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Salto mortale Eine Novelle von Jakob Bos+harteBBJakob Bos+hart Salto mortale (1910) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Jakob Bosshart (07.08.1862 – 18.02.1924) 1. Ausgabe, Mai 2006 © eBOOK-Bibliothek 2006 für diese Ausgabe Textvorlage: „Früh vollendet“ von Jakob Bosshart, H. Haessel Verlag, Leipzig, 2. und 3. Aufl., 1919 I. E r war von einem Zirkus gefallen, wie etwa Dinge von einem Karren rutschen und irgendwo am Wege liegen bleiben. Eine An- zeige im „Tagblatt“ führte ihn in die Schlauch- gasse, in die Dachwohnung eines hohen alten Hauses, zu der Witwe Seline Zöbeli,...
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mortale Eine Novelle von Jakob Bos+harteB

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Jakob Bos+hart Salto mortale

(1910) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet, Jakob Bosshart (07.08.1862 – 18.02.1924) 1. Ausgabe, Mai 2006 © eBOOK-Bibliothek 2006 für diese Ausgabe Textvorlage: „Früh vollendet“ von Jakob Bosshart, H. Haessel Verlag, Leipzig, 2. und 3. Aufl., 1919, I.

E r war von einem Zirkus gefallen, wie etwa Dinge von einem Karren rutschen und

irgendwo am Wege liegen bleiben. Eine An- zeige im „Tagblatt“ führte ihn in die Schlauch- gasse, in die Dachwohnung eines hohen alten Hauses, zu der Witwe Seline Zöbeli, bei der er ein sehr bescheidenes Stübchen mietete, mit einem Bett, einem Tisch, zwei Stühlen, einer Kommode, die als Waschtisch dienen mußte, und einem tannenen Kasten. Es war alles abge- nutzte Habe mit Blößen in Lack und Farbe, mit Rissen und Flecken und sogar mit Brandwun- den, jedes Stück mußte eine lange schmerzli- che Geschichte haben. Er sah über diese Schäden gleichgültig hin- weg, er zeigte für jeglichen Luxus die Verach- tung derjenigen, die entschlossen sind, mit Nä- geln und Zähnen den Kampf ums tägliche Brot, auszufechten. Und wer ihn ansah, den seltsa- men Mann, fühlte wohl, daß die Entschlos- senheit in ihm arbeitete. Er war mittelgroß, hager, eckig in den Formen, aber geschmeidig in den Bewegungen. Sein Kopf schien nicht gewachsen, sondern von ungeschickter Hand ins Grobe geschnitzt: Stirne, Nase, Backen- knochen, Kinn, alles stach kantig und trotzig hervor, dazu geschaffen, Stöße aufzufangen und zu vergelten, und über das ganze Gesicht zog sich eine ausgelaugte Haut, wie man sie bei Schauspielern sieht. Die dunkeln Augen la- gen tief in dem Knochengebälk drin und lauer- ten beständig auf gut Glück; sie konnten mild sein wie Ochsenaugen, aber in unbewachten Momenten stechen wie Dornen. Mit Worten war er sparsam, aber wenn er sprach, tat er es immer zwiefach, mit den Lippen und mit den beweglichen ausdrucksvollen Händen. Valentin Häberle ließ sich der wunderliche Mensch nennen. Seiner Sprache nach mußte seine Wiege irgendwo im Schwabenland ge- standen haben; das war aber auch alles, was man von seiner Jugendzeit mit Sicherheit er- schließen konnte: seine Blicke waren nach vorn,, auf Brot und Zukunft gerichtet, was hinter ihm lag, schien für ihn tot und abgetan, davon ließ er kein Wort verlauten. Einstweilen hatte er in einer Reitanstalt für die Vormittagsstunden Beschäftigung und damit ein kärgliches Brot gefunden. Jeden Tag, zur Sommer- wie zur Winterzeit verließ er das Haus um sechs Uhr morgens, nachdem er sich von der Frau Zöbeli eine Tasse Milchkaffee hatte reichen lassen. Die Mittags- und Abend- mahlzeiten genoß er, ohne zu deren Zuberei- tung fremde Hände in Anspruch zu nehmen, auf seinem Stübchen, in dessen Wänden und Möbeln sich nach und nach ein satter Geruch von Käse, Knoblauchwurst, Rauchspeck und andern Magenstopfern eingenistet hatte. Zu- weilen, wenn es Herrn Valentin Häberle nach etwas Starkem gelüstet hatte, drang der Geruch von Limburger Käse selbst in die Wohnstube der Frau Seline Zöbeli ein, die dann wohl etwa die Nase rümpfte und ihr ärgerliches „Pfui Kuckuck!“ ausstieß, jedoch an zweckdienlicher Stelle keinerlei Einsprache erhob. Denn sie war im übrigen mit ihrem ‚Zimmerherrn‘ zufrie- den: er war anständig und beglich pünktlich je, am Ersten des Monates seine Rechnung, wobei er nie vergaß, zu dem schuldigen Sümmchen ein Zwanzigrappenstück als Zeichen seiner Zufriedenheit hinzulegen. Die arme Frau wußte das zu schätzen, sah sie doch in dem Nickelstück ein Pfund Brot, das nicht erst errackert werden mußte, Brot für die scharfen Zähne ihrer zwei Buben. Seline Zöbeli war eine geplagte Frau. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt meist auf den Knien, als Putzerin in fremden Häusern; am Morgen, nachdem die Hausgeschäfte zur Not besorgt waren, hastete sie fort, kehrte um Mit- tag schnell in ihre Wohnung zurück, um ihre Kinder zu speisen, und verschwand dann wie- der wie ein Schatten. Neben der Last der Arbeit schleppte sie noch den Kummer um ihren toten Wilhelm und die schmerzliche Erinnerung an ein paar gute Jahre mit sich herum, und darun- ter litt sie schwerer als unter dem andern. Ihr Mann war Weichenwärter gewesen und hatte vor zwei Jahren einen Augenblick der Un- achtsamkeit oder Ermüdung oder den Fehler eines andern zwischen zwei Güterwagen mit dem Leben bezahlt. Die Gesellschaft bot der, Witwe eine kleine Entschädigung an, ein Al- mosen, denn sie glaubte beweisen zu können, daß Zöbeli sein Unglück selbst verschuldet und ihr zudem großen Materialschaden zuge- fügt habe. Der Witwe, die vor einem unsichern Pro- zeß zurückschreckte und niemand zum Raten an der Seite hatte, blieb nichts übrig, als die tausend Franken, die man ihr anbot, hinzu- nehmen; aber wie sie dem rauhen Beamten die Hand hinstreckte, kam sie sich wie eine gede- mütigte Bettlerin vor, zum erstenmal in ihrem Leben, und sie sank schluchzend auf einen Bürostuhl nieder. Sie hatte Groll und Abscheu gegen das Geld, ihr war, das Blut ihres Mannes klebe daran, und sie war froh, als sie es in einer Sparkasse untergebracht hatte; dort mochte es liegen und wachsen, sie würde nie mehr daran rühren. Sie würde auch niemals daran sinnen, wenn ihre zwei Buben nicht wären, wenn es sie nicht manchmal schmerzte, sie in so armseli- gen zusammengeflickten Kleidern und vor so magern Schüsseln zu sehen. Für sie sollte das Geld sich mehren, um ihnen einmal auf einen grünen Zweig zu helfen., Ja, die Buben! Wie hätte sie alles ohne sie getragen! Als man ihr die Nachricht von dem großen Unglück brachte, hätte sie sich durch das Fenster auf das Pflaster gestürzt, hätte ihr nicht gerade der jüngste an der Brust gelegen, um sich zu stillen. Und so war es geblieben: sie fand die Kraft zum Leben und überwand die Unlust zur Arbeit nur durch sie. An ihr selber lag ihr nichts, ihretwegen mochte alles gehen, wie es wollte; für die Kleinen aber mußte ge- opfert werden. Der ältere der Knaben war nun fünf, der jün- gere drei Jahre alt, Heinrich und Franz hießen sie. Wenn die Mutter am Morgen ihrem Tage- werk nachging, sagte sie zum ‚Großen‘: „Gib acht, daß dem Franzli nichts geschieht! Du mußt jetzt sein Vater sein, weil der andere im Kirchgrab liegt.“ Und Heinz erwiderte: „Ja, ja, geh nur, Müeti!“ Er kam sich ganz würdevoll und wich- tig vor als Vater seines Knirpses von Bruder und ging mit ihm um wie mit dünnem Glas. Waren die beiden nicht zu großen Taten aufgelegt, so verweilten sie sich in dem Dach- stübchen, das eng und arm, aber, dank dem, Sonnenlicht, das ungehemmt vom Himmel her- einflutete, doch freundlich war. Da setzte sich der Kleine auf den Schemel, der Große spannte sich davor und hü! hü! ging es von einer Ecke zur andern, daß der Fußboden kreischte. Oder dann stellten sie sich ans Fenster und guckten hinab und hinüber nach den vielen mannigfal- tig gestalteten Dächern; nach den Spierschwal- ben, die vor Lust schreiend um die Hausecken und Giebel sausten; nach den Katzen, die über die Ziegel schlichen, sich in der Sonne dehn- ten und streckten, oder sich nach den Spatzen duckten, die unartig in den Dachrinnen sich rauften; nach den Kaminen und dem Rauch, der sich daraus emporschraubte, aus jedem in anderer Gestalt, keinen Tag wie den andern; und dann fragten sich die Knaben: „Was wird wohl dort gekocht und gesotten? Und dort? Und dort? Und wer steht unten am Herd und bläst ins Feuer? und wer streut Mehl in die Pfanne und rührt es mit dem Löffel um, bis es aufgeht wie Milch?…“ Erwachte die Unternehmungslust in ihnen, so nahmen sie sich bei der Hand und stiegen die düstern unendlichen Treppen mit dem kleb-, rigen Geländer hinab und hinaus in den ‚Sack‘. Der ‚Sack‘ war eine Ausstülpung der Schlauch- gasse, ein Arm, den sie nach dem verlorenen Miethause ausstreckte, in dessen Dachwoh- nung Frau Seline Zöbeli mit ihren Kindern Un- terkunft gefunden hatte. Der ‚Sack‘ war nicht drei Schritt breit und kaum einen Steinwurf lang, bildete aber für die Zöbelibuben nichtsdestoweniger eine kleine Welt. Er war vor allem ihr Tummelplatz. Das schlechte Pflaster und eine Tischlerei lieferten ihnen das Spielzeug. Auch Kameraden fanden sie da, die drei Kinder des Schreinermeisters, die ihnen die Werkstatt des Vaters, einen riesi- gen, nie ganz zu ergründenden Guckkasten, er- schlossen. Stundenlang standen sie bis zu den Knien in den nach Harz und Leim duftenden Spänen und sahen den Gesellen zu, die den Ho- bel ruckweise über die Bretter schoben, wobei das Holz aufschrie, als täte man ihm ein Leides an. Dann wieder verfolgten sie das grimmige Werk einer Säge, das polternde Tun eines Ham- mers, vor dem sich die Nägel schüchtern ins Holz verkrochen, die lustige Arbeit eines Boh- rers, der vergnüglich seine Späne ausspie und, endlich auf der entgegengesetzten Seite seinen Kopf herausstreckte wie ein Holzwurm … Manchmal wurde auch ein langer schmaler Schrein zusammengeklopft, oben mit einem Schiebfensterchen versehen und schwarz an- gestrichen. „Soll ich dir den Frack anziehen?“ schrie dann wohl Meister Wäspi, der wie seine Hämmer das Poltern liebte, einen der klei- nen Guckhälse an und jagte damit das ganze Trüppchen Neugier in Entsetzen und Flucht. Das Pflaster des ‚Sacks‘ mußte für den Scherz büßen: sie rissen, um die Ruhe wiederzufinden, ein paar Steine heraus, kugelten sie eine Zeit- lang hin und her und setzten sie endlich wieder versöhnlich in die angestammten Löcher. Dann trieb sie die Neugier an das Ende des ‚Sackes‘, dorthin wo er seinen Schlund nach der Schlauchgasse aufsperrte. Sie schmiegten sich an eine Ecke, Heinz faßte den Kleinen bei der Hand und hielt den Vorwärtsdrängenden in dem engen Kreis zurück, den zwei ausge- streckte Kinderarme beschreiben können. So hatte es ihm die Mutter streng eingeschärft, und er sprang nie über seine Pflicht hinweg. Im ‚Sack‘, so sagte sich die Frau, kann man die, Unbände gehen und stehen, liegen und sich wälzen lassen, wie es ihnen bequem ist, da kommt kein Fuhrwerk herein, um sie in Le- bensgefahr zu bringen. In der Gasse war es anders. Da knarrte und ächzte von Zeit zu Zeit ein schwerer Wagen her- ein und füllte den Raum zwischen den beiden Häuserreihen ganz aus. Bierwagen, Kohlenfuh- ren, Botenfuhrwerke. Das waren bedrohliche Ungetüme, die keinen Spaß verstanden. Und erst die Pferde davor mit den langen gelben Zähnen, die ins Eisen bissen, wie die Zöbeli- buben ins Brot, mit den schweren Stahlhufen, denen es ein leichtes war, Feuer aus den Pfla- stersteinen zu kratzen. Eine Zeitlang bot das Leben im ‚Sack‘ den Knaben völliges Genügen; nach und nach aber beschlich sie eine Art Sehnsucht, das Gefühl von der Enge und Beschränktheit ihrer Welt. Wenn sie an ihrer Ecke standen und die Schlauchgasse hinabschauten, gewahrten sie ein Stück von einem Platze, auf dem es rege und brausend zuging. Da fuhren schwarze glänzende Kutschen vorüber wie vom Wind ge- blasen! Radfahrer flogen gleich großen Vögeln, her und hin, Autos blitzten auf und prusteten vorüber, und die Leute hasteten und brodelten zu gewissen Stunden wie toll durcheinander. Herüber aber tönte es dumpf und verworren, pochend und schreiend, rauschend und don- nernd und wiederum schwatzend, ja flüsternd und singend, rufend und lockend, als ob dort alle Pflastersteine lebendig geworden wären. Wie vielerlei mußte dort zu schauen sein! Flo- gen dann die Tauben in der Schlauchgasse auf und dem Platze zu, so sahen ihnen die Knaben verlangend nach, und es drängte in ihnen der- maßen, daß es dem Großen schwer fiel, Franzli in seinem engen Kreise zu halten. Dazu kam, daß die andern Kinder, die sich nicht in einen Sack stecken ließen, anfingen, sie zu locken und, da die Versuchung abprallte, zu necken und zu höhnen. „Eckensteher! Augendreher!“ riefen sie ihnen spöttisch zu und klapperten auf dem Pflaster davon, die Schuhe in alle Lüfte werfend, Kopf und Hände nach vorn gestreckt, nach dem Platze hin, nach dem Geruf und Getose und Leben. „Komm! Auch gehn!“ drängelte dann wohl der kleine Franz; aber Heinz faßte ihn fester an, der Hand und zog ihn väterlich in den ‚Sack‘ und in den Gehorsam zurück. Einmal aber, als Heinz einem Tischlergesel- len zusah, wie er zwei Bretter zusammenfügte und so derb in die Schrauben spannte, daß der Leim aus der Fuge schwitzte, gewahrte er auf einmal zu seinem Schrecken, daß Franzli nicht mehr um ihn war. Er eilte in die Gasse hin- aus. Keine Spur! So mußte er in die Wohnung hinaufgekrochen sein. Aber auch dort fand er sich nicht, und Herr Häberle, der in seinem Stübchen hockte, versicherte, es habe seit zwei Stunden im Hause keine Fliege gesummt. Heinz stürzte wieder davon. Es war ihm ein Gedanke gekommen: der Platz! Dorthin eilte auch er nun, blind und besinnungslos, wie ei- nen die Aufregung machen kann. Kaum hatte er ihn betreten, so rannte er einen Metzgerbur- schen an, der, den Weidenkorb auf dem Rük- ken, breit und gewichtig einherkam, und von dessen Knien der Kleine abspritzte, wie ein ge- worfener Ball von der Mauer. Da lag er schon, und der andere schritt gelassen fluchend über ihn weg. Heinz erhob sich und spähte um sich. Franz war nirgends zu sehen. Er steuerte zwei-,, dreimal über den Platz, in verschiedenen Rich- tungen. Umsonst. Da wußte er nichts Geschick- teres anzustellen, als sich auf gut Glück zu ver- lassen, irgendeine der Straßen einzuschlagen, die dort zusammenliefen, und vorwärts, im- mer vorwärts zu eilen mit spähenden Augen und mit dem Wort Franz auf den Lippen. Er hastete von Straße zu Straße, mit stets wachsender Beklemmung, bis hin zu dem Flusse, den er schon einige Male gesehen hatte, wenn er an Sonntagen mit der Mutter zum Grabe des Vaters gegangen war. Er sah am Ufer hinauf und hinab; nichts! Da wußte er sich nicht mehr zu helfen. Er stellte sich die Mutter, ihr abgehärmtes Gesicht und ihre Vorwürfe vor, und er hörte das Wort in den Ohren, das sie gerne und etwas leichtsinnig in den Mund nahm: „Ich springe ins Wasser!“ Da sie das Wort immer brauchte, wenn sie von etwas gedrückt wurde, hatte sich in Heinz die Meinung gebildet, ein Sprung ins Wasser müsse ein gutes Mittel sein, sich von allem Schweren zu befreien, und ehe ihm noch ein klarer Entschluß gekommen war, langte er in seiner Herzensnot nach dem Geländer, das sich, längs des Wassers hinzog, und schon war er oben und im Begriffe, sich nach der andern Seite in die Erlösung fallen zu lassen, als eine Hand ihn derb am Kittelchen faßte und zurückriß. Scheltende Worte fielen über ihn her, Fragen, was er habe tun wollen, wem er gehöre und wo er wohne. Er brach in Tränen aus, sagte, daß er seinen Franz verloren habe und in der Schlauch- gasse wohne. Ein Arbeiter nahm sich seiner an und führte ihn in den ‚Sack‘ zurück. Die Mutter war schon zu Hause und in größter Aufregung. „Wo hast du mir den Franz gelassen?“ schrie sie Heinz an. Sie wollte gleich in die Gasse hinabstürzen und nach dem Verlornen suchen, kopflos wie ihr Ältester. Herr Häberle mußte all seine Ruhe und die ganze Beredsamkeit seiner Hände zu- sammennehmen, um ihr begreiflich zu machen, daß ruhig sitzen zuweilen die beste Art des Suchens sei. Und wirklich, eine Viertelstunde später hörte man ein leichtes Stapfen von der Treppe her und durch die aufgerissene Türe purzelte der kleine Reißaus herein. Mit strah- lendem Gesicht und lachendem Mund stand er da und war ganz verwundert, daß ihn die, Mutter mit Scheltworten empfangen konnte; es war ja so spaßig gewesen in der Stadt und alle Leute so freundlich zu ihm! Frau Zöbeli schlief nicht in jener Nacht, so sehr zitterte ihr der Schrecken in allen Gliedern. Als sie am Morgen darauf ihrem Zimmerherrn den Kaffee brachte, stotterte sie nach einigem Zögern hervor, was sie sich in ihrem Kopfe zu- rechtgemacht hatten „Ich wollte gern für das Frühstück nichts von Ihnen nehmen, wenn Sie ein bißchen nach meinen Wildfängen schauen wollten. Ich kann bei der Arbeit nicht mehr ruhig sein, wenn ich weiß, daß sie mir in die Stadt laufen. Die vie- len Leute und Lastwagen und Radfahrer, wie bald ist da — ich komme aus dem Zittern nicht mehr heraus.“ Herrn Häberle kam das Anliegen unerwartet, die arme Frau sah schon, wie sich seine Hände zur Abwehr erhoben. „Nur an den Nachmittagen, wenn Sie sonst nichts zu tun haben,“ stieß sie ängstlich her- vor; „vormittags sind die Buben weniger wild, sie haben’s wie die Mücken. Sie würden mir ei- nen Stein vom Herzen nehmen, Herr Häberle!“, Er überlegte immer noch, die eine Hand schien „ja“, die andere „nein“ zu sagen. Es wi- derstrebte ihm, seiner Freiheit einen Flügel ab- zuschneiden; aber er sah die Angst der Frau und begriff sie, und was verlor er schließlich an den Nachmittagen, die ihn ja doch durch ihre Langeweile oft genug quälten? „Meinetwegen!“ sagte er brummig, „nur was Sie vom Frühstück schwatzten, nämlich, daß ich es umsonst haben sollte, aus dem wird nichts!“ Sie wollte etwas einwenden, aber seine em- porgehaltenen ausgespreiteten Hände trieben ihr Wort zurück. Da Häberle selber mit dem Leben kämpfte, verstand er die Sorgen der Mühseligen. Sie überschüttete ihn mit den Versicherun- gen ihres mütterlichen Dankes, drückte ihm, als sie ging, die Hand, und ihre sonst so mutlo- sen Augen hatten dabei einen frohen Glanz. So wurde Valentin Häberle Kindermädchen. In den ersten Tagen hetzte er seine Phan- tasie ab, um passende Kinderunterhaltung zu suchen. Es fiel ihm nicht viel ein, denn seine eigene Jugend war nichts weniger als ein Spiel gewesen. Endlich kam ihm ein erlösender Ge-, danke: er wollte mit den Knaben das als Zeit- vertreib üben, was als Arbeit fast sein ganzes Leben ausgefüllt hatte, bis zu dem Tage, da man ihm mit brutalen Worten zu verstehen gegeben, seine Sprünge und Purzelbäume seien nicht mehr elastisch und geschmeidig genug, mit so hartknochiger Kunst sei niemand gedient. „Hört, Buben,“ sagte er eines Tages zu ih- nen, als sie fast nicht zu bändigen waren, „wer von euch beiden zuerst auf den Händen ste- hen kann, bekommt einen funkelnagelneuen Fünfer!“ Und, das Wort mit der Tat begleitend, langte er ein Nickelstück aus seinem Geldbeu- tel und spiegelte es vor den Augen der Armen in der Sonne. Das verfing. Gleich ging es an ein Probieren und Zappeln und Purzeln und Lachen. Der Lehrmeister, um den Zöglingen zu zeigen, daß das Kunststück möglich sei, zog Rock und Weste vom Leib, stemmte sich auf die Hände und schritt so, mit den Fußspitzen fast die Decke berührend, das ganze Zimmer ab, was große Verwunderung und Heiterkeit absetzte. In einem Augenblick hatte er die Her- zen der Kleinen gewonnen und zugleich Macht über sie erlangt, was bei Kindern dem immer, gelingt, der es versteht, in ihren Kreis hinab- zusteigen, ohne aufzuhören, ihnen in irgend etwas vorbildlich zu sein. Unverdrossen zappelten an jenem Nachmit- tage die kleinen Füße in der Luft und stemm- ten sich die Arme gegen den Zimmerboden, die Köpfe wurden rot wie Pfingstrosen und die Augen glänzten vor Lust. Keinen Augenblick dachten die Knaben an den ‚Sack‘, die Werk- stätte und den brausenden Platz; sie rangen um das Nickelstück, bis sie todmüde waren und einschliefen. Wie sie so dalagen, der eine auf dem Fuß- boden, der andere auf der Bank, und ruhig den Atem einzogen und ausstießen, betrachtete das Kindermädchen Valentin sie lange, und Er- innerungen stiegen in ihm auf, Bilder aus der eigenen schweren Jugend und der halbverges- senen Heimat. Er sah das alte Städtchen mit der krummen Hauptgasse, in der die Gänse herumwatschelten, das Tor mit der Uhr, die nie gehen wollte, als fürchtete sie sich vor der neuen Zeit. Neben dem Tor ein zusammenge- drücktes Häuschen, das seinen Kopf furchtsam neugierig hervorstreckte und in die Gasse hin-, einschielte. In dem Häuschen drei Buben, dar- unter er selber, über ihnen der strenge Vater, ein, man wußte nicht warum, seiner Stelle entsetzter Turnlehrer, schroff, verbittert, und nun bemüht, seine Knaben Akrobatenkünste zu lehren, jahrelang Tag um Tag, bis endlich die ganze Gesellschaft flügge wurde und durch das Tor mit der stockenden Uhr ausflog, in die Weite, von Flecken zu Flecken, von Stadt zu Stadt und von einer Ungewißheit zur andern. Wanderbilder stiegen vor ihm auf: die Tage der Entbehrung, da die Menschen sich gegen ihn und seine Brüder verschworen zu haben schienen, und sie ihre Kunststücke vor leeren Stühlen machen mußten; dann die Zeit des Gelingens und Wohlergehens, wo man vom Besten essen und vom Feinsten trinken konnte. Es waren kurze Jahre. Der Vater gewöhnte sich an, täglich einen starken Rausch zu trinken, und eines Tages starb er eines raschen Todes nach einem Sturz von der Treppe. Die Akro- batenbrüder wurden von einem Unternehmer gemietet und bald darauf auseinander gerissen, dahin und dorthin, in alle Welt, einander für immer verloren., „Hätte der Vater das Geschäft verständiger angepackt, ich säße jetzt in einem goldenen Nest,“ dachte Häberle aufseufzend, und ein Gedanke blitzte in ihm auf. „Wenn ich aus den beiden Buben Artisten machte?“ Er maß sie mit langen forschenden Blicken wie mit Zollstab und Zirkel. Sie waren an allen Gliedern gerade und wohlgeraten und hübsch obendrein: stark gekraustes braunes Haar, leb- hafte Augen, besonders beim Jüngsten, fester Nacken, gesunde Gelenke … Aber es waren ja nicht seine Kinder; würde die Mutter ihre Zustimmung geben? Warum nicht? Er sah sie vor sich, die wan- delnde, schleichende Mutlosigkeit, die sie war, die fast jedes Wort mit einem Hauch anfing und mit einem Seufzer schloß. Was konnte sie für die Buben andres tun, als in fremden Häu- sern fegen und knien und buckeln? „Nehme ich ihr nicht eine schwere Last ab? Was würde sonst wohl aus den armen Ratten werden?“ Und wieder sann er vor sich hin. Was war denn aus ihm selber geworden? Er sah sich deutlich vor sich wie in einem Spiegel: fünfzig, Jahre und mehr schien er zu tragen und zählte doch kaum vierzig. Oh, das Nerven fressende, Menschen verbrauchende Gewerbe, das aufrei- bende ruhlose Wanderleben, ohne dauernde Befriedigung, im besten Falle ein Taumel, ein glücklicher Rausch zwischen zwei Enttäu- schungen! Durfte er das fremde Fleisch den schweren Weg führen oder hetzen, den er sel- ber gegangen? Mit einem entschlossenen: „Warum nicht?“ räumte er die Zweifel aus dem Wege. Die ar- men Schlucker hatten, alles abgewogen, ihm schließlich noch zu danken! Hatte er nicht die nötige Erfahrung, um das Unternehmen zum guten Ende zu führen? War er ein Trinker und Prasser? War er sein Vater? Valentin Häberle erhob sich, reckte die Glieder, probierte, wie fest die Fäuste sich zusammenschlossen, und fühlte in sich eine unendliche Kraft, ein Stück Wohlfahrt zu er- ringen. Immer sicherer wurde er seiner Sache, immer leiser protestierte das Gewissen in sei- ner Brust und bald ging es mit vollen Segeln in die Zukunft. Er hatte seine Kunst unter Prü- geln gelernt und sie deshalb immer säuerlich, gefunden; seinen Schülern sollte sie ein be- ständiges Fest sein. Und waren sie einmal zum Geldverdienen etwas nütze, so wollte er zu ih- nen Sorge tragen wie zu seinen Augen. Redlich wollte er es mit ihnen meinen, ihnen eine gute Vorsehung sein, und schon kam über ihn jenes süße Gefühl, das Helfer, Wohltäter, Glückspen- der beseelt. Und doch gehörte er nicht zu den Empfindsamen und Weichherzigen. Am folgenden Tage wurden die Übungen wieder aufgenommen. Valentin Häberle wurde fast jung mit den Kleinen, tat wie sie und ver- setzte sie in Entzücken. Die Stunden vergingen dem Alten und den Jungen wie vom Wind weg- geblasen. Wer nach Glück jagt, wird leicht ein Hexenmeister. Als die Ermüdung über die Bübchen kam, zog der Lehrmeister Wurst und Weißbrot aus seiner Schublade, die stets so wunderlich roch, und schnitt jedem etwas zurecht. Das tat er nicht aus löblicher Freigebigkeit: „Sollen sie mir zum Vorteil ausschlagen, so müssen sie mit Kraft gestopft werden, mit Wassersuppe und Kaffee im Magen kann keiner das Glück erspringen“, sagte er sich. Ihre Muskeln mußten, wie Stricke, ihre Gelenke wie Stahl werden und sollte er selber mit knurrendem Leib umherlau- fen müssen. Er konnte es ja später nachholen. Die Aussicht auf Vesperbrot und Wurst machte den Knaben das lustige Spiel, als das sie ihre Übungen auffaßten, noch lieber und spaßhafter, sie wurden nach und nach von einer wahren Leidenschaft gepackt; denn sie hatten es bald weg, daß Meister Häberles Messer um so tiefer in die Wurst schnitt, je mehr sie sich angestrengt hatten. Bald waren sie in ihrer Kunst so weit geför- dert, daß sie eines Abends der heimkehrenden Mutter auf den Händen entgegentappten und ihr den rechten Fuß zum Gruß hinstrecken konnten. Sie hatten den Scherz schon lange vor- her heimlich verabredet, aber freilich die Wir- kung nicht vorausgesehen. Die Mutter brachte sie mit ein paar barschen Worten auf die Füße und griff hastig nach ihren Handgelenken, wo- bei sie den etwas verblüfften Meister Valentin anschrie: „Sie haben ihnen die Gelenke gebro- chen, Sie, Sie!“ Er begriff ihren Gedankengang und suchte sie zu beruhigen, indem er ihr an seinen ei-, genen Gliedmaßen umständlich veranschau- lichte, daß, wer auf den Händen gehen wolle, keine gebrochenen Gelenke haben dürfe, daß ihre Ansicht auf unvernünftigem Volksglauben beruhe. Ob ihr denn noch nicht aufgefallen sei, daß ihre Buben mit röteren Backen als sonst umherliefen, Arme hätten wie Sennenbuben und sich streckten wie Roggenhalme? „Nun will er gar noch an ihrer Gesundheit schuld sein!“ dachte Frau Seline und erwi- derte: „Wachsen werden sie wohl müssen, ob sie wollen oder nicht!“ „Mit Unterschied“, meinte er und gab dem Gespräch eine andere Wendung: „Wenn Sie wünschen, daß ich Ihre Buben hüte, so müs- sen Sie mir schon gestatten, die Langeweile auf meine Weise zum Kuckuck zu jagen.“ Er sprach es in einem Tone, der von ei- ner Drohung nicht sehr verschieden war; das machte mit einem Schlage aus der gereizten Frau Seline die mutlose, sich vor jedem Wind- stoß ängstlich duckende Witwe Zöbeli. Sie hätte ihr Kindermädchen ungern verloren und bat Meister Valentin demütig, ja ihre Worte nicht übel aufzunehmen., So blieb den Übungen ihr ungestörter Fortgang. Herr Häberle war ein vortrefflicher Lehrmeister, immer fand er ein Mittel, die Knaben bei guter Laune zu erhalten. Reichten Wurst und Brot nicht aus, so half er mit et- was Nasch- und Zuckerwerk nach, hie und da auch für besonders gute Leistungen mit einem Nickelstückchen. Er wußte, daß es reichliche Zinsen tragen würde. Die Kleinen nahmen es strahlend in die vor Freude und Gier zitternden Hände, um es am Abend der heimkehrenden Mutter auszuliefern. Nie wurde Meister Häberle ungeduldig, nie warf er den Knaben ein zischendes oder knur- rendes Wort hin, er war wie ein gutmütiger Onkel oder wie ein älterer Bruder, und seine knochigen Hände hatten die Weichheit von Katzenpfoten. An schönen Abenden führte er die Kleinen vor die Stadt hinaus, an der nahen Berghalde empor und kürzte ihnen den Weg mit Geschich- ten, deren Worte er mühsam und berechnend in seinen schlafarmen Nächten zusammenge- sucht hatte, Geschichten von Knaben, die sich mit Kunststücken aller Art einen ganzen Trag-, korb voll Geld verdient hatten, und in denen Heinz und Franz sich immer selber erkannten. „Es waren einmal zwei arme Buben, die hat- ten ihren Vater verloren. Und sie gingen von Hause weg, um ihn zu suchen und heimzuho- len. Dabei kamen sie in einen großen Wald, und als sie einen halben Tag lang gegangen waren, stießen sie auf einen seltsamen Baum, dessen Laub nicht Laub war, wie das eines Apfel- oder Kirschbaumes, sondern jedes Blatt war ein Golddukaten, und die Dukaten klingelten bei jedem Windstoß gegeneinander und kicherten und flüsterten: „Frisch und munter! Holt uns herunter!“ Die Buben, einer nach dem andern, such- ten hinaufzuklettern; aber der Stamm war glatt wie ein Aal, es war nicht hinanzukommen. Und immer flüsterten die Blätter: „Frisch und munter!“ Die Knaben sahen mit sehnsüchtigen Au- gen zu ihnen empor und jeder versuchte einen Sprung und reckte die Hände. Die Dukaten hingen zu hoch und kicherten und neckten die Kleinen:, „Lernt fliegen wie Mücken, So mag’s euch gelücken!“ Da fingen die Knaben an das Fliegen zu ler- nen und sprangen in die Luft, den Golddukaten entgegen, bis die Nacht sank und sie todmüde unter dem Baume einschliefen. Im Traum aber tönte in einem fort das Wort auf sie herab: „Frisch und munter! Holt uns herunter!“ Bevor die Waldvögel zu zirpen und zu schlagen anfingen, waren die Knaben wieder auf den Füßen und begannen aufs neue das Springen und Fliegenlernen und freuten sich, daß es ihnen schon etwas höher glückte als gestern. Aber es reichte immer noch nicht bis zum ersten Zweig. Ja, es schien ihnen, daß der Ast sie äffe und jedesmal, wenn sie sprangen, einen Ruck nach oben tue, wobei das Laub daran sich in Neckerei und Spott erging. Schon stand die Sonne gerade über dem Baum, und das Goldlaub glänzte und funkelte und flunkerte so wunderbar, daß die Knaben von dem Scheine halb geblendet wurden und vor Begier nach dem Geblitz und Geflimmer zitterten., Da kam einem ein Gedanke, ich glaube, es war der Jüngste. „Stell dich aufrecht hin“, sagte er zum Bru- der, und als dieser so getan, kletterte er ihm auf die Schultern und von den Schultern auf den Kopf, ließ sich in die Knie nieder, streckte die Arme nach vorn und holte zum Sprunge aus. Und der Sprung geriet so wohl, daß der Kleine nicht nur den Ast erreichte, sondern hoch darüber wegflog und auf der andern Seite herunterpurzelte. Dem Baum aber gefiel das Kunststück der- maßen, daß er sich vor Lachen nicht halten konnte und von den Wurzeln bis zum Wipfel sich ganz unbändig schüttelte, und bei dem Schütteln und Rütteln fielen die schweren Gold- blätter von den Zweigen und klingelten zu Bo- den und auf die Köpfe der erstaunten Buben. Im Nu war der Wunderbaum kahl und die nackten Zweige seufzten: „Ich hab’ kein Laub nicht mehr; Wenn’s nur schon Frühling wär’!“ Darauf achteten die zwei Brüder nicht. Sie füllten sich die Taschen und, da ihnen das zu wenig schien, flochten sie einen großen Trag-, korb und warfen Golddukaten hinein, bis er ih- nen fast zu schwer war. Dann stapften sie der Heimat zu. Es war Nacht, als sie in die Stube eintraten. Sie schütteten all ihr Gold auf den Boden aus, und der Raum wurde hell wie am lichten Tage, so strahlend war das Gold. Die Mutter, die in ihrem grauen Kleid traurig auf der Bank saß, denn sie meinte, die Buben seien ihr verloren gegangen, lächelte den beiden zu, kniete auf den Boden nieder und vergrub die Hände und die Arme in dem funkelnden Goldberg.“ So etwa erzählte Meister Häberle, und fast auf jedem Spaziergange tauchte der mit Gold gefüllte Korb irgendwo auf: kam ein Fleischer- oder Bäckerbursche einher, so suchten die Knaben mit glänzenden Augen zu erspähen, womit sein Korb gefüllt sein möchte, und ge- lang es den offenen Augen nicht, das Geheim- nis zu schauen, so geriet es den geschlossenen im Traum. Pflanzte Herr Häberle den Knaben so den nötigen Abenteuergeist ein, so suchte er ihnen auch sonst beizubringen, was sich ihm selber auf seinen Wanderfahrten als vorteilhaft erwie-, sen hatte, so einige französische Brocken und die Kunst, Knickse und Kratzfüße zu machen und verbindlich zu lächeln. All das geschah in der Weise des Spiels, als Zeitvertreib, und die Knaben fanden es unsäg- lich lustig, wenn sie zu der Mutter sagen konn- ten: „Du pain, s’il vous plaît!“ und sie mit dem fremden Gegacker nichts anzufangen wußte und ein verlegenes Gesicht machte. Sie ließ sich indessen gerne etwas hänseln, sie freute sich über die Gelehrsamkeit, die ihren armen Bübchen anflog, und freute sich noch mehr über ihr Gedeihen, denn von Woche zu Woche wurden sie kräftiger und ihre Backen voller. „Sie sind ein gutes Kindermädchen“, sagte sie einst zu ihrem Zimmerherrn; und er erwi- derte wohlgelaunt und die Hände wie Flügel in den Lüften schwingend, als wollte er auf und davon: „Sie sollen noch Wunder erleben, Frau Zöbeli!“ Der Mann spannte seine Hoffnungen schon über alle Baumwipfel und Kirchtürme, er glaubte am Horizonte das Ende seiner schlech- ten, das Morgenrot seiner guten Tage zu er- blicken. Denn seine Schüler waren für seine, Zwecke viel geeigneter, als er anfangs geträumt hatte. Besonders Franzli. Der war geschmeidig wie eine Haselrute, von quecksilberner Beweg- lichkeit, und immer lustig und leichtsinnig. Va- lentin Häberle war kein Gefühlsmensch, aber für dieses Ouecksilber schlug sein Herz wie das eines Vaters. Mußte der Kleine etwas un- ternehmen, bei dem es eine Beule oder etwas noch Schlimmeres absetzen konnte, so wagte der alte Kerl kaum zu atmen, bis die Gefahr vorüber war. Und sie zog stets vorbei, sie schien das waghalsige kleine Menschenkind ganz zu übersehen. Sein älterer Bruder hielt anfangs mit ihm wacker Schritt, aber alles fiel ihm schwerer und mußte erarbeitet und erschwitzt werden, während dem Kleinen das Schwierigste zum Spiel wurde. Heinz hatte eben schleichenderes Blut in den Adern und bequemeres Fleisch, dafür einen stärkern Willen als der Kleine. Hätte der sich so abrackern müssen, die Wurstzipfel und Fünfer und Märchen hätten ihren Zauber bald einge- büßt. Bei Heinz waren es nach einiger Zeit nicht mehr die Leckerbissen, die ihm den Eifer wach, hielten, es war etwas Stacheliges, das in seiner Brust wühlte und ihn zwickte und in Atem hielt: der Ehrgeiz. Der Keim dazu war ihm an- geboren, Meister Valentin zog ihn groß. Wenn er mit seinen tiefliegenden, lauernden Augen den etwas schwerfälligen Knaben musterte, er- innerte er sich an seine eigenen Lehrjahre und an die Erziehungsgrundsätze seines Vaters. „Bei Künstlern“, pflegte der abgedankte Turn- und Tanzlehrer in der Weinlaune großtuerisch zu sagen, „ist der Ehrgeiz alles. Die Bibel be- richtet, der Glaube könne Berge versetzen! Was der Glaube für die Religion, das ist der Ehrgeiz für die Kunst. Er ist der Vater alles Könnens und jeglicher Tüchtigkeit. Er lehrt Hunger und Durst und was es sonst an Notlagen gibt, gedul- dig ertragen; er überwindet die Trägheit, die in allem Fleische steckt, er vertreibt die Mutlosig- keit, er lehrt über den eigenen Schatten sprin- gen und reißt das Tor zur Unsterblichkeit auf.“ Hielt man ihm entgegen, eine solche Erzie- hungsmethode verderbe den Charakter, ma- che den Menschen selbstsüchtig, brutal, lenke seine Blicke auf das Äußere statt auf das ei- gentliche Wesen der Dinge, könne nur Schein-, tüchtigkeit oder jene Künstlerschaft erzeugen, die für Seiltänzer und Athleten erstrebenswert sei, so schlug er mit der derben Turnerfaust auf den Tisch und rief: „Papperlapapp! Kunst ist Kunst, und Mensch ist Mensch! Lehrt mich diese Dinge kennen! Seht meine drei Buben an! Zu Raupen sind sie geboren, zu Kriechern, aber ich habe Flugkäfer und Sommervögel aus ihnen gemacht. Und wie? Indem ich ihr Fleisch mit dem Ehrgeiz peitschte.“ Valentin Häberle war mit den Meinungen seines seligen Vaters meistens nicht einverstan- den, in diesem Punkte jedoch pflichtete er ihm bei: träges Fleisch muß gezwickt und gezwackt werden, beim einen mit dem, beim andern mit jenem, bei Heinz Zöbeli mit dem Ehrgeiz. Und er peitschte ihn damit, bis es zuviel war. Wollte der gute Junge erlahmen und den Wettkampf mit dem jüngern Bruder aufgeben, so schoß der Meister ein wohlgezieltes spitzes Wort nach ihm ab, doch so, daß es weniger verletzte als ermunterte und das Selbstvertrauen hob. Machte Heinz bei seinen Übungen ein Ge- sicht, auf dem die Anstrengung zu lesen war, so brauchte der schlaue Fuchs nur zu sagen:, „Aber, Heinz, du schaust ja drein wie Winter- wetter! Guck einmal, wie Franzle bei dem Ding lächelt, und doch ist er nicht halb so stark wie du!“ und der gute Junge lächelte auch. Und wenn ihm etwa vor Ermüdung die Glieder leicht bebten und der Meister ihm zu- rief: „Denk’, es sei ein ganzer Saal voll Leute da und die sehen dich zittern wie eine Maus vor der Katze!“, strafften sich gleich die Muskeln wieder. In einem passenden Augenblick fragte Heinz dann: „Ist es wahr, daß ich einmal vielen, vie- len Leuten etwas vormachen soll?“ „Vielleicht, wenn du recht viel gelernt hast. Und dann finden wir zusammen auch den Baum mit dem goldenen Laub, und du wirst den hohen Sprung tun! Aber schwatze der Mut- ter nichts davon, beileibe nicht! Verstehst du?“ Heinz nickte, und von da an sah er, wenn er seine Kunststücke übte, immer die Stube mit Leuten gefüllt, die lauerten, ob er zittere oder festhalte. Indessen kam doch nach etwa zwei Jahren der Tag, da er sich nicht mehr darüber täuschen konnte, daß sein Bruder ihm voraus war. Es, war eine bittere Erkenntnis, und zum ersten- mal empfand er Neid gegen Franz, nur ein paar kurze, kneifende Augenblicke lang. Denn wie hätte er auf den lieben Kleinen lange böse sein können? Die Tränen schlichen ihm, wie sehr er sich sträubte, aus den Augen, und als Meister Va- lentin ihn erstaunt ansah, schluchzte er: „Das kommt davon, daß ich nun schon lange zur Schule muß, einen Tag wie den andern.“ Valentin begriff und beschwichtigte ihn: „Ja, freilich, ist die Schule daran schuld. Der Kleine hat’s gut, der braucht an nichts als an seine Faxen zu denken, aber du mit dem lumpigen Schulkram!“ Das Wort tat dem Knaben wohl, der Fuchs aber freute sich, daß er ihn so fest in den Kral- len hielt. Wie manche Träne zerdrückte Heinz, wenn er sich zur Schule rüstete. Wie haßte er das große langweilige Haus mit den frostigen Rei- hen tintenklecksiger Bänke und den schwarzen Wandtafeln, an denen er sich erbauen sollte. Er war nur selten mit dem Geist in der Schule, er träumte von Herrn Häberles Stübchen, sah, sich auf den Händen, auf dem Kopfe, in allen möglichen Stellungen, mit dem Kleinen um das Lob des Lehrmeisters wetteifernd. Kam er nach Hause, so verschlang er rasch das Vesper- brot, das man ihm zurechtgeschnitten, und mühte sich dann ab, bis er mit seinen Kräften am Rande war. Meister Häberle schürte den flackernden Ei- fer und ließ den Knaben nie zur Ruhe kommen. Freilich mußte er auf ein Mittel sinnen, die Ent- mutigung von ihm fernzuhalten. Und er fand es: die Aufgaben der beiden Brüder mußten ge- trennt werden. Heinz war kräftig gebaut, hatte einen starken Nacken und sichere Gelenke, er sollte das Gerät abgeben, an welchem die flinke Eichkatze Franz ihre halsbrecherischen Stücke machte. Denn waghalsig war der Kleine. Schon machte er von einem Stuhl herab seinen Salto mortale, und es war reizend und beängstigend zugleich, ihm zuzusehen. Lächelnd stand er da, beugte den Rumpf langsam rückwärts, bis der Kopf sich tief in den Nacken senkte und er über den Rücken hinunter den Boden erblickte. Dann: hupp! überschlug er die Beine und stand auf dem Boden, lächelnd wie er auf dem Stuhle, gestanden, und Meister Häberle schlug in die Hände und rief: „Bravo, bravissimo!“ Heinz suchte ihm das Wagnis nachzuma- chen, aber es wollte ihm nicht gelingen. Es fehlte ihm an Biegsamkeit und wohl auch an Selbstvertrauen; er wäre mehrmals übel hin- gefallen, wenn ihn der allezeit wachsame Mei- ster nicht aufgefangen hätte. So wurden ihm diese Waghalsigkeiten strenge verboten, und er mußte sich dazu bequemen, daß Franzli das, was er am Stuhl, an der Bank, am Tische geübt, an ihm vollführte. Wohl tat Meister Valentin alles, um Heinz zu verhüllen, daß er zum Ge- rät hinabgesunken war, zuweilen überkam ihn doch das Gefühl davon, und er war dann recht unglücklich und versprach sich: „Einen Salto mortale wirst auch du einmal machen!“ Zu jener Zeit weilte ein Zirkus in der Stadt, und als Frau Zöbeli einst zu einer Bestattung in ihr Heimatdorf hatte gehen müssen, hieß Herr Häberle seine Zöglinge die Sonntagshosen an- ziehen und führte sie in die seltsame runde Bretterbude. Das war ein Ereignis. Heinz saß regungslos da und verschlang mit aufgerissenen Augen und mit einem Gefühl der Beklemmung, all die märchenhaften Erscheinungen; denn er verglich seine eigene Kunst damit, während Franzli jedesmal vor Lust aufschrie, wenn eine Reiterin, auf glänzendem Pferde stehend, her- ein- und im Kreis herumsprengte, immer in ge- fälliger Bewegung, und durch Ringe flog, um gleich wieder auf dem Rücken des trabenden Tieres zu tänzeln; oder wenn Männer ähnliche Stücke ausführten, wie er selber sie lernte, nur viel schwerere; oder seltsame Menschenwesen mit aufgeblasenen Hosen, lustigen Spitzmüt- zen und verschmierten Gesichtern ihre Purzel- bäume schlugen und allerhand Schnurren und Schnickschnack zum besten gaben. Und all die Zeit spielte die Musik lustige Wei- sen, und nach jedem Meisterstück und -sprung erbrauste das ganze Bretterhaus von Bravo- rufen, Händeklatschen und Fußgetrampel. Als man in das Haus zum ‚Sack‘ zurückge- kehrt war, versuchte Franz gleich, die tollen Dinge, die er geschaut, nachzumachen; Heinz dagegen, innerlich unruhig und fast unglück- lich, setzte sich schweigsam in eine Ecke. Mei- ster Valentin sah in ihn hinein und fuhr ihm väterlich mit der Katzenhand durch das Haar., Da stotterte der Junge seinen Kummer hervor: „Muß man so viel können?“ „Ei freilich, und das werdet ihr noch lernen, wenn ihr tut, wie ich euch heiße, und dann wird man auch euch ‚Bravo‘ zurufen und für euch die Hände ineinanderschlagen.“ Heinz schüttelte ungläubig und mutlos den Kopf; Franz dagegen schlug einen Purzelbaum, klatschte sich selber Beifall und lachte mit dem ganzen quecksilbernen Leib. Da wies Häberle mit sprechendem Finger auf ihn; der Ältere verstand die Sprache und warf ebenfalls die Füße in die Lüfte. „So ist’s recht, Jungens! Wißt ihr, warum ich euch in die große Bretterbude geführt habe? Denkt euch, ihr wäret unten in dem runden Platz, und das ganze Haus mit Menschen ge- füllt, Musik spiele auf und man schreie euch zu und überschütte euch mit Blumensträußen …“ Heinz fieberte bei dem Gedanken, Franz je- doch kletterte an ihm empor, stellte sich ihm auf die Schultern und bog sich zurück, um kopfüber auf den Boden zu setzen. In diesem Augenblick ging die Türe auf. Die Mutter stand auf der Schwelle. Sie stieß, bei dem Anblick, der sich ihr bot, einen Schrei aus, Heinz schrak zusammen, und Franz wäre zu einem bösen Fall gekommen, hätte ihn Herr Häberle nicht mit flinken Händen aufgefangen. Franz lächelte der Mutter entgegen, als ob nichts wäre, sie aber bebte an allen Gliedern und schrie ihrem Zimmerherrn zu: „Das ist Gott versucht!“ und dabei umfaßte sie ihren Jüngsten mit Armen, die es zornig und lieb- reich zugleich meinten. Die Kinder wurden in ihre Schlafkammer geschickt, und Frau Zöbeli stellte nun ihren Lehrmeister zur Rede: Es sei genug des tollen Zeugs; sie sei die Mutter der Knaben und trage die Verantwortung für sie vor Gott und dem toten Vater; wem würde man Vorwürfe machen und wen mit bösen Blicken ansehen, wenn ei- ner fiele und sich einen Arm, oder ein Bein oder gar das Genick bräche? Sie würde so etwas nicht verwinden, sie würde ein Loch ins Was- ser machen! Die Buben seien jetzt groß genug, um sich selber die Zeit zu kürzen, drum müsse die frevelhafte Gaukelei ein Ende nehmen. Valentin Häberle ließ sie ihren Wortschatz ausschütten, dann sagte er ruhig:, „Ist den Knaben je etwas geschehen? Haben sie etwas Schlimmeres abgekriegt, als etwa eine Beule? Verlassen Sie sich auf mich, meine werte Frau Zöbeli. Solange ich die Buben über- wache, geschieht ihnen kein Leides. Weil nun aber die Sache zur Sprache gekommen ist,“ fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu und den Kopf vorstreckend, um ihr recht nahe zu sein, „muß ich Ihnen einmal den Star stechen: es wächst Ihnen ein Glück im Hause groß, und Sie merken es nicht. Ja, ja, so ist es! Der Häberle hat ein Stück Welt abgelaufen und einen Sack voll Erfahrung von der Straße auf- gelesen, was er sagt, ist kein Wind! Noch ein paar Jahre, und er hat aus den Zöbelibuben etwas gemacht, das sich vor der Welt zeigen darf! Artisten, so wahr ich Valentin Häberle heiße!“ „Was faseln Sie mir vor?“ Er wiederholte seine Rede. „Geschwätz! Geflunker!“ „Nein, Wahrheit“, erwiderte der Mann mit steinerner Ruhe. „Lassen Sie mich die Knaben noch zwei Jahre unterweisen, so kommt Ihnen ein ganzer goldener Reichtum ins Haus. Fünf-, zig, hundert, zweihundert Franken werde ich mit den Buben jeden Abend verdienen …“ „Und in den eigenen Taschen versorgen!“ „Pardon, Frau Zöbeli, jedem das Seine! Ich bin ein Ehrenmann! Was über die Auslagen bleibt, davon mache ich zwei Häufchen, ehr- und redlich! Dann brauchen Sie nicht mehr bei Ihrer Putzerei zu buckeln und zu kriechen und zu knien! Sie wohnen in einem schönen Hause, essen jeden Tag Ihre fette Suppe und etwas Festes dazu; Sie können Ihrem seligen Mann einen Grabstein setzen, was Sie schon lange wünschen …“ So redete er ihr zu und streute Rosa und Grün über die Dinge aus. Sie schüttelte den Kopf, aber immer schwächer, und als sie aus- einandergingen, sagte sie weder „ja“ noch „nein“, wie es bei unschlüssigen Leuten Brauch ist; er aber wußte, daß die Sache zu seinen Gunsten entschieden war und er seine Pläne weiter verfolgen durfte., II.

Zwei Jahre und einige Monate später an ei-nem regnerischen Sonntagnachmittag trat

Herr Häberle in das Wohnstübchen seiner Miet- frau und suchte ihr durch würdevolle Haltung und einen feierlichen Gruß zu verstehen zu ge- ben, daß er ihr etwas Wichtiges mitzuteilen habe. Sie achtete wenig auf ihn und schob ihm mehr mechanisch als höflich einen Stuhl zu- recht; denn in den grauen Herbstwochen, da sich der Todestag ihres Mannes jährte, legte sich gerne der Trübsinn wie eine Wolke über sie, und sie hätte dann am liebsten die Sonn- tage durchgeweint. „Ich bin nun so weit“, sagte Valentin Häberle mit gewichtiger Miene. „So?“ erwiderte sie gleichgültig und tonlos. „Es ist eine wichtige, eine gute Nachricht, Frau Zöbeli, Sie dürften schon darauf hören!“, sagte er recht laut, um die vor ihm brütende Schwermut aufzuscheuchen. Sie erhob den Kopf. „Ich rede von Ihren Knaben, sie sind nun et- was, brauchbar, um Geld zu verdienen; ich bin am Ziel, an einem ersten Ziel wenigstens.“ Sie sah ihn zweifelnd an. „Wir stehen am Anfang einer Straße, und die Straße heißt Wohlstand, Glück!“ Er mußte das Wort zweimal sagen. „Das mögen Sie andern weismachen!“ ent- gegnete sie endlich mutlos abwehrend. „Ich bin zum Unglück geboren und in Armut muß ich leben und sterben.“ Er aber, um sie aufzurütteln, rief: „Ehren- wort und Ehrenmann, Frau Zöbeli! Ich halte es allezeit mit der Wahrheit, und was ich sage, ist verbürgt wie gesagt. Lassen Sie uns ziehn, mich und Ihre Knaben, daß ich mein Wort be- weise; denn wir müssen nun in Gottes Namen in die weite Welt hinaus. Davon wollte ich mit Ihnen reden.“ „In die weite Welt hinaus?“ Das Wort gab der armen Frau einen Stoß, das Blut schoß ihr nach dem Herzen. Sie streckte die Hände aus,, als wären die Knaben vor ihr, und rief: „Nein, guter Herr! Das nicht!“ Sie sollte sich von ihnen trennen, sie in die Fremde ziehen lassen, auf Straßen, die sie selber nicht kannte? Sie sollte in der einsamen Wohnung, in ihrem Kummerstüb- chen zurückbleiben und allein an ihrem Gram spinnen? Abends, wenn sie nach Hause kehrte, käme ihr niemand entgegengesprungen? Stube und Kammer, alles sollte wie ein Grab, wie eine Kirchhofecke sein? Nein, ihr schauderte. Hätte sie gewußt, daß die Possen zu dem Ende führten, nie hätte sie ihre Zustimmung dazu gegeben. Er suchte ihr begreiflich zu machen, daß, wer den Apfel anbeißt, ihn essen muß. „Nein, sie bleiben bei mir! Warum wollen Sie denn in die weite Welt? Können Sie etwas mit ihnen anfangen, so tun Sie’s in unserer Stadt, die ist groß und weit genug, und Wirtshäuser gibt’s in allen Gassen und an jeder Ecke, fast so viel als Haustüren!“ Er reckte sich in die Höhe, warf den Kopf zurück und sagte entrüstet: „Glauben Sie, ich wolle die Buben in Wirtschaften herumführen wie Affen und dressierte Hunde? Die Würde, Frau Zöbeli, die Würde! Ha! Wir sind Arti-, sten, Künstler, sage ich! Sie verstehen das eben nicht, darum müssen Sie mir glauben und mir vertrauen! Wer das Glück will, muß schon ein Paar Schuhe wagen!“ „Und wenn Sie ziehen, wer bürgt mir, daß Sie wiederkommen?“ Da er ein Gesicht schnitt, das sagen sollte: „Weibergeängst!“, erhob sie sich und wies mit der Hand nach dem Fenster. „Sie kennen jene zwei Blumentöpfe, aber Sie wissen nicht, was sie mir sind. Die hat mir mein Mann selig ge- schenkt, jedesmal wenn ich in den Wochen lag, und ich kann nicht helfen: die beiden Azalien sind mir meine Buben. Und nun sehen Sie sel- ber! Die eine ist grün und gedeiht und blüht je- des Jahr, und die andere, es ist Franzens, serbelt und wäre schon lange dürr und tot, wenn ich sie nicht hätschelte wie ein Kind. Der Kleine wird mir nicht am Leben bleiben, und ich soll ihn in die Welt ziehen lassen? Ich hätte keine ruhige Stunde mehr.“ Sie rang mit den Tränen und Valentin Hä- berle, der von Aberglauben selber nicht ganz frei war, gab für einmal den Kampf auf und zog sich in sein Zimmer zurück., Vierzehn Tage später wiederholte er seine Überredungskünste. Mit dem nämlichen Miß- erfolg. Wie Frau Zöbeli schon hoffte, er werde sich wieder zurückziehen, änderte er unvermit- telt das Gespräch, wie eine abprallende Kugel ihre Richtung. „Frau Zöbeli, Sie haben keinen Glauben an mich, kein Zutrauen; womit habe ich das ver- dient? Ich will Ihnen zeigen, wie unrecht Sie mir tun, ich will — Ihnen — ein Geständnis machen.“ Er hielt inne und keuchte wie einer, der eine Last wälzen muß. „Ich spüre es schon lang’ — — schon lange, Frau Zöbeli — —“ Er rang nach Worten oder tat doch derglei- chen und stieß endlich kurz hervor: „Ich kann’s nicht über die Lippen bringen, Sie müssen’s erraten!“ Seine Augen beteten sie an; sie begriff und wich auf der Bank scheu zurück. Er, um sie zu beruhigen, rückte gleichfalls zurück und sagte dann: „Ich habe Sie beobach- tet, Sie sind eine wackere Frau, vor Ihnen muß jeder Respekt haben, Sie schlagen sich durch,, ein Messer könnt’ sich daran ein Beispiel neh- men! Aber ein Leben als alleinstehende Frau, als Witwe, ist das ein Leben? Sie nagen an Ihrem Kummer und Unglück, und nicht zu- frieden, sich jahraus, jahrein in graues Tuch zu kleiden, meinen Sie, Sie müßten auch Ihre braunen Haare vor der Zeit grau werden lassen. Sie müssen sich aus dem Trübsinn herausrei- ßen oder herausreißen lassen! Wenn wir zwei uns zusammentäten, wir hätten ein Leben wie die Mäuse auf dem Kornboden!“ Sie war so verblüfft über seinen Antrag, daß sie keine Antwort fand. „Überlegen Sie sich die Sache“, sagte er mit weicher Stimme und verließ sie mit einer ehr- erbietigen Verbeugung, wie wohl noch keine in dem armmütigen Dachstübchen gemacht wor- den war. Als der Freier buckelnd hinter der Türe ver- schwunden war, brachen der Frau die Tränen hervor. Es war ihr, sie habe eben einen schweren Schimpf erlebt, und dann wieder, sie sei sich ei- nen kurzen Augenblick untreu geworden; denn wie sie die Worte und Gebärden ihres Zimmer- herrn endlich verstanden, hatte eine kurze Freu-, denwallung, das Glück, Liebe erweckt zu haben, sie durchschauert. Die arme, schildlose Witwe meinte zwar ganz genau zu wissen, daß sie Va- lentin Häberle nie heiraten werde, aber sie ver- zieh sich doch jene flüchtige Regung, die ihr als Untreue gegen ihren Wilhelm erschien, nicht, und sie dachte in Schmerz und Reue an den Grabhügel ihres Mannes. Am Abend, als sie die Kleinen zu Bette brachte, fragte sie: „Ist es wahr, daß ihr von eurer Mutter weggehen, in der Welt herumziehen und Purzelbäume schlagen wollt?“ „Wir nehmen dich mit, Müeti!“ „Ach nein, Kinder! Wer möchte ein Land- streicher werden! Dabei holt man nichts Gutes heim!“ Da begann Franz eine von Häberles Ge- schichten zu erzählen: „Hör’, Müeti! Es war einmal ein Bub, und der hatte keinen Vater mehr und ging fort, ihn zu suchen. Er lief und lief und kam zu einem runden, großmächtigen Bretterhaus. Und die Türe war sperrangelweit offen, und er streckte den Kopf hinein. Da war das ganze Haus voll Volk und unten in einem runden Platz standen zwei Pferde und glänzten wie Spiegel, und das eine war weiß und von, lauter Silber, das andere aber rot und von Gold. Wie die Rosse das Büblein sahen, wieherten sie untereinander und es klang wie ein lustiges La- chen. Und das silberne rief: „Fang mich geschwind!“ Und das goldene: „Und mich, mein Kind!“ Das Bübchen wollte sie fangen, sie aber fin- gen an im Kreis herum zu traben und zu galop- pieren, und es hinter ihnen her, bis ihm ganz schwindlig wurde und es hinfiel. Wie es so lag, hörte es das eine Roß herantänzeln, ja es spürte im Haar sein Schnaufen und vernahm, was es sprach: „Auf den Füßen geht’s nicht! Auf den Händen, du Wicht!“ Da sprang der Bub wieder auf und ver- suchte auf den Händen zu gehen und gab nicht nach, bis die Hände taten, was sonst die Füße mußten. Und dann wackelte er den Rossen nach und merkte, daß sie jetzt nicht mehr tra- ben und galoppieren konnten. Je schneller er ging, um so langsamer trippelten sie. Und er lief und lief, bis er Schwielen an allen Fingern hatte und es so weit brachte, daß die Pferde, nur noch schleichen konnten. Und endlich holte er das silberne ein. Und wie er es mit den Füßen berührte, stand es ganz still, senkte den Kopf, faßte ihn mit den Zähnen hinten am Kittelchen und hob ihn auf seinen glänzenden schneeweißen Rücken. Dann wieherte es lustig in das große Bretterhaus hinauf, und alles Volk fing an zu klatschen und zu rufen: „Scheu’ keine Müh’ und gönn’ dir nicht Ruh’, Dir laufen die Goldfüchse selber zu!“ Das Bübchen aber rief „Hü!“ zu seinem Schimmel und ritt dem Haus und der Mutter zu, und der Goldfuchs trabte zur Seite und sagte: „Dir laufen die Gold — — — füchse — — sel — — ber — zu.“ Die letzten Worte waren dem Knaben auf den Lippen langsam erstorben, er war einge- schlafen. Die Mutter deckte ihn zu und fragte Heinz: „Und dann?“ „Es ist fertig, Müeti, sie waren nun ja reich! Denk dir ein goldenes Roß und ein silbernes!“ „Ach, ja!“ sagte sie mutlos. „Woher wißt ihr diese Geschichten?“ „Die hat uns Herr Häberle erzählt. Kennst du die nicht von den Goldfinken? Soll ich sie dir, berichten?“ Er hätte der Mutter gerne gezeigt, daß er noch besser erzählen konnte als Franz, sie aber tat ihm den Gefallen nicht und hieß ihn schlafen. Mit einem schweren Seufzer und seltsam gemischten Gefühlen legte sich Frau Seline Zö- beli an jenem Abend in ihre Laken; die schwe- ren Gedanken gingen in schwere Träume über. Sie sah den Goldfuchs und den Silberschimmel in ihr Stübchen klappern, so schwer und wuch- tig, daß der Boden sich unter ihnen bog und hinunterzustürzen drohte, und die geängstigte Frau mit ihnen, denn sie konnte sich nicht rüh- ren. Die Rosse aber machten sich mit den Gold- und Silberzähnen über Franzens Azalienstock her und fraßen ihn auf … Als die Witwe am Morgen ihrem Zimmer- herrn den Kaffee brachte, war sie befangen. Er aber hatte sich seine Rolle bis ins kleinste zu- recht gemacht und saß wie ein geschlagenes Hündchen auf seinem Stuhl, er wagte nicht einmal, die Augen zu der Herrin aufzuschla- gen. Freilich in seinem „Guten Morgen, Frau Zöbeli“ lag sein ganzes unermeßliches Liebes- leid. Einen solchen todesnötlichen Gruß hatte, die arme Frau noch nie gehört, sie schrak zu- sammen und das Kaffeegeschirr klirrte ängst- lich, als sie es auf den Tisch niederstellte. Befangen, wie sie gekommen, ging sie. Er sah ihr mit Wolfsblicken nach und klappte dann die Augen eine Minute lang fest zu, wäh- rend welcher Zeit er überlegte, ob er ihre Ver- legenheit zu seinen Gunsten oder Ungunsten deuten sollte. Er legte sie sich günstig aus und nahm dann wohlgemut sein Frühstück zu sich. Am Nachmittag, da die jungen Künstler ge- wohnt waren, ihre Übungen zu machen, zeigte sich der Lehrmeister einsilbig und traurig. „Ich mag heute nicht, Jungens!“ „Nicht? Doch, du mußt!“ Sie durften seit ei- niger Zeit „du“ zu ihm sagen, freilich nur in Abwesenheit der Mutter, wie er denn überhaupt begonnen hatte, mit ihnen in manchen Dingen eine Art Geheimbündelei zu treiben, um sie nach und nach von der mütterlichen Schürze wegzuziehen. „Du mußt, du mußt!“ drängelten sie. „Nein, heute nicht und vielleicht nie, nie- mals wieder.“ Die Knaben spitzten die Ohren., „Ja, sperrt nur Mund und Augen auf, Jun- gens, es tut mir leid, aber ich kann es nicht än- dern, ich gehe nun bald fort, weit, weit weg und komme nie wieder. Ja, ich glaube, nie wieder! Ich möchte den Wald suchen, wo es goldene Bäume und auf den goldenen Bäumen Goldfin- ken und Goldmeisen gibt.“ „Nimm uns mit!“ Er schüttelte den Kopf und seine Rechte drehte sich abweisend in der Luft. Das war für die Zöbelibuben ein Schlag. Sie hatten sich mit ihrem Meister und seiner Kunst so fest zusammengelebt! Franzli fing zu weinen an und blieb untröstlich, bis sich Herr Häberle erweichen ließ. Am Abend flüsterten die Knaben der Mut- ter den Vorfall in die Ohren, mit bekümmerten Gesichtern und, wie es in der Art phantasievol- ler Kinder ist, mit beträchtlichen Übertreibun- gen. Das gab der armen Frau die ganze Nacht zu denken. Sie rechnete aus, was sie in den vergangenen Jahren von Häberle empfangen hatte, es machte ein hübsches Sümmchen aus, das, was er den Buben in Form von Wurst und Nickelmünzen gesteckt hatte, nicht einmal, gerechnet. Würde sie je wieder einen solchen Zimmerherrn kriegen? Wie hätte sie ohne ihn all die Zeit gelebt? Hatte sie sich nicht manch- mal gestanden, er sei ihr zum großen Glück ge- kommen? War sie ihm nicht aufrichtigen Dank schuldig? Ja, dankbar wollte sie ihm sein, aber ihn hei- raten? Nein! Sie erinnerte sich an die Tage, da sie sich mit ihrem Wilhelm versprochen, und die ihr nun, durch die lange Zeit hindurchgese- hen, wie ein goldenes Märchenalter erschienen. Sie hatte immer noch sein Wort in den Ohren: „Ich mag dich so gut, Seline, und du mich?“ Ja, das war eine andere Musik als das schreckli- che „Guten Morgen, Frau Zeebele“ des Herrn Valentin. Hätte sie sich in ihrer Witwenschaft das Lachen nicht ganz abgewöhnt, sie würde jetzt bei der Erinnerung an den Gruß in ihre Kissen gekichert haben. Aber gleich machte sie sich wieder Vorwürfe: Wie konnte sie den Mann lächerlich finden? Hatte er nicht treff- liche Eigenschaften? Seine Hände hielten zu- sammen wie Nußschalen, da ging nichts ver- loren; er trank nicht, spielte und fluchte nicht, Zornmut und Roheit waren ihm fremd. Und, was die Hauptsache war: Den Buben würde es gar nicht schwer fallen, zu ihm „Vater“ zu sa- gen, das hatte sie schon gemerkt. So überlegte sie, dann aber schüttelte es sie wieder: „Ich habe einen Mann gehabt, und dazu einen braven und armen, den mir die Eisenbahn erdrückt hat, und dem will ich treu bleiben.“ Aber wenn Valentin Häberle aus ihren Bu- ben Goldfinken machte? Wenn er für sie das Glück wäre? Der Morgen dämmerte durch die Fensterschei- ben, und ihre Gedanken schleppten sich immer noch auf der nämlichen Stelle vorwärts und wieder zurück, in ewiger Unentschlossenheit. Noch befangener als am Tage zuvor brachte sie dem Mietherrn das Frühstück, und noch hoffnungsloser, fast auf den Lippen aushau- chend klang sein „ Guten Morgen“; und dabei sah er, von ihr abgewandt, über die Dächer der Stadt hinweg, auf denen ein grauer, schwermü- tiger Oktobertag heranschlich. Die Frau streifte ihren Anbeter mit einem flüchtigen Blick, es kam fast wie Stolz über sie: also dermaßen konnte sie, die arme Wittib, ei- nem weltbewanderten Manne noch zusetzen?, Wenn es ihm wirklich so zu Herzen ging, wie es allen Anschein hatte, war er nicht bemitlei- denswert? So verstrichen vierzehn Tage. An einem Samstagabend, als Seline Zöbeli von der Arbeit heimkehrte, fand sie auf ihrem Tische einen Brief. Sie riß den Umschlag auf. Das Schreiben war von Herrn Häberle, der ihr mitteilte, ein solches Leben sei ihm wie Tod oder schlimmer, er könne es nicht mehr aushalten und stelle ihr deshalb das Zimmer wieder zur Verfügung. Da hatte sie die Bescherung! Sie schlief nicht in jener Nacht und am Morgen vermochte sie das Frühstück nicht selber hinüberzutragen, sie schickte Heinz. Der wußte nachher zu be- richten, Häberles Reisekoffer stehe mitten im Zimmer, weit geöffnet und halb gepackt, und ringsum liegen die Dinge bunt durcheinander. Die Mutter rechnete den ganzen Tag, und Gedanken und Bedenken aller Art wühlten in ihr. Gegen zwölf Uhr trat Herr Häberle herein, feierlicher als je zuvor, und bat um eine Unter- redung ohne die Kinder. Und nun lief er wie- derum Sturm., Er malte der Frau goldene Berge und silber- ne Bäche, ein ganzes Haus voll Glück und eine ganze Welt voll Sonnenschein vor die Augen, er zeigte ihr seine starken und doch weichen Hände, auf denen er sie tragen, er umfing sie mit den Augen, mit denen er sie behüten und anbeten wollte … Die schlichte Frau wurde gerührt, wollte es aber nicht zeigen und bat sich Bedenkzeit aus. Herr Häberle packte seinen Koffer wieder aus und ertappte sich dabei, daß er pfeifelte. Die Witwe aber lief an jenem Nachmittag zum Grabe ihres Wilhelm, um Rat zu suchen. Es war ein unwirscher Spätherbsttag. Der Wind jagte das welke Laub im Kirchhof auf und nie- der, her und hin. Die Kreuze klirrten und in den blätterlosen Ästen der Platanen und den schlaffen Schnüren der Trauerweiden spielte eine traurige Vorwintermusik. Frau Seline war ganz allein und erwartete in kindlichem Glau- ben ein Zeichen, eine Gutheißung des uneinge- standenermaßen schon gefaßten Entschlusses. Der Wind schlug ihr um Wangen und Nacken und fing sich in ihren Kleidern, sie hatte Mühe, ihm zu widerstehen, er schien sie von dem hei-, ligen Orte wegtreiben zu wollen, sie, die Treu- brüchige, Liebvergessene. Wenn er ihr wie mit feuchten Schwingen ins Gesicht klatschte, war ihr, das sei der zürnende Geist ihres Mannes, und es fror sie bis in die Seele hinein. Die Er- lösung kam ihr nicht; verworrener und gequäl- ter, als sie gekommen, kehrte sie heim, um den Kampf gegen das Gewissen und eine böse Ah- nung weiter zu kämpfen. Acht Tage später versprach sie Herrn Va- lentin Häberle eheliche Treue, und nach wie- derum einer Woche gab sie ihre Einwilligung zu der ‚Europareise‘ ihrer Kinder. Nach zwei Jahren, wenn sich ein klingendes Glück einge- funden hätte, sollte Hochzeit gefeiert werden. Nun wurden die Vorbereitungen zur Reise betrieben, zunächst diejenigen, die nichts ko- steten: „Wir müssen uns eine tönende Schelle anhängen,“ erklärte der Bräutigam seiner Braut, „will sagen, uns gangbare Namen geben. Mit Häberle und Zöbeli ist kein Fortkommen in unserer Welt. Ich für mein Teil bin bald be- raten, ich lange wieder nach dem Namen, den ich zuletzt bei meinem Wanderleben führte und unter dem mich die Welt einst bewun-, derte. Signor Ercole, Er – co – le heiße ich von nun an, du mußt dich daran gewöhnen, Seline. Aber die Buben?“ Frau Seline sah die Notwendigkeit einer Umtaufe nicht ein. Daß man mit Häberle wenig Ehre einlegte, begriff sie wohl, aber Heinz und Franz Zöbeli, das sei denn doch etwas anderes, das klinge gut und so ehrbar schweizerisch; als sie sich einst habe Frau Zöbeli nennen dürfen, sei sie sich fast vornehm vorgekommen. Signor Ercole bedeutete ihr, auf Ehrbarkeit komme es da nicht an, sonst wäre auch er bei seines Vaters Namen geblieben. Ob denn der Haber nichts Ehrbares sei? und das Habermus und die Habersuppe und der Häberle, der all die guten Dinge pflanze. Nicht der Inhalt und die Bedeutung mache es aus, sondern der Ton. Der sei alles. „Zählt man Münzen, so achtet man auf den Ton, spielt man Musik, so ist es wieder der Ton; bei der Rede, in Scherz und Ernst, bei den Manieren, überall der gute Ton, und den muß auch der Name haben.“ So sprach er und verschwand dann in sei- nem Zimmer, wo er alte Zirkuszettel aus sei- ner Kiste auskramte, in der Hoffnung, darin, Erleuchtung zu finden. Und wirklich, nach ei- nigen Stunden eifrigen Suchens und Sinnens hatte er das Richtige gefunden. Als Arrigo und Fresco Zobelli, fratelli, sollten die jungen Künstler der Welt vorgestellt werden. Es kostete der Mutter einige Mühe, die Wör- ter tadellos auszusprechen; als sie aber soweit war, empfand sie fast Lust, sich selber Frau Selina Zobelli nennen zu lassen. Oh, er hatte recht, der Ton! Zu dem, was man nun weiter tun mußte, war Geld vonnöten. Frau Selina händigte ih- rem Bräutigam ohne langes Besinnen ihr Spar- heft aus, damit er den fratelli Zobelli gefällige Künstlerkleider herstellen lasse: ein Wäms- chen und Kniehosen aus schwarzem Sammet, dazu rote Strümpfe und Schnallenschuhe. Als die Herrlichkeiten anlangten und probiert wurden, beherbergte das Haus zum ‚Sack‘ in der Schlauchgasse viel Freude, Eitelkeit und Mutterstolz Am folgenden Tage aber, dem Abschiedstage, ging Frau Seline wie ein Schatten im Hause um. Nirgends hatte sie Ruhe, und sprach sie, so tönte es wie aus dem Mund einer Sterben-, den. Sie ahnte, daß sie auf einen schlimmen Weg getreten war, daß sie nie diesem Men- schen ihre und ihrer Kinder Zukunft hätte an- vertrauen sollen. Sie mied ihn, sie haßte ihn an diesem Tage, denn sie sah nun deutlich, wie er sie nach und nach und Schritt für Schritt zur Torheit verleitet hatte. Ihre Augen hingen an den Knaben mit traurigen Blicken, die etwas abzubitten schienen. Die Buben wurden von ihrer Traurigkeit angesteckt; Franzli, um sich und die Mutter zu erheitern, wollte ihr eine von Häberles Ge- schichten erzählen. „Weißt du es, von den Finken, die sangen: Seht ihr das Gold blinken? Wir sind die Goldfinken …“ Sie aber wollte keine Goldgeschichten hö- ren, ihr klang das nüchterne Bibelwort in den Ohren: „Bleibe im Lande und nähre dich red- lich.“ Als Signor Ercole zur Abreise drängte, zog sie Heinz in ihre Kammer, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und sagte: „Du bist der Ältere, trag’ Sorge zu dem Kleinen, weil ich es nicht kann, und denk’ jeden Morgen beim Auf-, stehen, du müssest dem Franzli bis zum Abend ein kleiner Vater sein.“ Die Tränen traten dem Knaben bei den be- benden Worten in die Augen, und schluchzend, aber sich in seiner Beschützerwürde aufrich- tend und streckend, versprach er ihr alles. Dann wischte er sich tapfer die Augen und trat in das Wohnstübchen zurück, wo die beiden andern zur Abreise bereit standen. Er faßte Franz bei der Hand und führte ihn wie ein Mann und Va- ter in den ‚Sack‘ hinab und, ohne den Kopf zu wenden, an der Schreinerwerkstatt vorbei und dem Bahnhofe zu. Signor Ercole und die Mut- ter folgten schweigsam, jedes eigene Gedan- kenwege gehend. Als sie in die rauchige Halle des Bahnhofes eintraten, vermochte die Mut- ter kaum zu atmen, sie stand still und seufzte: „Jetzt geht ein neues Unglück an, ich fühle es.“ „Ein neues Glück! willst du sagen“, erwiderte er höflich, küßte sie auf die Wangen und zog die Knaben rasch mit sich fort in einen Wagen. Die Kleinen drückten die Gesichter noch an die Scheiben, als Mutter und Bahnhof längst entschwunden waren, und spähten sich schier die Augen aus., Als der Zug ihre beiden Krausköpfe davon- getragen hatte, hinaus in das winterlich frostige Land, schritt Frau Seline nach dem Friedhof, sie hätte an jenem Morgen keinen andern Weg gefunden. Auf dem Grab lag frischer Schnee, so rein und, im Sonnenlicht, das die Wolken zer- riß, so blendend, daß die Augen der Frau sich schlossen. Und durch die zusammengepreßten Lider drängten sich langsam und bitter die Trä- nen, die Arme wußte nicht, wem sie galten, ob dem Andenken des Mannes, der unter der flek- kenlosen Decke lag, ob seinen zwei Kindern, die sie in die Welt hinaus, ins Vater- und Mutter- lose hatte stürmen lassen! In wessen Hut? Sie wagte nicht klar zu denken, was sie in dieser Stunde gegen ihren Bräutigam empfand. Nach Hause zurückgekehrt, war das erste, was sie erblickte, ihre zwei Azalien. Sie hatte sie in den letzten Tagen vernachlässigt, wie hätte sie für derlei Dinge Gedanken gehabt? Unter der mangelhaften Pflege und bei dem kargen Winterlicht hatten sie sehr gelitten, der klei- nere schien halb abgestorben und verloren. Die Stöcke redeten zu der verlassenen Mutter wie ein Gewissen; so sollte sie nun in den Pflanzen, täglich ihre Kinder hinsiechen und zugrunde gehen sehen! Sie fürchtete sich halb vor ihnen, wie vor dämonischen Wesen, und in einer An- wandlung von Feigheit trug sie sie zum Flusse und warf das Gewissen ins Wasser, um gleich nachher ihre Tat, die ihr nun fast wie ein Mord vorkam, wieder zu bereuen. Es folgten traurige Tage für die einsame Mutter in der so still gewordenen Dachwoh- nung, in der nichts zu hören war, als dann und wann ein Seufzer oder ein Schluchzen oder das Rascheln einer Maus in der Diele. Die Uhr an der Wand stockte: wozu sie aufziehen? Das Feuer auf dem Herde schlief: für wen kochen? Die Fensterscheiben trübten sich: wem sollten sie glänzen? Signor Ercole hatte versprochen, bald zu schreiben; aber die erste Woche verstrich und die zweite, ohne daß ein Brief eintraf. Seline war in Verzweiflung, sie ging nicht mehr an die Arbeit, verließ überhaupt das Haus nicht, um den Briefträger nicht zu verfehlen. Klang ein Schritt auf der Treppe, oder hörte sie vom untern Stockwerk her das bekannte zweima- lige Läuten, so hämmerte ihr das Herz in der, Brust. Einmal träumte ihr, sie esse schwarze Kirschen; das bedeutet Tod, und von da an ver- ging sie fast vor Angst, sicherlich waren ihre Kinder schon hinüber! Endlich nach mehr als drei Wochen traf der erste Brief ein und brachte Trost. Das junge Künstlerpaar war in einer süddeutschen Klein- stadt zum ersten Male aufgetreten und hatte die Probe bestanden. Ein Zeitungsausschnitt, der dem Schreiben beigelegt war, meldete der Mutter, daß die „Fratelli Arrigo und Fresco Zobelli, die kleinsten und größten Gleichge- wichtskünstler der Welt“ vor den Zuschauern Gnade gefunden hatten, besonders der Kleine, den der Berichterstatter in Freschino umtaufte und ein wahres Wunderkind und die Leib ge- wordene Verwegenheit nannte. An jenem Abend legte Frau Seline den Fetzen Zeitung unter ihr Kopfkissen, um auf dem Ruhme ihrer Kinder zu schlafen und zu träumen. Nun konnte auch das Glück, das ihr Bräutigam ihr verheißen, nicht mehr lange aus- bleiben. Und wirklich, einen Monat später fand zum erstenmal der Geldbriefträger den Weg in die Dachwohnung des Hauses zum ‚Sack‘. Er, brachte keine schwere Summe, aber wer wollte das erste Glück wägen? Man nimmt es hin wie das Leben, wie die erste Liebe: mit blinden Au- gen und hüpfendem Herzen. Auf die erste Sendung folgten in ungleichen Zwischenräumen andere. Sie wurden alle sorg- lich gezählt, auf der Hand gewogen und un- tereinander verglichen. Sie nahmen nach und nach an Gewicht zu, es konnte kein Zweifel walten: das Bächlein Wohlstand, das aus der Fremde den Weg in den ‚Sack‘ gefunden hatte, schwoll allmählich wie unter einem Wolkense- gen an und tat wohl, wo es hinfloß. Man denke doch nach der jahrelangen Dürre! Zwar ließ es sich Frau Seline nicht weniger sauer werden als früher, das Brot wollte sie noch nicht von den Kindern empfangen! Was ihr aus der Fremde zufloß, legte sie mütterlich in eine Schublade, es sollte den Kleinen blei- ben. Wie freute sie sich auf die Sonntage, da sie in ihrem Stübchen sitzen und ins Weite an ihre Krausköpfe sinnen und träumen konnte, die jetzt irgendwo in der Welt draußen, ohne daß sie auch nur die Richtung am Himmel hätte angeben können, ihre Kunststücke machten., Sie las die Briefe ihres Bräutigams und die Zei- tungen, die er geschickt hatte, sie lernte alles auswendig wie ein „Unser Vater“. Und dann wieder machte sie sich über die Schublade her, in welcher die Geldsendungen Platz gefun- den hatten, zählte die Silberstücke zum hun- dertsten Male, betrachtete jedes einzelne von beiden Seiten, bis sie die ganze Herrlichkeit kannte wie ihr Küchengeschirr. Und bei dem Werke stellte sie sich ungereimte Fragen: „Wer hat von dem Gelde mehr verdient, Heinz oder Franz? Franz!“ sagte sie sich, denn der Kleine hatte in ihrem Herzen den größern Platz. Hütete sie das Geld der Kinder wie ein Berg seinen Schatz, so machte sie sich ein kindli- ches Vergnügen daraus, das, was sie von ihrem eigenen Verdienste nun erübrigen konnte, zur Ausstattung ihrer Wohnung zu verwenden. Es stand ja fest, daß sie nun reich würde, da durfte sie schon etwas leichtsinnig sein! Zuerst kaufte sie sich zwei Blumenstöcke, Azalien, die denjenigen, die sie ins Wasser geworfen hatte, glichen. Sie taufte sie wieder nach ihren Söh- nen und war vorsichtig genug, die kräftigere Franzli zu heißen. Der Tod sollte ihr kommen!, Derweil waren mit einem Briefe effektvolle Photographien von den Knaben angelangt; für die kaufte sich Frau Seline hübsche Rahmen und stellte sie recht sichtbar auf die Kommode. Dann erstand sie sich, für die einmal Heim- kehrenden bestimmt, zwei Kaffeetassen, die in goldenen Buchstaben die Worte „Glück auf“ zur Schau trugen, nachher ein Öldruckbild, ein Mutterglück darstellend, und als Gegenstück einen eingerahmten Haussegen … So kam nach und nach ein bescheidener Luxus in das sonst so demütige Dachstübchen, und die Witwe hatte nun an ihren einsamen Sonntagen genug zu tun, die alten und neuen Dinge zu mustern, die Bilder ihrer Knaben zu betrachten und Pläne für die Zukunft zu schmieden: was wollte sie nun zunächst an- schaffen? wo es kaufen? wo anbringen? Und war sie mit ihren Projekten im kla- ren, so griff sie wohl zur Feder und kritzelte ihr ganzes Hochdeutsch auf ein Blatt schönen Briefpapiers — sie hatte sich das nämliche aus- gesucht, das sie einst als junge Braut verwendet, rosafarbig und mit Goldschnitt. Sie mühte sich ab, das köstliche Papier mit Mutterliebe ganz, auszufüllen, und war untröstlich, daß das, was sie im Herzen hatte, ihr nie warm und weich und süß genug zu den Fingern und zu der Fe- der hinausfloß. Trug sie tags darauf, wenn sie zur Arbeit ging, das Schreiben zur Post, so erhob sich am Schalter ein Fragen und Kümmern: ob die Adresse und die Marke ihre Richtigkeit hätten, ob die Post die fremde Stadt auch ganz sicher fände und in der fremden Stadt das Gasthaus zum „Widder“ oder zur „Krone“. Und es kränkte sie, daß der Angestellte sie entweder angrinste oder anschnarchte, und mit dem Schreibstück gerade so herzlos und gleichgültig umging wie mit anderer Leute Briefsachen. War sie in Aufregung, wenn sie ihre Briefe schrieb und abschickte, so zitterte sie beim Empfang der Sendungen ihres Bräutigams. Das häßliche Bild, das sie eine Zeitlang von ihm in sich getragen, wurde nach und nach, durch den Glücksschimmer hindurchgesehen, schöner und freundlicher; ja, die gute Frau verlor nun wirklich ein Stück ihres Herzens hinaus in die unbekannte irrefahrende Weite, an den Mann, der es mit ihren Buben und mit ihr selber so, redlich meinte, der das Glück mit seinen wei- chen und doch starken Händen streichelte oder würgte, bis es sich ergab. Was für eine Wohltat hatte ihr der Himmel nach dem entsetzlichen Mißgeschick in seiner Gestalt gesandt!, III.

Derweil durchmaß die kleine Künstlerge-sellschaft auf unstetem Zickzackwege

ganz Süddeutschland. In allen Städten und Städtchen wurden nach und nach buntfarbige Plakate an die Mauern geklebt, auf denen in großen Buchstaben Signor Ercole die fratelli Arrigo und Freschino Zobelli, die größten und kleinsten Kopfäquilibristen der Welt einem löblichen Publikum zur Beachtung empfahl. Der Leiter der kleinen Gesellschaft war wie aus Eisen gedreht, wie jene Drahtseile, die, zäh und geschmeidig zugleich, ganze Räderwerke und Haufen von Menschen in fieberndes Leben versetzen. Er tauchte in allen Redaktionsstu- ben auf, ein Freibillett in der einen Hand und ein Bündel Zeitungen in der andern, und es geschah selten, daß er das Büro verließ, ohne einen der Herren für seine Sache gewonnen zu, haben. Er verstand das Geschäft der Reklame trefflich und wußte überall mit seinem schar- fen Auge die Tasten zu entdecken, auf die man drücken mußte, um die Orgelpfeifen der Presse erschallen zu lassen. Für seine kleinen Künstler war er besorgt wie eine Gluckhenne für ihre Jungen. Er wusch und kämmte sie selber, bürstete ihre Kleider, ließ ihnen kräftige Nahrung und reichlichen Schlaf zuteil werden, sah zu, daß nichts ihnen die Freude an dem Künstler-Wanderleben ver- kümmerte. Freilich mußten die Kleinen sich noch mehr rühren als zu Hause. Sie wurden mit der Peitsche der Ruhmsucht in ihrer Kunst stets vorwärts und höher hinauf getrieben und fanden so wenig Zeit, sich nach der Mutter und dem Hause zum ‚Sack‘ zurückzusehnen, kaum im Bette vor dem Einschlafen, denn da waren sie meistens so müde, daß mitten im Abendge- bet der Schlummer sie zudeckte. Wo es einzu- richten war, ließ Signor Ercole die beiden Kna- ben wie zu Hause im nämlichen Bette schlafen. Da nahm dann Heinz des Bruders Hand in die seine, damit er sich in dem wildfremden Raum nicht fürchte, und so schliefen sie ein,, mit einem Wort des „Unser Vater“ auf den Lip- pen, mit einem Gedanken an die Mutter in der Brust, selten mit einer heimweherfüllten Träne in den Wimpern. Jeden Morgen erinnerte sich Heinz beim Er- wachen an die Ermahnungen der Mutter. Er richtete sich so behutsam, als er konnte, im Bette empor und schaute dem Bruder ins ruhige rotwangige Gesicht, und ein Freudenschauer durchfuhr ihn, daß Franz so gesund und frisch neben ihm den Atem einzog. Er wartete still, bis er die Augen öffnete, um sich sah und beim An- blick des „Großen“ lächelnd sein „Guten Tag!“ stammelte. Dann kam es vor, daß die Lippen der Knaben wie Rosenknospen sich spitzten und einander berührten, obschon derlei Übung im Hause der Mutter wenig gepflegt worden war. Den ganzen Tag wachte Heinz mit besorgten Blicken über den Kleinen. Das frühe Vatertum, das ihm die Mutter überbunden hatte, erfüllte ihn mit Stolz und hob ihn in seinen eigenen Augen. Der Ehrgeiz, dessen Stachel überall und in allem hinter ihm her war, ließ ihn auch in diesen Dingen nicht nachlässig werden, und er war manchmal auf Signor Ercole eifersüch-, tig, weil er ihm so wenig zu tun übrig ließ. Gin- gen die Knaben durch die Stadt, so sah man sie immer Hand in Hand. Bei den Kunstübungen zitterte Heinz für den Kleinen, da der für sich nicht zu bangen vermochte; denn Franz machte auch das Verwegenste mit einem Vertrauen, als gäbe es für ihn keinen Fall, als sähe er stets zwei Engel an seiner Seite, um ihn zu halten, zu stützen und sanft aufzuheben. Darum ge- riet ihm auch alles so wohl, darum verließ ihn sein anmutiges Lächeln selbst in der heikelsten Lage nie, darum auch waren ihm die Hände zum Klatschen so willig. Heinz fühlte wohl, daß der Beifall, der ihnen nun fast allabendlich aus dem Zuschauerraum entgegenrauschte, zum kleinen Teile ihm galt, und sein Selbstgefühl erfuhr manche Demüti- gung. Zuweilen rüttelte ihn da der Neid gegen Franz, aber diese Regungen gingen rasch vor- über, besonders deshalb, weil Heinz sah, daß der Kleine sich auf den Beifall gar nichts ein- bildete, ja nicht einmal zu merken schien, daß die Leute ihm den Vorzug gaben. Nach ungefähr anderthalb Jahren trat für die kleine Wandertruppe eine wichtige Ver-, änderung ein: sie vereinigte sich mit ein paar andern zu einer ansehnlichen Variétégesell- schaft, deren Leitung sich der rührige Signor Ercole anzueignen wußte. Waren da ein halbes Dutzend Schwarze, die ihre seltsamen Tänze aufführten; ein Mann mit allerlei dressierten Tieren, wie Hunden, Gänsen, Störchen, ja so- gar Schweinchen, Biestelvater nannte man ihn allgemein; drei Athleten mit kleinen Köpfen und elefantischen Gliedmaßen, und eine Seil- tänzertruppe: ein Elternpaar mit drei Söhnen und zwei Töchtern. Eines Morgens, als die Brüder im Garten des Gasthauses, in dem sie abgestiegen waren, spielten, kam ein fremdes Mädchen von etwa zehn Jahren auf sie zu, schlank, etwas bleich, mit flachsblondem, welligem Haar und hellen, glänzenden Augen. „Ihr seid die Zobelli, ich bin die Bianca, die Seiltänzerin; wir gehören nun zueinander, ihr wißt doch!“ So redete sie die Knaben an. Sie hatten nichts zu erwidern, weshalb das Mädchen in Lachen ausbrach und rief: „Schaut doch nicht gar so dumm drein! Habt ihr denn noch nie ein, Mädel g’sehn? Kommt! Wir wollen durch den Garten gehn!“ Dies sagend, faßte sie Heinz am Arm und zog den halb Willigen, halb Widerspenstigen den bekiesten Weg entlang. Die ersten Rosen blühten im Garten. Als die Kinder an einem niedlichen Bäumchen vorbeikamen, sagte Franz zum Bruder. „Sieh da die Blumen!“ Da stand das Mädchen still und begann sich ein Vergnü- gen daraus zu machen, den Rosen mit ihrem langen, schmalen Mittelfinger Stüber zu geben und so den Boden mit roten Blättern zu besäen. „Das nicht!“ rief Heinz. „Was hast du mir zu befehlen, dummer Bub?“ zischte sie, faßte eine volle Rose, riß sie vom Zweige und schleuderte die Handvoll ro- ter Blätter dem Jungen ins Gesicht. Das Rot der Rose schien auf des Knaben Wangen abgefärbt zu haben, der Zorn loderte in ihm, er hätte sie schlagen mögen. Unwillig wendete er sich ab und zog Franz von dem seltsamen Wesen, das er nun beinahe fürchtete, weg. Er hatte nicht den Gedanken, aber das Gefühl, daß wer eine Rose so zerzausen könne, auch imstande sei, einem Menschen etwas Böses anzutun. Die fol-, genden Tage ging er Bianca aus dem Wege; sie aber ließ sich nicht abschrecken, sie suchte die beiden Zobelli immer wieder auf, kehrte dabei ihr sanftestes Gesicht heraus und schmachtete mit ihren demütigsten Augen. Sie war mit zehn Jahren eine vollendete Schauspielerin, und es ging nicht lange, so hatte sie den schmollenden Heinz versöhnt und mehr als das. „Wir müssen zusammenhalten,“ sagte sie, „Kameraden werden und Freundschaft schlie- ßen.“ Aber sie verstand die Freundschaft auf ihre Weise. Sie war eine kleine launische Ty- rannin; durch das Wanderleben frühreif und selbständig geworden, brauchte sie jemand, auf den sie ihren niedlichen Seiltänzerschuh set- zen konnte, und dazu schienen ihr die dum- men fratelli Zobelli wie geschaffen. Freilich mit Franz trieb sie ihr Spiel nicht lange. Wenn sie ihn in ihrer herzlosen Herrsch- sucht zu einem Knechtlein herabdrücken wollte, steckte er die Hände in seine Hosentaschen und sah sie mit seinen glänzenden braunen Augen so störrisch und verächtlich und doch wieder so gutmütig an, daß er ihre lächelnde Bosheit entwaffnete. Nie ging er ihr nach — denn er, hatte an seinem Bruder genug — er ließ sich von ihr suchen, und so wurde sie, fast ohne es zu merken, die Magd des kleinen Jungen, stets bereit, ihn zu hätscheln und zu liebkosen, ihre Launen den seinigen unterzuordnen. Dafür entschädigte sie sich an Heinz, mit dem sie spielte wie mit einem Ball: man schleu- dert ihn weg, fängt ihn mit freudigen Händen auf, wirft ihn abermals von sich, läßt ihn ver- ächtlich in einen Winkel rollen und dort liegen, oder trägt ihn sorglich wie eine Puppe mit sich herum. Der gutmütige Junge litt bei diesem Ball- spiel mehr, als er merken ließ, und doch ver- mochte er sich davon nicht dauernd zu befreien, es fehlte ihm etwas, wenn in den spärlichen Erholungsstunden, da er wieder ein Kind sein durfte wie einst im ‚Sack‘, der kleine Teufel mit dem Flachshaar, den neckischen blauen Augen, den zierlich trippelnden Füßen und den schma- len, langen Händen, die gleich gut streicheln und schlagen konnten, den tausend unerwar- teten Einfällen nicht um ihn war. Und lieber noch ließ er sich plagen und foppen, als daß er den Plagegeist entbehrt hätte. Und doch fürch-, tete er Bianca im Grunde seines Herzens, ohne daß der Bubenstolz es sich selber eingestanden hätte. Zuweilen, wenn sie ihm gar weh getan hatte, faßte er den Entschluß, sie für immer zu meiden, und dann konnte er ihr einen ganzen Tag, eine ganze Woche lang trotzen. Aber sie ruhte nicht, bis sie ihn auch in so hartnäckiger Widerspenstigkeit gezähmt hatte. Sie ließ vor ihm alle ihre Teufeleien los, schnitt komische Fratzen und lauerte auf ein Lächeln um seinen Mund, das sie dann gleich als Zeichen der Ver- söhnung auslegte, sie sang oder summte unter seinem Fenster oder vor seiner Türe unermüd- lich das einzige Lied, das sie ordentlich gelernt hatte: „Treu und herzinniglich, Robin Adair, Tausendmal grüß’ ich dich, Robin Adair …“ Empfand er den Zauber der weichen Melo- die oder sprachen die schmeichelnden Worte zu seinem Herzen? Einerlei, dem Liede konnte er nie lange widerstehen. Wohl war ihm mit sei- nen zehn, elf Jahren die Liebe noch fremd, aber was sich im Jüngling zur Liebe entwickelt, lag als Keim in ihm, begann sich quälerisch zu re- gen und unterstützte Bianca in ihrem Treiben., An einem Herbstregentag stieß Heinz in dem düstern Flur des Wirtshauses auf die Kameradin, die mit ihrer großen prächtigen Puppe spielte, oder vielmehr sie fast beständig abdrosch, denn Mütterchen war in gar übler Laune und das Kind hatte den Trotz, auf einem gespannten Seil nicht stehen zu wollen. Heinz langweilte sich und hätte gerne als würdiger Papa an dem Spiele teilgenommen. „Willst du eine Seiltänzerin aus ihr machen?“ sagte er, nachdem er ihrem Treiben eine gute Weile zugesehen hatte. „Möchtest du sie etwa in die Lehre nehmen?“ gab sie schnippisch zurück. „Nein, wir können keine Mädel brauchen!“ lachte er. „Aha, du bist besser als die Mädel!“ Sie warf ihre Puppe auf den Flur, stellte sich dicht vor den Jungen hin und sann einen Au- genblick. Dann sagte sie langsam: „Wem hat man gestern mehr geklatscht, mir oder dir?“ Er sah ihr an, daß sie eine Bosheit auf ihn abschießen wollte, und erwiderte verlegen: „Das weiß ich nicht.“, „Das weißt du nicht? Doch das weißt du!“ Und sie fing an, vor ihm zu tänzeln wie auf dem Seil, wobei sie ihre stechenden Blicke wie eine Schlange auf ihn geheftet ließ. Er wollte gehen, sie vertänzelte ihm den Weg und wiederholte ihre Frage: „Wem hat man mehr geklatscht, mir oder dir? Dem Buben oder dem Mädel?“ „Das ist mir einerlei!“ „Aber mir nicht! Gelt, du schämst dich!“ „Ich brauche mich nicht zu schämen, mir scheint, man klatscht uns immer so viel als dir, und gar gestern abend …“ „Euch, ja! aber nicht dir, ihm, ihm, dem Freschino!“ Sie las auf Heinzens Gesicht, daß ihr Pfeil getroffen hatte, und fuhr kalt und verächtlich fort, immer mit dem Schlangenblick: „Du bist ja nur das Seil.“ Er ahnte, daß eine neue Tücke in dem Worte steckte, und tat in seiner Wehrlosigkeit, als hätte er es überhört. Sie ließ ihn aber nicht los und wiederholte: „Mein Papa hat g’sagt, du seiest nur das Seil. Wie du ein dummes G’sicht machst. Gelt, du verstehst mich nicht? So paß auf: Du bist für Freschino, was das Seil für, mich. Klatscht man mir oder dem Seil? Du kannst ja nichts, nicht einmal einen Salto mor- tale! Ja, wenn ihr den Freschino nicht hättet, hat mein Papa g’sagt.“ Nun ließ sie ihn los und streckte ihm ihr rotes, spitzes Zünglein fingerlang nach, als er wie ein geschlagener Pudel davonschlich. Er wußte, daß sie die Wahrheit gesprochen hatte, er hatte sich das nämliche ja heimlich schon manchmal geklagt. Aber er wußte und ahnte bis zur Stunde nicht, daß die andern es auch merkten. Diese Entdeckung rieb ihn schier auf, der großgezogene und nun kleingeschla- gene Ehrgeiz wühlte wie Gift in ihm. Er hörte Franzens Stimme auf der Treppe. Er konnte ihn jetzt nicht sehen, er verkroch sich in das ihm zugewiesene Zimmerchen, schob den Riegel vor und warf sich schluchzend auf das Schaffell nieder, das vor dem Bette lag. Durch die Türen und Gänge gedämpft drang Biancas und Franzens Geplauder und Gelächter zu ihm herauf. Bis jetzt hatte der Neid Heinz nur für Augenblicke gepackt, nun aber nahm er ein garstiges Gesicht an. Heinz hätte den Kleinen jetzt schlagen können., Franz kam die Treppe empor und rüttelte an der verschlossenen Türe. Heinz rührte sich nicht, es lag eine Last auf ihm, die ihn am Boden festhielt und fast erdrückte. Oh, die Schande, nichts zu sein als ein Seil, an dem der andere seine Kunst zeigte! Und die andern wußten es alle! Oh, diese Schande! Eine Stunde später rüttelte es wieder an der Türe; da schob Heinz den Riegel zurück und der Kleine stürmte herein, neugierig, was denn gewesen sei. Der „Große“ kehrte ihm den Rük- ken und fand, als Franz ihn nach dem Grund seines sichtlichen Kummers fragte, kein ande- res als ein rauhes und abwehrendes Wort. So war er noch nie gewesen, Franz begriff nicht und wollte sich schmeichelnd wie ein Kätzlein an ihn anschmiegen, wurde aber von unfreund- lichen Händen zurückgestoßen. Kleinlaut und dem Weinen nahe sagte er: „Wenn wir nur heimgehen könnten, Heinz.“ Das Wort wirkte, es war auch Heinz aus dem Herzen gesprochen: „Heim zur Mutter, weg von diesem Leben, bei dem ich nichts bin, als ein Seil!“ Oh, das giftige Wort!, Heinz wendete sich mit ungestümer Bewe- gung gegen den Kleinen, umfaßte ihn mit be- benden Armen, küßte und herzte ihn zärtlicher als je und ließ den ganzen Tag kein Auge von ihm. Dabei vergaß er seinen Schmerz halb. Als ihm aber am Abend bei der Vorstellung der Saal entgegenrauschte und -klatschte, war es ihm, es dringe ihm eine Nadel langsam und tief und schmerzlich in die Brust. Er wußte, woher der böse Stich kam. In jener Nacht fand er den Schlaf lange nicht, und das Heimweh drückte ihn. Er dachte an die Tage, da er im ‚Sack‘ und in der Schreiner- werkstätte gespielt, da er aus dem Dachstüb- chen, ihrem luftigen Lugüberdach, nach den Katzen und Sperlingen, den Schwalben und Tauben geschaut und noch nicht gewußt hatte, daß es mit Menschen gefüllte Säle gibt, die Beifall klatschen und Beifall versagen können, grausame Säle, die ihm nun zu entsetzlichen Folterkammern geworden waren. Tags darauf, in einem unbewachten Augen- blicke, versuchte er von einem Stuhl herab einen Purzelbaum zu schlagen, das Kunststück, das ihm immer nicht gelingen wollte. Er zog sich, eine große Beule am Hinterkopf und, da diese nicht verborgen blieb, eine strenge Zurechtwei- sung von seiten des ‚Direktors‘ Ercole zu. Vor Bianca floh er jetzt, wo immer er ihr Flachshaar flattern sah, wann immer er ihre helle Stimme irgendwoher locken hörte. Er fürchtete ihre Zunge wie ein Schwert. Sie aber brauchte ihren Spielball, schlich ihm nach, sang ihm die süßeste Stelle ihres Liedes: „Mancher schon warb um mich, Robin Adair, Treu aber lieb’ ich dich …“ Sie sah ihn, wenn sich Gelegenheit bot, mit Blicken an, in denen alle Verführung schillerte. Demut, Trauer, Zärtlichkeit, Abbitte, Schalk- heit, und sie ruhte nicht, bis sie ihn sich wieder willig gemacht hatte wie zuvor. Nach der Ver- söhnung trat sie ihm ein paar Tage lang entge- gen und ging sie mit ihm um, wie eine verliebte Sklavin mit ihrem Herrn. Von Franz wollte sie dann nichts wissen, sie streifte ihn mit jenen verächtlichen Blicken, die Heinz zur Genüge kannte, und die ihm selber schon so oft weh getan hatten. All das war aber nur Berechnung. Sobald Heinz wieder zuversichtlicher wurde, die Wun-, de, die sie ihm beigebracht hatte, am Verhar- schen war, griff sie unversehens wieder hinein, mit leichtem aber vergiftetem Finger, mit jener altererbten Grausamkeit, die man oft an Kin- dern beobachten kann: „Ich seh’ Freschino so gern zu, wenn er sei- nen Salto mortale macht.“ „Gestern, als ich auf dem Seil stand, hab’ ich auf einmal an dich denken müssen! Ich muß oft an dich denken, wenn ich auf dem Seil gehe.“ „Weißt du, was an euch beiden so spaßig ist? Wenn einer stürb’ oder ein Bein bräch’, nach- her wär’s aus, da könnt’ der andere auch nichts mehr machen.“ So trieb sie monatelang ihr Spiel mit dem waffenlosen Jungen, ihn anziehend und zu- rückstoßend, sich an seinem Gesichte weidend, wenn es sich unter ihrem Hieb schmerzlich verzog, ihm eine Stunde oder einen Tag lang schmeichelnd, um zwei Sekunden lang mit den Nägeln in seiner Seele zu wühlen. Einmal, als sie ihm wieder einen ihrer gif- tigen Nadelstiche versetzt hatte, fuhr er auf sie los und bläute sie jämmerlich durch. Sie wehrte sich nicht, sie trug es wie ein Lamm, als wüßte, sie, daß sie ihn so noch mehr in ihre Gewalt bekäme. Und so war es. Bei der Rauferei war ihm ein Büschel von ihren Flachshaaren in den Händen geblieben, das hatte ihm einen gan- zen Schreck eingejagt. Er hatte von da an ihr gegenüber stets ein unsicheres Gewissen, und dies um so mehr, als sie verschmäht hatte, ihn zu verklagen. Demütigte sie ihn, so wagte er nicht mehr von seinen Fäusten Gebrauch zu machen; zankte er sich mit ihr, so brauchte sie ihn nur an jene Handvoll Haare zu erinnern, um ihm den Mund zu schließen. Die Vorstellungen, denen Heinz sich früher mit Leidenschaft hingegeben hatte, wurden ihm nach und nach zu einer uneingestandenen Qual. Er beobachtete die zuschauende Menge mit argwöhnischen Augen und gewahrte im- mer deutlicher, daß er für sie Luft war oder, wie Bianca sagte, das Seil des Kleinen. Auch fiel ihm nun auf, daß selbst Signor Ercole zwischen ihm und seinem Bruder einen Unterschied machte, für Franz ganz andere Blicke, andere Worte, eine weichere Stimme, eine sanftere Hand, ein freundlicheres Nicken, ein herzlicheres Lächeln hatte. Er fing an, dem Manne zu mißtrauen,, ihn zu belauern, eine Waffe gegen ihn zu su- chen, und es kam eine boshafte Freude über ihn, als er ihn eines Tages überraschte, wie er im Treppenhause mit Biancas üppiger Schwe- ster, einem Mädchen von achtzehn Jahren, tän- delte. Es war freilich nur ein flüchtiger Blick, nicht viel mehr als ein Schatten an der Wand gewesen, aber der Eindruck haftete und nahm, weil er Heinz willkommen war, feste Umrisse an. Der Junge wußte, daß der Mann mit seiner Mutter verlobt war, und sein gerader Sinn gab ihm ein, daß da ein Unrecht und eine Treulo- sigkeit gesponnen würden. Von da an haßte er ihn und um so erbitterter, da er keine neuen Beweise erlauerte. Nach und nach verkehrte sich das gesunde, offene Wesen des armen Jun- gen in sein Gegenteil: das Rot wich von seinen Backen, er aß ohne Lust, war verschlossen, fast immer mißmutig und störrisch und nur dann zufrieden, wenn er mit Franz allein, ganz al- lein war und sie miteinander spielten oder vom ‚Sack‘ und der Schlauchgasse plauderten, an die Mutter und an ihr sonniges Lugüberdach mit den zwei Azalien dachten, durch deren Blät- ter und Blüten man über die Häuser weg zu, den silbernen Schneebergen und in das blaue Leuchten des Himmels sah. Die drückendsten Stunden aber durchlitt er, wenn er sich vor der bösen Zunge der Seiltän- zerin in seiner Herbergkammer verkroch, um eine der Geschicklichkeiten zu lernen, die dem Kleinen so viel Ehre eintrugen und ihm nie gelingen wollten. Da rann oft dem vom Ehr- geiz Verfolgten die Qual bitter aus den Augen, während drunten im Hof oder Garten Bianca mit Franz spielte, ihm jeden Wunsch aus den Augen las und ihm ihr Lied trällerte, wohl wis- send, daß es auch der Ältere hören würde: „Treu und herzinniglich, Robin Adair …“ Das war ihm zuviel, er wusch sich dann rasch die Augen lauter, stürmte hinab und ent- riß seinen Liebling der Natter, die er zu hassen meinte, und deren Knecht er tags darauf doch wieder wurde. Und mit dem Kummer im einfältigen Kna- benherzen mußte er eine Stunde später in den Vorstellungssaal treten, den Leuten ein freund- liches Gesicht zuwenden, lächeln, wenn es ihm ums Weinen oder Zürnen war, einen Knicks machen, obschon er wußte, daß der Beifall, nicht dem ‚Seil ‘ galt, die Muskeln wie Stahlbän- der straffen, wenngleich die in ihm wühlende Verdrossenheit ihm fast alle Kraft verzehrte. „Schau freundlicher drein!“ flüsterte neben ihm mit seiner milden falschen Stimme Signor Ercole. Der Knabe aber hätte am liebsten eine Grimasse geschnitten, mit den Füßen gestampft und die Hände geballt, das Publikum und den Herrn Direktor mit der Zunge begrüßt. Und wenn er von der Bühne entwischte, stieß er sicherlich auf die kleine Seiltänzerin, die in ihrem schillernden Seidenkleidchen, mit ihren niedlichen roten Schuhen und ihrem wallenden Märchenhaar kokettierte, ihn mit ihren kalten Blicken musterte und in ihrem Schlangengehirnchen überlegte, ob sie beißen oder bloß zischen solle., IV.

D ie Brüder Zöbeli hatten ihr Wanderle-ben drei Jahre lang übers Land gespon-

nen, als ihnen Signor Ercole eines Tages eröff- nete, nun gehe es der Heimat zu. Das setzte viel Freude und Jubel ab. Franz schwatzte, so viel die Zunge leisten mochte, von der Mutter und vom ‚Sack‘ und von dem, was der wun- derbare Sack enthielt. „Weißt du noch, Heinz, wie wir einst dem Meister Wäspi die Brille versteckten? Und er dann, weil er nichts mehr sah, ins Wirtshaus hinüber schlarpte!… Und wie wir den Schreinergesellen aufzogen, der immer zerrissene Pantoffeln und einen löche- rigen Zwilchschurz trug und Brotbeck hieß? Gibt es auch andere ‚Becken‘ als Brotbecken?… Und die Leimpfannen auf dem Ofen, die wir einmal herunternahmen, und zusammen- leimten, was nie zusammen gehörte! Weißt, du noch?… weißt du noch?“ Das nahm kein Ende. Auch Heinz freute sich. Zu Hause mußte ja mit einemmal alles wieder besser werden, die Qual von ihm abfallen. Es ging ihm wie jenen Kranken, die glauben, sie müßten nur die hei- mische Luft wieder atmen, vom Brunnen und vom Tisch der Kindheit trinken und essen, in der Kammer schlafen, in der sie geboren wur- den, um wieder ganz, ganz zu gesunden. Wie lange dauerte die Heimfahrt! Diese Kinder hatten an den Eisenbahnfahrten längst keine Freude mehr, sie wußten ja alles zum vor- aus. Bäume, deren Blätter sich unter dem Luft- druck des Zuges bewegen und wie zur Flucht wenden; Bäche mit Hecken und schattigen Bü- schen, Flüsse mit Dämmen, auf denen Pappeln oder Weiden im Sommer schmachten und im Winter schlottern; Hügel mit Schloßruinen, die uns ansehen wie Menschen und zerfallen, man weiß nicht warum; Grüppchen von Bau- ern, halb nackt, mit der Sichel im Kornfeld, mit der Sense auf der Wiese, mit der Hacke im Kartoffel- und Tabakfeld, mit der blinkenden Axt am Waldrand; sie halten einen Augenblick, in der Arbeit inne, wenn der Zug heranbraust, und sehen ihm nach wie von Neugier oder Sehnsucht gefaßt, während ihre sorgenlosen Kinder mit den Händen oder dem Käppchen grüßen; warum, da sie doch niemand kennen? Dörfer und Weiler, deren Giebel aus den Obst- bäumen oder aus dem Schnee hervorgucken, deren Kirchturm auf den Friedhof schaut und über Gräbern Wache hält; graue Straßen, die das Land durchschneiden und ins Weite führen, wer weiß, wohin? Und auf den Straßen dann und wann ein Fuhrwerk, das den Staub aufwir- belt und enteilt, wer weiß, zu wem? Städte, die mit ihren schlanken Türmen nach der rauchi- gen Luft stechen; ein Meer von Dächern, aus dem es verworren tönt und braust und rauscht und pocht und klopft, ohne daß man eine der rührigen Hände sieht, ohne daß man von ei- nem der Geräusche sagen könnte: „Das kommt vom Tischler und das vom Schmied und das vom Zimmermann — — —“ Und am Abend, wenn die Fenster des Wa- gens erblindet sind, jene stille Nachdenklich- keit, die sich bei dem einförmigen Rollen der Räder einstellt, die unermüdlich eilen und jede, neue Schiene mit einem Schlage begrüßen, so daß es fort und fort tönt, als hätte der Zug ein pochendes Herz; dann das Pfeifen der Loko- motive, ein Gruß, den die rasende Wagenkette in der Eile einem Dorf, einem Städtchen zuruft, im Namen der hundert Seelen, die da vorbeiflie- gen, wohin? woher? nach der Heimat, von der Heimat, von einer Fremde und Heimatlosigkeit zur andern. Lichter tauchen rechts und links aus dem Dunkel auf, einzeln, in Gruppen, in Haufen; worauf leuchten sie? Warum zittern sie so seltsam? Was haben sie zu fürchten? Droben am Himmel flimmern andere Lichter, die fliehen nicht links und rechts am Zuge rückwärts wie die irdischen, sie wandeln still und treu mit ihm durch die Nacht, von Stadt zu Stadt als tröstliche Begleiter … Alle diese flüchtigen Eisenbahnbilder, all diese nebelhaften, an der Grenze der Traum- welt liegenden Reisestimmungen, berührten die Knaben heute nicht. Sie saßen einander ge- genüber und sprachen fast nichts, nur dann und wann warf der eine dem andern einen Blick zu, der etwa sagte: „Wie lang mag’s noch dauern?“ Und die Antwort: „Nur Geduld, sieh an den, Telegraphenstangen, wie der Zug rast.“ Oder: „Ich kann es nicht erwarten, bis ich das Stüb- chen und die Mutter wiedersehe!“ Und der an- dere darauf: „Wird alles noch sein wie einst?“ Es war Nacht, als die Brüder mit ihrem Meister durch die Straßen ihrer Vaterstadt der mütterlichen Wohnung zustrebten. Als sie, auf dem Münsterplatz angelangt, die Mündung der spärlich erleuchteten Schlauchgasse erblickten, konnten sie nicht mehr an sich halten: wie auf Verabredung stürmten sie dem Signor Ercole voraus in den ‚Sack‘ und die Treppe empor. Man hatte die Mutter, um ihr eine Über- raschung zu bereiten, nicht von der Rückkehr benachrichtigt, und als sie auf das Klingeln der Knaben mit Licht kam und sorgfältig, wie es einer Witwe geziemt, die Tür öffnete, taumelte sie vor freudigem Schreck und sich ans Herz greifend zurück. Die Knaben hängten sich an sie, sie umfaßte sie mit dem Arm, den sie frei hatte, und so ging es der Stube zu, Seline wußte nicht, ob sie von den Kindern oder das Kinderpaar von ihr getragen wurde. „Gelt, ich hab’ Sorge zu ihm getragen?“ flü- sterte ihr Heinz, ein süßes Wort erwartend, ins, Ohr; sie küßte ihn auf den Mund und ihre Au- gen verschlangen die hübschen Krausköpfe. „Ja, Franzli sieht gut aus, aber du bist blei- cher geworden, größer wohl, aber magerer …“ Er schmiegte sich fester an sie, es mußte ja jetzt alles besser werden, alles ganz gut. Signor Ercole trat ein, ohne daß man ihn anfänglich bemerkte. „Nun, bin ich nicht auch gekommen?“ stieß er endlich auf der Türschwelle stehend her- vor. Seline eilte ihm entgegen, zog ihn in die Mitte des Stübchens, holte ihm einen Stuhl herbei und machte dann ihrem Herzen Luft. Sie setzte sich ihm gegenüber und stammelte ihren Dank. Sie dankte ihm dafür, daß er ge- kommen war, endlich, endlich, ihr die Buben gebracht und zu ihnen all die Zeit so wohl geschaut hatte, sie dankte ihm für den Wohl- stand, den er aus der Fremde in ihr Stübchen geschickt, sie dankte für das Glück, das nun in ihrem Herzen hauste; und dabei zeigte sie ihm mit Stolz und Freude die Dinge, mit denen sie ihre Stube geschmückt hatte. Er nahm ihre Worte mit Genugtuung hin und fing gleich an, sich in Zukunftsplänen zu, ergehen, silberne Stege und Brücken und Stra- ßen zu bauen, ein Marmorhaus aufzutürmen und es mit goldenen Tischen und Schemeln und Stühlen auszustaffieren. Er hatte zuweilen eine muntere Fantasie und ließ sie traben. Einen vergnügtern Abend hatte das Dach- stübchen der Frau Seline Zöbeli noch nie erlebt. Auch die Knaben hatten zu erzählen: von Städ- ten, die groß seien wie ein ganzes Land, von Gegenden, wo es keine Berge gebe, und sogar vom Meer und seinen hundert Schiffen. Dann von den neuen Freunden und Wandergenossen. Franzli berichtete ahnungslos von Bianca, der Seiltänzerin, und versuchte der Mutter ihr Lied zu singen: „Treu und herzinniglich …“ Heinz gab das einen Stich, und auf einmal entdeckte er, daß die Mutter für den Kleinen län- gere, wärmere Blicke habe, als für ihn. Er klam- merte sich fester an ihren Arm an, als könnte sie ihm verloren gehen. Eine trübe Ahnung stieg in ihm auf, er wußte nicht wie, er wäre nun lieber wieder in der Fremde gewesen, in irgend- einer Herberge. Die Qual hatte ihn auch in der Heimat gefunden, gab es denn kein Entrinnen?, Am frühen Morgen waren die Brüder wieder wach, es verlangte sie, der Mutter Stimme zu hören, es gelüstete sie, wieder einmal über die alten Dächer wegzusehen, nach den rauchen- den Kaminen, nach dem fliegenden und schlei- chenden Getier, nach den Schneebergen und ihren weißen Zacken oder den getürmten Wol- ken, die darüber lagen. Nach dem Frühstück stiegen sie in die Gasse hinab und steckten die Köpfe in die Schreinerwerkstatt, wo die Bretter wie einst unter den Stößen des Hobels kreisch- ten, und die Gesellen in den harzduftenden Spänen rauschten. Meister Wäspi nagelte eben einen Kindersarg zusammen. Er erkannte die Knaben durch seine Hornbrille auf den ersten Blick wieder und rief, sich an seine alten Späße erinnernd, wohlgelaunt: „He, Heinz, soll ich dir den Frack da anziehen? Er ist dir wie an- gemessen!“ Er lachte dazu, der Knabe aber er- schauderte und eilte zur Mutter hinauf. Den ganzen Tag war er still und gedrückt, der Anblick des Sarges und die Worte des Tisch- lers hatten durch eine verborgene Verkettung in ihm die Furcht wieder wachgerufen, die ihn am Abend zuvor gepackt hatte, als Franz das, Lied der Seiltänzerin sang, und die seither lau- ernd in ihm gelegen hatte: die Furcht, das Herz seiner Mutter zu verlieren. Er hatte sie so lieb, und nun bohrte die Angst in ihm, des Kleinen Überlegenheit könne ihr nicht lange verborgen sein, dann werde sie es halten wie Signor Ercole und alle andern: Franz bevorzugen, mit zärtli- cheren Blicken ansehen, mit herzhafteren Ar- men umfangen, und ihm, dem Ältern nur das schenken, was der in Überfluß Schwimmende verschmähte. Von den andern Leuten konnte er das zur Not ertragen, aber von der Mutter! Wie würde das erst werden, wenn sie Franz auf der Bühne gesehen hatte! Mehr als einmal faßte er den Entschluß, ihr seine Angst zu gestehen, ihr die Bitte ans Herz zu legen, ihn nicht, ihn nie minder lieb zu haben als Franz; aber die Worte blieben ihm jedesmal im Halse stecken. Wie hätte er sie wenden sollen? Leute von seiner Art haben sieben mal sieben Siegel am Mund oder am Herzen und gehen eher zugrund, als daß sie ei- nes erbrächen. Und dann war noch etwas, das ihn abhielt. Er hörte in sich beständig einen Vorwurf raunen, er fühlte, daß etwas Unlaute-, res in ihm Platz genommen hatte: der immer wieder auftauchende, aller Abwehr trotzende Neid gegen den Bruder, der ihm doch nichts als Liebes erwies, und den er selber doch im Grunde so ehrlich gern hatte. Am Abend sollte die Mutter ihre Buben im Glanz der Theaterlampen erblicken. Signor Ercole hatte ihr einen Platz in der vordersten Reihe verschafft, damit sie ja alles recht deut- lich sehe. Erwartungsvoll, mit leise pochendem Herzen saß sie da, den Blick auf den mit Rekla- men aller Art bemalten Vorhang gerichtet, hin- ter dem sie ihre Kinder wähnte. Es kam ihr al- les wie ein Traum vor. Ihre und ihres Wilhelm Knaben waren Künstler geworden und ver- dienten Geld wie Männer, und mehr! Und um ihretwillen waren all die Leute, die den Saal füllten, hergekommen! Sie wagte kaum den Hals zu drehen, aus Furcht, der Glückstraum möchte zerrinnen. Streifte sie aber mit den Blicken das schöne Kleid, das sie trug, die feinen Handschuhe, die ihr Herr Valentin Häberle, ihr Bräutigam, ver- ehrt und an die Hände gezogen hatte, so muß- ten ihre Zweifel schwinden: wie wäre sie zu, diesen Dingen gekommen ohne das Glück der Kinder? Und ohne ihn, den Herrn Direktor? Was für ein Mann war er doch? Ja, der hielt die silbernen Brücken und goldenen Berge, die er versprach. Eine Klingel erschallte, durch den Saal ging eine Bewegung, ein Sichzurechtrücken, ein schnelles Abhaspeln des begonnenen Satzes, ein Klappen und Knarren von Sitzen, auf die sich eine Last niederließ. Der Vorhang ging langsam in die Höhe. Frau Seline spürte ihr Herz pochen. Aber sie war enttäuscht. Sie hatte erwartet, gleich ihre Knaben zu sehen, und erblickte statt ihrer ein rundes Weinge- sicht, das lärmend und von einer knallenden Peitsche umsaust durch eine Seitentüre herein- kugelte und ein halbes Dutzend Spanferkel vor sich her trieb. Und nun nahm die Kunst ihren Anfang. Unter den beständigen Zurufen des Weingesichtes bemühten sich die Schweinchen menschlichen Verstand und turnerische Bil- dung zu zeigen, ihre natürliche Stimme, auch wenn die Peitsche ihnen um die Ohren zischte, zu bemeistern, ihre angehenden Speckbäuche auf den zu klein geratenen Beinen so zierlich, als möglich zu bewegen. Sie verschwanden und der Saal klatschte. Frau Seline rührte ihre Hände nicht. Wie? Ihre Krausköpfe in Gesellschaft dieser sechs Grunzschnauzen? Ihr mütterlicher Stolz em- pörte sich, sie warf den klatschenden Nachbarn verächtliche Blicke zu. Nach den Schweinchen wurden Gänse, dann Störche, Hunde, Affen hereingetrieben und endlich kamen, wie in der Schöpfungsge- schichte, Menschen zum Vorschein, Schwarz- häute, die bei einer betäubenden Musik ihre halbnackten Leiber und dünnen Glieder so grausam verdrehten, zerkrümmten und ver- renkten, daß es selbst der zuschauenden Frau Zöbeli im ganzen Körper wehe tat. Und dann fingen sie gar an, sich Schwerter in den Hals zu stecken, Feuer zu verschlucken, Glas zu kauen. Brr! Und das Publikum schlug in die Hände! Als der Vorhang wieder in die Höhe ging, war ein Seil über die Bühne gespannt und darüber tänzelte ein Mädchen in gelbem Sei- denröckchen, lächelnd, anmutig, mit einem großen Stabe spielend. In der Mitte angelangt kniete es behutsam nieder, und dabei schienen, ihm aus den Schultern, man wußte nicht wie, zwei schillernde Schmetterlingsflügel zu wach- sen. Es war anzusehen wie ein von der Luft getragenes betendes Engelskind. Das ganze Haus war entzückt über die süße Erscheinung und selbst Frau Seline Zöbeli klatschte mit Überzeugung und Ausdauer, denn sie hatte in dem Engel die Freundin ihrer Knaben erkannt und freute sich, daß ein so gutes und frommes Geschöpf zu ihnen hielt, ja es schoß ihr einen Augenblick der recht mütterliche Gedanke an Verlobung, Hochzeit, Kindstaufe und so weiter durch den wie benebelten Kopf. Was nun folgte, betrachtete sie wieder mit kühlen Augen und mit dem Gefühl des Un- behagens. Eine Art Mißgunst kam jedesmal, wenn geklatscht wurde, über sie. Sie dachte an die fratelli Zobelli, was brauchten ihnen die andern den Beifall wegzuschnappen? Hatte Valentin nicht gesagt, sie seien die Hauptperso- nen, die Saalfüller, was brauchte man also den Minderen so viel Ehre anzutun? Und warum ließ man die Besten erst auftreten, wenn die Hände schon müde und halb wund waren? Ge- wiß war da irgendeine Bosheit im Spiele, man, wollte das Wort vom Propheten und der Hei- mat wieder wahr machen. Nach den Seiltänzern schwirrten in wun- derlichen buntscheckigen Kleidern Sängerin- nen und Tänzerinnen herein, bei deren Liedern und Tänzen der einfachen Frau recht unbehag- lich wurde, dann zwei junge Damen mit Trom- petengeschmetter, dann riesige Kerle, die mit Kanonenkugeln so flink umgingen wie Kinder mit Spielbällen. Als die Riesen auf der einen Seite verschwan- den, hüpften auf der andern zwei Knirpse her- ein, die man mit kluger Berechnung in die Tracht der Buren gekleidet hatte; denn es war im ersten Jahr des südafrikanischen Krieges und die Begeisterung für das bedrängte Volk, mit dem man sich verwandt fühlte, groß. Das ganze Haus brach in stürmischen Beifall aus. Seline schossen die Glückstränen in die Augen. Die fratelli Zobelli traten an die Rampe und machten ihre Knickse, wobei Freschino die Mutter entdeckte. Er warf ihr eine Kußhand zu und lächelte dabei so unbefangen und glück- lich, daß die Zuschauer, in der Meinung, der Gruß gelte allen, in neuen Beifall ausbrachen., Die Knaben warteten das Ende des Gebrau- ses nicht ab, sie warfen ihre Burenhüte hin, schlugen die Füße in die Luft und marschier- ten auf den Händen auseinander, einer Dop- peltreppe zu, die sich mitten auf der Bühne in Form eines Daches erhob. Dieses Dach stiegen sie nun hinan, der eine von rechts, der andere von links, immer auf den Händen, kreuzten sich auf dem Giebel und gingen dann abwärts, wie sie gekommen waren. Sie bewegten sich so sicher und flink, wie andere Kinder auf den Fü- ßen, und als sie sich mit einem Ruck wieder auf- rechtstellten, erfuhr Frau Zöbeli die Genugtu- ung, daß sich die Hände nicht weniger rührten als für die Gänse, Störche, und Schweinchen. Dann unversehens schwebte Freschino in der Luft. Er stand mit den Händen auf den hocherhobenen Armen des Bruders und stemmte den Leib vom Kopf bis hinauf zu den Zehenspitzen in einer schön geschwungenen Linie. Ein langes „Aah“ ging durch den Raum, als Heinz den Kleinen in dieser Stellung die Treppe hinauf und hinunter trug, und dann nochmals, den gleichen Weg zurück. Die Mut- ter hielt sich an der Lehne ihres Sitzes fest, und zitterte für ihren Jüngsten. Wenn Heinz strauchelte! Er strauchelte nicht, er trug seine Last bis nah an die Rampe. Franz aber bog sich stärker im Kreuz und setzte, sich rückwärts überschla- gend, in kühnem Sprung auf den Boden und lächelte nun so freundlich und glücklich in den Saal hinein, daß alles ihm zujubelte und ihm mit den Bravorufen tausend glänzende Blicke zuflogen. Was Heinz gefürchtet hatte, war eingetre- ten, Franz hatte ihn wieder vor den Augen der Mutter in den Schatten gestellt: ihm galten die Blicke und Zurufe, ihm das ängstlich-glück- liche Lächeln der Mutter. Er hätte in Tränen ausbrechen mögen, er merkte, daß sich sein Gesicht verzerrte, und er neben dem Bruder häßlich aussah. Franz riß ihn aus seinem Brüten und führte ihn zu der Treppe zurück. Die beiden faßten sich bei den Händen und der Kleine schwang sich, wie von unsichtbaren Schnellfedern geho- ben, Kopf unten, Füße oben, in die Höhe, über den Scheitel des Bruders, der ihn mit seinen kräftigen Armen stützte und dann langsam, senkte, bis ihre Scheitel sich berührten. Die Hände ließen sich los, Franz stand mit dem Kopf frei auf dem Kopfe des Bruders, sich, wie es schien mühelos, im Gleichgewicht haltend, und wurde in dieser halsbrecherischen Lage von Heinz über die Treppe und zurück getra- gen. Die Zuschauer trauten ihren Augen nicht, sie wagten kaum zu atmen, aus Furcht, der kleinste Hauch könnte den Wagehals aus dem Gleichgewicht und zu Fall und Elend bringen. Die Mutter schloß die Augen, das Herz stockte ihr, sie erwartete in Todesängsten einen Schlag auf der Bühne und einen gräßlichen Schrei … Die Knaben langten wieder vorn an der Rampe an, Franz stützte seine Arme dem Bruder auf die Schultern, stemmte sich in die Höhe und setzte in einem Purzelbaum auf den Boden. Der Saal atmete wie eine einzige Riesen- brust, die am Ersticken war, erleichtert und geräuschvoll auf, dann brauste es der Bühne entgegen, wie noch nie den ganzen Abend. Nach der überstandenen Angst kam ein Taumel über die Mutter, sie klatschte wie wahnsinnig und schrie „Bravo!“ und hätte am, liebsten in den tosenden Saal hineingerufen: „Schaut mich an! Das ist mein Bub’ und ich bin seine Mutter!“ Der Raum wurde wieder still. Auf der Bühne war ein eiserner Apparat angebracht, an dem man eine Stange, die oben in Mannshöhe eine wagrechte Scheibe trug, und eine Kurbel unterscheiden konnte. Auf der Scheibe hatte sich Heinz auf die Hände gestellt. Signor Er- cole rückte ein Leiterchen herbei, an welchem Franz flink wie eine Katze emporkletterte. Oben angelangt, legte er die Hände flach auf des Bruders Fußsohlen und erhob sich dann mit langsamer, sicherer Bewegung empor zum Hochstand, so daß nun beide Knaben in glei- cher Stellung, Kopf unten, Füße oben, sich übereinandertürmten, der eine mit den Hän- den auf der Eisenplatte, der andere hoch oben auf des Bruders aufragenden Füßen stehend. „Das ist Gott versucht!“ rief eine Frauen- stimme mitten aus dem Zuschauerraum und sprach aus, was den meisten auf den Lippen war. Signor Ercole aber griff, nachdem er die Leiter an eine Wand gelehnt, lächelnd nach, der Kurbel und begann sie langsam zu drehen, und damit drehte er die Eisenplatte und das Brüderpaar, das darüber schwebte, und das bei jeder Blutwelle, die aus dem Herzen getrieben wurde, leicht erbebte. Das Haus wurde unruhig, manche erhoben sich in der Aufregung von ihren Sitzen, andere hielten die Hände vor die Augen oder machten ihrer Beklemmung Luft, indem sie abgebro- chene Worte und Silben ausstießen. Als auf der Bühne die Scheibe ihre Drehung vollendet hatte, wechselte Franz seine Stellung, indem er sich aufrecht auf seines Bruders Füße stellte. Die Zuschauer wurden ruhiger, das war doch nicht mehr so grausig wie zuvor. Sie hat- ten zu früh aufgeatmet, neues Entsetzen malte sich auf allen Gesichtern: Franz bog sich in Nacken und Kreuz zurück, langsam, immer tiefer, bis das Hinterhaupt fast den Rücken berührte und es schien, man habe ihn in der Mitte des Leibes gefaltet. Wie er tief unter sich den Boden erblickte, überschlug er sich, setzte auf den Teppich, der dort ausgebreitet lag, und lächelte vergnügt dem Zuschauer- raum und den entsetzten Gesichtern zu. Das, war sein berühmter Salto mortale, der ihm so viel Ruhm eintrug, um den ihn sein Bruder so oft beneidete. Als das Wagnis zum guten Ende geführt war, machte das Entsetzen lärmendem Jubel Platz. Betäubend erschallte der Saal, Blumen flogen dem kleinen Wagehals zu, um dessen Leben man eben noch gezittert hatte, der wäh- rend einer unendlich langen Minute alle bis in die Seele hinein hatte erstarren lassen. „Bis! Bis!“ fing es in einer Ecke zu gellen an. „Nein! nein!“ antwortete die Furcht aus einer andern. Und nun begann ein Kampf der „Bis“ und der „Nein“, und wogte, bis die letztern in der Brandung erstickten. Es rollt eben in den Adern jeder Stadtbevöl- kerung etwas von jenem Römerblut, das selt- sam zu fiebern und zu wallen begann, wenn über Menschenfleisch Tod und Verderben lau- erten, zu fiebern und zu wallen, halb in Grau- sen, halb in Lust. Während des Tumultes war eine junge, schöne Dame an die Rampe getreten und hatte Freschino ein Zeichen gegeben, näher zu kom- men. Als sie ihn erlangen konnte, schloß sie, ihn in die Arme und bedeckte ihm Stirn, Au- gen und Wangen mit Küssen. Franz jedoch wand sich ungestüm aus den Armen der Holden, las schnell ein paar Sträuße von den Brettern auf und warf sie der Mutter, die er fast mit den Händen berühren konnte, in den Schoß. „Die gelten dir! Was wirfst du sie andern zu?“ fragte die Dame. Signor Ercole, der bescheiden lächelnd hin- ter dem Knaben stand, flüsterte ihr zu: „Es ist ja seine Mutter!“ „Seine Mutter?“ „Wer?“ „Was?“ „Seine Mutter? seine Mutter!“ So ging es von Bankreihe zu Bankreihe. „Unsere Mutter!“ hätte Heinz in den Raum hinaus schreien mögen, „unsere, meine Mutter!“ Er zitterte vor Erregung. Der gedemütigte Ehrgeiz und die Furcht, bei der Mutter nun nichts mehr zu gelten, marterten ihn, das Ge- fühl, es geschehe ihm unrecht, entfachte sei- nen Zorn. Tat er denn nicht alles, was in seinen Kräften lag? War er wirklich gar nichts? nur, das Seil des Kleinen? Könnte der seine Kunst- stücke so sicher ausführen, wenn er, Heinz, nicht fest und treu wie ein Stein ihn stützte? Mußte er nicht der Stärkere, Ruhigere sein? „Ich will nicht mehr mittun!“ schrie es in ihm, und er hatte Mühe, die Tränen zu bändigen, die ihm aus den Augen springen wollten. „Bis! Bis!“ fing der Saal, der wie ein unge- heurer Tierrachen nach der Bühne gähnte, wie- der zu brüllen an. „Nochmals denn!“ raunte Signor Ercole hin- ter den Knaben. „Nein!“ erwiderte Heinz. Ein funkelnder Blick aus des Direktors Au- gen traf ihn; er aber trotzte. Das Publikum, seinen Widerstand erratend, speite wütend sein „Bis!“ nach ihm. Wozu hatte man seine Eintrittskarte bezahlt? Da fühlte sich Heinz weich an der Hand ge- faßt. Franz war es; er sah ihn mit glänzenden Augen an und zog ihn sanft nach dem Gestell mit der Drehscheibe. Ihm konnte Heinz nicht widerstreben, er schämte sich der Gefühle, die ihn eben gepeinigt und in denen es an Neid und ohnmächtigem Groll gegen den Kleinen, nicht gefehlt hatte. Wären die vielen Menschen nicht dagewesen, er hätte ihn reumütig und herzlich geküßt, wie zuweilen in der Fremde in schmerzlichen Stunden. Er richtete sich auf der Scheibe empor, der Saal hörte auf zu toben und wurde wieder zum Riesenbrustkorb, der den Atem anhält. Heinz fühlte das Gewicht des Bruders über sich kom- men und straffte alle Muskeln an, um recht fest zu halten, denn er merkte wohl, daß das Herz ihm schneller und unruhiger ging als sonst und er sich zusammennehmen mußte. Wie er alle Kraft aufbot, an den Bruder und seine halsbrecherische Lage dachte und sich das Wort wiederholte, das ihm einst die Mut- ter auf den Weg gegeben hatte: „Trag’ Sorge zu ihm!“ erwachte, er wußte nicht wie, eine teuflische Stimme in ihm und flüsterte ihm zu: „Bist du denn nichts? Was wäre er, wenn das Seil …?“ Er wollte nicht darauf hören, es war so ent- setzlich, das Wort, so höllisch der Gedanke, daß ihn schauderte. Aber Gedanke und Wort wirkten und klangen nach: „Was wäre er, wenn das Seil jetzt nicht hielte?“, Die Scheibe fing sich zu drehen an. Bei dem Ruck, den ihre erste Bewegung gab, schwankte Heinz leicht, und vernehmlicher noch raunte die Teuselsstimme in seiner Brust. Er stellte sich in fliegenden Bildern die Sa- che vor: sein Zusammenknicken, den Sturz, den Schrei, die Mutter … Er fing zu zittern an, der Schweiß trat ihm auf Gesicht und Rücken, der Atem ging keu- chend und stoßweise aus der Brust, sein Bru- der lastete wie ein bleierner Berg auf ihm, er biß die Zähne zusammen: „Halt fest!“ raunte er sich zu. Die Augen quollen ihm aus den Höhlen. Zwischen den Armen hindurch erblickte er die Mutter, die durch die Drehung der Scheibe in seinen Gesichtskreis gekommen war. Ihre Blicke hingen an ihm, so schien es ihm, das gab ihm die Kraft auszuharren. Franz purzelte seinen Salto mortale, und das Beifallgejauchze und -gebrüll wogte und brandete über ihn herein. Heinz aber sank halb ohnmächtig über seiner Drehscheibe zusam- men und kollerte zu Boden. Niemand beach- tete es als Signor Ercole, der ihn rasch und un-, auffällig von der Bühne brachte und draußen mit rauhen Worten schalt, zum erstenmal seit ihrer Wanderzeit, und in Gegenwart der klei- nen Seiltänzerin, die verschmitzt lächelte und sich auf den Fersen höhnisch herumdrehte. Auf dem Heimwege und zu Hause sprach Heinz kein Wort, man begehrte auch keines von ihm. Signor Ercole zürnte ihm, denn es war ihm nicht entgangen, in welche Gefahr er den Kleinen gebracht hatte. Die Mutter aber hatte ihren Wagehals anzusehen und zu bewundern, mit ihm zu plaudern und zu kosen. Seit ihr Herz für ihn in tausend Ängsten gehämmert und gezittert hatte, war es durch neue Bande an ihn geschmiedet. Heinz, der sonst eifersüchtig jedes Liebes- zeichen der Mutter erlauert und gewogen hatte, achtete jetzt nicht darauf. Er war betäubt, er hörte in einem fort das ruchlose Wort im Ohr und fühlte, daß es ihm die Kraft zerfraß und einem Unglück rief. In der Kammer, in ihrem alten Bette, schlug er die Arme um den Bruder, fest, wie Wurzeln die Erde umklammern, küßte ihn, flüsterte ihm zu, wie lieb er ihn habe, und dabei quollen, ihm die Tränen aus den Augen und benetzten die Wangen des Kleinen. Der begriff nicht und wollte die Mutter rufen; Heinz aber bat ihn, sich still zu halten, worauf Franz bald in des Bruders Armen einschlummerte. Heinz fand den Schlaf erst gegen Morgen, und als er endlich über ihn kam, war es eine schwere, den Atem beklemmende Decke, ein Balken auf der Brust des Gequälten. Schreck- hafte Traumbilder ängstigten ihn: er sah den Sarg, den Meister Wäspi am Morgen zusam- mengetrieben hatte, und drin lag bald Franz, bald er; war aber die Reihe an ihm, so wurde der Schrein zugenagelt, und der Versargte konnte sich in Erstickungsnöten nicht rühren, vermochte nicht zu schreien, und seine Au- gen sahen nichts als die grausige Nacht, die den Sarg wie schwarze Wolle füllte. Mit einem Schrei fuhr er endlich in die Höhe. Er war in Schweiß gebadet. Der Morgen schielte bleich in die Dachkammer. Franz aber zog noch ru- hig den Atem ein, und seine Wangen waren rot und frisch in der Gesundheit des Schlafes. Heinz ging den ganzen Tag verstört umher, sprach nicht und aß nichts. Man drang in ihn,, er wich lange aus. Endlich stieß er es hervor: „Ich spiele heute abend nicht, ich spiele über- haupt nicht mehr!“ „Was ist in dich gefahren, du Eigensinn?“ fuhr ihn Signor Ercole an. Man wollte den Grund seines Verhaltens wissen, er ließ sich kein Geständnis abringen. Wie hätte er das entsetzliche Wort gebeichtet, das ihn auf der Drehscheibe überfallen? Sein hartnäckiges Weigern brachte die Dachwohnung in große Bestürzung. Signor Ercole sah sein Geschäft gefährdet, die Mutter das Bächlein ihres Wohlstandes vertrocknen. Sie war gestern bei der Aufführung bestän- dig von der Lust in den Schmerz und vom Schmerz wieder in die Lust geworfen worden. Jetzt wand sie sich in einem ähnlichen Zwie- spalt: so lange ihre Knaben bei dem gefährli- chen Gewerbe waren, mußte sie nun täglich zittern und bangen, das wußte sie; aber wenn sie nichts mehr verdienten, was dann? Sie sah ihr früheres Leben wieder vor sich, das Le- ben, das ein Sterben war, ein ewiges Bücken in Sorge und Niedrigkeit und Not. Sie hatte sich so sehr an ihren Überfluß gewöhnt, wie konnte, sie die alte Armseligkeit wieder ertragen? Und dann sollte sie ja von nun an als Frau Direktor die Knaben begleiten, konnte also täglich ih- ren Ruhm sehen, allezeit über sie wachen! Es wäre nun schwer, all den Zukunftsträumen zu entsagen. Und doch, wenn es ein Unglück gäbe, wenn Franz fiele …? Heinz hielt bis eine Stunde vor Beginn der Vorstellung aus. Die Mutter saß in einer Ecke, jeden der Knaben mit einem Arm umfassend. Signor Ercole ging unruhig grübelnd in der Stube auf und ab, seine Backenknochen stachen noch mehr als sonst hervor, sie glichen zwei vor den Kopf gehaltenen Fäusten, die bereit waren, loszuschlagen. Er sah ungemütlich aus. Nun trat er für einen Augenblick in sein Zimmer, um bald wieder mit einem Haufen Zeitungen zum Vorschein zu kommen, warf den papiernen Plunder auf den Tisch, hieß Heinz näher treten und las ihm nun Berichte über ihre Vorstellungen vor, wobei er die Sätze hervorhob, in denen das Wort Arrigo in ge- sperrten Lettern zu lesen war. „Und das willst du nun alles in den Graben werfen? Man soll dir nicht mehr klatschen,, nicht mehr ‚Bravo‘ rufen, keine Blumen mehr zuwerfen?“ „Das gilt ja nicht mir!“ „Was faselst du da?“ „Ich weiß es gut genug, das gilt alles ihm!“ Die Tränen traten ihm in die Augen. „Aha,“ dachte Signor Ercole, „steckt der Dorn da im Fleisch?“ Und er machte sich daran, dem Jungen Kummer, Eifersucht, Mutlosigkeit und was sonst in ihm wühlen und bohren mochte, aus dem Sinn zu reden: „Sind denn nicht die Zeitungen voll von deinem Lob? Hat so ein Schreiber je dich vergessen, wenn er Franz er- wähnte? Wenn zwei miteinander auftreten und zusammenspielen, so sind sie wie verwachsen, und einer gilt, was der andere. Im Theater seid ihr nicht der Heinz und der Franz, sondern die fratelli Zobelli, und wenn einer seine Sa- che schlecht macht, so taugt auch des andern Kunst nichts. Was wäre Franz ohne dich, und was könnte er dem Publikum zeigen? Nichts, er braucht dich! Soll er nun auch zu Hause hocken, weil du nicht mehr magst? Denkst du gar nicht an ihn? Sag’, Franzle, willst auch du nicht mehr? Möchtest du Tag für Tag auf der, Schulbank sitzen und jeden Augenblick vor des Schulmeisters Stecken die Hände verbergen oder den Kopf einziehen?“ Der Kleine machte eine Bewegung, als ob ihn schauderte. „Nein, nein!“ fuhr Signor Ercole fort, „ihr müßt zusammengehen wie Brüder, dann wer- det ihr reiche Leute, steinreiche Leute, sag’ ich euch! Könnt ein Leben führen, wie die Vögel im Hanfacker, und alle Zeitungen werden von den fratelli Zobelli voll sein, von dem Arrigo nicht minder als von dem Freschino. Was woll- test du denn anfangen, Heinz? Ein Schuster werden und pecheln, daß man dich auf eine Stunde röche? Oder ein Schneider, und vom Morgen bis zum Abend wie eine Kröte auf ei- nem Tische hocken, dir die Finger zerstechen, und wenn sich Gelegenheit zeigt, ein Fetzlein Tuch erschuften, nur damit du genug zu kauen hast? Oder ein Fabrikler, und mit rußigem Gesicht, zerhämmerten und narbigen Händen und ölfleckigen Flickhosen umherlaufen? Und Franz soll auch ein Schuster oder Schneider oder Fabrikler werden?“, Der Kleine schlich sich bekümmert heran und umschmeichelte den Bruder. „Und an die Mutter denkst du nicht und die vielen Geldstücke, die ihr für sie verdient?“ fuhr Signor Ercole fort, „habt ihr gestern nicht den ganzen glänzenden Haufen in der Schub- lade gesehen? Sieh, das Geld kann Franz nicht allein verdienen, da mußt du mit helfen! Es ist wie bei dem Baum mit den Goldblättern! Weißt du noch?“ Heinz hörte die Mutter tief aufatmen und spürte Franz wie ein Kätzchen an seiner Seite. Er bäumte sich innerlich noch, aber er war zu gutherzig, um Mutter und Bruder wehe zu tun, und außerdem schmeichelte es dem Ehrgeizi- gen, deutlich vernommen zu haben, daß er un- entbehrlich sei. „Aber die Mutter muß mitkommen!“ stieß er endlich, den Kampf aufgebend, hervor. Sie hatte am Abend zuvor erklärt, die Wag- halsigkeit nicht wieder ansehen zu wollen, die Angst, die sie ausgestanden, komme ihr Zeit ihres Lebens nicht mehr aus den Gliedern. Jetzt war sie leicht zu bewegen, den Gang zum zweitenmal zu unternehmen, sie hätte auch, sonst dem Verlangen, ihre Kinder bewundert zu sehen, wohl nicht lange widerstanden. „Und du mußt mich immer ansehen!“ „Ja, sei ruhig, ich werde dich immer anse- hen“, versicherte sie. Heinz wurde etwas leich- ter ums Herz, er erinnerte sich, daß das Auge der Mutter ihm am vergangenen Abend die Kraft gegeben hatte, bis zum Schlusse auszu- halten, ihr Blick sollte ihm auch heute helfen. Als Heinz die Schwelle des Theaters über- schreiten sollte, überfiel ihn die Angst wieder. Er stutzte und ließ sich von Signor Ercole hin- einschieben. Auf der Treppe stieß er auf Bianca, die in ihrem gelbseidenen Engelkleide heran- hüpfte, ihm im Vorbeihuschen mit ihrem lan- gen Finger einen Nasenstüber versetzte und sich dann an Franzens Schulter hängte. Heinz war ihre Neckerei kaum zum Bewußtsein ge- kommen, ihn beschäftigte die angstvolle Frage: „Werde ich ihn halten können?“ Das Programm stimmte bis auf wenige Ein- zelheiten mit demjenigen des ersten Abends überein. So war es immer: man führte vor, was sich als zugkräftig erwiesen hatte, und war das Publikum damit gesättigt, so zog man eben, weiter. Daher das rastlose aufreibende Wan- derleben von Stadt zu Stadt, aus einem Land in ein anderes, von Aufregung zu Aufregung. Die Zeitung hatte von den fratelli Zobelli ein großes Wesen gemacht, alles war auf sie gespannt, und der Saal gedrängt voll. Als Heinz einen Blick in den Raum warf, in den gähnenden Tierrachen, der die Bühne und alles, was sich darauf befand, zu verschlingen drohte, wuchs in ihm das beklemmende Ge- fühl, das ihn beim Eintritt in das Haus wieder überfallen hatte, und wie er auf der dachförmi- gen Treppe emporstieg, merkte er, daß er weni- ger flink und sicher war als sonst. Er nahm sich zusammen, er wollte, er mußte ja! Aber es wurde ihm alles sauer an diesem Abend; als er Franz auf dem Kopfe trug, war ihm, der Nacken werde ihm widerspenstig, es stecke ein böser Willen, eine Ungeduld, ein Ungehorsam drin, und die Treppe erschien ihm von unendlicher Länge und Höhe. Jetzt galt es, das Wagnis auf der Drehscheibe zu bestehen, vor dem er seit gestern ein unsäg- liches Grauen empfand. Er warf dem Direktor einen stehenden Blick zu; der aber verstand, ihn nicht und raunte ihm zu: „Wartest du noch auf eine Semmel? Auf und dran.“ Heinz fühlte, daß er widerstehen mußte, daß er an diesem Tage das Theater nicht hätte betreten sollen, und er sagte mit bebenden Lippen. „Ich kann nicht mehr!“ „Geh, man kann immer, wenn man muß!“ Heinz schüttelte den Kopf und schaute nach dem Ausgang, Fluchtgedanken im Sinn. Des Direktors Augen flackerten. „Gewahr’ dich!“ zürnte er. Es war im Saal ganz still geworden, Heinz fühlte, daß aller Augen, auch die der Mut- ter, auf ihn geheftet waren, und er zitterte vor Aufregung und Angst. „Ich will nicht mehr“, sagte er; aber Signor Ercole verstand es nicht so: „Geh, du Schlingel, oder ich hau’ dir eine runter!“ zischte er ihn an. Und nun fügte sich Heinz wie ein Verzweifelter, der sich sagt: „Meinetwegen, wenn ihr es haben wollt!“ Er faßte die Scheibe und stemmte sich dar- auf empor. Wie ihm aber Franz die Hände auf die Fußsohlen stützte und sein ganzes Gewicht auf ihn ablud, knickte er in den Ellbogen leicht, zusammen, er wußte, daß er ihn nicht würde halten können, und es kam wie eine dumpfe Neugier über ihn, wie das Entsetzliche nun ge- schehen möchte. Da hörte er Franz über sich flüstern: „Halt fest, Heinz.“ Das rüttelte ihn etwas auf und er raffte das bißchen Willen, das ihm geblieben war, zusammen. Er wollte das Unmögliche ver- suchen, er klemmte die Augen zu, er biß die Zähne zusammen, um jedes Tor, aus dem die Kraft entweichen konnte, zu schließen. Jeder Muskel, jede Faser zitterte an ihm und war dem Zerreißen nahe, die Kehle schnürte sich ihm zu und der Schweiß trat aus allen Poren, er meinte, alles Blut sause ihm wie ein Wild- bach durch den Kopf und zersprenge ihn. Die Scheibe fing endlich sich zu drehen an, viel langsamer als sonst, wie es ihm schien. Gerne hätte er dem Direktor zugerufen, sich zu beeilen, oder dem Bruder, abzuspringen, aber er vermochte es nicht, er fühlte, daß, sobald er sprach, das Unglück da war. Das ging eine Ewigkeit lang, und immer heftiger bebten ihm die Arme und immer ungeduldiger zuckte es in den Muskeln. Nun mußte etwas springen oder, reißen. Wenn Franz seinen Salto nun nicht machte, war er verloren. Die Zuschauer wurden seines Zitterns, das sich bis hinauf in die Zehenspitzen des Klei- nen fortsetzte, gewahr. Die Gewißheit eines Unglückes malte sich auf allen Gesichtern. Auch der Direktor sah, daß die Lage schlimm war, aber er sagte sich: „Er hat gestern auch ausgehalten.“ Doch fing er an, die Kurbel schneller zu drehen als sonst und raunte Heinz zornig zu: „Donnerwetter, nicht zittern!“ Die heftigen Worte schlugen wie Keulen- schläge an das Ohr des Knaben; er zuckte un- ter der Wirkung des nochmals aufgeschreckten Willens zusammen, er öffnete die Augen, und seine Blicke fielen auf die Mutter, die am glei- chen Platze saß wie tags zuvor. Er suchte Stärkung in ihren Blicken, sie hatte ihm ja versprochen, ihn beständig anzusehen. Aber ihre Angstaugen waren heiß nach oben gerichtet und verschlangen ihren Jüngsten. Nun war es aus, es ging ein Stoß durch den Leib des Knaben, ein Zucken wie das einer ab- schnellenden Sehne. Ein Stöhnen preßte sich durch seine zusammengebissenen Zähne., In der vordersten Bankreihe gellte ein markerschütternder Schrei, ihm antworteten hunderte im ganzen Haus und übertönten den grausigen Schlag auf der Bühne. Heinz fiel neben seinem Bruder zu Boden. Signor Ercole stürzte herbei und hob den Klei- nen in die Höhe. Franz schien leblos, die Arme hingen schlaff an ihm herunter, Blut quoll ihm aus Mund und Nase. Bei dem Anblick schnellte sich Heinz em- por und schrie wie ein Wahnsinniger, wie ein verwundetes Waldtier in den Zuschauerraum hinaus, so laut und wild und jammervoll, als seine Brust konnte. Niemand achtete auf ihn, man drängte sich heran, jeder von dem Gedan- ken getrieben, dem Kleinen zu helfen. Ein Arzt war zugegen, der stieg auf die Bühne, befahl mit grimmigen Blicken den Vorhang zu senken und kniete an Franzens regungslosem Körper nieder. Als Heinz eine halbe Stunde später sich von der Bühne wegschlich, schmiegte sich jemand weich an ihn an, und ein vertrauliches, süßes Geflüster drang ihm ins Ohr: „Gelt, du hast es gern getan?“, Es war Bianca. Ihre Stimme klang nicht etwa vorwurfsvoll, vielmehr heimlich froh, gleich der einer Mitverschwornen, boshaft und teuflisch wie jene andere, die Heinz die Kraft genommen hatte. Den Knaben fror bei dem Wort, er erinnerte sich an die süße Weise, mit der der gleiche Mund so oft den armen Franz umschmeichelt hatte: „Treu und herzinniglich …“ Er stieß das unheimliche Wesen von sich und entfloh., V.

Als Franz aus seiner Betäubung erwachte, lag er mit vielen andern in einem großen

Saal; ein Beutel mit Eis senkte sich auf seinen glattgeschorenen Kopf, der rechte Arm steckte in einem schweren Verbande. Neben dem Bette saßen die Mutter und Heinz, er lächelte ihnen zu, wie er sie durch die verschleierten Augen hindurch erkannte. Dem ‚Großen‘ stürzten die Tränen unter den Wimpern hervor. Franz schien sich zu besinnen und sagte: „Gelt, du hast mich fallen lassen?“ Heinz stöhnte etwas Unverständliches, faßte des Bruders Linke und drückte sie so fest, als er konnte. Bald schlummerte der Patient wieder ein, und Mutter und Bruder verließen den Saal auf den Fußspitzen., Franz genas rasch. Schon nach drei Wochen durfte er das Bett verlassen und im Garten des Krankenhauses sich ergehen, den rechten Arm trug er vor der Brust in einer Schlinge. Heinz war beständig um ihn, las ihm jeden Wunsch von den Lippen ab und sah ihn mit guten trau- rigen Augen an, die mit jedem Blick etwas ab- baten und des Bettelns nicht müde wurden. Man hatte ihn nicht getadelt, oder fast nicht. Er hätte lieber schwere Strafen über sich erge- hen lassen, das Geschehene lastete unsäglich auf ihm, die Zerknirschung schaute ihm aus den Augen und zitterte in jedem Worte, das er sprach. Wie ein Schatten schlich er einher, nur wenn er mit Franz zusammen war, suchte er heiter zu sein, um den Kleinen nicht auch traurig zu stimmen. Saßen sie im Spitalgarten auf einer einsamen Bank oder auf schattigem Rasen, so fing der Kleine gern von ihrer Kunst zu plaudern an, er sehnte sich so sehr danach, sie war ihm das Leben geworden. Heinz litt Martern bei diesen Gesprächen, ihm schau- derte bei dem Gedanken an den Riesenrachen, der nach der Bühne gähnte, und das Herz zit- terte ihm bei der Erinnerung an den Unglücks-, abend. Aber er ließ es sich nicht merken und fand sogar die Kraft, seinem Bruder zuzulä- cheln und zuzunicken und mit ihm Zukunfts- pläne zu schmieden: „Wenn du wieder ganz ge- sund bist, dann machen wir das und das und das …“ Von Zeit zu Zeit erschien Signor Ercole, der unterdessen Vorstellungen in den benachbarten Städtchen gab. Er erkundigte sich nach Fran- zens Befinden, ob ihm der Kopf gar nicht mehr wehe tue, auch nicht, wenn man darauf drücke oder er sich bücke, ob er die Finger im Gipsver- band bewegen könne und keine Schmerzen im Ellbogen und Handgelenk spüre. Mit ihm erschien fast immer auch Bianca. Sie tat, als wäre Heinz gar nicht zugegen, und überhäufte dafür Franz mit Aufmerksamkeiten jeder Art, nannte ihn ein armes aus dem Nest gefallenes Vögelein, einen Schmetterling, dem ein böser ‚Jung‘ einen Flügel ausgerissen habe, und ging nie, ohne ihm ihr Lied gesungen oder gesummt zu haben: „Hab’ ich doch manche Nacht Schlummerlos zugebracht, Immer an dich gedacht, Robin Adair.“, Heinz merkte wohl, daß sie mit diesen Din- gen weniger seinem Bruder etwas zulieb, als ihm etwas zuleid tun wollte; aber er war nun allen Sticheleien gegenüber waffenlos, wenn sie ihn auch schier aufrieben. Endlich kam der Tag, da man den Verband löste. Franz wurde aus dem Spital entlassen und kehrte in das Haus zum ‚Sack‘ zurück. Heinz führte ihn mit mächtiger innerer Freude, mit dem Gefühl, nun sei die schwere Schuld von ihm genommen, in der Mutter Stübchen hinein und hätte dabei kein Wort über die Lip- pen gebracht. Signor Ercole, der eben zugegen war, setzte sich auf einen Stuhl, nahm Franz zwischen die Knie und begann, den nun vom Gips befreiten Arm zu mustern, daran sorgfäl- tig zu ziehen und zu stoßen, zu drücken und zu drehen, und sein Gesicht wurde immer ern- ster. Er verließ das Haus, um bald darauf mit einem Arzt zurückzukehren, der sich ebenfalls über das fleischlose, in abgestorbener, gelber Haut steckende Glied hermachte. Als er zu Ende war, ließ er sich von Signor Ercole in sein Stübchen führen, wo sich zwischen den beiden ein lebhaftes Gespräch entspann, das dumpf, und geheimnisvoll durch die Fugen der Türe in die Wohnstube drang, wo die Mutter und die Knaben in ängstlicher Erwartung saßen. Heinz fühlte, daß die Schuld immer noch auf ihm lag und in diesen langen Augenblicken anschwoll. Am Abend desselben Tages stellte sich Si- gnor Ercole im Reiseanzuge vor seine Braut und sagte kurz: „Leb’ wohl, ich muß nun fort.“ Sie verstand ihn nicht. Er wiederholte mit vorgestreckter Hand: „Leb’ wohl und vergiß!“ „Was soll das heißen?“ stammelte sie. „Sei vernünftig! Meine Truppe muß essen und leben, sie braucht mich, ich kann nicht ewig hier bleiben.“ „Und die Buben?“ Er zuckte mit den Achseln und sagte halb- laut: „Es ist schwer, aber ich kann nicht helfen.“ „Du willst sie abschütteln?“ „Ich kann sie nicht mehr brauchen, des Klei- nen Hand taugt nichts mehr. Und mit dem Großen allein … Es tut mir leid, aufrichtig leid! Wen trifft es am meisten? Mich! Gottlob bin ich nicht schuld daran!“ Dies sagend schleuderte er nach Heinz ei- nen Blick, der diesem wie ein Messer durch die, Brust fuhr. Die Mutter aber sank halb betäubt unter dem Schlage auf einem Stuhle zusam- men und klammerte sich an die Lehne an. Dem Herrn Direktor wurde die Lage pein- lich, er streckte wieder seine knochige Rechte der armen Frau entgegen und sagte in einem Ton, der Teilnahme ausdrücken sollte: „Liebe Seline, es muß sein, du mußt dich fassen und drein schicken; adieu!“ „Und du und ich?“ stotterte sie. Er wiegte sich ein paarmal in den Hüften und sagte dann langsam: „Mir ist es aufrichtig leid, aber was sollen wir zusammen, wenn die Buben nicht mehr zu gebrauchen sind? Was sollte ich mit den beiden anfangen? Und was hätte ihre Mutter mit meiner Truppe zu schaf- fen? Du passest für mein Leben nicht mehr, gute Seline! Das mußt du doch selber einsehen!“ Nun erst begriff sie ganz, sie schnellte em- por und rief: „Geht man so mit mir um, und ist das unser Lohn?“ Er lächelte ihr mit beiden Händen zu, um sie zu beschwichtigen, und meinte trocken und entschlossen: „Das Leben ist hart und macht hart. Man muß fassen, was einem dient, und, lassen, was einen hemmt, so viel habe ich nun gelernt!“ „Du bist ein Schuft!“ fauchte sie ihn an, indem sie ihre Finger wie Krallen gegen ihn krümmte. Er wich zurück, die Hände zur Abwehr be- reit, und stieß hervor: „Wüte gegen den, der an allem schuld ist!“ Sie stürzte wie rasend auf ihn ein, prallte aber an seiner Faust so heftig zurück, daß sie schwer gegen den Tisch taumelte und beinahe fiel. Die Knaben brachen in lautes Geschrei aus und umklammerten die halb ohnmächtige Mutter. Signor Ercole benutzte die Gelegenheit, um zu verschwinden. In der Dachwohnung des Hauses zum ‚Sack‘ war es an jenem Abend so drückend, als hätte der Tod Einkehr gehalten. Die Mut- ter saß wie gelähmt auf ihrem Stuhle, sann und sann und ließ dann und wann, ohne es zu merken, eine Träne auf die Schürze fallen. Sie war also eine im Stich Gelassene, mit Ver- achtung und Schmach Bedeckte. Warum? Was hatte sie denn getan? Hatte sie ihn begehrt,, sich ihm an den Hals geworfen? Hatte sie sich nicht lange genug gesträubt? Was für ein ge- wissenloser Bube mußte er sein! Er schien sie nicht mehr zu achten als einen Hund! Ihr graute nun vor ihm. Wie ruchlos und selbst- süchtig muß der sein, der Menschen achtet wie Hunde! Der ihnen den Tritt gibt, sobald es ihm in den Kram paßt! Ja, es war wohl gut, daß es zwischen ihnen nicht weiter kam! Sie schämte sich nun, ihm Gehör und auch ein Stück ihres Herzens geschenkt zu haben. Sie empfand vor sich selber jenen Ekel, der diejenigen befällt, die ihre Liebe an einen Unwürdigen gehängt haben. Aber sie sann auch an das andere, an den Wohlstand, der durch ihn in ihr Stübchen ge- flossen und an den sie sich so bald gewöhnt hatte. Nun waren ihre Glücksträume aus, nun hätte sie sich am liebsten neben ihren Wilhelm ins Grab gelegt. Oh, daß er nicht da war, wie wäre sie ihm um den Hals gefallen, um sich auszuweinen und auszuschluchzen und ihn um Verzeihung zu bitten. Heinz stand all die Zeit am Fenster und starrte auf das Gewirr der Dächer, nur um kei-, nem Menschengesicht, keinem vorwurfsvollen Blicke zu begegnen. Den Kleinen allein hatte der Schlag nicht zermalmt. Wohl begriff er nun, daß mit seiner Hand auch seine Kunst gebrochen war, und er hätte bei dem Gedanken am liebsten geweint; aber wie er Mutter und Bruder so niederge- schlagen sah, suchte er sich heiter zu stellen, ging bald zum einen, bald zum andern und versuchte etwas Gutes zu sagen oder eine Lieb- kosung anzubringen. Seine Mühe war verloren, in dem früher so hellen Dachstübchen verwan- delte sich jedes frohe Wort in eine Klage, in einen Vorwurf, in einen Nadelstich, jede Ant- wort war ein Seufzer, ein Zusammenzucken, eine Träne oder ein ganzer Strom. Sobald die Sonne hinter die Dächer gesun- ken war, schickte die Mutter die Knaben in ihre Kammer, sie ertrug das Zusammenleben an diesem Abend nicht. Wortlos schlüpften die Brüder in ihr altes Bett. Als sie nebeneinander- lagen, schlang Heinz die Arme um den Hals des Kleinen und sagte in flehentlichem Tone: „Franzli, gelt, du bist mir nicht böse!“ „Nein, nein, du bist ja nicht schuld!“, „Doch, ich bin schuld, wenn ich nur fort könnte, weit, weit weg!“ Franz schalt ihn wohlmeinend und zärtlich ob der Rede und fuhr ihm streichelnd mit der Hand durchs Haar, bis er selber unter der Wir- kung der gleichförmigen Bewegung entschlief. Heinz fand in seiner Beklemmung den Schlaf nicht. Er hörte die Mutter in der Stube nebenan auf und ab gehen, lange, endlos, mit gleichmäßigem schlarfendem Tritte. Endlich schob sie sich einen Stuhl zurecht, Heinz hörte ihn unter ihrem Gewichte knacken und glaubte sie zu sehen, wie sie, den Kopf auf den Tisch gesenkt, schluchzte und sich härmte. Das er- schütterte auch ihm die Brust und er hätte laut aufgeschrien, wäre nicht der schlafende Bruder in seinen Armen gewesen. Der Mond schien durch das Dachfenster- chen auf das Bett und streifte des Kleinen Ge- sicht, das im Schlafe ruhig dalag, lächelnd, wie es schien, als schwebte ein friedsamer Traum darüber. Es mochte Mitternacht sein, als Heinz die Türe leise gehen hörte. Ein Lichtschimmer drang herein und ein behutsamer Tritt nahte., Der Knabe schloß die Augen, um der Mutter sein Wachen nicht zu verraten, er fürchtete ge- scholten zu werden. Sie trat ans Bett heran, von der Seite her, wo Franz lag. Heinz sah zwischen den Wim- pern hindurch, daß sie sich über den Bruder neigte und ihn mit langen Blicken anschaute, mit jenen Blicken voll Zärtlichkeit und Teil- nahme und Liebe, nach denen er sich selber so sehr sehnte, weil darin für ihn alles, Leben und Vergebung gelegen hätte. Nun senkte sie das Gesicht tiefer, und dreimal vernahm er das Ge- räusch eines Kusses und dann einen schweren Seufzer und ein Flüstern der Lippen wie ein kurzes Gebet. Sie richtete sich wieder empor, warf Heinz, wie ihn dünkte, einen raschen Blick zu und entfernte sich dann. Er hatte erwartet, sie werde nun auch zu ihm treten, sich ebenfalls über ihn neigen, und er hätte dann die Arme gereckt, sie ihr um den Hals geschlungen und so Vergebung erbettelt; aber sie strebte gera- denwegs zur Türe zurück. Da hielt er es nicht mehr aus. Er stürzte aus dem Bette und ihr zu Füßen, umklammerte ihr die Knie mit der gan-, zen Kraft und Inbrunst seiner Arme und seiner Brust und flehte: „Sei mir nicht böse, Müeti! Sei mir nicht böse, Franz ist es ja auch nicht! Ich halte es nicht mehr aus!“ Sie sah hart auf ihn herab, sie hatte den ganzen Abend nicht an ihn zu denken ver- mocht, und drängte sein Bild sich ihr doch aus, so füllte sich ihre Brust immer mit bitterem Zorn. „Geh ins Bett und schlafe!“ fuhr sie ihn un- wirsch an. „Sag mir zuerst, du seiest nicht böse! Sag’s, Müeti! Oder schlag mich und sei dann wieder gut! Schlag mich, so stark du kannst!“ „Geh, ich möchte am liebsten ins Wasser springen, man hat nichts als Kummer von dir!“ „Bin ich denn allein schuld? Ich wollte ja nicht mehr spielen!“ Die Tränen rollten ihm aus den Augen und bettelten für ihn. Ach, was waren ihr Tränen, sie hatte heute selber deren genug vergossen und erwiderte: „Nein, du bist nicht schuld!“ Er fühlte, daß sie es anders meinte, ihr: „du bist nicht schuld“ war spitz wie eine Nadel. Fester klammerte er sich in der Angst seines, Herzens an sie an, sie aber hatte den Auftritt satt und ließ ihn rauh an: „Laß mich los, soll der Kleine deinetwegen aufwachen!“ Nun fielen seine Arme schlaff herab, und sie ging in ihre Schlafkammer. Einen Augen- blick empfand sie Reue über ihr unmütterliches Betragen, und sie war im Begriffe umzukehren. Aber nein, sie konnte es nicht, sie konnte für ihn kein gutes Wort finden, heute wenigstens nicht, ihr unsäglicher Schmerz und ihr Zürnen mußten sich auf jemand entladen. Heinz blieb auf dem Boden liegen und wand sich. Er wurde von derjenigen gehaßt, die er so sehr liebte, er hat sie und Franz unglücklich gemacht, wie konnte er das aushalten? „Fort, weit, weit weg!“ tönte es in ihm, und dann hörte er wieder ein anderes Wort, ein Wort der Mutter. Das ward ihm zu einer Er- leuchtung. Er wartete, bis alles ganz still geworden war, dann erhob er sich, schlüpfte leis in die Kleider, beugte sich über Franz, ohne ihn jedoch zu be- rühren, aus Furcht ihn zu wecken, und schlich auf den Zehen in die Stube und von da in den Hausflur und die Treppe hinunter, in beständi-, ger Angst, die Stimme der Mutter möchte hin- ter ihm erschallen. Mit Anstrengung schob er den schweren Riegel zurück, und dumpf und knurrig schlug die ungefüge Tür hinter ihm zu. Er eilte hinaus in den ‚Sack‘, an der Werkstätte Meister Wäspis vorbei und dann die stillen, menschenleeren Gassen entlang, nur von sei- nem flüchtigen Schatten und dem Monde be- gleitet. Die Mutter hatte ihm mit ihrem Worte: „Ich möchte am liebsten ins Wasser springen!“ den Weg gewiesen. In früheren Jahren hatte er sich daran gewöhnt, unter dem Sprung ins Wasser sich etwas Gutes, Erleichterndes vorzu- stellen, er hatte ihn ja schon einmal versuchen wollen, jetzt galt es ernst. Schon sah er die Brücke vor sich und deut- lich gurgelte und rauschte und flüsterte nun der Fluß empor. Es wurde Heinz ganz leicht zumute, das mußte ja die Erlösung sein! Wie andere Menschen ins Bett steigen, mit dem Vorgefühl der Ruhe und der Schwerelosigkeit die Decke zurückschlagen und sich hinsinken lassen, so stieg er auf das eiserne Geländer und darüber weg, ohne zu zaudern, ohne Furcht und Grausen, drunten lag ja sein Ruhebett., Die Wasser rauschten kaum auf, als er ver- sank; nicht einmal sie spendeten ihm Beifall, als ihm endlich sein Salto mortale gelang. Das war nun einmal sein Los. Tags darauf fand ein Fischer den Leichnam eine Stunde unterhalb der Stadt. Das Röhricht hatte Heinz mit weichen Armen aufgenommen und gewiegt und gab ihn nun den Menschen und dem Staube zurück. Das Antlitz war ruhig, wie das eines Schlä- fers, nur um den Mund lag ein leichter Zug der Unzufriedenheit, als verfolgte der bittere Ge- schmack der Zurücksetzung den Armen auch im Tode noch.]
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EIN TERRA-TASCHENBUCH GORDON R. DICKSON IM GALAKTISCHEN REICH Deutsche Erstveröffentlichung ERICH PABEL VERLAG KG • RASTATT/BADEN Titel des Originals: WOLFLING Aus dem Amerikanischen von Dr. Eva Sander TERRA-Taschenbuch Nr. 218 TERRA-Taschenbuch erscheint vierzehntäglich im Erich Pabel Verlag KG, 75
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Was würden Sie tun, wenn Sie sich plötzlich ins an- tike Rom versetzt fänden – sagen wir ins Rom des Jahres 535? Man könnte das Schießpulver »erfin- den« und die Macht im Reich an sich reißen … Oder man könnte sich dank besserer Geschichtskennt- nisse als Wahrsager betätigen und viel Geld verdie- ne
DERC VlaRE reR ClaomManE rk S SER
DERC VlaRE reR ClaomManE rk S SER Rita SAeuuKsßo d luleenmkdt iEB vne Dgrnlisch ruhcakr- edRn Je ev i nfo dnr icke, I Hoffmann u nd Campe I Diei mOr VidginalauDie Arbeit deeermrla ÜTgb iVte sigabe erschien 2005 unter wurde vom Deuetrk ls »ienTtgzh/eePr Great Stink« sgcehföerndÜeabnmegr uvsioenrt,z l
Aidan Chambers Nachricht aus dem Niemandsland
Aidan Chambers Nachricht aus dem Niemandsland Aidan Chambers, 1934 in Durham, England geboren, arbeitete zunächst als Lehrer, ging dann für sieben Jahre als Mönch des Anglikanischen Ordens ins Kloster und lebt seit 1968 als freier Schriftsteller in einem Dorf in der Grafschaft Gloucestershire. Seine
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Ins Deutsche übertragen von Michael Krug BASTEI LUBBE TASCHENBUCH Band 20 541 1. Auflage: Juli 2006 Vollständige Taschenbuchausgabe Bastei Lübbe Taschenbücher in der Verlagsgruppe Lübbe Deutsche Erstveröffentlichung Originaltitel: Impossible Odds © 2003 by Dave Duncan © für die deutschsprachige Ausg
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Arne Dahl Falsche Opfer Kriminalroman Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt Piper München Zürich Von Arne Dahl liegen auf deutsch außerdem vor: Misterioso (Serie Piper 3992) Böses Blut (Piper Original 7041) Deutsche Erstausgabe April 2004 © Arne Dahl 2000 Titel der schwedischen Originalausgabe: »Up
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