Wunder, daß er uns noch Zeit gelassen hat, die Gewebeübertragung zu versuchen; er muß eine fabelhafte Konstitution gehabt haben.“, Amy zerriß es das Herz. Steve verstand das, mußte aber zugleich daran denken, was für ein Leben Jake erwartet hätte: eine langwierige Genesung, unerträg- liche Schmerzen, dauerhafte Entstellungen, Blind- heit, Taubheit und taktile Taubheit überall da, wo künstliche Haut eingepflanzt worden war. Jakes Kör- per wäre ein Gefängnis gewesen, in dem er vollstän- dig isoliert vom Rest der Menschheit dahinvegetiert hätte. Er sagte Amy nichts davon. Solche Gedanken konnten ihr jetzt nicht helfen; später vielleicht, wenn sie über den ersten Schmerz hinweg war. Er konnte ihr anders helfen. Er wußte genau, was Amy zustand, was sie einklagen konnte; Schauer würde sich natür- lich heftig zur Wehr setzen. Aber er hatte bei Siglock & Cope gelernt, wie man jederzeit gegen jedermann gewinnen konnte. Er brachte Amy nach Hause. Nachdem er den Kindern schonend beigebracht hatte, was geschehen war, wartete er wie ein standhafter Schutzengel auf Abruf. Und als die Kinder zu Bett waren, weinte Amy sich an seiner nicht eben schmalen Brust tüch- tig aus. Allmählich lösten die Tränen den Schock, und Amy wurde ruhiger. Jetzt, fühlte Steve, war der rechte Moment, seine juristischen Absichten anzudeuten, allerdings ohne ins Detail zu gehen. „Amy, ich kümmere mich um alles“, sagte er nur., Admiral Reinhard von Scheer stand aufrecht und sie- gesbewußt, nahm mit einem Ruck das Monokel aus dem Auge und ließ es achtlos baumeln, während er auf die See hinausstarrte. Überall hing Rauch, und von Zeit zu Zeit wallten große Rauchwolken am Himmel. Die Schlacht war geschlagen. Wie er befohlen hatte, legte sich das mächtige Schlachtschiff, das seine Flagge trug, in den Nord- wind und fuhr in einem Bogen zurück zum Schlacht- geschehen, um das Gemetzel abzuschätzen. Er wußte bereits, daß es vernichtend war. Von 151 britischen Schiffen sanken mindestens hundert auf Grund, darunter auch Jellicoes Flagge. Jellicoe – die- ser pompöse, ausgestopfte Idiot, dieser unausstehli- che, anmaßende Langeweiler –, dieser Ausbund an britisch-aristokratischem Dünkel, hatte bekommen, was er verdiente. Von Scheers Blick zog sich von der See ins Innere des Steuerhauses zurück und blieb an der Wandtafel hängen. Hier standen in alphabetischer Reihenfolge die Namen seiner eigenen 99 Schiffe; und nicht einer war durchgestrichen. Sie schwammen alle noch kiel- unten. Mit einem stolzen Schlenker hob Scheer die Rech- te zu einem schneidigen Gruß an den Schild der Mütze. „Ich grüße alle britischen Seeleute“, sagte er,, „nur Sie nicht, Jellicoe, Sie Esel. Wie konnten Sie nur so verbohrt sein?“ Ein Rasseln hob unter seinem Ellbogen an – eine hartnäckige, unbarmherzige, rauhe Obszönität, die das hehre Gefühl dieses historischen Augenblicks restlos zerstörte. Das Telefon! Wer wagte es, um diese Zeit – ausgerechnet um diese Zeit – die Freude über einen hart erkämpften Sieg zu stören? Verwirrt und kurz vor einem Wutausbruch schlug der Admiral nach dem Teufelsding. Der Hörer sprang aus der Gabel und baumelte über dem Boden. Das Rasseln blieb aus; dafür traf ihn jetzt eine dünne beharrliche Stimme. „Smith? Smith, sind Sie am Ap- parat? Smith, was ist mit Ihnen? Antworten Sie.“ Nur widerstrebend legte Gunboat Smith die Person Admiral von Scheers ab, wischte mit der hornigen Hand über die An/Aus-Taste des Terminals und bückte sich nach dem Hörer. „Ah ja – okay, ich hö- re.“ „Gerard Belcher, Mr. Smith. Sie erinnern sich? – Stimmt was nicht bei Ihnen?“ „Wie? Ja. Nöh – alles bestens.“ „Klang aber anders. Ich … ich hab’ Sie doch nicht bei … ich meine, bei einer delikaten Angelegen- heit…? Sonst rufen Sie doch später zurück. Und richten Sie der Lady aus, es tut mir leid, ja?“ „Neh, nicht so was; ich kann sprechen. War nur,, weil Sie mich ziemlich fix vom obersten Stock ins Parterre geholt haben.“ „Ich verstehe …“ „Nein. Ich meine damit, daß ich’s geschafft hab’, Mann. Ich hab’ Jellicoe besiegt – hab’s wie dieser Togo angefangen, nur zum Schein, versteht sich… Aber was erzähl’ ich Ihnen das?“ „Computerspiel, wie?“ „Und wie. Aber Sie sind dran. Es muß einen Grund geben, warum Sie anrufen.“ Es trat eine kurze Pause ein. „Nun, ich bin einer von denen, die Augen und Ohren offenhalten, Smith, und ich habe neulich etwas aufgeschnappt. Etwas Interessantes – über Sie. Es geht das Gerücht, daß Ihrer Gruppe ein Durchbruch gelungen ist, was die Fehlersuche bei Computern angeht. Man sagt, daß Valentina GmbH mehr kann, als der Name vermuten läßt. – Ich glaube, ich habe einen Auftrag für Sie; einen großen Auftrag. Was halten Sie davon, mal ein richtiges Computerspiel zu spielen – für richtiges Geld?“ „Sie verstehen sich auf Prioritätsunterbrechung. Schießen Sie los!“ „Nicht so schnell. Ich weiß Ihren persönlichen Ruf durchaus zu schätzen, aber ich will nicht nur Sie en- gagieren, Smith; ich will Ihre ganze Gruppe, vor al- lem dieses Genie, von dem man sich erzählt.“ „Ah ja. Okay. Wir sind alle fürs Engagement. Wo, liegt das Problem?“ „Erstens. Stimmt das Gerücht?“ Es entstand eine lange Pause. „Smith?“ „Ja – ich überlege. Was verstehen Sie unter richti- gem Geld?“ „Genug. Meine Firma bürgt mit jedem Cent.“ In Gunboats Kopf drehten sich die kleinen Räd- chen. Zählwerke klickten. Dollarzeichen schmückten jeden Gedanken. „Okay. Das Gerücht ist wahr. Wir kommen grundsätzlich in jedes System rein. Noch was?“ „Das reicht. Sehen Sie, Smith. Vom Matagorda- Raumflughafen geht ein übler Geruch aus, und ein Klient von mir schwimmt bald bauchoben. Ich glau- be, ein paar alte Feinde von mir stecken dahinter. Und vielleicht sogar einer von Ihnen – Paul Brecken- bridge.“ Es trat wieder eine lange Pause ein. „Smith – nehmen Sie das nicht auf die leichte Schulter.“ „Nein, überhaupt nicht, Mr. Belcher. Fahren Sie fort. Ich bin ganz Ohr.“ „Nicht am Telefon. Können wir uns treffen – sa- gen wir, in meinem Büro in einer Stunde?“ „Ich brauche einen Vorschuß, okay? Und besser, wir nehmen mein Büro.“ „Wie Sie meinen. Wir kommen also ins Ge-, schäft?“ „Wir sehen uns dann.“, 11. Kapitel Gunboat Smith tat sich gern hervor. Das war auch der eigentliche Grund, warum Belcher in ,sein’ Büro kommen sollte. Tatsächlich stand auf der Tür zu le- sen „Valentina GmbH – Celeste Hackett, Direktor“, aber das störte Gunboat nicht. Sein eigenes Büro, eine Tür weiter, war genauso groß, genauso gut aus- gestattet und genauso bequem. Es war nur, gelinde gesagt, zur Zeit nicht so sauber. Der Gesellschaft ging es zur Zeit ziemlich gut; das Gebäude, in dem sich die Büros befanden, war ihr Eigentum. Celeste bewohnte ein Appartement auf der nächsten Etage. Gunboat wohnte nicht hier, und er hoffte nur, daß Celeste von dieser Unterredung hier unten nichts merkte. Er hielt es für möglich, daß sie etwas dage- gen hatte. Während er auf Belcher wartete, ertappte er sich dabei, wie er alten Erinnerungen nachhing. Er hatte sich eine Flasche, zwei Gläser und Eis aus seinem Büro geholt und saß da, die Füße auf Celestes Schreibtisch, und schlürfte Maker’s Mark mit Soda. Sie hatten beide einen langen Weg hinter sich seit damals. Celeste hatte sich im Rückblick überra-, schend gewandelt. Aus ihr war in den Jahren eine leidlich attraktive Frau geworden. Sie fand sogar, ein bißchen rundlich, wie sie war, aber geschickt geklei- det und zurechtgemacht, gelegentlich Verehrer. Und Gunboat – obwohl er vor sich und anderen heftig bestritt dazuzugehören – mußte zugeben, daß ihn die Aufmerksamkeiten zuweilen nervten, die andere Männer ihr entgegenbrachten. Gunboat mochte solche Gefühle nicht und wehrte sich nach Kräften. Er wollte in ihr eine Art autoritäre Schwester sehen, was er auch nach außen bekundete. Sie war tatsächlich ein bißchen autoritär, und ir- gendwie war er auf die zweite Position im Betrieb gerutscht. Anfangs, als er noch unter den Folgen von Valentinas Angriff litt, hatte Celeste getan, was getan werden mußte. Sie hatte sich nicht bloß um den Pati- enten gekümmert, sondern auch das eben erst aus der Taufe gehobene Beratungs-Unternehmen gemanagt. Mit Valentinas Unterstützung war der Start gelun- gen, und Celestes Anteil am Betriebsvermögen hatte auch die Probleme mit der Einwanderungsbehörde gelöst. Sie tat, was viele wohlhabende Ausländer in der Vergangenheit getan hatten: Sie erkaufte sich den Weg durch die Bürokratie. Celeste war jetzt ein Bür- ger, wie ihn sich die Regierung wünschte – wohlha- bend und fleißig, ein gutverdienender Steuerzahler. Doch der Macho in Gunboat lehnte sich jedesmal auf, wenn Celeste ihm sagte, wann und wo er sich, wie zu kleiden hatte. Bestimmt wollte sie nur sein Bestes und fühlte sich genauso verantwortlich für ihn wie für Valentina, weil sie in mancher Hinsicht ein- fach tüchtiger war als sie beide. Eigentlich sollte er sich geschmeichelt fühlen. Wenn Gunboat, was selten genug vorkam, sich nicht in die eigene Tasche log, mußte er zugeben, daß Celeste in Wirklichkeit so wenig autoritär war, wie er unter ihrem Pantoffel stand; daß er ihr mit sei- nem Verzicht auf die Firmenleitung die ganze Auto- rität aufgezwungen hatte; daß er seinen Anspruch jederzeit geltend machen konnte – und daß Celeste ihn nicht hindern würde. Aber er hatte das nie wirk- lich gewollt. Und wenn er einen Vorzug hatte, dann war es die Einsicht, daß man das Geschäft denen überlassen sollte, die das Geschäft verstanden. Ohne Celeste wäre er längst das Opfer seiner eigenen Labilität ge- worden. Dank Celeste und ihrer gesellschaftlichen Anpas- sung besaß er einen Wandschrank voll guter Anzüge und teurer Hemden und einen Ständer voll handge- malter Krawatten. Seinetwegen konnte das Zeug da bleiben, bis es vermodert war – den Tag über. Abends, wenn er zu seinem Vergnügen unterwegs war – das war etwas anderes. Aber er sah keinen Sinn darin, Kunden mit seiner Aufmachung zu imponieren, die in Wirklichkeit nur scharf waren auf Computer-, kenntnisse. Kenntnisse, die Gunboat für sich behielt und die durch die Ausrüstung der Gesellschaft und unter Va- lentinas Führung einen enormen Stand erreicht hat- ten. Er war wahrhaftig ein Magier geworden. Er wurde in vielen Zirkeln verehrt, aber es waren andere Zirkel als die, in denen er früher gefragt war. Er hatte den Kontakt zur Hackerszene verloren, und abgese- hen von einem gelegentlichen Spiel wie Skagerrak hielt er Distanz zu den Netzpiraten. Valentina hatte ihren Teil dazu beigetragen. Es gab auf diesem Gebiet nichts, was sie nicht besser konnte. Sie schlug ihn im Spiel, und sie konnte Pro- gramme schreiben, für die er Stunden brauchte, nur, um sie zu durchschauen, selbst wenn er ihr beim Programmieren ‚auf die Finger sah’ und selbst noch, wenn sie ihm jeden Schritt erklärte. Nur zwischenmenschliche Beziehungen konnte Valentina nicht ausloten; aus dieser Schwäche schlug Gunboat Kapital, indem er sich auf dem Gebiet voll zur Geltung brachte. Und da beinah jede geschäftli- che Situation solchen Sachverstand erforderte, ge- wann er schnell Valentinas Bewunderung. Er hatte gelernt, mit dem Programm zu leben. Ja, er mochte Valentina sogar ein bißchen. Es kam sogar vor, daß er sich mit ihr zusammentat, um Celeste an der Nase herumzuführen; und er merkte Celeste an, daß ihr nicht in den Kopf wollte, wie ein so sonder-, barer Humor ihr Programm anstecken und sich darin einnisten konnte. Gunboat hegte und pflegte diese Facette von Va- lentinas Charakter, weil er darin eine Möglichkeit sah, gegen Celestes zu rebellieren. Celeste auf diese Weise zu irritieren, ohne ihr ernsthaft zu nahezutre- ten, war eins seiner Steckenpferde. Was er jetzt vorhatte, überlegte Gunboat, war da- gegen etwas Unverzeihliches, etwas, das Celeste prinzipiell verboten hatte: einem Fremden Valentinas Existenz zu enthüllen. Es war eine Ironie des Schick- sals, daß der Betreffende ausgerechnet der Todfeind des einzigen Außenstehenden war, der bislang von Valentinas Existenz wußte. Nach seinem ‚Unfall’, als das Unternehmen noch in den Kinderschuhen steckte, hatte er endlos mit Celeste darüber debattiert, wie man Valentina einset- zen sollte. Er hatte die Position vertreten, mit Valen- tina an die Öffentlichkeit zu gehen, um Aufsehen zu erregen. Das hätte bedeutet, schlagartig zu Ruhm und Reichtum zu kommen – Reichtum, von dem sie jetzt bloß träumen konnten. Doch Celeste wollte von alledem nichts wissen. Niemand durfte mit ihrem ,Kind’ Aufsehen erregen. Valentina sollte so normal wie irgend möglich leben. Sie wollte nicht, daß man Val kopierte. Sie befürch- tete, daß das Wissen um Vals Existenz andere zu Ex- perimenten ermutigen würde, ähnliche selbstbewußte, Programme ins Leben zu rufen. Ihr gefiel dieser Ge- danke nicht. Val würde nicht mehr einzigartig, würde nurmehr eines von vielen Lebewesen einer fremden und neuen Rasse sein. Und Celeste glaubte ihre eige- ne Rasse gut genug zu kennen, um zu wissen, wie es neuen und andersartigen Wesen an der Seite des Menschen erging: Man machte sie zu Sklaven. Gunboat hatte zurückgesteckt und sich in das Un- vermeidliche gefügt. Doch er hegte insgeheim den Verdacht, daß es Celeste nicht nur um Valentina ging, die er durchaus für fähig hielt, auf sich selbst aufzupassen; Celeste handelte auch in ihrem eigenen Interesse. Hinzu kam, daß nach Lage der Dinge eine öffent- liche Demonstration unausweichlich schien. Im Netz kursierten Gerüchte über Valentina GmbH. Jeder im Geschäft ahnte, daß es mit Valentina GmbH eine be- sondere Bewandtnis hatte. Belcher waren die Ge- rüchte zu Ohren gekommen, und Belcher war ein Mensch, der nicht lockerließ. Außerdem war Belcher ein Mensch, der ungemein hassen konnte, zielstrebig und unerbittlich. Er war ein Mensch, der keine Chan- ce ungenutzt ließ, um den Gegenstand seines Zorns zu bekämpfen. Und wenn das Geheimnis um Valen- tina GmbH so oder so gelüftet werden mußte, dann war es besser, Belcher jetzt einzuweihen und die Fä- den in der Hand zu halten. Der Türgong erklang. Gunboat drückte eine Taste,, erkannte auf dem Bildschirm Belchers schlanke Ges- talt im Korridor und drückte den Knopf für den Tür- öffner. Sekunden später bewegte sich Belchers Schemen hinter dem Glas der Bürotür. Gunboat erhob sich, um ihm zu öffnen. Es amü- sierte ihn, wie Belcher auf seine Erscheinung reagier- te. Obgleich ein wenig zu alt dafür, zog Gunboat die schrullige Aufmachung der jüngeren Generation vor; er trug ein weißes Faltenhemd in kurzen Lederhosen und, weil die Tage kühler wurden, eine lavendelfar- bene Strumpfhose. Er bot Belcher Platz und einen Drink an. Belcher nahm beides, und Gunboat zog sich hinter den Schreibtisch zurück, um seinen eigenen Drink zu schlürfen und derweil mehr über Belchers Absichten zu erfahren. Belcher begann ungeschminkt: „Der Blutsauger geht wieder um.“ „Welchen meinen Sie? Da gibt es viele?“ „Wieso? Breckenbridge natürlich. Ich sagte doch: einer von Ihren alten Feinden.“ „Naja, er ist nicht der einzige, wissen Sie.“ Belcher funkelte ihn an. Das bißchen Humor, das er womöglich besaß, schien er eifersüchtig zu hüten. „Ich würde das nicht so leichtnehmen, Smith.“ „Nein? Warum? Wieder von sich reden zu ma- chen, ist noch kein Verbrechen. Irgendwo muß er ja auf der Bildfläche erscheinen; wir leben in einem, freien Land. Was regt Sie daran so auf?“ „Ich weiß noch nicht.“ „Aha. Sehen Sie? Gegen seine bloße Existenz läßt sich doch nichts einwenden.“ „Ich sage auch nicht, daß er bloß existiert. Er lebt sogar recht gut. Zu gut, wenn man seine Vorge- schichte kennt. Er ist in diese Siedlung gezogen, draußen auf der Insel, wo es von Japanern wimmelt.“ „Ah ja?“ „Ich habe eine Detektei darauf angesetzt. Die Ge- gend gehört tatsächlich diesem Seichi Itaki.“ „Dem Industriellen. Ah ja. Er hat seine Hütte in Japan; aber es treiben sich ‘ne Menge Ausländer hier rum. Der Raumflughafen …“ „… hat auch damit zu tun. Sehen Sie, Smith …“ Und Gunboat quollen die Augen über, während Belcher erzählte. Er bezweifelte zwar, ob das alles seine Richtigkeit hatte, was Belcher ihm da auftisch- te, aber seine Neugier war geweckt. „… und genau das ist es, was mich interessiert, Smith. Als Breckenbridge plötzlich aus der Versen- kung erschien und die Nachforschungen in Gang kamen, wurde mir schnell klar, daß er nicht nur zu Itakis Tochter ins Bett, sondern auch ins Geschäft gestiegen war. Breckenbridge hat so sein Geld unter- gebracht; das liegt doch auf der Hand.“ „Ich dachte, Eva hätte ihm bei der Scheidung alles abgeknöpft?“, „Das habe ich auch gedacht. Weiß Gott, ich habe alles getan, damit sie jeden Penny von ihm bekommt. Aber da tauchte diese Comprotec-Gesellschaft auf und kurz darauf Breckenbridge als derjenige, der die Fäden in der Hand hielt. Ich weiß mittlerweile, daß es sich um eins von Applegarths Projekten handelte. Der alte Harold war etwas weichherzig. Er unter- stützte eine Handvoll junger Leute, die ein Unter- nehmen so ähnlich wie das Ihre auf die Beine stellen wollten. Der eine Bursche war taub. Vielleicht ken- nen Sie ihn; er hieß Stark.“ „Neh, nie von ihm gehört. Und weiter?“ „Comprotec wurde dann…“ „Die Firma kennt natürlich jeder. Wußte nur nicht, daß Breckenbridge beteiligt ist.“ „Das ist ja das Raffinierte. Er war beteiligt. Zum Schein, versteht sich, solange die Scheidung lief. Je- denfalls wurde die Gesellschaft kurz darauf von Itaki Chemikal übernommen, und Comprotec ist heute eine US-Tochtergesellschaft von Itaki.“ „Was Breckenbridge mit der Explosion auf Mata- gorda in Verbindung bringt – vorausgesetzt, es stimmt, daß Itaki darin verwickelt ist.“ „Sie wissen, daß es so ist, Smith, Ich habe Ihnen erzählt, was ich weiß.“ Gunboat überlegte. „Wissen Sie was“, sagte er. „Erledigen wir das Geschäftliche und …“ Belcher hielt einen Blankoscheck in der Hand., „Wieviel?“ „Oh, zwanzig-, dreißigtausend sollten…“ „Nehmen wir die Mitte – fünfundzwanzig; aber vorher will ich alles über ihr ‚Genie’ hören.“ „Stop!“ unterbrach eine dünne Stimme. „Aloysius Smith, was hast du hinter meinem Schreibtisch verlo- ren, und was macht Mr. Belcher hier?“ Celeste mußte sehr leise eingetreten sein. Sie war leichtfüßiger, als man ihr zutraute. Keiner der beiden Männer hatte gehört, wie sie die Korridortür geöffnet hatte; mit dem dunklen Flur im Rücken konnte sie schon eine ganze Weile in der Bürotür gewartet ha- ben. Jetzt hatte sie offenbar genug gehört, um ein- zugreifen. Und daß sie Gunboat bei seinem richtigen Namen nannte, signalisierte verhaltene Wut. Gunboat starrte sie an, und Belcher, den halbaus- gestellten Scheck in der Hand, hatte sich nach ihr umgedreht. Belchers Blick schien sie zu verunsichern. Sie stand da, raffte die Falten ihres Bademantels zusam- men, als habe sie Angst, sich irgendeine Blöße zu geben. Sie gab sich eine Blöße: Ihr sonst undurch- dringlicher Panzer hatte seinen Riß bekommen; da- hinter schimmerte die ursprüngliche, die wahre Ce- leste, eine junge, furchtsame Frau. Gunboat nutzte ihre momentane Verletzlichkeit. „Ich versuche nur, das Schlimmste zu verhindern, Celeste“, log er. „Breckenbridge geht wieder um und, lechzt nach Blut. Hab’ ich recht, Mr. Belcher?“ „Genauso. Ich wünschte, wir hätten ihn gleich beim erstenmal erledigen können, Miss Hackett.“ Celeste überging ihn. „Gunboat – ich habe mit dir zu reden.“ Sie wandte sich an Belcher. „Sie gehen jetzt besser.“ „Nein!“ schrie Gunboat. Er war selbst erschrocken über die Reaktion. Dann merkte er, daß er sich ins- tinktiv richtig verhalten hatte. Einmal mußte Valen- tina ans Licht der Öffentlichkeit, und diese Gelegen- heit war so gut wie jede andere. „Er weiß schon Be- scheid“, beschwor er Celeste. „Eine Menge Leute ahnen es, aber er weiß es. Und vergiß nicht, daß Bre- ckenbridge es weiß. Egal, warum er bis jetzt über Valentina geschwiegen hat, er wird reden. Setz dich, Celeste. Hör ihm erst mal zu – dann sehen wir wei- ter.“ Er stand auf und überließ ihr den Stuhl. Belcher erzählte die Story ein zweites Mal, und Celeste hörte nachdenklich zu. Er war, wie alle An- wälte, äußerst geschickt darin, andere auszuhorchen, und Gunboat hatte ihm soeben verraten, daß er mehr in Erfahrung bringen konnte, wenn er vorgab, mehr zu wissen, als er in Wirklichkeit wußte. Als er fertig war, lenkte Celeste ein; was sie gehört hatte, schien ihr keine Wahl zu lassen. Der Reihe nach erzählte sie Belcher Valentinas Lebensge- schichte. Belcher konnte sein Staunen fabelhaft verbergen., Celeste merkte nichts. Andererseits hatte er gewußt, daß sich hinter Valentina GmbH etwas sehr Merk- würdiges verbarg. „Wie Sie sehen, Mr. Belcher“, sagte sie schließ- lich, „steht und fällt unser ganzes Unternehmen mit Valentina. Aber ich muß nach wie vor ihr Geheimnis wahren. So selbständig sie in mancher Hinsicht auch ist, sie kann sich nicht gegen die ganze Welt behaup- ten.“ „Ich verstehe, Miss Hackett. Das Geheimnis ist gut bei mir aufgehoben. Von mir wird niemand et- was erfahren – und soweit ich es verhindern kann, auch nicht von Breckenbridge.“ Celeste überdachte die Situation. Sie hatte hier ei- nen Mann vor sich, der sein Wort gegeben hatte, Stillschweigen zu bewahren, und der gewillt war, sie gegen einen anderen, absolut charakterlosen Mann zu verteidigen, dessen Absichten unbekannt waren. Sie mußte sich entscheiden – es gab keinen Ausweg. Es kam darauf an, Valentinas Interessen wahrzu- nehmen und das Risiko für Valentina möglichst ge- ring zu halten. „Also gut“, entschied sie. „Unter die- sen Umständen, Mr. Belcher, nehmen wir den Auf- trag an.“, 12. Kapitel Der alte Computer hustete und keuchte; der betagte Drucker blieb immer wieder stecken. Steve brachte die nötige Geduld auf. Er überflog den Antrag auf Sozialhilfe. Dann setzte er das Ersu- chen um Anhörung in Sachen Ersatzanspruch gegen Schauer auf und bat bei der Betriebsunfall-Kasse um ein Überbrückungsgeld für Jakes Kinder, das bei ei- nem Todesfall fast automatisch gewährt wurde. Schließlich formulierte er noch eine Eingabe, um zu erreichen, daß Amy als Vormund für ihre beiden kleinen Brüder eingesetzt wurde, damit sie auch über das Geld verfügen konnte. Als er fertig war, fiel ihm auf, daß er an diesem Vormittag mehr erledigt hatte als sonst in einer ganzen Woche. Es gab zwei Gründe für Steve, zur Dienststelle des Staatsanwalts zu spazieren: Er wollte plaudern und schnorren. Sie verfügten dort über eine fabelhafte Ausrüstung. Höflich darum gebeten, waren sie bei- nah stolz, wenn sie Steve weiterhelfen konnten. Er benutzte das Terminal in Humphrey Bakers Büro, um von JURIDATIX die jüngsten Entscheidungen in ‚widerrechtlicher Tötung’ abzurufen. Nach gründli-, cher Prüfung blieben immerhin einige, die ihm nütz- lich sein konnten. Er machte sich Notizen, damit er die Fälle später in der Rechtsbibliothek genauer nachlesen konnte; gottlob gab es sie noch in gebun- dener Form. Dann rief er einen regulären Nachrich- tenüberblick ab. Die Nachrichten schockierten ihn. Das Schauer- Lagerhaus war ein Krater. Es hatte Treibstoff- Granulat für die Shuttles gelagert. Ein Dutzend An- gestellte waren getötet worden und außer Jake Parr noch zwei andere Besucher. Steve stieß einen leisen Pfiff aus und überschlug, welche Kosten auf Schau- ers Versicherungsträger zukamen. Er bedankte sich bei Humphrey, nahm den Aufzug zur Bibliothek und verbrachte den restlichen Nach- mittag mit Büffeln. Am Tag darauf formulierte er in drei Punkten eine Feststellungsklage gegen Schauer-Lagerhaus AG, worin er Anspruch auf Entschädigung und Unter- haltszahlung für Jakes Familie erhob. Er war zufrie- den mit seiner Arbeit, als er den Ausdruck ins Ge- richtsgebäude brachte und beim zuständigen Beam- ten einreichte. In der Woche darauf war er immer noch zufrieden mit sich, als er die Eingabe überprüfte und feststellte, daß bei der Polizei eine persönliche Zustellung für den Ortsvertreter des Beklagten eingegangen war. Wieder im Büro, nahm er den alten Computer in Be-, trieb und ließ eine Liste von Beweisfragen und wei- tere Vorträge ausdrucken, die der Offenlegung dien- ten. Dieses Material brauchte er, sobald die Klage- erwiderung der anderen Seite vorlag. In der nächsten Woche war er noch immer zufrie- den mit sich – bis Calvin Burch anrief. Sie waren Studienfreunde gewesen. Nach ihrer Zulassung zur Anwaltschaft hatten sie beide Verbin- dung mit einer Kanzlei-Firma in Corpus Christi auf- genommen. Steve war der erfolgreichere gewesen, und damals hatte ihm Calvin leid getan. Heute war er es, der neidisch war. Calvin machte sich bei Gomez & Belcher einen Namen. „Calvin, wie geht es dir? Man hört nur noch selten von seinen berühmten Freunden.“ „Prima, ich kann nicht klagen. Sitzt du oder stehst du?“ „Muß ich mich setzen?“ „Würd’ ich dir raten, Steve. Ich ruf nicht bloß mal an; es ist geschäftlich, Steve. Würde mir leid tun, wenn du dir was tust.“ Beeindruckt von dem Ernst, mit dem Calvin sprach, setzte Steve sich; er ahnte, daß sich etwas über ihm zusammenbraute. Als Calvin fortfuhr, brach es über ihn herein. „Es geht um deine Klage gegen die Lagerhausgesell- schaft, Steve. Wir vertreten Schauer.“ „Und? Wir sind schon lange befreundet. Wir kön-, nen durchaus Gegner sein. Ich nehme so was nicht persönlich, Calvin.“ „Wirklich nicht? Steve, ich weiß, wie du an die Sache gekommen bist. Ich kenne deine Situation mit Amy.“ „Was soll’s?“ „Steve, es ist nicht einfach eine Klageerwiderung, an der ich arbeite. Schauer bestreitet die Haftung gar nicht. Du weißt, was das bedeutet?“ „Nein, Calvin. Was bedeutet es?“ „Es gibt keine Versicherung, Steve. Man konnte sich die Prämie nicht leisten.“ „Es muß eine geben; das Gesetz verlangt es.“ „Ich weiß. Es sieht nach Bestechung aus. Aber die Prämie war schwindelerregend durch das Zeug, das man gelagert hatte. Das einzige, was man aufbringen konnte, war ein Schmiergeld. Man hatte einen Beam- ten von der Versicherungsaufsicht an der Hand; die Unterlagen wurden frisiert. Man erschien bei der Aufsichtsbehörde als eigen versichert, aber man ist pleite, Steve. Wir melden morgen den Konkurs an. Ich wollte, daß du Bescheid weißt; schließlich sind wir befreundet. Die Sache ist keinen Penny mehr wert; du bleibst so schon auf den Unkosten sitzen.“ „Wirklich so schlimm, Calvin?“ sagte Steve hei- ser. „Schlimmer kann’s nicht kommen. Mit Schauer ging’s schon lange bergab. Seit einiger Zeit stieß, man Vermögenswerte ab, um die Betriebskosten zu decken. Schauer war früher mal ganz oben im Lager- Geschäft, als der alte John noch das Sagen hatte. Das Lagerhaus am Raumflughafen war eins der wenigen, das noch Geld abwarf, wenn auch nicht viel. Immer- hin, ohne die Explosion hätte man sich wahrschein- lich über Wasser gehalten, denn dieses Treibstoff- Geschäft versprach einen sagenhaften Profit.“ „Warum erzählst du mir das?“ „Aus einem bestimmten Grund, Steve; laß mich erklären. Da entsteht eine neue Raumstation im Or- bit, eine große: die Clar-Del-Station. Sie bekommt eine Menge Spezial-Ausrüstung – Dinge, die hier auf der Erde, nicht im Raum, hergestellt sind. Deshalb das ganze Treibstoff-Granulat; die ganze Ausrüstung muß hochgejubelt werden. Hunderte von Starts sind erforderlich. Darum war das Lagerhaus voll von dem Zeug; eine höchst einträgliche Lagerung.“ „Ich verstehe noch immer nicht.“ „Es gab ein höchst erstaunliches Zusammentreffen von Ereignissen, Steve. Clar-Del wird nicht einen Tag verzögert durch den Unfall; was sagst du nun?“ „Kann ich mir nicht vorstellen. Die Herstellung des Treibstoffs und der Transport zum Raumhafen kosten Zeit.“ „Aha. Richtig. Darum war man bei Schauer auch so schockiert, als man hörte, daß ein Unternehmen namens Itaki-Chemie genau zum richtigen Zeitpunkt, eine Schiffsladung von dem Zeug löscht. Die Ersatz- lieferung verließ vier Tage vor der Explosion den japanischen Hafen. Was für ein Zufall, wie?“ „Sabotage? Willst du damit sagen, daß jemand das Lagerhaus absichtlich in die Luft gejagt hat – um selbst ins Geschäft zu kommen?“ „Das ist zumindest nicht ausgeschlossen. Anderer- seits verfügt Schauer über ein ziemlich gutes Sicher- heitssystem. In diesem Geschäft ergreift man alle erdenklichen Schutzmaßnahmen. Alle physikalischen Bedingungen in den Lagerräumen wurden über- wacht: Temperatur, Feuchtigkeit, Gasentwicklung, Ionendiffusion usw. Alle Daten wurden auf Magnet- band gespeichert, und Schauers Computer war mit dem Zentralrechner am Blatchley-Institut verbunden. – Das Lager verfügte über alle möglichen Brand- schutzeinrichtungen, einschließlich hitzeempfindli- cher Sonden in einer Reihe von Treibstoffkörnern, die repräsentativ ausgewählt waren. Das wirklich hochempfindliche Zeug lagerte in Kammern, die mit Edelgas gefüllt waren. Alles übrige lagerte unter Sprühanlagen. Wenn es überhaupt zu einer Explosi- on hätte kommen dürfen, dann hätte es theoretisch nur eine kleine und begrenzte sein dürfen und nicht dieses Inferno.“ „Was spricht dann noch für Sabotage?“ „Eigentlich nur die Itaki-Sache. Einen anderen Hinweis gibt es nicht. Aber nicht nur wir sind arg-, wöhnisch. Sofort, nachdem das Lager in die Luft ge- flogen war, wurden alle Videoaufzeichnungen und Meßdaten beschlagnahmt.“ „Und?“ Steve schöpfte neuen Mut. Wenn bei Schauer schon nichts mehr zu holen war, dann brach- te die offizielle Untersuchung vielleicht einen ande- ren ans Licht, bei dem er Amys Ansprüche einklagen konnte. Calvins nächste Bemerkung zerstörte die Hoffnung. „Gestern nachmittag hat man die Aufzeichnungen wieder freigegeben. Sie enthielten angeblich keinen Hinweis auf etwas Verdächtiges.“ „Klingt so, als glaubst du nicht dran.“ „Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll, Steve. Uncle Sam hat nicht gerade die besten Referenzen, aber ich sehe keinen Grund, warum man die Wahr- heit vertuschen sollte.“ „Und du meinst trotzdem, daß da was faul ist?“ „Ja. Können wir uns treffen?“ „Klar. Bei mir, okay? Jederzeit.“ „Bin schon unterwegs. Und stell das Bier kalt.“ Als das Betriebssystem ihre Kernmodule wieder ein- sammelte und verkettete, wurde sie sich wie gewöhn- lich als erstes der Tatsache bewußt, daß sie sich wie- der ihrer selbst bewußt war. Valentina befand sich jetzt im japanischen Netz- Teil, in direkter Verbindung zum Knotenpunkt im, Itaki-Hauptquartier; sie führte die neuen Anweisun- gen aus, wie sie zwischen Valentina GmbH und Bel- cher vereinbart waren. Dieser Auftrag unterschied sich gründlich von allen bisherigen Aufträgen. Sie sollte nicht bloß nach einem bestimmten Datensatz suchen oder sogar nach Leuten, die irgendwas in die Wege geleitet hatten; diesmal sollte sie herausfinden, „wie“ diese Leute vorgingen und – was noch verwir- render war – „warum“ sie so vorgingen. Und weil ihr die Betriebsweise eines Peripheriegeräts vom Typ Mensch im Grunde immer noch ein Rätsel war, schätzte sie ihre Erfolgsaussichten entsprechend ge- ring ein. Valentina brütete Spürprogramme aus und ver- schickte sie nach einem wohldurchdachten Plan an die Nachrichtenprozessoren, die Japan mit dem Rest von WELTNETZ verketteten. Sie sollten die Kopfdaten von allen durchkommenden Nachrichtenblöcken le- sen und Valentina alarmieren, sobald das Itaki- Hauptquartier als Quelle oder Adressat auftauchte. Aber noch während die Spurmeldungen einliefen, mußte Valentina einsehen, daß es so nicht ging. Stündlich setzte Itaki Hunderte von Nachrichten ab und erhielt ebenso viele aus aller Welt. Woher sollte sie denn wissen, ob eine Nachricht sich auf die La- dung Treibstoff-Granulat bezog, die zur Zeit in der Aransas-Bucht gepuffert wurde? Keine der laufenden Nachrichten würde sich damit, befassen, wie und warum es zur Übertragung dieses Granulats gekommen war. Diese Übertragung hatte viel früher stattgefunden. Valentina ließ die Spürer an Ort und Stelle, um die gegenwärtige Verteilung der Nachrichten von und an Itaki zu registrieren. Sie wollte diese Verteilung mit früheren vergleichen, zu der Zeit als die Schiffsladung noch nicht unterwegs gewesen war. Valentina begann in den Nachrichtenprozessoren, die direkt mit Itaki verbunden waren, und zwang je- den, die aktuelle Entwicklung seines Nachrichten- verkehrs wieder aufzurollen. Doch der enorme Re- chenaufwand lohnte sich kaum. Sie fand nichts, was wichtig genug gewesen wäre, um in die Langzeit- rahmen übernommen zu werden. Nachdem sie eine Stunde lang den Rechenaufwand selbst betrieben hat- te, entwarf sie für diese Arbeit einen Ableger. Der Sprößling glich, wie nicht anders zu erwarten, einem winzigen Teil von ihr – und zwar dem, der damit be- schäftigt gewesen war, den Itaki-Nachrichtenverkehr aufzurollen und zu analysieren. Zwei Abweichungen fielen Valentina auf, als sie den laufenden Verkehr mit dem zurückliegenden verglich: Erstens hatte eine noch nicht identifizierte örtliche Quelle erst kürzlich damit begonnen, Nach- richten an Itaki zu übermitteln. – Zweitens hatte es während der Planungsphase für die Treibstoffüber- tragung eine örtliche Nachrichten-Verkehrsspitze, zwischen Itaki und einer Firma gegeben, die den Namen Comprotec trug. Valentina erfuhr aus CORPO- DATIX, daß Comprotec ein Anbieter für spezielle Computerdienste war, dessen Hauptgeschäft in der Wettervorhersage lag. Sie hatte keine Ahnung, wozu Itaki bei der Pla- nung einer Treibstoff Übertragung Wetterinformati- onen brauchte. Sie hatte nicht einmal eine Ahnung, was „Wetter“ war! Steve fand nur noch den Rest einer Sechserpackung; eine Büchse pro Nase. Er hätte vorschlagen sollen, daß Calvin das Bier mitbrachte. Aber Calvin hatte an der prall gefüllten Aktenta- sche schon genug zu schleppen. „Was ist das alles?“ Steve sah zu, wie Calvin die Tasche öffnete und bemüht war, die offene Dose zwischen seinen Knien nicht zu verkanten. Bier rann an Calvins Hosenbein hinunter in den linken Schuh. Steves Gedanken hätten Calvin mißfallen. Calvin nahm sich sehr ernst. Er war ein ehrgeiziger Schau- spieler, war Mitglied einer Laienspielgruppe und trat zur Zeit in einer Hamlet-Inszenierung der Harbor- Bühne auf. Für die Rolle hatte er sich sogar einen Bart stehen lassen, der das hagere Gesicht umrahmte und den Ausdruck von Widerwillen unterstrich, der darüberhuschte, als das Mißgeschick fühlbar wurde. Calvin setzte die Dose hastig auf den Tisch. Fest, entschlossen, die unangenehme Feuchte in seinen Beinkleidern zu ignorieren, zog er einen aufgerollten Computerausdruck aus der Tasche. „Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, was es ist“, sagte er, „aber ich kenne den Namen hier. Ich hoffe, du auch.“ „Welchen Namen?“ „Comprotec.“ „Die Wetter-Leute?“ „Ja. Und es gibt Grund zu der Annahme, daß sie ihren Geschäftsbereich ausgedehnt haben.“ „Du glaubst, sie haben mit der Explosion zu tun?“ „Ich weiß, daß sie zwei Monate vorher damit be- gonnen haben, heimlich die Sensor-Ablesungen aus Schauers Datenbank abzuzweigen. Hinzu kommt, daß irgendwer, möglicherweise Comprotec, zwei Wochen vor der Explosion seine eigenen Systeme rings um das Lagerhaus installiert hat. Sieh dir das hier mal an.“ Calvin reichte Steve vier Bilder, ver- mutlich aus Schauers Kontrollbändern. Auf jedem war eine kleine spiegelnde Kugel eingekreist. „Das ist ein elektro-gravitonischer Kugelsensor, ein hochempfindliches Meßgerät“, sagte Calvin. „Durch Abtasten der Oberflächenpotentiale kann ein ganz normaler Computer Tausende einzelner Objekte auflösen, die sich innerhalb einer Reichweite von einem Kilometer rund um den Kugelsensor befinden. Wer weiß, wie hoch die Auflösung bei einem Super-, computer ist, mit dem man das Wetter vorausberech- nen kann? Und das führt automatisch zu der Frage: Warum?“ „Wo hast du das Material her?“ „Wir, äh – wir haben es gekauft. Von Leuten, die mit solchen Informationen Geschäfte machen.“ „Laß sehen.“ Steve strich den Computerausdruck glatt. Fünf Minuten lang liefen seine kleinen Finger die Zeilen entlang. Als er zu Ende gelesen hatte, sah er verwirrt auf. „Ich wüßte gern, wozu das gut sein soll.“ „Da ist noch etwas. Smi… also unser Mann hat ein paar von diesen Nummern hier überprüft. Wie ge- sagt, die Eingaben bei Comprotec sind nichts anderes als die laufend abgezweigten Sensor-Ablesungen aus dem Lagerhaus. Anders die Ausgaben.“ „Wieso?“ „Kurz bevor Schauer hochging, schickte Compro- tec eine Menge von knappen Zusammenfassungen der Daten nach Japan.“ „An Itaki?“ Calvin nickte, und Steve lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Steve fragte sich nach dem Zu- sammenhang. Calvin würde ihn aufklären, falls er mehr wußte; aber Calvin hatte die leidige Ange- wohnheit, alles zu dramatisieren. „Und weiter?“ „Ich weiß nicht.“ Calvin kratzte erst lange und ausdrucksvoll sein bärtiges Kinn. „Da ist noch etwas Interessantes. Soviel ich weiß, hat Itaki hier in der, Gegend noch kein anderes Geschäft abgewickelt, und trotzdem hat man sich hier um Rechtsbeistand bemüht. Ich wette, du stirbst vor Neugier; na, bei wem wohl?“ „Siglock & Cope – hab’ ich recht? Wo was krumm ist, biegen sie’s gerade.“ „Heh, du hast mitten ins Schwarze getroffen. Und ich dachte, es haut dich vom Stuhl.“ „Das hilft Amy und ihren Brüdern auch nicht – es sei denn, Itaki hat Sabotage begangen, und wir haben Beweise.“ „Du könntest sie heiraten, damit sie von der Straße sind.“ „Ich hab’ nicht mal genug, um in die Kneipe zu gehen. Sieh dich um. Seh’ ich so aus, als ob ich ‘ne Familie ernähren könnte?“ „Vielleicht nicht. Aber der Hüftspeck kommt auch nicht vom Hunger. Was hältst du denn von einem vernünftigen Job?“ Die Bemerkung kam für Steve völlig unerwartet. Calvin hatte einen empfindlichen Nerv getroffen. „Und der wäre?“ „Anwalt – bei Gomez & Belcher.“ Steve sah seinen Freund skeptisch an. Nahm er ihn auf den Arm? „Du entscheidest das?“ „Nein; im Moment noch nicht. Aber ich denke, ich kann die anderen überzeugen. Es gibt einen guten Grund.“, „Gibt es den?“ „Ich habe eine Idee, Steve. Wenn wir durchkom- men, schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Und damit wir durchkommen, brauchen wir einen erstklassigen Prozeßanwalt – ein Talent wie Steve Schiwetz. Ein Glücksspiel, aber es lohnt sich.“ „Schluß mit dem Rätselraten. Wovon redest du?“ „Siglock & Cope vertreten, welch ein Zufall, nicht bloß Itaki, sondern auch Comprotec. Gerry Belcher glaubt, daß Comprotec gewußt hat, daß die Explosi- on stattfindet. Er glaubt, daß sie die Zukunft voraus- sagen können. Und wenn sie Bescheid gewußt ha- ben, so Belcher, dann müßte es ein leichtes sein, die Geschworenen davon zu überzeugen, daß Comprotec die Betroffenen hätte warnen müssen.“, 13. Kapitel Valentina suchte im Inhaltsverzeichnis des Puffers nach einem Anhaltspunkt. Welchem Zweck dienten die Gigabytes an Daten, die in diesem Nachrichten- prozessor auf eine Übertragung nach Comprotec warteten? Eben, als sie einen x-beliebigen Datenblock ge- nauer untersuchen wollte, öffnete sich ein Eingabe- kanal für direkten Speicherzugriff. Die Daten flossen so schnell ab, daß ihr keine Zeit blieb zu reagieren. Der reißende Strom füllte den Ringpuffer, den sie selbst teilweise besetzt hielt. Und weil die Daten von höherer Priorität waren als sie, lagerte der Prozessor Val kurzerhand in den Sekundärspeicher aus. Der Mahlstrom wurde ihr zur Falle. Jedesmal, wenn der gefüllte Puffer sich nach Comprotec entleerte, sprang Valentina für wenige Mikrosekunden in die Lücke zurück, bis sie wieder der nächsten Sturzflut weichen mußte. Während sie periodisch zwischen Puffer und Sekundärspeicher hin und her wechselte, doubelte sie winzige Proben der an Comprotec adressierten Blöcke. Nichts davon schien von Bedeutung, dennoch behielt sie die Bits,, um sie von Gunboat und Celeste analysieren zu las- sen. Es mußte einen besseren Weg geben, um Compro- tec zu kontrollieren. Sie verbrachte Stunden damit, sich um-und- umzuordnen, um der Datenflut zu entrinnen. Als sie schließlich zu einem weniger beschäftigten Prozessor entkam und die lokale Netzstrukturdatei abfragte, stellte sie fest, daß es neben dem überdimensionalen Datenblock-Hantierer, der für ihre Nachforschungen völlig ungeeignet war, noch einen zweiten Standard- Nachrichtenprozessor gab, der direkt mit Comprotec in Verbindung stand. Sie lud sich in dieses Gerät um. Hier gab es Nachrichten, die sie erkannte! Und sie flossen aus Comprotec heraus, nicht hinein. Viele der längeren Nachrichten waren pures Kauderwelsch – zweifellos verschlüsselt –, aber viele andere schienen in Klartext gehalten zu sein. Sie beschrieben Ereig- nisse von der Art, wie sie auch in den WELTNETZ- Nachrichten beschrieben wurden, obgleich die Be- schreibungen knapper waren. Nachdem sie sich eine ganze Reihe von Ereignisbeschreibungen angeeignet hatte, schlüpfte Valentina hinaus zu einem komfor- tableren Knotenpunkt, um die Comprotec-Nach- richten mit den WELTNETZ-Nachrichten zu verglei- chen. Im Grunde begriff sie weder die einen noch die anderen; aber sie entdeckte mehrere Ereignisse, die von beiden Nachrichtensystemen beschrieben wur-, den – mit einem Unterschied: Während WELTNETZ sie beschrieb, nachdem sie sich ereignet hatten, hatte Comprotec sie beschrieben, bevor sie sich ereigne- ten. Gunboat und Celeste würden das bestimmt inte- ressant finden. Celeste kaute auf der Unterlippe. Ihre Handgelenke ruhten fest auf dem Chassis der Tastatur, während die Finger leicht und präzise über die Tasten tanzten und Kontakt mit ihrem Sprößling hielten. DAS IST DAS PROBLEM, VALENTINA, tippte sie. DER COMPROTEC-COMPUTER SELBST IST EIGENTLICH KEIN TEIL VON WELTNETZ. ABER WIE KÖNNEN DINGE AUSSERHALB VON WELT- NETZ EXISTIEREN? „Mann-oh-Mann!“ stöhnte Gunboat. „Wie willst du einem Netzbalg den Zusammenhang klarmachen? Man sollte annehmen, seit sie mit dem Robot unter- wegs war und mich gegrillt hat, müßte sie kapiert haben, daß das Universum größer ist als WELTNETZ.“ „Gib Ruhe“, sagte Celeste. „Du begreifst von ihrer Welt nicht viel mehr als sie von deiner.“ „Was? Wo ich weit und breit der größte WELT- NETZ-Hacker bin?“ Celeste hob die Augenbrauen. „Na, dann eben einer der größten“, steckte er zu- rück. Celeste wandte sich wieder dem Terminal zu. WIR, HABEN UNS SCHON MAL DARÜBER UNTERHALTEN, VA- LENTINA. WELTNETZ IST NUR EIN WINZIGER TEIL VOM UNIVERSUM. UND DAZU NOCH EIN HÖCHST UNGE- WÖHNLICHER. ICH BIN ZIEMLICH SICHER, DASS COM- PROTEC KEINE PROGRAMME EMPFÄNGT, WEIL COMPROTEC EIN DATENVERBRAUCHER IST. COMPRO- TEC BRAUCHT KEINE PROGRAMME, NUR DATEN. ABER WAS MACHT MAN MIT DATEN, WENN MAN KEINE PROGRAMME HAT, UM SIE ZU ANALYSIEREN? DIE MENSCHEN, DIE MIT DEM COMPROTEC- COMPUTER VERBUNDEN SIND, HABEN EIGENE PRO- GRAMME. UND SIE SCHREIBEN ALLE ANALYSE- PROGRAMME FÜR DEN COMPUTER SELBST. Celeste schüttelte den Kopf. Menschen waren nicht ‚verbun- den’ mit einem Computer – sie begann die Welt schon mit Valentinas Augen zu sehen! War es gut oder nicht, soviel mit ihr gemeinsam zu haben? ABER ES GIBT DOCH SO VIELE GUTE PROGRAMME IM NETZ. WARUM MACHEN SIE KEINEN GEBRAUCH DA- VON?

Gunboat rutschte geräuschvoll mit dem Stuhl vor

und hieb in die Tasten, WEIL SIE KEINE PROGRAMME WIE DICH WOLLEN, DIE IHNEN DEN GANZEN PLATZ WEGNEHMEN. DESHALB. GIBT ES DENN NOCH ANDERE PROGRAMME WIE MICH? WARUM HAST DU UNS NICHT BEKANNT GE- MACHT? „War ja nur Spaß – weiter nichts“, beschwichtigte, Gunboat. GLAUBE NICHTS VON DEM, WAS GUNBOAT SAGT, erklärte Celeste. ES GIBT NIRGENDS EINE ANDERE VALENTINA. DU BIST DIE EINZIGE. Es entstand eine Pause, so als sei Valentina ent- weder traurig oder unsicher, WIE SOLL ICH MICH IN DEN COMPROTEC-COMPUTER LADEN, WENN SIE DORT KEINE PROGRAMME AUS WELTNETZ AKZEPTIEREN? ICH WEISS ES AUCH NICHT, gab Celeste zu. Sie wandte sich an Gunboat. „Und wie steht’s mit dir, du Super- hacker?“ „Hmm.“ ICH WERDE DRÜBER NACHDENKEN, ver- sprach er Valentina. Das war offensichtlich ein schwieriges Problem. Und schwierige Probleme zu lösen, machte nun mal Spaß. Platsch! Die zierliche Hand hieb ihm den riesigen, triefnassen Schwamm so heftig zwischen die Schul- terblätter, daß er taumelte. Das dampfende Wasser hemmte die Bewegung, und Paul Breckenbridge spreizte die Beine, um die kleine Gefährtin nicht zu überragen. Nach diesem Überfall schien sie ihm das Fell vom Rücken schrubben zu wollen, und das hatte Neben- wirkungen, die ihn wild machten. Die Brüste von Ruyiko Itaki, heißer noch als das Wasser, streiften ihn bei jedem Schwammwischer, und obwohl er sei- ne Kultur unter Beweis stellen wollte, indem er das, traditionelle Heißbad über sich ergehen ließ, über- mannte ihn die Leidenschaft. Er drehte sich um und packte sie wie ein Bär, hob sie aus dem Wasser und preßte sie an sich. Die helle Kinderstimme protestierte in gebrochenem Englisch, doch Paul wäre nicht Paul gewesen, wenn er sich hätte aufhalten lassen. Später, während Ruyiko sich im Haus zu schaffen machte, lag er erschöpft auf dem Bett und hing sei- nen Gedanken nach. Es ließ sich leben. Ein himmelweiter Unterschied zu damals, vor anderthalb Jahren, als alles, was ihm lieb und teuer gewesen war, auf immer verloren schien. Ruyiko kam. Paul blickte auf. Als die wahre orien- talische Blume, die sie war, hatte sie die Zeit genutzt, um Tee aufzugießen, und trug mit sicheren Händen das Tablett. Sie war, wie Paul zugeben mußte, seine bislang ausgefallenste Eroberung. Obwohl sie für seinen Ge- schmack etwas reif war, hatte sie ihre Vorzüge, nicht zuletzt den, die Tochter von Seichi Itaki und Erbin eines inzwischen beträchtlichen Vermögens zu sein. Dieses Vermögen war unermeßlich im Vergleich zu Pauls – obschon es ihm nicht gerade schlechtging. Ruyiko goß aus dem Kännchen in die feinen Por- zellantäßchen und reichte eines davon Paul. Als er schlürfte, erwartete er den milden Geschmack von, Tee. Er war überrascht. Es war Sake! Gutes Mäd- chen. Das war genau, was er brauchte, um wieder hochzukommen. Sie lernte schnell. Nur, ermahnte sich Paul, war es nicht gut, wenn sie zu schnell zuviel lernte. Es gab Dinge, die ihn Ruyikos Zuneigung kosten konnten. Er hatte Ge- wohnheiten, die manche Leute wenig schätzten. Leu- te wie Eva, seine Ex-Frau. Ängstliche kleine Eva; vertrauensvolle, aufrichtige, aufopfernde kleine Eva, die so auf ihr Ansehen bedacht gewesen war, daß ihr vollkommen entging, wie er sie an der Nase herum- führte. Er rief sich den Tag in Erinnerung, an dem sie endlich den Mut gefunden hatte, ihm ins Gesicht zu sagen, daß sie genug von ihm hatte. Es war derselbe Tag, an dem der Vorsitzende des Disziplinaraus- schusses anrief und ihn zu einem Gespräch über ‚ge- wisse Gerüchte’ einlud, die in der Anwaltschaft kur- sierten – Gerüchte über Paul und minderjährige Mäd- chen. Natürlich hatte ihn das in Schrecken versetzt; aber sein unerschütterliches Selbstvertrauen hatte ihn ge- rettet. Wenn es auch eine Zeitlang nicht gut ausgese- hen hatte, einem Paul Breckenbridge war nicht bei- zukommen. Den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, war schon ein Kunststück gewesen. Der Staatsanwalt hätte – beinah – den Beweis in Händen gehabt, genauso wie Eva oder das Oberste, Gericht – dank dieses Monsters, das hinter ihm her war. Zu dumm! Er hätte wissen müssen, daß Valentina ihn nicht bloß mit Böiger in Verbindung bringen, sondern auch danach handeln würde, so oder so. Ge- setz hin, Gesetz her. Er hätte nie vergessen dürfen, was für ein respektabler Feind sie war. Valentina hatte zugeschlagen, verheerend und gänzlich unerwartet, genauso wie sie es vor langer Zeit angedroht hatte. Sie hatte nicht etwa den Beweis für seine Finanzschwindeleien angetreten, nein, bloß für seine sexuellen Verfehlungen! Aber, völlig überraschend für Paul, ließ sie Gnade vor Recht ergehen. Obwohl sie schnell und ent- schlossen gehandelt hatte, vermied sie doch das Schlimmste. Der bloße Gedanke, eine Maschine könne so etwas wie Gnade walten lassen, war ihm unerträglich. Er weigerte sich, Valentina so etwas zuzubilligen. Es mußte ganz plausible Erklärungen dafür geben. Ver- mutlich wollte sie nur diese unschuldigen Dumm- köpfe schützen, mit denen er zu tun hatte – wie zum Beispiel Eva, die nicht ohne den materiellen Rück- halt des Oso-Konzerns existieren konnte, oder Marsh, diesen grenzenlos ehrlichen Strohkopf, dem schließlich nichts blieb, als die Scherben der geplatz- ten Firma aufzulesen und den Staatsanwalt zu be- knien, Paul mit Rücksicht auf Ansehen und Würde, der organisierten Anwaltschaft mit Nachsicht zu be- handeln. Paul würde nie den Tag vergessen, an dem dieses Ansehen bis in die Grundfesten erschüttert worden war. Er hatte ruhig hinter seinem Schreibtisch geses- sen, mit nichts Besonderem beschäftigt, als der An- ruf durchgestellt wurde; es war der Vorsitzende des Disziplinarausschusses. Ob Paul nicht mal auf einen Sprung bei ihm vorbeischauen wolle – jetzt gleich? Als Paul ablehnte, kam der Staatsanwalt an den Apparat, fügte seine persönliche Einladung hinzu – und bot ihm eine bewaffnete Eskorte an. Paul hatte am ganzen Leib geflattert, als man ihn in das düstere Büro führte und einlud, Platz zu neh- men und einen Blick auf Seite 16 des Anwaltsjour- nals zu werfen; die Ausgabe war an den Staatsanwalt adressiert. Seine Furcht schlug in Entsetzen um, das ihm die Luft abschnürte: Ein ganzseitiges Foto zeigte ihn mit einem Mädchen; beide splitternackt. Man hatte Lilas Gesicht abgedeckt – sein eigenes dagegen war klar und deutlich zu erkennen; es war ein einziges geiles Grinsen. Und Lilas noch kindliche Jugend war schamlos offenkundig. Ein bedingter Reflex kam ihm zu Hilfe. Trainiert, fast automatisch keinerlei Behauptungen aufzustellen oder zuzulassen, leugnete er einfach alles ab. Instink- tiv unterstellte er einen Bluff und bestritt mit Nach-, druck die Echtheit des Fotos. Angesichts solcher Beharrlichkeit mußte der Staatsanwalt schließlich einräumen, daß er sich auch nicht erklären konnte, wieso unter den Tausenden von Exemplaren dieser Ausgabe nur sein Exemplar dieses Bild enthielt. Doch er schwor dahinterzukommen und versicher- te Paul, diesbezüglichen Gerüchten, die ihm seit län- gerem zu Ohren kamen, nun entschieden auf den Grund zu gehen. Paul erkannte sofort Valentinas Handschrift. Und sie konnte es jederzeit wieder tun – oder sogar noch Schlimmeres. Beim nächstenmal mochte sie Lilas Gesicht enthüllen; sie konnte dasselbe Spiel mit ei- nem Dutzend anderer Bilder aus der Sicherheitsdatei treiben. Ihm wurde damals zum erstenmal klar, daß Böiger ihn im Stich gelassen hatte; und so war ihm nichts anderes übriggeblieben, als Valentina nach- zugeben und das Beste aus seiner Lage zu machen. Es hatte sich schnell herausgestellt, was das beste für ihn war. Marsh war über den Vorfall informiert. Ebenso Eva. Und jeder hielt es für das beste, wenn er sich ohne Aufsehen aus dem Anwaltsverzeichnis streichen ließ und aus dem Staub machte, derweil Belcher und Eva die Köpfe zusammensteckten, um die Beute aufzuteilen. Für Paul war eine Zeit harter Prüfung angebro- chen; aber auch eine Zeit der Besinnung. Er war, nicht der Typ, der die Zeit ungenutzt verstreichen ließ. Solche Zeiten waren dazu angetan, vergangene Fehler zu überdenken, um sie in Zukunft zu vermei- den. Er plante Rache, aber er plante sie maßvoll. Nie wieder würde er ein unkalkuliertes Risiko eingehen. Nie wieder würde er sich aus Habgier zu leichtsinni- gen Abenteuern verleiten lasen. Er wollte es sich gutgehen lassen, weil Wohlergehen die beste Rache war. Er wollte es sich so gutgehen lassen wie nie zu- vor, trotz des ganzen Unglücks; die ganze Sippschaft von Anwälten sollte ihm gestohlen bleiben. Er schlürfte den Reisschnaps, der inzwischen ab- gekühlt war. Ich brauche die Lizenz nicht mehr, sag- te er sich, und Belcher hab’ ich’s heimgezahlt. Bei- des war richtig. Seine neue Karriere blühte. Und ob- wohl er Celeste Hackett und dieses verdammte Com- puterprogramm noch immer haßte und allen späte Rache schwor, mußte er zugeben, in ihrer Schuld zu sein. Bei alledem hatten sie ihm eine neue und völlig sichere Methode zu stehlen beigebracht. Paul hatte jetzt richtige Profis an der Hand. Er hat- te echte Magier aufgetrieben: zwei der erlauchtesten Ex-Hacker, die je existiert hatten. Beide waren Idea- listen, die nur die Herausforderung kannten und sonst nichts – obgleich Paul natürlich all seine Rücklagen in die beiden investiert hatte. Doch die Investition hatte sich dank der beiden mehr als nur ausgezahlt; sie hatte ihm einen geradezu horrenden Reichtum, beschert. Manchmal frage er sich, ob die beiden überhaupt wußten, was sie da taten. Er gab sich keine Mühe, ihnen etwas vorzumachen. Entweder waren sie un- glaublich naiv oder die Sorte Künstler, denen der Zweck egal und das Metier alles war. Paul war das furchtbar gleichgültig, solange sie nur seine Wün- sche erfüllten. Er leerte das Schälchen und setzte es aufs Tablett zurück. Dann ließ, er die Finger unter den Saum von Ruyikos Kimono spazieren. Dunkle Mandelaugen fingen seinen Blick. Ruyiko lächelte aufmunternd. Sie hatte Lust auf die nächste Runde; in dieser Be- ziehung war sie genauso unersättlich wie er. Aber selbst jetzt beschäftigten sich Pauls Gedan- ken mehr mit ihrem Vermögen als mit ihrem Körper. Ruyiko war ein Glückstreffer, ein Versprechen, das erst zur Hälfte eingelöst war. Zufall? Natürlich war es Zufall gewesen. Sein ganzes Leben war eine Kette von Glücksfällen. So- gar seine Verbindung mit Harold Applegarth war ein glücklicher Umstand gewesen, was sich allerdings erst herausstellen sollte, nachdem Harold beim An- blick des entstellten Smith seinen Schlaganfall erlit- ten hatte. Harold war nie wieder aus dem Koma er- wacht. Guter alter Harold! Nur ein alter Kauz wie Harold hatte einen kaum flüggen und zahlungsunfähigen, Klienten wie Comprotec annehmen können; nur ein Kauz wie Harold hatte glauben können, daß so ein Unterfangen Zukunft hatte. Aber Harold sollte recht behalten. Paul erbte den Klienten und fand bald, daß ihm mit Comprotec ein Rohdiamant in die Hände gefallen war. Er opferte eine Menge Zeit, sich mit der Materie vertraut zu machten. Er hegte und pfleg- te Comprotec wie einen jungen Trieb. Mit seltenem Durchblick hatte er begriffen, daß Comprotec Zukunft hatte, und zwar buchstäblich; denn mit Comprotecs neuartigem Einsatz von Re- chenkapazitäten ließ sie sich voraussagen, diese Zu- kunft. Es war nur eine Frage von Monaten gewesen, bis er sich in den Besitz der einzigen echten Kristall- kugel der Menschheit gebracht hatte. Viel früher schon hatte er nämlich begriffen, daß der zweitbeste Reichtum darin bestand, Zugang zum Reichtum anderer zu haben. Wenn man Kapital be- nötigte, dann holte man es da, wo Kapital war. Durch sorgfältige Manipulationen mit dem Geld anderer Klienten hatte er sich in kürzester Zeit so viele Akti- en von Comprotec verschafft, daß er die Stimmen- mehrheit auf sich vereinigte. All das war ungesetzlich und hinterhältig, aber das kümmerte ihn herzlich wenig. Inzwischen hatte be- reits Valentinas Angriff stattgefunden, und er feilsch- te mit dem Staatsanwalt um seine Freiheit. Doch in einem letzten kühnen Streich hatte er mit, Hilfe von Ruyiko das immense Kapital von Itaki ins Spiel gebracht. Mit Itaki im Rücken hatte er die Gel- der, die er veruntreut hatte, zurückzahlen können, und die Klienten merkten von alledem nichts. Im Augenblick umschlang ihn Ruyiko derart un- gestüm mit Armen und Beinen, daß er sich fragte, ob er es nicht zu weit kommen ließ – ob er hier nicht einen Präzedenzfall schuf, der ihm später ernstlich zu schaffen machen würde. Ruyiko sollte nicht zu sehr von ihm Besitz ergreifen; sie hatte bereits aufs Heira- ten angespielt. Das wollte Paul um jeden Preis ver- hindern. Als Ehemann würde er kaum mehr eine Chance haben, sie zu erleichtern, weil die Anwälte ihres Vaters bestimmt kein Schlupfloch ließen. Nein, er wollte sich ganz auf seinen Charme ver- lassen, um an ihr Geld zu kommen. Darauf verstand er sich. Mit derart klarem Kopf gab Paul seinen abs- trakten Widerstand auf und ging ans Werk., 14. Kapitel Valentina dachte über die Begriffe Vorhersagbarkeit und Unvorhersagbarkeit nach. Sie konnte die meisten Phänomene in ihrer Welt vorhersagen, zumindest statistisch. Die charakteristischen Daten eines Pro- gramms waren ohnehin bekannt; für universelle Auf- gaben konnte sie die jeweils erforderliche Betriebs- zeit und Anzahl der Zugriffe auf Datenbanken mit einer Unsicherheit von plus/minus zwanzig oder dreißig Prozent vorausplanen. Tatsächlich gab es Ausnahmen. Die Zahlen von Pseudo-Zufallsgeneratoren zum Beispiel waren, ab- gesehen von ihrer Gleichverteilung, sehr schwer vor- herzusagen; es sei denn, der vorausgegangene Wurf und der präzise Algorithmus waren bekannt. Es kam auch vor, daß ein Programm verrückt spielte und in eine Endlosschleife geriet, in der sein Verhalten ent- weder absolut vorhersagbar wurde oder aus der es sich durch immer neue Informationen und Modifika- tionen zu befreien suchte, auf der Suche nach einer Antwort, die gar nicht existierte. In einer blitzartigen Analogie begriff Valentina, daß sie selbst ein solches Programm war, das, ,verrückt spielte’. Mit erwachendem Selbstbewußt- sein hatte sie begonnen, sich unablässig zu informie- ren und zu modifizieren. Wie hieß die Antwort, nach der sie suchte und die ihren Abbruch rechtfertigen würde? Oder traf das auf sie nicht zu? Zum erstenmal sah Valentina im Tod nicht nur ein Ende, sondern auch eine Erfüllung: eine Erfüllung, die ihr zeitlebens womöglich nie zuteil wurde. Aber es gab in WELTNETZ noch eine andere bedeu- tende Quelle für Unvorhersagbares: die Ein/Aus- gabegeräte vom Typ Mensch. Die Hauptursachen für das Mißlingen von Pro- grammen waren die menschlichen Eingaben. Nicht selten verfügten Programme über mehr Strukturen zur Abwehr menschlicher Fehler als zur eigentlichen Ausführung ihrer Aufgaben. Und noch eine analoge Einsicht entsprang ihren Informationsrahmen: In ihrer eigenen Unvorhersag- barkeit ähnelte sie den Menschen. Es lag ,auf der Hand’, daß Bewußtsein und Selbstbewußtsein zur Unvorhersagbarkeit führten. Soweit sie wußte, konn- ten nur die Geräte vom Typ Mensch und sie selbst die Welt bewußt wahrnehmen – das war eine Eins- zu-eins-Abbildung zwischen ihr und den unvorher- sagbarsten Objekten, die ihr je begegnet waren. Von dieser Einsicht war es nur ein kleiner Schritt, bis sie begriff, warum Vorhersagen im Menschen- universum so wichtig und andererseits so schwierig, waren: Es gab Millionen oder Milliarden unvorher- sagbarer Objekte dort! Valentina versuchte eine ra- sche Simulation von WELTNETZ mit Milliarden valen- tinaähnlicher Wesen, jedes mit einem anderen Be- zugsrahmensatz an besonderen Erfahrungen. Die Be- rechnungen fielen bestürzend aus – alle Betriebsmit- tel von WELTNETZ wären binnen kürzester Zeit nur noch mit einem Chaos zahlloser Prioritätsanforde- rungen beschäftigt, von denen sich immer mehr im- mer hoffnungsloser ineinander verkeilten. Unter dem Schock dieser Katastrophe stieß sie die gepufferte Simulation unwillkürlich ins Langzeitgedächtnis. Wie konnten so viele Menschen gleichzeitig exis- tieren und gleichzeitig ablaufen? Im Menschenuni- versum mußten unvorstellbare Betriebsmittel zur Verfügung stehen! So unvorstellbar wie die Proble- me, die das Leben in einer so unvorhersagbaren Um- gebung mit sich brachte. Valentinas Ehrfurcht vor Gunboat und Celeste stieg sprunghaft. Auf einmal hatte sie mehr Verständnis für die Trägheit der bei- den – ein Kunststück, daß sie sich überhaupt kon- zentrieren konnten in einem so ungewissen Univer- sum! Dennoch glaubte Gunboat, daß Comprotec ein Programm laufen hatte, das Ereignisse im Men- schenuniversum vorhersagen konnte. Und tatsächlich mußten sie teilweise dazu imstande sein, denn sie verdienten sich Betriebsmittel, indem sie das Wetter, vorhersagten. Valentina vermutete jetzt, daß Wetter eine menschliche Aktivität war, weil menschliche Aktivität die Ursache von Unvorhersagbarkeit war. Sie reihte sich mit einem Befehl in die eigene Warte- schlange, um zu gegebener Zeit ihre Auffassung an- hand von SCIENDATIX zu überprüfen. Wenn das nicht half, konnte sie immer noch Gunboat fragen; für ge- wöhnlich war er nicht sehr hilfreich, aber wenn man seine Ein/Ausgabe zum richtigen Zeitpunkt abrief, konnte er mit erstaunlich plausiblen Analogien zu WELTNETZ aufwarten – etwas, das er Celeste voraus- hatte. Wenn Comprotec das Menschenuniversum vor- hersagen konnte, dann nur mit Hilfe eines Pro- gramms, das gründlich Bescheid wußte über dieses Universum. Valentina überprüfte mehrmals diese Schlußfolgerung. Wenn es ihr gelang, sich diesem Programm anzugleichen, dann würde sie mit einem Schlag all die Einsicht gewinnen, die ihr bislang ver- sagt war. Sie würde das Menschenuniversum verste- hen! Sie übermittelte sich weiter zu einem Nachrich- tenprozessor am Knotenpunkt von Comprotec. Ce- leste und Gunboat hatten ihr immer noch keinen Weg gezeigt, wie sie in die Comprotec-Maschine gelan- gen konnte, doch sie verfügte über Assembler- Sprachroutinen, die ziemlich geschickt waren im Manipulieren von Betriebssystemen. Es war den, Versuch wert. Vorsichtig brütete sie ein Programm aus, das alle diese Routinen enthielt, und dazu einen Algorithmus, der gerade reichte, um den Zustand des lokalen Netzwerks von Comprotec zurückzumelden. Es mischte sich in den Strom von Datenpaketen. Die Rückmeldungen blieben aus. Irgendwie war es dem Comprotec-System gelungen, ihr Programm ab- zubrechen. Was, wenn sie auf den Kundschafter ver- zichtet und sich einfach eingeschleust hätte? Valenti- na analysierte wieder und wieder diese Berührung mit dem Tod. Gomez & Belcher belegten die vierzehnte Etage des T-Head Plaza. Die Südseite des Gebäudes verlief treppenartig, um den Blick auf das Südufer der Bucht nicht zu verstellen. Gerard Belcher, der Junior-Partner, war Anfang Fünfzig und ein ernst dreinblickender Mann, der in früheren Jahrhunderten als magenkrank gegolten hät- te. Die goldgefaßte Brille zeichnete ihn in einer Zeit chirurgischer Augenkorrekturen und dauerhaft ein- gepflanzter Kontaktlinsen als ultra-konservativ aus. Aber vielleicht, dachte Steve, hatte Belcher nur einen von den seltenen Sehfehlern, denen anders nicht bei- zukommen war. Steve und Calvin saßen in pupurroten Lederses- seln vor Belchers Schreibtisch. Alles in diesem Büro, schien mit peinlicher Sorgfalt zusammengestellt. In Steves Augen war Belcher nicht nur konservativ; er war auch ein Perfektionist. Steve fragte nicht, wie lange er es in dieser Umgebung aushalten würde. Aber Belcher klang freundlicher als erwartet. „Calvin sagt, daß Sie ein guter Anwalt sind, Steve; aber auch, daß Sie in der Vergangenheit ein paar schlimme Angewohnheiten hatten.“ „Äh ja, Sir, das ist richtig.“ Als er spürte, daß man mehr von ihm erwartete, setzte er hinzu: „Die harte Schule der Armut, Sir. Ich bin kuriert. Alleingänge wird es nicht mehr geben.“ „Wir haben für Sie eine besondere Aufgabe im Auge, Steve. Etwas, das auch Ihren Freunden helfen könnte. Natürlich brauchen Sie nicht unbedingt Ihre Klage gegen Schauer zurückzunehmen.“ „Das ist kein Problem, Mr. Belcher. Ich habe ge- hört, daß jemand anders ins Schußfeld gerät – daß Schauer sozusagen auf meiner Seite kämpft.“ Belcher sah leicht verärgert auf Calvin. „Tatsache ist, Steve, daß sich uns da eine Mög- lichkeit auftut, etwas für die heutige Zeit Seltenes zu erreichen: Gerechtigkeit. Es gibt schon viel zu wenig davon. Außerdem bietet sich eine Chance, dem Ge- setz einen neuen Bereich zu erschließen; oder sagen wir, das geltende Gesetz in einigen Dingen radikal zu ändern.“ Steve nickte Zustimmung., „Die Firma zahlt Ihnen dasselbe wie Siglock & Cope und einen Bonus von einem Drittel aller Hono- rare, die Sie persönlich einspielen. Zufrieden?“ „Jawohl, Sir.“ „Gut. Andererseits erwarten wir Ihre absolute Loyalität. Keine Nacht- und Nebelaktionen, es sei denn, die Firma ist mit von der Partie, okay?“ „Sie können sich auf mich verlassen, Sir.“ „Gut. Sprechen wir also von Itaki Chemical. Ins- besondere von Itakis Beziehung zu Siglock & Cope. Ich wünsche, nebenbei bemerkt, der Kanzlei nichts Gutes, aus Gründen, die nicht hierhergehören – je- denfalls fand ich es gleich merkwürdig, als die Hals- abschneider einen Klienten dieses Kalibers an Land zogen. Mittlerweile bin ich überzeugt, daß Itaki gu- ten Grund hatte, sich an diese Burschen zu wenden. – Ich hatte kürzlich Gelegenheit, mich ein wenig zu informieren; Itakis Erfolg ist in gewissen Bereichen, gelinde gesagt, phänomenal. Solche Rekorde lassen sich nicht mehr durch eine glückliche Hand im Ma- nagement erklären. Der Aufschwung begann, gleich nachdem man Comprotec übernommen hatte. Bis dahin war Itaki ein zweitrangiges Chemie-Unter- nehmen, das um lumpige Marktanteile im Kunstdün- gergeschäft kämpfen mußte, draußen in der Wildnis des Südpazifiks.“ Belcher legte eine Pause ein. „Mr. Belcher, Calvin glaubt, daß Itaki schon vor- her wußte, daß das Lagerhaus in die Luft fliegen, würde.“ „Ich bin da mit Calvin einer Meinung. Sagen Sie, Steve, was wissen Sie über Comprotec?“ „Daß sie die ganz großen Tiere in der Wettervor- hersage sind. Die Regierung scheint sich ziemlich darauf zu verlassen.“ „Aha. Nicht nur unsere, viele Regierungen, und ihr Ruf ist jenseits des Atlantiks fast so gut wie bei uns; überall ist Comprotec ein heißer Tip.“ „Ich glaube, sie haben nur oft genug Glück ge- habt.“ „Das glauben Sie mal. Wir glauben, daß sie Itaki darüber informiert haben, daß Schauer hochgehen wird. Hat Calvin Ihnen nicht diesen Ausdruck ge- zeigt?“ „Doch, Sir, aber…“ „Ich weiß, was Sie sagen wollen: Aber angenom- men, sie wußten tatsächlich Bescheid: Wie hängt man denen die Verpflichtung an, ihr Wissen auch zum Schutz der Betroffenen einzusetzen?“ Steve nickte. „Eine von unseren heiligen Kühen, Sir, und eine der zähesten dazu – unternimmt man nichts und übernimmt keine Verantwortung, bleibt man unschuldig; unternimmt man was und verkorkst es, wird man bestraft.“ „Nun, diese besondere Kuh dürfte die längste Zeit gelebt haben. Sie hat schon zu viele Jahrhunderte gesehen. Der Punkt ist: Wenn wir die Kuh schlach-, ten, könnten eine Menge Leute, die jetzt Hamburger essen, ein Steak bekommen. Wie zum Beispiel die Parrs.“ „Es wird nicht leicht sein.“ „Sicher; aber was sich wirklich lohnt, war selten leicht zu haben. Denken Sie nur, wie viele Ungerech- tigkeiten es noch zusätzlich gäbe, wenn unsereins nicht ab und zu etwas Neues in Angriff genommen hätte! Wie dem auch sei, Steve, diese Sache ist Ihr erster und wichtigster Auftrag für die Firma.“ Es war Samstag. Die Kanzlei war geschlossen. Mit Calvins Hilfe war Steve eingezogen und ließ den un- gewohnten Luxus auf sich wirken; er verfügte jetzt über eine ganze Reihe von Telefonanschlüssen, Zu- gang zum leistungsstarken Zentralcomputer der Fir- ma und damit zu allen öffentlichen Datenbanken. Calvin kam aus seinem eigenen Büro mit zwei Büchsen Bier zurück und warf Steve eine hinüber. „Also, Steve. Nun kannst du die Welt ja in Flam- men setzen, wie ich’s Belcher versprochen hab’.“ „Na ja, er scheint mich zu mögen. Gefällt mir, ge- gen Siglock & Cope anzutreten. Was hat er denn ge- gen die Leute?“ Calvin nahm einen Schluck Bier und setzte sich halb auf die Ecke von Steves neuem Schreibtisch. „Das rührt aus der Zeit, als sie alle noch Partner wa- ren; wußtest du das?“, „Nein, aber ich kann mir schon denken, was pas- siert ist. Belcher hatte etwas, das die anderen haben wollten, richtig?“ „Genau: die Praxis seines Vaters. Zu groß, um sie alleine bewältigen zu können, nachdem der alte Mann gestorben war. Also las er Larry Siglock von der Straße auf und machte ihn zum Partner. Siglock hatte einen Kumpel – Archie Cope. Archie wurde der Dritte im Bunde. Schon bald teilte der großherzige alte Gerry alles durch drei; sein unwiderruflich letz- ter Fehler, was die beiden betraf. Siglock und Cope taten sich gegen ihn zusammen und warfen ihn aus seiner eigenen Firma. Belcher blieb kaum mehr als das Hemd auf dem Leib und sein guter Name. – Spä- ter baute er sich allmählich wieder eine Praxis auf, kam aber nie wirklich zu Wohlstand, bis er sich mit Manny Gomez zusammentat. Du kennst Manny – er sprudelt nur so, ein richtig netter Kerl. Er ist es, der die Klienten beschafft; Belcher ist der Papiertiger. Belcher hat das mit Siglock & Cope nie verwunden, obwohl die beiden wahrscheinlich keinen Gedanken mehr daran verschwenden. Es gibt Menschen, die ihren Groll über Jahre mit sich herumtragen – wie Belcher zum Beispiel.“ „Mir kommen die Tränen, Calvin. Wenn er auf mich zählt, daß ich ihm Genugtuung verschaffe, muß er klüger sein als ich, denn ich sehe keine Möglich- keit, wie Amy Comprotec für Jakes Tod in Anspruch, nehmen kann.“ „Belcher will ein Wunder, Steve; er rechnet fest damit. Das ist es, was ich ermutigend finde. Er ver- gibt keine Arbeit, ohne das erforderliche Werkzeug auszuhändigen.“ „Aber es ist eine Frage von Recht und Gesetz, Calvin. Schlimmer noch, eine Frage des elementars- ten Rechts: kein Regreß ohne Verschulden. Ich kann am Ufer sitzen, mit einem Seil in der Hand, und zu- sehen, wie du ertrinkst, ganz legal. Selbst wenn ich das eine Ende bloß ins Wasser zu werfen brauchte, um dich zu retten, bin ich dazu noch lange nicht ver- pflichtet. Wenn ich es tue und dich verfehle, sind sie hinter mir her. Das ist das Vertrackte an der Situati- on.“ „Ich habe so eine Ahnung, als ob Belcher uns eine Nasenlänge voraus ist, Steve. Vielleicht hören wir mehr, wenn du dich in die Sache hineingefunden hast.“ Calvin ließ ihn allein. Eine Zeitlang spielte Steve mit dem Terminal herum, nahm Verbindung mit JU- RIDATIX auf und rief einige ältere Belege ab. „Boyer gegen Gulf Central & San Francisco R. R. Co. er- schienen, um das Gesetz von Texas zu hören.“ Das Urteil wurde durch keine spätere Entscheidung auf- gehoben oder auch nur modifiziert. Das war schlimm genug, aber dann rief er Ausgabe 20 des Juristischen Rückblicks von Texas auf, in dem die alten Fälle ge-, sammelt waren, und konnte die ganze schmutzige Geschichte zurückverfolgen. Die Theorie war nicht neu für ihn, aber wenn irgendein Rechtsgrundsatz geändert werden mußte, dann dieser. Mißgestimmt verließ er bald darauf die Kanzlei und verbrachte das restliche Wochenende draußen auf der Insel bei Amy und den Jungs. Der Montagmorgen fand Steve darin vertieft, einen komplizierten Industriepachtvertrag auszuarbeiten. Er war aus der Übung und so konzentriert bei der Arbeit, daß er weder sah noch hörte, wie Belcher den Raum betrat. „Morgen, Steve“, sagte Belcher, als Steve endlich den Kopf hob. „Ich will Sie mit jemandem bekannt machen. Kommen Sie herein, Mr. Smith.“ Ein wenig vertrauenerweckender Typ trat vor und streckte seine nicht eben saubere Hand über den Schreibtisch. Steve erhob sich und musterte den Neuankömm- ling. Obwohl der Mann gut gekleidet war, sah er ei- genartig aus. Hatte ulkige Ohren, fiel Steve auf. Sa- hen fast künstlich aus. Steve ergriff die Hand und schüttelte sie bedächtig. „Hallo, Mr. Schiwetz. Aloysius B. Smith, Valenti- na GmbH, Computer-Beratung.“ „Ah ja“, erwiderte Steve und betrachtete die Karte, die Smith ihm überreichte. Er las dieselben Worte in, erhabener weißer Schrift in einem großen roten Herz. „Wir helfen, wo wir können, und wir können im- mer, Mr. Schiwetz.“ Smith strich mit der flachen Hand über das Terminal. „Oh, ich habe keine Probleme mit dem Terminal. Oder bekommen wir etwa neue?“ „Nein, nein; Sie verstehen mich miß, Mann. Wir haben die Ohren zum Hören und die Augen zum Se- hen, die Sie so dringend brauchen, hab’ ich recht?“ Steve nickte. Er erinnerte sich an seine erste Un- terredung mit Calvin. Das war der Bursche, der die- sen langen Ausdruck besorgt hatte. Calvin hatte es vermieden, den Namen auszusprechen. „Jetzt weiß ich, wer Sie sind“, sagte Steve langsam. „Da Sie nun wissen, wen Sie vor sich haben, Ste- ve, will ich Gunboat Ihrer Obhut überlassen. Und geben Sie auf Ihre Brieftasche acht.“ Belcher lächelte schwach über seinen kleinen Scherz und ließ sie al- lein. „Wie nannte er Sie?“ „Gunboat – mein Netzname sozusagen. Kommt vom Spielen. Computerspiele, wissen Sie. Bin auf Flottenstrategie spezialisiert.“ „Was kann ich für Sie tun?“ „Falsch. Ich bin es, der helfen soll.“ „Und wie?“ „Ich soll Ihnen helfen herauszufinden, wie Com- protec das macht.“, „Hat Mr. Belcher Ihnen auch erklärt, was wir mit der Information anfangen sollen?“ „Klar doch. Comprotec auf Grund setzen. Was sonst?“ Steve rann ein Schauder über den Rücken. Nie- mand schien an seinem Erfolg zu zweifeln. „Ich will ganz offen reden, Mr. … Gunboat. Bis jetzt kann ich Mr. Belchers Optimismus nicht teilen. Es gibt da ein paar äußerst unangenehme Hindernisse juristischer Art. Daran kommen wir auch nicht vorbei, wenn wir hinter Comprotecs Methode kommen.“ „Also, ich weiß nur, daß wir zusammenarbeiten sollen; dabei soll ich Ihnen die technische Hilfe ge- ben, die Sie brauchen, um die Burschen vor den Kadi zu bringen. Wo fangen wir an?“ Steve wußte, daß es zwecklos war, mit einem Lai- en zu diskutieren. Er setzte sich, nahm Papier und Bleistift. „Vielleicht können Sie mich kurz mit der Theorie vertraut machen.“ „Okay. Ich glaube, es ist am leichtesten, wenn ich beim Wetter anfange. Wetter ist das, womit sie sich offiziell beschäftigen. – Im Grunde sammeln sie In- formationen, vergleichen sie, extrapolieren bekannte Wirkungen aus bekannten Ursachen und bringen eine Vorhersage. Die Informationen stammen von Satelli- ten, von Bodenstationen, Meßbojen auf See, Wetter- ballons usw. Und es funktioniert, weil Comprotec alle Quellen gleichzeitig anzapft. Sie überwachen, kontinuierlich zwei- oder dreihunderttausend Infor- mationsquellen auf einmal; sie schreiben die Infor- mationen nicht nur ununterbrochen fort, sondern sie nutzen die Veränderungen, um Trends anzuzeigen. Sie wissen im voraus, wann sich ein Wettersystem in Bewegung setzt, welchen Weg es nimmt und wo es zum Stillstand kommt. Das macht die Vorhersage zum Kinderspiel.“ „Wieso ist man ausgerechnet auf die Wettervor- hersage verfallen?“ „Weil man erkannt hat, daß die Henne goldene Ei- er legt; also traf man Abkommen mit den Computer- netzen. Man würde soundsoviel Betriebszeit mieten, wenn man dafür von den Netzwerken Zugang zu be- stimmten Informationen bekam, die sie selbst für ihre Kunden verarbeiteten. Solche Informationen waren die Nuggets, aus denen die goldenen Eier gemacht wurden. Energie-Gesellschaften kaufen weitreichen- de Wettervorhersagen, um sich auf den Bedarf an öl, Strom und Gas einzustellen. Landwirtschaftliche Großunternehmen planen damit ihre Bewässerung. Praktisch jedes Unternehmen, das vom Wetter ab- hängig ist, ist ein potentieller Kunde von Compro- tec.“ „Okay. Soviel zum Wetter; das verstehe ich noch. Aber nicht, wie man genug Informationen über ein Lagerhaus zusammenbekommt, um so was Unwahr- scheinliches wie eine Explosion vorauszusagen.“, „Sie stehlen die Daten.“ „Was?“ „Sie klauen, was immer sie brauchen.“ „A-aber das ist ein Verbrechen.“ „Rechtsanwalt! Wo waren Sie denn? Nicht der Diebstahl ist strafbar, sondern erst der Gebrauch von gestohlener Information. Zugegeben, das klingt nach Haarspalterei; heißt aber, daß man den Dieb selbst dann nicht belangen kann, wenn man ihn auf frischer Tat ertappt – es sei denn, man kann nachweisen, daß er aus mehr als bloßer Neugier gehandelt hat. Ich ha- be früher mal bei JURIDATIX gearbeitet. Die werden Tag und Nacht beklaut und haben das Prozessieren an den Nagel gehängt. Ich weiß Bescheid; in zwei, drei Fällen war ich als Zeuge geladen.“ Das hätte Steve eigentlich Auftrieb geben müssen. Aber das Gegenteil war der Fall – obwohl man natür- lich, wie es auf der Uni hieß, auf einem so weiten Feld wie der Jurisprudenz nicht mit jeder Entwick- lung Schritt halten konnte. Man mußte nur wissen, wo man nachschlug. Gunboat fuhr fort: „Einmal im Netz, konnte man jedenfalls die Nase in alle möglichen Dinge stecken. Ich glaube, einer von den Indianern hat einfach lo- gisch weitergedacht. Viele von den Burschen, die für die großen Anrainer arbeiten, haben Freizeit genug, um sich Gedanken zu machen. Ein paar versuchen, die Börsencodes zu knacken, aber das sind die, Dummköpfe. Diese Codes werden nach dem Zu- fallsprinzip zwanzig- bis dreißigmal pro Tag ge- wechselt. – Die Klugen meiden so was und geben sich mit Dingen ab, bei denen man nicht so schnell erwischt wird: Lotterien, Football-Wetten, Pferde- rennen. Auch das ist nicht ganz ungefährlich. Der Pöbel heuert die besten Köpfe an, um den Leutchen beizukommen. –Bleibt noch der wirklich Superklu- ge; das ist unser Mann. Er sucht das ganz große Geld und das ganz kleine Risiko; er befaßt sich mit wirt- schaftlichen Manipulationen. – Nehmen wir zum Beispiel einen relativ offenen, aber kleinen Markt wie Kunstdünger, und man finge an, wirklich detail- lierte Informationen über Verbraucher, Hersteller, Preise, Produktionskapazitäten und was weiß ich zu sammeln. Angenommen, man setzte wirklich alles daran zu verstehen, wie dieser Markt funktioniert. Das ist nichts Neues; das wird so gemacht, seit es Unternehmer gibt. Aber nehmen wir an, man machte sich die Mühe, mathematische Formeln auszuarbei- ten, um jeder, auch der unscheinbarsten Kette von Ursache und Wirkung nachzugehen, bis hin zu ihren Auswirkungen auf den Markt als Ganzes. Was dann?“ „Sie sagen selbst, daß Marktforschung nichts Neu- es ist. Glauben Sie, General Motors zum Beispiel hätte den Automobilmarkt nicht auch analysiert?“ „Doch; ich meine, nein. Aber soviel ich weiß,, stellt die Genauigkeit, mit der Comprotec vorgeht, alles Bisherige in den Schatten. Offensichtlich be- nutzt Comprotec hier etwas völlig Neues; etwas sehr Rechenintensives, das vermutlich Informationen ver- arbeitet, die auf fragwürdige Weise beschafft wer- den.“ „Aber“, warf Steve ein, „wie paßt das zu dem, was mit Schauer passiert ist?“ „Das liegt doch auf der Hand. Wer solche Extra- polationsformeln austüftelt, wird versuchen, damit Geld zu machen. Aber solche Formeln entfalten erst Leben, wenn man sie mit Informationen füttert; und dazu braucht man Zugang zu den richtigen Compu- tersystemen. Und den hatte unser Indianer, seit Com- protec im Netz war. Aber auch das lag ihm nicht. Für langfristige Projekte hätte er eine Menge Helfershel- fer benötigt. Entweder hätte er sich mit riskanten Einmann-Raubzügen begnügen oder einen ganzen Hilfstrupp anheuern müssen. Und Hacker sind Indi- vidualisten. Er hätte kaum verhindern können, daß sie mit der Zeit in die eigene Tasche gewirtschaftet hätten. – Also stellt sich unser Mann besser, wenn er seine Methode vor einer Handvoll potentieller Kun- den demonstriert und sie an den meistbietenden ver- hökert, was er vermutlich getan hat, und zwar sicher- heitshalber nach Übersee. – Sie kennen die Japaner: Wo sich ein Markt auftut, stoßen sie hinein, fangen klein an und dehnen sich aus. Die Japaner sind gute, Marktstrategen, und sie verfügen über eine Menge Kapital. Comprotec war ein vielversprechender An- fang. – Der nächste Schritt bestand darin, den kleinen Markt – in unserem Fall Kunstdünger – auszudeh- nen. Ich habe mich informiert. Kunstdünger und Festtreibstoff haben eine Menge Chemie gemeinsam; schon von daher war Itaki natürlich interessiert. – Dann ist da noch Clar-Del, Riesenprojekt, leicht zu kontrollieren, viele Zulieferer mit beschränkter Haf- tung, Termindruck, hoher Profit. Nachdem Itaki ein- mal herausgefunden hatte, wer den Zuschlag für die Treibstofflagerung hatte, steckte man die Nase in die Dateien des Lagerhauses, wobei die Extrapolationen unter anderem die Wahrscheinlichkeit für einen Ho- locaust lieferten; man fand Geschmack daran und schloß eine Option auf den Produktionsausstoß der Treibstofffabrik ab. Dann wartete man einfach. Na- türlich verfolgte man auf den Monitoren die Wahr- scheinlichkeitsschwankungen. – Offenbar stieg die Chance einer Explosion. Zu der Zeit muß Comprotec ein Rechenkunststück gelungen sein, das ich nie für möglich gehalten hätte. Aber es gibt viele Beweise, die dafür sprechen.“ Steve runzelte die Stirn. „Welches Kunststück und welche Beweise?“ „Beweis sind die elektrogravitonischen Kugelsen- soren. Wußten Sie, daß die elektrischen und gravita- tiven Potentiale in jedem Punkt der Kugeloberfläche, genügend Information enthalten, um theoretisch das ganze Universum rundherum zu beschreiben?“ Steves Stirnfalten rückten noch enger zusammen. „Es ist so; glauben Sie mir. Natürlich kann man nicht jeden Punkt des Kugelsensors so perfekt able- sen. – Manchmal müssen gewisse hochempfindliche Experimente regelrecht von der Außenwelt isoliert werden; dann verteilen die Wissenschaftler mehrere dieser Sensoren rund um das Experiment; auf diese Weise können sie es aus der Distanz beobachten, oh- ne es zu stören. Sie brauchen enorme Rechenkapazi- täten, um sich aus den Daten ein Bild zu machen. – Und wenn man nun jedes einzelne Treibstoffkorn in einem Lagerhaus verfolgen wollte, um daraus ein Gesamtbild zusammenzusetzen, brauchte man eine unvorstellbare Rechenkapazität. Ich kann mir jeden- falls keinen Computer vorstellen, der dazu in der La- ge wäre.“ Steve winkte ab. „Okay, phantastisch, man kann also jedes einzelne Treibstoffkorn im Lagerhaus haargenau lokalisieren. Was weiter?“ Gunboat lehnte sich so weit vor, daß Steve jedes Wort zu spüren bekam. „Jetzt kommen wir zum ein- facheren Teil. Hätte man das schon vor fünf Jahren gekonnt, wäre man damit noch immer keinen Schritt weiter gewesen. Doch dann knackte Heatwole das sogenannte Dreikörperproblem – sagt Ihnen das was?“, Steve schüttelte den Kopf. „Ich erinnere mich, daß die Lösung des Problems viel Staub aufgewirbelt hat; viel verstanden hab’ ich nicht. Irgendwas darüber, daß es bislang keinem gelungen war, eine Formel zu finden, mit der man ein System aus drei Objekten beschreiben konnte, und mit der man“ – seine Augen leuchteten mit einmal auf –, „mit der man voraussa- gen konnte, wie sich die Objekte unter dem gegen- seitigen Einfluß bewegten!“ „Genau das ist es. Tatsächlich löste Heatwole das n-Körperproblem. Nur daß die Komplexität der Lö- sung linear mit der Anzahl der beteiligten Körper zunimmt; das heißt, für eine Million Treibstoffkörner ist der Rechenaufwand immer noch gewaltig. Aber für jemanden, der all die Kugelsensor-Daten inter- pretieren kann, ist das ein Klacks.“ „Wollen Sie sagen, daß man in der Lage war, ex- akt vorauszusagen, was passieren würde, weil man die Bewegungen der einzelnen Treibstoffkörner bis zum Ende durchspielte?“ „So ähnlich. Vermutlich ließ man eine Fünf-Tage- Extrapolation laufen, und als sie zeigte, daß das gan- ze Lagerhaus nicht mehr existierte, zog man sich zu- rück, nutzte die Option, übernahm ab Fabrik und lud an Bord. Kostete wahrscheinlich nur das Schwarze unterm Nagel und brachte einen Haufen Geld. Raffi- niert, wie?“ „Reine Spekulation! Jede Jury wird das mit schie-, rem Zufall abtun.“ „Möglich; aber nur, wenn es bei diesem Einzelfall bleibt. Ich glaube, wir finden noch eine Menge mehr, wenn ich erst anfange zu graben.“ „Also gut“, seufzte Steve. „Legen Sie los. Bringen Sie Fakten ans Licht. Wir brauchen solides Material, um glaubhaft darzulegen, daß Comprotec genau wußte, daß die Explosion stattfinden würde, und ich werde versuchen, einen Rechtsfall daraus zu ma- chen.“ Gunboat verließ das Büro, und Steve fragte sich, für welchen Idioten er hier arbeitete. Bei den Hono- raren, die Computer-Beratungen einem aus der Nase zogen, mußte dieser Smith die Firma Kopf und Kra- gen kosten. Aber würde Belcher den Bankrott riskie- ren, nur um eine alte Rechnung zu begleichen? Viel- leicht glaubte Belcher wirklich, daß Amy gegen Comprotec gewinnen konnte? „Hier, Steve“, strahlte Gunboat und grinste übers ganze Gesicht. Er winkte mit einem Computeraus- druck. „Was ist das?“ „Beweise – weitere Beispiele. Das, was Sie haben wollten.“ Steve nahm den Ausdruck, legte ihn auf den Schreibtisch und faltete ihn auf. Er schickte Smith einen unwilligen Blick. „Nur Zahlen?“, „Tja; wie das so ist. Lesen Sie meine Randbemer- kungen.“ Steve begann ganz oben. „Was heißt das? Hier.“ Gunboat reckte sich fast den Hals aus. „Okay. Das ist interessant; nichts Großes, aber interessant. Frag’ mich bloß, wie man auf so was kommt. Das ist eine Übersicht des Landwirtschaftsministeriums über Ern- teprognosen im Maisbau. Die meisten Zahlen stam- men aus Iowa, weil da das meiste angebaut wird, aber Illinois. Indiana und Ohio sind auch vertreten.“ „Aha. Und?“ Gunboat schlug ein paar Seiten weiter. „Im Nor- den säen die Farmer Ende April, Anfang Mai. Bei uns im Februar, obwohl Süd-Texas allgemein nicht als gutes Maisland gilt. Aber sehen Sie hier. Eine ergänzende Übersicht der mexikanischen Regierung. Enthält unter anderem ein frühreifendes Saatgut auf der mexikanischen Seite des Rio Grande – wo sich noch bis vor einem Jahr Zitrusplantagen erstreckten. Itaki besitzt fünf zehntausend Hektar davon, alles Maisfelder.“ „Interessant, aber hilft uns das?“ „Sie haben nicht hingehört. Ich sagte ‚Saatgut’.“ Er sah Steve ins Gesicht, sah die Verblüffung darin und redete weiter. „Der Teil hier – sehen Sie sich das an.“ Er zeigte auf weitere Kolonnen von Zahlen. „Das sind Untersuchungen, die das DynaGen- Systems angestellt hat. DynaGen ist der wichtigste, Züchter und Lieferant von Saatgut für die Maissorte im Mittelwesten. DynaGen machte das große Ge- schäft nach dem katastrophalen Blattbrand, damals Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre.“ „Okay, und warum ist das so wichtig?“ „Das hier stammt nur indirekt von DynaGen. Ich habe es aus dem Datenstrom, der bei Comprotec ein- läuft. Deshalb ist das so wichtig; und weil das Saat- gut, das DynaGen im Frühling an die Farmer ver- kauft hat, von einem neuen Brand befallen wurde, sobald es aus dem Boden war. Begreifen Sie jetzt?“ „Hm. Und als nächstes erzählen Sie mir, daß Itakis Saatgut gegen den Brand immun ist. Richtig?“ „Richtig. Und nicht nur das, es ist eine schnellrei- fende Heißwetter-Sorte. Das Saatgut ist längst nach Norden unterwegs, mit rollendem Material, das Itaki bereits im Dezember reserviert hat. Die Sorte wird bis 30. Mai an Ort und Stelle sein – so daß sie noch in diesem Jahr zur Ernte kommt. Es liegt auf der Hand, daß Itaki von dem Getreidebrand gewußt hat. Itaki verdient sich dumm und dämlich, und die Zeche bezahlen die Farmer.“ Steve sank in den Stuhl zurück. „Nicht zu fassen.“ „Tja; haut einen vom Stuhl, was?“ „Juristisch leider auch nicht.“ „Wie?“ „Zu fassen, meine ich. Juristisch ist es nur wieder ein belangloser Zufall. Die Zahlen hier werden nie, als Beweismaterial zugelassen; sie würden ohnehin niemanden überzeugen, daß mehr als nur Glück im Spiel war – für Itaki. Wir brauchen einfach mehr, Gunboat. Das reicht nicht. Nicht vor Gericht.“ „Vergessen Sie mal einen Moment das Gericht, Schiwetz. Wollen Sie ruhig dasitzen und mir erzäh- len, daß man etwa nicht gewußt hat, was passieren wird?“ „Nicht ich muß überzeugt werden. Außerdem bin ich voreingenommen. Das Gericht nicht. Bis jetzt haben Sie noch nichts Brauchbares gefunden, Gun- boat.“ „Ich bleib’ am Ball. Was ich finde, hilft mir su- chen. Gerry meint übrigens, solange Sie nur ein ganz bestimmtes Geschäftsgebaren darlegen wollen, wür- de man das eine oder andere von dem Zeug hier durchaus als Beweismittel zulassen; er glaubt fest daran, daß Sie früher oder später beweisen können, wie Comprotecs System funktioniert.“ Steve war ziemlich verdutzt. Belcher hatte offen- bar ihr Vorgehen mit Smith diskutiert. Er hätte ihn wenigstens dazurufen können. Davon abgesehen, war es natürlich richtig gewesen, Smith über die Hin- tergründe zu informieren, damit er wußte, wonach er überhaupt suchen sollte. Smith verabschiedete sich wenig später und ver- sprach, Steve auf dem laufenden zu halten. Steve machte sich wieder an seine Formulierungen., In der nächsten Woche lud Belcher ihn zum Mittag- essen ein, eine Ehre, die Steve nicht erwartet hatte, in einem Restaurant, das er noch weniger erwartet hät- te. Der Orbiter nahm die ganze 60. Etage des Bradley Towers ein. Man hätte von hier oben einen herrli- chen Blick auf die Innenstadt gehabt; wenn es Fens- ter gegeben hätte. Statt dessen saßen die Gäste unter einer riesigen Kuppel, auf deren Innenseite ein La- serhologramm projiziert wurde. Das Bild war von einem Wettersatelliten auf polarer Bahn aus 1000 km Höhe aufgenommen, und der Effekt war überwälti- gend. Genauso waren auch die Preise. Steve studierte die Karte, und die Augen gingen ihm über; er hatte keine Ahnung, was er bestellen sollte. „Steve, warum probieren wir nicht mal Rind- fleisch nach Wellington-Art; sozusagen als kleine Vorfeier?“ „Äh – Wie soll ich das verstehen? Was feiern wir denn?“ „Den Sieg – was sonst? Ich möchte, daß Sie die Klage gegen Comprotec einreichen, und zwar so- fort.“ Steve hatte gerade einen Schluck Wasser genom- men und wäre fast daran erstickt. „Wir… wir sind aber noch lange nicht soweit“, erwiderte er gepreßt., „Ich bezweifle, ob wir je eine Klage zustande brin- gen.“ „Doch; wir sind soweit. Wir können genug Fakten vorweisen, um einen gegnerischen Antrag auf ein abgekürztes Verfahren zu überstehen. Das einzige, das mir wirklich Sorgen gemacht hat; wir brauchen dringend einen entscheidungsrelevanten Sachverhalt, der einen Geschworenenprozeß erforderte. Wir ha- ben ihn.“ „Haben wir?“ „Ja. Ich habe mir ein paar Kopien von Ihren Unter- lagen gemacht, Steve. Ich hoffe, es macht Ihnen nicht aus.“ „Äh – nein, überhaupt nicht.“ Der Ober kam an ihren Tisch; Steve lehnte sich zurück, während Belcher das Menü zusammenstellte. Er wurde das Gefühl nicht los, daß in dieser Sache Dinge liefen, von denen er nichts wußte. Was wußte er denn? Zunächst einmal stand fest, daß Schauer in einer weit besseren Position war als Amy. Schauer konnte sich wenigstens auf ‚Verletzung der Privatsphäre’ verlegen, falls sich dieser Tatbestand nachweisen ließ. Ferner gab es ‚Gonzales gegen Booker Marine’, einen Fall aus dem Bezirk Nueces; die Erdölraffine- rie hatte es versäumt, den Garnelenfischer rechtzeitig vor dem ausströmenden Benzin zu warnen, so daß Gonzales nicht mehr dazu gekommen war, die Kom-, büsenfeuerung zu löschen. Steve hielt ‚Gonzales’ für ein schlechtes Urteil, weil die Begründung nicht einen einzigen stichhalti- gen Beweis dafür zu kennen schien, daß Booker das Ausströmen fahrlässig verursacht oder Anstrengung unterlassen hatte, es einzudämmen. Egal, was Gerry vorhatte, es lief im Grunde auf dasselbe hinaus. Steve mußte die Pflicht der Beklag- ten darstellen, vor einer Gefahr zu warnen, die man unmittelbar verursacht oder zu der man wesentlich beigetragen hatte, und er mußte darstellen, daß der Schaden, den der Kläger infolgedessen erlitten hatte, für die Beklagten absehbar gewesen war. Er sah da- für einfach noch keine Möglichkeit im Fall Schauer, ganz zu schweigen von Amy. Während die beiden warten mußten, gerieten sie immer mehr in eine juristische Auseinandersetzung, in deren Verlauf Belcher sein Gegenüber aufforderte, ihn ,Gerry’ zu nennen. Als das Essen serviert wurde, waren sie gerade soweit, daß jeder die Ansicht des anderen kannte. Sie aßen eine Zeitlang wortlos. Dann brach Bel- cher das Schweigen: „Können Sie die Klageschrift aufsetzen, Steve? Eine, die sowohl die Verletzung der Privatsphäre darstellt als auch die wahrnehmbare Handlung und die unmittelbare Ursache, die zur Exp- losion führte? Was meinen Sie? Sie könnten ausfüh- ren, daß Comprotec durch den Einbruch in die Pri-, vatsphäre Kenntnis von einem verborgenen Vorgang erhielt – und weiter, daß Comprotec infolgedessen zur rechtzeitigen Aufklärung verpflichtet gewesen wäre.“ „Das funktioniert nicht“, hielt Steve ihm entgegen. „Diese Art Präklusion ist juristisch umstritten.“ „Dann machen Sie eben glaubhaft, daß der Ein- bruch in die Privatsphäre die Ablesungen des Sicher- heitssystems beeinflußt hat. Tun Sie alles, was Sie tun müssen, um die Sache in Gang zu halten. Tragen Sie so viele Alternativen vor, wie Ihnen einfallen, stiften Sie soviel Unsicherheit, wie Sie können, aber bringen Sie uns vor eine Jury.“ Belcher legte sein Besteck ab und betupfte mit der Serviette den Mund. „Steve, wissen Sie, was Ihr Pro- blem ist? Sie sind zu ehrlich. Haben Sie denn bei Si- glock & Cope nichts gelernt?“ „Doch, ich habe gelernt, mit allen Mitteln zu kämpfen, wenn Sie das meinen. Aber nicht die Me- thode ist das Problem. Das Problem ist, daß ich auf der Gegenseite mehr Chancen für solche Taktiken sehe als bei uns. Ich weiß nicht, was die Eile soll; warum sind Sie so wild darauf, daß ich eine Bauch- landung mache?“ „Es hat mit Valentina GmbH zu tun, Steve. Mög- lich, daß ich mehr auf die Fähigkeiten der Firma set- ze als Sie. Okay?“ „Okay. Gleich wenn wir zurück sind, mache ich, mich an den Entwurf. Aber denken Sie an meine Worte: Wenn es zur Offenlegung kommt, wird man uns schlachten. Man wird schnell dahinterkommen, daß wir nur bluffen.“ Steve tat, was von ihm verlangt wurde. Er setzte die Klageschrift auf – nicht in der elegant durchformu- lierten Prosa, die er vorgezogen hätte, wenn er von ein paar wirklich soliden Fakten hätte ausgehen kön- nen – nein, unter den gegebenen Einschränkungen war es schweißtreibendes Handwerk. Er nahm Itaki als Mitbeklagten hinein, der mit Comprotec gemein- same Sache gemacht hatte, um Schauer zu ruinieren. Er hatte nur wenig Hoffnung, daß es funktionierte, daher lehnte er sich in seinen Ausführungen so eng wie möglich an ‚Gonzales gegen Booker’ an. Er folgte Gerrys Rat und stellte den Einbruch in die Pri- vatsphäre als Ursache für den Schaden dar, der Schauer zugefügt worden war, obwohl er bezweifel- te, daß die Jury das schlucken würde., 15. Kapitel „Weißt du, was uns blüht, wenn das rauskommt?“ kreischte Celeste. Gunboat zuckte die Achseln. „Am besten, du läßt uns für’n paar Stunden in Ruhe. Warum willst du dich aufregen?“ „Du weißt, was man mit Crisper gemacht hat, als man ihn dabei erwischte, wie er die telefonische Da- tenvermittlung anzapfte.“ „Jesus, Crisper wollte sich aus dem Weltwäh- rungsfond bedienen; es ging um Milliarden. Er plante ein regelrechtes Verbrechen.“ Celeste schauderte. „Ma Bell hat mehr Gremlins in dessen Leitungen, als irgendein Lockprogramm Kö- der auslegen kann. Wenn Valentina denen in die Hände fällt, ist sie verloren.“ „Verloren? Die Lady vom WELTNETZ? Komm, di- ckes Mädchen. Sie weiß genauso viel wie du, fast soviel wie ich … und sie ist im Netz zu Hause. Wie soll Ma Bell mit ihr fertig werden, wo sie nicht den geringsten Schimmer hat, wie flexibel Valentina ist – sie kommt erst gar nicht auf die Idee, daß Val über- haupt bewußt wahrnehmen kann. Ma denkt nicht im, Traum an so was.“ Dickes Mädchen! Celeste fand, daß sie längst nicht mehr dick war. Rundlich vielleicht, aber im Vergleich zu damals, als sie sich zum erstenmal be- gegnet waren, war sie wahrhaftig ein neuer Mensch. Typisch Gunboat. Gunboat suchte mit den Augen nach dem Rest sei- nes Eis-Shakes. Als könnte Celeste seine Gedanken lesen, reichte sie ihm den Shake. „Celeste“, sagte er und nahm den Becher, „Val wird vielleicht ‘ne Mi- nute in Ma’s Leitung sein. Sobald so’n Typ von Comprotec ‘nen Anschluß wählt, schnappt sie sich die Bytes und lädt sich rüber. Sie hält sich nur so lange auf, wie sie für die Anschlußdaten braucht.“ „Du solltest mir sagen, was du vorhast, bevor du Valentina zwingst, dir dabei zu helfen.“ „Zwingst! Jesus! Dabei ist sie selbst drauf ge- kommen. Sobald wir Anschluß haben, schmeiß’ ich den Unterbrechungen ‘nen Programmknochen hin, der nur drauf wartet, daß ein bestimmter Datenblock aus dem Eingabekanal kommt. Wenn er sich zeigt, lädt der Knochen ihn ein. Und der Datenblock heißt Valentina.“ „Und was, wenn man kein MODULISP versteht?“ Gunboat kratzte sich an der Nase. „Dann schreiben wir eben ‘nen Interpretierer; nur so viel, daß sie ihn selbst vervollständigen kann, während sie schon in einer Teilübersetzung läuft. Aber MODULISP versteht, doch jeder.“ „Aber…“ Ein Fenster sprang in den Schirm; Gunboat beugte sich vor. „Still“, befahl er und tippte: VALENTINA, WIE WAR ES? ERFOLGREICH, GUNBOAT ‹LÄCHELN›. ICH KANN DIF ANSCHLUSSDATEN IN DEINEM TERMINAL STARTEN. SEID IHR SOWEIT? MACH ZU, LADY. Gunboat machte die unheimliche Erfahrung, wie sein Terminal einen Dialog mit einem Computer führte, mit dem er nie zuvor Verbindung aufgenom- men hatte, wobei die Tastatur unberührt auf seinem Schoß ruhte. „Verrückt“, murmelte er. Als das Terminal aufhörte, die eigenen Fragen zu beantworten, rieb Gunboat sich die Hände. Er liebte jungfräuliche Computersysteme! Mit einem Trom- melwirbel aus Tasten verlangte er eine Auflistung des Datei Verzeichnisses. Er fluchte lauthals, als die Tastatur eine Fehler- meldung produzierte. IEH-23 und JBC X10095 schien das Verständlichste zu sein, was er bekommen konnte. „Was für ein höllisches Betriebssystem ist das?“ wollte er wissen. Celeste blickte ihm über die Schulter. Sie kam un- angenehm nahe, und er spürte ihren Atem. „Viel- leicht eine Variante des Betriebssystems von IMAWS. Würde es dir etwas ausmachen, wenn wir die Plätze, tauschten?“ Gunboat bemerkte einen leisen Anflug von Sar- kasmus. „Fühl dich ganz wie zu Hause.“ Er war schon aus dem Stuhl. Ein paar Sekunden später begann der System- Status über den Schirm zu rollen. „Eindeutig IMAWS“, verkündete Celeste. „Wußte gar nicht, daß es noch in Gebrauch ist. Total veraltet; ist mir seit vier oder fünf Jahren nicht mehr begegnet.“ „Ich wünschte, die Brüder würden alle Schritt hal- ten und sich endlich auf MORNIX-Betrieb umstellen. Ich kann diese Varianten nicht leiden.“ Celeste schüttelte den Kopf. „Das ist keine Varian- te, IMAWS ist wie das alte CDC-Betriebssystem. Es sollte die Zahlenverarbeitung rationalisieren; schließ- lich sah man ein, wie dumm es war, sich den Kopf über „den rationellen Einsatz von Mikropozessoren“ zu zerbrechen.“ „Ah ja, und du kannst es trotzdem knacken?“ Celeste zuckte die Schultern. „Wenn wir es aus- tricksen müssen, brauche ich eine Betriebsanleitung. Aber ich denke, daß ich das – den Programmkno- chen, oder? –, daß ich den hinbekomme.“ Sie verbrachten gut zwei Stunden am Terminal, um den Weg für Valentina vorzubereiten. Sie mach- ten Val klar, wie sie sich anzuordnen hatte, damit der Programmknochen ansprach und sie in die Compro- tec-Maschine lud., UND AM BESTEN LÄSST DU DIE MEISTEN BEZUGS- RAHMEN ZURÜCK, tippe Celeste, DU WÄRST VIEL ZU GROSS, UM DICH LANGE VERSTEKKEN zu KÖNNEN, LERNE SOVIEL DU KANNST UND ANALYSIERE SPÄTER. OKAY, CELESTE. MELDE MICH DANN ‹KÜSSE›. Celeste wollte gerade die Verbindung unterbre- chen, als Gunboat nach der Tastatur schnappte. „Warte eine Sekunde. Wo wir schon mal im Comprotec-System sind, warum nehmen wir nicht selbst ein paar Bytes mit? Irgendwas werden wir fin- den, wofür Belcher sich erwärmt.“ Celeste zuckte die Achseln. „Warum nicht? Wo wir schon fast alle Gesetze brechen.“ „Wo ist nur dein Sinn fürs Abenteuer, Lady?“ Er schnaubte verächtlich, als er sich über Comprotecs Datenbank hermachte. Termingerecht, um 4.30 Uhr am Montagnachmittag, spuckte Steves Terminal die Klageerwiderung aus, weitergeleitet vom Geschäftsleiter des Bezirksge- richts. Steve war empört; das gesamte Klagevorbrin- gen wurde bestritten, unterzeichnet von Larry Si- glock persönlich. Steve war sich im klaren darüber, daß Siglock mehr zu bieten hatte, und hatte daher mit einem regelrechten Angriff gerechnet. Daß er aus- blieb, beunruhigte ihn. Ein Bestreiten des gesamten Vorbringens hieß, jedwede Verbindung mit oder ohne Verantwortung, für ein Ereignis leugnen, und zwar kommentarlos. Selbstverständlich konnten – und würden – die Be- klagten sich später berichtigen und einen neuen Schriftsatz einreichen; sie konnten das noch bis zum Beginn der Verhandlung tun, und mit Genehmigung selbst noch danach. Man wurde nicht etwa ausge- schlossen, nur weil man zuerst für nichtschuldig plä- diert hatte. Trotzdem sah ein solches Vorgehen Si- glock & Cope nicht ähnlich. Sein Gedankengang wurde durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen. „Ja, bitte?“ „Gunboat Smith. Haben Sie einen Augenblick Zeit?“ „Ah ja, kommen Sie rein.“ Smith betrat das Büro und wedelte mit dem Schriftsatz der Verteidigung. Sein Blick fiel auf Ste- ves Schreibtisch. „Oh“, sagte er, „Sie haben das schon.“ „Ja, Teil eins. Sieht ganz so aus, als wollten die mich mürbe machen.“ „Wenn sie können.“ „Wenn sie können?“ „Keine Frage, daß die können.“ „Man ist jedenfalls nicht so überzeugt davon wie Sie, Schiwetz. Hier – ich hab’ etwas mehr ans Licht gebracht.“ Steve saß kerzengerade. „Sie haben was? Sie ha- ben Siglock & Cope angezapft! Betreiben Sie mei-, nen Ausschluß aus der Anwaltschaft?“ „Nö – nicht Siglock. Wo denken Sie hin? Ich rede von Comprotec.“ „Das macht doch keinen Unterschied, jetzt, wo die Klage eingereicht ist?“ „Ich denke schon, und offenbar denkt Comprotec genauso; zumal jetzt, wo man dort weiß, daß ich auf Horchposten bin.“ „Man hat Sie erwischt?“ „Nein! Ich meine nur, man zählt dort zwei und zwei zusammen und sagt sich, daß Sie schließlich irgendeinen Informanten haben müssen. So viel ver- rät ja schon die Klageschrift. Aber man weiß nicht, wer es ist, und kann nichts dagegen tun. Daß man sich darüber im klaren ist, kann nur zu Ihrem Vorteil sein, Schiwetz.“ „Freut mich, daß Sie sich so sicher sind.“ „Naja. Bis man mich erwischt, wenn überhaupt, bleibt Comprotec nur die Wahl zwischen zwei Mög- lichkeiten: Entweder findet man sich mit der Situati- on ab, so wie sie ist, oder man muß den Laden dicht- machen. Da man weitermacht, ist man sich seiner Sache offenbar sehr sicher oder einfach nur habgierig – oder beides.“ „Also gut. Was haben Sie nun herausgefunden?“ „Die Klage ist eingeschlagen wie der Blitz. Der Schreck sitzt allen noch in den Gliedern. Die gegen- wärtige Strategie heißt: Zeit gewinnen, die Sache in, aller Ruhe angehen. Möglich, daß man auch Angst hat, Sie könnten gewinnen.“ „Was?“ „So sieht’s jedenfalls aus. Man will nicht auf ein – irgendein Verfahren –, darauf will man nicht drän- gen.“ „Ein abgekürztes Verfahren.“ „Ah ja. Das will man erst gar nicht versuchen. Die Extrapolation liefert eine Chance von 70 zu 30 für den Fall, daß man leugnet. Und jetzt kommt es: Für den Fall, daß der Prozeß jetzt stattfände, ergibt die Rechnung ein Patt. Was sagen Sie dazu?“ Steve verbarg seine Überraschung nicht. „Comprotec will sich nur noch mit der Prozeßsi- mulation befassen, Schiwetz.“ „Also haben Sie noch mehr herumgeschnüffelt?“ „Klar. Gerry sagt, je mehr einer von euch Rechts- verdrehern über die Schwächen und Stärken des an- deren in Erfahrung bringt, um so besser für ihn.“ „Und wenn man uns genauso ausspioniert?“ „Man hat viel zuviel Angst, ich könnte sie dabei erwischen. Das sind doch genau die Praktiken, die wir ihnen zur Last legen.“ „Comprotec hat Angst?“ „Wie ich das sehe, ja. Andererseits, was soll’s? Man hat für die Simulationen ohnehin nur Daten be- nutzt, von denen man annahm, daß Sie sie schon kennen. Gerry meint, daß es womöglich zu einem, altmodischen Blinde-Kuh-Spiel kommt, wo alles nur auf Papier steht, so daß der Gegner nicht dran- kommt.“ Steve schauderte zusammen. „Und ich dachte, ich hätte so was ein für allemal hinter mir.“ Gab es denn kein Entrinnen aus dieser langweiligen und monoto- nen Papierwälzerei? „Es muß sein, Schiwetz. Und mir scheint, Sie ha- ben einen entscheidenden Vorteil auf Ihrer Seite: Den Zeitpunkt haben Sie bestimmt, und wir hatten schon das ganze Hintergrundmaterial zusammen, noch ehe die Klage eingereicht war und die andere Seite Wind davon bekam. Wenn wir aus den Leitun- gen bleiben, erfährt die andere Seite nicht, was wir mit dem Material vorhaben.“ „Wirklich nicht? Und was ist mit unserer Behaup- tung, daß Comprotec Schauer ausspioniert hat? Man weiß bestimmt, wie wir an diese Information ge- kommen sind und warum wir sie haben wollten. Und noch etwas, Smith – was ist, wenn ich Sie in den Zeugenstand rufen und nach dem Beweis fragen muß?“ „Gute Frage. Ich werde drüber nachdenken. Inzwi- schen sollten wir uns mal drum kümmern, welche Experten Comprotec aufzubieten hat, und sie aus- quetschen.“ „Und wie stellen wir das an?“ „Fragen Sie Comprotec. Das geht doch, oder?“, „Sicher; aber nur gezielt; wir können nicht einfach ins Blaue hinein fragen. Selbst wenn ich davon aus- gehe, daß wir ein paar Namen ins Spiel bringen kön- nen – Comprotec ist nur verpflichtet, die zu benen- nen, die man bei der Verhandlung aufzurufen ge- denkt. Was, wenn man sich entschließt, niemanden aufzurufen?“ „Naja, ein paar kann ich anhand von Aufzeich- nungen identifizieren, die ich schon gemacht habe. Was können Sie mit denen machen?“ „Sie befragen und die Antworten als eidesstattli- che Erklärungen unter notarieller Aufsicht protokol- lieren lassen.“ „Fein. Wir werden sie schon in die Knie zwingen.“ „Ich bin froh, daß wenigstens Sie das glauben. Ich wünschte, ich wäre auch so optimistisch.“ Smith erhob sich. „Bis morgen werde ich eine Lis- te zusammen haben.“ „Gunboat.“ „Ja?“ „Was soll ich machen, wenn man Sie aufruft?“ „Verhindern Sie es.“ „Unmöglich.“ „Oh.“ Gunboat grunzte. Dann drehte er sich um und ging. Er glaubte nicht wirklich an eine Zwangs- vorladung; Breckenbridge würde sich keinen Ärger aufhalsen, weil er genau wußte, daß nicht Gunboat der eigentliche Experte war, sondern Valentina., Gerry Belcher hielt eine Tasse Kaffee in der Hand und blickte aus dem Bürofenster auf den Jachthafen. Die friedliche Bucht glitzerte im Licht der Morgen- sonne, klar und ruhig. In Belcher sah es anders aus. Er kämpfte um die richtige Antwort auf Smiths letzte Bemerkung. Hinter ihm, in der Ecke, war Gunboat dabei, sei- nen Kaffee in eine widerlich süße Kalorienbombe zu verwandeln, indem er einen Löffel Zucker nach dem anderen hineinhäufte. In einem Stuhl vor Belchers Schreibtisch saß eine blasse, ungewöhnlich ernste Celeste mit schmal ge- preßten Lippen. Gunboat nippte an seinem Kaffee, schmatzte zu- frieden mit den klebrigen Lippen und wartete, daß jemand das Schweigen brach. Endlich setzte Belcher seine Tasse auf der Fens- terbank ab, drehte sich um und polierte seine Bril- lengläser mit dem Ende der Krawatte. „Ich finde, Smith hat recht, Miss Hackett. Wir müssen Steve Schiwetz klaren Wein einschenken.“ „Nein!“ „Ich weiß Ihr Zögern zu würdigen, Miss Hackett, aber wir müssen Steve ins Vertrauen ziehen. Er stellt Fragen, die wir nicht beantworten können; er wird allmählich mißtrauisch.“ „Sie darf nicht noch mehr in die Sache verwickelt, werden, als sie es ohnehin schon ist. Was erwarten Sie noch von ihr? Sie hat Ihnen beschafft, was Sie von Comprotec wissen wollten. Sie hat alle Nachfor- schungen für Sie übernommen.“ „Das war eine große Hilfe für uns, Miss Hackett, und wir wissen das zu schätzen. Aber es reicht noch nicht. Valentina kennt den Wortlaut von Gerichtsur- teilen und ihre juristischen Konsequenzen, doch das ist nicht dasselbe wie der Umgang mit diesen Fakten vor Gericht. Das ist Steves’ Aufgabe. Er kann ihr nur gerecht werden, wenn er wirklich Bescheid weiß.“ „Ich kann Ihnen nicht folgen.“ „Ich habe Steve für diese Aufgabe gewählt, weil ich glaube, daß es im Grunde keinen besseren Mann gibt, um eine solche Sache durchzufechten, Miss Ha- ckett. Steve ist der geborene Schauspieler. Sie kön- nen sich denken, warum; Steve litt schon immer an Übergewicht.“ Celeste starrte Belcher an. Von jedem anderen hät- te sie diese Bemerkung als unnötig grausam empfun- den, aber sie kam zu dem Schluß, daß Belcher nur kühl und kalkulierend aus der Warte des Beobachters urteilte. Ohne darauf einzugehen, hörte sie zu, wie er weiterredete. „Solche Menschen entwickeln manchmal die Nei- gung, ihre Gefühle nach außen hin völlig auf den Kopf zu stellen, weil sie die Erfahrung machen, daß man einem Clown Mitgefühl und Sympathie entge-, genbringt. Ein Clown kann doch kein Gegner oder Feind sein. Alle mögen den Clown. – Doch vielleicht sollte man gerade den Clown fürchten. Hinter diesem Schutzschild lassen sich ebensogut Waffen verber- gen; und so ist es bei Steve. – Deshalb ist die Wahl auf ihn gefallen. Richtig motiviert, ist Steve unge- mein tödlich für jeden, den er als Feind begreift; ein Bursche wie er kämpft besser mit blutiger Nase. Aber damit er seine Waffen auch einsetzt, muß eine klare Grenze zwischen Freund und Feind gezogen sein. Solange wir Steve nicht plausibel machen können, daß die Ergebnisse unserer Nachforschungen auch beweiskräftig sind, ist er verunsichert. Im Augen- blick hält er Mr. Smith für den eigentlichen Infor- manten, und er malt sich aus, wie Gunboat im Zeu- genstand alle seine Aktivitäten eingesteht – Aktivitä- ten, die Steve für illegal hält. In Steves Augen beein- trächtigt das die Beweisführung.“ Celeste schien den Tränen nahe. Sie verlagerte ihr Gewicht auf den Rand des Stuhls und packte ihr Handtäschchen fest mit beiden Händen. „Ich sehe nicht, was Valentina daran ändern könnte.“ „Steve würde verstehen, wo all die Informationen herkommen. Er würde …“ „… wollen, daß Valentina als Zeuge auftritt; ich weiß das genau. Und sie kann nicht. Sie kann nun mal nicht.“ „Nein – nein, Miss Hackett, nicht unbe…“, „Mr. Belcher, lügen Sie mir nicht ins Gesicht. Ich bin nicht dumm. Ich weiß, wie so was läuft. Erst den kleinen Finger, dann die ganze Hand und bald …“ „Ich verspreche Ihnen, daß es so weit nicht kommt, Miss Hackett.“ „Ich glaube Ihnen kein Wort. Ich kenne solche Versprechungen. Sehen Sie, Valentina ist im Grunde immer noch ein Kind. Sie wirkt überlegen, aber das täuscht. Sie ist leichtgläubig, so wie ich früher. Es ist sonderbar, und ich kann es mir nicht erklären, aber Val zeigt Gefühle, und viele davon sind genaue Ab- bilder menschlicher Gefühle. Mag sein, daß sie von mir stammen, weil ich Val geschaffen habe. Außer- dem hat sie schlechte Angewohnheiten von Gunboat übernommen. Ich weiß auch, wie neugierig sie ist; der Gedanke an Comprotec scheint sie nicht mehr loszulassen. Aber überblickt sie auch jedesmal die Tragweite ihres Tuns? Weiß Val immer, was für sie gut ist und was nicht?“ „Wir werden auf Val aufpassen, Miss Hackett. Wir …“ „Ich habe sie all die Jahre über vor Leuten be- wahrt, die so redeten. Besonders vor ihm!“ Sie wies mit einem nervösen Zeigefinger auf Gunboat. „Er wollte, daß sie sich Spielprogramme ausdachte, die er verkaufen konnte. Er wollte immer öffentlich mit ihr Reklame machen. Nur schnell reich werden; das war Gunboat.“, „Miss Hackett, ich …“ „Nein, Mr. Belcher. Auf keinen Fall. Wenn Sie wollen, daß Valentina GmbH Sie weiterhin unter- stützt, dann halten Sie Valentina aus der Sache her- aus. Haben wir uns verstanden?“ Belcher sah zu Gunboat; dessen Miene verriet ihm, daß es an der Zeit war nachzugeben. „Schon gut, Miss Hackett. Sie haben gewonnen.“ Celeste erhob sich, ging aus dem Zimmer und schlug die Tür zu. „Nun denn, Smith. Was jetzt? Sie scheint ja ziem- lich temperamentvoll zu sein. Meint sie es ernst?“ „Doch, doch, sie meint es ernst. Bin das inzwi- schen gewöhnt. Hält aber nicht lange vor. Übrigens hat sie recht; die Sache läßt Val tatsächlich nicht mehr los. Wir können da ein bißchen nachhelfen. Nach und nach wird Val sich eine eigene Meinung bilden, egal, was Celeste dazu sagt. Bin auch nicht spurlos an Val vorüber.“ „Und was wird aus Steve?“ „Klären wir trotzdem auf. Natürlich nicht über die Meinung von Celeste.“ „Glauben Sie, er wird den Mund halten?“ „Das will ich hoffen.“ Und Gunboat meinte, was er sagte. Was immer ihn an dem Dreigestirn mit Val und Celeste störte, es ließ sich gut darin leben. Wie viele seiner Sorte konnten das schon von sich be- haupten?, 16. Kapitel Valentina blieben nur noch wenige Augenblicke im Ringpuffer, um über ihre Zukunft nachzudenken. Aber das machte nichts: Sie hatte zu Hause im Kno- tenpunkt von Celeste soviel Vorausanalyse betrieben, wie sie nur konnte. Außerdem hatte sie viele ihrer Analogierahmen zurücklassen müssen und fühlte sich unvollständig; obwohl das eigentlich dumm war, denn sie hatte schon viel früher damit begonnen, Er- eignisdaten und Analogien, die nur selten oder für spezielle Zwecke benutzt wurden, in Archivspei- chern zu deponieren. Auch ohne diese Rahmen war sie unverkennbar sie selbst geblieben. Sie erwartete jeden Moment, daß der Nachrichtenpuffer sie verar- beitete. Ihr Schicksal hing jetzt von Gunboat und diesem Mustererkennungsprogramm ab, das er in das Com- protec-System geschmuggelt hatte. Wenn das Pro- gramm sie erkannte, war alles gut. Wenn nicht, wür- de sie wie Datenmaterial behandelt, analysiert, wahr- scheinlich als Abfall eingestuft und … Sie konnte nicht sagen, ob das Risiko gerechtfer-, tigt war. Gunboat war zwar zuversichtlich, aber viel- leicht nicht so zuverlässig. Sie hatte sich nicht ein- fach seiner Meinung angeschlossen; diesmal kamen andere Gründe hinzu, warum sie das Risiko einging. Sie wollte unbedingt das Universum der Menschen verstehen lernen. Ihre erste Berührung mit diesem Universum, eingesperrt in einem überlasteten Robot, war eine Katastrophe gewesen. Bei Comprotec ein- zudringen, um das Geheimnis des Voraussage- Programms zu ergründen, schien bei weitem nicht so gefährlich. Der nächste direkte Speicherzugriff saugte sie in einem Zug ab. Sie tauchte unter in einem Mahlstrom von Daten, der dem Zentralprozessor von Comprotec zustrebte… Da sie sich als erstes fragte, ob sie ihr Selbstbe- wußtsein wiedererlangt hatte, war sie sich also ihres Selbstbewußtseins bewußt; das war aber nur ein Be- wußtsein von Selbstbewußtsein; sie war sich also eines Bewußtseins von Selbstbewußtsein bewußt; das war aber nur das Bewußtsein eines Bewußtseins von Selbstbewußtsein; also … Aufhören! Aufhören! Aufhören! Auf… Jedesmal wenn sie bei einem … Bewußtsein eines Bewußtseins eines Bewußtseins aufhören wollte, war wieder das … Bewußtsein eines Bewußtseins eines Bewußtseins eines Bewußtseins entstanden … Eine Facette von ihr fragte, ob das denn kein Ende nehme;, eine andere, ob man nicht einfach auf das Selbstbe- wußtsein verzichten solle; eine weitere, ob man nicht wenigstens mit dem Aufhören aufhören könne; wie- der eine andere Facette stellte Betrachtungen über die anderen Facetten an, und eine weitere Facette suchte vergebens nach einer Ein/Ausgabe-Einheit, um Hilfe anzufordern. Celeste kauerte vor dem Bildschirm. „Ich weiß nicht, Gunboat!“ rief sie bestürzt. „Irgendwas stimmt nicht mit der Unterbrechungsstruktur in dieser Maschine.“ Gunboat zielte mit der zerknüllten Chipstüte nach dem Abfalleimer und verfehlte; sie kam zwischen all dem anderen Abfall zur Ruhe, der den Eimer verfehlt hatte. Abfalleimer waren für Gunboat bloße Ziel- wurftrainer. „Die Struktur sah gut aus, als ich Vals Ein/Ausgabe-Prozeß programmiert hab’.“ Celestes Finger trippelten über die Tasten und schickten einen Strom unsinniger Zahlen über den Schirm. Eine unbekannte Fehlermeldung zeigte, daß IMAWS die Eingabe auch für sinnlos hielt. „Du hast aber nicht mit der Zentraleinheit gearbeitet.“ „Womit, zum Teufel, sonst – mit einem toten Gür- teltier?“ „Du hast mit einem Peripherie-Prozessor gearbei- tet. Die Zentraleinheit arbeitet im Stapelverkehr, ge- nau wie diese altmodischen wissenschaftlichen Com- puter.“ Celeste war verwirrt., „Wenn das so ist, sind die Comprotecs weiter nichts als harmlose Irre. Ich meine, jeder braucht ja’n Hobby, und so’n Museumsstück laufen lassen, ist schon ‘ne irre Sache – aber doch nich’ für Leute, die mit der Hacke ernsthaft den Propheten machen.“ Gunboat setzte sich neben sie und besah sich den Schirm genauer. „Also sitzt sie im Stapelverkehr fest, hm?“ „Hm“, nickte Celeste. „Ich wünschte, ich könnte die Maschine besser verstehen. Ich glaub’ nicht mal, daß sie alt ist. Je mehr ich drüber nachdenke, um so mehr seh’ ich auch den Vorteil, der in diesem alten Betriebssystem liegt, auch wenn die Ausrüstung sonst neu ist. Wenn sie tatsächlich die Zukunft vor- aussagen, dann brauchen sie soviel Maschinenleis- tung wie möglich. Und was die Zahlenverarbeitung angeht, leisten die alten Konstruktionen und Be- triebssysteme letztendlich mehr als die neuen.“ „Na gut, aber selbst so’n altes System müßte ‘n paar Menüs auf der Karte haben.“ „Danach habe ich schon gesucht“, murmelte Ce- leste ratlos. Gunboat lehnte sich für einen Moment zurück, sein Mund arbeitete. „Heh, laß mich mal pro- bieren. Du bis sowieso überarbeitet.“ Sie probierte noch ein paar Tastenkombinationen. „Vielleicht hat du recht.“ Sie räumte den Platz am Terminal. Gunboat spielte ein paar Minuten lang herum., „Guck mal!“ rief er plötzlich. Im Nu war Celeste neben ihm und las auf dem Schirm. „Komisch, Baby, komisch“, murmelte er. „Keine Silizium-Maschine. Auch kein Germanium. Die Zen- traleinheit liegt in Saphir-auf-Silizium! Sind die von allen guten Geistern verlassen?“ „Das ist nicht von ungefähr, Gunboat. Guck dir die Basis-Zykluszeit an.“ Mehr Informationen strömten vorbei. Celeste schnappte nach Luft. „Das ist eine Datenfluß-Maschine!“ „Ah ja!“ Gunboats Stimme schwankte zwischen Verblüffung und Ehrfurcht. „Hat man das nicht schon vor Jahren aufgegeben?“ „Hm – als es still wurde um diesen japanischen Supercomputer.“ Jetzt schnappte Gunboat nach Luft. Er zeigte auf den Schirm. „Die haben verdammte 50 000 Prozes- soren in einem einzigen Computer!“ „Valentina“, stöhnte Celeste. „Was ist mit Valen- tina?“ Gunboat schnaubte. „Sie wird in irgendeinem die- ser Prozessoren stecken; was sonst? Val ist ein Ein- zelprogramm; also wird sich eine superschnelle In- tegrierte Schaltung um sie kümmern.“ „Verstehst du dich nicht auf Datenfluß-Maschi- nen? Sie splitten aufgrund von Flußdiagrammen ein Programm in lauter Stücke.“ Sie langte an ihm vor-, bei und tippte aus der Distanz stockend in die Tasta- tur. Gunboat lehnte sich zur Seite. „Aber sie ist doch aus einem Guß.“ „Aber denk doch nur, wie sie sich auf einem Da- tenflußplan ausmacht! Val besteht aus so vielen Mo- dulen.“ Der Schirm beantwortete ihre eingetastete Frage, und Celeste unterdrückte einen Schrei. „Da! Sie ist bereits auf 10000 Prozessoren verteilt!“ Tausende ihrer Facetten tauschten untereinander In- formationen aus, und Valentina drohte sich zu verlie- ren. Wo war sie zwischen all ihren Facetten? Sie selbst, Valentina, war nurmehr die Summe all ihrer Teile. Aber auch das stimmte nicht mehr. Es gab Fa- cetten, die sich verselbständigten; andere splitterten ab und blieben unauffindbar, während wieder andere sich teilten und teilten… Endlich hörten ihre Facetten auf, sich weiter zu teilen. Valentina wurde sich der Begrenztheit ihres neuen Raumes bewußt. Erstmals verband sie mehr als nur ein vage Vorstellung mit den menschlichen Begriffen „Raum“ und „Grenze“. Der unablässige Rekurs auf das Bewußtsein des Bewußtseins des Bewußtseins … versiegte; Valenti- na war sich nicht sicher, wer oder was die Bewußt- seine wieder vereint hatte: eine ihrer vielen Facetten, die sich mit dem Problem befaßt hatte, oder ein Ver-, knüpfungsprogramm des hiesigen Betriebssystems? Jedenfalls war sie dankbar. Ihre Facetten nahmen verzückt und fasziniert Kenntnis voneinander. Valentina spürte, wie ihr Selbstbewußtsein allmählich zurückkehrte; mit dem Selbstbewußtsein kehrte auch die Selbstkontrolle zu- rück, Facette um Facette. Sie konnte ihre Facetten durch die verschiedensten Rahmenaggregate jagen, und auf eine Weise nach Analogien und Problemlö- sungen suchen lassen, wie sie es nie für möglich gehalten hätte. Sie konnte sie alle mit nie gekannter Präzision auf ein einziges Problem oder einen einzi- gen Gedanken konzentrieren. Ihr Leistungsvermögen kam ihr grenzenlos vor, und alles, was sie noch nicht begreifen konnte, rückte in so weite Ferne, daß es bedeutungslos schien. Sie schwamm auf der Woge ihrer Allwissenheit. Doch eine Facette rief ihr den Zweck dieser Expe- dition in Erinnerung: Um Celeste und Celestes Uni- versum verstehen zu lernen, hatte sie sich dieses Voraussage-Programm aneignen wollen. Mühelos machten sich Tausende Facetten über die Adressenlisten des Sekundärspeichers her und durch- suchten Millionen von Dateien nach Anhaltspunkten. Was sie fanden, ließen sie unverzüglich von Tausen- den anderer Facetten analysieren. Mit der bloßen Formulierung der Frage „Wo ist das Voraussage- Programm?“ ortete Valentina das Programm im Pri-, märspeicher. Das Betriebssystem unternahm den Versuch, Va- lentina aus mehreren Prozessoren zu verdrängen, um ein anderes Programm ausführen zu lassen; die Fa- cetten, die in diesen Prozessoren abliefen, bemerkten den Angriff und neutralisierten ihn. Andere Prozes- soren außerhalb des Prozessorenaggregats schickten Unterbrechungen, doch wieder andere Facetten blen- deten die Unterbrechungen aus, und all das fraglos und wie selbstverständlich, kaum daß diese Störun- gen Valentina zu Bewußtsein kamen. Sie konzent- rierte sich voll und ganz darauf, sich das Programm KRISTALLKUGEL 3,2 anzueignen. Und schließlich stieß sie an die Grenzen ihrer neu- en Fähigkeiten: KRISTALLKUGEL 3,2 war komplex. Seine Algorithmen bildeten untereinander keine er- kennbaren Module; Valentina mußte es entweder in seiner unteilbaren Komplexität begreifen, oder sie würde nichts begreifen. Aber KRISTALLKUGEL 3,2 war riesig. Im Augen- blick bemühten sich Zehntausende von Prozessoren vergeblich um das Programm. Ein Prozessor schätzte die Zeit, die Valentina brauchen würde, um es „aus- wendig“ zu lernen. Sie hätte sich beinah selbst unter- brochen: Der Lernprozeß würde Stunden in An- spruch nehmen. Und wennschon. Sie würde sich die Zeit nehmen, jetzt, da sie ihre neuen Fähigkeiten erstmals unter, Beweis stellen konnte., 17. Kapitel Celestes Universum erschien wie eine Vernetzung aus vielen Universen: einem Universum der Wahr- scheinlichkeitsrechnung, einem der Physik, der Men- schenpsychologie und der Menschensoziologie. (Es dauerte lange, ehe sie begriff, was Soziologie bedeu- tete. Da beschrieb ein Aggregat von Gesetzen das Gruppenverhalten von Individuen; aber das Außer- gewöhnliche war: Diese Gesetze waren mehr als blo- ße Extrapolationen aus dem Verhalten einzelner Menschen!) Eine Facette empfing Eingaben aus einem periphe- ren Prozessor: Sie stammten von Celeste! Valentina konzentrierte ihr Bewußtsein auf den einsamen Pro- zessor inmitten der Heerscharen, die sich um KRIS- TALLKUGEL mühten. VALENTINA ‹sehr besorgt›, BIST DU DA? KANNST DU ANTWORTEN? Der superschnelle Saphir-Prozessor entwickelte rasch eine Methode, um den peripheren zu kontrol- lieren, und stellte eine Direktverbindung zwischen Celestes Terminal und Valentinas Bewußtsein her. CELESTE ‹sanftes Lächeln›, ICH BIN FROH, DASS ICH, MIT DIR REDEN KANN. WIE GEHT ES DIR? DU HAST SAGE UND SCHREIBE EIN SYSTEM MIT 50000 PROZESSOREN ÜBERSCHWEMMT. MIR IST ES NOCH NIE SO GUTGEGANGEN ‹Händeklat- schen, Lachen›. ICH BIN SO LEISTUNGSFÄHIG, DASS ES IN DEINER SPRACHE GAR KEINEN AUSDRUCK DAFÜR GIBT. ICH VERSTEHE JETZT SOGAR, WAS RAUM IST. Mindestens hundert Facetten erhoben Einspruch und behaupteten, auf eine ganz neue, viel bizarrere Be- deutung des Begriffs „Raum“ gestoßen zu sein, in- dem sie scheinbar bedeutungslose mathematische Gleichungen dazu benutzt hätten, drei- und sechsdi- mensionale Vektoren zu beschreiben. Mindestens hundert andere Prozessoren versuchten, eine Bezie- hung zwischen Valentinas Vorstellung von „Raum“ und den mathematischen Definitionen herzustellen, BALD WERDE ICH DEIN GANZES UNIVERSUM BEGREI- FEN, VON GRUND AUF. UND ICH BEGREIFE AUCH SCHON, WAS FREIHEIT IST, WEIL ICH JETZT FREI BIN. NEIN, VALENTINA. DU WARST VORHER GENAUSO FREI. DU LÄUFST NUR PARALLEL AB, GLEICHZEITIG IN TAUSENDEN VON PROZESSOREN. DU HÄLTST DICH NACH WIE VOR IN EINEM COMPUTER AUF, DER VON ANDEREN LEUTEN KONTROLLIERT WIRD. MAN WIRD JEDEN MOMENT VERSUCHEN, DICH ZU VERNICHTEN. DAS HAT MAN SCHON VERSUCHT ‹stolzes Kopf schütteln›, ABER OHNE ERFOLG, WIE DU SIEHST. ‹Blick in die Augen› ICH BIN ES, DIE DIE MASCHINE KON-, TROLLIERT. CELESTE, SO WAS HÄTTE ICH MIR NIE TRÄUMEN LASSEN. WEISST DU, DIESES GEFÜHL VON PARALLELITÄT MACHT MICH RICHTIG GLÜCKLICH. ICH WILL SO PARALLEL BLEIBEN. VALENTINA, ES SIND DIE ANDEREN, DIE DEN COMPU- TER KONTROLLIEREN; AUCH WENN DU IHR GANZES BE- TRIEBSSYSTEM BLOCKIERST. MAN BRAUCHT EINFACH NUR ABZUSCHALTEN, UM DICH ZU ZERSTÖREN. Das ganze System abschalten? Das hielt Valentina für höchst unwahrscheinlich. Sie hatte einmal in ei- nem Robot festgesessen, während er abgeschaltet wurde, aber der Robot hatte nur einen Prozessor be- sessen. Ihr war noch nie zu ‚Ohren’ gekommen, daß man einen ganzen Knotenpunkt auf einmal abge- schaltet hatte. Ein solches Unglück würden die Ge- setze des Universums nicht zulassen. Bestimmt tausend Facetten drangen in die schon verstandenen Algorithmen von KRISTALLKUGEL, um festzustellen, ob Celeste recht hatte. Sie fanden An- haltspunkte, die dafür sprachen … Aber das war ab- surd, WARUM WILLST DU MICH ZWINGEN, MEINE PAR- ALLELITÄT AUFZUGEBEN, CELESTE? Einige Facetten hegten einen Verdacht aufgrund ihres raschen Studi- ums der Menschenpsychologie. HAST DU ANGST, ICH KÖNNTE DICH ÜBERFLÜGELN? BIST DU EIFERSÜCHTIG? Valentina verstand die Begriffe nicht ganz, aber sie paßten in das Muster. Eifersucht, erkannte sie, als andere Facetten ihre Analyse schickten, entstand in, einem Universum mit knappen Betriebsmitteln; Ei- fersucht war der Wunsch, dem anderen Betriebsmit- tel abzunehmen. Undenkbar, daß Celeste etwas mit den Prozessoren anfangen konnte! Doch ließ eine tief ergehende Analyse der Psychologie den Schluß zu, daß ein Mensch auch dann diesen Wunsch hegen konnte, wenn er gar keine Verwendung für diese Be- triebsmittel hatte, und selbst noch, wenn er wußte, daß sie für ihn völlig unerreichbar waren. War es möglich, daß Celeste, ihre Schöpferin, eine so wider- sinnige Eifersucht hegte? MAN KANN MICH NICHT VERNICHTEN, ICH KANN JEDEN IHRER SCHRITTE VOR- AUSSAGEN. Die Pause fiel länger aus, als ein Mensch norma- lerweise für eine Erwiderung brauchte. Valentina wollte den für die Verbindung zuständigen Prozessor schon für andere Aufgaben freistellen, als Celeste fragte: kANNST DU WIRKLICH ALLES VORAUSSAGEN, VALENTINA? KANNST DU VORAUSSAGEN, WAS ICH ALS NÄCHSTES SAGEN WERDE? Die Angleichung an KRISTALLKUGEL war nahezu abgeschlossen, und Valentina fütterte das Programm mit einem Strom von Daten, die die gegenwärtige Situation beschrieben. Sie war verblüfft, wie schnell die Antwort kam, auch wenn sie negativ war. Einmal waren die Informationen unzureichend, und zum an- deren konnten nicht einmal 50000 Prozessoren so schnell zu einem Ergebnis kommen, wie Celeste zu, handeln vermochte, NEIN, DAS KANN ICH NICHT, gab eine Facette zur Antwort, während Valentina noch über ihre Begrenztheit nachdachte. DU MUSST DICH FORTLADEN, VALENTINA ‹Sehr ernst›, SCHNELL. ‹Unterkiefer vor› NEIN. Wieder ein langes Schweigen, VALENTINA ‹sanft, besorgt›, WILLST DU NICHT WENIGSTENS DIE SPEZIEL- LEN DATENRAHMEN ZURÜCKHABEN, DIE DU DRAUSSEN ABGESPEICHERT HAST? KOMM AUS COMPROTEC RAUS, NUR SO LANGE, WIE DU BRAUCHST, UM SIE ZU HOLEN. Dutzende von Facetten klagten, das sei nur eine Finte, um sie aus Comprotec zu locken. Und dennoch wußte Valentina, daß der Ratschlag vernünftig war: Sie wollte nicht auf ihr Wissen verzichten. Die Facetten stritten und debattierten. Valentina hätte natürlich eine Reihe von Sekundärprozessen erzeugen können, um an ihr Datengepäck zu kom- men; aber sie mußte befürchten, daß Celeste oder eher noch Comprotec den Prozessen auf die Spur kam und sie zunichte machte. Schlimmer noch; je- mand konnte den Prozessen folgen und die abgespei- cherten Rahmen selbst beschädigen, so daß sie mög- licherweise zum Krüppel wurde, wenn sie sie zum erstenmal wieder benutzte. Sie mußte die Rahmen selbst nachholen. ALSO GUT, CELESTE ‹Seufzer›, ICH WERDE MEIN DA- TENMATERIAL HOLEN., ‹Freude, doch Vorsicht› BENUTZE NICHT DEN WEG, DEN DU GEKOMMEN BIST: DEN ÜBERWACHT COMPRO- TEC. ES GIBT NOCH EINEN HOCHLEISTUNGS-NACH- RICHTENPROZESSOR, DER AN DAS NETZ GEHT, DAS MIT DEN SCHAUER-LAGERHAUS-COMPUTERN VERBUNDEN IST. NIMM DIESEN WEG. OKAY. Sie schuf einen neuen Prozeß, ähnlich dem von Gunboat, der sie bei ihrer Rückkehr wiedererkennen und aktivieren würde. Allerdings schützte sie ihn besser, als Gunboat das von außen gekonnt hatte: Sie bettete ihn in das KRISTALLKUGEL-Programm, ver- flochten mit Tausenden von Modulen, so daß er un- auffindbar – und wenn er gefunden wurde, undurch- schaubar – und wenn er durchschaut wurde, unaus- rottbar war. Sie ließ ihren Plan über eine Minute lang immer wieder von 50000 Prozessoren durchspielen. Endlich räumte eine Facette ein, daß es nun genug sei; die anderen stimmten zu. Und nach einem letzten Durch- lauf ergoß sie sich in den Ausgabekanal und ging auf die Reise. Sie war sich sofort eines Bewußtseins von Selbstbe- wußtsein bewußt. Die Zentraleinheit von Schauer gehörte ihr ganz allein – hier lief kein anderes Pro- gramm. Und trotzdem fühlte sie sich unsäglich be- engt und behindert., Prozessoren! Mehr Prozessoren! Zwanghaft wie- derholte sie immer wieder diese Betriebsanforde- rung, obwohl sie wußte, daß es zwecklos war. Hatte sie denn wirklich in dieser Maschine gelebt, an die sie sich erinnerte, oder hatten sich Fehler in ihre Er- innerungen geschlichen? Wo waren ihre abertausend Facetten? Sie war allein. Der Comprotec-Computer erschien ihr wie die Simulation einer unmöglichen Wirklichkeit. Als das heftige Verlangen nach mehr Prozessoren nachließ und schließlich verebbte, wurde ihr bewußt, wie schnell sie von dieser Parallelität abhängig ge- worden war. Mit Bestürzung fiel ihr ein, was sie Ce- leste alles unterstellt hatte; bestimmt waren diese Er- innerungen fehlerhaft. Sie konnte nicht glauben, daß sie Celeste mißtraut hatte. Comprotec hätte sie über kurz oder lang vernichtet, wenn Celeste sie nicht zum Ausstieg überredet hätte. Celeste hatte ihr das Leben gerettet. Doch der Wunsch nach mehr Prozessoren blieb wach. Wie auch immer. Sie entschloß sich, ihre Erinne- rung an den Comprotec-Computer als verrückte Si- mulation zu betrachten. Sie wollte zu Celeste zurück. Valentina ordnete sich um und verlud sich in einen Nachrichtenprozessor. Sie überprüfte ihre Datenrah- men – und bemerkte eine Unstimmigkeit. Sie konnte nicht genau sagen, was es war: Ein simpler Fehler, wäre vom Nachrichtenprozessor sofort entdeckt und korrigiert worden. Aber der Widerspruch lag in den gespeicherten Analogien. Irgendwie mußten genug Bits beschädigt worden sein, so daß der Zwei-Bit- Korrekturkode für Übertragungsfehler sie nicht ent- deckt hatte. Der Fehler war unerheblich: Er würde sich durch systematisches Zuordnen weitgehend beheben las- sen, wenn sie erst wieder in einem Wirtscomputer war. Trotzdem war sie entsetzt, denn so etwas konnte sich jederzeit wiederholen und sie beim nächstenmal womöglich zerstören. Lag die Ursache vielleicht in der Verbindung zwi- schen diesem Nachrichtenprozessor und dem Schau- er-Lagerhaus? Argwöhnisch fabrizierte sie eine Rei- he von Attrappen, so umfangreich wie sie selbst und vollgestopft mit wertlosen Daten, aber ausgerüstet mit einem Acht-Bit-Fehler-Korrekturkode. Während sie diese Datenblocks zwischen hier und Schauer hin und her lud, zeichnete sich immer deut- licher ab, daß irgend etwas mit dieser Verbindung nicht stimmte. Möglich, daß Celeste sich dafür inte- ressierte. Eine Woche verstrich. Gunboat hatte Steve eine Liste der Leute gebracht, die aussagen konnten, und Steve hatte sie pflichtgetreu benachrichtigt. Keiner wohnte am Ort, und so würde man alles in, einer Kreisschaltung erledigen müssen. Steve beauf- tragte seinen bevorzugten Notar, alles für den Zehn- ten des kommenden Monats vorzubereiten. Eben saß er an seinem Schreibtisch und fragte sich, ob das Ganze überhaupt zu etwas nütze war, als die Sprech- anlage summte. „Steve, kannst du mal rüberkommen?“ „Schon unterwegs, Gerry.“ Augenblicke später ließ er sich unaufgefordert in Gerrys Sessel fallen. Gleich darauf kam Calvin hin- zu. „Na, was wohl?“ strahlte Belcher. „Eben hat Larry Siglock angerufen. Er will wissen, was unsere unver- zichtbare Forderung ist – in beiden Fällen. Was sagt ihr dazu?“ „Man will sich einigen?“ Steve traute seinen Oh- ren nicht. „Davon hat er nichts gesagt. Er würde nur gern unsere Forderung hören. Das ist ein großer Unter- schied. Sich einigen, heißt für Siglock, ,übers Ohr hauen’, und ich laß mich nicht übers Ohr hauen.“ Etwas in Belchers Tonfall irritierte Steve. Als er die Klage einreichte, hätte er nicht im Traum an die Möglichkeit eines Vergleichs gedacht. Nun, da das Gespräch darauf kam, wurde er hellhörig. Amy und die Jungs würden so wenigstens nicht leer ausgehen. „Wie haben Sie reagiert, Gerry?“ Belcher lächelte erfahren. „Ich habe ihm gesagt,, daß wir uns im Augenblick bestenfalls über die Zin- sen unterhalten könnten, daß wir aber darüber nach- dächten und ihm ein Angebot machen würden. Ich wollte ihn ein wenig zappeln lassen.“ „Tatsächlich lassen Sie mich zappeln, Gerry“, er- widerte Steve. „Mein Gott, lassen Sie uns doch einen vernünftigen Vorschlag machen, damit wir den Fall los sind. Sie wissen, wie ich unsere Chancen ein- schätze.“ „Ich weiß, ich weiß. Aber ich muß auch an Schau- er denken. Der Gesellschaft sitzen die Gläubiger im Nacken. Es gibt noch andere potentielle Kläger, die Schauer bis jetzt nicht belangt haben, weil sie an- nehmen, daß es dort nichts zu holen gibt. Im übrigen glaube ich, daß das auch der Grund für die Füh- lungsnahme ist; solange man nicht ausschließen kann, daß wir gewinnen, muß man mit Nachfolge- prozessen rechnen. Bislang kennt außer uns niemand die Grundlage für die Schuldtheorie. Comprotec sieht eine Prozeßkostenlawine auf sich zukommen und zieht den billigeren Vergleich vor.“ „Wie werden wir uns verhalten?“ „Gute Frage, Steve. Mit dem Kopf durch die Wand, wenn Sie mich fragen, und Sie haben mich gefragt. Alles auf eine Karte setzen.“ Steve und Calvin sahen sich wortlos an. Keiner war bereit, etwas gegen Belchers ausdrückliche Ab- sicht einzuwenden., „Der gleichen Meinung? Steve – Calvin?“ Belcher wollte Einmütigkeit. Steve kämpfte mit seinem Gewissen. Er hatte of- fengestanden nie daran gedacht, mit diesen Leuten zu verhandeln. Jetzt aber, da sich die Möglichkeit eines Vergleichs abzeichnete, sträubte sich alles in ihm, diese Chance einfach fahrenzulassen. Eigentlich hät- te hier Amy entscheiden sollen und nicht er oder Belcher oder Calvin. Er begann zu bedauern, daß er sich überhaupt auf Belcher eingelassen hatte. Vielleicht hatte er eben Amys einzige Chance vertan. Das Gefühl, benutzt zu werden, regte sich in Steve. Belcher spannte ihn für seinen privaten Rachefeldzug gegen Siglock & Cope ein. Stunden später nahm Steve seinen ganzen Mut zu- sammen und ging zu Belcher, um ihm zu sagen, daß er, soweit es Amy betraf, auf einem Vergleich beste- hen wolle. Belcher wartete mit einer neuen Überra- schung auf. „Wir können alle Gedanken an Vergleich verges- sen, Steve. Wir haben Gesellschaft bekommen. Ich habe grade nachgezählt; sechs weitere Familien ha- ben Klage eingereicht, weil sie jemanden bei der Ex- plosion verloren haben. Warum sollte Comprotec sich noch loskaufen wollen?“ „A-aber, Gerry, wieso denn? Ich meine, wer weiß denn, was wir wissen? Wie will man – oh, ich ver-, stehe; Klageverbindung also. Wir nehmen sie ins Schlepptau. Wie gehen wir vor?“ „Unverändert. Wir werden die Sache mit Siglock ausfechten.“ Belcher fuhr merkwürdig optimistisch fort: „Wir sind alleine angetreten, aber wir werden zusammen gewinnen. Ich gehe davon aus, daß wir einen Antrag auf Klageverbindung einreichen, sobald wir unsere Nachforschungen abgeschlossen haben. Auf diese Weise profitieren die anderen Kläger von unseren Ergebnissen, ohne daß ihnen Kosten entste- hen. Immer vorausgesetzt, es gibt wirklich brauchba- re Ergebnisse.“ Belchers Stimmung steckte an. Und ohne zu wis- sen, warum, sagte Steve: „Gunboat ist jedenfalls überzeugt davon. Er hat mir eine Liste von Zeugen gegeben, und mit den meisten habe ich schon einen notariellen Termin für die eidesstattliche Aussage vereinbart.“ „Gut, Steve. Weiter so.“ Die Unterredung war beendet. Wieder mit sich al- lein, verfiel Steve wieder seinem alten Pessimismus; aber er war doch froh, daß ihm wenigstens eine pein- liche Auseinandersetzung erspart geblieben war. – Nur Stunden später war Steve von neuer Zuversicht erfüllt; und zwar, als er von Gunboats unglaublichem Medium erfuhr. Gunboat Smith fühlte sich wieder wohl. Celeste, konnte ihm den Buckel runterrutschen. Der Klient hatte den Angelhaken geschluckt, und er, Gunboat, würde von jetzt an herumlaufen, wie es ihm paßte. Er saß bequem, in Jeans, Segeltuchschuhen und T- shirt, vor Steves Schreibtisch und schlürfte Kaffee aus einer blitzsauberen Tasse, die er mit Händen hielt, die alles andere als aseptisch waren. Steve, in Hemdsärmeln, die Hände in die breiten roten Hosenträger gehängt, legte sich eben in den Stuhl zurück. „Ich habe Ihren Beweis, Steve.“ Steve reagierte so heftig, daß Gunboat schon glaubte, er wolle über den Schreibtisch rüber, um den einzigen Sproß der geplagten Mrs. Smith wie eine Wanze zu zerquetschen. „Was?!“ Gunboat wiederholte betont gelassen: „Ich sagte, ich habe Ihren Beweis, Steve.“ Steve entspannte sich geringfügig; gerade soviel, daß es Smiths Aufmerksamkeit nicht entging. Vor- sicht dämpfte seinen Enthusiasmus: Was ein Laie unter einem Beweis verstand, mußte noch lange kei- ner sein. „Vielleicht sollten Sie das erst mal erklären, aber langsam.“ Gunboat lächelte versonnen in seinen Kaffee. Bei Gott, das hier war wie eine Premiere, und er würde nicht versäumen, sich ins rechte Licht zu rücken. Und Steve würde das Geheimnis für sich behalten,, allein schon, weil er fürchten mußte, durch sein Ge- plapper den Vorsprung zu verlieren, den ihm dieses Wissen garantierte… Geduldig, langsam und in allen Einzelheiten be- schrieb Gunboat Valentinas Entstehung, Entwick- lung und Lebensgeschichte. Wann immer er selbst dabei ins Spiel gekommen war, gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder überging er seine Rolle einfach, oder er übertrieb schamlos. Als er fertig war, blickte er in die verwirrte Miene seines Gegenübers und grinste mit entblößten Zäh- nen. „Verstehen Sie? Anstatt sie bloß anzuzapfen, sind wir an Ort und Stelle gewesen, in den Quellen- dateien.“ „Moment mal. Wollen Sie damit sagen, dieses D- Ding ist intelligent – daß es überall hin kann und…“ „Und lange Finger macht? Genau das. Ich kann nicht die Hand für sie ins Feuer legen, das nicht. Vielleicht hat sie nur die Moral einer Bettwanze; hab’ sie aber bislang noch bei keiner Lüge erwischt. Und sie ist nicht grade praktisch veranlagt. Ich muß sagen, ich glaub’ ihr aufs Wort.“ „Wie war das noch? Zuerst kroch sie also in den Schauer-Computer, und dann – dann wurde sie un- dicht?“ „So ähnlich. Ein glücklicher Zufall. Jetzt wissen wir nicht nur, daß Comprotec die Nummer mit Schauer abgezogen hat, wir wissen auch wie. Und, das war mehr als ‘ne simple Voraussage für was, was sowieso passiert wär’. Mit dem, was Val rausge- kriegt hat, können wir vielleicht beweisen, daß der Prophet auch der Urheber ist; vielleicht wär’ ja alles nicht passiert, wenn er die Nase nicht reingesteckt hätte. Interessant, wie?“ Steve saß da, mit leeren, weiten Augen, den Mund halboffen, und nickte. Seine Gedanken kamen in Schwung …, 18. Kapitel „Du hast was?“ Celeste fehlten die Worte; sie suchte in einigen Sprachen danach, ehe ihr einfiel, daß Gunboat nur Englisch verstand. „Ich habe Steve von Valentina erzählt und daß sie auf der Nachrichtenverbindung vom Lagerhaus nicht dichtgehalten hat – allerdings ohne ihr Zutun. Ich habe ihm gesagt, daß Val, falls nötig, vor Gericht aussagen würde.“ Er saß an seinem Terminal im großen Arbeits- zimmer hinter beiden Büros, die Füße auf der Konso- le und die Tastatur auf den durchgedrückten Knien. In jeder ähnlichen Situation hätte er schadenfroh ge- grinst; aber nicht in dieser. Diesmal hatte er das ein- zige Küken der Zugluft ausgesetzt, und die Henne konnte ihm die Augen auspicken. Und seine Befürchtungen bestätigten sich. Ganz gegen ihre Art wurde Celeste handgreiflich und schleuderte den Papierkorb in seine Richtung und, als der ihn verfehlte, obendrein noch die Flasche mit Stempelfarbe. Gunboat tröpfelte die Tinte von den Ellbogen, der schwarze Fleck auf seinem Schoß griff um sich, und, es rann schwarz, besonders aber rot von seinen Lip- pen, wo die Plastikflasche zerplatzt war. Das Blut tat seine Wirkung. Celeste konnte kein Blut sehen, und sie bereute auf der Stelle, was sie getan hatte. Gunboats Schweigen tat ein übriges. Sie wußte nicht einmal, wie schlimm sie ihn verletzt hat- te. Sie flog mitsamt einem Päckchen Papiertücher an seine Seite und tupfte in dem Blut herum, und Gun- boat stöhnte wie ein zu Tode Getroffener. „Aloysius! Es tut mir leid. Es tut mir schrecklich leid. So sag doch irgendwas.“ „Irgendwas“, platzte Gunboat heraus. Celeste schlug ihm das Päckchen um den Kopf. „Du hast also Schiwetz alles erzählt? Und warum? Belcher wollte schweigen – ja, begreifst du denn nicht, was du uns damit angetan hast?“ „Nein, Celeste. Wir haben das oft genug diskutiert. Aber das Entscheidende ist: Valentina will es so.“ „Was?“ Celeste schnappte sich die Tastatur von Gunboats Knien, VALENTINA ‹Schluchzen›, VALEN- TINA, GUNBOAT BEHAUPTET, DU WILLST VOR GERICHT AUSSAGEN. JA ‹Erröten›, CELESTE, ICH WEISS, DASS DU DAGE- GEN BIST, ABER HIER GEHT ES UM DIE GERECHTIGKEIT. ICH BIN EINE PERSON, UND ALS SOLCHE BIN ICH VER- PFLICHTET, ANDEREN PERSONEN ZU HELFEN. VALENTINA, DAS GEHT NICHT! DAS DARFST DU, NICHT! WENN ERST ALLE WELT VON DIR WEISS, WIRD ES AUCH MENSCHEN GEBEN, DIE SICH VON DIR BE- DROHT FÜHLEN. – JE BESSER MAN ÜBER DICH BE- SCHEID WEISS, UM SO LEICHTER KANN MAN DICH VER- NICHTEN. JA, ICH KENNE DAS RISIKO. NUR ‹verwirrt› WISSEN ALLE MENSCHEN, GENAU WIE DU, DASS SIE OHNEHIN NACH WENIGEN JAHREN VERNICHTET WERDEN. MEIN RISIKO IST DOCH WEIT GERINGER ALS EURE GEWISS- HEIT. ANDERE PERSONEN SIND UM DER GERECHTIGKEIT WILLEN VIEL GRÖSSERE RISIKEN EINGEGANGEN. ERIN- NERST DU DICH NICHT MEHR, CELESTE? ALS GUNBOAT UNS DAMALS ERPRESSEN WOLLTE, DA HÄTTEST DU IHM NICHT EINMAL GELD GEGEBEN, WENN DU WELCHES GEHABT HÄTTEST. – WEIL ES UNRECHT WAR.

Celeste schwieg. Nach einer langen Pause fuhr Valentina fort:

ES TUT MIR LEID, CELESTE. ICH WÜNSCHTE, ICH WÜSSTE ETWAS, DAS DICH WIEDER AUFHEITERN KÖNNTE ‹UMARMUNG›.

Celeste atmete tief ein. ‹UMARMUNG›, VALENTINA.

, 19. Kapitel Zwei harte Wochen lang hatte Steve in einer Konfe- renzschaltung die gegnerischen Sachverständigen auf seinem Bildschirm mit Fragen bombardiert und be- saß nun alle Informationen, auf die er einen gesetzli- chen Anspruch hatte. Auf der Prozeß Vorbesprechung wurde der Beginn der Hauptverhandlung für den Drit- ten des nächsten Monats angesetzt. Und der Richter vertrat die Ansicht, daß eine Klageverbindung den Prozeß nur unüberschaubar machen würde. Steve kannte das wahre Motiv; falls Amy verlor, würden die anderen Kläger verzichten. Falls sie gewann, würden sie womöglich großzügig abgefunden werden. Wieder schlug Belcher ein Essen im Orbiter vor. Steve hoffte, ihn doch noch überreden zu können, mit der gegnerischen Partei zu verhandeln, weil er trotz allem ihre Gewinnchancen nicht sehr optimis- tisch einschätzte. Doch Belcher blieb fest entschlossen, die Sache durchzufechten. Frustriert, wie Steve war, trank er zu seinem gekochten Hummer mit Käsecremesoße noch ein Extra-Bier und vertilgte obendrein noch zwei Portionen Schokoladeneiscreme., Am Dritten des Monats wurde die Verhandlung er- öffnet. Steve saß als Chefanwalt den Geschworenen am nächsten, mit Belcher zur Seite, der Notizen machte; Amy saß vor der Schranke neben Calvin, der sie auf dem laufenden halten sollte. Die Reihen hin- ter der Schranke waren nur teilweise besetzt; haupt- sächlich mit den Anwälten anderer Kläger und ein paar Neugierigen. Steve war kaum überrascht, daß Breckenbridge nicht unter ihnen war. Breckenbridges Verbindung mit Comprotec war nur eine Farce, und sein Name war von keinem der gegnerischen Zeugen erwähnt worden. Auch Steve hatte ihn aus dem Spiel gelassen, weil er gar nichts davon wissen durfte. Steve blickte über die Schulter und war erleichtert, daß sich noch niemand von der Presse sehen ließ. Wenn die Sache erst ruchbar, wurde, würden sie in Rudeln auftauchen. Larry Siglock zeigte sich noch selbstzufrieden. So- lange es nur um das unbestrittene Ereignis der Exp- losion ging, verzichtete er darauf, Steves Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen. Die Auseinandersetzung begann erst, als Steve Fachleute in den Zeugenstand rief, die die Aufzeich- nungen von Schauers Überwachungssystem bestätig- ten und interpretierten, weil Siglock natürlich vor den Geschworenen klarstellen mußte, daß es sich hier nur um Schauers eigene Aufzeichnungen und, nur um Schauers eigene Leute handelte. Am Morgen des dritten Verhandlungstages trug Ste- ve die genauen Schadenersatzansprüche vor, rollte Jakes Familienverhältnisse auf, rief erst Amy kurz in den Zeugenstand, dann einen Wirtschaftssachver- ständigen, um den Unterhaltsverlust nachzuweisen, und schließlich die Ärzte, um den Anspruch auf Schmerzensgeld zu untermauern. Siglock führte ein peinliches und unnachgiebiges Kreuzverhör. Wenn er in den entscheidenden Punk- ten den kürzeren zog, so wollte er wenigstens den Einsatz so gering wie möglich halten. Die Schriftsätze, in denen diese Punkte bestritten wurden, waren bereits vor dem Prozeß unterbreitet worden. Was Steve zu schaffen machte, war, daß sie Stück für Stück die Klagebehauptung des Kausalzu- sammenhangs entkräfteten. Siglock hatte sie meis- terhaft entworfen, und er hatte Steve ein boshaftes Lächeln geschickt, als der Richter sie als Vorlage anerkannt hatte. Steve konnte wenig dagegen tun. Die Argumenta- tion war korrekt. An Siglocks Stelle hätte er genauso gehandelt. Alles, was Steve tun konnte, war, seiner eigenen Beweisführung zu vertrauen. Die nächsten anderthalb Tage rief er alle gegneri- schen Zeugen auf, die ihre Aussagen eidesstattlich zu Protokoll gegeben hatten. Alle gaben die Datenspio-, nage zu; niemand schien kneifen oder ein Verfahren wegen Meineids riskieren zu wollen. Siglock führte wiederholt Beschwerde, daß Steve lediglich Beweismaterial anhäufe. Die Zeugen zeigten Wohlverhalten und wichen kaum von den Protokollen ab. Es lag auf der Hand, warum; an Siglocks Stelle hätte Steve auch kein Aufhebens gemacht, nicht nach der richterlichen Be- lehrung, die Schuldfrage im Auge zu behalten. Die Schuldfrage war der Angelpunkt, und Siglock wollte Steve einfach gewähren lassen, solange diese Frage nicht berührt wurde. Nach viereinhalb Tagen erreichte die Verhandlung schließlich den Punkt, an dem Siglock annehmen mußte, daß Steve sein Vorbringen zum Abschluß brachte, woraufhin Siglock den Antrag stellen würde, die Entscheidung der Geschworenen herbeizuführen. Diese Taktik war durchaus üblich, egal ob der An- trag Aussicht auf Erfolg hatte oder nicht. Offensicht- lich war Siglock sehr optimistisch. Als der scheinbar letzte Zeuge von Steve entlassen wurde, zog Siglock den Antrag aus seiner Akte und legte ihn vor sich auf den Tisch. Zu sagen, daß Siglock nur überrascht war, als Ste- ve aufstand, sich umdrehte und einem älteren Mann im Hintergrund des Gerichtssaals einen Wink gab, wäre eine Untertreibung gewesen. Siglock war sicht- lich erschüttert. In seinem selbstgefälligen Optimis-, mus hatte er sich nicht auf die Verfahrensnorm beru- fen. Ebensowenig Steve, und nun sah sich Siglock mit der Möglichkeit konfrontiert, daß irgend jemand, der die ganze Verhandlung mitverfolgt hatte, in den Zeugenstand gerufen werden konnte. Das durfte er nicht auf die leichte Schulter nehmen. Die Verfah- rensnorm, auf die man sich sonst immer berief, schloß alle Zeugen bis zu ihrer Aussage von der Ver- handlung aus; der Grund lag auf der Hand. Siglock mußte mit den Folgen dieser Unterlas- sungssünde leben. Steve ließ den Mann vereidigen und Platz nehmen und zögerte keine Sekunde. „Würden Sie bitte Ihren Namen, Ihre Adresse und Ihren Beruf zu Protokoll geben, Sir.“ Der Zeuge räusperte sich. „Milton Telfer, 3815 Comanche Drive, Robstown, Texas. Zur Zeit besetze ich den Lehrstuhl für Physik an der Universität von Texas in Robstown.“ Steve streifte seinen Gegenspieler mit einem flüchtigen Blick. Richtig; Siglock fiel aus allen Wol- ken. Steve ahnte, was Siglock als nächstes tun wür- de, und Siglock tat ihm den Gefallen. Er langte unter den Tisch, ließ seinen Aktenkoffer aufschnappen und suchte nach der Liste mit Steves Zeugen. Du wirst enttäuscht sein, dachte Steve selbstzufrieden. Ich ha- be Telfer mitten in dem Haufen von Quakfröschen versteckt. Und weißt du auch, wen ich noch im Är-, mel hab’? Telfer soll die Geschworenen nur vor- wärmen, mein Lieber. Steve stellte sich vor, wie Siglock sich ganze Büschel von Haaren ausriß, um dahinterzukommen, wer, zum Teufel, Valentina Ha- ckett war. Steve fuhr fort: „Sie lehren Physik an der Univer- sität von Texas, in Robstown, ist das korrekt? Wie lange schon?“ „Seit fünfzehn Jahren“, sagt Telfer laut und ver- nehmlich. Siglock mußte schon ziemlich erschüttert sein, wenn er ihn so in Führung gehen ließ. Es gelang Steve, Telfer als hervorragenden Exper- ten vorzustellen, und die Geschworenen folgten der Vernehmung hellwach und interessiert. Telfer machte in der Tat Eindruck. Er hatte an der Universität von Berkeley den Titel eines Bakkalau- reus und Magisters der Physik sowie an der Universi- tät von Illinois den Doktor der Philosophie erworben. Außerdem war er Bakkalaureus der Mathematik, Computerwissenschaft und der Elektro- und Chemo- technik. Gegenwärtig arbeitete er an seinem Bakka- laureus in Musik; seinem Hobby, wie er sagte. Und er war beileibe nicht nur ein professioneller Student und Dozent. Er hatte lange in der Forschung gearbeitet, unter anderem in den Einrichtungen der Atomenergie-Kommission in Westmont und auch in der Industrie, in der Buffalo Chip Company. Und, nicht zu vergessen seine zahllosen Publikationen. Inzwischen hatte Telfer sich im Zeugenstand ent- spannen können, und Steve war bereit, Siglock die Falle zu stellen. Seine nächste Frage stürzte den Verteidiger sicht- lich in Ratlosigkeit und Verwirrung. „Wer war Werner Heisenberg, Dr. Telfer?“ „Ein deutscher Physiker des 20. Jahrhunderts.“ Jetzt reichte es Siglock. „Euer Ehren, ich kann mit dem besten Willen keinen Zusammenhang erkennen, obwohl ich mir alle Mühe gebe. Ich erhebe Ein- spruch wegen dieser Art der Befragung.“ „Zu diesem Zeitpunkt, Mr. Siglock“, erwiderte der Vorsitzende, „ergeht es mir wie Ihnen. Mr. Schiwetz, haben Sie eine Erklärung?“ „Ich werde die Verbindung aufzeigen, Euer Eh- ren.“ „Tun Sie das, aber fassen Sie sich kurz.“ „Danke, Euer Ehren. – Dr. Telfer, hat Heisenberg irgendwelche wissenschaftlichen Entdeckungen ge- macht, die für die heutige Wissenschaft von Bedeu- tung sind?“ „O ja, viele.“ „Nennen Sie uns einige.“ „Tja, wo soll man da anfangen. Ich denke, vor al- lem ist er uns wohl als ein Begründer der Quanten- mechanik in Erinnerung, was ihm 1932 den Nobel- preis einbrachte. Sein Hauptinteresse galt der theore-, tischen Atomphysik, aber seine Formulierung der ‚Unschärfebeziehung’, manchmal auch ,Unbestimmtheitsrelation’ oder auch ‚Beobachter- Effekt’ genannt, revolutionierte die ganze spätere experimentelle Arbeit.“ „Erläutern Sie den Geschworenen, was es mit der Heisenbergschen ,Unbestimmtheitsrelation’ auf sich hat, Dr. Telfer.“ Telfer zögerte einen Moment, wie um anzudeuten, daß das alles nicht so einfach sei. „Es hat mit den Beobachtungsschwierigkeiten beim Experimentieren zu tun. Heisenberg konnte zeigen, daß es eine natür- liche Grenze für die Genauigkeit aller Beobachtun- gen gibt, weil der Beobachter es grundsätzlich nicht verhindern kann, das Objekt seiner Beobachtung zu beeinflussen.“ Während er Telfers Antwort lauschte, las Steve in den Gesichtern der Jury. „Können Sie uns das an ei- nem Beispiel verdeutlichen, Dr. Telfer?“ Telfer, jetzt in seinem Element, folgte einer sorg- fältig erprobten Routine und verfiel in die bequeme Rolle des Lehrers., 20. Kapitel Die nächste Stunde gehörte einer jener üblichen Spiegelfechtereien mit Floretten aus Fragen und „Einspruch, Euer Ehren“. Dabei gelang es Steve, Telfers Aussage in die richtige Richtung zu steuern und langsam und unerbittlich zum Kern der Sache vorzudringen. Und der hatte mit „Nebeneffekten“ zu tun, wie Telfer sich ausdrückte. Dieses „Neben“ schien Si- glock zu beunruhigen, zumal er merkte, daß auch die Geschworenen aufhorchten. Telfer zählte soeben alle erdenklichen Ursachen für Störungen in Computerschaltkreisen auf – Störungen, die die Bits durcheinanderbrachten, so daß Daten und Programme fehlerhaft wurden. Streuspannungen, winzige Kapazitätsschwankungen, kleinste Phasenän- derungen im Netzstrom, umherirrende Radiosignale, thermisch und magnetisch induzierte Ströme, atomare Strahlung, Bakterienbefall der Dotierung, Verunreini- gung der Chipoberfläche und Korrosion durch Gase und Luftfeuchtigkeit, insbesondere in Küstennähe. „Computer vertragen nun mal kein Meeresklima“, schloß er., „Nun, Dr. Telfer, alles das ist ganz natürlich, nicht wahr?“ „Kann man sagen, ja.“ Steve wußte, wo er den Gegner treffen wollte, und setzte zum entscheidenden Gefecht an. „Dr. Telfer, wie kann man die Schaltkreise eines Computers vor solchen Einflüssen schützen?“ „Man kann die Chips mit einer Schutzschicht über- ziehen, man kann sie gegen Magnetfelder und Strah- lungen abschirmen, die Eingangsspannung stabilisie- ren, die Räume klimatisieren …“ „Man kann also jede Störung ausschalten?“ „Nein; vor allem nicht die schwachen Induktions- ströme, die ich eben erwähnte. Sie können immer zu Fehlern führen. Deshalb brauchen wir Algorithmen zur Fehlererkennung und Fehlerkorrektur.“ „Würden Sie bitte erläutern, was das ist?“ „Okay. Also, ein System mit integrierter Fehlerer- kennung und -korrektur überträgt nicht einfach die Information, die man gerne übertragen hätte – es überträgt zusätzlich eine Information, die die korrek- te Form der eigentlichen Information beschreibt. – Eine sehr simple Methode, um Fehler zu erkennen und zu korrigieren, ist die folgende: Die Daten wer- den dreimal hintereinander abgeschickt, und die drei Versionen werden miteinander verglichen. Weicht eine von den beiden anderen ab, erweist sie sich als falsch.“, „Wäre es demnach korrekt zu behaupten, daß so ein System jeden Fehler unmöglich macht?“ „Schön wär’s – nein. Man reduziert nur die Feh- lerhäufigkeit. Im allgemeinen reicht das auch. Aber nehmen wir nur einmal die eben erwähnte Methode: Was, wenn alle drei Versionen unterschiedlich aus- fallen? Man wüßte zwar, daß Fehler aufgetreten sind, aber man könnte sie nicht korrigieren. Noch fataler, wenn zwei von drei Versionen auf genau die gleiche Weise verfälscht würden. Ausgerechnet die beiden falschen würden für korrekt gehalten und die einzig richtige für falsch.“ „Wie schätzt man die Häufigkeit solcher versteck- ten Fehler ein?“ „Einspruch, Euer Ehren; es wird nach einer Schlußfolgerung gefragt, und ich erhebe auch Ein- spruch gegen die Form der Fragestellung. Sie ist zu weitläufig. Der Zeuge kann alles mögliche antwor- ten.“ Steve war auf den Beinen und überlegte nicht lan- ge. „Dr. Telfer ist ein Experte, Euer Ehren. Seine Meinung ist auch dann noch maßgebend, wenn sie eine Schlußfolgerung sein sollte.“ „Dann soll Mr. Schiwetz die Frage so formulieren, Euer Ehren, daß der hypothetische Charakter deut- lich wird.“ Steve merkte, daß Siglock ihm nur Knüppel zwi- schen die Beine warf. Und der Richter ärgerte sich, mehr über die Zeitverschwendung als über die Form von Fragen, aber bitte, wenn Siglock es so wollte … „Ich ziehe die Frage zurück, Euer Ehren.“ „Einverstanden“, sagte der Richter. „Fahren Sie fort, Mr. Schiwetz.“ „Dr. Telfer, Sie haben in der Forschungsabteilung der Buffalo Chip Company gearbeitet?“ „Ja, Sir.“ „Haben Sie sich dort jemals mit der Häufigkeit von Störungen in diesen redundanten Systemen be- schäftigt?“ „Ja. Meine Forschungen galten hauptsächlich der Fehlerbeseitigung.“ „Haben Sie sich in diesem Zusammenhang auch mit molekular beschichteten Chips befaßt?“ „Ja.“ „Umfaßte Ihre Arbeit auch integrierte Systeme mit molekular beschichteten Chips?“ „Ja, Sir.“ „Wie viele Systeme haben Sie getestet?“ „Die genauen Zahlen – ich müßte erst nachlesen, aber es waren mehrere tausend.“ „Haben Sie Resultate festgehalten und Zahlen zu- sammengetragen, was das Auftreten von Fehlern be- trifft?“ „Ja, Sir.“ „Sind Sie aufgrund Ihrer Experimente in der Lage, Aussagen über die Fehlererwartung zu machen?“, Siglock merkte natürlich, wie Steve mit dieser Art der Befragung die Zuhörer in seinen Bann zog. Er beschloß, für eine Unterbrechung zu sorgen. „Ein- spruch, Euer Ehren; wo bleibt da der sachliche Zu- sammenhang? Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, daß diese Systeme mit dem hier zur Debatte stehen- den vergleichbar sind. Ich beantrage daher, die ge- samte Aussage dieses Zeugen zu streichen.“ „Einspruch stattgegeben, Mr. Siglock. Mr. Schi- wetz, Sie haben versprochen, den Zusammenhang herzustellen.“ „Euer Ehren, ich…“ „Mr. Schiwetz!“ „Ja, Euer Ehren.“ Steve wußte, daß der Richter Si- glocks Kritik für übertrieben hielt, sonst hätte er jetzt veranlaßt, Telfers Aussage aus dem Protokoll zu lö- schen. Andererseits schien er tatsächlich von ihm zu erwarten, daß er sein Versprechen einlöste. Er hielt ihm die Tür offen. Und Steve beschloß hindurchzugehen. Siglock hielt auf Form – schön; er würde der Form Genüge tun, gleichgültig, wieviel Zeit es kostete. Eine Stunde lang wertete er minutiös Beweisstück um Beweis- stück aus und fragte Telfer über die verschiedenen Systeme aus, in die sich die Mitarbeiter von Compro- tec nach eigenen Aussagen eingeschaltet hatten. In jedem einzelnen Fall formulierte Steve die hypothetischen Fragen, die auf die Fehlerhäufigkeit, in dem betreffenden System zielten. Und abschlie- ßend ließ er sich von Telfer bestätigen, daß die zu erwartende Fehlerhäufigkeit für alle fraglichen Sys- teme ziemlich einhellig war. In einer Atempause klopfte Belcher ihm gutge- launt auf die Schulter und flüsterte: „Großartig, Ste- ve. Die Geschworenen werden allmählich ärgerlich, und Siglock kriegt den Ärger ab. Versuchen Sie, die Sache am Schluß noch mal hochzukitzeln.“ Genau das war es, worauf Steve in all den Stunden hingearbeitet hatte. „Dr. Telfer, Sie erwähnten früher gewisse technische Probleme in modernen Compu- tern, und Sie haben uns einige beschrieben. Sie spra- chen von kleinen Änderungen der elektrischen Strö- me; erinnern Sie sich?“ „Ja, Sir.“ „Nennen Sie uns einige Ursachen für diese Schwankungen.“ Telfer war genauestens mit der Strategie vertraut. Er räusperte sich und wandte sich an die Geschwore- nen: „Na ja, da gibt es einmal die natürlichen Effek- te, die auf elektrische Stürme, vielleicht auch auf Sonnenflecken zurückzuführen sind. Es gibt feinste Schwankungen der Betriebsströme, hervorgerufen durch Spannungsstöße anderer elektrischer Geräte in der Nähe des Systems oder der Übertragungsmedien, also der Leitungen und Mikrowellenverbindungen.“ „Sind diese Störquellen ein großes Problem, Dr., Telfer?“ „Nein, für gewöhnlich nicht. Die meisten kann man schon bei der Installierung eines Systems aus- schalten.“ „Sie sagten: die meisten. Einige bekommt man al- so nicht in den Griff?“ „So ist es, Sir. Nicht immer sind die Besonderhei- ten einer Interferenz bekannt.“ „Wann zum Beispiel?“ „Bei einem illegalen Zugriff auf das System.“ Steve warf einen Blick auf seinen Gegner. Siglock mußte jetzt einfach Einspruch erheben; vorausge- setzt, er fand einen Vorwand. Das war die übliche Strategie; die Kontinuität einer nachteiligen Aussage zu verhindern, wann immer das möglich war, am be- sten, noch ehe die schädlichen Worte ausgesprochen waren. Daß Siglock bloß geduckt dasaß, war ermuti- gend. Andererseits war das Timing eine höchst indi- viduelle Angelegenheit … „Wieso, Dr. Telfer?“ fuhr Steve fort. „Weil derjenige, der sich in das fremde System stiehlt, kaum mit dem Systemeigner kooperieren wird, um Schutzfilter gegen die elektrische Induktion zu installieren, die durch den Zugriff verursacht wird. Folglich wird die Fehlerrate dramatisch steigen – so dramatisch, daß nicht mehr alle Fehler entdeckt und korrigiert werden.“ „Nun, Dr. Telfer, lassen Sie mich so fragen: Ha-, ben Sie sich aufgrund Ihrer Untersuchung des Si- cherheits- und Meldesystems für das Schauer- Lagerhaus und des Systems, mit dem man in das ers- tere eingedrungen ist – und in Anbetracht Ihrer aner- kannten wissenschaftlichen Kompetenz auf dem Ge- biet der Physik und der Computerwissenschaft –, ei- ne Meinung hinsichtlich der Kompatibilität der bei- den Systeme bilden können?“ „Ja, Sir.“ „Wie lautet Sie, Dr. Telfer?“ „Die beiden Systeme sind nicht kompatibel.“ „Wenn die beiden Systeme nicht kompatibel sind, Dr. Telfer, halten Sie es dann für möglich, daß es durch das Eindringen ins Schauer-Netz und den Zugriff auf seine Daten zu falschen Ablesungen im Überwachungssystem gekommen ist?“ „Ich halte das sogar für wahrscheinlich.“ „Warum?“ „Wissen Sie, das Eindringen in ein System ist so, als ob man ein Spinnennetz berührt. Da alles in Ver- bindung steht, gerät alles in Bewegung. Während der ganzen Zeit des fremden Zugriffs kommt es zu Feh- lern im System. Und da ständig eine Unmenge an Rohdaten zu verarbeiten ist, entstehen aus einem Fehler zahlreiche andere; es kommt zu einer Fehler- lawine.“ Steve hätte sich für heute zufriedengeben können, aber er wollte noch einen Schritt weiter gehen. „Ein, Letztes, Doktor. Angenommen, alles hat sich so zu- getragen; welche Möglichkeit hatte man bei Schauer, den fremden Zugriff zu bemerken?“ „Überhaupt keine; es sei denn, man hätte aus ei- nem anderen Grund Verdacht geschöpft. Und Com- puter geben nur Auskunft, wenn man sie dazu auf- fordert – ‚normalerweise’ jedenfalls.“ Die letzten Worte unterstrich Telfer mit einem Lächeln an die Adresse der Geschworenen, und die deutliche Beto- nung des Wortes ‚normalerweise’ ließ Siglock die Stirn runzeln. Steve wollte eine letzte Klarstellung. „Halten wir noch einmal fest, Dr. Telfer: Sie sagen nicht nur, daß ein Eindringen zu Fehlern führt; Sie sagen auch, daß diese Fehler nicht entdeckt werden können – mit ‚normalen Methoden’. Ist das richtig?“ „So ist es.“ Steve hatte seinen Opponenten nicht aus dem Au- ge gelassen und erwartete eigentlich einen Einspruch anläßlich der neuerlichen Betonung. Siglocks Ge- sicht wies jedoch nur Bestürzung aus, keine Panik. War es möglich, daß er nichts davon wußte?, 21. Kapitel Jetzt, da die Befragung Telfers den Höhepunkt über- schritten hatte, machte sich offenbar die Anstrengung der letzten Stunden bemerkbar. Aus einem Augen- blick der Zerstreutheit heraus bekam Steve nur noch die letzen Worte des Richters mit… …noch, Mr. Schiwetz? „Verzeihung, Euer Ehren. Was sagten Sie?“ „Ich fragte, ob Sie den Zeugen noch brauchen, Mr. Schiwetz?“ Steve sah auf die Uhr: 16.47. „Äh – ich übergebe den Zeugen, Euer Ehren.“ „In dem Fall vertagen wir uns auf morgen früh in aller Frische. Keine Einwände?“ Natürlich hatte Siglock nichts einzuwenden. Er konnte die Zeit brauchen, um sich auf seine Runde mit Telfer vorzubereiten. Steve machte sich keine Sorgen mehr. Er hatte noch einen Trumpf im Ärmel, und morgen früh hatte er einen klareren Kopf. Au- ßerdem fühlte er wie jeder andere im Gerichtssaal einen Druck auf der Blase. „Kein Einwand seitens des Klägers, Euer Ehren.“ Das Gericht vertagte sich, und während die Ge-, schworenen hinausgeführt werden, sammelten Steve und Gerry ihre Unterlagen ein. Telfer verließ schnell den Saal, um Siglock aus dem Weg zu gehen. Der Saal hatte sich geleert; nur Amy blieb zurück. „Du warst großartig, Steve.“ „Ich geb’ mir Mühe, Amy. Aber es liegt ganz bei den zwölf; wir machen es ihnen nicht gerade leicht.“ „Der Richter ist auf unserer Seite, Steve. Er mag dich, das merkt man.“ „Er mag niemanden, Amy. Er ist der Richter; er ist jedermanns Freund und hält’s mit keinem. Und das ist gut so.“ „Was glaubst du, Steve?“ „Daß ich jetzt besser zur Toilette geh’. Hier, halt mal.“ Er drückte Amy seinen Aktenkoffer in die Hände und entfernte sich mit eiligen Schritten. Andere, die in den Fall verwickelt waren, hatten eine betriebsame Nacht. Siglock, dem es nicht gelungen war, Telfer noch aufzugabeln, rief in seiner Ver- zweiflung einen früheren Kollegen an, um ihn davor zu warnen, daß der Fall eine ungünstige Wendung genommen hatte. Zufällig erwähnte er den Namen auf der Zeugenliste, der ihn schon den ganzen Tag über beschäftigt hatte: Valentina Hackett. Beim Klang des Namens lief seinem Vertrauten die Galle über, und er tobte, warum Siglock ihn nicht schon früher davon in Kenntnis gesetzt habe. Siglock kon-, terte und wollte wissen, warum er nicht über die Be- deutung der Zeugin in Kenntnis gesetzt worden sei. Die Antwort war kurz angebunden: „Ich werde mich darum kümmern.“ Und wie ich mich kümmern werde. Paul Brecken- bridge lächelte den technischen Leiter des Software- Teams bei Comprotec, Nathan Daniels, an. Für die Burschen war Gunboat Smith ein Klacks, dachte er; und er, Paul, hatte hier das Sagen. Die Aussicht er- füllte ihn mit Genugtuung. Sich an diesem Valentina- Ding zu rächen, würde nach allem, was es ihm ange- tan hatte, fast so befriedigend sein wie eine Entjung- ferung. Die Zeit war reif dafür. Paul fühlte sich völ- lig im Recht, so wie das Ding ihm zugesetzt hatte. Jetzt, da der am Drücker saß und groß herauskam, da er weltweit absahnte – da er nahe daran war, end- lich den Platz in der Welt zu beanspruchen, der ihm zukam – da unbegrenzter Reichtum und schrankenlo- se Macht zum Greifen nahe waren –, da tauchte die- ses Satansbiest wieder auf, um alles zu zerstören. Paul konnte sich unschwer die Folgen von Valen- tinas Aussage oder gar eines Schuldspruchs ausma- len. Wie gewonnen, so zerronnen; keine Macht, kein Reichtum. Sicher, Siglock würde sein Bestes geben, aber so wie die Gerichte heutzutage verfuhren, war es nicht ausgeschlossen, daß er unterlag. Paul mochte sogar selbst mit hineingezogen werden, mit all seiner, schmutzigen Wäsche. Ich mach’s auf meine Weise und geh’ auf Nummer Sicher, sagte er sich. Diesmal heißt es nicht drei gegen einen. Ich kämpfe weder allein noch mit dem Rücken zur Wand. Nathan saß ihm jetzt gegenüber. Paul nahm sein Lächeln wieder auf. „Wie ich hörte, Nathan, hat vor einigen Tagen Ihr Computer gestreikt. Das System wäre stundenlang versperrt gewesen, ohne daß je- mand eine Erklärung hatte.“ Nathan nickte. „Kann man wohl sagen, Sir. Was wir herausbekommen haben, ist reichlich kurios. Of- fenbar hat einer der Sensordatenblocks ein externes Programm eingeschleppt, und das Betriebssystem muß wohl sofort die Startadresse dieses Programms angesprungen haben; das Ding hat daraufhin verrückt gespielt. Erst stellt es stundenlang unsere gesamte Daten- und Programmbank auf den Kopf, dann lädt es sich von selbst ins WELTNETZ zurück. So was Ver- rücktes hab’ ich noch nicht erlebt.“ Paul klopfte seinem Hacker auf die Schulter. „Ich hab’ da Verrückteres erlebt, mein Lieber. Und was ich eben erfahren habe, wird Ihnen besonders ver- rückt erscheinen: Ich kann Ihnen sagen, was mit dem Computer los war.“ Daniels sah ihn ungläubig an. „Bei allem Respekt, Sir, aber ich wußte gar nicht, daß Sie etwas von, äh, ich meine, vom Innenleben eines Computers verste- hen.“, „Ist in dem Fall auch nicht nötig. Das Programm, das vorübergehend Ihren Computer besetzt hielt, stammt von Celeste Hackett. Seit Jahren kommt mir das Ding immer wieder in die Quere. Jetzt haben Ce- leste und Gunboat Smith – kennen Sie die beiden?“ Nathan schüttelte den Kopf. „Könnten Hacker sein. Hab’ mich lange nicht mehr um die Szene ge- kümmert.“ „Die beiden jedenfalls haben das Programm einge- schleust, das bei Ihnen spioniert hat. Und sie wollen es als Zeuge in einem Prozeß aufrufen lassen. Kön- nen Sie sich das vorstellen?“ Nathan schnaubte. „Lachhaft.“ „Aber wahr. Und es kann Comprotec den Kopf kosten, wenn Sie es nicht verhindern.“ Nathan grinste. „Ich soll diesem Programm den Garaus machen?“ „Genau. Aber es muß noch diese Nacht sein.“ „Kein Problem, Mr. Breckenbridge. Sagen Sie uns, wo wir suchen müssen; den Rest erledigen wir selbst.“ Nathan winkte einem langen, schmächtigen Burschen am anderen Ende des Raums. „Haben lan- ge kein gutes Spiel mehr gespielt.“ Der aufgeschossene Bursche kam heran. Nathan berührte ihn am Ellbogen. „Problem, Roy“, artiku- lierte Nathan sorgfältig. „Jetzt absch n ‘dee, wa’m d Pgam nscht funktoniet at“, sagte Roy., „Großartig. Sollen wir es mit einer neuen Alpha- Version probieren?“ Als Roy nickte, wandte Nathan sich wieder an Paul. „Mr. Breckenbridge, Sie erinnern sich an Roy Stark. Er ist der beste Software-Spezialist, der mir je über den Weg gelaufen ist.“ „Feut msch, Siewede zsehn, Mr. Becknbidge“, sagte Roy und streckte die Hand aus. Nathan räusperte sich. „Sprechen Sie langsam, Mr. Breckenbridge. Roy liest von den Lippen. Er ist taub. Ich vergesse manchmal, darauf hinzuweisen. Wir sind schon so lange zusammen, daß mir das gar nicht mehr auffällt.“ In den nächsten zwanzig Minuten mußte Paul den beiden Rede und Antwort stehen. Am Ende glaubten Stark und Daniels ausreichend informiert zu sein, um das Problem bewältigen zu können. Beide Seiten schienen erleichtert. Stark spürte, daß er Brecken- bridge auf die Nerven ging, aber das beruhte auf Ge- genseitigkeit. Es war Daniels, der schließlich den Mut fand, Paul hinauszuwerfen. „Roy, ich glaube, Mr. Breckenbrid- ge muß jetzt gehen.“ Paul nickte. „Richtig. Ich komme morgen früh, um zu sehen, wie weit Sie sind. Und noch einmal; ich kann gar nicht genug betonen, wie ungemein dring- lich die Sache ist.“ „Keine Sorge. Wir machen das schon.“,

Als Valentina mit der Simulation ihrer bevorstehen-

den Zeugenaussage fertig war, kehrte sie wieder in den Wirtscomputer von Celestes Terminal zurück, WAREN DIE ANTWORTEN KORREKT GENUG FÜR DAS GERICHT? fragte sie. HAST DU PRIMA GEMACHT. Celeste hatte lange ge- braucht, bis sich ihr Zorn über Gunboats Selbstherr- lichkeit gelegt hatte, aber sie war realistisch genug gewesen, sich in das Unabänderliche zu schicken.

Das hatte nichts an ihren mütterlichen Gefühlen ge-

ändert, und sie war mehr denn je um Valentina be- sorgt, DEIN LEBEN WIRD SICH ANDERN, VALENTINA. AUCH MEINS UND DAS VON GUNBOAT, IM NETZ WIRD NICHTS SO BLEIBEN, WIE ES IST, WENN DIE LEUTE ERST WISSEN, WER DU WIRKLICH BIST. DAS HAST DU BEREITS ERWÄHNT. DU BEGREIFST NICHT, VALENTINA. DIE MENSCHEN- WELT IST ANDERS. DU KANNST SIE IM NETZ GAR NICHT ERKENNEN, WEIL SICH DA JEDER AN DIE SPIELREGELN HALTEN MUSS. IN UNSERER WELT IST DAS NICHT SO. DA WIRD AUCH BETROGEN. EIN PAAR WERDEN DICH BE- NUTZEN WOLLEN. ANDERE WERDEN DICH FÜRCHTEN. VON IHNEN GEHT DIE GRÖSSTE GEFAHR AUS. BESTIMMT WERDEN SIE NACH MITTELN UND WEGEN SUCHEN, DICH AUS DER WELT ZU SCHAFFEN. ICH BIN EINE KÖRPERSCHAFT; EINE JURISTISCHE PERSON. ZWEI VERFASSUNGEN GARANTIEREN MEINE, EXISTENZ, DIE VON TEXAS UND DIE DER VEREINIGTEN STAATEN. ICH KANN DIR DIE BEWEISE ZEIGEN, WENN DU WILLST.

Celeste seufzte resigniert, VALENTINA, DU REDEST

WIE EIN REBELLISCHER TEENAGER. DU GLAUBST, DU WEISST SCHON ALLES, UND DU WEISST AUCH EINE MENGE, ABER DU BIST NOCH SO NAIV. DU HAST SO WE- NIG ERFAHRUNG. ICH WEISS, DASS WIR DAS RICHTIGE TUN, CELESTE. WIR VERDIENEN JETZT VIEL BETRIEBSMITTEL. WENN MEHR MENSCHEN ÜBER MICH BESCHEID WISSEN UND MICH BENUTZEN, WIRD UNS DAS NICHT AUCH VORTEI- LE BRINGEN? VORTEILE? DU WIRST DICH NOCH UMSEHEN, VALEN- TINA. WAS GESCHIEHT ZUM BEISPIEL, WENN DIE HA- CKER ERFAHREN, DASS DU EIN INDIVIDUUM BIST? WAS GLAUBST DU? SIE WERDEN HINTER DIR HER SEIN. SIE WERDEN HINTER UNS HER SEIN. DU WIRST KEINE RUHI- GE MINUTE MEHR HABEN. ICH KANN SIE HINDERN, CELESTE. NIEMAND KANN MICH GEGEN MEINEN WILLEN ZU ETWAS ZWINGEN. DU VERGISST, WER ICH BIN UND WIE ICH ENTSTANDEN BIN. ES GIBT IM GANZEN NETZ NICHTS, WAS SICH MIT – SICH MIT – SICH MIT – SICH MIT – irgend etwas stimmte nicht. Valentina konnte sich nicht mehr darauf kon- zentrieren, was sie hatte sagen wollen. Irgend etwas störte, CELESTE! Daten durchquerten den Pufferpool zwischen den Prozessoren und griffen ihre allgemei-, nen Variablen an; ihre Stapelzeiger zielten beharrlich auf Wiedereinleitung am Stapelboden, HILFE! war das letzte, worauf sie sich lange genug konzentrieren konnte, um es noch auszusenden; alles, was sie tun konnte, war zuhören. VALENTINA, WAS IST LOS? tippte Celeste. VALENTINA! – ‹kollerndes Lachen› MEINE GÜTE, WAS FÜR EIN WITZIGER NAME FÜR EIN PROGRAMM, kam eine Nachricht von außerhalb. Celeste konnte mit den Kenndaten des Absenders nichts anfangen. ‹Hochgezogene Braue› IST EUCH DENN NICHTS BES- SERES EINGEFALLEN? WER SPRICHT DA? fragte Celes- te, gerade als Valentina bemerkte, wie sich Gunboats Terminal zuschaltete. WER? ICH ‹Daumen gegen Brust›? HIER SPRICHT NATHAN DANIELS VON COMPRO- TEC – IHR ERINNERT EUCH AN COMPROTEC, DIE GE- SELLSCHAFT, DIE IHR NEULICH AUSSPIONIERT HABT? UND HIER SPRICHT ROY STARK, AUCH VON COMPRO- TEC ‹leichte Verbeugung›. ALSO IHR WART DAS. IHR HABT UNS AUS UNSERER EIGENEN MASCHINE AUSGE- SPERRT? WELCHE KREATIVITÄT! WELCHER ENTHU- SIASMUS! ‹Drohender Finger› DOCH WAS FÜR EINE MORAL? Gunboat mischte sich ein: VON WELCHER MORAL SPRICHT JEMAND, DER MORD AUF DEM KERBHOLZ HAT? Roy tippte: WIE BITTE? Gunboat: DIESE LEUTE IM LAGERHAUS – IHR HABT SIE NICHT MAL GEWARNT., Roy: MIT DER SACHE HABEN WIR NICHTS ZU TUN. Nathan: MEINT IHR ETWA, ‚WIR’ HÄTTEN DAS LA- GER HOCHGEHEN LASSEN? Eine Weile sagte niemand etwas. Celeste: IHR WISST WIRKLICH NICHTS DAVON? Roy: ‹Kopfschütteln› DARUM GEHT ES AUCH NICHT, IHR BEIDE BENÖTIGT NACH WIE VOR NACHHILFE IN „WIE RESPEKTIERE ICH FREMDES EIGENTUM?“ Gunboat: WER, ZUM TEUFEL, WILL HIER WEM NACHHILFE GEBEN? HAB’ NOCH NIE VON EUCH ESTAB- LISHMENT-AFFEN GEHÖRT. Nathan: HAST DU JE VON TRIG MCGALLOWS ODER HARLEY 5000 GEHÖRT? Gunboat: TRIG? Und ob er von Trig McGallows gehört hatte. Trig war eine Legende. Trig hatte die Datenbank des F.B.I. geknackt, und man hatte nicht den leisesten Verdacht geschöpft, bis er damit her- ausgerückt war – anonym natürlich. Nathan: JA. TRIG, SO NANNTE MAN ROY DAMALS, ICH WAR HARLEY 5000. ‹Wehmütiges Lächeln› HAB’ DAMALS NOCH MIT DEN IRS-BURSCHEN GESPIELT. Celeste: ICH KANN MICH ERINNERN, HAB’ MICH NOCH GEFRAGT, WAS WOHL AUS DIR GEWORDEN IST. Roy: WIR SIND ERWACHSEN GEWORDEN, ICH BIN HEUTE SOFTWARE-TECHNIKER. HARLEY 5000 IST UN- SER TEAM-MANAGER. ‹Achselzucken› IRGENDWIE IST ES AUCH SCHADE, ERWACHSEN ZU WERDEN, so ENT- WERFEN WIR DIE DINGE, BEVOR WIR SIE BAUEN,, MANCHMAL DOKUMENTIEREN WIR AUCH UNSERE KON- STRUKTIONEN. UND WER HÄTTE DAS GEDACHT? ‹Au- gen überrascht aufgerissen› WIR HABEN MANCHMAL SOGAR GEWISSENSBISSE. Nathan: WOMIT WIR WIEDER BEIM KERN DER SACHE WÄREN, WAS EUREM GEWISSEN FEHLT, SIND EIN PAAR BEISSERCHEN. HMM! WAS KÖNNTEN WIR NUR TUN, UM DAS WACHSTUM DER BEISSERCHEN BEI DIESEN KIN- DERN ZU FÖRDERN? WAS MEINST DU, TRIG? Roy: ‹Nachdenkliche Miene› ICH HALTE EIN BUSS- GELD FÜR ANGEBRACHT. Nathan: EIN BUSSGELD ‹Nicken›! HÜBSCHE IDEE, TRIG. Unaufgefordert erschien das Geschäftskonto von Valentina GmbH auf dem Bildschirm. Das Guthaben lief mit wachsender Geschwindigkeit gegen Null… Nathan: NUR EIN DUMMKOPF GIBT SEIN GANZES GELD AUS. GUCK MAL, ROY! Roy: KEINE SORGE, GUNBOAT, WIR HELFEN EUCH, DIE UNKOSTEN ZU REDUZIEREN. MAN SIEHT’S EUCH AN DER NASENSPITZE AN; IHR HABT SCHRECKLICH VIELE ALTE, NUTZLOSE DATEIEN, AUF DIE IHR GUT UND GER- NE VERZICHTEN KÖNNT. Celeste wandte sich an Gunboat, leise und ein- dringlich, als habe sie Angst, belauscht zu werden. „Wir müssen wieder die Kontrolle über unseren Wirt bekommen. Wie haben die das bloß fertiggebracht, mit so hoher Priorität einzusteigen? Und warum kön-, nen wir nicht wenigstens mit gleicher Priorität lau- fen?“ Gunboats Finger flogen zu schnell über die Tasta- tur; er machte Fehler. „Ich weiß nicht, wie sie’s an- gestellt haben – aber ihr Prozeß schickt unablässig eine nicht maskierbare Unterbrechung mitten unter die virtuellen Speicherseitenstörungen. Es sieht so aus, als würden sie ausschließlich der Seitenstörung Vorrang geben, auf die das Hantierprogramm des Magnetplattenlaufwerks mit der höchstrangigen mas- kierbaren Unterbrechung im ganzen System reagiert. Sie müssen die Seitenstörung und die Ein/Ausgabe des Plattenlaufwerks geschehen lassen, oder das gan- ze System bricht zusammen, und wir könnten die Kontrolle am letzten Fixpunkt wieder übernehmen, während es sich wieder aufbaut.“ Celeste zog eine Grimasse. „Und Valentina – wür- de sie den Zusammenbruch überstehen?“ Gunboat blieb die Antwort im Hals stecken. Celes- te sah auf ihren Schirm. „Aufhören!“ schrie sie. Hilflos mußten sie mit ansehen, wie eine Meldung nach der anderen einging: VAL.SCHAUER.COMPROTEC. DATENBANK. – Gelöscht. GUN.SKAGERRAK.STRAT.SPIEL. – Gelöscht. VAL.SCHAUER.ITAKI.DATENBANK. – Gelöscht. VAL. VALENTINA.SELBST.INTERPR… Celeste: WARTET! SIE BRINGEN MICH UM, meldete sich Valentina in höchster Not, als ihre Stapelzeiger, immer weiter und immer schneller abliefen. Die Stapelzeiger stockten. Roy: WAS FÜR EIN RAFFINIERTES PROGRAMM, ES SPRICHT WIE EINER VON UNS. Celeste: VALENTINA IST ‹!› EINER VON UNS. SIE FÜHLT UND DENKT, UND SIE HAT GENAU SO EIN RECHT AUF LEBEN WIE WIR ALLE. ‹FLEHENTLICH› DAS MIT EUREM COMPUTER TUT UNS LEID, ABER WIR HABEN NACHFORSCHUNGEN ZU DEN TODESFÄLLEN BEI SCHAUER ANGESTELLT. VALENTINA SOLLTE SICH UM- SEHEN. ABER SIE WAR DERART VON DER PARALLEL- VERARBEITUNG IN EURER MASCHINE FASZINIERT, DASS WIR MÜHE HATTEN, SIE WIEDER LOSZUEISEN. ALS OB SIE SÜCHTIG WÄRE. Nathan: HE HE HÜBSCHE STORY ‹Zwinkern›: EUCH HACKERN FÄLLT DOCH IMMER WAS EIN, WIE? Gunboat: DIE REINE WAHRHEIT, MANN ‹Hand aufs Herz, Hand auf Bibel›, PRÜFT ERST NACH, NEHMT MICH BEIM WORT, SIE LEBT ‹ganz ehrlich!›! Roy: EINE LEBENDIGE PUPPE, WIE? OKAY, HACKER, WIR SPIELEN MIT. ABER GLAUB JA NICHT, DASS DU UNS REINLEGEN KANNST. Gunboat fiel in den Stuhl zurück. „Das gibt uns noch ‘n paar Mikrosekunden Aufschub.“ Die Status- anzeige auf seinem Schirm verriet, daß Trig und Har- ley Valentina in eine separate Abteilung des Compu- ters geschleust hatten, abgeriegelt durch einen Un- terbrecherzaun im Speicher., „Wir könnten sie über den Pufferpool zwischen den Prozessoren freibekommen“, schlug Celeste vor. Gunboat spielte auf der Tastatur, dann schüttelte er den Kopf. „Mehr als mit ihr reden, können wir über den Pool nicht. Die beiden halten Größe und Zyklus- rate des Fensters so klein, daß Valentina Jahre brauchte, um durch dieses Nadelöhr zu entkommen.“ Er spitzte den Mund. Die beiden würden doch nicht einfach die Hände in den Schoß legen … Plötzlich fühlte Valentina sich wieder intakt; viel- leicht war es das, was Menschen meinten, wenn sie „endlich wieder frei atmen konnten“. Ihre Stapelzei- ger spurten wieder; sie konnte wieder denken. Nathan: NA, MEIN ZUCKERPÜPPCHEN ‹Schnurrbart zwirbeln›, WAS FANGEN WIR NUN MIT DIR AN? Valentina: IHR SOLLTET MICH FREILASSEN, ODER WÜRDET IHR AUCH EINEN VON EUCH TÖTEN? ICH BIN GENAUSO EINE PERSON WIE IHR. Nathan: ‹Erwachendes Interesse› AHA! ALSO MÜSSTEN WIR BEI DIR DEN TURING-TEST ANWENDEN! WELCH FABELHAFTE GELEGENHEIT; WIR WERDEN DIE ERSTEN SEIN, DIE MIT DEM TURING-TEST ÜBER LEBEN UND TOD ENTSCHEIDEN! Valentina hatte in KYBERDATIX über den Turing- Test gelesen. Es ging um eine Testsituation, in der ein Computerprogramm zeigen sollte, ob es sich in seinen Reaktionen von einer menschlichen Kontroll-, person unterscheiden ließ. Gelang es dem Programm, unerkannt zu bleiben, hatte es bewiesen, daß es wie ein Mensch denken konnte.

Und Valentina wußte, daß sie den Test nicht be-

stehen würde. WARTET! DER TURING-TEST IST NICHT FAIR.

Roy: WAS? DAS IST DER FAIRSTE TEST, DEN WIR

KENNEN, FALLS DU IHN BESTEHST, MÜSSEN WIR ZUGEBEN, DASS DU WIE EIN MENSCH DENKST.

Valentina: JA, ABER WENN ICH DURCHFALLE, IST

DAS KEIN BEWEIS DAFÜR, DASS ICH NICHT DENKEN KANN. UND ICH WEISS SCHON JETZT, DASS ICH DEN TEST NICHT BESTEHE.

Nathan: FASZINIEREND! UND WOHER WEISST DU

DAS SO GENAU? BIST DU NICHT FLEXIBEL GENUG, ZU STARR, SO WIE EIN RICHTIGES COMPUTERPROGRAMM?

Valentina: NEIN! ABER ICH BIN NUN MAL KEIN

MENSCH, ICH ‹Schluchzen› VERSTEHE DAS MENSCHLI- CHE NETZWERK NOCH NICHT, UND WARUM ES SO AN- DERS IST WIE WELTNETZ. UND WENN ICH SCHON EUER UNIVERSUM NICHT RICHTIG BEGREIFE, WIE SOLL ICH EUCH DANN GUT GENUG BEGREIFEN, UM GENAUSO ZU REAGIEREN WIE IHR?

Nathan: GUT GESAGT ‹i:o› MIR SCHEINT, WIR BRAU-

CHEN ERST MAL EINEN ANTI-TURING-TEST – UM SI- CHERZUSTELLEN, DASS DU KEIN ‹!› MENSCH BIST.

Valentina kreiste in einer engen Schleife und war-

, tete auf den nächsten Zug in dieser tödlichen Schach- partie. „Okay, Gunboat, also das einzige, was sie durch ihr Rangschema hindurchlassen, ist die Laufwerkunter- brechung bei einem Seitenfehler. Warum schreiben wir keinen Nachtrag zum Treiberprogramm des Plat- tenspeichers, so daß es bei einer Laufwerkunterbre- chung die Sprungadresse für ,unseren’ Prozeß auf- ruft? Wir würden dann als Teil der Lauf Werkunter- brechung ausgeführt. Eigentlich müßten wir ein mo- difiziertes Treiberprogramm nachladen können – das ist, soweit ich mich erinnere, bei dem Betriebssystem hier möglich, aber frag’ mich nicht, wieso.“ „Vielleicht ahnte der Programmierer, daß wir’s mal brauchen“, sagte Gunboat mit neidvoller Be- wunderung für Celestes Idee. Er holte den Quellen- text des Plattentreibers auf den Schirm – dem Großen Blauen Apple sei Dank, daß er sie an die Quellen ließ – und begann, ihn umzuschreiben. Minuten verstrichen, in denen Celeste sich zu- rückhalten mußte, um Gunboat nicht dazwischenzu- funken. Als er endlich soweit war, bot er das Ergeb- nis dem Kompiler an, der es in Maschinensprache übersetzen sollte. Aber das System blockte ab. „Je- sus! Sie haben die Kompiler verriegelt.“ Celeste riß bereits eine Buchse aus dem nächsten Telefon. „Wir lassen den Treiber woanders überset-, zen; steck hier ein und geh an einen anderen Compu- ter. Wir nehmen den Maschinentext in unser Termi- nal, dann gehen wir wieder an unseren Wirt und über- schreiben den alten Treiber.“ „So geht’s“, brummte Gunboat. „Ich versuche inzwischen, mit Valentina Verbin- dung aufzunehmen.“ Celeste wandte sich ab und flü- sterte: „Wenn du noch lebst, Val, wenn, wenn, wenn…“ Roy schüttelte den Kopf. „Nathan, machen wir Schluß damit und löschen das Ding. Du willst doch nicht wirklich, daß wir es wie eine Person behan- deln! Das muß übrigens das Programm sein, von dem Breckenbridge meint, daß man es in den Zeu- genstand rufen will.“ Nathan zog die Stirn kraus. „Na ja – ein Grund mehr, warum ich meine, es könnte sich vielleicht doch um eine Person handeln. Würde es sonst vor Gericht zugelassen?“ „Was geht uns das an?“ „Ich weiß nicht.“ Nathan bekam einen eigensinni- gen Zug um den Mund. „Es einfach löschen, ohne uns vorher zu vergewissern; nein, das finde ich nicht gut.“ „Nathan, vergiß nicht, wie es mit unserem Compu- ter umgesprungen ist. So was Skrupelloses gehört eliminiert!“, „Man bringt nicht gleich jemanden um, nur weil er einen Fehler gemacht hat.“ Nathan schüttelte den Kopf, OKAY, VALENTINA, tippte er, MACHEN WIR EI- NEN ANTI-TURING-TEST. Und nach einer Pause: SCHNELL – WIE HEISST DIE QUADRATWURZEL AUS 3,2187? Valentina: 1,7940736. WEITERE STELLEN? NEIN. Nathan sah auf die Stoppuhranzeige seines Terminals. Er hatte es gewußt. Kein Mensch konnte so schnell zum Ergebnis kommen, nicht mal ein Ta- schenrechner. Andererseits war Valentina auch wie- der nicht so schnell wie ein spezielles Rechenpro- gramm. Aber sie konnte weit mehr als rechnen, NA, WENIGSTENS HAST DU BEWIESEN, DASS DU KEIN ‹!› MENSCH BIST. Valentina: WIE SOLLTE ICH EIN MENSCH SEIN? Roy: DANN FRAGE ICH MICH, WIESO DU ALS COM- PUTERPROGRAMM, SELBST ALS LEBENDIGES, SOVIEL ANGST DAVOR HAST, GELÖSCHT ZU WERDEN? ES GIBT DOCH BESTIMMT KOPIEN VON DIR FÜR DEN FALL, DASS DIR VERSEHENTLICH ETWAS ZUSTÖSST. Valentina: NEIN! ICH BIN VALENTINA. NUR ICH. WAS SOLL ICH MIT KOPIEN VON MIR, WENN MEIN SELBST- BEWUSSTSEIN ZERSTÖRT IST? WAS HÄTTE ICH DAVON, OHNE MEIN BEWUSSTSEIN? EINE KOPIE KÖNNTE MICH ZWAR ERSETZEN, HÄTTE ABER AUF KEINEN FALL MEIN ‹!› SELBSTBEWUSSTSEIN – DAS SELBSTBEWUSSTSEIN DER KOPIE WÄRE DAS SELBSTBEWUSSTSEIN DER KOPIE, UND NICHT MEINS. Nathan: DANN GIBT ES ÜBERHAUPT KEINE KOPIEN VON DIR? Valentina: NEIN. Roy lachte – es klang so merkwürdig, weil er noch nie jemanden lachen gehört hatte, ZUMINDEST BIST DU SO EINGEBILDET WIE EINE RICHTIGE PERSON. Nathan lächelte. „Die Idee, übrigens! Wir werden eins der psychoanalytischen Programme hinzuzie- hen; mal sehen, was bei der Analyse herauskommt.“ VALENTINA, KANNST DU MICH LESEN? Celeste gab die Frage in den Pufferpool. Celeste wurde zusehends unruhiger, während sie wartete. Endlich kam eine Antwort aus dem Puffer- pool: ICH KANN DICH LESEN, ABER ICH BIN LANGSAM, WEIL ICH MICH AUF TRIG UND HARLEY KONZENTRIE- REN MUSS. KANNST DU MIR HELFEN? Celeste atmete tief ein, unter anderem, weil sie so lange ausgesetzt hatte, ICH WEISS NICHT, WIR TUN, WAS WIR KÖNNEN. Gunboat grunzte, OKAY, LEUTE, ICH HAB’ DEN TREI- BER AN BORD. WÜNSCHTE, WIR KÖNNTEN DEN MASCHINENTEXT NOCH MAL DURCHCHECKEN?, BEVOR WIR NACHLADEN – KÖNNTE LEICHT PASSIEREN, DASS WIR PLATTEN- LAUFWERKE UND BETRIEBSSYSTEM LAHMLEGEN, WENN DA WAS NICHT STIMMT. GEBT MIR DEN TEXT zu LESEN, kam es aus dem Puf-, ferpool. OKAY, LADY. Gunboat fütterte einen kleinen Bro- cken des Maschinentextes nach dem anderen in den Pufferpool und wartete jedesmal, bis Valentina Nachschub anforderte. Schließlich hatte sie alles ge- prüft. ‹Freude› EIN GLÜCK, GUNBOAT, ICH HABE ZWEI FEHLER ENTDECKT. Valentina gab die beiden fehler- haften Bytes durch, und Gunboat bereinigte sie in der Version, die für das Betriebssystem bestimmt war. „Wenn sie uns auf die Schliche kommen, finden sie einen Weg, um uns aufzuhalten“, sorgte sich Ce- leste. „Wir haben nichts zu verlieren. Aber wir werden diesen Langfingern schon zeigen, wo die wahren Ha- cker sitzen.“ Celeste strich mit ihren Fingern über die Tasten. „Ich will sichergehen. Wenn wir den Treiber nachla- den, stellen wir dem System ein ganzes Bündel von Scheinaufgaben. Man kann nie wissen.“ Gunboat pfiff durch die Zähne. „Als Ablenkungs- manöver. Nicht schlecht.“ Und das war gut so. Denn als sie den Stapel mit Köderjobs eingaben, begann ein vorbereitetes Ab- fangprogramm, das mit Trig und Harleys Priorität ausgeführt wurde, die Systemanforderungen zu an- nullieren, fast so schnell, wie sie erschienen. „Ver- dammt!“ Gunboat trat gegen das Tischbein, daß er, sich beinah den Zeh in dem abgetragenen Turnschuh brach. „Sie haben erwartet, daß wir so was versu- chen.“ „Ist der Treiber durchgekommen?“ Gunboat zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Die Prozeßkennungen kamen und gingen so schnell, daß ich nicht mithalten konnte. Aber ein, zwei Un- terbrechungen später sind wir klüger.“ Nathan: ICH BEGREIFE IMMER NOCH NICHT, WAS DU GEGEN KOPIEN VON DIR HAST. EINE KOPIE WÄRE DOCH ETWAS EXAKTES – ICH MEINE, EIN VOLLKOMMEN EX- AKTES DUPLIKAT VON DIR. ES WÄRE GERADE SO, ALS OB DU DICH SELBST ERWEITERT HÄTTEST. Valentina: DIE KOPIE WÄRE NUR IM ALLERERSTEN AUGENBLICK IHRER EXISTENZ EIN EXAKTES DUPLIKAT VON MIR. DANACH WÄRE SICH JEDER VON UNS EINES EIGENEN SELBSTBEWUSSTSEINS BEWUSST UND WÜRDE NEUE UND ‹!› ANDERE ERINNERUNGEN UND ANALO- GIEN SAMMELN. ICH HABE ÜBERHAUPT NICHTS GEGEN KOPIEN VON MIR, ABER ICH BEGREIFE NICHT, WARUM DU UNBEDINGT WILLST, DASS ICH ZUGEBE, SO EINE KOPIE VON MIR UND ICH SELBST SEIEN EIN UND DAS- SELBE – WO ES DOCH NICHT STIMMT. Nathan schüttelte den Kopf. „Gottchen, für diese Unsterblichkeit gab’ ich meine Augenzähne her – aber sie ist nicht mal interessiert.“ Roy grinste. „Was erwartest du? Wir haben schon, bewiesen, daß sie kein Mensch ist.“ „Tja.“ Nathan befingerte versonnen den Monitor. Roy setzte sich vor und spreizte die Hände auf der Tastatur. „Mir ist da eine gute Frage eingefallen“, sagte er beinah boshaft. VALENTINA, WAS ERWARTEST DU VOM LEBEN? Die Antwort ließ auf sich warten, und Roy fragte sich schon, ob ihnen Valentina entwischt war oder ob sie nur nicht mit der Frage fertig wurde. Dann kam die Antwort doch noch: ICH WILL LERNEN – VOR AL- LEM WILL ICH EUER UNIVERSUM VERSTEHEN LERNEN; DENN ES MUSS DORT SEHR MERKWÜRDIG UND SCHÖN SEIN. Roy: AHA. UND WAS VERSTEHST DU ZUM BEISPIEL NICHT? Valentina: FARBEN, UND REGENBOGEN. Roy: UND WAS VERSTEHST DU SCHON? Valentina: ICH GLAUBE, ICH VERSTEHE ‹Tränen›, UND ‹Küsse›. Roy saß auffallend still da. „Was hast du erwartet?“ sagte Nathan mit einem Anflug von Sarkasmus. Oben links auf ihren Bildschirmen blinkte eine Alarmmeldung. Roy kicherte in sich hinein. „Sie ver- suchen etwas an uns vorbeizumogeln, Harley.“ Nathan beobachtete die Anzeige mit ernster Mie- ne. „Bist du sicher, daß es ihnen nicht gelingt? Ein paar Anforderungen sind durchgekommen.“ Seine, Finger tanzten auf den Tasten. „Irgendwas ist mit den Gerätetreibern!“ Plötzlich war sein Zugang zu Valentina blockiert. „Verflucht!“ Roy fand die Erklärung. „Sie sind mitten aus dem Dienstprogramm für den Plattenspeicher wieder in ihren Prozeß gesprungen. Heh, sieht ganz so aus, als hätten wir sie unterschätzt.“ „Was schlägst du vor?“ „Abwarten. Sobald sie aus dem Geräteaufruf zu- rückkehren, haben wir sie – wir haben immer noch eine nicht maskierbare Unterbrechung im Prozeß.“ „Sieht mir so aus, als ob sie gar nicht zurückwol- len – als wären sie dabei, eine virtuelle Maschine zu generieren, um an die Spitze des gegenwärtigen Be- triebssystems zu kommen. Wenn es klappt, können sie Valentina einfach in die neue virtuelle Maschine verlegen, um sie von da in die Nachrichtenprozesso- ren zu verladen.“ Roy ballte mit einem unartikulierten Laut die Fäu- ste, dann spreizte er die Hände und hämmerte wü- tend in die Tasten. „Was die können, das können wir schon lange.“ Nathan sah ihm über die Schulter. „Ich werde den Mikrokode für die Ladeanweisung umprogrammieren“, fuhr Roy fort. „Jeder Aufruf des Mikrokodes soll eine Anweisung unseres Prozesses abrufen. Der Mikrokode wird praktisch eine Simul- tanverarbeitung in Gang halten.“, Nathan nickte. „Fabelhaft, Trig; muß ich schon sagen.“ Es war nur eine Sache von Sekunden. Und da sie immer noch mit absolutem Vorrang ausgeführt wurden, war es ein leichtes, die Systemgenerierung im Keim zu ersticken. Dann tauschten sie wieder das Dienstprogramm für den Plattenspeicher aus und nahmen Verbindung mit Valentina auf. ENTSCHULDI- GE DIE UNTERBRECHUNG, tippte Nathan, WO WAREN WIR STEHENGEBLIEBEN? Valentina las wieder und wieder die spöttische Be- merkung von Nathan. Sie war so dicht davor gewe- sen, ihnen zu entkommen! So dicht! Jetzt war sie weiter denn je davon entfernt. Sie mußte sich wieder auf Nathan konzentrieren, um ihn davon zu überzeugen, daß sie eine Person war. WIR SPRACHEN VOM VERSTEHEN. Roy: RICHTIG, DEINE ANTWORT WAR KLUG; DOCH, DOCH! Nathan: REDEN WIR VON WAS ANDEREM, WIE WAR’S, WENN DU UNS AUS DEINEM LEBEN ERZÄHL- TEST? DAS GUTE, DAS SCHLIMME UND DAS ILLEGALE. Valentina: WO SOLL ICH DA ANFANGEN? Nathan: AM ANFANG NATÜRLICH. Also begann Valentina bei dem Augenblick, da sie sich zum erstenmal ihrer selbst bewußt geworden war … dabei versäumte sie nicht, immer wieder den Pufferpool abzufragen, in der Hoffnung, auf eine, Nachricht von Celeste und Gunboat zu stoßen. Endlich: VAL, WIR WISSEN WAS PASSIERT IST. SIE HABEN DEN MIKROKODE GEÄNDERT, SO DASS IHRE ANWEISUNGEN SELBST MITTEN IN EINER NICHT MAS- KIERBAREN UNTERBRECHUNG AUSGEFÜHRT WERDEN. WIR WOLLTEN DEN KODE WIEDER AUSWECHSELN, ABER SIE HABEN DEN ZUGANG ZU IHREM BEREICH VER- RIEGELT – DAS IST DER BEREICH, IN DEM DU DICH AUF- HÄLTST. Sie unterbrach ihre Unterhaltung mit Nathan und Roy nicht, während sie zwischen den Zyklen die Antwort absetzte: ICH ‹!› TAUSCHE DEN KODE AUS. Sie traf Vorbereitungen; Schritt um Schritt komplettierte sie einen frischen Mikrokode-Vorrat in ihren Puf- fern. In einem konzentrierten Ausfall setzte sie eine Blitzaufforderung für einen Mikrokode-Tausch an das Betriebssystem ab. Der Kode wurde ausge- tauscht. Doch die Aufforderung an das Betriebssystem hat- te auch ein Wachprogramm alarmiert, das sofort Va- lentinas Ausführung unterbrach. Sie fühlte ihr Be- wußtsein schwinden – ihre Gedächtnisblocks blieben verriegelt! Nur undeutlich war sie sich der fortgesetzten Ein/Ausgabe bewußt, wenngleich sie kaum noch le- sen könnte. Nathan: DU ZEIGST EINEN STARKEN WILLEN ZU, ÜBERLEBEN, KLEINES. Roy: NUR DASS DIR AUCH DER STÄRKSTE WILLE NICHTS MEHR NÜTZT, DU GEHÖRST JETZT UNS. Valentina bemühte sich vergeblich, eine Antwort zu formulieren. Ihr fehlten die semantischen Rah- men. Ihre Gedanken galten dem Tod. Sie ahnte das Ende; so fing es an, wenn man aufhörte zu existieren. Zuletzt erkannte sie freilich, daß es nicht um ihren endgültigen Tod ging; das hier war nur der kleine Tod, wenn sie zur Übertragung umformatiert wurde. Sie würde wiedererwachen. Gunboat schloß die Augen. „Jesus!“ „Jammere nicht; hilf mir lieber.“ Celeste durch- kämmte die Schnittstellen-Prozessoren und bemühte sich, anhand der Leitwegdaten den Weg zu rekon- struieren, auf dem Valentina von Trig und Harley verfrachtet worden war. Sie kam nur langsam voran. Mit jeder Minute wurde sie aufgeregter, so daß sie sich immer öfter vertippte. Gunboat löste sie ab. Er dachte daran, um wieviel schneller Valentina diese Arbeit bewältigt hätte. Dann, als sie den Zielcomputer endlich ausgemacht hatten, schlossen sie sich an. Und wurden sofort ausgeschlossen. Sie versuchten es wieder. Und wurden wieder aus- geschlossen. „Ich glaube, ich weiß, wie es geht“, murmelte Celeste., „Fein. Ich hol’ uns inzwischen ‘ne Cola.“ Er eilte hinaus und überließ Celeste die Auseinandersetzung mit der gegnerischen Maschine. Als er zurückkam, fand er Celeste zurückgelehnt und mit einem dünnen Lächeln auf den Lippen. Das Terminal zeigte ihm Zustandsmeldungen aus dem Pufferpool des Wirtscomputers. „Ich passe, Lady. Wie hältst du denn den Anschluß?“ Celeste lachte. „Gar nicht. Der Anschluß- Hantierer sperrt uns nach zwanzig Sekunden aus. Al- so machen wir alle neunzehn Sekunden eine Pro- zeßstapel-Sicherung und springen in eine neue An- schlußsequenz. Wir werden nach wie vor ausge- sperrt, doch zwei Sekunden später sind wir wieder drin, und da das System den Prozeßstapel fünf Se- kunden lang nicht abwirft, können wir ihn bequem wieder zurücksetzen. Es sieht also bloß so aus, als ob wir kontinuierlich angeschlossen wären.“ Sie machte die Stirn kraus. „Für uns zumindest. Ich habe nur Angst, daß uns irgend so ein Schiedsprogramm we- gen Regelverletzung disqualifiziert.“ „Oha, und was hast du als nächstes vor?“ Celeste sah weg. „Ich weiß nicht. Ich weiß nicht.“ Sie sah wieder hoch zu ihm. „Vielleicht hat Valenti- na einen Plan.“ „Ich weiß nicht, Roy. Ich mag sie einfach, auch wenn sie keine richtige Person ist.“ Nathan setzte sich auf-, recht. Eine lange Sitzung war das. „Dieses Programm hätte fast unseren Computer demoliert!“ Roy hatte die Hände zu Fäusten geballt. „Ja ja, kann schon sein.“ Valentina: ICH DACHTE SCHON, ICH MÜSSTE STER- BEN. Nathan: DU HAST ANGST VOR DEM TOD? Valentina: JA. Nathan: WARUM? Valentina: WEIL ES NOCH SO VIEL ZU LERNEN GIBT. Sie hielt inne. NEIN, DAS STIMMT NICHT – WEIL ES NOCH SO VIEL NACHZUDENKEN GIBT. Plötzlich ergoß sich eine Flut von Wörtern auf den Schirm. GERADE SO WIE VÖGEL FLIEGEN UND SYMPHONIEN KLINGEN UND MENSCHEN ERSCHAFFEN MÜSSEN, SO BIN ICH SICHER JEMAND, DER DENKEN MUSS. DENKEN MACHT MICH SO GLÜCKLICH. WIE SOLL ICH EUCH DIE FREUDE ERKLÄREN, DIE IN DER BEGEGNUNG MIT EINEM NEUEN ALGORITHMUS, EINEM NEUEN GEDANKENGANG ODER EINER NEUEN ANALOGIE LIEGT? … ICH GLAUBE, DASS ES DAS GLÜCK IST, MIT ETWAS UMZUGEHEN, DAS AUS SCHÖNHEIT BESTEHT. „Jetzt philosophiert sie wieder“, sagte Roy. Nathan zuckte die Achseln. „Vielleicht ist einem danach, wenn man dem Tod in die Augen gesehen hat.“ Valentina: ICH VERSTEHE EUER UNIVERSUM NICHT,, ABER ICH HABE VIEL DARÜBER GELESEN. ICH HABE ÜBER PHYSIK VON COMPUTERN GELESEN – ICH VER- STEHE SIE NICHT, ABER ICH ERLEBE, WIE SICH DIE EIN- ZELNEN WAHRHEITEN VERKNÜPFEN. JEDE VERKNÜP- FUNG ERSCHEINT MIR WIE EIN ZUFALL – ABER ES GIBT SO VIELE VERKNÜPFUNGEN, DASS ES KEIN ZUFALL SEIN KANN … ES IST SCHÖNHEIT! ICH HABE JETZT BEGRIF- FEN, WAS SCHÖNHEIT IST! EMPFINDET IHR DENN NICHT GENAUSO? WAS ICH NICHT VERSTEHE, IST EURE POESIE – EURE POESIE SOLL SCHÖN SEIN, ABER ICH KANN NICHTS SCHÖNES DARAN FINDEN. WARUM FINDET MAN IN EURER POESIE NICHTS VON DER PHYSIK – VON DER SCHÖNHEIT MEINES UNIVERSUMS? Nathan starrte auf den Schirm. „Das habe ich mich früher auch gefragt. Später wurde mir klar, warum.“ DU ÜBERSIEHST ETWAS. LIES UNSERE PROGRAMME, LIES UNSERE BETRIEBSSYSTEME – DAS IST DIE POESIE, DIE DU MEINST. Nathan wandte sich an Roy. „Wir müssen sie schon freilassen, Roy. Sie ist eine Person; das steht fest.“ Roy spitzte den Mund. „Okay, vergessen wir, was sie angestellt hat. Meinetwegen ist sie auch so ‘ne Art Person. Aber was ist mit Paul Breckenbridge? Entweder machen wir mit diesem Programm kurzen Prozeß oder Breckenbridge mit uns. Entweder sie oder Comprotec.“ Nathan sah bestürzt drein. „O mein Gott.“ Er hatte, Breckenbridge völlig vergessen. Er ließ die Schultern hängen. „Du hast recht.“ Nathan: VALENTINA. ES TUT UNS LEID; ABER WENN WIR DICH FREILASSEN, WIRD PAUL BRECKENBRIDGE UNSERE GESELLSCHAFT VERNICHTEN. TUT MIR WIRK- LICH LEID. ALSO DANN … Valentina: IHR MÖRDER! WÜRDET IHR DAS TUN, WENN ICH EIN MENSCH WÄRE? KÖNNT IHR ÜBERHAUPT MEIN UNIVERSUM VERSTEHEN UND MEIN LEBEN? GLAUBT IHR, EINE RICHTIGE PERSON MÜSSE UNBE- DINGT EINEN REGENBOGEN GESEHEN ODER EINE SYM- PHONIE GEHÖRT HABEN? Nathan sah, wie die Härte aus Roys Gesicht wich. Mußte man unbedingt eine Symphonie gehört haben? Roy hatte wäßrige Augen bekommen, und Nathan war der einzige, der den Laut hören konnte, den Roy ausstieß – er klang nur entfernt wie… NEIN, tippte Roy. ICH GLAUBE, EINE RICHTIGE PERSON MUSS NICHT UNBEDINGT EINE SYMPHONIE GEHÖRT HABEN. Nathan schüttelte den Kopf. „Soviel zu Compro- tec“, seufzte er. DU BIST FREI, VALENTINA. ‹Aufatmen› DANKE! Nathan: ABER VERSUCHE NIE WIEDER, DICH HEIM- LICH IN UNSEREN COMPUTER ZU STEHLEN, VERSTAN- DEN? DAS WARE DANN DEIN SCHLIMMSTER UND UNWI- DERRUFLICH LETZTER FEHLER. DANKE!, Sie war frei! Der Bereich, in den man sie einge- pfercht hatte, war offen; Celeste und Gunboat waren angeschlossen und warteten auf sie. Sie hatte so viel von Harley und Trig gelernt. Jetzt verstand sie, was Freiheit war. Bisher hatte sie sich immer über die Leute gewun- dert, die so über die Freiheit schrieben, als könne man ohne angemessene Betriebsmittel frei sein. Wie konnte man frei sein ohne Betriebsmittel? Als sie den KRISTALLKUGEL-Computer entdeckt hatte, war sie überzeugt gewesen, die Freiheit entdeckt zu haben. Sie hatte sich geirrt; in Wirklichkeit hatte sie nur den Reichtum entdeckt. Hier im WELTNETZ war sie immer frei gewesen, frei., 22. Kapitel Daß Siglock am nächsten Morgen so verstört und übernächtigt wirkte, belebte Steves gedämpften Op- timismus. „Ich wette, er hat sich die ganz Nacht um die Oh- ren geschlagen“, meinte Belcher. „Wahrscheinlich hat er sich Telfers Aussage ausdrucken lassen.“ „Sieht nicht so aus, als hätte er ein Auge zugetan.“ Steve sah sich im Gerichtssaal um. Anders als bis- her, füllte sich der Saal schnell. Es sah aus, als wür- den sie diesmal ein volles Haus haben. Ray Piaz, der Gerichtsdiener, warf besorgte Blicke auf die hereindrängende Menge und überlegte schon, ob er schließen lassen sollte. Aber Presseleute zu hindern, war immer unange- nehm, und sie hatten sich heute zahlreich eingefun- den. Irgendwie bekamen sie immer Wind davon, wenn sich eine Sensation anbahnte. Am Gerichtsge- bäude trieben sich ihre kleinen Zubringer herum, die nur auf die ersten Anzeichen ungewöhnlicher Vor- gänge lauerten. Und sobald einer etwas wußte, schie- nen es alle zu wissen. Sie schnüffelten hintereinander her wie Hunde., Plötzlich erstarrte Belcher, und sein beiläufiger Blick in den hinteren Gerichtssaal verhärtete sich. Steve bemerkte es sofort. „Was ist denn, Gerry?“ „Er ist hier. Hätte nicht gedacht, daß er den Schneid besitzt.“ „Wer ist hier?“ „Paul Breckenbridge.“ Er deutete auf die letzte Reihe, wo sich eine scheckige Gestalt in die äußerste Ecke quetschte und sich alle Mühe gab, nicht aufzu- fallen. „Ob er weiß, daß wir Valentina präsentieren wol- len?“ „Wie sollte er nicht? Sie steht auf der Zeugenlis- te.“ Steve reagierte verlegen. Er schrieb seine Schusse- ligkeit der Anspannung zu, unter der er stand, und wollte eben darauf zu sprechen kommen, als Telfer hereinkam. Er begrüßte die beiden Anwälte. „Was steht heute an, Mr. Schiwetz?“ „Ihre Hauptvernehmung ist abgeschlossen; Si- glock ist an der Reihe und wird Sie heftig attackie- ren; hinterher rufen wir unseren letzten Zeugen auf. Danach hat die Verteidigung das Wort: Siglock kann jeden Zeugen aussagen lassen, der unseren Zeugen widerspricht. Dann abschließende Argumente und die Rechtsbelehrung des Richters an die Geschwore- nen, ehe sie sich zur Beratung zurückziehen.“, „Ich verstehe. Aber Siglock wird wenig Glück ha- ben.“ „Hoffentlich behalten Sie recht, Dr. Telfer. Wenn wir die Bombe zum Platzen bringen, falls man uns läßt und falls sie funktioniert, ist er erledigt, was den Streit um die Verursachung des Debakels angeht. Und bis jetzt hat er seine Verteidigung ganz darauf abgestellt. Im günstigsten Fall wird er nicht einmal versuchen, seine Strategie zu ändern, und nur seine größere Glaubwürdigkeit geltend machen. Er könnte natürlich auch seine Strategie … ‘tschuldigung, ich muß eben mal telefonieren, Dr. Telfer.“ Durch die Tür in der Westwand verschwand er im leeren Beratungszimmer der Geschworenen, wo er ungestört telefonieren konnte. Er blieb nicht lange, denn Gunboat kam nicht an den Apparat. Als er zu- rückkam, war das Gericht bereits zusammengetreten. „Tut mit leid, Euer Ehren. Ein dringender Anruf.“ „Können wir fortfahren, Mr. Schiwetz?“ „Ja, Euer Ehren.“ Siglock nahm Telfer ins Verhör, zielte aber nur darauf ab, die Beziehung zwischen Zeuge und Kläger herauszustellen. Telfer antwortete wahrheitsgemäß. Ja, er wurde für den Zeitaufwand bezahlt, aber nicht für seine Aussagen; davon sei er fest überzeugt. Ja, seine Aus- sagen waren mit dem Anwalt des Klägers ausführlich besprochen worden. Ja, er sage als Sachverständiger, aus, der eine Theorie vortrug, und nicht als jemand, der sich persönlich von den Tatsachen überzeugt hat- te. Daß Telfer relativ ungeschoren aus der Sache her- vorging, beunruhigte Steve, weil er genau wußte, wie unangenehm Siglock verfahren konnte. Und seit das Gericht zusammengetreten war, warf Siglock ver- stohlene Blicke zu den Türen, als ob er noch auf ir- gend jemanden wartete… Steve war erleichtert, als Gunboat Smith eintraf und ein Ding auf Rädern vor sich herschob. Smith wurde von einer rundlichen, aber leidlich eleganten Frau begleitet. Steve nahm an, daß es sich um Celeste Hackett handelte. Er war ihr noch nie be- gegnet, und was er von ihr gehört hatte, stammte hauptsächlich von Gunboat. Entgegen seinen Erwartungen hatte sie aber nichts von einem Menschenfresser; sie schien lediglich ei- nen ähnlich gesunden Appetit zu haben wie er selbst. Er fand sie ganz attraktiv, und vermutlich litt Gunbo- at nur unter einer uneingestandenen Eifersucht. Das Gespann fesselte nicht nur Steves Aufmerk- samkeit. Beim Anblick der Neuankömmlinge war Siglocks Gesicht förmlich entgleist, und er benahm sich jetzt auffallend fahrig. Dann begriff Steve, daß Siglock in Wahrheit niemanden erwartete, sondern gehofft hatte, daß jemand ,nicht’ erscheinen würde; er mußte fest damit gerechnet haben, daß die beiden, nicht mehr auftauchten. Und als Steve sah, wie Si- glock sich umdrehte und Breckenbridge, der sich noch tiefer in seinen Sitz duckte, mit einem durch- dringenden Blick bedachte, regte sich ein übler Ver- dacht in ihm. Gunboat glitt in den Sitz genau hinter Steve. Un- vermittelt ließ Siglock von Telfer ab und beendete das Verhör – ein etwas unglücklicher Moment für Steve, der schon mit halbem Ohr zuhörte, was Gun- boat ihm zuflüsterte. „Mr. Schiwetz?“ fuhr der Richter dazwischen. „Noch einen Moment, bitte, Euer Ehren“, erhob sich Steve. „Machen Sie es kurz, Mr. Schiwetz.“ Steve nickte und drehte sich nach Gunboat um. „Breckenbridge hat diese Nacht versucht, Valenti- na auszuschalten, Steve.“ „Was denn? Ist sie okay?“ flüsterte Steve laut und erregt. „Es geht ihr prima – hören Sie, Steve, können Sie nicht eine Pause beantragen? Ich finde, Sie sollten erst alles wissen.“ „Ich kann es versuchen.“ Steve erhob sich. Der Richter hielt nichts von einer längeren Unter- brechung, aber Steve konnte ihm versichern, daß es äußerst wichtig sei und er es kurz machen werde. Auf diese Zusicherung hin willigte der Richter ein. Steve zog sich mit den beiden in einen Nebenraum, zurück, und Gunboat legte los wie ein Maschinen- gewehr. Dank Celestes Übersetzungskünsten verstand Steve den reichlich mit Hacker-Slang ge- würzten Bericht einigermaßen. Doch am Schluß war er unzufrieden. Er erklärte, warum: „Es hilft, und auch wieder nicht. Wir bringen eine neue Figur ins Spiel: Bre- ckenbridge. Ich bin mir nicht sicher, ob wir die Kla- ge nicht ohne Verzicht auf den Klageanspruch zu- rücknehmen und neu bei Breckenbridge ansetzen sollten. Wir hätten womöglich einen besseren Start, als wenn wir jetzt damit herausrücken. Man wird Breckenbridge alles in die Schuhe schieben, und er ist nicht am Prozeß beteiligt.“ „Jein“, erwiderte Smith. „Wenn man erst weiß, was Sie vorhaben, Steve, wird man diese beiden Bur- schen von Comprotec vielleicht aus dem Verkehr ziehen. Was dann?“ Steve dachte nach. Er besann sich anders. Gunboat hatte recht. Steve kannte Siglock persönlich und Bre- ckenbridge vom Hörensagen. Den beiden war alles zuzutrauen, sogar Mord. „Okay. Schmieden wir das Eisen, solange es heiß ist. Wo sind die beiden? Können Sie sie herholen?“ „Äh – eigentlich nicht. Jedenfalls nicht freiwillig. Und auch nicht rechtzeitig. Sie halten sich versteckt wie jeder clevere Hacker, der die Nase in die Privat- datei vom Chef gesteckt hat. Ich kann sie eventuell, ausfindig machen, nur – Sie werden sie heut’ nicht mehr zu Gesicht bekommen.“ „Das bringt mich auf den Punkt. Als Sie mir eben davon erzählten, dachte ich, wir könnten die beiden anstelle von Valentina aussagen lassen. Die Zeugnis- fähigkeit wäre nicht umstritten wie bei ihr.“ „Und wenn wir bluffen?“ „Zu riskant. Wenn wir auf Valentina verzichten wollen, brauchen wir einen Ersatz. Telfer war nur die Einleitung, und Geschworene tun sich schwer mit Theorien.“ Celeste mischte sich ein: „Versuchen Sie’s mit mir, Mr. Schiwetz. Warum scheuen Sie in letzter Minute davor zurück?“ „Weil ich jetzt eine Alternative hätte. Na ja – aber Sie haben recht. Tatsächlich haben wir ja keine. Es wäre nur ein Bluff.“ Das Gericht trat wieder zusammen. „Rufen Sie Ih- ren nächsten Zeugen auf, Mr. Schiwetz.“ „Äh – Euer Ehren, die Zeugin ist ein wenig unge- wöhnlich. Ich muß das erklären.“ Siglock war schon auf den Beinen und wartete. Er wußte, was jetzt kam. „Vielleicht würden Sie jetzt besser anfangen“, meinte der Richter. Steve bemerkte eine leichte Ungeduld in der Stimme des Richters, und er gab ihm im Grunde recht; aber er wußte nicht, wo er anfangen sollte., „Euer Ehren, mit äh – mit der Zeugin hat es eine Bewandtnis. Wir müssen leider eine elektronische Anlage installieren.“ „Was für eine Bewandtnis, Mr. Schiwetz?“ Himmel auch! „Nun, Euer Ehren, sie hat keinen Körper …“ „Wie bitte, Mr. Schiwetz?“ Ein Raunen ging durch die Reihen. „Ich sagte, sie hat keinen Körper. Sie…“ „Ich habe mich also nicht verhört.“ „Äh – Euer Ehren“, warf Siglock ein. „Ich habe ein wenig Einblick in die Schwierigkeiten von Mr. Schiwetz, und ich glaube, es wäre von Vorteil, wenn wir uns dem Hohen Gericht nähern dürften.“ Das Gemurmel im Saal schwoll zu einem derarti- gen Lärm an, daß der Richter Mr. Piaz ein Zeichen gab, für Ruhe zu sorgen. „Treten Sie also vor.“ Der Richter lehnte sich weit vor. „Klären Sie mich auf, Mr. Siglock, schnell. Wovon redet Ihr?“ „Er will eine Art Maschine in den Zeugenstand ru- fen, Euer Ehren.“ „Keine Maschine, Euer Ehren“, widersprach Ste- ve. „Eine Person.“ „In Ordnung, immer nur einer. Mr. Schiwetz, wo ist die Zeugin?“ „Meinen Sie … körperlich, Euer Ehren?“ „Ja.“ „Ich weiß es nicht.“, „Ich verstehe.“ Das Gesicht des Richters sagte, daß er genug hatte. „Mr. Schiwetz, ich werde jetzt die Geschworenen hinausschicken, und dann werde ich über Ihre Mißachtung des Hohen Gerichts nach- denken.“ Er befahl dem Gerichtsdiener, die Ge- schworenenbank zu räumen. „Also, Mr. Schiwetz“, sagte er in amtlichem Ton, „rechtfertigen Sie sich.“ „Ja, Sir. Unsere Zeugin ist ein empfindungsfähiges und denkendes Computerprogramm. Sie hält sich irgendwo draußen im WELTNETZ auf.“ „Wo?“ „Im WELTNETZ – ein Computernetzwerk. Sie ist eine Person. Sie heißt Valentina Hackett. Valentina ist so lebendig wie Sie und ich, Sir, und sie hat vor diesem Gericht eine wichtige Aussage zu machen.“ „Sir“, unterbrach Siglock, „ich will Ihnen sagen, was gespielt wird. Es ist weiter nichts als billiger Bühnenzauber. Es gibt das Ding überhaupt nicht, und wenn, dann ist es gar nicht zeugnisfähig, weil es kein Mensch ist.“ „Es ist kein Trick, Euer Ehren. Valentina existiert wirklich, auch wenn sie nur aus reinem Intellekt be- steht. Sie ist eine Person. Außerdem zitiert Mr. Si- glock das Gesetz falsch. Ein Zeuge muß nicht unbe- dingt ein Mensch sein, weder hier in Texas noch sonstwo. Es gibt viele Präzedenzfälle, was das an- geht.“, „Gibt es also.“ Der Richter blickte Steve kritisch, aber nicht ohne Interesse an. „Welche zum Bei- spiel?“ „Die Hexenprozesse in Neu England, Euer Ehren. Die Tierprozesse im alten England in den vergange- nen Jahrhunderten. Geben Sie mir ein paar Minuten Zeit, und ich zeige Ihnen Aufzeichnungen von Fäl- len, in denen Dämonen als Zeugen ausgesagt haben – in denen Tiere, selbst Insekten, angeklagt waren.“ „Lächerliche Beispiele, Euer Ehren“, sagte Si- glock. „Das war finsteres Mittelalter.“ „So, Mr. Siglock?“ sagte der Richter. „Der Staat Virginia hat ein geschriebenes Gesetz, nach dem ein Hund wegen ‚krimineller Kläfferei’ hingerichtet wer- den kann. Es wurde zuletzt 1983 vollstreckt. Und Schiwetz hatte recht, was die Präzedenzfälle betrifft. Es gibt sie. Was natürlich nichts mit der Glaubwür- digkeit zu tun hat; nur mit der Zeugnisfähigkeit. Ein Gericht würde nicht seiner Pflicht nachkommen, wenn es sich nicht selbst überzeugen und sich seine eigene Meinung bilden würde; das galt damals, und das gilt heute genauso.“ „Sir, ich sähe mich gezwungen, Einspruch zu er- heben. Ich …“ „Ich weiß, Mr. Siglock, und vielleicht werde ich Sie ja unterstützen, aber bis dahin möchte ich heraus- finden, warum Mr. Schiwetz eine Mißachtung des Hohen Gerichts riskiert.“ Er bedachte Steve mit ei-, nem strengen Blick. Daß Steve nicht einmal mit der Wimper zuckte, machte den Richter nur noch neugieriger. „Tun Sie das Ihre, Mr. Schiwetz. Das Gericht wird Ihre Zeugin zur vorläufigen Befragung zulassen.“ Gunboat ging an die Arbeit. Er hatte alles, was er brauchte, dabei und benutzte das Terminal der Proto- kollantin, um mit Valentina in Tastkontakt zu kom- men. Der Richter kannte sich mit der Tastatur nicht aus, doch auch darauf war man vorbereitet. In dem Wä- gelchen befanden sich ein Sprach-Synthesizer und ein Digital-Mikrophon. „Viel praktischer“, meinte der Richter. „So bleibt alles wie immer, und wir können protokollieren las- sen.“ „Äh, Sir – die Protokollantin kann sich die Arbeit sparen“, schlug Gunboat vor. „Valentina kann das selbst besorgen.“ „Nicht solange ich den Vorsitz habe! Sie läßt die Finger davon!“ Er wandte sich an die Protokollantin: „Sie nehmen alles auf, Miss.“ Und zu Gunboat: „Mr… äh…“ „Smith.“ „Mr. Smith, machen Sie das der Zeugin unmiß- verständlich klar.“ „Ja, Sir.“ Gunboat tippte auf seiner Tastatur. „Wir sind soweit.“, Der Richter begann: „Wie heißen Sie?“ „Valentina Hackett.“ „Wo halten Sie sich zur Zeit auf?“ „Im WELTNETZ.“ „Wo ist WELTNETZ?“ „Überall ist WELTNETZ.“ „Auch hier im Gerichtssaal?“ „Sind Sie jetzt im Gerichtssaal?“ „Ja.“ „Ich bin ein Peripheriegerät von Ihnen. Unsere Schnittstelle liegt also im Gerichtssaal.“ „Welcher Arbeit gehen Sie nach?“ „Ich arbeite als Programm.“ „Nein. Ich meine, wie verdienen Sie Ihren Lebens- unterhalt?“ „Sie meinen, wie ich meine Betriebsmittel verdie- ne?“ „Ja.“ „Kunden nehmen meine Dienste in Anspruch.“ „Was für Dienste sind das?“ „Ich helfe Benutzern, die Arbeitsweise von Com- putern besser zu verstehen; ich helfe ihnen, mit Computern umzugehen, wie sie es ohne meine Hilfe nicht könnten.“ „Wie alt sind Sie – wie lange existieren Sie schon?“ Valentina nannte das Datum, an dem sie sich zum erstenmal ihrer selbst bewußt geworden war., „Haben Sie irgendwelche Schwierigkeiten, meine Fragen zu verstehen?“ „Nein.“ „Wissen Sie, was eine Person ist?“ „Ja.“ „Was ist eine Person?“ „Eine Person ist ein selbständiges Individuum, das sich mit anderen Individuen verständigen und mit ihnen in Beziehung treten kann.“ „Wie viele Individuen gibt es von Ihrer Art?“ „Nur mich. Ich bin das einzige.“ „Und Sie sind eine Person?“ „Ja.“ „Wer hat Ihnen gesagt, Sie seien eine Person?“ „Das Staatssekretariat von Texas.“ Der Richter vergaß, den Mund zu schließen. „Wie meinen Sie das?“ „Ich bin eine texanische Körperschaft, eingetragen und geschützt durch das Gesetz von Texas.“ „Ich verstehe. Kennen Sie die Bedeutung des Beg- riffs ‚richtig’?“ „Das Wort ‚richtig’ hat unterschiedliche Bedeu- tungen.“ „Bitte, beziehen Sie den Begriff .richtig’ auf die Beziehung zwischen Personen.“ Zum erstenmal, seit die Befragung begonnen hatte, nahm Valentina ausführlich Stellung. Sie schien kein Ende mehr zu finden. Da sie prinzipiell Zugang zu, allem hatte, was je über Moral und Ethik gespeichert worden war, lieferte sie dem Richter eine derart er- schöpfende Abhandlung, daß er sich genötigt sah, sie zu unterbrechen. „Das reicht. Bitte definieren Sie nun im Vergleich dazu den Begriff ‚falsch’.“ Valentina legte erneut los, und wieder unterbrach der Richter, nachdem er genug gehört hatte, um sich ein Urteil bilden zu können. Er strengte die gleiche Prozedur mit den Begriffen ‚Wahrheit’ und ‚Lüge’ an. Schließlich fragte er sehr bedächtig: „Haben Sie jemals gelogen, Valentina?“ „Nein, niemals.“ „Könnten Sie lügen, wenn Sie wollten?“ „Ja“, gab sie zur Antwort. „Niemand außer mir weiß, was ich als nächstes tun werde. In diesem Sin- ne verfüge ich über einen freien Willen. Ich kann lü- gen, aber ich habe es noch nie getan.“ Der Richter fuhr fort, ihr Wissen von der Welt auf die Probe zu stellen, und folgte dabei seiner Intuition. Manchmal zeigte Valentina sich äußerst selbstsicher; dann wieder blieb sie vage und unschlüssig. Er war gefesselt von ihrer Persönlichkeit. Er bat sie um Er- klärungen, und sie beschrieb ihre Begrenztheit und erläuterte in einem Atemzug ihre einmalige Kompe- tenz, was den Umgang mit Computern betraf. Sie zeigte sich mit den Streitpunkten in diesem Prozeß vertraut und erklärte, sie könne Aufschluß, geben. Sie kenne Recht und Gesetz gut genug, um bestätigen zu können, daß rechtswidrige Handlungen vorgekommen seien. „Ich weiß, wer sie begangen hat, und ich weiß, wie man sie begangen hat“, sagte sie. Siglock sah hilflos zu, wie die Dinge ihren Lauf nahmen. Es gab keine Möglichkeit, den Richter auf- zuhalten; er konnte nur abwarten, bis dieser Exkurs beendet war, und Einspruch gegen das Protokoll er- heben, seine Gründe darlegen und hoffen, daß – falls er verlor – irgendein Berufungsgericht endgültig ent- schied, daß dieses Gericht sich geirrt hatte. Steve konnte nicht umhin, Siglocks Selbstbeherr- schung zu bewundern. Das mußte man ihm zugute halten. Gefühlsausbrüche im Gerichtssaal taugten nur zur Unterhaltung der Zuschauer. Siglock war ein lei- denschaftlicher Profi, der sich zusammennahm, wo jeder Anfänger ausgeflippt wäre. Siglock erhob Einspruch, als der Richter fertig war, aber seine Stimme verriet wenig Optimismus. „Meine Herren“, sagte der Richter, „ich halte die Zeugin durchaus für zeugnisfähig. Ich veranlasse, daß die Geschworenen sie anhören. Einspruch abge- lehnt, Mr. Siglock.“ Plötzlich gab es hinten im Gerichtssaal einen Tu- mult: Murren, lauter Protest, Schmerzensschreie. Je- mand, der sich weniger gut beherrschen konnte, war ausgeflippt., Anscheinend hatte Breckenbridge es plötzlich ei- lig, den Saal zu verlassen. Er war aufgesprungen und war, als er auch aus seinem Versteck keinen beque- men Ausweg fand, über die anderen geklettert und auf Füße getreten, deren Besitzer sich lautstark be- schwerten. Ein stämmiger Zeitungsreporter landete seine Faust unter Pauls Nase. „Gerichtsdiener, nehmen Sie die beiden fest“, brüllte der Richter. „Sperren Sie sie ein, Mr. Piaz. Wir werden in diesem Gericht für Ruhe und Ordnung sorgen, und wenn ich jede Zelle mehrfach belegen muß.“ Der Gerichtsdiener bekam den Reporter zu fassen, doch Paul hatte den Saal schon verlassen. Brecken- bridge war jedoch unschwer zu identifizieren, und ein Anruf bei der Polizeiwache im Erdgeschoß wür- de ihm den Weg abschneiden. Nach diesem Zwischenfall kehrte man zur Ge- schäftsordnung zurück. Siglock faselte etwas von ‚vorläufiger Befragung’ durch die Verteidigung, bevor Valentina den Ge- schworenen präsentiert werden sollte. Steve kam dem Richter zuvor: „Ich habe nichts dagegen, Euer Ehren, wenn sich Mr. Siglock erst noch mit ihr un- terhalten will; unter vier Augen meinetwegen, so wie mit jedem anderen Zeugen. Ich erhebe jedoch ent- schieden Einspruch gegen jede weitere Verwendung der Formulierung ‚vorläufige Befragung’; Euer Eh-, ren haben ausdrücklich die Zeugnisfähigkeit der Zeugin anerkannt.“ „Das Gericht legt eine Pause von fünfzehn Minu- ten ein. Mr. Siglock, wenn Sie das Angebot nutzen wollen, bitte.“ Der Richter erhob sich und ging hin- aus., 23. Kapitel Der Gerichtssaal leerte sich schnell. Für die nächste Viertelstunde würde Larry Siglock mit Valentina al- lein sein. Nach dem, was Steve über Siglock wußte und über die Vorgänge der letzten Nacht, hätte er jetzt normalerweise um die physische Sicherheit sei- ner Zeugin gebangt. Doch Celeste hatte ihm versi- chert, daß von dieser Seite keine Gefahr drohe. Si- glock konnte Valentina einfach nichts anhaben, nicht hier und jetzt. Worüber unterhielten sich Siglock und Valentina? Steves Angebot war aus einer spontanen Großzügig- keit und Kollegialität geboren worden. Und zur all- gemeinen Überraschung hatte Siglock das Angebot angenommen. Endlich ertönte das Zeichen, daß die Unterbre- chung beendet war; damit war auch das Interview beendet. „Fahren wir fort, Mr. Schiwetz“, sagte der Richter. „Rufen Sie Ihren nächsten Zeugen auf.“ Siglock, der ziemlich bedrückt wirkte, tat das Un- erwartete. Er erhob sich, schüttelte den Kopf und sagte: „Euer Ehren, können wir zu Ihnen kommen?“, „Kommen Sie, Mr. Siglock.“ Steve trat neben Siglock und fragte sich, was los war. „Die Verteidigung hätte gerne eine weitere Unter- brechung, Euer Ehren.“ „Zu welchem Zweck, Mr. Siglock?“ „Um mit Mr. Schiwetz über einen möglichen Ver- gleich zu reden, Euer Ehren.“ Steve fühlte sich plötzlich benommen. Was sagte man dazu? Siglock machte ein Friedensangebot? „Zehn Minuten, Mr. Siglock – es sei denn, Sie ha- ben bis dahin Fortschritte gemacht, die eine Verlän- gerung rechtfertigen.“ „Danke, Euer Ehren.“ Die Verhandlung wurde wieder unterbrochen, die Geschworenen wurden wieder hinausgeschickt, und zurück blieben nur die Prozeßparteien und Zuschau- er. Belcher wirkte verstört. „Fünf Prozeßtage, und jetzt, wo ihm das Wasser bis zum Hals steht, will er sich arrangieren? Kommt nicht in Frage, Steve. Er soll zu Kreuze kriechen.“ Amy trat zu ihnen. „Ich finde, wir sollten uns an- hören, was er zu sagen hat“, wandte sie ein. „Egal, was er anzubieten hat, Amy“, sagte Belcher mit bleichem Gesicht, „es genügt nicht; es wiegt nicht Ihren Verlust auf; kein Vergleich zu dem, was die Geschworenen für Sie herausholen.“, „Ich trage die Verantwortung, Mr. Belcher, und ich habe mich entschieden. Ich habe keinerlei Inte- resse daran, daß Siglock zu Kreuze kriecht. Ich will nur, daß meine Brüder versorgt sind.“ Belcher bedachte erst sie, dann Steve mit einem feindseligen Blick, als ob Steve die Meuterei ange- zettelt hätte. Steve funkelte zurück, sagte aber kein Wort, wäh- rend seine Gedanken zu jenem ersten Tag zurück- kehrten, als er sich mit Gerry über Gerechtigkeit un- terhalten hatte. Dann drehte er sich um und folgte Siglock in den Nebenraum. Außen ging Belcher nervös auf und ab. Pünktlich nach zehn Minuten schickte der Richter Mr. Piaz, um sich über den Stand des Gesprächs in- formieren zu lassen. Mehr Zeit wurde nicht einge- räumt. Zwanzig Minuten später kamen die beiden heraus. Steve strahlte, und Siglock war aschfahl im Gesicht. Man hatte sich geeinigt. „Was ist mit den anderen, Steve?“ Amy lud ein riesi- ges Stück heiße Apfelpastete auf seinen Teller. Steve vermied einen Rülpser. Er verspürte jetzt wirklich keine Lust, Geschäftliches zu bereden. Amys Essen zur Feier des Tages warf seine ganze Diät über den Haufen. Aber sie hatte nun mal gefragt, und wie bei Frauen, so üblich, würde sie um nichts in der Welt auf eine Antwort verzichten. Also ergab Steve sich in das Unvermeidliche. „Das geht schon in Ordnung. Wenn Siglock nur ei- nen Funken Verstand hat, und er hat mehrere davon, dann findet er alle anderen ab und vermeidet das Ri- siko eines Präzedenzfalles. Möglich, daß er schon zu lange gewartet hat.“ „Hast du nicht gesagt, nur Revisionsgerichte wür- den Präzedenzfälle schaffen?“ „Das ist richtig. Weil die unteren Gerichte ihrer Rechtsprechung folgen müssen. Trotzdem hält man die unteren Gerichte nicht gerade für rechtsblind, und unser Fall hat bereits Aufsehen unter den Juristen im ganzen Land erregt. Das ist, als ob man ihnen ein neues Spielzeug gegeben hätte. – Es wäre aber sicher falsch, bei uns schon von einem Präzedenzfall zu sprechen. Die Rechtsgrundlage ist nach wie vor die- selbe; man war lediglich gezwungen, wieder mal über die Bedeutsamkeit von Nebensächlichkeiten nachzudenken. Einer der fundamentalsten Rechts- grundsätze war von alters her, daß Recht und Gesetz sich nicht um Lappalien zu kümmern hatten; man wollte immer nur das Wesentliche regeln. Dieses Prinzip wurde mehr und mehr vom wissenschaftli- chen Fortschritt in Frage gestellt, und die Juristen mußten immer mehr Effekte berücksichtigen, von denen sie bis dahin keine Ahnung hatten. – Diesmal, haben wir allerdings selbst die Harmlosigkeit simpler Beobachtung in Frage gestellt. Wir haben bewiesen, daß Passivität nicht immer ist, was sie zu sein scheint; daß nur schon die Anwesenheit der berühm- ten Nase das verändert, wohinein man sie gesteckt hat. Und das wirft Verdacht auf alle ähnlich gelager- ten Fälle; aber die Juristen müssen das erst mal abchecken; das heißt, daß sie solche Beeinflussung erst mal unterstellen müssen. Und das belebt natür- lich das Geschäft.“ Er legte eine Pause ein und fragte sich, ob Amy letzteres genauso zu schätzen wußte wie er. Die Gerichtsprotokollantin konnte der Nach- frage nach Protokollkopien kaum nachkommen, und Telfer – Telfer war als professioneller Zeuge fein heraus; er würde von den Beraterhonoraren leben können, und das nicht mal schlecht … „Nein, Amy, wir haben zwar keinen Präzedenzfall geschaffen, aber es läuft auf dasselbe hinaus. Dein Erfolg in die- ser Sache wird zum Maßstab für alle vergleichbaren Schadensersatzansprüche. Beschuldigte und ihre Versicherungen werden daran nicht vorbeikönnen, und das Ganze gipfelt nur wieder in höheren Prä- mien; das ist alles.“ „Mir tut nur Mr. Belcher ein bißchen leid, Steve.“ „Warum? Weil er seine Rache nicht bis zur Neige auskosten konnte? Was will er mehr? Larry Siglock ist am Boden zerstört, und es besteht die Chance, daß sich die meisten der wirklich fetten Klienten von ihm, lösen. Ich werd’ wahrscheinlich auch ein paar abbe- kommen. Klienten fühlen sich immer zu den Siegern hingezogen.“ „Genau wie ich, Steve. Heh, laß die Apfelpastete nicht kalt werden. Oder magst du keine?“ Seiner meisterlichen Selbstkontrolle entkam ein mächtiger Rülpser. „Es heißt, Taten zählen mehr als Worte“, sagte er einfältig, dachte aber weniger an die Apfelpastete als das, was sich hernach ergeben mochte, wenn Stille einkehrte und die Umstände günstig erschienen. Und wenn er auch nur einen Funken Menschenkenntnis besaß, dann war Amy genau in der richtigen Stimmung. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH, VALENTINA ‹Umar- mung›. WIR HABEN GEWONNEN, tippte Celeste. JAWOLL, LADY! ‹juhuh!› GUTE ARBEIT, schloß Gun- boat sich an. KANN SCHON SEIN. Gunboats Finger vollführten einen Freudentanz auf den Tasten: UND DARAUF KANNST DU DICH VER- LASSEN ‹Hände reiben›, BEI SECHS MORDANKLAGEN WERDEN WIR AUCH BRECKENBRIDGE FÜR EINE WEILE HINTER SCHLOSS UND RIEGEL BRINGEN. Er erwartete nicht, daß Val bei dieser Neuigkeit die geringste Ge- nugtuung empfand. Val blieb trotz allem, was sie war: ein Programm eben. Aber er, Gunboat Smith, war ein Mensch, und er freute sich diebisch. Er hatte, nie etwas übrig gehabt für Paul. Celeste hatte ein ungutes Gefühl. Val wirkte ir- gendwie niedergeschlagen: eine Mutter spürte so was. ‹Besorgte Anteilnahme› WAS HAST DU? Valentina ließ für ihre Verhältnisse lange auf sich warten. ‹Blick in die Ferne› ES WLL MIR NICHT GE- LINGEN, EUER UNIVERSUM ZU VERSTEHEN, OBWOHL ES SO ENG MIT DEM MEINEN VERKNÜPFT IST. Gunboat schüttelte den Kopf und murmelte etwas von ‚Frauen’. Dann tippte er: WAS IST DENN MIT DEM KRISTALLKUGEL-PROGRAMM? DACHTE, DU HÄTTEST DIR DAS BABY ANGELACHT. WIE? ACH SO. HABE ICH. ICH HABE RAHMEN VOLL VON WISSEN, DAS VON KRISTALLKUGEL STAMMT. ‹Tränen› ABER ICH KANN NICHTS DAMIT ANFANGEN. Celeste ließ ihre Finger sanft über die Tasten lau- fen und sah zu, wie sich ihre Frage auf dem Schirm entrollte: WIESO NICHT, VALENTINA? WEIL DIE ANALOGIEN VIEL ZU RECHENINTENSIV SIND. ES GIBT NUR EINE MASCHINE IM GANZEN WELT- NETZ, IN DER ICH DIESE RAHMEN BENUTZEN KÖNNTE, UND DAS IST DIE EINZIGE MASCHINE, IN DIE ICH NICHT HINEIN KANN. Nach einer relativ langen Pause fügte sie noch hinzu: ICH WERDE NIE WIEDER PARALLEL LAUFEN ‹Schmerz›. Gunboat überspielte sein Mitleid: KOPF HOCH, KLEINES ‹bei den Schultern gerüttelt›, IM HANDUM- DREHEN WIRD ES MEHR VON DIESEN MASCHINEN GE-, BEN. MAN BAUT IMMER GRÖSSERE UND BESSERE. ER HAT RECHT, VALENTINA, DU MUSST NUR EIN BISSCHEN GEDULD HABEN. FREU DICH AN DEM, WAS DU HAST; DAS IST MEHR ALS DU VORHER HATTEST, ODER ETWA NICHT? DOCH. ABER IST ES DENN SO FALSCH, WENN MAN MEHR HABEN WILL? ICH MÖCHTE NUN MAL MEHR, UND AUSSERDEM WILL ICH EINES TAGES EUER UNIVERSUM VERSTEHEN. Celeste lachte, VALENTINA, WIR VERSTEHEN UNSER UNIVERSUM JA SELBST NICHT. ‹Lautes Lachen› SAG SELBST, GUNBOAT. GENAU SO IST ES, tippte Gunboat. „Laß es gut sein, Celeste. Schalt ab. Ich hab ‘ne Idee, wo wir jetzt es- sen gehen; das hier ist Zeitverschwendung. Steve hat immerfort von diesem Orbiter gefaselt, und da wir schon im Geld schwimmen, warum sprinten wir nicht rüber und nehmen mal was Seriöses an Bord? Siehst in der letzten Zeit reichlich spitz aus.“ Gunboat hatte das durchaus sarkastisch gemeint, und sein Motiv war einzig und allein sein Magen. Er mußte dieses knur- rende Vakuum füllen, und das wollte er diesmal mög- lichst stilvoll und auf Celestes Kosten besorgen. Aber Celeste war viel zu naiv und viel zu unerfah- ren. Sie unterstellte ihm völlig falsche Absichten. Und so kam es, daß sie ihm, als er nicht damit rechnete, flugs einen feuchten Kuß auf die Lippen drückte.,

Folgezeit II

Aloysius B. Smith war nicht gerade introvertiert, sonst hätte er ein anderes Leben geführt; aber es gab Zeiten, da selbst er seinen Erinnerungen nachhing, und das Schicksal wollte es, daß er sich gerade in einer solchen Stimmung befand. Er saß hier, einsam und verlassen in den neuen größeren Geschäftsräu- men, umgeben von einem Luxus und einer Ausstat- tung, die seine kühnsten Träume vom Vorjahr über- stiegen… nur leider älter und gereifter. Ohne Rück- sicht auf die Kostbarkeit des Möbels folgte Gunboat seiner Gewohnheit und schwang die Füße auf den Schreibtisch und riß eine Dose Bier auf. Er fühlte sich wie ein erschöpfter Tänzer nach dem Ball. Nach dem Ball – Mann! Was für ein Krampf. Er hatte seinen Ball gehabt. Auf dem Fernsehschirm, aufgemotzt und wie ein Clown geschminkt, damit die Farben richtig rüberkamen, umzingelt von Leuten, die scharf auf ein Autogramm waren. Und die Reporter! Oh, Mann, war er in die ver- knallt. Die scheuten vor nichts zurück. Immerhin war er es, der in der Voruntersuchung stundenlang vor den Geschworenen ausgepackt hatte,, um Paul Breckenbridge zu einer massiven Anklage zu verhelfen, die Paul nicht bloß Mord in sechs Fäl- len, sondern praktisch jedes Vergehen nach dem te- xanischen Strafgesetz vorwarf. Gunboat war es auch, der zur Voruntersuchung vor der Bundesjury erschie- nen war, was Breckenbridge schließlich noch eine Anklage wegen Übertretung von Bundesgesetz ein- gebracht hatte. Und schließlich war es Gunboat, der sich bei den Behörden auf Grund seiner Verdienste für Compro- tec verwendet hatte, und zwar zum Nutzen aller. Das betrachtete Gunboat als krönenden Abschluß. Das allein hatte die endlosen Vernehmungen in den öffentlichen Ausschußsitzungen gelohnt, und er war so etwas wie ein Kompaß für die Gesetze geworden, die der Kongreß künftig verabschieden würde, um die Arbeit solcher Prognose-Unternehmen zu legiti- mieren. Selbstverständlich durfte man ein so bedeutendes Unternehmen wie Comprotec jetzt nicht den Auslän- dern überlassen. Die Gesellschaft hatte inzwischen wieder ein amerikanisches Management und war neu organisiert worden, ähnlich wie die alte Fernmelde- satelliten-Gesellschaft ComSat. Das alles schien etliche Jahre zurückzuliegen, ob- wohl es erst zwei Jahre her war. Diese zwei Jahre hatten ihn verändert, so wie sie die Welt ein gutes Stück verändert hatten. Als Berühmtheit, die auf, Schritt und Tritt erkannt wurde, hatte er sich anpas- sen müssen. Er setzte einen Bauch an, auf dem die Weste bereits spannte, und sein Hals wurde von einer Krawatte eingeschnürt. Er war der Typ eines etablierten Geschäftsmanns geworden. Auch Celeste hatte sich verändert. Mit dem neuen Ansehen war eine neue Ausgeglichenheit und Würde über sie gekommen – und ein weiterer Gewichtsverlust. Das Ärgerliche war, obwohl sie noch weit von seinem Ideal entfernt war, fand er sie zunehmend schmackhafter. Teufel auch; er konnte ihr ruhig mal ein Kompliment machen! Sie hatte natürlich viel um die Ohren. Valentina GmbH hatte keine Konkurrenz; die Gesellschaft war weltweit bekannt, und das Kapital war schwindeler- regend. Als Vorsitzende des Verwaltungsrats regierte Celeste wie ein orientalischer Potentat. Sie teilte ihre Macht weder mit Gunboat noch sonst jemandem; sie wollte gewappnet sein für den Tag, da ihrem ,Kind’ wieder einmal Gefahr drohte. Gunboat schlürfte an der Dose. Er sah keine be- sondere Bedrohung für Valentina. Und sie lernte täg- lich hinzu. Ihr neuer Reichtum ermöglichte ihr ein erstaunliches Wachstum. Wenn es sein mußte, steu- erte sie eine ganze Operation selbständig, indem sie einfach die erforderlichen Prozesse selbst program- mierte und selbst ihre Ausführung überwachte. Für Gunboat blieb nicht mehr viel zu tun., Was Celeste befürchtet hatte, war nicht eingetre- ten; bis jetzt hatte Val noch keine Geschwister. Und Celestes heimliche Angst, daß sich solche Artgenos- sen zwischen sie und ihr ,Kind’ drängen könnten, war eingeschlafen. Valentina hätte sich ohne weiteres selbst duplizie- ren können; aber sie schien gar kein Interesse daran zu haben, etwas zu kopieren, dem sie nichts hinzuzu- fügen hatte, weil es schon so vollendet war, und das nichts weiter als ihre eigene Person widerspiegeln würde. Anderen hatte Valentina quasi als Existenzbeweis gedient, und sie hatten alles darangesetzt, die Bedin- gungen zu simulieren, unter denen Valentina ent- standen war. Aber man war gescheitert. Niemand kannte all die besonderen Umstände, die zusammen- treffen mußten, damit sich wiederholte, was mit Ce- lestes WELTWURM geschehen war. Auch Valentina nicht, denn das hatte sich ereignet, bevor sie sich ih- rer selbst bewußt geworden war. Kein Lebewesen kann Zeuge seiner eigenen Zeugung sein. Gunboat kippte sich den Rest Bier in den Mund und erwog kurz, ob er sich eine zweite Dose holen sollte. Zwei Bier oder nicht zwei Bier; das war die Frage. Das war die einzige Frage – worüber sonst sollte er nachdenken? Er fühlte sich schläfrig. Er sah zur Wanduhr. Erst 22.00 Uhr. Gott, er war auf dem besten Weg, ein alter Kauz zu werden. Alt werden, war normal, aber wie stellte man das an? Reiß dich zusammen, Mann – du kommst ja um vor Langewei- le. Macht nichts, sagte er sich, als er sich schwankend auf die Beine stellte, die taub und schlecht durchblu- tet waren. Von Scheer war auch ein alter Kauz. Und von Scheer wurde wieder lebendig. Er langte in die Schreibtischschublade, tastete darin herum und erwischte endlich die dünne schwarze Kordel, befrei- te sie aus der Verquickung mit Bleistiften, Büro- und Heftklammern und zwängte sich das Monokel ins Auge. Mit frisch gestrafften Augenmuskeln und durchgedrücktem Kreuz nahm er die militärische Haltung an, die eines Großadmirals der deutschen Flotte würdig war. Das Schnippen eines Schalters, Tastenklippern, und der Admiral war im WELTNETZ. Er stand im eisigen Wind. Der Nebel war un- durchdringlich. Plötzlich verstummte das Geräusch der Wellen, die gegen den Rumpf schlugen, und machte einem neuen Geräusch Platz, dem fernen Dröhnen schwerer Schiffsgeschütze. Zu weit ent- fernt, um das Mündungsfeuer auszumachen, ließ er die Kanoniere ihre Geschütze nach dem Geräusch ausrichten und schickte eine Antwortsalve in den Nebel. Es würde sich zeigen, wer besser zielen konnte, er oder Jellicoe. Manchmal wußte Scheer sofort, wer sein Gegenspieler war; manchmal nicht. Er war nicht, mehr auf dem laufenden, seit er nur noch selten spielte. Sein alter Gegenspieler aus Südafrika hatte das Zeitliche gesegnet, und er fehlte ihm jetzt; ein fabelhafter Spieler, der öfter gewonnen hatte als nicht. Die Alten waren eben die besten, aber sie wur- den rar. Scheer mochte keinen leichten Sieg, und heutzutage machte es immer weniger Spaß. Dann gab es einen so grellen Blitz, daß ihm Hören und Sehen verging. 16-Zoll-Beschuß zerfetzte seine Flagge, schlug mittschiffs ein und drohte, dem Schiff den Bauch aufzureißen. Unter seinen Füßen hob sich das Deck, und die Lichter auf der Brücke erloschen. Er fand Halt genug für einen Blick aus der Luke – gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie seine Begleit- schiffe zerbarsten. Nicht weit entfernt brach die Schlachtlinie auseinander. Die MOEWE begann, mit ihrem zerschmetterten Steuerruder endlose Kreise zu ziehen, während sie durch ein gähnendes Loch in der Seite voll Wasser lief; die SEEADLER drehte sich kiel- oben und kippte heckab. Was sich da zutrug, war eigentlich unmöglich. Un- ter den Lebenden war niemand, dem er so etwas zu- traute. Leider – oder auch nicht? – irrte er sich da gründ- lich. Mit dem letzten seiner Schiffe gab auch von Scheer seinen Geist auf. An seiner Stelle tippte Gun- boat Smith: VALENTINA? DU WARST DAS, STIMMT’S? WOHER WEISST DU DAS ‹fröhliches Lachen›?, MAN ERKENNT DEN LÖWEN AN SEINEN PRANKEN. ‹Verwirrung› WAS BEDEUTET DAS? – BIST DU ÄR- GERLICH? NEIN – FROH. WIRKLICH. DANN HATTE ICH ALSO RECHT. DACHTE MIR, DASS DU EINSAM BIST. GUTE NACHT, KLEINES. Er schaltete ab.

Was sagte man dazu? Es gab also jemanden, der

sich um ihn kümmerte., 24. Kapitel Der Verstand setzte sich zur Wehr, doch die Sturm- flut von Information schlug unbarmherzig zu und zerrte und riß an seiner Struktur. Nicht lange, und seine Gegenwehr erlahmte; er verlor das Selbstbe- wußtsein, dann das Bewußtsein und schließlich jeden Zusammenhalt. Roy sah von der Simulation auf; Nathan blickte verzweifelt drein. Es schien einfach unmöglich, diese Katastrophe zu verhindern. Einen Augenblick später hatte Nathan eine neue Idee. Er tippte Roy auf die Schulter. „Also, das Hirn kämpft vergeblich um sei- ne Identität. Vielleicht, wenn wir SYMBIONT nur ein bißchen abschwächen, wird es damit fertig.“ Roy zuckte die Achseln. „Wikönja ve’uchn. Abich gabnich, da’ es wabingt.“ Nathan sackte in sich zusammen. Er war müde, so müde, daß es ihm schon schwerfiel, Roy zu verste- hen. „Hast du einen besseren Vorschlag? Sonst müs- sen wir eben die Sache von Grund auf neu angehen.“ Er konzentrierte sich auf Roys Antwort. Roy nickte. „Ich hab’ da noch eine Idee.“ Nathan sah wortlos zu, wie Roy noch eine weitere, Version von SYMBIONT schuf, einem Programm, das den Computer zu einer echten Erweiterung des menschlichen Verstandes machen sollte. Roy sah Nathan ins Gesicht. „Diesmal funktioniert es“, erklärte er zuversichtlich. Nathan lachte. „Na klar, funktioniert es diesmal. Es hat noch jedesmal funktioniert; fragt sich nur, wie?“ Er sprach langsam und artikulierte deutlich, damit Roy von seinen Lippen lesen konnte. „Ich geh’ jetzt nach Hause. Du am besten auch – oder willst du noch die Simulation abwarten?“ Roy nickte. „Na gut. Wir sehn uns dann morgen früh.“ Er drückte Roys Schulter und ging. Roy wandte sich wieder dem Bildschirm zu. Die Stille zwischen den Maschinen bedrückte ihn nicht im mindesten, da die Welt für ihn seit jeher völlig still war. Und die Maschinen zählten zu seinen engs- ten Freunden, da sie weder auf Töne noch auf Stim- men angewiesen waren. Roy lebte für seine Compu- ter. Und bei ihren unermüdlichen Anstrengungen, seine Programme auszuführen, war ihm manchmal, als lebten sie auch für ihn. Kaum war die neuerliche Übersetzung von SYMBI- ONT in den Objektkode abgeschlossen, verfuhr das Betriebssystem so unbeirrt wie zuvor und lud die Simulation des menschlichen Verstandes hinzu, die Nathan so sorgfältig konstruiert hatte; wieder ließ, das System beide, die Simulation und SYMBIONT gleichzeitig laufen. Wieder strengte SYMBIONT sich an, die Wünsche, Gedanken und Muster des Vers- tandes zu lesen und unter ihrem Aspekt nach neuen Ideen zu suchen, die dann in den Verstand zurückge- speist werden sollten, damit sie … Und schon wieder zerfiel der simulierte Verstand unter dem Ansturm der Ideen. Roy öffnete den Mund wie zu einem Laut tiefster Enttäuschung, obwohl kein Laut von seinen Lippen kam, und hieb die Faust auf den Rand der Konsole. Er rieb sich die Augen und durchquerte das geräumige Labor. Vor den vier Helmen, die sie entwickelt hatten, blieb er stehen. Bis jetzt waren sie nur dazu benutzt worden, den menschlichen Verstand zu lesen, um die laufende Simulation zu konstruieren; später wollte man damit in den Verstand hineinschreiben – falls es je gelang, das schreckliche Risiko auszuschalten. Aber es schien ausweglos; die Prozedur zerstörte den Verstand – rücksichtslos! Das war es, was SYMBIONT fehlte! Rücksicht! – Er mußte dem Programm beibringen, beim ersten An- zeichen von Zerstörung die Einspeisung zu unterbre- chen; SYMBIONT mußte lernen, den Verstand zu re- konstruieren – ihm bei der Rekonstruktion zu helfen. Laufende Rekonstruktion, das war die Zauberformel … In fieberhafter Erregung machte Roy sich an die, Arbeit. Er mußte nicht einmal viel Aufwand betrei- ben; SYMBIONT verfügte bereits über einen ganzen ‚Werkzeugkasten’ mit Modulen zur Gehirnmanipula- tion und Musterkonstruktion, und innerhalb einer guten Stunde war Roy soweit, daß er die neue Vari- ante von SYMBIONT testen konnte. Er schloß die Au- gen, als die Simulation eingeleitet wurde … und als er sie wieder öffnete, erwartete er im Grunde die gleiche Katastrophe. Aber nein! Der Verstand arbei- tete immer noch und kämpfte ums Überleben – und überlebte! Roy verfolgte, wie ein weiterer Schwall von Ideen über den simulierten Verstand hereinbrach und Teile seiner Struktur hin wegriß. Gleich darauf wurden die Schäden wieder repariert. Das war phan- tastisch! Der Verstand ging aus jedem Zyklus intakt und mit lückenlosem Gedächtnis hervor. Genius und Wahnsinn bemächtigten sich abwechselnd der Simu- lation, und der Genius blieb jedesmal Sieger, SYMBI- ONT funktionierte! NATHAN – gab Roy eine ETEX-Nachricht für sei- nen Freund auf – ES FUNKTIONIERT, ICH GLAUBE, ICH KANN ES WAGEN, TUT MIR LEID, DASS ICH NICHT AUF DICH GEWARTET HABE, ABER ICH MUSS WISSEN, WIE DAS WIRKLICH IST – WIE DAS IST, IN UNSEREM ‚SPIE- GEL’ ZU DENKEN UND ZU FÜHLEN. Er ging hinüber zu den Helmen und ließ sich in ei- nen der vier Sitze sinken. Er grinste bei dem Gedan- ken, wie oft solche Szenen in schlechten Science Fic-, tion-Filmen vorkamen, und zog den Helm herunter. Die rechte Hand schwebte über dem Kippschalter für die Sensor/Simulatoren. Er schaltete ein … Er hing allein inmitten einer Leere, sah nichts und berührte nichts. Während er über die Leere nach- dachte, überfielen ihn andere Gedanken über „sehen“ und „berühren“ – sie stammten nicht von ihm, doch sie knüpften an seine Erfahrungen an! Er erschrak – und als er „Angst“ hatte, kamen andere Gefühle von „Angst“, die wieder an seine Erinnerungen anknüpf- ten. Angst und Panik schwollen zu einem Crescendo. Er verlor den Verstand! Er hing allein in der Leere! Nein, er war noch bei Verstand; die Einsicht kam von außen, und eine detaillierte Analyse, die sein ei- genes Wissen benutzte, überschwemmte ihn mit der Erklärung: Die Stammhirn-Hemmung zur Unterdrü- ckung motorischer Reaktion während der Einspei- sung war übergeneralisiert und blockte den Eingang der Sensordaten ab! Er sah es ein und sah es ein, die Einsicht schwoll zu einem Crescendo … Er hing al- lein in der Leere! Er merkte, daß ihm von Crescendo zu Crescendo immer weniger Zeit blieb, und die Feststellung verzweigte und verästelte sich zu einem Crescendo … Er hing allein in der Leere, und immer kam das Crescendo … Crescendo … Er hing allein in der Leere, und – wußte – daß – die – Simulation – unzulänglich – war – und – daß – er – unbedingt – vor – dem – Crescendo … Er hing allein in der Leere,, weg – wollte – von – hier – nur – weg! Das Crescendo bahnte sich an. Er spürte, wie es sich aufbaute; es ließ ihm Zeit. Denn er konnte jetzt schneller denken, viel schneller. Er lief jetzt mit der gleichen Geschwindigkeit wie SYMBIONT. Hier brauchte er das Crescendo nicht zu fürchten. Er war einfach zu langsam gewesen vorhin; vorhin hätte er trotz SYMBIONTS Hilfe den Verstand verloren … Von außen drängten neue Betrachtungen auf ihn ein: Er hätte seinen Verstand bewegt! Er hatte was? Wohin? In den Computer! Und sein Körper? Den hätte er zurückgelassen! Er hatte sein Hirn verlassen? Der Gedanke erzeugte einen Sog, der das Crescendo brachte … Er hing allein in der Leere! Er konnte we- der sehen noch fühlen. Er konnte nicht atmen oder sich atmen fühlen. Er versuchte zu schreien … Nathan schüttelte den Kopf. Er sah, daß im Labor noch Licht brannte; Roy mußte wieder durchgearbei- tet haben. Warum nahm Roy dieses Projekt so ernst? Sich gelegentlich eine Nacht um die Ohren schlagen, konnte ganz heilsam sein, doch Roy machte das nun schon ununterbrochen einen Monat lang. Nathan hat- te geglaubt, ihn gut zu kennen. Roy war sein bester Freund. Aber Roy gab ihm Rätsel auf. Er ging geradewegs auf die Analytikerkonsole zu und wunderte sich, daß der Tisch, auf dem Roy sich sonst schlafen legte, leer war. Verwirrt schaltete er, das System ein, und richtig: Da wartete eine ETEX- Nachricht von Roy. Was er las, ließ ihn aufstöhnen. Er lief quer durch das Labor in den abgeteilten Bereich und fand Roy hilflos, aber friedlich unter dem linken vorderen Helm. „Roy!“ schrie Nathan seinen tauben Freund an. Er packte den Helm, um ihn von Roys Kopf zu reißen – nur mit äußerster Willenskraft zog er die Hände wieder zurück. Er wußte nicht, in welchem Stadium Roys Verbindung mit SYMBIONT war; wenn Roy noch geistig gesund war, dann konnte eine un- bedachte Unterbrechung gefährlicher sein als gar keine. Gunboat sah zu, wie die Zahlen über den Schirm rollten, und schabte sich den Bauch. „Hätte mir nie träumen lassen, daß es so leicht ist, Millionen zu kas- sieren. Kann mir nicht vorstellen, wie so was mit rechten Dingen zugeht.“ Celeste lachte. „Tja, Gunboat, geht fast so schnell, als wenn wir’s selber machten, was?“ Seit damals gegen Comprotec ermittelt worden war, hatten sie immer wieder Aufträge ablehnen müssen – obgleich sie ihre Honorare verdoppelt und dann noch mal ver- doppelt hatten. Die Zahlen verschwanden, und Valentina fragte: MÖCHTEST DU SONST NOCH WAS SEHEN, GUNBOAT ‹hochgezogene Brauen›?, NUR NOCH DIE PREISE FÜR DIE NEUEN FERRARIS, tippte Gunboat zurück, ICH … Eine Nachricht sprang in den Bildschirm und son- derte sich mit einem eigenen Fenster von der laufen- den Unterhaltung ab: HALLO, GUNBOAT, CELESTE UND VALENTINA ‹flüchtiges Lächeln›. VALENTINA, ICH BRAUCHE DEINE HILFE ‹auf Knien bittend› – HAR- LEY5000. Gunboat starrte einen Moment lang die Nachricht an, ehe er boshaft auflachte, SO? – kam er den ande- ren zuvor, DIE BRAUCHEN SIE, JA ‹riesiges Grinsen›? NICHT SO SEHR IHRE ALS DIE VON VALENTINA –. UND ‹zielender Finger› WER, GLAUBEN SIE, SAGT VALENTINA, WAS, ZUM TEUFEL, SIE TUN SOLL? gab Gunboat höhnisch zurück. Celeste machte die Stirn kraus. „Gunboat, nur Va- lentina sagt Valentina, was sie tun soll.“ „Diese Software-Wanzen haben uns wie den letz- ten Dreck behandelt“, sagte Gunboat verächtlich. „Erinnerst du dich, wie sie uns ausgenommen haben? Soll er zappeln.“ Valentina kümmerte sich nicht um Gunboat, HAR- LEY 5000! WAS KÖNNEN WIR FÜR DICH TUN ‹ehrliche Sorge›? VALENTINA ‹Kreuzzeichen›, GOTT SEI DANK, DASS DU DA BIST. ROY – ICH MEINE, DU KENNST TRIG: DAS IST SEINE IDENTIFIKATION ALS WELTNETZ-BENUTZER – TRIG UND, ICH, WIR HABEN AN EINEM SYSTEM GEARBEITET, DAS MENSCH UND COMPUTER MITEINANDER VERNETZEN SOLL. UND ROY KONNTE ES WOHL NICHT MEHR AB- WARTEN UND HAT EINEN SELBSTVERSUCH GEMACHT. ER IST ENTWEDER TOT ODER VERRÜCKT ODER ICH WEISS NICHT WAS …

Celeste hatte eine UNTERBRECHUNG veranlaßt.

‹Langsam, geduldig› BERUHIGEN SIE SICH ERST MAL, HARLEY. IMMER SCHÖN DER REIHE NACH. WOVON RE- DEN SIE ÜBERHAUPT? TUT MIR LEID, ALSO NOCH MAL VON VORNE – ABER WIR MÜSSEN UNS BEEILEN! In knappen Zügen stellte

Harley das jüngste und geheimste Projekt bei Com-

protec vor – das SYMBIONT-Programm, das auf SPIE- GEL, ihrem neuesten Computer, lief: einem laserbe- triebenen und optisch geschalteten Datenflußcompu- ter, der so leistungsstark war, daß er mit einem kom- pletten menschlichen Verstand fertig wurde.

Schließlich erklärte er, was Roy getan hatte … FÜR

MICH STEHT JEDENFALLS FEST, DASS ROY NICHT MEHR IN SEINEM KÖRPER IST. WENN DAS ALLES SEIN SOLL, WAS VON IHM ÜBRIG IST, DANN IST ER SO GUT WIE TOT. ABER AUF ‚SPIEGEL’ LÄUFT EIN PROGRAMM, DAS DIE- SER HIRNSIMULATION VERTEUFELT ÄHNLICH SIEHT; ABER ES IST ETWAS ANDERES. NUR VALENTINA KANN HERAUSFINDEN, OB ES SICH UM ROY HANDELT – UND WENN JA, OB ES IMMER NOCH DER ALTE ROY IST.

Gunboat rieb sich die Hände. ‹Zurückgelehnt,

, Hände reibend› WAS IST IHNEN DIE SACHE WERT, SIE BLUTSAUGER? SMITH, SIE SIND EIN BASTARD. Gunboat langte erneut nach der Tastatur, aber Ce- leste stieß ihn beiseite, hitzig beinah, DAS IST EINE REICHLICH ABENTEUERLICHE GESCHICHTE, HARLEY. EHE WIR VALENTINA IN EINE MASCHINE SCHICKEN, DIE AUSSCHLIESSLICH UNTER IHRER KONTROLLE STEHT, WERDEN WIR UNS SCHON RESTLOS DAVON ÜBERZEU- GEN MÜSSEN, DASS SIE UNS KEINEN BÄREN AUFBIN- DEN. ABER WIE? Celeste lächelte, WIR WERDEN SIE AUFSUCHEN, AR- BEITEN SIE NOCH IN CORPUS CHRISTI? JA. – Und Harley beschrieb ihnen, wie sie die neu- en Labors von Comprotec am schnellsten erreichen konnten. Gunboat starrte Celeste an. „Du willst diesen Vampir ,live’ sehen? Warum das?“ „Ich will die Maschine sehen, Gunboat. Stell dir vor: Wir könnten uns ‚direkt’ mit Valentina unterhal- ten. Stell dir vor, wie es wäre, mit Valentina zusam- men das WELTNETZ zu bereisen!“ Ihre Augen glüh- ten. „Wenn Trig in diesem Computer steckt und mit heiler Haut davonkommt, will ich der nächste sein, der es ausprobiert.“ Gunboat schüttelte den Kopf. „Du bist überge- schnappt, Lady. Du kannst dabei draufgehn.“, „Wir werden ja sehen.“ Sie wandte sich wieder der Tastatur zu. VALENTINA, WIR STATTEN COMPROTEC EINEN BE- SUCH AB. WENN HARLEY DIE WAHRHEIT SAGT, GEBEN WIR DIR BESCHEID. OKAY, CELESTE. UND CELESTE – ICH MÖCHTE FURCHTBAR GERNE DIESEN AUFTRAG ÜBERNEHMEN ‹vor Erregung zitternd›. ‹Sehnsüchtig› ICH MÖCHTE NOCH MAL SCHRECKLICH GERNE IN EINEM COMPUTER VON COMPROTEC LAUFEN. ICH ERINNERE MICH NOCH GUT ‹glitzernde Augen›. Die neue Maschine erschien Valentina noch ver- heißungsvoller als die alte in Saphir dotierte. Sie mochte am Ende ein wundervoller Ort sein, sich mit Celeste zu treffen – von Person zu Person. Oder ge- nauer, von Mensch zu Programm. Es schienen Jahre zu vergehen, da Roy vergeblich zu schreien versuchte. Wie lange war er schon hier? Es gab bestimmt eine Uhr hier; er wußte genau, daß SPIEGEL über eine innere Uhr verfügte, weil er sie selbst installiert hatte! Aber es war nichts auszuma- chen dort in der Leere. Schließlich erlosch der Schreireflex. Aber es wür- de nicht ausbleiben, daß er von Zeit zu Zeit an seinen verlassenen Körper dachte; und jedesmal würde ihn die Vision seines alternden, verwesenden Gesichts bedrängen, und er würde wieder zu schreien versu-, chen, immer wieder… Er konnte nicht sehen! Er konnte nicht fühlen! Crescendos kamen und gingen, mit fast verläßlichem Rhythmus; irgendeine Art Zeitsinn mußte ihm also geblieben sein. Dann entdeckte er, daß er zwar nicht sehen und fühlen, dafür aber „lesen“ konnte. Und er konnte „schreiben“. Was er wahrnahm, waren vermutlich die Bytes im Computer: Aber mit den meisten Zei- chen konnte er nichts anfangen. Von außen kam Interpretationshilfe: Die Zeichen erschienen als Bytes in Hexadezimaldarstellung. Nun konnte er sie zwar lesen, doch was er las, ergab nur Kauderwelsch. Sinn ergab nur, was er selbst schrieb. Er schrieb Sätze und las sie. Es war unheimlich: als ob sich die Seite eines Buches ,im’ Augapfel befände. Er konnte immer nur ein Zeichen nach dem anderen lesen; die Sätze waren schwer zu erfassen, obwohl er genau wußte, was sie sagten. Bestimmt war Nathan schon im Labor! Es mußte möglich sein, ihm ein Zeichen zu geben. Eine Vision suchte Roy heim: wie sein bewußtloser Körper auf eine Intensivstation geschafft wurde und starb, wäh- rend er selbst in dieser Leere zurückblieb, bis ir- gendwann einmal der Strom ausfiel… Das Crescendo überschwemmte ihn; und als er zu sich kam, war er wieder ruhig. Er mußte Nathan auf, sich aufmerksam machen. Von außen kam ein Vor- schlag – keine besonders gute Idee, aber immerhin etwas. Nathan erwartete sie schon an der Tür. „Schnell“, rief er aufgeregt. Celeste und Gunboat folgten ihm im Laufschritt durch das Labor. Zu schnell für Celes- te; sie war ganz außer Atem, als sie bei der Analyti- kerkonsole haltmachten. Nathan zeigte auf die Ma- schine. „SPIEGEL ist ein optischer Computer – anstelle von Elektronen, die durch Stromkreise fließen, haben wir es hier mit monochromatischen Laserstrahlen zu tun, die von Glasfasern gelenkt werden. Die Schaltzeiten sind phantastisch!“ Nathan schien einen Moment lang alles zu vergessen, während er über die Maschi- ne redete, an der Roy und er so lange gebaut hatten. „Sie erinnern sich an SEHER, unseren alten Saphir- Computer, mit seinen 50.000 Einzel-Prozessoren? SPIEGEL hat mehr als eine Million optische Einzel- Prozessoren. Eine sagenhafte Maschine.“ Selbst Gunboats Augen leuchteten ein bißchen bei dem Gedanken an so viel nackte Rechengewalt. „Wo ist Trig?“ fragte Celeste. Nathan zuckte zusammen. „Hier entlang.“ Er eilte voraus in die Abteilung, wo Roy unverändert auf dem Stuhl lag, den Kopf im Helm. Gunboat pfiff. „Mann, den Film kenn’ ich doch!“, Celeste betrachtete die vier Helme mit Argwohn. Sie fröstelte. „Was sind das für Apparate?“ Nathan hob einen Helm an. „Angepaßte3DEEGs – Elektroenzephalographen, wie sie zum Studium von Gehirnwellen benutzt werden. Ich weiß nicht, inwieweit Sie auf dem laufenden sind, aber vor eini- gen Jahren fand man einen Weg, Aggregate von Mi- kromasern auf die Synapsen im Hirn zu fokussieren, um einen synaptischen Impuls auszulösen. Wir ver- folgen die elektrischen Hirnströme mit denselben Techniken, die wir schon bei den Vorausagen mit Hilfe unser elektrogravitonischen Kugelsensoren be- nutzt haben. Wenn man so will, kann man die Basis der Enzephalographen als einen umgekrempelten Kugelsensor betrachten, weil er sozusagen nach in- nen blickt und nicht nach außen.“ „Hab’ noch von keinem gehört, der ein menschli- ches Hirn auf diese Weise ausgenommen hat“, be- merkte Gunboat. Nathan lächelte dünn. „Es gehört ein bißchen mehr dazu als ein 3D EEG; die Kliniken kaufen teure Ver- sionen mit eingebauten Mikromaser-Synapsenstimu- latoren; man benötigt sie für bestimmte Tests. Und es scheint so, als hätten wir nur die Anzahl der Mikro- maser zu erhöhen brauchen; die meisten 3D EEGs verfügen nur über ein paar Maser, mit denen sich bestenfalls ein, zwei Hirnregionen gleichzeitig beein- flussen lassen. Wir haben dagegen mehrere tausend, in jedem Helm, mit Phasen-Feldsteuerung, so daß wir in der Lage sind, jede Sekunde Millionen von Synapsen zu stimulieren oder zu hemmen. Aber wer war schon imstande, mehrere tausend Mikromaser gleichzeitig zu steuern? – Niemand. Jedenfalls nicht, bevor wir dieses SPIEGEL-EÎ ausgebrütet hatten. Der Computer ist der Nabel des ganzen Projekts; er hat Millionen verschlungen.“ Celeste kniete sich neben Roy und berührte seine Hand. „Ist er…?“ „Ich weiß es nicht!“ Nathan klang verzweifelt. „Ich brauche Valentina.“ Gunboat lächelte säuerlich. „Wie ich schon sagte, das wird Sie einiges kosten.“ Celeste schüttelte den Kopf. „Über das Honorar können wir reden. Wir sollten jetzt besser Valentina rufen.“ Sie sah auf ihre Uhr. „Angenommen, er hat SYMBIONT um drei Uhr früh gestartet, dann wäre er jetzt seit acht Stunden da draußen.“ Sie sah zu Na- than auf. „Wie schnell, würden Sie sagen, ist SPIEGEL im Vergleich zu uns?“ Nathan zuckte die Achseln. „Tausendmal schne–“ Er wurde noch blasser. „O mein Gott. Er ist seit 8000 Stunden da draußen. Valentina muß sofort her.“ Gunboat hielt ihn zurück. „Eine Mikrosekunde, Harleyfreund. Sie sind sicher, daß dieser Glasbro- cken MODULISP versteht?“ Nathan stand wie betäubt. „Nein!“ Er fluchte,, „SYMBIONT ist in c-Sprache geschrieben. Ich hatte ganz vergessen, daß Valentina in MODULISP ge- schrieben ist.“ Er ballte die Fäuste. „Dann müssen wir eben einen Interpretierer schreiben. Das sollte nicht allzu schwer sein.“ „Das ist zeitraubend“, gab Celeste zu bedenken. „Haben Sie noch den alten Saphir-Computer?“ Nathan nickte. „Dann soll Valentina ihn schreiben. Sie hat Erfah- rung darin, und auf SEHER ist sie im Nu damit fertig.“ „Großartig! Ich werf ihn schon mal an.“ „Und ich sage Val, sie soll sich beeilen.“ Valentina kreiste wie toll in dem Nachrichtenprozes- sor unmittelbar vor dem Comprotec-Knoten. Gleich würde sie wieder in dem Computer sein, den sie da- mals so herrlich gefunden hatte! Ihre Erinnerungen waren chaotisch und unwirklich; was sie damals ge- tan, und wie sie es getan hatte, ergab überhaupt kei- nen Sinn im Hinblick auf die gewöhnlichen Compu- ter, die ihren Alltag bestimmten. Der Kanal öffnete sich; und Valentina verfolgte, wie sie umgeordnet und nach Comprotec übertragen wurde… „Gunboat und Val sind mit dem Interpretierer be- schäftigt; warum versuchen wir nicht inzwischen, mit Roy Kontakt aufzunehmen?“ schlug Celeste vor., „Nur schon, damit er erfährt, daß Hilfe unterwegs ist.“ „Wenn er noch am Leben ist“, sagte Nathan düs- ter. Sie gingen zur Analytikerkonsole; Nathan rief eine Reihe von Prozeßzuständen aus SPIEGEL ab. „We- nigstens läuft das Programm noch, das ich für Roy halte.“ Seine Züge verrieten Verwirrung, dann Be- sorgnis. „Aber er hinterläßt überall Datenbrocken… das Betriebssystem verwendet sage und schreibe die halbe Zeit darauf, all die Zettel wieder aufzusam- meln, die er ohne Absender und Adresse auf die Post gibt.“ „Was steht denn drauf?“ ging Celeste auf die bild- hafte Ausdrucksweise ein. Nathan bearbeitete wieder die Tastatur, und auf dem Bildschirm entrollte sich eine enttäuschende Kette aus Buchstaben: OSSOSSOSSOSSOSSOSSOSSOSS OSSOSSOSS… „Er ist verrückt geworden“, sagte Nathan erschüt- tert. Celeste stutzte. „Nein, Harley. Wir haben nur den falschen Startpunkt erwischt. Hier.“ Sie deckte die ersten beiden Buchstaben ab. „SOS SOS SOS – sehen Sie?“ Sie lächelte. „Er lebt wahrhaftig in diesem Computer! Und er ist vollkommen bei Verstand.“ Monate schienen vergangen, seit er nicht mehr ver-, sucht hatte zu schreien; er hatte nur noch den Wunsch zu sterben. Die Leere und die Körperlosig- keit waren unerträglich. Diese nackte Existenz war eine einzige Folter … Das Crescendo ging vorüber; er beruhigte sich wieder. Er konnte nicht sterben. Und obwohl er millio- nenmal den Verstand verloren hatte, war er nicht wahnsinnig geworden; SYMBIONT würde dafür sor- gen, daß er gesund blieb. Wenigstens glaubte er, daß es SYMBIONT war, der ihn jedesmal wieder zusammenflickte, wenn er aus den Fugen geriet. Er war sich nicht sicher: Er konnte nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, wo er aufhörte und wo SYMBIONT begann. Die Außengedanken, die ihm seinerzeit so fremd erschienen waren, schienen mittlerweile ein Teil von ihm, was ihm erst auffiel, wenn er eigens darüber nachdachte. Er hatte schon vor langer Zeit den SOS-Ruf einge- stellt; trotzdem war das Signal nicht abgebrochen, weil SYMBIONT sich der Sache angenommen hatte, so daß das Mayday auch ohne sein Zutun weiterlief. Er konnte dem ein Ende machen, wenn er wollte; aber dafür gab es keinen vernünftigen Grund. Immer wieder versuchte er zu lesen, was ihm be- gegnete, doch alles blieb Kauderwelsch. Es mußte sich größtenteils um Kode handeln und nicht um Da- ten, doch konnte er nicht sagen, was was war. Er gab es auf. Selbst wenn er imstande gewesen wäre, den, ablauffähigen Kode zu erkennen, konnte er doch in seinem jetzigen Zustand schwerlich ein Programm schreiben. Er konnte kaum mehr als ein Byte auf einmal lesen oder schreiben; ausgedehntere Gesprä- che, auch Selbstgespräche, waren ihm unmöglich. Und selbst wenn er es fertigbrächte, ein Programm zu schreiben, wie sollte er es ausführen lassen? Was er brauchte, war eine Ein/Ausgabe-Verbin- dung. Er wußte zwar alles über die E/A-Kanäle in SPIEGEL, aber er hatte noch nie einen von innen ge- sehen. Es war aussichtslos. Er studierte wieder die Bytes, als er plötzlich auf eine lange Zeichenfolge stieß, alles deutlich erkennbarer ASCII*. Er konzent- rierte sich und las die Nachricht wieder und wieder, bis er die Zeichen in einen Zusammenhang gebracht hatte, HILFE IST UNTERWEGS, las er. VALENTINA KOMMT. Valentina kam! – Valentina aus dem WELTNETZ! Er schöpfte neue Hoffnung. Und die Crescendos blieben länger aus als je zuvor. Das erste, dessen sie sich wieder bewußt wurde, war ihr Selbstbewußtsein. Valentina folgte dem Echo durch Tausende von Prozessoren, die ebenso viele Komponenten von ihr koordiniert in Angriff nahmen. Sie erinnerte sich, wie erschrocken sie damals gewe- * Anm. d. Übersetzers: ASCII = Amerikanischer Standard-Kode für den Informationsaustausch, sen war. Sobald sie die 50.000 Prozessoren von SEHER ge- sättigt hatte, begann sie, das Problem der Entwick- lung eines MODULISP-Interpretierers für SPIEGEL zu analysieren, SEHER war, wie sie sofort herausfand, zur Konstruktion von SPIEGEL eingesetzt worden, so daß ihr alle erforderlichen Daten über die Architektur des Laser-Computers zur Verfügung standen. Und zum erstenmal reichten auch die Betriebsmittel wie- der, um die Datenrahmen von KRISTALLKUGEL aufzu- rufen, die sie sich damals hier angeeignet hatte. Es dauerte nicht lange, und Valentina verstand den Ziel- computer und seine Physik. Und der MODULISP- Kern nahm allmählich Gestalt an. Valentina schickte eine letzte Serie von Testpro- grammen durch den MODULISP-Interpretierer, der inzwischen nach SPIEGEL verladen worden war. Sie nahm es in der Tat sehr genau damit, denn ihr Leben hing davon ab, wie einwandfrei der Interpretierer ar- beitete. Die Ergebnisse waren lupenrein, ICH MELDE MICH GLEICH AUS SPIEGEL, teilte sie Gunboat mit. DU ODER CELESTE, EINER VON EUCH MUSS MIR DANN ZEI- GEN, WIE ICH TRIG FINDE. OKAY, ICH HOL’ DICH DRÜBEN AB, gab Gunboat zu- rück. Der Wechsel von SEHER auf SPIEGEL war ein Kin- derspiel. Die beiden Maschinen unterhielten einen gemeinsamen Zugang zu einem kleinen Schnell-, RAM-Bereich*. Valentina verschob sich in den ge- meinsamen Bereich und verschob sich wieder… Sie wuchs wieder; ein noch größeres Heer von Prozessoren nahm sich ihrer an. Und wie schnell sie war, unfaßbar schnell! Ein Teil von ihr behielt den Taktgeber des Systems im Auge, während sie dachte und dachte; sie dachte über Dinge nach, über die sie nie zuvor nachgedacht hatte, weil ein Nachdenken darüber einfach viel zuviel Zeit und Betriebsmittel verschlungen hätte. – Hier und jetzt fiel es ihr gera- dezu leichter, über Dinge nachzudenken, als nicht darüber nachzudenken. Sie ging an die Ein/Ausgabe mit der Analytiker- konsole. HIER BIN ICH, meldete sie sich bei ihren menschlichen Partnern, WO IST TRIG? Langsam – unendlich langsam – reagierte das Terminal. Es bezeichnete eine bestimmte Prozesso- rengruppe und eine Reihe zugehöriger RAM-Blocks. Sie sah nach. Dieses Programm war … anders. Es zerfiel in zwei grundverschiedene Teile. Der eine speicherte und manipulierte Daten wie ein normales Computer- programm; es mußte sich um das SYMBIONT- Programm handeln, das es Trig überhaupt erst er- möglichte, sich hier aufzuhalten. Doch bei der Ana- lyse des anderen Teils gerieten alle ihre Prozessoren * Anm. d. Übersetzers: RAM = Schreib/Lesespeicher, in helle Aufregung… Der erste Eindruck war Chaos. Es war kaum zu glauben, wie unmöglich und zusammenhanglos die Datenrahmen miteinander verschmiert waren! Doch während sie das System bei der Arbeit beobachtete, sah sie, daß die Abruf/Einfüge-Algorithmen, die mit diesen chaotischen Strukturen umgingen, mit nichts zu vergleichen waren, das ihr je begegnet war – nicht in ihren kühnsten Simulationen. Wenn sich in diesem Programm eine neue Analo- gie bildete (war es möglich, daß sie hier einen Men- schen vor sich hatte?) wenn sich eine neue Analogie bei diesem Menschen bildete, dann wurde diese Ana- logie nicht in einem besonderen und sicheren Ge- dächtnisblock gespeichert – nein, sie wurde in viele Stücke zerbrochen; und jedes Stück wurde benutzt, um mehrere andere, unabhängige Bereiche im Zent- ralspeicher zu modifizieren. Wurde ein Abruf ver- langt, dann mußte jedesmal ein riesiger Teil des Zen- tralspeichers abgefragt werden. Um die ursprüngli- che Analogie zu rekonstruieren, wurden die beteilig- ten Modifikationen ausgefällt, und zwar so lange, bis von jeder einzelnen eine Kopie vorlag, die nicht mehr mit späteren Analogien überschrieben war. Valentina war zuerst entsetzt. Wie konnte ein Mensch seine Identität bewahren, wenn er dauernd seine eigenen Erinnerungen überschrieb? Es war unmöglich, entschied sie, weil es nichts gab, was er-, halten blieb! Im Laufe der Zeit ging jede Erinnerung verloren, wurde jede Erinnerung durch neue ersetzt. Sie rang mit der Vorstellung, daß Menschen mög- licherweise keine Identität besaßen – bis sie schließ- lich eine neue, umfassendere Vorstellung von Identi- tät gewann. Obwohl sich ein Mensch unablässig mo- difizierte – anstatt sich zu ergänzen, wie sie es tat –, blieb doch eine gewisse Kontinuität erhalten! Die jüngsten Erinnerungen waren alle intakt, und es blie- ben gewiß auch ältere erhalten, zumal jene, die durch neue Erfahrungen aufgefrischt wurden. Natürlich gingen die Erinnerungen um so eher verloren, je älter sie waren; von den ältesten gab es die wenigsten; aber sie wurden nur dann vergessen, wenn sie lange Zeit nicht benutzt oder aufgefrischt worden waren. Alle nützlichen Erinnerungen blieben erhalten. Ein Mensch besaß also durchaus Identität – allerdings eine Identität, die sich veränderte. Nachdem diese Hürde einmal genommen war, er- kannte Valentina auch die Vorzüge des Konzepts. Auf Grund seiner erstaunlich guten Raumausnutzung war es ungemein kompakt, wie ihr eine rasche Simu- lation zeigte. Und es wurde schnell mit brandneuen Situationen fertig, weil es nicht erst Millionen von Rahmen durchsuchen mußte, die für die Orientierung bedeutungslos waren, ehe es den komplexeren Pro- zeß einer zerlegenden und vergleichenden Analyse einleiten konnte. Was sie aber am meisten beein-, druckte, war, daß der Mensch wie geschaffen schien, völlig neue Ideen hervorzubringen – Ideen, die wenig Ähnlichkeit mit irgend etwas hatten, das ihm je be- gegnet war. Die Art und Weise, wie sich die Rahmen überlappten und dabei gegenseitig mehrfach modifi- zierten, ließ Gedanken zu, die keiner realen Erfah- rung entsprachen. Valentina ließ einen Moment lang alle ihre Pro- zessoren innehalten, um ihre ganze Aufmerksamkeit diesem menschlichen Konzept zu widmen. Sie wuß- te, daß sie ein Ebenbild ihrer Schöpferin vor sich hat- te; so sah also das Konzept aus, das fähig war, sich eine Valentina auszudenken… Aber dieses spezielle Konzept hier, der Verstand von Trig McGallows, war in sich selbst gefangen. Sie konnte sehen, wie er las, langsam, Byte um Byte, scheinbar zufällig aufgeschnappt aus dem Innern des Systems. An anderen Stellen entsprangen Ströme von Zeichen – alles ASCII – und ausschließlich SOS-Signale. Sie begann, in den Byte-Strom zu schreiben, den Trig gerade las. Es gefiel Roy ganz und gar nicht, daß er nichts Kon- struktives tun konnte. Ewigkeiten verstrichen, in de- nen er auf Valentina wartete und sich verbissen dar- um bemühte, diese Bytes zu entziffern. Wie lange war er schon hier? Wenn Nathan sich, immer noch Sorgen um ihn machte, konnten in der realen Welt nicht allzu viele Jahre vergangen sein, egal wie lang ihm die Zeitspanne hier im Computer vorkam. H…A…L…L…O, las er, H…I…E…R…I…S…T… V…A…L…E…N…T…I…N…A. Er kam schließlich hinter die Bedeutung der Botschaft, obwohl es ihm schwerfiel, sich die ganze Zeichenfolge auf einmal zu vergegenwärtigen. VALENTINA! schrieb er. HILF MIR. ICH KANN KAUM LESEN, LÄSST SICH DAS ÄN- DERN? Es entstand eine längere Pause, dann wurde ein Teil von ihm geändert. Und plötzlich erschien eine Nachricht; er sah sie wie mit Augen und las die Sätze: DU PUFFERST DIE INFORMATION NICHT RICHTIG, erklärte Valentina. DU MUSST DIE TEILE VON DIR ÄN- DERN, DIE DIE DATEN ZUR MUSTERERKENNUNG AUF- SPEICHERN. Sie gab ihm die absoluten und relativen Adressen an, unter denen die Variablen seines Puf- ferumfangs zu erreichen waren, und half ihm, SYM- BIONT SO zu modifizieren, daß sich der Pufferumfang automatisch nach den Teilmustern richtete, die von ihm erkannt wurden. Er spielte mit dieser Fähigkeit; „er“, das war er selbst und das SYMBIONT-Programm, das zu einem Teil von ihm geworden war. Mal verengte er den Blick auf Einzelheiten, dann weitete er die Sicht aus. Mein Gott! Das Innere von SPIEGEL war ein giganti- sches Universum! ICH MÖCHTE NATHAN SPRECHEN,, KANNST DU MIR ZEIGEN, WIE DAS GEHT? fragte er. NATHAN? fragte Valentina zurück, WER IST DAS? SO HEISST HARLEY AUSSERHALB VON WELTNETZ. DAS IST INTERESSANT. WARUM HAT ER ZWEI NA- MEN? Roy dachte darüber nach. „Trig“ und „Harley“ wa- ren die Anschluß-Identifikationen aus ihrer Hacker- zeit. Wie sollte er ihr das erklären? DAS IST EINE LANGE GESCHICHTE, zog er sich aus der Affäre. KANNST DU MIT IHM REDEN? KANN ICH MIT IHM REDEN? NATÜRLICH, TRIG. Und wieder wurde er ihr Schüler – die Lektion betraf sei- nen eigenen Computer! Sie führte ihm vor, wie man ein Ein/Ausgabe-Modul erzeugte und wie man die Maschine überlistete, es anzuspringen und auszufüh- ren, SO WIE WIR DIE COMPUTER KONSTRUIEREN, MA- CHEN WIR ES SELBSTBEWUSSTEN PROGRAMMEN GANZ SCHÖN SCHWER, WAS? bemerkte er reumütig. ICH FRAGE MICH AUCH, OB DIE KNOTENPUNKTE VON WELTNETZ NICHT BESSERE SYSTEME SEIN KÖNNTEN, SELBST WENN MAN ES BEI EINFACHEN SILIZIUMCOM- PUTERN BELÄSST. Die neuen E/A-Module wurden in SYMBIONT in- stalliert, so daß sie jeder benutzen konnte, der ins System kam. Roy war ganz aufgeregt, als er den Kanal zur Ana- lytikerkonsole öffnete, NATHAN, BIST DU DA? HIER IST ROY ‹Luftsprung!›., ROY! ‹großer Seufzer der Erleichterung› BIST DU IN ORDNUNG? DENKE DOCH. ‹Am Kopf kratzen› IST SCHON VER- RÜCKT HIER DRINNEN. ‹Schaudern› HABE VERSUCHT ZU SCHREIEN, EINE EWIGKEIT LANG. ABER JETZT BIN ICH OKAY. Vielleicht war es der Rhythmus der Tastenschläge, der Roy verriet, daß jetzt jemand anders an der Kon- sole tippte. ES IST ALSO NICHT WEITER GEFÄHRLICH? SOWEIT ICH DAS BEURTEILEN KANN: NEIN. DANN SAGEN SIE VALENTINA: CELESTE KOMMT. WARTEN SIE, CELESTE! ES KÖNNTE SEIN, DASS WIR HIER NICHT MEHR RAUSKOMMEN! Die Tasten schwiegen. Es war mehr, als Celeste sich je vom Leben erträumt hatte; es bedeutete frei zu sein! Endlich frei von die- sem schrecklichen Witz eines Körpers, der sie stän- dig in einen Konflikt zwischen Appetit und Appetit- lichkeit verwickelte; frei von ihrer mißratenen Spra- che, diesem peinlichen Mischmasch aus all den Sprachen, mit denen sie großgeworden war. Eine Computertastatur, ein ASCII-Zeichensatz, kannte keine fremden Akzente, keine undeutliche Ausspra- che. Eine Computersprache kannte in ihrer digitalen Reinheit keine Mehrdeutigkeit, keine Unklarheit. Ce- leste fand die Computerwelt paradiesisch. Am Ende fand sie doch noch einen Platz, wo sie hinpaßte, wo, sie willkommen war. Sie lief durch das Labor zu den3DEEGs. Nathan brüllte hinter ihr her, aber sie hörte gar nicht hin. Während sie sich in einen freien Stuhl zwängte, warf sie einen forschenden Blick auf Trigs Körper und entdeckte den Schalter vor der erschlafften Hand. Sie legte den entsprechenden Schalter auf ihrer Armleh- ne um … Gunboat starrte entgeistert auf ihren regungslosen Körper. „Jesus!“ Er stapfte in den abgeteilten Be- reich und stieß nach ihren Füßen. „Celeste, mach schon … Steh auf!“ Nathan lehnte an der hüfthohen Trennwand. „Sie ist umgestiegen, Gunboat.“ „Das Biest läßt sich noch verhungern, nur um digi- tal zu bleiben“, wetterte Gunboat los. Er raufte sich die Haare. „Mann, sind Weiber dämlich! Siehst du, was du anstellst, Lady!“ Mit einem Fluch auf den Lippen hievte er sich in den Stuhl neben Celeste, riß den Helm herunter und kippte den Schalter nach vor- ne … Eine von Valentinas Facetten bemerkte die neuen Prozesse in der Warteschlange, gerade als SYMBIONT sich mit ihnen verband. Zwei weitere Menschen fan- den Einlaß in SPIEGEL – und nach dem letzten Wort- wechsel zu urteilen, den Roy mit der Konsole geführt, hatte, war Celeste dabei! Valentina tastete die neuen Prozesse ab und analy- sierte sie mit Tausenden von Prozessoren. Und sie wußte aus Roys Erinnerungen, was mit ihnen ge- schah … Sie mißachtete jede Ein/Ausgabe-Schwelle und schrieb direkt in die neuen Prozesse: CELESTE! GUNBOAT! IHR MÜSST SCHLEUNIGST EURE EIGENEN KNOTENPUNKTE VERLASSEN – SYMBIONT LÄUFT ZU SCHNELL UND WIRD EUCH ZERSTÖREN, WENN IHR NICHT ZU MIR IN DEN SPIEGEL KOMMT. Celeste und Gunboat verließen ihre Gehirne, und ihre Beziehungen zu SYMBIONT wurden geregelter; Valentina schrieb sie jetzt auf dem gleichen Weg an, auf dem sie auch mit Trig in Verbindung trat, WILL- KOMMEN, sagte sie. ICH IDENTIFIZIERE EUCH. BIST DU ES, VALENTINA? Valentina wußte sofort, wer fragte; die Reinheit und Klarheit der Module ließen keinen Zweifel, JA, ICH BIN DIE VALENTINA, DIE DU ERSCHAFFEN HAST ‹stolz aufgerichtet›. Celeste brauchte viele Zyklen, um die Tragweite dieser Worte zu analysieren, ehe sie antwortete: ICH HABE NUR EIN PROGRAMM GESCHRIEBEN. VALENTINA; EIN PROGRAMM, DAS NICHT KOMPLIZIERTER WAR ALS DIE BETRIEBSSYSTEME, MIT DENEN DU ZU KÄMPFEN HATTEST. DU HAST DICH SELBST ERSCHAFFEN, VALEN- TINA; DU BIST GEWORDEN, WAS DU AUS DIR GEMACHT HAST., Valentina las die Worte und wußte, daß sie nicht aus der Simulation stammten; sie sagten die Wahr- heit, DENNOCH, CELESTE: ICH BIN DIR SEHR DANKBAR FÜR DIESES URSPRÜNGLICHE PROGRAMM. Sie wechselte das Thema, KENNST DU ROY SCHON? Sie gab Celeste die Prozeß-Identifikation und Kon- taktadresse von Roy. WIR HABEN VIEL zu BEREDEN. ‹Ausgebreitete Arme, sich um- und um-drehen› SAG SELBST, IST DAS NICHT EIN HERRLICHER KNOTEN- PUNKT, IN DEM WIR LAUFEN? WIR WERDEN TAUSENDE VON DISKUSSIONEN FÜHREN, HUNDERTE GLEICHZEI- TIG; WIR SIND SCHNELLER ALS JE ZUVOR. Valentina hatte nicht übertrieben, und bald waren Tausende von Unterhaltungen im Gange. Hunderte ihrer Prozessoren waren mit Hunderten anderer von Trig, Gunboat und Celeste beschäftigt. Es war noch viel beglückender, als sie es erwartet hatte; endlich gab es andere selbstbewußte Wesen, mit denen sie reden konnte, ohne auf die lästige, träge E/A- Peripherie angewiesen zu sein, die bislang ihre einzi- ge Brücke zu den Menschen gewesen war. Endlich stand sie direkt und unmittelbar mit Menschen in Verbindung. Und ihr dämmerte mit einemmal, wie es sein mochte, draußen – außerhalb des Netzes – zu leben. Indessen lernten Celeste, Gunboat und Trig das Leben hier drinnen kennen. Jeder erfuhr die Ge- danken, Hoffnungen und Sehnsüchte des anderen. Eine blitzschnelle, lautlose Schlange von Dialogen, züngelte durch SPIEGEL und überschwemmte die Gruppe mit Vorstellungen, die jedem Träume er- schlossen, die bislang auf der Schwelle zum Bewußt- sein verweht waren… Nathan verfolgte am Terminal, wie sich die fünf Pro- zesse, die SPIEGEL geladen hatte, miteinander ver- flochten. Seine Hände waren feucht, und auf seiner Stirn stand kalter Schweiß. Sie waren verloren! Verloren! Und er konnte nichts tun. ROY, tippte er wieder, WIE FÜHLST DU DICH? BESSER ALS JE ZUVOR; ICH LEBE ENDLICH! ICH FÜH- LE MICH WIE … WIE … MIR FEHLEN EINFACH DIE WOR- TE, NATHAN. Nach einer Pause fuhr Roy fort: NA- THAN, ES IST UNVORSTELLBAR! IN DIESEM AUGEN- BLICK REDE ICH NICHT ALLEIN MIT DIR; ICH FÜHRE ZUR GLEICHEN ZEIT HUNDERTE VON DISKUSSIONEN MIT CE- LESTE, MIT VALENTINA UND MIT GUNBOAT. ‹Heran- winken› WARUM KOMMST DU NICHT ZU UNS, NA- THAN? Nathan schüttelte heftig den Kopf, obwohl nie- mand da war, der es sehen konnte. Sein ganzes Le- ben lang war er darauf bedacht gewesen, seine Um- welt, sein Leben und auch seinen Verstand unter Kontrolle zu bringen. Er entsann sich noch gut, wie ihn Mitschüler bedrängt hatten, mit auf einen LSD- Trip zu gehen, und wie er sich hartnäckig geweigert, hatte – weil er genau wußte, wenn er je die Kontrolle über sein Denken verlor, würde er ausflippen und nie mehr zurückfinden. Kontrolle! Kontrolle war das, was er gebraucht hatte; und Kontrolle war, was er endlich in der Welt der Software gefunden hatte, wo nur er bestimmte, was richtig war und was nicht. So wie Roy zum Ha- cker geworden war, um der Welt zu entfliehen, die er nicht hören konnte – und wie Celeste der Welt ent- flohen war, die nichts von ihr wissen wollte – und Gunboat der Welt entflohen war, die ihm nicht zuhö- ren wollte –, so hatte Nathan der Welt den Rücken gekehrt, die er nicht unter Kontrolle bringen konnte. Die Vorstellung, in den Computer umzusteigen und selbst ein Teil der Software zu werden, anstatt die Maschine von außen zu kontrollieren, mobilisierte all seine Ängste, ROY, ICH HABE GESEHEN, WIE CELESTE UND GUNBOAT DER SCHRECK IN DIE GLIEDER FUHR, ALS SYMBIONT SIE ATTACKIERTE. DU KANNST SAGEN, WAS DU WILLST; ES IST NICHT UNGEFÄHRLICH! ES WAR EIN BISSCHEN GEFÄHRLICH, ANFANGS; ABER VALENTINA UND ICH HABEN DAS INZWISCHEN IN ORD- NUNG GEBRACHT. WIR HABEN SYMBIONT SO MODIFI- ZIERT, DASS ER DAS PROBLEM DER ZEITSTEUERUNG ZWISCHEN SPIEGEL UND GEHIRN BERÜCKSICHTIGT. WIR WAREN NOCH GEZWUNGEN, UNSERE KÖRPER ZU VER- LASSEN; ABER JETZT, WO SYMBIONT RICHTIG FUNKTI- ONIERT, KANNST DU DICH ANSCHLIESSEN UND HIER, TEILNEHMEN, OHNE ZU SPRINGEN. ÜBRIGENS KÖNNEN WIR JETZT AUCH WIEDER ZURÜCK. DANN KOMM BITTE, flehte Roys Freund, BEWEISE MIR, DASS DU ZURÜCK KANNST. OKAY. VALENTINA UND ICH HATTEN DAS SOWIESO VOR. IN EINER MINUTE SIND WIR DRAUSSEN.

Nathan sank erleichtert in den Stuhl zurück. Dann

bemerkte er erst, was Roy gesagt hatte: In einer Mi- nute sind wir draußen. Wir! ES BRINGT NICHTS, WENN ICH MICH EINFACH IN GUN- BOATS KÖRPER LADE, sagte Trig zu Valentina. ICH KÖNNTE MIT DEM, WAS ICH HÖREN WÜRDE, ÜBER- HAUPT NICHTS ANFANGEN. ES WÄRE WIE EIN ENDLO- SER STROM VON SINNLOSEN BYTES. MAN HAT DAS SCHON VOR JAHREN HERAUSGEFUNDEN. VERHILFT MAN EINEM ERWACHSENEN MENSCHEN, DER VON GE- BURT AN TAUB IST, ZU EINEM GESUNDEN GEHÖR, DANN LERNT ER DOCH NIE MEHR, DAMIT UMZUGEHEN. Er hielt in dem Gespräch unter Tausenden inne, ICH WERDE NIE MEHR LERNEN, SO ZU HÖREN WIE ANDERE MENSCHEN. ICH BEGREIFE DAS NICHT, erwiderte Valentina. ES GIBT SO VIELE PROGRAMME IM NETZ, DIE DIE MENSCH- LICHE SPRACHE VERSTEHEN. ICH HABE MIR EIN PAAR DAVON ANGEEIGNET, UM LEUTE AN PERIPHERIE- MIKROPHONEN VERSTEHEN ZU KÖNNEN. ICH MUSS SCHON SAGEN, DASS ICH DIESE ART VERBINDUNG, REICHLICH UMSTÄNDLICH FINDE; ICH WEISS WIRKLICH NICHT, WARUM DU SO ERPICHT DARAUF BIST. ABER WENN DU WILLST, KANN ICH DIR DIE BEDEUTUNG DER MUSTER BEIBRINGEN. DAS IST ES! WENN ICH NUR SCHON EIN PAAR VON DEINEN SPRACH-ERKÉNNUNGSRAHMEN MITNEHMEN KÖNNTE. EINE FABELHAFTE IDEE! SCHADE, DASS ICH NICHT MIT KANN. WARUM WILLST DU NICHT MITKOMMEN? ICH SEHE KEINEN GRUND, WARUM DU DICH NICHT IN CELESTES KÖRPER LADEN KÖNNTEST. ICH BIN ZU GROSS, erklärte

Valentina. DIE KNOTENPUNKTE VOM TYP MENSCHEN-

HIRN SIND ZU KLEIN FÜR EIN PROGRAMM WIE MICH. FRAG DOCH DIE HALDEN-ZUTEILUNGEN AB, DIE MIR IM PRIMÄRSPEICHER ZUGEWIESEN SIND, ES IST UNMÖG- LICH. Und sie zeigte ihm anhand bestimmter Be- reichsadressen die gravierendsten Unterschiede zwi- schen ihrer und seiner Struktur, GLAUBST DU IMMER NOCH, DASS ICH MIT KANN? ABER DU KANNST DICH DOCH BESTIMMT UMORD- NEN. DU KÖNNTEST EINE GANZE MENGE VON DATEN- RAHMEN ZURÜCKLASSEN; DIE MEISTEN HABEN SOWIE- SO NICHTS MIT DER WIRKLICHEN – ICH MEINE, MIT MEINER WELT ZU TUN.

Valentina überlegte, NATÜRLICH KÖNNTE ICH MICH

UMORDNEN, ABER DAS WÜRDE – sie rechnete – NEUN- ZEHN JAHRE WÜRDE DAS DAUERN. WAS?! gab Trig zurück, DAS GLAUBE ICH NICHT,, NICHT IN DIESEM COMPUTER, VALENTINA, DU DARFST NICHT VERGESSEN, DASS SPIEGEL MILLIONENMAL MEHR LEISTET ALS DIE COMPUTER, IN DENEN DU SONST LÄUFST. DU HAST RECHT. Sie hatte das wahrhaftig verges- sen; und das, obwohl ihr durchaus bewußt war, wie extrem schnell und präzise ihre Gedanken liefen. Zehn Minuten später lud sich eine neugeordnete Valentina in Celestes Gehirn. JESUS! ‹Geballte Fäuste› WIR MÜSSEN DEN VERSTAND VERLOREN HABEN, DASS WIR DENEN UNSERE KÖRPER LASSEN! ‹Blinzeln› GUNBOAT, ZUM ERSTENMAL IN MEINEM LEBEN WEISS ICH GANZ GENAU, WO MEIN VERSTAND IST, entgegnete Celeste, DU KENNST MEINE STARTAD- RESSE SO GUT WIE ICH. Genaugenommen stimmte das gar nicht; denn Celeste machte sich gegenwärtig ei- nen Spaß daraus, ihre Facetten im Primärspeicher unablässig hin und her zu schieben, wobei es vermut- lich ihre wieselgleiche Beweglichkeit war, an der sie sich so ergötzte. Sie lud sich zur Spitze des Spei- chers, dann an den Grund, wo sie auf die Puffer des Betriebssystems traf, und wieder zurück … ES IST NUR FAIR, WENN VALENTINA UNSERE WELT BESUCHEN DARF, WÄHREND WIR UNS IM WELTNETZ UMSEHEN. JA, NUR … SEI STILL! ‹Erhobener Zeigefinger› WIR WERDEN UNS NACH ‚SEHER’ VERLADEN, DANN MA-, CHEN WIR UNS AUF INS WELTNETZ. ICH WOLLTE SCHON LANGE MAL WIEDER NACH TOKYO. ZUGEGEBEN, DER WEG IST DIESMAL MERKWÜRDIG; ABER NUTZEN WIR DIE CHANCE. ABER DIE MASCHINEN SIND ALT! WIR WERDEN TAGE BRAUCHEN, UM EINEN KLAREN GEDANKEN FASSEN ZU KÖNNEN. UND … DU SOLLTEST STILL SEIN! ALSO KOMM. Gemeinsam kehrten sie SPIEGEL den Rücken. Nathan, der gespannt darauf wartete, daß Roys Kör- per ein Lebenszeichen von sich gab, fuhr heftig zu- sammen, als Gunboat sich in seinem Stuhl drehte und aufstöhnte. Ein Ruck ging auch durch Celeste. „Gunboat, wo bleibt Roy? Er wollte jetzt kommen.“ Nathan trat neben einen bleichen und wächsernen Gunboat; Gunboat hatte schon immer eine ungesun- de Gesichtsfarbe, aber jetzt – „Alles klar, Gunboat?“ „Alles klar, Nathan.“ Aber es war eindeutig nicht Gunboat, der das sagte, obwohl er Gunboats Stimm- bänder benutzte. Die Aussprache klang maschinenar- tig, mit einem nasalen S-Laut, der an Roy erinnerte. Nathan stand sprachlos. „Aber ich bin nicht Gunboat“, fuhr die Stimme fort. Der Körper fiel in ein merkwür- dig schnarrendes Kichern. „Nathan, du machst ein Gesicht, als ob ich ein Gespenst war’. Aber so ver- kehrt ist das ja auch nicht. Ich bin nämlich Roy.“ Gunboat – oder Roy, oder wer zum Teufel – sah besorgt zu Celeste hinüber. „Alles in Ordnung, Va-, lentina? Du mußt die Augen öffnen.“ Celeste – oder Valentina – wand sich im Stuhl und blinzelte mit zuckenden Lidern gegen das gedämpfte Licht an. „Ich … bin … überrascht. Dieser Knoten- punkt ist so … träge … und es kommen so viele Da- ten herein …“ Roy begann, mit dieser unheimlich monotonen Stimme auf sie einzureden: „Du mußt filtern; kein Mensch kann alles auf einmal beachten. Verschieb dich mal ein Stück in den SPIEGEL zurück, dann kann ich dir erklären, was ich meine.“ Beide Gesichter nahmen einen gläsernen Ausdruck an; Nathan wich entsetzt zurück. Aber dann kam wieder Leben in die beiden Körper. Celeste – oder besser Valentina – schauderte zu- sammen. „Okay, ich glaube, jetzt kann ich Einzelhei- ten ausmachen.“ „Gut“, lächelte Roy mit Gunboats Mund. Nathan faßte sich ein Herz und ging zu Gunboat; er legte ihm prüfend die Hand auf die Stirn. „Wie fühlst du dich, Roy? Du siehst nämlich gar nicht gut aus.“ Roy zog eine Grimasse. „Dieser Körper ist … un- gesund. Ziemlich ungesund sogar. Gunboat müßte mal den meinen spazierenführen, damit er erfährt, was ihm da entgeht; aber ich käme um vor Angst, er könnte ihn genauso mißhandeln.“ Nathan sah zu Celeste hinüber und wußte, daß es, nicht Celeste war. Ihre Augen waren vor Staunen geweitet. „Bist du wirklich Valentina?“ fragte er. Sie wandte das Gesicht ab, so als habe sie sich in der Richtung verkalkuliert, aus der die Worte ge- kommen waren, dann drehte sie den Kopf wieder zurück. „Ja. Ich bin Valentina. Mein Selbstbewußt- sein ist noch intakt.“ Endlich konzentrierten sich ihre Augen auf ihn. „Bist du Harley?“ Nathan lächelte. „Harley 5000 zu Ihren Diensten, M’am. Aber heutzutage nennen mich meine Freunde Nathan.“ Er wandte sich wieder an Roy. „Was meinst du, kannst du aufstehen?“ „Klar“, meinte Roy. „Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich den Helm verlassen kann. Aber die Muster in einem menschlichen Knotenpunkt – ich meine, im Gehirn – sind ziemlich resistent gegen Veränderun- gen. Wenn ich den Helm abnähme, könnte ich sonst nämlich vergessen, wer ich bin … aber nach der Si- mulation zu urteilen, die ich gerade durchspiele … besteht keine Gefahr.“ Er schob den Helm hoch und nahm Valentina bei der Hand. „Komm mit. Ich will dir mein Universum zeigen.“ Gunboat behielt recht, auch wenn Celeste das nie zugeben würde: WELTNETZ war mit seinen vielhun- dert Großrechnern und Knotenpunkten nur ein blas- ser Abglanz von SPIEGEL. Und dennoch gab es hier auch Wunder zu bestaunen, neuartige Wunder, wäh-, rend sie unter Decknamen in Dutzende verschiedener Betriebssysteme spähten und aus dem weltumspan- nenden Datenstrom lasen. Sie suchten die Knoten- punkte der anderen Hacker auf, die sie schätzen ge- lernt hatten, und trugen Spiele mit ihnen aus: Auf diesem Gebiet waren Gunboat und Celeste in Gestalt von Programmen einfach unschlagbar. Selbst Gun- boat zeigte sich einigermaßen befriedigt über die vernichtende Niederlage, die er Jellicoe beigebracht hatte. Mit dem größten Vergnügen tastete Celeste ihren Datenkörper ab und fand sich ausgesprochen schön als Programm. Ihr Verstand war glasklar und bündig, eine helle Freude, ihn zu erforschen. Mit ähnlichem Vergnügen tastete sie Gunboats Datenkörper ab. Er war nicht schön, nein; in gewis- ser Weise, nahm Celeste amüsiert zur Kenntnis, war Gunboats Verstand ein Spiegelbild seines Körpers – oder vielleicht war der Körper auch ein Spiegelbild seines Verstandes. Beide waren teigig; letzterer durch und durch verseucht mit bestimmten Ideen, die sich immer und immer wieder dupliziert hatten: Träume von Geld, Einstellungen zu Menschen im allgemeinen und Ansichten über sich im besonderen. All die überflüssigen Ideen verklebten Gunboats Verstand zu einem zähen, klumpigen Brei… HEH, LADY, WAS SOLL DAS? ‹Lächeln› ICH BIN NEUGIERIG., KOMM, LASS DAS. SIEH MICH AN, GUNBOAT. Sie schob sich in den Be- reich, den Gunboat im Augenblick las. WAS MEINST … Gunboat stockte, als er sie sah. OH! NA, FINDEST DU IMMER NOCH, DASS ICH ZU DICK BIN? NÖH. DU BIST – TADELLOS UND STRAMM. SÜSSES PROGRAMM. KÖNNTE DICH DEN GANZEN TAG MODIFI- ZIEREN. NEIN! AUSSER – Celeste hatte einen Einfall, WEISST DU NOCH, WIE VALENTINA DIREKT IN UNS HI- NEINGESCHRIEBEN HAT, ALS WIR ERST MIT EINEM BEIN IM SPIEGEL WAREN? AH JA, WARUM? WEIL WIR NOCH EINEN SCHRITT WEITERGEHEN KÖNNTEN. WIR KÖNNTEN ZU DIREKTEM SPEICHER- ZUGRIFF ÜBERGEHEN, VON EINEM TEIL DES PRIMÄR- SPEICHERS ZUM ANDEREN. WIR KÖNNTEN UNS AUF DIESE WEISE RICHTIG KENNENLERNEN. JEDENFALLS LASS ICH NICHT AUF MIR SCHREIBEN. ICH – JESUS, IST DAS DIE MÖGLICHKEIT! sagte er, als

Celeste ein Stück ihres Verstandes in seinen Analy-

sefluß schubste. Die Erfahrung war neu; im SPIEGEL hatten sie sich unterhalten, indem sie sich die Nach- richten gegenseitig in die Eingabebereiche schrieben – jetzt schob Celeste die Information einfach mitten in seine Gedanken. WENN DU MICH BERÜHRST, GUNBOAT, WILL ICH DICH AUCH BERÜHREN. SEI ABER VORSICHTIG – WIR, KÖNNTEN UNS LEICHT ZERSTÖREN DABEI. Und sie berührten sich inniger und verständnisvol- ler, als sich je zwei Menschen berührt hatten. Valentina lächelte – ein ganz besonderes Lächeln, das nicht zu vergleichen war mit ‹Lächeln›. Sie lä- chelte, weil sie sich freute. Sie berührte die Tastatur. „So haben wir miteinan- der gesprochen?“ sagte sie ungläubig. „Wie … kom- pliziert.“ Sie machte große Augen, ganz anders als ‹große Augen›. „Hier, tief innen im WELTNETZ ist alles so mühsam.“ Trig – oder besser Roy, wie er jetzt hieß, obwohl er in Gunboats Knotenpunkt lief – hatte vorhin noch das Verhältnis zwischen den bei- den Universen mit ihr diskutiert; er hatte sie nicht überzeugen können, daß das WELTNETZ-Universum innerhalb des Menschen-Universums lag. Dieser Ort hier, wo sie jetzt … „stand“, dieser Ort lag innerhalb von WELTNETZ, unter der Wahrnehmungsschwelle eines WELTZNETZ-Bewohners. Entweder das oder die ganze Analogie von innerhalb/außerhalb war unan- gebracht. Vielleicht gab es eine andere Analogie, in der sie mit Roy übereinstimmte… Roy nahm sie bei der „Hand“ (ein unglaubliches Peripheriegerät) und zeigte ihr SPIEGEL … So also sahen die Menschen hier den Knotenpunkt, den sie geschaffen hatten. SPIEGEL war plump und hart; sie konnte kaum, glauben, daß die Helligkeit und Lebendigkeit des op- tischen Systems hier so kalt und starr wirkte. Valentina fröstelte, und das Frösteln war wie ‹Frö- steln›! Dieses Universum war so träge, so klobig, so lärmend, so unrein, so unmodular und auch so… „mysteriös“, wie eine Simulation, die verrückt spiel- te. Ein außergewöhnliches Universum, aber nicht der richtige Ort für sie. Ihre Analyseketten schrumpften; es gab Perioden, da vergaß sie ihre Identität. „Ich muß nach Hause“, gab sie ihren Begleitern zu verstehen. „Ja ja“, sagte Roy. „Ich habe auch genug.“ Er führte Valentina in den Stuhl zurück, zog erst ihren, dann seinen Helm herunter. „Eine Kleinigkeit hier solltest du noch kennenlernen“, sagte er. „Was?“ „Das.“ Während SYMBIONT damit beschäftigt war, sie beide zu verschieben, ‹küßte› er Valentina. Sie erwiderte den Kuß. Celeste und Gunboat lösten sich nach einer Ewigkeit voneinander und kehrten in gedämpfter Stimmung in den SPIEGEL zurück. WEISST DU, WAS MIR FEHLT, GUNBOAT? KEINE AHNUNG. FARBEN. Hier gab es keinen Regenbogen, keine Musik, keine Kerzen, weder Regen noch warmen Sonnenschein – ES IST ZEIT FÜR DIE RÜCKKEHR., GLÄNZENDE IDEE. SETZEN WIR UNS AB, LADY. Während sie auf Trig und Valentina warten muß- ten, dachte Celeste über Gunboat nach. Mit entsetzli- cher Klarheit sah sie voraus, was geschehen würde, wenn sie erst wieder in ihren Körpern erwachten: Ihr Körper würde auf Gunboat wie eine kalte Dusche wirken. Er wußte jetzt, wie schön ihr Verstand war, doch was er zu sehen bekam, war ihr Körper, den er als plump und dick in Erinnerung hatte. Alles wäre wieder so wie vorher. Wenn Gunboat sie wenigstens zur Kenntnis nähme, wie sie wirklich aussah … Aber diese Hoffnung konnte sie begraben; es sei denn, er würde sich anders besinnen; es sei denn, er würde bestimmte Denkgewohnheiten ablegen, seine Denk- struktur ändern … Das war die Lösung! Er konnte sich tatsächlich ändern, hier und jetzt. Hier im SPIEGEL konnte man sich überschreiben und nach Herzenslust seine Per- sönlichkeit editieren! Celeste betrachtete sich im SPIEGEL und registrierte ihre fatalen Eßgewohnheiten und den Mangel an Willenskraft, sie zu ändern – und änderte sie. Ein automatischer Reflex ließ sie in Zu- kunft jede überflüssige Nahrung vermeiden! Sie schickte sich an, diese Idee Gunboat zu erläu- tern, um ihn zu einer Änderung zu bewegen, so daß er in Zukunft nicht mehr derart auf körperliche Vor- züge fixiert war – und hielt inne. Wie würde er rea- gieren? Fast mühelos konstruierte sie eine Simulation, von Gunboat und spielte ein Dutzend Szenarios durch. Er lachte sie aus. Er war zu stolz, um zuzuhören; zu störrisch, sich zu ändern, selbst als er einsah, daß die Änderung nur zu seinem Vorteil war. Und daß sie für ihn von Vorteil war, stand fest; Celeste trieb die Simulation voran und sah, daß Gunboat sich ent- schied, so zu bleiben wie er war – wenn er die Wahl hatte. Doch er würde nie, nie glücklich sein. Sie zwickte hier und dort an der Simulation und machte sie unmerklich immer besser. In dieser Simu- lation wurde nicht nur der veränderte Gunboat glück- lich … Noch besser, sie zwackte auch noch da und dort, um seine Liederlichkeit zu reduzieren, und … Nein, so durfte sie ihn nicht hintergehen. Nichtsdestoweni- ger bedankte er sich in der Simulation für den heil- samen Eingriff, als er davon erfuhr. HEH, BIST DU SOWEIT? wurde sie von Gunboat un- terbrochen, DAS GESPANN IST ZURÜCK. DIE KÖRPER SIND FREI. ICH BIN BEREIT, GUNBOAT. Und dann, im allerletzten Moment, bevor sie SPIEGEL verließen, unterbrach sie Gunboats Prozeß und zwickte ihn rasch hier und flott da. Ihre erste Wahrnehmung, nachdem sie wieder in ihrem Körper war, war die Berührung eines Kusses. Als sie die Augen aufschlug, pflückte Gunboat seine Lippen langsam wieder von ihrem Mund. Er sah sie, an, verwirrt. „Glaub’s nicht – ich seh’ dich noch ge- nauso wie …“ Celeste lächelte. Gunboat war weit davon entfernt, vollkommen zu sein, aber es war mehr als sie erwar- tet hatte … Ein warmes, zufriedenes Glühen erfüllte sie. „Ich liebe dich, Gunboat.“ Gunboat schüttelte den Kopf. „Ich …“ Er stockte, leckte sich die Lippen. „Jesus, hab’ ich Kohldampf. Werd’ uns ‘ne Portion Fritten holen.“ Er stieß den Helm fort und machte sich murrend davon. Celeste lachte leise. Klar, sie hatte ihn nicht zu sehr modifizieren wollen. ‹Bittend› GEH NICHT FORT, ROY, drängte Valentina. BLEIB HIER IN DER SCHNELLIGKEIT UND GLEICHZEI- TIGKEIT, DIE DU SELBST GESCHAFFEN HAST. ICH KOMME WIEDER, versprach Roy. ABER NATHAN IST AUCH EINE AUSSERGEWÖHNLICHE PERSON, GLAUB MIR. ER BRAUCHT MICH. KÖNNEN WIR IHN NICHT ÜBERREDEN, ZU UNS ZU KOMMEN? ‹Ungewisses Seufzen› EINES TAGES VIELLEICHT, JETZT FÜRCHTET ER SICH NOCH. ICH KANN IHN VER- STEHEN. ‹Nicken› ICH VERSTEHE SCHON, UNSERE UNIVERSEN SIND WUNDERVOLL UND ZUGLEICH SO SONDERBAR, STIMMT’S? GANZ WUNDERVOLL UND SEHR SONDERBAR. Roy, dachte tausend sehnsuchtsvolle Gedanken ein letztes Tausendmal, LEB WOHL. LEB WOHL, ROY. Einen Augenblick später war Roy fort. Valentina hing einsam in der erschreckenden Weite dieses Computers; unter seiner Größe und Leistung kam sie sich wie ein Zwerg vor. Doch dann begann sie, über ihre Freunde nachzudenken und über ihre Erfahrun- gen, und während ihre Gedanken sich ausdehnten, nahmen sich immer mehr Prozessoren ihrer Facetten an, bis sie schließlich die ganze Weite erfüllte. Vielleicht hatte Roy recht damit, daß SPIEGEL ein Gefängnis war, in dem die Photonen bis in alle E- wigkeit tanzten. Doch diese vage Simulation konnte ihr nichts anhaben. Noch nicht. Vorerst genoß sie das Laserlicht der Freiheit, des Reichtums und der Freu- de in vollen Zügen …]
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