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Katja Böhler/Jürgen Hoeren (Hrsg.) Afrika Mythos und Zukunft bpb: Bundeszentrale für politische Bildung Schriftenreihe Band 426 Afrika Mythos und Zukunft Afrika – der dunkle Kontinent? Im Bewusstsein vieler ist das Afrikabild durch negative aktuelle Schlagzeilen bestimmt oder von Klischees geprägt, die eine lange und zähe Geschichte haben. Dieses Buch lenkt das Augenmerk auf einen faszinierenden Kontinent, der von Tradition und Moderne ebenso geprägt wird wie von vielfältigen Entwicklungen, die auch hierzulande wahrgenommen werden sollten. In Afrika liegt nicht nur die Wiege der Menschheit, de...
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Katja Böhler/Jürgen Hoeren (Hrsg.)

Afrika Mythos und Zukunft

bpb: Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Band 426

Afrika Mythos und Zukunft

Afrika – der dunkle Kontinent? Im Bewusstsein vieler ist das Afrikabild durch negative aktuelle Schlagzeilen bestimmt oder von Klischees geprägt, die eine lange und zähe Geschichte haben. Dieses Buch lenkt das Augenmerk auf einen faszinierenden Kontinent, der von Tradition und Moderne ebenso geprägt wird wie von vielfältigen Entwicklungen, die auch hierzulande wahrgenommen werden sollten. In Afrika liegt nicht nur die Wiege der Menschheit, der schwarze Kontinent hat auch eine beeindruckende Gegenwart, sichtbar in vielfältigen vitalen Aufbrüchen und neuen Entwick- lungen in Kultur und Politik, in Religion und Gesell- schaft., Katja Böhler/Jürgen Hoeren (Hrsg.)

Afrika

Mythos und Zukunft bpb: Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2003 Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung © Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2003 Umschlaggestaltung: Michael Rechl, Wanfried Umschlagfotos: oben: ullstein bild/Mitterbauer, Kamerun unten: dpa/Kärkkäinen, Nairobi/Kenia rechts: dpa/Langenstrassen, Sierra Leone Satz: Barbara Herrmann, Freiburg Druck und Bindung: freiburger graphische betriebe ISBN 3-89331-502-0,

Inhalt

Vorwort .9

I. Deutschland in Afrika – Afrika in Deutschland

1. »Ich setze mich nicht neben einen Neger« Alltagserfahrungen eines Afrikaners in Deutschland .11 Von Osman A. Sankoh 2. Folgenschwere Konstrukte Beobachtungen zu Afrika-Bildern in weißen Köpfen .20 Von Kodjo Attikpoe 3. »Für’s Vaterland nach Afrika« Deutsche Kolonialpolitik und der Hereroaufstand .35 Von Katja Böhler

II. Kontinent ohne Geschichte?

1. Vergessene Glanzzeiten Afrika geschichtsloser Kontinent? .48 Von Walter Sauer 2. Wir sind alle Afrikaner Afrika – Ursprung der Menschheit .61 Von Friedemann Schrenk und Stephanie Müller 3. Die Jahrhunderte des Sklavenhandels Über die Schwierigkeit, über afrikanische Geschichte zu schreiben .73 Von Andreas Eckert

III. Soziales Leben in Afrika

1. Frauen, Männer, Kinder Familienalltag im ländlichen und städtischen Afrika .83 Von Rita Schäfer, 2. Bildungschancen und Eliten Wo sind die grünen Weiden? .98 Von Stefan Ehlert 3. Zwischen Nobelvororten und Slums Afrikas Städte – am Beispiel Lagos .110 Von Ludger Schadomsky 4. Am Schnittpunkt großer Handelsstraßen Leben in der Wüste – am Beispiel Timbuktu .123 Von Regula Renschier

IV. Kultur in Afrika

1. Mehr als der Zauber der Trommeln Vom Reichtum afrikanischer Musikkulturen .134 Von Wolfgang Hamm 2. Tiefes Graben nach den Quellen Verlegererfahrungen mit afrikanischer Literatur .147 Von Hermann Schulz 3. Sie predigen die Apokalypse Die Radikalisierung der Religionen .160 Von Michael Bitala

V. Konfl iktfelder des Kontinents und Ausblick

1. Ein zerstörerisches Geschäft Über Bürgerkriege in Afrika und Chancen des Aufbaus .172 Von Georg Elwert 2. Tötet Aids den Kontinent? Wie Krankheiten Staaten verändern .192 Von Dagmar Wittek 3. Versöhnung nach dem Völkermord? Perspektiven für Ruanda .204 Von Wolf-Christian Paes, 4. Der lange Weg nach Europa Warum junge Afrikaner ihre Heimat verlassen .215 Von Susanne Babila 5. Strukturelle Instabilität und Wachstumsschwäche Wohin steuert Afrika? .226 Von Robert Kappel Anmerkungen .246 Über die Autoren .261 Übersichtskarte .266,

Vorwort

Lange Zeit haben die Deutschen den afrikanischen Kontinent politisch und kulturell vernachlässigt. Wenn irgendwo in Afrika Hungerkatastrophen auftreten und wir die Bilder ausgemergelter Kinder sehen, verfestigen sich Klischees, die sich zum Teil über Jahrhunderte entwickelt haben: Afrika als Kontinent der Bürgerkrie- ge, des Chaos, der Unterentwicklung, der Korruption, des Elends, heimgesucht von AIDS und Seuchen. Im Geschichtsunterricht, in den Medien und in der öffent- lichen Wahrnehmung spielt Afrika kaum eine Rolle. Positive Entwicklungen werden kaum zur Kenntnis ge- nommen. Ziel dieses Buches ist es daher, die Vielfalt und Vielschichtigkeit des Kontinents ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit zu rücken und damit ein realistischeres Bild von der afrikanischen Wirklich- keit zu skizzieren, ohne die negativen Aspekte zu ver- schweigen. Darüber hinaus geht es um folgende Fragen: Wie erleben Afrikaner Deutschland? Warum verlassen so viele Afrikaner ihre Heimat? Was wissen wir über die Geschichte Afrikas bzw. die deutsche Geschichte in Afrika? Welche Afrika-Bilder haben wir – wie sind sie entstanden und wie beeinflussen sie unser Denken und Handeln? Wie sieht das Leben in Afrika heute tatsäch- lich aus und welche Rolle spielen Religionen und Tra- ditionen? Die Beiträge, die aus wissenschaftlicher und journalistischer Perspektive verfasst wurden, sollen ei- nerseits den aktuellen Stand der Forschung vermitteln, dem Leser aber zugleich das moderne Leben auf dem afrikanischen Kontinent näher bringen. Die Zusam-, menstellung der Beiträge erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, vielmehr wollen die, Herausgeber das Interesse für den Kontinent neu wecken. Konkreter Anlass für dieses Buch ist ein Schwer- punktprogramm Afrika des Kulturprogramms von SWR2 (Südwestrundfunk). Katja Böhler Jürgen Hoeren im August 2003,

I. Deutschland in Afrika – Afrika in Deutschland

1. »Ich setze mich nicht neben einen Neger« Alltagserfahrungen eines Afrikaners in Deutschland Von Osman A. Sankoh Ein dünner Lichtstrahl zwängte sich durch das Fenster und traf mich genau auf der Stirn. Ich öffnete meine Augen einen Spalt und sah nach oben an die Zimm- erdecke. Ich glaubte zu träumen, denn was ich sah, war mir nicht vertraut. Ich schüttelte meinen Kopf ein bisschen, um richtig wach zu werden. Ich erhob mich von dem Bett, schob die ungewohnt schwere Bettdek- ke zur Seite und ging schwerfällig zum Fenster. Ich schob die Vorhänge zur Seite und schaute hinaus. Ich sah etwas, was mir wie ein Häusermodell auf dem Tisch eines Architekten erschien. Unter und zwischen den Häuserreihen gab es eine saubere graue Straße, die Markierungen in Form von geraden weißen Linien und Pfeilen aufwies. Die Ampel wurde grün, und ich sah, dass ein weißer Mann seine Kinder zur Schule brachte. »Ich bin in Deutschland!« Es war Ende 1998. Als das Flugzeug über Deutschland hinunterging, fing mein Herz an, schneller zu schlagen. Ich machte mir klar, dass dies eine einmalige Gelegenheit war. Ich dachte an meine vielen Landsleute, die gerne ausrei- sen und das Leben in Übersee kennen lernen wollten. Einige würden alles Mögliche tun, um dieses Ziel zu erreichen. Ich dankte meinen Sternen, dass ich nicht hatte kämpfen müssen, um hierher zu kommen. Ich, hatte an der Universität in Sierra Leone hart gearbei- tet, und jetzt war es der weiße Mann selbst, der mir ein Ticket gekauft hatte und der für meinen Lebens- unterhalt in seinem eigenen Land zahlen würde. * Welch ein Willkommen! Eines Nachts gegen halb zwei wurde in unsere Wohnung eingebrochen, während meine Frau und ich schliefen. Wir hatten große Angst, der Einbrecher könnte uns etwas antun. Wir riefen deshalb die Polizei an. Wir waren sehr froh, dass in- nerhalb weniger Minuten zwei große deutsche Polizi- sten kamen. Als sie jedoch sahen, dass wir Afrikaner waren, baten sie uns als Erstes darum, unsere Reise- pässe vorzuzeigen. Wir waren enttäuscht. Sie blätter- ten sie durch und überzeugten sich davon, dass wir eine gültige Aufenthaltsbewilligung hatten. Dann gaben sie uns die Pässe zurück, und das war alles. Sie wiesen uns an, den Diebstahl am nächsten Morgen zu melden und verließen uns dann. * Es stimmt, dass einige Afrikaner bei Straftaten er- wischt werden. Aber dies ist kein ausreichender Grund, alle Afrikaner in Deutschland dieser Gruppe zuzuordnen. Dahinter versteckt sich folgendes Vorur- teil: Ein Afrikaner in Deutschland wird im Allgemei- nen als ein armer Mann wahrgenommen – im Hinter- kopf sind immer die verhungernden Afrikaner, die im deutschen Fernsehen gezeigt werden., So nahm mich ein junger und netter deutscher Fahrer an einem Samstagabend von Frankfurt nach Dortmund mit. Er wollte, dass ich ihm sage, wo er mich in Dortmund absetzen sollte. »Ich hätte Sie sonst an der Bushaltestelle abgesetzt, denn ich weiß nicht, wo das Asylantenheim ist«, sagte er entschuldi- gend zu mir. * An der Universität hatte ich mich mit anderen Dingen herumzuschlagen. Ich musste an einem Projekt teil- nehmen, das in verschiedenen Arbeitsgruppen or- ganisiert war. Als ich ankam, hatten sich die weißen Studenten schon in Gruppen aufgeteilt, und so war es sehr schwierig für mich, noch einen Platz in einer Gruppe zu bekommen. Es gelang mir nur mit Mühe, mich einer Gruppe anzuschließen, die noch Platz für zwei weitere Studenten hatte. Manchmal musste ich die anderen praktisch anflehen, mich zu akzeptieren. Also ehrlich, es war so entwürdigend! Als Afrikaner muss man seinen Stolz hinunter- schlucken, um vorwärts zu kommen. Man muss sich dazu zwingen, freundschaftliche Beziehungen zu Deutschen aufzubauen, weil sich sonst niemand um einen kümmert. Die Deutschen denken offenbar, dass es sich nicht lohnt, einen afrikanischen Freund zu haben, weil man von ihm nicht profitieren kann. * »Herr Sankoh, Ihr Apartment ist für Ihre Frau und Sie zu klein. Die Vorschriften verlangen, dass Sie ein, mindestens 45 m2 großes Apartment haben, um ver- nünftige Lebensbedingungen für zwei Personen zu haben«, erklärte mir ein Beamter, nachdem ich ihm voller Stolz die Bewilligung meines Stipendiums und meinen Mietvertrag auf den Schreibtisch gelegt hatte. Er nahm seine Lesebrille ab und sagte, dass ich de- finitiv ein Apartment brauchte, das der vorgeschrie- benen Mindestgröße entspreche, sonst wäre es nicht möglich, meine Frau nach Deutschland kommen zu lassen. Ich versuchte mir vorzustellen, warum elf Qua- dratmeter solch einen großen Unterschied machen sollten. »Aber das Apartment ist für meine Frau und mich groß genug«, versuchte ich ihn umzustimmen. Ich wollte ihm von meinen Problemen an der Uni er- zählen. Ich wollte ihm erklären, was mir die Anwe- senheit meiner Frau bedeutete. Ich wollte ihn fragen, wie er sich fühlen würde, wenn ich ihm als Beamter der Ausländerbehörde in Sierra Leone gesagt hätte, dass er seine Frau wegen elf Quadratmetern nicht zu sich holen könnte. Das wollte er jedoch nicht hören. Als er den nächsten in sein Büro hereinrief, merkte ich, dass er meinen Fall als erledigt ansah. Ich fand den Mann kaltherzig. Dann aber versuchte ich mir klarzumachen, dass er lediglich Vorschriften und Be- stimmungen ausführte, die er nicht selbst gemacht hatte. Zustimmen konnte ich ihm aber nicht. Mir blieb also nichts anderes übrig, als mich auf dem privaten Wohnungsmarkt umzusehen, um eine größere Wohnung zu finden. Es war grauenhaft! Was die Sache noch verschlimmerte: Sobald die Leute merkten, dass ich Ausländer war, legten sie einfach den Hörer auf. Manche sagten zwar, ihnen sei es egal,, dass ich Ausländer sei, aber sobald ich ihnen sagte, dass ich schwarz sei, hielten sie für einen Moment inne und erklärten mir dann, dass es nicht gut für mich wäre, in ihrer Wohngegend zu leben. Also machte meine Hautfarbe die Lage noch schwieriger. * »Herr Sankoh, Ihre Frau muss in unserem Land Haus- frau bleiben. Etwas anderes ist nicht möglich«, erklär- te uns ein Beamter. »Es ist egal, ob sie in Sierra Leone Studentin war oder nicht. Der Grund, warum sie hier- her gekommen ist, war die Familienzusammenführung und sonst nichts. Sie hat also weder eine Arbeitser- laubnis noch die Erlaubnis, hier zu studieren; ich hoffe, das ist Ihnen klar. Es ist mir unangenehm, es Ihnen zu sagen, aber sie muss als Hausfrau zu Hause bleiben, bis Sie ihr Studium beendet haben und in ihr Land zurückkehren. Wenn sie studieren möchte, muss sie erst nach … Aus welchem Land kommen sie noch mal?«, fragte er. Meine Frau und ich sahen uns an, bedankten uns und verließen das Büro. Der Mann hatte unsere ein- fache Frage unfreundlich beantwortet und hatte keine Anstalten gemacht, uns irgendwie weiterzuhelfen. Warum? Manchmal habe ich den Eindruck, dass diese Leute einfach schon zu abgestumpft sind. Aber ich denke, es hängt davon ab, wen man trifft und in wel- cher Stimmung er oder sie gerade ist. Es ist also falsch, alle über einen Kamm zu scheren. *, Es dauerte noch vier Minuten, bis die S-Bahn abfuhr. Meine Frau und ich saßen uns gegenüber, so dass zwei Plätze neben uns frei waren. Eine deutsche Frau stieg mit ihrem fünfjährigen Sohn ein. Sie hatte strähnige Haare und sah ungepflegt aus, das Gleiche galt für ihren Sohn. »Nimm den Platz da«, sagte sie und zeigte ihrem Sohn den freien Platz neben uns. Der Junge verzog voller Verachtung den Mundwin- kel. »Nein, ich setze mich nicht neben Neger«, erwi- derte er laut und mit schriller Stimme. Jetzt schau- ten uns alle Fahrgäste an. Die Mutter schien verlegen zu sein. »Nein, das sind keine Neger! Halt dein großes Maul!«, schrie sie ihren Sohn an. »Aber du hast mir doch gesagt, dass alle Schwarzen Neger sind«, prote- stierte der kleine Junge. »Diese hier sind keine Neger, kleines Schwein!«, schimpfte die Mutter, der die Si- tuation sichtlich peinlich war. Sie sah sich um. Ich sah meine Frau an, die bei dem Versuch, ihren Ärger zu unterdrücken, ihren Kopf gesenkt hatte. Ich stand auf und ging zu dem kleinen Jungen, ging vor ihm in die Hocke und fing an, mit ihm zu reden. »Schau her, mein Freund, ich bin genauso ein Mensch wie du«, sagte ich in gutem Deutsch zu ihm. »Eh, du kannst Deutsch?«, fragte er mich. »Ja, komm und setz’ dich zu mir. Ich muss dir etwas erklären«, versuchte ich ihn zu ermutigen. Er sah mich völlig überrascht an und nahm die Einladung an. * Es gab eine Zeit, in der ich dringend einen Job brauch- te, um die ausstehende Miete für mein Apartment auf- bringen zu können. Also ging ich zum Studenten-Ser-, vice beim Arbeitsamt und verbrachte dort den ganzen Tag, um geduldig auf ein Jobangebot zu warten. Als ich endlich eine Karte mit einem Jobangebot bekam, war ich richtig glücklich. Der Job – Be- und Entla- den von LKWs mit Ware – war von einem Supermarkt gemeldet worden. Der Studenten-Service hatte mit dem Supermarkt ausgemacht, dass ich direkt dorthin kommen sollte, um mich vorzustellen. Ich lief sofort zur Haltestelle, um mit der Straßenbahn dorthin zu fahren. Ich fand die Frau, die den Studenten-Service an- gerufen hatte, beim Durchblättern eines Papiersta- pels. Als ich in ihr Büro trat und ihr erklärte, dass ich wegen des ausgeschriebenen Jobs gekommen sei, sah ich ihren Stift aus ihren Fingern gleiten, als ob sie eben taub geworden wären. Sie schien in ihrem Sessel zu versinken. Sie verschränkte die Finger ineinan- der und zeigte so ihre perfekt manikürten Nägel. Sie hatte eine lange gerade Nase, die riesig wirkte, weil ihre Augen, die fast vollständig von ihren Lidern ver- deckt wurden, so klein waren. Sie musterte mich von Kopf bis Fuß. »Die Verwaltung hat gerade beschlossen, dass wir den Job für eine Weile streichen«, sagte sie und zuckte mit beiden Schultern, als ob sie damit ausdrücken wollte, dass dies nicht ihre Entscheidung war. »Aber vor dreißig Minuten hat jemand mit Ihnen gesprochen, und Sie baten darum, dass der Stu- dent umgehend zu Ihnen käme«, protestierte ich, um sie wissen zu lassen, dass ich wusste, dass sie mich anlog. Tja! Sie hatte eben keinen schwarzen Studen- ten erwartet., Die meisten Menschen in Europa sehen nur das Schlechte in Afrika und versuchen, mir meine Zuver- sicht und Hoffnung zu nehmen. Wenn ich hier aus der Tür trete, bin ich ihnen dankbar, dass sie mich ein besseres Leben in ihrem Land leben lassen. Ja, ich sehe die Armut, über die die Menschen in Europa und Amerika reden, weil ich die Welt jetzt auch aus ihren Augen betrachten kann. Aber diese Mischaugen, mit denen ich jetzt sehe, haben mich nicht glücklicher als früher gemacht, als ich noch in meinen Dörfern war. Meine Augen waren früher einmal anders. Ich konnte das meiste Negative nicht sehen, das einem hier im Westen dauernd vor Augen geführt wird. Aber mit meinen Mischaugen, mit meinen Erfah- rungen aus dem Alltag hier in Deutschland, kann ich noch mehr Sachen sehen, die ich früher nicht sah. Ich sehe täglich Leute, die auf mich herabblicken. Ich sehe sie voller Verachtung, wenn ich näher an sie her- ankomme. Ich kann hier nicht viele Freunde sehen. Aber ich sehe viele Menschen, die fast keine materi- ellen Sorgen haben, die aber trotzdem nie zufrieden sind mit dem, was sie haben. Lassen Sie mich jetzt diese Mischaugen schließen, meine Dorfaugen wieder öffnen und mir mein Dorf vorstellen… Oh, Gott! Meine Dorfaugen können jetzt auch etwas Negatives sehen. Meine Sichtweise hat sich für immer verän- dert. Ich sehe Gutes und Schlechtes – überall. * Meine Tochter musste am Herzen operiert werden. Ich wollte mit den Professoren sprechen, die die Operati-, on durchführen wollten. Als ich der Sekretärin eines Professors von meiner Tochter erzählt hatte, machte sie eine Bemerkung, die mich zutiefst verletzte und die ich nie vergessen werde. »Oh, ja!«, sagte sie, ohne mich anzusehen, »ich habe gehört, dass einige Leute sich am Herzen operieren zu lassen, nur um eine Auf- enthaltsverlängerung in unserem Land zu bekom- men.« Ich ärgerte mich so sehr, dass ich nicht ein Wort sagen konnte. Das Negative wendete sich für meine Tochter noch zum Positiven. Innerhalb von drei Monaten wurde ein Gesamtbetrag von 56.118,72 DM von Leuten gespen- det, die uns gar nicht kannten. Die Menschen waren so besorgt, dass eine Ärztin ihren Schmuck im Wert von 22.000 DM für die Operation zum Verkauf anbot. Dies beweist allen von uns, dass Verallgemeinerungen über Menschen, seien es Europäer, Amerikaner oder Afrikaner, nicht gut sind. Es gibt immer viele Men- schen, die den Verallgemeinerungen nicht entspre- chen., 2. Folgenschwere Konstrukte Beobachtungen zu Afrika-Bildern in weißen Köpfen Von Kodjo Attikpoe Man kann nicht stets das Fremde meiden. Das Gute liegt uns oft so fern Goethe (Faust I) Trotz der jahrhundertelang währenden europäisch- afrikanischen Beziehungen ist Afrika im westlichen Kulturraum noch immer wenig bekannt. Einer der Gründe für die Wahrnehmung Afrikas als ferne fremde und unheimliche Welt liegt in der Art der Kommuni- kation, die zwischen diesen beiden Teilen der Welt stattfindet: Aufgrund der hegemonialen Machtstel- lung Europas verläuft sie nicht zwischen zwei gleich- wertigen Partnern. Die »Begegnung« mit dem afrika- nischen Kontinent vollzog sich zweckgebunden und war in erster Linie durch imperialistisch-kolonialisti- sche Zielsetzungen motiviert und nicht darauf ausge- richtet, einen echten kulturellen Austausch zu entfal- ten. Die wohl aus dem Zeitalter des Imperialismus stam- mende Bezeichnung »dunkler Kontinent« hat auch ge- genwärtig noch Bestand und sagt viel über die west- liche Einstellung gegenüber Afrika aus. Das Image Afrikas ist im kollektiven Bewusstsein der Weißen im Kern ungebrochen negativ geblieben. Die Ursachen dafür sind die machtvollen Nachwirkungen der über- lieferten Stereotype und Klischees über Afrika. Die Stereotypisierung des »Fremden« gehört in den Handlungskontext jeder Kultur. Ethnien, Völker und, Nationen betrachten und beurteilen sich. Der Blick auf den »Anderen« und die Bewertung des kulturell Frem- den zieht oftmals die Bildung von Stereotypen nach sich. Sie prägen das menschliche Handeln, sind so etwas wie ein natürlicher Vorgang und eine anthropolo- gische Konstante. Dennoch ist das Augenmerk auf ihre unangenehmen Folgeerscheinungen zu richten: Stereo- type wirken sich nachteilig auf die zwischenmenschli- che Kommunikation und auf das gesellschaftliche Be- ziehungsgeflecht aus. Daher ist es notwendig, ihnen entgegenzuarbeiten. Stereotype entstehen in verschiedenen Zusammen- hängen, werden dann zählebig und überdauern die Zeiten. Historisch gesehen definierte und gestaltete der Okzident die Begegnung mit Afrika als »Entdek- kung«. Er fasste Afrika als Ort der Finsternis auf und betrachtete seine Bewohner als Wesen, die der Tier- welt näher standen als der Menschheit. Aus diesen Prämissen entstand der Afrika- und Negermythos. So urteilte Samuel Baker: »Die menschliche Natur, wie man sie unter den afrikanischen Wilden in ihrer pri- mitivsten Form antrifft, entspricht der des wilden Tieres und lässt sich mit dem edlen Charakter eines Hundes nicht vergleichen.«1 Richard Burtons Ab- wertung der Afrikaner liest sich so: »Die Erforschung des Negers ist die Erforschung primitivster mensch- licher Denkvorgänge. Wenn ihm nicht jede Fähig- keit zur Fortentwicklung fehlen würde, könnte man Neger eher für eine Degenerationsform des zivilisier- ten Menschen als einen Wilden auf der ersten Ent- wicklungsstufe halten. Er ist nicht aus Edelmetall und hat auch keine Anlagen, die nach Erziehung verlan-, gen. Er scheint zu jenen kindlichen Rassen zu gehö- ren, die sich nie in den Rang des Menschentums erhe- ben können. Sie fallen wie abgenutzte Glieder aus der großen Kette der lebendigen Natur.«2 Seitdem wurde eine Flut von Literatur über Afrika und Afrikaner hervorgebracht, die bewusst darauf ab- zielte, diesen Mythos zu belegen und zu propagieren. Fast alle Wissenschaften waren aktiv an der Konstruk- tion des Mythenkomplexes beteiligt. Maßgebend dabei war auch der Einfluss vieler Gelehrter, die sich als Theoretiker der Entwicklung der Menschheit verstan- den. Eine Schlüsselrolle bei dem Aufbau des Afrika- Mythos spielten jedoch besonders Forschungs- und Entdeckungsreisende sowie Missionare, die in ihren Reiseberichten ihr Afrika regelrecht erfunden haben. Sie imaginierten und konstruierten viele Stereotype, die im Kern die Menschlichkeit der Afrikaner negier- ten. Die Grundcharakteristik, die Afrikanern zugewie- sen wurde, war die »Primitivität« als Gegenpart zur »Zivilisiertheit« der Europäer. Lévy-Bruhl, ein großer Verfechter der Theorie der Primitivität, stützte sich auf Reiseberichte, um seine These zu untermauern. In seinem Werk »Die geistige Welt der Primitiven« vertrat er die Ansicht, dass primitive Menschen nicht denk- fähig seien. Hinsichtlich seines Urteils über Afrikaner machte er sich die Auffassung des Missionars W. H. Bentley zu eigen: »Der Afrikaner, Neger oder Bantu, denkt nicht, überlegt nicht, folgert nicht. […] Einen Plan ernsthaft auszuarbeiten, mit Intelligenz eine In- duktion auszuführen – das geht über seine Kräfte. […] Der Afrikaner denkt nichts bis zu Ende durch, wenn, er dazu nicht gezwungen wird. Das ist sein schwacher Punkt, das ist sein charakteristisches Merkmal.«3 Selbst Immanuel Kant, der selbst nie gereist ist, ge- hörte zu den namhaften Persönlichkeiten, die dem »Negermythos« Autorität verliehen. Eine vernichten- de Kritik über Afrikaner ist zum Beispiel seiner These der Ästhetik zu entnehmen. Er sprach dem Afrikaner, der Afrikanerin das Gefühl des Schönen und Erhabe- nen ab: »Die Negers [sic!] von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege. […] Die unter ihnen weit ausgebreitete Religion der Fetische ist vielleicht eine Art von Götzendienst, wel- cher so tief ins Läppische sinkt, als er nur immer von der menschlichen Natur möglich zu sein scheint.«4 Eine weitere Säule der kolonialistischen Herr- schaftspolitik war die Verneinung der afrikanischen Sprachen. So wie die Kolonialmächte sich als Zivili- sierte sahen, die über eine Sprache verfügten, wurde der Kolonisierte als Wilder angesehen, der nur Dialek- te sprach. Dies hatte literarische Implikationen: Auto- ren beschrieben Afrikaner und Afrikanerinnen oft als Untermenschen, deren sprachliche Kommunikation nicht nur aus unverständlichen und ohrenzerreißen- den Tönen bestünde, sondern eher der Sprache von Tieren ähnele. In Conrads »Herz der Finsternis« (1902) ist z. B. zu lesen: »Andere wechselten kurze, gegrunz- te Sätze.«5 An anderer Stelle heißt es: […] »In regelmä- ßigen Abständen brüllten alle zusammen eine Tirade schauriger Worte, die nichts mehr mit den Lauten menschlicher Sprache gemein hatten.«6 Ebenfalls im historischen Kontext schien Europä- ern ihre Hautfarbe selbstverständlich. Dagegen fassten, sie die der Afrikaner als eine Merkwürdigkeit auf, so bei Montesquieu: »Die Menschen, um die es sich han- delt, sind schwarz vom Kopf bis zu den Füßen und haben eine so platte Nase, dass es fast unmöglich ist, sie zu beklagen. Man kann sich nicht vorstellen, dass Gott, der doch ein allweises Wesen ist, eine Seele, und gar noch eine gute Seele, in einen ganz schwar- zen Körper gelegt habe.«7 Im europäischen Bewusst- sein symbolisiert die schwarze Hautfarbe das Böse und das Undurchdringliche. Sie stellt für viele eine geheimnisvolle Erscheinung dar, die einstige Gelehrte zu ergründen suchten. Man denke beispielsweise an die Klima-Theorie (Kant, Herder), welche die schwar- ze Farbe durch die Hitze erklärte. Es wäre verfehlt zu behaupten, dass solche Charak- terisierungen aus der Kolonialzeit ganz der Vergangen- heit angehören. Die Erscheinungsbilder von Afrika- Stereotypen in der so genannten postkolonialen Ära zeugen von ihrer Aktualität. Die These des geistes- schwachen Afrikaners, die auf der Skala der rassisti- schen Stereotypen über Afrika an exponierter Stelle steht, lebt in den Köpfen fort, mit dem Unterschied, dass sie im heutigen globalen Diskurs nicht mehr offen ausgesprochen wird. Diese Fiktion ist unterschwellig und latent vorhanden und ab und an zwischen den Zeilen zu hören oder zu lesen. 1994 löste die deutsche Bevölkerungswissenschaftlerin Charlotte Höhn einen Skandal auf der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo mit der Äußerung aus, dass die Intelligenz der Afrika- ner niedriger als die anderer Menschen sei.8 Die ungebrochenen überlieferten kulturellen Wahr- nehmungs- und Denkmuster haben das Unterbe-, wusstsein vieler Menschen geprägt, sie haben Ste- reotype und Vorurteile verinnerlicht, ohne sich deren Ursprünge bewusst zu sein. Folglich erscheinen sie in ihren Augen als Realität. Auf diese Art wird die west- liche Perspektive auf Afrika durch die kulturelle So- zialisation und die Erziehungsprozesse präformiert oder herausgebildet. Interkulturelle Alltagsgespräche sind in dieser Hinsicht aufschlussreich: Manche Deut- sche vertreten oft hartnäckig den Standpunkt, dass die Fremdbezeichnung »Neger« nicht abwertend sei. Wer über ein gesundes historisches Bewusstsein von menschenverachtenden Geschehnissen verfügt, die mit dieser Charakteristik verbunden waren und sind, wird nicht derart in dieser Auffassung verharren. Im westlichen Kulturraum ist die Aufarbeitung und Bewältigung der Vergangenheit – vor allem im Be- wusstsein der breiten Masse – noch nicht hinreichend geschehen. Aus afrikanischer Sicht ist dieser Aufar- beitungs- und Bewältigungsprozess unabdingbar. Der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka betont die Machtwirkung der Geschichte: »Ohnehin geht es nicht darum, die Vergangenheit anzuklagen; wir beschwören sie vielmehr, um die Aufmerksam- keit auf eine selbstmörderische, anachronistische Ge- genwart zu lenken, um dieser durch Mutation ent- standenen Gegenwart zu sagen: Du bist ein Kind jener Jahrhunderte der Lügen, der Verdrehereien, der Op- portunismen an allerhöchster Stelle, die selbst unter den Heiligsten der Heiligen der intellektuellen Objek- tivität grassierten. […] Und um die Aufmerksamkeit der Welt auf ihre eigenen historischen Lügengebäude zu richten […].«9, Eine weitere Ursache des negativen westlich-euro- päischen Blicks auf Afrika ist die europäische Selbst- bespiegelung. Stephen Smith und Antoine Glaser legen in einer bemerkenswerten Analyse – mit dem anschaulichen Titel »L’Afrique sans Africains. Le rêve blanc du continent Noir«10 (zu deutsch »Afrika ohne Afrikaner. Der weiße Traum vom schwarzen Konti- nent«) – die verschiedenen Aspekte dieser Selbstwahr- nehmung dar. Das Buch liest sich wie eine Selbstkritik aus europäischer Sicht und dokumentiert in freimüti- ger Weise den fehlenden Willen des Westens, eine auf Gleichheit basierende Kommunikation mit der Wiege der Menschheit und der Zivilisation11 zu initiieren. Diese »weiße Haltung« ist historisch zu erklären. Europäer haben ein positives Bild von sich selbst und ein negatives von den Afrikanern. Sie halten sich ge- genüber Afrikanern für überlegen, die in jeder Hin- sicht als »unterentwickelt« betrachtet werden. Dieses Überlegenheitsbewusstsein ist auch durch den Mythos von Afrika als kulturlosem und geschichts- losem Kontinent zu erklären, der ein verheerendes Unheil angerichtet hat. Dieses Geschichtsverständ- nis verleitet Weiße zu der Überzeugung, dass die Ur- sprünge der afrikanischen Geschichte erst auf die Be- gegnung mit Europa zurückzuführen seien. Sie waren von der Geschichtslosigkeit Afrikas dermaßen über- zeugt, dass sie die im vorkolonialen Afrika existie- renden Zivilisationen mit weißen Einflüssen in Ver- bindung brachten.12 Auch heute noch ist das Wissen über Afrikas Vergangenheit fragmentarisch. Darüber hinaus wird die Historie afrikanisch-europäischer Be- gegnungen aus westlich-eurozentrischer Perspekti-, ve geschrieben und lückenhaft dargestellt. Es entsteht der Eindruck, als wolle man die dunklen Seiten dieser Geschichte ruhen lassen. Es gilt nun, nicht nur die hi- storische Wahrheit wiederherzustellen, sondern sie in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Die Selbstbetrachtung Europas findet auch Aus- druck in ihrer deutlichen Abgrenzung gegenüber Afrika, was sich in der Charakterisierung des »typisch Afrikanischen« manifestiert. Nach diesem Grund- satz der Authentizität ist der Westen stets bemüht, die Identität der Afrikaner zu definieren und festzu- legen.13 Was ist das typisch Afrikanische? Was ist das typisch Europäische? Was ist das Hybride? Was ist das menschlich Universelle? Eine ernsthafte Auseinan- dersetzung um solche Kategorien ist unentbehrlich. Sie muss darauf zielen, den Dekonstruktionsprozess des Afrika-Mythos im öffentlichen Bewusstsein anzu- stoßen. Literatur, wenn auch wesentlich als ästhetische Ka- tegorie verstanden, reflektiert gesellschaftliche Reali- täten, Normen, Werte und das kollektive Bewusstsein. Westliche Autoren und Literaturkritiker bleiben in ihrem kulturellen Selbstverständnis befangen. Daraus resultiert eine ethnozentrische Darstellung und Inter- pretation des »anderen«, der schließlich als Fiktion er- scheint. Ein Paradebeispiel in der Literaturgeschichte ist die bereits erwähnte Erzählung »Herz der Finsternis« von Joseph Conrad. Dieser Autor befleißigte sich seines li- terarischen Talents, um Afrikaner zu enthumanisie- ren. Conrads Afrika-Bild war offensichtlich rassistisch. Er bezeichnete Afrika als »vorgeschichtliche Erde,, die das Gesicht eines unbekannten Planeten trug«.14 Er porträtierte Afrikaner als hässliche Menschen, die »Gesichter gleich grotesken Masken«15 hätten. Ebenso stellte Conrad Überlegungen über ihre vermeintliche Unmenschlichkeit an: »Die Erde schien unirdisch. (…) Es war unirdisch, und die Menschen waren … Nein, sie waren nicht unmenschlich. Wißt ihr, das war das schlimmste – dieser Verdacht, sie seien unmenschlich. Er drängte sich einem langsam auf. Sie heulten und hüpften und drehten sich um sich selbst und schnitten fürchterliche Grimassen; doch was einen schaudern ließ, das war gerade der Gedanke an ihre Menschlich- keit – unserer gleich – der Gedanke an unsere entfernte Verwandtschaft mit diesem wilden und leidenschaftli- chen Aufruhr.«16 Jahrzehntelang hat die westliche Kritik die rassi- stische Dimension des Meisterwerks verkannt oder übersehen, bis der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe diesen Aspekt entlarvte. Achebe erklärt das Übersehen dieses rassistischen Charakters damit, dass »der weiße Rassismus gegen Afrika eine derart norma- le Denkweise ist, dass seine Manifestationen gänzlich unbemerkt bleiben«.17 Diese Selbstwahrnehmung westlicher Autoren und Literaturkritiker wird bis heute vor allem im kinder- und jugendliterarischen Bereich fortgesetzt. Die kul- turellen Voreingenommenheiten vernebeln den Blick auf eine angemessene Erfahrung und Darstellung des »Fremden«, wie der Kinderbuchfonds Boabab konsta- tiert: »Bücher von europäischen und nordamerikani- schen Autoren und Autorinnen über [Afrika] wider- spiegeln oft Vorstellungen, Wünsche und Visionen,, die viel mehr mit den Schreibenden zu tun haben als mit den dargestellten Welten. Heute erscheinen von Autorinnen und Autoren aus dem Norden leider immer noch viele oberflächliche Bücher mit Klischees und Vorurteilen, wie wir sie vor zwanzig Jahren kriti- sierten. Alte Titel werden unverändert neu aufgelegt und finden sogar den Beifall der Kritik. Diese Tendenz stimmt nachdenklich.«18 Angesichts des defizitären Afrikabildes verharren viele Menschen in der westlichen Welt in der Vorstel- lung, dass Afrika nichts Wissenswertes anzubieten habe. Daher rührt das große Desinteresse an diesem Kontinent. Selbst die Rhetorik der Interkulturalität (In- terkulturelles Lernen, Dialog, Verstehen etc.) vermag keine substantielle Änderung an dieser Gesinnung zu bewirken. Der Begriff der Interkulturalität droht eine leere Worthülse zu werden, da der interkulturelle Dis- kurs oft aus der westlichen Perspektive geführt wird und die vereinnahmenden Ansprüche zum Vorschein bringt. Auch bei bestem Willen und bester Absicht greift der interkulturelle Blick meist zu kurz. Die ethnozen- trische Attitüde führt nicht zu einer kritischen Be- trachtung und einem profunden Hinterfragen der Re- präsentation der Afrikaner. Hier sei ein typisches Beispiel aus dem Bereich der Kinderliteratur genannt, das von pädagogischen Instanzen als vorbildliche Be- gegnung mit dem Fremden empfohlen worden ist. Es handelt sich um »Afrika hinter dem Zaun«19 von Bart Moeyaert. Dieses Kinderbuch ist weit davon entfernt, einer anspruchsvollen interkulturellen Begegnung Rechnung zu tragen, da es einige gängige Klischees, über Afrikaner aufweist (exzentrische afrikanische Frau, Herabsetzung einer afrikanischen Sprache, Sehnsucht nach dem »Primitiven« etc.). Die behandel- te Thematik – Begegnung mit dem Fremden – gehört zweifelsohne in die Rubrik der Interkulturalität. Den- noch, dass mit diesem äußerst problematischen Kin- derbuch sinnvolle »Anregungen zur pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen«20 gegeben werden können, erscheint äußerst fraglich. Stereotype und Vorurteile verbleiben nicht nur im »Kopf«, sondern haben auch soziale Funktionen. Sie beeinflussen in beträchtlichem Maße die innere Ein- stellung der Menschen und bestimmen auch deren Umgang mit dem »Anderen«. Sie besitzen und entfal- ten eine gewisse Wirkungsmacht, die im Falle Afrikas meist von negativer Art ist. Afrika-Bilder im Kopf der Europäer beeinträchtigen deren Verhältnis zu Afri- kanern. Die kontinuierlich um Schwarze aufgebau- te Mauer von Stereotypen lässt sie als andersgeartete Menschen erscheinen. Bilder schlagen in Feindbilder um, die zur Ab- und Ausgrenzung führen. Vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, warum Afrikaner im westlichen Kulturraum selten als zugehörig wahrge- nommen werden.21 Die bittere, verhängnisvolle Wirkung der Afrikavor- urteile, denen Afrikaner stets ausgesetzt sind, veran- lasst, über die Negation des (anderen) Menschen im europäischen Kontext nachzudenken. Es scheint ein Paradox zu sein, dass Europa sich des Gebots »Die Würde des Menschen ist unantastbar« rühmt, dessen Beachtung aber in der kulturellen Handlung des In- dividuums und auf der Ebene der institutionellen, Machtstrukturen nicht immer erkennbar wird. Viel- leicht kann man sich Frantz Fanon an dieser Stelle ins Gedächtnis zurückrufen, der dieses Europa kritisierte, das, »nicht aufhört, vom Menschen zu reden, und ihn dabei niedermetzelt, wo es ihn trifft, an allen Ecken seiner eigenen Straße […]. Wenn ich in der europä- ischen Technik und im europäischen Stil den Men- schen suche, stoße ich auf eine Folge von Negationen des Menschen […]22. Der westliche Mensch scheint die Schattenseiten seiner materiellen und technologischen »Zivilisati- on« nicht mehr zu ertragen: die Übermechanisierung seiner Umwelt, Überindividualisierung und Verödung der zwischenmenschlichen Beziehung. Er sucht zeit- weise dieser Welt zu entfliehen. Während der Sozia- lisation wird das Bild Afrikas als Ort des Ursprüng- lichen verinnerlicht. Afrikaner gelten als Angehörige von Völkern, die in einer gewaltigen Naturhaftigkeit verankert sind. Groß ist daher häufig die Desillusion europäischer Touristen bei Afrikareisen, die ihre Ent- täuschung kaum durch folgende Aussage verbergen können: »Ach, das ist ja nicht afrikanisch, es sieht hier europäisch aus.« In diesen Kontext gehört die Haltung derer, die eine schier endlose Bewunderung für Sitten und Bräuche Afrikas bekunden, die in der Auflösung begriffen sind. Sie trauern ihnen sogar nach und plä- dieren eifrig für die Bewahrung solcher Traditionen. Die Dekonstruktion des Afrika-Mythos erfordert auch das Ende dieses Ursprünglichkeitsdiskurses. Der Abbau des Afrika-Mythos verlangt eine Neu- bestimmung der europäisch-afrikanischen Verhältnis- se. Entgegen dem Gleichheitsdiskurs spiegeln sie den, Herrschaftsanspruch des Westens wider. Zu Recht spricht Soyinka davon, dass »das Hirn Europas sich immer noch der Aufgabe gegenübersieht, die afri- kanische Welt als einen gleichwertigen Bereich der Menschheit zu begreifen«23. Diese Haltung lässt sich auch in imagologischer Hinsicht konstatieren: Kultur- vermittelnde Instrumente wie Filme, Zeitungsartikel, Literatur, Schulbücher etc. tragen zur Verfestigung des Herrschaftsdenkens und -bewusstseins bei, indem sie stets ein negatives, verfälschtes oder einseitiges Afri- kabild verbreiten. Mehr noch: Afrikanische Kulturen werden kaum als achtenswert betrachtet und dauernd auf Folklore reduziert. Dies kann zu »Denkblockaden in Richtung Afrika«24 führen. Im deutschen Kultur- raum bedarf es in der Tat ungeheurer Energie, um In- teresse für afrikanische Kulturen zu wecken. Wie lässt sich von »interkulturellem Verstehen« reden, wie lässt sich »interkulturelle Kompetenz« erwerben, wenn Di- stanz zum Fremden besteht? Die durchaus negativen Afrika-Bilder im europä- ischen Bewusstsein sind ursprünglich keine Folgen von interkulturellem Missverstehen. Sie sind Wunsch- produkte der Geschichte. Sie erfüllten auch eine poli- tische Funktion und dienten der klaren Abgrenzung der europäischen Identität gegenüber dem afrikani- schen Kontinent. Daher scheinen Europäer von diesen Bildern nicht abrücken zu wollen. Angesichts dessen ist die Konstruktion der Afrika-Bilder im imperiali- stischen Kontext anzusiedeln, da sie ein struktureller Bestandteil der Herrschaft über Afrika war. Die Dekonstruktion der Afrika-Bilder im heutigen Kontext verlangt vom Westen eine aktive Partizipation, und hängt von dessen Willen ab, sich auf einen egali- tären Dialog mit Afrika einzulassen. Die Frage, ob der Norden wirklich zu einer ebenbürtigen partnerschaft- lichen Beziehung mit Afrika bereit ist, ist nicht un- erheblich: Die Verwirklichung eines wahren Dialogs mit Afrika setzt voraus, dass Europa seine uralte Hal- tung aufgibt; Chinua Achebe bringt diese Forderung auf eine einfache Formel: »Eines sollte doch völlig klar sein: In der Auseinandersetzung mit dem schwar- zen Menschen steht der Weiße vor einer ganz einfa- chen Entscheidung: Entweder akzeptiert er, dass der Schwarze ein Mensch ist und damit auch die Gleich- berechtigung, die sich daraus ableitet; oder er lehnt das ab und betrachtet ihn lediglich als Lasttier. Da- zwischen gibt es nichts, es sei denn, man ergeht sich in intellektuellen Haarspaltereien.«25 Die europäische öffentliche Meinung nimmt Afrika als Kontinent der Kriege, Krisen, Katastrophen wahr. Man darf aber nicht verkennen, dass die Diktatu- ren eine große Verantwortung in der aktuellen Krise des Kontinents tragen. Es ist die Aufgabe der europä- ischen Medien, die Öffentlichkeit wahrheitsgemäß zu informieren. Ein von inneren und äußeren Kräften versklavtes Afrika kann nicht vorwärts kommen. Die afrikanischen Diktaturen sind im Kontext des Kalten Krieges entstanden und werden je nach geopolitischen und strategischen Interessen von Europa und Ameri- ka massiv unterstützt. Nun tun sich die afrikanischen Völker schwer damit, diese Diktaturen loszuwerden, die immer noch von der tatkräftigen Unterstützung mancher europäischen Länder profitieren. Die euro- päische Öffentlichkeit sollte über diese Situation auf-, geklärt werden. Dies wird zwar nichts an der politi- schen Situation Afrikas verändern, könnte jedoch zu deren besseren Verständnis beitragen und die Mei- nungsbildung über Afrika positiv beeinflussen., 3. »Für’s Vaterland nach Afrika« Deutsche Kolonialpolitik und der Hereroaufstand Von Katja Böhler Kriegslied (Auszug) Vom Oranje zum Kunene Scholl der Kriegesruf mit Macht; Auf Kam’raden! Auf zum Streite! Auf zum Kampfe! Auf zur Schlacht! Für des Vaterlandes Ehre Ans Geschütz, an die Gewehre, Dass Germaniens Kaiser-Aar Hier gebiete immerdar! Vom Oranje zum Kunene Ging das Machtwort wie im Flug Denn der Geist der deutschen Einheit War es, der’s von dannen trug. Frech gewordene Barbaren Zogen auf zu Tausendscharen, Um Germaniens Kaiser-Aar Zu vernichten immerdar. (Conrad Rust, 1905) Lieder wie dieses sind zum Glück längst vergessen, vergessen wie – vor dem Hintergrund zweier Weltkrie- ge – die koloniale Vergangenheit Deutschlands ins- gesamt. Sie währte, im Vergleich zu anderen europä- ischen Mächten, wie England, Frankreich und den Niederlanden, freilich nur kurz: von 1884-1918 – mit dem Resultat, dass dieser Teil deutscher Geschichte in der Öffentlichkeit entweder kaum Erwähnung findet oder aber verkürzt als Vorläufer der nationalsozialisti- schen Rassen- und Expansionspolitik behandelt wird., Am 18.09.2001 traten die namibischen Hereros aus dieser Vergessenheit hervor und reichten Klagen gegen die Deutsche Bank, die Terex Corporation, die Woermann-Linie und am 19.09.2001 gegen die Bun- desrepublik Deutschland auf Reparationszahlungen auf Grund von Schäden ein, die ihnen in den Jahren 1904-1907 während des Hereroaufstandes entstanden seien. Sie werfen der Bundesrepublik Deutschland vor, (als Rechtsnachfolgerin des Kaiserlichen Deutsch- lands) verantwortlich zu sein für: – die Einleitung und Durchführung des Rassenkamp- fes gegen die Hereros, – einen vorbehaltlosen und unverhüllten Völker- mord-Feldzug, – ihre Versklavung, – die grausame Behandlung, – ihren planmäßigen Einsatz zur Zwangsarbeit, – die Erniedrigung gefangen gehaltener Hererofrauen und schließlich – die planmäßige Vernichtung der Hererokultur. Die Klagen waren am »Superior Court of the District of Columbia« in Washington anhängig.1 Die Forderun- gen der Kläger belaufen sich auf je zwei Milliarden US-Dollar. Die Bundesregierung lehnt die Entschädigungszah- lungen ab. Während Bundeskanzler Helmut Kohl den Vertretern der Hereros 1995 bei einem Besuch in Nami- bia eine Anhörung nicht gestattet hatte, nahm der Bun- despräsident, Roman Herzog, 1998 immerhin eine Pe- tition entgegen. Bundesaußenminister Joschka Fischer, erkannte auf der Anti-Rassismus-Konferenz in Durban im September 2001 die Schuld Deutschlands für die bis heute nachwirkenden Folgen der Sklaverei und der Ausbeutung durch den Kolonialismus an, übernahm die Verantwortung und stellte sich für Deutschland der historischen Verpflichtung, den Opfern und ihren Nachkommen die geraubte Würde zurückzugeben.2 Statt einer Entschädigungszahlung, so betonte die rot- grüne Bundesregierung jedoch, wolle man Entschädi- gung durch Entwicklungshilfe in der Region zahlen.3 In Deutschland setzte die öffentliche Diskussi- on über die Notwendigkeit des Erwerbs von Koloni- en erst nach Überwindung der Kleinstaaterei und Gründung des Deutschen Reiches (und damit im eu- ropäischen Kontext: Verhältnismäßig spät) ein. Beson- ders die wirtschaftlich schwierige Situation in den 1880er Jahren, die einerseits durch einen großen Be- völkerungszuwachs (von 41 Mio. im Jahre 1871 auf 60 Mio. im Jahre 1914), andererseits durch eine hohe Arbeitslosigkeit geprägt war, hatte zu sozialen Span- nungen geführt. Sie wurden begünstigt durch den ra- schen Wandel des Deutschen Reiches zur größten Industrienation Europas, verbunden mit einer erheb- lichen Reduktion des landwirtschaftlichen Sektors am deutschen Wirtschaftsmarkt4 sowie starken konjunk- turellen Schwankungen. Für die Befürworter einer offensiven Kolonialpo- litik, standen zwei Aspekte im Vordergrund: Zum einen wollte man die Abwanderung der Arbeitskräfte in nicht-nationale Gebiete verhindern, da man in der Auswanderung großer Teile der deutschen Bevölke- rung (u. a. nach Amerika) einen Arbeitskräfteverlust, sah, der zum Produktionsrückgang führe.5 Man nahm an, dass der nationale Wohlstand einer Nation von ihrer Bevölkerungszahl abhinge.6 Zum anderen wollte man neue Absatzmärkte bzw. neue Rohstoffquellen er- schließen, um so der Wirtschaftskrise von 1876 zu be- gegnen. Andere Befürworter fochten darüber hinaus für die Ausdehnung des wirtschaftlichen Einflus- ses, der deutschen Kultur und des Deutschtums, wie z. B. der Hamburger Rechtsanwalt Wilhelm Hübbe- Schleiden. Er war überzeugt, dass die Welt in Zukunft nur von einigen Großmächten beherrscht werde und Deutschland darin seinen Einfluss frühzeitig sichern müsse: »Eine Ausdehnung unseres Wirtschaftsgebie- tes ist das Einzige, was unser Volk vor der Versump- fung retten kann.7 Damit verbunden war die Sorge, in der europäischen Entwicklung zurückzufallen, da die Expansion der anderen Großmächte bereits weit fort- geschritten war. Schließlich war in der Öffentlichkeit die Auffassung weit verbreitet, Weltmacht zu sein be- deute per se, Kolonien zu besitzen. In der Gründung von Kolonialgesellschaften und -vereinen wurde diese Stimmung in der Bevölkerung besonders manifest. Die Ende 1888 aus der »Gesellschaft für deutsche Ko- lonisation« und dem »Deutschen Kolonialverein« her- vorgegangene »Deutsche Kolonialgesellschaft« zählte (1914) 42.000 Mitglieder.8 Bismarck sprach sich hingegen bis in die frühen 1880er Jahre gegen eine Kolonialpolitik aus, da er davon ausging, dass koloniale Besitzungen für das Deutsche Reich zu kostspielig und militärisch nicht zu verteidigen seien9. Außerdem bewegte sich das Deutsche Kaiserreich in der europäischen Außenpo-, litik nach dem Sieg über Frankreich im Jahre 1871 noch auf unsicherem Terrain. Noch 1881 beteuerte Bismarck daher: »So lange ich Reichskanzler bin, trei- ben wir keine Kolonialpolitik. Wir haben eine Flotte, die nicht fahren kann … und wir dürfen keine ver- wundbaren Punkte in fernen Weltteilen haben, die den Franzosen als Beute zufallen, sobald es losgeht.«10 Auf Grund einer Vielzahl innen- und außenpolitischer Überlegungen und insbesondere im Hinblick auf die Reichstagswahlen änderte er seine Auffassung später. Nach der Devise: »Die Flagge folgt dem Handel« übertrug Bismarck 1883 auf Handelshäuser, Indu- striekonzerne und Banken die Verantwortung, Ko- lonien zu gründen und zu unterhalten. Damit folgte Deutschland einem europaweiten Vorgehen, wonach zunächst von privaten Unternehmen und Gesellschaf- ten die Küstenregionen als Handelspunkte erschlos- sen wurden, dann Gebietserwerbungen über zum Teil zweifelhafte Verträge folgten und diese endlich diplo- matisch abgesichert wurden. Zum Schluss erfolgte dann Stück für Stück die Durchdringung des gesam- ten Binnenlandes und die militärische Unterwerfung der autochtonen Bevölkerung.11 In Südwestafrika erwarb der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz am 01.05.1883 vom Oberhaupt des Namavolkes von Bethanien, Joseph Fredericks, die Bucht von Angra Pequeña und später den gesam- ten Küstenstreifen südlich bis zum Oranje in einer Breite von 20 geographischen Meilen. Qualifizier- te Hilfe beim Vertragsschluss erhielt Lüderitz durch den Rheinischen Missionar Barn12; denn die Missio- nare der Rheinischen Missionsgesellschaft waren die, ersten Deutschen auf dem Gebiet gewesen, die bereits seit 1842 in allen wichtigen Zentren Stationen errich- tet und damit der Kolonialisierung den Boden bereitet hatten.13 Die Verträge und insbesondere die Umstän- de des Vertragsschlusses waren gelinde gesagt pro- blematisch. Zum einen kannte die einheimische Be- völkerung weder das deutsche Rechtssystem noch ein Individualeigentumsrecht, sondern lediglich Nut- zungsrechte am Land. Zum anderen wurde Fredericks über den Umfang des Vertragsgegenstands getäuscht, da er von englischen Meilen (1,5 km) ausging, wäh- rend Lüderitz auf deutschen Meilen (7,4 km) beharrte und damit den Irrtum aufrechterhielt.14 Trotz Kennt- nis des Betruges und der Auffassung des Auswärti- gen Amtes, Lüderitz habe keine Hoheitsrechte erwer- ben können15, sondern rein zivilrechtliche Verträge geschlossen, unterstellte Bismarck am 24.04.1884 die »erworbenen Gebiete« in Südwestafrika16 dem Reichs- schutz. Es folgten Protektoratserklärungen zu Togo und Ka- merun und am 07.08.1884 in Südwestafrika die An- nexion des gesamten Gebietes von Angola bis zur Kapkolonie. Ergebnis der auf Bismarcks Betreiben ein- berufenen so genannten Berliner Konferenz von No- vember 1884 bis Februar 1885, an der Vertreter der zwölf europäischen Kolonialmächte, der Vereinigten Staaten von Amerika und der Türkei teilnahmen, war neben der Festsetzung von Normen für den Erwerb überseeischer Besitzungen auch die Anerkennung bis- heriger »kolonialer Erwerbungen«. 1885 erklärte Bis- marck das so genannte »Deutsch-Ostafrika« zum deut- schen Protektoratsgebiet. Geringe Zuwächse erfolgten, 1911 in Französisch-Äquatorialafrika nach Beilegung der zweiten Marokkokrise. Mit der Änderung der Bismarckschen Politik setzte auch die sog. Kolonialerziehung ein, die bald in eine Stimmung des »Kolonialenthusiasmus« umschlug und das Expansionsprogramm der Regierung abstütz- te.17 Gewerbeausstellungen, Völkerschauen und Fir- menreklamen verankerten ein positives Bild über den Nutzen der Kolonialisierung im Volk.18 Der Staatsse- kretär des Reichskolonialamtes, Bernhard Dernburg19, rief später sogar zu einem »Kreuzzug der Erziehung zum kolonialen Verständnis« auf, um für ein »Groß- deutschland über See« zu werben.20 Zur Festigung der noch unsicheren Machtstellung entsandte Reichskanzler Caprivi am 05. April 1894 Major Theodor von Leutwein nach Deutsch-Südwe- stafrika. Leutwein betrieb dort eine als gemäßigt einzu- stufende divide-et-impera-Politik21 und schlug mehrere kleinere Erhebungen Einheimischer bis 1904 nieder22, die in Deutschland nicht weiter beachtet wurden. Doch am 12.01.1904 erhoben sich die Hereros unter ihrem Anführer, Samuel Maharero, und brachten 123 Deutsche um. Damit erfolgte ein Kurswechsel der Poli- tik in Berlin. Die oberste Befehlsgewalt wurde nun Ge- neral Lothar von Trotha übertragen, der bereits durch seinen besonders grausamen Militäreinsatz beim Bo- xeraufstand und in Ostafrika von sich reden gemacht hatte. Er traf im Juni 1904 in Deutsch-Südwestafrika ein. Gouverneur Theodor Leutwein hatte unterdessen den größten Teil der Hereros am wasserreichen Massiv des Waterbergs festgesetzt und die Entscheidungs- schlacht vorbereitet, die am 11.08.1904 als Kessel-, schlacht begann und mit dem militärischen Sieg der Deutschen endete. Als Hauptursachen des Aufstandes können folgen- de Gründe genannt werden: – Die Hereros ernährten sich ausschließlich von der Viehzucht und benötigten große Weideflächen. Durch die Expansion der weißen Siedler fürchteten sie zunehmend den Verlust ihres Landes und somit ihrer Existenzgrundlage. – Bodenqualität und Größe der für sie als Ersatz vor gesehenen Reservate waren ihrer Auffassung nach völlig unzureichend.23 – Die Reservatspolitik wurde als Beginn gewaltsamer Enteignungen verstanden, die mit wachsender Rechtsunsicherheit verbunden war.24 – Hinzu kam der Erlass einer neuen Kreditverord- nung, mit der der Verschuldung der Hereros bei deutschen Händlern entgegengewirkt werden sollte: Bestehende bzw. neu geschlossene Kredit- verträge sollten danach innerhalb eines Jahres ihre Gültigkeit verlieren. Die Folge war, dass die Händ- ler umgehend durch Zwangspfändung des Viehs der Hereros rigoros ihre Schulden eintrieben.25 Über den Verlauf des Aufstands selbst werden in der Literatur scharfe Auseinandersetzungen geführt. Dar- stellungen, die von der Abriegelung des östlichen Zentralnamibias ausgehen und die Überlebenschan- cen für die Hereros als gering erachteten, wird von ei- nigen Autoren mit der Begründung widersprochen, das dies angesichts der landschaftlichen Gegebenhei-, ten in Namibia und der geringen Truppenstärke nicht möglich gewesen sei.26 Weiterhin ist umstritten27, ob es zu einer geordneten und kontrollierten Verfol- gung der Hereros kam – so die offizielle Version im Generalstab28 – oder ob die Schutztruppler tatsäch- lich hierzu gar nicht in der Lage waren.29 Gesichert ist aber, dass von Trotha berittene Patrouillen in die Omaheke schickte, um in den folgenden zwei Mona- ten herumirrende Hereros zu töten bzw. gefangen zu nehmen. Lau geht davon aus, dass ca. 2.500 der Über- lebenden zur Zwangsarbeit am Eisenbahnbau abkom- mandiert wurden.30 Strittig wird auch die Frage behandelt, ob vor dem Aufstand tatsächlich 80.000-100.000 Hereros in Deutsch- Südwestafrika lebten.31 Mit Blick auf die Bo- denbeschaffenheit des Landes verweisen vor allem neuere Untersuchungen darauf, dass die ausschließ- lich Vieh züchtenden Hereros große Weideflächen be- nötigt hätten, so dass das Gebiet höchstens ca. 35.000- 50 000 Hereros hätte ernähren können.32 Gesicherte Angaben liegen nicht vor. Auch schwanken die Be- rechnungen der Zahl der Überlebenden zwischen 16.000 und 30.000.33 Um den militärischen Sieg bis zur letzten Konse- quenz auszunutzen, erließ von Trotha schließlich am 02.10.1904 folgende Proklamation: »Das Volk der Hereros muss das Land verlassen … Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zurück oder lasse auf sie schießen. Das sind meine Worte an das Volk der Hereros …«34, Jedoch regte sich gegen diese harte Linie selbst im eigenen Lager Widerstand, so durch Major Theodor Leutwein35, der seine Haltung jedoch mit seiner Ab- berufung aus Deutsch-Südwestafrika bezahlte. Erst danach folgte erneut ein Richtungswechsel in der Ber- liner Politik. Reichskanzler Graf Bernhard von Bülow intervenierte beim Generalstab und schließlich bei Kaiser Wilhelm II. unter Verweis auf den Widerspruch dieser Politik zu den Grundlagen des Christentums und der Menschlichkeit und den Schaden für das An- sehen des Deutschen Kaiserreichs.36 Er erreichte damit die Aufhebung der Proklamation im Dezember 1905. Die Intention von Trothas, das gesamte Volk ver- nichten zu wollen, wird in der Literatur allerdings bis heute in Frage gestellt.37 Poewe z. B. ist der Auffas- sung, der Begriff »Vernichtung« hätte zu jener Zeit das Zerschlagen der Fähigkeit des Feindes, Widerstand zu leisten, gemeint und nicht die Vernichtung Mann für Mann; diese Interpretation scheint aber mehr als zweifelhaft, denn von Trotha erklärt in einem erläu- ternden Bericht ausdrücklich: »… Deshalb halte ich es für richtig, dass die Nation in sich untergeht …«38 In einen bewussten Gegensatz zur übrigen histori- schen Forschung stellt sich auch Lau, die den Genozid ebenso leugnet: »Der Vorsatz einiger angehender deut- scher Faschisten oder nekrophiler Fanatiker – was von Trotha und einige seiner Mitangeklagten in Deutsch- land sicher waren – darf mit dem, was in Namibia tatsächlich passiert ist, nicht verwechselt werden … Diesen unglückseligen Versuch, eine verwirrte, bezie- hungslose und teure militärische Situation zu recht- fertigen, als bare Münze zu nehmen … ist geschichtli-, cher Unsinn, und einen ›Genozid‹ daraus zu machen, ein umso größerer«39. Am 12.01.2004 werden 100 Jahre seit Beginn des Hereroaufstands vergangen sein. Ihre Klage vor dem internationalen Gerichtshof in Den Haag 1998 wurde nicht angenommen, da vor diesem Gremium in Austra- gung völkerrechtlicher Streitigkeiten nur Staaten, nicht aber Gruppen klagen können. Heute ist es fast aus- sichtslos, das gesamte Ausmaß des Krieges zu rekapitu- lieren. Zu viele Unterlagen sind verloren gegangen, die meisten Überlebenden in der Zwischenzeit verstorben. So ist auch nicht verwunderlich, dass sich die Klage- begründung in vielen Punkten auf die Verwertung von Sekundärliteratur stützt – keine Grundlage für ein juri- stisches Verfahren ohne Vorlage weiterer Beweise. Einen Genozid juristisch einwandfrei zu beweisen, fällt in der Praxis oft schwer, wie aus der Rechtspre- chung zu den Urteilen der Strafgerichtshöfe zu Ex-Ju- goslawien und Ruanda ersichtlich wird. Der Fall der Hereros liegt jedoch anders, denn es existieren ein Vernichtungsbefehl General von Trothas und ein un- missverständlicher Begleitbrief, der die Absicht zur Vernichtung des gesamten Volkes belegt. Auch die Billigung durch das kaiserliche Deutschland lässt sich nachweisen. Wegen der geltenden Genoziddefinition ist die Diskussion um die Zahl der Opfer nicht ent- scheidend, da wegen Völkermordes zu verurteilen ist, wer die Absicht hat, eine bestimmte Gruppe ganz oder teilweise auszulöschen, auch wenn letztlich nicht die ganze Gruppe ermordet wurde. Diese Auslegung grün- det sich auf die Völkermordkonvention der Vereinten Nationen, der auch der Bundesgerichtshof folgt., Ob die Hereros jemals Schadensersatz erlangen werden, steht dennoch auf einem anderen Blatt. Es ist zweifelhaft, ob ein Urteilsspruch eines amerika- nischen Gerichts in Deutschland anerkannt werden würde. Dies ist prinzipiell nicht der Fall, wenn das Gericht des anderen Staates nach deutschen Gesetzen nicht zuständig ist. Auch ist bei der Berufung auf die verschiedenen Anspruchsgrundlagen eines Schadens- ersatzanspruchs mit erheblichen Schwierigkeiten zu rechnen. Eine Entschädigungsverpflichtung über das Völkerstrafrecht zu konstruieren, scheint schwierig zu sein und gegen den anerkannten Grundsatz »Keine Strafe ohne Gesetz« (nulla poena sine lege) zu versto- ßen. Danach müssen die Strafbarkeit der Handlung sowie die Verbrechensfolgen bereits vor dem Beginn der Tat in einem Gesetz verankert gewesen sein. Die Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes wurde aber durch die Generalversamm- lung der Vereinten Nationen erst am 09.12.1948 erlas- sen, also 44 Jahre nach dem Genozid. In der Völker- rechtsordnung findet sich vor dem Zweiten Weltkrieg kein Straftatbestand für Verbrechen gegen die Mensch- lichkeit. Reparationszahlungen z. B. gegenüber den ermordeten Juden wurden daher nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Basis eines so genannten Schulden- abkommens mit Israel geleistet. Auch ein Berufen auf die Regeln des humanitären Völkerrechts ist wenig aussichtsreich. Die Genfer Rot- Kreuz-Konvention von 1864 bzw. die Haager Abkom- men von 1899 und 1907 scheiden schon deshalb aus, weil die Hereros nicht Vertragspartei der Abkommen waren. Im Übrigen lassen sich aus ihnen nicht ohne, weiteres Schadensersatzansprüche herleiten. Auch ist zweifelhaft, ob nichtstaatliche Gruppen sie überhaupt geltend machen könnten. Auch wird man nur schwerlich auf die allgemei- nen Rechtsprinzipien als Völkerrechtsquelle zurück- greifen können, um die Strafbarkeit zu begründen. Voraussetzung dafür wäre, dass die Strafbarkeit von schweren Angriffen gegen Leben, Körper und Frei- heit in den Strafrechtsordnungen fast aller Staaten zum Zeitpunkt des Genozids anerkannt war. Hierüber könnte man für das Jahr 1904 wohl nur spekulieren. Aber auch, wenn man dies annähme, wäre unsicher, ob daraus eine Wiedergutmachungspflicht erwachsen würde. Soweit es sich nicht um den Vorwurf des Völker- mords handelt, sind die Ansprüche im Übrigen ver- jährt. Späte Gerechtigkeit scheint somit ausschließlich im politischen Ermessen der deutschen Regierung zu liegen.,

II. Kontinent ohne Geschichte?

1. Vergessene Glanzzeiten Afrika geschichtsloser Kontinent? Von Walter Sauer »Afrika weint. Afrika stirbt. Die Elendsnachrichten schleifen jene Raster nach, die von Aristoteles bis Scholl-Latour in die Wahrnehmung des Abendlandes gestanzt wurden. Africa nigra, geschichtsloser, bar- barischer, verfluchter Kontinent«, so fasst der Afrika- korrespondent der Zeit seine kritische Auseinander- setzung mit den Vorstellungen zusammen, die der moderne Sensationsjournalismus von Afrika vermit- telt.1 Auch die Bilder, die etwa in Schulbüchern ver- mittelt werden, weichen kaum davon ab.2 Geht man freilich an die Anfänge europäisch- afrikanischer Kontaktnahme in der frühen Neuzeit zurück, sieht man, dass damals Tatsache und Bedeu- tung afrikanischer (vorkolonialer) Geschichte durch- aus präsent waren. Einige Beispiele mögen dies erläu- tern. Spanisch-arabische Autoren berichteten schon ab dem 11. Jahrhundert etwa von der prunkvollen Hofhaltung der westafrikanischen Herrscher: »Der König [von Ghana] besitzt einen Palast und zahlrei- che überkuppelte Räume, die von einer Art Stadtmau- er umgeben sind… Der König schmückt sich wie eine Frau an Hals und Unterarmen, auf dem Kopf trägt er eine hohe, mit Gold verzierte Mütze, die mit einem Turban aus feiner Baumwolle umwickelt ist. Bei Au-, dienzen oder während der Anhörung von Beschwer- den gegen Beamte sitzt er in einem Kuppelbau, einem Pavillon, um den zehn Pferde stehen, die mit goldbe- stickten Decken geschmückt sind. Hinter dem König stehen zehn Pagen mit goldbeschlagenen Schilden und Schwertern und zu seiner Rechten die Söhne der [Vasallen-] Könige seines Landes mit prächtigen Ge- wändern und golddurchwirktem Haar«.3 In späteren Zeiten wurden Nachrichten des aus Afrika stammen- den Diplomaten und Historikers Leo Africanus ver- breitet, der um 1510 Persien, Ägypten und mehr als ein Dutzend Königreiche im westlichen Sudan bereist hatte; insbesondere seine Kunde aus der unter der Songhay-Herrschaft prosperierenden Stadt Timbuk- tu nährte bis ins 18. Jahrhundert hinein europäische Vorstellungen von einem »afrikanischen El Dorado«4. Und in ähnliche Richtung gingen auch die Berich- te der europäischen Seeleute und Händler, die sich ab dem 15. Jahrhundert per Schiff die afrikanischen Küsten entlang nach Süden tasteten und teils aus ei- gener Erfahrung, teils aufgrund von Erzählungen an- derer von der Existenz gut organisierter und mächti- ger Staaten im Landesinneren wussten. Inwiefern solche Berichte auch breiteren Kreisen der Öffentlichkeit bekannt waren, muss zwar dahin- gestellt bleiben; mindestens den Experten aber und somit auch den politischen Entscheidungsträgern in den Staaten Süd- und Westeuropas der frühen und mittleren Neuzeit war Afrika wohl als ein Kontinent im Bewusstsein, der von mächtigen Königreichen do- miniert wurde, deren Entstehung und Ausbreitung na- turgemäß auf »historische« Tatbestände zurückgehen, musste. Sieht man vom osmanisch beherrschten Nor- dafrika ab, wäre hier etwa an Songhay und Benin in Westafrika, Kongo in Nordangola, Äthiopien oder das Munhumutapa-Reich im nordöstlichen Zimbabwe zu denken. Natürlich romantisierten diese Berichte (aus heutiger Sicht gesehen) die gesellschaftlichen Ver- hältnisse im vorkolonialen Afrika. Dessen ungeachtet stellt sich die Frage, warum die im 16. und frühen 17. Jahrhundert vorhandene Vorstellung eines im Prinzip gleichwertigen, von mächtigen Herrschern regierten Afrika das europäische Bild des Kontinents keines- wegs nachhaltig prägte. Eher im Gegenteil: Im Verlauf der europäischen Neuzeit wurde Afrika (in europä- ischen Augen) »geschichtslos«. Was die Ursachen dafür anbelangt, so sind an erster Stelle politische und wirtschaftliche Veränderungen vor Ort, das heißt in jenen Gebieten Afrikas zu nennen, in denen sich die europäisch-afrikanische »Kulturbegeg- nung« (für die meisten Fälle zutreffender: »Auseinan- dersetzung«) unmittelbar vollzog. Konkurrierende han- delspolitische Interessen, Streitigkeiten um Vieh und Weideland oder Versuche, im Landesinneren vermute- te Bodenschätze unter koloniale Kontrolle zu bringen, führten in den einzelnen Regionen Afrikas zwar in je- weils unterschiedlichen zeitlichen und faktischen Ab- läufen, aber doch relativ rasch zu Konflikten. Koloni- ale Eroberungen (und die Errichtung einer »formellen« europäischen Kolonialherrschaft) fanden zunächst nur vereinzelt statt: Portugiesische Truppen (und Siedler) drangen Ende des 16. Jahrhunderts von den Küsten sowohl Angolas als auch Mosambiks aus bis weit in die Hochlandgebiete des Kontinents vor, und hundert, Jahre später brachten holländische, deutsche und fran- zösische Siedler weite Teile des (von nomadisierenden Viehzüchtern bewirtschafteten) Hinterlandes von Kap- stadt unter ihre Kontrolle. In anderen Regionen, vor allem Westafrikas, sollte sich die europäische Präsenz noch jahrhundertelang auf küstennah gelegene Stützpunkte beschränken; die katastrophalen Auswirkungen des von dort aus be- triebenen Kolonial- (und vor allem Sklaven-) handels waren allerdings bis weit ins Landesinnere hinein spürbar. Die Historiker sprechen hier von einer Phase des informellen Imperialismus. Erst die Entdeckung großer Diamantenvorkommen bei Kimberley, auf dem Territorium der noch unabhängigen Griqua (welches ein Jahr darauf von der britischen Kolonialverwal- tung Südafrikas annektiert wurde) gab im Jahr 1870 den Startschuss für den Wettkampf der europäischen Großmächte um die Rohstoffe Afrikas (den so genann- ten scramble for Africa)5. Durch die Berliner Kongo- konferenz 1884/85 wurde die Aufteilung des größten Teils Afrikas unter europäische Staaten »völkerrecht- lich« festgeschrieben – und diese Situation sollte im wesentlichen bis zur Dekolonisierung in den Jahr- zehnten nach dem Zweiten Weltkrieg fortbestehen. Schon dieser sehr kursorische Überblick über die Geschichte der kolonialen Eroberung Afrikas macht deutlich, welch großes Interesse auf Seiten Europas daran bestanden haben muss, das ursprünglich fas- zinierende Image der innerafrikanischen Königrei- che abzuwerten bzw. das weithin positive Bild Afri- kas ins Negative zu verkehren. Die Strategien dabei waren vielfältig und wurden jeweilig dem Kontext an-, gepasst: Ob es die Portugiesen waren, die ihre Kriegs- züge stromaufwärts des Sambesi mit der Hinrichtung des Jesuitenmissionars Gonçalo da Silveira durch den Munhumutapa 1561 rechtfertigten; die Briten, welche die Eroberung Nigerias mit den aus ihrer Sicht unge- rechtfertigten Handelsmonopolen der einheimischen Herrscher begründeten; oder die »Menschenrechtslob- by« des belgischen Königs Leopold, die in der Unter- werfung des Kongo einen Sieg der »Zivilisation« über den Sklavenhandel der arabischen Sultane Ostafri- kas rühmte (um nur einige wenige Beispiele kolonia- listischer Propaganda zu nennen): In jedem Fall kam es zur Abwertung indigener politischer Systeme als »despotisch«, »willkürlich« oder »grausam«. Aber nicht nur afrikanische Politik (d. h. auch Ge- schichte) wurde abgewertet, sondern zunehmend auch der afrikanische Mensch und seine Fähigkeit, Geschich- te zu machen. Koloniale Wissenschaftspolitik sorgte dafür, dass im Rahmen einer evolutionistischen »Kette des Seins« die Funktion des Bindeglieds zwischen dem Tier- und dem Menschenreich letztendlich für Afrika reserviert wurde. Ein neues, kolonialistisches Welt- und Menschenbild wurde geschaffen, dessen Rele- vanz für Afrika Georg Friedrich Wilhelm Hegel so for- mulierte: »Der Neger stellt den natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit und Unbändigkeit dar: von aller Ehrfurcht und Sittlichkeit, von dem, was Gefühl heißt, muss man abstrahieren, wenn man ihn richtig auffassen will; es ist nichts an das Menschliche An- klingende in diesem Charakter zu finden«6. Dass es von dieser Warte aus nicht mehr möglich war, Afrikanern und Afrikanerinnen Geschichte oder, gar Geschichtsbewusstsein zuzubilligen, ist offensicht- lich. Mit der Durchsetzung eines biologisch determi- nierten Rassismus ging somit die Konstruktion eines eurozentrischen Geschichtsbildes Hand in Hand, wel- ches einen (einzigen) »Gang des Fortschritts« mit der angeblich vorhandenen Kontinuität zwischen den Stadtkulturen der griechischen Antike und der euro- päischen bürgerlichen Öffentlichkeit des 19. Jahrhun- derts identifizierte und auf diese Weise alternative europäische, vor allem aber außereuropäische Ent- wicklungen an den Rand des Bewusstseins drängte. Eine liberale Interpretation der Entstehungsgeschichte eines »europäischen Gesellschaftsmodells« wurde als Weltgeschichte kanonisiert: Ur- und Frühgeschichte – Altägypten (die einzige als relevant anerkannte außer- europäische Geschichtsepoche) – Griechenland – Rom – europäisches Mittelalter – europäische Neuzeit. Kon- zeptionell wird Geschichte dabei mit der Existenz von Hochkulturen gleichgesetzt, d. h. von differenzierten Klassengesellschaften mit überregionalen staatlich-in- stitutionellen Strukturen und verschriftlichter Kom- munikation innerhalb ihrer sozialen Oberschicht. In einem solchen Geschichtsbild können somit weder die vorkoloniale Geschichte Afrikas – mit Ausnahme eben der altägyptischen »Hochkultur« – noch die Koloniale- poche einen Niederschlag finden. Neben der anthro- pologischen Abwertung des afrikanischen Menschen als »primitiv« waren es somit auch Entwicklungen in- nerhalb der Geschichtswissenschaft, die zur Ausblen- dung afrikanischer Geschichtlichkeit führten. Einer empirischen Überprüfung freilich hielt die weitgehend an den grünen Tischen der philosophie-, renden Naturforscher erfolgte Konstruktion einer gei- stig und charakterlich »primitiven« Menschenrasse, welcher man im Anschluss an Linné die Hautfarbe »schwarz« zuordnete7, nicht stand. Kenner der Situati- on in Afrika konnten über den Umstand nicht hinweg- sehen, dass es dort auch funktionierende staatliche Strukturen gab, denen ein gewisses Ausmaß an »Zi- vilisation« nicht abgesprochen werden konnte; gerade in der kreativen historischen Entwicklung des 18. und 19. Jahrhunderts hatten sich neue Staaten gebil- det, die wirtschaftlich auf feudaler Grundlage funktio- nierten, politisch über zentrale Verwaltungs- und Re- gierungsinstitutionen verfügten und sich in manchen Fällen auch der Schrift bedienten (und somit dem eu- ropäisch definierten Begriff der »Hochkultur« sehr nahe kamen). Das Kalifat von Sokoto, dessen Einfluss vom Norden Nigerias bis ins östliche Kamerun reich- te, wäre hier beispielhaft ebenso zu erwähnen wie der Aufstieg des Sultanats Sansibar, das die Handelsstädte der südostafrikanischen Swahili-Küste kontrollierte, oder die militärisch straff organisierten Nguni-König- tümer im südlichen Afrika (darunter, als bekanntestes derselben, das von Shaka um 1820 geschaffene Zulu- Reich). Wie sehr auch immer man diese Systeme (und ihre Repräsentanten) für »barbarisch« oder »grausam« halten mochte, für Forscher, Händler und Missionare – also die Träger des informellen europäischen Impe- rialismus – stellten sie Machtfaktoren von großer Be- deutung dar, deren Existenz realpolitisch in Erwägung gezogen werden musste. Einen Ausweg aus diesem »Dilemma« suchten eu- ropäische Afrikawissenschaftler in Form einer wei-, teren, vor allem die deutschsprachige Forschung bis weit ins 20. Jahrhundert hinein dominierenden These. Diese erkannte zwar kulturelle Leistungen (also eine »Geschichtlichkeit«) einzelner Regionen Afrikas an, schrieb diese aber in rassistischer Weise dem Einfluss von Migrant/inn/en aus anderen Kontinenten zu. »Die afrikanischen Großstaaten gehen in ihren Ursprüngen durchwegs auf ein Einströmen fremder, den Negern politisch überlegener Menschen zurück«, schrieb Diedrich Westermann noch 1952.8 Kolonialpolitisch lag die Funktionalität dieser Theo- rie auf der Hand – war durch sie doch »wissenschaft- lich« nachgewiesen, dass das zivilisatorische Niveau des »schwarzen Kontinents« eben nur durch den Ein- fluss einer anderen (z. B. der europäischen) »Rasse« gehoben werden konnte. Fachwissenschaftliche Kon- troversen in diesem Kontext waren somit häufig auch von politischer Relevanz, zuletzt noch in den 1970er Jahren im Fall der Ruinen von Great Zimbabwe. Ein kurzer Exkurs führt uns daher in die Entdeckungs- und Interpretationsgeschichte der vorkolonialen Geschich- te des Südlichen Afrika. 1871 hatte der deutsche Forschungsreisende Carl Mauch die Ruinen von Great Zimbabwe in der Nähe der heutigen Stadt Masvingo in Zimbabwe »entdeckt«. Großteils von Savannenvegetation überwuchert, ent- hüllten sich ihm eine so genannte Akropolis, hinter deren Mauern sich auf unterschiedlich hohen Platt- formen mehrere Vogelstatuetten vermutlich kultischer Bestimmung fanden; weitere zahlreiche so genannte Talruinen, wohl zum Schutz nicht mehr bestehender Holz- oder Lehmhäuser errichtet; und vor allem die, Great Enclosure, ein mit kolossalen, ohne Mörtel er- richteten Granitmauern und mehreren Eingangstoren versehener Komplex, innerhalb dessen sich kleinere, ebenfalls steinummauerte Grundflächen für Häuser sowie ein konisch zulaufender Turm ohne Hohlraum befanden. Ausgrabungen in seiner Umgebung förder- ten eine »Schatzkammer« mit zahlreichen Eisen- und Kupfergegenständen, rituellen Figuren sowie impor- tierten Textilien, Keramiken und Münzen aus Indien und sogar China zutage. Dass es eine funktionierende gesellschaftliche Or- ganisation (also einen »Staat«) gegeben haben musste, um diese gewaltigen Bauwerke zu errichten und zu erhalten, war und ist unbestreitbar. Wir interpretie- ren Great Zimbabwe, den nach den ägyptischen und meroitischen Pyramiden wohl bedeutendsten Ruinen- komplex Afrikas, heute als das politische Zentrum eines das Granitplateau umfassenden Herrschaftsbe- reichs, entstanden im 10. Jh. aus einer religiösen Kult- stätte von lokaler Bedeutung. Der »König« von Great Zimbabwe stand an der Spitze einer plateauweit or- ganisierten Feudalhierarchie: Aus allen Richtungen wurden Lebensmittel, Baumwollstoffe, Rinder, Berg- bauprodukte (Kupfer, Eisen, Gold) sowie Elfenbein als Abgaben an seinen Hof gebracht, und von der Küste her kamen die Abgesandten afro-arabischer (Swahili-) Handelshäuser, die Gold und Elfenbein gegen kostba- re Seidenstoffe, Keramik und andere Luxusgegenstän- de tauschten.9 Mauchs Aufsehen erregende Entdeckung warf Grundsatzfragen für das europäische Afrikaverständ- nis des späten 19. Jahrhunderts auf. Dass indigene, Menschen Träger dieser »Hochkultur« von Great Zim- babwe und Erbauer der gewaltigen Maueranlagen ge- wesen sein konnten, kam ideologisch nicht in Frage. Immerhin stand man gerade im Begriff, eine einiger- maßen dauerhafte europäische Herrschaft über Afrika zu etablieren, und das Argument, dass damit end- lich Zivilisation und Frieden auf dem »dunklen Kon- tinent« Platz greifen würden, war für die Motivierung von Wählern und Steuerzahlern (später auch von Wählerinnen und Steuerzahlerinnen) in der Heimat nicht ohne Bedeutung. So beeilte man sich denn zu betonen, eine so massive Anlage wie Great Zimbabwe hätte nur von eingewanderten »Kulturvölkern« errich- tet werden können. Als einer der ersten im deutschen Sprachraum fasste der in Deutschland geborene, später in Österreich-Ungarn tätige Kolonialgeograph Oskar Lenz die Ergebnisse der frühen britisch-süd- afrikanischen Ausgrabungen in Great Zimbabwe (und seine eigenen Ansichten) in der These zusammen, »dass die von Mauch neu entdeckten Gebäude des Ma- schonalandes vor dem Beginn der christlichen Zeit- rechnung von den Sabäern des südwestlichen Ara- biens errichtet worden sind«10. Ein archäologischer Befund, den Lenz von rassen-ethnologischen »Er- kenntnissen« zeitgenössischer Forscher bestätigt sah: »Schon lange glaubt man unter der vorherrschend aus Bantu-Negern (Kafirn) bestehenden Bevölkerung dieses Theiles von Afrika fremde anthropologische Elemente gefunden zu haben. Im Mittelalter spielte das Monomotapareich und dessen Herrscher eine ge- wisse Rolle, und Reste dieses später versprengten und angeblich nicht der afrikanischen Negerrasse angehö-, rigen Volkes sollen sich zu Mauchs Zeit noch gefun- den haben und es wird auf deren Verwandtschaft mit den Barutse im Zambesithal hingewiesen, die gleich- falls keine reinen Neger sind, sondern stark mit semi- tischem Blut gemischt sein sollen.« Auch wenn sich die von Lenz vertretene An- sicht, Great Zimbabwe sei mit dem biblisch genann- ten »Goldland« Ophir zu identifizieren, nicht durch- setzen konnte – seine grundlegende Annahme, die Ruinen müssten von einer eingewanderten, den Ein- heimischen kulturell und technisch überlegenen Ober- schicht errichtet worden sein, blieb auch die folgenden Jahrzehnte hindurch aktuell; von wenigen Ausnah- men abgesehen, wurden je nach wissenschaftlichem Background antike (altägyptische, phönizische) oder frühneuzeitliche (portugiesische) Einflüsse dafür nam- haft gemacht. Erst der Fortschritt der archäologischen Techniken veränderte das Bild. Ende der 1960er Jahre gelang es einem Wissenschafterteam um Peter Garla- ke, verschiedene Bauphasen der Anlage in Great Zim- babwe durch die Untersuchung organischer Müll- und Holzreste mittels der C14-Methode erstmals verläs- slich zu datieren: Für die ältesten Teile (die Hochruine) kommt demnach als Entstehungszeitraum frühestens das 10. Jahrhundert in Frage, für die später errichte- te Great Enclosure und die Talruinen die Periode 13. bis Mitte des 15. Jahrhunderts. Alle Hypothesen anti- ker oder europäischer »Bauherren«, ebenso aber auch von Einwanderern aus anderen Regionen Afrikas fielen damit rein chronologisch in sich zusammen. Ein wissenschaftlicher Befund, der vor Ort und in Europa zu einer erbitterten politischen Auseinandersetzung, führte: Während Garlake von seinem Posten als Leiter des Archäologischen Dienstes von Süd-Rhodesien ab- gesetzt und des Landes verwiesen wurde, wählten die aufständischen Befreiungsbewegungen die Turmrui- ne von Great Zimbabwe zum Symbol des von ihnen angestrebten, 1980 letztendlich verwirklichten unab- hängigen Staates. Anhand der Erforschungsgeschichte von Great Zimbabwe ist geradezu modellhaft die enge Verflech- tung kolonialpolitischer Interessen und pseudowis- senschaftlicher Ideologien mit der propagandistisch weit verbreiteten Vorstellung eines »geschichtslosen« Afrika ablesbar. Einer Verflechtung, die auch heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, nicht viel von ihrer Ak- tualität verloren hat: Nicht nur ist die Vorstellung eines »geschichtslosen«, »primitiven« Afrika in den Köpfen vieler präsent, auch Europas politisch-ökonomische Interessen in Afrika und die ihnen entsprechenden ab- wertenden Ideologien gehören nicht der Vergangenheit an. Die Überlegungen zum Thema »Geschichtsloses Afrika?« müssen somit im Kontext einer umfassende- ren ideologiekritischen Auseinandersetzung mit der Vorstellung vom »Krisenkontinent« Afrika gesehen werden. Dass in Afrika heute eine fundamentale Krise der Entwicklung real vorhanden ist, ist nicht zu leug- nen. Die behauptete »Geschichtslosigkeit« des Kon- tinents freilich kann nur imaginäre Erklärungen für mangelnde ökonomische Entwicklung oder teilwei- se fehlende politische Stabilität liefern. In gewissem Sinn muss sie sogar eher als Ablenkung von den tat- sächlichen Ursachen der kritischen Situation – weit-, gehende Abkoppelung vom Welthandel bei kaum ver- änderter Rohstoffabhängigkeit, Überschuldung, durch rigide so genannte Strukturanpassungsprogramme ausgelöster politischer Stabilitätsverlust etc. – gese- hen werden. Wenn der »Krisenkontinent« angeblich keine Geschichte hat, können auch historische Ursa- chen für seine Krise nicht namhaft gemacht werden. Umso mehr scheint eine Wiederentdeckung der ver- drängten Geschichtlichkeit Afrikas erforderlich. Nur so gelangt man zu einer realistischen Betrachtung von oder zu einer Begegnung mit Afrika, die nicht durch einen kolonialistischen oder rassistischen Blick ge- trübt ist., 2. Wir sind alle Afrikaner Afrika – Ursprung der Menschheit Von Friedemann Schrenk und Stephanie Müller »Lucy In The Sky With Diamonds« heißt der berühm- te Beatles-Song, der namensgebend war für ein fossi- lisiertes Skelett aus Äthiopien, das die Paläoanthropo- logie im zwanzigsten Jahrhundert auf den Kopf stellte: Doch auch ohne die Überreste der drei Millionen Jahre alten »Lucy« gehört das vergangene Jahrhundert zu den glanzvollsten in der Geschichte der Paläoanthro- pologie. Die Suche nach dem Ursprung des Menschen wurde in ihren altbekannten Dimensionen überschrit- ten, und eine Häufung von Abenteurern, Anthropo- logen und Funden auf dem afrikanischen Kontinent halfen bei der Rekonstruktion unserer Vergangenheit und der Feststellung: Die Wiege der Menschheit stand in Afrika. Charles Darwin schien sich getäuscht zu haben, als er 1871 die Wiege der Menschheit in Afrika vermute- te, denn zuerst kamen die entscheidenden Funde aus Europa und Asien. Dann wurde jedoch 1924 an einem völlig unerwarteten Ort eine Entdeckung gemacht, die für Aufregung sorgte: Steinbrucharbeiter bargen im südafrikanischen Taung einen fossilen Kinderschä- del, der vom Johannesburger Anatomieprofessor Ray- mond Dart unter der Bezeichnung Australopithecus africanus (südlicher Affe aus Afrika) der skeptischen Fachwelt vorgestellt wurde. Das rund zwei Millionen Jahre alte Lebewesen besaß anatomische Merkmale, die zeigten, dass es dauernd aufrecht ging – aber ein Gehirn besaß, das nicht größer war als bei Schimpan-, sen. Dies stand damals in direktem Widerspruch zur herrschenden Lehrmeinung. Daher wurde das »Taung Baby« lange Zeit – von einflussreichen Anthropologen als Schimpansen-Kind angesehen. Kaum ein Wissen- schaftler wollte damals die Vorfahren des Menschen in Afrika vermuten. Unaufhörlich häuften sich aber seit 1925 die fossi- len Belege für Vor-, Ur- und Frühmenschen aus Afrika. Kein einziges der tausenden Fragmente, die zwischen- zeitlich gefunden wurden, widerspricht der 1925 auf- gestellten Hypothese: Am Anfang der Menschwerdung stand nicht das große Gehirn, sondern der aufrechte Gang. Und: Es gibt kein einziges Fossil auf der Welt, das älter ist als zwei Millionen Jahre und NICHT aus Afrika stammt. Trotz aller zeitlichen und geographischen Lücken in der Überlieferung – immerhin fehlen 99,99 Prozent und vom Rest liegen nur unvollkommene Zahn- und Knochenfragmente vor – haben wir heute ein detail- liertes Bild der Frühphase der Menschheit. Die heute lebenden Menschenaffen und der Mensch hatten ge- meinsame Vorfahren. Diese Vorfahren von Menschen- affen und Menschen trennten sich vor etwa sieben bis acht Millionen Jahren voneinander – zwei eigenstän- dige Linien entstanden, die in zwei recht unterschied- lichen Habitaten lebten. Warum das so war, lässt sich durch weitreichende Klimaveränderungen erklären. Der tropische Regenwald ging stark zurück und es ent- standen Baumsavannen und damit eine größere Viel- falt an Lebensräumen. Einige Menschenaffen-Popula- tionen lebten so auf einmal am Rande des tropischen Regenwaldes. Die baumbestandene Savanne dagegen, bot attraktive neue Lebensräume für Menschenaffen. Das Hangeln wie im dichten Urwald war zwar hier nicht mehr möglich, aber die Bäume boten immerhin sichere Schlafplätze. Einziger Nachteil an dem Baum- habitat war, dass die geschlossenen Bereiche durch weite baumlose Gebiete voneinander getrennt waren. Die hier lebenden Menschenaffen müssen diesen Nachteil jedoch als Vorteil genutzt haben. Eine der Strategien, die weit voneinander liegenden Gebiete zu überbrücken, muss die Entwicklung des aufrechten Gangs gewesen sein. Was Schimpansen nur ab und zu tun, wurde für unsere ältesten Vorfahren zum norma- len Verhalten: das zweibeinige »Gehen«. Als vor fünf bis sechs Millionen Jahren die saiso- nalen Trockenzeiten länger und ausgeprägter wurden, mussten die Lebewesen wohl oder übel auf Boden- früchte wie Knollen und Speicherwurzeln zurückgrei- fen, während in den Regenzeiten weiterhin Früchte, Kerne und Hülsen der Waldgebiete zur Verfügung stan- den. Dass diese Vorfahren am Rande des tropischen Regenwaldes gelebt haben müssen, kann aus den in ihrem Umfeld gefundenen Tierfossilien geschlossen werden. Unsere Hypothese zur Entstehung und Ver- breitung früher Hominiden in Afrika geht davon aus, dass alle frühen Hominiden im tropischen ostafrika- nischen Bereich entstanden sind. Wie bereits bei der Entstehung der Hominiden-Vorfahren, zwei Millionen Jahre vorher, existierten verschiedene Vormenschen- typen gleichzeitig nebeneinander in geographisch ge- trennten Lebensräumen. Australopithecus und Kenyan- thropus gehörten – nach dem Zahnschmelz zu urteilen – zu den Allesfressern. Auf ihrem Speiseplan standen, Früchte, Beeren, Nüsse, Samen, Sprösslinge, Knospen und Pilze – Futter, das regelmäßig in ihrem Lebens- raum zur Verfügung stand. Kleine Reptilien, Jungvö- gel, Eier, Weichtiere, Insekten und kleine Säugetiere wurden von ihnen, soweit sie deren habhaft werden konnten, wohl ebenfalls verzehrt. Die Vormenschen entwickelten Strategien, mit denen sie das vielfältige Nahrungsangebot bestmöglich nutzen konnten. Neben reichlich Pflanzennahrung gehörte also auch Fleisch zum Speiseplan. Da es keine Anzeichen für Jagdver- halten wie etwa Schnittspuren auf den Knochenresten gibt, wurden wohl nur kleinere Tiere gejagt, wenn dies ohne Bedrohung möglich war. Viel häufiger als die Jagd war bei Australopithecus das Fleddern schon ge- rissenen Wildes, ein auch für Schimpansen nicht un- übliches Verhalten. Gerade in den Trockenzeiten war frisch-totes Fleisch, zum Beispiel von verhungerten Tieren, reichlich zu finden. Als Aasfresser war Austra- lopithecus mehr Gejagter als Jäger. Die Vormenschen lebten in kleinen Gruppen mit vielleicht 20 bis 25 In- dividuen in den Randbereichen des sich ausdünnen- den tropischen Regenwaldes am Rande zur sich aus- breitenden Grassavanne. Es gibt keine Hinweise zu Nahrungsteilung. Daher ist anzunehmen, dass auch die Nahrungssuche individuell bestimmt war. Das Ge- hirnvolumen der Vormenschen war nur wenig größer als bei ihren Vorfahren – kurz gesagt, sie waren also nichts anderes als aufrecht gehende Menschenaffen. Das Verhalten dieser Stammgruppe der Vormen- schen (Gattung Australopithecus) im tropischen Be- reich war zunächst darauf ausgerichtet, eine enge Ver- bindung zu den breiten Uferzonen der Flüsse und, Seen beizubehalten. Über einen längeren geologischen Zeitraum kam es jedoch zur Ausbreitung einiger Po- pulationen entlang von Uferzonen-»Korridoren« in das westliche, das nördliche und das südliche Afrika, und zwar in Zeiten relativ feucht-warmen Klimas vor ca. 3,5 Millionen Jahren. Die Hominiden blieben auch weiterhin ihren bewaldeten Habitaten treu, und das besonders in gemäßigteren Klimaten und in geogra- phischer Isolation am äußersten Rand ihres Verbrei- tungsgebietes. Vor 3,5 Millionen Jahren entstanden also die ersten geographischen Varianten der Vormen- schen. Im westlichen Afrika war dies Australopithe- cus bahrelgazali und im nordöstlichen Afrika Austra- lopithecus garhi. Als vor etwa 3,5 Millionen Jahren eine Verlagerung der bisherigen Lebensräume begann, führte dies auch zur Entstehung von Australopithecus africanus als Teil der Faunen des südlichen Afrika. Die Ausbreitung in das südliche Afrika hinein wurde durch die Entstehung des Paläo-Lake Malawi – also des Ur-Malawi-Sees – und durch das Vordringen des Malawi-Rifts in die gemäßigten Bereiche Afrikas er- möglicht. In den vergangenen Jahren ist also offen- kundig geworden, dass die Menschwerdung ein pan- afrikanisches Phänomen war. Vor ungefähr 2,8 Mio. Jahren setzte eine allgemeine Phase der Abkühlung und zunehmenden Trockenheit ein, die vor ca. 2,5 Mio. Jahren ihren Höhepunkt er- reichte. Während dieser Zeit waren die Vormenschen des östlichen und des südlichen Afrikas jeweils un- terschiedlichen Folgen dieser kontinentweiten zuneh- menden Trockenheit ausgesetzt. Für Australopithecus afarensis aus dem östlichen Afrika bedeutete dieser, Umschwung die Verlagerung seines Lebensraums. Er breitete sich in die weiter entfernt liegenden Lebens- räume der Fluss- und Seeufer aus. Die Veränderun- gen der Umwelt hatten zur Folge, dass sich Savannen, mit einem höheren Anteil an gegenüber Trockenheit resistenten, hartfaserigen und hartschaligen Pflanzen ausdehnten. Die verbleibenden üppigen Flussauewäl- der wurden schmaler. Der Selektionsdruck dieser Um- weltveränderungen erhöhte die Chancen für Tiere und Hominiden mit größeren Zähnen, die sich das Ange- bot an härterer Nahrung in den Savannen erschlos- sen hatten. Vor ungefähr 2,5 Millionen Jahren spalte- te sich der Homindenstamm in zwei Linien auf. Die eine Linie begann mit den ersten Urmenschen (Homo rudolfensis) und führte zum Homo sapiens, die andere – die der robusten Australopithecinen (»Nussknacker- Menschen«) (Paranthropus) starb vor etwa einer Milli- on Jahren aus. Während Paranthropus durch einen robusten Kau- apparat grundsätzlich auf zähe Nahrung spezialisiert war, zeigte sich Homo rudolfensis von einer flexibleren Seite: Seine Fähigkeit zur Anpassung an die klima- tischen Veränderungen ging einher mit der Entwick- lung eines größeren und leistungsfähigeren Gehirns. Hierbei vollzog sich ein Wechsel zur Aufnahme einer weniger abrasiven, d. h. die Zähne wegen ihrer Härte stark abnutzenden Nahrung mit zunehmender Ten- denz zu einer Omnivoren Ernährungsweise – also der bis heute entwickelten Tendenz zum Allesfressertum. Offensichtlich gab es also neben dem kraftvollen Kau- apparat der robusten Australopithecinen eine andere Möglichkeit, die bei steigender Trockenheit zuneh-, mend härtere Nahrung zu bewältigen: Die ersten Werkzeugkulturen entstanden zeitgleich mit der Ent- stehung der Gattung Homo. Unter dem Druck der Umweltveränderungen war es also vor allem die Fähigkeit der Hominiden zu kul- turellem Verhalten, die die Gattung Mensch entste- hen ließ. Die beginnende Werkzeugkultur kompen- sierte die Auswirkungen des Klimawechsels solange, bis Homo rudolfensis andere Nahrungsquellen besser als jede andere Hominidenart jemals zuvor nutzen konnte. Mit Hilfe der Werkzeuge wurde ein Teil der Nahrungsverarbeitung nach außerhalb des Körpers verlegt. Der Einsatz der ersten Hammerwerkzeuge zum Aufbrechen harter Nahrung brachte Vorteile in unvor- stellbarem Ausmaß. Zufällig entstehende scharfkanti- ge Abschläge wurden als Schneidewerkzeuge einge- setzt – und das war eine technische Revolution für die Hominiden. Kadaver konnten so leichter zerlegt und Fleisch einfacher gegessen werden. Durch die Benut- zung von Werkzeugen war der Mensch erstmals un- abhängig von direkten Umwelteinflüssen. Allerdings führte die damit wachsende Unabhängigkeit vom Le- bensraum zur Abhängigkeit von Werkzeugen – ein bis heute charakteristisches Merkmal des Menschseins. Wer überall zurechtkommen will, braucht Hilfsmit- tel, mit denen er den Anforderungen der jeweiligen Region und Situation gewachsen ist. Eine wichtige Voraussetzung für die weitere kultu- relle Evolution lag in der Verfeinerung der Kommu- nikationsmöglichkeiten. Die differenzierten Nuancen kultureller Erscheinungen setzen ein ebenso diffe-, renziertes Kommunikationsmedium voraus: die Spra- che. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, kulturelle Erfah- rungen zu tradieren und weiterzugeben. Auch wenn Sprache nicht fossilisiert, sind doch zunehmend ver- feinerte Werkzeuge ein Hinweis auf eine möglicher- weise komplexer werdende Sprache. Mit der Gattung Mensch begann vor weit über 2,5 Millionen Jahren – neben der Sprache – auch die Entwicklung des Ge- hirns mit Veränderungen in Größe und Struktur. Die mit Hilfe von scharfen Steinsplittern mögliche Zerle- gung und bessere Ausnutzung von Kadavern führt zu einer Zunahme fleischlicher Nahrungsbestandteile. Erst die dadurch verfügbare bessere, fetthaltigere und gleichmäßigere Nährstoffzufuhr ermöglichte den Ho- miniden die Versorgung eines größeren Gehirns. Vor ca. zwei Millionen Jahren begann in Afrika auch die Entwicklung zu Hominidentypen mit kräfti- gerem und größerem Skelett und massivem Knochen- bau im Schädel, den typischen Merkmalen von Homo erectus. Diese Frühmenschen breiteten sich von Afrika bis nach Asien und Europa aus. Der Ursprung von Homo erectus war wahrscheinlich Homo rudolfensis, ein relativ robuster Typus, der – wie bereits erwähnt – eine halbe Million Jahre zuvor im östlichen Afrika ent- standen war. Gegenüber Homo rudolfensis zeigen sich bei Homo erectus Körpermerkmale, die eine progres- sive Entwicklung andeuten. Hierzu gehört vor allem die Vergrößerung des Hirnschädelvolumens, die Ver- änderung der Proportionen des Hirn- und Gesichts- schädels, die Verstärkung der Schädelbasisknickung, die tiefere Lage der Öffnung der Schädelunterseite, wo das Rückgrat ansetzt und das Rückenmark austritt,, und der rundlicheren Zahnbogenform. Kennzeich- nend ist ebenso eine recht niedrige Stirn und die Aus- bildung von kräftigen Augenüberwülsten, über deren Funktion man bis heute rätselt. Klar dagegen ist die Interpretation seines recht massiven Knochenbaus: Er lässt darauf schließen, dass Homo erectus hohe Kraft und Ausdauer beim Tragen von Material und Nah- rung zu den Wohnorten aufbrachte. Bei Homo erec- tus ist eine Zunahme des Gehirnvolumens feststell- bar. Es beträgt bei den ältesten Schädeln (knapp zwei Millionen Jahre alt) ca. 800-900 ccm. Vor einer Mil- lion Jahren werden Werte von ca. 900-1.000 ccm er- reicht und vor einer halben Million Jahren Werte von über 1.100-1.200 ccm. Spätestens vor zwei Millionen Jahren verließ der frühe Homo erectus (der so genannte Werkzeugma- cher Homo ergaster) oder ein später Homo rudolfensis zum ersten Mal den afrikanischen Kontinent. Sowohl die Fähigkeit, das Feuer zu nutzen, ein technisches und soziales Problem, das sicher vor mehr als 1,5 Mio. Jahren und wahrscheinlich schon vor zwei Mil- lionen Jahren gelöst war, als auch entwickelte Jagd- techniken waren wichtige Voraussetzungen, Afrika zu verlassen. Möglicherweise war die Jagd eine wichti- ge Triebkraft, um in entfernteren Gebieten nach Beute zu suchen und den Lebensbereich langsam auszudeh- nen. Zwar verhinderten die klimatischen Bedingun- gen der Eiszeiten in Europa eine frühe Besiedlung des gesamten Kontinents, jedoch wurde Südeuropa schon von den ersten Auswanderungen aus Afrika erreicht. Sicher nachgewiesen ist bislang nur die Ausbreitungs- route über den Nahen Osten. Jedoch liegt die Vermu-, tung nahe, dass auch eine Verbreitung über Gibraltar schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt stattfand. Da von Nordafrika aus das gegenüberliegende Ufer sicht- bar ist, dürfte die Passage wohl auch für Homo erectus relativ leicht zu bewerkstelligen gewesen zu sein. Eine solche Nordwestafrika-Westeuropa-Route ist jedoch bislang nur eine Hypothese, die noch durch zukünf- tige Geländearbeit untermauert werden muss. Mögli- cherweise ließen sich dann auch in Nordwest-Afrika die Wurzeln der europäischen Variante des Homo erectus finden, der vor fast 700.000 Jahren als Homo heidelbergensis in Mitteleuropa auftrat. Vor spätestens ca. 500.000 Jahren war Homo erectus außer in Afrika auch in Ostasien, Südostasien sowie in Mittel- und Südeuropa weit verbreitet. Vor einer halben Million Jahren begann im eiszeit- lichen Europa die Entstehung kräftiger Menschen, die mit den Lebensbedingungen der Eiszeit gut zurecht- kamen: die Neandertaler. Sie organisierten ihre Ge- sellschaft, jagten Mammute und Wollnashörner, ver- teidigten sich gegen Höhlenbären und Höhlenhyänen, beherrschten das Feuer meisterhaft und hatten eine gut entwickelte Sprache. Sie waren fähig, Erfahrun- gen weiterzugeben, sie sorgten für Alte und Gebrech- liche. Neandertaler bestatteten ihre Toten mit Grabbei- gaben. Zum ersten Mal in der langen Geschichte der Menschheitsentwicklung nahm man sich der Verstor- benen an. Durch molekulargenetische Studien an den ca. 60.000 Jahre alten Originalknochen des ersten Ne- andertaler-Fundes konnte ein kleiner, aber klarer ge- netischer Unterschied zwischen Neandertalern (Homo neandertalensis) und modernen Menschen (Homo sa-, piens) belegt und das geologische Alter ihres letz- ten gemeinsamen Vorfahren auf ca. 800.000 Jahre be- stimmt werden. Zeitlich parallel zu den Neandertalern, also seit ca. 500.000 Jahren, entwickeln sich in Afrika bereits die archaischen modernen Menschen. Dieser afrikani- sche Ursprung des heute weltweit verbreiteten Homo sapiens wurde in den letzten Jahren durch genetische und linguistische Vergleichsforschungen an heuti- gen Menschengruppen sehr wahrscheinlich gemacht. Spätestens vor 200.000 Jahren war der biologisch mo- derne Mensch in Afrika entstanden. Eine erste Aus- wanderung erfolgte über die Arabische Halbinsel nach Indien vor ca. 120.000 Jahren, danach in den Bereich des Nahen Ostens. In dem bereits von modernen Men- schen »besetzten« Lebensraum Levante wanderten vor knapp 80.000 Jahren die Neandertaler vom Norden kommend ein. Beide Gruppen existieren dort dann fast 50.000 Jahre lang neben- und miteinander. Die aus Afrika stammenden modernen Menschen waren den Neandertalern aber nicht nur in der Werkzeug- technik überlegen. Sie konnten vor allem die Ressour- cen der Umwelt besser nutzen. Ihre Form der sozialen Organisation war höher und sie entwickelten tradier- te Sitten und Gebräuche. Insgesamt lebten sie weniger gefahrvoll, erreichten ein höheres Alter und waren fruchtbarer. Kein Wunder also, dass sich die moder- nen Menschen viel stärker vermehrten als die Nean- dertaler, die in ungünstigere Lebensräume abgedrängt wurden oder sich dorthin zurückzogen. Diesem zu- nehmenden Druck waren die Neandertaler auf Dauer nicht gewachsen, sie starben schließlich langsam aus., Während sich der moderne Mensch weltweit durch- setzte, ist der europäische Neandertaler seit ca. 30.000 Jahren nicht mehr anatomisch nachweisbar. So war also Afrika nicht nur einmal, sondern mehr- mals die Wiege der Menschheit. Hier entstanden die aufrecht gehenden Vormenschen vor spätestens 6 Millionen Jahren, hier begann die kulturelle Evoluti- on vor 2,5 Millionen Jahren. Von Afrika breiteten sich die Frühmenschen vor zwei Millionen Jahren erst- mals über die alte Welt aus. In Afrika entstanden vor ca. 200.000 Jahren auch die modernen Menschen, zu denen wir alle gehören. Wir sind alle Afrikaner., 3. Die Jahrhunderte des Sklavenhandels Über die Schwierigkeit, über afrikanische Geschichte zu schreiben Von Andreas Eckert Im November 1963 sendete das britische Fernsehen einen Vortrag zum Thema »Der Aufstieg des christ- lichen Europa«. Der Autor, der unlängst verstorbe- ne Sir Hugh Trevor-Roper, damals Königlicher Pro- fessor für Neuere Geschichte der Universität Oxford und als streitlustig bekannt, leitete seine Darlegungen mit folgenden denkwürdigen Sätzen ein: »Studenten, wie immer von rasch wechselnden Moden verführt, verlangen, dass afrikanische Geschichte in der Lehre stärker berücksichtigt werden solle. In Zukunft wird dies vielleicht möglich sein. Zur Zeit gibt es jedoch keine afrikanische Geschichte, die gelehrt werden könnte; es gibt lediglich die Geschichte der Europäer in Afrika. Der Rest ist Dunkelheit, wie die Geschich- te des voreuropäischen, vorkolumbianischen Ameri- ka. Und Dunkelheit ist kein Thema der Geschichte.« In der afrikanischen Geschichte könne er, legte der Oxford-Don nach, nicht mehr als das »Kreisen barba- rischer Stämme in pittoresken, aber irrelevanten Welt- gegenden« erkennen. Es mag auch heute noch Historiker geben, die zu- mindest stillschweigend Trevor-Ropers damalige An- sichten teilen. Und in Teilen der Öffentlichkeit mag das Bild vom »geschichtslosen Kontinent« weiterhin Bestand haben. Würde man nach verbreitetem euro- zentrischem Verständnis nur das als Geschichte an- erkennen, was in schriftlichen Quellen überliefert ist und alle Kenntnisse, die sich aus archäologischen, Funden ergeben, der Vor- und Frühgeschichte zuord- nen, hätten große Teile Afrikas in der Tat eine lange Vorgeschichte und lediglich eine kurze Geschichte, die oft nur bis ins 19. Jahrhundert zurückreichte. Die Gesellschaften des alten Afrika bestanden kei- neswegs aus verstreuten Menschengruppen, die in kleinen, aus Lehm- oder Grashütten bestehenden Dör- fern lebten. Für eine Reihe von Regionen – Nubien (im heutigen Ägypten und Sudan), Äthiopien, die westafrikanische Savanne, die Waldzone Westafrikas, die ostafrikanischen Küstenregionen und Inseln, das Simbabwe-Plateau sowie Teile Zentralafrikas – lässt sich hohe soziale und kulturelle Komplexität und die Entstehung und Entwicklung von Staaten und Städten demonstrieren. Diese Regionen besaßen trotz beträcht- licher Unterschiede in ihren jeweiligen Umweltbedin- gungen eine Reihe von Gemeinsamkeiten. Dazu gehö- ren eine verhältnismäßig große Bevölkerungsdichte, effiziente Strategien in Ackerbau und Viehzucht sowie die Produktion von Eisengeräten, welche die Nutzung vorhandener Ressourcen erheblich erleichterten. In Ost- und Zentralafrika ist das Schmelzen von Eisen für das 7. vorchristliche Jahrhundert, in Westafrika für das 4. Jahrhundert vor Christus nachgewiesen. Dabei ist eine vom Mittelmeerraum unabhängige Entdek- kung des Schmelzprozesses wahrscheinlich. Die auf das 4. Jahrhundert nach Christus datierten berühmten Stelen aus Granit im äthiopischen Aksum lassen auf eine besonders weit fortgeschrittene Ingenieurtech- nik schließen. Selbst wenn diese anspruchsvolle Form der Architektur eine Ausnahme darstellte, gibt es vie- lerorts Hinweise auf technisch versierte und vielseiti-, ge Bautätigkeiten, mochten sie auch schwer mit zeit- genössischen europäischen Bauten vergleichbar sein. Des Weiteren findet sich bereits ein vielfältiges Bild urbaner Traditionen. Städte wie Gao, Koumbi Saleh oder Kilwa etwa dienten als Drehpunkte von Wirt- schaft und Handel, als Zentren politischer und rituel- ler Macht oder als militärische Stützpunkte. Die Sahel-Sudan-Zone stand seit undenklichen Zeiten im kulturellen und wirtschaftlichen Austausch mit dem nördlichen Afrika. Die Sahara war nie eine Schranke für Wandel, Handel oder Krieg; die auch heute noch verbreitete, scheinbar rein geografische Unterscheidung zwischen Nord- und subsaharischem »Schwarz«-Afrika basiert nicht zuletzt auf rassisti- schen Kriterien. Denn dahinter steckt die Vorstellung, man könne Menschen mit etwas hellerer Hautfarbe als scheinbar »höherstehend« von denen mit dunk- lerer Hautfarbe absondern. Die politische Geschichte der Region am Südrand der Sahara ist durch den Auf- stieg und Niedergang einer ganzen Reihe von Großrei- chen charakterisiert. Am Anfang war Tekrur, die wohl älteste Staatsgründung im Senegalgebiet, die auf das 1. Jahrhundert nach Christus datiert wird. Wesentlich bedeutender ist das vierhundert Jahre später begrün- dete, zwischen Senegal und Niger gelegene Soninke- Reich von Ghana, welches im 9. und 10. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte. Weiter östlich entwickelte sich im 13. Jahrhundert das Mali-Reich zur neuen Regio- nalmacht und erstreckte sich bald vom Atlantik bis zum Niger und von der Zentralsahara bis zum tro- pischen Regenwald im Süden. Im 15. Jahrhundert schließlich gelangte mit dem Songhai-Reich ein weite-, rer Staat zur Vorherrschaft im westlichen Sudan, bevor er 1691 durch den Einfall marokkanischer Truppen zerstört wurde. In der Blütezeit Songhais entwickelte sich die Stadt Timbuktu zu einem kulturellen Zentrum mit internationaler Ausstrahlungskraft, geprägt durch die theologische Hochschule, an der neben theologi- schen Disziplinen damals auch Literatur, Geschichte, Geographie und Astronomie gelehrt wurde. Erwähnt werden muss zudem das im 9. Jahrhundert begründe- te, im Tschadbecken gelegene Kanem-Borno, welches erst im Gefolge der kolonialen Durchdringung in den 1890er Jahren seine Eigenständigkeit verlieren sollte. Die großen westafrikanischen Reiche unterschie- den sich in ihrem Aufbau erheblich, doch wurden sie alle von Militäraristokratien beherrscht. Zudem spiel- ten offenbar überall Sklavenfang und Sklavenhandel eine zentrale Rolle für die Begründung und Aufrecht- erhaltung ihrer Herrschaft, wenngleich die begrenz- te Quellenlage zu diesen Reichen keine eindeutigen Aussagen zulässt. Auffällig ist jedoch, dass zeitgenös- sische Autoren unter keinerlei Rechtfertigungszwang standen und die Sklaverei ohne ausführliche Begrün- dung als eine Tatsache hinnahmen, was auf eine tiefe Verwurzelung der Institution in der Region hindeu- tet. Dies führt zu der bis heute umstrittenen Frage, ob es überhaupt einheimische Formen der Sklaverei in Afrika gegeben hat oder ob Sklaverei nicht erst im Ge- folge äußeren Einwirkens entstanden ist. Besonders kontrovers diskutiert wird diese Frage im Rahmen der Debatte um die Folgen des transatlanti- schen Sklavenhandels. In der Periode vom 15. bis zum 19. Jahrhundert sind mehr als zwölf Millionen Afri-, kaner, Männer und Frauen, als Sklaven in die Kari- bik, nach Nord- und Südamerika verschleppt worden. Dabei sind die Opfer auf dem Weg in die Sklaverei in dieser Zahl noch nicht einmal inbegriffen. Diese größte Zwangsmigration in der Geschichte haben Europäer zu verantworten. Gleichwohl wurde der Sklavenhan- del in Teilen Afrikas – insbesondere in den Waldland- regionen längs der westafrikanischen Küste bis zu den Savannen Angolas – selbst zu einer wichtigen Stütze politischer Herrschaft, zur Grundlage weitverzweigter Handelssysteme, zur Quelle von Reichtum, Einfluss und Macht. Die wirtschaftliche Basis großer Reiche in Westafrika wie Dahomey (im heutigen Benin) und Asante (heute Ghana) bestand zu einem Gutteil aus Fremdleistungen: Das Königreich Dahomey etwa ent- wickelte sich zu einer regelrechten Sklavenproduk- tionsmaschinerie, zu einem Staat, dessen jährlich wiederkehrende, in der Trockenzeit unternommene Kriegszüge zuvorderst der Gewinnung neuer Sklaven dienten, die dann im königlichen Haushalt und auf den Feldern schuften mussten. Ein Teil der Versklav- ten wurde an europäische Sklavenhändler verkauft. Sklaverei in Afrika als Folge äußerer Nachfrage und äußeren Eingreifens – so zugespitzt formulierte es Walter Rodney in seiner Anfang der 1970er Jahre pu- blizierten Schrift »Afrika – Die Geschichte einer Un- terentwicklung«, einer der wenigen Verkaufsschlager der an Bestsellern armen Afrika-Literatur. Mit dieser These schoss er jedoch weit über das Ziel hinaus. Es besteht inzwischen weitgehend Einigkeit darüber, dass Sklaverei in Afrika in verschiedenen Ausfor- mungen bereits vor der Ankunft der Europäer im 15., Jahrhundert existierte, der atlantische Sklavenhandel gleichwohl die Verbreitung und Verhärtung von Skla- vereisystemen südlich der Sahara förderte. Die Inten- sivierung von Sklaverei blieb beileibe nicht der einzi- ge Effekt des Sklavenhandels. Die Interpretationen der Historiker über seine Folgen gehen jedoch weit aus- einander. Zwei zentrale methodologische Probleme machen die Frage so schwierig, ja unmöglich zu be- antworten. Zum einen variierte der Einfluss des Skla- venhandels nach Zeit und Ort beträchtlich, so dass Gesamtaussagen für den Kontinent nicht getroffen werden können. Zum anderen verfügen wir schlicht- weg nicht über ausreichende Daten und Fakten zum vorkolonialen Afrika. Diese Krux manifestiert sich be- sonders deutlich bei der Erforschung der demographi- schen Folgen des Sklavenhandels für den Kontinent. Potentiell war der Einfluss auf die Bevölkerungsent- wicklung enorm wichtig, nur ist er leider mit den vor- handenen Quellen kaum nachzuvollziehen. Woran hapert es? Erstens sind die Bevölkerungs- zahlen für die Zeit vor dem Transatlantischen Skla- venhandel nicht einmal in Ansätzen bekannt. Zwei- tens ist kaum abzuschätzen, welche Wirkungen die von Europäern eingeschleppten Krankheitserreger entfalteten, etwa Tuberkulose und durch Bazillen ver- ursachte Lungenentzündung, gegen die Westafrikaner so gut wie nicht resistent waren. Drittens schließlich muss die Verbreitung neuer, aus Amerika stammender kalorienreicher und gegen Dürre resistenter Kultur- pflanzen wie Mais und Maniok in Rechnung gestellt werden. Aber auch hier ist die – in diesem Fall poten- tiell positive – Wirkung kaum abzuschätzen., Im Verlauf des 19. Jahrhunderts verboten die euro- päischen Mächte sukzessive Sklavenhandel und Skla- verei. Die Folgen der Abolition für Afrika waren höchst widersprüchlich. Äußerst langsam löste der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten den Handel mit Men- schen ab. Aber selbst in den küstennahen westafrika- nischen Hauptproduktionsgebieten, wo Erdnüsse ange- baut und Palmöl gewonnen wurden, ging die Abolition vielerorts mit einer Ausweitung und Intensivierung der Sklaverei einher. Ein nur scheinbares Paradox, denn Sklaverei war eine wichtige Form der Mobilisierung von Arbeitskraft geworden; zudem hatten die Jahrhun- derte des Sklavenhandels die Sklaverei zu einer akzep- tierten Institution gemacht und nicht zuletzt bestimm- ten Gruppen zu jener Macht geholfen, die notwendig ist, um andere zu versklaven. Doch verbreitete sich in Europa im Verlauf des 19. Jahrhunderts eine Sicht über die Afrikaner, derzufolge sie nicht mehr wie in der Ab- olitionsdebatte als versklavte Opfer, sondern als ver- sklavende Tyrannen erschienen. Die auf koloniale Ex- pansion drängenden Kräfte etwa in England, Frankreich und Deutschland verfügten nun über ein Argument, das es ihnen ermöglichte, die koloniale Aufteilung Afrikas als humanitären Kreuzzug gegen Sklaverei und Sklavenhandel auszugeben. Die starke Hand des Ko- lonialstaates schien vonnöten, gar als einzige Chance, um die Afrikaner gleichsam vor ihrer eigenen Gewalt- tätigkeit und Tyrannei zu schützen und nebenbei den Kontinent auch wirtschaftlich zu »öffnen«. Die Europäer erhoben den Anspruch, ihre Koloni- sierung Afrikas sei eine disziplinierte, begrenzte und zugleich zukunftsorientierte Unternehmung. Dieses, Projekt des reformierten Imperialismus erwies sich rasch als Fehlschlag. Die Kolonialherren erkannten bald, dass sie ihre Herrschaft nur dann sichern konn- ten, wenn sie Allianzen mit den afrikanischen Eliten eingingen, deren Herrschaft sie wiederum sogleich zu begrenzen oder zu zerstören suchten. Als außeror- dentlich groß erwiesen sich die Schwierigkeiten, Afri- kaner zu verlässlichen Produzenten für Europa und den Weltmarkt zu machen. Zudem blieb der eigentli- che Verwaltungsapparat aus finanziellen Gründen in allen Kolonien viel zu klein, um jeweils im gesamten Territorium präsent sein zu können. Die Schwäche kolonialer Herrschaft minderte indes nicht deren Ge- walttätigkeit, sondern stärkte sie. Dies erhöhte aller- dings auch bei den Betroffenen die Wut über die Wir- kungen dieser Gewalt. Die Staatsmodelle in den Köpfen der Kolonialad- ministratoren beeinflussten indes die Realität Afrikas in einer folgenreichen Weise. Die vielfältigen gesell- schaftlichen Organisationsformen des vorkolonialen Afrika wurden allesamt umgedeutet in »tribale« Ein- heiten, »Stämme«, die man ihrerseits nach dem heimi- schen Muster des Nationalstaates als Sprach-, Kultur- , Abstammungs- und politische Gemeinschaften mit abgegrenzten Territorien interpretierte. Das konnte vor allem jenen Afrikanern recht sein, die im Amt be- stätigt oder in eines berufen wurden, denn sie verfüg- ten fortan trotz Verlust ihrer Souveränität häufig über mehr Macht als je zuvor. Ethnizität ist jedoch keine rein koloniale Erfindung. Der Unterschied der koloni- alen Stammes-Ideologien zu vorkolonialen Identitäts- mustern bestand primär in der Ausschließlichkeit, mit, der nun ein Idiom der Gruppenzugehörigkeit – das der Ethnizität und Abstammung – gegenüber allen ande- ren privilegiert wurde. Die uns heute bekannten Eth- nien sind also nicht zuletzt Produkte der Kolonialzeit. Verstärkte Demokratisierung und der Aufbau par- lamentarischer Institutionen erschienen unabdingbar für jene neuen kolonialen Utopien und Projekte, die im Kontext des Zweiten Weltkriegs an Bedeutung gewan- nen. Infolge des zügigen Zerfalls der Kolonialreiche in Asien erlangten die afrikanischen Besitzungen erst- mals eine volkswirtschaftlich wichtige Stellung für die europäischen Kolonialmächte. Die vermehrte Ressour- cenabschöpfung konnte jedoch, so die Überzeugung der Kolonialpolitiker, nur im Zuge einer grundlegen- den Modernisierung der afrikanischen Gesellschaften gelingen. Der koloniale Verwaltungsstaat bekam einen demokratischen Mantel übergestülpt. Das autoritäre Gerüst blieb. Die neue Generation afrikanischer Politi- ker lernte schnell. Sie spielten das Spiel der parlamen- tarischen Demokratie perfekt. Und sie verstanden es, die neuen Strukturen zu einer schrittweisen Ausdeh- nung der eigenen Machtbasis zu nutzen. Die koloniale Entwicklungsinitiative verlor rasch ihren Reformeifer. In den Verwaltungs- und Wirt- schaftkreisen in Paris und London setzte sich Mitte der 1950er Jahre die Erkenntnis durch, dass Afrika zu- künftig für die Ökonomie in Europa und der Welt nur eine marginale Rolle spielen würde. Am Ende über- nahmen die Afrikaner das Projekt »Entwicklung« zu- sammen mit dem von den Kolonialregimen aufgebau- ten Staatsapparat, und die sich zurückziehenden bzw. herausstolpernden Kolonialherren konnten sich einre-, den, dass ihre Nachfolger zwangsläufig den von den Europäern angelegten Pfaden folgen würden. Es ist jedoch fruchtlos darüber zu debattieren, ob nun das »koloniale Erbe« oder die Inkompetenz afrikanischer Regierungen die Hauptschuld an der Krise des unab- hängigen Afrika trifft. Der Zustand zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist nicht zuletzt das Ergebnis eines spe- zifischen Dekolonisationsprozesses. Dabei sind fragile Staaten entstanden, in denen eine europäisch gepräg- te »Modernität« mit lokalen Formen sozialer Organisa- tion verbunden wird.,

III. Soziales Leben in Afrika

1. Frauen, Männer, Kinder Familienalltag im ländlichen und städtischen Afrika Von Rita Schäfer Wenn wir an afrikanische Familien denken, haben wir oft Bilder von Großfamilien unter der Leitung männ- licher Patriarchen vor Augen. Die Lebensrealität der Menschen ist allerdings oft weit davon entfernt. Fami- lien in Afrika zeichnen sich durch eine enorme Flexi- bilität und Dynamik aus. Ähnlich wie in Europa steigt die Zahl der allein erziehenden Mütter und auch die Mehrgenerationenfamilie verliert an Bedeutung. Poly- game Ehen, d. h. die Ehe eines Mannes mit einer oder mehreren Frauen, werden immer mehr zur Männer- phantasie und entsprechen immer seltener der Reali- tät. Eine große Variationsbreite charakterisiert das Zu- sammenleben von Frauen, Männern und Kindern. Vielfältige Organisationsmuster prägen das Wohnen und die alltägliche Versorgung. Die konkrete Gestal- tung des Familienlebens ist vom Alter des Vaters und der Mutter, ihrem sozialen Status und Einkommen sowie der Kinderzahl abhängig; auch das Alter der Kinder spielt eine Rolle. Aufgrund der flexiblen An- passung an Krisen im Jahreszeitensystem oder im Le- benszyklus sprechen viele Wissenschaftler in Afrika heute immer weniger von Familien, sondern von Haushalten und Haushaltsdynamiken. Hiermit wollen, sie den wirtschaftlichen Leistungen und Innovati- onsfähigkeiten der Menschen besser gerecht werden. Auf diese Weise sollen Frauen und Männer als Akteu- re ihres Alltags und Gestalter ihrer spezifischen Le- benssituationen anerkannt werden. Gleichzeitig will man die Vorstellung starrer überkommener Verwandt- schaftsstrukturen revidieren.1 Demnach sind Einteilungen in monogame versus polygame Ehen eher als Hilfskonstruktionen zu ver- stehen. Denn die sozialen Realitäten waren schon in vorkolonialer Zeit viel komplexer als gemeinhin an- genommen. Außerdem wurden Rechte, Pflichten und Rollenzuweisen im Geschlechter- und Generationen- verhältnis keineswegs nur durch die Verwandtschaft geprägt, sondern auch durch übergreifende Organisa- tionen: Dazu zählten einflussreiche Frauen- und Män- nerbünde in Kamerun oder Sierra Leone sowie Alters- klassen z. B. in Kenia, die den Status des Einzelnen bestimmten und politische Allianzen ermöglichten. Die Gründe für die weitere Ausdifferenzierung der Familienformen sind keineswegs nur im sozialen Wandel oder in der Verstädterung zu suchen. Viel- mehr sind die Entwicklungen in Afrika vorrangig durch kolonialpolitische Eingriffe bedingt. Vor allem in den Siedlerkolonien Süd- und Ostafrikas, also in Südafrika, Simbabwe, Namibia und Kenia, führten Landenteignungen, Zwangsumsiedlungen und die Re- krutierung der Männer als Wanderarbeiter zu gravie- renden sozialen Umbrüchen, deren Folgen bis heute fortwirken. Die massiven Beschränkungen der loka- len Ökonomie hatten zur Folge, dass die Männer nicht länger als Viehzüchter tätig sein konnten und die Ka-, pazitäten von Frauen in der Landwirtschaft stark be- einträchtigt wurden. Geschlechter- und Generationen- konflikte eskalierten, zumal Steuerforderungen der Kolonialverwaltungen den wirtschaftlichen Druck auf die Familien erhöhten. Diese Strukturprobleme setzten sich nach der poli- tischen Unabhängigkeit der Länder unter neuen Vor- zeichen fort. Dennoch dürfen Afrikanerinnen und Afrikaner keineswegs als passive Opfer kolonialer Ex- pansion betrachtet werden, zumal sie trotz der rigi- den Rahmenbedingungen mit innovativen Strategien versuchten, ihre Existenz zu sichern und neue Hand- lungsspielräume zu erschließen. Hier ist vor allem die Kombination ganz unterschiedlicher Einkommens- möglichkeiten zu nennen, wobei Frauen und Männer an ihre traditionellen Aufgabenbereiche anknüpften, diese aber in neue Wirtschaftssphären erweiterten. Bereits ab den 1920er Jahren wanderten in Sim- babwe und Kenia Witwen, geschiedene und junge Frauen, die sich der Ehe mit einem von ihren Eltern ausgewählten Partner verweigerten, in die Städte ab. Dort verdienten sie ihren Lebensunterhalt durch das Bierbrauen. Dies war in vorkolonialer Zeit ein Privileg alter Frauen gewesen und der Bierkonsum war alten Männern vorbehalten. Nun zählten aber vornehmlich die jungen Wanderarbeiter zu den Kunden. Auf diese Weise verschafften sich Frauen in den Städten erst- mals wirtschaftliche Eigenständigkeit. Zwar gehörten Polizeirazzien zu ihrem Alltag – sie sollten dem illega- len Bierbrauen ein Ende bereiten und die unabhängi- gen Frauen aus den Städten vertreiben. Dennoch blieb dieses Vorgehen letztlich erfolglos, da die Migrantin-, nen neue Netzwerke zum Selbstschutz aufbauten und neben dem Bierbrauen als Kleinhändlerinnen, Wä- scherinnen, Fabrikarbeiterinnen oder Pflegerinnen in den Krankenhäusern tätig waren. Lebenserinnerun- gen von Frauen dokumentieren die Aufbruchstim- mung der 1930er bis 1950er Jahre. So berichtet Sophie Mazoe, die 1929 geboren wurde und in der simbabwi- schen Hauptstadt Harare lebt: »Ja, wir Frauen kamen in die Stadt, weil wir auf der Suche nach einem bes- seren Leben waren. Bierbrauerinnen verdienten viel Geld und investierten es in andere Geschäftsberei- che. Manche öffneten einen Marktstand mit Gemüse, andere sogar einen Laden. Weil Frauen offiziell keine Verträge abschließen durften, schoben viele einen Mann als Ladenbesitzer vor.«2 Auch die 1925 gebo- rene Elsie Magwenzi spricht noch heute voller Stolz über ihre Arbeit als Geschäftsfrau: »Ich war die erste Frau, die in einem Geschäft im afrikanischen Vier- tel der Stadt arbeitete. Ich war für den Einkauf und den Verkauf verantwortlich! Ich musste selbstständig werden, weil mein Mann mich kaum unterstützte.« Für die Männer war die gemeinsame Freizeitge- staltung mit anderen jungen Männern zum Zeichen der neuen Freiheit und eines in der neuen städti- schen Umwelt transformierten Männlichkeitsbildes geworden, weil sie sich mit dem gemeinsamen Bier- konsum von den gefährlichen Arbeitsbedingungen in den Minen und den entwürdigenden Wohnver- hältnissen ablenken konnten. Die Orientierung an Gleichgesinnten führte aber zu Konflikten, weil die städtischen Frauen von ihren Partnern Versorgungs- leistungen für die gemeinsamen Kinder erwarteten,, denen die Männer wegen ihres geringen Einkom- mens kaum nachkamen. Obwohl sich die jungen Stadtbewohnerinnen der Kontrolle ihrer auf dem Land lebenden Verwandten entzogen und selbstbestimmt neue Partnerschaften eingingen, boten diese noch lange keine Absicherung in Krisenzeiten. Die familiäre Verantwortung lastete in den meisten Fällen weiterhin auf den Frauen, wie auch Ruby Mwayera und Sophie Mazoe betonten. Sie investierten ihren Gewinn in die Ausbildung ihrer Kinder und gründeten Spar- und Kreditgruppen, da Frauen bis 1982, also kurz nach der Unabhängigkeit Simbabwes, kein eigenes Bankkonto eröffnen durften. Von den erwachsenen Kindern wurde nicht nur in Simbabwe, sondern auch in anderen Ländern des Kontinents erwartet, dass sie die Mütter im Alter un- terstützten – als Gegenleistung für die genossene Aus- bildung. Dies trifft auch auf Marktfrauen in Ghana und Nigeria zu, die schon in vorkolonialer Zeit für die städtische Versorgung zuständig waren und eigenstän- dig wirtschafteten. Ihre Haushaltskassen waren von denen ihrer Ehemänner getrennt, wobei Frauen und Männer klar geregelte Unterhaltspflichten hatten. In- folge gravierender wirtschaftlicher Krisen und wegen der Destabilisierung der familiären und verwandt- schaftlichen Netzwerke ist dieses System jedoch auf- gebrochen und die Versorgungsleistungen der Männer sind zum Verhandlungsgegenstand geworden. Konkret heißt dies: Wenn Schulgeldzahlungen für die Kinder oder medizinische Gebühren im Krankheitsfall fällig werden, müssen die Frauen stets aufs Neue die Beiträ- ge ihrer Männer einfordern.3, In matrilinearen Gesellschaften im Süden Ghanas bauen Frauen bei Ehekonflikten auf die Unterstüt- zung durch ihre Herkunftsfamilien, dies betrifft ins- besondere die Brüder der Mutter, die traditionell für Verwandtschaftsfragen zuständig waren. Im Rahmen der so genannten Kindpflegschaft obliegt ihnen auch heute noch die Versorgung von Nichten und Neffen. Davon machen vor allem junge, unverheiratete Frauen Gebrauch, wenn sie ungewollt schwanger werden und ihre Ausbildung abschließen wollen. Allerdings versuchen immer mehr Männer, dieses System als un- zeitgemäße Tradition abzutun und die Forderungen ihrer weiblichen Verwandten abzuwehren. Die traditionellen Rechtsregeln schreiben in matri- linearen Gesellschaften vor, dass Männer ihren Besitz an Nichten und Neffen vererben sollen. Inwieweit dies tatsächlich geschieht, hängt vom jeweiligen Ein- zelfall ab. Reiche Markthändlerinnen vererben ihren Besitz an ihre eigenen Töchter, die sie von Kindheit an in den ortsüblichen Handelskenntnissen unter- weisen. Damit wächst aber der Druck auf die Mäd- chen, gleichzeitig im Haushalt zu helfen, den Handel zu erlernen und die schulische Ausbildung erfolg- reich zu absolvieren. Außerdem verlangt das soziale Umfeld von ihnen, dass sie ihre Mütter im Alter un- terstützen. Während die geringen Versorgungsleistun- gen der Söhne häufig damit entschuldigt werden, dass sie ihre eigenen Familien unterhalten müssten, wird den jungen Frauen mit großer Selbstverständlichkeit die alleinige Verantwortung für ihre Kinder und ihre Mütter aufgebürdet. Diese Probleme thematisiert Ama Ata Aidoo, die als Schriftstellerin und als Bildungsmi-, nisterin Ghanas gezielt die Mädchenbildung förderte. »Gut ausgebildete junge Frauen können eher den Her- ausforderungen und Anfeindungen standhalten, mit denen sie konfrontiert werden, weil es heute nahezu unmöglich ist, traditionellen Rollenbildern zu ent- sprechen. Auch führen widersprüchliche Vorstellun- gen von Weiblichkeit und Männlichkeit, von Familie und Verwandtschaft immer wieder zu Konflikten«, so Ama Ata Aidoo während einer internationalen Konfe- renz zur Frauenbildung und Literatur 1999 in Harare.4 Die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher, ja gegen- sätzlicher Normen und Werte sowie das Spannungs- verhältnis zwischen familiären Idealen und sozialen Realitäten zeigen sich besonders deutlich in der Pro- blematik, dass jungen Frauen umfassende Unterhalts- pflichten zugewiesen werden, obwohl sie heute be- sonders hart mit den wirtschaftlichen Problemen ihrer Länder konfrontiert sind. Männer werden im Be- rufsleben bevorzugt, da staatliche Betriebe und priva- te Unternehmer davon ausgehen, Männer seien die Ernährer ihrer Familien, ganz unabhängig davon, in welchem Umfang sie dieser Aufgabe wirklich nach- kommen. Darüber hinaus gelten Männer beruflich als zuverlässiger, weil sie nicht direkt für die Kinderver- sorgung und die Krankenpflege zuständig sind – also nicht wegen unvorhergesehener familiärer Proble- me ausfallen. Um so mehr sind berufstätige Frauen mit Kritik und Ablehnung konfrontiert. Darum ist für die Karrieren junger Frauen in Ghana oder Nigeria, im Senegal oder in Kenia ein Höchstmaß an Flexibilität kennzeichnend. Während sie einige Jahre als Händ- lerinnen tätig sind und dabei auch ihr Warenangebot, flexibel an die Käuferinteressen anpassen, wechseln viele anschließend in andere Wirtschaftszweige, z. B. indem sie als Sekretärin tätig werden oder einen Fri- sörsalon eröffnen. Auch wenn die Gewinne im so ge- nannten informellen Sektor, d. h. im breit gefächerten urbanen Dienstleistungsgewerbe mit seiner Vielzahl kleiner selbstständiger Familienbetriebe, meist gering sind, schaffen sich Frauen damit einen Rahmen, fami- liäre und berufliche Interessen zu vereinbaren. Junge Männer sind in den urbanen Metropolen West- und Ostafrikas vor allem daran interessiert, Geld zu verdienen, um Konsumgüter zu erwerben, die als Statussymbole fungieren. Schließlich hängt hier ähnlich wie im südlichen Afrika ihr Selbstverständnis und Selbstbewusstsein in starkem Maß von der An- erkennung durch andere junge Männer ab. In diesem Verhalten kommt die grundsätzliche Verunsiche- rung vieler Männer zum Ausdruck, denn traditionelle Männlichkeitsvorstellungen lassen sich heute wegen der wirtschaftlichen Probleme kaum noch verwirkli- chen, so dass sie mit widersprüchlichen Erwartungen von Seiten ihrer Familien, anderer Männer und der Gesellschaft konfrontiert sind. Die vielfältigen Veränderungen der Geschlechter- und Generationenbeziehungen spiegeln sich beson- ders deutlich in den Kontroversen über Brautpreis- zahlungen. Während in vorkolonialer Zeit in vielen Gesellschaften Afrikas eine Eheschließung durch die Gabe symbolischer Güter, z. B. Hacken, Stoffe oder Vieh, besiegelt wurde, hat die Einführung der Geld- wirtschaft in der Kolonialzeit dazu geführt, dass die vertragliche Bindung zwischen unterschiedlichen Fa-, milien nunmehr monetarisiert ist. Das hat dem Braut- preis eine ganz neue Bedeutung gegeben, denn heute werden teure Konsumgüter wie Kühlschränke oder Fahrräder und hohe Geldsummen verlangt. »Dafür ver- schulden sich viele junge Männer über Jahre, was zu Ehekonflikten führt, da die meisten Männer nicht viel verdienen und das Geld kaum für die alltägliche Exi- stenzsicherung reicht«, führt Sydney Molepo aus, der jahrelang als Hausmeister in Johannesburg gearbeitet hat und in seinen Heimatort im Nordosten Südafrikas zurückkehrte, weil er arbeitslos wurde.5 Weiterhin gibt er zu bedenken: »Die rasant steigenden Brautpreisfor- derungen erschweren, ja verhindern Eheschließungen, so dass viele Paare heute unverheiratet zusammenle- ben.« Während in vorkolonialer Zeit die Familienväter für die Brautpreisleistungen zuständig waren, haben die Söhne in der Kolonialzeit diese Aufgabe selbst über- nommen, weil sie über eigene Einkommen als Wander- arbeiter verfügten. Von nun an wählten sie allein ihre Partnerinnen und ließen sich nicht mehr von ihren Vätern bevormunden. Vielerorts führte ihr Pochen auf Eigenständigkeit zu dramatischen Generationenkon- flikten. Der soziale Druck, Brautpreiszahlungen aufzu- bringen, ist dennoch gestiegen. Schließlich gelten sie heute nicht nur in Südafrika als Männlichkeitsbeweis und – in paradoxer Gegenläufigkeit zur steigenden Ar- beitslosigkeit sowie den eskalierenden ökonomischen Problemen – als Zeichen des wirtschaftlichen Erfolgs. Früher wurden mit Brautpreiszahlungen verwandt- schaftliche Allianzen gefestigt und es gab genaue Vor- schriften über die Güterverteilung. So erinnert sich, Johanna Molepo, Sydneys Ehefrau: »Unsere Großmüt- ter erhielten auf diese Weise eigene Ziegen und wenn eine Frau viele Töchter hatte, konnte sie eine kleine Ziegenherde aufbauen. Diese Tiere galten als Aner- kennung für die mütterlichen Erziehungsleistungen. Rinder wanderten aber allesamt in die Herden der Väter. All das zerstörte das Apartheid-Regime durch die Zwangsumsiedlungen und die weitreichenden wirtschaftlichen Beschränkungen.« Mit den Brautgaben wurden in vorkolonialer Zeit die Rechtsansprüche auf die junge Ehefrau geregelt. So gehörten in den patrilinear organisierten Gesell- schaften des südlichen Afrika die Kinder automatisch zur Familie des Mannes, wenn ein Brautpreis gezahlt worden war. Außerdem legten Brautpreiszahlungen die Kontrolle über die Arbeitskraft der jungen Frauen fest, denn sie gingen in die Verfügung des Ehemannes und der Schwiegermutter über. »Jungverheiratete Frauen hatten ein schweres Los. Sie mussten alle Hausarbeiten erledigen und konnten es ihren Schwiegermüttern meist nicht recht machen. Von einem Mann wurde erwartet, dass er sich bei Streitigkeiten immer auf die Seite seiner Mutter stell- te. Die Stellung einer jungen Frau änderte sich erst allmählich, wenn sie einige Kinder geboren hatte, vor allem Söhne, die für die Ahnenverehrung wich- tig waren«, so Celiwe Cewu, die bei einer südafrika- nischen Frauen-Rechtsorganisation arbeitet.6 »Diese Strukturen haben sich bis heute erhalten, denn viele Männer meinen nun, sie hätten die absolute Verfü- gungsgewalt über ihre Frauen«, führt sie weiter aus. Aus ihrer tagtäglichen Arbeit weiß Celiwe Cewu, dass, Frauen den Brautpreis sehr unterschiedlich einschät- zen: Während viele ältere sich dadurch einen relati- ven Schutz vor willkürlichen Scheidungen erhoffen, sehen jüngere Frauen vor allem die Nachteile, ins- besondere die umfassenden Kontrollansprüche der Männer, zumal diese kaum ihre Versorgungspflichten erfüllen. Von ihren Herkunftsfamilien haben die Frauen keine Hilfe zu erwarten, da Frauen in patrilinearen Ge- sellschaften nach ihrer Hochzeit in den Hof des Ehe- mannes oder Schwiegervaters ziehen und verwandt- schaftliche Kontakte eingeschränkt werden. Für die Familie ihres Ehemannes bleiben die jungen Frauen im sozialen Sinn »Fremde«. Umso wichtiger sind haus- haltsübergreifende informelle Netzwerke mit Nachba- rinnen und Freundinnen. Diese Zusammenschlüsse gelten nun als wichtige Instanzen, um die neuen Frau- enrechte und Familiengesetze in Südafrika zu verwirk- lichen. Erstmals in der Geschichte des Landes am Kap gelten Afrikanerinnen als eigenständige Rechtsperso- nen und Witwen haben einen Erbanspruch. An der Umsetzung dieser Innovationen in der Rechtsrealität wirken also nicht nur staatliche Institutionen, sondern auch Nicht-Regierungsorganisationen und informelle Gruppierungen mit. Wie wichtig ihre Arbeit ist, zeigt die Problemsitua- tion junger Witwen, deren Ehepartner an AIDS gestor- ben sind. Frauen-Rechtsorganisationen helfen ihnen, ihre Erbrechte einzufordern und das Wohnrecht zu be- halten, was für ihre Existenzsicherung die Grundvor- aussetzung ist. Häufig werden gerade junge Witwen mit massiven Anfeindungen durch die Familie ihrer, Ehemänner konfrontiert. Ihnen wird unterstellt, den Tod des Mannes verschuldet zu haben. Faktisch sind jedoch Frauen in viel größerer Gefahr, sich mit HIV zu infizieren. Ihre geringe Verhandlungsmacht bei ehelichen Entscheidungen insbesondere in sexuellen Fragen führt dazu, dass sie die außerehelichen Bezie- hungen ihrer Männer dulden müssen. Kritik wird als Angriff auf die Autorität des Mannes verstanden, was viele Frauen davon abhält, ihre Partner zur Benutzung von Kondomen aufzufordern. Für viele Männer gelten außereheliche sexuelle Kontakte als Zeichen ihrer Potenz und Männlichkeit. Dies betrifft vor allem – aber keineswegs ausschließlich – Männer in Südafri- ka und in anderen Siedlerkolonien, zumal sie nahezu alle anderen Grundlagen traditioneller Maskulinitäts- beweise verloren haben und mit vielfältigen Demüti- gungen konfrontiert wurden.7 Für Frauen in den meisten Gesellschaften ist die Mutterschaft noch immer identitätsbestimmend und viele haben die damit verbundenen Normen als Selbst- bilder verinnerlicht. Auch wenn junge Frauen heute die Möglichkeit zur eigenen Partnerwahl haben, lastet die familiäre Existenzsicherung vorrangig auf ihnen. Au- ßerdem sind die Beziehungen oft sehr instabil.8 Den- noch ist die HIV-Infektion für sie eine große Gefahr, zumal Männer auch in außerehelichen Liebesbezie- hungen das Sagen haben. Es mangelt an Leitbildern für gleichberechtigte Partnerschaften. Diese wären jedoch notwendig, um den Zusam- menhalt in den Beziehungen zu verbessern und Teen- ager-Schwangerschaften zu vermeiden. Viele Schü- lerinnen werden heute schwanger, weil traditionelle, Reglementierungen für voreheliche sexuelle Kontakte unwirksam geworden sind, sie aber noch immer keine Entscheidungsmacht über ihre eigene Sexualität und Familienplanung haben. In vielen Ländern erhalten unverheiratete Frauen keine Verhütungsmittel, den- noch dürfen sie sich nicht den sexuellen Forderungen ihrer Partner widersetzen, da dies als Missachtung der männlichen Dominanz gilt. Auch viele Lehrer und andere Vorgesetze nutzen ihre Machtstellung aus und verlangen sexuelle Kontakte mit jungen Frauen, weil sie davon ausgehen, dass diese noch nicht HIV-positiv sind. Sie sind nicht bereit, Kondome zu benutzen und stecken die Schülerinnen an. Insgesamt tragen sexisti- sche Rollenmuster zur Verbreitung von HIV-Infektio- nen bei Jugendlichen bei. Wenn Mitglieder eines Haushalts an AIDS sterben, bedeutet das auch, dass sich die Einkommenssitua- tion des jeweiligen Haushalts verschlechtert und die Versorgungsleistungen auf die überlebenden Famili- enmitglieder umverteilt werden. Insbesondere Frauen mittleren Alters und älteren Frauen wird immer stär- ker die Versorgung von Waisen und Halbwaisen über- tragen, obwohl nur wenige eine Rente erhalten und sie eigentlich auf die Altersversorgung durch ihre Kinder angewiesen sind.9 Diese Entwicklung ist besonders problematisch für die Ausbildung der Kinder, da die meisten Frauen nicht über das notwendige Geld ver- fügen, um den Waisen in ihrer Obhut das Schulgeld zu zahlen. Wie sehr verwandtschaftliche Solidaritätsnet- ze aufgebrochen sind, zeigt sich daran, dass immer mehr ältere Mütter die kostspieligen Beerdigungen, ihrer an AIDS verstorbenen Ehemänner, Söhne und Töchter finanzieren müssen, ohne dass sie dabei von den Verwandten des Mannes unterstützt werden. Lokale Beerdigungsgesellschaften, deren Mitglieder über Jahre regelmäßig kleine Spareinlagen aufbrin- gen, bieten ansatzweise Hilfe, zumal in den meisten Ländern das staatliche Wohlfahrtssystem mit der steigenden Zahl der Verarmten total überlastet ist. Die umfangreichen Pflegeerfordernisse und die Er- krankungen der Frauen selbst beeinträchtigen ihre wirtschaftlichen Kapazitäten, obwohl die Ernährung mit frischem Gemüse gerade für HlV-Infizierte über- lebenswichtig ist.10 Umso beachtlicher ist der Pragmatismus, mit dem pflegende Frauen der Situation begegnen. Sie grün- den informelle Selbsthilfegruppen, die emotionalen Rückhalt und Austausch bieten. Mancherorts werden sie von internationalen Entwicklungsorganisationen gefördert. Sie erhalten Hilfestellungen für die Pflege oder eine finanzielle Förderung, um gemeinsam Ge- müsegärten anzulegen. Das setzt allerdings Kontakte zu diesen Organisationen sowie grundlegende Lese- und Schreibkenntnisse voraus, z. B. um einen Projekt- antrag zu stellen. Bei der Gründung derartiger Gruppen beweisen die Frauen ein großes Maß an Flexibilität und Innovati- onsgeist, denn sie passen entweder traditionelle Ko- operationsformen an die heutigen Herausforderungen an oder sie gründen neue Gruppen. Da Frauen unter- schiedlichen Alters und sozialen Status hier kooperie- ren, müssen sie die daraus resultierenden Interessen- konflikte konstruktiv aufarbeiten. Schließlich erfüllen, diese Gruppen heute Aufgaben, die Familien wegen der aufbrechenden sozialen Sicherungssysteme nicht mehr bewältigen.11, 2. Bildungschancen und Eliten

Wo sind die grünen Weiden? Von Stefan Ehlert

Nuri hält seine sechs Monate alte Tochter hoch. Die kleine Eysa trägt keine Windel, und was Nuri uns zeigen will, ist schockierend. Nur eine Narbe befindet sich an der Stelle, wo Eysas Geschlechtsteil zu sehen sein müsste. Das Baby wurde im Alter von zwei Wochen be- schnitten. Äußere und innere Schamlippen fehlen ebenso wie die Klitoris. Die Öffnung ist dem Augenschein nach auf ihrer ganzen Länge vernäht worden, so dass nicht klar ist, wo der Urin abfließen soll. Das Kind macht einen sehr verstörten Eindruck, und bald bringt Nuri es zurück zur Mutter. Nuri ist der Vorratsverwalter des Malte- ser Auslandsdienstes in Chifra und ein angesehener Mann unter den Afar. Diese traditionsverhafteten Nomaden des Tieflands im Nord- osten Äthiopiens praktizieren die radikalste Form der Beschneidung, die in Afrika zu finden ist. Den Babys, die die Tortur der Verstümme- lung überleben, stehen noch viele Schmerzen bevor. Eine Afar-Frau bringt bis zu 18 Kinder zur Welt. Bei jeder Geburt wird ihre vernähte Geschlechtsöffnung aufgeschnitten. Und anschließend wieder zuge- näht. Neben Krankheiten und dem endemischen Hunger ist es diese Tradition, die die Mütter- und Kindersterblichkeit unter den Afar auf weltweit einmalige Spitzenwerte treibt. Von 1000 Kindern sterben 145 vor dem fünften Lebensjahr.

Im kenianischen Narok liefen rund 100 halbwüchsi-

ge Massai-Mädchen vor ihren Eltern davon. Sie such- ten Unterschlupf in Kirchen und Schulen, um der an- stehenden Beschneidung zu entgehen. Die Kinder wissen: Die Verstümmelung setzt sie auf Grund infi- zierter Klingen einem erhöhten AIDS-Risiko aus. Sie gelten zudem nach diesem blutigen Initiationsritus als heiratsfähig, und das bedeutet zumeist das Ende ihrer

Ausbildung. Doch die Mädchen haben – und das un-

terscheidet sie von den Afar – Schulbildung genossen, und eine eigene Vorstellung von ihrer Zukunft ent- wickelt. Ihr Protest findet in Kenia die Unterstützung der Öffentlichkeit. Ackerbau und Viehzucht allein geben dem mit 30 Millionen Menschen überbevölker- ten Land keine Perspektive. In Handel, Industrie und Tourismus braucht Kenia ausgebildete Fachleute, von dem öffentlichen Sektor ganz zu schweigen. »Unser einziges Kapital sind die Menschen«, sagte der neue Präsident Mwai Kibaki kurz nach seinem überwälti- genden Wahlsieg im Dezember 2002. »Was die Afar brauchen, das ist Bildung und ein Stück Seife«, sagt der Malteser-Chef in Äthiopien, Thomas Reuter. Viele Entwicklungshelfer begreifen den Zugang zu Bildung als einen Schlüssel zur Ver- besserung der Lebenssituation der Not leidenden Menschen in Afrika. Ohne Kenntnisse über die Risi- ken der Beschneidung und mangelnder Hygiene zu verbreiten, wird das mit steter Regelmäßigkeit einset- zende Massensterben unter den hungergeschwächten äthiopischen Kindern nicht zu beenden sein. Mais- Spenden aus den USA ersetzen keine Entwicklungs- strategie. Nur die Schulen sind – wie sonst allenfalls Kirchen – Orte, wo etwa neue Anbaumethoden be- worben und das Wissen über AIDS publik gemacht werden. Uganda hat nicht zuletzt Dank seines ver- besserten Schulwesens die AIDS-Quote von 30 Pro- zent im Jahr 1992 auf unter sieben Prozent im Jahr 2003 drücken können. Die staatliche Kampagne für »Keuschheit, Treue, Kondome« hat vor den Schul- toren nicht Halt gemacht. Doch bei den Afar beträgt die Einschulungsquote an manchen Orten nur drei Prozent, das heißt: Nur drei von 100 Kindern lernen, lesen und schreiben. Es fehlt an Schulen, die Wege zu den existierenden Schulen sind zu weit, und vielfach müssen die Kinder im Haushalt und beim Hüten des Viehs mithelfen. Das Bildungswesen südlich der Sahara ist auch 40 Jahre nach der Unabhängigkeit unterentwickelt. 40 Millionen Kinder im subsaharischen Afrika haben überhaupt keinen Zugang zu Schulbildung, sagte George W. Bush in einer Rede zur Zukunft Afrikas. Warum interessiert sich der Texaner plötzlich für afri- kanische Schulkinder? Bush weiß, dass im mehrheit- lich von Muslimen bevölkerten Afrika islamistische Koranschulen an die Stelle staatlicher Institutionen treten könnten. Im bürgerkriegszerstörten Somalia sollen zeitweilig al-Itihad-Gruppen an vielen Orten die Volksschulen übernommen haben. Al-Itihad gilt als Terrorgruppe, die zu Osama bin Ladens al-Qaida- Netz zählt. Bush weiß auch, dass die AIDS-Pandemie mit mehr als zwei Millionen Todesopfern und 30 Millionen In- fizierten im Afrika südlich der Sahara ganze Regio- nen zu destabilisieren droht. Wenn die arbeitsfähige Bevölkerung wegstirbt, dann gibt es keine Aussicht auf wirtschaftliches Wachstum. Armut aber ist ein Nährboden für fundamentalistische Ideologien. Zer- rüttete Staatswesen wie Somalia, Demokratische Re- publik Kongo oder Sudan können Anlaufpunkte für Terrorgruppen sein, die sich dort mit Waffen- oder Diamantenschmuggel eine ökonomische Basis schaf- fen. Verbissen kämpfen UN- und Nichtregierungsor- ganisationen um die Verbesserung des Schulwesens in Afrika. UNICEF hat sogar UN-Soldaten um Unter-, stützung gebeten. Sie sollten in dem von ethnischen Konflikten geplagten Krisenherd Bunia in Ostkongo eine Schule schützen, damit die Kinder dort ihr Ab- schlussexamen ablegen konnten. Krieg, Korruption und Missmanagement verhindern vielerorts den ge- regelten Schulablauf. Manche Lehrer hungern, sie be- kommen, wie aus Togo oder Kamerun berichtet wird, monatelang kein Gehalt und beschäftigen die Kinder lieber im Schulgarten als sie zu unterrichten, damit wenigstens etwas Essen verfügbar ist. Doch es gibt auch Anlass zur Hoffnung. Kenias neue Regierung hat keine Woche nach Amtsantritt im Januar 2003 eine schulpolitische Offensive gestartet, die auf dem ganzen Kontinent Widerhall findet. Die Regierung unter Präsident Mwai Kibaki hat das von den Eltern zu entrichtende Schulgeld, mehr als 100 Euro pro Kind und Jahr, für alle staatlichen Volks- schulen gestrichen und damit theoretisch auch den Ärmsten Zugang zum Bildungswesen eröffnet. Statt 5,9 Millionen Grundschüler kamen nach den Weih- nachtsferien 7,2 Millionen zum Unterricht, das ist fast ein Viertel der Bevölkerung. Die Antikorruptionskam- pagne der Regierung führte zudem dazu, dass sich Eltern nicht mehr mit zusätzlichen Handgeldern bei Direktoren und Lehrern die Zulassung ihrer Sprös- slinge zum Unterricht erkaufen müssen. Schulgebüh- ren verschlingen einen Großteil der Einkommen und bewirken in der Regel die Benachteiligung der Mäd- chen im Erziehungswesen. Denn wenn eine Familie in Afrika zu entscheiden hat, ob sie den Jungen oder das Mädchen zur Schule schickt, »dann werden immer die Jungen bevorzugt«, sagt Eddah Gachukia, eine, Schuldirektorin aus Kenia. In Westafrika, schätzt sie, gingen allenfalls 40 Prozent der Mädchen zur Schule. Kenias »free education« müsse auf alle Länder Afrikas übertragen werden, fordert die promovierte Bildungs- expertin. Das Beispiel Kenia zeigt jedoch auch, wie schwer eine simple Idee wie Abschaffung des Schulgeldes in die Praxis umzusetzen ist. Wie nicht anders zu erwar- ten hat die kenianische Regierung nicht binnen einer Woche neue Klassenräume, Lehrer oder Bücher aus dem Hut zaubern können. Die Überfüllungskrise an vielen Schulen hält an. In Mutondoni, dem Dorf der Bootsbauer und Muschelsammler auf der Insel Lamu, führten die Lehrer der einzigen Primarschule zeitwei- lig den Dreischichtbetrieb ein, weil sie des Ansturms nicht Herr wurden. In der Kihumbuni-Grundschu- le im Slum von Kangemi in Nairobi zählt die stell- vertretende Schulleiterin Alice Mogeni 86 Kinder in der einen Anfängerklasse, 80 in der anderen. Zuvor waren es je 50 Kinder. Das 19-köpfige Kollegium muss jetzt 1.100 Kinder unterrichten statt der 700, die bis Ende 2002 kamen. Matten ersetzen die Bänke, damit alle Platz finden in den Klassenräumen. Manche Kinder kommen aus so armen Verhältnissen, dass sie vor lauter Hunger an Kopf- und Bauchschmerzen leiden. Alice Mogeni mahnt deshalb die Einführung der Schulspeisung an, damit »free education« zu ef- fektiv mehr Bildung in Kenia führen könne. Posi- tiv überrascht zeigt sie sich darüber, dass die Mittel ihre Schule erreichen, die die Regierung zugesagt hat. Im ersten Jahr der Reform sind es pro Kind 1.020 Ke- niashilling, rund 12,75 Euro. Der Bildungsredakteur, der Tageszeitung »Daily Nation«, David Aduda, rech- net der Regierung vor, sie müsste zusätzlich 30.000 Lehrer einstellen, um landesweit je Schulklasse einen Schnitt von 50 Schülern zu erreichen. Doch woher sollen die Lehrer kommen? Die Regierung ist kaum in der Lage, die an AIDS verstorbenen und aidskranken Pädagogen zu ersetzen. Der stellvertretende Bildungs- minister Kilemi Mwiria ist trotzdem zuversichtlich, mit Hilfe internationaler Unterstützung ausreichen- de Volksschulbildung anbieten zu können. Das Pro- gramm »free education« sei inzwischen sogar von den Gebern überzeichnet worden, sagt der Assistant Mini- ster. Kilemi Mwiria wünscht sich mehr Unterstützung für die Oberschulen. »Wir brauchen mindestens 100 Millionen Dollar, allein um eine vernünftige Sekun- darausbildung anbieten zu können«, sagt er. Denn für die 7,2 Millionen Grundschüler gibt es nur rund 640.000 Plätze an Oberschulen. Deren Absolventen finden nur rund 70.000 Studienplätze an den über- füllten 6 staatlichen und 14 privaten Universitäten des Landes vor. Hochgerechnet kann nur einer von 500 Kenianern eine Hochschule besuchen. Studenten sind eine winzig kleine Elite, doch Kilemi Mwiria wei- gert sich, sie als Elite zu bezeichnen. »Oft bekommen sie keine Jobs und stammen obendrein aus armen Ver- hältnissen«, sagt er. Außerdem gehe es ihm bei seiner Politik nicht um die Bildung einer Elite, sondern um qualifizierte Fachkräfte für den Wiederaufbau des Landes. Die Elite Kenias, wie in vielen Ländern Afrikas, wird ohnedies nicht allein nach dem Kriterium der, Bildung und Qualifizierung ausgewählt. Selbst die Leiter der staatlichen Unternehmen und der Hoch- schulen wurden lange Zeit eher nach Gesichtspunk- ten politischer Opportunität ausgesucht als nach fach- lichen Kriterien. Das hatte verheerende Folgen, weil Dilettanten Chefposten bekleideten, Verluste einfuh- ren und die Plünderung der Unternehmen und In- stitutionen zuließen. Präsident Kibaki sagte, künftig werde nur noch die Leistung der Amtsträger zählen, doch kann auch Kibaki sich nicht allen Zwängen ent- ziehen. Mohammed Ahmed Khalifs kam wegen der angestrebten ethnischen und regionalen Ausgewo- genheit als Vertreter der Nordost-Provinz ins Kabinett Kibaki und ersetzt dort seinen tödlich verunglück- ten Vater. Der 23-Jährige ist stellvertretender Mini- ster für Viehzucht. Unter Kenias 48 Bürgermeistern sollen sich bis vor einem Jahr nur zwei mit akademi- schen Weihen befunden haben. Mombasas Stadtober- haupt versuchte, während seiner Amtszeit sein Abitur nachzumachen und fiel beim Examen beinahe durch. Der Ansturm auf die Hochschulen hält an, obwohl die Verhältnisse dort nicht erbaulich sind. Vor der Uni- versity of Nairobi liefert sich der akademische Nach- wuchs regelmäßig Straßenschlachten mit der Polizei. Mal ist eine Razzia im Wohnheim der Anlass, mal rei- chen ein Stromausfall oder eine Wassersperre, um die Studenten auf die Barrikaden zu bringen. Dann demo- lieren sie Fensterscheiben und zerlegen Autos. Unter den Kenianern finden sie keinen Rückhalt, weil kaum jemand versteht, warum eine so privilegierte Gruppe sich so aufführen kann. Doch die Unzufriedenheit hat ihren Grund: Die Studenten besuchen eine her-, untergekommene Institution, die ihnen die verspro- chene Bildung nicht liefert und obendrein nach dem Abschluss keine Perspektive eröffnet. Nur rund die Hälfte der Hochschulabsolventen bekommt einen an- gemessenen Arbeitsplatz. Mancher studierte Ökonom findet sich als Kassierer hinter einem Bankschalter wieder statt auf der Managementebene. Neben dem Mangel an Arbeitsplätzen stellt die Qualität ihrer Ausbildung die Akademiker vor Proble- me. In den Chemielabors der Nairobi University gibt es keine Abzugshauben. Nicht mal Handschuhe und Masken sind vorhanden, um die simpelsten Versu- che durchführen zu können, berichtet die 22-jährige Faith Mungo. Sie hofft, ihr erster Arbeitgeber werde Verständnis für ihre mangelnde Praxiserfahrung haben. Ihre Universität sieht auf den ersten Blick so aus, als hätte Kenia einen Bürgerkrieg erlitten. Flek- kige Mauern, kaum funktionierende Sanitäranlagen, eine Bibliothek, die veraltete Literatur bereit hält. »Die Ausstattung ist so alt wie die Uni«, sagt Faith Mungo, also älter als 30 Jahre. Faith Mungo zahlt rund 1.000 Euro im Jahr für ihre Ausbildung. »Wir fühlen uns verraten«, sagt sie frustriert, »denn die einzigen Leute in Kenia, die soviel lernen können wie sie möchten, das sind die Reichen. Nicht der Mittelstand oder die armen Leute.« Der zuständige stellvertretende Mini- ster Kilemi Mwiria macht Korruption und Überfüllung für die Misere an den Universitäten verantwortlich. Aus Gründen politischer Zweckmäßigkeit wurden die Hochschulen unter dem Langzeitherrscher Daniel arap Moi, der zugleich Kanzler aller Hochschulen war, angewiesen, weit mehr Studenten aufzunehmen, als angemessen. So wurden Studienplätze geschaffen, was immer populär ist, ohne dass es den Staat Geld gekostet hätte. »Küchen, die 1.000 Studenten versor- gen sollten, müssen nun 4.000 Studenten versorgen«, nennt Mwiria ein Beispiel, das auf alle Bereiche der Universitäten übertragbar sei. Wenn überhaupt Geld für die Hochschulen angewiesen wurde, dann versik- kerte es zu oft in den Taschen der Bürokraten. Kenia zählte jahrelang zu den fünf korruptesten Ländern der Welt, gemäß einer Statistik der nichtstaatlichen Über- wachungsorganisation »Transparency International«. Das Beispiel Kenia steht für viele Länder Subsa- hara-Afrikas. Südlich der Sahara gebe es allenfalls 20.000 qualifizierte Wissenschaftler, schrieb der lang- jährige Afrikakorrespondent Christoph Plate über das Ausbluten des akademischen Lebens in Afrika. Das entspreche einem Anteil von 0,36 Prozent der Wis- senschaftler auf der Welt. Die drei ostafrikanischen Länder Kenia, Tansania und Uganda hätten lediglich je 0,3 Prozent ihrer Staatshaushalte für Forschung und Lehre ausgegeben, konstatierte Plate. Große Teile der Forschungsetats werden von ausländischen Gebern getragen, sonst stünde es noch schlechter um die Wis- senschaft in Afrika. Die 15.000 Studierenden an der Universität von Kinshasa finden in ihrer naturwissen- schaftlichen Bibliothek keine 300 Bände vor. Davon ist die Hälfte veraltet, der Rest in Sprachen, die keiner versteht in der Demokratischen Republik Kongo. »Wir stehen im Vergleich zu Kongo sehr gut da«, sagt der Bildungsexperte, Paul Achola. Er schätzt, dass es in Kenia 3000 Akademiker gibt. Aber wenn man den Soziologie-Professor aus Nairobi fragt, welche, afrikanische Hochschule er empfehlen würde, dann nennt Achola keine kenianische Uni. Kairo in Ägyp- ten ja, Ibadan in Nigeria ja, Makerere in Uganda habe sich von Idi Amins Exzessen und der Flucht der Intel- ligenz langsam erholt, sagt Achola, bevor er beginnt, von den Universitäten Südafrikas zu schwärmen, die westliches Niveau böten. Bei den Reichen in Kenia stehen amerikanische und britische Universitäten hoch im Kurs, gefolgt von australischen Einrichtungen. Nicht ganz so reiche Ke- nianer schicken ihre Kinder nach Indien zum Studi- um. Immer wieder gibt es in Nairobi Harambee-Partys, private Wohltätigkeitsfeste, mit denen ganze Familien- verbände versuchen, zumindest für ein Kind die Stu- diengebühren oder das Geld für die Flugtickets in die USA aufzubringen, indem sie an die Spendenbereit- schaft ihrer Freunde appellieren. Der Erfolgsdruck, der auf den Auslandsstudenten lastet, ist sehr groß. Und viele kehren nie zurück, sondern sie suchen sich besser dotierte Posten im Ausland. Auch von den in Kenia ausgebildeten Fachkräften versuchen viele ihr Glück im Ausland. Brain drain, Abfluss der Intelli- genz, heißt dieser Trend. »Von 6.000 in Kenia ausgebil- deten Ärzten finden sich nur 1.200 in unseren öffentli- chen Kliniken wieder«, schlug Gesundheitsministerin Charity Ngilu Alarm. Doch verlassen keineswegs nur Akademiker ihre Heimat, um andernorts mehr zu ver- dienen. Ein Kinderarzt des Aga Khan Hospitals in Nairobi klagte, neun erfahrene Kinderschwestern und Hebammen hätten auf einen Schlag gekündigt und Jo- bangebote in Großbritannien angenommen. Der Ver- lust sei nicht wett zu machen, sagte der Arzt. In den, achtziger und neunziger Jahren waren es vielfach po- litische Beweggründe, die den brain drain auslösten. Forschung und Lehre in Kenia wurden überwacht und gegängelt. Auf Liberalisierung des Einparteien- systems drängende Studenten und Hochschullehrer fanden sich in den Folterzellen des Nyayo-Hauses in der City von Nairobi wieder. Sie verloren die Lehrbe- fugnis, den Studienplatz, und nicht wenige landeten im Gefängnis, weil sie unter der Folter die absurde- sten Straftaten zugaben, zum Beispiel Agenten Liby- ens zu sein oder Ku-Klux-Klan-Angehörige. Die Regierung will den brain drain stoppen, aber es gibt dafür kein Rezept. »Die geistige Freiheit haben wir jetzt, freie Meinungsäußerung, Versammlungs- freiheit«, lobt der Soziologe Paul Achola das Klima an den Universitäten. Es habe sich nach dem Regie- rungswechsel gewandelt und böte Akademikern ein angenehmes Umfeld. Achola appelliert an seine Kol- legen, am Wiederaufbau seines Landes mitzuwirken: »Einige Leute müssen sich opfern und hier bleiben«, sagt der Professor. Der für Hochschulen zuständige stellvertretende Minister Kilemi Mwiria hofft auf den ökonomischen Aufschwung Kenias, damit das Land seiner Intelligenz mehr bieten könne, sprich: höhere Gehälter und mehr Fördergeld für die Wissenschaft. Für den Journalisten David Aduda ist dagegen Aufklä- rung über die Zustände im goldenen Westen erforder- lich. »Die Frage ›Wo sind die grüneren Weidegründe‹ wird es immer geben«, sagt er. Aber die Auswanderer müssten wissen, dass sie im vermeintlichen Paradies in der Hierarchie oft ganz unten stünden. »Sie bekom- men die schlechtesten Jobs, und die Gehälter sind an-, gesichts der Lebenshaltungskosten in Europa längst nicht so üppig, wie viele sich das vorstellen«, sagt Aduda. Faith Mungo kann er damit nicht überzeugen. Wenn irgend möglich, sagt sie, will sie nach ihrer Aus- bildung ins Ausland gehen. Dort müsse sie, so hofft die junge Frau, keine sexuellen Gefälligkeiten leisten, um einen Job zu bekommen und sie werde besser be- zahlt. Ihr Ziel: »Europa oder die Staaten.«, 3. Zwischen Nobelvororten und Slums Afrikas Städte – am Beispiel Lagos Von Ludger Schadomsky Loiry dey for your front Tipper dey for your back Motorcycle dey for your right Helicopter dey fly fly for your top o You sef don dey for cell Vor dir ein LKW Hinter dir ein Track Rechts neben dir ein Motorrad Über dir ein Hubschrauber Du bist eingesperrt in deiner Zelle (Fela Anikulapo Kuti, Go-Slow) Nichts geht mehr. In der Nacht hat es wieder stun- denlang geregnet. Die Regenzeit ist ungewöhnlich früh nach Lagos gekommen. Jetzt steht in den Stra- ßen die Brühe kniehoch, weil die Kanäle, verstopft mit Motorblöcken und Altreifen, die Wassermengen nicht fassen. Jetzt benötigt man mit dem Auto für eine Strecke von fünf Kilometern drei Stunden. Oder man steigt auf ein okada um, jene frisierten Moped-Taxis, denen die Besitzer die Lenkstangen kürzen, damit sie besser an den verkeilten Autos vorbeikurven können. Jetzt herrscht jener Zustand, den die Lagocians non- chalant Go-Slow nennen. Go-Slow impliziert ein Min- destmaß an Bewegung, stockender Verkehr – gewisser- maßen. Doch er stockt nicht, er steht. Auf Kilometern. Es heißt, nur im Go-Slow und bei Spielen der Fußball- nationalmannschaft, Super Eagles, seien alle gleich, in Lagos. (Das stimmt nur eingeschränkt, denn hoch- rangige Politiker und Militärs lassen sich von Peit- schen schwingenden Piloten eine Gasse durch die Blechlawine bahnen.) Wenn selbst auf den fünfspuri- gen Stadtautobahnen nichts mehr geht, dann schlägt die Stunde der fliegenden Händler: Kuckucksuhren, Fußmatten, Kleiderbügel, Duftbäumchen, Softdrinks, Butterkekse, Feuerlöscher, Nagelfeilen, Boxershorts, Teddybären … nichts, was es nicht gibt im Stau von Lagos. Am Abend, auf dem Rückweg, wenn die ka- putten Straßenlaternen die 15-Millionen-Stadt in tiefe Dunkelheit tauchen, dann lauern auf der Hochbrük- ke über der Lagune, dort, wo es kein Entkommen gibt, die gefürchteten Straßenräuber und wehe, du rückst nicht schnell die Uhr und die Barschaft raus. (Das haben sie den Mördern von Murtala Mohammed ab- geschaut. Die lauerten Mitte der Siebziger dem Mili- tärdiktator in einem Go-Slow auf und durchsiebten seinen Mercedes mit einer Gewehrsalve.) Afrikas Städte stehen vor dem Kollaps. Platzen aus allen Nähten. Nirgendwo ist das besser zu besichtigen als in der dampfenden, chaotischen Wirtschaftsmetro- pole Nigerias. Schon heute die größte Stadt südlich der Sahara, werden sich hier nach UN-Berechnungen im Jahr 2015 bis zu 25 Millionen Menschen drängen. Niemand mag die Frage beantworten, ob diese Mega- polis dann noch regierbar ist. Bevölkerungsexplosion, Zerfall der Infrastruktur, Rückzug des Staates, Zusammenbruch traditioneller Strukturen und sozialer Netze, steigende Kriminalität, Massenarbeitslosigkeit, Wohnungsnot und Verslumung: rien ne va plus zwischen Kairo und Kinshasa. Schon, heute leben 40 Prozent der afrikanischen Bevölkerung in Städten, Tendenz steigend. Im gleichen Maße, wie der souveräne Nationalstaat in Afrika in der Krise steckt – schwache Institutionen, interne Konflikte, Abhängig- keit von externer Hilfe –, verliert das Konzept des Citi- zen, des Staats- und Stadtbürgers, seine Wertigkeit. An seine Stelle treten Mobilität und informelle Strukturen. Hilf dir selbst, sonst hilft dir niemand. Wo Stadt und Staat überfordert sind, ersetzen Par- allelstrukturen, informelle Märkte und ausgeklügel- te Überlebensmechanismen formale Strukturen. Die Stadt in Afrika wird zum Experimentierfeld, neue Formen von Autorität – und Solidarität – werden ein- geübt. Beerdigungskassen treten an die Stelle von Banken, Markthändler, Taxi- und Busfahrer sammeln sich in »Associations«, um ihre Interessen gegenüber einem desinteressierten Staat zu vertreten. Wo sich Gruppen um die gemeinsame Abstammung herum sammeln, entsteht ein erhebliches Konfliktpotential für die Zukunft. Die gewaltbereiten Bruderschaften an Nigerias Universitäten sind nur ein Beispiel für das Wiedererstarken der ethnischen Identität im städti- schen Raum. Gleichzeitig wächst in Afrikas Metropo- len, angetrieben von einer sehr jungen Bevölkerung, eine neue »urban culture«. Die Video-Produzenten von Lagos sind ein Beispiel. Trotz aller Nöte oder gerade deshalb: Afrikas Me- gastädte sind en vogue: Architekten und Städteplaner, Fotografen und Künstler zwischen London und Berlin haben Lagos, Johannesburg und Kinshasa entdeckt. In einer ständig wachsenden Zahl von Ausstellungen preisen sie »informelle Netzwerke« und den Durch-, haltewillen der Bewohner. Da wandert der niederlän- dische Stararchitekt Rem Koolhaas wochenlang durch Lagos, vermisst die Stadt vom Hubschrauber aus, um im Chaos Ordnungsprinzipien zu entdecken. Bei einem späteren Besuch verkündet er entnervt, Lagos sei zu zahm geworden. So kann nur einer reden, der das Rückflugticket nach Europa in der Tasche hat. »Wenn ihr es hier so sexy findet, warum zieht ihr dann nicht dauerhaft her. Im Gegensatz zu euch müssen wir mit dem Elend hier leben.« So konfrontiert der in Lagos ansässige Städteplaner Koku Konu eine europä- ische Avantgarde, die im Elend der Slumviertel ihren letzten Kick findet. Denn was sich in Ausstellungska- talogen nach selbstgewählten, basisdemokratisch ge- stalteten Lebensentwürfen anhört, sind in der Realität nackte Überlebensstrategien angesichts der Abwesen- heit eines sorgenden Wohlfahrtsstaates. Vor einer Romantisierung von Afrikas Städten sei schon deshalb nachdrücklich gewarnt, weil es den Verantwortlichen suggerieren könnte, es sei alles nicht so schlimm. Wie jener hohe Beamte im Bauamt von Lagos, der ernsthaft behauptet, in 15 Jahren sehe es »hier so aus wie in Stuttgart oder Berlin«. Das in einer Stadt, in der das Leben längst zum Über-Leben mutiert ist. Wo 80 Prozent der Bewohner mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen müssen. Das Leben sei »arm, ekelhaft, pervertiert und kurz«, hat jemand einmal über Lagos geschrieben. Die ni- gerianische Tageszeitung The Guardian buchstabiert Lagos so: Lawless-ness, Armed robbery, Gridlock, Over- population, Stench – Anarchie, bewaffnete Überfälle, Verkehrsinfarkt, Überbevölkerung, Gestank. Und lie-, fert die Fotos gleich mit: bis zum Dach im Wasser ver- sunkene Autos im alten Stadtzentrum, Müllberge in Apapa, der Slum von Mushin, Straßenräuber im Ge- fängnis von Ikeja. Ist so etwas noch Stadt? Nicht vielmehr Anti-Stadt, Alptraum, Vorhölle? Wo die Polizisten am Abend ihre Waffen den Gaunern vermieten, um das lächerliche Gehalt aufzubessern? Wo die Jugendbanden der Yoru- bas, Ibos und Haussa den Schmelztiegel Nigeria in wilden Straßenschlachten immer wieder aufrühren? Wo Leichen tagelang in der Hitze herumliegen, bevor sie jemand aufsammelt? No easy, sagen die Lagocians schulterzuckend. Wer wollte auch erklären, warum von drei millionenschweren Müllverbrennungsanla- gen nicht eine einzige in Betrieb genommen worden ist. Oder warum im sechstgrößten Ölförderland der Welt die Menschen tagelang für Benzin anstehen? Da hilft nur noch Sarkasmus, Ironie und Wortwitz. Längst ist die notorisch unzuverlässige Elektrizitätsge- sellschaft NEPA Plc. in »Never Expect Power Always, Please light candle« umgetauft. Und Lagos ist nicht mehr »Centre of Excellence«, wie die Nummernschil- der der klapprigen Minibusse verkünden, sondern »Centre of Excrements«: eine Kloakenstadt. In der Tat ist das Venedig Afrikas eine der dreckigsten Städte der Welt. Kurzfristig hatte es so ausgesehen, als könnte man dem Problem durch die Privatisierung der Müll- abfuhr beikommen. Doch das Experiment scheiterte, und so türmt sich der Abfall inzwischen wieder me- terhoch. Um all dies muss sich nicht scheren, wer in den Nobelvororten Ikoyi und Victoria Island wohnt. Dort, ist Lagos grün und gefegt, buhlen Dutzende Galerien um Kunden, wird in Clubs wie dem Y Not oder The Venue Makossa, Afrobeat und House aufgelegt. Hier betört Lagos und streitet mit Johannesburg und Dakar um den Titel der Kulturhauptstadt Afrikas. Doch immer lauter klopfen die an, die nichts haben: Wer bitte schön, fragen sie, kann für ein Vier-Zimmer-Ap- partement 3 Millionen Naira auf den Tisch legen – bei einem Jahreseinkommen von 30.000 Naira und feh- lendem Hypothekensystem? Lagos hat schon früh seine magnetische Wir- kung entfaltet. Die ersten Siedler vom Volk der Awori bauten auf der sumpfigen, Moskito-verseuchten Insel Eko Gemüse an. Aus jener Zeit stammt der Name des Königspalastes, in dem noch heute der Oba oder tra- ditionelle Herrscher von Lagos residiert: »Iga Idun- ganran« oder »Pfefferpalast«. 1730 tauften portugie- sische Händler Lagos nach der Lagune um, die sie umschließt. Die Schiffe aus Lissabon brachten Eisen und Messing, Spirituosen und Waffen und luden El- fenbein, Palmöl und eine ständig wachsende Zahl von Sklaven. 1851 dann landeten die Briten vor Lagos, er- klärten die Stadt zur Kolonie und 1914 zur Hauptstadt der Kolonie Nigeria. Schnell steigt Lagos zum wichtig- sten Hafen Westafrikas auf, Straßen und Eisenbahnen werden gebaut. In der Folgezeit drängen befreite Skla- ven aus Sierra Leone und Brasilien, Arbeitsmigranten und Bürgerkriegsflüchtlinge in die Stadt. Der Ölboom der Siebziger führt zu einer rasanten Expansion der Stadt durch Inbesitznahme benachbarter Städte und ländlicher Gebiete. Petrodollar finanzieren giganti- sche Infrastrukturprojekte, die die Metropolisierung, weiter vorantreiben. Aufgrund guter Kontakte sichert sich die Baufirma Julius Berger Nigeria, eine Tochter der deutschen Bilfinger & Berger, Aufträge in Milliar- denhöhe. Die Stadt wird mit Beton überzogen. Der Abstieg beginnt mit dem Structural Adjust- ment Programme (SAP) Mitte der 80er Jahre (das Lagos aufmüpfiger Barde Fela Kuti schnell in »Suck African People« umtauft). Nicht nur die Stadtplanung fällt massiven Sparmaßnahmen zum Opfer. Privati- sierung staatlicher Dienstleistungen und Reduzierung des Beamtenapparats führen zu Massenarbeitslosig- keit. Die Lebenshaltungskosten explodieren. In kurzer Zeit verdreifacht sich die Zahl der Einwohner unter- halb der Armutsgrenze. In diese schwierige Zeit fällt der Beschluss, mit Abuja eine neue Hauptstadt aus dem Boden zu stampfen, die ethnisch gemischter und damit repräsentativer sein würde. Lagos stirbt einen politischen Tod. Heute erwirtschaftet die Stadt zwar einen Großteil des nationalen Bruttoinlandproduk- tes und schleust jährlich 12 Millionen Tonnen Fracht durch seinen Hafen. Doch auf den Kosten – Umwelt- belastung, zerstörte Straßen etc. – bleibe man sitzen, schimpfen die Lagocians. Das hat auch damit zu tun, dass Lagos der Ruf einer Oppositionshochburg, eines trouble makers, vorauseilt. Heute haben sich in den Kleeblättern der giganti- schen Stadtautobahnen Gebrauchtwagenhändler und Rinderhirten eingerichtet. Das Niemandsland unter den fly overs teilen sich Garküchen, Freikirchen und die notorischen Area Boys. Ausgerechnet die in Beton gegossenen Fortschrittsvisionen von einst sind heute die am schlimmsten verstopften Nadelöhre. Wer will,, kann darin die Bankrotterklärung einer westlichen »Entwicklungs«-Paradigmen gehorchenden Städtepla- nung lesen. Zwar hat das postkoloniale Lagos die Para- digmen von einst – städtisch versus ländlich, modern versus traditionell, formal versus informell – über Bord geworfen. Auch ist die bei der Unabhängigkeit vehe- ment eingeforderte Modernität heute eine afrikanische Modernität. Doch es wäre blauäugig, die neuen Ver- hältnisse zu feiern. Heute gibt man sich nicht einmal mehr die Mühe, einen Masterplan zu erstellen. »Schlupflöcher für die Reichen. Wie kann ich noch mehr verdienen und dabei Steuern sparen?« Der Titel des Buches, das die Sitznachbarin auf dem Flug von Abuja nach Lagos studiert, spricht Bände über die Energie, die Lagos anfeuert. Erfolg, Weiterkommen, Prosperität – das sind die Vokabeln auf jedermanns Lippen. In Lagos löscht Becks auf den Werbetafeln nicht den Kennerdurst, sondern ist ein »Schlüssel zum Erfolg«. Wer es sich leisten kann, jongliert vier Mobil- telefone am Ohr, Status ist alles. Der Doyen der afri- kanischen Literatur, der Nigerianer Chinua Achebe, hat einmal gesagt, das Leben in Lagos sei getränkt von »anxiety« – von Sorge. Da hat der einfache Mann Sorge, keinen Arbeits- platz zu bekommen, und der Arbeitsplatzbesitzer hat Sorge, er könne eben jenen an den Nebenbuhler ver- lieren. Auf eben diese in der Lagos-Seele verwurzelte Sorge zielen die Heilskirchen, die in den vergangenen Jahren in und um Lagos aus dem Boden geschossen sind. Das Geschäft mit dem Glauben ist heute Nige- rias größte Wachstumsindustrie., Sonntagmorgen, 8.00 Uhr. Tausende Autos stauen sich auf der Schlagloch übersäten Piste. Auf den Heck- scheiben rote Sticker: »I am a Winner.« Wer wollte nicht ein Sieger sein in Lagos, wo das Leben oft genug die Hölle ist. Also pilgern jeden Sonntag 50.000 Gläu- bige nach »Canaanland«, eine Autostunde östlich von Lagos im Bundesstaat Ogun. Hier steht die Winner’s Chapel, Afrikas größte Kirche. Eine Siegerkirche eben. Denn alles, was groß ist in Nigeria, ist gut. Gleich neben der Kirche (die Schlaglöcher bleiben draußen, hier ist alles frisch asphaltiert): Universität, Schu- len, Banken, Tankstelle, Restaurant und ein Anden- kenladen. Ein religiöses Disneyland, wo jeden Monat Gebäude im Wert von einer Million Dollar aus dem Boden gestampft werden. 500.000 Dollar kostet allein der Unterhalt für die 1.000 Angestellten – vom Tank- wart bis zum Pressesprecher. Der entschuldigt sich, er müsse den Gottesdienst live ins Internet einspeisen, denn dort warte eine globale Fangemeinde auf die Worte von »Bishop« David Oyedepo. Oyedepo ist der Hausherr von Canaanland. Und weil das so ist, hat er Anrecht auf einen Trupp Leibwächter und eine ver- spiegelte Limousine. Wozu braucht ein Mann Gottes Leibwächter? In dem dreistündigen Gottesdienst legen Zeugen Zeugnis ab – meistens geht es um Ge- schäftserfolge –, verbreitet der klein gewachsene Bi- schof allerhand Unfug und sammelt schließlich in Wäschekörben die Almosen einer in Ekstase »Halle- lujah« rufenden Menge. »Jeder kann ein Sieger sein«, lautet die zentrale Botschaft, und »durchkommen zu Gottes Telefon«. Eine schöne Metapher in Lagos, wo ein heftiger Regenschauer genügt, um das Telefonnetz, der staatlichen NITEL lahm zu legen. Wirklich ärger- lich ist nur, dass der Mann im Interview behauptet, AIDS heilen zu können. Das ausgerechnet in Afrikas bevölkerungsreichstem und jüngstem Land. Man habe medizinische Beweise, sagt der Pressesprecher. Der- weil liefern sich vor der Siegerkirche Autoschmugg- ler Feuerwechsel mit der Polizei. Vielleicht sind sie nicht durchgekommen zu Gottes Telefon, nun versu- chen sie auf anderen Wegen, Sieger zu werden. Das versuchen auch die gewieften Produktpiraten auf dem Alaba Markt, Afrikas größtem Umschlagplatz für Elek- tronikgüter aller Art. Würde sich ein SONY-Vertreter herwagen – ihm müssten die Haare zu Berge stehen. Wirtschaftskriminalität mit Deckung höchster Stel- len – im Volksmund nach dem entsprechenden Para- graphen im Strafgesetzbuch 419 genannt –, Benzin- schmuggel und eine weit verbreitete dash-Kultur: Jahr für Jahr belegt Nigeria in den Studien von Transparen- cy International einen der vordersten Plätze. Wenn mehr und mehr Jungendliche in die Klein- kriminalität abgleiten, dann hat das auch etwas mit dem Video-Kult zu tun, der seit Anfang der 90er Jahre förmlich explodiert ist. Die ersten Home Videos tauch- ten auf, als sich unter dem brutalen Abacha-Regime das öffentliche Leben hinter die eigene Wohnungstür verlegte. Seitdem überschwemmen Fließband-Produk- tionen zweifelhafter Qualität den Markt. Sie glorifizie- ren das fast life, das kompromisslose Stadtleben mit seinen Prostituierten, schnellen Autos und Gaunern. Wenn sich die in der Lobbygruppe CORA zusammen- geschlossene Künstlergemeinde von Lagos einmal im Monat im heruntergekommen Nationaltheater zum, Gedankenaustausch trifft, dann geht es immer wieder auch darum, wie die Qualität der Video-Industrie ver- bessert werden kann. Denn ernsthafte Filmemacher wie Tunde Kelani haben es inzwischen schwer, sich Gehör zu verschaffen. Dieses Schicksal teilen Lagos Künstler mit Städte- planern wie Koku Konu. Konu setzt auf den Schockef- fekt, um die klinisch tote Städteplanung wiederzube- leben. Seine Creative Intelligence Agency (CIA) stellte unlängst das lokalen Uriniergewohnheiten angepasste öffentliche Pissoir sowie eine von der negativen En- ergie Lagos angetriebene Plattform zur Verkehrsent- lastung vor. Bei der Stadtverwaltung stieß man auf taube Ohren. Jetzt will sich eine Nichtregierungsor- ganisation der Toilettenhäuschen annehmen. Es gebe keine Ideenkultur in Lagos, fasst der in England aus- gebildete Architekt den Stillstand zusammen. Die Probleme von Lagos sind die der großen afri- kanischen Städte. Solange die Landflucht ungebremst anhält, werden die Städte weiter wachsen und damit die Zahl derer, die in der so genannten Schattenwirt- schaft – die in Afrika längst die offizielle Wirtschaft abgelöst hat – (über)leben. In der 15-Millionen-Stadt Lagos sind heute bereits 80 Prozent der Menschen im informellen Sektor beschäftigt – im Kleinsthandel und Handwerk, im Recycling und Transportwesen, im Si- cherheitsdienst und in der Telekommunikation (was häufig wenig mehr als den Verkauf von Telefonkar- ten an Verkehrskreuzungen bedeutet). Die Informel- len schließen sich zu Kooperativen zusammen, die zunehmend auf den Dienstleistungssektor drängen. Doch statt die Händler bei Regularisierung, Marktzu-, gang und Kleinkrediten zu unterstützen, schickt die Stadtverwaltung nach wie vor die Polizei. Durch in- novative Modelle ließe sich nicht nur die Existenz eines Großteils der Stadtbevölkerung dauerhaft si- chern, sondern auch die Steuerbasis der bankrotten Städte erheblich verbreitern. Müllentsorgung wird solange nicht funktionieren, wie Müllverbrennungs- anlagen stillstehen oder, wie in Lagos geschehen, an Grundstücksspekulanten verkauft werden. Private Si- cherheitsdienste werden solange das Gewaltmonopol des Staates untergraben, wie Polizisten kaum ihre Fa- milien ernähren können. Und Städteplanung? Darf man angesichts der viel- fachen Probleme etwas so Esoterisches wie eine Städ- teplanung einfordern? Man muss! Er sei es leid, stän- dig Vorschläge zu unterbreiten, die doch kein Gehör fänden, sagt der große alte Mann der nigerianischen Architektur, David Aradeon, resigniert. Aradeon for- dert »afrikanische Lösungen für afrikanische Proble- me«: eine Rückgewinnung öffentlicher Plätze bei- spielsweise, die traditionell nicht verbaut werden dürfen. Ein mass transport system, ein öffentliches Nahverkehrssystem also, das die notorisch gefährli- chen, privat organisierten Minibusse durch Pendel- busse ersetzt. Wie kann es kommen, dass eine Lagu- nenstadt wie Lagos gerade zwei Fährboote besitzt, fragt der ehemalige Professor an der Universität Lagos kopfschüttelnd. Warum nicht ein Fährensystem wie in Hongkong? Fragt man einen ausländischen Investor, ob er eine Stadtfähre in Lagos betreiben würde, dann winkt der vehement ab. Sie müssen verstehen, sagt er, dass der Investor, zumal wenn er von außen kommt,, als Kuh verstanden wird, die es ordentlich zu melken gilt. Wenn alle Taschen gefüllt sind, dann müsste ein so hoher Fahrpreis angesetzt werden, dass sich kein Mensch die Fähre leisten könnte. Gefragt sind jetzt die Regierenden. Es sollte ihnen zu denken geben, dass ein hochrangiger nigeriani- scher Manager unlängst sagte: »Wir brauchen die Ko- lonialherren zurück!«, 4. Am Schnittpunkt großer Handelsstraßen Leben in der Wüste – am Beispiel Timbuktu Von Regula Renschier Timbuktu, eine Stadt umgeben vom Sand der Wüste, Sand füllt die Straßen, Sand fegt über unseren Tisch im Hotel Colombe, Sand in unseren Haaren. Die Sonne geht in einem rotgoldenen Rausch am Horizont unter, die bleierne Hitze kühlt kaum ab, die trockene Zunge klebt am Gaumen. Timbuktu, die »Stadt der 333 Heiligen«, deren Name noch immer Mysteriöses verspricht und Sehnsüch- te nach einem goldenen Zeitalter, nach der Fremde und dem Aus- bruch aus allem Gewohnten weckt, Timbuktu erwacht langsam aus der Betäubung des Nachmittags, der Duft frisch gebackenen Brotes weht zu uns herüber, Musik klingt auf, Kinder rufen. Früher, meint Monsieur Abbas Kader, der Besitzer des Hotels und ehemaliger Bürgermeister von Timbuktu, lag die Stadt am Wasser, und zum Beweis zeigt er uns Bilder, auf denen die Segel von Schiffen und Pirogen durch die Stadt ziehen und Arbeiter Güter an Kais ab- laden. Es sieht aus wie eine Fata Morgana. Eine Pho- tomontage? Keineswegs. Früher gab es einen dreizehn Kilometer langen Kanal, einen künstlichen kleinen Ne- benarm des Niger, der den Bewohnern der Wüstenme- tropole während der Flutzeiten des Niger einen direk- ten Zugang zum Fluss, dieser Lebensader am Südrand der Wüste, garantierte. Jetzt ist der Kanal versandet, nur als Graben noch deutlich sichtbar. Übrigens sei das Wasser in der Regel kein Problem für Timbuktu, meint Monsieur Kader, es gebe unter der Stadt einen großen unterirdischen See und wenn während der Re- genzeit genug Regen falle, sei die Versorgung der Stadt gewährleistet. Das Problem Timbuktus sei der Sand, die Wüste rücke immer mehr vor, wir sähen ja selbst., Timbuktu, das zum westafrikanischen Staat Mali gehört, liegt am Südrand der Sahara, da wo der Fluss Niger sich in einem großen Bogen auf den Weg zur fernen Küste macht. Es gibt drei Möglichkeiten, die Stadt zu erreichen: die heutige, moderne, per Flug- zeug via Bamako, der Hauptstadt Malis, und zwei herkömmliche: von Bamako her auf dem Wasserweg mit dem Kursschiff oder einer Pinasse, oder auf dem Landweg: von Norden her quer durch die Wüste, von Süden her durch die Savanne. Sie haben alle ihre Tücken: Das Flugzeug fällt oft aus, die Schifffahrt ist nur möglich, wenn es der Wasserstand des Niger er- laubt, der Landweg von Süden, wenn die Straßen nicht völlig versandet sind; derjenige von Norden ist den modernen Abenteurern und den selten werden- den Salzkarawanen der Tuareg vorbehalten. Mit ihnen kehrt ein Hauch der großen Vergangenheit Timbuktus zurück. Timbuktu verdankt seine historische Bedeutung seiner Lage am Schnittpunkt großer Handelsstraßen zwischen Nord und Süd, an der Schnittstelle zwi- schen dem islamischen Norden und dem Afrika süd- lich der Sahara, am Rand der Wüste und unweit eines großen Flusses. Ihren Ursprung hat die Stadt wohl in einem Camp der Tuareg, des Nomadenvolkes der Sahara. Die Geschichte nennt das 11. Jahrhundert als wahrscheinliche Gründungszeit. Ihren Namen soll die Stadt von einer Frau namens Bouctou haben, der die Tuareg die Bewachung des dortigen Brunnens anver- trauten. Im 14. Jahrhundert wurde sie zum Zentrum des Salz-Goldhandels. Während ihrer Glanzzeit, im 15., und 16. Jahrhundert, war Timbuktu die größte und wichtigste Handelsstadt der Region. 100.000 Men- schen sollen damals in der Stadt am Südrand der Sahara gewohnt haben, viele waren reich. Der Reich- tum eines Mannes wurde nach der Zahl seiner Bücher und Pferde in seinem Stall eingeschätzt. Neben Salz, das damals an Wert Gold gleichkam, gelangten aus dem Norden Metalle, Pferde, Feuerwaffen, Seidenstof- fe, Glasperlen, Handschriften und Datteln nach Tim- buktu, die dort gegen das begehrte Gold, gegen Skla- ven, Elfenbein, Moschus, Kolanüsse, Pfeffer, Gummi, Lederwaren und Hirse aus dem Süden getauscht wurden. Mit dem Handel blühte die Gelehrsamkeit. 180 Koranschulen gab es in Timbuktu und eine Uni- versität, wo die arabische Sprache, Rhetorik, Astro- logie und die Exegese des Koran gelehrt, die Geset- zesquellen studiert und die Rechtssprechung geübt wurden. Der Ruhm der Universität von Timbuktu drang bis ins andalusische Granada; sie beherbergte bis zu 25.000 Studenten in ihren Mauern. In Europa war die Stadt bereits Ende des Mittelal- ters bekannt, sie figuriert auf europäischen Weltkarten des 14. Jahrhunderts als »Ciutat de Melli« und Resi- denz des »Rex Melli«, des Königs der Goldminen. Mit dem König von Melli war Mansa Mussa gemeint, der »schwarze Sultan von Mali«, ein gelehrter Mann und ein bedeutender Politiker. Der afrikanische Histori- ker Joseph Ki-Zerbo beschreibt eine Begebenheit aus Mussas Leben mit folgenden Worten: »Im Jahr 1324 unternahm er die Wallfahrt nach Mekka in der eindeu- tigen Absicht, den arabischen Herrschern zu imponie- ren. Von Tausenden von Bedienten (60.000 sagt der, Tarik es Sudan) begleitet, durchquerte er die Wüste über Walata und erschien in Kairo vor den Augen der geblendeten Welt wie ein Herrscher aus Eldorado.«1 Zwei Tonnen Gold soll er mitgebracht und so großzü- gig verteilt haben, dass der Kurs des Goldes sank und Mussa für die Rückreise Geld von einem alexandrini- schen Kaufmann leihen musste. Nach seiner Rückkehr ließ Mussa in Timbuktu die Djinger-ber-Moschee und eine Residenz erbauen. Der Architekt war ein Moslem aus Andalusien, den Mussa aus Mekka mitgebracht hatte. Die Moschee verfügt über drei Innenhöfe, zwei Minarette und fünfund- zwanzig Säulen. Im Inneren herrscht dumpfes Däm- merlicht. Das Reich Mansa Mussas, auch Kankan Mussa genannt, dehnte sich damals über ein Jahr Fuß- marsch aus, der Sultan gehörte zu den Mächtigsten der Welt. Nach seinem Tod verlor es an Stärke. Um die Herrschaft über Timbuktu kämpften im Lauf der Jahr- hunderte verschiedene Herrscher der großen Reiche Westafrikas. Auf das Malireich folgte das Reich der Songhai, unter denen Timbuktu seine Glanzzeit er- lebte. Hauptstadt eines der Königreiche war Timbuk- tu allerdings nie. Mit der Verlegung des Handels an die atlantische Westküste und der Eroberung Timbuk- tus durch Marokko 1591 verlor die Stadt an Geltung; die kleinen marokkanischen Garnisonen konnten sie nicht gegen die Attacken der Tuareg und der Völker aus dem Süden schützen, unter ihnen die Bamba- ras, die keine Muslime waren. 1893, als die Franzo- sen Timbuktu einnahmen, war die Stadt eine zur Be- deutungslosigkeit herabgesunkene Siedlung am Rand der Sahara., Die Europäer erfuhren von dem Eldorado südlich der Sahara zuerst durch die Händler und Karawanen- führer Nordafrikas. Timbuktu erweckte Goldgier, In- teresse, Abenteuerlust, blieb lange ein unerreichbarer Ort, an dem sich die Phantasie entzündete. Schriftli- che Beschreibungen Timbuktus lieferten zwei Reisen- de, Ibn Battuta aus Marokko (1304-1309 oder 1377), der im 14. Jahrhundert ausgedehnte Reisen durch die Länder des Islam unternahm, und zwei Jahrhunder- te später Leo Africanus (1485-1554), ein Moslem aus Granada, der im Auftrag von Papst Leo X. eine Be- schreibung Afrikas verfertigte.2 Während Ibn Battuta zwar vom Wohlstand und der Sicherheit des Malirei- ches und vom Luxus am Hof der Könige beeindruckt war, hatte er für Timbuktu nicht viel übrig. Umso aus- führlicher und in höchsten Tönen lobend beschrieb Leo Africanus das reiche, wohlgeordnete Leben in der Stadt der Kaufleute, Gelehrten und Heiligen. Einzige Mangelware war das Salz. Als die ersten Europäer im 19. Jahrhundert Tim- buktu endlich erreichten, war von der früheren Be- deutung und dem ehemaligen Wohlstand dieses wirt- schaftlichen und intellektuellen Zentrums nicht mehr viel übrig geblieben. Der erste war der Schotte Gordon Alexander Laing, der 1826 in Timbuktu eintraf und später beim Verlassen der Stadt ermordet wurde; als zweiter ereichte der Franzose René Caillié, als Araber verkleidet, zwei Jahre später die Wüstenstadt als For- scher und Entdecker, aber gleichzeitig im Bestreben, Kolonialansprüche für Frankreich zu sichern. In briti- schem Auftrag kam fünfundzwanzig Jahre später der deutsche Afrikaforscher Heinrich Barth nach Timbuk-, tu. Ihm verdanken wir präzise und angenehm zu le- sende Berichte über Land und Leute.3 Wie man sich aus Geschichte und Geographie leicht vorstellen kann, leben in Timbuktu Angehöri- ge verschiedener Völker. In seinen Straßen trifft man Berber und Mauren, Songhais, Malinkés und Bamba- ras, die alle in eigenen Vierteln der Stadt wohnen; um die Stadt herum begegnet man den schlanken, hoch gewachsenen Peuls mit ihren Tierherden, klein ge- wachsenen Bozos, den Fischern von den Gestaden des Niger, und natürlich den Tuareg, den Bewohnern der Wüste, mit Kamelen und ohne. Um die Tuareg, die »blauen Männer« oder »die letz- ten Ritter«, ranken sich viele Legenden, sie sind – wie Timbuktu – zur Projektionsfläche europäischer Phan- tasien und Träume geworden. Nicht von ungefähr, ist doch ihr Leben, da wo es in seiner traditionellen Form noch existiert, von unserem westlichen diametral ver- schieden. Die Schönheit und Freiheit der Frauen, die in Tücher gehüllten Gestalten der Männer mit dem um Kopf und Gesicht geschlungenen »tagelmust«, der nur die Augenpartie freilässt, hoch auf den über alles hinwegblickenden Kamelen, tragen zu ihrer My- stifizierung bei. Kaum jemand, der ihnen gegenüber gleichgültig bliebe. Die Tuareg stammen ursprünglich von den Berbern Nordlibyens ab. Unter dem Druck der arabischen In- vasion wichen sie nach Süden aus, vermischten sich mit Arabern und Schwarzen. Im 20. Jahrhundert trie- ben die Dürreperioden der siebziger und achtziger Jahre und später die algerische Politik, die die No- maden sesshaft machen wollte und ihnen das Wan-, dern über die Grenzen verbot, manche in die großen Städte. Dort konnte man sie auf den Straßen beob- achten, wie sie Silberschmuck verkauften. Viele ver- armten, andere passten sich den neuen Lebensum- ständen an und wurden zu Städtern. Wieder andere ließen sich in Oasen und Dörfern nieder oder suchten im Tourismus ein Auskommen. So auch in Timbuktu, wo sie den Touristen Schmuck und Alltagsgegenstän- de verkaufen und Kamelritte in die Wüste anbieten. Die Tuareg sind Nomaden. Sie züchten Kamele, halten Ziegen- und Schafsherden und sind am Kara- wanenhandel beteiligt. Mit den sesshaften Bauern un- terhalten sie enge Beziehungen. Sie sprechen eine ge- meinsame Sprache, Tamashek, und verfügen über eine Schrift, das Tifinagh. Die Frauen gebieten über eigenen Besitz, ihre eige- nen Zelte, gehen unverschleiert und erziehen und un- terrichten die Kinder. Das faktische Matriarchat der Tuareg hängt damit zusammen, dass die Männer ein halbes bis dreiviertel Jahr unterwegs und abwesend sind, wenn sie Karawanen begleiten und ihren Herden nachgehen. Heute gibt es noch rund ein bis zwei Millionen Tuareg, verteilt auf die Staaten Algerien, Libyen, Niger, Mauretanien, Marokko, Mali und Burkina Faso. Wie viele noch in ihrer angestammten Kultur leben und wie lange dies überhaupt noch möglich sein wird, ist höchst ungewiss. Timbuktu hat nicht nur von seiner Lage am Schnitt- punkt der Wüstenstraßen profitiert, sondern auch von seiner Nähe zu ertragreichen Anbauflächen in der Um- gebung des Niger. Der Fluss – mit seinem merkwürdi-, gen Verlauf von der Küste in Guinea weg und in einem großen Bogen durch die südliche Sahara zurück zur Küste in Nigeria – verzweigt sich nördlich der mali- schen Stadt Ségou zu einem riesigen Binnendelta von der Größe der Schweiz, einem Eldorado für Vögel, Sumpf- und Wassertiere, wie wir auf der Flussfahrt von Mopti nach Timbuktu beobachten konnten. Wenn das Hochwasser des Niger nach der Regenzeit im Sommer zurückgeht, hinterlässt es von fruchtbarem Schlamm überflutete Felder, ideal für den Anbau von Hirse und Reis. Darüber hinaus ist der Fluss natürlich ein steter Lieferant von frischen Fischen. Die Sahara ist die größte und extremste Wüste der Welt, eine »klimatisch-passatische Wendekreiswü- ste«, über deren Kern stets ein Hochdruckgebiet steht und stets ein trockenheißer Wind weht, der Harmat- tan. Bei klarem Wetter kann man aus dem Flugzeug heraus ihre verschiedenartige Beschaffenheit deut- lich erkennen. Eigentlich ist die Sahara ein Ensemble von Wüste, Halbwüsten, Wüstensteppen und, an den Rändern, von Savannen. An den Rändern wachsen zwischen Sanddünen krüppelige Bäume und Dorn- büsche, Tamarisken, Akazien und Ginster. In den Sa- helzonen dann die riesigen Baobabs, Palmen und eine ganze Reihe von Nutzbäumen. Immer wieder taucht die Frage auf, ob die Wüste angesichts der zunehmenden Desertifikation – sie soll sich in den letzten 20 Jahren um rund 100 km Rich- tung Süden ausgedehnt haben – bei genügender Be- wässerung in Agrarland umgewandelt werden könnte. Fachleute verneinen es und zwar nicht wegen allfäl- liger Schwierigkeiten beim Beschaffen des Wassers,, sondern wegen der schlechten Bodenqualität der Wüste, die – so heißt es – zu steinig und zu sandig und nicht in der Lage sei, Humus zu produzieren. Trotz ihrer Unwirtlichkeit ist die Sahara nie eine unüberwindliche Barriere gewesen für die Menschen; den Tuareg ist sie sogar Lebensraum geworden. Dass aus der Stadt Timbuktu ein geistiges Zentrum wurde, das mehrere Jahrhunderte lang vom Rand der Wüste aus in den ganzen islamischen Raum ausstrahlte, ist dem Karawanenhandel zu verdanken, der nicht nur Güter transportierte, sondern auch Bücher und Kunst- gegenstände, der Begegnungen zwischen Menschen verschiedener Kulturen ermöglichte und Wissen ver- mittelte. Diese vergangene Zeit findet man in Tim- buktu noch immer. Auf dem Markt der Stadt zum Bei- spiel, wo Salz in pyramidenförmigen Stöcken oder in Brocken in kleinen Säcklein verkauft werden. Oder wenn man auf dem Spaziergang durch die Stadt un- versehens vor einer der schönen, eisenbeschlagenen Haustüren innehält und erkennt, dass hier René Cail- lié oder Heinrich Barth gewohnt haben. Oder wenn der Schriftgelehrte Chirfi Alpha Sane im Ahmed Baba Centre, wo rund 20.000 alte arabische Manuskripte aufbewahrt werden, den Besuchern ein einzigartiges Exemplar des Koran zeigt, das der Bibliothek vom li- byschen Führer Khaddafhi geschenkt wurde! Timbuktu wurde als UNESCO-Weltkulturerbe regi- striert. Die drei Moscheen, die Djinger-ber-Moschee, die Sankoré-Moschee und die Sidi Yahia-Moschee, die alle im 14. Jahrhundert als architektonische Mei- sterwerke aus Lehm erbaut und mehrmals renoviert wurden, sind 1996 in die Liste der gefährdeten Denk-, mäler eingetragen worden. Dies setzte neue Mittel frei für deren dringend notwendige Restaurierung, die nur von Fachleuten geleistet werden kann. Doch nicht nur die Moscheen bräuchten Geld und Aufmerksamkeit. Es ist unübersehbar: Timbuktu, die weltberühm- te Handelsmetropole, die Stadt der 333 Heiligen, der Ort, wo Gelehrsamkeit herrschte und Toleranz gelebt wurde, Timbuktu ist heute eine arg vernachlässig- te Stadt; die Häuser der historischen Innenstadt sind von wenigen Ausnahmen abgesehen in schlechtem Zustand, auf den Straßen wirbelt der Wind mit dem Sand Dreck vor sich her, die Menschen sind arm, viele arbeitslos. Die Armut der Menschen in Timbuk- tu offenbart sich deutlicher noch in den neuen Vier- teln rund um den alten Stadtkern. Sie bieten zwar mit ihren breiten Sandstraßen, wo nur wenige Autos ver- kehren, wo in den kühleren Stunden Kinder spielen und Frauen Gemüse rüsten, Wäsche waschen oder miteinander schwatzen, ein friedliches Bild; doch ein näherer Blick zeigt, dass hier der Alltag noch karger ist als in den Städten des Sahel. Eine Möglichkeit bietet der Tourismus. Der Nim- bus Timbuktus ist umgebrochen, vor allem unter ame- rikanischen Touristen. »Wir verkaufen einen Na-men, einen Mythos, wir verkaufen Träume«, meinte Malis ehemalige Tourismus-Ministerin Aminata Touré. Doch das reicht nicht mehr, viele Touristen sind von ihrem Besuch enttäuscht, die meisten kommen eh nur für einen Tag und eine Nacht nach Timbuktu. Dazu kommt, dass die Saison kurz ist, drei Monate im besten Fall, von November bis Januar. Kein Wunder, dass Touristen von Händlern, Kindern und lokalen, Guides förmlich überfallen und gnadenlos auf ihren Wegen verfolgt werden. Einer, der an eine neue Zukunft Timbuktus glaubt, der nicht will, dass die Stadt zu einem Museum ver- kommt, ist der junge Mann, der das Internetcafe führt, Birama Diallo. Das »Télécentre Communautaire Poly- valent« TCP ist der Anziehungspunkt vor allem für junge Leute. Es arbeitet in den drei Sprachen Song- hai, Bambara und Französisch und bietet neben Tele- fon, Fax, E-Mail und Internet auch Ausbildungskurse in den neuen elektronischen Medien an. Doch die we- nigsten Einheimischen können sich die Tarife leisten, die Nutzung des Internetcafes bleibt vorläufig den we- nigen sehr gut Verdienenden und den Ausländern vor- behalten. Das tut der guten Laune von Birama Diallo keinen Abbruch. Für ihn und für viele Bewohner der Stadt ist das TCP zum Fenster in die ferne Außenwelt und zu einer neuen Hoffnung geworden.,

IV. Kultur in Afrika

1. Mehr als der Zauber der Trommeln Vom Reichtum afrikanischer Musikkulturen Von Wolfgang Hamm Wer viel in afrikanischen Ländern reist, macht immer wieder eine erstaunliche Beobachtung: Die Menschen lachen! Fröhlichkeit und ansteckende Lebensfreu- de bilden oft einen auffälligen Kontrast zur Misere des Alltags. Auch der musikalische Reichtum afrika- nischer Musikkulturen steht in auffälligem Gegen- satz zur materiellen »Armut« in manchen Gebieten. Eine technologische Entwicklung wie in der euro- päischen Musik – vom Monochord zum Konzertflü- gel, von kleinen mittelalterlichen Musikensembles zu hundertköpfigen Sinfonieorchestern – hat es in Afrika nicht gegeben. Von der Erfindung elektroakustischer Klangerzeuger und Musikformen ganz zu schweigen. Stattdessen dominieren Naturmaterialien: Holzstäbe und Holzstöcke, ausgehöhlte Baumstämme, Bambus- und Schilfrohre, Fruchtkapseln, gedrehte Sisalfasern, Palmblätter und Palmblattstängel, ausgeschabte Kür- biskalebassen, Tierhäute und Tiersehnen – dieselben Materialien, aus denen die meisten Alltagsgegenstän- de gefertigt sind. Die scheinbar »armen« Instrumente offenbaren jedoch einen ungeahnten musikalischen Reichtum, der von der musikalischen Kreativität und der Erfindungskraft afrikanischer Völker zeugt. Manche Instrumente gibt es so nur in Afrika., Entgegen der Klischeevorstellung, dass Afrikaner vor allem trommeln, fallen die subsaharischen Musik- kulturen Afrikas durch ihr reiches Spektrum von Sai- teninstrumenten auf: Bogen- und Stegharfen, Lauten und Leiern, Musikbögen und Musikstäbe, Brett-, Floß-, Schalen- und Rahmenzittern usw. Nirgendwo auf der Welt existiert eine solche Man- nigfaltigkeit an Musikbögen wie bei den Völkern im südlichen Afrika. Bereits seit Jahrtausenden kann- ten die San, abwertend oft »Buschmänner« genannt, den Musikbogen, der im Prinzip nicht anders aus- sieht als ein Jagdbogen. Über einer gebogenen Stange aus Holz ist eine einzige Saite gespannt, mit der sich ein Pfeil abschießen, aber genauso gut auch ein Ton zupfen lässt. Ethnologische Untersuchungen belegen, dass Jagd- und Musikbogen strukturell-funktional zu- sammenhängen. Bei der Khoisan sprechenden Urbe- völkerung in Namibia, Botswana und Südangola ist die Nutzung eines Bogens als Jagd- oder Musikinstru- ment grundsätzlich offen. Andere Völker in Westzaire und in Tansania verwenden ausgediente Jagdbögen als Musikbögen weiter. Und die »Mbuti-Pygmäen« im Osten des Kongo benutzen sogar Pfeile zum Anschla- gen der Saite. Die Konstruktion eines Musikbogens erscheint simpel, doch dieses archaische Instrument bietet eine Fülle an Spieltechniken und Klangmöglichkei- ten: Man kann die Saite mit den Fingern zupfen oder mit einem Holzstäbchen anschlagen. Man kann sie mit einem Bogen streichen oder reiben. Die »Kung« in Angola bringen sie zum Schwingen, indem sie über Einkerbungen der Bogenstange schrapen – kawayawa-, ya nennen sie onomatopoetisch ihren Schrapbogen. Aus Lesotho stammt eine geradezu abenteuerliche Musikbogen-Konstruktion. Dort bläst der lesiba-Spie- ler gegen die Schneide eines mit der Saite verbun- denen Federkielblättchens, das die Saite zum Vibrie- ren bringt. Durch starkes Ein- und Ausatmen hält er den Federkiel und damit die Bogensaite in Schwin- gung. Mit seiner Mundhöhle als Resonanzraum filtert er aus dem Grundton die Obertöne heraus. Das Spiel der lesiba ist derart erschöpfend, dass selbst erfahrene Spieler selten länger als eine halbe Minute ohne Un- terbrechung durchhalten. Der eher leise und dünne Saitenklang eines Musikbogens lässt sich auch mit einer Kalebasse als externem Resonator verstärken wie beim Kalebassenbogen uhadi der Xhosa in Südafrika, aber auch beim brasilianischen Kalebassenbogen be- rimbao, den afrikanische Sklaven nach Brasilien mit- gebracht hatten – heute geradezu ein Markenzeichen der musica brasileira. Eine weitere Möglichkeit, den Klang der Saite zu verstärken, besteht darin, die Saite oder die Bogenstange in den Mund zu nehmen oder an den Lippen anzulegen. Der Musikbogen wird so zum Mundbogen. Wie vorher die Kalebasse fungieren jetzt Mund- und Rachenraum als flexibler Resonator, mit dem der Spieler oder die Spielerin Obertöne aus dem Grundton der Saite herausfiltert. Ähnlich wie beim Maultrommelspiel lassen sich ganze Melodien aus Obertönen produzieren. Der relativ leise Mund- bogen ist traditionellerweise oft ein Instrument der Frauen und Mädchen, da er sich eher für verhaltenere, intimere Musikformen eignet. Xhosa-Frauen begleiten ihren Chorgesang mit dem Mundbogen umrubhe, und, ihre Art der Mehrstimmigkeit nimmt genau die Ober- töne des Mundbogens auf. Gleicht die faszinierende Welt afrikanischer Mu- sikbögen einer Reise in die musikalische Urgeschich- te der Menschheit, so lässt sich das Entstehen von auf- wendigeren Instrumenten wie der Stegharfe cora auf die Epoche afrikanischer Feudalreiche zurückführen. Als der legendäre Herrscher Soundjata Keita im 13. Jh. die Stämme der Mandinka einte, schuf er ein Reich, dessen Grenzen vom Atlantischen Ozean im Westen bis zum mittleren Niger im Osten, vom tropischen Re- genwald im Süden bis zur Sahara im Norden reichten. Das war das Großreich Mali. Über seinen sagenhaf- ten Reichtum an Gold sprach man in Nordafrika und Europa. Aus jener glanzvollen Epoche leiten die Griots oder Jali (wie sie in Westafrika heißen) bis heute ihre gesellschaftliche Stellung und Legitimation als Musikerkaste ab. Sie waren die Chronisten und Preissänger der Könige und Adligen, die Bewahrer und Überlieferer von Tradition und Moral in einer Gesellschaft, welche die Schrift nicht kannte. Ihr Wissen und ihre instrumentalen wie vokalen Künste gaben sie von Generation zu Generation weiter. Das geschieht bis heute innerhalb der Griotfamilien, die man schon an ihren Namen wie Kante, Keita, Kouyate, Djabate oder Sissoko erkennt. Ihr »könig- liches Instrument« ist die kora, die im Zuge der »Weltmusik«-Bewegung durch populäre afrikanische Sänger wie Mory Kante oder Salif Keita (beide stam- men aus Griot-Familien) weit über die Grenzen Afri- kas hinaus bekannt wurde., Auch die Kora stellt eine höchst originelle afrikani- sche Instrumentenerfindung dar. Die 21-saitige Steg- harfe besteht aus einem halbkugeligen Kalebassenreso- nator, einem Stück gegerbter Kuh- oder Antilopenhaut als Resonanzdecke, abgestützt von drei kleinen Holz- stäben, und einem langen Stock aus Hartholz, der die Saiten trägt. Früher drehte man sie aus Antilopenhaut, heute werden sie durch Angelschnüre aus Nylon er- setzt. Die Kora gilt in der Kultur der Mande-Völker als spirituelles Instrument, verkörpert sie doch das nyama, die Lebenskraft, die sich in allen Lebewesen, Menschen, Tieren und Pflanzen offenbart. Ihr Bau gleicht einer rituellen Handlung. Es schien geradezu ein Sakrileg, als der Jali Sidiki Yayo für einen Doku- mentarfilm1, den wir 1991 in Guinea drehten, vor un- serer Kamera eine Kora nachbaute. In einem ruhigen, fast meditativen Arbeitsprozess, der mehrere Tage in Anspruch nahm, erlebten wir den Bau des »königli- chen Instruments« der Griots – vom Kauf der Materi- alien auf dem Niger-Markt von Conakry bis zum ferti- gen Instrument. Sidiki Yayo musste sich anschließend mit dem Vorwurf aus dem Griot-Milieu auseinander setzen, »geheimes Wissen« an die toubabs, die Weißen, verraten zu haben. Mit ihrer Leichtigkeit, Eleganz und spieltechnischen Virtuosität gehört die Kora-Musik, auch wenn sie vorwiegend den Gesang der Griots und Griottes begleitet, zum Schönsten, was die Musik Afri- kas zu bieten hat.2 Eine weitere urafrikanische Instrumentenerfindung ist die mbira, über die der portugiesische Missionar Don Santos vor über 400 Jahren schrieb: »Die Afri- kaner spielen dieses Instrument, indem sie die freien, Enden der Stäbe mit langen Fingernägeln zupfen, und sie tun dies so anmutig wie ein guter Cembalo-Spie- ler.« Bewundernd fügte er hinzu: »Die schwingen- den Eisenstäbe bringen einen vollkommen zarten Zu- sammenklang von harmonischen Tönen hervor.« Vor allem im südlichen Afrika ist die mbira in unzähligen Varianten beheimatet. Eine Reihe von Klangstäben oder Lamellen aus Holz oder Metall (heute oft plattge- klopfte Fahrradspeichen) sind auf einem Holzkästchen oder -brettchen befestigt und werden mit den Daumen und Zeigefingern beider Hände angezupft. Archäolo- gische Ausgrabungen in Zimbabwe förderten Metall- Lamellen aus dem 15. Jahrhundert zutage. Es gibt die Vermutung, dass die mbira bereits im 10. Jahrhundert gespielt wurde, als sich die Shona im Gebiet des heu- tigen Simbabwe niederließen. Ihre überragende Be- deutung in der Kultur der Shona erklärt sich aus ihrer spirituellen Bedeutung: Mit dem Klang der mbira dva vadzimu (mit 22 bis 24 Metall-Lamellen und einer großen Kürbiskalebasse als Resonanzverstärker) lockt man bei nächtlichen Zeremonien (bira) die Ahnengei- ster hervor, die im religiösen Kosmos der Shona eine zentrale Rolle spielen.3 Jahrzehntelang unterdrückte das rhodesische Kolo- nialregime das Spielen der mbira – in eurozentrischer Überheblichkeit als »Kaffernpiano« oder »Daumenkla- vier« bezeichnet – als Ausdruck afrikanischer Identität. Erst mit dem siegreich beendeten Unabhängigkeits- kampf konnte sie ihre frühere Bedeutung zurückge- winnen. Der bis heute populärste Sänger Zimbabwes, Thomas Mapfumo, der mit seinen Chimurenga-Songs (chimurenga heißt in Shona »Aufstand, Revolte«) zum, Idol der unterdrückten Schwarzen wurde, bezog zum ersten Mal elektrisch verstärkte mbiras in seine Songs ein, um eine Brücke zwischen afrikanischer Popmu- sik und der traditionellen Musik Zimbabwes zu schla- gen. »Ihr Klang ist reinstes Afrika!«, sagte er in einem Interview. Die faszinierende Vielfalt und das expressive Klang- spektrum afrikanischer Musikinstrumente wie Mbira und Marimba, Musik- und Mundbögen, Harfen, Lauten, Leiern und Zittern, Trommeln und Perkussionsinstru- mente kennen zu lernen, bedeutet eine Bereicherung des musikalischen Horizonts, der in unserer Musikkul- tur viel zu sehr auf ein Standardinstrumentarium ver- engt ist.4 Auch innermusikalisch oder musikstrukturell gese- hen unterscheidet sich afrikanische Musik fundamen- tal von der europäischen.5 Grundlegend für die Mbira- Musik wie für viele andere Musikformen Afrikas ist eine zyklische Struktur, die periodische Wiederho- lung bestimmter melodisch-rhythmischer Muster. »Afrikanische Musiker denken in pattern« (J.H. Kwa- bena Nketia) – und nicht in Takten und Metren wie europäische Musiker. Pattern sind elementare, gestalt- bildende Bausteine der Musik, die aneinander gereiht, kombiniert, ausgetauscht, umgedreht und in kleine- re Einheiten zerlegt werden können, die selbst wieder pattern-Charakter haben. Wie Zahnräder greifen die pattern zweier Mbiras ineinander – ein weiteres mu- sikalisches Prinzip, das interlocking genannt wird und in afrikanischer Musik eine wichtige Rolle spielt. Zyklus für Zyklus variieren die mbira-Musiker ihre Melodielinien auf der Basis einer feststehenden Ak-, kordfolge. »Kaleidophone Musik« hat der südafrikani- sche Musikforscher Andrew Tracey diesen ständig in Bewegung bleibenden musikalischen Fluss genannt. Und es sei daran erinnert, dass die amerikanische mi- nimal music (Steve Reich, Philip Glass u. a.) wichtige Impulse aus der zyklisch kreisenden Pattern-Struktur afrikanischer Musik bezog. Wie kommt es, dass afrikanische Musikkulturen eine so hochkomplexe Rhythmik entwickelt haben? Wissenschaftlich durchgesetzt hat sich die Erkenntnis, dass afrikanische Kulturen sich durch ein bestimmtes Bewegungsverhalten von allen anderen Kulturen der Welt unterscheiden. Afrikanische Bewegungsauffas- sungen, in der Musik als »polyrhythmisch«, im Tanz als »polyzentrisch« beschrieben, durchdringen nicht nur Musik und Tanz, sondern auch den traditionellen Alltag, insbesondere die Arbeitsabläufe bei der Feld- arbeit, beim Mehlstampfen und anderen häuslichen Verrichtungen. Die Bewegungsorganisation folgt ge- radezu rigoros bestimmten Prinzipien eines timing, das die akustischen oder motionalen Ereignisse zeit- lich ordnet.6 Kleinste, regelmäßige Pulseinheiten in enormer Geschwindigkeit, so genannte Elementarpul- se, fungieren als grundlegendes Orientierungsraster und als gemeinsamer mentaler Hintergrund für Musi- ker wie Tänzer. Sie sind zwei- oder dreimal schnel- ler als der beat, die nächsthöhere Ebene rhythmischer Orientierung. Die Elementarpulsation bildet ein Zei- traster, auf das sämtliche rhythmischen Ereignisse be- zogen werden können: offbeat-Akzente, sich überkreu- zende Rhythmen (Kreuzrhythmik bei gemeinsamem, interlocking bei individuellem beat), timeline-Formeln,, die so etwas wie den strukturellen Kern eines Musik- stückes bilden. Man hat vom »Metronom-Sinn« afri- kanischer Musiker gesprochen, jener phänomenalen Fähigkeit, mit äußerster Präzision des timing kompli- zierteste Rhythmen spielen zu können. Die koloniale Aufteilung Afrikas hatte zur Folge, dass z. B. Malinke oder Mandinka sprechende Ethnien sowohl in den Staaten Mali, Senegal, Gambia, Guinea wie auch in Sierra Leone, Liberia, Côte d’Ivoire und Burkina Faso leben. Man kann also schlecht von se- negalesischer oder gambischer Musik sprechen, prä- ziser ist es, von der Musik der Malinke, der Bambara, der Dyula oder umfassender der Mande- oder Man- ding-Sprachgruppen zu reden, die zu den Nachfahren des alten Großreiches Mali gehören. Dass sich diese oft regional geprägten Musikkulturen im Verlauf der Geschichte Afrikas untereinander beeinflusst haben, liegt auf der Hand. Dass Völkerwanderungen dabei ein große Rolle gespielt haben, ebenso. So drängten Bantuvölker im ersten Jahrtausend unserer Zeitrech- nung nach Süden und übernahmen Bräuche, Jagd- techniken, aber auch musikalische Auffassungen von der dortigen Urbevölkerung, den Khoisan oder San. Die Herausbildung großer Königreiche, an denen sich eine »höfische Musik« entwickelte, und die regen Be- ziehungen zur muslimisch-arabischen Welt waren für die spezifische Prägung verschiedener Musikkulturen ebenso bedeutsam wie der kulturelle Einfluss der Ko- lonialmächte, der die afrikanischen Völker mit euro- päischer Musik konfrontierte. Über eine der komplexesten Vokalmusiken der Welt verfügen die so genannten »Pygmäen«7, die im zen-, tralafrikanischen Regenwaldgürtel von Kamerun im Westen bis Uganda im Osten leben. Der Musikethno- loge Simha Arom, der sich seit Jahrzehnten der Er- forschung dieser Musik widmet, sagte auf die Frage, warum es ihn immer wieder zu den Pygmäen gezogen habe: »Weil sie eine Polyphonie mit einem Schwierig- keitsgrad besitzen, den das Abendland erst im 14. Jahr- hundert meisterte.« Und der Komponist György Ligeti bewundert an ihrer Musik Strukturen, die sowohl ganz einfach als auch hoch komplex sind.«8 Dabei entsteht die polyphone Überlagerung verschiedener rhyth- misch-melodischer Muster oder pattern wie selbst- verständlich bereits bei der Jagd. Um sich zu verstän- digen, kommunizieren »Aka-Pygmäen« mit kurzen Rufen und melodischen Gesängen, die sie nicht als Musik, sondern als Teil der Jagdtechnik betrachten. Von einer erfolgreichen Jagd zurückgekehrt, erfreu- en sie sich am Mbenzele-Tanz (um nur ein Beispiel zu nennen), in dem sich verschiedene vokale und rhyth- mische Schichten überlagern. Zu Beginn hört man eine einzelne Stimme, die mit einem charakteristi- schen »Jodel-Gesang« den Tanz eröffnet, dann setzen Trommeln und metallisch klingende Perkussionsin- strumente in einem merkwürdig vertrackten Rhyth- mus ein, schließlich entwickelt sich der Gesang von Männer- und Frauenstimmen, bis durch das gleich- mäßige Klatschen der gemeinsame Puls spürbar wird, auf den sich alle beziehen. Die einzelnen Stimmen herauszuhören und in Noten aufzuschreiben, ist für den Musikethnologen eine Herausforderung. Da die verschiedenen Stim- men nur innerhalb der kollektiven Aufführungspra-, xis funktionieren und nicht für sich individuell, sind die Sänger und Musiker auch gar nicht in der Lage, die einzelnen Stimmen für sich getrennt vorzufüh- ren. Simha Arom löste das Problem auf geniale Weise, indem er sich an das playback-Verfahren aus der Un- terhaltungsmusik erinnerte. Er setzte den Musikern Kopfhörer auf, in denen sie eine Aufnahme ihres ge- samten Ensembles hören konnten: »Das System funk- tioniert auf ganz einfache Weise: Der erste Musi- ker hört die Gesamtaufnahme als playback in seinem Kopfhörer und wiederholt dazu seine Partie. Der zweite Musiker hört den ersten und hängt sich an ihn, wie er es auch in Wirklichkeit macht, denn sie setzen nie gemeinsam ein, es gibt ja keinen Dirigenten, einer hängt sich an den anderen.« So konnte der französi- sche Musikethnologe nach und nach jeden einzelnen Part des vielschichtigen und vielstimmigen Gewebes auf Tonband aufzeichnen und später dann in Noten- schrift übertragen. Es ist kein Wunder, dass die kom- plexe Vokalmusik der Pygmäen auch manche Musiker und Komponisten der nördlichen Hemisphäre inspi- riert hat. Gehörte die Auffassung von der »primitiven Musik der Neger« zu den hartnäckigen Vorurteilen früher Ethnologie und ihre Reduzierung auf »ungehemmte Körperlichkeit« zur eingeschliffenen Projektionsfläche europäischer Sehnsüchte nach »Exotik und Ursprüng- lichkeit«, so sind inzwischen viele interkulturelle Missverständnisse und Fehlinterpretationen afrikani- scher Musik (im Sinne europäischer Denkmuster und Erwartungshaltungen) einem differenzierteren und kompetenteren Verständnis gewichen. Wissenschaft-, ler und Künstler begannen in den 50er Jahren »auf der Basis von Gleichwertigkeit« (G. Kubik) afrikani- sche Kulturen zu studieren, indem sie selbst jahrelang in afrikanischen Gemeinschaften lebten und afrikani- sche Instrumente, Spielpraktiken, Musikformen und ihre Terminologie von Afrikanern selbst erlernten. Afrika ist nicht erst seit heute ein Kontinent im Umbruch. Nicht wenige traditionelle Musikinstru- mente und Musizierformen existierten bereits vor 50 Jahren nur noch in Rudimenten. In musikethnologi- schen Archiven und einigen Spezial-Editionen sind sie den Fachleuten zugänglich, während das breite Publikum aufgrund unseres immer noch eurozentri- schen Kultur- und Medienverständnisses von grund- legenden Informationen über afrikanische Musik nach wie vor abgeschnitten ist – trotz zeitweiligen »Welt- musik-Booms«. In Afrika selbst hat nach den Verheerungen der Ko- lonialepoche, die auch das große Erbe afrikanischer Musikkulturen beschädigte, unübersehbar die Moder- ne Einzug gehalten: Mit Massenverelendung und wirt- schaftlicher Rückständigkeit, mit Kriegen und korrup- ten Regierungen, mit AIDS und Hungerkatastrophen. Was das für die Bewahrung und Weiterentwicklung des großen afrikanischen Musikerbes heißt, lässt sich nur ahnen. Die Bedeutung afrikanischer Musik als »sozialer Kraft«9, in ihrer gemeinschaftsbildenden Funktion bei Festen, Zeremonien, im Alltag und bei der Arbeit, als Ausdruck von kultureller Identität und Lebensfreude, leidet unter diesem unaufhaltsamen Erosionsprozess, der nicht nur die urbanen, sondern auch die ländli-, chen Zonen Afrikas längst in Mitleidenschaft gezogen hat. Natürlich haben sich neue populäre Musikfor- men entwickelt, die auf traditionellen Musikelemen- ten und Musizierformen fußen.10 An musikalischer Kreativität herrscht in Afrika kein Mangel. Doch auch die Vitalität afrikanischer Popmusik kann über den Verlust von musikalischer Vielfalt und Eigentümlich- keit, über den schleichenden wie dramatischen Pro- zess eines unaufhaltsamen musikalischen »Artenster- bens« kaum hinwegtrösten. Westafrikanische Griots sehen sich gezwungen, ihr Überleben mit Koraspie- len in Pariser Restaurants zu sichern11. Der Weg vom »maître de la parole«, dem »Meister des Wortes« in der traditionellen Mande-Gesellschaft, zum Unterhal- tungsmusiker und Bühnenkünstler am Ende des 20. Jahrhunderts, ist nur ein Beispiel für die schwierige Umbruchsituation, in der sich afrikanische Musikkul- turen heute befinden., 2. Tiefes Graben nach den Quellen Verlegererfahrungen mit afrikanischer Literatur Von Hermann Schulz Über Afrika ist seit zweihundert Jahren viel geschrie- ben worden. Allein die so genannte Kolonialliteratur füllt Bibliotheken in mehreren Sprachen. Auch »Jen- seits von Afrika« war ein wunderbarer Film von den Afrika-Sehnsüchten der schönen Dänin Tania Blixen. Aber was haben all diese Bücher und Filme mit Afrika zu tun – außer dass in ihnen Afrikaner die Statisten sind und dramatisch Löwen und Leoparden durch eine unglaubliche Landschaft streichen? Es sind Umarmungen unter tropischem Himmel, die mehr an Strangulieren als an Zärtlichkeiten er- innern. Sie haben einerseits nicht bewirkt, uns die Menschen Afrikas brüderlich näher zu bringen, son- dern alte Bilder verfestigt und unheilvoll Vorurtei- le bestärkt. Andererseits blieb Afrika für Europa und Amerika literarisch Projektionsfläche für alle mögli- chen Allmachtsphantasien und Zwangsvorstellun- gen, von Joseph Conrad, Ernest Hemingway, Ferdi- nand Céline bis hin zu den Autoren der Gegenwart. Jean Paul hat schon erstaunlich früh das Dilemma er- kannt, als er forderte, nicht länger von Afrikas »Reich- tum, Gluthitze, unergründlicher Tiefe und Größe viel zu kleine Messungen« zu machen. Reisende, Sprach- forscher oder Dritte-Welt-Bewegte ergehen sich entwe- der in offenem Rassismus oder nebulöser Schwärme- rei. Es liegt der Verdacht nahe, dass sie unbewusst den Mangel an brauchbaren Einsichten verbergen und als Surrogat »dieses innerste Afrika« mehr in sich selbst, suchen als im Gegenstand ihrer vermeintlichen Liebe. Die Afrikaner kommen dabei schlecht weg, sind sie doch in diesen »Abenteuern der Seele« nicht mehr als Statisten, schwarze Symbole des Dunklen und Bösen, wie es Chinua Achebe aus Nigeria in einem Essay for- muliert hat. Gegen dieses Afrikabild der Außenwelt kämpft die afrikanische Literatur bis heute, so scheint es, erfolg- los. Und die Missverständnisse setzten sich fort. Man sagt in einschlägigen Kreisen, dass jemand, der auch nur zwei Jahre in Afrika war, als Rassist zurückkommt. Selbst Linke oder eingefleischte Dritte-Welt-Fanatiker haben spätestens nach dem dritten Glas unglaubliche Geschichten über ihre Afrikaerfahrungen (und die Un- fähigkeit der Afrikaner) parat. Wo liegt der Grund für soviel Enttäuschung? Nachdem asiatische Staaten mit großen technischen und wirtschaftlichen Leistungen auf sich aufmerksam gemacht haben, Russland sich als ein Land großer Li- teratur, Musik und Wissenschaft ins Buch der Welt eingeschrieben hat und Lateinamerika durch Lichtge- stalten wie Che Guevara und durch die Indio-Schwär- merei unangreifbar geworden ist, scheint Afrika der letzte Kontinent zu sein, dem die westliche Welt mit negativen Vorurteilen begegnet. Nach Jahrhunderten leidvoller Geschichte (Sklavenverschleppung, Koloni- alzeit mit allen Arten von Ausplünderung und Demü- tigungen, die den Kolonialzeiten folgenden Diktaturen) können die Afrikaner machen, was sie wollen: Es wird immer negativ ausgelegt. Vielleicht hat auch Europa und der Rest der »weißen Welt« Afrika nie wirklich verziehen, dass es nach der leidvollen Geschichte auf-, gehört hat, sich für Europa zu interessieren – und be- straft die Verweigerung durch Herabsetzung und offen geäußerte Zweifel an den geistigen Möglichkeiten der Afrikaner. Die Empörung über solche Ungeheuerlich- keiten verhallt müde und lustlos, so als bestätigten solche Urteile den Ärger über die afrikanische Verwei- gerung. Wie auch immer: Das Geflecht tief sitzender Zweifel bewirkt, dass dieser erzählende Kontinent mit seiner Literatur kaum ernsthaft zur Kenntnis ge- nommen wird. Sie führt, obwohl inzwischen mehr als 400 Titel in deutscher Sprache vorliegen, in den Re- galen einiger engagierter Buchhändler ein Kümmerda- sein und wird in den großen Medien kaum oder man- gelhaft besprochen. Diese Bücher zu lesen ist immer noch eine Art Pflichterfüllung einiger so genannter »Gutmenschen« und weniger Experten. Es fehlt nicht an guten Ratschlägen, wie die Afrika- ner sich besser »verkaufen« könnten. Warum schrei- ben sie nicht das, was sie jetzt schreiben müssten? Wo bleibt der große Hassausbruch wegen der Sklaverei, wegen der Demütigungen der Kolonialzeit? Warum leben sie ihre Visionen, ihre Ängste, ihre Exotik und Erotik nicht offen und lassen uns teilhaben? Wo bleibt die philosophische Durchdringung der Kolonialer- fahrungen und der Gegenwart? Warum erfahren wir nichts aus dem »großen Schatz« ihrer Geheimnisse, ihrer Mythen, ihrer Trommeln und der Dschungelwelt der Zauberer? Wo bleibt denn in ihrem Werk das, was seit Céline oder Hemingway Afrikabücher so lustvoll macht: die wildeste aller Welten voller Leoparden und Löwen, Wasserfälle, reißender Ströme und ungeahn- ter Naturgewalten?, Das wären doch die großen Stoffe! Warum folgen sie diesen Forderungen nicht? Wir würden sie sofort in unseren Kreis aufnehmen! Aber nichts davon in ihren Büchern! So bestraft unser unerfülltes »inner- stes Bild von Afrika« die Unfähigkeit, den Ungehor- sam, die Verweigerung und verweist Afrikas Autoren in die letzte verachtete Ecke Dritte Welt. Ich erkenne zwei Arten von Reaktion auf Seiten der Afrikaner: Die einen benehmen sich, wie es erwar- tet wird, schreiben und reden geschwollen von ihren Mythen, Magien und Geheimnissen. Damit erfüllen sie zwar ein Bedürfnis, verfestigen aber ungewollt das alte Bild vom »dümmlichen, rückständigen Afri- kaner«. Die anderen widmen sich ihrem Werk, ganz gleich, ob die (übrige) Welt sie zur Kenntnis nimmt. Ich kenne keinen ernst zu nehmenden afrikanischen Autor, der sich verbiegt, um von der weißen Welt ge- lesen zu werden, auch wenn er auf die Honorare der reicheren Länder angewiesen wäre. »Wir interessieren sie nicht«, hatte schon Ende des 18. Jahrhunderts ein weißer Rezensent geschrieben. Recht hat er, Europa hat das Interesse, man könnte auch sagen: das Ver- trauen Afrikas, verspielt. Aber solche Erkenntnisse greifen zu kurz, das Pro- blem ist komplexer. Es geht, vermute ich, um eine andere Art der Abgrenzung. Es ist Selbstschutz, Be- harren auf die Chance, das Eigene zu gestalten – und koste es noch ein, zwei Generationen Zeit. Kein Wunder, dass das, was das literarische Afrika uns anbietet, nicht kompatibel ist mit dem, was wir von Afrika erwarten, schon gar nicht mit dem, was heute unsere (Buch-)Märkte bestimmt., Auch diese Aussage muss ich relativieren, denn niemand auf der Welt weiß, was die afrikanische Ge- genwartsliteratur eigentlich ist. Denn nur wenig von dem, was in Afrika geschrieben wird, kommt auf den Buchmarkt; und nur wenig von dem Wenigen, gelangt in Übersetzungen zu uns. Ein Beispiel aus meinen Erfahrungen: In einem Rundfunkinterview in Kins- hasa 1977 forderte ich spontan die Autoren der Stadt auf, zu einem Gespräch mit mir am nächsten Tag um 10 Uhr ins Goethe-Institut zu kommen. Ich war fru- striert, hatten sich doch alle Verlagsadressen, die man mir bei der Deutschen Welle in Köln vermittelt hatte, als Scheinadressen erwiesen – oder die Verlage, wenn sie je produziert haben sollten, existierten längst nicht mehr. Um neun Uhr am kommenden Tag fuhr ich, um ein paar Tassen Kaffee zu organisieren (falls jemand kommen sollte), in das Institut. Da standen schon achtzig Damen und Herren vor der Türe, alte und junge, vornehme und zerlumpte; bis zum Nachmittag kamen mehr als einhundertfünfzig. Viele von ihnen hatten stundenlange Wege hinter sich, ihre Manu- skripte gegen den Straßenstaub in alte Zeitungen ge- packt. Keiner dieser Autorinnen und Autoren hatte je eine Zeile bei einem Verlag untergebracht. Manche klagten, sie hätten Romanmanuskripte (von denen meist keine Kopie existierte!) an französische Verla- ge geschickt, aber nie eine Antwort bekommen. Zwei oder drei hatten auf eigene Kosten kurze Erzählungen in Heftform drucken lassen, um sie auf den Märkten zu verkaufen. Ein älterer Herr, der von zehn fertigen Romanen sprach, zeigte mir sein neuestes Manu-, skript; es endete mitten im Satz. Ich sah ihn fragend an und er berichtete, in Kinshasa sei seit Monaten kein Schreibpapier zu kaufen. Ich holte einen Packen von 1.000 Blatt aus dem Depot des Institutes und gab es dem überglücklichen Mann. Ich wusste sehr wohl, dass ich mit einer solchen Geste das Drama der afrika- nischen Literatur nicht wirklich lösen konnte. Wenn man eine Rechnung anstellt und diese Er- fahrung auf alle Hauptstädte Afrikas bezieht und ein- berechnet, dass 50 Prozent potentieller Autoren der Einladung gefolgt sind und dass nur 3 Prozent der Ma- nuskripte so wertvoll sind, dass sie gedruckt werden sollten und von dieser verbleibenden Anzahl sich nur 3 Prozent als exportfähig für fremde Märkte erweisen, dann fehlen uns für die Beurteilung der afrikanischen Literatur mindestens 300 Titel, die vielleicht nie ge- druckt und gelesen werden. Es ist fast die Anzahl der heute lieferbaren Titel in deutscher Sprache! Eine solche Rechnung ist nicht zu beweisen, sie legt aber nahe, den Mund nicht zu voll zu nehmen, wenn von Afrikas Literatur die Rede ist. Wir können also nur Annäherungen versuchen. Ich möchte nicht den Eindruck vermitteln, dass alle diese nicht gedruckten Werke die Weltliteratur der Gegenwart entscheidend bereichert hätten. Im Ge- genteil soll das Augenmerk auch auf die Probleme ge- richtet werden. Zwölf Jahre Drittes Reich sind auch nach fünfzig Jahren in Deutschland und Österreich nicht ohne Spuren in der Gegenwart. Wie sollten hun- dert Jahre Sklavenverschleppung, hundert Jahre Ko- lonialzeit nach vierzig Jahren so genannter Unabhän- gigkeit in Afrika erledigt sein? Unterentwicklung, das, bedeutet auch Schäden in den Köpfen, den Gemütern, in den Seelen. Die Antwort der afrikanischen Literatur ist die Ab- wendung von Europa. Die großen Hoffnungen haben sich als Popanz, als Betrug erwiesen, von dort sind keine rettenden Konzepte für Afrika zu erwarten. Afrika ist auf sich selbst angewiesen, es ist nach Epo- chen gläubiger Hoffnung, die sich auf Europa rich- teten, auf sich selbst zurückgeworfen. Es war ein schmerzlicher Fall, und er ist nicht verwunden. Das irritiert auch Afrikaliebhaber. Afrika ist nicht der Kon- tinent eines Che Guevara oder anderer strahlender Lichtgestalten, wie wir sie so gern mögen und auch erwarten aus Kontinenten der Unterdrückung. Afri- kas »Helden« sind anderen Zuschnitts, seine Litera- tur (und seine Politik) muss andere Wege gehen. Der Spielraum für Entwicklungen ist in jeder Beziehung klein, der Kontinent arm, jede Wirtschaftsmacht der Erde mischt sich ein und kann auf korrupte afrikani- sche Komplizen rechnen. (Eine ganze riesige Aufla- ge eines Schulbuches von kenianischen Autoren, ge- druckt in einer kenianischen Druckerei, landete auf der Müllkippe, weil bestochene Parlamentarier in Nairobi beschlossen hatten, doch die bewährten briti- schen Schulbücher für ihre Schulen zu importieren.) Afrika hat zutiefst zivile Gesellschaften, das sollte angesichts korrupter Politiker, der Schlägertrupps der Diktatoren, der Massaker der explosiven Kriege nicht vergessen werden. Ihnen, diesen Gesellschaf- ten, wenden sich die Autoren zu mit ihrer hartnäcki- gen Arbeit am Verstehen dessen, was nach dem De- saster der letzten zweihundert Jahre geblieben ist., Sie haben keine Zeit, Erwartungen von außen zu er- füllen. Sie haben keine Zeit, jetzt von Afrikas Ein- gliederung in die Weltgemeinschaft zu reden. Ihnen geht es um das Verstehen der Vergangenheit, um Ge- genwart und Zukunft neu zu definieren. Diese Auto- ren wollen nichts wissen vom Verführerischen und Beängstigenden, das die Europäer ihnen andichten. Sie reklamieren, Menschen zu sein wie alle anderen; nicht mehr, nicht weniger! Was sie schreiben, ist ein oft quälend tiefes Graben nach den Quellen. Sie ak- zeptieren diese verheerenden zweihundert Jahre Un- terdrückung als »ihre« Geschichte. Das ist ihre ei- gentliche Leistung! Sie versuchen, die Scherben der zerbrochenen Krüge zusammenzufügen, um zu sehen, was vielleicht brauchbar ist für die Zukunft. Niemand weiß, was daraus wird, welche neuen Formen, Farben, Bilder, Kräfte sichtbar werden. Sie haben keine ande- ren Visionen als das, was ist. In dieser verwirrenden Vielfalt suchen sie die Spuren, das Brauchbare, das, was den Menschen am Leben hält. Es ist auch das Humane, das ernsthafte Leser in ihren Büchern ent- decken und das die Reisenden in Afrika so bewun- dern. Aber das ist nicht alles und kann es nicht sein. Das Ende ist offen, und niemand hat eine überzeugen- de Prognose, welchen Weg Afrika mit der Weltgemein- schaft schließlich gehen wird. Abgrenzung ist das einzig wirksame Rezept gegen die Verführbarkeit, der Afrika lange erlegen war! Sie vergeuden keinen Ge- danken daran, jetzt »Weltliteratur« zu schreiben. Und doch liegen sie vor, die unvergleichlichen Werke von C. Achebe, U’Tamis, N. Wa Thiong’o, A. Hampaté Ba, Monénembo, W. Soyinka und anderen. Sie werden in, einer Kultur geschrieben, in der das Wort von jeher eine rettende Rolle gespielt hat, in der ohne das aus- führliche Gespräch nichts zustande kommt. Da dies kein Literaturbericht ist (Interessierte mögen sich den Katalog »Quellen« der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und La- teinamerika, Postfach 100116, D-60001 Frankfurt am Main beschaffen), mögen noch einige anekdotische Anmerkungen erlaubt sein: Der erste Titel, den der Peter Hammer Verlag (1968) aus Schwarzafrika ver- legte, trug den Titel »Auf den Spuren meines Vaters«. Autor war der Priester Michel Kayoya aus Burun- di. Kayoya, der in Europa studiert hatte, versuchte in einem langen Gedicht (in der oralen Tradition seines Volkes) die Widersprüche der burundischen Gegen- wart auszuloten – und Afrika aufzufordern, seinen ei- genen Weg zu gehen. Die in einer Mimauflage billig gedruckte Broschüre kaufte ein deutscher Kaufmann in Bujumbura und schickte sie an den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt. Der reichte sie an seinen Entwicklungshilfe-Minister Erhard Eppler weiter, der sie wiederum seinem Berater Klaus Lefringhausen in die Hand drückte. So gelangte sie in den Verlag, der in kürzester Zeit drei Auflagen verkaufte. Der Versuch des Verlagsleiters, den Autor in seiner Heimat zu be- suchen, scheiterte; Kayoya aus dem Volk der Hutu wurde im Sommer 1972 von marodierenden Tutsi umgebracht (zusammen mit 5.000 Intellektuellen der Hutu). Im Februar 1945 beendete Aniceti Kitereza auf der Ukerewe-Insel im Victoriasee seinen großen Roman, der später unter dem Titel »Die Kinder der Regenma-, cher« auf Deutsch erschien. Das Werk hatte der Autor in seiner Muttersprache Kikerewe verfasst, fand aber keinen Verlag. Auf Anraten eines amerikanischen Eth- nologen übersetzte er es selbst ins Kisuaheli. Mit Hilfe der Ford-Foundation wurde das Buch in China ge- druckt und erschien Ende der 80er Jahre im Tansania- Publishing-House. Der Autor starb wenige Tage, bevor die ersten Exemplare auf die Ukerewe-Inseln gelang- ten – nach sieben Jahren Wartezeit seit der Unter- zeichnung des Vertrages. Aufmerksam geworden durch eine kleine Notiz in der Herald-Tribune schrieb der Peter Hammer Verlag an den tansanischen Verlag und erwarb die Rechte. Das Buch war eines der wenigen auf dem deutschen Afrika-Buchmarkt, das aus einer afrikanischen Spra- che übersetzt wurde und wurde das wohl bestver- kaufte literarische Werk eines Afrikaners in deutscher Sprache (mit annähernd 100.000 verkauften Exempla- ren). In den 70er und 80er Jahren konnten in Afrika nur Verlage überleben, die regelmäßig mit Entwick- lungshilfegeldern aus Europa oder Amerika gefördert wurden. Die Geldgeber haben, aus verständlichen Gründen, meist nach zehn oder fünfzehn Jahren resi- gniert und die Zahlungen eingestellt. In den meisten Fällen wurden die Verlage dann geschlossen, denn von einem funktionierenden Buchmarkt kann bis heute in keinem schwarzafrikanischen Land die Rede sein. Inzwischen gibt es einige wenige arbeitsfähige afri- kanische Verlage als Partner für jene Verlage in Europa, die sich mit Afrikas Literatur beschäftigen. Die Zim- babwe-Buchmesse ist eine stabile Einrichtung des, Austausches geworden, immer gefährdet allerdings von den politischen Unwägbarkeiten. Afrikas Autoren sind nicht mehr nur auf Verlage im reichen Europa an- gewiesen, auch wenn immer noch die meisten Neuer- scheinungen in Paris oder London gedruckt werden, zumal bis zu 80 Prozent der afrikanischen Autoren in einer der beiden großen Kolonialsprachen schreiben. 1977, bei jenem denkwürdigen Autorentreffen in Kins- hasa, konnte ich keinem der Autoren raten, sich an afrikanische Verlage zu wenden; von dem Dutzend Ma- nuskripten, die ich seinerzeit mitnahm, sind immerhin drei auf Deutsch erschienen. Die deutschen Verlage, die regelmäßig Afrikaner ins Programm nehmen, sind an einer Hand, der zwei Finger fehlen, abzuzählen. Ta- schenbuchverlage oder Buchclubs weigern sich strikt, Lizenzen afrikanischer Romane zu kaufen; sie blicken auf bittere Erfahrungen zurück. Dem deutschen Buch- handel rassistische Verweigerung vorzuwerfen, wäre ungerecht; der Buchhandel kann zwar Literaturen »machen«, nicht aber auf Dauer gegen eine allgemein herrschende Ignoranz. Niemand weiß heute, was aus Afrika in den kom- menden Jahren zu erwarten ist. Es meldet sich eine junge Generation von Autorinnen und Autoren zu Wort, die scheinbar unbelastet von den schwierigen Themen der Geschichte befreit aufspielt und unge- schminkt und kritisch die afrikanische Gegenwart zeichnet. Diese Autorinnen und Autoren stehen auf den Schultern der Generation von Achebe, Kitereza, Soyinka und U’Tamsi; ohne sie wären ihre erfrischen- den Befreiungsschläge nicht möglich (Patrice Nganang sei hier besonders hervorgehoben)., Ein unglaublich spannender Prozess. Afrika sorgt immer für Überraschungen, im Alltag wie in der Li- teratur. Manchmal stimmen sie nachdenklich, oft heiter: Als ich in Mwanza am Victoriasee ein Schiff besteigen wollte, erfuhr ich, dass die Küche auf dem Schiff nicht funktionierte. Ich ging auf den Markt, um neben einigen Bananen ein paar Erdnüsse zu kaufen. Eine Afrikanerin hatte kleine, mittelgroße und große Tüten verpackt auf einem Brett vor sich liegen. Ich fragte sie: »Mama, wie teuer sind die kleinen Tüten?« »Zwanzig Schilling«, war ihre Antwort. »Und die größeren? Wie teuer sind die?«, fragte ich. »Die kosten zwanzig Schilling«, sagte sie. »Und die ganz großen Tüten?« Lächelnd sagte sie: »Die kosten auch zwanzig Schilling!« Ich war verblüfft – und, auf meinen europäischen Vorteil bedacht, kaufte ich drei der ganz großen Tüten, bezahlte und ging. Nach wenigen Schritten ging ich noch einmal zurück. »Mama, ich habe gerade bei dir Erdnüsse gekauft. Erinnerst du dich?«, fragte ich. »Ja, ich erinnere mich. Du hast Erdnüsse bei mir gekauft. Drei der großen Tüten. Richtig?« »Genau! Nun habe ich noch eine Frage, Mama. Wer kauft eigentlich die kleinen Tüten?«, fragte ich sie. Lächelnd sah sie mich an und wies mit dem Finger auf mich. »Die kaufen Leute, die nicht so hungrig sind wie du!«, Von Afrikas Poesie, Schlagfertigkeit, Humor und Hintersinn werden wir vielleicht in den kommenden Jahren ein bisschen mehr zu lesen bekommen. Hoffe ich!, 3. Sie predigen die Apokalypse Die Radikalisierung der Religionen Von Michael Bitala Sektenselbstmorde gab es schon viele. Meist in den USA, wo ein Teil der Menschen wohl eh ein bisschen skurril ist und an Ufos, Verschwörungstheorien oder den Weltuntergang glaubt. Aber in Afrika? Hier sind Selbstmorde nicht sehr verbreitet, hier bringt sich fast niemand freiwillig um. Das Leben ist hart genug, und die meisten Menschen sind froh, wenn sie 50 oder 60 fahre alt werden, ein Großteil stirbt viel früher – an Krankheiten, an Hunger, an Kriegen, an Naturkata- strophen. Das waren wohl die ersten Überlegungen bei vielen Journalisten, als sie die Nachricht hörten, dass sich in einem abgelegenen ugandischen Bergdorf Dutzen- de Menschen freiwillig getötet haben. In ihrer Sekten- kirche in Kanungu, nahe der Grenze zur Demokrati- schen Republik Kongo und zu Ruanda. Die Christen haben sich, so hieß es in den Meldungen, angezün- det, weil sie an den Weltuntergang am 31.12.1999 ge- glaubt haben und sie kurz vor dem Beginn des Früh- lings 2000 noch immer ein irdisches Dasein fristen mussten. Deshalb ging am Morgen des 17. März ihr Gotteshaus in Flammen auf – und die so genannte Be- wegung für die Wiedereinführung der zehn Gebote war mit einem Schlag ausgelöscht. Schon drei paar Tage später bestätigte sich die Skepsis, und das Ausmaß der Tragödie war noch viel schlimmer als erwartet. Es war kein Selbstmord. Bei einem Besuch in Kanungu, als die Leichen immer, noch in der Kirche lagen, zeigte schon die Haltung der Toten, dass die Menschen nicht freiwillig ihr Leben beendet hatten. Sie wollten ins Freie stürmen und kamen aus den vernagelten und verschlossenen Türen nicht hinaus. Und es waren auch viel mehr Opfer, als die ersten Meldungen vermuten ließen. Die Ermittlungen der ugandischen Polizei ergaben, dass mehr als 1.000 Menschen ermordet wurden – von ihren beiden Sektenchefs, die bis heute verschwun- den sind. Die Bewohner des Dorfes sahen sie – als die Kirche brannte – in einem roten Auto davonfahren. Sie hatten ihre Anhänger eingesperrt und angezün- det oder schon vorher vergiftet. Man fand Hunderte weiterer Leichen, die auf den Anwesen der Sekte ver- scharrt worden waren. Der Massenmord von Kanungu ist bis heute zum Glück ein Einzelfall geblieben. Dennoch machte er schlagartig bewusst, dass in den vergangenen Jahren in Afrika etwas passiert ist, was es so bislang nicht gab. Die Bewegung für die Wiedereinführung der zehn Gebote ist bei weitem nicht die einzige christ- liche Sekte, die in Afrika südlich der Sahara ihr Un- wesen treibt. Es soll insgesamt 10.000 davon geben, und die meisten sind erst in den vergangenen Jahren entstanden. In Nairobi zum Beispiel, der Hauptstadt Kenias, muss man nur an einem Samstag oder Sonn- tag durch die vielen Slums fahren, dann sieht man an nahezu jeder Ecke Hunderte von Sektenanhän- gern, die singend, tanzend und oft auch in Trance durch die Straßen ziehen. Einige dieser Bewegungen wie zum Beispiel die Jerusalem Church fordern die totale Unterwerfung unter die Gebote der Anführer., Wer nur ein paar Minuten zu spät zur Messe kommt, muss stundenlang vor der Tür im Dreck liegen. Erst auf den Befehl der selbst ernannten Priesterin darf er auf allen Vieren in die Kirche robben, wo er vor allen anderen Gläubigen beschimpft und mitunter auch ausgepeitscht wird. Bei der Bewegung für die Wieder- einführung der zehn Gebote war es den Mitgliedern verboten zu sprechen, wer nur ein einziges Wort von sich gab, wurde tagelang mit Essensentzug bestraft. Solche diktatorischen und auch mörderischen Religi- onsgemeinschaften gibt es in Kenia, Uganda, Kongo, Ruanda, Nigeria, Côte d’Ivoire, Südafrika oder Libe- ria. Wo immer es Christen in Afrika gibt, gibt es heute auch eine Vielzahl von Sekten. Und nicht wenige for- dern von Neueinsteigern deren gesamten Besitz und bedrohen Aussteiger mit dem Tod. Im Frühjahr 2000 aber blieb für Journalisten nicht viel Zeit, das Phänomen radikaler, christlicher Sekten eingehender zu untersuchen, denn aus dem Westen Afrikas kam eine andere, mindestens genauso verstö- rende Nachricht. Im Norden Nigerias hatten schon im Herbst 1999 mehrere Bundesstaaten das islamische Strafrecht, die Scharia, eingeführt, und deshalb kam es nun regelmäßig zu Straßenschlachten zwischen Christen und Muslimen, die Hunderte von Toten for- derten. Einem Dieb, so wurde gemeldet, sei schon die Hand abgehackt worden, einem Mann, der eine Schlä- gerei angezettelt hatte, sei das Auge ausgestochen worden, und Frauen, die vermeintlichen Ehebruch be- gingen, drohe der Tod durch Steinigung. Dass es die islamischen Eiferer in Nordnigeria wirklich ernst meinen, zeigte sich spätestens, als Safi-, yatu Huseini und Amina Lawal wegen Ehebruchs die Todesstrafe erhielten und daraufhin von Menschen- rechtsgruppen weltweite Proteste gegen Nigeria in- itiiert wurden. Bis heute ist zwar gottlob noch keine Frau hingerichtet worden, aber die Gefahr besteht weiterhin. Der Massenmord von Kanungu, die Steinigungs- urteile und Straßenschlachten und auch die Hinwei- se, dass in Somalia Osama bin Ladens Terrornetzwerk al-Qaida Stützpunkte hat, das alles machte spätestens um die Jahrtausendwende klar, dass in Afrika etwas geschehen war, das vor wenigen Jahren noch unvor- stellbar erschien. Sowohl im Christentum als auch im Islam zeigten sich immer deutlicher radikale und zer- störerische Tendenzen. So etwas hatte es zuvor nicht gegeben. Der afrikanische Islam war seit Jahrhunder- ten dadurch gekennzeichnet, dass er bei weitem to- leranter und liberaler war als in den arabischen Län- dern. Und von den Christen in Afrika ging noch Anfang der neunziger Jahre besonders viel Hoffnung aus. Ihre Kirchen waren es nämlich, die sich gegen die vielen diktatorischen Regime auf dem Kontinent wandten, die Bürgerbewegungen gründeten und als zivile Opposition Demokratie, die Achtung von Men- schenrechten und ein würdevolles Leben für alle for- derten. Allein die ausführliche Erklärung, wie es zu dieser Radikalisierung kommen konnte, würde den Rahmen von ein paar Buchseiten sprengen. Auch ist es nicht möglich, Religionen in Afrika, und seien es nur Chri- stentum und Islam, näher zu erläutern. Das käme dem Versuch gleich, die Christianisierung Europas in, einer Zeile darstellen zu wollen. Dennoch sollen hier zumindest einige Ursachen für diese extremistischen Tendenzen in beiden großen Glaubensrichtungen be- schrieben werden. Sie alle haben nämlich denselben Nährboden. Der Zustand Afrikas, und daran besteht bei fast niemandem Zweifel, ist zu Beginn des 21. Jahrhun- derts ein einziger Verstoß gegen die Menschenwürde. Und das gilt bis auf wenige Ausnahmen wie Botswa- na, Mauritius und eventuell Südafrika für alle Länder. Den meisten Afrikanern geht es heute schlechter als vor 40 Jahren, schlechter als zu Beginn der Unab- hängigkeit. Der nigerianische Gelehrte Linus Tomas- Ogboji schreibt in der Wochenzeitung African News Weekly stellvertretend für viele Länder: »Nigeria wird als das größte Land in die Geschichte eingehen, das direkt von der kolonialen Unterjochung in den kom- pletten Kollaps überging, ohne auch nur eine einzi- ge Phase gehabt zu haben, in der es sich erfolgreich selbst regiert hat. So viele Versprechen, so viel Müll, solch eine Enttäuschung, solch eine Schande. Es macht dich krank.« Afrika ist heute in vielen Gegenden wieder so unzu- gänglich wie vor mehr als 100 Jahren, als die weißen Entdecker und – lange vor diesen – die christlichen Missionare kamen. Riesige Landstriche, die zusam- mengenommen mehr als die doppelte Fläche Europas haben, können nicht mehr bereist werden. Jeder, der die großen Städte verlässt und durch das Hinterland im Kongo fährt oder durch Sierra Leone, Guinea, Li- beria, Burundi, den Sudan oder Angola, riskiert sein Leben. Nicht einmal die Einheimischen wissen, was, 50 Kilometer von ihrem Dorf entfernt geschieht. Weil es fast keine Straßen, Autos oder Boote gibt – und weil sich vor lauter Landminen, Soldaten oder Rebel- len niemand vor die Hütte traut. Die Schuld für diese Misere suchen afrikanische Intellektuelle inzwischen nicht mehr in der Kolo- nialzeit. Diese hatte unbestritten verheerende Kon- sequenzen für den Kontinent, Millionen von Men- schen wurden ermordet, versklavt und ausgebeutet und funktionierende soziale Systeme unwiederbring- lich zerstört. Dennoch setzte sich in den vergangenen Jahren auch in Afrika die Erkenntnis durch, dass vier Jahrzehnte Unabhängigkeit wahrlich keine Verbesse- rung gebracht haben und daran nicht allein die ehe- maligen Kolonialherren schuld sein können. Der gha- naische Wirtschafts- und Geschichtsprofessor George Ayittey schreibt in seiner Studie »Africa in Chaos«: »Die afrikanischen Führer sind inzwischen so weit von den Menschen entfernt, dass sie diese als Fremde betrachten. Sie sind so exzessiv von ihrer Selbstsucht getrieben, dass sie die Interessen der Menschen längst vergessen haben. Sie sind nur noch schwer von den ehemaligen Kolonialherren zu unterscheiden.« Ayittey zieht den Schluss, dass die Menschen von ihren ei- genen Staatschefs ein zweites Mal unterworfen, gede- mütigt und ausgebeutet wurden, und zwar so massiv, dass viele Länder – wie Somalia, Liberia, Sierra Leone oder der Kongo – heute kollabiert sind oder – wie die Côte d’Ivoire, Guinea, Nigeria oder die Zentralafrika- nische Republik – kurz vor dem Kollaps stehen. Vor allem zu Beginn der Neunziger Jahre verschärf- te sich die afrikanische Krise, denn damals endete der, Kalte Krieg. Afrikanische Regierungen, die bis dahin enge Verbündete im Kampf gegen die falsche Ideolo- gie waren und dafür Milliarden an Unterstützung be- kamen, verloren für den Westen und für den Osten ihren strategischen Wert. Und da diese Herrscher ent- weder schon bankrotte Länder regierten oder aber weiterhin nichts von ihrem Reichtum der Bevölke- rung abgaben, wuchs für die Menschen die Bedeu- tung der Glaubensgemeinschaften. Die christlichen Kirchen zum Beispiel, und seien es noch so mörderi- sche Sekten wie die Bewegung für die Wiedereinfüh- rung der zehn Gebote, bauen – im Gegensatz zu den meisten Regierungen – Häuser, Schulen, Hospitäler oder Straßen und geben den Gläubigen Geborgenheit. »Die Kirchen sind oft die Einzigen, die sich um das Wohl der Menschen sorgen«, sagt der keniani- sche Soziologie-Professor Edward Oyugi, der die Völker rund um den Victoriasee studiert hat, »sie be- sorgen den Menschen Unterkünfte, Essen und Strom. Hier weiß selbst der Ärmste, dass er etwas Besonde- res ist.« Und es sind vor allem die Kirchen, in denen auch Frauen eine führende Rolle einnehmen können. Die meisten afrikanischen Gesellschaften sind noch heute extrem männerdominiert, Großmütter, Mütter oder Töchter haben fast nichts zu bestimmen, wenn es um gesellschaftliche Entscheidungen geht. Deshalb ist nahezu jede Kirche und jeder Saal einer Sekte voll mit Frauen. Das Problem an den christlichen Religionen aber ist, dass die Chefs der großen Kirchen – sowohl der katholischen als auch der protestantischen – von jeher in der Politik mitgemischt haben. In Uganda zum Bei-, spiel werden die Regierungsämter auch heute noch danach vergeben, ob jemand Katholik oder Protestant ist. Seit die weißen Missionare zu Beginn des 19. Jahr- hunderts dort aufgetaucht sind, haben Katholiken und Protestanten um Macht und Einfluss gekämpft, jeder wollte den anderen verdrängen. In Ruanda ging der Einfluss der christlichen Kirchen auf die Poli- tik so weit, dass sie eine große Portion Mitschuld am Völkermord von 1994 haben. Denn die Missiona- re waren es, die die Unterscheidung zwischen Hutu und Tutsi gemacht haben und bis 1959 die Tutsi als »besondere Rasse« priesen. Mit der Unabhängigkeit aber schwenkten sie auf einmal um und machten die Hutu zum auserlesenen Volk. Von da an begannen die Pogrome gegen die Tutsi, die 1994 im Genozid eska- lierten. Welche Konsequenz dies für die großen Kir- chen hatte, zeigt sich allein an Zahlen. Bis 1994 gab es drei christliche Kirchen in Ruanda, einem Land, das ungefähr so groß ist wie Rheinland-Pfalz, heute sind es mehrere Hundert Glaubensgemeinschaften, der größte Teil davon sind Sekten, die sich bewusst von den großen Religionsgemeinschaften distanziert haben und – gelinde gesagt – oft Unsinn predigen. Es gibt Kirchen, in denen man sich angeblich von AIDS heilen lassen kann, es gibt Sekten, die einem ewigen Wohlstand versprechen, wenn man nur die Gebote der Anführer strikt befolgt. Die wohl stärkste Sektenbewegung aber ist die der so genannten Pfingstkirchen, die nicht als monolithi- scher Block verstanden werden kann, ihre Ursprün- ge aber bei christlichen Fundamentalisten in den USA hat. Auch von diesen Pfingstkirchen gibt es inzwi-, schen Tausende. Doch allen ist gemeinsam, dass sie von den Menschen fordern, sich Jesus Christus voll- ständig hinzugeben und den Teufel, der sich im Alko- hol, in Zigaretten, in Pornographie, im Reichtum, im Luxus und vor allem auch im Islam zeigt, zu bekämp- fen. Sie predigen die Apokalypse und die Wiederkehr des Gottessohnes, der das »Tausendjährige Friedens- reich« errichten werde. Die Schrecken der Gegenwart, Hunger, Elend, Armut, Kriege, Krankheiten, Naturka- tastrophen seien für die Gläubigen nur die Vorberei- tung aufs Paradies. Sie sollten das alles ertragen und sich nicht in diese weltlichen Dinge einmischen. Die Welt sei ein untergehendes Schiff, nur sie aber seien gerettet und kämen ins ewige Himmelreich, weil sie sich Jesus Christus geopfert hätten. Da ist es kein Wunder, dass korrupte afrikanische Staatschefs nichts gegen diese Scharlatane unternehmen – haben sie doch keine Gefahren und auch keine Proteste durch deren Anhänger zu erwarten. Auch der Islam hatte in den vergangenen Jahren erheblichen Zulauf, und zwar vor allem in Westafrika und den Sahel-Staaten. Auch hier ist der Hauptgrund die zunehmende Verelendung der Menschen und die wachsende soziale Rolle der Glaubensgemeinschaft. Doch in Westafrika kommt noch eine weitere, äußerst bedrohliche Komponente hinzu. An der Küste leben vor allem christliche und animistische Völker, im Lan- desinneren hingegen dominieren sunnitische Musli- me. So kann Nigeria in einen muslimischen Norden und einen christlich-animistischen Süden aufgeteilt werden und ebenso die Côte d’Ivoire, Togo, Ghana oder Benin, wo es zwar viele traditionelle afrikani-, sche Glaubensgemeinschaften gibt, aber die Musli- me eben im Norden und die Christen im Süden leben. Dieser Nord-Süd-Konflikt verursacht nicht nur per- manente Unruhen in Nigeria, er hat die Côte d’Ivoire im September 2002 in den Bürgerkrieg getrieben, die Front verläuft in etwa dort, wo christliche Gegenden auf muslimische treffen. Nigeria mag immer noch als Sonderfall einzustu- fen sein, weil dort jahrzehntelang Muslime aus dem Norden die wechselnden Militärregierungen dominiert haben und seit den ersten demokratischen Wahlen im Mai 1999 der Sieg des aus dem Süden stammenden Christen Olusegun Obasanjo ihren Einfluss massiv beschnitten hat. Deshalb haben die meisten nördli- chen Bundesstaaten inzwischen die Scharia ins Straf- recht aufgenommen, um damit die Zentralregierung herauszufordern. Dass sie mit diesem politischen Ta- schenspielertrick einen so enormen Zulauf in der Be- völkerung haben, haben wohl die wenigsten Provinz- gouverneure kalkuliert. Doch auch in Nigeria, einem der korruptesten und sicherlich auch verkommensten Staaten der Welt, sehnen sich die geschundenen und ausgebeuteten Menschen nach Ordnung, und diese geben ihnen anscheinend nur noch ihre Glaubensge- meinschaften und ihre Volksgruppen – deshalb der enorme Zulauf und die Zuspitzung des Konflikts zwi- schen Christen und Muslimen. Weit über Nigeria hinaus aber stellt der Nord-Süd- Konflikt der Religionen in Westafrika eine existenti- elle Bedrohung für die Region dar. Denn die meisten Länder werden von den christlichen oder animisti- schen Völkern der Küste beherrscht. Und dadurch, sehen sich die muslimischen Sahelstaaten und auch die Menschen im Norden der Küstenländer nicht nur politisch, sondern vor allem auch wirtschaftlich iso- liert und gefährdet. Im Krieg der Côte d’Ivoire fordern die Muslime aus dem Norden Gleichberechtigung, sie wollen das Recht zur Wahl und zu Grundbesitz haben, das ihnen die wechselnden Regierungen in Abidjan seit Jahren verweigern. Und Unterstützung bekommen die Rebellen der Côte d’Ivoire aus dem nördlichen, muslimischen Nachbarland Burkina Faso, das ebenso wie Mali oder Niger um seine Wirtschaft bangt. Durch die Ausgrenzungspolitik der Küstenvöl- ker werden nämlich die klassischen Handelsrou- ten der Muslime zerstört. Diese haben eine Jahrhun- derte alte Tradition als Händler und Geschäftsleute und fürchten wohl nicht zu unrecht, dass ihnen nun immer mehr der Zugang zu den Häfen verloren geht oder sie zumindest sehr starke Einbußen in ihren Ge- schäften haben, weil extrem hohe Zölle und Gebüh- ren gefordert werden. Auch besteht die Gefahr, dass sehr viele zugewanderte Arbeiter aus muslimischen Ländern nun von der Regierung in der Côte d’Ivoire in ihre Heimat zurückgeschickt werden. Diese ausge- wiesenen Menschen, die arbeits- und perspektivlos sind, stellen auch eine politische Gefahr für die Regie- rungen ihrer Heimatländer dar. In Nigeria werden die meisten religiösen oder ethnischen Unruhen von ar- beitslosen Jugendlichen angezettelt. Der Konflikt zwischen Christen und Muslimen wird zusätzlich noch dadurch geschürt, dass die fun- damentalistischen Wahhabiten in Saudi-Arabien ihre Glaubensbrüder in Westafrika seit ein paar Jahren, massiv unterstützen. Sie schicken Millionen an Hilfe, um ihren Einfluss auszudehnen und notfalls auch einen heiligen Krieg gegen die Ungläubigen anzuzet- teln. Sie wollen in Westafrika – aber auch in Soma- lia oder im Sudan – einen ähnlich rigorosen Islamis- mus haben wie in ihrem eigenen Land. Zumindest in Somalia sind sie damit erfolgreich gewesen, denn seit dem totalen Kollaps des Staates 1991 sind es ihre Schulen, Moscheen und Krankenhäuser, die von den Menschen angenommen werden. Auch gab und gibt es dort Extremisten, die Osama bin Ladens Kampf un- terstützen. Von Somalia aus wurden die Bombenan- schläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansa- nia 1998 geplant und ausgeführt und vermutlich auch der Anschlag auf das israelische Hotel in Mombasa im November 2002. Noch ist nicht abzusehen, ob sich dieser seit ein paar Jahren eskalierende Konflikt in Westafrika weiter verschärfen wird, noch ist nicht abzusehen, ob die vielen Pfingstkirchen und anderen neu entstandenen christlichen Sekten nicht doch noch ihre Weltentrük- kung aufgeben und sich zu massiven politischen und auch militanten Bewegungen auswachsen. Die vergan- genen Jahre aber haben gezeigt, dass in Afrika durch die Verelendung der Menschen, durch das Scheitern ihrer Regierungen mehr als genug Sprengstoff vorhan- den ist, den sowieso schon geschundenen Kontinent nachhaltig zu zerstören. Das Glaubensbekenntnis der Menschen ist dazu nur eine besonders mörderische Waffe.,

V. Konfl iktfelder des Kontinents und Ausblick

1. Ein zerstörerisches Geschäft Über Bürgerkriege in Afrika und Chancen des Aufbaus Von Georg Elwert Wenn das staatliche Gewaltmonopol nicht auf eine ge- setzliche Ordnung gestützt ist, wird es labil. Selbst er- nannte Befreiungskämpfer, putschende Soldaten oder Räuber können sich an seine Stelle setzen. Sie brau- chen Geld, um als Gruppen weiter bestehen zu können. Das werden sie aber nicht öffentlich verkünden. Ideo- logische Ziele gelten als ansehnlicher. Daher müssen wir erst einmal Berge von Propaganda-Erklärungen bei- seite räumen, ehe wir erkennen, was diese Gewalt auf- rechterhält. Die lautstark nach außen verkündeten Motive der Gewalt sind so unterschiedlich, wie menschliche Hand- lungsmotive nur sein können. Das, was die Gewalt am Leben hält, sie immer wieder aufflackern lässt, sie re- produziert, hat jedoch weitaus eindeutigere Struktu- ren. Gewalt muss finanziert werden. Wo der Staat nicht oder nur eingeschränkt präsent ist, kann Gewalt zur Geldbeschaffung genutzt werden. Hinter den vorder- gründigen Konfliktursachen spielt, wenn erst einmal der Konflikt mehrere Monate anhält, ein rational nach- vollziehbares ökonomisches Handeln die zentrale Rolle für den Einsatz von Gewalt. Das führt dazu, dass sich nur militärische Führer halten, die auch das Verhältnis von Gewalt und Geschäft so im Auge haben, dass sie keinen Verlust, sondern Überschüsse erreichen. Es sind nicht die Emotionen, die die Kriegsherren schaffen., Vielmehr sind es die »Gewalt-Unternehmer«, die Emo- tionen, wie Hass und vor allem Angst, instrumentali- sieren, um sich ökonomische Vorteile zu verschaffen. Sie agieren gleichzeitig innerhalb von Konfliktgebie- ten mit Raub, Erpressung und Hehlerei und außer- halb dieser Gebiete auf den internationalen Märkten für Diamanten, Gold, Drogen und Waffen – und ideo- logisch motivierten Spenden. Es liegt deshalb nahe, im Zusammenhang mit Konfliktsituationen vom Ent- stehen von »Gewaltmärkten« zu sprechen, die Gewalt- Unternehmer oder »Kriegsherren« aus Profitmotiven organisieren. Dieser ökonomische Aspekt kann dann auch die Reproduktion, die Selbst-Stabilisierung, von Konfliktsituationen erklären. Das was heute zunehmend mehr afrikanische Staa- ten erfasst, ist ein allgemeineres Phänomen, das seit dem frühen 20. Jahrhundert in China analysiert wurde. Damals erfand man den Ausdruck »Kriegsherren« (auf Englisch: »warlords«). Das Muster freilich ist älter. Im 19. Jahrhundert bestimmte es das ganze mittlere Afrika vom heutigen Tansania bis nach Kongo/Zaire. Die Be- dingungen der Stabilität, die Regeln, sind erstaunli- cherweise immer die gleichen. Ein Gewaltmarkt ist ein überwiegend von Erwerbszielen bestimmtes Hand- lungsfeld, in dem sowohl Raub als auch Warentausch sowie deren Übergangs- und Kombinationsformen Lö- segeld-Erpressung, Schutzgelder, Straßenzölle usw. vorkommen. Jeder Akteur hat grundsätzlich mehre- re Optionen von Raub bis Handel. Vor diesem Hinter- grund wird klar, dass der Ausdruck »Gewaltmarkt« Tatbestände abdeckt, die über die üblicherweise mit »Markt« assoziierten Tauschbeziehungen hinausge-, hen. Unter der Oberfläche moralischer, weltanschau- licher und machtpolitischer Konflikte dominiert das ökonomische Motiv des materiellen Profits. Solche Gewaltmärkte können nicht einfach überall entstehen. Eine wichtige Bedingung sind gewaltoffe- ne Räume, d. h. die Abwesenheit eines Gewaltmono- pols. Gewaltoffen sind Räume, in denen keine festen Regeln den Gebrauch der Gewalt begrenzen. Es mag zwar einen Apparat geben, der sich Staat nennt, aber dessen bewaffnete Kräfte halten sich an keine Gesetze. Und sie sind nicht die Einzigen, die organisiert Gewalt einsetzen. In diesem Zustand können sich zwar Rou- tinen, aber keine festen Regeln etablieren. Das hat er- hebliche Konsequenzen für die Verhältnisse zwischen den Kriegsherren und innerhalb ihrer Truppen. Ver- träge zwischen kriegführenden Parteien können gebro- chen werden. Selbst innerhalb einer kriegführenden Partei kann Gewalt die Klientelbeziehungen zwischen Kriegsherren und den Söldnern auflösen. Das Bild von in erster Linie unternehmerisch agie- renden Personen wird durch die wenigen wissen- schaftlichen Berichte aus den Zentren der Kämpfe und durch Beobachtungen über den gleichen Perso- nenkreis bestätigt, der – wie vor wenigen Jahren in Äthiopien – im Frieden weiter unternehmerisch tätig ist. Diese Sicht entspricht nicht den von den Medien überwiegend verbreiteten Stereotypen von Bürger- kriegen, die Emotionen und Tradition als Erklärung bemühen. Moderne Kriege benötigen strategische Pla- nung und Logistik. Ohne die kühle Planung des Nach- schubs an Waffen, Munition, Nahrung und Kraftstoff kann eine militärische Auseinandersetzung nicht von, Dauer sein. Strategisches Handeln und militärische Logistik setzen einen kühlen Kopf voraus, nicht die Dauermobilisierung von Emotionen. Wo gewaltoffene Räume, abschöpfbare Ressour- cen und abnahmebereite Märkte zusammentreffen, werden Gewaltmärkte entstehen und bei gleich blei- benden Randbedingungen (insbesondere dem Unwil- len zur Intervention und zur Waffenkontrolle) eher an Häufigkeit zu- als abnehmen. Gewaltmärkte fanden sich in den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und finden sich zum Teil bis heute in Somalia, Äthiopien, Sudan, Sierra Leone, Liberia, Guinea, Nord-Mali, der Zen- tralafrikanischen Republik, Tschad, Mosambik, der Demokratische Republik Kongo (Zaire), Angola und der westlichen Côte d’Ivoire. Wie können Gewaltmärkte entstehen? Zwei Dinge müssen zusammenkommen: Erstens wirtschaftlich in- teressante Ressourcen in der Gegend oder in der Nach- barschaft (nicht mehr als zwei Tagesfahrten von Lkws entfernt) und zweitens ein gewaltoffener Raum. Dass die Gewalt ausbricht, ist erst einmal nicht so nahe lie- gend. Für bäuerliche Bevölkerungen – noch die Mehr- heit der Afrikaner – ist Krieg gleich Selbstmord. Wenn ihre Felder verbrannt werden oder sie selbst durch Kriegsdienst die Bestellung der Felder versäumen, droht ihnen Hunger. Diesem Rätsel ging der Afrika-Historiker Albert Wirz nach. Er fragte nach der Entstehungssitua- tion afrikanischer Bürgerkriege. Das Ergebnis war über- raschend: Das Gewaltmonopol zerbrach nicht plötz- lich, es zerbröckelte von innen, weil der Staat seine eigenen Regeln verletzte. Dann aber kam es zu einem, Aufschaukeln, das mit zunehmender Geschwindigkeit alle Menschen in eine militärische Logik hineinzog. Den Anfang stellt erfolgreiche gewaltsame Erpres- sung durch bewaffnete Staatsdiener, Räuberei durch Polizisten oder Soldaten oder eine vom Staat tole- rierte gewaltsame Willkür lokaler Machthaber dar. Das heißt: Staatliche Übergriffe verletzen die im Volk bestehende Vorstellung von legitimem Gewaltge- brauch. Darauf reagieren die Menschen in verschiede- ner Form. Welche Form sie dabei wählen, hängt sehr stark von historischen Vorbildern ab und davon, wer Zugang zu Waffen erhält. Die Vielzahl dieser Formen gibt ein buntes Bild, das sich mit der Zeit in eine ideo- logische Einheitsfarbe verwandelt. Bei der organisier- ten Selbsthilfe werden die jungen Männer der Gegend zu Selbstverteidigungseinheiten zusammengefasst, die durch Drohungen oder Terror die Staatsdiener von den Dörfern fernhalten. Nicht minder verbreitet ist die Dienstleistungsmethode. Dazu werden erfahre- ne Gewaltspezialisten angeheuert. Das können legale Wachschutzunternehmen sein, Militäreinheiten, die zur Revolte aufgefordert (eventuell sogar von der wi- dersetzlichen Bevölkerung besoldet) werden oder er- folgreiche Räuber. Wenn die Räuber weniger schäd- lich sind als die Polizisten oder Militärs, die dem Staat unterstehen, ist man bereit, ihre früheren Unta- ten zu vergessen. Besonders routiniert sind jene »Ge- waltdienstleister«, genannt Mafia, die vorher schon dem illegalen Handel dienten, indem sie die Einhal- tung der illegalen Verträge erzwangen, die Autorität der Schmuggler aufrechterhielten oder Gebietsmono- pole durchsetzten. Es können auch bewaffnete ideo-, logische Bewegungen – politische oder religiöse – zur Hilfe gerufen werden. Auch wenn man ihre Ideologi- en vorher verlachte oder ihre rigide Alltagsmoral als nervig empfand, die staatliche Willkür legitimiert sie. Wir sollten die Bedeutung der Ideologien nicht über- schätzen. Häufiger als Ideologen sind sich verselb- ständigende lokale Machthaber oder Räuber. Wo die Institutionen der Konfliktschlichtung und Rechtssicherung durch ein Wirtschaftswachstum in besonderem Maße beansprucht werden, können sich diese Institutionen als unzuverlässig oder zu schwach erweisen. Dann liegt der Gedanke an Selbsthilfe nahe, die zum Recht verhelfen soll. Diese »Selbsthilfe« nimmt gerade in vitalen Bereichen wie etwa Boden- rechten oft gewaltsame Formen an. Vertreibungen von Bevölkerungsgruppen in Nigeria, der Côte d’Ivoire und in Zentralasien führten zu zeitweilig oder andau- ernd gewaltoffenen Räumen. Paradoxerweise ist also das Wirtschaftswachstum in diesem Fall – bei schwa- chen Rechtsinstitutionen und höherer Beanspruchung – ein Auslösefaktor der Gewalt. In Lokalgesellschaften ohne zentralisiertes Ge- waltmonopol kann ein ökonomisches oder technolo- gisches Ungleichgewicht – z. B. eine Nachfrage nach Späherdiensten oder nach Gold oder ein günstiges Angebot für effizientere Waffen – die interne Gewalt- kontrolle zum Versagen bringen. Die vorher überwie- gend als Jäger und Sammler tätigen Ik sahen im ugan- dischen Bürgerkrieg die Chance, sich als Späher zu verdingen, was zu einer partiellen Auflösung der in- ternen moralischen Kontrolle und dadurch zu einer Hungersnot der Alten und der verlassenen Frauen, und Kinder führte. Im Hochland Neuguineas verwan- delten sich Fehden in Kriege, als automatische Feu- erwaffen erhältlich wurden und Speere, Bögen, Beile oder Keulen ersetzten. In Somalia entstanden manche Milizen aus Selbstschutz-Einheiten der Nomaden, die sich ohne staatlichen Schutz Zugang zu Brunnen und zu Lebensmitteln sichern mussten. Die Waffen erhiel- ten sie von ihren Partnern im Viehhandel, die wirt- schaftlich von den Vieh-Lieferungen der Nomaden abhingen. Bald entdeckten die jungen Leute, die – im Widerspruch zum traditionellen Clan-System – diese Waffen kontrollierten, dass auch Geiselnahme, Be- gleitschutz und Schutzgelderpressung lohnend sind. Diese Beispiele beleuchten das Problem des interna- tionalen Waffenhandels und die Notwendigkeit eines rechtsstaatlich garantierten Gewaltmonopols zugleich; beides sind bisher keine klassischen Felder der Ent- wicklungspolitik, wohl aber von großem Einfluss auf Entwicklungsprozesse. Der Zerfall des Gewaltmonopols ist eine notwendi- ge, aber keine hinreichende Bedingung für die Entste- hung von Gewaltmärkten. Zumindest die zukünftigen Kriegsherren müssen mit ökonomischen Regeln ver- traut sein. Das erklärt, warum diese z. B. im Kauka- sus und Zentralasien vor allem aus dem Kreis der frü- heren Schwarzmarkt-Aktivisten stammen. Weiterhin müssen Waffen, Munition und Treibstoff zu akzep- tablen Preisen zu erhalten sein. Der Preisverfall für Kriegswaffen, der seit Beginn der 90er Jahre in Afrika beobachtet werden kann, dürfte dort zur Verbreitung von Gewaltmärkten beigetragen haben. Nicht zuletzt müssen aber auch abschöpfbare Ressourcen vorhan-, den sein. Extreme Armut der Opfer erstickt auch in gewaltoffenen Situationen das Entstehen von Gewalt- märkten (so in den Teilen Kongos/Zaires ohne Boden- schätze). Reichtumskonzentration und der Zugang zu legal oder illegal ausbeutbaren Ressourcen begünstigt hingegen das Entstehen und die Ausbreitung von Ge- waltmärkten. Wenn gewaltoffene Räume und Markt- wirtschaft zusammentreffen, kann es zu einer posi- tiven Rückkoppelung kommen: Die ökonomischen Interessen vergrößern die gewaltoffenen Räume, und in gewaltoffenen Räumen werden Marktinteressen in wachsendem Maßstab realisiert. Es entsteht das sich selbst stabilisierende System des Gewaltmarktes (so hielten z. B. in Kongo/Zaire Edelmetalle und Edelstei- ne die Gewaltmärkte seit den 1960er Jahren aktiv). Die Entscheidung darüber, ob bestimmte Güter ge- raubt oder durch Handel erworben werden, ist in den Gewaltmärkten prinzipiell immer offen. Um strate- gisch entscheiden zu können und um die Optionen offen halten zu können, müssen die Kriegsherren Zeit gewinnen. Daher ergibt sich für diese Akteure ein stra- tegisches Dreieck aus Gewalt, Handel und Zeit. Zwi- schen diesen Polen optimiert der Kriegsherr. Er kalku- liert das Verhältnis von Aufwand und Ertrag. Die Produktion von Gewalt folgt ökonomischen Im- perativen. Kriegsherren sind bemüht, die Kosten der Gewalt zu reduzieren. Zu den unverzichtbaren Res- sourcen gehören Waffen, Munition und Treibstoff, aber es empfiehlt sich für die Kriegsherren nicht, hier auf Kosten der Qualität zu sparen. Machbar ist hin- gegen, am Sold der Söldner zu sparen. Das »Marodie- ren«, der systematische Raub durch Soldaten, ist daher, eine nahe liegende Form der Reproduktion der Kampf- kraft. Es kann sogar ein Markt für das Marodieren ent- stehen. Das heißt, man bezahlt eine Gebühr, um an or- ganisierten Raubzügen teilnehmen zu können. Von der Entwicklungspolitik wenig beachtet wird, dass auch Nahrungsmittelhilfe zur Truppenversor- gung eingesetzt werden kann (z. B. in Liberia) und Flüchtlingslager zu Kasernen für auf den Kampfein- satz wartende Truppen und ihren Tross umfunktio- niert werden (z. B. in Ostafrika für Truppen aus Soma- lia, dem Sudan, der Demokratischen Republik Kongo und Äthiopien). Für die Kriegsherren Kosten senkend ist es auch, eine gesellschaftliche Nachfrage nach Prestige zu be- dienen. Dort, wo der junge Mann erst dann zum Mann wird, wenn er riskante Unternehmen (wie z. B. Vieh- diebstahl) bestanden hat oder wo Gewaltausübung gar als Bedingung zu einem Initiationsritual gehört, lassen sich junge Männer als hoch motivierte »Frei- willige« gewinnen. Für eine kurze Frist – wichtig vor allem für die Anfangsphase des Gewaltmarkts – kann auch die Verheißung von Recht und Freiheit, genau- er die Hoffnung, latente Konflikte zu lösen oder eine Willkürherrschaft zu beseitigen, Freiwillige, das heißt unbezahlte Akteure, mobilisieren. Eine besonders ko- stengünstige Form der Mobilisierung von Arbeitskraft ist die Erzeugung von Angst. Die Propaganda wird so ein wichtiges Produktionsinstrument. Ökonomisch ge- sehen, kann »sinnlose Gewalt« so ihren Sinn finden. Die Angst vor der Vergeltung der Opfer lässt keine andere Option zu als die, sich einer Armee anzu- schließen oder sie zum eigenen Schutz zu unterstüt-, zen. Die Angst vor Rache stabilisiert das System. Die Angst, selbst Opfer von Gewalt zu werden, führt auch zu Präventivschlägen. Diese sind meist kaum strate- gisch geplant, eskalieren rasch und enden in der Er- mordung von Nachbarn, welche sich zuvor u.U. sogar nahe standen. Die Berichte aus Ruanda rücken dabei die Bedeutung der Radio- oder Fernsehpropaganda in den Vordergrund. In Ruanda spielte der aus Entwick- lungshilfemitteln aufgebaute Rundfunksender Radio Mille Collines die Rolle des Angsterzeugers und -ver- stärkers, welcher dann die Gemetzel provozierte. Der große Unterschied zwischen den heutigen Ge- waltmärkten und denen des letzten Jahrhunderts ist, dass heute die elektronische Propaganda schneller und kostengünstiger große Bevölkerungsmassen er- reicht und damit die Angst der Menschen in einem bisher unbekannten Ausmaß in eine Massenbeteili- gung der für einige wenige ökonomisch gewinnbrin- gende militärische Unternehmungen umgemünzt werden kann. Der Automatismus von Rache und Ra- cheangst schafft Eindeutigkeit, wo zuvor multiple Zu- gehörigkeiten (z. B. nach Sprache oder nach Religion) die Menschen neutral gegenüber den militanten Ak- teuren bleiben ließen. Mit der neuen Eindeutigkeit kann damit großräumiger agiert werden. Die militär- strategisch sinnvolle Freund/Feind-Trennung kann, ideologisch überformt, die Gestalt der »ethnischen Säuberung« erhalten. Die Angst, als Feind deklariert und damit zum potentiellen Opfer zu werden, oder die Angst vor Rache, verwandeln dabei bisher nicht mobilisierte Zivilisten in unbezahlte »Säuberungshel- fer«., Auch der Warenhandel ist für Gewaltmärkte wich- tig. Für räumlich mobile Räuber-Händler sind jene Tauschgüter besonders wichtig, welche leicht zu transportieren und unter Umständen sogar zu verber- gen sind. Im Gewaltmarkt erhält aus diesen Gründen der Handel mit wertvollen Objekten ein überpropor- tionales Gewicht. Diamanten, Gold und Smaragde, aber auch seltene Erden, Stahlveredler oder geschütz- te Tiere, werden besonders interessant, weil hier mit einem einzigen Transport große Wertmengen bewegt werden können. Lukrativ ist auch der Handel mit Drogen oder Rauschmitteln und mit Waffen. Für den illegalen Handel, den Schmuggel mit Drogen und Waffen, kann der professionelle Begleitschutz durch Kriegsherren und unter Umständen sogar der Entre- pot-Handel, das Zwischenlager im »sicheren« Gebiet, attraktiv sein. Handelsströme (»Schmugglerrouten«) nehmen dann den (Um-)Weg durch Konfliktgebiete. In einigen wenigen, dafür international aber beson- ders beachteten Gewaltmärkten wird außerdem noch mit einem Gut gehandelt, das die fernen Käufer nicht als Ware identifizieren: mit dem ideologisch moti- viert erscheinenden Opfer. Begleitet von ausführli- cher Berichterstattung werden Schlachten für ein ide- elles Ziel geschlagen. Das Leben der Gegner oder auch der eigenen Leute wird einer Sache geopfert, die Emi- granten oder am Weltschicksal interessierten Auslän- dern etwas wert ist. Der »freie Westen«, »die soziali- stische Weltrevolution«, »die Ehre unserer Nation«, »die Rettung unseres Glaubens« scheinen auf dem Spiel zu stehen. Beträchtliche Ressourcen lassen sich von außen in den Gewaltmarkt transferieren, wenn, die Kriegsherren diese Ware durch Aufbau einer rhe- torisch geschulten und international kommunizie- renden Spezialtruppe besonders bearbeiten. Jonas Savimbi konnte so seine Schlachten in Angola sowohl als Opfer für die maoistische Weltrevolution zugun- sten des Sozialismus als auch – später – für die Ver- teidigung des freien Westens gegen den Sozialismus verkaufen, bevor er sich wieder seinem Kerngeschäft in der Diamantenwirtschaft Angolas und Zaires zu- wandte. Osama bin Laden war zumindest als Spen- densammler vom Sudan (und dann Afghanistan) aus noch erfolgreicher. Als Zwischenform zwischen Handel und Raub haben der Einzug von Schutzgeldern, auch Zölle ge- nannt, und die Geiselnahme große Bedeutung. Heute besonders aktuell ist der Begleitschutz. Diamanten- und Goldschmuggler in Kongo/ Zaire, Qat-Händler in Somalia und nicht zuletzt die Konvois mit Nahrungs- mittelhilfe im Sudan, in Somalia und Liberia lassen in bestimmten Perioden diesen Wirtschaftszweig zum wichtigsten Einkommenssektor der Kriegsherren werden. Die derzeit verbreitetste Form der Intervention ist die Entsendung von Ärzten und Krankenschwestern und die Verteilung von Nahrungsmitteln und Beklei- dung an die Opfer der Gewalt. Dort wo die Menschen in Lagern zusammengefasst werden, wird den Kriegs- herren die Rekrutierung von Truppen eher erleich- tert als erschwert (wie das Beispiel der ruandischen Flüchtlinge in Kongo/Zaire zeigte). Flüchtlingsla- ger, die als Kasernen und Trosslager der Kriegsherren dienen und durch die Vergabe von Nahrungsmittel-, hilfe gefördert werden, sind als Intervention kon- traproduktiv (vgl. Allen in Elwert/Feuchtwang/Neu- bert 1999). Als ein Mästen der Beute (»fattening the booty«) erscheint dies aus der Sicht der Kriegsherren. Dass Hilfslieferungen durch Erpressung von Schutz- geldern, »Zölle«, Bezahlung von Geleitschutz oder Raub nur zum Teil die Zielgruppen erreichen, ist nie gänzlich zu verhindern. Dezentrale Versorgungskon- zepte und ein Monitoring wären hier angebrachter. Dass solche Lieferungen die Kriegsherren mehr stär- ken als ihre Opfer, könnte vermieden werden. Wir er- leben einen Zyklus, in dem Hilfe einen bescheidenen Reichtum schafft, der dann wieder von Kriegsherren abgeschöpft wird. Eine Folge der Gewaltsituation ist, dass die Er- werbschancen in alternativen Wirtschaftszweigen schwinden. Gewerbe, Industrieproduktion, friedlicher Handel und Landwirtschaft geraten in Krisen und brechen dann, wenn sie auf kontinuierliche Lieferung von Inputs von außen angewiesen sind, vollständig zusammen. Die Löhne und Einkommen in diesen Sek- toren sinken. Das investierte Kapital wird entwertet. Für die Lohnabhängigen und kleinen Selbständigen wird es sinnvoll und oft sogar die einzige Überlebens- option, zu Söldnern und/oder Marodeuren zu kon- vertieren. Die Unternehmer sind gut beraten, wenn sie ihr flüssiges Kapital in den Aufbau einer Truppe und den Kauf von Waffen investieren. Es ist insofern nicht überraschend, dass etwa die Kriegsherren So- malias zuvor – in der friedlichen Periode – überwie- gend als Großhändler oder als politische Unternehmer (auch als Partner der Entwicklungszusammenarbeit), tätig waren. Der Gewaltmarkt stabilisiert sich selbst, indem alternative Erwerbszweige unter Druck geraten und ihre Reproduktionschancen weitgehend verlie- ren, wodurch Arbeitskraft und Kapital von den – re- lativ gesehen – höheren Löhnen und von den höheren Profitchancen in den gewalttätigen Wirtschaftsbereich gesogen werden. Zur Stabilisierung gehören auch An- strengungen auf dem symbolisch-ideologischen Feld. Waffenparaden vor den Kameras der internationalen Fernsehteams gehören ebenso wie demonstrative Bru- talität zu den erfolgreich verwendeten Propagandame- thoden dieses Gewerbes. Die ideologische Selbstdar- stellung, die Gewalt in den Vordergrund rückt, soll die Position im Gewaltmarkt stabilisieren. Sie erleich- tert u. a. den Verkauf von »Schutz«. Die Wahl der Opfer folgt recht komplexen Kalkülen. Nicht jeder, der etwas hat, wird beraubt. Die Kriegs- herren brauchen auch Handelspartner, Unterstützer und neutrale Kräfte. Damit sich diese sicher fühlen, ist es hilfreich, die Gewalt klaren, symbolisch vorge- zeichneten Linien folgen zu lassen. Abzeichen einer Religion, städtische oder ländliche Tracht, regionaler Akzent u.ä. dienen dazu und erwecken den Eindruck ethnischer oder religiöser Konfrontation. Kein Han- dels- oder Bündnispartner kann jedoch sicher sein, nicht auch zum Opfer der Begehrlichkeit der Verbün- deten von gestern zu werden. Jede der Allianzen in Somalia wurde schon einmal gebrochen. Gewaltmärkte bestehen maximal für einige Jahr- zehnte. Die Gründe ihres Zusammenbrechens hängen sowohl mit ihrer internen Struktur als auch mit ihrem Umfeld zusammen. Gewaltmärkte entstehen und be-, stehen nicht in einem Vakuum. Sie erwachsen aus sich selbst organisierenden sozialen Systemen. Mit dieser abstrakten soziologischen Erkenntnis kommen wir auf einen Punkt von höchster Praxisrelevanz: Diese Systeme sind auf einen Austausch mit ihrer Umwelt angewiesen. Da Gewaltmärkte das landesin- terne Institutionengefüge und Produktionspotential weitgehend zerstören, sind sie entscheidend von Ab- nehmern, Lieferanten, Banken und anderen Dienstlei- stungen außerhalb ihres Raumes abhängig. Die Bedeu- tung des Dienstleistungssektors wird leicht übersehen. Gewaltmärkte brauchen eine externe Infrastruktur. So- malische Kriegsherren nutzten etwa intensiv Ausbil- dungszentren, Spezialkrankenhäuser, Banken, Versiche- rungen, Börsen und Handelsschiedsgerichte auf anderen Kontinenten (nachweisbar: Nordamerika, Asien). Der Austausch über die Grenzen des eigenen Systems ist also eine der neuralgischen Stellen von Gewaltmärk- ten. Blockaden, also Behinderungen dieses Austauschs, können sie von außen zerstören. Allerdings lassen sich Beispiele für erfolgreiche Blockaden derzeit nur schwer aufzählen. Mosambik nach der Wende in der südafrikanischen Republik, welche vorher die externe Infrastruktur für die Gewalt bereitstellte, war ein sol- cher Fall. Der durch deutsche Intervention zu Wege ge- brachte Waffenboykott gegenüber Eritrea und Äthio- pien wirkte präventiv. Die Behinderung der gesamten externen Infrastruktur von Gewaltmärkten müsste eine europäische (entwicklungs-) politische Aufgabe werden. Leider wurden die im September 2001 begon- nenen Bemühungen zur Kontrolle der Geldwäsche ab Mitte 2002 nicht weitergeführt., Die Prioritäten der agierenden Parteien und Per- sonen können sich im Zeitablauf ändern. Der Ein- satz von Gewalt beruht nicht nur auf Profit-Motiven. Ohne sekundäre Motivationen ließen sich, wie oben dargestellt, Gewaltmärkte nicht verstetigen. Aus se- kundären Motivationen – wie etwa den Bemühun- gen um die Schaffung einer neuen ethno-nationalen Gemeinschaft – können primäre werden, die dann ein neues Zielsystem etablieren. Dies belegt auch die europäische Geschichte: Aus den Führern der Söldnerheere des Dreißigjährigen Krieges wurden macht-akkumulierende Staatsmänner und friedliche Unternehmer. Der Übergang vom Gewaltmarkt zu friedlicheren Zuständen kann also sowohl durch eine Erschöp- fung der Ressourcen, durch externe Blockaden als auch durch interne Verlagerungen der Prioritäten er- reicht werden. Könnte man von außen helfen? Grundsätzlich kann zwischen präventiver Hilfe, Hilfe durch Intervention und Hilfe zur Stabilisierung des Friedens unterschie- den werden. Bei der präventiven Hilfe kann die För- derung von Rechtssicherheit durch Unterstützung des Institutionen-Aufbaus vor allem im Bereich der Land- rechte der Neigung zur gewaltsamen Konfliktlösung vorbeugen und somit die Entstehung gewaltoffener Räume behindern. Im Vorfeld potentieller Bürgerkriegssituationen liegt es insbesondere nahe, auf den sich andeutenden Zu- sammenbruch des innerstaatlichen Gewaltmonopols in seiner rechtsstaatlichen Form rasch und deutlich zu reagieren. Instrumente sind:, – Außenpolitische Interventionen über direkte diplo- matische Wege oder supranationale Organisatio- nen, – Entzug von Entwicklungshilfe (vor allem dort, wo sie staatliche Administrationen stabilisiert, die Willkür für ihr selbstverständliches Vorrecht halten), – gezielte Hilfe (z. B. durch humanitäre Organisatio- nen und politische Stiftungen) zur Stärkung rechts-staatlicher Institutionen oder bestimmter Akteure. Die Rückenstärkung von verantwortlichem Journa- lismus und die Untersagung von Minderheitenhet- ze kann Gewalt-Unternehmern das Instrument der Angst-Mobilisierung entziehen. Als absurd erscheint es, wenn Entwicklungshilfe zum Aufbau und zur För- derung von Massenmedien nicht von einer politischen Konditionalisierung begleitet wird. Wenn solche Mas- senmedien zur Volksverhetzung (nach deutscher Rechtsterminologie) und Gewaltaufforderung benutzt werden – wie in Ruanda geschehen –, müsste die Hilfe zurückgefordert werden. Dies mag heute utopisch er- scheinen, wäre aber nur die Verlängerung eines inner- staatlichen Rechtsprinzips. Hilfe durch Intervention: Sowohl die Wirtschafts- interessen (Schmuggel, Anlage der Erlöse aus Handel, ideologisch motivierte Spenden, Raub, Erpressung und Geiselnahme in sicheren Drittstaaten) als auch der Waffennachschub können durch eine Blockade empfindlich getroffen werden. Eine solche Blocka- de ist freilich nicht einfach zu realisieren. Sie ist an, den Grenzen der Kriegsgebiete personalintensiv oder technologisch aufwendig und setzt voraus, dass die Kräfte, die diese grenzpolizeiliche Aufgabe ausüben, zur Durchsetzung ihrer Pflichten auch die Waffe ein- setzen können (anders als dies im Jugoslawienkon- flikt praktiziert wurde). Zeitgleich muss eine solche Blockade auch als Blockade der Dienstleistungen und insbesondere der Geldbewegungen realisiert werden. Dies geschieht weniger an den Grenzen als in den großen internationalen Finanzzentren. Von manchen Staaten wird dies freilich als Eingriff in ihre »Banken- freiheit« gesehen. Zusätzlich zu einer Blockade kann zur Beendigung der Gewalt in manchen Fällen auf eine zeitlich befri- stete Gewährleistung des innerstaatlichen Gewaltmo- nopols durch externe Kräfte nicht verzichtet werden. In anderen Worten: Ausländische Polizisten oder Sol- daten müssen die Gewalt mit Waffendrohung unter- binden. Diese polizeiliche (und im eigentlichen Sinn nicht militärische) Aufgabe setzt freilich vier Dinge voraus: – Erstens muss Bewaffnung und Logistik der Inter- ventionskräfte der der internen Akteure gewach- sen sein (deswegen sind manchmal Soldaten ge- eigneter als Polizisten). – Zweitens muss der Einsatz sanktionierender Gewalt an rechtsstaatliche Normen gebunden sein und dies institutionell gesichert werden (innere Führung und der lange Arm der Gerichte müssen verhindern, dass aus Friedenstruppen – wie in Li- beria – Räuber werden)., – Drittens muss eine Waffenkontrolle erreicht werden (was zu Todesopfern führen kann, wenn Waffenla- ger beschlagnahmt werden). – Viertens muss auch ein begrenzter aber zentraler Teil der alltäglichen Konflikte geschlichtet werden, wenn nicht Gewalt – in der Form der Selbsthilfe, »um zu seinem Recht zu kommen« – wieder auf- flammen soll (das heißt, Gerichte müssen von unten aufgebaut werden). Wenn es um Boden- recht, Wasserzugang für Bewässerung, Versor- gungsansprüche aus Familien- und Erbrecht oder den Zugang zu Märkten geht, sind Überlebens- Interessen betroffen. Wenn hier nicht rasch ge- schlichtet wird, bietet es sich an, selbst zur Gewalt zu greifen oder Gewaltspezialisten damit zu beauf- tragen. Genau diese Gewaltspezialisten sind aber die alten oder die neu nachwachsenden Kriegsher- ren. Bei der Institutionalisierung von Konfliktschlichtung müsste unumgänglich an lokale Vorstellungen von Gerechtigkeit und an lokale Institutionen angeknüpft werden, wenn man ein Fundament für den endogenen Aufbau von Rechtsstaatlichkeit durch einheimische Kräfte legen will. Frieden muss langfristig stabilisiert werden: Da kriegerische Zustände die Werte der Krieger beson- ders prämieren, liegt eine besondere Gefahr für den Frieden darin, dass er nur als vorübergehender Waf- fenstillstand erscheinen kann, in dem die potenziellen »Helden« in Wartestellung verharren. In gewaltoffenen Räumen stabilisiert sich nämlich eine gewaltspezifi-, sche Prestigeordnung, die die Chance junger Männer, Ehre und Ansehen zu erwerben, an Gewalttaten gegen Fremde oder an die Rache von »Ehrverletzungen« bindet. Solange diese Prestigeordnung besteht, wächst auch im Frieden kontinuierlich eine Reservearmee zur Verfügung eventueller Bürgerkriegsstrategen heran. Dies ist allerdings nicht zwangsläufig so. Es ist auch möglich, neue Wege zur gesellschaftlichen Anerken- nung zu eröffnen: eine schwierige, aber nicht unmög- liche Aufgabe. Die Förderung unternehmerischen Ehrgeizes in friedlichen Formen kann hier potentiell destruktive Energien umleiten und sowohl Prestige als auch Profit vermitteln (wie etwa Entwicklungen in Äthiopien zeigten). Was oben über die Notwendigkeiten eines rechts- staatlich kontrollierten Gebrauchs der staatlichen Gewalt und über verantwortungsvollen Journalismus ausgeführt wurde, bezeichnet auch Notwendigkeiten der Entwicklungszusammenarbeit in der Nachkon- fliktphase. Besonders vordringlich ist die Unterstüt- zung des Aufbaus von lokalen Institutionen der Kon- fliktschlichtung. »Wahrheitskommissionen«, die durch ihre Verfahren beide Seiten eines Konflikts implizit auf die gleichen Werte verpflichten, können eine Vor- stufe hierzu sein. Dabei ist die Anknüpfung an en- dogene Rechtsvorstellungen hilfreich wie auch eine Information über die Erfahrungen anderer Länder. Beides zusammen könnte Gegenstand einer genuinen Partnerschaft sein., 2. Tötet AIDS den Kontinent? Wie Krankheiten Staaten verändern Von Dagmar Wittek Frau verendet unter Baum an AIDS. Ihr Vater schmiss sie aus dem Haus. Ihr Freund verstieß sie. Auch die Nachbarn behandelten sie wie eine Aussätzige. […] (Die südafrikanische Tageszeitung »So- wetan«, Herbst 2003) Eine Studie im Daimler Chrysler Werk in East London hat heraus- gefunden, dass acht Prozent der 498 befragten Arbeiter davon über- zeugt sind, Sex mit einer Jungfrau heile AIDS. Eine frühere Studie in der Provinz Gauteng, der Wirtschaftsmetropole des Landes, zeigte, dass 32 Prozent der Befragten an diesen Mythos glauben. […] (IRIN – UN Integrated Regional Information Network, Herbst 2002) AIDS noch immer Südafrikas Hauptkiller. […] (Sowetan, Herbst 2003) Staatsfeind Nummer eins ist bekannt. Man kann ihn zwar nicht ausmerzen, aber zumindest beherrschen. Der Feind heißt AIDS. AIDS wird in Afrika ganze Staaten zerstören, wird Wirtschaften lahm legen und Bevölkerungen ausrotten – wenn nicht schnell und konzentriert Maßnahmen ergriffen werden. In Bots- wana ist fast jeder Dritte HIV-positiv. In Südafrika ist es nach offiziellen Angaben der Organisation UN AIDS jeder Neunte. Allein in Südafrika haben 20 Pro- zent aller Arbeitskräfte das Virus; bei Frauen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren sind es sogar rund 30 Pro- zent. Bis 2010 wird die Lebenserwartung um 20 Jahre auf 48 fallen – Südafrika wird ein Bevölkerungspro- blem haben. Täglich sterben hier rund 600 Menschen an den Folgen von AIDS und täglich infizieren sich, rund 1.700 Menschen neu. In Schulen, im Bergbau, in Krankenhäusern, überall fallen Arbeitskräfte aus. Auf Friedhöfen werden prophylaktisch massenweise Gräber ausgehoben. Manche Kommunen haben keine Kapazitäten mehr und wissen nicht, wohin mit den Toten. Kaum einer in Südafrika, der nicht einen AIDS- Fall in der Familie oder im näheren Umfeld hat. Nur Präsident Thabo Mbeki offenbar nicht. Denn die südafrikanische Regierung stellt sich nicht den Fakten und der größten Herausforderung dieses jungen Landes. Mbeki leugnet sogar nach wie vor den direkten Zusammenhang zwischen dem HI-Virus und AIDS. Die Folge: Es gibt keinen Aktionsplan und kein staatliches Programm, die drohende AIDS-Kata- strophe aufzuhalten. Zyniker vermuten, Mbeki hoffe, dass sich die akuten Probleme des Post-Apartheid- Staates Südafrika durch die Killerkrankheit AIDS von selber lösen. Südafrika kämpft gegen eine Arbeitslo- senquote von rund 30 Prozent; es fehlen qualifizier- te Arbeitskräfte; und auch fast zehn Jahre nach dem Ende der Apartheid hat sich der Lebensstandard für viele noch nicht verbessert. Andere sagen: Das Land kann es sich nicht leisten, antiretrovirale Medikamen- te für alle rund fünf Millionen Betroffenen zu zahlen. Tatsächlich sind es auch gewaltige Summen, die auf das staatliche Gesundheitssystem zukämen – bis zu 30 Millionen Euro im Jahr. Aber das ist immer noch wenig im Vergleich zu 22 Milliarden US Dollar, die es das Land kosten wird, wenn es weiterhin nichts tut. UN AIDS hat ausgerechnet, dass Südafrikas Wirt- schaft bis 2010 um mindestens 17 Prozent schrumpfen wird, wenn die Regierung nicht schnellstens handelt., Das Institut für Sicherheitsstudien in Südafrika warnt, dass die junge Demokratie des Landes in Gefahr sei. Erstens werde fast das komplette Gesundheitsbudget durch die durch AIDS verursachten Krankheiten auf- gebraucht. Zweitens sinke dadurch, dass immer we- niger gesunde Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, die Produktivität, und sobald das Wirtschaftswachstum falle, bestünde die Gefahr, dass das Land bald nicht mehr regierbar sei, weil Korruption und Kriminalität nur so sprießen würden. Die Lösung, die die AIDS- Aktivisten von Treatment Action Campaign predigen: Enttabuisierung von AIDS und flächendeckende Ver- sorgung mit antiretroviralen Medikamenten. Nicht die teuren Originale von Bayer, Pfizer oder Glaxco Wellco- me – sondern Generika. Dann wären die Medikamen- te bald so billig wie eine Pizza und würden nicht wie derzeit das Doppelte eines Durchschnittseinkommens kosten. Seit der WTO-Deklaration von Doha dürfen Dritte-Welt- und Schwellenländer trotz Patentschutz Generika produzieren, wenn sie nachweislich in einer Gesundheitskrise stecken. Südafrikas Regierung lässt auch diese Chance bisher ungenutzt. Stattdessen propagiert die Gesund- heitsministerin gesundes Essen und verbündet sich mit dubiosen Quacksalbern, die das HI-Virus einzig über Ernährung bekämpfen wollen. Dass AIDS nicht zum Staatskiller werden muss, hat Uganda gezeigt. Für den Präsidenten von Uganda schrillten die Alarmglocken, als er ausrechnete, dass die AIDS-Epidemie den Staat um rund 702 Millio- nen US-Dollar bringen würde. Die zwei Hauptgründe: die immensen Behandlungskosten der verschiedenen, AIDS-Folgekrankheiten und die sinkende Wirtschafts- kraft durch mangelnde Arbeitskräfte. Uganda ent- wickelte einen Aktionsplan und machte AIDS zum Topthema. Zahlen über die Verbreitung von AIDS in Uganda hat das Land nie unter Verschluss gehal- ten. Offener Umgang, gezieltes Bekämpfen des Virus, so das Motto. Das brachte Hilfsgelder ins Land und Uganda konnte eines der fortschrittlichsten AIDS-Be- kämpfungsprogramme der Welt aufbauen. Der Prä- sident persönlich klemmte sich hinter die AIDS- Aufklärung, auf sämtlichen Radiostationen laufen entsprechende Programme, überall hängen Plaka- te, Kondome sind problemlos zu bekommen, in den Schulen wird über das Virus informiert und sämtli- che in einer Gesellschaft relevanten Gruppen, von Kirchen zu Nichtregierungsorganisationen, wurden in die Anti-AIDS-Strategie eingebunden. AIDS-Tests sind kostenlos und die Ergebnisse liegen noch am selben Tag vor. Der Erfolg von Uganda: Die HlV-Infektionsra- te unter Erwachsenen sank von 18 Prozent im Jahre 1995 auf 8,3 Prozent im Jahr 1999. »AIDS wird nicht durch Sex übertragen. Unsere jungen Männer benutzen doch heute alle Kondome. Und Sie sehen es ja: sie sterben wie die Fliegen!«, Zitat des Sangoma Credo Mutwa aus Südafrika. Tau- sende setzen ihre Hoffnungen auf diesen traditionel- len Heiler. In Scharen kommen sie und campieren um sein Haus südlich von Pretoria, Südafrikas Haupt- stadt. Credo Mutwa glaubt, dass AIDS die Krankheit des weißen Mannes ist. Kreiert, um die Schwarzen auszurotten. Und kreiert, um dem schwarzen Mann weiße Lebensweise und christliche Moral aufzu-, zwingen. AIDS als neue und brutale Art der Kolonia- lisierung. »Viele Völker in Afrika leben nun mal po- lygam«, so Credo. Das war schon immer so, und das ist auch gut so. Früher gab es kein AIDS, obwohl so gelebt wurde. Also können afrikanische Lebensweise und Umgang mit Sex nicht schuld sein, meint Mutwa. Er versucht seinen Kunden klarzumachen, dass sie stolz auf ihre Kultur, ihre Traditionen und Lebens- weisen sein sollen. Als Heilmittel gegen AIDS gibt er ihnen ein Präparat aus einer einheimischen Pflanze, das das Immunsystem stärkt. Dass es zumindest le- bensverlängernd und damit möglicherweise genau- so gut wie antiretrovirale Medikamente wirkt, sollen Dutzende Bilder in einem Fotoalbum belegen. Bilder von Menschen, die ausgezehrt und nur noch aus Haut und Knochen bestehend zu ihm kamen und schon nach einem Monat deutlich besser oder gesund aus- sehen. Traditionelle Heiler haben, seit AIDS in Afrika grassiert, starken Zulauf. Insbesondere in Ländern wie Südafrika, wo es außer durch Hilfsorganisationen und die Privatwirtschaft antiretrovirale Medikamente bislang lediglich in 18 Pilotprojekten für HIV-positive Schwangere und Vergewaltigungsopfer gibt. AIDS tötet den Kontinent. Durch AIDS werden all die »alten« afrikanischen Krankheiten potenziert – was die Krise noch weiter verschärft. Malaria, Cho- lera, Tuberkulose schlagen heftiger zu denn je zuvor. Mit einem vom HI-Virus geschwächten Körper haben die anderen »alten« Krankheiten, welche die Medizin eigentlich schon recht gut im Griff hatte und für die die Staaten bereits ihre individuellen Strategien ent- wickelt hatten, leichtes Spiel., Malaria ist vor allem bei Kindern wieder auf dem Vormarsch. Kinder, deren Eltern aidskrank oder schon am Virus verstorben sind, sind häufig selber infiziert oder, da sich keiner um sie kümmert, körperlich so geschwächt, dass sie Malaria um so härter trifft. Die Kindersterblichkeit durch Malaria wächst, warnen UNICEF und Weltgesundheitsorganisation. Jeden Tag sterben nach UN-Angaben in Afrika 3.000 Kinder an Malaria. Drei Viertel aller Malaria-Toten auf dem Kon- tinent sind jünger als fünf Jahre. 90 Prozent der mehr als eine Million Malaria-Toten weltweit sterben nach UN-Angaben in Ländern südlich der Sahara. Das Pro- blem sind erstens durch AIDS geschwächte Körper, zweitens mangelnde Prävention und drittens resi- stente Malaria-Erreger. In Afrika wird meistens das billigste Malaria-Medikament benutzt – Chloroquin. Neuere Medikamente, gegen die noch keine Resisten- zen bestehen, kosten zwischen einem und vier Euro und sind damit für die meisten Menschen in Afrika, die nach wie vor von weniger als einem Dollar pro Tag leben, unerschwinglich. UNICEF und auch die Welt- gesundheitsorganisation (WHO) fordern, dass Moski- tonetze kostenlos verteilt werden und loben Tansania, das als Vorreiter in der Malariabekämpfung gilt. Die Produktion von Moskitonetzen ist hier vollständig von Steuern befreit worden. Aber: Der Kampf gegen Mala- ria ist hart. Denn die meisten Betroffenen leben in ab- gelegenen Dörfern und können mit Aufklärung und Netzen nur schwer erreicht werden. Und: Traditionel- le Regeln wie zum Beispiel in Swasiland machen eine erfolgreiche Bekämpfung fast unmöglich. Dorfältere und einflussreiche Traditionalisten im kleinen Berg-, königreich haben Moskitonetze für schwangere Frauen verboten. Für sie ist es ein Tabu, ein Zelt in einem Haus aufzuschlagen. Wer es täte, bekäme eine Fehlge- burt. 4.000 von der UN gespendeten Moskitonetze ver- rotten jetzt ungenutzt in Swasiland. Unter anderem deshalb ist das Schädlingsbekämpfungsmittel DDT im südlichen Afrika wieder so populär. Und Südafrikas Gesundheitsministerin, Manto Tshabalala Msimang, lobt das hochgiftige, großflächig aus der Luft gesprühte DDT in höchsten Tönen. Es sei ein voller Erfolg. Wohl wahr, die Malariafälle im Nordosten des Landes, das traditionell immer am heftigsten betroffen war, sind drastisch gefallen. Der Nachteil: Genau dort, wo DDT gesprüht wird, liegt Südafrikas größter und bekannte- ster Nationalpark, der Krüger Park. Und es liegen dort noch weitere Naturschutzgebiete, die wegen ihrer ein- zigartigen Tier- und Pflanzenwelt beliebt sind. DDT wird im Organismus eines Lebewesens nicht abge- baut, sondern im Fettgewebe gespeichert. Beim Men- schen führen bereits geringe Mengen zu Übelkeit und Kopfschmerzen. Bei Vögeln wurden eine erhöhte Ste- rilität und zu dünne Eierschalen festgestellt. Die mei- sten Länder haben DDT daher schon lange verboten. Im südlichen Afrika ist sein Einsatz eine Frage der Ab- wägung und Schadensbegrenzung. In Swasiland gab es dank DDT im letzten Jahr nur 12 Malariatote. Tu- berkulose fordert in Afrika jedes Jahr rund 675.000 To- desopfer. Hört man sich in afrikanischen Dörfern um, müsste die Zahl um das Zigfache höher sein. Kaum einer stirbt hier an AIDS, höchstens an TB. Über AIDS spricht man nach wie vor ungern. Aber auch über TB mittlerweile immer weniger bereitwillig. Denn Tuber-, kulose gilt als Hauptindikator für eine HIV-Infekti- on. 40 Prozent der an Tuberkulose erkrankten Patien- ten sterben. Zum Vergleich: in Industrienationen sind es nur rund 9 Prozent. Die Gründe dafür sind ähnlich wie bei der Malaria: Mangelnde hygienische Bedin- gungen, fehlende oder schlechte medizinische Versor- gung und durch das HI-Virus geschwächte Körper. Eine weitere Krankheit, die alle Welt neben AIDS mit Afrika verbindet, heißt Ebola. Ein teuflisches Virus, das plötzlich schubweise und unkontrollierbar mit nicht zu stoppenden Blutungen und Fieber auf- tritt. Ein Virus, das potenzielle Investoren vor allem in Zentralafrika abschreckt. Siebenmal seit 1976 hat das Ebola-Virus bislang gewütet. Die Sterblichkeitsrate liegt zwischen 50 und 90 Prozent. Bislang ist Ebola in der Demokratischen Republik Kongo, Kongo-Brazzavil- le, dem Sudan, Gabun, der Côte d’Ivoire und Uganda aufgetreten. Die letzte Ebolawelle meldete die WHO Anfang des Jahres 2003 – 800 Kilometer nördlich von Kongo-Brazzaville. Von 140 Infizierten starben 123. Das sind 88 Prozent. Medikamente oder Impfungen gegen das Virus gibt es nicht. Keiner weiß genau, wo Ebola herrührt und warum es explosionsartig ausbricht und kurz darauf wieder verschwindet. Für die zentralafrika- nischen Staaten hat Ebola stark imageschädigende Wir- kung: Afrika ist gefährlich und schnell auch tödlich, da sucht man sich doch lieber andere Länder als Handels- partner. Letztendlich spielt Ebola aber für die Entwick- lung des Kontinents keine tragende Rolle. Dafür taucht das Virus zu sporadisch und zu lokal begrenzt auf. Entscheidend für den Kontinent wird sein Umgang mit der AIDS-Epidemie sein. Täglich sterben in Afrika, rund 6.000 Menschen an AIDS. »Das sind weit mehr Tote als Kriege sie verschulden. 1998 starben 200.000 Afrikaner im Krieg, während 2 Millionen durch AIDS umkamen«, sagt die kenianische Hohe Kommissarin. Sie spricht von einer Katastrophe, einem Holocaust und Genozid. Die Ausmaße der AIDS-Epidemie seien derzeit die größte Herausforderung, der sich Afrika und der Rest der Welt stellen müsse. Um erfolgreich zu sein, müssen alle Ressourcen mobilisiert und ge- bündelt werden. Ohne internationale Hilfe, die Indu- strie und den privaten Sektor wird es nicht gehen, hat der internationale Währungsfond ausgerechnet. Kein afrikanisches Land – außer vielleicht Südafrika und Botswana – könne genug Geld aufbringen, um flä- chendeckend antiretrovirale Medikamente anzubie- ten. Die Medikamente müssen nicht nur gekauft, son- dern auch verteilt, die Einnahme kontrolliert und die Infrastruktur für eine Behandlung aufgebaut werden. In Südafrika, dem Land, dessen Regierung nach wie vor keine Strategie im Kampf gegen AIDS ausgearbei- tet hat, hat die Wirtschaft mittlerweile schon eigene Ideen entwickelt. Schließlich geht es um ihre Arbeits- kräfte. Vorreiter sind die von AIDS am schlimmsten betroffenen Bergbauunternehmen. Anglo Gold zum Beispiel hat 2,5 Millionen Euro ausschließlich für ein firmeninternes Anti-AIDS-Programm einkalkuliert. Auch Daimler Chrysler Südafrika hat einen AIDS-Ak- tionsplan entwickelt. Beratung, Tests und Behandlung sind für Mitarbeiter frei. Und seit Anfang des Jahres gibt es an der südafrikanischen Börse einen AIDS- Index. Unter anderen legt Daimler Chrysler dort offen, wie viele ihrer Mitarbeiter HIV-positiv sind. Die Daim-, lerChrysler-Leitung ist davon überzeugt, dass nur ein offener Umgang mit dem Thema der Tabuisierung, Stigmatisierung und langfristig auch den vielen Toten ein Ende setzt. Die freie Wirtschaft bügelt mit solchen Maßnahmen momentan das aus, was die Politik des Landes versäumt. Aber: Auch sie können nur einen Teil der von HIV betroffenen Bevölkerung auffan- gen. Sobald einer so krank wird, dass er ausfällt und nicht mehr arbeiten kann, wird er in der Regel auch nicht mehr firmenintern behandelt. Und was ist mit den Angehörigen, die häufig ja ebenso infiziert sind, und all denen, die keinen Job bei einem der progressi- ven Unternehmen haben? Spätestens hier muss durch einen Ausbau des öffentlichen Gesundheitssystems die staatliche Versorgung greifen. Aufklärung ist nach wie vor ein Schlüsselwort. In Angola herrschte 27 Jahre lang Bürgerkrieg, Millionen Menschen waren Jahrzehnte auf der Flucht. Viele von ihnen haben noch nie von AIDS, geschweige denn Kondomen gehört. UNICEF schätzt, dass Angola mög- licherweise noch eine sehr geringe Infektionsrate hat, dadurch, dass es so lange abgeschottet war und auch keine Infrastruktur vorhanden war. Jugendliche AIDS- Aktivisten fahren daher, unterstützt von UNICEF, per Anhalter quer durch das Land, versuchen in klein- ste Dörfer zu reisen, um Aufklärung zu betreiben. Sie singen, spielen Theater und ganze Dorfgemeinschaf- ten stehen mit offenen Mündern um sie herum. Die meisten können nicht glauben, was sie hören. Aber alle zeigen sich hinterher beeindruckt und bei vielen sind Treueschwüre gegenüber ihren Frauen zu hören. Angola hat vielleicht noch eine Chance, der Epidemie, in ihren schlimmsten Ausmaßen zu entrinnen. Wenn der Staat sie denn nutzt. Bislang ist zu befürchten, dass die Regierung mehr an Machterhalt und Ölfel- dererschließung interessiert ist, als an AIDS-Bekämp- fung. Botswana ist das bislang einzige und erste Land des Kontinents, das antiretrovirale Medikamente über die öffentliche medizinische Versorgung verteilt. Der of- fensive Umgang der Regierung mit dem Problem und die Unterstützung eines Pharmaunternehmens sowie der Bill Gates Stiftung machen es möglich. Anders könnte das rund 1,5-Millionen-Einwohner Land die 30 Millionen US$ pro Jahr nicht aufbringen. Im Pro- gramm inbegriffen ist ein durchkonzipierter Aktions- plan: landesweit sollen Beratungs- und Teststellen eingerichtet werden, eine Art »AIDS-Marshalls« reisen durch das Land in abgelegene Regionen, um Aufklä- rung zu betreiben und um mit den traditionellen Hei- lern, Dorfältesten und Oberhäuptern zu beraten. Dass sie eingebunden werden, ist wichtig. Die »chiefs« sind in Afrika einflussreiche Männer. Nur wenn sie mitzie- hen, kann mit solchen Mythen aufgeräumt werden, dass Sex oder gar Vergewaltigung einer Jungfrau AIDS heilen. Gleichzeitig zeichnet sich ein Hoffnungs- schimmer ab: Botswana und Südafrika wollen noch in diesem Jahr mit ersten klinischen Tests für eine AIDS- Impfung beginnen. »AIDS fordert mehr Leben als die Summe aller Kriege, Dürren, Hochwasser und Krankheiten wie Ma- laria. Wir müssen etwas tun und zwar in der höchst- möglichen Dringlichkeitsstufe. Und nachdem wir be- reits zwei Jahrzehnte Erfahrungen mit der Epidemie, gesammelt haben, wissen wir auch wie …« (Nelson Mandela, 13. Internationale AIDS-Konferenz in Durban 2000), 3. Versöhnung nach dem Völkermord? Perspektiven für Ruanda Von Wolf-Christian Paes Das kleine zentralafrikanische Land Ruanda war in den Mona- ten April bis Juni 1994 Schauplatz des größten Völkermords in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dem mehr als 800 000 Men- schen, in der Mehrzahl Tutsi, aber auch oppositionelle Hutu, zum Opfer fielen. Nach dem Sieg der Tutsi-Rebellen über das Schrek- kensregime der »Hutu-Power«-Bewegung steht das Land nun vor der schwierigen Aufgabe, die Mörder zu verurteilen und gleichzei- tig die verschiedenen Bevölkerungsgruppen miteinander zu versöh- nen. Als der Tod nach Nyarubuye kam, trug er die Züge eines alten Bekannten. Langsam und methodisch er- fasste er die örtlichen Tutsi, die bereits aus dem Radio erfahren hatten, dass die Mörderbande in der ruan- dischen Hauptstadt Kigali das Todesurteil über alle Angehörigen der Minderheit verhängt hatte. Hun- derte von Menschen – Männer, Frauen und Kinder – hatten in der Kirche im Osten Ruandas, nahe der tan- sanischen Grenze Zuflucht gesucht. Die katholische Kirche hatte bei vorherigen Massakern oft einen ge- wissen Schutz geboten. Auch die Hutu-Bürgermeister der umliegenden Gemeinden forderten die Verzwei- felten auf, sich in den Kirchen und dem nahegelege- nen Krankenhaus zu verstecken. Während die Zahl der Flüchtlinge auf dem Kirchengelände von Stunde zu Stunde zunahm, brannten in den Dörfern im Tal die ersten Hütten und mit den Flüchtenden kam die Nachricht von Folter und Tod an den von Milizionä- ren besetzten Straßensperren., »Inyenzi« bedeutet Küchenschabe auf Kinyarwan- da, der gemeinsamen Muttersprache von Hutu und Tutsi, und als solche wurden die Tutsi in den Sendun- gen von Radio Ruanda, dem Propagandasender der militanten Hutuextremisten, bezeichnet. Unaufhör- lich agitierte der Sender aus der ruandischen Haupt- stadt Kigali und erinnerte die Bevölkerung an ihre Pflicht, Tutsi-Nachbarn zu töten und auch Frauen und Kinder nicht zu verschonen. Wer die Schriften der ra- dikalen »Hutu-Power«-Bewegung liest, fühlt sich un- weigerlich an den »Stürmer« des 3. Reiches erinnert. Wie die Juden in der Nazizeit wurden Tutsi als Un- geziefer und Krankheit am ruandischen Volkskörper dargestellt. Heilung sei nur durch die Beseitigung der verhassten Minderheit möglich. Anfang April 1994, als das große Morden in Ruanda begann, waren diese Ideen der Öffentlichkeit bekannt. Radikale Kreise innerhalb der ruandischen Regierung hatten bereits in der Vergangenheit offen zur Ausrot- tung der Minderheit aufgerufen, und Hutu-Politiker spielten regelmäßig die ethnische Karte, um ihre An- hängerschaft an der Wahlurne zu mobilisieren. Bereits in den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit von der belgischen Kolonialherrschaft hatte es wiederholt Massaker und gezielte Vertreibungen von Tutsi aus Ruanda gegeben. In den Wochen und Monaten, die dem Völkermord 1994 vorhergingen, hatten auch in- ternationale Menschenrechtsorganisationen und An- gehörige der in Ruanda stationierten UN-Schutztrup- pen mehrfach dringlich auf das Risiko eines erneuten Gewaltausbruchs hingewiesen. Trotzdem glaubten die meisten Tutsi nicht, dass es zu gewalttätigen Aus-, schreitungen kommen würde, gab es doch Anfang des Jahres 1994 erstmals Fortschritte in den Friedensver- handlungen zwischen dem ruandischen Präsidenten Juvenal Habyarimana, einem vergleichsweise modera- ten Hutu-Politiker, und den Rebellen der Rwandan Pa- triotic Front (RPF), einer von Tutsi dominierten Bewe- gung, die aus dem benachbarten Uganda operierte. Diese Hoffnungen nahmen am 6. April 1994 ein jähes Ende, als das Flugzeug mit Habyarimana und seinem burundischen Amtskollegen Cyprien Nta- ryamira auf dem Rückflug von Friedensverhandlun- gen im tansanischen Arusha beim Anflug auf Kigali von einer Boden-Luft-Rakete getroffen wurde und in der Nähe des Flughafens abstürzte. Die genauen Um- stände des Anschlags sind auch neun Jahre später noch nicht geklärt, aber es steht außer Zweifel, das Hutu-Power-Anhänger in Regierung und Armee den Tod des Präsidenten zum Vorwand nahmen, um die Macht zu übernehmen und die bereits seit Mona- ten geplante Ausrottung von Tutsi und oppositionel- len Hutu in die Tat umzusetzen. Bereits Stunden nach dem Anschlag wurden die ersten Straßensperren er- richtet und das Morden begann. Auch wenn der Völkermord, der innerhalb von drei Monaten mehr als 800.000 Menschen das Leben kostete, von Regierung und Armee geplant wurde, so waren die meisten Mörder doch einfache Menschen, Bauern und Kleinstädter, die, von der Propaganda auf- gewiegelt, sich an ihren ehemaligen Nachbarn vergin- gen. Während in den ersten Tagen nach dem Tod des Präsidenten noch gezielt gegen prominente Tutsi-Po- litiker und Hutu-Oppositionelle vorgegangen wurde,, richtete sich das Morden bald ausnahmslos gegen alle Angehörigen der Minderheit. Auch in Nyarubuye ging die Bedrohung sowohl von den Angehörigen des Militärs als auch von para- militärischen Milizen und mit Macheten bewaffneten Bauern aus. Nur wenige Amtsträger wagten es, sich dem organisierten Morden in den Weg zu stellen und diese bezahlten ihren Mut zumeist mit dem Leben. Auch die Kirchen spielten im überwiegend katholi- schen Ruanda während des Genozids eine unrühm- liche Rolle; anstatt sich auf die Seite der Gläubigen zu stellen, machten viele Hutu-Priester gemeinsame Sache mit den Mördern, verrieten versteckte Flücht- linge oder beteiligten sich sogar selbst an den Morden. So wurde auch die Kirche von Nyarubuye zur töd- lichen Falle für die Flüchtlinge. Die Mörder hatten ein leichtes Spiel mit den unbewaffneten und entkräfteten Flüchtlingen. Das Morden geschah überwiegend mit Macheten und Knüppeln. Wohlhabendere Tutsi konn- ten sich das Recht erkaufen, durch eine Kugel zu ster- ben. Die Täter gingen dabei mit größter Brutalität vor, folterten und vergewaltigten ihre Opfer. Am Abend des ersten Tages schnitten die Mörder den überleben- den Tutsi die Archillessehnen durch, um sie an der Flucht zu hindern, und feierten ein Gelage. Am näch- sten Tag beendeten sie ihr blutiges Werk. Als Wochen später die ersten Rebellen der RPF in der Region eintrafen, fanden sie den Ort des Ge- metzels fast unverändert. Die Täter hatten sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, ihre Opfer zu beer- digen. Die neue RPF-geführte ruandische Regierung beschloss daraufhin, Nyarubuye als Mahnmal zu er-, halten. Auch heute – fast ein Jahrzehnt nach dem Völkermord – erinnern die unbestatteten Toten von Nyarubuye an ein Verbrechen, das in der jüngeren afrikanischen Geschichte ohne Beispiel ist, die ge- zielte Ausrottung einer ganzen Bevölkerungsgruppe durch ihre eigenen Nachbarn. Ein Holocaust mit der Machete. Der Völkermord in Ruanda kam für die meisten europäischen Beobachter überraschend und wurde schnell in den Medien als Ausdruck jahrhundertealter Spannungen zwischen »verfeindeten Stämmen« und als Ausdruck atavistischer Gewalt gewertet. Gegen diese Theorie spricht nicht nur die stringente Organi- sation des Mordens durch politische Führer, sondern auch die Tatsache, dass es sich bei den ruandischen Hutu und Tutsi nur bedingt um ethnische Gruppen handelt. So sprechen beide Gruppen dieselbe Spra- che und gehören den gleichen Kirchengemeinden an, es existieren keine getrennten Siedlungsgebiete und Eheschließungen zwischen beiden Gruppen sind keine Seltenheit. In der Fachwelt wird daher gestrit- ten, ob es sich bei den beiden Gruppen wirklich um unterschiedliche Ethnien oder eher um soziale Klas- sen handelt. Gelegentlich hört man das Argument, Hutu und Tutsi seien als ethnische Gruppen eigentlich erst durch die deutschen und belgischen Kolonialher- ren »erfunden« worden. Es steht außer Zweifel, dass sich die pseudo-wissenschaftliche Rassenkunde bei den weißen »Entdeckern« Zentralafrikas größter Be- liebtheit erfreute. Die deutschen Kolonialherren, die Ruanda und Burundi gegen Ende des 19. Jahrhunderts, kolonialisierten, benötigten einheimische Verbünde- te, um ihre neuen Besitzungen zu verwalten. Schnell verfielen sie auf die Idee, die traditionellen Führer der Tutsi gegenüber den Hutu zu stärken, wobei sie sich die relativ stärkere Rolle der Tutsi in der vorko- lonialen Aristokratie zunutze machten. Die Afrikafor- scher jener Tage glaubten zudem in den hochgewach- senen und hellhäutigeren Tutsi die Nachkommen sog. »nilotisch-hamitischer« Einwanderer aus Äthiopien zu sehen, die den kleinwüchsigeren bantu-stämmigen Hutu als natürliche »Herrenrasse« überlegen seien. Was unter der deutschen Kolonialherrschaft be- gann, wurde von der belgischen Verwaltung, die Ruanda nach dem ersten Weltkrieg übernahm, fortge- setzt und ausgebaut. Auch die neuen Herren setzten auf Tutsi als Plantagenverwalter, Amtsleute und Sol- daten. Neben der Kolonialverwaltung spielte auch die katholische Kirche in der ersten Hälfte des 20. Jahr- hunderts eine sehr zweifelhafte Rolle bei der Vertie- fung der Gräben zwischen Hutu und Tutsi – sie, die in weiten Landesteilen ein Monopol auf die Vermittlung von Schulbildung hatte, bevorzugte ebenfalls gezielt Tutsi bei der Auswahl des Priesternachwuchses. Auch der Eintrag der ethnischen Zugehörigkeit in die Per- sonaldokumente, der Jahrzehnte später das Werk der Schlächter vereinfachte, geht auf die belgische Kolo- nialzeit zurück. Diese taktisch und rassenideologisch motivierte Bevorzugung der Tutsi endete erst wenige Jahre vor der ruandischen Unabhängigkeit, als die bel- gischen Kolonialherren plötzlich Hutu-Führer gegen die zunehmend selbstsicheren Tutsi-Vertreter unter- stützten., Wenn die koloniale Verantwortung für die Ver- schärfung der Spannungen zwischen Hutu und Tutsi auch kaum zu leugnen ist, so sind die Gegensätze zwi- schen den beiden Gruppen doch älter und reichen in die vorkoloniale Vergangenheit Ruandas zurück. Auch wenn verlässliche Quellen zur Gesellschaftsstruk- tur des Landes in jener Zeit spärlich sind, so wird doch deutlich, dass sich Hutu und Tutsi vornehmlich durch ihre wirtschaftliche Rolle und soziale Stellung voneinander unterschieden – während Hutu primär vom Ackerbau lebten, waren Tutsi Viehzüchter. Diese unterschiedlichen Reproduktionstechniken mussten in einem so dicht besiedelten Land wie Ruanda au- tomatisch zu Konflikten führen, die dadurch noch weiter akzentuiert wurden, das die ruandische Ari- stokratie von Tutsi dominiert wurde. Insbesondere die Ausdehnung des ruandischen Staates unter dem (Tutsi-) König Rwabugiri und die Einführung des feu- dalen »uburetwa«-Systems, das landlose Hutu-Bauern zwang, die Felder von Großgrundbesitzern zu bearbei- ten, sorgte bereits vor der Ankunft der ersten Europä- er für soziale Spannungen. Trotzdem gibt es Hinweise darauf, dass es noch im 19. Jahrhundert möglich war, vom Hutu zum Tutsi aufzusteigen, was darauf hin- deutet, dass es sich bei diesen »ethnischen« Kategori- en ursprünglich eher um soziale Klassen bzw. Kasten handelte. Nach der ruandischen Unabhängigkeit von Belgi- en 1962 nutzten Hutu-Politiker diese historisch ge- wachsenen Ressentiments zur Mobilisierung der eige- nen Bevölkerungsgruppe, die vor dem Genozid mehr als 80 Prozent der Bevölkerung stellte, während Ver-, treter der Tutsi marginalisiert wurden. Bereits in den sechziger Jahren kamen mehr als 100.000 Menschen bei Unruhen um und Zehntausende Tutsi flüchteten in die Nachbarländer, insbesondere nach Tansania und Uganda. Diese Flüchtlinge bildeten mit Unter- stützung durch den ugandischen Präsidenten Muse- veni den Kern der RPF, die ab Anfang der neunziger Jahre einen bewaffneten Feldzug gegen die Regierung in Kigali führten. Während der Völkermord an den Tutsi seinen Lauf nahm, veränderte sich die militärische Lage – an allen Fronten befanden sich die Regierungstruppen auf dem Rückzug und die RPF rückte vor. Wenige Wochen nach dem Tod Präsident Habyarimanas kontrollierte die RPF Teile der Hauptstadt Kigali, die Hutu-Power- Regierung floh zuerst in den Südwesten des Landes, wo französische Soldaten eine Schutzzone errichtet hatten, und dann weiter nach Kongo-Zaire, wo Prä- sident Mobutu die Flüchtlinge aufnahm. Dabei folg- ten mehr als zwei Millionen Hutu der gestürzten Re- gierung in das Nachbarland, angetrieben durch die Propaganda der ehemaligen Machthaber und von der Furcht vor Vergeltungen durch die RPF. Während die neuen Herren in Ruanda ein teil- weise entvölkertes Land vorfanden, errichtete die Hutu-Power-Bewegung in den riesigen Flüchtlingsla- gern mit der impliziten Unterstützung internationa- ler Hilfsorganisationen eine Art Staat im Exil. Auch wenn die Flüchtlinge eigentlich beim Grenzübertritt nach Kongo-Zaire entwaffnet werden sollten, so be- gannen doch bereits Wochen nach der Errichtung der Flüchtlingslager erneute Angriffe von Hutu-Milizen, auf Dörfer in Ruanda. Nur wenige Hutu kehrten frei- willig nach Ruanda zurück, obwohl die RPF Mitläu- fern und Unbeteiligten Straffreiheit zusicherte. Diese Situation änderte sich grundlegend erst mit dem Sturz Präsident Mobutus in Kinshasa durch eine mit Ruanda und Uganda verbündete Rebellenbewegung und die gewaltsame Auflösung der Lager im Osten Kongo-Zaires. Zwar gehen die Angriffe auf ruandische (und bu- rundische) Dörfer durch versprengte Gruppen von Hutu-Milizionären auch ein Jahrzehnt nach dem Völkermord weiter, aber ein Großteil der überleben- den Hutu-Flüchtlinge kehrte seit 1997 nach Ruanda zurück. Seither steht die ruandische Regierung vor dem Problem, wie sie einerseits die Mörder zur Re- chenschaft ziehen und gleichzeitig die beiden Bevöl- kerungsgruppen miteinander versöhnen soll. Für ein armes afrikanisches Land, das nur über eine Hand- voll unbelasteter Richter und Anwälte verfügt, eine nahezu unmögliche Aufgabe. Noch zu Anfang des Jahres 2003 waren mehr als 100.000 Menschen, die der Mitwirkung am Völkermord beschuldigt waren, in ruandischen Gefängnissen. Die Haftbedingungen sind dabei kaum menschenwürdig zu nennen, da das ruan- dische Gefängnis- und Justizsystem auf eine so große Zahl von Angeklagten nicht eingestellt war. Da kaum öffentliche Mittel zur Versorgung der Insassen bereit- stehen, sind die Verdächtigen darauf angewiesen, das sie von Familienangehörigen mit Nahrungsmitteln und Medikamenten versorgt werden. Zwar existiert ein internationaler Strafgerichtshof zur Aufarbeitung des Völkermords im tansanischen, Arusha, aber diese UN-Einrichtung leidet unter orga- nisatorischen Problemen und daran, dass die ruandi- sche Regierung nur sehr eingeschränkt mit ihr zusam- menarbeitet, da sie die Drahtzieher des Völkermords lieber im eigenen Land verurteilt sehen möchte. Fast ein Jahrzehnt nach dem Genozid hat der Strafgerichts- hof erst eine Handvoll von Hintermännern zu langen Freiheitsstrafen verurteilt. In Ruanda selbst wurden zwar spezielle Gerichte geschaffen, welche die An- führer der Mörderbanden bestrafen sollen, problema- tisch bleibt aber der Umgang mit den zahllosen Fuß- soldaten des alten Regimes, die selber mordeten und vergewaltigten oder sich am Eigentum der Getöte- ten bereicherten. Eine Verhandlung vor ordentlichen Gerichten würde bei der momentanen Geschwindig- keit der Rechtsprechung mehr als einhundert Jahre dauern. Die Regierung griff daher zu einem international vielbeachteten Mittel, um diese Angeklagten vor Ge- richt zu stellen – sie schuf die so genannten Gacaca- Gerichte. Ursprünglich handelte es sich bei dieser traditionellen Form der Konfliktlösung um eine Art Dorfgericht, in dessen Rahmen kleinere Streitigkeiten, etwa Eigentumsdelikte, von ehrenamtlichen Richtern vor der Dorfbevölkerung verhandelt wurden. Im Okto- ber 2001 wählte die ruandische Bevölkerung auf Dorf- ebene insgesamt 258.208 ehrenamtliche Gacaca-Rich- ter. Durch die Aufarbeitung der Verbrechen auf der Ebene der Dorfzelle soll einerseits die Rechtsprechung beschleunigt werden, andererseits aber auch die Be- völkerung einbezogen und Gräben zwischen Tätern und Opfern gefüllt werden., Internationale Menschenrechtsorganisationen kriti- sieren diese Art der Rechtsprechung, da einerseits die Angeklagten kein Recht auf einen vom Staat gestell- ten Verteidiger haben und andererseits die ehrenamt- lichen und nur angelernten Gacaca-Richter sogar To- desurteile auf der Basis von Zeugenaussagen treffen. Unter der Hutu-Bevölkerung werden die Gerichte kri- tisiert, da sie »nur« der Aufarbeitung des Völkermords an den Tutsi dienen, nicht jedoch für die Klärung von Verbrechen durch die RPF-Truppen im Zeitraum 1994 bis 1998. Fast ein Jahrzehnt nach dem Völkermord scheint Ruanda von einem echten Frieden zwischen Hutu und Tutsi weiterhin weit entfernt. Zwar bemüht sich die RPF-geführte Regierung um den Anschein einer mög- lichst breiten Koalition, aber Hutus sind vergleichswei- se selten an den Schaltstellen von Verwaltung und Mi- litär. Während der Bürgerkrieg zwischen RPF-Truppen und den Resten der Hutu-Milizen im Grenzgebiet zu Kongo-Zaire weitergeht, ist das Verhältnis zu den mei- sten Nachbarstaaten, inklusive zur ehemaligen Tutsi- Schutzmacht Uganda, gespannt. Radikale Hutu-Führer arbeiten dagegen bereits an einer neuen Legende, die den Völkermord von 1994 relativieren soll. Glaubt man der Theorie vom »doppelten Genozid«, fand das Morden an den Tutsi seine Entsprechung in den Gräu- eltaten der vorrückenden Tutsi gegen Hutu-Flüchtlin- ge. Die weiter bestehenden sozialen Spannungen um Landzugang und Teilhabe an der Macht lassen an einer friedlichen Zukunft für Ruanda zweifeln., 4. Der lange Weg nach Europa

Warum junge Afrikaner ihre Heimat verlassen Von Susanne Babila

Um 5 Uhr morgens ist es noch ruhig an den Stränden des spani- schen Küstendorfes Tarifa, einem kleinen Surferparadies am süd- lichsten Zipfel Europas. Hier bläst der Wind unerbittlich, an der Kante zwischen Atlantik und Mittelmeer. Die Meerenge von Gibral- tar ist tückisch, die Strömungen gefährlich. Trotz der hohen Lebens- gefahr versuchen viele Afrikaner vom marokkanischen Tanger ins spanische Tarifa zu gelangen. Denn nur 14 Kilometer Wasser tren- nen hier Afrika von Europa. Das vermeintliche Paradies scheint so nah, dass sich für die Auswanderer jedes Risiko zu lohnen scheint. Die Überfahrt wird von Schlepperbanden mit so genannten »Pate- ras« organisiert, schnellen Fischerbooten mit 40 bis 60 PS-Moto- ren, oder mit einfachen Schlauchbooten. Der Preis liegt zwischen 1.100 und 1.300 US-Dollar, ohne Erfolgsgarantie. Denn die Schlep- per (»Pateros«) zwingen Flüchtlinge und Migranten nicht selten, aus dem Boot zu springen, aus Angst vor der spanischen Küstenpo- lizei. Immer häufiger weichen die Boote wegen der scharfen Über- wachung auf den offenen Atlantik aus. In Europa angekommen, erhalten sie in der Beratungsstelle für Migranten in der nächstgrö- ßeren Stadt Rat und Hilfe. Der Leiter des Beratungsbüros »Algeci- ras Acoge« sieht seine erste Aufgabe darin, die meist ahnungslo- sen Flüchtlinge über ihre Situation aufzuklären: »Wir sagen ihnen, dass sie in Spanien von der Polizei aufgegriffen und abgeschoben werden können, wenn sie keine Papiere haben. Sie können auf keine legale Art und Weise Arbeit finden, weder in Spanien, noch in Frankreich, Italien, Deutschland oder anderswo in Europa. Manche wissen nicht einmal auf welchem Punkt der Landkarte sie sich be- finden, haben nur ein kleines Stück Papier bei sich, mit einer Tele- fonnummer von Leuten irgendwo in Europa und bitten die Mitar- beiter, anrufen zu dürfen. Da die meisten kein Geld haben, lassen wir sie telefonieren« sagt José Biaof, »das ist ihnen sehr wichtig, sagen zu können: Wir sind angekommen.«, Endlose Bürgerkriege, politisch aufgeheizte ethnische Auseinandersetzungen, Dürrekatastrophen, Landkon- flikte, Armut, ökologischer Verfall und wirtschaftliche Aussichtslosigkeit zwingen die Nachbarn im Süden, ihre Länder zu verlassen. Grenzüberschreitungen haben vielschichtige Ursachen und können je nach ihrem Charakter als Flucht oder Migration gewer- tet werden. Ob sie zu verbesserten Lebensumständen führen, hängt vor allem davon ab, ob die Fluchtländer ihnen staatlichen Schutz gewähren oder nicht. Afrika ist in hohem Maße von den tief greifenden Veränderungen der weltweiten politischen und wirt- schaftlichen Neuordnung nach dem Ende des Kalten Krieges betroffen. Zwar machen Demokratisierungs- prozesse in einigen Ländern Fortschritte und konn- ten autoritäre Einparteienregime beispielsweise in Benin, Kenia und Südafrika durch demokratisch ge- wählte Parlamente oder Staatspräsidenten abgelöst werden. In anderen Regionen jedoch führt der Zu- sammenbruch postkolonialer Strukturen zur »Soma- lisierung«, das heißt zum Zerfall ganzer Staaten und, wie beispielsweise in Angola, Liberia oder in der De- mokratischen Republik Kongo, zu jahrelangen Bürger- kriegen. Die so entstandenen politischen Vakuen, in denen sich »Chaosmächte« und »mörderische Despo- ten« Macht verschaffen, die Bevölkerung terrorisieren, die Ressourcen der rohstoffreichen Länder ausbeuten, gefährden die Lebensgrundlage der Bevölkerung. Die Geschäftspartner dieser »postmodernen Raubritter«, die diese Kriege finanzieren und durch Waffenliefe- rungen und Söldnerarmeen unterstützen, sitzen meist im Ausland. Meist geht es um Bodenschätze, wie Gold, oder Diamanten oder um strategische Rohstoffe wie Uran, Erdöl, Kupfer oder Coltan, das zur Herstellung von Raumkapseln, Handys oder Computern dient. In manchen afrikanischen Staaten hat sich allein durch Krieg und Bürgerkrieg der Anteil der »Flüchtlinge« an der Bevölkerung auf 10 bis 20 Prozent erhöht. Der wirtschaftliche Verfall, den Kriege nach sich ziehen, ist ein weiterer Grund, der zur Abwanderung führt. Eine weitere Ursache für Wanderbewegungen ist die zunehmende Urbanisierung. Durch die Entfes- selung von Kapitalbewegungen und die veränderten Produktions- und Marktbedingungen nach Ende des Ost-West-Konflikts zogen viele Afrikaner aus den länd- lichen subsaharischen Gebieten in die Randregionen und Slums der Städte. Im Jahr 1995 war die Einwoh- nerzahl in den 50 größten Städten südlich der Sahara auf bereits rund 184 Millionen Menschen angewach- sen, das waren etwa 30,8 Prozent der Bevölkerung!1 Anders als in Europa ist diese Entwicklung der Ver- städterung oder Urbanisierung bei einem gleichzeitig raschen Bevölkerungswachstum nicht mit industriel- ler Entwicklung einhergegangen, so dass die Zahl der Arbeitslosen sprunghaft angestiegen ist. Ursächlich für Wanderungsbewegungen ist außer- dem die wachsende Umweltzerstörung, sowohl die klimatisch bedingte als auch die durch menschliche Einflüsse hervorgerufene, wie zum Beispiel die Ab- holzung der Regenwälder. Die Menschen fliehen vor Naturkatastrophen wie Dürren, Überschwemmun- gen, Erdbeben oder Wirbelstürmen. Dazu kommt der Kampf um knapper werdende, aber lebensnotwendige Ressourcen wie zum Beispiel Wasser. Der Treibhaus-, effekt und der steigende Meeresspiegel wird die Wan- derungsbewegung weiter vergrößern. Nach dem jüng- sten UN-Weltbevölkerungsbericht von 2001 befinden sich rund 25 Millionen Menschen auf der »Flucht« vor Umweltzerstörungen. »Flucht« und »Migration« lassen sich im Einzel- fall nur schwer voneinander unterscheiden, nicht zu- letzt, weil Begrifflichkeiten wie Wirtschaftsflüchtlin- ge und Umwelt- bzw. Armutsflüchtlinge im täglichen Sprachgebrauch verwendet werden. Über den Status »Flüchtling« wird nach der Genfer Flüchtlingskonven- tion von 1951 entschieden, dem einzig universell gel- tenden Abkommen, das die Rechte und die Stellung der Flüchtlinge regelt. Flüchtling ist nach ihrem Art. 1 jede Person, die sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt oder in dem sie ihren ständigen Wohnsitz hat, und die wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politi- schen Überzeugung eine wohlbegründete Furcht vor Verfolgung hat und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen bzw. nicht dorthin zurückkehren kann. 140 Staaten haben die Genfer Flüchtlingskon- vention unterzeichnet. Die Regierungen der jeweiligen Länder sind zum Schutz der Flüchtlinge verpflichtet. Der gewährte Schutz ist jedoch nicht zwingend dauer- haft, sondern wird solange gewährt, bis die Grundlage für die Rechtsstellung wegfällt. Erlaubt der Staat die sichere Rückkehr, erlischt die Schutzpflicht der Auf- nahmestaaten. Keinen Schutz genießen die so genannten »Wirt- schaftsflüchtlinge«, »Armutsflüchtlinge«, »Hunger«- oder, »Umweltflüchtlinge«, da sie nicht vor einer lebensbe- drohlichen Verfolgung im Sinne der Genfer Flücht- lingskonvention fliehen. Sie sind Migranten, da sie ihren Lebensmittelpunkt dauerhaft aus einer Region in eine andere (Binnenmigration) oder aus einem Staat in einen anderen (Außenwanderung) verlegt haben2. Die internationale Migration hat sich durch umwälzende Globalisierungsprozesse in Ursache, Umfang, räumli- cher Dimension und Organisationsform verändert und erfordert neue Sicht- und Handlungsweisen. Die »Frei- willigkeit« der Migration, die häufig zur Abgrenzung von Flucht und Migration mit herangezogen wird, scheint besonders dann als ungeeignetes Kriterium, wenn die Chance der Migranten, zu überleben, nicht höher ist, als die der »offiziellen« Flüchtlinge. Europa fürchtet einen »globalen Marsch« von Süd nach Nord und zieht seine Festungsmauern immer höher. Tatsächlich gab es 2001 weltweit schät- zungsweise 14,9 Mio. Flüchtlinge und 22 Millio- nen Menschen, die innerhalb ihres Heimatlandes aus ihrem Dorf, ihrer Stadt oder ihrer Region vertrieben wurden3. Dabei wird vergessen, dass nur ein Rinnsal des weltweiten Flüchtlingsstroms nach Europa gelangt. Vielmehr tragen gerade in Afrika und Asien die je- weiligen Nachbarländer die Hauptlast. So beherbergt Asien 45 Prozent aller Flüchtlinge, während Afrika 30 Prozent und Europa gerade einmal 19 Prozent aufge- nommen haben4. Der ausländerfeindliche Diskurs in der Europäischen Union oder in den USA suggeriert dagegen, dass die reichen Länder mit Flüchtlingen »überschwemmt« würden., Im neuesten Bericht der Internationalen Organisa- tion für Migration (IOM) wird die Zahl internationaler Migranten auf 175 Millionen geschätzt.5 Davon sind ungefähr die Hälfte Frauen. »Binnenwanderungen« sind in der Schätzung nicht enthalten. Ebenfalls nicht in der Schätzung enthalten sind die undokumentier- ten Migranten, deren Zahl wahrscheinlich der der dokumentierten entspricht. Diese Tatsache wirft ein völlig neues Licht auf Dynamik und Dimension der weltweiten Wanderungsbewegungen. Doch auch von der Gesamtzahl der Migranten erreicht nur ein Bruch- teil, rund zwei Prozent, Europa. Sie spielen sich nach wie vor innerhalb der so genannten Dritten Welt – und davon ca. ein Drittel in Afrika – ab. Zu Recht betont der Migrationsforscher, Klaus Bade, daher: »Die Ge- schichte der Süd-Nord-Wanderung nach Europa ist, so betrachtet, im Grunde weniger eine Geschichte von Wanderungsbewegungen als eine Geschichte der Angst davor und der Abwehr dagegen«. Deshalb fordert er zu Recht eine migrationsorien- tierte Entwicklungspolitik, »… wenn das globale De- saster gebremst werden soll, das die weltweiten Wan- derungen forciert. Ein Europa, das sich dieser Aufgabe verweigert, wird dauerhaft mit der Angst vor steigen- dem Wanderungsdruck leben müssen«6. Mit dem Schengen-Abkommen führten die euro- päischen Staaten eine Angleichung in der Visa- und Asylpolitik innerhalb der Mitgliedsstaaten ein, schu- fen gemeinsame Mindeststandards für die Durchfüh- rung von Asylverfahren und setzten einen gemein- samen rechtlichen Rahmen für Menschen, die in die EU-Staaten einwandern wollen. Des weiteren wurde, ein gemeinsames Vorgehen gegen illegale Einwan- derung beschlossen. Diese Vereinbarungen wurden durch den Vertrag von Amsterdam in den Rechts- rahmen der Europäischen Union integriert. Durch die Umsetzung der Änderungen des Asylrechts in Deutschland Mitte 1993 sank die Zahl der Asylbe- werber von 438.000 im Jahr 1992 auf 88.000 im Jahr 2001.7 Dafür stieg die Zahl der »illegalen Migran- ten« dramatisch an. Schätzungen variieren erheb- lich, sie liegen zwischen 500.000 und 1,5 Millionen in Deutschland.8 Für die meisten Migranten bleiben die Tore nach Europa wie z. B. über »Elitenförderung« oder »Arbeitsmigration für Hoch- und Fachqualifizier- te« verschlossen. Bisher fehlt es an einer die Migration hinreichend gestaltenden Gesetzgebung. Auch in Deutschland er- folgt die Einwanderung vor allem faktisch, ohne dass der Staat durch den Erlass entsprechender Gesetze auf die Migration lenkend Einfluss nimmt9. Die Ver- abschiedung eines Zuwanderungsgesetzes ist bislang nicht gelungen. Dennoch zeigt die demographische Entwicklung bereits heute, dass der Lebensstandard in Deutschland ohne das Hinzukommen von Einwande- rern sinken wird und bereits 2010 mit einem Arbeits- kräftemangel zu rechnen ist. Um die Zahl der 20- bis 60-jährigen auf Dauer stabil zu halten, müssten jähr- lich ca. 400.000 Menschen mehr nach Deutschland einwandern. Gegenwärtig steht die Zuwanderungs- quote von ca. 800.000 Menschen pro Jahr einer Ab- wanderungsquote von ca. 700.000 gegenüber.10 Dies verdeutlicht, dass dringender Handlungsbedarf be- steht., Solange die Einwanderungspolitik und -gesetz- gebung die Zuwanderung nicht ausreichend regelt, werden internationale Schlepperbanden weiterhin die großen Nutznießer der Süd-Nord-Migration sein. Sie profitieren von der großen Sehnsucht der Mi- granten nach einem besseren Leben. Experten gehen davon aus, dass Menschenschmuggel bereits heute einträglicher ist als der Handel mit Drogen. Trotz ver- stärkter Grenzkontrollen finden die mafiaähnlich or- ganisierten Schlepperbanden immer neue Wege und lassen sich die Kosten von den Migranten bezahlen. »Die Preise variieren stark und hängen in der Regel von Distanz, Destination und angebotenem Service ab (…) Top-Regionen wie Nordamerika oder Westeu- ropa sind selbstverständlich am teuersten (…) Viele können die zum Teil horrenden Summen nicht zahlen und nehmen ein Darlehen bei der Schlepperbande auf. Dadurch begeben sie sich in ein Abhängigkeits- verhältnis, aus dem es nur sehr schwer ein Entkom- men gibt. Vor allem Frauen sind bevorzugte Opfer und müssen in den meisten Fällen ihre Schulden durch Prostitution begleichen«.11 Der Leiter der IOM-Verbindungsstelle bei der Bundesregierung, Bernd Hemingway, beklagt, dass Schleuser, obwohl sie die größten Gewinne erzielten, zugleich die geringsten Strafen zu erwarten hätten. Verschiedene Schlepperrouten führen quer durch Europa. Eine wichtige Route verläuft von Nordafri- ka ausgehend über das Mittelmeer nach Italien oder auf die Iberische Halbinsel. Die gefährliche und nicht selten tödlich endende Immigration an ihren Küsten macht nur einen Bruchteil der illegalen Einwande-, rung aus. Viele reisen per Flugzeug mit gefälschten Papieren ein oder ergattern trotz wachsender Restrik- tionen ein Touristenvisum. Läuft das Ausreisedatum ab, tauchen sie unter. Diejenigen, die stark, gesund, jung und flexibel sind, finden meist auch Arbeit, zum Beispiel in Spa- nien: Ende der 90er Jahre zeichnete sich bereits ab, dass auch in Spanien Arbeitskräfte fehlen. Hier sind es mindestens 300.000. Nach einer UNO-Studie benö- tigt Spanien bis 2050 rund 12 Millionen Arbeitskräf- te zusätzlich, um bei der niedrigen Geburtenrate den jetzigen Lebensstandard zu halten. Ausländische Ar- beitskräfte werden auf dem Bau, für Haushalte, in der Hotellerie, in sozialen Diensten oder in der Landwirt- schaft gebraucht. In der nur 300 Kilometer von Tarifa entfernt gelegenen Provinz Almería verhelfen Marok- kaner und seit einigen Jahren auch zunehmend Afri- kaner aus den Subsahara-Regionen der südspanischen Provinz zu einem enormen Wirtschaftsaufschwung. Die billigen Lohnkräfte sind Dämpfen durch Dün- gemittel und Pflanzenschutzmittel ausgesetzt. Sie werden nach Bedarf eingestellt und entlassen und kosten keine Sozialversicherung. Dabei können die Gemüsebauern und Großhändler Arbeitskräfte mit Papieren gegen Arbeiter ohne Papiere ausspielen. So werden Löhne gedrückt und soziale Probleme igno- riert. Nach dem Willen der spanischen Regierung sollen jetzt Saisonarbeitskräfte aus Polen oder Rumä- nien für optimale Ertragsziele sorgen. Doch die verschärften Einwanderungsbestimmun- gen verändern nichts an der Tatsache, dass immer mehr Migranten aus Afrika ins Land kommen., Dabei haben viele afrikanische Auswanderer kaum eine realistische Vorstellung von Europa. Vor allem nicht davon, was sie erwartet, wenn sie ohne Papiere einreisen. Meist sind sie motiviert durch ein von den Medien verzerrtes Europabild oder den rosa gefärbten Schilderungen afrikanischer Rückkehrer, die häufig kein Wort von den Demütigungen und Entbehrungen erwähnen, die das Leben in der Schattenwelt mit sich bringt. Nicht selten kratzen Familien und Dorfgemein- schaften ihr letztes Geld zusammen, um den jungen Hoffnungsträgern, die von Schleppern organisierte Reise ins »gelobte Land« zu ermöglichen. Die illegale Beschäftigung von Ausländer wirft ein bezeichnendes Licht auf die doppelzüngige Diskussi- on und Politik in den Industrieländern, schreibt der Migrationsforscher und Journalist Karl-Heinz Meier- Braun in seinem neuesten Buch »Deutschland, Ein- wanderungsland«: »So hat Frankreich ein Drittel seiner Autobahnen mit »Illegalen« gebaut und bestrei- tet seine Autoproduktion ebenfalls zu einem Drittel mit illegal Beschäftigten. Italien erwirtschaftet sein Bruttosozialprodukt schätzungsweise zu 20 bis 30 Prozent mit »Illegalen«.12 Über die Bekämpfung der Fluchtursachen wird in Europa zwar nachgedacht, gehandelt wird aber kaum. Und das, obwohl es von der nationalen über die euro- päische Ebene bis hin zur UN unzählige Pläne und Be- schlüsse gibt. Gemeinsame Anstrengungen gerade der europäischen Staaten in der Friedens-, Außen-, und Entwicklungshilfepolitik zur Beseitigung der Fluch- tursachen vor Ort sind dringend notwendig. Dazu gehört nicht nur ein effizienteres Krisenmanagement, bei Massenfluchtbewegungen und ein schnelles Han- deln der internationalen Staatengemeinschaft, wenn nur noch eine militärische Intervention die Zivilbe- völkerung schützen kann. Es erfordert vielmehr auch ein grundsätzliches Umdenken in der Entwicklungs- zusammenarbeit. »Entwicklungshilfe kann sicher nur einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass der Auswan- derungsdruck nachlässt«, schreibt Karl-Heinz Meier- Braun, »Sie sollte aber endlich, wie bereits 1970 fest- gelegt und von den Vereinten Nationen gefordert, 0,7 Prozent des Bruttosozialproduktes erreichen. Die Bun- desrepublik – immer noch eines der reichsten Länder der Welt – erreicht mit 0,27 Prozent nicht einmal die Hälfte dieser Marke. Der Umfang der internationalen Hilfe geht zurück, obwohl die Flüchtlings- und Mi- grationsbewegungen in den vergangenen Jahren eine neue Dimension erreicht hat.«13, 5. Strukturelle Instabilität und Wachstumsschwäche Wohin steuert Afrika? Von Robert Kappel Anders als viele andere Entwicklungsländer haben die meisten Staaten des subsaharischen Afrika (SSA) in den letzten drei bis vier Jahrzehnten kaum wirtschaftliche Fortschritte erzielt. Die Ursachen dafür sind in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen der vergangenen fahre untersucht worden. Zu den wichtigsten Gründen für die Unterentwicklung gehören: ethnische Vielfalt, niedrige Pro- duktivität, einseitige Exportstruktur, schlecht ausgebildete Arbeit- nehmer, oft schwierige Boden- und Wachstumsverhältnisse, externe Schocks wie Währungsschwankungen, Kriege und Flüchtlingsbe- wegungen, niedrige Spar- und Investitionsquoten, geringes Niveau der Humankapitalbildung, tropisches Klima, geografische Isolation, Markt- und Staatsversagen und institutionelle Schwächen. Aus fast allen Studien geht hervor, dass ein Wachstumsdurchbruch und eine Reduktion der Armut in der nächsten Zeit nicht zu erwarten ist. Wirtschaftliche Veränderungen in der Weltwirtschaft oder weshalb hat Afrika den Wandel verpasst? Die wichtigsten makroökonomischen Daten zeigen, dass sich der Wachstumsoptimismus der 90er Jahre als wenig begründet erwiesen hat. Im subsaharischen Afrika gab es zwischen 1970 und 2000 lediglich in zwei von 48 Ländern ein durchschnittliches Wachs- tum des Pro-Kopf-Einkommens (PKE) von mehr als 5 Prozent (Botswana und Mauritius). Seit Mitte der 90er Jahre haben zwölf Länder ein reales BIP-Wachstum von mehr als 5 Prozent verzeichnen können. Ebenso groß ist die Zahl der Länder mit einem BIP-Wachstum von 3-5 Prozent. Hingegen blieben 16 Länder bei 0- 3 Prozent stecken, und sechs hatten sogar negatives, Wachstum – das heißt, dass lediglich 20 Länder (ca. 40 Prozent) in den letzten Jahren den durchschnittlichen Wohlstand der Bevölkerung haben steigern können, während die Mehrheit des SSA stagniert. Damit er- reicht kein Land des SSA das von der Weltbank und dem IWF als erforderlich angesehene Wachstum von 7 Prozent, ohne das die Armut bis zum Jahr 2015 nicht halbiert werden kann. Insgesamt ist die Armut weiter angestiegen. Die Investitionsquoten verbleiben auf einem niedrigen Niveau, die Privatinvestitionen haben sogar nur einen durchschnittlichen Anteil von 5 Prozent/BIP. Die Indi- katoren des Humankapitals zeigen kaum eine Trend- wende an. Lediglich die makroökonomischen Daten, hervorgerufen durch die Reformprogramme der Welt- bank und des Internationalen Währungsfonds (IWF), weisen eine in den meisten Ländern befriedigende Bilanz auf, wie beispielsweise relativ ausgeglichene Zahlungsbilanzen, niedrige Inflation, geringe Haus- haltsdefizite und realistische Währungsparitäten. Be- sonders dramatisch ist der Anstieg der HIV/AIDS-Rate im südlichen Afrika. In der Informations- und Kom- munikationstechnologie hinkt Afrika hinter allen Re- gionen her, was eine Abkopplung besonderer Art darstellt – auch wenn sich der Zugang zu moderner Informations- und Kommunikationstechnologie er- heblich verbessert hat. Dabei steht Südafrika bei weitem an der Spitze der Entwicklung. Einem Zusam- menwachsen Afrikas stehen insbesondere die hohen Transportkosten entgegen – vor allem in den Binnen- ländern. Ohne große Fortschritt in diesem Bereich werden afrikanische Unternehmen gegenüber den, Konkurrenten aus Asien und Osteuropa auf den ame- rikanischen und europäischen Märkten abgekoppelt bleiben. Die Mehrzahl der Länder auf dem afrikanischen Kontinent verharrt in einem »Gleichgewicht auf nied- rigem Niveau«. Folgende Ländertypen lassen sich auf der Basis wesentlicher Wirtschaftsindikatoren (Inve- stitionsquote, PKE, Produktivität, Wachstumsraten des realen BIP, u. a.) bilden (Stand 2002): A. Emerging African Economies: Lediglich zwei Länder haben seit 20 Jahren eine gute Performanz aufzuweisen – Mauritius und die Seychellen. B. Potenzielle Reformländer: z. B. Botswana, Nami- bia, Südafrika, Lesotho, Gabun, Kap Verden, Ghana und Äquatorial-Guinea. C. Verharrende Niedrigeinkommensländer mit gerin- gen Entwicklungschancen: z. B. Uganda, Senegal und die Côte d’Ivoire. D. Verharrende Niedrigeinkommensländer langfristig ohne Entwicklungschancen: z. B. Nigeria. E. Länder (derzeit) ohne Perspektive: z. B. Sierra Leone und Liberia. Die Gruppen C, D und E umfassen drei Viertel der Staaten Afrikas. Sie sind vor allem durch folgende Hauptprobleme gekennzeichnet: mangelhaft funk- tionierende Institutionen, niedrige Niveaus der Ka- pitalakkumulation, niedriger Grad der Humankapi- talentwicklung, steigender Urbanisierungsgrad mit ansteigender Informalität, geringe wirtschaftliche Pro- duktionstiefe und niedrige Investitions- und Sparquo-, ten, insgesamt eine strukturelle Instabilität. Die mei- sten Länder sind sehr stark von Entwicklungshilfe abhängig und zudem durch große Einkommens-Un- gleichheit gekennzeichnet. Sehr große Einkommens- Ungleichheiten gibt es allerdings auch in Botswana und Südafrika. Afrika im Wandel in der Weltwirtschaft Die Weltwirtschaft hat sich in den letzten fünf Jahr- zehnten grundlegend gewandelt. Der Anteil der Ent- wicklungsländer an den Weltexporten beträgt inzwi- schen etwa 25 Prozent. Vor allem die Schwellenländer Südost- und Ostasiens haben ihre Anteile stärker aus- weiten können. Ein eindeutiger Trend im Welthandel ist zugunsten von Fertigwaren und zuungunsten von Rohstoffen auszumachen. Der Anteil der Fertigwaren an den Weltexporten stieg von 25 Prozent (1950) auf 75 Prozent (2000). Der Handel mit Fertigwaren zeigt zudem einen eindeutigen Trend hin zu Produkten im Hochtechnologiebereich. Entwicklungsländer weisen insgesamt sogar einen besonders stark steigenden Wandel hin zu Fertigwarenexporten mit mittlerem und hohem Technologieniveau auf. Allerdings sieht die Situation sehr unterschiedlich nach Kontinenten aus. Die am wenigsten entwickelten Länder haben ihren Außenhandel kaum diversifiziert, sie exportie- ren weiterhin Rohstoffe. Dies gilt auch für die meisten afrikanischen Staaten. So beträgt der Anteil der Fertig- waren am Außenhandel Afrikas gerade drei Prozent. Eine Diversifizierung des Exports lässt sich meistens, nicht verzeichnen. Lediglich eine kleine Gruppe afri- kanischer Länder weist einen Anteil der Fertigwaren am Außenhandel von mehr als 15 Prozent auf: Dazu gehören Südafrika, Mauritius, Simbabwe, die Côte d’Ivoire und Kamerun. Nur wenigen Ländern ist es in den vergangenen Jahren gelungen, beständig mehr Fertigwaren zu ex- portieren. Diese Länder, zum Beispiel Mauritius, sind in Wertschöpfungsketten eingebunden und haben steigende Anteile von ausländischen Direktinvesti- tionen (ADI) zu verzeichnen. Lediglich ein Land hat sich grundlegend umstrukturiert: Südafrikas Export- basis hat sich von landwirtschaftlichen Produkten und Rohstoffen aus verbreitert – inzwischen gibt es einige Hochtechnologiebereiche wie Medizintechno- logie, Informations- und Kommunikationstechnologie mit allerdings bislang kleinen Marktanteilen. Auslän- disches Kapital ist in die verarbeitende Industrie ge- flossen (einschließlich der Weinindustrie). In zahl- reichen Ländern des SSA gibt es starke Zuwächse im Tourismus – z. B. in Südafrika, Botswana, Kenia, Kap- verden, Senegal, auf Mauritius und den Seychellen. Was die Anteile Afrikas am Weltrohstoffhandel be- trifft, hat das SSA starke Rückgänge – mit Ausnahme von Öl – zu verzeichnen. Mit der jetzigen Außenhan- delsstruktur gibt es für die afrikanischen Länder fast keine Möglichkeit, Wirtschaftswachstum zu erzielen. Investitionen in Afrika Die weltweiten Auslandsdirektinvestitionen (ADI) sind innerhalb der letzten dreißig Jahre stark ange-, stiegen. Der weitaus größte Anteil davon ging in die OECD-Länder (64 Prozent) und in einige wenige be- deutende Entwicklungs- und Schwellenländer (32 Prozent). Die Anteile Afrikas sind mit 3-5 Prozent wei- terhin sehr niedrig. Die Globalisierung hat Differenzierungsprozesse in der Weltwirtschaft weiter befördert. Durch die zuneh- mende Einbindung in den Weltmarkt differenzieren sich die außenwirtschaftlichen Strukturen. Die jewei- lige Außenhandelsorientierung hat unterschiedliche Wohlstands- und Verteilungseffekte zur Folge. Die afrikanischen Binnenstaaten sind kaum in den Globa- lisierungsprozess involviert: Aufgrund hoher Trans- portkosten haben sie es besonders schwer, auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähige Produkte anzubieten. Sie verbleiben dadurch in relativ geschützten Märk- ten, denn auch Importe sind teuer. Einige afrikanische Entwicklungsländer haben es allerdings geschafft, sich als Produzenten standardi- sierter Waren (Textilien, Bekleidung) zu etablieren – wie Mauritius oder Kapverden. Um die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, bzw. auszubauen, bedarf es neben hohen Investitionsquoten auch der Hebung technologischer Kompetenz und der Steige- rung der totalen Produktivität. Innovation und Netzwerke Die wachsende Urbanisierung in Afrika, die zu grö- ßeren Nachfragemärkten führt, kann einen Schub für die wirtschaftliche Entwicklung bedeuten, weil sich in den Städten Wachstumspole herausbilden, können. Die Entstehung von Clustern (Wirtschaftsun- ternehmen der gleichen oder ähnlichen Branche auf engem geografischen Raum mit intensiven wechsel- seitigen Beziehungen) ist ein Hinweis auf diese neue Dynamik. Hier besteht die Möglichkeit, schneller zu wachsen, produktiver und innovativer zu werden. Aufgrund von Fühlungsvorteilen (d. h. Nähe und Kenntnis der Märkte), geringen Transportkosten und niedrigen Preisen für die Produkte haben sich lokale Klein- und Mittelunternehmen (KMU) einen bedeu- tenden Marktanteil sichern können. In diesen Agglo- merationen können KMU leichter wachsen und ihre Produktionszahlen erhöhen (Economies of Scale). Mo- dernere Unternehmen mit höherem Innovationspoten- zial und höherer Produktivität haben besondere Ex- pansionsmöglichkeiten. Bislang weisen afrikanische Cluster jedoch viele Schwächen auf – nur in wenigen Ländern lassen sich erfolgreiche Cluster orten. Als entscheidende Probleme sind schwache Insti- tutionen, unzureichende Wirtschaftsförderung, un- gesicherte Eigentumsrechte, mangelnde technische Kompetenzen, ein niedriges Niveau technologischen Lernens und zu kleine Nachfragemärkte zu nennen. Häufig stehen auch mangelnde Kooperation mit an- deren Clustern oder mit Großunternehmen weiterem Wachstum entgegen: Bei den KMU in Clustern han- delt es sich zumeist um Familienbetriebe, die ihre eigene Familienklientel bedienen müssen und daher nicht den Akkumulationssprung schaffen. Trotzdem haben sich in einigen afrikanischen Clustern Kompe- tenzen und Wirtschaftskraft herausgebildet, bei denen es sich anzuknüpfen lohnt., Nigeria, das seit langem durch die Dominanz der Ölindustrie gekennzeichnet ist, erlebt seit Jahren ei- nen tiefgreifenden De-Industrialisierungsprozess. Den- noch hat sich in Anambra State im Südosten Nigerias ein weithin unbekanntes »Taiwan of Africa« heraus- gebildet. Es ist ein Cluster von modernen mittelgro- ßen Firmen, die für den einheimischen Markt und für den Export produzieren. Trotz der sehr schwieri- gen wirtschaftlichen und politischen Lage in Nigeria haben diese Unternehmen ein lokales Milieu geschaf- fen, das ihnen erlaubt, ihre Produktion auszudehnen, Beschäftigte einzustellen, lokale Zulieferer zu engagie- ren und ihr technologisches Niveau durch Ausbildung zu heben. Da viele Unternehmen aus Handelsfirmen hervorgegangen sind, gibt es eine sehr enge Beziehung zwischen Handel und produzierendem Gewerbe. In den vergangenen Jahren sind Clusterbildungen in Entwicklungsländern intensiv untersucht worden. Die wesentlichen Erkenntnisse dieser Studien sind: – Handwerkscluster sind wenig dynamisch und weisen keine Innovation auf. Hingegen haben jene Cluster Wachstum zu verzeichnen, die die Arbeits- teilung zwischen den Unternehmen vertieft haben und aufgrund höherer Produktivität in der Lage waren, international zu agieren. – Während in Lateinamerika und Asien in industri- ellen Clustern Mittel- und Großunternehmen ent- standen sind, ist dies in Afrika nicht der Fall. Hier fehlt die einflussreiche Steuerungsrolle von Groß- unternehmen für Informationen, Qualität, Liefer- pünktlichkeit usw., – Cluster von KMU bilden eine wichtige Basis für wirtschaftlichen Erfolg in der Frühphase eines dynamischen Unternehmensprozesses. Komple- mentäre Investitionen, gemeinsame Maßnahmen, Mobilisierung von Finanzen und Humankapital tragen ebenfalls zur Vertiefung der Kooperation bei, so dass sich die Unternehmen gegenseitig po- sitiv beeinflussen. Das Risiko vermindert sich und Kapitalakkumulation kann schrittweise erfolgen. Als ein Beispiel dieses Prozesses kann die taiwa- nesische Elektroindustrie angesehen werden. Aus kleinen Clustern gingen schließlich global players hervor. Solche Cluster existieren in Afrika bislang nicht. – Unternehmen in Clustern haben offenbar nur dann eine Chance zu wachsen, wenn sie einen großen Nachfragemarkt außerhalb des lokalen Marktes vorfinden. Die afrikanischen Cluster sind schon wegen der hohen Transportkosten kaum exportori- entiert. – Kollektive Effizienz lässt sich aber nur realisieren, wenn es ein effektives System von Sanktionen und Vertrauen gibt. Fehlen Vertrags- und Rechts- sicherheit, kann es keine vertiefte Arbeitsteilung und Spezialisierung geben. Prozesse dieser Art be- finden sich in Afrika am Anfang. – Vertikale Kooperation zwischen Unternehmen in der verarbeitenden Industrie und Unter-Auftrag- nehmern auf lokaler Ebene sind der Qualitätsver- besserung, Flexibilität und Schnelligkeit in der Produktion förderlich. Die horizontale Koopera- tion ist hingegen weniger bedeutend. Der Prozess, der Öffnung der KMU nach oben, also der Zugang zu externen Märkten, führt zu starker Differenzie- rung der KMU. In den meisten afrikanischen Clu- stern ist eine solche Differenzierung und Arbeits- teilung nicht erkennbar. Globale Netzwerkketten und Produktionsbeziehungen Bei Netzwerken ist zu unterscheiden, ob sie auf den nationalen Rahmen beschränkt sind oder ob sie inter- national verankert sind. Von internationalen Netwer- ken (global commodity chains (GCC)) existieren zwei Hauptformen, zum einen »buyers driven GCC«, zum anderen »producer driven GCC«. Besonders weit verbreitet sind Wertschöpfungs- ketten in der Textilindustrie, die von den Kaufhaus- ketten in Japan, Nordamerika und Europa dominiert werden (buyers driven GCC). In der Automobilindu- strie setzen die großen Automobilproduzenten die Standards in den »producer driven« GCC. Über diese Ketten findet ein Upgrading von Unternehmen in den Entwicklungsländern statt. Die Zuliefererfirmen sind Satelliten einer Kernfirma, die die Netzwerke prägt. GCC treten in entwickelten Nationen in der Form von extensivem Sub-Contracting und Anbieter-Käufer- Arrangements auf, wobei die große »Mutterfirma« diese Beziehungen führt und entsprechende Unter- aufträge an Firmen in der näheren Umgebung vergibt. Diese Beziehungen sind nur in wenigen Ländern Afri- kas entwickelt, insbesondere da, wo größere Firmen agieren. Globale Netzwerkketten übernehmen in der Globalisierung zunehmend klassische Regierungs-Auf-, gaben wie das Festsetzen von Technologie-, Umwelt- und Arbeitsstandards. Ein Beispiel für die Veränderungen in »producer driven« GCC ist die südafrikanische Automobil- und Zuliefererindustrie. Sie befindet sich aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Öffnung seit 1992 und der WTO-Beschlüsse in einem starken Wandel. Dieser Wandel ist zudem durch ein verändertes stra- tegisches Handeln der großen Automobilproduzen- ten geprägt. Bis 1989 waren die südafrikanische Auto- mobilindustrie und die Zuliefererbetriebe durch Zölle und »local content« Regelungen stark geschützt. Die Umstrukturierung durch die Liberalisierung Südafri- kas seit 1992 wurde durch die transnationalen Kon- zerne sehr stark vorangebracht. Als Konsequenz des nunmehr weltweiten Einkaufs (global sourcing) trat eine Erosion der Eigentumsverhältnisse bei den Zulie- fererfirmen ein. Aus lokalen Unternehmen mit loka- ler Technologie wurden lokale Zulieferer mit auslän- discher Technologie und schließlich »Joint Ventures« und vollständig von ausländischen Unternehmen auf- gekaufte Zulieferer. In der Wertschöpfungskette passen sich die lokalen Klein- und Mittelunternehmen an die Erfordernisse der globalen Vermarktung durch eine geringere Anzahl transnationaler Automobilunter- nehmen an. Lokale Zulieferer sind aufgrund des stei- genden Wettbewerbs in ihren Handlungsspielräumen eingeschränkt, dennoch haben es zahlreiche Zuliefe- rer geschafft, neue eigene Produkte auf die Märkte zu bringen und sich neue Abnehmer zu suchen. Ein interessantes Beispiel ist auch die Entwicklung der Textilindustrie auf Mauritius, seitdem dort eine, Exportproduktionszone etabliert wurde. Vor allem asiatische Textilunternehmen sind hier tätig, die von Mauritius aus den Weltmarkt beliefern und so zum wirtschaftlichen Durchbruch des Landes beigetragen haben. In die GCC der Textilindustrie Mauritius sind allerdings kaum Kleinunternehmen eingebunden. Nur wenige weitere afrikanische Nationen weisen eine ähn- lich erfolgreiche Einbindung in Wertschöpfungsketten wie Mauritius oder Kenia (Gartenbauprodukte) auf. Mikro- und Kleinunternehmen des informellen Sektors Afrika befindet sich seit der Unabhängigkeit in einem Transformationsprozess, der durch die sehr stark an- gewachsene Urbanisierung und Zunahme von Infor- malität gekennzeichnet ist. Der ländliche Raum ist de-agrarisiert, die Produktivität ist niedrig, und die Überlebenschancen sind vielfach äußerst gering. Der informelle Sektor ist zur dominierenden Ökonomie Afrikas geworden. Drei Arten von Informalität lassen sich unterscheiden: – Im Überlebenssektor (ÜS) ist die Mehrheit der afri- kanischen Menschen tätig. Der ÜS absorbiert die überschüssige Arbeitskraft. Die Produktivität ist sehr niedrig. Kapital wird nicht akkumuliert. Die meisten Menschen versuchen durch Risikostrate- gien ihr Überleben zu sichern. – Der peri-urbane Sektor ist ein Mischsektor in den Vorstädten, wo landwirtschaftliche Subsistenzpro- duktion und informelle Aktivitäten parallel statt- finden., – Der informelle Sektor im engeren Sinne (IS) zeich- net sich durch niedrige Kapitalintensität aus. Das Faktorausstattungsverhältnis zeigt die Dominanz arbeitsintensiver und sachkapitalsparender Pro- duktionsverfahren. KMU beschäftigen meistens Familienangehörige bzw. schlecht bezahlte Arbei- ter. Der IS differenziert sich u. a. durch die Liberalisierung und Deregulierung der Märkte. Ein kleiner moder- ner Sektor beginnt sich im produktiven Bereich und im Dienstleistungssektor herauszubilden. Einige KMU sind innovativ, sie wenden moderne Technologien an, und sie befriedigen die steigende Nachfrage in städ- tischen Agglomerationen. Aufgrund von Fühlungs- vorteilen und kostengünstiger Produktion können sie sich bislang gegen ausländische Importe behaupten. Die innovativen KMU decken ein steigendes Marktseg- ment ab, aber weniger als 5 Prozent der KMU sind in der Lage zu wachsen. Nichtproduktive Betriebe des IS verbleiben als Übergangssektor zum Überlebenssektor. Die Grenzen der Entwicklung des IS werden durch fol- gende Aspekte deutlich: Die Zuwanderung von ländli- chen Migranten hat eine beständige Vergrößerung der Zahl der anbietenden Unternehmen zur Folge. Die Marktform ist poly-polistisch. In einigen Regionen gibt es jedoch Unternehmensassoziationen, die die Quali- tätsstandards der Produkte festzulegen, manchmal die Preise zu heben und beruflichen Kompetenzniveaus zu regulieren versuchen. Nur wenige Unternehmen sind innovativ. Das Kompetenzniveau zeichnet sich mei- stens durch low-skill Kompetenzen aus. Die Produkti-, vität ist sehr niedrig. Die meisten Unternehmer grün- den ihre Firmen ohne gute Management-Kenntnisse und Organisationsfähigkeit. Die Informationsdiffusion ist räumlich eng. Die meisten Firmen legen ein krea- tives Imitations- und Kopierverhalten an den Tag. In- formelles Lernen ist die Regel, bewegt sich aber meist ebenfalls auf dem Niveau von »Learning by doing«. Als problematisch für die Entwicklung haben sich folgen- de Faktoren erwiesen: – Vertrauensbeziehungen zu Kunden und innerhalb von Familienbetrieben haben ein niedriges Niveau. Es handelt sich bei diesen Vertrauensbeziehungen um Flohmarkt-Verhalten. – Die Einhaltung von Verträgen mit Familienange- hörigen wird als schwierig angesehen. Sie werden ungern beliefert. – Die »extended family« wird als eine Art Wohlfahrt- seinrichtung angesehen. Diese garantiert Unter- stützung und in Risikosituationen auch ein Mini- mum an Sicherheit, aber fordert auch reziproke Umverteilung ein, wenn Familienmitglieder Wohl- stand erworben haben. – Zudem gibt es mangelnde Rechts- und Vertragssi- cherheit. – Der Zugang zu Krediten ist erschwert. Kredite sind teuer, da Sicherheiten fehlen. Es gibt außerdem eine mangelnde Transparenz bei der Produktquali- tät. – Die soziale Einbettung in Familien- und Clanstruk- turen, bzw. in lokale Netzwerke kann problema- tisch sein., Am besten wird in dem folgenden Zitat eines afrikani- schen Unternehmers deutlich, was im afrikanischen Kontext konkret unter Sozialkapital verstanden wird: »Das unternehmerische Ziel eines jeden privat- wirtschaftlich geführten Unternehmens, nämlich Gewinn zu machen, stößt sich an den afrikanischen Familientraditionen, die ihren Tribut fordern. Unter- nehmerischer Erfolg wird nur dann akzeptiert, wenn die Früchte weitgehend mit der Großfamilie geteilt werden, was Wachstum nicht zulässt und Gewinn- maximierung behindert. Familiendruck spielt eben- falls eine große Rolle, wenn es um die Auswahl von Mitarbeitern geht. Auch meinen viele Afrikaner noch heute, dass Zeit kein knappes Gut ist. Der Unterneh- mer, der moderne Methoden der Zeitplanung durch- setzen will, hat deshalb große Schwierigkeiten zu überwinden. Nicht zuletzt sind afrikanische Unter- nehmer vielfach stärker als größere ausländische Un- ternehmen dem Druck ihrer Regierungen ausgesetzt, die vielfach direkte und indirekte Sonderabgaben for- dern« (nach Kappel, Dornberger u. a.). Ergebnisse Die afrikanischen Kleinstunternehmen im informellen Sektor sind international nicht wettbewerbsfähig, weil sie vor allem durch lokalisierte Netzwerke geprägt sind, die eine Akkumulation nicht erlauben. Es han- delt sich vor allem um Überlebensunternehmen. Ihre Innovationsfähigkeit ist gering. Vertrauen tritt in Form von Familienbeziehungen, »Kin-ship Groups« oder traditionalen Sozialgruppen (ethnische Gruppen und, Dorfassoziationen) auf – es ist lokaler Natur. Nationa- le Vertrauensbeziehungen sind schwach ausgeprägt und hängen mit mangelnder Rechtssicherheit und un- zureichenden Eigentums- und Verfügungsrechten zu- sammen. Informelles Lernen ist weitverbreitet. Eine Einbindung in externe Märkte existiert nicht. Nur wenige Unternehmen sind in der Lage zu wach- sen und sich auch Märkte außerhalb der lokalen Ge- meinde zu erschließen. Die Unternehmen, die erfolg- reich sind, haben Vertrauensbeziehungen nach außen aufbauen können, ohne die lokale Vernetzung aufzu- geben. Diese doppelte Strategie hat aber ihre Grenzen – denn mangelndes Makro-Vertrauen, große Korrupti- on, unzureichende Rechts- und Vertragssicherheit li- mitiert nach außen gerichtete expansive Firmenstrate- gien. KMU außerhalb des Überlebenssektors sind eine kleine aber entscheidende Gruppe für wirtschaftli- ches Wachstum. Sie entwickeln eine Akkumulations- dynamik und sind meistens in industriellen Clustern aktiv. Die vorliegenden Studien zu industriellen Clu- stern sehen vor allem in der Arbeitsteilung innerhalb des Clusters die Basis für wirtschaftlichen Erfolg. Up- grading-Prozesse kommen vor allem durch sich mo- dernisierende KMU und innovative lokale Institutio- nen zustande. Staatliche und nicht-staatliche Einrichtungen – vor allem auch Organisationen der Entwicklungszu- sammenarbeit – richten ihr besonderes Augenmerk auf KMU-Förderung, um zum Upgrading der KMU und ihrer Wettbewerbsfähigkeit beizutragen. Inzwi- schen sind zahlreiche Selbsthilfeorganisationen in, Form von Business Associations, Kammern und Pro- duktionskonsortien aktiv, deren Ziele es sind, Koope- ration zwischen Firmen zu stimulieren und Informati- onsflüsse zu verbessern, um so Transaktionskosten zu senken und zum internationalen Niveau aufzuschlie- ßen. Zum Instrumentarium der KMU-Förderung ge- hören Training der Unternehmer, Aufbau von Bera- tungsdiensten, Berufsbildung, Existenzgründungen, Förderung von Forschung und Entwicklung. Durch staatliches und nicht-staatliches Agieren soll Wissen- stransfer, Technologieentwicklung, Upgrading gesi- chert werden. Als Basis für wirtschaftliche Dynamik werden lokale Innovation, lokales Lernen und lokale Netzwerke angesehen. Der Impuls sollte von innen kommen. Bis vor einigen Jahren wurde die Lokalisie- rung als Garant für den wirtschaftlichen Erfolg von KMU angesehen. Tatsächlich haben KMU aus solchen Clustern technologische Fähigkeiten und Manage- mentkompetenzen erworben, um in der Produktion von Massenkonsumgütern erfolgreich zu sein. Aller- dings gibt es oft Netzwerkversagen, bzw. Versagen von industriellen Clustern. Meistens gibt es eine ein- gebaute Instabilität. Diese kommt durch das Patrona- gesystem, Mangel an Vertrauen und Handelsabschot- tung (mit einer Wahrnehmung der Märkte als lokale und statische Märkte durch die KMU) zustande. Die Globalisierung mit ihren veränderten Anforde- rungen und steigendem Wettbewerbsdruck zwingt den KMU neue Handlungsstrategien auf. KMU werden zu- künftig dynamisch und innovativ agieren müssen, um international und national aktionsfähig zu blei- ben. Dies zeigen exemplarisch KMU in globalen Wert-, schöpfungsketten. Der Erfolg von Export-Clustern beruht darauf, dass eine Integration in globale Wert- schöpfungsketten erfolgt. Upgrading in GCC ist wich- tig, weil der Marktzugang über global players leichter ist. Sie nehmen die Integration und Koordinierung vor (z. B. afrikanische Blumen für britische Supermärkte). KMU müssen sich auf einen schnellen Lernprozess einlassen, da die Kernunternehmen meist kontinuier- lich die Kosten reduzieren und die Qualität verbes- sern möchten. Die Verteilung der Nutzen kann ungleich sein, da die Forschung und Entwicklung, das Design, das Schaffen von »brand names« und die Vermarktung durch das Kernunternehmen erfolgt. KMU haben nur geringe Möglichkeiten bei der Ausgestaltung der GCC. Da GCC mit Veränderungen im Technologiesystem verknüpft sind, stellen sie oft die Basis für ein natio- nales oder regionales Innovationssystem dar, das den Zugang zu den Weltmärkten ermöglichen kann. Schlussbetrachtungen: Afrikanische Innovationsfähigkeit Insgesamt gilt, dass Unternehmen und Sektoren nur dann international wettbewerbsfähig sind, wenn sie Netzwerke bilden. Der Aufbau von Netzwerken auf dem Binnenmarkt ist eine wesentliche Voraussetzung, reicht aber bei weitem nicht aus. Afrikanische KMU müssen darauf abzielen, sich in GCC einzuklinken. Afrikanische Unternehmen, die international beste- hen wollen, müssen letztlich Kosten- und Leistungs- führerschaft übernehmen können., Von besonderer Bedeutung ist die Innovationsfähig- keit der Unternehmen. Diese hängt von Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie von den Dienst- leistungen im jeweiligen Sektor und den damit ver- bundenen Sektoren ab (Input-Output-Beziehungen). In sehr vielen Analysen zu KMU in Afrika spielt das Forschungsumfeld von Universitäten und Forschungs- einrichtungen überraschender Weise keine Rolle. Die Erfolge der KMU aus Industrieländern zeigen jedoch, das Forschung und Entwicklung und ein innovatives, anwendungsorientiertes Forschungsumfeld wesentli- che Impulse zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit geben. Nicht zuletzt auch die Spin-Offs aus Univer- sitäten, Fachhochschulen und Forschungseinrichtun- gen haben ein innovatives Milieu entstehen lassen, in dem immer mehr erfolgreiche Unternehmen entste- hen. Solche Strukturen sind in Afrika mit Ausnahme von Südafrika nicht vorhanden. Gerade aber Südafri- ka zeigt, welche Rolle Universitäten und Forschungs- einrichtungen für ein regionales Innovationssystem spielen können. Die Ausführungen zu den grundlegenden Wand- lungsprozessen in der Weltwirtschaft zeigen, dass afri- kanische Unternehmer weniger denn je auf geschützte lokale Märkte bauen können. Der Wettbewerbsdruck erreicht auch die Kleinstunternehmen, die die lokalen Märkte bedienen: Mit der weiteren Liberalisierung der Märkte und dem Abbau von Präferenzen für afrikani- sche Exportprodukte werden steigende Einfuhren von Fertigwaren, Nahrungsmitteln und Vorprodukten den Wettbewerbsdruck auf afrikanische Unternehmen er- höhen., Entscheidend für einen langfristigen Durchbruch afrikanischer Unternehmen auf den Weltmärkten wird daher sein, die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Dies kann nur gelingen, wenn weitaus mehr Wert auf Tech- nologie, Kompetenz und Innovation gelegt wird als bisher. Die Offenheit der Märkte (niedrige Zölle auf Importe und Abschaffung der Exportbesteuerung) schafft bessere Voraussetzungen. Die Etablierung von modernem Sozialkapital bzw. die Ablösung traditio- neller Solidarität durch Marktrationalität wird Afrika die nötigen Impulse für die Entwicklung eines welt- weit agierenden innovativen Unternehmertums geben können. Daher kann es in der Kooperation mit Afrika nicht mehr darum gehen, nur noch eine Strategie der Konzentration auf die Ausweitung der traditionellen Exporte zu verfolgen, sondern darum, dass Afrika als Nachzügler Nischen findet, die Ausgangspunkt für eine Stärkung nationaler und regionaler Wirtschafts- standorte sein können. Die Globalisierung verlangt tiefgreifende Wandlun- gen von den Ländern des SSA, wenn ihre Unterneh- men wettbewerbsfähig werden sollen. Die Herausfor- derungen nehmen durch die Liberalisierung, durch die Öffnung der OECD-Märkte und durch die Sen- kung der Transport- und Transaktionskosten eher zu als ab. Es besteht sogar die Gefahr, dass Afrika auf- grund seiner einseitigen Handelsstrukturen im Globa- lisierungsprozess noch weiter abgehängt wird.,

Anmerkungen I.2 Folgenschwere Konstrukte (Kodjo Attikpoe)

1 Zitiert nach Basil Davidson: Afrika. Mythos, Ge- schichte und Gegenwart des Schwarzen Konti- nents. Manuskript zur Sendereihe des Bayeri- schen Rundfunks. Deutsche Bearbeitung Reiner E.

Moritz. München 1987, S. 3.

2 Ebd. S. 2f. 3 L. Lévy-Bruhl: Die geistige Welt der Primitiven.

Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

1959, S. 11f. 4 Immanuel Kant: Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und des Erhabenen. Frankfurt/Main:

Hain 1993, S. 70 f.

5 Joseph Conrad: Herz der Finsternis. Erzählung.

Aus dem Englischen. Frankfurt/Main: Fischer Verlag 1968, S. 71.

6 Ebd., S. 118. 7 Montesquieu: Vom Geist der Gesetze. Übersetzt und herausgegeben von Ernst Forsthoff. 1. Band.

Tübingen: Mohr 1992, S. 334.

8 Siehe FAZ 10. September 1994, S. 5. 9 Wole Soyinka: Diese Vergangenheit muss sich ihrer

Gegenwart stellen. Eine Rede. Zürich Ammann Verlag 1988. S. 32f.

10 Antoine Glaser/ Stephen Smith: L’Afrique sans Af- ricains. Le rêve blanc du continent noir. Paris: Edi- tions Stock 1994, S. 18. 11 Die afrikanische Geschichte beginnt mit dem anti-, ken Ägypten. In seinem Lebenswerk belegt Cheikh Anta Diop, dass die menschliche Zivilisation bei den Schwarzafrikanern in Alt-Ägypten entstan- den ist. Siehe z. B. Cheikh Anta Diop: Nations Nègres et Culture. De l’Antiquité Nègre – Egyp- tienne aux problèmes culturels de l’Afrique Noire d’aujourdhui. Paris: Librairie Présence africaine 1955. Siehe auch: Leonhard Harding & Brigitte Reinwald (Hg.): Afrika – Mutter und Modell der europäischen Zivilisation? Die Rehabilitierung des schwarzen Kontinents durch Cheikh Anta Diop. Berlin: Reimer-Verlag 1990. 12 Basil Davidson nennt das Beispiel der Ruinen von Bauten in Alt-Simbabwe, die Europäer in Zusam- menhang mit König Salomon brachten: Siehe Basil Davidson: Alt-Afrika wiederentdeckt. Aus dem Englischen. Berlin: Akademie-Verlag 1962. Hierzu siehe 241-248. 13 Vgl. Kodjo Attikpoe: »Afrikanität im globalen Zeit- alter«. In: Internationales Afrikaforum 4, 2002, S. 355-362. 14 Herz der Finsternis, a.a.O., S. 62. 15 Ebd. S 23. 16 Ebd. S. 63. 17 Chinua Achebe: Ein Bild von Afrika: Essays. Aus dem Englischen. 2. erweiterte Auflage. Berlin: Alexander Verlag 2002, S. 25f. 18 Fremde Welten. Kinder- und Jugendbücher zu den Themen Afrika, Asien, Lateinamerika, ethnische Minderheiten und Rassismus, empfohlen von den Lesegruppen des Kinderbuchfonds Baobab, Erklä- rung von Bern. 2000-2001, S. 3f., 19 Bart Moeyaert: Afrika hinter dem Zaun. Aus dem

Flämischen. Ravensburg: Ravensburger Verlag 1995.

20 Siehe Kinder zwischen den Welten. Interkultura- lität in Kinder- und Jugendbüchern. Hrsg. von der

Internationalen Jugendbibliothek. München 2002. Hierzu S. 28.

21 Siehe Chima Oji: Unter die Deutschen gefallen. Er- fahrungen eines Afrikaners. Wuppertal: Hammer-

Verlag 1992 / Hans J. Massaquoi: Neger, Neger, Schornsteinfeger! Meine Kindheit in Deutschland. Aus dem amerikanischen. 5. Aufl., Bern [u. a.]: Fretz & Wasmuth 1999.

22 Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde. Aus dem Französischen. Frankfurt/M: Suhrkamp 1966.

S. 239f.

23 Wole Soyinka: Die Last des Erinnerns: Was Europa

Afrika schuldet – und was Afrika sich selbst schul-

det. Aus dem Englischen. Düsseldorf: Patmos-

Verlag 2001, S. 52.

24 János Riesz: Die »unterbrochene Lektion« Deutsche

Schwierigkeiten im Umgang mit afrikanischer Li-

teratur. In: Susan Arndt (Hg.) Afrika-Bilder. Studi- en zu Rassismus in Deutschland. Münster: Unrast-

Verlag 2001. S. 319.

25 Chinua Achebe, S. 177f.

I.3 Für‘s Vaterland nach Afrika (Katja Böhler)

1 Die Klagen gegen die Terex-Corporation und gegen die BRD wurden zwischenzeitlich zurückgenom- men, die Klagen gegen die Woermann-Linie und, die Deutsche Bank wurden als unzulässig zurück- gewiesen. Sie sind jetzt am Bundesgericht in New

York anhängig (mdl. Auskunft der Anwälte Philip Musolino am 11.9.2003 gegenüber der Autorin).

2 Außenminister Fischer in Durban, Rede bei der

Weltkonferenz gegen Rassismus, Rassendiskrimi-

nierung, Fremdenfeindlichkeit und damit zusam- menhängende Intoleranz in Durban, 01. Septem- ber 2001. 3 Nach Auskunft des Auswärtigen Amtes erhielt Na- mibia seit 1990 von deutscher Seite Unterstützung in Höhe von 500 Mio. Euro. 4 Vgl. H. Wesseling (Anm. 2), S. 101, 103. 5 Vgl. die Schriften des evangelischen Pfarrers und

Leiters der Rheinischen Mission, Friedrich Fabri: Bedarf Deutschland der Kolonien? Eine poli-

tisch-ökonomische Betrachtung. Gotha, Friedrich

Perthes, 1879.

6 Horst Gründer, Geschichte der deutschen Koloni- en, Paderborn, 1985, S. 36; vgl. auch Fritz Fischer,

Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von

1911-1914, Düsseldorf 1985, S. 68 ff. 7 Wilhelm Hübbe-Schleiden, Deutsche Kolonisation, 1881, in: H. Wesseling (Anm. 2) S. 104. 8 H. Gründer (Anm. 5), S. 42. 9 Lothar Gall, Bismarck: Der weiße Revolutionär,

Frankfurt a.M. 1993, S. 35.

10 Heinrich von Poschinger (Hrsg.), Bismarck und die

Parlamentarier, Bd. III, Breslau, 1896, S. 54.

11 Pascal Grosse, Pascal: Kolonialismus, Eugenik und bürgerliche Gesellschaft in Deutschland 1850- 1918, Frankfurt a. M. 2000, S. 23, vgl. auch Jürgen, Osterhammel: Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen, München 1995, S. 39 ff. 12 Horst Drechsler, Südwestafrika unter deutscher Kolonialherrschaft, Berlin 1985, S. 34. 13 Die Unterstützung einzelner rivalisierender Volker – vor allem mit Waffen – trug dazu bei, dass die Zersplitterung der verschiedenen Volksgruppen gefördert wurde und somit die Rheinische Missi- on ihren Einfluss stärken konnte. Die sich heraus- bildenden Zentren systematischer Aktivitäten von Händlern sind maßgeblich in Zusammenarbeit und unter Ausnutzung der von den Missionaren geschaffenen Strukturen entstanden; vgl. Henning Melber, Das doppelte Vermächtnis der Geschich- te: Nationwerdung, Kolonialisierungsprozess und deutsche Fremdherrschaft in Namibia (ca. 1800 bis 1914). Bremen, 1982, S. 62 ff. 14 In einem Brief von Lüderitz an den vertragsschlie- ßenden Vogelsang hieß es: »Lassen Sie Joseph Fre- dericks aber vorläufig in dem Glauben, dass es 20 englische Meilen sind«, zitiert in: H. Drechsler (Anm. 12), S. 35. 15 Jörg Schildknecht, Bismarck, Südwestafrika und die Kongokonferenz, Hamburg 1999, S. 19. 16 H. Melber (Anm. 13), S. 67. 17 Sibylle Benninghoff-Lühl: Deutsche Kolonialro- mane 1884-1914 in ihrem Entstehungs- und Wir- kungszusammenhang, Bremen 1983. S. 16. 18 S. Benninghoff-Lühl (Anm. 17), S. 22. 19 Bernhard Dernburg wurde 1906 von Kaiser Wil- helm II. zum Staatssekretär des Reichs-Kolonial- amtes ernannt., 20 Bernhard Dernburg: Koloniale Reden, in: S. Ben- ninghoff-Lühl (Anm. 17), S. 32. 21 J. Schildknecht (Anm. 16.), S. 254. 22 Er besiegte z. B. den Namaführer, Hendrik Witbooi militärisch und bewegte ihn zum Abschluss eines

Schutzvertrages mit der deutschen Verwaltung.

23 Walter Nuhn: Sturm über Südwest, Koblenz 1989,

S. 42.

24 G. Horst (Anm. 5), S. 118. 25 W. Nuhn (Anm. 23), S. 41. 26 Brigitte Lau, Ungewisse Gewissheiten. Der Herero-

Deutsche Krieg von 1904, S. 19, in: Wilhelm Stef-

fan (Hrsg.), Zwischen Waterberg und Sandfeld –

Die Verantwortlichen am Schicksal der Herero, in: Befunde und Berichte zur Deutschen Kolonialge-

schichte, 1 (2001), S. 19. 27 Vgl. B. Lau (Anm. 26), S. 47 m.w.N., Gert Sudholt,

Die Eingeborenenpolitik in Südwestafrika: Von

den Anfängen 1904, Hildesheim, 1975, S. 185. 28 Generalstabswerk I, S. 211, in J. Schildknecht (Anm. 16), S. 257. 29 B. Lau in Schildknecht (Anm. 16), S. 257. 30 B. Lau (Anm. 26), S. 17. 31 Vgl. H. Drechsler, der zwar angibt, dass es genaue

Bevölkerungszahlen für das Hereroland nicht gebe,

dass jedoch die meisten Kenner von 80.000 Here- ros ausgingen (Anm. 12), S. 23 mit weiteren Nach- weisen. Zuletzt jedoch wieder Afrika Süd, Mai /

Juni 2003, S. 4.

32 Maria Fisch, Zum »Genozid« an den Herero, in:

Wilhelm Steffan (Hrsg.), Zwischen Waterberg und Sandfeld. Die Verantwortlichen am Schicksal der

,

Herero, in: Befunde und Berichte zur Deutschen Kolonialgeschichte, 1 (2001), S. 39.

33 B. Lau geht von ca. 30.000 Überlebenden aus (Anm. 26), S. 16. Nuhn hingegen behauptet, nur ca. 16.000-17.000 auch Verfolgung und Gefangen- schaft überlebt hätten: Nuhn, Walter: Sturm über

Südwest, S. 315.

34 W. Nuhn (Anm. 23), S. 282). 35 Leutwein löste am 05.04.1894 Curt von Francois ab mit dem Auftrag, Witbooi militärisch zu besie- gen. 36 Vgl. J. Schildknecht (Anm. 16), S. 263. 37 Karla Poewe, The Namibian Herero. A story of their psycho-social disintegration and survival, in:

B. Lau (Anm. 26), S. 17.

38 RKA Nr. 2089, Bl. 5/6, Trotha an den Chef des Ge- neralstabes der Armee, 4. Oktober 1904, in: H.

Drechsler (Anm. 12), S. 189 f.

39 B. Lau (Anm. 26), S. 17.

II.1 Vergessene Glanzzeiten (Walter Sauer)

1 Bartholomäus Grill, Unten, weit, in Afrika, in:

SAGE & SCHREIBE 8 (1996) S. 10 f. (hier: S. 11).

2 Walter Sauer, Rassen, Stämme, Steinzeitmenschen.

Anmerkungen zum Afrika-Bild der Schulbü-

cher für Geschichte und Sozialkunde, in: Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Universi- tät Wien (Hrsg.), Wiener Wege zur Sozialgeschich- te. Themen – Perspektiven – Vermittlungen. Wien 1997. S 423-440., 3 So der Geograph al-Bakri 1067/68, zit. n. John

Iliffe, Geschichte Afrikas. München 1997. S. 72.

4 Urs Bitterli, Die »Wilden« und die »Zivilisierten«.

Grundzüge einer Geistes- und Kulturgeschichte

der europäisch-überseeischen Begegnung. Mün- chen 1991. S. 46 f. 5 Als gut lesbare Einführung in den »scramble« siehe Thomas Pakenham, Der kauernde Löwe. Die

Kolonisierung Afrikas 1876-1912. Düsseldorf u. a.

1993. 6 Zit. nach Peter Martin, Schwarze Teufel, edle

Mohren (Hamburg 1993) 9; hier auch ausführlich

zur Philosophie der »Great Chain of Being« und der Einordnung Afrikas in dieselbe. S. 195 ff. 7 Wulf D. Hund, Die Farbe der Schwarzen. Über die

Konstruktion von Menschenrassen, in: Blätter für

deutsche und internationale Politik 38/8 (1993). S. 1005-1014. 8 Diedrich Westermann, Geschichte Afrikas. Staa- tenbildung südlich der Sahara. Köln 1952. S. 30. 9 Zusammenfassend siehe Peter S. Garlake, Simbab- we. Goldland der Bibel oder Symbol afrikanischer

Freiheit? Bergisch-Gladbach 1975.

10 Oskar Lenz, Ophir und die Ruinen von Zimbabye in Südostafrika. Prag 1896. S. 9-12 (gekürzt).

II.3 Die Jahrhunderte des Sklavenhandels (Andreas Eckert) Literaturauswahl Graham Connah, African Civilizations. An Archaeo-

logical Perspective. Cambridge 2001., Frederick Cooper, Decolonization and African Society. Cambridge 1996. Albert Wirz, Sklaverei und kapitalistisches Weltsy- stem. Frankfurt a.M. 1984. III.l Frauen, Männer, Kinder (Rita Schäfer) 1 Jane Guyer, Household and Community in African Studies, in: African Studies Review, vol. 24 (1981), S. 87-138. Megan Vaughan, Which family? Prob- lems in the reconstruction of the family as an eco- nomic and cultural unit, in: Journal of African His- tory, vol. 24, no. 2, (1983), S. 275-284. 2 Terri S. Barnes / Everjoyce Win, To live a better life, An oral history of women in the city of Harare, 1930-1970, Baobab Books, Harare 1992, S. 98ff. Vgl. Elizabeth Schmidt, Peasants, traders and wives: Shona women in the history of Zimbabwe, 1870-1939, Heinemann, Portmouth 1992. 3 Gabriele S. Zdunnek, Marktfrauen in Nigeria, Öko- nomie und Politik der Yoruba-Händlerinnen, Ver- öffentlichungen des Instituts für Afrika-Kunde, Hamburg, 1987. Garcia Clark, Onions are my hus- band, Survival and accomodation by West African market women, University of Chicago Press, Chi- cago 1994. Gudrun Lachenmann, Frauen als ge- sellschaftliche Kraft im sozialen Wandel in Afrika, in: Peripherie, Nr. 47/48, 1992, S. 74-93. 4 S. hierzu ihren Roman: Aidoo, Ama Ata, Die Zweit- frau, Lamuv, Göttingen 1998. Vgl. David Parkin / David Nyamwaya (eds.), Transformations of Afri-, can marriages, Manchester University Press, Man- chester 1997. 5 Interview der Autorin mit Sydney und Johanna Molepo im Feburar 2001, Rampheri Village, Lim- popo-Province, Südafrika. Zum Brautpreis s. auch Gisela Geisler, Der Preis der Frauen, Wirtschaft- sethnologische Untersuchungen zum Brautpreis in Afrika, Hohenschäftlarn 1985. Zur Problematik der Brautpreiszahlungen s. auch den Roman der nigerianischen Schriftstellerin Buchi Emecheta, Zwanzig Säcke Muschelgeld, Unionsverlag, Zürich 1991. 6 Interview der Autorin mit Celiwe Cewu im Dezem- ber 2000 in Grahamstown, Südafrika. 7 Robert Morrell (ed.), Changing men in Southern Africa, Zed Books, London 2001. Vgl.: Fallbeispie- le aus Tansania: Magdalena Rwebangira / Rita Lil- jeström (eds.), Haraka, Haraka … Look before you leap – Youth at the crossroads of modernity, Pub- lications of the Nordic Africa Institute, Uppsala 1998. 8 Zu den Problemen polygamer Ehen aus der Sicht afrikanischer Schriftstellerinnen s. Flora Nwapa, Efuru, Göttingen, 1997 und Mariama Bâ, Ein so langer Brief, ein afrikanisches Frauenschicksal, Ullstein, Frankfurt a. M. 1985. 9 S. B. A. Rwezaura, Changing Community obliga- tions to the elderly in contemporary Africa, in: John Eekelaar / David Pearl (eds.), An aging world, Dilemmas and challenges for law and social policy, Claredon Press, Oxford, 1989, S. 113-131. 10 S. Rita Schäfer, Gender und ländliche Entwick-, lung in Afrika, eine kommentierte Bibliographie,

Lit-Verlag, Münster/Hamburg 2003.

11 S. Rita Schäfer, Frauenorganisationen und Ent- wicklungszusammenarbeit, Traditionelle und mo- derne afrikanische Frauenzusammenschlüsse im interethnischen Vergleich, Centaurus-Verlag, Pfaf- fenweiler 1995.

III.4 Leben in der Wüste (Regula Renschier)

1 Joseph Ki-Zerbo, Die Geschichte Schwarz-Afrikas,

Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1979, S. 137.

2 Leo Africanus, Description de l’Afrique, Edition

Epaulard, Paris 1956.

3 Vgl. Heinrich Barth, Die große Reise, Horst Erd- mann Verlag für internationalen Kulturaustausch,

Tübingen und Basel 1977. IV.l Mehr als der Zauber der Trommeln (Wolfgang Hamm)

1 »Die Kora spricht – Afrikanische Griots und ihr kö- nigliches Instrument«. (Buch und Regie: Wolfgang

Hamm und Wilfried Kaute – ZDF / arte 1994).

2 Empfehlenswerte Aufnahmen zum Thema Griots und Kora: – Jali Musa Jawara: Soubindoor (CD World Circuit

WCD 008).

– Jali Kunda – Die Griots Westafrikas und der übri- gen Welt (Buch & CD ellipsis arts ELLI5045 2). – Toumani Diabate: Kaira (CD Hannibal Records

HNCD 1338).

, 3 Empfehlenswerte Aufnahmen zum Thema Mbira- Musik: – Traditional Mbira Musicians / Kevin Volans En- semble: Mbira. – (CD WorldNetwork / Vertrieb 2001, Best.Nr. 52.990). 4 Hervorragende Editionen über Afrikanische Musik und Instrumente: – Musik in Afrika (Hrsg. Artur Simon) – 20 Beiträ- ge + 2 Musikkassetten (1983 Staatl. Museen Preu- ßischer Kulturbesitz, Museum für Völkerkunde Berlin). – Ulrich Wegner: Afrikanische Saiteninstrumente – Einführung, Katalog und 1 Musikkassette (1984 Staatl. Museen Preußischer Kulturbesitz). 5 Eine der besten Einführungen in Afrikanische Musik stammt von Gerhard Kubik, einem der füh- renden Musikafrikanisten: Gerhard Kubik: Zum Verstehen afrikanischer Musik (Aufsätze), Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1988. 6 Vgl. Gerhard Kubik: Einige Grundbegriffe und - konzepte der afrikanischen Musikforschung, S. 71 ff., in Gerhard Kubik, vgl. Anmerkung (5). 7 Die Bezeichnung »Pygmäen« kommt aus dem grie- chischen Wort für »Fäustlinge«. Auch ein abwer- tender Begriff, der Menschen nur nach ihrer Kör- pergröße definiert. 8 Vgl. das lesenswerte Programmheft »Diesseits von Afrika / Aka-Pygmäen – György Ligeti« (Fest der Kontinente 2001 Berlin). Empfehlenswerte Auf- nahmen mit Musik der Pygmäen:. – Centrafrique: Anthologie de la musique des Pyg-, mées Aka (2 CD Ocora C559012 13). – Echoes of the forest: Musik of the Central Afri- can Pygmies (CD & book ellipsis arts 4020). 9 Vgl. Klaus Kreimeier: Geborstene Trommeln – Afrikas zweite Zerstörung, Verlag Neue Kritik KG, Frankfurt 1985. 10 Eines der besten Bücher zu diesem Aspekt und zu afrikanischer Rhythmik: John Miller Chernoff: Rhythmen der Gemeinschaft – Musik und Sensi- bilität im afrikanischen Leben, Trickster Verlag, München 1994. 11 Eine gute Einführung in populäre Stile vermit- telt das Buch von Wolfgang Bender: Sweet Mother – Moderne afrikanische Musik, Trickster Verlag, München 1985. V.l Ein zerstörerisches Geschäft (Georg Elwert) Literaturauswahl Elwert, Georg, Stephan Feuchtwang & Dieter Neubert (eds.) 1999, Dynamics of Violence. Processes of Es- calation and De-Escalation in Violent Conflicts. Berlin: Duncker &. Humboldt. Jean, Francois &. Jean-Christophe Rufin (dir.) 1996, Économie des guerres civiles. Paris: Hachette. Koehler, Jan & Sonja Heyer (Hrsg.) 1998, Anthropolo- gie der Gewalt. Berlin: VWF. Koehler, Jan & Christoph Zuercher (eds.) 2003, Poten- tials of Disorder. Manchester: Manchester Univer- sity Press.,

Wirz, Albert 1982, Krieg in Afrika. Die nachkolonialen Konflikte in Nigeria, Sudan, Tschad und Kongo. Wiesbaden: Steiner. V.4 Der lange Weg nach Europa (Susanne Babila).

1 Roland E. Richter, Subsaharisches Afrika, in: Peter

Opitz (Hrsg.), Der globale Marsch, München 1997, S. 275.

2 Eberhard Eichendorfer, Migration und Recht, in: ders. (Hrsg.), Migration und Illegalität, Osnabrück 1999, S. 29. 3 Human Rights Watch, Flüchtlinge und Vertriebe- ne, http://www. hrw.org/german/refugees/fluecht- linge.htm (Stand: 13.08.03). 4 Human Rights Watch, a.a.O. 5 International Organization for Migration, World

Migration Report 2003, Genf 2003, S. 5.

6 Klaus J. Bade, Europa in Bewegung, Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Mün- chen 2000, S. 440. 7 Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, 07.02.03. 8 »Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für

Ausländerfragen. Über die Lage der Ausländer in

der Bundesrepublik Deutschland.« Berlin 2000. S. 139. 9 Eberhard Eichenhofer, a.a.O., S. 29. 10 Annette Jensen, Ohne Einwanderung wird der Le- bensstandard sinken, Interview mit dem Bevölke- rungswissenschaftler, Rainer Münz, in http://www. changex.de/d_a00218.html. (Stand: 13.08.03)., 11 Tarek Armando Abou Chabaké, Irreguläre Migrati- on und Schleusertum: Im Wechselspiel von Lega- lität und Illegalität, in: Husa / Parnreiter / Stacher (Hrsg.), Internationale Migration, Frankfurt a.M., 2000, S. 127, 128. 12 Karl-Heinz Meier-Braun, »Deutschland, Einwande- rungsland«, Frankfurt a.M. 2002, S. 176. 13 Karl-Heinz-Meier-Braun, a.a.O., S. 177. V.5 Strukturelle Instabilität und Wachstumsschwäche Literaturauswahl Kappel, Robert (2001a) Catching-Up mittelfristig kaum möglich: Begründungen für die langanhal- tende Wachstumsschwäche in Afrika. In: R. Schu- bert (Hrsg.), Entwicklungsperspektiven von Nied- rigeinkommensländern, Berlin 2001 (Schriften des Vereins für Sozialpolitik), S. 87-115. Robert Kappel, Utz Dornberger, Michaela Meier, Ute Rietdorf (Hrsg), Klein- und Mittelunternehmen in Entwicklungsländern. Die Herausforderungen der Globalisierung, Hamburg 2003.,

Über die Autoren

Attikpoe, Kodjo, Dr. phil. – (geb. 1967), arbeitet der- zeit an einem Forschungsprojekt »Afrikanische Kinder- und Jugendliteratur« und lebt in Frankfurt am Main. Veröffentlichungen u.a: »Afrikanität im globalen Zeit- alter«, »Von der Stereotypisierung zur Wahrnehmung des ›Anderen‹. Zum Bild der Schwarzafrikaner in neueren deutschsprachigen Kinder- und Jugendbü- chern (1980-1999).« Babila, Susanne – (geb. 1963), Studium der Thea- ter-, Film- und Fernsehwissenschaft in Erlangen und Berlin. Studienaufenthalt in Mexiko. Hörfunk- und Fernsehjournalistin beim SWR. Reportagereisen in Europa, nach Lateinamerika und Afrika (Kamerun, Tschad, Demokratische Republik Kongo). Bitala, Michael – (geb. 1965), nach dem Studium der Kommunikationswissenschaft, Politischen Wissen- schaft, Soziologie und Geschichte und der Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München ar- beitete er von 1992 an zunächst zwei Jahre als Redak- teur im Ressort Münchner Kultur der Süddeutschen Zeitung, anschließend im Ressort Medien. Seit 1999 ist er Afrika-Korrespondent der SZ und lebt in Nairo- bi, Kenia. Im August 2003 erschien sein Buch: »Der Löwe im Keller des Palastes – Ostafrikanische Erfah- rungen«, Picus-Verlag, Wien. Böhler, Katja, LL.M./RSA – (geb. 1971), Studium der Rechtswissenschaften an der Humboldt-Universität, Berlin und der University of Cape Town. Referendari- at in Harare/Simbabwe. Dissertation über die Landfra- ge in Simbabwe. Derzeit wissenschaftliche Mitarbeite- rin an der Universität Potsdam und freie Mitarbeiterin der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb. Eckert, Andreas, Prof. Dr. – (geb. 1964), seit 2002 Pro- fessor für Afrikanische Geschichte am Historischen Seminar der Universität Hamburg. Forschungsschwer- punkte: Afrika im 19./20. Jahrhundert, insbesondere Widerstand, Nationalismus und Kolonialismus. Ehlert, Stefan – (geb. 1963), lebt in Kenia. Arbeitete 1997 zunächst als Redakteur für die Berliner Zeitung. Seit 2001 Freier Auslandskorrespondent für mehrere Zeitungen und ARD-Hörfunkprogramme in Nairobi. Elwert, Georg, Prof. Dr. – (geb. 1947), Professor am Institut für Ethnologie der Freien Universität Berlin. Zahlreiche Forschungsprojekte auf dem afrikanischen Kontinent, u. a. in Benin, Bukina Faso, Dahomey. Zahlreiche Publikationen. Hamm, Wolfgang – (geb. 1944), studierte Kompositi- on, Musikwissenschaft und Soziologie. Lebt seit 1974 als Komponist, Autor und Musikproduzent in Köln; setzte sich in zahlreichen Musik- und Filmprojekten mit außereuropäischen Musikkulturen auseinander. Kappel, Robert, Prof. Dr. – (geb. 1946), leitet den Ar- beitsbereich Wirtschaft, Gesellschaft und Politik am Institut für Afrikanistik an der Universität Leipzig und den Masterstudiengang: Small enterprise promoti- on and training. Seine derzeitigen Forschungsschwer-, punkte liegen in den Themenbereichen Wachstum und Akkumulation durch Industrialisierung und Ar- mutsbekämpfung. Müller, Stephanie, M.A. – (geb. 1972), studierte Ger- manistik, Neuere Geschichte und Rechtswissenschaft in Darmstadt. Sie arbeitet als Projektkoordinatorin des Cultural & Museum Centre Karonga in Malawi. Paes, Wolf-Christian, M.A./Mag. rer. publ. – (geb. 1973), studierte Internationale Beziehungen und Ver- waltungswissenschaften in Bonn, Stellenbosch und Speyer. Seit 1998 arbeitet er als Konfliktforscher am Bonn International Center for Conversion (BICC). Seinen Arbeitsschwerpunkt bilden bewaffnete Kon- flikte in Afrika und auf dem Balkan. Renschier, Regula, Dr. phil. – (geb. 1935), Studium der Romanistik und der modernen Geschichte, Redak- teurin für Außenpolitik bei verschiedenen Schweizer Tageszeitungen, seit 1985 beim Schweizer Radio DRS mit Schwerpunkt Dritte Welt, ausgedehnte Reisen nach Afrika, Asien und Lateinamerika, seit 2000 freie Journalistin, Publizistin und Übersetzerin. Sankoh, Osman, Dr. – (geb. 1962), lebt heute in Schriesheim. Er studierte Mathematik an der Universi- tät von Sierra Leone und angewandte Statistik an der Universität in Dortmund im Promotionsstudiengang. Er arbeitete am Institut für Tropenhygiene und Öffent- liches Gesundheitswesen am Klinikum der Universität Heidelberg und veröffentlichte verschiedene Bücher (z., B. »Ein Vermittler zwischen zwei Welten – Afrika und Deutschland«) und wissenschaftliche Artikel. Sauer, Walter, Dr. – (geb. 1951), Dozent am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien, Vorsitzender des Dokumentations- und Koope- rationszentrums Südliches Afrika (SADOCC) in Wien. Wichtigste Veröffentlichungen: Der dressierte Arbei- ter. Geschichte und Gegenwart der industriellen Ar- beitswelt (München 1984); Das afrikanische Wien. Ein Stadtführer zu Bieber, Malangatana & Soliman (Wien 1996); The Vienna Conference. European – Southern African Cooperation in a Globalising World. The co- operation of Parliamentarians and Non-Governmental Organisations (Wien 1999); k. u. k. kolonial. Habsbur- germonarchie und europäische Herrschaft in Afrika (Wien 2002). Schadomsky, Ludger – (geb. 1970), Hörfunkjournalist mit Schwerpunkt Afrika. Seine dreistündige Kongo- Dokumentation wurde für den europäischen Hörspiel- preis Prix Italia nominiert. Sein Beitrag über Lagos ist das Ergebnis eines Rechercheprojekts zu Afrikas Me- gastädten. Schäfer, Rita Dr. – (geb. 1965) Ethnologin, Studium in Freiburg und London (SOAS), Dissertation 1994 ausgezeichnet mit dem Carl-Kromer-Preis der Uni- versität Freiburg. Mehrjährige Forschungen in Sierra Leone, Zimbabwe, Namibia, Südafrika. Gutachterin in der Entwicklungszusammenarbeit. DFG-Stipendiatin (DFG-Postdoc-Programm und DFG-Drittmittelprojekt)., Lehrbeauftragte an deutschen und Schweizer Univer- sitäten, Gastdozentin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Derzeit: Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie, Freie Universität Berlin. Schrenk, Friedemann, Prof. Dr. – (geb. 1956), Studi- um der Geologie und Paläoanthropologie in Darmstadt und Südafrika. Er ist Sektionsleiter der paläoanthro- pologischen Abteilung des Forschungsinstituts Senk- kenberg in Frankfurt und lehrt als Professor für Paläo- biologie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt a. M. Im Jahre 1991 machte er bei Ausgra- bungen in Malawi einen 2,5-1,9 Millionen Jahre alten Hominidenfund. Schulz, Hermann – (geb. 1938), leitete von 1967 bis 2001 den Peter Hammer Verlag in Wuppertal. Für sein verlegerisches Engagement für Autoren der südli- chen Kontinente erhielt er 1998 vom P.E.N.-Zentrum Deutschland die Hermann-Kesten-Medaille. Er veröf- fentlichte eigene Romane und Kinderbücher, die viele Auszeichnungen erhielten. (»Auf dem Strom« 1998; »Iskender« (1999); »Sonnennebel« (2000); »Sein erster Fisch« (2000); »Flucht durch den Winter« (2002); »Wenn dich ein Löwe nach der Uhrzeit fragt« (2002); »Zurück nach Kilimatinde« (2003); »Dem König klaut man nicht das Affenfell« (2003).) Wittek, Dagmar – (geb. 1969), seit 1996 Moderatorin und Redakteurin für den damaligen SDR und SWR Seit Januar 2003 ARD-Hörfunkkorrespondentin für das südliche Afrika mit Sitz in Johannesburg.,

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© Klett-Perthes 2003, bpb: Bundeszentrale für politische Bildung,

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Alfred Bester gehört nicht zu den Vielschreibern, aber das wenige, was er schreibt, ist von hoher Qualität. Unter den 11 Storys dieses Bandes befinden sich Meister- stücke wie »Geliebtes Fahrenheit« (Fondly Fahrenheit) – die Geschichte eines Roboters, der bei hohen Temperaturen »durchdreht«. Einige
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EIN TERRA-TASCHENBUCH
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Was würden Sie tun, wenn Sie sich plötzlich ins an- tike Rom versetzt fänden – sagen wir ins Rom des Jahres 535? Man könnte das Schießpulver »erfin- den« und die Macht im Reich an sich reißen … Oder man könnte sich dank besserer Geschichtskennt- nisse als Wahrsager betätigen und viel Geld verdie- ne
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DERC VlaRE reR ClaomManE rk S SER Rita SAeuuKsßo d luleenmkdt iEB vne Dgrnlisch ruhcakr- edRn Je ev i nfo dnr icke, I Hoffmann u nd Campe I Diei mOr VidginalauDie Arbeit deeermrla ÜTgb iVte sigabe erschien 2005 unter wurde vom Deuetrk ls »ienTtgzh/eePr Great Stink« sgcehföerndÜeabnmegr uvsioenrt,z l
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Kyralia ist eine Welt, in der Magie das Privileg einer dün- nen Oberschicht ist. Die Magiergilde führt Jahr für Jahr Straf- und Säuberungsaktionen durch. Da gelingt es eines Tages Sonea, einem Kind aus dem Elendsviertel der Hauptstadt Imardin, den Schutzschild der Magier mit ei- nem Steinwurf zu dur
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